4. Januar 1894. tti-. 1. Die Theologie des Aristoteles. Von jeher gilt Aristoteles als „Fürst der Philosophen" und als „Meister der Philosophie", nicht als ob mit ihm und durch ihn alle spätere Entwicklung als überflüssig erschiene, — die Philosophie ist ja schon ihrem Wesen nach keine blast historisch-positive Wissenschaft, sondern weil er das Grundprincip der organischen Weltanschauung in präziser exakter Fassung ausgesprochen und mit diesem Grundprincip ein- für allemal die Irrthümer des Materialismus und Idealismus überwunden hat. Aristoteles ist es sodann, der die Früchte der attischen Philosophie zur Reife brachte und der späteren Zeit überlieferte. „Ohne Aristoteles, bemerkt Haffner*), wäre Sokrates spurlos in der Geschichte verschwunden und hätte Plato nur einen vorübergehenden Aufschwung hervorgerufen." So hoch aber der Stagirite als Philosoph für seine und die ganze spätere Zeit steht, ist doch zugestandener- masten seine Theologie der schwächste Theil seiner Philosophie 2). Zwar wird wohl allgemein zugegeben werden, daß Aristoteles der erste ist, welcher — wenn auch in sehr mangelhafter Weise — den Versuch machte, das Dasein Gottes metaphysisch zu begründen. Allein in der näheren Bestimmung der Frage, ob „der Fürst der Philosophen" einen überall und stets festgehaltenen Theismus vorgetragen, ob er in Gott ein mit Intelligenz und freiem Willen begabtes Wesen erkannt habe, welches, wie es alles geschaffen, so auch alles erhalte, lenke und leite, gehen die Ansichten der Aristotelesforscher sofort auseinander. Und zwar ist dieser Zwiespalt der Gelehrten nicht erst von gestern oder heute, sondern er dauert seit den Zeiten des Stagiriten bis auf unsere Tage, wo sich gerade über die aristotelische Theologie, bezw. über die aristotelische Lehre von dem Wirken Gottes unter namhaften Philosophen eine sehr lebhafte Kontroverse entsponnen hat. Auf der einen Seite treten im Anschluß an Binse in gediegenen Monographien Brentano^), Kapp es und Nolfes°) energisch für die Behauptung ein, daß Aristoteles im christlichen Sinne die Weltschöpsung aus Nichts und die Vorsehung Gottes erkannt und gelehrt habe, und zwar so sicher, daß — nach den Ausführungen der genannten Autoren — eine weitere Kontroverse über diese Frage überhaupt ausgeschlossen sei. Gegen diese scharf pronoucirte These, die im Hinblick auf die Theologie der alten Philosophen und Ne- ligionssysteme (vgl. Schanz, Apologie I, 90 ff.) sofort überraschen muß, erheben auf der anderen Seite Männer von Namen mit bestem Klang, wie Götz^), Kanf- Grundlinien der Geschichte der Philosophie. Mainz 1381, S. 109. °) Schneid, Aristoteles in der Scholastik, Eichstätt 1865 S. 133. Philosophie des Aristoteles, 2 Bde., Berlin 1835—42. ^) Die Psychologie des Aristoteles, Mainz 1867. °) Die aristotelische Lehre über Begriff und Ursache der Bonn 1887. (Diese Schrift wird von Elfer, S. 29, nicht aufgeführt.) °) Die aristotelische Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt und zum Menschen. Berlin 1892. ') Der aristotelische GotteSbegriff mit Beziehung auf die christliche Gottesidee. Leipzig 1871. mannb) und besonders Zeller^) energischen Widerspruch und sprechen sich — in Uebereinstimmung mit den meisten Gelehrten der Gegenwart — für das Nichtvor- handensein der Schöpfungs- und Vorsehnngslehre in der aristotelischen Theologie aus. Diese Frage, deren Lösung für die Offenbarnngs- theologie von größtem Werthe ist, unterzieht Elfer mit philosophischer Akribie und philosophischem Scharfsinn in durchaus maßvoller und sachlich ruhiger Kritik einer neuen Prüfung. Die einzelnen Stellen und Aeußerungen des Stagiriten werden sorgfältig geprüft und die Aristoteleskommentare, sowohl die alten griechischen und mittelalterlichen (besonders Albertus Magnus, St. Thomas, Skotus) als auch die neueren und neuesten, gewissenhaft berücksichtigt. Dadurch gelangt der Verfasser auf sicherem Wege zuerst zu dem allgemeinen Ergebnisse, daß die Streitfrage durch Brentano, bezw. Nolfes noch keineswegs entschieden und derart abgeschlossen sei, daß die andere Ansicht verstummen müßte. Denn die betreffenden Aeußerungen, auf welche sich dieselben für ihre Behauptung stützen, seien nicht allweg von solcher Beweiskraft, daß sie eine vollkommen sichere Ansicht ermöglichten. Die Resultate im Einzelnen aber sind folgende: Gott ist ein Wesen, das denkt und nur sich selbst denkt; ist die Möglichkeit eines Denkens äußer- göttlicher Objekte offen gelassen, so erscheint die Bornirnng des göttlichen Denkens auf sich selbst doch als spezifisch aristotelische Lehre. Nach der Consequenz des aristotel. Systems besitzt Gott keinen Willen, jedenfalls erscheint der Wille nicht als ein dem Denken coordinirter Faktor. Gott ist sodann xriiunm rnovens, das selbst nicht bewegt wird, und übt einen gewissen, unbestimmten Einfluß auf die Welt aus. Die göttliche Vorsehung ist nicht theistisch, sondern „eine kalte und todte, liebe- leere und engumschlossene" (S. 212). Die Schöpfungsidee, die ein Unikum in der alten Philosophie wäre, hat Aristoteles nicht gekannt, auch nicht die Schöpfung der Sphär eng elfter. Die Frage nach der Präexistenz oder der Schöpfung des Menschengeistes ist mit einem non lic^ust zu beantworten. Die aristotelische Gotteslehre weist also viele fühlbare Lücken und Widersprüche auf. Indessen dürfte wohl Niemand dies dem Stagiriten zur Unehre anrechnen. Denn die Gottcslehre gehört sicher zu den schwierigsten Problemen der Philosophie und Aristoteles war gerade in der Begründung des Theismus wenn auch nicht ohne Vorgänger, so doch in wesentlichen Dingen ohne Lehrer und sicheren Wegweiser. „Der Stagirite hat in vielen und entscheidenden Punkten gefehlt" (S. 218), aber er wird stets mit Recht „der Fürst der Philosophie" genannt werden und die Scholastik hat mit Recht an diesem Manne festgehalten „trotz der Irrthümer, die sie selbst in ihm erkannte, trotz der Fehler, die man heutzutage in weit größerem Umfang in des Aristoteles Schriften finden will" (S. 225). Der Versuch, den Theismus wissenschaftlich zu erweisen, ist dem heidnischen Philo- °) Die theologische Naturphilosophie des Aristoteles und ihre Bedeutung für die Gegenwart. 2. Aufl. 1893. o) Philosophie der Griechen. 3. Aufl. — Streitschriften mit Brentano s. bei Elser, S. 31, A. 1. ") Die Lehre des Aristoteles über das Wirken Gottes Münster 1893. ") Vgl. Schanz, Apologie II, 190 ff. 2 sophen nicht gelungen, allein er wird „der Meister der Philosophie" bleiben und zugleich auch der unwiderlegbare Zeuge der Wahrheit, daß die erhabene Gotteslchre des Christenthums nicht bloßes Produkt heidnischer Weisheit ist und sein kann.") Das Elser'sche Buch bedarf unserer Empfehlung nicht. In Privatschreiben wird es von Zeller (Berlin) als „ein Werk ausdauernden und besonnenen Fleißes" und von Knauer (Wien) als „ein Meisterwerk ersten Ranges" bezeichnet. Möge der junge Gelehrte, der sich zwei Jahre an der „Anima" in Nom weiteren Studien widmet, uns mit einem ebenso vorzüglichen Werke über „Aristoteles bei den Kirchenvatern" erfreuen! Stuttgart. Neligiouslehrer Or. klrsol. Koch. Friedrich Hebbel. Noch seinem Leben und Wirken geschildert von A. G. Am 18. März v. Js. waren es 80 Jahre, daß Hebbel geboren wurde, und am 13. Dezember v. Js. waren es 30 Jahre, daß er starb. Der große Dramatiker, wenn auch mitunter bizarr, der so oft verkannt wurde, verdient sicher als Mensch und Dichter, daß seiner bei seinen wiederkehrenden Geburts- und Sterbedaten gedacht wird. Wir wollen uns allermeist an seine eigenen Worte halten, die er in seinen geradezu gewaltig vielen Briefen hinterlassen hat. Hebbel wurde am 18. März, nicht, wie es auch heißt, am 13. März, 1813 zu Wesselburen im alten Herzogihum Holstein geboren als der Sohn des Claus Friedrich Hebbel und der Anna Margaretha Schubart. Der Vater war ein Maurer, lebte in sehr dürftigen Verhältnissen, so daß es ihm oft schwer wurde, das tägliche Brod für sich und die Seinen zu erwerben, die Mutter arbeitete zur Erleichterung des Hauswesens oft, wie man heute zu sagen pflegt, im Taglohn. Die Sorge um das tägliche Brod mag es gewesen sein, die den Vater zu einem sehr ernsten Manne stimmte, der aber doch „zu Hause wieder munter und gesprächig war und gern Märchen erzählte". So genoß der Knabe eine ganz ländliche Erziehung und kam mit seinem vierten Jahre in eine Klippschule, allwo ihn eine „alte Jungfer Namens Susanna, hoch und männerhaft von Wuchs, mit freundlichen blauen Augen, unterrichtete, die weiße thönerne Pfeife im Munde und eine Tasse Thee vor sich, sitzend in einem urväterlichen Lehnstuhl". Ein Lineal spielte die Hauptrolle auf Händen und dem Rücken, „Rosinen gab's bisweilen zur Aufmunterung und Belohnung, mehr aber Klapse mit dem Lineal". Die Phantasie des Knaben war sehr bald außerordentlich lebhaft. „Fratzengesichter sah ich des Nachts und sonderbare Figuren." Es scheint, daß er sich allzufrüh schon mit Schauerlichem beschäftigte, ein Umstand, der später Leib und Leben, Fleisch und Blut auch leider in seinen gereiftesten Werken annahm. Bis zum sechsten Jahre blieb er bei Susanna und lernte gut lesen, auch die zehn Gebote Gottes und die Grundstücke des christlichen Glaubens nach Martin Luther, „weiter ging es nicht" bis zum Eintritt in die Elementarschule, wo er bald Chorknabe wurde. Als solcher singt er in seinem „Bubensonntag": „Wenn ich einst, ein kleiner Bube» Sonntags früh im Bette lag, Und die helle Kirchenglocke All das Schweigen unterbrach: O, wie schlüpft' ich bann so hurtig Aus dem Bett in's Kleid hinein, Und wie gern ließ ich das Frühstück, Um zuerst bei Gott zu sein!" Sein Lehrer Dethleffen rühmte die Wißbegierde des Kuaben sehr, welche nicht leicht und sofort befriedigt werden konnte, er ist „ein tüchtiger Junge". Bereits mit acht Jahren verlegte er sich auf das Versmachen und in seinem zehnten Jahre fabrizirte er ein Gedicht: „Evolia der Näuberhauptmann", das bei einem Streit mit seinem Bruder von der Mutter verbrannt wurde, wohl ohne daß die Göttin der Literatur hierüber hätte weinen müssen; im zwölften Jahre wurde er „Bühnen- unternehmer" — allzufrüh ist und bleibt ungesund! Vom 15.—22. Jahre arbeitete er als Schreiber bei dem Kirchspielvogt seines Geburtsortes und „dichtete fleißig daneben". So singt er über die Gegend: „Hier rauscht kein Wald, eS schlägt im Mai Kein Vogel ohn' Unterlaß, Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt in HcrbstcSnacht vorbei, Am Strande weht das Gras." Stets strebte er weiter, und wenn auch nicht viel Aussicht auf „gute Zeiten" noch für ihn vorhanden war, er zagt nicht und läßt den Muth nicht sinken: „Und kann ich nicht das Ziel erreichen, Das ich mir kühnlich vorgesteckt, Soll doch nicht eh' mein Mutb erbleichen, Als bis mich kalt die Erde deckt." „Die Jugend soll sich selbst helfen, und wenn sie das nicht kann, so steckt nichts hinter ihr", gewiß gewichtige Worte aus dem Munde eines jugendlichen aufstrebenden Geistes! Zu jener Zeit wandte er sich an Ludwig Wand mit der Bitte, ihm zu einer Anstellung in Stuttgart zu verhelfen zum Behufe weiterer Ausbildung, und sandte zugleich Gedichte an Uhland. In einem liebenswürdigen Schreiben bedauerte Uhland, daß er keinen Einfluß besitze, und munterte den jungen Mann auf, auszuharren, bis sich auch äußerlich eine günstigere Wendung der Umstände zeigt, der „Sie sich mit Sicherheit überlassen können". Die Umstände sollten sich bald besser gestalten, einige Gedichte nämlich, welche er an die Hamburger „Modezeitung" sandte, lenkten die Aufmerksamkeit der Herausgeberin Amalte Schoppe auf ihn, welche ihn einlud, nach Hamburg zu kommen, und ihm Mittel und Wege schaffte, dort zu bleiben und sich auf die Universität vorzubereiten. Mitunter recht nette und sinnige Gedichte und Erzählungen stammen aus jener Zeit, so wird „das Kind" stets gern gelesen werden, das am Todtensarg der Mutter weilt, welche mit Blumen geschmückt ist, von denen das Kind von der todten Mutter eine für sich erbittet: „Und als die Mutter es nicht thut, Da denkt das Kind für sich: Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, So thut sie'S sicherlich. Schleicht fort, so leif' es immer kann, Und schließt die Thüre sacht Und lauscht von Zeit zu Zeit daran, Ob Mutter noch nicht wacht." Aber auch in Hamburg war bei weitem nicht alles Gold für Hebbel, was anscheinend glänzte. Von Haus aus mit wenig bis sehr wenig Geld versehen, lehnte er solches einem anscheinenden Freunde, der es auf gut deutsch gesagt „verputzte"; er war auf Kost-Freitische angewiesen, was ihm ziemlich schwer fiel, seine Gönnerin Frau Doktorin 3 Schoppe spielte Intriguen gegen ihn, hetzte Familien gegen ihn auf, am Ende gar aus Eifersucht, obwohl sie anfangs an ihn geschrieben hatte: „Die Jahre, wo man versucht sein konnte, mir die Cour zu machen, sind vorüber, ich bin Ihre Freundin, meine 41 Jahre geben mir in dieser Hinsicht alle nur zu wünschende Freiheit" — am Ende zu viel Freiheit, und — Silier schützt vor Thorheit nicht. Er lernte ein Mädchen, Namens Elise Lensing, kennen und wurde ganz Flamme für sie. Die einen haben deßwegen Steine auf ihn geworfen, andere ihn wohl allzusehr in Schutz genommen, wir haben das Nähere nicht zn untersuchen und sagen nur, daß die vielen Briefe, die Hebbel an Elise schrieb, Herz, Gemüth und Geist im vollen Sinn der Worte athmen. Freilich besaß er leider eine allzusehr angelegte sinnliche Natur, die er nicht im Zaume hielt, vielmehr ihr allzuviel nachgab. Er schloß sich in Hamburg dem „Wissenschaftlichen Verein von 1817" an, verfaßte eine hübsche Reihe handschriftlicher Aufsätze und trug sie im Verein vor. Derjenige über „Theodor Körner und Heinrich von Kleist", ungemein umfangreich, soll hier besonders erwähnt sein. Im Februar 1836 machte er in der Heimath bei der „guten Mutter" Besuch und dann ging es auf die Universität nach Heidelberg, 23 Jahre alt: „ich freue mich auf die Pandekten und werde sie mit größtem Ernst und Fleiß studiren, nicht sowohl um mir dadurch den Zutritt zu einem Amt zu eröffnen, welches ich schwerlich jemals annehmen werde, als vielmehr, um mich geistig nach allen Seilen hin umzuthun und mir die Freiheit zn erwirken, den lahmen, steifen Esel, der mir die Brodsäcke nicht schleppen soll, an denjenigen Wegstrecken, wo er zn stolpern pflegt und wenigstens langsam geht, zu peitschen und zn stacheln. Ein Hund will ich sein, wenn ich mir den Geist binde, bevor mir die Hände gebunden sind." So schrieb er an den alten treuen Voß. Die Professoren versagten ihm die Immatrikulation, da er nicht die nöthigen Vorkenntnisse ausweisen konnte, er hatte gehofft, daß sie ihn als vollgiltigen Studenten aufnehmen würden, „gescheidte Leute werden mir die nämlichen Rechte einräumen, welche sie fünfzig Schafsköpfen und Schuljungen eingeräumt haben, etwas Anderes sind ankommende Studenten selten, woraus übrigens nicht folgt, daß sie auch nichts anderes werden können." Er war also Hospitant und belegte Encyklopädie und bei dem berühmten Thibaut, „der mir gnädigst das Honorar erließ", römisches Recht. Mehr als in Hamburg drückte den Studenten in Heidelberg der Mangel an Geld, so daß er oft Noth leiden mußte und sich bitter darob beklagte, „all mein Leben und Streben ist jetzt eigentlich nur noch ein Kämpfen für Mutter und Leichenstein". Hervorgehoben muß werden, daß er seine Vorlesungen ungemein fleißig besuchte, viel studirte, ohne der Poesie Abschied zn geben, einmal nur in der Woche wohnte er einer studentischen Kneipe bei. Sein „Nachtlied", das später Robert Schumann nach- und ausgesuugen hat, entstand damals: „Quellende, schwellende Nacht, Voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!" Deßgleichen das „Nachtgefühl": „Ich denke der alten Tage, Da zog die Mutter mich aus; Sie legte mich still in die Wiege, Die Winde brausten um's Haus. Ich denke der letzten Stunde, Da werdcn's die Nachbarn tbun; Sie senken mich still in die Erde, Dann werd' ich lange ruh'u." Er beendete sodann seine erste Erzählung „Anna" und schrieb in sein Tagebuch: „Anna beendet, zum erstenmal Respekt gehabt vor meinem dramatisch-episch in Erzählung sich ergießenden Talente". Die Erzählung enthält schöne Stellen, doch ist Kälte und mitunter Neber- spanntheit derselben auch nicht abzusprechen. Ueber Straß- burg, allwo Hebbel sein Lied „Traum" auf dem Münster dichtete, ging es nach Stuttgart zu dem „guten" Gustav Schwab, nach Tübingen zu Uhland, welch' beide ihn zu freudigem Schaffen ermunterten, und von dort auf die Universität nach München, wo der Wendepunkt seiner Entwicklung eintritt. Sofort schrieb er Skizzen rc. nach Stuttgart auch aus dem Grunde, „leben" zu können; denn in vielen Tagen hatte er nicht fünfmal warm zn Mittag gegessen, sondern sich mit Brod begnügt, um mit den von Elise vorgeschossenen hundert Thalern so lange als möglich auszureichen. Noth nach außen macht aber meist auch Ueberdruß im Innern, und Hebbel ist hier ein vollgiltiger Beweis, er war mit sich damals ganz und gar unzufrieden. Er vertiefte sich in die Werke Jean Pauls, den er bewunderte, und in die Heinrich von Kleist's, den er als Muster in der Erzählung bezeichnete, las eifrig Börne und verfertigte selbst komische Charakterbilder, welche nicht viel Anklang fanden, wohl auch mit Recht. Sehr am Herzen lag ihm damals Emil Rousseau, der einzige Sohn des Negicrungsrathcs Rousseau in Ansbach, ein für Poesie und Literatur ungemein begeisterter junger Mann. Hebbel hörte besonders an der Universität Schelling und Görres, von denen er letzteren sehr hoch schätzte, freilich dem tief religiösen Görres konnte er nicht folgen und wollte er nicht folgen, denn dem Offenbarungsglauben stand er ja ferne, weil er ihn nicht zu brauchen glaubte. Er Hütte ihn aber wohl oft sehr nothwendig gehabt, besonders in den Zeiten, wo-er mit sich selbst zerfahren war und Unzufriedenheit gleichsam mit sich selbst und der ganzen Welt ihn umfaßte. Erfreut wurde er durch eine Zuschrift UHIands, die allerdings sehr lang auf sich hatte warten lassen, in der mehrere seiner Gedichte als gut bezeichnet waren, nicht erfreut aber durch eine Zuschrift von Costa, der den Druck der Gedichte nicht acceptirte, dagegen Gedichte für das Stuttgarter Morgenblatt anzunehmen und zu honoriren versprach — es war eben stets Ebbe in Hebbels Kassel Der Herbst 1838 schlug ihm zwei tiefe Wunden, die nur sehr langsam vernarbten. Seine Mutter starb nach kurzer Krankheit in der „gleichen Noth", wie früher der Vater, so daß der Kirchspielschreiber der Heimath das Geld zum Sarg vorschießen mußte. „Es war nur der süßeste Gedanke, meiner Mutter aus dem, was mir neben dem Göttlichen selbst noch sonst zufallen möchte, ein Paradies zu erbauen und ihr Alter für frühere Jahre schadlos zu halten. Das ist nun vorbei. Sie verliert zwar nichts, aber ich; ich weiß jetzt nicht mehr, wofür ich arbeite; auch mein Leben scheint mir zu Ende." Fast noch mehr brach er zusammen auf die Nachricht des Todes seines innigsten Freundes Emil Rousseau in Ansbach, denn „es war der beste Mensch, den je die Erde getragen hat; er war mir alles, was ein Mensch in dem höchsten, würdigsten Verhältniß dem andern sein kann". Auf das Grab des Freundes dichtete er sein „Abendgefühl": 4 „Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag, Wie das zu dämpfen, >is das zu lösen vermag Der mich bedrückte, Schläfst Du schon, Schmerz? Was mich beglückte, Sagt, was war'S doch, mein Herz? Freude, wie Kummer, Fühl' ich, zerrann, Aber den Schlummer Führten sie leise heran. Und im Entschweben, Immer empor, Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor." Düster war sein Leben jetzt eine Zeit lang, kein rechter Schaffgeist wollte ihn erfassen, selbst der Umgang mit Freunden wurde gemieden: „Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor." Er „thaute erst wieder auf", als er auf's neue in Hamburg wieder seinen Einzug hielt in die gleiche Kammer, in der er drei Jahre vorher lateinische Vocabeln auswendig gelernt hatte, um später zwei hübsche Zimmer, hergerichtet von Elise, zu beziehen, wo er bald auf den Tod krank wurde. Wieder gesund geworden, begann er im Oktober 1839 seine erste große Tragödie „Judith". Ob diese Tragödie in Folge einer Wette verfertigt wurde, ob sie innerhalb vierzehn Tagen entstand, mag dahingestellt sein. Hebbel hat seine große Freude an dem Werk, er jubelte, „daß Leben, Situation und Charaktere in körniger Prosa frisch und kräftig hervorsprangen, denn von der Prosa hängt mein Ich ab". Körnig ist allerdings die Sprache, das Ganze der getreue Ausdruck des innersten Wesens des Dichters, „es ist nichts mehr und nichts minder als eine sinnlich-sensationelle Ausbeutung und Verzerrung der aus den Apokryphen des alten Testamentes bekannten jüdischen Volkssage. Aus Judith machte der Dichter ein wollüstiges Weib, aus dem tapferen Holo- fernes einen über Religion philosophirenden und morali- sirenden Tyrannen, der durch Judiths Schönheit überwunden und zur Gluth entfacht wird," sagt König über die Tragödie. Er sandte ein Exemplar des Stückes an Uhland und eines an Tieck, beide gaben eine Antwort, eine Kritik nicht, obwohl Hebbel in dem Briefe an Uhland bemerkte: „an einem einfachen Wort von Ihnen, sei es günstig oder nicht, liegt mir mehr, als an einem Trom- petentusch der gesammtcn deutschen Journalistik. Ich bin auf jeden Ausfall Ihres Urtheils gefaßt, nur nicht auf Ihr Stillschweigen, dieses würde mir unendlich wehe thun." Während diese beiden Dichter schwiegen, ist Amalie SchoPPe von „Judith" so begeistert, daß sie Hebbel schreibt: „ich stelle Sie zum Shakespeare, damit ist, denke ich, alles gesagt". Das Stück wurde füglich in Berlin gegeben, eine Hauptschuld daran trug Auguste Crelinger, welche die Titelrolle übernahm. Nach den Aufführungen schrieb Hebbel an Elise: „es ist gut gegangen, aber meine Freude ist die Freude über den Pardon vom Spießrutenlaufen. Man hat keine Prügel gekriegt, das ist recht hübsch und ist Alles. Holofernes — unter der Kritik! Dennoch findet das Stück Beifall und wird wiederholt. Zwei Kritiken gelesen. In der einen bin ich ein wahrer, geborner Dichter voll unerschöpflicher Fülle, der aber die Kunst noch lernen muß und dem Redacteur einen belehrenden Mehlbrei vorsetzt. In der zweiten habe ich nichts, als Phantasiereiche Sprache, die jedoch aus dem Kopf, nicht aus dem Herzen kommt, erhalte jedoch zum Schluß die gnädige Erlaubniß, noch ein paar Werke zu bringen. Ich ergötzte mich herzlich über den ganz vollkommenen Widerspruch." (Schluß folgt.) Aus dem Leben zweier edlen kathol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. ^ (Nachdruck vrrboNn,) Wie es die Ueberschrift sagt, einiges aus dem Leben zweier katholischen Frauen möchte ich an dieser Stelle den Lesern mittheilen, da deren Namen meines Wissens wenig oder doch nicht so bekannt in Deutschland sind, wie sie es verdienen. In einem Schreiben aus Paris vom 30. Oktober v. Js. hat mir der Verleger der Werke des Herrn Baron Jmbert de Saint-Amand bereitwillig sein Einverständniß, daß ich es in einem katholischen Blatte thue, mitgetheilt. Ich bezeichnete als solches die Augsburger Postzeitung. Herr von Saint-Amand hat mit Erfolg es unternommen, in einer Reihe von 10 bis 12 Bünden das Leben der bekanntesten Frauen höherer Stände in Frankreich zu schildern. Es heißt: I^ss äu XVIII st XIX Liäols.*) Die eine Abtheilung ist: I^ss I?smins8 äss st?ai1sris3; 1-S8 I'sinwss äs Vsrouillso, denen verschiedene Biographien folgen. Indeß halte ich mich diesesmal an „I?ortruit3 äsCiranäss Hains 8". Gerade die Lebensbeschreibung der ersten dieser zwei Frauen ist nicht eigentlich die einer „Oranäs Hains", wie man es im gewöhnlichen Sprachgebrauch versteht, d. h. die Dame ist nicht von fürstlichem oder hochadeligem Blute, wie eine Herzogin von Berry, eine Fürstin Lam- balle, eine Gräfin von Sabran, oder gar eine Marie- Antoinette u. A., deren Leben uns Herr von Saint- Amand bringt. In einem fließenden, eleganten Stil, der bis zu einem gewissen Grade spezifisches Eigenthum einiger französischen Schriftsteller aus der älteren Schule ist, und bei aller historischen Treue gegenüber Episoden, die zu umgehen oder zu verschweigen der Wahrheit Abbruch thun würde, versteht es der Verfasser, das Gesehene auf eine Weise mitzutheilen, die es gestattet, unbesorgt seine Bücher in alle Hände, auch jugendlicher Leser, zu legern Dieses Lob verdienen bekanntlich nicht alle Bücher in Deutschland, so wenig als in Frankreich, welche das Leben an Fürstenhöfen schildern. Elisabeth Anna Bayley, Tochter des Richard Bayley, Arzt in New-Iork, und der Katharina Charlton, Tochter eines anglikanischen Geistlichen, wurde am 28. August 1747 in New-Iork geboren. Ihr Vater stammte aus einer englischen Gentry-Familie, die nach Neu-England übersiedelt war, während ihre Mutter Abkömmling einer schottischen Familie war, die, weil den Stuarts anhänglich, aus ihrem Vaterland hatte fliehen müssen. Die Energie und Charakterfestigkeit Elisabeths, ihr praktischer Sinn, waren vielleicht ein Erb- theil ihrer mütterlichen Ahnen. Von ihren Kinderjahren berichtet ihr Biograph nichts Näheres. Im Frühjahr des Jahres 1794 vermählte sich Elisabeth Bayley mit William Seton, Sohn eines reichen Nheders. Es war eine gegenseitige Herzens- ') karis. D. Deutn: OursI, OougiZ et 6is. Oetavo 3 !?r. 50 Is Votnms. 5 neigung, welche das junge Paar zusammenführte, und das ungetrübte Glück der ersten Jahre war — könnte man fast sagen — eine Entschädigung für spätere Unglückszeiten. Williams Vater starb früh, so daß sich ersterer, noch jung an Jahren, als Chef eines angesehenen Handelshauses sah, dem aber auch die schwere Pflicht oblag, für seine 13 jüngeren Geschwister zu sorgen. Die Kriege, die politischen Umwälzungen, welche am Ende des XVIII. Jahrhunderts die alte wie die neue Welt erschütterten, lühmten nicht nur den Handel aller Nationen, sie bewirkten auch den Fall gar manches angesehenen Hauses. Auch Seton gelang es uicht, ungeachtet angestrengter Arbeit, dieses Unglück von den Seinigen fernzuhalten. Diese Arbeit, die Sorgen für die Seinen, hatten Setons ohnehin nicht feste Gesundheit untergraben. Die Aerzte erklärten, einzig durch eine Uebersiedlung in ein wärmeres Klima könne sein Leben erhalten bleiben. In Italien, in der Stadt Livorno, hatte Seton größere Summen ausstehen. Er hoffte, seine persönliche Anwesenheit daselbst werde deren gänzlichen Verlust verhindern können. So wurde denn Livorno als Reiseziel bestimmt. Seton nebst seiner Frau Elisabeth und einem seiner Kinder schiffte sich am 2. Oktober 1803 in New-Iork ein. Eine lange, zudem gefahrvolle Reise stand ihnen zu jener Zeit bevor. In Livorno fanden W. und E. Seton im Hause des Herrn Filichi, eines alten Freundes des Vaters Williams, herzliche und gastliche Aufnahme. Die Anstrengungen und die Beschwerden der Reise, zudem der wahrscheinliche Mißerfolg seiner Bemühungen, hatten Setons Krankheit so sehr verschlimmert, daß er bald nach seiner Ankunft in Livorno in den Armen seiner geliebten Elisabeth starb. Diese war an Leib und Seele ob ihres Unglücks gebrochen. Einen Trost fand sie bald, und dieß von einer Seite, von der sie es schwerlich erwartet hatte. Elisabeth Seton war Protestantin, das Haus des Herrn Filichi ein streng katholisches, und in diesem fand sie viel mehr als nur gastliche Aufnahme, sie fand hingebende Freundschaft und Liebe. Protestantische Fanatiker, wie es deren in der angelsächsischen Nation vielleicht damals noch mehr gab, als es heute der Fall ist, die den Katholiken alle Rechte vorenthielten, hatten ohne Zweifel diese als von unduldsamem Haß gegen Nichtkatholikcn erfüllt geschildert. Es rührte sie daher doppelt, daß sie das gerade Gegentheil im Hause, das sie aufgenommen, fand. Mit ihren Freunden wohnte sie häufig den katholischen kirchlichen Feierlichkeiten bei. Diese machten den tiefsten Eindruck auf ihre durch Kummer geläuterte Seele, für die der formlose, inhaltsleere Cult der amerikanischen Puritaner Nichts darbot. Sie schreibt darüber an ihre Schwägerin in New-Uork: „Liebe Nebckka, wie glücklich wären wir, wenn wir das glaubten, was diese lieben Seelen glauben." Doch die Sehnsucht nach ihren vier in Amerika gebliebenen Kindern veranlaßte sie, ohne die Beschwerden einer neuen Seereise zu achten, die Rückreise in ihr Vaterland anzutreten. Mit schwerem Herzen nahm sie von ihren Livorneser Freunden Abschied. Mehr als 60 Tage dauerte damals eine ohne Störung vollbrachte Reise von Italien nach New-Iork. Doch kaum gelandet, mußte Elisabeth Seton den tiefen Seelenschmerz erleben, ihre Schwägerin Ncbekka, mit der sie die innigste Freundschaft verband, zu verlieren. Nun fühlte sie sich verlassener als je. Schon während ihres Aufenthaltes in Italien, nach dem daselbst gepflogenen regen Verkehr mit gläubigen Katholiken, beim Anblicke der herrlichen katholischen Gottesdienste mag sie sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es für ihren Seelenzustand nicht angemessener sei, zu dieser Kirche überzutreten. Man kann nur lobend anerkennen, daß sie mit der Ausführung zögerte. Sie wollte reiflich überlegen, ob sie damit nicht etwa nur einem momentanen Impuls, vielleicht durch die Schönheit des katholischen Gottesdienstes angeregt, folge. Jede Konversion zur katholischen Kirche wird von protestantischer Seite, wenn unedle Motive vollkommen ausgeschlossen sind, diesem Umstände zugeschrieben. Nein, Elisabeth Seton suchte und fand bessere Beweggründe. (Fortsetzung folgt.) Siam. Von I. G. Fußenecker. Die Eroberungspolitik Frankreich'!?, welche eben dahin strebt, von dem hinterasiatischcn „Kaiserreiche" (?) Siam ein möglichst großes Stück (wenn nicht das Ganze!) zur Vergrößerung seines indochinesischen Kolonialreiches zu gewinnen, hat — leicht erklärlich, das lebhafteste Interesse der europäischen Großmächte erregt. Siam ist allerdings ein Land, welches die Eroberungslust reizen kann, und da es übrigens ein merkwürdiges, aber noch nicht allgemein zu bekanntes Reich ist, so wollen wir davon eine kurzgefaßte, aber dabei doch orientircnde Schilderung geben. Das Königreich Siam (auch ein Kaiserreich genannt) ist das größte von den vier indochinesischen Reichen dc. hintcrindischen Halbinsel und liegt in der Mitte derselben. ES hat einen Flächenraum von 14,600 Quadratmeilen und erstreckt sich vom 5. bis zum 22. Grad nördlicher Breite (510 Stunden!) und vom 96. bis 107. Grad östlicher Länge (330 Stunden). Seine Grenzen sind: Im Norden Birma, Osten Annam, Süden Golf von Siam und Kambodscha und im Westen Britisch-Birma. Siam wird von Reisenden und Missionären ein „paradiesisches" Land genannt. Ja, paradiesisch schön ist Siam und so fruchtbar wie kaum ein anderes Land der Erde! Es bietet in üppigster Fülle die werthvvllstcn Produkte des tropischen Ostens, und die Berge liefern nebst Zinn Schätze an Silber, Gold und Edelsteinen. Von der Hauptstadt Bangkok (im Süden), die wie eine „Sonne strahlt", führt eine Wasserstraße des Niescnstromes Menain in einer Breite von 300 bis über 400 Meter fünfhundert Stunden — an 2000 Kilometer längs!) — von Süd gen Nord durch das Reich bis hinauf in's „Zauberreich des Urwaldes". Unterwegs — „immergrüne Wälder auf Bergen und Hügeln, durch welche nur der Elephant sich Bahn brechen kaun und in deren wilder Einsamkeit der Tiger als Jagdkönig herrscht"; dann unabsehbare Ebenen mit solch' fruchtbaren Neis- und Zuckerseldern, daß ihre Doppelernte keinen Mangel eintreten läßt; zahllose Thäler mit krhstallklaren Bächen und fischreichen Flüssen, von Palmhaincn, Tamarinden und Bananen beschattet, in deren Zweigen Schaarcn von bunten Vögeln sich schaukeln, unter deren kühlem Laubdach eine Menge von Silber- kranichen, Reihern und Ibissen wohnt, indeß in der lauwarmen Fluth das Krokodil mit glühendem Auge die Sprünge der Affen verfolgt, welche die Krokodile in gröblichster Weise necken» 6 ein „riesiger Garten", in welchem auf blauer, spiegelglatter Fluth Tempel und Paläste sind und Tausende der Kähne voll fröhlichen Lebens umherschwimmen — das ist Siam?) Wohl fehlt es diesem herrlichen Lichtbilde auch nicht an düstern Schatten; doch das ist nicht die Schuld des Landes an sich (wie wir noch sehen werden). „Die Welt ist schön, ja überall, wo der Mensch nicht hinschleppt seine Qual." Der Hauptrcichthum des Landes an Kernfrucht besteht in NeiL. Die Thalebcnen mit ihrem großen Wasserreichthum, mit den Schlammablagcrungcn des Mcnam, deö „siamesischen Nils" und des auch mächtigen Stromes Mekong (in seinem Unterlauf) haben — in einem Umfang von 670 Kiloin. von Norden nach Süden und 220 Kilom. von Westen nach Osten — im Südtheile des Reiches einen „unglaublich fruchtbaren" Boden. Leider wird bei der Trägheit der Siamesen kaum der fünfte Theil dieses so fruchtbaren Bodens angebaut; überhaupt ist ein großer Theil des Landes eine „völlige Wildnis;", und ist zu bedenken, daß die große Fruchtbarkeit dem ganzen Ueberschwemmungsgcbiet mit einem Umfang von 30,000 Quadratkilometer eigen ist. Außer Reis wird vorzüglicher Zucker, Indigo, Mais, Pfeffer, die Kokospalme und Baumwolle gepflanzt, sowie der Maulbecrbaum für die sehr blühende Scidcn- zucht. Die höchsten Berge überragen nicht die Schneegrenze; die größte Höhe weniger Berge beträgt 2500 Meter. Weltberühmt sind die großen Lcak-Wäldcr, die es in erster Linie waren, welche seiner Zeit England's EroberuugSlust anstachelten, da das Holz deö Tcakbaumcs für die englische Marine in Indien unentbehrlich geworden. WaS die Temperatur in diesem tropischen Klima betrifft, so sinkt in der Zeit von Dezember bis März, wo der trockene Nordost-Monsun weht, im Januar und Februar die Wärme auf 13 Grad 6 herab. Die heißeste Jahreszeit ist im April und Mai, wo die Wärme bis zu 36 Grad 0 steigt. Von Ende Mai bis October herrscht der Westmonsun mit seinem vielen Regen. Die Einwohner Siams bilden ein Völkergemisch, wie schon die Bezeichnung der Halbinsel, „indochinesisch", andeutet. Die E inwohnerzahl wird auf sechsMillionen und darüber steigen; hievon rechnet man 2 Millionen für die eigentlichen Siamesen, 1 Million für Chinesen (?), 1 Million Malayen 1 Million L aoS und eine halbe Million für die Kambodschaner; den Rest bilden verschiedene Bergvölker der Karenen und Schans und Europäer. Die eigentlichen Siamesen sind wohl selbst ein Mischvolk, entstanden von der Vereinigung der Ureinwohner und der Chinesen bezw. Mongolen und Hindu. Ihr Nanie deutet auf den alten Namen SiamS und seine Ureinwohner hin; Siam hieß ursprünglich Sajam, d. h. Land der braunen Leute. Der mongolische oder chinesische Typus tritt bei den Siamesen mehr hervor, als der indische, der bei ihnen schwer zu erkennen ist. Sie haben schief- und cnggeschlitzte Augen und hervorstehende Backenknochen; sind aber nicht groß und schlank, sondern haben einen gedrungen stämmigen Körperbau und einen sehr großen runden Kopf. Ihre Hautfarbe ist hellbraun, dunkler als die der andern Völkerstämme. Mit den Chinesen haben sie gemein die übertriebene Höflichkeit, aber auch die Verschlagenheit und die Spielwuth, nicht aber auch dix Arbeitsamkeit (l). Ein Hauptcharakteristikum der Siamesen ist ihre sklavische feige Gesinnung. „Kein Wunder — das ist die Frucht einer vielhundertjährigen Sklaverei unter dem Joche despotischer Könige und Staatsbeamten." Diese Unterwürfigkeit schildert °) Nachgezeichnet der kurzen Schilderung des französischen Keifenden Mouhot (in „D. kath. Missionen", Jahrg. 1883, S, 4). ein Missionär mit den Worten: „Hier zu Lande liegt Alles auf dem Bauch, oder auf den Knieen: der Sklave vor seinem Herrn, mag dieser vornehm sein oder nicht; dieser vor dem Civilbeamten; der Soldat vor seinem Officier; der Buddha- Mönch vor seinem Abt und Alle miteinander vor dem König. Selbst die vornehmsten Siamesen müssen sich in Gegenwart des Königs auf die Kniee und Ellbogen niederwerfen." Ich möchte hiczu bemerken, daß diese Unterwürfigkeit doch nicht allein auö dem Despotismus hervorgegangen, sondern ihr eine besondere streng religiöse und moralische Anschauung zu Grunde liegt; nämlich der tiefernste feste Glaube an die wahrhaft göttliche Majestät eines Königs und die Ehrfurcht vor der von den Göttern dem Menschen verliehenen Uebermacht und Herrschberechtigung. Diese an und für sich nichts weniger als thörichte und lächerliche Anschauung hat aber die Leidenschaft der Herrsucht und des Hochmuths greulich mißbraucht und so diese Ungeheuerlichkeit der Untcrwcrfungsart erzeugt. Als eine gute Eigenschaft der Siamesen wird hervorgehoben ihr Familiengeist, die große Liebs zwischen den Gatten, Eltern und Kindern und gegen die Verwandten. Ihre gegenseitige Liebe und Sorgfalt, die kein Opfer scheut und sich namentlich in Krankhcitö- und Sterbcfällcn offenbart, ist rührend, und sie berechtigt zu der Annahme, daß dieses Volk edler Gefühle und hochherziger Aufopferung fähig ist. Die Haupt- und Residenzstadt Bangkok ist höchst interessant. Sie hat die großen Titel der alten zerstörten Ajut h i a (auch Juthia geschrieben) erhalten, lautend zu deutsch: „Die große, königliche Stadt, die Stadt der Engel; die unüberwindliche Stadt, die schöne Stadt" u. s. w. Man nennt sie auch das „asiatische Venedig", und dieses Prädikat, sowie das Lobwort schön gebührt ihr: Bangkok, die „Stadt der wilden Oclbäume" mit ihren 400,000 Einwohnern, erstreckt sich drei Stunden lang an den beiden Uiern des Menam dahin und ist von zahlreichen Kanälen durchschnitten in allen Bezirken. Auf beiden Userseitcn herrliche Gärten; im Hintergründe, dem Hanpttheile der Stadt, zahlreiche hochgcthürmte, buntvcrzierte Tempel und Pagoden, prächtige, vergoldete Paläste, die sich in der Ferne wie zauberhaft von dem dunkeln Grün der tropischen Bäume abheben; die an beiden Ufern auf mächtigen Holzflößen schwimmenden Häuser. Paläste, Tempel, zahllosen Kähne, Marktschiffe in den verschiedensten Formen und Farben, und zwischen diesem bunten Gewimmel europäische Dreimaster und chinesische Dschonken, die mit Donnerschlägcn der Gong (Rieseutrommcl) die Hafenschiffe begrüßen: so mag Bangkok wohl einen ganz eigenthümlichen, mächtigen, kaum zu schildernden Eindruck machen. Die ärmeren Stadttheile liefern allerdings, wie gewöhnlich in den großen Städten, ci» grelles Gegenstück zu den: „schönen" Bangkok. Die Häuser sind ohne Ausnahme fest, aus Teakholz und stehen auf dem Fcstlande und den Inseln auf hohen Pfählen. Die innere Stadt ist mit einer Mauer, die mit Zinn bedeckt, umgeben. In der Mitte dieses HauptstadttheilcS steht der Palast des KönigS, von Gold und Elfenbein strotzend, mit hundert Sälen und Prunkgemächern, umgeben von tausend Wachen! Hier thront der „große König, der Sohn des Himmels, die Kraft Gottes, das leuchtende Ebenbild der Sonne". Die StaatSform Siam'S ist, wie bereits angedeutet, der ausgeprägteste Despotismus. Die alten Siamesen schon nannten ihr Land stolz „Mnang-Thai", d. h. das Königreich der „freien Männer", und auch die heutigen Einwohner halten noch mit Stolz an diesem Titel fest; gegenwärtig aber — nein, schon längst — ist er eine wahre Ironie; es sollte heißen, das Land der Sklaven. Neben den vorhan- 7 denen wirklichen Sklave», deren Zahl zwei Millionen betragen soll, kann jeder „freie" Siamese, der heute hundert Sklaven vor sich hertreibt, morgen selbst ein Sklave sein: so sieht es aus mit den „freien" Männern und denRcchtsgesetzen dieses Reiches. Das folgenschwerste Gesetz ist das Schuld- gesetz. Dasselbe gebietet, daß eine Schuld, und vor Allem die Steuer, pünktlich bezahlt wird. Ist das nun einem Bürger nicht möglich, so kann er in die Lage kommen, gezwungen zu sein, Weib und Kind zu verkaufen. Hat er weder das Eine noch das Andere, so wird er selbst zum Sklaven. Und in diese unglückliche Lage können die Siamesen gar nicht selten gerathen; denn die Staatsabgaben sind zahllos und die Kopfsteuer sehr hoch, und werden von einem Heere herzloser Beamten unerbittlich eingetrieben. Diese ziehen mit Roß und Reiter und Ele' phanten selbst in die Schluchten der fast undurchdringlichen Wälder bis zu dem armen LaoSvolke und nehmen ihm nicht selten das letzte Honigtöpfchen, das letzte Wachs, das letzte Thier- ell. Das Traurigste bei dem Verfalle in die Sklaverei ist, daß arme, unschuldige Kinder, welche von ihren Eltern Schulden halber oder in anderer Nothlage verkauft werden, nie mehr loögckauft werden können, also Sklaven bleiben müssen, während die andern Sklaven, selbst die Kriegsgefangenen, sich die Freiheit erkaufen können. Ach ja! Thai, das Reich der freien Männer! Dort, in den Straßen des stolzen Bangkok, kann man auch einem Mann begegnen, abgemagert und gehüllt in Lumpen, auf den Schultern eine Axt; er ist Holzhacker und — ein Prinz des königlichen Hauses mit seinen achthundert Frauen. Das ist auch einer der freien Männer. Der kleine Prinz der ersten königlichen Gemahlin — wie sticht er ab gegen seinen Stiefbruder, oder Stiefonkel! Das „HimmckSsöhnchen" ist so schwer mit Goldschmuck und Edelsteinen beladen, daß es ob der Last kaum gehen kann. Und die höchsten „freien Männer" — die Minister des „großen KönigS" — sie haben in dem reichen Lande keine Prachtwohnungen, oder gar Villen, wie z. B. im armen Deutschland. Dort wohnt der höchste Würdenträger, der Kanzler des Reichest), in einem „elenden Bretter- gebäudc aus hohen Baumstämmen, mitten im Schlamme und Unrath". So ist es wahr, was die Kenner des Landes behaupten, nämlich: „daß Siam daS Land der größten Gegensätze sei, wie kein anderes der Erde". Was die Rechtspflege und das VerwaltunzSwescn überhaupt betrifft, so bietet Siam dasselbe traurige, trostlose Bild, wie dicßbezüglich China mit den habsüchtigen, das Volk auSsangendcn, parteiischen und tyrannischen Beamten, und vergebens haben sich einige wirklich edle Könige Siam'S in der jüngsten Zeit bemüht, die schweren Mißstände zu beseitigen. Recensionen und Notizen. Theologisch-praktische Monats - Schrift, Central- Organ der katbol. Geistlichkeit Bayerns. Unter Mitwirkung zahlreicher Gelehrter und Seelsorger herausgegeben von vr. Pell, Dr. Linsenmayer und Psr. Krick. Passern, Rudolf Abt. Nr. Mit dem Kalenderjahre 1893 schloß die von den Professoren vr. Pell, vr. Linsenmayer und Pfarrer Krick herausgegebene theologisch-praktische Monatsschrift, das Centralorgan der katholischen Geistlichkeit BayernS, den dritten Jahrgang ab. Wer während der drei Jahre des Bestehens genannter Monatsschrift sowohl den theoretisch-wissenschaftlichen, wie den praktischen Theil derselben aufmerksam verfolgte, muß sich wohl zum Geständnis; gedrungen fühlen, daß die verehrte Redaction die im Programm gemachten Versprechungen redlich eingelöst hat. Auf Grund zahlreich eingesandter Originalartikel wurvc den Lesern eine solche Fülle im großen und ganzen durchaus wissenschaftlich gediegener Abhandlungen wie praktisch bedeutsamer Fülle und seelsorglichcr Winke geboten, daß der bayer. Clerus nur mit großer Freude und gerechtem Stolze auf sein Centralorgan sehen kann. Speziell aus dein letzten Jahrgange seien zur Erhärtung unserer Behauptung nachstehende durchaus tüchtige wissenschaftliche Aufsätze und Abhandlungen hervorgehoben: Die soziale Bedeutung der Eheschließung, eine Serie von Artikeln aus der Feder des Lycealprofessors vr. Hans in Passau; Die Wirksamkeit der gefallenen Engel auf Erden von Dompropst vr. Pruncr in Eichstätt; Die niederen Weihen und der Subdiaconat von Pros. vr. Specht in Dillingcn; Naiffciscn- sche Darlehenskassen von Pfarrer Kaiser; Hcilsnotbwendigkeit der hl. Communion von Pros. vr. Lehringer in Eichstätt; Die Grabschrift des hl. Aberkios von Pros. vr. Weber in NegenS- burg; Die Früchte des hl. Meßopfers von Joh. B. Lobmann 8. ll.; Die Visio beatitiea, von Militärcurat Grüner in Nürnberg; Der bayerische Franziskaner Kaspar Schahger über Primat und allgemeines Concil von N. Paulus in München u. s. w. Diese ebenso trefflichen wie zeitgemäßen Artikel bieten eine kerngesunde theologische Nahrung und geben uns das Recht, der theologisch-praktischen Monatsschrift das beste Prognosticon auf eine herrliche Zukunft zu stellen. An diese wissenschaftlichen Abhandlungen reihen sich zahlreiche kasuistische Materien aus dem scelsorglichen Leben mit reicher Belehrung und fruchtbaren Winken. Es ist mit besonderer Freude zu begrüßen, daß dieser praktische Theil der Monatsschrift im letzten Jahrgang einen viel breiteren Boden gewonnen hat. Mit größter Sorgfalt wird sodann in unserer Monatsschrift das kanonistische und pfarramtliche Verwaltungsgcbict bearbeitet. Wenn wir die hier von Heft zu Heft mitgetheilten kirchlichen wie staatlichen Entscheidungen durchgehen, so müssen wir uns gerade von dieser Sparte eine nicht unbedeutende Förderung der Stellung des Klerus und damit auch seines Einflusses versprechen und werden wir nicht selten an das Wort des ehemaligen Kultusministers von Lutz erinnert: Wenn der bayer. Klerus sich stets vor Augen hielte, wie viele Rechte in Gemeinde und Schule ihm noch geblieben sind, so würde er nicht soviel über unwürdige Bevormundung durch die Staatöcuratel klagen. Es soll damit selbstverständlich der staatlichen Hinein- regicrung in kirchliche Verhältnisse nicht das Wort geredet sein, aber das muß sicher zugegeben werden, daß ein nicht unbedeutendes Quantum Wahrheit in jenem Dictum liegt und von Seiten des Klerus nicht in allwcg seine Rechte gekannt und wahrgenommen wurden. Möge auf diesem Gebiet die neue Monatsschrift eine stets fortschreitende Besserung bringen. WaS die wissenschaftliche Novitätenschau anlangt, so möchten wir wünschen, es möchte daS kritische Messer vielfach etwas schärfer und schonungsloser gehandhabt und den Recensionen über die wirklich ausgezeichneten Werke ein etwas breiterer Raum gegönnt werden. Besprechungen, wie diejenige über die Lehre von den hl. Sakramenten der katholischen Kirche von vr. Paul Schanz, halten wir entschieden für zu knapp und eng zugemessen. Freilich müssen wir zugeben, daß die Monatsschrift nur eine Novitätenschau halten und ein literarisches Fachblatt keineswegs ersetzen will. Wer aber nicht außer Acht läßt, wie wenig unserem fast durchwegs überbürdeten Klerus Zeit zur Lektüre von Literatnrblättern bleibt und wie wenige Seelsorgspricster sich darum solche Blätter halten, wird in der Novitätenschau ein entsprechendes Surrogat dafür wünschen. So hat unsere Zeitschrift in den wenigen Jahren ihres Bestehens sich bereits eine geachtete Stellung erobert. Wenn auch zugegeben werden muß, daß die Passauer theologisch-praktische Monatsschrift die volle Höhe der gleiche Ziele verfolgenden Linzer Quartalschrift noch nicht erreicht hat und sich der rcichgeschmückten edlen Schwester der benachbarten Donaustadt noch nicht ebenbürtig zur Seite stellen kann, so möge man bei gerechter Beurtheilung nicht aus dem Auge verlieren, daß die Linzer Quartalschrist mit dem neuen Jahre in den 47., das Centralorgan des ka tholischcn Klerus Bayerns aber erst in den 4. Jahrgang ein getreten ist. Wer sich die Mühe nicht gereuen läßt, die ersten Jahrgänge der österreichischen mit den Anfängen der bayerischen theologischen Zeitschrift zu vergleichen, wird nicht lange darüber zweifelhaft sein können, daß auch unser vaterländisches Organ einer herrlichen Blüthe entgegen gehen wird. Die Rührigkeit und Umsicht der vortrefflichen Redaction sowie das Vertrauen auf den tüchtigen Klerus BayernS sind nnö Bürge dafür, daß unsere Hoffnung uns nicht täuschen wird. Möge darum kein bayerischer Priester unterlassen, das Abonnement auf daS Centralorgan zu erneuern, sollte er aber bisher nicht Abnebmer gewesen sein, als Abonnent neu einzutreten. Der Preis, 5 Mark bei Bezug durch Post und Buchhandel und 6,20 Mark bei direkter Zusendung unter Kreuzband seitens der Verlagshandlung, steht mit dem trefflichen Inhalte und der soliden Ausstattung in keinem Verhältniß. 8 Unter den vier ersten Königen Bayerns. Nach Briesen und eigenen Erinnerungen von Luise v. Kobell. Zwei Baude mit 4 Pbotogravurcn und einer Chromolithographie, geh. 10 M. u. geb. 12 M. —-C. Geleitet von dem Streben nach schriftstellerischer Berühmtheit hat Luise v. Kobell aus ihrem umfangreichen, vierjährigen Tagbuch über verschiedene Dinge, Lebensverbältnisse, Männer und Frauen von allerlei Ständen und Berufszweigcn Auszüge gemacht, sie in zwei kleinen, elegant ausgestatteten Bänden chronologisch zusammengestellt und mit Redensarten aus den neueren Sprachen und dem Lateinischen gespickt, um sich mit einem Gelehrtennimbus zu umgeben. In der Einleitung theilt die Verfasserin dem Leser eine Reihe von Briefen mit, welche einen Einblick in das Familienlchen und die künstlerische Thätigkeit ihrer Ahnen gewähren und Streiflichter auf die Aufführung der französischen Emigranten in Deutschland und den Feldzug 1792 werfen. In einem Briefe ist ein edler Zug der Gemahlin des Psalzgrafen Max Joseph von Zwei- brücken, des künftigen Kurfürsten und Königs von Bayern, erwähnt, indem sie den Augnstincrmönchen in Spcyer, welche wegen der von den Franzosen geforderten Brandschatzung in die grösste Bedrängnis) gerathen waren, Hilfe leistete. In dem nächsten Kapitel über die ersten RcgicrungSjahre Max I. Joseph und den Rheinbund werden die Festlichkeiten während des Aufenthaltes des französischen Kaisers Napoleon I. in München (1606), die Vermählung der Prinzessin Anralie Auguste, des Kronprinzen Ludwig von Bayern (1810) und die Geburt eines Napolconischen Prinzen (1811) mit weiblicher Vorliebe ausführlich besprochen, jedoch nichts Neues vorgebracht. Die hervorragenden Männer der Wissenschaft und Kunst, sowie das Leben und Treiben in der Stadt München nach dem Wiener Congreß und die Festlichkeiten, welche bei der Verkündigung der Verfassungsurkunde (1818) und bei dem 25jährigen Nc- gicrungsjubiläum Max Josephs veranstaltet wurden, sind mit gewandter Feder geschildert. In der wahrheitsgetreuen Darstellung der Persönlichkeit des Königs Ludwig I., seiner Kunstliebe und Kunsthauten ist eine vortrefflich ausgeführte Photo- gravnre von einer Weinschenke in Rom hcigefügt, in welcher der bayerische Kronprinz Ludwig (1824) inmitten der damals berühmtesten Künstler in ungezwungenem, heiterem Gespräche verweilte. In dem kurzen Kapitel „Bayern und Griechenland" hatte Luise v. Kobell wieder Gelegenheit, an die Erzählung von ihrem Großvater, dem StaatSrath und Negentschaftsmitgliede Aegid v. Kobell, anzuknüpfen, dessen Briefe über den Aufenthalt Ludwigs I. in Griechenland (1836) sie veröffentlichte. Mit einer Skizze über das gesellschaftliche Leben in München unter König Ludwig I., über die Vermählung bayerischer Prinzessinnen und die Revolution 1848 vereinigte die Verfasserin die Erlebnisse in ihrer Kindheit und Mittheilungen ihrer Freunde und Verwandten aus jener Zeit; sie erzählt auch von Lola Montez, geht aber über das Verhältniß der spanischen Tänzerin zu König Ludwig I. und über deren Einfluß auf die Staatsgeichästc mit Stillschweigen hinweg. In der kurz bemessenen Abhandlung über die allgemein bekannten Bestrebungen und Verdienste des Königs Max II. auf dem Gebiete der Wissenschaft werden die gesellschaftlichen Abcndunterhaltungen der aus Norddeutfchland berufenen Gelehrten besprochen und der Weggang mehrerer dieser „Berufenen" aus München beklagt; allein diese hatten sich durch ihre Selbstüberschätzung und ihren Hochmuth in ganz Bayern so verhaßt gemacht, daß für sie der Aufenthalt in der Hauptstadt unbequem wurde. Die Briefe des gemütbvollcn Dichters Scheffel, welcher mit dem Juristen August Eisenhart, dem Bräutigam der Luise v. Kobell, Freundschaft geschlossen hatte, werden zum ersten Mal veröffentlicht. Der Eintritt Eiscnharts in'ö königliche Kabinet (1866) wird in Kürze berichtet. jedoch mit keinem Wort berührt, daß der Kabinctschef v. Pfistcrmcister wegen seiner conservativen Gesinnung von der liberalen Partei am und außer dem Hofe von der Seite des jungen Königs verdrängt wurde. Durch die Ernennung Eiscnharts zum Ministcrialrath und Kabinctschef (Januar 1870) kam Luise v. Kobell in die Lage, die Erbaulichkeiten der kgl. Residenz zu besichtigen und sie in fließender Sprache zu beschreiben. Von historischer Bedeutung ist das folgende Kapitel, welches die Entschließung des Königs Ludwig II. zur Mobilmachung des bayerischen Heeres (1870) behandelt. Mit lebhafter Phantasie sind der Einzug der bayerischen Truppen in München (1871), das vorjährige Jubiläum der Münchener Universität und die Vermählung des Prinzen Leopold mit der kaiserlichen Prinzessin Gisela beschrieben. Die Memoiren der > Luise v. Kobell schließen mit einer weitläufigen Erzählung eines ! Landaufenthaltes am Starnberger See, mit einer Schilderung der persönlichen Eigenschaften Ludwigs II. und mit der plötzlichen Entlassung des Kabinetschcss von Eisenhart (1876). »s» Fester (N.), Kurfürstin Sophie von Hannover. Hamburg, Richter. 8°34S. Verfasser, jetzt Privatdocent in München, bekannt als Herausgeber des badifchen Ncgestenwcrkcs und durch einige historische Aufsätze, läßt hier in der „Sammlung gemeinverst. wissenschaftlicher Vortrage, herausgegeben von Virchow und Wattcn- bach (vorher Holtzendorff), als Heft 179 den Vortrag erscheinen, den er am 7. März 1893 im Münchener Chemischen Hörsaale gehalten hat. Es ist eine ansprechend geschriebene, inhaltsreiche Biographie der 1630 geborenen und 1714 ge storbencn Tochter des „WinterkönigS", der Urenkelin der Maria Stuart und (als Mutter Georg Ludwigs von Hannover, des I. KönigS Georg von England und Mutter der Sophie Charlotte, der I. Königin von Preußen) gemeinsamen Stammmutter der Welsen und Hohenzollern, welche von ihrem „deutschen Aristoteles" Leibniz als „die große Knrfürstin" gepriesen wurde; eine Fürstin, die dem Historiker ein lebhaftes Interesse abgewinnt, eine Dame von „jener aufgeklärten, man möchte sagen confessionslosen französisch-holländischen Wcltbildung, welche den Frauen dcS pfälzischen Hofes eigen war" (Erdmanns- dörffer, deutsche Gcsch. II, 130), ohne tiefer entwickeltes religiöses Bedürfniß gleichwie ihr Bruder Karl Ludwig von der Pfalz und ihre Nichte, die berühmte „Liselotte", die den Kircbcn- schlaf für den der Gesundheit förderlichsten hielt. Freilich müssen wir fürchten, mit dieser Charakterisirungsweise dem Raisonnement zu verfallen, womit der Verfasser noch auf einer der letzten Seiten seines Vertrags sich ebenso gesucht wie überflüssig beeilt hat, den Gegnern JansscnS die Reverenz zu machen in der Anspielung: „Wir haben in unseren Tagen die glänzendsten Erfolge einer Geschichtsschreibung erlebt, die nur die Quellen reden läßt und sich dennoch, weil sie ihren Standpunkt der Ueberlieferung zu nahe gewählt hat, zu einer reineren historischen Auffassung der Dinge nicht aufzuschwingen vermag." Personal-Status der Lyceen im Königreiche Bayern nach dem Stande vorn 1. August 1893, zusammengestellt von Dr. Adolf Jobannes, Lycealprofessor älterer Ordnung. Drillingen 1893. I. Kellcr'sche Buchdruckern. LI Schon der Titel dieser Broschüre verkündet Interessantes; denn er besagt NcueS auf dem Gebiete der Statistik. Sicht man sich dann das Schriftchen selbst an, so findet man sich wirklich nicht getäuscht. Die erste Nummer: „Das Allgemeine über die Lyceen in Bayern" enthält bereits in kurzer und bündiger Zusammenstellung die wichtigsten Daten in Hinsicht auf Zweck und Unterricht der sieben bayerischen Lyceen und in Hinsicht auf Rang und Gehalt der Rektoren und Professoren an denselben. Die übrigen 4 Nummern sprechen, wie fast jede Statistik, hauptsächlich durch Zahlen und Namen. Besonderes Interesse erregt jedoch „III. Personalstand", wo man n. A. die frühere Stellung sämmtlicher Professoren zu erfahren Gelegenheit bat, und „V. Tabellarische Uebersichten". Hier ist in die Anzahl der Lehrkräfte zusammengestellt und ausfallender Weise erscheint dabei von den sechs vollständigen Lyceen das bischöfliche in Eichstätt als das mit den meisten (12) Professoren versehene, während das königliche Lyceum in Dillingen um ein ganzes Drittel weniger als das genannte ausweist. Nicht minder von Bedeutung ist „0", wo in genauer und klarer Uebersicht gezeigt wird „die Anzahl der Wochcnstunden, in welcher die einzelnen Disciplinen in den philosophischen und theologischen Sektionen der Lyceen vorgetragen werden". Welche Verschiedenheit tritt hier zu Tage in Bezug sowohl auf die Diciplinen selbst an den einzelnen Anstalten als auch in Bezug auf die Zeit, die auf diese Fächer verwendet wird! Ein wahres Mosaikbild bietet diese letzte sorgfältige Zusammenstellung. Bei den „OorriZ'öucla," auf der Schlußicitc ist Einzelnes, jedoch nichts Sachliches, übersehen. Da auch der Preis der instrnctivcn Broschüre sehr niedrig gestellt ist, so dürfte sich dieselbe den Interessenten zur Anschaffung sehr empfehlen. Berichtigung. In ObronoloZin IVillibcrlüina, Nr. 52 S. 3 A.56 ist zu lesen statt XI (6srm. srwra. III, 34); A. 59 statt Häuschen Herrschen, und A. 61 statt clio üioo. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas ck>, weil ich schmerzlich wünsche, Daß für mich, alö ich geboren wurde, So ein edler Mensch gcbeter hätte." Leider fing Hebbel wieder eine neue Liebschaft an mit einer Patrizicrstochter, Namens Emma, und ging so weit, diese Liebe seiner Elise in glühenden Farben zu schildern. In einer der Quellen, die dem Verfasser zu Gebote standen, hat ein Leser früherer Zeit zu diesem Brief mit Bleistift die Randbemerkung gemacht: „Abscheulicher Kerl!!", ein gewiß sehr herber Ausdruck, aber doch wohl füglich berechtigt und gerechtfertigt; wir selbst möchten beisetzen: „Rücksichtsloser Mensch I" Als zweites Drama dichtete Hebbel seine „Geno- vefa", welche schon vorher von Tieck und Nampach bearbeitet war, im kurzen Zeitraum von einem halben Jahre war sie fix und fertig, in siebertscher Hitze und Eile wurde gearbeitet, sogar bisweilen das Mittagessen vergessen, und was kam heraus? ein ziemlich verfehltes Stück trotz mancher Schönheiten. „Auch hier", sagt König," that er seinem Urbilds Gewalt an. Seine Genovcfa ist eine über alles Maß wortkarge Heilige, die selbst für das Schändlichste keine Aeußerung des Abscheues und der Entrüstung übrig hat; Golo eine allmählig zum Teufel gesteigerte Mischung der Don Juan- und Faustnatur. Zum Schluß gibt der Schurke sich freiwillig den Tod, anstatt ihn, der Sage gemäß, von Henkershand zu erleiden". Fr. Dingclstedt sprach sich in mehreren Briefen an Hebbel anerkennend über dieses Stück aus, wie er denn auch die Ausführung desselben sehr angelegentlich betrieb. Nun warf er sich auf ein früher begonnenes Lustspiel „Der Diamant", um alsbald wieder eine Novelle „Mattes" zu schreiben, das als ein Nachtstück bezeichnet werden muß. In diese Zeit fällt der große Brand von Hamburg, über den Hebbel schreibt: „Mir war es, als ob ich nichts Gegenwärtiges sähe, aber die ungeheuersten Bilder der Vergangenheit standen vor meinem Blick: ich sah Carihago mit dem zerschmelzenden Moloch, ich sah Perfepolis und die tanzende Thais, ich sah Moskau und den Imperator, wie er unwillig und finster den Kreml verließ, bei dem nüchternen Tageslicht besah man sich mit Schauder und Entsetzen den Leichnam einer Stadt." Das gleiche Jahr führte ihn in Hamburg mit Uhland und feiner Frau zusammen, und er sagt von dem schwäbischen Dichter: „er war sehr herzlich und liebevoll, als ob wir alte Freunde wären, nicht starr und kalt, wie die meisten ihn finden und wie ich ihn selbst 1836 auch fand. Aeußerst anspruchslos, schwer im Reden, aber auf eine naive, rührende Weise. Freue mich." Allerdings, Müssen wir beisetzen, dauerte der Besuch Uhlands nur einige Augenblicke, da der Wagen mit seinen Damen vor Hebbels Hause hielt. Dann ging's planlos auf Reisen, nach Kopenhagen, Paris, Italien, Wien, wohin auch wir den ruhelosen Mann kurz begleiten wollen. Er fuhr nach Kopenhagen, die See ging hoch und stürmisch, worüber sich Hebbel folgendermaßen ansläßt: „Ich ahnt' cö längst! die grollenden Titanen Sind aus dem Schlummer wieder aufgestört, Und haben, an die alte Nacht zu mahnen, Jedwedes Element der Welt empört." Das Hotelleben war ihm eincstheils zu theuer, anderntheils zu nobel, so daß er alsbald ein Privat- zimmer bezog, Besuche bei hohen Würdenträgern wurden gemacht, er erhielt Einladungen von vielen Seiten, was ihm mitunter sehr unangenehm war, da es ihm an der Handhabung der gesellschaftlichen Formen ordentlich fehlte. Endlich erhielt er Audienz bei dem König Christian VIII. und ging dabei dem Hofmarschall nach, „wie die Jolle dem stolzen Jagdschisf". Er bat um eine Professoratsstelle für Aesthetik und Literatur, dann gab er sich zufrieden mit einer Privatdozentenstelle — es wurde nichts 11 daraus, da er keine Universitätsstudien gemacht hatte, kein Geld und keine Lust zum Studieren auf der Universität hatte, auch von einer Disputation wollte er auf Anregung des KönigS nichts wissen, der zudem seine Judith etwas zerzauste, kurz, die guten Hoffnungen erfüllten sich nicht, die er gehegt, aber Eines schlug er heraus auf Empfehlung Adam Oehleuschlügers und Thorwaldsens, einen Brief Collins mit dem kostbaren Inhalt: daß der König Hebbel ein Neisestipendium von sechshundert Neichsthalern jährlich auf zwei Jahre bewilligt. „Zwei sorgenfreie Jahre habe ich vor mir und diese will ich redlich benutzen." Ueber Thorwaldsens „Ganymed und der Adler" war unser Dichter so entzückt, daß er sofort ein Gedicht über dieses Prachtwerk machte mit dem Eingangsverse: „Knabe, süßer, wunderbarer, Unterm Kuß des ZenS gereift, Blüthe, die in leuchtend klarer Schönheit nie der Wind gestreift." Ueber Hamburg, wo er einigen Aufenthalt bei Elise nahm, ging es nun 1843 nach Paris, wo ihn besonders Heine sehr liebevoll aufnahm, fast könnte man sagen: Gleiche Vrüder, gleiche Kappen! Bald machte er sich an ein bürgerliches Trauerspiel und bald war es vollendet, nämlich „Maria Magdalena". Wenn heutzutage neu- modische französische und auch deutsche Dramaturgen sich gefallen, Stücke zu schreiben, wo Mord und Todtschlag, Ehebruch und anderes Unsittliche die Hauptrolle spielen, so daß am Ende der Witz eines Bauern, der in einem Theater zu Berlin sagte: „jetzt sind alle caput, jetzt wird das Stück anS sein", Wahrheit ist, jedenfalls Wahrheit enthält, so ist dies, um mit Ben Akiba zu reden, alles schon dagewesen, denn die Maria Magdalena Hebbels ist Beweis hiefür. Wie der Autor auf den Titel kam, ist nicht ersichtlich, aber das ist aus dem Stück ersichtlich, daß ein einziger Mann in einem einzigen Stück Diebstahl, Entehrung, Untreue, Selbstmord, Kindsmord und anderes haarsträubendes Zeug nie wird so realistisch über die Bühne marschiren lassen können, wie Hebbel es in diesem Stück gethan — gottlob, es ist auch gar nicht nöthig. Berlin wies das Stück zurück, Paris führte es auf, jeder hat eben seinen besonderen Geschmack. Auch in den folgenden Stücken, um dieselben kurz und bündig abzumachen, die der Dichter in Wien schrieb, wohin er sich von Paris aus begab, herrscht das Absonderliche und Greuliche vor, obwohl natürlich in jedem sich auch poetische Schönheiten finden; Hebbel ließ eben in sittlicher Beziehung die Zügel schießen, wie der Freund in Paris — Heine. In seinen Stücken findet sich, wie Julian Schmidt sagt: „bei den rasfinirien Empfindungen und der künstlich gesteigerten Hitze die frostige Sprache der Reflexion." Bei Thorwaldsens Tod war Hebbel sehr ergriffen: „so sterben die Götter! so starb Göthe, Shakespeare, so würden wir alle sterben, wenn das Leben sich naturgemäß entwickelte". Er dichtete auf Thorwaldsen und soll eine Strophe aus dem Gedicht auch hier ein Plätzchen finden. „Thorwaldsen folgt, der letzte wohl im Zug. Der aus dem Marmor gricch'schcS Feuer schlug, Der das, waS werden sollte und nicht ward. Weil eö im Werden selbst schon halb erstarrt, Das ungcschaff'ne Urbild allcö Seins, Erlöste aus dein spröden Schooß des Steins." In dieser Zeit erklärte sich die Universität Erlangen auf eifriges Betreiben des alten Rousseau hin bereit, auf Grund einer Abhandlung Hebbel den Doctorgrad zu ertheilen. Er reichte eine Arbeit ein, beantwortete die ihm zugesandten „kindleichten" Fragen, die Abhandlung wurde als gut befunden, den Doctorhut erhielt er aber erst nach zwei Jahren, da er früher die hiefür nothwendigen Taxen nicht bezahlen konnte. Am 3. Oktober 1844 ist Hebbel in Nom. „Ja eS ist Alles belebt in Deinen heiligen Mauern, Ewige Noma, nur mir schweiget noch Alles so still." So begrüßte er die heilige Stadt und setzen wir bei: es muß im Herzen eines Mannes, der zum erstenmale die ewige Noma betritt, eben noch etwas sitzen, was in Hebbels Herz fehlte, und was unsere Leser gewiß selbst errathen, wenn nicht „alles so still schweigen soll", wie bei Hebbel! In Nom selbst verkehrte er besonders gern und viel mit den deutschen Künstlern, besuchte fleißig die großartigen Kunstsammlungen und war besonders begeistert im Vatikan vom Apoll und der Laokoongruppe, welche er mit den Händen befühlte zum Zeichen der „geistigen Besitzergreifung".(!) Charakteristisch ist es, daß er bei den herrlichen Ceremonien der heiligen Charwoche kalt blieb, während schon viele, viele, selbst Ungläubige, von diesen tief erschüttert wurden nach ihren eigenen Bekenntnissen. Hebbel suchte eben auch in der „ewigen Noma" mitunter höchst Zeitliches, nicht am wenigsten auch galante Abenteuer; Elise drang jetzt auf Heirath, Hebbel wollte nichts davon wissen. Eines muß man ihm lassen, er dichtete auch in Nom fleißig, wodurch mitunter auch recht Schönes entstand, so seine Sonetten: „An den Künstler", „Das Opfer des Frühlings" und andere mehr. Am 29. Oktober 1845 verließ er die ewige Stadt und hinterließ — Schulden und hatte dabei „keine Kleider, o Du hast recht, Elise! ich schwimme in Genüssen aller Art!" Eine solche Interjektion kann man füglich doch wohl mit Recht als eine Art Galgenhumor auffassen und bezeichnen. Es ging nach Wien, wo er fünf Jahre verweilte. Die dortigen Künstler kamen Hebbel auf das Freundlichste entgegen, besonderes Gefallen fand letzterer an dem „leidenden" Grillparzer. In Wien war es auch, daß er sich verlobte mit Fräulein Christine Enghaus, die er auch im Jahre 1847 heirathete. Wir sind nicht berufen, den Dichter wegen dieses Schrittes zu verdammen, aber auch nicht berufen, ihn zu vertheidigen, wie dies einzelne gethan haben; wir sagen nur: Elise, die „Angebetete", lebte, sie war Mutter von zwei Kindern, sie hatte ihr Vermögen mit Hebbel getheilt, ihn stets unterstützt und Hebbel wurde der Mann einer Andern! und ihr Besitz „erfüllte mich mit einem Glücksgcfühl, das ich bis dahin nicht gekannt hatte"! Seine „Maria Magdalena" wurde in Wien aufgeführt, mehr aber wegen gewisser Schauspieler und Schauspielerinnen, als wegen des Stückes selbst, das denn auch eine sehr getheilte Aufnahme fand. Damals vollendete er auch sein Trauerspiel „Julia". Auf Betreiben Christine's kam Elise nach dem Tod ihres zweiten Knaben auf Besuch nach Wien und schied „wehmüthig, aber in wirklichem Frieden", nach längerm Aufenthalt wieder nach Hamburg zurückkehrend. Mit seiner „Judith" hatte Hebbel Glück auf dem Burgtheater, vielleicht auch, weil Christine selbst die Judith spielte, die nach den Worten des Dichters selbst „wie der Adler auf den HoloferneS loskam"; hiegegen erfuhr seine Tragödie „Herodes und Marianne" eine vollständige Niederlage. Die Tragödie wurde einmal aufgeführt und dabei blieb eS! Auch sein Märchenlustspiel „Der Rubin" wurde zwar aufgeführt, 12 das Publikum war „in heiterer Laune", aber es verschwand alsbald auch wieder vom Repertoire. Andere kleinere Arbeiten können mit Fug und Recht übersprungen werden. Der neue Hofburgtheaterdirektor Heinrich Laube und mit ihm Andere waren dem Dichter zudem nicht gewogen, so das; er zur damaligen Zeit kein Glück hatte, „auf der Bühne erscheinen zu können", denn auch hiczu sind vielleicht mehr als anderswo Vetter und Basen von größter Nothwendigkeit. Mehrere Gedichte aus damaliger Zeit athmen wiederum recht poetischen Geist aus, u. a. auch das auf die Sixtiuische Madonna in der Gemüldegallerie zu Dresden mit dem Anfangsvers: „Das hätt' ein Mensch gemacht? Wir sind betrogen! Das rührt nicht her von einer irdischen Hand! DaS ist entstanden wie der Regenbogen, Und auch, wie er, ein göttlich Unterpfand!" Nach einem kürzeren Aufenthalt in Berlin kam Hebbel wieder nach München, wo er in Ehren stand. Der kunstsinnige König entließ ihn nach einer sehr gnädigen Audienz mit den Worten: „ich wünsche, daß es Ihnen noch länger bei uns gefallen möge, und ich hoffe, Sie nicht zum letzten Male gesehen zu haben". Später sagte der König zu Dingelstedt: „ich bin seit lange von keinem Mann so angeregt worden, wie von Hebbel". Er arbeitete seine „Agnes Bernauer" aus, aber Melchior Meyer, der Bayer, war ihm mit seinem eigenen Opus gleichen Namens zuvorgekommen, er dichtete sehr fleißig, so spricht er die Arcaden an: „O Park, sei mir gesegnet! Bleib ewig frisch und grün, Und wcnn's nur einmal regnet, So sollst du zweimal blüh'nl In jedem deiner Gänge Verlier' ich mich mit Lust, Denn jeder hat Gesänge Gehaucht in meine Vtnst." Er war in München, was bei Hebbel sehr viel heißen will, zufrieden mit sich und der Welt, „ich stehe auf der Höhe meiner Existenz und freue mich jeden Tages". Allein wie der Schmetterling von einer Blume zur andern fliegt ohne Rast und ohne Ruh', so war auch Hebbel der reinste Schmetterling und zog von München wieder nach Wien, obwohl er am letztgenannten Platze bittere Erfahrungen gemacht hatte. Ende des Jahres 1854 starb Eltse, die er nebst seiner Frau stets unterstützt hatte, er beklagte den Tod derselben bitter und „will niemand lieber als ihr in den reineren Regionen begegnen, wenn sie sich dereinst mir erschließen". Seine erste Gönncrin Amalie Schoppe wanderte zu gleicher Zeit nach Anierika aus, um bald darauf auch zu sterben. Anfang des Jahres 1856 begann er sein letztes Werk, die Trilogie der „Nibelungen", welche trotz allzuvielen Reflektirens und Moralisirens der Helden ohne Zweifel eine hervorragende Dichtung von hoher Schönheit ist, freilich ist das Werk ungcmein schwierig zum Aufführen. Doch es wurde aufgeführt und zwar an vielen Bühnen. In Wien wurde er nach der Aufführung im Burgtheater sozusagen der Löwe, der Held des Tages, er wurde geehrt mit Gedichten, Geschenken, Telegrammen und neuen Titeln, er schwamm in Wonne; die Ehrungen wiederholten sich an seinem fünfzigsten Geburtstage in vermehrter Auflage. So ernannte ihn der Großherzog von Weimar zum Hofbibltothekar, die Großherzogin sandte einen prächtigen silbernen Pokal rc. Daneben dichtete Hebbel noch sehr viel, fast zu viel, er schonte sich zu wenig. In seinem „Sommerbild" singt er: „Ich sah des Sommers letzte Rose steh'n, Sie war, als ob sie bluten könne, roth; Da sprach ich schauernd im Vorübergeb'n: So weit im Leben ist zu nah am Todt" Auch der Dichter war „nah am Tod", an seinem 50. Geburtstag lag er zu Bett, sich freuend an den Ehrungen; rheumatische Schmerzen, Gichtanfälle, „alte Bekannte", plagten ihn bedeutend; „schwer ist der Kopf, steif ist das Kreuz, aber Geduld muß man haben", und er hatte Geduld. Große Freude bereitete dem Leidenden die Nachricht, daß den „Nibelungen" der vom König von Preußen ausgesetzte Preis von tausend Thalern zugesprochen sei. Bei der Nachricht davon rief er aus: „Das ist Menschenloos, bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher." Auch Bäder konnten nichts mehr helfen, die Qualen wuchsen und in den Qualen entstand noch sein Gedicht „Der Brahmine", nach dessen Vorlesen die Frau des Dichters ausrief: „Friedrich! das ist dein Testament!" Und so war es, der Tod war nicht mehr abzuwenden, die Krankheit stellte sich heraus als Erweichung der Wirbelsäule und der Nippen, und Hebbel starb am 13. Dezember 1863. Auf das einfachste wollte er beerdigt sein, wie er in seinem Testamente, das begann: „Der Tod ist gewiß, die Stunde aber ungewiß", bestimmt hatte, „am liebsten wäre es mir, wenn mein Leichnam den Flammen übergeben würde, kann dies nicht sein, so muß es davon sein Abkommen haben, jedenfalls keine Todesanzeige, keine Trauerzcttel, kein Leichengcfolge und keine Rede am Grabe." Universalerbin war seine Frau. Das „Trauergefolge" war doch großartig, der akademische Gesangverein ließ seine Weisen ertönen auf dem evangelischen Gottesacker zu Matzleinsdorf bei Wien, wo Friedrich Hebbels leibliche Ueberreste ruhen bis zum allgemeinen Auferstehungstage. Aus dem Leben zweier edlen kalhol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. (Fortsetzung.) Leider gibt ihr Biograph keine Andeutungen, welche Persönlichkeiten auf Elisabeth von maßgebendstem Einfluß waren. Die Erinnerung an ihre Freunde in Li- vorno konnte nicht wohl genügen. In Nord-Amerika war damals die römisch-katholische Kirche die unterdrückte. Sie genossen nicht mehr Freiheit als die Protestanten in katholischen Staaten. Englische Puritaner und Quäker, die ihre Heimath verließen, weil ihnen die verlangte Cultusfreiheit nicht gewährt wurde, hüteten sich wohl, in Nord-Amerika, wo sie den größten Einfluß hatten, diese Freiheit den Katholiken zu bewilligen, eine Methode, welche vielfach die Freisinnigen unserer Tage befolgen. In einer solchen Umgebung war Elisabeth Seton erzogen worden; solche oder ähnliche katholischfeindliche Gesinnungen herrschten in ihrem elterlichen Hause ohne Zweifel vor; sie wurde von Persönlichkeiten getheilt, an denen sie mit der ganzen Gluth ihres feurigen Herzens hing. Leicht wurde ihr gewiß der Uebertritt nicht gemacht. Einen solchen inneren Kampf wird sie wohl an dem entscheidenden Tage gehabt haben. Sie sah diesen Moment zeitlebens als eine besondere göttliche Fügung an. Sie ging an einem Hause vorbei in einer entlegenen Straße New-Iorks, aus dem ein herrlicher Gesang ertönte. Bei v 13 dem Hören dieser erhebenden Melodien, deren sie sich wohl noch erinnerte aus Livorno's Dome und den Kirchen Italiens, kam es ihr wie eine Inspiration, in das Haus einzutreten. Aus ihres Herzens Grunde richtete sie ein Stoßgebet zu Gott, er möge ihr das Richtige eingeben, solle sie eintreten oder nicht. Eine innere Stimme sagte ihr: Tritt ein! Kein Zweifel mehr möglich. Nicht die kirchlichen Melodien allein bewegten ihr Herz, mehr noch die Worte, welche der Priester an die Anwesenden richtete. Von des Heilands Worten an die Mühseligen und Beladenen, zu ihm zu kommen, ausgehend, zeigte er, daß auf Erden die von Christus gegründete Kirche die Stätte sei, an welcher in seinem Namen und Auftrag die Mittel des Heils in den heiligen Sakramenten gespendet würden. Allerdings hatte Elisabeth Seton bisher auch einer christlichen Kirche angehört. Allein diese bot ihr nicht, wessen sie bedurfte, was sie suchte, den Seelenfrieden. Nun hatte, nach langen inneren Kämpfen, auf einen letzten Angstschrei ihrer nach Frieden ringenden Seele, Gott ihr auf so deutliche Weise seinen Willen kundgegeben. Sie konnte — und mit Recht — nicht glauben, ein bloßer Zufall habe es gefügt, daß sie eben in diesem Augenblicke an dem Hause vorbeigehe, aus der ihr im Kirchengesange der Ruf kam: Tritt ein! Wie sollte etwa der zur Gemeinde sprechende Priester wissen, daß eine ihm ganz fremde Persönlichkeit eben eintrete, auf die seine Worte einen für ihr Leben entscheidenden Eindruck machten? Nicht nur in ein dem katholischen Cultus geweihtes Gebäude trat Elisabeth Seton, sie trat bald darauf in die römisch-katholische Kirche ein. Elisabeths Biographie gibt leider auch darüber keine näheren Umstände. Sie sind vielleicht in einer früher erschienenen Lebensbeschreibung dieser seltenen Frau enthalten?) Am 14. März 1805 machte sie den wohl erwogenen und würdig vorbereiteten Schritt. „Mir war zu Muthe", schreibt sie bald nachher, „wie dem heiligen Petrus, als ihm im Kerker die Fesseln herabfielen." Im höchsten Grade intolerant und exclusiv auch den Protestanten gegenüber, die sich nicht ihren Kreisen anschließen, mußte die protestantischen Puritaner Elisabethens Uebertritt in die höchste Wuth versetzen. Fast alle ihre Verwandten, ihre Bekannten zogen sich von ihr zurück, vermieden mit Absicht mit ihr jeden Verkehr, versagten ihr auch eine materielle Hilfe, die sie in ihrer Lage so bedurfte, und die ihr, wäre sie Puritanerin geblieben, schwerlich vorenthalten worden wäre. Elisabeths edle Seele und christliche Gesinnung zeigte sich nun auch im schönsten Lichte. Alan hörte nie aus ihrem Munde einen Tadel, oder gar ein von Groll zeugendes Wort über dieses recht unchristliche Benehmen. Im Gegentheil, sie versicherte, ihre Liebe gegen ihre jetzigen Feinde sei nicht erkaltet, im Gegentheil. Elisabeths Kinder blieben bei ihr. Es mögen gewiß Seitens ihrer Feinde Schritte gethan worden sein, ihr auch diesen Trost zu rauben. Sie blieben vergeblich, denn Elisabeth bestand auf ihrem zweifellosen Rechte. Verlassen von ihren ehemaligen Freunden, voll der Sorgen eine Familie zu ernähren, sah sie sich vor dem bittersten Elende. Sie wankte in ihrem Muthe und Gottvertrauen nicht. Sie wollte eine Privatschule für kleinere Kinder gründen. An Kenntnissen und Fähig- Nir-Lbotk 8eton st Iss oommencemonts äs I'üoligs ostboligus Lux Ltats-IIms: xsr Llsäsms äs Larirsrs^. keiten fehlte es ihr nicht. Ich habe es bisher unterlassen, besonders darauf hinzuweisen, daß Elisabeth Seton eine treffliche Erziehung genossen, wodurch ihre reichen geistigen Fähigkeiten entwickelt und auf die richtige Weise gefördert wurden. Da, in ihrer höchsten Noth, sandte ihr Gott einen wahren Freund. Dieser Mann war Abbs du Bougg. Von den Folgen der französischen Revolution gezwungen, sein Vaterland zu verlassen, war er nach Nord-Amerika ausgewandert, und war nun Superior des Klosters St. Maria von Baltimore. Der Abbö sah gleich, daß Elisabeth Seton nach den Kränkungen, die sie in New-Iork erdulden mußte, dort nicht bleiben konnte. Er veranlaßte sie, nach Baltimore zu ziehen, dort werde sich leichter ein Feld zur Entfaltung einer regen Thätigkeit, die ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entspreche, finden. Seine Bemühungen hatten Erfolg. Man hatte in katholischen Kreisen Baltimores den Plan gefaßt, eine katholische Anstalt zu gründen, in der nicht nur katholische Kinder in den Lehren ihrer Kirche erzogen, eine in diesem Geiste geleitete Schule sich vorfinde, sondern in welcher auch alte, kranke Confessionsgenossen Pflege und Aufnahme finden würden. Der römisch- katholische Erzbischof behielt sich die Oberaufsicht vor. Noch fehlte die zur Leitung einer solchen Anstalt befähigte Persönlichkeit, als der Abbs auf Elisabeth Seton aufmerksam machte. Die verfügbaren Mittel gestatteten nur einen kleinen Anfang. DaS Lokal, damit auch die Zahl der Aufzunehmenden, war beschränkt. Vielleicht sind es eben diese scheinbaren mißlichen Umstände, welche Elisabeths Glaubensmuth und Energie bewogen, freudig die angetragene Leitung zu übernehmen. Ihr Leben war von diesem Tage an ein wahres Noviziat. Sie, die gewesene Puritanerin, an das kalte, formlose, in die engen Schranken einer verkehrten Weltanschauung gebannte Wesen gewohnt, sah sich unvermittelt in katholisches Leben versetzt, von Katholiken umgeben; dies Alles mußte ihr neu und ungewohnt vorkommen. Sie fand sich bald in ihre neuen Obliegenheiten, mit der ihr eigenen Elastizität des Geistes, und diese mit strengster Erfüllung ihrer Pflichten verbindend. Der Erfolg blieb nicht aus. Ein angesehener Bürger von Baltimore, Herr Cooper (Protestant?), stellte Elisabeth Seton eine Summe zur Verfügung, um damit ein größeres, zweckentsprechenderes Gebäude herzustellen. Es sollte auch ein neues HanS gebaut werden, um darin Erwachsene und Kinder aufzunehmen, die in der Lage waren, einen angemessenen Beitrag zu bezahlen. Diese Einnahme sollte zur Deckung anderer Ausgaben für Arme verwendet werden. Elisabeth Seton mußte sich natürlich bei der Zunahme des Werkes nach geeigneten Hilfskräften umsehen. Sie fand sie. Die Neubauten wurden nicht in Baltimore selbst, sondern in einem Dorfe in nicht zu großer Entfernung, Emitsburgh, gebaut. Der Erzbischof von Baltimore wünschte schon lange diesen Anstalten einen geistlichen Charakter zu geben. Elisabeth Seton selbst trat nicht eigentlich als Supenorin eines weiblichen Ordens auf. Ich vermisse Näheres darüber in Herrn de.Saint-Amand's Buch. Dennoch übertrug ihr der Erzbischof die Oberleitung der Anstalten und verlieh ihr das Recht, sich Mutter Eltsa- bethzunennen. Ihre Gehilfinnen legten aber Profeß 14 ab. Erst später traten sie in den Verband des Vaters St. Vinzent v. Paula als Schwestern zum heil. Joseph und standen unter der Leitung des Obern dieses Ordens in Frankreich. Der Ruf dieser Anstalten verbreitete sich bald in allen nordamerikanischen Unionsstaaten. Viele Freunde und Verwandte Mutter Elisabeths, welche sich, wie erwähnt, von ihr abgewendet hatten, konnten nicht anders, als die außerordentlichen Eigenschaften, mit denen sie so Vieles erreichte, anerkennen, und die meisten traten wieder mit ihr in Verkehr. Ihre Schwägerinnen Henriette und Cäcilia Seton zogen zu ihr, nachdem ihre drei Töchter Anna, Nebekka und Katharina schon länger bei ihrer Mutter weilten. Der Zeitpunkt, wann letztere dem Beispiele ihrer Mutter folgend auch zur katholischen Kirche übertraten, ist nicht angegeben. So wuchs und gedieh die Anstalt, zur Ehre Gottes und den armen Mitmenschen Zum Besten, fort. Doch recht trübe Tage sollten noch über Mutter Elisabeth kommen. An einem herrlichen Morgen machte Mutter Elisabeth mit einigen Schwestern und Kindern einen Spaziergang in die schöne Umgebung Emmitsburghs. Sie hatte schon einigemal ihr Bedauern ausgesprochen, daß die Anstalten keinen eigenen, geweihten Kirchhof besitzen, aber die Mittel erlaubten nicht die Erwerbung eines theueren Platzes. An einer besonders schönen, von herrlichen Bäumen umgebenen Stelle rief Henriette Seton: „Ach hier ist es so schön! Hier möchte ich begraben sein!" „Ich auch" erwiderte ihre Mutter. Einige Tage später erfuhr Mutter Elisabeth, daß eben dieser Platz unter günstigen Bedingungen käuflich sei. Sie war nicht die Frau, eine solche Gelegenheit achtlos vorübergehen zu lassen. Sie trat sogleich in Unterhandlungen, die auch bald Erfolg hatten. Kaum war der Platz gekauft und zum Kirchhof eingeweiht, erkrankte Henriette Seton. Sie war die erste, die dort begraben wurde, auf jener Stelle, wo sie den Wunsch aussprach. Unvermuthet schnell rief Gott sie von dieser Welt ab. Der Leidenskelch war noch nicht geleert. Auch Mutter Elisabeths Tochter Anna, 17 Jahre alt, ein Engel an Schönheit und Liebreiz, bereitete sich eben mit vollster Inbrunst vor als Novize in ein Kloster zu treten, als auch sie erkrankte. Ihr stand eine lange, schmerzvolle Krankheit bevor. Es ist leider des Raumes wegen nicht möglich, auch nur Auszüge aus Mutter Elisabeths Briefen über die Krankheit und den Tod ihrer Tochter mitzutheilen. Nicht die Kranke, sagt sie, sondern die Gesunden, welche sie umgaben und pflegten, benöthigten und empfingen Trost von der Sterbenden. Ihr Antlitz erstrahlte schon vor ihrem Tode in einem fast überirdischen Glänze. Vier Jahre später folgte auch ihre jüngste Tochter Nebekka im Tode ihren Schwestern, auch erst nach vorangegangenen schweren Leiden. Eine große Freude nach so vielem Kummer sollte Mutter Elisabeth noch erleben. Es war einer der schönsten Tage ihres Lebens. Der Druck, zum Theil die Verfolgungen, unter denen die katholische Kirche, auch nachdem die nordamerikanischen Staaten sich von englischer Vormundschaft „freigemacht" hatten, lag, wurde gesetzlich durch den Congreß gehoben, und sie konnte sich so frei und mit demselben Rechte entfalten, als die evangelischen Kirchen und deren Secten. Damit schien das Tagewerk Mutter Elisabeth Setons beendet zu sein, ihre körperlichen, aber nicht die geistigen Kräfte gingen zur Neige. Am 4. Januar 1821 starb sie, in einem also keineswegs hohen Alter. Aber von diesen 47 Jahren waren mehr als 20 Leidensjahre gewesen. Ihre Leitung der Anstalten, die auch manche Sorgenstunde für ihre Insassen zur Folge hatte, nahmen ihre vollste körperliche und geistige Kraft in Anspruch, so daß man sagen kann, sie starb auf dem Felde der Ehre, als Streiterin Gottes. Ihre Werke aber bleiben. Ein einfacher Stein bezeichnet ihre Ruhestätte, und im ärmlichen Zimmer, das sie in der Anstalt inne hatte, mit einem fast armseligen Bett, zeigt eine Inschrift, wer dort wirkte und starb. Gewiß war Elisabeth Seton eine edle Frau! (Schluß folgt.) S i a in. Von I. G. Fußcuccker. (Schluß.) Zur Geschichte SiamS. Die crstcn unö bekannt gewordenen historischen Urkunden von Siam stammen anö dem dritten Dccennium des 7. Jahrhunderts n. Chr., anö der Zeit von 635—638. Im 13. Jahrhundert war daö Reich, nach langen und schweren Kämpfen zwischen den Ureinwohnern und den Angedrungenen Mongolen, Chinesen und Hindn, unter Königen zur Blüthe gelangt; hatte aber dann Jahrhunderte hindurch viel von den raubgierigen Nachbarstaaten, besonders von Birma, zu leiden. Das war hauptsächlich der Fall um die Mitte dcS vorigen Jahrhunderts. Damals hatte ein Emporkömmling, ein birmanischer Bauer Namens Alombra, sich zum HecrcS- führer emporgeschwungen und durch seine Kriegsmacht die Landschaften Pegu, Ära und Arcann erobert und mit Birma vereint. Dieses neue Reich Birma trat i. 1.1759 mit dem Reiche Siam in Krieg, bei welchem letzteres außerordentlich viel gelitten. Es war ein „siebenjähriger", blutiger Krieg, wobei die alte Hauptstadt SiamS — Ajuthia — nach zweijähriger Belagerung von den Birmanen erobert und zerstört worden. Da die Birmanen jedoch einsahen, daß Siam zu weit ausgedehnt sei, um ihre Herrschaft über dasselbe dauernd begründen zu können, begnügten sie sich mit Plünderung, Zerstörung der Städte und dem Fortschleppen der Gefangenen in die Sklaverei. Da erhob sich im trauernden Siam das Näubcrwesen und ein gegenseitiger Vernichtungskrieg. In diesem jammervollen Zustand, welcher das herrliche Land dem Barbarismus preiszugeben drohte, erstand endlich ein Netter. Dieß war der Held Pin-Tak, ein geborener Chinese, der zuerst in seiner Vaterstadt Tiak und dann im nördlichen Siam als Unterbcamter des letzten KönigS gedient hatte. Pin-Tak, der sich später Phay-Tak nannte, sammelte den Nest der siamesischen Streitkräfte im Süden des Reiches, überfiel an der Spitze von zehntausend Mann den birmanischen Feldherrn Phaya-Nakong bei Bangkok, tödtcte ihn, zerstreute sein Heer und nahm ihm die ganze ungeheure Kriegsbeute ab. Er wählte Bangkok zur neuen Hauptstadt und befestigte sie. Die verlorenen Provinzen eroberte er zurück, stärkte seine Herrschaft durch ein Bündniß mit Annam und Cambodscha, bevölkerte daö Land wieder und schuf ein neues, reges Leben durch Kolonisation, Handel und Völkerverkchr. Phay-Tak war in der That der Netter SiamS und sein großer Wohlthäter; dennoch aber endete seine Herrschaft nicht 15 glücklich. Er wurde, wie alle Emporkömmlinge, sehr mißtrauisch und — namentlich wegen seiner großen Erfolge — übermüthig. Endlich ward er trübsinnig, finster und auch grausam. So verlor er die Liebe seines Volkes. Da ließ ihn ein Unterfcldherr Namens Eh a kr i gefangennehmen, tödten nnd bemächtigte im Jahre 1782 sich selbst des Thrones. Aber Chakri starb bald und ihm folgte sein Sohn als König. Dieser führte glückliche Kriege mit Birma. Im Jahre 1811 starb er, und ein Enkel Chakri's bestieg den Thron. Er regierte zwar klug, war auch tapfer im Kriege und brachte die rebellischen Malaycnstämme im Süden zum Gehorsam; ließ aber, aus allerdings nicht unbegründeter Furcht vor Verschwörung, 117 Prinzen und vornehme Siamescn hinrichten. Seine Regierung reichte bis inö Jahr 1824. Rechtmäßiger Thronerbe war sein zwanzigjähriger Sohn Chao-Fa-Mo ngknt. Dieser hatte nun einen herrschsüchtigcn, ältern Halbbruder, von einer Neben- frau des Königs abstammend, welcher sich auf unblutige, ganz streitlose Weise des Thrones bemächtigte. Er bedeutete nämlich dem Kronprinzen, er sei zum Regieren noch zu jung, und erklärte ihm: Ich werde für Dich einige Jahre regieren und Dir alsdann die Regierung überlassen. Der junge Prinz willigte ein und sein Halbbruder ließ unter dem Namen Phra- Chao-Prasat-Thong sich zum König ausrufen. Dieser ward zum Usurpator. Er dachte nicht an die Erfüllung seines Versprechens. Und der Kronprinz, der wohl Grund hatte, vor seinem Bruder sich zu fürchten, ging in eine Pagode und wurdeTalapoin(Mönch). Von der Regierung des Usurpators ist nur zu berichten, daß er den König im nördlichen Laos in einem Kriege (1829) gefangen und den größten Theil dieses Gebietes für Siain gewonnen. Der arme König wurde in einem eisernen Käfig nach Siam gebracht und erlag bald der Beschimpfung und Mißhandlung. Ein Krieg mit Cochinchina hatte keinen andern Erfolg, als einen großen Menschenraub, der mehrere Tausend Chinesen nach Siain schleppte. Seine Regierung endete i. I. 1851. Er wollte auf seinem Krankenlager noch seinem Sohne das Thron-Erbrecht verschaffen, was ihm jedoch nicht gelang. Nach seinem Tode holten die Großen des Reiches den Prinzen Ehao-Fa-Mongkut den Mönchen auö dem Kloster und setzten ihn, nachdem er sein gelbes MönchSgcwand abgelegt, auf den Thron. Er wurde ein gerechter und weiser Herrscher. In 26 Jahren klösterlicher Zurückgczogcnhcit hatte er durch eifriges Studium abendländischer Wissenschaft und Religion seinem Geist eine tiefernste und hohe Bildung gegeben und seinen Charakter veredelt. Er schätzte die abendländische Cultur, proklamirte und schützte die Freiheit aller Religionen und schloß mit England, Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Amerika Handelsverträge. König Mongknt starb am 1. Oktober 1868 (64 Jahre alt). Ihm folgte als Thronerbe sein Sohn Somtech- LschaufaiChnlalonkom — erst 17 Jahre alt. Der junge Fürst, erzogen von britischen Lehrern, erwies sich fähig, große Reformen in seinem Lande zu unternehmen, suchte die guten Beziehungen zu den europäischen Staaten aufrecht zu erhalten, sowie auch zu den katholischen Missionären. Die religiösen Verhältnisse Siams erinnern an jene in China, die wir früher schon geschildert; sie sind ebenso traurig. Neben dem Buddhismus, der die Staatsreligion bildet, und eigenthümlich — eben siamesisch — „zugestutzt" ist, besteht der grcuelhaftestc Aber- und Geisterglaube, dem noch Menschen zum Opfer fallen. Im Volke herrscht eine krasse Unwissenheit, denn der Schulunterricht, welchen die buddhistischen Lehrer ertheilen, ist höchst mangelhaft. Trotz vielen.Betens und Opfernd steht die Moral des siamesischen Volkes auf einer sehr niederen Stufe. In seinem Neligionscult spielt bekanntlich der weiße - Elephant eine Hauptrolle. Da dieses mächtige Thier Kraft und Muth rcpräsentirt, und die weiße Farbe die „heilige Reinheit", so ist er den Siamcsen ein heiliges Thier und der „Schutzgeist deSReicheS". Der „heilige" Elephant wohnt in einem prächtigen Palast und wird von einer Menge von „Priestern" bedient, welche ihm täglich, auf den Knieen vor ihm liegend, auf silbernen Gefäßen die Nahrung vorsetzen. Vor diesem Elephanten müssen auch die höchsten Staatsbeamten sich verneigen; der kaiserliche Leibarzt hat sich täglich nach dem Befinden des „heiligen" Elephanten zu erkundigen, und wer immer demselben näher treten will, hat die goldenen Quasten seiner kostbaren Decke zu küssen und — eine Rupie zu opfern. Den Riescnleib förmlich mit Gold und Edelgestein überladen, wird jeden Morgen der Elephant von Priestern auf die obere Schwelle des Tempels hinaufgeführt. Hier nun hebt der Koloß seinen im Diamantschmuck blitzenden Rüssel empor; das ist das Zeichen zum Gebet! Da sinken alle Anwesenden auf die Kniee, ein Knabcnchor hebt einen heiligen Gesang an — und die Bonzen müssen sich sputen, die vielen Opfcrgaben einzusammeln, indeß der Elephant die für ihn bestimmten Leckerbissen in emsiger Weise sich aneignet. Man wird da an den „göttlichen" Stier „Apis" der alten Aegypter erinnert. Welch' traurige Verirrungl Wie nothwendig doch ist hier die Ausbreitung des Christenthums; damit aber geht cS in Siam den Schnccken- gang. Obgleich auch in diesem Reiche das MissionSwcrk schon im Jahre 1554 begann und im Allgemeinen die Könige und das Volk dem Christenthum geneigt sich zeigten, und bei ihnen niemals eine so blutige Christcnvcrfolgnng wie in China und Tongking stattfand, so hat es doch niemals eine so zahlreiche Christengemeinde wie diese Länder gehabt. Die ersten Apostel und zugleich Märtyrer SiamS waren die portugiesischen Dominikaner l?. HieronymuS vom Kreuz und ?. Sebastian von Cantu. Sie kamen, gesandt von ihrem Provinziell, 1554 nach Juthia, um mit der Erlaubniß des Königs zunächst in der dortigen portugiesischen Niederlassung die Scelsorge zu versehen. Ihr MissionSbemühen bei den Eingcbornen war von Erfolg und in 3 bis 4 Jahren battcn sie schon an 1500 Heiden bekehrt. Da erhob sich der Neid uns Zorn der Bonzen, denen beide Patres erlagen, k. HieronymuS wurde erstochen, als er einen Kampf zweier Buddhisten, der absichtlich nur ein Schcinkamps war, abwehren wollte, und ?. Sebastian wurde später (nach einem oder halbem Jahre?) heimtückisch ermordet. Im Jahre 1600 wurde k. Ludwig Fonseca, der mit den Patres Ludwig Linie ncö und Johann Maldonat in Siain eingedrungen war und viele Götzendiener bekehrt hatte, am Altare während deö Gottesdienstes überfallen und erwürgt, k. Ludwig Limcncö, der Provinziell war und aus heiligem Eifer selbst in die Heidcn- bckehrilng eintrat, wurde mit k. Maldonat auf Befehl dcS KönigS ergriffen und ibm mit einem Beile das Haupt abgeschlagen, während l?. Johann Maldonat von einer Stcin- schleuder - Maschine zermalmt wurde. ES ist hiebet zu bemerken, daß diese Missionäre Spanier waren, gegen welche eben der König sehr aufgebracht war, weil spanisches Militär dem König von Compodscha, mit dem Siam im Kriege lag Hilfe geleistet hatte. Im Jahre 1606 kam der Jesuitcnpatcr Balthasar Scgueira nach Siam und 18 Jahre später folgte ihm sein Mitbruder k. Julius Cäsar Maripico. Dieser erwarb sich die Gunst deö KönigS und der Großen, bildete eine Christengemeinde und hatte eben in der Hauptstadt Juthia eine schöne Kirche gebaut, alö seine eigenen LandSlcnte schändliche Vcr- räthercien gegen ihn anzettelten, denen er endlich erlag. Er soll im Kerker vergiftet worden sein. So war das mühsam errungene, hoffnungsvolle Missionswerk mit einem Schlag vernichtet. Es erstand erst wieder im Jahre 1665, alö in Siam ein apostolisches Vicariat errichtet wurde. Der erste apostolische 16 Vicar Siams wurde der französische Jesuit Msgr. De la Mothe, der schon 1662 nach Siam gekommen war. Erst nach mannigfachen Kämpfen, besonders mit den Portugiesen, die ihre kirchliche Jurisdiktion auch über Siam erstrecken wollten, gelang es ihm, bei der vollen staatlichen Religionsfreiheit, der Mission in Siam eine Grundlage zu schaffen und schöne Erfolge zu erzielen. Doch das neue Werk war nicht von Bestand. Auch diese Mission wurde eine Passion — mit Zwischenpausen — bis endlich das so mühsam errungene Merk in Trümmer ging, aus denen in unserm Jahrhundert die Mission sich langsam wieder herausgearbeitet hat. Der gegenwärtige Stand der Mission in Siam ist (dem neuesten Berichte „d. kathol. Missionen" — Novemberhcst — zufolge) folgender: Unter dem apostol. Vicariat des Mszr. Ludwig Bey wirken 48 Missionäre, wovon 11 eingcborne Priester sind. Das Priesterseminar zählt 52 Alumnen. Die Hauptstadt Bangkok, wo der Sitz des apostol. VicarS, hat sechstausend Christen, besitzt 5 Gemeinden mit ebensoviel Kirchen, ein Collcg mit 212 einheimischen Zöglingen, ein Pensionat der Schwestern vom Kindlein Jesu, ein Hospital und mehrere andere Anstalten. Die Gesammtzahl der Katholiken beträgt über zwanzig Tausend. In 52 Schulen erzieht die Mission 2737 Kinder, hat 17 Waisenhäuser mit 133 Knaben und Mädchen, 4 Spitäler mit 500 Kranken, ein KatcchisteuhauS mit 39 Zöglingen und eine landwirthschasrliche Schule. Was die Neugestaltung der politischen Verhältnisse der Mission bringen wird — wer weist cS? Hoffen wir indeß das Beste. — Durch den Unistand, daß Frankreich in jüngster Zeit ein respektables Stück von Siam sich angeeignet, dürfte Hoffnung gehegt werden, daß die Mission in Siam nun in weniger schwieriger Weise vorwärts schreitet. Die Franzosen haben es verstanden, durch bloße Kriegsdrohung — nur mit einem Fedcrzug — in ihrem Vertrage mit Siam im Oktober 1393 ihr hinter indisch es Kolonialreich (Eochinchina, Annaim Tongking — Schutzgebiet Kombodscha) mir ein siamesisches Gebiet von rund 100,000 glrm zu vergrößcr. Frankreich ist auch Herr des Riesenstromcs Mekong geworden und hat seine Herrschaft über eine ganze Reihe von noch wenig bekannten Volksstämmen ausgedehnt. Zu den wenigsten derselben sind bis jetzt die Missionäre vorgedrungen und waren sie überdieß gezwungen, ihre mühsam gebildeten kleinen Gemeinden zeitweise zu verlassen. Wir wollen hoffen, daß bei dieser Gebicts- crwerbung Frankreichs das MissionSwerk einen sicheren Bestand gewinnen werde. Recensionen und Notizen. ^ „Der Todtentanz in der St. Michaels capelle zu Merzen theim" lautete ein Artikel von, 14. Sept. d. I. in der Beilage zur „Augöb. Postztg.", Nr. 37, der eine gerechte Belobung dieses Werkes brachte. ES erübrigt hier nur noch nachzutragen, daß der ganze Gcmäldccyclus als Prachtwcrk vor ein paar Jahren erschienen ist unter dem Titel: >8 oeprra mortis.l Ein biblischer Todtentanz. Fünfzehn Kunstblätter nach den Originalcartons zu den Gemälden in der St. Michaclscapelle zuMergent- heim von Tobias Weiß. Mit erklärendem Text von k. W. Kreitcn 8. 4., und zwar in B. Kühlens Kunstverlag zu M.-G lad back) (T^pograk. ^postolio.). Die gesammte katholische Presse hat rückhaltlose Anerkennung gezollt und damit den Beweis geliefert, welch außerordentlich günstige Aufnahme sich das Werk im Kreise der Literaten und Kunstkenner erworben; das gewichtigste Zeugniß aber für den Werth und die künstlerische Vollendung des Werkes ist doch gewiß in der seltenen Auszeichnung zu finden, daß Seine Heiligkeit Papst Leo XIII. geruht haben, die Widmung des Prachtwerkes huldvollst entgegen;»- nehmen. Das Format ist 49: 33 Centimeter, dieReproduc- s tion in unveränderlichem Lichtdruck auf feinstem Elfenbein- Carton, die Textbeilage in zweifarbigem Druck 26 Seiten Grotz- octav, die Mappe in zarter, geschmackvoller Ausführung mit ächter Goldpressung. Der Preis von 18 Mark für das Exemplar ist gewiß ein niedriger zu nennen und erleichtert die Anschaffung oder Vcrschenkung dieses Hauöschatzes, der, wie die „Stimmen aus Maria-Laach" schreiben: „einmal im Familienbesitz, eine Quelle gemeinsamen Genusses auf lange Zeit hinaus" bleiben wird. Von BrockhauS' Convcrsations-Lexikon, dem Vorbilde aller deutschen Werke dieser Art, ist mit dem 8. Bande die Hälfte der 14. Auslage soeben erschienen. Der 8. Band enthälr eine reiche Fülle sorgsam ausgearbeiteter, zuverlässiger Artikel, die von 48 Tafeln, darunter 7 Chromotafcln und 12 Karten und Pläne, und 2!2 Tcxtbildern illustrirt werden. Die Chromotaseln sind wie immer wahre Meisterwerke, mögen sie die merkwürdige Gestalt einer Giraffe oder eine noch seltsamer geformte Gruppe der Glasschwämme (einer Thicrgattungl) oder das berühmte Goethe-Denkmal (Berlin) von Schaper oder eine kostbare Sammlung farbenprächtiger GlaSfeustcr darstellen. Die Karten sind vorzüglich und dem neuesten Stande entsprechend. In den bisher erschienenen Bänden ist das großartige Programm der Derlagshaudlung in allen Theilen musterhaft durchgeführt. Der Text ist, wenn wir auch nicht mit Allem übereinstimmen können, klar, knapp und angenehm lesbar. Die illustrative Ausstattung ist meisterhaft. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften z. B. liegen nicht weniger als 96 Tafeln vor, darunter 19 Cbrvmotafcln, auf technischem Gebiete 89 Tafeln; zur Kunst finden sich 60 Tafeln, darunter 15 Chromes; 15 landwirtbsebastliche, 12 militärische, 19 geographische Tafeln, in Summa 414 Tafeln und Karten. Wie viel reicher muß erst die zweite Hälfte des Werkes illustrirt sein, da sie noch 77 Cbromoiafein. beinahe doppelt so viel als bisher, insgesammt noch 486 Tafeln und Karten bringen wird! Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang l894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — " Freiburg im Breiögau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 1: Der Mekong. (Eine geographische Skizze.) — Der selige Rudolf Aquaviva am Hofe Akbars deö Großen. — Altchristliche Ruinen Nord-Shriens. — Nachrichten aus den Missionen: Pcrsicn (Stand der Mission); China (Die Unruhen in Ost-Hupe); Vorderindien (Mission in Puna); Aequatorial-Asrika (Mission in Buddn); Südafrika (M-ssion im Masckonalaud); Westasrika (Mission am Kongo; Jesuiienmission am Kivango); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellcn. — Für MissionSzweckc. — Beilage für die Jugend: Die Sklaven des Sultans. Illustrationen: DaSL-lromland dcSMekong. (Kartenskizze.) — Pnom Pcuh vom Strome aus. — Straßcnbild aus Kambodscha. — Die Niesen-Avenue von Augkor Tom (hergestellt). — Hauptiassadc des Augkor Wat. — Prinzen aus dem Geschlechte der Großmoguls. — Hamah am OronteS. — Kalaat em Mudik von Süowcst and gesehen. — HauSthor und Straße zu Jeradi. — Der innere Hos einer Villa zu Serdschilla. — Das Innere des PerlcnkioSkS im Serail. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im BrciSgau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 1. HeftcS: Der Staatssocialismus. I. (H. Pesch 8. I.) — Deutschlands höheres. Schulwesen im neunzehnten Jahrhundert. (L. v. Hammcrstein 8. 4.) — Die ältesten Mosaiken der römischen Kirchen. (St. Beissel 8. 4.) — Die Erziehung der bayerischen Wittelsbacher. I. (O. Pfüli 8. 4.) — Das Kuckucksei und seine Räthsel. I. (E. Waömann 8. 4.) — Aubrey de Vere. Eine literarische Skizze. I. (A. Baum- gartncr 8. 4.) Recensionen: 1. Dittrich, Nuntiaturberichte Giovanni Moroncs; 2. Ehscs, Römische Documente zur Geschichte der Ehescheidung Heinrichs VIII. von England (O. Braunsberger 8. 4.); Hardy, Die vediich-brabmanische Periode der Religion des alten Indiens (I. Dahlmann 8. 4.); Vau Overbsrgch, Los inspeotsurs äu travail (A. Lehmkuhl 8. 4.); Herbert, Baals- opser (W. Kreiten 8.4.). — Empfehlenswerthe Schristen. — Miscellcn: Deutschlands Bücherschatz; Nietzsche und kein Ende; Zum Ende der Nonnenplage. Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des f vr. Sebastian Brunner. Von Franz Vogt. (Schluß.) Undank ist der Welt Lohn und Undank erntete Brunner für seine muthige Vertheidigung der Wahrheit von Seiten seiner geistlichen Vorgesetzten, Undank von Seiten der Staatsgewalt, Undank von Seiten der Universität. Mit allen diesen Factoren lebte er in beständigem Conflikte, was hier nur angedeutet sei. Nur ein Mann erkannte Brunners hohe Begabung und seinen Scharfblick, der damalige Lenker der Geschicke Oesterreichs, Fürst Melternich, der ihn wiederholt um seine Ansicht fragte und in dessen Auftrag er eine Reise nach Deutschland und Frankreich machte, um in diesen Ländern die politische Stimmung zu studiren. In der That war Brunner, wie kaum Jemand, befähigt, die Hand an den Puls der Völker zu legen, denn fast auf -das Datum hin sagte er dem Fürsten Metternich den Ausbruch der 48er Revolution vorher. Die auf dieser Reise gewonnenen Eindrücke und Ansichten enthält der Roman „Die Prinzcnschule zu Möpselglück", in dessen letztem Kapitel er den März 1848 drastisch ankündigt. Brunner hat auch unsere heutigen Verhältnisse genau vorhergesagt. Die sociale Frage ist noch selten so präzis und verständig in ihren Grundzügen geschildert worden, wie in Brunners „Liane, Istelcel, kstares, ein letztes Wort an die armen Reichen" (1852): „Ihr wollt ihnen", schreibt er, „das Himmelreich verwehren, sie brechen euer Erdenreich zusammen — ihr hebt auf das Eigenthum des Geistes, die Religion, ihr hebt auf das Eigenthum der Ehre, denn ihr schützt in der Presse Lug und Trug, ihr hebt auf das Eigenthum der Ehe, und da wollt ihr einmal entrüstet euch umdrehen — wenn ihr sehet, was die Proletarier alles von euch profitirt, und staunet, wie gelehrig sie geworden sind — und wollt ausrufen: „bis hieher und nicht weiter, denn heilig ist unser Eigenthum". Stellt euch dem reißenden Strome entgegen und sagt: „bis hieher und nicht weiter", und er wird euch begraben in seinen Wellen. Sagt den lodernden Flammen: „bis hieher und nicht weiter", und sie werden euch verzehren mit ihrer gierigen Zunge. Stellt euch unter den fallenden Quader und ruft: „bis hieher und nicht weiter", und er wird euch zerschmettern unter seiner Wucht — denn Hunger und Durst sind ihre Rosse und mit diesen fahren sie unaufhaltsam hinein in euere Reihe und ihr ruft vergebens: „bis hieher und nicht weiter." — „Und wer", sagt Heinrich Keiter, „einen Blick thun will in die Thron und Altar, Gesetz und Sitte untergrabende Thätigkeit der Nachzügler des jungen Deutschland und der sogenannten Halle'schen Schule, der lese die „Nebeljungen". Die „Nebeljungen" sind nichts anderes, als die Vertreter der atheistischen Philosophie, die alles Bestehende vernichten, die Kirche demoliren, die Fürsten entthronen möchten, ohne zu wissen, wie das neue Reich ewiger Glückseligkeit einzurichten sei. Nur das eine steht fest, daß sie, die Nebeljungen, „dann das Ruder in die Hand bekommen". Gott wird abgesetzt, „Und mit ihm gehen als Leichengcleite die Könige von Gottes Gnaden, Er hat sie zum ewigen stummen Gebet zu sich in die Gruft geladen, Das sei das Ende von unserm Lied, vom Reveille, den wir gesungen, Dann tönt es aus allen Ecken der Welt: eS leben die Nebcljnngen." MWlls. ^ 1894 , Und nun noch kurz eine Beurtheilung Brunners als Schriftsteller. Daß «katholische Literaturwerke Brunner nur selten oder gar keine Anerkennung -ollen, ist begreiflich, denn um dieses Lobes willen hätte Brunner ein anderes Glaubensbekenntnis) haben, hätte von Aufklärung, Hu' manität und Bildung predigen und vor den großen Geistern von Göthe bis Scheffel das Rauchfaß schwinge müssen. Dafür wurde er, wenn auch spät, doch vor seinen Gesinnungsgenossen ganz und voll erkannt unt anerkannt. „Sebastian Brunner ist", sagt sein Biograph Scheicher, „wie kaum ein anderer, ein universeller Schriftsteller. Seine Hauptstürke liegt in der Satire, in der schlagenden, oft geradezu vernichtenden Polemik. Das Dünkelwissen seiner Zeit in seiner ganzen Hohlheit pcrsiflirt er meisterhaft im „Deutschen Hiob" und im „Nebcljungenlied". Das Frankfurter Parlament und die politischen Einheits- und Preußensänger bearbeitet der wackere Oesterreicher weidlich im „Deutschen Ncichs- vieh", als Historiker ist er wohl der gründlichste Schriftsteller über die josefinische Zeit. Jene traurige, unglückliche Zeit und ihren ebenso unglücklichen Urheber schildert uns „Joseph II.", und einen Einblick in die Greuel bei Klosteraufhebungen, in die kleinliche Weise, in welcher die Regierung in kirchliche Angelegenheiten eingrisf, die Charakterlosigkeit der feigen, josefinisch gesinnten Geistlichkeit und eine Menge von höchst interessanten Anekdoten und Thatsachen zur Beurtheilung jener Zeit des josefinischen Zopfes gewähren uns folgende ausgezeichnete Geschichtswerke: „Die Mysterien der Aufklärung in Oesterreich", „Die theologische Dienerschaft am Hofe Josephs II." und „Der Humor in der Diplomatie und Ncgierungskunde des 18. Jahrhunderts", sowie seine „Denkpfennige". Zur Kirchengeschichte lieferte er „Das Leben des Norikerapostels St. Severin" von seinem Schüler Eugippus und „Clemens Maria Hoffbauer und seine Zeit". Der Literarhistoriker Brugier schreibt über ihn: „Vielleicht der einzige echte, jedenfalls beste Satiriker der Periode von 1832 bis jetzt ist der Wiener Prälat Sebastian Brunner. An ihm fanden, die Weltschmerz- und revolutionären Dichter, sowie alle, deren Poesie vom „Pfaffcnthum" und vom „Pfaffenwahn" lebt, ihren ebenbürtigen, ja überlegenen und furchtlos kümpfenden Gegner. Und man darf ihn, was das Genie betrifft, kühn einem Fischart, Mnruer, Borne zur Seite stellen. Schon „Die Welt ein Epos" (1847), der „Deutsche Hieb" (1846) und das „Ncbcljnngenlicd" (1845), die „Keilschriften" (1856) ließen ihn als einen modernen Aristophanes, als einen christlichen Böruc erkennen. Jean Panl'schen Humor entwickelt er in des „Genies Malheur und Glück" (3. Aufl. 1864), „Fremde und Heimath" (3. Aufl. 1864) und „Diogenes von Azzelbrunn". Die Schäden der modernen Pädagogik geißelt er in der „Prinzenschule zu Möpselglück", als geistreichen Beobachter und fleißigen Sammler bekundet er sich in den Reisebildern: „Kennst Du das Land? Heitere Fahrten durch Italien" (1857), „Aus dem Venediger- und Longobardenland" (2. Aufl. 1860), „Unter Lebendigen und Todten", Spaziergänge in Deutschland, Frankreich, England und der Schweiz (2. Aufl. 1863), „Heitere Studien und Kritiken in und über Italien" (1866). Seine mit vielem Humor und Eeistestiefe geschriebene Selbstbiographie aber erschien 18 unter dem Titel: „Woher, Wohin?" Geschichten, Gedanken, Bilder und Leute aus meinem Leben (2. Aufl. 1866, 5 Bände). Nicht zu vergessen ist seine neuere Schrift gegen den „evangelischen Schnüfselbund", in welcher er den bekannten Bundestrompeter Pfarrer Weitbrecht von Mähringen in Württemberg in klassischer Weise vernichtet, und seine „Hau- und Bausteine zu einer Literaturgeschichte der Deutschen rc. rc." (1886, 87 u. 88), in welch letzteren es sich nicht im entferntesten um einen tollen Feldzug gegen das Lesen moderner Klassiker, sondern nur um die Frage handelt: „Kann der Kultus des Genius Religion und Sittlichkeit ersetzen?" was Brunucr mit einem entschiedenen Nein beantwortet. Resümiern wir: Vrunner hat seine Lebensaufgabe nach Talent und Kräften treu erfüllt. Er hat die Kirche gegen die materielle Uebermacht des Staates in Schutz genommen, der antichristlichen Bureaukratie das Visier gelüftet, den Materialismus aller Variationen, wo er ihn angetroffen, besonders aber auf dem Gebiete der Kunst, nach Verdienst gezüchtigt. Natürlich haben ihm die Väter und die Epigonen dieser Geistesrichtung als die Gezüchtigten keine Belobigungen ausgestellt. Dafür hat das Oberhaupt der Kirche, wie es im Stande ist, ihn mit ideellen Belohnungen überschüttet. Das Vaterland jedoch hat ihn — wie so manchen — viel zu wenig beachtet und ist erst durch die Stimme des Auslandes auf ihn aufmerksam geworden. Zu seinem 70. Geburtstag sang Brunner: „Geht über das Diesseits Dein Sinnen und Trachten, Dann kannst Du die Güter der Erde verachten, Nur was Du erstrebst mit Gewissen in Ehren, Wird über die irdische Wanderschaft währen." So wird auch Brunner im Jenseits den Lohn für seine Kämpfe und Leiden erhalten haben; für die Katholiken aber ist es Ehrensache, dem Manne, der so mannhaft und muthig in schwerer Zeit für ihre Rechte und Interessen gestritten, ein treues Gedenken zu bewahren dadurch, daß sie treu und fest zn ihrer Kirche und dem ihr von Gott gesetzten Oberhaupte halten. Aus dem Leben zweier edlen kathol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. (Schluss.) II. Ein ganz anderes Bild, als das der Mutter Elisabeth Seton, bietet uns das Leben der Marquise von Barol. Sie war eine Duma" auch in der Gesellschaft. Ihr Salon in Turin war einer der vornehmsten und elegantesten, doch nicht exclusiv, sobald der als Gast dort Eingeführte als Charakter, in seinen Leistungen für Kirche oder Staat, in Wissenschaft und Kunst, als Dichter, Autor oder Philanthrop sich dieser Ehre würdig erzeigte. Zwei Könige, die königlichen Prinzen und Prinzessinnen besuchen die Marquise, die mit zwei Königinnen in freundlichstem Briefwechsel stand. In ihrem Salon trifft man den Minister Cavour. Die Marquise war nicht eines Sinnes weder mit den religiösen noch mit den politischen Ansichten dieses immerhin genialen Staatsmannes, und sagte ihm ihre Ansicht unverhohlen, natürlich in der vornehmen Art, die eine an Geist wie an Gesinnung wirkliche „^ranäs vamo" einem Manne gegenüber anwenden wird, dessen Talent, aber nicht dessen Handlungen sie alle Anerkennung zollt. Sie war strenggläubige Katholikin, die dem Statthalter Christi auf Erden die seiner hohen Stellung und seinen persönlichen Eigenschaften gebührende Verehrung zollt. Ihr Freund, GrafMelun, sagt von ihr: „Sse besaß jene Universalität des katholischen Genies, welche in ihrer Liebe und Sorgfalt Alles umfaßt. Juliette von Colbert de Maulövrier, später Marquise Faleti de Barol, erblickte 1785 in einem Schlosse der Vendöe das Licht der Welt. Der bekannte Finanzminister Colbert unter Ludwig XIV. war ihr Ahnherr. In früherer Zeit, zum Theil vielleicht noch heute, hielt es der Adel der Vendäe für eine Ehrensache, dem Altar und dem Thron zu dienen. In der That beweist die Geschichte bis in die Neuzeit, daß, wenn der katholischen Kirche eine Gefahr drohte, oder wenn ein legitimer Thron von Seite einer Revolution genöthigt war, an seine Getreuen zu appelliren, die Edelleute der Vendäe herbeiströmten und ihr Blut für Altar und Thron floß. Die Marqnise war eine echte Tochter ihrer Heimath. Sie verband mit dieser, mit der Muttermilch Angesogenen Treue für die legitime Sache eine Thatkraft und Energie, ohne welche sie nicht das erstrebte Ziel hätte erreichen können. Dieses Ziel und wie sie es erreichte zu zeigen, ist der Zweck dieses Aufsatzes. Neun Jahre alt, verlor Juliette von Colbert ihre Mutter. Fast zu gleicher Zeit bestiegen ihre Großmutter, ihre Taute und mehrere ihrer nahen Verwandten das Schafott, dessen Opfer so viele Edlen wurden. Auch ihr Vater und sie selbst wären der Guillotine nicht entgangen, hätten ihnen nicht einige anhängliche Bauern zur Flucht verholfen. Wie viele Emigrirte, mußte auch sie ihren Aufenthalt in Deutschland, Holland oder der Schweiz nehmen. Sie lernte jung mehrere Sprachen, und ihr Gesichtskreis, ihre Menschenbeobachtungsgabe erweiterte sich und reifte viel mehr, als es ein Aufenthalt im väterlichen Schloß hätte bewerkstelligen können. Napoleon gestattete auch ihrer Familie die Rückkehr nach Frankreich. Im Alter von 22 Jahren vermählte sich Juliette von Colbert mit einem reichen piemontesischen Edelmann, dem Marquis von Barol. Turin wurde als ständiger Aufenthalt der Neuvermählten gewählt. Durch die politischen Ereignisse vermögenslos geworden, hatte die Marquise an sich selbst, wenn auch nicht das Elend, doch den Mangel an Geldmitteln empfunden. Sie hatte viel fremdes Elend gesehen, und ihr edles, theilnehmendes Herz drohte zu brechen, dieses Elend nicht, wie sie es wünschte, erleichtern zu können. Sie bat gleich am Hochzeitstage den Marquis, die zu einer Hochzeitsreise bestimmte Summe lieber zu Werken der Wohlthätigkeit zu verwenden. Darüber befragt, antwortete sie: „Der Gang zu Armen und Unglücklichen ist meine schönste Hochzeitsreise." Im Jahre 1814 begegnete der Marquise ein Priester der zn einem Sterbenden das hl. Viaticum trug. Eine Schaar Andächtiger folgte. Eben, als sie niederkniete, hörte sie eine kreischende Stimme: „Ich bedarf nicht der heiligen Wegzehrung, wohl aber Suppe!" Ueber diese Aeußerung entrüstet, blickte die Marquise nach jener Stelle hin, woher die Stimme kam. Es war ein Gefängniß, an dessen eisenvergitterten Fenstern die Köpfe einiger Weiber ansichtig wurden. Ihr Entschluß stand fest. Ob ihr wohl das Leben einer edlen Quäkerin in England, der Elisabeth Fry, welche sich eine ähnliche Lebensaufgabe gestellt hatte, den Aermsten der Armen Trost zu bringen, bekannt war? Mit Leichtigkeit erhielt die angesehene Dame von den autoristrten Behörden die Erlaubniß, die Gefangenhäuser zn besuchen. Eine Stiege hoch war die Abtheilung für die weiblichen Gefangenen. Kaum daß ein Lichtstrahl in diesen Raum fiel. Laster und Elend der Insassen verliehen den Gesichtern derselben einen düsteren, unheimlichen Ausdruck, zu dem noch bei einigen der blinden Hasses und der größten Verzweiflung kam. Einen solchen Anblick hatte die edle Marquise nicht erwartet. Der empfangene Eindruck war ein so großer, daß sie erkrankte. Ihr Entschluß, eine Reform des Gefängnißwesens in Piemont durchzusetzen, wurde nur um so fester, und sie verhehlte dies ihrer Umgebung nicht. Tadel darüber, daß eine junge, der besten Gesellschaftsklasse angehörende Dame ein so vergebliches, zweckloses, gefährliches Werk unternehme, fehlte selbstverständlich nicht. „Wie", hieß es, „eine so schwache Frau will sich dem Laster aller Grade, dem Verbrecherthnm entgegenstellen? Sie will herniedersteigen in den Koth des socialen Elendes?" Marquise von Barol glaubte fest an ihre Mission. Sie wollte ihr Möglichstes thun, die armen Seelen der Verbrecher zu retten. Ein weiterer Besuch, den die Marquise in der Anstalt machte, bot ein eigenthümliches Bild. Da stand die vornehme Dame, umgeben von meistens nur in Lumpen gekleideten Weibern, von denen — wie schon erwähnt — viele schon eine lange Verbrecherlaufbahn hinter sich hatten, andere, jüngere, erst an deren Schwelle standen. Mit einem richtigen Gefühl erkannten die meisten, alle nicht, daß ihnen ein rettender Engel in Menschengestalt wohl wollte. Kein tadelndes Wort kam anfänglich über ihre Lippen, wohl aber der Theilnahme. Als die Marquise aber zn ihnen sprach, sie sollten die ihnen auferlegte, wohl auch verdiente Strafe annehmen, da entstand unter einem Theil dieser Weiber ein wüster Lärm. „Das ist wieder eine, die uns nur predigt, anstatt zu helfen!" Sie sangen obscöne Lieder, spotteten sie aus. „Ich will eure Gesänge nicht stören", sagte die Marquise ruhig. „Ich sehe, daß ihr in einem Zustande seid, wo ihr keiner Unterhaltung bedürft. Ich hoffe, ihr werdet zn einer besseren Einsicht über den Zweck meines Besuches kommen." Das wirkte. Die Gesänge und der Lärm verstummten, und beschämt blickten die Weiber ihre Wohlthäterin an, die Wäsche und Kleider unter sie austheilen ließ. Damals wurde kein regelmäßiger Gottesdienst in den Gefangenanstalten abgehalten, keinem Priester lag deren Seclsorge ob. Auch da brachte die Marquise Abhilfe, in der richtigen Voraussetzung, daß ohne die Mitwirkung der Kirche keine sittliche Besserung stattfinden könne. Einen von allen Fenstern sichtbaren Raum ließ sie als einfache Kapelle herstellen und mit einem transportablen Altar versehen, an dem alle Sonn- und Festtage ein von ihr besoldeter Priester das heilige Meßopfer darbrachte. Schon bald nachher ließ sich die gute Wirkung dieses regelmäßigen Gottesdienstes, mit dem wohl auch der Zuspruch des Geistlichen verbunden war, erkennen. Eines Tages überfiel ein Weib, welchem es gelungen war, sich heimlich eine Flasche Branntwein zu verschaffen, den ihr die Marquise hatte fortnehmen lassen, dieselbe, spie ihr ins Gesicht, versetzte ihr einen Faustschlag, so daß sie nur mit Hilfe der andern gefangenen Weiber weiteren Mißhandlungen des Weibes entging. „Wir müssen für sie einige Vaterunser und den Gruß des Engels beten." Diese in Ruhe gesprochenen Worte machten auf die anderen Weiber einen solchen Eindruck, daß sie alle mit der Marquise auf die Kniee fielen und ihr die vorgesagten Worte nachbeteten. Das Geheimniß der Marquise, auf diese entarteten Geschöpfe Einfluß zn gewinnen, bestand darin, ihnen anfänglich keine Vorwürfe zn machen, sondern soviel als möglich aus ihrem vergangenen Leben Einzelnes zu erfahren. Fast immer fand sich ein Punkt, den erfassend, sie ihr Vertrauen erwerben konnte. Es waren darunter Mütter, die von ihren Kindern getrennt waren. Die Marquise versprach, sich derselben anzunehmen, brachte ihnen dann Nachricht. Von einem recht unzugänglichen Weibe erfuhr sie, daß dasselbe die Blumen liebe. Beim nächsten Besuch brachte sie ihm zwei Blumentöpfe. Damit gewann sie das Vertrauen des Weibes, das sich besserte und nach seiner Entlassung ein Leben anfing, das Niemandem Anlaß zu Klagen gab. Natürlich ließ es die Marquise nicht dabei bewenden, die Gefangenen während ihrer Strafhaft aufzusuchen. Sie war eine viel zu kluge, weiterfahrene Frau, um nicht zu verstehen, daß es nicht genügt, an die zu bessernden Menschen blos Ermahnungen zu richten, sie gleichsam anzupredigen. Es müssen ihnen nach Ueber- stehuug der Strafe auch die zu gehenden Wege gezeigt und geebnet werden. So gründete sie einen Verein, den sie unter das Patronat der großen Büßerin, der hl. Magdalena, stellte. Die Marquise besaß einen sehr energischen Charakter und kannte keine Hindernisse. Ihr Erfolg war meist das Einzige, mit dem sie die anfänglichen Gegner verstummen machte. Ihre kinderlos gebliebene Ehe war eine glückliche. Sie fand an ihrem Mann einen Helfer für ihr Streben. Er starb im Jahre 1638 und setzte seine Frau zur Erbin seines bedeutenden Vermögens ein, sie hiemit in den Stand setzend, das Angefangene mit großen Mitteln ihrem Wunsche entsprechend fortzusetzen. Unter den Gehilfen, die der Marquise an die Hand gingen, ist in erster Reihe der edle Silvio Pelico, Verfasser des in alle europäischen Sprachen übersetzten Buches: Nis kri§iovi, zu nennen. Es ist bekannt, daß Pelico, politischer Umtriebe wegen, viele Jahre als Staatsgefangener auf der Festung Spielbein bei Brünn zubringen mußte. Die Strafe war eine strenge, dennoch ließ sie in der edlen Seele des Mannes keinen Groll zurück. Es ist begreiflich, daß die Marquise glücklich war, diesen Mann, der selbst viel gelitten hatte und ein liebevolles Herz besaß, für ihre Unternehmungen gewinnen zu können. Gegen eine kleine Entschädigung, die dem mittellosen Manne nur ein bescheidenes Leben zu führen gestattete, übernahm er die Stelle ihres „Ministers", wie beide oft scherzend sagten. Wir sahen bisher die Marquise nur als wohlthätige Dame, in „schlechter Gesellschaft". Das wäre nur eine Seite ihres edlen Charakters. 20 Sie war auch Weltdame im besten Sinne des Wortes. Ich erwähnte gleich am Anfang, ihr Salon in Turin fei einer der vornehmsten gewesen. Aus der liebenswürdigen Art und Weise, mit der sie ihre Gäste empfing, konnten Fremde nicht ahnen, daß diese „Oa-anäs vains" kurz vorher die Hütten der Armuth aufgesucht oder in einem Gefängniß den Insassen desselben mit Ermahnungen und Hilfeleistungen beigestanden hatte. Ich habe schon erwähnt, daß König Karl Albert und sein Nachfolger Victor Emanuel Gäste der Marquise waren, daß sie mit den Königinnen von Piemont und von Neapel einen regelmäßigen Briefwechsel führte. Die Minister, die Diplomaten, die hohen Staatsbeamten besuchten die Marquise, und da sie ohne das Wohlwollen, ja die directe Unterstützung derselben keine so großen Erfolge gehabt hätte, ist wohl anzunehmen, sie habe ihre Stellung als liebenswürdige Hausfrau dazu benutzt, denselben ihre Pläne zu erklären und deren Interesse dafür wachzurufen. Auch Prinzessin Clotilde, Wittwe des Prinzen Napoleon, eine eines besseren Schicksals würdige Frau, verehrte sie. Von bedeutenden Fremden, die es sich zur Ehre rechneten, bei ihr eingeführt zu werden, bezeichnet ihr Biograph die Franzosen Lamartine, de Maistre, Barante, die Genfer de la Nive, Pictet, mehrere nicht näher genannte Kirchenfürsten. Die Ereignisse des Jahres 1848 betrübten sie tief. Als überzeugte katholische Christin, nicht weniger als Vendöerin, haßte sie die Revolution und machte von ihrer Anschauung auch den Mächtigen gegenüber kein Hehl, von denen sie sehr gut wußte, daß sie gegcn- theiliger Meinung waren. Stimmten diese auch der Marquise nicht zu, ihre Hochachtung konnten sie ihr nicht versagen. Dagegen wurde sie von einigen ihrer politischen Gegner auf's gemeinste verleumdet. Sie erhielt schändliche Drohbriefe; man beschuldigte sie, mit Gewalt Kinder haben entfuhren zu lassen, um das von ihr gestiftete Waisenhaus zu füllen. Sie erhielt Drohbriefe, man werde Feuer an ihr Haus legen u. s. w. Auch diesen Schändlichkeiten setzte die Marquise nur die vornehme kalte Ruhe eines guten Gewissens entgegen. Ihre Freunde, deren sie in allen Ländern hatte, baten sie, Turin zu verlassen. Sie verweigerte es standhaft. „Wie kann ich jetzt in der Stunde der Gefahr meine Waisenkinder und meine Armen verlassen?" schrieb sie. „Jetzt erst brauchen diese vielleicht meine Hilfe oder Rath. Weil mir der Eintritt inrdie Gefängnisse untersagt ist, muß ich doppelt eifrig arbeiten, zu verhindern, daß Andere hineinkommen." Das Resultat der politischen Umwälzungen war für Marquise von Barol kein anderes, als sie milder in ihrem oft scharfen Urtheile gegen andere Ansichten zu stimmen. In ihrem Salon wurden alle wichtigen Fragen besprochen, ob sie auf Politik, Literatur, Kunst, Philanthropie Bezug hatten oder einem ihrer Werke galten. Cavour soll in ihrem Salon zuerst vor Mehreren seine Plane entwickelt haben und die Marquise war seine heftigste Opponentin. Auch zunehmendes Alter und damit erschütterte Gesundheit brachen ihren Muth nicht. Tagelang auf einem Ruhebett liegend, nahm sie den lebhaftesten Antheil an allen edlen Bestrebungen. Liegend empfing sie Besuche, sowohl von Berichterstattern als Hilfesuchenden. Im Alter von 78 Jahren unternahm sie ihr letztes großes Werk, dessen Ende sie freilich nicht mehr erlebte, den Ban der schönen großen Kirche in der Türmer Vorstadt Varchiglia. Ruhig und gottergeben starb die edle Marquise am 21. Januar 1864. Ihr mit merkwürdiger Voraussicht und Pünktlichkeit verfaßtes Testament sicherte allen ihren Stiftungen die zum Fortbestehen erforderlichen Geldmittel. Das leitende Comite der Oxera, xia, Larolrr hat feinen Sitz in ihrem Palais. In Dankbarkeit und Liebe verbleibt ihr Andenken! Religiöse und historische Kunst. I. 1?. Der Stand der Künstler (wenn man noch von einem solchen reden darf!) scheint immer mehr dem Schicksale anderer angesehener Stände anheimfallen zu sollen. Während aus dem flachen Lande die brod- erzeugenden Kräfte immer mehr abnehmen, weil der bisherige Getreidebau dem Bauern keine Rente mehr abwirft und die Zahl der Dienstboten von Jahr zu Jahr mehr beschränkt werden muß, überfüllen sich in den Städten nicht nur die arbeitenden Klassen, sondern ver- hältnißmäßig noch mehr die gebildeten Kreise der Juristen, Beamten, Aerzte, Lehrer, Kaufleute und nicht am wenigsten in letzter Zeit die der Künstler. Während aber bei den andern Ständen der Zutritt durch immer größere Anforderungen zu erschweren gesucht wird, ist das Feld künstlerischer Thätigkeit vollständig freigelegt. Ja der Andrang und Zutritt zum Künstlerthum wird vielfach noch von Regierungen und Magistraten — nicht am wenigsten durch die vielen Akademien und Kunstschulen — angeregt und erleichtert. Diese Anstalten sollen doch natürlich nicht leer stehen. Je mehr Schüler, desto besser und ruhmreicher steht es um die Anstalt. Haben wir doch hiezu in den sich überstürzenden Ausstellungen in München schon den rechten Pendant, indem auch hier sich immer mehr die Parole geltend macht: „Je mehr Bilder, desto besser!" Ob die meisten dieser ausgestellten „Kunstwerke" nichtsnutziges Zeug sind, das kümmert die Macher nicht. Hiedurch kommt es, daß das Künstlerproletariat von Jahr zu Jahr zunimmt. Es kommen ja leider nicht bloß berufene Talente. In noch viel größerer Anzahl drängen sich wohl die mittelmäßigen Kräfte, Unfähige und Unberufene herbei, um dem wahren Künstler das Feld streitig und das Leben sauer zu machen. Aber nicht nur mit den einheimischen überzähligen Kollegen hat der deutsche, speciell Münchener Künstler um Verdienst und um das tägliche Brod zu ringen, fast noch mehr wird ihm bereits von den fremden, ausländischen Standesgenossen im eigenen Lande Concurrenz gemacht. Am meisten geschieht letzteres wohl durch die bereits alljährlich sich wiederholenden internationalen Kunstausstellungen mit ihren Verkäufen und Prümiirungen meistens fremder Werke. Hiedurch wird den Ausländern zum Nachtheile der Einheimischen der Kunstmarkt mit einer uns unbegreiflichen Noblesse präparirt, ähnlich wie man zum Ruine des deutschen Bauernstandes durch die selbstmörderischen Begünstigungen des ausländischen Getreides den einheimischen Markt verdirbt. Das meiste Geld, was der Staat und Private für die „Kunst" ausgeben, wird für solchen Kunstsport verschwendet, wie er sich in diesen ewigen Ausstellungen und den theuren Ankäufen berühmter oder berühmt gemachter Namen für Gallerten 21 und Salons, wo vielleicht das eine oder andere Mal ein verständnißvoller Kunstfreund einen flüchtigen Blick darauf wirft, offenbart. Die wahre deutsche, echt nationale und monumentale Kunst wird immer stiefmütterlicher behandelt und ihr Verständniß ist dem Volke ziemlich allgemein abhanden gekommen. Was nun aber das Künstlerproletariat betrifft, so dürfte dasselbe bei keinem Genre so zahlreich vertreten sein, als dem religiös-kirchlichen. Ueberall, in Stadt und Land, sieht man die sogenannten christlichen Künstler sich ausbreiten, sich zur Ausübung ihrer Kunst für befähigt und berechtigt erklärend mit dem thatsächlichen Erfolge, daß sie — wohl meist wegen der Billigkeit ihrer Kunstwaare und -Leistungen — dem durch- und ausgebildeten Künstler vorgezogen werden. DaS ist aber ein um so größeres Unrecht, wenn es sich um wichtigere Aufträge und bedeutendere Aufgaben handelt und die Bestellung solch kirchlicher Werke von kirchlichen oder weltlichen Behörden ausgeht. Da sich aber jedes Unrecht rächt, so sollte es vor allem da, wo es sich um die höchsten Interessen, die der hl. Religion und Kirche, handelt, sorgfältigst vermieden werden. Denn die so häufig anzutreffende, höchst elende oder geschmacklose, bäurisch-handwerksmäßige, unästhetische und abstoßende Ausstattung der Gotteshäuser und der kirchlich-liturgischen Dinge ist gewiß kein Zeichen der Blüthe der Religion und gereicht ihren Dienern und Bekenuern keineswegs zur Ehre und Empfehlung. Nur der fähige und zugleich mit innerer Ueberzeugung schaffende, also der wahrhaft berufene Künstler hat das Recht, die künstlerisch zu gestaltenden Gegenstände des kirchlichen Cultus und die zwischen dem Himmel und der Erde auf dem Boden der Kirche vermittelnden hl. Symbole herzustellen. Wir wollen den Begriff „Künstler" aber nicht auf den reinen Akademiker beschränken. Sonst müßte mancher in unsern Gallerten bewunderte Altmeister aus der Liste gestrichen werden. Denn Technik und Naturwahrheit sind nicht die wesentlichsten Merkmale der Kunst und darum auch nicht die alleiwichtigsten Kriterien eines bedeutenden Kunstwerkes, obwohl sie zur Vollendung desselben unentbehrlich sind. Künstler ist in unsern Augen jeder, welcher eine schöne Idee oder Empfindung bis zu einem entsprechenden oder ansprechenden bildlichen Ausdruck darzustellen vermag. Je adäquater dieser Ausdruck mit der Idee, oder je vollkommener oder schöner das Bild nach allen Beziehungen ist, einen desto höhern Rang nimmt natürlich das Kunstwerk ein. Also nur dem wahren berufenen Künstler kann man das Recht auf das kirchliche und religiöse Kunstwerk zusprechen und zwar in Folge seines innern Berufes, den ihm Gott selbst gegeben hat. Es muß ihn kränken, beleidigen und schließlich irre machen an seinem Berufe, wenn man ihm den offenbar Unberufenen wiederholt vorzieht. „Der Künstler", sagte mit Recht Pros. Schnürer auf der ersten Generalversammlung der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst, „der lein Verständniß findet, muß die schönste Idee in sich verschließen, wenn er sich nicht etwa in einem Anfall von Verzweiflung herbeiläßt, die Idee ganz über Bord zu werfen." Doch wo sind diese berufenen christlichen Künstler? Wer gibt uns zuverlässige Kunde von ihnen? — Ja an der letzter« hat es eben bis dato durchaus gefehlt, — die Vertreter der modernen weltlichen und realistischen Knust verstehen das Geschäft nur zu sehr, durch eine Reihe meist brillant ausgestatteter Zeitschriften und Journale sowie Zeitungskritiken ihre Interessen mit Nachdruck und Erfolg zu fördern. Auch die Protestanten bemühen sich vielfach mit anerkennenswerthen Resultaten, durch Landesvereine mit eigenen Organen, Generalversammlungen und autoritativen Comitös kirchliche Kunst und Künstler zu fördern. Die Katholiken dagegen haben kein einziges Organ, das sie in objectiver und zuverlässiger Weise über die gegenwärtige Thätigkeit auf dem christlichen Kunstgebiete auf dem Laufenden erhält, eine verständnißvolle Sichtung über die neuesten Leistungen vornimmt und über die bessern und leistungsfähigen Künstler verbürgte Kunde gibt. Die paar bekannten Größen auf dem vorwürfigen Gebiete, die durch Glück und Genie sich einen berühmten Namen gemacht haben, kann man nicht überall herbeiziehen. Sie sind für die gewöhnlichen Verhältnisse zu theuer, oder, wenn noch aktiv, schon übermäßig in Anspruch genommen. Soll in die christliche Kunstthätigkeit neues, aufblühendes Leben kommen, so müssen auch die jüngern, strebsamen, mit frischer Begeisterung ausgestatteten Talente herbeigezogen und ihnen Gelegenheit zum Schaffen und Bilden für die Kirche und das christliche Haus geboten werden. Sonst werden diese, gerade die Bessern und Besten, von der ihnen freilich entsprechendsten Thätigkeit sich zurückziehen und mit den Realisten und Sensualisten der profanen Kunst zu dienen gezwungen sein, so daß uns außer ein paar Bevorzugten nur das Gros des gewöhnlichsten Küustlerproletariats zurückbleibt. Dem oben gekennzeichneten Mangel eines für das Gedeihen und die Fortentwicklung der christlichen Kunst nothwendigen Vermittlungsorganes zwischen den beiden Hauptinteressengruppen abzuhelfen, das ist der vornehmste Zweck und das Hauptziel der neuen in diesem Jahre entstandenen Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. Sie will einmal die christlichen Künstler mehr unter sich selbst einigen und diese sodann mit dem kunstliebenden und knustbedürftigen christlichen Volke zur gegenseitigen Förderung der christlichen Kunstinteressen in nähern Contakt bringen. Dieses Ziel sucht sie zunächst, bis ihr größere Mittel zur Verfügung stehen, durch halbjährige Herausgabe einer Foliomappe mit Nachbildungen neuerer Werke ihrer Mitglieder nebst erläuterndem Text zu erstreben. Die erste vor Kurzem erschienene Mappe mit 12 Foliotafeln phototypischer Bilder dürfte wohl für die meisten ein über Erwarten günstiges erstes Resultat des thatkräftigen Voranschreitens der jungen Vereinigung ausweisen. Es wäre daher dringend zu wünschen, daß dieses so zeitgemäße Bestreben die allgemeinste Betheiligung fände, damit zunächst und vor allem die Jahrcs- mappe des Vereins durch eine möglichst umfangreiche und erschöpfende bildliche Vorführung der neu entstandenen christlichen Kunstwerke und durch brillante Ausstattung ihrem Ideale immer mehr entgegengeführt werden könne. Vorläufig möge es aber gestattet sein, in diesen Blättern, den Bestrebungen jener Gesellschaft, welche sie mit ihrer Mappe verfolgt, secundirend, durch Besprechungen von neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der religiös-kirchlichen und historischen Kunst den Interessen der Kunst sowie der Künstler zu dienen. Um diesen Zweck zu erreichen, bleibt nichts anderes übrig, als die Künstler in ihrem eigenen Heim, in ihren Ateliers und Werkstätten aufzusuchen und sich nach ihrem Bilden und Malen umzusehen. Denn das Meiste, was 22 dort, und zwar besonders in christlicher Kunst, geschaffen wird, kommt vor der Absenkung nicht erst in die öffentlichen Ausstellungen, obgleich es oft bei weitem mehr als manche der ausgestellten Sachen hiefür geeignet wäre. Wir thun das um so lieber, als wir aus Erfahrung wissen, daß es einem strebsamen und begeisterten Künstler nur angenehm ist, wenn ein kunstsreudiger Mensch sich hie und da nach seiner Schaffensthätigkeit umsieht, um an den Freuden und Leiden, die ihm dasselbe bereitet, in etwas theilzunehmen. (Schluß folgt.) Wissen und Glauben. O. R. Der unvergeßliche Joh. Friedrich Böhmer schreibt am 26. April 1863 an Marie Görres: „Man müßte eigentlich neue Reden über Theologie und Kirche an die Gebildeten unter ihren Verächtern haben, wie einst Schleiermacher herausgab. . . . Aber ich besorge, daß ein wohlgesinnter Moderner (wie wir doch nun einmal sind) sich dadurch eher seine Freunde zu Feinden machen, als die Feinde gewinnen würde" (Briefe, herausg. v. Janssen, II, S. 410). Wie man immer über die von Böhmer hier ausgesprochene Befürchtung denken mag, sicherlich Hütte dieser unbefangene Forscher in dem kürzlich erschienenen Buch: „Wissen und Glauben." Oeffentliche Vortrüge von I>r. C. Güttler (München, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1893, 214 S., 8°) wenigstens einen Theil seines Wunsches erfüllt gesehen und es darum mit Freude begrüßt. In 16 (an der Münchener Universität gehaltenen) Vorlesungen behandelt der Verfasser Themata, deren Wichtigkeit und Zeitgemäß- heit jedem Gebildeten unmittelbar einleuchten. Ueber seinen persönlichen Standpunkt (irenische Vermittlung zwischen selbstständigem Denken und lichtem, nicht blindem Glauben) orientirt uns Dr. G. vorzugsweise in der ersten (Glauben und Wissen in der Geschichte) und in der letzten Vorlesung (Die Bedeutung der Philosophie und ihre Stellung zum religiösen Glauben). Die vierte Vorlesung ist dem Ursprung und Wesen der Religion (vgl. Schleiermachers Zweite Rede: Ueber das Wesen der Religion), drei folgende der Gottesidee (historisch, kritisch, kritisch-dogmatisch) gewidmet. Von den übrigen heben wir noch hervor: Die Einheit und Entwickelung des Kosmos, die Entstehung der Arten und die Formen des Darwinismus, die menschliche Wahlsreiheit, die Unsterblichkeitsidee. Während der Verfasser in naturwissenschaftlichen Dingen sich überall auf solche Autoren stützt, die in ihrem Fache als Autoritäten gelten, nimmt er in rein philosophischen Fragen selbstverständlich das Recht in Anspruch, ein eigenes Wort mitzusprechen. Den gebildeten Leser wird, ganz abgesehen von der frischen, lebendigen Darstellung*), die bescheidene Zurückhaltung angenehm berühren, welche G. gegenüber den schwierigsten Problemen sich auferlegt. Während ein Naturforscher ersten Ranges (Julius Robert Mayer, Mechanik der Wärme, 1874, S. 318; bei Güttler S. 106) deu merkwürdigen Ausspruch thut: „Eine richtige Philosophie kann und darf nichts anderes sein, als eine Propädeutik für die christliche Religion" (vgl. damit Geibcl's Wort: „Das ist das Ende der Philosophie, zu wissen, daß wir glauben müssen"), begnügt sich Dr. G. zunächst mit dem — ihm wohlgelungenen — Nachweise, daß *) ES muß ein Genuß gewesen sein, diese Vortrüge zu hören. weder die Natur- noch die Geisteswissenschaften an sich zum Unglauben führen oder die Thüre zum (christlichen) Glauben versperren. „Widerspricht die Lehre von einer allmähligen Entwickelung des Weltalls etwa der Inspiration der kanonischen Schriften ? Wenn wir die Bedeutung der Inspiration auf die unverfälschte Ueber- mittelung religiöser Wahrheiten beschränken und die naturwissenschaftlichen Probleme davon ausuehmen, so kann die Antwort keine zweifelhafte sein. Kosmogonie und Geogonie sind Erkenntnißsphären der forschenden Menschenwclt, nicht Objecte übernatürlicher Offenbarung. Die Bibel redet von einem Schöpfungswerk nicht in der exacten Form der Wissenschaft, sondern in der religiösen Sprache der GoiteSwoche. . . . Kein Theologe, weder ein katholischer noch ein protestantischer, hat sich auS dogmatischen Gründen gegen die kosmologische Entwickelungslehre erklärt" (S. 107 f.). Güttler hätte sich hier auch auf das schöne Buch von ?. Karl Braun 8. ä., Ueber KoSmogonie vorn Standpunkt christlicher Wissenschaft (Münster. 1889), berufen können, worin u. a. der „Atheismus" Laplaces auf ein Mißverständnis; seiner bekannten Aeußerung „8irs, ss n'avaig xas Usovin äs sstts ll^potüsss", zurückgeführt uud gezeigt wird, daß der berühmte Astronom durch eine verbesserte kosmogonische Theorie und durch Vervollkommnung der Analysis das noch von Newton postulirte wunderbare Eingreifen des Schöpfers in die Bewegung der Planeten entbehrlich gemacht habe (S. 282 f.). Wie einfach wäre in manchen Fällen die Verständigung zwischen Wissen und Glauben, wenn einerseits die Naturforscher die Grenzen ihrer eigenen und das Gebiet der Geisteswissenschaften respectiren und andrerseits die Theologen auch in spcculativen und historischen Fragen so unbefangen, im besten Sinne „modern" sein wollten, wie es z. B. die heutigen Jesuiten in Hinsicht auf Naturforschung sind! Allen, die sich für das Verhältniß zwischen Wissen und Glauben interes- siren — und welchem Gebildeten könnte dieses Interesse fern liegen? — seien die lehrreichen, zu weiterem Nachdenken höchst anregenden Vortrüge vr. Güttlers auf's wärmste empfohlen. Das große Apostolische Vikarmt der Mandschurei. ^.6. Das Apostolische Vikariat der Mandschurei umfaßt ein Gebiet von mehr als 1,765,000 Quadratkilometer; es ist somit etwa so groß, wie das Deutsche Reich, Oesterreich und Frankreich zusammen, und gehört wohl zu den größten Apostolischen Vikariaten der ganzen Welt. Es ist wohl auch das beschwerlichste, wenn wir von dem „hohen Norden" Amerika's absehen. Dieses riesige Missionsfcld faßt in sich: die starkbevölkerte chinesische Provinz von Leao-tong — an Petscheli angrenzend — die beiden Mandschu- provinzen Ghirin und Tsi-tsi-kar und die russischen Provinzen Amur und Primorskaia. Von den vielen Bergketten dieses Landes ist der Haupizug der Tai- pai-chan — d. h. der „Weiße Berg" — eigentlich Weißes Gebirg — dessen mit Schnee bedeckte Kalkstein- felsen bis zu einer Höhe von 3000 Meter aufragen. Zwischen den Bergreihen erstrecken sich unabsehbare Ebenen, die im Westen und Nordwesten durch wildes Steppenland — im Osten durch einen undurchdringlichen, herrlichen Urwald ihren Charakter erhalten. Ueberreich ist das Land an Pelzwild, Panthern, 23 Tigern, Bären u. s. w., an Metallen und werthvollen Hölzern. Das Klima ist, besonders in der nördlichen Hälfte, sehr rauh und der nordasiatische Frosthauch läßt das Thermometer im Winter (vom Oktober bis in den März hinein!) bis auf 45° R. sinken, während es im Sommer bis auf 40, ja 45° steigen kann. Die Gesammteinwohnerzahl soll nicht mehr als zwölf Millionen betragen. Die Hauptmasse der Bevölkerung befindet sich im Südtheile des Landes. Die Mandschurei zeigt ein buntes Völkergewirr: Mandschn, Tungusen, Mongolen, Chinesen, Khalkhas, Ghilaks, Solons und verschiedene Mischrasfen aus diesen Stämmen und Völkern. Die Mandschu-Provinzen und die Provinz Leao- tong haben ihre eigene, getrennte Verwaltung. Die Mongolen stehen unter 48 mongolischen Tributär- königen und die wilden Horden — Nomaden — haben ihre Häuptlinge. Was die Religion betrifft, so bekennen sich die Chinesen zu einem Gemisch von Konfutse-Buddhismus; die Mandschu und Tungusen fröhnen dem unheimlichen Geisterglauben der „Schamanen"; manche bekennen sich zum Islam. Die Anfänge des katholischen Missionswerkes reichen zurück bis zur alten Jesuitenmission. Die neue Missionsthätigkeit begann im Jahre 1840 mit der Errichtung eines Apostolischen Vikariats der Mandschurei — unter Leitung des Pariser Missions-Seminars. Das Centrum der Missionsthätigkeit ist die Provinz Leao-tong (im Südtheile), wo in deren wichtigster Hafenstadt Jng-tse (Jng-tze) der Apostolische Vikar seinen Sitz hat. Die Eroberungen der Nüssen und ihre Nähe haben den Fortschritt der Mission sehr gehemmt und den Frcmdenhaß wiederholt auch gegen die Missionäre heraufbeschworen. Nur langsam dringt das Evangelium in dem ungeheuren Gebiete vor. Gegenwärtig zählt die Misston 14,000 Katholiken, welche sich auf 151 Gemeinden in 41 Distrikten vertheilen. Der europäischen Missionäre sind es 27, der eingebornen Priester 7. Es bestehen 2 Priesterseminare „wegen der Größe des Landes und der Reisekosten". Das eine Seminar ist im Südtheile mit 30 Alumnen, das andere im Nordtheile mit 12 Alumnen. Die Misston hat ferner 88 Schulen, 16 Waisenhäuser, 2 Spitäler, eine Landbau-Schule mit 250 Zöglingen u. s. w. „Die kathol. Missionen" veröffentlichen soeben in ihrem Dezemberheft 1893 einen Brief des Apostolischen Vicars Msgr. Guillon (vom 3. Mai 1893), worin der hochwürdigste Herr über eine viermonatliche Missionsreise berichtet, die vom 1. Dezember 1892 bis 1. April 1893 dauerte, einen Weg von zweitausend Kilometer umfaßt und ungemein flrapazenreich war. Hiebci besuchte er zum ersten Male die beiden Nordproviuzen. Diese Rundreise geschah mitten im Winter, wo die Kälte „so furchtbar empfindlich werden kann". Doch hatte der Apostolische Vikar das Glück, über 700 Ncophyten das Sakrament der Firmung zu spenden, zwei neue Kirchen einzuweihen und einen neuen Missionsdistrikt zu gründen, dem er den Namen „Stern des Erlösers" gab, zur „Erinnerung an das schöne Weihuachtsfest", das der hochwürdigste Herr unter 400 Neophhten verlebte; dieselben hatten noch nie ihren Bischof gesehen, noch je der Feier einer hl. Christmette beigewohnt. Zu der obigen Zahl der Katholiken sind nach dem Schreiben des A. Vicars noch 2500 Katechumenen zu rechnen. In seinen zwei Seminarien hat Msgr. Guillon zwei Einheimische zu Priestern geweiht, zweien die Diakonatsweihe und I fünfen die Tonsur ertheilt. — Eine peinliche Klage spricht aus dem Schlüsse deS bischöflichen Berichtes in Bezug auf die Geldmittel. „Wenn ich einem jeden der (42) Missionäre sein Weggeld auf's Jahr verabreicht habe, bleiben mir von der Summe, die der Verein für die Glaubeusverbreitung mir zuwendet, noch ganze 11,200 M. übrig; damit soll ich alle andern Unternehmungen und Werke des unermeßlichen MissionsgebicteS im Gang erhalten und die Seminaristen ernähren (und der eigene Hausbedarf?!). Die Folge davon ist der Mangel an einer hinreichenden Anzahl einheimischer Priester und Katechumenen, die doch den Hauptnerv der hiesigen Missionsthätigkeit bilden." Recensionen und Notizen. Cardinal Johannes Dominici, 0. kr., 1357—1419. Ein Ncformatorcnbild aus der Zeit bcS großen Schisma. Gezeichnet von k. Augustin Rösler, 6. 88. L. Frei- burg i/B., Herder 1893. VI und 196 S. * Es ist eine traurige Periode der Kirchcngeschichte, in die vorliegende Arbeit uns versetzt. Einer Geißel GotteS gleich ist das große Schisma über die abendländische Christenheit hereingebrochen, spaltet die kirchliche Einheit und ängstigt ungezählte Gemüther. Wie aber der Herr sein Volk zu keiner Zeit verläßt, so fehlt es auch in dieser Zeit nicht an bedeutenden Männern, die das Volk erheben und trösten und die kommende Rettung vorbereiten. Ein solcher Mann war Johannes Dominici, dessen Lebeiisgang uns der Vers. vor Augen führt. 1357 in Florenz geboren, tritt Johannes (17 Jahre alt) in den Orden des hl. Dominikus und erregt hier bald durch seine glänzenden Talente sowohl wie durch seinen glühenden Eifer für die Ordcns- reiorm die Aufmerksamkeit weiterer Kreise. Bald finden wir ihn in Venedig, wo er das Kloster Oorpus Lüiristi für Töchter seines hl. Ordcnsstiftcrs gründet, deren geistliche Führung er übernimmt und mit denen er Zeit seines Lebens in frenndschaft- licbcm Briefwechsel verbunden bleibt. Darauf entfaltet er in seiner Vaterstadt eine großartige Thätigkeit als Kanzelrcdner, er, der in seiner Jugend stotterte, gründet den Dominikancr- conveut bei Fiesole und tritt insbesondere der damals sich entfaltenden sogenannten Renaissance entgegen in seiner interessanten Schrift „luenla noetüs", deren Entstehung und Inhalt eingehend erläutert werden. Sodann lernen wir Dominici'S kirchcnpolitische Thätigkeit kennen, wie er in die Nähe Grcgor's XII. kommt, der ihm sein ganzes Vertrauen schenkt und ihn zum Cardinal erhebt. Endlich sehen wir ihn aus dem Concil von Konstanz eine hervorragende Roste spielen, biö er gelegentlich einer GesandtschastSrcise zur Bekehrung der Hussiten 1419 in Buda stirbt, nachdem ihm noch der Trost zu Theil geworden, zur Wiederherstellung der kirchlichen Einheit mitgewirkt zu haben. Wir können dem Verfasser vorliegender Monographie das Zeugniß nicht versagen, daß er sich in den Quellen fleißig umgesehen hat und daß eS ihm gelungen ist, manches schiefe Urtheil zu verbessern, manches falsche zu widerlegen; auch besitzt er die Gabe anziehender Schilderung und gewandter Sprache. Das Bild, das k. R. von Dominici entwirft, ist denn ein wesentlich verschiedenes von dem, das ein anderer katholischer Historiker, Sauerland, gezeichnet hat. Wir möchten glauben, ganz treu ist R.'s Bild so wenig, wie das Sanerland'S. ?. N. wirft zwar Sanerland Voreingenommenheit gegen Dominici vor, er selbst ist aber erfüllt von solcher für D., der nach L. R. an allen Erfolgen schuld, den« alles zu danken ist. Und doch muß I?. R. selbst zugeben, das; namentlich D. es war, der Gregor XII. im Entschlüsse, nicht zu rcsigniren, bestärkte. War nun D. wirklich der große, einzig uin's Wobl der Kirche besorgte Mann, als den I?. N. ihn darstellt, dann hätte D. von Anfang an Gregor XII. energisch und immer wieder zur Abdankung rathen und, wenn er mit seinen Vorstellungen nicht durchdrang, Gregor sich selbst überlassen müssen. Daß D. von der Ueberzeugung getragen war, Gregor sei der allein rechtmäßige Papst, ändert daran nichts, dasselbe glaubten die Vertrauten Peter de Luna's auch von diesem; dadurch, daß beide Theile nur immer auf ihr gutes Recht pochten und keiner dem andern zum Wohl der Gcsammt- hest weichen wollte, wurde ja eben das ganze Elend der Kirche verschuldet. Daß die schlicßlichc Union Gregors XII. mit dem Concil und damit die Hebung des Schisma viel mehr auf Kosten deö Fürsten Malatesta, als, wie ?. R. schreibt, D.'S zu setzen ist. wurde von berufenster Seite bemerkt. Und von ein wenig Ehrgeiz scheint D. nicht ganz freizusprechen zu sein. 24 Erklärung der gebräuchlichsten fremden Pflanzen- namcn. Bon A. Emmerig. Donauwörth, Druck und Verlag der Buchhandlung von L. Aucr. LI. Der Verfasser des in weiten Kreisen bekannten „Stcrucn- himmcl" hat mit einem ähnlichen praktischen Werkchcn auf dem Gebiets der Botanik den Büchermarkt bereichert. Auf 122 Seiten gibt dasselbe in Form eines Lexikons eine etymologische Erklärung von den Namen unserer häufigsten Tops- und Gartenpflanzen. Der Laie erfährt hier nicht bloß, welche Namen in der Wissenschaft viele Pflanzen führen, die der Volksmund anders bezeichnet, sondern auch, aus welcher Sprache diese Namen genommen sind, welche Betonung dieselben haben, welchem Gcnuö sie angehören und ob sie Eigen- oder Gattungsnamen, einfache oder zusammengesetzte Wörter sind. Wenn die Pflanzen, was nicht selten ist, nach bestimmten Personen benannt sind, so werden letztere bezeichnet; ebenso wird die Wortbedeutung der übrigen Pflanzen aufs eingehendste mitgetheilt. Geradezu überraschend ist oft diese Erklärung, indem nämlich der Verfasser als Fachmann mit der ihm eigenen Gründlichkeit nachweist, wie der Name genau zur Pflanze paßt. Gewisse Eigenschaften, die der letzteren anhängen, lassen sofort erkennen, warum sie diesen Namen trägt. Unwillkürlich entsteht der Gedanke, dass auch im Pflanzenreiche jedem Gewächse „sein Name gegeben" ist, wie der biblische ScböpfnugSbcricht von der Thierwelt erzählt. In bekannten Wortlürzungen enthält dann das Schriftcken bei den einzelnen Namen auch die Angabe sowohl der Klasse und Ordnung (nach Linnö'schcm System), welcher jede Pflanze angehört, als auch der Autoren, von denen Benennungen verschiedener Pflanzen herrühren. Auf weiteren 14 Seiten folgt die nähere Erklärung dieser „Familiennamen" der Pflanzen, die analog ist der vorausgegangenen, und auf den letzten 7 Seiten werden gleichfalls in alphabetischer Reihenfolge die früher bei den Pflanzen angedeuteten „Autoren" aufgeführt und ihr genauer Name, ihr Stand und Zeit und Ort, wann und wo sie geboren sind, kurz und bündig angegeben. Da das Büchlein auch einen sehr mäßigen Preis und ein gefälliges Taschenformat hat, so empfiehlt es sich durchaus als das, was auf dem Titclblatte zu lesen ist, nämlich als „ein Nachschlagc- Luch für Studircndc. Botaniker, Lehrer, Seminaristen, Gärtner, Forstleute, Blumenliebhaber" rc. Kirchengeschichte in Lebensbildern. Für Schule und Familie dargestellt von Ferdinand Stiefel Hagen. 3. Aufl. Freiburg i. B., Herder 1893. VIII u. 6l6S. * Ein eigenthümlicher, geheimnißvollcr Zauber ergreift unwillkürlich den Pilger, wenn er vor den alten Mosaiken Noin's oder besonders Ravenna'S steht. Da leuchten lind grüßen sie auf ihn herab, diese altchrwürdigen Gestalten in ihren langen, wallenden Gewändern, mit ihren hagern, durchgeistigten Zügen, in die eine so feierliche Majestät und doch wieder eine so tief innerliche Ruhe, ein so himmlischer Friede gegossen ist. In den Händen aber halten sie den SiegcSpreis ihres opfer- und entsagungsvollen Erdcnstrebens, die Krone des ewigen Lebens. Und wir können uns des Gedankens nicht erwehren: ist nicht auch die Kirchengeschichte einer solchen alten Basilika vergleichbar, in deren Hallen die hl. Blutzeugen, Bckenner und Jungfrauen uns cntgegenlächeln und uns ihre Kronen zeigen zur Aufmunterung, daß auch wir kämpfen und siegen sollen? Wenn wir die Blätter der Kirchengeschichte aufschlagen, da begegnen uns auf Schritt und Tritt die großen Männer des Christenthums, denen die Welt zwar keine Statuen gesetzt hat, die aber doch mit ihrem segenSvollen Walten unauslöschlich fortleben im Gedächtnisse der kathol. Kirche. Einer literarischcn Walhalla der .Heroen des Katholicismus möchte ich nun „die Kirchcnge- schickte in Lebensbildern" vergleichen, die uns Stiefclhagcn in 3. Auflage bietet. Es war ohne Zweifel ein sehr glücklicher Gedanke, die verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte gleichsam personisicirt in ihren markantesten Vertretern zur Darstellung zu bringen, und wir können dem Verfasser die Anerkennung nicht versagen, daß er in der Auswahl der für jede Periode bezeichnendsten Persönlichkeiten einen sicheren Blick bewiesen hat. Dock können wir unsere Verwunderung nicht unterdrücken, daß der Verfasser, der doch schon auf dem Titelblatt ankündigt, sein Bück sei für Schule und Familie geschrieben, die kirchliche Wissenschaft, besonders auch die Scholastik, so stiefmütterlich behandelt, z. B. den hl. Thomas von Aquin (S. 268) in wenigen Zeilen abthut. Auch die kirchliche Kunst und Poesie hätte mehr zur Geltung kommen dürfen, die großartige charitative Thätigkeit der Kirche im Mittclalter trilt gleichfalls allzuweuig hervor. Doch wollen wir mit dcm Verf. hierüber nicht rechten; er wollte nur ein Lesebuch bieten, keine eigentliche Kirchengeschichte, eine solche will und kann sein Buch auch gar nicht sein, dazu wäre es zu lückenhaft und einseitig; denn die Kirchengeschichte erzählt leider nicht bloß von Heiligen und großen Männern. Brunn er (Franz Lndw.), Geschichte der Deutschhcrreuordens- Comthurci und des Marktfleckens Neubrunn. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart nach archivalischen und historischen Quellen bearbeitet. Würzburg, „Neue Bayerische Landeszeitung" 1893. 8°. Vl, 131 S. M. 1,50. -s- Eine auf Grund der Materialien des KönigSberger Staatsarchives, Münchener NcichSarchives, Stuttgarter Staatsarchives, des Wertheimcr Archives und der Würzburger Archive gearbeitete Abhandlung, der Gemeinde Neubrunn (Marktflecken im Bezirksamts Markthcidenscld) von ihrem Pfarrherrn gewidmet; ihr Erlös soll dem Nenbrunner Kirchenbaufonds zu Gute kommen. Dieser fromme und gemeinnützige Zweck muß bei der Würdigung dcS Buches vor Augen behalten bleiben! Denn in einer „Geschickte der DcurschherrenordcnS-Comthurci rc. Neubrunn rc." würde man gerne vermissen die Bemerkung, daß „die Ncu- brnuncr an ihrem erfahrenen, allgemein beliebten Arzte Dr. Pfistcr einen immer bereiten, bewährten Helfer" haben (S. 3), oder S. 84 f. die Vorschläge dcS Vers., wie die Gemeinde 1884 ihr neues SchnlhauS besser und schöner hätte bauen können; Neihenfolg der Herren Lehrer" und „Fräulein Lehrerinnen" S. 129 ist allzu höflich! Eine „Geschichte" im strengen Sinne gibt das Werkchcn nicht, wohl aber eine fleißige chronikalische Verzeichnung der Geschichte Neubrnnns als Deulsch- hcrrenordenscomthnrei 1290—1484, unter Kurmainz 1484 bis 1655, unter Würzburg 1655—1801 s180l unter Bayern); ob aber für die Zwecke des Verfassers die Urkundenpublikationen über den Deulichhcrrcnorden vonJ.H. Hennes, E. Strchlke und E. G. Graf v. Pettcnegg, welche nirgends im Buche erwähnt sind, wirklich keine Ausbeute gewähren, wäre wohl noch zu untclsnckcn. Der „Bauernkrieg 1325" (S. 9) ist gewiß nur ein Druckfehler, statt 1525. Dem Citate aus „Sclvers allbekannten .Adclsprobeu'" (S. 33) über Kurfürst Joh. Philipp von Schöuborn, daß keiner von dessen Vorführern „sich so vieler besessener höchster Würden rühmen konnte", hätte Vers. mit einem Hinweis auf den Kurfürsten Albrecht von Brandenburg widersprechen müssen. Doch wir wollen an dein in usum volpbini pietätvoll geschriebenen Büchlein keinen gar zu strengen Maßstab anlegen! ES ist gewiß ein lcbwürdiges Unternehmen, diese OrtSzesckichte, und verdient als solche Nachahmung zu finden. Im Hinblicke speziell auf ihren frommen Zweck sei sie hicmit bestens empfohlen! -o Brevier. Bei Pustet-Rcgensburg ist neben einer neuen vielbändigen Ausgabe des römischen Breviers auch eine zweibändige in 13" erschienen. Fast unglaublich, und doch wahr! Was sonst in 4 Bänden steht, ist hier in 2 enthalten, ohne daß der Druck kleiner, die Dicke dcS Bandes (40 Millimtr.) größer, das Gewicht (675 Gramm) schwerer ist. Alan findet das Brevier sehr haudbar, den Druck außerordentlich schön und deutlich; alles ist vollständig ausgesetzt, so daß auch das lästige Hin- und Herschlagcn vermieden wird. DaS Brevier enthält alle neueren Feste nebst den Votivofficien. Bei den Hauptfestcn sind noch herrliche Bilder eingelegt. Man muß sich wirklich fragen: wie war eine solche Ausgabe möglich? Die besonders gute Papiergualität hat sie ermöglicht. DaS Papier, obwohl sehr fein, ist aber doch so fest, daß der Druck nicht durchsichtbar wird. Ganz begreiflich, wenn darum diese Ausgabe eine ehrende Anerkennung von Rom erhalten hat. Das Werk lobt den Meister. Die Landes, Hören, Vesper und Complet sind außerdem noch durch Scparatabdruck in einem kleinen Broschürchen beigelegt mit den Ncsponsoricn für die Nocturncn, welche im proprimn äs toiuporo einzulegen sind, ebenso die Antiphonen unv Vcrsikeln pro oommsmoralions Lanotorum, pro oomwomorationo vominioarom ot Vsriarmn und die Oommsworatnoues oomwunos. Proprien für einzelne Länder, Diöccsen und Orden können gegen aparte Berechnung mitbestellt werden. Der Preis dieser zweibändigen Brcvicraus« gäbe beträgt broschirt 12 Mark. In Schaflcderband mit biegbarem Rücken und Nothschnitt 18 M. Ebenso mit Goldschnitt 19 M. In echtem Chagrinband mit Nothschnitt 21 Mark. Ebenso mit Goldschnitt 22 M. Ebenso mit reicher Pressung, Kantenvergoldung und Goldschnitt auf rothem Untergrund 25 Mark. In Juchtenledcrband niit Goldschnitt auf rothem. Untergrund 30 M. Diese schöne, praktische und billige Ausgabe kann somit jedem Priester aufs beste empfohlen werden» und namentlich möchten wir die Alumnen in Priestersemiuaricn bei Anschaffung eines Breviers auf selbige aufmerksam gemacht haben. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Ni-. 4. 25. Januar 1894. Zur Fortsetzung der Augsburger Bisthums- Geschichte.*) — 8. Obgleich die Fortsetzung der Augsburger Diözesangeschichte von mehrfacher Seite und zwar durchgängig günstige, ja höchst anerkennende (s. Allg. Ztg. 1893 Nr. 356; Hist. Jahrb. d. Görresgesellsch. 1893 S. 431) Besprechungen erfuhr, so glauben wir doch auch an dieser Stelle in Kürze darauf zurückkommen zu sollen, vor allem deßhalb, weil das schöne Werk zunächst gerade für jene Kreise bestimmt ist, in denen auch dieses Blatt seine weiteste Verbreitung findet. Es ist bekannt, daß das groß angelegte Werk, nachdem sein hochverdienter Begründer auf den erzbischöflichen Stuhl von München-Freising berufen worden war, aus leicht begreiflichen Gründen, nur einen sehr langsamen Fortgang nahm. Gewiß wird es von den Abnehmern wohlthuend empfunden werden, daß sich seit der in Angriff genommenen'Fortsetzung trotz der zu überwindenden Anfangsschwierigkeiten die Herausgabe erheblich beschleunigte. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind sich drei sechs Bogen starke Hefte gefolgt, in denen die noch von dem hochseligen H. Erzbischof begonnene Beschreibung des Landkapitels Jchcnhausen zu Ende geführt und die allgemeine Uebersicht des Dekanates Jettingen gegeben wird. In der letzteren schloß sich Schröder, wie billig, ganz der bewährten Eintheilung seines Vorarbeiters an, welcher der topographisch-statistischen Beschreibung der Dekanatsbczirke unter dem Titel „Geschichtliches" jedesmal einen historischen Ueberblick über die politischen und kirchlichen Verhältnisse folgen ließ. Nur in einem Punkte konnten wir eine Abweichung oder richtiger Erweiterung von Steichele's Plan wahrnehmen, sofern nämlich jetzt der Rubrik „Kirchlich-Geschichtliches" die weitere „Knnst- geschichtliches" hinzugefügt ist. Thatsächlich hatte jedoch bereits Steichele bei der Behandlung der einzelnen Pfarreien den religiösen Kunstgegenstünden nach besten Kräften und in umfassender Weise seine Aufmerksamkeit zugewendet. Wenn daher sein Fortsetzer die allgemeinen Ergebnisse seiner Beobachtungen auf dem kunstgeschicht- lichen Gebiete bereits in der Einleitung zu den betreffenden Bezirken kurz aufführt, so kann dadurch nur einerseits die Uebersichtlichkeit des Stoffes, andrerseits aber auch die kunstgeschichtliche Darstellung gewinnen, der damit ein paffender Raum geschaffen wird, auch ihrerseits in größeren Zügen auf eine Entwicklung und auf die zusammengehörigen Bereiche und Zonen übereinstimmender Kunstübung hinzuweisen. Ueberhaupt scheint uns in der Beschreibung der kirchlichen Kunstgegenstände, wobei der Verfasser ohne Voreingenommenheit für oder gegen einzelne Stile und Richtungen das Schöne und Werthvolle anerkennt, wo es sich findet, das Werk gewonnen zu haben, und die Commission für Jnventari- sirung der Kunstdenkmüler Bayerns wird, wenn sie zu den in der Augsburger Bisthumsgcschichte behandelten Bezirken kommt, gewiesenen Weg haben. Wie wir vernehmen, beabsichtigt der Verfasser sich der mühsamen Arbeit der Negistriruug der sämmtlichen bisherigen Bände zu unterziehen und das Register dem noch in diesem Jahre fertig zu stellenden fünften Bande beizugeben. Dadurch wird ein Mangel beseitigt, der bei den Historikern von Fach längst gefühlt werden mußte, und wird die Brauchbarkeit des Werkes wesentlich gehoben. Um endlich noch mit einem Worte auf das jüngst erschienene 38. Heft zu sprechen zu kommen, so konnte in demselben der Verfasser sein Geschick für historische Forschung und Darstellung an einem größeren Gegenstände, der Beschreibung der Pfarrei Wettenhausen mit ihrem ehemaligen in das 12. Jahrhundert hinaufreichenden Augustinerchorherrenstift an den Tag legen. Durch einen glücklichen Zufall wurde erst in jüngster Zeit die Stiftungsurkunde dieses Klosters von dem Einbanddeckel eines Buches der Staatsbibliothek zu München abgelöst. Schröder stellte den beschädigten Text mit Glück wieder her und bringt das Dokument zum ersten Male zum Abdruck. Die Geschichte der ehemaligen Neichsprälatur, für welche eine sehr ausgedehnte und mannigfaltige Literatur zu bewältigen war, ist durchgehend sehr anziehend niedergeschrieben, namentlich treten die bedeutenderen Prälaten in gutem Relief hervor. Bekanntlich ist in den sechziger Jahren das Klosterleben zu Wettenhausen, wenn auch in anderer Form, durch die Thatkraft und das Gottvertraucn der unübertrefflichen Priorin Aquinata wie ein Phönix aus der Asche wiedererstanden. Am Schlüsse des Kapitels Jchenhausen fand -noch die Geschichte der ehemals katholischen, jetzt protestantischen Pfarreien Leipheim und Nisdheim bis zu der Grenze hin Berücksichtigung, welche durch eine katholische Bisthumsbeschrcibung gegeben ist. Möge das Werk seinen Zweck, Kenntniß und Liebe der heimischen Kirchcngeschichte zu wecken und zn fördern, in ausgedehntem Maße erreichen; möge diese durch den Hinweis darauf, was gewesen und geschehen ist, dazu beitragen, nicht aus dem Auge zu verlieren die Norm dessen, was sein und geschehen soll. Aus allerlei Tonarten. Verdeutschte spanische und eigene Lyrik von Otto Braun. (Stuttgart 1893. I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger.) tt. „Glücklich der Schriftsteller, welcher im Stande ist, ein schönes kleines Buch zu schreiben," sagt ein geistreicher französischer Aphoristiker. Nach Durchlesung des vorliegenden Büchleins, das nur 120 Seiten hat, muß man sagen, daß der Verfasser so „glücklich" war. Wenn er in der „Vorrede" gesteht, daß er schon in der Jugend Lieder machte und sie im Alter gesammelt habe, so darf man wohl annehmen, daß, wenn er nur die Hälfte davon herausgab, er uns gewiß einen stattlichen Band von vielen hundert Seiten hätte bieten können. Aus dieser weisen Beschränkung und Selbstkritik kann man mit Recht den Schluß ziehen, daß er uns nur Gutes und Gediegenes bietet. Eine solche Strenge haben sich nicht alle Dichter auferlegt, und selbst Goethe hat so viele lyrische Kleinigkeiten des Druckes würdig erachtet, daß seine stärksten Bewunderer gestehen müssen: die Hälfte wäre besser, als das Ganze. Weit über die Horaz'sche Vorschrift der „neun Jahre" hinaus ließ unser Verfasser, das ganze Leben hindurch bis zum Alter, seine Gedichte liegen und — reifen. Und als ein '0 Steichclc-Schröder, DaS BiStbum Augsburg büstorisch und statistisch beschrieben. 38. Heft. Augsburg, Schmio, 1891. Siebter gesteht er noch: daß er „an diesem und jenem Gedicht noch hätte bessern und feilen mögen". Das ist eine eindringliche Lehre für manchen von lyrischem Dufte berauschten deutschen Jüngling, der mit Ungestüm nach einem Verleger sucht, „wenn — wie Platen sagt — lang im Schachte der Stahl noch ruht, der einst ihm scheeren das Kinn soll". Der Verfasser ist bei den besten deutschen und ausländischen Dichtern der verflossenen Decennicn in die Schule gegangen, und hat besonders bei den Spaniern einen strengen Cursus durchgemacht. Dieser seiner Bekanntschaft mit den Spaniern verdanken wir beinahe die Hälfte seiner Sammlung — eine prächtige Schale voll goldner Aepfel aus den Gärten der Hesperiden. Es sind meistens bei uns weniger bekannte und neuere Dichter, von denen O. Braun Proben gebracht, wie z. B. Josä de Espronceda, dessen „Gesang des Piraten" uns durch seine kühne und frische Vcrsification besonders angesprochen hat. Doch sind auch ältere Dichter, wie Pouce de Leon, Lope de Vega und Santa Teresa de Jesus mit ihrem herrlichen Sonett auf den Gekreuzigten, vertreten. Wir können es uns nicht versagen, dieses Gedicht, das in der Geschichte der Mystik so hervorragend ist, in O. Brauns vortrefflicher Uebertragung hieher zu sehen. Nicht weil es nach der Himmclöpalme trachtet, Hat Lieb' zu dir, o Gott, man Herz umwunden, 'Nicht bab' ich Ehrfurcht stets vor dir empfunden, - Weil Furcht der Hölle meine Seel' umnachtet: Tu rührst zur Liebe mich, du, der verachtet, Verspottet ward, und au das Kreuz gebunden» ES rühren, Herr, mich deines Leibes Wunden, Mich rührt die Pein, in welcher du verschmachtet. Nur deine Lieb', o Heiland, kann mich laben: rluch ohne Himmel bliebe mir die Liebe, Und ohne Holt' die Ehrfurcht eiugegraben. Toch buhl' ich nicht um deiner Liebe Gaben: Wenn mir auch nicht die HimmclShofsuuuz bliebe, Würd' ich darum nicht minder lieb dich haben. Wenn auch die Kirche das Moralische dieses Ge- vichtcL wegen seines an Schwärmerei grenzenden Inhalts mißbilligt hat, wird dasselbe doch eine der farbenprächtigsten und süßdustlgsten Blumen im Garten der christlichen Dichtung bleiben und den Airsspruch eines feinsinnigen französischen Schriftstellers rechtfertigen, der die heilige Theresia die „Sappho der Andacht" genannt hat. Seiner geschmackvollen Auswahl aus den Spaniern hat der Verfasser als zweiten Theil „Eigenes" hinzugefügt, obwohl er schon die gewandte Form seiner Uebcr- setzuugcn, die sich wie Originale lesen, fein „eigen" nennen kann. Er beansprucht übrigens keineswegs, eine eigene Richtung einzuschlagen, wenn er auch seine eigenen Wege geht. Er trägt keine Fahne voran und leistet auch keiner Gefolgschaft. Da er aus „allerlei Tonarten" singt, vernehmen wir Anklänge an manche uns bekannte, jedoch wieder in einer „eigenen" Weise. Von den bedeutendem Poeten der vergangenen Epoche, von denen viele seine Freunde waren, ist er nicht unbeeinflußt geblieben. In seinem Geiste haben sich aber allenfallsige Reminiscenzen wieder ganz anders und neu gestaltet, wie z. B. bei seinem letzten und ergreifendsten Gedichte: Die Säge. Dieses Gedicht steht aber nicht bloß durch seinen reichern Inhalt, sondern auch durch seine Form und den so angemessenen Schlußvers mit der Onomatopöie: „Die Säge, Säge, Säge" — weit über einem ähnlichen des JustinuS Keiner. Eines seiner interessantesten Gedichte, „Fliegende Blätter", erinnert in der launigen Art der Durchführung und besonders im Refrain etwas an Bärnngcr. Rosen, Schwüre der Liebe, politische Lorbeeren, Parlaments-Reden — werden fliegende Blätter genannt. Aber mit der Wendung, gleichsam mit der Moral des Gedichtes, können wir uns nicht einverstanden erklären. Es heißt: Du selber ja bist an der Menschheit Baum Ein Blatt nur, geschüttelt vom Winde, D'rum eh' er zerrinnet, der liebliche Traum, Ergreife, genieß ihn geschwinde! Ja, das sind aber, wieder fliegerzde Blüthen und Blätter, und noch viel weniger werth, als die genannten andern! Und wenn der Dichter dann sagt: „Und nm das Vergängliche gräme dich nicht!" so lag der Gegensatz sehr nahe, nämlich das Unvergängliche, worauf ein spanischer Dichter, besonders aus der frühern Zeit, ganz bestimmt hingewiesen hätte. Dagegen ist der Schluß, mit der launigen Hinwcisung auf unsere „Fliegenden Blätter", wieder ganz treffend: Und kommt dir die Welt absonderlich vor, So flüchte zum deutschen, zum Münchner Humor, Der macbt die Stirne dir glätter — Kind, reich' mir die „Fliegenden Blätter"! Außer den leichten Anspielungen auf Zeitverhült- nisse, die dieses Gedicht enthält, findet man sonst keinerlei politische Gedichte, am allerwenigsten die sonst üblichen Trompeterstücklein auf die neue Herrlichkeit des Deutschen Reiches. Debatte und kontroverse bleiben ihm gleichmäßig ferne, und seine Gedichte bewegen sich nur in den höhern Anschauungen der heutigen Welt und in der Sphäre zarter Empfindungen des menschlichen Herzens. Eine Anzahl Sonette, zum Theil Freunden gewidmet, unterbrechen die lyrischen Ergüsse. Der Dichter ist überhaupt ein Meister im Sonette, das er mit großem Geschick zu behandeln weiß. Das Elephantensonett S. 103 ist ein Muster von Neisehumor, und wurde dem Dichter Zur unwillkürlichen Neclame für den „Elephant" in Brixen, wie es der Besitzer nicht besser wünschen konnte: D'rum laß Dir rathen, Freund! Wenn Dieb ein Bleisack Von Sorgen drückt, so komm' hieher nach Brixen Und senk' ihn in das Flnthenbctt deö Eisak! Im „Elephant" laß Dir die Stiefel wichsen — Hier labt der Wein, hier dampft die feinste Schüssel, D'rum blüh' ihm Heil vom Schwänze bis zum Rüssel! In allen Liedern herrscht eine lobenswerthe Kürze und Deutlichkeit der Sprache, in der jede Ueberschwäng- lichkeit vermieden ist. O. Braun, der als langjähriger Chef-Redacteur der Allgem. Zeitung der neuern Orthographie den Zugang versagt hat, macht ihr in seinen Liedern Concessionen, indem er beim alten th das h weggelassen hat. In dieser wichtigen Schriftangelegcnheit sind wir der Meinung, daß man, statt die Sache amtlich und offiziell ordnen zu wollen, besser gethan hätte, auf die Autorität unserer zwei größten Sprachmeister hin, Platen und Nückert, deren gereinigte Orthographie anzunehmen und festzustellen. Religiöse und historische Kunst. (Schluß.) II. Unser Weg führt uns heute in das Atelier eines jüngern, aufstrebenden Künstlers von nicht gewöhnlicher Bedeutung, des Bildhauers Heinrich Wadcrä. Keine seiner Arbeiten nach dem Austritte aus der Münchener Kunstakademie zeigt den Charakter sogenannter 27 Erstlingswerke. Sie tragen sämmtlich bereits den Stempel ächter Kunst, einer sichern, selbstbewußten Kraft, die in allen ihren Fortschritten und Vildungsstadien nur etwas künstlerisch und ästhetisch Berechtigtes, sowie inhaltlich Fesselndes und Erhebendes, der Darstellung Würdiges, bietet. Aus der engern und tiefern Sphäre eines reinen Akademikers - und Darstellers antikisirender Naturalistik hat er sich bald in jene höhere eines begeisterten Pflegers der rein idealen historischen und religiösen Kunst emporgeschwungen. Dieses trifft nun — wie wir hier gleich bemerken wollen — erfreulicher Weise nicht bloß bei Waderö zu. Denn wenn selbst die begabtesten Künstler sich bisher selten von dem bei der großen Masse unserer „Kunstfreunde" so beliebten Culte jenes, wenn auch hie und da sublimirten, Genres des rein Sinnlich-Schönen (in neuester Zeit selbst des Unschönen und Häßlichen) zu emancipiren im Stande waren, — mochte sie nun die eigene Neigung oder die Rücksicht auf den Geschmack des kaufenden Publikums daran hindern — so macht sich gegenwärtig vielfach wieder das Streben nach befriedigender Lösung der höchsten und würdigsten Aufgaben eines gebildeten Künstlers, nämlich jener der religiösen und historischen Kunst, bemerkbar. Zu den frühern Werken Waderö's aus dem Gebiete des körperlich Schönen, der anmuthigen und ideali- sirten Natur, zählen besonders die mit antiker Empfindung durchgeführten Figuren der „Chloe", des „Knabe, nach der Libelle haschend," der „Psyche", Gebilde von hoher künstlerischer Vollendung und poetischem Reize. Brachte ihm doch die Chloe 1891 in Berlin die II. goldene Staatsmedaille, vom Kaiser verliehen, der Libellcnfänger auf der Münchener Jahresansstellnng 1890 die goldene Medaille II. Klasse ein. Doch dieses Kunstgenre, in dem er unbedingt Bedeutendes zu leisten im Stande wäre, genügt seinem höher strebenden Idealismus nicht. Er warf sich bald nach dem Austritt aus der Akademie auf das religiöse und historische Fach. Es entstand eine lebensgroße, rührende Katakomben- gruppe, „Die Geschwister", die nach unserer Meinung hätte leicht einen Käufer finden müssen; sodann ein größeres Relief, eine sehr glücklich concipirte und vortrefflich componirte Kreuzabnahme. Doch beide Modelle — die erstere Gruppe war schon so gut wie vollendet, das andere reifte der Vollendung entgegen — lagen eines Tages zu unserm größten Bedauern, vom Bildner selbst zu einem Thonhaufen zertrümmert, da. Andere kleine, kunstgewerbliche Aufträge waren eingegangen, und „für die zwei religiösen Darstellungen", erklärte der Künstler, „fände sich ja doch kein KäuferI" Es entstanden nun in rascher Folge kleinere und größere Arbeiten, weist auf Bestellung. So ein originelles Brunnenmodell für die Chicagoer Ausstellung; eine Statuette, Otto von Wittelsbach, in höchst charakteristischer Auffassung, welche, in Lebensgröße ausgeführt, das prächtigste Monument des berühmten Wittelsbachers abgeben würde; ein reizendes Neliefbild, die Madonna mit dem Christus- kind im Schoße, das den bescheiden herzutretenden Johannes liebkost, eine poetisch-anmuthige, malerisch abgerundete Komposition, von einem feinen, mit lieblichen Engelsköpfen besetzten Nahmen eingefaßt, nur der Christusknabe ist etwas zu irdisch-schön und üppig aufgefaßt. Ein zweites Marienbild, „saäas saxisntiaa", diesen Sommer im Glaspalaste ausgestellt, zeichnet sich durch Feinheit der Drapirung, besonders aber durch den ansprechenden jungfräulichen Liebreiz des schönen Kopfes der Madonna aus, fast im Gegensatz zu der vorgenannten, deren Antlitz bei geringerer Formenschönheit mehr eine tief empfundene Frömmigkeit ausdrückt. Die Bedeutung dieser weisesten Jungfrau als „Sitz der Weisheit", welche, mit niedergeschlagenen sinnenden Augen auf einem Renaissance- Throne fitzend, mit der Linken in dem — wieder etwas zu naturalistisch-schönen — Kinde die himmlische Weisheit selbst umfaßt, während sie mit der Rechten das mit dem Zeigefinger ein wenig geöffnete Buch auf das Knie stützt, dürfte dem denkenden Beschauer wohl sofort einleuchten. (Das Titelbild der Jahresmappe der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst zeigt keine Aehnlichkeit des Ausdrucks mit dem Originale.) Von strengster Stilisirung und dennoch künstlerisch freier Behandlung erscheint die Lourdes-Madouna Waderäs, ein Marmorbild von 1,90 m Höhe, welche nun in Ober- günzbnrg oberhalb der aufsteigenden Krcnzwegstationen als abschließendes Monument von der Anhöhe die Stadt und die nächste Umgebung beherrscht. Auf den ersten Blick glaubt man eines der ebenso gerühmten wie angefochtenen Beuroner Gebilde vor sich zu haben. Doch wird der Kenner bald gewahr, daß es neben der statuarischen Geschlossenheit, dem strengen Ernste und der idealen Vertiefung der religiösen Empfindung jener Schule durch eine größere plastische Fülle, eine etwas freier stilisirende Drapirung und einen mehr natürlich belebten Ausdruck der klassisch geformten Gesichtszüge sich auszeichnet. Ein anderes vortreffliches Steinbild religiösen Gcnre's ist ein ebenfalls für Obergünzburg gefertigtes Brunnenrelief, 1,50 in hoch und 1,5 na breit. Es stellt Jesus und die Samariterin am Jakobsbrnnnen dar. Rechts unter dem Eichbaume sitzt Christus, eine vornehm bewegte, macht- und schönheitsvolle Gestalt, voll sanfter Milde und göttlicher Kraft. Dieser Erscheinung entspricht das große Wort, das gerade den Lippen zu entschweben scheint: „Wüßtest Du, wer derjenige ist, der mit Dir redet, Du würdest ihn bitten, und er gäbe Dir lebendiges Wasser, das in's ewige Leben quillt." Erstaunt auf- und ihn anblickend hält die links vor dem Brunnen stehende Samariterin im Schöpfen inne, während hinter dem Brunnen die erstaunten Jünger, als vorderster der zornig dreinblickende Petrus, auftauchen. Das durch das Relief aus dem neben der Samariterin stehenden Kruge fließende Brunnenwasser symbolisirt das „lebendige Wasser" des Erlösers. Man kann den Obergünzburgern zu den genannten christlichen Kunstdenkmalen nur gratnliren, um so mehr, weil solche öffentliche monumentale Dokumente, die den Fremden sogleich belehren, daß er sich unter einem gut christlichen Volke, in einer Stadt, einem Markte mit christlichen und nicht heidnischen Bewohnern befinde, schon seit langem nur sehr vereinzelt errichtet wurden. Wie leicht der Hand unseres Künstlers auch die Darstellung des Erhabenen gelingt, das beweisen uns zwei kürzlich aus reiner Schaffenslust entstandene Thonmodelle zu Statuen eines hl. Petrus und Paulus, voll erhabenster Kraft und Würde, von freier plastischer und zugleich echt statuarischer Haltung, mit großem, klassischem Faltenwürfe, im Geiste der besten Meister der Uebergangs- zeit aus der Gothik in die Renaissance modellirt. Die Werke der Letztem dürften wohl überhaupt neben jenen der Frühgothik, bezw. der spätromanischen Periode, für die am Meisten nachahmungswürdigen Muster eines christlichen Bildhauers zu halten sein. 28 Doch die religiöse Kunst allein würde auch in einem Waders kaum ihren Mann ernähren, und auch er sieht sich, wie so viele andere gerade der gediegensten christlichen Künstler, genöthigt, mit in den Wettbewerb um die Gunst der weltlichen Muse einzutreten. So be- theiligte er sich als geborner Kolmarer nicht ohne Erfolg an einer kürzlich für sämmtliche in Elsaß-Lothringen ge- bornen Bildhauer ausgeschriebenen Coucurrcnz. Die Elsaß-Lothringer beabsichtigen nämlich, ihrem verstorbenen Landsmanne Herrn Charles Grad, der auch als Volksvertreter im deutschen Reichstag thätig war, wegen seiner großen Verdienste um Elsaß Lothringen ein würdiges Denkmal in seiner Heimathstadt Dürkheim zu setzen. Eingesandt wurden 10 Entwürfe, darunter mehrere von Pariser Bildhauern und Architekten. Die Juroren, zu denen unter andern auch die Maler Henner und Lix aus Paris zählten, sprachen laut Diplom Herrn Waders den „ersten Ehrenpreis" zu. Die Thonskizze zeigt das einfach monumentale, auf drei Stufen sich erhebende Piedestal von feinen harmonischen Verhältnissen, welches die porträtgetreuc charakteristisch aufgefaßte Büste Grad's trägt. Eine junge, frische Elsässerin hat die Stufen zum Sockel bestiegen, auf den sie mit leichter Bewegung heran- schreitend den Lorbeerkranz legt. Gegenwärtig modellirt der Künstler (ohne Bestellung) wieder eine lebensgroße Madonna. Es ist eine schlanke und feine, zur Jungfrau aufblühende Mädchengestalt. Die Hände über die Brust gekreuzt, das Haupt ein wenig gesenkt, kniet sie, von dem faltigen Betmantel umhüllt, in selige Andacht versunken, das Ideal einer „rosa in^stioa.". Das durch Schönheit der Linien und vollendete Proportion ausgezeichnete Antlitz ist von heiliger Andacht und entzückender Himmelslust zart belebt, welche auch den empfänglichen Beschauer unwillkürlich mit stimmungsvoller hl. Freude erfüllen. Festing. Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Neliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. Ungefähr in der Mitte der alten Heeresstraße von Nürnberg nach Augsburg liegt das in seinen Anfängen bayerische, später pfalz-neuburgische und nunmehr im Kreise Schwaben gelegene Städtchen Monheim. Da es gerade 1000 Jahre sind, daß dasselbe in Folge der Gründung eines Benediktinerinnenklosters durch eine bayerische Prinzessin und in Folge der Uebertragung eines großen Theiles der Reliquien der hl. Walburga zu großem Ansehen und weithin in alle deutschen Gaue verbreiteter Berühmtheit gelangte, so dürfte es als gerechtfertigt erscheinen, das gegenwärtige Jahr nicht vorübergehen zu lassen, ohne auch in diesen Spalten eine kurze Geschichte des Klosters und der hl. Reliquien vorzuführen. l. Anfänge des Klosters und Uebertragung der Reliquien: 893. Schon im Leben hatte die hl. Walburga große Verehrung genossen und nicht weniger nach ihrem 799 den 25. Febr. erfolgten Tode. In der Klosterkirche zu Heidenheim ruhten ihre Reliquien. Gegen die Mitte des 9. Jahrhunderts scheint jedoch diese Verehrung nachgelassen zu haben, wenigstens berichtet der Mönch Wolf- hard von Herrieden 9 (lebte um 870), daß den Bischof Otgcn?) in Eichstütt die hl. Walburga im Schlafe gemahnt habe, doch ihr Grab nicht so vernachlässigen und entheiligen zu lassen. Bald darauf, wahrscheinlich im Jahre 870?) entschließt sich der Eichstätter Oberhirte, die hl. Reliquien von Heidenheim, welches aus einem Benediktinerkloster in ein Canonikatstift umgewandelt worden war, ganz weg- und nach Eichstätt selbst bringen zu lassen. „Er sendete die Erzpriester Wallo und Adelung nach Heidenheim; auch den Ammon mit der Nonne Liubila ^) aus dem Kloster Monheim ^) ließ er mit ihnen ziehen, damit sie die hl. Asche der Jungfrau mit größter Sorgfalt erheben und mit Hymnen- und Psalmengesang in das Kloster nach Eichstätt bringen sollten. Diese aber vollzogen die glücklichen Aufträge auf ihrer gesegneten Reise, und unter himmelwärts klingenden Melodien der Glocken und den von überall zusammentönenden Wohllauten der geistlichen Gesänge erhoben sie die seligen irdischen Neste unter Frendenthränen aus dem Boden." °) In diesem Berichte begegnet uns zum erstenmal geschichtlich der Name Monheim, und zwar in Verbindung mit Liubila. Jedenfalls war aber damals, als Liubila zur Abholung der Reliquien aufgefordert wurde, in Mon- heim noch kein eigentliches, gestiftetes Kloster?), sondern nach den ältesten Quellen haben wir uns die Verhältnisse folgendermaßen zu denken: Liubila, welche sehr wahrscheinlich zuerst in Heidenheim am Grabe der hl. Walburga geweilt, begab sich mit ihren Gleichgesinnten nach Monheim, wo sie reich begütert war?) Hier lebten sie nun nicht in einem eigentlichen Kloster, sondern wir können sagen als Privatcongregation in kleinen Zellen (osllulas, wie sie im spätern Stiftungsbrief vorkommen) oder Klausen, welche sich um eine Kapelle gruppirten?) Das war an dem Ort, wo heute Vita s. >ValburAao nach der Ausgabe bei den L. L- 8. 8. Bollancl. I'sbr. III. x§. 525. Reg. v. 847-871. Popp, Anfang und Verbreitung des Christenthums xZ. 203 u. 217. Nach den verschiedenen Handschriften heißt sie auch: Lioba, Leoba, Luiwila, Lnibida, Hnbula, Luubnla. Ueber ihre Herkunft läßt sich ganz Bestimmtes nickt mittheilen; jedenfalls war sie verwandt mit Hildegard und Lnitpold, dem Stammvater des bayerischen KönigshauseS (et. XVoltdarä: äs mir. b. IValb. I. o. 539); Sunthem nennt sie geradezu ciueissa Lavar. (Imitisl. 8untdöm. moncwk. I'rano. bei Ocfcle II, 609.) °) Auch Monheim, Mannheim, Mouwenheim, Murwen- hcim, Monwenhcim. °) 6k. Snttner. Eichst. Past.-Bl. XVIII. Jahrg. x§. 218. ') Popp, Auf. u. Verbr. des Christenthums, sucht geradezu den Beweis zn liefern, daß es in den ältesten Handschriften ursprünglich statt ex monasterio illorvouboim: ox m. Ileiäon- Iwim gelautet habe; dem kann ich aber aus dem Grunde nicht beistimmen, weil es heißt, Liubila sei mit den andern beauftragt worden: abirs, ut saoros eineros olovarsnt,- das hätte keinen Sinn, wenn sie schon in Heidenheim bei den hl. Reliquien damals gewesen wäre. Daß sie aber vor ihrer Uebcr- sicdlung nach Monheim in Heidenheim gelebt, schließe ich daraus, daß gerade sie zur Erhebung der hl. Reliquien mitbeordert wird; sie muß also mit den Hcidcnheimer Verhältnissen vertraut gewesen sein; ferner daß sie einen so großen Theil der hl. Reliquien, gleich die Hälfte, für ihr Kloster erhielt, was sicher nicht der Fall gewesen wäre, hätte sie nicht als ehemalige Heidcn- hcimcr Nonne ein gewisses Recht darauf beanspruchen können. °) Im Stiftnugsbrief v. I. 893 werden als -ros ziroxrias xoksstaiis« Liubilens aufgeführt: „die Kirche mit alle» Ge- bäulichkcitcn, Hofe, Häuser, bebaute und unbebaute Ländcreicn, große und kleine Wälder, Wiesen, Weiher, Abflüsse der Weiher, Mühlen, Knechte und Mägde." Die Besitzungen waren also sehr weit ausgedehnt. ") Auch anderwärts sehen wir Klöster auf diese Weise vorbereitet werden durch diese oollnlcw und ihre Bewohner; so z. 29 noch die St. Peterskapelle in Monheim steht. Hier war es also, wo Liubila der ehrende Auftrag zu Theil wurde, die Reliquien der hl. Walburga in Heidenheim mit- zuerheben. In Eichstätt wurden die hl. Reliquien in feierlichster Weise in Empfang genommen und in der Kirche des hl. Kreuzes, bei welcher sich Canonissen (vermuthlich ebenfalls ehemalige Heidenheimer ") Benediktinernonnen) niedergelassen hatten, beigesetzt. Liubila weilte bei dieser Gelegenheit lange in Eichstätt, wohl aus Verehrung zur hl. Walburga, dann, weil sie schon damals ihre Herzensangelegenheit betreiben mochte, einen Theil der hl. Reliquien für Monheim zu erhalten, und sicher auch, weil sie von Heidenheim her noch manche gute Bekannte unter den Canonissen fand. Dieses lange Fernbleiben Liubilas von ihren Gütern in Monheim benutzten ihre habsüchtigen Verwandten und im Bunde damit andere Mächtige, um diese Besitzungen zu gefährden ") und an sich zu bringen; ja ein gewisser Waltheri bemächtigte sich thatsächlich eines Theiles davon.") Diesen Beunruhigungen gegenüber wählte Liubila zwei im frühern Mittelalter öfters vorkommende und gebräuchliche Mittel, durch welche sie Monheim vor den Fangschlingen Anderer sicher stellte. In einem Ergänzungsheft der Maria - Laacher Stimmen, die Ncliquienverehrnng behandelnd, wird Folgendes ausgeführt: „Weil man die Heiligen als Besitzer ihrer Kirche und des ihr zustehenden Grundbesitzes ansah, entstand .. die Sitte, diese Heiligen (d. h. ihre Reliquien) in Kapellen oder aus Grundstücke zu tragen, wogegen mächtige Herren einen Angriff planten. Als beispielsweise Graf Robert von Flandern 1074 die Güter zurücknehmen wollte, welche die Abtei Corbie von seinem Ahnen, dem hl. Adalhard, erhalten hatte, beschlossen die Mönche, die Reliquien dcS Adalhard auf die bedrohten Besitzungen zu tragen. So kamen sie auch zu einer kleinen Stadt in der Nähe von Tournay, welche Graf Robert eben belagerte. Kaum hörte dieser, die Reliquien seines Ahnherrn näherten sich, so eilte er ihnen entgegen, nahm den Schrein, brachte ibn mit seinen Hoflcutcn in die nächste Kirche und gab dort alles Geraubte zurück. Freudig kehrten die Mönche heim."") Damit haben wir das eine Mittel, das Liubila anwenden wollte, um ihr Besitzthum zu sichern. Und für sie lag es am nächsten und war auch am aussichtsreichsten, um Reliquien der hl. Walburga zu werben. Das that sie denn auch redlich, und um dieses Unternehmen durchzusetzen, wird sie auch in dieser Zeit von 870—890 eine würdigere Wohnstätte für die aufzunehmenden Reliquien an der Stelle, wo jetzt noch in Monheim die Pfarrkirche steht, erbaut haben, nämlich die Basilika, „fluas sita, est in donors Opitrcis eb Lalvatoris st Oomini n. (s. Olrr'i." Anfangs ging es hart und bereitete es B. beim Kloster Pillcureuth, dann bei Abenbcrg u. A. Zur Entstehungsgeschichte deS letztem sogt Suttuer: „Es konnte eellula eine der damals sehr gewöhnlichen Scklnsorien (Klausen) sein, in welcher nur einige sorores seelnsao wohnten, die daher auch eellitas oder cellitissae genannt wurden, und welche Zellen aus einer Kapelle mit daranstvßcndem Wohngebände zu bestehen pflegten." ">) 6tr. Popp, l. o. p§. 217—18. ") Wolfhard berichtet, dass diese Güter gefährdet wurden »proprer kemineuin imbeeiilitatis sexnm ot proptor lon§in- quitatsm, quia in alio looo in servitio Der apnst s. IVal- bur§ao Vir§. reichn!as stetsnta knit (seil. Liubila).- (Vita 8. IVaib. anotors anoiiMro.) >2) ».. alostsn, quao eiiutiscs stieitnr ,kinanelch qnarn .. iujnsts ablatam restonavit Valtberi.- (Stiftn ngSbrics.) °) 54. Ergänznngshest: Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien rc. v. St. Beissel 8. st. ihr große Schwierigkeiten eine günstige Zusage zu bekommen.") Nun kam aber Erchambold auf den Stuhl des hl. Willibald.") Er war, wie berichtet wird. Verwandter des Königs Arnulf; zum wenigsten war er ein besonderer Günstling") desselben und hatte schon verschiedene Beweise von dessen Gunst empfangen. Nun war aber auch Liubila Arnulf nahestehend und bei ihm gut angeschrieben; dadurch glückte daS Unternehmen. Liubila wandte sich zunächst an Erchambold, den Bischof von Eichstätt, und bot ihm an, wenn sie die hl. Reliquien erhalte, werde mit ihren Gütern ein eigenes Kloster gegründet und dem Bischof von Eichstätt übergeben. Da hier so hohe fürstliche Verwandtschaften hereinspielteu und es in der damaligen Zeit der Raublust für eine Diöcese mit eine Lebensfrage war, mächtige Beschützer gegen äußere Feinde zu haben, so wollte offenbar Erchambold ohne Vorwissen der fürstlichen Verwandten in dieser Angelegenheit nichts unternehmen, um dieselben nicht am Ende aus Begünstigern zu Feinden zu machen. Er schlug deßhalb Liubila's Bitte nicht direkt ab, sagte aber auch nicht zu. Liubila wußte jetzt, was sie zu thun hätte. Sie wendet sich an den König und dessen Räthe, was er dazu sage. Wolfhard berichtet: „Nachdem der Bischof in Betreff dieser Angelegenheit den Rath des Königs und seiner Hofleute erhalten hatte, gab er das Versprechen, die hl. Reliquien aushändigen zu wollen, und löste dasselbe auch zu gegebener Zeit ein."") Nachdem die neue Kirche zur Aufnahme der Reliquien fertiggestellt war und auch die darangebauten Klostergebüude ihre Vollendung erreicht hatten, sollte nun vorerst der erste Plan Liubila's, die Erwerbung der hl. Reliquien, zur Thatsache werden. „Im Jahre 893 nach der Menschwerdung unseres Herrn Jesu Christi, so beginnt ganz feierlich Wolfhard") den Bericht darüber, unter der glücklichen Regierung des erhabensten Königs Arnulf, eröffnete man das Mausoleum der hl. Jungfrau Walburga in der Basilika, in welcher sie unter Bischof Akarius begraben worden war. Zu diesem Zweck schickte der überaus weise und in allen Angelegenheiten scharfsinnige Bischof Erchambold seine gottesfürchtigen Archi- presbyter mit andern wohlverdienten Personen ab, ließ durch sie die genannten Gebeine der hl. Walburga aufsuchen, dieselben sodann mit der größten Sorgfalt herausnehmen und theilen, und (den einen Theil) mit höchster Ehrfurcht wieder beisetzen, so daß (der andere Theil) die lang ersehnten Reliquien an Liubila abgegeben und für immer ihrer Kirche bewahrt bleiben. Diejenigen, welche mit dem Befehle betraut waren, bestrebten sich beklommenen Herzens in aller Einfalt ihn auszuführen. Indem sie sich ganz der Barmherzigkeit des Herrn übergaben und unablässig in Psalmen- und Hymnengesang verharrten, gruben sie nach und fanden die zu erhebende Asche unserer seligen Mutter Walburga, wie von einer klaren Flüssigkeit benetzt (^nasi tsnui raaäs- ") »Liest prins tentansto stiküeilliinnm vieler Stur.- IVolÜ barst, vita L. >VaIb. 1. I, ex. 3, p§. 525. ") Regiert v. 882-912. ") Arnulf schenkt ihm anno 838 die Abtei Herrieden mit voller Gewalr über alle Klostergütcr; 889 den Ort Sezzi (Seitzen- mühl bei Hilpollstein), sowie einen grotzen Ferstdistrikt zwischen Biswang u. Weisscnbnrg ; 895 das Klösterlein Kirchanhauscnrc. Sax, Bischöfe u. NeichSfürsten PA. 20—21. ") Wolfhard. 1. o. I, 3 ibist. ") I. v. I, 3. 30 tuotos), so daß man davon den Thau ganz tropfenweise wegnehmen konnte." *0 Als sie nach ihrer Anweisung einen Theil der hl. Reliquien zur Seite gelegt hatten, bestatten sie den andern wieder. Die ganze Sache scheint ziemlich geheim vor sich gegangen zu sein, wurde aber doch bald in der ganzen Stadt bekannt und machte da sehr böses Blut, zumal da man glaubte der ganze hl. Leib komme nach Monheim. Erst als der noch übrige Theil wirklich als noch vorhanden gezeigt wurde, legte sich die Aufregung in Eichstätt. Nach Monheim ordnete sich indessen eine feierliche Prozession, 2 °) und mit ungeheuerm Jubel und Frohlocken wurde der kostbare Schatz dahin gebracht. Auf dem Wege und bei der Ankunft geschahen auch Wunder. „Als man zum Dorfe des hl. Bonifazius, welches Mulinheim (Mühlheim bei Mörnsheim und Solnhofen) genannt wird, kam, begegnete ein fallsüchtiger Knabe der heiligen Bürde, und unter dieselbe gelegt, erhielt er alsbald die ersehnte Gesundheit.^) Darnach verbreitete sich, wie die Begleitenden heute noch erzählen, an diesem Orte bei den Vorangehenden und Nachfolgenden ein überaus starker Wohlgcruch. Noch am nämlichen Tage wurde auch ein andrer Knabe, Rudolf mit Namen, durch Berührung der hl. Reliquien geheilt; ebenso erfuhr Liubila selbst in der Nacht nach der Ankunft der hl. Reliquien die Wunderkraft der hl. Walburga, indem sie von ihrem Podagra (vgl. die 20. Aum.) plötzlich geheilt wurde, so daß sie nun, die bisher in die Kirche getragen werden mußte, mit einemmal selbst ganz schnell dahin kommen konnte." 22 ) So war denn der eine Plan Liubila's geglückt: sie war im Besitze eines großen Theiles der hl. Reliquien der hl. Walburga. 22 a) Sofort sollte nun auch der zweite Plan verwirklicht werden, die eigentliche Klosterstiftung und Uebergabe an den Bischof von Eichstätt. Wirklich ist auch noch aus dem nämlichen Jahre der Stiftungs- brief des Klosters vorhanden. Da er für die Geschichte Monheims von großer Bedeutung ist, so mag wenigstens der Anfang in der Uebersetzung hier Platz finden: „Im Namen der heiligen und lebenspendenden Dreifaltigkeit. Kund sei allen Christgläubigen der Gegenwart und Zukunft, daß ich Liubila, unwürdige Nonne, mit meiner Schwester Gcrlinda und mit Rath und Zustimmung unserer geistlichen Schwestern Nuaouhilte, Diothilte, PcrhtSuinde und Hiltisuinde, geleitet von der Liebe zu Gott und zum Heile meiner Seele, der Kirche zu Eichstätt, welche zu Ebren des hl. Erlösers errichtet ist und wo der hl. Bekeuncr Christi Willibaldus ruht, und welcher gegenwärtig Bischof Erchenboldus vorsteht, die mir zu Eigen gehörigen Güter übergeben habe, nämlich die zu Moun- heim befindliche Kirche mit den hl. Reliquien und allen (Kloster-) Gebäuden, die Höfe und Häuser, sowie alles Dazugehörige mit den Ländereicn, bebauten wie unbebauten, größeren und kleineren Wäldern, Wiesen, Gewässern, Abflüssen, Mühlen, Knechten und Mägden, kurz Allem, was unser ist, so daß eS von heute an für künftig mit aller Deutlichkeit und Gewißheit dem Erlöser und dem hl. Bckcuuer Christi Willibald übergeben sein soll." ") Ist bemerkenSwcrth als die erste histor. Notiz von dem nunmehr in der ganzen Welt bekannten Oelfluß am Grabe der hl. Walburga. 2 °) Liubila konnte sich nicht daran bcthciligen, denn sie lag während dieser Tage an Podagra erkrankt in Monheim darnieder. (Wolfh., I. o. I, sx. 4, 526.) 2*) Wolsh., I. o. idicl. 2 -) Idick. 22 ») Dieser Theil war mindestens ebenso groß, als der, welcher sich jetzt in Eichstätt befindet; außer den Reliquien des hl. Leibes kam auch der Stab der hl. Walburga (samduta) nach Monheim, durch dessen Berührung 3 Blinde geheilt werden. Wolfh.. I. o. III. 2 PA. 537. Weiter wird dann darin bestimmt, daß die Nonnen die Besitzungen immer als Lehen zur Nutznießung empfangen sollen und ja Niemand anderer, daß dafür jede von den Klosterfrauen jährlich am St. Martinitag einen Pfennig auf St. Willibalds Altar in Eichstätt gebe. Liubila soll Aebtissin sein, nach deren Tod ihre Schwester, dann die übrigen; im Fall der Untauglichkeit oder Un- würdigkeit soll der Bischof eine andere aufstellen. Dagegen verspricht Bischof Erchambold für sich und seine Nachfolger, daß das Kloster als solches fortbestehen und niemals einem Kleriker oder Vasallen zu Lehen gegeben werden dürfe, sowie auch, daß nur gut Beleumundete und nur Adelige mit Vermögen aufgenommen werden sollen, damit sie dem Kloster nicht zur Last fallen.^) Die Urkunde, welche nicht mehr im Original, sondern in Abschrift vorliegt, ist unterzeichnet vom Bischof Erkenbald, Zwei Archipresbytern: Lampert und Eko, und 43 Presbytern; dann von Nuadpreht, dem aävoLLlus Liubilcns, und 27 andern fränkischen Zeugen, und endlich von 25 bayerischen Centgrafen.^) Wir sehen, es muß eine ganz hochansehnliche Versammlung gewesen sein, welche die Stiftung des Klosters Monheim mit Liubila als Aebtissin und die Uebergabe an den bischöfl. Stuhl Eichstätts bezeugt hat. Damit waren Liubila's lang gehegte Wünsche erfüllt. Das Jahr 893 hatte für Monheim die heil. N eliq uien gebracht und ließeS als gesichertes Bencdiktinerfrauenstift zu Recht erstehen: das wichtigste und einflußreichste Ereigniß für die ganze folgende Geschichte Monheims und zugleich, weil Bischof Erchambold, König Arnulf und dessen Verwandte Hildegard und Luitpold, sowie Liubila als bayer. Prinzessin soviel betheiligt sind, ein wichtiges Ereigniß für die damalige Eich- stätter, bayerische und deutsche Geschichte. Recensionen und Notizen. Kirchliche Baupflicht und kirchliches Bauwesen, nach den im Königreich Bayern geltenden Gesetzen und Verordnungen dargestellt von Ludwig Heinrich Krick, Pfarrer. Passau, Abt. 1893. 8°. VIII n. 232 S. 3 M. X Ein Kreuz für alle Pfründeinhabcr ist die Baupflicht an Kirche oder Psründegebändeu, sofern dieselbe an der Pfründe haftet. Wie viele Streitigkeiten, Verdrießlichkeiten, Schwierigkeiten und Zweifel sind daraus entstanden! Denjenigen nun, die mit dieser heiklen Sache zu thun haben, bietet der bereits rühmlich bekannte Verfasser einen durchaus zuverlässigen Fübrer, der über primäre und sccnndäre Banpflicht, über die Baupflicht aus besonderen NcchtStiteln, über den Gegenstand und Umfang derselben, sowie über die Conipetcnz znr Entscheidung von Streitigkeiten über die Baupflicht aus's genaueste insormirt. Der Verfasser handelt ferner vom kirchlichen Bauwesen, der obersten Aufsicht und Leitung desselben, von der Ueberwachung des baulichen Zustandes der Kirchen- und Pfründegcbäude, Wendung der Banfälle, Baufallschätzung und -Wendung bei Veränderung im Pfründebcsitz, von der Versicherung der Gebäude gegen Feuerschaden, von Neubauten, Hauptreparaturen u. f. w. Diese Inhaltsangabe allein dürfte genügen, die hervorragende Brauchbarkeit, ja Unentbehrlichkeit vorliegender Scknist, deren Benützung ein sorgfältig gearbeitetes Sachregister erleichtert, für Pfründcinhaber zu doknmentiren. Doch wird hiedurch „M. Permancder, Die kirchliche Baulast, 3. verbesserte 22) »I-Io liceutiam babeat illa Ldbatissa, sMrcao vsl iFnobilos Msilas in monaatorium intromittsrs .... ipss (Lpisooxns) . . talss sswxsr intromittat xusllas, qnas boni tsstimonii st uvbilss sint, st quas aliqnam sustoutatiouew oum suis proxrietatibus sanoto loeo iwpsrtlant.« 24) Vollständig wurde dieser interessante Stiftungsbrief zum erstenmale abgedruckt und erklärt im Eichstätter Past.-Bl. Jahrg. 1859 x§. 207 ff. 31 Auflage, bearb. von I. Niedle, Pfarrer. München. Stahl, 1890" keineswegs überflüssig, da letztere Arbeit die Verbindlichkeit der baulichen Erhaltung und Wiederherstellung der Cultusgebäude auch in ihrer bistorisch-gcnetischcn Entwicklung von den frühesten Zeiten der Kirche bis herab auf die Gegenwart darstellt und daher nicht bloß praktischen, sondern auch wissenschaftlichen Wertb besitzt. —s. Bildergrüße auö dem hl. Land. So ist ein Werk betitelt, das im Verlag von Otto Brandner, Charlotten- burg, in 14tägigen Zwischenräumen mit 30 Lieferungen ä 50 Ps. erscheint. Das Werk enthält 400 Originalillustrationen von dem Landschaftsmaler Harper, der während dreier Jahre sämmtliche in der hl. Schrift genannten Plätze, soweit noch Spuren anzutreffen sind, an Ort und Stelle aufgenommen hat. Schreiber dieses, der das hl. Land gleichfalls sckon bereiste, muß gestehen, daß die Bilder so naturgetreu sind, wie er sie noch in keinem anderen derartigen Buche gesehen. — Auch der Text ist von einem Kenner Patästina's, nämlich von dem protestantischen Theologen Dr. Geikie. Er schreibt einen sehr angenehmen Stil, hält sich im einfachen erzählenden Ton, fern von aller Schwulstigkeit und Ucbertricbenheit. Der Verfasser verräth großes Wissen in der Geschichte, Geographie, in der Bibel und Alterthum-kunde. Das „Einst und Jetzt" dieses Landes mit seinen Bewohnern, ihren Sitten und Gebräuchen kommt recht lebendig zum Ausdruck. Als einen Hanptvorzug vor allen anderen Werken über Palästina betrachte ich aber in dem genannten daö kultnr historische Moment; nach dieser Seite hin bietet cS soviel Neues und Interessantes, daß die Lektüre einen geradezu fesselt. — Aufgefallen ist mir nur, daß bei der Schilderung von Jaffa das großartige FranziSkanerllostcr, das wie eine mächtige Citadelle die Stadt beherrscht, so nebensächlich erwähnt ist und bei Namleh das dortige Fraiiziskancrüvspiz gar nicht. ES wäre zu wünschen, daß in den nachfolgenden Heften die Institute der Söhne des hl. FranziSkuS, welche doch seit Jahrbundcrten fast die einzige christliche Ehrenwache an den heiligen Orten bilden, die verdiente Berücksichtigung finden. Anton Weber, Albrecht Dürer. Sein Leben, Wirken und Glauben. Mit 11 Abbildungen. Ncgcnöburg 1894 (Friedrich Pustet). 115 S. 1 M. Ein hübsch ausgestattetes Werkcben, das sich durch Ilcbcr- sichtlichkeit und einen gefälligen Stil auszeichnet. Besonders anziehend ist der letzte Abschnitt über Dürers GlanbenSbekennt- niß, in welchem W. sämmtliche Zeugnisse, die für oder gegen die Katholicität Albrecht Dürers beigebracht worden sind, zusammenstellt und mit großer Ruhe und Objektivität bespricht. Gewiß wird jeder, der seinen Ausführungen gefolgt ist, ihm beipflichten, wenn er am Schlüsse sagt: „Es ist über jeden Zweifel erhaben, daß Dürer mit aller Wärme seines Herzens die allseitig ersehnte kirchliche Reform herbeiwünschte, und daß er mit manchem seiner Nürnberger Freunde das erste Auftreten Luthers begrüßte. Aber eS ist ebenfalls gewiß, daß Dürer sich nicht von der alten Lehre abgewendet hat und im Frieden mit der katholischen Kircke verstorben ist." Hatte doch Niemand mehr als Dürer selbst unter dem neuaufgekommencn Wahne zu leiden, daß die Kunst der Malerei „zur Abgötterei diene", und schon im Jahre 1524 beschwerte sich Dürer in einem Schreiben an den Nürnberger Rath bitter über den Undank seiner Mitbürger, den er um so drückender empfand, als er die vortheilhaftestcn Angebote der Signoria von Venedig und des Raths von Antwerpen aus Liebe zur Vaterstadt ausgeschlagen hatte. Um nicht müßig zu gehen, mußte er sich in seinen letzten Lebensjahren aus die Schriftstellerei verlegen, da nach Bildern keine Nachfrage mehr war. Erst lange nach seinem Tod brachten Kaiser Rudolf II. und der Bayernhcrzog Maximilian Dürers Namen wieder zn Ehren, indem sie hohe Preise für seine Werke bezahlten. Alles dies hat W. in seinem Büchlein näher ausgeführt und wir stehen daher nicht an, dasselbe allen jenen, die sich rasch über Dürer oricntiren wollen, aus's Beste zu empfehlen. vr. B. Sepp. * Der Breslauer Universitäts-Proscsfor vr. Probst läßt soeben bei Aschendorff in Münster ein umfangreiches Werk über die „Liturgie des 4. Jahrhunderts und deren Reform" erscheinen. Dasselbe bildet die Fortsetzung des im Jahre 1691 im gleichen Verlage von ihm herausgegebenen Werkes: „Die ältesten SakramentarienundOrdineö" und enthält eine aus den Schriften der großen Kirchcnvätcr geschöpfte Darstellung der Messe, wie sie seither nicht bekannt war. Ebenso werden die Motive und die Beschaffenheit der Meßrcsorrn in einer noch nicht einmal versuchten Weise behandelt. Pädagogische Vortrage und Abhandlugen. In Ver« bindung mit namhaften Schulmännern herausgegeben von Jos. Pötsch. Keuchten, Jos. Kösel. 1. Heft: Papst Leo XIII. und Kaiser Wilhelm II. über die Aufgabe der Schule in der heutigen Zeit. Von Jos. Pötsch. 32 S. 30 Pf. 2. Heft: Die Schule im Paradiese der Socialdemokratie. Von Heinrich Bals. 60 S. 50 Pf. v. Diese „Pädagogischen Vortrüge" erscheinen in zwanglosen Heften, jedes eine abgeschlossene Arbeit. Ihre Tendenz ist zeitgemäß, praktisch, katholisch. DaS eben erschienene 2. Heft nimmt seine Darstellung durchaus anS socialdemokratischen Schriften. So behandelt es den Kindergarten, die einzelnen Lehrgegenstände und die Erziehung nach socialdemokratischen Forderungen. Am häufigsten ist benützt Tonen (Kindergarten und Volksschule) und Bcbcl (Die Frau), aber auch andere, wie: Stern, Religion der Zukunft; Wille, Lehrbuch; Werra, Lesebuch u. s. w. Aus diese Weise wird der Leser schnell, praktisch und anschaulich in den Gegenstand eingeführt. Das Unternehmen verdient Unterstützung und Förderung. Die Glückseligkeitslehre des Aristoteles und des hl. Thomas v. A. Jnaugiiral-Dissertation von Sebastian Huber. Frcising, Datieren 1893, S. 96. Wer eine vergleichende Paraphrase von den Büchern I u. X der Nikom. Ethik des Aristoteles und den ersten 5 Quästionen der Thomistischen 8umma moralis universalis i. s. 8uw. tlisol. 1. 2 gu. 1—5 nebst üb. III der Summa, contra. Zentilss liefern würde, hätte nach Inhalt und Form geleistet, was unsere Dissertation anbietet. Höhere geschichtliche oder philosophische Gesichtspunkte sind aber darin nicht verwerthet worden, und den Anforderungen wissenschaftlicher Kritik und Unbefangenheit oder philosophischer Schulung ist nicht von Ferne entsprochen. In einem Punkte oder Theile eines großen Problems nur den Aristoteles an Thomas messen und dies noch dazu nach dem fast Heiterkeit erregenden Grundsätze (S. 2): „Thomas bekämpft Aristoteles überall, wo er ihn auf einem Irrwege ertappt, und huldigt ihm dort, wo derselbe die Wahrheit lehrt" — das ist Huldigung des naivsten Dogmatismus. Wir können darum den Vorsatz des Vers. (Vorwort), „die begonnene Arbeit fortzusetzen und über das ganze Gebiet der Ethik auszudehnen", nach dem Vorliegenden fast nur perhorrcsciren. Wer das ethische Wollen nickt im Zusammenhange einer Entwicklung der sittlichen Weltanschauung bieten kann, dem gebricht eS an philosophischer Kraft, und mit dem Willen allein ist hier nichts gethan. Wir empfehlen ihm, damit seine benutzten Autoren die Zahl 30 erreichen, angelegentliches Smdium von Wundt's Ethik und Paulscn'ö System der Ethik. Dadurch könnten ihm über Vieles die Augen aufgehen. vr. K. I. N. Ahle. VIII Oautiovss saoras vooibus asgualibus eoneinsnäas. op. 4. Von dems. VII vautiouss saoras vooibus inaogrialibus ooueinsnäas. ox. 5. Von dems. Vitamins äs 8t. Llo^sio, in 2 Ausgaben, op. 6 a und 6b. Regens bürg, Alfred Coppenrath'S Verlag. G Freunde echter und werthvollcr Kirchenmusik, besonders die Schüler und Freunde des Componisten, werden das Erscheinen obcngcnaniiter Gesänge freudigst begrüßen. Op. 4 enthält ein Voni sanoto Lpiritus, die Offertorien für daS Herz- Jesu-Fest, für die Feste des hl. Alcysius und des hl. Lau- reutius, eine Antiphon zur Prozession am Palmsonntage. Graduelle und Osfertorium für das Rosenkranzsest und, für Priester eine theure und fromme Erinnerung an die Ordination, das Respousorium: öain nou äieam vos sorvos. Partitur u. Singst. 2 M. Ox. 5 bringt ein Voni sauots Lpiritus für fünfstimmigen gemischten Chor (2 Teuöre), mehrere Offertorien und die Partitur von 12 vaisiboräoni, ohne Text, für die Vespern, welche sich durch Frische, Gedrängtheit und Wohllaut auszeichnen und vielen Chorregcnten sehr erwünscht sein dürsten. L- Hcinze nennt diese Werke „fein durchgeführte, durchweg nobel gehaltene Compositionen, in denen der polyphone Stil mit dem homophonen zu schönster Klangwirkung sich vereint." C. V. C. Nr. 1593. Part. u. Singst. 3.60 M. In op. 6 liegt eine Litanei zum hl. Aloysius vor, voll edlen Wohlklangs und inniger Melodien. Der Ausgabe op. 6 a, für zwei Vorsänger und sünfstimmigen gemischten Chor (2 Teuöre), würden wir den Vorzug geben; in der Ausgabe ox. 6d ist dieselbe 82 Litanei eingerichtet für zwei Vorsänger und vierstimmigen Männerchor. Part. u. Singst. 1,90 M-, resp. 1,60 M. Pros. Dr. Aemilian Schöpfer, Geschichte deS alten Testaments mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis von Bibel und Wissenschaft. Brixen, kath.-polit. Preßvcrein 1893. 1. Halbband. VIII n. 210 SS. -8. Die vorliegende Schrift konnte sich seit ihren! Erscheinen bereits mehrfacher Anerkennung von Seiten kirchlicher und kompetenter wissenschaftlicher Auktoritäten erfreuen. Ihr Haupt- vorzug liegt nach unserem Ermessen einmal in der auf dem Titel ausgesprochenen Tendenz, die biblischen Berichte mit steter Rücksicht auf die natürlichen Grenz- und Hilfswissenschaften der Schristkunde zu behandeln, sodann in der Art und Weise, wie ihr dies in der Form eines theol. Lehrbuchs gelang. Der Plan und die leitenden Gedanken der hl. Geschichte erscheinen in einer tiefen Auffassung, treten bestimmt hervor und werden bei aller Schlichtheit und Kürze der Darstellung, die ein Lehrbuch erheischt, in anziehender und geistreicher Form gegeben. Wir stimmen dem Verfasser vollständig bei, wenn er cS als eine Pflicht der Vertreter der alttestamcutl. Heilsgeschichte erachtet, gerade jene Punkte stets im Auge zu behalten, an denen der Fortgang der Forschung in Geschichte, Naturwissenschaften und Kritik werthvolle Bestätigungen oder Ergänzungen der biblischen Berichte liefert, aber auch jene, an denen auf Grund angeblicher Resultate, welche hergebrachten Auffassungen des biblischen Wortes in mehr untergeordneten Fragen gegensätzlich gcgenübcr- treten, ein Hauptvorstoß gegen die Göttlichkeit und Glaubwürdigkeit der hl. Urkunden gewagt wird. Gewiß würde die theol. Wissenschaft an lebendiger Fühlung mit den berechtigten Bewegungen der Zeit verlieren, und „würden die Theologen gegen ihr eigenes Interesse handeln, wollten sie von der Forschung und deren Resultaten sich abschließen" (S. 01), andererseits aber bedürfen die Richtungen der modernen Forschung ganz besonders auch aus dem Grunde fortwährender Kontrolle, damit der Clcrus nicht rath- und wehrlos gegenüberstehe einer negativen Kritik, die heutzutage selbst in dem entlegensten Ge- birgSdorfe ihren Nachhall finden kann. — Der bis jetzt erschienene erste Halbband behandelt in drei Abschnitten die Urzeit, die Geschichte der Patriarchen und die Schicksale Israels vom AuSzug aus Aeghpten bis zur Besitzergreifung de-Z gelobten Landes. Bei der Absicht des Verfassers mußte selbstverständlich die Darstellung der Urgeschichte sich zur schwierigsten Partie gestalten. Besonders angezogen hat uns bei kontroversen Fragen die Präcision und Uebcrsichtlichkcit, womit unter Benützung der beachtenswerthesten Literatur z. B. in der Frage über die Ausdehnung der Sintfluth die verschiedenen Ansichten formulirt, die begründeten von den rein hypothetischen geschieden werden und der eigene Standpunkt des Verfassers seine Motivirung findet. Die Art und Weise, wie der Verfasser die pragmatische Geschichte mit der Eiuleitungswissenschaft in die Schriften des alten Testamentes verbindet, zeigt am Ende dcö Halbbandcs die Kritik der Wellhausen'schcn Beurtheilung des Pcntateuchs. — Wir werden uns kaum täuschen in der Annahme, daß das gediegene Lehrbuch wie alles Gute und Brauchbare sich selbst Bahn brechen werde. Möge es nur dem rührigen Verfasser, welcher leider seit längerer Zeit an einem hartnäckigen Augenübel leidet, vergönnt sein, dasselbe recht bald in voller Gesundheit zu vollenden. Heldenlieder, von Alb. West ermann. Verlag von Hofer und Bürger in Zürich. Preis 60 Cent. * In elfter Auflage liegen unö Westermann's „Heldenlieder" vor, welche die Heldenthaten der Eidgenosse» bei Mor- garten, Laupen, Sempach, Näfels, St. Jacob und Marignano verherrlichen. Die Lieder, welche natürlich in erster Linie für die Sckweizer berechnet sind, beobachten historische Treue und sind Musterbilder poetischer Schlachtenmalerei. Ihre Lectüre bietet auch dem Nichtschweizer Genuß. Bach mann Fr., Was ist Krankheit und wie heilen wir? 8° p. XVIII -s- 142. Berlin, H. Steinitz 1894. M. 2.-. zp Das Buch will ein Versuch sein, unsere empirischen Heilmethoden wissenschaftlich zu begründen. Angeregt dazu wurde der Verfasser, wie er selbst bezeugt, durch den so häufigen Widerspruch der an der Schule erlernten theoretischen Kenntnisse mit der Praxis. Leser, willst du den Standpunkt deS Verfassers dieser Schrift kennen lernen, dann rathe ich dir einfach, das sehr interessante Buch zu lesenI In Kürze läßt sich das nicht sagen. Daß Alle in Allein mit dem Verfasser übereinstimmen, ist nicht möglich, auch nicht nothwendig, wäre auch keine gute Empfehlung für Originalität und sclbstständigeDcnk- thätigkeit. Der Inhalt des BuchcS ist reichhaltig und praktisch, und möge sich Niemand durch den etwas philosophischen Titel abschrecken lassen, das Werk einer prüfenden Lectüre zu unterziehen. Birnbaum M-, Die Kneippkur: Die Wasserkur des Pfarrers Kneipp, ärztlich beleuchtet und beschrieben. Berlin-Leipzig, H. Steinitz 1893. (5. Tausend.) 8° SS. 88. M. 2.—. -> Rabbi Jannai, so erzählt der Talmud (Sabbat 103), hatte den Mar Ukba ersucht, ihm eine von den Augcnsalben des berühmten Arztes Samuel zu schicken. Der Erbetene antwortete: „Damit du mich nicht für ungefällig haltest, erfülle ich deinen Wunsch, kann aber nicht umhin, dir noch ein besseres Recept anzurathen, das von demselben Arzt hcrrübrt, nämlich seine Regel: Ein Tropfen kalten Wassers am Morgen, das Waschen von Händen und Füßen am Abend ist wirksamer als alle Augensalben der Welt." Diesem Grundsätze huldigt in neuer Zeit auch Pfarrer Kneipp, dessen Wasserkur unanfechtbare Erfolge ausweist, fodaßPindarsWort'^c-arc,-- heute doppelt hoch steht. Alle Bücher, die im Zeichen deS Wassermannes erscheinen — und deren Zahl ist bereits Legion — können auf einen großen Absatz rechnen, so bedeutend ist die Bewegung für nrzneilose Kuren. Vorliegendes Heft stellt das KaUwasserbcilvcrfahrcn in ruhiger, objckiiver und allgemein verständlicher Weise dar, und kann allen Interessenten zur Orien- tirung gut empfohlen werden. Literarische Rundschau f. d. kathol. Deutschland. Hcrdcr'schcr Verlag. Preis per Jahr 9 M. (12 Nummern.) * Im Dczemberhest nimmt der bisherige Redakteur Pros- Dr. C. Krieg von den Lesern Abschied. Er ist durch Erweiterung seiner Lehrtätigkeit genöthigt, die von ihm seit neun Jahren geführte Redaktion niederzulegen. An seine Stelle tritt Herr Professor Dr. G. Hoberg, eine vorzügliche Kraft, welche Gewähr dafür gibt, daß das hochangcschcue Organ feinen wissenschaftlichen Charakter in der Richtung ernster Kritik beibehalten und auch ferner ein „möglichst zuverlässiges und vollständiges Spiegelbild der literarischen Gegenwart, zumal nach der kathol. Seite hin" bieten wird. — Das Dczemberhest der Lit. Rundschau brachte n. A.: Kunstgeschichte (Kelchncr, Donner- v. Richter, Galland, Firmcnich-Nichartz). — Feine, Eine vcrcauonische Ueberlieferung des Lucas. (Schanz.) — Brandscheid, Xovnm Nootamsntnm Zraoeo ot latius. — Brandschcid, Handbuch der Einleitung ins Neue Testament. — Cathrein, Moralphilosophie. — Canct, Im libsrtö cko oorweieneo. (Jeilcr.) — Nottmanner, Predigten und Ansprachen. (Kcpplcr.) — v. Hcrtling, Natur- recht und Socialpolitik. (Natziugcr.) — Schanz, Geschichte der römischen Literatur. (Scibel.) Kirchenmusikalische Vicrtcljahrsschrist. Herausgegeben vom Salzburger Diöcesau-Cäcilienvcrcin. Salzburg, Verlag von Math. Mittcrmüllcr. Jahrcsprcis 2 Mark. Inhalt des IX. Heftes 1893: Das liturgische Hochamt. Die Choral - Nesponscricn. Fortbildungscurs in Salzburg. Recensionen rc. rc. Unter dem Titel „Unser HauStheater" ist» wie Herr Dr. Holland schreibt, abermals von M. Zenner eine Sammlung erschienen (München 1894 bei E. Stahl zum), welche sich in würdigster Weise an das schon 1877 bekannt gewordene, gleichnamige Bündchen anschließt. Das sind niedliche Dramen, für kleine Leute leicht ausführbar, theilweise in Prosa und in flüssigen Reimen abgefaßt, von ächtem Humor getragen, welchem gleichwohl ein ernsterer Gehalt zur Seite geht. Im ersten Stück erscheint der leibhaftige Kafperl als Arzt, kurirt die verzogene „Prinzessin Bumphia" und erhält dafür von den! gerührten Papa König die Hand der Prinzessin und damit die Nachfolge im Lande der Birmanen. Das zweite Stück „Tausendschönchen" ist ein lustiges Märchcuspiel mit komischen Verwandlungen und sinnreich-ernster Lösung. Manch' namhafter Dichter könnte diese Dramen ihres sicheren Erfolges halber beneiden: Wo sie über die Bretter gingen, haben sie immer ein dankbares Publikum erobert! (Ladenpreis 80 Pf.) Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. klln. 5 1. Fedrilnr 1894. Palestrina. Zu seinem 400jährigen Todestag nach seinem Leben und Wirken geschildert von 61. Wer nur wenig versteht von Musik und Gesang, kennt den Namen Palestrina, der eigentliche Kenner der Musik, der kirchlichen Musik besonders, freut sich, so oft er diesen Namen hört, und er opfert Zeit und Geld, wenn er eines der staunenswerthen Musikwerke dieses Meisters anhören kann. Anfang Februar d. Js., am Lichtmeßtag, werden es 400 Jahre, daß der große Ton- künstler, der Meister von Gottes Gnaden, von seinem Gott aus diesem Leben abberufen wurde, und nicht soll dieser Tag vorübergehen, ohne daß auch in diesen Blättern seiner gedacht wird, seines Lebens und seines Wirkens. Giovanni Pierluigi wurde geboren zu Palestrina, dem alten Präneste — und nannte sich selbst von seiner Vaterstadt Pränestinus oder da Palestrina, wird gewöhnlich deßhalb einfach Palestrina genannt — und zwar von armen Eltern. Sein Geburtsjahr ist nicht bestimmt ausgemacht, wie wir dies oft bei berühmten Männern finden. Es schwankt sogar zwischen 1514 bis 1529 ; das wahrscheinlichste ist, anzunehmen, daß der Meister das Licht der Welt erblickte entweder im Jahre 1514 oder 1515. Zum Beweis hiefür sei eine Aufschrift angeführt, welche auf dem Nahmen eines Porträts des Meisters sich befindet, das im Archiv der päpstlichen Sänger in Nom aufbewahrt ist. Dieselbe lautet: „ckoannos kstrus ^.lo^sius kräneotinus, Lluoioas krinosps, 8u5 llulio 111. xrius ormtor, mox salz kio IV. rnoäulator pcmtiüoirw, latsranas 6b lifisrianao, ckamuin fiis vulioanao fiasilioas oapollas maxister. Odilb IV. läus Psdruarii LIOXOIV. vixit proxs ootoAenarnm; sopulbus 68b 8ufi Luoello vutiouuo 8t. Lirnonio 6t lluäa.6." Auf welche Weise er zur Musik hingezogen wurde, auch hierüber sind die Autoren nicht einig. Nach dem einen wurde er in Nom einfach von einem Capellmeister abgefaßt, dem die Stimme des Knaben sehr gefiel; nach dem andern bildete ihn ein gewöhnlicher Lehrer aus, weil er mit ungemein großem Gefühle die Kadenzen bei einer Aufführung begleitete; wieder nach andern hätten ihn die Eltern von Anfang an zur Musik und zum Gesang bestimmt, weil Sänger und Musiker zu jener Zeit von den italienischen Höfen sehr gesucht waren und nach den Verhältnissen jener Zeit auch gut bezahlt wurden; nach einer anderen Version berief ihn Cardinal Giovanni del Monte, der 1543—1550 Bischof von Palestrina war, alsbald nach seiner Erhebung auf den päpstl. Stuhl als Julius III. nach Rom, kurz und gut: Palestrina kam ungefähr um das Jahr 1540 nach Rom und wurde 11 Jahre darauf unter Papst Julius III. als Lehrer in der Capella Giulia im Vatikan angestellt mit dem Titel eines Kapellmeisters, Navstro cli Oaxvlla, äollrr 5 a- 8i1ioL Vatioana,. Er war der Nachfolger Arcadelts, welcher wohl einige Zeit sein Lehrer gewesen sein dürfte. Schon drei Jahre darauf ließ er einen Band vierund fünfstimmiger Messen drucken und widmete dieselben dem Papste Julius III. Zum Dank hiefür berief ihn der hl. Vater in das Kollegium seiner Sänger, obwohl durch diese Berufung zwei Grundprincipien dieser Gesangesschule durchbrochen wurden, nämlich: die Vorschrift, eine strenge Prüfung abzulegen, und die Ehelosigkeit der Sänger. Palestrina war nämlich verheiratet — zudem bestand der Sängerchor der genannten Schule allermeist nur aus Klerikern. Als Papst Paul den Stuhl des hl. Petrus bestieg, wurde Palestrina nebst zwei andern alsbald aus der Gesangsschule entfernt, eben weil er verheiratet war, und er erhielt eine monatliche Pension von sechs Scudi. Der Meister selbst wurde schwer krank auf diese Entfernung hin, er hatte Familie, ein Einkommen von monatlich sechs Scudi, Umstände, die ihn sehr niederbeugten. Zu seinem Glück fand er bald wieder eine Stelle in der Lateranensischen Hofkirche, allwo er 5'/z Jahre thätig war und sehr viel componirte; eine Menge von Bänden herrlicher Werke entstand damals. Hervorzuheben sind hieraus besonders ein Band vierstimmiger Lamentationen des Jeremias und ein Band Magnificat für fünf und sechs Stimmen, desgleichen die Jmproperien und das achtstimmige ornx fiäslis. In diesen Musikwerken, besonders in den Jmproperien, ist geradezu alles aufgeboten, was Kunst und Natur vermögen. „Die Kunst", sagt Baini, „schien bei den wenigen einfach andächtigen rührenden Accorden gleichsam durch die Natur, und diese bei der seltenen Wahl der nnge- kannten Mittel wieder durch jene übertroffen". Emil Naumann sagt ferner über die gleichen Werke in seiner Musikgeschichte: „Der Meister zeigt in diesen Schöpfungen, wie kein anderer vor oder nach ihm, daß der in Wahrheit von Gott begnadete Genius gelegentlich auch ohne Anwendung reicher Mittel oder hochentwickelter Kunst- formen zu den erschütterndsten und unvergleichlichsten Wirkungen zu gelangen vermag." Ueber das prachtvolle „l6Q65ra,6 Iaota.6 8unb" sagt speziell der gleiche Musikkenner: „Es ist nicht möglich, mehr Schönes, Ergreifendes und Contrastirendes in nur siebeuundzwanzig Takte zusammenzudrängen, als Palestrina hier gethan! Wie erschütternd wirkt, nach dem ruhig in die Dunkelheit hinabsinkenden T°6Q65ra6 laotao ount, der mit bewegten Stimmen und stark einschneidenden Modulationen auftretende Wehrnf: äum orueifixisZonb llevurn lluckuei! Welcher Antheil und welcher Schmerz in den sich anschließenden Worten: oxalanravit llsous vooo iriaZna; wie sanft ergeben und duldend dann die Frage: „mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Welche einander überbietenden Klagen in dem Terzett der den Chor ablösenden drei weiblichen Stimmen endlich, die uns die am Kreuze weinenden heiligen Frauen gleichsam mU leiblichen Augen erblicken lassen; und welch' eine erhabene und tiefe Trauer in den den eintretenden Tod des Erlösers schildernden und im Pianissimo ersterbenden Tönen, mit denen der Chor das Sätzchcn beschließt." Ja in That und Wahrheit, das ist Musik, wie sie der hl. Bernhard verlangt, wenn er sagt: „oantuw oi iusrit, xlenns t Ai'Lvitats, nee laooiviaw. rssonst, noo rrwtüoatvm, sio 8Ug.vi6, ub non Isvio; sia uruleeat aur63, nb vaoveat: ooräa." Papst Pius IV. selbst ließ sich von seiner Kapelle diese Jmproperien aufführen und legte das Geständniß ab, daß seine Erwartungen vollauf übertreffen seien. Palestrina's Ruhm wuchs und er wurde im Frühjahr 1561 Kapellmeister der liberianischen Hauptkirche zu Nom, genannt Sta. Maria Maggiore. .Hier wirkte er volle zehn Jahre, hier gelangte er in den vollen Besitz 34 der Kunst und ist diese Periode die glänzendste seines Wirkens und Schaffens als Tonkünstler. Das Concil von Trient, das sich bekanntlich auf das eingehendste mit einer rctoimatio in caxitc sd mornlzris beschäftigte, that dies auch betreffend den Kircben- gesang und die Musik und stellte den Satz auf, daß stets darüber strenge gewacht wird, daß „ab ecclcsüs ruusicas sas, ul>1 sivs or§auo, sivs cautu lascivuru ant im- xurniu alic^uiä uiiscstur — arcsaub." Der hl. Stuhl wollte eine einfachere Compositionsweise, als sie durch den figurirten Stil der Niederländer in den Kirchen der katholischen Christenheit üblich geworden war, er wollte größere Deutlichkeit und Verständlichkeit des gesungenen Texteswortes, als eine solche bisher bei einer großen Anzahl von vielstimmigen Kompositionen, darunter namentlich von Messen, möglich gewesen. Palestrina erhielt den Auftrag, nach diesen Wünschen eine Messe zu componiren, er kam dem Wunsch mehr nach als er gestellt war und schrieb drei Messen, deren letzte er zum Andenken an den ihm wohlwollenden Papst Marcellus „LIissa kaxas Narcslli" nannte. Bei den ersten Aufführungen errangen alle drei Messen Erfolg, die letztere aber einen derartigen, wie einen solchen der bescheidene Meister nicht erwartete. Pins IV. sagte nach der ersten Aufführung dieser Messe: „Dies sind die Harmonien des neuen hohen Liedes, welches einst der Apostel Johannes in dem jubelnden Jerusalem gehört hatte, von welchem ein anderer Johannes uns eine Idee in seinem wandernden Jerusalem gibt." Bekanntlich ist gerade diese Messe heute noch ein Triumph der musikalischen Kunst. Palestrina setzte diese Messe, wie die genannten zwei andern, sechsstimmig, nämlich für Sopran, Coutra-Alt, zwei Tenöre und zwei Bässe. Der allgemeine Beifall, den dieses Meisterwerk Palestrina's fand, veranlaßte Pius IV., den Meister auszuzeichnen, und er schuf für ihn den Posten eines Tonsetzers der päpstlichen Kapelle, ein Titel, den Palestrina beibehielt bis zu seinem Tode und den nach ihm nur noch ein Einziger erhielt. Auch wurde seine Pension erhöht, so zwar, daß er von jetzt an monatlich elf Scudi als solche erhielt. Es wurde schon die Frage aufgeworfen, warum der Papst Palestrina nicht den Titel eines Maestro der päpstlichen Kapelle verliehen habe, ein Titel, den er schon vorher geführt und der bei allen angesehenen Kapellen damals üblich war? Die Antwort ist leicht. Dieser Titel kam bei der päpstlichen Kapelle von jeher nur einem Prälaten zu und war dieser Titel mit besondern Auszeichnungen verbunden. Palestrina aber war ein Laie und zudem verheirathet, von dem alten Princip aber konnte nicht gut abgegangen werden. Ganz kurze Zeit nach seiner Ernennung starb Pius IV. und nun glaubten die Kollegen Palestrina's, daß letzterer wieder entfernt werden könne, allein sie täuschten sich, denn Pius V. und seine Nachfolger ließ Palestrina und seinem großen Genie Gerechtigkeit widerfahren, er blieb in seinem Amte zum Wohle und Stolze der Kirche und der Kirchenmusik. König Philipp II. von Spanien hat große Verdienste sich erworben betreffend die Verherrlichung des Gottesdienstes in seinem Reiche, besonders auch betreffend die Kirchenmusik speziell in seiner Hofkapelle zu Madrid. Aus diesem Grunde wurde Palestrina aufgefordert, dem Könige seine Messe kaxas NarcsIIi zu widmen, was der Meister auch gerne that. Er fügte noch andere Messen, vier- und fünfstimmige, bei und setzte eine sehr bescheidene Dedikation voraus, der wir folgende Worte hier beisetzen : „Owavissiworum st rsliAiosissiworuraliomimiin sscutus Consilium, aä sauctissiraum Llissas sacri- siciuur uovo ruoäorum Asnsrs äscoranäum oiuus msum stuäiunr, oxsram inäustriawgus contuli. Von seiner Llissa I'axas Llarcslli aber sagt er in der Dedikation: „lros iu§suii rusi couatus uou Huiäsw xriruos, ssä tarnen Isliciorss, ut spsro, luas wajsstati xotissinium inäicanäos sxistirnavi." Nahezu zu gleicher Zeit widmete unser Meister auch dem Cardinal Hippolyt d'Este, Herzog von Ferrara, einem begeisterten Anhänger guter Kirchenmusik und ebenso hochherzigen Beschützer derselben, einen Band fünf-, sechs- und siebenstimmiger Motetten, und auf's neue dem König von Spanien einen Band weiterer Messen, acht an der Zahl. Von Interesse mag sein, daß der Meister sich damals beklagte, daß die Tonsetzer seiner Zeit oft unzüchtige Gedichte wählen, um Musik dazu zu schreiben, ein Beispiel, dem er niemals folgen werde, zumal bei seinem gereiften Alter — matura jam st vsr-Asnti all ssniuin astats. Hier mag die Bemerkung gestattet sein, daß Palestrina als ganz jugendlicher Komponist mit mehreren Madrigalen wegen der mitunter anstößigen Dichtung Anstoß gab. Er bereute aber dies als einen jugendlichen Fehler, was aus einer Dedikation der (lautlos, canticorum an Papst Gregor XIII. hervorgeht, worin es heißt: „st orulissoo st äolso, seä yuauäo xrastsrita inutari uou xossunt, uoo isääi ivtscta, g!uas tacta säur siut, Consilium rnutavi", und an einer andern Stelle: „sx gas autsur si coZitars cosxi, Quantum iu wusica xrokscisss cxistirnarsr, äscrsvi toturu äivinis lauäidus cou- sscrai-s." Und Palestrina hielt fein Wort getreu. Nachdem im Jahre 1571 der Kapellmeister zu St. Peter im Vatican mit Tod abgegangen war, übernahm Palestrina auf vielseitiges Ersuchen diese Stelle, obgleich er dadurch die Hälfte seines Monatsgehaltes einbüßte, den er bei der Hauptkirche Sta. Maria Maggiore bezog. Er war jetzt Compositore der päpstlichen Kapelle und zum zweitenmale Kapellmeister in der vatikanischen Hauptkirche. Zu gleicher Zeit erhielt er auch die Stelle im Dienste des hl. Philipp Neri, des Stifters der Väter vom Oratorium, welcher einer der eifrigsten Förderer der Kirchenmusik zu damaliger Zeit war und dem Palestrina schon längere Zeit mit inniger Frömmigkeit anhing. Die Jünglinge des Oratoriums hatten schon längere Zeit die Werke Palestrina's mit größtem Eifer einstudirt und aufgeführt und begrüßten mit größter Freude sammt ihrem Führer diese Ernennung. Trotz seiner Doppelstellung war es dem riesigen Fleiße des Meisters dennoch beschieden, auch in dieser Periode seines Lebens eine sehr große Fruchtbarkeit zu entfalten, indem er mehrere Sammlungen von Messen und Motetten herausgab. Von letztem sind besonders der Erwähnung werth: „kuit lroiuo missus a Oso", „Irasc äiss yuana kocit Oo- miuus« und „o bollc 5ssu cxauäi wo". Zu gleicher Zeit errichtete er und leitete mit dem Kapellmeister Nanini eine Musikschule in Rom, die erste, die von einem Italiener dort errichtet wurde, die vorzügliche Meister hervorbrachte und welche durch die Pflege des Palestrina- stils einen beinahe hundert Jahre lang andauernden und für ganz Europa bestimmenden Einfluß auf die Verbreitung dieser Satzweise ausübte. Zu all diesen Geschäften übernahm er auf Befehl des Papstes Gregor XIII. mit seinem Schüler Guidetti die Verbesserung des Graduelle und des Antiphonars, einen Auftrag, dem er innerhalb dreier Jahre, zurückgezogen von der Welt, in seiner einsamen Wohnung nachkam. Nach Ablauf dieser Zeit widmete er dem Papste „das hohe Lied Salomons", 29 Motetten, in denen alles nach dem Bericht eines vorzüglichen Kenners „groß und erhaben, kunstvoll und gemüthvoll, neu und interessant ist und rührend und überraschend wirkte". Er erhielt in Folge dessen den Titel: kriuoips ciaila Llnsion, eine Auszeichnung, die vor ihm keinem Musiker zu Theil geworden war. Sofort ließ der Meister einen zweiten Band Motetten folgen, im gleichen Stil gehalten. (Schluß folgt.) Die Encyklika über das Bibelstttdinm. Das päpstliche Aktenstück von» 18. November d. Js., das in Form eines Rundschreibens an den gesammten katholischen Episkopat das Studium der heiligen Schrift behandelt, ist ein hochbedeutsames Dokument, bestimmt und geeignet, eine neue Aera der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Bibel in der katholischen Kirche zu eröffnen. Der Eingang der Encyklika „kroviäantissiurug Darm" geht von dem Wesen und Grundcharakter der Schrift aus, um aus diesem ihren Werth und die Nothwendigkeit ihres Studiums zu begründen. Die heilige Schrift ist die eine Quelle der göttlichen Offenbarung: daher ihre Würde, daher ihre Stellung im theologischen Studienplan, daher die Nothwendigkeit und die Berechtigung, das Bibelfach zum Gegenstand intensivster gelehrter Thätigkeit zu machen. Der hl. Vater erkennt an, daß besonders in der Gegenwart es nicht an katholischen Gelehrten fehlt, die die bibliologische Literatur mit schätzbaren Beiträgen bereichert haben, erklärt jedoch ausdrücklich die Vermehrung dieser Fachgelehrten, namentlich aus dem geistlichen Stande, für höchst wünschens- werth. Das Studium und die gelehrte Behandlung der hl. Schrift den Zeitbedürfnissen anzupassen, ist der besondere Zweck der Encyklika. Der an das Exordium sich anschließende erste Theil der Encyklika bespricht die Bedeutung der Schrift für die gesammte Pastoraldidaktik, also ihre homiletische, katechetische und mannigfache paränetische Verwerthung. In erster Linie und immer wieder soll der Prediger die hl. Schrift im Munde führen, aus die Schrift sich berufen, durch die Schrift begründen, die Schrift inter- pretiren; die Schrift, gleichsam ein Ausfluß des göttlichen Hauches, wird seinem Worte mehr als menschliches Gewicht und Ansehen verleihen: der Schrifttext gestattet ihm auch dann, mit apostolischem Freimuth aufzutreten, wenn seine eigenen Worte mißdeutet oder übel aufgenommen würden; die Schrift wird eine kräftige, männliche, wahrhaft salbungsvolle Beredsamkeit auch dann ermöglichen, wenn die natürliche Rhetorik versagt. Ebenso berechtigt wie beachtenswert ist des Papstes Tadel über jene Prediger, die die Lehren der Offenbarung und namentlich auch die Vorschriften deS Sittengesetzes, die doch, so weit sie Lehren der katholischen Religion sind, übernatürlichen Charakter haben, fast ausschließlich durch natürliche und menschliche Autoritäten und Motive stützen und beweisen wollen. Man hört da eine Menge Utilitäts- und Opportunitätsgründe, Aussprüche von Philosophen, Citate aus Dichtern rc. Das ist das Geheimniß des Mißerfolges gar mancher Kanzelvorträge, denen es an oratorischem Schmuck aller Art nicht mangelt; sie lassen den Verstand leer und das Herz kalt, denn in ihnen leuchtet weder göttliches Licht, noch brennt göttliches Feuer. Anders, sagt die Encyklika, haben alle großen und heiligen Prediger gethan, anders die heiligen Väter, anders die Apostel, anders Christus während seines Erdenwandels. Freilich genügt zum Erfolge nicht die materielle Kenntniß und Anwendung des Schriftwortes; denn die Schrift ist nicht wie sonst irgend ein Buch zu betrachten und zu behandeln (uegus anim eornua — saarorum — ratio lidrorura similis atgus Lvra- lüuuiuni xutauän 68t); ihr Studium erfordert eine übernatürliche Weihe, deren Elemente wir mit den Ausdrücken des Originaltextes der Encyklika andeuten wollen: iut6§ra,s piaagua voluntatis llabituo, kuiuUis prs- ontio, sauotimouin vltas. Im zweiten Theile der Encyklika wird eine historische Uebersicht der biblischen Studien und der kirchlichen Veranstaltungen zu deren Förderung von der christlichen Urzeit an gegeben; dieser Abschnitt des päpstlichen Dokumentes ist ein Muster kompendiöser Darstellung; knappe Form ist hier in meisterhafter Weise mit übersichtlicher Anordnung und relativer Vollständigkeit verbunden. Unter den Vertretern einer ausgedehnten theologischen Verwerthung der hl. Schrift im apostolischen und patristischen Zeitalter fehlt kein bedeutender Name. Von den Apologeten wird an erster Stelle Justinus genannt. Die alexandrinische und die antiochenische Katechetenschule werden in der Encyklika in desclben lähmendsten Weise erwähnt, obschon sie, wie bekannt, verschiedene Richtungen verfolgten. Der Papst erkennt aber beide Richtungen als in ihrer Art berechtigt und ersprießlich an, ohne selbstverständlich die Ausartung der allegorisirenden Schriftdeutung zu billigen. Mit besonderer Auszeichnung nennt die Encyklika Origenes und seine Hexapla. Dieses Riesenwerk verdient es wahrlich, in einem solchen Dokument lobend erwähnt zu werden; behufs Herstellung eines möglichst korrekten Scptuaginta- Tcxtes unternommen, enthielt es den hebräischen Text des Alten Testamentes in hebräischer Schrift, denselben Text in griechischer Schrift, die griechischen Uebersetzuugen des Aqnila, des Symmachus, der Septuaginta und des Theodotion, sowie stellenweise noch die in derselben als Quinta, Sexta und Septima bezeichneten Uebertragungen (daher auch die Namen Octapla und Enneapla). Die Bestrebungen und Verdienste der nachpatristischen Zeit und der Scholastiker bezüglich des Bibelstudiums werden in prägnanten Zügen und lichtvoller Charakteristik vorgeführt. Mit der Errichtung von Lehrstühlen für die orientalischen Sprachen an verschiedenen Universitäten durch die Päpste hebt im vierzehnten Jahrhundert eine neue Epoche des Bibelstudiums an: die philologische Behandlung der hl. Schrift durch Zurückgehen auf den Urtext und durch Vergleichen verschiedener Recensionen und Uebersetzungen. Die orientalische Philologie stand zunächst im Dienste der Bibelforschung und ist auf kirchlichem Boden erwachsen. Wieder eine neue Zeit für die Pflege der Bibel- kenntniß und in weiterer Folge für die wissenschaftliche Bearbeitung der hl. Schrift brach mit der Erfindung der Buchdruckerkunst an. Der Papst nennt diese Erfindung eine glückliche (arta nova lidraria, telicütsr invautu) — die beste Illustration für die „Bildungsfeindlichkeit" der Kirche. Für die Bibel bestand die erste Folge der Erfindung der Typographie in einer nie dagewesenen Vermehrung ihrer Ausgaben und Verviel- 36 fültigung ihrer Exemplare; die hl. Schrift wurde eben jetzt, wo sie so leicht zugänglich war, begreiflicher Weise weit allgemeiner gelesen, als früher, und die Kirche erließ kein Verbot des Bibellesens seitens der Laien, so lange nur katholische Bibelausgaben hergestellt wurden. Jedermann freute sich, sein eigenes Bibelexcmplar zu besitzen (multiplioata xraelo saora exainplarra . . . eatlroliaum Huusi ordow. oonaplavarint), zu einer Zeit, von der die Protestanten behaupten, die hl. Schrift sei beim Volke und so ziemlich auch bei der Geistlichkeit unbekannt gewesen. Daß die hl. Schrift auch vor und nach Erfindung der Buchdruckerkunst in die verschiedenen Landessprachen, namentlich auch häufig ins Ober- und Niederdeutsche, übersetzt wurde, ist eine bekannte Sache. Die Buchdruckerkunst steht übrigens schon deswegen zur hl. Schrift in inniger Beziehung, weil sie ja an dem „Buch der Bücher" zuerst erprobt wurde. Nach Erwähnung der Blüthe der biblischen Erudition, namentlich der Exegese in der vor- und nach- tridentinischen Periode, kommt die Encyklika auf die Sorge der Päpste für Herstellung korrekter Editionen der Vulgata und der Septuaginta zu sprechen. Die von Sixtus V. veranlaßte römische Ausgabe der Septuaginta erschien im Jahre 1587 und wurde mehrmals (in Paris, London rc.) nachgedruckt. Was die Vulgata betrifft, so überließ das Konzil von Trient, indem es dieselbe für authentisch erklärte, dem apostolischen Stuhle die Besorgung einer korrekten Ausgabe. Nach langen Arbeiten zur Feststellung eines kritisch zuverlässigen Textes erschien zu Nom 1592 unter Klemens VIII. die offizielle Edition der Vulgata. Von den Polyglotten erwähnt die Encyklika die Antwerpeucr und die Pariser, die Komplntenser wohl deßwegen nicht, weil ihr Inhalt in die beiden genannten aufgenommen wurde. Die erste Polyglotte Bibel ließ nämlich der große Kardinal Limeues in Alcala de Henares (lateinisch Lomxlutum), wo er die berühmte Universität gegründet hatte, herstellen, die 1514 bis 1519 in sechs Bänden erschien. Sie enthält nur das Alte Testament, und zwar: den hebräischen Text, die Vulgata, die Septuaginta, zu dieser eine wörtliche lateinische Uebersctzung, eine chaldäische Paraphrase, gleichfalls mit einer wörtlichen lateinischen Uebersctzung. Die Antwerpener Polyglotte, im Auftrage Philipps II. von Spanien veranstaltet unter der Leitung des berühmten spanischen Theologen Benedikt Arias, zubenaunt Montanus, kam 1568 bis 1592 heraus in acht Foliobünden und enthält nebst den Texten der Komplutenser Bibel noch einige chaldäische Paraphrasen (Targumim) und das Neue Testament in griechischem Texte, in der Vulgata, in einer syrischen, sowohl mit syrischen als mit hebräischen Lettern gedruckten Ueber- setzung, der wieder eine lateinische Uebersctzung beigegeben ist. Die 1645 in zehn Foliobänden herausgegebene Pariser Polyglotte umfaßt außer dem Inhalte der Antwerpener im Alten Testamente eine zweite syrische und eine arabische Uebersctzung mit begleitender lateinischer Version und den samaritanischen Pentateuch, im Neuen Testamente eine arabische und eine dazu gehörende lateinische Ucbersetznng. Die später von protestantischer Seite veranstalteten Polyglotten sind selbstverständlich Übergängen, da ja die Encyklika sich nur mit dem Bibelstudium auf katholischem Boden beschäftigt. Im übrigen ist es ebenso bedeutungsvoll, wie dankenswert!), daß die Encyklika ausdrücklich betont, daß es auch nach der an das Tridcntinum sich anschließenden Periode, bis in die Neuzeit, in der katholischen Kirche nie an lobenswerthen Leistungen im Bibelfache gemangelt, und daß jedes Buch der hl. Schrift wehr als einen guten katholischen Interpreten gefunden hat. Anknüpfend an diese wahrheitsgemäße Darstellung kann der Papst mit Recht hervorheben, daß die Kirche es zu keiner Zeit unterlassen hat, dem Studium der hl. Schrift und der Verbreitung ihrer Kenntniß die gebührende Pflege zu widmen, und demnach hiezu keines Anstoßes von akathol- ischer Seite bedurfte. (Schluß folgt.) Zur Pasquill-Literatur des Mittelalters. Bei bedeutsamen, in ihren Wirkungen auch auf die Allgemeinheit sich mehr oder weniger erstreckenden Ereignissen oder Manifestationen Pflegen wir meist nur von denjenigen zeitgenössischen Urtheilen zu erfahren, welche aus dem höherstehenden Kreise der Nation stammen, von Gelehrten, von Fürsten oder deren Räthen und Gesandten. Selten aber erlangen wir darüber genauere Kenntniß, wie das eigentliche Volk dächte und urtheilte, wenn wir uns nicht ganz besonders mit diesem Studium befassen.*) Und doch sind solche Aeußerungen der Volksmeinung allzeit vorhanden gewesen und in irgend welcher Form an die Oeffentlichkeit getreten. Am freiesten zeigten sie sich natürlich, als in Folge der Reformation eine allgemeine Aufregung sich der Gemüther bemächtigte und der Geist der Kritik allenthalben sich ausgebreitet hatte. Die Form, wie diese Art von öffentlicher Meinung sich manifestirte, war verschieden. Meist im Gewände der Poesie auftretend, hatte sie im Süden, in Italien, einen mehr sarkastischen, pamphletartigen Charakter, während sie in Deutschland mehr im Gewände harmloser, wenn auch zuweilen recht derber Satire sich darbietet. Aber oft vermag sie in kurzen Worten uns ein Ereigniß in hellerer Beleuchtung zu zeigen, als dies eine seitenlange Relation eines Agenten oder Gesandten zu thun im Stande wäre. Und die Fürsten und Herren der damaligen Zeit ermangelten keineswegs diesen Aeußerungen aus der Mitte des Volkes die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, wie auch die fremden Gesandten nicht versäumten, ihren Souveränen hierüber die genauesten Mittheilungen zu machen. In Nom übte der berüchtigte „Pasquillo" eine Macht aus, der Rechnung zu tragen sogar die Päpste sich genöthigt sahen, und in Deutschland finden wir allenthalben in Archiven als Beilage zu den Akten über wichtige Ereignisse und Verhandlungen Abschriften oder wohl gar die Originale von solchen Pasquillen. Einige originelle Beispiele bietet uns eine Anzahl von solchen Spottgedichten über das Augsburger Interim. Dasselbe war bekanntlich ein Versuch Kaiser Karls V., ohne Anziehung der Kirche eine Einigung unter den verschiedenen Konfessionen herbeizuführen. Dasselbe fand aber bei Protestanten wie Katholiken eine abfällige Kritik und der gesunde Sinn des Volkes sträubte sich dagegen, daß ein weltlicher Herr in kirchlichen Angelegenheiten das allein entscheidende Wort spreche. Bekannt ist ja der Vers: „Wahr' dich vor dem Interim; Es hat den Schalk hinter ihm." Die meisten Sprüche aber treten im Gewände des Akrostichon auf. Soweit sie aus dem Kreise der Ge- ') Erst Janssen hat dies in systematischer Weise gethan. 37 bildeteren hervorgingen, sind sie wohl in der Regel lateinisch, so g. B. das folgende: Oenelogia Interim Iinmorsnm Xebula L'sgit Du Roms, Impia llLuuäuw Impia June 1'ento 12 t Komauo8 Inusbo ülorss lukero iMuue Lsrris Dx Rom» Lneowmoäa Multa. Interims Ulsro lorgueo Däax Daxio Imxis ütlrreto. Andere enthalten vielfache künstliche Wortspiele: Interim interimit, mox interimetnr et ipsuiü Interitne äivi nomine rsZio zotest, oder Nachahmungen klassischer Versmaße: Interim innltoe kaoio interirs ?eräi8 inknntee, xorimi8gus kerro Lt manne wnltn mneuln8 ernenta Oaeäs xiornm. LtrnnAniee, msrga.8, koäias, cremesgu» Rumbus, I^mxbis, Alaäiis et iZne Vnw libi tote liest st licebit teinxors xarvo Leos non lallor venit illnä temxus tzno tut xoenL8 äsäeris kuroris 6 um tuis sevio iternm iuteribis Interimistis. Die deutschen Verse sind meist derber gehalten, ja vielfach so, daß sie nicht wohl hier angeführt werden können. Nur ein Beispiel (von einem Protestanten): Interim, das ist ein Buch Nit besser, denn ein be-Spruch. TeuffelSdrcck wobt und Papstes Greuel Ein recht roh'r Vogel und Ewcl") Rombzüglich fromme Christen Ist darum erdicht' von Papisten Mich dünkt'S, sie haben sich be-. Und zum Schlüsse noch ein Exemplar, bei welchem deutsch und lateinisch auf einem Blatte vereinigt ist: Merkt »luäas Jr Jr Akostium Narrete Ncichsstett 1'raäiäit Teutschen Euch Dlsetoreiu Eur Thut üomano Reich Nott Imperator! Ist Mein. W. Hoffmann. Zusehen") Vlereeäs Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Ncliguienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. (Fortsetzung) II. Aeußerer Glanz und höchste Berühmtheit des Klosters. 893 bis o. 1000. In Kürze sei zuerst angegeben, welches der Bestand des Klosters war. Dasselbe besaß zwei Kirchen: die neue eigentliche Klosterkirche und dann eine kleinere, aber bedeutend altere, die Peterskapelle: beide werden dusiliea?") genannt; erstere muß nach Andeutungen Wolfhards ganz die Lage und Anordnung der jetzigen Pfarrkirche in Monheim gehabt haben: nach Osten gerichtet, hatte sie drei durch zwei Säulenreihen gebildete Schiffe?") Gegen die westliche Ecke an der Nordseite war das Hanptportal 2) Ewcl — vrcvcl — Frevel. "> Von unten nach oben zu lesen. "") Wolfhard 1. o. p§. 526 u. 541. 2°) Ibiä. xss. 539. mit einer Vorhalle??) Diesem Portal gegenüber war ein zweites, südliches, welches in den Kreuzgang hinausführte, an welch letzteren sich sodann das oosmsterimn anschloß?") und darüber sowie rechts davon die Kloster- gebäude. Die Kirchweihe dieser Basilika (in Ironors Lalvatoris nostri et oxilioio) wurde jedes Jahr als hoher Festtag begangen und muß nach einer Andeutung Wolfhards in die kalte Jahreszeit gefallen sein?") Die Basilika mag auch eine ziemliche Größe gehabt haben, da nichts berichtet wurde, daß die zahlreichen Wallfahrtszüge und Pilger, die dort zusammenströmten, nicht Platz gefunden hätten. Daraus, daß Wolfhard erzählt, daß in „einen Stein neben dem Nordportale fleißig das Weihwasser nachgegossen wurde?") damit es für die Eintretenden ja niemals fehle," können wir wohl folgern, daß die ganze Kirche aus Stein gebaut war. An derselben waren auch mehrere Priester angestellt; das war schon nothwendig wegen der vielen Pilger. Wolfhard redet von drei Priestern: dem Archipresbhter, dann dem Presbyter Himondus"?), welcher, wie es scheint, die verschiedenen Weihungen und Segnungen vorzunehmen hatte,"") und sodann von dem gerade für den Altar der hl. Walburga investirten Priester MegiupertuS. Auf diesem Altar waren die Reliquien der hl. Walburga ausgestellt, vor welchen die Wallfahrer beteten und viele auch die Heilung in den verschiedensten Krankheiten erlangten; er bildete den eigentlichen Wallfahrtsaltar. Eine der Nonnen, Deithilda genannt, besorgte in der Kirche den Meßnerdienst?") Die zweite Kirche, die jetzige Peterskapelle, welche heutigen Tags in einer Vorstadt Monheims liegt, nördlich von der Hauptkirche, lag damals im Orte selbst, war also wohl die alte Pfarrkirche, und um sie hatte sich auch anfangs Liubila mit ihren Genossinnen in Zellen angesiedelt. Die Kirche gehörte auch zum Kloster und wurde ebenfalls von einer Nonne besorgt, welche dort eine eigene Wohnung hatte, denn Wolfhard berichtet, daß ihr einmal dort eine Kranke zur Verpflegung übergeben wurde;^) es war das demnach so eine kleine Filiale vom Hauptkloster. Das anfängliche Klosterpersonal ist aus dem früher angeführten Theil des Stiftuugsbriefes ersichtlich?") Liubila war Aebtissiu; ihr zur Seite standen noch vier Nonnen. Diese werden aber rasch eine Vermehrung erfahren haben; denn wenn auch aus den Erzählungen Wolfhards, daß viele, welche in der Wallfahrtskirche Heilung oder sonstige Gnaden erlangten, sich dem „Dienste der hl. Walburga geweiht haben", nicht mit voller Bestimmtheit hervorgeht, daß sie wirkliche Nonnen wurden, so können wir es doch mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Auch das Vermögen des Klosters muß sich rasch vergrößert haben, denn Wolfhard bemerkt als Augenzeuge, daß es geradezu Sitte der Wallfahrer war, Geschenke wie Kerzen, Leinwand, Wolle u. dgl., auch Hühner, Brod, Bier rc. zu bringen?") Und bei der großen Menge der Pilger "?) Ibiä. p§. 531. -°) Ibiä. i>8. 529. -°) Ibiä. pg-. 527. -°) Ibiä. PA-. 534. -") Ibiä. i>8>. 541. -2) Ibiä. p§. 542. Wolfhard 1. o. i>§. 536. Ibiä. p-x. 541: . . . >aä eam, guas iu ipso vieo proxo moiissterium VirZsium e regions wontiz sita «8t seclesikmi ...» Otr. Anm. 24. °°) Wolfhard i>§. 534, 537, 529, 532. 38 mag das immerhin Etwas ausgemacht haben. Das war der Stand des Klosters und der Kirche zu Anfang der Stiftung, und rasch stieg dessen äußere Berühmtheit, während auch im innern Leben eine große Blüthe herrschte. Das Kloster wurde rasch so bekannt, daß Wolfhard es einfach nennt rnonastarium ounotio noduiQ („allen bekannt") und erzählt: „Das auf der ganzen Erde zerstreute christliche Volk begann voll Freude Herzuströmen, so daß täglich ununterbrochen aus allen vier Himmelsrichtungen ganze Mengen von Gläubigen schnarenweise zusammenkamen» Gott und der Mutter angenehme Geschenke darbrachten und nach erhaltener Benediktion in Frieden zurückkehrten??) Diesen großen Ruf verdankte Monheim vor Allem den vielen wunderbaren Heilungen, welche dort auf Fürbitte der HI. Walburga gewirkt wurden. Wolfhard hat sie in vier Büchern ausführlich beschrieben. Da man daraus sieht, wie weit die Pilger herkamen, so führen wir sie kurz im Auszuge an: Im Jahre 893 wurden geheilt:^) die Aebtissin Liubilla selbst von ihrem Podagra; ein Mädchen aus WomöäinAa, (Wemding); ein Lahmer, Namens Wolf- gerus, aus Llegsnslroim (Megesheim bei Oettingen); Egiuswindis aus LsrZila (Berge! in Mittelsranken), welche ein Bein zersplittert hatte; eine gewisse Geila aus LloülsnUöiin (Stopfenheim bei Weissenbnrg a. S.), welche wegen Mißachtung eines Festtages von Gott gestraft, dann aber von verkrüppelter Hand und auch von Blindheit geheilt wurde; sodann Erchauboldus aus Nur» (Alten- oder Neuen-Muhr bei Gunzenhausen). Vom Jahr 894 sind aufgezeichnet:") ein Weibchen aus dem Distrikt DraZorva (Diözese Constauz) findet wunderbar einen verlorenen Gegenstand wieder; eine adelige Frau aus Franken erfleht die Gesundheit ihres Kindes; Wunder an zwei Mördern aus der Weingegend. Ein Mann aus dem lflooostarAorvs (Neckargau) bringt sein blindes Kind und es wird geheilt; ebenso ein blinder Greis aus dem Gefolge des allemannischen Grafen Adal- bert; ferner ein Blinder aus Haiwenaskurt: (Hainsfarth bei Oettingen); Wunder beim Wallfahrtszug der Regens- burger Bürger (RsKineimio quocjus urbg cjucmäam re§a1is st inol^ta, snog aä iä uroirastsrmm trarm- misit oivso) und an einem lahmen Knaben LrisaZorvansia (aus dem Breisgau am Rhein). DaS Jahr 895") bringt bei den Reliquien der hl. Walburga Hilfe einem blinden Mädchen aus Kcmpten; der Frau Rumhilde aus dem LIis§orvs (im heutigen Lothringen, nahe an der Mosel), welche etwas verloren hat; in derselben Angelegenheit der Gisela von Thüringen, aus hochadeligem Geschlechte; ferner einer epileptischen und stummen Frau aus ^äalolteslocrd in xa§o OstelesZorvö (Adelschlag im Kelsgau, bei Eichstätt), einer Lahmen aus vkoolrinAa, (Kösching bei Jngolstadt), einer stummen Frau aus 'IsizrrinAia (Thüringen) und einer nobilis Oiötbii'Aa, bei allen in Allemannien sehr berühmt. H.nno 896") und die Folgezeit verzeichnet Wolfhard Wallfahrten und wunderbare Erholungen für Fußleidende aus dem Kloster Fulda, aus fl'ubüiga (Tübingen), "1 Wolfhard 529. Enthalten im I. Buch der Wolshard'schcn Schrift ox. 4 — 6. ") Enthalten im II. Buch in 3 Kapiteln. ") Enthalten im III. Buch WolfhardS in 3 Kapiteln. ") Enthalten im IV. Buch, ebenfalls in 3 Kapiteln. Wir haben bisher immer nach der Seitenzahl bei den Äollandisten ritirt. aus den fränkischen Provinzen, aus DrutstinZa (Wasser- trüdingen), aus Monheim selbst und sogar auS Rom (Rowavns yniäorn acivonisns); endlich mit verschiedenen Leiden Behaftete aus der Donaugegend, aus Schwaben, Franken und eine aus vrutolinga. in xago Luala- nsläioo (Treuchtlingen im Sualafeld). Außer diesen genannten führt Wolfhard noch mehrere andere wunderbare Ereignisse an, bei denen er keine Ortsnamen verzeichnet, und sagt zudem, wollte er alle beschreiben, deren Augenzeuge er war oder die ihm erzählt wurden, oder die überhaupt geschehen sind, so würde ihm die Zeit dazu fehlen. Ein anderer Grund, der die große Berühmtheit und Blüthe Monheims herbeigeführt, mag der gewesen sein, daß sich Bischof Erchambold von Eichstätt so um dasselbe angenommen hat. Es war ja schon mit seine Stiftung; dann hat auch Wolfhard gerade auf seine Veranlassung seine Berichte über Monheim niedergeschrieben;") außerdem kam Bischof Erchambold öfters nach Monheim. „Es geschah auch, daß der gottesfürchiige und fromme Bischof Erchambold, wie er nach seiner Gewohnheit ziemlich häufig that, selbst das Kloster besuchte, um die Dienerinnen Gottes zu ermähnen und in der Furcht Gottes zu befestigen." Bei solchen Besuchen hielt derselbe dann auch für das Volk Predigten ab: „Als derselbe einmal noch in dieser Kirche weilte und in hl. Eifer sich alle Mühe gab, die Seelen für Christus zu gewinnen . . . ."") Gewiß wurde durch das Bekanntwerden dieser Vorliebe des Bischofes für Monheim auch der Eifer im Volke immer größer, dorthin zu Pilgern, um so mehr, da auch ein Ablaß damit verbunden war. Und es pilgerten dorthin nicht nur das Volk, sondern auch die hohen und höchsten Herrschaften des ganzen Landes, die ja, wie bemerkt, mit Liubila verwandt waren, und das war ein weiterer Grund für Monheims Berühmtheit: es fanden sich dort ein: Hildegard, die Base des Königs und nachmaligen Kaisers Arnulph, mit ihrem Sohn Luitpold von Scheyern,") welchem Arnulph die Ost- und Nordmark zur Regierung übergeben hatte, und welcher sich gegen die Ungarn so unsterblichen Ruhm geholt hat und auch sein Leben im Kampfe gegen dieselben eingebüßt; außer diesen finden wir dort Adalbert,") den erlauchten Grafen von Schwaben, sowie einen andern Adalbert,") den Markgrafen von Babenbcrg, der im Jahre 906 zu Theres durch Heukershand fiel; zu ihnen gesellt sich noch Gisela??) die Gemahlin des Herzogs Burchard von Thüringen, Gesandte von Bischof Salomo") von Constauz, Adalbero") von Augsburg und der kgl. Stadt Negensburg "). Sie alle finden wir um den, dem Karolingerhause nahestehenden Bischof Erchambold und die bayerische Prinzessin, die Aebtissin Liubila, in Monheim versammelt, und sie alle waren Persönlichkeiten, welche in die damalige Politik stark hineinverwickelt waren; es liegt nahe, mit Suttner") zu vermuthen, ") In der xraskatio zur Lebensbeschreibung der heiligen Walburga. « 2 ) Wolfhard xss. 540 (Üb. IV, ox. 2). ") IIM. pA. 539 (I. IV, ep. 1). ") Ibüi. PA-. 526 (I, 4). ?§. 540 (IV. 2). ") ?§. 535 (III, 1). 530 (II, 1). ") 535 (III. 1). °°) ?§. 533 (II. 3). ") Eichstätter Past.-Bl. 1859. 39 daß die Fäden der damaligen Politik durch Monheim gelaufen und das beigetragen hat, dasselbe zu einem der berühmtesten Klöster damaliger Zeit zu machen, um so mehr, als Wolfhard selbst bemerkt, Hildegard sei mit Luitpold gekommen, um der hl. Walburga für empfangene Wohlthaten zu danken, und damit jedenfalls gemeint ist, daß sie bei König Arnulph wieder Gnade fand, nachdem sie vorher dieselbe verloren hatte und ihrer Güter entsetzt worden war. Wie lang nun dieser äußere Glanz und diese Berühmtheit Monheims gedauert, das läßt sich nur vermuthen. Sicher haben dieselben wenigstens abgenommen mit dem Verschwinden der nach der damaligen politischen Constellation gerade im Vordergründe stehenden Persönlichkeiten: mit dem Tode des Königs Arnulph, seiner Verwandten Hildegard und Luitpold, dann des Bischofs Erchambold und der Aebtissin Liubila, so ungefähr, wollen wir sagen, bis ums Jahr 920 herum, wird ein großer Theil dieses äußeren Glanzes weggefallen sein, wenn er vielleicht auch noch längere Zeit nachgeleuchtet hat. Die besonderen Heilungen und Erhörungeu scheinen auch mit der Zeit weniger häufig geworden zu sein. Wenigstens weiß von den vier Berichterstattern, welche nach Wolfhard die Begebenheiten in Monheim beschrieben, auch nicht ein einziger dem schon von Wolfhard Erzählten noch etwas beizufügen. Nur Bischof Adolbold sagt am Schlüsse seiner Beschreibung, daß auch jetzt noch zu seiner Zeit in allen Provinzen des Frankenreiches, wo Reliquien der hl. Walburga sind, ausgezeichnete und lobenswürdige Wunder geschehen. Aber speziell namhaft macht auch dieser nichts mehr. Man geht wohl nicht fehl mit der Annahme, daß wenigstens mit Beginn des 11. Jahrhunderts Monheim in das Stadium eines gewöhnlichen Klosters und allenfalls Wallfahrtsortes für die Umgebung getreten ist. Bemerkenswerth erscheint noch Folgendes: Im Jahre 1040 erhielten die Reliquien der hl. Walburga in Eichstütt ihre letzte Translation, und zwar in der unter Bischof Heribert theils reparirten, theils neugebauten Kirche in einem Steinsarge hinter dem Hochaltar. „Von dieser Zeit an beginnt das berühmte Wunder, daß unter jenem Sarge eine färb-, geschmack- und geruchlose Feuchtigkeit hervorquillt, St. Walburgisöl genannt." Dieser Oelfluß dauert bis zum heutigen Tage fort und war von jeher die Quelle zahlreicher Heilungen und Gnaden, so daß es nicht zu wundern, daß aus allen Weltgegenden das Verlangen nach dem hl. Oele auftauchte und sich nun die Pilgerzüge nach dieser wunderbaren Guadenquelle bei St. Walburg in Eichstätt richteten: Wir sehen, mit dem 11. Jahrhundert nimmt Monheim ab, Eichstütt aber zu. Es mag im Plan der Vorsehung gelegen gewesen sein: das Kloster Heidenheim, wo Walburga begraben, ein Jahrhundert lang als erstes Glied der Verehrung derselben bestehen zu lassen und durch Wunder auszuzeichnen. In das Erbe Heidenheims treten Eichstätt und Monheim, jedes durch einen Theil der hl. Reliquien; Bionheim sollte Nach Wolfhard wurden das Leben und die Wunder der hl. Walburga beschrieben von Bischof Adelbold in Lüttich umS Jahr 1006; dann von einem unbekannten Autor vielleicht im 12. Jahrh., — vom Bischof Philipp von Eichstätt Anfang des 14. Jahrh, und endlich nach den Angaben der Klosterfrauen von St. Walburg in Eichstätt Ende des 16. Jahrh. — Noch wäre zu erwähnen eine solche Beschreibung in Versen von einem gewissen Medibardus. etwa im 12. Jahrb. Sämmtlich herausgegeben bei den Bollandisten, 25. Februar. °b) Popp. Eint. u. Ausbreitg. des Cbristentbums pq'. 206. nun zuerst ein bevorzugter Gnadenort sein als zweites Glied der Walburgaverehrung, um endlich als drittes Glied für dauernd und mit der größten Bevorzugung Eichstätt zu begnadigen, wo Walburga im Tode an der Seite ihres hl. Bruders weilt. Für Monheim beginnt damit eine neue Periode. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Die Glückseligkcitslehre des Aristoteles und Thomas von Aquin und ihre Recension von Dr. K. Vor uns liegt das genannte Schriftchen, „Die Glückselig- keitslehre des Aristoteles und Thomas v. Aquin, ein historischkritischer Vergleich", von Dr. Sebast. Huber, und daneben die Recension, welche in der vorigen Nr. der Beilage 31 erschienen ist. Die letztere scheint ein Urtheil über die genannte Arbeit in Anspruch zu nehmen, und spricht sich über deren Werth dahin aus, daß sie „den Anforderungen wissenschaftlicher Kritik, Unbefangenheit oder philosophischer Schulung nicht von Ferne entspreche". Damit verbindet die Recension den feinen Ausdruck ihrer Anerkennung, daß „man den Vorsatz des Verfassers, die Arbeit fortzusetzen, fast nur perhorreSciren könne". Es ist ja berechtigt, und das Interesse der Wissenschaft fordert es, daß in ihrem Kreise jede Unwissenheit und Unfähigkeit gekennzeichnet und vom öffentlichen Schauplatze verdrängt werde. Aber wenn dies geschehen soll und das Recht zu solchem Vorgehen in Anspruch genommen wird, dann müssen jene Fehler einer Arbeit klar und überzeugend nachgewiesen werden. Dazu aber hat hier die Kritik kaum den Versuch gemacht. Soll etwa der Unwerth der vorliegenden Leistung dadurch nachgewiesen sein, daß sie nicht mehr leiste, als eine „vergleichende Paraphrase" des I. und X. Buches der Ethik des Aristoteles und der entsprechenden Abschnitte aus Thomas? Sie hatte sich ja nichts Anderes zur Aufgabe gemacht, als den Inhalt jener Stücke aus Aristoteles und Thomas historisch-kritisch zu vergleichen. Durch eine Paraphrase und Erklärung beider Stücke und eine Vcrgleichung beider nebst einem Urtheil über ihr Verhältniß wäre also ihre Aufgabe erfüllt. Die einfache Lesung überzeugt, daß in der Arbeit keines dieser Dinge fehlt. Aber der Kritiker vermißt die Verwerthung „höherer geschichtlicher oder philosophischer Gesichtspunkte". Es ist nicht reckt ersichtlich, was für höhere gesehichtliche Gesichtspunkte hätten verwerthet werden sollen, wo es sich um die Frage handelt, wie Thomas den Aristoteles benützt habe. Etwa die ganze Entwicklung der betr. Gedanken, welche zwischen beiden Denkern liegt? Aber diese, so nothwendig sie sein mag, um die Fortschritte des Thomas zu erklären, so ist sie unnöthig, um diese Fortschritte durch Vergleich festzustellen. Oder etwa die spätere Entwicklung der einschlägigen Lehren? Was soll, wie es Dr. K. zu fordern scheint, das Studium Wundt's und PanlsenS — deren Kenntniß die Kritik dem Verfasser mit Diviuationsgabe abzusprechen .weiß — bei einer Vergleickung Thomas' und Aristoteles'? Das ist eine sehr seltsame Forderung. Die Kenntniß Wundts und Paulsens kann offenbar demjenigen zum Verständniß des Thomas und Aristoteles nicht dienlich sein, der die letzteren zwei aus ihren eigenen Werken gründlich kennen gelernt hat. So lange der Kritiker nicht die Güte hat, das „Viele", worüber dann „dem Verfasser die Augen aufgehen würden", genauer zu bezeichnen, wird man seiner Mahnung wenig Dank wissen. Welche „höheren philosophischen Gesichtspunkte" hätten verwerthet werden sollen, deuret die Kritik kaum an. Es ist auch nicht einleuchtend, daß „dem naivsten Dogmatismus huldige, wer den Aristoteles an Thomas messe". Uns scheint weder, daß ein solches Messen und Vergleichen Dogmatismus wäre, noch daß der Verfasser thatsächlich den hl. Thomas zum Maßstab für Aristoteles genommen habe. Doch wie sein auch sei — es ist eine starke Entstellung, daß gesagt wird, der Verfasser habe die Vergleickung nach dem Grundsätze angestellt: „Thomas bekämpft Aristoteles überall, wo er ihn auf Irrwegen ertappt, und huldigt ibm dort, wo derselbe die Wahrbeit sagt." Es beißt doch wahrlich den Sinn entstellen, wenn man dem Verfasser ein gelegentliches Citat, womit er die Behauptung belegt, daß sich das Urtheil über Thomas' SelbMändigkeit zum Bessern gewendet, verdreht in einen „Grundsatz", von dem er sich in seiner Arbeit habe leiten lassen! (Man lese 2 der Dissertation.) Aus dem Inhalt und der Methode der Schrift bringt Kritiker auch nickt einen Beleg, um dem Verfasser wissenschaftliche Unfähigkeit nachzuweisen („Mangel an philosophischer Kraft" nennt er es). n „Mangel an wissenschaftlicher Kritik und Unbefangenheit, an philosophischer Schalung, naiver Dogmatismus" ec., all diese Vorwürfe verfangen sehr wenig und werden den Verfasser unberührt lassen, wenn sie mit nichts begründet werden. Wir bemerken es noch einmal: Auch nicht mit einem Nachweis aus Inhalt und Methode der Schrift begründet Kritiker jene zarten Prädikate. Weder eine Inhaltsübersicht, noch eine Kritik des Hauptresnltates, noch eine solche der Auffassung beider Lehr- systeme, — gar nichts bringt Kritiker vor. Der fehlende Nachweis wird durch allgemeine Redensarten nicht ersetzt. Wer lächelt nicht, wenn Kritiker angesichts dieser Arbeit die Forderung stellt, „da§ ethische Wollen im Zusammenhange einer Entwicklung der sittlichen Weltanschauung zu bieten", und dem, „der dies nicht kann"(t), die „philosophische Kraft" abspricht! Als ob nicht mit der Darstellung des letzten Zieles und höchsten Gutes bei Aristoteles und Thomas, wie sie in dieser Schrift weitläufig vorliegt, die ganze sittliche Weltanschauung beider Denker in ihren Grundzügcn entwickelt wäre! Geleistetes fordern, muthet bei einem Kritiker und genauen Leser seltsam an. Und als ob nicht das „ethische Wollen" dann am besten „im Zusammenhange der sittlichen Weltanschauung entwickelt" wäre, wenn sein letztes Ziel untersucht und dargestellt worden ist! Kurz, es scheint zu ernsteren Ausstellungen gegen die Dissertation ein sachlicher Grund nicht gegeben zu sein. Darum ist auch zu wünschen, daß die Fortsetzung der Arbeit, eine Vergleichung der ganzen Ethik bei Aristoteles und Thomas, in Bälde erscheinen möge, woran der fromme Wunsch der Recension, welche so eine Kühnheit „fast nur pcrhorreScircn kaun", voraussichtlich nichts wird ändern können. Wer an der Geschichte der Ethik so viel Interesse hat, daß er das bescheidene Schriftchen selbst zur Hand nimmt, der wird dem Verfasser Dank wissen, daß er, wenn auch in der Kürze einer Doktor- arbeit, jene Grundbegriffe der Ethik, Ziel und Glückseligkeit, Wie sie Thomas von Aristoteles entnommen und entwickelt oder verändert hat, sicher, klar und gründlich darzustellen mit Erfolg sich bemühte. O. S. in Fr. Oküeium xarvnm Loatas Zlarias VirZinis oum VII xsalmis xosuitontialibus st lütanüs Lanetorum. Xilitio tsrtia. LuAnstas Viiutsl. 1893. Lnmptibno Inst. Intsr. Dr. 21. Uuttlor (21ietmel Leiten), in Call. geb. M. 1.—. - 2 i. Im Mittelaltcr war das Psältcrlein unsrer lieben Frauen in aller Händen. Daß man auch heutzutage in den Kreisen der Gebildeten wieder zurückkehrt zu der Betweise der frommen Vorzeit, bekundet vorliegender innerhalb kurzer Zeit zum dritten Mal von der rührigen Firma Huttlcr-Seitz ausgegebener Abdruck des otüoinm parvnm, diesmal vermehrt durch eine rnbricistisch-ascetische Abhandlung, die einerseits alle auftauchenden Fragen bezüglich der Recitation berücksichtigt, andrerseits die Andacht des Beters selbst bei täglicher Recitation immer neu anzuregen im Stanke ist. Papier, Druck und Ausstattung sind in jeder Beziehung musterhaft. Für eine künftige Ausgabe möchten wir die Beifügung der Gradualpsalmen wohlwollender Berücksichtigung empfehlen. Um den Gebrauch vorliegender Ausgabe auch in Instituten zu ermöglichen, die von Benediktinern geleitet werden, hat der Herausgeber die Beilage der Hymnen für Matutin, Laudcs und Hören in der ursprünglichen Form, wie sie das monastische Stundengeber bewahrt hat, auf einem fliegenden Blatte, das leicht jeweils eingelegt werden kann und zugleich einen Merkzettel bildet, in liebenswürdigster Weise zugesagt — eine Beigabe, die auch für andre Beter willkommen sein wird, da die alte Fassung der Hymnen vor Urban VIII. kennen zu lernen Vielen angenehm sein dürfte. 1) küito soptiia. Lloralis. In usum solwlaruw. Luotors Victors ltatdrsin 8. I. L.pprol>. Lmi ^.reliiep. Iri- bnr§. 8° (X, 396 x§.) II. 3.50; roli§ato clorso eorio ('/- Franzband) 21. 4.70. PridurZi Lris§., Uerclsr 1893. 2) Pogioa. In us. soliol. Unet. Oarolo Vriok 8. I. ^pprob. (nt supra). 8° (VIII, 29b x§.) 21. 2.60; reliA. (ut snpra) 21. 3.30. ibidem. k. I. Neben der großen „kbilosoxbia Imeeusis" eröffnen mit obigen die deutschen Jesuiten eine Reihe von philosophischen Schulbüchern, welche sich jener in ihrer Weise ebenbürtig an die Seite stellt. Der jedem Bande beigegebene Index atpbsbstious erleichtert auch das Nachschlagen außer dem Schulgcbrauche, um sich schnell und sicher über den einen oder andern Punkt belehren zu können. Bei aller Reichhaltigkeit ist der Inhalt kurz und bündig und übersichtlich dargestellt. Die kliilosoxbia 2Ioralis ist gleichsam ein kerniger Auszug aus der vortrefflichen, bereits in 2. Aufl. erschienenen, großen Moralphilosophie (vgl. Nr. 36 der Beilage zur Postztg. Jahrg. 1893) desselben Verfassers. Der noch größeren Uebeisichtlicbkcit wegen sollte wohl die Kirche (als Gesellschaft) und das Verhältniß der Kirche zum Staate in eigenen Kapiteln behandelt werden (wie z. B. Zigliara in seiner ?bil. 2Ior.). Recht lobenswert!) ist die wiederholt geeignetste Verwerthung der einschlägigen Rundschreiben Papst Leo's XIII. Keine der brennenden Fragen bleibt unberücksichtigt. Jede vielmehr wird eingehend und gründlich beantwortet. — Die Po tz'isa. behandelt die „vialsetiea" (eigentliche Denklehre), wie die „Oritroa" (Nostik, Erkenntnißlchrc) in durchaus trefflicher Weise und schließt sich ziemlich enge an Tillm. Peschs, 8. I., gediegene Institutlcmes loZioates (Bd. 1, 2) an. — Die Latinität ist fließend und leicht verständlich und sollte gewiß Niemanden abschrecken. Auch sind beide Bücher durch Anwendung der sogen, scholastischen Methode wohl geeignet, in besseres Verständniß des hl. Thomas von Agnin einzuführen. Beider Klarheit und Deutlichkeit gewinnt wesentlich durch den Gebrauch der Tbesen, welche stets genau erklärt und gründlich bewiesen werden. Jeder Band ist auch einzeln käuflich. Die äußere Ausstattung ist der bewährten VerlagSbandluug durchaus würdig. So wünschen wir denn den trefflichen Büchern weiteste Verbreitung und eisrige Benützung. Die Geistliche Stadt Gottes. Leben der jungfräulichen Gottesmutter Maria, geoffenbart der ehrwürdigen Dienerin Gottes Maria von Jesus, Äbtissin des Klosters zu Agreda.. . . AuS dem Spanischen übersetzt von mehreren Priestern der Congregation des allerh. Erlösers. Mit kirchlicher Approbation und Erlaubniß der Ordensobern. 2. Aufl. I. Bd. S. 90- 1016, II. Bd. S. 1327. Gr. 8». NegenSburg. Pustet 1893. Preis M. 12.—, geb. Frzbd. M. 16.-. ?. ll. Mit größter Freude begrüßen wir die neue Auflage dieses wahrhaft ausgezeichneten Werkes in zwei stattlichen Groß- oktavbändcn. Der Text selber blieb unverändert. Die Einleitung ist bedeutend erweitert. Sie bringt die wichtigsten Approbationen der „Geistlichen Stadt Gottes", sowie eine gründliche theologische Abhandlung über deren übernatürlichen Ursprung und deren Werth. Der Abhandlung 1. Theil entwickelt die Grundsätze der hl. Theologie über Privat-Offcnbarungen im Allgemeinen (Existenz, Zwecke, Kennzeichen, Glaubwürdigkeit). Der 2. Theil wendet die dargelegten Principien auf die Geistliche Stadt Gottes an und zeigt näher, daß die Verfasserin glaubwürdig, das Werk selbst nach Inhalt und Zweck geeignet ist, Ehrfurcht und Liebe für Gott und die allerheiligste Jungfrau einzuflößen, und daß gelehrte, kluge und in geistlichen Dingen erfahrene Männer daö Werk als gut und erbaulich anerkannt und bezeugt haben. — Die Geistliche Stadt Gottes lehrt uns so recht Maria kennen als „Gipfel aller Wunderwerke Gottes und würdig, Mutter Gottes zu sein" (Pins IX., Bulle „Iirskkabilis"). Sie kann nicht warm genug empfohlen werden den Priestern zu eigener und fremder Erbauung und Belehrung, aber auch solchen Laien, welche, nicht zufrieden mit einem sogen. Alltagschristenthum, ernstlich nach der christlichen Vollkommenheit streben. — Obwohl die neue Ausgabe der ersten gegenüber in mancher Hinsicht vermehrt und verbessert erscheint, ist ihr Preis bedeutend ermäßigt und verdient deßhalb, sowie für die treffliche Ausstattung, der Verleger alle Anerkennung. Mit den hochwürdigen Uebersetzern theilen wir den sehnlichsten Wunsch, daß dieses herrliche Buch immer größere Verbreitung auch in den Ländern deutscher Zunge finde, damit unsere ge- licbteste Mutter, die erhabene Königin des Himmels, die unbefleckte Jungfrau Maria immer mehr erkannt, inniger geliebt und vertrauensvoller angerufen werde. Gut-Tod-Büchlein, oder: Geistliches Sterben vor dem Sterben. Betrachtungen von Udalrikus Probst, 8. I., nach dem Exercitiengange deö hl. Jgnatins. Neu bearbeitet und herausgegeben von einem Mitglicde des Kapuzinerordens. Preis M. 1.50, geb. M. 2.—. A.Lau- mann'sche Buchhandlung in Dülmen i/W. Dieses Buch gibt eine vorzügliche Anleitung zu einem > frommen Lebenswandel und zeigt uns den Weg zum innern I Frieden und lehrt uns, daß unser ganzes Leben eine Vorberei- ' tung auf einen seligen Tod sein soll. ! — Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabbcrr in Augsburg. 8. Februar 1894. i^i'. 6. Die Encyklika über das Bibelstttdinm. (Schluß.) Der dritte Theil der Encyklika enthält Bestimmungen über die zweckmäßigste Einrichtung der biblischen Studien beim Unterrichte der jungen Theologen. AIs Einleitung geht diesen Bestimmungen eine Charakteristik der Irrthümer der ungläubigen Bibelkritik voraus, die unter dem Namen Nationalismus zusammengefaßt werden. Indem die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts zwar die Schrift als einzige Glaubensguclle anerkannten, gleichzeitig aber der Kirche alle Autorität in der Schriftauslegnug absprachen, blieb nichts anderes übrig, als dem privaten Urtheil jedes Einzelnen die Eruirung der religiösen Wahrheiten aus der Schrift zu überlassen. Das widerspruchsvolle Nebeneinanderbestehen der Anerkennung der göttlichen Autorität der Schrift und der privaten Auslegung dieser konnte aber nicht von Dauer sein: das göttliche Ansehen der Bibel mußte immer mehr geschwächt und zuletzt ganz geleugnet werden. Das ist die naturgemäße Folge des Spiritus privatem, und darum nennt der hl. Vater die Rationalisten auch ganz treffend „Söhne und Erben" der Verächter des kirchlichen Lehramtes. Ein Blick auf den Entwicklungsgang der protestantischen Exegese mag die Nichtigkeit dieser Beurtheilung vor Augen stellen. Während die protestantischen Theologen bis ins 18. Jahrhundert meist sogar die Verbalinspiration festhielten und von einer eigentlichen wissenschaftlichen Behandlung der Bibel absahen, trat um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch den Leipziger Professor Johann August Ernesti (1707 bis 1781) ein Umschwung ein. Dieser war zwar auch bibelgläubig, stellte jedoch in seinem ^Intsrpres klovi Destarnonti" (Leipzig 1761) den Grundsatz auf, daß bei Erklärung der Bibel dieselben Regeln in Anwendung kommen müssen, deren man sich bei Erklärung der Kirchenschriftsteller bedient, der Sprachgebrauch, die Geschichte und Denkart der Zeit, die Parallelstellen, der Zusammenhang u. dgl. Weiter ging der Hallenser Professor Johann Salomo Semler (1725—1791). Er verfocht in seinem „Apparatus aä liberalem veteris Pestamenti interprotationam" und in seiner „Abhandlung von der Untersuchung des Canons" die freie gelehrte Untersuchung der Bibel mittelst der historisch- kritischen Methode, unbekümmert, was dabei herauskommen möge. Man nannte diese theologische Richtung, weil sie im allgemeinen noch an dem inspirirten Charakter der Schrift festhielt, relativen Snpernaturalismus, dessen Grundprinzip war: die Offenbarung ist in der Bibel enthalten, aber nicht alles, was die Bibel enthält, ist Offenbarung. Daß damit der subjektiven Willkür Thür und Thor geöffnet war, versteht sich von selbst. Der relative führte zum kritischen Supernaturalismus. Diesem zufolge gibt es zwar eine göttliche Offenbarung; diese ist aber nichts anderes als die Entwickelung, Läuterung, Bewährung und Anwendung der in der menschlichen Vernunft liegenden religiösen Ideen, weil alles, was nicht zu diesen Ideen gehört, der Religion fremd ist; die Geschichte der so aufgefaßten Offenbarung ist allerdings in der Bibel enthalten; es muß aber erst kritisch festgestellt werden, was m der Bibel als zur Offenbarung gehörend zu betrachten sei. Da die Entwicklung der religiösen Ideen cu. ^e Cultur des menschlichen Geistes überhaupt und an die sich stets erweiternde und berichtigende Weltanschauung gebunden sein muß, so ist die Einkleidung und Gestaltung der Offenbarung eine verschiedene nach der jeweiligen geistigen Auffassnngs- fähigkeit der Menschen. Diese Theorie über Bibel und Offenbarung wurde in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts insbesondere von Bretschneider (früher Professor der Theologie in Leipzig, dann Gencralsnper- intendent in Gotha) vorgetragen, während Ammon, Oberhofprediger in Dresden, sie in seiner „Fortbildung des Christenthums zur Weltreligion" historisch zu begründen suchte. Durch den „kritischen Supernatnralismns" war dem Offcnbarungsglaubcn und einer Behandlung der Bibel als Wortes Gottes im eigentlichen Sinne der Boden entzogen und dem ungeschminkten Nationalismus die Bahn frei gemacht. Was die rationalistische, das ist völlig ungläubige Bibelkritik aus der hl. Schrift gemacht, wie sie insbesondere die Evangelien mißhandelt hat, das besagen zur Genüge die Namen Bauer, Paulus und David Strauß, von den neuesten Vertretern dieser „historischen" Schule gar nicht zu reden. Ungemein lehrreich ist auch die Geschichte der negativen Pentateuch-Kritik, die so recht zeigt, wohin die Bibelsorschung ohne das Correctiv der kirchlichen Autorität führt. Von heiliger Entrüstung sind jene Worte der Encyklika eingegeben, in denen sie auf das widersinnige Gebaren derjenigen rationalistischen Bibelkritiker hinweist, die, trotzdem sie „in so gottloser Weise" über Gott und sein heiliges Wort denken, reden und schreiben, dennoch für Theologen, Christen und „Evangelische" gelten wollen und so „die frechen Ausschreitungen einer verwegenen Geistesrichtung mit einem hochachtbaren Namen verdecken" (llonestissiino iwiuiiis osttenciant insolantis inZsnii twuieritatem). Im folgenden Abschnitte dieses Theiles betont die Encyklika zunächst die Wichtigkeit der Auswahl allseitig tüchtiger Lehrer des Bibelfaches, geht dann über auf die biblische Einleitung und schreitet dann zur Normirung der Exegese selbst. Der Exegese ist der Text der Vnlgata zu Grunde zu legen, nach dem bekannten Dekret des Tridentinums, auf das sich die Encyklika beruft und das sich ausdrücklich auch auf „öffentliche Vorlesungen" bezieht. Daneben ist aber der griechische und hebräische Grundtext durchaus nicht zu vernachlässigen, sondern zur Aufhellung des Vulgata-Textes, wo nöthig, heranzuziehen. Hier wird auf den hohen Werth der ältesten Handschriften aufmerksam gemacht. Nach Feststellung der Leseart ist der Sinn nach den bewährten Regeln der Interpretation zu eruiren. Der Literalsinn der Schrift gibt die sichere Grundlage zu deren mannigfacher Anwendung in der Dogmatik und Moral, in Predigt und Ascetik. Die Ausführungen der Encyklika über die vom Exegeten nach dem Willen der Kirche und der Lehre aller namhaften Theologen zu beobachtenden Normen lassen sich auf die bekannten Jnterpretationsregeln zurückführen: 1. 8ensus ooinmmris LLelösiao; 2. rexula üäoi (Glaubensbekenntnisse, dogmatische Definitionen); 3. antlrentioa intsrprstatio (wie sie von einzelnen Stellen in Conziliardekretcn manchmal gegeben wird); 4. nnanilnis consonsus katrum (das übereinstimmende Zeugniß der heiligen Väter über den Sinn von Schriftstellen); 5. analo^ia tiäsi (keine Exegese darf mit der Lehre der Kirche im Widersprüche stehen). Im weiteren 42 Verlaufe seiner Weisungen warnt der Papst — was be- achtenswcrth — eindringlich, den allegorischen Gebrauch der Schrift ZU vernachlässigen; es ist natürlich hier unter Allegorie nicht jene Art der Interpretation zu verstehen, die nach Weise der alexandrinischen Schule statt Geschichte überall Allegorien sieht, sondern die Worte der Encyklika beziehen sich auf den sogenannten ssnsns nooorainoäatus, der Schriftstellen auf Personen und Gegenstände anwendet, die nach dem Literalsinne nicht davon betroffen werden; so wendet z. B. die Kirche in der Liturgie eine Menge Stellen des Alten Testamentes auf die seligste Jungfrau oder den hl. Joseph an, die sich an und für sich keineswegs auf diese heiligen Personen beziehen. Der Brauch einzelner katholischer Exegeten, sich mit Vorliebe auf protestantische Ausleger zu stützen, während über dieselben Bücher oder Bücherthcile längst treffliche Leistungen von katholischer Seite vorliegen, rügt der Papst ernstlich (iä niiuiuin äaäaost), auf die unterlaufende Gefahr der Aufstellung falscher Lehren und Schädigung des eigenen Glaubens aufmerksam machend. Der letzte Abschnitt dieses Theiles der Encyklika bietet eine sehr instruktive Anweisung, das Bibelstudium mit dem der positiven und spekulativen Theologie zu verbinden, und betont die Nothwendigkeit dieser Verbindung. Der vierte und letzte Theil der Encyklika handelt von der allseitigen Feststellung und Aufrechterhaltung der göttlichen Autorität der hl. Schrift. Die Autorität der Schrift beruht aber für uns in der Autorität des kirchlichen Lehramtes. Würde nicht die Autorität der Kirche die den Canon bildenden Bücher Laxativ aufzählen, so müßten wir darauf verzichten, von der Bibel als Gottes Wort überhaupt zu reden; daher die bekannte Sentenz Augustins: Lvan§6lio non cwöäersva, nisi rns cornrnovörönb Loolvsiaa ca- tstolioLS nnciorltas. — Wie auf so manches andere, müssen wir uns leider auch versagen, auf das näher einzugehen, was der hl. Vater über das Studium der semitischen Sprachen sagt, und was genügsam erkennen läßt, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen liegt. Mit scharfen Worten wendet sich die Encyklika gegen die sogenannte „höhere Kritik", insoferne diese einzig und allein aus inneren Gründen die Authentie, Integrität und Glaubenswürdigkeit der heiligen Bücher beurtheilen will und so der subjektiven Willkür den weitesten Spielraum gewährt. Der hl. Vater verwirft die höhere Kritik nicht an und für sich; aber er will sie mit Maß und Vorsicht angewendet wissen; er legt den größten Werth auf die äußeren, historischen Zeugnisse und erkennt den inneren Gründen nur einen subsidiarischen Werth zu. Mit allem Nachdrucke und großer Ausführlichkeit, unter Hinweis auf die Dekrete von Florenz und Trient und wörtlicher Wiederholung des vatikanischen Dekretes, behandelt die Encyklika die Lehre von der Inspiration und schärft den Satz ein: Die hl. Schrift ist als Wort Gottes absolut irrthumslos. Diese Ausführungen sind offenbar gegen jene Katholiken gerichtet, die den Jnspirationsbegriff möglichst einzuschränken geneigt sind, und deren auch die neueste Zeit einige ausweist. Wir nennen nur Lenormant in Frankreich, Bischof Clisford in England und Cardinal Newman, der in einem über den Gegenstand geschriebenen Aufsätze die Ansicht verfocht, es gebe in der hl. Schrift „ostitor äiota", die von der Inspiration ausgenommen sein könnten, welche Behauptung dem Kirchenfürsten scharfe Widerlegungen zugezogen hat. Zum Schlüsse wendet sich die Encyklika an die katholischen Gelehrten des Laienstandes, sie auffordernd, mit Beobachtung derselben Normen und Kautelen wie die Geistlichen ihr Scherflein zur Förderung der biblischen Wissenschaft beizutragen und so ebenfalls die Wahrheit des Psalmcnwortes zu erfahren: „Selig sind, die in seinen Zeugnissen forschen und mit ganzem Herzen ihn suchen." Palcstrina. Zu seinem 400jährigen Todestag nach seinem Leben und Wirken geschildert von K. (Schluß.) Im Jahre 1585 wurde Sixtus V. Papst und Palcstrina componirte aus diesem Anlaß die fünf- stimmige Messe „1u es xastor ovium«, eine Aufmerksamkeit, die der hl. Vater hoch anschlug. Die Aufführung entsprach aber nicht dessen Wünschen, und er soll die Aeußerung gethan haben: „Palestrina hat diesmal die Niosg. kaxao Llaroslli und die Motetten der Oantiaa vergessen," eine Bemerkung, die Palestrina nicht verdroß, sonst wäre er nicht sofort darangegangen, den Fehler zu verbessern, und hätte nicht alsbald die Motette rwmnnxta 68b Dlaria und, die gleichnamige sechsstimmige Messe geschrieben, ein Werk voll wunderbarer Schönheiten, ebenso herrlich als berühmt. In dieser Messe ist gewissermaßen eine Verschmelzung der durch die Ni33a 1?apa6 Llaraelli geschaffenen Compofitionsweise mit der einfachen Majestät und Erhabenheit der gregorianischen Melodiegänge der alten römischen Liturgie erfolgt. Sixtus V. selbst sagte nach der ersten Aufführung, welche zudem nach kurzen Proben erfolgte: „Das war heute wieder eine wahrhaft neue Messe, die kann nur von unserm Meister kommen. Am hl. Dreifaltigkeitssonntag beklagte ich mich über seine Musik, aber heute bin ich wieder ganz mit ihm ausgesöhnt. Wir wollen hoffen, er werde unsere Andacht noch öfter auf so liebliche Weise zu erfrischen suchen." Papst Sixtus wollte Palestrina zum apostolischen Kapellmeister machen, stand aber davon ab, da das Col- legium sich gegen einen Laien aussprach, und der Papst bestätigte ihn hiefür als Tonsetzer der päpstlichen Kapelle. Palestrina selbst that nicht die geringsten Schritte, um besagten Posten zu erlangen. Stets arbeitete er und componirte gerade damals drei weitere Messen, die im Druck nicht erschienen, von denen aber besonders eine, „6666 lloliann63", ebenfalls ein Meisterwerk genannt zu werden verdient; in kurzer Zeit folgte sodann wieder ein stattlicher Band von Madrigalen. Der Ruhm des Meisters erreichte gleichsam seinen Höhepunkt durch seine Lamentationen, die er für die päpstliche Kapelle schrieb und dem Papste Sixtus V. widmete. Bis zu dieser Zeit waren die Lamentationen von Carpentrasso im Gebrauch, obwohl sie etwas veraltet waren, zudem waren sie in dem etwas steifen Flam- länderstile geschrieben. Seine erste Lamentation übergab Palestrina im Februar 1587 dem hl. Collegium, indem er sagte, auf höheren Befehl habe er sie geschrieben, unterziehe aber sein Werk ganz dem Urtheile des Col- legiums und der Sänger. Man sieht hieraus, daß es auch demüthige Componisten gab. Palestrina gehörte unstreitig zu dieser Klasse. Diese erste Lamentation fand vollgültigen Beifall bei der ganzen Kapelle, und der hl. 43 Vater selbst sagte nach der ersten Aufführung in der Charwoche: «Wir wollen hoffen, daß wir im nächsten Jahr auch die zwei andern Lamentationen in diesem Stil werden zu hören bekommen." Dieser Wunsch war für unsern Meister Befehl, der denn auch sofort sich an die übrigen machte und sie in kurzer Zeit vollendete, Meisterwerke in ihrer Art und doch so verschieden von den bisherigen Werken, die er componirt hatte. Bann sagt über diese Kompositionen unter anderm folgendes: „Die Noten scheinen wegen ihrer Schwere und gleichen Geltung auf den ersten Anblick ohne Bedeutung; hört man sie aber, so sind sie die feinsten Melodien. Die Kunstmittcl scheinen nur angedeutet zu sein und in der Ausführung hört man die blumigste Jdeenfülle. Der Ausdruck der Worte ist überall heilig und Ehrfurcht gebietend, selbst die Pausen bedeuten hier das Ihre, sie geben nämlich Gelegenheit zu einer ernsten Betrachtung des mystischen und allegorischen Sinnes, womit die bitteren Gefühle, wovon diese Klagelieder überfließen, erfüllt sind. Jeremias' erschütternde Beschreibung der Leiden seines Volkes ist durch die eigenthümliche Musik Palestrina'S charakteristisch gefärbt, keine Empfindung des ersteren verklingt, ohne daß sie durch die letztere auf den möglichst erreichbaren Grad von musikalischem Ausdruck gesteigert worden wäre." Es ist heilige Musik, es ist heiliger Gesang! Sixtus V. war mehr als hocherfreut und entzückt über diese Werke des großen Meisters. Außer den Lamentationen bearbeitete er auch das Benc- dictus so, daß es abwechselnd mit dem Chor nach hergebrachter Sitte gesungen werden konnte, desgleichen fügte er diesem Sixtus V. gewidmeten Bande noch einige Verse des ergreifenden Nissrsrs-Psalmes bei. Schreibt heutzutage einer einen Noman, componirt heutzutage einer eine Operette, wenn auch des leichtesten und seichtesten Genres, so erhält er vom Verleger, von dem aufführenden Theater so und so viel tausend Mark und noch Tantiemen von so und so viel Aufführungen, er wird ein vermöglicher, oft reicher Mann und kann sich sehr viel erlauben, denn seine Mittel erlauben ihm das; Palestrina arbeitete nicht nur ungcmein viel, sondern er componirte Meister- und Musterwcrke, und doch, so geneigt ihm die Musen waren, materiell wurde er, wie es scheint, ungemein mager entschädigt, er selbst sagt von sich zu der Zeit, als er die Lamentationen vollendet hatte, also zu Ende seines laugen wirkungs- und segensreichen Lebens, daß er arm sei. Freilich blieben seine Werke Manuscripte für die päpstliche Kapelle, gedruckt wurde bloß auswärts einiges, das auf heimliche Weise in andere Hände gekommen war. Allein sicher wäre ein Genie, wie Palestrina, in unsern Tagen bei seiner reichen Schaffenskraft bald ein CrösuS. Trotz der materiellen Mißstände ließ sich's aber der Meister nicht verdrießen, er war eben kein Rasten und kein Ruhen gewöhnt, kein Tag blieb sins linsn, bei ihm ohne Noten, und sofort, nachdem er die Lamentationen beendet hatte, warf er sich wieder energisch auf strengere Studien und kehrte zu den Hymnen der römisch-katholischen Kirche zurück. Diese Hymnen sind dem Texte nach das Schönste, was man kennt, und die Kompositionen Palestrina'S zu denselben schmiegen sich diesem herrlichen Texte so innig an, daß sie den Meister für alle Zeiten als Meister dokumentiren, auch dann, wenn er gar nichts anderes geschaffen hätte, denn man darf mit Fug und Recht sagen, daß sich in keinem andern Werke Palestrina'S so gewühlte Feinheiten des musikalischen Ausdruckes finden, als in diesen Hymnen^ besonders ist der Schluß derselben stets ungemein großartig gehalten, meist fünf- und sechsstimmig, überreich an Harmonien, an Majestät und erhabener Wirkung. Er widmete dieselben dem Papste Sixtus V., der sie so liebte, daß er einige derselben beständig für sich sang/ Ein Jahr darauf widmete der Meister dem Herzog Wilhelm II. von Bayern das fünfte Buch der Messen und Papst Gregor XIV. zwei Motettensammlungen, wofür ihm der HI. Vater seinen Gehalt als Tonsetzer der päpstlichen Kapelle vermehrte im Jahre 1591. Wilhelm II. hatte eine vorzügliche Kapelle, deren Direktor der bekannte Komponist Orlandus Lassus war, er war ein Fürst, von dem ein Zeitgenosse sagt: «prinssps vsrs maxnus, sapisus, plus, st religiösem". Er war es auch, der Palestrina, da derselbe sich in materiellen Nöthen befand, zweimal reichliche Geschenke sandte, ein Umstand, der den Meister aus Dankbarkeit zu obenge- nannter Dedikation bestimmte. Unter den acht Messen sind besonders erwahnenswerth die beiden: „^.stsrnri Estristi rnnnsra" und «Isis oont'sssor". Die erwähnten Motettensammlungen enthielten sieben 6siimmige und acht Lstimmige Motetten, das Ltalmt nratsr und ein Llagnitlsat, beide 8stimmig. Das herrlichste dieser Werke ist das Ltadat watsr, das allein genügt hätte, Palestrina'S Namen unsterblich zu machen. König Friedrich III. von Preußen hörte im Jahre 1822 nebst anderen und zwar den besten Stücken auch dieses Werk in Rom im Palast clslla sonsnlta. im Quirinal, aufgeführt von der päpstlichen Kapelle, und sagte nach Schluß der Aufführung: „Ich habe in allen vorgekommenen Musikstücken die Höhe der Kunstvollendung bewundert, in diesem Ltabat inatsr aber fesselte mich Wahrheit und Natur." Vom Papste erhielt Palestrina von der Dedikation dieses Werkes an bis zu seinem Lebensende statt bisheriger elf Scudi per Monat vierundzwanzig Scudi. In dieser kurzen Zeit vor dem Tode des großen Meisters war das irdische Glück ihm noch günstig; er wurde nämlich Concertmeister bei dem Kardinal Aldolbrandini, dem er das sechste Buch seiner Messen widmete, und fand eine hohe Gönncrin in der Großherzogin von Toskana, für die er einen zweiten Band Madrigalen schrieb. Wir sehen, Palestrina war stets sehr dankbar. Dies war sein letztes Werk, der Schwancngesang des gottbegnadigten Künstlers. Eine Rippenfellentzündung erschöpfte in Bälde seine Kräfte, Ende Januar 1594 ertheilte ihm sein väterlicher und priestcrlicher Freund, der hl. Philipp Ncri, die hl. Stcrbsakramcnte, er nahm rührenden Abschied von seinem Sohne Jgino, segnete ihn und ertheilte ihm den Auftrag, seine Kompositionen „zur Ehre und zum Ruhme des allerhöchsten Gottes und seines heiligen Dienstes in der Kirche" drucken zu lassen, und starb am Feste Mariä Reinigung, den 2. Februar 1594, in der Frühe unter den Gebeten des hl. Philipp Neri, der ihn besonders auf die Himmelskönigin und ihre mächtige Fürbitte hinwies, worauf Palestrina sterbend sagte: „Ja, ich wünsche es sehnlichst; möchte die hl. Maria, meine Fürbitterin, diese Gnade von ihrem göttlichen Sohne erhalten!" So starb nach einem ungemein schaffensrcichen Leben und Wirken der große Meister der Musik, der demüthige Mensch, der durch und durch katholische Palestrina. Möge er würdig befunden worden sein, das große Alleluja im Jenseits mitfeiern zu dürfen, er, der oft auf Erden an das Nissrsrs denken durfte! Auf Befehl der Curie ward er mit allen Ehren eines Kardinals oder Fürsten begraben, indem man seine sterblichen Ueberreste in der Basilika 44 des Vaticans beisetzte, wohin ihm ganz Nom trauernd das Geleite gab. Sein Nachfolger im Amte wurde Felice Anerio, nach dessen Tode ein eigener Tonsctzcr der päpstlichen Kapelle nicht mehr angestellt wurde. Sein Sohn Jgino gab eine größere Reihe der Werke seines Vaters heraus aus Befehl des Papstes. Nach Giuseppe Baini bestehen die Werke Palestrina's im Ganzen aus: 20 Büchern Messen, 10 Büchern Motetten, 4 Büchern Madrigalen, 3 Büchern Lamentationen, 2 Büchern Magnisicat, 3 Büchern Litaneien und 2 Büchern Offcrtorien, im Ganzen aus 36 Bänden. Palestrina hat demnach mit seinen Talenten zur Ehre Gottes und zur Verherrlichung des Gottesdienstes gewiß so fleißig gearbeitet, wie noch nicht leicht einer, und sein Name wird sorileben, so lange das Lob Gottes in seinen heiligen Tempeln gesungen wird, sein Name wird unsterblich sein und bleiben. ll. I'. Nachdem in Vorstehendem eine Darstellung des Lebensganges Giovanni Picrluigi's da Palestrina und seiner genialen Thätigkeit gegeben worden ist, uiöge es auch dem Schreiber dieses gestattet sein, zum Ruhme deS Meisters ein weniges beizutragen durch eine allgemeinere Besprechung seiner Werke, soweit sie größere Kreise interessiren mag. Mit Palestrina hat der polpphone Stil der Kirchenmusik seine glänzendste Entfaltung genommen und seine höchste Blüthe erreicht, von ihm nahm er zugleich auch den Namen an. Diesen Palestrinnstil nun nennen die einen zwar mit viel Respekt, schrecken aber im Innersten zurück vor der „Langweile solch ewigen Eincrlci's von Tongewirren und tonlcitcrähnlichen Auf- und Abjagcns der Stimmen"; den andern — bilden sie wohl die Mehrzahl der Kircheumusiker? — gelten dieser Stil und die Werke seines größten Vertreters als das Edelste, was in Kirchenmusik geschaffen wurde, ja als Ideal alles mehrstimmigen Kirchcngcsanges. Wie einer, an dessen Macht kein Bedenken und kein Hinderniß herankommt, übernahm Palestrina die contrapunklische Erbschaft von den großen Vorfahren und formte das Material, das kalte und leblose, nach freieren Gesetzen, nur dem Fluge des Genies eigen, zu den stanncnswcrihcstcn Kunstwerken. Nicht die contrapunklische Form, sondern der Text wurde ihm zum bestimmenden Moment und dadurch betrat er die neue Bahn. Der Text war Palestrina die Hauptsache; von ihm ließ er sich begeistern und hinreißen und diesem gab sein Genius hinwiederum die frömmste, gottcrlcnchtete Interpretation. Er verschmähte es nicht, Tonmalereien anzuwenden, einfach, aber klar und sprechend, reizend möchte man sie nennen wegen ihrer nngesuchten natürlichen Schönheit, aber immer würdig, immer der Ausfluß eines Geistes, der seine Melodien vom Himmel geholt zu haben scheint. Welche Zartheit, welcher Adel und Reichthum der Melodie und Harmonie! Welche Festesfreude, die schon in den ersten 3 Takten einer Festmesse aufleuchtet; welch tiefe Trauer, welch hcrzdurchdringender Schmerz in den Jmproperien, den Nesponsorien der Chnr- woche, den Lamentätionen! Der ü?rinvops innsiaas war ein König auf seinem Gebiet, der den Tönen, Melodien und Harmonien befahl, das Herz der Zuhörer zu rühren, zur Andacht, zu gottinnigem Gebete und zur Betrachtung hinzureißen. Wenn im Khrie der Marcellnsmesse Festesfreude hochauschwcllend die Brust des Hörers füllt, wenn er so recht sich glücklich preist, mit der Kirche im Herrn sich freuen zu können, dann hält Palestrina den Sinn des Beters für zubereitet, um ihm im Gloria gleichsam selbst vorzubc/cn ein Gebet der tiefsten Demuth zum mächtigen herrlichen GEc. Der Gesang scheint von der Erde sich bis zum HiMMc/ erhoben zn haben, es ist, als ob die Melodien von vier oder sechs Engelchvren au unser Ohr dringen: tief in Demuth neigen sie das Haupt und hauchen ein ^.clorarnrm, das der Chor andächtig betrachtend wiederholt; dann wieder scheint der Cherub den Blick zu erheben zur strahlenden Majestät des ewigen Gottes, und in staunendem Jubel singt der Chor das Lob des Drei- cinigen. Mag dies nun überschwänglich scheinen — wir können uns nicht dazu verstehen, bei Palestrina eine kalte Berechnung des Effektes anzunehmen, jeder Satz trägt unverkennbar den Adel der Genialität zur Schau und wird nur verständlich und erwärmt nur, wenn er hingenommen wird als der höchsten Begeisterung entflossen. Für den großen Werth seiner Compositionen und für die aufrichtige Verehrung, welche Palestrina von seinem Jahrhunderte gezollt wurde, zeugt besonders der sagcuartige Nimbus, welcher alsbald das bekannteste seiner Werke umgab, die Nisss, ü?axao Llarcwlli. Jeder Musikschriftsteller weiß darüber etwas besonders zn berichten, alles nur aus Verehrung für den großen Meister. Doch, wenn wir nach der strengen Wahrheit fragen, wird die Antwort kurz beisammen sein. Nach den Beschlüssen des tridentinischen Concils war eine weltliche, lascive Musik von der Kirche auszuschließen. Das Concil hielt sich nur an diesen allgemeinen Ausdruck, das nähere und einzelne zu bestimmen, blieb den Bischöfen für ihre Diözesen überlassen. Für Nom wurde eine aus 8 Cardiuälen bestehende Commission angewiesen, die vom Concil gewünschten Reformen bei den päpstlichen Behörden, Anstalten u. s. w. durchzuführen. Zu diesen zählte auch die päpstliche Kapelle. Mit der Neformirung dieser wurden zwei Mitglieder der Commission betraut, die Cardinäle Carlo Borromeo und Vitcllozi Vitelli. Zunächst trafen sie Bestimmungen disciplinärer Art, dann erst beschäftigten sie sich mit der Frage, wie den bisherigen Klagen über Schwerverständlichkeit des Textes abzuhelfen sei. Der Cardinal Vitelli berief zn einer diesbezüglichen Probe mehrere Sänger der Kapelle am 27. April 1565 in seine Wohnung. In den Punktationsbüchern der päpstlichen Kapelle wird darüber kurz vermerkt: Ois Lalldati, 28. ^.pr. 1565. ^.cl instantiarn Rsv.pfl Oaräinalig Vitallotii luinrug conArkAnti in ckonro esusäsm Ilov.L* aä ckoLantanclas aliquot raissas, ab pro- Uanclnin, si vcwlla intalliAarantur pront ltevarvn- clissiwig xlrrest.*) Baun erzählt nun als ganz sicher, bei dieser Gelegenheit seien drei Messen von Palestrina gesungen worden und hätte von diesen die LlisLU kapas chlaraolli allwegs entsprochen und höchstes Lob gcerutct, Habcrl weist dagegen darauf hin, daß es nach den bis jetzt bekannten Urkunden ganz und gar zweifelhaft sei, welche Messen gesungen wurden. Es ist möglich, ja sehr wahrscheinlich, daß die eine oder andere Messe Palestrina's, also etwa auch die Marcellnsmesse, hiezu gewählt wurde, und es ist auch ganz klar, daß gerade seine Messen vollauf befriedigen und jedes Bedenken benehmen tonnten, da er ja schon von Anfang an bestrebt war, die zwecklosen Zicrathen zu vermeiden und dem Texte zum klaren Verständniß und Ausdruck zu verhelfen. Daß Palestrina in seinem Streben durch die Klagen des Konzils und der Cardinäle noch mehr bestärkt wurde, ist wohl P Hciberl, Kirchenmusik. Jahrbuch 1892, ga§. 82 ff. 45 verständlich. Eines ist sicher erwiesen, daß nämlich die Nissa Vuxrw Na-roelli nicht, wie überall zu lesen, eigens für eine Probeanfführnng geschrieben wurde, sondern schon vorher componirt und gesungen worden war. Denn die älteste Quelle für diese Messe ist ein Codex der Kapelle in S. Maria Maggiore. Dort schrieb sie Palestrina für seinen Chor. Wie vordem die Jmpro- perien, wurde 1565 diese Messe mit uoch andern für den Gebrauch der päpstlichen Kapelle copirt, ohne Angabe von Titel und Autor. 1567 erschien sie im II. Buch der Messen zum erstenmal im Druck, und da erst gab ihr Palestrina den Titel: Dlissa I?apU6 Nai- velli — zur dankbaren Erinnerung an seinen Gönner Marcello Cervini, der als Papst Marcellus II. nur 21 Tage regiert hatte. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß den Berichten der Musikschriftstcller und Lexikographen bezüglich dieser Frage nur mit Vorsicht Glauben geschenkt werden darf, denn die neueren Nachforschungen Haberls haben die bisher geltenden Ansichten über Entstehung und historische Bedeutung der Marcellnsmesse gänzlich ins Wanken gebracht. Vielleicht bringt rastloses Forschen noch völlige Klarheit über die Frage bezüglich dieser Blesse. Wie dem aber auch sei, die Dlissa, kapae Nareslli verliert nichts von ihrem Werthe, denn der fromme Zauber und die großartige Pracht dieser Messe stempeln sie für alle Zeiten zu einem Kunstwerk ersten Ranges. Staunenswerth ist die Schaffenskraft des Meisters. Er schrieb 93 Messen, darunter 28 fünfstimmige, 21 sechs- stimmige und 5 achtstimmige, 360 Motetten, Hymnen, Litaneien, Magnifikat, nur Werke für die Kirche bestimmt, mit Ausnahme von 3 Büchern weltlicher Madrigale, welche er in der Jugend componirte. Palestrina wählte zu diesen letzteren als Texte vorzüglich Lieder von Petrarca. Obwohl diese Gesänge weit entfernt sind von den derben, fast zotigen Gesängen anderer gleichzeitiger Meister, so bereute Palestrina später doch aufrichtig, daß er sich in seiner Jugend eitlen Ruhmes wegen damit abgegeben habe. Rührend ist, wie darüber der 69jührige Meister denkt. Er schreibt 1583 in der Os- äicmtic» der Gautiaa, (lantiooruru an Gregor XIII: so numoro aliguauäo Inisse ino, ob orndesLo, et äoloo. 8aä gnanäo praotorlta. mntari uon iwssnnt, N66 raääi inloota, yuuv kaeta, jam auut, Consilium mutavi." Palestrina veröffentlichte einen großen Theil seiner Werke. Nach feinem Tode beauftragte Papst Clemens VIII. dessen überlebenden Sohn Jgino, die noch ungcdruckten Werke des Vaters mit den bereits cdirten zu einer Gc- sammtansgabe zu vereinigen. Jgino verkaufte aber dieselben schleunigst an zwei vcnetiauischc Buchhändler und so wurde der große Gedanke des Papstes vereitelt und die Werke Palestrina's blieben in den verschiedensten Ausgaben in den Bibliotheken Italiens und Dentscb- lands zerstreut. Dem Eifer und der Ausdauer eines Baini, Proske, de Witt, Espagne, Rauch, Commer und besonders der fieberhaften Thätigkeit Haberls gelang es, sämmtliche Werke aufzufinden. Baini machte 1821 die ersten Versuche, eine Gesammt- ansgabe zu ermöglichen; seine Anfrage um Unterstützung in Frankreich blieb resultatlos. Nun wurden durch die eifrige Vermittlung Buusens, des damaligen preußischen Gesandten in Rom, Verhandlungen mit der großen Firma Breit köpf u. Härtet in Leipzig angeknüpft. welche bis 1841 dauerten, aber zu keinem festen Entschlüsse führten. Die berühmte Firma scheute die Opfer nicht und kam nach 20 Jahren wieder auf den Gedanken zurück. Was Theodor de Witt, unterstützt durch die Munifizenz König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen, während neun Jahren in Italien gesammelt hatte, das war nach dessen allzufrühcm Tode in die Berliner königlichen Bibliothek gekommen und erschien nun, 1862 und 1863, revidirt von Ranch, als die drei ersten Bünde der Gcsammtausgabe. Als nach Verlauf von 11 Jahren Espagne fünf weitere Bände veröffentlicht hatte, starb auch er 1878. Fr. Commer besorgte uoch den neunten Band, und jetzt übernahm die Wetterführung des Werkes Domkapellmeister Fr. L. Haberl in Ncgensburg, welcher das gcsammte Material beinahe druckfertig bereit hatte. Durch Gründung eines Palestrina- vereins gewann er neue Siibscribcntcn, und nun nahm das Werk einen raschen Fortgang, indem fast alljährlich zwei neue Bände erschienen. Am Ende des Jahres 1893 lag die Gcsammtausgabe von „Pierluigi da Palestrina's Werken" in 32 Bänden, Großfolio, in ausgezeichneter Ausstattung fertig vor; — das herrlichste Denkmal, das Verehrung und Begeisterung dem unsterblichen Meister zu seinem dritten Centenarium setzen konnte. Besonderer Dank gebührt den unermüdlichen Forschern, in erster Linie Haberl, und der preußischen Regierung, welche den Beginn des Werkes ermöglichte durch generöse Subscription auf fünfundsiebzig Exemplare. Nun ist den Chorregenten und allen Freunden der Kirchenmusik ein Zanberland der Töne erschlossen, ist ihnen eine Schatzkammer geöffnet, deren Reichthum unerschöpflich ist. Es ist nicht mehr als billig, daß jeder nach Möglichkeit darin arbeite und daraus Nutzen schaffe für sich und andere. Die Werke Palestrina's sollen wieder bekannt werden; wie man überall gerne die Kopien von Werken seiner Zeitgenossen, eines Nafael und Michelangelo, sieht und kennt, so sollen auch Pierluigi's Werke wieder Eingang finden und bei unsern Chören verbreitet werden, selbst bei den kleineren. Wo nur ein einfaches Quartett gut besetzt ist, da darf man sich, wenn der Dirigent ein tieferes Studium und anfängliche Blühe nicht scheut, ohne Zaudern an's Werk wagen, der Erfolg wird jede Anstrengung lohnen. Niemand soll sich durch die vermeintlichen Schwierigkeiten abschrecken lassen, denn diese sind hier meist nicht so groß, als bei modernen Kompositionen Zweiten Ranges. Wenn einmal durch Proben und Feilen der Stil getroffen ist, dann singen die Sänger mit unverkennbarer Freude viel lieber und leichter eine alte Messe als eine neue. Man darf auch nicht der Ansicht sein, zu den Gesängen der Alten wären große Chöre erforderlich, — Palestrina selbst hatte im Jahre 1551 vier Soprane, cbcnsoviele Alte, Tcnörc und Bässe. 1584 sind es sechs Soprane, vier Alte (nicht, wie die Soprane, Knaben-, sondern Männerstimmen, hohe Falsettistcn), vier Tcnöre und cbcnsoviele Bässe. Diese Besetzung mußte für große Räume und für achtund zwölfstimmige Sachen ausreichen. Auch den Grund kann ich nicht gelten lassen: „Das Volk versteht diese Gesänge nicht, sie seien ihm zu langweilig." Gerade das Gegentheil behaupte ich. Ich habe in Domkirchcn schon einfache Landlcule gesehen, welche zwei, drei Stunden weit her zum Gottesdienste in die Stadt' kamen „wegen der schönen Kirchenmusik" und andächtig, mit gespanntester Aufmerksamkeit, mit sichtlicher Freude den dahinschwebenden 46 Klängen der Llissn f?axas Naroslli, oder Ulrrur rs- äswxtoris, oder Isis conkeLsor lauschten. Wenn sich die Chorregcnten und Freunde klassischer Musik mit dem Studium der Werke der Alten, speciell Palestrina's, enger befassen wollten, wahrhaft, da wäre keine Mühe vergeudet, denn sie schenken sie einem Manne, der als unerreichter Genius die Poesie der kirchlichen Liturgie in seraphischen Melodien und Harmonien nachgedichtet hat und dem kein größeres Lob hätte gespendet werden können, als der Ehrentitel auf seinem Grabe: Nusioas I'riuosxs, der Fürst der Tonkunst. Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Neliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmaun. (Fortsetzung.) III. Vom Aufhören des äußeren Glanzes bis zum Verfall: o. 1000 —1500. Das Wenige, was über diese Zeit gefunden wurde, wird hier in Kürze mitgetheilt. Bis zum Jahre 1400 finden sich folgende Namen von Monheimer Aebtissinnen, - leider ohne Angabe der bestimmten Jahreszahl: Anna die Fcstcnbcrgerin, Sophye von Maurn, Knnignnd die pirkcnfelseriN, Agnes von Umendorf, AgneS von Pflaunlach, Liukart von Grcdingen, Gute diu Marspcckin, Grcte von Maurn, Anna von kalenthcin und Katharina von Wemdingcn. Dieselben sind genommen aus einem alten Mon- hcimer Salbuch. Darin finden wir bei Auszählung der gestifteten Jahrtage auch einzelne aus dem Klerus der Klosterkirche während dieser Periode angeführt, nämlich: bor Knäolks v. baloutin ains pbarrers lartag; bor Uberbartü ilos xbarrers 1arta§; Her Hansen Pöppsing Jahrtag, eins Kapl. zu Maunhaim; Her Hausen Camererz, der caplan hch gcbescn ist; Her Hermanns des Capplans Zahltag.^) Im Jahre 1060 weiht Bischof Gnndekar II. von Eichstätt in Monheim eine neue Kirche?^) Es ist dieselbe, von welcher heute noch ein Theil des Thurmes, des Krenzganges 6°) und wahrscheinlich auch der Grundmauern steht?') 1161 brennt die Kirche in Heidenheim ab und wenden sich die Heidenheimer an Bischöfe und Klöster um Mittel zu einem Neubau; dazu hat sicher auch unser Kloster beigetragen, das ja, wie kein anderes, mit Heidcn- heim in Verbindung gestanden. °') Nach Klosteraufzcichnungen aus d. I. 1381 ok. später. °°) In dem betreffenden Gundekarischen Verzeichnis; der geweihten Kirchen heißt cS: Istas, guas bie oeruitis, subuvtatas eeotosias cousoorarit Eunäeobar s. aureateusis oeelostas oetavns äoeiwus opiseopns: ... 36 Nuouboiw. °°) Vgl. Sighart, Bild. Künste im Kgr. Bayern pg. 775. Vor kurzer Zeit erst fand man ein Stück dieser alten Grundmauer aus; sie liegt etwas innerhalb der Grundmauern der jetzigen Kirche unter dem Pflaster. Allerdings wäre es auch möglich, daß die aufgefundene Mauer zur ehemaligen Krypta gehörte; denn daß diese römische Kirche eine Krypta zur Aufnahme der bl. Reliquien hatte, erhellt daraus, daß man um's Jahr 1500 beim Bau einer neuen Kirche unter der Erde einen Altar fand. 1180 findet sich eine Urkunde, nach welcher Monheim Besitzungen in Otting hat. 1256 werden in Eichstätt die Reliquien des heil. Willibald aus der Gruft erhoben und in einem erhöhten Monument beigesetzt unter Bischof Heinrich IV. Zu dieser Feier, die großartig begangen wird, erscheint auch der Konvent Monheim mit den Reliquien der HI. Walburga und in Begleitung zahlreicher Andächtiger. Von Eichstätt werden die Reliquien wieder zurückgebracht und in der Krypta wieder beigesetzt. Jedenfalls nahm man gerade damals von dem wunderbaren Wal- burga-Oel in Eichstätt mit und legte es zu den hl. Reliquien in der Gruft, wo es nach fast 300 Jahren noch rein und lauter gefunden wurde. In dem Zeitraum von Mitte des 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts entstand bei der Kirche und dem Kloster dreimal ein Brand; dabei wurde die Krypta mit den hl. Reliquien ganz verschüttet und waren dieselben lange Zeit unbekannt und vergraben. Es scheint, daß schon bald nach 1256 der erste Brand stattfand und dabei solche Zerstörung verursacht wurde, daß die vollständige Verschüttung der Krypta mit den hl. Reliquien erfolgte und dieselben ganz außer Kenntniß geriethcn. 1278 wird erwähnt ein Oürmraäus, ässumm äs Nav/nlisim. 1369 verkauft das Kloster Vesitzthümer in Feld- heim an Scyfried Heyden;°o) es besitzt zu dieser Zeit auch das Patronatsrecht über die dortige Pfarrei. Um 1370 bringt Bischof Nhabno Ordnung in die zerrütteten Verhältnisse Monheims?") Es muß also im Kloster Etwas fehlen: freilich mochte schon die Zerstörung durch's Feuer und die dadurch herbeigeführte Unordnung nachtheilig gewirkt haben. Die hl. Reliquien waren auch unbekannt mit Schutt begraben; die Verehrung der hl. Walburga demnach nicht mehr so blühend und eifrig. Was für Ordnung der Bischof hineingebracht, konnten wir nicht ermitteln. Da wir aber erfahren, daß er von Monheim weg sein Augenmerk auf die Reform des Klosters Pillenreuth richtete und dort Canonissen einführte, so möchten wir schließen, daß dasselbe um diese Zeit in Monheim geschah. Gewiß aber ist nur, das; die Benediktincriuuenabtei Monheim überhaupt in eine Canonissenabtei verwandelt wurde?') 1381 ist Aebtissin: Katharina von Wemdingcn. Sie schrieb aus alten Büchern und Urkunden ein Verzeichniß der in die Klosterkirche gestifteten Jahrtage, sowie sämmtlicher Einnahmen des Klosters in einem interessanten Pergamentcodex °?) zusammen, in welchem wir eine ziemlich gute Uebersicht über den damaligen Stand des Klosters erhalten: »In irowins äomini. Urnen?, so beginnt sie, „Ditz puch ist geskriben und gcordiniert Da man zalt von Cristz geburt Drützehen hundert Jar und da nach in dem ain vnd achtzigsten Jahr an dem nächsten °s) »ea vero äie i !. 8. IVatbnrgis äo Llrumbeim per eonvontuw ejusäenr loei et s. Ooukossor ^Vuniunvalllus . Oliaw, das; Margarctha, Äbtissin zu Monheim, an die Teutschen Nittcr-Ordens- Commenthur zu Blommcnthal etwelche Güter sammt dem Kirchensatz, Zchenden und Ehehafft zu Berubach verkanfft habe, wie solches der Kaufbrief vom Jahre 1482 be- zeuge"?°) Mit verschiedenen andern Gütern wird es auch so gegangen sein, jedenfalls um den baldigen Kirchenbau zu ermöglichen. Dieser wurde aber hinausgeschoben; verschiedene Unglücksfälle, die vielen Hagel- schläge, die in der ganzen Gegend eintraten, und Ueber- schwemmuugcn, dann große Trockenheit und Theuerung, endlich die Pest, welche Viele dahinraffte, ließen solche Pläne nicht aufkommen. Dazu kamen neue Kriegsunruhen. Monheim gehörte um diese Zeit dem bayerischen Herzog Georg dem Reichen aus der Landshuter Linie. Da dieser ohne männliche Erben war, so sollten seine Besitzungen nach dem bayerischen Agnarenrecht und außerdem noch nach kaiserlich bestätigter Uebereinkuuft an die Münchner Herzoge fallen. Im Geheimen aber hatte Georg eine Urkunde ausfertigen lassen, daß seine Besitzungen sein Tochtermann Ruprecht von der Pfalz erben sollte. Als bald darauf, am 1. Dezember 1503, Herzog Georg gestorben war, wollten beide Theile: die Münchner- Herzoge als eigentlich berechtigte Erben und Ruprecht auf Grund des geheimen Testamentes, das Erbe antreten. Ein gütlicher Ausgleich kam nicht zu Stande: so griff man zu den Waffen. Vom Kaiser wurde Ruprecht in die Acht erklärt; dieser aber wußte die reichen Schätze feines Schwiegervaters zum großen Theil an sich zu bringen und Bundesgenossen zu finden, so daß er die besten Aussichten hatte;^) auch die Monheimer Gegend wußte er für sich zu gewinnen. Die Buchdorfer hatten ihn allerdings gefangen genommen, aber „er sprach ganz holdselig, wie er war, dem wilden Haufen freundlich zu, gab ihnen drei Gulden zum Vertrinken und die besten Verheißungen, als seinen künftig eigenen Leuten, so daß er die ganze Gemeinde für sich gewann und ihm diese von nun an mit allem Ernste diente". So verstand Ruprecht goldene Brücken zu bauen. Es wurde nun der freie Paß von Nürnberg nach Donauwörth, wo die Kaiserlichen standen, abgesperrt, kaiserliche Couriere abgefangen und ihre Briefe geöffnet, kurz die Keckheit auf's höchste getrieben. Aber bald wendete sich das Blatt. In Buchdorf wurden von den Kaiserlichen und Herzoglichen 200 Firste abgebrannt und viele Leute fortgeschleppt, und nachdem hier die Fackel des Krieges angebrannt war, schwang sie sich weit in die Pfalz und nach Bayern hinein. Bei 600 Ortschaften wurden abgebrannt, es herrschte ein gegenseitiges Brennen und Morden.^) In unserer Gegend siegten die Kaiserlichen; neben andern Herzoge; ob mit Recht und nach welchen Urkunden, konnten wir nicht ermitteln. Die dort (Bild. Künste in Bayern) 464 angegebene Jahreszahl o. 1450 ist jedenfalls unrichtig. '") Luidl, 8.0., Eichstättisches Heiligthum, I. Tbl., p§. 221. ") Schreiber, Bayer. Geschichte, I. Bd., p§. 399 ff. Königsdorfer, Hl. Kreuz in Donauwörth, 1. Bd., xZ. 306-308. Städten, wie Friedbcrg, Aicha, Launigen, Gundelfingen, Wemding n. A., wurde auch Monhcim von ihnen besetzt und mußte wieder dem Herzog Albrecht von München huldigen.^) Da aber in den übrigen Ländern das Kriegsglück bald auf der einen, bald auf der andern Seite war und beide Theile große Verluste erlitten, auch viele Fürsten, besonders die Bischöfe von Trier, Würz- burg, Salzburg, Eichstätt, Freising und Paffau zum Frieden mahnten, so verstanden sich die feindlichen Parteien, umsomehr, da auch Ruprecht selbst und seine habsüchtige Gemahlin Elisabeth gestorben waren, zu einem friedlichen Vergleich, dem sogenannten „Kölner Spruch", im Jahre 1505.^) Demzufolge wurden die Erblande Georgs des Reichen, in welchen Monhcim lag, in drei Theile getheilt, deren einen größten Herzog Albrecht von München, den zweiten der Kaiser für die Kriegskosten erhielt und den dritten man zu einem eigenen Herzog- thnm für die Söhne des verstorbenen Ruprecht: Otto Heinrich und Philipp, ausschied, unter dem Namen „Junge Pfalz", auch „Pfalz-Neuburg". Dieses neugebildete junge Herzogthum bestand aus „Schloß, Stadt und Amt Neuburg, mit den dazu gehörigen Wäldern, wie auch Höchstädt, Launigen, Gundelfingen, Monheim, Hilpoltstein rc."^) Unter diesen Kriegswirren und andern Unglücksfällen war an den Ban der Kirche nicht zu denken. Aber auch das innere Leben des Klosters litt stark darunter. Aus dem Jahre 1480 wird uns berichtet, daß nur mehr vier Canonissen sich im Kloster befanden. Ein Rückblick auf diese letzte Zeit des Klosters bietet uns ein trauriges Bild; die hl. Reliquien schon längst vergraben und unbeachtet, die Kirche eingeäschert, die Klostergüter großentheils verwüstet, die Klosterbewohner bis auf ganz wenige zusammengeschmolzen: es ist das Bild des Verfalles. (Fortsetzung folgt.) Litterarisches. 0. „Gott will cö". Mit den letzten Heften des Jahrgangs 1993 dieser MissiouSzeitschrift erhielten wir auch das erste Heft für 1894. Die letzten Hefte bilden einen würdigen Abschluß des Jahrgangs, und der Inhalt des ersten Heftes laufenden Jahres eröffnet einen erfreulichen Ausblick auf das, was uns der neue Jahrgang bieten wird. Der ohnehin billige Preis ist halbjährig auf 1 M. ermäßigt, und erscheint die Zeitschrift, einem vielfach geäußerten Wunsch entsprechend, mit gleich großem Umfange monatlich einmal. Bei dieser geringen Ausgabe von jährlich nur zwei Mark wird diese so verdienstvolle, durch ihre vielen Originalberichte aus Afrika einzig in ihrer Art dastehende, mannigfach unterrichtende, oft sehr interessante und überdieß illustrirte Missionszeitschrift gewiß viele neue Freunde gewinnen. Wir empföhlen sie somit aufs Neue unsern verehrten Lesern. Probenuwmcrn versendet jede Buchhandlung, sowie auch die Verlagöhandlung A. Niffarth, M.-Gladbach gratis und frauco. DaS früher im Verlage von Velhagen und Klasing in Bielefeld erschienenen Oonoilinm triäsutiuum mit gegenüberstehender deutscher Ucbersctzung von CanonicuS Dr. Smet s, sowie der O'ateebismus romauns (lateinisch und deutsch) unter Zugrundelegung der Ucbersctzung von SmetS, herausgcg. von Univ.-Prof. Dr. B u se, zwei Bände, sind mit sämmtlichen Vor- räthen in den Verlag von B. Wehberg in Osnabrück übergegangen. Der Letztere hat den Preis des Oatoebismus romanus von 6 M. auf 3.50 M.. den des Ooneilium tricksn- tinum von 4 M- auf 2 M. ermäßigt. ^) Falckenstein, Vollst. Geschichte des großen Herzogthumö Bayern, III. Thl., i^. 493. ") Ibiä. xx. 505. '^) Falckenstein, Vollst. Gesch., px. 506. Verautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Nl. 7. 15. Mum 1894. Eine anglikanische Stimme über die Bibel- Encyklica des hl. Vaters. ? Der vielgenannte „Pater" Jgnatius, Gründer und Oberer des anglikanischen Klosters Lanthony in Wales hat anläßlich der Encyklica Leo's XIII. über das Bibelstudium einen Brief der katholischen englischen Presse übersandt. Die wichtigsten Stellen dürften der Wiederholung werth sein. „Gestatten Sie mir als nicht-römischem Katholiken auszusprcchcn, mit welcher großen Freude und lebhaften Erkenntlichkeit ich die letzte päpstliche Encyklica gelesen habe. Der herrliche, wüthige und unerschütterliche Glaube, mit welcher sie für die hl. Schrift vor der ganzen Welt der Wissenschaft und des Unglaubens eintritt, ist be- wundernswerth. Am Ende des 19. Jahrhunderts die Thatsache wieder zu bestätigen, daß die hl. Schrift irrthumsfrei ist, weil sie, unter der Inspiration des hl. Geistes geschrieben, Gott selbst zum Urheber hat, ist an sich ein erhabener Glaubensakt, der die Bewunderung und die Dankbarkeit der ganzen christlichen Welt verdient! Für die Protestanten und Anglikaner müssen alle römischen und orientalischen Katholiken Gott danken, Leo XIII. einen so heldenhaften Muth eingeflößt zu haben. Es ist mir unmöglich, darzustellen, mit welchem stets zunehmenden Erstaunen ich diese weisen und wackern Worte studiert habe! Der hl. Geist allein hat sie in die Feder gegeben und die Hand beim Schreiben geleitet. Dieser zweite Leo der Große hat die Welt mit einer Fluth himmlischlichten Glaubens erhellt, der die aufrichtigen Jünger Jesu Christi trösten und beruhigen muß. Dieser übermenschliche Muth muß alle guten Protestanten vielleicht noch mehr erfreuen, als die Katholiken. Wenn die Behörden der anglikanischen Kirche es nicht mehr wagen, als Vertheidiger der hl. Schrift aufzutreten, wenn sie denjenigen ihrer Ankläger kein Stillschweigen auferlegen, welche zum autorisirten anglikanischen Klerus gehören, so müssen sie früh oder spät Abfalls- erschcinungen ohne Beispiel zu Gunsten der Kirche Leo's XIII. erwarten. Der Papst konnte denjenigen, welche noch an Jesus Christus glauben und ihn lieben, keinen größeren Dienst erweisen, als der Kirche und der ganzen Welt diese herrliche und erhabene Encyklica über das Bibelstndium zu geben. Auch werden alle aufrichtigen Christen sie mit Freude und Dankbarkeit begrüßen." k. Jgnatius wird ohne Zweifel noch zur Mutterkirche zurückkehren. Die Fortschritte der katholischen Kirche in England sind großartig. Die tüchtigsten anglikanischen Geistlichen treten über, viele würden folgen, wenn Familie und Pfründe nicht wären. Jüngst sind wiederum drei anglikanische Geistliche zum Katholizismus übergetreten. Es sind dies: der Londoner Pastor Suther- land Macklem, der Armee-Kaplan Wood und der Pastor Briggs von Devonport. Seit dem Prozeß des wegen Nitualismus angeklagten anglikanischen Bischofs von Lincoln haben sich nicht weniger als vierzehn Geistliche der Staatskirche dem Katholizismus zugewandt. Eine neue Apologie. Die Namen Hettinger, Gntberlet, Schanz und Weiß zeigen zur Genüge, daß das katholische Deutschland zur Zeit über gediegene Werke der apologetischen Literatur verfügt. Aber neben den eigenen Produkten hat die deutsche Wissenschaft stets auch fremde Arbeiten in heimathlichem Gewände neidlos aufgenommen und freudig begrüßt, wenn sie wahrer Wissenschaft förderlich waren. Dieses Prädikat dürfen wir mit vollem Rechte dem Werke des Franzosen Bongand^) vindiciren. Schon der Name des Verfassers, der dem deutschen Publikum durch seine literarische Thätigkeit längst rühmlich bekannt ist ^), bürgt dafür. Außerdem berechtigt die von ihni angewandte Methode dazu, seine Apologie eine neue zu nennen. Bougaud, 1888 als Bischof von Lnval gestorben, steht als Redner und Schriftsteller einem Montalcmbert, Lacordaire und Dnpanlonp ebenbürtig zur Seite. Freilich verräth er sich durch seinen Stil und Nationnlpatriotis- mns sofort als Franzose. Aber er zeigt sich durchaus als genialen Meister der Form, und obwohl glühend von Liebe zu seinem Vaterland«:, zeichnet er die Schwächen und das geistige Elend seines Volkes mit photographischer Treue. Die Entdeckungen des Jahrhunderts und die Fortschritte der Wissenschaft in gerechtester Weise würdigend, übersieht er keineswegs die traurigen Schattenseiten des 19. Säkulums und bezeichnet als die Hauptursache alles Uebels die Jrreligion. „Unser Jahrhundert, klagt der Verfasser mit wehmüthigem Schmerze, hätte das aller- glücklichste werden können, nur Eines fehlt ihm, Gott — und dieses genügt, um alles zu vergiften bei den Einzelnen, wie in der Familie, unter dem Volke, wie in der Gesellschaft." Im Großen und Ganzen darf man wohl Hettingers Apologie eine dogmatische, die Gutberlet's eine philosophische, die von Schanz eine naturwissenschaftlich - h i st o r i s ch - k r i t i s ch - b i b l i s ch - e x e g e t i s ch e und die Weiß'sche eine moralistisch-kulturhistorische nennen. Bougand's „Christenthum und Gegenwart" ergänzt sie nun in würdevoller Weise als eine Art psychologischer Apologie. Ausgehend von de Maistre's berühmtem AuSspruche, daß „es in der katholischen Kirche kein Dogma, ja keinen allgemeinen, der höheren Disciplin ungehörigen Gebrauch gebe, welcher nicht in den tiefsten Tiefen der menschlichen Natur wurzelte," geht der Verfasser, entsprechend dem Geiste „unseres Jahrhunderts, welches Thatsachen lieber hat als Ideen und für die Methode der Beobachtung schwärmt" (II, 482), von der Psychologie, der Methode der inneren Beobachtung aus. Dabei werden aber die äußeren Beweismittel nicht vernachlässigt, vielmehr die sicheren Resultate der Archäologie, Geschichte, Sprach- kuude, Philologie und historischen Kritik gewissenhaft und mit feinem Takte verwerthet. So ist denn das bei seinem ersten Erscheinen freudigst aufgenommene Werb) Christenthum und Gegenwart. Autorisirte deutsche Uebcrsctznng von Philipp Prinz von Nrcnverg. 1. Bd.: Religion und Jrreligion. Kirchheini, Mainz 1891. — 2. Bd.: Jesus Christus. 1693. 2) Geschichte der hl. Monika, deutsch, ebenda?. 1870. — Geschichte der hl. Franziöka v. Chantal, deutsch, Herder, Frei- bnrg 1872. ') Es liegt bereits in 5. Auflage vor, ist in's Italienische Ungarische und Kroatische übersetzt. 50 auch in deutschem Gewände einer warmen Aufnahme werth, zumal die Uebersetzung die fließende Form und den oratorischen Schwung des Originals zu vollem Ausdruck bringt. Das Werk umfaßt fünf Bände, von denen bisher zwei in deutscher Bearbeitung vorliegen. Das erste Buch behandelt in meisterhafter Weise Religion und Jrreligion, die Schönheit der einen und die Trostlosigkeit der andern, sowie die Rolle, welche beide im öffentlichen Leben spielen. Bereits hier macht B. Gebrauch von der neuen Methode, indem er die letzte Ursache der Religion im Innern des Menschen und in der Natur Gottes aufsucht. Die Vernunft und das Gewissen, die Selbstachtung und die Ehre, die Sorge um die Zukunft sind es, die dem Menschen nicht erlauben, ohne Religion, ohne Gott leben zu können. Zugleich wird gezeigt, daß weder die Naturwissenschaften, noch die Philosophie und Geschichte, noch auch die industriellen, politischen und socialen Bewegungen irgend einen ernstlichen Einwurf gegen die Religion vorzubringen vermögen. Bedarf also der Mensch nach dem Gesagten einer Religion, so wird im zweiten Buch sofort gezeigt, daß die nothwendige Religion nicht die natürliche, sondern die Religion Jesu Christi, das Christenthum ist. Auch hier geht der Verfasser nicht den gewöhnlichen Weg der Apologetik. „Du fühlst, daß der Mensch eine Religion haben muß, du weißt aber nicht, welche. Lasse die metaphysischen Fragen, die schwierigen Probleme, Wunder und Prophezeiungen bei Seite; stelle dich vor Christus hin, vor sein unvergleichliches Antlitz, sein Leben, seinen Tod, seine Lehren, seine Tugenden, wie man sich vor die Sonne stellt, aber ohne die Augen zu schließen" (1, 36). Ohne also die Unzulänglichkeit der natürlichen Religion weitläufig zu besprechen, ohne die Fragen über Möglichkeit und Wirklichkeit der Wunder und Weissagungen, über Authentizität, Unversehrtheit und Glaubwürdigkeit der hl. Schriften zu behandeln, führt B. sofort „die großartige Evidenz Jesu Christi" dem Leser vor und erbringt den eingehendsten Beweis der Gottheit Christi, indem er von der Menschheit Jesu zu seiner Gottheit, von der menschlichen Schönheit seines Charakters, seines Geistes und Herzens, seiner ganzen Seele emporsteigt bis zu der vollkommenen Erkenntniß, bis zu der demüthigen und freudigen Anbetung seiner göttlichen Natur. Gewiß eine ebenso historisch als psychologisch berechtigte Methode, hat ja der Heiland sie selbst angewandt gegenüber seinem zweifelnden Apostel Thomas, von dem schon der hl. Augustin ebenso kurz als treffend bemerkt: viäit dominom, Ooum oonkWsua esb, er sah die Menschheit (Jesu) und bekannte seine Gottheit! Der eine Satz: Christus ist Gott, schließt aber das ganze Credo in sich. Darum wird das dritte Buch „die Dogmen des Christenthums" behandeln. Da sodann unter allen Glaubensgcnossenschaften, welche sich Töchter Christi nennen, nnr eine den herrlichen Schatz seiner Lehre unverfälscht besitzt, wird im vierten Buch die Kirche dargestellt. Den Gegenstand des letzten Theiles wird „die Uebung des Christenthums" bilden. Sachlich und logisch stehen sonach alle Theile mit einander im innigsten Zusammenhang und doch bildet jeder für sich ein abgeschlossenes Ganzes. Das Unternehmen Bougauds war nach Plan und Methode keine geringe Aufgabe. Ihre Lösung ist aber in großartiger Weise gelungen. Sie ist das Meisterwerk eines scharfsinnigen Geistes und eines edlen Gemüthes. Ein unbefangenes Herz und ein redliches Gewissen wird darin die „auserlesensten geistigen Genüsse" (I, 38) finden. Möge das schön ausgestattete und preiswürdige Buch sich recht weiter Verbreitung erfreuen! Stuttgart. Religionslehrer Or. tffsoi. A. Koch. Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walbnrga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Neliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. (Fortsetzung.) IV. Kurze Zeit der Neubelebung bis zur gänzlichen Auflösung des Klosters und Reformation c. 1500 bis c. 1600. In diese trüben Tage des Klosters schien mit Anfang des 16. Jahrhunderts nochmal neues Leben kommen zu sollen. Das Kloster gelangte wieder zu Vermögen; die letzte Aebtissin (Katharina Walrab) war eine gnädige Frau, besuchte durch Abgeordnete die Landtage, und waren ihr fast alle Güter in Stadt und Flur Monheim lehenbar?6) Gegen Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts begann sie auch den Neubau der Kirche in spätgotischem Stile. Bei der Ausgrabung der Fundamente geschah nun ein besonderes Ereigniß, das die Neubelebung des Klosters noch vorzüglich fördern zu sollen schien. Der Nebdorfer regulirte Chorherr ?. Balthasar Böhm erzählte nämlich in einer Walburgapredigt folgendes von diesem Fundamentgraben: „Auch zu meiner Zeit, als zu Monheim die Klosterkirch von Grund aus erneuert und ein anderes Fundament gegraben wurde, ist unter der Erd ein Altar, obwohl völlig mit Schutt bedeckt, doch ganz und unverletzt gefunden worden. Und als Andreas, der Stadtschreiber, ein Vatter unsers Ordensund Klosterbruders Sixti in Rebdorff solchem Bau als Baumeister vorstünde, hat er dieses ersehend um den Altar rings herum zu graben befohlen, damit er frey stunde: nachgehends alle Arbeiter beyseits geschafft und er mit zwey Priestern den Altarstein eröffnet, allwo er in einem Glas jenes hl. Oel (verstehe das Oel der hl. Walburga, wovon in der Predigt die Rede ist) annoch lauter, klar, rein und hell mit denen Reliquien gefunden, welches (wie der beygelegte Zettel auswiese) bei 300 Jahr allda verharret war, und weil dieser Ort drey mahl ver- bruunen, ist dieser Altar in der unterirdischen Kapell also vergraben und unbekannt geblieben." ^) Man fand also wieder den lang vermißten, kostbaren Schatz, das Palladium Monheims: die Reliquien der hl. Walburga. Der Bau der Kirche wurde nun möglichst beschleunigt, und da es doch zu lange gewährt hätte, bis man in der Kirche selbst die hl. Reliquien hätte gut und sicher unterbringen können, muß man einstweilen in einer fertig gebauten Sakristei einen würdigen, mit Gittern umgebenen Ort, vielleicht eine Art Stein- tumba, bereitet haben und dort die in einen silbernen Schrein eingeschlossenen hl. Reliquien aufbewahrt haben, aber so, daß mau sie zu Prozessionen und sonstigen feierlichen Gelegenheiten bequem herausnehmen und um- hertragen konnte. Der Güte des hochw. Herrn Stadtpfarrers in Monheim verdanke ich nämlich eine Notiz ">) Eichst. Past.-Bl. 1870, i>§. 201. ") Luidl, Eichst. Heiligthum, 1-, i>§. 222. 51 ? 4 aus dem dortigen Pfarrbuch, welche im Jahre 1618 ein Jesuit eingetragen. Diese lautet: „Wie ich von zwey alten vernomen, da sie sich in der sacristey wegen schwer- hörens und hohen alters, den sie bey 82 aä 84 (Jahr) waren, eingestelt, nach beschehner deicht mich angeredt: Herr, es ist hierin nit mehr wie vor, da ich Jung war, denn da und da ist ein großer silberner sarg oder Truhen gestanden, in dem die heiltumb und leib 8. ^Valkui-xis gelegen und darumb heißen Unser hie soviel Walburg. Discn sölbcn Castcn haben acht Meiner über die Achseln getragen, wenn man mit dem Creitz (Kreuz), (wie ihr Herr itz wieder mit dem Creitz geht) gen Otting Zu Unser lieben Frawen ist gangen. Sonst war da und da alzeit der silbern sarg (loouw rnilii mann ostoniano) aber mit gattcr (Gitter) gleich als ein Grab und in einer truhen eingeschlossen." Die Reliquien der hl. Walburga waren demnach wieder vorhanden. Der Clerus muß um diese Zeit auch zahlreich in Monheim vertreten gewesen sein. In einem Verzeichniß der verschiedenen Stellen bei Frankenstein^) werden für Monheim sechs aufgeführt: der Pfarrer, der erste und zweite Caplan, sowie der Frühmcsser für Monheim selbst, dann noch je ein Caplan für Jtzing und Warching. Für sämmtliche sechs Stellen hatte die Aebtissin das Präscntationsrccht; außerdem hatte sie es um diese Zeit auch noch für die Pfarreien Emskeim^) und Waltersperg?°) So schienen doch abermals Bedingungen vorhanden zu sein, welche den gänzlichen Verfall hintanhalten konnten. Aber andere Verhältnisse und Zeitumstände waren zu ungünstig. Es war die Zeit der beginnenden sogenannten Reformation. Der Geist der Unbotmäßigkeit, besonders gegen alles Kirchliche, und einer falschen Freiheit beim Volke und der Geist der Güterund Ländersucht bei den Fürsten nahm immer mehr übcrhand. Dadurch kam über Monheim Verderben; schon 1511 verweigerten die Bürger die Lehenspflicht; im Bauernkrieg gab es große Unruhen; diese wurden zwar niedergehalten, aber doch die Aebtissin veranlaßt, mit ihrem Konvent nach Neuburg zu flüchten, aus Furcht, vom Pöbel überfallen zu werden?') So dem Regen ausweichend, kamen sie in die Traufe, nämlich in das Netz des Ottheinrich in Neuburg, für welchen nebst seinem Bruder Philipp, als Erben des verstorbenen Ruprecht, die junge Pfalz: Pfalz-Neuburg, durch den Kölner Spruch gebildet worden war. Welche zum mindesten höchst verdächtige Sache es war, ja gefährlich, unter Ottheinrichs zweideutigen Schutzmantel zu gelangen, wird uns klar, wenn wir uns nur einigermaßen in der Geschichte nach seiner Persönlichkeit umsehen. Bei Janssen^) finden mir über ihn Folgendes: „Durch seine Prachtbauten, seinen Hofstaat, seine Spiclsucht, sein ,epikurisches Leben' hatte sich Otto Heinrich so tief in Schulden gestürzt, daß er für den ,verarmtesten Fürsten im ganzen Reiche' gelten konnte. ,Aus Bedrängnis; der Schulden hatte er sich mit seinem Bruder, Pfalzgrafen Philipp, genöthigt gesehen, die Herrschaft Heidcck und die beiden Aemter Stein und Allersberg an Nürnberg zu verkaufen ... In Nürnberg daneben das Murmeln, das Amt Amberg und Sulzbach würden auch bald flattern' . . . ,Trotz der er- Falckenstein, Lutiqu. Uorägav. im Hochstisi Eichstätt, II. Tbl., pg'. 302-303. F.Nckcnsteiii, I. o. 303. «") 1>»cl. iix. 310. °>) Eichst. Vast.-Bl. 1870, x§. 202. Geschichte d. deutsch. Volkes, III., xg. 521—522. lösten Summen war Otto Heinrich immer noch von Gläubigern beladen' . . . Widmnnn schreibt, ,er war wohl seines Fürstenthums scxe Werth schuldig'." An andrer Stelle^) läßt Janssen einem Augenzeugen erzählen, daß Otto Heinrichs Gelage mit seinen Gleichgesinnten so lange gewährt, „also daß die Herrn zumal alle fröhlich und, wie sie es nennen, mit guten alten Spitzen versehen worden. Sonderlich hatte Herzog Otto Heinrich nicht wohl mehr stehen können". Das genügt; die Geschichte brauchte uns gar nichts aufbewahrt haben von des Klosters Schicksal, so könnten wir uns einbilden, daß für einen solchen Fürsten, der so gute alte Spitze sich angetrunken und bis über Hals und Kopf so in Schulden steckte, daß eines seiner Güter nach dem andern „flattern" mußte, Monheim recht bequem kam, um es in seine Tasche zu stecken. Es sind noch Nachrichten vorhanden, wie schlau er das angefangen. Die Aebtissin war mit ihrem Convent in Streit gekommen. Ottheinrich mischte sich nun so ein, daß beide Theile erst recht gegen einander erbittert werden mußten und selbst der Convent vermindert wurde. Nachdem er das erreicht, gab er sogar Befehl, es dürfe ohne sein Vorwisscn keine neue Convent» frau aufgenommen werden. Damit hatte er indirekt das Kloster auf den Aussterbeetat gesetzt?^) DaS war um 1525. Drei Jahre später, 1528, war außer der Acblissin nur mehr eine einzige Chorfrau im Kloster, und mußte dieses also von selbst sehr bald aufhören. Da er aber auch das nicht erwarten konnte, so wußte er beim Papste eine vour 5. Februar 1530 datirte Bulle durchzusetzen, des Inhalts, daß er wegen geringer Anzahl der Nonnen, sowie wegen schlechter Disciplin und unordentlicher Haushaltung derselben, das Kloster aufzuheben berechtigt sei. Er selbst aber schickt erst im Winter darauf seinen Pfleger nach Monheim, um sich erkundigen zu lassen, wie es mit der Verwaltung nnd Disciplin, uiit Gottesdienstordnung und kirchlicher Gesinnung u. dgl. bei den Nonnen steht. Wir sehen, welch ein ganz widriges Spiel er mit dem Kloster treibt und wie er, um die Aufhcbungsbulle zu erschleichen, den Papst nach allen Dimensionen belügt und betrügt: erst wirkt er dahin, daß alte Klosterfrauen ausgeschlossen und neue nicht aufgenommen wervcn, dann bittet er, wegen zu geringer Anzahl der Klosterbewohucr, um Erlaubniß, das Kloster aufheben zu dürfen; ferner schreibt er nach Rom, daß schlechte Disciplin rc. im Kloster herrsche, und erst fast ein Jahr später erkundigt er sich über die zwei noch übrigen alten Klosterfrauen» wie es eigentlich mit ihnen sieht; vorher wußte er nichts davon und konnte also kein Urtheil abgeben. Im Besitz der Aushebungsbulle, „ließ der Herzog Alles im Kloster Inventarisiren, stellte 1531 der Aebtissin Cnratoren zur Seite, und als dieselbe am 10. Januar 1533 mit Tod abgegangen war, nahm er Ornate und Gelder in Beschlag. Zu Ostern zog die noch übrige Nonne, Martha Eschenweck, aus dem Kloster, und die Stiftung Linbilla's war erloschen."^) Wir fragen uns unwillkürlich: Was ist aus den Reliquien der hl. Walburga geworden, nachdem die berufenen Behüterinncn derselben entfernt waren. Vorläufig wurden sie an ihrem ursprünglichen Ort belassen, nunmehr unter die alleinige Obhut des Klerus gestellt: denn Ottheinrich hatte sich bis jetzt immer noch ganz gut katholisch gestellt und auch bei der Klosterannepion ganz Ibiä. 695. Neuburger Collekt. 1816, xg. 89. Eichst. Past.-Bl. 1870, xg. 202. 52 vorzüglichen Eifer für die Neinerhaltung des kirchlichen Glaubens und kirchlicher Disciplin vorgegeben: und das mußte ihn doch noch zurückhalten, sich auch an den hl. Reliquien zu vergreifen. Wenn wir nach obiger Angabe des Monheimer Pfarrbuches vom Jahre 1618 zurück- rechnen in die Jugendzeit der beiden Alten, welche die Angabe gemacht haben, daß in ihrer Jugend der Re- liguienschrein noch in der Sakristei stand, so kommen wir ungefähr auf das Jahr 1548; es werden die Reliquien noch einige Jahre länger, etwa bis 1553, erhalten geblieben sein; das ergibt sich aus folgendem Verlauf der religiösen Verhältnisse: Der Herzog warf bald seine katholische Maske ab und ließ im Jahre 1543 seine halb lutherische, halb kalvinische Neuburger Kirchenordnung erscheinen, welche allen Pfarreien Zur Befolgung vorgeschrieben wurde. Der Monheimer Stadtpfarrer hatte die Schwäche, sich der Gewalt zu fügen und dieselbe, obwohl mit Widerstreben und innerlich gut katholisch gesinnt, äußerlich auszuführen. Auch gab er dem Drängen Ottheinrichs nach und nahm ein Weib. War so der Hirte zu Fall gebracht, so ging es um so leichter, nunmehr bei der Hecrde das Luther- thum einzuführen. Es dauerte aber nicht lang, da ging der Wind wieder anderswoher. Kaiser Carl V. hatte 1547 durch den Sieg bei Mühlberg den schmalkaldischen Krieg beendigt und beschlagnahmte nun Pfalz-Neuburg für sich und machte es wieder dem katholischen Glauben zugängig. Da schrieb Stadtpfarrer Fricdl von Monheim an die bischöfl. Behörde von Eichstätt, daß er und andere, als Ottheinrich sie unter seinen Gerichtszwang zog, in dieser Nath- und Hilflosigkeit nirgends Rettung gefunden und darum die neue Kirchenordnung durch die Verhältnisse dazu gedrängt, eingeführt hätten. Schließlich bittet er, es möge diese Erklärung dem Bischof mitgetheilt und er und seine Cooperatoren demselben als „dessen arme und gehorsame Diener und Caplüne" empfohlen werden. Aus den 6. März wurden nun verschiedene Priester vorgeladen und in Eichstätt über ihren Uebertritt vernommen. Stadtpfarrer Fricdl erklärt: „Er ist bereit den ihm angethanen Zwang legal zu constatircn. Katholisch habe er immer noch gepredigt; auch in andern Stücken katholisch sich gehalten, die Kirchenordnung nur beachtet, wo er nicht anders konnte. Er hat (weil Ottheinrich keinen unverehelichten Priester mehr duldete) ge- heirathet, werde aber ohne Umstünde das Weib entlassen." Schlimmer stand es mit seinem Kaplan von Jtzing, welcher erklärte, sein Weib nicht entlassen zu können. Letzterer wurde abgesetzt und entlassen, Stadtpfarrer Fried! wegen seiner Umkehr und guten Willens, wie mehrere andere, wieder aufgenommen. Ihre Buße bestand darin: ein Jahr lang jeden Freitag die sieben Bußpsalmen mit der Litanei zu beten und jeden Freitag bei Wasser und Brod zu fasten?») Damit schien es nun sein Bewenden zu haben und Monheim katholisch bleiben zu sollen: aber es sollte vorläufig doch nicht recht zur Ruhe kommen. Durch den Passauer Vertrag 1552 kam Ottheinrich wieder in den Besitz der Pfalz-Neuburger Lande, und der verstand es nun, mit der katholischen Religion radikal aufzuräumen. Es kamen die Prädikanten der Lehre Luthers nach Monheim, alles Katholische wurde unterdrückt, ja oft, was nur an kathol. Zeit erinnerte, mit großem Haß zerstört, und die neue Lehre pflanzte nun mit Gewalt und großer Hartnäckigkeit ihre Fahne auf. Und das wird wohl auch die Zeit gewesen sein, in welcher die hl. Reliquien abhanden gekommen sind. Der silberne Schrein wird manchem Herrn gar einladend in die Augen gestochen haben und etwa in ein willkommenes Taschengeld verwandelt, die Reliquien selbst aber werden, wenn sie vielleicht nicht doch durch Fügung Gottes irgendwo erhalten ruhen, aus konfessionellem Haß oder Gleichgültigkeit verstreut worden sein. Es ist zu befürchten, meint Luidl, daß die Heiligthümer der hl. Walburga, als das ganze Herzogthum Neuburg sich „von der Römischen Kirch abgerissen und zu des Luthers Evangelium bekennet hat", eben die Gewaltthätigkeiten erlitten haben, mit welchen die Anhänger der neuen Lehre auch anderswo „die Reliquien der Heiligen angetastet, beschimpft und vertilget haben"?») Aus dieser Periode ist nun nur Weniges mehr anzuführen. 1574 wurden die Klostergcbäude abgebrochen und im Schütte liegen gelassen. Auch die Petcrskapelle wurde entweiht und in ein Wohnhaus verwandelt. Die große Pfarr- und Klosterkirche war bis jetzt immer noch nicht fertig gestellt. Es galt eben auch, was der Generalvikar Priefer bezüglich der Kirche in Mörsach in seinem Bericht geschrieben: „vioitur, man hab aufgehellt, daran zu bauen, wie der Luther aufgestanden." Sie war bisher ohne Gewölbe, so daß man in den freien Himmel Hinaufschanen konnte. Erst 1575 wird der Thurm ausgebaut, und erst als die Leute die um die Kirche herumliegenden Steine zu ihrem Privatgebrauch fortschafften, ging man daran, die Kirche selbst zu vollenden, welches im Jahre 1596 geschah?») Beim vorigen Abschnitt hat uns ein Rückblick schon ein trauriges Bild geboten: blicken wir aber am Schlüsse dieser Periode aus die Schicksale des Klosters und die Reliquien der hl. Walburga zurück, so zeigt sich uns ein noch viel traurigeres Bild: das Bild der gänzlichen Auflösung und Zerstörung; das Kloster liegt niedergerissen in Schutt, die hl. Reliquien sind vernichtet oder wenigstens spurlos abhanden gekommen, die Klosterfrauen und der katholische Klerus entfernt, die Kirche widerhallend von den heftigen Angriffen gegen den alten Glauben. Und es schien, daß nun Monheim endgiltig nach dieser Richtung hin befestigt werde und das Andenken der hl. Walburga für immer ausgerottet sei. Aber, Gott sei Dank! es schien nur so. (Schluß folgt.) Die christlichen Missionen aus den Fiji-Jnseln. 1. Die protestantischen Misstonen. (Nach einem Privatbricfe.) Ein Freund und Mitarbeiter unserer Blätter erhielt vor kurzer Zeit aus Levnka, Fiji-Jnseln, von einem dort angesiedelten Freunde ein Schreiben vom 15. November v. Js. Es verdient dasselbe, weil die christlichen Missionen besprechend, wenigstens auszugsweise in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Ein zweiter, die katholische Mission schildernder Brief ist in Aussicht gestellt, vielleicht schon unterwegs. Verfasser des Briefes ist ein k. u. k. Oberlieutenant a. D., O. v. H. Bei Jicin 1866 schwer verwundet, genas er zur Freude seiner Freunde, reiste nach Sau Francisco zu °°) Eichst. Past.-Bl. 1868, pA. 125-130. Luidl, 1. o. 222-223. b°) Luidl, I. o. M. 222. °°) Eichst. Past.-Bl. 1863, x§. 111. 53 einem dort lebenden Bruder und lebt nun als Plantagen- besitzcr seit Anfang der 70er Jahre auf Fiji-„Daß Sie den katholischen Missionen hier den Vorzug geben, wundert mich nicht?) Man muß an Ort und Stelle sein, und zwar lange, um das Treiben der Wes- leyaner *) **) richtig beurtheilen zu können. „Nicht alle, doch viele derselben benutzen die Mission nur, um, wenn auch nicht ihre eigene Tasche, doch die ihrer Gesellschaft zu füllen. „Sie beziehen reichliche Einkünfte von ihren Absendern, während die katholische Mission nicht einen Pfennig weder von der Regierung noch von der Bevölkerung einnimmt, sondern nur von der Marianischen Kongregation und der „ 800 . pro xroMAanäu siäs" in Lyon. Graf Hübner konnte bei seinem Aufenthalt nur flüchtig sehen, dennoch ist sein Urtheil über unsere Mission im Allgemeinen richtig. „Im Jahre 1839 kam William Croß, der erste wesleyanische Missionär, hieher, im Jahre 1842 katholische Missionäre, dadiehierangesiedelten katholischen Europäer ohne Seelsorge waren, keineswegs um die Protestanten zu vertreiben. Der erwähnte 1?. Brälisret begann damals seine so gesegnete Thätigkeit." „Die Wesleyaner predigten ihre Religion unter dem Namen „I^otu-äino.", d. h. „Wahre Kirche". Die Mission machte Fortschritte, da die wesleyanische ohne Con- cnrrenz war. „Damals lieferte Fiji große Quantitäten Cocos- nußöl (VVai-^Vai). Baares Geld war unter den Ein- gebornen unbekannt, und die Missionäre erhielten und forderten-von den -Eingebornen ihre Geschenke und kirchlichen Abgaben in Cocosnußöl — nahmen sie nur zu niedrigem Preise an — und verschifften sie auf einem ihrer Gesellschaft gehörenden Schiffe. Die Eingebornen nannten daher diese Religion liotu-IVa'i-'VVai (Oel- Ncligion). »Jetzt nennen die Eingebornen auch die katholische Religion I^otu-Ouva, da die Ausfnhr von Oel fast aufgehört hat und statt dessen Copra ausgeführt wird. Die wcsleyanischen Missionäre lehrten, die rathol. Kirche verdiene nicht diesen Namen, sondern sie sei eine I-otu-Imsu (d. h. Lügenkirchel). Einer derselben veröffentlichte ein wie ein katholisches Meßbuch mit rothen und schwarzen Buchstaben gedrucktes Buch. Die gemeinsten, infamsten Lügen waren in diesem Schaudwcrk über unsere (katholische) Kirche gesagt! Man muß indeß anerkennen, daß die anderen Missionäre darüber empört waren und dies Benehmen ihres ,Bruders' schärfstens mißbilligten. Sie kauften womöglich alle Exemplare zurück, und der Thäter mußte, der allgemeinen Verachtung weichend, die Insel verlassen. „Ich muß auch constatiren, daß die nicht den Wes- leyaneru angehörenden Missionäre, in jeder Beziehung besser sind, so daß erstere ihren Anhang verloren. „Obwohl nun die Missionäre große Summen aus London beziehen, kommen sie mit ihren Familien und zahlreichem Haushalt nicht aus. Aber die Gesellschaft kann oder will ihnen nicht mehr geben, die getauften Eingebornen müssen also für das Fehlende eintreten. Es *) Ick hatte Herrn O. v. H. die Urtheile Hübners in seiner Weltreise mitgetheilt. Eine Abart der Methodisten, jener auck bei guten Protestanten ibres zudringlichen arroganten Wesens wegen in übelstem Rnt'e stehenden Sekte. muß zugegeben werden, daß diese Missionäre ein ganz außerordentliches Talent zeigen, Geldquellen aufzufinden und Zahlungen zu betreiben. Ich glaube nicht, daß sie es für ihren Privatvorthetl thun, es ist für ihre Gesellschaft. Je mehr sie ihr Geld senden, desto besser sind sie in England angesehen. „Diese Steuern werden natürlich als ,freiwillige Gaben' angegeben, denn die Regierung erlaubt keine Steuern für irgend eine Kirche! Wie diese ,Freiwilligkeit' aussieht, einige Beispiele:" „Die Lulio (Distriktsvorsteher) sind getaufte Ein- geborne, meist ehrlich, aber ganz abhängig vom protestantischen Missionär. Dieser bestimmt das ,Vasia> ruisZionarz? — Missionssteuer. Sie muß in baarem Gelde bezahlt werden, und dies zu verschaffen, müssen die Leute ihre Produkte um jeden Preis verkaufen. Einigen Missionären sagt man nach, doch will ich es nicht verbürgen, sie ließen selbst von Vertrauten die Produkte kaufen und mit Vortheil verkaufen. „Wenn ein Fijianer eine große Gabe dem Missionär oder auch dem Katechisten bringt, so empfängt er seinen Dank mit den Worten: , 8 ü äolu siivoi lro-lo inulu§i!' (Der Himmel ist für Dich offen!) Das ist eine von allen Unparteiischen, auch protestantischen, die lange hier sich aufhielten, zugegebene Thatsache. „Neben dieser großen Sammlung besteht noch die ,Valca vula 1o!u° (3monatliche Sammlung: vula Mond, Monat, tolu drei). Für dieselbe werden Waaren, Früchte, Oel, Seife u. s. w. angenommen. Die Luri und 'lurauAL (Ortsvorsteher) werden von den Missionären aufgemuntert, möglichst eifrig diese .freiwilligen Gaben' einzutreiben, natürlich dürfen keine Zwangsmaßregeln angewendet werden, denn die Regierung würde sie einfach verbieten, es muß alles durch Versprechen geschehen. Viele dieser 1uran§u predigen auch selbst, und thun es gerne. Ob sie auch dazu befähigt sind, darnach fragt die Behörde nicht und der Missionär auch nicht, wenn er nur viel sammelt. Ich habe noch nie einen gehört und auch kein Verlangen darnach. Einige derselben, die das Missions-Colleginm auf der Vitu-Levu-Insel besuchten, werden von der Regierung bevollmächtigt, gültige Trauungen zu schließen. Diese sind verhältnißmäßig gebildete Leute. Sie erhalten 80—40 Pfd. St. jährlich, aber noch einen großen Antheil der Vasia vula tolu, so daß es in ihrem eigenen Vortheil liegt, sie so hoch als möglich einzukassiren. „Alle drei Monate hält der Missionär noch mit seinen Katechisten und Unter-Predigern besondere Confercnzeu ab, in denen immer das beschlossen wird, was er will. „Obwohl getauft, halten viele Eingeborue den Missionär immer noch für eine Art Zauberer, dessen Liebe Glück, dessen Fluch in diesem und in jenem Leben Unglück bringt. Allerdings lehren dies die Missionäre nicht, doch thun sie auch nicht viel dagegen, weil ihr Einfluß sinken würde. „Die Missionäre haben auch ein Recht, von ihren Leuten gewisse Arbeiten, Bebauen der Felder, Gärten, Einsammeln der Produkte, zu verlangen. Einige von ihnen mißbrauchen es! Ihre Schüler sind mehr für sie, als mit dem Lernen beschäftigt. „Auch die Eitelkeit — sie ist sehr groß! — der Fijianer wird vielfach ausgebeutet. Man sprengt z. B. aus, ein Nebendistrikt habe so und so viel an freiwilligen Gaben gespendet. Nun werden z. B. die von ^Vo iru sil nicht ärmer sein wollen! Man sagt den Lulis, die 54 Regierung werde dünn auch diesen oder jenen Wunsch erfüllen, dem reichen Bezirk zur Freude. „Natürlich weiß die Colonial-Negiernng das Alles genau, sie muß ein Auge zudrücken, es sei denn, daß ein weißer Ansiedler offiziell die Sache zur Anzeige bringt. Dann freilich müssen die Missionare alles herausgeben, die Lulis werden abgesetzt, aber — bald ist es beim Alten! Zudem verfeindet man sich auch nicht gerne mit diesen Leuten, die einem Arbeiter entfremden oder sonst das Leben unangenehm machen können. Es erklärt auch zum Theil die Furcht, oft den Haß vieler Missionäre gegen die Europäer, die angesiedelt sind. „Ich habe keine Ursache, mich über die protestantischen Missionäre zu beklagen. Sie hassen mich wohl, weil ich katholisch bin und wir Katholiken es nicht dulden, daß unsere Priester und Missionäre von diesen Leuten verlüumdet und geschmäht werden; sie wissen, daß ich ihr Treiben durchschaue, indeß auch mich nicht um Dinge kümmere, die nicht ich verantworten muß. „Noch ein Beispiel, wie die Wesleyaner Alles zu ihrem Vortheil ausnützen. Sie haben die Communion beibehalten, aber keine Beichte. Anstatt der Hostie benutzen sie kleine Kügelchen, aus Arrowroot und Stärke verfertigt. Sie entziehen den Leuten, welche unsittlich leben, z. B. Ehebruch treiben, die Communion, bis sie sich bessern. Sie heißt: OurusiAN (Ouru eintreten, 8i§n Sonne, Tag). Einzelne — nicht alle! — wesleyanische Missionäre machten eine elende Comödie aus dieser sogen. Besserung! Der Ausgeschlossene brauchte einfach mindestens 1 Pfd. St. zu bezahlen, die Besserung war Nebensache! Nur die Wesleyaner thaten dies, und es soll auch nicht allgemein gebilligt werden. „Gut, aber wie verlüumden uns Katholiken nicht nur die Wesleyaner, sondern fast alle Protestanten mit unserem hl. Ablaß! Zwei der wesleyanischen Missionäre waren allgemein wegen ihres lauten und energischen Einschreitens gegen diesen Seelenschacher bekannt, die mir persönlich bekannten Herren Webb und Gibson. Leider haben diese beiden Ehrenmänner die Colonie verlassen, und es soll jetzt wieder neu angehen. Die Londoner Leitung ruft nicht die Schuldigen ab, sondern ihre Ankläger, weil sie an Einnahmen einbüßen könnte. „Ein gewisser Ehapman, Missionär, trieb seinen Haß gegen die katholische Kirche soweit, daß er eine katholische Kirche auf ^L-su-rvo, anzündete oder anzünden ließ! Er ist in Untersuchungshaft, und man hört, es stehe schlecht mit ihm. Darauf deutet schon, daß die Wesleyaner, entgegen ihrer Gewohnheit, ungemein still und bescheiden find. Sie haben die Sympathien des Gouverneurs gewonnen. Doch Sir Baklcy, unser Ostisk-lluslios, ist ein Ehrenmann, vollkommen unabhängig, und läßt sich nicht beeinflussen. „Glauben Sie indeß ja nicht, daß ich ein Feind der Mission bin, deren Nutzen und Segen ich nicht in Abrede stelle, obwohl meine Erfahrung mir lehrt, daß Vieles nur äußerlicher Schein ist. Was mich empört, ist das Treiben dieser Missionäre gegen unsere liebe katholische Kirche und unsern, von Hübner seinem Verdienst nach gewürdigten Ist Brieloret, von dessen Leiden und Verdiensten mein nächster Brief berichten soll. Er lebt apostolisch einfach und bescheiden und beutet Niemanden aus, wie es die Wesleyaner thaten und zum Theile noch thun. „Auch sind in Li§Ii Ostnrok Hsverenfls ganz andere Leute, haben aber gar keinen Einfluß. „Sie haben wohl vom Ist Damian gehört! Wenn je Jemand die Canonisation verdiente, so ist er es. Man muß nur den Aussatz dort gesehen haben, um sich einen Begriff von dem Leben dieses Märtyrers zu machen! Wir Katholiken können auf einen solchen Mann hinweisen, wenn unsere Feinde, und gar Leute wie die beschriebenen Wesleyaner find, mit Lügen und Ver- länmduugen uns schaden wollen. „Für heute schließe ich .... . Ihr ganz ergebener O. H." Der neue Hochaltar der St. Marienkirche zu Kaiserslautern. kl Ik. Wir lcbcn in einer Knnstära, in welcher auf dem Gebiete des gesannnien Kunsigcwcrbes die profane Innendekoration, trotz vielfacher Ausartungen, ihre täglich wachsenden Triumphe feiert. Der Innendekoration privater, öffentlicher und staatlicher Räume fallen die fürstlichsten Zuwendungen anheim, sie verlangt das regste Studium, sie beansprucht und erhält das Interesse der kunstverständigen, wie der schau- und vcrgnügungSlnstigen Bevölkerung. Im Gegensatze zu diesem künstlerischen Auffvande der modernen Zeit ist die kirchliche Innenarchitektur und Innenausstattung mit einer wahrhaft stiefmütterlichen Unterstützung und mit einem relativ geringen Interesse bedacht, und nur selbstlose Künstler wenden sich den hochidealen, aber in Rücksicht aus pekuniären Erfolg und auf Anerkennung eines modernen, unk.rchlichen Publikums meist undankbaren Aufgaben zu. So viele berühmte Vertreter heute die monumentale mittelalterliche Architektur zählt, so vcrhältniß- mäßig wenige hervorragende Spezialisten weist die kirchliche Innenausstattung und besonders die Holzarchitektur auf. Um so erfreulicher ist es, hie und da in Gotteshäusern Werke der heutigen religiösen Kunst und dcS Knnstgcwerbcs zu treffen, welche den Stempel ächter Kunst, daö Zeugniß langen und gereiften kunstgcschichtlichcn Studiums, den Beweis technisch vollendeter Ausführung an sich tragen, und welche Originalität der Gcsammtform mit Reinheit dcS Stiles und geistiger Tiefe vereinigen. Als ein solches Werk möchten wir den neuen Hochaltar der von Professor Frhrn. v. Schmidt erbauten St. Marienkirche zu Kaiserslautern bezeichnen. Der Altar, entworfen von Pfarrer Stiff in Obcrwintcr a. Rhein und ausgeführt von den Gebr. Port in Münstcrmaifcld (bei Koblenz), ist sowohl in Rücksicht auf die in ihm verkörperten geistigen Ideen, als auch in Beachtung seiner künstlerischen und technischen Ausführung ein ganz hervorragendes Produkt kirchlicher Innenarchitektur und kann ohne Uebertreibung als der künstlerisch werthvollste Hochaltar der Diöcese Speher bezeichnet werden. Der fignralc Theil der Altararbeit ist von Herrn Carl Port (Kunstanstalt in Augsburg) ausgeführt. Die dem Aufbau dcö Flügcl-Hochaltares zu Grunde liegende Idee ist, nach Pfarrer Stiff, folgende: Die Vorderseite des in Stein gearbeiteten AltartischcS ist in 12 kleine Nischen und eine größere Mittelnische eingetheilt, geschmückt mit den Apostclfiguren und unserem Erlöser und die Idee versinnbildend, daß alles Heil von Christus durch das hl. Meßopfer uns zufließt, bezeugt und mitgetheilt durch die Apostel und ihre Nachfolger. Auf dem Mariische, Predella und Altar- schrein überragend, erhebt sich der Haupttheil dcö Ganzen, der weit vorspringende Tabernakel, nuten mit dem Ncpositorium, oben mit dem Expositionsthron versehen, als „turris kortitmäinis, Thurm der Stärke". Selbst bei geschlossenen Flügeln verliert der Tabernakel nicht an seiner Bedeutung. Die Thüre deö Rc- pvsitvriums schmückt eine nach mittelalterlichem Vorbilde ent- 55 worfenc, auf goldgestirntem „Himmel" sich abhebende Darstellung des Heilandes, das Kreuz in der einen Hand, die andere segnend erhoben mit der an den Friesen der Taberuakelthüre angebrachten erklärenden Umschrift: „ÜArsäis tmr vowiuus äs toeo Lancia suo, voniot nt salvet xopuluw snum. Es schreitet der Herr aus seinem Heiligthume, er kommt, sein Volk zu erlösen." Bild und Umschrift soll dem Glauben Ausdruck geben, daß alles Heil des Christen aus Christi Opfer und Sakrament stießt. Die neben dem Repositorium befindlichen vier Medaillons der Predella haben symbolische und vorbildliche Darstellungen der Gottesmutter zum Vorwürfe. In den Bildern des Altar- schreines und der über dem Schreine sich befindenden Mittel- nische kommen sodann die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes zur Darstellung. Durch diese plastischen nnd farbigen Bilder, dem Inhalte unseres ganzen Erlösungswerkes, wird dem Beschauer laut die Wahrheit gepredigt, daß wir uns die Gnade unseres ErlöserS aneignen und durch treue Mitwirkung mit derselben durch Trübsal zur ewigen Glorie gelangen werden. Bei geschlossenen Flügeln sind nur die freudenreichen und schmerzlichen Geheimnisse und oben, in vorbczeichneter Nische, die Krönung Maria sichtbar. Der Altar soll so, an gewöhnlichen Tagen, verkündigen, daß, wie Maria (ähnlich wie ihr göttlicher Sohn) sich durch Ergebung in GotteS heiligen Willen, in Kreuz und Leiden den Himmel verdienen mußte, für den Christen kein anderer Weg zur himmlischen Glückseligkeit führt. Damit aber das schwache Herz vor dem Leiden nicht zurückschrecke, ist in dem oberen Nischenraum durch die Darstellung der Krönung Maria stets dem betrachtenden Auge der Lohn deö muthvolle» und geduldigen KampfcS angedeutet. Aus diesem Grunde, nnd weil der Altar zugleich Maricnaltar ist, soll die obere Gruppe immer sichtbar sein, damit dem Erdcnpilger fort und fort das Ziel seiner Wanderung und seines Ringend ungetrübt vor Augen schwebt. Wird aber an hohen Festtage» der Altar geöffnet, dann erstrahlt derselbe in voller Gold- und Farbenpracht, dann erscheinen die glorreichen Geheimnisse in herrlichen Hochrelief- darstellungen, und es wird dem fromme» Beschauer der Lohn der treuen Mitwirkung mit der Gnade, in diesem Leben wie in dem kommenden, an dem Beispiele der Gottesmutter zu Gemüthe geführt. Die zwei Strebepfeiler des Altarschreines umrahmen die Heiligenfiguren: hl. DominikuS nnd bl. Bernhard, den Begründer des Nosenkranzgebctcö und den glühenden Verehrer Mariens. Auf der hohen Endigung der Strebepfeiler stehen Engel mit Posaunen, welche zur Mitwirkung an der im Schreine deö Altares versinnbildlichten Aufgabe des Christen mächtig auffordern. Das ist die geistige Idee des Altares, den wesentlichen Inhalt der durch Christus uns vermittelten Wahrheit, das ganze Erlösungswcrk umschließend, alles in Beziehung auf die gnadenreiche Gottesmutter, der die Kirche erbaut und geweiht, gedacht! Der Altar ist im Charakter der rhcinischen Frühgo thik gehalten und weist auf ein seltenes Vcrtrautscin mit den Formen jenes Stiles hin. Besonders reizend ist der reiche Abschluß deö Altarschreincs. Die Bildhauerarbeit, sowohl in Stein wie in Holz, ist durchgehends vorzüglich und wabrt bei Vermeidung aller anatomischen Fehler der mittelalterlichen Plastik überall den typischen Charakter der besten gothischen Vorbilder. Von jener süßlichen und schematischen Darstellung gothisch sein sollender Heiligenfiguren, mit welchen in den letzten Jahrzehnten so viele Kirchen beglückt wurden, ist nichts zu finden. Ganz ausgezeichnet ist die Polhchromirung des Flüzelhochaltareö, deren harmonische und prächtige Farbenwirkung leider in Folge der ungünstigen Beleuchtung des Chores nicht voll zur Geltung kommt. Das Material der Architekturthcile des Altares, mit Ausnahme der Mensa und des Stipcs, ist Eichenholz. Die Mensa und der Unterbau sind in grauem, die sie schmückenden Figuren in weißem Sandstein gearbeitet. Die drei Stufen des Altares bestehen aus dunkclgrauem Marmor. Das Repositorium deö Tabernakels ist mit vergoldeten und theilwcise verzierten Kupferplatten ausgelegt. Die rechts und links von demselben befindlichen Medaillons der Predella sind in Glasemail ausgeführt. Die technische Herstellung des Kunstwerkes ist eine durchaus exakte und solide. Selbst der mit elegantem Maßwerk de- korirten Rückseite des Altares ist dieselbe Sorgfalt zugewendet, wie den übrigen Theilen des Werkes. Pfarrer Stiff, der Schöpfer des Altares, und die Firma Gebrüder Port haben durch den Hochaltar der St. Marienkirche zu Kaiserslautern ein Denkmal der heutigen religiösen Kunst geschaffen, welches zur allseitigen Beachtung und zur Nachahmung herausfordert, sie haben die höchsten Geheimnisse unseres Glaubens in einer seltenen geist- und kunstvollen Weise zum Ausdrucke gebracht und sich Hiebei, als selbstlose christliche Künstler, mit bescheidenem Lohn und bescheidener Anerkennung begnügt. Möge ihnen diese Anerkennung durch diese Zeilen, wenn auch verspätet, in weiteren Kreisen zum Antheile werden! Recensionen und Notizen. Katholisches Kirchenrccht. Von Franz Heiner. Erster Band XIV und 391 S.; zweiter Band 438 S. Paderborn, Schöningh 1893/4. An Lehr- und Handbüchern des kath. Kirchenrechts ist wahrlich kein Mangel. Nennen wir unter den neueren nur Aichner, Hcrgenröthcr, Lämmer, Phillips, Scherer, Silbcrnagl, Bering, deren jedes vortrefflich ist, jedes seine eigenartigen Vorzüge auszuweisen hat. Und doch — ein gutes Buch hat man nie zuviel. Ein solches liegt uns aber ohne Zweifel in dem neuen Heincr'schen Werke vor. Der Verfasser, Schüler der berühmten römischen Kauonisten Santi und de Angeliö, bat sich auf dem Gebiete des Kirchenrechts bereits einen ehrenvollen Namen erworben durch seine Arbeiten über die kirchlichen Censuren und das Eherecht, nnd auch vorliegendes Handbuch, das in zwei mäßigen Bänden vollständig erschienen ist, zeichnet sich durch große Klarheit und Uebersichtlichkeit aus nnd empfiehlt sich dadurch insbesondere für Kandidaten der Theologie und für Seclsorgsgeisiliche, deren Bedürfnisse der Verfasser, wie er in der Vorrede selbst bemerkt, bei Abfassung des Werkes vorzüglich berücksichtigt hat. Demgemäß hat sich der Verfasser bei seinen Citaten und Literaturangabcn durchaus auf das Nothwendigste beschränkt, mit vollem Rechte. Denn ein Zuviel, ein Wald von Namen verwirrt, nnd besonders für den praktischen Seclsorgö- gcisilichen handelt es sich doch zuvörderst darum, für jede Materie den gleichsam klassischen Autor kennen zu lernen. Die Diction des Verfassers unterscheidet sich vorthcilhaft von dem vielfach sehr geschraubten und oft ungenießbaren Juristendeutsch. All dies schließt freilich nicht aus, daß nicht etwa für eine hoffentlich bald nothwendig werdende neue Auflage einige Verbesserungen wünschenSwcrth wären. Vor allem dürfte daö Register sorgsamer bearbeitet werden. Hier sucht man z. B. „Fc- bronius", „Papalsystcm", „Spolicn (-Recht und -Klage) umsonst, bei „Episeopaliystem" ist auf S. 271 verwiesen, wo aber vom Episcopalshstem als Ausfluß deö von den weltlichen Fürsten beanspruchten ins circa saora, nicht im Gegensatz zum Papalsystcm gesprochen wird. Ucberhaupt hätte das so viel besprochene Papal- und Episcopalshstem im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung gründlicher behandelt werden dürfen, auch die wichtige Frage über die potostas ocetcsias in tcmporalia hätte im Verhältniß zu andern Partien des Buches eine eingehendere Darlegung verdient. S. 341 beißt eö: „In Bezug auf den räumlichen Umfang erstrecken sich die pfarrlicheu Rechte auf alle diejenigen christlichen Personen, welche innerhalb des örtlich abgegrenzten Bezirks ihr Domicil haben." So richtig dieser Satz rein theoretisch betrachtet ist, so wird dem Verfasser selbst bewußt sein, daß die Praxis eine ganz andere ist, und umsomchr hätte er in seinem vornehmlich für praktische Bedürfnisse berechneten Buche darauf Rücksicht nehmen und die Frage nach dem Einfluß der ConfcssiouSverschiedcuheit in Bezug auf die Pfarrangcbörigkcit erörtern müssen; s. HinschiuS, KN. 2. B. S. 313 ff.; Aichner lehrt tu seinem trefflichen Compcndium, 7. Anst., S. 431, ausdrücklich: »Lä iiarocüianos jam pertinent omncs, gut tu Irao äistrictu äomleitiuw vvl guai-iüouueilium 56 obtänuerunt vt üclal catliolieao aäüicti suut.« S. 99 läßt der Verfasser die Kvnstauzcr Shuode von Martin V. bestätigt sein, soweit ihre Beschlüsse ooneiüariter und nicht uatioualiter und in Sachen dcö Glaubens gefaßt sind, und beruft sich hiebet aus Helcle, Conc.-Gcsch. VII. 350. Letzterer handelt aber an dieser Stelle nicht hierüber, sondern S. 368 s., und ob sich die hiebet in Betracht kommende gelegentliche Aeußerung Martins V. aus das ganze Concil und nicht vielmehr bloß auf die ihr in den ConcilSakten unmittelbar vorangehenden Faltenbergischcn Händel bezieht, ist sehr fraglich; s. Tüb. Quart.-Schr. 1838, S. 451-464; Funk. KG. 2 S. 364. DaS vom Vs. S. 239 s. unter Berufung auf daß 3. karthagische und 4. latcr. Concil (citirt ist hier e. 25 X. 3. 1. cS soll heißen o. 15) aufgestellte Verbot ist, mag auch Biederlack 8. 9. (Zeitschr. s. kathol. Theol. 1894 S. 150) daS Gegentheil behaupten, in der vom Verfasser beliebten Allgemeinheit entschieden zu rigoristisch. Man sollte sich doch hüten, Bestimmungen, die vom 3. karthagischen (i. I. 397) und 4. latcran. Concil (1215) unter völlig anderen Voraussetzungen erlassen wurden, so ohne weiteres auf die Gegenwart zu übertragen. Die Verhältnisse sind nicht an allen Orten und zu allen Zeiten dieselben, was an einem Orte zum Aergerniß gereicht, muß es nicht auch an allen anderen, Mißbrauch richtet sich von selbst. Viel ruhiger urtheilt Scherer, Handb. d. KN. I. S. 375- — Druck und Ausstattung des Heincr'schen Lehrbuchs durch die rührige Verlagsbuchhandlung verdienen alle Anerkennung. _ I)r. Lob. Keiter H., Katholischer Literaturkalcndcr. IV. Jahrg. Mit 8 Porträts. Rcgcnöburg, Selbstverlag. 1894. 8°, 236 S. M. 2.90. -j- Wenn man den ersten Jahrg. von 1891 dem heurigen gcgcnübcrhält, dann kann man sich mit Recht des Fortschrittes freuen, welchen in solcher Frist das vom Herausgeber deS „Deutschen HauSschatzeS" unternommene Werk augenfällig gemacht hat. Acht (Albert-)PorträtS zieren den neuen Band: Bischof Simar von Padcrborn als Titelbild, Geh. Neg.- NathAltum, Jos. Galland ch, Propst Ant. Kcrschbaumer, Hofrath Onno Klopp, Frl. Emilie vonNiugSeiS, ?. Albert Maria Weiß und Professor H. Zschokke; das Autorenvcr- zeichniß beansprucht 244 gesp. Seiten, daran reihen sich eine Todtcnliste, eine Aufzählung von Fachzeitschriften und hervorragender Erscheinungen auf dem katbcl. Büchermarkt vom Oktober 1892 bis November 1893, eine Zusammenstellung kath. Vcrlagshandlungen und Antiquariate Deutschlands, Oesterreichs, Luxemburgs und der Schweiz; ein Anhang von 32 S. bringt „Anzeigen". Der Fleiß der Arbeit und die mühselige Genauigkeit der bibliogr. Angaben werden dem Herausgeber überall eine wohlverdiente Anerkennung gewinnen und dem Buche gewißlich einen großen Liebhabcrkreis im kathol. Publikum, auf welches es zunächst abgesehen ist, erobern, und wäre cö auch nur, baß Manchen bloß die berechtigte Nengicrde lockte, einmal eine bibliographische Statistik der literarisch thätigen Glaubensgenossen zu Händen nehmen zu können! ES ist eine nicht leicht zu lösende und dabei die Maxime für den Herausgeber bildende Frage: Wer kommt überhaupt in einen kath olis cb en Literatur- kalender? Er soll doch mehr sein als das konfessionelle Selcct aus Kürschners deutschem Literaiurkalendcr! Und dafür, so däucht uns, wäre es besser, weniger „Nummern" und lauter Namen von Verlaß zu bringen. An der hochzeitlichen Tafel des heurigen kathol. Literaturkalenders sitzt nun hie und da Einer, den ein Nachbar, der ihn zufällig vertrauter kennt als der Herr dcö Hauses, mit Verwunderung unter den Geladenen erblickt. Wir geben zu, daß eö schwer ist, sich mit den Kalender- daten zugleich gewissermaßen die Bckenntiiißtreue des Nubrikaten jeweils bestätigen zu lassen. Aber, wenn Jemand wie z. V. Professor. M . .r. v. Wbg. in seiner Lehrthätigkcit schon öffentliches Aergerniß gegeben hat, oder wenn ein Zweiter und ein Dritter nie einen katholischen Verleger respectirt oder nichts von Eörres- odcr Leogesellscbast wissen will und von ähnlichen Unternehmungen und Prüfungen einer wcrkthätigen katholischen Gesinnung —, für solche Nummern kann füglich ein „katholischer Literaturkalcndcr" Papier und Druckerschwärze sparen, sie passen besser in die indifferente Gesellschaft Kürschners. Leipold Eugen, Coinerenzlchrer (jetzt kgl. KrciSschulinspector) in Negcnsburg, Deutsche Litcraturgeschichte, in 50 Kreise abgetheilt, nebst einem Anhange über Metrik und Poetik. Straubiug, Attenkofer, 1893. 136 S. Ueber den Zweck dieses vortrefflichen Schriftchens äußert der Vers. selbst in der Vorrede: „Dieses Büchlein soll jener großen Menge von Wißbegierigen, die keine Zeit haben, in umfangreichen Werken zu lesen oder die großen Einzeldarstellungen zum Gegenstand des Studiums zu machen, einen Ucbcrblick über die wichtigsten Dichter und Schriftsteller gewähren." DaS Büchlein ist, wie aus der Praxis erwachsen, so für die Praxis bestimmt. In seiner früheren Thätigkeit als Conscrcuzlcbrcr empfand der Verf. besonders lebhaft das Bedürfniß, den Schuldicnstexspectante» eine gedrängte Uebersicht der hervorragendsten Erscheinungen auf dem weitauSgcdchnten Gebiete der deutschen Literatur zu verschaffen. Auch die Ein- tbeilung in 50 Kreise erklärt sich daraus, daß von Woche zu Woche ein annähernd gleich großes Pensum abgesteckt werden sollte, um so binnen Jahresfrist mit dem Ganzen zu Ende zu kommen. Wie sogleich c>aS Inhaltsverzeichnis; ersehen läßt, wurde die schwierige Aufgabe erfolgreich gelöst. Zu bedauern bleibt, daß nicht ein alphabetisches Vcrzeichniß der zur Besprechung gelaugten Klassiker einerseits die Benützung erleichtert, andrerseits die fast erschöpfende Vollständigkeit der zur Darstellung gebrachten Autoren erkennbar macht. In dein bereits vorhandenen JnhaltSverzeichuiß steht beim 13. Kreis Grotte, während S. 27 richtig Groote sich findet. Die Aufführung griechischer und lateinischer Klassiker (L>. 53 beim 26. Krciö) wäre besser unterblieben. Beim 41. Kreis steht im JnhaltSverzeichuiß irrig Carmen Shlvia, S. 93 dagegen richtig Sylva. Beim 43. Kreis ist S. 105 ein störendes Versehen unberichtigt geblieben; bei Wilhelm Born waren nämlich die mit Anführungszeichen versehenen Worte „Wilhelm von Born" zu tilgen, da ja nicht der Titel deS Epos, sondern daS Pseudonhm des Verfassers also lautet. Beim 50. Kreis enthält daS JnhaltSverzeichuiß den Namen NümelinS, S. 124 liest man schon richtiger NümelinS, in Wirklichkeit hieß jedoch der Tübinger Kanzler Rümelin. Ebenda (S. 124) hätten bei Alban Stoez dessen hl. Elisabeth, der Besuch bei Sem, Chain und Japhet, die Witterungen der Seele u. s. w. gar wohl eine Erwähnung verdient. Ungern vermißt man endlich unter den Dichtern der Gegenwart die Namen: Baum- gartner, Kreitcn, Lco Tcpe van Heemstede, die Novcl- listin MarieHerbert, den Satiriker Sebastian Brunner. Im Anhange über die Theorie der Metrik u. s. f. erscheint die begriffliche Unterscheidung zwischen Figuren und Tropen kaum hinreichend klar gefaßt (S. 125). Die Dichterin Sappho stammte aus Leöbos. nicht aus Lemnos (S. 131). Schließlich muß es S. 136 heißen: Makame (Sitzung, Haltpunkt, nicht: Makamanc (Unterhaltung)). Alle diese und ähnliche Ausstellungen wird der Vers. bei einer bald zu erhoffenden neuen Ausgabe leicht verbessern; denn da er keine trockene Aufzählung bietet, vielmehr eine mit frische» Farben gesättigte Darstellung, kann es ihm an der verdienten Anerkennung nicht fehlen. Möchten namentlich die Lehrer der deutschen Schule, für welche die Schrift in erster Linie geschrieben ist, auch aus ihr ersehen, welch' ein reicher, vielfach noch »»gehobener Schatz für sie in der deutschen Literatur geschlossen ruht! Schenz. Der fromme Verehrer des hl. Josef oder der Monat März, geheiligt durch fromme Uebungen zur Verehrung dcö hl. Josef. 3. Anst. Frciburg, Herder. Preis in Lwd. mit Notbschnitt M. 1.60, in Schaflcder mit Goldschnitt M. 2.20. r Dieses hübsch ausgestattete Andachtsbüchlein wird jedem Verehrer des hl. Josef willkommen sein, der denselben durch einen ganzen Monat hindurch in besonderer Weise feiern will. Die Beispiele, welche in dem ersten Theile jeder einzelnen Betrachtung beigefügt wurden, sind von frommen, glaubwürdigen Männern erzählt und auS den bewährtesten ascetischen Schriften aufgenommen worden. Der zweite Theil enthält Andachtsübungen zn Ehren des hl. Josef, eine ncuntägige Andacht zu demselben, Litaneien, Psalmen rc., dann allgemeine Andachts- übuugcn wie Morgen- und Abendgebete, Mcßgebete, Beicht- und Communionandachteu. _ Kurze Lebensbilder von Heiligen. Von M. Nedcatiö. Verlag von Bcnziger u. Cie., Einsiedcln. T In einer ganz allerliebsten Ausstattung liegen uns aus oben genanntem Verlag kurze Lebensbilder von Heiligen der katholischen Kirche vor. Es sind kleine Heftchen von 16 kleinen Seiten in gefälliger Schrift mit Rothlinien-Eiufassung, welche je ein Lebensbild eines Heiligen oder einer Heiligen in kurzer prägnanter Schilderung geben und recht ansprechend geschrieben sind. Die Heftchen, welche vom Herrn Bischof in Chur appro- birt sind, eignen sich besonders zu kleinen Namenstaggcschenken. Der Preis ist nur 10 Pst Per Heftchen. Bis jetzt umfaßt die Serie der erschienenen Heftchen 46 Heilige. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in AuzSbnrg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. 22. Mrnar 1894. öil'. 8. Der gegenwärtige Stand der Hydrotherapie. Von vr. H. Euringer. Die Behandlung von Krankheiten mit Wasser ist nichts Neues. Sie läßt sich bis zu den Zeiten des Hippokrates zurückverfolgen, und schon Asklepiades hatte den Beinamen Psychrolutes (Kaltwasserbader). Kaiser Augustus und Dichter Horatius wurden schon von An- tonius Mufa mit bestem Erfolg hydrotherapeutisch behandelt. Es gab allerdings im Laufe der Zeiten verschiedene Perioden, wo das Wasser von andern Heilmethoden mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, um dann nach kürzerer oder längerer Pause wieder in der Werthschätzung der Patienten zu steigen. Dazu trugen — das kann und soll nicht geleugnet werden — namentlich zu gewissen Zeiten hervorragende Laienhydrothera- peuten bei, wie z. B. ?. Bernhard, ein italienischer Kapuziner, der schon 1724 auf Malta „das Barfußgehen auf kalten Steinen, nassem Boden und frischem Schnee" schilderte, Umschläge und „Aufschläger" anwandte, ferner der geniale Bauer und Thierarzt Prießnitz 1799 und heute der gefeierte Empiriker Pfarrer Kneipp. Daneben entwickelte sich unentwegt die wissenschaftliche Hydrotherapie weiter, und wenn auch manche Aerzte aus Skepticismus oder aus — Bequemlichkeit nicht viel davon wissen wollten, so hat es doch jeder Zeit bis auf den heutigen Tag zahlreiche und bedeutende Vertreter und Anhänger dieser Heilmethode unter den Aerzten gegeben, wovon die zahlreichen Schriften aller Zeiten über diesen Gegenstand und die vielen ärztlich gegründeten und geleiteten Wasserheilanstalten Zeugniß geben. Den gegenwärtigen Stand dieser Frage mögen uns einzelne Aussprüche bekannter Aerzte verschiedener Länder illustriren. Italien: Pros. Semmola von der Universität Neapel, ein persönlicher Zeuge der Prießnitz'schen Zeiten und Erfolge, schreibt in einem Werke (1890), das durch ein Vorwort von Pros. Nothnagel in Wien besonders empfohlen wurde: „Bei Organerkrankungen, die aller Behandlung trotzen, weil sie durch bestimmte Veränderungen im Stoffwechsel begünstigt werden, kann der Arzt in vielen Fällen eine wahre und wirkliche Kur vollbringen, indem er ohne jedes Mcdicamcnt alle Funktionen des Organismus zur höchsten Thätigkeit anspornt und zwar durch bloße Anwendung der gewöhnlichen physiologischen Agentien und hauptsächlich der Hydrotherapie. „Der methodische innere und äußere Gebrauch des WasscrS im Vereine mit Klima, Bewegung rc. sind die Mittel, wodurch die Wasserheilkunde die Hautthätigkeit anregt und damit alle Funktionen des Stoffwechsels und der Ausscheidung, so daß oft wahre Wunder von Heilung bei ernsten und desperaten Krankheitsformen beobachtet werden." In dem IV. Congreß der SocietL Jtaliana di Jdrologia zu Florenz im Jahre 1892 sprach unter andern Pros. Canova von Adorno über die Wasserbehandlung der Nückenmarksschwindsucht. Er kam zu dem Schlüsse, daß die Hydrotherapie für die Behandlung derselben von kapitaler Bedeutung sei. Cantani verwendet seit vielen Jahren das kalte Wasser theils mittelst Trinkens, theils mittelst Einziehungen zum Zwecke der Wärmeentziehung bei fieberhaften Erkrankungen. Er läßt z. B. beim Flecktyphus den Kranken binnen 24 Stunden 5—6 Ltr. eiskalten Wassers nach und nach trinken und erreicht damit eine merkliche Abkürzung der Kraukheitsdauer. Frankreich: Dujardin-Beaumetz sagt in seinen klinischen Vorlesungen (Therap. Gazette 1888): „Die günstigen Erfolge des kalten Wassers bei der Behandlung von Krankheiten rühren von seiner Physiologischen Wirkung auf die Circutaiion, das Nervensystem, die Ernährung, sowie von seiner revulsiven und wärmeherabsetzenden Wirkung her." Jacquet glaubt, daß die methodische Anwendung der Hydrotherapie bei Hautkrankheiten, die von Störungen des Nervensystems abhängig sind, mehr als billig vernachlässigt werde. Er räth, Hiebei öfters, als dies bisher üblich, zur Hydrotherapie seine Zuflucht zu nehmen und zwar in Form von Donchcn und kurzen kalten Ueber- gießuugen. Pros. Peter von der Vools äs Llsäioens sagt in seiner Vorrede zu dem Werke von Duval: „Hydrotherapie genügt in den meisten Krankheitsfällen. Mit andern Behandlungsmethoden combinirt, ist sie ein mächtiges Unterstützungsmittel. Kann man Besseres oder mehr darüber sagen?" Bemerkeuswerth ist noch, daß der Generalrath deS Departements Hautes-Pyrsuses in einer Resolution der Regierung den Wunsch ausgedrückt hat, daß ein Lehrstuhl für Hydrologie an der medicinischen Fakultät von Toulouse errichtet werde. Auch durch ärztliche Vereinigungen, wie z. B. die Looists ä'v^ärolo§is insäisals äs varis mit 1200 Mitgliedern, und Preisausschreibungen gibt die gelehrte Welt ihr Interesse an der Wasserbehandlung kund; so wurde im Jahre 1892 von der ^saäönris äs Nsässins in Paris ein Preis von 5000 Frs. für die beste Abhandlung über die Kaltwasserbehandlung des Typhus vertheilt; im Jahre 1894 gelangt der vrix Oaxuron zur Vertheilung. Thema: Vergleichende Untersuchung über die hydrologische Behandlung der Zuckerkrankheit. England: Pros. Lander Brunton empfiehlt das Wasser als Lösungsmittel und Reinigungsmittel. „So wie das Wasser zum Durchspülen der Kanäle verwendet wird, so reinigt es auch den Körper von Abfallsproducten." Besonders bei Gicht und Rheumatismus, bei Zuckerkrankheit, Verstopfung rc. hat er von Anwendung dieses einfachen Mittels die schönsten Erfolge gesehen. Seit Beginn des Jahres 1891 ist von englischen Aerzten bei Fieberanfüllen zur Herabsetzung der Temperatur ein mechanischer Apparat „Issoraäls" (Eisgestell) in Verbindung mit Abspülungen in Verwendung, vr. Soltan-Fenwick (London) berichtet über 100 Fälle von Unterleibstyphus und über 153 von acuter Lungenentzündung, welche mit glänzendem Erfolge auf diese höchst einfache Art behandelt worden waren. vr. Angel Money redet der Kaltwasserbehandlung ganz besonders bei Luftröhren-Lungenentzündung von Kindern das Wort. Der hauptsächlichste Vortheil liegt nach M. in der Erhaltung der Kräfte, nicht allein des Herzens, sondern auch der Athmung, des Nerven- und Muskelsystems, ferner wird die Dauer der ganzen Erkrankung abgekürzt und die Neconvalescenz eine raschere. Oesterreich: Professor Winternitz, Gründer und Leiter der Klinik für Hydrotherapie in Wien, Besitzer der großartigen Kaltwasserheilanstalt in Kaltenleut- geben, Herausgeber der Blätter für klinische Hydrotherapie, schreibt am Schlüsse seines großartigen Werkes über Wasserheilkunde: „Die großen Erfolge deS Kaltwasserverfcchrens in chronischen Lokal- und Allgemeinerkrankungen, namentlich in Stoffwechsel- störuugcn, zu leugnen, fällt gegenwärtig wohl keinem Arzte mehr ein, auch ihre rationelle Begründung wird nicht bezweifelt." Und an anderer Stelle: „Man vermag mit einzelnen thermischen und mechanischen Eingriffen eine große Reihe von Anzeigen zu erfüllen, bestimmte Störungen auszugleichen, Gefäßeverengcrnng, Gcfäßeerweiternng, Erhöhung und Herabsetzung des Gefäßtonus, Verlangsamung und Beschleunigung, Schwächung und Verstärkung der Hcrzcontraktionen, Veränderung der Dlutvertheilung und der Strömungsgeschwindigkeit können wir oft mit Sicherheit durch das kalte Wasser bewirken. Wie tief eingreifend in die intimsten organischen Vorgänge. in den BiochemiSmus muß sich eine solche Aktion schon von diesen Gesichtspunkten gestalten!" . . . Pros. Winternitz, der in Wien über Kaltwasser- heilknnde liest und Kurse abhält, hat unter andern hochinteressanten Untersuchungen auch den Nachweis von gewissen Blntverändernngen nach thermischen Eingriffen geliefert, über die wir hier der großen Bedeutung wegen die Hauptsache skizziren: 1. Bei allen allgemeinen, die ganze Oberfläche des Körpers treffenden thermischen und mechanischen Proceduren: Abreibungen im nassen, kalten Laken, Lakenbädern, Tauchbädern, Halbbädern, allen Arten die ganze Körperoberfläche treffenden Douchen, Dampfbädern mit nachfolgenden kalten Proceduren, wechselwarmen, sogen, schottischen Anwendungen, kalten Vollbädern zeigte sich eine Vermehrung der Blutkörperchen. 2. Die Zunahme der rothen Blutkörperchen betrug bet 56 untersuchten Individuen im Maximum 1,860,000 pro Cubikmillimeter, der Hämoglobin-(Blntfarbstoff-)Gehalt im Maximum 14 °/g. 3. Das Blut wird dem normalen ähnlicher und damit auch alle Ernährungsvorgänge, und unter methodischer Wiederholung wird dieser temporäre Effect zu einem dauernden. Winternitz sah auf diese Weise schwere Fülle von Anämie und Bleichsucht zur Heilung kommen. — Dieser Fund ist von eminenter Bedeutung. Dr. Fodor sagt: Es gehört die Hydrotherapie zu jenen Heilmethoden, die, abgesehen von ihrer lokalen oder symptomatischen Wirkung, nahezu in allen Fällen den Gefammtorganismus günstig beeinflussen, lebenswichtige Funktionen anregen und dadurch auf Wegen, die ex- perimcntell nicht verfolgt werden können, zur Ausgleichung krankhafter Störungen führen. Rußland: Die russischen Aerzte sind im Großen und Ganzen Freunde der Hydrotherapie und haben namentlich in den letzten Jahren sehr werthvolle Arbeiten über diesen wichtigen Heilfactor geliefert. Ich erwähne nur die zahlreichen Arbeiten über die physiologischen Wirkungen der abkühlenden, indifferenten und erwärmenden allgemeinen und lokalen Douchen bei den verschiedensten Krankheiten. Ungarn: Von den ungarischen Aerzten, welche über dieses Thema gearbeitet haben, verdient Dr. E. Tuszkay, Frauenarzt in Budapest, besondere Erwähnung. Er schreibt: „Die glänzendsten Erfolge werden uns durch diese Behandlung zu Theil in den Fällen, wo wir sonst meistens rath- und thatloS dastehen. (Er meint damit die Frauenleiden.) Aber auch die Geburtshilfe muß der Hydrotherapie sehr dankbar sein, so viele unersetzliche Behandlungsmethoden hat selbe ihr geschenkt. . . . Alle Vorurtheile müssen endlich schwinden und man soll endlich der Wasserbehandlung im Interesse der leidenden Menschheit ein wohlverdientes großes Feld in der Gynäkologie und Geburtshilfe einräumen." I)r. Fischer behandelt das Wechselfieber mit kaltem Wasser, beklagt sich aber bitter über die „wasserscheuen Patienten". „Es bedarf von Seite des Praktikers, insbesondere auf dem Lande, eines gewissen Grades von Muth und Energie, dem Patienten die Kaltwasserbehandlung anzutragen. Hat doch das Laienpublikum im Allgemeinen eine Aversion gegen jedes „kalte" Verfahren und erschrickt, wenn man ihm anräth, eine mit Schüttelfrost einhergehende Krankheit mit kaltem Wasser behandeln zu lassen. Ein sich mit Hydrotherapie befassender praktischer Arzt muß es daher noch als ein Glück ansehen, daß der Empiriker von W örisbofcn durch seine im Publikum verbreiteten, in naiver lcichtfaßlicher Schreibart verfaßten Schriften die Wasserproceduren bei dem Laicnpubliknm einigermaßen populär gemacht hat, uud ist es vielleicht unter Anderem auch diesem Unistande zuzuschreiben, daß von den frischen Wechselfieberfällen, die mir in den Monaten Juli und August unterkamen, sich beiläufig */, der Kaltwasserbehandlung unterzogen." Sachsen: Professor F. A. Hoffmann von der Universität Leipzig sagt in seinen Vorlesungen über allgemeine Therapie: „Mit der Zeit werden alle chronischen Krankheiten zur Domäne der Bäderbehandlung gehören." Baden: Professor Erb in Heidelberg widmet dieser Frage in seinem berühmten Werke über Nückenmarks- krankheiten folgende Worte: „Kälte und Bäder in verschiedenen Formen gehören zu den wichtigsten therapeutisch wirksamen Agentien auf diesen: Gebiete. Diese Methode hat, seitdem sie genauer studirt und rationeller ausgeübt wurde, einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. Ihre Resultate bei allen möglichen Formen chronischer Nervenleiden sind außerordentlich günstig. Es gibt wenige Heilmittel, die einen gleich mächtigen Einfluß auf das Nervensystem ausüben." Preußen: Professor Leyden äußert sich über die Behandlung der Rückenmarkschwindsucht mit Wasser also: „Obwohl die unvorsichtige Anwendung der Kälte oder deS kalten Wassers den Tabikern leicht Schaden bringt, erweist sich doch eine vorsichtige Anwendung desselben als entschieden nützlich und wohlthuend. Besonders nützlich hält er die Kaltwasserkuren zur Sommerszeit, wo sie auf die Muökelthätigkeit und das ganze Befinden erfrischend wirken; die wohlthätige Wirkung des kalten Wassers beruhe auf einer allgemeinen Erfrischung und Kräftigung, einer Erregung der Hautncrven und Abhärtung gegen Wittcrungseinflüsse und Erkältungen." Lübeck: Dr. Pauli im Lübecker Kinderspitale behandelt die Diphtherie der Kinder mit glänzendem Erfolge mit Hydrotherapie. Von 122 kleinen Patienten wurden auf diese Art 117 behandelt; davon starben nur 14; bei ächter Diphtherie ein schönes Resultat. Bayern: Strümpell in Erlangen schreibt in seinem Lehrbuche: „Es gibt gegenwärtig keine andere Behandlungsmethode des Typhus mit so zahlreichen und sichtbaren Vortheilen für den Kranken. Wir betrachten es als Pflicht jedes Arztes, der eine Typhusbehandlung unternimmt, alles mögliche zu thun, um die Kaltwasserbehandlung durchzusetzen." Ziemssen (Therapie der Tuberculose) sagt: „Ich kann dieses Kapitel der Prophylaxis nicht schließen, ohne der Hydrotherapie zu gedenken, welche hier sowohl als bei der entwickelten Tuberculose eine außerordentlich wichtige Rolle spielt. Wasser, richtig temperirt, ist das beste, einfachste Mittel, das überall und bei jedem angewendet weiden kann. Der Effekt dieser Procedur, der verschiedentlich variirt werden kann, ist einer der besten, die der Arzt zu erreichen vermag." Bei Behandlung von Magenleiden heißt es: „Ich kann auf die Methode der Hydrotherapie nicht näher eingehen, sondern will nur die Thatsache hervorheben, daß sie bei Störungen deß Verdaunngsapparatcs, besonders bei chronischen Magenkatarrhen rc., sehr günstig wirken." Dr. v. Hößlin (München) schreibt über die Behandlung von Bleichsucht: »In Fällen, in denen es durch innerlichen Gebrauch von Eisen, kräftiger Nahrung und anderen diätetischen Behandlungsmethoden nicht gelingt, eine Zunahme der Blutbildung zu erreichen, gelingt dies oft durch eine energische Anregung des Stoffwechsels, wie sie durch die Hydrotherapie . . . erreicht werden kann." Australien: Die Schlußfolgerungen aus einer Abhandlung über 2400 mit kaltem Wasser behandelte Fälle von Typhus aus dem Brisbane-Hospital, Queens- land, lauten: (Londoner Practitioner, März 1891.) „Durck die systematische Bäderbehaudluug kaun die Sterblichkeit an Typhus bedeutend herabgesetzt werden. Die Verminderung kann selbst 50 °/„ der früheren Sterblichkeit erreichen. Dieser Erfolg kann erzielt werden, trotzdem eine Anzahl Fälle für diese Behandlung ungeeignet ist; bei nur passenden Fällen läßt sich noch viel mehr erreichen durch Verhütung jener Com- plicationen und TodeSarten, welche man als Folgen der hochgradigen Temperaturen kennt. Es ist keine Uebertreibung, wenn behauptet wird, daß einfache Herzlähmung von der Liste gestrichen werden müßte, wenn alle Fälle gleich in der ersten KrankheitSwoche zur Behandlung gelangt wären." Smyrna: Or. Burgniöres schreibt über die Cholerabehandlung: „Besonders empfehlenswerth ist die Wasserbehandlung, die ich nnt sehr gutem Erfolge angewendet habe. Die Kranken wurden in ein in Brunnenwasser eingetauchtes Leintuch eingewickelt und mit Wolldecken bedeckt; so blieben sie bis zwei Stunden und bekamen viertelstündlich ein Glas Wasser zu trinken. In allen Fällen trat nach kaum einer halben Stunde Wiedererwärmung ein. Dann wurde das nasse Leintuch erneuert und zwar 2—3 Mal." Amerika: Or. U. A. Hare, Professor der Therapie am Jefferson-College, sagt in einer Prcisschrift in Bezug auf das kalte Bad: „Kalte Bäder besitzen einen günstigen Einfluß, dem nichts anderes an die Seite zu stellen ist." Gaillard's Medical Journal in New-Aork schreibt in der Jahresübersicht über die Fortschritte der Medicin: „Die Hydrotherapie ist Dank den ernsten und beharrlichen Bemühungen des Dr. Baruch in der Werthschätzung der Aerzte gestiegen . . . Die Wirkung des Wassers ist eine ganz andere, als die der antipyretischcn Medicamente und bei vielen Krankheiten. besonders aber bei Typhus, ist es durch nichts anderes zu ersetzen." Dr. Elliot, Arzt des St. Agnes-Hospitales in Philadelphia, berichtet über eine Herabsetzung der Sterblichkeit in diesem Krankenhause von 26,6 °/<> im Jahre 1889 und 24 °/g im Jahre 1890 auf 6,5 °/g im Jahre 1891, nachdem er die Bäderbehandlung eingeführt hatte. Auch bei Geistes- und Nervenkrankheiten findet die Hydrotherapie in Amerika immer mehr Anwendung. Diese Belege, die natürlich noch bedeutend vermehrt werden könnten, mögen genügen, die Behauptung, daß die ärztliche Welt der Wasserheilkunde feindlich gegenüberstand und stehe, ins rechte Licht zu rücken, und möchte ich nur vor einer Ueberschätzung warnen, die immer, wie nicht nur die Geschichte der Medizin, sondern der ganzen Menschheit lehrt, von einem Extrem ins andere führt und der größte Feind des Guten ist. Man darf in der Hydrotherapie kein Allheilmittel sehen und nichts Unmögliches von ihr fordern. Denn, wie „kein Kräutlcin wächst auf Erden wider den Tod," so fließt auch, Gott sei's geklagt, kein Wässerlein, das uns unverwundbar und unsterblich wacht. Palestrinafeier in München am 2. Febr. 1894. Motto: „Diesen Kuß der ganzen Welt." L. Die Ueberschrift, welche für die folgenden Zeilen gewählt worden ist, legt sofort einige Fragen nahe, deren Beantwortung nicht uninteressant sein dürfte. Erstens: wer hat eine Palestrinafeier veranstaltet? Herr Dom- capellmeister Eugen Wöhrle in München — das scheint übrigens das eigentlich Interessante nicht zu sein; interessant wäre es vielmehr, wenn ein Domcapellmeister den 800?) ') 300. Todestag — nickt 400., wie A. G. in seinem Lcbens- abriß Palestrina's zweimal sagt, Beil. 5 z. „Angsb. Postztg." Todestag Palestrina's vorübergehen ließe, ohne den großen Todten zu feiern. Die nächste Frage ist: Mit wem hat der Herr Domcapellmeister eine Palestrinafeier veranstaltet? wohl mit seinem Domchore? Wenn die Antwort bejahend lautete, so wäre auch das nichts besonders Interessantes — wenn ein Domchor Palestrina nicht kennt und feiert, wer denn sonst?! Die Antwort nun, die thatsächlich gegeben werden muß, ist wirklich interessant: Programm und Neclamezettel nennen als Sängerchor den „Münchener Chorschulverein unter gefälliger Mitwirkung ... einer größeren Anzahl von Musikfreunden" — unter den ca. 160 Sängern und Sängerinnen sahen wir Volontäre ans fast allen Ständen, Studenten, auch eine schöne Anzahl von Theologiecandivaten aus dem Gcorgianum. Davon, daß etwa der Chor der Metropole der Kern des Personales gewesen wäre, ist keine Rede; der Domchor ist nicht einmal genannt; von ihm scheint blos der Capell- meister „mitgethan" zuhaben. Ist das nicht interessant? für wen? Eine weitere Frage: Was ist aufgeführt worden? Lxwis, Oracko, eine Weihnachts-, eine Pfingst- motette, eine Motette „Lnsannn ab iinprobio", „^.vs Regina", „Imuäata Dominurn", ein 4stimm. Madrigal zur Gottesmutter (unterlegter Text) ... da ist's ja sehr kirchlich, sogar liturgisch hergegangen! Die Feier war also wohl in einer Kirche? etwa bei einer anßerlitnrgischen Nachmittags- oder Abendandacht? Aus den angeführten Programmnummern und aus der Thatsache, daß P. von seinen Werken gut 95 Prozent für die Kirche geschrieben hat, scheint eine Palestrinafeier in der Kirche, beim Gottesdienst nahe zu liegen, um so mehr, als der äiss ostitus des unsterblichen Meisters auf einen gebotenen Feiertag fällt und die Feier in München ein ^.nni- varsurium vsruiü war. Also: w o fand die Feier statt? Das Programm weist uns in das königl. Odeon, in den Concertsaal — genau dahin, wohin ein reaktionärer Wandalismus auch eine manierliche Aufführung des Mozart'schen großen Requiem gewiesen hat: von diesem Requiem sagte mir ein „strenger" Zuhörer gelegentlich der Aufführung am 1. November 1891, es sei für die Kirche zu schön; von Palestrinastil hörte ich als Universitätsstudent Anfang der 80cr Jahre in München, er sei nur für die Fastenzeit. Gegenüber solchen Argumenten gegen Kirchenmusik dürfte es allerdings schwer sein, mit Gründen aufzukommen. Nehme ich noch dazu, daß ich von Choral jahraus jahrein — damals wenigstens — nichts anderes hörte, als das Monosyllabon „Rsejuroin aatörnaM" aus Etts Oantica, saora, so gibt das, für gewisse Kirchen Münchens namentlich, eine eigenartige kirchenmusikalische Perspektive. Vielleicht ists jetzt besser (s. Nr. 32 der Augsb. Postz.: „Palestrina in der St. Ludwigskirche in München") — am Dom sind allerdings vor nicht langer Zeit Falsi- bordonvespern auf die Vigilien hcrabdecretirt worden! (ot. LIu8. saora, 1893 S. 84.) Wer endlich war Zuhörer bei dieser Palestrinafeier? Der Odeonssaal war — mitten im Carneval — für diese „Charfreitagsmnsik" ausverkauft; das ist jedenfalls auch interessant; das war ein Scherbengericht sowohl über diese Musik, als auch über die Ansicht gewisser Zöpfler, daß diese Musik (und der Choral, der mit Palestrina meist zusammen bc- Es ist schade, daß der Verfasser die GesammtauSgabe der Werke Palestrina's nicht kennt; sonst würde er sich wohl nicht ans das oxus (Indium »Tonedras kaetas snut« beziehen, um P.'S Genialität zu demonstriren, s. Vorwort zum 32. Bd. S. V. Andere Irrthümer in der genannten Lebensskizze sind mittlerweile bereits berichtiget worden. 60 handelt wird, wenigstens nicht glimpflicher wegkommt) die Leute zum Tempel hinaustreibe — Palestrina und der Choral vertreiben die Leute nicht aus der Kirche — (aber gleichzeitige Militärparademusik in einer anderen Kirche zieht sie an! Das nebenbei I) Das Publikum war so verschiedenartig, wie bei anderen Concerten auch; eine kgl. Hoheit war da, geistliche Herren (auch das Metropolitankapitel war vertreten), namentlich ziemlich viele Geistliche, die aus der Ferne hergekommen waren; ferner Professoren, Militärs, Beamte, Privatiers, auch das äurum gsnus der Kritiker, endlich eine schöne Corona von Frauen. Herr Domcapcllmeister Wöhrle hat also die That gewagt mit Vocalwcrken aus dem 16. Jahrhundert, mit vorzugsweise kirchlichen Werken in München aufzutreten, im Concertsaale, und zwar gleich im vornehmsten und geräumigsten von allen: im Odeonssaale. Das ist eine That, die es verdient, in glänzendes Licht gestellt zu werden. Das Unternehmen allein schon ist geeignet, dem Manne einen Ehrenplatz in der Münchner Musik- gesellschaft zu sichern. So ist's recht: wenn die Umstände es unmöglich machen, die Herrlichkeit jener Musik in der Kirche zu entfalten, sei es, weil man dieser Musik keine Zeit gewährt, oder weil man sie für zu trist hält, oder endlich weil man für sie keinen Kirchenchor aufbringt: dann soll diese Musik aus der Kirche fort-, dem Mozart'schen Requiem nach in den Concertsaal flüchten; dort wird sie unter den Ehrenplätzen sicherlich nicht den letzten einnehmen! Der Odeonssaal, d. h. der Bau selbst, hat sich für die Gottesgabe sehr dankbar gezeigt: man wird selten eine Kirche finden von so günstigen akustischen Verhältnissen, wie sie gerade dieser herrliche Saal ausweist. Fast jeder Ton ohne Ausnahme klang voll und rund, so das; man schon am Elementaren, d. h. an der Fülle und dem Wohlklang allein seine Freude haben konnte. Das Stimmcnmaterial ist zweifelsohne gar nicht schlecht; nur selten (im 6roäc> und in der Motette „O inagnum in^sterium") schien der eine oder andere Ton oder richtiger Vocal bei einigen Tenören etwas gequetscht. Die Stimmung war rein und folglich die Jntonations- höhe bis zum Schlüsse jeder Nummer dieselbe. Unangenehm berührt haben mich in Bezug auf das Elementare blos zwei Fehler, gegen welche wohl jeder Chorregcnt anzukämpfen hat, nämlich einmal, daß aufwärts steigende ueumatischc Figuren (Läufe) gerne, namentlich im Sopran, etwas übereilt werden. Ich darf zum Belege hiefür an „omnipotöntorn" im Oraclo der Blesse erinnern. Ferner werden :Endsilben eines Wortes, vor allem jene, die zufällig auf den schweren Takttheil treffen, häufig betont und, obwohl mitten in der Phrase stehend, dennoch kurz gesungen, d. h. sie erhalten mehr Stärke, als der Schluß der vorhergehenden Silbe, und führen eine, wenn auch nur kurze Unterbrechung des melodischen Stromes herbei, die unter Umständen recht störend wirken kann. Ich erlaube mir für das eine auf die Schlußsilbe von „§6ntss" im 116. Ps. „I^auäste Oominuin", für das andere auf den Uebergang vom 3.-4. Takt in „O ruassnuin m^s- teriuiu" und auf „ooliauäsutss Oowluuru" zu verweisen. Namentlich muß eine Phrase, wie „st sä- inirastils saorawentum", als ein ununterbrochenes Ganzes erscheinen. Die Stimmverhältnisse waren prächtig ausgeglichen: sogar da, wo beide Oberstimmen getheilt waren, wurden sie von den Tenören und Bässen nicht niedergesungen. Wer die Schwierigkeiten kennt, welche durch getheilte Oberstimmen der Reinheit der Stimmung verursacht werden, der muß gerade für die hierin musterhafte Durchführung des „O nasAnum rnMsriuin" ein Wort der Anerkennung haben. Nun zur Auffassung einzelner Nummern seitens der Ausführenden! Ich stelle hier die Motette „Susanns." neben das 6raäo der Marcellusmesse. In der Motette eine fast ununterbrochene Färbung und Modificirung des Ausdruckes — ich erinnere die Zuhörer an die herrliche Wiedergabe der Worte Susanna's: „^.u^ustiso wisti sullt nnäiyns", im zweiten Theile an das große „sx- olsrusvit ab äixit" und an das sich anschließende rührend süße Gebet Susanna's: „Osus sstsrno", an den schneidigen Schluß „et sslvstus est ssnZuis innoxius" — prachtvoll! Das war ein stetiger Wechsel von Licht und Schatten, von Kraft und Weichheit, und alles zur rechten Zeit und am rechten Orte. Und dem gegenüber das Orsäo! Hätte nicht das Dt inosrnstus est mit dem folgenden Auatuor „Oruoiüxus" Abschnitte gemacht, so wäre das ganze lange Stück ohne fühlbare Gliederung an uns vorbeigerauscht. Daß das ermüdet und zwar in derselben Weise, wie wenn etwa eine an sich ganz vorzügliche Bach'sche Fuge ohne dynamische Schattirung und besonders ohne verständnißvolle Abhebung der musikalischen Phrasen gegeneinander heruntergepoltert wird, das ist selbstverständlich. Aber woher dieser frappante Unterschied in der Darstellung der Motette und des „Orsäo". Nach meinen Erfahrungen gibt es dafür mehrerlei Gründe: einmal der Text! Bei der Motette „Susanns." geben die einzelnen Sätze, ja oft die einzelnen Wörter dem Componisten und dem ausführenden Musiker Anregung zu verschiedenartiger musikalischer Gestaltung — man stelle beispielshalber einander gegenüber: Susann« . . . seufzte: in Bedrängnis; bin ich — sündige ich, — sündige ich nicht, — aber es ist besser schuldlos in eure Hände zu fallen, als zu sündigen im Angesichts Gottes .... Susann« schrie laut auf: Ewiger Gott, du weißt, daß sie mich fälschlich anklagen; sieh, ich sterbe unschuldig — aber der Herr erhörte sie und gerettet wurde unschuldig Blut an jenem Tage. Demgegenüber sag ich, halte man: (Ich glaube) an Gott, den Schöpfer aller sichtbaren Dinge, an Jesus Christus, der aus dem Vater erzeugt, ist nicht erschaffen, gleicher Natur mit dem Vater ... an den hl. Geist den Tröster und Lebendigmacher, der aus dem Vater und Sohne hervorgeht. — Ist es zu verwundern, wenn bei solchem Texte dem Componisten und dem Dirigenten das Gestaltungsvermögen schwindet, bevor man beim „ewigen Leben" angelangt ist? während dagegen jener Text musikalisch wunderbar anregt! Ein weiterer Punkt ist die Verschiedenheit der Stimmanlage: die in Rede stehende Motette ist für 3 Ober- und 3 Unterstimmen, die Llisss „kp. Nsro." für blos 2 Ober- und 4 Unterstimmen, und zwar ist von diesen Männerstimmen nicht etwa eine „Bariton",2) sondern es sind 2 gleiche Tenöre und 2 gleiche Bässe. Die Oberstimmen sind also blos 2, kommen nie allein zur Geltung; „Susanns" weist hier reiche Mannigfaltigkeit auf, bietet also die Möglichkeit viel reicherer Klangcombinationen. Endlich der Fortschritt der Handlung: Susanns ist motettisch breit, jeder Gedanke ist musikalisch auseinandergelegt, verarbeitet; im „6rsäo" 2) Wer je einmal P.'s Nisss >Uoos o§o loauuos- aufgeführt hat, weiß die Vorzüge des -Laritonus« gegenüber 2 gleichen Bässen zu schätzen — vgl. Habcrls diesbezügl. Bemerkung in der Vorrede zum 24. Bd. der Ges.-AuSg. 61 ist das Gegentheil der Fall, da wird im Allgemeinen ein Gedanke musikalisch blos berührt, gestreift, ist im Augenblick ausgesprochen und vorbei. Schwierigkeiten imVortragedesOrsäo der Marc.-Messe macht einem aufmerksamen Chor auch die Wiederholung im Sopran bei „Lt in unnin voininuin" (Sopr. u. Tenor in Wechselbeziehung) und bei „vsuin vsrurn" (wo der Sopran sich selbst wörtlich wiederholt) und viele andere scheinbare Kleinigkeiten. Das scheinen mir Gründe zu sein, die es erklärlich machen, wenn die Wiedergabe des „Orsäo" ermüdete. Aber „Pfeile, die man voraussieht, treffen nicht so leicht" — dieses Wort des hl. Gregor läßt sich namentlich in Bezug auf die Stimmenanlage des ,,6rsäo« anwenden; man kann nämlich durch den Vortrug hier viel gut machen. Sodann bestimmt doch der Text, ja das einzelne Wort in vielen Fällen den musikalischen Ausdruck, auch im Oracko, selbst wenn das Wort noch so rasch vorübereilt; Nich. Wagner in seiner Bearbeitung des „Ltastat rnaber" V.P. hat dies vorzüglich gezeigt; andrer- eits kann gerade motettische Breite auch ermüden. So glaube ich, daß man aus „xsr yusm onmirr tactu surrt", aus den einzelnen Sätzen von „Lt uriaru suirotirm" ab viel mehr machen und viel größere Wirkung erzielen kann, obwohl, vielleicht gerade weil sie so kurz sind. Vor allem aber müssen die einzelnen Sätze viel mehr von einander abgehoben werden, es Müssen deutlich vernehmbare Cäsuren gemacht werden; hier gibt der Text und seine Behandlung gerade seitens P's. leicht verständliche Directiven; gerade deswegen halte ich jedes mir bekannte 6rsäo von P. für viel leichter als etwa das der Nissa „Anal äoirua" von Orl. di Lasso! Es muß also noch mehr Klarheit in das „Oreäo" kommen; diese Klarheit kommt hinein eben durch Gliederung, durch dynamische und agogische Schattirung. Ich schreibe diese Bemerkung hier nieder nicht zunächst für den Münchener „Chorschulverein"; denn ich glaube, daß sein Dirigent jetzt schon von deren Richtigkeit überzeugt ist, und daß der Chor selbst darauf kommen wird, sobald er einmal stabiler ist und sich in diese Werke mehr eingesungen hat. Daß meine Besprechung auch eine andere Adresse hat, als an diesen Chorschulverein, kann schon aus dem vorangestellten Motto ersehen werden. Hier gilt mein Wink jenen Kollegen, welche mit ganz leichten 6reäo's, z. B. aus „llasu Ksciswxtor" von Kaim sich, ihre Sänger und die Zuhörer ermüden, weil sie nicht zu gliedern, nicht Licht und Schatten zu geben wissen. Der alte Leopold Mozart soll gesagt haben, das Llissrers von ^.IlsZri sei eben, was man daraus mache — dieses Dictum ist gar nicht so verwerflich, als manche meinen; man verstehe es nur recht! Klangfarben geben, im orchestralen Sinne, das können wir Vokalchordirigenten nicht (höchstens können wir unter Umständen durch Knabenstimmen gegen Dameustimmen „färben" — beim „^.va Regina," müßte das im Alt des 2. Chores herrlich gewesen sein!), wir brauchen auch nicht in dieser Weise Farben zu geben, zu trompeten und posaunen: unsere Mittel sind edler, schöner Gesangston, gute Textaussprache, Dynamik und Agogik — aber eben von diesen Bütteln darf man keines übersehen, soll nicht die Aufführung geistlos und langweilig werden. Sehr gut, vortrefflich war die Wiedergabe des Madrigals „O süßer Tod", das denn auch äa onxo verlangt wurde. Was die Solovorträge betrifft, so hätte sicherlich eine größere Vertiefung in die betreffenden Partien, bei den Madrigalen auch die Beibehaltung des wohlklingenden italienischen Urtextes die Musik in viel helleres Licht gestellt. Auf alle Fälle ist der Münchener Chorschulverein und sein^Dirigent zu dem Erfolge vom 2. Februar von Herzen zu beglückwünschen. Möge er, nachdem die Münchener kgl. Vokalcapelle ihre Concerte für immer aufgegeben zu haben scheint, deren Stelle im Odeonsaale einnehmen und uns alljährlich wenigstens einmal mit seinen Leistungen erfreuen! Das Kloster Monhcim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Reliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmann. (Schluß.) VI. Nekatholisation — Erneuerung der Verehrung der hl. Walburga— neue Reliquien— neues Kloster. Von 1600 bis zur Gegenwart. Einer der Nachfolger des Herzogs Ottheinrich war Wolfgang Wilhelm. Dieser hatte, obwohl sein Vater Ludwig Philipp so voll Haß gegen die katholische Kirche war, daß er in den Kirchen seines Landes an den Sonntagen Gebete vorzubeten befahl, in welchen die Katholiken als „abgöttische Menschen", „reißende Wölfe", die katholische Kirche als „Mördergrube" dargestellt waren, dennoch große Neigung zum Katholizismus und hatte auch noch zu Lebzeiten seines Vaters, im Juli 1613, im Geheimen das katholische Glaubensbekenntniß abgelegt. Am 25. Mai 1614 that er diesen Schritt auch öffentlich zu Düsseldorf. Noch im nämlichen Jahre trat er nach dem Tode seines Vaters die Neuburger Erbschaft an. Den Lutheranern seines Landes beließ er völlige Religionsfreiheit, verordnete aber zugleich, daß es allen katholischen Unterthanen freistehen solle, ihren Glauben unbehindert zu bekennen und ihren Gottesdienst mit Messe, Predigt, Einrichtung katholischer Schulen, Kinderlehren, Prozessionen und Krcuzgängen abzuhalten °°). Dadurch schlug nun auch für Monheim die Stunde der Rückkehr zum katholischen Glauben und zur Verehrung der heiligen Walburga. Vorerst wurde im Schlosse für die Katholiken durch Kaisheimer Patres Gottesdienst gehalten. Am 7. März 1618 trafen dann 2 Patres der Jesuiten von Eichstätt zu einer Mission ein, welche die ganze Fastenzeit hindurch dauerte, worauf sie wieder abzogen. „An dem 23. April, demnach wir siben Wochen allhier gewesen, haben Ihre fürstliche Gnaden Bischof zu Eichstätt eine Gutschen hergeschickt, uns auf Befehl des H. l?. Pro- vinzialis wieder abzuholen." Nach kurzer Unterbrechung aber kehrten wieder 3 Patres zurück, welche zuerst auf weitere 3 Wochen, dann, weil während dieser Zeit der Pfarrer und Dekan Danbmeier „licenzirt" wurde, allein die Pfarrei 3 Jahre lang versahen, bis sie endlich einen neuen Pfarrer für Monheim gefunden hatten, der am 12. Januar 1622 hier eintraf. Unter dem neuen Pfarrer, Caspar Zeiller, blieb noch ein Jesuit über eiuen Monat lang, bis nämlich am 21. Februar auch ein Caplan hier eintraf." b°) Jansscn, I. o. V. M. 655-658. Aus dem Monheimer Pfarrbuch. In dieser Zeit wandte sich Monheim wieder dem Glauben seiner Ahnen zu. Luidl berichtet, daß dies nicht zum geringsten Theil der Fürbitte der heiligen Walburga beim Gebrauche des heiligen Walbnrga-Oeles zu danken sei. Er erzählt nämlich von einer kranken Frau:^) „Es stritte dieselbe lange Zeit schon mit denen empfindlichsten Geburtsschmerzen, und war die höchste Gefahr, daß nit das Kind der Mutter, die ihm das Leben geben sollte, das Leben benähme: aller Artztenkunst schlug fehl, alle befürchten, daß mit dem todten Kind zugleich die Mutter eine Leich seyn wurde. Sobald ihr aber, weiß nit auf wessen Einrathen, und von was für einer Hand das Hl. Walburgä-Oel aus dem Eichstüttischen Wunderquell gereichet war, und sie dessen ersten Tropffen genossen hatte, wurde sie den Augenblick darauf glücklich entbunden und gab demjenigen das Tageslicht, wegen welchem sie schon begunte, ihre Augen in den Tod zu schließen. Als solche wunderbarliche Begebenheit ruchbar wurde, fingen die Monheimener an, nach und nach ihre Augen zu öffnen und zu erkennen, wie billig ihre Voreltern so große Andacht gegen diese H. Abbtißin getragen hatten; entschlossen sich demnach zu jener Kirch sich willfährig Zurück zu wenden, in welcher allein GOTT seinen Heiligen solche Krafft und Macht, Wunder zu würcken, verliehen hätte." Der 30jährige Krieg hatte an Kloster und Reliquien nichts mehr zu zerstören, da dieses schon früher besorgt war; dafür scheint die Kirche ziemlich mitgenommen worden zu sein. Bald nach dem Kriege lesen wir nämlich von einer Restauration der Kirche und Consekration dreier neuer Nebenaltäre. Die letztere geschah am 5. August 1668 durch den Generalvikar des Bischofs Marquard. Am nämlichen Tage wurde auch die aus freiwilligen Beiträgen der Bürgerschaft neuerbaute St. Peterskapelle eingeweiht. Wir sehen, es war wieder der Sinn für schöne Gotteshäuser und die Opferwilligkeit dazu erwacht. Nun auch die, wie im ganzen Lande, nicht minder in der Mon- heimer Gegend, vielfach gelockerten Sitten zu bessern, trug viel bei die, wenn gleich kurze, doch segensreiche Wirksamkeit des berühmten heiligmäßigen Capuzinerpaters k. Markus, eines zweiten Johann Capistran. Der Herzog von Neuburg selbst schrieb über ihn an Bischof Marquard von Eichstätt: „Was nun dießer, von dem Allerhöchsten, bevorab bey dießen verwirdten vnndt be- trüebten Zeitten, geschickter, vnndt in Wahrheit recht gottseeliger vnndt heyliger Mann in denen Kirchen, vor den Altären, aufs den Predigtstühlen vnndt aufs den straßen, auch endlich aufs dem offenen platz, weilen die Kirchen die überaus große Anzahl des, sogar von vielen Meilen her haüffig zuegeloffenen Volks, nit fassen können, sodann vnderschiedlich in meiner Hofcapellen, vndt privatim in seinem Zimmer, biß zue dessen abraiß, durch seine voll tröst- vndt geistreiche Ermahnungen vndt mit weinenden äugen hertzinniglichen Zucsprechungen bey männiglich, hoch- vnndt niederen, geist- vnndt weltlichen standts, gucttes gewürcket, für Zerknirschung der Gemüetter vnndt Bereuung begangener Sünden erwecket, vnndt welcher gestalt das ganze Volk, zue Vergießung der Bueßzäher, vnndt daß man die Allerheiligste Dreyfaltigkeit vmb gnadt vnndt Barmherzigkeit durch einhellige öffentliche Auff- rueffung gebeten vnndt zur Besserung des Lebens mit theuren Versprechen, Gott nimmermehr zue belaidigen, beweget: — ist nit genuegsam zu beschreiben." 5. e. 1. xx. 223—224. Die Angabe, die erwacht, daß sich binnen Jahresirist „36ä0 Monheimische Einwohner" bekehrt Dieser hciligmäßige Mann kam nach Monheim am 14. November 1680 und wirkte auch hier überaus segensreich zur Befestigung des Glaubens und Erreichung guter Sitten durch seine erschütternden Predigten und die wunderbaren Heilungen, welche auch in Monheim auf seine Segnungen hin erfolgten.03) Mit dieser inneren Erneuerung ging dann die immer größere und eifrigere Verehrung der hl. Walburga Hand in Hand, womit sich das Verlangen vereinte, doch wieder wenigstens Etwas von den Reliquien der Heiligen zu besitzen. Dieses Verlangen fand auch im Jahre 1700 seine Erfüllung. Wir lassen hierüber einen Zeitgenossen erzählen, l'. Anselm Goudin, in seinem „Benediktinischen Weltwunder"; °^) er sagt: „weilen aber dem Allmächtigen GOTT beliebet, dise schon von so grossen Alter gleichsam erloschene Gedächtnuß seiner getreuen Dienerin Walburgis daselbsten wiederumb in die Hertzen der Gläubigen ein- zupflantzen; so ist zu wissen, daß der Hochwürdige und Hochgelehrte Herr Philipp Jakob Pfister, Dechant und Pfarrer zu Monheimb auf eyfrigstes Anhalten von dem Closter zu St. Walburg auß, einen schönen Partikul von den Gebäinern deß Leibs der Heiligen Walburgis überkommen, selben anno 1700 den 12. Oktober auf das andächtigiste eingeführet, und die glorwürdige Erneuerung der alten Wunder-Werck gleich mit seinen selbst eignen Augen angesehen; in deme nämblichen, gleichwie umb das Jahr nach Christi Geburt 893 bey der ersten Ueberbringnng durch Luibillam noch denselbigen Tag ein Hinfallender von seiner schwären Kranckheit augenblicklich befreyet; also ist ebnermassen bey dieser andern Ueber- bringung in schon erwähnten 1700. Jahr zu mehrerer Bestättigung, daß es ein veritabler Partikul von St. Walburg sehe, noch selbigen Tag ein gichtbrüchiger Knab durch dero grosse Vorbitt mit einer vollkommenen Gesundheit erfreuet worden. Von selbiger Zeit an biß auf gegenwärtiges Jahr befindet sich die uhralte Gedächtnuß gegen der Heiligen Walbnrg also glorreich erneueret, nicht nur allein in der Stadt Monheimb, sondern auch in anderen umliegenden Oerthern, daß die Christglaubige Menschen neben schon vielfältigen überbrachten Opffcren, auch mehr dann 170 Votiv-Täffelein außgehänget zur unfehlbaren Zeügnuß der innerhalb 15 Jahren mit ihnen geschehenen Wunder-würdigen Gnaden und Wohlthaten; als mit welchen sie auf bloss Anruffung und Verlobung zu der Heiligen Walburg ohne den Gebrauch ihres Heiligen Oeles beglücket worden." Von dieser Zeit an hob sich das religiöse Leben Monhcims immer mehr. Eine vom 15.—23. September 1717 gehaltene Mission gibt dafür sprechendes Zeugniß. Am 15. September Nachmittags 4 Uhr wurden die Missionäre (4 Jesuiten) von der Stadtgeistlichkeit, den sämmtlichen Beamten, dem Magistrate und vielen Bürgern am Stadtthore empfangen und in Prozession „unter Posaunen und sauberer musio" zur Kirche geführt, wo sofort die vorbereitende Predigt gehalten wurde. Die Volksmenge wuchs während der Mission manchmal auf 5—6000 Menschen an. Am meisten zogen die Buß- prozessionen, welche an verschiedenen Tagen Abends abgehalten wurden. Es erschienen dabei die Jungfrauen in weißen, die verhciratheten Frauen in schwarzen Kleidern, jede eine Dornenkrone auf dem Haupt und eine hätten, ist jedenfalls ein ziemlicher Irrthum, da Monheim diese Einwohnerzahl nie auch nur annähernd erreichte. -o) Eichst. Past.-Bl. 1861, ptz-. 161-162. ") 1. Theil, p 2 > 194-196. 63 brennende Kerze in der Hand. Während solcher Prozessionen fanden mehrere Exhortationen statt, „dergestalt eingriffig gehalten, daß fast männiglich die Zähren aus den Augen getrieben wurden". Von größter Wichtigkeit war die Predigt über die Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern; die Kinder baten laut ihre Eltern um Verzeihung angesichts der 5000 Menschen, die bei dieser Predigt zugegen waren. Der erhebendste Anblick aber war, als vor dem allerheiligsten Sakramente nach der Predigt über das Bekenntniß des Glaubens die versammelte Menge mit zum Schwur erhobener Hand die xrokesslo ticlöi dem Missionär nachbetete. Am 23. September Morgens feierte die Gemeinde Monheim die hl. Communion. Um 6 Uhr gingen die Dienstboten, um 8 Uhr die Bürgerschaft, um '/zlO Uhr die Beamten und der Magistrat zum Tische des Herrn. Darnach folgte die Abschiedspredigt und mit Ertheilnng des päpstlichen Segens endete die Mission." So übte die hl. Walburga in Monheim wieder die alte Anziehungskraft, von allen umliegenden Ortschaften kamen die Wallfahrer wieder herbei, besonders feierlich wurde immer das Walburgafest selbst am 25. Februar und das Fest der Uebertragung der letzten Walburga- religuie, der 12. Oktober, begangen, und auch die Reliquien selbst waren, wenigstens in einem kleinen Theile, wieder vertreten; nur eins fehlte noch: die Stiftung Liubilla's, das Kloster, war spurlos verschwunden und hatte bis jetzt gar kein, auch nicht das kleinste Zweiglein mehr herausgetrieben. Aber auch hier wurde geholfen: vor gerade 25 Jahren zogen 4 Klosterfrauen aus der Kongregation Maria Stern in Augsburg in Monheim ein und übernahmen, was ja so ganz nach dem Geiste der hl. Walburga ist, den Unterricht in den Mädchenschulen und haben dort im Laufe dieses Vierteljahr- hunderts in ihrem Klösterl überaus segensreich gewirkt, in neuester Zeit auch mit dem Gedanken beschäftigt, diese Wirksamkeit noch weiter auszudehnen und auch den kleineren Kindern ein Plätzchen klösterlicher Sorgfalt und guter Bewahrung zu verschaffen. Damit sind wir bei der Gegenwart angelangt und bietet uns in derselben das Bild Monheims wieder einen erfreulicheren und schöneren Anblick als am Schlüsse der beiden letzten Perioden; das Bild des gegenwärtigen Jahres 1693 erinnert uns lebhaft an das vom Jahre des Beginnes und der Blüthe 893: Alles finden wir wieder vertreten: Reliquien — Kloster — eifrige und innige Verehrung der hl. Schntzpatronin Walburga, allerdings alles in nicht so ausgedehntem Maßstabe, alles gleichsam en ininiaturs! Zum Schlüsse noch eine Bemerkung! Im Pfarr- archiv zu Monheim befindet sich ein Brief eines Kaplans, worin derselbe erzählt, nachts im Traume die heilige Walburga gesehen zu haben, wie sie auf einen bestimmten Platz hinweist, bei welchem die abhanden gekommenen hl. Reliquien zu finden wären; auch hörte ich öfters die Leute erzählen, man sehe manchmal nachts an einer Stelle einen hellen Lichtglanz, der ebenfalls das Nachvorhandensein dieser hl. Reliquien daselbst andeute, und es wurzelt immer noch im Volke die Meinung, der kostbare Schatz sei doch nicht zerstört, sondern irgendwo vergraben. Wir schließen mit dem aufrichtigen Wunsche: Möge diese vox populi auch als vox Der, als Fügung Gottes sich bekunden und für Monheim bald die Stunde kommen, daß dieser große Theil der hl. Reliquien wieder zum Vorschein kommt, daß dieselben im Gotteshause, nach einer würdigen Restauration desselben, wieder feierlich ausgesetzt und von dem gläubigen andächtigen Volke mit seinen Seelsorgern an der Spitze und den Bewohnerinnen des Klosters, wie vor 1000 Jahren, aufs eifrigste verehrt werden können! Recensionen und Notizen. Don Bosco, der große Jugendcrziehcr und Verehrer Mariens. Von Präses Mehler in Negensburg. Im Selbstverlag des Verfassers. Mit Porträt Don Bosco's. 30 Pfg. 78 Seiten. -s- In Don Bosco ist der kath. Kirche einfMann erstanden, wie eben ganz allein diese sie hervorbringen kann. Ohne Uebertreibung kann Don BoSco den großen Ordensstistern an die Seite gestellt werden. Hätte jedes Land Europa'S 2—3 solche Männer, die sociale Frage wäre um ein gar gutes Stück ihrer Lösung näher gebracht. Aber noch allzuwenig ist dieser große Mann und sein Werk bekannt. Für was war er und wirkte er auch katholisch? Wenn einmal ein Freimaurermillionär etliche 100 Mark zu einem „humanitären" Zweck spendet, so weiß eS den andern Tag die halbe Welt; daß aber ein Don Bosco sein ganzes Leben der Rettung der Jugend geweiht, daß in den von ihm gegründeten Anstalten 300,000 Knaben erzogen werden, die sonst leiblich und geistig zu Grunde gingen und daß bis zum Jahre 1888 aus diesen Anstalten 6000 Priester hervorgingen u. s. w., das ist freilich nicht crwähnenswerth. DaS Schriftchen ist mit wohlthuender Lebendigkeit geschrieben und man erkennt, daß der eigene Eifer in dem nämlichen Geiste zu wirken, hier die Feder geführt hat. Wir wünschen dem Büchlein die weiteste Verbreitung, die es auch verdient, und dies umsomehr, da der Reinertrag zu einem guten Zweck bestimmt ist. Herders Theologische Bibliothek. 9. Theil. Kaulen, Dr. F., Einleitung in d. Heilige Schrift Alten u. Neuen Testaments. Dritte verbesserte Auflage. Erster Theil. (VI u. S. 1-182) M. 2. Zweiter Theil. (S. 183-436) M. 3. Dritter Theil. (S. 437-700) M. 3. Die drei Theile in einem Bande. (VI u. 700 S.) M. 8; geb. M. 9,75. Die Untersuchung beruht auf der gründlichsten und vielseitigsten Gelehrsamkeit, welche kein bloßes Notizensammcln und Referiren fremder Ansichten ist, sondern sich durchweg in einer geistvollen Höhe hält. Der Kenner wird leicht bemerken, wie vollkommen Kaulen die ganze einschlägige Literatur beherrscht, obgleich er sie nur da citirt, wo es die Beweisführung oder das Interesse des Lesers erfordert; ferner auf welche genaue eigene Durcharbeitung der Originaltexte und sämmtlicher alter Versionen sich seine Ausführungen stützen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Brcisgau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch du Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 2: DaS neue Central-Seminar für Indien in Kandy. — Der selige Rudolf Aquaviva am Hofe Arbars des Großen. (Fortsetzung.) — Altchristliche Ruinen Nord - Syriens. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: Kurdistan (Schulen); China (Tröstliches auS der Mongolei; Christengemeinden in Hupe); Hinterindien (Rückkehr der annamitischen Prinzen); Vorderindien (Kholsmission); Südafrika (Trauerkunde vom Unter-Sambesi); Belgisch-Kongo (Die hclgische Mission am Kwanzo): Nordamerika (Mission bei den Arapahus); Centralamcrika (Mission in Honduras); Süd- amerika (Die Salesiancrinissiouen); Occanien (Mission in Neu- Pommern). — Aus verschiedenen Missionen. — Miscellcn. — Für Missionszwecke. Illustrationen: Ansicht von Kandy gegen das Gebirge. — Eine Promenade in der Stadt Kandy. — Ansicht einer Thecpflanzung bei Kandy. — Das Diöcesan-L-eminar in Dswaffna. — Das Thor Aladius am Palast der Großmogule zu Kutab. — Ruinen der Kirche zu Ruciha aus dem 6. Jahrhundert. - Ruinen der Kirche zu Haß aus dem 4. Jahrhundert. — Das Innere der Kirche zu Muschabbak. — Antikes Familiengrab bei Ruciha. °°) Eichst. Past.-Bl. 1874, x§. 204 ff. Die russisch-schismatische Kirche, ihre Lehre und ihr Eult. Von Dr. Fcrd. Knie. Graz, Styria 1894. 8°. V u. 199 S.. 2 M. 50 Pf. X Verfasser ist kein Neuling in der Literatur über die russischen Verhältnisse. Seine Schrift „Die russische Gefahr" wurde von competcutester Seite aufs günstigste besprochen und dabei insbesondere hervorgehoben, was seiner Darstellung so besonderen Wert verleihe, das sei „der uukennbare Stempel langjähriger eigener Beobachtung an Ort und L-tclle und zwar mit den offenen und geübten Augen eines hochgebildeten Abeud- läuders", ferner „die überall durchblickende, besonders aber zum Schluß unumwunden ausgesprochene Erkenntniß, wie sie voll und ganz nur der gute Katholik haben kann, daß die Wurzel aller russischen Uebel .... das Schisma ist, zu dessen ver- hängnißvollstcn kirchenpolitischen Conseguenzcn aber das Staats- kirchenthum gehört, und, als dessen unausweichliches Complement, der Nihilismus." Verfasser schickt in vorliegender Schrift zunächst eine Uebersicht über die Entwicklung des russischen Schisma's von den Zeiten eines Pbotius bis zur Regierung Katharina II. voraus. Sodann beleuchtet er eingehend die russisch-„orthodoxe" Kirche und weist nach, wie sie den überkommenen Glaubensschatz keineswegs treu und sorgsam gehütet, sondern namentlich protestantischen Einflüssen Thüre und Thor geöffnet hat, wie sie in geradezu trostloser Weise dem Sekteuwcsen verfallen ist, so daß ein russischer Schriftsteller schmerzerfüllt ausruft: „Christen heißen wir, aber nicht für uns reiften die Früchte des Christenthums." Verfasser zeichnet ferner die Stellung der russischen Kirche zum Papste, ihre Sakramentcnlehre und Liturgie, eröffnet uns überaschcude Einblicke in die Verhältnisse des russischen Säcular- und Negularklerus und schließt mit einem Ausblick auf die Zukunft der schiSmatischcn StaatSkirchc, die wahrlich nicht rosig sein kann, wenn es je wahr ist, was ein nihilistischer Schriftsteller schreibt: „An Stelle des russischen Gottes ist die Schnapsflasche getreten. Da§ Volk, die Mütter, die Kinder sind betrunken. Die Kirchen sind leer." Jedem, der sich für die russisch-schismatische Kirche iuteressirt, ist das Studium der Schrift Knie's angelegentlichst zu empfehlen; eine überzeugendere äemoustratio aä oeuios, welch entsetzliche religiöse Verheerung das Schisma und daS StaatSkircheuthum in Rußland zur Folge gehabt, gibt es nicht. Wir müssen uns versagen, in diesem Referate uns weitläufiger über einzelne Partien des Buches zu verbreiten, und behalten uns vor, nächstens den einen oder andern Gegenstand ausführlicher zu behandeln. Uebrigeus können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Lektüre des Buches auf uns den Eindruck gemacht hat, als schildere der Verfasser weniger auf Grund eigener persönlicher Erfahrung, als vielmehr unter Berufung auf andere Autoren, allerdings zumeist russische, deren Zeugnisse er durch seine Erfahrung bestätigt, statt umgekehrt feine eigenen Erlebnisse, Wahrnehmungen, Eindrücke anschaulich und getreu zu erzählen und sie durch Aussprüche einheimischer Schriftsteller zu stützen. Auch hätte manches bedeutend gekürzt werden können; endlich hätten wir dem Verfasser seine polemischen Erörterungen gegen Dalton gerne geschenkt. Petrus in Rom oder Xovas Viuäioias Dstriuao. Neue literar-historische Untersuchung dieser „Frage", nicht „Sage" von Johann Schund, Pros. d. Theol. in Luzcrn. Luzcrn, Räber 1892. 8°, XDIX und 229 S. 4 M. X Die göttliche Einsetzung des Primats, die Thatsache, daß der hl. Petrus seinen bischöflichen Stuhl in Rom errichtet, als Bischof in Rom gestorben und seinen Amtsnachfolgern mit der Hirtensorge über die Bekenner Christi in der ewigen Stadt zugleich auch die Regierung der Gcsammtkirche vererbt habe, das ist eine für jeden Katholiken, für jeden Christen eminent wichtige Frage, wenn sie überhaupt noch eine Frage genannt werden darf. Sicher hat schon mancher daS Bedürfniß gefühlt, all die Gründe und Zeugnisse, auf welche die katb. Behauptung eines Episcopats Petri in Rom sich stützt, in erschöpfender Darstellung gesammelt, all die Einreden und Bedenken, die namentlich pro- testantischerseitS dagegen erhoben werden, entkräftet zn sehen. Vorliegende Schrift wird diesem Bedürfnisse vollständig gerecht. Der Verfasser, der sich schon seit vielen Jahren eingehend mit diesem Gegenstände beschäftigt hat und darin, wie nicht leicht ein Anderer, compctent ist, schildert in einen: Prolog von nicht weniger denn XDIX Seiten den „hl. Petrus und seinen Primat im neuen Testamente", um dann sofort das Zeugcnverhör anzustellen, das er aber auffälliger Weise nicht mit den Apostelschülern Papias, Clemens von Rom, Jguatius, sondern mit Jrenäus und Tcrtullian beginnt. In einem weiteren Abschnitte behandelt der Verfasser Simon Magus und die auf die „Simonssage" gestützten Hypothesen gegen Petrus in Rom, um dann schließlich die Fragen zu erledigen: wann und in welcher Eigenschaft Petrus in Rom gewesen sei. Verfasser kommt zum Ergebniß, „daß die kirchliche Tradition wie in Betreff der Gründung der römischen Gemeinde durch Petrus und seines 25jährigen römischen EpiscopatcS, so auch in Hinsicht auf das Datum seines glorreichen Martcrtodes an die bcstbezcugten Momente (?) der Geschichte jener Zeit anknüpft und so in den wesentlichsten Punkten durchaus vcrlässig ist", daß ferner „Petrus Lehrer, Stifter und erster Leiter, — Bischof — der römischen Kirche war" Die Untersuchungen sind durchaus gründlich geführt, keiner Schwierigkeit, keinem Einwürfe ist aus dem Weg gegangen, auch die gegnerische Literatur ist ausgiebig herangezogen und verwerthet worden. Mit bestem Gewissen können wir daher vorliegende Schrift all den vielen Geistlichen und Laien empfehlen, „die sich wohl um wissenschaftliche Fragen interessiren, aber wegen ihrer übrigen Berufsgeschäfte dieselben oft nicht speziellen Studien unterwerfen können und denen auch vielfach hicfür die literarischen Hilfsmittel abgehen." i. „Das letzte Mittel" und „Eine Prophezeiung" betiteln sich zwei Broschüren des bekannten JesnitenmissionärS ?. W. Lcrch in Mariaschein (Nordböhmcn), die nach Inhalt und Form als sehr zeitgemäß zu bezeichnen sind. ?. Lerch ist seit einigen Jahren unermüdlich in der Abhaltung von Volksmissionen in Dcutfchöstcrrcich thätig. Als MissionSpredigcr hat er erfahrungsreich diese Broschüren verfaßt, deren erstere in überzeugend eindringlicher Weise die vollkommene Neue behandelt, während die letztere in ansprechendster Art Pflicht und Segen der Sonntagsruhe und Sonn- und FeiertagS- beiligung darlegt. Diese Broschüren sind im Verlage von A. Opitz in Warnsdorf, Ncrdböhmen, erschienen. Preis ä 5 kr., irauco Post 7 kr. — 10 Psg., 50 Stück frauco 2 fl. 50 kr. Dieselben sind namentlich für Jndustrieorte und Diaspora- Gegenden cmpfehlenSwerth. Die Todesangst unseres Herrn Jesu Christi am Oelberg. Von k. ExuperiuS von PratS de Mollo. Aus dem Französischen überseht von A. Nügemer. Rcgeus- burg, 1894. Pustet. XVI u. 175 S. Preis brosch. 80 Psg. ES werden 40, eng an daS Evangelium sich anschließende, kurze Betrachtungen über das große Leiden, den innern Kampf des Heilandes, das Entsetzen seiner hl. Seele auf dem Oelbcrge geboten. Mau erkennt sofort darin den prakiischen Geistesmann, der eS niemals versäumt, seine praktischen Anwendungen auf daS tägliche Leben eines Christen zu machen. Die Ucbersetzung ist fließend. Okkioinm Lodäoinaäas majoris a. Dominion ill kalmis usgus all 8a.bba.tum in Xlbis Zins oantu. Negensburg, 1894. Frdr. Pustet. 18°, 368 p§., brosch. 2 In Lederbd. m. Rothschn. 3 M. Dein an dieser Stelle bereits angezeigten und empfohlenen zweibändigen römischen Breviere in 18° ist nun auch das oben angekündigte Wcrkchcn in demselben Formate gefolgt. Dasselbe bietet alles, was Brevier und Missale für diese hl. Zeiten enthalten. In dem Anhang von 32 Seiten findet sich sodann noch der Oräo Llissao und die Commemorationcn jener Feste, welche in diese Zeit fallen können. Die bekannten und anerkannten Vorzüge des genannten Brevieres vereinigt auch dieses Wcrkchcn in sich, das bei seiner Dicke von 12 mm nicht handlicher gedacht werden kann. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochqunrt für 4 M. p. Jahr. 1693. Nr. 23. Inhalt: Der hl. Karl BorromäuS als Pädagog (RolfuS). — Weitere kritische Referate über Fast en predigten von Bryuych, Costa, Dicssel, Ph. Hammer, Jbach, Nagelschmitt, Patiß, Paulhuber u. PratteS (Deppe), Heiner Katholisches Kirchenrccht (BellcSheüu), Bram- bach Die Historik clo s. likra. und das 8a1vs DoZina. des Her- mannus Contractus (W. Bäumker), Jahresberichte der Geschichtswissenschaft für 1892 (Wurm), Müllendorff Pfingstbetracht- ungeu, Lödler Schmerzhafte Mutter und Zobel Heilige Familie (Deppe), Für Mußestunden (Plaßmann), Keiter's und Kürschner's Literaturkalcnder für 1894 (HülSkamp). — 7 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novi- täten-Verzeichniß. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg Eine „Sarmülttng theologischer Lehrbücher" mit besonderer Berücksichtigung der Neligions- philosophie. I. ss. v. Fast jedes Jahrhundert wagt in größerer oder geringerer Bestimmtheit, je nach seinem Culturstande, den Versuch, den Gesammtinhalt seines Wissens in einem einzelnen oder in allen Fächern zusammengenommen durch ein großes literarisches Unternehmen zur Darstellung zu bringen. Fühlt sich unser Jahrhundert in dieser Beziehung solidarisch mit den vorangegangenen, so ist das ganz natürlich. Gewinnt aber dieser Versuch bei ihm eine ganz besondere und eigenartige Gestalt, deren Entstehung oft in einer intensiven Durchdringung und bis in's Detail gehenden Beherrschung einer einzelnen Disciplin oder auch nur eines Begriffes dieser Disciplin ihren Grund hat, so liegt hierin gerade die epochemachende Bedeutung unseres Jahrhunderts. Denken wir z. B. nur an Max Müller, der es gerade versucht in 4 Banden über den Begriff der Religion zu schreiben. Die Bände tragen die Titel: „Natürliche Religion, Physische Religion, Physische und Anthropologische Religion". Wir sehen von der Tendenz dabei ganz ab. Im allgemeinen nun sind es gegenwärtig in der Regel zwei Formen oder Gestalten, in welchen sich der Wissensinhalt einer oder mehrerer Disciplinen rcpräsentirt, die Form des Wörterbuchs und die Form des Lehrbuchs. Namentlich ausgebildet sind diese beiden Formen in den staatsmiffenschaftlichen und theologischen Fächern, ohne natürlich auf diese beschränkt zu sein. Wir haben in neuester Zeit ganz hervorragende Staatswörtcrbüchcr und Lehrbücher des Staatsrechts, der Nationalökonomie und der Rechtswissenschaft, und gegenwärtig ist eben ein Unternehmen begonnen worden, das an Großartigkeit alles andere zu übertreffen und sein Vorbild in dem mehrbändigen, noch nicht vollendeten, höchst charakteristischen und interessanten „systematischen Handbuch der deutschen Rechtswissenschaften" von Dr. Karl Bindig gefunden zu haben scheint. Dieses neue Unternehmen ist dnS Hand- und Lehrbuch der Staatswissen- schaftcn, herausgegeben von Cuno Fraukensteiu. Von diesem Werk sollen jährlich 5—6 Bände erscheinen; in ungefähr 6 Jahren soll das Ganze vollendet sein, so daß wir mindestens 30 Bände zu erwarten haben. Der erste Band ist bereits erschienen und handelt von den Grundbegriffen der Volkswirthschaft von dem Münchener Professor Lehr. Daneben läuft noch eine eigene Zeitschrift mit dem Titel: Zeitschrift für Literatur und Geschichte der Staatswissenschaften von Cuno von Frankenstein. In ganz ähnlicher Weise versucht man in theologischen Kreisen den Gesammtinhalt der wissenschaftlichen Theologie darzustellen. Allbekannt sind ja in dieser Beziehung das Herder'sche Kirchenlexikon und die theologische Bibliothek, ferner die wissenschaftlichen Handbücher der Theologie, die bei Schöningh in Paderborn erscheinen, unter denen die wahrhaft hervorragende, von uns überaus hochgeschätzte Dogmatik von Schell ihren Ort gefunden hat. Aber unser volles und höchstes Interesse gilt gegenwärtig einem derartigen Unternehmen von Seite der protestantischen Wissenschaft. Ist es nun durchaus nicht auffällig, wenn in stnatswissenschaftlichen Encyclopädien und Lehrbüchern der Parteistand Punkt, sei es der liberale, conservative oder demokratische, bisweilen in den Vordergrund tritt, so ist in der protestantischen Theologie dieser Parteistandpunkt allem Anscheine nach geradezu das Entscheidende und Charakteristische, und es war höchste Zeit, daß der Tübinger Professor Robert Kübel in seinem sehr instrnctiven Buch „Ueber den Unterschied zwischen der positiven und der liberalen Richtung in der modernen Theologie" einigermaßen Klarheit geschaffen hat. Vollständige Klarheit zu schaffen, ist ihm allerdings unseres Trachtens nicht gelungen, da er, obwohl streng orthodox, doch etwas gar zu optimistisch genrtheilt hat. Ungemein wahr ist allerdings auch, was in den Historisch-politischen Blättern gelegentlich eines Artikels: „Apostolicns und Apostolikum" zu lesen war: „Der mindest Orthodoxe sieht dem mindest Liberalen oft zum verwechseln ähnlich". Der Partcistandpnnkt, sagten wir, ist entscheidend, und darum stehen sich auch in der protestantischen Literatur Lehrbücher und Encyclopädien schroff gegenüber. Den besten Beweis hicfür liefert die „Sammlung theologischer Lehrbücher", welche in Freiburg bei Mohr erscheint. Diese Lehrbücher sind sämmtlich auf liberaler Basis aufgebaut und stellen sich somit zweifellos in Gegensatz zu dem „Handbuch der theologischen Wissenschaften in encyclo- püdischcr Darstellung", herausgegeben von Dr. Otto Zöckler bei Beck in München. Dies letztere ruht auf orthodoxer Basis. Die Zwecknrsache, die der Erscheinung dieser beiden Encyclopädien zu Grunde liegt, ist schließlich ein und dieselbe. Zöckler mit seinem Handbuche verfolgt die Aufgabe, „auf dem Grund der geschichtlichen Entwicklung der einzelnen theologischen Wissenschaften eine Gesammt- darstcllung der Theologie nach ihrem damaligen Stande aufzubauen". Die „Sammlung theologischer Lehrbücher" beabsichtigt in objektiver Berichterstattung über die einzelnen Disciplinen einen sicheren Ncberblick über den Stand der gesummten theologischen Wissenschaften am Ende des 19. Jahrhunderts zu gewähren. Aber wie verschieden muß die Wirkung sein, sobald wir den Unterschied von liberal und orthodox kennen? Fragen wir darüber, um durchaus von jedem Vorurthcile uns frei zu halten, die zuverlässigste Autorität, den oben genannten Professor Kübel, der fast mit bedenklicher Nüchternheit diesen Unterschied klar legt. Seite 278 u. f. heißt e§: „Auf der liberalen Seite der Glaube zwar vermittelt, vezw. irritirt durch das Bibelwort, dieses aber ist menschliches Literaturprodukt, eigentlich nur synoptisches und da uichi ohne Beschränkung gütig, die Gemeinde, ihr Bewußtsein, ihr ChristuSbild ist die eigentliche Quelle des Glaubens. Aus positiver Seite die Gemeinde rein zuerst Produkt deS VibelworteS, das GotteS eigenes Wort ist, der Glaube und seine Erfahrung durchaus gebunden an dessen autoritatives Zeugniß. Aus liberaler Seite das Historische an Jesu Leben, selbst die von den Aposteln einstimmig als absolut entscheidend betonte Thatsache der Auferstehung als diese Thatsache religiös irrelevant, auf positiver Seite dagegen daö historische Leben Jesu, vor allem Tod und Auferstehung als Thatsachen ganz abgesehen von der subjektiven Wirkung in nuS, versöhnend d. h. auf Gott selbst objektiv cin- cimvirkcud n. s. w." Jedermann sieht sofort, welch ungeheure Verwirrung entstehen muß, wenn innerhalb der Theologie sich zwei so Wesen haft verschiedene Richtungen einander gegenüberstehen, und jedermann wird sich auf die Frage besinnen: Ist das auf liberaler Seite Gebotene überhaupt noch Theologie? Die Antwort ist leicht: Es ist auf die Spitze getriebener Subjektivismus, wonach in der Erkenntniß nur wahr ist, was das Subjekt 60 zu fassen vermag, und zwar nur in der Weise seiner Auffassung. Sehen wir uns einmal diese „Sammlung theologischer Lehrbücher" an, um sie an der Hand dieser Wahrheit zu prüfen und zugleich zu erkennen, daß mit solcher Wissenschaft der Ruin, die Zerstörung der Theologie gegeben ist, um dann ferner einzusehen, daß einzig und allein hier, in dieser protestantisch-liberalen Theologie, das Wort des Dr. Jürgen Bona Meyer, gegen deu bekanntlich Professor Dr. Schell auf der Katholikcn- vcrsammlung 1893 gesprochen hat, eine ungemeiu wahrhafte Grundlage findet, das Wort nämlich: „das Loslösen der Theologie von der Universität wird immer wahrscheinlicher", weil eben diese Theologie nichts anderes ist, als Philosophie. Nebenbei wollen wir bemerken, daß die ersten Circn- lare, die über diese „Sammlung theologischer Lehrbücher" orientiern sollten, die Versicherung gaben: „die Sammlung dient keinem Parteiintcresse". Diese Versicherung ist in den späteren Circularcn weggeblieben; man fühlte wohl, daß man hicmit sich compromittircn würde; denn die allmählige Ausgabe einzelner Bände sowohl, wie die gleichzeitige, in Verbindung mit dieser Sammlung veranstaltete Herausgabe von Büchern über bestimmte theologische Materien, wie Weizsäckers „Das apostolische Zeitalter", die Entwicklung der protestantischen Theologie vom Berliner Professor Otto Psleiderer, die praktische Theologie von Achelis, desgleichen die Herausgabe einer neuen theologischen Zeitschrift, welche von Harnack, Ncischle, Kastan, Eottschick bedient wird, — belehrte jeden Sachverständigen, daß es sich hier um die Liberalisirung der Theologie handelt. Ausfallend mag sein, daß das protestantische Kirchen recht in dieser Sammlung keine Ausnahme und keine Bearbeitung findet, auffallend sagen wir, nicht etwa deßhalb, weil der Protestantismus vermöge seiner Verfassung eine ganz eigenartige Stellung zum Kirchcurcchtc hat, sondern vielmehr deßhalb, weil auch hier die Wissenschaft wahrhaft grandiosen Fortschritt gemacht hat. Und gerade der Darstellung des Fortschritts dient die „Sammlung theologischer Lehrbücher". Denn führt eine Theologie, welche die Gottheit Jesu Christ: zur Grundlage hat, nach Harnack zum „Bock und Centauren", dann kann er doch kein Bedenken haben gegen eine Darstellung des KtrchcnrechtS, die dahin mündet, daß das Kirchcnrecht überhaupt im Widersprüche mit dem ganzen Wesen der Kirche steht. DaS mag manchem Leser sehr überraschend vorkommen, thatsächlich ist diese These, daß das Kirchcnrecht mit dem Wesen der Kirche im Widersprüche steht, aufgestellt und durchgeführt worden, und kein Geringerer als der Leipziger Professor Nndolph Sohm hat das zu Stande gebracht. Nndolph Sohm ist beauftragt, für das obcngennnnts Handbuch der deutschen Rechtswissenschaft von KarlBinding das Kircheurecht zu bearbeiten. Den ganzen ersten Band dieses seines Kirchcnrcchtcs mit 700 Seiten Großoctav benutzt Sohm dazu, die obengcnanute These mit Aufwand aller möglichen Gelehrsamkeit zu beweisen; dabei kommt aber das protestantische Kircheurecht ebenso schlecht weg, wie das katholische, und es handelt sich nur darum, welcher Kirche diese schlimme Behandlung mit Gründ angethan wird. Obwohl es eigentlich zu dem uns vorliegenden Thema nicht gehört, so können wir cS doch nicht unterlassen, eine Stelle anzuführen aus Sohm (Kirchcnrecht, I. Band, S. 458), welche, den Theil seiner Betrachtungen über das katholische Kircheurecht abschließend, also lautet: „So ist die Geschichte des KirchenrcchtS zugleich die Geschichte fortgesetzter Entstellung der christlichen Wahrheit gewesen. Sie hat begonnen mit der Herstellung einer rechtgcordnrten Gemeindc- berfassung (Gewalt des Bischofs). Sie ist vollendet mit dem Ausbau einer rcchilick geordneten Gcsammtkirchcnvcrfassung (Gewalt dcö allgemeinen Concils, Gewalt des Papstes). Durch eine Wahrheit (durch den Lehrsatz, daß kraft göttlicher Ordnung allein dem Bischof die Verwaltung der Eucharistie zustehe) ist die Gewalt dcö Bischofs, durch eine Unwahrheit (den Lehrsatz, daß eine solche formell verbindende Lehrgewalt vielmehr kraft göttlicher Ordnung schon dem Papst allein zustehe) ist die Gewalt des unfehlbaren Papstes begründet worden. Nicht als wenn die Unwahrheit durch sich selber gesiegt hätte. Aber ein geschichtlich vorhandenes, thatsächlich anscheinend unabweisbares, mittelbar aus sittlichen Beweggründen geborenes Bedürfniß, das Bedürfniß nach cincm Kirchcnrecht, welches die Ordnung und die Lehre der Kirrbe sicherstellte, war die Kraft, welche eine Reihe von Selbsttäuschungen mit der Macht geschichtlicher Nothwendigkeit und folgeweise mit der Macht dcö Sieges bekleidete." Wer lacht dad Die Völker der Erde. Von Dr. Bonif. Platz.'"") 8s1i. Mit vorgenanntem, soeben complet gewordenem Werke tritt ein großes, Generationen dnrchdanerndes und erfreuendes Säcnlarwerk in die Erscheinung, welches an Bedeutung und Interesse das so gerühmte Brchm'sche Opus über das Leben der Thiere weit überragt, da es nicht von fremder SpecieS Kunde gibt, sondern mit dem Menschengeschlechte sich beschäftigt, in dessen Kreis wir selbst gehören, und indem es die Existenzform und Lebensweise unserer so manchfaltig ausgestatteten Brüder, dieser so verschiedenen Glieder der einen Menschheitsfamilie, schildert; ein Werk, das nicht, wie Vrehm's Thierleben, an Unglauben krankend, mehr Unheil als Nutzen stiftet, sondern, auf christlichem Boden stehend, daS Gute mit dem Schönen, das Belehrende mit dem Erhebenden, daS Reale mit dem Idealen verbindet, somit uns die ganze, volle Wahrheit kredenzt. Das Werk behandelt den wichtigsten aller wissenschaftlichen Gegenstände, den Menschen, nach Art und Abart, Gestalt, Farbe und Tracht, Wohnplatz und Wohnung, Klima und Cultur, Religion, Sprache und Sitte, Spiel und Gewerbe, Gewohnheit und Treiben, kurz, nach Körper und Geist. Was wir da vor uns haben, ist sohin in Bezug auf die darauf verwendete Geistesarbeit und die damit verbundenen Kosten eine hervorragende anthropologische Leistung ersten Ranges, in Hinsicht auf den Effekt aber wahrhaft eine Wcltgemäldcgallerie in Bild und Wort, und gewährt nahezu das Vergnügen einer mühe- und kostenlosen Rundreise um die Welt. Wie eine riesige Wandcldeko- ration ziehen diese kunstlwllcn Beschreibungen aller Länder und Völker der fünf Erdtheile an unserm entzückten Geiste vorüber. Da ist alles so anschaulich geschildert, so frisch und lebendig, so naturgetreu und scharfbcobachtend geschrieben, daß man die farbenprächtigen, Aug' und Geist anregenden, ethnographischen Bilder unmittelbar vor sich 'D Würzburg, k. u. k. Hofbuchhandlung von Leo Wörl. 2 Bände in Quartformat. Auch einzeln zu haben: Asien, 28 Bogen mit 210Jllustr., darunter 44 Vollb., 4 Kart., brosch. 7 M., geb. 9 M.; Australien, 15 Bogen mit 93 Jllustr.» dar. 25 Vollb., 1 Karte, brosch. 4M., geb. 6 M.; Afrika, 18 Bogen mit 117 Jllustr., dar. 31 Vollb., 3 Kart., brosch. 5 M., geb. 7 M.; Amerika, 17 Bogen mit 88 Jllustr., dar. 31 Vollb., 4 Kart., brosch. 5 M., geb. 7M.; Europa, 22 Bogen mit 159 Jllustr., dar. 44 Vollb., 6 Kart., brosch. 6 M., geb. 8 M. Summe: 109 Bogen mit 658 Jllustr., dar. 178 Vollb., 18 Kart., brosch. 27 M.. geb. 37 M. zn haben glaubt. Dabei wird das an sich schon sehr plastische Wort des Verfassers unterstützt durch die außerordentlich vielen und schönen Originalzeichnungcn der bei dem Werke mitbetheiligten Künstler, durch Text- wie durch Vollbilder, worin sich die malerischen Schönheiten der Erde vor unserm Blick herrlich entfalten und das Charakteristische jedes Landes und Volksstammes durch eigenartige Reize der jeweiligen Scenerie und durch die Vorführung des so lehr- und kenntnißreich Geschilderten sich zur Geltung bringt. Dankbar muß der Gebildete das Hervortreten dieses eminenten Werkes begrüßen, wodurch er auf nahezu spielende Weise sein Wissen bereichert und in Länder- und Völkerkunde sich Kenntnisse aneignet, welche zeitlebens sein und seiner Freunde Ergötzen sein werden. Allerdings liegt es in der Natur der Sache und des Stoffes, daß etliche wenige Bilder sowie auch einige Textzcilen nicht sür das Kiuderange sind. Zuerst behandelt der Verfasser in allgemein verständlicher, edel klarer, oft schwungvoller Sprache Europa, welches den Neigen führt und im Verlauf von zwei Jahrtausenden aus dem Schatten der Unbe- kanntheit zum leitenden Welttheil und zur höchsten Civilisation sich emporgeschwungen hat. Staunend blicken wir hinan zu den Höhen der europäischen Cultur, freuen uns dieser Errungenschaften, belehren uns über die dort ansässig gewordenen Nationen und Stämme und wandern dann frohen Muthes aus in die andern Erdtheile, um die Natur- schönheiten und Völker jener Zonen mit dem zn vergleichen, dessen wir daheim uns erfreuen. Wahrlich, eine fröhliche Länder- und VLlkerentdcckungsfahrt, die wir da antreten! Wir begreifen die Freude, mit der die Genossen des Columbus das Wort „Land!" ausriefen, wenn wir so mit unsern Blicken, sei es auch nur in vorliegendem Werke, von einem Land zum andern übergehen, jederzeit wieder Neues und Hochinteressantes kennen lernend. Wir vertauschen Erdthcil um Erdthcil, Besuch abstattend bei den zahlreichen Völkern der Erde und sie alle in ihren Cha- raktercigcnihümlichkeiten, Körper- und Gcistcsbeschasfen- hciten, Tugenden und Fehlern genau beobachtend. Des Ungewöhnlichen, ja oft Wunderbaren erfahren wir dabei so viel, daß uns die Zeit darüber wie im Fluge vergeht. — Asien, der größte und volkreichste Erdtheil, die Wiege des Menschengeschlechtes, der Religionen, der geistigen Cultur, das Land der Zauber und Märchen, der Niesen- und Wundcrbanten, nimmt unsere Aufmerksamkeit durch die hervorstechenden Merkmale seines hohen Alters, seiner gIänZendenVcrgangcnhcit,seinersonderthümlichenGanz-üdcr Halb-Civilisation, wie durch die Contraste und wechselnde Manchfaltigkeit seiner Länder und tausendfaches Anderes bestens in Anspruch. — Es folgt Afrika, das Land, welches gegenwärtig von so aktueller Bedeutung geworden und eben für Cultur und Christenthum, wie für die Bestrebungen des Handels und der Kolonisation von Europa's Mächten aufgeschlossen wird. Afrika, an seinen Nord- küsten einstens der Ursitz menschlicher Cultur, das noch so wenig erforschte, wird nach Ethnographie und Geographie vom kenntnisreichen Verfasser sehr eingehend behandelt und so eine Fluth von Licht über diesen dunkeln Erdthsil ausgegossen. Die beigegcbenen Karten sind sehr genau revidirt; die Volksstümme, Neger wie Araber, Herren wie Sklaven, Eingewanderte wie Ureinwohner, stellen sich uns in ihrer vollen Eigenthümlichkeit vor Augen. Eingehend werden geschildert die Schrecken der Sklaverei wie die Pracht der dort sich so üppig entfaltenden tropischen Natur. Der Verfasser versteht es, rasch uns Bahn zn brechen in das ungebahnte Land und uns mit Vorliebe bekannt zu machen mit vielen seither unbekannten Natur- und Menschheitszusiänden. Unser Weg geht von Meer zu Meer. — Doch auch der Ozean hält unsere Reise nicht auf. Amerika empfängt uns. Wir stehen auf dem Boden der „Neuen Welt" mit seiner überaus reichen und wechselvollcn Scenerie, seinen auf deur höchsten Gipfel der Cultur stehenden Staaten und rasch emporgeblühten Städten, mit seiner energisch klugen, rastlosen, unternehmenden, praktischen Bevölkerung, wie mit seiner romantischen Wildnis; des Urwaldes und der Urmenschen dieses Riesenlandes. Mit steigender und gerechter Bewunderung verfolgen wir diese Zonen und diese Nation, der in Kunst, Industrie und Erfindung das Große klein, das Schwierigste leicht erscheint. — Den Schluß bildet Australien, dieses uns aui fernsten gelegene Jnselland mit seiner, man darf sagen wahrhaft sonderbaren Fauna und Flora. Auch hier fesselt der weltkundige Autor unsere ungctheilte Aufmerksamkeit durch seine Schilderung von Land und Leuten, mag er nun des öderen Kontinentes Städte oder Steppen beschreiben, oder des blühenden Jnselreiches lachende Eilande, die sich wie ein Kranz um dasselbe herumliegen, mag er von der gegenwärtigen Generation sprechen oder der ausgestorbcncn Stämme gedenken. So tritt das gestimmte Prachtwerk, welches in jeder Beziehung von äußerst eleganter und vornehmer Ausstattung ist, nach Form und Inhalt in Geist und Herz gewinnender Gestalt uns entgegen, da Wort und Bilder- schmnck, Verfasser, Zeichner, Kartograph und Verleger harmonisch zusammenwirken, den freundlichsten Eindruck auf den Leser zu machen und ein Monnmentalwerk zu schassen, durchaus und in allwcg entschieden geeignet, spielend neben der edelsten Unterhaltung die reichste Belehrung zu bieten. Das gediegene Werk dürfte sich besonders für frohe Tage als Festgescheuk empfehlen, dann aber namentlich für die Bibliotheken höherer Schulen, für Erwachsene und gebildete Familienkreise, welche in genußreicher Weise sich unterhalten und belehren wollen. Dem schönen Werke wohnt ein bleibender Werth inne. Das Ende des Hückelisums. Ein vernichtendes Gericht geht soeben über den Mann nieder, welcher in unerhörter Weise das Denken der modernen Welt, besonders der deutschen, beeinflußt hat. Häckel ist es zu verdanken, daß die extremsten materialistischen Anschauungen, welche, großentheils nur im Keime, im ursprünglichen Darwinismus schlummerten, zur vollen Entwickelung gelangten und zu den herrschenden in den Kreisen der Naturforscher wurden. Durch ihn ist die gewaltige, leidenschaftliche Propaganda entfacht worden, welche in die gebildeten Laienkreise getragen wurde, an der er selbst den Löwenanteil beanspruchen kann. Es war soweit gekommen, daß Niemand, bei Strafe der Lächerlichkeit, mehr wagen durste, an dem Darwinismus in Häckcl'scher Form zu zweifeln; Finsterling, Neactionär, Jesuitensöldling und was dergleichen ebenso liebenswürdige als wissenschaftlich entscheidende Beweise mehr sind, ris- kirte sowohl der Laie, der nicht recht zustimmen, als der Gelehrte und Naturforscher, der nicht begreifen wollte, bis endlich der Häckclismus trimnphirend durch alle Kreise gezogen war und seine Alleinherrschaft errichtet hatte. 68 V,Mr Nichts war durch eine lauge Reihe von Jahren im Stande, Häclel von seinem nsnrpirten Throne zu stoßen, weder die Gegnerschaft großer Naturforscher, noch die Zweifel manäicr seiner gewesenen Schüler, noch — und das ist das Merkwürdigste — wissenschaftliche Blamagen des tyrannischen Triumphators. Häckcl hatte die öffentliche Meinung erobert, und durch diese war er geschützt — eine merkwürdige wissenschaftliche Garde. Es wurden ihm grobe Verstoße gegen die Wahrheit wiederholt nachgewiesen, doch im großen Pnblicum horte man davon fast nichts. Keine Spur von dem Lärm in den Tagcs- blättern, den Fabriken der öffentlichen Meinung, keine Trompetenstöße jener Art, welche bei Verbreitung der Häckcl'schcn Irrlehre allgemein waren und uns noch Allen in den Ohren klingen. Auch heute, wo ein hervorragender Naturforscher und einstiger Schüler Häckcls Generalabrechnung mit dem Manne hält, der die öffentliche Meinung so lange und unbeschränkt beherrscht hat, ist in -den TagcSblättcrn kaum etwas davon zu- lesen. Paßt es etwa den Machern der öffentlichen Meinung nicht, daß die Wahrheit über den Apostel des Materialismus genügend bekannt werde? Haffen wir, daß sie doch noch die Objectioität besitzen werden, ihren Leserkreisen mitzutheilen, daß auf Häckcls Autorität kein Verlaß ist, daß dieser Mann sogar vor unerlaubten Mitteln nicht znrückschcnte, um seine vorgefaßten Ideen als Wahrheit erscheinen zu lassen. Es ist dies die schrecklichste Anklage, welche gegen einen Forscher erhoben werden kann, und wenn sie erwiesen ist, ist sie gleichbedeutend mit der Vernichtung. Gilt dies schon auf jedem, auch dem entlegensten Gebiete dcS Wissens, so ist das noch mehr der Fall, wenn es sich um ein Wissensgebiet handelt, wofür sich die ganze gebildete und ungebildete Welt im höchsten Grade intcrcssirt, um die Abstammung des Menschen, seine geistige Natur und alle die Fragen der Religion, die sich daran knüpfen. Hat ein Forscher hierin zu dcm Mittel gegriffen, eine Beobachtung als gemacht zu erklären, die er nie gemacht hatte, und von welcher ein Beweis für die ganze Frage abhängen sollte, so hat er sich nicht eines einfachen Irrthums und einer gewöhnlichen Irreführung schuldig gemacht, die der nächste Beobachter wieder gut machen kann, sondern er hat die Menschheit betrogen, die in ihren weiten Kreisen nicht fähig ist, selbst die Beobachtung zu wiederholen. Das sind scharfe Dinge, und wenn sie Häckcl treffen, so sind alle Tagcsblätter verpflichtet, den Mann zu entlarven, der in Fragen, welche für die ganze Menschheit so wichtig sind, eine derartige Irreführung gewagt hat. Wir wollen nun sehen, welches der Sachverhalt ist, auf welchen sich die vernichtende Anklage stützt?) Sie lautet: Häckcl hat, einzig um seine extrem materialistisch-darwinistische Entwickelungstheorie durch behauptete Thatsachen zu beweisen, Abbildungen theils gefälscht, theils erfunden. ° Den Beweis für diese vernichtende Anklage haben mehrere hervorragende Naturforscher erbracht, ohne daß Häckcl sie widerlegt hätte. Der bekannte Leipziger Anatom und Physiologe Professor His stellt diesen Beweis in folgender Weise her (His, „Unsere Körpcrform und das physiologische Problem ihrer Entstehung." Leipzig 1875): *) Wir folgen hier der Zusammenstellung in: „Professor Ernst Häclel in Jena mid seine KampfeSweise" von Professor Dr. Otto Hamcinn; Eöttingcn, Peppmüllcr 1893. „Es ist wohl erlaubt, Häckel eine Strecke weit auf dem Boden thatsächlicher Darstellung zu folgen und einige seiner beweisendsten Abbildungen einer genauen Prüfung zu unterziehen. Wir nehmen die erste Auslage der natürlichen Schöpfungsgeschichte zur Hand und finden Seite 242 abgebildet in drei untereinander stehenden Abbildungen das Ei des Menschen, das Ei des Affen und dasjenige des Hundes, je 100 Mal vergrößert; auf Seite 284 aber in drei nebeneinanderstehenden Figuren den Embryo des Hundes, denjenigen des HnhneL und den der Schildkröte. Die Uebereinstimmung in jeder der drei Figurenreihcn ist eine vollkommene, und kaum kann man sich etwas Ueberzcugenderes denken als diese weitgehende Identität von Formen verschiedener Wesen. . . . Noch merkwürdigere Uebereinstimmung enthüllt indeß eine weitergehende Prüfung der Figuren. Die absolute Identität besteht nicht allein für die Eier der einen und die Embryonen der anderen Reihe, sie besteht auch für Ort und Form der bezeichnenden Buchstaben, ja sie besteht für die Zahl und für die Länge der Strichclchcn, mittelst deren jene den Figuren angefügt sind. Es hat mit anderen Worten Häckel je drei Clichös desselben Holzstockes unter drei verschiedenen Titeln aufgetischt. Das Verfahren war etwas stark und von Seiten eines durch Tragweite, Liefe und durch Gewissenhaftigkeit der Forschung gleich hoch dastehenden Mannes, von Professor Nütimeyer, ward es sofort gerügt als eine den öffentlichen Credit des Forschers tief schädigende Versündigung gegen wissenschaftliche Wahrheit. Danach durfte man zum Mindesten eine Zurücknahme und Entschuldigung des begangenen Fehlers erwarten. Statt dessen hat Häckel in der Vorrede seiner späteren Auflagen schwere Schmähungen auf Professor Nütimeyer gehäuft, gleich unwahr, was ihren Inhalt, wie unedel, was ihre Form betrifft. Dabei ist, was allerdings der Erwähnung bedarf, der Holzschnitt jeder der beiden Reihen in der Folge nur einmal, der eine uiit einer einfachen, der andere mit einer Cnmnlativ- Unterschrist versehen, abgedruckt worden." Das wäre somit die erste, geradezu verblüffend kühne Fälschung. Professor His fährt in seiner niederschmetternden Beweisführung der Fälschungen HäckelS folgendermaßen fort: „Unverändert und durch zwei neue Figuren vermehrt erscheinen dagegen auch in der fünften Austage der Schöpfungsgeschichte die paar größeren Bilder, welche die Formidenlität von Hunds- und Menschcncmbryo, sowie die von Huhn und Schildkröte erweisen sollen. Won diesen Figuren sind einige Copien, andere dazu componirt. Copien sind (außer der Schildkrötcnfignr) die Abbildungen des angeblich vicrwöchcntlichen Hundes (vergleiche Bischofs Tafel XI, 42 L, Hundc-Embryo von 25 Tagen) und diejenige des angeblich vierwöchentlichen Menschen (vergleiche Ecker, leonag pst^giol., Tafel XXX, 2, allda ohne AlterZangabe). Allein es sind Kopien in freier Behandlung, und zwar sind die genommenen Freiheiten derart, daß sie eben der gewünschten Identität zu Statten kommen. Oder ist eZ ein Versehen der Lithographen, baß beim Hackcl'schen Hunde-Embryo gerade der Stirntheil des Kopfes um 3'/z Millimeter länger gerathen ist, als bei Bischofs, beim Menschen-Embryo gegen Ecker der Stirntheil um 2 Millimeter verkürzt, und zugleich durch Verrücken des AugeS um volle 5 Milli mctcr vcrschmälcr 69 und daß dafür der Schwanz des letzteren znr doppelten seiner originalen Länge sich emporschwingt?" Also eine zweite Fälschung l „Reichliche embry alogische Abbildungen enthält die Anthropogenie. Ein Theil derselben sind die wieder abgedruckten Holzstöcke der Kölliker'schcn Entwickelungsgeschichte. So weit es sich aber um Häckcl'sche Originalien handelt, stehe ich nicht an, zu behaupten, das; die Zeichnungen theils höchst ungetreu, theils geradezu erfunden sind." „Erfunden ist Figur 42, Urkeim des Menschen, in Gestalt einer Schuhsohle, vierzig Mal vergrößert. Kein Beobachter hat bis jetzt dies Stadium gesehen, und zuversichtlich möchte ich nach dem bisher vorliegenden Materials behaupten, daß es nicht so aussehen und nicht die angegebenen Dimensionen besitzen kann." Erfunden! Was heißt daö? Wissenschaftlicher Betrug! Dritte Fälschung. „Erfunden sind ferner die zwei Figuren menschlicher Embryonen S. 272, bei welchen eine Allantois (beim Menschen bekanntlich nie in Blasenform sichtbar), als „ansehnliches Bläschen" nicht allein abgebildet, sondern ausdrücklich beschrieben wird." Vierte Fälschung! „Erfunden ist die Mehrzahl von den Figuren der Embryonentafeln IV und V, auf denen, um nur ein grobes Beispiel zn citircn, Fisch- und Froschembryonen ebenso unbefangen eine Scheitelkrümmnng des Gehirns zur Schau tragen, wie die Embryonen der Schildkröte, des Huhnes und der Säugethiere." Hier wissen wir also gar nicht, wie viele Fälschungen auf den genannten Tafeln IV und V vorhanden sind; es heißt einfach: „die Mehrzahl". Die von Professor His Herrn Häckel nachgewiesenen Fälschungen werden von anderen Forschern bestätigt, ja der Würzburger Professor Scmpcr hat denselben noch weitere angereiht; er sagt in seiner Schrift: „Der Häckclismus in der Zoologie", Seite 35: „.His hat sich in seiner trefflichen Arbeit „Unsere Körperform und das physiologische Problem ihrer Entstehung" die Mühe gegeben, aus der Schöpfungsgeschichte Hückels die von diesem Autor geübten Fälschungen nachzuweisen. „Es hat uns Häckel je drei Clickös desselben Holzstockcs unter drei verschiedenen Titeln aufgetischt". Auf Seite 170 sagt His über die Anthropogenie: „Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß die Zeichnungen, soweit es sich um Häckcl'sche Originalien handelt, theils höchst ungetreu, theils geradezu erfunden sind". Ich meinerseits könnte zu den von HiS gegebenen Beispielen noch eine ganze Reihe anderer liefern; so sind z. B. die nach Kowalewsly copirten DnrchschnittSbildcr eines Ncgenwnrmcmbryos vollständig, das des AmphioxnS theil- weise gefälscht; außerdem wird das erste in einer Weise benützt, welche auch die Darstellung des KowalewSky gänzlich verdreht." Semper protestirt auch in einem offenen Brief an Häckel dagegen, „wie Sie (Häckel) dem Publicnm Ihre Hypothesen als naturwissenschaftlich festgestellte Wahrheiten, Ihre durch Reflexion gewonnenen Meinungen «lö auf Beobachtung beruhende Thatsachen hinstellen." Ebenso erklärt der Kieler Professor Hensen (Physiolog): «Es sind Häckel so erhebliche und mnthwilligc Vergehen gegen die Wissenschaft in unwiderlegbarer Weise nachgewiesen worden, daß zwar eine Nachsicht im persönlichen Verkehre möglich ist, aber bei wissenschaftlicher Discussion die Sachlage in der That recht schwierig wird . ..denn wahre Thatsachen haben dem gegenüber kein Gewicht, der nicht ansteht, dieselben nach seinem Willen zu beugen." Wir übergehen die vielen Nachweise, welche in der citirten Broschüre von Hamann niedergelegt sind, daß Häckel auch in anderen Fragen „directe Unwahrheiten" sich zu Schulden kommen ließ und in der Polemik gegen Collegen mit Anwendung solcher Unwahrheiten den Kamps zu führen sich nicht scheute. Wir bemerken nur, daß die obengenannten Professoren, so viel uns bekannt, durchweg Protestanten sind und lauter Naturforscher, Zoologen und Physiologen, welche im Nebligen selbst auf dem Standpunkte einer Entwickelungstheorie stehen, die aber sich hüten, Hypothesen als erwiesene Resultate der Natur- forschung auszugeben. Das also hat Häckel gewagt! Einem solchen Manne hat man geglaubt, der als Thatsachen angab, was er nie beobachtet hatte, und der an den beobachteten Thatsachen „Corrccturcn" anbrachte, welche Semper richtig Fälschungen nennt! Diesem Manne stand die ganze öffentliche Meinung bei, für ihn und seine als Wahrheit ausgegebenen Fälschungen und Hirngespinuste wurde die Trommel geschlagen und eine unerhörte Propaganda gemacht! Wo sind jetzt die Zeitungen und Macher der öffentlichen Meinung, welche das bisher irregeleitete und betrogene Publicnm darüber aufklären, daß die Autorität, welcher sie glaubten, als eine betrügerische offen gebrandmarkt ist? Wir sind neugierig, ob die über alle Maßen interessante, ja sensationelle Broschüre des Professors Hamann die Reclame finden wird in den Tages- nnd Unterhaltungsblättcrn, welche seiner Zeit für die durch wissenschaftliche Fälschungen beschmutzten Hückclschen Werke betrieben wurde. Oder wird man es gleichgültig finden, wein; die Wahrheit unbekannt bleibt, wenn die Irreführung weiter besteht und um sich greift, weil alle Mittel, ja selbst Fälschung, als erlaubt angesehen werden, wenn dadurch der christliche Glaube untergraben wird? („Germania".) Albrecht Dürer. M Negensburg. H. Kciter sagt im „Deutschen Hausschatz" (20. Jahrg., S. 287) bei der Besprechung der Wcber'schen Schrift „Albrecht Dürer": „Die Hanptstreitfrage, Dürer's Glaubensbekenntnis), wird für jeden ruhigen Denker cndgiltig entschieden; ob sie freilich damit auch begraben wird, ist trotz Weber's überzeugenden Ausführungen eine Frage." Wir sind mit diesen Worten voll und ganz einverstanden; es geht wie bei Farbenblinden. So sehen wir bereits das protestantische „Ne- gcnsbnrger Tagblatt" schüchtern versuchen, den Künstler für den Protestantismus zu retten. Zuerst gestehen wir gerne, daß dasselbe seit November 1892 Fortschritte gemacht : es bezeichnet nicht mehr die damalige Behauptung Weber's von Dürer's Katholizismus mit dem unparla- mcntarischeu Ausdruck: „das aller neueste Produkt nltramontaner Idiosynkrasie" und kennt aus der Zncker'- schen Broschüre die Namen zweier katholischer Schriftsteller, Ncichensperger und Kaufmann, welche schon früher die gleiche Anschauung wie Weber vertreten hatten. Hier können wir uns nicht versagen, es aufmerksam zn machen, daß schon Janssen in zwei Bänden (sicherlich in 30,000 Exemplaren verbreitet), die „Historisch-politischen Blätter" (Band 75, 67), die Tübinger „Qnartnlschrist" (Jahrg. 70 1886, 1888), Weber in seiner Abhandlung „Albrecht Dürer" im „Vatcrlcindskalender" 1888, und andere dieselbe Ansicht vertheidigten. Für die verlorene Sache beruft sich das Blatt anf den „Katholiken" Springer. Damit sich nicht ein neues Märchen bildet, müssen wir nothgedrnugcn den Mann uns näher ansehen, obwohl wir sonst dem Grundsätze huldigen: Da wortuis nil nisi bans. Springer war aus Streberthum ein dreifacher Renegat. Sogar die „Allgemeine Zeitung" (Beilage) fand die,Unverfrorenheit auffallend, mit der Professor Springer in seiner Selbstbiographie dieses Nenegatenthum breitspurig erzählt. Springer war ein Czcche — er verrieth sein Volk und machte im Deutschthum. Er war ein Ocster- retcher, er verrieth sein Vaterland und wurde Preußeu- anbeter. Er war Katholik — er verrieth seine Religion und wurde Protestant, ohne es im Innern zu sein. Obschon man den Verrath liebt, den Verräiher haßt, erreichte diesesmal der Streber sein Ziel und wurde Universitätsprofessor in Straßburg. Da er jetzt zum Ringe gehörte, gelang es ihm, an die Universität Leipzig zu kommen. Um Orden zu erhalten, widmete er sein Werk dem Könige von Sachsen, der dasselbe natürlich vorher nicht gelesen hatte. Und „ob Dürer katholisch oder protestantisch gewesen, ist im Grunde genommen doch keine Frage, die zu der Wahrheit der katholischen Lehre etwas ab- oder zuthut" (Vermeulen in der Recension der Weber'schcn Schrift im „Volksbotcn" Nr. 15). Aber den Apostaten Springer als Autorität in Betreff des Dürer'schen Glaubensbekenntnisses anzuführen, erregt den nämlichen Verdacht, wie wenn man über das Papstthum nach den Aeußerungen des abgefallenen Mönches Pater Martin sich unterrichten sollte. Man merkt die Absicht und wird verstimmt. Dann tröstet das «Tagblatt" seine gläubigen Leser mit der Versicherung, daß „der Verein für Neformations- geschichte sich entschlossen hat, wenn nicht in diesem, so im nächsten Jahre eine Publikation über Albrecht Dürer zu bringen". Bekanntlich bildete sich in Magdeburg dieser Verein „deutscher Gelehrten, welcher sich die Aufgabe gestellt hat, die Neformationsgeschichte aus den Akten und Urkunden ZN erforschen und das Ergebniß in populärer Form allgemein zugänglich zu machen." Wie wenig wissenschaftlich und wahrheitsgetreu aber dieser Verein in seinen Publikationen seine Aufgabe gelöst hat, beweist das Urtheil eines sonst befreundeten Kritikers in der gewiß unverdächtigen Sybel'schen „Historischen Zeitschrift" (55, 295 ff.). Dort wurden die Vercins- schriften in so scharfer, abfälliger Weise besprochen, daß die Redaction sich genöthigt sah, dem hart hergenommenen „deutschen Gelehrten" die bittere Pille durch eine begütigende Nachschrift zu versüßen. Wir halten es daher lieber mit dem berühmtesten protestantischen Dürcrforscher Dr. A. v. Ehe, der neuerdings wiederholt hat, was er zum erstenmale im Jahre 1860 in seinem Werke „Leben und Wirken Albrecht Dürer's" (2. Aufl. 1869) erörtert hatte. Dieser verdiente Gelehrte meint in seinem neuen Buche: „Albrecht Dürer's Leben und künstlerische Thätigkeit in ihrer Bedeutung für seine Zeit und die Gegenwart" (Waudsbeck 1892): Es „hieße die wahre Sachlage verkennen, wenn wir ihn (Dürer) schon im heutigen Sinne als zu einem neuen Bekenntnisse übergetreten ansehen und seine Werke daraus erklären wollten". Im übrigen wird auf katholischer Seite wie durch oorurthcilslose Protestanten die ernste Forschung auch über das 16. Jahrhundert ihren Fortgang nehmen und der Wahrheit den endlichen Sieg verschaffen. Recensionen und Notizen. AurelinS Ambrosins, dcr Vatcr des KirchenzesangcZ. Eine hymnologischc Studie von Guido Maria Dreves» 8. 1. Frcibnrg, Herder 1893. br. M. 2.—. Eine interessante und mit viel kritischer Schärfe angefertigte Arbeit, für die wir dem Verfasser um so dankbarer sein müssen» als sie ein bisher noch sehr dunkles und ungeklärtes Gebiet zur Behandlung hat, nämlich die Frage nach den ächten Hymnen des bl. AmbrcsiuS und deren Siugwcise. Naturgemäß theilt sich die Schrift in 2 Theile; im ersten Theile (S. 1—87) wird an dcr Hand der 3 kritischen Kanones: 1) „Kein Hymnus kann als von Ambrosins herrührend angesehen werden, von dem nicht nachweisbar ist, daß er von Alters her in der mailändischen Kirche im Gebrauch war." 2) AuS dieser Liste sind wieder jene zu streichen, welche nicht mit dcr Denk- und Schreibweise des bl. Kirchenlehrers übereinstimmen. 3) Der Nest gilt für am- brosianisch und, für den Fall des HinzutretenS äußerer Zeugnisse, positiv für ambrosianisch — die Zahl der ächten Hymnen dcS hl. AmbrosinS festgestellt. DrcvcS weist im Gegensatze zu dem bisher höchst mangelhaften Resultate in dieser Beziehung nach, daß nicht bloß 4 Hymnen als ächt ambrosianisch sich erweisen lassen, sondern 14; außerdem noch 3 mit größerer und eine mit geringerer Wahrscheinlichkeit. Dieser Bewcisgang ist dabei so einleuchtend und natürlich, daß man sich füglich mit dem Verfasser wundern muß, wie oon allen Hymnolvgcn und Musikhistorikern bis jetzt — mit Ausnahme dcS einen Diraghi „Inni sinosri o carml cli 8ant'Lwbro§io'°, Milano 1862 — noch keiner diesen Weg gesunden hat. Ausfallender Weise aber ist dieses gediegene Werk selbst in Italien nur wenig Verbreiter, darüber hinaus aber fast gänzlich unbekannt geblieben. Aus diesem Grunds erachtete cS der Verfasser für geboten, nochmals dieser Untersuchung nahe zu treten und durch seine Schrift das Werk Biraghi'S „seinem finsteren Geschicke zu entreißen". Darum beansprucht er aber auch für diesen ersten Theil nicht das Verdienst der Originalität, sondern steht, wie er selbst sagt, aus den Schultern Biraghi'S. Originell ist nur die Anordnung deS Stoffes, sowie die prägnantere Formulirnng der Beweise, ferner einige neue Ausschlüsse über benützte Handschriften. Ganz aus eigenen Füßen steht der Verfasser im zweiten Theil seiner Schrift, in dcr Untersuchung über die Singwciscn dieser Hymnen. (S. 83—128.) Zuerst kommt — ähnlich wie im ersten Theil — eine mit würzigem Humor geschriebene Zusammenstellung über die verschiedenen Musikgeschichten, deren Verfasser zuerst alle über die Singweise dcr ambrosianischen Hymnen „nichts genaues wissen", aber dann doch alle sebr vieles und sehr genaues wissen, wobei in wunderlichem Wirrwarr, der eine so ziemlich immer das Gegentheil vom andern behauptet. Daran reiht sich ein kurzer ErknrS über ambrosianischen und gregorianischen Gesang, um hernach zur eigentlichen Ausgabe dieses Theiles zu gelangen. Auf fast dem gleichen Wege, wie im ersten Theil, gelingt es dem Verfasser, die ambrosianischen Singwciien zrr ernsten. Dcr Beweis enthält folgende Punkte: 1) die Singweise der ambrosianischen Hymnen war wirklicher Gesang und nicht bloß Recitation (S. 97!); 2) die Hymnen waren compo- nirt in den damals allein herrschenden griechischen Tongeschlccktern (S. 93!) und zwar 3) metrisch (S. 103) — weil die griechische Musik keine anderen als metrische Melodiken kennt — und im 3theiligcn Takt. Aus dem so geebneten Boden geht Dreves dann an das Ausstichen dcr ambrosianischen Mclodieen und benutzt hiezu ein Mailänder Hyinnar anS dem Jabre 1619, welches sich in dcr Pariser National-Bibliothck findcr (k); ein weiteres aus der Kibliotlisoa Vrivnlsmma zu Mailand ('!') u. A., vor Allem Cistercicnser Handschriften, welche insofern beweiskräftig sind, als die Cistercicnser sich von Ansang nicht des römischen, sondern dcS mailändischen HymnarS bedienten. Die anS diesen Quellen anögchobcncn Mclodiccn weisen allerdings verschiedene Varianten aus, doch so, daß sich ein gemeinsamer Grundstock für die einzelnen, von einander abweichenden Melodicen erkennen läßt. Durch Vcrglcichnng und Pnrgirnng derselben unternimmt nun DreveS die Ncconstrnirnng der Urform dieser Mclodiccn. ein Versuch, dcr in der That ein sehr dankenswertbcs Resultat zu Tage fördert, selbst wem: nicht, wie der Verfasser zugibt, „mit jeder Note das Ursprüngliche getroffen" sein sollte. — In einem Anhang folgen dann zusammengestellt sämmtliche anibro- sianiicke Hymnen mit ihren reeonstrnirten Singwcisen und, für jeden sachkundigen Leser als willkommene Beigabe, eine Schriftprobe aus dem Ooä. Vatlo. Ue§. 11 mit 2 Hymnen dcS 71 hl. Ambrosius. — Die in lichtvoller Klarheit und in noblem Stile abacsaßte Schrift» durch welche der Verfasser ein Anrecht auf den Dank aller Hymnologcn und Musikhistoriker bat. sei Interessenten angelegentlich empfohl en! Dnrncr, Prüftet. Franziß Franz Dr., Bayerns nationale und internationale Stellung. Historisch-politische Studie. München. Lindaucr'sche Buchhandlung (-Lchöpping). 1894. S 46. Pr. 0.8V M. Das hier angezeigte Schristchen ist wohl geeignet, verdientes Aufsehen zu erregen. Der Verfasser, Gefchichtsprofcssor am kgl. Kadettencorps, seinen Freunden als ein echt bayrisch fühlender Mann bestens bekannt, unternimmt es, auf solider, geschichtlicher Grundlage Bayerns Bedeutung in nationaler und internationaler Hinsicht darzuthun. Max Emanuel war cS, der, wie leider nicht genug bekannt ist, durch den Münchner Vertrag vom 15. Mai 1724 die verschiedenen wittclsbachischen Dynasten (2 Kurfürsten, 3 Herzöge und 2 Pfalzgrafen) bestimmte, vor allein Familicn- spaltungcn ruhen zu lassen, so dass nach 5 Jahrzehnten (1777) die Vereinigung sämmtlicher wittclsbachischer Besitzungen in Kur- pfalzbaycrn unter Karl Theodor vor sich ging. Seite 9 wird der Anklage, Bayern habe in der napolconischen Zeit eindeutsche Politik getrieben, sehr wirksam mit dem Hinweis auf die im Basier Separatfrieden vom 5. April 1795 durch Preußen gezogene Demarkationslinie begegnet. Ucbcrhauptistdcr historische Theil dcS Schriftchens von einer wohl unanfechtbaren Nollendet- hcit. Dagegen bekundet der politische Theil einen Optimismus, dessen Berechtigung gewiß erwünscht wäre, der inocß von der Mehrzahl der bayerischen Leser kaum getheilt werden dürfte. Seite 13 spricht nämlich von „weitgehendsten" Nescrvatrechtcn. Seite 14 heißt cS, von einer Majorisirung BayernS im BundcS- rathe könne keine Ncde sein. Ja wenn die nichtprcnßischcn Stimmen sich einigten; ob dieser Fall aber jemals eintreten wird? Seite 13 hätte der bedenkliche Satz -ouinü ro§io, ot eins reliAio« doch nicht obne jede kritische Bemerkung passiven sollen. S. 20 findet der Verfasser selbst Anlaß, der Befürchtungen mancher wegen eines Lnia Bavariao zu gedenken. Allein nach seiner Meinung sind (S. 23) die Gegensätze zwischen Nord und Süd seit dein verhältnißmäßig kurzen Zeitraum des Bestandes des neuen Reiches gemildert worden. Ausfallend schlägt sein Optimismus einmal in Pessimismus um (S. 25) mit dem trostlosen Satze, die Noth in einzelnen Gebirge-bezirken der Nähn, des Spcs- farl und dcS bayerüchen Waldes werde wohl immer bleiben. Nachdem unbrüdcrliche Aeußerungen nichtbayerischer Deutschen auch ihm nicht unbekannt geblieben (S. 39 f.), hätte er immerhin mit einem Appell an die Patrons. Lavariao seine jedenfalls hochinteressante Abhandlung schließen dürfen. Möge dieselbe in die weitesten Kreise dringen! Denn mag auch der Optimismus des Verfassers nicht jedem gefallen; er bleibt dennoch das kleinere Uebel im Vergleich mit jenem fremde Einmischung reizenden und eigene Thatkraft lähmenden Pessimismus so vieler innerhalb der Ercnzpsähle unseres Heimathlandcö. Lest—r. Ilcbcrblick über dicGeschichtc des Klosters Polling und dcr Stadt Wcilhci in. 1893. Druck und Verlag von Gebr. Bögler, Wcilbeim. Preis 2,50 M. 6-. Seitdem Dekan Fr. S. Geiler von Naisting seine Geschichte des Kapitels Weilhciin (1756) schrieb, besaß das Kapitel Wcilhcim keinen Priester mehr, der sich solche Verdienste um die AugSbnrgcr Divzcfangeschichte erworben hätte, wie der Verfasser obigen „ÜcberblickeS", nämlich der hochw. gcistl. Rath und Spital- kurat .Herr A. Schmidtner, Jnbelpricster und Ehrenbürger seiner Vaterstadt Weilbcim, Inhaber des Ehrenkrcuzcs dcS k. LndwigS- ordcnS. Nach Dutzenden zählen die kleinen und größer» Abhandlungen, welche der unermüdliche Geschichtsforscher mit gewissenhafter Akribie und stannenLwcrthcm Fleiße verfaßte; dabei geht ihm die Seclsorge über Alles, und nur die Mußestunden, oder wohl besser die Nachtstunden nach schwerer TageS- arbeit im Weinberge dcö Herrn, gehören dein Studium der Heimathgeschichte. Vierzig bczw. zwanzig Jahre lang hütete und ergänzte er sein Manuskript, bis er es anS Anlaß der Eröffnung eines Dominikaneriniicn-Klostcrs und Pensionates in Polling der Ocffentlichkeit übergab. Ueber die Gediegenheit des Inhaltes waren wir im vorhinein außer Zweifel, nur hätten wir gewünscht, daß auch in der Geschichte von Polling eine solch übersichtliche Einthcilnng getroffen worden wäre, wie in der Geschichte der Stadt Weilbcim. Hier müssen wir auch die Verdienste der Gebrüder Bögler hervorheben, welche seit Jahren die Spalten ihres LagblatteS der Ortsgeschichte öffnen und so dem hochw. Herrn Verfasser es ermöglichten, ohne bedeutende Kosten seine Studien zu publizieren. Weiß, Dr. I. V. v., k. k. Hofrath. Weltgeschichte. 3. verbesserte Auflage. Lieferung 94—101. Graz und Leipzig 1W2. VcrlagS-Buchhandlung .Styria'. Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Pf. Nun liegt von diesem schönen Werke auch bereits der XII. Band vor. Derselbe beginnt mit dem zweiten schlesischcn Kriege und führt die Geschichte dcS achtzehnten Jahrhunderts fort bis zum Jahre 1773, wo die erste Theilung PolenS stattfand. Dem österreichischen Erbfolgekricg, der acht Jahre währte, folgte der siebenjährige Krieg. Also fünfzehn Jahre des KampfcS: zuerst nur ein Krieg zwischen Oesterreich und Preußen, dann ein europäischer Krieg, der zu Land wie auf dem Ocean nns- gcfochtcn wird und seinen blutigen Gürtel um den ganzen Erdkreis schlingt. Muß nnö beim Berichte über jene düstere Zeit, die unsere Vorfahren durchmachten, nicht unwillkürlich Freude daS Herz erfüllen über den Frieden, den wir seit Jahrzehnten genießen und der daS Glück von Millionen und Millionen verbürgt? Freude darüber, daß die kleinliche Politik des vorigen Jahrhunderts vorüber ist, daß Oesterreich und Deutschland, in ihren Kaisern befreundet, zusammen eine riesige Wehrkraft bilden, welche die festeste Bürgschaft des europäischen FriedcnS ist; daß beide Herrscher beflissen sind, Kunst und Wissenschaft, Industrie und Handel zu fördern, die Talente zu schützen und zerstörende Kräfte niederzuhalten. _ Die hl. drei Könige. Schauspiel in 5 Auszügen von Frd. EbcrSweiler 8. 3. NegcnSbnrz 1894. Frd. Pustet. VII. 120 S. Nicht um ein gewöhnliches Theatcrstiicklein handelt es sich hier, sondern wir haben ein religiöses Drama höheren Stiles vor unS, das an erster Stelle für ein gebildetes Publikum berechnet ist. Es spielt sich die Handlung dcS Evangeliums nickt bloß einfach dramatisch ab, sondern es faßt E. die ganze tiefe Bedeutung des Geheimnisses auf und dieser Plan, die Erscheinung dcS Herrn, beweisen durch die Erfüllung der wunderbarsten Prophezcihnngen, die Verwerfung der Juden und auch jener Heiden, die Christus nicht anerkennen, und vor Allem die Erwählnnz der Heiden, welche dem Lichte der Wahrheit folgen, dem Leser oder Zuschauer vor Augen zu führen, ist so meisterhaft durchgeführt, daß einem so recht klar wird, warum die Kirche das Fest der Erscheinung des Herrn zu einem solch privilcgirt hohen Rang erhoben. Die Sprache ist — etliche VcrSl,arten abgerechnet — eine gehobene und in den Chören, welche am Schlüsse eines jeden ActcS den hl. 3 Königen und deren Begleitern zugetheilt sind und in dieser Vcrthcilung sehr poetisch wirren, in der That schwungvoll zu nennen. Für eventuelle Aufführungen hat Verfasser in der Vorrede die entsprechenden Kürzungen angegeben und zwar für 5, 4, 3, 2 und 1 Act und dann auch noch für ein kurzes Krippenspicl mit nur zwei Scenen. Hoffentlich ist dieses Werk nicht das letzte religiöse Drama, das wir der Feder Ebersweiler's zu verdanken haben. Laumann'sche Jngendbibliothek. 2.Bündchen. Inhalt: Die Gebrüder Hachclmann. (Eine Dorfgeschichte.) Von Karl Ncginaldus. Preis 25 Pf. Laumann'sche Kinder legende. 2. Bündchen. Inhalt: Wunderbares Wirken des hl. Bernhard von Clairvaux. Aon B. Ncyeg. Preis 25 Pf. Dieses Unternehmen mehrerer Mitglieder beS Katholischen Lehrcrvcrbandes hat großen Beifall gefunden und verdient auch mit Neckt die Unterstützung Aller, welche mit dem wichtigen Amte der Kindererziehung betraut sind. DieA.Lanmann'schc Buchhandlung in Dülmen i. W. hat den Bündchen eine bei dem billigen Preise vorzüglich zu nennende AuSstattnug gegeben. Heft 6 des wacker strebenden Deutschen Hausschatzes enthält zunächst die Fortsetzungen der immer anziehender sich entwickelnden Erzählungen: Der Stadtschreiber von Köln von H. Kerncr, Die weiße Frau von Falkenstein von Marie Laue, und Die Fclsenburg von Karl May. An Artikeln hat das Heft einen besonderen Reichthum auszuweisen. Der Herausgeber bringt eine sehr interessante Zusammenstellung der Schriftstellerhonorare in alter und neuer Zeit; Dr. Dreibach behandelt den Schwan als Wappenschild; Professor Dr. Scheichcr gibt ein fesselndes Charakterbild des großen katholischen Schriftstellers Sebastian Vrnnner; Professor P. Wild liefert eine sehr inhaltreiche und gediegene Abhandlung über Orakel, Zauberei und Aberglauben. Daran reihen sich, wie in jedem Heft, zahlreiche interessante kleinere Artikel und Notizen, die jedem Leser etwas Interessantes bringen. Die Illustrationen sind auch in diesem Hest von großer Schönheit. 72 Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. IX. Jahrgang. Heft 8/9 ä. 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.—1. Die zuletzt erschienenen Hefte der tüchtig redigirtcn Monatsschrift geben uns willkommcucVcranlassnng, dieses echt kath.Familicnblatt wieder einmal in Erinnerung zu bringen. Die Biographieen des Säugers von Dreizehnlinden I)r. F. W. Weber (Wörndle) und des berühmten österreichischen Bildhauers Georg Raphacl Donner (I. Maurer), die interessanten Erzählungen „Ein ehrlicher Name" (H. Hirschfeld) und „Im Doctorhausc" (Cl. Borges), „Christliche Liebe" (M. v. Pclzcln) und „Gefangen und erlöst" (O. LaudSmann),die lieblichcWeihnachtSgcschichte „DaSNubincnkreuz" (Hernrine Proschko) u. s. w. bilden den reichen Inhalt dieser Hefte. Studien undMitthcilungcu aus demBenedictincr- und dem Cistercic nscr-Orden. Von Ist Maurns Kinter, 0. 8. v. XIV. Jahrg. 1893. Jnhaltö-Verzeichniß der Hefte I bis IV. (Abhandlungen.) Adlhoch, Dr. Ist Bcda (0. 8. V. Metten): Geschichts-philosophische Studien. — Braunmüller, Ist B. (0. 8. v. Metten): Gründungszeit des Klosters Obcraltaich. — Brcdl, v. Signilind (0. Orst. Ossegg): Das Collegium St. Bernardi in Prag. Ein culturhistor. Bild in honorem 8t. vernareli. — Dolberg. Ludwig (Ribnitz): Die Tracht der Cistcrcicnser nach dem über usuum und den Statuten. — Gasscr, ?. Vinccnz (0. 8. Ist Erics): Das ehemalige Beue- dictincrkloster S. Lorcnzo in Tricnt. — Hafner, Otto (Eß- liugcn): Negcsten zur Geschichte des schwäbischen Klosters Hirsau. — Mahr, Dr. M. (Innsbruck): Cardinal Commen- doncö Kloster- lind Kirchenvisitation von 1569 in den Diversen Passan und Salzburg. — Mell, I>r. Anton (Graz): 1) Das Stift Scckau und dessen wirthschastliche Verhältnisse im 16. Jahrhundert, 2) Das älteste Grundbuch dcS Stiftes Scckau aus dem Jahre 1513.— Plainc, Dr. Beda (0.8. Ist Silos): 1) 8sries crittoo-ebronoIo§iea IIaAioFraiiIlorllm eleoimi saeeuli, 2) vzunni Zlartalts: »/evs lllaris 8toIIa» oxplanatio. — Ni n g- holz, v. Odilo (0. 8. v. Einsiedelu): Bcruhard Gustav. 0. 8. Ist, Cardinal von Baden, Fürstabt von Fulda und Keuchten rc., und die Schweizerische Bencdictincr-Congrcgation. — Sievcrs, Beruh. (Ringclhcim): Der hl. Bcrnward von Hildeshein, als Bischof, Künstler und Sohn deS hl. Beneblet. — Tadra, Ferd. (Prag): Zur Vaugcschichtc der St. GeorgSkirchc in Prag. — Wichncr, Ist Jak. (0. 8. Ist Admont): Geschichte deS Nonnenklosters Goeß, 0. 8. Ist, bei Leoben in Stcicrmark. — (Mittheilungen.) Adlhoch, Dr. B.: Die älteste Benc- dictincrgcschichte und ihr neuester Kritiker. — Literarischs Notizen. Verschiedenes. StaatSlexikon. Herausgegeben im Auftrage der Görrcs- Gcsellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch vr. Adolf Bruder. — Erscheint in Heften von 5 Bogen Lcx.-3°, oder in Bänden von je etwa 50 Bogen, bezw. in Halbbäiiden von etwa 25 Bogen. Preis für das Heft Mk. 1.50, für den Halbband Mk. 7.50, für den Band Mk. 15. — Verlag von Herder in Freiburg. Das soeben ausgegebene 28. Heft enthält u. a. folgende Artikel: Leibniz, Schluß (Bach); Leihhäuser (Noeren); Liberalismus (Stöckl); Liberia (Cd. Franz); Liechtenstein (Ed. Franz); Lippe (Cd. Franz); List, Friedrich (Menzinger); Locke (Bach); Lübeck (Ed. Franz); Luxemburg (PcterS); LuxuS, Luxusgcsetze, LuxuSstcucr (v. Buol); Machiavclli (Brischar); MajestälSvcr- brechen (Spaltn); Maistre, I. de (Al. Schmid); Mariana, Joh. (Schccbcn); Markenschutz (Stieve); Markiverkebr (Stieve); Aia- rokko (Ed. Franz); Marsilius von Padua (Schccbcn); Maß und Gewicht (Stieve); Mecklenburg (Ed. Franz); Meinung, öffentliche (Bruder und Drcsemnnn); Mensch und Menschheit, noch ohne Schluß (Stöckl). Taschenkalender für rath. Akademiker. II. Jahrg. 1891. Herausgegeben von Julius Deck. 8°. 215 S. Würzburg, 1893. Leo Wocrl. Geb. 1 Mk. Dieser Taschenkalender bietet eine vollkommene Uebersicht aller katholischen Studentcn-Vereine, Verbindungen und Cor- porationcn Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und der Schweiz und gibt auch über Beginn der Vorlesungen an den einzelnen Universitäten, Militärdienst- und Lebensverhältuisse Aufschluß. « Ferner enthält der Taschenkalender eine Statistik der „kathol- > ischeu Studcntenvereine Deutschlands", der „katholischen deutschen Studentenverbindungen", der „UuitaSeoetcn", der „katholischen süddeutschen Stndentcnvereine", sowie eine confcssionelle Statistik. Gemeinnützige Mittheilungen, Notizblättcr, Listen, Kalendarium bilden den übrigen Inhalt des gut ausgestatteten Kalenders, dnrch dessen Herausgabe sich die Verlagöhandlung um katholische Interessen sehr verdient gemacht hat. Iugendbibliothek. Als eine der schönsten Bestrebungen deS Katholischen Lehrerverbandcs in Preußen ist es zu bezeichnen, daß eine größere Anzahl seiner Mitglieder cS sich zur Aufgabe gestellt hat, eine neue katholische Ju- gcndbibliothek zu schaffen. Die Bibliothek, deren Verlag die A. Lau mann'sehe Buchhandlung in Dülmen übernommen bat, wird sich nach zwei Theilen gliedern. — In dein einen Theile „Laumauu'sche Jugendbibliothek" werden profane Stoffe bearbeitet, indem andern Theile „L au in an u'- sche Kindcrlegende" wird der Stoff dem Gebiete der Legende entnommen werden. Jeden Monat erscheint ein Bündchen, und damit die Anschaffung auch armen Kindern ermöglicht werden kann, ist der Preis des Bündchens auf nur 25 Pf. gesetzt. Besonders muß noch hervorgehoben werden, daß jedes Bündchen drei bis vier Tcxiillustrationcn von namhaften Künstlern enthalten wird. — Von den bis jetzt erschienenen Bündchen sind zu nennen: die beiden Erzählungen „Wie Einer sein Glück findet" und „Angelika", „Die Wunder des heiligen FranziskuS TavcriuS" (erstes Bündchen der Kinderlegendc), die „Gebrüder Hachclmaun", eine Dorfgeschichte (zweites Bündchen der Jugcnd- biblivtbck), und „Das Leben des heiligen Bernhard" (zweites Bündchen der Kinderlegendc). Philosophisches Inhrbu ch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der GörrcSgcsellschaft herausgegeben von vr. Const. Gutberlet. VI. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. 1) Kicfl, Easscndi'S Skepticismus und seine Stellung zum Materialismus (Schluß); 2) Isenk reihe, Die Objeetivität und die Sicherheit des Er- kennenS (Schluß); 3) Gutberlet, Fr. Paulscu'S philosophisches System (Schluß); 4) AcbeliS, Der Begriff deS Unbewußten in psychologischer und crkcnntuißtheoretischcr Hinsicht bei Ed. v. Hartmann (Schleiß); 5) Bahlina u u 8. ch, Der Grundplan der menschlichen Wissenschaft (Fortsetzung); 6) Bäumker, Handschriftliches zu den Werken des Alauns (Forts.). — II. Recensionen und Referate. 1) Dreher, Der Materialismus, eine Verirrung des menschlichen Geistes, von Gut beriet; 2) Kaufmann, Die tclcologische Naturphilosophie deS Aristoteles und ihre Bedeutung für die Gegenwart, von Pfeifer; 3) Pesch 8. ch, Tilm., Die großen Welträthscl (2. Aufl.), von Gutberlet; 4) Frins 8. ch, 8. Tbomao 0. k. ckoetriu» üo oooperatione vor etc., von Schmitt; 5) v. Hertling, John Locke und die Schule von Cambridge, von Ucbinger. — III. Philosophischer Sprechfaul. — IV. Zeit- fchriftenschau. — V. MiSccllen und Nachrichten. Wvrishofer Blätter. Jllustrirte Wochenschrift für das gesammte moderne Naturheilvcrfahrcn mit der Hygienischen Gratisbeilage: „Die Gesundheit". Unter ärztlicher Redaction von Oberstabsarzt vr. Katz herausgegeben von L. Viereck in München. Preis M. 2.— vierteljährlich. Die uns vorliegenden Nummern des neuen Jahrgangs bestätigen wiederholt, wie sowohl Redaction als auch der Verlag bestrebt sind, ihren Abonnenten wirklich Gediegenes zu bieten. Abgesehen von den sehr interessanten und belehrenden Artikeln des HauptblattcS, verdient ganz besonderer Erwähnung die seit Beginn dieses Jahres den „Wörishofcr Blättern" bei- gegcbcne Hygienische Gratisbeilage „Dic Gcsundhci t", welche Abhandlungen auS der Feder der hervorragendsten derzeitigen Hygieuiker bringt. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Bestrebungen zur gesundheitlichen Aufklärung des Volkes immer lebendiger werden, und möchten wir nur wünschen, daß diese Bestrebungen auch thunlichst unterstützt würden durch fleißiges Lesen und Abonnircn derartiger Zeitschriften. Probcnummern stehen Seitens des Verlages jederzeit gratis und franco zu Diensten. - —u. Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabhcrr in Augsburg. Marcia. Historisches Porträt aus der Zeit des Kaisers Commodus. (Von JohaneS Schrott.) Es ist eine bekannte Thatsache in der Kirchen- geschlchte, daß nach dem Tode des M. Aurelius, der zu Wien im Früjahr 180 erfolgte, den Christenverfolgungen Einhalt gethan wurde. Obwohl dieser so menschenfreundliche Kaiser sich persönlich an diesen Verfolgungen nicht betheiligte, ließ er doch den Staatsgesetzen ihren Lauf, und war jedenfalls den Christen, deren Heldenmuth für „pure Widersetzlichkeit" (HlXH irapäratz^) hielt, abgeneigt. Zwar bluteten noch im Laufe des Jahres 180 zu Karthago die sogenannten 12 scillitanischen Märtyrer (Nar- t^rolo§. 18. llnl.) allein dieses Martyrium kommt noch auf Rechnung der antoninischen Nescripte, da Commodus erst im Herbste dieses Jahres nach Nom von der Donau zurückkehrte. Ebenso kann die (o. 184) erfolgte Enthauptung des gläubigen Senators Apollonius (Llar- t^rolox. 18. April.), nicht dem Commodus zur Last gelegt werden, da Apollonius seine Sache vor den Senat, der durchaus altrömisch gesinnt war, brachte, und vor solchen Richtern unrettbar verloren sein mußte. Dies Ereigniß mochte indeß für die Christen insoferne bedeutungsvoll sein, als der Kaiser, der gerne that, was dem Senat zuwider war, in der Folge den Christen nur um so günstiger wurde. „Um die Zeit der Regierung des Commodus, sagt Eusebius, gestalteten sich unsere Verhältnisse ruhiger, und es verbreitete sich durch die Gnade Gottes Friede über die Gemeinden in der ganzen Welt." Ist es der bei Nachfolgern so gewöhnliche Systemwechsel, der den neuen Kaiser bestimmte, eine von seinem Vater, der dem Jupiter nicht Stiere genug, und besonders weiße, schlachten konnte, verschiedene Richtung einzuschlagen ? Von der nationalen Religion der Römer hatte er sich abgewendet und sich ganz dem Cultus der Isis und des Anubis ergeben. Für das Christenthum besaß er keinerlei Vorliebe, denn nichts war sich entgegengesetzter, als seine Natur und der Geist des Christenthums. Gefühle der Humanität oder politische Rücksicht auf die große Anzahl der christlichen Unterthanen waren es auch nicht, warum er die Christen verschonte. Soviel ist aber gewiß: daß, wenn Commodus eine entschiedene Abneigung oder einen Haß gegen die Christen gehabt hätte, eine von ihm hervorgerufene Verfolgung, bei seinem grausamen Sinn und seiner Vorliebe für blutige Thierhetzen und Gladiatorenkämpfe, die er zum eigentlichen Sport seines Lebens machte, die blutigste von allen geworden wäre. Welche Ursache oder welche Persönlichkeit ist es nun, welche' diesen blutdürstigen Tyrannen von einer Verfolgung der Christen abhielt? Nach der Vermuthung der meisten Kirchenhistoriker war es seine Concubine Marcia, die einen derartigen, mächtigen Einfluß auf ihn ausübte. Die entscheidende Stelle hiefür findet sich bei einem zeitgenössischen Historiker, bei Dio Cassius. Dieser sagt, daß Marcia, als sie an den Hof des Commodus kam, „sich der Christen sehr angenommen, und bei ihrem großen Einfluß auf Commodus, denselben viele Dienste geleistet habe". Die drei Historiker, welche das Leben dieses Kaisers beschreiben, waren der gleichzeitige Dio Cassius, der etwas jüngere Herodian und der viel spätere Lampridius, einer von den sechs Scriptoren der Kaiscrgeschichten, der unter Diokletian schrieb. Diese drei Schriftsteller, unter denen Dio Cassius weitaus der wichtigste ist, erwähnen der Marcia nur gelegentlch und vorübergehend, doch in sehr übereinstimmender Weise. Um von ihr ein deutliches Bild zu bekommen, genügen jedoch diese Stellen nicht, und dieselben werden durch eine andere, bis jetzt wenig beachtete Quelle, die Philosophumena, die man zuerst dem Origenes, dann dem Hippolytus zuschrieb, wesentlich ergänzt. Daraus gewinnen wir einen Einblick in ihre Erziehung, ihre Jugendgeschichte und in den Anfang ihrer spätern Schicksale. Im Hausgesinde vornehmer Römer, und ganz besonders auch am Kaiserhofe, befanden sich schon seit früher Zeit Christen. M. de Nosst behauptet, daß in der ersten Area der Katakombe des hl. Callistus, 160 Jnscriptioneu der Clientcle des Marc-Aurel, des Commodus und der beiden Sevire zugeschrieben werden müßten. So hatte nun auch ein naher Verwandter des Kaisers, Ummidius Quadratus, unter seiner Dienerschaft eine verwaiste junge Freigelassene, Namens Marcia, welche einem Ennuchen und christlichen Priester (27c«Sö',rc ngLoßoripm), Hyacinth, zur Erziehung war übergeben worden. Als sie herangewachsen zu großer Schönheit sich entfaltet hatte, nahm sie Quadratus, ihr Herr, zu sich, und da er sie gesetzlich nicht heirathen konnte, wurde sie seine Concubine. Bei den Römern hatten solche Verhältnisse nicht das Anstößige, wie bei uns, und waren erlaubt und gesetzlich geregelt. Die Concubine war nicht neben, sondern statt einer Frau, doch ohne die rechtlichen Ansprüche derselben. Es war eine Art morganatischer Ehe zur linken Hand. Die römischen Concubinen stunden höher, als die Kebs- weiber der Hebräer, die Hetären der Griechen und die Maitressen der Franzosen. Die beiden tugendhaftesten und sittlich tadellosesten unter den römischen Kaisern, Antoninus Pius und Marcus Aurelius, nahmen sich nach dem Tode ihrer Frauen, der ältern und jüngern Faustina, Concubinen. Es geschah dies vorzugsweise aus dem Grunde, um der Verlegenheit, sich aus den hochstrebenden, römischen Adelsfamilien Frauen aussuchen zu müssen, zu entgehen. Indeß würden niemals diese beiden Kaiser solche Verhältnisse eingegangen haben, wenn denselben auch nur die geringste Makel angehangen hätte. Bei Marc-Aurel wird noch das schöne Motiv hinzugefügt, daß er dies auch deßwegen gethan habe, um seinen vielen Kindern keine Stiefmutter geben zu müssen. Bald nach dem Anfang der Regierung des Kaisers Commodus zettelte dessen Schwester, die Exkaiserin Lu- cilla — sie war einst die Frau des Lucius Verus — eine Verschwörung gegen das Leben ihres Bruders an. Ein Haupttheilnchmer an derselben war Quadratus, der Herr der Marcia. Die Verschwörung mißlang, Lucilla wurde zuerst nach Capri verbannt und dann getödtet. Mit vielen andern der Verschmornen büßte auch Qua- dratns mit dem Leben, und Commodus setzte sich in den Besitz von dessen Vermögen, und nahm von der Dienerschaft den Kämmerer des Quadratus, Namens Eklcctus, und die Marcia zu sich. Und da er kurz vorher seine Frau, die Kaiserin Crispiua, wegen wirklichen oder angeblichen Ehebruchs ebenfalls nach Capri verbannt hatte und dann tödten ließ, so machte er die Marcia gleichfalls zu seiner Concubine. 74 Nachdem sie auf diese Weise in den kaiserlichen Palast gekommen und schnell zn großem Einflüsse gelangt war, vergaß sie nicht der christlichen Grundsätze und Ermahnungen ihres ehemaligen Erziehers und Lehrers, des Priesters Hyacinth. Sie benutzte ihre Stellung zunächst dazu, daß sie für christliche Bekenner, welche in die Bergwerke Sardiniens verurtheilt waren, Fürbitten einlegte und ihre Zurückbernfnng bewirkte. Daß sie nach verschiedenen Richtungen für das Wohl der Christen thätig war, geht aus andern Andeutungen der Philosophumena hervor, in denen sie geradezu die „fromme Concubine des Commodus" (cxlXööro;*) Ko.uääou) genannt wird. Sie ließ den Christen auch werkthätige Unterstützung angedeihen, wie Dio sagt: „sie habe ihnen viele Wohlthaten erwiesen" «drob; Sie führte ein sehr kluges und würdevolles Leben und war erhaben über den großen Schwärm von schönen Frauen und Dirnen, die gleichsam den Harem des wollüstigen Kaisers bildeten. Es waren ihrer dreihundert an der Zahl, wobei übrigens Commodus noch um siebenhundert Nummern hinter dem weisen Salomo der Hebräer zurückölieb. Sie machte mit ihnen keine Gemeinschaft, nahm an den Orgien, die Commodus mit ihnen ausführte, nicht Theil, und hütete sich wohl, sich mit irgend einem Mächtigen am Hofe in eine Beziehung einzulassen, wie dies Damostratia, eine von den dreihundert, gethan, und mit des Kaisers Erlaubniß den allgewaltigen Prä- fcctcn der Prätorianer, Cleander, geheirathet hatte, aber zugleich in seinen Sturz verwickelt, mit ihm und ihren Kindern getödtet wurde. Ihre Lebensweise gab keine Veranlassung zn jenen pikanten Klatschereien und Anekdoten, wie sie von andern weiblichen Persönlichkeiten, die mit Kaisern in Verbindung standen, erzählt wurden, und nach welchen ein Lambridins gewiß begierig gegriffen hätte, um seinen kaiserlichen Gönner Diocletian zu unterhalten. Sie spann keine Intriguen, mischte sich nicht in Staatsgeschäfte und tritt überhaupt politisch wenig hervor. Nur einmal, als das Volk einen Aufstand gegen Cleander machte, dem es die Vertheuernng der Lebensmittel schuld gab und niemand davon den Kaiser in Kenntniß zu setzen wagte, trat sie hervor und begab sich zu dem auf seiner Villa außerhalb der Stadt wohnenden Commodus, um ihn von der Lage der Sache zu unterrichten. Zehn Jahre lang beherrsche sie diesen mißtrauischen und verrückten Wütherich, der für sie eine fast rasende Zuneigung hatte. Ihre Schönheit und ihre Schmeicheleien (äsliminsnta), von denen Lampridius erzählt, waren wohl nicht die einzigen Ursachen dieser Liebe, denn solche Vorzüge besaßen auch andere Frauen. Klugheit, Bescheidenheit, ein stilles zurückgezogenes Wesen, scheint ihr in hohem Grade eigen gewesen zu sein, trotz ihrer heroischen, amazonen- haften Gestalt. Diese hatte allerdings das höchste Wohlgefallen ihres Gebieters, der ein Bild von ihr, das sie als Amazone darstellte, nicht genug bewundern konnte. Als er den Monaten andere Namen gab, nannte er, ihr zu lieb, den Januar Amazonius, ja sich selbst nannte er Amazonius, und hörte nichts lieber, als wenn er mit diesem Namen angerufen wurde. Im Costüme einer Amazone stieg er oft in die Arena des Amphitheaters zum Kampfe. Und doch glauben wir, daß es nicht bloß die äußerliche Erscheinung ihrer herrlichen Gestalt allein war, die den Kaiser so sehr an sie fesselte, sondern daß es die gute Erziehung war, die ihr jener Eunuche und *) Gelegentlich sei bemerkt, daß eS ein Adjectiv ->«koSe« nicht gibt. Priester Hyacinth im Hause des Quadratus gegeben hatte, daß es die durch den Geist des Christenthums gebildete, edlere Weiblichkeit war, welche Commodus hier zum erstenmal an einer Frau kennen lernte, und welche ihm nicht bloß Liebe, sondern auch Verehrung und Bewunderung wider seinen Willen, einflößten. Er zeichnete sie auf alle mögliche Weise aus, und sie war ihm nicht etwa die Odaliske oder Erste unter den Concubinen, sondern „sie stand in Nichts, wie Herodian sagt, einer wirklichen Gemahlin nach, und genoß alle Ehren, die einer Kaiserin zukommen, mit Ausnahme des heiligen Feuers (der Vesta). Allein so grob ihr Einfluß auf Commodus war, seinen schrecklichen Charakter zu ändern, vermochte sie nicht. Der Tyrann wurde immer mißtrauischer, bösartiger und blutdürstiger. Er hatte für nichts mehr einen Sinn, als für die blutigen Schauspiele des Amphitheaters, und sein höchster Stolz war, der erste der Gladiatoren zu sein. An einem mehrere Tage dauernden Feste erlegte er einmal an einem Tage hundert Bären mit der Lanze, und dann auch andere wilde und starke Thiere, wie Löwen, Tiger, Flußpferde, Elephanten. Freilich war er immer durch eine Barriöre geschützt, aber seine Gewandtheit war nichtsdestoweniger bewunderungswürdig. Doch erlegte er auch minder wilde Thiere im Nachkampfe. So einmal einen Strauß, hieb ihm den Kopf ab und führte mit demselben eine tragi-komische Scene auf. Er nahm den blutigen Kopf und ging mit demselben vor die Reihen der Senatoren, die in Festkleidern und lorbeerbegränzt dasaßen, hob ihn dann mit der linken Hand empor, und mit der rechten ebenso das blutige Schwert, sprach dabei kein Wort, machte aber so schreckliche Grimassen, als wollte er sagen: „Seht, so könnte ich es euch auch machen!" So gräßlich und erschütternd der Anblick war, so konnten doch Dio Cassius und andere Senatoren sich des Lachens nicht erwehren. Aber weh ihnen, wenn es der Kaiser bemerkt hätte! Um daS Lachen zu verwinden, zupfte der Geschichtschreiber ein Blatt aus seinem Kranze und behielt es kauend im Munde. Desgleichen thaten auch dann seine Kollegen, um so mit Mühe ihren Ernst zu bewahren. Nicht immer aber ging es so harmlos ab! Da er der römische Herkules sein wollte, und sich überall auf der Straße wie im Theater Keule und Löwenhaut vortragen ließ, so spielte er einmal als solcher den Gigantentödter. Er ließ eine große Schaar Krüppel zusammenbringen, ihnen künstliche Füße in Schlangengestalten ansetzen, so daß sie den mythischen Ungeheuern glichen. Statt mit Felsblöcken mußten sie mit großen, trockenen Schwämmen nach dem Kaiser werfen, der sie dann als Herkules mit der Keule todtschlug! Commodus wurde immer toller und mörderischer, so daß niemand mehr seines Lebens sicher war. Besonders waren ihm alle ernsten Leute, zumal ältere, die noch aus der Zeit seines Vaters waren, und ihm ein stiller Vorwurf zu sein schienen, zuwider. Er hatte damit auch schon gründlich aufgeräumt, und nur wenige waren, wie Pertinax und ein paar andere ältere Männer, seiner Wuth entgangen. Es nahte aber eine Katastrophe, die er selber herbeiführte. Auf das bevorstehende Neujahr 193 plante er ganz besondere Festlichkeiten und beabsichtigte, zum Festplatz nicht vom Kaiserpalast, sondern von der Gladiatorenwohnung aus zu ziehen und sich dem römischen Volke als ersten Gladiator in voller Rüstung und einzigen Consul vorzustellen. Diesen Plan theilte er der Marcia mit, welche darüber erschrack und ihn weinend auf den Knien beschwor, davon abzustehen, weil dadurch die Würde des Kaiserthums in den Augen des Volkes, welches die Gladiatoren als eine verworfene Menschenklasse ansah, erniedrigt würde. Von der Marcia in Kenntniß gesetzt, thaten auch dasselbe der Kämmerer Eklekius und der Präfeck der Garden, Lütus, zwei vortreffliche Männer, die sonst beim Kaiser in Gnade waren. In höchstem Zorne, daß diese drei ihm zu widersprechen wagten, entfernte er sich und ging, wie um auszuruhen, in sein Schlafcabinet. Daselbst nahm er ein Schreib- täfclchen und proscribirte zum Tode die Marcia, den Eklektus, den Lütus, die zwei für das Jahr 193 desig- nirten Consuln Erucius Clarus und Sossius Falko, sowie eine große Anzahl der angesehensten Senatoren. Dann entfernte er sich, ging in die Bäder — er badete oft täglich 7—8 Mal — und trieb sich den ganzen Tag hier und in Weinhäusern herum. Nun war im Palast ein sehr schöner, drolliger Knabe, den Jedermann lieb hatte, und der wie ein Amoritto, ganz nackt und nur mit Goldschmuck behängen, herumlaufen durfte. Der Kaiser liebte > ihn außerordentlich, nannte ihn Philocommodus und ließ ihn häufig bei sich schlafen. AIs das Kind bemerkte, daß der Kaiser zur ungewohnten Zeit im Schlafzimmer war, wurde es neugierig, lief hinein, fand das Schreibtäfelchen, welches ihm ein erwünschtes Spielzeug zu sein schien, nahm es mit sich und lief in den Palast hinaus. Wer ihm zuerst begegnete, war — Marcia. Sie nahm den Knaben sogleich auf ihre Arme, herzte und küßte ihn nach ihrer Gewohnheit. Als sie aber in seiner Hand das Täfelchen von Lindenbast sah und als Schreibzeug des Kaisers erkannte, nahm sie es ihm ab. Der Kuabe war es zufrieden und trollte weiter. Mit Entsetzen las sie die Liste, auf welcher sie als erste stand, die dem Tode geweiht war! Allein sie behielt Geistesgegenwart, rief sogleich den Kämmerer Lätus und den Präfecten Eklektus herbei und berieth sich mit ihnen, was zu thun sei. Die Sache lag einfach: sie wurden durch das eiserne Gebot der Selbsterhaltung zum xraövsuirs getrieben. Ihr rascher Entschluß, den Kaiser Abends zu todten, wurde durch die Ueberzeugung bestärkt, daß sie dadurch dem römischen Volke nur die größte Wohlthat erwiesen. Sie thaten es viel zu spät — rüwio sero — meinte der Geschichtschreiber Lambridius. Als der Kaiser Abends, wie das häufig geschah, betrunken nach Hause kam, wurde ihm vergiftetes Ochsenfleisch vorgesetzt.*) das bald seine Wirkung machte. Doch da er viel Wein zu sich genommen hatte, spie er einen großen Theil wieder aus und fing zu drohen und zu schimpfen an. Da schickten die Verschworenen schnell zu dem nahe wohnenden Fechtmeister Narcissus, mit dem Commodus seine gladiatorischen Uebungen zu machen pflegte. Dieser warf sich auf den Kaiser und erdrosselte ihn. Nie war eine Palastverschwörung nothgedrungener und gerechter und nie wurde eine solche besonnener und schneller ausgeführt. Die Verschworenen hatten ihre Sache nicht halb gemacht: sie verständigten vorher den Helvius Pertinax, einen wackern und hochgebildeten Feldherrn und Staatsmann aus der Zeit des Kaisers Marcus, von der Lage der Dinge, und dieser erklärte sich bereit, die Kaiser- Daß Marcia ihm auch einen Becher süßduftenden Weines, mit Gift untermischt, gereicht habe, ist koloristische Zuthat des Herodian, wovon der Hauptzeuge Dio Cassius, nichts weiß. würde anzunehmen. Noch in der Nenjahrsnacht wurde aus dem Palaste bekannt gemacht, der Kaiser sei an einem Schlaganfalle in Folge zu vielen Weingenusses gestorben. Am Ncujnhrstag wurde Pertinax von Volk und Heer mit Jubel als Kaiser begrüßt, Commodus aber von Senat und Volk mit den stärksten Flüchen und Schimpfwörtern verwünscht. Von Pertinax, der im besten Rufe stand, erwartete man die Wiederkehr der guten antoninischen Zeiten. Mit Marcia war endlich die goldene Kette, mit welcher sie zehn Jahre lang an ein Ungeheuer gefesselt war, zerbrochen. Als sie nun Herrin ihrer Persönlichkeit geworden war, reichte sie dem Kämmerer Eklektus, einem vortrefflichen Manne, ihre Hand zu rechtmäßiger Ehe. Sie kannten sich beide schon vom Hanse des Quadratus her, in welchem der Priester Hyacinth die junge Marcia unterrichtet hatte. Auch er war, wie schon sein Name andeutet, mit höchster Wahrscheinlichkeit Christ. Statt dauernden Glückes kamen aber bald für Beide traurige Nachspiele. Die Reformen, welche Pertinax einführte, wurden vom Volke mit eben so großem Beifall aufgenommen, als sie dem Heere mißfielen. Während der Regierung des Commodus war das Heer demoralisirt worden und wollte sich die disciplinarischen Anordnungen des neuen Kaisers nicht gefallen lassen. Es entstand eine Meuterei, in welcher Pertinax, von Eklektus, dem Gemahl der Marcia, mit der größten Tapferkeit vertheidigt, ermordet wurde. Auch Eklektus fiel, nachdem er zwei von den Mördern niedergestreckt hatte, unter den Streichen der Soldateska. Dio Cassius, der erwähnte Zeitgenössische Senator und Geschichtschreiber, sonst so wortkarg im Lobe, gibt dem Gemahl der Marcia folgendes ehrenvolle Zeugniß: „Dieser war der einzige, welcher den Kaiser nicht verließ und ihm, soviel er konnte, bcistand. Schon früher, hatte ich diesen für einen Ehrenmann gehalten, jetzt aber mußte ich ihn bewundern." Das feilgewordeue Kaiserthum ersteigerte mit Hilfe der Soldaten Didius Jnliänus, einer der verworfensten unter den kleinen Zwischenkaisern, um eine hohe Summe. Er glaubte, auf das commodisch gesinnte Heer sich stützen zu müssen, und ließ die Marcia und den ehemaligen Präfecten der Prätorianer, Lätus, den Mitbetheiligten bei der Ermordung des Commodus, tödten. So endigte das vielbewegte Leben dieser merkwürdigen Frau, das sie kaum auf 30 Jahre gebracht haben mag. Sie verdient nicht die Zurückhaltung und Kälte, mit der ihr heidnische und kirchliche Schriftsteller gegenüberstehen. Die erstem tadeln sie nicht und loben sie auch nicht. Das hat seinen naheliegenden Grund. Schlimmes wußten sie von ihr nicht zu berichten, und das Gute verstanden sie nicht, wenn es ihnen nicht gar unangenehm war. Von den kirchlichen Historikern hat, tonangebend, Enscbius sie unbeachtet gelassen. Er wollte wohl nicht berichten, daß die junge Kirche von einer Con- cubine Hilfe erhalten hätte, oder er schwieg deßhalb von ihr, um den Heiden keine Veranlassung zum Spotte zu geben. Bei Cohen, der bekannten numismatischen Autorität, findet man III., Tafel 4 die Abbildung einer sehr schönen und sehr seltenen Medaille, welche auf dem Avers die Profile zweier Köpfe, den des CommoduS und einer weiblichen Figur, darstellt. Diese hat ein vollkommen griechisches, sehr schönes Profil, ist behelmt und mit einem Schuppenpanzer bekleidet. Man denkt zunächst an Minerva; allein die römischen Götter verehrte Commodus 76 nicht, am allerwenigsten die Minerva, die seiner Sinnesweise so entgegengesetzt war. Es kann nur eine Per- sonification der Stadt Rom sein, und in diesem Falle hat der Kopf das Porträt der Marcia. Es sind zwei herrliche Köpfe, denn auch Commodus war, wie die Abbildungen auf den Münzen und die noch vorhandenen Büsten bezeugen, ein sehr schöner Mann, wenn auch nicht der schönste Mann seines Zeitalters, wie Herodian in seiner übertriebenen Weise sagt. Die Medaille stammt aus dem letzten Jahre des Kaisers n. 192 und bezieht sich wohl auf jene zärtliche Unterhaltung mit der Marcia, von der Lampridius (eap. VIII) erzählt, daß Commodus seiner Freundin mitgetheilt habe, er wolle die Stadt Nom zu einer commodianischen Colonie machen. Möge diese Zusammenstellung zerstreuter, sich auf Marcia beziehender Notizen dazu beitragen, diese merkwürdige, noch allzusehr im dunklen Hintergründe der Geschichte stehende Frauengestalt mit einigen freundlichen Lichtstrahlen zu erhellen, und ein Gefühl allzuspäter Dankbarkeit rege machen für die liebevollen Unterstützungen, welche sie einst in schweren Zeiten den verfolgten Christen angedeihen ließ! Eine „Sammlung theologischer Lehrbücher" mit besonderer Berücksichtigung der Religions- philosophie. II. 3. v. Gehen wir nun auf einzelne Lehrbücher dieser Sammlung näher ein. Alle Bände sind noch nicht erschienen. Zunächst mag uns hier die Religionsphilvsophie von dem Gicßener Professor der Philosophie Hermann Siebeck beschäftigen. Um uns aber verständlich zu machen, wie eine solche Neligionsphilosophie in einer Sammlung theologischer Lehrbücher Aufnahme finden konnte, erlauben wir uns auf zwei andere der gleichen Sammlung ange- hörige Lehrbücher zurückzugreifen, nämlich auf das vielgenannte, ungemcin groß angelegte „Lehrbuch der Dogmen- geschichte" in 3 Bünden vom Berliner Professor Harnack und auf das „Lehrbuch der alttestamentlichen Religionsgeschichte" von Smend, Professor in Göttingen. Was diese drei Lehrbücher mit einander gemein haben, ist einmal dies, daß die Beweiskraft ihrer Argumente in keinem Verhältniß steht zu dem colossalen gelehrten Apparat und zu dem großen Scharfsinn, der aufgewendet worden ist, und daß es allem Anscheine nach auf eine totale Elimination des Uebcrnatürlichen aus den betreffenden Gegenständen abgesehen ist. Ob nicht diese beiden Thatsachen in einem cansalen Zusammenhange stehen? Harnack läugnet die Inspiration der Schrift, er läugnct die Gottheit Christi, er läugnet die Auferstehung oder zweifelt sie wenigstens an, wie aus dem ersten Bande seiner Dogmengeschichte Seite 74 und 75 hervorgeht. Harnack spricht dem Glauben an die Auferstehung dort jegliche Bedeutung ab. Wie konnte Harnack zu dieser Negation der Grundwahrheiten des Christenthums kommen? Sind hiefür Anhaltspunkte concreter, historischer Natur vorhanden, oder tritt Harnack mit einem selbstgewählten, willkürlichen, idealen Begriff an die Beurtheilung von Jesu Person und Lehre? Daß das letztere der Fall ist, brauchen wir gar nicht eingehender zu beweisen, mehr als genügenden Aufschluß gibt uns in dieser Beziehung ein Urtheil seines eigenen Gesinnungsgenossen, des Berliner Professors Pfleiderer. Pfleiderer schreibt in seinem neuesten Buch: „Die Entwicklung der protestantischen Theologie in Deutschland seit Kant", S. 370: „Während Baur die Dogmen aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und als nothwendigen Ausdruck des durch verschiedene Stufen sich geschichtlich entwickelnden christlichen Bewußtseins zu beurtheilen pflegte, legt dagegen Harnack an die Beurtheilung der Dogmenbildung wieder einen ihr selbst fremden, von außen herzugebrachten Maßstab an, wie das ebenso in der rationalistischen Geschichtschreibung zu geschehen pflegte. Allerdings hieß bei dieser der Maßstab: Sittliche Vernunftreligion, bei Harnack hingegen: Evangelium Jesu. Allein dieser Unterschied scheint größer, als er in Wahrheit in vorliegendem Falle ist. Denn was bei Harnack und der von ihm zu Grunde gelegten Ritschl'schen Theologie „das Evangelium" heißt, das ist, genau besehen, doch eine mehr ideale als positive Norm, die sich mit keinem concreten geschichtlichen Datum unmittelbar deckt, weder mit dem Gesammtinhalt der biblischen Evangelien, noch mit der Lehre, noch mit dem Lebensbild Jesu, wie es in diesen enthalten ist. Welcher innere Werth auch im klebrigen jenem Ritschl-Harnack'schen Normalbegriff zukommen möge, soviel ist jedenfalls gewiß, daß er ebensowenig ein positives historisches Datum, ebensosehr ein idealer Begriff, wie die Vernunftreligion der Rationalisten oder die Idee der absoluten Religion bei den spekulativen Kritikern." Es ist nnnöthig, hiefür noch einige Citate aus Harnack selbst anzuführen zur Bestätigung. Schafft aber Harnack mit dieser subjectiven Methode die Grundwahrheiten des Christenthums auf die Seite, wer will es dem Göttinger Professor Smend wehren, in seiner alttestamentlichen Religionsgeschichte auf gleiche Weise vorzugehen und mit der Negation nicht erst beim zweiten Glaubensartikel zu beginnen, sondern sofort beim ersten einzusetzen und die Schöpfung aus Nichts zu entfernen? Mit imponirender Sicherheit sagt uns Smend Seite 457: „Das Bedeutsame an Genesis 1 ist eben der Kontrast, in dem der religiöse Schöpfnngsgedanke des Verfassers zu dem heidnischen Mythus steht, der seiner Erzählung den Stoff gibt." Und um uns keinen Augenblick im Zweifel über den Standpunkt des Verfassers zu lassen, so wird gleich Seite 1 erklärt: „Die alttestamentliche und überhaupt die biblische Neligionsgeschichte hatte zu ihren Vorbedingungen die Erkenntniß des Unterschiedes zwischen der kirchlichen und biblischen Religion und Theologie, die Einsicht, daß die biblische Religion geschichtlich geworden, die Freiheit des Gewissens von der Autorität der Bibel." Da erlauben wir uns doch folgende Fragen: 1. Was ist kirchliche Religion und Theologie zum Unterschied von biblischer? 2. Was ist biblische Religion und Theologie ohne kirchliche? 3. Was ist biblische Religion ohne Autorität der Bibel? 4. Ist die kirchliche Theologie nicht ges chichtlich geworden? 5. Stützt sich die kirchliche Theologie auf die geschichtlich gewordene biblische Theologie oder abstrahirt sie von letzterer? Hätte uns Smend über diese Fragen vollkommene Klarheit verschafft oder dieselben zu beantworten versucht, wir wären ihm sehr dankbar gewesen. Hören wir weiter Smend's Auffassung vom Alten Bunde, von dem Bündniß, das Gott mit den Jsraeliten geschlossen. Denn die Auffassung dieses Verhältnisses ist ja von ungeheurer Tragweite für das Neue Testament. Denn wie uns die Theologie sagt, steht das Alte Testa- 77 uient in ebenso wesentlicher Beziehung zu Christus, wie die neutestamentliche Kirche: als Erzieher zu Christus hin. Die erziehende Vorbereitung der Wege des Herrn muß nun gewiß dem dreifachen messianischen Amt analog gedacht werden, als Vorbereitung durch prophetische Offenbarung, priesterliche Heiligung, königliche Leitung. Es ist dies schon dadurch genügend bewiesen, daß die Beziehungen der messianischen Würde nichts anderes als die Potenzirung und Vereinigung der für die alttestament- liche Theokratie wesentlichen Funktionen sind. Was aber sagt uns Smend? Auch hier ist alles Uebernatürliche eliminirt, und wir sind wirklich sehr gespannt, wie Schürer seine neutestamentliche Theologie, die er für diese Sammlung zu liefern hat, in Einklang zu bringen weiß mit Smend's Auffassung. Denn eine bestimmte Homogenität muß hier bestehen. Doch hören wir Smend's geschmacklose Darstellung Seite 24 u. 25: „Das starke Ge- meingefühl, das die Glieder des Stammes verbindet, führt nun aber auch zum Stammesgott. Der energische Wille der Selbstbehauptung, die den Stamm beseelt und am Leben erhalt, objectivirt sich in einer übermenschlichen Macht, die die Sache des Stammes führt, ihm gibt, was er zum Dasein nöthig hat, vor allem Sieg über die Feinde. Alle menschliche Gemeinschaft ist ursprünglich Blutsgemeinschaft, und auch der Stamm will sie vorstellen. Freilich beruht er nicht überall auf ihr, und im Laufe der Zeiten treten auch blutsfremde Geschlechter in ihn ein. Aber in diesem Fall wird die Blutsverbrüderung künstlich hergestellt. Die Blutsfremden verbrüdern sich, indem sie gemeinsam Blut genießen. Mit der Blutsverbrüderung ist die Bundesschließung nahe verwandt. Jene bedeutet freilich das Jneinanderaufgehen von Geschlechtern und Stämmen, diese nur die gegenseitige Unterstützung. Vielfach kommt es in der Welt vor, daß Menschen, die sich verbünden, sich die Haut aufritzen und gegenseitig das Blut lecken, um so ein Blut zu werden. An die Stelle des Mcnschenblutes tritt beim Bundesschluß später das Thierblut. Nun kann aber der Bundesschluß auch einen religiösen Charakter annehmen, indem man Gott als Garanten des Bundes in den Bund hineinzieht. Da wird das Thicrblut Opfcrblut, das Fleisch Opferfleisch. Im Grunde genommen ist aber diese Form der Bundesschließung nichts anderes, als die Anwendung des Opfers." Smend sagt uns dann Seite 129: „Die hebräischen Vorstellungen vom Wesen und von der Wirkung des Opfers waren sehr untheolog- ischer Natur." Doch glauben wir, daß in dieser Beziehung die Hebräer sehr unschuldig sind, wohl aber Smend jedes theologischen Begriffes bar ist. Wir verweilten längere Zeit bei diesem Buche, um einmal die Art und Weise zu kennzeichnen, in welcher diese sogenannte protestantische Theologie sich consolidirt, dann aber, um uns von hier aus verständlich zu machen das Lehrbuch der Neligionsphilosophie von Sicbeck, Professor in Gießen. Ist nämlich wirklich, wie Schall uns durch alle Bände seiner Dogmatik so glänzend darthut, ist nämlich die Dogmatik nichts anderes, als die wissenschaftliche Ausführung des Gottesbegriffs der Offenbarung durch das ganze Heilswerk der Gnade hindurch, ist die Dogmatik der Nachweis des geoffenbarten Gottesbegriffs in seiner alles umfassenden und alles überragenden Erhabenheit, Fülle und Lebenskraft, dann muß die Ausmerzung fast aller dogmatischen Wahrheit, wie diese „Sammlung theo» logischer Lehrbücher" sie constatirt, nothwendig zu einer gewaltigen Verdunkelung des christlichen Gottes- begriffs führen, dann muß aber ferner auch die Nc- ligionsphilosophie, die als Grundlage ein:r solch degenerirten Theologie gesucht wird, ankommen entweder bei einer durchaus problematischen Stellungnahme gegen die Existenz Gottes oder bei einer gänzlichen Läugnung derselben überhaupt. Und diese Stellungnahme, wie sie ihm durch diese Lehrbücher der Theologie vorgezeigt war, hat Siebeck glänzend erfaßt. Denn seine Religionsphilosophie kann der Nationalliberale ü la, National« zeitung, der Freisinnige L In Vossische Zeitung, der Demokrat n In Frankfurter Zeitung, der Socialdemokrat L In Vorwärts lesen, ohne nur die leisesten Skrupel zu bekommen. Nur für einen Christen ist sie nicht geschrieben. Und doch gehört sie unter die „Sammlung theologischer Lehrbücher"?? — Gehen wir auf diese Neligionsphilosophie noch ein. (Schluß folgt.) Zur Rückkehr der Schismatiker im Oriente. Vom gricchisch-mclchitischen Kanonikus Joh. Michael Schmid in Frohnstetten bei Deggendorf (Niederbaycrn). Bunins oder Panöas mit seinen Terebinthen und Eichen, mit seinen Olivenhainen und Feigenanlagen verdankt seinen Namen der in der Nähe befindlichen Grotte und Quelle des dort verehrten griechischen Hirtengottes Pcin; erst die Römer gaben ihm den Namen Cäsarea Philippi. Es liegt wahrhaft prächtig am Fuße des mächtig großen Hermon, von woher der Jordan entspringt, in Obergalilüa, etwa 20 Meilen südlich von Damaskus und Beirut und 40 Meilen nördlich von Jerusalem. Aus der heidnischen Cultstätte wurde in der Folge eine christliche; denn Cäsarea Philippi erscheint schon zur Zeit des Concils von Nicäa (325) als ein dem Patriarchate von Antiochia untergeordneter Bischofssitz, und noch auf dem Concil von Chalcedon (451) war ein Bischof Olympias von Pansas anwesend. Das Bisthum umfaßte mit dem ganzen großen Hermon, von den Arabern Dschebel esch-Schach (— der Alte) genannt, jenen Theil des heiligen Landes, welcher jenseits des Jordans im Osten, am linken Ufer des heiligen Flusses gelegen ist, die Gegend, welche im Evangelium „Irans lloräansin" genannt wird. Aber leider seit mehr denn sechs Jahrhunderten, seit den Zeiten des letzten Kreuzzuges bestand der apostolische Sitz von Cäsarea Philippi nur mehr dem Namen nach. Das griechische Schisma hatte sich dieser Gegend des Evangeliums bemächtigt. Die merkwürdige Bewegung zur Rückkehr der von Rom getrennten Brüder zum Katholizismus in diesen Gegenden gab den Anlaß zu der vor acht Jahren erfolgten Wiedererrichtung der Diöcese Cäsarea Philippi. Seit 1886 hat diese Diöcese wieder einen Bischof des griechisch-katholischen (melchitischen) Ritus in der Person des überaus eifrigen und würdigen Bischofs Petrus Eldscheraidschiry mit dem Sitze in Eldschedaidat-Mar- dschajun. Seine ganze Sorge widmet er der Wiedergewinnung dieser vom Feinde der Seelen entrissenen Gegend für die wahre Kirche Christi. Ungefähr vierzig Dörfer haben schon mehrmals um Wiederaufnahme in den Schoß der römischen Kirche gebeten. Aber es fehlen die Schulen und die Priester, um diese Neophhtcn im katholischen Glauben zu unterrichten: dagegen sind die Protestanten mit ihren ganz 78 unentgeltlichen Schulen auch hier eingedrungen, während der katholische Bischof, so schreibt dieser in einem eindringlichen Appell von Frankreich aus, woselbst er sich zur Zeit mit Erlaubniß des apostolischen Stuhles zur Sammlung von Almosen aufhält, — nichts hat für diese gänzlich armen Neophyten. Der Unterhalt seiner Priester und seiner Lehrer fällt gänzlich ihm zur Last. In seiner Noth mußte er zur Unterstützung in seinem apostolischen Amte die ehrwürdigen Basilianerwönche des griechischen NituS anrufen, welche zur Bestreitung ihres ärmlichen, klösterlichen Lebensunterhaltes nur ihre Meßstipendien verlangen, welche aber auch mangeln. Jede Schule erfordert zu ihrem Unterhalte einen jährlichen Aufwand von 3V0 bis 400 Frs.; aber woher diese Summe nehmen? Mit Hilfe der Almosen des kathol. Frankreichs konnte der Bischof bis jetzt 14 Pfarreien errichten mit etwa 10 Filialen und 20 Schulen mit mehreren Kursen zur Erlernung der französischen Sprache, welche in allen Schulen in Syrien gelehrt wird, und mittelst eines hochherzigen Geschenkes des hl. Vaters, welcher hiczu durch die Wahrnehmung bewogen wurde, daß die Diärese, ,in welcher Christus der Herr den Grundstein zu seiner Kirche gelegt hatte, einer Kathedrale entbehrte, konnte er eine solche erbauen auf den Namen des hl. Petrus zum Gedächtnisse des Wortes des Herrn: es ketrus; Du bist Petrus, ein Fels." Hervorragende Wohlthäter gaben ihm die ersten Fonds zur Errichtung eines Waisenhauses mit land- wirthschaftlichem Betriebe, das bereits seit drei Jahren besteht, ohne vollendet zu sein. Der Bischof mußte ferner eine bescheidene bischöfliche Residenz erbauen und drei Pfarrwohnungen in den hervorragendsten Orten; er kaufte eine vom ehrwürdigsten Patriarchen begonnene Kirche und restaurirte drei andere; aber die Ausgaben überstiegen die vorgesehenen Einnahmen; so hatte der hl. Vater 40,000 Frs. gespendet für die Kathedralkirche und 10,000 Frs. für die anderen Unternehmungen; aber die Kosten der Kathedralkirche betrugen allein schon 74,000 Frs. Der Aufbau der bischöflichen Residenz verursachte in Folge des Einsturzes zweier Mauern einen unvorhergesehenen Mehrauswand von 4000 Frs. Für das Waisenhaus erhielt der Bischof 30,000 Frs., es kostete aber bis jetzt schon 50,000 Frs.; zwei Wohlthäter hatten hiezu größere Summen versprochen, konnten aber das Versprechen nicht halten. Großes in kurzer Zeit ist also bereits ausgeführt worden in dieser griechisch-katholischen Missionsdiöcese, aber schwere Schulden drücken dafür auch auf die schwachen Schultern des armen Bischofs von Cäsarea Philippi! Wenn man dabei bedenkt, daß die Hilfsquellen, wenn sie auch nicht ganz versiegen, so doch immer mehr sich vermindern in Folge der allgemeinen Noth der Zeit in allen Ländern, so kann man sich eine Vorstellung machen von der Be- drängniß unseres Bischofes. Und doch muß er das Waisenhaus ausbauen und muß er auch noch drei neue Kirchen errichten in drei Pfarreien, für welche der Grund bereits angekauft und die Baumaterialien zusammengeführt sind; aber die Kosten betragen zusammen noch circa 20,000 Frs. Die bestehenden Schulen müssen nicht bloß erhalten, sondern neue müssen noch dazu errichtet werden, um die glücklich auf so vielen Ruinen wieder aufgerichtete Diärese wieder zu befestigen. Aber ach! so klagt unser Bischof, dieß wird dem armen Bischöfe unmöglich, wenn er bloß auf seine eigenen Mittel angewiesen ist. Vergegenwärtigen wir uns die Folgen, welche eintreten würden, wenn der Bischof nicht die so flehentlich erbetene Unterstützung fände, nach seinen eigenen Worten; Die Schulen müßten geschlossen werden, und alle Kinder dieser so interessanten Gegenden würden in die mit großem Aufwande gegründeten und unterhaltenen Schulen der Protestanten zurückkehren zum Schaden des Katholizismus. Unser Waisenhaus müßte ebenfalls fallen, und doch ist gerade dieses von der größten Wichtigkeit für unsere Diöcese, um diese unterknnfts- und brodlosen armen Kinder zu sammeln und vom Einkitte in die englischprotestantischen Wohlthätigkeitsanstalten abzuhalten. Es ist unsere Singschule für unsere kirchlichen Verrichtungen und religiösen Ceremonien;. es ist unsere Normalschule für die Heranbildung von künftigen Lehrern in unseren Elementarschulen, ja für einige Kinder selbst das Vorbereitungsseminar, aus welchem unsere besten Zöglinge in das Seminar von St. Anna in Jerusalem übertreten, woselbst bekanntlich an der Wiege der allcrseligsten Jungfrau (nach griechischer Tradition) die Weißen Vater von Algier eins apostolische Schule leiten zur Heranbildung von Priestern des griechischen Ritus zu Missionären behufs Zurückführung unserer getrennten Brüder zur Union mit Rom. Wenn der Unterhalt der Basilianermönche nicht bestatten werden könnte durch die einfachen Meßstipendien, so würden sie von ihren Oberen wieder in ihre Klöster zurückgerufen werden, denn diese können sie nicht unterhalten, so lange sie auf der Mission sind. Ja der glaubenseifrige Bischof ruft wehmüthig aus: „Wie könnte ich sehen, wie diese Ruinen ein Gegenstand des Spottes sind, und wie könnte ich ertragen den,Hohn der Gegner des Katholizismus? Fürwahr, ich müßte mich in meinen Thurm zurückziehen und einem Anderen dieses traurige Erbe überlassen, und ich zweifle, ob sich Einer zur Uebernahme bereit finden lassen würde. Die Einen der Neophyten, sich verlassen sehend, würden wieder zum Schisma zurückkehren, und die Anderen, welche diese Rückkehr als ein Verbrechen und als eine Schmach ansehen würden, müßten ohne religiöse Hilfe bleiben": Alles dieses zur größten Freude der Feinde der heiligen Sache, welche der Bischof allein vertritt in diesen geheiligten Gegenden von Obergaliläa, woselbst sich auch keine lateinischen Missionäre vorfinden, an den Quellen des heiligen Flusses Jordan und in den Bergen des Anti- libanon, in welchen schon David vor Absalom Zuflucht suchte und in seinem ergreifenden 41. Psalm seiner rührenden Sehnsucht nach Gott Ausdruck gab mit den Worten: „An Dich denke ich aus dem Lande des Jordan und der Hermonberge; warum wandle ich so traurig, da mich plaget der Feind; doch hoffe auf Gott; denn er ist das Heil meines Angesichtes und mein Gott!" Ueberdies wäre auch ein Rückschlag zu befürchten für ganz Syrien, welcher die gegenwärtig vorhandene Bewegung zur Einigung mit Rom ungünstig beeinflussen würde; denn immer und überall und in allen Tonarten würde man unseren Neophyten vorhalten, daß wir sie über kurz oder lang, früher oder später verlassen müßten. Das wäre aber Verzweiflung und Selbstmord in diesem Augenblicke des Fruchttragens und des Lebens. Darum sagt der Bischof zum Schlüsse: „Ich rufe alle Diejenigen an, welche unsere heilige Kirche lieben und den Werth der Seelen kennen: wollet ihr diese berühmte Diöcese Cäsarea Philippi der Hilflosigkeit überlassen nach ihrer Erhebung aus hundertjährigen Ruinen, nach schon auf- 79 gewendeten unsäglichen Mühen und Ueberwindung von so vielen tausend Schwierigkeiten? Wollet ihr verlassen sehen diese ehrwürdige Kathedrale es kebrus", dieses Monument der Liebe unseres großen Papstes Leo XIII. zu den Kirchen des Orients? „O ihr Leser dieser Zeilen! ich bitte Gott den Herrn mit der ganzen Gluth meines Herzens, daß er euch es in das Herz geben möge, ein Almosen zu spenden für diese Diöcese von Cäsarea Philippi, welche Christus der Herr auserwühlet hat, um in ihr den Grundstein zu seiner heiligen Kirche zu legen." Recensionen und Notizen. Das bittere Leiden Unseres Herrn Jesu Christi. Nach den Gesichten der Dienerin Gottes Anna Katharina Emmerich aufgezeichnet von Clemens Brentano. Nach der 4. Auflage des von v. Schmöger herausgegebenen Lebens und Leidens Jesu Christi von v. Wiggermann. Rcgensburg, Druck und Verlag von Friedrich Pustet. Preis M. 2,20. Z Es liegt uns hier die neueste Ausgabe der wunderbaren Visionen Katharina Emmerichs über das bittere Leiden unseres Herrn vor. Daß dieses kostbare Erbauungswerk in billigerer Ausgabe erschien, ist ein sehr dankenswerthes Unternehmen. Von Denjenigen, die es kennen, wird das Buch wieder und wieder ergriffen als der heilsamste Bctrachtungs-Cyclus, als eine Art fast greifbarer Beschauung des ErlösungSwerkeS. Für die breiten Kreise aber unseres indolenten kath. Volks, welche diese und ähnliche Lektüre nicht kennen, ist eS ein um so größeres Bedürfniß, gerade mit einem solchen Werke in Berührung zu kommen, das mit, man möchte gerne sagen, wunderbarer Gewalt die Phantasie, das Erkennen und Fühlen des Lesers gefangen nimmt und ihn für jene Vorgänge interessirt, welche die Grundwahrheiten unseres christkatholiscben Bekenntnisses in sich schließen. Ganz interessante Einzelheiten über das Leben der gottseligen Seherin, der wir diese Betrachtungen verdanken, bietet die Einleitung des Bncheö und haben wir in den biographischen Auszeichnungen früherer Ausgaben manche dieser charakteristischen Momente aus dem frommen Dulderleben für die Erbauung des Lesers nicht verwerthet gefunden. Möchte diese in der heiligen Fastcn'zcit so sehr passende Lektüre in keinem knthol. Hause fehlen? _ Hammer, Dr. Phil., Sieben Predigten über des Menschen Ziel und Ende und letzten Dinge. 8°. VIII, 208 S. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei, Fulda. Preis Mk. 1.80. Die sieben Predigten, die der Verfasser in Druck gegeben, hat er unseres Wissens in der Jesuitenkircke zu Mannheim gehalten, während er wegen der Fastenzeit alle Sonntage 5 Stunden weit per Eisenbahn fahren mußte, um predigen zu können. Er hat dies in den achtziger Jahren viermal gethan. Welchen Ruf aber der Redner in Mannheim zurückgelassen, dafür zeugt eine Besprechung des katholischen ArbeitcrfcsteS in Mannheim im „Neuen Mannheimer Volksblatt" vom 24. Juli 1892, worin ein competenter Berichterstatter vom Verfasser, der den Arbeitern die Festrede hiclr, also schreibt: „Was wir sodann von der Rednerbühne gehört haben, mußte unS mit voller Anerkennung erfüllen. Wir denken hicbci nicht allein an den gewaltigen oratorischen Massenbe- herr scher vr. Hammer, der an seelischer und körperlicher Elementargewalt Phänomenales geleistet und sich selbst übertreffen hat. Es war eine Leistung ersten Ranges, 1'/- Stunden lang mit sicherem Gedächtniß, mit packender Exemplifikation, mit Geist, Herz und Humor zugleich zu arbeiten und die köstliche Gabenfülle wie spielend auf die lauschende und in ihrer Aufmerksamkeit von Minute zu Minute gespannter werdende Menge lächelnd auszuschütten. Nein, nickt ihm, dem Bekannten und Ruhmbedeckten, gelten unsere Bemerkungen, sondern den Sprechern auS dem Volke . . . ." Ob dieses Lob übertrieben war, mögen die sieben Predigten dem Leser darthun! Jllustrirte Geschichte dcö Allgäu's. Von Dr. F. L. Baumann. Kempten, Köscls Verlag. Preis M. 1.20. Das vorliegende neunundzwanzigste (des dritten Bandes siebentes) Heft enthält a) an Text: Die neuere Zeit (1517—1802). Erster Abschnitt: Staat und Kirche. Viertes Hauptstück: Kirche (Reformation in Leutkirch, in Kausbeuren, in und um Grönenbach, Wangen vorübergehend protestantisch, protestantische Edelleute im Allgäu, protestantische Geistliche auf dem Lande, katholische Maßregeln gegen den Protestantismus, Wiedertäufer, Abschließung der Bekenntnisse gegen einander, neue Klöster und Orden im Allgäu, Kloster Kempten, Kloster Ottenbeuren, Kloster Jrsce, Kloster Jsny, Abtei Füssen, Männerklöster in Memmingen, das Franziskanerkloster Lenzfricd); b) an Illustrationen: 1. zwei Vollbilder in Farbenlicht- druck, ausgeführt in der Jos. Kösel'schen Offizin in Kempten, darstellend: Allgäuer Volkstrachten II. und III.: Landleute aus der Gegend von Weiler und Paar auSder Mcmmiuger Gegend, beide nach einem Aquarell von Jos. Bück; 2. neununddreißig in den Text gedruckte Abdüngen. Cäcilia. Zeitschrift für katholische Kirchenmusik' Monatl. 1 Nummer. Preis jährlich 1 M- Direkt unter -j- Band 20 Pf. mehr. Verlag von Franz Goerlich in BrcSlau, Altbüßerstraßc 29. Zu bezieben durch alle Buchhandlungen und Postanstaltcn. Probcnummern gratis und franco. Die „Cäcilia" bringt in 1693 Nr. 10-12 und 1694 Nr. 1 u. a. folgende interessante Aufsätze: Der Tod des römischen Chorals. Von Erzpriester August Staude in Sprottau. — Ein Besuch in Bcuron. Von vr. O. Fink. — Gute Organisten und gute Orgeln. Von Heinrich Götze. — Was das anregende Beispiel eines Priesters zur Hebung der Kirchenmusik vermag. Von Karl Fischer in Potsdam. — Künstlers Leiden. Mittheilungen aus einem BrcSlauer Pfarr-Archiv. — Aus dem Tagebuche eines CäcilianerS. — Wozu ermähnt uns das 25jährige Jubiläum unseres Vereins. Von Pfarrer Hnizdill. — Berichte über Generalversammlungen rc. — Kleinere Mittheilungen. — Recensionen. _ Fuhlrott Jos., Materialien für Prediger und Katecheten über die wichtigsten kathol.Glaubensund Sittenlehren in alphabetischer Ordnung. 8°. Bv. I. M. 7,20; Bd. II. M. 7,20. Negensburg, Ver- lagSanstalt (G. I. Manz) 1893. (II.) Für den vielbeschäftigten Seelsorger, der unmöglich Zeit findet, an die Quelle selbst heran zu gehen, ist eine Materialicn- sammlung zum Zwecke der Predigt eine sehr schätzenSwerthe Beihilfe; daß sie, wie man sagt, zur Eselsbrücke dient, läßt sich leicht vermeiden: man braucht nur nicht wie ein Esel über die Brücke zu gehen. Bis jetzt liegen unS von der neuen sehr vermehrten Auflage des Buches 2 Bände (von A. bis I. reichend) vor. Daß bei den Beispielen auS dem Leben der Heiligen viel Sagenhaftes mitunterkommt, versteht sich von selbst; die Fundorte der Äussprüche von Kirchcnvätern sollten überall genau angegeben sein; ein strebsamerer Leser möchte manchmal eine Stelle im Orginaltext nachsehen. Wir empfehlen das Buch angelegentlich und erwarten, daß es in kurzer Zeit vollständig wird. Historisches Jahrbuch. JmAuftragcderGörreSgesellschast herausgegeben von vr. H. Grauert, Dr. L. Pastor und Dr. G. Schnürer. Commissionsverlag von Herder u. Cic. XV. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: Schmitz, Großsiegelbewahrer Kauffmans und die Iluiv. Köln. — Nattingcr, der Lider xrovisioimm praslatorum Erbaut V. — Weh man, die vier großen Kirchenlehrer. — Helmolt, König Ruprecht im Oktober 1401. — Unkel, eine Episode aus der Geschichte der Kölner Nuntiatur. — Jostes, zum ersten Bande des Osnabrücker Urkundcn- buches. — Steuere Urkundensammlungen aus der Schweiz (Büchi). — DrcveS, Aurclius Ambrosius, der Vater des Kirckengcsanges (Wagner). — Kuöpfler, Werth und Bedeutung des Studiums der Kirchengeschichte (Schrörs). — Zeitschriftenschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. - _ Populärer Bericht für Leidende über Hunderte Geheilte von LIeä. Euiv. vr. Adolf Roth, ärztlicher Mechaniker und Chefarzt der Orthopädischen Heilanstalt, Stefanie- straße 55 in Budapest rc. rc. Preis 1 Krone 20 Heller. Herr vr. Julius Bcely bespricht im „Gyakorlü OrvoS" dieses Werk folgendermaßen: „Getreu dem Motto: .Thatsachen beweisen' ist es dem Autor auch vollständig gelungen, den untrüglichen Beweis zu liefern, daß Gelenksentzündungen und Verkrümmungen ohne Operation schmerzlos heilbar sind. Diese hochcrfreulichcn Resultate erreichte der begabte Autor durch seinen I gcnialenSchienenhülscnverband u. seine elastischen Stützcvrsctte, die cr eigenhändig verfertigt. Nur dadurch, daß er als erfinderischer Mechaniker befähigt ist, ärztlich zu denken, ist eS ihm gegönnt, sonst unglaubliche Erfolge auszuweisen. So z. B. sprangen an schweren Gclcnkscntzündungcn Leidende bei der Demonstration im Präger deutschen ärztlichen Vereine mit Leichtigkeit vom Tische herab! 2 Tage nach erlittenem Beinbruch gehen Patienten laut Attesten zahlreicher hervorragender Aerzte in seinem Apparate ohne Krücke und ohne Stock berum, einseitige, ja selbst mit Höcker verunzierte Patienten werden laut den Photographien und unzähligen Dankschreibcn gerade. Kein Wunder, wenn alle Welt zu ihm eilt. In 50 Briefen von Wiener und Berliner Fachleuten bitten selbe, in seiner Werkstätte arbeiten zu dürfen!! und dennoch, wer würde dies glauben, verfolgt ihn die officielle Schule. Diese Broschüre soll die Antwort darauf sein. Wir gratulircn ihm dazu." Die ehrwürdige Dienerin Gottes Magbalena Sophia Barat, Stiftcrin der Gesellschaft deö heiligsten Herzens Jesu. Ein Lcbensabriß mit dem Porträt der OrdenSstifterin. NcgenSburg 1894. Frdr. Pustet. 48 S. Preis 20 Ps. Wenn schon das große Werk von Dr. Bauuard über das Leben dieser ehrwürdigen Dienerin Gottes mit seinen 800 Seiten eine 2. Auflage erlebt hat, so wird auch dieses Büchlein, dessen Erscheinen nur die Erfüllung eines Wunsches jener sein dürste, welchen das größere Werk nicht zugänglich ist, den verdienten reichen Absatz finden. Niemand wird eS ohne Interesse und auch Erbauung lesen. Man sieht darin auf'S neue, was die „bildungöfeindliche" kath. Kirche in einem einzigen Ordcns- zweige wiederum für Erziehung und Schule leistet. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görresgcsellschaft herausgegeben von Dr. Sonst. Gutberlet. VII. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. 1) Pesch, 8.9. (Tilm.), Seele und Leib als zwei Bestandtheile der einen Mcnscheu- substauz gemäß der Lehre des hl. Thomas von Aquin. — 2) Gutberlet, Ueber den Ursprung der Sprache. — 3) v. Nostitz-Nieneck, 8. 9., Leibniz und die Scholastik. — 4) Adlhoch, O.8.L., Herder und GeschichtSphilosophie (Schluß). — II. Recensionen und Referate. 1) Gießwein, Die Hauptprobleme der Sprachwissenschaft in ihren Beziehungen zur Theologie, Philosophie und Anthropologie, von Gutberlet. — 2) Eortie, 8. 9., L. Perry, Jesuit und Astronom, von demselben. — 3) Ulrich, System der formalen und realen Logik, von Kiefl. — 4) Offner, Ueber die Grundformen der Vorstcllungöverbindung, von Gutberlet. — 5) Kurella, Naturgeschichte des Verbrechers, von demselben. — 6) Dornet de Borges, la, psresption st, la pszwlwtogis tlwmists, v. Schmitt. — 7) Fell, 8.9., Die Unsterblichkeit der Seele, von demselben. — 8) Cath rein, 8. 9., Moralphilosophie, 2. Aufl., von Gutberlet. — 9) Diez, Theorie des Gefühles, von Pfeifer. — 10) Wörter, Die Gcistcsentwickeluiig des hl. Aurelius Augustiners bis zu seiner Taufe, von Schmitt. — III. Philosophischer Sprechsaal. — IV. Zeit- schriftenschau. — V. MiScellen und Nachrichten. Bayerische Zeitschrift für Ncalschulwesen, herausgegeben durch den Verein von Lehrern an technischen Unterrichtsanstaltcn Bayerns, rcdigirt von Wilhelm Vogt. München 1894, M. Nieger'sche Universitäts- Buchhandlung. II. Band, I. u. II. Hcst. Inhalt: Vogt W., Der Geschichtsunterricht und der erste deutsche Histvritertag. — Geistbeck A., Zur Methodik deö heutigen Gcographieunterrichtes. — Gruber Ch., Ueber die genetische Behandlung der Geographie an realistischen Mittelschulen. — Francke M. Dr., Leitfaden für den mineralogisch- chemischen Anfangsunterricht auf höheren Schulen, bcspr. von Fischer. — Hauck-Brunottc, Lehrbuch der Arithmetik und Algebra, bespr. von Jüdt. — Nohrbach C. Dr., Vierstellige logarithmisch-trigonometrischc Tafeln, bespr. v. Horn. — Boltz- mann L. Dr., Vorlesungen über MaxwellS Theorie der Elektrizität und des Lichts, bespr. von Kurz. — Vtolle I., Lehrbuch der Physik, bcspr. von Kurz. — Rethwisch C.. Jahresbericht über das höhere Schulwesen, bespr. von Stcincl. — Uchtomsky E., Orientreise Sr. K. H. des Großfürsten-Thron- folgcrö Nikolaus Alcxandrcwitsch, bespr. v. Steine!. — Neue Hilfsmittel des geschichtlichen Unterrichts rc., bespr. v. Kral- liuger. — Neue Schulausgaben deutscher Klassiker, bespr. von Krallinger. — Nohmeder Dr., Sammlung pädagogischer Vortrage, besprochen von Marschall. — Bibliographie. — Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Müller I., Noch ein Wort zur Frage der Priorität des Französischen im fremdsprachlichen Unterricht. — Mar schall. Ueber den Stand des württembergischen Mittclschulwesens im Jahre 1893 u- s. w. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Ceutral-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell, Dr. Anton Linsenmaycr und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 3. Heft. Passau, Verlag von Rudolf Abt. Jnhaltsverzeichniß. l. Wissenschaftliche und belehrende Aufsätze. Gibt es eine oder mehrere Ursprachen? Die Ergebnisse der vergleichenden Sprachwissenschaft im Verhältniß zur Theologie. (Schluß.) Von Pros. k. Benno Linder bau er 0. 8. L. in Metten. — Die Pfade deö Christenthums in den ersten Jahrhunderten, mit besonderer Rücksicht aus Süddeutschland und Oesterreich. Von ?. Valentin Schund, 0. 6ist. Hohenfurt. — II. Mittheilungen, Fragen und Fälle aus der seelsorglichen und pfarramtlichcn Praxis. Der apostolische Segen in der Todesstunde. »Beueäiotio apostolioa. in artieulo wortis.« Von Domdckau Dr. Nirschl in Würzburg. — Der Priester und die Geisteskranken. Von Jgnaz Familcr, Kurat in Kart- Haus-Prüll. — Das Apostolat der Kinder. Von U. Hierony- mus Aeb lieber, Stift Einsiedeln. — Theatralische Ausführungen in Mädchen-Erziehungs-Anstalten und Jungfrauen- Vereincn. Von Nestor k. Geiger, 0. 8. L. Metten. — Sollen unsere Kirchen zugänglich oder verschlossen sein? Von Alois Zottmann, Pappenheim. — Jmportune Rigorosität und Ucberdruß erregender Zuspruchseiser. Von Wilhelm Lang, Kommorant, Wernberg. — Stcrbkasse-Vercin für die Geistlichen. Von P., Ps. in St. u. s. w. — III. Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gcrichtsh öfe. — IV. Literarische Novi- tätenschau. — V. Literaturbericht. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1891. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im Brcisgau. Hcrvcr'sche VcrlagShandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt deö 2. Heftes: Zur päpstlichen Enchklika kro- viäsutissiwus vsus. (I. Knabenbaucr 8. I.) — Religion und Christenthum nach Albrecht Nitschl. I. (Th- Grandcrath 8. I.) — Das höhere Mädchcnschulwesen in Deutschland. (L. v. Hammerstein 8. I.) — Das Kuckucksei und seine Räthsel. II. (Schluß.) (E. WaSmann 8. 9.) — Die Erziehung der bayerischen Wittels- bacher. II. (Schluß.) (O. Pfülf 8. 9.) — Aubrey de Vcrc. Eine litcrarische Skizze. II. (Schluß.) (A. Baumgartner 8. 9.) Recensionen: Schäfer, Erklärung des Hebräerbriefcs (I. Knabenbauer 8. 9.); Egger, blnohirielion tdeoloZias äo§- matieao geueralis (A. Lehmkubl 8. 9.); Krieg, Lehrbuch der Pädagogik (I. HilgerS 8. 9.); Schreiber, Mis Iris ok^.u§ustus ÜMizr larv (A. Zimmermaun 8.9.). — EmpfchlenSwerthe Schriften. — Miscellen: „Eine Betrachtung über Heiligung im evangelischen und katholischen Sinne"; Kannibalismus in Indien; Die katholische Sommer-Hochschule in den Vereinigten Staaten. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. vr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für 4 M. p. Jahr. 1893. Nr. 24. Inhalt: Kritische Referate über Predigten von Weihbischos Katschthalcr, ?. Krohe, Eisenring, Graßl, Lacordaire und Badoire (Dcppe), das Oklioium wazoris Iisbäomaäao in zwei neuen Rcgensburger Ausgaben (Schrob), äsLlartinis 9ns pontiLcium äs proxaZÄNäa üäs, v. Schil- gen Kirchliches Vermögensrecht in Preußen und JP. Muth Beiträge zur staats- und kirchenrechtlicheu Lehre von den Pfarreien (Bcllesheim), 9oz?se Historz- ot Irelanä (BclleSheim), D jemand Ceremonie!! der alten Kaiserkrönungen (Ebner), von WliSlocki Volksglaube und Volksbrauch der Siebenbürger Sachsen, Th. Achelis Entwicklung der Ehe, Ehrenfeld Ritt ins Zululand und Wende Deutschlands Kolonien (Plaßmann), Na mann Franz Liszt und La Mara Liszt's Briese an eine Freundin (W. Bäumker), Fecht Der weiße Sonntag, R. Al- bers Erzählungen für Erstcommuuicanteii und Schwill inöky Erstbeickt-, Erstcommuniou- undFirmungs-Untcrricht (Rolfus). — 19 Notizen über 7 außerdeutsche Novitäten (S. Bäumer), DebeS' Neuen Handatlas (Plaßmann) und 11 sonstige Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichniß. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ttl-. 11 15. März 1894. e M Zugs s St. Michael als Seelenwäger und Pastor Schenkel als sein Jkonograph. 8. Die Ikonographie des christlichen Mittelalters ist ein viel zu anziehendes Gebiet, als daß es uns wundern dürfte, wenn sich in unseren Tagen, wo die ehemalige Bilderstürmerei des 16. Jahrhunderts anch von billig denkenden Protestanten längst lebhaft bedauert wird, nach dem Vorgänge des sehr verdienten Otte auch protestantische Geistliche darauf begeben. Es darf uns dann aber anch nicht wundern, wenn das Bemühen, die Protestation gegen die Kirche als solche bereits vor dem Protestantismus zu constatiren, wie auf anderen so auch auf diesem Gebiete angetroffen wird. Mit welcher Bosheit und Verblendung dies aber zuweilen verbunden ist, dafür wollen wir hier ein Beispiel anführen. Im Jahre 1877 wurden in der Stcigkirche zu Schaffhausen mittelalterliche Gemälde bloßgelegt, von denen eines den hl. Michael mit einer Waage darstellt, ein Bild, „das mehrere höchst merkwürdige und seltene Züge in sich vereinigt, unter ihnen einen durchaus eigenartigen, der ein Räthsel schwierigster Art zur Lösung aufgibt," wie Herr Pastor I. I. Schenkel meint. Nach jahrelangem Studium sei es ihm jedoch gelungen, des Räthsels Lösung zu finden, und er überrascht damit die staunende Welt in diesem Jahre und zwar im Organ des hist.-antiqu. Vereines des Kantons Schaffhausen: „Beiträge zur vaterländischen Geschichte", 6. Heft, S. 4-22. Das Heft enthält zwei Kunstbeilagen, wovon die eine jenes aufgedeckte Wandgemälde wiedergibt. Wir sehen auf diesem, übrigens höchst unbedeutenden Bilde aus der Zeit von 1500 den hl. Michael neben zwei Heiligen. In der Linken hält er eine Waage, deren (vom hl. Michael aus gerechnet) rechte niederziehende Schale eine unbekleidete menschliche Gestalt beschwert, die sich an einem Kreuze anklammert, während aus der linken, in die Höhe geschnellten, eine Kirche hervorragt. Auf dem linken Waagbalken sitzt eine phantastische Teufelsgestalt, welche mit einer Gabel auf die Kirche in der Schale drückt, wahrend eine andere durch ihr Körpergewicht, das noch dazu durch einen um den Hals gehängten Mühlstein verstärkt ist, die linke Schale in die Tiefe zu ziehen sucht. Mit seiner Rechten gießt der hl. Erzengel aus einem Gesäße eine Flüssigkeit über die durch das nackte Figürchen dargestellte Menschenseele aus. Wir können die weitschweifigen, bis auf die mit den Haaren herbeigezogenen altgriechischen, ägyptischen, buddhistischen, mohamcdanischen Analogien eingehenden Untersuchungen des Herrn Pastors Schenkel bei Seite lassen. Die der mittelalterlichen Darstellung des hl. Michael zu Grunde liegende Idee kommt in Schenkels Studie nicht zum adäquaten Ausdruck. Die Bezeichnung des hl. Michael als Seclen- wäger ist eine äußerliche, beinahe triviale. Die Waage, ursprünglich auf Weltgerichtsbildern für sich vorkommend, gilt als Symbol der göttlichen Gerechtigkeit. Dieses Symbol wird später dem von Uranfang an von Gott mit der Exekutivgewalt betrauten hl. Michael, der darum in der Rechten gewöhnlich das Schwert oder Kreuzpanier trägt, in die Hand gegeben. Die christlichen Künstler wußten diese wenigen Motive auf die mannigfaltigste Weise zu verwerthen und zu beleben, indem sie z. B. den naheliegenden Akt des Wägens der Menschenscelen einführten, den hl. Michael für oder gegen eine Seite Partei ergreifen ließen rc. Doch uns intercssirt zunächst das Bild in der Steigkirche und „die Lösung seines Räthsels", wie sie Pastor Schenke! gibt. „Weitaus das Merkwürdigste in dem Gemälde der Steigkirche ist, wie er meint, daß in der Waagschale linker Hand eine Kirche steht. Was soll diese Kirche bedeuten? . . . Ein Bild der Scclcnwägung, auf welchem eine Kirche dargestellt ist, kam mir allerdings vor. Dasselbe befindet oder befand sich als Fresko in der Kirche zu Velemer in Ungarn." Dort stelle nämlich ein Engel das Kirchlein auf das rechte Ende des Balkens der vom hl. Michael gehaltenen Waage; es spreche also das Kirchlein für die gewogene Seele. „Nun aber liegt ja die Schwierigkeit im Steigbilde eben darin, daß die Kirche sich in der Sündenschale befindet. Sie spricht danach gegen die Seele. Sie symbolisirt eine Schuld. Die zwei Teufel sind geschäftig, nicht etwa, sie aus der Schale hinauszuwerfen, was sie thun müßten, wenn ihr Gewicht zu Gunsten der Seele spräche, nein, sie bemühen sich, ihr ohnehin zum Nachtheil der Seele wirkendes Gewicht nach Kräften zu vermehren" (S. 19). Und so strengt sich Pastor Schenkel in fast krampfhafter Weise an, eine antikirchliche, ja „antirömische" (S. 22) Tendenz aus dem Bilde herauszuklügeln. Und was sollte es anch anderes enthalten? „Handelt es sich etwa beim Steigbilde um eine bestimmte Person, und bestand deren Versündigung vielleicht darin, daß sie eine Kirche erbaute aus erwuchertem oder geraubtem Gute, mit den Thränen von Wittwen und Waisen? Schwerlich! Wenn ungerechter Besitz zum Ban eines Gotteshauses diente, so war die mittelalterliche Kirche in ihrer Beurtheilung des Falles sehr zur Milde geneigt. Der Zweck heiligte das Mittel." „Ist es etwa die Seele eines Priesters, die gewogen wird, und will mit der Kirche in der Schale links gesagt werden: die Schuld des Mannes sei um so schwerer, weil ein Diener des Heiligthums sie auf sich lud :c.?" Gewiß nicht! „Die römische Kirche war zu allen Zeiten viel zu politisch, als daß sie die dunklen Thaten ihres Klerus so an die Oeffentlichkeit gezogen hätte". Und nun soll der wahre Sinn des Steigbildes in Folgendem zu suchen sein: Die bloß äußerliche Zugehörigkeit zur Kirche sei allein nicht zum Heile, sondern gereiche nur zu um so größerer Verantwortung u. a. m. Allein derartige Grundsätze, wie Sie, Herr Pastor, dieselben aus dem Bilde herauslesen zu dürfen glauben, sind so ziemlich auch katholisch, nur mit der bestimmten Ausnahme, daß sich die katholische Kirche in ihrem Lehramts nie zu der wahrhaft horrenden und für den größten Theil der Menschheit geradezu verzwciflnngsvollen Behauptung verstieg, die Sie in ächt lutherischer Weise wagen, daß nämlich die nicht im Gnadenstande gewirkten guten Werke „strahlende Sünden" (S. 21) seien und „in die Sündenschale gehören". Schade nur, daß das fragliche Bild bei nüchterner Betrachtung keinen Gedanken an jene Grundsätze erweckt. Eine antikirchliche Tendenz würde aber weder in ihnen liegen, noch ist sie zu finden in dem Bilde der Steigkirche. Ich will Ihnen vielmehr, Herr Pastor, um zum Schlüsse zu kommen, kurz des Räthsels Lösung geben. Wie der Dichter, so setzt auch der Künstler zuweilen die Ursache statt der Wirkung. Man nennt das Metonymie. Das ist auch auf dem 82 Steigbilde der Fall. Statt der nachgelassenen Sünden, die nichts mehr wiegen, findet sich in der linken Waagschale des Steigbildes einfach die Kirche, als die Sühneanstalt (dgl. Joh. 20, 22 f.), wie anderwärts, was Sie ja selbst wissen, das Lamm Gottes. Was Sie von einem zum Nachtheile der Seele wirkenden Gewichte der Kirche faseln, entspringt einer mehr als bloß optischen Täuschung. Denn Sie müssen ja doch sehen, daß die Schale mit der Kirche in die Höhe geht. Was aber den Satz: der Zweck heiligt die Mittel, betrifft, so belieben Sie ihn einmal gefälligst aus der Mittelalterlichen Kirchenlehre zu beweisen. Eine krasse Unkenntniß sodann, und wenn nicht dies, dann eine um so größere Bosheit verräth aber der Satz: .-Die römische Kirche war zu allen Zeiten viel zu politisch, als daß sie die dunklen Thaten ihres Klerus so an die Ocffentlichkeit gezogen hätte." Soll ich Sie etwa mit einer Wolke von Beispielen gleichsam bedecken, welche alle Zeigen, wie die kirchlichen Künstler, angefangen von dem Zeitpunkte, wo das dramatische Moment der Scheidung der Auferstehenden in die Glückseligen und Verdammten in die Weltgerichtsbilder aufgenommen wurde — ungefähr von der Zeit des Meisters vom Weltgerichte im Campo Santo zu Pisa und des Deutschen Stephan Lochncr — bis herauf zu Cornelius und weiter, sich nicht scheuten, unter den Unglückseligen auch Ordensleute, Weltgeistliche, ja selbst auch mit Jnful, Cardinalshut und Tiara ausgezeichnete Häupter aufzuführen? Doch genug über das Steigbild zu Schaffhausen und seines Räthsels Lösung. In dem gleichen Band „Beiträge zur vatcrl. Geschichte" des Schasfhausener hist.-antiqu. Vereins findet sich noch ein anderer Beweis dafür, wie unzuverlässig Protest. Berichte über rein katholische Dinge zuweilen ausfallen können. Herr Nob. Harder veröffentlicht hier ein Jahrzeitbuch (Anniversarienvcrzeichniß) der Leutkirche St. Johannes in Schaffhausen und schickt demselben in bester Absicht einige einleitende Bemerkungen über die bei der Jahrtagsfeier in Betracht kommende kirchliche Liturgie voraus. Trotzdem er sich aber bei seiner Arbeit der Unterstützung zweier Pastoren erfreute, gewinnen doch gerade seine liturgischen Erklärungen manchmal einen fast komischen Anstrich. Ich begnüge mich damit, nur seine Beschreibung der Seelenmesse hieher zu setzen: „Wie die öffentliche Messe, so setzt sich auch die Privat- oder Seelenmesse zusammen aus: 1. dem Jntroitus oder Eingang, bestehend in dem Wechselgesang eines Psalmverses oder sonst einer Bibelstelle, dem dreimaligen L^ris eleisoir und der sogen. Doxologie oder Lobpreisung; 2. dem Graduale d. i. dem Gesang eines Psalmenoder Bibelvcrses, dem der Segen und die Anrede des Priesters, sowie die Verlesung des Episteltextcs vorausgeht. Nach 3. dem Ollsrtoriuw, womit die Brode aufgelegt und die Mischung des Weines nebst der Hand- waschung vorgenommen wird, folgt 4. der Lanon wissao, die eigentliche Meßhandlnng. Sie wird eingeleitet durch ein Dankgebet für die Erlösung, die Anrufung Gottes um gnädige Annahme und die Fürbitte für den Stifter und seine Angehörigen. Es erfolgt sodann unter verschiedenen leisen Gebeten, namentlich auch dem für die Verstorbenen, die Weihung, Brechung und Austheilung der Hostie und der Abendmahlsgenuß des Cclebrauten, worauf die Feier mit 5. der l^ootoomurunioii, dem Gesang eines kurzen Gebetes und nachherigem Segen schließt." (S. 102.) Diese Ausführungen schließen jede böswillige Insinuation gegen die katholische Kirche aus und sind deßhalb wesentlich anders zu beurtheilen, als jene des Herrn Pastors Schenkel. Doch sollte man von einer Arbeit, welche mit Unterstützung zweier Geistlichen erstellt ist, die noch dazu zu den „Tit. Archivbeamtungcn" gehören, und bei denen deßhalb wenigstens um des historischen Interesses willen eine genauere Kenntniß der uralten katholischen Liturgie vorauszusetzen wäre, bessere Informationen erwarten können. Wir schließen, indem wir dem hist.-antiqu. Verein des Kantons Schaffhansen den guten Rath ertheilen, in den Nedactionsausschuß der Beiträge zur vaterländischen Geschichte nur solche Mitglieder zu wählen, welche bei feinem, namentlich dem Historiker ziemenden, Takte gegen Andersgläubige der Fähigkeit zu sachlicher Kritik nicht entbehren. Dann wird der wahren Toleranz und der historischen Wahrheit zugleich gedient sein. Der Herbartiniiisllms an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien. 2^2 Im 2. Hefte des Jahrbuches für Philosophie und spekulative Theologie, herausgegeben von Professor Commer (Jahrgang 1893/94), veröffentlicht Kanonikus Or. Gloßner einen trefflichen Artikel über den ebenso weitgreifenden wie unheilvollen Einfluß, welchen die Her- bart'sche Philosophie auf Geist und Methode der Erziehung und des Unterrichtes gewonnen hat. Der gelehrte Verfasser beabsichtigt mit dieser seiner Arbeit, die Aufmerksamkeit der maßgebenden Faktoren auf die Gefahren des Eindringens Herbart'scher Lehrbücher in die Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen hinzulenken. Um diesen Zweck noch besser und nachdrucksamer zu ermöglichen, wollen wir auch den werthen Lesern unserer Blätter die Hauptgedanken des erwähnten Artikels vorführen. Um so mehr fühlen wir uns dazu gedrängt, weil viele unserer Leser als Schulinspektoren oder Lehrer mit den der Schule drohenden Gefahren näher bekannt gemacht werden müssen. Dies nun eindringlicher und concret zu thun, wählen wtr mit dem Verfasser als stellvertretendes Beispiel ein Lehrbuch, das seit Jahren unbeanstandet an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien gebraucht wird: „Die allgemeine Erziehungslehre. Lehrtext zum Gebrauche an den Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen. Von Schulrath Dr. G. A. Lindner. 6. unveränderte Auflage. 1886." Das vorliegende Lehrbuch ist durchweg im Herbart'schen Geiste geschrieben. Daran vermochte die Berücksichtigung der „Empiriker" nichts wesentlich zu ändern. Wenn die Herbartianer das Verdienst beanspruchen, strenge Wissenschaft mit Gläubigkeit und Religiosität zu verbinden, werden wir im Verlauf dieser Ausführungen wohl erkennen, daß die Wahrheit und Wirklichkeit diesen schön klingenden Versicherungen durchaus nicht entspricht. Die Herbart'sche Philosophie wird uns geradezu ungeeignet erscheinen, die unentbehrlichen psychologischen und ethischen Grundlagen einer wissenschaftlichen Pädagogik zu bieten. Unstreitig bedarf die Erziehungsknnst und Erziehungswissenschaft einer reichen psychologischen Erfahrung, einer klaren und tiefen Erkenntniß der Seele und des Seelenlebens. Soll doch vor allem die Erziehung einwirken auf die Seele und ihre Vermögen, insbesondere auf Verstand und Willen. Der Erzieher aber wird dies um so erfolgreicher können, je gründlicher er die Natur und Entwicklungsgesetze der Scelenvermögen, die Art ihres Zusammenwirkens, ihre gegenseitige Abhängigkeit n. dgl. erkennt. Der Blick in unser eigenes Innere, wie die Beobachtung der Aeußerungen fremden Seelenlebens zeigt uns das Bild einer ungemein reichen Mannigfaltigkeit derBethätigungen innerhalb der Einheit des Selbstbewußtseins, die Gegensätze sinnlicher und geistiger, innerlich auffassender und nach außen strebender Vermögen. Vorzugsweise gibt sich in der Thatsache der freien Selbstbestimmung und der wirklichen oder angestrebten Herrschaft des Willens über die niederen Triebe und Strebungen ein nach innen und außen wirksames und selbständig thätiges Prinzip kund. Diesen Erfahrungsthatsachen aber widerstreitet geradezu die Herbart'sche Psychologie. Das Lindner'sche Lehrbuch sagt (S. 4 f.) uns: „Die sogenannten Seelenvermögen: Verstand, Vernunft, Gedächtniß, Einbildungskraft u. s. w., gehören nicht zu den Uran lagen und sind vielmehr abgeleitete Vorgänge, die sich aus der Wechselwirkung der Vorstellungen ergeben. Denn der Inhalt unserer Vorstellungen ist in keiner Weise angeboren, sondern kommt uns von außen zu durch die Sinne. Angeboren sind uns nur die formellen Verschiedenheiten der Art, wie die Seelenzustände im Bewußtsein auftreten und wie sie verlaufen. Der eine faßt lebhaft und tief auf, der andere matt und seicht; der eine begreift augenblicklich, während der andere mit seiner Auffassung nur nachhinkt. Die Ursache hiervon liegt zumeist in der ererbten Beschaffenheit des Nervensystems, welche wir das Temperament und Naturell nennen... Alle Anlagen sind ursprünglich körperliche Anlagen, d. h. gewisse angeborne Beschaffenheiten des leiblichen Organismus. Jnsoferne jedoch die letzteren einen Einfluß haben auf das Auftreten und den Verlauf der Seelenzustände, kann man auch von geistigen Anlagen sprechen." Die wahren Gründe — wenn auch unausgesprochen — für Lindner, mit Herbart, seinem Meister, die Existenz der Seelenvermogen zu leugnen und das gesammte Seelenleben auf die Wechselwirkung der Vorstellungen zurückzuführen, liegen in der Herbart'schen Begriffsbestimmung der Seele. Nach Herbart (Werke, Bd. 5, S. 108 ff.) „ist die Seele das einfache Wesen, dessen Sclbsterhaltungen Vorstellungen sind. Die Seele ist ein einfaches Wesen; nicht bloß ohne Theile, sondern auch ohne irgend eine Vielheit in ihrer Qualität... Die Seele hat gar keine Anlagen und Vermögen, weder etwas zu empfangen, noch zu produziren. Sie ist demnach keine tusiulu raoa, in dem Sinne, als ob darauf fremde Eindrücke gemacht werden könnten; auch keine in ursprünglicher Selbstthätigkeit begriffene Substanz in Leibniz' Sinne. Sie hat ursprünglich weder Vorstellungen, noch Gefühle, noch Begierden; sie weiß nichts von sich selbst und nichts von anderen Dingen; es liegen auch in ihr keine Formen des Anschauens und des Denkens, keine Gesetze des Wollens und Handelns; auch keinerlei wie immer entfernte Vorbereitungen zu dem allem. Das einfache Was der Seele ist völlig unbekannt und bleibt es auf immer; es ist kein Gegenstand der spcculativen so wenig als der empirischen Psychologie. .. Die Selbst- erhaltungen der Seele sind Vorstellungen und zwar einfache Vorstellungen, weil der Akt der Selbsterhaltung einfach ist, wie das Wesen, das sich erhält. Daniit besteht aber eine unendliche Mannigfaltigkeit von mehreren solchen Akten; sie find nämlich verschieden, je nachdem es die Störungen sind. Demgemäß hat die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen und eine unendlich vielfältige Zusammensetzung derselben gar keine Schwierigkeit. . . Der Gegensatz zwischen Seele und Materie ist nicht ein solcher in dem Was der Wesen, sondern er ist ein Gegensatz in der Art unserer Auffassung. Die Materie als ein räumlich Reales, mit räumlichen Kräften vorgestellt, wie wir sie zu denken Pflegen, gehört weder in das Reich des Seins, noch in das des wirklichen Geschehens, sondern sie ist eine bloße Erscheinung. Eben dieselbe Materie aber ist real als eine Summe einfacher Wesen; und in diesem Wesen geschieht wirklich etwas, welches die Erscheinung einer räumlichen Existenz zur Folge hat." Nach Lindner (a. O.) sind Verstand, Vernunft, Wille u. s. w. Ergebnisse der Wechselwirkung sinnlicher Vorstellungen. Offenbar eine Theorie des reinsten Materialismus. Da kann es freilich nicht befremden, wenn es heißt, die Seele sei nicht wesentlich verschieden von den Elementen der Körperwclt. Die Auffassung der Materie als eines bloßen Phänomens ändert nichts an diesem groben Materialismus. Denn die Seele und die Elemente der Körperwelt werden eben als Principien einer materiellen Welt, also materiell gedacht und bestimmt. Erklärte doch oben Herbart die Seele als einfaches Wesen, dessen Selbsterhaltungen Vorstellungen sind. Die Vorstellungen aber sind ihm Produkte mechanischer Verhältnisse, eines Mechanismus der Elemente, wie alle übrigen Seelenphänomeua außer den Vorstellungen Produkte des Mechanismus der Vorstellungen sind. Die Vorstellungen sind nach Herbarts Ansicht Selbsterhaltungen der einfachen Wesen gegenüber Störungen, welche von außen kommen. Wie nun aber soll man sich dies erklärend Herbart findet den Grund der mannigfaltigen Erscheinung (des Scheines) in der Vielheit der einfachen Wesen, welche in dem mechanischen Verhältniß des Druckes und Gegendruckes zu einander stehen. Diese einfachen Wesen suchen in einander einzudringen, setzen aber einen Widerstand entgegen und erhalten sich selbst gegenüber den von außen wider sie eindringenden Störungen. Er unterscheidet eben die Welt des Scheins, d. i. der Erscheinung, und die Welt des Seins. Alles, was wir unmittelbar, äußerlich oder innerlich, erfahren, gehört der Welt des Scheines an, hinter der aber eine Welt des Seins angenommen werden mnß; denn „soviel Schein, soviel Hindeutung auf Sein". Der Schein ist relativ, das Sein absolut, unbeschränkt, einfach, unveränderlich. Das Sein ist jedoch nicht eines, das alles ist, sondern, entsprechend dem mannigfaltigen Scheine, eine Vielheit von einfachen Wesen, welche alle ebenso absolut, unbeschränkt, unveränderlich u. dgl., also ebcnsovicle Götter sind (Pantheismus). Darum weiß Herbart auch von diesen Wesen keinen Weg zu einer schöpferischen Ursache der Welt zu finden. Die Herbart'sche „Wissenschaft" ist und bleibt atheistisch, sofern sie die Annahme eines höchsten Wesens im religiösen Sinne ausschließt, pan- theistisch, sofern die von ihr angenommenen Wesen alle die göttlichen Eigenschaften der Absolutheit, Einfachheit, Ewigkeit n. s. w. haben, materialistisch, sofern diese Wesen auch ganz wie die Atome Demokrits und Epikurs in bloß mathematisch-mechanischen Beziehungen sich bethätigen. Allerdings wollen die Herbart'schen Pädagogen, so auch insbesondere unser Lindner, jene atheistischen und materialistischen Theorien ablehnen, aber sie nehmen Lehren an und stellen Behauptungen auf, welche mit jenen abgelehnten stehen und fallen. Oder sind das nicht Herbart'sche Wege und Spuren, das gesammte Seelenleben auf Vorstellungen zurückzuführen und alles andere aus mechanischen Verhältnissen, aus der wechselseitigen Förderung und Hemmung, Anziehung und Abstoßung der Vorstellungen abzuleiten? Somit beherrscht Materialismus und Mechanismus ihre Pädagogik, weil er ihre Psychologie durchdringt. Der Vor- wnrf des Atheismus mag im subjcctiven Sinne viele Pädagogen der Herbart'schen Schule nicht treffen, aber auf alle trifft er im objectiven Sinne zu. Dies wird uns besonders klar werden bei Betrachtung der ethischen Grundlage der Herbart'schen Pädagogik L 1a Lindner. Doch bleiben wir noch zunächst bei der Lindner'schen Psychologie. Die sogenannten Seelenvermögen sind ihm, wie wir oben schon gehört, nur abgeleitete Vorgänge, welche sich aus der Wechselwirkung der Vorstellungen ergeben. Auf diese Weise erscheint die Psychologie als die reinste Mechanik der Vorstellungen. Von einem snbstanziellen Ich, einem thätigen Selbst, einer freien Selbstbestimmung des Willens kann da keine Rede sein. Das Ich ist Ergebniß der innigen Verschmelzung und Verflechtung der Vorstellungen, der Schwerpunkt gleichsam eines Vorstellungscomplexes. Da wird die Freiheit geradezu zum Scheine, zur Selbsttäuschung. Wo bleibt da für die Pädagogik eine wahre und gründliche Erkenntniß der Seele und des Menschen? Irrthümer aber über das Wesen der Seele und des Menschen führen nothwendig zu einer falschen Bestimmung des Endzwecks des menschlichen Lebens und des Zieles der Erziehung. Die Herbart'sche Theorie widerspricht geradezu dem Zeugniß des Bewußtseins, der inneren Erfahrung. Ist das Selbstbewußtsein die Erscheinung des Seelen- wesens, so kann dieses nicht ein todtes, vermögen- und thätigkeitsloses Reale im Sinne Herbarts sein, welches keine Macht über seine Vorstellungen besitzt und starr und unthätig hinter ihnen steht. Vielmehr muß die Seele als ein selbstthätiges, sich mit Freiheit bestimmendes Wesen mit einer Vielheit von Vermögen und Thätigkeiten anerkannt werden. (Fortsetzung folgt.) Eine „Sammlimg theologischer Lehrbücher" mit besonderer Berücksichtigung der Neligions- philosophie. (Schluß.) III. O. Was zunächst die Religionsphilosophie auf Seite der protestantischen Wissenschaft betrifft, so können uns ja hier Neberraschungcn kaum mehr zu theil werden, und Siebeck begreift seine Stellungnahme innerhalb dieser eigenthümlichen Richtungen vollständig. Bekannt sind ja die in neuester Zeit erschienenen Ncligionsphilosophien von Teichmüller, Otto Pfleiderer, Nauwenhoff, Rudolf Seydel. Der verstorbene Professor Teichmüller in Dorpat wird in der Regel als „theistischcr gerichteter Neligions- philosoph betrachtet", Pfleiderer ist Pantheist, Nauwenhoff sagt unö: „Glaube an uns selbst", das ist das höchste Erkenntniß- und Lebensprincip. Nauwenhoff versteht darunter „die Nothwendigkeit, aus das zu vertrauen, was sich als Gesetz unserer Anlage bet unserem Fühlen, Denken und Urtheilen geltend macht". Neuestens hat man sich gar noch bewogen gefühlt, bi Neligionsphilosophie des verstorbenen Leipziger Professors Ludwig Seydel aus dem Nachlaß herauszugeben, ein opus, aus dem keine Klarheit gewonnen werden kann. Seydel ist ein Phantast. Bis zum Jahre 1680 war er ein geradezu fanatischer Anhänger der Freimaurerei und glaubte im Frcimaurerbnnde den Anfang des Werdens einer wahrhaft christlichen, idealen Kirche zu sehen. 1880 trennte er sich, in seinen Hoffnungen getäuscht, von der Freimaurerei und warf sich der buddhistischen Richtung in die Arme, trieb Buddhismusschwärmerei in seinem Werk: „Das Evangelium von Jesu in seinen Verhältnissen zur Buddha-Sage und Buddha-Lehre." Den Abschluß seiner literarischen Thätigkeit bildet „die Neligionsphilosophie tm Umriß." Der ursprüngliche Titel sollte lauten: „Die Religion der freien Gotteskindschaft im Umrisse einer Neligionsphilosophie." Gegenüber diesen verschiedenen Versuchen, eine Neligionsphilosophie aufzubauen, nimmt Hermann Siebeck insofern eine eigenartige Stellung ein, als er ohne Zweifel von dem für ihn feststehenden Antagonismus zwischen Cultur und Religion ausgeht, Cultur die These und Religion die Antithese. Damit hat Siebeck einer gegenwärtig herrschenden Richtung Rechnung getragen. Hat man bisher bald das Absolute, bald den Urstoff als Embryo betrachtet, der sich in eine ganze Welt entwickelt, so ist jetzt dieser Embryo der Begriff Cultur. Siebeck sagt: Der Culturproceß verläuft in unbestimmte Ferne und Höhe; wie seine Anfänge in das Dunkel der Vorzeit, so verliert sich sein zukünftiger Verlauf in ein Stadium immer zunehmender Vervollkommnung, für welche keiner der erreichten Zustände je als letzter und abschließender zu gelten hat. Inhalt und Zweck der Welt fallen zusammen in dem Begriff der sich selbst bedingenden und sich selbst in unaufhörlichem Fort- gange vollendenden Ausgestaltung der Welt zum Schauplatze und zugleich zur Substanz des sich immer mehr erweiternden und vertiefenden Lebens der Menschheit." Aber diesem Culturproceß stellt die Religion ein Bein. Wie löst sich dieser Kampf? Siebeck weiß uns schließlich nur eine Antwort zu geben, die im monistisch- evolutionistischen System mündet und nur ein neues Problem stellt. Nach einer überaus schwierigen Darstellung von über 400 Seiten weiß uns Siebeck keine andere Auskunft, als: „Die Persönlichkeit, die sich als Glied des Weltprocesses erlebt, mutz und darf zugleich das Bewußtsein haben, ein Princip zu sein, welches ihm nicht untergeordnet, sondern übergeordnet ist. Diejenige Seite der Cultur nun, kraft deren die Persönlichkeit dieses Bewußtsein in sich findet und in seiner Bedeutung zu würdigen vermag, ist die Religion, sofern diese das Bewußtsein des absoluten Werthes der Persönlichkeit festhält gegenüber allem Anschein ihrer Jnferiorität angesichts des Stromes der Gesammtentwicklung." Doch da erhebt sich sofort gebieterisch die Frage: Was ist Persönlichkeit? Denn diese Frage wird sich nicht entscheiden lassen, wenn nicht zuvor die andere entschieden ist, wie sich der Geist oder die Seele zum Körper stellt. Darauf weiß aber Herr Siebeck keinen Aufschluß zu geben. Denn S. 427 sagt er diesbezüglich: „Diese beiden Seiten, nämlich die seelische und die leibliche, müssen wegen der Einheitlichkeit der Entwicklung des Organismus als die verschiedenartigen und doch verwandten Triebe aus einer und derselben Wurzel angesehen werden und als solche ist ein einheitlicher Lebensgrund vorauszusetzen, der als dasjenige zu gelten hat, was sich erscheinungs- und erfahrungsgemäß in dem Wechselverhältniß der beiden bezeichneten Seiten des (psycho-physischcn) Organismus ausschließt und darstellt, 85 dessen Wesen ,an sich' aber der wissenschaftlichen Methode und Erkenntniß sich entzieht." Wer will sich da wundern, daß Siebeck nicht zu einem Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, zu keinem Beweis für die Bestimmung des Menschen, zu keinem Beweis für die Existenz Gottes und natürlich noch weniger zu dem Begriffe der Persönlichkeit Gottes gelangt. Indeß hören wir einmal die auf monistischer Basis stehende Anschauung Siebecks über die Persönlichkeit des Menschen (S. 169): „Der Gang der Entwicklung führt vom unpersönlichen Wesen des Kindes zu dem persönlichen Bewußtsein des Erwachsenen und andererseits von der dem Wesen der Persönlichkeit nur sehr unvollkommen entsprechenden geistigen Beschaffenheit des Naturmenschen zum durchgebildeten persönlichen Selbstbewußtsein des eigentlichen Cultur menschen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung macht eine Bestimmtheit des Bewußtseins aus, kraft deren der Einzelne sich nicht mehr bloß als ein im Wesentlichen passives Theilstück einer sehr unbestimmt abgegrenzten Umgebung weiß und fühlt, sondern sich selbst als selbständige Einheit gegenüber einer Welt zum Bewußtsein gekommen ist." Trotzdem Siebeck mit dieser Darlegung auf die Höhe moderner Aufklärung steigt, scheint er uns sie doch nicht voll erreicht zu haben, denn sonst hätte er viel concreter also sagen können: Die Persönlichkeit ist ein Charakter- isticnm der Langköpfe, während die Rundköpfe noch unpersönliche Wesen sind, weil sie durchaus passiver Natur und geborene Autoritütsmenschen sind, durchaus abhängig von der sie umgebenden Autorität. Denn zu diesem Resultat ist die neueste Forschung der Wissenschaft gelangt. Wer es nicht glaubt, der lese Otto Ammon's Werk „Die Auslese beim Menschen". Dort wird er S. 219 finden: „Die Nnndköpfe sind geborene Autoritätsmenschen," ferner Seite 220: „Die Eigenschaften, welche die Kirche von ihren Parochialgeistlichen verlangt, sind die des Nnndkopfs. Die ganze Veranlagung dieses Typus macht ihn zu gehorsamen und daher tauglichen Werkzeugen der Kirche." Früher hatte schon De Lapouge bemerkt: „Von Religion ist der Nnndkopf Katholik." Lassen wir diese Abschweifung. Siebcck hat sich mit seiner Neligionsphilosophie offenbar überstürzt. Er sagt nämlich in dem Abschnitt über die Aufgabe und Methode der Neligionsphilosophie Seite 31 u. f.: „Neligionsphilosophie bedeutet nicht Anwendung von Religion auf Philosophie, sondern Anwendung der Philosophie auf die Thatsache der Religion." Er sagt weiter wörtlich: „Die Neligionsphilosophie ist die Anwendung der Philosophie als der Wissenschaft von dem Wesen und der Bethätigung des geistlichen Lebens auf die Thatsache der Religion als einer bestimmt unterschiedenen Ausgestaltung desselben." Wir stellen nun die Frage: Warum hat uns Siebeck nicht zuerst mit einem System der Philosophie beehrt? Denn soviel wir wissen, ist Siebeck zunächst nur mit historischen Arbeiten in die Oeffentlichkcit getreten, zuletzt mit der Geschichte der Psychologie. Wir sind nun der Ansicht, hätte Siebeck zuerst auf Grund der Begriffs- formnlirung, wie sie seiner Neligionsphilosophie zu Grunde liegt, ein System der Philosophie ausgearbeitet, niemals hätte er eine Neligionsphilosophie in die Öffentlichkeit geschickt, höchstens wäre ein Werk zu Stande gekommen, ähnlich dem des Jenaer Professors Encken: „Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und That der Menschheit." Dadurch aber, daß Siebecks Neligionsphilosophie in diese Sammlung theologischer Lehrbücher aufgenommen ist, ist diese Art Theologie selbst uä nstsuräuin geführt, d. h. sie ist nicht mehr Theologie, sondern die vollständige Negation derselben. Denn ist einmal die Wahrheit des Christenthums in seinen Dogmen für vogelfrei erklärt und total destruirt, so ist nothwendig die Wahrheit der Religion überhaupt und der die Religion tragenden Vernnnftwahrheiten preisgegeben. Welche Consequenzen aber hierin für die Politik sich ergeben, dieses Thema mag einer späteren Erörterung vorbehalten sein, soweit sie Zeit und Umstände ermöglichen. Eine Studie über den hl. Joseph, ob Zimmer- mann oder Architekt? Von Dr, Sep p. Unter den Darstellungen im Evangelium, welche die Kunst uns bietet, schien mir immer eine unannehmbar, wenn er, welcher noch nach seinem zwölften Jahre seinen Eltern in Nazareth unterthänig war (Luk. II, 51), als Lehrjunge im Zimmerhandwerk Hobelspühne auskehrt oder gar in der Vorahnung seines gewaltsamen Todes aus einem Brettstücke ein Kreuz sägte, wieOverbeck und Steinle, diese wahrhaft christlichen Maler den Knaben Jesus uns bildlich vorführen. Was sagen wir erst zu Uhde, wenn er den Socialismus ins Kunstgebiet einzuführen beliebt, seine Vorbilder nicht bloß von der Straße holt, sondern aus dem Strafarbeitshause zu entlehnen scheint, und den Nährvater Christi als Holzhauer mit der Säge über der linken Schulter, Maria aber wie eine Holzträgerin mit der Eßwaarentasche in der Hand uns vorpinseltl Die Kunst soll uns erheben und erbauen, und nicht aber ins Gemeine ausarten, was schon Albrecht Dürer an gewissen holländischen Kollegen mit der bedenklichen Frage rügte: „Kann man so etwas auch malen?" wenn sie Wirthshansscenen, Saufereien und Schlägereien zum Gegenstand ihrer Darstellung wählten. Der heilige Joseph, dessen Jahresfest wir wieder begehen, gilt für den Schutzherrn der Zimmerleute. Gut! Sieht man aber näher zu, so darf er noch viel mehr für den Patron der Architekten gelten, doch das haben wir erst näher zu beweisen. Den vornehmsten Patron haben wohl die Architekten eigentlich in der Person Jesu selbst. Bei Markus VI, 2 f. lesen wir vom Ausdruck der Verwunderung, welche die Nazarethaner über die Weisheit Jesu erhoben: „Ist denn dieser nicht der Zimmermann, Josephs des Zimmermanns Sohn?" Mit dieser Uebersctzung und Auslegung bin ich nicht einverstanden. Gewiß adelte er die Arbeit. Die Rabbiner: machten es jedem Vater zur Pflicht, seinen Sohn zu einem anständigen Geschäfte zu erziehen. Im Talmud Liäänsolrin Fol. 4, 41 spricht der berühmte N. Meir: „Jeder gebe sich Mühe, seinen Sohn eine ehrsame Kunst ergreifen zu lassen." So könnten wir eine Reihe der Lehrer in Israel, von den Zeitgenossen Jesu angefangen, aufzählen, welche diesem oder jenem Berufe sich widmeten. Spinoza brachte sich mit Glasschleifen fort. Paulus war ein Zeltweber. Von Sokrates, welchen das Orakel zu Delphi für den weisesten Sterblichen erklärte, zeigten die Athener die Gruppe der Grazien. 86 Was Wunder, wenn auch der Davidsohn sich zu einem Handwerk oder Kunstzweig verstand! Das griechische -rsxrtuv, tcleton im obigen Schrift- jexte stimmt zum ägyptischen Tehuti, wie der Weltbaumeister heißt. Schon Platon vergleicht cko rspustl. X, 586 den Weltschöpfer oder göttlichen Demiurg mit einem Baumeister. Architekt wird mit Oberzimmermann übersetzt, was mir kindisch vorkömmt, ll'clrtoii soll wahrscheinlich das hebräische clmrascli wiedergeben, welches ebenso mit wibilcx wie mit lasier sich übersetzt. Ist doch auch lasier vieldeutig, und kann Zimmermann, Schreiner, Schmied, überhaupt Künstler, wie aurj lasier den Gold- und Silberarbeiter bezeichnen. Dasselbe gilt von Schmied; wir haben nicht bloß den Eisen-, Kupfer- und Blechschmied, sondern die Apostelgeschichte nennt uns z. B. XIX, 2-1 einen Silberschmied, und der kunstfertige Geschmeidemacher ist auch ein Schmied, ja früher galt sogar der Ausdruck Brodschmied. Eigentlich ist Zimmern kein in Palästina übliches Handwerk, weil es an Holz gebricht. Wie Salomon und die Kaiser Assyriens die Stämme zu ihren Bauten vom Libanon holten, so die Phönizier ihre Mastbüume aus den Alpen. Unser Wort Brett ist punisch Lerotsi, Fichte und die Seestadt Beruth in Syrien führt den Namen vom Pinienwald, welcher der Sandwüste die Grenzen setzt; ßpircr?, siretas heißt griechisch der Fichten- pfahl. Die Einfuhr aus Dnlmatien in Aegypten und an der syrischen Küste besteht seit alter Zeit herkömmlich tn Brettern. Wozu ferner der Zimmermann? Die Häuser vertiefen sich, namentlich in Nazareth und Bethlehem noch heute in den Berg hinein und waren ursprünglich Höhlen- wohnungen. Jerusalem ist eben darum eine malerische Kuppelstadt mit Treppenabsätzen zu jeder Stanze, weil die Zimmer in eine Wölbung über dem Viereck sich erschwingen, indem es an Balken zur Zimmerdecke wie zum Dache gebricht. Wir sehen die Grundbedingung zum Kuppelbau zuerst in der heiligen Stadt gegeben. Oliven- holz ist kurz, krumm und spröde, auch nicht die Palme, sondern nur die Cypresse konnte bei horizontaler Lage passen. Der Talmud Lava. Lalsira toi. 15, 1 braucht 6 sioro 2 ain für Waldbezirk, das Wort ist noch dazu assyrisch, und siarecsiani kömmt auf den Thoucylindern von Asarhaddon, Tiglatpilesar und Sanherib vor; aber auf dem Steinboden beim heutigen Keraze oberhalb Telum, dem lelonium, der Zollstatt des Matthäus, kam von jeher nur Gestrüpp fort. Für das lichte Gehölz in Peräa kam das Fremdwort ealtus auf, wovon die Stadt es Salt heißt. So wenig wie für Kunst hat der Hebräer einen eigentlichen Ausdruck für Wald. In der Wüste ersetzt das Zelt das Haus, für Vichheerden gibt es keine hölzernen Pferche oder Almhütten: zum Schutze dienen rohe Steinaufwürfc, hebräisch sialeel, arabisch ckanar genannt, wozu das Material im weiten Felde liegt. Wie nun, wenn wir unter rix-rm'- den Werkmeister zu verstehen haben, dann läßt sich dieser allenfalls in alter Zeit nicht als geschulter Architekt auffassen, sondern als praktisch gebildeter Mann, wie im Mittclalter Steinmetz, allenfalls Bildhauer und Palier, aber auch Baumeister in Einer Person war. Unter König Herodes und seinen Söhnen und Nachfolgern kam das Bauwesen in Palästina erstaunlich in Aufnahme. Er wollte sich vor allem die Ehre nicht entgehen lassen, den Tempel, welchen Esra nur dürftig erneuert hatte, in Salomonischer Herrlichkeit wieder herzustellen und zu dem Ziele und Zwecke um 60 Ellen zu erhöhen. Der jüdische Geschichtschreiber Josephus F-lavius erzählt dabei in seinen Alterthümern XV, 11: „Herodes schaffte tausend Wage» an, um die Steine herbeizuschleppen, wählte 10000 Werkleute aus und ließ 1000 Leviten in der Steinhauerkunst und dem Zimmerhandwerk unterrichten." Wie unter Salomon und II. Kön. XII, 12 der Steinmetzen gedacht ist, so mußte auch Herodes die Werkmeister des ganzen JudenlaudeS aufbieten, und zweifelsohne befand sich Joseph von Bethlehem darunter. Der neue Tempel bau begann 734 nach Noms Erbauung (27 ante aer. vul§.) und dauerte während des ganzen Lebens Jesu bis 817, wo dann Josephus Ant. XX. 9, 7 schreibt: „Da man den Tempelschatz zur Befriedigung der Bauleute verwenden wollte, und da mehr als 18 000 Bauleute müssig gingen und Verdienst suchten, ließ König Agrippa (der Jüngere) die Stadt mit weißem Marmor pflastern." Die Geburt der Gnadenmutter in der Levitenstadt Nazareth fällt in das Anfangsjahr 734, da sie nach kirchlicher Tradition bei ihrer Verlobung 747 in ihrem 14. Jahre stand, und nichts widerspricht der Ueberlieferung des Talmud, daß sie die Tochter Eli's von Aaronitischem Blute war, daher sie als solche Base der Elisabeth unter Anordnung des Priesters Zacharias mit den Tempel- jungfrauen erzogen wurde. Halten wir' immerhin an der St. Aunakirche fest, welche dem Tempelberge zunächst gegenüberliegt, und nach der Vcrkündnng der Immaculata, conccptro 1854 von Kaiser Ludwig Napoleon erworben und auf französische Kosten neu hergestellt ist. Wie berührt sich dies mit der Vermählung mit dem Davididen Joseph! In der Folge aber scheint auch der Sohn der Verheißung und Mann der Zukunft in der Bauhütte seines Nährvaters gearbeitet zu haben und darum selber rixrauv, lad er zu heißen. Vergleiche man hiezn den Ausspruch Christi bet seinem ersten Auftreten als Messias Joh. II, 19: „Brechet diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn neu bauen." Da versetzten die Juden: „Scchs- undvicrzig Jahre ist schon an diesem Tempel gebaut worden und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?" Das Wort des Herrn bezieht sich auf den dritten Tempel, welcher nach Haggai's Prophezie II, 10 größer und herrlicher als zuvor erstehen sollte. In der kssisita eotarta, die mit den Nabboth den babylonischen Talmud (500 aer. vul§.) an Alter übertrifft, ist tot. 58, 2 die Ueberzeugung ausgesprochen: „Die Israelitin werden sich in Obergaliläa versammeln und der'Messias, Sohn Josephs, ihnen zuerst sichtbar werden. Der Messias wird dann den Tempel wiederherstellen und darin opfern." Ebenso lesen wir Lammiüsiar rat)Im lol. 220, 1: „Der König Messias wird gegen Norden aufstehen und sich rüsten, den Tempel gegen Mittag zu bauen." Christus ist hier als Baumeister in Aussicht genommen: eben die Ankündigung, daß er den Jchova-Tempel abbrechen und in kürzester Frist einen andern dafür bauen werde, bildete die Hauptanklage vor dem Hohenrathe, und er mußte diesen Zuruf noch am Kreuze hören. Mark. XIV, 58, XV, 29. Ja, die Wiederholung dieses Drohwortes führt als Lästerung der heiligen Stätte und des Gesetzes zur Steinigung des Stephanus. Apstlg. VII, 14. Beim Herodischen Tempelbau lag der Grundstein und Opferfcls frei, wo nach der Legende Abraham seinen Sohn darbringen wollte, aber auf höhere Weisung 87 das Thieropfer anordnete, welches Christus mit der Austreibung der Viehbändler und ihrer Rinder und Lämmer abschaffte, um dafür das unblutige Osterlamm einzusetzen. Dieser Fels des Fundaments, Lbkir Lolratja, galt für den Schlußstein des Abgrunds, und auf daß die Mächte der Tiefe nicht losbrächen, sollte das immerwährende, tägliche Opfer dargebracht werden. Die Plattform dient zum Hochaltar für die Opfer, und der Stein, welcher nothwendig in jeden christlichen Altar zur Darbringung des unblutigen Laoi-itioiuirr eingefügt sein muß, ist eben ein Abbild jener ursprünglichen keti-a auf dem Berge Moria zu Jerusalem. Somit war schon der Salomonische Tempel eine Felskirche, und in Bezug darauf ergeht das Wort des Herrn: In es 1'strus eb supki staue pstram aeäitieasto ecolksiam maaiu. Luststet es Laestra, Felskuppel, heißt noch heute der Dom über dem hochheiligen Fels, die einstige Sophien- kirche, durch deren Bau Juslinian den Judentempel an Herrlichkeit übertraf und gewissenhaft das Wort des Herrn vom bevorstehenden Neubau erfüllte: es ist die älteste und eigentliche Peters kirche. Sie gilt seit der Besitznahme durch die Muslimen für die drittheiligste aller Moscheen, und mit vollstem Rechte erklärt der arabische Reisende Jakut: „Es gibt in der Welt nichts schöneres." Der Anblick von Außen wie im Innern ist überraschend herrlich. Auf eine Begebenheit bei diesem Tempelban unter Jesu Augen scheint seine Anführung zu deuten: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden, lind wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert, und auf wenn er fällt, den wird er zermalmen." (Matth. XXI, 42, 44.) Das Wort bezieht sich auf Jsaias XXVIII, 16: „Sieh, ich lege in Sions Grundvesten einen Stein, einen bewährten Eckstein" — nämlich den König Messias, wie Jnrchi erklärt. Paulus faßt das Wort I. Kor. III, 11, X, 4 auf: „Der Fels ist Christus, es gibt kein anderes Fundament." Petrus aber führt im ersten Pastoralbriefe II, 5 f. dieß von der neuen Kirchengründung aus: „So bauet euch denn auf Ihn als lebendige Steine zum geistigen Tempel." Natürlich erklärt auch Papst Leo ex. 97 den Grund- und Eckstein von Christus. Das Bild von Zermalmen scheint von I. Kön. XVI, 84 hergenommen, wo vom Aufbau Jericho's die Rede ist. Selbst die Talmudisten bringen Jesus mit diesem hochheiligen Fels in Beziehung, wenigstens lesen wir in dem odiosen „Geschlechtsregist^r" Poloäotst Iksestu ll, 108: Jesus habe den geheimnisvollen Lestkwstarnpstorasost oder Gottesnamen auf dem Lstkir Jostatja gelesen, und kraft desselben seine Wunder gewirkt. Gemeint ist, daß er in die Höhle unter den Grundstein eingedrungen, wo schon die Patriarchen den Namen Jehovas angerufen. Wie hebt doch der Psalmist sein Gebet mit den Worten an: „Herr, du mein Fels!" Was wir bei Mark. III von der Begegnung mit einem Handlahmeu lesen, welchen der Herr in der Synagoge heilte, meldet das Hebraerevangelium aus erster Quelle von einem Steinmetz, der wohl in der Tempelbauhütte die Hand gequetscht hatte. Beim letzten Abschiede vom Tempel „traten die Jünger zu ihm, um ihm die Bauwerke zu zeigen und Einer nahm das Wort: Sieh doch, Meister, welche Stein Massen, welche Gebäude! Jesus aber erwiderte: Du siehst all diese mächtigen Bauten! Wahrlich sage ich euch: kein Stein wird auf dem anderen bleiben und der Zer' störung entgehen." Mark. XIII. Wie auffallend ist im Evangelium fortwährend vom Bauwesen die Rede! Wenn Jesus nach der Angabe des Evangeliums ein sectonisches Handwerk betrieb, gleich andern Nabbinen, ist es nun verwunderlich, wenn wir die dem Herrn zugeschriebene Tektonik von der Baukunst verstehen? Zu dieser Ueberzeugung bringt uns noch näher die Parabel vom weisen Manne (Matth. VII, 24 s., Luk. VII, 48 f.) „Er ist jenem gleich, der ein Haus baut und in die Tiefe grübt, um den Fels zum Fundament zu nehmen. Der Regen bringt eine Ueberschwemmung und die Fluthen schlagen gegen den Bau, die Winde tosen und stürmen dawider, aber sie vermögen es nicht zu erschüttern, denn es ist auf Felsen gegründet. Der Thor hingegen baut auf Sand oder Schutt und auf die Erde hin ohne alle Grundfeste, der Strom schlügt gegen dasselbe an, die Stürme brausen und rasen: da fällt es ein und der Einsturz eines solchen Gebäudes ist groß." Das Gleichniß ist im Grunde von Jerusalem hergenommen, wo wegen der wiederholten Zerstörungen im Laufe der Jahrhunderte der Urbau und Schotter stellenweise bis zu vierzig Fuß tief liegt. Beim Bau des österreichischen Ptlgerhauses grub man an tiefster Stelle im Thalgrund sogar bis achtzig Fuß, und die Nordseite der Sionsmauer steckt noch heute mit der Pforte Gennath im Boden, wie im Kellergrunde. Ruft doch schon Jeremias in feinen Klageliedern II, 8 aus: „Der Herr hat beschlossen, die Mauern der Tochter Sion zu zerstören, um die Zwinger steht es klüglich, in die Erde gesunken sind ihre Thore." Beim starken Spätregen im harten Winter 1873 auf 74 waren in Jerusalem Zwanzig und mehr Häuser eingefallen, welchen der Boden unter den Füßen wich, da sie nur auf Gerölle oberflächlich hingebaut waren. Jesus kannte als Baumeister Jerusalem vom Grund aus. In derselben Zeit herrschte rings um den See eine außerordentliche Bauthätigkeitr denn auch der Vierfürst Philipp us verlegte seinen Sommersitz von PaneaS nach Bethsaida, und erhob dieses zum Range einer Stadt, mehrte ihre Einwohnerzahl und den Wohlstand und schöpfte ihr nach der Kaisertochter Julia den Namen, wie Joscphns Tlrrti^. XVIII, 2, 1 ausdrücklich meldet. Von der Pracht seiner Bauten zeugen noch die aus dem heutigen Mcsadije im weiten Umkreise zerstreuten Werkstücke, wovon mein Freund, der Ingenieur Schumacher, in der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins Abbildungen liefert. Bethsaida war die Heimath von drei Aposteln, Simon Petrus, Andreas und Philippus. Der Landesherr Jesu, HerodeS Antipas, verlegte die Residenz aus Sepphoris, der bisherigen Hauptstadt Galiläas aus galiläische Meer und gründete die Stadt Tiberias, zn deren Bevölkerung er ein Asyl auch für Hellenen eröffnete. Für sich erbaute der Vier- fürst eine Herrscherburg, das noch bestehende, freilich den Einsturz drohende Serai auf der Nordfeite der Stadt. Er richtete das stolze Schloß auch zum Arsenal ein, was ihn wegen der Eifersucht Caligulas den Thron kostete (42 n. Chr.). Wegen der dabei angebrachten Sculpturen wollte schon der zum Statthalter Galiläa's ernannte Jo- sephus den Palast dem Erdboden gleich machen, später legte Jesus bcn Sapphia, der Führer der Fischerinnung, Feuer an. Da der Vierfürst nebenbei in einen Krieg mit den Arabern verwickelt war, ging ihm das Geld aus, und Lukas 14, 28 hat uns die Rüge des Herrn über» liefert: „Wer eine Burg baut, wird sich zuvor setzen und die nöthigen Kosten überschlagen, ob er auch genug hat, das Werk auszuführen, damit nicht nach der Grundlegung die Leute spotten: Sehet! dieser Mann fing zu bauen an und brachte es nicht zur Vollendung." So spricht ein Baumeister; dasselbe erhellt aus den Worten Joh. 14, 2: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten — wo er doch von den Gefilden der Seligen redet. Ein Gärtner würde den Paradiesesgarten betonen. Vom Propheten von Nazareth aber urtheilen wir nach dem Gesagten, daß er mit seinem Vater das Baufach zu seiner Beschäftigung erwählt. Schade, daß das heilige Hans zu Lorctto nur auf Legende beruht. Es ist eine alte Frage, worauf noch keine beiläufige Antwort erfolgte: Wo weilte Christus, der seinen Eltern Unterthan war vom zwölften bis dreißigsten Jahre? Wir halten dafür, daß er beim Tcmpelbau sich beschäftigte. Christus, der Pflegesohn eines Werkmeisters und selber Architekt — wahrhaftig l die Architektur kaun keinen vornehmeren Patron haben. (Diese Ausführungen sind recht interessant, aber in ihrer Beweiskraft für das tlromn, xrodancli scheinen sie uns doch wenig stringcnt zu sein. D. Ned.) Recensionen und Notizen. OlltoIoMg, sivs 2letaichg'8ica Kensralis. In usum sokolarnm. ^.uotoro 6 aro io vriolr, 8. 1. Omu approd. Ilä^l ^roliiex. VribrwA. 8°. (VIII et 204 x.) 21. 2.—, eum äorso eorio rsIiMto 21. 3.20. kküosoplila naturalis. Iu usnm sclicä. Lnot. Ilenr. Ho. au, 8.1. 6um kiM. Ilevwl Lrolüex vrid. 6°. (VIII st 220 x.) vrstäum ut snpra aä I. il. v. V. Was wir EmpfehlcnSwerthes bereits über die Votzlca und die Ldilosopliia moralis dieses von den deutschen Jesuiten zum Scbulgebrauche herausgegebenen vursus vüilo- sopüiens in Nr. 5 der Beilage v. t. Fcbr. 1894 gesagt haben, gilt auch hier: Inhalt reichhaltig, Darstellung sehr übersichtlich; Klarheit und Schärfe gewinnen durch Anwendung der scholastischen Methode: durch genaue Aufstellung von Thesen, deutliche Erklärung des 8tatus gnaestionis, syllogistisches BeweiSversabrcn. Die Latinität ist wiederum durchweg flüssig und leichtverständlich. Die OntoloZia beruft sich zur Vermeidung von Wiederholungen mehrfach auf die IwAiea desselben Verfassers. In 3 Büchern (Inder I, II, III) werden bebandelt: das Sein im allgemeinen, die höchsten Gattungen des Seins und dessen Vollkommenheit. Vib. I bespricht in 3 Kapiteln: den Scinöbeaiff als solchen, Akt und Potenz des SeinS (Wesenheit und Existenz, sowie Möglichkeit), die transcendentalen Eigenschaften des Seins (Einheit — Vielheit, Wahrheit — Falschheit, Güte — Uebel); lud. II in 6 Kapiteln: die Kategorien deö Aristoteles, die Substanz (Hypostase, Person), Accidcns im allgemeinen, Quantität n. Qualität, Relation, Ursachen; lud. III in 3 Kapiteln: die Vollkommenheit des Seins im allgemeinen, die Vollkommcnbeit guoaä realitatem (das Einfache und Zusammengesetzte, das Ganze und die Theile, das Envliche und Unendliche, das Schöne), die Vollkommenheiten gnoaä existentiam (das Nothwendige und Kontingente). S. 48 Wird Alexander Halensis mit Unrecht als Leugner der realis äisiinetio intsr ereatmrarum essentiam ei existentiam angeführt (vgl. Schneider, Uebersetznng der 8nmma Bdeol. Bd. XI, 5. 330 sf.). Daß man noch im Unklaren darüber sein kann, ob St. Thomas die genannte «listinetio realis gelehrt habe, finden wir unbegreiflich. Zur Uebcrgcnüge verweisen wir noch auf Kardinal Gonzalez, Lbilos. elem. tonn 2 xx. 31 sgg. eäit. 4 a, vstuäioseto. deutsch unter dem Titel: Die Philosophie des hl. Thomas von Aquin, Negcnöburg 1885, 1. Bd., 2. Buch, Kap. 6, 7, Kardinal Zigliara, 8nmwa Miss, tom. 1, Onkolog. I,. II, 6ap. I, Lrt. VI, Commer, System der Philosophie, 1. Buch, S. 54 ff., E. Dornet de Borges, Va eonstitntion äs I'Ztrs, Pariö 1886, A. Barbcris 0. 21., tznasstiones äs esse korrnali, kllaeentias 1887. Selbst Palmieri, 8.1., (Inst. xdilos., Ontol. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. 6ap. I, Rdes. III) schreibt ausdrücklich diese Ansicht dem keil. Thomas zu. Statt bei den Vollkommenheiten wäre das schöne wohl besser bei den Eigenschaften des Seins bebandelt worden (vgl. Zigliara, Gonzalez, Commer a. O.). — Die kdilosoxdia naturalis behandelt in 6 Büchern: die unthätigen Eigenschaften aller Körper, die allen materiellen Dingen gemeinsame Thätigkeit, das Leben und Lebensprincip im allgemeinen, das vegetative und sensitive Leben, endlich die Natur der Körper. Die Welt als Ganzes, ihr Unterschied von Gott, ihre Kontingenz und Dauer, ihr Ursprung werden in der natürlichen Theologie auseinandergesetzt. Im Zusammenhange mit diesem Weltganzen hätten wir auch die Weltordnung (die Naturordnung, Naturgesetze, Wunder) behandelt gewünscht. Der Verfasser bespricht Naturgesetze und Wunder im 2. Buche von der Thätigkeit der Körper (Kap. 4, 5), waS uns weniger zuträglich scheinen will (vgl. auch noch Schneid, Naturphilosophie außer der Naturphilosophie — Kosmologie — der 3 genannten Autoren). — Eingebend werden die entgegenstehenden Irrthümer widerlegt; so namentlich, in der Ontolog-ia,: der Atheismus, Polytheismus, Pantheismus, Pessimismus, in der kdilosopdia naturalis: der AtomiSmns (mechanische, chemische), Dynainismus, Darwinismus. Der beige- gebcne Inäex alpdadeticns leistet beim Nachschlagen gute Dienste. Beide Bündchen reihen sich den früheren würdig an. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1894. Heft II, Februar: vr. Selbst, Das päpstliche Rundschreiben »Lroviäentissimns vens« über das Studium der hl. Schrift. — Dr. Jos. Bl. Becker, Interessante Rundfrage der „Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur". — Joseph Kolberg, DaS Septililmm der seligen Dorothea von Montau. — N, Pa u- lus, Conrad Kling, ein Erfurter Domprcdigcr des 16. Jahrhunderts. — Dr. A. BelleSheim, Professor Pusey'S Biographie. — vr. Säg Müller, Der Anfang des staatlichen Ausschließungsrechtes (jns sxelusivae) in der Papstwabl. — Literatur: Dr. G. Grnpp, Cnlturgescbichte des Mittel- altcrS. — L. Glöckl, Bibliothek der katholischen Pädagogik. — ?. Odilo Rottmanncr, 0. 8. 8., Predigten und Ansprachen. — Heinrich von Wörndle, Lucas Ritter von Führich's ausgewählte Schriften. _ Die katholische Welt. M. Niffarth in M.-Gladbach. Die neuesten Hefte lasset: wiederum einen achtungSwerthen Fortschritt erkennen. Dies gilt namentlich auch von dem reichen Bildcrschmuck, dem man daS Prädicat „vorzüglich" nicht versagen kann. Von dem textlichen Inhalt wollen wir neben dem Roman „Die Mühle im Fichtenmoos" von August Butscher hier nur die neueste Erzählung von Ncdcatis namhaft machen, welche uns in „Paula's Ehe" eine schriftstellerische Leistung ersten Ranges darbietet. Einer weiteren Empfehlung bedarf die „Katholische Welt" bei unseren Lesern nicht, da wir bereits wiederholt Veranlassung nahmen, ihre Aufmerksamkeit auf diese schöne und billige illnstrirte katholische Zeitschrift zu lenken. Stern der Jugend. Eine Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz. Von vr. Johannes Praxmare r, Neligions- lehrer. 'Preis vierteljährlich 1 M. Inhalt deö 8. Heftes: Deö Papstes Leo XIII. MissionS- thätigkeit. Pompouia Graccina und ihre Familie. Mathemat. Probleme. Glocken und Glockentöne. Verschiedenes. — Die Zeitschrift ist besonders den Schülern der höheren Lchr-Anstaltcn zum Abonnement zu empfehlen; bietet aber auch anderen jungen Leuten, selbst wenn sie schon die Schule verlassen haben, die beste Gelegenheit zur Befestigung und Erweiterung der auf der Schule erlangten Bildung. Möge sie allseitige Unterstützung finden. Druckfehler-Berichtignng. In der Beilage Nr. 10 vom 8. März d. I. lese man in deni Artikel „Marcia" S. 73 oben statt „Heldenmut!) für": Heldcnmuth er für; statt „Sevire": Severe; S. 74 oben statt „^-goäro?".- P-goHro?,- Mitte statt „LambridiuS": Lam- pridiuS; unten statt „beherrsche": beherrschte; oben statt „Nacbkampf": Nah kämpf; S. 75 oben statt „Amoritto": Amorctko; Mitte statt „Kämmerer LätuS": Kämmerer Eklektus und statt „Prämien Eklcktnö": PräfectenLätuS'; unten statt „niinio": nimis; statt „LambridiuS": Lampri- dius; S. 75 II. Sp. 10. Z. von oben statt „Mit Marcia": Für Maria, unten statt „commodisch": commodianisch. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. tti-. 12 22. März 1894. Julius Schnorr von Carolsfeld. Ein Geben kblcitt zu dessen hundertstem Geburtstage von A. G. Gewiß ist Julius Schnorr von Carolsfeld werth, daß seiner an seinem hundertsten Geburtstag öffentlich gedacht wird, hat er sich ja auch gerade in unserm engeren Vaterland durch seine Werke verewigt. Julius war der Sohn des Veit Hans, der in Leipzig am 30. Oktober 1841 starb, er war der siebente Sohn unter fünfzehn Geschwistern. Kaiser Leopold hatte im Jahre 1687 die Familie geadelt unter Verleihung des Beinamens von Carolsfeld. Der Vater war zuerst Jurist, Notar, später Künstler, und obwohl er als Künstler nicht gar hoch gestiegen, erhielt er doch an der Kunstakademie zu Leipzig ein Amt, in dem er auch blieb bis zu seinem Tode. Julius wurde geboren am 26. März 1794 zu Leipzig und wanderte derselbe im Jahre 1811 nach Wien, da er, obwohl erst 17 Jahre alt, fest entschlossen war, sich der Kunst der Malerei zu widmen, deren Anfänge sein Vater schon in der frühesten Jugend ihm gleichsam eingeimpft hatte. Die Studien in der Perspektive und der Anatomie waren als ganz junger Mensch seine Lieblingsbeschäftigungen gewesen, und bei Radierungen seines Vaters für eine Ausgabe des Homer hatte der Sohn fleißig mitgewirkt, und zwar nicht nur oberflächlich, sondern von Anfang sich immer einstudirend, von Anfang an reiflich überlegend. Es muß sofort betont werden, daß er von Anfang an eine uugemein große Hinneigung zum religiösen Stile bekundete und es sein eifrigstes Bestreben war, zuerst nach Italien zu ziehen, denn sagt er selbst: „meine Principia sind, ein guter Künstler oder keiner; niemand lästig zu fallen und bald nach Italien zu gehen." Seine beiden Brüder, auch Künstler, waren vor ihm nach Italien gegangen, er aber ging vorläufig, wie bemerkt, nach Wien; Gründe, warum nicht auch er zuerst Italien besuchte, hat Einsender und Schreiber dieser Zeilen in den ihm zu Gebote stehenden Quellen nicht gefunden. In Wien besuchte Julius Schnorr die Akademie der Künste, ohne aber durch sie in seinen stets idealen Bestrebungen wesentlich gefördert zu werden. Sein Ideal war der große Michel Angelo; „gewaltige Muskelmänuer will ich malen". Und er probirte eS mit einem großen Oelbild „Die Sündfluth", welche aber trotz der Flnth das Schicksal hatte, vom Maler als ungenügend und unwürdig durch Feuer vernichtet zu werden, „ungenügend gegenüber den Kunstleistungen der älteren Deutschen und Niederländer". Der Krieg im Jahre 1813 drohte Schnorr, seinen Studien ein Ende zu machen, denn gleich Tausenden deutscher Jünglinge wollte auch er als Soldat seinem Vaterlands dienen, wie mehrere seiner Kunstcollegen in Wien, dienen als freiwilliger Streiter; aber er erhielt seine Pässe nicht, und dann fehlte ihm auch das Geld zur Reise zum preußischen Heere. Er gab einer Schülerin Zeichnungen zum „Versilbern", diese aber vereitelte in der besten Absicht seine Pläne, versteckte die Zeichnungen und es wurde zu spät zum „Durchbrennen". Sein Bruder ging in den Krieg, und Julius selbst half ihm zur Ausrüstung nach Prag, wo er in der deutschen Legion Fähnrich wurde, während er selbst in Folge einer Beschädigung des Knies in Wien das Zimmer zu hüten hatte. Sechs Jahre hielt sich Schnorr in Wien auf; eS fehlte ihm nicht an Gönnern, es fehlte ihm nicht an Arbeitskraft und Arbeitswillen, aber an einem fehlte es ihm bedeutend, wie wir dies merkwürdigerweise bei vielen, ja sehr vielen Künstlern finden, es fehlte ihm nämlich am norvno rsruin, am Geld. Er machte zuerst Schäferbildchen, warf sich aber in Bälde auf das Ernste. Ein „Sechskampf" nach Arioft zeigte schon sein tiefes Eindringen in das romantische Hcldenwesen, ein „Besuch des Zachnrias und der Elisabeth bei der heiligen Familie" sein religiöses Gefühl und seine „Wallfahrt" bereits den angehenden Künstler. Wie manche Künstler auf ihren Gemälden gewisse ihnen liebe Personen verewigten — wir erinnern z. B. an Martin Knoller mit seinem Haupikuppelgcmülde in der Schloß- und Klosterkirche zu Nercshcim an der bayerischen Grenze —, so hat auch Schnorr auf dem letztgenannten Gemälde seine spätere Gemahlin, Maria Heller, verewigt, die damals allerdings erst zehn Jahre alt war. Sie war die Stieftochter des Landschaftsmalers Ferdinand Olivier, bei dem Schnorr drei Jahre in Wien wohnte und der ihm stets mit Rath und That treu zur Seite stand. Die ältere Schwester Fanny heirathete auch später, und zwar Friedrich Olivier. Nachdem sich seine Finanzen besser gestaltet hatten, trat er mit selbst erworbenen Mitteln nach kurzem Aufenthalt im elterlichen Hause am 16. November 1817 von Wien aus die Reise nach dem lang ersehnten Italien an, allwo er zwei Jahre bleiben und sich ausbilden wollte. Sein Begleiter war der Dichter Müller, mit dem er nach einem kürzeren Aufenthalt in Florenz am 23. Januar 1818 in der ewigen Stadt, in Rom, ankam, wo er, da sein Name bereits bekannt war, von de- deutschen Künstlern auf das liebenswürdigste empfangen und aufgenommen wurde. Alsbald begann er eine rege künstlerische Thätigkeit. Während sein Bild „Drei Marien am Grabe" Entwurf blieb, fand sein Gemälde „Die Hochzeit zu Cana" große Anerkennung. Auch verfertigte er viele Landschafts- zeichnungcu, desgleichen viele nach dem Leben gezeichnete Porträts berühmter Männer, z. B. v. Stein, Niebuhr, Nnckert, Thorwaldsen, welche nach und nach eine stattliche Sammlung ausmachten. Auch wurde der Plan einer „Bibel in Bildern" zu damaliger Zeit gefaßt. Auch seine persönlichen Verhältnisse gestalteten sich mit der Zeit vorzüglich, besonders als Nusgang des Jahres 1818 sein Freund Friedrich Olivier auch nach Rom kam und er Hausgenosse Buuseus wurde, welcher ihm sehr zugethan war, wie auch sein Leipziger Landsmann Quaudt und dessen Gemahlin dem Künstler stets sehr gewogen waren. Im Jahre 1824 hinderte eine Armwunde Schnorr ziemlich lange an seinem künstlerischen Schaffen. Im Dezember deS nächsten Jahres ließ der kunstsinnige König Ludwig von Bayern durch den Meister Cornelius Schnorr die Berufung zu einer Professur an der Kunstakademie in München zugehen, ein Plan, den der König schon als Kronprinz gefaßt hatte. Zugleich ließ er Schnorr eröffnen, daß er in München zur Mitwirkung an großen künstlerischen Unternehmungen von ihm ansersehen sei. Obwohl dieser ehrenvolle Ruf den Künstler mit höchster Freude und mit innerem Stolze erfüllte, so konnte er demselben nicht alsbald Folge leisten, denn er sollte 90 auf Vorschlag ebenfalls Cornelius' -und Bunscns die Dircctorenstelle an der DüffeldorfewÄkademie annehmen. Es wurden Unterhandlungen eingeleitet, und im März 1826 entschied sich Schnorr für München. Zwei große Abschiedsfeste wurden ihm von der deutschen Künstlergesellschaft in Nom gegeben, eines, worauf er besonders stolz war, am Geburtsfest seines Vaters, an dem er mit wahrhaft kindlich-zärtlicher Liebe hing. Seine Reise nahm er über Wien, wo er sich einige Tage aushielt und glücklicher Bräutigam der schon oben angeführten Maria Heller wurde. In seiner neuen Stellung war Schnorr unermüdlich thätig, rastlos arbeitend und begeistert für das Schöne und Edle. Die künstlerische Hauptaufgabe aber, welche ihm zugedacht war, sollte nach dem für die Ausschmückung des Königsbaues in München ursprünglich festgesetzten Plane die Darstellung bon Gegenständen aus der Odyssee sein. Schnorr bereitete sich auf diese ehrenvolle Aufgabe durch eine Reise nach Sizilien vor im Jahre 1826. Der Plan scheint aber vom König Ludwig selbst aufgegeben worden zu sein, und statt der anfangs beabsichtigten Darstellungen sollten solche aus dem Nibelungenlied kommen. Wer die Nibelnugcnsäle der kgl. Residenz in München schon geschaut, wird die geniale Ausführung dieser herrlichen Werke Schnorrs auch bewundert haben. Mit diesem für unser engeres Vaterland bedeutendstem Werke können wir unsere kurz gefaßte Erinnerung an Julius Schnorr wohl füglich schließen, indem wir noch bemerken, das; er später eine Professur und die Directorcnstclle der Gemäldcgallerie zu Dresden übernahm, wo er am 24. Mai 1872 starb. Er ist todt, seine Werke aber werden von ihm stets Zeugniß geben als von einem gottbegnadigten Künstler. Der Herbartliulismtts an den Lehrer- und Lehrerinuen-Seminarien. (Fortsetzung.) Lindner stützt sich, ohne weitere Begründung, nur auf das Wort des Meisters, wenn er (S. 20) behauptet: „Das Seelenleben des Menschen ist ein Entwicklungsprozeß, welcher durch die Wechselwirkung zahlloser Elemente zu Stande kommt. Diese Elemente sind die Vorstellungen. Was die Buchstaben in der Schrift, was die Grundstoffe in der Chemie, was die Zellen in der Physiologie: das sind die Vorstellungen im Seelenleben." Nach dieser Psychologie ist die Seele nichts, die Vorstellungen aber und ihre Größen- und Stärkeverhältniffe sind alles. Zwischen Zellen und Vorstellungen besteht der Unterschied, daß jene von innen heraus durch Wucherung und Wachsthum, die Vorstellungen dagegen durch äußere Eindrücke hervorgerufen werden (S. 20, Anmerkung). Darnach stehen die psychologischen Prozesse noch tiefer als physiologische, organische Prozesse; sie sind etwas rein Aeußerlichcs, von außen (nicht aus einem Seelenvermögen) Entspringendes und daher auch nur äußeren, mechanischen Gesetzen Unterworfenes! Von Vermögen, mit deren Hilfe sich die Seele über die Sinne zu freiem, die Sinnlichkeit und ihren Asso- ciationsmcchanismus überragendem und sie beherrschendem Geistesleben erhebt, wollen Herbart und seine Schule nichts wissen. Mögen die Herbartianer immerhin von Geist und Wille reden, der Sinn dieser Worte ist aber nicht der gewohnte; setzen sie doch den Menschen geradezu auf die Stufe eines rein sinnlichen Wesens, auf die Wesensstufe des Thieres herab. Im rein sensualistischen Sinne sagt (S. 24) Lindner: „Auf dem großen Umfange und auf der Bedeutung des Gebietes der erworbenen Seelen- zustände beruht die Ueberlegenheit der Menschennatur im Gegensatze zur starren Angelegtheit des thierischen Wesens." Also auf dem größeren Umfang und der fortgeschrittenen Verfeinerung des Vorstellungsmaterials und nicht auf ursprünglichen Wesensunterschieden und auf entsprechenden, ursprünglichen Vermögen der Menschenseele beruht der Unterschied zwischen Mensch und Thier! Der Abschnitt über die Gemüths feite des Kindes und die Bedingungen der Gemüthsbildnng (S. 28 ff.) erweist sich als einer der schwächsten Punkte der Herbart'- schen Psychologie und Pädagogik. Der tiefere Grund der Zurückführung des Fühlens und Begehrens auf Vorstellungen liegt in der materialistisch-mechanischen Grundrichtung der Herbart'schen Philosophie. Geradezu staunen muß man, wie eine Theorie, welche das Seelenleben völlig mechanisirt, in der Pädagogik Aufnahme finden konnte. Die Ansicht: Fühlen, Begehren, Wollen seien abgeleitete Erscheinungen, ist nicht bloß als eine Folgerung aus falschen Voraussetzungen, aus einem unhaltbaren, die mehrfache Beschaffenheit eines Seienden ausschließenden Seinsbegriff, grundlos und willkürlich, sondern auch nachweisbar falsch. Hören wir darüber Trcndelenburg in seinen „Historischen Beiträgen zur Philosophie" (Bd. 3 S. 116 ff.). Nebenbei bemerkt, ist Trendelenbnrg Nicht- Theologe und Nicht-Katholik, was sicherlich besonders in der Kritik der Herbart'schen Sittenlehre sehr ins Gewicht fällt. — „In der Zurückführnng des Begehrens auf aufstrebende Vorstellungen liegt eine Verwechslung der Wirkung mit der Ursache. Das Streben, Begehren treibt Vorstellungen empor, drückt sie nieder, ist aber nicht selbst aufstrebende Vorstellung. Wie könnten die Vorstellungen, welche sich hemmen, oder die Vorstellungen, welche sich einander befördern, empfinden? Durch den zweideutigen Ausdruck .Spannung' suchen die Herbartianer einen Schein von Wahrheit für die Behauptung, Gefühl sei ein Attribut der Vorstellung, hervorzubringen. Verschmelzung und Hemmung aber genügen nicht, um das Angenehme, Harmonische und das Unangenehme zu erklären. Nicht selten fordert die Harmonie die Distinktion der zum Ganzen sich fügenden Theile; nicht selten entspringt sie dem Gegensatze. Die Vorstellung, die fühlt, Lust und Unlust empfindet, ist eine falsche Personifikation." Das wirklich Empfindende ist die vorstellende Seele, welche sowohl die Vorstellung als auch die Lust und Unlust, welche diese erregt, in sich erlebt; die Seele, welche bei Herbart die Vorstellungen nicht einmal hat. An dieser einfachen, durch die innere Erfahrung verbürgten psychologischen Wahrheit muß der Pädagoge durchaus festhalten. Denn was ist eine Erziehung ohne Anerkennung einer fühlenden und wollenden, wollend sich selbst bestimmenden und ihren Vorstellungslauf nach Gesetzen und Regeln zum erkannten Ziele leitenden Seele? Trendelenburg macht auf das idealistische Element in der Herbart'schen Auffassung des Begehrens und Wollens aufmerksam. Das Streben und Wollen hat nach Herbart sein Objekt ausschließlich in der Seele, sie will nur die Vorstellung, nicht den vorgestellten Gegenstand; die sinnliche Gegenwart des letzteren ist nur Mittel, nicht Gewalltes. Nebenbei fei der Egoismus zu beachten, dem hiermit Thür und Thor geöffnet sei. Gegen diese Auf- § ) > 91 fassung müsse gellend gemacht werden, daß die Seele im Begehren bedürftig ist. Sie begehrt z. B. nicht die Vorstellung von der Ernährung, sondern die Ernährung selbst (a. O.). Gleiches gilt auf den höheren Stufen des Seelenlebens. Nicht die Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele; nicht die Vorstellung eines persönlichen Gottes, nicht die Vorstellung von einem unendlichen Gute bilden den Gegenstand des Verlangens und der Liebe der gläubigen Seele. Der Trost, welchen diese aus dem Umgänge mit Gott, aus dem Gebete schöpft, würde sofort in bittere Enttäuschung sich verwandeln, wenn es gelänge, ihr die Ueberzeugung beizubringen, daß sie im Augenblicke der höchsten religiösen Erregung nicht mit Gott, sondern mit ihrem eigenen Vorstellungsgebilde sich beschäftige. Mit solchem Idealismus der Herbart'schen Psychologie fällt jedoch keineswegs der dieser gemachte Vorwurf des Sensualismus und Materialismus. Denn die Vorstellung, welche Herbart mit dem vorgestellten Gute verwechselt, bleibt in all ihren Umbildungen sinnlich und materiell. Wie nämlich Gefühle und Begehrnngen sind nach Herbart auch Verstand und Vernunft aus der Verbindung und wechselseitigen Einwirkung der sinnlichen Vorstellungen abgeleitete Erscheinungen. Deutlichst tritt die mechanische Denkweise zu Tage bei der Erklärung von der willkürlichen Aufmerksamkeit. Nach Lindner (S. 39) kommt diese dadurch zu Stande, daß einer neu eintretenden, wenn auch schwachen Vorstellung aus verschiedenen Gegenden des Bewußtseins Neproduktionshülfen zuströmen, welche diese Vorstellung heben und zum Mittelpunkt des Aufmerk- samkeitskreises machen. Also ein mechanischer Prozeß, bei welchem die Seele vollkommen unbetheiligt ist, eine willkürliche Aufmerksamkeit ohne jemand, der aufmerkt, ohne Wille und Willkür! Das Gedächtniß wird in die zwei Funktionen des Behaltens und Wiedergebens unterschieden und im allgemeinen als das Vermögen der unveränderten Reproduktion gefaßt. Dabei ist dessen wahre Natur verkannt. Dem Gedächtniß ist ja wesentlich die Beziehung auf die Vergangenheit, auf die gehabte Wahrnehmung oder Vorstellung; die einfache, unveränderte Reproduktion genügt nicht. Die Erinnerung enthält überdieß ein logisches Element, da ein absichtliches Besinnen ohne eine Art von schließender Thätigkeit nicht ausführbar ist. Ebenso ganz im Herbart'schen Sinne wird (S. 42) das Lernen und (S. 44) die Einbildungskraft erklärt. Die wichtigste Stelle in der sogenannten „wissenschaftlich-exakten,, Herbart'schen Pädagogik nimmt die „Apperception" ein. Sie ist die Geburtsstätte des Denkens. Sie bildet die Brücke, welche über den sinnliches Vorstellen und geistiges Denken trennenden Abgrund nnmcrklich hinüberführen soll. (S. 51 ff.) Die Apperception ist das Umgewandeltwerden einer neuen Vorstellung durch eine ältere, ihr an Macht überlegene. Dieser Prozeß ist eine Art Assimilation der neueren Vorstellung an die ältere. Wie die Aufnahme der Speisen zur Verdauung derselben, so verhält sich die Perception zur Apperception. Damit wird die Sache so einfach, daß auch der Einfältigste die Natur und den Ursprung des Denkens versteht, ähnlich wie die des Verdauens, welches er ja täglich übet.fl?) Die allgemeine, intellektuelle Vorstellung, die Quelle all unserer höheren Erkenntnisse, das auszeichnende Merkmal des Menschen, durch welches er sich als Vernunft- wesen kundgibt, wird zu einem bloßen Namen herabge- drückt, mittels dessen wir verwandte Erscheinungen zusammenfassen. Dieser Nominalismus ist die nothwendige Folge der Herbart'schen Leugnnng der Seelenvermögen und der ausschließlichen Annahme von außen angeregter sinnlich-materieller Vorstellungen. Dabei wundert es nicht mehr, wenn die „psychologische Bildung" als ein Vcrdichtungsprozeß aufgefaßt wird. Jeder Zweifel über die wahre Meinung unseres Lehrbuches, sowie darüber, daß das Denken als ein mechanischer Vorgang gefaßt ist, wird schwinden müssen, wenn wir die (a. O.) in den Anmerkungen aufgenommenen Citate aus Anhängern der Herbart'schen Schule betrachten. Sehr wohl begreiflich ist es unter solchen Umständen, daß auch die Kunst des Unterrichtes selbst zum reinsten Mechanismus wird. Wie nach Herbart das sinnliche Vorstellen und Denken nicht wesentlich verschieden sind, so auch nicht das sinnliche Begehren und Wollen. Vom freien Wollen, der Willensfreiheit, schweigt das Lehrbuch überhaupt. Gleichwohl ist (S. 53) die Rede von der Charakterbildung. Der Charakter wird definirt „als die vollständige Konsequenz des sämmtlichen Wollens und Handelns durch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätze und dieser wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Sind sämmtliche praktische Grundsätze im Einklänge mit dem Sittengesetze und steht an der Spitze derselben das Gewissen, so ist der Charakter ein sittlicher." (S. 55.) Wie aber, fragen wir, passen Sittengesctz, Gewissen u. dgl. zur Herbart'schen Philosophie und Pädagogik? Herrscht doch da nur ein Mechanismus drängender und schiebender, gehemmter und geförderter Vorstellungen. Unsere Frage leitet uns naturgemäß Zur Prüfung der Herbart'schen Ethik, insoweit sie in die pädagogischen Lehrbücher, auch in das Lindner'sche, eingedrungen ist. Ohne allen Zweifel ist die wichtigste Bestimmung eines pädagogischen Systems die des Erzieh ungs- zweckes. Lindner (S. 57) unterscheidet einen formalen und einen sachlichen Erziehungszweck. Der formale ist die Sclbstständigkeit des Zöglings, der fachliche aber die Bestimmung des Menschen. Und diese ist das sittliche Ideal (S. 58). In der Herbart'schen Pädagogik können alle Arten von Erziehung, die humanistische, atheistische, materialistische, nur nicht die christliche, Raum finden, wie wir sehen werden. (Schluß folgt.) Ueber die religiöse Bewegung in England veröffentlichte vor kurzer Zeit George Mivart, einer von den hervorragenden Männern, die auf dem Wege des „Nilnalismus" aus der anglikanischen „Hochkirche" in den Schooß der katholischen Kirche gelangt sind, in der anglikanischen Zeitschrift The Nincteenth Century einen Artikel, der in sämmtlichen protestantischen Kreisen bedeutendes Aufsehen erregte. Der Artikel beginnt Mit einer kurzen und zutreffenden Schilderung der einschneidenden Meinungsverschiedenheiten über die kirchliche Lehre, die unter den höchsten Würdenträgern der anglikanischen „Hochkirche" auf dem im vorigen Oktober stattgehabten Kongreß zu Birmingham zum Ausdrucke gelangten, und fährt dann also fort: „Alle diese Umstände aber dürfen uns nicht veranlassen, das heilsame Werk zu verkennen, welches die Partei der „Hochkirche" auf dem Gebiete der Landesreligivn (Lotafflisluneni) zu verwirklichen im Begriffe ist. Dcis englische Volk ist leider in Folge einer alten Gewohnheit und ererbter Vornrthcile für den katholischen Klerus unzugänglich. Es hat eine Abneigung gegen jede direct von Katholiken ausgehende Belehrung. Die „ritualistischen" Geistlichen aber, welche der anglikanischen Kirche angehören, können sich leicht Gehör verschaffen und den guten Samen der katholischen Lehre nach allen Seiten hin ausstreuen. Wir begegnen jetzt häufig gottesdienstlichen Gebräuchen, die noch vor 40 Jahren außerhalb der damals in unserm Lande noch kleinen Gemeinschaft der katholischen Kirche vollständig unbekannt waren und die überall anderswo verhöhnt und der Obrigkeit angezeigt worden wären. Aber die „Nitnalisten" sind auf bestem Wege, daS Wort „protestantisch" bei der Kirchengesellschaft, der sie angehören, in Verruf zu bringen und den Protestantismus als eine verabscheuenswerthe Form des Glaubens erscheinen zu lassen. So erhalten unsere ehemaligen Kirchen eine dem römisch-katholischen Geiste entsprechende Ausschmückung und werden auf solche Weise für uns vorbereitet. Ja noch mehr: man führt sogar das Volk, welches dieselben besucht, nach und nach zu unserem Glauben. Die ausgezeichneten Männer, welche die „fortschrittliche Partei" der anglikanischen Kirche bilden, bereiten den Weg vor für ein bedeutendes Wachsthum der katholischen Kirche in England, wenn schon man vernünftigerweise nicht annehmen darf, daß die große Mehrheit des anglikanischen Klerus in die Fußstapfen des Kardinals Newmnn treten werde. Da anderseits die sogenannte „evangelische" Fraktion binnen kurzer Zeit vollständig verschwinden wird, so läßt sich das endliche Schicksal der anglikanischen Kirche einstweilen unmöglich vorhersagen. Möglicherweise und hoffentlich wird ein bedeutender Theil oder sogar die große Mehrheit dieser Kirche Bedingungen annehmen, die es gestatten, sie in Masse in den Schooß der katholischen Einheit aufzunehmen. Das ist aber nur eine Möglichkeit und keineswegs eine Wahrscheinlichkeit. Als getrennte priesterliche und dogmatische Körperschaft kann die anglikanische Kirche keine lauge Laufbahn mehr vor sich haben; nichtsdestoweniger kann ihrer eine Zukunft anderer Art warten. In einem noch unveröffentlichten Briefe vom 25. März 1884 schreibt mir der Cardinal Newman darüber Folgendes: „Der Hauptgrund, warum ich katholisch wurde, ist der, daß die Protestanten selbst den Glauben bekannten, daß Jesus Christus eine Kirche gegründet habe. War dem so oder war dem nicht so? Wenn er eine Kirche gegründet hatte, dann konnte das nur eine lehrende Kirche sein. Die anglikanische Kirche aber war kein Lehrkörper, sie war eine zersplitterte, sich selbst bekämpfende Partei." Nun aber behaupte ich Folgendes: Alan ist im Begriffe, ein Experiment zu machen, man will feststellen, ob eine christliche Kirche auch ohne ein bestimmtes, anerkanntes Credo bestehen kann. Es ist das ein Problem, welches nicht innerhalb einer einzigen Generalion gelöst werden kann. Bis heutigen Tages ist noch Nichts eingetreten, was im Stande wäre, meine bereits vor 30 oder 40 Jahren begründete Ueberzeugung zu ändern." Das SekterNvese» in der russisch-schlsmatischeu Kirche. Es ist allgemein bekannt, daß sich die russisch-schis- matische Kirche mit Vorliebe und Emphase die „orthodoxe", von jeder Makel häretischer Ansteckung fleckenlos rein gebliebene nennt. Damit steht aber in schneidendem Kontraste die Thatsache, daß dieselbe „orthodoxe" Kirche die geheimen Sekten wissentlich und anstandslos in ihrem Schoße duldet. Wir entnehmen die nachfolgende Schilderung dem jüngst erschienenen Buche von vr. Ferdinand Knie, „Die russtsch-schisinatische Kirche, ihre Lehre und ihr Cnlt",*) das auch in der Beilage zur Augsburger Postzeitung wiederholt besprochen wurde; da sich Knie bei seinen Ausführungen meist auf angesehene russische Autoren beruft, so glauben wir die Zuverlässigkeit seiner Darstellung nicht bezweifeln zu sollen. Dieselbe entrollt uns ein furchtbares Bild von der religiösen Zerfressen- heit, der die russisch-schismatische Kirche in Folge des üppig wuchernden Sekteuwesens, wie es scheint, rettungslos verfallen ist. Zunächst sind die sogenannten „altgläubigen" Sekten von den „geheimen Sekten" wohl zu unterscheiden. Die „altgläubigen" Sekten, der Raßkol genannt, sind nicht älter als 200 Jahre und entsprangen der Opposition, welche sich innerhalb der russisch-schismatischen Kirche gegen die vom Patriarchen Nikon unternommene Reinigung der Kirchentexte (1667) erhob. Der Naßköl bildet so recht das Schisma im griechischen Schisma und spaltet sich selbst wieder in zwei Stämme: in die Priesterlosen Sekten des hohen Nordens, wo nur das Volk die Opposition gegen Nikon mitmachte, und in die priesterlichen Sekten; beide Gruppen erfreuen sich noch heute trotz wiederholt erfolgter Union mit der Staatskirche zahlreichen Anhangs. Dabei ist zu bemerken, daß die russische Slaatskirche dem Naßköl gegenüber mit härtester Strenge verfuhr, so daß sich die Anhänger desselben öfter unter gemeinsamem Gebete in geschlossener, vollzähliger Versammlung ihrer Gemeinden durch Anzünden des Bethauses oder Klosters freiwillig dem Feuertode überantworteten. Dagegen erfreuen sich der Duldung die „geheimen Sekten", die meist bis in die Zeit der Christianisirnng Rußlands hinaufreichen und ihre Anhänger aus allen Ständen und Berufsklasscn rekrutiren, während der Raßkol seine Bckenner fast nur unter den niederen Volksschichten zählt. Es waren Fragen untergeordneter, ritueller Natur, die die Trennung des Naßköl von der Staatskirche veranlaßt hatten: ob das hl. Kreuz- zeichen mit zwei oder drei Fingern zu machen, ob das Allclnja an gewissen Stellen der hl. Messe zwei- oder dreimal zu singen, ob der Name des Erlösers Issus oder llissuo zu schreiben sei; ihrer dogmatischen Lehrmeinung nach sind die „Altgläubigen" den „Orthodoxen" so nahe verwandt, daß ein außerhalb ihrer gegenseitigen Streitigkeiten Stehender nur mit Mühe und angestrengter Aufmerksamkeit die Differenzpunkte herauszufinden vermöchte. Dagegen halten die „Geheimsekten" an den liturgischen Vorschriften der Staatskirche mit peinlichster Gewissenhaftigkeit fest, ja sind darin noch strenger und pünktlicher als viele „Orthodoxe"; es gibt keine genaueren und fleißigeren Erfüller der Gebote der „orthodoxen" Kirche, als gerade die „Geheimsektler". Dieses ihres Fcsthaltens an den Ceremonien der Staatskirche wegen werden denn auch die „Geheimsektler" anstandslos den Rechtgläubigen beigezählt, obgleich sie sich in ihrem innern Wesen nicht nur von der Orthodoxie, sondern vom christlichen Glauben überhaupt losgesagt haben. Es ist der nackteste Manichäis- mus, der uns in ihrem Bekenntniß entgegentritt. Die Seele des Menschen, lehren sie, stammt wohl von Gott; der Leib aber ist vom Teufel geschaffen. Das ganze Verlagsbuchhandlung Sthria, Graz 1691. 93 Menschenleben ist daher nichts als ein immerwährender Kampf zwischen Leib und Seele. Unterliegt letztere, so geht sie in die Gewalt des Bösen über, trägt sie aber den Sieg davon, so gelangt sie schon hienieden in einen so herrlichen Zustand, das; sie in unmittelbaren Verkehr mit der Gottheit tritt. Unerläßliche Mittel, um des Sieges froh zu werden, sind: strenges Fasten, Enthaltung von Fleisch, Alkohol und Tabak, von den Freuden der Liebe, von jeder Ergötzlichkeit und Sündenlockung, strenge Ascese, erfüllt vom sogenannten „Gedankengebet", von Selbstverttefung, — kurz ein rein beschauliches Leben. Das genügt aber noch nicht; man muß sich seines Willens entäußern und ihn jemandem unterordnen, der den Gipfel der geistlichen Vollkommenheit bereits erstiegen und die Gottheit bereits in sich aufgenommen hat. Durch verschiedene gewaltsame Bewegungen, durch „Beflissenheiten", wie sie es nennen, d. h. durch Springen, Tanzen, Sich- drehen, Sichwirbeln mit ausgebreiteten Armen, durch Zittern mit allen Gliedmaßen, durch Anhalten des Athems bringt sich der Ascet in einen Zustand des Außersichseins und erlangt die Fähigkeit zu Hallucinationen, ihm erscheinen Gesichter, er stößt zusammenhangslose, sinnlose Worte aus, welche den Anwesenden als Prophetenworte gelten, — nicht als ob damit stets Vorhersagungen gemeint wären, sondern überhaupt: was in solchem überreizten Zustand gesagt wird, das ist ein Prophetenwort; wer zu solchem Zustande gelangt, ist ein Prophet oder eine Prophetin. Das ist aber noch nicht der höchste Grad der Vollkommenheit. Die höchste Stufe ist für die Männer der Christusgrad, für die Weiber der Muttergottesgrad. Denn der Christus und die Jungfrau Maria der Heilsgeschichte stehen nach der Meinung der „Geheim- sektcn" keineswegs vereinzelt da: so hohe Stufen, wie diese erstiegen haben, kann jeder Mensch erreichen. Solche Menschen gibt es auch wirklich, und zwar gibt es solche beständig im Schoße der „Gcheimsekten". Das sind die acqnirirten oder erlangten Christusse, wie sie genannt werden. Gott selbst hat in ihnen die menschliche Seele vernichtet und seinen Geist an die Stelle gesetzt und ist in sie eingekehrt, so daß sie „lebende Götter" geworden sind. Solcher acgnirirter Christusse und Gottcsmütter kann eS gleichzeitig mehrere geben. Den acqnirirten Christusscn stehen am nächsten die Propheten, gewöhnlich in der Zahl von zwölf, die sich Apostel nennen. Die Anhänger der „Gchcimscktcu" betrachten Christus den Heiland zwar als Gottmenschen, aber doch nur als einen solchen, wie ihre acqnirirten Christusse. Die Wunder, die er gewirkt hat, selbst sein Krcnztod und seine Auferstehung, sind nach Meinung einiger „Schiffe" (Gemeinden) nichts als Allegorien. Sie verehren keine Heiligenbilder, selbst das Kreuz nicht, wiewohl sie dieselben bei einigen ihrer Riten gebrauchen. Die Liturgie und kirchlichen Gesänge verwerfen sie, indem sie behaupten, immer und ewig ein und dasselbe zu singen, sei ein todtes Werk; vor Gott aber müsse man ein „neues Lied" fingen. Darum haben sie ihre eigenen Gesänge, die sich meist durch Sinnlosigkeit auszeichnen, aber doch eines wilden, fanatischen Schwunges nicht entbehren. Ferner sagen sie, man dürfe nur das Gebet des Herrn beten, wie es Jesus Christus angeordnet hat, im übrigen aber nur geistliche Gesänge und Psalmen singen. Gleichwohl erfüllen sie, wie schon erwähnt, alle Vorschriften der orthodoxen Staatskirche, beichten und commnniciren jährlich viermal und gelten daher als die frömmsten Gläubigen. Der orthodoxen russischen Staatskirche kommt es eben nicht auf die Einheit des Dogmas, sondern nur auf die Einheit des Ritus an. Daher verfolgt sie die ihr dogmatisch so nahe stehenden „Altgläubigen" und duldet die „Gcheimsekten". Ja sie läßt es mit der größten Gleichgiltigkeit geschehen, daß unter dem Deckmantel gleichförmiger Liturgie nicht nur die abenteuerlichsten, geradezu »»christlichsten und heidnischen Sekten ihr Wesen trieben, sondern auch, daß unter dieser anscheinend nur Gleichartiges bergenden Decke die sonderbarsten und disparatesten Anschauungen sich entwickelten, so daß, nach den Worten Jkönnikoffs, vielerorts die sogenannte Orthodoxie kaum noch vom Schamancn- thum zu unterscheiden war. Hier ist namentlich auch an das Vorwalten des Teufelsglaubens statt des Gottesglaubens zu erinnern. Derselbe Autor, auf den sich Knie hinsichtlich der vorausgegangenen Mittheilungen beruft, berichtet auch, daß die Bekanntschaft des russischen Bauern mit dem Oberteufel und mit allen seinen Unterteufcln und die Kenntniß aller von ihnen ausgeführten Teufeleien eine wahrhaft erstaunliche ist und in ihrem Umfange alles übersteigen mag, was im Westen das gemeine Volk von göttlichen Dingen hat. Nicht der christliche Gottesglaube, sondern der volksthümliche Teufelsglaube gibt beim gemeinen Manne in Rußland die Motive des Handelns her. Knie versichert, mit Beispielen und eigenen Erlebnissen aufwarten zu können, welche klarstellen würden, daß auch die höheren Stände Rußlands, soweit sie noch „rechtgläubig" sind, dem Teufelsglauben in einer Weise huldigen, die dem Nichtrussen einfach unverständlich ist und daher kaum Glauben finden würde. Mit vollem Rechte ruft daher ein russischer Schriftsteller aus: „Ich erkenne es mit unaussprechlichem Schmerze, daß bei uns die Religion gänzlich unwirksam ist." X. Die neuere Kupferplastik. Von Dr. Scpp. Süddentschland behauptet im Kunstgebiete den Vorrang, und ein neuer Kunst zweig hat eben jetzt in München sich eingebürgert: in Kupfer getriebene Figuren. Wir sehen mit Befriedigung, wie Meister aus unserer Mitte in ihren Werkstätten gerade hierin ihre Kunst- gewerbcthätigkeit entwickeln, wie das Neichstags- gebände durch sie seine Krönung erhält, indem das Kniscrdiadem in der Mitte von vier Königskronen in kolossalem Maßstabe umgeben sich erhebt und die Germania hoch zu Roß mit gehobenem Scepter im Morgen- strahl der neuen Zeit zu reiten beginnt. Eben ergeht nach München die Einladung, sich ja an der Concurrcnz zum Denkmal am Khff Häuser zu betheiligcn, wo der erste Kaiser des neuen Reiches monumental in riesigem Maßstabe durch Knpfertriebkunst auferstehen soll. Dieß rechtfertigt, daß wir der neuen Ehre des Kunsthandwcrks in Bayerns Hauptstadt diese Zeilen widmen. Die Insel Cyperu heißt das Knpfcreiland, von da holten die Phönizier das Metall und gössen es mit Zinn in Erz um. Das Kupferzeitalter geht dem ehernen voran. Herodes der Judenkönig pachtete die einträglichen cyprischcn Bergwerke. Die Bibel setzt Tubalkain, den Meister in Erz und Eisen, bereits vor die Fluth. Das Alterthum wandte diese Technik meist auf den Panzer (tborax) an. Die griechische Toreutik hat Silber, Gold und Kupfer gehämmert und getrieben, besonders nach Holzmodellcn Todtenmasken, die man dann mit Pech ausfüllte und cisclirte. Schliemann entdeckte einen in Silber getriebenen Stierkopf in Mykenä, 94 er mißt 25 oin. Die mittelalterlichen Rüstungen sind meist aus Eisen getrieben, dann tauschtet. Wir lesen von dem 105 Fuß hohen Sonnenidol, dem Coloß von Nhodns, von Chores, dem Schüler des Lysippns, 280 v. Chr.: daß Zwischen dessen Beinen Schiffe durchführen konnten; er war allerdings am kleinen Hafen, wie man im Vorbeifahren merkt. Derselbe war von Erz gegossen, und nachdem ihn 224 v. Chr. ein Erdbeben niedergeworfen, ließ nach der muhamedanischen Eroberung der Insel der Chalife die Stücke durch 900 Kameele fortschleppen. In neuerer Zeit eröffnet die Reihe der in Knpfer getriebenen Colossalfiguren der 24 Meter hohe Carolus Borromäus zu Arona, dem Geburtsorte des Heiligen, welcher 1697 auf zwölf Meter hohem Sockel aufgestellt wurde und weithin über den Lago Maggiore sichtbar ist. Eine Treppe führt im Innern, wie in der 1844 aufgestellten 19 Meter hohen Bavaria, hinauf bis in den Kopf, in dessen Raume bei sicbenthalb Meter Umfang bequem vier Personen tafeln können, um durch die Augenöffnung zugleich die Fernsicht zu genießen. Hände und Füße sind dabei in Bronce gegossen, man war der Hohlarbeit mittels Liegamboß und Prelleiscn noch nicht mächtig; nur der Mantel ist bon schwerem Kupferblech und so setzt die Figur für die Fleischtheile ein verschiedenes Patina an. Zwanzig Jahre spater (1717) erhob sich nach dem Vorbilde des Farnesischen Herkules von Lysippns die 10 Meter hohe Niesenfigur mit der Keule, der sogen, große Christoph auf der Wilhelmshöhe bei Kassel. Thnrmhoch steht er auf seinem 85 Meter hohen Unterbau, in Metall ausgehöhlt durch den Kupferschmiedgesellen O. F. Küpper aus Hanau, dessen Name ebenso bezeichnend ist, wie uns jetzt die Wilhelmshöhe an den König erinnert, welcher nach Sedan den gefangenen Kaiser Louis Napoleon dahin abführen ließ, um dieses Symbol deutscher Heldenlraft und Größe gehörig zu betrachten. Daran reiht sich die 17 Meter hohe, vor noch nicht zwanzig Jahren enthüllte Bildsäule des Arminius oder das Hermannsdenkmal bei Detmold, zunächst dem Schlachtfeld im Teutoburgerwald, auf 30 Meter hohem Dome über der 1246 Fuß hohen Grottenburg. Bis zur Spitze des gegen Frankreich erhobenen Schwertes 80 Fuß messend, erhebt er sich 57 Meter über den Erdhügel, und nicht weniger als 11,000 Kilogramm, d. i. 210 Zentner, Kupfer sind zu den Platten verwendet, welche um den Niefenkörper merklich sichtbar vernietet wurden. Der Schöpfer des Gedankens wie des Modells ist bekanntlich der Bildhauer Ernst Bändel aus Ansbach, ein Zögling der Münchener Akademie, dessen Andenken auch hier manche Büste in Ehren erhält. Doch was sagen wir erst zu der kolossalsten aller Figuren, dem Bilde der Freiheit nach dem Modell des Elsässers Bartholdi, dem Geschenke von Frankreich für den Eingang des Hafens in New-Z)ork! Diese in Kupfer getriebene Niesenstatue von 33 Meter Höhe steht auf einem 48 Meter hohen Postament, und hält mit der Rechten eine Fackel 94 Meter über den Erdboden empor. Man steigt in ihr hinauf und genießt auf einer dritthalb Meter breiten Flüche die Fernsicht, höher als der Thurm des Berliner Nathhauses und so hoch als wo der Helm des Kölner Domes aufsitzt. Gehen wir zu den Triumphwagen über, so hat unser großer König und Kunstmäcen Ludwig I. AugustuZ die Viktoria auf dem Gespann von vier Löwen vorahnend auf das Münchener Siegesthor gestellt, durch welches 1871 die siegreich aus Frankreich heimkehrenden Truppen ihren triumphirlichen Einzug hielten. Sie allein ist 17 Fuß hoch und dieses ewige Werk von 900 Zentnern Erz gegossen. Lysippns, der von Alexander M. mit einmal den Auftrag zu 34 Neiterstatueu für die am Granikus gefallenen Helden erhielt und dem man nachrühmte, daß er 600 Statuen gegossen habe, schuf auch den Sonnew- wagen mit den vier Pferden, welche nachher tn die Rennbahn von Constantinopel, und von da auf das Portal des Markusdomes in Venedig zu stehen kamen. Sie wurden 1796 als gute Beute nach Paris entführt, von wo sie erst 1815 zurückkamen. An kupfergetriebencn Werken dieser Art geht wetteifernd voran die nach Schadow's Modell 1795 von Jury ausgeführte, mit vier zwölf Fuß hohen Rossen bespannte Quadriga auf dem Brandenburger Thor in Berlin, welche Napoleon 1806 nach Paris entführte. Bekannt ist die Anekdote, wie der Turnvater Iahn die Schuljungen beim Vorübergehen an dieser stattlichen Stadtpforte nach der Frage: was denkt ihr euch hiervon? mit einem Backcnstrciche firmte mit den Worten: Merkt euch, daß wir die Viktoria mit dem Siegeswagen aus Frankreich wieder zurückholen müssen! Daran schließt sich die nach Nitschel's Modell von Georg Howald in Braunschweig 1858 — 63 als Krönung für das Schloß geformte Brnnonia auf dem Viergespann. Nach dem Nesidenzbrande mußte das herrliche Werk 1865—68 von demselben Meister erneuert werden. Howald hat auch die Herzoge K. W. Ferdinand und Fr. Wilhelm daselbst in Kupfer getrieben und dieses Geschäft dort eingeführt: er starb erst 1891. Howald der Jüngere schuf den Herkules für den Frankfurter Bahnhof. Eine kupfergetriebene Figur der unbefleckten Jungfrau erhebt sich auf der Weltkugel über dem Thurm der Marienkirche in Würzburg, mit der Lilie in der Rechten und der Schlange den Kopf zertretend, mit zwei Gesichtern, seit etwa 50 Jahren vergoldet: sie soll in Folge eines Gelöbnisses zur Abwendung der Pest errichtet worden sein. Von getriebener Arbeit gilt auch das Reiterstandbild Augusts des Starken in Dresden von Ludwig Wicdemann 1731—36, wovon das Roß allein auf den Hinterfüßen und dem Schweife ruht. Doch bedarf es noch der Untersuchung, ob nicht doch das Pferd von Erzguß ist. (Schluß folgt.) Neue Bücher'. (Unter dieser Rubrik geben wir ein fortlaufendes Verzeich» niß der bei uns cingelangcuden Bäcker, deren Recension wir uns vorbehalten. Unsere Herren Mitarbeiter ersuchen wir, die Bücher, welche sie zu recensiern wünschen, sich aus diesem Verzeichnis auszusuchen.) Die katholische Bewegung. Monatsschrift. Herausgegeben von G. M. Schüler. Würzburg, Verlag von Wörl. 27. Jahrg. Heft 3 enthält: Das apostol. Glaubensbekenntniß und die jüngsten katholischen Schriften über dasselbe. — War Shakespeare Katholik? — Origenes und sein Leben. — Drei Stimmen über das Duell. — Das Mcßthürmchen auf dem Nctscber-Dom. Llissions ä'Lkriquö. Erscheint alle zwei Monate. AbonnementSpreiS 5 FrcS. per Jahr. Zu abonniren bei L. U. Honail, iLroviuaial, rus tlassstto 27, Laris, oder II. ?. 8u- pärisur ckss ksrss, LIanos rus cks Urncck 58 ü Lla1iues(LeI§igns). Nr. 103 enthält u. A. in franz. Sprache: Briefe von Nocher an Msgr. Livinhac. — Nachrichten aus Uganda. — Bries des 95 Msgr. Lechaptois vom Tanganika. — Brief aus Karema; vom obern Congo u. f. w. Katechetische Blätter. Zeitschrift für NeligionSlehrer. Herausgcg. von Pfarrer Franz Walk, Benefiziat in Gaimers- heim. Keuchten, Köscls Verlag. Jährlich 12 Hefte. Preis M. 2,40 per Jahr. 1894. Inhalt des 1. Heftcö: Ueber die religiös-sittliche Pflege der auS der Feiertagsschule entlassenen Jugend. — Die letzten Dinge des Menschen. — Unterricht über die Firmung. — Von hl. Lippen. — Aus unsrer Sammelmappe. — Literatur rc. Die christliche Erziehung oder Pflichten der Eltern. Von W. Becker, 8. Frcibnrg, Herder'schcr Verlag. Preis 2 M. Das Capuzinerklostcr zu Innsbruck. Von v. Mich. Hetzenauer mit Jllnstr. von I. Find! uns einer Karte des apost. MissionsgcbieteS in Indien. Innsbruck, Verlag von Fel. Rauch. 80 kr. östr. W. Die christliche Aöcese. Ihr Wesen und ihre historische Entfaltung von Dr. Jnl. Mayer Repetitor am Thcol. Convikt in Freiburg. Frcibnrg, Herder's Verlag. 80 Ps. Erinnerungen eines alt-n Prägers. Ghettogeschichten aus vergangenen Tagen von Em. Emil. Leipzig, Verlag von W. Malende. Englische Reiseskizzen mit Karten und Bildern von Heinrich Pudor. Leipzig, Verlag von H. Pudor. 2 M. Franz Luowig von Ertbal. Fürstbischof von Bamberg und Würz bürg. Ein Charakterbild, nach den Quellen bearbeitet von vr. Fr. Leitschuh. Mit 10 Vollbildern. Bamberg, C. Buchner's Verlag. Heilige und selige Kinder. Eine kleine Legcnden- sammlung. Von I. Hosmann, Pfarrer in Güntersleben. Würz- burg, Verlag von A. Göbcl. Us unse Lotterb ove-Johre. Erzählungen in Köln. Mundart. Von vr. W. Clanß. I. Band: Der Seilspenner. — Unse Student. Köln, Verlag von I. B. Bachem. Preis geb. M. 1.50. Gold zum himmlischen Brautgewand vom lieben Christkind. Für Kranke uns andere Leidende. Don G. I: Bartbclme, Seelsorger. Im Anhang Kranken- und Sterbegcbete. Würzburg, Verlag von A. Göbcl. Stadtpsarrcr M ichael Bcckert zu St. Peter in Würzburg. Von Or. C. Braun, Dompsarrcr. Würzburg, Verlag von A. Göbcl. 80 Ps. Leben des Prinzen Alexander v. Hobenlohe, Großprobst von Großwardcin. Hcransg. zum Besten eines frommen Werkes von den Karmclitcriuncn von Marienthal im Elsaß. Zu beziehen dortselbst. Preis M. 2,40. Der große Tag der Erndte, Fasienpredigtcn vonCh. Dicssel, 0. 88. v,. NegenSburg, Verlag von Frieor. Pustet. Preis M. 1,40. Stellung des kath. Religionsunterrichtes in der Volksschule -in Lehr Plan der Jünger Herbarts von vr. Johannes Scholastikus. Würzburg, Verlag von A. Göbcl. 50 Ps. Die Wetterführung der Canalisirnng des MainS bis A'chasfcnburg. Von Frz. Wörner (im Auftrag des Stadtmagistrates Asckaffcnburg verfaßt). Erklärung der gebräuchl. fremden Pslanzeu- namen. Von A. Emmerig. Douauwörth, Aucr'scher Verlag. Der Obstbau. Von F. C. B. Gillig. Douauwörth, Aucr'scher Verlag. Jahresbericht der Herber'scheu Verlagöhand- handlung für 1893, verfaßt von Frz. I. Hutter, Theilhaber dieser Handlung. Lebensbeschreibung deS Bischofes Mich. Witt- mann, von Präses I. B. Mehler. 2. Anfl. NegenSburg. Selbstverlag des Verfassers. Lebensbeschreibung des Bischofes Mich. Witt- mann, Tenium der Marianischen Kongregation Negcnsburg für 1894. Von Präses I. B. Mehler. Regensburg. VerlagS- anstalt vorm. Mauz. „Nepstitionöbüchlein." „Ein Leitfaden für den Katecheten zur Wiederholung des Nothwendigsten an-Z dem Katechismus, was dem Kinde für daö Leben bleiben soll, zugleich ein Lescbücblein für das katholische Hans." 1. Thl.: Die Glaubenslehre. Keuchten, Kösel. 1894. Ph. „Nichts ist im Unterrichte nothwendiger, als die oftmalige Wiederholung des Wichtigsten. Das gilt besonders vom Religionsunterricht", schreiben die Verfasser dieses Büchleins in der Vorbemerkung, wohl Mitglieder des katcch. Nep-titionS- kränzchens, das in Augsburg zu Frommen unserer Katcchnmenen fleißig arbeitet. Daß die Wiederholung aber von vielen unterlassen wird, das zeigt die oft krasse Unwissenheit unserer Cbristen- lehrjugend. Die Gründe für diese katechctische Unterlassungssünde hab.en die Verfasser des NepetitionsbüchlcinS wohl erkannt, wenn sie' ein „Nepetitionsbücklein zur Wiederholung des Nothwendigsten" herausgeben. Denn die Stoffübcrfülle unserer Katechismen, besonders des AugsburgcrS, lassen dem jungen Katecheten vornehmlich, der alles durcknehmen zu müssen vermeint, keine Zeit zu gründlicher Wiederholung mehr. Daß deßhalb unseren Katechismen eine Beschncidnng noth thut, har schon 1878 ein Artikelschreiber in den Katechet. Blättern S. 102 ff. jenen nachgewiesen, die dem Grundsatz huldigen: tzuoä non est in catsehismo, non est in innnclo. Vorliegendes NcpctitionS- büchlein nun hat das Wichtigste und Nothwendigste des kate- cbetischcn Memorierstosfcs auSgehobcn, so daß der junge Katechet daraus lernen kann, was er besonders gründlich zu behandeln, immer zu wiederholen, stufenweise zu vertiefen und somit auch den Schwächeren als festes katcchctisckes Eigenthum mit inS Leben zu geben bat. Dazu kommt, daß der ausgewählte Stoff mit solch methodischer Vortrcfflichkeit geboten wird, daß jeder Katechet aus dieser reisen Frucht von offenbar langjähriger katechctischcr Thätigkeit lernen kann. Die Verfasser sind bei unsern praktischsten Meistern in die Schule gegangen: Mcy, Möhlcr, Dreher. Das beweisen manche Anklänge an deren Katechismen. WaS vr. Merkel, L-celsorger 1892 11. Heft, an dem Nottenbnrger Katechismus rühmt, daß der Verfasser desselben zuerst den Wortlaut der Antworten festgestellt und diesem die Fragen gebildet habe, das finden wir auch in dem Rcpctiticnsbüchlein; denn wenn man von den nebenangedruckten Fragen absieht, liest sich das Großgedruckte leicht und flüssig in lückenloser Aufeinanderfolge. Der in katechetischen Fragen feinfühlige Falk schrieb im -vastor bonus- 1893 S. 563: „Die KatechiSmnsiprache muß die des Volkes, des Kindes sein". Den Deharbe'schcn Katechismen mangle sie, darum seien sie „Nicht-Volksbücher". Das Ncpe- titionSbüchlein hat diesen Fehler vollständig überwunden; die Verfasser haben den Muth gehabt (ich denke die Schulpraxis wird es ihnen gelehrt haben), all diese nnkindlichcn, langen Perioden, verschobenen „daß"-, „indem"- und „davnrch daß"- Sätze und Abstrakte, abzuweisen, um mit dem Kinde einfach zu reden. Nur ein Abstrakrum vermisse ich, das man doch nicht entbehren kann: „heiligmachende Gnade". Die Verfasser wollten wohl diesen Ausdruck sich aus das 3. Hanptstück verspüren, „aus der nicht unbegründeten Scbeu, Begriffe zu geben, ehe ihr Inhalt dem Kinde klar geworden ist." Denn gerade mit dem Ausdruck „Gnade" wird vielfach sinn- und gedankenlos operiert, ebne daß er stufenweise vertieft und ccnccntrisch erweitert wird, wie cS z. B. der Begriff „heiligmachende Gnade" auf 3 verschiedenen Lchrstufen verlangt. Die sonst so schwierigen und hart lcrnbarcn Partien über die Ausstattung der Stammeltern, Sündcnfolgen, Kirche sind in vorzüglicher Weise möglichst einfach behandelt. Die Schuldefiuitionen sind eben ganz weggeblieben und die (sache ist dock gegeben. Einigemal,: werden ganz glückliche Worterklärungcn versackt, wie: Wir glauben standhaft, wenn wir fest beim Glauben stehen bleiben, selbst wenn cS das Leben kostet. Die Eigenschaften Gottes werden so erfragt, daß sinnlose mechanische Antworten möglichst zurückgehalten werden. Neben solchen hervorragenden Vorzügen verschwinden einige wenige Ausführungen, mit denen ich nicht übereinstimme. In dem Satze S. 23: Gott hat Himmel und Erde durch sein bloßes Wort aus nichts gemacht, erschwert der Ausdruck bloßcö Wort eine spätere Ergänzung dahin, daß dieses Wort eben das ewige persönliche Wort dcS Vatcrö. die 2. Person, sei; dazu bereitet der Ausdruck „allmächtiges Wort" besser vor. Die Antwort auf Frage 36: Was sind die Engel? Die Engel sind die Boten Gottes, möchte dem Kinde doch eine gar zu geringe Auffassung von dem Wesen der reinen Geister verschaffen. Die Fragen 148 und 172 des AugSburger Katechismus sind in die eine zusammengezogen: Warum ist Jesus Mensch geworden? Hier muß es offenbar heißen: Warum ist der Sohn GotteS Mensch geworden? Und wenn man darauf mit dem Nepetitions- büchlcin antwortet: 1. um uuS zu erlösen, 2. um nnS dcn Wcg in den Himmel zu zeigen, so ist das theologisch unrichtig; denn das hätte er ohne Menschwerdung thun können. Hier muß jedenfalls die Lehre von, GenuzthnungS-Leidcn und Sterben angedeutet werden. Er ist Mcnsck geworden 1. um für uns leiden und sterben zu können. Später dann kaun mau fragen: Wozu wollte Jesus leiden und sterben? Die Antwort mit den Infinitiven „um zu leiden" rc. verlangen das Fragewort: Wozu. Seite 58 entscheidet sich daß Nepctitionsbüchleiu unter den drei in deutschen Katechismen üblichen Fragestellungen betreffs der Bethätigung der Gemeinschaft der Heiligen zu der von Ncttcn- bnrg gewählten. Wie zeigen wir unsere Gemeinschaft mit den 96 rechtgläubigen Christen aus Erden u. s. tv.? Doch läßt die Antwort die Antheilucchnie an den geistigen Gütern der Kirche vermissen. Vielleicht möchten manche einer größeren Stofffülle das Wort reden; doch glaube ich, daß die Verfasser in diesem Punkte am wenigsten mit sich rechten lassen, und eine Aenderung könnte auch nur zum Schaden dcS vortrefflichen Büchleins ausfallen. DaS im Kleindruck Angegebene ist sehr werthvoll, warm und herzlich, sich weit über die oft flachen, wässerigen Nutzanwendungen erhebend. Der Katechet kann cS gut zur weiteren Erklärung des Großgcdruckten verwenden; dadurch aber das Büchlein zu einem „Lesebüchlein für das katholische Volk" machen zu wollen, halte ich nicht für gut. Das Repetitionsbüchlein soll und muß meiner Ansicht nach die Grundlage zu einem neuen Diözcsankatechismus werden, und zwar einem solchen, der nach dem Vorbilde des Nottenburgers den Memorierstoff im Großdruck beschränkt und dafür Kleindruck zum Lesen bringt. Eiil Katechismus kann aber kein HanSbuch für spätere Zeit sein, wenn er seinem eigentlichen Zweck entsprechen will, nämlich dem Kinde die aus dem lebendigen Worte des Katecheten von ihm selbst abgeleiteten Hauptsätze schwarz aus weiß zum Nachlesen und Einprägen zu geben. Hirschcr's Katechismus, besonders der erste, könnte als BetrachtnngS- und HanSbuch dienen, gerade darum konnte mau ihn in der Schule nicht brauchen. Sehr gespannt dürfen wir auf die weiteren Theile des Ncpctitions- büchlcins über die Gebote und Sakramente sein, wie es der methodischen Gewandtheit und dem pädagogischen Zartgefühle der Verfasser gelingen wird, die bisher übliche kalte Sünden- rubricirung in der Gcbotenlehre und Dcfinitionsmanie bei der Lehre von den Sakramenten zu vermeiden. Dreher dürste ihnen in seiner originellen „kleinen katholischen Christenlehre" die besten Wege weisen. Mögen recht viele Katecheten, denen es mit ihrem schönsten, aber auch schwierigsten Amte Ernst ist, sich mit dem Inhalte und dem Geiste dieses Büchleins bekannt machen. Wenn sie auch vorderhand dasselbe neben dem Diöccsan- katcchismuS nicht recht benutzen können, weil es zu sehr abweicht von seinem Wortlaute, dürfen sie doch sicher hoffen, daß dasselbe eine Zukunft haben werde. Das kirchliche Imprimatur, das eS an der Spitze trägt, bürgt dafür. Huoliiridion Dlioolo§ias voKMatioao Lxsoialis. Laietoro Oro. Vraneisoo ÜAAer, Loclooias Oatlwäralis Lrixinsnsis Lelwlastioo ao Lominarii Olorioalis Keetoro. Lditio tertia. Urixinao, 1894. 8°. ?§. VIII, 1034. krotium: LI. 9,60. 9. v. I/. Für die Güte und Brauchbarkeit des vorliegenden Lehrbuches der Togmatik legt schon der Umstand ein treffliches Zeugniß ab, daß nach kaum 6 Jahren bereits die dritte Auflage nöthig wurde. Dieselbe kündigt sich zwar bloß als neue Auflage an, ist aber nicht etwa nur Abdruck der 2. Ausgabe, sonocrn merklich verbessert und vermehrt. Manches wurde genauer ausgedrückt, manches besser erklärt, anderes gründlicher und weitläufiger bewiesen. Das meiste Verdienst um die Verbesserung des BuchcS erwarb sich Dogmatik-Prof. Dr. Jos. Sachs in NegcuS- bnrg, welchem der Verfasser in der Vorrede zur neuen Auflage öffentlich seinen wärmsten Dank auespricht. Auch UniversitätsProfessor Dr. Franz Stanonik in Graz machte sich in dankens- wcrthcr Weise um die 3. Auflage verdient. Die Eintheilung des ganzen, sowie der einzelnen (XIV) Traktate blieb dieselbe. Recht lobenSwcrtb ist das Bestreben des Vers., vor allem in das innere Verständniß der einzelnen Dogmen einzuführen und so auch nachhaltig die Herzen für die hl. Glaubenslehre zu erwärmen. Vorliegendes Lneluridiou der speciellen Dogmatik dürfte ebenso wie das ünebiridion der generellen Dogmatik (Vgl. Beilage Nr. 32, v. 10. August 1893) wohl geeignet sein, den dogmatischen Vorlesungen zu Grunde gelegt zu werden, un, so das leidige Nachschreiben mehr zn beseitigen. Einzelne Nachträge, sowie Verbesserungen würden dabei zum Aufzeichnen nicht ausgeschlossen sein. Mit großem Eifer schließt sich der Autor fast durchweg an St. Thomas an; ob er denselben in einzelnen Fällen mit Recht verläßt, wollen wir dahingestellt bleiben lassen. Den durchaus kirchlichen Standpunkt des Autors bezeugt wohlthuend die Approbation und warme Empfehlung seitens seines Ordinarius. Der neu bcigegcbcne »Index Llplmbsticns« erleichtert auch den Gebrauch in der Praxis. Druck, Papier und Ausstattung machen der A. Wcger'schen Verlagsbuchhandlung und Buchdruckcrei alle Ebrc. Trotz des Zuwachses von 70 Seiten blieb der Preis derselbe, gewiß ein mäßiger. Möge das Buch seinen Theil aneifcrn zn gründlichem Dogmatik- Studiuinl Diemand (A.), Das Ceremonicll der Kaiserkrönnngcn von Otto I. bis Friedrich II. München, Lüncbnrg. 1894. gr. 8°. 149 S. -s- Als IV. Heft der „Historischen Abhandlungen, herauög. von Dr. Th. Heigel und Dr. H. Grauert", unter welchem Titel in zwangloser Folge Dissertationen aus dem Münchener Historischen Seminar zur Veröffentlichung gelangen, präscntirt sich mit vorliegender Arbeit die respektable Erstlings- lcistung eines schwäbischen LandSmanncs, der zur Zeit Praktikant am fürstlichen Archive zn Wallcrstein ist. Keinen Geringeren als Georg Waitz, außer Schreiber und Schwarzer, hat einst das Thema einer pragmatischen Darlegung der Stufen und Wandlungen, welche die Kaiserkrönung durchgemacht hat, bezw. seine Vorarbeit: die kritische Prüfung der ordiuso oder Formeln, welche die Ceremonien und Gebete für die Feier vorschreiben, zu einer Abhandlung gereizt. DicmandS Untersuchung weicht jedoch in verschiedenen Punkten von den Resultaten der genannten Forscher ab und bringt manche neue Gedanken. In 2 Abschnitten S. 9—50 und auf 4 Beilagen S. 124—149 beschäftigt sich der Verfasser mit jenen ordinos; ein Exkurs ist den Eiden gewidmet, welche der deutsche König von der Krönung zum Kaiser dem Papste zn schwören hatte (S. 103—123); ein Abschnitt S. 51—104 verbreitet sich über die einzelnen Theile des KrönungS- programmeS in einer Darstellung des Einzuges in die ewige Stadt, dcS Empfangs durch den Papst, der Ableistung des KrönungScides und der I. Benediktion über den Kaiser, des Skrntininms, der II. Benediktion, der Ausnahme dcS K. unter die Kleriker von St. Peter, der Salbung, (Überreichung der Jnsignicn, KrönnngSmcsse, dcS ZugcS zum Lateran und des Festmahles daselbst. Schade, daß uns der Raum hier nicht gestattet, aus dem Inhalte deö BncheS selbst Einiges für eine Betrachtung des Verhältnisses zwischen Papstthum und Kaiscrthum zum Besten zu geben. Die Abhandlung bietet deö Interessanten genug für die Freunde der kirchlichen wie der profanen Geschichte; ihre Lektüre sei den Lesern der „Beilage" bestens empfohlen! _ ErholungS stunden von Cardinal Manning. Einzig autor. Uebersetzg. Von vr. F. Steffens, Pros. an der Univ. Frcibnrg i. d. Schweiz. Mit dem Bildniß des Kardinals. Freiburg, Herder. 1893. 12°. XV u. 112 S. 80 Ps.; gbd. M. 1,20. Dieses nachgelassene Werk des berühmten Kirchenfürstcn zeichnet sich durch klassische Schönheit der Sprache und einen für alle Confessioncn in gleicher Weise bedeutsamen Stoff aus. Es bietet namentlich auch Pädagogen und Philologen manchen Anlaß zur Verwerthung beim Unterricht und ist es daher ein dankcnSwcrthes Unternehmen, daß Professor Steffens, mit dem Genius deö Englischen wie der deutschen Muttersprache aufs innigste vertraut, eine sauber gehaltene, feine Uebcrfetzung geliefert hat, die sich wie ein Original liest. DaS Ganze wird eingeleitet durch die wichtigsten Daten auö dem Leben des Kardinals. Die Ausstattung ist vortrefflich. Wir wollen nicht verfehlen, den hocbw. Clerus schon jetzt darauf aufmerksam zu machen, daß binnen Kurzem der erste Band der zweiten Auflage des gediegenen „Elbel' scheu Moral- werkeS" zur Ausgabe gelangen wird. DaS Erscheinen der ersten Auflage dieses berühmten Buches, welches lange Zeit der Vergessenheit anheimgefallen war, wurde von der gesummten kathol. Fachpresse dcS In- und Auslandes mit Freuden begrüßt. ES ist zu hoffen, daß die zweite Auflage, an welcher einige Aenderungen vorgenommen sind, dieselbe Aufnahme und Anerkennung finden wird wie die erste, welche schon nach kurzer Zeit vergriffen war und über welche sich die „Thcol.-Pract. Monats - Schrift" wie folgt äußerte: „Der vom hl. AlphonS fleißig studirte und als hervorragende Autorität unzählige Male citirte k. Benjamin Elbel (ch am 4. Juni 1756) ist (durch k. F. Jrenäus Bicrbanm, 0. 8. Vr.) wieder auferstanden und will mit seinen ebenso umfassenden wie gediegenen moraltheolo- gischen Kenntnissen aus's Neue der katholischen Wissenschaft und Praxis dienen.In Anbetracht dessen, daß Elbcl's Deutlichkeit und Klarheit nur schwer vervollkommnet oder übertreffen werden könnte, ist das Unversehrtlassen seines Buches als besonders löblich hervorzuheben. Nachdem Elbel's Werk von Enry, Harter und Lehmkuhl mit den stärksten und verlockendsten Lobeserhebungen ausgezeichnet wird, bedarf eö wohl von anderer Seite keiner weiteren Empfehlung." Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. In Sachen von Dr. F. W. Helle's Dichtung Jesus Messias/") Wie kommt es, daß eine Dichtung, deren veröffentlichte Theile mit Recht so glänzende Beurtheilung erfahren haben, — konnte doch selbst die „Neue Freie Presse" nicht umhin, wenn auch mit eigenthümlichem Lächeln um die Lippen, entschiedene Anerkennung zu zollen, — wie kommt es, daß ein Werk, in welchem Poesie und Erbauung um die Palme ringen, trotzdem selbst bei Katholiken so langsame Verbreitung findet? Wie kommt es, daß selbst des Dichters nähere Landsleute, die Westfalen, ihn und sein Werk so selten erwähnen? Wohl liegt es in der Natur der Sache, daß romanartige Dichterwerke ihren Weg rascher machen, als so wuchtige hochernste. Auch daß wir leichter nach einem Buche greifen, wenn es 10 Bogen, als wenn es deren 30 zählt, ist nach Umständen leicht erklärlich. Zudem ist es ja bekannt, daß das „Volk der Denker" zu den schlechtesten Bücherkäufern der civilisirten Welt gehört! Je weniger seßhaft wir in eigenen Häusern, vielmehr nomadenhaft, zwar nicht unter Zelten, aber in Mieth- häusern leben, desto mehr wird der Luxus von Privat- bibliotheken der letzte sein, den wir uns erlauben. Wir nehmen die Bücher lieber zu leihen, als wir sie kaufen; Dr. Helle's Werk aber eignet sich nicht dafür, leihweise in Hast gelesen zu werden, sondern gelassen, in ruhigen Absätzen, und will immer wieder hervorgeholt werden, um einzeln bald diesen, bald jenen Abschnitt zu genießen. Dies Alles erklärt einigermaßen die sonst verwunderliche Thatsache. Aber es gibt bei uns doch so Viele, denen das Leben, Leiden und Sterben unsres Herrn die erhabenste Herzensangelegenheit bilden und die sich freuen, an der Hand eines geistreichen Führers sich darin zu ergehen. Nun wohl denn, Helle verfügt bei lebendiger Darstellungskraft in edelster Sprache über einen erstaunlichen Reichthum von selbständig verwertheten epischen Thatsachen, im Wesentlichen geschöpft aus beiden Testamenten, aus Apokryphen, Kirchenvätern, Ueberlieferungen, frommen Sagen und mannigfaltigen Schriften, im Geleit der schönsten Betrachtungen, deren Correctheit von Theologen gerühmt worden, im Geleit auch der gelungensten malerischen Schilderungen. An der auffallend langsamen Verbreitung des Werkes muß also, selbst wenn Einiges dem Verleger zur Last fallen sollte, irgend ein Vorurtheil mit Schuld tragen, und wir glauben es zu kennen. Helle's Dichtung läuft in Hexametern. „O weh," rufen hier sogleich einige meiner Leser. Geduld, verehrte Herrschaften, hören Sie mich einen Augenblick an! Der Hclle'sche Hexameter ist nicht jener, den Sie kennen, weder der noch sehr unbeholfene der Klopstock'schen Messiade, noch auch der zwar sehr schöne, sehr formvollendete des Grafen Platen und anderer Neueren, welcher aber eigens geschulte Leser fordert; nehmen Sie Helle's „Golgatha und Oelberg" zur Hand und überzeugen Sie sich, daß sein Hexameter, auch ohne Kenntniß besondrer prosodischer Regeln ohne Stockung lesbar ist für Jeden, der nur ein natürliches Sprach- und Rhythmengefühl besitzt und bis auf sechse zählen kann. Helle erreicht dies, indem er bei Anwendung der Spondäen äußerst mäßigen Gebrauch macht von der Dr. F. W. Helle lebt in Dresden, Alaunstraße 64. Freiheit des antiken Hexameters, Accentlängen in die Senkung zu bringen. Sein Vers ist in dieser Hinsicht in strengerem Sinne ein accentuirender, als unsre volks- thümlichen Versmaße, die bei der leichten Ueberschaulich- keit ihrer Zeilen sich die nämliche Freiheit häufig gestatten; sieh beispielsweise die Accentlänge Schutz in dem bekannten Kindergebetchen: Heiliger Schutzengel mein rc. Dennoch bleibt Helle's Hexameter zugleich ein quanti- tirender; denn er hält (mit kaum nennenswerthen Ausnahmen) die Gemeinregel aller antiken Versmaße ein, in der Senkung zu einer Länge keine weitere Silbe zu fügen, was unsere volksthümlichen Maße gestatten, nicht nur wenn die betreffende Senkungslänge accentlos ist, wie Land in der Zeile „Rufet das Vaterland mächtig zum Streite" — sondern selbst wenn sie den Wortaccent erhält, wie in den Droste'schen Versen: Nechtsab des eigenen Blutes Gezweig, Die alten, freiherrlichen Wappen: Drei Rosen im Silberfelde bleich, Zwei Wölfe, schildhaltende Knappen. Indem Helle einerseits eine Freiheit der volksthümlichen Messung, andrerseits eine Freiheit sowohl dieser als der antiken nur mit großer Vorsicht anwendet, gewinnt er sich, ohne Gefahr, den Rhythmus zu verwirren, das Recht, öfter Trochäen einzufügen. Ich bemerke dies,! um etwaiger Kritik die Spitze abzubrechen. Bekanntlich ^ vermag ohnehin der deutsche Hexameter unter keinerlei Umständen die rhythmische Wirkung des griechischen zu erzielen; denn dieser schreite, wie man uns sagt, im Zwei» Vierteltakt, wir aber können aus Sylbenfolgen wie Herrsche, du Mächtiger, in Ewigkeit nicht die Figur f j ß bilden, es sei denn im Gesang. Da im Deutschen die Voraussetzung, daß zwei kurze Sylben gleich einer langen seien, nicht zutrifft, haben wir mit der darauf gebauten Regel nur insoweit zu schaffen, als allerdings auch für uns der Spondüus mehr Fülle hat, als der Trochäus. Inwiefern aber die Meldung von Trochäen nur durchführbar ist, wenn wir auch fleißig Accente in die Senkung legen, ungeübte Leser aber über diese straucheln, so fällt — Vorzug gegen Vorzug gehalten — sicherlich bei einem Gedicht, dessen stofflicher Inhalt empfängliche Leser in allen Ständen und Lebenskreisen sucht und findet, die volksthümliche Lesbarkeit entscheidend in's Gewicht. Man gestatte mir etliche eilig zusammengeraffte Belege: Aus dem vierten Gesang (Petri Verleugnung und Reue) den Eingang: Kalt durckchauchct die Luft der reichlich gefallene Nachtthau; Aber im porphyrgepflasterten Hof, aus weiter Vertiefung Strömet erwärmenden Hauch das knisternd-prasselnde Feuer. Ueber die ruhige Gluth im tiefgemauerten Stcinbett Häuft die geschäftige Hand der dienenden Mägde des Ginsters Ruthenförmig Geäst und die knorrigen Scheite des Stammes; Bräunlich Wachholdergesträuch vermischt in den Gluthen des Heerdes Harzige Düfte dem duftigen Markt verglimmender Beeren. Springende Schoten sprüh'n des Ginsters kernigen Samen Ueber das flackernde Wurzelgeflecht und schlangelnde Flammen Fressen durcb's Ruthcngeäst und huschen wie schwankende Arme Um die zersplitterten Scheite des Stammes; gespenstige Schatten Klettern umher an den Säulen des Hofs und streuen zerriss'ne Nebelgebilde aus's Volk, das ängstlick-leise und heimlich Oder voll Leidenschaft mit heftigen Worten umhergeht Unter dem Säulengewölb, des gefangenen Rabbi gedenkend. Oder aus dem 14. Gesang (Abnahme Jesu vom Kreuze): Joseph's erbab'irc Gestalt, im lang Hinwallenden Barte, Stützet die Linke um'S Kreuz, sein Blick schaut über das Querholz, Ueber der Schulter zerrissenes Fleisch, und bebend vor Herzleid Sieht er in Mitten der Hand die blutig umkrustete Wunde, Welche in's Fleisch und Holz der gierige Nagel hineinfraß, Daß aus der andern Seite des Pfahls die Spitze hervorragt... Weit ab steht von der Fläche der Hand des eisernen Nagels Schützender Helm; vergebens versucht in zartester Ehrfurcht Sorgsam dieRcchte, demFleische u. Holz zu entringen das Eisen... Aber umkrustet von Blut, mit der Wunde zusammengewachsen, Trotzt es der bebenden Hand; — im stillen Gebete des Herzens Fleht er zu JesnS um Hilfe und Gnad', — und stehe, die Nagel Folgen der ziehenden Hand in gchcimnißvollcr Bewegung, Wie wenn göttliche Kraft die Spitzen berühre von rückwärts, Daß sie verlassen das Holz nnd die heilige Wunde der Hände, Sorglich verbirgt er sie dann im Gürtel dein Auge Maria'S. Oder aus dem 17. Gesang (Jesus im Jnfernus u. s. w.): (Der Dichter greift zurück zum Augenblick des Abscheidens Jesu; die Hölle erzittert dem Ruf der Engel- schaaren): „Oeffnet die Thore, ihr Fürsten der Nacht! aus ehernen Angeln Hebet die Pforten empor! denn einziehen will der gerechte König der Gloria und Macht, der Gerechtigkeit ewiger Rache." (Die abgeschiedene Seele des Herrn erscheint im Aetherleib noch als Leidensgestalt, um der ewigen Gerechtigkeit die letzte höchste Sühne zu bieten; bei diesem Anblick glaubt die Hölle zu triumphiren, aber —) Niedergedrückt auf die Knie' von geheimnißvollen Gewalten, Welche entquellen der Siegcrgestalt des wandelnden Gottsohns, Rufen die Teufel in einem Moment, in wiederstandsloser Kraftloser Ohnmacht, knirschend vor Zorn und willenlos-folgsam Hinter dem Wandelnden her und vor Ihm und neben Ihm allwärts Lauter u. grimmiger stets: „Heil, Heil dem Bezwinger der Hölle! Unserm Gebieter nnd Richter und Herrn, dem Sohne des David!" Und um nicht mit dem Ruf der Teufel zu schließen, noch aus dem 28. Gesang (Jesu Verherrlichung im Himmel): Ueber die Welten im Sonuengewog, — Millionen Gestirne — Donnert der Donner des Herrn, und Sonnen, Planeten und Sterne Leuchten in herrlicherm Glanz; in gehorsamer Eile durchschnellen Alle das nimmerbcgrenzte Gcfild u. s. w. * Es ist heut nicht das erstemal, daß es mich drängt, in Sachen des hochinteressanten Werkes und seiner bisherigen Geschicke in Ihrem Blatt ein bescheidenes Wort zu sprechen. Was mich hemmte, war die Erwägung, daß Dr. F. W. Helle mir selber ein äußerst günstiger Recensent gewesen und daß Gegenseitigkeit des Lobes gar leicht einer Mißdeutung unterliegt. Heut aber duldet es mich nicht länger in solchem Schweigen, angesichts einer Subscriptions-Einladung, welche der vielfach schwergeprüfte Mann und Dichter „an der Schwelle des Greisenalters" erläßt, damit er die edle Arbeit so vieler Jahre in der Gesammtheit der drei Bände könne an's Licht treten lassen. Der erste Band, der 1870 erschien unddasLeben Jesu in seiner Kindheit behandelte, wurde seitdem auf das ganze Leben Jesu bis zum 80. Lebensjahre ausgedehnt und im Geiste der Fortsetzung, nämlich im Anschluß an den 1886 separat erschienenen Schlußband „Golgatha und Oelberg", umgearbeitet. Alle drei Bände sollen circa 90 Bogen 8° ausfüllen. Jeder Dichter, jeder Autor wird es Dr. Helle nachfühlen, wie dringend es ihm am Herzen liegen muß, solch ein Werk noch selbst dem Druck zu übergeben, die Correklur selbst zu besorgen. Hiebei braucht nicht verhehlt zu werden, daß auch die finanzielle Seite ihm muß von Wichtigkeit sein. Aus geschäftlichen Rücksichten ist es geboten, daß die Auflage 2000, noch besser 3000 Exemplare umfasse. Im ersteren Fall müßte, damit die Deckung der Kosten und ein nennenswerter Reingewinn für den Autor gesichert seien, die Zahl der Subscribenten 400 betragen, im zweiten 600, wobei das Gesammtexemplar sich auf 15 Mark (9 fl. 30 kr.) berechnen würde, — in Ansehung des reichen und breiten Satzes ein erstaunlich billiger Preis. Exemplare des 1. und 2. Bandes betrügen 10 Mark (6 fl. 20 kr.). Seine Durchlaucht der regierende Fürst v. Liechtenstein hat auf 50 Exemplare des Gesammtwerkes unterzeichnet. Es ist undenkbar, daß die Subscription nicht bald zum gewünschten Ziel gelangen sollte. Das katholische Deutschland wird sich nicht selber eines solchen Werkes berauben. Weil aber in solcher Sache jeder das Seinige thun soll, habe ich mir htemit erlaubt, die Leser der Postzeitung noch ausdrücklich aufmerksam zu machen. Emilie Ringseis. Der Herbartmnismns an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien. (Schluß.) Der Inhalt des sittlichen Ideals besteht nach Lindner in folgenden fünf sittlichen Ideen: Gewissenhaftigkeit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht und Billigkeit. „Die Uebereinstimmung des Wollens mit der Einsicht oder die Gewissenhaftigkeit als das erste Element der sittlichen Werthschätzung nennen wir die Idee der sittlichen Freiheit." (S. 60.) Im Anschluß an Herbart wird die innere Freiheit als Unabhängigkeit von außen dargestellt. Zwar ist nicht ausdrücklich gesagt, jenes „außen" sei auch auf Gott und sein Gesetz zu beziehen. Aber der Sinn jener „Unabhängigkeit von außen" ist kein anderer als „Autonomie" des menschlichen Willens, nnd die innere (sittliche) Freiheit bedeutet die innere Uebereinstimmung des Menschen mit sich selbst, unabhängig von jedem Willen außer ihm, auch dem göttlichen. Unter solchen Umständen verlieren die Worte: Gewissen, Gewissenhaftigkeit, im Zusammenhang mit dieser inneren Freiheit gebraucht, entweder allen Sinn, oder sie erhalten eine dem gewöhnlichen Sprachgebrauch durchaus fremde Bedeutung. Gewissenhaftigkeit ist nicht eine bloße Form der Uebereinstimmung (l?), sondern konsequentes Wollen und Handeln, entsprechend der erkannten Pflicht. „Stärke, Vielseitigkeit und Zusammenstimmung des Wollens bezeichnen wir kurz als Vollkommenheit desselben. Wir fällen somit vom Standpunkt dieser Idee das Urtheil: Das vollkommenere Wollen gefällt unbedingt neben dem minder vollkommenen." (S. 61.) Doch, dieser rein formalen Bestimmung der Vollkommenheit fehlt ganz und gar der sittliche Inhalt! Es fehlt das Ziel, die Richtung auf ein höchstes Gut. Die von dieser Ethik beeinflußte Pädagogik verschmäht es, mit dem gottmenschlichen Lehrmeister zu sagen: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!" Das paßt nicht zur „exakten Wissenschaft" (ls). Da gilt 99 ja nur das Größenverhältniß, die mathematische Formel. — „Unter dem bekannten Namen der Nächstenliebe (Lehrbuch S. 63) bildet das Wohlwollen den Hauptgedanken des Christenthums und den größten Wendepunkt in der bisherigen Menschengeschichte, indem es der Menschheit das Evangelium der Erlösung von der Selbstsucht verkündet." Damit würde sich das Christenthum nicht wesentlich vom Buddhismus unterscheiden. Die Nächstenliebe in ihrem vollen Umfange und ihrer ganzen Bedeutung ist zwar eine durchaus christliche Tugend, bildet aber nur eine Folge des Hauptgedankens des Christenthums. Dieser ist nämlich die Menschwerdung des Gottessohnes; und der Wendepunkt der Menschengeschichte ist die Erlösungsthat am Kreuze. „Das ist das ewige Leben, sagt der Herr, daß sie dich den einen wahren Gott erkennen und den du gesandt hast, Jesum Christum." Weiter heißt's (a. O.) bei Lindner: „Das Gegentheil des Wohlwollens ist das Uebelwollen, welches dem andern Böses wünscht. Zum Begriff des einen wie des andern gehört es wesentlich, daß es unmotivirt sei." Das Christenthum dagegen kennt keine unmotivirte Nächstenliebe. Diese ist ein Gebot und hat zudem die Liebe Gottes zum höheren Beweggrund, ist also doppelt motivirt. Wie stimmt da Herbart'sche Ethik und Pädagogik mit dem Christenthum? — „Wenn zwei Willen auf einen Gegenstand gerichtet sind, welcher jedoch nur einem derselben folgen kann, so entsteht Streit. Der Streit ist sittlich mißfällig. Um ihn zu beseitigen, ist eine ausdrückliche oder stillschweigende Uebereinkunft der Gesellschaftsmitglieder nothwendig, welche bestimmt, wem der Gegenstand zu folgen habe. Eine solche durch die allgemeine Anerkennung geheiligte Regel zur Vermeidung des Streites ist das Recht." (S. 64.) Es gibt aber auch einen sittlich berechtigten Streit. Freilich muß man den Streit als solchen für „sittlich" mißfällig erklären, wenn man das Recht nicht anders zu begründen weiß, als durch das Mißfallen an einer Disharmonie, welche „ethisch" zu benennen beliebt, obgleich sie nur ästhetisch oder gewissermaßen mathematisch ist. Der Streit mißfällt durch seinen Mangel an Ebenmaß, durch die Disharmonie, welche das Mißfallen des interesselosen Zuschauers erregt. — „Ein Wollen kann absichtlich auf ein zweites Wollen gerichtet sein. Dann darf es aber nicht bloße Gesinnung bleiben, sondern muß zur That werden. Durch dieselbe wird das zweite Wollen in seinem Zustande gestört und diese Störung von ihm entweder als ein Wohl oder als ein Wehe empfunden. Dadurch wird die von dem ersteren Wollen ausgehende That zur Wohlthat oder zur Wehethat. Sowohl die eine als die andere fordert vom sittlichen Standpunkte eine Ausgleichung, die man Vergeltung nennt. Wohlthaten und Wehethaten sollen vergolten werden; denn dieunver- goltene Wohl- und Wehethat als Störerin eines bestehenden Willensverhältnisses mißfällt unbedingt." (S. 65.) Gewöhnliche Vorstellungen erscheinen uns hier mit specifisch Herbart'schen Lehren vermischt. Die Pädagogen, n In Lindner, schwatzen dem Philosophen nach, übersetzen aber dann seine Worte in die gewöhnliche Sprache und suchen sie den landläufigen Vorstellungen anzupassen. Glauben denn diese Erzieher wirklich, daß die Pflicht der Dankbarkeit nicht besser begründet werden könne, als dadurch, daß man diese zurückführt auf eine unverstandene und unverständliche Formel, welche sich ihrerseits stützt auf die mathematische Analogie der entgegengesetzten Größen? Wäre die Wohlthat eine Störerin, so müßte sie vom Herbart'schen Standpunkte aus als sittlich verwerflich gelten, also unterlassen werden. Man dürfte es offenbar nicht daraus ankommen lassen, durch das mögliche Unterbleiben der Vergeltung zu einer neuen Störung Gelegenheit zu bieten. Auf ganz eigenthümliche Weise sucht unser Lehrbuch von den „sittlichen Ideen" hinüberzukommen auf die Begriffe von Tugend und Pflicht. Nur so nebenbei kommen diese für die Ethik so wichtigen und unentbehrlichen Begriffe zur Sprache. (Anmerkung, S. 67.)" Wenn wir auf die Entwicklung des Sittlichkeitsbegriffes in Form der fünf praktischen Ideen zurückblicken, so sehen wir, daß es fünf Klassen von Willensverhältnissen sind, welche den Gegenstand der sittlichen Werthschätzung bilden. Die Glieder dieser Verhältnisse sind einzelne Wollen(I?); nur bei der ersten Idee ist ein Verhältnißglied die Einsicht. An die Betrachtung dieser Verhältnisse knüpft sich der sittliche Beifall oder das sittliche Mißfallen; jener führt zu gewissen Tugenden, dieses zu gewissen Pflichten; denn das Mißfallen, weil es von der höchsten Instanz kommt, muß vermieden werden. Dadurch verwandeln sich die Urtheile der unbedingten Verwerfung in Anforderungen an das Wollen, denen unbedingte Folge bewiesen werden muß, d. h. in Pflichten." Zwar wird hier von Tugend und Pflicht geredet: das Wesen der Sache selbst aber fehlt. Ohne Lust am Guten gibt es keine Tugend. Die Herbart'sche Sittenlehre aber schließt die Lust aus dem Gebiete des Sittlichen grundsätzlich aus und kennt nur das kalte, interesselose Wohlgefallen am Harmonischen. Pflicht gibt es nur bei einem höchsten, gesetzgeberischen Willen. Zwar ist gelegentlich auch von Gott als dem höchsten Gegenstand der Dankbarkeit, als der höchsten vergeltenden Instanz die Rede. Die Rolle aber, welche in dieser Ethik Gott zugetheilt wird, ist eine ganz äußerliche und zufällige. Der Glaube an Gott ist Herbart Sache eines blinden Gefühls. Wer dieses Glaubens zu bedürfen meint, gut, er möge ihn behalten. Bei der Oede und Unfruchtbarkeit der Herbart'schen Tugendlehre müssen wir wahrhaft staunen, wie sich christliche Pädagogen von den üppigen Auen der christlichen Philosophie weg der geist- und herzlosen Herbart'schen Ethik zuwenden mochten. Zudem besitzt die christliche Moralphilosophie in der objectiven Weltordnung und namentlich in der vernünftigen Menfchennatur ein inhaltsvolles ethisches Princip, welches Herbart und seine Anhänger in dem formalen Gesichtspunkt mathematisch- ästhetischer, daS Wohlgefallen des Zuschauers erregender Harmonie vergeblich suchen. Der Ethik nicht minder, wie der Philologie und Metaphysik Herbarts ist der mathematisch-mechanische Charakter aufgeprägt. Deutlich tritt dies in unserm Lehrbuche hervor. Von einem freien Willen, von einer sittlichen Selbstbestimmung ist da nirgends die Rede. Die Aufgabe der Erziehung ist keine andere, als dem „Vorstellungsmechanismus" einen gewissen Inhalt und ein gewisses festes Gefüge zu geben. Daraus erklärt sich denn auch der mechanische Charakter der Herbart'schen Erziehungs- und Unterrichtsmethode. Und bei all den Gefahren, welche das Verbreiten Herbart'scher Lehren mit sich bringt, sollte man ruhig Herbart'sche Lehrbücher in die Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen eindringen lassen? Auf, muthig zur Wehr! Angesichts solch drohender Gefahren thut auch für unser deutsches Vaterland ein Weckruf noth, wie ihn der 100 Dichter Franz Sichert in seinem vortrefflichen Wetterleuchten (Paderborn, 1893) an die österreichischen Katholiken richtet: Rettet eure Kinder! Nun, Bruder, rafft euch auf zu Thaten! Ihr schlief'!, eö kam der Feind bei Nacht, Und in der Kinderseele Saaten Hat er des Unkrauts Gift entfacht! In uns'rer Kinder zarten Herzen Keimt seines Hasses Schierlingsfrucht, Wie Bilsenkrautes gift'ge Kerzen Entbrannt' er d'rin Empörungssucht l Auf, österreichisch-christlich' Blut! Es gilt der Kinderscele Gut! Was haben wir nicht schon gelitten! O, welche Bande! — Welche Schmach! In frecher Judasrottc Mitten Geschah es, daß der Muth uns brach. — Doch unser Dulden hat ein Ende, Weihs uns'rer Kinder Blüthen gilt! Nicht nur zum Fleh'n hob unS die Hände Der Herr — er brachte Schwert und Schild Zum Schreck der feigen JudaSbrutl Auf, für der Kinderseele Gut! Nicht länger schleppt ihr zu Altären Des Satans dann ein Gotteskind; Auf, Brüderl Laßt uns steh'n und schwören: Wo Christ ist, auch wir Christen sind! Wenn aus den Schulpalästen bannte Ihn haßerfüllt die neue Zeit, Dann brause, wo ein Herz noch brannte Für Christus, himmelan der Streit Und lasse glüh'n in Kampfesgluth Uns für der Kinderseele Gut! Laßt neue Blüthen lodernd brechen Drum aus des Glaubens Stamm hervor, Laßt Worte nicht, laßt Thaten sprechen, Und Herz und Hand zu Gott empor! Und in der Seele kühn' Vertrauen Und auf der Lippe einen Spruch Zur wundermildesten der Frauen, Die uns zertrat der Schlange Fluch, Und die der Unschuld Blüthenfluth Streut in der Kinderseele Gut! Ja — hört's: Solang' uns noch im Munde Ein Hauch, ein Schlag im Herzen wohnt, So lange über unserm Bunde Noch sonnumbliht das Kreuzbild thront — Solang' noch eines Herzens Flamme Empor zum Heiland liebend bricht — Das merkt euch, ihr vom Judas stamme — . Bekommt ihr unsre Kinder nicht! Wir alle steh'n mit Gut und Blut — Wir schwören's! — ein für dieses Gut! Mit Gott denn, mit des Kreuzes Zeichen Die stolze Zwingburg kühn erstürmt, Die, Schlüssel zu des Feindes Reichen, Die Hoffnung seiner Zukunft schirmt! Wir müssen, müssen sie gewinnen, Die Schule, neu als Christi vauö, Und sollte unser Leben rinnen Aus tausend Todcswunden aus! Wie Sturm erbrause, Christcnmuth! Auf, für der Kinderseele Gut! Die Grabstätten des großen Noriker - Apostels St. Severin in und bei Neapel. Zu den vielen Verdiensten, welche sich der erst kürzlich in Wien verstorbene Prälat Or. Sebastian Brunner um die katholische Sache speziell Oesterreichs erworben, ist sicher auch zu rechnen, daß er seinen Landsleuten das Andenken des großen Noriker-Apostels St. Severin wieder aufgefrischt und über dessen Grabstätte zum ersten Male verläßliche Kunde brachte. Bis in die neueste Zeit herab — selbst noch in einem 1879 erschienenen kirchlichen Proprium — waren über letztere irrthümliche, althergebrachte Angaben im Umlaufe, die schon längst einer Berichtigung bedurft Hütten. St. Severin hatte noch bei seinen Lebzeiten den Bewohnern der römischen Donaukastelle vorher verkündet, daß sie bald nach seinem Hinscheiden, gezwungen durch den Einbruch germanischer Völkerschaften in jene Gegenden, nach Italien sich zurückziehen würden, und sie gebeten, dann auch seinen Leichnam mit sich zu nehmen. Sechs Jahre nach St. Severius Tod: 488, traf ein, was der Heilige vorausgesagt. St. Severins Leiche wurde bei dieser Gelegenheit in einem schon lange zu diesem Zwecke bereit gehaltenen Kasten auf einen Wagen gelegt und die langwierige Reise angetreten. In Italien wurde die irdische Hülle des Heiligen einstweilen im Kastelle von Monte Feltre, welches Einige für S. Leon, Andere für Macerata di Monte Feltre in der ehemaligen Delegation Urbino halten, niedergelegt. Von hier aus begannen Unter- handlungen mit einer edlen Frau Namens Barbaria in Neapel, welche nebst ihrem Manne von großer Verehrung zu dem Seligen beseelt war. Sie wünschte die heiligen Ueberreste desselben auf ihrem Landgute Luculanum beizusetzen und erbaute zu deren Aufnahme eine Grabkapelle nebst einem Cönobium für die Priesterschaft, welche im Geleite St. Severins über die Alpen mit herübergekommen war. Papst Gelastus gab die Einwilligung hiezu und so konnte (zwischen 492 u. 496) die Uebertragung dahin erfolgen. Von dem großen Ansehen, das St. Severin genoß, gibt Zeugniß Papst Gregor der Große in seinen Briefen (lid. III Dp. 19, 115. IX Dp. 35); derselbe erbaute in Rom die erste Kirche zu Ehren desselben in der Nähe von St. Matthäus in Mernlana. Bis zum Jahre 910 blieben Severins hl. Ueberreste in Luculanum; in diesem Jahre war man genöthigt, zu deren Sicherung einen anderen würdigen Aufbewahrungsort in Neapel selbst ins Auge zu fassen. Seit den ersten christlichen Zeiten befand sich in dieser Stadt bereits eine St. Severinskirche. Sie ist wahrscheinlich jenem heiligen Bischöfe geweiht, von dem das römische Martyrologium am 9. Januar bemerkt: „Dog-poli in Dampams, nutaHs 8t. Lovorivi Dxlsoopi trutrls 5 satt Vlotorinl Norberts, qui post irmltarurn virtutum perpetrottoneirl xloirus sauotitats qutsvtt." Auch unter der Genossenschaft der hl. Luzia, welche in Campamen den Martertod erlitt, findet sich ein St. Severinus, Märtyrer. Im Laufe der Zeit war bei der Severinuskirche in Neapel ein Benediktinerkloster entstanden, und der Abt dieses Klosters war es, welcher 910, da die räuberischen Sarazenen die Umgebung Neapels unsicher machten, im Einverständnisse mit dem Bischöfe der Stadt die Reliquien des Noriker-Apostels St. Severin für seine Kirche aus Luculanum erhob und feierlich einbegleitete. Hier genossen dieselben auf Jahrhunderte hinaus Ruhe und Sicherheit. Erst im Jahre 1807 wurde diese Ruhe neuerdings gestört. Unter der napoleonischen Gewaltherrschaft ward den Klöstern Italiens dasselbe Loos bereitet, wie in den anderen Staaten. Am 26. Februar obgenannten Jahres erschien ein Dekret, des Inhalts, daß aus den aufgehobenen Klosterkirchen Ornate und Reliquien an ärmere Pfarrkirchen, wenn sie solche wünschten, abgegeben werden sollten. Ueber dieses Dekret zeigte sich Niemand mehr erfreut, > » >> 101 als die Einwohner von Fratta Maggiore (auch Fratta Grmno genannt), 14 Kilometer von Neapel entfernt, gegenwärtig Station der Bahn zwischen Nom und Neapel. Aus dieser Ortschaft stammte der hl. Sosius, welcher gleichzeitig mit Neapels hochberühmtem Patrone St. Januartus den Martertod erlitten hat. Schon längst hätten die Einwohner von Fratta Maggiore dessen Reliquien gerne erhalten, aber vergebens. Nun erachteten sie den Zeitpunkt für gekommen, in Besitz derselben zu gelangen, und wirklich glückte es mittelst obigen Dekretes dem Bischöfe von Peluso, Namens Lupoli, aus Fratta Maggiore gebürtig, seinen Heimathsangehörigen dieselben zu verschaffen. Dabei kam das Unerwartete: er erhielt auch die Reliquien des Noriker-Apostels, weil man dieselben bei Eröffnung der Krypta in S. Severino an Seite des hl. Sosius beigesetzt gefunden. Die Grabesinschrift dabei lautete: „äivis 8. Lsvsrivo blorloorum ^.postolo st 8osio lavitns L. flanuarii Hxisoopi in xaosions sooio tsmxlurn ndi eorum 8. 8. oorxora, Lud altars rnag'ori raquisZeunt." Sobald günstigere Zeitverhältnisse es erlaubten, gingen die Einwohner von Fratta Maggiore daran, die Seitenkapelle ihrer Kirche, in welcher sie die kostbaren Uebcrblcibsel beigesetzt, würdig mit Marmorarbeiten zu schmücken. 1874 waren die Arbeiten vollendet, für welche 35,000 Lire aufgewendet worden. Inzwischen waren aber die Neapolitaner nicht wenig darüber ungehalten, daß man ihnen hinterlistiger Weise — wie ihr Historiker Galante sich ausdrückt — die Reliquien entwendet hatte, und verlangte deren Rückgabe. Zu allem Ueberflusse kam auch aus Oesterreich, dem ehemaligen Wirkungskreise St. Severins, die Kunde, daß man für die zu Währung in Wien durch die Lazaristenpatres neuerbaute herrliche Severinskirche die Ueberlassung der Reliquien des Heiligen sehnlichst wünsche. Vier österreichische Cardinäle hatten sich dafür verwendet. — Umsonst. Als Prälat Du. Sebastian Brunner in der Oster- woche 1878 Fratta Grumo einen Besuch abstattete, zeigte sich so recht die tiefgehende Erregung der dortigen Bevölkerung in dieser Angelegenheit. Er hatte, bis der Kirchendiener mit den Schlüsseln zum Grabmale St. Severius erschien, sich in den Palazzo Lupoli zu den zwei Neffen jenes Bischofes begeben, welcher seinerzeit die Uebertragung St. Severins bewerkstelliget hatte. Mit dem Kirchendiener erschienen zugleich fünf Geistliche, und vor der Kirche waren bei 300 Personen, Männer, Frauen und Kinder, in drohender Haltung versammelt; Sebastian Brunner war darüber nicht wenig überrascht, und erst als er versicherte, daß er nur das Grab des Heiligen besuchen wolle, zerstreute sich die Menge. Von S. Severino in Neapel entwirft derselbe folgende Schilderung: S. Severino in der Nähe der Universität zu Neapel ist eine der herrlichsten und großartigsten Kirchen der ganzen Christenheit, sowie das Benediktinerstift daselbst vom zehnten Jahrhundert bis 1807 eines der berühmtesten gewesen. Die Reliquien St. Severins waren aber nicht in der großen, sondern in einer alten kleinen Kirche, seitwärts ungefähr zwanzig Stufen tiefer als die große neuere gelegen ist, beigesetzt. Der Kirchendiener führte mich durch eine kleine Thüre neben der Sncristei eine enge Stiege hinunter. ES geht durch einen dunklen Gang, dessen Boden ebenso, wie der der untern Kirche, mit einer Menge von Grabsteinen vom zwölften bis zum siebzehnten Jahrhundert belegt ist. In dieser untern Kirche befanden sich bis 1607 die Särge der heiligen Sosius und Severinus auf dem Hochaltare. An der aus schwarzem Marmor angefertigten Predella dieses Altares ist wörtlich in Stein gemeißel folgende Inschrift zu lesen: Lio äuo saucta, ckivinugus oorxoru xatrss 8os8Mg unnnimog sb 8svsrinns Unchont." Links von diesem Hochaltare, an einem Seiten- altar, befindet sich ein Christus am Kreuz, Lebensgröße in Holz geschnitzt, ein Kunstwerk aus dem neunten Jahrhundert. Die obere eigentliche Stiftskirche S. Severino kann ein Kunstmuseum genannt werden. Am 10. Oktober 9t 0 wurden unter Stefan II., Bischof von Neapel, die Reliquien St. Severins von Luculanum hierher übersetzt. Die Schnitzereien an den Chorstühlen von Merliano gehören zu den besten und harmonischsten Arbeiten, welche die Holzsculptur in der Spätrenaissancezett zu Tage gefördert hat. Die an der Epistelseite befindliche Severinuscapelle, welche ebenso wie die dem Heiligen zu Ehren gebaute Kirche den Cultus bezeugt, der dem Noriker-Apostel in Neapel zu Theil geworden, besitzt Gemälde auf Holz, St. Benedikt, St. Sosius, St. Severin (von Beltsar Carensi, der auch in dieser Kirche begraben liegt). In dieser Kirche existirt auch eine Grabkapelle der Familie S. Severino mit drei Büsten von drei Brüdern, die der Onkel (1516), um ihren Besitz zu erben, mit vergiftetem Weine aus dem Leben schaffte. Auch die Mutter dieser Söhne, die der Gram über diese That schon einige Wochen darnach hinwegraffte, ist hier bei ihren Söhnen beigesetzt. So wird man in dieser Kirche auf große Heilige und auch zum Gegensatze auf grauenhafte Verbrecher aufmerksam gemacht. An der Stelle, wo einst der Landsitz des berüchtigten Schweigers Lucullus sich befand, gegen Puteoli hin, dehnt sich nun der kgl. Palast und das große Theater S. Carlo aus. Fratta Maggiore zählt 14,000 Einwohner, deren Hauptnahrnugszweig der Flachsbau ist. Hier, wie in Torre Annunciata, südlich von Neapel, sieht man Frauen auf dem Steinpflaster vor den Häusern mit großen, schweren Holzkeulen den Flachs brechen. Diese Abkömmlinge der Großgriechcn haben es mit den Söhnen der alten Latier gemeinsam, daß sie ihre Ahnen und die uralten Gepflogenheiten derselben hochhalten, alle Gewerbe und Geschäfte soviel als nur möglich primitiv und ahnen- mnßig betreiben. So kennt man auch hier, wie in ganz Mittel- und Unter-Italien, auf dem Lande keine Spinnräder und der Flachsbündel wird im ächten Sinne des Wortes mit der linken Hand hochgehalten und mit der rechten der Faden daraus gesponnen; dabei läßt sich herumspazieren, eine Nachbarin besucht die andere und geht plaudernd und spinnend mit derselben auf und nieder. Die nenere Knpferplastik. Von Dr. Sepp. (Schluß.) Wie komme aber ich dazu, diesen Kunstzweig zum Gegenstände wissenschaftlicher Besprechung zu wählen? Es will schon so sein. Obiger Karl Borromäus übte weithin seine Wirksamkeit, so daß die Kupferschmiede 102 einigermaßen sich mit Treiben von Metallfiguren befaßten. Vor andern ließen 1696, also gleichzeitig, die Grafen Hörwart in Hohenburg bei der Anlage des Kreuzweges — welchen ihr Bruder, der aus Jerusalem heimge- kehrte Guardian vom Berge Sion, einweihte — das Crucifix mit Maria und Johannes in Kupfer aushämmern. Die Arbeit rührt ohne Zweifel vom wackern Kupferschmied Hammerl zu Tölz her, welcher sofort 1721 auf dem Kreuzberg meiner Heimath den neun Fuß hohen Christus aufstellte, ein tüchtiges Werk, während daneben der Salz- faktor Friedrich Kyretn die angesichts des Jsarwinkels hochpoetisch gelegene Kalvarienberg-Kirche erbauen ließ. Zufällig hatten meine Eltern dem Kupferschmied Kiene das Nebenhaus abgekauft und auf dem Wege in die Ferien kam ich als Student in dessen Werkstätte zu Holzkirchen mit der Frage, ob denn heute kein Meister- oder Geselle mehr im Stande wäre, ähnliches zu schaffen, und zwar zuvörderst die beiden Schächer daneben? Eine Zeit später hat sie auf mehrfachen Antrieb Spänglermeister Weiß aus Landshut nach den von Michel Angelo entnommenen Vorbildern ausgeführt. Weiß ist derselbe kunstverständige Handwerksmann, welcher auch den Petrus auf den RegensburgerDom stellte. Kunsterfahren und vorzüglicher Zeichner, wie er war, hat er meinen seligen Freund Pros. Sighart auf Reisen von Dom zu Dom begleitet und die erste bayerische Kunstgeschichte mit Illustrationen bereichert — solche Bürger haben wir! Nun find es wohl 28 Jahre, da bekam ich eines Tages einen Besuch. Ich habe es schon lange vor, so sprach der Mann. und muß nun doch einmal kommen, Ihnen meinen Dank auszusprechen, denn Sie haben mich auf meine Lebensbahn geführt. Ich erwiderte: Das muß ein Irrthum sein, wir kennen einander nicht. Nein, kein Irrthum, sagte er; Sie haben als junger Herr, da ich selber noch Lehrling war, bei uns in Holzkirchen in der Werkstatt angefragt, ob denn jetzt kein Kupferschmied sich mehr auf Figurentreiben verstehe? Seitdem hat es mir keine Ruhe mehr gelassen, ich habe es klein und groß versucht und endlich so weit gebracht, daß ich schon Aufträge bis nach England erhalte. Ich heiße Saturnin Kiene. — Ist es nicht merkwürdig, wie viel plastisches Talent in unserem Volke, namentlich in den Bergländern, steckt, daß es nur der geringsten Anregung bedarf, es zu wecken! Unser Kiene hat den Landsknecht als Wachtposten auf die Spitze des von Hauberrißer erbauten Nathhauses gesetzt, welcher zu seinen architektonischen Verdiensten auch noch das fügt, diesem Kunstzweige besondere Unterstützung angedeihen zu lassen. Für das Krankenhaus in Traun st ein lieferte Kiene 1867 eine Madonna, welche hier vorher zur Ausstellung kam. Seine Maria Viktoria steht als Siegesdenkmal 1872 im Schlosse Mauern bei Moosburg. Sein Christus am Kreuze erlangte 1870 in der Londoner Weltausstellung den Preis und kam in eine dortige Kirche. Seine fast fünf Meterhohe Figur des hl. Joseph mit dem Christkind, stehend auf der Weltkugel, schaut vom Thurm des Josephcollegs in Millhill seit 1873 auf die Weltstadt London, auf 20 engl. Meilen sichtbar. Das Modell für dieses heilige Wahrzeichen hat der zu früh Heimgegangene Bildhauer So her dem Tölzer Meister gefertigt. Ich spreche nicht von den paar drei Meter hohen Figuren Johannis und der Gottesmutter unter dem Kreuze auf dem Kalvarien- berge zu Tölz, wohin er von München aus seine Werkstätte verlegte und wo er 1874 nur zu früh zu Grabe ging. Denn schon erwarteten ihn Aufträge des Königs Ludwig II. für Hohenfchwangau und Linderhof, Neu- schwanstein und Herrenchiemsee. Man treibt mittels Holzschlegeln und eisernen Hämmern und muß zum Zwecke der Weichheit und Dehnbarkeit das Kupfer sehr oft glühen. Die Griechen trieben Metallblech in hohle Holzformen, jetzt arbeitet man über Weichmetall. Die Kupferarbeiten der früheren, sowie der Jetztzeit sind meist nach kleinen Modellen und mehr aus freier Hand entstanden. So hielt es Weiß in Landshut wie Saturnin Kiene in Holzkirchen und Howald in Braunschweig. Grundsätzlich werden jedoch Köpfe, Hände und Füße in Naturgröße hergestellt und darnach gearbeitet. Die Madonna für Traunstein ist ohne jedes Modell getrieben. Die Löthung geht bei Holzkohlen- feuer und Gasgebläse mit Hartloth oder Messing vor sich: so verfuhr zuerst Hygin Kiene bei den vier Wappenhaltern am RathhaW zu Hamburg. Die saubere Ausführung geschieht durch Ciselirung über Pech. Bei der Firma Peters in Berlin fallen die vielen, meist stumpf aneinander gestoßenen, mit untergelegten Streifen doppelt genieteten Theile auf, so daß man das Ganze iu der Nähe nicht gut ansehen kann. Die Arbeiten setzte in Holzkircheu und München Saturnins gleich strebsamer Neffe Hygin Kiene fort. Er fertigte nicht bloß die Wasserspeier für die Herz-Jesu- Kirche unseres Hauberrißer nach Graz, sondern auch für dessen Rathhaus in Wiesbaden den 2,30 Meter hohen Bannerträger, die dritthalb Meter hohe allegorische Figur: „Das Gewerbe", und, flott mit Zirkel und Triebrad einen Kranz schwingend, für die Gewerbschule in Leipzig; dann vier weitere gleich hohe: Ackerbau, Land- wirthschaft, Gewerbe und Kunsthandwerk. Auch Helvetien lernte den jungen Meister kennen. Nach St. Gallen ging Merkur mit dem Schiffe und dem Schweizerwappen als Symbol des Handels ab, wozu Pros. Krämer das vier Meter hohe Modell lieferte. Dazu kamen für die dortige Unionsbank sieben Figuren von drei Meter Höhe. Vortrefflich präsentirt sich der Page mit der Hellebarde als Wappenhalter für das neue Nathhaus in Hamburg. Man sieht an alldem keine Niete, sondern alle Nähte sind mit Gasgebläse verlöthet. Kienes vier Herolde für die Hansestadt Hamburg halten die Wappen von London, Bergen, Brügge und Nowgorod. Schade, daß man bei monumentalen Werken so viel allegorische Figuren anbringt, statt aus der deutschen Gesammtgeschichte oder Lokalhistorie zu schöpfen. Doch sind dieselben Herrn Kiene, wie Herrn Seitz, nach griechischen Vorbildern am besten gelungen. Einem Bremerblatte (N. N. 24. Sept. 93) entnehme ich, daß von dort ein Herr Siber, welcher zu seiner Ausbildung mehrere Jahre eine Kunstschule in München besuchte, „wo die getriebene Metallarbeit eine schätzbare Pflegestätte gefunden", nun in seiner Vaterstadt ansehnliche Aufträge hat. Wohlan, derselbe ist ein halbes Jahr bei Hygin Kiene in Holzkirchen in der Lehre gestanden. Aus dieser Werkstatt ging auch Logauer hervor, welcher nicht weniger rührig sich in Wien niedergelassen hat. Eustach Faustner lieferte 1878 und 1880 zwei Figuren nach Amerika, 1892 drei nach Nürnberg; er war schon bei hiesigem Hofkupferschmied Leiß thätig. Nun komme ich erst näher auf Herrn Heinrich Seitz, Hofkupferschmiedmeister, zu sprechen, welcher vor zehn Jahren zuerst ins Große zu arbeiten unternommen hat. Von seiner Hand ist die drei Meter hohe, vorzüglich gelungene Madonna an der Fayade der hl. Geistkirche zu München nach dem Modell unseres braven Bildhauers Äsn ton Heß. Ferner die sechs Gruppen für das Cafs Luitpold nach Kaindl 1886, die Amphitrite für den Wasserthurm in Mannheim nach Modell vonHoffmann 1889. Meisterhaft ist ferner die für Berlin bestimmte Irene mit dem Knaben Plutos nach dem von Pausanias dem Cephissodotos zugeschriebenen Original, sei es der Kopie in unserer Glyptothek, einem Bilde, das man mit christlicher Deutung auf jeden Altar stellen dürfte. Es folgen die Figuren am Hause von Braun und Schneider nach Modell von Bildhauer F. L. Bernauer 1891; St. Peter für das Nathhaus in Hamburg nach Modell von Feiffer 1892; auch St. Jakob nach Bildhauer Kumm 1893 ist dahin bestimmt. Auf den Giebel des Neichstags-Gebäudes von Paul Wallot kommt also die durch Bismarck in den Sattel gehobene Germania zu stehen, ein Werk unseres wackeren Seitz, das eben 1893 in der Weltausstellung zu Chicago dem bayerischen Namen Ehre machte und von da nach Sän Fraucisco in Californien begehrt wurde. Reinhold Begas, der erste Bildhauer Berlins, hat das Modell zu dieser Gruppe geschaffen. Es ist doch eine Freude, in München, dem Hauptsitze des Kunstgewerbes, zu leben, das solche Meister ausweist. Solche Leistungen können nur weitere Bestellungen zur Folge haben unter dem Wahrspruche: Mach's nach! Auch Kusterer inAugsburg hat mit seinen tüchtigen Arbeitern die letzte Weltausstellung besucht. In gleicher Weise arbeitet Knodt in Bockenheim für Frankfurt, Strahburg, Hamburg, Berlin, sogar eine Homburgia. Die Figuren mecklenburgischer Fürsten am Ständehause in Rostock hat Fr. PeterS in seiner Klempnerwerkstatt in Berlin hergestellt, dazu den Bannerträger als Giebelfigur. Uebrigens werden in neuerer Zeit nicht bloß Thurmhelme, Drachen als Wasserspeier, Laternen, Löwen und Ornamente aller Art, sondern auch Kreuzblumen und Kapitelle über Granitsäulen von Kupfer getrieben, wie Pschorr in der Reichshauptstadt an seinem Bau solche anbringen ließ. Peters schuf 1887 ferner einen Ritter mit Fahne und Lanze für die Thurmspitze der Marien bürg in Ostpreußen, des weiteren 1889 zwei große sitzende Figuren, Vergangenheit und Zukunft, für einen Palastthurm in Madrid, für die Mannheimer Brücke unseres Pros. Thicrsch nach Vogels Modell Neptun und Ceres, und eine Reihe Fürsten für das Ständehaus in Rostock; dann mehrere Adler. Für den Kaiserpalast in Goslar wurde in der Berliner Werkstatt von Martin und Piltzing nach dem Modell von Scholl das vier Meter hohe Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. in Kupfer getrieben, welches in Barbarossa zu Toberenz sein Gegenbild erhält. Vorbereitet ist das' auf 12 Meter berechnete Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. für Coblenz als Rheindenkmal für die deutsche Ecke, wo Rhein und Mosel zusammenfließen, nach Entwurf von Bildhauer Hundrieser und Architekt Bruno Schwitz. Dieselbe Darstellung ist mit neun Meter hohen Nebenfiguren für den Kyffhäuser bestimmt; möge die Ausführung der einen oder anderen Aufgabe unseren kunstfertigen Meistern zugedacht werden, wie nicht minder das 14 Meter hohe weibliche Heiligenbild für einen freien Platz in Strahburg. Wir haben zwei geborne Künstlerfamilien Namens Seitz in München. Unser Benvenuto Cellini, Joseph Seitz, lebt als Greis von mehr als 80 Jahren bereits im Spital, sein Sohn Otto der Maler ist Professor an der Akademie: Vater und Brüder — alle waren Künstler. Aber auch der Vater unseres Plastikers hat bereits diesen Gewerbezweig betrieben und, nachdem er von 1818 bis 1822 in Paris gearbeitet, während seines achtjährigen Aufenthalts in Bordeaux unter anderm einen kunstreichen Brunnen in Kupfer getrieben. Da aber bei der Enthüllung sein Name nicht genannt wurde, zog er mit beleidigtem Stolze sich nach München zurück und bewarb sich hier um eine Concession. Wir wissen ja seit der Vertreibung unserer Landsleute im letzten Kriege, daß die Meisten derartigen Gegenstände, die wir aus Paris bezogen, von deutschen Kunsthandwerkern gefertigt waren. Wir haben uns auch im Schaffen der kunstfertigen Hand von Frankreich frei gemacht, und wie viele Arbeiter haben allein in Gebrauchsgegenständen aus Einem Stück sich aus der Schule Seitz selbständig gemacht; wurden doch allein im Kunstgewerbehaus 1892 für 11,000 Mark Kupferwaaren verkauft. Wie viele Museen, vor andern das in Genf, ließen sich mustergiltige Gefäße aus Einem Stück nach Münchener Technik zum Modell für Gewerbetreibende kommen, indeß die Hauptwerkstatt nur mehr Großfiguren liefert. Vieles ist in dieser Weise im Werden begriffen, wozu die Dauerhaftigkeit bei großer Billigkeit einladet. Ich selbst möchte mit dem heutigen Vortrag einen praktischen Gewinn für München erzielen. Beim siegreichen Einzug unserer aus Frankreich heimkehrenden Truppen unter Führung des deutschen Kronprinzen, späteren Kaisers Friedrich Wilhelm, sahen wir das Hofgartenthor mit einer Viktoria gekrönt, beim Erscheinen unseres Kaisers im September 1891 trat eine Pallas Athene an die Stelle, und jüngst bei der Vermählung der Prinzessin Auguste mit Erzherzog Joseph Augustin reichte ein Genius den Kranz, so daß das Thor in einer Vierthalb bis vier Meter hohen Figur einen reizenden pyramidalen Abschluß erhielt. Wohlan! das Modell ist gegeben: warum soll die entsprechende Figur nicht, in Kupfer getrieben, zur bleibenden Verschönerung der Stadt dienen? Ein einfacher Bürger könnte die Kosten dafür prästiren. Ebenso habe ich den Stadtconsuln längst vorstellig gemacht, auf dem Jsarthorthurm als historisches Wahrzeichen den Stadtgründer Heinrich den Löwen anzubringen, etwa wie ich ihn an meinem Haufe malen ließ, im Kampf mit der Meerschlange zur Befreiung deS Königs der Wüste, wie die Legende aus seinem Kreuzzuge vom Strande von Joppe lautet, wo er an die Stelle des Persens bei der Befreiung der Andromeda getreten ist. Ein Erzguß wäre an beiden Stellen schon wegen des Gewichtes nicht angebracht. Eben taucht der Gedanke auf und findet bei den maßgebenden Behörden, im Gemeinderath wie in der Magistratur, Anklang, im Stadttheil Haidhausen am Wvrthplatze, oder wegen der Kreuzung der Weißenburger- straße richtiger noch in der Wörthstraße, ein Kriegerdenkmal nebst Brunnen zu errichten und nicht immer aus der griechischen Mythologie, sondern aus der deutschen Heldensage den Stoff zu wählen. ES soll ein Siegfriedsbrunnen werden mit der Darstellung, wie der Held, den Schild neben sich, mit der Hand aus dem Borne schöpft. Aber hinter ihm hebt der grimmige Hagen die Lanze, lauernd nach der Stelle, wohin das Linden- 104 / blatt gefallen und wo der Held allein verwundbar ist. Es ist der Franzwann, der auf diese Weise uns hinterrücks beizukommen sucht, so daß wir forr und fort auf der Hut sein dürfen. Ein Denkmal in Erzguß erweckt so lange Besinnen, bis nichts daraus wird, denn die Stadt tragt Lasten genug! Dagegen liegt nahe, das Werk in Kupfer zu treiben, wozu ein schon erprobter Meister das Modell liefern mag, da die Erfahrung lehrt, das; mit Ausschreiben unnütz Kosten verursacht werden, und zwar Kosten von zwei Seiten, da mancher Künstler sich vergeblich anstrengt und sich dann bitter enttäuscht sieht, weil der Auftrag schließlich doch einem gemachten Künstler zufällt. Ein Denkmal, wie hier vorgeschlagen wird, ist leichter zu erschwingen und geht uns naher, als ein Poseidon mit dem Dreizack, wie der sogenannte Gabelmann am Brunnen zu Bamberg, oder eine Aphrodite, Diana, sei es sonst eine Gestalt aus dem Olymp. Wie viel unsere Kunstgewerbe-Schule unter Herrn Director von Lange und die lehrreicbcn Ausstellungen zur Förderung solcher Meisterwerke beitragen, möge jeder selber ermessen. Recensionen und Notizen. 8e itfa den zur Anfertigung mikroskopischer Dauer- präparate von Otto Bachmann, kgl. Ncallehrcr. II. Auflage. München und Leipzig, Druck und Verlag von R. Oldenbourg. k Hat schon die I. Auflage dieses Buches gewiß einem Bedürfnisse abgeholfen und es auch dem Dilettanten ermöglicht, sich gute und brauchbare Präparate für das Mikroskop herzustellen, sind ferner auch dem mit dem Mikroskop Vertrauteren die zahlreichen in diesem Buche niedergelegten Winke und Erfahrungen bei verschiedenen Anlässen sicher von großem Nutzen gewesen, so erfüllt die zweite Auslage diesen Zweck bestimmt in noch viel höherem Grade. Dies zeigt schon die gewaltige Vermehrung an Stoff und Abbildungen (332 Seiten mit 104 Abbildungen gegen 196 Seiten und 87 Abbildungen der ersten Auflage). Wer die Methode BachmannS kennt, weiß, daß derselbe als erfahrener Schulmann nicht ruht, bis er den zu behandelnden Stoff leicht faßlich, ohne schwülstigen Ballast, jedermann klar niedergelegt hat. Das ist auch besonders bei dieser zweiten Auflage der Fall. Wer etwa um den neueren Forschungen zu folgen oder aus Liebhaberei sich ein Mikroskop anschafft, wird durch diese Schrift in den Stand gesetzt sein, selbst- ständig sich ein gutes Präparat herzustellen, so daß er wirklich unter dem Instrumente etwas sebcn kann; denn die Enttäuschung, die manche erfahren, beruht meist auf falscher Behandlung des Präparates. Von den kleinsten Handgriffen bis zum compli- cirtcn Verfahren ist alles deutlich niedergelegt. Selbstverständlich sind die neuesten Errungenschaften auf diesem Gebiete alle behandelt, und wird die Herstellung von den einfachsten Präparaten wie Schuppen der Schmctterlingsflügel rc. bis zu den Bacterien jedem ermöglicht. Vielen wird dieses Buch eine ganz erwünschte Beigabe zu ihrem Mikroskope sein. Haber! Fr. X., LlaAister oboralis: Theoretisch-praktische Anweisung zum Verständniß und Vertrag des authentischen römischen Choralgesanges. 8", VI.-st 252 SS. Regeuö- burg. Fr. Pustet 1893 (X.) M. 1,40 s. Das bewährte Handbuch der kirchlichen Gesangskunst bedarf wohl keiner Empfehlung mehr; es ist in allen Ländern verbreitet und in der Hand eines jeden Theologen im Seminar, wie in der Praxis. Daß man sich nach der „Anweisung" des Buches immer richtet, soll damit nicht gesagt sein; zu wünschen wäre es, um die Kirchenmusik stünde es dann nicht so schlecht. Das Werk ist sehr verständlich geschrieben, daher auch für Laien, Dirigenten, Choristen und andere Leute, die sich häufig um kirchliche Vorschriften über Musik blutwenig kümmern, sehr zu empfehlen; jede neue Auflage weist Verbesserungen und Ergänzungen auf und zeigt von der größten Sorgfalt des Verfassers, ein oxns omnibns uumeris absolntum zu bieten; stets ist auf die einschlägige Literatur, sowie auf die neuesten römischen Entscheidungen die gebührende Rücksicht genommen worden. Im Vorwort zu einer der früheren Auflagen hieß es, baß die Veröffentlichung einer lateinischen Ausgabe im Werke sei, auf welche aber Schreiber dieses vergeblich gewartet hat. Der Plan scheint leider aufgegeben zu sein; jedenfalls wäre eö bei diesem wahrhaft internationalem Buche über Kirchenmusik, das doch zunächst für Kleriker bestimmt ist, das vernünftigste, selbes auch in der Sprache der Kirche und internationalen Sprache der Wissenschaft zu bieten; damit wäre allen zugleich gedient und könnte man Uebersetzungen in englischer, französischer, italienischer, ungarischer, polnischer und spanischer Sprache, die ebenfalls von, Verleger der deutschen Ausgabe zu beziehen sind, füglich ersparen; nicht einmal das päpstliche Breve vom 23. April 1883 (S. 247) ist im Originaltext mitgetheilt. Sachlich können wir uns nicht überwinden, den Beschluß der Nitenconzregation vom Jahre 1879 über Silbeuverthcilung (L>. 116) als solchen zu betrachten, der die Confusion heillos gemacht hat, so daß ein Psalmengesaug einfach unmöglich ist, denn wenn auch Aussprache rc. des Latein nicht überall gleich ist, so doch die Quantität; soll ein Gesang zu Stande kommen, so müssen eben die Silben vertheilt werden; indem nun die Congrcgation die Vcr- thcilung auö den Büchern beseitigt hat, ist letztere der Willkür der Säuger preisgegeben, die meist gar kein Latein verstehen und zu bequem sind, sich über Vertheiluug der Silben zu einigen. _ Literarische Rundschau für das katholische Deutschland Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Jahrgang 1394. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breisgau, Herder'fche Ver- lagShaudlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 3: Die katholische Literatur Englands, im Jahre 1393. I. (BelleShcim.) — Ullrich, 11s 8alviani 8erix>- turas 8aoras vorsiouibus. (Weymanu.) — Eubel, Vrovlnoials orüinis krarrnm Llinornm. (GlaSscbröder.) — Lundström, lan- rsntlns Vanillins (sodlius, bans lik ooü vsrlesamtull. (Witt- maun.) — Mehl, Die Beziehungen des Papstthums zum fränkischen Staats- und Kirchenrccht unter den Karolingern. (Säg- müller.) — Heiner, Katholisches Kirchenrecht. II. Bd. (Lcinz.) — Göpfert, Pastoralthcvlozic von I. B. Renninger. (Pruner.) — Kappes, Aristoteles-Lexikon. (Braig.) — Bobnenberger, Der altiudischeGottVaruna. (Hardh.)—Parkman, ^ Lalk Oonturz? ok Oontliet. (Zimmcrmann.) — Storm, Maria Stuart. (Funk.) — Jansscu, Geschichte des deutschen Volkes seit dem AuSgange des Mittelalters. VII. Bd. (Haas.) — Waldmanu, Lenz in Briefen. (JosteS.) — Llaris 8to!!a oder Das Berufsleben des weiblichen Geschlechts im Lichte des Glaubens. (Krieg.) — Ka- lcmkiar, Geschichte der armenischen Zeitungsliteratur von ihren Anfängen bis auf die Gegenwart. I. Bd. (Vetter.) — v. Salis- Soglio, Die Konvertiten der Familie von Salis. (Rösler.) — Weyman, Studien zu Apulejus und seinen Nachahmern. (Barden- hewcr.) — v. Tbüna, Die Würzburger Hilfstruppen im Dienste Oesterreichs 1756—1763. — Nachrichten. — Büchertisch. Blüthenstrauß aus Luther'sWerken, enthaltend seine Ansichten über 36 Punkte des christlichen Glaubens in mehr als 300 Citaten. Für Katholiken und Protestanten gesammelt von A. Arndt, weil. Protestant. Theologe. 2. Auflage. Verlag der Germania, Berlin. Preis 25 Pfg. Eine Sammlung von Citaten aus authentischen Ausgaben von Luthers Werken mit genauen Quellenangaben. — Dadurch, daß der Verfasser sich jedweder Kritik enthält, gibt das Schriftchen eine durchaus objective Darstellung von Lutber's Anschauungen über die wichtigsten Dinge der christlichen Glaubens- und Sitteulchre. In diesen Citaten verurtheilt sich der Gründer der evangelischen Kirche selbst und ist das Hestchen werthvoll und interessant für Jedermann. Herr Hofprediger Rogge und das Vordringen des Katholicismus in der Mark Brandenburg. Ein Wort zur Beherzigung für Katholiken und Protestanten. Verlag der Germania, Berlin. Preis 20 Pfg Die Broschüre bietet eine treffliche Erläuterung zu den Auslassungen des Herrn Hofpredigers anläßlich der Generalversammlung des Brandeuburgischen Haupt-Vereins des evang. Bundes über das Vordringen des Katholicismus in der Mark. — Dieselbe ist von größtem Interesse für alle katholischen Kreise, indem sie zeigt, mit welchen Mitteln der famose „evang. Bund" für seine Zwecke arbeitet. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti'. l4 5. Aprlt 1894. Eine alte Tölzer Hausordnung. Mitten unter ein Bündel von Akten mit der etwas eigenthümlichen Überschrift „Kostenrechnungen" aus der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts hat irgend eine ordnende Hand aus Versehen eine alte Hausordnung eingelegt, welche gerade in unserer Zeit socialer Gährung nicht ohne Interesse sein dürfte. Die fragliche Hausordnung stammt, wenn sie auch kein Datum trägt, ohne Zweifel aus dem ersten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts. Sie wurde nämlich, wie sie selbst besagt, von dem damaligen fürstlichen Pfleger in Tölz, Julius Cäsar Crivelli, erlassen. Letzterer war nach der einen Angabe daselbst Pfleger vom Februar 1609 bis zum Februar 1647, nach der anderen bereits seit 1606. Da aber Maximilian I. von Bayern auf dem Fürstentage zu Regensbnrg im Jahre 1623 mit der Knrwürde belehnt wurde und Crivelli sich in der Einleitung noch „fürstlicher Durchlaucht Herzog Maximilians" Rath nennt, so ergibt sich die ungefähre Entstehungszeit der Hausordnung von selbst. H Julius Cäsar Crivelli gehörte einem uralten adeligen Geschlechte an, welches ursprünglich in Mailand seinen Sitz hatte und daselbst in größtem Ansehen stand. Schon im zwölften Jahrhundert bestieg einer aus dem Hause der Crivelli, Ubcrto, als Papst Urban III. (1185 bis 1187) den heiligen Stuhl. Leodisio Crivelli glänzte am Hofe des ersten Sforza als Humanist, Dichter, Ueber- setzer und Geschichtschreiber. Von Carlo Crivelli, einem Künstler der venetianischen Schule, besitzt der Brera in Mailand Gemälde. Im 16. Jahrhundert übersiedelte ein Zweig des Geschlechtes nach Rom. Alexander Crivelli hatte ursprünglich unter Carl V. ein Truppencorps befehligt, in welchem nicht weniger als 400 seiner Familiengenossen Kriegsdienste geleistet haben sollen. Nach dem Tode seiner Gemahlin betrat er die geistliche Laufbahn und starb als Cardinal am 22. Dezember 1574: sein Grabmal befindet sich in seiner ehemaligen Titelkirche in S. Maria in Araceli auf dem Kapital in Rom. Auf die römischen Crivelli scheint Maximilian I. von Bayern gelegentlich seiner Nomrcise im Jahre 1593 aufmerksam geworden zu sein. Zwei derselben, Vater und Sohn, haben in der Folgezeit unter eben diesem Herzoge mehr als fünfzig Jahre den Posten des Agenten und Residenten Bayerns am päpstlichen Hofe bekleidet. Im Dienste desselben Herzogs befand sich der Baron Giulio Cesare Crivelli, ein Vetter des älteren Residenten in Rom, des Giambattista Crivelli. Dieser unser Crivelli war am bayerischen Hof. eine angesehene und beliebte Persönlichkeit. Schon im Jahre 1601 befindet er sich als Kämmerer des Herzogs Maximilian unter den Jmmatriculirten der Hochschule Jngol- stadt. Zwei Jahre später, wahrscheinlich am 9. Februar 1603, vermählte er sich in München mit Anna Maria von Etzdorf, welche seit ihrer frühesten Jugend im herzoglichen „Frauenzimmer" daselbst erzogen worden war; ihre Eltern waren damals bereits beide gestorben, der Vater, Hans Georg von Etzdorf zu Warnbach, hatte vordem die Stelle eines herzoglichen Oberstjägermeistcrs bekleidet, die Mutter stammte aus dem Hennegau. Bald darauf (1606 oder 1609) wurde Julius Cäsar fürstlicher Pfleger in Tölz, wo er in dem etwa um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts erbauten Schlosse Wohnung nahm. Doch war Crivelli in der ersten Zeit viel von Tölz abwesend und insbesondere häufig mit diplomatischen Aufträgen Maximilians an die italienischen Höfe, darunter in erster Linie an den Papst, betraut. Schon 1605 war er in Rom gewesen, um den Papst Paul V. zu seiner Erwählung im Auftrage seines herzoglichen Herrn zu beglückwünschen. Wenige Jahre später (1609) finden wir ihn abermals in Rom, diesmal in der schwierigen Mission, den Papst zur Anerkennung und Unterstützung der nengegründeten katholischen Liga zu bewegen. 1620 war er wieder dort zugleich mit dem Augsburg» Domdechanten Zacharias Fnrtenbach, als außerordentlicher Gesandter, welcher vom Papste Subsidien für die Liga erlangen sollte. Auf sein — Crivelli's — Betreiben wurde der berühmte Fra Domenico di Gesü Maria nach München geschickt, der kurze Zeit nachher nicht wenig zur Begeisterung der bayerischen Truppen in der Schlacht am Weißen Berge beitrug und so den bedeutungsvollen Sieg nnterringen half. In den nun folgenden traurigen Tagen ' des dreißigjährigen Krieges scheint Crivelli viel auf seiner Pflege in Tölz gewesen zn sein, war dann der Führer in den laugen Kämpfen gegen die Schweden im Jsarwinkel von Ende 1632 bis Anfang 1634 und hat durch sein kluges, entschlossenes Auftreten Tölz vor größerem Schaden bewahrt, als die Schweden 1632 daselbst eintrafen. Nach ihrem Abzüge von dort sammelte er die wehrhafte Mannschaft des Marktes und der Umgegend und schlug die Feinde nachdrücklichst bei Dietrams- zell. Im Jahre 1647 — also noch vor dem Friedensschlüsse — starb Crivelli; ein Grabmal ist von ihm in Tölz nicht vorhanden. Dies sind im großen Nahmen die äußeren Lebensschicksale des Schloßgcbictcrs von Tölz. Die von ihm gemeinsam mit seiner Gemahlin erlassene Hausordnung aber lautet folgendermaßen: Hausordnung» welchcrmaßen der edle und gestrenge Herr Julio Cäsar Crivell Herr zu Gudo, fürstl. Durch!. Herzog Maximilians in Bayern rc. Rath, Cammerer und Pfleger zu Thöltz, sammt Ihr. Gnaden geliebten Frau Gemahlin, die auch edle und tugcndsamc Frau Anna Maria Crivella, geborene von Etzdorf auf Warnbach und GrieSstetten rc., von allen ihren im fürstl. Schloß allhie anwesenden Dienern und Dienerinnen, groß und klein, Keines ausgenommen, bei Entsetzung ihrer Dienste, auch noch darzn nnfehlbarlichcr Strafe und Ungnade alle diese Artikel und Punkte mit höchstem Fleiß zn halten ernstlich befehlen tlmn, inmaßen nachfolgender Gestalt beschrieben und ordentlicher Weise zn vernehmen ist. „ Anfänglich und fürs Erste wollen sich wolgcdachte unser gnädiger Herr und Frau zu ihrem ganzeil Hausgesinde endlich getrosten und versehen, dasselbe werde sämmtlich und ein Jedes insonderheit nicht allein der heiligen uralten katholischen Religion zugethan, sondern ein Jedes solle hicmit auch-dahin vermahnt und schuldig sein, allezeit Gott, unsern Schöpfer und Scligmacher, vor Augen zn haben, sich des Gott- lästcrnS, SchwörcnS, Fluchens und SchcltenS gänzlich enthalten und so viel möglich einen eingezogenen und andächtigen Wandel anstellen, alle Sonn- und Feiertage gelegentlich, auf welche Stunde einem dann dazu erlaubt wird, die heilige Messe hören, vornehmlich aber sich der heilsamen Beichte, Buße und Com- munion im Jahre öfter denn einmal, als ncmlich zu gewöhnlichen hohen Festtagen, teilhaftig machen, auch was sonst dergleichen zu der Seligkeit taugliche gute Tugenden mehr sind, befleißen und in Summa sich also hierin ein Jedes erzeigen, wie einem frommen katholischen Christen gebührt und wohl- anstcht. Denn hierdurch sich ein Ehehalt nicht allein eine gute Herrschaft, sondern zuvorderst, und was noch mehr ist, einen gnädigen Gott im Himmel machen thut, der ihnen und unS Allen hernach verboffentlich hie zeitlich und dort in Ewigkeit belohnen wird. Amen. 106 Zum Andern ist dem ganzen Hausgesinde im Sommer um 4, Winterszeiten aber zu 5 Uhr zu Morgens aufzustehen hiemit ihre Stunde ernannt und angehetzt. Alsdann soll sich ein Jedes fürderlich zu seinem Dienst, wozu Eines und das Andere bestellt, verfügen, demselben sowohl, wann Ihre Gnaden allhie sind, als da sie über Land reisen, allenthalben, wie sich gebührt, möglichstem Fleiß nach abwarten rc. Da sich auch unter Diesem begibt, daß Einem durch die Herrschaften oder in ihrem Namen von derselben Richter etwas zu thun befohlen würde, dem ist ein Jedes, Keines ausgenommen, ohne fürwendende, vermeinte Ausreden, Dieß oder Jenes wäre nicht sein Dienst, alsbald zu gehorsamen schuldig; nicht weniger im Fall der Noth überall zuzugreifen und der Herrschaft Nutz zu befördern, auch zu besorgendem Schaden zuvorzukommen oder ihn zu wenden, verpflichtet und verbunden. Ebenmäßig und zum Dritten. Da ein Diener oder eine Dienerin vorhanden, so von Einem im Schloß ein unredliches Stück, als Diebstahl, Leichtfertigkeit oder andere schädliche und verbotene Sachen, so unserm gnädigen Herrn und Frauen zu Rat und Schaden, auch wider diese neu aufgerichtete und mit allem Ernst vermeinte Hausordnung reichen thäte, wußten, dem ist hiemit aufcrladcn, wie es dann ein treuer Diener ohne- dieß Pflicht halber schuldig wäre, Solches der Herrschaft oder in deren Abwesenheit dem Richter, damit man gegen den Verbrecher nach Gcstaltsame der Sache gebührende ernstliche Lcib- strafc fürnebmcn möge, alsbald anzuzeigen: und darf sich diejenige Person, die einen solchen untreuen Diener mit Wahrheit an den Tag gibt, daß sie hernach möchte offenbar gemacht werden, gar nicht befürchten, indem dicselbige allerdings unvcr- mährt (ungesagt, unbekannt) in höchster Geheim bleiben solle. Im Fall man aber das Contrarium und Widerspiel in Erfahrung brächte, daß ncmlich Eines dem Andern stillschweigend zu dergleichen Unthaten Unterschlupf geben, Fürschub leisten oder da ein Argwohn auf Eines vorhanden, verschlagener Weife die Sachen vertheidigen oder unterdrücken helfen wollte rc., dasselbige solle alsdann mit dem Tbäter Andern zu einem Exempel ohne alle Gnade gleiche Strafe zu gewarten haben. Fürs Vierte. So oft mau hiufüran die gewöhnliche Glocke zum Speisentragen läuten und in der Küche angerichtet sein wird, welches sonderlich, wenn fremde Herrschaften vorhanden, mit Fleiß zu observiren und in Acht zu nehmen ist, alsdann, und nit davor, sollen sich die Diener sämmtlich in feinen, sauberen Kleidern mit aller Zucht und Ehrbarkeit in die Küche verfügen, die Speisen ohne alles Verschütten, Dareinplatzcn mit den Fingern, wie bisher wol bräuchig gewesen, oder dergleichen unsaubern Geberden, sondern fein fleißig mit einander auftragen, damit sie der Richter, da er vorhanden, in guter Ordnung auf die Tafel setzen könnte. Wem er alsdann vor oder nach der Mahlzeit, da er cS anders nicht selbst verrichtet, das Haudwasser zu geben oder sonst etwas zu thun befiehlt, dem soll ein Jedes ohne Verweigerung als hätten es Ihre Gnaden selbst geschafft, vonstundan nachkommen und in Sonderheit, wer zum Aufwarten gehört, auf die Tafel fleißig Achtung geben, damit an Brod, Wein, sauberen Tellern und was dergleichen notwendige Sachen mehr sind, kein Mangel erscheine. Wenn es nun zum Aufheben der übergebliebenen Speisen, Confect und Anderem kommt, sollen sich die Diener und Dienerinnen sämmtlich wiederum bei der Tafel finden lassen, dasselbige tragen, wo eS hingchörig ist, doch daß allezeit aufs Wenigste ein oder zwei Diener, nach dem es not tlmt, bei der Tafel stehen bleiben; hernach aber miteinander alle Sachen aufs Sauberste, wie sich gebührt, hinwegräumen helfen, und nicht Eines da, das Andere dort mit Speisen oder Wein in die Winkel laufen in der Meinung seinem Gefallen nach sich damit zu ergötzen oder verschlagener Weise in die Zimmer zu verstecken. Denn das hieße der Herrschaft das Ihrige entfremden und abtragen; würde auch dergleichen Ungebühr keinem also hingehen, wie man vielleicht ansetzt meinen mochte, sondern solle der Notdurft nach darum strafbar sein. Fünftens. Da ein oder mehrere fremde Herrn im Schloß ihre Mäntel, Nappicr oder andere Sachen von sich legen wollen, sollen Ihrer Gnaden Diener sowohl, auch die Dienerinnen auf der fremden Frauenzimmer Kleidungen gute Obacht haben, Solches mit soliderem Fleiß aufheben und nach der Mahlzeit einem oder dem andern Herrn und Frauen dasselbige fein sauber wiederum zustellen und einhändigen. Nachdem auch zum Sechsten bei dem Gesinde bisher nicht ein Wenig ein Mißbrauch Angerissen, daß, wann sie ob Tisch gesessen, allerlei leichtfertige, schändliche und unzüchtige Possen unter ihnen vorübergegangen sind, dadurch dann Eines dem Andern zum Lachen und Kuttern (Kichern) Ursache gegeben, also daß man wol bisweilen an dem Gesiudetisch viel lauter als an der Hcrrentafel gewesen ist — und obschon wohl dergleichen Ungebühr die Herrschaft selbst etliche Male geahndet, so hat doch Solches bis Dato nichts helfen wollen, sondern man hat es auf einein oder dem andern Wege continuirt und freventlicher Weise getrieben rc. Solchem schändlichen und ärgerlichem Wesen zu begegnen und inskünftig gar abzustellen, so befehlen Ihre Gnaden hiemit ernstlich und wollen, daß derselben ganzes Hausgesinde Hinfür mit guter Zucht und Ehrbarkeit, sobald sie ihr Gebet verrichtet haben, das Essen, was ihnen Gott zuschickt, notdürftig mit einander einnehmen sollen, sich des unzüchtigen und vergeblichen Geschwätzes, so viel möglich, enthalten und allein, was sich über Tisch vorzubringen geziemt, mit einander, doch in aller Stille, reden, alsdann nach Essenszeit ordnungsgemäß fleißig wiederum beten und Gott dem Herrn um empfangene Wohlthaten mit Andacht Dank sagen rc. Im Fall aber Eines oder das Andere sich noch nicht warnen lassen, sondern in vorberührter Unzucht fortfahren, und man solche Person in gewisse Erfahrung bringen würde, wie dann Ihre Gnaden auf solche ungehorsame Leute deswegen sonderliche Spech (Spähe, Acht) halten zu lassen gedenken, hierüber ein Diener etliche Tage mit Wasser und Brod im Thurm, die Weibspersonen aber sonst in andere Wege unfchlbarlich gestraft werden sollen. Zum Siebenten. Damit nicht ein jeder Bettler oder andere vorgebliche Personen allezeit ihrem Gefallen nach, wie etliche Male bräuchig gewesen, wann man ob der Tafel sitzt, ins Schloß herein könnte, so ist anjetzo dieses Mittel fürgcnommen, daß hinfüran alle Mahlzeiten sowohl beim Tag als bei der Nacht nicht allein das innere Schloßthor, sondern auch der äußere Gatter mit allem Fleiß versperrt werden muß und so lang zubleiben, bis man von der Tafel aufgestanden — welches dann einem Füttercr und da derselbige nicht allezeit vorhanden wäre, dem Kutscher hiemit zu thun aufgetragen und ernstlich eingebunden solle sein. Zum Achten solle kein Diener sich anmaßen, für sich selbst in unsers gnädigen Herrn Zimmer zu gehen, es sei denn Sache, er werde durch das Läuten oder in andere Wege ordentlicher Weise darin begehrt, viel weniger in demselben von Schreiben oder anderen Sachen Nichts anrühren, noch verrücken — und wenn er hernach sein Geschäft verrichtet hat, sich alsbald obne ferneres Aufhalten wiederum daraus begeben, ein Jeder bei der Stelle bleiben und warten, bis Einer oder der Lindere weiter zu Diensten erfordert wird. Am Neunten. So verbieten Ihre Gnaden in Sonderheit, daß hiesüran kein Diener oder Dienerin mehr zu ihrer selbst Gelegenheit, wie sie vor Diesem gethan, sich aus dem Schloß begeben sollen, daß sie, wann man ihrer zu Diensten bedürftig, erst lang im Markt allenthalben gesucht müssen werden, ja wohl hernach dazu gar noch toll und voll heimkommen, sondern ein Jedes soll sich bei der Herrschaft oder in Abwesenheit derselben dem Richter, wie sich gebührt, darum anmelden, und, ob ihm selbiges Mal hinaus zu gehen erlaubt werden kann oder nicht, eines Bescheids zu erwarten. Was alsdann derselbige mit sich bringt, dem ist ein Jedes bei Strafe ohne weiteres Auflehnen nachzukommen schuldig. Zum Zehnten haben sich auch seither Etliche vermessener Weise unterstanden: alles, was sie im Schloß gehört und gesehen, das und noch wo mehr dazu, als die Sachen an sich selbst gewesen, ist durch sie entweder gar gen München geschrieben oder aber sonst alsbald in den Markt hinaus geschwätzt worden. Welches nun hinfüran durchaus allerlei beweglicher Ursachen halber nicht mehr zu gedulden oder zu leiden ist. Wie dann Solches ebenmäßig, als wie andere dergleichen vorange- deutcte Mißbräuche, nicht weniger auch den Dienern und Dienerinnen im Schloß das Zusammenstehen und unnotwendige Schwätzen in den Winkeln oder Zimmern hiemit bei hievor comminirter Strafe allerdings abgeschafft, dagegen aber cxpresse den Dienern und Dienerinnen befohlen und aufgetragen sein solle, alle diejenigen Sachen, so die Herrschaften betrifft, ver- fchwiegener Weise bei sich zu behalten; Jtcin, wo auch gehört wird, daß man die Herrschaften vergebens und ungebührlicher Gestalt im Maul umziehe, dieselben, so viel sich thun läßt, defendieren und möglichstem Fleiß nach schützen und schirmen helfen. Ailftens. Wann zu Nachts die Herrschaften schlafen zu gehen Pflegen, werden sich diejenigen Diener und Dienerinnen, so zu Ihrer Gnaden Zimmer und Kammer bestellt, auch zu befleißen wissen, damit bei guter Zeit zuvor der Nacht- oder Kammzeug und, was sonst dazu gehörig, fein ordentlich aufgerichtet werde, auch mit dein Abziehen, Auskehren und Zu- 107 sammmlegen der Kleider also verhalten, daß hicrmnen kein Mangel erscheine rc. Wann nun dieses Alles fleißig verrichtet und die Diener ihres Dienstes entlassen werden, sollen sie nicht erst in der Küche oder anderswo mit den Weibspersonen einen ungebührlichen Schwätzmarkt aufschlagen und allerlei leichtfertige unzüchtige Sachen auf die Bahn bringen, viel weniger bei der Nacht gar aus dem HauS liegen, inmaßen hievor Etliche gethan, sondern ein Jedes in sein deputirte Kammer schlafen gehen und zu hievor gedrohter gewißlich wahrgcmachter Strafe nicht Ursache geben. Schließlich und für'S Zwölfte. Dieweilen dann in allen diesen jetzt nach einander verlesenen Artikeln und Punkten dem Dienstgesinde gar nichts Beschwerliches oder Unleidliches, welches Eines billig zu ahnden hätte, sondern allein alle nützlichen Sachen, dadurch Zucht und Ehrbarkeit gepflanzt und ein frommer Ehehalt ohnedicß, will er anders Schande und Spott entfliehen, zu leisten schuldig ist, aufgetragen wird — demnach und hierauf soll ansitzt Eines und das Andere, daß sie diesem Allen fleißig nachleben, auch dem Richter in Abwesenheit Ihrer Gnaden in allen billigen Sachen Gehorsam leisten wollen, ihrer Herrschaft ordentliche Pflicht darauf thun. Auf daß aber Niemand, als hätten sie solche Hausordnung und Artikel auf einmal nicht allerdings Verstanden rc., mit der Unwissenheit sich entschuldigen könnte, so wird diese Hausordnung — darauf dann die Herrschaft inskünftig stark zu dringen entschlossen — im Jahr viermal, ncmlich zu Qnatemberszeitcn oder nach Gestalt der Sache Vielleicht noch öfter, dem ganzen Hausgesinde öffentlich publicirt und verlesen werden. Hierauf und zu einer gebührliche» Verglcichung aller und jeder in dieser beschriebenen und jetzt abgelesenen Hausordnung inscrirter und eingebundener Artikel, sofern anders die Diener und Dienerinnen diesem Allem fleißig und gutwillig nachkommen werden, so sind unser gnädiger Herr und Frau rc. entgegen dieses gnädigen Erbietens, daß sich derselben Dicnsilcute alle und jede nicht allein ihrer jährlichen dcputirtcn und bestimmten Besoldungen, Essen, Trinken und dergleichen Notwendigkeiten, sondern auch noch dazu alle Beförderung, es sei zu besseren Diensten, ehrlichen Hcirathen und anderer gebührlichen Hilfe gänzlich zu gctrösten haben sollen rc. Dessen weiß sich ansitzt ein Jedes durch angedeutete Mittel theilhaftig zu machen, vor Strafe und Ungnade (so man Keinem gönnen will) allerdings zu verhüten." Daß der fürstliche Pfleger Julius Cäsar Crivelli ein Alaun von Ordnung und Sitte war und seinen katholischen Glauben hochhielt, ist aus dieser „Hausordunug" wohl ersichtlich. Ihr Inhalt könnte mit Fug und Recht im Wesentlichen auch heute noch gar Vielen — Dienstboten wie Herrschaften — zur Mahnung und Darnach- achtuug dienen. Dr. Winke für Palnstiircchilger. Von Dr. Sepp. Es ist eine leidige, nicht länger zu verschweigende Thatsache, daß unsere christlichen Pilger nach dem gelobten Lande, deren Zahl von Jahr zn Jahr Zunimmt, an falsche Orte und neuerfundene Sanctn- arien geführt werden, die mit dem Leben des Heilands gar nichts zu thun haben. Schon Patriarch Valerga kam deßhalb mit den nicht wohl unterrichteten italienischen Hütern der dortigen Wallfahrtsstätten in Couflikt, und unwissenschaftliche Frömmigkeit trägt ebenso an solchen Verirrungen schuld, wie halbe Gelehrsamkeit. So mancher beeilt sich, treugläubig an den Dragoman, eine Reise- beschreibung herauszugeben, ohne sich besser zu orientiren, oder er schafft sich den Palästina-Bädeker an, welcher, vom protestantischen Theologen Benziuger neu aufgelegt, so unkritisch wie möglich ist. Verkehrt sind die Stationen der Geburt des Täuferszu Sän Giovanni in Ain Karim, zwei Stunden von der West- Pforte Jerusalems, wohl um durch solche Nähe den Pilgern den Besuch zu erleichtern. Jrrthümlich weist man in der reizendsten Landschaft, wo nun die Sionschwestern ihre Sommerfrische halten, zwischen dem „Weinbergbrunnen" (nun Mariaborn) und Terebinthenthal im eigentlichen Tempe des Landes der Verheißung dazu die J^hanniswüste (Mark. I, 4) nebst dessen Einsiedler- höhle. Halbwegs nach Bethlehem liegt das Eliaskloster, gegründet vom Jerusalemer Patriarchen Elias (ch 518); aber die Griechen schützen den Propheten vor, und zeigen vor dem Thore auf die Steinbank mit dem Lcibeseindruck zum Beweise, daß er auf der Flucht da geruht. Gründlich falsch ist die moderne Annahme von Emmaus im weit entfernten Kubeibe, weil sich dort eine Kirchcnruine fand. Verkehrt nennen wir den Neubau eines Pilgerhauses nebst Kapelle zu Kefr Kenna, näher bei Nazareth, statt in Kann Galil den Ort des Hochzeitswunders Kanu in Galiläa zu erkennen. Bethsaida führt noch heute den alten Namen Mesadijeh, gelegen am Nordostnfer, an der Abend- seite des Sce's hat es nie ein zweites gegeben. Unverzeihlich endlich ist die Wanderung nach Telhum, statt Kapharnaum in dem von den Arabern noch heute so genannten „Christendorf" Kefr Minieh zu erkennen. Daß der letzte Zufluchtsort Jesu, Ephrem in der Wüste (Joh. XI, 54), südlich in der Landschaft der Gadarener, so auch Aenon bei Salim (III, 23) im Süden JndäaS ganz übersehen sind, kommt noch dazu. Kein Land hat mehr religiöse und politische Umgestaltung erfahren, als Palästina, und die Landkarte wird zum völligen Palimpsest, indem ein Eroberer um den andern seit 2000 Jahren seine Einträge über- und durcheinander gemacht hat. Die ältesten Einwohner des Landes waren die Chetiter, ein Völkerbund, zu welchem sogar die Dardnner gehörten. Das Hans des intelligenten griechischen Bischofs Neron zu Nazareth bewahrt im Atrium zwei ansgegrabene Steinköpfe gewiß von einem Alter, wie die assyrisch-babylonischen, oder aus Abrahams Zeit, übrigens von einer Häßlichkeit, daß sonst nur Indianer- oder die atavistische Physiognomie eines Lords Maitland auf Korfn, des bekannten Gricchen- feindes, mit ähnlich verguatschten Zügen aufstoßcn könnten. Der älteste Neligionsdienst in Kanaan, dem „Niederlande", ist der des Donnergottes Elias am Karmel, der im feurigen Wagen durch die Wolken fährt und (nicht zu verwechseln mit dem Propheten) als Ncgenherr Jlia auch noch im Kaukasus, wie bei den Serben, verehrt wird. Er ist in den Hintergrund getreten, aber seine Wiederkehr wird (wie Mark. IX, 10) noch heute erwartet und jährlich am Eliasfeste den 20. Juli figürlich der Wunschknabe vom Lebensbruunen weg aufs Roß gehoben, auch wie bei den Griechen Jacchos mit unbeschreiblichem Jubel von allem Volke des Umlandes, welcher Religion immer, begrüßt. Alsdann galt für die Kreuzritter trsuAL Ost, und wie damals im Wettrennen vollführen die Beduinen noch heute ihren feurigen Umritt. Das Prophetengrab Wely Nebi Elia findet sich vor dem Nordthore von Damaskus, wie bei Sarepta; nicht minder habe ich vor dem des Jonas verschiedentlich die Schuhe ausgezogen, um beim Betreten deS Innern ja keinen Muslem zu ärgern, ziehen sich doch seine Heiligthümer der ganzen Küste entlang bis Troja hin, eben weil der Held mit dem Fischabentener — der babylonische Oanncs, eine weltgiltige Person ist. Unter der XVIII. und XIX. Manethonischen Dynastie war Palästina ägyptisch, und davon schreibt sich noch der jüngst entdeckte*) Opferstein zu Schech Sad im Hauran mit der geflügelten Sonneuschcibe. Er gehört zum Grabmal Hiobs, Kabr Ayub, welches in einem Dolmen aus der Steinzeit besteht. Aegyptens Grenze reichte in Sesostris' Tagen nach dem Papyrus Anastasi I bis zum Lande Aup gegen Syrien hinaus. Zu dem, einen Pfeilschnß südlich gelegenen, Dar Ayub oder Hiobs- kloster aus der Gassauidenzeit, kommen muslimische Pilger noch bis aus Ceutralafrika, zumal ein Negerhospiz da besteht — so nachhaltig ist der Neligionsglaube. Hiob erwähnt (30, 6) noch die Höhlenbewohner, und hat sein Andenken auch in Tannur Ayub, dem Warmbade von Channizera oder Ciunerez, das von einem noch auf einer alten Karte in Florenz verzeichneten Dolmen bis ins Mittclalter herein Tabula oder Mensa hieß. Hier soll er auf Allah's Geheiß den kalten Born, dann mit dem andern Fuße den heißen Sprudel aus dem Boden gestampft haben und in diesem vom Aussatze rein geworden sein, wie die Kvranausleger Sure 38 naher ausführen. Die Bauten der Ureinwohner, meist auf Höhen gelegen, zeigen, wie jene der Phönizier zu Tyrus und Sidon und am Salomonischen Tempel fugengeräuderte Steine. Sie waren ein Staatsvolk, aber ihre Städte- republiken unterlagen ohne inneren Zusammenhang dem Beduinenstamm der Beni Israel. Erst als diese ein Königsvolk geworden, gelang die Eroberung Jerusalems aus der Hand der Jebusiter, und die Gründung Salems wurde statt der Priesterstadt Hebron zur Hauptstadt erkoren. Die heilige Stadt hat niemals Jebussalem geheißen, auch nicht Hierosolyma, wie die Griechen deuteten, sondern der Name besagt: Die Stadt (Ir) oder Gründung (lern) Salems, sei es die Friedensstadt, wie Jeruel (II. Chron. XX, 16) die Stadt Gottes. In den babyl.- assyr. Keilinschriften taucht noch das Wort uru, oru für urlw auf, was akkadisch ori, hebräisch (Genes. 10, 11) ir; Ursalimma lautet der Name der Stadt des Chazakijahu (Hiskias) zu Kujundschik am Palaste Sanheribs, Jura in der Siegestafel Sesenks (Sisaks). Urkundlich nennt sie Jsaias 48, 2 Ir olioäesLll, die hl. Stadt, wie sie noch ei Xu äs im Munde der Araber heißt. Die assyr.-babyl. Gefangenschaft der Jsraeliten und Juden bildet einen wichtigen Abschnitt auch für die Topographie Palästina's, denn nach der Rückkehr muß der Volksrest sich im Lande erst neu zurechtfinden, und Hiebei kamen die Judäer mit den Samaritern zuerst in Conflikt. Diese behaupteten, der Berg, wo Abraham das stellvertretende Opfer für seinen Sohn brachte, welches sie noch jährlich wiederholen, sei der Garizim, und das Land Moria bei ihnen gelegen (Genes. 22, 2, Deuter. 11, 29. 30), nämlich der Hain More, darum habe Josua die Gesetzestafeln auf dem gesegneten Berge aufgestellt. Ich habe eigens den Weg von Bires Seba (Beersabe) angetreten, sprach zu mir 1874 der Cohen Jmram oder Priester des zusammengeschwundenen Volksrestes zu Sichem-Nablus, aber der Tempelberg zu Jerusalem ist gar keine Höhe, zu welcher der Patriarch die Augen erheben konnte, auch paßt die Entfernung von *) Entdecker ist der bereits von der Pforte zum Ober- ingenieur ernannte Tempelchrist Schumacher, welcher eben die Schiencnbahn von Kaifa am Fuße des Karmel durch die Ebene Jezrcel in der Richtung nach den Pfeilern der alten Nömerbrncke (Dlchisr Um cl Kanatir), sieben Kilometer vom Ausfluß des Jordans aus dein See Gcnnezareth, baut und bis Damaskus vermessen hat. Auch die französischen Dominikaner stießen bei der Grundlegung zu ihrem Hospiz vor dem Damaskusthor in Jerusalem auf eine ägyptische Stele. drei Tagen nur auf unsern heiligen Berg. Hierin mögen sie Recht haben. Nachum, welcher den Untergang Ninive's prophezeihte, hat sein Grab zu Alkusch bei Mosul; nach dem Exil errichteten die Galiläer zu seiner Verehrung im alten Kinnereth ein Grabmal, daher die Stätte fortan Kapharn au m, Dorf Nahums, und zwar im Talmud Beracoth o. 9 Fol. 48, 2 „das alte Nahum" hieß. In diesem Sinne kennt Nabbi Jsaak Chelo noch 1333 Kefar Nahum, wo früher viele Minim, d. h. Christen, waren, und Carmoly setzt die Grabstätte auf seine hebräisch beschriebene Palästinakarte. Es liegt südlich nur eine Viertelstunde von obigem Tannur oder Hammam Ayub, dem Ofen oder Warmbrunncn Hiobs. Von den Sanktuarien und strittigen heiligen Orten des gelobten Landes wollen wir vorsätzlich reden, und hier ist die Kirche des Christusgrabes zuerst angefochten. Wer möchte glauben, daß gerade seit der Gründung des anglikanischen Bisthums auf dem Hügel Sion aus Anlaß des Ritters von Bunsen 1840 die ächte Lage in Frage gestellt wurde! Ging doch noch jüngst, im September-Monat 1892, die Nachricht durch die Blätter, das von General Gordon entdeckte Heilands- grab, oder sogenannte Gordonsgrab, sei mit dem Platze um 4000 Pfund Sterling feil. Sogar der Erzbischof von Canterbury und die Bischöfe von Salisbury, Nöchester, Nipon und Cashel gaben ihre Zustimmung zu den Ausgrabungen und wenigstens 1000 Pfund sind bereits zusammengekommen. Hier käme doch besser das von Cler- mont Ganneau, dem französischen Kanzler, aufgedeckte Lustr Isu zwischen dem Berge des Aergernisses und Thale Kidron zur Sprache, in welchem der Finder sogar noch auf eine Hirnschale stieß; dabei bot ein Nachbargrab noch die Namen Lazarus und Simeon. Schade, daß die Hebräer keine Sarkophage, sondern Schubgräber kannten, wie sie auf unsere Klöster sich vererbten. König Herodes Agrippa führt 42 aer. vulg. die dritte Mauer auf, welche den Hügel Goatha (Jerem. 31, 39) oder Golgatha, die Neustadt (Oaonoxolis), und den Hügel Bezetha mit einschloß. Da nun Constantin die HI. Grabkirche baute, kam diese nothwendig in den Umfang der von Hadrian (unter Ausschluß der Süd- hälfte des Sion) mehr nach Norden verlegten Stadt. Meiner Rechtfertigung der ächten Lage kamen nachträglich die Ausgrabungen des russischen Ministers und zweimaligen Palästinapilgcrs Abraham Noroff zu statten, welche im abessinischcn Klosterhose noch ein Stück der Zweiten Stadtmauer und des alten Stadtgrabens nachwiesen, worin sich merkwürdig noch steinerne Schleuderkugeln, offenbar von der Belagerung unter Titns, vorfanden. Der Missionär Barclay nahm deren nach Amerika mit, auch ist die sogenannte Kapelle des Kreuzfundes der hl. Helena in diesen äußeren Stadtgraben hineingcbaut: der Grabmünster kommt augenscheinlich außer die Altstadt zu stehen. Seitdem haben Nachgrabungen in der Grabkirche selbst am Orte des sogenannten Kerkers Christi auf eine förmliche Gruft mit Kokim oder Schiebgräbern zur Seite geführt, wonach das Felsengrab Josephs von Arimathia nur eines von vielen hier an der Westseite war. Nach der Eroberung und Zerstörung des Tempels und der halben Stadt siedelte Titus 800 Veteranen im Dorfe Emmaus, 60 oder nach anderer Leseart 30 Stadien von Jerusalem, an. Davon erhielt der Ort den neuen Namen Colonieh, doch heißt der Brunnguell daselbst noch Botel Amus. Römisch sind Brücke und 10S Straße, sowie Kastul oder das Castell auf der Höhe, so daß Hieronymus in der Vulgata Luk. 24, 13 von der Identität überzeugt der Zeit vorausgreifend mit aastellum übersetzt. Die Sache scheint sonnenklar, auch die Entfernung von anderthalb Stunden für die Position zu sprechen: gleichwohl hat diese sichere Aufstellung mir eifersüchtige Gegner zugezogen, und doch bringe ich die Tradition bis ins vorige Jahrhundert wieder zur Geltung. In kirchlichen Fragen kommt wissenschaftlich nicht leicht eine Frage zum Austrage; schon Monelia sagt mit Recht: Lo ventum est, nb owniL tütn tirneainus, ouuota xsrvertsrs QonLnUi rnoliuntur. (Schluß folgt.) ^ ?. Constantin Lievens, der Apostel der Kolhs. I's. Seit zehn Jahren haben wir über die katholische Misston bei dem indischen Heidenvolke der Kolhs berichtet, das in mehreren Stämmen im nordwestlichen Theile West - Bengalens wohnt. Mit besonderer Aufmerksamkeit haben wir dieses Missionswerk vom Jahre 1886 verfolgt. Denn um diese Zeit begann l?. Lievens, der Apostel der Kolhs, sein großes Bekehrnngswerk. Ja, mit Recht darf man sagen: großes Bekehrungswerk! Hat doch ?. Constantin Lievens in der erstaunlich kurzen Zeit von kaum sieben Jahren und unter den schwierigsten Verhältnissen — unter bitterer Noth und Entbehrung und grimmiger Verfolgung — eine solche Menge wahrer Bekehrungen erwirkt, daß er in dieser Beziehung wohl in der ganzen — bisherigen Missionsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts als einzig dasteht. Wenn wir heute wieder seiner großen apostolischen Thätigkeit gedenken,*) so geschieht es mit tiefer Wehmuth, denn l?. C. Lievens ist nicht mehr! In übermäßiger, ganz außerordentlicher Anstrengung hat er dem apostolischen Beruf sein Leben geopfert — und in dem schönsten Mannesalter von 37 Jahren! )?. Constantin Lievens wurde geboren am 11. April 1856 zu Moorslede in Westflaudern. Schon als junger Kleriker durchglühte ihn der Wunsch, Missionär im fernen Heidenlande zu werden. Mit diesem Wunsche entschied er sich ein Mitglied der Gesellschaft Jesu zu werden und trat am 22. Oktober 1878 ein in daS Noviziat Trouchienes. Schon im Jahre 1880 befand er sich im Lande seiner Sehnsucht — in Indien. Die belgische Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu besaß seit dem Jahre 1859 in dem unbebauten weiten Missiousgebiete Westbengalen ein großes Arbeitsfeld. Nachdem alldort der junge Flamlünder im Seminare zu Asansole seine theologischen Studien vollendet hatte, wurde er am 14. Januar 1883 von Msgr. Goethals, apostol. Vicar (später Erzbischof) in Calcutta, zum Priester geweiht und wirkte dann zwei Jahre als Lehrer und Erzieher im Collcg des hl. Franz Xaver in Calcutta und in Asansole. Im Jahre 1885 trat?. Lievens ein in die Kolhs-Mission. Damals bestanden unter den Kolhs-Stämmen der Muudaris, Oraons und der Hos die Hauptstationen Do rundn (bei Nanchi, der Hauptstadt von Chota- Nagpur), Jamgain und Mariadi — sämmtlich im Distrikte Lahordagga, und Tschaibassa im Distrikte *) Wir entnehmen die Thatsachen der Zeitschrift „Die katholischen Missionen" aus ihren Jahrgängen von 1875 bis Singbhum. Diese Statiorten waren als Centralstellen auserlesen. Die erste Station unter den Kolhs gründete k. Stock mann im Jahre 1868, es ist jene von Tschaibassa. Im Jahre 1873 errichtete k. Stockmann die Filiale Burudi. Bald darauf gründete )?. de Coek die Station Do rundn. Anno 1874 erhielt die Kolhs- mission vortreffliche Hilfe durch Mitglieder der Kongregation der „Kreuzschwestern", welche der „Culturkampf" aus Deutschland vertrieben. Bis zum Jahre 1880 war, bei allem Eifer der tüchtigen Missionäre, das Misstonswerk noch von geringem Erfolge. Als nun die Hilfsmittel sich mehrten, kam ein reges Leben in das sich nun rasch entwickelnde Werk. Anno 1881 gründete k. Müllender die Station Mariadi und bald darauf Josephdi. 1883 gründete k. Mottet die wichtige Station Bandgaon, welche Centralstelle für Mariadi und Josephdi wurde. Im Jahre 1884 war in Dorunda die Zahl der Bekehrten von 378 im Jahre 1881 auf 1149 gestiegen. Am raschesten hatte sich bisher Mariadi entwickelt. Erst 1881 gegründet, zählte es 1885 — im August — mit Josephdi 1052 Bekehrte. Im Laufe des Jahres 1885 eröffnete k. Constantin Lievens seine erste Station — Torpa, im Bezirke Chota-Nagpur — mit 52 Christen. Diese Mission entwickelte sich sofort derart, daß der hochw. Missions-Obere l?. Grosjean meinte, Torpa könne ein zweites Mariadi werden. Aber — Torpa sollte Mariadi in fast unglaublich kurzer Zeit schon weit überholen. Nach kaum Einem (!) Jahre — im August 1886 1157 Bekehrte — und am 1. Dezember des gleichen Jahres war diese Zahl aus 2500 gestiegen! Und eben an diesem Tage — 1. Dezember — zählte Mariadi mit Josephdi, Burudi und Bandgaon 2120 Getaufte. Von der Arbeitslast, welche )?. Lievens zu bewältigen hatte, können wir uns keinen Begriff machen. Wohl war ihm k. Gengler beigegeben; derselbe war jedoch der Sprache der Eingebornen noch nicht mächtig und litt häufig am Fieber, so daß ihm gegen Ende 1886 ein anderer Ort angewiesen wurde. k. Gengler schrieb über die Arbeitslast k. Lievens' eben im Jahre 1886 — am 2. Oktober — aus Torpa: „I?. Lievens hört Jeden mit der größten Geduld an; Niemand hat ihnen bisher eine solche Theilnahme geschenkt. Aber es ist ein schweres Stück Arbeit für den eifrigen Missionär. Es gibt Tage — der gestrige z. B. — am 1. Oktober — wo uns das heiligste Herz 116 Neubekehrte geschenkt, — an denen er auch nicht einen Augenblick frei hat, und des Abends kann er sich dann vor Müdigkeit nicht mehr aufrecht halten. Wir zählen einzig auf die Hilfe der Vorsehung, um dieses schöne und große Werk auszuführen." Vierzehn Tage später schrieb k. Lievens selbst: „Ich bin krank; Arbeit und Ermüdung erdrücken mich fast. Dennoch kann ich mir keinen Augenblick Ruhe gönnen. Ich habe jetzt (das war am 16. Oktober 1886) 2000 Christen (einen und einen halben Monat später waren es 500 mehr!); etwa 15 Schulen und täglich im Durchschnitt 20 Bekehrungen. Ob das so fortgehen wird, weiß ich nicht." Und bei diesen riesigen Anstrengungen lebte U. Lievens in bitterer Armuth! — — „Ich habe kein Haus, keine Möbel (schrieb er im Herbste 1885), noch Geld, und kaum so viel Lebeusuothdurft, daß ich nicht Hungers sterbe. Allein ich habe meine Station dem liebenswürdigen Herzen unseres Heilandes geweiht; ich habe Maria zur 110 Schutzpatronin, St. Joseph zu meinem Schaffner und die heiligen Engel zu meinen Gehilfen erkoren." Das ist die Sprache eines wahren Apostels. — Als l?. van Reeth, damals Provinzial der belgischen Ordensprovinz, gelegentlich seiner Visitationsreise in Indien nach Torpa kam, „konnte er sich beim Anblick der Armuth und Entbehrung, zu welcher k. Lievens sich vemrtheilt hatte, der Thränen nicht erwehren." Aber nicht nur Armuth und Noth hatte der fromme Missionar und wahre Menschenfreund zu ertragen, sondern auch schmählichste und gröblichste Unbilden von den protestantischen „Sendboten" — aus der deutschen Goßner'schen Missionsgesellschaft. Diese „Missionäre" waren allerdings schon lange vor den katholischen Missionären unter den Kolhs thätig und hatten endlich einen wenigstens numerischen Erfolg erzielt. Und als Anfang der 1880er Jahre die katholischen Missionäre mit vermehrten Kräften schon ungewöhnliche Resultate erzielten, erhob sich auf protestantischer Seite die Verdächtigung und Verlüumdung gegen die katholische Mission in wirklich empörender Weise. Die feindlichen Angriffe wurden so heftig, daß sie von den katholischen Missionären in der Presse zurückgewiesen werden mußten. Als nun durch die ganz außerordentlich raschen und großen Erfolge des l?. Lievens das ganze Werk der protestantischen Kolhsmission zusammenzubrechen drohte, da richtete sich der Haß in grimmer Wuth und Verfolgung gegen Lievens. Er schüttelte durch markige Vertheidigung in Wort und Schrift seine Feinde ab — und waltete in gewohntem Glutheifer seiner Begeisterung seines hohen BerufeS. Am 30. Juli 1887 schrieb er: „Preisen wir Gott in den Werken seiner Gnade, die er hier in Torpa wirkt. Seit dem letzten Jgnatiusfeste (31. Juli) hat sich die Zahl der Bekehrten verzehnfacht"(!). Es waren 20,000! — Am 15. Juli 1887 erhielt er sehnlichst erwartete Beihilfe durch ?. Cazel u. I'r. Seitz. Eben 1?r. Seitz schrieb: „Voll Eifer für die Sache Gottes und beseelt von dem heißen Wunsche, Seelen zu retten, nahm sich k. Ltcvcns der Mundaris an. Seit seiner Ankunft in Indien hatte er mit Wehmuth beobachtet, wie die armen Ureinwohner von Chota-Nagpur von den geldgierigen Hindus (insbesondere von den Steuereinnehmern!) ungerechter Weise bedrückt (ja ,ausgesogeiü) wurden. Jetzt, da es ihm endlich vergönnt war, seine Arbeit und sein Leben diesen Armen zu weihen, that er es auch von ganzem Herzen." „In Calcutta und andern Städten Indiens", meinte LievenS in launiger Weise, „bestehen Vereine zum Schutze unserer Hansthiere gegen Grausamkeiten; das mag seinen guten Grund haben; aber jedenfalls will ich, eh' ich Mitglied eines solchen Vereines werde, erst einmal versuchen, meine lieben Mnndaris vor ungesetzlichen, grausamen Behandlungen von Seiten der Beamten zu schützen."*) Es war bei dem Mnndarisvolke schon früher zu einem Ausstände gekommen und es drohte eben wieder ein solcher anszubrechen. Ihr Verlangen spricht sich aus in den Worten: „Wir wollen unsern eigenen König wieder haben, wie früher; unter ihm waren wir wohlhabend und glücklich; jetzt bereichert die Frucht unserer Arbeit Fremdlinge, und wir müssen darben." Die englische Regierung hatte zwar billige Gesetze gegeben, allein diese wurden von den Steuerbeamten — „Tikedaren" — die zugleich Aufseher über das politische Verhalten des Volkes und alle Hindu *) S. „D. kath. Miss." 1888 S. 66 ff. sind, nicht gehalten. Die Polizei aber, deren Beamte zumeist Mohammedaner sind, läßt sich von den Tikedaren ins — klingende Schlepptau nehmen. Da stand nun l?. Lievens auf, belehrte mit vollständiger Kenntniß der bestehenden Gesetze das unterdrückte unwissende Volk, unterstützte es mit Wort und Schrift in vorsichtigster, kluger Weise, auch persönlich; ermähnte sie, den erlaubten Hilfeweg des Gesetzes nicht zu verlassen, und die erfreulichsten Folgen dieses An- strebens waren es, welche Hunderte und Tausende dieser Heiden dem „großen Lehrer" und Missionär ?. Lievens zuführten; der ihnen dann vollkommen begreiflich machte, daß der erreichte bessere leibliche (materielle) Zustand sie noch lange nicht wahrhaft glücklich mache, wenn sie sich nicht, und zwar mit aller Aufrichtigkeit, zum festen und treuen Glauben an die göttlichen Offenbarungen bekehren würden. Dadurch erreichte k. Lievens den Hauptzweck der Mission. Und diese Heiden, deren Religion in einer Art Geistercult, freilich auch mit traurigem Aberglauben, bestand, die sonst einen friedlichen Charakter haben, wurden in der That iuniggläubige Christen. — Schaarenweise strömte das Volk 20, 30—35 Meilen weit nach Torpa, und nicht bloß die Heiden, auch die protestantischen Ein- geborneu. Noch im August 1887 hatte Lievens 15,000 Bekehrte und 60 Schulen — im Dezember war die Zahl, wie schon gesagt, auf 20,000 gestiegen! Und der demüthige, selbstlose Pater stellte diese großen Erfolge immer allein als Gnadenwirkuugen Gottes hin. Schon im Mai 1888 zählte die Mission 45,000 Christen und Kate- chumenen! „Die kathol. Missionen" haben Recht, wenn sie in ihrem Mürzheft S. 51 schreiben: „In der That, was der junge Missionär in drei Jahren geleistet, grenzt aus Wunderbare!" — Im Jahre 1888 wurde die Mission organisirt und k. Lievens siedelte nach Nanchi über — der Hauptstadt von Chota-Nagpur und zugleich Hauptort von ganz Lohardagga. Seine Aufgabe war nun: seine reichen Erfahrungen auch in den Dienst der andern Stationen zu stellen und ihnen eine „gemeinsame" Marschroute zu geben. Außerdem leitete er die Heranbildung tüchtiger Katechisten und Schullehrer. Auch hier wurde k. Lievens wieder von Schaaren Rath- und Hilfesuchender umlagert. Durch die Anordnungen des ?. Lievens drangen nun die Missionäre — zunächst die Katechisten — bis in das Gcbirgsland im Westen Lohardagga's — nach Barwai — vor, das noch nie der Fuß eines Missionärs betreten. Von Raucht aus unternahm k. Lievens ebenfalls größere Wanderungen. Auf einer vierzehntägigen Rundreise taufte er, eben noch im Jahre 1888 und zwar im September, 1500 Kate- chumenen. In oieser Zeit begannen mit besonderer Wuth und in der Folge immer heftiger werdend die feindlichen Angriffe der protestantischen Secten, einzelner barbarischer Gutsherren und mancher Steuereinnehmer. Lievens erlebte die bittersten Stunden, und war sogar sein Leben bedroht. Das abscheuliche Echo häßlichster Verleumdung und Anklage hallte wider sogar in der „Allgemeinen deutschen Missionszeitschrift", wovon wir seinerzeit wiederholt berichteten. Trotzdem und allcdem schritt Lievens, der Mann des Gottvertrauens, feurigen Muthes fort auf seiner erhabenen Siegesbahn. Noch wollte er „mit Gott!" seinen großen Plan durchführen: die Bekehrung des biederen Barwai-Volkes. Nachdem er im September 1888 seine Katechisten dorthin gesandt, unternahm er 1889 111 im Oktober seine so berühmt gewordene apostolische Reise nach Barwai. Die Katechisten hatten mit großem Erfolge vorgearbeitet, k. Lievens prüfte, lehrte weiter und in drei Wochen taufte er 13,000 Heiden, Erwachsene und Kinder. Im Jahre 1890 zog er abermals in die Berge von Barwai, verweilte dort einige Monate, lehrte, predigte und taufte — Tag für Tag, und feierte das Weihnachtsfest unter 3000 Neubekehrten. Es folgten immer neue Bekehrungen. Am 8. Januar 1891 kam 1?. Lievens nach Ranchi zurück. Bald nun zeigten sich bei ihm sehr bedenkliche Krankheits-Symptome. Allein k. Lievens schonte sich nicht; noch gab es so viel der unaufschiebbaren Arbeit — und — die „Alles" aufbietende protestantische Propaganda! Und der Neophyten in Barwai waren es jetzt 35,000. Schon in den ersten Tagen des Monats Februar war ?. Lievens, obschon leidend, wieder unter ihnen, durchwanderte nochmals das ganze Land taufte 1677 Kaiechumenen und segnete 218 christliche Ehen ein. Seine dritte große Rundreise vom 30. April bis zum 5. Juni — auch im Jahre 1891 — war ebenso reich an Erfolg; und in diesem Jahre verzeichnete der Regierungsccusus für Lohardagga allein 5 2,0 0 0 katholische Christen! Doch — k. Lievens hatte seine Kräfte überschätzt. Sein körperlicher Zustand war so bedenklich, daß die Missionsobern k. Lievens bestimmten, noch im Juli 1891 in der frischen Gcbirgsluft von Dardscheling (am Himalaya) Erholung zu suchen. Kaum aber hatten seine Kräfte sich etwas gehoben, kehrte er nach Ranchi zurück und begann wieder seine Arbeiten ihrem ganzen Umfange nach. Das war jedoch nur ein letztes Aufdämmern seiner Kraft. Mit Gewalt zog es sein Herz wieder nach Barwai, wo seine Lieblingsgründung. Er sah sie wieder; doch zum letzen Male. Seine Kraft war gebrochen. Zwei Monate später trat er die Reise nach Europa an. Am 2. September 1892 verließ er Indien. „Mit Trauer und Schmerz sahen seine Obern, seine Mitbrüder und seine theuern Neophyten den unvergleichlichen Mann scheiden" — und sein edles Herz blutete; aber er sprach: „Gott stirbt nicht und sein Werk wird bleiben." Ein ganzes Jahr lang kämpfte der noch junge Mann mit dem Tode. Inbrünstigst bat er Gott, er möge ihm doch feine Kräfte wieder schenken und ihn zu seinen lieben Kolhs zurückführen. Doch — es sollte nicht sein; Gott verlangte von ihm das größte Opfer, das ein apostolisches Herz kennt. Seine letzten Tage im Colleg seiner Mitbrüder zu Löwen waren eine Quelle der größten Erbauung für Alle im Hause. Mit sanfter, freudiger Ergebung schaute er dem herannahenden Tode entgegen. „Die Ewigkeit ist so lang (sagte er eines Tages)! Wie gerne hätte ich noch etwas länger gearbeitet und gelitten! Doch bringe ich das Opfer von ganzem Herzen." Am 7. November 1893 gab l?. Lievens seine an Tugenden und Verdiensten reiche, schöne Seele in die Hände seines Schöpfers zurück. Der Name dieses Mannes aber, der eine so großartige religiöse Bewegung hervorgerufen, wie sie Indien seit 200 Jahren nicht mehr geschaut, wird für alle Zeiten prangen in der Missionsgeschichte Indiens unter dem Epitheton: ?. Konstantin Lievens — der Apostel der Kolhs. — L. I. k. Recensionen und Notizen. Im Verlage von A. Riffarth in M.-Gladbach ist ein neues Gebetbuch für katholische Lehrer und Lehrerinnen unter dem Titel: „Christus mein Vorbild" erschienen. Woh! sind ähnliche Bücher bereits vorhanden, doch fehlt diesen gerade das, was in einem Gebetbuch für Lehrer von besonderer Wichtigkeit ist: das Gebet des Lehrers. Dies gab dem Verfasser Veranlassung, ein für alle Lagen des Lehrers geeignetes Gebet- und Betrachtungsbuch zu bearbeiten, und darf man mit Recht behaupten, daß obiges Buch wegen seines vielseitigen und ansprechenden Inhaltes sich besonders auszeichnet und durchaus geeignet erscheint, die religiösen Bedürfnisse eines echt christlichen Lehrers auch in den verschiedensten Lebenslagen in vollkommenster Weise zu befriedigen. Da der Preis ein äußerst mäßiger ist, — das Buch kostet in Kaliko gebunden mit Marmorschnitt M. 1,25, in Chagrinleder mit Nothschnitt M. 2, — so können Wir allen Lehrern und Lehrerinnen die Anschaffung dieses schönen Gebetbuches nur empfehlen, und kann solches zu obigen Preisen durch jede Buchhandlung bezogen werden. Nirfchl Jos., Gedanken über Religion und religiöses Leben in freien Verträgen. 8° p. IV -s- 2ö3. Würzburg, F. X. Bücher 1691. (II) M. 3.09. s. Das Buch verdient es wohl, daß es nach 30 Jahren zum zweiten Mal in die Oefsentlichkcit tritt; wie es bei seinem ersten Gange viele Freunde gewann, so wünschen wir ibm dieselbe warme Aufnahme auch diesmal, handelt es doch über die wichtigsten Fragen und höchsten Ziele des Lebens, wozu jeder denkende Mensch so oder so Stellung nehmen muß. Sind Pascals berühmte Lsnsöss mehr aphorismeuartig, so sind diese „Gedanken", mit Pascals Buch geistig verwandt, mehr logisch zusammenhängend und fortschreitend. Die Form der Darstellung ist sehr gefällig und zum Herzen gehend, und doch sind es wirklich „Gedanken" und nicht bloß Phrasen. Manche Vortrüge sind ohne weitcrs als Predigten und Ansprachen verwendbar, alle aber bieten dem Leser dazu reichliche Anregung. Das Werk könnte gar manches schwülstig-süßliche Betrachtungsbuch ersehen, wenn die, welche gemeinhin überhaupt dergleichen lesen, nicht vielfach einen zu verdorbenen Geschmack hätten, um an kerniger Nahrung Gefallen zu finden. Das System der Theologischen Summe beS heil. Thomas von Aquin oder übersichtlicher und zusammenhängender Abriß der Lamms, VlreoloZies, mit Anmerkungen und Erklärungen der tsrmini teodnioi von A, Portmann, Professor der Theologie an der höheren Lehranstalt in Luzcrn. Luzern, Naber u. Comp. 1 Mk: ES gereicht uns zur großen Befriedigung, der theologischen Welt das Erscheinen eines Werkes anzuzeigen, das voraussichtlich überall in Gelehrten- wie in gebildeten Laicnkreisen die beste Aufnahme finden und gar sehr mit ein Faktor werden wird, das im raschen Aufschwung begriffene Thomasstudium namentlich bei den jüngeren Theologen zu fördern. Der Autor dieses Werkes erfreut sich bereits seit einer Reihe von Jahren durch viele sehr gründliche und gelehrte Schriften — auf welche wir nebenbei hinweisen wollen — des besten Rufes in der Gelehrten- wclt; besonders kann er auf dem Gebiete des Thomismuö als eine hervorragende Autorität anerkannt werden. Dieses Lob verdient der genannte Verfasser aber mit allem Rechte durch sein neu erschienenes bezeichnetes Werk. Dasselbe ist eine gänzliche Umarbeitung und wesentliche Erweiterung einer früheren Programmarbcit, welche als solche bereits in der Liuzer Quartalschrift 1891 I. Heft einen gefeierten Lobredncr erhielt und eine Empfehlung „dieser vorzüglichen Arbeit" an jeden Theologen. Diese Anerkennung und Empfehlung gebührt deni Verfasser in ungleich größerem Grade durch sein jüngstes Opus, und kann dieses dem ähnlichen Werke des berühmten Frciburger Professors Berthier >I/ötmIs cls ls, Lowmo Mreolog'iqno elo 8t. TlromaZ ä'^quin- nicht bloß würdig an die Seite treten, sondern muß wegen seiner ruhigen und objectiven Darstellung, welche des Schweizer Professors Werk leider vermissen läßt, demselben vorgezogen werden. Jeder Theologe besonders, der das theologische Llonumontum aero psrennins des hl. Thomas, das einst die Vater des Tricnter Concils zu ihren Berathungen und Beweisgründen neben den hl. Schriften liegen hatten, einigermaßen studieren und verstehen will, wird dieses Werk nicht leicht entbehren können; es wird ihm ein kundiger Führer durch dunkle Stellen und aufstoßende Schwierigkeiten werden und ihm so die große Arbeit des richtigen Verständnisses bedeutend erleichtern. Möge ein fleißiger Gebrauch die Mühen des Verfassers lohnen. Aigen a. Jnn, Februar 1891. Pletl Georg. Neger'S Handausgabe des Bayer. VerwaltungS- gerichtsgesctzeS. In II.Auflage und in völlig neuer Bearbeitung von Dr. A. Dyroff. (263 S. geb. 3 M.) Verlag von C. Vriigel und Sohn in AnSbach. Das Buch wird in weiten Kreisen willkommen sein; denn es bietet nicht allein dem Juristen und VerwaltnngSbcamteu eine Fundgrube für alle einschlägigen Entscheidungen namentlich des VerwaltungögcrichtShofcö lind für die bewährtesten Stimmen aus Theorie und Praxis — auch für Gemeinde- und Kirchcn- verwaltungcn bildet die vorliegende Arbeit ein kaum zu entbehrendes Stachschlagcbuch, das in allen zweifelhaften Fällen in verständlicher Weise den rechten Weg zeigen wird. DaS sind die praktischen Vorzüge des vorliegenden BncheS; damit ist aber dessen Werth mit nichtcn erschöpft; denn sein Inhalt geht weit hinaus über die herkömmlichen Grenzen einer blossen „Handausgabe". Wir haben keine Sammlung fremder Gedanken, sondern eine von Grund auö wissenschaftliche Bearbeitung deS Gesctzeö vor nnö, welche sich den hiczu erschienenen Commentarcn würdig anreiht und dieselben auf der Grundlage einer vierzehnjährigen Praxis probt und vervollständigt. Der Herr Verfasser ist seiner schwierigen Ausgabe mit ebensoviel Scharfsinn als Fleiss und umfassender Kenntniß der Literatur gerecht geworden, und stehen wir nicht an, diese tüchtige Arbeit — unter Beglückwünschung deS Autors — der Allgemeinheit anfö beste zu empfehlen. _ ^V. D. „Die fremdländischen Stubenv ögcl", ihre Naturgeschichte, Pflege und Zucht von Dr. Karl Ruß. Bd. II (Wcichfutterfrcsser), Lies. 1. Mit einer Farbcndrucktascl. Magdeburg, Crcutz'schc Verlagsbuchhandlung. Mit dem 2. Baude dieses Werkes vollendet der Verfasser ein Unternehmen, welches für alle Vogclliebhabcr und Vogel- wirthe von großer Bedeutung ist. Alle drei Gruppen der Weich- futterfrcsscr sollen hier zur Behandlung kommen. Die Darstellung beginnt mit den Jnsectenfressern, dann folgen die Frucht- fresser, demnächst die Fleischfresser und zum Schluß, in einem Anhange, die fremdländischen Tauben- und Hühnervögel, soweit sich dieselben für die Stubcnvogclpflege eignen. Die Ausstattung dcö BncheS ist tadellos, sowohl hinsichtlich des Druckes, als auch des Papiers und namentlich auch der naturgetreuen Darstellung fast aller bekannteren Vögel dieser Gattung in Farbendruck, zu denen wieder Meister Emil Schmidt die Aquarelle geliefert hat. Der 2. Band soll mit 10 Farbcndrucktafcln in 20 Lieferungen L 1 M. 50 Pf. erscheinen. Nach seiner Vollendung kommen wir nochmals auf das Werk zurück. KricgSgeschichtliche Beispiele. In N. v. Dcckcr'S Verlag (Gustav Schenck) ist eine dritte, vermehrte und verbesserte Auflage der „Kricgsgcschichtlichcn Beispiele" des neuerdings durch sein Werk über den Krieg 1806/7 in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Obersten v. Lettow- Vorbcck erschienen. Preis 4 M. Dieses Werk hat vor denen ähnlicher Art den großen Vorzug, daß die Beispiele innerhalb ihres kricgsgcschichtlichcn Nahmens belassen sind, indem von den behandelten Schlachten und Gefechten ein zusammenhängendes Bild gegeben ist, in welchem nur die zu taktischer Belehrung geeigneten Stellen ausführlich, die übrigen kurz behandelt sind. Da dem Werke außerdem kurze Abrisse der beiden Kriege von 1866 und 1870/71, aus denen die Beispiele vorzugsweise entnommen, bcigegeben sind, so wird gleichzeitig die Kenntniß dieser so wichtigen Ereignisse gefördert. Was nun im Besonderen die dritte Auflage anbetrifft, so haben die seit dem Jabre 1884 erschienenen neuen Quellen: das Ge- ucralstabSwcrk über 1864, die eingehenden auf Grund franz. Materials bearbeiteten Schlachtcnschildcrungen dcö Majors Kunz, die hinterlassenen Papiere von Strecker Pascha über den russ.- türkischcu Krieg u. s. w., eine Umarbeitung einzelner Aufsätze nothwendig gemacht. Gleichzeitig hat aber auch eine Vermehrung der Beispiele stattgefunden. Die Ausstattung ist eine sehr gute und der Preis in Rücksicht auf die 54 Karten und Planskizzen ein niedriger. _ Freunde der katholischen Missionen wollen wir aufmerksam machen auf die Monatsschrift „Kreuz und Schwert im Kampfe gegen Sklaverei und Hcideuthum" (Münster i. W., W. Helmes). Jeden Monat erscheint ein Heft von 64 Spalten Text, welches hauptsächlich Missions-Bcrichte und Schilderungen aus Afrika bringt. Die Schreibweise ist anziehend; alle Gebiete Asrika'ö werden behandelt, so daß der Leser ein Gcsammtbild von den dortigen Fortschritten der Cultur gewinnt. Zahlreiche Vcraittw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Missionäre liefern häufige, stets recht unterhaltende Beiträgt Es fehlt ja nicht an katholischen UnterhaltungSblältcrn, aber für eine so billige Missionszcitschrift dürfte noch in jeder Familie Raum sein, und der Zweck, den sie anstrebt: Förderung der Missionen in unseren eigenen Colonieen, ist ja ein überaus wichtiger. Post und Buchhandel halbjährlich 75 Pfg.; direct voin Herausgeber bezogen 90 Pfg. einschließlich Porto; 5 Exemplare 3 M. __ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Frciburg iur VreiSgau. Hcrder'sche Vcrlagöhandluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt deö 3. Heftes: Deutsche Bildung und Wissenschaft im 16. Jahrhundert. (A. Baumgartncr 8. st.) — Religion und Christenthum nach Albrecht Ritschl. II. (Schluß.) (Th. Grandcrath 5.1.) — Der StaatSsocialiSmns. II. (Schluß.) (H. Pesch 8.4.) —Eucharistie und Martyrium. I. (C. A. Kneller 8. 4.) — Felix DahnS neuester Roman „Julian der Abtrünnige". I. (W. Krciten 8. .1.) Recensionen: Naffl, Die Psalmen, III. Bd. (I. K. Zenner 8. I.); 1. Bäumcr, Das Apostolische Glaubensbekenntnis;, 2. Blume, DaS Apostolische GlaubenSbekcnutniß (M. Rcich- mann 8. 4.); Spechr, Die Lehre von der Kirche nach dem hl. Angnstin (C. A. Kneller 8. 4.); Wolfsgrubcr, Carolina Auguste, die Kaiserin-Mutter (B. Dnhr 8.1.) —- EmPfchlcnSwcrthe Schriften. — MiScellen: Luther über den JacobnSbrief; Wie würde einem Jupiterbcwohner die Welt vorkommen? Die Dorfgemeinde!» in Guzerat. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Inhalt von 1894, Heft III, März: Dr. Selbst, Das päpstliche Rundschreiben -Drovistorttissimus Deus« über das Studium der hl. Schrift. — Dr. Ios. Bl. Bccker, Interessante Rundfrage der „Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur". — Dr. A. BellcShcim, Der Ehrwürdige Cardinal Bellarmiu in katholischer Beleuchtung. — Probabilismns und AcquiPrcbabiliSmns. — Die Drangsale norddeutscher Fraucnklöstcr in der NcformationSzeit. — Dr. Pl Wagner, Giovanni Picrluigi da Palcstrina. — Literatur: Dr. Egg er, Dndiiristiou DllooloZsias stogmatieas gsneralis. — Dr. J g n. Schmiß, Ds eüeotibus saorainontü extrewas nnetioms. — Franz Heiner, Katholisches Kirchcnrccht. — Thomaö Liviuö, LI. Mis Liessest Virgin. — ThomaS Livius 0. 88. R. Llarg' in tlro Dpistles. — Josephus Hont he im 8. 4., Institntiones Muwstieaeao. — Carolus Frick 8. 4., Dogica. — Jgnaz Orozen, Das Bisthmn und die Diöcese Lavant. — Anton Weber, Albrecht Dürer. — Lntonin Dlrmnean, LIiMnne, et exseution stu Ollant DiL- gorisn. — Dr. M. Hohler, GottcS Wege. — Katcchetische und pädagogische Schritten. Theologisch-praktische Quartalschrift in Linz. 47. Jahrgang. I. Heft. Jnhalts-Verzcichniß: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von k. Albert Maria Weiß 0. Dr. in Graz. — Ueber den Beruf zum geistlichen Stande. Von D. Ferdinand Witte ubrink 8. 4. in Blijenbcck (Holland). — Ueber Schulbibliotheken. Von Doin- capitular Johann Nößlcr in St. Pötten. — Chloroform und Morphium. (Aus Bayern.) — Geschichtliches zur Pcrchrung deS hl. Joseph. Von Dr. P. Macherl in Graz. — Die kirchliche Druckerlaubnis;. (I. Artikel.) Von?. Karl v. DilgSkron 6. 88. R., Geucral-Cousnltor in Rom. — Der Gesang bei der feierlichen Liturgie. (IV. Artikel.) Von Pfarrer Sauter, Präses des hohcnzollern'schcn BezirkS-Cäcilicn-Vcrcincs. — Bestimmungen des bayerischen Staates über kirchcnrcchtliche Gegenstände. Von Dr. Eduard Stiugl, Präses in Straubing. — MarianischcS Niederösterrcich. Von Pfarrer Joseph Maurer in Deutsch-Altenburg. — Merkwürdige Persönlichkeiten aus dem Priester- und Laicnstande. Von Joh. Langthaler, StiftL- hofmcistcr in St. Florian. — Pastoral-Fragen und -Fälle. — Literatur. — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sachen der Ablässe. Von ?. Franz Bering er 8. st., Con- sultor in Rom. — Bericht über die Erfolge der kath. Missionen. Von Joh. G. Huber. — Kirchliche Zeitläufe oder Umschau von der Warte dcö Herrn. (5. Aug. bis 15. Nov.) Von D. Albert Maria Weiß 0. Dr. — Kurze Fragen und Mittheilungen. Verlag deS Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. UI-. 15 12. April 1894. Charcot über die Wirksarirkeit des Glaubens in der praktischen Heilkunde?) Von Pros. Dr. Haas in Passau. Charcot hat zu keiner Zeit, wie es der Artikel in Nr. 51 der Beilage der Augsburger Postzeitung vorn 21. Dez. 1893 nahe legen könnte, die Suggestions- behandlnng überhaupt aufgegeben, sondern nur die hypnotische Suggestionsbchandlung. Er wie manche andere wendeten das suggestive Heilverfahren ohne Versetzung des Kranken in Hypnose an, um den unvermeidlichen schädlichen Wirkungen der letzteren zu entgehen. Wie wenig er von der Suggestion selbst zurücktrat, das zeigt eine nicht lange vor seinem Tode von ihm veröffentlichte Abhandlung über den „hellenden Glauben". Der Glaube gilt ihm als das ideale Mittel; denn er bewirkt oft dann noch Heilung, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Cbarcot hat sich deßhalb längere Zeit mit dem Mechanismus der Heilung durch den Glauben, wie er sich ausdrückt, beschäftigt. Die Wnnderheilungen (durch den Glauben) erklärt Charcot als einen natürlichen Vorgang. Zu einer Heilung durch ein Wunder sind zwei Faktoren nothwendig: eine specielle geistige Verfassung des Kranken, nämlich das Vertrauen, die Leichtgläubigkeit, die Suggestibitität, und eine bestimmte Krankheit, eine solche, deren Heilung lediglich der Intervention bedarf, welche der Geist auf den Körper ausübt. Am- putirte Extremitäten wachsen nicht nach. Am zahlreichsten sind vielmehr die Fälle von geheilten Lähmungen, besonders jener Classe von Paralysen, die Reynolds „äoperituvb ou iäou" genannt hat. Auch Geschwülste und Geschwüre werden geheilt, wenn sie nicht organischer Nalur sind. Eine Menge von Lähmungen sind hysterischer Natur: damit füllt bei ihrer plötzlichen Heilung das Ucbernatürliche des Wunders weg. Die Heilkraft des Glaubens knüpft sich an Wallfahrtsorte, an Wunderthüter, welche hl. Stätten gründen. Eigenthümlicher Weise haben manche von diesen an derselben Krankheit gelitten, die sie später heilten. Der Glaube an Heilung an einem Wunderorte ist nach Charcot nicht von Anfang an in seiner wirksamen Kraft vorhanden, sondern muß erst allmählich durch verschiedene Einflüsse seine richtige Stärke erlangen. Hieher gehören etwaige Schwierigkeiten der Reise an den betreffenden Ort, Berichte von großartigen Erfolgen u. s. w. Der Widerspruch des Arztes steigert den Glauben. So bildet sich allmählig die richtige Stimmung, welche den Eintritt der Heilkraft des Glaubens begünstigt. Erhöht wird diese Stimmung durch inbrünstiges Gebet. So ist der Körper vom geistigen Zustand schon stark beeinflußt; die Reise wird unternommen, der Kranke kommt körperlich übermüdet, geistig in hohem Grade suggestive! an dem Orte an (Barwell: „Wenn der Geist des Kranken durch die feste Ueberzeugung, er werde gesund werden, beherrscht wird, so wird er gesund"), nun eine Waschung an der hl. Quelle, ein nochmaliges inbrünstiges Beten, dazu die Wirkung der aus die Sinne berechneten Cultus- einrichtungen — die Heilkraft des Glaubens tritt ein, das Wunder geschieht. *) Vgl. Internationale klinische Rundschau 1893 Nr. 20 u. Gäa XXIX. S. 491-496. Auf Grund von Abbildungen aus früheren Jahrhunderten, welche Heilungen darstellen, läßt Charcot die Wunder anscheinend meist bei Krumpfen auftreten, deren hysterische Natur anzunehmen ist. Von Littrö nimmt er herüber, daß es sich bei den Wundern am Grabe des hl. Ludwig im 13. Jahrhundert in der Mehrzahl der Fälle um hysterische Coutrakturen gehandelt habe. Nach den nach der Natur gezeichneten Abbildungen von Wunderheilungcn in dem Buche von Mont- gerou (1739, 1745)*) werden Lähmungen und C o n- trakturen, Tumoren und NIzerationen durch das hl. Wasser, also durch ein Wunder, geheilt. Aus diesem Buche nimmt Charcot die ausführliche Erzählung der Heilung des Fräuleins Coirin, welches im Sept. 1716 in einem Alter von 31 Jahren zweimal kurz nacheinander vom Pferde fiel und sich beim zweiten Male die linke Seite verletzte. Es entstand eine Geschwulst an der linken Brust, die man für Krebs hielt. Eine vorgeschlagene Operation unterblieb auf Ablehnung der Mutter des Fräuleins. Seit 1718 war dasselbe linksseitig völlig gelähmt. 1731, nachdem 12 Jahre lang aus einem Loche in der Brust übelriechender Eiter geflossen, wurde durch Anlegung eines am Grabe des hl. (s l) Franz von Päris berührten Hemdes und durch Auflegen von Erde von diesem Grabe das Loch in der Brust trocken; es begann sich zu schließen und zu heilen. Die Lähmung hörte in der nächsten Nacht auf. Die völlige Vcrnnrbung der Brust erfolgte in 15 Tagen und nach weiteren 5 Tagen konnte das Fräulein wieder allein in den Wagen steigen. Die mit dem Leiden der Coirin verbundene augenscheinliche Atrophie war nach Cbarcot nicht organischer Natur. Es sind vielmehr jetzt mehr als 20 Fälle in der Literatur bekannt, daß hysterische Lähmungen und Coutrakturen von Mnskelatrophie begleitet sind. Auch der angenommene Krebs war nur eine hysterische Affektion. Zum Beweise lang andauernder Ülzcration bei der Hysterie wird aus den hl. Franz von Assisi und auf Luise Lateau verwiesen (!). Die Coirin hatte in der Brust ein hysterisches Oedem, eine Affektion, die zuerst Sydcuham beschrieben. Charcot selbst „blaues Oedem" genannt hat. Nach Pros. Ncnaut in Lyon kann dieses Oedem, zu größerer Entwicklung gelangt, Hautgangrän bewirken. Letzterer setzt Schorfe ab, nach deren Abstoßuug große Geschwürflächen zurückbleiben. Der amerikanische Nervenarzt Fowler schildert im Mcdical Nccord 1890 acht ähnliche Fälle, bei denen die Kranken, welche alle an .Hysterie litten, hühuercigroße Geschwüre hatten; psychische Behandlung führte zum Ziele. Also, so schließt Charcot, steht die Heilkraft des Glaubens unter natürlichen Gesetzen. Eine „plötzliche" Heilung im eigentlichen Sinne zeigt sich bei den angeblichen Wundern nicht; es bedarf, wie oben gezeigt, einer allmähligen Vorbereitung. Auch tritt die Heilung nicht sofort vollständig ein: in den nächsten Tagen findet man bei genauer Untersuchung immer noch Störungen der Sensibilität und Steigerung der Schnenrcflexe; dies hat Charcot auch bei an Gnadenortcu Geheilten gefunden. Cirkulationsstörungen können schnell eintreten und schnell wieder verschwinden. Insofern kann ein Oedem rasch vergehen, wie das der Coirin beim Anziehen des *) Es ist wohl »I-s, vsritö äss wiraelss« gemeint. 114 berührten Hemdes; aber die völlige Vernarbung braucht längere Zeit. Auch Lähmung kann Plötzlich auftreten und vergehen; z. B. beim Schrecken. Sind während der Lähmung die Muskel atrophirt, so gewinnt die betreffende Extremität ihre Kraft und ihren Umfang erst nach Regeneration der zu Grunde gegangenen Muskelfasern wieder (bei der Coirin nach 20 Tagen). Am 10. Juli 1730 wurde auch ein gewisser Sergent durch eine Novene am Grabe des hl. (?l) Paris von rechtsseitiger Contraktur mit Atrophie geheilt; aber Hand und Bein bekamen nur die Fleischfarbe sogleich wieder, nicht sofort Dicke und Stärke. Charcot vergißt nicht, besonders beizufügen, daß er bei den von ihm selbst nach Lourdes geschickten Kranken nach deren Heilung daselbst die sensiblen Störungen noch beobachtet hat. Heilbar durch den Glauben (Suggestion) sind also nach Charcot in Folge des besonders günstigen Suggestionszustandes der Kranken Muskelatrophie, Oedeme, Tumoren mit Ulzerationen hysterischer Natur. Soweit die Darlegungen Charcots, die durch ihr wissenschaftliches Beiwerk und durch ihre anscheinende Objectivität und Ruhe eines gewissen Eindruckes nicht ermangeln. Sie werden daher bet allen Bckämpfern des Wunders sicherlich mehr Beachtung und Verwerthung finden, als sie in Wirklichkeit verdienen. Freilich muß man den Charcot'schen Darlegungen gegenüber ohne- weiters zu geben, daß vielfach bei der Beurtheilung und Annahme des Wundercharakters von Heilungen ganz kritiklos und oberflächlich nach subjectiven Neigungen verfahren wird. So habe ich z. B. den Bericht über eine Heilung in Lourdes vom 1. Sept. 1893 vor mir, auf den Charcot's Bemerkungen ganz genau zutreffen. Ich mache aber hier sogleich darauf aufmerksam, daß diese Kritiklosigkeit auch bei mancherlei anderen Heilungen sich findet, so daß man vielfach nicht weiß, ob überhaupt eine wirkliche Krankheit, noch viel weniger, ob wirklich die angenommene geheilt wurde. Es behauptet sicher niemand, daß alle angeblichen „Wunder- heilungen" wirklich solche sind. Private Anschauungen reichen zur Herstellung dieses Charakters nicht aus, selbst wenn sie von Aerzten ausgehen. Das Urtheil letzterer geht in diesem Betreffe über eine negative Bedeutung nicht hinaus, d. h. sie können nur sagen, daß sich die betreffende Heilung nach dem heutigen Stande der medizinischen Wissenschaft auf natürliche Weise nicht erklären lasse. Ein hinrei chender Grund zur Annahme eines Wunders liegt nur dann vor, wenn die competente kirchliche Autorität auf Grund eingehender Untersuchung und Prüfung in diesem Sinne entschieden hat. Insofern haftet den Darlegungen Charcot's schon der Mangel an, daß sie zu allgemein gehalten sind. (Schluß folgt.) Werth und Bedeutung des Studiums der Kirchengeschichte. Rede beim Antritte des Nectorats der L.-M.-Universität geholten am 25. Nov. 1893 von Dr. Alois Knöpfler. Die herrlichen Worte, welche Pros. Dr. Knöpfler beim Antritte des Nectorats der Münchner Universität gesprochen, haben auch in der Beilage der Augsburger Postzeitung Aufnahme gefunden. Nun liegt auch schon eine ausführliche Besprechung vor, welche Pros. Or. Schrörs in Bonn im historischen Jahrbuch der Görres- gesellschaft, XV. Bd>, 1. H., S. 133—45 veröffentlicht. Dieselbe verhält sich im Ganzen ablehnend, ohne daß jedoch ihre Aufstellungen, wie uns bedünken will, durchaus stichhaltig zu nennen wären. Zur Begründung dieser unserer Auffassung möge Folgendes dienen. Schrörs glaubt, Knöpflers Besorgnis), die Kirchengeschichte „solle sich in den Dienst dieser oder jener Richtung stellen, für irgend eine Lieblingsmeinung ein möglichst antikes Gewand ausfindig machen, ein zuvor ausgeklügeltes Nech- nungsresultat hintennach, so gut oder so schlecht es geht, durch historische Zeugnisse approbiren", brauche uns nicht zu quälen. Dem gegenüber sei unter vielen nur ein Beispiel angeführt, daß nämlich Funk, als er auf Grund sorgfältiger historischer Untersuchung zum Ergebniß kam, die ersten acht allgemeinen Concilien seien nicht von den Päpsten, sondern vom Kaiser berufen und bestätigt worden, das Verdick erfuhr, diese Ansicht sei theologisch und kanonistisch undenkbar (s. Funk, Lehrb. der Kirchengeschichte, 1. Aufl. 1866, Vorw. S. VI; hist. Jahrb. d. Görresges. 1893 S. 485 ff.); es scheint also die von Knöpfler geäußerte Besorguiß doch nicht ganz unberechtigt zu sein. Ferner bemerkt Schrörs: „Wenn jedoch der Kirchen- historiker noch einen Schritt weiter geht und für unsere Zeit weise Belehrung ertheilt durch offene Darlegung von Ursachen und Folgen verkehrter Anschauungen und verkehrten Handelns, so hat er damit schon halb ein Gebiet betreten, das außerhalb seiner wissenschaftlichen Zuständigkeit liegt. In diesen Angelegenheiten, die zu beurtheilen zunächst den amtlichen Auktoritäten zukommt, wird er nur mit behutsamer Zurückhaltung sich äußern dürfen . . . Denn die Kirche läßt in ihrer Verfassung weder Raum für die Einwirkung einer öffentlichen Meinung im gewöhnlichen Sinne des Wortes, noch für eine Directive durch die Vertreter der Wissenschaft." Darauf wäre zu entgegnen, daß Knöpfler an der von Schrörs bezeichneten Stelle nicht dem einzelnen Kirchen- historiker die Rolle der „weisen Belehrung" zuweist, sondern der Kirchengeschichte; daß aber die Vergangenheit die Lchrmeisterin der Gegenwart ist und daß es gewiß nur zum Segen der Kirche gereichen kann, wenn die berufenen Auktoritäten zwar nicht von den Vertretern der Kirchengeschichte, wohl aber von den Lehren dieser letzteren selbst sich leiten lassen, dürfte doch wohl nicht zu bezweifeln sein; daß dem Historiker die Rolle des Politikers oder des Mentors der amtlichen Organe zufalle, daß „vor der urtheillosen akademischen Jugend" dergleichen Fragen an der Hand der bloßen Geschichte beleuchtet werden sollen, sagt Knöpfler nicht. Wenn Knöpfler glaubt, die Trennung, welche im 11. Jahrhundert Orient und Occident und wieder im 16. Jahrhundert letzteren in verschiedene feindliche Re- ligionsgenosseuschaften auseinandergerissen hat, könne nicht durch einseitige spekulative Erörterung gehoben werden, ein gut Theil der Arbeit werde der geschichtlichen Forschung zufallen müssen, die Zeit aber, wo nach der Ansicht und Sehnsucht vieler die petrinische und paulinische Kirche sich zur johanneischen vereinigen, oder wo auf die Periode des Vaters und des Sohnes das Zeitalter des hl. Geistes folgen solle, vermöge kein Geschichtskundiger zu bestimmen, so findet Schrörs diesen Gedanken „unklar" und „nichts weniger als historischer Erkenntniß entsprungen". Uns ist nur das unklar, wie Schrörs aus Knöpflers Worten etwas anderes herauslesen konnte, als was dieser wirklich sagte: daß es sehr zu wünschen wäre, wenn die Spaltung beseitigt würde, daß dazu auch das Studium der Kirchen- 115 Geschichte beitragen könne, sofern es zeigt, es sei hüben und drüben gefehlt worden, und daß die Wiedervereinigung erleichtert werden könnte durch Beherzigung der wichtigen Wahrheit, daß Einheit nicht Einerleiheit bedeutet; was Schrörs sonst noch alles perorirt, insbesondere daß nicht die systematische, sondern die historische Theologie zu bestimmen habe, wo die Grenze zwischen Einheit und Einerleiheit liegt, sagt Knöpfler nicht. Der Spruch: «In Q 6068 gariis unitas" rc. können wir und andere Leute nicht mit Schrörs „inhaltsleer" finden, auch vindicirt Knöpfler nicht dem Historiker die Entscheidung, was nothwendig und was zweifelhaft sei. Besonders mißfallen Schrörs Knöpfler's Ausführungen über die geschichtliche Entwicklung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche. Schrörs meint, man müßte eine förmliche Abhandlung schreiben, um Knöpflers Con- structionen allseitig zu prüfen, und schreibt: „Kein Gesetz Constantins ist mit Sicherheit nachzuweisen, das den Bestand des Heidenthums irgendwie bedroht hätte; keine Verwaltnngsmaßregel allgemeiner Art, die gegen die Verehrer der alten Götter gerichtet gewesen wäre; kein Zwang, auch kein moralischer Zwang ist unseres Wissens vom Kaiser oder seinen Beamten zum Eintritt in die Kirche geübt worden. Der Arianismus hatte seinen einzigen Grund in den dogmatischen Kämpfen des 3. Jahrhunderts. ... Die Ansicht Hefele's von seinem ursächlichen Zusammenhang mit den noch halbheidnischen Anschauungen der zum Christenthum bekehrten Gebildeten darf als überwunden gelten. Bischöfe und Theologen waren die Kämpfer im gewaltigen Streite, die Laien haben darin nie eine bedeutende Rolle gespielt." Daß aber Knöpfler mit seiner von Schrörs gerügten Darstellung nicht isolirt steht, beweist uns Karl Müller, der in seiner 1892 erschienenen, von Harnack als das beste aller bisherigen kurzgefaßten (protestantischen) Lehrbücher bezeichneten (Theol. Literaturzeitung 1892 Nr. 26) Kirchengeschichte S. 174 sagt: „Mit dem Siege über Licin 324 wird er (Constantin) freier und rücksichtsloser. ... Die Annahme des Christenthums wird dem Osten öffentlich empfohlen, das Heidenthum als Welt des Irrthums gebrandmarkt. Dann werden auch seine religiösen Institutionen mehr und mehr beschränkt und verboten (Verbot aller Opfer und aller Mantik; etwa 828—30 Zerstörung einzelner Tempel, nicht ausschließlich solcher mit unsittlichen Culten, und Säkularisation des betreffenden Tempelgutes). Die gesetzlichen Verbote bedeuten freilich an sich noch lange nicht ihre Durchführung, aber sie ermöglichen sie, zumal das Beamten- thum sich immer mehr mit christlichen Elenrenten füllt" u. f. w. Daß die Laien im Arianismus nie eine bedeutende Rolle gespielt haben, ist jedenfalls eine kühne Behauptung Schrörs', der gegenüber nur an das Treiben der Schwester Constantins, Constantia, sowie der Kaiser Constantins und Valens erinnert werden möge; auch ist es sehr natürlich, daß in Folge des Beispieles und Druckes von oben sehr Viele ohne innere Ueberzeugung die Taufe annahmen, die dann beim Ausbrnche des Streites den laxeren Ariarrern zufielen. Auch was Schrörs an Knöpfler's Darstellung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche zur Zeit Gregors VII. auszusetzen hat, ist nicht ganz zutreffend. Daß nach der Anschauung des letzteren von einer wahren Coordinatton zwischen Kirche und Staat gar keine Rede sein kann, ist für jeden unzweifelhaft, der sich mit Gregors Gedqnkensphäre eingehender vertraut gemacht hat. Das erhellt schon aus dem Vergleiche von Sonne und Mond, der im Schreiben an Wilhelm den Eroberer ganz allgemein, nicht bloß, wie Schrörs will, mit Bezug auf diesen Fürsten gebraucht wird; ferner zieht Gregor VII. auch das Verhältniß von Gold und Blei heran (L^. VIII. 21, vk. o. 10 O. 96; v. Scherer, Handb. d. Kirchen- rechts, S. 36—40 Anm. 37; Maassen, neun Kapitel über freie Kirche und Gewissensfreiheit, S. 176 ff.). Schrörs bemängelt den Ausdruck „hyperdevot", den Knöpfler von Augustinus Triumphus und Torquemada gebraucht, und meint, die ausschweifenden Behauptungen der letzteren würden von niemand mehr vertreten. Allein in seinem Buche „I^a. olliosa, s 1o stato" beschränkt Matth. Li- beratore 8. 1. die Schlüsselgewalt des Papstes entfernt nicht auf das kirchliche Gebiet, sondern erklärt ihr die politische Autorität durchaus unterworfen, und ähnlich sprach sich Graf Du Maistre aus (s. Scherer, 1. o. p. 53 Anm. 12). Auch in seiner Polemik bezüglich der Stellung, die nach Knöpfler die Kirchengeschichte im Bereich der theol. Disciplinen einnehmen soll, scheint uns Schrörs nicht glücklich zu sein; nicht eine Ueberordnung, wohl aber eine Gleichstellung der Kirchengeschichte mit den übrigen theologischen Wissenschaften vertheidigt Knöpfler, und das angesichts der etwas stiefmütterlichen Behandlung, deren sie sich in den romanischen Landern unleugbar zu beklagen hat, unseres ErachtenS mit vollstem Rechte. Wenn dann Schrörs den von Knöpfler an der heutigen theol. Wissenschaft gerügten Mangel an selbständigem Forschen, ferner das Anlehnen an die „starre Schultradition" und den „normgebenden Autor" mit dem Hinweis auf die Zeiten des Jofephinismus entschuldigt, wenn er glaubt, Knöpfler sehe zu schwarz und man müsse bei Beurtheilung der theologischen Leistungen nicht die große Masse der erscheinenden Werke, sondern nur die hervorragendsten Leistungen ins Auge fassen, so könnte man einwenden, daß man für die theologischen Leistungen heute, nach beinahe 100 Jahren, den Jofephinismus doch nicht mehr gut verantwortlich machen darf, baß da, wo der Redner zu schwarz, sein Kritiker vielleicht zu kurz sehe, und daß man allgemein die Dinge nach dem Durchschnitt, nicht nach vereinzelten Erscheinungen zu messen Pflegt. Unrichtig ist es, daß Knöpfler den Vorzug wissenschaftlicher Produktivität ausschließlich den Universitäten zuerkenne, wie Schrörs ihm vorwirft. Daß zu gelehrtcm Zusammenarbeiten zwischen Lehrern und Schülern, zu wissenschaftlicher Produktivität die Hochschulen in erstw und hervorragender Weise berufen sind, wird auch Schrörs nicht bestreiten; daß alle Nichtuniversitätsprofessoren auf literarischem Gebiete unthätig oder erfolglos seien, behauptet Knöpfler so wenig, wie das Gegentheil von allen Univerfltätsprofefforen. Kurz, das Urtheil, das sich Schrörs über Knöpfler's Rede gebildet hat, würde wohl ein ganz anderes geworden sein, wenn er sich mit dem begnügt hätte, was Knöpfler wirklich gesagt hat, und nicht alles Mögliche sonst noch darin hätte finden wollen; die Kritik Schrörs' thut dar, wie sehr Knöpfler Recht hatte, wenn er in seiner Rede sagte: „Sobald ein neuer oder selbstständigcr Gedanke sich zeigt, fühlen wir ein nervöses, fieberhaftes Zittern durch die theologische Welt gehen." Dr. - q- Daß allerdings in der an sich ausgezeichneten Rede des Herrn Nector Magnificus Dr. Knöpfler einzelne Stellen 116 sich finden, welche leicht zu Mißverständnissen Anlaß geben, ist nicht zu leugnen und ist auch von anderen Gelehrten anerkannt worden, die im Allgemeinen durchaus mit den Anschauungen des Hru. Or. Knöpfler harmoniren. D. Red. Die neueste Predigtliteratur. Wenn Predigtmanuskripte auf das Drängen von buchhandlerischen Interessenten oder auf Zureden von — selbst zahlreichen — Zuhörern und Freunden im Druck veröffentlicht werden, so ist das für den Kundigen noch nicht immer auch ein sicherer Beweis für deren brauchbaren Werth und Gediegenheit. Nebst der mehr oder weniger bewußten Eitelkeit des jeweiligen Verfassers hat gerade dieses — wohl gut gemeinte, aber der Mitverantwortung nicht immer bewußte — „geschäftliche und freundschaftliche Drängen" die unfruchtbare Hypertrophie der homiletischen Literatur der Gegenwart verschuldet, das Lescpublikum vielfach mißtrauisch gemacht und die Verleger mit weiteren „Ladenhütern" bereichert. Zum Nutzen und Frommen der guten Sache dürften selbst die wenigen Predigtrecensenten, die eine scharfe Feder zu führen und vorn Blaustift eifrigsten Gebrauch zu machen pflegen, die Notenskala immer noch um etliche Grade reduciern. Wenn aber nicht kaufmännische Specnlanten, wenn nicht bloß wohlmeinende Zuhörer, sondern sogar ein allgemein anerkannter, kundiger Fachmann, ein hochangesehener Referent für Homiletik') seinen bestimmenden und ausschlaggebenden Einfluß für die Drucklegung von Predigten geltend macht, dann hat man gewiß nicht Alltägliches zu befürchten, sondern Außerordentliches zu erwarten. Diese Voraussetzung trifft zu und die damit gegebene Erwartung wird glänzend gerechtfertigt durch die neueste homiletische Publication, durch die „Predigten und Ansprachen" des berühmten Gelehrten und Kanzelredners von St. Bonifaz in München, des Paters Odilo Nottmariner 2 ). Das ist auf dem Gebiete der Homiletik auch einmal wieder eine Erscheinung, die volle Beachtung und warme Aufnahme verdient. Es sind Predigten, die man auch bis zum Ende, ja wiederholt lesen kann, lesen wird. Was die von dem warmen Hauch des eifrigen Seelenhirten durchdrungenen Predigten auszeichnet, ist die theologische und sprachliche Bildung des Verfassers. Nottmanner ist nach Inhalt und Form seiner Predigtweise „eigener Art", ja originell, er bietet nach beiden Seiten hin Neues, aber er wahrt den alten und altbewährten Satz: novo, non nova. Der Verfasser verkündigt keine neue Lehre, aber seine Lehrverkündigung bewegt sich nicht in den alltäglichen Bahnen gewöhnlicher Kanzelreden, sondern schöpft selbstständig aus dem tiefen Schacht und dem unermeßlichen Born der geoffenbarten Wahrheit und bringt mit Vorliebe die Schönheit und Macht des christlichen Glaubens- und Gnadenlebens zur Kenntniß der Zuhörer (Leser). In all den als Auswahl gebotenen „Predigten und Vortrügen" überrascht ') Universitätsprofessor Dr. P. Keppler, vgl. Literarische Rundschau. 2 ) Predigten und Ansprachen, von k. Odilo Rott- manner, O. 8. L., Dr. tbeol. 349 S. 8°. München» Lenin er 1893. Preis M. 4,SO. 2) Es sind 6 Fasteupredigten ü)er das Vater Unser, 11 geradezu die Fülle und Kraft der Gedanken, welche zugleich — mit feinstem psychologischem Takt und Zartsinn — alle Saiten des menschlichen Herzens anschlagen. Der kernige Inhalt ist überdies festgegründet auf dem ächten und sicheren Boden der kirchlichen Dogmatik und christlichen Moral. Vor allem ist es die hl. Schrift, welcher Nottmanner seine erhabenen Ideen und tiefen Gedanken entlehnt. Seine Predigten und Ansprachen liefern den thatsächlichen Beweis für die Wahrheit des alten homiletischen Hauptsatzes, daß die hl. Schrift für den Prediger die erste und unversiegbare Quelle sowie das unübertreffliche Muster der Popularität ist und bleibt. Was Nottmanners Lieblingsschriftsteller, der hl. Augustin, ausgesprochen hat: „Um so beredter wirst du sein, je mehr du geschöpft hast aus der hl. Schrift; bist du klein an Beredsamkeit und arm, durch sie wirst du groß und reich"), das hat der Kanzelredner von St. Bonifaz an sich erfahren. Nirgends die Formen und Formeln der abstrakten Schultheologie, sondern überall die frische, klare und verständliche Sprache des concreten Lebens, nirgends hohle Phrasen, sondern überall edle, inhaltsreiche Form, Anschaulichkeit und Lebendigkeit der Rede, bildliche Darstellung und malerische Schilderung, oratorischer Schwung und dichterischer Reiz: all diese Bedingungen ächter, populärer Predigtweise verdankt Nottmanner seiner gründlichen Kenntniß der hl. Schrift. Von ihr stammt Inhalt und Form seiner Predigten: ein unverkennbarer Vorzug und unnennbarer Werth derselben. Die „eigenste Art" der Predigtweise Nottmanners zeigt sich aber in der Anlage und Anordnung, der äußeren und inneren Disposition. Bekanntlich haben sich im Lauf der Jahrhunderte zwei Arten von Predigtanlagen ausgebildet, die Homilie und die thematische Predigt. Jene, die sich in der Stoffwahl, in der Auswahl und Ordnung der Gedanken ganz an die Schrift- perikope bindet, war bis in das 12. Jahrhundert hinein die reguläre Predigtform. Diese, welche ein klar formu- lirtes Thema zwar auch mit Zugrundelegung des Schriftwortes, aber nach einem frei bestimmten Plan zum Vor- trag bringt, findet sich in kleinen Ansätzen schon bei Augustin und Chryfostomus, ist aber erst durch die Scholastik kunstgerecht ausgebildet worden?) Indem bald die eine, bald die andere die Herrschaft führte, ist bis in die neuere Zeit herein von der Homiletik die thematische Predigt als allein berechtigt behandelt worden, „die Homilie mehr nur als Stiefkind"?) Erst in neuester Zeit ist die Wiederbelebung und Ausbildung der letzteren — als thematischer Homilie — warm empfohlen worden 7), „in der festen Ueberzeugung, daß von der Pflege der Homilie abhängt der Fortschritt, die Erfrischung und Erneuerung unseres ganzen Predigtwescns, das Wiederaufblühen des biblischen Studiums, welches die Hochschule der Predigt ist und bleibt" b). Nottmanners „Predigten und Ansprachen" liefern nun den thatsächlichen Beweis für diese Theorie. Sie Festtags-, 15 Sonntags-, 12 Gelegenheitspredigten und Ansprachen. LuZnstin. äs äoetr. «brist. IV, 3. Vgl. Keppler, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Prcdiqtanlage in der Tübinger Theol. Quartalschrift 1692, S. 53-120 u. S. 179—212. «) Ebendas. S. 206. Keppler, Lehre von der Homilie im „Kathol. Seelsorger" 1892 (IV. Bd.) u. „Kirchenlexckon" 2. Aufl. VI, 217 f. b) Keppler, Tübing. Quartalschr. 1892, S. 212. 117 weichen ab von der gewöhnlich üblichen Methode der Predigt und der Homilie, indem sie die Grundform und Grundbedingung beider verbinden. Das Thema ist nicht streng formulirt und nicht ausdrücklich angekündigt, die Gliederung nicht scharf ausgeprägt, das Ganze aber sachlich und logisch wohl disponirt. Diese Predigtanlage hat sicher neben der rein „thematischen Predigt" ihre volle Berechtigung und als „thematische Homilie" neben der „exegetischen" eine mehr als tausendjährige Bewährung. Noch im 16. Jahrhundert schrieb der berühmte Erfurter Domprediger Konrad Kling (Franziskaner): „Die alten Väter liebten es, einfache Homilien zu halten; diese Methode ist auch heute noch die geeignetste zur Befestigung des Glaubens und zur Kräftigung des Tugendlebens." o) Ein Versuch, die regelmäßige Gliederung und Einheit der Predigt und der allseitigen Erklärung der eigentlichen Homilie in wenigstens soweit zu verbinden, daß keine dunkle Stelle der evangelischen Perikope unberührt bleibt, ist auch neuestens von A. Perger gemacht worden"). — „So oft einer spricht, sagt Cicero, so oft wird auch über ihn geurtheilt" "). Darum sei auch uns eine — durchaus wohlwollende — Kritik gestattet. Rottmanncr zieht aus den Prämissen seines Vortrags selten oder nie eine direkte Nutzanwendung für seine Zuhörer. Nicht als ob er nicht auch aus einen bestimmten Zweck seiner Predigt hinarbeitete, aber er vermeidet die unmittelbare Appellation an den Willen der Zuhörer. Wir halten eine specielle Nutzanwendung für einen Kernpunkt der geistlichen Beredsamkeit, ja für die nächste Frucht der homiletischen Thätigkeit. „Die Predigt, so pflegte unser Professor der Pasioraltheologie zu sagen, sei nicht wie ein chinesischer Feuerkracher, der nur losgelassen wird, um Lärm zu machen, sondern wie die Büchse 'eines Jägers, bei der man nach jedem Schuß sieht, wie daS Wild fällt." Es ist bekanntlich ein Zug des menschlichen Herzens, die Nutzanwendung nicht selbst und besonders nicht auf sich selbst zu machen. Nottmanner verzichtet fast ganz aus das rhetorische Mittel des Pathos, das Zraucla äioenäi Atzung der Alten. Gewiß gibt es bezüglich der Gemüthsbewegungen ein — vielfach nicht beachtetes — Gesetz der Selbstbeherrschung, ills seit rsots ckiaere, gnr st oräinawo novit taasra (Gregor der Große); gewiß sind eine besonders außerordentliche Sprache und Darstellung, wie solche „die Predigten und Ansprachen" zieren, (neben den bekannten Mitteln des Vortrags) Merkmale des Erhabenen, Feierlichen und Pathetischen, gewiß wird durch affektirtes und übertriebenes Pathos gewöhnlich mehr gefehlt, als durch Mangel der Affekte, gewiß kann und darf das Pathos die anderen Mittel der Ucberredung und Ueberzeugung nicht ersetzen: aber das ächte Pathos hat in der Predigt eine vollberechtigte Stelle. Gerade in der Beseelung durch den Affekt liegt eine besondere Kraft der Beweggründe. Der Weg von dem Verstände zu dem Willen geht durch das Gefühl. In einem Moment der Freude oder der Furcht sind wir leichter zu einem guten Werke zu bewegen, als bei ganz ruhigem °) Lumina, cloetr. ollrist. 1562 x. 236. Vgl. „Katholik" 1894. S. 158. ") Homiletische Predigten über die sonn- und festtäglichen Evangelien v. A. Perger, Pr. der Gesellschaft Jesu. Paderborn, Bonifazins-Druckerei, 2 Bd. 1894. Vergl, auch „Katholische Homilien" von Königödorfer - Eberhart, Brixen 1894. ") vs orat. l, 27. Blute. „Wer auf dem Gebiete des Affektes herrscht, herrscht auf dem der Geister." Abgesehen von diesen beiden Ausstellungen dürfen wir Nottmanners Predigtweise als vollkommen muster- giltig bezeichnen. Möge der geschätzte Verfasser uns bald mit einem zweiten und dritten Bündchen beschenken! Stuttgart. vr. A. Koch. Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner- und dem Ctstercienser-Orden mit besonderer Berücksichtigung der Ordensgeschichte und Statistik. Redacteur: k. Maurus Kinter 0. 8. 0., Stiftsarchivar zu Naigern. Im Selbstverlag des Benedictiner- und Cistercienser- Ordcns. Abonnement: jährlich 7 Mk. Wenn nach dem Urtheil eines unsrer deutschen Kirchenhistoriker die intellektuelle und moralische Beschaffenheit der Klöster in jeder Periode der Kirchen- geschichte einen sicheren Schluß gestattet auf die Geistesund Herzensbildung der Weltpriester und des Volkes, dann hat eine Zeitschrift, welche sich das Studium der Ordensgeschichte zur Hauptaufgabe stellt, von vornherein eine über die Mauern der Klöster hinausgehende Bedeutung. Ein gemeinsames wissenschaftliches Organ der Benedictiner darf um so mehr auf Beachtung in weiteren Kreisen rechnen, als ja gerade dieser Orden einer ziemlich allgemeinen Hochachtung sich erfreut. Ein solches Organ sind die „Studien und Mittheilungen aus dem Benedictiner- und dem Cistercicnser- Orden", welche mit dem in nächster Zeit erscheinenden ersten Heft pro 1894 in das 15. Jahr ihres Bestandes eintreten; sie wurden im Jahre 1880 anläßlich des 1400jährigen Jubiläums der Geburt des heiligen Benedictus gegründet und stehen seit dieser Zeit unter der Redaction des Stiftsarchivars und Bibliothekars 8. Maurus Kinter 0. 8. 8. in Naigern bei Brünn in Mähren. Jedes Heft dieser Quartalschrift zerfällt in drei Theile; die erste Abtheilung bringt „Studien" von Mitgliedern der beiden Orden oder von anderen Schriftstellern, sofern sie sich auf Ordensgeschichte beziehen; die zweite Abtheilung „Mittheilungen" enthält Sammlung von Quellenmaterial (Urkunden und Negestcn), Ordensstatistik, Nekrologe und Nachrichten der mannigfachsten Art aus den einzelnen Ordenshäusern; die dritte Abtheilung „Literatur" bietet entweder in referireuder Weise oder in summarischen Angaben eine Uebersicht über die gesammte schriftstellerische Thätigkeit der Ordensmitglieder sowie über sonstige, das Ordenswesen irgendwie berührende literarische Erscheinungen. Wir gestatten uns, über die bis jetzt vorliegenden 14 Jahrgänge eine kurze Ueberschau zu halten, und glauben durch unsre Aufstellungen und Ausstellungen unser Interesse an der Sache am besten zu bekunden. Fachmänner von wissenschaftlichem Ernst, tiefer Gründlichkeit und wohlthuender Objectivitüt, wie Germain Morin, Ursmar Berliöre, Snitbert Bänmer, Gabriel Meier, Odilo Ningholz, Pins Schmieder, Uito Kornmüller, Otto Grillnberger u. a., haben einzelne Jahrgänge der „Studien" durch ihre kirchengeschichtlichen und liturgischen Aufsätze zu schützenswerthen Fundorten gediegener, wissenschaftlicher Resultate gemacht; die „Mittheilungen" brachten gar manche bedeutsame Notizen, so 118 -x. über Mabillons Korrespondenz mit Cardinal Leander Colloredo, über die Bemühungen des Melker Benedictiners Placidus Amon (1' 16. Januar 1759) um dentsche Sprache und Literatur, über den Verfasser des bekannten „Oomstab Spiritus!" u. s. w. Auch die Recensionen erhoben sich nicht selten in erfreulicher Weise über den von den Gelehrten unsrer Tage schon so oft beklagten Mangel an Kritik*); jeder Kenner der Verhältnisse wird die einschlägigen Arbeiten des Tübinger Repetenten Merkle, des Benedictiners Or. Vichodil, des Cisterciensers k. Kurz u. a. mit großer Befriedigung aufnehmen. Je geeigneter die genannten Vorzüge sind, den „Studien" Freunde zu erhalten und zu erwerben, desto mehr drängt es uns, die verehrliche Redaction zu ersuchen, die größte Strenge zu beobachten gegenüber solchen Leistungen, die nicht über jeden Vorwurf der Einseitigkeit oder Oberflächlichkeit erhaben sind. In formaler Hinsicht scheint für die Zukunft eine noch größere Scheu vor Druckfehlern den Correcwrcn empfohlen werden zu müssen. Eine weitere und letzte Klage richtet sich gegen die in jedem Jahrgang enthaltenen „Personalveründcrnngcn im Benedictiner-und Cistercienscr- orden; trotz der Richtigkeit und Gewissenhaftigkeit vieler Einsendungen geht es fast nirgends ohne falsche Namen und Daten oder ohne Verwechslungen ab. Die „Studien", welche wir hicmit allen Theologen und Historikern aufs wärmste empfehlen, sind gegründet worden, „um ein äußeres Band größerer Einheit zu gewinnen";^) wichtiger noch als diese äußere Einheit ist die Einheit aller Mitarbeiter der „Studien" in der Liebe zur Wahrheit. Wenn die wissenschaftlich thätigen Mitglieder der beiden großen Ordeussamilien in allen Dingen einzig und allein die volle ganze Wahrheit suchen, dann ist ein unzerreißbares Band um sie geschlungen; dann ist, unbeschadet der im Wesen der Benedictinerregel wurzelnden Selbst- ständigkeit eines jeden einzelnen Hauses, eine geistige Centralisation zu Stande gekommen, auf Grund deren ein nachhaltiger Aufschwung des altehrwürdigen Ordens zu erhoffen ist. Mögen die „Studien" im Verein mit der bereits zu so erfreulicher Blüthe gelangten Lsvus Lsusciiotius der Abtei MaredsonS in Belgien und der Oorvusiäs Rsviocv der Benediktiner von Downside in England jederzeit der die Wissenschaft pflegenden Mitwelt den Nachweis liefern können, daß auch die Mönche des 19. Jahrhunderts eifrig mitwirken an jeder edlen Geistesarbeit, und daß auch die heutigen Benediktiner, gerade so wie einst ihre großen Ahnen in der Kongregation von St.-Maur, sich die Pflege einer gründlichen, in Schrift und Väterlehre wohlbegründeten und deßhalb im besten Sinne des Wortes kirchlichen Theologie angelegen sein lassen. Winke für Palästmapilger. Von vr. Sepp. (Schluß.) Die Wächter des heiligen Grabes haben das hohe Verdienst, nach dem Falle des lateinischen Königreichs Jerusalem die wichtigsten Sanktuarien für das ') Vgl. die Bemerkungen von Pros. vr. Krieg in Nr. 12 des Jahrganges 1893 der „Literarischen Rundschau für das kath. Deutschland". -) Vgl. KirHenlexikori II. Aufl. II. Bd. S. 351. christliche Abendland gerettet zu haben. Das Land lag wie eine tsrra inso^nita vor ihnen, aber ihre gelehrte Bildung erreichte nicht den Höhegrad, wie jene der Kapläne, welche einen Raimund von Toulouse und Gottfried von Bouillon begleiteten; wir meinen Raimund von Agiles und Fulcher von Chartres (der zum Gefolge Herzog Roberts von der Normandie zählte), endlich später den Albert von Aachen. Die Kreuzritter zogen die directe Nömerstraße von Raum (Ramle) nach Castell Emmaus und so vor Jerusalem. Schon Franz von Assisi landete 1219 mit zwölf seiner Brüder an der Küste des gelobten Landes, und noch in seinem letzten Lebensjahre, 1226, entstand nach vorläufiger Ansiedlung in Jean d'Acre das erste Hospiz in Jerusalem. Hier waren sie nun auf Entdeckung angewiesen, und der erste folgenreiche kühne Griff war die Bestimmung der Via. äolorosa. von der einstigen Tempclkaserne Antonia her, statt von» Prätorinm des Pilatus in der Herodesburg auf Sion, welche Philo von Alexandria ausdrücklich als den Wohnsitz und das Nichthaus der römischen Landpfleger bestimmt, wie auch Josephus Flavius die besten Anhaltspunkte gibt. Die Kreuzfahrer haben noch den Stationsweg von dem Platze aus verfolgt, wo nun die protestantische Jakobskirche steht; unwillkürlich wurden jetzt die Gürtelbrüdcr die einzigen Führer für fromme Pilger, deren viele sich etwas darauf zugute thaten, ja die genauen Maße der Leidensgasse mit in die Heimath Zu bringen. So entstanden die Grabkapcllen und Kreuzwege zu Görlitz, Nürnberg n. s. w. Emmerich von Görlitz, später Bürgermeister, pilgert 1465 zur Abbüßung eines Vergehens zum erstenmal zum hl. Grab und bringt Zeichnungen davon mit, um daheim ein Nachbild herzustellen, denn er war so reich, daß Luther ihn den Görlitzer König nennt. 1476 machte er seine zweite Reise nach Jerusalem im Gefolge von Herzog Albrecht dem Beherzten, um die genauen Maße zum Bau zu nehmen. Dießmal begleitete ihn Agnes Fingerlin, eine Tuchmacherswittwe, in der Mönchskutte verkappt. Bei der Ausführung des Planes vor dem Nikolaithor nahm man auf andere Gebäude Rücksicht, welche die Situation der Leidcnsstätte, wie in Jerusalem, näher darstellten. Eine Anhöhe gilt für den Oelberg, die Lunitz für den Bach Cedron, die Hauptkirche St. Peter und Paul für Pilatns' Nichthaus, von da sind 647 Schritte bis zur Thüre dcs hl. Grabes (Von 14 Stationen ist keine Rede! Die drei Fälle unter'm Kreuz sind zur Andacht erfunden.) Die Minoriten waren eS nun auch, welche, wo immer ein namhaftes Gotteshaus bestand, sofort eine Legende ansiedelten. Im Thals von Ain Karlm, das, eine Meile vor den Thoren Jerusalems, von den Weingärten den Namen führt, trägt die Kirche den Titel Johannes Baptistas, Patrons der Zoll anniter — also mußte der Täufer hier geboren sein, Maria ihre Vase Elisabeth da besucht haben, und was sonst zur Erbauung all der xsisFrini in Israel beiträgt. Die Wiege des Vorläufers Christi ist linkerhand vor dem Seitenaltare sogar zur letzten Ueberzeugung in Stein gehauen. Erst in jüngster Zeit haben die vom katholischen Bayern aus besser unterrichteten Patres in der Priesterstadt Hebron eine Niederlassung begründet, und folgerichtig wird auch die Legende von ZachariaS dahin wandern. Einen nicht minderen Fehlgriff machten dieselben Minoyiten später mit der einstigen Kirche der Hospitaliter tn Kubeibe, wo eine Marquise Nicolay erst in unsern Tagen einen neuen Aufbau vornahm, um sich ihr Grabmal an einer berühmten Stätte zu errichten. Diese Kuppel über einem mäßigen ortuo liegt vier Stunden von der Davidsstadt ab — eine starke Zu- muthung für die Jünger von Emmaus, denn hier sollen sie bei Einbruch der Nacht angelangt sein und noch in derselben Stunde den Rückweg angetreten haben (während man bei Hellem Tage den Weg nicht ohne Führer findet), alsdann aber, nach acht Stunden Weges hin und her, noch die Apostel versammelt gefunden haben, also um Mitternacht! Doch das ist eine Kleinigkeit! Denn gleichviel, ob Lukas von einem Dorfe redet, liegt eine Tagreise von Jerusalem westlich eine Stadt Emmaus NikopoliS, wenn gleich keine römische Colonie — warum sollte nicht auch diese das neutest. Emmaus sein? Zwar ist die Eisenbahn nach Jerusalem von Jaffa (Joppe) erst am 26. September 1892 eröffnet worden, gleichwohl soll KleophaS mit seinem Begleiter noch nach Einbruch der Nacht denselben Weg zurück gelegt haben — also 16 Stunden in einem Abende. Darüber hat sich eine ganze Literatur entsponnen, ja die jüngste Schrift will sich zu Gunsten der Stadt durchaus auf patristische Autoritäten stützen, und verlangt dort einen neuen Kirchbau, obwohl HieronymuS nach seiner Anwesenheit in Palästina mit der Uebersetzung eustsllum Dwmuus in der Vulgata Luk. 24, 13 ausdrücklich auf Kastul Colonieh verweist, und Nufinus die Entfernung auf 30 Stadien abändert. Pius IX. hat am 4. Oktober 1847 das seit dem Ende Her Kreuzzüge eingegangene lateinische Patriarchat Jerusalem wieder aufgerichtet, aber der ersternnnnte Würdenträger Monsignor Valerga ereiferte sich sofort wider die Errichtung von Sanktuarien an beliebiger Stätte, daß er die Kirche zu Kubeibe sogar mit dem Jnterdicte belegte. Um weiteren Streit zu verhüten, wurde nach dem Hingang seines Nachfolgers das hohe Amt so viel wie aufgehoben, indem Rom dasselbe mit dem Franzis- kanerorden vereinigte. Unser gelehrter, aber nicht gewanderter Geograph Karl Ritter erklärte das ncntcstamentliche Emmaus, wie auch Arimathäa für verlorene, nicht mehr aufzufindende Orte. Wer weiß? Was die Heimath des Ratsherrn Joseph betrifft, welcher den Leichnam Jesu in seinem eigenen Grabmal beisetzte, so haben die Wälschen längst Ramle dafür erklärt und hier eine Pilgerstation eröffnet — nur schade, daß erst Sultan Soliman 617 n. Chr. die Stadt und das Karawanserai an der Sultansstraße erbaute, welche von Aegypten in gerader Linie nach Damaskus führt. Ausgemacht ist dagegen Arimathäa eins mit Namathaim, dem Geburtsorte Samuels, und in Beth Rima wieder gefunden, während man das Grab des Propheten durch Verwechslung mit der Pricsterstadt Nobe I. Sam. 22, 9 nach Neby Samwil verlegte. Palästina ist uns näher gerückt und unterliegt einer neuen Besitzergreifung. Es liegt Alles daran, daß uns nicht Russen und Franzosen zuvorkommen und auf die wirklichen, wissenschaftlich allein zu rechtfertigenden Bibelorte die Hand legen, uns aber die sogenannten tra- - ditionellen belassen. Unsere scheinbar strenge Kritik ist unwiderleglich und absolut gerechtfertigt, weil im Interesse der Wahrheit, aber auch im besonderen Interesse der Pilger; denn die Kirche hat ihre Ablässe keineswegs für die nächste beste Lokalität, sondern nur für die durch die Anwesenheit Christi geheiligten Orte verliehen. Wir leben in der Zeit, wo das Wort zu spät! Epoche macht: mögen die Katholiken nicht wieder, wie bet der Aneignung der Wiege des weltberühmten Johanniter- Ordens in der heiligen Stadt, die Gelegenheit versäumen, vom Nachlasse der Kreuzfahrerzeit das Möglichste für sich zu retten. Recensionen und Notizen. Clemens Blume 8. 1. Das Apostolische Glaubensbekenntniß. Eine apologetisch-geschichtliche Studie, mit Rücksicht auf den „Kampf um das Apostolicum". Freiburg i. Br., Herdcr'schc Verlagshandlung 1893. Im Gegensatz zu Suitbert BäumerS gleichbetitcltcr Schrift legt diese Studie einen Hauptnachdruck auf das apologetische Moment, indeß werden sehr häufig dogmatische Gesichtspunkte als Maß an entgegenstehende „Ergebnisse der historischen Forschung" Harnacks angelegt. In dieser Hinsicht haben uns namentlich die Ausführungen des ersten Kapitels weniger befriedigt trotz der aufgewendeten Dialektik; vollends dünkt uns das Verdikt, wornach „in dieser Sache ihm (Harnack) jeder Christ ein competentes Endurtheil, jeder unbefangene Forscher geschichtliche Zuverlässigkeit abspricht", mehr gefällt vom christlichen Gefühl, das ja entschieden durch Harnacks Darlegungen in der peinlichsten Weise gekränkt wird, als von der Apologetik, die trotz aller GlaubenSgewißhcit doch auch beim Gegner Redlichkeit Vermuthet und dessen Vorurtheile gewissenhaft und nicht oberflächlich in ihren eigensten Grundlagen prüft. Indeß rechtfertigt Harnack's Auffassung des hl. JrenäuS immer noch eher ein strenges Urtheil, als seine diskutierbare Conjectur bezüglich des in dem Berichte des hl. Justinus über daS Abendmahl (das Citat S. 20' muß geändert werden: Tübinger Tbeol. Quartalschrift Bd. 74 Jahrg. 1892 S. 643 f.). Bekanntlich liegt ja die handschriftliche Ueberlieferung der Werke deS hl. Apologeten sehr im Argen und es ist gerade Harnacks Verdienst, dies mit mathematischer Gewißheit dargethan zu haben. Ferner würde Harnacks Vermuthung selbst im Falle der Richtigkeit höchstens darthun, daß St. Justin einem sakralen Gebrauch nicht fernestand, den noch St. Cyprian (lüx. 63 eck. Viuäod. v. III. I>. II. pA. 701) mit ausfallender Schonung beurtheilt. Auch sonst hat die Verquickung der scholastisch-polemischen und historischen Methode nicht gerade Vortheilhaft gewirkt. So hat schon Wey- man im historischen Jahrbuch 1894 S. 205 gegen die Glaubwürdigkeit des Rufinus, die Blume durch eine Art PräskriptionS- bcweis erhärtet, Bedenken erhoben. So sind die Einwendungen Blume's gegen Bäumers Annahme einer in der römischen Kirche gelegentlich des Patripassianerstrcitcs vorgenommenen kleinen Umänderung des ersten Artikels zu allgemeiner Natur, um wirklich gewichtig zu erscheinen. Auch die Zeit der Uebernahme des sog. gallikanischcn Symboltextcs durch die römische Kirche (S. 163 ff.) dürfte trotz der lebhaften Polemik gegen Harnack zu spät angesetzt (ok. Bänmer S. 33) sein; die Rechtfertigung dieses Wechsels (S. 184 f., S. 193) genügt wieder bloß dem Dogmatikcr, nicht dem Apologeten und Historiker. Die Sage von der Vertheilung der Abfassung der 12 Artikel an die 12 Apostel ist keineswegs für Beurtheilung der Frage nach dem Ursprung des ApostolicumS von solchem Belang, daß sie so eingehende Berücksichtigung (S. 200 ff.) verdiente. Wie bezüglich des Rusinuö, so spielt im 2. Kap. deS 2. Abschn. „DaS Apostolicum in den drei ersten Jahrhunderten* (S. 213 ff.) der Präskriptionsbcweis und (S. 263) der Con- gruenzbcweiS eine zu bedeutende Rolle, ohne doch dem tiefern apologetischen Bedürfniß zu genügen. Indem wir bezüglich einiger literaturgeschichtlichen Corrigenda auf Weymans oben citirte Besprechung verweisen, fügen wir derselben bei, daß in der durch Kattcnbnsch der Lösung sehr nahe gebrachten Niketas- frage eine entschiedenere Stellungnahme, jedenfalls keine solche Zurückhaltung wünschenswert!) gewesen wäre. Die schöne Studie Eermain MorinS in der Usvuo Löneäiotins 1894 49 ss. »^ouvolles Usekorelies sur I'antour äu lls vsum«, die manch- fachc Berührungspunkte dargeboten hätte, hat Blume leider noch nicht bcnützcn können. — Unsre Aussetzungen betreffen, wie ersichtlich, lediglich die von Blume gewählte Methode; das wesentliche Ergebniß der Studie: „Der Christ des ausgehenden 19. Jahrhunderts bekennt den nämlichen Glaubensinhalt, Höchstwahrscheinlich der Hauptsache nach sogar mit den nämlichen Worten wie der Apostelschüler", halten wir für gesichert. Nur erachten wir, daß im „Kampfe um das Apostolicum" Davids Kieselsteine besseren Dienst gethan hätten, als Sauls schwerfälliges Rüstzeug, die anspruchslose Darstellung der Thatsachen apologetisch wirksamer gewesen wäre, als die breitspurige modern- scholastische Polemik. Deda Grnndl. 120 Grundzüge der Katholischen Dogmatik. Von Dr. Joseph Bautz, a. ö. Professor der Theologie au der Akademie zu Münster. Mit Genehmigung des bischöflichen Ordinariarts zu Mainz. 1888/93, 4 Theile, 8", S. XXX, 935. Mainz, Kirckhcim. Preis: M. 13,—. ck. v. 1^. Der Verfasser vorliegender Grundzüge ist bereits bestens bekannt durch seine trefflichen dogmatischen Monogra- phieen: Auferstehungölcib, Himmel, Hölle, Fegfcuer, Weltgericht und Weltende, sowie durch seine .Grundzüge der Apologetik'. Diesen Werken nun reiben sich die Grundzüge der Dogmatik durchaus würdig an. Sie geben den wesentlichen Inhalt der dogmatischen Vorlesungen des Verfassers wieder, und haben den einfachen, praktischen Zweck, den akademischen Unterricht zu erleichtern. Zweckentsprechend ist der dogmatische Stoff vollständig und zugleich möglichst kurz, klar und übersichtlich dargestellt. Darum durfte das Werk sich auch im späteren Leben, wo es gar oft an Zeit zum Studium einer umfangreichen Dogmatik gebricht, zur Wiederholung und geeigneten Auffrischung des früher Erlernten, sowie auch als zuverlässiger Wegweiser in theologischen Fragen überaus dienlich erweisen. Die Einleitung behandelt der Reihe nach die Quellen der theologisch-dogmatischen Erkenntniß (Schrift, Ueberlieferung und Lchrverküudigung der Kirche), den theologischen Glauben, die auf diesen sich aufbauende theologisch-dogmatische Wissenschaft, den Fortschritt der theologisch- dogmatischen Erkenntniß und die Geschichte der dogmatischen Wissenschaft, umfaßt somit die theologische Erkenntniß- lehre. Als eigentlich dogmatische Lehren folgen dieser die Lehre vom Einen und Drcieinigen Gott, die Lehre von Gott dem Schöpfer und Erlöser, die Lehre von der Gnade und den Sakramenten (im allgemeinen und einzelnen) und die Lehre von den letzten Dingen. Durchweg stützt sich der Verfasser auf gute Autoritäten und steht deshalb stets auf sicherem Boden. Uc'bcr- aus vorsichtig und sachlich ruhig werden die einschlägigen Contro- versen besprochen. Auch findet sich stets die wichtigere Literatur verzeichnet zu etwaigem weiteren tieferen Studium. Besonders wohlthuend ist der echt kirchliche Geist, welcher, wie die übrigen Werke des Verfassers, so auch unsere Grundzüge durchweht. Möglichst enge sucht sich der Verfasser an den heiligen Thomas von Aguin anzuschließen; nur ist cS ihm wohl in allwcg neck) nicht gelungen. Beispielsweise erwähnen wir bloß die Lehre von der Urgercchtigkcit, vom Wesen der Erbsünde. Gründliches Studium des 8. Bandes der Uebcrsetzung der Summa TIwoloAioa Wäre gewiß geeignet, manches Diesbezügliche zu berichtigen und zu noch größerer Vervollkommnung des Werkes in neuer Auflage beizutragen. Das Werk ist im übrigen zur Erleichterung und Förderung des Studiums der Dogmatik durchaus cmpfehlens- werth. _ Coursier-Nothwell, Neues praktisches Taschenwörterbuch. Französisch-Deutsch und Deutsch-Französisch in einem Bande. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage. Stuttgart, Paul Reff. Elegant in Leinwand gbd. 3 M. Unter diesem Titel hat das wohlbekannte Seitensiück zu RotbwellS Englischem Taschenwörterbuch in neuer Auflage die Presse verlassen, ein Werk, schmuck, schön gedruckt, handlich und — billig. Die Auflage ist wirklich eine in jeder Hinsicht verbesserte. In das Wörtervcrzeichniß sind eine stattliche Anzahl neuer, in den letzten Jahren entstandener Wörter (tsls- xlious, Zweirad u. dgl.) aufgenommen worden; bei den schwierigeren Wörtern ist die Aussprache beigefügt; reichhaltige Ver zeichnisse von Personen-, Länder- und Völkernamcn, sowie Con- jngationstabellen der unregelmäßigen Zeitwörter vervollständigen das Ganze. Der Preis ist im Verhältniß zum Umfang nicht bloß bescheiden, sondern geradezu unglaublich nieder. Brock Haus, Conversations-Lexikon. 9. Band. Die sociale Revolution und die finanziellen Krisen haben Italien wieder in den Vordergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt. Es ist daber ein willkommenes Zusammentreffen, daß der soeben zur Ausgabe gelangte 9. Band der Jubiläumsausgabe von BrockhauS'Konversationslexikon Italien lind den damit zusammenhängenden Artikeln nicht weniger als 138 Spalten widmet! Der Redaktion ist es gelungen, selbst noch Crispi's neues Ministerium aufzunehmen. Nicht weniger als 5 Kartentafeln, darunter eine sehr lehrreiche Uebersicht der TruppcndiSlocation, und 8 prächtige Tafeln über „Italienische Kunst" sind bcigegebcn. Der Kunst sind außerdem 10 Tafeln gewidmet, unter ihnen 7 Chromotafeln von der bekannten meisterhaften Ausführung. Vor allen ist die seelcnvolle Madonna Hol- bein's zu erwähnen, die ein würdiges, deutscher Innigkeit entstammendes Pendant zur Sixtina Raffael's bildet. Seinem universellen Charakter entsprechend bringt Brockbauö'Conversations- Lexikon in diesem 9. Bande auch in besonders schönen Tafeln Proben der Kunst des Islam, indischer und japanischer Kunst. Namentlich die letztere, erst seit kurzer Zeit genauer bekannt, beeinflußt bekanntlich schon die Malerei und das Kunstgcwerbe Europa's. Im Ganzen enthält der Band 50 Latein, darunter 9 CbroinoS, 11 Karten und Pläne, außerdem 192 Textabbildungen. Auf geographischem Gebiete begegnen uns außer Italien eine Menge vorzüglicher Länder- und Städteartikei, darunter Helgoland, Irland, Island. Japan, Java, Hom-kong, Jena, Junöbruck, Jokobama. Ebenso nt der naturwissenschaftliche und technische, sowie der historische Theil wieder eingehend behandelt DaS Haus der heiligen Familie. Monatliche Vcreins- schrüt für alle Mitglieder des von Sr. Heiligkeit Papst Leo XI II. eingeführten „Allgemeinen Vcrems der christlichen Familien zn Ehren der heiligen Familie von Nazaretb". Monatlich erschein! 1 Hen. 32 Seiten Umfang. Ncdigirr von Dr, A. Wiche, Pfarrer in Beuren. Verlag von Cordicr in Hciligenstadt. Die monatliche Vcreiusschrift „Das Hans der heiligen Familie" bat nunmehr einen Jahrgang abgc'chlosicn. Die 12 Hefte machen einen stattlichen Band anS, und schon daö Inhaltsverzeichnis; beweist, wie reichhaltig, practisch, belehrend und unterhaltend diese Säumt ist für jede Familie, — mag sie dem frommen Vereine angehören oder nicht. Alle Kundgebungen, die auf den „frommen Verein" sich beziehen, finden sich übersichtlich angegeben. Die Schrift kostet jährlich 1 M. lmir Franco- Zmeudung 1.20 M.) und bietet eine gediegene, echt christliche, katholische Belehrung und Erbauung; Betrachtungen, Belehrungen, Erzählungen, Gedichte religiösen und heitern Inhalts» sowie nützliche Besprechungen und Berathungen über Gesundheit und Krankheit über zeitliche, häusliche, Familicnvcrhältnisse und dergleichen wechseln miteinander ab. Geschichte des deutschen Volkes. Von vr. S. Wid- niann. Vollständig in 20—21 Lieferungen L 40 Pfg. Verlag von Ferdinand Schvuiugh, Paderborn. Der Verfasser vorliegender bcachtenswerthen Erscheinung bietet mit diesem Werke keinen trockenen Abriß oder schabloncn- mäßigcn Leitfaden, sondern ein „Familien- und Volksbuch", in welchem er uns Deutschland in seiner Eigenart und Entwickelung, in seinem Culturleben mit seinem gewaltigen Ringen und Kämpfen, mit einem Worte, in dem ganzen Wcrdeprccesse eines starken, lebenskräftigen VolkSstammes bis auf den heutigen Tag vor Augen führt. Obne Voreingenommenheit, ohne Haß und Üebcr- eifcr nach irgend einer Seite hin, aber von dem LebenShauche des Christenthums wohlthuend durchwärmn, so fließt des Verfassers Sprache ruhig und klar dabin. Diese« Werk verdient in Masse verbreitet zu werden, und wird namentlich allen jenen willkommen sein, welchen daS große Werk Jansscns entweder zu wissenschaftlich und ausführlich, oder zu theuer ist. DaS Werk erscheint in 20-21 Lieferungen L 40 Pfg. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M- 4 — fl. 2.40 ö. W. — Freiburg im Breisgau. Herdcr'sche Verlags- handlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 4: Die Neductionen von Paraguay. — Der selige Rudolf Aquaviva am Hofe AkbarS des Großen. (Schluß.) — Allchristliche Ruinen Nord-Syrieus. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: Aequatorial-Afrika (Mission am Victoria-Nyanza); Südafrika (Die Kreuzschwestern in Natal; Der Marabelckrieg); Bclgisch-Kougo (Religiöse Anschauungen der Kongo-Neger); Oceanien (Sandwich Inseln); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Für Missionszwecke. Illustrationen: Das Labore-Thor deö Palastes der Großmogul«: zu Dchli. — Grundriß der Kirche des hl. Simeon Sthlites zu Kalaat Seman. — Central-Oktogon der Kirche des hl. Simeon aus dem 5. Jahrhundert. In der Mitte daS Fußgestell der Säule des bl. Simeon. Ostchor der Basilika des hl. Simeon. — Portal der Kirche des hl. Simeon. — Ansicht der Basilika des hl. Simeon von Nord-Ost, aus dem 5. Jahr- bundert. — Ansicht des Klosterhofeö des bl. Simeon, aus dem 5. Jahrhundert. — Typen von Eingebornen am Kongo. — Denkmal zu Ehren des L. Damian auf der Insel Molokai. Verantlv. Redacteur: Phil. Flick in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. ssn. 16 19. April 1894. Aus dem Jugendleven des Churfürsten Maximilian I. von Bayern. Es ist unmöglich, auch nur ein einziges Menschenleben einer bis auf den Grund gehenden Analyse seiner seelischen Anlagen zu unterwerfen. Darum wird es nie gelingen, das ganze ungeheure seelische Getriebe der Weltgeschichte bloszulegen. Nichts jedoch vermag wohl mehr die leitenden Motive der handelnden Personen in der Geschichte aus psychologischen Grundlagen zu erklären, als die Kenntniß jener Grundsätze, nach welchen dieselben in ihrer Jugendzeit erzogen worden sind. Darum verdienen alle Mittheilungen wohl Beachtung, die uns zur Beurtheilung von fürstlichen Persönlichkeiten, deren Name durch keine Macht der Zeit aus dem dankbaren Gedächtnisse der Nachwelt ausgelöscht werden kann, einen Einblick in deren geistige Entwicklung in der wichtigsten Lebensperiode gestatten, die uns die Erziehung und den Bildungsgang ihres Jugendlebens vor Augen führen. Diesem interessanten Theile der Geschichte der Pädagogik will der 14. Band der Nonuinonta, Oorrnanias xusäu- AOAloa, dienen, der sich mit der Geschichte der Erziehung der bayerischen Wittelsbacher von den frühesten Zeiten bis zum Jahre 1750 beschäftigt. Die hier gebotenen Urkunden zerfallen a) in Amtsinstruktionen für die mit der Erziehung der fürstl. Kinder beschäftigten Personen; b) in Briefe, die von bayerischen Prinzen und Prinzessinnen an ihre Eltern oder von letzteren an ihre Kinder gerichtet sind; o) in Berichte und Mittheilungen von Hofmeistern und Lehrern der fürstlichen Kinder an deren Eltern, und ä) in Schul- und Uebungshefte bayerischer Prinzen aus verschiedenen Zeiten. Um den Werth des gebotenen Materials in aonorsto zu veranschaulichen, will im Nachstehenden auf Grund der vorliegenden Urkunden das Bild einer Prinzenerziehung aus der bayer. Vergangenheit gezeichnet werden, das Jugendleben eines Fürsten, der untadelig bis zum letzten Athemzuge war, des großen Churfürsten Maximilian I. von Bayern. Maximilians Vater, Herzog Wilhelm V., war ein treubesorgter Vater, unablässig bemüht um das geistige und körperliche Wohl seiner Kinder. Sein väterliches Bemühen ging einzig dahin, die Prinzen zur Furcht Gottes, zum Gehorsam gegen die Eltern, zu Demuth und Tapferkeit, zu Wahrhaftigkeit und Ehrbarkeit, zu einem nüchternen, mäßigen Leben zu führen, weitab von Hoffart, von Ueberfluß im Essen und Trinken, von Spiel, Leichtfertigkeit und Unzucht. Zu diesem Ziele sollen, wie die von ihm stammende Instruktion vom Jahre 1584 es ausspricht, der neu ernannte Präceptor und Hofmeister seine Söhne von frühester Jugend an Hinleiten, weil das, was in der ersten Jugend angenommen wird, tief zu wurzeln und lange zu bestehen pflegt. Darum soll der Anfang der Erziehung gemacht werden mit der Einpflanzung der Furcht Gottes. Der Herzog schreibt eine genaue Eintheilung des Tages für die Prinzen vor und bestimmt genau, wie ihr Studium durch Uebungen des Gebetes geheiligt werden soll. Morgen- und Abendgebet sollen sie mit gebogenen Knieen in orutorw verrichten und täglich nach dem „Morgen- süppel" die hl. Messe anhören. Damit sie von Jugend auf lernen, ihre Gebete der Ordnung und den Gebeten der Kirche anzuschließen, sollen die Prinzen, sobald sie an Verständniß der lateinischen Sprache etwas zugenommen haben, brauchbare Meßbüchlein, welche auch die wechselnden Gebete und Lesungen enthalten, zu Händen bekommen. Den englischen Gruß, der so viele Geheimnisse unserer hl. Religion enthält, sollen sie öffentlich beten, wo immer die Betglocke sie antreffen uiögc. Bezüglich des Tischgebetes wünscht der Herzog, daß seine Söhne mit den für die Hochfeste gebräuchlichen veränderlichen Versikeln bekannt gemacht werden. Einmal in der Woche, vorzüglich an Samstagen und Feierabenden, sollen sie den Rosenkranz mit der lauretanischen Litanei beten. Die Prinzen sollen aber nicht nur beten, sondern auch wissen und verstehen, was sie beten, und erkennen, daß sie einen solchen täglichen Gebetsdienst dem Allmächtigen schuldig sind, um Hilf' und Stärkung zu einem christlichen, tugendsamen Leben zu erlangen, zu dem sie nicht nur wie die anderen Gläubigen durch die Taufe sich verpflichtet, in dem sie vielmehr kraft ihres Standes und Berufes anderen vorzuleben und vorzuarbeiten haben. Der Titel „Durchlaucht" soll sie daran erinnern, daß sie mit allen Tugenden geschmückt und so aus den anderen Menschen gleichsam heranslerichten und scheinen sollen. Darum sollen sie gegen jedermann freundlich und holdselig, gegen die Ihrigen aber sich gnädig und hilfreich erzeigen, und wohl es bedenken, daß es nicht Knechte und Leibeigene, sondern christliche Mitbrüder und Erben des Himmelreiches sind, denen sie dereinst vorstehen sollen, damit sie in Glücks- und Unglückszeiten sich einen Schatz sammeln und Freunde machen. Der innig fromme, zarte, religiöse Sinn des Vaters Zeigt sich besonders in der Anweisung, welche er an den Hofmeister richtet; wenn er gewahre, daß die Prinzen einen besonderen Wunsch hegen, z. B. nach einer Reise, nach einem Geschenke, oder überhaupt nach einem von den Eltern zu erbittenden Gegenstände, so solle er dieselben lehren, diese Dinge durch Andacht im Gebete zu suchen, damit sie wissen und verstehen, daß Alles und Jedes allein von Gott erbeten und erhofft werden muß. Herzog Wilhelm hat es wohl erkannt, daß das beste Schutzmittel für seine Kinder gegenüber der um sich greifenden neuen Lehre in dem kindlichen Anschlüsse an die Kirche und ihr oberstes Haupt, im rechten Verständniß der katholischen Lehre und in treuem, herzlichem Gebete um die Gnade des Glaubens vor allem durch die Fürbitte Mariens, der Patronin Bayerns, gegeben ist. Darum soll zunächst der deutsche, später der lateinische Katechismus und darauf die (laxita, äootrinas Ollristianas 6ar>isii mit- und neben dem täglichen Brode in den Händen seiner Söhne sein. Hierin soll der Präceptor ganz besonders sich angelegen sein lassen, gründlich zu unterweisen, in seinen Schillern Liebe und Neigung zur Kirche und zum göttlichen Dienste zu wecken und zu diesem Behufe sie in das Verständniß der herrlichen und schönen Ceremonien einzuführen. Zugleich ist sorgfältig darauf zu achten, daß kein Buch in die Hände der Prinzen komme, das in Bezug auf Religion und Sittlichkeit irgendwie verdächtig erscheint. Desgleichen sollen Personen, welche in dieser Richtung nicht verlässig erscheinen, keinen Zutritt bei ihnen haben; denn es sind Beispiele vorhanden, daß fürstliche Kinder heimlich und in der Stille, ehe man die Sache recht gewahrte, innerlich verführt wurden durch böse, schädliche Leute, die unter Anwendung von allerlei Formen von Höflichkeit und scheinbarer Liebe sich meisterlich einzuschleichen verstanden. 122 Diese väterliche Fürsorge, alle schädlichen Einflüsse von seinen Söhnen fern zu halten, führt den Herzog sogar soweit, daß er die heidnischen römischen und griechischen Schriftsteller als „heidnische Schwätzer und Fabelhansen" bezeichnet, die aus einer Fürstenschule, in welcher auch ein Bischof soll erzogen werden (Prinz Philipp war schon im Alter von 3 Jahren zum Bischof von Negensburg erwählt worden), womöglich ausgetrieben werden sollen. In Wirklichkeit ist dieser Wunsch des Herzogs nicht zum Vollzug gelangt; vielmehr ist Prinz Maximilian wie seine Brüder in die Kenntniß der griechischen und lateinischen Literatur eingeführt worden. Weil aber der Glaube eine Gabe Gottes und ein sitttenreines Herz das geeignetste Organ zur Aufnahme desselben ist, so empfiehlt der fürstliche Vater seinen Söhnen mit allem Nachdrucke die kindliche Verehrung der hl. Gottesmutter. Darum sollen sie in das Verständniß und den Gebrauch des Olüdnm L. Nurias Vir^ims eingeführt werden, das sie, weil es kurz ist, leicht in den Kopf bringen und auswendig gebrauchen können. Wirklich findet sich unter den noch erhaltenen Jugendarbeiten des Prinzen Maximilian aus den Jahren 1683 bis 1585 ein von ihm selbst in lateinischer Sprache geschriebenes Oftidum ö. V. Llarius. Schon in frühester Jugend in die Marianische Congregation in München aufgenommen, wurde er im Jahre 1584 zum Prüfecten derselben und bald darauf zum Vorstand aller in Deutschland bestehenden marianischen Vereinigungen ernannt. Zur Verehrung der Gottesmutter dürfen die Prinzen auch Kirchgänge nach Thalkirchen und Ramersdorf und mit seiner besonderen Erlaubniß auch Wallfahrten auf den hl. Berg (Andechs), nach Tuntenhausen und Altötting machen. Wie bei allen geistlichen Uebungen das Verständniß betont wird, so soll auch die Bedeutung der Wallfahrt den Prinzen erklärt und ihnen Stoff zur geistigen Verarbeitung während derselben geboten werden, damit sie von Jugend auf des Herrn Joch tragen und die elende Pilgrimschaft dieses Lebens erkennen und betrachten lernen. Ein Bericht des Präceptors Petreus meldet unterm 27.Sept. 1580 über einen solchen Kirchgang dem herzoglichen Vater: Maximilian ist auf seinem Napple geritten bis zur Wiese bei Thalkirchen; alsdann ist er über die Wiese hin mit uns gegangen und hat die lateinische Litanei singen helfen. Bei der hl. Messe hat er den Rosenkranz und für alle, deren er in seinem täglichen Gebete gsusralitsr eingedenk ist, ein specielles kaisr uoster mit ^.vs ülariu gebetet. Nach solchen streng religiösen Grundsätzen wurde Maximilian von frühester Jugend an erzogen. Der Unterricht des Prinzen war, solange er in München weilte, conform dem Lehrplane an dem von den Jesuiten geleiteten Gymnasium in München, an dessen öffentlicher Preisverthetluug er 1584 und 1585 persönlich sich be- theiligte und zwar als Preisträger. Außerdem lernte er zeichnen, malen und musiziren. Für die freie Zeit war vom Vater Ballspiel, Kugeln, Tafelschießen, mäßiges Umherlaufen, Reiten und besonders Fischen gestaltet. Der bereits erwähnte Präceptor erzählt, mit welch großer Freude Maximilian den ersten Hecht, den er gefangen, seiner fürstlichen Mutter präsentirte, nachdem er ihn für den abwesenden Vater hatte abmalen lassen. Ringen und Schwimmen war nicht gestattet; Karten- und Würfelspiel durfte nicht zugelassen werden. Weil der spätere Beruf Tapferkeit und Mannhaftigkeit von dem Träger der Herzog-krone forderte, darum solle Maximilian schon in der Jugend unerschrocken reden und handeln lernen. Der ihm von Natur eigenen Zaghaftigkeit und Erschrockenheit bei unvorhergesehenen Reden soll dadurch begegnet werden, daß ihm öfters Meldungen, Botschaften, Ueberbringung von Grüßen aufgetragen und auch kleinere deutsche Vortrüge von ihm gehalten werden. Wie sehr dem Wunsche des Vaters, daß die lateinische Sprache in den Mittelpunkt des ganzen Unterrichtes gestellt und von seinen Söhnen vollkommen beherrscht werde, von Seite dieser entsprochen wurde, das beweisen die noch vorhandenen lateinischen Briefe Maximilians an seinen Vater und die Berichte seiner Lehrer. Bereits im Alter von neun Jahren schrieb er an seinen Vater einen Brief in lateinischer Sprache, der in einer Beilage der Nonumsutg, xuöäuAoFiou reproducirt wird. Im Alter von 14 Jahren, 1587, siedelte Maximilian an die Universität Jngolstadt über, um zunächst Rhetorik und Dialektik zu studiren. Während der vier Jahre seines dortigen Aufenthaltes hörte er juridische und geschichtliche Vorlesungen und lernte die bedeutenderen Schriften von Lenophon, Cicero, Tacitus, Horaz und Ovid kennen. Zugleich erhielt er Unterricht in der Mathematik und Kriegskunde. Nach des Vaters Willen wurde französische und italienische Konversation eifrig gepflegt. Präceptor Fickler führte ihn in die Institutionen, in die rsAulas furis dvilis und die bayerische Landordnung ein. Die von Jngolstadt an seine Eltern gerichteten Briefe, 38 an der Zahl, geben eben so sehr Zeugniß von der kindlichen Liebe zu seinen Eltern, wie von seiner tiefen Frömmigkeit und seinem Eifer für das Studium. Jeder dieser Briefe berichtet über den Stand seiner Studien und gibt seiner Freude an denselben Ausdruck. Die begleitenden Berichte des Präceptors und Hofmeisters lassen ersehen, daß es nicht leere Versicherungen waren, die der Sohn dem besorgten Vater gab, daß vielmehr wirklich nicht nur oditsr, sondern gründlich und anhaltend gearbeitet wurde. Wiederholt ist Maximilian bet öffentlichen Disputationen oxxoasuäo st arZu- uasutauäc» in xudliso mit bestem Erfolge aufgetreten und sandte Thesen und Argumente in Abschrift dem Herzoge nach München. Ein neuer Hofmeister Namens Laubenberg scheint sich in Jngolstadt gegen die Wünsche des Prinzen zu nachgiebig gezeigt und in demselben nicht so sehr seinen Zögling, als vielmehr den künftigen Herzog respectirt zu haben. Darum erließ Herzog Wilhelm im Jahre 1587 an Laubenberg eine Instruktion, die von dem unbefangenen Blicke des Vaters rühmliches Zeugniß ablegte. Ihr Inhalt ist folgender: Der Hofmeister solle nicht so viel Gepränge und äußerliche Ceremonien mit feinem Sohne treiben, solle nicht immer fragen, ob der Prinz dies oder jenes thun wolle, sondern selbst jederzeit ihm sagen, was er thun und lassen soll; ja er solle ihm zuweilen auch ohne Angabe eines Grundes etwas an sich Erlaubtes verweigern und abschlagen, damit der „Pueb" gegen ihn billigen Respekt trage; denn dem Herzog will eS vorkommen, als seien sie (Hofmeister und Prinz) viel zu gesellig mit einander. Der Hofmeister solle sich nicht nach künftigen Gnaden oder Ungnaden des Prinzen richten; denn wenn er mehr sich nach der aufgehenden als nach der untergehenden Sonne richte und ihm, dem Prinzen, allein das xlaosko singe, so könnte er das nicht vor Gott verantworten und würde sich für sein Amt als untauglich erweisen. Beichtvater des Prinzen während der Universitätsjahre war der Jesuitenpater Gregor von Valencia, Pro- > 1 - 123 fessor der Dogmatik an der Universität, der seinem Schutzbefohlenen als erfahrener Rathgeber zur Seite stand. Herzog Wilhelm erkannte sehr wohl den segensreichen Einfluß der hl. Beichte auf die sittliche Gestaltung des jugendlichen Lebens. Darum verfügte er, „daß seine Söhne nicht nur einmal im Jahre, sondern etlichemal, als Anfang und Ende der Fastenzeit, Pfingsten, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen und Weihnachten" die hl. Beichte ablegen sollten. Daß diese Praxis auch in Jngolstadt beibehalten wurde, läßt sich aus den Briefen des jungen Herzogs, sowie aus den Berichten seiner Hofmeister entnehmen, die zugleich alle außerordentlichen kirchlichen Veranstaltungen registriren. an denen der Prinz sich aufs eifrigste bethetligte. In dem eifrigen Gebrauche dieser mächtigen Waffe gegenüber den Gefahren der Jugendzeit ist wohl auch die Erklärung zu dem herrlichen Urtheile zu suchen, welches der Präceptor Fickler vor Abschluß des Universitätsstudiums im Jahre 1590 an den Herzog über seinen Zögling berichtet hat. „Ich habe an ihm eine zur Frömmigkeit und zu heroischer Tugend veranlagte Seele gespürt, sowie eine Geistesrichtung an ihm wahrgenommen, die durchaus rein und von jeglicher Makel der Unkeuschheit unversehrt und unbefleckt ist. Ueberdies ist er von solchem Ernste erfüllt, daß er nie am Anblicke leichtfertiger, possenhafter Menschen, geschweige denn an ihrem Umgänge ein Wohlgefallen empfindet und unscham- hafte Worte auf das äußerste verabscheut. Diese Vorzüge entstammen seiner Liebe und kindlichen Ehrfurcht, welche er gegen Gott in sich trägt, und aus welcher diese Wohlthaten GotteS gleichsam als Belohnungen und als Schutzmittel auf ihn zurückfließen. Mehreres hierüber will ich nicht schreiben, damit ich nicht in den Verdacht des Schmeichelns komme, während ich doch nur mich bestrebe, Ew. Durchlaucht die Wahrheit zu bezeugen, und ich nichts sehnlicher von Gott erflehe, als daß er in seiner Güte Ihrem Sohne jene Gesinnung bewahre, die er in ihn gelegt hat. Denn dann hoffe ich zuversichtlich, daß einstens das Staatswesen an ihm den besten Fürsten haben wird." Im Jahre 1591 kehrte Maximilian nach 4jährigem Aufenthalte an der Universität Jngolstadt in die Arme seiner geliebten Eltern zurück. Er brachte ein reiches Kapital an Wissen und Jugendkraft mit nach Hause, und sein Herz hatte den reinen Glanz nicht getrübt, in dem es beim ersten Scheiden von den herzoglichen Eltern erstrahlte. Maximilian wurde nunmehr in die Negierungs- geschäfte eingeführt, wurde 1594 von seinem Vater als Mitregent angenommen, bis 1597 die Regierung ganz in seine Hände gelegt wurde. Er wurde, wie sein Prä- ceptor es vorausverkündet hatte, vxtimus privospg Lavarias, ein Fürst,*) „der glühenden Eifer für seine Kirche mit classischer Bildung und staatsmännischem Blicke, Ordnung im Staatshaushalte und Sittenstrenge mit Glanz in der Regierung, Ehrgeiz mit Treue gegen Kaiser und Reich zu vereinen wußte. Unter ihm erlangte Bayern eine Bedeutung, wie es sie seit lange nicht besessen." Nach einem Leben treuer Pflichterfüllung, im Alter von 79 Jahren, wandelte den greisen Fürsten die Sehnsucht an, nochmals den Ort zu schauen, wo er in edlem Streben so glückliche Jugendjahre verlebt und jene soliden Principien in sich aufgenommen hatte, denen er in schwerem Lebenskämpfe als Mann nie untreu geworden war. Auf der Reise nach Jngolstadt, auf der so viele Erinnerungen *) Weiß, Weltgeschichte IX, 123. an die entschwundenen Jugendjahre vor seiner Seele aufstiegen, erkrankte und starb der große Churfürst, untadelig bis zum letzten Athemzuge. L. L. Eine Cnlturgeschichte des Mittelalters. Keine Aera der Welt- und Menschengeschichte ist soviel gepriesen und soviel geschmäht, als die Zeit des Mittelalters. Dieselbe hat unbestreitbar — und psychologisch begreifbar — ihre großen Licht- und Schattenseiten. Es wäre aber ebenso falsch, mit den lauclatoren tsnaxoiis aoti jene Zeit in politisch-kirchlicher Hinsicht als das Muster und Ideal für alle Zeiten aufstellen und kulturgeschichtlich als den Höhepunkt menschlicher Bildung und Gesittung bezeichnen zu wollen, wie sie als eine Zeit trüber Barbarei und geistiger Finsterniß zu verschreien. Das Mittelalter ist — das wird eine ruhige und fachliche Geschichtsforschung immer deutlicher zeigen — „eine Zeit, die wir, Alles in Allem, groß und denkwürdig nennen müssen, die wir nicht zurückrufen wollen, deren wir uns aber auch nicht zu schämen brauchen"'). Die zahlreichen Monographien über kirchlich-politische und namentlich culturhistorische Verhältnisse jener Zeit, die in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht wurden^), beweisen das zur Genüge. Sind schon die Einzelabhandlungen nicht immer fehlerfrei und je nach dem Standpunkte des Verfassers auch tendenziös, so vertreten die Gesammt- darstellungen des mittelalterlichen Kulturlebens nur zu oft eine einseitige, ja falsche Richtung. So geht die allgemeine Culturgeschichte von Otto Henne-Am Nhyn (2. Bd.: Das Mittelalter, Leipzig 1877) nicht bloß von durchaus rationalistischen, sondern von darwin- istischen Principien aus. Und doch ist eine gerechte Würdigung des Mittelalters einzig und allein möglich durch die genaue Kenntniß und das richtige Verständniß des politisch-kirchlichen und religiös-sittlichen Charakters jener Zeit. Ja, es wird wohl richtig sein, daß alle mittelalterlichen Verhältnisse nur vom katholisch-kirchlichen Standpunkte aus richtig taxirt werden können. Es ist deßhalb freudigst zu begrüßen, daß Dr. Grupp^) den Versuch gemacht hat, auf wissenschaftlicher Grundlage eine allgemeine Culturgeschichte des Mittelalters aufzubauen. Es ist das allerdings eine Aufgabe, welche die umfassendsten Kenntnisse erfordert. Man mag und kann eine Lösung dieser Aufgabe wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten zur Zeit noch für gewagt, ja für unmöglich halten, aber Dr. Grupp hat den Versuch gemacht und — mit großem Geschick, mit viel Geist und Scharfsinn durchgeführt. Wer das geistreiche, mit viel Beifall aufgenommene, erste culturgeschicht- liche Werk des Gelehrten^) kennt, wird sich nicht mehr wundern, daß Grupp sich an diesen schwierigen Versuch herangewagt hat. ') Kraus, Lehrbuch der Kirchengeschichte, 3. Aufl., S. 242. Trier 1837. 2) Vergl. nur die in der „Literarischen Rundschau" 1894, I, 20 aufgeführten Abhandlungen sowie „Geschichte des gallo- fränkischm Unterrichts- u. BildungSwescns von Otto Denk, Mainz 1892. b) Culturgeschichte des Mittelalters von Dr. G. Grupp, f. Octtingen-Wallersteinischem Bibliothekar. Erster Band, mit 28 Abbildungen. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagsbuchhandlung, 1894. 356 S. M. 6,20. System u. Geschichte der Cultur v. Dr. Grupp, Paderborn 1892. Vgl. v. LinsenmannS Recension in der Tübinger Quartalschr. 1892, 676—686. Wie dort, so beweist der Verfasser auch hier sicheres Urtheil und solides Wissen, staunenswerthe Belesenheit und innige Vertrautheit mit der Spezialliteratur, große Auffassungsgabe und gewandte, mitunter flotte Darstellungsform. Das Ganze ist lichtvoll geordnet und gibt ein nahezu vollständiges Bild von dem vielseitigen Culturleben des an Erscheinungen aller Art so reichen Mittelalters. Das Gebiet der politischen Ereignisse und Veränderungen ist nur insoweit berührt, als es auf die menschliche Cultur bestimmend einwirkte. Die beige- gebenen Abbildungen machen den interessanten Inhalt sehr anschaulich, und die Lektüre ist durch die glatt fließende Sprache sowie dadurch erleichtert, daß der „gelehrte Ballast" und die Controversfragen in die Anmerkungen verwiesen sind. Für den ganzen Inhalt, für das richtige Verständniß der mittelalterlichen Cultur und Gesittung hat vr. Grupp sich einen sicheren Boden geschaffen durch eine eingehende und liebevolle Betrachtung des Christenthums und der urchristlichen Kirche. Die Ausgestaltung des Dogmas und die Entfaltung der kirchlichen Institutionen, die nltchristliche Lebensweise und die einzelnen Stände mit ihren Beschäftigungen, Sitten und Gewohnheiten, Tugenden und Lastern, der harte Kampf gegen und der ruhmvolle Sieg über die materiellen und geistigen Kräfte des Heidenthums, der religios-sittlich-sociale Zustand der Gesellschaft und der Kirche vor dem Einfall der Germanen werden mit lebcnsfrischen Farben geschildert. Dabei ist das Verhältniß des klassischen Heidenthums zum Christenthum vollkommen erfaßt, dasselbe hat ja viele wirkliche Elemente des Wahren, Guten und Schönen in sich geborgen. Aber wir Hütten auch die Schäden und Aergernisse in der frühesten Kirche (vgl. Apostelgesch. 5 u. 6 u. 1. Korinth. 5, 1) sowie die heidnische Literatur gegen das Christenthum erwähnt (S. 40—60) und den Einfluß des letzteren auf die römische Gesellschaft viel höher taxirt; man denke nur an den herrlichen Kreis, der sich um Hieronymus gebildet hat. „Die Wirkungen dieser Heiligung des Familienlebens für die socialen und volkswirthsch östliche» Verhältnisse können nicht hoch genug angeschlagen werden. Sie veredelte das öffentliche wie das Privatleben. Es mußte ein milder, edler Geist die Unterhaltung, den Unterricht beherrschen. Die Briefe des hl. Hieronymus au vornehme Römerinnen legen ein Zeugniß hicfür ab""). Auch der sittliche Rigorismus in dem Leben und den Ansichten der alten Christen, der theilweise bis ins 5. Jahrhundert hinein fortdauerte, Hütte Erwähnung verdient "); man denke nur an die harte Beurtheilung der wiederholten Ver- ehelichung. Auf solidem Fundamente erhebt sich nun das stattliche Gebäude dcs reichhaltigen Culturlebens der mittleren Zeit. Die Romantik in der griechischen Literatur eröffnet das Mittclalter als eine Periode des Gefühles. Das widerstandsfähige Byzantinerthnm, das „tausend Jahre lang auf allen Seiten umgeben von unaufhörlich Andrängenden kriegstüchtigen Barbaren" (S. 86) sich zu halten vermochte, und namentlich das nrkräftige Germ ane nthnm werden in trefflicher Weise charak- °) Schanz, Apologie des Christenthums, III, S. 403. Vgl. auch Kober. Einfluß der Kirche und ihrer Gesetzgebung auf die Gesittung, Humanität u. Civilisation im Mitttclalter, Tübinger Theol. Qnartalschr. 1858. °) Vgl. Hcfele, Beiträge zur Kirchengeschichte u. Archäologie, Tübingen 1864, S. 16-59, terisirt; beide sind „zwei entgegengesetzte Lebensmächte und Lebensprincipien" (S. 97), aber jedes groß in seiner Art?). Jenes war ja von der Vorsehung „zu einer Zuflucht und Aufbewahrnngsstätte aller Geisteserzeugniffe und Culturelemente des Alterthums ausersehen" (S. 86), und die welthistorische Bedeutung der Germanen ist mit Recht darin gefunden worden, „daß der kräftige, lebensvolle und saftreiche Wildling, Germane genannt, der rechte Stock war, dem der göttliche Keim für die edelsten Früchte eingeimpft werden konnte" (Arndt). Aeußerst interessant ist die Darstellung der Lebensart und Sitte, Staats- verfaffung und Religion, des Kriegs- und Wirthschaftswesens der Germanen, wobei jedoch eine ausführlichere Behandlung der Rechtsverhältnisse, der Agricultur und der Eintheilung in Sippen und Hundertschaften (S. 105 u. S. 113) zu wünschen wäre"). Mit kräftigen Zügen ist die Völkerwanderung des 4. und 5. Jahrh, in ihrer Ursache und Zweckbeziehung geschildert"), der Charakter der Wandalen und Goten, der Langobarden und Franken mit naturwahren Farben gezeichnet und „das Heldenthum dieser Wanderzeit im romantischen Frühlicht der Sage" schwungvoll dargestellt. Als Gegenpol des Germauenthums erscheint das phantasievolle Araberthum, begeisternd durch seinen Glaubensmuth, verderbenbringend durch seine Sinnlichkeit, feinen Glanz und seine Ueppigkeit. Gegen den Einbruch der Germanen und Araber erhebt sich die gewaltige Macht der Kirche in ihrer Thätigkeit als Erzieherin und Mutter, die lehrt und bessert, aufrichtet und erhält, das Böse straft und zum Guten ermuntert, die Trümmer antiker Bildung durch ihre Klöster und (Dom- und Pfarrei-) Schulen rettet, — in allen Verhältnissen eine Quelle deS reichsten Segens und Trostes. Mag diese Periode, die durch den Zusammenstoß barbarischer Wildheit und römischer Korruption bezeichnet wird, auch dunkle, sehr dunkle Schatten aufzeigen und hinter dem Ideal der Sittlichkeit zurückbleiben, es fehlt ihr doch nicht an hellstrahlendem Lichte: überall entfaltet sich jugendliche, schöpferische Kraft und immer mehr offenbart sich das tiefe, reiche Gemüth deutscher Nation. Es ist sodann die Heldengestalt eines Karl des Großen, der die Cultur Mächtig gefördert und nach den hohen Ideen eines Augustinus den christlichen Gottesstaat aufzubauen strebte'"). Wirthschafts- und Kriegswesen, Wissenschaft und Unterricht, religiöses und kirchliches Leben werden in erfreulicher Weise ausgebildet. Das reiche Culturleben des römischen Reiches deutscher Nation erscheint in seinen vielverheißeuden Anfängen. Die weltlichen und geistlichen Ideale der Dichtung, die ') Wir schätzen die oströmische Cultur (u. Literatur) höher, als der Verfasser. LiutprandS Berichte sind doch sehr mit Vorsicht aufzunehmen. — Man vgl. sodann Krumbacher' s Geschichte der byzantinischen Literatur von Justinian bis zum Ende des oströmischen Reiches (527—1453), München 1891, u. Reuters Augustin. Studien, 1887, 153 ff. °) Auch die Geistigkeit und verhältnißmäßige Reinheit der religiösen Vorstellungen (vgl. Tacitus, Osrman. v. 19) wäre mehr zu betonen. ") Das geschichtliche Bild der Völkerwanderung ist jedoch nicht klar genug gezeichnet. '") Karl der Große erscheint in zu Hellem Lichte. Denn als Schutzvogt der Kirche überschritt er ost das richtige Maß und mischte sich zu tief in religiöse Fragen ein (S. 204), er war „ein leidenschaftlicher Liebhaber des schönen Geschlechtes", und „gleicht hierin etwas den Merowingern" (S. 214). Ja, im merowingischen Königshause war Polygamie fast hergebracht. Und wie Pipin II., ist auch Karl d. Gr. hierin schlecht beleumundet. 125 geistliche Cultur, vor allem die der Klöster "), die hervorragende Bedeutung und das Ansehen des Papstthums im 8. u. 9. Jahrhundert, der Charakter des philosophischen Studiums, die staatlichen Neubildungen, Burgenbau und Nitterthum, deutsches und nationales Königthum, — all das ist eingehend und farbenreich geschildert. Der Aufschwung der religiösen Volksbildung und die Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände, welche die großartige Thätigkeit Karls des.Großen, wie in England König Alfreds des Großen") zur Folge hatte, war leider nur vorübergehend. Die Otto nische Cultur weist neben wohlthuenden Lichtpunkten dunkle Schattenseiten auf. Im 10. Jahrhundert, dem Lasouluna oftseurum, erreichte das Uebel seinen Höhepunkt. Mit den „Anfängen der Nitterdichtung", womit „wir uns mehr und mehr der ritterlichen Zeit des Mittelalters, dem Zeitalter der Kreuzzttge und des Minnesangs, dem Höhepunkt von Papstthum und Kaiserthum" (S. 344) nähern, schließt Grnpp den ersten Band feiner geistreichen Culturgeschichte des Mittelalters. Ein derartiges Werk bringt es naturgemäß mit sich, daß der Referent oder Recensent, so sehr er auch im Großen und Ganzen den Ausführungen seine volle und »»getheilte Anerkennung zollen muß, dennoch an einzelnen Stellen ") seine Asterisken anbringen wird. Aber alle Wünsche und Ausstellungen beweisen nur, mit welch großem Interesse man ein solches Buch aufnimmt und — darin eben liegt seine beste Empfehlung. „Nicht bloße Anerkennung und Bewunderung, sondern ernste Kritik, nicht nur fromme, begeisterte Leser, sondern freimüthige Verbessere! all seiner Schriften", hat sich ein Augustinus gewünscht "), der Tadel eines jeden war ihm lieber als das Lob eines Schmeichlers "). Denn mit der Kritik in Liebe und im Interesse der Wahrheit sei dem Verfasser und den Lesern besser gedient, als durch eine ") „Die Klöster haken Deutschland cultivirt und sowohl in materiell-wirthschaftlicker als geistig-religiöser Hinsicht die Rohheit und Barbarei besiegt." (S. 243.) --) Alfred d. Gr., K. v. England (671-900). welcher an der Volksbildung regsten Antheil genommen, scheint nnS zu Wenig berücksichtigt. ") Außer den bereits angebrachten Desidericn hätten wir statt der „persönlichen Vorrede" eine andere gewünscht; etwa einen rein sachlichen Plan über die Eintheilung der „Culturgeschichte", sowie eine Aeußerung über die bisherigen „Cultur- geschichten deS Mittelaltcrs". Sodann verlangten wir überall eine genauere Zeitangabe; man weiß oft nicht, mit welchem Jahrhundert man es zu thun hat, z. B. ob mit dem 9. oder 10. Jahrh. — Dem Culturhistorikcr mag es besonders schwer fallen, überall Licht und Schatten gleichmäßig zu vertheilen, aber cö geht nicht an, „den historischen Boden" zu verlassen und z. B. die bekannten römischen Verhältnisse des 10. Jahrh, „von der Hochwarte der Geschichte aus" (S. 288) zu betrachten, „womit sie alles Anstößige verlieren". Wir wollen gewiß nicht vergessen, daß die Schilderungen der Zeitgenossen vorzüglich das Tadelnswerthe hervorheben, während das stille, gedeihliche, be- rufötrcue Wirken meist unerwähnt bleibt, daß die Inschriften (vgl. Kraus, Lehrbuch, S. 277) aus jenen Jahrh, uns ein freundliches Bild von dem christlichen Culturlebcn entrollen, aber jene Zustände bleiben auch bei der idealsten Auffassung das, was sie wirklich sind. Um so mehr hätte die geistliche Hymnen-, besonders die Sequenzendichtung im Zeitalter der Ottonen schärfer hervorgehoben werden sollen. — Ob man damals, ums Jahr 1000, den Weltuntergang mehr fürchtete als sonst? Nein, „es rührten sich ja trotz der Angst alle Kräfte" und „die Furcht" hemmte z. B. die Bauthätigkeit nicht (S. 316). ") S. Theol. Quartalschrift 1891, S. 103. s°) Lla11 m wo reprokouüi a rsprsbsiwors kalsitatis gnam ao sgns tauäators lauäari (äs trillit. 1. I o. 3 ll. 6). Prüfungslose Zustimmung "). Das schön ausgestattete Werk Grupps sei darum allen gebildeten Kreisen bestens empfohlen. Ohne die Absicht des Verfassers zieht sich durch das Ganze wie ein lang glänzender Lichtstreif die Wahrheit durch, daß die christliche Kirche die wahre Bildungsmacht ist.") Stuttgart. Neligionslehrer vr. tlrsol. Koch. Charcot über die Wirksamkeit des Glaubens in der praktischen Heilkunde. Von Pros. vr. Haas in Passau. (Schluß.) Nach Charcot sind die an Gnadenorten wunderbar geheilten Krankheiten meist Lähmungen hysterischer Natur, aber nicht alle. Wie steht es nun mit leheren, z. B. mit geheilter Blindheit, Taubheit u. f. w.? Sind diese Krankheiten auch hysterischer Natur? Es gibt zwar hysterische Erscheinungen von einseitiger Anästhesie und insofern von einseitiger Taubheit, Blindheit u. s. w. Aber das sind wechselnde Erscheinungen: wie verhält es sich mit Blindheit u. s. w., die auf eine gewaltsame äußere Einwirkung hin entstand, oder von Geburt aus anhaftete, oder sich allmählich ohne jede hysterische Grundlage durch sonstige schädliche Einflüsse ausbildete? Zudem ist von Charcot die Frage ganz unberührt gelassen, ob denn die Hysterie als solche lediglich auf Einbildung beruht, ob sie nicht irgendwie als organisch aufzufassen ist. Können ferner die Erscheinungen und Folgen der Hysterie schwinden, ohne daß letztere geheilt wird? Und wenn mit ihren secundären Erscheinungen die Hysterie selbst ohne weiteres ärztliches Eingreifen an einem Gnaden- orte geheilt wird, läßt sich diese Heilung auf eine rein natürliche Wirkung des Glaubens zurückführen? Dem ganzen Verfahren Charcots liegt eine eklatante logische katitio xrinoixii zu Grunde, nämlich der Satz: Jeder Glaube ist Einbildung. Da ergibt sich für ihn freilich ohne alle Schwierigkeit folgender Schluß, der aber selbst in seinen einzelnen Gliedern eine strenge Prüfung nicht aushält: Die Erscheinungen in der Hysterie beruhen auf Einbildung, können also durch Einbildung beseitigt werden. Krankheitserscheinungen werden durch den Glauben beseitigt, beruhen also auf Einbildung, sind also hysterischer Natur. Selbst die falsche Voraussetzung als wahr angenommen, ist dieser Schluß so wackeliger Natur, daß auch der ungeschulteste Logiker das Sophistische in demselben sofort erkennt. Charcot verlangt nach seiner ganzen Darstellung von einer wunderbaren Heilung ein Zweifaches: plötzlichen Eintritt und sofortige Vollständigkeit. Hier verlangt er augenscheinlich zuviel. Die wunderbare Wendung in der Krankheit muß allerdings eine plötzliche sein; denn wenn ein Organismus derart der Auflösung bereits verfallen ist, daß in ihm die Kraft zu ciuer Wendung zum Bessern nicht mehr liegt und durch kein natürliches Mittel wehr hineingelegt werden kann, so muß derselbe in seinem innersten Wesen neugeschaffen, es muß ihm eine neue Kraft verliehen werden. Dieser ganze Vorgang kann aber seiner Natur nach nur ein momentaner fein. Wird aber die Vollständigkeit der Heilung in der Weise gefordert, daß die geheilten Organe sofort '°) Vgl. LnANstiu. ibiä. u. 5. ») Vgl. Schanz, Apologie III, 387-422: DaS Christes thum und die Cultur. 126 wieder vollständig ihren Dienst leisten, so werden eigentlich statt eines Wunders zwei oder sogar drei verlangt. Bei längerem Verluste des Gebrauches eines Gliedes ist nach Wiedererlangung dieses Gebrauches letzterer erst wieder zu erlernen; der Geheilte muß sich erst wieder an die neu erlangte Funktionsfähigkeit des Gliedes gewöhnen. Ferner bleibt naturgemäß trotz des Vertrauens des Geheilten für die erste Zeit eine Art Unsicherheit bezüglich des geheilten Gliedes zurück, hervorgerufen durch die Ungewohntheit des neuen Gefühles, welches rasch und unvermittelt auf das alte schmerzhafte Gefühl oder unter Umständen auf die gänzliche Gefühllosigkeit folgt. Chnrcot verlangt also, daß mit dem physischen Defekt auch zugleich sofort ein doppelter moralischer Defekt gehoben werde. Ich halte es aber für ausreichend znr Annahme des Wundercharakters einer Heilung, wenn da, wo bei klarer und deutlicher Einsicht in die Natur einer Krankheit eine Regeneration des kranken Organismus sowohl von Seiten des letzeren als von Seiten der angewendeten oder anwendbaren ärztlichen Mittel vollständig und positiv ausgeschlossen ist, trotzdem auf den lebendigen Glauben hin plötzlich eine Regeneration eintritt und ohne Rückfall vorwärts schreitet. Die unerläßliche Prüfung hat sich aber in einem solchen Falle besonders darauf zu erstrecken, ob die eingetretene Regeneration in sich wesentlich vollendet ist und etwaige zurückbleibende Mängel lediglich unwesentlicher Natur sind und dem berührten moralischen Gebiete angehören. Ohne Beantwortung dieser Fragen ist ein sicherer Anhaltspunkt zur Annahme eines Wunders nicht gegeben. Wollte man sich aber etwa darauf steifen, daß bei dem heutigen Stande der medizinischen Wissenschaft die unbedingte Regenerationsunfähigkeit eines kranken Organismus aus eigener Kraft nicht bewiesen werden könne, so müßte eben in allen Fällen, wo die Heilung nicht eine plötzlich vollständige im Sinne Charcot's ist, auch von Seiten der medizinischen Wissenschaft das Urtheil über den Wundercharakter objectiv in LUkpanso bleiben und dem subjectiven Ermessen des Einzelnen freies Spiel gelassen werden. Nun sind aber viele plötzliche vollständige Heilungen, sogar bei namhaften äußeren Verwundungen, beglaubigt. Beispiele anzuführen, halte ich für überflüssig. Die Wunder der hl. Schrift erfüllen ausnahmslos die Anforderungen Charcot's im vollsten Sinne. Ich will nur auf ein Beispiel verweisen, auf die Heilung des Lahm- gebornen, welche der hl. Lukas in Apostelgeschichte 3 ganz eingehend erzählt. Wer die Erzählung nachliest, kann sich sicher im Hinblick auf die Anforderungen Charcot's des Eindruckes nicht erwehren, es habe der hl. Arzt und Hagiograph auf göttliche Fügung hin den Einfall seines späteren einseitigen Collegen im voraus berücksichtigt und zurückgewiesen. Wir haben so in den Anforderungen Charcot's eine treffende, unfreiwillige, unbewußte Bestätigung des Wundercharakters der in der hl. Schrift erzählten Heilungen. Aus der Darstellung Charcot's geht fernerhin mit vollster Klarheit hervor, daß nur der Glaube mit religiösem Charakter, oder sagen wir ganz bestimmt mit katholisch-religiösem Charakter, Wunderheilungen hervorruft. Diesem Glauben ausschließlich ist in der hl. Schrift Wunderkraft verheißen. Wir haben bis jetzt nicht einmal den Versuch eines Beweises, daß auch der rein profane, rein natürliche Glaube Wunderkraft besitzt, nämlich in sich, ohne jedes weitere Mittel. Man sucht vielmehr den übernatürlichen Glauben einfach auf das natürliche Niveau herabzudrücken. Allerdings verlangen auch die Aerzte Glauben und Vertrauen für ihre Person von ihren Kranken. Aber der diesbezügliche Glaube ist nur ein Beruhigungsmittel, wirkt nur negativ zur Bannung schädlicher Einflüsse, positiv höchstens insofern, als er den Gehorsam gegen den Arzt und seine Vorschriften fördert. Ein Arzt, der mit der Entdeckung der Wirksamkeit eines rein natürlichen Glaubens auch nur den Erscheinungen der Hysterie gegenüber vor die Welt träte, wäre im Handumdrehen ein gemachter Mann. Die Heilung durch „psychische" Mittel (Towler) ist etwas ganz anderes, als die Heilung durch den Glauben. Will man sie dem Glauben an die Seite stellen, so müssen sie vor allem genau bezeichnet und ihre Natur dargelegt werden. D er Glaube aber, welcher nach den bisherigen Erfahrungen allein zur Heilung führt, gehört wegen seines übernatürlichen Charakters nicht zu den psychischen Mitteln, höchstens insoweit sein Sitz eben die Seele ist. — Aber es sind doch auch Heilungen durch den Glauben am Grabe des Jansenisten Paris erfolgt! Freilich, wenn man den entsprechenden Berichten glaubt. Mit der Glaubwürdigkeit derselben sieht es aber so mißlich aus, daß dieselbe gänzlich unannehmbar ist. Der Erzbischof von Paris, Kaspar Vintimello de Luc, erklärte 1731 und 1734 die am Grabe des 1727 verstorbenen Franz von Paris angeblich geschehenen Wunder für erdichtet. Dex MedarduS-Kirch- hof, in welchem sich das Grab befand, wurde 1732 auf Befehl Ludwigs XV. geschlossen. Darnach wurde der Unfug mit Erde von dem Grabe in den Häusern fortgesetzt. Eine Controlle für die vorgegebenen Heilungen gab es nicht. Ich stütze mich hier auf die Darstellung in Cardinal Hergenröther's Kircheugeschichte. Wenn ich hiermit scheinbar Autorität neben Autorität setze, so bin ich dazu vollkommen berechtigt, da Charcot sich so wenig als Historiker zeigt, daß er unter seinem hl. Franz von Paris und seinem hl. PLris, wie schon die Schreibweise zeigt, offenbar zwei verschiedene Personen versteht. Nach den historischen Grundsätzen, die Charcot bei seinem Verweis auf die Vergangenheit befolgt, müßte man con» scquenterweise alle Erzählungen aus früherer Zeit für wahr halten, wenn sie in früherer Zeit aufgezeichnet, und insbesondere, wenn sie mit Abbildungen versehen sind. Charcot's ganze Darstellung leidet überhaupt an Unklarheit. Er begeht den Fehler, daß er aus feinen Voraussetzungen, mögen sie objectiv feststehen oder nicht, wie viele Vertreter moderner Wissenschaft ohne weiters schließt und mehr erschließt, als in ihnen liegt. Wenn Lähmungen und Circulationsstörungen plötzlich auftreten und ebenso plötzlich verschwinden können, so folgt daraus nicht mehr und nicht weniger, als daß bei der Beurtheilung von Wunderheilungen Täuschungen mit unterlaufen können — das zu leugnen, fällt niemanden ein —, daß also bei dieser Beurtheilung die größte Vorsicht und Genauigkeit erforderlich ist; es folgt aber nicht im entferntesten, daß es keine Wunderhetlungen gibt oder keine geben kann. Will überhaupt ein Arzt von seinem Standpunkte aus in dieser Frage mitreden. dann darf er nicht von vorneherein auf das philosophische oder gar (wenn auch nur negative) theologische Gebiet überspringen, sondern er hat in rein experi- menteller Weise die Heilkraft sowohl des natürlichen als des übernatürlichen Glaubens zu untersuchen. Entdeckt er eine solche des ersteren, so mag er sie bestimmt 127 formulieren. Entdeckt er, waS das allerwahrscheinlichste ist, an dem natürlichen Glauben an sich überhaupt keine eigentliche Heilkraft, und vermag er die des übernatürlichen Glaubens mit seinen Mitteln nicht zu fassen und zu beweisen, ohne daß er sie willkürlich ihres eigentlichen Charakters entkleidet, steht er mit seinen Mitteln hier vor einem ihm unlösbaren Räthsel, so ziehe er sich bescheiden auf sein eigentliches Gebiet zurück und überlasse die Sache getrost der allein competenten Autorität! Der Ammonstempel in Karuak (Theben). Dr. 8. L. Das Wunderland der Pharaonen hatte es mir schon in frühester Jugend angethan. WaS auf das alte Aeghpten Bezug hatte, war für mich von hohem Interesse. Was Wunder, wenn ich bei meinem Aufenthalt in Kairo den Einflüsterungen meines Dragomans Gehör schenkte und eine Dhahabiye (Segelschiff) miethete, um die Reise bis zum ersten Katarakt zu unternehmen. Obwohl ich 6 Wochen ganz allein mit meinen 12 Muselmännern, welche die Besatzung ausmachten, auf dem Schiffe war, und obwohl ich bei den glühendheißen Tagen und den eiskalten Nächten, bei Moskitos, Wespen, Fliegen, bei bakschischheischenden Eseltreibern rc. gar manches Ungemach erdulden mußte, obwohl Fledermäuse und Molche den Besuch der alten Felsengräber nicht gerade erleichtern, so habe ich doch in diesen 6 Wochen, vom 1. Nov. bis 15. Dezember, die schönste und lehrreichste Reise gemacht. Ich habe alle irgendwie interessanten Denkmäler, Tempel und Gräber Ober- und Unterägyptens besucht, habe herrliche Mondnächte auf dem Nil und in Tempeln zugebracht, habe das Leben und Treiben der alten Bewohner des Nilthales mit eigenen Augen geschaut; denn in ihren Gräbern haben sie Ackerbau und Viehzucht, Jagd und Fischfang, Kunst und Handwerk, Krieg und Spiel, Belohnung und Strafe, alles, was ein Menschcnherz mit Lust oder Leid erfüllt, mit minutiöser Genauigkeit abgebildet; auch als Btbelfreund habe ich schöne Stunden verlebt, da manche Darstellungen geradezu Illustrationen oder wenigstens Pendants zu biblischen Vorgängen sind. So erinnert der Empfang der 37 Amu d. i. Semiten unter ihrem Schech Abscha durch den Pharao (im Grabe des Chnumhotep in Benihassan abgemalt) lebhaft an den Zug Abrahams nach Aegypten, in Memphis, Luxor, Namesseum rc. sehen wir die Statuen des Pharaos der Bedrückung Namses' II. als Gott Horns aufgefaßt, und im Museum in Gizeh stehen wir vor der Leiche desselben Königs, seine wohlerhaltene Mumie zeigt noch im Gesichte die Spuren des Todeskampfes; in dem Grabe Ramses' III. las ich den Text einer Wandinschrift, welcher uns mit einer Erzählung von der Zerstörung der Menschen durch die Götter bekannt macht und nach Naville, Brugsch, Howorth, Vigouroux ein Pendant zum Berichte der Bibel von der Sündfluth bildet; im Tempel von Der el Bahri ist die Expedition der Königin Hatasn in allen ihren Theilen mit der Gewissenhaftigkeit eines englischen Reporters in Haut-Relief gemeißelt und ruft uns die Ophir- fahrten Salomons in's Gedächtniß u. s. f.; aber die deutlichsten Erinnerungen an die Bibel, die erhabensten Kunstformen, die großartigsten Verhältnisse, die interessantesten historischen Reminiscenzen bietet der gewaltigste Tempel des Pharaonenreiches, das Nationalheiligthum Ober- und Unterägyptens: der Ammonstempel in Karnak. Ich habe alle Tempel bis zum 1. Katarakt resp. bis Philä besucht, aber keiner gewährt jenen künstlerischen, poetischen und historischen Genuß, wie dieses Heiltgthum; ich habe es bei Morgen-, Mittag-, Abend- und Mondbeleuchtung gesehen, habe es zu wiederholten Malen durchschritten und umritten, mit jedem neuen Besuche wurde eS großartiger, schöner und interessanter. Es geht hier, wie mit der Petersktrche in Rom; erst nach öfterem Besuche erschließt sich voll und ganz die Majestät, Größe und Schönheit des BaueS und seiner Theile. Die imposanten Neste dieses Tempels liegen beim Dorfe Karnak, */z Stunde nördlich von Luxor (beide Dörfer sind an der Stelle des alten Theben erbaut), 720 Kilometer südlich von Kairo. Dieses Denkmal alter Größe und Macht ist daS größte Bauwerk Aegyptens und vielleicht der ganzen Welt. Der Tempel im engeren Sinne des Wortes hat allein eine Länge (von Osten nach Westen) von 470 Meter. In den Tempel sind aber wiederum zwei vollständige Tempel eingebaut, und auf der Area lassen sich nach den mehr oder weniger gut erhaltenen Resten außerdem weitere 18 Tempel nachweisen. Um das ganze Gebiet des Heiligthums nur zu umreiten, brauchte ich wehr als eine halbe Stunde. Don dem Haupttempel führten sowohl zum Nil im Westen als zum Tempel in Luxor im Süden Sphinxalleen, von welchen noch zahlreiche Reste vorhanden sind. Diese Sphinxe sind jetzt meist in den Gärten der Bauern von Karnak, ein Luxus, welchen sich kaum andere Sterbliche erlauben können. Leider ist fast kein Sphinx unbeschädigt. Ich sage kein Sphinx, da alle ägyptischen Sphinxe Androsphinxe sind und gewöhnlich das Porträt eines Königs bieten; es ist daher unrichtig, die ägyptischen Sphinxe als ksminina zu stilisiren. ES würde zu weit führen und ermüden, wollte ich alle Gemächer und Heiligthümer Karnaks der Reihe nach aufführen und besprechen, ich beschränke mich darauf, die wichtigsten Theile zu beschreiben. Jeder ägyptische Tempel bestand aus einem meist dunklen und nur nach vorne geöffneten Sanctuarium, auch Sckos oder Adyton genannt, welches der kleinste Raum des Heiligthums war; um dasselbe gruppirten sich nach 3 Seiten hin, durch einen Gang von ihm getrennt, ebenfalls dunkle Gemächer zur Aufbewahrung von Opfern und Tempelgerüthen. Vor dem Sanctuarium lagen 2—3 mehr breite als tiefe Säle, deren letzterer eine bedeckte Säulenhalle war (hypostyler Saal); vor diesen Prosekosräumen, wie sie heißen, befand sich ein großer, fast quadratischer Hof, welchen auf 2 oder 3 Seiten Säulengänge einschlössen, welcher aber selbst unbedeckt war, daher hypäthraler Raum heißt. Den Eingang zu diesem Hofe bildet der Pylon; zwei abgestumpfte Pyramiden, zwischen welchen das Thor angebracht war. Diese Einrichtung vom Pylon bis zum AdytoN haben alle Tempel gleichmäßig, nur in untergeordneten Dingen variiren sie; hier aber in Karnak tritt eine sonst nirgends nachweisbare Veränderung ein, indem das Sanctuarium auch nach rückwärts geöffnet ist und sowohl nach vorne (Westen) als nach rückwärts (Osten) sich ein vollkommener Tempel an dasselbe anschließt, so daß wir eigentlich zwei Tempel mir einem gemeinsamen Sanctuarium haben. Auch sonst hat der Bau des Tempels interessante Eigenthümlichkeiten auszuweisen, worauf ich aber hier nicht eirr- gehen will. Nach diesen Vorbemerkungen schreiten wir durch die Sphinxallee, welche den Nil mit dem Tempel verbindet. Diese Sphinxe haben alle Widderköpfe, und zwischen den Beinen halten sie kleine Statuetten. Kurz vor dem 128 1. Pylon (der Ammontempel hat 6, die ganze Tempel- anlage 12 Pylonen) bleiben wir stehen und betrachten den mächtigen Quaderbau; derselbe ist 113 m breit, 15 in dick und 43 in hoch. Vom nördlichen Flügel aus hat man herrliche Uebersicht über das Ruinenfeld. Beim Durchwandern des Pylonenthores mahnt uns eine Inschrift an die Thätigkeit jener Männer, welche Aegypten durch ihre Arbeiten der europäischen Welt und Wissenschaft wieder näher gebracht haben. An der rechten Wand oben haben nämlich die Gelehrten, welche Bonaparte nach Aegypten begleiteten, die Längen- und Breitengrade der bedeutendsten Tempel verzeichnet. Wir ersehen unter anderem, daß das Heiligthum von Karnak unter 30° 2t? 4" Länge und 25° 44' 15" n. Br., jenes von Luxor unter 30° 19' 16" Länge und 25° 42' 55" n. Br. liegen. Auf der gegenüberliegenden Wand hat eine italienische Expedition (1841) die Abweichung der Magnetnadel um 10' 56" angemerkt. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Pudor (H.), Englische Reiseskizzen. Verlag von H. Pu- dor, vorm. Verl. d. DreSdner Wochenblätter, Leipzig, Strauch. 1694. 8°. Brosch. 2 M.; geb. 3,50 M. 98 S. Vorstehendes Buch erscheint als erstes Bändchen der „Pndor'schen Reisebibliothek" und ist bereichert durch eine Karte vom Westen Englands und 4 Bilder: Torquai, Plhinouth, St. Michaels-Monnt und Lands-End. Der Inhalt ist folgender: 1. Englische Sittenbilder, 2. Londoner Straßenleben, 3. Die Insel Wight, 4. Im Lande Tristans. Der Verfasser hat sein Werk „seiner lieben Frau und Reisegefährtin" zugeeignet. Schade, daß die anziehende Lektüre des recht unterhaltlichen und lehrreichen Buches nicht selten gestört wird durch stilistische Nachlässigkeiten, oder sagen wir besser, durch stilistische Sonderbarkeiten. Denn vielleicht ist der Autor identisch mit dem „durch allerlei Excentricitäten bekannt gewordenen ehemal. Dresdener Musikdirektor und Schriftsteller Heinrich Pudor", wie die Allgemeine Zeitung (Nr. 87, Abeudbl.) schreibt, „der sich eine Zeit laug Heinrich Scham nannte und der Universität Leipzig fein Doktordiplom zurückgeschickt hat". Jetzt ist er unter die Künstler gegangen und veranstaltet eine vom 1. April bis 1. Mai in München im „Englisch. Hof" stattfindende „Einer-Ausstellung" seiner Werke, „als erster wirklicher Künstler"! OesterreichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz Schn ü re r. Nr. 1 u. 2. Pölzl F. X., Kurzgefaßter Commcntar zu den 4 hl. Evangelien. IV, 2. 1: Markus. (Augustineums- Direktor Hoskaplan vr. Fr. Scdej.) — Krogh-Touning K., Die Kirche und die Reformation. (Augustineums-Direktor Hoskaplan Dr. A. Fischer-Colbrie. — I. Pottcrs P., Oomponelium xdilo- soxlnao moralis ssn etkioaa seo. priucipia s. Nlwmas. II. Cathrein V., Moralphilosophie. III. Cathrein V., llüilosopliia moralia. (Sämmtlich von Univ.-Prof. Prälat Dr. F. M. Schindler.) — Wcgcncr G., Kant-Lexikon. (vr. Aug. Sieben- list.) — Giacomctti G., va. qusstion italieims xorioäs eis 1814 L 1860 (Geh.-Rath Jos. Freib. von Helfcrt.) — Dopsch A., Entstehung und Charakter des österr. Landrechtes. (UniversitätsProfessor vr. Jos. Hirn.) — Opitz W., Die Schlacht bei Breitenfeld 17. September 1631. (Hofrath Onno Klopp.) — Goethe's Gespräche. Herausgeber W. Fh. v. Biedermann. (UniversitätsProfessor vr. Jac. Minor.) — Schiller's Briese, heranSgg. von Fritz Jonaö. (Univ.-Prof. vr. I. E. Wackernell.) — Nabulas voeliovm mauv seriptorvm in vibliotlwea, valatiua, Vimlod aoservatornm. Vo!. VIII (i'c.) — Galland G., Der große Kurfürst und Moritz von Nassau, der Brasilianer. (Univ.-Prof. Dr. Jos. Ncuwirth.) — Egli I. I., dlowina, geoKraxdioa (I)r. Nich. Müller, Offizial an der „Albcrtina".) — Brockhausen K., Vereinigung und Trennung von Gemeinden. (Privatdocent Dr. Friedrich Tezner.) — Schimek I., Die Jugendformen einiger Papaveraceen, Ranunculacecn und Campanulaceen. (I. Wies- baur, 8. 4.) — Wehl Th., Lehrbuch der organ. Chemie für Medicincr. (Privatdocent vr. H. Malfatti.) — B.-K-, C. v., Zur Psychologie des großen Krieges. (Oberstlieutenant Freiherr von Hipssich.) — Nissel F., Ausgewählte dramatische Werke. (Richard Kralik.) — Zschokke H., Die theologischen Studien und Anstalten der kakhol. Kirche in Oesterreich. (Univ.-Prof. Dr. R. v. Schcrer.) — Bäumer S., Das apostol. Glaubensbekenntniß. (Augustineums-Direktor Hoskaplan vr. A. Fischer- Colbrie.) — Blume Cl., Das Apostolische Glaubensbekenntnis. Derselbe. — Knauer V., Die Hauptprobleme der Philosophie in ihrer Entwicklung und theilweisen Lösung von Thales bis R. Hamcrling. (Vr. Aug. Siebenlist.) — Loscrth I., vr. Balth. Hubmeier und die Anfänge der Wiedertaufe in Mähren. (—w.) — Ehrmann Eug., Die Bardische Lyrik im XVIII. Jahrhundert. (Univ.-Prof. vr. Aug. Sauer.) — Schöning's Ausgaben deutscher Classiker, mit ausführlichen Erläuterungen. Siebzehn Bündchen. (W l.) — Bole F., Sieben Meisterwerke der Malerei. (Dg.) — Lendenfeld R. v., Australische Reise. (Ministcrial-Sccretär vr. Fz. Ritter v. Le Monnier.) — Wetzel Fr., Das Zollrecht der deutschen Könige von den ältesten Zeiten bis zur Goldenen Bulle. (Privatdocent vr. Tullius Sartori Ritter v. Moutecroce.) — Voigt M., Röuiische RcchtSgeschichte. 1. Bd. (Nied.-österr. Landes- Secretär vr. Heinrich Misera.) — Catalog der Bibliothek der kais. Leopoldinisch-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher. Bd. I. u. Bd. II. 1. (Univ.-Prof. vr. I. M. Pernter.) — GraveliuS H., Plaudcrgänge im Weltall. (Th. Kreß.) — Zola E., Der Zusammenbruch. (F. Sch.) — EichnerW., AuS Werkstätten des Geistes. Ein literarischer Citatenschatz. Wanderungen durch Rom. Ueber das soeben im Verlage von Ulr. Moser'S Buchhandlung in Graz erschienene Werk „Wanderungen durch Rom" von vr. Robert Klinisch schreibt das „Wiener Vaterland": Die überaus strebsame katholische Verlagsbuchhandlung hat mit der Herausgabe des vorliegenden Buches über die ewige Stadt ein neues interessantes Neisewerkchen ihrem stattlichen Verlage einverleibt. Klimschs „Wanderungen durch Rom" sind prächtig zu lesen. Sowohl der edle Stil des Verfassers, der durch zwei Jahre Kaplan an der „Anima" in Rom war, als auch die reiche Fülle von Citaten aus der großen Nomliteratur, welche vr. Klinisch in seine zweiundreißig Betrachtungen geschickt Anzuflechten versteht, verleihen dem Buche sprachliche Würde und gedankliche Tiefe. In der Herbeiziehuug einer schier ungezählten Reihe von Gewährsmännern für Rom und seine Welt zeigt vr. Klinisch eine großartige Versiertheit in den Werken der bezüglichen Schriftsteller. Wer Rom zu hesuchcn gedenkt und dem es hiebe! um eine geeignete Vorbereitung auf den Anblick dieser Städtekönigin zu thun ist, der wird in vr. Robert Klimschs „Wanderungen durch Rom" einen liebenswürdigen Wegweiser finden. Der Glanz der Poesie, der über Rom sich auszieht, findet in dem Buche einen ebenso zarten und innigen Ausdruck, als die historische Vergangenheit und Größe der ewigen Stadt in der wohlgewählten Sammlung zahlreicher Aussprüche großer Männer über dieselbe einen geistreichen. Auch jenen, welche ihre römische Reise bereits hinter sich haben, ist das Buch als theueres Andenken an schöne, genußreiche Stunden in Rom sehr zu empfehlen. Die Verlagsbuchhandlung hat das Werk vornehm ausgestattet; es prä- fentirt sich mit seinem hübschen Titelbild überaus Vortheilhaft und wird jeder Bibliothek zur Zierde gereichen. Preis brosch. 1 st. 80 kr.. gebd. 2 fl. 40 kr. Anna-Buch oder Anleitung zur Nachfolge und Verehrung der hl. Mutter Anna. Ein Lehr-, Gebet- und Erbannngs- buch für Bräute, Ehefrauen und Wittwen, insbesondere für Mitglieder des St. Anna-Bundes. Von Johann V ölkl, weiland Dekan und StiftSpropst in Jnnichen. Mit Approbation des fürstb. Ordinariates Brixen. Innsbruck. Verlag der mar. Vercins-Buchhandlung. Christlichen Frauen wird im Annabuch ein Erbauungs- und Gebetbuch geboten, das sie nur mit großem Nutzen für ihr Seelenheil und zum Wohle der Familie gebrauchen können. An der Hand der wichtigsten Episoden des Lebens der heiligen Mutter Anna werden ihnen die hervorragendsten Pflichten der christlichen Ehefrauen vor Augen geführt und Rathschläge ertheilt, wie sie besonders in der heutigen gefährlichen Zeit dazu beitragen können, das öffentliche Leben im besten Sinne zu beeinflussen. Verantw. Redacteur: Phil. Flick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. n,-. 17. 26. AM! 1894. Mge zur DgckllW Zum Häckelismns. Von Professor Dr. L. Haas in Passau. Wie Mir scheint, besteht in manchen Dingen gerade auf katholischer Seite keine rechte Begriffsklarheit. Anlaß zu dieser Bemerkung gibt mir die Besprechung der Schrift von vr. Otto Hamann, „Professor Ernst Häckel in Jena und seine Kampfesweise", Gott. 1893. Bei voller Klarheit in der Sache könnte ein aus der Germania in die Beilage der AugZburger Postzeitung Nr. 9 vom 29. Februar 1894 übergegangener Artikel nicht „Das Ende des Häckelismus" überschrieben sein. Es ist nicht das erste Mal, daß dem Jenaer Professor derartige Dinge, wie sie in dem genannten Buche enthalten sind, nachgewiesen werden. Das Ende der Lehre wurde dadurch nicht herbeigeführt, auch nicht die Zahl ihrer Anhänger verringert. Wir müssen also dergleichen Arbeiten gegenüber ruhig bleiben und dürfen nicht zu früh jubeln. So höchst verdienstlich auch Schriften sind, welche den Gelehrten aus dem Wege des Forschens nachgehen und die Fehler ihrer Methode oder ihrer Darstellungsweise aufzeigen, die Tragweite derselben darf in keiner Weise überschätzt werden. Die Hamann'sche Arbeit, deren hohes Verdienst ich mit Freuden anerkenne, berührt weder die Sache, noch betrifft sie eigentlich die Art der Forschung, sondern nur die Art der Darstellung der Forschungsresultate. Wir haben es zunächst mit Häckel als Schriftsteller zu thun. Als solcher zeigt er große Ungenirtheit, um nicht zu sagen Unverfrorenheit, wenn er entweder geradezu Fälschungen oder für Verschiedenes ein und dieselbe Abbildung bietet. Er macht es sich also mit seinen Beweisen seinem Publikum gegenüber sehr leicht und bezeugt dadurch seine geringe Meinung von demselben, indem er der Leichtgläubigkeit desselben derartiges zutraut und zu bieten wagt. Die Urtheilslosigkeit, Oberflächlichkeit und Glaubensfreudigkeit dieses Publikums erscheint in einem ganz eigenthümlichen Lichte der Weisheit eines Professors gegenüber, die viel »«geprüfter angenommen wird, als das Evangelium. Bei ihr fragt man nicht nach dem Wie? Warum? und Woher? Es genügt, daß sie geboten wird. Kopflos, mit völligem Verzicht auch auf das geringste Maß des Urtheils wird sie hingenommen und geglaubt und auf sie geschworen. Häckel war sich des Unterschiedes der abgebildeten Objecte sicher bewußt. Seinem Zwecke entsprechend hebt er aber die Aehnlichkeit ausschließlich hervor. Da nun auf den niederen embryonalen Stadien die Aehnlichkeit in der That so groß ist, daß die Unterschiede nur unter dem Mikroskope erkenntlich sind und auch im besten Holzschnitte nicht deutlich hervortreten (höchstens für den Kenner deutlich), so mag sich Häckel selbst oder der Holzschneider der Mühe überhoben erachtet haben, für die einzelnen Abbildungen besondere Stöcke herzustellen. Es füllt mir natürlich nicht im entferntesten ein, Häckels Verfahren zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen. Was ich anführte, soll nur die Tragweite der davon hergenommenen Widerlegungen in das rechte Licht stellen. Häckel hat eigentlich selbst seiner Sache einen schlechten Dienst erwiesen. Auf die Aufdeckung seiner Fälschungen hin finden seine Behauptungen jedenfalls weniger Anhänger außerhalb der Fachgenossen, aber kaum in den Reihen derselben. Für uns wäre es schlimm, wenn wir jetzt die Gefahr der Sache selbst für geringer hielten, wenn wir glaubten, die Sache selbst sei damit abgethan. Daß dies nicht der Fall ist, geht schon aus meinen obigen Andeutungen hervor. Die Frage, ob Aehnlichkeit oder Verschiedenheit bei den betreffenden Objecten, ist in dem Sinne, wie hier diese Aehnlichkeit und Verschiedenheit genommen wird, ziemlich, um nicht zu sagen vollständig gleichgiltig. Es handelt sich um tiefer Liegendes. Zunächst ist darauf zu verweisen, daß noch keine vier Dezennien vergangen sind, seit die Lehre vorgetragen wurde, daß die Ontogenesis des Menschen d. h. die Entwicklung des einzelnen Menschen im embryonalen Zustande die embryonalen Formen der Thierarteu durchlaufe. Daraus lenet man die universale und domiuireude Stellung des Menschen nach seiner leiblichen Seite ab. Bei geringen mikroskopischen Hilfsmitteln ist eine derartige Annahme leicht erklärlich; man wußte sich auch ganz gut mit derselben abzufinden. Die Frage bleibt aber: Wie steht es mit den entsprechenden Thatsachen? Auf Thatsachen, und nur auf solche, stützt sich auch der Häckelismns, wenigstens nach den Behauptungen seiner Anhänger. Eine Thatsache für den Häckelismns soll die in Rede stehende Aehnlichkeit sein. Sehen wir zu, ob sie als Thatsache genommen für den Häckelismus beweisend, und zweitens ob sie überhaupt eine vollgültige Thatsache ist. Den ersten Punkt können wir kurz abmachen. Sie ist nicht beweisend, weil logisch ganz gut auch andere Folgerungen aus ihr gezogen werden können, wie wir gesehen. Sie ist ferner ein bloßes Durchgangsstadium, also ebenso wenig beweisend, wie man aus der Thatsache, daß zwei Menschen sich auf dem Wege treffen und sogar eine Zeit lang mit einander gehen, schließen kann, daß sie denselben Ausgangspunkt oder dasselbe Ziel haben. Dies führt uns sofort zu dem zweiten Punkt. Die behauptete Aehnlichkeit kann nicht einmal als volle Thatsache gelten. Sie ist bloß eine äußere Aehnlichkeit, also bloß eine halbe oder, besser gesagt, kaum eine halbe, eine Aehnlichkeit bloß der äußeren Erscheinung, nicht des Wesens. Wir schließen zwar von der Erscheinung auf das Wesen, aber nicht in der Weise, daß wir von der äußern Gleichheit oder Aehnlichkeit zweier Dinge sofort auf die innere Gleichheit oder Aehnlichkeit schließen. Wir müssen zuvor in irgend einer sichern Weise die Erscheinungen als Wirkungen des Wesens erfaßt haben. Wenn wir ohne weiters berechtigt sind, von der äußeren Aehnlichkeit auf die innere, die wesentliche zu schließen, dann können wir das Widersprechendste zusammenreimen, dann ist Heuchelei und aufrichtige Tugend dasselbe. Dann ist das wissenschaftliche Verfahren reine Spielerei, es macht keine Mühe mehr. Auch das feinste Mikroskop zeigt uns immer nur die äußere, oberflächliche, nicht die innere, wesentliche Aehnlichkeit. Was liegt nun an dieser äußeren Aehnlichkeit, wenn ihr niemals die weitere Entwicklung entspricht? Es ist vollständig gleichgiltig, wenn z. B. die Keimzelle der Bohne ganz gleich der der Eiche ist, wenn doch in dem einen Falle immer eine Bohnenstaude, im andern eine Eiche entsteht. Was hätte es auf sich, wenn das Menschenei äußerlich vollständig dem Affenei gliche, 130 da doch niemals auZ einem Affenei ein Mensch entstanden ist? Es handelt sich ja nicht um die Ähnlichkeit des Stoffes, sondern der Kraft. Diese aber vermag die Naturwissenschaft mit allen ihren Mitteln nicht direkt in sich zu beweisen, sondern nur, wie jede andere Wissenschaft, aus dem Erfolg, wenn derselbe ein stets mit untrüglicher Regelmäßigkeit und Sicherheit wiederkehrender ist. Die Natnrwisscnschaft vermag einen dirccten Beweis für die Ähnlichkeit zweier Kräfte um so weniger zu führen, als sie an sich, will sie ihr Gebiet nicht überschreiten, über die Bewegung nicht hinauskommt und nicht zum Begriff „Kraft" gelangt. Will sie daher der Wahrheit die Ehre geben, will sie nicht zugleich unter völliger Verwirrung der Begriffe als Philosophie gelten (mit gänzlicher Ne- giruug der letzteren), dann muß sie da, wo aus äußerlich Ähnlichem stets Verschiedenes hervorgeht, sich mit ihren Mitteln einem Räthsel gegenüber bekennen. So lange nicht die Thatsache erwiesen ist, daß einmal äußerlich Ähnliches auf niederer Stufe sich dieser äußerlichen Ähnlichkeit entsprechend zu Höherem entwickelt, z. B. aus einem Affenei ein Mensch wird, so lange ist schon die Verwerthung dieser äußerlichen Ähnlichkeit zu wissenschaftlichen Folgerungen einer Fälschung gleichzustellen. Wir dürfen nicht vergessen, daß die scharfe Betonung der Ähnlichkeiten in der Ontogenesis eine Ausgeburt der Verlegenheit ist. Beweisen kann sich der Darwinismus, sei eS als Hückelismus oder als Evolutionis- mns oder Entwicklungslehre, nur durch Thatsachen. Diese in bester Form würde der Nachweis von Entwicklungsstufen in der Vergangenheit liefern. Man hat krampfhaft nach solchen gesucht, besonders nach dem Mittelglied zwischen Affen und Menschen, aber die wiederholt angekündigten Funde haben sich immer als Täuschung erwiesen. Diese negative Thatsache mußte gerechtfertigt werden. Man stellte die Behauptung auf, die Ueber- gänge fänden in unendlich kleinen Unterschieden in unendlich langen Zeiträumen statt. Hiebei ereignete sich das Komische, daß man trotzdem das Suchen nach diesen Uebergängen fortsetzte, während doch mit der aufgestellten Behauptung zum mindesten die Erkennbarkeit derselben unserseits geleugnet ist. Man sucht also nach etwas, was man eingestandenermaßen der Natur der Sache nach gar nie finden kann. Thatsachen aber mußte man haben. Da sie nun in der Phylogenesis (der Entwicklung zur Gattung) nicht zu finden sind, suchte und fand man sie in der Ontogenesis. Als eine Thatsache stellte man die rudimentären Organe hin, ohne den Widerspruch mit der übrigen Lehre zu beachten. Da diese Organe jedenfalls etwas Ueberflüssigcs sind, so ist in der Entwicklungslehre ihr bleibender Charakter unerklär- bar; eine fortdauernde Rückbildung ist aber nirgends nachgewiesen, überhaupt nicht nachweisbar, wenn sie in unendlich kleinen Stadien vor sich gehend zu denken ist. Eine zweite Thatsache hat man in der Aehnlich- kcit verschiedenartiger Embryonen auf einzelnen Entwicklungsstufen gefunden. Diese Ähnlichkeit soll aus der Phylogenesis stammen, da das Individuum den Weg, den die Gattung zurückgelegt, selbst wieder in rascherem Gange zurücklegen müsse. Damit wären die Uebergangsstiifcn in der Phylogenesis erwiesen. Warum dies aber der Fall ist, warum eine spätere Entwicklungsstufe ihre einzelnen Glieder der Vergangenheit angehörende Stadien immer wieder durchmachen, also Vergangenes und längst Abgethanes immer wieder rcpristi- niren läßt, das ist im Hückelismus am wenigsten einzusehen, es müßte denn sein, daß die Entwicklung selbst stets darauf bedacht war, die Beweise für sich aufzubewahren. Daß sie das nur. durch einen Widerspruch konnte, indem das Seiende das nicht mehr Seins- bercchtigte, dessen Bedingungen eigentlich nicht mehr vorhanden sind, immer wieder zum Sein bringt, das kann dieser Entwicklung um so weniger zugerechnet werden, als es ja auch ihren Anhängern verborgen bleibt. — Werden vollends diese Ähnlichkeiten als bleibend genommen, dann widersprechen sie dem Charakter des ganzen Systems, sind also in demselben unbegreiflich als eine Laune der allgemeinen Entwicklung. Als sich ändernd können sie nicht nachgewiesen werden; und konnten sie dies, dann wären sie eigentlich wegen ihrer fortschreitenden Veränderungen keine wahren Ähnlichkeiten mehr — streng nach dem System können sie es in der That nicht sein —, könnten also nicht mehr zum Beweise deS Systems benutzt werden. Zum Schlüsse muß ich noch auf einen Punkt verweisen, den man gemeiniglich übersieht. Nimmt man im vollen Ernst eine stetige allgemeine Entwicklung an, dann stehen weder die Gesetze der Natur, noch die der Logik fest. Dann gibt es nur Thatsachen. Diese können wir aber ohne feste logische Gesetze nicht feststellen. Damit sind alle wissenschaftlichen Systeme, also auch der Hückelismus als System, zu Ende. Zur Chronologie des heiligen Willibald. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönfeld. In den Beilagen der Angsburger Postzeitung 1893 Nr. 49—52 veröffentlichte Herr S. „Bruchstücke aus der 61ironolotz'ia. ^Villibaläina zur Geschichte des 8. Jahrhunderts", deren Endresultate sich in die Worte zusammenfassen lassen: Der hl. Willibald, Eichstütts erster Bischof, wurde am 20. Oktober 743 zu Sülzenbrücke in Thüringen vom hl. Bonifatius in die bischöfliche Würde eingesetzt, nachdem er am 22. Juli 742 zum Priester geweiht worden war. Nach 36jähriger Amtsführung schied Willibald am 7. Juli 779 aus diesem Leben. Diese Ausführungen fordern die Kritik heraus. Um für die willibaldinische Chronologie einen festen Boden zu gewinnen, müssen wir uns nach einem Dokumente umsehen, das unbestrittene Geltung hat. Als ein solches erweisen sich, wie schon der gelehrte Benediktiner Joh. Mabillon (Tlcsta, Vanotornin orä. s. Lonacl. IV, 354, Venedigeransgabe 1734) betonte, die Akten des ersten deutschen Nationalconcils, gemeiniglich Oonoilium Oor- raanionm genannt. Es erhebt sich vor allem die Frage: In welchem Jahre wurde dieses Nationalconcil abgehalten ? Hcrgenröther (Handbuch der allstem. Kirchengesch. I, 3, 682) verlegt dasselbe auf den 21. April 741, Hefele dagegen (Conciliengeschichte III, 2 , 498) in das nächstfolgende Jahr 742, während Will (Regelten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöse I, 8 Nr. 42) sich für das Jahr 743 entscheidet. Nach der neuesten Publication der bonifatianischen Briefe, welche Ernst Dümm- ler für das große Sammelwerk LlonumLuta, Oarraanias (Ljiistolas üörorvinAioi eb Larolini usvi tom. I x§. 215—433) besorgt hat, erachten wir es nicht für 131 geboten, auf die Streitschriften näher einzugehen, welche Jaffa, Hahn, Oelsner, Dünzelmann und Loofs über die Aufeinanderfolge der Briefe des Apostels der Deutschen und die Zeit der von ihm gehaltenen Synoden gewechselt haben (Vgl. Will, Negestcn p. VIII, Forschungen zur Deutschen Geschichte Bd. X, XIII, XV), sondern wir nehmen die Resultate der historischen Forschung, um sie für unseren Gegenstand zu verwerthen. Der Eingang zu den Statuten des ersten dcutskben Nationalconcils (21. 6-. Lpx. I, 310; 1,6^. I, 16) lautet nun folgendermaßen: In ruzurms Ilomini ncwtri flesu Oliristi. Larlinannua, äux ot xrinasxs i^raiieoruw, anno all ineurnations Oflristi ss^tin- Asntesiino czuLäruASLimo seounäo, XI Xa- Isnäas 21aias, sum oonsilio servorum Oei et opti- matum msorum sxisooxos, c^ui in rsgiw ineo surrt, euru xweslriteris ab eouoiliurrr et, L^aoäuin xro tewxore Olrristi eonAre^avi iü est Louitatium areliiepissopuiu et Lni^llaräum et XsAentriäuin st 2Vintuuuin et IVilZaläuru et Oackauum st L Zäunn in vnm zrresllitsris eoruin: nt midi con- siliuin Zsäissent, Hnomoäo Isx Ost st eoelssiastica. relsgio rsenpsretnr, c^uae in äiedus xraeteritoruru xrineixnin äissixata, eorruit et ^ualiter xoxulus edristiunns nä sulutern nniinus xervenirs xossit et xer lalsos saeerästes äeeextus noo xsreat." Nach dieser bestimmten Angabe wurde das erste deutsche Naiionalconcil am 21. April 742 gehalten, und zwar nach Binterim's Vermuthung in Frankfurt a. M. Neben dem Erzbischofe Bouisatius werden als Theil- uehmer unter anderen aufgeführt die Bischöfe Burghard von Würzburg, Negenfrid von Köln, Winta (Witta, Weiß) von Bnraburg und Wilbald. Ist nun dieser letztere identisch mit dem ersten Bischöfe von Eichstätt, welcher gewöhnlich Willibald genannt wird? Einstimmig erklären sich Dümmler (I. v. I, 310 Nr. 4), Hefcle (I. o. III, 499), Ncttberg (Kirchengesch. Deutschlands II, 390), Lefflad (Negcsten der Bischöfe von Eichstätt Nr. 1) für die Identität. Denn wo sollte Wilbald im Umfange der Herrschaft Karlmanns Bischof gewesen sein, wenn nicht in Eichstätt? wie auch der erste Biograph des hl. BonifatiuZ l) angibt. Nach allen zeitgenössischen Nachrichten ist Bischof Wilbald, welcher an der Synode von 742 theilgenommen hat, derselbe, welcher sich 762 bei Abschließung des ersten Todtenbundes im fränkischen Reiche zu Attigny als „Bischof vom Kloster Eichstätt, sxisooxus äs ruouasterio ^.ielistaäi" (Oelsner, König Pippin S. 476) unterzeichnet hat. Wenn aber Willibald von Eichstätt am 21. April 742 schon als Bischof auftritt, ist es dann historisch und kanonistisch zulässig, daß er erst am 20. Oktober des darauffolgenden Jahres 743 zum Bischöfe consecrirt worden sei? Selbst wenn man mit Will das Ooir- *) IVillidaläi vita 8. Lonikatii: Lt ünos dcmao inclnstrias viros aä orcliueill oxiscoiiatus prowovit, 'VVillibaldum et Lurcbaränm cisguo in iiitlwis orieutatinM Lraucborum xarti- bu8 et Laioarioium tsriniuis aocclssias sibi cowwissas im- xsitisiiäo äistriduit. Lt IVillidoläo suas guberuotionis xui- roebiLiv cvumrvnäavit in ivco ening voeobntnin est Lidstat, kuieddaräo vero in toco gui voeatur IVirradurob lliZnitalis otLeiuin äsIö^Lvit. Ll. 6. H. 348. Zum Jahre 746 haben die fuldaischcn Annalen Enhards den Eintrag: Lonikacias asns enin anetoritatv seäis axostolicas, annuente Lartowanuo, ünas seäes exiscoxales constitnit, nnam in Castro IViiÄbnrg', nbi Lnrcbartnm cotlegam snnm orclinavit; alteram in loco gni vocatnr Liedstat, cni IVitlidaliius eviscovus oräinatns est. Ll. «. I, 346. eiliuiu Oerwanisurn auf das Jahr 743 verlegen wollte, was ist damit für unsere Frage gewonnen? Der 21. April 743 geht immer dem 20. Oktober 743 voraus. Herr S. verweist uns auf die Aufzeichnungen der Nonne von Heidcnhcim am Hahncnkamm, welche von dem hl. Willibald originale Nachrichten erhalten und theilweise nur dessen Diktat niedergeschrieben hat. Bei aller Wertschätzung der Nachrichten, welche diese ungenannte Klosterfrau der Nachwelt überliefert hat, können wir uns doch nicht dazu verstehen, auf Einen Satz dieser Nonne hin, der zudem verschiedener Auslegung fähig ist, die willibaldinische Zeitrechnung, nach öffentlichen Urkunden gesichert, als falsch zu erklären. Nach Holder-Eggcr, welcher das Hodoeporikon des hl. Willibald nach den ältesten und sichersten Handschriften neu herausgegeben hat (21. (1. L8. XV, 1, 86—106) schrieb die angelsächsische Nonne, welche sich selbst als eine der zuletzt Angekommenen bezeichnet, sicher erst nach Wynuebald's Tod, 19. Dez. 761, nach dem 23. Juni 778 die Angaben ihres Berichterstatters nieder; bei aller Treue und Gewissenhaftigkeit in den Aufzeichnungen gebricht es doch nicht an Fehlern und chronologischen Unebenheiten; waren ja doch seit Willibalds Pilgerreise über 50 Jahre verflossen. Lauschen wir nun den Worten unseres ersten Bischofes, wie sie die Nonne wiedergegeben hat. Im Sommer des Jahres 721 verließ der hl. Willibald in Begleitung seines Vaters, dem eine spätere Tradition den Namen Richard beilegt, und seines Bruders Wynne- bald die angelsächsische Hcimath, um sie nie wieder zu schauen. Nachdem der Vater in Lucca eine Beute des Todes geworden war, erblickten die beiden Bruder im Herbste des genannten Jahres mit Dank gegen Gott die Basilika des hl. Petrus. Vom 11. November 721 bis zum übernächsten Osterfeste, 28. März 723, verblieben sie in Nom, vielfach durch Fieber an das Krankenlager gefesselt. Nach Ostern 723 trat Willibald mit 2 Gefährten die Reise nach Palästina an, überwinterte in Patara und zog am 11. November 724 in Jerusalem ein. Die hl. Stätten besuchend, verweilte er 3 Jahre im gelobten Lande; am 30. November 727 fuhr er von TyruS ab und kam gegen April (eine Woche vor Ostern) in Konstantinopel an; daselbst verblieb er zwei Jahre (727—729). Dann trat er mit päpstlichen und kaiserlichen Gesandten die Rückreise nach Italien an und stieg im Herbste 729 hinauf nach Monte Cassino, der Wiege des Benediktinerordcns. Hier nun wirft die Nonne einen Blick rückwärts und zählt die Jahre der Pilgerreise, aber auch die Jahre seit der Abfahrt von England zusammen, indem sie sagt: Illuä ernt autumuus, guruiZo veuit act s. Leneäiotum et tuuo Ilieruut 7 auuos, guoä äs Xowa, trausirs eoepit et omuiuru eraut 10 uuuos, czuocl äs surr xatria trausibat. (21. 6-. XV, 1, 102.) Da aber Willibald die Pilgerreise nach dem Orient erst Ostern 723 angetreten hat, so scheint die Nonne die Jahre der Abreise und der Ankunft als voll gezählt zu haben, ebenso scheint sie verfahren zu sein bei der Zählung der Jahre der Abreise von England und der Ankunft in Nom. Auf Monte Cassino fand Willibald nur wenige Mouche unter dem Abte Petronax vor; als Novize war er im ersten Jahre (729 — 730) Sakristan, im zweiten (730 bis 731) Diakon (Aufwärter) im Kloster, 8 Jahre versah er dann daZ Amt eines Portners (731 — 739). 132 Nach Umfluß dieser zehn Jahre zog der Schüler des hl. Benedikt in Begleitung eines spanischen Priesters nach Rom; Papst Gregor III. (731 — 741) ließ den vielgereisten Mönch zu sich rufen und hörte mit regem Interesse dessen Erzählungen über die Pilgerreise im gelobten Lande zu: gnonioäc) septuplurn snnorum eslsulum in oxtsrnis tsrrninsrnni tsllnris prodsiiäo. xroloarst:. Hierauf theilte ihm Gregor III. den Wunsch des hl. Bonifatius mit, daß er in die deutsche Mission sich begebe. Als Willibald vorerst die Erlaubniß seines Abtes sich erbitten wollte, erhielt er vom Inhaber des apostolischen Stuhles den direkten Befehl, dem hl. Bonifatius nach Deutschland zu folgen. Am 30. November 789 war Willibald nach Rom gekommen, gegen Ostern, 24. April, 740 verließ er die ewige Stadt. (I?ost lisss tnns tiiiitis ornonlornin Isdnlis psi'Asdst inäs VVillilisläus in xssslrs, gni illis vsnislzsb in nstsli 3 . ^näress.) In Luca besuchte er das Grab seines Vaters, zog über Pavia, Brescia, nach dem Gardnsee, überstieg die Alpen und eilte an den Hof des bayerischen Herzogs Odilo, wo er sich eine Woche aufhielt. Dann zog er zu Suidger und blieb gleichfalls eine Woche bei ihm. Hierauf ging er nach Linthard zum hl. Bonifatius. Dieser schickte ihn und Suidger uach Eihstat, um zu sehen, wie ihm die Gegend gefiele. Suidger hatte nämlich diese Gegend dem Bouifatius geschenkt und letzterer übergab sie unserm Bischof Willibald. Jene Gegend lag ganz verwüstet, mit Ausnahme eines Marienkirchleins befand sich dort kein HauS. Daselbst blieben Suidger und Willibald einige Zeit, einen geeigneten Wohnplatz aussuchend: Onrngus idi lusnsdsirt äuos sinrnl all Lidstst aligusutnlriui töinp>ori 8 inäutium IVillidsläus stgrrs Luiä^srius slinsiiicius ibiäsrn Irsditstionis losuin sxxlorsnäc) slsxsdsnt st xostss itsrnrn psr^sdsiit sä s-Louskstinm sä I?ri 8 ingurn^) st idi ersnt snm illo usgus äum ornnss kiiunl iterunr vsnisdsnt sä üilrstst. Dann kehrten sie wieder zum hl. Bonifatius nach Freising zurück und verblieben daselbst, bis sie Alle wieder nach Eichstätt ihre Schritte lenkten. Dort weihte Bouifatius den hl. Willibald zum Priester am Feste der hl. Maria Magdalena 22. Juli 740. Der Aunnoustempel in Karnak (Theben). (Fortsetzung.) Nun betreten wir den großen (48 X 103 in) hyp- äthralen Vorhof. Rechts und links sind die Säulengänge noch vorhanden; 18 Säulen standen auf jeder Seite; die linke Reihe steckt bis zu den Kapitälen im Schütte. In diesen Hof ließ Seti II. eine Kapelle, Ramses III. aber einen regelrechten Tempel einbauen. Letzterer ragt weit über die Südmauer hinaus, verschwindet aber gegenüber den gewaltigen Dimensionen des Hofes und des Heiligthums. In der Mitte des Hofes war ehedem die Prozcssions- straße durch eine Doppelreihe von 21 ru hohen Säulen bezeichnet. Nur eine einzige hat mit ihrem Abakus die Stürme der Zeiten überdauert und schaut sich mit ihrem 2) S. verlegt Linthard nach Oberfranken oder Thüringen; aber diese Stelle scheint mir dafür zu sprechen, daß Willibald den hl. Bonifatius schon das crste Mal in der Nähe von Frcising getroffen habe; daher haben die Herausgeber des Hodoeporikons an Linthard bei Mallerödorf gedacht; Stamminger (§rano. s. I, 473) sagt, Linthard sei ein Ort, der heute nicht mehr bestimmbar sei. schönen Glockenkapitäl ganz betrübt in dem weiten leeren Hofe nach ihren längst verschwundenen Genossinnen um. Den Ausgang aus diesem Hofe und den Eingang zu dem nächsten Saale vermittelt ein 2. Pylon; derselbe ist von unten bis oben, innen und außen mit Sculpturen (Gott Ammon und Pharao) und Inschriften bedeckt. Der folgende Saal ist ein Wunderbau. Auf einer Fläche von 5000 djllr sind 134 Säulen vertheilt, um auf riesigen Architraven noch gewaltigere Deckenplatten zu tragen. Die mittlere Doppelreihe (12 Säulen) ist als Fortsetzung der Processionsstraße höher als die übrigen Säulen. Während diese bei einem Umfang von 8 in 13 in hoch sind, haben jene einen Umfang von 10 in und eine Höhe von 21 in. Die Kapitüle der Processionsstraße haben Glocken-, die übrigen Papyrosknospenform. Säulen, Abakus, Architrave und Wände, alles ist mit Bildern und Inschriften bedeckt, wozu die Namen der königlichen Bauherren, deren Widmung an Ammon und dessen Scgens- sprüche den Hauptstoff liefern. Einzelne dieser Säulen sind zusammengestürzt, die meisten oder besser gesagt fast alle stehen noch; eine Säule lehnt mit einem Architrav- stück am Abakus ihrer Nachbarin, man glaubt jeden Augenblick, der Architrav werde herabfallen und die Säule zusammenbrechen; — ich kam nach 14 Tagen wieder und noch immer lehnte sie müde an der Schulter ihrer Freundin, und so wird es wohl noch lange bleiben; denn die Aegypter haben so gut gebaut, daß die Zerstörung fast ebensoviel Arbeit als das Aufbauen kostet. Wenn man vom Eingang dieses Saales aus, also vom Thorweg des 2. Pylons aus, durch diesen steinernen Wald riesiger Papyrosknospen und Glockenblumen schaut, so genießt man einen unbeschreiblich schönen Anblick. Neben diesen hochragenden Säulenschäften ist man so klein, und wenn man erst die Namen der Erbauer Seti I. und Ramses II. an den Säulen und Architraven liest und die Jahrhunderte und Jahrtausende, die seitdem durch die Welt gegangen sind, im Stillen überschlägt und zu berechnen sucht, wie viele Jahrhunderte noch vergehen werden, bis die letzte in den Staub sinkt, so wird die Seele von der Majestät des Gedankens an die Ewigkeit durchschauert. Als die Tochter Ramses' II. den kleinen Moses im Nilröhricht fand, wurde an dieser Halle gebaut und standen schon die meisten Säulen; als der Pharao des Auszugs mit seinem Heere im Schilfmecre umkam, da war sie längst vollendet und ausgeschmückt; als sich ein Altar Jehovahs in Aegypten erhob (in Leontopolis) und wieder zerstört wurde, da stand sie noch in vollem Glänze; als Gott seinen Sohn aus Aegypten rief, wiederhallte sie noch von den Gesängen der Priester und Weihrauchwolken verhüllten die Kapitäle; als der Herr von Aegypten erkannt wurde (Jes. 19, 21), als Klöster und Lauren entstanden, als im Tempel von Luxor und Medinet Habu das unblutige Opfer des neuen Bundes gefeiert wurde, hatte sie noch nicht gealtert; als das Schisma das Glaubensleben erstarren machte und der Islam es ertödtete, da mag die erste Säule geborsten sein; als Champollion die Hieroglyphen entzifferte, verriethen sie ihm ihr Jahrtausende bewahrtes Geheimniß, und jetzt stehen noch die meisten, ja fast alle in voller Kraft, und es wird noch Jahrhunderte und Jahrtausende dauern, bis die Zeit den Sieg über dieses Bauwerk davonträgt, und wer weiß, ob diese Halle nicht noch Zeuge sein wird der Erfüllung der Prophetenworte über Aegypten (Jes. 19, 24 u. 25)! — 133 Noch schöner aber ist diese Säulenhalle am Abend, wenn der Mond durch die Fensterlücken scheint, wenn die Säulen Schlagschatten werfen und wenn Bild und Inschrift, Schaft und Kapitäl in magisches Licht getaucht sind, wenn die schlanken Obelisken freundlich herein- grüßen und der düstere Pylon sich trotzig in tiefes Dunkel hüllt: da ist es, als ob die ernsten Säulen müde wären die Quadern der Decke zu tragen, als ob sie die lang bewahrten Inschriften abschütteln und nach langer Arbeit gleich vielen ihrer Gefährtinnen sich zur Ruhe legen wollten. Wenn eine Mondnacht einen Dichter zu einem Liede begeistern kann, dann ist es eine Mondnacht in diesem Säulenwald; das Lied aber müßte hier zum Epos werden. — Es folgt ein mit Steintrümmern angefüllter Mittelhof. 2 Obelisken und 2 Kolosse schmückten ihn einstens, je ein Pylon bildete den Eingang und den Ausgang; alles ist jetzt zerfallen, nur eine aus rothem Granit gehauene Spitzsäule aus der Zeit Thutmosis' I. (15. Jahrh, v. Chr.) steht noch fast unversehrt da, schöne Hieroglyphen- zeichen der alten Zeit bedecken deren Seiten. Dieser 23 m hohe Obelisk verlor seinen Genossen erst im vorigen Jahrhundert. Wir bahnen uns einen Weg durch die Steintrümmer und finden im nächsten Raume in unversehrter Schönheit den zweitgrößten aller bekannten Obelisken (der größte steht vor dem Lateran in Rom); er wurde von der Königin Hatasu, jener Bilkis Aegyptens, im 15. Jahrhundert vor Christus errichtet. Seine Maße sind: 29 irr Höhe, 130 clim Inhalt, 374,000 k§r Gewicht. In der herrlich gemeißelten Inschrift heißt es: die Königin habe ihn mit sinn d. i. Elektrum (Silbergold) auslegen lassen, damit er leuchte gleich der Sonuenscheibe über die beiden Lande. Das Elektrum ist verschwunden, aber noch immer bietet er einen herrlichen Anblick, mag er im Sonnenlichte glänzen, oder vom Mondlicht um- flossen sein. Noch ein paar Gemächer und wir sind bis zum heiligsten Raume vorgedrungen. Vor dem Sekos oder Adyton erheben sich ganz frei zwei glattpolirte Granitpfeiler; jeder hat in Neliefdarstellnng je eine große Glockenblume zwischen zwei kleinern in meisterhafter Ausführung. Der Sekos ist wie gewöhnlich nicht groß, ein Rechteck aus Noscugranit. Er ist, wie bereits bemerkt, nach vorne und rückwärts geöffnet. Im Innern ist an den Seitenwänden Ammon als Ammon Generator und als ^.mrrron-i-g, srrberi untern (König der Götter) dargestellt, wie er die Huldigung des Königs in Empfang nimmt. Diese Doppelauffassnug des hier verehrten Gottes ist eine Anomalie wie die Doppelgestalt des Tempels und scheint eines das andere bedingt zu haben. Ammon war ursprünglich als Ammon Generator (mit Chonsu und Muth) Lokalgvtt von Theben. Als die Priesterschaft von Theben so großen politischen Einfluß erhielt, daß schließlich die Könige in Theben residirten und von ihnen ganz abhängig waren, suchte sie auch die geistliche Hegemonie zu erwerben und wurde Ammon mit dem Gotte Na von Heliopolis identisizirt und dann als oberster Gott und als Inbegriff der Gottheit proklamirt und heißt seitdem immer: ^mirrou-ra, König der Götter; diese Emancipation wurde durch den Namen Ammons — der Verborgene begünstigt. Um nun die übrigen Lokalgötter mit ihren Attributen, Titeln, Sagen, Mysterien rc. in dieses System zu pressen, wurde nach Kräften allegorifirt — Philo's Vorgänger sind sehr alt. An Stelle des einfachen Sonnendienstes trat eine höchst complicirte Theologie, deren Kern die pantheistische Lehre bildete, daß die Welt von einem in der Sonne verborgenen (Ammon-Ra) ge- heimnißvollen Geiste regiert werde. Die weiteren philosophischen Details dieser Theorie (z. B. Seelenwanderung) übergehe ich und erinnere nur, daß Pythagoras seine Lehre von den Aegyptern entlehnt hat. Doch politische und geistliche Hegemonie dauerten nicht zu lange; schon unter Namses II. minderte sich der Einfluß der „Brüderschaft Thebens", und schließlich mußte die Priesterschaft (unter den syrischen Königen) auswandern bis Gebel Barkal jenseits des 2. Katarakts; in geistlicher Hinsicht folgte die Reaktion unter Amenophis IV., welcher die mystische Bedeutung Ammons verwarf und den Sonnen- dienst wiederherstellte, er änderte seinen Namen in 6irrr an atsir — »Glanz der Sonnenscheibe" um und setzte dem pantheistischen Ammon die materielle Sonuenscheibe als Gottheit gegenüber. Es ließe sich hier noch vieles sagen über die „Brüderschaft Ammons", jene älteste Freimaurerei, über ihre Grade rc.; aber es gibt noch vieles zu sehen im Heiligthum zu Karnak. An der Außenseite des Adytons ist dargestellt unter Anderm, wie der Pharao von That und Horns mit hl. Wasser gereinigt, hierauf gekrönt und dann vor Ammon (dessen Emblem die Federkrone ist) geführt wird, der ihn segnet. Darunter die Procession der hl. Barke. An Festtagen wurde nämlich das Götzenbild in einem kleinen Tempelchen (Naos) auf eine goldene Barke gestellt und auf den Schultern der Priester in Procession nach dem hl. See im Südosten des Tempels getragen. Au den Wänden des Corridors, welche mit denen des Sanctuariums parallel laufen, hat Thutmosis III. seine Feldzüge aufgezeichnet. Dieselben erstreckten sich auf Syrien und Mesopotamien (Nuten und Naharin). Hinter dem Heiligthum (Adyton) liegt, wie bereits erwähnt, ein zweiter Tempel, dessen Grundriß noch leicht erkennbar ist; guterhalten aber ist nur der große Pfeilersaal Thutmesis' III. Derselbe ist 44 irr breit und 16 m tief; 20 Säulen in 2 Reihen tragen mit 32 quadratischen Pfeilern die Decke. Die Säulen haben hier „umgestürzte Kelchkapitäle", welche Form sonst nirgends mehr nachweisbar ist. Geht man gleich von der ersten Säulenreihe dieser Halle nach Süden, also nach rechts, so trifft man eine lauge Reihe von Kammern, welche zu dem Tempel gehörten. Der westlichsten Kammer gegenüber fehlt in der Corridormauer ein größeres Stück. Dort stand ehemals die „Königsrcihe von Karnak", welche sammt den Listen Manetho's, den Königsreihcn von Abydos und Sakkarah, ferner dem Turiner Königspapyrus so ziemlich unser ganzes Quellenmaterial betreffs der Chronologie der Dynastien ausmacht. Diese Köuigsliste wurde von Burton entdeckt und von Prisse nach Paris gebracht; sie schließt mit Thutmosis III. und enthält 62 Königsschilder. Hinter der Pfeilerhalle sind noch einige Gemächer, welche mehr oder minder gut erhalten sind, darauf die ganz zerfallene Karyatidenhalle Namses' II. und wir stehen am Ende des Tempels. Außerhalb noch die Ruinen eines Tempels Ramses' II. und noch weiter östlich der Pylon des Nektancbos. Von diesem östlichen Pylon bis zum 1. Pylon des Tempels ist eine Entfernung von nahezu */z Kilometer. Die Frage, wann dieses Nationalheiligthum erbaut 134 wurde, läßt sich in dieser Allgemeinheit nicht beantworten. Schon unter der 12. Dynastie stand hier ein wenn auch kleines Heiligthum, und von Uscrtcsen I. (ca. 2300 v. Chr.) bis in die Ptolcmüerzeit haben zahlreiche Könige dasselbe geschmückt, vergrößert und restaurirt; der Löwenantheil an dem Ruhme, dieses Werk geschaffen zu haben, gebührt den Pharaonen der 18. (Thntmose) und 19. (Namesidcu) Dynastie. Die nördlichen Trümmer zahlreicher Tempel lassen wir bei Seite und wenden uns dem heiligen See an der Südseite zu. Er ist heute noch vorhanden, sein Wasser aber ist salzig geworden. Sein Decken bildet ein Rechteck. Auf ihm wurde einst die heilige Barke mit dem Götzenbilde gerudert unter den Gesängen der Eingeweihten, während die Nichtwissenden im peristylen Hofe warteten. Westlich vom See erweitert sich die Tempclanlage nach Süden durch ein System von (4) Pylonen, welche mit einander durch Mauern verbunden sind; an den letzten (südlichsten) Pylon schließt sich eine Sphynxallee an, welche zu dem hübsch gelegenen, aber bis auf die Grundmauern zerstörten Tempel der Muth, des weiblichen Principes der thebanischen Trias, führt. Es war dieses ebenfalls eine Proccssionsstraße. Ein heiliger See umschließt hufeisenförmig dieses Heiligthum von 3 Seiten. Sein Wasser ist süß, und man kann fast immer wasserschöpfende Fcllachinen an seinem Ufer sehen und beobachten, wie sie die schweren, Ballas genannten Thonkrüge sowohl leer als gefüllt mit stauuenswerther Geschicklichkeit auf dem Kopfe tragen. Trümmer von 3 kleinen Tempeln liegen in nächster Nähe. Von deui Sanctuarinm der Muth führte eine weitere Sphynxallee nach Süden, wo sie fast im rechten Winkel auf die von Luxor kommende Reihe stieß, jetzt ist nur wenig mehr sichtbar. Die Sphyuxstraße von Luxor setzte sich fort bis zum Tempel des Chonsu, des dritten Principes der Trias. Von dem letzten Theil derselben ist noch sehr viel, allerdings verstümmelt, erhalten. Vor dem eigentlichen Pylon des Chonsnheiligthums erhebt sich ein Propylon aus Ptolemäischer Zeit, welcher ganz die Form des Siegesthores in München oder des aro äo triomxlro in Paris rc. hat, nur ist er schlanker, höher und voll Skulpturen und Inschriften. Hinter diesem Propylon erweitert sich die Sphynxallee um das Doppelte und endet vor dem Pylone. Der schöne Chonsutempel ist ausgezeichnet erhalten und verdient seiner edlen Formen wegen einen mehrmaligen, aufmerksamen Besuch. Selbst wenn man kurz zuvor den Wundersaal des großen Tempels gesehen hat, macht er immer noch Eindruck; wenn man aber das große Trümmerfeld passirt hat, welches diesen Tempel umgibt, dann ruht hier Auge und Geist aus, da es hier nichts zu reconstruiren gibt, und weidet sich an den alten Knnstformcn aus der Zeit Namses' III. Wenn am Abend der Mond seinen Tempel und die Bilder seiner Personifikation (Chonsu ist der ägyptische Mondgott) mit seinem magischen Lichte übergießt, dann ist es, als ob die Säulen sich enger aneinander schließen würden, gleich als ob sie sich etwas von Einst und Jetzt zuzuflüstern hätten, dann ist es eine Lust zu wandeln durch die schönen Säle und zu sinnen, dann ist es so traulich und heimisch in diesen Räumen, es ist wie ein Idyll. Nebenan ist ein kleiner Tempel der Göttin Apet, welche bei schweren Geburten angerufen wurde. In diesem Gebäude wohnte während seines Aufenthaltes in Karnak der Entdecker des Schlüssels zum Verständniß der Hieroglyphen, Champollion Is jeuuo. Vom Chonsutempel ist noch besonders zu erwähnen, daß er uns das einzige bisher bekannt gewordene Bild der Beschneidung eines Aegypters überliefert hat. Die Thatsache dieser Sitte war durch Herodot 2,104, Horapollo, Joseph FlaviuS, Clemens von Alexandrien, sowie durch Untersuchung von Mumien bekannt; hier aber haben wir die urschriftliche Bestätigung. (Schluß folgt.) Die Bücherschcitze Deutschlands. ----- Das neueste „Adreßbuch der deutschen Bibliotheken" ist werth, daß es von Jedem, der über die Entwickelung der Wissenschaft sich eine bestimmtere Vorstellung bilden möchte, angeschafft werde. Dieses Buch zählt im Ganzen 1609 Bibliotheken auf, darunter 130 öffentliche, mit einem Bestände von 27 Millionen 91,288 Druckbäudcn und 240,416 handschriftlichen Büchern. Für die Vermehrung dieser Bibliotheken werden jährlich etwa 2 Millionen 323,101 Mark ausgegeben. Unter den öffentlichen Bibliotheken gibt es 59 staatliche, 53 städtische, 18 gestiftete oder provinziale mit nahezu 15 Millionen Denckbänden und 200,000 handschriftlichen Büchern. Für die Vermehrung der öffentlichen Bibliotheken wird jährlich ungefähr eine Million Mark verausgabt. Was ist das für die Waffen der Wissenschaft im Verhältniß zu den Ausgaben für die Waffen der Zerstörung im modernen Culturstaat! Ein anderes, jedoch erfreuliches Verhältniß wird von diesem Adreßbuch in Helles Licht gesetzt. Die Aufschlüsse des Adreßbuches der deutschen Bibliotheken sind nämlich eine wissenschaftliche Ehrenerklärung für den Katholicismus. Unter den eigentlich kirchlichen Bibliotheken sind 120 protestantische und 81 katholische. Da die Protestanten etwa noch einmal so viel als die Katholiken, da sie reicher und ihre Geistlichen besser gestellt sind, so müßten sie 160 Bibliotheken haben. Betrachtet man aber den Inhalt der Bibliotheken, so ist das Verhältniß noch vortheilhafter für uns. Die 120 protestantischen Bibliotheken enthalten 436,647 Druckbünde und 1551 Handschriften; die 80 katholischen dagegen 1 Million 19,118 Druckbände und 5559 Handschriften. Und dabei sind die Bibliotheken der in Preußen wieder neu entstandenen Klöster nicht eingerechnet. Noch günstiger gestaltet sich das Verhältniß, wenn man fragt, wo diese Bibliotheken eigentlich hergekommen sind. Für die meisten öffentlichen Bibliotheken kann hier als stehende Formel gelten, was obiges „Adreßbuch" S. 144 von der herzoglichen Bibliothek in Gotha schreibt: „Begründet von Herzog Ernst dem Frommen (1640—1675) mit einem vorzüglichen Stamm seltener alter Drucke und werthvoller Handschriften, zum Theil aus der Kriegsbeute von München, Würzburg, aus mainzischen und andern Klöstern stammend." Raub aus dem 30jährigcn Bruderkrieg! Es gibt sehr wenige größere Bibliotheken, die nicht reich geworden sind durch dieBeute aus den katholischen Klöstern. Zum Beispiel: Die grobherzogliche Landesbibliothek in Karlsruhe nahm für sich die Auswahl aus den Bibliotheken des Hochstiftes Speyer, des Fürstbisthums Konstanz, der Abtei Neichenau 135 (267 handschriftliche Bücher auf Pergament und 164 auf Papier), der Klöster Allerheiligen, Ettenheimmünster, Gengenbach, Krozingen, Lichtenthal, Oehningen, Offen- burg, St. Blasien, St. Georgen, St. Margen, St. Peter, St. Trudpert, Schüttern, Schwarzach, Tennenbach, Won- nenthal. Die Universität Heidelberg bereicherte sich mit 60,000 Bänden anS dem Neichsstifte Salem, mit 870 aus der Abtei Gengenbach und noch mit anderer Klosterbeute. Auch die protestantische Universität Erlangen hat die Bücher katholischer Klöster nicht verschmäht. Die Universitäts-Bibliothek zu Leipzig ging hervor aus den Büchersammlungen des Leipziger Dominikanerklosters, verschlang die Bibliotheken der Franziskaner, Augustiner, und nahm die Drucke und Handschriften der Klöster Altzclle, Buch, Chemnitz, Langensalza, Pcgau, Petersberg, Pirna. Die königl. preußische Bibliothek in Berlin begann 1661 durch Vereinigung einer Schloßbibliothek mit den Schätzen der Klöster und Stifter aus der Mark Brandenburg, dem Magdeburgischen und Wcstphalen. Dazu mußten die Klöster in Schlesien, Provinz Preußen, Posen und Rheinland ihre Bücher hergeben. Die Universitätsbibliothek in Breslau enthält die Bücher von 70 (siebenzig) Klöstern und katholischen Anstalten. Auf diese Art und Weise war es keine Kunst, Bibliotheken anzulegen und die Wissenschaft zu fördern. Die obige Zusammenstellung enthält natürlich blos einige der stärksten Beispiele. Den Katholiken ist von ihren alten Bibliotheken außerhalb Bayerns nur selten etwas geblieben. Was die katholische Kirche dank den Opfern ihrer Mönche und Geistlichen besaß, ist durch die Reformation, Revolution und Säkularisation zum Theil vernichtet worden, zum Theil in die Bibliotheken der Landeshauptstädte und der Universitäten, und auch in protestantische Bibliotheken übergegangen. Die Katholiken haben nach ihrer Beraubung mit Büchersammeln meist wieder von vorn anfangen müssen, und zwar ohne Staatsnnterstützungen, aus eigcuen Mitteln. Besonders haben in Neuschaffung von Bibliotheken sich die bayerischen Klöster ausgezeichnet. Wie Brück in seiner Geschichte der katholischen Kirche des 19. Jahrhunderts berichtet, hat zu Anfang dieses Jahrhunderts in Bayern die Regierung ärger als die wilden Hunnen und die Ungarn gegen die Kirche gehaust. Alles wurde ausgeplündert. Heute zählt das Kloster Metten wieder 60,000 Bände, St. Bonifaz in München 36,000 nebst 150 meist arabischen Handschriften. Schcycrn, Schäftlarn, Weltenburg schließen sich würdig an, sogar die armen Franziskaner in München haben es auf 14,000 und die Minoriten zu Würzburg auf 12,000 Bände gebracht, darunter 220 erste Drucke und 242 Handschriften. Das protestantische Predigerseminar zu Wittenberg, der Wiege des Protestantismus, dagegen, obgleich im Besitze eines Theiles der alten Universitätsbibliothek, zählt nicht über 33,000 Bände, das reiche seit 1544 bestehende Thomasstift in Straßburg nicht über 30,000, die seit 1648 bestehende protestantische „Ministerialbibliothek" in Erfurt nicht über 18,000; das evangelisch-theologische Seminar in Tübingen 25,000 Bände, wogegen das kathol. Wilhelmsstift in Tübingen 40,000 Bände ausweist. Sonst haben die angesehensten Predigerseminare nirgends eine eigentlich bedeutende Bibliothek auszuweisen. Unter den deutschen Staaten hat das katholische kleinere Bayern genau gerade so viel staatliche Bibliotheken als Preußen und fast "/z der darin enthaltenen Bücher. Die katholischen Städte Köln, Aachen, Trier, Mainz, Straßburg, Metz, Colmar, Breslau, Posen u. s. w. stehen mit ihren Städtebiblio- theken glanzvoll in der ersten Reihe. Der katholische Adel darf sich mit seinen Familienbibliotheken, waS Umfang und Werth anbelangt, kühn mit dem protestantischen messen. Bemerkt sei noch, daß auch die Jesuitenbibliotheken eine bedeutende Rolle spielen. So kam 1632 die Jesuitenbibliothek in Fulda als Kriegsbeute nach Kassel. Zu manchen bedeutenden öffentlichen und vielen Gymnasialbibliotheken haben die Büchersammlungen der Jesuiten den Grundstock abgegeben. Wie Vieles und wie Kostbares bei diesen Plünderungen der alten katholischen Klöster und Stifter zu Grunde gegangen ist, läßt sich nicht beschreiben. Was laut dem „Adreßbuchs" noch vorhanden ist, kann aber schon genügen. Die alten katholtschenMöncheund Geistlichen haben zahllose Bücher abgeschrieben, verfaßt, gedruckt, gekauft und gesammelt, und so unschätzbare Denkmäler christlicher Wissenschaft zu Stande gebracht. Die leiblichen und geistigen Nachkommen der Plünderer jedoch schmähen und verleumden im Besitze und Genusse des Raubes die alten Erwerbcr und Eigenthümer. Mit stolzer Miene beschränken sie sich auf das „Ein- und Ausathmen der mentalen Vocale und Konsonanten" und erklären in gelehrtem Tone, das Christenthum könne nicht „Adjectiv der Wissenschaft" werden. Recensionen und Notizen. Emil (E.), Erinnerungen eines alten Prägers. Gbettogcschjchten aus vergangenen Tagen. Leipzig, Malende. 1893. 6°. 251 S. Ein „schlechtes" Buch; wenn auch frei von jeglicher Pikantcric eines Sachcr-Mascch, so doch „schlecht" wegen des in seiner „Gänze", wie der Verfasser zu reden beliebt, trivialen Stiles und unordentlichen Deutsches, vor allem aber wegen der Gehässigkeit, mit der der Verfasser, ein Vollblut-Ghcttojude, Christenthum und katholische Kirche anschaut. Das Letztere tritt besonders unverhüllt in die Erscheinung in der ersten Geschichte von der „Gräfin Nochile". Neben ziemlich viel Gift für den Adel wird da der ganze schäbige Apparat liberaler Colportagc- roinauc — die stereotype Schauergeschichte aus einem Kloster, der „Jünger LoyolaS" bezw. abgefeimte Beichtvater gegenüber einem „wahren, ächten Priester" nach dem Herzen Bcrthold Auerbachs — auf die Scene gebracht, und zwar möglichst plump und langweilig, allerdings deshalb auch am ungefährlichsten. Wir legen das Buch mit Befriedigung aus der Hand! F. Lindner, Erläuterungen zur bayer. Gemeinde- ordnung für die Landestheile diesseits des Rbeines. Gesetz vom 29. April 1869 und 19. Januar 1872. Nebst einem Anhange und ausführlichem Register. 2. voll. umgearbeitete und weseutl. vermehrte Anst. mit herausgegeben von Dr. Thomas von Hauck. München, I. Sckweitzers Verlag (Jos. Eichbichler) 1894. — Preis des vollsläud. Werkes 6,50 M. — gebunden 7,50 M. IV. Mit der jüngst ausgegebenen IV. bis VI. Lieferung liegt nunmehr die Linoner'sche Gcmeindcordnung für das rcchts- rhein. Bayern abgeschlossen vor. Was die erste Lieferung versprochen, ist bis zum Schlüsse voll. erfüllt worden. Die Erläu- rcrnngcn sind so ganz und im vollsten Sinne ein Handbuch der Praxis, das dem nichtjuristischen Gemeindebcamlcn und Ge- nieiudevcrtreter, dem Bürger, der sich um Ausgaben, Rechte und Pflichten der Gemeinde und Gemeiudcangehvrigen intcrcssirt, dieselben guten Dienste bietet, wie dem juristisch gebildeten Ver- waltungSbcamten. Jeder wird rasch und leicht in knappen, kurzen Ausführungen und doch in erschöpfender Klarheit Antwort auf 136 die Fragen finden, die ihn eben beschäftigen. Und in dieser raschen und leichten Ausschlußgewährung liegt eben der besondere Vorzug des BucheS; denn im heutigen Dränge der Arbeit werden Wenige, innerhalb wie außerhalb der Amtsstube, in der Lage sein, einer auftauchenden, sofortige Entscheidung und schnellen Entschluß heischenden Frage ein Studium eingehender wissenschaftlicher Erörterungen widmen zu können. Die Benützung des Werkes fördert ungcmein ein vorzüglich gearbeitetes, ausführliches Inhaltsverzeichnis;, das auch dem weniger durch Belesen- hcit Geübten ermöglicht, ohne Zeitverlust zu finden was er sucht, und ein reichhaltiger Anhang von Auszügen einschlägiger Gesetze, von Verordnungen, VollzugSbestimmungen und Normativen erspart eine umfängliche Bibliothek und daS mühsame, ausbauende Zusammentragen viel zerstreuten Materielles. In Anbetracht des Gebotenen und der schönen, soliden Ausstattung ist der Preis als ein sehr mäßiger zu bezeichnen. Schließlich kommen wir auf unsere Besprechung der ersten Lieferung zurück, indem wir das Werk insbesondere den hochw. Pfarrvorständcn und den jüngeren, sich auf den Pfarr- und Predigt- a'mtsconcurs vorbereitenden geistlichen Herren nochmals angelegentlichst empfehlen. „Haideblüthen" und „Haibemyrten" von Hildrich Burgvogt. Da mit dem Wiederbeginn der guten Jahreszeit nicht nur die profane Reiselust wieder zu erwachen anhebt, sondern auch die Pilgerzüge und Wallfahrten zu den beliebten Gnadenorten wieder ihren Ansang nehmen, glauben wir eine uns von Vielen gedankte Pflicht zu erfüllen, wenn wir auf zwei unscheinbare, aber innerlich um so wcrthvollcre Büchlein hinweisen, welche unter dem Titel „Haideblüthen" und „Haidemhrten, als Votiv- kränzchcn gewidmet dem Gnadenortc Altötting von Hildrich Burg Vogt, kürzlich dort erschienen sind. Ist es doch eine althergebrachte Sitte, daß jeder andächtige Besucher einer solchen meist aus unvordenklicher Zeit stammenden Gnadcnstätte sich dieses und jenes kleine Andenken mitnimmt. Was liegt aber naher, als daß er die zum Lobpreise der Himmelskönigin aus frommem Priestcrherzcn emporgestiegenen Lieder mit dazu erwählt, in welchen er die ihm nur erst zum Theil bekannten Wunderthaten und Gebctserhörungen der dort so hochverehrten Gottesmutter, sowie auch die an merkwürdigen Schicksalen so reiche Geschichte der geweihten Ocrtlichkeit in köstlichen Versen dargestellt findet, die er auch, heimgekehrt, stets wieder mit Erbauung und gerührten Herzens ihrer schlichten Einfachheit und ihres tief zu Gemüth gehenden Tones willen lesen wird, ! denn mit dem bescheidenen Verfasser sind wir der gleichen An- I ficht, die er in einem die dort vorhandenen Votivgeschenke, soweit sie aus dem Volke herrühren, behandelnden Poem in so flammenden Worten ausgesprochen bat: „Nein, die Kunst ist nicht das Leben, Recht zu leben, nenn' ich Kunst, Gott dem Herrn die Ehr' zu geben In der Zeiten Noth und Gunst. Alle Kunst entbehrt der Sonne, Wenn sie nur den Sinnen frommt, KindeSlallcn wird zur Wonne, Weil'ö aus Gottes Eden kommt. Blendwerk ist all' unser Können, Stammt von Gott nicht Kern und Trüb, Wenn es nicht mit Segen krönen Glauben, Hoffnung und die Lieb'. ! AuS dem Glauben muß es wachsen, Soll es gute Früchte sch'n, Sich, wie Räder um die Achsen, Um die cw'ge Wahrheit dreh'n. Dann wird's nach dem Himmel ringen, Weil es aus dem Himmel stammt, Ew'gen Heiles Früchte bringen, Weil vom heil'gcn Geist entflammt." In der That weiöheitsvolle Worte, die wir Alle beherzigen mögen t M. Gr. Dr. Jnk. Mayer, Die christliche NScese. Ihr Wesen und ihre historische Entfaltung. Mit Approbation des hochw. Herrn Erzb. von Freiburg i. Br., Herder 1894. 8°. IV -s- 48 S. 0.80 M. Es wäre vielleicht der Titel: „Die Entwicklung der mönchischen AScese bis zum 5. Jahrhundert" bezeichnender gewesen für den Inhalt des Büchleins. In dieser Beschränkung deS Thcma's hat der Verfasser eine fleißige, quellenmäßige Arbeit geliefert. Er wird cS ohne Zweifel selbst am lebhaftesten empfunden haben, daß zu einer Geschichte der Auffassung und Uebung der AScese die dctaillirten Vorarbeiten noch fehlen. Aus diesem Grunde möchte zu rathen sein, zunächst nicht „eine ausführliche Geschichte der AScese" in Angriff zu nehmen (S. IV), sondern die hauptsächlichsten Lehrer deS christlichen Alterthums und Mittelaltcrs auf ihre Anschauungen über AScese in einer Reihe von Vorstudien zu prüfen. Solche Vorstudien, als Mono- graphicen oder in Zeitschriften veröffentlicht, würden zugleich in dem einen oder andern Punkt zu DiScussionen Gelegenheit bieten, welche für das in einer „Gefälschte deS NScese" zusammenzufassende Resultat immerhin von Einfluß sein dürften. vr. A. S. Literarischer Handweiscr, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. vr. Franz Hülskamp in Münster. L4 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1894. Nr. 2. Inhalt: Der I. Band der „Kirchengeschicht- lichen Studien" von Kuöpfler, Schrörs und Sdralek (Ehrhard). — Weitere kritische Referate über Sciden- pfcnning Ucbcrsctzung und Erklärung des Galatcr- und des I. Korinther-Bricses, Nikel Monotheismus Israels vor dem Exile, Kellner St. Ambrosius als Erklärer des alten Testaments, Kaulen Biblische Einleitung 3. Auflage und Monod Apostel Paulus (Müllcr-Breslau); Probst Liturgie des IV. Jahrhunderts (Ebner); Greve Geschichte der Abtei Abdinghos in Paderborn (?. Leonhard); viks ok chrclibisdop Vauä (Belles- hcim); Westcrmcier Botanik für Hochschulen, Bertholt» Blumen am Wege, Kaltenegger Der Honig, Ulsamer Hausapotheke und Einheimische Beeren (Plaßmann); Faure Tröstungen des Fegfencrs und David Vaterunser (Deppe).— 7 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novi- tätcn-Verzcichniß. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breisgau, Hcrdcr'sche Ver- lagöhandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 4: Die katholische Literatur Englands im Jahre 1893. II. (Bcllesheim.) — 8. vpüraem 8xri oom- menrarii in opistolas O. vanli. (Vetter.) — Mirbt, Die Wahl Gregors VII. (Feiten.) — Hanancr, Ooutumos matrimonialss au wogwn L§s. — Schüler, Die Verwaltung des Bußsakra- mentes. — Znvsa, 8. Optati Llilsvitani libri VII. (Weyman.) — Zycha, Lauoti aureli LuZnstinr äs Zsussi s.ä littsrrcm libri äuoäsoim. (Weyman.) — Elscr, Die Lehre des Aristoteles über das Wirken Gottes. (Braig.) — Paulsen, Einleitung in die Philosophie. (Offner.) — Bendcr, Rom und römisches Leben im Alterthum. (Egen.) — Caland, Altinvischer Ahncncult. (Hardy.) — Ehses, Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte. (Bellesheim.) — Zimmermann, Cardinal Pole. (Funk.) — Straßburgcr Theologische Studien. I. Band, 3. Heft. (Scbmid.) -- Westermaier, Compendium der allgemeinen Botanik für Hochschulen. (Niedcnzu.) — Wörndle, 'Lucas Ritter von Führichs ausgewählte Schriften. (Grupp.) — Stilgebauer, GrimmelShausenS Dietwald und Amelinde. (Jostes.) — Nachrichten. — Büchertisch. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1894, Heft IV, April: vr. Selbst, Das päpstliche Rundschreiben »vroviclsntissimns Dons« üher das Studium der hl. Schrift. — vr. Jof. Bl. Becker, Interessante Rundfrage der „Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur". — vr. A. Belles- hcim, Der Ehrwürdige Cardinal Bcllarmin in katholischer Beleuchtung. — Jof. AertnyS, 6. 88. R., Beiträge zur Rechtfertigung des Acquiprobabilismus. — Literatur: Clemens Blume, Das Apostolische Glaubensbekenntniß. — H. Grisar, Vs Vombs axostoliebs. — A. A. G öpfert, Pastoral« thcologie von I. B. Rcnninger. — vr. Grützmacher, Die Bedeutung Benedikts von Nursia. — vr. Johannes Scho- lasticus, Stellung des katholischen Religionsunterrichts rc. — A. Perger, Homiletische Predigten. — Lewis Wallace, Ben-Hur. Vergiltst). Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. tti-. 18 3. Mai 1894. Napoleon und Madame de Sta6l von Friedrich Koch-Breubcrg. Zur Zeit, da mit Ausnahme Schwedens kein europäischer Staat eine Gesandtschaft in Paris unterhielt, lebte Herr von Staäl als politischer Vertreter dieses nordischen Reiches in der noch von Blut triefenden Stadt. Seine Gemahlin, eine Tochter des bekannten Necker, war ihm dahin gefolgt, denn sie liebte ihr Vaterland und besonders Paris über Alles. Nach dem schauerlichen Sturze Nobespierres, dem es nicht gegluckt war, sich eine Pistolenkugel durch den Kopf zu jagen, ehe er seiner schrecklichen Macht beraubt selbst unter dem Fallbeil enden muhte, traten in der Seinestadt wieder Elemente in den Vordergrund, welche bestrebt waren, feinere Sitten und den Sinn für das Schöne zu pflegen. Madame Tallien, von ihren Verehrern Nvtre-Dame de Thermidor genannt, eröffnete im Luxembonrg ihren Salon und bildete hicdurch gewissermaßen eine neue französische Gesellschaft. Ihr folgte die schöne Madame Näcamier, in deren Salon man in Bezug auf das Ne- stanriren noch viel weiter ging, denn wer hier sich einsund, der war nur äußerlich republikanisch, im Innern trug er sicher auf dem Herzen eine weiße Kokarde. Die Dritte im Bunde war Frau von Staäl. Bei ihr beschäftigte man sich nur mit Wissenschaft und Kunst. Einige Zeit darauf lernte diese geniale Frau den jungen General Napoleon Bonaparte kennen, d. h. sie überschüttete ihn mit überschwänglichen Briefen, während er ihr auswich. Der geistreiche Blaustrumpf, so viel Verstand ihm auch zu Gebote stand, hatte sich bei seinem Bestreben, das Herz des jungen Helden zu erringen, gänzlich verrechnet. Zu dem Sieger von Arcole und Marengo, zu dem heißblütigen Corseu mit den Flammen- augen, sagte sich Frau von Staäl, paßt nur ein Weib, wie ich es bin. Ich allein vermag ihn zu verstehen, zu besingen, zu lieben und anzubeten. General Bonaparte dachte jedoch anders. Die Dankbarkeit der Franzosen hatte ihn damals noch nicht mit Macht und Ehren überschüttet — im Gegentheil, die Regierung war ihm mit Mißtrauen begegnet, schien ihn absichtlich zu vergessen und ließ ihn als armen General mit kärglichem Halbsold unbeschäftigt in Paris leben. „Ein Landhänschen und einen eigenen Wagen" zu besitzen, das bildete den höchsten Wunsch Napoleons, dem er allerdings bald darauf einige umfangreichere zugesellte. Als dann Barras der siegreichen Convention mittheilte, wie hauptsächlich die Umsicht des jungen Generals Bonaparte dazu beigetragen, daß die Ruhe in der Hauptstadt wieder hergestellt sei, da belohnte die Regierung Napoleon durch Belastung in der Commandantenstellnng, welche er während des Aufstaudcs inue gehabt hatte. Kurz darauf trat ein Jüngling bei dem General Bonaparte ein und begehrte den Degen seines von der Republik ermordeten Vaters. Obwohl diese für die damalige Zeit noch sehr kühne Sprache sofort gerügt wurde, so gefiel der Jüngling, Eugen Vicomte de Beauharnais, doch dem General so gut, daß er nicht allein seinem Begehren willfahrte, sondern sich auch seiner Frau Mama empfehlen ließ. Einige Tage darnach gab Barras ein glänzendes Fest, und dort dankte die schöne Mutter Napoleon für die Gunst, welche er ihrem Sohne erwiesen. Das vornehme, echt weibliche Wesen der Aristokratin, welche eine Schwester des hübschen, kühnen Jünglings zu sein schien, machte aus Napoleon den tiefsten Eindruck, den je ein Weib in seinem Herzen hervorzurufen vermochte. Diese reizende Dame fesselte nur durch Bescheidenheit, durch Liebenswürdigkeit, durch ein Etwas, das volle Hingabe und aufopfernde Liebe verrieth — und das, so fühlte Napoleon, das war allein ein Weib für ihn. Da der General sich am 9. März 1796 mit der Vicomtesse von Beauharnais vermählt hatte, so besang Madame de Staäl im Sieger und Helden von Arcole und Marengo einen vcrhciratheten Manu, sie schrieb sonach die glühendsten Briefe an einen glücklichen Gatten, doch das machte der genialen Frau nicht viel, sie ging sogar noch weiter, denn sie hatte es sich in den Kopf und in das Herz gesetzt, daß nur sie allein zu dem Helden paßte. Die Briefe des Blaustrumpfes gefielen nicht nur nicht dem General, sie erfüllten ihn mit Widerwillen. Jetzt an die Spitze einer Armee gestellt, beschäftigte sich Napoleon mit Schlachtenplänen und vergaß es gänzlich, die eben Epoche machenden Werke seiner persönlich immer noch unbekannten Verehrerin zu lesen. Er wußte sohin von Madame de Staäl nur, daß sie eine überspannte Frau sei, in deren Salon sich die Schöngeister begegneten, und daß sie mit dem Mädchennamen „Necker" heiße. Das war ihm allein genug. Der frühere Minister Necker wurde gerade von Napoleon in der ungünstigsten Weise beurtheilt. Der allein hat die Revolution auf dem Gewissen! Das war ein Ansspruch Bonapartcs, während Frau von Staäl sich sehr viel darauf einbildete, die Tochter dieses Mannes zu sein. Nicht gerade in zarter Absicht und mit einen! nicht mißznverstchenden Achselzucken zeigte Napoleon die überschwänglichen Briefe seinen Bekannten mit den Worten: Verstehen Sie diese Narrheit s Weder die sehr kurzen, gleichgültig abgefaßten Antworten des Generals selbst, noch das Gerücht, daß Napoleon mit Josesinen sehr glücklich lebe, vermochten es, der Schrcibwuth der Dame Einhalt zu thun. Eines Tages erhielt Napoleon folgende unglaubliche Taktlosigkeit von ihrer Hand: „Es war ein ausgemachter Irrthum der Vorsehung, daß eine so schöpferische wie glänzende Natur, wie sie in Bonaparte vorhanden, mit einem so schwachen und bescheidenen Wesen, wie es Joscfine ist, vereinigt worden." Dann folgte der alte Spruch, daß Staäl, geborene Necker, für ihn allein geboren sei. Da ging Napoleon die Geduld aus. Er zerriß den Brief, warf die Stücke in's Feuer und meinte: Was! diese Närrin wagt es, sich mit Josesinen zu vergleichen? Ich antworte überhaupt nicht mehr auf ihre Briefe. So mußte Frau von Staäl den einzigen Trost missen, der ihr geblieben. Die meist etwas lakonischen Antworten des jungen Helden blieben aus. Nun aber, es kann dies gerade nicht weiblich zartfühlend genannt werden, erpichte sich die Dame erst recht darauf, Napoleon selbst zu sprechen. Als ihr dies gelang, war der junge Held natürlich schon weit auf seiner Siegeslaufbahn vorgeschritten. Er war jetzt Consul geworden und bewohnte die Tuilerien. Diese Joscfine, meinte wohl Madame de Staäl, kann ihn nicht mehr fesseln, denn einen großen Verstand hat sie nie gehabt, und dazu macht sie ganz gehörige Schulden. Als der Empfang stattfand, hatte die Tochter Neckers wieder auf etwas vergessen. Napoleon liebte es nämlich sehr, die Damen einfach und geschmackvoll gekleidet zu sehen, die Staöl dagegen erschien in einem ganz absonderlich aufgeputzten Costüme. Das allein erschreckte den jeder Zeit etwas kurz angebundenen Consul. Dieser mochte wohl seine liebenswürdige, etwas. abergläubische Josefine mit der Geist und Witz sprühenden Dichterin verglichen haben, und es muß jedenfalls für die Staöl sehr von Nachtheil gewesen sein, daß die Gattin bei dieser ersten Zusammenkunft gegenwärtig war. Napoleon, unartig wenn er einer Dame ein Kompliment sagen wollte, wurde stets grob, wenn das, was er zu sagen hatte, kein Kompliment genannt werden darf. Später, als Kaiser, wollte er einst der schönen Herzogin von Chevreuse etwas recht Liebes sagen. Was doch Ihre rothen Haare schön sind! kam's bewundernd von den schmalen Lippen, denn er hatte sich nicht Zeit genommen, seine Worte so zu setzen: Ihre Haare sind doch vom wunderbarsten Nothbraun i Die Herzogin erwiderte schnippisch: Möglich! Aber ich versichere, daß ich zum erstenmale im Leben Aehn- liches höre. Die Antwort Napoleons aber, welche er Frau von Staöl beim Empfang in den Tuilerien gab, ließ an Grobheit nichts zu wünschen übrig. Es war nicht zart von ihr, daß sie vor Josefinen fragte: welche Frau in seinen Augen als die bedeutendste erscheine? Er, wie erwähnt, schon etwas schlechter Laune, gab zurück: Die, welche dem Staat die meisten Kinder gibt! Das war hart, denn Madame hatte zu dieser Audienz all ihren Enthusiasmus im Herzen mitgebracht und sah sich nun verschmäht, gröblich verletzt. Eine eitle Frau verzeiht das nicht, und eitel war Madame de Staöl. Die Herzenswunde wäre wohl eher vernarbt, die verletzte Eitelkeit verzieh nicht. Niemals vergaß sie ihm diese Antwort, und damals verließ sie als seine Feindin die Tuilerien. Er sollte sehen, daß die spitze Zunge, die scharfe Feder einer geistreichen Frau nicht minder mächtig als irgend ein politischer Feind seien. Beißende Witze und boshafte Bemerkungen regnete es von da über Napoleon und dessen Familie, und stets wußte sie es so zu gestalten, daß sie dem ersten Consul zu Ohren kommen mußten. Aber auck der große Mann war eitel und vergaß Kränkungen nicht leicht. Ließ er doch bald darauf als Kaiser den Papst und den ganzen Krönungsstaat warten, nur um vor der großartigen Ceremonie den alten Advokaten Nagideau vor sich zu sehen, denn dieser hatte dereinst Josefinen in geringschätzendem Tone abgerathen, den armen General zu heirathen, und das hatte Bona- parte im Vorzimmer gehört und bis dahin nie ein Wort darüber verloren. (Schluß folgt.) Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Pauopolis in Oberägypten und in den Katakomben. Studie von vr. Gustav N. Müller, Museumsbevollin. und Herausgeber der „AntiquitätcinZcitschrift" in Straßburg i. E. V o r e r i n n e r u n g. Wie nicht nur meine „Antiquitäten-Zeitschrift", sondern auch Fach- und Tagesblätter mittheilten, ist der verdiente Monograph des römisch-byzantinischen Todten- feldes von Achmim, das in der profanen wie kirchlichen Archäologie eine epochemachende Periode bezeichnet, ist mein Freund Robert Forrer persönlich nach Oberägypten gereist, um etwas nachzuholen, was von den ersten „Ausbeutern" der Necropole unverantwortlich versäumt, von keinem Museum merkwürdigerweise nachgeholt worden ist, nämlich: die wissenschaftliche Untersuchung der Lokalität und der Fund um stände. Forrer brachte damit allen Forschern, allen staatlichen und privaten Besitzern von Achmimfunden — besonders der kostbaren Textilien! — ein großes Opfer. Ueber die speziellen Ergebnisse seiner Expedition will ich Ihnen ein andermal berichten; es genüge, die Etappen ihrer Erfolge kurz mit den Worten anzudeuten: systematische Ausgrabungen, eingehende Untersuchung des Terrains und der Lokalgeschichte, Entdeckung unberührter Mumiengräber und Auffindung eines neuen Gräberfeldes! Hingegen habe ich heute den vielen Freunden, die meine Mittheilungen über Achmim gefunden haben, besonders Ihren theologischen Lesern einen Excurs zu bieten, der nicht für sich, wohl aber für sein Thema und seine neuen Beiträge reges Interesse zu erbitten wagt. Kein Gebiet der altchristlichen Kunst ist auf Achmim ohne Aequivalente zu entsprechenden Katakombendarstell- nngen geblieben, keines hat vielleicht wichtigere Aufschlüsse dorten erhalten, als das der Symbolik, und hier wiederum jenes der christlichen Thiersymbole. Ich ziehe vor, anstatt lange Vorbemerkungen zu schreiben, in rnsciias rao zu gehen, und mache den Leser, um ihm größeren litterarischen Apparat zu ersparen, nur auf die zwei bedeutsamsten Quellen aufmerksam, auf die ich meine Ausführungen des öfteren zurückleiten muß. In erster Linie meine ich die bekannte „Ncal- Encyklopädie der christlichen Alterthümer" von F. X. Kraus mit den Beiträgen vieler Archäologen und Kirchenhistoriker, wie de Waal, Münz, Heuser, Peters, Kellner, Krieg, Schilt u. a., und dann Forrers hervorragenden III. Achmim-Band „Die frühchristlichen Alterthümer von Achmim-Panopolis", zu beziehen durch die Verlagsanstalt Concordia in Bühl (Baden) zum Preise von M. 35.—. Ich greife in der folgenden Untersuchung nur die bekanntesten Thiersymbole aus der Fülle von Material heraus, das ich in einer umständlicheren Abhandlung zu behandeln gedenke. Indessen hoffe ich, schon mit dem hier Vorzutragenden manchen Freunden der christlichen Kunst einen Gefallen erweisen und mehr thun zu können, als „ub LliHuiä äixisss viäaar". Der Adler. Während die biblischen Schriften im Adler ein Sinnbild a) der Liebe Gottes, tt) der Macht und Stärke, o) der Schnelligkeit, ä) des hochfahrenden Sinnes und e) der Erneuerung und Verjüngung erblicken, hat die altchristliche Kunstsymboltk hauptsächlich die letzte Bedeutung zu sich herübergenommen. Auf den Begriff der geistigen Wiedergeburt durch die Tanfe und der Erhebung zu Gott ist die Sitte zurückzuführen, das Bild des Adlers als En- kolpion oder als Fibula zu tragen. Im Adler sahen die Neophyten ein Bild ihrer eigenen sittlichen Verjüngung. Ein weiterer Schritt war es, diese geistige Erneuerung auf die körperliche in der Auferstehung zu übertragen, wie dies Ambrosius ausspricht und ein römischer Sarkophag bildlich zum Ausdruck bringt, dessen Mittelrelief die Kreuzigung und die Auferstehung 139 Christi symbolisch darstellt. Ein Bild im Oosmotariurn I?ri8oil1rro zeigt zwei Adler auf zwei Erdkugeln im Begriffe, zu den ewigen Höhen sich emporzuschwingen. Mindestens so alt aber als die Bedeutung der Verjüngung und Erneuerung ist die andere, die den Adler, der gegen die Schlange kämpft, als Symbol des Lichtes faßt, das die Finsterniß besiegt. So gibt die Apocälypse dem mystischen Weib, das der Drache verfolgt, „zwei Flügel eines großen Adlers". Gerade diese apocalyptische Symbolik aber beweist, daß wir den Kampf des Adlers nicht nur als den des Lichtes gegen daS Dunkel, als den Christi gegen die Holle zu deuten haben, denn die Schlange ist, wie vorab Achmim beweist, keineswegs das einzige Gegenstück. Man darf von der allgemeinen zu einer mehr speziellen Deutung übergehen: der Adler symbolisirt das Gute, die Tugend, die das Laster, das Böse bekämpft und kümpfend besiegt. Wohl könnte man versucht sein, im folgenden Bild einen Beleg für die andere Auffassung zu finden, wonach der Adler auch ein Symbol derer ist, die ungerechtes Gut verzehren, aber seine Stelle in einem Cyclus von Darstellungen beweist schlagend, daß es nur im obigen Sinne auszulegen, daß ferner im Adler als „dem Guten" das Christenthum, im andern Thiere, einem Wolf, als dem Bösen, das Heidenthum zu verstehen sei. Die Darstellung fallt in die konstantinische Epoche, in die Zeit des eben erst erfolgten äußeren Triumphes des Christenthums, der ohnehin zu Achmim einen förmlichen Chorus von Jubelbildern hervorgerufen hat. Sie reiht sich auf einem 15 curr langen Clavusstück unmittelbar an jene merkwürdige Figur an, die N. Forrer in Folge einer Personalverschmelzung als „Christus-Georg" gedeutet hat, weil der Drachen- tödter mit Lanze und Kreuz dem sonstigen Christustypus von Achmim sich nähert. Ich glaube aber, Forrer hätte ruhig an Christum ausschließlich denken dürfen, denn gerade seine zum Vergleich herangezogenen zwei Thonlampen von Achmim zeigen unverkennbar als den Sieger über den Drachen den genügend charak- terisirten Erlöser selbst. In unserm Falle nun reiht sich an die Drachenscene das Bild eines Adlers, der sich in einen Wolf einkrallt. Es ist diese Darstellung nur eine Variation der vorhergehenden, wie Forrer mit Recht bemerkt. Wenn aber der geschätzte Achmimforscher also schließt: „Diese Darstellung wurde bis in das Mittelalter hinein vielfach angewendet und findet sich noch an Kapitälen von südfranzösischen Kirchen bis ins X. und XI. Jahrhundert. Dort sitzt der Vogel bald auf einem Hasen, bald auf einem Schafe, einem Hunde, einem Wolfe oder einem Hirsche. Diese zahlreichen Variationen beweisen, daß man den ursprünglichen Sinn der obigen Symbole bereits zur Carolingcrzeit vergessen hatte und an Stelle des Wolfes nach Belieben andere Thiere setzte" — so fragen wir: Wer sagt uns denn, daß nur der Wolf in Verbindung mit dem Adler symbolischen Sinn habe? Und woher wissen wir, daß ursprünglich dieser symbolische Sinn gerade auf dem Wolf beruhte? Erscheint doch letzterer gleichzeitig mit dem Drachen in derselben Bedeutung wie dieser! Vielmehr wäre zu bedenken, daß auch die späteren Variationen eine alte Symbolik wiedergaben, denn alle die von Forrer genannten Thiere sind in hohem Grade symbolisch. Allerdings besagt der Adler mit Hase, Hirsch, Hund und Schaf etwas Anderes als mit dem Wolf, weil erstere Thiere mehr oder minder ein Gutes symbolisircn. Der Adler, den wir ja auch als Sinnbild ungerechten Raubes kennen, bedeutet da, wo er den Hasen, den Hirsch, den Hund oder das Schaf bedroht, nichts Anderes als das Böse, das dem Christen nachstellt, wie ein Dieb in der Nacht, als den bösen Feind, der die harmlose Seele zu umstricken sucht, oder etwas Aehnliches. Man braucht sich über diese heterogene Bedeutung des Adlers nicht zu wundern, wenn man erwägt, wie schon in den ersten christlichen Jahrhunderten auch der Fisch, im Gegensatz zum Jchthys-Christus, hin und wieder zum Symbol des Satans geworden ist. So war ja auch die Schlange neben ihrer Bedeutung als Sinnbild des Bösen, des Verführers, eine Erinnerung an den in der ehernen Schlange des Moses symbolisirten Erlöser. Nirgends häufiger als im Gebiet der Symbolik gilt das Wort von den Dingen, die — zwei Seiten haben. (Fortsetzung folgt.) Zur Chronologie des heiligen Willibald. Von Adam Hirsch mann, Pfarrer in Schvnfeld. (Fortsetzung.) Es mag mit Recht auffallend erscheinen, daß der Benediktinermönch Willibald kaum ein Vierteljahr nach seiner Abreise von der ewigen Stadt zum Priester geweiht worden, da er doch, seitdem er deutschen Boden betreten, fast immer auf Reisen sich befand, somit zur Vorbereitung auf diese hehre Würde keine Zeit übrig hatte. Darum muß diese Ordination in spätere Jahre verlegt werden, auf den 22. Juli 742, erklärt Herr S. Fassen wir vor allem die geographische Entfernung zwischen Rom und Freising inS Auge, so finden wir Rom etwas unter dem 42. Breitengrade, während Freising fast auf der Halbscheide des 48. und 49. Grades liegt, so daß sich eine Differenz von 6*/z Graden ergibt. Die Entfernung zwischen je 2 Breitengraden zn 15 geographischen Meilen — 30 Stunden genommen, ergibt in unserem Falle 195 oder in runder Summe 200 Wegstunden als Resultat. Nehmen wir an, daß der hl. Willibald täglich einen Marsch von 8 Stunden zurückgelegt habe, und wir werden nicht zu viel behaupten, wenn wir unseren Pilger auf einem Pferde oder Maulesel reiten lassen, so hat er in 25 Tagen das Ziel seiner Reise erreicht; bis 24. Mai konnte er wohl auf deutschem Boden sich befinden, wenn er auch an den longobardischen Hof nach Pavia einen Abstecher gemacht hatte. Innerhalb der Frist vom Ausgange des Monats Mai bis 22. Juli konnten leicht an der Seite des nordgnuischen Grafen Suidger, der seinem Gastfreunde wohl das nothwendige Gespann zur Verfügung gestellt haben wird, die Strecken zwischen Freising und Eichstätt und dem unbekannten Aufenthaltsorte des Grafen zweimal durchmessen werden. Außerdem darf man die stets wiederkehrenden Klagen des hl. BonifatiuS über den furchtbaren Pricstermnngel in den deutschen Landen nicht vergessen. Berichtet ja doch der Metropolit selbst, daß er gezwungen war, sogar einen nikolaitischen Priester auf seinem Posten zn belassen, da er anderweitig nicht besetzt werden konnte (öjo. 91 l. o. I, 377); erzählt uns ferner die Nonne von Heidenheim, daß Wynnebald sieben Kirchen in Thüringen zu bedienen hatte (LI. 6-. XV, 1, 109). Unter solchen Umstünden finden wir die Eile begreiflich, mit welcher dem 40jährigen Willibald die Priesterweihe 140 ertheilt wurde. Oder war denn nicht die priesterliche Würde das erste Erfordernis), um als Abt eines neu- zugründeuden Klosters, als Missionar einer erst zu or- ganisirendcn Christengemeinde mit Erfolg wirken zu können? Ist es unter solchen Umständen auch nur wahrscheinlich, daß der hl. Bonifatius die Ertheiluug der Priesterweihe an Willibald bis zum 22. Juli 742 hinausgeschoben habe? Man hält uns die Vorschriften des KirchenrechteS entgegen, wornach der St. Magda- lcnentag, welcher im Jahre 740 auf einen Freitag gefallen ist, kein kanonischer Weihetag gewesen sei. Ist vielleicht der 9. Sonntag nach Pfingsten des Jahres 742, welcher damals mit dem 22. Juli zusammentraf, ein kanonischer Ordinatioristag?^) Herr S. gibt den AnsnahmSfall selbst zu. Wenn aber der päpstliche Legat besondere Vollmachten von Nom besessen hätte? Schon unterm 1. Dezember 722 erhielt der soeben zum Bischof geweihte Winfried von Papst Gregor II. die Fakultät: OräiirationeZ vero xrosläbw'oruw ssu äwacworuw Hon uisi Fvarti, 86ptiwi st äsaiwi msiwiurn fo- zunÜ8, 86b ob iuFrssoo guacira.F68iwa.Ii aigua woäi- airbo V63pors savdati novsrit Lslsdraucias (Dp. 18: bow. I, 267—268). Mit Hilfe dieses Privilegiums konnte Willibald am Freitag Nachmittags) ordinirt werden. Darum halten wir mit Hauck (K.-G. Deutschlands I, 489) den 22. Juli 740 als Wcihetag^) des hl. Willibald fest. Doch verfolgen wir den Bericht der Nonne weiter. Nach Ablauf eines Jahres berief Bonifatius den hl. Willibald zu sich nach Thüringen. Dieser kam dem Auftrage sogleich nach und fand im Hanse seines Bruders Whnncbald gastfreundliche Aufnahme, welcher jenen seit 18'/g Jahren, seitdem er von Nom abgereist war, nicht mehr gesehen hatte. Sie freuten sich über das Zusammentreffen. Es war Herbstzeit, als Willibald nach Thüringen kam. Sogleich setzte ihn der Erzbischof Bonifatius unter Mithilfe des Bnrchard und Wizo in die bischöfliche Würde ein. Willibald blieb eine Woche dort und kehrte hierauf wieder an seinen früheren Wohnort zurück. Willibald zählte, als er an dem Orte, welcher Sulzeprucge genannt wird, zum Bischöfe gesalbt wurde, 41 Jahre, und es war Herbstzeit, fast zur nämlichen Stunde (als er geboren war), 3 Wochen vor Martini: 8ta.timgU6 v6N6rauäu8 illo vir Ooi lVillil>a.Iäu8 86- cwnäuw fassioiwm mrnoti viri (Lcwikabii) in Hr^riir- F6Lw vonislwb 6b in äowo Irairw wri s. V^mw- lwläi lwoxitalitabw waiwioiww lwlwlwb, gut illuw fum priu8 8 aiworuw axabiv sb non äiwiäio aä 60 gnoä äo Ilowa. iwigostab uoir viäib. Bleiben wir einstweilen bei dem letzten Satze stehen. Wie übersetzen wir die Zeitbestimmung: Whnnebald hatte °) Die jetzt geltenden kanonischen OrdinationSkage sind die O.natemperiamStagc, der Samstag vor dem Passionssonntage, nicht vor dem Palmtage, wie Herr S. angibt: Labbatum Litisntss, vor dem Osterfeste: Labdatum «anetum. Silber- nagel, Lehrb. d. kath. K.-NechteS S. 144. H Dass im Mittelalter die Weihen nicht immer in Per-- bindnng mit der hl. Messe ertheilt wurden, geht aus den Statuten der Shnode von Mainz im Jahre 1049, welche nnter dem Vorsitze deö Papstes Leo IX. gefeiert worden ist, hervor. Hefcle, Conc.-G. IV, 735. Kirchenlexikon IV, 1272. °) Das Gnndekariannm (Ll. 6. 8. 8. VII, 248) hat den Eintrag: XI. Xal. llnA. orcliuatio s. IVillibaiai. Vor Einführung des römischen Nitns unter Bischof Johann Christoph von Westcrsletten 1612—1636 wurde der 22. Juli alö Ordi- nationstag des hl. Willibald im Ofsicinm des Tages com- mcnivrirt. , seinen Bruder nicht mehr gesehen: 8 annoruw 8jwbio ! eb irono äiwiäio, seitdem er von Nom abgereist war? Mabillon (^.oba. 8. 8. IV, 345 A. 2) übersetzte diese jedenfalls eigenthümliche Zeitbestimmung mit 8 und 91/2 — 17*/z Jahren; ebenso Popp, Brückl, Stamminger (l?rauo. 3 . I, 474) und neuestens auch Holder-Egger, welcher zu dieser vielumstrittenen Stelle bemerkt (LI. 6l. XV, 105 A. 2), daß durch einen Abschreiber ein Irrthum sich habe Angeschlichen, indem zu lesen sei: .. . Fui illuw fallt xriu8 X ob VIII aniwruw sxubio ob rwiw äiwiäio . . . rwn viäib, welcher ihn seit 18ffz Jahren nicht mehr gesehen hatte. Greiser dagegen (bow. X, 766), Hauck (K.-G. I, 460) und Herr S. übersetzen die Stelle mit 8^2 Jahren, indem sie die Sachlage dahin erklären: Willibald und Whnnebald haben sich um Ostern 735 zum letzten Male in Nom oder auch in Monte Cassino gesehen, ehe letzterer mit dem hl. Bonifatius in die deutsche Mission abging. Gegen diese Auffassung erheben sich jedoch verschiedene Bedenken. Vor allein die Frage: Mit welchem Rechte wird ein Zusammentreffen der Brüder im genannten Jahre 735 angenommen, da weder im Hodo- eporikon, noch in der Vita des hl. Whnnebald, noch in jener des hl. Bonifatius ein Anhaltspunkt hiezu gegeben ist? Nettberg (K.-G. Deutschlands II, 358) war der Anschauung, der hl. Bonifatius habe schon bei seinem zweiten Aufenthalte in Rom (c. 722) seinen Blutsverwandten aus England, Whnnebald, für die deutsche Kirche gewonnen, dieser sei jedoch erst 731 nach Deutschland abgereist, da er vorher die Einwilligung seines Bruders, welcher sich nach dem Oriente begeben hatte, erholen wollte. Hauck (K.-G. I, 459 A. 4) hat mit Recht diese mehr als sonderbare Interpretation verworfen, indem er betont: es sei nicht nothwendig, einen persönlichen Verkehr, eine mündliche Besprechung zwischen den beiden Brudern anzunehmen, es genüge ein schriftlicher Gedankenaustausch. Bonifatius habe erst bei seiner dritten Nom- fahrt 738/39 Whnncbald für sich und seine Missions- thätigkcit gewonnen, ein persönliches Zusammentreffen sei durch den Text: illuw faw xriuo VIII aurwruw gpablo eb ucwo äiwiäio nicht gefordert: 8ffz Jahre vor seiner Abreise von Nom, Sommer 739, hatte Willibald seinen Bruder zum letzten Male gesehen. Aber weder Ncttberg noch Hauck haben die entscheidende Stelle aus der Vita des hl. Wynnibald richtig aufgefaßt. Dieser Biographie, welche gleichfalls wie das Hodo- eponkon von der Heideuheimer Nonne verfaßt worden ist, entnehmen wir die Thatsache, daß Whnnebald im 19. Lebensjahre mit seinem Vater und seinem Bruder Willibald nach Nom gezogen ist. (Whnnebaldistgeboreni.J.701, wie aus oux. 9 der Vita erhellt.) In Rom nahm er die Tonsur und widmete sich dem Dienste Gottes und dem Studium der Psalmen. Nachdem er 7 Jahre in der ewigen Stadt zugebracht hatte, kehrte er wieder in die angelsächsische Heimath zurück, um unter seinen Verwandten und Lands- leutcn neue Werbungen für das monastische Leben zu machen. Mit herzlicher Freude wurde Whnnebald in England aufgenommen; sogleich aber begann er, seine Brüder und Schwestern, sowie Andere seiner Verwandtschaft zu ermähnen; die Flecken und Höfe durchwandernd, begeisterte er Viele für das Leben der Vollkommenheit (LI. 6-. XV, 108 eax. 3). Dann kehrte er wieder mit 141 Zustimmung seiner Freunde, mit Hilfsmitteln seitens der jüngeren Genossen ausgerüstet, in Begleitung seines Bruders nach Nom zurück. (Lt trmo itsrnin, liosutia. xoskulnka, eum eonsilio aniioorulli st cum juniorum sudsiäris Irntrs sno oonrits, oaoros itarnna s. kstri xorgfuirers xroporaffat xresiäia.) So kam Wynnebald zum Zweiten Male nach Nom: ssounäo vias aä Hoinarn s. I?6krigu6 basilioam veniodat, und führte ein sittcnreiues Leben. Was ist nun das für ein Bruder, der ihn über das Meer nach Italien begleitete? Der hl. Willibald? Unmöglich; denn dieser weilte damals entweder noch in Konstantinopel oder, falls wir Wynnebalds Aufenthalt in England längere Zeit währen lassen, wenigstens in Monte Casstno; wie auch Greifer schon hervorgehoben hat (tom. X, 791). War es der hl. Sola, der Gründer von Solen- hofen? Weder die Nonne von Heidenheim noch Ermanrich von Ellwangen, welcher vor dem Jahre 842 Sola's Leben aufgezeichnet hat, kennen ein derartiges Verwandtschafts- verhältniß. Es war ein dritter Bruder des hl. Willibald und Wynnebald, dessen Namen uns die Geschichte leider nicht überliefert hat. Da kam nun, erzählt die Nonne von Heidcn- heim, der hl. Bonifatins nach Rom, um Unterstützung an Priestern für die deutsche Mission zu suchen. Sobald er den Aufenthalt Wynnebalds, der durch die Bande des Blutes ihm verwandt war, in Erfahrung gebracht hatte, lud er ihn ein, als Mitgchilfe seine Stütze und sein Trost werden zu wollen. Was that Wynnebald? Oon- Isskirnguo trntrsm suuiu proprinni soä ab alias osns co§nnto8 atgus ainiaos sodriis salntationnni verdis ooinpelladib atguo liaontiam postnlavit. Ilt, buno ills vum alignLnto collo^nnr coinitatn ineffcnrvsrakikLr (N. 6-. XV, 109). Er theilte den bonifatianischen Antrag sofort seinem eigenen Bruder, den sonstigen Bekannten und Freunden mit und erhielt ihre Zustimmung. In zahlreicher Begleitung trat er die Reise an. Diese Anfrage nun an den hl. Willibald in Monte Casstno, sei es auch nur auf schriftlichem Wege, wie Hanck meint, richten lassen, heißt dem Zusammenhange, dem inneren Jdeengange der Erzählung Gewalt anthun. Wynnebald besprach sich mit seinem ungenannten Bruder, der wohl in einem der römischen Klöster sich befinden mochte, und mit sonstigen Landsleutcn, deren es damals gar viele in Nom gab, aber nicht mit dem hl. Willibald. Der Jngolstädter Jcsnite Greiser hat diese Stelle ganz richtig auf den anonymen Bruder bezogen (tarn. X, 791 L); darum ist es um so auffallender, wie er gleichwohl ein Zusammentreffen der beiden Brüder Willibald und Wynnebald 8*/z Jahre vor des ersteren Bischofs- consecration statniren mochte, wie Mabillon Mit Recht bemerkt hat (TVot. 8. 8. IV, 345 A. 2). Ob der dritte Bruder mit nach Deutschland gezogen, läßt sich mit Sicherheit nicht entscheiden; während Mabillon (I. xloratiou Drurä ffulzc 1893 S. 245 gezeichnet 0. R. 6.). Bei diesem Anblick und bei dieser Entdeckung ist es leicht verzeihlich, wenn bei dem Historiker und Excgcten der Philologe zu kurz kommt. Champollion las nämlich ganz richtig in einem Ringe dieser Städtenamen: lluäasi walölr, übersetzte es aber mit „König von Judah" und glaubte in dem Gefangenen, der diesen Schild trägt, ein Porträt des Königs Noboam erkennen zu müssen. Ihm sind auch andere gefolgt, z. B. Vigouroux, und selbst der nüchterne Bädeker (Ebers, Dümichen und Eisenlohr, drei berühmte Acgyptologen, sind die Verfasser desselben) meint, daß man lluäast malolr mit „König von Juda" übersetzen darf. Ich will hier aber keine philologische Abhandlung schreiben, möchte aberbemerken, daß weder der Zusammenhang der Inschrift, noch die Grammatik eine derartige Uebersetzung duldet. Wir haben hier, wie in den andern Schilden, eine Festung vor uns, die allerdings noch nicht sicher identificirt ist. Was die Porträtähnlichkeit mit König Noboam anlangt, so verschwindet dieser schöne Traum, wenn man die andern Köpfe betrachtet, da einer genau wie der andere geformt ist. Trotzdem wir also keim Porträt des Sohnes Salomons vor uns haben, so ist doch dieses Denkmal von unschätzbarer Bedeutung für die biblische Wissenschaft und auch von apologetischem Werthe, da wir hier die Genauigkeit der biblischen Angaben selbst in kleinen Dingen bewundern und beweisen können. Da dieser Schild, der 3. in der 3. Reihe (die ganze Darstellung hat 120 Namen), so große Berühmtheit erlangt hat, habe ich von ihm noch bei später Abendstunde beim Mondschein einen Papier-Abdruck genommen, sowie noch von zwei erreichbaren Namen: Abklatsch, Photographie und Augenschein bestätigen die Gleichförmigkeit der Profile auf's vollkommenste. Noch weiter rechts an derselben Mauer ist das Epos des ägyptischen Homer Pentaur zu lesen, wenn man den angehäuften Schutt wegräumt. An der Wand, welche sich im rechten Winkel anschließt, ist ein Vertrag des Königs der Cheta, Chetasar, mit Namscs II. in Hieroglyphen überliefert. Derselbe datirt vom 21. Tybi des 21. Jahres des Namses II. und ist in Tanis abgefaßt. Vielleicht ist diese Inschrift bestimmt, bei der Entzifferung der noch immer unent- räthselten chetitischen Schriftzeichen als Schlüssel zu dienen. Es wären noch zahlreiche, interessante Inschriften und Denkmäler im Karnaktempel zu besprechen; aber das Angeführte wird genügen, um eine Idee von der Pracht, Schönheit und Bedeutung dieses noch im Verfalle großen Banwerkes zu geben. Jerusalem, Kloster St. Etienue, im Februar 1893. Dr. Seb. Euringer. Recensionen und Notizen. Die Mutter Gottes von Lourdes. Vollständiges Gebet- und Untcrrichtsbnch mit Novcncnandachten zur Mutter Gottes von Lourdes für alle Verehrer Mariens von AlfonS Schwarz. Pfarrer in Ottenbach (Württemberg). Mit Approbation des Bischofs von Nottenburg. Stuttgart, Süddeutsche Verlagshaudlung (D. Ochs), 688 S., geb. von 2 M. an. Beicht- und Communionbuch für Erwachsene. Versehen mit einem Anhang der nothwendigsten Gebete von Alfons Schwarz, Pfarrer in Ottenbach. Mit bischvff. Approbation. Stuttgart, Süddeutsche Verlagshaudlung (D. Ochö), 266 S., gcbd. von 1 M. an. Unsere Zeit leidet gewiß keinen Mangel an Gebet- und Erbauungsbüchern, und wir wären die letzten, die eine Vermehrung derselben wünschten, wenn diese nicht zugleich eine Verbesserung derselben wäre. Das trifft bei den beiden vorstehenden zu. Deßhalb bringen wir sie zur Kenntniß der Leser der „Postzeitung". 1. Das Marien-Lourdesgebetbnch ist, obwohl in 3000 Exemplaren bestehend, schon nach 7 Monaten vergriffen gewesen. Gewiß ein Beweis für den Werth des Buches! An die zweite Auflage hat der Verfasser nochmals die bessernde Hand angelegt, so daß alle Wünsche befriedigt sind. Das durch reichen und kernigen Inhalt, durch gründliche und populäre Unterweisung über die wichtigsten Punkte der Glaubenslehre und des Glaubenslebens, durch Originalität der Form und Anlage sich auszeichnende Buch zerfällt in drei Haupt- theile. Der erste, historisch-apologetische Theil (inKleindruck gesetzt) bietet in markigen Zügen eine lebensfrische Darstellung der Geschichte von Lourdes und eine überzcugungSvolle, nur auf glaubwürdigen, von competenten Autoritäten bestätigten Thatsachen beruhende Vertheidigung der wunderbaren Vorgänge daselbst (S. 3—62). Diese Einleitung kann nicht ohne mächtigen Eindruck auf die vertrauensvolle Verehrung der Mutter Gottes bleiben. Den zweiten Theil bildet das eigentliche Gebet- und Unterrichtsbuch (S. 65—647). Neben den gut gewählten Gebeten und Andachten ist ein sehr zweckmäßiger und so recht für das praktische Leben berechneter Unterricht über 143 Meßopfer, Beicht- und Cömmnnion, Ablaß und Rosenkranz eingeflochtcn. Unter den vier Meßandachten ist die erste durchaus neu und originell: Der Wortlaut der pricsterlichen Meß- gebete ist in Kleindruck vorangestellt, worauf je die schöne, durchaus gelungene Erklärung desselben in Gebets form (in größerem Drucke) folgt. Dadurch wird der sachgewandte Verfasser einer bekannten Bestimmung des allgemeinen Concils von Tncnt vollauf gerecht. Die beigefügten Andachten für die einzelnen Wochentage und für die Fastenzeit (Kreuzweg, Leiden Christi) machen das Gebetbuch „vollständig". Vortreffliche „Belehrungen für Kranke und Leidende" nebst den Gebeten für Sterbende und Abgestorbene, für den Verein der christlichen Familie haben auch Aufnahme gefunden. Der dritte Theil (S. 651—698) umfaßt eine gründliche Lehre über Wesen und Eigenschaften der Novencn und gibt dazu eine praktische Anleitung. 2. Auf den vielfach geäußerten Wunsch von Laien hat der Verfasser das Beicht- und Communionbuch separat herausgeben lassen. Die Beichtandacht ist in ihren Gebeten herzlich innig, mit ihren beiden Beichtspiegeln (für öfters und nur einmal im Jahre Beichtende) sehr lehrreich und durch ihren ausführlichen Unterricht über die wichtigsten Bestand- theile (Reue, Vorsatz, Bekenntniß) eminent praktisch. Aus berechtigten Gründen sind die wesentlichen Punkte der Unterweisung durch fetten Druck hervorgehoben. Die beigefügten Morgen-, Abend-, Meßgebete, Stationenandachtcn und Litaneien erhöhen die Brauchbarkeit des Büchleins wesentlich, so daß es ein hübsches, sehr handliches Gcbctbüchlein ist, namentlich für Männer. Beide Büchlein empfehlen sich auch durch den billigen Preis und die schöne Ausstattung, und daö erste dürfte sich als Geschenk für Brautleute und Firmlinge besonders empfehlen! L. Pater Theodosius, ein menschenfreundlicher Priester. Von Dr. P. C. Planta. Mit dem Bild und Facsimile des k. Theodosius. Bern, Wyß 1893. (1 M. 80 Pf.) Ll. Wer kennt den Namen dcö k. Theodosius nicht, des Begründers der Krcuzschwestern, die in ganz Europa in der Zahl von Tausenden für das Wohl der Jugend, der Armen und Kranken wirken? Jeder, der seinen Namen kennt, wird aber erfreut sein, eine ausführliche Biographie des von Gott begeisterten und geführten Mannes zu lesen, der in dem kurzen Zeitraum von 12 Jahren, 1853—1865, so Großes schuf! Wie das kam, daß ?. Theodosius mit vier Ordensschwestern in Chur 1853 begann und schon 1865 bei seinem Tode über 400 segnen konnte, erzählt der Verfasser im ersten und zweiten Theile seiner Biographie, in der er die Thatsachen, die Gründungen in der Schweiz und Oesterreich mittheilt. Die Erzählung ist geschichtlich treu, indem der Verfasser auch die Hemmnisse nicht verschweigt, die theils von außen kamen, theils in der Art und Weise der Unternehmungen selbst lagen. Wenig glücklich war der vortreffliche Mann nämlich in der Gründung von Fabriken, der er allerdings auch seine christlichen Ziele zu Dienst nehmen wollte. Von einem anderen Hemmniß werden wir noch sprechen. Für die katholische Socialwirksnmkeit, deren Idee und Ziel ist aber vom höchsten Werthe der dritte Theil der Biographie, welcher sich „Des Pater Theodosius Welt- und Lebensanschauung" überschreibt, und aus den Schriften, Predigten und Reden des herrlichen Mannes die Summa der Grundsätze mittheilt, aus denen I?. Theodosius seine edlen, Gott und der Menschheit geweihten Werke schuf. Dieser Theil ist geradezu ein herrliches Programm für kathol.-sociale Lehre und Wirksamkeit. Wir begrüßten diesen Theil mit besonderer Freude. Und nun — der Verfasser, Herr NcgicrungSratb Dr. Planta in Chur, ist ein Protestant, der Wahrheit und Wohlthun liebt und Gerechtigkeit übt. Das zeigt er namentlich darin, daß er für k. Thco- dosius eintritt in der übelsten Affaire, die ihm 1857 begegnete, als ihn der Stadtrath wegen einer Rede in der Salzburger Katholikcnversammlung zu verfolgen begann und ihn nöthigte, die Großzahl seiner Ordensschwestern in Chur zu entlassen. Aber Gott der Herr fügte es zum Besten. ?. Theodosius hatte bereits in Jngcnbohl sich angekauft, und verlegte einfach dahin den Hauptsih des Ordens. Dort aber blühte er mehr auf, als in der Nähe des unfreundlichen Stadtrathcs von Chur. So waltet Gott mit Menschen, die ihm dienen! Ernpp (Dr. G.), Octtingische Geschichte der Ne- formationszeit. NesormationSgcschichte des Rieses von 1539—1553. Mit Bildern und Ansichten. Nörd- liugen, Tb- Reischle. 8°. 160 S. W Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, mit Verwerthung eines reichen, unbenütztcn Materials, vor allem des Wallersteiner Archivs, die Neformationszeschichte des Rieses zu bearbeiten. In einem ersten einleitenden Kapitel (S. 1—15) gibt er zunächst eine Darstellung des Bauernkrieges im Niese, während das 2. u. 3. Kapitel (S. 15—132 bczw. S. 133—151) die Reformation des Rieses in der 1. Periode (1524—1517), den schmalkaldischcn Krieg und das Interim zum Gegenstand haben. Ein großer Tbeil des 2. Kapitels, namentlich der ganze § 1 (S. 15—74) beschäftigt sich mit der Eintheilung der Graf- schaft Oettingen zur Reformationszeit, vor allem aber mit der Familiengeschichte der damals lebenden Grafen, wobei cultur- hisrorischcn Notizen, die in der That sehr interessant sind, eine besondere Sorgfalt gewidmet wird; auch die übrigen Paragraphen des 2. Kapitels weisen zahlreiche familiengeschichtliche Bemerkungen auf. So wäre vielleicht der Titel „Octtingische Familien-, Cultur- und politische Geschichte zur ReformationS- zeit" bezeichnender gewesen für den Inhalt des Buches. Daö 3. Kapitel ist leider etwas flüchtig ausgefallen; bei aller Kürze, deren sich der Verfasser aus buchhändlcrischen Rücksichten befleißigen zu müssen glaubte, wäre doch größere Prägnanz möglich gewesen. Was die Darstellung anlangt, so ist dieselbe streng objectiv. Leider sind manche stilistische Unebenheiten und ziemlich viele Druckfehler sie hengeblieben, die indessen unter der Last des massenhaft vorgelegenen Aktenmatcrials — die Pedanterie, wenigstens den Fundort, wenn auch nicht den Lagerort, Seite für Seite des Buches anzugeben, hätte der Verfasser nicht scheuen sollen — entschuldbar sind. Störend wirkt z. B. beim Beginn der Seite 25 der Ausfall einiger Worte. Eine anerkennenswerthe Beigabe sind die Abbildungen (besonders der Schlösser Harburg und Wallerstein) und ein am Schlüsse angefügtes Orts- und Personenregister, in das aber leider die Namen der Glieder des öttingischen Hauses nicht aufgenommen sind. Die Bewohner des Rieses in erster Linie werden dem Verfasser für das mühevoll geschaffene, lehr- und genußreiche Werk herzlichen Dank wissen. Anzeiger des germanisch. NationalmuseumS. 1894. Nr. 1 — Januar und Februar. Nürnberg, Germanisches Museum. L*L Dem „Anzeiger", herausg. v. Hans Bösch, (enthalt, die Chronik des Museums) sind 24 Seiten „Mittheilungen aus dem germ. N.-M." beigegeben. S. 1—8: Bösch, Ein Pokal des Nürnberger Goldschmiedes Elias Lenker. Die Beschreibung und Abbildung eines prachtvollen, mit Plastik und Heraldik geschmückten Schaustückes aus dem Besitze Veit Holz- schuherö ungefähr v. I. 1573. — S. 9—22: Kamann, Aus dem Briefwechsel eines jungen Nürnberger Kaufmanns im XVI. Jahrhundert. Ein interessanter Beitrag zur Kenntniß der Lehr- und Wandcrjabre eines jungen Kaufmanns jener Zeit, wie nicht minder der Nürnberger Kultur- und Geschlcchtergeschichtc, in Briefen der Angehörigen an den 1510—43 vom Elternhaus entfernten Paulus Bchaim. (Schluß folgt.) — S. 22—24: Bösch, Zum Verkchrsleben im XV. Jahrhundert. Die Betrachtung zweier (rcproduz.) Holzschnitte vom Anfang der 70er Jahre des XV. Jahrhunderts mit Scenen aus dem Leben auf der Landstraße. _ Archiv für christliche Kunst 1894, Nr. 1-4. * Professor KepplerS Archiv für christliche Kunst eröffnet den Jahrgang 1894 mit einem Bericht über die Errichtung eines bischöflichen Kunstmuseums für die Diözese Not- tenburg. Stadtpfarrer Keppler-Freudenstadt beschreibt den herrlichen Tabernakelbau zu Weilderstadt, ein Werk des Frühbarock von der Hand dcS Stuttgarter Bildhauers Georg Müller (1611—24) und im Anschluß daran das einfachere Sakraments- bauö in Glatt (1550), endlich ein spätbarockes Altarkrenz (1711). Wieder ein Baustein zum Ehrentempcl der Renaissance, welche, soweit das kirchliche Kunstgebiet in Frage kommt, nur zu lange mißkannt worden ist. — Lehrreich und recht dankenswcrth ist der Bericht des Pfarrers Na ible üher die Restauration der Pfarrkirche zu Glatt (Schlußartikel). — Dem praktischen Zwecke wird ferner in hervorragender Weise dienen eine Reihe von Artikeln über „die Bemalung unserer Kirche n" aus der Feder des Herrn Professors Keppler selbst. Die zwei ersten Artikel in Nr. 3 und 4 lassen zur Genüge erkennen, daß hier prinzipielle Fragen von größter Tragweite in der dem Verfasser eigenen klaren und anschaulichen Weise zur Behandlung kommen. — Th. Schön, ein Beitrag zur Geschichte der Kirchenbaukunst im Mittclalter. Findlinge über einzelne Meister der Baukunst. — Ueber eine Monstranz in Renaissanceformcn, welche aus der Hand des GotdarbeiterS Ballmann in Stuttgart hervorgegangen ist und das schwierige Problem in befriedigender Weise 144 löst, berichtet ein Artikel in Nr. 4. Ebenda beginnt Pfarrer BuSl mit Veröffentlichung archivalischen Materials über die Bangeschichte der Prämonstratcnser-Abtei Wcissenau und ihrer Kirche im 17. u. 18. Jahrhundert.-Diese KunstZeitschrift muß ihrem ganzen Inhalt nach, abgesehen davon, daß sie eine Autorität ersten Ranges auf dein Gebiete der Kunstkritik zum Redacteur hat, dein Klerus aufs angelegentlichste empfohlen werden. Es wird darin für das Verständniß der kirchlichen Kunstwerke eine rcichfließende Quelle und für die Restauration von Kirchen zahlreiche praktische Winke finden. Der Preis der mit bildlichen Knnstbeilagen ausgestatteten Zeitschrift ist für Bayern halbjährig 2,20 M., also der denkbar niedrigste. Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen. (Druck und Verlag: Stuttgart, Aktiengesellschaft „Deutsches Volksblatt".) Ett-Ahle. Oitmnias ss. Xominis ckosn, Ausgabe s. für 2 Vorsänger u. fünfstimmigcn gcm. Chor (2 Tcnörc), Part. 1,20 M., Singstimmen 80 Pf., Ausgabe d für 2 Vorsänger und Männerchor, Part. 1,20 M., Singstimmen 60 Ps. Alfred CvppenrathS Verlag, Regent-burg. chf: Nicht gerade selten findet man unter den Compositionen, die vor der „Reformation" der kath. Kirchenmusik entstanden sind, schone und musikalisch werthvolle Partien, und mit Bedauern muß sie der Cborrcgcnt bei Seite legen, weil in ihnen der liturgische Text meistens nicht vollständig enthalten oder, was noch schlimmer, in oft geradezu unglaublicher Weise maltrai- tirt und verdorben ist. Von solchem Vorwurf befreit zu werden, verdienen besonders die Werke Kaspar Ett'S, welche durch ihre Anmuth und religiöse Weihe sich als echt kirchlich gedacht und empfunden dokumentircn. Viele Sachen von ibm gab Witt neu heraus, nachdem er sie zürn Theil umgearbeitet und deren Text vervollständigt hatte. Diesem Beispiele folgend, unterzog A h l c die Ett'jche Namen-Jesu-Litanci einer gänzlichen Umarbeitung, versah sie mit dem neuen, von der 8. 6. U. 21. August 1862 approbirten Texte und bietet sie nunmehr irr zwei Ausgaben allen eifrigen Chören dar. Dieselbe ist nicht schwierig, dabei aber von vortrefflicher Klangwirkung. Den zwei Vorsänger», Tcuörcn (oder Sopran u. Alt), antwortet der Chor in kurz gedrängten, frischen Sätzen. Durch neun verschiedene Melodien bei den Vorsängern und beim Chöre ist einerseits reiche Abwechslung erzielt, andererseits das unruhige Vielerlei manch neuer Litaneien glücklichst vermieden. Ausgabe b dürfte wegen ihrer leichten Sangbarkeit und Frische bald gerne gesungen werden von jenen Chören, welche über einen einigermaßen gutbesetzten Männerchor verfügen. I. N. Ahle, Vier Motetten mit kanZo lin^na zur Prozession am hl. FrohnleickmamSfeste für 4 Männerstimmen. Op. 10. Part. 1,20 M., Singst. 25 Pf. Alfred CoppcnrathS Verlag, NegcnSburg. A Gerade noch rechtzeitig zum hl. Frohnleichnanissest e erscheinen diese 4 Motetten über die Texte, welche das Lituals IduA. für die Prozession vorschreibt (Homo guiäam; Itespexit Lilas; Lgc> snm pauis vitao; illisit mo vrvens später). Sie sind sehr einfach componirt und ganz für die Aufführung im Freien berechnet, deßhalb mit einstimmigen Einsätzen und wirkungsvollen unisono-Stellen. Die Nesponsorien bei jeder Station nach dem Evangelium find den Stimmen beigedruckt. Im Texte des 2. Motctts ist zu ändern tibit in dibit, martern in montew. OestcrrcichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, rcdigirt von Dr. Franz Schnüren Nr. 4 und 5. Schwane I., Dogmengeschichte, I. (Hofkaplan Dr. A. Fischer-Colbrie.) — Hammcrstcin L. v., DaS preußische Schulmonopol. (Pros. Dr. C. Vidmar.) — Wintern L., Geschichte der Protest. Bewegung in Braunau. (Pros.?. O. Manul.) — Kist L., Studium und Studcntenleben vor 40 bis 50 Jahren. (—r.) — Minerva. Jahrbuch der gelehrten Welt, hrSg. von R. Kukula und 5k, Trübncr, III. Jahrgang. — Erdmannsdörfer B., Deutsche Geschichte von 1648 bis 1740.1. Bd. (Uuivcrsiiäts- Prof. Dr. Jos. Hirn ) — Mittheilungen des Instituts für östcrr. Geschichtsforschung. IV. Erg.-Bd. (t.) — Lateinische Literaturdenkmäler des XV. und XVI. Jahrhunderts, Bd. VII: Ellinger, Deutsche Lyriker d. XVI. Jahrhunderts. (Pros. Jac. Meister.) — Bartsch 5k., Deutsche Liederdichter des XII. bis XIV. Jahrhunderts. 3. Anst., besorgt von W. Golthcr. (—bl.) —Schlcssing A., Deutscher Wortschatz oder der passende Ausdruck. (R—n.) — Halka Alex., Mein Polen. Reise-Erinnerungen. (Geh. Rath Jos. Frh. v. Helfert.)— Nuhlaud G.. Agrarpolitische Leistungen dcö H. Pros. Dr. Lujo Brentano. (Finanzrath Dr. K. Schcim- pflug.) — Lentner F., Bcttclunfug und Betrelbetrug. (NotariatS- subslitut Dr. K. Platte.) — Wenzel I., Arbciterschutz und Centrum. (D.) — Vogel H. C., Ueber den neuen Stern im Fuhrmann. (L. de Ball, Dircctor der Kuffncr'schen Sternwarte.) — Welschinger H., Oo mareelial Xo^ 1815. (Sp.) — Omcis Th., Die Handelsdünger und ihre Rohmaterialien. (P.) — Kralik R-, Offenbarung. — Sprüche und Gesänge. (Schuürcr.) — Ebers Eg., Die Geschichte meines Lebens. Vom Kind bis zum Manne. (Sch—r.) — Egger F., Lnednridion IliooloAiae elo§matioas Aönoralis. (Theol.-Prof. Or. I. Grnber.) — Bcrger S„ Iliskoirs cks la. VuIZato psmlaub los Premiers siöeles än mo^en L§s. (Pros. Or. K. Wolke.) — Güttler C., Wissen und Glauben. (—ie.) — Ganser A., der reine EotteSbcgriff und dessen Wichtigkeit. (—ie.) — Faulmann C., Im Reiche des Geistes. (G.) — Specht K. A., Theologie und Wissenschaft. (Krcß.) — Quellen und Forschungen aus den: Gebiete der Geschichte, brSg. von der GörreS-Gcicllsch. I, 1 und II. — Schmilz Guil., Oommoutarii Xotarum ll'irouianarnm. (Univ.-Prof. Or. M. Gitlbaucr.) — Gcrok G., Carl Gerok, ein Lebensbild. (Sck.) — Rubens P. P., BorcaS raubt die Oreithyia. Das Venusfest. Gestochen von Sonucnlciter. (Univ.-Proi. Or. Laur. Müllncr.) — Tarncller I.» Die Hofnamcn deS BurggrafenamteS in Tirol. (N.) — Or. R.ich. Müller, Offizial an der „Albcrtina". — Grandjcan M., L. travers los LIpes -Intrieliionnes. (C. Seefeld.) — Doren A., Untersuchungen zur Geschichte der Kaufmannsgilden des Mittel- altcrö. (Or. Hs. Th. Seeigel.) — Demmin Aug., ErgänzungS- band für die vier Auflagen der KriegSivasfcn rc. (m.) — Jordan W., Liebe, was dri lieben-darfst. Schauspiel. Pichlcr F-., Der Müller am Anio. Eine altröm. 5ko>uödie. Wildermann F., Kaiser Maximilian von Mexiko. Trauerspiel. (Sämmtlich von Or. N. Kralik.) — May K, Gesammelte Neiseromane, Bd. 1—3. (—n.) — Spillmaun I., Die Wunderblume von Worindon. Historischer Roman. — Dazu in jeder Nummer Personalnachrichten, Inhaltsangabe von Fachzeitschriften, Bibliographie, Vorbereitete Bücher, Notizen. _ Alte und neue Welt. JllnstrirtcS kathol. Familicnblatt. 28. Jahrgang 1894. Jährlich 12 Hefte ä. 50 Pfg. Druck u. Verlag von Benzigcr u. Co., Einsicdeln. Inhalt des 8. Heftes: Die Maria-LcurdcS-Kapclle auf dem Flüeli bei Sächseln, Obwaldcn. Gedickt von Leo Fischer. — Domovina Anke. Von Baronin Ncyer-Prokcsch. — Kopenhagen und Umgebung. Von F. Esser, 8. ck. — Aus meinem Spruchbuch. Von L. Schmitt. — DaS Fest des heiligen BluteS auf der Neicheuan. Von Franz Wichmann. — Pfingstzauber. Von Frz. Ser. Lorent. — Vom „nationalen CultuS" im Elsaß. Von Bcda v. Ballheim. — Abcndglccken. Gedicht von F. W. Weber. — Die deutsche Sprache in. Lichte amerikanischer Kritik. Von E. Müller. — Eine Bcamtcngeschichte. Von Wilhelm v. Wartcnegg. — Vom mittelalterlichen Zoll bis zu den modernen Handelsverträgen. — Allerlei und BuntcS. — Rundschau (März 1894). — Bilder und Illustrationen. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Frciburg im BreiSgau. Hcrder'sche Verlagshandlung. Durch dic'Post und den Buchhandel. Inhalt des 4. Heftes: Das Duell im Lichte der Vernunft. (A. Lehmkuhl 8.1.) — Eucharistie und Martyrium. II. (Schluß.) (C. A. Kellner 8. ck.) — Der historische Gehalt der päpstlichen Abtheilung auf der Weltausstellung in Chicago. (Fr. Ehrle 8. ck.) — Italienische Grabdenkmäler. (St. Beisscl 8.1.) — Felix Dahns ncncstcr Roman „Julian der Abtrünnige". II. (Schluß.) (W. streiten 8. ck.) Recensionen: Zsckokkc, Die theologischen Studien und Anstalten der katholischen Kirche in Oesterreich (O. Pfülf 8.1.); Panholzer, Johann Jgnaz von Fclbigerö Methodenbuch (N. van Ackcn 8. ck.); v. Wlislocki, Volksglaube und religiöser Brauch der Magyaren (I. Dahlmann 8.1.); Kralik, Das Mysterium von der Geburt des Heilandes (W. streiten 8.1.)— Einpfehlcns- werthe Schriften. — Miscellen. Vercintw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Ni-. 19 10. Mai 1894. » Reise-Briefe aus dem Orient von Dr. Seb. Euringer. St. Katharinen-KIoster Sinai, 15. März 1894. Endlich nach 9tägigem Ritte durch die Wüste bin ich heute Mittag bei 32° L, in der Sonne am Fuße des majestätischen Gottesberges angekommen und habe im Hofe des Klosters mein Zelt aufgeschlagen. Da Sinai ganz und gar nicht aus der Welt liegt, wie man glauben möchte, sondern sogar eine regelmäßige Postverbindung mit dem 2^2 Tagereisen entfernten Seestädtchen Tor am rothen Meere unterhält, so benutze ich die Gelegenheit, von dieser hl. Stätte aus Euch von meinem Befinden und meiner Reise Nachricht zu geben. Mittwoch vor 8 Tagen verließ ich Suez mit dem Boote, um vor meiner Abreise die Korallenriffe im rothen Meere zu besuchen. Die Sonne brannte heiß, und ich hatte Gelegenheit mich aufzuwärmen, nachdem ich in Jerusalem so viel gefroren hatte. Beim Ausgang des Kanals von Suez begegnete uns ein deutsches Schiff, dessen Wellen mein Boot recht unfreundlich hin- und herrüttelten. Da die Fahrt eine Stunde dauerte, so beschäftigte ich mich mit dem Meere und seiner Umgebung recht eingehend. Bor allem bewunderte ich das schöne Farben- spiel der glatten See. Tiefblau, stahlblau und grün, das sind in herrlichen Tinten die Farben des „rothen" Meeres. Nur wo die Korallenriffe unter dem Wasserspiegel sind, und das sind verhältnißmäßig wenige Strecken, ist die Oberfläche purpnrroth bis schwarzroth. Das Gebirge, kahl und langgestreckt, zur Rechten jetzt Atüka genannt, trug zu Moses' Zeiten ein Heiligthnm, dem Nordwinde (Baal Zephon) geweiht, nur wenige Kilometer von seinem nördlichen Ausläufer entfernt liegt das Fort Agrüd, das biblische ki-stuostirotst, vor welchem Moses lagerte, bevor er das rothe Meer durchzog. Dieses Gebirg AtLka, dessen südlicher Ausläufer ein steiles Kap in die See vorstreckt, hielt einst die Jsraeliten bei ihrem Zuge auf, und da, wo meine Barke schaukelte, hat sich das Meer einst für dies auserwählte Volk geöffnet und für die verfolgenden Aegypter geschlossen. Rechts liegt Afrika, links liegt die Halbinsel Sinai, zwischen zwei Erdtheilen rudern wir den Riffen zu. Das Wasser ist bei diesen Bänken klar und durchsichtig, zahllose Seeigel, wie Rasenstücke anzusehen, ruhen auf dem Grund. Gewaltige Felsenbänke, mit rothen oder gelben Korallen bedeckt, erheben sich fast bis zum Wasserspiegel, dem sie hübsche Farben geben. Ein Matrose steigt hinab und holt mir Seeigel und Seequallen, Seekohl, und wie die Thiere alle heißen, herauf; aber kaum an der Sonne, fangen die rothen Korallen an zu zerbrechen, und jetzt nach mehr als einer Woche habe ich nur noch einzelne Neste, die auch bald zerfallen werden. Die gelben und weißen dagegen haben sich erhalten. Auf der hohen See nahm ich die Metamorphose in einen Araber an meinem äußern Menschen vor. Als Europäer hatte ich Afrika verlassen, und als Araber betrat ich das Gestade Asiens. Ich habe mir in Kairo einen vollständigen arabischen Anzug gekauft, welcher den Vorzug hat, daß es keine Knöpfe gibt, und daß er so weit ist, daß keinerlei Unfälle in garderobelicher Hinsicht zu befürchten sind; denn in der Wüste gibt es keine Schneider. Der Anzug besteht aus weiten weißen Leinwandhosen, welche mit einer grünen Schnur am Leibe festgehalten werden (sestirrvul), einem kurzen Gilet und einem talarähnlichen seidenen Kaftan mit langen Aermeln, welche zurückgeschlagen werden; dieser wird durch einen ledernen Gürtel, der zugleich als Geldbörse dienen kann, festgehalten, und zum Luxus trägt man über diesem einen farbigen Shawl; ein türkischer Fez, um ihn ein großes seidenes Tuch, welches den Hals vor der glühenden Sonne schützt und Kufiye heißt, vollendet die Toilette. Um mir noch mehr Respekt zu verschaffen, habe ich mir eine doppelläufige Flinte beigelegt. Wir kehrten nicht mehr nach Suez zurück, sondern betraten einige Kilometer südlich den Boden Asiens, bestiegen zwei Kamele und ritten, da inzwischen die Sonne untergegangen war, bei sternheller Nacht den Ahnn Musa zu, wohin Bagage, Beduineneskorte, Zelte re. vorausgegangen waren. Um 9 Uhr Abends erreichten mein Dragoman und ich den Lagerplatz. Vor der Oase Ahnn Musa waren die Zelte, eines für mich und eines für Dragoman und Koch, aufgeschlagen, während die 9 Beduinen mit ihrem Schech (Anführer) um das angezündete Feuer saßen und die Nacht im Freien zubringen. Die Kamele, 11 an der Zahl, kauern ringsum am Boden. Die Beduinen mit ihren braunen Gesichtern und ihrer seltsamen Kleidung, vorn Feuer beleuchtet, machen fast einen unheimlichen Eindruck, in Wirklichkeit sind sie, d. h. die Beduinen der Halbinsel Sinai, die harmloststen Leute von der Welt. Ihr werdet fragen, warum denn für mich allein so viele Leute und so viele Kamele. Drei Kamele sind nöthig für mich, den Dragoman und den Koch; die Beduinen gehen zu Fuß, die übrigen Kamele tragen die zwei Zelte, das Gepäck, die Konserven, Wein, Wasser, Küchengcräthe und eine Steige mit lebenden Hühnern, zwei Truthühnern und Tauben; denn in der Wüste gibt es keine Hotels, keine Metzger und keine Bäcker, und da in vier Wochen rohes und gekochtes Fleisch an Güte nicht gewinnt, so muß man seinen Speisezettel lebendig mitnehmen. Am Abend, bei Ankunft am Lagerplatz, werden Hühner und Laichen freigelassen, ebenso wie die Kamele, damit sie sich soweit möglich auch selbst verköstigen und ausschnaufen können. Es gleicht dann das Lager einem Meierhof. Am Morgen, wenn die Sonne aus den Federn kriecht, kräht ganz lustig der Hahn, so daß ich mich ganz idyllisch fühle. Da es bei Nacht nicht viel zu sehen gibt, so will ich Euch meine Leute vorstellen. Mein Dragoman ist ein Katholik, ein Syrer, Maronit, von Geburt aus Beirut, wo er auch wohnt; im Winter lebt er in Kairo, um die Fremden nach dem Sinai oder auf dem Nil zu begleiten; im Sommer versieht er die gleichen Dienste in Palästina und besonders im Libanon. Er besitzt ausgezeichnete Zeugnisse und hat die seltene Eigenschaft, daß er zu den Fremden hält und nicht zu den Arabern. Er ist ein Maronit, wie er im Buche steht. So ein Dragoman ist eine sehr nützliche Einrichtung. Sein Name bedeutet Dolmetsch; aber sein Geschäft ist ein viel com- plicirteres. Er ist der Reisemarschnll, er miethet und bezahlt die zur Reise nöthigen Leute, garnntirt für Hab und Gut und Sicherheit dem Reisenden, ist vor dem Konsulate für den Reisenden verantwortlich, sorgt für Lebensmittel, Führer, Kamele, packt aus und ein, so daß der Reisende sich nur um seine Reise zu kümmern hat. Auch alle Bakschische (Trinkgelder), diese Hanptplage des Orientes und Occidentes, werden von ihm bezahlt. Der Passagier 146 - macht mit dem Dragoman vor der Reise den Contract auf dem Konsulate und zahlt ^/z des Preises vor der Abreise und den Nest nach der Beendigung der Reise, so daß man keine größere Geldsumme mit sich herumzutragen braucht, da alle Auslagen laut Vertrag vom Dragoman zu decken sind für den ausgemachten Preis. Nichtsdestoweniger kommen die Araber, nachdem sie vom Dragoman ab- gelohnt und mit Trinkgeld versehen sind, zum „OIinnrvaAs" und verlangen extra Trinkgeld; ich sage einfach: nun Olia- Urnvn tnr^ewan (ich bin der Herr, der andere ist der Dragomau), worauf sie sich dann zufrieden geben. Wenn mau so einige Jmmediatgesuche abschlägig beschicken und auf den richtigen Jnstanzenzug verwiesen hat, bekommt man Ruhe. Mein Koch ist ebenfalls Katholik und Maronit und läßt mich ganz vergessen, daß ich nicht im Hotel Nil oder Shcpherd wohne. Mittags ist immer Picknick in einem eigens dazu bestimmten, schnell aufzuschlagenden Zelte, während am Abend eine vollständige Table d'hote meiner wartet. Die Araber haben an ihrer Spitze den Schech Schema; sie sind vom Kloster Sinai, dem sie hörig sind, für meine und meiner Leute Sicherheit und Besitzthnm verantwortlich, haben den Weg zu zeigen, die Kamele zu bepacken und abzuladen, die Zelte zu spannen und abzubrechen, uns mit Wasser zu versehen und uns gegen etwaige Angriffe, die auf Sinai meines Wissens unerhört sind, zu vertheidigen; daher tragen sie Mucken und einige sogar Säbel. Zwei Beduinen führen unsere (mein und meines Dragomaus) Kamele. Den Weg, das Lager rc. bestimme ich (nach Büdeker resp. nach der englischen Karte). Ich und der Dragoman machen einen Halt von einer Stunde, um zu frühstücken, die übrigen marschiren weiter bis zum Lagerplatz, wo wir dann meistens die Zelte schon aufgerichtet finden. Der Tagesmarsch ist nicht unter 5 Stunden und nicht über 8; znm Auspacken und Einpacken braucht man täglich zwei Stunden. Die Beduinen verköstigt der Schech selbst; das ist übrigens nicht besonders kostspielig; denn auf der ganzen Reise essen sie nichts als Brod und trinken nichts als Wasser. Jeden Abend gibt der Schech Mehl her, und jeden Abend backen sie sich dann Brod; denn wenn das arabische Brod auch nur einen Tag alt ist, ist es schlecht. Diese Beduinen haben ein höchst einfaches Leben, wie man sieht. Sie essen fast nichts, - trinken nur Wasser, schlafen trotz der eiskalten Nächte im Freien, und ihre Kleidung ist auch nicht kostspielig. Dieselbe besteht aus einem Hemde, das fast bis zu den Knöcheln reicht, ein Gürtel, oft Strick, hält es zusammen; darüber kommt, wenn es etwas kalt ist, ein grober ärmelloser Mantel und manchmal noch ein weiterer Mantel oder Decke. Auf dem Kopse tragen sie entweder einen Fez oder eine weiße Filzkappe, welche beide mit einem Turbantnch umwickelt werden; dasselbe ist weiß oder buntfarbig, je nach dem Geschmack des Trägers. Wenn es heiß ist und der Sand brennt, oder wenn der Boden zu steinig wird, dann ziehen sie Sohlen an, welche durch Stricke an den Füßen festgehalten werden. Ihre Stöcke wie ihre Sandalen haben genau die Form, wie wir sie auf den ägyptischen Abbildungen und im Museum in Gizeh sehen. Wenn sie mit ihrem Stamme ziehen, wohnen sie in Zelten. Ihre Zelte sind sehr einfach. Grobes schwarzes Tuch wird so aufgespannt, daß eine Seite ganz frei ist, das Zelt wird durch eine Wand von ebensolchem Tuch in zwei Theile getheilt, der Raum rechts vom Eintretenden gehört für die Männer, der links für die Frauen. Die Männer haben als ^Hauptmöbel eine Strohmatte, welche Divan und Bett ist. Mit ihnen theilen das Zelt auch ihre Hausthiere. Der Mann thut meistens nichts, als aus einer langen (indianermäßigen) Pfeife Tabak rauchen, die Weiber müssen alle Arbeit verrichten. Die jungen Mädchen, welche wie die Frauen ein langes, schwarz- blaues Gewand, nebst einem langen gleichfarbigen Tuche um den Kopf, tragen, hüten die kleinen schwarzen, wie Miniaturausgaben von Thieren aussehenden Ziegen. Es erinnert dieses immer an die Sulamit im hohen Liede. Kommt ein Fremder in die Nähe, so verdecken sie mit dem Kopftuche das Gesicht. Der Kamelführer meines Dragomans, Hassan, geht auf Freiersfüßen, und von ihm erfuhr ich, daß der Preis einer Frau zwischen 40 — 200 Franken schwankt; die Scheidung ist ungemein leicht gemacht; hat eine Frau ihren Mann irgendwie beleidigt oder erzürnt, so genügt das einzige Wort ruastl (gehe!) und die Frau ist entlassen. Wenn der Mann ißt, muß sie neben ihm stehen und ihn bedienen, in seiner Gegenwart darf sie überhaupt nicht sitzen; die Frauen sind mit einem Worte Sklavinnen ihrer Männer. Die Religion der Beduinen ist zwar die mnhamme- danische; aber sie machen nicht viel Gebrauch davon, ich werde später davon reden. Sie sind im allgemeinen sehr schlichte Leute, wissen nicht, wie alt sie sind, und haben nur für zwei Dinge Interesse: Heirath und Geld, und reden auch nur von diesen Dingen. Jetzt habe ich genug von den Beduinen erzählt. Was ich sage, gilt zunächst nur von den Beduinen dieser Halbinsel, namentlich was Ehrlichkeit anbelangt; es gibt Beduinen, welche nichts anderes als Straßenränder sind und mit Vorliebe die Mekkapilger angreifen und ausrauben. Die erste Nacht in meinem Zelt verlief ausgezeichnet. Der mehrstündige ungewohnte Kamelritt hatte mir einen prächtigen Schlaf verschafft. Am andern Morgen besuchte ich die Mosesquellen, während die Zelte abgetragen und die Kamele beladen wurden. Der Ort ist eine Oase mit schönen Palmengärten und wird von fünf -Quellen bewässert. Die einen enthalten trinkbares, andere salziges Wasser. Die größte ist mit Steinen eingefaßt, das Wasser ist grünlich und lauwarm. Außerhalb des Oasendorfes steht ganz einsam im Wüstensand eine hochstämmige Palme, an deren Fuß in einem Trichter von 1 in Durchmesser eine Quelle entspringt, um nach kurzem Laufe im Sand zu versiegen. Wenige Schritte von dieser Palme erhebt sich eine circa 5 m hohe sandige Anhöhe, weitaus der höchste Punkt im ganzen Umkreis. Nach Bädeker befindet sich da oben eine Quelle; ich konnte es nicht recht glauben, und doch, als ich oben ankam, fand ich einen kleinen Krater mit Riedgras und einigem Wasser, das gerade hinreichte, diese Quellenvegetation zu erhalten. Nach großem Regen ist auch diese Quelle ergiebiger. Immerhin ist es interessant, eine Quelle auf dem höchsten Punkte der ganzen Umgebung entspringen zu sehen. Der Hochdruck rührt von dem viele Stunden entfernten Er Nahah-Gebirge her. Wenn auch die Meinung falsch ist, diese Quellen seien von Moses für das anserwählte Volk trinkbar gemacht worden (dieses geschah an einer anderen Quelle), so dürfte doch Ahnn Musa der Platz sein, in dessen Nähe die Juden das rothe Meer verlassen, das Jubellied ge- > - jungen und sich mit Wasser für dke Wüstenreise versehen haben. Inzwischen waren die Kamele beladen, und nachdem ich mein Vehikel bestiegen, setzte sich die Karawane in Bewegung. Ich nahm meine Bibel in die Hand und las den Hymnus, welchen Moses und die Kinder Israels an diesen Gestaden einst sangen: „Dem Herrn will ich singen, denn hocherhaben ist er, Roß und Reiter warf er ins Meer" rc. Ich kann mir keinen höheren Genuß denken, als die Bibelworte an Ort und Stelle zu lesen und zu überdenken. Die ersten Tage bieten wenig Abwechslung. Vor sich die Sandwüste, links das Gebirge Er Naha und dann Et Tih, zur Rechten das Meer und jenseits das bereits erwähnte Atüka-Gebirge. Man folgt dem Ufer des Meeres. Es ist dieses nach meiner Ansicht ganz sicher nicht der Weg des Exodus, da Moses sehr un- pädagogisch gehandelt hätte, die Schaaren angesichts Aegyptens ziehen Zu lassen. Es heißt auch in der Bibel: „Er führte sie den Weg dreier Tagereisen in die Wüste." Er hat sie wahrscheinlich zuerst gegen den Fuß des Gebirges Er Nahah geführt und dann längs desselben, um dann bei Ain Hawüra oder einer anderen Quelle das Wunder von Marah zu wirken. Doch will ich hier über die schwierigen Fragen betreffs der Identification der einzelnen Stationen nicht weiter handeln. Die einzige Unterhaltung bildet das Farbenspiel des Meeres, die glänzenden Glimmerplatten, welche am Wege liegen, und das Treiben der Karawane. Das Kamelreiten ist eine eigene Sache. Es hat viele Vorzüge vor dem Reiten auf Eseln oder Pferden voraus. Man sitzt sehr sicher, das Kamel scheut nicht leicht, die Zügel braucht man nicht in der Hand zu behalten, da dies der Kameltreiber besorgt, man kann sogar lesen und hat vor sich in den Satteltaschen alle möglichen Utensilien zu sofortigem Gebrauch. Doch das Aufsitzen hat einige Schwierigkeit; denn zuerst richtet sich das Thier unter unmuthigem Grunzen auf die Vorderkniee, dann auf die Hinterbeine, dann vorne ganz aufrecht, und endlich ist die Geschichte im Reinen; man wird dabei, da alles ruckweise geschieht, von vorne nach rückwärts und von rückwärts nach vorwärts rc. geworfen. Während des Reitens, das man erst langsam gewöhnt, wird man immer nach vorne und rückwärts und wieder vorwärts geschoben, allerdings nicht zu stark, aber immerhin so, daß man bei jedem Schritte eine sehr tiefe Verbeugung mit dem Oberkörper macht. Es ermüdet dieses ungemein, und nach einem Ritte von 6—8 Stunden ist man äußerst erschöpft; aber seekrank wird man nicht. So sehr ich dazu geneigt bin, habe ich bei diesem Stägigen Ritte nie etwas von derartigen Gefühlen verspürt. (Fortsetzung folgt.) Napoleon und Madame de StaLl von Friedrich Koch-Breuberg. (Schluß.) Die vergifteten Nadelstiche der Staäl wurden dem ersten Consul bald unerträglich. Jetzt hatte sie wenigstens das erreicht, daß er sie beachtete. Nun verletzte sie fortwährend seine Achillesferse — die Eitelkeit. Aber der verwundete Löwe begann bald sich zornig zu schütteln. Er verbannte zuerst Madame de Staäl aus Paris und, als sie es ferner wagte, ihn lächerlich zu machen, aus ganz Frankreich. Sie, die ihn als Erretter der Gesellschaft, als höheres Wesen Lesungen, verließ jetzt voll Haß ihr Vaterland und bot ihre Dienste seinen Feinden, den Bourbonen, an. Das Erscheinen ihrer Werke „Delphine" und „Corinne" vergrößerte ihren Ruhm und machte sie nur zu einer viel bedeutenderen Feindin. Jetzt konnte sie ihm ebensoviel schaden, wie vielleicht das ganze Königreich England zusammen. Und trotzdem machte sie stets unter der Hand Anstrengungen, von ihm die Erlaubniß zur Rückkehr zu erhalten. Doch er sagte nur: Ich verabscheue die Mannweiber ebenso, wie die weibischen Männer! Und eir andermal: Ich hasse diese Frau und möglich, daß ich si>. hasse, weil mir die Geduld für Frauen fehlt, die sich mir in die Arme werfen, und das hat sie sicher versucht. Jetzt, wo Napoleon am Gipfel seiner Macht angelangt war, wünschte Madame de StaÄ, sich mit ihm zu versöhnen. Es ist das nicht sehr großartig von der großen Frau, noch dazu, wenn man bedenkt, daß sie sich von dieser Versöhnung klingende Münze erwartete. Der Herr Minister Necker hatte nämlich zur Zeit der großen Hnngersnoth Frankreich eine Million znm Ankaufe von Korn geliehen. Ludwig XVI. hatte den Schuldschein gezeichnet, aber die Revolution mit ihren späteren Regierungen die Schuld nie anerkannt. Diese Summe sollte nun Napoleon I. der Erbin Neckers zurückerstatten, so dachte sich die verbannte Dichterin, denn von einem großen Manne mußte man doch mehr als Verzeihung auf einmal begehren. Aber der Kaiser blieb hart, obwohl seine Stieftochter, die Königin Hortcnse, sich sehr für Madame de Staöl verwendete. Die Königin von Holland, welche selbst viel gesungene Romanzen dichtete, ohne je in's Vlanstrumpshafte zu verfallen, schätzte und bemitleidete ihre Schwester in Minerva. Sie wagte es, dem erzürnten Kaiser die Nückberufnng der bedeutenden Frau als einen nothwendigen Akt der Gerechtigkeit darzustellen. Ein kleiner Erfolg blieb nicht aus. Madame de Stavl durfte nach Frankreich zurückkehren und hatte nur Paris und dessen Umgebung zu meiden. Da entsendete die Dichterin ihren Sohn in die Hauptstadt. Natürlich blieben ihm alle Thüren verschlossen. Aber Hortense empfing ihn dann und verschaffte ihm sogar eine Audienz beim Kaiser. Die Unterredung zwischen dem allmächtigen Cäsar und dem jungen Mann währte lange, und Napoleon legte außergewöhnlich viel Geduld an den Tag. Zuerst ließ er sich die Liebe schildern, welche die Dichterin für Frankreich im Herzen trug, dann wie sie sich unglücklich im Exil fühle. Was nicht gar, platzte der Kaiser heraus. Dazu ist Ihre Mutter viel zu excentrisch! Ich will nicht gerade sagen, daß sie eine mschante Frau ist. Sie hat Talent, viel Talent, zu viel — ein aggressives, revolutionäres Talent! Sie ist in dem Chaos einer einstürzenden Monarchie, dem eine Revolution folgte, aufgewachsen und trügt davon diese Elemente in ihrem Herzen, was stets gefährlich werden kann. Nach weiterer angenehmer Schilderung für den Sohn sagte er: Sie wäre nicht sechs Monate hier, ohne mich in die unangenehme Nothwendigkeit zu versetzen, sie nach Bicßtre zu schicken oder in den Temple zu sperren. Was das fatal wäre! Welche Sensation, und wie würde dies meiner Popularität schaden! Sagen Sie Ihrer Mutter, daß ich einen Entschluß gefaßt habe, den nichts zu ändern vermag. So lange ich lebe, kehrt sie nicht nach Paris zurück! Aber der junge Staöl ließ sich nicht so leicht ab- schrecken. Das hatte er wohl von seiner Mittler geerbt. Er ging nicht, sondern bat von neuem. Napoleon suchte ihm zu erklären, daß die bedeutende Frau sich mit dem Faubourg St.-Germain in Verbindung setzen würde, und daß er dies nie dulden könne. Unschuldige Besuche würden sich gefährlich auswachsen, aber seine Regierung sei kein Kinderspiel, diese dulde keine Gaukeleien, und es sei gut, wenn dies Jedermann wisse. Herr von Staäl ließ noch nicht nach. Er sagte dem Kaiser, daß es nicht wahr sei, was man allgemein annehme, daß seine Mutter das letzte Werk Ncckers, welches Napoleon so mißfallen, ausgearbeitet hätte. Folglich hasse Seine Majestät seine Mutter ohne jeden Grund. Als der Kaiser den Namen Neckers hörte, begann er zornig zu werden und rief: Was? In diesem Buch soll ich auch noch gerecht behandelt sein! Ernennt mich den nothwendigen Mann. Natürlich — ihm nach wäre es das Beste gewesen, diesem nothwendigen Mann das Haupt abzuschlagen. Ja, ich war nothwendig, um die Dinge in Ordnung zu bringen, um die Fehler Ihres Großvaters gut zu machen und aller derer, welche, wie er, den Sturz der Monarchie herbeigeführt und den Tod Ludwigs XVI. verursacht haben. Sire, rief der junge Mann dem Kaiser zu, Sie vergessen, daß das Vermögen meines Großvaters con- fiscirt wurde, weil er den König vertheidigte! Eine schöne Vertheidigung! kam's höhnisch von Napoleons Lippen, und dann hielt er dem jungen Manne mit zorniger Stimme eine Vorlesung über das Unglück, welches der Minister Necker über Frankreich heraufbeschworen. Sie endete mit den artigen Worten: Ihr Großvater ist der Urheber der Saturnalien, welche Frankreich in Tollwuth versetzt haben! Und wie so oft, wenn der Kaiser sich ausgetobt hatte, wurde er liebenswürdig. Er packte den jungen Staäl beim Ohrläppchen, und dies war in der kaiserlichen Familie das Zeichen höchster Gunst. Dann belobte er seinen Muth und seine Liebe zur Mutter, blieb aber unerbittlich. Herr von Staäl setzte die Geduld Napoleons auf eine harte Probe, denn er begann die Unterredung von neuem. Noch einmal mußte sich der Gewaltige dazu bequemen, alles anzuhören, was für die Nückberufnng der Frau v. Staäl von Vortheil erschien. Als aber alles nichts nützte, versuchte der echte Sohn seiner Mutter zum Schlüsse, geschwind die bewußte Million herauszuschlagen. Sire, die Anwesenheit mqiuer Mutter wird nöthig erscheinen, um von Ihrer Regierung die Rückzahlung einer heiligen Schuld zu erlangen. Was nennen Sie heilig? Sind nicht alle Schulden heilig? Der Kaiser war ermüdet, war nach kurzem Bescheid, daß diese Angelegenheit Sache des Gesetzes sei, schon an der Thüre des Saales angelangt, als ihn Herr von Staäl noch einmal fragte, ob er wenigstens selbst sich in Frankreich niederlassen dürfe. Darum bekümmere ich mich nicht im geringsten, rief Napoleon zurück, doch gingen Sie besser nach England. Dort liebt man die Pamphlctisten. Gehen Sie nach England, denn in Frankreich werde ich stets mehr gegen als für Sie sein! Damit waren die Verhandlungen über die Rückkehr der Madame de Staäl abgeschlossen. Als Napoleon dann auf Elba saß, kehrte sie in ihr geliebtes Frankreich zurück. Sie hatte sich erwartet, von den Bourbonen mit offenen Armen empfangen zu werden, aber sie sah sich enttäuscht. Die Liliengekrönten vergaffen es eben so wenig, daß sie die Tochter Nccker's sei, als Napoleon. Von der Tochter Ludwigs XVI. wurde sie stets ignorirt, und Ludwig XVIII. sagte scherzend von ihr: Das ist ein Chateaubriand im Unterrock! In gewissem Sinne verletzten die Bourbonen, denen Madame de Staäl so gehuldigt, ihre Eitelkeit viel mehr, als dies Napoleon gethan. Dieser behandelte sie als eine feindliche Macht, jene lachten über ihre Rathschläge und fanden sie höchstens unbequem. Aber die Million erhielt Madame de Staäl von der Regierung Ludwigs XVIII. zurückbezahlt. Die schöne Gräfin du Cayla, die Freundin des dicken Königs, war ihr von einer zarten Angelegenheit her verpflichtet. Eine Hand wäscht die andere — die „heilige" Schuld näherte sich ihrer Abtragung. Darüber erzählt die Gräfin du Cayla in ihren Memoiren sehr offenherzig: „Aber ich glaube, daß die Rückerstattung dieser Million ihr nicht weniger als Viermalhunderttausend Francs, ohne von einem Diamantschmuck im Werthe von hunderttausend Francs zu sprechen, gekostet hat." Derosne in seinen Memoiren der Königin Hortense meint sehr richtig, daß diese Annahme der schönen Gräfin als Gewißheit vorgeführt werden könnte, wenn man ihre eigene Börse und ihre Schränke hätte durchsehen dürfen. Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Panopolis in Oberägypten und in den Katakomben. Studie von Dr. Gustav A. Müller, Museumsbevollm. und Herausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E. (Fortsetzung.) Der Hahn. Bezüglich der Figur des Hahnes auf den altchrist- lichcn Monumenten der Katakomben gilt im Allgemeinen das Wort Wilperts gegen Hasenclever: „Der Hahn figurirt auf den christlichen Monumenten fast nur als Attribut des Apostelfürsten." Er bildet ein wesentliches Detail in der Scene, wo Christus dem von seiner charakterfesten Treue so selbstbewußt überzeugten Apostel die prophetische Warnung ertheilt: „Ehe der Hahn zweimal krähet, wirst Du mich dreimal verlaugnet haben." Meist steht der Hahn zu den Füßen des Petrus; viermal nur erblicken wir ihn auf einer Säule, auf dem Wandgemälde in S. Cyriaca, auf zwei lateranensischen Sarkophagen und einer Elfenbeinkiste aus Brcscia. Es ist beachtenswerth, daß alle diese Darstellungen der nach- constantinischen Zeit entstammen, so daß Haseuclcvers Meinung von einer Imitation „pompejanischer" Kunst- motive ausgeschlossen bleiben muß: auch die Funde von Achmim bezeugen in jener Periode eine völlige Lossagnng von etwaigen heidnisch-klassischen Traditionen. Ob indessen der Hahn ursprünglich mit Vorliebe dem Apostel beigegebeu wurde, ob er nicht vielmehr zuerst seine dogmatisch-allegorische Bedeutung zum Ausdruck bringen sollte, ist bei dem Mangel an Darstellungen ältesten Datums nicht leicht zu entscheiden. Hiezu kommt die Schwierigkeit chronologischer Fixirung. Immerhin reden die Denkmäler, soweit sie uns die Figur des Hahns außerhalb der Verläugnungsscene bieten, eine deutliche Sprache. Und da begreifen wir nicht, warum de Waal, der hochverdiente römische Archäolog«, wider 149 Brock haus bemerkt: „Im Unterschiede von den Vatern ist auf den Denkmälern gerade die Kampfeslust des Hahnes das am meisten hervortretende Moment." Auch Brock Haus übersieht die „Kampfeslust" des Hahnes nicht, wenn er ihn „häufiger später als Symbol der Wachsamkeit, der Tapferkeit, der Auferstehung und so als Symbol Christi selbst" deutet. Denn was de Waal mit de Nossi bekennt, wenn er sagt, es sei nahe gelegen, „auch die Hahnenkämpfe, wie man sie täglich vor Augen hatte, als Symbol des Lebens zu deuten, in welchem wir den guten Kampf kämpfen müssen, damit der gerechte Kampfrichter uns dereinst den Siegespreis zuerkenne" — so meint schließlich Brockhaus dasselbe mit seinem Begriffe der „Tapferkeit", den er allerdings nicht exegetisch erörtert. Und wenn er diese Tapferkeit, diese allegorische „Kampfeslust" mehr wie de Waal auf den Denkmälern der Bedeutung „Wachsamkeit" und „Auferstehung" coordinirt, wenn er die letzteren Begriffe der Zahl ihres Hervortretend nach dem ersteren gleichzustellen scheint, so wag das für den seinerzeitigen Stand der Sache nicht ganz genau gewesen sein: heute, wo die frühchristlichen Funde aus der Necropole von Achmim-Pauopolis ergänzend zu den Katakombenfnnden hinzutreten, müssen wir Brockhaus beipflichten. Was zunächst die Kampfesdarstellungen betrifft, so wäre eS falsch, ihre genetische Entwicklung aus klassisch-heidnischen Motiven rundweg zu negieren, sie als christlich xa LLoxy'-' hinzustellen. Freilich ist es ebenso falsch, mit Victor Schnitze diese „Abhängigkeit" der christlichen Kunst von der heidnischen auch auf den inneren Gehalt der Darstellungen zu übertragen, so daß man wie den klassischen Hahnenkümpfen auch den christlichen eine allegorische Bedeutung höheren Sinnes abspricht. Die alten Christen, dies ist doch eine hundertfältig bezeugte Thatsache, haben in der Periode der Verfolgungen sowohl als auch des Friedeus es gar wohl und sinnig verstanden, an ein wenn man will heidnisches Motiv christliche Ideen zu knüpfen. So geschah es z. B. mit der ornR Aurnmnta, jener vierfachen Wiederholung des griechischen Buchstabens U in der Form die bei den Buddhisten und seit Urzeiten bei andern Orientalen als heiliges Symbol galt und gilt. Den Christen diente es trefflich zur arcauen Darstellung des Kreuzes Christi, wie wir dies auf dem Gewandschmuck eines christlichen Todten von Nchmim beobachten. Es ist hier nun nicht unsere Aufgabe, alle christlichen Hahnenkampfbilder aufzuzählen und zu erörtern, wiewohl dies gerade keine lange Arbeit wäre. Erinnern wollen wir nur au ein Mosaikfragment des Lateran- museums mit dem Bilde eines zum Kampfe herausfordernden Hahnes und an ein Neliefbild aus S. Aguese, einem Sarkophage entnommen und einen Hahuenkampf darstellend. Die immerhin geringe Zahl derartiger Kampfesdarftcllungen gibt kaum das Recht, letztere als die am meisten beliebte Auffassung zu bezeichnen. Im Gegensatz zu de Waal hat daher auch Wilpert in seinen peinlich genauen „Principienfragen der christlichen Archäologie" dem „Kampfhahn" eine bescheidenere Stellung zugewiesen. Wir halten den Hahuenkampf weder für das am meisten bevorzugte, noch für das älteste Motiv über die Symbolik des Hahnes, trotzdem er täglich vor den Augen der Christen sich abspielte, wie denn mit Recht de Waal auf Paulus verweist, der vielfach seine Vergleiche aus der Arena und den agouistischen Kämpfen holte. Allein die thatsächliche Seltenheit der Kampfcs- darstellungen auf Hahnenbildern der Katakomben und, fügen wir hinzu, ihr auffallendes Fehlen in den sonst so symbolreichen Gräberfunden aus Achmim geben dem Hahnenkampf nicht im Entferntesten eine besonders wichtige Stellung in der frühchristlichen Auffassung und Symbolik. Um so bedeutsamer aber erscheint uns der Hahn in seiner Beziehung zum Glauben an die Auferstehung der Todten. Schon die Katakomben haben hiefür wichtige Belege geboten. Wo der Hahn hier auf Grabsteinen mit der Inschrift Il§ erscheint, wo er, wie auf einem Jaspisring, in Verbindung mit der Palme und in einem Schiffletn auftritt, da kündigt er sich an als Verheißung der kommenden Auferstehung aus der Ruhe des Todes nach dem Kampfe des Lebens. Zeigt sich über ihm das Christusmonogramm, so symbolisirt er den Heiland selbst, der am jüngsten Tag uns alle „weckt" zu herrlichem Leben. Keinen Zweifel aber läßt auf dem Grabstein eines Leopardns neben der Figur des Hahnes die verstümmelte, von Polidori richtig ergänzte Inschrift bestehen: VIL HL — illa, äis ffaus r'68U1'K68. Wandern wir nun von den Katakomben hinaus zum Gräberfeld von Achmim-Panopolis, so finden wir hier den Hahn, wir dürfen eS ruhig aussprechen, von vornherein als Auferstehnngssymbol in fast ausschließlichem Sinne. Mein Freund Forrer, der mit besonderem Interesse den christlichen Thiersymbolen auf den Gewändern von Achmim nachging, dem auch sicherlich die besten und meisten derartiger Stoffe durch die Hand gingen, ist zu einer höchst interessanten Vermuthung gelangt, die er mit folgenden Worten ausspricht: „Mehrfach beobachtete ich den Hahn in auffallend roher, linearer Ausführung auf gleich auffallend roher Leinwand in seltsamer Dnrchzieh- technik als Clavus angebracht, und es machte diese wiederholt gleichartige Erscheinung den Eindruck, als läge ihr eine bestimmte, mir unklare Anschauung zu Grunde. Sollte der Hahn als „Wecker" ein Zeichen der Auferstehung fein, und waren diese durchweg rohen und einfacheu „Hahnengewänder" dteTodten- kleider der Armen? Nun, die Auferstehung symbolisirt der Hahn auf den Mumieugewänderu ohne Zweifel; aber auch der Begriff „Hahnengewünder" ist keine allzu- kühne Annahme. Für beide Momente können wir ein und dasselbe Beispiel hier vorführen. Ich besitze einen Gewandrest, der, wie das Original ausweist, nur das Bruchstück eines gleichartigen ganzen Gewandes ist. Und was bietet sich uns dar? Inmitten rankend sich verschlingender Umrahmungen wiederholt sich fortwährend die Figur eines friedlichen Hahues, der hier auf einem christlichen Grnbkleid nichts anderes als die Hoffnung der Auferstehung bedeutet. Dies erhellt bis zur Evidenz aus der ebenfalls sich fortwährend wiederholenden Männergestalt, die, lebhaft an die von Forrer als frohe Herolde des siegreichen Christenthums gedeuteten Tänzer auf christlichen Textilien erinnernd, jeweils mit der erhobenen Linken zum Hahne empordeutet. Unser Gewandstück, das noch in das III. Jahrhundert, sicherlich in die heidnisch-christliche Uebergangszcit zu datiren ist, steht keineswegs vereinzelt da. In den verschiedensten Museen und Privatsammlungen, besonders auch in der Sammlung Forrer-Straßburg, der mein Stück entstammt, sind ähn- 150 liche Darstellungen vertreten, die dem Hahn weit mehr wie die Kampfcsdeutung die nicht minder poetische Symbolik des Auferstehungsglaubens zuerkennen und zugleich darthun, daß da, wo man dem Todten anstatt eines gewöhnlichen Kleides ein spezielles Funeralgewand mitgab, die Figur des Hahnes mit Vorliebe als Ornament in Verwendung kam. Diese Bedeutung als Auferstehungssymbol scheint uns für den Hahn die häufigste und die älteste zu sein, letzteres in um so höherem Grade, je mehr wir das Bild des Hahnes auf den Verlüugnungsscenen, resp. letztere selbst einer jüngeren Epoche zuschreiben müssen im Gedenken an die Thatsache, daß erst mit dem Uebertritt Konstantins im vierten Jahrhundert und durch die hie- durch geschehene Aenderung in der Lage der Christen der Symbolzwang aufhörte und historische Scenen als solche ungescheut dargestellt werden konnten. Es gilt dieses Princip auch völlig für die koptisch- christliche Kunst Achmims. Nur mag es auffallen, daß auf den Verläugnungsscenen von Achmim-Panopolis der Hahn keineswegs die significante Rolle spielt, wie in den abendländischen Bildern. Auch nicht einmal ist auf den allerdings seltenen diesbezüglichen Darstellungen in Textilstücken der Hahn sichtbar. Trotzdem bleibt in der wichtigsten aller Verläugnungsscenen von Achmim, nämlich in jener des größeren bischöflichen Palliums aus dem VI. Jahrhundert, die Situation klar und unverkennbar. Ueber dieses werthvolle Pallinm selbst hat Forrer, sein einstiger Besitzer, zu wiederholten Malen eingehend berichtet, auch hat der Schreiber dieser Abhandlung darüber ausführlich gehandelt. Wir verweisen demgemäß auf die betreffenden Quellen. Von den 9 gestickten Figurentableaux dieses Prachtgewandes zeigt Nr. 7 eine Darstellung, welche N. Forrer „in Folge der Zwischenstellung hinter den Bildern aus Christi Wirkenszeit und vor dem Bilde der Kreuzigung als die Scene gedeutet" hat, in welcher JesuS dem Petrus die Verlüugnung voraussagt. Forrer hat gewiß auch ohne den Hahn das Nichtige getroffen: „Christus ist reich (?) gekleidet und sitzt vor dem die Prophezeiung zurückweisenden Petrus." (Fortsetzung folgt.) Zur Chronologie des heiligen Willibald. Von Adam Hirsch mann, Pfarrer in Schönfcld. (Schluß.) Aus den Angaben der Vita des hl. Wynnebald geht klar hervor: Willibald und Wynnebald haben sich weder gesehen noch gesprochen, als letzterer in die deutsche Mission abging. Damit fällt aber auch zugleich der Grund hinweg, die dritte Nomfahrt des hl. Bonisatius in das Jahr 735 zu verweisen. Sowohl Willibald, der Mainzer Biograph, als Othlon berichten, daß der hl. Bonisatius während der Regierung des Herzogs Hugbert nach Bayern gekommen sei und durch häufige Predigten das Volk aus den häretischen Lehren eines gewissen Eremwulf, den er nach den kanonischen Satzungen von der Kirche ausschloß, herauszuziehen versucht habe. Dann aber kehrte der secleneifrige Oberhirte wieder zu den Brüdern, die in Thüringen seiner Obsorge unterstellt waren, zurück: Htsgus omuikus ritö coulsotis, Laguariorum tsru- porikns HuAokerti äucüs aäiit torras . . . eb aä kratres suk suas älosaeLsoll ^uksruntionis cousit- tutos rursus mi^ravit, juxta, illucl axostoli: euxiäl- tntsni Kuchens venienäi act ckrutres. N. 6-. II, 345. Mabillon ^ot. 8s. IV, 17. Fast mit denselben Worten schildert Othlon die nur vorübergehende Wirksamkeit des hl. Bonisatius unter Hugbert; auch er betont dessen Heimkehr aus Bayern nach Thüringen. Mabillon, I. o. IV, 40 eux. XLVII. Wie angesichts dieser klaren Angabe der bonifati- anischen Biographen Herr S. sagen kann: „Willibald setzt die dritte Reise des Apostels der Deutschen nach Rom unmittelbar nach der Visitation der kirchlichen Verhältnisse Bayerns unter dem damals noch lebenden Herzog HngVdrt an", (Nr. 50 S. 4) ist nicht einzusehen. Niezler (Gesch. Bayerns I, 103) setzt die Anwesenheit des hl. Bonisatius auf bayerischem Gebiete gegen das Jahr 735, Will (Negesten I, V) in die Zeit von 735—736, Woelbing (Die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Bonisatius S. 79) gegen das Ende der Regierung des Herzogs Hugbert 728—739. Erst nachdem der Apostel der Deutschen Vorsorge für die Kirchen in Hessen und Thüringen getroffen hatte, trat er in Begleitung zahlreicher Schüler die dritte Rom- reise an, um dem Papste Gregor III (731—741) persönlich seine Ergebenheit zu bezeigen. Das wichtigste Resultat dieses Besuches der Gräber der hl. Apostelfürsten Petrus und Paulus war unstreitig die nachfolgende kirchliche Organisation Bayerns, wo Bonisatius mit Zustimmung des Herzogs Odilo und der Großen des Landes vier Diözesen errichtete und ebensovicle Bischöfe aufstellte. Die päpstliche Confirmationsurkunde trägt das Datum: 29. Oktober 739 (LI. 6-. Lpp. I, 293). Daher werden wir wohl am besten mitHcrgen- röther (K.-G. I, 681), Hefele (Conc.-G. III, 493), Will (Negesten I, V) und Dümmler (N. O. Lpx>. I, 289) diese letzte Nomfahrt in die Zeit 737—738 verlegen. Der Ausdruck, daß Bonisatius viele Tage (rnultüs ätokus) in Bayern bei Herzog Odilo und seinen Unterthanen verweilt habe, fordert durchaus nicht, anzunehmen, daß der eifrige Glaubensprediger die Jahre 736 und 737 auf die Circumskription der bayerischen Diözesen verwendet haben müsse; für diese Thätigkeit genügte doch wohl das Frühjahr und der Sommer 739; sonst hätte der Biograph wohl den significanteren Terminus multis anuis, viele Jahre, gewählt. Mochte Bonisatius auch von Thüringen aus den glücklichen Vollzug der Diözesaueintheilung des Herzog- thums Bayern nach Rom gemeldet und um deren Bestätigung nachgesucht haben, so ist es doch von vorne- herein sehr wahrscheinlich, daß er diese junge Pflanzung nicht aus den Augen verlor und gemäß dem päpstlichen Auftrage die bayerischen Bischöfe auf einer Synode zu vereinigen suchte. Darum stimmt die Angabe der Nonne von Heidenheim, daß der im Mai 740 aus Italien angekommene Willibald den hl. Bonisatius in Freising angetroffen habe und mit demselben nach den Ufern der Ältmühl gezogen sei, um in Eichstätt am 22. Juli 740 die Priesterweihe zu empfangen, sehr mit den allgemeinen Zeitverhältnissen überein. Ein Jahr darnach wanderte Willibald nach Thüringen, um drei Wochen vor Martini, an seinem Geburtstage, zum Bischöfe erhoben zu werden. Herr S. sagt nun: Im Jahre 741 fiel der Ge- dächtnißtag des hl. Martin, 11. November, auf einen Samstag, also mußte drei Wochen vorher, am Samstag 151 dem 21. Oktober, Willibald znm Bischöfe geweiht werden. Das ist aber nach dem kanonischen Rechte nicht zulässig, indem die Consccration eines Bischofes immer an einem Sonntage vorgenommen werden muß?) Mit Hefele (Conc.-G. III, 495 A. 2) könnte man hierauf erwidern: rwlla. rsZulu sius sxssxtious. Der hl. Bonifatius als päpstlicher Legat war sicherlich für sein weitausgedehntes Missionsfeld mit großen Facul- täten seitens des apostolischen Stuhles ausgerüstet; aber fordern die Worte der Nonne: „Ills UVillibaläris, Hnanäo in spisooputum eonssornius ernt:, tmbsbach 40 annos st 1 annurn st tuno ernt nuturnnuls tsivpns virsn illnnr bsrs llorain tridus Ii sdäoinnäidus g.nts uatals s. lllartinl in spisooputum consssrntus sst" die Interpretation, daß Willibald am Samstag dem 21. Oktober 741 znm Bischöfe consccrirt werden wußte? Der hl. Bonifatius wählte in zarter Aufmerksamkeit gerade jenen Tag und jene Stunde, um seinem Verwandten die bischöfliche Würde zu übertragen, an welchen derselbe vor 41 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Ob aber dieser 42. Geburtstag Willibalds auf Samstag den 21. Oktober 741 oder auf Sonntag den 22. Oktober desselben Jahres gefallen ist, das liegt in der Zeitbestimmung: tridus Iisdäoinaäidng nnts natals Llartini, drei Wochen vor Martini, nicht so prägnant ausgesprochen, als daß man daraufhin ein apodiktisches Urtheil sich bilden könnte, um das Jahr 741, welches durch die Akten des ersten deutschen Na- tionalcoucils als Consecrationsjahr des hl. Willibald gefordert wird, zu verwerfen. Für dieses Jahr tritt auch als Zeuge der Eichstätter Tradition ein der Zeitgenosse des Bischofes Gundekar II, der Anonymus von Herrieden, welcher erwähnt, daß auf Anordnung des Papstes Gregor III. Willibald von Bonifatius zum Bischöfe von Eichstätt consccrirt worden sei zugleich mit Burchard von Würzburg (N. 6-. VII, 255). Da Gregor III. am 29. November 741 aus dem Leben schied, so kann Willibalds Bischofsweihe nicht über das Jahr 741 hinaus verlegt werden. Hatte unser Heiliger am Tage seiner Consccration das 41. Lebensjahr soeben abgeschlossen, so datirt seine Geburt in den Oktober des Jahres 700 zurück. Wenn Bonifatius seinem Landsmanne zu Sülzen- brücke, im ehemaligen Archidiakonate Gotha, im heutigen coburg-gothaischen Amte Jchtershausen (Past.-Blatt 1881, 104), nicht auf der Salzburg bei Neustadt a. d. Saale, wie man feit Eckhart und Falckenstein allgemein angenommen hat, die bischöfliche Weihe ertheilte, so geschah dieses wohl deßwegen, weil Wyuuebald daselbst als Missionspriester stationirt war: dort nun sahen sich die beiden Brüder znm ersten Male wieder, seitdem Willibald nach Ostern 723 von Nom Abschied genommen und nach den heiligen Stätten des gelobten Landes gepilgert war: 18'/z Jahre waren entschwunden; welch verschiedene Wege hatte die göttliche Vorsehung das Brüderpaar geführt! und nun finden sie sich wieder im Herzen von Deutschland als Priester und Bischof! Daß im Jahre 741 Willibald nicht als Bischof einer festbegrenzten Diözese Eichstätt, sondern nach englischem Vorgänge als Klosterbischof für die kleine Kolonie an der Altmühl aufgestellt wurde, ergibt sich schon aus der Betrachtung der Zeitlage, indem das Herzogthum *) Im Jcihrc 713 fiel Martini auf einen Montag; drei Wochen vor Martini fallen nach volksüblicher Rechnung aus Montag, den 21. Oktober, nicht Sonntag, den 20. Oktober. Bayern erst 739 eine neue Diöcesaneintheilung erfahren hatte. Aber gerade in den Tagen, in welchen der Abt des Klosters Eichstätt die bischöfliche Weihe erhielt, am 21. Oktober 741 starb der mächtige Frankcnführer Karl Martell: Karlmann und Pippin theilten sich in die Herrschaft, der Halbbruder Griso, welcher unberücksichtigt geblieben war, verband sich mit dem Bayernherzog Odilo, doch Karlmann errang den Sieg und verkleinerte Bayern um den Nordgau. Dieser politischen Aenderung folgte gar bald eine kirchliche: aus dem ehemals bayerischen Nordgane und dem alamannischen Sualafelde wurde das Bisthum Eichstätt gebildet 743—747 (Niezler, Gesch. Bayerns I, 104; Forsch, z. d. Gesch. XVI, 400—406). Die einheimische Tradition verlegt die formelle Errichtung der Diözese in das Jahr 745 (Popp, Anfang und Verbreitung d. Christenth. S. 158). Die letzte Frage, die wir zu erledigen haben, lautet: Wann starb der heilige Willibald? Nach Herrn S. am 7. Juli 779 (Nr. 52 S. 2). Da die Nonne von Heidenheim ihrem Berichte über den Heimgang des hl. Willibald nichts beigefügt hat, noch auch sonst eine gleichzeitige Quelle das Todesjahr unseres ersten Bischofes aufgezeichnet hat, so sind wir auf die Tradition angewiesen, wie sich dieselbe im gunde- karianifchen Pontifikalbuche niedergelegt findet. Da finden wir nach der Ausgabe von Bethmann in den Nonuinsuta. O-smunnias Lorixtores im siebenten Bande S. 243 folgenden Eintrag: „ Willibaläs, luos xriwus rsZis ^.ureutsussg. . . Noch auf derselben Linie den historischen Vermerk: 8säit anuoo 36. Tlnno insurn. 781 Xou. ckul. stillt: O Willibald, als Erster leitest du deine Eichstätter.*) Er regierte 36 Jahre, starb am 7. Juli 781." Dann folgen die trockenen Namen seiner 5 ersten Nachfolger: Gerhoch, Aganus, Adalunc, Altune, Otker, mit der Bemerkung: Diese 5 Bischöfe füllten eine Negierungszeit von 100 Jahren aus; ein Beweis, daß die Chronologie derselben dem Verfasser des Gunde- karianums unbekannt war, während er über Willibald, den Gründer der Diöcese, Tag und Jahr des Todes und die Dauer der Amtsführung zu berichten wußte. Der zweite Eintrag (lblcl. VII, 245) lautet: Das sind die Namen der Bischöfe der aureatensischen Kirche zu Ehren des Weltheilandes erbaut: ^.nno alr iasar- uutioue Douriwi 781, 8. Mllllfialäus Xon. lul. cou- 8ortium soassswält aw^sloruw, astats gmlpps 7? anucwum, ssäit annos 36: Im Jahre des Herrn 781 am 7. Juli erhob sich der hl. Willibald zur Gesellschaft der Engel, in einem Alter von 77 Jahren; er hatte 36 Jahre regiert." Beide Einträge weisen die gleichen Jahre hinsichtlich der Dauer der bischöflichen Amtsführung und den gleichen Todestag: 7. Juli, nebst dem nämlichen Sterbejahre 781 auf. Zählen wir von diesem letztgenannten Jahre 36 Jahre rückwärts, so gelangen wir zu dem Jahre 745, in welchem nach schon oben berührter Eichstätter Tradition das Bisthum sein Entstehen feierte. Herr S. hält nun aus den Einträgen des Bischofes Gundekar II., gegen das Jahr 1072 gemacht, folgende Daten als historisch fest: a) Willibald hat 36 Jahre lang den bischöflichen Stuhl in Eichstätt eingenommen, 6) Willibald ist 77 Jahre alt geworden. Da nun nach der Voraussetzung des Herrn S. Willibald am 20. Oktober 743 als Bischof von Eichstätt consccrirt worden ist, so fällt sein Tod auf den 7. Juli 779. Aber *) Ueber die Bedeutung des ltureatum s. Past.-Vlcitt 1871, 130. 152 wir erlauben die Gegenfrage: Ist es vom Standpunkte der historischen Kritik aus erlaubt und gestattet, eine spätere Nachricht, die weder den Schein der Unwahrheit, noch der Unmöglichkeit in sich schließt oder offen zur Schau trägt, so zu zerstückeln, daß man ein und das andere Satzglied für wahr hält, das andere aber, das vielleicht einer liebgewonnenen Meinung unbequem ist, als falsch erklärt? Da ein gleichzeitiger Bericht über Willibalds Tod nicht vorliegt, so gibt es nur die doppelte Möglichkeit: Entweder man nimmt den Eintrag Gundekars so wie er sich vorfindet, oder man verwirft denselben ganz und gar. Der Kern dieser schriftlich fixirten Tradition ist: Willibald starb am 7. Juli (Samstag) 781. Denn Snttner (Vitao pontil. in: ladnla. I-eoriroäianL x. 1) erklärt im ersten Eintrag die Zeitangabe: seäit Lirnos XXXVI als Nasura; ursprünglich habe gestanden ruinös XXVII: also nicht 36, sondern 27 Jahre habe Bischof Willibald regiert; ferner hält derselbe um Eichstätts Diözesangeschichte hochverdiente Forscher die Zusätze, welche mit saciit beginnen, nicht von Gundekar II. herrührend, sondern glaubt sie dem Bischöfe Otto (1182 bis 1195) zuweisen zu müssen, wo nicht ein späterer Fortsctzer aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, Konrad von Kastei, besonders genannt ist. Daß man im Gunde- karianum immer äaLl^XXXI (781), nicht äaol-XXIX (779) gelesen habe, wie Herr S. vermuthet, dürfte außerdem Mangel jeglicher nachweisbarer Rasur an dem noch vorhandenen Originale aus dem Zusätze Konrads von Kastei hervorgehen, welcher zu dem ersten Eintrage: Leckib rwnos 36. ^.n. ino. 781 Xon. llnl. oliiit: Willibald regierte 36 Jahre; er starb am 7. Juli 781 — hinzugefügt hat: Hnno ciaoXI-V im Jahre 745 wurde Willibald Bischof; er zählte demnach die 36 Bischofsjahre nicht von 743, sondern von 745 ab. Wenn Herr S. ferner aus 7 Eintrügen im Pon- tifikalbuche Gundekars II. folgert, daß die Diözese Eich- stütt schon 743 geschaffen worden sei (N. 6-. VII, 246 bis 247; Past.-Bl. 1862, 137), so wollen wir hierüber mit ihm nicht rechten, nur dagegen legen wir Verwahrung ein, daß Willibald erst im Oktober 743 zum Bischöfe consccrirt worden sei; indessen die Erklärung Popps (1. o. S. 170), wornach der Ausdruck: anno amtmni aonstitutnonis ffujns apisaopii auf die Kathedral- kirche in Eichstätt zu beziehen sei, hat auch ihre Berechtigung. Sehr ungerne vermißten wir in den chronologischen Studien des Herrn S. eine Auseinandersetzung mit den Bollandisten (TVotrr 8s. llul. II, 491), mit Mabillon (I. o. IV, 354), mit Falckenstein (TVngleotz. II, 424), Hauck (K.-G. II, 720), Holder-Egger (N. 0-. XV, 106 A. 4), welche den Tod des ersten Bischofes von Eichstätt in das Jahr 786 verlegen, da er im Jahre 785 noch urkundlich erscheine. (Vergl. Will, Negesten I, 44, Lullus II nr. 79, Dronke, aoä. äixl. kulä. irr. 85 S. 52). Da wir uns nur das Ziel gesteckt hatten, die chronologischen Aufstellungen des Herrn S. über den hl. Willibald einer Besprechung zu unterziehen, so können wir über die Prüfung der hier einschlägigen Urkunden auf ihre Aechtheit hinweggehen, indem wir auf die Ausführungen von Popp (1. o. 190—195), von Lefflad, Negesten S. 2, und von Stamminger (Idrano. 8. I, 480—481) verweisen. Als Endresultat aber glauben wir die drei Daten gesichert zu haben: Der hl. Willibald wurde am 22. Juli 740 in Eichstätt zum Priester, am 21. oder 22. Oktober 741 in Sülzenbrücke durch den hl. Bonifatins zum Bischöfe geweiht und starb am 7. Juli 781 eines seligen Todes. Recensionen und Notizen. Pros. vr. H. Karsten's Flora von Deutschland, Deutsch-Oesterreich und der Schweiz. Mit Einschluß der fremdländischen medizinisch und technisch wichtigen Pflanze», Droguen und deren chemisch-physiologischen Eigenschaften. — Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Ca. 85 Bogen in Lex.-8°, mit Abbildungen von über 1300 Pflanzcnarten in Holzschnitt. Gera-Untcrm- haus (Reuß). Verlag von Fr. Eugen Köhler. Vollständig in zwei Halbbäuvcn 5 10 M. oder in 20 Lieferungen »IM. „Vollständig Ende 1894.« DaS „Archiv der Pharmacie« nennt „Karstcns Flora" ein „Werk aus Meisterhänden hervorgegangen". — Das „CeNitrat-Organ f. d. Interessen des NcalschnlwesenS" nennt das Buch „ein Produkt deutscher Gelehrsamkeit und deutschen Fleißes", welches nicht nur dem Apotheker und dem Arzte, sondern auch allen Botanikern empfohlen zu werden vedicnt, und die Deutsche mediciuische Wochenschrift: „ES ist dies das für den Arzt empfehlcnSwcrtheste aller botanischen Werke, da es in gedrängter Kürze alles für denselben Wissenswerthe aus den Gebieten der Botanik und Drogucnkunde enthält." „Die Natur": „Gerne bekennen wir, daß es sich hier um ein Werk handelt, welches nicht mit gewöhnlichem Maßstabe gemessen werden kann. Zwar ist der Kern seines Inhaltes ein florist- ischer, allein der Verfasser faßt diese vaterländische Floristik im großen Stile an, wie eS seil langer Zeit in solcher Weise nicht mehr geschah. — Wenn es sich auch zunächst um die deutsche Flora bandelt, so gebt der Zweck des Verfassers doch offenbar dahin, jene Flora als einen Bestandtheil der Gcjammt-Vege- tation unseres Planeten zu fassen, sie mit den Formen derselben in Verbindung, in Vergleich zu stellen. — Daraus geht dann von selbst hervor, was die deutsche Flora ist und nicht ist, welche Lücken sie ausfüllt oder an sich trägt. — So erwirbt sich diese „deutsche Flora" Karsten's von vornherein einen kosmischen Charakter, wie sich das auch von einem Manne erwarten ließ, der zwöls Jahre lang vom äußersten östlichen Küstengebirgc des äquatorialen Südamerika bis zu dessen Niesenhöhen botanisirend wanderte, um auf der Hochebene von Quito zu den beträchtlichen Erhebungen des wunderbar gegliederten Festlandes emporzusteigen. — Wer seine große »sklora, Oolnwbia-o» näher kennt, der weiß es auch, daß dieser Mann zu den fleißigsten, umsichtigsten und kenntnißreichsten unserer heutigen Botaniker, sowohl im systematischen wie im morphologischen und physiologischen Sinne, gehört. — Selten nnr vcrcinigcn drei solche Eigenschaften sich in einem einzigen Beobachter, und das ist es auch, was ihn und sein Werk in die vordersten Reiben stellt." Allen Freunden der seisntia. annrbilis ans's Wärmste zu empfehlen. Pros. vr. K. Leitschuh (Fr.), Franz Ludwig von Ertheil, Fürstbischof von Bamberg und Würzburg, Herzog von Franken. Ein Charakterbild nach den Quellen bearb. von —. Bamberg, Büchner. 1894. 8°. VIII, 256 S. Das Buch, mit 10 Vollbildern versehen, hübsch ausgestattet nach dem Muster der „Bayerischen Bibliothek", für welche es ursprünglich bestimmt war, erzählt uns in angenehmer Sprache von einem Kirchcnfürsten aus der Verwandtschaft Echters von Mespelbrunn (1779—95), dessen Regierung nach dem Zeugnisse Döllingcrs „eine musterhafte, vom ganzen Lande gesegnete« war. „Ich habe«, sagt derselbe Gewährsmann, „in meiner Jugend — mein Großvater stand selbst in seinen Diensten — auch von Greisen niit Begeisterung die Verwaltung des Landes preisen kören.« Wenn auch des Verfassers Urtheil gar zu panegyrisch klingt: „ein Melchisedck in der Abendsonne des untergehenden deutschen Reiches", so läßt sich doch nicht bestreiten, daß Ertheil sich als weltlicher Regent und auch als Kirchcnfürst ungcwöbn- liche Verdienste um sein Territorium erworben hat. In religiösen Dingen huldigte er einer gemäßigten Aufklärung, in kirchenrecht- lichen dem Josephinismus, was sich besonders bei den Nuutiatur- streitigkcitcn 1785 ff. und der „Emscr Punktation« zeigte. Bei der Schilderung dieses letztgenannten Kapitels überschreitet der Verfasser verschiedentlich die sonst im Buche obwaltende Objektivität des Urtheils und Ausdrucks. Verautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Nl-,20 17. Mai 1894. Viktor Hardung. „So eitel künstlich haben sie verwobcn Die Kunst, die selber sie nicht gläubig achten, Daß sie die Sund' in diese Unschuld brachten: Wer unterscheidet, was noch stammt von oben? Und wer mag würdig jene Reinen loben, Die in der Zeit hochmüth'gcm Trieb und Trachten Die heil'ge Flamme treu in sich bewachten, Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!" (Eichendorff: „Der Dichter".) 2^2 Gerne pflegen die Leser der „Beilage" Folge zu leisten, so oft es gilt, an dem frischgeschmückten Grabe eines Heimgegangenen Dichters sich zu irgend einer pietätvollen Gedächtnißfeier zu vereinen. Nicht minder freudig auch, denke ich da, werden sie willfahren, wenn einmal wir sie einladen zur schuldigen Ehrung für einen der feinsinnigsten Sänger unserer Tage. Viktor Hardung heißt der eigenartige Poet. Er ist Katholik; geboren am 3. November 1861 zu Essen an der Nuhr, lebt er augenblicklich in der Schweiz, die er sich zur zweiten Heimath erkoren hat. Von ihm wurde in kurzer Zeit (über seine literarische Thätigkeit vgl. Kathol. Literaturkalender IV, 69) der meist so poesieverlasseue Schautisch unserer modernen Literatur mit reichen Kostbarkeiten geschmückt durch die Dichtungen: „Die Kreuzigung Christi" (dramat. Entwurf), „Sonuweudfeuer", „Lieder zweier Freunde" und „Königin Rose"; ein Trauerspiel „Die Wiedertäufer in Münster" dürfte in diesem Jahre erscheinen; wir werden zur gegebenen Zeit die Leser der „Beilage" damit bekannt machen. Die lang verstaubte Laute Eichcndorffs sollte mit Hardung wiederum ihren ebenbürtigen Meister finden. Der ganze weiche Schleier, welcher die Blüthen der Romantik so zauberisch zu umspinnen liebt mit Duft und Melodie, ruht auf seiner Lyrik. Sie ist nicht künstlich zurückgestimmt. Lauscht man ihren goldenen Tonen, so beschleicht ein warmes Sehnsuchtsgefühl die Brust des Hörers, das alte Schmeicheln und Locken zur Flucht aus diesem wüsten Grunde hinaus nach dem verwunschenen Garten der Schönheit und der Träume. Denn: „Wen einmal so berührt die heil'gcn Lieder, Sein Leben taucht in die Musik der Sterne, Ein ewig Zich'n in wunderbare Ferne" — wie so tiefempfunden im Jahre 1809 „der letzte Ritter der Romantik" gesungen hat. Um Hardungs Dichtungen zu empfehlen, bedarf es nicht erst vieler Worte. Ihnen wird sich kein Herz verschließen, an dessen Saiten ihre Weisen angeschlagen haben. Hier zum Verkosten nur einige Klänge aus „Sonn- wendfeuerl" A b e n d h a u ch. Nun zieht die gaukelnde Libelle Des Sinnens müd die Schwingen ein. Verschlafen murmelt noch die Quelle, Und stille naht der Mondcnscheiu. Und über meine Seele wieder Kommt es wie längst verklung'ne Lieder Von einem fernen, gold'nen Stern — O Abendhauch, o Abendhauch, wie hab ich dich so gern! Wie hab ich dich so gern! Die blauen Blumenaugcn schließen Sich über einer Thräne zu, Und auf die Lande sich ergießen In weichen Wellen Traum und Ruh. Und über meiner Seele Kummer Kommt es wie leiser, leiser Schlummer, Und alles Leid ist weltenfern — O Abendhauch, o Abcndhauch, wie hab ich dich so gern! Wie hab ich dich so gern! Lcbenötrau m. Im schimmernden Glänze träumen Die Wipfel den FrüblingStraum — Das ist ein Lustverschäumen, Ein Träumen, Versäumen — Du merkst es kaum. Lenzduftige Wölklein weben Ihr Gold au den HimmelSsaum — Das ist geheim ein Leben, Ein Weben, Verbeben — Du merkst cS kaum. In rosigen Blüthcuflocken Verwiesest der Frühlingsflaum — DaS träufelt auf die Locken Von Flocken .... ein Stocken — Du merkst eS kaum. Das sind doch Texte, würdig der congcnialeu Com- position durch einen Robert Schumann oder Eduard Lassen, wie man edlere und dankbarere nicht leicht finden dürfte? — Und erst die „Lieder zweier Freunde"! Sieben- undzwauzig Gedichte von Hardung und gleichviel von seinem Freunde Hermann Stegemann sind vereint zu einem Dioskuren-Album von besonderem Reize, fesselnd durch Wohllaut der Sprache und schöpferische Gestaltung, staunenerweckend durch das harmonische Znsammenspiel in Dur und Moll der beiden begnadeten Sänger. Sie sind erschienen in Zürich bei Juchli und Beck in vornehmer Ausstattung (grüner Damastband, Silberschnitt, guillochirtes Papier, Vignetten) als ein köstliches Angebinde für jedes Frauenherz. Wir beschränken uns hier auf eine Auslese aus Hardungs Beiträgen: Das kranke Mädchen. O Mutter, wie so golden Ein Strahl die Schatten bricht — Ich schau gewiß dem holden Frühling inS Angesicht. Da muß es besser werden Mit meiner Krankheit Noth — Hat Lenz erst Macht ant Erden, Kein Raum bleibt mehr dem Tod. Wie selig will ich suchen Veilchen am grünen Hag, Unter knospenden Buchen Lauschen dein Drosselschlag. Mit träumenden Angen aufs neue In verschleierte Fernen schalln Und zu des Himmels Bläue Eine goldene Brücke bau'n. Der Mutter über die Wange Verstohlen die Thräne rinnt: Ja, dauern wird es nicht lange, Und wir feiern Ostern, Kind. Und der Frühling entzündet die Kerzen Zur Hochzeit im festlichen Hans Und schüttet nach allen Schmerzen Den Himmel über dich aus. Die verwaiste Mutter. Um das Fenster der Frühling spinnt Seine blühenden Zweige, Und verlassen die Mutter sinnt: Schweige, mein Herz, doch, schweige! Kinderjauchzcn und Glockengetön, Jubel die Weite, die Breite — Wie nur die Welt so schön, so schön, Wenn uns ein Liebes zur Seite! Ist es ein Händchen, ist es der Wind, Was mir da streichelt die Wangen.!. Ack', mein liebes, einziges Kind Schlafen ist's, schlajen gegangen. 154 Mutterliebe. In tiefer Nacht beb ich von Qual zerrissen Und zähl den stumpfen Stundenschlag der Zeit; Und weinend wacht auf thränenfeuchten Kissen Mein dunkles Weh, Weh der Verlassenheit. Verlassen, einsam in des Markts Getriebe, In tiefste Brust der Sehnsucht Drang gebannt; Das wunde Herz lechzt ruhelos nack Liebe — Da streift mich tröstend eine milde Hand. Und stiller wird des Herzens wildes Schlagen, Das Auge schliefst sich heiß und müde zu; Und mit dein Schlummerlied aus alten Tagen Bringt mich das todte Mütterlein zur Ruh. Guter Geist. Wiudgcbläht ein Segel flaggt und flieht In deS Abends goldneS Thor, Anf der Welleuspur ein Leuchten zieht Und versprüht im Dämmerflor. Guter Geist hat frohen Wandermuth Und die golduc Ferne winkt, Und ein Leuchten ist es rein und gut, DaS auf seinen Spuren blinkt. Mag verblassen mählich auch der Schein, Dämmer über dunkler Tiefe steh'n: Leuchtend läßt hicnicdcn sich und rein Fern zum Ziel die Straße geh'n." Eine k'orruu udsolutionis a Löuvismo. Jaussen hat schon früher in einem kleinen Schriftchen: „Aus dem deutschen Univcrsitätslcbcu des sechzehnten Jahrhunderts", ein „allgemein verrufenes „akademisches Ungeheuer"", den Pennalismns, kurz berührt. In dem neuest erschienenen VII. Band seiner deutschen Geschichte findet sich nun noch Eingehenderes über diesen Unfug, wie besonders über die Dcposition der Füchse (Lsani). „Wer eine deutsche Hochschule bezog, hieß Lsauus, Gelbschnabel (bss-Murs) oder Fuchs, und wurde angesehen wie „ein Thier des Feldes, dem zur gebührlichen Vorbereitung für die öffentlichen Vorlesungen die Hörner abgenommen werden" mußten. Man hing ihm eine Ochscnhaut mit Hörnern über den Kopf und steckte ihm einen Eberzahn in den Mund, letzterer wurde dann unter allerlei „Ceremonien" ausgebrochen, die Hörner abgesägt und darauf der Beanus, um ihn „von seinen groben, bäuerischen Sitten zu befreien", an verschiedenen Theilen des Körpers mit Kamm, Säge, Hammer und Zange, auch mit richtigen „Ohrfüchfen" bearbeitet. Nach solchen Ceremonien führte der Beanus den Namen Pennal, von xsuuats, Fedrrbüchse. „Diese ,Dcposition' war ursprünglich ernsthaft gemeint, in akademischen Gesetzen anerkannt, sogar anbefohlen, und geschah im Beisein und unter Mitwirkung deS Dekans der philosophischen Fakultät." Im Laufe des 10. Jahrhunderts artete aber dieselbe vielfach aus. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus der sogenannte Pcnnalismus. Es waren nämlich die Dürfen abgeschafft worden, und die Neuankommenden wurden „zur Beaufsichtigung" älteren Studenten, besonders Landslenten, zugetheilt, und diese fingen bald an, eine unerträgliche Herrschaft über die ihnen Empfohlenen auszuüben. Sie hießen „Schönsten", „weil sie den jungen Studenten die Haare abschoren und diese auch sonst wacker schoren". Jeder Ankömmling, „FuSs", mußte als Famulus seinen Leibburschen, seinen „Herrn" oder „Patron", bei Tische bedienen, ihm Kleider und Schuhe reinigen, seine eigenen besseren Kleider abliefern, während er selbst nur in schmutzigem und zerlumptem Gewände und in Pantoffeln sich blicken lassen durfte. Kurz, sie mußten sich zu allen Möglichen Dienstleistungen und Plackereien hergeben. „Nach Ablauf des Dienstjahres mußte der Fuchs bei den einzelnen Mitgliedern der Landsmannschaft sich die „Absolution" er- erbitten und erhielt dieselbe auf einem von ihm herzurichtenden „Pcunalschmaus" „im Namen der heiligen Dreieinigkeit": das Haar wurde ihm abgebrannt, er war Brandfuchs und konnte nunmehr anfangen, an Anderen zu vergelten, was er selbst erduldet hatte." Diese Pennalschmäuse wurden zum schlimmsten Unfug, und selbst Professoren zogen ihre Vortheile daraus.*) Die strenge Disciplin der Jesuiten an den von ihnen geleiteten Schulen machte derartigen groben Unfug unmöglich. Gleichwohl traten sie den studentischen Gepflogenheiten nicht rigoros entgegen, sondern suchten auch diese, soweit es anging, in die rechten Bahnen zu leiten. Und so wurde auch die Dcposition beibehalten, wenn auch in milder Form. In demOirsotoriuiu ^snäeraisuiu uovmrr (1691)2) der Universität Dillingen sind unter den Taxen, wie sie schon am 4. Mai 1036 im akademischen Rathe ausgemacht und vom Provinzial k. Walter Mundbrot bestätigt wurden, folgende für die Dcposition ausgesetzt: Dro clepositione Loaäemias Depositor! Leäetto Oowitis: 1 st. 1 si- 1 st- Hobilis: 30 Kr. 15 Kr. 15 Kr. vivitis - 12 Kr. 12 Kr. 12 Kr. Danperis: 0 6 Kr. 6 Kr. Und Cap. V3) enthält eine höchst merkwürdige Formel in deutscher und lateinischer Sprache. Die ersteres lautet: „Wohlan ihr Dsuni, ehe ihr jezundt von eurer Bachantercy erlediget werdet, müsset ihr 4 Sachen angeloben. Erstlich, daß ihr aämoäuw. Ilovsronclo rro lULAniüco ?. Ilaotori und euren fürgesetzten ikro- lö88oril)U8 wöllet gehorsam sein. Zum anderen, daß ihr allen den Jenigen, welchen es gebührt, alle Ehr und rsvsrsrm erweisen wöllet, damit man könne abnehmen, daß ihr Studenten seyet. Für das dritte, daß ihr euch nit wöllet rächen an den Jenigen, welche euch äsxouisrt haben. Letzlich und zum vierten, daß ihr euch nit mehr wöllet äsponisrorr lassen, es sehe gleich hie oder anderstwo: sondern euch hüten, daß ihr durch böse Sitten nit verdient, wiederumb unter das Bcanen Biech°) gezählt zu werden." Imtins, lorurnln: l?r1u8«inam vo8 Lsaur vsstro Lenuisiuo lists- rsrrrini, 4 ssgusirtin vovsrs äolrstm. 1° Huoä aäiri. IlsvZ" st ?. üsstori, st xruoxositis vobis I?raeLöxtoriI>u8 oflecliis vslitig. Islix, fau8tum«iue ait, N. l^s. (Name des Depositors) untorituts a. Na§niüao Qornino Rsotors inifii oouosaoa,, vos a.b>8o1vo rrd vmnitm3 impsäimsirtis, ^nifins lraotsuns irnxsäiti tuistis gnonrinus xotnsritis ^auäsrs privlls^iis, ^nidn8 tam Iiuiu8, c^narn aliarnw, Ilniveroitatnin stnäiosi Annclers solsnt. Lb in sissnurn Irnins iinxono oa- pititin8 vsotris oulein ( 310 !) saxisnlirrs (er bestreut also ihre Häupter mit Salz), nb xistati sb donia raoridus aoritsr insistsnäurn 6886 inbsI1i^nti3. (ksrtnnclit vino eaxitn sinZuloreirr äioenäo.) I'roxtsrsL psrtünäo oaxitn vs8trn vino äul- L6äini8, nb in Litterarum stnäiis narr tarn nori- mvniam st viin; c^uarn änlseäiirsur 6t Lnavitatsaa 1Q688S 60AU08Lati8. Man ersieht aus dem Gelöbniß, sich nicht zu rächen, u. a., daß immerhin noch einige recht wackere „Ceremonien" dabei verübt werden mochten. Wenige Spuren von diesen Ceremonien und Gebräuchen haben sich noch theils im Comment studentischer Korporationen, theils in einzelnen Kollegien oder Internaten erhalten. So ist z. B. in Innsbruck und im Georgianum zu München noch ein sogenanntes „Spritzerexamen" üblich, das nichts anderes als den letzten Rest der nfioolutio n LenrnMo bedeutet. Etwas derberer Art waren die Erinnerungen an den Pennalismus, wie sie noch bis in letzte Zeit in einigen Studienseminarien und ähnlichen Anstalten sich erhielten, und welche lediglich in Gewaltthätigkeiten gegen die Jüngeren und Neueintretenden bestanden. Man sieht aber, auch diese Erscheinungen haben ihre Geschichte und ließen sich deßhalb oft eher in erlaubte Bahnen leiten, als gänzlich ausrotten. Trotz aller Ausschreitungen muß man doch gestehen, es lag in der Sache an sich ein berechtigter humoristischer Zug, der in launiger Weise die hochtönenden würdevollen Ceremonien jener Zeit geschickt persiflirte. Und darum widmete wohl auch der Kanzler, welcher jenes Direktorium schrieb, der lorrau nlwolutronia a, LsaniMo ein eigenes Kapitel ganz wie den verschiedenen Ceremonien und Formeln bei den akademischen Promotionen. Dr. 0. I-. v. 8. Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Panopolis in Oberägypten und in den Katakomben. Studie von Dr. Gustav Sl. Müller, MuscumSbevollm. und Herausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E. (Fortsetzung.) Der Hase. Zu den bedeutsamsten Thiershmbolen der altchristlichen Denkmäler gehört der Hase. Wir schließen uns bedingungslos und ohne Weiteres den bekannten Auffassungen an, wonach derselbe zu betrachten ist als Symbol 1) der schnellen Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, dem die ewige Seligkeit folgt; 2) der Christen, die nach Christi Mahnung ihr „Heil in Furcht und Zittern" wirken, und 3) der Wachsamkeit, die „mit offenen Augen" schläft und das Böse vermeidet. Diese Deutungen haben ihren Grund in den sprichwörtlichen Charaktereigenschaften des Hasen, in biblischen und theologischen Quellen, und sie finden ihren nicht mißzuver- stehenden Ausdruck auf den verschiedensten Denkmälern der Katakomben. Auf den Grabfunden von Ach mim fehlt die specifische Symbolik der „Wachsamkeit" keineswegs, wenn auch die beiden andern Ideen häufiger und sinnvoller ausgesprochen werden. Die Darstellung auf einem Stoffe der Sammlung Forrer, die uns den Hasen „aus einem Gefäße mit Weinbeerblättern" herauskommend zeigt, enthält so ziemlich alle drei Gedanken. Sie ist das symbolische Bild des Christen, der wachsam wie der Hase in Furcht und mit Zittern vor dem Bösen seinen Lebenslauf vollendet hat und des himmlischen Friedens in Christo genießen darf. Wenn wir aus den Katakomben den Hasen kennen, wie er an einer Traube ißt, oder wenn auf einem Epigraph der Hase einer Taube entgegeneilt, die einen Oclzweig im Schnabel hält, wenn wir dann auch in Ach mim einen Hasen sehen, der an der Traube nagt, so erkennen wir in all diesen Variationen denselben Grundgedanken: der Todte hat den Lauf gut vollendet und erfreut sich der himmlischen Seligkeit, die durch Taube und Oelzweig, durch die encharistische Vase und die Weintraube dargestellt wird. Zu den Lampen mit dem Bilde des Hasen als dem Symbol der Wachsamkeit hat Forrer einen Beitrag geliefert, der, wie ein großer Theil der Achmimstoffe „byzantinischer" Provenienz, um so interessanter ist, als er genau dieselbe Darstellung bietet, wie die von Münz abgebildete Lampe der Sammlung Martiguy. Drei Stoffe aber von Achmim bieten ein tieferes Interesse. Zwei davon gehören nach Zeichnung und Symbolik sicherlich noch dem III. Jahrhundert, der Periode der Verfolgungen, an, indeß die dritte aus den gleichen Gründen dem IV. Jahrhundert zuzuerkennen ist. Ja, wir sind in den Stand gesetzt, selbst zwischen den beiden älteren Darstellungen zu entscheiden, welches die ältere und welches die jüngere sei. Betrachten wir zunächst das erste Bild. DaS Original (in meinem Besitze) ist ein 42 crn langes Stück eines Clavus mit einfarbiger (schwarzer) Darstellung auf weißem Leinwandgrunde, das wir schon aus äußeren Gründen der Zeichnung, Farben und Technik in das III. Jahrhundert setzen würden. Wir sehen, soweit der Clavus erhalten ist, der Reihe nach in Mcdaillonnmrahmungen einen Hasen, ein Ornament, einen Hasen, ein Ornament mit einem X in der Mitte, das geschickt angewendet ist, einen Löwen, Ornament mit Taube, Hase, Ornament, Löwe; hier endet eine Serie, ein schwarzer Baudstreifen scheidet sie von der neuen, von der noch ein Löwe in Gegenstellung zum letzten sichtbar ist. Diese reiche Symbolik gewinnt aber noch an Interesse durch das verhüllte Kreuz, das auf den ersten Blick nicht bemerkbar in der Form G auf dem schwarzen Bande angebracht ist, welches die Bildserien trennt. Die Verhüllung des Kreuzes Christi geschieht in dieser Darstellung entschieden vorsichtiger als auf der nächsten. Ob wir in der Form O nicht eine absichtliche Reminiscenz an das kreuzweise gekerbte encharistische Brod erblicken dürfen, bleibe dahingestellt. Nahe verwandt mit diesem Bilde, aber dennoch für sich höchst beachtenswert!) ist die folgende Darstellung, der ich wiederholt das Interesse der Alterthumsfreunde zu erwecken suchte. Das Original ist wiederum ein noch 158 auf die Berge. Gegen Abend erreichen wir das Thal Tayibe, welches in großen Bogen und Krümmungen sich bis zum Meere fortsetzt. Die Wände desselben fallen steil ab und sind vom Wasser, das einst dieses Wadi füllte, ganz ausgewaschen. Nach einer großen Krümmung stehen wir vor einer lieblichen kleinen Oase, zahlreiches Palmgebüsch steht an den Ufern eines kleinen Quell- bächleins, im Hintergrund ein merkwürdiger Berg, der ans gelben, rothen, schwarzen Schichten oder Bändern sich aufbaut. Hier bei dieser Oase, in welcher ich so gerne Elim sehen möchte, wenn es sich beweisen ließe, lagerten wir. Am andern Tage folgen wir dem Laufe des Wadi bis zum Meere. Hier sind wir sicher in den Fußstapfen der Kinder Israels. Bei dem Berge Tayibe, welcher der Reihe nach aus einer goldgelben, rothen, schwarzen und gelben Schicht besteht, öffnet sich das Wadi, und vor uns liegt in herrlichem Blau der Golf von Suez. Es beginnt nun wieder die Wüstenwanderung, dem Meeresstrande entlang. Die Formation der Berge ist hier eine andere als bisher. Meistens hatten wir bis dahin ausgewaschene Thalkesscl oder Bergwände vor uns; vielfach auch eigenthümliche Sandstcinhügel, die wie abgestumpfte Pyramiden aussehen und oben mit einer glatten Platte abschließen (die englische Karte nennt sie bezeichnend üat-toxxoä llills) und welche man oft für Menschcnwerk halten möchte; oft hatten die steil aufragenden Wände um ihren Fuß zahlreiche, kegelförmige Geröllhügel gelagert und alles war weiß, grau oder gelb. Hier aber erscheinen hinter Sandsteinvorbergen röthlich- blaue oder schwarzblaue gewaltige Gebirgsstöcke, welche namentlich bei Abendbclenchtung einen hübschen Anblick gewähren, ihre zerrissenen und verwitterten Wände bilden einen grotesken Gegensatz zu den regelmäßigen Schichten vieler Bergwände der durchwanderten Wadis. Mehrere Stunden dauert der Marsch am Ufer des Meeres, bald ganz nahe, einigemale sogar durch das Meer, meist aber in ziemlicher Entfernung. Hier in dieser Gegend ist das Lager der Juden zu suchen, von dem es heißt: „sie lagerten am Schilfmeere" d. i. rothen Meere. Als der Weg ganz nahe am Ufer hinführte, vertrieb ich mir die Zeit mit Muschelnsuchen, und es gelang mir auch zwei große Muschelschalen und viele kleine zu sammeln, sowie auch einige weiße Korallen. In der Entfernung von ungefähr 100 m sehen wir einer Schaar Delphine lange Zeit zu, wie sie in den Wogen auf- und niedertauchten. Der Karawanenweg verläßt die Wüste am Meere und biegt in ein Thal (Hanak el Logam) ein. Daß wir in der Wüste el Markha, die wir eben verlassen, einen Lagerplatz der Juden sehen dürfen, habe ich soeben erwähnt; ob aber der nun folgende Thalweg die Wüste Sin ist, in welcher das Manuawnnder zum erstenmal gewirkt, unterliegt vielem Zweifel. Ich möchte die Wüste Sin, welche zwischen dem rothen Meere und dem Sinai liegt, im Wadi Feiran suchen, dessen halbmondförmige Gestalt zu dem Namen Sin ausgezeichnet paßt und dessen Mündung nur einige Stunden unterhalb (südlich) der Wüste el Markha liegt. Das Wadi, welches wir passirten, ist reich an Akazien- bäumen, und zwar jener Spczics, aus welcher die Bundeslade gefertigt wurde, nämlich an Sayalbäumen. Dieselben sind über das Thal verbreitet, einer immer in ziemlicher Entfernung von dem andern. Sie sind dornig und Lalen kleine, gekräuselte Blättchen. Ihr Wuchs macht sie jedem unvergeßlich, sie strecken nämlich ihre zahlreichen Aeste in halber Höhe des Baumes fast wagrccht aus, um dem seltenen Regen eine möglichst große Oberfläche darzubieten, es sieht aus, als ob diese 3 — 4m hohen Bäume zahllose Arme hilfesuchend ausstrecken würden. Nach einigen Windungen endet das Thal, und ein neues, Wadi Schelal, beginnt. Die Gesteinsmassen lassen keinen Zweifel über ihren vulkanischen Ursprung über. Das Wadi Schelal hat seinen Namen von den an ihrer Oberfläche abgerundeten Basaltsteinen, da ebensolche Formationen am ersten Katarakt (ar. Schelal) vorkommen. Dieses Thal ist klein und weicht bald dem Wadi Budra, dessen nächste Umgebung gerade so aussieht, als Hütten sämmtliche chemische Fabriken der Welt die Asche und die Neste ihrer Retorten-Apparate hier aufgehäuft. Schlacken, Laven, Tuff, Basalt, Granit, Gneis, Orthoklas, Porphyr, kurz eine geologische Sammlung comms LI laut. Mein armer Kameltreiber hatte auch darum viel zu thun, um die von mir gewünschten Steinproben vom Boden aufzulesen und mir zu überreichen. Es sind alle möglichen Farben unter diesen Gesteinsarten vertreten. Gegen Ende des Tagesmarsches schließt das Wadi mit einem ungeheuren Kessel ab, in dessen: Innern sich zahlreiche kleine Hügel erheben, so daß in Uebereinstimmung mit der Formation der umgebenden Bergformen angenommen werden muß, es sei hier ein Krater mitten in seiner Thätigkeit plötzlich (wahrscheinlich durch Eindringen von Meerwasscr in die Wcrkstätte Vulkans) gehemmt worden. Die Hügel am Rande und im Innern dieses Kraters haben das Aussehen von versteinerten Wellen. Den Paß Nakb Budra überschreiten wir mühsam am andern Tage. Die Paßhöhe ist fast 400 m über dem Meere. Man hat schönen Rückblick auf Meer, Berge und Wüste. Schon im alten Pharaonenreiche, lange vor dem Auszug der Juden, wurde dieser Paß von den Lastthicren, welche aus dem Bergwerk Mafkat Türkisen an das Meer trugen, begangen. Der Weg ist eng und für Lastthiere mühsam; für ein wanderndes Volk aber kaum als Heerstraße geeignet, ein Grund mehr, den Weg der Juden in dem breiten, ebenen Thale Feiran zu suchen. Jenseits des Passes beginnt nach einer Stunde das interessante Wadi Sidr, welches von schroff abfallenden rothen Granitfclscn eingeschlossen ist. Hie und da kommt man an alten „sinaitischen Felseninschristen" vorbei. Davon rede ich später. Da ich die alten Bergmiuen von Maghara besuchen wollte, so ließ ich die Lastthiere den Weg fortsetzen und wandte mich nach dem gleichnamigen Wadi. Die Minen von Mafka, wie sie in den ägyptischen Inschriften heißen, wurden schon von den Königen der IV. Dynastie Snefru und Cheops (Erbauer der großen Pyramide bei Gizeh) ausgebeutet, wie die Inschriften an den Wänden zeigen. Zuerst besuchte ich das Kastell, das einst die Acgypter auf dem Gipfel des gegenüberliegenden Berges errichtet hatten. Am Fuße dieses Kastelles, aber noch auf dem Bergesplateau, liegen die Neste von Bergmannswohnungen, deren Grundriß sich leicht erkennen läßt. Sie waren gebaut, wie die der jetzt die Gruben ausbeutenden Beduinen, aus den großen Geröllsteinen der Umgebung. Ein Beduine, nach Art der Bergleute in gelbliches Gewand gekleidet, hatte mir diese Reste gezeigt; als ich nach den Minen und nach Inschriften fragte, hieß es: mu üsck, d. h. „gibts nicht". Ich will nicht weitschweifig werden; kurz, nach einigen kräftigen Sätzen und Redewendungen und nachdem ich ihm beigebracht, daß ich mich nicht anlügen lasse, wurde ich auf mühsamen Wegen zu den Minen und zu den Inschriften geführt. Die Minen sind nur dadurch zu erreichen, daß man eine Strecke von etwa 50 in auf allen Vieren kriecht, dann erst kommt man an den Eingang des Stollens, welcher sehr lange und auch meist sehr hoch ist. Ich ließ einen der Bergleute, die sich zu einem hl. Dutzend zusammengefunden hatten, bis zum Ende des Stollens gehen und dann den mitgebrachten Magncsinmsdraht anzünden. So hatte ick dann eine schöne Uebersicht, ohne die Kriecherei weiter fortsetzen zu müssen. Soviel ich verstehe haben die Aegypter den Stollen dauerhaft und fest angelegt, ohne jedoch Stützen anwenden zu müssen. Nachdem ich wieder herausgekrochen war, ging es auf die Jnschriftensuche. Immer hieß es: „Gibt es nicht". Nun schließlich mit Aufgebot aller Energie brachte ich im Ganzen 11 Inschriften zusammen. Sie sind aus den verschiedensten Zeitabschnitten, von der IV. Dynastie mit großen, schönen Charakteren bis zu Namses' II. Zeiten, wo sie dann aufhören. Es sind die verschiedensten Epochen der Schrift (Hieroglyphen- schrift) bis zur Zeit des Auszugs der Juden und die verschiedensten Formen vertreten. Die Felsenwände von Maghara enthalten Schriftproben, wie sie ein paläo- graphisches Handbuch für Aegyptologen nicht besser zusammenstellen könnte. Der Name Alaska ist mehrmals zu lesen, in den Bildern ist meist der betreffende Pharao als opfernd der Göttin Hathor, Königin oder Herrin von Mafkat, abgebildet oder wie er einen Beduinen niederschlägt und für den Sieg der Göttin dankt. Ich habe eines dieser Bilder den Beduinen erklärt, worauf sie mich fragten, wie groß der König Pharao gewesen sei. Sie glauben nämlich, daß die ägyptischen Könige über eine ungeheure Leibesgröße verfügt hätten. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Ueber HypnotiSmus und Suggestion. Eine orientircnde Studie vonvr.L. Haas, Pros. d. Philosophie in Passau. Auasburg 1891. Verlag der Kranzfclder'schen Buchhdlg. 8° S. 92. Preis 1 M. V Ein gar schwieriger Boden ist mit vorliegendem Schrift- chcn betreten; aber Katholiken werden dein Verfasser dafür Dank wissen. ES mutz in der Tbat eine unerquickliche Arbeit gewesen sein, sich durch all den Wortschwall fachmännischer Autoren über HypnotiSmus und Suggestion hindurchzuarbeiten. Man ist fast zur Annavmc versucht, daß dieselben absichtlich eines recht „hohen" Stiles sich befleißigen, um den Mangel an Logik zu verdecken. Aber mit unbarmbcrzigcm Griffel weist Verfasser vorliegender Studie nach, daß gerade Logik nicht die starke Seite dieser Herren sei. Man erkennt, daß die Freunde und Pfleger deS HypnotiSmuS in ihren Erklärungen selbst noch nicht einig sind. Der Verfasser fuhrt aus, daß Stigmatisation und Hypnose, wunderbare Heilung und Suggestion wesentlich verschiedene Dinge sind. Dies zu zeigen, ist überaus nützlich, seitdem z. B. die gelehrtesten Fachmänner, nachdem sich die wunderbaren Heilungen in Lourdcs nicht einfach aus der Welt leugnen lassen, dieselben ganz einfach zu erklären suchen durch die Theorie der Suggestion. Er kommt am Schlüsse zum begründeten Resultate, daß sich die Thatsächlichkeit des Hypnoiismuö nicht leugnen lasse, daß er aber Gift sei, ein moralisches Gift, und alö solches behandelt werden müsse. Möge das Büchlein die verdiente zahlreiche Leserschaar finden, und dies ist um so mehr zu wünschen, als gerade auch hierin wieder die Feinde der Kirche neue Waffen gegen dieselbe zu schmieden versuchen. Lehrbuch der Weltgeschichte. Von Pros. vr. I. B. v. Weiß. Erste und zweite Auflage. X. Band, 1. Hälfte. 1806—1809. Preis broch. 10 M. Graz 1894. VerlagS- handlung Styria. Man behauptet in protestantischen Kreisen so gern, daß die Katholiken infolge der Bevormundung von Seiten der Kirche geistig weniger regsam und produktiv seien, als die unter der wärmenden Freiheitssonne des Protestantismus lebenden Menschen. Und hauptsächlich in der Geschichtsforschung will sich dies Urtheil begründen. Allein das ist doch nur durch absichtliches Ignorieren der ganzen katholischen Literatur möglich. Die Namen Hcrgenröiher, Hcfele, Jansscn und nicht in letzter Linie Weiß, denen sich aber noch viele andere anreihen ließen, genügen, um jene Ansicht Lügen zu strafen. Vor kurzein nun ist der zehnte Band (erste Hälfte) eines katholischen Monumental- wcrkes erschienen: der Weltgeschichte von I. B. von Weiß. Janssen für Deutschland und Weiß für gesammte Weltgeschichte werden auf lange hinaus Marksteine der Geschichtsschreibung bilden. Der vorliegende Band schließt sich den erschienenen, von denen schon zweite Auflagen nöthig waren, würdig an. Unglaublich, welch eine Fülle von Material in wohl gesichteter Weise in dem Buche, das die Jahre 1806—1809 umfaßt, geboten wird. Nickts ist versäumt, was dazu beitragen kann, den innersten Charakter der handelnden Personen jener bedeutungsvollen Jahre zu kennzeichnen, wo das deutsche Volksbewußtsein aus der tiefsten Erniedrigung sich aufzuraffen begann; wo das von einem einzigen Willen geknechtete Europa in gewaltigen Zuckungen sich wand, um feine ehernen Fesseln zu sprengen. Noch war alles vergeblich. Allein die Verluste in Spanien und der TodeSmutb der Tiroler ließen erkennen, daß es eine Grenze gebe für den Flug der französischen Aare. Mit dem Morgenroth einer besseren Zeit, der Schlacht bei Aspern, wo „zum erstenmale die Intelligenz und wcltgeprieseue Tapferkeit der ° Franzosen nicht ausreichte gegen die eiserne Beharrlichkeit und uugemeine Todesverachtung jedes Einzelnen im österreichischen Heere", schließt der Band. Möge der nächste bald folgen. IV. 8. Der Seelenfriede. Nach dem Französischen des k. Lombcz von vr. E. Bicrbaum. II. Auflage. Freiburg i. Br. 1894. Herder'sche Verlagshandlung. XII und 336 S. 1.80 M. geb. 2 M. 50 Pf. lö In 4 Abtheilungen handelt dieses Werk von der Vor- trefflichkeit des Seelenfriedens, von dessen Hindernissen und den Gegenmitteln, von den Mitteln zur Erlangung des Seelenfriedens und praktische Anleitung zur Erlangung desselben. Wenn Deutsche öfters aSzctischcn Schriften französischen Ursprungs aus bekannten Gründen mit etwas Skepsis sich nähern, so kann dieses Büchlein mit vollem Vertrauen in die Hand genommen werden. In anregender und von Süßlichkeiten freier Sprache wird dieser wichtige Gegenstand behandelt, und was die Sache selbst betrifft, so kennt das Werk keine übertriebenen Forderungen, sondern nur die gesunden Grundsätze der christlichen Aszcse. Das Büchlein ist wirklich für die Praxis geschrieben. Priestern wird cS zur eigenen Vervollkommnung und zur Scclenleitung treffliche Dienste leisten. Kaiser Maximilian, der letzte Ritter. Eine kulturgeschichtliche Erzählung für Jugend und Volk von Paul Weber. Regensburg 1893. Verlagsanstalt vorm. G. I. Manz. 3 Mk. IV. 295 S. I? ES wird in einfacher, schlichter, aber von warmer Vaterlandsliebe durchdrungener Sprache ein kurzes Lebensbild Kaiser Max' I. dem Leser vor Augen geführt. Jugend- und Volks- bibliothckcn kaun das Werk ohne Bedenken eingereiht werden. Bei der Lektüre ist cS uns fast vorgekommen, als ob Gastmähler besonders hervorgehoben wären; auch der Ausdruck Seite 197, daß die Gäste bei Mahl und „Bccherlups" saßen, wäre besser weggeblieben. Warum Verfasser die Erzählung eine „kulturgeschichtliche" nennt, will uns nicht recht einleuchten. Historisch-politische Blätter. Jahrg. 1893. 113. Band, Zehntes Heft. Inhalt: Völkerrechtliche Glossen. — Der Buddhismus (II). — Grupp's Culturgeschichte des Mittelaltcrs. — Das EoalitionS-Kabinet in Oesterreich. Von einem österreichischen RcichSrathsabgeordnctcn. — Zeitläufe. Das Jesuitcngesctz vor dem BundeSrath. — Die bedingte Vcrnrthcilung. Die katholische Welt. Illustriertes Familicnblatt. Verlag von A. Rifsarth in M.-Gladbacb. Unterhaltendes und Belehrendes, Erbauliches und Beschauliches, alles ist vertreten und zwar in durchgehend ansprechender Art. Auch an interessanten Schilderungen aus Natur und Geschichte fehlt es nicht. Den sprechenden Beweis dafür geben besonders die drei letzterschienencn Hefte, 7, 8 u. 9, die sich noch besonders durch wirklich künstlerisch ausgeführte Illustrationen 160 auszeichnen. Glaubt man doch bei einzelnen nicht einen einfachen Holzschnitt, sondern einen guten Stahlstich vor Augen zu haben. Das Heft 9 enthält zudem noch ein Kunstblatt, den Heiland auf dem Kreuzweg darstellend, das äußerst wirkungsvoll in 2 Farben ausgeführt ist. Möchte die so strebsame Verlags- handluug durch eine immer großer werdende Betbciligung am Abonnement in ihrem so lobcnSwerthen Eifer unterstützt werden. ES erscheinen jährl. 18 Hefte zu dem wirklich sehr billigem Preise vcn 25 Pfg. pro Hest. Probehefte in allen Buchhandlungen zu haben. Der Rosenkranz, religiöse Monatsschrift. Verlag von A- Niffarth in M.-Gladbach. Die rasche Verbreitung des „Rosenkranz" ist wohl der beste Beweis dafür, wie zeitgemäß das Unternehmen war, und wie sehr diese Monatsschrift geeignet ist, die frommen Verehrer der Himmelskönigin zu erbauen und ibr Vertrauen zur Mutter der Barmherzigkeit zu beleben und zu stärken. Auch die neuesten Hefte (Nr. 5 und 6) des „Rosenkranz" enthalten eine reiche Fülle von auffallenden GcbetSerhöruugcn, mit denen das Vertrauen frommer MuttcrgotteSvcrchrer belohnt wurde. Preis halgjährlich nur 60 Pfg. OesterreichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, rcdigirt von Dr. Franz Sck'nur er. (Administration: Wien I., Anuagasse 9.) Inhalt der Nr. 7: Kellner I. B., Der hl. AmbrosiuS, Bischof von Mailand, als Erklärer des A. T. (Uuiv.-Prof. Dr. B. Schäfer, Wien.) — Esser G„ Die Sccleulchre Tertullians. (Hofkaplau Dr. A. Fischer Colbrie, Wien.) — Steuer W., Die GottcS- und LogoSlchre des Tatian mit ihren Berührungen in der gricch. Philosophie. (Ders.) — Bougaud E., Jesus Christus, übersetzt v. Ph. Prinz v. Arcuberg. (Theol.-Prof. Dr. Jos. Schindler, Leitmeritz.) — Hüttebräuker O., Der Mincritcuordcn zur Zeit deö großen Schismas. Bester I., Der hl. Bruno, Bischof von Würzburg, als Katechet. Bader A., Lehrbuch der Kircheugeschicbte. Müller Willib., Joh. Leop. v. Hay, Bischof von Königgrätz. (Sämmtlich von P. Lconh. Tieze, 0. 8. L., Wien.) — Sctunitz I., Ho sltootibus saeraiusuti oxtromas unotionis. (TbcoDProf. Dr. Fz. Schmid, Brixeu.) — Hamy A., Daleris illustres cls la Oomp. cls llSsus. — Brück H., Lehrbuch der Kirchengeschichte. — Jcutsch K., Geschichtsphilosophischc Gedanken. (Dr. Rieh. von Kralik, Wien.) U. s. w. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görrcsgcsellschaft herausgegeben von Dr. Coust. Gutberlet. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerci. VII. Jahrgang. 2. Hest. Inhalt: I. Abhandlungen. LinSmeier 8. 1., Sind die chemisch-physikalischen Atome nur eine Fictiou? — Pfeifer, Widerstreiten die Wunder den Naturgesetzen, oder werden letztere durch die ersteren aufgehoben? (Schluß.) — Nassen, Ueber den platonischen Eottcsbegriff. — Bahl- mann 8. ck., Der Grundplan der menschlichen Wissenschaft. (Schluß.) — Bäumkcr, Handschriftliches zu den Werken des Alanus. (Schluß.) — II. Recensionen und Referate. Gegen den Materialismus: a) Mcndius, Die Seele in der Schrift; l>) Bormann, Kunst und Nachahmung, von Schanz. — v. Harimann, Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus, von Th. Achclis. — Dresse! 8. ck., Zur Oricn- tiruug in der Eucrgielchrc, von Gutberlet. — Hake, Katholische Apologetik, von Erupp. — v. Hardy, Die Vedisch- brahmauischc Periode der Religionen des alten Indiens, von Gutberlet. — NolfeS, Die aristotelische Auffassung vorn Verhältnisse Gottes zur Welt, von Adlhoch 0. 8. L. — Pluzanöki, 8a§ßfto snlla ülosoiia. äs! Dnns 8eoto, von Schmitt. — III. Zeitschriftenschau. — IV. Novitäten- schau. — V. Misccllcn und Nachrichten. I. Engeln, Geschichte der christlichen Kirche. Zur Belehrung und Erbauung für Schule und Haus. 12. Austage. Bearbeitet von lis. tüsol. H. Degen, Seminar- Direktor. 8. 130 Seiten. Preis 60 Pf., gebd. 75 Pf. (1891. Verlag von W. Wchberg in Osnabrück.) Ein sehr nützliches Büchlein. Obgleich bei dem geringen Umfange des Buches die Darstellung eher eine gedrängte als breit erzählende ist, bleibt sie doch überall leicht faßlich und Verläugnct nirgends ihren populären Charakter. Aus dreierlei Gründen erklärt sich die rasche Verbreitung dieses Werkchcns: zunächst aus der leichtfaßlichcn Schreibart, ferner aus der anschaulichen Darstellung, die sich an sprechender Stelle zu lebensvollen Geschichtsbildern abrundet und außerdem durch zahlreiche charakteristische Aussprüche der behandelten historischen Persönlichkeiten gehoben wird; endlich aus dem nicdriggcstellten Anschaffungspreise. Die vom Herausgeber hinzugefügten Abschnitte, in denen die Geschichte bis auf unsere Tage fortgeführt wird, verdienen das gleiche Lob. (Stimmen aus Maria-Laach.) Ncpertorium der Pädagogik. Herausgegeben von I. B. Schubert. Ulm, Verlag der I. Ebncr'schcn Buchhandlung. 7. Hest 1891. Inhalt: G. M. Wittmann, Bischof von Regensburg, ein hervorragender Pädagoge, von Scminardirektor Bürgcl in Coruclimüustcr. Eine fürstbischöflichc Schulordnung des 18. Jahrh., von Lehrer O. Slang in Forst. Die Schule als sozialer BilduugSfaktor, von Lebrcr Baadcr in Wang. Zum LOOjähr. Todestag Palcstriua's. U. s. w. Kateche tische Blätter. Herausgegeben von Pfarrer Frz. Walk. Kösel's Verlag, Kcmptcn. Preis pr. Jahr Mk. 2,80. 3. Heft 1891. Inhalt: Fingerzeige für angehende Katecheten zur Er- tbeilung des Religionsunterrichts. — Die letzten Dinge des Menschen. — Von heiligen Lippen. — Zuspräche an ein Mädchen, welches eine Neigung sür einen Protestanten fühlt und den heimlichen Wunsch hegt, sich mit ihm zu vermählen. — Schülervcrzeickmiß. — Literatur und Miscellen. — Correspon- dcuz deS CanisiuS-Katcchetcn-VercincS. Das Aprilhcft von „Kreuz und Schwert" theilt mit, daß die Auflage vergriffen ist. DaS nächste Abonnement beginnt am 1. Juli d. Js. Für diesen Zeitpunkt hat die Redaction einen in Deutschlauv noch angedruckten Nntisklaverei- Nomau in Bereitschaft, ein SciUnstück zu „Schwester Luise" und von demselben Autor. Freunde einer angenehmen Lektüre machen wir schon jetzt darauf aufmerksam. Die Culturarbeit in Afrika nimmt immer mehr das Interesse jedes gebildeten Menschen in Anspruch, und da ist ein Blatt wie „Kreuz und Schwert" ganz am Platze. Der so billige Preis von Mk. 0,75 pro Halbjahr ermöglicht auch dem weniger Bemittelten das Halten dieser Missious-Zeitschrift. (Münster i. W., W. Helmes.) Für die katholische Fruaueuwelt, namentlich für die heranwachsende weibliche Jugend, in kath. Richtung zu arbeiten, scheint in unseren Tagen um so wichtiger, als die Gegner des Christenthums — Freimaurer und Socialvcmo- kraten — ganz vorzüglich auf die Frauenwelt und deren Einfluß bauen und darum sie ihren Zwecken dienstbar zu machen bestrebt sind. Wie man ehedem sagte: „Wer die Jugend bat, hat die Zukunft", so sagt man heute: „Wer das Weib hat, hat die Zukunft." Die Freimaurer sagen in ihrer Jnstruction für den Ncgentcngrad: „Durch Frauen wirkt man oft in der Welt am meisten, bei ihnen sich einzuschmeicheln, sie zu gewinnen suchen, sei eine eucrer feinsten L-tudien." Dem gegenüber müssen auch wir Katholiken trachten, die Frauen im Heerlager Jesu Christi, in der großen Armee der kath. Kirche, nicht bloß zu erhalten, sondern zu einer ihrem Staude und Geschlechte entsprechenden apostolischen Thätigkeit anzulocken und anzueifern. Dies strebt auch die seit fünf Jahren in Wien erscheinende Monatsschrift „DaS Apostolat der christlichen Tochter", auch „St. Angela-Blatt" genannt (Wien I., Jo- hannesgassc 8, Preis 1,00 fl. per Jahr, per Post 1,15 fl., für Deutschland 2,50 Mark, für die Länder des Weltpostvereines 3,50 Francs), an. Die uns vorliegende Nummer 9, die reichhaltigste unter allen bisher erschienenen, enthält u. a. folgendes: Zu ernst? — Christenthum und Kirche in den Werken Schillers. — Zwei Nompilgcrfahrtcn. -- Die bei der Damenwelt sehr beliebten „Fragen mit und ohne Antwort" (Baumbach, Frcytag, Bauernfeld). — Die 109. Versammlung des „Apostolates der christlichen Tochter". — Eucharistische Blüthen. — Etwas von der heiligen Philomeua. — Rede des D. Viktor Kolb 8. d. über die Wissenschaft und die kath. Schule. — Der große ungarische Laudeskatbolikeutag in Budapest. — Interessantes für Lehrerinnen, Erzieherinnen und Mütter. — Fünf Tropfen für Tänzerinnen aus der Apotheke des heil. Franz von Sales. — Weihuachtsspicle in Wien. — Theure Verstorbene (mit dem Bilde des ch Prälaten Dr. Sebastian Brunner). — Die drei Wünsche (eine Erzählung aus dem Englischen) u. s. w. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti'. 21. 24. Mai 1894. i , Religiöse und monumentale Kunst. I. I' „Es gibt keine eigentlichen kirchlich-religiösen Künstler mehr." In diesem Sinne hat sich wiederholt der bekannte Münchener Kunstschriststeller und Maler Friedrich Pecht in seinen Schriften und Kritiken geäußert. Und aus dem Munde von Theologen und Nichttheologen konnte man in letzter Zeit oft genug das Wort hören: „Man findet keine rechten christlichen Künstler mehr. Die Künstler verstehen nicht mehr religiös zu empfinden, zu malen und zu bilden." Dieses fatale Wort, dessen trauriger Sinn gar nicht genug gewürdigt werden kann, schien in der That immer mehr Berechtigung erlangen zu sollen. Ja nicht Wenige, und zwar unter den Künstlern selbst, wie unter den Nichtkünstlern, haben bereits den Glauben, wie an vieles Andere, so auch an die Zukunft der christlichen Kunst — trotz mancher erfreulichen Erscheinung neuesten Datums — verloren. Und gerade München, dieser einstige Vorort aufblühender christlich-deutscher Kunst, in dem das warmleuchtende Feuer echter Romantik einst so hell aufstrahlte, daß es. trotz aller Anstrengungen, von dem kalten und blendenden Schimmer falsch glitzernder Tages- und greller Nachtkünste, sowie dem aufgewirbelten Staube jenes gewöhnlichen Chaussüe- und Gassen-Impressionismus bis heute noch nicht gänzlich verdunkelt werden konnte, gilt in den Augen Jener von Hüben und Drüben längst als das reine „moderne Jsar-Athen", d. h. ein für die christliche, ideale Kunst Verlorner Posten. Denn was man, als „religiöse Kunst" etikettirt, hier und von hier öffentlich zu sehen bekam, das erschien meist den vornrtheilslosen und nicht verwöhnten Kennern nur als „nichtsnutziges Zeug." Zu diesem herben Urtheil und schlechten Renommee bezüglich der höhern (idealen) Münchener Kunst gaben besonders dem Fremden nicht am wenigsten die öffentlichen Schau- und Ausstellungen, sowie die monumentalen Münchener Leistungen bezw. Nichtleistungen seit Decennien Anlaß und Berechtigung. Außer dem Namen „Karl Baumeister" ist schon seit längerer Zeit keiner als der eines bedeutenden, gegenwärtig noch schaffenden „christlichen Künstlers" in wettern Kreisen bekannt. Und auch dieser ist bereits in München selbst wie verschollen. Die paar leistungsfähigen Kräfte, die München etwa noch als Nachzügler einer bessern Zeit in seinem Schoße birgt, arbeiten in stiller Verborgenheit im Schweiße ihres Angesichtes fort und wagen nicht mehr mit ihren Schöpfungen aus helle Tageslicht der öffentlichen Ausstellungen und ihrer Kritiker zu treten. Nur von der Hand der talentvollen und an Bestellungen glücklichern zwei christlichen Künstler, des Historienmalers Ludwig Glötzle und des Bildhauers Joseph Beyrer, sah man hie und da noch eine bedeutendere Arbeit öffentlich ausgestellt. Aber auch ihre Werke konnten — Dank der Ungunst der Verhältnisse — den allgemeinen Charakter unserer modernen christlichen Kunstwerke, nämlich den von unausgereiften Schnellarbeiten, nicht gänzlich verleugnen. Die neuen Deckengemälde (auf unmonumentale Leinwand gemalt!!) in dem jüngst angebauten Theile der heiligen Getstktrche zeigen, was Anffassung und Zeichnung betrifft, mit welchem Verständniß und Geschick sich Glötzle in den Geist der ältern dort schon vorhandenen Asam'schen Bilder hineinzudenken verstand. Diese geistige Verwandtschaft tritt am auffälligsten in der wie eine moderne Concert- geberin die Orgeltasten schlagenden St. Cäcilia und noch mehr in der die Füße — resp. das nackte Bein — Jesu liebkosenden St. Magdalena hervor. Da verstehen nach unserer unmaßgeblichen Meinung die Oberammergnuer Passionsspieler die Grenzen der kirchlich-religiösen Aesthetik schärfer einzuhalten, als jene salonmäßigen Heiligen der Barock- und Zopfzeit. In der Ausführung blieben aber die neuen an Leichtigkeit der Technik und Weichheit deS Tones hinter den alten Bildern mit ihren wie hinge- hauchten lichten Gestalten, ja selbst an Frische und Klarheit des Eindruckes hinter den flott hingeworfenen, originellen Farbenskizzen Glötzle's selbst zurück. Das letzte umfangreiche Werk Beyrers, die 14 hl. Stationen in der neuen Gicsinger Kirche, bekunden wiederum seine seltene technische Meisterschaft in der Holzschnitzkunst, und sind besonders die Gruppen der Soldaten und Henkersknechte von spätmittelalterlicher Lebendigkeit, während gerade Haltung und Ausdruck der Hauptfigur hie und da in der Eile verunglückt zu sein scheint. Dagegen zeigen die großen Apostelstatuen, was Beyrer zu leisten im Stande ist. Wann ist es aber auch eiuem tüchtigen christlichen Künstler gegönnt, in wirklich künstlerischer Manier sein Werk aus- und durcharbeiten zu können! Selbst das Genie eines Baumeister findet hiezu nicht mehr die nothwendige Zeit, bezw. die ihm dies ermöglichenden Mittel. Nur durch die für einen Künstler so ungemüthliche und aufreibende Forcirung seiner reichen Schaffenskraft, der er sich bis dato noch erfreut, ist er im Stande, sich über Wasser zu halten und den oft ganz unverhältnißmäßigen Ansprüchen etwaiger Besteller durch ihm selbst einigermaßen genügende Leistungen zu entsprechen. Ist doch sowohl er wie andere moderne Meister nicht in der Lage, wie ein Albrecht Dürer, den Pinsel ganz in die Ecke zu werfen und um des lieben Brodes willen mit dem wie mit Dampf arbeitenden Grabstichel für das bilderliebende Volk populäre Heiligenbilder voll heiliger und noch mehr unheiliger Gestalten in auffälliger phantastisch-burlesker Tracht zu zeichnen. Auch dieses Geschäft ist heute für den Künstler, nachdem es bereits an so vielen Orten mit Zuhilfenahme der natürlichen Dampfkraft betrieben wird, nicht mehr lohnend. Auch die Etiketten-, Vignetten- und Schildmalerei, wodurch noch ein Moritz von Schwind, bevor er einen Mäcenaten, wie den verstorbenen Grafen Schack, fand, sich noch einigermaßen künstlerisch zu beschäftigen und das nöthige Kleingeld für Essen und Trinken zu verdienen wußte, bedarf heutigen Tages keiner akademisch gebildeten Künstler mehr. Daß zwar Baumeister noch mit genialer Gestaltungskraft inhaltlich durchaus wahre und tiefernste und formal dramatisch lebendige und packende Zeitbilder zu zeichnen versteht, das beweist seine neueste figurenreiche Darstellung, betitelt: „Moderner Lehrstuhl". Sie führt uns deutlich vor Augen, wie und was und mit welchem Erfolge ein unchristlicher Herr Professor vom Katheder herunter ein zahlreiches, verschiedenen Ständen ungehöriges Publikum über seine Menschenwürde und Rechte belehrt. Dieses Bild würden gewiß, wenn es im gegeutheiligen Sinne ausgeführt wäre, speculirende Kunstverleger mit Tausenden bezahlen, während „unsere Leute" (arm, wie sie ja alle sind!) es allenfalls als Geschenk für ein Trinkgeld, als 162 Gegengeschenk brauchen können, um es etwa im verborgenen Schoße eines Volkskalenders als schlechten Holzschnitt zu verwenden. Das ist auch so ein Stück opfer- unfähiger und — sagen wir — rücksichtsvoller Gelassenheit, die sich scheut, die volle und ganze Wahrheit, welche der Welt doch so noth thut, ihr im ungeschminkten, getreuen Bildspiegel vorzuhalten. Unsere Zeit hat überhaupt, was das angeschnittene Kapitel angeht, viel Ähnlichkeit mit dem nach äußerer Gestalt und innern: Gehalt absterbenden Mittelalter. Nur mit Ach und Krach nach Tage und Jahre langem Bereden von Seite der vornehmern Stifter brachte endlich im Jahre 1519 die Nürnberger Bürgerschaft das zur Entlohnung des Meisters Peter Bischer erforderliche Geld zusammen, damit das zum Ehrendenkmal ihres Schutzheiligen bestimmte St. Sebaldusgrab in der Kirche des Heiligen aufgestellt werden konnte. „ES hat gewogen an Messing 157 Ctr. 29 Loth und kostete der centhner daran 20 fl.: thut in Summa 3145 fl." Seit dem Jahre 1507 hatte dieser berühmteste deutsche Erzgießer an die Herstellung des Grabmals, als eines der kunstvollsten Werke der Welt in dieser Technik, sein ganzes künstlerisches Können gesetzt. — Wenn Albrecht Dürer in Italien sich als Herrn, in seiner deutschen Vaterstadt aber als Knecht fühlte, so erging es seinen besten Standes- und Heimathsgenossen noch viel trauriger. Michael Wohl- gemuth, der bedeutendste Maler und Zeichner — auch Bildhauer — deS XV. Jahrhunderts, konnte sich mit seiner Familie nur durch mehr oder weniger handwerksmäßige Massenproductionen — unter denen aber doch manche Perlen deutscher Kunst — hochhalten. Adam Krafft, der Bildner der weltberühmten „Nürnberger hl. Stationen", des wunderbaren „Sakramentshäuschens" in St. Lorenz zu Nürnberg und anderer höchst bedeutungsvoller Steinbildwerke, starb in Armuth im Schwabacher Spitale, und seine Wittwe mußte ihr Häuschen zur Befriedigung der Gläubiger verkaufen. Weit Stoß, der berühmteste Name aller Holzschnitzer, einer der zartesten und innigsten Darsteller von Madonneubildnissen, wurde aus Noth sogar ein gebrandmarkter Urkundenfälscher. Hans Holbein der Aeltere, unstreitig einer der vornehmsten und edelsten Maler echt christlicher Darstellungen, dessen Gemälde unbezahlbar geworden, lebte in Augsburg in solch drückender Armuth, daß er noch in den letzten Jahren seines Lebens, oft wegen geringfügiger Summen, wiederholt ausgepfändet wurde. Da ist denn nur natürlich, daß sein Sohn, der ebenso berühmte Hans Holbein der Jüngere, sobald er zur Selbständigkeit erwachsen, sich aus dem deutschen Staube machte, um nie wieder nach seiner Vaterstadt zurückzukehren. Fand er doch in der Schweiz und in England, was er suchte, Ruhm und Verdienst. Die vorhin Genannten konnten es bis auf Dürer, den Leistungsfähigsten von ihnen, trotz ihrer genialen unermüdlichen Arbeitskraft, mit der sie so zahlreiche, unübertreffliche Werke schufen, nicht dahin bringen, neben dem ihnen billig geschenkten Ruhm auch jene sorgenfreie Existenz zu erringen, die solche Künstler für diese Gott und die Menschen erfreuenden Werke zur gesicherten Grundlage fröhlichen rüstigen Weiterschaffens verdient hätten. Mit ihrem Tode erstarb aber auch die vornehmste Blüthe religiöser Kunst in Deutschland. Wie zu den Zeiten, der genannten großen Altmeister herrscht auch heute wieder vielfach ein gewisses Ausbeutungssystem der bessern producirenden Kräfte, die gerade auf dem vorwürsigen Gebiete und von der Seite, die dies am wenigsten zulassen, noch weniger aber selbst direkt befördern sollte, höchst bedauerlich ist. Bei diesem System kann die christliche Kunst nicht gedeihen. Sie geht keinen Schritt vorwärts, vielmehr, wenn nicht eine allgemeinere kräftige Reaktion eintritt, den unvermeidlichen Krebsgang bis zum bloßen segenslosen Hand- und Fabrik- werk. Es ist ja freilich auch richtig, daß die Mittel für Kunstzwccke gerade bei den noch am meisten christlich gesinnten mittlern und niedern Ständen immer mehr zusammenschrumpfen. Aber auch zur Zeit der Blüthe der christlichen Kunst „stand man nicht bei vollen Geldsäcken", wie August Neichensperger bemerkt. Es kommt daher umsomehr daraus an, die noch vorhandenen Mittel zusammenzuhalten und in rechter, die wahre Kunst fördernder Weise zu verwenden. Sind bloß ein paar tausend Mark vorhanden, so kann man damit nicht gleich eine ganze Kirche mit reichem Bild- und Figurenschmuck von Künstlerhand ausstatten wollen. Da muß man sich vorläufig mit dem einen oder andern Kunstwerk begnügen. Und es ist immer besser, wenn eine Kirche auch nur eine einzige würdige, wahrhaft lebens- und wirkungsvolle Kunstschöpfung, die der Künstler mit innerer Lust und Andacht gleichsam aus seinem Herzen erzengt hat, besitzt, als wenn die ganze Kirche mit handwerksmäßiger, nichtssagender Kunstwaare, wenn sie auch noch so goldig glänzte, überfüllt wäre. (Fortsetzung folgt.) Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Pauopolis in Overägypten und in den Katakomben. Studie von Dr. G u st av A. M üllcr, MuseumSbevollm. und Herausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E. (Fortsetzung.) Der Löwe. Die Bedeutung der Funde von Achmim für die Kenntniß des christlichen Alterthums kann uns schon das Symbol des Löwen lehren. Noch 1879 mußte F. X. Kraus in seiner trefflichen sottsrranea" bekennen: „auf altchristlichen Monumenten ist der Löwe mit Sicherheit nicht nachzuweisen." Allerdings war der Löwe, das natürliche Sinnbild der Stärke, der Macht, des Muthes, dem christlichen Jdeenkreis nicht fremd: faßt ihn doch Augustinus als Symbol Christi, des Löwen vom Stamme Juda, auf, und kannte man darnach doch den Löwen — Christus als Gegensatz zum brüllenden Löwen — Widersacher, ähnlich, wie wir einen Jchthys — Christus und einen Jchthys — Satan kennen, und wie wir im Adler ein gutes und ein böses Motiv vorgefunden haben. Man kann wohl nicht die Rarität des Löwen auf altchristlichen Monumenten des Abendlandes damit erklären, daß man sagt, hier sei der Löwe kein einheimisches und dem Vorstellungssinn vertrautes Thier gewesen. Das ist er auch für uns nicht und war er im Ernste betrachtet auch für den ägyptischen Christen nicht. Im Gegentheil: der römische Christ kannte den Löwen sehr gut aus der Arena, und der Ruf „uä Isouss« gellte ihm eine Zeit lang in den Ohren, wie ein schrecklicher Schlachtruf. Ich halte das für bedeutsam. Wohl nimmt Paulus schon und nahm die älteste Monumental- sprache mit Vorliebe ihre Symbolik und ihre Vergleiche aus der Palaistra, dem Stadion, der Arena: allein wie es den Christen lange widerstrebte, den Kreuzestod ihres Erlösers in seiner damaligen Schmachbedeutung 163 oder das Kreuz offen darzustellen, so mochte es ihrem Gefühl widersprechen, den Löwen, diesen schrecklichen Mörder so vieler Glaubenszeugen, zu einem häufigen Symbol zu erheben. Wie es in Achmim um die Verfolgung und ihre raffinirten Torturen stand, ist nicht leicht zu sagen. Wir zweifeln in jedem Falle an einer „absoluten Gleichheit" der Lage hier und dort, einmal weil wir das pro- vinziale Christenthum nicht in allem mit dem römischen vergleichen dürfen und dann weil die uns vorliegenden Funde, auf Grund deren allein wir zu urtheilen haben, immerhin keine allzu blutige Sprache reden. Wie dem immer sei, soviel ist sicher, daß wir auf den altchristlichen Denkmälern Oberägyptens dem Löwen geradezu oft begegnen, und zwarmeistin sichtlich symbolischer Bedeutung. Schon bei Betrachtung des Bildes vom „Hasen", auf das wir besonders hier verweisen, haben wir den Löwen in Gesellschaft unstreitig symbolischer Thiere und in nicht mißzuverstehender Situation bemerkt: so auf meinem hochwichtigen Clavus, der uns zwei Hasen und einen Löwen mit rothen Zungen vor einem verhüllten Kreuze zeigt, so auf Forrers Bordüre, wo wir Hasen, Löwen und Gazellen einem orux Asiumata. zustreben sehen, so auf dem Clavus, der uns Tauben, Hasen und Löwen in Medaillons vor einem stark verhüllten Kreuz (oder Weihbrod?) sehen läßt. Hiezu kommen zahlreiche Nummern, die uns Löwen undGazellen bieten, vielfach mit Hasen vergesellschaftet, so daß nicht die Spur eines Zweifels darüber aufkommen kann, daß der Löwe hier in irgend einem Sinne den starkmuthigen, emporstrebenden Christenglauben symbolisire. Ein sehr interessanter, leider in Folge allzudefekten Zustandes zur Neproduction ungeeigneter Clavus enthält „die Arbeiten des Heracles". Das Stück ist nach Stoff, Farbe und Zeichnung durchaus „spät", das heißt höchstens aus dem V. — VI. Jahrhundert. Man braucht, wenn ich schon (wohl unter allgemeiner Zustimmung) aus diesem Grunde das Bild der christlichen Kunst überweise, nicht zu meinen, Herkules käme auf die altchristlichen Monumente „wie Pontius ins Credo". Wir wissen ja, daß neben Orpheus und Theseus auch die Gestalt des Heracles in christlichem Sinne Verwendung fand! Daß auf allerdings „synkretistischen" Darstellungen selbst die Venus eine Rolle spielte, sei nur flüchtig erwähnt. Für Orpheus aber, für Theseus und H eracles muß die christliche Uebernahme eines mythologischen Typus archäologisch anerkannt werden. Für Heracles gilt das noch für die späteren Jahrhunderte. So fand ihn Forrer mit mir auf dem herrlichen romanischen Riesentaufbecken, das als „Teufelsstein" im Pfarrgarten zu St. Ulrich im badischcn Breisgau (bei Krotzingen- Bollschweil) zu schauen ist; hier fignrirt er als eine Art Schlußbild unter Aposteln und Propheten, neben Christus und Maria. Doch zurück zu unserem Clavus. Ein Bild zeigt uns den Heracles, zwei Löwen niederdrückend. Ich erblicke hierin eine Allegorie auf den Sieg des Christenthums über das Heidenthum, es dem Leser überlassend, diesen allegorischen Sinn nach gegebenen Mustern noch weiter zu variiren. Ochs und Stier. Auf den altchristlichen Monumenten ist der Ochs ein sehr seltenes Symbol. Wir betonen das letztere Wort, denn in Verbindung mit dem Sujet der Geburt Christi, das zumal auf Sarkophagen des IV. und V. Jahrhunderts öfter erscheint, ist der Ochs keineswegs eine seltene Zugabe. Mit seiner symbolischen Bedeutung kann man nicht allzuviel anfangen, selbst die sonst so ergiebigen Väterstellen sind wenig mittheilsam. Man ist daher genöthigt, sich zunächst an die Worte des Cassio- dorius zu halten, der erklärt: „unter den Ochsen seien die Prediger zu verstehen, welche die Brust der Menschen glücklich pflügen und in ihr Gemüth den fruchtbaren Samen des himmlischen Wortes ausstreuen." Wir gestehen aufrichtig, daß wir mit diesen Worten die Symbolik des Ochsen weder fassen, noch sie als natürlich und darum als wahr zu verstehen vermögen. Das mag eine Symbolik sein, wie sie die Schultheologie für ihren Hausgebrauch gebrauchen kann: volksthümlich ist sie nur, wenn sie auf etwas Volksthümliches recurrirt. Es gehört aber eine kleine Spitzfindigkeit dazu, ohne äußere oder innere Veranlassung in dem Ochsen, der unter andern: auch zum „Pflügen" angehalten wird, das richtigste Symbol für die geistige Pflugarbeit des Evangeliums zu erblicken. Die Lösung des Räthsels kommt unseres Trachtens nicht von der „Predigt des Evangeliums", die dem Pflügen der Aecker gleicht, sondern kun st geschichtlich kommt sie aus der Betrachtung der Darstellungsweiss der vier Evangelisten in der altchristlichen Kunst. Das Symbol des Ochsen hat keine allgemeine, sondern eine spezielle Unterlage. Achmim liefert dafür entscheidende Beweise. Wir müssen, um unsern Schluß übersichtlich vorzubereiten, wider unsern Willen zunächst Bekanntes wiederholen, und wir können nicht besser sagen, was F. L. Kraus unter Quellenangaben so schön und klar zusammengestellt hat: „Nachweislich schon im II. Jahrhundert war es üblich, die geheimnißvollen Thiergestalten auf die vier Evangelisten zu beziehen. Die Deutung war freilich nicht immer die gleiche. So entspricht bei Jrenäus aäv. kasr. der Löwe dem Johannes, das Rind dem Lucas, der Mensch dem Matthäus, der Adler dem Marcus. Augustinus bezieht dagegen den Löwen auf Matthäus, den Menschen auf Marcus, das Rind auf Lucas, den Adler auf Johannes." Unsere heutige Deutung ist bekanntlich für den Menschen Matthäus, für Marcus der Löwe, das Rind für Lukas, für Johannes der Adler. „Zu ihrer Begründung beruft sich Hieronymus auf die Anfänge der einzelnen Evangelien: Matthäus beginnt mit der menschlichen Herkunft des Herrn, Marcus mit der Stimme des Rufenden in der Wüste, Lucas mit der Geschichte des (opfernden) Priesters Zacharias, Johannes aber schwingt sich in erhabenem Fluge über die Erde empor zur Betrachtung des ewigen Wortes." Blicken wir auf die altchristlichen Monumente, so sehen wir die Evangelisten anfangs in ganzer Figur, seit dem V. Jahrhundert auch im Brustbilde dargestellt. Die symbolische Abbildungsart greift aber bereits gegen Ende des IV. Jahrhunderts Platz, ein Umstand, der für uns von wesentlicher Bedeutung ist. Kraus führt uns chronologisch die einzelnen Darstellungen vor, denen wir in Kürze folgen: 1) Mosaik von St. Pudentiana in Rom, ca. 384—398: links vom Beschauer Engel und Löwe, rechts Stier und Adler, die drei Thiere ebenfalls geflügelt, ohne Inschriften; 2) ähnlich wie 1), jetzt zerstört, Mosaik von S. Sabina; 164 8) Sta. Maria Maggiore, dieselbe; 4) Mosaiken von Ra- venna um 440; 5) dito von S. Ambrogio in Mailand; 6) dito von S. Paolo f. l. m. in Rom. Ferner 7) ca. 530 S. Cosma e Damiano in Nom: Engel und Adler mit Buch; 8) S. Prisco in Capua vetere und 9) S. Apollinare in Classe mit veränderter Ordnung: Adler, Engel, Löwe, Stier, VI. Jahrhundert; 10) S. Teodora in Rom, ca. 640: zu je zwei mit Büchern, Stier und Engel, Löwe und Adler; 11) S. Prassede in Nom, Löwe und Engel, Adler und Stier, alle mit Flügeln, Nimbus und Buch; S. Marco in Nom 828—844: Stier, Engel, Adler, Löwe — wie die vorigen. Dazu kommt ein Evangeliendeckel von Mailand aus dem V. Jahrhundert mit Engel und Stier, die sechs Flügel, Nimbus und Buch haben. Wichtig ist noch das „die altchristliche Tradition bewahrende" Pult der hl. Nadegundis in Poitiers: Adler und Mensch, Stier und Löwe in Medaillons und ohne Nimben. Bemerkenswerth, allerdings unser Räthsel leider nicht lösend, ist seit dem V. Jahrhundert die Darstellungsweise, die Evangelisten in ganzer menschlicher Figur neben den Symbolen abzubilden. Für uns am wichtigsten indessen erscheint die Bemerkung von Cahier, wonach auf mehreren spanischen Darstellungen der Stier für Marcus vorkomme. Hier beginnen wir unsere Deutung für.die Ochsfiguren von Achmim. Wie die obige kurze Aufzählung schlagend beweist, kann davon nicht die Rede sein, daß die exegetische Begründung unserer Deutung, Matthäus — Mensch, Marcus — Löwe, Lncas — Ochse oder Stier, Johannes — Adler, durch Hieronymus, so plausibel und sogar richtig sie für den einmal fest fixirten Typus ist, in der alten Kunst von Anfang an als stilles Gesetz gewaltet Habei Willkürlich, d. h. verschieden von dem heutigen Usus, ist zunächst die Reihenfolge der Symbole. Nun fragt es sich, ob die so veränderte Reihe der Symbole auch eine Aenderung in der Reihenfolge der Evangelisten bedinge, oder ob letztere stets stehen blieben und die Symbole für sie allein wechselten? Das Eine ist so bedenklich und unbedenklich wie das Andere! Es genügt allein schon die Thatsache der Wandelbarkeit, um in der Deutung alter Monumente in gewissem Sinne freie Hand beanspruchen zu dürfen. Allerdings muß, wenn eine Beziehung dieses oder jenes Symbols auf einen andern als den hiefür typischen Evangelisten angenommen wird, die Deutung des Hieronymus an dogmatischer Gewißheit verlieren. Wer sagt uns aber, daß Hieronymus die älteste Auffassung oder doch die allgemeine in seiner Exegese wiedergibt? Denn es ist nicht sicher, angesichts der Variationen in der Symbolenreihe auch gar nicht von vornherein wahrscheinlich, daß dieselben Symbole überall denselben Evangelisten vertraten! Was Cahier von etlichen spanischen Darstellungen sagt, klingt durchaus nicht wundersam für den, der die oben skizzirte „Verschiedenheit der Reihenfolge in den Symbolen" bedenkt. Kommt dazu noch die Betrachtung aller Einflüsse, denen die hispanische Kirche in den ältesten Zeiten erlag, die geschichtlich wie legendär verbürgte Einwirkung orientalischer Anschauungen, so ist die Deutung des Ochsen als Symbol für Marcus nicht schwer zu begründen, zumal im Hinblick auf das Folgende, nämlich auf — Achmim. Achmim-Panopolis hat, wie seine Necropole beweist, sehr frühe dem Christenthum sich erschlossen. Es empfing die Botschaft des Heils direct oder indireet über Ale- xandrien. Die alexandrinische Christengemeinde hatte in der Urkirche eine hervorragende Stelle. Ihre Begründung führt die uralte und ununterbrochene Tradition auf den heiligen Ma rcus zurück, wie Eusebius bezeugt. Bevor er in Alexandrien Bischof ward, hatte Johannes Marcus erst den Paulus und Barnabas, dann den Petrus begleitet. Wie lebhaft sein Gedächtniß als das des Stifters der bischöflichen Succession in der alexandrinische« Kirche fortlebte, bestätigt der Diacon Liberatus: „Zu Alexandria ist es Sitte, daß der Nachfolger des verstorbenen Bischofs bei der Leiche seines Vorgängers wache deS Todten Haupt auf sein eigenes Haupt lege, ihn mit eigener Hand begrabe und dann das Pallium des heiligen Marcus nehme und es sich umwerfe, worauf er rechtmäßig bestellt erscheint." Wie sehr Alexandrien an den philosophisch-speculativen, auch an den häretischen Bestrebungen im Urchristenthum Antheil nahm, ist aus der Kirchengeschichte hinlänglich bekannt. Marcus ist es zweifellos, dessen Person und Wirken die Signatur des apostolischen Urchristentums Aegyptens ist und als solche auch durch die verschiedenen kirchlichen Umwälzungen hindurch sich aufrecht erhielt. Es wäre so auffallend, daß es unglaubhaft wäre, wenn demgemäß die Person und die Evangelisations- thätigkeit des heiligen Marcus der altchristlichen Kunst Aegyptens keine Anregung gegeben Hütte, wenn nicht auch hier die Monumente in ihrer offenen oder in ihrer bildlichen Sprache eine Erinnerung gewahrt hätten an die apostolische Wirksamkeit des ersten Bischofs von Alexandrien, den wir als Apostel Aegyptens anzusehen haben. Leider ist es mit den Achmimfunden nach ihrer Ausgrabung nicht viel anders ergangen als bei derselben: Räuberei hat sie dem Boden „ohne Wahl" entrissen und Geldgier sie in aller Herren Länder getragen, bevor der Wissenschaft Genüge geschehen war. Ohne die Hingebung Forrers wären sie kaum mehr öffentlich zu der Bedeutung gelangt, die ihnen beigemeffen werden muß. So Müssen eben von verschiedenen Seiten und allmählich Beiträge auch für diese hier aufgeworfene Frage erwartet werden! Indessen fehlt es nicht an gewichtigen Anzeichen dafür, daß unsere Vermuthung richtig ist. Ich erblicke diese Anzeichen in drei Gegenständen, die Forrer, wie er selbst ja sagt, als „Forschungsmatexial" publicirte, von denen er aber einen allzu „römisch" gedeutet haben dürfte, das Wort „römisch" in vollem Ernste genommen. Ich meine mit letzterem die kleine Goldplaquette auf seiner Tafel XIII, Fig. 3, mit den Köpfen von „Petrus und Paulus" — und sonst die zwei Thonlampen mit der Figur des Ochsen. Zunächst die Goldplaquette, ein äußerst werthvolles Kleinod für den Archäologen. Forrer bezeichnet sie selbst als „früh" und betont: „Die Art der Darstellung weist auf das III. und IV. Jahrhundert." Die zwei Häupter erklärt er als „Brustbilder von Petrus und Paulus". Auf den ersten Blick erinnert auch das Ganze mächtig an das berühmte Bronce- medaillon in der vatican. Bibliothek, das als die älteste und wohl auch authentische Darstellung der beiden Apostel zu betrachten ist. Wir müssen in Kürze dabei verweilen. „Es hat ungefähr drei Zoll im Durchmesser, die Ausführung erinnert an den edlen Stil der classischen Kunst, und die Köpfe sind mit großer Sorgfalt gearbeitet. Nach Boldetti wurde es in dem Coemeterium der hl. Domitilla gefunden, und alles spricht dafür, daß dieses Denkmal zu den Zeiten der Flantschen Kaiser, als die griechische Kunst noch in Rom blühte, verfertigt wurde. Die Gesichter sind lebensvoll und natürlich und verrathen einen starkausgeprägten, individuellen Charakter. Einer der Köpfe trägt kurzes, gekräuseltes Haar, der Bart ist gleichfalls kurz geschoren und gekräuselt, die Züge siud rauh und gewöhnlich. Die Physiognomie des andern ist edler, unmuthiger und schärfer ausgeprägt, es ist ein kühner, stolzer Kopf mit langem und vollem Barte." Eine andere Bronceplatte aus der Katakombe S. Priscilla (oder S. Callisto?) und dem HI.—-IV. Jahrhundert zugehörig zeigt Petri Porträt in gleicher Auffassung. Jenes werthvolle Medaillon aber bestätigt die bei Niccphorus erhaltene Tradition über das Aussehen der beiden Apostel, nach welcher der Erstere Petrus, der Letztere Paulus wäre." Bon einigen „sehr mittelmäßig ausgeführten" Gläsern abgesehen, kehrt dieser Typus auf den Meisten Goldgläsern wieder. Prüfen wir daraufhin die Goldplaq nette von Ach mim näher, so können wir sie sichtlich nicht zu den schlechten Producten zählen. Aber ebensowenig wird unserm kritischen Auge Profil, Physiognomik, Haltung, Haar rc. des hl. Petrus darauf erscheinen. Wohl ist der Kopf zu unserer Linken sicher ein Pauluskopf, allein ebensogewiß ist jener zur Rechten, nach dem vatikanischen Vorbild, keinPetruskopf. Wir sehen nicht das typische „kurze, gekräuselte Haar", nicht den „kurzgeschorenen und gekräuselten Bart", keine „rauhen und gewöhnlichen" Züge. Hier hilft nichts, um auf Petrus schließen zu lassen, wenn es sich um einen monumentalen Beweis handelt, den wir fordern müssen. Und mit „kirchengeschichtlichen" Conjectnren macht man die klare Tradition der Kunst nicht anders. So wenig man die gestimmte altheidnische Kunst nach dem langweiligen Recept der Herren Kunstforscher immer nach Roms Pfeife tanzen zu lassen braucht, ebensowenig darf man besonnener Weise, der Autorität des römischen Stuhles unbeschadet, das gesammte Urchri stenthum, dessen Einheit im Glauben und in der Liebe bestund, in seinem traditionellen Fühlen und Empfinden erst lange die „römische Schule" absolviren lassen. Dem Künstler von Achmim, wenn er mit Leib und Seele für die einheimischen Christen schaffte, lag, der Ehrfurcht vor dem hl. Petrus wiederum unbeschadet, die Tradition vom hl. Marcus nun einmal näher als die vom Bischof der römischen Kirche! So erblicke ich denn in dem Kopfe neben dem in der Gesammtkirche hoch angesehenen Völkerapostel Paulus dessen und des Barnabas Freund, Schüler und Begleiter, den hl. Marcus, den Apostel des ägyptischen Christenthums. Ueber den beiden Häuptern leuchtet je ein Stern, die Mitte überragt ein Kreuz. Schöner und sinniger konnte der Künstler die evangelische Missionsarbeit der beiden Apostel auf dem kleinen Raum nicht zum Ausdruck bringen! Und nun nach diesem scheinbaren Umwege zu den von Forrer producirten Thonlampen, von Achmim und jener von Köln mit dem symbolischen Bild des Ochsen. Es sind, wie die Abbildungen darthun, zwei durchaus verschiedene Darstellungen. Ob sie auch verschiedenen Sinn haben oder ob sie sich auch in ihrer Bedeutung vereinigen lassen? Die eine Lawpe zeigt uns nur den Kopf eines Stieres, ohne jede weitere Zuthat. Wiewohl von „Kölner Provenienz", hat sie Forrer doch mit Recht neben die folgende von Achmim gestellt, da ihre orientalische Herkunft nicht unmöglich, sie aber schon an sich beachtenswerth ist. Um so bedeutungsvoller ist die zweite Lampe. Sie zeigt einen springenden Ochsen mit darübergestellter Palme! Nun kennen wir die Palme als Symbol des Martyriums; aber daS ist nur eine ihrer mehrfachen Bedeutungen. Sie ist seit Alters das Zeichen des Sieges, im christlichen Sinne das der Vollendung. Nach Ambrosius bedeutet sie „den Sieg in jenem Kriege, welchen Fleisch und Geist mit einander führen". Wie sollen wir nun unser Bild deuten? Wenn der Stierkopf auf der „Kölner" Lampe einen Evangelisten symbolisirt, so erst recht diese Ochsen- figur, die sich durch die Palme als christlich documentirt. Gewiß hat sie einen allgemeinen Sinn, etwa in der Anschauung des Cassiodorius; allein der Fundort verleiht ihr auch eine spezielle Deutung. Wir fassen demnach auf unserer Lampe die Figur des palmen- geschmückten Ochsen als ein Symbol des ägyptischen Christen, dessen Seele durch die Predigt des Evangeliums aus dem Munde der Marcusschüler wie ein Ackerfeld gepflügt und besät worden ist, und die siegen soll durch die Kraft, die im Glauben und im Worte Gottes liegt. Weitere Darstellungen könnten, wenn sie nicht wirklich Neues bieten, diese Deutung nur bekräftigen. (Fortsetzung folgt.) Neise-Briefe aus dem Orient von Dr. Seb. Euringer. (Fortsetzung statt Schluß.) Nun ging es an einem Beduinenfrkedhof vorbei. Jeder Friedhof hat einen Weli, d. i. ein Heiligengrab, das besonders ausgezeichnet ist. Wenn nämlich ein Mensch verrückt ist, den Verstand verliert, so wird er als Heiliger angesehen; denn sagen sie, seine Seele ist bereits im Paradies, und darum kann er nicht mehr vernünftig reden. Diese psychiatrisch-theologische Anschauung hat daS Gute für sich, daß die unglücklichen Irrsinnigen vor jeder Nohheit und Inhumanität geschützt sind. Nach dem Tode wird auf dem Friedhof über seinem Grabe aus unbehauenen Steinen ein Haus errichtet, damit man von weitem schon dasselbe erkennt. Die Gräber der andern Leute siud sehr einfach; der Todte wird in das Grab gelegt, darüber der Sand geglättet, hie und da auch ein kleiner Sandhügel errichtet und Kopf- und Fußende je durch einen aufrecht stehenden spitzigen Stein bezeichnet. Eine solche Begräbnißstätte sieht aus, als ob Kinder mit Steinen gespielt hätten. Wir betreten das bekannteste und berühmteste Thal der Halbinsel, das Thal der Inschriften, oder Wadi Mokattam. Es hat seinen Namen daher, daß die Sandsteinblöcke, welche am Fuße der Bergwände liegen, zahlreiche Inschriften in semitischen Charakteren tragen. Zwar finden sich auch in vielen andern Thälern ziemlich häufig derartige Inschriften, aber hier ist fast jeder freie Platz beschrieben. Da die Buchstaben den hebräischen und phönizischen gleichen, so hat man lange Zeit sie für Zeugnisse der auswandernden Jsraeliten gehalten. Diese Ansicht ist durch die Entzifferung derselben hinfällig geworden, und im allgemeinen sind diese Inschriften sehr bedeutungslos. Es waren Nabatäer (Hauptstädte waren 166 Petra und Bosra), welche vom II. Jahrhundert v. Chr. bis zum IV. n. Chr. diese Schreibeübungen verübt haben. Der Inhalt ist meist derselbe: „Friede und Glück! N. Sohn des R., Sohn des N.", oder „Erwähnt werde R. Sohn des R. rc." Einige sind datirt, gerechnet wird nach der Eparchie oder der Aera von Bosra, welche im März 105 n. Chr. beginnt. Einige wenige sind griechisch, darunter eine interessante. Ein Diakon Job hatte sich urschriftlich verewigt. Daneben schrieb ein christenfeindlicher Soldat: Lullon §6nos tuto e§c» stratiotss sZrupsa.: „Ein schlimmes Geschlecht das, ich der Soldat habe es geschrieben." Den Inschriften sind auch Zeichnungen beigefügt, welche in ihrer Ausführung an die Nandzeich- nungen aus dem Schreibhefte des kleinen Moritz erinnern. Kamele, Esel, Männer, auch die Sonne und der Mond wurden oft in großer Zahl auf die geduldigen Steinblöcke geritzt. Beer, Tuch, Palmer, Euting, Lepsius haben sich um Sammlung, Veröffentlichung und Entzifferung dieses „Fremdenbuches" verdient gemacht. Eine halbe Stunde vor dem Ende des Thales wehte mir die deutsche Fahne von der Spitze meines Zeltes entgegen, und da wir früh daran waren, hatte ich Zeit, die Steinblöcke in der Umgebung meines Lagers genau anzusehen. Dinstag den 13. März mußten wir wieder einen Paß überschreiten und gelangen bald in das vom Meere sich heraufziehende Wadi Uran, dessen schwarzgraue Granitmauern steil abfallen und ein unheimliches, drückendes Gefühl erregen. In diesem Thals ist die Wüste Sin nach meiner Ansicht zu suchen, wie auch die nächsten zwei Lagerplätze. Hier wäre also zum ersten Male das Manna gefallen. Alle Jahre im Sommer wird von den Beduinen ein Harz, welches sie Man nennen, gesammelt und nach Kairo zum Verkauf gebracht. Dieses Man, welches auch im Tempellaboratorium von Edfu (gebaut unter den Ptolemäern) als Manu (oder Mann») bezeichnet wird, rührt von dem Stich eines Jnsectes (Ooocms manni- xurus) in die Rinde des Tarfastrauches (eine Tamarisken- art) her. Aus den Stichwunden träufelt der Saft auf den Sand und verhärtet sich dort. Man vergleiche diese Genesis mit dem Berichte der Bibel, und man wird finden, daß das biblische Manna denn doch etwas anderes gewesen sein muß. Weiter. Ich habe mir in Kairo eine ziemliche Quantität Manna gekauft, und da nach den Worten der Bibel das Manna wie das Dumharz ausgesehen und wie Koriandersamen mit Honig geschmeckt hat, so habe ich mir auch diese beiden Substanzen verschafft. Das Ergebniß meiner Untersuchung ist: Das Aussehen ist wie das von Dumharz, aber der Geschmack stimmt nicht. Aber last not Isast: als ich im Bazar der Gewürzhändler in Kairo ganz begierig auf das mir gezeigte Manna losschoß und mich anschickte, davon zu essen, warnte mich der Verkäufer gleich nach dem ersten Bissen, ich solle nur sehr wenig genießen, da es — Diarrhöe verursache! Und davon sollen die Juden 40 Jahre lang täglich ein Omer gegessen haben!! Ich glaube, dieser letzte Grund schon allein dürfte eine Identifikation des wunderbaren Mannas mit dem Manna der Tarfastaude verbieten. Daß dieses Harz den Namen Manna erhielt, ist leicht einzusehen; die Süßigkeit ist das tsrtium eomparationis. Es geht den ganzen Tag durch dieses lange Wadi immer auswärts, scheinbar gerade aus, aber mein Barometer geht immer weiter zurück, ein Zeichen, daß wir steigen. Was ist denn ein Wadi, werdet ihr fragen? Wir hören jetzt diesen Namen so oft. Es ist nichts anderes, als ein Thal, ein ausgetrocknetes Flußbett, das sich bei Regen in einen reißenden Strom verwandeln kann. Der Boden ist ganz mit Sand bedeckt, dazwischen liegen Steintrümmer, bald Quarz-, bald Fenersteintrümmer, die wie schwarze Glasscherben aussehen, bald Granit-, bald Sandstein rc. rc. Immer oder fast immer findet sich Vegetation, wenn auch nur spärlich. Jetzt steht alles in Blüthe. Die wohlriechende Ginster mit ihren weißen Schmetterlingsblüthen sieht wie bepndert aus, eine Wehr- muthart mit scharfem Geruch hat fast ebensoviel^ kleine gelbe Blüthen als Blätter, die eigenartigen Seyalakazien, die sanft gefiederten Tarfasträucher; muntere Eidechslein erfreuen sich an der Sonne, bedächtig schreitet ein schwarzer Käfer, dessen kunstvolle Fallen (Trichter im Sande) uns häufig begegnen; alles vereinigt sich mit der ganzen Umgebung zu einem Bild, das seinen Reiz hat. Am Abend, wenn der Mond alles mit grünlichem Lichte überzieht, ist es, als ob man am Ufer eines Sees stehe. Diese Wadis sind sehr breit und sind die natürlichen Straßen in der Wüste. Besser geebnete Heerstraßen hätte auch der größte Bauherr der Welt, Namses, nicht schaffen können. (Schluß folgt.) Die heilige Cäcilia, Oratorium für Soli und Chor, mit Klavierbegleitung und verbindendem Text mit oder ohne lebende Bilder. Dichtung von Franz Bonn. Musik von Michael Haller. Op. 57?) Z Ein ganz eigenthümlicher Hauch und Duft heiliger Poesie umschwebt und durchzieht die Legende jener römischen Jungfrau und Martyrin, von der Theodor Körner gesungen, daß sie „als Meisterin in jeder Kunst der Töne dem Glauben ihr begeistert Lied" geweiht: Und als sie einst in tiefen Harmonien, Ergriffen von dem liederreichen Drang, Der cw'geu Liebe ihre Lieder sang, Vernahm sie wunderbare Melodien. Sie blickt empor mit frommem Ungestüm, Da öffnen sich des Himmels goldne Pforten, Und eS erklingt in heiligen Accorden Das Siegeslied der Cherubim. Und schnell zerreißt sie ihrer Harfe Saiten, Erröthet still in jungfräulicher Scham. — Da sie das Lied der Himmlischen vernahm, Mag sie sich nicht an ird'schcn Tönen weiden, In süßer Wehmuth bricht ihr frommes Herz; Die Sängerin muß nach den Liedern ziehen — Und ausgelöst in hcil'gen Melodien Fliegt ihre Seele himmelwärts. Mit Recht wird die hl. Cäcilia als Patronin nicht bloß der lllrwios, saera, sondern aller heiligen Kunst betrachtet und verehrt, und es ist wohl begreiflich, wenn Dichter, Sänger und Maler gerade diese heilige Jungfrau - Martyrin, „deren Leiche", um ein Wort des hochw. Bischofes Zardctti zu gebrauchen, „noch im Aroma der Jungfräulichkeit der Verwesung widersteht, und deren Marmorbild auf dem Grabe in Rom den Grundcharakter jeder Schönheit, Kunst und Formvollendung, nämlich die Vermählung von Majestät und Einfachheit, offenbart," so gerne zum Gegenstände ibrcs künstlerischen Schaffens erwählen und die größten Meister dieser Heiligen in Bild und Sang und Dichtung den Tribut ihrer Huldigung gezollt haben. Die größten Meister hat sie angeregt, In Liedern und Gemälden allezeit Sie zu verherrlichen. ES wäre nur zu wünschen und für die Kunst der größte Gewinn, wenn alle ihre Jünger an diesem Ideal sich bilden und begeistern würden. „Ich habe mir", schrieb *) Druck und Verlag von I. Habbel. Regensburg 1894. Partitur 3 M., Chorstimmen ü 30 Pfg., Textbuch L 40 Pfg. Altmeister Glühe am 19. Oktober 1786 aus Bologna, „die Gestalt der hl. Cäcilia und noch mehr der hl. Agatha" (deren Bilder der Dichter in Bologna sah) „wohl gemerkt und werde ihnen im Geiste meine Jphigenie vorlesen und meine Heldin Nichts sagen lassen, was diese Heiligen nicht aussprechen möchten". Und die Jpbigenie wurde ein Muster-Drama von klassischer Erhabenheit und Reinheit. Auch unser laudSmänuischer Dichter Franz Bonn, dessen Gedichte „Für Herz und HauS" eine so allgemein beifällige Aufnahme gefunden und bereits in zweiter Auflage erschienen sind, hat seine Harfe wiederholt dem Lobpreis der bl. Cäcilia gewidmet. Bereits vor ein paar Jahren ist im Habbel'schen Verlag erschienen: „Die heilige Cäcilia. Schauspiel für die Jugend. Musik von Mich. Halter." Die Kritik hat sich sehr lobend über dieses Werk der Bonu'schen Muse ausgesprochen und u. A. daran gerühmt, daß „über dem Ganzen ein solch gebeimnißvoller Zauberreiz liegt, der den Geist des Hörers in die Sphären zwischen Himmel und Erde erhebt, und das ist eben die frommkindlichc Auffassung und Begeisterung, die durchs Ganze weht und in menschlich-sündigen Figuren erst den unmalbaren Tugendglanz der guten Geister ins rechte Licht setzt." Der thatsächliche Erfolg der Aufführungen dieses Schauspieles mit der so ergreifend schönen Haller'schen Musik entsprach vollauf der lobenden Kritik. Wir wissen nicht, ob vielleicht in diesem Erfolge für Dichter und Compositeur der Impuls, der Anlaß lag, sich nochinal und zu noch höherem Schwünge zur Verherrlichung der hl. Cäcilia zu erheben und ein Kunstwerk zu schaffen — „Bei dem es uns umschwebt wie Orgelton, Gemischt mit dem Gesang von Himmelsstimmen." Der Dichter gebraucht diese Worte in Bezug auf den „Namen" Cäcilia — aber wir dürfen sie auch auf das genannte Oratorium anwenden, in dem uns „in Wort und Bild, begleitet von Gesängen" gezeigt werden soll, „wie ihr die Krone ward.- die dreifach sie, die Äuscrwählte, schmückt, der Jungfrau'» Krone, des Apostolats und des Martyriums". Und fürwahr, Dichter und Komponist haben die sich gesetzte Aufgabe meisterhaft durchgeführt, und nicht vergeblich hat der Dichter im Eingang die heilige Heldin angerufen: Q leihe du Dem Worte Schwingen und dem Tone Kraft, Daß deiner würdig wir dich feiern mögen — Du Meisterin der Tonkunst — St. Cäcilia! Wir tragen kein Bedenken, dieser Dichtung einen der ersten Plätze unter den Boun'schen Schöpfungen anzuweisen, sie zu dem Schönsten und Besten zu rechnen, womit uns der gottbegnadigte edle Dichter schon erfreut hat. Hier hat er sich als Dichter nicht bloß „für HauS und Herz", sondern, wenn wir so sagen dürfen, für Welt und Kirche, Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit erwiesen. Es sind so klang-, so inhaltsvolle Verse! Tiefe, ewige Wahrheiten, erhabene Gedanken, das Größte, was des Christen Herz bewegt, was uns der Dichter in schönster Form vor die Seele führt. Man könnte den Inhalt dieser Dichtung in die bekannten Worte Brentano'S kleiden: O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit! Und wie klingt alles so jugendlich frisch und begeistert wie ein FrühlingSsang, so daß man glauben möchte, der Dichter besitze das Geheimniß, aus dem „Jungbrunnen" zu trinken! Dasselbe kann man auch von der Haller'schen Musik sagen, welche einem immer klaren und frischen Bergquell gleicht und an welche man, wie an die kirchlichen Compositionen des RegenS- burger Palcstrinajüngcrs, den sichersten Maßstab wahren Kunst- tvcrlhcs anlegen und sagen kann: Je öfter man sie hört, desto mehr erfreut und erquickt man sich an ihr. Es ist uns schwer, uns zu entscheiden, welchem von den acht Tvnstücken, die sich unmittelbar an die Dcklaination anschließen („Wo der Dichter keine Worte mehr findet, da soll der Musiker mit seinen Tönen eintreten", sagt Grillparzer) — „Chor der Geister — Brautchor — Terzett — Solo und Duett — Kriegerchor — Engel- chor — Trauerchor — Schlußchor (Lobpreis und Anrufung der Heiligen) — wir den Preis der klassischen Schönheit zuerkennen sollen. „Poesie und Musik sind zwei liebliche, verwandte Genien", sagt ein Kunstschriftsteller, und wenn beide in schöner Eintracht zusammenwirken, dann muß ein schönes Werk erstehen. Und wenn zu dem Wort und Ton auch noch die lebenden Bilder sich gesellen in der entzückenden Farbenpracht und Gruppiruug, wie eS bei der ersten Aufführung des Bonu-Haller'schen Werkes in NegenSburg geschehen ist, dann Wird dasselbe überall die Zuhörer und Zuschauer in derselben Weise befriedigen, erbauen, erheben und begeistern, wie eS in Regensburg geschah, und wird man überall dem NegcnSburger Meisterpaar Dank wissen für diese schöne Gabe! Recensionen rmd Notizen. Spanien in Wort und Bild, Herausgegeben unter Mitwirkung Sr. Kaiscrl. u. Kgl. Hoheit Erzherzog Ludwig Salvator, Mons. Professor I. GrauS, Domcapitular Kirchberger, R. Frhr. von Bibra, Mrs. Will Trclsall. Mit 157 Illustrationen und 1 Karte von Spanien. Würzburg, 1894. Quartausgabc. Verlag von Leo Wörl, k. u. k. Hosbuchhandlung. 607 S. Preis geb. 9 M. 8. Das außerordentliche Interesse, welches obgenannteS Buch, sowobl als reich illustrirtes Prachtwerk ersten RangcS, wie als hervorragende Schöpfung neuzeitlicher Länder- und Völkerbeschreibung, auch dein etwas verwöhnten Leser darbietet, ist begründet in der wahrhaft mustergiltigcn Darstellung und Schilderung eines Landes und Volkes, welches an sich schon als höchst eigenartig und für sich einnehmend gilt, wie in dem vollendeten Ensemble selbst, zu welchem die einzelnen, das Ganze integrirenden Theile deö Werkes wie zu einem organischen Kunstgcsüge zusammentreten. Hat eS doch zum Gegenstände jenes originelle Land, das schon in der Jugend uns cnthusias- mirtc, das, von Sang und Sage gefeiert, von Poesie und Phantasie verherrlicht, noch immer als das „unausgesungcne Land" gilt, immer uns neu und immer uns ferneliegcnd. Hat es doch zum Gegenstände jenes ewig ernste, ritterliche und feierliche Volk, von dem der Dichter sagt: „Stolz lieb ich den Spanier." Ja, stolz, wie seiner Bewohner chcvalereöker und ccremvniöser Charakter, stolz, wie seine Geschichte und Romanze, ist das Vaterland jener Völkerstämme, deren verschiedene Wurzeln in die ehrwürdigsten Zeiten alter Tage hinabreichen. Stolz, wie seine Sitten und Gesetze, thürmen sich seine altersgrauen Städte, seine Burgen und Paläste, seine Kirchen, seine Rath- häuser, seine zahllosen Kunstbauten, seine Ruinen und Ueber- reste einer ersten und zweiten Cultur. Stolz ist das imposante Land, wie das interessante Volk. Welch herrlichen Vorwurf für die Schilderung bildet solch eine Vorlage mit der ganzen Maicnblüthe ihrer Vergangenheit, die auf Schritt und Tritt ihre Spuren zurückgelassen hat! Wer möchte nicht Spezielleres vernehmen von solch einem Volke mit seinen Kämpfen und Errungenschaften, seinen Festen, seinen Gebräuchen, seinen Gewohnheiten, von jenen Regionen mit ihren bald schwermüthig ernsten, bald sonnig heitern, bald grandiosen, bald idyllischen LandschaftSbildcrn, Bergen, Flüssen und Ebenen! Hier unfruchtbar und unangebaut, dort ein endloses Fest der üppigsten Cultur feiernd, zeigen sich uns in Spanien Scenerien, welche so ganz verschieden sind von denen unserer Heimath. daß wir den reizenden Darstellungen und fesselnden Beschreibungen dieser neuen Glanzpublikation mit gespanntem Ohre um so lieber lauschen, als die Vorführung all deö Geschilderten in einer wunderbar schönen Sprache sich vollzieht, welche mit plastischer Anschaulichkeit die Worte zu meißeln versteht und, bei feinster Wiedergabe auch des Details und geschmackvollster Ausmalung des Einzelnen, das Gesammtbild uns in reichen, satten Farben vors überraschte Auge zaubert. Betrachten wir uns den edlen Cirkel derjenigen, welche zu diesem gediegenen, formcnschönen, voll und ganz aus katholischem Standpunkte stehenden Werke mitgewirkt haben, so könnte dieser Kreis nicht besser gewählt sein und nicht glücklicher sich zusammengefunden haben: ein mit allen Vorzügen des Geistes und Wissens ausgerüsteter, mit unerschöpflichen Neisemittelu ausgestatteter kaiserlicher Prinz, Erzherzog Ludwig Salvator, dessen angeborener Liebe zur Sache, feiner Beobachtungsgabe, hohem Ansehen und geübtem Auge sich alles erschließt und aufthut, was Herz und Auge zu entzücken vermag. Ihm verdankt das Prunkwcrk neben andern: insbesondere die reizvollen Partien über die Balcarcn, sowie einen ganz hervorragend großen und schönen Theil der Bilder, welche in einer Anzahl von 157 vorhanden sind, so daß auf jedes Blatt fast eine Illustration trifft, eine Thatsache, welche den unvergleichlichen Schmuck des Werkes bildet, die in solcher künstlerischen Vollendung und Schönheit ihres Gleichen suchen. Wir begegnen im Kranze der Mitarbeiter sodann einem Prälaten, Mons. Pros. I, Graus, der als geistlicher Kunstkenner erster Güte sich bereits einen klangvollen Namen erworben, die geschilderten Länder selbst bereist, die von ihm gespendeten Bilder — kirchliche Kunstbauten — selbst an Ort und Stelle aufgenommen und gezeichnet hat. Wir kennen ihn bereits rühmlichst I aus seinem 1893 in L. Wörl's Neisebibliothek erschienenen Buche: I „Eine Rundreise in Spanien", als einen der tüchtigsten öfter- 168 reichischcn Spczialisten in kirchlichen Kunstbausachen und als vorzüglich unterrichteten Führer zu den Denkmalen namentlich der christlichen Kunst. Ein weiterer Würdenträger der Kirche, der in obigem Werke uns seine trefflichen Dienste leiht, ist Herr Domcapitular Kirchberger, den wir sür das sichere Gelingen solcher Leistungen als eine ganz eminente Kraft bereits längst erkannt haben. Endlich begrüßen uns zwei andere Scbriftsiellcr vom besten Klänge: N. Frhr. v. Bibra und Mrs. Will Threlfall, Autoren, in deren Händen die schildernde Sprache zum Bilde sich verdichtet, zum Liede sich gestaltet, zum Wohllaute wird, Meister dcö Wortes, unter deren Leitung hier sich alles, Wort und Bild, aufs herrlichste verschönt hat und sich schmiegt und fügt, gliedert und aufbaut zu einem Ganzen, das in vollendeter Kunst vor uns prangt. Wörl's „Spante n" kann nach substantiellem Inhalt und eleganter Form sich kühn dem Besten und Schönsten, was die Länder- und Völkerkunde in neuester Zeit hervorgebracht hat, an die Seite stellen. Gedanken und Schwung reißen den Leser mit sich fort. Auch die äußere Ausstattung ist von einer Eleganz und Vornehmheit, daß sie selbst fürstliche Augen nicht zu scheuen braucht. Einfach ist nur der Einband und gleicht darin jenen fürstlichen Damen, welche, nachdem neuestens das Gewöhnliche mit geborgtem schlecht- anstehenden Marktschrcicrputze sich in gemeiner Weise zu schmücken pflegt, die Vornehmheit nun in jene Einfachheit fegen, deren daS Ordinäre niemals fähig ist. Als freudespcndeude Festgabe sür Andere wie als Mittel eigenen Hochgenusses verdient das Werk die begeistertste Empfehlung; man wird in vollen Zügen feiner genießen. Aus dem Herder'schcn Verlag: AlbanStolz. Legende oder der christliche Sterneu- himmel. Zehnte Auflage mit vielen Bildern. 1894. Dr. Hermann Rolfus. Geschichte des Reiches Gottes auf Erden. Für die katholische Familie bearbeitet. Dritte, in Text und Bildern verbesserte Auflage. 1894. Z Diese beiden Werke erscheinen nun auch in Lieferungen, so daß die Anschaffung derselben auch weiteren VolkSkrcisen möglich ist. Von der Legende werden 2 Ausgaben veranstaltet, die eine in Quartformat vollständig in 10 Heften ä 80 Pfg. Diese erscheint in größerem Format und erheblich verbesserter Druckausstattung, während der Text, unter voller Wahrung der Pietät gegen den verewigten Verfasser, einer sorgfältigen Revision unterzogen wurde; die andere Ausgabe in Oktavformat, vollständig in 4 Bänden oder 12 Heften L 1 Mk. pro Heft. Die Besitzer der „gesammelten Werke" von Alban Stolz haben nunmehr die Möglichkeit, den ganzen Stolz in uniformen Bänden anzuschaffen. Die innern Vorzüge dieser Stolz'schen Legende sind genügend bekannt. — Das zweite genannte Werk erscheint in 18 Heften gr. 8° L 50 Pfg. Dasselbe ist an dieser Stelle — Augsburger Postzeitung 1688 Beilage Nr. 55 — sehr gut, aber auch sehr treffend rccensirt worden, so daß nur mehr dem Wunsche Ausdruck zu verleihen ist, es möchte dieses Buch in recht vielen kathol. Familien Eingang finden; sie finden darin gewiß eine Lektüre, die unterhaltend, belehrend und erbauend zugleich ist, eine Lektüre, welche den GlaubcnSeifer und -Freudigkeit vermehrt, die Liebe und Anhänglichkeit zur Kirche stärkt und erhöht und viele, recht viele falsche Ansichten und Urtheile über dieselbe gründlich beseitigt. Töchterchcns Liebling. JllustrirteMädchcn-Arbeitszeitung. Verlag der Paradieödruckcrei in Passau. Preis vierteljährlich 50 Pfg. Diese Zeitschrift enthält unterhaltende Erzählungen, Aufsätze, Gedichte, Kochrcccpte, Spiele, Räthsel; der Musterbogcn bringt jeden Monat niedliche, leicht anzufertigende Handarbeiten, sowie Schnittmuster für Puppenkleidung. Auch ist jeder Nro. eine Beilage zugegeben, welche den Kindern zur Unterhaltung gereicht. Der Preis von 2 M. 40 Pf. jährlich ist ein so niedrig- gestellter, daß es auch den weniger Bemittelten möglich ist, diese empfehlcnswerthe Zeitschrift für ihr Töchterchen anzuschaffen. Wenn wir einen Wunsch aussprechcn dürfen, so ist es der, daß die Ausstattung in Druck und Papier etwas besser würde. Stern der Jugend. Eine Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz. Herausgegeben von Dr. I. Praxmarer, Religionslehrer in Vingcn. Ruffels Verlag in Münster. Vicrtclj. (6 Heste) 1 M. Inhalt des 14. Heftes: Lösung des scheinbaren Widerspruches zwischen Gottes Allwissenheit und Gerechtigkeit. — Für unsre jungen Lateiner. — Die Interpunktion. — Boun's berühmte Männer. — Skizzen aus dem Lande der Eskimos. U. s. w. Historisches Jahrbuch. Im Auftrage der Görrcsgesellschast herausgegeben von vr. H. Graucrt, vr. L. Pastor und Dr. G. Schuürer. Commissionöverlag von Herder u. Cie., München. XV. Jahrgang. 2. Heft. Inhalt: Aufsätze. Rauschen, neue Untersuchungen über die vssoriptio der Reliquien zu Aachen und St. Denis. — Säg- müllcr, die Anfänge der diplomatischen Corrcspondenz. — Kayser, Johannes Ludwig Vives (1492—1540). — Büchi, Georg von Wyß. — Kleinere Beiträge. Wevman, Analecta. — KamperS, eine Handschrift der vita. tlnslrarii. — Fijalek, Mahnschreiben des päpstlichen Legaten ZachariaS Ferrari an Martin Luther. — Recensionen und Referate. Klopp, der dreißigjährige Krieg bis zum Tode Gustav AdoliS (Weskamp). — Literatur zur Culturgeschichte des 19. Jahrhunderts (Weiß). — Zcitschriftcnschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. — Den Schluß deö 2. Heftes bildet eine Antikritik Dr. KnöpflerS auf die Kritik, welche Dr. Schrörs an der vielberufenen NcctoratSrcde vr. KnöpflerS über das Studium der Kirchengeschichte geübt hatte, und eine Nep lik von Dr. Schrörs. _ Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Breisgau. Hcrdcr'sche Verlags- haudlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 5: U. L. Frau von Guadalupe, die Schutzpatronin von Mexico. — Der Mekong (Fortsetzung). — Die Ncductionen von Paraguay (Fortsetzung). — Nachrichten aus den Missionen: Europa (Hilferuf aus Adrianopel); China (Die Canossiaucrincn in Hongkong); Vorderindien (Ein Kapuzincrbischof in den Gebirgen Nordindiens; eine Blutthat); Abcssinicn (Die Schlacht bei Agbordat); Acquatorial-Afrika (Das Apostel. Vicariat Vntoria-Nyanza sSchluß); DaS Seminar in Bnddu); Westafrika (Kamerun); Nordamerika (Indianer- mission in Süd-Dakota); Aus verschiedenen Missionen. — Miscclleu. — Für Missionszwcckc. — Beilage für die Jugend: Die Sklaven dcö Sultans (Fortsetzung). Illustrationen: Kapelle und Hügel ll. L. Frau von Guadalupe bei Mexico. — Investitur des Königs von Ubongl — Der große natürliche Cirkus in den Lakoubergen. — Vorhalle des Wat Pha Kco zu Wien Schau. — Karte in zweifarbigem Druck (Apostol. Vicariat in Nyanza). — KriegertypuS aus Abessiuicn. — Abessinische Krieger mit Lanze, Wurfspeer und Schlachtmesscr. _ Studien undMittheilungen aus demBcnebictincr- Or dcn. XV. Jahrg. 1894. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca. 40 Bogen) Mk. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Naigcrn bei Brüun (Oesterreich). JnhaltS-Verzeichniß des I. Heftes 1694. (Abhandlungen.) Schmidt, ?. Edmund (0. 8. 8. Metten): Wesen und Geist des Beuedictinerordens. Nick, I. (Salzig): Regelten des adeligen FrauenklosterS Marienbcrg. 0. 8. 8., bei Boppard a. Nh. Dolberg, Ludw. (Nibnitz): Die Satzungen der Cistercienser wider das Betreten ihrer Klöster und Kirchen durch Frauen (1.). Jud, Fr. Ruv. (0. 8. 8., München): St. Walburg, Bencdictinerinnenkloster in Eichstätt(Mittelfranken). Stölzl, 8. Marc. (0. List., Wilhcring): Ein Beitrag zur Geschichte des österr. Erbfolgekriegcs in den Jahren 1741 und 1742 (I.). Plaine, D. Fr. B. (0. 8. 8.. Silos): vo Oancmig Llissas ^.xostolieitatas oum nova clieti Oanonio oxplanations. vioqnisitio oritieo-IitnrAiea (I.). Eubcl, 8. Konrad (Rom): Die päpstlichen Provisionen auf deutsche Abteien während des Schismas und des PontificatS von Martin V. (1378—1431) (I). Hafner, Otto (Eßlingen): Regelten zur Geschichte des scbwäb. Klosters Hirsau (XIII.). Bredl, O. Sigis. (0. 6ist., Osscgg): Die Superioren und Ncctoren deö St. Bernards-Collegs vom I. 1662—1785.— (Mittheilungen.) Lager, Dr. (Trier): Bulle Martins V. betreffend die Abhaltung von Proviuzial- Capitcln der Benedictiner in Sache» der Reformation. Reform- statuten des Provinzial-Capitcls in St. Maximin i. I. 1422. Schmid, 8. Bernard (0. 8. 8., Scbeyern): Oowmnnioatio in saoris und 8xoommuniog.tio ob Inceresin? — Neueste Benedictiner- und Cistercienser-Literatur (8 VII.). — Literarische Referate. U. f. w. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas Lc, Erabherr in Augsburg. n,-. 22, 31. Mal 1894. Mge W DlPßmgkr MM li Joseph Barm. Zu seinem 50jährigen Todestag gewidmet von A. G. Am 21. Mai waren es fünfzig Jahre, daß Abbate Baini gestorben ist. Baini, einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der Tonkunst, auch nicht unbedeutend als Componist; Baini, Director der päpstlichen Capelle, als welcher er in erster Linie die unsterblichen Werke seines Lieblingscomponisten Palestrina förderte und pflegte; Baini, welcher auf die Entwicklung der Kirchenmusik großen Einfluß übte, verdient wohl in Kürze in diesen Blättern erwähnt zu werden, zumal seiner nicht gar häufig mehr gedacht wird. Die Dankbarkeit hat wohl den Meister F. X. Haberl veranlaßt, in dem kirchenmusikalischen Jahrbuch des laufenden Jahres eine sehr interessante biographische Skizze über Baini zu veröffentlichen, welche auch wir im Folgenden benützen, zumal außer Hiller, Proske und dem französischen Fötis nebst Adr. de la Jage nur wenige über Baini geschrieben haben dürften, ausgenommen natürlich die Abhandlungen in verschiedenen Enchclopüdien und Konversationslexikons und einer solchen in den historisch-politischen Blättern. Joseph Baini, der Neffe des Komponisten Laurcntino Baini, wurde in Nom geboren am 21. Oktober 1775 und verließ, kleine Reisen ausgenommen, die ewige Stadt nicht, so lange er lebte. Sein Onkel unterrichtete ihn in der ersten Zeit, und der junge Joseph machte in Bälde die größten Fortschritte, besonders im Kontrapunkt. Den Gesangsunterricht erhielt er durch einen portugiesischen Ordenspriester, und wird von ihm von Anfang bis in sein hohes Alter seine gewaltige Baßstimme gerühmt. Mit siebzehn Jahren wurde er schon als Dirigent in der Seminarkirche verwendet und im Alter von zwanzig Jahren als Mitglied der päpstlichen Capelle aufgenommen. Nachdem er sowohl Philosophie als Theologie glänzend absolvirt hatte, erhielt er im Jahre 1795 die Priesterweihe. Er war nach den Quellen ein Priester ganz nach dem Herzen Gottes, hing mit innigster Liebe an seiner heiligen Kirche und an deren Oberhaupt, seine Tagesarbeit wechselte ab mit Gebet und Studium und Studium und Gebet. Damals waren, wie stets, würdige Priester mehr denn je nothwendig: die Religion war verachtet, der hl. Vater in der Verbannung, Nom eine Republik, als solche zuerst erklärt durch General Bathier im Namen Frankreichs, zwölf Jahre später durch den gewaltthätigen Kaiser Napoleon I., ein ächter Kulturkampf wüthete, wie wir ihn auch zu erleben das Unglück hatten. Baini erhielt zu jener Zeit einen Ruf nach Paris, er aber schützte seine Gesundheits- verhältnisse vor und wollte Nom nicht verlassen, zumal Frankreich viel brauchbarere und tüchtigere Männer habe, als er sei. Im Jahre 1814 den 24. Mai zog Papst Plus VII. wieder in Nom ein, und Baini sammelte die noch übrigen Mitglieder der päpstlichen Capelle, hielt Proben über Proben und Aufführungen, wobei auch seine eigenen Kompositionen zu Gehör gebracht wurden, welche mitunter uugetheiltesten Beifall fanden. Fassen wir gerade hier Baini als Komponisten in's Auge! Er hat nicht gar viel componirt, hat fast nichts veröffentlicht, aber was er componirte, ist ächt kirchliche Musik, ächt christlich- frommer Gesang. Vor allem ist zu erwähnen sein zehn- stimmiges Miserere, componirt für die sixtinische Capelle auf Wunsch des Papstes Pins VII. Man darf wohl behaupten, daß diese Komposition im gleichen Rang steht mit dem Miserere von Allegri, wie es denn auch in der Charwoche zu Nom abwechselnd mit dem letztgenannten aufgeführt wurde. Durch dieses eine Stück allein zeigt sich Baini als ein Componist von Gottes Gnaden, der ganz und gar an der Doktrin der alten römischen Schule hing. Auf diese Komposition hin wurde Baini zum Camerlengo der päpstlichen Capelle ernannt und jedes Jahr bis zu seinem Tode wieder gewählt, auch sollte er zum Rektor der Propaganda ernannt werden, eine Würde, welche er aber entschieden zurückwies. An weiteren Kompositionen sind zu erwähnen: ein Band kirchlicher Hymnen, die sehr schöne Sequenz: Dies iras, nach deren Aufführung „alles hingerissen war und diese Vollendung der musikalischen Kunst bis zu den Sternen erhob", die Nesponsorien zur Passion nach Markus, ziemlich viele Motetten rc. Seinen Hauptruhm aber gründete Baini nicht als Componist, sondern als Musikschriftsteller speciell durch sein unübertreffliches Werk: „Llsmoris Ltoriao-aritielrs ckella viba et äalls opars cii Oiovanni IllorluiAi cla, kalestrina." Dieses Werk, eine großartige Monographie über Palestrina, verräth den großen Kritiker, ein großes musikalisches Verständniß, eine Kenntniß aller Stile durch und durch, und ist und bleibt ein Monument in der Geschichte der Musik. Es ist hier belgische, spanische und natürlich italienische Musik auf das eingehendste behandelt. Der Verfasser des seinerzeitigen Artikels in den Historisch- politischen Blättern sagt über dieses Werk: „Baini führt uns hier in chronologischer Reihenfolge alle bedeutenden Momente des bürgerlichen und künstlerischen Lebens jenes weltberühmten Picrluigi vor Augen; gibt über die Entstehung seiner Kompositionen die nöthigen Notizen, zählt deren Auflagen auf, bestimmt mit Kennerauge den innern Werth derselben und gibt die Regeln und Vorschriften der römischen Sängerschule durch gelegentlich eingestreute Bemerkungen sicher und bestimmt an. Dies konnte aber auch nur ein Baini, der von Jugend auf mit dem Studium palcstrinischer Musik sich befaßte, immer tiefer eindrang in die Schönheiten jenes großen Nachahmers der Natur und dadurch begeistert wurde, das schwierige, von niemand noch versuchte Unternehmen, nämlich sämmtliche Werke Pierluigt's zu sammeln, zu beginnen und ausdauernden Muthes zu vollenden." Wohl standen dem Meister die Sammlungen und Archive des Vaticans ganz und gar offen, dennoch aber muß seinem Bienenfleiß die höchste Achtung gezollt werden, und man darf ja nicht außer Acht lassen, daß er den größten Theil seines Einkommens zur Lösung dieser seiner Hauptaufgabe verwendete. Manche haben in diesem seinem größten Werke höhere philosophische Gedanken vermißt, alle aber sind darin einig, daß es eine Wissensgrube ist für alle Mnsikkcnner und Musikfreunde, wie selten ein zweites, es sind in demselben alle Werke Palestrina's gesammelt, soweit es irgendwie möglich war. (Ein Werk Baini's übersetzte ein Bruder des Kaisers Napoleon in das Französische, und verräth dasselbe eine sehr solide Kenntniß und ein sehr tiefes Verständniß.) Es erübrigt uns noch, Baini kurz noch als Menschen näher in's Auge zu fassen, und hat Hiller, dem wir im Großen und Ganzen dabei folgen, ein treffliches Bild von ihm entworfen. Obwohl hoch angesehen, obwohl u. a. sehr geehrt von Friedrich Wilhelm III. von Preußen» 170 der einem Concert, dirigirt von Baini, beiwohnte, obwohl mit Ehren und Würden überhäuft, Baini blieb die reinste Demuth, so zwar, daß er nicht duldete, daß man in seiner Gegenwart sich lobend nussprach über seine Kompositionen. Es konnte auch nicht anders sein, da ja der fromme Mann sich der demüthigen Magd des Herrn, der lieben Gottesmutter, geweiht hatte, der er auch sein obgenauntcs bedeutendstes Werk widmete mit folgenden kindlich einfachen Sätzen: rveigrrras Virgini Harias Lins Hds, eonesgtlrs losspkNs tznilqvM ict est oxerls Diesr vi 6on8eerar.l Baini war selbstlos so, wie es unsere Zeit nahezu nicht mehr fassen kann; überall geehrt, eingeladen, blieb er stets zu Nom am „Arbeitstisch und im Beichtstuhl", und nur einmal soll er eine Reise gemacht haben, auch nicht weithin, nur nach Bologna. Seine Wohnung war schmucklos, mehr als einfach, und nur seine stattliche Bibliothek zeigte, daß ein großer Mann in diesen Räumen lebte und wirkte; eine Schwester besorgte seinen sehr einfachen Haushalt, empfing die Gäste und verschwand sofort wieder vor deren Augen. Er war ferner sehr wohlthätig, gab oft mehr, als seine Mittel erlaubten, und kam dadurch mitunter in kleine finanzielle Verlegenheiten. Die werthvollen Geschenke, die er erhalten, vermachte er testamentarisch dem vaticanischen Museum, andere bestimmte er für Bilder der allerseligsten Jungfrau Maria, seine Bücher und Manuscripte erhielt die Kongregation der Minerva. Merkwürdig dürfte es auch sein, daß Baini, obwohl er sich auch mit Theaterstücken beschäftigte und eine dießbezüglichc große Sammlung von Werken und Abhandlungen sein eigen nannte, nie in ein Theater ging. Mit Hiller verkehrte der Meister sehr gern, und möge aus diesem Verkehr hier eine Episode angeführt werden. Er sagte einstens zu Hiller: „Die Protestanten sind gute Christen, sie verehren den Heiland wie wir; wie können sie sich nun so gleichgiltig der heiligen Jungfrau gegenüber Verhaltens Sie ist ja doch die Mutter Gottes; ich kann dies nicht begreifen." Hiller sandte Baini aus Anhänglichkeit und Dankbarkeit ein Exemplar der Partitur der Zerstörung Jerusalems, das Requiem und die O-molI-Messe von Mozart und die O-äur-Messe von Beethoven, und erhielt von Baini zwei prächtige Dankschreiben. Das Requiem von Mozart nannte er darin „lamoso" und die O-niolI-Messs „belissiino". In früheren Jahren sehr gesund und robust, litt der Körper des Meisters durch Ueberanstrengung bedeutend, er wurde sehr magenleidend und konnte längere Zeit nur einmal des Tages etwas zu sich nehmen, und zwar nur leichteste Speise. Am Abend des 21. Mai 1844 entschlief er sanft, ohne jeglichen Kampf, während er gerade sein Brevier betete, in einem Alter von 68 Jahren und 7 Monaten. Er wurde beigesetzt in St. Maria in Dallicclla, dem Begräbnißplntz der päpstlichen Sänger. Für die päpstliche Kapelle war sein Verlust ein ungemein schwerer — in der Geschichte der Tonkunst überhaupt aber werden sein Name und seine Werke fortleben. Die LehrtlMgkeit der Jesuiten vor dreihundert Jahren?) 8. 8b. Es gibt wohl keine albernere Behauptung, als, die Reformation hätte Deutschland in geistiger *) Nach Zanssen. Hinsicht gehoben; wie Mehlthan legte sich der Neligions- hadcr nicht allein auf das gesammte Volksleben, sondern er schien besonders jede geistige Regung des deutschen Volkes ertödten zu wollen. Als Netter in diesem Niedergang deutscher Bildung erschien der soviel verleumdete Jesuitenorden. Wenn man die Lehrtätigkeit der Jesuiten in Deutschland objectiv und der geschichtlichen Wahrheit gemäß betrachtet, so ist es nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, das deutsche Volk stände heute unter allen europäischen Völkern auf der geringsten Kultur- und Bildungsstufe, hätte der Jesuitenorden nicht ein gut Stück der deutschen Bildung und Wissenschaft aus dem Ausgaug des Mittelaltcrs durch die Wirrnisse der Reformation und des dreißigjährigen Krieges hinübergerettet, worauf dann später wieder aufgebaut werden konnte. Dies einmal mit geschichtlichen Dokumenten unwiderleglich festgestellt zu haben, ist das Werk Janssens. In dieser Hinsicht ist der letzte, VII. Band so lehrreich, wie kein vorhergehender. Dort wird uns eine fast unerschöpfliche Fundgrube dargeboten, woraus wir heute nur Einiges schöpfen wollen. Eigentlich müßten wir zuerst den Verfall der Bildungsstätten, der Volks-, Latein- und Hohen- schulen darthun, doch dieses traurigste Kapitel deutscher Geschichte wollen wir hier übergehen. Wilhelm Noding, Professor am Pädagogium in Heidelberg, erging es wie manchen Andern, gleich Balaam, er sollte fluchen und mußte segnen. Er schrieb in einer eigenen, dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. gewidmeten Schrift „Wider die gottlosen Schulen der Jesuiten" also: „Sehr viele Leute, bis doch zu den Christen (d. h. Protestanten) gezählt werden wollten, übergäben ihre Kinder den Jesuiten zum Unterricht. Dieses sei äußerst gefährlich, weil die Jesuiten ausgezeichnete und scharfsinnige Philosophen seien, vor Allem darauf bedacht, ihre ganze Gelehrsamkeit auf die Erziehung der Jugend zu verwenden; sie seien die feinsten und gewandtesten Lehrer und wüßten sich nach den natürlichen Anlagen eines jeden Schülers zu richten." Also ein Professor eines Pädagogiums! Er konnte es ja wissen! In Hessen drückte der Superintendent Georg Ni- grinus im Jahre 1852 sich über die Jesuiten also aus: „Ich meines Theils wundere mich nicht, wenn ich höre, daß Jemand zu den Jesuiten übergeht (vorher hatte er geklagt, daß viele protestantische Eltern adelichen nnd bürgerlichen Standes ihre Kinder den Jesuiten zur Erziehung übergäben). Sie besitzen eine vielseitige Gelehrsamkeit, sind beredt, lehren, predigen, schriftstellern, dis- putiren, ertheilen der Jugend unentgeltlichen Unterricht, und zwar mit einem unermüdlichen Eifer; über- dieß empfehlen sie sich durch ein sittenreines Leben und Bescheidenheit;" dagegen sei bei den mit dem Namen des Evangeliums sich Brüstenden die Wissen- schaftlichkeit nicht groß, jedenfalls nicht so groß, daß sie mit der gelehrten Bildung der Jesuiten einen Vergleich aushalten könnte." Nathan Chtstrüus stellte der „in Ausgelassenheit und Wildheit ertrunkenen" Jugend in Rostock die Jesuitenschulen gegenüber: „Was sollen wir denn von den Schulen der Jesuiten, wie man sie nennt, von der Religion abgesehen, halten? Wahrlich, diese Schulen.... könnten nicht überall diesen Ernst der Zucht, diesen Fleiß und diese Beharrlichkeit bei Lehrern und Schülern in Erfüllung ihrer Pflichten ausweisen, wenn jene Auflösung der Zucht in einem göttlichen Verhängnis; ihren Grund Hütte." Viele Protestanten glaubten 171 nämlich in der Znchtlosigkeit derJngend, ganz verzweifelnd an einer Besserung, ein Strafgericht Gottes erblicken zn müssen. Solche und ähnliche Zeugnisse könnten wir aus dem VII. Bande Janssens noch eine große Menge hinzufügen. Der Unterschied der Bildungsstätten der Jesuiten von denen der alten Orden lag darin, daß die alten Orden meistens ihre Zöglinge zn Religiösen erzogen, wahrend die Jesuiten die Jugend auf weltliches wie auf theologisches Studium vorbereiteten, zu weltlichen wie geistlichen Berufsständen heranbildeten. Dann „zog die satzungsmäßige Unentgeltlichkeit des Unterrichts die Söhne der minder bemittelten Stände zn den Jesuitenschulen", während „die höheren Stände" von „der Urbanität und Disciplin und Lehrfähigkeit" der Jesuiten- collegien angezogen wurden. Dies bezeugt uns wiederum ein Jesuitenfeind, Zirngiebl. Und Nuhkopf bestätigt uns: „In den Jcsuitencollegien wurde die Jugend ohne große Kosten, und die ärmere ganz frei, sehr sorgfältig, sanft und milde behandelt und erzogen. Die Jesuiten betrugen sich als gütige Bäter: sanftes Zureden, herzliche Vorstellungen vertraten die Stelle der körperlichen Strafen, die höchst selten bei ihnen waren. Sie konnten also auf die größte Anhänglichkeit der Zöglinge, die sie entlassen hatten, zuverlässig rechnen. In ihren Kollegien herrschte eine Sittenreinigkeit, welche man vergeblich auf den protestantischen Schulen und Universitäten suchte. Alan wußte nichts von schimpflichen Züchtigungen, denn die verwahrlosten und ganz verdorbenen, bei denen ihre sanfteren Mittel nichts halfen, litten sie nicht weiter unter ihren Alumnen, und schickten sie wieder zn ihren Eltern. Bei ihnen selbst konnte nicht leicht eine solche Sittenlosigkeit und Verwahrlosung eintreten, weil sie alles mit der größten Vorsicht entfernten, was die Einbildungskraft der ihnen anvertrauten Jugend hätte irre leiten und beflcckenoderihrenSittcnhätte schädlich werdcnkönnen. Die Sorge für die Reinlichkeit und Ordnung in den Zimmern der Zöglinge, im Anzüge und in ihrer kleinen Oekonomie war musterhaft, und die Pflege, welche die kranken Alumnen genossen, nicht minder genau und herzgewinnend. Ueberall standen sie unter der Aussicht ihrer Lehrer, welche sie selbst bei ihren Spielen und körperlichen Bewegungen, denen gewisse Stunden angewiesen waren, nie aus den Augen ließen." Also da haben wir das ganze Geheimniß der großen Zugkraft, welche heute wie vor 300 Jahren die Jesuitenschulen ausüben und ausübten. Der heilige Jgvatins hat eben verstanden, Ernst und Milde in der richtigen Weise in seiner Lehrmethode zu paaren. „Alles soll mit Maß je nach Verhältniß der Personen, des Ortes und der Zeit geschehen", heißt es in einer Instruktion des hl. Jgnatius an die nach Jngolstadt entsandten Jesuiten. Auf die Erholung von Geist und Körper, auf die Erhaltung von Gesundheit wurde ebensowohl gesehen, wie auf ernste Wissenschaft. Die Ancifernng des berechtigten Ehrgeizes und die Furcht vor der Schande sollten an die Stelle von Strafen treten. In Köln gründeten die Jesuiten im Jahre 1544 daS erste Colleg und übernahmen drei der städtischen Gymnasien. Rektor des CollegS war der hervorragende k. Fr. Coster. Oeffentliche Prüfungen, öffentliche Schüler- vorträge, öffentliche und Privatdisputationen waren damals schon für Lehrer und Lernende eine rege Aneiferung. 1558 zählten die Schulen beiläufig 600 Zöglinge und 60 Con- victoristen, 1578 840, 1581 über 1000. Von Köln aus verpflanzten sich die Jesuiten nach Trier, Koblenz, Main; und Heiligenstadt, und hatten überall blühende Gymnasien und Lyceen mit zahlreichen Schülern. Unter Mohnheim und Fabrizius, „der deutsche Cicero" genannt, hatte die fürstliche Schule in Düsseldorf noch 1700—2000 Schüler, im Jahre 1581 aber nur noch 100. Mohnheim suchte die Schule zu einer Pflanzstätte des Protestantismus zu machen. Mit der Neuerung wurde auch der Grund zum Verfall der fürstlichen Schule gelegt, und die Schüler bezogen die Jesuitenschulen. In Emmerich hatte das Gymnasium 1559 noch 2000 Schüler, Anfang der 90er Jahre sank die Zahl durch Krieg und Krankheit auf 50 herab. Dann im Jahre 1593 übernahmen die Jesuiten dasselbe, und die Zahl stieg trotz des Krieges wieder aus 300 und um 1606 auf 400. In Münster übernahmen im Jahre 1588 die Jünger Loyola's die dortige, dem Verfall sich immer mehr zuneigende Domschule. Sie begannen den Unterricht mit 300 Schülern; im darauffolgenden Jahr war die Zahl auf 900 angewachsen und 1592 sogar auf 1100 und bei Beginn des 30jährigen Krieges auf 1300. Es kamen protestantische Schüler her aus Bremen, Hamburg und Lübeck und aus Preußen und Holland. An das Gymnasium schlössen sich später theologische und philosophische Vorlesungen. B. Sökeland zeichnet die Jesuitenschulen in Münster also: „Die Blüthe des Münsterffchen Gymnasiums unter den Jesuiten füllt in eine höchst schreckliche Zeit bürgerlicher Zwietracht und mancherlei Elends. In den letzten 20 Jahren des 16. Jahrhunderts wetteiferten Pest und Krieg, die Leiden Westfalens voll zu machen. Die Pest raffte, fast alle 2—3 Jahre wiederkehrend, Tausende hin; der Krieg wurde in den Niederlanden zwischen Holländern und Spaniern geführt, und verbreitete sich von da aus über Westfalen, welches, theilweise ohne Wehr und Vertheidigung und den Naubzügen der Holländer wie der Spanier preisgegeben, fast ärger zertreten wurde, als der eigentliche Schauplatz des Kampfes." Das war also eine harte Lage für die Erzieher der Jugend, und doch: „Erfreulich und tröstend", fährt Sökeland fort, „ist auf jeden Fall bei der Betrachtung der oft mit Trauer erfüllenden Geschichte dieser Zeit der Gedanke, daß ohne die Jesuiten die Schulen dieser Stadt gänzlich würden in Verfall gerathen fein, während sie unter den Jesuiten blühten und eine Zahl von mehr als 1000 Schülern zählten, und ferner der Gedanke, daß die Jesuiten es waren, welche die Gebäude errichteten, deren wir uns noch jetzt erfreuen, und das Vermögen sammelten und sparten, welches noch jetzt unsern Lehranstalten reichliche Mittel gewährt." Wohl zn merken ist bei diesem Zeugniß, daß Sökeland keineswegs ein Jesnitenfreund ist. Achnlich wie in Münster ging es in Paber born. (Fortsetzung folgt.) Religiöse und monumentale Kunst. (Fortsetzung.) Nachdem die Kirchen so vieler Kunstschätzs und Mittel zn Neuanschaffungen durch die Säcularisation beraubt wurden, so sollten die Vertreter des Volkes in den gesetzgebenden Körpern zunächst nur solche aus den Taschen des letztern fließende Mittel bewilligen, welche auch wieder I zu allgemeinen, dem Volke direct dienenden Kunstzwecken 172 verwendet würden. Hieher gehört in erster Neihe die monumentale Ausschmückung der Tempel des Allerhöchsten, der Kirchen- und Cultusbauten, die schon bei den Griechen und Römern durch vornehmere und reichere Kunstformen vor den Privatgebäuden ausgezeichnet sein mußten. Nach den Kirchen beanspruchen wohl die den höhern und allgemeinen Staatszwecken dienenden, der Pflege der öffentlichen Wohlfahrt geweihten Bauwerke einen zum Wolke redenden nationalen und christlichen, nicht aber unpopulären altheidnischen Vildschmuck. Für Ausstellungen und Gallerten „moderner Meister" das Geld des Volkes auszugeben, halten wir mit Andern für ganz und gar unberechtigt. Denn das so ausgegebene Geld dient doch im Grunde nur der Begünstigung einer einzelnen Stadt, fast ausschließlich der Hauptstadt, einzelner weniger Persönlichkeiten und eines gewissen modernen Kunstwortes, welcher der wahren und echten Volkskunst, nämlich jener, die ihren Grund und Boden, und damit ihre Berechtigung für die Oeffentlichkeit, in der Seele des Volkes selbst, in der breiten Basis der Ge- sammtnation hat, nur schädlich, ja verderblich sein kann. Diese Kunstsportgeschichten sind rein lokaler und persönlicher Natur und gehen die Nation als solche nichts an. Das Volk steht ihnen kalt und zum Theil geärgert gegenüber. Sie dienen nur zur Verfluchung und Entnatiouali- sirung der Kunst, welche immer mehr auf das Nivean eines künstlich gemischten Treibhausgewächses ohne natur- wiichsige Lebendigkeit und Ursprünglichkcit herabsinkt. Würden daher unsre Landboten von nun ab die für jede Bndgctperiode für Knnstzwccke zu bewilligende Summe — etwa 150,000 Mark — einzig und allein zur Förderung der idealen, monumentalen deutschen Kunst auf dem Gebiete der Malerei und Bildhauerei bewilligen, und zwar mit der ausgesprochenen Bestimmung gerechter und sachdienlicher Verwendung — nicht um einige Wenige zu bereichern, sondern vielmehr strebsamen und tüchtigen Kräften Gelegenheit zum Schaffen und zur Entwicklung ihrer Kräfte zu geben — gewiß, sie würden sich ein großes Verdienst um die Kunst und die Künstler, sowie nm's bayerische Volk, und den Dank aller Billigdenkenden erwerben. Zu den bereits erwähnten Hindernissen des Empor- kommens und der Ausbreitung talentvoller, zu christlichidealer Anschauung hinneigender Künstler in Bayern kam noch, daß in den letzten Jahrzehnten die nach Geist und Auffassung allein berechtigte Kunstform religiöser und idealer Vorwürfe vor dem Areopag der herrschenden Kunstrichtung in München geradezu verfehmt war. Den Leuten dieser Richtung gilt ja heute noch das wirklich objective, wenn auch mit idealem Sinne aufgefaßte und in idealisirender Form dargestellte „Historienbild" als etwas Ueberlebtes, für unsere fortgeschrittene und nun einmal auch fortspringende Zeit nicht mehr Berechtigtes und Abgethanes, bereits der Geschichte selbst Anheimgefallenes. — Daß aber junge, aufstrebende Talente auf dem für sie als Künstler grundlegend fein sollenden Boden ihrer akademischen Bildungsstätte eine begeisternde Anregung empfingen, das Feld idealer christlicher Kunstbestrebungen zu betreten, das beförderte am wenigsten gerade jener bis vor Kurzem den angehenden Kunstjüngern die ästhetischen Grundsätze dockende sogen. „Wonne .." durch seine sarkastischen Verunglimpfungen der die ganze christliche Kunst erst begründenden heiligsten historischen Personen des Christenthums. Es muß daher als eine höchst erfreuliche mannhafte That anerkannt werden, daß vor etwa neun Jahren ein junger, strebsamer Akademiker einen Kreis gleichgesinnter Kollegen um sich zu sammeln begann und zur Bildung jenes, den Lesern dieses Blattes bekannten, akademischen „Albrecht-Dürer-VereinS" zu gegenseitiger Förderung in der Pflege christlich-idealer Kunstbestrcbungen zu begeistern wußte. Dieser Verein eyistirt auch heute noch und verdient gewiß die aufrichtige Sympathie aller wahren Kunstfreunde im geistlichen wie im Laienstandei Entwickelte sich doch aus ihm, als dem grundlegenden Keime, und zwar wieder vorzüglich durch die Initiative und die Bemühungen des Gründers jenes Vereines, des Bildhauers Herru Georg Busch in München, die in diesem Blatte schon mehrfach genannte „Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst", welche sich in ihrem ersten Beginne, wenn auch als „prmillns Arox«, aus jenen der Akademie bereits entwachsenen, inactiv gewordenen Mitgliedern des Albrecht-Dürer-Vereins und einigen mit ihnen schon in Verbindung stehenden Kunstfreunden zusammensetzte. AuS dieser kleinen, für die christliche Kunst begeisterten Schaar ist nun bereits nach dem kurzen Zeitraum von l^ Jahr im stetigen Fortschreiten eine nach Verhältniß stattliche Gesellschaft von 600 Mitgliedern — unter ihnen 15 Bischöfe nebst einer Reihe hervorragender Künstler — geworden. Wir unterlassen es hier, die Gesellschaft für christliche Kunst und ihre Bestrebungen den Lesern der Postzeitung auf's Neue zu empfehlen. Letztere, die Bestrebungen der Gesellschaft, empfehlen sich, sollte man meinen, von selbst. Denn sie gehören doch gewiß mit zu jenen, deren unsere materialistische Zeit so sehr benöthigt ist, zu denen von „positivster" Art. Sie sind also an sich schon keine schlechte Empfehlung für die Gesellschaft selbst. Diese hat die Bedeutung eines sehr ernst gemeinten Versuches — vielleicht für lange Zeit und weiten Raum letzten Versuches — die christliche Kunst aus ihrer Ver- sunkenheit und Versumpftheit wieder auf eine gewisse respektvolle Höhe zu bringen und ihr den gebührenden Raum und damit den gewünschten Einfluß auf das Volk zurückzuerobern. Doch den besten Grund zu erfolgreicher Empfehlung der genannten Vereinigung wird immer der thatsächliche Beweis abgeben, daß dieselbe neben begeisterten und ver- ständnißvollen Kunstfreunden auch solche leistungsfähige Kräfte i« sich schließt, die den Ansprüchen, die man an ein christliches Kunstwerk der Gegenwart stellen muß, voll und ganz gewachsen sind. Die Gesellschaft könnte freilich mit einer Neihe von bekannten und bereits berühmten Namen aufwarten, die an sich schon eins Bürgschaft für das Vorhandensein solcher Kräfte wären, indem ihre Gesammtleistungen vollgiltig ihre künstlerische Qualität und manches Einzelwerk ihre Fähigkeit speciell für das religiös-kirchliche Kunstwerk bezeugen. Daß solche weltbekannte Künstler schon seit länger als einem halben Jahrhundert nicht öfter in der Lage waren, ein hervorragendes christliches Kunstwerk zu schaffen, daran sind sie selbst doch am allerwenigsten schuld. Es kommt nun jener Gesellschaft vor allem auch darauf an, alles, was an frischen aufstrebenden Kräften tauglich und gewillt, die christlich-idealen Knnsttraditionen für die Nachwelt zu retten und weiterzuführen, heranzuziehen, zu sammeln und theilnahmsvoll mit Rath und That in ihren Bestrebungen zu fördern. Die beste und wirksamste Unterstützung der Künstler — und der Kunst — wird freilich immer diese sein, daß 173 man dem einzelnen tüchtigen Künstler direkten Auftrag ertheilt. Denn nur so hat er Gelegenheit, sich recht zu entwickeln und den Beweis seiner Kunst, als beste Empfehlung seiner Tüchtigkeit, zu geben. Die Gesellschaft erstrebt nun in der That dieses laut ihren Satzungen ihr vorschwebende Ziel, aus ihren Mitteln solche Kunstwerke für Kirchen, Schulen oder sonstige öffentliche Zwecke von Mitgliedern anzukaufen, bezw. zu bestellen, oder deren Herstellung zu fördern. Vorläufig aber steht ihr, als einer noch ganz jungen, im ersten Entwicklungsstadium begriffenen Vereinigung, nur das eine, wohl nicht zu unterschätzende Mittel zur Verfügung, die christlichen Künstler, die jüngern aufstrebenden wie die ältern bereits bewährten, in weiter« Kreisen durch Photographische Vervielfältigung und Verbreitung ihrer Werke mittels der Jahresmappe bekannt zu machen. Diese Werke aus dem Gebiete der Architektur, Malerei, Bildhauerei und der Kleinkünste können natürlich sowohl bereits in Folge von Bestellung ausgeführte und vollendete Kunstschöpfungcn als auch speciell für die Mappe bestimmte Zeichnungen und Entwürfe sein.*) Möchte daher die Mappe, um dem gedachten Zwecke immer vollkommener und ausgiebiger zu dienen, einen immer reichern und werthvollern Inhalt an Bildern und Zeichnungen bieten können! Möchte, um dies zu ermöglichen, die Zunahme der Gesellschaftsmitglieder, wie bisher, von Tag zu Tag fortschreiten. (Fortsetzung folgt.) Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Panopolis in Oberiigypten und in den Katakomben. Studie von vr. G ustav A. Mül ler, Museumsbcvollm. und Herausgeber der „Autiguitätcu-Zeitschrift" in Strahlung i. E. (Fortsetzung.) Der Pfau. Wie man für die Figuren des Hahns und des Hirsches Äquivalente in der heidnisch-klassischen Kuust und Ideenwelt findet, so ist auch der Pfau ein Gemeingut der christlichen wie der pagancn Kunst: sein christlicher Charakter liegt eben in der Deutung, die man ihm beigab. Bei den Heiden war der Pfau Symbol der Apotheose. Daß sein Fleisch für unverweslich galt, war bestimmend für seine „christliche Conversion", für seine Aufnahme durch die altchristliche Kunst: hier ward er ein Sinnbild der Auferstehung von der Verwesung des Fleisches und theilte sich demnach in die Symbolik Mit Baum und Adler, Phönix und Ei. Zu den aus den Katakomben bekannten Darstellungen treten nunmehr die gleichartigen Funde von Achmim. Wie sonst vielfach, so- sehen wir auch in diesem Falle auf den koptischen Gewändern eine schärfere, kräftigere Bildlichkeit der Gedanken, als wir dies im Occident meist gewöhnt sind. Trefflich illustrirt diese Beobachtung ein im Original 20 am langes Clavusstück von Achmim. .Freilich sagt uns die färben- und claven- reiche Gewandung der nimbirten Christusgestalt, daß wir eine Darstellung mindestens des IV. Jahrhunderts vor uns haben. Nichtsdestoweniger ist die Symbolik des Bildes eine altübliche und vielsagende. Die Gestalt mit dem Kreisnimbus ist Christus, der die Rechte an» *) Eine neue Jahresnuippc mit hervorragenden Werken ist bereits in Vorbereitung und wird biö Juli d. I. erscheinen. scheinend vorwärts, die Linke aber aufwärts erhebt zu einem über seinem Haupte befindlichen und, wie man annehmen möchte, von einem Blumenhorn nippenden Pfau. Deutlicher, wie hier, kann die innige Beziehung des Pfaus zur Auferstehung von der Symbolik nicht erreicht werden. Das Bild spricht direct die Verheißung des Herrn aus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, wenn er auch stirbt. Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage". In formaler Hinsicht beachtenswert ist der Umstand, daß der Pfau auf den Stoffen von Achmim statt des „Rades" einen langgestreckten Schweif trägt. Ist dies vielleicht auf dem vorigen Bilde weniger deutlich gemacht, so zeigt es umsomehr eine Thonlampe. Hier ist der Schweif ziemlich weit ausgestreckt. Ich halte die Frage für discutirbar, ob wir die zwcigartige Linien- schattirung auf demselben nicht für eine Palme zu halten haben, eine Verbindung, die in dem mit dem Monogramm Christi geschmückten Hirschgeweih ein Pendant und gleichzeitig ein Docu- ment für ihre Möglichkeit besitzt. Ferner glaube ich, meinem verdienten Freunde Forrer allzugroße Vorsicht zum Tadel anrechnen zu sollen, wenn er gerade diese Lampe als „jedenfalls wesentlich jünger" wie das IV. Jahrhundert bezeichnet. Warum dies „jedenfalls" und auch noch dies „wesentlich"? Weil der Pfau „in jener Auffassung wie in den Stoffen wiederkehrt" ? Aber wir haben gar keine Veranlassung, z. B. den oben erwähnten Stoff mit Christus und dem Pfau wesentlich jünger als in das IV.—V. Jahrhundert zu datiren. Der Nimbus des Erlösers hindert uns durchaus nicht, den Stoff in die zweite Hälfte des IV. oder in das V. Jahrhundert zu setzen. Auf Goldgläsern des III. und der ersten Hälfte des IV. Jahrhunderts ist der Nimbus allerdings selten, öfter erscheint er auf Mosaiken seit dem IV. Jahrhundert. Forrer selbst datirt seine hochinteressante Figur „Christus — Georg als Drachentödter" in das IV. Jahrhundert, und man wird ihm unbedenklich beistimmen. Abgesehen vom Nimbus, ist aber Christus auf unserer Darstellung mit dem Pfau wesentlich gleich aufgefaßt wie auf dem genannten Stoffe, ja Haltung und Bewegung, oder sagen wir Linienführung, sind dieselben. Ganz gewiß ist jedoch die Lampe mit Pfau und Palmzweig nicht jünger als unser erstes Bild: die Symbolik mit ihrer schlichten Einfachheit schließt ein späteres Alter als das IV. Jahrhundert zwar nicht als „unmöglich" aus, aber sie macht dasselbe in hohem Grade aus inneren Gründen unwahrscheinlich. Das Pferd. Die Eigenschaft der Schnelligkeit hat das Pferd mit dem Hasen gemein, und dies ist ein symbolischer Grund, weßhalb wir es zuweilen neben dem Hasen dargestellt finden. Aber die Schnelligkeit ist nicht der einzige Grund. Das Pferd nahmen die christlichen Künstler nicht in Folge „Vergleichs" mit dem Hasen, sondern aus der geläufigen Vorstellung des Wettlaufs. Bald stehen auf altchristlichen Monumenten die Pferde, bald sehen wir sie im Laufe; hier sind sie mit einer Palme geschmückt, dort nicht; ja etliche Mal ist das Ziel angedeutet, das sie erreichen sollen. Die christlichen Gräber von Achmim haben auch für dieses Kapitel der Symbolik Beiträge geliefert. Doch muß gesagt werden, daß auf Gewandstücken und sonstigen Gegenständen das Pferd für sich allein, also in direct symbolischer Bedeutung, verhältuißmnßig selten zu beobachten ist. Ob hieran lokale Momente — wir befinden uns in einem Lande, wo Esel, Maulthier und Kamel vielfach das Pferd vertreten! — die Schuld tragen, wollen wir nicht entscheiden. Um so häufiger erscheint, sicherlich in Abhängigkeit von italisch-ravennatischen oder asiatischen Einflüssen, das Pferd in figuralen Scenen, wie in Darstellungen des heiligen Georg, in Gazellen- und Löwenjagdsccuen, in Bildern des Hercules, von denen ich selbst Beispiele besessen habe und u. a. Herr Forrer noch besitzt. Ein Claims mit aufgestickter Pferdfigur, dem IV. Jahrhundert ««gehörig, befand sich ehemals in meinem Besitze. Da jegliches weiteres Anzeichen dabei fehlte, möchte ich nicht eine symbolische Bedeutung für durchaus gewiß erachten. Daß dem Pferd aber auch in Achmim ein symbolischer Charakter überhaupt zukomme, dafür ist Beweis eine Fibula der Sammlung Forrer in Form eines Pferdes, die wir allerdings mindestens in das Ende des IV. oder V. Jahrhunderts datiren müssen, die aber als ein Glied in der Kette zahlreicher thierischer Symbole von ähnlicher Form und Verwendung erscheint. Die Schlange. Die Symbolik der Schlange ist — christlich gedacht — so alt, wie die Urgeschichte vom Paradies und dem ersten Sündenfalle. Aus der Schlange sprach der Satan, der „Verführer von Anbeginn", und ihr galt der göttliche Fluch, laut dessen ihr vom Weibe (Maria) der Kopf zertreten würde. Und dann wieder war die Schlange ein Sinnbild der göttlichen Gnade geworden, da Moses ihr ehernes Bild vor dem Volke errichtete. Endlich hat Christus, die böse Symbolik nicht aufhebend, auch ein gutes Moment in sie gelegt, indem er Schlangenklugheit als Accidens zur Taubeneinfalt seinen Hörern empfohlen hat. In das Christenthum übertragen, hat die Schlange ihren symbolischen Doppelcharakter bewahrt. Sie ist auch hier das Bild des Verführers, das Vorbild des Erlösers. Jnsoferne sie aber den ersteren darstellt, vergegenwärtigt sie daS Böse überhaupt, eine Allgemeinheit des Begriffs, die sich dann wieder in alle möglichen Einzel- begriffe zergliedern läßt. Nur so ist es zu verstehen, wenn wir in ihr das dem Christenthum feindliche Heide nthum personifizirt sehen. Und zwar ist letzteres als solches, nicht etwa als „Unglauben im Allgemeinen" gedacht: wenigstens auf sehr vielen Darstellungen von Achmim-Panopolis. Auf dem Boden von Achmim müssen wir allerdings der Schätzung gedenken, in der die Schlange (die „ägyptische Brillenschlange") bei den alten Bewohnern des Nillandes gestanden hat. Auch davon künden uns monumentale Urkunden. So besaß ich aus entschieden vorchristlicher, d. h. römischer Periode einen prächtigen, leider etwas dcfecten Claims mit dem sein ausgeführten Bild einer vielgewundenen, schön gefleckten Schlange. Das werthvolle Stück Habs ich im Münchener Alterthumsvercin, wo es auch einen begeisterten Liebhaber fand, mit andern Stoffen von Achmim durch den damaligen Ncchtsprakti- kanten Karl Hollfelder besprechen lassen. Insonderheit ist es aber die Idee des Sieges Christi oder des Christenthums über das Heidenthum, die in Achmim zu bildlichem Ausdruck gekommen ist. Hiebei muß zuerst die Rede sein von dem Verhältniß von Schlange und Drache. Ich idcutificire Beide als gleichwerthige Begriffe, gestützt auf die offenbare Anschauung der alten Allegorie. Wer sich in der Welt- poesie und Weltsage einigermaßen auskeimt, weiß, wie die alte Welt den Drachen bald eine Schlange, bald die Schlange einen Drachen nennt. Aus der christlichen Anschauungsweise erhellt das Gleiche: die „Bibel der Allegorie", nämlich die Apokalypse kann uns dies am besten zeigen. Hiezu treten unsere Monumentalbeweise. Wie sehr der alte Künstler bei seiner allegorischen Conception die Umgebung auf sich einwirken ließ, sehen wir an der Thatsache, daß wiederholt die Schlaugen- siguren von Achmim eine „krokodil ähnliche" Gestalt ausweisen. Der heilige Georg ist der Schlangensicger der Legende, der Drachentödter des Orients: ihn gerade erblicken wir — sicherlich in der oben skizzirten höheren Symbolik — als Feind und Verruchter der krokodil- ähnlichen Schlange. Für die Allegorie des Sieges über das Heidenthum ist diese Halbmetamorphose nicht unwesentlich: das heidnische Aegypten erblickte ja auch im Krokodil eine Weihe des Götterglaubens. (Schluß folgt.) Reise-Briefe aus dem Orient von Dr. Seb. Enring.er. (Schluß.) Gegen 4 Uhr langen wir bei Palmengärten an, ein wohlthuender Airblick nach soviel Staub und Sand und kahlen Höhen. Es ist ein kleiner Fleck Erde, cl Hcswe, wo der Qnellbach der eine halbe Stunde entfernten Oase Firan plötzlich im Sande verschwindet. Dieses hübsche Plätzchen liegt bald hinter uns, und wir haben wieder eine Zeit laug die Wüstenvegetation, nur etwas üppiger, vor uns. Ein großer Hügel, ein Fclsblock von 30 m Höhe, liegt quer im Thal, an seinem Fuße fließt ein Büchlein, und hinter dem Hügel, Mehnrrct heißt er, harrt das Zelt unser. Der Lagerplatz ist einer der schönst gelegenen Punkte der Halbinsel. Vor der Thüre meines Zeltes konnte ich den Anblick der Oase Firan, des alten Raphidim, genießen, rechts schaute der majestätische Serbal, den manche (mit Unrecht, glaube ich) für den Sinai halten, auf das Thal herab. Die rings das Thal einschließenden Berge tragen Ruinen alter Kirchen, Kapellen, Forts aus den Jahrhunderten vor dem Eindringen des Islam. Hier hat einst Israel gelagert, von dem Felsen des Serbal hat Moses das Wasser mit seinem Stäbe geschlagen, hier hat Moses seinen Schwiegervater Jcthro empfangen; auf dem Hügel Meharret hat Moses, von Aaron und Hur unterstützt, während der Amalekiter- schlacht gebetet. Es ist wohl keine Stelle außer dem Sinai so beglaubigt, wie die Lage von Naphidim. Ich stieg auf den 30 in hohen, von allen Seiten freien Hügel, auf dessen erster Terrasse die Ruinen einer christlichen Kirche liegen. Ein Kapitäl mit vier Kreuzen liegt am Boden. Die Spitze des Hügels krönt ein verfallenes schon vielleicht mehr als ein Jahrtausend verlassenes, Kloster, dessen Lehmwände auf Steinmauern ruhten. Am nächsten Morgen durchwanderten wir die liebliche Oase Firan. Denkt euch einen Palmengarten mehr als eine Stunde lang; herrliche Palmbänme wechseln mit Palmgebüsch, das ohne Stämme seine mehrere Meter langen Blätter dircct aus der Wurzel hervorbringt. Die Sonne am tiefblauen wolkenlosen Himmel verschönert durch ihren Glanz das an sich schon so freundliche Grün der Königin unter den Bäumen. Mitten durch den Garten plätschert freundlich murmelnd ein Quellbächlein, dem es niemand ansehen würde, daß ihm all' diese Pracht zu verdanken ist. An beiden Seiten des Büchleins stehen sanft gefiederte Tamariskensträucher; Vöglein singen in den Zweigen, Beduinen lagern in ihren Zelten oder in steinernen Häusern mit Veranda im Schatten der schönen Bäume, der Boden ist mit Nasen bedeckt, und als Hintergrund dienen die steilen grauen Granitfelswände, welche das Thal einschließen. Wenn ich das Paradies zu malen hätte, würde ich die Oase Firan Zur Grundlage nehmen. Jede dieser Dattelpalmen hat einen Besitzer; die Datteln von Firan sind berühmt. Einst war diese Oase berühmt unter dem Namen Pharan und hatte selbst einen eigenen Bischof; aber der Islam hat alles weggefegt, und von den vielen Klöstern und Eremitenzellen am Serbal und Sinai und den umliegenden Thälern ist nur das Sinaikloster geblieben. Ich kann mich nicht genug satt sehen an dem üppigen Grün, den edlen Formen der Palmen, nicht genug den Vöglein und dem Büchlein zuhören ; denn nach langer Wüstenfahrt ist all dieses doppelt schön, doppelt erwünscht. Noch haben wir das Ende der Oase nicht erreicht, da zeigt mir Schech Schema einen hohen Berg, welchen die Araber Gebe! Munäga, d. i. Berg des Zwiegespräches zwischen Gott und Moses, nennen. Alle Jahre im September, wenn die Dattelernte vollendet ist, versammeln sich in diesem Thale alle Beduinen der Halbinsel, der Schech Musa, das Oberhaupt des ganzen Bedninen- stammes, steigt auf den Berg und schlachtet in einem Steinkreise ein Kamel, das Fleisch essen die Armen, das Blut wird ausgegasten und zwar zu Ehren Moses'. Die Araber singen dabei: „O Berg des Zwiegespräches des Moses! Wir bitten dich um deine Gunst. Bewahre dein gutes Volk, und wir wollen dich alle Jahre besuchen." Daran schließt sich im Thale eine weltliche Belustigung, Phantasia genannt, wobei die Reiter ihre Künste zeigen. Es sind noch zwei oder drei Feste im Jahre, wo die Beduinen noch auf einigen andern Bergen Opfer darbringen. Das ist aber auch ihr einziger Gottesdienst. Das Thal schließt mit einem Kessel ab, aus dem ein kleiner, schmaler Engpaß, Bauweb d. i. Pförtchen genannt, in das nächste Thal führt. Dieser Engpaß sieht genau so aus, als ob ihn Menschenhände gefertigt hätten, und doch ist es Werk der Natur; die Berge mit beiden Seiten treten je 1 — 1 Vz Meter zurück, und es kommt einem vor, als müsse sich dieses Pförtchen hinter einem wieder schließen. Vorn Bauweb führen zwei Wege nach dem Sinai, der eine, bequemere durch das Wadi esch-Schöch in 11 Stunden, welches Wadi man für die Wüste Sinai halten und als Marschroute der Jsraeliten annehmen kann, da es unmittelbar vor dem Fuße des Sinai endet; der andere, welcher über einen höchst beschwerlichen, aber interessanten Paß führt, erreicht in lOstx Stunden das Kloster. Da letzterer landschaftlich schöner ist, so wählte ich denselben. Was diesen Weg vor allem auszeichnet, das ist die Aussicht auf den majestätischen, fünfzackigen Serbal, der sich hier in seiner ganzen Breite den Blicken darbietet. Man will ihn für den Sinai nehmen, was ich aber nicht unterschreiben möchte. Aber auch, wenn man ihn nicht für den Berg des Gesetzes hält, ist er in seiner würdevollen Majestät ein imposanter Anblick. Mein Lager wurde so aufgeschlagen, daß ich den Berg mit seiner fünfzackigen Krone möglichst lange betrachten konnte. Am letzten Tage mußte unser Gepäck einen langen Umweg machen, während wir in 5 Stunden über den steilen el Hauwi-Paß die Ebene Nliha erreichten. Erst in den letzten Stunden tritt der imposante Gottesthron, der Sinai, vor das erstaunte Auge, und zum erstenmale schaut mau mit Ehrfurcht den Berg, der nach dem Calvarienberg der erhabenste Berg der Welt ist. Hier treffen alle Religionen, welche an einen Gott glauben, zusammen, Juden, Christen und Muhammedaner verehren in ihm eine hl. Stätte. Nach einiger Zeit tritt auch der Berg der heiligen Katharina hervor; aber immer wieder kehrt der Blick zum Gottesberg zurück. Noch ein kurzer Ritt und wir haben den Klostergarten erreicht, der seinen vollen Schmuck angelegt hatte: Mandeln und Aprikosen stehen in voller Blüthe, Citronen leuchten unter den grünen Blättern hervor, die Oelbäume zeigen ihren Blätterschmuck, nur die Feigen haben noch keine Triebe; dieses alles in einer Höhe von 1528 wr über dem Meere. Nur eines stört: die langweiligen zahlreichen Cypressen, diese Pickelhauben unter den Bäumen. Endlich Mittags 12 Uhr stehen wir vor dem festungs- artigen Kloster. Ursprünglich eine Festung, hat es diesen Charakter nach außen bewahrt, und da mit den Festungs- manern die Peripherie gegeben war, so ist das Innere zu einem gewaltigen Winkelwerk geworden. Denn das Kloster ist kein einheitliches Gebäude, sondern ein Com- plex von Häusern und Hütten. Das Kloster gehört den schismatischen Griechen, gegenwärtig sind 22 Mönche da. Nachdem wir in den Hof eingelassen waren, geben wir unsre Empfehlungsschreiben ab; der Oekonom nahm uns freundlich auf und erlaubte uns die Zelte im Hofe aufzuschlagen. Ein junger Mönch, der französisch sprach, zeigte mir Kloster, Kirche und Bibliothek. Doch davon das nächstemal. Recensionen und Notizen. Dr. L. B enari o: Die Stolgebühren nach bayerischem Staatskirchcn recht. (Preisgekrönt von der Ju- ristensakultät Würzbnrg.) C. H. Bcck'schcr Verlag in München. (Preis kart. 2 M. 50 Psg.) * Eine gründliche Darstellung der gesammten Rechtsverhältnisse, die für die Stolgebühren in Betracht kommen, auf welche die Geistlichkeit nachdrücklich hingewiesen zu werden verdienn Folgende Kapitel deuten den Faden an, welchen der Verfasser bei seiner wissenschaftlich und praktisch gleich bedeutsamen Untersuchung verfolgte: Kap. I. Begriff und Name der Stolgebühren; Kap. II. Der Umkreis der geistlichen Amtshandlungen. aus deren Anlaß Stolgebühren entrichtet werden; Kap. III. Das Recht auf Stolgebühren; Kap. IV. Die Competenz zur Bestimmung der Höhe der Stolgebühren; Kap. V. Der Umkreis der Bezugsberechtigten; Kap. VI. Die Verpflichtung zur Zahlung der Stolgebühren; Kap. VII. Die Organisation des Rechtsschutzes; Kap. VIII. Die Frage der Aufhebung der Stolgebühren bczw. der Einführung einer allgemeinen Stolgebührcu-Ordnung. Als willkommene Beilage sind in einem Anhang beigegeben: 1)LandtS und Policey Ordnung der Fürstenthumbcn Obern undNidcrn Bayern von 1616, 3. Buch; 2) Kirchenordnnug für das Hochstift und Bistum Wirzburg vom 36. Juli 1693; 3) Stolgebühren- Orduung für die katholischen Stadtpfarreien München l. d. Jsar vom 5. Mai 1876; 4) Verzeichnis der in der katholischen Stadt- pfarrei Dillingcn bei Taufen, Hochzeiten, Leichenbegängnissen, Gottesdiensten rc. zu entrichtenden Gebühren u. Taxen; 5) Preußisches Kircheugesetz vom 23. Juli 1392 betreffend die Aufhebung der Stolgebühren für Taufen, Trauungen und kirchliche Aufgebote; 6) Preußisches Staatsgesetz dazu vom 3. September 1892. Wir denken, diese Mittheilung werde genügen, um den Leser auf den interessanten Inhalt dieser Schrift aufmerksam zu machen, 176 welche gewiß bald in vielen Pfarrbibliothekcn Aufnahme gefunden haben wird. Es liegt über diesen Gegenstand keine andere Publikation vor, welche sich auch nur im entferntesten mit der vorliegenden an Vollständigkeit und solider Durcharbeitung messen könnte. Wie ersichtlich, ist auch zur Frage der Aufhebung der Stolgebühren, sowie zur Frage der Einführung einer allgemeinen Stolgcbührcn-Ordnung Stellung genommen. Wanderfahrten und Wallfahrten im Orient, von Dr. Paul Kcppler. Freiburg, Herder. —e. Dein Werke sind 106 Abbildungen beigefügt, ein ausführlicher Plan von der Kirche des hl. Grabes, eine Karte von Palästina in seinem heutigen Zustand und ein Plan des jetzigen Jerusalem. Der erste Theil handelt von den Wanderfahrten im Pharaoncnland, wie sie der Verfasser vor zwei Jahren gemacht von Trieft über Alexandricn nach Kairo und Umgebung, durch das Land Gosen an's Notbc Meer, durch den Suezkanal nach Portsaid. — Im zweiten Theil sind die Wallfahrten im HI. Land geschildert: Durch die Ebene Saron und das Gebirge von Judäa nach Jerusalem, von Jerusalem nach NabuluS, Dichennin, Nazareth, Labor, Liberias, über den Hermen nach Damaskus, durch den Libanon nach Baalbek und Beirut. — Rückreise über Gricchculaud und Konstantinopel. Schon der Name dcS Autors bürgt dafür, daß wir in dem Buche etwas ganz Gediegenes vor uns haben. Und in der That, jedes Blatt liefert davon den Beweis. Wir rennen den Orient aus eigener Anschauung und haben schon viele Werke darüber gelesen, aber daö von Kepplcr verdient wenigstens unter denen von kleinerem Umfang die Palme. Es ist in des Wortes vollster Bedeutung ein wahres Prachtwerk. Keine Neiseschilder- ungeu von gewöhnlicher Sorte, alles ist hier originell, die ganze Darstellung und Auffassung, von so vielseitigen und erhabenen Gesichtspunkten auS geschrieben, wie es eben nur ein Gelehrter von großem Geiste vermag. Und das Ganze ist wieder durchweht vom Hauche eines kindlich frommen Gemüthes. So fesselt das Buch, wie kaum ein anderes, Geist und Herz zugleich. — Die Bilder und Karten sind außerordentlich fein nnd naturgetreu. — Wir können somit das Werk allen, welche dieselbe Reise schon gemacht haben oder noch machen wollen, allen, die sich überhaupt um den Orient interessieren, nicht genug empfehlen. Es bildet eine Zierde jeder privaten und öffentlichen Bibliothek, cö sollte namentlich in keiner Schule fehlen. — Der Preis beträgt ungebunden 8 M.. scheinbar etwas viel, wer daö Buch aber liest, wird sagen müssen, eö ist goldeöwcrth. Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vortrage. Achte Serie. Heft 191: „Die Zukunft des Silbers" von I. Fränkel. — Heft 192: „Die NeligionS-Nnschauungen des Euripidcs" von vr. plstl. Erich Bußler. Hamburg 1894. Vcrlagsanstalt nnd Druckerei A.-G. Das kleine Werkchen Fränkels behandelt die Frage, wie bei der enormen Produktion und dem infolge dessen immer mehr sinkenden Werthe dcS Silbers sich wohl dessen Zukunft gestalten werde. Nachdem sich die eigentlichen Culturstaaten von der reinen Silbcrwährung abgewendet, fiel der Werth des Silbers allmählich um ^g, also fast um die Hälfte. Der Autor glaubt zwar nickt, daß in absehbarer Zukunft die Cultur- länder wieder auf das Silber als Währunzsmetall zurückkommen werden, doch hofft er, da auch infolge des niedrigen Preis der Betrieb der minder ergiebigen Minen eingestellt werden müßte, daß das Silber eine gewisse Stellung als Gcbrauchsmetall für den Cousum, als Währungömetall für Staaten, die noch nicht zur Goldwährung übergehen könnten, und überhaupt als Scheidemünze seinen Werth behalten werde. Die Abhandlung dient, auch wegen dcS darin verwertheten statistischen Materials, gut zur Orientiruug in der Silbcrfrage. — Die Schrift BußlerS soll eine Ehrenrettung sein. Euripidcs, „den man gewöhnlich als den Verkündcr einer stachen und trivialen Lebensweisheit hinstellt, ist — als Mensch hetrachtct — bisher wenig zu seinem Recht gekommen". Und es sind deßhalb so ziemlich alle Stellen auS des Dichters uns überlieferten Werken zusammengetragen, welche die religiöse Seite berühren. Es ist allerdings nicht bewiesen, daß der Dichter seine eigene Anschauung damit aus- sprcchcn wollte, und daß die Ansicht, cS seien gerade die religiösen Aeußerungen nur ironisch gemeint, oder für den Charakter der in den Dramen auftretenden Personen nöthig gewesen, unrichtig sei. Immerhin bietet der Vertrag eine Sammlung von religiösen Ansichten, die viel Interessantes enthält. Schade nur, daß die Stellung des EuripideS zu dem Leben der Seele nach dem Tode nicht berührt ist. ÜV. L. vr. K. Krogh-Tonning, Die Gnadeulehre und die stille Reformation. Cbristiania. In Commission bei Jakob Dybwad. 1894. Preis 2,80 Mk. —I. Nicht gerade häufig sind heutzutage die Stimmen zu hören, die mahnen, der in immer breitere Schichten des Volkes eindringenden Gottlosigkeit gegenüber innerhalb der christlichen Ncligionsgcnosscnschastcn treu zu hüten, was an lebendigem Glauben und frommer Sitte noch wirksam ist, und längst veraltete Vorurtheile und Mißverständnisse aufzugeben. Um so dankcnswcrthcr ist daö durch den evangelischen Dogmatiker Krogh-Tonning in vorliegender Studie festgestellte Ergebniß, daß die stille Macht der Zeit oder, sagen wir cö dankbar, das leise Walten der göttlichen Gnade dazu gedient hat, einen der schwerwiegendsten dogmatischen Gegensätze zwischen der Reformation und der römischen Kirche, den bezüglich der Rccht- fcrtigungSlebre bestehenden, verschwinden zu machen. Den Nachweis dafür halten wir bezüglich der von der katholischen Kirche und den namhaftesten protestantischen Theologen vertretenen Lehrpunkte für erbracht; was allerdings die Massen darüber denken, ist uns unbekannt. Ein bedeutsamer Schritt der Annäherung wäre damit gethan; gebe Gott, daß diese Erkenntniß sich mehr nnd mehr der Gemüther bemächtige, -nt omnss unum sind«. Wir empfehlen die mit vornehmer Ruhe und gründlicher Sachkenntnis; geschriebene Broschüre mit gutem Gewissen den Theologen beider Bekenntnisse auf's wärmste; auch gebildete Laien werden sie mit Nutzen lesen. (In Deutschland zu haben in der Buchhandlung Michael Seitz, Augsburg, Carmcliter- straße.) Dr. C. Aus dem Hcrdcr'schcn Verlag: Scheebcn, Dr. M. I. Die Herrlichkeiten der göttlichen Gnade nach ?. Euseb. Nierembcrg 8. ck. frei bearbeitet. Fünfte Auflage besorgt durch Pr. Alb. M. Weiß 0. Ist. XVI und 600 S. Preis 3 Mk., gcbd. 3,60 Mk. » Ein Psiugstgescheuk in des Wortes edelster Bedeutung kann dieses längstbckauute treffliche Buch Scheebcns genannt werden; denn es handelt von dem höchsten und herrlichsten Geschenke des hl. Geistes, der Gnade, und zwar von dem Wesen der Gnade, von der erhabenen, gehcimnißvollen Verbindung mit Gott, in welche uns die Gnade einführt, von den Wirkungen und Früchten der Gnade nnd von der Erwerbung, Anwendung, Vermehrung und Erhaltung derselben. Das Werk vermag den Leser für den behandelten Gegenstand zu begeistern, und dies gelingt um so besser, als der Verfasser aufs gewissenhafteste bestrebt ist, nur die alte katholische Lehre einzuprägen, wie sie gegründet ist auf die Worte der hl. Schrift, auf die Lehre der Vater und auf die AuSsprüche des kirchlichen Lehramtes. Das Buch ist auch für Laien geschrieben, welche „nicht so sehr durch gelehrte Bildung als vielmehr durch ein christlich-gläubiges und von der Gnade erleuchtetes Gemüth für das Verständniß ihrer überirdischen Herrlichkeit empfänglich sind"; besonders aber werden Priester für sich heilsame Belehrung und vorzüglich für ihren Seelencifcr neue Kraft und Begeisterung schöpfen. Der Text dieser neuen Auflage ist mit der größten Treue behandelt worden, nur einige unbedeutende Aenderungen wurden vorgenommen, einzelne Citate richtig gestellt. Von den Lebensbildern kathol. Heiliger von Rede atis, Verlag von Beuziger u. Cie. in Einsiedcln, sind Nr. 41—46 erschienen, behandelnd die Heiligen Robert, Hugo, Richard, Mathias, Genovcfa, Katharina. Diese allerliebsten Schristchcn, nach Inhalt und AuSstattung vortrefflich, seien hiemit abermals empfohlen. Preis per Schristchcn 10 Pf. Die Echtheit und Glaubwürdigkeit der Schriften dcS Neuen Testamentes. Von Bischof Egger von St. Gallen. Verlag von Benziger, Einsiedcln. Preis 1S Pfg. Der Verfasser ist als Meister populärer Darstellung schwieriger Themata bekannt, als welcher er sich in seinem „populären Nachweis" oben genannter Eigenschaften der heiligen Schriften wieder bewährt. Das Schristchcn verdient weiteste Verbreitung im Volke behufs Aufklärung und Belehrung. Vcrautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tti-. 23 M 7. Juni 1894. Orlando di Lasso. Zu seinem 300jährigen Todestag (14. Juni). Von A. Graf. (Zu nachstehender Arbeit wurden folgende Quellen verwendet: Dr. Sandberger, Beitrüge zur Geschichte der bayerischen Hofcapelle in drei Büchern, noch nicht ganz erschienen; Haberl; Dr. Witt; Bänmker; Musikalisches Konversationslexikon von Neißmann; Dehn, Biographische Notiz über Roland de Lattre.) Da wir Anfang dieses Jahres Palestrina in seinem Thun und Treiben schilderten und ihn als einen Meister erkannten, der all' seine Kraft die Zeit seines Lebens dem Dienst der Kirche widmete, so haben wir in Orlando di Lasso einen Meister vor uns, der das Beste leistete in der kirchlichen Musik des sechzehnten Jahrhunderts, aber auch in weltlicher musikalischer Beziehung ganz Hervorragendes geschaffen hat. Die Schule der Niederländer findet in ihm ihren schönsten Abschluß. Gewiß ist er werth, daß sein Andenken an seinem 300jährigen Todestag wieder neu aufgefrischt wird, schon aus dem Grunde, weil er ja in Bayerns Hauptstadt so segensreich wirkte, also gleichsam der Unsrige war. Auf seine Musik kann man die Worte Klopstock's anwenden: „Kraftvoll und tief dringt sie in's Herz. Sie verachtet Alles, was uns bis znr Thräne nicht erhebet, Was nicht füllet den Geist mit Schauer Oder mit himmlischem Ernst." Man hat Palestrina mit Nafael, dem berühmtesten unter den Malern, verglichen; Orlando kann mit Michel Angela verglichen werden, und einer der ersten Kenner der klassischen Kirchenmusik, vr. Karl Proske, sagt über ihn: „Laffus, groß in Kirche und Welt, hatte das Nationale aller damaligen europäischen Musik dergestalt in sich aufgenommen, daß es als ein charakteristisches Ganze in ihm ausgeprägt lag und man das speciell Italische, Niederländische, Deutsche oder Französische nicht mehr nachzuweisen vermochte. Niemand war ihm hierin so ähnlich, als der große Händel, und wie in diesem der deutsche, italische und englische Genius des achtzehnten Jahrhunderts, so war in Laffus die ganze Herrlichkeit der germanischen und romanischen Kunst seiner Zeit in einer großen Erscheinung vereinigt." Dr. Witt aber füllt folgendes Urtheil: „Dieser Niescngeist hat nicht etwa bloß eine Unzahl von Werken hinterlassen, sondern in denselben auch eine Unzahl von Experimenten, die sein Streben, neue Bahnen zu eröffnen, in der Kraft fortzuschreiten, neue, ungewöhnliche, unerhörte Combinationen zu wagen, um neue Resultate zu finden, auf's allermerkwürdigste constatiren. So sind unter den 516 Motetten des oprrs MUSILUIQ MUANUIU einige, welche die ganze chromatische Tonleiter durchlaufen und von Il-ciur und H-woll bis ^.8-äur moduliren, und zwar auf einem winzigen Raum". Solche allgemeine ungemein lobende Sätze aus compe- teutestem Munde — specielle werden noch folgen — berechtigen sicher, daß das Andenken des großen Meisters aufgefrischt werde und wieder auf's neue frisch und lebendig bleibe. Möge dies in Nachstehendem einigermaßen gelingen! Das Geburtsjahr deS Orlando ist ganz bestimmt noch nicht ausgemacht, es schwankte bisher zwischen 1520 bis 1532. Laut Inschrift des Grabsteines in München und bibliographischer Ergebnisse ist das Geburtsjahr 1532, während andere bestimmt 1530 annehmen und wieder andere — Dehn voran — 1520 bestimmt behaupten: „geboren in demselben Jahre, in welchem Karl V. zu Aachen als Kaiser gekrönt wurde". Der Ort, wo seine Wiege stand, ist Mons im Hennegau, sein eigentlicher Name war Roland de Lattre, die Eltern gehörten dem Mittelstände an. Bitteres, sehr Bitteres hatte Roland in der frühesten Jugend zu erfahren. Sein Vater wurde Falschmünzer, es wurde demselben der Prozeß gemacht, und er wurde verurtheilt, vor den Seinen und allem Volke mit einer Kette falscher Münzen um den Hals dreimal langsam das Schaffst zu umschreiten. Diese furchtbare Sache veranlaßte den jugendlichen Roland, seinen Familiennamen zu ändern. Als Knabe besaß Orlando eine ungemein sanfte Stimme, welche alle be- zauberte, die ihn in der Nikolaskirche seiner Vaterstadt singen hörten, und einen hervorragenden musikalischen Geschmack. Er soll wegen seiner herrlichen Stimme dreimal entführt worden sein, wir betonen und unterstreichen aber ausdrücklich das soll dieses Satzes. Orlando entsprach der Aufforderung des berühmten Ferdinand Gsn- zaga, Generals Karls V. und Vicckönigs von Sizilien, der ihn in seine Dienste nahm und nach beendetem Feld- zug in den Niederlanden nach Mailand führte. Ob Ferdinand den jungen Orlando aufnahm aus Begeisterung für dessen prächtigen Sopran, oder weil es Gewohnheit war, daß große Herren sich Sänger und Musiker hielten, oder um seiner einzigen Tochter zur Kurzweil und zum Unterricht den gleichaltrigen Knaben beizugesellen, muß dahingestellt bleiben. In Mailand kam Orlando in Verbindung mit einem zwar nicht Venedig und Rom ebenbürtigen, aber doch wohl entwickelten musikalischen Leben, das er einerseits mit größtem Interesse verfolgte, während er anderseits fleißig den musikalischen Studien sich widmete. Orlando verließ seinen Gönner, als bei ihm im 18. Lebensjahre der Stimmwechsel eintrat, und verweilte von da an zwei Jahre lang in Neapel bei dem Marchese della Terza, wohin er durch Konstantin Castriotto geführt worden war. Ob Orlando zu den damals schon bestehenden Konservatorien Neapels Beziehung gewann, darüber ist mangels von Quellen bis jetzt nichts festzustellen. Sandberger schreibt über den Aufenthalt Lasso's in Neapel: „Die politischen Verhältnisse Neapels zur Zeit seines Aufenthaltes mögen wiederum auf Orlando's Charakterbildung von Einfluß gewesen sein. Zwischen dem großen Aufstand vom Mai 1547 wider den Vicekönig und der Unternehmung gegen Siena 1653 anwesend, athmete der Jüngling die Luft einer gegen ihren Herrn — Don Pedro von Toledo — furchtbar erbitterten Stadt. Tiefgewurzclter Haß gegen die von letzterem eingeführte Inquisition war die Ursache der Mairebellion gewesen und bildete den Funken, der unter der Asche scheinbarer Ruhe während dieser Jahre weiterglomm. So wissen wir unsern Künstler schon in seinen jungen Jahren vertraut auch mit den religiösen Wirren feiner Zeit und vorbereitet für Dinge, die er, wenn auch in ganz anderer Gestalt, so doch aus ähnlichem Kapitel, in reiferen Jahren in Bayern miterleben sollte." Im Jahre 1541 begab sich Orlando nach Rom und wurde von dem eben in der ewigen Stadt anwesenden Cardinal-Erzbischof von Florenz auf das liebenswürdigste aufgenommen, fand sogar in dessen Palais während sechs 178 Monaten die gastlichste Unterkunft. Die Worte, welche ein Geschichtsschrciber auf den Vater des Erzbischofs anwendet, sind auch auf den Sohn anzuwenden: „nomo cü sinAula-r dontä s latteruturu". Ju der heiligen Stadt betrat Orlando wohl das interessanteste damalige musikalische Terrain der Welt, wir brauchen nur an den Namen Palestrina zu erneuern. Sein einflußreicher Gönner empfahl den jetzt zwanzigjährigen jungen Künstler als Kapellmeister in die Kirche S. Giovanni in Laterans, deren amtliche Bücher ihn auch als „Naastro cii xuttü in Imiora.no g. Hown 1541" verzeichnen. Es wird von Einigen bestrittcu, daß er Kapellmeister in Laterans war, wenn er es so jugendlich geworden, hatte er es sicher feinem obcngcnanuteil Protektor zu verdanken, da es in Nom ältere tüchtige Meister in großer Anzahl gab. Während seines Aufenthaltes in Nom ließ er im Jahre 1545 das erste Buch vierstimmiger Messen und das erste Buch Motetten zu fünf Stimmen in Venedig drucken. Bald kam ihm die Nachricht zu, seine Eltern seien sehr schwer erkrankt, und Kinderliebe allem andern vorziehend, eilte er sofort in die Heimath, ohne indessen seine Eltern noch unter den Lebenden zu finden. Da er in seiner Vaterstadt nichts mehr zu suchen hatte, so folgte er mit Freuden der Einladung des Edelmanns Julius Cäsar Beaucaccio, und reiste mit diesem durch England und Frankreich. Ueber diese Neise ist in den Quellen nichts zu finden; nach Beendigung derselben ließ er sich in Antwerpen nieder. Antwerpen war damals schon eine sehr große und auch eine sehr reiche Stadt. Wo aber Reichthum herrscht, gedeiht auch die Kunst, und diese blühte damals auch in großartiger Weise in Antwerpen, in erster Linie die Musik. Orlando berichtet Quickelberg: yHntavarpino inansit ctuos uniios, intar viros ornu- iissiinos, äoLlissinios st irodiliLsiaios, guos uncli^no in Uusieig excütavil, o, guidus etiuirr snwnuo nän- rnntus voneratusguo tnit." Bereits seit dem dreizehnten Jahrhundert hatte in Antwerpen eine namhafte Chorschule, „rnaatmLö importanto", bestände», und die Kantorei bestand aus einer großen Anzahl der besten Sänger. Von den berühmten Männern, mit denen unser Meister hier verkehrte, sei nur der Bischof von Arras, Antonios Perrenot, erwähnt, später berühmt als Cardinal Grauvella. Diesem widmete Orlando ein i. I. 1556 bei I. Latio erschienenes Werk: „il prima lidrc» clo' motstii a, ainHua vool nuovomkuta posti in Inas". In Antwerpen entstand nun jene lange Reihenfolge großartiger Schöpfungen, welche heute noch Bewunderung verdienen. Ju Deutschland lag die Tonkunst noch nie so sehr danieder, als gerade in der Zeit von 1550—1570, während welcher nicht ein einziger Tonsctzer von Auszeichnung genannt wird. Gerade damals war Albert V., genannt der Großmüthige — wir können ihn auch den Kunstsinnigen nennen — Herzog von Bayern. Er war ein Freund der Wissenschaften und Künste, ein begeisterter Freund der Musik. Da er auch sehr nobel war betreffs der Honorare, so sammelten sich um seinen Hos die bedeutendsten Künstler auf den verschiedensten Gebieten der damaligen Zeit. Sei es nun, daß der Herzog Orlando schon durch seine Cvmposiiionen kannte, sei es, daß er durch ein Glied der Familie Fngger, welche Familie eine große Faktorei in Antwerpen besaß, auf Orlando aufmerksam gemacht wurde, kurz Orlando nahm die ehrenvolle Einladung des Herzogs an und ging im Jahre 1557 nach München. Sandberger sagt über diese Berufung: „Es ist kein Zweifel, daß Orlando der Qualität und Quantität seiner innerhalb eines Zeitraums von weniger als zwei Jahren erschienenen nahezu 100 Tonsätze das Nenomse verdankte, welches ihn für den Werber des bayerischen Herzogs als eine thunlichst herbeizuführende „Acgilisition" erscheinen ließ. Dazu mag noch seine Persönlichkeit gekommen sein, von deren Witz und lustigen Possen man sich allerlei Kurzweil für die hohen Herren versprach." So hatte denn mit dem Aufenthalt in Antwerpen die erste Periode im Leben Orlando's ihren Abschluß gefunden. In München weilte er, abgesehen von Mehreren Reisen, volle siebennnddreißig Jahre, d. h. bis zu seinem Tode. Flechten wir, bevor wir das Leben und Wirken unseres Meisters weiter betrachten, hier eine kurze Kritik Dr. Witt's, des freimüthigen Kritikers, ein, über einige Werke Orlando's. Von zehn Messen des Meisters sagt er, daß „unter diesen keine einzige, die ganz befriedigt oder vollkommen kirchlich genannt werden kann." (Es ist wohl hier nicht zu vergessen, daß Dr. Witt doch recht geraume Zeit nach Orlando lebte und wirkte!) Er tadelt ferner unleidige Manieren rc. und erhebt den Dorwnrf, daß manches geschrieben ist als Paradestück für seine Gesangsvirtuosen. Dagegen ist Or. Witt voll Lob über manche Motetten Orlando's. So nennt er z. B. die Motette „justornm Lniinns" „ein Beispiel von ausnehmend herrlicher und origineller Erfindung. Ich getraue mir zu behaupten und thatsächlich zu beweisen, daß die Litteratur der letzten drei Jahrhunderte keine einzige Vokalcompofition für die Kirche auszuweisen hat, die an Wirkung mit dieser Motette Orlando's concurriren könnte." So nennt ihn also Dr. Witt doch auch wieder einen großen, einen sehr großen Meister. Daß auch ein Meister nicht, lauter gleich Meisterhaftes schafft, dies ist gewiß auch sehr begreiflich. (Fortsetzung folgt.) Die Lehrtätigkeit der Jesuiten vor dreihundert Jahren. (Schluß.) Kommen wir jetzt nach Bayern. Durch den Schutz und die Fürsorge Herzog Wilhelms IV. bestanden dort noch gute Klosterschulen, wie zu Tegernsee und Nieder- altaich, dann auch in Fornbach, welche letztere von Herzog Albrecht V. im Jahre 1558 besonders belobt werden konnte. Als dieser Herzog 1569 eine Schulordnung in streng katholischem Sinne vorschrieb, konnte von ihm das sechs Jahre vorher gegründete Jesuiten-Gymnasium in München als Mnsteranstalt bezeichnet werden. Außer diesem Gymnasium bestanden daselbst 3 „Poetereyen" d. h. Lateinschulen, welche ungefähr 300 Schüler zählten. Die eine dieser Schulen, die dem Magistrat unterstellt war, in ihrem Rektor Castner eine treffliche Leitung besaß und 60 Schüler hatte, mußte ganz geschlossen werden, denn das Jesuitcngymnasinm wuchs rapid; im I. 1587 hatte es schon 600, zwei Jahre darauf 800 und im I. 1602 schon 900 Schüler. Als Lehrer besonders ausgezeichnet werden?. Peltan, ?. Mengin und 1^. Stewart genannt. Albrecht V. eröffnete i. I. 1574 „das Gre- gorianum", ein Alumnat mit 40 Freiplätzen, welche von dem Nachfolger Wilhelm V. auf 50 erweitert wurden. Die Zöglinge wurden sogar Mittags und Abends aus der Hofküche gespeist. Ein schönes Zeichen für die alten Baycruherzöge l Solche Förderung der Wissenschaft sucht 179 man bei protestantischen Fürsten jener Zeit vergebens. Ein besonderes Pensionat wurde von demselben Regenten für die adeligen Zöglinge gegründet. Dieses Pensionat von St. Michael hatte 1587 schon 200 Zöglinge. Im Jahre 1591 wurde das Münchner Gymnasium zu einem philosophisch-theologischen Lyceum erweitert. ?. Laymann, damaliger Lyccalprofessor, genießt noch heute ein großes Ansehen unter den Theologen und wird nicht selten citirt. In Augsburg gründete. 1582 die Familie Fngger ein reich ausgestattetes Gymnasium, welches die Jesuiten übernahmen, das 1589 ebenfalls zu einem Lyceum erweitert wurde. In Dillingen, Jngolstadt und Würzburg bestanden ebenfalls blühende Jesuitenschulen. Diese Blüthe der Jesuitenschulen blieb nicht ohne Wirkung auf andere Schulen. Um manche heruntergekommene Schule „wieder in Flor" zu bringen, führte man wenigstens die jesuitische Lehrmethode ein, wenn man keine Jesuiten als Lehrer bekommen konnte, wie z. B. in Stockach. In dieser allgemeinen Bestürmung des Ordens nach Gründung von neuen Schulen lag, wie auch Janssen richtig hervorhebt, eine große Gefahr der Zersplitterung der Kräfte für den jungen Orden. Konnte der Orden immerfort soviel durch und durch geschulte Kräfte stellen, daß neue und alte Schulen auf der gleichen Höhe gehalten werden konnten? Natürlich mußten sie immer wieder neue Schulen übernehmen, moralisch gedrängt durch geistliche und weltliche Fürsten, die sich nimmer zu helfen wußten. Das Uebel, das daraus entstehen mußte, sahen die Jesuiten auch selbst am besten ein. Als im Jahre 1573 ein neuer General gewählt werden sollte, ertheilte die Geueralcongregation ihren Delegirten die Weisung, wohl zu beachten, daß der zu Wählende nicht zur Uebernahme neuer Seminarien, Con- victe und Collegien geneigt sein dürfte, weil sonst die Gesellschaft von Last erdrückt würde. Im Jahre 1599 kam eine neue „Studienordnung" zur Geltung, worin die bisherigen Erfahrungen gesammelt, niedergelegt und Fehler, die sich in den Schulen eingeschlichcn hatten, so weit wie möglich ausgemerzt wurden. Besonderes Gewicht wurde für die Schüler in öffentliche Disputationen, Vortrüge gelegt, denn eine einzige Disputation, so war der Grundsatz, gilt mehr, als eine Reihe von Vortrügen, denn da wird der Geist mehr geübt, und aufstoßende Schwierigkeiten werden besser beleuchtet. Die Hähern Klassen sollten jeden Sonnabend Akademien mit öffentlichen Vortrügen abhalten. Zweimal im Jahre wurden öffentliche dramatische Schauspiele gegeben, aber diese Aufführungen hatten nicht, wie an den protestantischen Schulen, einen confessionell- polemischen Charakter, sondern sollten nur einen lediglich pädagogischen Zweck haben; ästhetische und sittliche Bildung war dabei das vorgesetzte Ziel. Verboten war die Aufführung in den Kirchen, verpönt daraus waren kirchliche Ceremonien, auch durften keine Frauenrollen vorkommen. Bei den Protestanten ging es gar nicht ohne Angriffe auf den Papst und katholische Gebräuche. Dieses an sich einfache, auf dem christlichen Geiste aufgebaute Jesuiten- drama übte allenthalben auf das Volk eine große Anziehungskraft aus. Prediger klagen, daß Grafen und Fürsten sogar daran Gefallen fänden und es mancbe Evangelische den „Jesuiter" günstig mache. Zur Blüthe gelangte die Jesuitendramatik in München unter besonderer Förderung des herzoglichen Hofes. Hören wir kurz Trautmann darüber tu8 s. 6we§c>rii, sondern — aantns ArsAvrianus zu sein, ist von vorneherein eine xstitio prinolxii; denn es ist schon öfters darauf hingewiesen worden, daß man deßwegen, weil die Manu- scrtpte des 9. Jahrhunderts übereinstimmen mit denen des 11. Jahrhunderts, nicht schließen dürfe, daß die des 9. die Originalmelodien des 6. und 7. Jahrhunderts wiedergeben — beim gänzlichen Mangel von Musik-Noten aus der Zeit vom 7. bis 9. Jahrhundert. Vgl. dazu Duchesne, oi-ig-ins du orüts ollrätion x. 98. Freilich finden wir in der Iläitic) Llsäioasa eine Vereinfachung von z. B. 40 Noten über einem Worte auf 20, von 30 auf 10, von 20 auf 6. Allein, da eben der Melodie bildende Tonaccent die Hauptsache ist, wird das doch nichts wesentlich Tadelnswerthes sein und ist selbstverständlich im Interesse des praktischen Gesanges sogar ein großer Vorzug. Was gehört für eine seltene virtuose Gesangskunst dazu, um ästhetisch schön und cor- rcct, wohl gruppirt, in gesetzmäßigen Distinktionen eine melodische Phrase von 30 und 40 Noten (um nicht eine größere Zahl zu nennen) über einem Worte zu singen? Da es außerdem erwiesen ist (vergl. Dr. Haberl, Giovanni Pierluigi da Palestrina und das Oraäuals Ho- inanum der Läitio NeäieaeL von 1614, Pustet, Regensburg 1890), daß unser gegenwärtiges officielles (Iracknals, das bei Pustet erschienen, nichts anderes ist, als ein Neudruck der von Palestrina revidirten und von der Nitencongregation approbirten Lclitio Nackioaea, so ist es doch sehr gewagt, von „Schwerfälligkeit", „Ungeschicklichkeit", von „verächtlichem und unverständlichem Kauderwälsch" der „Negensburger Version" zu reden; kann man denn wirklich annehmen, daß ein Palestrina, Guidctti, Suriano, Anerio in der Theorie und Praxis der gregorianischen Melodie-Bildung so unwissend und ästhetisch roh und verwildert gewesen wären? Daß z. B. Palestrina in seinen Kompositionen ganz gregorianisch empfand und darstellte, kann der verdienstvolle Heraus- 190 geber der Gesammt-Werke Palestrina's, Dr. Haberl, der sich 30 Jahre lang mit Palestrina ebenso eifrig und intensiv beschäftigt, als mit dem römischen Choral, mit Beispielen nachweisen und belegen. Es möge hier außerdem auf den Brief Palestrina's an den Herzog von Mantna vom 5. November 1578 hingewiesen werden: „Es wird mir zur größten Ehre gereichen, auch den Nest des Chorals zu erhalten, um denselben von Barbarismen und von den üblen Klängen (äa OarOurtsrai s äai walt soni) gut zu läutern. Wenn Ew. Hoheit damit einverstanden sind, so können diese Gesänge zugleich mit dem Crraäuuls, dessen Emendirung mir Unsere Heiligkeit aufgetragen haben, gedruckt werden." Zum Schlüsse möchte ich noch auf Folgendes hinweisen: Die Läiiio Lleckiorraa, („Ausgabe von Negens- burg") ist die durch den apostolischen Stuhl als authentisch erklärte und empfohlene Ausgabe. Die „Regensburger Ausgabe" ist die typische; mit ihr sollen alle anderen Ausgaben übereinstimmen; sie ist ein oxus cura, st anotoritats sacwornra rrtuura conAra^ationis äi- gesturn Hoina.6. Es hat denn doch etwas sehr Bedenkliches, dem gegenüber die obigen verächtliche» Prädikate, wie über die Arbeit eines Schnlknaben, zu gebrauchen; oder zu sagen (S. V der Vorrede): Wir möchten die Gesänge auch feststellen, um die Fehler der Systeme (es ist aber später nur von der „Version Regensburg" die Rede) hervortreten zu lassen, welche in unserer Zeit durch gänzliche Verkennnng des wesentlichen oratorischen Charakters der Gesänge die ursprüngliche Version und Ausführung verdorben haben; oder S. 69 zu reden von „Verstümmelungen und Ueberarbeitnngcn, welche schließlich, wenn nicht alles zerstört, doch wenigstens alles verwirrt haben." Wie würde man eine solche Sprache heißen, wenn sie anderen Bestimmungen der kirchlichen Auctorität gegenüber geführt würde? Es ist Zeit, wiederum die „Offenen Briefe über den Congreß von Arezzo" von I. A. Laus (Extra-Beilage zu den „Fliegenden Blättern für katholische Kirchenmusik" Nr. 4, 1883) zur Hand zu nehmen und z. B. S. 40 u. sf. zu lesen! Dr. Walter. Ein nerrer zeitgemäßer Katechismus. ci' Da die Katechismusfrage in vielen Ländern, insbesondere auch in mehreren Diöcescn Bayerns, gegenwärtig eine hervorragende Rolle spielt, so dürfte die Mittheilung allgemein interessiren, daß in jüngster Zeit ein neuer zeitgemäßer Katechismus erschienen ist, der von sehr vielen hochw. Ordinariaten in Deutschland und Oesterreich mit den größten Lobsprüchen ausgezeichnet worden ist. Der Neligionsprofeffor an der Lehrerbildungsanstalt in Trautenau hat nämlich den Ordinariaten in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und Ungarn einen neuen Katechismus zur Approbation und Begutachtung vorgelegt, einen Katechismus, der, wie der Verfasser erklärte, nach den pädagogischen Grundsätzen der Neuzeit ausgearbeitet und den Zeitbedürfntssen der Gegenwart angepaßt ist. Allerdings war dieser Katechismus nicht in erster Reihe für die Schule ausgearbeitet; er ist in der Gestalt, wie er vorliegt, zunächst für das Volk bestimmt und ein Hilfsbuch zu Handen des Neligionslehrers. Doch ist dieses mit dreifachem Druck ausgestattete Werk so eingerichtet, daß ein zeitgemäßer Schulkatechismus aus demselben leicht hergestellt werden kann; es wäre bloß der Kleindruck zu kürzen oder vielleicht wegzulassen. Das Werk zerfällt in drei Theile: in die Glaubenslehre, Sitten- lehre und Gnadenlehre. Alle Partien des Katechismus hängen mit einander innig zusammen. Die Ausdrucksweise ist eine ganz schlichte und einfache; alle Kunstans- drücke sind vermieden. Jene Lehren, die in der Gegenwart von großer Bedeutung sind, wie: Arbeit, Verwendung des Vermögens, Wahlen, Vereine, Zeitungen, Socialdemokratie u. dgl., werden in diesem Katechismus ausführlich und eingehend behandelt. Die Darstellungsweise ist eine sehr interessante; trockene Definitionen sind ganz vermieden. Viele Beispiele und Gleichnisse, die sehr treffend gewählt sind, veranschaulichen die heiligen Lehren. Kurz, dieser Katechismus unterscheidet sich wesentlich von allen übrigen Werken dieser Art. Das Ordinariat Würz- bnrg nannte ihn mit Bezug auf Inhalt, Form und Einrichtung sehr gelungen. Das Ordinariat Paderborn zollie der Eigenart des Werkes die vollste Billigung und erklärte, dieser interessante Katechismus würde segensreich wirken und den Lehrern die Vorbereitung zu einem ersprießlichen Unterrichte wesentlich erleichtern. Der hochw. Herr Bischof von Luxemburg empfahl das Werk als Handbuch an den höheren Lehranstalten und schrieb, als solches würde es die Aufgabe des Lehrers und die Arbeit des Schülers wesentlich erleichtern. Unter den österreichischen Bischöfen lobte diesen Katechismus am meisten der hochw. Fürstbischof von Klagenfurt. Derselbe erklärte, dieser Katechismus besitze viele Vorzüge, namentlich klare und bündige Fassung und eine große Reichhaltigkeit des Stoffes, weßhalb er den Katecheten ein willkommenes Hilfsbuch sein werde. Der hochw. Fürstbischof in Marburg lobte wiederum die zweckmäßige Eintheiluug, die gründliche, leichtfaßliche und erschöpfende Darstellung und erklärte, dieser Katechismus sei ein vorzügliches Hausbuch und zur Belebung der religiösen Gesinnung besonders geeignet. Der hochw. Bischof von Brüim schrieb, in diesem Katechismus werden die Lehren der hl. Religion dem Verständnisse möglichst nahegebracht. Aehnlich sprachen sich noch andere Bischöfe aus: die von Leitmeritz, Königgrätz, Ermland u. a. Alle Zeitungen, die bisher über diesen Katechismus, den der Verfasser „V olks-Katechismus" nannte, geschrieben haben, nannten ihn ein zeitgemäßes Werk und erhoffen von der Ausbreitung desselben die schon seit langer Zeit ersehnte Reform auf dem Gebiete des Katechismus. Im Jnseratentheile unseres Blattes wird dieses zeitgemäße Werk öfters angekündigt. (Dasselbe ist im Verlage des Verfassers Pros. Spirago in Trautenau erschienen und von ihm direct zum ermäßigten Preise von 3 Mk. 20 Pf. zu beziehen.) St. Thomas von Aqnin und seme Lehre. Der hl. Vater, Papst Lco XIII., hört nicht auf, immer wieder auf die hohe Bedeutung der Lehre des hl. Tbomas, als des Fürsten der Scholastik, ausmerksam zu machen. Die andern großen Scholastiker, voran der seraphische Lehrer, der hl. Bona- vcntura, kommen dadurch gewiß nicht zu kurz. Im Gegentheil, je besser wir uns die Lehre des hl. Thomas aneignen, desto leichter wird nnS auch das Verständniß deö hl. Bonaventura und der übrigen großen Scholastiker werden. Denn wenn auch ein jeder von ihnen wieder sein eigenthümliches, mehr sozusagen äußeres, Gepräge hat, so stimmen sie dock im Wesentlichen durchaus überein. Zeigt sich darin dock so deutlich und gewissermaßen greifbar, daß sie lebendige Träger der bl. Ueberlieferung, durchaus würdige Nachfolger der hl. Väter sind. Die Lehre des hl. Thomas ist so recht die echt scholastische. Und diese Lehre erachtet Papst Lco XIII., ivie unter andern Papst Sixtuö V. (Bulle Prlumpbautis, 1588), als gleich nothwendig zur Bekämpfung und Ueberwindung der Irrthümer aller 19L Zeiten, wie zum richtigen Verständniß der hh. Vater und der hl. Schrift. Betreffs der hl. Schrift insbesondere verweisen wir auf das letzte allgemeine päpstliche Rundschreiben „kroviäoutissiwus Dons", äs stuäüs Lerixtnras Lamas, vom 18. Novbr. 1893. Wiederholt weist uns da der hl. Vater, zum richtigen Verständniß der hl. Schrist, an den bl. Thomas, als sicheren Führer. Da lesen wir: ,,8oä nova et lastiara inoremsnta er äisoipüna, Asossssrs 8 allolastiovrum. tzui, stsi in germanam ver- sionis latinas leotionem stuäuerunt ingnirsre, conkoctagus ab ixsis Lorrsetoria didlica iä plane lestavtnr, plus tamsn stuäü inänstrlaegus in interpraetations st explanations eolloeavsrnnt. Lomposito snim äilnciäegus, niliil nt nrellns anten, saoiornm vsrboram sensns varir äistineti; cujnsgus ponäns in rs tstso- loZiea perpensnm; äeünitas lidrorum partes, arAvwsnta par- tinin; investi^ata soriptornin proposita; sxxlioata ssntsntiarum inter ipsas nscessitnäo ot oonnsxio: guidns ex rsdus nsmo uvns non vläet chüantnm sit luminis odseuiioribns loeis aämotnm. Ipsormn prastorea äs 8eriptnris lectam äoetrinas oopiam aä- inoänm proännt, tnm äs tsteoloZia lidri, tum in sasäsm eom- rnentaria; gvo etiam nomins Tkomas Lgninas inter- eos lradnit palmain. — .... Drnvt antem (snvenes aä stnäia didliea) optims eomxarati, si, gua dlosmotipsi Monstravimns et praosoripsimns via, pstilosopdias st tlreolozias institntionvm, soäsm8.Tllomaänos, rsliZioss colnerint psnitusgne xsrcepennt. Ita rsete inosäsnt, guum in re didlioa, tnm in ea tlreoloKias parto guam positivem nowi- nant, in ntragns laetissimv progeossuri." Wie schon öfter, besonders im Rundschreiben „Letsrni Datris" vom 4. August 1879 und im Sendschreiben an die Erzbischöfe und Bischöfe BayernS vom 22. Dezember 1887, betont auch hier wieder der hl. Vater die gründliche Schulung in der Philosophie und Theologie des hl. Thomas. Dieser wiederholten Mahnung und Vorschrift des bl. Vaters ist wohl, im Vergleich zu andern Ländern, in Deutschland und Oesterreich, auch im engern Vaterlande Bayern, bisher nicht allseitig und mit vollem Eiter entsprochen worden. Und doch sollte uns als treuen Söhnen der hl. römisch-katholischen Kirche der Wunsch und Wille unseres hl. Vaters durchaus maßgebend sein. Freilich geht der Zug der Zeit weniger zum ernsten, anstrengenden, ipckulativcn Denken, als vielmehr zu apologetischen, historischen, socialen u. dgl. Studien. Aber ist nicht gerade zu gedeihlichem und nachhaltigem, sowie vor Mißgriffen und sub- jectiven Schrullen gesichertem Wirken auf diesen Gebieten eine gründliche philosophische Durchbildung unerläßlich? Darum eben Weist Papst Leo auch in dieser Hinsicht immer wieder deutlich hin auf die durchaus zuverlässige, echt katholische Lehre des hl. Thomas. Der trügerischen Weisheit, mit welcher die geoffenbarte Wahrheit bekämpft wird, stellt sich in der echt thomistischen Philosophie eiste ihr überlegene Wissenschaft entgegen. Diese allein befähigt auch den Apologeten, jenen Feinden des katholischen Glaubens, welche sich von der Vernunft nur leiten zu lassen vorgeben, zu zeigen, wie gerade der Glaube der Vernunft gemäß ist und von ihr geboten wird (vgl. Rundschreiben „Leterni Deckels"). DaS System des hl. Thomas ist aufgebaut auf der richtigen Bestimmung dcö Verhältnisses der natürlichen und übernatürlichen Ordnung, der Statur und Gnade. Und eben deshalb enthält es den genauen wissenschaftlichen Ausdruck des Christenthums und seiner göttlich übernatürlichen Kraft. Nur durch diese wird das Wohl der Gesellschaft gefördert. Nur durch die echt christliche, thomistische Philosophie wird die Falschheit dcö modernen Rechtes aufgedeckt und seine Verderbnis abgewehrt. Gerade diese Philosophie zeigt uns in ihrem wahren Lichte und in ihrer ganzen Kraft die dein göttlichen Willen entsprungene feste Rechts- und Gesellschaftsordnung, welche der Willkür und Gewaltherrschaft von oben und unten gleichmäßig Schranken auferlegt. Nun aber, wo ist die wahre thomistische Philosophie zu finden? Der hl. Vater sagt es uns ausdrücklich im Rundschreiben „Letsrni Latris" - Deovläets, eck sapleickia Uromas ex ipsis ejas kontidus lururtatur, and saltem ex üs Avis, guos ab ipso kante äeäuctos aälruo iickegros ot illimes äeourrere esrta ot concors äootorum liominum sontentia sst; oeä ab üs gui exinäs üuxisse äremrtur, rs antem alrenis st non saludrürus aguis orovsrnnt, aäolssosntium auiwos areeväos anrate." Gründliche Kenntniß der Lehre dcö Aquinaten als eines systematischen Ganzen geht uns Deutschen zumal noch gar viel ab. Diese können wir aber nur gewinnen durch eifriges Studium der Werke des hl. Thomas unter Anleitung und Führung solcher Männer, welche dessen Lehre gründlich kennm. Offenbar bietet uns da die beste Bürgschaft die eigentliche Thomisten- schulc. Zu dieser Schule zählen auch die Mitarbeiter des für seinen Zweck ausgezeichneten „Jahrbuchs für Philosophie und spekulative Theologie", herausgegeben von Dr. Ernst Commer, o. ö. Professor der Theologie an der Universität Breslau, literarisch vor allem wohlbekannt durch sein treffliches „System der Philosophie" (4 Abtheilungen). Mit Juli d. Js. beginnt daS Jahrbuch bereits seinen 9. Jahrgang. Um den bei der Gediegenheit und schönen äußeren Ausstattung gewiß geringen Preis von 9 Mark, jährlich in 4 Heften, ist dasselbe durch den Buchhandel zu beziehen. Den Verlag hat die Firma Ferdinand Schöningh in Paderborn, Westfalen, welcher die Ausstattung alle Ehre macht. Das beste Zeichen der Empfchlenswürdigkcit dieser thomistischen Zeitschrift ist wohl das Zeugniß der wissenschaftlichen Gegner derselben. Wiederholt schon waren diese gezwungen, sämmtlichen Hauptmstarbeitern des-Jahrbuchs ihre gründliche Kenntniß der Scholastik, insbesondere des hl. Thomas und aller seiner Werke, zuzugestehen. Unter den Abhandlungen des 8. Jahrganges heben wir zur näheren Kenntiüßuahme der werthen Leser folgende hervor. Bereits im 7. Jahrgang begann eine Reihe von Abhandlungen unter dem Titel „Huasstiaues guoälibetales". Der Verfasser, R. k. Thomas Esser, Orä. Deasä., Professor der Theologie an der katholischen Universität Freiburg in der Schweiz, eröffnete damit eine eigene Abtheilung. Diese ist dazu bestimmt, die häufiger vorkommenden scholastischen Grundsätze zu erklären, die wichtigeren Kunstausdrücke zu erläutern und alle jene Schwierigkeiten zu heben, welche dem weniger Geübten beim Lesen der aristotelisch-scholastischen Schriftsteller hinderlich sind. Im letzten Jahrgang wurde unter dieser Rubrik behandelt: „Ursache und Verursachtes". U. D. Gundisalv Felduer, Lieg. 8. Ideal. Orä. Draoä., als tüchtiger Theolog und Philosoph, ganz nach dem Sinne des hl. Thomas, durch mehrere Schriften, insbesondere auch über die Willensfreiheit, sowie Abhandlungen im Jabrbuch Vortheilhaft bekannt, behandelte die kotsntia obeäientialis der Kreaturen. Diese längere Abhandlung wurde veranlaßt durch die Schrift: „Ueber die Empfänglichkeit der menschlichen Natur für die Güter der übernatürlichen Ordnung nach der Lehre des hl. Augustin und des hl. Thomas von Anilin", don Dr. A. Kranich, SubrcgenS am Priestcrseminar rc. in Braunsberg. Manche irrthümlichc Auffassung des hl. TbomaS seitens Dr. Kranichs wird hiebet von D. Felduer gründlichst nachgewiesen. Aus derselben Feder stammt auch die gediegene Abhandlung: „Die Ncn-Thomisten", welche im letzten Hefte des 8. Jahrgangs begonnen hat und im 9. Jahrgang fortgesetzt wird. Veranlassung zu dieser Abhandlung ist das molinistischerseits so sehr angepriesene Werk LeS R. D. FrinS, 8. ll., „8t. Vüomas .4guluatls äoetriua äs cooperrckions Der oum omur ucckura oreata xraosertim üdera sie." Besprochen und als gewissermaßen ausschlaggebend hingestellt wurde dies Werk in der Passauer Monatsschrift, 1. Heft 1891, S. 14—25. Wer etwas sich in R. 1?. Dnmmermuths, 0.1?., Werk: „Draomotio pllxeroo.", sowie in Sckucider's „Wissen Gottes" (4 Bände, Mauz, NegcnS- burg 1881/86) umgesehen, mußte wohl über letztgenannte Besprechung stark die Achsel zucken. D. Duminermuth's Werk wurde seinerzeit von Pros. Morgott (Eichstätt) in zwei Artikeln cingchendst und rühmlichst besprochen im Litcrarischcn Haudweiser. Schneider's genanntes Werk zählt st Regens Schneid (Eichstätt) zu dem Besten, was die neuere Zeit in philosophischer und theologischer Beziehung auszuweisen hat (Jahrbuch, 1. Bd. S. 303). Hoffentlich gelten doch auch beide genannte Herren allgemein als literarisch urtheilsfähig. Ucbrigeus ist eS gewiß nicht ohne Grund geschehen, daß molinistischerseits Schucidcr'S Werk völlig todtgcschwiegen wurde. Wer objektiv urtheilen will, schaue sich auch solche Werke oder wenigstens die genannte Abhandlung des Jahrbuchs genau und ruhig an. Dies so nebenbei, der Wahrheit zum Zeugniß! Von den Artikeln des Kanonikus Dr. Michael Glvßncr (München) erwähnen wir: „Die Philosophie dcö hl. Thomas", Gegen Frohschammer (begonnen im 6. Jahrgang), 6. Art. Die GotteSlehre, 7. Die Naturphilosophie; „Der HerbnrtianiöiuuS rc." (vgl. Beilage der Postztg. 1894, Nr. 11 u. ff.); „Apologetische Tendenzen und Richtungen", begonnen bereits im 4. Jahrgang. Schneider'S: „Die Grundprinzipien des hl. Thomas und der moderne Socialismus" (4 Artikel, 8. Jahrgang) werden auch fortgesetzt. Von den Kritiken heben wir als besonders belehrend bervor die über: Tillm. Pcsch, 8. ll., Die großen Welträthsel; Gutbcrlet, Die Willensfreiheit rc. Doch genug der Empfehlung l Vor allem muß uns auch im Halten der Zeitschriften bestimmen der ausdrückliche Wunsch und Wille des hl. Vaters. Volts et legst 5. v. D. 192 Recensionen nnd Notizen. Bhagavadgita, das Licd von der Gottheit ins Deutsche übertragen von Fr. Hart mann. 8°, p. V-j-162. Braunsckwcig, C. A. Schwctschke 1892. M. 1,50. a Die „Bhagavad-g!la" d. i. Gesang (Offenbarung) des Erhabenen (des KriShna), eine Episode des indischen Niescnepos Mababharata, ist zwar nickt, wie Hartmann will, das „wichtigste, großartigste und erhabenste Bück, welches in der Welt existirt", aber doch nach der Ansicht aller, die „ihren inneren Werth erkennen" (und zwar besser als Hartmann), eine Perle der SanSkritliteratnr. Wir besitzen davon eine treffliche Ausgabe von Schlcgel-Lasscn mit klassischer Uebcrsetznng ins Lateinische (Bonn 1846), sowie eine ausgezeichnete Verdeutschung von Bcxbcrgcr und einen sachlichen, sehr gelehrten Commcntar von F, Lorinser, dem 1893 in BreSlau verstorbenen Domherrn und Polyhistor (BreSlau 1869), der uns inbaltlich jeden nur wünschenSwcrtbcn Ausschluß gibt und auch die christliche Literatur in reicher Fülle zur Verglcickung beranzieht, mehr, als uns probabel scheint. Wärmn nun gleichwohl Hartmann in großer Bescheidenheit sich „bereit finden" hat lassen, eine neue Ueber- sctzung zn fabrizircn, wird dem Leser erst begreiflich, wenn er die Anmaßung deS „theosophischen" Standpunktes würdigt, von dem aus der Uebcrsetzcr das Werk allein richtig erklären will. Dieser Standpunkt aber ist zu finden in der „theosophischen Gesellschaft", um die sich ein hysterischer Blaustrumpf Blavatzky am meisten verdient gemacht hat; diese Leute, welche in Wirklichkeit nichts verstehen, tragen die Aster Weisheit ihrer auf eigene Faust „gotthcitcludcn" Hirngespinste in die indische Literatur b nein und gebe» jene dann als deren wahren Sinn auS, ein System von Fälschung schlimmster Art. Vorliegende „Er- läutcrnng" der Bhagavadgita mag als abschreckendes Beispiel gelten, denn sie ist ganz im Sinn jeirer Bestrebungen gehalten; Wir können nnr warnen vor diesem Machwerk. Daö Studium der so durchsichtigen, fciugcbildetcn und unfaßbar reichen SanSkritsprache gewährt dem Geiste eine hohe Befriedigung und ist auch wichtig genug; aber Hartmann versteht nichts davon. Es ist allerdings keine Schande, nicht Sanskrit zu können, aber dann lasse man die Hand von der Bhagavadgita und gebe sich nickt den Anschein eines UebersetzcrS. Schon dem Laien mag der Leichtsinn auffallen, womit die Eigennamen mißbandclt sind. Orthographien, wie „Kuntibodscha" oder „Gnana Noga", ferner die Erscheinung, daß ein und derselbe Name (z. B. Ärdschuna) auf verschiedene Weise (auch „Arjuna") geschrieben steht (je nachdem natürlich der „Uebcrsetzcr" ein deutsches, englisches oder französisches „Original" abgeschrieben), beweist hinlänglich seine Unfähigkeit; wer übrigens (u. zw. öfter) „das LogoS" sagt, wie Hartmann, mag sich das Schulgeld vom Gymnasium zurückgeben lassen. Die Anmerkungen sind einfach eitel Gefasel. Iiokmau, Radios: Texto Krads snivi ä'uu äietionnairs äs tous los rnots xar H.. 6ir ördonusau. 12° x. 6-j-92. Paris, Uaolrstto 1893. Po. 2,00. k Die Fabeln des weisen Lokman gehören zn den Welt- büchern und bilden zugleich die ersten Versuchsobjekte für Anfänger im Arabischen; venn sie bieten kurze und leichte und doch zusammenhängende Lescstücke, obwohl die Sprache gewiß nicht mustergiltig ist. Das Beste wäre nun freilich aus der jetzt vergriffenen, mit wunderbarer philologischer Genauigkeit gearbeiteten und mit Lexicon versehenen Ausgabe von Noediger (Halle 1839), welche daS vollständige kritische Material bietet, eine billige Schulausgabe zu veranstalten; da dies aber nicht geschehen ist, nehmen wir auch mit obiger sehr billigen und gut ausgestatteten Ausgabe gerne vorlieb, die vielfach die leichteren Lesearten auS den Varianten ausgewählt hat und ein Wörterbuch nicht nur der Wurzeln, sondern auch der schwierigeren Wortformen enthält. Wer noch mehr Erleichterung wünscht, kann auch eine zweite Ausgabe mit (sehr ungeschickt wicder- gegcbencr) Transcription des Arabischen, sowie mit doppelter Uebcrsetznng, einer wörtlichen und einer freiern (Jr. 3,00) erhalten. _ „Das wahre Glück der christlichen Ehe" von Friedrich F. Pcsendorfer, Stadtpfarrcoopcrator in Wels, so lautet der Titel eines kleinen Büchleins, daS in der Dorn'scben Buchhdlg. (Albcr u. Hänle) in Navensburg erscheint. Preis 50 Pfg. Ein kleines Büchlein, und doch enthält cS so viel Belehrendes l ES gibt den Begriff der christlichen Ehe, zeigt die Nothwendigkeit einer ernsten und gründlichen Prüfung und Vorbereitung auf den Ehestand, von welchem das Wohl und Wehe deS ganzen Lebens, ja der Ewigkeit abhängt; es gibt treffliche Winke einer erfahrenen Mutter für die Brautschau; betont tiefwurzelnde Frömmigkeit und wabre Gottesfurcht als die erste Grundbedingung zum Eheglück, verlangt von einem christlichen Manne vor allem gutes Beispiel nnd von einer Hausfrau Gehorsam, Nachgiebigkeit, Geduld, Vertrauen, Häuslichkeit, Einfachheit, Nächstenliebe und Gottesfurcht, und in einem eigenen Kapitel erörtert eS noch die Behandlung der Dienstboten im Hause — überaus richtig und zeitgemäß! Schließlich enthält eS noch einige Blätter für die Familienchronik, in welcher Familien- ereignisse freudigen und traurigen, kirchlichen und weltlichen Charakters eingetragen werden. In der That ein Belehrungsbüchlein für Braut- und Ehelente! Und wer die Winke nnd Rathschläge befolgt, der wird eine glückliche Ehe eingehen und glücklich in der Ehe lebe», der wird sein Ziel, den Himmel, sicher erreichen — und das ist der Zweck, zu dem dieses Büchlein geschrieben, wie der Verfasser selber bemerkt. Dieses Büchlein verdient daher mit Recht die beste Empfehlung, also nimm und lies und befolge es. _ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1894. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im Vrcisgan. Herdcr'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt deS ö. Heftes: „Thier-Ethik." (V- Cathrein 8. 3.) — Italienische Grabdenkmäler. II. (Schluß.) (St. Beissel 8. 3.) — Die Beziehungen der Nationalökonomie zur Moral und zn den Gesellschaftswissenschaften. (H. Pesch 8. 3.) — Dechant Stanley und die liberale Strömung im Anglicanismus der Gegenwart. (A. Zimmermann 8. 3.) — Blüthen hellenischer Hymnodie. (G. M. DrevcS 8. 3.) Recensionen: Schanz, Die Lehre von den hl. Sacra- menten der katholischen Kirche (A. Lehmknhl 8. 3.); Probst, Liturgie des vierten Jahrhunderts und deren Reform (St. Beissel 8. 3.); Elser, Die Lcbre des Aristoteles über das Wirken GottcS (K. Frin 8. 3.); Macke. Vom Nil zum Nebo (A. Baum- gartncr 8. 3.) — Empsehlenöwcrthe Schriften. — Misccllcn: Angeblicher und wirklicher Ursprung der Darstellung nnd der Verehrung der sieben Schmerzen Mariä; Eindrücke vom Vaticanischen Concil; Geschichtliches und Statistisches über den Prämonstratenserordcn; Gegen die Theorien Lambrosos; Zur Beurtheilung Büchners. Miscellen. (Ueber daö Veilchenaroma) haben Pros. Ferdinand Tiemann und Dr. P. Krüger Untersuchungen angestellt, über deren Ergebniß sie im neuesten Heste der Sitzungsberichte der Berliner Akademie berichten. Es ist ihnen gelungen, aus der sogenannten Veilchenwurzcl d. h. der Wurzel der Schwertlilie (Iris), die ja bekanntlich auch den charakteristischen Veilchen- geruch zeigt, den Riechstoff zu isoliren. Es ist ein Methylketon von der Formel den die Entdecker zur Erinnerung an seine Herkunft Jron genannt haben. Einen ganz ebenso zusammengesetzten (isomern) Keton gewannen sie auf synthetischem Wege auS dem Cilral, einem im Ciironenöl enthaltenen und überhaupt in wohlriechenden Pflanzen öfter vorkommenden Körper. Diesen zweiten Dintstoff nannten sie Jonon (von Ion — Veilchen). Sein Geruch stimmt fast genau mit dem deS Jrous überein, ist nur etwas milder und erinnert mehr an den der blühenden Veilchen. Die Entdecker nehmen an, daß in den Veilchcnblüthen ebenfalls Jonon oder Jron oder eine Modifikation eines dieser beiden Stoffe vorkommt. Die Untersuchungen sind aus dem Grunde schwierig, weil sowohl in den Veilchen als auch in der JriSwurzcl sich nnr ganz geringfügige Mengen des Riechstoffes vorfinden. Zur Beschaffung deS für die Untersuchung nötigen Materials war daher ein Großbetrieb nothwendig. Zwei Firmen in Holzminden und Paris haben die fabrikmäßige Herstellung der Ansgangöstoffe übernommen und dagegen die Nutznießung der Ergebnisse der Arbeiten erworben. Die Untersuchungen werden fortgeführt, und wenn eS auch bisher neck nicht gelungen ist, das wirksame Prinzip aus den Vcilchcnblütkcn zn gewinnen, und das Jron neck nicht synthetisch dargestellt worden ist, so kann man doch im Vertrauen auf die Gcschicklickkeit unsrer Chemiker annehmen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo der echte Duftstoff der Veilchen künstlich hergestellt wird. des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Jerantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag k^. 25 Neligivse Kuust im Glaspalast zu München. Verhältnißmäßig gerade nicht viele — gegen früher sogar weniger — religiöse Kunstwerke sind uns beim ersten Nundgange durch die heurige Glaspalast-Ausstelluug aufgefallen. Aber bezüglich der allgemeinen Qualität derselben muß man unbedingt einen wesentlichen Fortschritt zugeben. Die ausgestellten Werke mit religiösen Unterschriften sind dieses Mal fast sämmtlich von würdiger Haltung und einige sogar bedeutungsvolle Leistungen. Am meisten ins Licht gestellt und in einem eigens dazu hergerichteten Raume aufgehängt ist ein großes Bild des Pros. A. Holmberg in München, bekannt durch seine feinen Stillleben und noch mehr durch seine stimmungsvollen Interieurs mit einem oder mehreren rothen Kardinälen. Eine Dame richtete an uns die charakteristische Frage: „Ist das Bild von dem bekannten Pros. Holmberg? ich habe nicht gewußt, daß er auch in diesem Genre arbeitet." Freilich! Pros. Holmberg hätte dieses Bild wohl auch sicher nicht gemalt, wenn es nicht vom kgl. Ministerium des Cultus selbst — wie es heißt, um den ziemlich anständigen Preis von 9000 Mark — bestellt worden wäre. Ganz natürlich! Ein königlicher Professor und renommirter Maler kann ja doch nicht wie ein berufsmäßiger „christlicher Künstler" zur Erreichung eines kirchlichen Kunstauftrages „anf die Jagd gehen"! Wenn nun mit jener Bestellung wirklich der Anfang damit gemacht ist, „die Kunst aufs Land hinauszutragen", so kann man diese fortschrittliche Thatsache als solche mit dem Hofmaler Herrn Friedr. Pccht (Allg. Ztg. Nr. 133) nur begrüßen. Das Bild ist nämlich bestimmt zu einem Altarschmnck für die Pfarrkirche zu Obcrnburg am Main. Die ganze Darstellung ist eine höchst „originelle", wohl noch nicht dagewesene. Sie zeigt uns ein realistisch gemaltes Kreuz mit dem in natürlicher Körperlichkeit dargestellten todten Heilande. Links vom Kreuze sehen wir einen anbetenden Engel und rechts einen solchen, der in den Händen einen Kelch emporhebt, in welchen das Blut der hl. Seiteuwuude vor der über dem Kelchrande sichtbaren Hostie sich ergießt. Crucifix und Engel schweben ganz frei in der bläulich-kühlen Luft über der tief nuten sich ausbreitenden Mainlandschaft mit dem Städtchen Oberu- burg. — Man sieht, die ganze Auffassung ist die einer Art Vision, welche den die Welt erlösenden Opfertod Christi in directe Beziehung zu dem diesen Tod stetig darstellenden und dem Wesen nach das Kreuzopfcr erneuernden ncntestamentlichen Opfer bringen soll. Denn was hat sonst das Anbringen der Hostie neben dem natürlichen Blute des sterbenden Erlösers für eine Bedeutung, wenn nicht die eines erklärenden Symbols? Den Opfertod Christi predigt aber schon mit ausreichender Deutlichkeit der Crucifixus selbst, der oberhalb des Altares die beste Erklärung der hl. Opferstätte abgibt. Die vollständige Darstellung des hl. Meßopfers geben dagegen nur die beiden Gestalten des Brodes und Weines zusammen. Hier haben wir aber einmal den Leib und das Blut des Herrn und daneben die heilige Hostie. Logisch klar und künstlerisch zulässig erscheint also der Gedanke nicht ausgedrückt, und gibt die Darstellung zu Kopfzerbrechen und Mißverständniß Veranlassung. Letzteres könnte durch Uebermaluug der Hostie gehoben werden. Oder soll man sich, wie ein Kritiker meint, in dem Kelche den aus Blut verwandelten weißen Wein des Sakraments denken!?! Was nun die künstlerisch-technische Ausführung des Bildes betrifft, so schwankt sie zwischen einer machtvoll realistisch-plastischen und einer wirksamen lichtvoll-visionären Behandlung, keiner von beiden gerecht werdend. Der Körper des Heilandes ist fein und sorgfältig gemalt, der Kopf von edler Bildung, aber etwas schwachem Ausdruck; die ganze Gestalt erscheint mehr in schwebender, als in natürlich-hängender Haltung. Die etwas kleinen Enge! mit ihren bunten Flügeln und der langen zopfig flatternden Draperie werden trotz ihrer frischen Gesichtchen auf der Höhe des Altares ziemlich verschwinden. Auch von der gut charakterisirten, von abendlicher Dämmerung bereits überschatteten Landschaft wird bei schwacher Beleuchtung wenig zu sehen sein. Die ziemlich monotone kalte Farbengebung des Ganzen entbehrt des erwärmenden coloristischen AccordeS. Anf der lichten Höhe moderner religiöser Kunst erscheint Gebhard Fugel in München mit seinem großen „hl. Abendmahl", das weitaus bedeutendste religiöse Gemälde der Ausstellung. — Christus har mit seinen Jüngern im Festsaale des Joseph von Arimathia das alttestament- liche Paschafest gefeiert; die Tafel ist von den Speiseresten gesäubert; auch die Einsetzung des ncutestameut- lichen Opfers durch die Worte der Wandlung bereits vollzogen; er ist nun daran, die hl. Gestalten gleichsam als die erste hl. Communion in seiner Kirche zu spenden. Der Herr und Meister hat sich sammt seinen Aposteln erhoben und steht, eine hoheitsvolle, edelschöue Gestalt mit fanfternstem, vornehmem Ausdruck des Antlitzes, vordem Tische in der Mitte des Vordergrundes, die Schüssel mit den hl. Broden in der Hand. Er beugt sich soeben nieder, seinem Lieblingsjünger, der, eine frische vornehme Jünglingsgcstalt, vor ihm auf die Kniee gesunken ist, eine der Brodsgestalten darreichend. Petrus steht gleich hinter ihnen in ehrfurchtsvoller Verbeugung gegen den Herrn. An diese reihen sich zunächst Jakobus, mit hl. Begeisterung im Antlitze neben Petrus stehend, und Andreas, in andächtig ernstem Gebete neben ihm im Vordergründe kniccnd. Jakobus der Jüngere und Andere treten ir feierlich erhabener Haltung und Miene links um die Tafel heran, während drei andere auf der rechten Seite derselben wie in Gebet und Betrachtung des neuen wunderbaren Testamentes der Liebe versunken erscheinen. Judas biegt soeben, sich noch einmal schen umblickend, im Hintergründe um eine Säule, in eiliger Flucht davoneilend, ein trefflich charakterisirtes Gegenstück zu seinen gottbegcisterten Mitaposteln. Diese erscheinen sämmtlich zwar in naturalistisch- individueller Auffassung, aber in Ausdruck und Bewegung wie gehoben und verklärt von der höhern göttlichen Macht des ihnen gewordenen erhabenen Berufes als Stellvertreter des ewigen hohen Priesters nach der Ordnung des Mclchisedek. In selbstbewußter klarer Weise greift der junge Künstler den zweiten der beiden Haupimomeute des rituellen Vorganges, welche da sind einmal die Verwandlung, dann die Austheilung der heiligen Gestalten, in seinem Vorwürfe heraus, welchen er in origineller und in einer Weise zur Darstellung bringt, wie er nach der knappen Schilderung der Evangelisten nicht nur Möglich erscheint, sondern ähnlich selbst als wahrscheinlich gedacht werden muß. (Siehe die Visionen der gottseligen Katharina von Emmerich.) Das schwierige Problem, das sich der Künstler j selbst durch Auslosung der sonst beliebten Gruppirung der Apostel in drei Einzelgruppen gestellt, hat derselbe durch eine wohlberechnete und doch zwanglos erscheinende Com- position, sowie die übrigen künstlerischen Ausgaben der festlichen Drapirung, der Farbeubchandlung und Perspektive mit grosser Gewandtheit und feinem Geschmack gelöst. — Eine feierlich ernste, hochdramatische Stimmung liegt wie ein überirdischer Hauch auf dieser Abendmahls- sceue. Zu dieser trägt auch der so ansprechende feine harmonische Farbenaccord des Ganzen, dessen ungemein warm leuchtenden Ton gleichsam die in der Mitte des Saales herabhängende Lampe entzündet, deren Licht in verstärkter Kraft von der Gestalt des Heilandes und im sanften milden Glänze von den farbigen Festkleidern der Jünger widerstrahlt, nicht wenig bei. (Auf dieses bedeutende, echt religiöse, weil von tief religiöser Empfindung gesättigte, Kunstwerk werden wir noch einmal besonders zurückkommen.) Das Fngel'sche Gemälde hätte keinen besseren Platz finden können, als neben dem Bilde Nr. 1068, einer „Flucht nach Eghptcn", indem diese Nachbarschaft der malerischen Wirkung des erstem nur zu statten kommt, aber freilich auch zugleich einen schnellen Umschwung der erhabenen in die komische Stimmung bewirkt. Man sieht auf der kolossalen Lcinwandfläche die etwas schmutzig hellgelbe Farbenmischung der Wüste ausgebreitet, die in unendlicher Ferne vielleicht erhaben wirken kann. In ihrer Mitte entdeckt man bei näherm Zusehen ein Tnrco-ähn- liches Mäunlein, das einen Esel mit einer daraufsitzenden Fraucngestalt mit Kind führt. Der verhältnismässig große Esel ist das Plastisch Dcntlichste auf dem ganzen Bilde. (Schluß folgt.) Orlando dr Lasso. Zn seinem 300jährigen Todestag (14. Juni). Von A. Graf. (Schluß.) Im Jahre 1572 sehen wir den Meister wieder unermüdlich thätig in München, besonders beschäftigt mit dem IMtrooiniuwr Unmass, fünf Bänden in groß Folio, gedruckt auf eigene Kosten des Herzogs. Die Bände sind dedizirt dem Herzog, Papst Gregor XIII., dem Bischof von Augsburg, dem Abte von Weihen- stephan bei Freising und dem Abte von SL. Emmeran in Ncgcnsbnrg. Sie enthalten u. a. die fünfstimmige Passion, neun vierstimmige Lektionen aus Job, drei Lektionen für die Matutin von Weihnachten, mehrere Magnificat, sodann ziemlich viele deutsche neue Gesänge ncbst „einem muntern französischen Liebchen", ein gnaai zMa-inölo. Karl IX. von Frankreich hatte Heimweh nach unserm Meister und erließ an ihn die Aufforderung, ganz nach Paris überzusiedeln und Kapellmeister an seinem Hofe zu werden mit sehr hohem Gehalte. Orlando wollte nicht von München fort, der Herzog selbst aber rieth ihm, die glänzende Stelle anzunehmen, sei es aus Mitleid für den sehr niedergedrückten König, fei es, daß er glaubte, Orlando könne sich in Paris noch weiter vervollkommnen. Orlando ging schweren Herzens, und als er in Frankfurt den Tod des Königs von Frankreich, der am 30. Mai 1574 eintrat, erfuhr, kehrte er sofort leichten Herzens nach München zurück, wo der Herzog selbst ein Gedicht auf die «Perle seiner Kapelle" verfaßte. Wir haben eben gesagt, daß Orlando ziemlich viele deutsche Lieder componirte. Ueber diese sagen die Monatshefts für Musikgeschichte: „In die Leichtigkeit des weltlichen Liedes wollte er sich nicht recht schicken. Seine Natur war auf das Grandiose eingerichtet, uud solche zarte Blüthen faßte er viel zu fest an und benahm ihnen den Duft." Wir können hier sofort auch seine erotischen und bacchantischen Lieder erwähnen, deren Texte mitunter frivol sind. Er componirte hier leider auch nach dem Geschmack der Zeit, in der er lebte, wie es auch Pa- lestrinn in seiner ersten Schaffcnsperiode that. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß Orlando diese Kompositionen später selbst „Narrenspossen" nannte, und daß später aus vielen dieser Lieder der anstößige Text durch einen dezenten ersetzt wurde. Man hat seiner Zeit den Ausdruck gehört: „Welche Orlandiadel" und verstand darunter Trinkgelage, bei denen leichtfertige Lieder des Orlando gesungen wurden. Die Lieder — 183 asian- 8ons — sind dedizirt an einen französischen Edelmann, und wollen wir eines der besten dem Texte nach beisetzen: Dcus gut bonum v'mum ereavit vlno rcbutlli>te8 «Lxiiis äolors muletavlt Icillot iiror'sus istis ditotloetum Ikoe niuzuüm guietum iurviueui loctulll. Es Möge auch die Berballhornung dieses Liedes seitens mehrerer Schriftsteller angefügt sein, sie lautet also: Ollus gui bonmn vlmim koeisti LL ex vollem multa capit» clvlei'e eroasti vL Ilübis guLC8iimu8 intollvetum Ut snltem xossimus inveoire Ivotum. So macht man auf eigene Faust aus einem x ein Nach München zurückgekehrt, arbeitete Orlando mit riesiger, fast unglaublicher Kraft an neuen Werken und entfaltete dabei die größte Vielseitigkeit. Wir erwähnen von seinen damaligen Compositionen nur: einen Band dreistimmiger lateinischer Motetten, gewidmet den Herzogen Wilhelm, Ferdinand uud Ernst, neun zweistimmige Gesänge und Jnstrumentalsätze, gewidmet dem Herzog Wilhelm, den dritten Theil der fünfstimmtgen „Deutschen Lieder", zumal wir fein Hauptwerk IMtrooiniuui Llnsices oben schon angeführt haben. Am 24. Oktober 1579 verlor Orlando durch den Tod seinen fürstlichen Gönner Albert, nachdem letzterer sechs Monate früher dem Meister noch einen lebenslänglichen jährlichen Gehalt von vierhundert Gulden ausgesetzt hatte mit der speziellen Bedingung, daß Niemand das Recht habe, diese Summe zu verkürzen. Der Nachfolger in der Regierung, Wilhelm V. der Fromme, blieb dem Meister gerade so gewogen, wie sein Vorgänger, und dieser Umstand bewog Orlando sicherlich — zumal wir seine Dankbarkeit schon kennen — einen glänzenden Ruf seitens des Kurfürsten August von Sachsen nach Dresden nicht anzunehmen, sondern ihm andere vorzügliche Musiker zn empfehlen. So blieb Orlando in München und arbeitete unermüdlich weiter, mehr, als seine physischen Kräfte erlaubten. Der Herzog wollte ihm Ruhe, Urlaub gönnen, allein er war die Arbeit so gewohnt, daß er auf den Urlaub verzichtete, „weil im got gcsundt geb, kin und mig er nit feiern" sagte der thätige Meister zum Herzog. Er componirte weiter, unterrichtete unermüdlich seine Chorknaben und richtete seine Gesundheit zu Grunde. Als seine Frau von seinem Landgute Geising zurückkehrte, war er so geistesabwesend, daß er sie nicht erkannte. Die Frau begab sich an den herzoglichen Hof, und der Herzog 195 sendete fernen Leibarzt Dr. Mcermmm Zum Kranken, derberm mich das körperliche Leiden ziemlich hob, die Heiterkeit des Geistes und Gemüthes kehrte aber nie mehr ganz zurück; hierüber schrieb die Frau des Meisters: „er ist nie mehr, wie vor, recht fröhlich, war alzeit still und viel von seinen Tod geredt." Mit dein genannten Arzt war Orlando lauge Zeit befreundet und er zeigte seine Liebs zu ihm durch eure Widmung, die er im Jahre 1587 auf sein Werk: „LIaäri§a.1i a, gunttrv, oiuHuo 6 sei vosi vuovowsnts soinxosti" schrieb: „8swpro anäai psn- Lnnäo eoms potesss lärs aac^uistarirri la, Krutia surr" rc. Der Herzog nahm den innigsten Antheil an der Schwermnth Orlando's, beließ ihm seine bisherige jährliche Besoldung von achthundert Gulden und sorgte auf das beste für seine beiden Söhne Ferdinand und Rudolf. Der Meister aber, schwermüthig, wie er war, gab bald um Entlassung aus seiner Stellung ein, bald um Fortbcziehnng seiner Besoldung, so daß seine Frau stets vermittelte zwischen ihm und dem Herzog und u. a. an letzteren schrieb: „Seine Durchlaucht wolle der Familie doch dießmal seines seltsamen Kopfes, der ja nur durch seine Kunst und grosse Arbeit in so viel Phantasey knmmen, uit lassen entgelten; denn es wär sein Tod gewest, wann er uit dienen könnte." Im Jahre 1593 fordert ein HcnricuS Göüing in einem Gedichte auf, für den schwer kranken Orlando zu beten: „Lost piücn für den alten Man, Gr woll uns den noch langer lau, Damit er Gott und nnS zugleich Zu mchrerm Nutz und Frommen g'reich." Doch Orlando sollte nicht mehr lange leben, er fühlte sich im Frühjahr 1594 dem Tode nahe. Dennoch gab er noch eine Sammlung scchsstimmiger Gesänge heraus und widmete sie dem Bischof von Augsburg, und am 24. Mai genannten Jahres componirte er seinen Schwanengesang „Imerz'nuntz äs 8. Iststro", gewidmet dem hl. Bater Clemens VIII. Er schrieb in der Dedikation: yOou o§ui rivorenW mnA^iors u V. 8stn. inanäo s äsäiso ,.ls la§rims äi 8. Bistro" rims coruposis uo tempo tu äal 8i^uor Iniig'i Dnusillo, s äa, ms xor Urin xariieolai-s äsvostions in cjnssta. in in. Irormni ^ravi etü vsstits äi ariuoniu" zc. Ja in einem „sehr beschwerlichen Alter" snng er sein Abschicdslicd, dann sorgte er noch speciell für das Heil seiner unsterblichen Seele, stiftete in der Kirche Gcising einen ewigen Jahr- tag mit zwei heiligen Messen nebst einer ewigen Nrmen- fpendc und übergab am 14. Juni 1594 seinem Schöpfer, Herrn und Richter seine unsterbliche Seele. Ueber die Begrübnißfeier ist nichts überliefert, doch ist sicher anzunehmen, daß dieselbe „der Perle der Kapelle" des Herzogs, der ihn so hoch schätzte, würdig war. Orlando ist begraben auf dem Gottesacker des Franzis- kanerklostcrs, allwo dessen Frau ihm ein herrliches Grabdenkmal setzen ließ. Dasselbe besteht aus zwei Theilen; in der Mitte des oberen Theiles ist die Grablegung Christi angebracht, rechts im Hintergrund Jerusalem und links der Caloarienberg. Zu beiden Seilen des Bas-Relief liest man nachfolgende Inschrift, gedichtet von Sebastian Baur aus Haidenheim: „Orlonäi cinevos, eben! moäo änlos lognenies diüiio mutos, dien! üellltis nrna gromit, 1>assLo snnt. Lsnllo Llmritos tu» knnerg, lmsso, Drincipipus irniltum, ctioroquo Ooesarivus. Ldgiea guem teiln» ^enitrix äeäit inAeniormo, InZoinorum altrlx Loja. stovit luimus. ttorporis eruvms soclow googns Doja tsxit, Dost Instro. ae üiomes sena bis aeta üuas. Itodois, ssxo, keras, Orpüons, at Illo Orxüoa teaxit, llarmonioeguL äncos povenlit üarmonia. l^une guia complevit totnm oonoentibns orbom, Victor onm su^cris cortat axoll sogeros." In der Mitte des untern Theils lind kuieende Frauen angebracht nebst den Wappen des Meisters und seiner Frau. Ein Unbekannter hat das Wappen zum Andenken an den großen Meister in Kupfer stechen lassen und mit nachstehenden Versen begleitet: „Oäanili Dass! gmcongno insigma icoms, Liste xarmn; vigüi sinxula msnto nota. Ilt so: illnstrat totnm xulcüerrimus ordom, Orlanänm mnnäi sie guosgoo canit. Horculeo esünnt animantia onncta Iconi, Deält ct Oelanäo mnsiea tnrba Invsns. Lrux monstrat votoris tiöi rctigioills aulleum Laotora tn tanto zioetore volvo, lieet." Das wunderschöne Denkmal blieb auf angeführtem Gottesacker stehen bis znm Jahre 1802, kam dann nach Aufhebung des Klosters in den Privaibesitz des Hof- schauspielers Heigcl, später in die Akademie der bildenden Künste, dann an das Germanische Museum nach Nürnberg, und endlich fand es seine Ausstellung in den: Natioual- mnseum in München. Seine treue Lebensbeglciterin starb einige Jahre nach Orlando, am 5. Juni 1600, und wurde neben letzterem begraben. Ihr Denkmal trägt die Inschrift: „stlnnv Oowini 1600 den 5. Juni starb die Edl nnd tugendhaftste Frau Regina di Lassin: Weiland Orlando de Lasso Jhro Durch!, in Bayern gewessien Obristen-Capelmcisters nachgelassene Wittib, deren und allen Christglanbigen Seelen Gott gnädig und barmherzig sein wolle. Auren." Orlando ist todt, todt seit 400 Jahren, todt dem Körper nach, aber sein Geist lebt fort, so lang fort, als es eine Musik und einen Gesang gibt, und seine Motetten nnd Psalmen, sie erzählen von dem großen Genie nnd der großen Seele, die so Edles und Hervorragendes geschaffen. Fassen wir nun seine Werke zusammen nach der Quantität, und jeder muß erkennen, Orlando war einer der ergiebigsten Meister aus dem Gebiete der Musik und des Gesanges, der je gelebt. Nicht im einzelnen wollen wir sie aufführen, es genügt sicher die Bemerkung: Orlando hat im Ganzen 2337 Musikstück; componirt, nämlich 1572 geistliche nnd 765 weltliche. Ein großer Theil dieser Schöpfungen liegt in Mauuscript, Copie nnd Druck in der königlichen Bibliothek zn München aufbewahrt; einen ebenfalls reichen Schatz birgt die k. k. Hosbibliothek in Wien. Es sieht unbestreitbar fest, daß Orlando di Lasso zu den größten Männern seiner Zeit zählte, und daß er durch seine Werke sich einen unsterblichen Namen geschaffen hat. Was Palestrina im Süden, war Orlando für den Norden. Er wurde der „Fürst der Künstler" genannt, und die zn seinem Lobe gedichteten Verse: „Ilic ills ost Dossos Isssmri gell rocroat orbew Diseoräomgoo sem coxotot bonnoillco," sind nahezu Zum Sprichwort geworden. In Orlando war die Herrlichkeit der germanischen und römischen Kunst seiner Zeit in einer großen Erscheinung vereinigt, so daß Proske mit Recht sagt: „Orlando war ein universeller Geist. Keiner seiner Zeitgenossen besaß eine solche Klarheit des Willens, übte eine solche Herrschaft über alle Intentionen der Kunst, so daß er stets mit sicherer Hand erfaßte, was er für seine Ton» 196 gebilde bedurfte. Bon dem kontemplativen der Kirche bis zum heitersten Wechsel profaner Gesaugsweise fehlte ihm nie Zeit, Stimmung und Erfolg. Groß im Lyrischen und Epischen, würde er am größten im Dramatischen geworden sein, wenn seine Zeit schon diese Musikgattnng besessen hatte." Das Konversationslexikon von Mendcl- Ncißmann bemerkt: „Er adelte die strengere und kältere Weise der Niederländer durch die den italienischen Meistern bereits eigene ästhetische Schönheit und Anmuth und hals so mächtig zur Vollendung des figurirten Contrapunkts. Doch ließ ihn sein Leben auf Reisen, immerfort für Kirche und Welt Zugleich beschäftigt, hinter jener unerbittlichen kirchlichen Strenge zurückbleiben, wie sie der große Meister des Südens, Palestrina, am Mittelpunkt der Kirche gleichzeitig entfaltete. Will man in dieser Beziehung die wahre Größe Orlando's kennen lernen, so muß mau sein von jeher angestauntes Meisterwerk, die Bnßpsalmcu, studieren und dessen mächtige Harmonien, großartigen, ausdrucksvollen Stil voll Salbung und religiöser Schönheiten auf sich einwirken lassen, mit dem er Palestrina zu erreichen scheint." Nur Ein ungünstiges Urtheil konnten wir finden über unsern Meister, dasjenige Bnini's nämlich, das also lautet: „Orlandus Lassns, ein Niederländer von Geburt und von Stil, ohne schöne Gedanken, ohne Leben und Geist, ein Mann, der mit einigen achtstimmigen Messen und Motetten in einfachem Stile das übertriebene Lob: Imssug, hui rooroat ordöin, sich erobert hat." Sicher ist aus diesen Worten des sonst so gelehrten Baini zu entziffern, daß er die Werke Orlando's ganz und gar nicht genügend gekannt hat. Auch die Jctztwclt erkennt die Größe Orlando's an; bereits sind viele Nachrichten gekommen, daß seine Werke auf's neue mit denen Palestrina's aufgeführt werden, noch mehr Nachrichten werden sicher dießbezüglich kommen auf sein Jubiläum; er verdient, daß seine Werke hervor- gesucht, aufgeführt und bleibend werden. Orlando konnte am Ende seines Lebens mit dem Dichter Horaz sagen: „btregi monumentuin asro poronnius, Ilogaliglls sltu xz-ramülllin llltius: tjuoä nvll linder eäar, non llguito impotoiw Uosstt äiruero, ant irmumoradilis llrmorum seriös, ot Inga iemporuw." Wir aber schließen mit den Worten des gleichen Dichters und winden dem Meister zu seinem Jubiläum einen Kranz aus Dankbarkeit, einen Kranz zu seiner Ehre: „suwll Sllpordiam l)uaesitam meriits ot ltdi Oelpdica 1-auro eilige volens, ületpomeus, couuuu! Die Könige von Preußen und die Fürsten von Hohenzvllerrl sind Abenberg-Zollmr, nicht Zvllerrr-Abenberg. (Schluß.) Wir gehen sofort auf die kontroverse Abcu- berg-Zolleru und Zollern-Abcnberg über, um durch Vorführung einiger Hauptgründe, welche einerseits für die direkte männliche Abkunft der Burggrafen von Nürnberg zweiter Dynastie von den Grafen von Aben- berg sprechen und anderseits für die Zöllen: ins Treffen geführt zu werden pflegen, eine sichere Grundlage für ein objectives Endurtheil zu gewinnen. Die Streitfrage liegt ja gegenwärtig ziemlich einfach und offen vor aller Augen. Die Vertheidiger der abeubergischcn Abkunft der Burggrafen von Nürnberg im MannSstamme suchen zu beweisen, daß die Gräfin Sophie in die Tochter des Grafen Konrad, entweder mit Konrad junior, Grafen von Abeuberg aus der Wolfram'schen Linie, oder mit Konrad, dem Sohne Napoto's aus der Linie Otto's I., vermahlt gewesen und dem Geschlechte der Abeuberg die Burggrafschaft Nürnberg und die österreichische Grafschaft Nagoz zugebracht habe; auf der andern Seite behaupten die Vertheidiger der Zoller'schen Abkunft der Burggrafen von Nürnberg, die Erbburggrafin Sophie in Kag-ss sei die Gemahlin Friedrichs III., Grafen von Zollern, gewesen und habe demselben nicht bloß die Nagze'schen Güter in Oesterreich, sondern auch die von ihrer Mutter Hildegard, einer Gräfin Abeuberg, ererbten abenbergischcn Besitzungen in die Ehe ein- bezw. zugebracht. Merkwürdigerweise berufen sich beide Parteien auf eine und dieselbe Ueberlieferung aus dem Kloster Zweit! in Niederösterrcich, welche 1204 die dortigen Cisterzienser zum ewigen Gedächtnisse angefertigt und in ihrem liloor kunäLtionurn (der sogenannten Bärenhaut) unter Abt Ebro 1273 aufgenommen haben"). Ich habe aber in der Beilage der Augsb. Postzeiiung 1881 Nr. 70 Seite 2 längst darauf aufmerksam gemacht, daß die Notiz oder die durch viele Zeugen beglaubigte Zwettler Ausschreibung ohne Sicgelabdruck ursprünglich sich allerdings in der Bärenhaut (so genannt von dem Einbande) befunden habe, daß aber diese alte Tradition oder Ueberlieferung in die neuere Abschrifteusammlung unter Abt Otto I. erst am Anfange des 14. Jahrhunderts herübergenommen und dem neuen Kopial buche einverleibt wurde. Da nun das Original der unsicgelmäßigcn Aus- schreibung, Ueberlieferung oder des Protokolls, wie Dr. Schund die angebliche Urkunde neuerlich genannt hat, verloren gegangen und nicht mehr vorhanden ist, so läßt sich mit Bestimmtheit nicht mehr nachweisen, ob der Eintrag unter Abt Ebro 1273 dem Wortlaute der ursprünglichen Ausschreibung aus dem Jahre 1204 genau und vollständig entsprochen hat bezw. ob der jetzige Eintrag in das Kopicnbuch des Abtes Otto I. im Anfange des 14. Jahrhunderts mit dem Originale und dem Eintrage von 1273 aufs genaueste übereinstimmt.") Wir haben nun gegen die Schenkung der Gräfin Sophie in Nagze an das Kloster Zwcttl im Jahre 12 0 4 im Allgemeinen nicht viel einzuwenden, nur die Worte nOoruitis Ist'iäorioi" nach rouriti sui müssen wir auch heute noch wie im Jahre 1869 aus den dort angegebenen Gründen") für eine Interpolation späterer Zeiten, für unecht und unterschoben erklären. Der dem Originale fremde Zusatz ^oouritis IHäeriai« mag bei der Anfertigung der Stiftungsbücher des Klosters Zwettl im 13. Jahrhundert unter Abt Ebro (1273) oder unter Abt Otto im 14. Jahrhundert von einem der Kopisten erst hinzugefügt oder aus einer Randglosse in den Text aufgenommen worden sein; ursprünglich d. h. im Texte ") Einige Abdrücke der fraglichen Ueberlieferung habe ich in den Grafen von Abcnberg 1869 S. 105 namhaft gemacht; auf andere hat Meyer in den Burggrafen S. 73 hingewiesen. ^) Einige nicht unwesentliche Verschiedenheiten im Texte bcS Zwettler KopialbuchcS bezüglich der fraglichen Aufzeichnung und des Einganges dazu habe ich schon 1881 Nr. 70 der Beil. z. AugSb. Postztg. besprochen. ") Grafen v. Abeuberg S. 45. Die hohenlohische Abkunft der ersten Burggrafen von Nürnberg verzeihen wir dein Herrn Octter. Wenn derselbe aber in der Zwettler Aufzeichnung für Nürnberg Rum bürg lesen wollte, so wurde er dcßsalls von Archivar Spieß schon zurechtgewiesen. 197 der alten, nicht sicgeluiäßigen Ueberlieferung konnten diese Worte schon deßwegen nicht stehen, weil sie mit der heimischen Ueberlieferung aus Kloster Heilsbronn und mit den Thatsachen, welche 1204 die Zwcttler Cisterzienser zum einigen Gedächtnisse constatirt haben, im grellsten Widersprüche stehen. Die Bruder von Zwetil sagen in ihrer Aufzeichnung, „daß die Gräfin in Ragze lange nach dem Ableben ihres Gemahls (des Grafen Friedrich) einen Weinberg in Lentacher um 34 Mark Silber erworben und zwei Hubcr in der Villa Nadel, welche sie, um Werke der Barmherzigkeit zu üben und Almosen zu spenden, sich damals vorbehalten, als sie ihren Söhnen die Nachfolge und das Erbe in ihr Vatergut eingeräumt hatte, — Gott und dsatas Llarias und den ihnen dienenden Brudern in Zweit! unter Vorbehalt der Nutznießung zur Benützung") frei und aus eigener Machtvollkommenheit übergeben habe." Nehmen wir nun an, daß der Weinberg zu Leutaker (nach freundlicher Mittheilung des Herrn Professors Leopold Jananschek vom 12. Mai 1877 heutzutage Dorf Leodagger mit trefflichem Wein bei Pulkau, nicht weit von Nütz, in Niederösterrcich) 6—8 Jahre nach dem Tode des Burggrafen Konrad I. von Abenberg-Rakoz"), sohin im Jahre 1198/99, von der verwittweten Burg- gräfin Sophie cx xropriig erworben wurde und die Uebergabe ihres Vaterguts an ihre Söhne Friedrich und Konrad ungefähr um dieselbe Zeit stattgefunden hat, die Güter in der Villa Noedcl (nach Jananschek auch Nadel, Nadelcins bei Neunzen, etwa 3 Stunden vom Stifte Zwcttl entfernt) mithin ebenfalls 1198/99 von der Gräfin aus dem Vatergute zu wohlthätigen Zwecken rescrvirt worden sind, und erwägen wir, daß nach dem trefflichen I. Wcndrinsky, k. k. Bibliotheksbeamien in Graz,") der Burggraf von Nürnberg und seine Mutter die Grafcschaft zu Nageth (Ra^s) und den Marcht und daz darzne gehört um 2000 march silberS an Herzog Leopold den Glorreichen (1198 bis 1230) zwischen den Jahren 12 00 und 1203 verkauft haben, so begreift man recht wohl, daß die Brüder in Zwcttl den Besitz, welchen sie der Gräfin Sophie von Nageths (Ila§ 26 ) verdankten, durch die Aufzeichnung von 1204 gegen die allenfallsigen Ansprüche insbesondere des Herzogs Leopold von Oesterreich sicher stellten. Die verwittwcte Burggräsin Sophie in 1Ia^2s hatte 2 Söhne, Friedrich I. und Konrad II., Doppelnamen, welche sich bei den Burggrafen von Nürnberg im 13. Jahrhundert noch zweimal wiederholten (Konrad III. und Friedrich II. mit dem Löwen, dann Friedrich III. und Konrad IV. der Fromme). Der ältere Sohn Friedrich war dem Vater Konrad I. von Abeuberg-Nagze?") schon 1192 in das kaiserliche Burggrafenlehcn zu Nürnberg succedirt und erscheint als Burggraf zwischen 1192 und 1200 häufig neben dem uahever wandten Grafen Friedrich II. von Abenber g. In Folge der Neber- "1 In der Beilage der Augsb. Posiztg. 1631 Nr. 71 S. 2 ist statt Mich brauch Nießbrauch zu lesen. ") Schon 1881 schrieb ich (I. e.): „Sophie von Nagze war nicht die Gemahlin Friedrichs I. (ch 1218), sondern Konrads I. (nicht V.!), Burggrafen von Nürnberg, welcher 1191 starb und zwei Söhne, Friedrich 1. u. Konrad jun>, Grase» von Aben- bcrg, bintcrlassen hat. -°) Die Grafen von NaavS. Wien 1879, S. 103. 2 °) >0nuruäu8 grotoetrig äs raksoo« konnte in der Urkunde vom 25. Mai 1190 nur der Erbe des letzten Grafen von Nakece, nicht dieser selbst, der wahrscheinlich schon vor 1175 starb, genannt werden. gäbe des mütterlichen Erbes um die Wende des 12. Jahrhunderts hatte zwischen den Brudern eine Allodialgüter- abtheilung wahrscheinlich in der Weise stattgefunden, daß der altere Bruder Friedrich die Grafschaft Nakets in Oesterreich, der jüngere Konrad dagegen die damals durch den Tod Friedrichs II. eröffnete und heimgefallcne Grafschaft Abeuberg zurückerhielt und mit dem Antheile, welcher der älteren Linie verblieben war, wieder vereinigte. Daher ist es wohl gekommen, doß der Verkauf der Grafschaft Nagets in Oesterreich nur von einem Burggrafen und seiner Mutter bethätigt worden ist. Sophie, Gräfin von Nagze, wird noch vor dem Jahre 1204 gestorben sein, da die Zwcttler Aufzeichnung aus diesem Jahre ihr Ableben vorauszusetzen scheint, weil die Rechte und Ansprüche des Klosters durch Zeugen und Mittelspersonen zu sichern nicht nöthig gewesen wäre, wenn Sophie noch gelebt hätte. Sie dürfte auch mit dem vicecowcg Konrad (Grafen von Abeuberg) schon ca. 1165/70 vermählt worden sein und hatte demnach, vorausgesetzt, daß sie damals 20 Jahre alt war, bereits ein Alter von über 60 Jahren erreicht. Wo sie beigesetzt worden, ist noch nicht genau ermittelt,^) die Vermuthung spricht für das Erbbegräbnis; zu 8. Aegydien in Nürnberg. Zwischen 1191 und 1218 ist kein Burggraf von Nürnberg gestorben, wir wenigstens haben einen Beweis hiefür nirgends auffinden und entdecken können. Die Aufzeichnung des Klosters Zwettl aus dem Jahre 1204 bestätigt bei Hinwegnahme des interpolirten Grafen Friedrich nur so viel, daß die Gemahlin des 1191/92 verlebten Burggrafen (Konrad) von Nürnberg eben die Gräfin Sophie in Nagze gewesen. Würde Sophie mit dem Grafen Friedrich schlechtweg vermählt gewesen sein und wäre dieser Graf Friedrich III. von Zollcrn gewesen und würde derselbe im Jahre 1200 oder 1201 mit Tod abgegangen sein, wie von den Hohenzollern- forschern behauptet wird, dann käme der Inhalt der Zwcttler Aufzeichnung mit sich selbst in grellen Widerspruch. Will man die Aufzeichnung gelten lassen, so muß man die an und für sich höchst verdächtigen Worte „cowttm Iriüerici" daraus wieder entfernen. Nach der heimischen Ueberlieferung aus dem Hauskloster der Grafen von Abeuberg und Burggrafen von Nürnberg ist Burggraf Friedrich I. im Jahre 1218 gestorben?") Diese heimische Tradition ist zwar im Hinblick auf die Zwcttler Aufschreibung beanstandet und heftig angegriffen worden, allein dieselbe findet in einer urkundlichen Nachricht von 1219 ihre volle Bestätigung. In einem Kaufsinstrumente Erzbischof Eberhards von Salzburg und des AbteS von Niederaltaich tritt nämlich nach Eberhard corncs clo Oornffcrclr „Oüunraäns c^uon- clain xurcrnvirm" als Zeuge auf und bestärkt durch den Zusatz „weiland Burggraf" implicite, daß sein älterer Bruder Friedrich zuvor d. h. 1218 gestorben ist und demselben seine Söhne Konrad III. und Friedrich II. dauials im Burggrafenlehcn bereits succedirtcn.^) Im Jahre 1881 habe ich meine Annahme, baß Friedrich I. der jüngere und Konrad II. der ältere Burggraf sei, dahin berichtigt, daß sich die Sache umgekehrt verhalten habe, und die Vermuthung ausgesprochen, Sophie von Ernst brunn sei Friedrichs I. °>) In den Graten von Abeuberg 1869 S. 55 habe ich den dort mitgetheilten Necrclogs-Eiutrag aus Kloster Heilsbrcnn auf Sophie von Nagze bezogen. Statt'Frcitag (o) ist Donnerstag (o) zu berichtigen. --) Beilage zur Slugsb. Postztg. 1681 Nr. 71 S. 2. 2 °) Llon. Lote. XI, 138. 193 Gemahlin und die gesuchte Erbgräfin von Zeltern gewesen Für eine und dieselbe Person kann ich die Gräfin Sophie in und die Gräfin von Ernst- brnnn auch heute noch nicht halten, weil die hohen Frauen verschiedene Namen führen, zu verschiedenen Zeiten das Kloster Zwettl beschenkten und beide weit von einander gewohnt haben. Möglich bleibt es zwar immerhin, daß Gräfin Sophie von Ernstbrnnn mit Burggraf Friedrich I. vermählt war, allein einen Beweis hie- für können wir nicht erbringen, ja wir halten es jetzt für wahrscheinlicher, daß die Gräfin von Ernstbrnnn, ge- borne Gräfin von Tollenstein-Hirschberg, mit Burggraf Konrad II., d. h. mit dem cioruinns Konrad funior-von Abenbcrg, vermählt war und daß beide im Stiftnngs- gcmälde zu Heilsbronn die bekannte glänzende Darstellung gefunden haben. Verhält sich die Sache so, wie angegeben, dann waren die burggräflichcn Bruder Friedrich I. und Konrad II. (junior) geborne Grafen von Abenbcrg, mithin aben belgische Erben durch Geburt, und eine Er- heirathnng der abeubergischen Güter durch Graf Friedrich III. von Zollern, welche wir von Ansang an zurückgewiesen haben, hat niemals stattgefunden. Die Erb- gräfinnen Maria (Falkenstcin, Stillfricd) und Hildegard bezw. Hildegard-Sophie (Niedcl, Schmid) sind weiter nichts als leere Fiktionen.^) Friedrich I., Burggraf von Nürnberg, muß unter diesen Verhältnissen mit einer Erbgräfin von Zollern einen Theil ihrer Güter für sich und seine Nachkommen erworben haben, und wenn seine Gemahlin nicht, wie er selbst, in Heilsbronn beigesetzt wurde, so hatte dieses seinen Grund wahrscheinlich darin, daß sie ihren Gemahl überlebte und sich mit ihrem jüngern Sohne, Burggraf Friedrich II. von Nürnberg und Abenbcrg, auf die väterlichen Güter in Schwaben zurückzog, daselbst starb und in einer zoller-hohenbergischen Familiengrabsiältc beigesetzt wurde. Die Insinuation Schmids, als halte ich behauptet, „das ganze Haus der schwäbischen Grafen von Zollern sei am Ende des 12. Jahrhunderts im Mannsstamms ansgsstorben", ist unrichtig^); wahr dagegen ist, daß ich schon im Jahre 1869 eine Linie Aüenberg-Zollern- Hoheuberg^) angenommen habe und im Jahre 1881 nachzuweisen suchte, daß Burggraf Friedrich II. von Aben- berg mit Elisabeth von Hohenberg^), einer Schwester des Grafen Albert II. von Hohenberg, vermählt war, von welcher Verbindung Schmid jetzt noch nichts wissen will ^°), obwohl diese Thatsache von einem der besten unter unseren bayerischen Geschichtsforschern schon längst hinlänglich beglaubigt und bestätigt ist. Unser Felix von Oefele hat im II. Bands seiner Lori^toros Ilcwuin Uoicarum die glaubwürdige Notiz aufbewahrt^), „daß im Jahre 1243 die Herrin Sophia Beilage z. Angsb. Postztg. 1881 Nr. 72 S. 2. Nach Wendrin'sky, die Grafen von Naabs, rührt Ernstbrunn von den Grafen oder Markgrafen von Vobbnrg (Hohen- wart) her, aber auch die TollcnsteimHirschbcrg waren in dieser Gegend NiederösterrcichS begütert, t. o. S. 109 u. 110. Vcrgl. Grafen v. Abenbcrg 1869 S. 54, Beilage z»r AngSb. Postztg. 1881 Nr. 29; Schmid, die Burggrafen von Nürnberg, S. 27 n. 28. 47 u. 48. n) Vcrgl. Schmids V. Fundamcntalsatz in Vd. III dcr ältesten Geschichte von Hohenzollern. 2°) Grafen von Abenbcrg S. 57—61. Beilage z. Augsb. Postztg. Nr. 33 S. U Die Könige von Preußen sind Hohenzollern S. 96. ") Xvno Lowiui L160XUIII obüb Domino. Loxbis, von Hochberg, geborne Burggrafin von Nürnberg, starb und im Predigerklvster zu Freiburg im Brersgau bestattet wurde." Es ist hier ohne allen Zweifel Friedrichs II., Burggrafen von Nürnberg und Abenbcrg, und der Elisabeth, Gräfin von Hohenberg, Tochter Sophia, die Gemahlin Konrads, Grafen von Freiburg, gemeint, deren Ehe wegen Blutsverwandtschaft im IV. Grade wieder getrennt werden sollte^), in Folge Dispensation des Papstes Jnnocenz IV. clo äuto 18. Mai 1248 jedoch bestehen blieb. Das angebliche Sterbejahr Sophiens ist sicher falsch abgeschrieben worden, denn dieselbe konnte 1243 nicht schon todt sein, wenn ihre Ehe am 18. Mai 1248 durch Dispense ratihabirt worden ist. Wahrscheinlich starb sie erst LI00X01II (1293) oder NOdXIII (1263), und dürfte eines dieser Jahre für ZIOOXIiIII (1243) zir rcstituiren sein. Hochberg ist Hohenberg. Friedrich II., Burggraf von Nürnberg und Abenbcrg, war demnach mit einer Zollcrn-Hohenberg verbunden, und wir hatten vollkommen recht, wenn wir schon 18 81 geschrieben Habens: „Besondere Beachtung scheint uns der Umstand zu verdienen, daß Albert II. (Albrecht), Graf von Hohenberg, bereits am 12. Januar 1271 von Friedrich dem Erlauchten, dem Sohne Friedrichs mit dem Löwen, uvunoulus d. h. Muitcrbrnder genannt wird. War Albert dieß in der That (wir haben keinen Grund daran zu zweifeln), so ist eben Elisabeth, die Gemahlin Friedrichs mit dem Löwen, des Stammvaters dcr Fürsten von Hohenzollern, eine Zollern-Hohenbcrg und nicht eine Gräfin von Habsburg oder Abenbcrg gewesen. Elisabeth ist demnach wohl als die Schwester Alberts II., des SohncS Alberis I., und als Tante des Benediktiner-Priors von Oberaltaich, Alberts von Hohenbcrg-Hnigerloh, welcher 1239 (nicht 1229) geboren und am 26. November 1811 gestorben ist, anzusehen ^). Schmid hat zwar die Bezeichnung Werts II. bon Hohenberg als nvunonlns Friedrichs des Erlauchten^) bemängelt, allein wir haben diese Bemängelung schon 1881 zurückgewiesen und daraus aufmerksam gemacht, daß wir diesem Autor nicht sofort und ohne reifliche Untersuchung des Sachverhaltes Glauben beimcsscn dürfen, weil er selbst zugesteht, daß sich die ältesten Glieder des hohenbergischen Hauses ebenso schwer wie die letzten genealogisch einreihen lassen^) und zwischen Albert II., Alberts I. Sohn, und Albert III. (Schmid II.), BnrkardL III. Sohn, unterschieden werden muß. Jüngere Schriftsteller behaupten, daß Friedrich mit deut Löwen erst nach dem 4. Juni 1265 gestorben sei, Schmid beanstandet auch diese Angabe und setzt das Ableben desselben Zwischen 1255/56 an. Wir gehen hierauf äs IloebbsrA, uaia clo bturnborA Unrg'ravia, in Driburxo sito in UrisAanclio, in Llonaetsrio Uraeäieatornw ibiclom in ambitn ovxnita. Grasen von Abenbcrg S. 69—73. Beilage z. Augsb. Postztg. Nr. 33. Die Darstellung Schmids über den in Oberaltaich als selig verehrten Hohcnbergcr Grafen genügt nicht, enthält auch manches Unwahre; ich werde deßhalb später speciell auf den Obern ltaicher Prior zurückkommen. ^) Schon Friedrich mit dem Löwen wird in dcr Urkunde vom 2. April 1228 iltnsdris voines genannt, man hätte deßhalb dem Sohne diesen Titel nicht als etwas Besonderes beilegen sollen. Die Zollern führten 1228 den Titel itlnstris noch nicht. --») Beilage z. Angsb. Postztg. 1881 Nr. 33 S. 1. 199 nicht näher ein 2 ?), auch nicht auf die handschriftliche Genealogie des Erasmus Sayn von Freismgen, von der man nicht weiß, wann und auf welchem Wege sie von Freising nach Gießen gekommen. Dieselbe ist nicht einwand- und fehlerfrei, und habe ich mich dagegen schon 1869 dahin ausgesprochen, daß sie erst aus dem 15. Jahrhundert stammt und au denselben irrigen Voraussetzungen leidet, wie die Hoheuzollerntheorie seit 400 Jahren^). Ist nämlich Friedrich III. von Zolleru nicht mit Gräfin Sophie in LaFrm vermählt gewesen, und daß dieses nicht der Fall war, glauben wir überzeugend nachgewiesen zu haben, so bleibt nichts übrig, als anzunehmen, Friedrichs I. Burggrafen von Nürnberg und Grafen von Abeuberg Gemahlin seiS 0 phie (oder wie immer sie geheißen), eine Erbrachter der Grafen von Zollern, gewesen. Ihr Sohn Friedrich II., auch mit dem Löwen und der jüngere genannt, war mit Elisabeth von Hohen- berg so nahe verwandt, daß zu ihrer Lerehelichnng ebenfalls päpstliche Dispensation nöthig war, wie bei der Tochter derselben, Sophia, und dem Grafen von Freiburg, ein Umstand, der zur vollständigen Klärung der bielum- strittenen Abstammnngssrage wesentlich beitragen dürfte. Wir müßten ein dickes Buch schreiben, wollten wir Alles vorbringen, was wir bei Dr. Schmid zu beanstanden gefunden haben. Wir verweisen auf unsere Abhandlung «Die Grafen von Abenberg die Ahnen der deutschen Kaiser und der Fürsten von Hohenzollern 1890", für welche sich noch kein Verleger gefunden hat, und bestreiten, daß aus der Zwettler Auszeichnung und der Genealogie des Eras- mns Sayn von Freising die Zoller'sche Abstammung der Burggrafen von Nürnberg bewiesen werden kann"); wir sind vielmehr vollständig davon überzeugt, daß die illustren, von den Fürsten oder Herzogen von Bayern abstammenden Grafen von Abenberg in den genannten hohen und höchsten Fürstenhäusern nicht als Zollern-Abenberg, sondern als Abenberg-Zollern fortlebten bis auf den heutigen Tag. Passau, 15. Febr. 1894. I. Nep. Seefried. Berichtigung. In Nr. 24 bcr Beilage ist im Artikel „Die Könige von Preußen rc." S. 167 Spalte 2 Zeile 4 zu lesen: (fi am 22. Juli nach 1103). Vcrzerchttiß bei der McdacLrorr en;ge?lu:fsrrer Schriften. KricgSeriunerungcn eines Fclbzugsfrciwilligen aus den Jahren 1870 und 1871 von Karl Zeitz. Mit Jllustr. Verlag von St. Geibcl in Altenburg. 2. Aufl. Erscheint in 19 Lieferungen ä 50 Pf. (Der Verfasser, Hr. Zeitz, war 1884 bis 1800 Neichsiagsabgcorducter; bei AuSbruch dcö Krieges war er Geschäftsmann in PariS, eilte sofort in die Hcüuath und 2 ') Vergl. Schmid: Die Könige von Preußen sind Hohcn- zollcrn, nicht Abenberger S. 30. 40 A. 2 u. sonst. Die Gegner SchmidS haben den Wortlaut der Urkunde vom 4. Juni 1265 (2Ion. 2oU. II, 100) für sich. Der xatrnns (Vatcrsbruder) des Burggrafen Friedrich III. (II.) war eben Friedrich mit dem Löwen. SchmidS Erklärung mit „Vetter" ist gesucht. Ueber den Todestag (14. VI.) vergl. Beilage z. AugSb. Postztg. 1831 Nr. 33 S. 2. ^) Grafen von Abenberg 1869 S. 73 u. 101. 2 °) Derselbe trat wohl 1227/28 in das Erbe der Mutier ein. Wäre Burggraf Friedrich I. ein Graf Zollern gewesen, so wäre seinem älteren Sohne Konrad die Siammburg Z 0 llern zugefallen. Vergl. Meyer I. 0 . S. 43. ") Die überschwenglichen Lobeserhebungen SchmidS in der Allgemeinen Zeitung und die Behandlung, die er seinen Gegnern zu Theil werden läßt, schaden seiner Sache sicher mehr, als sie ihr nützen. rückte als freiwilliger Musketier inS Feld, wo er 20 Gefechte und Schlachten mitmachte. Die „Erinnerungen" sind frisch und humorvoll geschrieben.) DaS Reichsgcsctz vom 1. Mai 1889, bctr. die Erwerbs- und Wirthschasisgcnosscnschaften und die DarlehcnS- kasseuvcreiue nach Naiffebens System in Bayern. Anleitung zur Gründung und Geschäftsführung rc. Von L. Weriihaimiicr, kgl. Ncgicrnugscommissär in Würzbnrg. 2. erweiterte Auflage. Würzbnrg, Göbcls Verlagsbuchhandlung 1894. „Die Reform der Produktenbörse." Von ReichS- tagsabz. Gras Arnim-Muökan und Landrath Gcscher. — Die Entwicklung des wirthschastl. Lebens in Deutschland seit 1890. Von Ockon.-Nath v. Mendcl-Steinfels. — (Vorlräge gcbaltcn in der 19. Generalversammlung der Vereinigung der Steuer- und Wirthschastsreformer.) Berlin, Verlag des Bureaus der Reformer. Hagclbcrgerstraße 18. Preis L 50 Pf. Die fünf heiligen Skapnliere von k. Phil. Sceböck 0. 8. vr. Innsbruck, Verlag der marianischen Vercin-Sbuch- handlung. 30 Pf. Der treue Kamerad. Ein illustr. Lehr- und Lern- mittel für Fortbildungsschulen. Heraus.;. vom kath. ErzichungS- vercin für das Land Vorarlberg. Erscheint monatlich einmal. Preis per Jahr 1 M. 50 Pf. Verlag von Teutsch in Brczcnz. Die marianische Kongregation. Sieben Gelegen» heiiSpredigtcn. Von C. Stemlin, Priester der Diverse Basel. Jngenbohl, Verlag der ErziehnngSanstalts-Drnckerci „Paradies". Vergleichende Erdkunde u. Alttcst. Geograph. Weltgeschichte. Mit 10 Karten. Von H. Haugz in Gotha. Selbstverlag. vorsmouia« IliZZ. 8ol. ot kontik. op. Oloorgsii Lebober, 0. 8. N. Verlag von Pustet in NegeuLburg. 2 M. 80 Pf. (geb. M. 3,60). Die geistliche Schnlaufsicht in der Volksschule, ihre Berechtigung und Ausübung. Von M. A. Bcrninger, Pfarrer in Euerfeld. Würzbnrg, Verlag von A. Eöbcl. Preis 70 Ps. Winke und Rathschläge zur Gründung und Leitung Naifseiscn'scher Darlehenökassenvercine von Kolb, neu bearb. von C. W. Kaiser. Würzbnrg, F. L. Bnchcr'schcr Verlag. Preis 2 M. Die consessioncllcn Verhältnisse a.d. Höheren Schulen in Elsaß-Lothringen. Statist, u. histor. dargestellt von einem Mitglied des kath. VolkSvercins. Commissions- vcrlag von Herders Agentur in Straßburg. Preis geb. 90 Ps. Kirchcngcschichtc. Für die katb. Familie bearb. von vr. H. NolsnS. 3. Aufl. 1. Hcst. (18 Hefte ü 50 Pf.) Herders Verlag in Freiburg. Legende oder der christliche Sternhimmel von Alban Stolz. 10. Aufl. mit vielen Bildern. 1. Hcst (10 Hefte ^ L 80 Pi.) Freiburg. Herders Verlag. vullotin äs la Uartreipatiou aux höneüoLs. Varm, lm xrlmvrio Oliaix. 1894. 16. Jahrg. 1. Lieferung. (Erscheint viermal im Jahr. Preis per Jahr 5 Fr.) Kirche und Kirchenjahr. Kurze Belehrung von I. D Schiltknecht, Oberlehrer und NeligionSlebrer in Obcrehnhcinr Verlag von Herder in Freiburg. Preis 30 Ps. Verzcichniß von Lehr- und Gcbctbüchlcin für Kinder. Herders Verlag in Freiburg. Kurzer liturg. Unterricht über Kirche, Gottesdienst u. s. w. von Math. Reiß, Priester der Diöccic Trier. 4. Auflage. Verlag von Herder in Freiburg. Preis 25 Ps. (geb. 35 Ps.). Antiquar. Anzeiger bcr Buchhandlung L. Arier in D 0 nauwörth 1694. Nr. 136. „Unsere Bäume und Sträucher" von vr. B. Piöß. Verlag von Herder in Freiburg. Preis geb. 1 M. 30 Ps. Franz. M. P. Libermann und seine Stiftung: die in Denlsch-Qstasrika thätige Kongregation rom hk. Geist. Von W. Helmes. Mit Libermannö Portrait. Münster, Ceiu- inissionsverlag von H. Schviiiugh. Herz Jesu-Büchlein von v. Schneider. Verlag von Arier in Douauwörth. Aloyi'inS - Büchlein. Don D. Faustmaim, frcircs. Pfarrer. Neueste Auflage. Würzburg, F. L. Bucher'sche Verlagsbuchhandlung. Preis geb. 60 Ps. TLckitcrchens Liebling. Heft 5. Jllustr. Mädchen- Arbcitszcitung. Monatl. 1 Heft mit Beilagen. Preis 50 Pf. vierteljährlich. Diese Zeitschrift, bisher im Verlage der Passauer „ParndieSdruckcrei", erscheint nunmehr im Verlag von I. Noth in Stuttgart. Sie bietet einerseits gute UutcrhaltuugSlckiüre, anderseits Arbeitsmnster für Mädchen. Das Apostolat der chrisil. Tochter. St. Angela- Matt. V. Jahrg. Nr. 12. HcrauSg. von N. Schöpilcuthner. Wien, St. Norbert-Druckerei. Preis jährlich 2 M. 50 Pf. Katechetische Blätter. Zeitschrift für NcligionSlehrcr von Frz. Walk. Verlag von Köfel in Kemptcn. Heft 5: Fingerzeige für angehende Katecheten. — Firmungsnntcrricht. — Von hl. Lippen. U. s. w. Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit. Neue Beiträge zur Alkoholfrage. Von Dr. A. Schmitz. Bonn, P. Hausteins Verlag. M. 1,20. Der Dom zu Köln. Dargestellt von F. Th. Hclmken. 3. Anst. Ein Führer für die Besucher, mit Abbildungen. Köln, Verlag von I. u. W. Boisscrse. Rundschreiben Papst Leo XIII. Ans der von Herder in Frcibnrg veranstalteten Ausgabe (lateinisch und deutsch) der Leonischen Rundschreiben sind zwei weitere Heste erschienen; das eine enthält daö Rundschreiben über daö Studium der heiligen Schrift, das andre die Rundschreiben von 1891, 92 u. 93 über das Noscnkranzgebet. Kirchengerichte oder Geschichte deS Reiches Gottes. Für kath. Familien bearbeitet von Dr. Rolfns, mit Illustrationen rc. 3. Auslage. Erscheint in 18 Heften ü 50 Ps. Verlag von Herder in Frciburg. Iesuiten und IesuitcnschuIcn, Offene Antwort rc., von Lehrer Jos. Reist. (3. Heft der Pädagog. Vortrüge u. Abhandlungen.) Kemptcn, Kösels Verlag. Preis 70 Ps. DaS Harmonium-Spiel in stnfcnweiser, gründlicher Anordnung zum Selbstunterricht. Von B. Mcttcnlciter. IV. Anst. I. Theil. Kempt-n, Kösels Verlag. 3 M. Bildender Unterricht in den Sprachfächern. Von Dr. I. Perkmann. I. Theil. Grundlinien. Innsbruck, Wagncr'schc UniversitätSbnchhandlung. Herz-Jesu-Monat. Mit einem Titelbild in Farbendruck und 30 Jnitialbildern. III. vermehrte Auflage. Franz Hattler 8. 3. Frciburg i. Br. 1891. Herder'sche Ver- lagöhandlnng. kl. 8°. p§. 3-11. Preis 1 M. 60 Ps., geb. 2 M. X Gegenstand der Betrachtungen sind 30 Ereignisse, Zuge auö dem Leben des Herrn, von den hl. Evangelien erzählt und umschlichen das ganze Leben des Gottmcnschen; daran knüpfen sich ein Mestgcbet, zahlreiche andere Gebete und eine ncnntägige Andacht. Die Beigabe einer Beicht- und Commnnionandacht würde die Verwendbarkeit erhöhen. Der viclgcrühmte Stift Hattlerö findet sich auch in diesem Büchlein. Herz-Jesu-Büchlein für alle frommen Verehrer des hochheiligen HcrzcnS Jesu. Von P. Schneider. Donau- wörth, 1891. Verlag von L. Auer. Callicocinband. 12°. 210. Preis 75 Pf. X Ein vollständiges Gebetbuch, dem man das epitlreton ornans zutheilen könnte: Eine Sammlung der trefflichsten und schönsten Gebete zu Ehren deS heiligsten Herzens Jesu. Ausstattung ist würdig. Ein treffliches Büchlein für die heil. Firmung hat der hochwürdigste Herr Weihbischof vr. Schmiß in Köln bei Schwann in Düsseldorf erscheinen lassen. DaS Wcrlchen bietet unter dem Titel „Büchlein vom heil. Geist" eine leicht- faßliche Darstellung alles dessen, was der Firmling über das hl. Sakrament wissen muß, sowie eine Anleitung zum würdigen Empfang desselben und zur Bewahrung der mit der hl. Firmung empfangenen Gnaden. Der ganz außerordentlich billige Preis (20 Pf. für daö Exemplar bei ansprechender Ausstattung) macht es möglich, das Büchlein in größerem Umfange zu Geschenk- zwecken zu benutzen. Auf 50 Exemplare werden 5 Freiexemplare gewährt. ? Von Steichelc-Schröder, Das BiSthum Augsburg historisch und statistisch beschrieben, ist vor Kurzem ein neues, daö 39. Heft erschienen. Von verschiedenen Seiten und wiederholt wurde auf die vorzügliche Fortführung dieses hervorragenden Werkes hingewiesen. Wir begnügen uns daher damit, die in diesem Heste behandelten Orte zu nennen. Es sind ans dem Landkapitel Jettingcn folgende Pfarreien: Ais- lingen, Anried, Dürrlauiugen, Ettelricd, Flcin- hausen, Frehhaldcn, Gabclbach, Glött, Grüneu- baindt, Eundremmingcn, Hafenhofen, Halden- wang, Jettingen (letzteres noch unvollendet). OlflonborA, kouelüda: sa, vis ob ses enseiZnemsntg. Nra. einst äo t'attemaml par V. kouotrer. 8° p. VII -s- 393. karis, Llcan. 1893. Vr. 7,50 k Für den Buddhismus zu schwärmen, gehört zur Mode der Gegenwart; weniger ist die Kenntniß desselben verbreitet, und daran tragen die größte Schuld jene unberufenen Schriftsteller, die über ein Ding reden, wovon sie in der That selbst keine Abnung haben: man darf nur die arge Mißhandlung der Sanskrit- oder Paliwörter ansehen, um davon sogleich überzeugt zu sein. Neben dem herrlichen Werk deS ernsten und nüchternen Sanskritkenners Monicr-Williamö (Lmlellrism in its eonnexion rvitd brakmanisme am! etrrlstiairrtz'. London 1890) dürfte kein anderes empfehlenöwcrthcr sein, als der „Buddha" des deutschen Gelehrten Oldenberg, der überdies die Gelahrthcit nicht in der üblichen trockenen Langweiligkeit zum Ausdruck bringt, sondern in angcncbmer und frischer Darstellung zu erzählen weiß, ohne der Wissenschaftlichkeit Eintrag zu thun. Nunmehr besitzen wir das beste deutsche Buch über den Buddhismus auch in einer französischen Uebcrsetzung, die nach der zweiten Auflage des Orginals (1890) gefertigt ist; damit hat daß Werk die wohlverdiente größere Verbreitung für sich gewonnen und zugleich jene gewisse äußere Eleganz deS Stiles, die nun einmal unbestreitbar die französische Sprache vor der deutschen voraus hat. Warum fehlt es an Diakonissinnen und Pflegerinnen? Von Mathilde Weber-Tübingen. Berlin 1891. L. Ochmigke. S. 120. Pr. 80 Pfg. Dieses mit Begeisterung und Sachkenntniß geschriebene Werkchcn ist allen protestantischen Frauen und Jungfrauen auf's beste zu empfehlen. Vielleicht wird die eine oder andere von der Liebe zur leidenden Menschheit, die aus diesen Zeilen spricht, angesteckt nnd veranlaßt, ihr Leben den Kranken zu widmen. Wenn eine diesen Stand ergreifen will, dann soll sie es aber thun aus Liebe zu Christus; denn der bloße Humanitätsdusel reicht nicht hin, die Beschwerden dieses BerufeS auf die Dauer zu ertragen. — Sehr berechtigt sind die Klagen der Verfasserin über die höchst ungünstigen Versorgungsverhältnisse und über die schlechte, unwürdige Behandlung, welche die Krankenpflegerinnen namentlich von Seite der Aerzte oft zu erdulden haben. Versorgung der Diakonissinnen und Pflegerinnen im Alter oder bei Dicnstunfähigkeit ist eine Forderung der Gerechtigkeit wie der Menschlichkeit. — Wenn die Verfasserin immer von gebildeten Krankenpflegerinnen spricht, so kann ich unter dieser Bildung nur wahre Herzensbildung (GottcS- und Nächstenliebe) und medizinische Schulung verstehen. Daß wissenschaftliche Ausbildung zu einer tüchtigen Krankenpflegerin nicht nothwendig ist, das beweisen die katholischen Krankenschwestern, die zumeist auö den unteren Ständen hervorgegangen sind. — Auf die katholischen Klöster ist die V. nicht gut zu sprechen; weil sie aber wider Willen den Ordenslcnten die schönsten Zeugnisse ausstellt, will ich darüber hinweggehen. Auf einen Irrthum aber möchte ich die V. aufmerksam machen. Die Nächstenliebe läßt sich nicht befehlen und ebensowenig verbieten (wie V. zu glauben scheint). Die wahre, werktheitige Nächstenliebe bat ihre Wurzel und ihren Halt in der wahren GotteSlicbe. Demuth, Selbstverleugnung aus Liebe zu Gott und Hoffnung auf ewigen Lohn, das sind die Mittel, welche im Staude sind, aus jeder Krankenpflegerin eine Heldin zu machen! Fr. I. G. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 21 Nrn. ä 2 Bogen Hochgnart für 4 M. p. Jahr. 1891. Nr. 5. Inhalt: KritischeRcferateüberSchäfcr Hebräerbricf (Müllcr-Breslan), Ltiss 6alsnelar ok Xutries in ttio kapert Registers rolatiuK- to Oroat IZritain anet IrolamI (Bellesheim), Müllcndorff Auferstehung und Himmelfahrt deS Herrn (Deppc), Na ins OriAiuss cts la kraneo eou- tsmporains (A. Zimmermann), D r a n s f e l d Gedichte, N ü t t e u Feierstunden und Pesendorfer Jmmaculataroscn (Kelter), v. DestoucheS Orlando diLasso (Kornmüllcr), Koneberg- Kümmcl Kathol. Jugcndbibliothck, Bündchen 1—8 (NolfuS). — 5 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novi- tätcn-Vcrzeich niß. Veranftv. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Ui'. 26. Gottfried August Bürger. Zu seinem hundertsten Todestage nach seinem Leben und seinen Werken geschildert von A. G. Es ist ein mitunter verfehltes Leben, das wir im Nachfolgenden zu schildern versuchen, denn die sittliche Haltung und Würde fehlte Bürger mitunter oft, und oft bedeutend. Er war theils selbst daran schuld, indem er sich allzusehr gehen ließ, allzusehr der Sinnlichkeit sich überließ, anderntheils waren aber auch gerade in der Jugendzeit falsche Freunde daran Schuld, daß er auf falsche, schlüpfrige Bahnen gerieth, auf welchen er schlüpfrig lebte und schlüpfrig wirkte. Doch auch ein verfehltes Leben und Wirken kann für den verständigen Leser von Interesse sein, und dann hat Bürger durch mehrere seiner sehr guten Dichtungen — wir brauchen nur allein seine „Leonore" zu nennen — sich doch unter dem deutschen Volke einen so volksthümlichen Namen errungen, daß er bei seinem wiederkehrenden hundertsten Todestag verdient, wieder aufgefrischt zu werden. Bürger selbst schrieb: „Da ich durch meine poetischen Werke und einige Vorfälle meines Lebens einen ziemlich allgemein bekannten Namen in meinem Vaterland erlangt habe, so kann ich mir leicht vorstellen, daß mein Leben nicht unbeschrieben bleiben wird. Damit nun bei einer künftigen Beschreibung meines Lebens nicht romanisirt werde, damit niemand mehr sich selbst und seine Kunst, als mich darstelle, so entschließe ich mich vielleicht noch, das Geschäft lieber selbst zu übernehmen." Bürger hat dies nun unterlassen, Biographen aber hinreichend gefunden, welche theils mehr, theils weniger „romanisirten", was wir vermeiden wollen, indem wir Bürger so schildern, wie er war, nicht wie er hätte sein sollen in seinem Leben sowohl, wie in seinem Wirken und Dichten. Obige Sätze Bürgers scheinen dem bekannten Philosophen und sogenanntem Philanthropen Jean Jacques Rousseau entnommen zu sein, zum Theil wenigstens, welcher in seinen Oonksss. luv. X also schreibt: „fls kuvois cjn'on ras xsiAiioib äaas ls xrrUlis Laus äes Iruits si xsn Lsiadlastlso aux raisas, st guslquskois si äiflorruss Hus, raul^rs 1s raal, äoat js as voulois riea tuirs, js vs xoavois qus Zugnsr easors L ras raoatrsr tsl Has j'stois." Bürger wurde im Jahre 1748 zu Molmerswende im Fürstenthum Halberstadt geboren, und zwar nach seiner eigenen Angabe „in der ersten Stunde des JahreS unter den Gesängen, womit man nach alter Sitte das angekommene neue Jahr vom Kirchthurm herab zu begrüßen pflegte." Nach andern ist er schon vor Mitternacht auf die Welt gekommen. Sein Vater war Pastor, seine Mutter eine sehr begabte Frau, aber sehr roh, worüber sich der Sohn in späteren Jahren sehr mißbilligend äußerte. „Meine Eltern hielten mich anfangs für einen erzdummen Jungen." Bis in sein zehntes Jahr lernte er weiter nichts, als lesen und schreiben, hatte aber besondere Freude an der Bibel und am Gesangbuch, speziell an den Psalmen, Propheten und an der Offenbarung des heil. Johannes. Einen merkwürdigen Zug findet man bereits an dem Knaben, seinen Hang zur Einsamkeit, seine Freude an dem Dunkel der Nacht und dem stillen „heiligen" Dunkel der Wälder. DaS Lateinische wollte ihm absolut nicht in den Kopf hinein, der Vater hatte wohl Zeit zur Bequemlichkeit und zum Rauchen seines „Tobaks", keine Lust aber, seinen Sohn zu unterrichten, und schickte ihn im Alter von 12 Jahren zum Großvater nach Ascherslcben, um die dortige Stadtschule zu besuchen. Auch hier ging es mit dem Latein schlecht, er warf sich schon aufs Dichten und sabrizirte die „Feuersbrünste von Aschersleben", welche wenigstens Eines zeigen: richtiges Reim- und Silbenmaß. Ein Streit des Großvaters mit dem Rektor der Schule wegen einer großen Schliugelei des Enkels und der darauffolgenden etwas derben Bestrafung war der Anlaß, daß Bürger auf das Pädagogium nach Halle kam. Sein Aufenthalt hier fällt in die letzten drei Jahre des siebenjährigen Krieges. Ost waren die nöthigsten Lebensmittcl kaum um schweres Geld zu haben, oft ging ein Lehrer durch, denn „es gebe anjetzo kein besseres Leben, als das Soldatenleben", und nicht weniger als siebzehn Lehrer soll Bürger während der kurzen Zeit, in der er am Pädagogium weilte, gehabt haben, gewiß allzuviel und deßhalb auch allzu ungesund. Ein Zeugniß über ihn besagt: „Einen Anfang der Furcht Gottes scheint er zu haben, Studia hat er fleißig getrieben. Das äonurn äiäustnsura ist nicht ungeschickt, Sitten sind wohlanständig, das re§1inen, hofft man, wird sich auch noch finden." Trotzdem er einigemal krank geworden, hielt er dennoch mehrmals bei festlichen Gelegenheiten ordentliche Sermone und verfertigte auch oarurinn latina. Im Jahre 1764 bezog er die Universität Halle, um dort nach dem Willen seines Großvaters Theologie zu studieren. Sein Vater starb, und der Großvater wollte mit aller Gewalt aus dem Enkel einen Geistlichen machen. Theologie war aber dem Enkel ganz zuwider, doch widersetzte er sich anfangs nicht dem Großvater, von dem er jetzt ganz und gar allein abhängig war, und predigte selbst einmal in einer Dvrfkirche bei Halle. Doch bald hing er die Theologie an den Nagel und schloß sich an die Philologen an, besonders an den etwas lockeren, übel berüchtigten Klotz, der einen sehr schlimmen Einfluß auf ihn ausübte und ihn in sein wüstes, ausschweifendes Leben mit Hineinriß. Ganz entrüstet rief ihn der Großvater zurück, doch muß es dem geliebten Enkel gelungen sein, dessen Zorn zu besänftigen, denn er erlaubte ihm einen Studienwechsel, und Bürger ging an Ostern 1768 nach Göttiugen und sollte dort Jurisprudenz studieren. Während er im Anfang ziemlich eifrig dem Studium oblag, besonders dem der Pandekten, ging das Halle'sche Leben auch bald wieder in Göttingen von vorne an. Er zog zu der Schwiegermutter des Professors Klotz und trat so wieder in die alten Verbindungen mit letzterem, und „diese Verbindungen, sagt Althof, konnten weder auf sein Studieren, noch auf seine Sitten Vortheilhaft wirken; er verlor allmählig den Hauptzweck seines Aufenthaltes so sehr aus den Augen, daß der Großvater, der alles erfuhr, nach und nach seine Hand von ihm abzog und ihn, den er für einen ohne Rettung verlorenen Menschen ansah, ganz ohne Unterstützung ließ. Einer seiner nachherigen besten Freunde sagt, Bürger sei damals in einer Lage gewesen, daß mau ihn habe kennen und schützen Müssen, um sich seinem Umgänge nicht zu entziehen." Indeß nahmen sich seiner jetzt wackere Freunde an, 202 wie Biester, Sprengel und besonders Boie, eine französisch geschulte diplomatische Natur, der Bürgers Talent erkannte und sein Möglichstes that, dasselbe zu fördern und den jungen Dichter wieder auf gute Wege zurückzuführen. Die materielle Unterstützung lieferte der gute, allzeit bereite Gleim. Bürger nahm wieder den besten Anlauf, studierte fleißig die alte Literatur, die englischen Volkslieder, aus denen er später so viel für seine eigenen Balladen schöpfte, und besonders auch Shakespeare. Zur damaligen Zeit kam auch im zweiten Jahrgang des Musenalmanachs Bürgers Lied: „Herr Bacchus ist ein braver Mann", welches unverändert, so wie es niedergeschrieben worden war, bekannt gemacht wurde. Damals schrieb Boie an Gleim: »Bürger lebt jetzt auf eine un- tadelhafte Art, und ich verspreche der Nation von seinen Talenten nickt wenig; gelitten haben sie bei seiner vorigen Lebensart, aber zerstört sind sie nicht. Ich glaube, daß der Eintritt in die feine und gesittete Welt ihn jetzt zu einem vollendeten Mann machen und leicht das Nohe abschleifen würde, das ihm noch von seiner vorigen Lebensart übrig geblieben ist." Bürger hing mit großer Liebe an Gleim, was aus seinen vielen Briefen trefflich hervorgeht; oft freilich redet er ihn an mit überschwäng- lichen Worten als den «allerbesten Mann" und singt z. B.: „Fürwahr! fürwahr i ich spränge Zu Dir in'S Höllearcich Und bäte Gott, zu richten Barmherzig, und doch nur Die Hölle zu vernichten, Um Deinetwillen nur." Im Jahre 1772 brachte es Bote nach vielen Schwierigkeiten dahin, daß die Herren von Uslar Bürger die Stelle ihres Justizamtmauns im Gerichte Alten- Gleichcn bei Göttingen übertrugen. Die Freunde sahen wohl ein, daß für den so lebhaften Geist diese Stelle nicht recht Passe; allein Bürger griff mit beiden Händen nach der Stelle, einestheils, um der materiellen Noth entrissen zu werden und um mehr Ruhe zu großem geistigem Schaffen zu gewinnen. Der gute Großvater, von dem wir oben gesehen, daß er seine Hand vom Enkel ganz zurückgezogen, weil er glaubte, Hopfen und Malz seien an letzterem verloren, söhnte sich wieder aus, öffnete wieder seine milde Hand, bezahlte die Göttinger Schulden, so daß Bürger „frei" war, und sandte auch dem neuen Juflizamtmann Geld. Da er aber dem Enkel nicht traute, so erhielt er die Unterstützungen durch Vermittlung Boie's. Dieser war eine Zeit lang abwesend, und ein Dritter, dem Geld an Bürger gesandt wurde, unterschlug nach und nach die Summe von siebenhundert Thalern (damals eine sehr hohe Summe), so daß Bürger wieder sehr in materielle Klemme kam. Dieser Mann war der würtiembergische Hofrath Lifte zu Gelliehausen, früher selbst Uslarischer Beamter. Die Zerrüttung der ökonomischen Umstünde dauerte fort bis an das Ende des Dichters und hatte sicher großen Einfluß auch auf seinen poetischen und literarischen Charakter. Damals war es, daß er im Mondschein ein Baucrn- mädchen singen hotte: „Der Mond, der scheint so helle, Die Todten reiten so schnelle! Fein Liebchen, graut Dir nicht?" Bekanntlich entstand hieraus seine „Lcnore", die ihn berühmt machte. Als er seiner Zeit die Stelle seinen Freunden deklamirte: „Nasch auf ein eisern Gitterthor Ging's mit verhängtem Zügel. Mit schwanker Gert' ein Schlag davor Zersprengen Schloß und Riegel," schlug Bürger mit seiner Reitgerte an die Thüre des Zimmers derart, daß Friedrich Stolberg so erschrack, das; er einer Ohnmacht nahe war. Das Gedicht wurde bald derart bekannt und verbreitet, daß Bürger selbst es oftmals in Bauernorten deklamiren hörte und jetzt selbst glaubte, „etwas Gutes hervorgebracht zu haben". Bürger hat mit seiner Lenore einen ausgezeichneten Griff in einen ungeheuren Sagencomplex voll ethischer Tiefe gethan, der bis in das graue Alterthum reicht. Der in der Lenore classisch, wie selten eine andere Sage, aufgefaßte Volksglaube, z. B. daß Thränen die Ruhe der Todten stören, findet sich in einer sehr schönen Erzählung schon in den Liedern der alten Edda. Nicht weniger bekannt und besonders in den deutschen Schulen sehr verbreitet und gelernt ist «der Abt von St. Gallen", der Kaiser und der Abt, doch ist das Gedicht nur eine gute Umarbeitung der Ballade llokn anä tlls ubflot ok Oarttsrbur^, wie Bürger sich damals überhaupt viel mit englischen Schriftstellern und Dichtern beschäftigte. Hauptsächlich übersetzte er auch die Hexen-Scenen im Macbeth, welchen Schröder damals in Hannover auf die Bühne bringen wollte. Nebenbei verdeutschte er auch die JltaS von Homer, schrieb in das Göttingische Musen-Almanach, dessen Herausgabe er eine Zeit lang übernahm, gab auch die erste Sammlung seiner Gedichte heraus, kurz, er war fleißig, war auf den besten Wegen, ganz solid zu werden, als auf einmal wieder ein großer Rückschlag eintrat, und zwar nach dem alten Recept: oü eot 1» lamme? ein Recept, das sich Bürger selbst verschrieb zu seinem Unheil, und zwar nicht ein Mal, sondern mehrere Male. Diese seine drei Ehen mögen kurz hier Erwähnung finden, wenn wir auch der Zeit uach und feinem Wirken nach etwas vorgreifen. Im Herbste 1774 verheiratete er sich mit der ältesten Tochter des Justizamtmanns Leonhard zu Niedek. Nach seinem eigenen Geständnisse liebte er aber schon vorher deren jüngere Schwester Mollh, die er in allen möglichen und unmöglichen Tonarten besang, und die seine Liebe leider erwiderte. Diese sündhafte Leidenschaft wurde stets ungestümer, und es entstand ein jeder Sitte in das Gesicht schlagendes Verhältniß, das alle drei Betheiligte ungemein unglücklich machte. Der Schwiegervater starb, materielle Sorgen traten zu andern geistigen, er wurde verleumderischer Weise angeklagt (hierüber noch einiges später!), sein Amt gewissenlos verwaltet zu haben, durch die Untersuchung wurde er zwar freigesprochen, aber der Mann war so tief gekränkt, daß er glaubte, abdanken zu müssen. Das Brod fehlte oft zu Hause, seine Frau starb, er heirathete seine Molly, das Glück, das langersehnte, kam nicht mit Molly, denn der Weg in die neue Ehe war mit Verfehlungen gepflastert, Molly starb bald, uud durch eine dritte Ehe wurde das Unglück für Bürger vollends perfekt. Eine Schwäbin, Elise Hahn, von seinen Dichtungen begeistert, erklärte ihm in eigenen Gedichten ihre volle Liebe und bot ihm ihre Hand an. Mit Rücksicht auf seine Kinder nahm er die dargebotene Hand an — die Hand einer eitlen, genußsüchtigen und untreuen Frau, und gequält von Nahrungssorgen, einsam, elend und krank an Körper, Geist und Gemüth, ließ er sich nach kurzem Zusammenleben von dieser seiner dritten und letzten Frau scheiden. Für Bürger war die Zahl „drei" also eine bedeutende Unglückszahl, am Unglück trug aber er selbst auch die Hauptschuld. Oü ssb 1a kemms? 203 War Kaspar Häuser ein Betrüger? «SS Am 17. Dezember v. Js. waren es volle sechs Dezennien, daß Kaspar Häuser im jugendlichen Alter von 21 Jahren zu Ansbach aus dem Leben schied, nachdem er — wie er auf dem Sterbebette in drei, nur durch Schwächeanfälle unterbrochenen, gerichtlichen Vernehmungen betheuerte — durch einen fremden Mann die Todeswunde empfangen hatte. Wie die Sektion ergab, war der Stoß mit einem scharfen zweischneidigen Instrumente so kräftig gegen die Brust geführt worden, daß nicht nur die dichte Kleidung, welche Kaspar Häuser wegen der Winterskälte trug (ein wattirter Rock, eine Weste, ein flanellenes Leibchen, ein Hemd), durchbohrt wurde, sondern auch eine vier Zoll tiefe Wunde entstand, welche Herz, Zwerchfell, Leber und Magenwand pene- trirte. Und merkwürdig! wie zum Beweise eines plötzlichen heftigen Schreckens wurde der Körper gleich nach der Verwundung von Gelbsucht befallen. Dennoch stehen neuere Hauserforscher, wie Dr. Julius Meyer (z. Z. Oberlandesgerichtsrath in Ansbach), Herausgeber der „Authentischen Mittheilungen über Kaspar Häuser" (Ansbach 1872), und AntoniuS von der Linde (z. Z. Oberbibliothekar in Wiesbaden), Verfasser eines dickleibigen, im Stil des Hammelburger Reifenden geschriebenen Werkes „Kaspar Häuser, eine neugeschichtliche Legende" (2 Bde. Wiesbaden 1887), nicht an, von einem „unfreiwilligen Selbstmord" zu sprechen und so die Möglichkeit offen zu lassen, als habe sich Kaspar Häuser nur leicht verwunden wollen, um die bei einzelnen aufgetauchten Zweifel an der Wahrheit seiner Angaben durch ein entscheidendes Unternehmen niederzuschlagen. Ist es doch für beide ausgemacht, daß Kaspar Häuser von Anfang an ein Betrüger war. Freilich übersehen sie dabei, daß uns die Persönlichkeit des jungen Mannes in diesem Falle nur noch räthselhafter wird. Denn um seine Behauptung einer langjährigen Einkerkerung glaublich zu machen, hatte sich Kaspar Häuser das Aussehen eines durchaus verwahrlosten, physisch und geistig zurückgebliebenen Menschen gegeben und diese Rolle bis an sein Lebensende mit großem Geschick durchgeführt. Er hatte sich derart abgehärtet, daß er lange Zeit nur von Wasser und Brod lebte und zeitlebens allen geistigen Getränken entsagte. Er hatte feine Augen so an die Dunkelheit gewöhnt, daß er im Halbdunkel einem Naubthier gleich Gegenstände und Farben auf größere Entfernungen hin noch deutlich zu unterscheiden vermochte und das Tageslicht ihn schmerzte. Er hatte sich wie ein Clown von Jugend auf geübt, die Beine gestreckt zu halten, so daß die Kniescheibe sich einsenkte und man kein Kartenblatt unter die Kniebeuge hätte einschicken können, und alles dies hatte er gethan, um schließlich — Copist an einem Gericht zu werden(l), Jahre lang keinen Schritt aus dem Hause zu thun, ohne sich von Polizisten begleitet und überwacht zu sehen (Wie angenehm für einen Betrüger!), und sich zwei Jahre hindurch geduldig der unfreundlichen Behandlung eines pedantischen Lehrers zu unterwerfen, der in ihm nicht, wie andere Leute, ein Wunderkind sehen wollte, sondern ihm noch auf dem Sterbebette zu verstehen gab, daß er ihn für einen Simulant halte. Wie? Ein Meister in der Verstellungskunst, wie Kaspar Häuser, sollte von derselben keinen besseren Gebrauch zu machen gewußt haben und zuletzt aus verletztem Ehrgeiz (I) eine schmerzliche Todesart gewählt haben, statt sich durch die Flucht aus Ansbach einer ihm unerträglich gewordenen Zwangslage zu entziehen und sein Spiel anderswo mit besserem Erfolge zn wiederholen? Gewiß eine seltsame Annahme, die wenig Wahrscheinlichkeit hat. Noch mehr aber müssen wir in unserem Glauben an die Hypothese jener beiden Männer irre werden, wenn wir bei genauerer Prüfung wahrnehmen, daß ihre Methode, Zeugnisse über Kaspar Häuser zu verwerthen, eine ganz verkehrte ist, und daß sie selbst das Opfer einer Mystifikation geworden sind. Um dieses zu erweisen, erscheint es nöthig, auf das erhaltene Quellenmaterial näher einzugehen. Von großer Wichtigkeit für die Entscheidung der Frage, ob Kaspar Häuser ein Betrüger war oder nicht, dürften die Protokolle jener Zeugenvernehmungen sein, welche der Stadtmagistrat von Nürnberg in seiner Eigenschaft als Ortspolizeibehörde unmittelbar nach dem ersten Auftauchen des Kaspar Häuser anstellte. Leider sind dieselben aber seit Jahrzehnten verschollen und niemals bekannt geworden. Nach einer Vermuthung von der Linde's (I. S. 19 A.) wurden sie, nachdem sie zweimal von Nürnberg nach Ansbach gewandert waren, unter anderen Akten („den in der Stadt Nürnberg aufgegriffenen Findling, angeblich Kaspar Häuser, und dessen Ermordung betreffend" 1828 —1833) dem kgl. Justizministerium in München auf Verlangen ausgeliefert und von diesem am 2. August 1836 an das Staatsministerium des kgl. Hauses und des Aeußeren abgegeben. Dennoch hat sich bis heute weder im kgl. allg. Neichsarchiv noch im geheimen Staatsarchiv eine Spur davon vorgefunden. Das Aktcnmaterial, welches Dr. Julius Meyer in seinen authentischen Mittheilungen zu publiziren in der Lage war, beschränkt sich daher, abgesehen von einer Bekanntmachung des Stadtmagistrats von Nürnberg vom 7. Juli 1828 „Einen in widerrechtlicher Gefangennahme aufgezogenen und gänzlich verwahrlosten, dann aber ausgesetzten jungen Menschen betr." (mit Beilagen, welche ein Signalement Kaspar Hausers, eine Beschreibung des von ihm mitgebrachten, an Rittmeister von Wessenig adressirten Briefes nach Inhalt und Form, endlich ein Verzeichnis; der Gegenstände, die man bei ihm fand, enthalten) und einigen ärztlichen Gutachten w., auf: 1) die Protokolle jener Verhöre, die nach der ersten Verwundung des Kaspar Häuser (am 17. Okt. 1829) vom kgl. Kreis- und Stadtgericht in Nürnberg vorgenommen wurden, wobei nicht nur Kaspar Häuser selbst über seine Vorgeschichte auf's Neue befragt, sondern auch jene Zeugen, welche bereits im Jahre 1828 vernommen worden waren, unter Hinweis auf ihren geleisteten Eid aufgefordert wurden, zu bekennen, ob sie bei ihren früheren Aussagen, die man ihnen vorlas, beharren wollten und diesen nichts hinzuzufügen hätten; 2) die Protokolle jener Verhöre, welche nach dem Tode des Kaspar Häuser im April und Mai 1834 auf Requisition des Kreis- und Stadtgerichts in Ansbach, das die Untersuchung wegen Mords eingeleitet hatte, mit denselben Zeugen, soweit sie noch lebten, angestellt wurden. Diese letzteren stimmen nun allerdings mit den unter Nr. 1 genannten nicht in allen Einzelheiten überein. Dies erklärt sich aber daraus, daß inzwischen mehr als vier Jahre verflossen waren, in welchen einerseits manches wahre Detail aus der Erinnerung der Zeugen geschwunden, andrerseits manches Irrige aus dem Tagesgespräch und aus den zahlreichen Schriften, die über Kaspar Häuser seitdem erschienen waren, aufgegriffen worden war und so an die Stelle der früheren lebhaften Eindrücke trat. Es ist daher auf diese Abweichungen durchaus kein Werth zu legen; völlig kritiklos aber wäre es, den Protokollen von 1834 den Vorzug vor denen des Jahres 1829 einzuräumen. Einige Proben mögen dies erläutern. Während der Zeuge Schuhmachermeister Georg Leon- hard Wcickmann am 4. Nov. 1829 angab, daß Kaspar Häuser, als er ihn zuerst erblickte, „vom Bärleinhuterberg herunter wackelte" (vgl. auch die Verhöre des Joh. Matih. Merk, Bedienten bei Rittmeister von Wessenig, vom 20. Dez. 1829 und 5. Mai 1834 und des gen. Rittmeisters selbst, vom 2. Nov. 1829 und 29. April 1834 u. a. m.), behauptet er am 5. Mai 1834, er habe Kaspar Häuser zu Pfingsten 26. Mai 1828 den ziemlich steilen Bärleinhuterberg guten Schrittes herunterkommen sehen; desgleichen der Schuhmachermeister Jak. Leck, der bei Weickmann gestanden hatte: „Da sahen wir nun den Kaspar Häuser mit starken Schritten den Bärleinhuterberg herunterkommen "(I). Ein ähnlicher Widerspruch findet üch in den Angaben des Bedienten Joh. M. Merk. Während er am 20. Dez. 1829 versicherte, er habe auS Kaspar Häuser nichts herausbringen können, als die stereotype Antwort „des woas i net", wußte er am 5. Mai 1834 zu berichten: „ferner sprach er (Kaspar Häuser), daß er Tag und Nacht reisen mußte, dann daß er getragen worden wäre, wenn er nicht mehr gehen konnte, daß er schreiben und lesen gelernt habe und daß er alle Tage über die Gränze in eine Schule gmg"(l). Was sollen wir nun dazu sagen, daß sowohl Meyer (A. M. S. 110 A. „Merk bekundet ferner die höchst bedeutsamen Thatsachen" rc.) als A. v. d. Linde (I, 3, 9, 20) von diesen späteren Angaben für ihre Hypothese ausgiebigen Gebrauch machen! Noch schlimmer ist ein anderes Versehen! Wahrend der Drucklegung seiner Authentischen Mittheilungen erhielt Dr. Julius Meyer durch den Dom- kapitular Pflaum in Bamberg ein Manuscript des im Jahre 1862 verstorbenen k. b. Gendarmeriemajors Jos. Hickel, welcher am 27. Okt. 1829 der UntersuchungS- commission zum Behufe der Anstellung von Recherchen in Sachen Kaspar Hausers beigegeben worden war und diesen in seinen letzten Lebensjahren zu überwachen hatte. Dasselbe gibt in 63 Briefen an einen ungenannten Freund, welche angeblich in der Zeit vom 2. Juni 1828 bis 19. Mai 1834 geschrieben sind, „eine vollständige gedrängte Geschichte des Hauser'schen Falles", wie der Herausgeber Du. Julius Meyer sagt (A. M. S. 504; Caspar Häuser, Hinterlassenes Manuscript von Jos. Hickel, Ansbach 1881 S. IV). Aber schon Georg Friedrich Kolb wies in seiner Schrift „Kaspar Häuser" Ncgensburg 1883 S. 63 f. nach, daß diese Korrespondenz von Anfang bis zu Ende erdichtet ist. Kein einziger der erwähnten Briefe ist nämlich wirklich an dem Tage, dessen Datum er trügt, entstanden, das ganze Machwerk vielmehr erst im Jahre 1858, also 25 Jahre nach dem Tode des Kaspar Häuser, in der bestimmten Absicht, Kaspar Häuser als Betrüger hinzustellen, begonnen, und zwar gibt sich Hickel darin den Anschein, als habe er von vorneherein an der Wahrheit der Aussagen des Kaspar Häuser gezweifelt, während aus den Briefen des Grafen von Stanhope gerade das Gegentheil hervorgeht (s. unten). Wie keck diese Fälschung gemacht ist, mag ein Blick auf Brief 11 erweisen, dem I. Meyer das Datum März 1829 gegeben hat, obwohl darin von einem Schreiben vom 2. April l. Js. die Rede ist. Ungefähr in der Mitte dieses Briefes heißt es: „Deinem Wunsche gemäß theile ich Dir eine Probe seines Stiles mit, die er am 2. April l. Js. niederschrieb." In Wahrheit aber hat Hickel diese Probe ebenso wie das am Schlüsse angereihte Gedicht aus Professor G. Fr. Daumers „Mittheilungen über Kaspar Häuser", welche erst im Jahre 1832 zu Nürnberg in Druck erschienen, entnommen (s. Heft II S. 29; Heft I S. 45). Vollends die dem Briefe beigelegte Lebensbeschreibung Kaspar Hausers wurde in diesem Umfange erst im Jahre 1839 durch die Gräfin W. C. v. Albersdorf veröffentlicht und durch Hickel aus ihrem Buche über Kaspar Häuser I. Bd. S. 58 f. abgeschrieben. Weder Meyer noch v. d. Linde haben mithin durch die Benützung dieses Romanes ihrer Sache einen Dienst erwiesen, geschweige denn die Kaspar Hauser-Controverse durch ihre Publikationen zum Abschluß gebracht. Vielmehr sind wir auch heute noch auf die Aussagen der Zeitgenossen angewiesen, welche Kaspar Häuser nicht, wie wir Epigonen, nur aus Akten und Büchern, sondern von Angesicht kannten. Eine Uebersicht dieser Zeugnisse ergibt aber: 1) daß von allen jenen Männern, welche mit Kaspar Häuser längere Zeit hindurch verkehrten und, sei es von Amtswcgen, sei es aus persönlicher Theilnahme, mit ihm in engere Berührung traten, kaum 2 oder 3 an der Wahrheit der Erzählung Kaspar Hausers von seiner widerrechtlichen Gefangenhaltung zweifelten; 2) daß diejenigen unter ihnen, welche daran zweifelten, durch ganz unzureichende Motive hiezu bestimmt wurden. Wir wollen nun diese Männer im Folgenden näher betrachten. (Forts, folgt.) Die Todesanmeldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebtet der Natur". Von k. F.. 0. 8. §r. Die jetzigen Zeitläufte charakterisirt mehr oder minder der Zug, alles Uebernatürliche zu negiren. Thatsachen, auS denen man sicher auf das geistige Wesen des Menschen schließen könnte, behandelt man mit der nämlichen Gleich- giltigkeit und vornehmen Ueberlegenheit, wie man jetzt die Märchen der Jugendzeit betrachtet. Da erinnert es denn fast etwas an das „finstere Mittelalter mit seinem Aberglauben", wenn man den geneigten Lesern von „Geistergeschichten" — läßt ja doch der Titel schon derlei vermuthen — berichten will. Thatsächlich werden auch die „Todesanmeldungen" von den Anhängern des modernen Stoffglaubens als Hirngespinste abergläubischer Menschen gar gerne mitleidig belächelt und ohne weitere Untersuchung bei Seite geschoben. Diesem leichtfertigen Urtheil gegenüber sollen in den folgenden Zeilen die einschlägigen Thatsachen des näheren zur Unterhaltung und Belehrung besprochen worden. Unter Todesanmeldungen versteht man gemeiniglich die Thatsache, daß sich nicht selten sterbende Menschen bei lieben Verwandten oder trauten Freunden, welche meist keine Kenntniß von einer Krankheit, geschweige Todesgefahr der betreffenden Personen hatten, in dem Augenblick des Hinscheidens auf verschiedene Weise bemerkbar machen. Bald vernimmt man ein auffallendes Geräusch, bald ein geheimnißvolles Klopfen an Thüre oder Fenster; mitunter zeigt sich der Sterbende selbst jenen fernen Angehörigen, oder letztere vernehmen plötzlich dessen Stimme; in manchen Fällen bricht auch über die von einem Trauerfall betroffene Person eine unerklärliche, tiefe Niedergeschlagenheit und Traurigkeit herein, um ebenso mit einem Male wieder zu verschwinden. Wie steht es nun mit der Thatsüchlichkeit derartiger Vorkommnisse? Anmeldung sterbender Menschen! Welche Thorheit, als gebildeter, vernünftiger Mensch noch an solche Ammenmärchen zu glauben! Durch diese und ähnliche Kraftsprüche wähnen die Apostel des modernen Naturcultus die Todesanmeldungen aus der Welt geschafft zu haben. Unsere Todesmeldungen sind aber leider nicht bloße, schöne Spukgeschichten, die der Phantasie irgend eines witzigen Menschen entstammen und die man sich zum Zeitvertreib an langen Winterabenden erzählt, sondern gut verbürgte Thatsachen; hiefür aus beinahe unzähligen Beispielen nur einige! Allerdings muß hier vorerst den Gegnern zugestanden werden, daß auch auf diesem Gebiete des Unerklärlichen und Wunderbaren absichtliche Lüge und Betrügerei nicht selten ihr schädliches und schändliches Unwesen treiben. Aber wäre eS nicht doch gewagt, alle Mittheilungen derartiger Begebenheiten ohne weiteres mit dem Stempel des Betruges zu brandmarken? Auch für die Täuschung des Menschen selbst ist hier gewiß ein weiter Spielraum, indem man gerne ohne Prüfung an Außerordentliches dachte; aber alle derartigen Vorkommnisse schlechthin als Täuschung zu betrachten, kann den denkenden Geist des Menschen nicht befriedigen. Wir werden darum gerade solche Todesanmeldungen anführen, welche uns von wissenschaftlich gebildeten, ja selbst glaubenslosen Männern berichtet werden. Leuten gegenüber, welche vielleicht auch noch solche Zeugnisse bemängeln, sei das treffende Wort des gelehrten Astronomen Challis erwähnt: „Die Zeugnisse hierüber sind so zahlreich und übereinstimmend, daß die Thatsachen entweder so, wie sie berichtet sind, zugestanden oder die Möglichkeit, Thatsachen überhaupt durch menschliches Zeugniß zu erhärten, aufgegeben werden muß." -s- Der ebenso gelehrte wie fromme Kardinal Ba- ronius (1° 1607) hat uns einen der merkwürdigsten Fälle von Todesmeldungen überliefert, merkwürdig vor allem deßhalb, weil die betheiligten Personen berühmte Gelehrte waren. Michael Merkato hatte mit seinem Freunde Marstlius Ficinus die Verabredung getroffen, daß derjenige, welcher von ihnen zuerst sterben würde, deni überlebenden womöglich erscheinen solle. Auf diese Weise wollten sie dem Anscheine nach erproben, „ob es nach dieser Welt, deren Dinge sie für eitel Schein erklärten, noch etwas gebe." Eines Morgens sitzt Merkato fern von seinem Freunde — Ficinus war bereits längere Zeit nach einer anderen Stadt gezogen — mit Studium beschäftigt an seinem Schreibpulte. Da hört er plötzlich einen Reiter vorbeisprengen, der ihm unter dem Fenster zurief: „Michael, diese Dinge sind kein Schein, sie sind wahr!" Merkato glaubt genau die Stimme seines Freundes erkannt zu haben, eilt an das Fenster und sieht nur noch, wie Ficinus, weiß gekleidet, auf einem weißen Pferde sitzend, um eine Straßenecke einbiegt. In der nämlichen Stunde, so stellte es sich später heraus, war Ficinus zu Florenz gestorben.*) -j- Nicht minder auffallend ist eine Begebenheit, *) Die Beispiele, mit -j- gezeichnet, Neuerer Geisterglaube" bearbeitet. sind nach „Dr. Schneit welche uns der Dichter Wieland (-j- 1813) berichtet. Wieland wurde wegen seiner Glaubenslosigkeit und Frivolität nicht mit Unrecht „der deutsche Voltaire" genannt; er dürfte also wohl ein unverdächtiger Zeuge für Ueber- sinnliches sein! Eine fromme protestantische Dame wohnte mit ihrer Familie auf dem Landguts eines Benediktiner- stiftes; ein Priester besagten Klosters war Hausfreund der Familie. Nach längerer Zeit wurde dieser Ordensmann nach Bellinzona versetzt, um dort höhere Mathematik zu lehren. Im Lause der Jahre erkrankte die Dame, ohne daß jedoch die Krankheit gefährlich schien. Einmal um Mitternacht erhob sich die Kranke etwas von ihrem Lager und sprach zu ihrer Tochter, welche am Bette wachte: „Nun ist es Zeit, daß ich gehe und von dem Pater —> sie meinte jenen Hausfreund — Abschied nehme." Daraufhin wandte sie sich von der Tochter ab und schien ein wenig eingeschlafen zu sein. Nach einer Weile erwachte sie wieder, richtete noch einige Worte an ihr Kind und verschied. Zur selben späten Stunde, wie sich nachher ergab, saß der ermähnte Ordensmann zu Bellinzona an seinem Studiertische, mit der Lösung einer mathematischen Aufgabe eifrig beschäftigt. Eine Erkrankung jener Dame war ihm nicht bekannt, er dachte auch nicht an sie. Mit einem Male hörte er einen heftigen Knall, gleich als wäre der Schallboden des Pandora, welches neben ihm an der Wand hing, gesprungen. Erschrocken ficht der Pater um und erblickt mit einem Erstaunen, das ihn starr macht, eine weiße, jener Dame vollkommen gleiche Gestalt, die ihn freundlich-ernst anblickt und dann sofort verschwindet. -Z- Ein ebenso glaubwürdiger Zeuge wie Wieland dürfte in Sachen des Ueberstnnlichen Arthur Schopenhauer, der Weltschmerz-Philosoph, sein. Auch er schreibt über eine Todesanmeldung also: „ .... Als ein ganz neuer Fall dieser Art mag hier Folgendes stehen: Vor kurzem starb hier in Frankfurt im jüdischen Hospital bei Nacht eine kranke Dienstmagd. Am folgenden Morgen in aller Frühe trafen ihre Schwester und ihre Nichte, welche mehrere Stunden entfernt wohnten, hier ein, um nach ihr zu fragen, weil die Verstorbene, wie sie erklärten, ihnen in der Nacht erschienen sei. Der Hospital- Aufseher, auf dessen Bericht diese Thatsache beruht, versichert, daß solche Fälle öfters vorkommen." Hier haben wir den Fall, daß zwei verschiedenen Personen dieselbe Meldung zutheil wurde. Auch im Leben des hl. Aloisius findet sich eine solche Thatsache von glaubwürdigen Männern berichtet. Ein Priester der Gesellschaft Jesu lag in dem nämlichen Ordcnshause wie der englische Jüngling zum Tode krank darnieder. In einer Nacht zeigte sich urplötzlich der sterbende Pater sogar zweimal nacheinander dem heiligen Aloisius und flehte ihn um seine Fürbitte an, da er jetzt vor Gottes strengem Gerichte erscheinen müsse. Als des Morgens der Krankenwärter zu Aloisius kam, theilte ihm dieser die Erscheinungen mit, worauf der Wärter versicherte, genau zu jener Zeit sei der Pater mit Tod abgegangen. An letzter Stelle seien noch zwei Begebenheiten erwähnt, welche der allernenesten Zeit angehören und dem Schreiber dieses von den betheiligten Personen selbst mitgetheilt wurden. In den Blüthejahren des Lebens lag in einem Kloster der altchrwürdigen Bischofsstadt W. eine Nonne am Sterben. Der Bruder dieser Jungfrau lebte als Ordensgeistlicher im fernen M., wußte wohl von einer Erkrankung der Schwester, befürchtete aber nicht 206 im geringsten eine Todesgefahr. An einem freundlichen Sommertage des Jahres 188 . befand er sich mit mehreren anderen Geistlichen im Musiksaale des Hauses, als mit einem Male ein Schlag wie gegen ein Fenster erdröhnte. Die Anwesenden untersuchen sämmtliche Fenster, finden sie geschlossen und unversehrt. Nach wenigen Minuten — der nämliche heftige Schlag, ohne daß die Fenster, welche zudem von außen unzugänglich sind, irgendwie verletzt wären. In den nächsten Tagen kam in M. die Trauerbotschaft an, daß die Jungfrau R. am selben Tage, wo man jene Schläge vernahm, und zur selben Stunde verschied. In diesem Falle hörten sämmtliche Anwesende die Todesmeldung, während meist nur die davon speziell getroffene Person die Meldung wahrnimmt. Das zweite Beispiel betrifft eine angesehene Bürgersfamilie in dem Markte V. in Bayern. Fern der trauten Heimath stand eine Tochter in der Hauptstadt im Dienste, welche von der Herrschaft eines Tages zu einer Bestellung in ein Geschäft geschickt wurde. Auf der Rückkehr zur Herrschaft sieht das Mädchen mit einem Male wenige Schritte vor sich seinen Vater, wie er leibte und lebte. Uebcrrascht, daß der bereits betagte Vater in der so fernen Stadt sich befinde, ohne daß man ihr Nachricht hievon gegeben, will die Jungfrau der lieben Gestalt nacheilen. Eben meint sie den Vater erreicht zu haben, als plötzlich derselbe ihren Augen wieder entrückt ist. Unklar mit sich selbst kommt sie zur Herrschaft zurück, um nur zu bald zu erfahren, daß der geliebte Vater genau in jener Stunde, da sie ihn zu M. sah, in V. aus dem Leben geschieden sei. (Fortsetzung folgt.) Religiöse Kunst im Glaspalast zu München. (Schluß.) Einem gemalten Triptychon gleich erscheint das auch durch den Nahmen dreigetheilte Bild von Walter Firle. In der mittlern, doppelt breiter» Darstellung sehen wir eine vortrefflich gezeichnete und gemalte Gruppe von knieenden Landleuten von schöner religiöser Haltung, aber in ganz moderner Auffassung, so vorne gleich einen Bauer mit der Sense auf dem Rücken; im Hintergründe die Mutter- gottes mit dem Kinde, im orientalischen Phantasiegewande, die in der Dämmerung des Halbdunkels nicht klar in die Erscheinung tritt, was wir, obwohl es künstlerisch ja berechtigt ist, wegen der Verwendbarkeit des Bildes in einer Kirche, weniger gern gesehen hätten. Das linksseitige Bild zeigt uns die jugendliche Madonna einsam in morgen- frischer Landschaft sitzend, den sehnsuchtsvoll andächtigen Blick zum Himmel gerichtet, eine mit hochpoetischer Empfindung aufgefaßte Juugfrauengestalt; während die rechtsseitige Darstellung die durch Leiden geprüfte und wie verklärte hohepriesterliche watsr äolorosa, vorführt, die hier das von erhabener Empfindung durchgeistigte Antlitz und die ausgebreiteten Arme zu dem mittlern der drei Kreuze auf Golgatha bei hereinbrechender Sternennacht emporrichtet. Dieses mit großem stimmungsvollen Ernste und mit poetischer Kraft des Ausdrucks ausgestattete, tiefreligiös empfundene Gemälde ist von ächt künstlerischem Gehalte. Es gehört zu jenen, welche, in der Nähe betrachtet, nicht verlieren, sondern an Eindruck gewinnen. Das Letztere kann man gerade nicht sagen von dem Bilde Nr. 994 von Spatz in Düsseldorf: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid". Wir sehen links unter einem Thorbogen eine Gruppe Männer und Frauen, von schwermüthigem düstern Ausdruck der Mienen und der Haltung, zusammengedrängt. Von dieser ziemlich weit abseits sitzt an der Wand auf einem Steine des hofartigen Raumes eine Gestalt, die, wie es scheint, den Heiland vorstellen soll. Er beugt sich tief zu einem weiblichen Wesen (Magdalena?) herab, die ihr Gesicht in seinem Schoße birgt, der er wohl tröstende und verzeihende Worte zuflüstert, während die Andern warten, bis auch sie, einer nach dem andern, an die Reihe kommen. Die schmutzig grauen Wände, die schmutzig graubraunen Gewänder und traurig düstern Physiognomien der Personen in dem sonnenlos düstern Raume sollen wohl ein melancholisch wirkendes Spiegelbild socialer Verhältnisse unserer Großstädte sein! Das große Bild von H. Breiten, Amsterdam, stellt den Gekreuzigten in schlanker, schön gezeichneter Gestalt, aber in der langweiligen Malerei der flüssig-glatt behandelten weißgelben Fleischfarbe des Körpers auf den halbdunkeln Stimmungsbildern des XVI. Jahrhunderts dar. Von der Hauptsache der Darstellung, dem Haupte des Gekreuzigten, kann man leider in dem das Dunkel des Bildes noch vertiefenden schattigen Raume nichts Deutliches erkennen. Kunz Meier in München zeigt uns den in einsamer Felsschlucht in Verzweiflung zusammengesunkenen Judas, dem aus einem Dorngebüsche die Erscheinung des Gekreuzigten entgegenschimmert. — Ob dem Maler der brennende Dornbusch vorgeschwebt hat? — Judas verhüllt sein Antlitz in beide Hände, so daß man sich fragt: hat er bereits die Erscheinung deS Gekreuzigten gesehen, oder stellt sie nur ein Spiegelbild feines bösen Gewissens dar? — Der Charakter der mit plastisch kräftigem Vortrage trefflich gemalten Landschaft harmonirt, sowohl was das Motiv als die packende tragische Stimmung betrifft, vorzüglich mit dem sich in ihr abspielenden historischen Vorgänge. Professor Karl Naupp's Bild schildert uns mit kräftigem Vortrage die Noth einer armen Schiffern: mit ihrem Töchterchen in den aufgeregten Wellen des sturm- bewegten Lnndsce's. Das Ruder ist der ermatteten Hand entfallen, Mutter und Kind liegen erschöpft auf dem Boden des Kahnes. Doch die Gestalt des Schutzengels erscheint sichtbar und Rettung verheißend den Hartbe- drüngten, und schon arbeitet sich aus der Ferne das Rettung bringende Boot durch Wind- und Wogendrang heran. In dem schmalen Ausstellungsräume kommt das mit starken Gegensätzen von Schalten- und Lichtparticn ausgestattete poesievolle Bild nicht zu seiner rechten Wirkung. Zum Schlüsse möge hier noch das malerisch und inhaltlich bedeutsame Gemälde von Ferdinand Vrütt (Düsseldorf) genannt werden. Ihm sind die Worte aus Psalm II beigegeben: „Warum toben die Heiden und die Leute reden so vergeblich." — Links im Hintergründe sehen wir die in Rauch und Flammen gehüllte Fabrikstadt. Ein unordentlicher Haufe aufgeregter Arbeiter, Männer und Weiber, flüchtet von der Brandstätte in den Vordergrund uns entgegen. Bestürzt vor der sich ihnen hier darbietenden Erscheinung hält er auf der Flucht inne. Auf einer kleinen Anhöhe rechts steht lichtum- flosscn in weißem Gewände Christus vor seinem Kreuze, die rechte Hand mit gebieterischer Bewegung erhoben. Einige, besonders Frauen, sind mit ängstlicher oder flehender Geberde in die Kniee gesunken. Andere blicken wie verstockt und zornig drein; gleich vorne greift Einer nach einem Steine, dem ein Anderer zu wehren scheint. 207 — In künstlerischer Hinsicht ist das Bild gewiß eine tüchtige Leistung. Ob aber die deutlich hervortretende Tendenz gerade in dem Kreise, aus dem die Staffage des Bildes genommen, eine erwünschte Wirkung erzielt, müssen wir dahingestellt sein lassen. Immerhin aber ist es auch eine Stimme des Nusenden in der Wüste. Es richtet sich wohl nicht so sehr speciell gegen die „Socialdemokratie" bezw. „Anarchie" als solche, als vielmehr nur formell gegen diese, als die reif werdende Frucht der ganzen verkehrten und unchristlichen, rationalistischliberal - manchesterlichen Richtung unserer Zeit, deren treibende Kräfte bewußt oder unbewußt auf ein geist- und gottloses heidnisches Chaos hindrängen. — Das Bild stellt inhaltlich einen Pendant dar zu jenem vor zwei Jahren aus Paris in den Glaspalast gekommenen, das zwar im kleinen Nahmen, aber mit ergreifender Kraft der Darstellung eine arme, doch innig liebende Gemeinde treuer Freunde des Heilandes darstellte, die den zu Tode gemarterten Menschenfreund in die Leinwand bettet. Einer ist aus dem Kreise in der Ueberwallung seines Gefühles hinausgetreten, es ist ein Arbeiter mit modernem Arbeitskittel angethan, der drohend die geballte Faust gegen das aus der Tiefe mit seinen Palästen und Schlössern abendlich herüberschimmernde Babel — die Verfolgerin und Mörderin der Propheten — erhebt. Wilhelm Trübner's Kreuzigung — Nr. 1062 — gleicht in seiner malerischen Behandlung einer manierirten Mischung altniederdeutscher-mnd neuschottischer Muster; sie zeigt in der ganzen Art der gespenstisch-dunkellicht- farbigen Stimmung einen gesuchten Affekt, den man zu leicht herausmerkt und dadurch verstimmt wird. Grönvold's gut gemalte „hl. Familie" wäre wohl so etwas von Ideal einer christlich gewordenen türkischen, aber selbst mit Zuhilfenahme der Heiligenscheine noch lange nicht „die hl. Familie von Nazareth"; die Unterschrift ersetzt nicht den Mangel des tiefern Gehaltes. Das unmuthige religiöse Genre „St. Nikolaus und das Christuskind", sowie die vornehm aufgefaßte Madonna mit dem ausdrucksvollen Christusknaben von Schustcr-Woldan in München machen dem strebsamen Künstler alle Ehre. Dagegen ist die, wenn auch mit feinem Pinsel gemalte Darstellung „Petrus an der Himmelspforte" eine mit raffinirtem Witz und mit künstlicher Naivität gegebene Jronifirung des Heiligen als Himmelspförtner, deren Pikanterie ja für manchen Beschauer interessant sein mag, aber aus demselben Grunde umsoweniger angebracht erscheint. Was die Vildhauerarbeiten betrifft, so sind uns bisher nur sechs mit religiösem Charakter aufgefallen, die Erwähnung verdienen. In der Mitte des Vestibules rechterseits steht ein Relief (Nr. 1401) von gutem klassischen Stil mit der Unterschrift: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid". Die Figuren gleichen in ihrer Profilstcllung, Zeichnung, Bewegung, ihrer verhältnißmäßig starken Größe und idealisieren Bildung jenen auf den antiken Sarkophagen. Christus, in der Mitte sitzend, eine sehr große, sonst vornehme Gestalt mit edelklassischen, aber etwas leeren Zügen, wendet sein Antlitz nach rechts zu einer Hilfe suchenden Gruppe: eine Mutter mit Kind, ein Lahmer, ein Blinder, gegen dessen Augen er seine heilende Hand ausstreckt, und ein Weib, das ihm ihre Kleinodien zu Füßen legt; während er dem Pharisäer den Rücken zukehrt, der auf diese anziehende Gruppe mit sprechender Haltung des Stolzes und verächtlicher Miene herabschaut. Beim Ausgange des Vestibules in den ersten Saal rechter Hand steht die ausgezeichnete, in diesen Blättern — Beilage Nr. 23 — bereits gewürdigte Altarretable des Bildhauers Georg Busch mit der „Madonna und den 16 musicirenden Chorknaben". In dem Saale daneben, gleich rechts unweit des Einganges, finden wir die ebenfalls in der Postzeitungs-Beilage kurz charakterisirte „Rosa rn^stioa." von Heinrich Waderä, ein wahres Juwel christlicher Kunst. (Dieses, wie das vorige Thonmodell werden durch die Jahresmappe der „Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst" vervielfältigt werden.) In demselben Saale hängt noch ein großer Cruci- fixus (Nr. 106) von H. Brausewetter (Berlin) von etwas derber aktmäßiger Körperbildung, das Antlitz des herabhängenden Hauptes von den nach vorne niederfallenden Locken tief beschattet, so daß man, um dessen wirksamen empfindungsvollen Ausdruck aufzufangen, sich dicht unter das Kreuz stellen muß. In der Ecke desselben „Sculpturensaales" macht noch Edmond Lefever's „St. Cäcilia", eine etwas genre- haft, lyrisch-stimmungsvoll gehaltene, schlanke und schöne Figur in einfach großfaltiger Gewandung, welche mit Blick und Fingerbewegung die erklingenden Töne ihres Instrumentes gleichsam zu verfolgen scheint, einen an» muthig ansprechenden Eindruck. Zu dem künstlerisch Besten der Ausstellung zählt unbestritten Ciariellos (Neapel) „Pieta": ein durchaus edel gebildeter, auf der Bahre ausgestreckter, schlanker, durch Leiden zwar etwas abgemagerter, in seiner Schönheit aber nicht beeinträchtigter Chrtstusleichnam, auf dessen mit einem Tuche bedeckte Kniee Magdalena ihr Haupt niedergelegt hat; eine von hoher Schönheit beseelte, ergreifende Cvmposition. Festing. Recensionen nnd Notizen. Die Nomanwelt, Zeitschrift für die erzählende Literatur aller Völker. I. Jhrz. 1. Band. Stuttgart, Cotta 1894. Es wird nicht leicht eine moderne Literatur, ob germanische, ob romanische, ob slavische gefunden werden, welche cS vermocht hat, gegen den „Realismus" sich auf die Dauer abzuschließen. Das Quellengebiet der vielgenannten Geistcs- strömung dürfen wir in England suchen (vgl. Beil. z. Allg. Ztg. 67, 70 (57, 59)); als „natürliche Schule" lenkte sie zum erstenmale die Aufmerksamkeit der abendländischen Welt auf das russische Schriftthum und bei unsern westlichen Nachbarn bahnte ihr den Weg Flaubert mit seiner „Madame Bovary". Aber überall dort durchliefen die Geister eine langjährige Schule und entwickelte sich der „Naturalismus" als ein organisches Stei- gcrungsprodukt aus dem „Realismus", nur zu uns Deutschen kam die neue Kunst zuletzt und erst, als sie bereits anfing zu entarten. Darum ist die „Echtheit" und die „Aufrichtigkeit" unserer Modernen vielfach nichts als Mache. Die einen sehen ihr künstlerisches Ideal in einer sklavischen Durchpausung der gemeinen Wirklichkeit, die anderen kehren als geistige Straßenfeger all den im Leben über weite Strecken hin verzettelten Unrat und Wust vor unseren Augen aus einen lieblichen Haufen zusammen. Alle Naturalisten aber begehen die ästhetische Sünde, Uebertreibung der Wirklichkeit, welche sie den Idealisten so schwer anrechnen, nur daß der Idealist nach dcS Lebens Höhen, der Naturalist nach dessen Tiefen ausschweift. Fast alle Naturalisten sind vom Wahne besangen, des ZaubcrstabcS der Phantasie und der Leuchte der Sittlichkeit zur Hebung eines echt künstlerischen und poetischen Schatzes entrathcn zu können; sie wenden die naturwissenschaftliche Betrachtung auf die Poesie an nnd leugnen demnach die Ethik. d. h. sittliche Ideale, Freiheit und Gewissen. Das Streben nach Naturwahrheit erstreckte sich auch auf die Form der Darstellung. Kein Mensch bedient sich im Gespräche langer Perioden und folgerichtig mußte der Realismus die Vernichtung all der schleppfüßigen i Satzungeheucr in seine Kriegsartikel aufnehmen. Allein die Naturalisten stürmten nach dieser Seite ebenfalls zu weit vor. Sie glaubten für die Verkündigung der Wahrheit praktisch zu wirken, wenn sie nur in kurzen Sätzen von höchstens einem Dutzend Worten reden oder gar sich bloß mit Interjektionen, Bunktcn und Gedankenstrichen, Frage- und AuSrufungszcichcn zur Mittheilung ihrer Empfindungen bescheiden würden. Manier warfen sie ihren Gegnern vor lind übersahen wiederum, dah sie mit ihrem neuen bizarren Stile den Vorwurf des Manicrirtcn auf ihr eigenes Haupt laden mußten. Ein platter Naturalismus, der Kraft mit Nohheit und Echtheit mit Schamlosigkeit verwechselt und so gerne daS Glcichgiltigste und Widrigste um seiner selbst willen in die grelle Beleuchtung des Vordergrundes rückt, wie ihn I. Stindc in seiner Parodie „DaS Torfmoor" karrikirt, ist nun nicht die in der „Romanweit" vertretene Kunstanschauung. Man kann die Zeitschrift, über deren Programm die „Beilage" vom 28. Dezbr. v. JS. Nr. 52 schon oricntirt hat, überhaupt nicht der Schablone nach unter irgend einem iömuS" einreihen. Denn soviel Autoren, soviel „Richtungen". Vorherrschend aber erscheint der psychologische Roman und die realistische Schule, vertreten durch Namen von gutem Klang. Der I. Band liegt jetzt vollendet da. Er enthalt abgeschlossen die Romane von H. Sudcrmaun „ES war", E- v. Wildcnbruch „Schwcstersccle" — ein Seiteustück zu einem anderen Romane WildcnbruchS, „Eifernde Liebe" —, Pierre Loti „Mein Bruder Meö" (übers.), I. Lemcntre „Die Könige" (übers.), in Fortsetzung F. Spielhagen „Stumme des Himmels" und W. W. Wcreschagin „Der Kriegscorrespondcnt" (übersetzt); daran reiht sich eine Fülle von Novellen und Feuilletons von L. Fulda, E. Hütten, E. Fließ, A. MoSz- kowSki, Potapcuko, G. Verga u. A. Die Werke von Supermann und Spielhagen dienen wohl am besten dazu, um den Unterschied zwischen neuer und alter Schule in Deutschland zu Tage treten zu lassen. Beide besitzen fein durchgeführte analytische Partien. Aber gerade über dem Romane Sudcr- mannS hat man bisweilen das Gefühl, als ob vor unseren Augen niit dem Messer in einer Wunde gebohrt würde, während er anderseits neben wirklich poetischen Stimmungsbildern, wie wir deren einige schon in der obeugcnaunten Anzeige hervorhoben, Stellen ausweist, die für die sittlich-strenge Auflistung des Dichters zeugen (n. A. die Einsicht von dein psychologischen Uugenügcn des öffentlichen (Protest.) Sündcn- bekcnntnistcs und dem menschlichen Bedürfniß der Ohrenbeichte), wenn auch im Allgemeinen der starke Einfluß des Philosophen F. Nietzsche, des Abgottes aller „Modernen", in der Ethik Sudermanns unverkennbar ist. Neben Sudermann steht Pierre Loti, der Liebling der Pariser Damen und Akademie. Ihm schließt sich an JuleS Lemcntre mit einem sozialpolitischen Staatsroman, bei dem dem Verfasser Begebnisse im österrcich. Kaiserhanse vorgeschwebt haben mögen. Ein Anhänger des modernen Telegrammstiles, sonst ein trefflicher Plauderer und realist. Beobachter ist E. Hütten, nur huldigt er bisweilen einem zu starken Impressionismus und Hang zu psychologischer Grübelei. Alles in allem: die „Romanwelt" ist wohl ein frappantes Spiegelbild der modernen Literatur,"-') aber geeignet nur für die Hände des „erwachsenen Mannes und der reisen Frau", wie dies der Prospekt seinerzeit auch ankündigte. Sie steht zwar nicht im Dienste einer Weltanschauung, in der nur das Häßliche und Rohe die ganze Wirklichkeit ausmacht. Allein manchmal wünschte unsereiner doch die alte Poctcnschnsucht nach der Sckön- heitSsülle der Natur und den edleren Regungen der Menschen- secle zu vernehmen und fallen einem unwillkürlich die Verse des schwedischen Skalden unserer Tage ein, des Grafen Karl SnoilSky („Die Wanderungen der Poesie"): „Wer traumlos lauscht in mitternächt'ger Stunde, Hört einen Laut und deutet ihn sich bang: Ein Grabscheit klingt, es nagt die Zeit am Grunde _ Der alten Welt, ver lassen vom Gesang." *) Wir hoffen, gelegentlich einmal die Leser der Beilage mit einem eigenen Artikel auf einen Streifzug durch die „jüngste" deutsche Dichtung führen zu können. Wer sich für diese Geistesgeschichte näher intcrcssirt, der greife zu dem trefflichen Buche von Fr. Kirchner, „Gründcutschland" (Wien und Leipzig, Kirchner und Schmidt. 1893. 8°. XIX. 216 S.). Außerdem kommen in Betracht die Studien von G. Brandes („DaS junge Deutschland", Menschen und Werke") und der leichte Aufsatz von F. Spielhagen im Juniheft von „Westermann's illustr. Monatsheften" S. 337—318: „Streifblicke auf daS moderne deutsche Drama" (d. b. Wiidenbruch, Fulda, Sudcr- maun, Hartlcbcn, Halbe, Hauptmann). Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Hagen Jo. G. (8. 7.), Synopsis der höheren Mathematik. I. Bd. Arithmetische und algebraische Analyse. 4". VIII -s- 393 S. Berlin, Fel. Dameö 1891. M. 3V. -> Die Pflege der mathematischen Wissenschaften ist seit Schall, Boscowich, DcchaleS, Tacquct, Schersfer, Schott, Horvath bis auf Caraffa, Foglini und viele Andere in neuerer Zeit ein Gebiet, das die Mitglieder der Gesellschaft Jesu stets mit Vorliebe und mit Ruhm bebaut haben; das gibt ja sogar der Ex- Jesuit Paul von HoenSbrocch zu, der doch sonst (in ungerechter Mißachtung, aber vielleicht in richtiger Würdigung seiner eigenen schwachen Leistungen) die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der neueren 8. ö.-Gelehrtcn in Bausch und Bogen als „Dutzendwaarc" zu bezeichnen wagt. Die ersten Anfänge oben genannten Werkes entstanden im Collegium Maria-Laach, bis die bekannten Ereignisse die Jesuiten aus der Stätte ihrer friedlichen und ernsten Geistesarbeit vertrieben und auch dein Hagen auferlegten, sein Werk im gastfreien Amerika weiter zu führen und hoffentlich bald zu vollenden. Es sind aber auch wirklich im höchsten Grade vaterlaudsgefährliche Dinge, die so ein Jesuit sich zu schreiben erdreistet! Da begreift man es freilich, wenn in Deutschland ihres Bleibens nicht sein kann! Oder ist cS nicht mindestens „grober Unfug", wenn da ?. Hagen im ersten Band seiner „SyuopsiS" gleich 12 Kapitel schreibt über die Theorie der Zahlen, der komplexen Größen, der Combinationen, der Reihen, der Produktreihcn und Fakultäten, der Kettenbrücke, der Differenzen und Summen, der Funktionen, der Determinanten, der Invarianten, der Substitutions- gruppcn und Gleichungen. Haarsträubend! Das sollte schon ein Freund des Reiches dem Bundesrath denunziren. k. Hagen ist gegenwärtig Direktor der Sternwarte des Georgetown-College in Washington, und das Widmnngsblatt seines Werkes trägt die Inschrift: »Limas doorAlopolitans aoaclemias primum sasenlnm tslioitsr transastnm pistats summa gratu- lavnr sigus novnm telieins ansxieanti all jnvenvnvew litdsris moribns iustrnsuäaw pro patrias bouo st relitzstouis gfloria. vpsm vsi 0. Ll. ex animo prseatnr anctor.- Leider ist nicht das ganze Werk in Latein geschrieben, wie es bei den meisten Mathematikern des nunmehr an 14,000 Schriftsteller zählenden Jesuitenordens Brauch war, sondern nur diese eine Widmung; das Buch ist vielmehr in deutscher Sprache abgefaßt, waS uns wundert, nachdem es seine Leser doch meist in Amerika finden wird; durch die Wahl des lateinischen Idioms würde eö beiden Hemisphären in gleicher Weise gerecht und, auf neutralem Boden stehend, schon die Möglichkeit kleinlicher nationaler Spracheifer- süchteleicn ausschließen. Ein Lehrbuch ist die „Synopsis" nicht, sondern ein Nachschlag-buch, eine Art von Encyclopädie, welche für Lehrer und Schüler eine sehr erwünschte Orientirung bietet. „Der Zweck des Werkes, sagt das Vorwort, ist eine Rundschau, eine Durchmusterung der höheren Mathematik. Einer Karte vergleichbar soll es ein Netz übersichtlicher Eintheilung ausspannen und auf demselben den vorhandenen Stoff bis zu einer angenommenen Vollständigkcitsgrenzc eintragen, damit der Studierende sich auf dem weiten vor ihm liegenden Felde zurccht finden könne." Dieser Plan hat in der That eine höchst anerkcnnenS- werthe Lösung gesunden; die Literatur ist bei jedem Abschnitt in reichhaltiger Weise angegeben und verwerthet, so daß der Leser mit Dank die wichtigsten Momente der Geschichte der Mathematik daraus entnehmen kaun; daß bei Ausarbeitung des Werkes einige sehr bedeutende Werke von Eulcr (Opusenla; Opsra xostlmma), Jacobi, Dirichelet, Caylcy nicht oder doch nicht vollständig zur Hand waren, bedauert gewiß Niemand mehr, als der Verfasser selbst. Die Ausstattung des Buches ist ganz vortrefflich, der Preis dürfte mäßiger sein; der zweite Band, welcher die analyiischc und synthetische Geometrie enthalten soll, ist unter der Presse, und war sein Erscheinen von der Verlagsbuchhandlung schon für Ende 1893 in AuSsicht gestellt, doch ist er uns noch nicht zugekommen. Möge Hagens „SyuopsiS" die verdiente Anerkennung finden und auch das thörichte Vor- urthcil gewisser Leute gegen alle Bücher, deren Verfasser mit 8. 3. gezeichnet sind, etwas zerstreuen. Wir freuen uns, daß es ein deutscher Jesuit ist, der dicö Werk zum Ruhm seines Vaterlandes und seines Ordens geschrieben hat; schließt ja doch der oberste Grundsatz der Gesellschaft Jcsn 0. L. Ä. v. Ö. jedweden anderen edlen Zweck in sich. Berichtigung. In Nr. 25 der Beilage ist im Artikel „Die Könige von Preußen rc." zu lesen: S. 197 Spalte 1 Zeile 11 Huben statt Huber» S. 193 Aum. 26 Meyer statt Schund, S. 193 Spalte 2 Abs. 2 ist nach gewesen" (Ansührungs- _ schlußze iche n) zu setzen! __ Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg, Von Jerusalem nach Beyruth. Von vr. Seb. Euringer. Am letzten April verließ ich mit meinem Dragoman Michael Schaia, denselben, der mich nach Sinai führte, und einem Mucker (Stallknecht), der mein Gepäckmaulthier ritt, Jerusalem, um durch das Cedronthal nach dem alten, berühmten Kloster St. Sabba zu reiten. Nach drei Stunden ging es bergauf, einem alten Wachtthurm, der, den Quadern nach zu schließen, aus dem Mittelalter stammt, zu. Hinter diesem Wachtthurm, an den beiden Abhängen eines kurzen, aber tiefen Seitenthales, liegt das Kloster, ganz von Mauern umgeben; auf der andern Seite des Seitenthales steht ein zweiter Wachtthurm. Ein griechisches (schismatisches) Kloster ist nicht ein einzelnes Gebäude, sondern ein Conglomerat der verschiedensten Häuser und Hütten, die meistens als Rückwand den nackten Felsen oder eine Felsengrotte haben. Denn ursprünglich lebten die Mönche in Höhlen; später wurden diese Höhlen durch Borbau einer Mauer oder eines Hauses gegen die Witterung geschützt, noch später baute man Klöster ohne Grotten. Da nun die verschiedenen Hütten und Häuser sich dem Felsen anpassen müssen und aus verschiedenen Zeiten stammen, so hat man ein Gewirre von Wohnungen, das gar nicht besonders anziehend ist, sondern an das deutsche Viertel in Frciburg erinnert. Fast sämmtliche Zellen schauen auf das schauderhaft öde, in großen, tief einschneidenden Windungen verlaufende Cedronthal; einige Stunden und wir sind am todten Meere. Aber mich zieht es nach dem Süden und Westen von Palästina. Zu sehen ist außer der Lage in grauenhafter Gebirgsöde und außer dem Kirchlein nicht viel. Man zeigt eine Grotte, in welcher der hl. Abt Sabba, den auch wir Katholiken verehren, gelebt hat. Eine kleine Nebenhöhle war von dem Löwen des Heiligen bewohnt. Dieser Löwe wollte nämlich die Grotte in Anspruch nehmen, die dem hl. Abte zum Aufenthalte diente, aber der Heilige wies ihm die Nebengrotte an, und beide lebten friedlich miteinander. Der Leib des Heiligen ruht in St. Markus in Venedig. Hier wurde der hl. Kirchenvater Johannes Damascenus zum Priester geweiht, das Kloster ist mehr als tausend Jahre alt. Von da nach Bethlehem in drei Stunden, wo ich die Nacht verbrachte und am andern Tag in der Grotte des hl. HIeronymus celebrirte. Der Weg nach Hebron, der Stadt Abrahams, ist guter Weg; an demselben liegt die Quelle Dirwe, wo der hl. Philipp den Kämmerer der Königin Kandaka von Abessynien getauft haben soll. Ungefähr eine Stunde vor Hebron, 300 Schritte links vom Wege, stehen zwei Mauern aus mehreren Meter langen Quadern, welche ohne Mörtel zusammengefügt sind. Man weiß nicht, wozu dieses Gebäude diente, aber es ist von entschieden hohem Alter und steht an der Stelle, wo die drei Engel den Erzvater besuchten. Hier standen einst die Eichen von Mamre, welche eine neuere Tradition nach Hebron verlegt hat. Hier nahm ich mein Mittagsmahl ein und gedachte Abrahams, wie er in der Mittaghitze unter der Thüre seines Zeltes saß und den Besuch der Engel empfing. Hier in der Nähe haben auch die Kundschafter die große Traube abgeschnitten. Am Abend gegen 4 Uhr kam ich nach Hebron, durchritt die gedeckten Bazare und schaute die Moschee Haram esch Scherif von außen an. Sie birgt die Gräber Abrahams, Jsaaks und Jakobs, Sarahs, Ne» bekka's und Lea's. Aber dem Christen ist der Eintritt in die Moschee bei Todesstrafe verboten. Ueberhaupt ist die Stadt Hebron die fanatischste aller Städte in Palästina. Um ohne Beschimpfung die Stadt ansehen zu können, muß man türkische Soldaten als Begleitung mitnehmen. Die Stadt ist nur von Juden und Muhammedanern bewohnt. Christ kann sich dort keiner niederlassen. Von außen ist nicht viel an dieser berühmten Moschee zu sehen, das Mauerwerk stammt aus dem 12. Jahrhundert. Ich hatte Hebron schon im Januar gesehen und wiederholte jetzt noch einmal das Gesehene. In einem Judenhause (spanische Juden) übernachtete ich. Am andern Tage nahm ich von der mit ihren Kuppeldächern und thurmartigen Häusern echt orientalisch aussehenden Stadt Abschied, um nach Bet Dschibrin zu reiten. Dieser Ort ist durch seine Grotten berühmt. Im ganzen Umkreis des Dorfes ist der Boden voll zahlreicher, meist mit Gebüsch verdeckter Oeffnungeu, welche die Luft- und Nauchlöcher der darunter befindlichen Höhlen waren. Manchmal bildet der Höhenzug mehr oder minder große Kessel, in welche man hinabsteigen kann. Ist man am Boden eines solchen KcsselS, so findet man an verschiedenen Seiten Eingänge zu ca. 10 m hohen gewölbten Grotten, welche von Menschenhand geschaffen oder erweitert sind. Die Spitze der Grotte ist meist weggemeißelt und dadurch ein 1 m breites Loch entstanden, das Licht und Luft zuläßt. Die Grotten stehen gruppenweise mit einander in Verbindung. Eine Grotte ist besonders interessant, da in ihr 4 Wendelstiegen auf den Grund führen; man hält diese 4 runden Räume für Cisternen. Diese Grollen, die mich an jene natürliche von St. Kanziau erinnerten und die ein Pendant in der „Nekropole" von Tyrus haben, scheinen Begräbnis;- und zeitweise auch Wohnstättcn gewesen zu sein. Für die letztere Ansicht ist der hl. Hieronymus und Enscbins. Den folgenden Tag besuchte ich einige Orte von geringerem Interesse. Freitags 11 Uhr kam ich nach Gaza, wo ich beim dortigen Missionär Don Gatt, einem Tiroler, abstieg und mein Mittagessen einnahm. Dieser Missionär hat diese Station vor 15 Jahren selbst gegründet und für sie in Deutschland, auch in Augsburg, Almosen gesammelt. Der hochw. Bischof Pankratius gab ihm mehr als 1000 Mark. Es sind 60 Katholiken in der Mission. Gaza ist eine der größten Städte der Philister gewesen; hier hat Samson die Stadtthore aus- gehoben und aus den Berg Mnntar getragen. Die große Moschee war einst katholische Kathedrale. Die Stadt ist ganz orientalisch und hat schöne Oelbaumgärten, die gerade in Blüthe standen. Nachmittags ging es weiter nach Askalon. Wir begegneten einer Unzahl von Kamelen, welche in einzelnen Herden, jede vielleicht zu 50 Stück, an uns vorüberzogen. Diese Thiere kamen von Bagdad, also vom Euphrat- und Tigrisland, und gingen nach Aegypten, das ist ein Weg von über zwei Monaten. In Aegypten werden sie verkauft. Es dämmerte bereits, als wir das Meer rauschen hörten, und eine halbe Stunde später saß ich in meinem Zelte. 210 Askalon ist sehr oft zerstört worden; die jetzigen Trümmer stammen aus dem Mittelalter. Askalon bildete mit seinen Manern einen Halbkreis, der jetzt noch gut zu erkennen ist; gewaltige Mauerreste und Säulenfrag- mente liegen umher; sogar die alte Hafenbefestigung läßt sich noch erkennen. Das Innere des Halbkreises, wo einst die Stadt stand, von der noch Trümmer und an 40 sehr schöne Cisternen vorhanden sind, ist mit fruchtbaren Garten angefüllt. Von dem Ostwall, wo mein Zelt im Schalten eines alten Thurmes stand, hatte ich eine schöne Uebersicht über die Ruinen, die Gärten und das Meer. Nach drei Stunden langem Ritte erreichte ich das Dorf Esdnd, das Asdod der Bibel, wo einst die geraubte Bundeslade im Tempel des Gottes Dagon in den Zeiten Heli's aufgestellt war. Gerade als wir am Eingänge des Dorfes anlangten, fing es zu regnen an. Wir wollten das Mittagsmahl einnehmen und waren gerade im Begriffe, ein Haus aufzusuchen, als unser Blick auf ein mitten in einer Wiese stehendes leeres Zelt fiel. Es war ein ganz europäisches Zelt, ganz leer, und weit und breit Niemand zu entdecken, der der Besitzer sein könnte. Mein Dragoman und ich setzten uns also darin fest und ließen den Regen Regen sein und schmausten gemüthlich. Als ich mit dem Essen zu Ende war, hörte auch der Regen auf, und wir zogen weiter. Vom Besitzer dieses Zeltes habe ich nie etwas gesehen und gehört. Das ist doch alles, was man verlangen kann, zur rechten Zeit, am rechten Ort ein komfortables Zelt, ohne Hand oder Fuß rühren zu müssen. Der Neste aus dem Alterthum find hier wenige, d. h. wenn man graben dürfte, würde man viel finden. Ein Fellache zeigte mir z. B. eine hübsche Handmühle aus Marmor, welche er beim Bau seines Hauses gefunden; ein schöner römischer Sarkophag liegt beim Dorsbrunnen re. Eine Stunde später wurden meinem Pferde die Fliegen zu lästig, und es legte sich auf den Boden und wollte sich wälzen. Da ich gerade Brevier betete, merkte ich es nicht frühzeitig genug, und Brevier und ich wurden nach links ins Gras befördert. Geschehen ist sonst nichts, ich suchte mein Brevier und stieg wieder auf, steckte aber Las Brevier ein, damit mir nicht noch einmal der Gaul einen Streich spiele. Als die Sonne am Untergehen war, kamen wir nach Sebna, wo früher eine berühmte Rabbinerschule sich befand. Es liegt am Abhänge eines kleinen Hügels, der frei aus der Ebene emporragt und mich ganz an Wallerstein erinnerte. Die Aehnlichkeit ist um so größer, weil die Moschee, eine alte Kirche, noch den Kirchthurm bewahrt hat. Da das Gepäck und Zelt anf kürzerem Wege direkt von Askalon nach Akir gegangen war, mußten wir weiter, obwohl die Nacht anbrach. Kein Fellach wollte uns führen, vor der Nacht haben Beduinen und Fellachen den gleichen Respekt; so suchten wir den Weg selbst. Nach einer Stunde war es so dunkel, daß man nur wenig erkennen konnte. Zum Glück hatte uns der Koch Leute entgegengeschickt, allerdings ohne Laterne, und diese brachten uns an den Lagerplatz. Dieser lag gerade an der Stelle, wo das alte Ekron mit seinem Beelzebubtempel ehemals stand. Im Süden davon liegt eine Judenkolonie, welche infolge der Austreibung derselben aus Rußland entstand; dort widmen sich die Juden dem Ackerbau; wie lange? Der nächste Tag war Sonntag. Am Morgen ritt ich bis Namleh, wo ich im Franziskanerkirchlein celebrirte. In Namleh ist eine große, zerfallende Moschee, ehemalige Kirche der 40 Märtyrer, mit sehr schönem Thurme. Eine halbe Stunde davon entfernt liegt Lydda, jetzt Lud, mit dem Grabe des hl. Georg; in Lydda hat der hl. Petrus einen Gichtbrüchigen geheilt. Den Weg von Lydda nach Jaffa legte ich am Nachmittag zurück und kam aus dem Philisterland ins Phönizierland. Das ganze Philisterland ist eine wunderbar fruchtbare Gegend und Ebene; die Viehzucht ist großartig. Wohin man schaut, Getreidefelder, man glaubt im Schwabenland zu reisen, so fruchtbar und so gut bestellt ist alles, ein großer Gegensatz zu dem steinigen Judäa. In der Nähe von Jaffa beginnen die Orangengärten mit ihrem saftigen Grün und goldenen Aepfeln, auch Holder blüht und Jasmin duftet. Der Zaun ist durch Kaktuspflanzen gebildet, deren gelbe Blüthen sich nicht übel ausnehmen. Kaum hatte ich mein Zelt beim Bahnhof betreten, so erhielt ich Besuche: Ein Araber wollte sich mir anschließen bis Beyruth, der wurde gleich gar nicht hereingelassen. Ein anderer kam ohne Erlaubniß, der wurde einfach hinausbefördert, und dann ein Landsmann, Vagabund. Letzteren hielt ich für einen Herrn von der deutschen Karawane und ließ ihn ein; wurde aber bald eines Besseren belehrt. Nach einer halben Stunde, als er keinen Pfennig von mir Herauspressen konnte, ging er. Der gute Mann hatte mir aber zu auffällig mein Zelt gemustert, mich über meine Sicherheitsmaßrcgeln zu deutlich ausgefragt, so daß ich dem Wetter nicht traute. Die Einrichtung des Zeltes wurde verändert, meine Koffer geschlossen und mein Dragoman mußte in meinem Zelte schlafen, da, wo zuvor mein Bett gestanden; die Koffer waren sein Kopfkissen. Meine Pferdeknechte mußten Wache halten, und vor und hinter meinem Zelte brannte eine Laterne. Mein Dragoman hatte Soldaten zur Wache verlangt, aber der Chef hat geantwortet: „Wir sollen nur unser Zelt selbst bewachen." Nette Regierung. Bei solchen Vorbereitungen konnte natürlich nichts gestohlen werden, und jeder Versuch dazu unterblieb auch. Jaffa oder Joppe ist die Stadt, von wo der Prophet Jonas sich nach Tharsus einschiffte. Hier hat der hl. Petrus in dem Hause beim Leuchtthurm (jetzt Moschee) gewohnt und die Vision empfangen von den unreinen Thieren in dem Tuch, das die Engel hielten. (Schluß folgt.) Gottfried August Bürger. Zu sei nein hundertsten Todestage nach seinem Leben und seinen Werken geschildert von A. G. (Schluß.) Wir sagten, Bürger sei verleumderischer Weise angeklagt worden. Die Anklagepunkte aber lauteten also: 1) er suchte weder die allerhöchsten landesherrschaftlichen Hoheitsrechte, noch die Gerechtsame der Familie gegen die Eingriffe ausländischer Nachbarn gehörig zu vertheidigen; 2) er vernachlässigte die ihm obliegende Justiz- und Polizeipflege gänzlich; 3) er Hütte die Kirchensachen in Unordnung gebracht; 4) er beobachtete in Ansehung der ihm anvertrauten Deposita nicht die strengste Ordnung; 5) er legte die Lehensrechnungen nicht zur rechten Zeit ab, fertigte die Lehensbriefe nicht gehörig aus und gäbe . dadurch zu Klagen und Beschwerden der Vasallen Anlaß. 211 Im Jahre 1784 nahm Bürger seine Entlassung, er war wieder frei, aber auch brodlos. Um sich seinen Lieblingswisscnschaften ganz widmen zu können, ging er nach Göttingen zurück, besorgte die Herausgabe des Musen- Almanachs und gab als Privatlehrer Borlesungen über Aesthetik, deutschen Stil rc., sodann gab er auch einigen Studierenden Privatunterricht. Etwas vorher hatte er „das Lied vom braven Mann" gedichtet, das ebenfalls bei der Knabenwelt guten Eingang gefunden hat und das einer Begebenheit entnommen war, welche in Verona spielte und deren Held der Graf von Spolverini war. Hier mag auch der „wilde Jäger" erwähnt werden, von dem Pröhle sagt: „Dieses Gedicht ist einigermaßen der Zwillingsbruder der Lenore, doch noch langsamer, als diese, entstanden (vermuthlich im Jahre 1785). Wie unter Bürgers erotischen Gedichten daS Hohe Lied, so ist unter seinen Balladen der wilde Jäger zwar nicht die vorzüglichste, aber diejenige, worin sein arbeitender Genius die vollsten und stolzesten Formen losgerungen hat." v. Schlegel ist voll des Lobes über dieses Lied. Etwas früher entstanden die „Weiber von Weinsberg", die leider durch eine bei den Haaren herbeigezogene Nohheit und durch mehrere unausstehliche Witzeleien entstellt sind. Ein Vers beweise dies: „O weh, mir armen Korydon! O weh mir! Die Pastores Schrien: Kyrie Eleyson! Wir geh'», wir gch'n kapores! O weh, mir armen Korydon! ES juckt mir an der Kehle schon." Zu erwähnen sind noch sein „Lied von der Treue", sein „Feldjägerlied", des „Pfarrers Tochter von Taubeu- hain", der „Naubgraf" und die „Entführung". Doch, wie ging es Bürger auf seinem neuen Posten in Göttingen S Nach dem Tode seiner hoch gefeierten (!) Molly ist er niedergeschlagen, wie vom „Blitze", und untröstlich, schreibt an seine Freunde ungemein lange und ungemein traurige Episteln und würde seine „Gedichte schwerlich im ganzen Leben wieder zur Hand nehmen, wenn ich mich nicht noch für etwas mehr, als meine armselige Person, zu interessiren hätte". Er mußte Brod haben für sich und seine Kinder. Im Winter 1787 hielt er öffentliche Vorlesungen über die kritische Philosophie, welche zahlreich besucht wurden. Doch stellte sich jetzt schon Krankheit ein und „belastet allzuoft die natürliche Kraft und Thätigkeit meines Geistes mit so drückenden Fesseln". Doch wurde es wieder besser, und er vollendete das „Hohe Lied" und gab eine zweite Auflage seiner Gedichte heraus. Ueber das „Hohe Lied", das seine Molly besingt, sagt Dr. Pröhle: „Das ganze »Hohe Lied' ist ein gewaltiges Schlachtlied der Liebe; der Kraft der Leidenschaft gegenüber verwandeln sich hier alle Hindernisse, welche das Leben ihr entgegenstellt, in feindliche Elemente, und durch Flammen und Wafferfluthen hindurch sehen wir den Dichter siegreich zu der Geliebten vordringen." Das ganze Lied ist überschwenglich gehalten, ganz Bürger! Seine dritte, unglückliche Ehe legte den Grund zu seinem schnelleren Tode: „die Kräfte meines siechen Körpers werden immer schwächer." Bereits im Oktober 1793 verhehlte er sich seinen Zustand nicht — die Lungenschwindsucht packt ihre Opfer unbarmherzig, und wenn sie auch einige Zeit mit den Kranken spielt, ihr Ausgang ist sicher. Er verlor längere Zeit vor seinem Tode die Sprache nahezu ganz, bis endlich der Tod selbst am 8. Juni 1794 ihn erlöste in einem Alter von nur sechsundvierzig Jahren, fünf Monaten und acht Tagen. An Vermögen hinterließ er wenig, und über das Wenige entstand ein Concurs-Verfahren; seine Freunde schössen etwas über dreihundert Thaler zu einem Monumente zusammen. Suchen wir noch Bürger als Menschen und Dichter kurz zu zeichnen! Er hatte viele Fehler, mußte sie aber auch mitunter schwer büßen. Verleitet von andern falschen Freunden, selbst ohne festen Halt, kam er auf sehr abschüssige Bahnen; dessenungeachtet aber hatte er auch sehr gute Seiten. Vor allem ist rühmenswerth anzuerkennen seine Freundschaft und seine Dankbarkeit gegen jede, auch die geringste Wohlthat- Seine Briefe, gesammelt von Adolf Strodtmann, welche nicht weniger als vier ordentliche Bände umfassen, sind vollgiltige Beweise hiefür. Er war sodann von großer Herzensgüte und großem Wohlwollen gegen jedermann, kannte keinen Groll und keine Gehässigkeit. So unterstützte er den Mann, der ihn seinerzeit verleumdet und ihn um seine Stelle gebracht, selbst mit wenigen Thalern, als er in's Unglück kam, und bettelte für ihn gegen hundert Thaler bei Freunden zusammen, die er dem Betreffenden sandte mit der Bemerkung, „daß meine Umstände kaum eine Gabe von einigen Thalern verstatten." Als Dichter kann Bürger nur durch sein Leben allein ganz verstanden werden. Da seinem Charakter die sittliche Würde fehlte, so war dies ein Haupthinderniß, ein wahrer Volksdichter zu werden; das Zeug hiezu hätte ihm nicht gefehlt, seine „Lenore" allein ist Beweis hiefür. Wenn auch Schiller seine Gedichte ungemein scharf re- censirte, was Bürger sehr schmerzte — er hat doch auch Gutes und Schönes geleistet. Die Worte Göthe's über Günther können wir auch auf Bürger anwenden: „er wußte sich nicht zu zähmen, darum zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten", und Gödeke sagt über Bürger; „sein Leben selbst war ohne reine Poesie, und seine Gedichte, auch die Balladen, sind innerlich nicht geläutert". Es fehlte Bürger der „männliche" Geist, wie Schiller sagte. Doch ist nicht zu vergessen, daß nicht leicht ein zweiter Mann und Dichter stets so viel mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatte, wie Bürger, so daß nicht vergessen werden darf der alte Satz: „insim sann in corpors sano," wenn der Körper hungert, kann sich auch der Geist oft nicht zur rechten einzigen Frische erheben. Immerhin bleibt noch manches übrig, das Bürger würdig macht, nicht vergessen zu werden, der Mensch für sich verdiente es trotz Fehler, mitunter schwerer Fehler, die man eben leichter gewahrt, als das Gegentheil, wie Bürger dies gar nicht übel sagt, indem er die Splitterrichter folgendermaßen apostrophirt: „Das freut mich doch, ihr Herren Falken, Die ihr. Gott weiß warum, erbost. So gern auf meine Fehler stoßt, Daß ihr nicht mehr ersteht, ihr Falken, Als Splitter nur von euren Balken." War Kaspar Häuser ein Betrüger? (Fortsetzung.) I. Zeugen für Kaspar Hausers Unschuld. «rr Die bei Meyer (Anth. Mittheilungen 1872), Daumer (Kaspar Häuser 1873), A. v. d. Linde (Kaspar Häuser 1887) abgedruckten Zeugenaussagen sind mit M., D., L. und der betreffenden Seitenzahl bezeichnet. ( 1) Andreas Hiltel, magistratischer Gefangenwärter des Thurms auf der Beste (— Luginsland) in Nürnberg, hatte Kaspar Häuser vom Tage seiner Ankunft in 212 Nürnberg, 26. Mai 1828, an dem er ihm zwischen 10 und 11 Uhr Nachts zur Beaufsichtigung übergeben wurde, bis zum 18. Juli 1828 in Verwahrung. Siehe dessen Verhör vorn 3. November 1829 und 12. Mai 1834 (M. 62 f. 64 s.). Am Schlüsse des letzteren äußert er: „Nur das muß ich noch beifügen, daß ich für meine Person fest überzeugt bin, daß Kaspar Häuser anfangs durchaus keine Hinterlist hatte, sondern daß er lediglich ein verwahrloster Mensch gewesen ist; denn es wäre ja unmöglich, daß Jemand einen so hohen Grad von Verstettungskunst besitzen könne." Der Werth dieses Zeugnisses ist um so höher anzuschlagen, als Hiltel von früher Jugend an mit den abgefeimtesten Spitzbuben und Bösewicktern zu thun gehabt (D. 149) und Kaspar Häuser (ebenso wie Nr. 2 und 3) gerade in der ersten Zeit seines Auftretens zn beobachten Gelegenheit und Auftrag hatte. 2) Polizcisoldat Joseph Blaimer in Nürnberg hatte Kaspar Häuser vom zweiten Tage seines Erscheinens, also vom 27. Mai 1828 an ungefähr sechs Wochen lang täglich auszuführen und insonderheit an öffentlichen Plätzen zu begleiten. Siehe dessen Verhör vom 29. Dezember 1829 und 10. Mai 1834 (M. 68 f. 69 f.). Am Schlüsse des letzteren äußerte er: „Uebrigens war Kaspar Häuser ein sehr gutmüthiger, reinlicher, ordentlicher Mensch, und mich hat er sehr gedauert. Manche Leute glaubten wohl, daß er sich verstellt hatte, allein ich war doch viel um ihn und glaube nicht, daß sich ein Mensch, wenn er auch noch so schlecht gewesen wäre, so lange hätte verstellen können." 3) Der kgl. Stadtgcrichtsarzt Dr. Paul Sigmund Carl Prcu in Nürnberg besuchte Kaspar Häuser auf Requisition des Magistrats Nürnberg bereits am 28. Mai 1828 und gab nach mehrtägiger Beobachtung am 3. Juni 1828 das Parere ab: „daß dieser Mensch weder verrückt noch blödsinnig, aber offenbar auf die heilloseste Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt, wie ein halbwilder Mensch erzogen worden, zur ordentlichen Kost nicht zu bewegen sei, sondern bloß von schwarzem Brode und Wasser lebe (M. 74). Vgl. dessen Gutachten vom 11. Nov. 1829 (übergeben auf Aufforderung des Untersnchungsgerichts Nürnberg) und den von ihm am 3. Dez. 1830 erstatteten Bericht über die Resultate einer auf Requisition des kgl. Kreis- und Stadtgerichts Nürnberg wiederholt vorgenommenen körperlichen Untersuchung des Kaspar Hanser (M. 134 f. 136 f.). 4) Der praktische Arzt Dr. Joh. Karl Osterhausen in Nürnberg lernte Kaspar Häuser ungefähr drei Wochen nach seiner Ankunft in Nürnberg kennen und hatte von da an häufig Gelegenheit ihn zu beobachten, zumal er ihn auch einigemale ärztlich behandelte. Siehe dessen gutachtlichen Bericht über die Resultate einer im Auftrag des kgl. Kreis- und Stadtgerichtsraths Frhrn. v. Rüder vorgenommenen genauen Untersuchung des Kaspar Häuser (M. 144 f.), welcher Bericht (übergeben am 31. Dez. 1830) mit dem vorgenannten des Dr. Preu in allem Wesentlichen übereinstimmt. 5) Stallmeister Wilhelm v. Numpler gab Kaspar Häuser während dreier Monate im Jahre 1828 unentgeltlich Neitunterricht; s. dessen Aussage vom 2. Nov. 1829 und 9. Mai 1834 (M. 177 f. u. 179 f.). 6) Der erste Bürgermeister Binder von Nürnberg, „als solcher Chef der städtischen Polizei", ließ Kaspar Häuser in den Monaten Juni und Juli des Jahres 1828 fast täglich in seine Wohnung bringen und stellte schon am 4. und 7. Juni 1828 eine Art Verhör mit ihm an. Ueber die Ergebnisse desselben siehe die Bekanntmachung Binders vom 7. Juli 1828 „einen in widerrechtlicher Gefangenschaft aufgezogenen und gänzlich verwahrlosten, dann aber ausgesetzten jungen Menschen betr." (M. 72 f.); vgl. auch die gemeinschaftlichen Berichte des kgl. Stadt- commiffärs Faber und Binders an die Regierung des Nezatkreises vom 25. Nov. 1828 und 20. Sept. 1829 (M. 181 f. u. 182 f.) und die von Binder am 18. Dez. 1833 in Nürnberg erlassene Todesanzeige für Kaspar Häuser (L. I, 358). 7) Professor G. Fr. Daumer am Gymnasium in Nürnberg lernte Kaspar Häuser Ende Juni 1828 kennen und war der erste, der ihm Unterricht ertheilte; am 18. Juli dess. Jahres nahm er ihn in seine Wohnung (Haus Nr. 1693 auf der Schütt, Nückgebäude, seit 1890 abgebrochen) auf, wo Kaspar Häuser bis zum Dez. 1829 verblieb. Daumer hielt bis zu seinem Tode (zn Würzburg 14. Dez. 1875) an der Unschuld des Kaspar Häuser fest, siehe dessen Schriften „Mittheilungen über Kaspar Häuser", 2 Hefte, Nürnberg 1832; „Enthüllungen über Kaspar Häuser" Frankfurt a. M. 1859; „Kaspar Häuser, sein Wesen, seine Unschuld, seine Erdnldungen und sein Ursprung", Negensburg 1873. 8) Gottlieb Frhr. v. Tücher, k. Kreis- und Stadt- gerichtsrathsaccessist in Nürnberg, lernte Kaspar Häuser noch im Juni 1828 kennen, wurde alsdann im Dez. 1829 von Gerichtswegen zum Vormund für ihn bestellt und nahm ihn im Mai 1830 in seine Wohnung auf, worin Kaspar Häuser bis zum Nov. 1831 verblieb. Siehe v. Tuchers Aufzeichnungen über Kaspar Häuser aus dem Jahre 1828 (D. 118 f.), seine Zeugenaussage vom 5. Dez. 1830 (M. 165 f.), seinen Bericht über den Charakter des Kaspar Häuser zu Protokoll gegeben am 20. Febr. 1834 (M. 257 f.). Auch v. Tücher hielt bis an sein Lebensende (er starb zu München am 17. Febr. 1877 als Oberappellationsgerichlsrath a. D. im Alter von 79 Jahren) an der Unschuld des Kaspar Häuser fest, siehe seine Erklärungen in der Beilage zur Augsb. Allg. Ztg. Februar und März 1872. 9) Dr. Fr. Bened. Wilh. Hermann, Professor der Mathematik am Gymnasium zu Nürnberg, beobachtete Kaspar Häuser im Jahre 1828 und fragte ihn über seine Vergangenheit aus (siehe seine Aufzeichnungen bei Daumer 107 f.). Ueber den Scharfsinn und die eminent praktische Tüchtigkeit dieses Mannes, der als Universitätsprofessor (für Nationalökonomie und Statistik), Mitglied der bayer. Akademie der Wissenschaften und kgl. b. Staatsrath zu München am 23. Nov. 1868 verstarb, kann nicht der geringste Zweifel bestehen. 10) Anselm Ritter v. Feuerbach, k. b. Staatsrath und Präsident des Appellationsgerichts in Ansbach, lernte Kaspar Häuser schon am 11. Juli 1828 kennen und veranlaßte sofort eine mehr methodische Untersuchung deS Findlings, siehe die amtlichen Schreiben des Ansbacher Appellhofs an die Kreisregierung in Ansbach vom 15. und 22. Juli 1828 (M. 86 f. 89 f.). Die Resultate seiner Forschungen auf Grund der Akten und persönlicher Beobachtung stnd in seiner Schrift: „Kaspar Häuser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen", Ansbach 1832, niedergelegt; vgl. noch seine Briefe an Elise von der Necke und Tiedge, Ansbach 20. Sept. und 213 13. Okt. 1828 (gedruckt in der Biographie A. v. Feuerbachs, welche Ludwig Feuerbach, Leipzig 1852, veröffentlichte, Bd. II, 272 f. u. 278 f.), ferner sein Schreiben an die verwittwete Königin Karoline von Bayern vom 27. Januar 1832 und das ihr überreichte Memorandum über Kaspar Häuser (gedruckt ebenda 316 f. u. 319 f.). 11) Dr. Ludwig Feuerbach, Sohn des Vorgenannten, bekannt als Philosoph; siehe dessen Aufzeichnungen aus den Monaten Juli und August 1828 bei D. 124 f. 12) Der k. Kreis- und Stadtgerichtsrathsaccessist in Nürnberg Rudolf Giehrl, Mitglied der wegen Mordversuchs an Kaspar Häuser am 17. Okt. 1829 eingesetzten Untersuchungscommission; siehe dessen Schrift: „Kaspar Häuser, der ehrliche Findling", Nürnberg 1830. 13) Pfarrer H. Fuhrmann an der Gumbertuskirche in Ansbach ertheilte Kaspar Häuser von Oktober 1832 bis Mai 1833 Confirmandenunterricht; siehe dessen Bericht über Kaspar Hausers Confirmationsfeier am 20. Mai 1833, ferner dessen „Trauerrede bei der am 20. Dez. 1833 erfolgten Beerdigung des am 14. dess. Monats meuchlings ermordeten Kaspar Häuser", beide gedruckt zu Ansbach 1833; „Kaspar Häuser beobachtet und dargestellt in der letzten Zeit seines Lebens", Ansbach t834. 14) Generalcommissär (Regierung? - Präsident) von Stichaner in Ansbach, mit dessen Tochter Lila von Stichaner Kaspar Häuser viel verkehrte, wie er ja überhaupt in der vornehmeren Gesellschaft von Ansbach, namentlich bei den Damen und in Offizierskreisen, beliebt war. Präsident v. Stichaner ist der Verfasser der bekannte Inschriften auf dem Grabmal des Kaspar Häuser und auf dem Denkmal im Hofgarten. Gleich günstig, wie er, urtheilte über Kaspar Häuser Hofrath Hofmann in Ansbach, der nach dem Tode des Präsidenten Feuerbach die Oberaufsicht über Kaspar Häuser übertragen erhielt; siehe dessen Briefe an Staatsrath L. v. Klüber, D. 457 f., L. I, 292 f., 368 A. 1 u. a. m. Was bedeutet solchen Zeugen gegenüber die Kritik eines Berliner Polizeiraths Merker, der Kaspar Häuser nie gesehen, sondern seine ganze Kenntniß von ihm aus fremden Berichten geschöpft hatte, ihn aber nichtsdestoweniger zu einem Betrüger stempeln wollte (siehe seine Schrift: Kaspar Häuser nicht unwahrscheinlich ein Betrüger. Berlin 1830). Mit Fug und Recht konnte R. Giehrl (s. oben Nr. 12) entgegnen (S. 44): „Hätte Herr Merker den Unglücklichen auch nur ein Einzigesmal gesehen oder gesprochen, der Herr Polizeirath hätte seine jüngste Broschüre gewiß nicht geschrieben."*) Dennoch war es gerade diese Schrift, welche die nun folgenden Zeugen gegen Kaspar Häuser einnahm. (Fortsetzung folgt.) Die Todeslinmeldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur". Von k. F.. 0. 8. §r. (Fortsetzung.) Um solche, höchst glaubwürdige Berichte in ihrem Werthe zu schwächen, wenden die Nachbeter des modernen StoffglaubenS ein: „Schon oft ward von wunderbaren Vorkommnissen berichtet, welche sich nachher als Produkte einer überreizten Nerventhätigkeit darstellten. Es werden also wohl auch die besprochenen „Spukgeschichten" auf *) Zu schweigen von dem Kopenhagener Philosophieprofessor Fr. Daniel Eschricht, der in ihm gar einen „Idioten" entdeckte (1657). unregelmäßige Zustände des Nervensystems zurückzuführen sein." Wahr ist hier allerdings, daß es gestörte Nervenzustände geben kann, in welchen der Mensch rein innere Phantasie-Gebilde wie äußerlich vor sich gehende erblickt, d. h. überhaupt mit den Sinnen wahrzunehmen glaubt. Infolge allzu angestrengter Thätigkeit der Nerven erlangen die gewöhnlichen Vorstellungen der Seele einen höheren Grad der Lebhaftigkeit, so daß der Mensch schließlich äußerlich zu sehen und zu hören vermeint, was sich lediglich in seinem Innern abspiegelte. Als ein treffendes Beispiel mag hier der Reformator Dr. Martin Luther gelten. Schon nach wenigen Jahren, seit Luther begonnen hatte, „das lautere Evangelium" zu predigen, tauchten in seinem Innern der Zweifel, Beängstigungen und Gewissensvorwürfc viele auf. Des Reformators leidenschaftlich erregte Nerventätigkeit ließ ihm diese rein inneren Vorgänge äußerlich als Angriffe des leibhaftigen Satan erscheinen. So wissen wir, daß Luther auf der Wartburg den bösen Geist der Hölle oft in Gestalt eines Menschen kommen sah und dann mit ihm disputirte; einmal soll er ja sogar in der Erregung das Tintenfaß nach dem Widersacher geschleudert haben. „Mit mir ist's also, bekennt der Reformator selbst, wenn ich Nachts erwache, so kommt der Teufel alsbald und disputirt mit mir und macht mir allerhand seltsame Gedanken". Ein andermal behauptet „der theure Gottesmann": „Der Teufel zieht zuweilen eine Larve an, wie ich selbst gesehen habe rc." Luther spricht von diesen „visierlichen Teufeln" so lebhaft, daß man meinen könnte, er rede von. wirklichen Erscheinungen; wir Katholiken haben schließlich auch keinen Grund, ihm diese Erscheinungen als wirkliche und wahre streitig zu machen, allein nach der allgemeinen Ansicht der Geschichtsforscher sind diese Vorkommnisse einzig und allein als Produkte äußerster Nerventätigkeit anzusehen. Eine solch' krankhafte Nervenüberreizung erzeugt nach der wissenschaftlichen Benennung „ Halluzin ationen". Diese Halluzinationen treten besonders häufig bei einer mehr zur Schwermüthigkeit stimmenden, in sich zurückgezogenen Lebensweise ein; mitunter finden sie sich auch bei einem ganz normalen Lebensgang. „Mit dem Begriff der Halluzination bewaffnet, vermag uns, rief vor mehr als 40 Jahren ein moderner Naturforscher triumphirend aus, keine übernatürliche Erscheinung mehr in Staunen, kein Gespenst mehr in Schrecken zu versetzen ; denn höchstens, wenn es nicht natürlich ist, ist es Halluzination." Dieses vorlaute Wort mag vielleicht hinsichtlich einer gewiß kleinen Anzahl von Todesmeldungen Geltung haben, aber bei den meisten Leuten, welche solche Begebenheiten erlebten, fehlte wohl schon die eigentliche Grundbedingung für eine Halluzination, nämlich ein träumerisches Leben, überreizte Nerventhätigkeit. Gewöhnliche Menschenkinder können im Dränge des Alltagslebens nicht leicht dem Phantasieren und Träumen nachhängen. Denken wir hier zurück an die angeführten Beispiele, so sind in den beiden ersten Fällen Männer Träger des Vorganges, welche streng wissenschaftlich thätig, also gewiß jedem leeren Phantasiespiel unzugänglich waren. Desgleichen zeigten sich in den übrigen Thatsachen die Personen keineswegs als Anhänger eines schwärmerischen Lebens, sie standen vielmehr, wie meistens, mitten im wechsel- vollen, geschäftigen Treiben. Woher soll da eine Halluzi» nation kommen, da zudem jene Personen gar nicht an jene sterbenden Personen dachten; wie sollten sie da eine innere Vorstellung, die nicht vorhanden ist, lebhaft in die 214 äußere umsetzen können?! Aber selbst wenn man zufällig an die sich anmeldenden Personen dächte, so würde man sich dieselben sicherlich nicht so vorstellen, wie sie bei der Todesanmeldung wirklich auftreten oder handeln; man denke z. B. nur an Marsilius Ficinus! Ein solches Zusammentreffen unserer willkürlichen Phantasiethätigkeit mit der Wirklichkeit wäre wunderbarer als die Todes- anmeldnng selbst. Wohl könnte hier auch die Frage aufgeworfen werden, warum der Mensch, wenn die besprochenen Ereignisse wirklich auf Halluzination beruhen, vor seinen ureigensten Gedanken und Vorstellungen plötzlich erschrecken sollte, mit denen er sich doch eben noch beschäftigte, und die er jetzt äußerlich wahrzunehmen glaubt. Wie es fernerhin möglich isi, daß mehrere Personen, die vielleicht ganz zufällig gegebenen Falles anwesend sind, an einen sterbenden Menschen, der möglicherweise nur einer bekannt ist, denken, und wie sie alle zugleich das nämliche Phantasiebild sich vor die Seele zaubern und auch in die scheinbare Wirklichkeit, und zwar im selben Momente bei ganz verschiedener Nerventätigkeit, umsetzen sollten, können uns wohl die triumphirenden Vertreter der Halluzination selbst nicht sagen; die ernstliche Behauptung, derlei Halluzinationen seien möglich, stellt sich sicherlich selbst als Halluzination dar! Nicht viel glücklicher als die Männer der Halluzi- nationstheorie, ist eine zweite Reihe von Gegnern, welche mit einem „Jllusionsbegriff" gegen die Todesanmeldnng zu Felde ziehen. Illusion ist der wissenschaftliche Name für die sich tagtäglich wiederholende Thatsache der Sinnestäuschung. Verleiht die Halluzination einem rein inneren Zustand nach außen hin Leben und Gestalt, so fälscht die Illusion einen äußeren, ganz natürlichen Vorgang, d. h. einen äußeren Sinnenreiz, der wirklich stattgefunden hat. Die Illusion erfordert also zu ihrem Eintreten stets eine äußerliche Sinneswahrnehmung, welche dann unter dem Einfluß der gerade in der Seele herrschenden Stimmung mißdeutet wird. So sieht ein Furchtsamer in der Abenddämmerung beim Durchschreiten eines Waldes sehr leicht einen alten Baumstrunk für einen Menschen an, der ihm auflauert rc. Oder hat man sich den Tag über in Gedanken mit einem Leichnam, den man gesehen, beschäftigt, so kann es beim Eintritt des Zwielichtes leicht geschehen, daß man diesen Leichnam zu erblicken wähnt, sobald ein blasser, weißer Gegenstand uns vor die Augen tritt. Aehnliche Illusionen hat gewiß jeder der geneigten Leser selbst schon erfahren. Mancher Geistererscheinung liegt nun sicherlich nichts anderes zu Grunde, als eine derartige Sinnestäuschung; aber alle derartigen Ereignisse so zu erklären, ist schlechthin unmöglich. Wie kann z. B. Jemand irgend einer äußeren Sinneswahrnehmung gerade jene Gestalt sozusagen anzaubern, die der zufällig sterbenden Person entspricht, an welche man gar nicht gedacht, von deren Krankheit man gar keine Kenntniß, ja vielleicht im Leben nie etwas gehört hatte? Man denke nur an jene Todesanmeldung im Musiksaale des Ordenshauses zu M. rc.l Zudem sucht man sozusagen naturgemäß gegebenen Falles sich sofort zu überzeugen, ob nicht eine Illusion obwalte. Gegen diese Erklärungstheorie spricht sodann auch der Umstand, daß die Todesanmeldungen gewöhnlich unter nahen Verwandten oder lieben Genossen sich ereignen. Berichten solche Personen eine Todesanmeldung, so ist doch wohl nicht anzunehmen, daß sie ihre Liebe und Verehrung gegen theure Dahingeschiedene nicht besser zu -eigen wüßten, als dadurch, daß sie deren Andenken zu frivolen Spukgeschichten mißbrauchten. Eine solche Annahme widerstrebt unserem Gefühl der Verehrung gegen traute Entschlafene. Wollte man die Illusion als die Ursache aller Todesanmeldungen gelten lassen, so müßten wir schließlich mit Recht fragen, ob es dann überhaupt noch einen sicheren Beleg für die Wahrheit irgend eines Vorganges gibt. Durch eine derartige Erklärungsweise auffallender Begebenheiten würde dem Menschen geradezu die Möglichkeit abgesprochen, mit Hilfe seiner Vernunft zwischen Täuschung und Wahrheit zu entscheiden. Die Thatsachen der Todesanmeldung können somit weder einfach ohne weiteres geläugnet, noch durch die Begriffe der Halluzination und Illusion in Bausch und Bogen als Schein bezeichnet werden; wir müssen also die weitaus größere Zahl derartiger Erzählungen als Wahrheit hinnehmen. Einen Einwand, als gebreche es den einschlägigen Begebenheiten an einem vernünftigen Zwecke und seien sie deßhalb schon höchst unwahrscheinlich, werden wir späterhin genügend beleuchten und als nichtig zeigen. (Fortsetzung folgt.) Verzeichnis; bei der Redaction eingelanfener Schriften. Lehrbuch für den kathol. Religionsunterricht in den obern Klassen der Gymnasien und Realschulen. Von vr. Arth. König, Universitätsprofessor. IV. Curs: Die Sittenlchre. 5. Aufl. Freiburg, Herder's Verlag. Preis 1 M. Die lachende Welt! Blüthen des Witzes und Humors aller Nationen. Berlin, Hugo Steinig Verlag, 1. Heft. 1 M. Anzeiger deö germanischen Nationalmuseums. 1694. Nr. 2. Stern der Jagend. Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz. Herausgegeben von Dr. Praxmarer. 15. Heft. Verlag von A. Rassel in Münster. Für unsere Kleinen. Jllnstrirte Monatsschrift für Kinder von 4 bis 10 Jabrcn. Von G. Chr. Diefsenbach. Jährlich 12 Nummern. Preis Vierteljahr!. 60 Ps. Verlag von Pcrthes in Gotha. Vortrüge für christliche Müttervercine, zugleich Lekungen für christl. Mütter. Von Friedr. KösteruS, Pfarrer. I. Bd. Negensburg, Nationale Verlagsanstalt (vorm. Manz). Preis 4 M. Die katholische Bewegung. Monatsschrift. Herausgegeben von G. M. Schüler. 1894. Heft 7. Inhalt: Die Kirche und die Schulvzcsangenen und gefangenen Verbrecher. — Zeitgemäße Ausschau. — Die Maulwurfsarbeit der Loge. — Buddhismus und Christenthum u. s. w. Kirchenmusikal. Viertelsahrs-Schrift. Herausgegeben vonr Salzburger Diöcesan-Cäcilien-Verein. Verlag von Mittermüller in Salzburg. 9. Jahrg. Heft 1 u. 2. Inhalt? Schreiben Cardinal Aianchini's an Generalpräses Fr. Schmidt. — Palestrina. — Die Choral-Responsorien. — Daö liturgische Hochamt. — Stoßseufzer eines Organisten u. s. w. Bayer. Zeitschrift für Nealschulwesen. Nedigirt von Will). Vogt. München, Nieger'sche UniversitätSbuchhdlg. N. F. II. Bd. 3. Hcit. Inhalt: Heide G., Ueber staatsbürgerliche Propädeutik; Ackermann, Neusprachliche Lektüre und Lehrmittel an den technischen Schulen Bayerns; Marschall G. N., Die Verhandlungen der jüngsten Landrathsversammlungen über die Realschulen. Recensionen. Stowasser, Latein.-deutsches Schulwörterbuch; Qniehl, Französische Aussprache und Sprachfertigkeit u. f. w. — Vereinsnachrichtcn. Wie war's? und was wird werden? Ein Glaubensbekenntniß nebst einigen socialpolitischen und staatsrechtlichen Forderungen. Von Dr. K. M. Ehrmann. Negensburg, Verlag von Wunderling. Preis M. 1,60. Katcchetische Blätter. Verlag von Kösel in Kemptcn. Jährlich 12 Heste. Preis M. 2,40. 6. Heft. Inhalt: Die logisch-richtige Dialektik in den Katechesen der einzelnen Unterrichtsweisen, von P. Wiesner. — Unterricht über die Firmung. — Von hl. Lippen. — Literatur und Miscellen. Katholische Volksbibliothek. München, Verlag von C. A. Seysried u. Cie. Einsiedeln, Eberle u. Nickenbach. Ser. I 215 107.—110. Bündchen. Inhalt: „Gaetano" von Otto Landsmann; St. Joseph, bitt' für uns — Segen der kinol. Liebe — DcrMarienthaler, Erzählungen von Emmy Giehrl; Das Kohlen- prinzetzchen — Die Nebelmäunlein — Holländer Lilli, Märchen von Emmy Giehrl. (Diese Volksbibliothek ist zur Verbreitung sehr zu empfehlen.) Rcpertorium der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlcbrer Schubert. Ulm, Verlag von I. Ebner. Heft 9. Inhalt: Ueber Salzmann und seine pädagogische Bedeutung. Walter von der Vogelweide und seine pädagogische Bedeutung. Pädagogische Rundreisen. Ein neuer Lehrplan. Charlotte von Schiller über Göthe u. s. w. Das Blaue Heft. Von Graf Leo Tolstoi Sohn. Deutsch von Markow. Berlin, Verlag von H. Steinitz. 1 M. Katholikenorganisation oder tsmxus kaoisnäi. Zeitgemäße Winke von Karl v. Heerdack. Verlag von I. Gürtler. Warnsdorf, Böhmen. Preis 35 Pf. Sociale Thätigkeit der Kirche. Antworten auf kirchenseindliche Anzapfungen. Von vr. Gürtler. Verlag von I. Gürtler. Warnsdorf, Böhmen. Preis 10 Pf. Blumen aus der Wurzel Jesse. Von Louise Hoff- mann. Commiss.-Vcrlag der „Germania", Berlin. Scelenphotographien. Von Louise Hosfmann. Verlag von N. Müntzberg, Ratibor. Die Konfession der Kinder nach dem geltenden daher. Rechte. Von Amtsrichter vr. Lindner. München, Verlag von I. Schweißer. Preis 1 M. Fünf Jahre unter den Horden Afrika's und Afien's. Von einem Soldaten der französischen Fremdenlegion. Brixen. Verlag der Buchhandlung des Kath.-polit. Preßvereins. 50 Pf. Das Hcidenkind, ein Vergißmeinnicht für die katholische Jugend, zum Besten armer Heidenkindcr. — 7. Jahrg. Monatlich 2 Nummern. Halbjähriger Abonnementspreis 50 Pf., ohne Porto. Zu beziehen in St. Ortilien, Post Türkenfeld (OLerbaycrn), durch jede Buchhandlung und die Post. Unter vorstehendem Titel macht seit etlichen Jahren in aller Stille der Bote unserer schwergeprüften, aber lebenskräftig aufblühenden bayerischen Benediktiner-Mission für Dculsch-Ost- afrika mit dem Mutterhausc in St. Ottilien in den kath. Familien die Runde, zum Segen und Frommen, zur Erbauung und Belehrung der Jugend. Wir glauben seine Erfolge nicht besser auSsprechen zu können, als dies in der vorletzten Nummer von 1893 geschehen ist: „Wie viele Kinder sind durch das Lesen dieses Blattes fleißiger im Lernen, sittsamer im Betragen, eifriger im Gebete, dankbarer für den katholischen Glauben nnd anhänglicher an ihre hl. Kirche geworden!" Die zahlreichen Illustrationen in zartester und geschmackvollster Ausführung werden den Sinn für das Schöne bilden, die Theilnahme an den Leiden und Freuden opfcrmuthigcr Missionäre, unserer Landsleutc, das Herz veredeln, und für Anregung des Geistes sorgen Räthsel, Sprüche, Scherzfragen, „Kunststücke", Poesien, vor allem das dem jugendlichen Gemüthe so zusvrcchcnde „Plauderstübchen" des guten Bruders Paulus. Wie nothwendig es aber ist, die Jugend in nützlicher, das sittliche Gefühl befördernder Weise zu beschäftigen, zumal in einer Zeit, da alles nach einem Buche oder einer Zeitschrift greift, um sich die Feierstunden zu verkürzen, da die geistigen Bedürfnisse der Jugend so oft mit Schriften bedenklichster Art befriedigt werden, das wissen alle, die mit der Jugend näher zu thun haben. Wir sind versichert, ein jeder, der auch nur einige Nummern dieses Blattes gelesen hat, wird sich von dessen pädagogischem Werthe überzeugen, weshalb es denn Eltern, Lehrern, Erziehern aufs beste empfohlen werden kann. Für Seelsorger- und Jugend-Bibliotheken wird es eine Zierde und ein wahrhaft nutzbares Buch fein. Indessen hat das Blatt nicht allein bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen längst Eingang gefunden und viele derselben zu Anhängern und dauernden Freunden gewonnen. Zu der trefflichen Ausstattung steht der außerordentlich billige Preis in keinem Verhältnisse. Wir bemerken noch, daß der besonders treffliche Jahrgang 1893 gegen Einsendung von 1,20 Mk. in St. Ottilien zu beziehen ist und Probcnummern auf Verlangen jederzeit zur Verfügung stehen. 'VV. L. Jacob G e., Studien in arabischen Dichtern. Heft I. vr. L. AbelS neue LlukiHacM-Ausgabe nachgeprüft. 8°, IV -f- 80 S. Berlin, Mayer und Müller 1893. k Daß eö an Universitäten mit Aufnahme von Privat- docentcn und „Berufung" von Professoren zuweilen nicht ganz säuberlich und zweifelsohne zugeht, ist männiglich bekannt. Von dem „Ring" der Vettern- und Bascnschaft und dem „Erbrecht" der Professorenkinder gar nicht zu reden, ist in den letzten Jahren ja der Fall bekannt geworden, daß ein „Gelehrter", der zur Zeit als Ausbund philosophischer Findigkeit angestaunt wird, seine „Berufung" zum Professor an eine deutsche Universität einem Buche verdankt, dessen Inhalt er einem anderen von ihm nicht einmal genannten Gelehrten wörtlich abgestohlen hat. Ehrlicher ist es jedenfalls, wenn ein Docent Aufnahme findet, der bescheiden genug ist, der gelahrten Welt zu beweisen, daß er selbst von dem, was er docirt, nichts versteht und doch den Muth zu dociren nicht verliert. Das ist nun der Fall bei einem gewissen Ludwig Abel, Privatdocent der assyrischen und arabischen Sprache an der Friedrich-WilhclmS-Universität zu Berlin, der vor kurzem eine „Sammlung von Wörterverzeichnissen" herauszugeben begann, wovon nunmehr der erste Band vorliegt, nämlich „Die sieben lllu allaeM: Text, vollständiges Wörtervcrzeichniß, deutscher und arabischer Commentar." Darin erweist sich besagter Abel als ein solcher Ignorant, daß er alsbald feinen kritischen Kain gefunden bat, der ihn moralisch todtschlägt, und dieser ist sein AmtSbrnder Jacob, Privatdocent der morgenländischen Sprachen an der Universität GreifSwald. Derselbe zeigt sich durch seine bisher veröffentlichten Studien über arabische Geographen wohl bewandert und darum wohl auch berechtigt, ein vernichtendes Gericht über seinen Collega ergehen zu lassen und einem Buche die Larve der Wissenschastlichkeit abzunehmen. das Anfänger irreführen kann. Abel wird ganz gehörig abgeführt, und cS gewährt einen eigenen Reiz, die grausame, mit boshaft-höhnischem Vergnügen vollzogene Vivisektion an dem armen Sünder bei Jacob Schritt für Schritt zu verfolgen. Es ist aber auch schon arg herausfordernd, was sich Abel erlaubt, „der sich in seiner Arbeit Musterübersctzungen leistet, welche als absoluter Blödsinn jeder vernünftigen Erklärung spotten; wie z. B. eine weibliche Spindel, wie Augcn- splitter, gekrümmter Sand, Kameele mit ausgedrehten Ohren aussehen, hätte Abel wenigstens durch Abbildungen erläutern sollen." Noch störender wirkt die Geschmacklosigkeit, mit welcher Abel die arabischen Klassiker mißhandelt, am erstaunlichsten aber ist seine sachliche Unkenntniß, welche die sprachliche noch übertrifft. Jacob thut es an zahlreichen Beispielen haarscharf dar und spricht es auch aus, daß Abel vom Arabischen, das er an der Metropole deutscher Intelligenz docirt, weniger versteht, als ein Student, der seinen Cafpari im ersten Semester tractirt; er beweist seine vollständige Unfähigkeit damit, daß er nicht einmal Wörterbücher abschreiben kann, wenn sie nämlich lateinisch geschrieben sind, wie Frcytag, Abels Hauptquclle. Dazu bemerkt Jacob (S. 6—7): „Wer bereits mit seiner Muttersprache nicht zurccht kommt, wird voraussichtlich fremde noch weniger meistern. Ich bin fürwahr kein Freund der sogenannten klassischen Bildung und würde Latein unv Griechisch am liebsten von unseren Gymnasien gänzlich verschwinden sehen. Doch glaube ich anderseits, daß sich jeder in kürzester Zeit von diesen Sprachen so viel sollte aneignen können, um nicht, wie vr. Abel im Vorwort thut, vor einem lateinisch geschriebenen Buch in Klagen anszubrcchcn, daß durch Anwendung dieses Idioms ihm die Klarheit der Interpretation beeinträchtigt worden sei, und der VerlagShanolung darob Vorwürfe zu machen." Ja ja, winir ein Privatdocent sich nicht schämt, zu gestehen, daß er eine so leicht erlernbare Sprache, wie Latein, nicht ordentlich verstehe, dann mag er sich das Schulgeld wieder herausgeben lassen, und thäte besser, Latein zu treiben, als Arabisch zu lernen oder gar zu lehren! Was aber Jacob von der „klassischen Bildung" sagt nnd welche Wünsche er mit Latein und Griechisch hat, ist überraschend; damit zeigt er sich nicht als unser „wahrer Jacob", sondern als ein Revolutionär von wahrhaft -bin äs sisels-hancr Beschränktheit, um die ihn wiederum Abel beneiden kann. Soll man im Gymnasium des 20. Jahrhunderts vielleicht Arabisch und Suaheli lernen, statt Latein und Griechisch? Unsere gesammtc abendländische Gesittung und Wissenschaft ist aus dem Boden des griechisch-römischen Alterthums erwachsen, der Sprachbcstand wissenschaftlicher Terminologie ist das Latein in fast allen Zweigen; das Italienische und Französische, die Hauptträgerinncn des Geisteslebens, sind Töchter der Sprache Latiums, was auck immer germanische Selbstüberhebung dagegen sagen mag. So wie Jacob könnte allenfalls ein Araber sprechen, der seine Nase nie aus seinem Bcduincnzelt hinauS- gestrcckt. „Absoluter Blödsinn" ist dazu die Anmerkung Jacobs: „Hat im Mittelalter und vielfach noch in neuer Zeit die Autorität der Alten unsere Erkenntniß gehemmt, so steht heute das die geistige Harmonie störende Uebcrgewicht der klassischen Alterthumswissenschaften vielfach dem Zustandekommen eines großartigen wissenschaftlichen Neubaues im Wege." Nichtig meint 216 er, daß Griechisch und Latein, das am Gymnasium erlernt j wurde, doch im spateren Leben in den seltcnnen Fallen weiier gebraucht und ergänzt werde, um zu einem wirklichen Können zu führen. Wohl wahr; wenn aber unsere Jugend kein böhereS Streben kcnnr, als das unter neunjährigem verbaßtcm Zwange mit Unwillen Erlerme so bald als möglich zu Vergessen, dann liegt die Schuld nickt etwa am minderen Werthe der Disciplinen, sondern am Mangel idealen Sinnes und vielleicht an der Methode deS UmerrickteS der, wie die Geschickte der Pädagogik zeigt, noch vor 50 bis 70 Jahren nicht so erfolglos war, wie heute. Katholische Volksbibliothek. Serie I. München, Verlag von C. A. Seysried n. Comp. X Nr. 101 n. 102. Ein Held des Glaubens und der Liebe. Erzählung aus der Ncforniationözcit in Bayern von l>r. L. Lang. Eine vorzügliche Erzählung, wie reckt viele im Volke verbreitet sein sollen. Nr. 103. AnS dem Leben. Erzählungen von Pfarrer Sckoiber. Einsacke, aber mit gesundem Humor gewürzte Gesckichtlein. Nr. 104. Zum Frieden. Die Tochter deS Juden. Zwei Erzählungen von Fritz Waither. In der ersteren wünschten wir an Stelle der Schülerin einen Schüler, wobei nichts an Reiz verloren ginge und anck sie „ganz" rein genannt werden könnte. Nr. 105. Der alte Bader und sein okn. Von Gottlicb Sckoiber. Nr. 100. Nach Lonrdes. Von I. Langtbaler. Eine spannende Neise- beschrcibnng, des Stiles wegen für die Schuljugend nickt geeignet. Im Allgemeinen sei gesagt, daß vorgenannte Erzählungen für die erwachsene Jugend und für das Volk an ihren, Platze seien; für die Schuljugend jedoch Auswahl zu treffen sei. Dem Verlag dürfte größere L-orgfalt auf Emendirnng zahlreicher lapmwa. ealami anzuempfehlen sein; auch einige lapsus ling'nao sind nnö aufgefallen. Die österreickisch-nngarische Monarchie in Wort und Bild. Böbmcn, Heft 1 — 11. Wien, Alfred Hölder, k. n. k. Hof- n. UnivcrsitätSbnchhändler. H. Vor uns liegen die ersten 11 Hefte, welche das schöne reiche Kronland Böhmen behandeln. Weit zurück reicht die Geschichte Böhmens und bis in die frühesten historischen Zeiten werden wir durch Wort und Bild zurückgeführt. Hervorragende Gelehrte sind an der Herstellung dieses Bandes be- theiligt und Namen wie Dr. Jirccek, die Universitätsprofcssoren vr. Emil Werunöky u. Dr. Anton Bezak, LandeSschulinspektor Dr. Theodor Tnpetz und der verstorbene Landesarchivar vr. Anton Gindety bürgen für die Gediegenheit des Inhalts. Die Geschichte BöhmenS wird im 11. Hefte bis 1848 fortgeführt und ist die Epoche von 1648 an von Universitäisprofessor Dr. Adolf Bachmann in Prag. Geradezu hervorragende Darstellungen sind die zahlreichen Illustrationen bernicnster Künstler und Professoren. Unbeirrt vom häßlichen Gezänke, mit welchem Czecken nndDentsche sich heute befehden, entrollt sich vor unserem geistigen Auge, die reiche Geschichte des schönen Landes, und sehen wir in gelungenen Illustrationen seine herrlichen Städte und Kunstdenkmäler, prächtige Schlösser und schön gelegene Klöster, stille Meldtbäler und rcickgesegnete Fluren. Die landschaftliche Schilderung von Böhmen wird jedem Leser ebenso höbe Befriedigung gewähren, wie sie die interessante Geschichte Böhmens bietet. Sicherlich wird der Band „Böhmen" einen der hervorragcnsten des ganzen Werkes bilden. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 9. — Freibnrg im Brcisgan, Herder'scbe Ver- lagsbandlnng. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 6: Neuere Predigt-Literatur. II. (Kcppler.) — Vetter, Der apokryphe dritte Korintberbrief. (Hoberg.) — Straßbnrger Theologische Studien. (Funk.) — Karapet Ter°Mkrttschian, Die Paulicianer im bymiitinischen Kaiserreiche. (Vetter.) — Wahrmnnd, Das KirchenpatronatS- rccht und seine Entwicklung in Oesterreich. (Sckerer.) — Reinhold, Die Lehre von der örtlichen Gegenwart Christi in der Enckaristie. (Schanz.) — Rocholl, Die Philosophie der Geschichte. (Sckanz.) — veosarclius, Oo In libortö yolitiguo claiw 1'Ltat woäorno. (Hcrtling.) — Kenßen, Die Matrikel der Universität Köln 1389—1559. (Ortcrer.) — König, Die päpstliche Kammer unter Clemens V. und Johann XXII. (Gottlob.) — Sckncking, Briefe von Annette von Droste-Hülsbosf und Levin Schücking. (Jostcs.) — Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Spräche. (Jostcs.) — Beflsel, Vaiicannche Miniaturen. (Weizsäcker.) — Noser, Katechet,! für Lehrerbildungsanstalten und Priestersennnarien. (Lein; ) — Leitschnh, Franz Ludwig von Erthal, Fürstbischof von Bamberg und Würzbnrg, Herzog von Franken. (Ehrbard.) — Ereve, Geschichte der Benedictinerabtei Abdingbof in Paderborn. (Wurm.) — Weber, Albrecht Dürer, (von Hüttenback) — Nincklake, „Vorwärts". (Heiner.) — Wasserrad, Die Nationalökonomie. (Heiner.) — Nachrichten. — Büchcrtisch. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1894, Heft VI, Juni: Marckese Campo Santo, 1?raotio panis und andere Gemälde in Santa Priscilla. — k. Amb. Kienle 0. 8. L., Die Oblaiion der Elemcme in, Meßopfer. — N. Paulus, Gerhard Lorickins, ein Convertit des 16. Jahrhunderts. — Jos. Aertnys 0. 68. U., Beiträge zur Rechtfertigung des Acgniprobabilismns. — Literatur: Dr. .P Vetter, Der apokryphe dritte Korintherbrief. — Msgr. Emil Bongaud, JesnS Christus. — Xisolas Xobov stell, Ua, Vis ineonnus clo Issne-Ollrwt. — I)r. LI. ZlnAistrstti, Verolllne sivs eeelssias ^mllrosianas Lleckiolan. Xalenckarium. — Oarolo Isriell, 8. I., UntoloAia. —Il o n r. Haun, 8. I., Lllilosopllia natnralis — A. Kluge, Das Seclcnleiden Jesu Christi. — Ilr. Georg Grupp, Reformationszcschichie des Rieses von 1539—1553. — 1?rsä. Uonvior, 6. ü., lles 8aintes, Oontdossnrs st-tllartzws ete. — Domanig, Karl, Kleine Erzählungen. — Miscelle. Theologisck - praktiscke Monatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell, vr. Anton Linsen mal) er und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 7. Heft. Passau, Verlag von Rudolf Abt. Jnhaltsverzeickniß des 7. Heftes: I Wissenschaftliche Aufsätze. Neue Funde zur christlichen Archäologie aus Äegyptcn. Von Dr. A. Ehrhard, o. ö. Universnäts- profcfsor in Würzbnrg. — Katholische und protestantische Ethik. Von Dr. Jos. Dippcl, Pfarrer in Dornach. II. Belehrendes für die seclsorglicke und pfarramtliche Praxis: Gnavensckak der heil. letzten Oelnng und darauf bezügliche SeeliorgSpflichten. Von vr. Prnner, Prälat in Eichstätt. --- Bedingungen einer fruchtbringenden Verwaltung des Predigtamtes. Von L. Bernhard Schund, O. 8. B., in Scheycrn (Schluß). — Winke für die Seelsorger über einige Quellen des Irreseins. Von I)r. Anton Schund, kgl. Bezirksarzt in Vicch- tach (Schluß). — Die Irregularität der Diakonen. Von Wilh. Stentrnp, 8. I., Ditton Hall, England. — Luxuriöse Qster- beickt- bezw. Commnnion-Zettel. Von I. B. Gast, Knratns in Mozgast. — Wann und mit welchem Concurrenzbeitrag kann man zur Dezimatorenbaupflickt herangezogen werden? Von vr. Eduard Stingl in Stranbing. — Wird durch den Empfang des »Viatiennw- auch dem Gebote der »6omwnnio xasollalis« genügt? Von Dr. HaSIcr, Professor in Passau. — Das neue Skapulicr des bl. Joseph. Von L. Wolfgang, 0. Oax. — Eine Handschrift deS 15. Jahrhunderts über das „Verhalten des Predigers auf der Kamel", über „Marienverebrnng" und über die „Kraft des Weihwassers". Von I)r. A. Linsenmayer. — Das „Seraphische LiebeSwerk" zur Rettung armer Kinder. — Der Verein für christliche Kunst in München. — Ein Casus zur Altersversorgung. Von I. B. Mehler in Regensburg. — Die Fremdwörter in der Predigt und die Rücksicht auf die Fassungskraft deS Publikums. Von I. Reiter, Pfarrvikar in Althegnen- berg. — Aeußerungen eines Convertiten über gewohnheitsmäßigen WirtbShansbesnch der Geistlichen. Von k. B. Sch. — Bccrdi- gnngsrcckt und davon hergeleitete Ansprüche des Pfarrers. Von Pfarrer Voit in Jllkofen. — Defecte bei der Todtenvigil. Von Dr. P. III. Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe: I. ReligionS- und Kirchcnsachen: 1. Stellung der sogen. Ceremonienmeister in Nürnberg zur Reichsgewerbeordnnng. — II. Armcnwesen: 1. Ungehorsam gegen die Anordnungen des Armenpflegschaftsrathes. 2. Mitglieder eines Franenordens zur Aufsicht in einer Gemeindcarmenanstalt sind Beamte. — III. Schulwesen: 1. Bayerische Volksschullehrer sind Beamte. 2 Dauer der Ferien an den Mittelschulen. 3. Benützung der Scheuer des Schnlbanscs zur Aufbewahrung des Schalholzes. 4. Pflicht zur Deckung des Bedarfes einer Gcmeindeschnle. 5. Strafanzeige gegen Schulpflichtige. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck«. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ! 1 , Z » ^1 28 . Mage zur Iiigskorger 12. Juli 1894. Ein neues Diözesanwerk. L. Eine historisch-topographische Beschreibung hat unsere Diözese Augsburg nach ihrem jetzigen Bestände schon durch den Benediktiner Placidus Braun im Jahre 1816 erfahren. Ihrer Anlage nach war sie in kurzem und knappem Nahmen gehalten. In den jüngsten De- zenien begann der sei. Dowprobst Steichele sein monumental angelegtes Werk, das durch den bischöfl. Archivar Dr. Schröder würdig fortgeführt wird. Aber dessen Vollendung wird wohl erst nach Ablauf einer Anzahl von Jahren zu erwarten sein, vorausgesetzt daß, wie wir herzlich wünschen, der jetzige Bearbeiter Herr Archivar vr. Schröder in ungehemmter Kraft so rüstig und freudig daran fortarbeiten kann, wie das bisher der Fall war. Es ist demnach begreiflich, daß der Klerus der Diözese sich nach einem Buche sehnte, das langgehegten Wünschen — wenn auch ohne Beigabe historischer Daten — entspreche; dieser Wunsch ist nun erfüllt worden durch die mit dem soeben erschienenen II. Band abgeschlossene „Pfründestatistik der Diözese Augsburg" des Herrn Pfarrers Jakob Hopp in Krumbach.*) Vor vier Jahren begann der Herr Autor seine umfangreichen Vorarbeiten und erholte sich von jedem einzelnen Pfründebesitzer die nöthigen Aufschlüsse. Schon um deßwillen darf die Redaction auf Authenticität Anspruch machen, wenn auch einige topographische und bauliche Angaben individuell ausgefallen sind. Wer da weiß, daß es schon schwer hält, von einigen hundert ähnlichen Stellen die Fragebogen ausgefüllt zu erhalten, wird umsomchr die unge- mein große Aufgabe zu schätzen wissen, daß von über 1200 Stellen die nöthigen Daten einzuholen waren, bei manchen war erst bet Drucklegung des betr. Bogens das nöthige Material zu erhalten, wodurch der Druck arg verzögert wurde, und dock ließ sich der Autor nicht abschrecken, trotz dieser sich thürmenden Hindernisse. Aber das sei anerkennend hervorgehoben, daß weit über drei Vierttheile des Klerus diesen Gedanken einer Pfründestatistik freudig begrüßten und mit Eifer und Geschick die nöthigen Aufschlüsse mit herzlicher Bereitwilligkeit zur Verfügung stellten. Wenn wir nun das Werk einer eingehenden Durchsicht unterwerfen, so waren für dessen Anlage anscheinend folgende Gesichtspunkte maßgebend: 1) Lage des Pfarrortes, seine Zugehörigkeit zum betr. Regierungsbezirk, Bezirksamt, Rentamt, Post- und Bahnstation, Seelenzahl, Patron (Verleihung), die zum Pfarrort gehörigen politischen Gemeinden, Zahl der Akatholiken. 2) Genauer Beschrieb der Kirche nach Bau und innerer Ausstattung und namentlich auch Akustik (für Prediger), deren Vermögen und Lasten (gestiftete Gottesdienste), Anlage und Entfernung des Gottesackers von der Pfarrkirche. 3) Pfründe-Einkommen, Pfründe-Vermögen und -Lasten, Widdum. 4) Beschrieb der Lage und baulichen Beschaffenheit des Pfarrhofes und der Annexgebäude, der Bequemlich*) Hopp I., Pfründestatistik der Diöcese Augsburg. Lex.-8°. I. Band. IV u. 372 Seiten mit 2 Tafeln. II. Band, IV. 403 u. 22 Seiten mit 1 Doppel-Tafel. Augsburg 1894. Liter. Institut von Dr. M. Huttlcr (Michael Seitz). Preis brosch. pro Band M. 7,-, eleg. gebd. M. 8,50. keiten oder, so man will, auch Unbequemlichkeiten, Baulast, Reluitioueu. 5) Beschrieb der Schulen und Lehrerzahl und der eingepfarrten Gemeinden und Filialen nebst deren Entfernung von der Mutterkirche, Kaptäne und deren Unterhalt, Klöster, Bruderschaften und kath. Vereine, sowie Entfernung der nächstangrenzeuden Pfarreien (Beicht- gelegenheit.) 6) Verkehrsverbältnisse (Post, Telegraph, Eisenbahnstation und Botengelegenheiten, Entfernung des nächsten Arztes vom Pfarrhof). Die bequemste und beste Pfarrei zu benennen, ist hier nicht der Platz, beqnem und höchst angenehm hat's sicher kein Pfarrer der großen, umfangreichen Diözese. Um aber auch den auswärtigen Lesern dieses Artikels nur einen Begriff zu geben, wie unbequem es manche Pfarrer (namentlich des Allgäu's) in ihren Holzkästen (— Pfarrhof) haben, mag der Beschrieb der Pfarrei Balder- fchwang dienen. „Balderschwang. Pfarrei, Kreis Schwaben, Bez.-A. Sonthofen, Rentamt Jmmenstadt, Post- und Bahnstation Oberstaufen; von da 7 — 8 Stunden über die Berge. Von der Bahnstation Blaichach aus 5 — 6 Stunden. Patron S. K. M., 70 Katholiken, im Sommer infolge der Alpenbewirthschaftung 300—500 Katholiken. Aber im Winter — ein bayerisches Sibirien. (Damit ist viel gesagt!) Kirche: z. hl. Antonius, kleines, aus Holz gebautes Landkirchlein; einige Schritte vom Pfarrhofe. Feste: Patrozinium ohne Aushilfe. Vermögen: M. 2636,57. Gestiftete Gottesdienste: 29 zu M. 24,08. Gottesacker: bei der Kirche. Pfründe-Einkommen: M. 827.03. Pfründe- Vermögen: M. 14582,84 mit M. 632,28 Zinserträgniß und M. 94,58 von der Gemeinde. Widdum: Gemüsegarten 0,04, Wiesen 20,27, Wald 1,50 — 21,81 Tagw., veranschlagt zu M. 84,43; zu verpachten. (Lasten: M. 22,83.) Pfarrhof: in schlecht baulichem Zustande, Neu bau in Aussicht, kleines Holzgebäude; 2 heizbare und 3 unheizbare Zimmer, Keller, Brunnen. Die Oekonomie- gebäude dem Pfarrhofe angebaut. Baulast: die Gemeinde. Schulen: 1 im Orte mit 1 Lehrer für die ganze Pfarrei. Filialen: Die Pfarrei besteht aus lauter Filialen, zerstreut im Balderschwangthale und an den dasselbe umgebenden Berghöhen, in einer Ausdehnung von 3 Stunden. 1. Au (30 Bit.), Weiler v. 6 Anwes. m. 29 Kathol. 2. Gschwend (15 Mt.), W. v. 5 A. mit 16 K. 3. Junghausen (1 St.), E. o. 1 A. m. 4 K. 4. Lappach (5 Mt.), E. v. 3 A. m. 9 K. 5. Lengen mit Schelpbach (1 St.), E. v. 2 A. m. 2 K. 6. Schlipfhalden (45 Mt.), W. v. 9 A. m. 27 K. 7. Scheine (4'/^ St.), Alphütte, E. v. 1 A. mit 9 K. 8. Schwabenhof (30 Mt.), E. v. 1 A. m. 2 K. 9. Wüldle (30 Mt.), W. v. 8 A. m. 26 K. Außer diesen sind noch einige Anwesen österreichischen Gebietes hier eingepfarrrt. — Die Pfarrei außer den österreichischen Anwesen bildet eine politische Gemeinde für sich. Pfarrort: Weiler v. 6 Anw. m. 29 Einw., in einem von hohen Bergen eingeschlossenen Thale, an der österr. Grenze, einsam gelegen und wegen dieser Einsam- keit und des lange (oft 8 Monate) dauernden Winters das bayerische Sibirien genannt. Verkehr sehr ungünstig, besonders im Winter. Grenzstation mit Wachpersonal und kgl. Forststelle. Nächster Arzt in Lingenau (österr., 4 Stunden). Nachbar Pfarreien: Hittisau (österr.) 3 St. südwestlich, Fischen 4*/z St. östlich und Maiselstcin 3 St. südöstlich. Wahrlich eine beschwerliche Station für einen Pfarrer, der ca. 3—4 Stunden weit marschiren muß, bis er wieder unter Amtsbrüdern weilen kann. 8 Monate Winter und 4 Monate dürftigen Sommer, das bezeichnet genug Leidensstationen für Seele und Leib. Und das ist im Allgäu nicht blos bei dieser einen Pfarrei der Fall. Gibt es doch Pfarreien, die zerstreut in den Alpen-Vorbergen 32 —70 Filialen — mit einem, höchstens 2 Priestern — haben! Hieraus ist ersichtlich, mit welch großer Mühe und Noth oft der Seelsorgskierus zu kämpfen hat, wie an seine Gesundheit und Kraft die höchsten Anforderungen gestellt werden. Manch einer, der zu Thal oder in der Ebene lebt (wo, wie der Volksmund sagt, eine Pfarrei der anderen „pfeifen" kann), hat keine Ahnung vom Ovferleben der Gcbirgspfarrer, die, lange Monate eingeschneit, lediglich auf sich selbst angewiesen sind! Ehre und Lob daher diesen „Gcbirgspfarrern", die im Sommer allerdings von Vielen beneidet werden, die man aber ganz getrost sich selbst überläßt, pocht der achtmonatliche Wintersturm an die Fensterladen der weitaus meisten „hölzernen" Pfarr-„BIockhänser". Wie erst, wenn infolge der Anstrengung den Körper des Pfarrherrn eine Krankheit durchwühlt! Drei bis vier Stunden ist der nächste Arzt zu treffen; wie lange dauert es, bis dieser zur Stelle ist! Wahrlich, hier erst bekommt man einen Begriff von Opfern und Entsagung! Dazu die geradezu bescheidenen Einkommcnsvcrhältnisse. Ein Taglöhner und Fabrikarbeiter in der Stadt stellt sich oft besser, als der Herr Pfarrer oder Kaplan im Gebirge. Rechnet man dazu, welche vielfachen Ansprüche an die Geistlichkeit von Seite mancher charitativen Vereine (und hierin geschieht — zum Ruhme der Augsbnrger Diözesangeistlichkeit sei es gesagt — gerade von Seite des Klerus ungcmein viel!) gemacht werden, so läßt das tiefblicken. Dazu kommt die sehr kostspielige Derproviantirung. Viele Geistliche des Flach- und Gebirgslandes sehen oft wochenlang kein Fleisch, und wenn im Sommer es ermöglicht wird, ein Stück Rindfleisch zu erhalten, so kommt es oft verdorben an. Das sind die Schattenseiten der abseits von den Eisenbahnen befindlichen Pfarrhöfe. Und dabei doch die frohe Genügsamkeit des Clerus, der vom 6. bis 24. Jahre die Schulbänke gedrückt hat. Schreibt doch so ein genügsamer Pfarrer in dieser Pfründestatistik, daß der Pfarrhof zwar hölzern, hoch gelegen und die Verbindung mit den Nachbarn sehr schlecht und die häufigen Winde sehr rauh seien, aber ein Schönes habe sein Pfarrhof doch, nämlich: die prächtige Aussicht auf die Gebirgskette, deren Anblick ihn über alles Erdhafte hinweg zu heben und alle Unbequemlichkeit vergessen zu lassen scheint. — Ganz individuell! — Welch eines Opfergeistcs ist doch der katholische Clerus fähig! — Um zum Werke selbst zurückzukehren, so ist dessen Eintheilung adäquat nach dem jährlich erscheinenden Schematismus eingerichtet. Jedem der 40 Kapitel geht eine kurze historisch-topographische Beschreibung mit Aufzählung der in jedem Kapitel beschriebenen Pfarreien und Scel- sorgsstellen vüraus. Der I. Band enthält nur ein alphabetisches Register über die darin enthaltenen Seelsorgsstellen, während der II. Band noch folgende Beilagen birgt: 1) Zusammenstellung der Klöster und Institute, 2) Emeriten-Benefizien (deren sind es 71), 3) Eehaltsverhültnisse der Pfarrpfründen, wobei zu bemerken, daß die Zahlen sich ohne Abzug der Lasten (die oft bedeutend sind) verstehen, . 4) Uebersicht der Seclenzahl der Pfarreien, 5) Patrone der Pfarrkirchen, 6) Verzeichnis der Patrone der Pfarrpfründen, 7) eine Gesammtnbersicht, 8) alphabetisches Ortsregister für den I. und II. Band, 9) Uebersicht der inserirenden Firmen, zusammengestellt nach kirchlichen Branchen. Die Ausstattung des Werkes ist sehr befriedigend; der klare, ticfschwarze Druck hebt sich vom schönen weißen und kräftigen (ganz holzfreien) Papier sehr gut ab, die 3 Tafeln (Porträt des hochwürdigsten Bischofs Pan- crntius, die Kathedrale und die St. Ulrichskirche) zeichnen sich durch saubere Ausführung aus, wie auch der hübsche Originalcinband aus der bekannten Buchbinderei und Prägeanstalt Karl Simon in Augsburg, mit dem goldgeprügten Bilde des hl. Ulrich im Vierpaß, alle Anerkennung verdient. Fassen wir unser Urtheil zusammen, so bekunden wir. daß hicmit ein monumentales Werk geschaffen wurde, würdig der großen Diöcese Augsburg, das auf Jahre hinaus dem Seelsorgklerus eine höchst wünschens- werthe Handhabe bietet und in allen Fragen der Pa- storirung die wünschenswerthen Auskünfte gibt. Dem Verfasser des Werkes sei herzinniger Dank gesagt, daß er dem Klerus einen so wichtigen Wegweiser und Rathgeber gegeben. Fortan hat kein Bewerber um eine Pfründe es nöthig, weite Reisen zur Besichtigung der „Erwählten" zu machen. Hopp's großes zweibändiges Werk ist ihm zuverlässiger Führer und Nathgeber. Von Jerusalem nach Beyrnth. Von l)r. Seb. Euringer. (Fortsetzung statt Schluß.) Zwei Tage darauf kam ich nach Cäsarea; hier hat der Hauptmann Cornelius gelebt und wurde vom hl. Petrus sammt seinem Hause als der erste der Heiden getauft, hier war der hl. Paulus zwei Jahre Gefangener und hielt eine seiner schönsten Reden voll Kraft und Energie; von hier schiffte er sich nach Nom ein; hier predigte der hl. Philipp. Zahlreiche Trümmer der alten Stadt sind vorhanden, namentlich die am Hafen sind sehr malerisch; ein Amphitheater läßt sich nachweisen; mein Führer hat mir eine alte griechische Inschrift gezeigt, die bis jetzt noch keiner vor mir gesehen hat; auf dem Rücken liegend habe ich sie abgeschrieben, denn sie bildet das Dach einer sehr niedern Vertiefung im Schutt. Jetzt ist Cäsarea eine Kolonie von Vosniaken, welche Oesterreich, einer christlichen Macht, nicht Unterthan sein wollten und daher als fanatische Mnhammedaner auswanderten und hier eine Kolonie gründeten. Sie handeln auch mit den Quadern der alten Ruinen. Von Cäsarea 219 an bis Beyruth und noch weiter sind fast alle vornehmeren ' Häuser aus alten Quadern der früheren Zeiten erbaut und schauen daher ganz mittelalterlich aus, wenn man die Bauart abrechnet. Es war ein langer, mühsamer Weg von Cäsarea bis Kaifa, d. h. zum Berg Karmel. Fast immer am Meere oder in der Nähe des Meeres, gab es oft viel Sand, zweimal mußte ein Fluß passirt werden. Natürlich, Brücken baut die Türkei keine, und so mußte man zu Pferde hinüber, was mit einiger Mühe gelingt. Am Abend grüßt uns von der Spitze des Karmel zwischen Kloster und Leuchtthurm die deutsche Fahne auf meinem Zelte. Mein Zelt ist an einem schönen Punkte, von meinem Tische aus sah ich den Golf von Akka. Das Kloster bietet außer dem Gnadenbilde und der Grotte des hl. Elias (habe auf beiden Altären celebrirt) nichts Besonderes. Es ist in italienischem Stil erbaut und nicht alt. Am Fuße des Berges liegt eine große, viereckige Kammer, in Felsen gehauen, mit einer rechteckigen Neben- kammer. Die Kammer ist sehr groß und führt nicht mit Unrecht den Namen Prophetenschule. Ich besuchte auch Kaifa, eine verhältnißmäßig junge Stadt, gegründet im vorigen Jahrhundert. Es ist dort eine protestantische Kolonie von Württembergern und Badensern, und auch der katholische Palästinaverein hat ein Hospiz daselbst. Ich besuchte den Direktor; er war nicht daheim. Die Klosterfrauen, die mich empfingen, sowie das Dienstpersonal hielten mich in meiner arabischen Kleidung für einen Juden aus Samaria. Am nächsten Tage wollte ich mir den Karmel näher ansehen. Um 6 Uhr celebrirte ich in der Eliasgrotte, wo der hl. Elias und Elisäus gelebt haben sollen. Dann kaufte ich Melissengeist und Skapuliere und Medaillen rc. und ging zu meinen Pferden. Ich hatte im Sinne, zu der Stelle zu reiten, wo der Prophet Elias Feuer vom Himmel herabgebetet hat auf sein Opfer und wo dann die Baalspricster von ihm geiödtet wurden und daraufhin der ersehnte Regen kam. Das Kloster steht am nordwestlichen Ende, gerade da, wo der Karmel auf drei Seiten vom Meere bespült wird, während die Opferstätte am südöstlichen Ende des Karmel liegt; ich mußte also den ganzen Karmel der Länge nach abreiten. Ich zog es vor, auf der Höhe zu bleiben, und fünf Stunden lang ritt ich durch lauter Grün und Blüthen. Wilde Birnbäume mit rothen Blüthen, Pinien mit ihren hübschen Zapfen, Johannisbrodbäume mit noch grünen Früchten, wilde Eichbäume und alle möglichen Blüthen und Farben, dazwischen der Blick bald auf die grüne Ebene Esdralon, bald auf das Bteer ließen mir die 5 Stunden auf Bergeshöhe kurz erscheinen. Der Ausläufer des Karmel, wo Elias einst die Baalspriester zu Schanden machte, ist von einem Kapellchen und einem unbewohnten Klösterchen der Karmeliten gekrönt. Im Schatten dieses Kapellchens nahm ich mein Mittagsmahl und Mittagsschläfchen ein. Nach Befriedigung dieser Lebensbedürfnisse schaute ich mir unbehindert von Hunger, Durst und Schlaf die Aussicht an. Gegen Osten und Nordosten lag zu unseren Füßen die gewaltige Ebene Esdralon, wo fast alle bedeutenden Schlachten, die über Wohl und Wehe von ganz Palästina entschieden, geschlagen wurden, von den ältesten Zeiten an bis in das Mittelalter. Der kleine Bach Kison, der so harmlos dem Meere zuplätschert, ist gar oft vom Blute der Gefallenen roth gefärbt worden; auch damals, als Elias über 400 Baalspriester tödtete. Jenseits der Ebene schaut ernst in den Formen des Vesuvs der Berg der Verklärung, der Tabor, herüber, auf dem Elias einst Zeugniß für die Gottheit Christi vor den erstaunten Jüngern ablegte. In dieser Richtung, durch Berge verhüllt, liegt Nazareth. Ich stieg in die Ebene Esdralon hinab, überschritt den Bach Kison, um nach 5—6 Stunden nach Schef Amar, wo bereits die Zelte standen, zu gelangen. Der Tagesritt von 10—11 Stunden war lange; man hatte mir in Karmel und Kaifa gesagt, von Muhaka (dem Opferplatze) bis Schef Amar seien es nur 2—3 Stunden, es waren aber doppelt soviel, und die letzten 2 Stunden mußten bei Dunkelheit zurückgelegt werden. In Schef Amar erwarteten mich bereits die beiden dortigen Missionspriester, sehr gemüthliche Franzosen. Am andern Tage, PfingstsamStag, hatte mein Dragoman das Fieber; ich schickte die Zelte nach Akka und schaute nach der hl. Messe unter Führung des Pfarrers die sehr schön ornamentirten alten Felsengräber an. Ich besuchte auch die Missionsschule und wurde ü 1a. Patriarch empfangen. Man erwartete nämlich den Patriarchen und hatte für ihn allerlei einstudiert, und ich hielt nun die Hauptprobe ab. Der Lehrer überreichte mir in Goldschrift den arabischen Text des Willkomms und deS Liedes, welche für den Patriarchen bestimmt waren, aber auch für mich galten. Ich durfte den Text behalten, den ich natürlich konoris ouusa, entsprechend bezahlen mußte. (Schluß folgt.) War Kaspar Häuser ein Betrüger? (Schluß.) II. Zeugen gegen Kaspar Häuser, rrrs 15) Philipp Heinrich, Graf von Stanhope, lernte Kaspar Häuser zuerst am 29. Mai 1831 kennen und interessirte sich alsbald so sehr für ihn, daß er am 2. Juni 1831 500 fl. zur Entdeckung des Urhebers des an Kaspar Häuser verübten Verbrechens aussetzte (M. 266 f.). Auch bestrick er die Kosten einer Reise des Kaspar Häuser (in Begleitung von Hickel und von Tücher) nach Ungarn im Juli 1631, da er sich zu der Meinung hatte verleiten lassen, daß Kaspar Häuser ein ungarischer Magnat sei; die Reisenden mußten jedoch wegen der Cholera schon in Preßburg wieder umkehren, ohne das Ziel ihrer Reise erreicht zu haben. Durch verschwenderische Geschenke und die Vorspiegelung hoher Abkunft verzog Stanhope den Kaspar Häuser derart, daß ihm Frhr. v. Tücher bald darauf ernste Vorstellungen machte (siehe seinen Brief an Stanhope vom 11. November 1831 bei M. 278 f.). Dadurch gekränkt verlangte Stanhope, daß ihm Kaspar Häuser ganz zur Erziehung überlassen werde, und erbot sich, die Kosten derselben wie seines Unterhalts auf sich zu nehmen (siehe seine Eingabe an das kgl. Kreis- und Stadtgericht Nürnberg. Ansbach, 21. November 1831, bei M. 268 f.), worauf Tücher um Enthebung von der Vormundschaft bat (M. 272 f.), die ihm auch am 7. Dez. 1831 gewährt wurde. Kaspar Häuser wurde an Stanhope ausgeliefert und am 10. Dez. 1831 dem Lehrer I. G. Meyer in Ansbach zum Unterricht und zur Pflege übergeben, der Lord dagegen reiste am 19. Januar 1832 von Ansbach ab und ging über Karlsruhe, Mannheim nach England zurück. Während er im persönlichen Verkehr mit Kaspar Häuser nicht den geringsten Zweifel an der Wahrheit der Aussagen des» selben gehegt hatte, ließ er sich in London durch seine Freunde — welche Kaspar Häuser niemals gesehen hatten — insbesondere durch Joh. Philipp Frhrn. v. Wessenbcrg, österreichischen Gesandten in London (s. dessen Brief an Stantsrath v. Klüber vom 10. Nov. 1832, worin die von Stanhope citirten Worte: „I-s jsuna lloinma sait plus HU6 v6ux Hui üerivsut clss livrss sur lui, uinis il us vöut pas parier, stloute 1a ^uestiou sst 1L", wiederkehren, L. I, 281 f., vgl. Stanhope an Hickel, Chevening 8. März 1833, bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 114 A.), völlig umstimmen und von der Absicht, die (ihm selbst gewidmete) Schrift Feuerbachs in England zu publizircn, um so eher abbringen (s. Stan- hope's Brief an Fcuerbach, London 5. Okt. 1832, bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 108 f. A.), als eine zweite Reise Hickels nach Ungarn im Frühjahr 1832 nicht zu dem von Stanhope gewünschten Resultat geführt hatte (s. Stanhope's Brief an Hickel, Chevening 24. Mai 1832, a. a. O. S. 96 f. A.). Statt dessen übersandte er, um seine Zweifel zu beschwichtigen, mit Brief vom 5. Okt. 1832 an Feuerbach 27 Fragen zur Beantwortung, die wohl ebenfalls von seinem Freund von Wessenberg aufgesetzt waren (Es sind dieselben, welche Stanhope am 4. Januar 1834 um drei weitere vermehrt dem Untersuchungsgericht in München vorlegte, s. M. 387 f.). Aber noch im Brief vom 8. März 1833 erklärte er Hickel gegenüber, daß er an die Hauptsache „daß Häuser der Natur und den Menschen entzogen wurde" selbst glaube, und daß sie ihm „niemals eine Erdichtung oder Betrügerei zu sein schien" (s. M. Kaspar Häuser 1881, S. 113 f. A.). Erst nach dem Tode des Kaspar Häuser, den er inzwischen nicht mehr gesehen hatte, trat er offen als Ankläger gegen denselben auf und unterstützte sogar den Polizeirath Merker mit Material! (s. die von Stanhope selbst publicirten „Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers." Heidelberg 1835, S. 43 f. und 81 f.). 16) Gendarmerielieutenant Joseph Hickel lernte, wenn wir seiner Versicherung in dem fingirten Brief vom 20. Juni 1828 trauen dürfen, Kaspar Häuser im Juni 1828 in Nürnberg kennen, wurde aber erst 10 Tage nach dem Attentat vom 17. Oktober 1829 der Untersuchungscommission in Sachen des Kaspar Häuser zum Behufe von Recherchen beigegeben (M. 505). Noch iui Jahre 1833 glaubte Hickel fest an die merkwürdigen Lebensumstände des Kaspar Häuser und machte Stanhope wegen seiner Zweifel Vorstellungen (s. den obenerwähnten Brief Stan- hopes an Hickel vom 8. März 1833 bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 113 f. A.; schon hieraus ergibt sich die Unechtheit von Hickels Correspondenz, von der schon die ersten Briefe aus dem Jahre 1828 die Tendenz haben, Hausers Angaben und Persönlichkeit zu verdächtigen). Dennoch ließ er sich später gegen Häuser einnehmen, einerseits, weil seine Nachforschungen nach den Eltern des Kaspar Häuser in Ungarn, Gotha rc. erfolglos geblieben waren, andrerseits, weil Kaspar Häuser — was weder Daumer noch v. Tücher in Abrede stellten — in den letzten Jahren seines Lebens häßliche Charakterseiten, wie eine gewisse Neigung zur Unwahrhaftigkeit und zum Trotz, an den Tag legte und unter anderm sein Tagebuch lieber verbrannte, als es an Hickel (für Stanhope) auslieferte. Aber noch im April 1834 machte Hickel dem Grafen Stanhope Vorwürfe, weil er gegen Kaspar Häuser schrieb (s. Stanhope's Brief an Hickel vom 21. April 1834, L. I, 369), ja noch am 21. März 1835 schreibt Stanhope an Lehrer Meyer aus Rom, daß Hickel an die Einsperrung des Kaspar Häuser glaube (L. I, 369 f.). Mithin läßt sich Hickel nicht als Zeuge gegen Kaspar Häuser verwenden. 17) Lehrer Johann Georg Meyer in Ansbach nahm am 10. Dez. 1831 Kaspar Häuser in sein Haus auf und gab ihm Unterricht und Kost (auf Rechnung Stanhope's) bis zu dessen Tod. Aus Meyers Bericht an Graf Stanhope vom Juli 1833 (M. 192 f.) erfahren wir, daß Meyer noch wenige Monate vor Hausers Ende an dessen Einkerkerung glaubte (a. a. O. S. 301 A.), ferner, daß Kaspar Häuser bet seinem Eintritt in Meyers Haus „in seiner geistigen Kraft und allen seinen Leistungen kaum einem neunjährigen Knaben gleich war, der bei guten (nicht vorzüglichen) Anlagen den Unterricht einer gewöhnlichen öffentlichen Schule erhalten hatte" und „kaum gleichen Schritt mit Knaben hat halten können, die ebensolange, wie er, Unterricht genossen" (M. 295 u. 307). Gerade dieser Mangel an Fähigkeiten und an Energie sowie die geringen Fortschritte Hausers im Schönschreiben und in der Orthographie waren es, welche Meyers Unzufriedenheit erregten und ihn auf die Meinung brachten, daß man es bei Kaspar Häuser keineswegs mit einem Wunderkinde zu thun habe. Sie genügen aber zum Beweise, daß Kaspar Häuser kein Betrüger war, da ja zur Durchführung einer solchen Täuschung gewiß ein außerordentlicher Grad von Energie und hervorragende Geisteskräfte nöthig waren (vgl. noch Hofmanns Aeußerungen über die geringe Befähigung des Kaspar Häuser in seinem Brief an Klüber vom 26. Febr. 1833, L. I, 284). Uebrigens hebt Lehrer Meyer (M. 306 f. u. 415 f.) an Kaspar Häuser neben manchen Schwächen, wie Eitelkeit, Unwahrhaftigkeit, auch gewisse Tugenden, wie seine Theilnahme an den Schicksalen der Lehrersfamilie, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Genügsamkeit und Zufriedenheit mit seiner schmalen Kost und eine auffallende Weichheit des Gemüths, hervor, wie er denn auch auf dem Sterbebette Meyer dankte und von ihm einen rührenden Abschied nahm (M. 349 A.) — lauter Eigenschaften, die mit dem Charakter eines berechnenden Betrügers unvereinbar sind. Endlich gibt Meyer mehrere gewichtige Gründe an, welche gegen die Annahme eines Selbstmordes des Kaspar Häuser sprechen (M. 414 f.). Mithin darf sein Zeugniß nicht einseitig gegen Kaspar Häuser verwerthet werden. Ueberblicken wir die Reihe der aufgeführten Zeugen, so ergibt sich, daß die Zahl und die Qualität derjenigen, welche zu Gunsten des Kaspar Häuser aussagten, die der Gegner weit überwiegt, denn wir finden darunter Polizisten, Aerzte, Juristen, Geistliche, Lehrer, kurz Männer aus allen Ständen und Lebensstellungen, die zum Theil durch ihren Beruf mit Verbrechern zusammengeführt wurden und jedenfalls Urtheilskraft genug besaßen, um einen Betrüger durchschauen zu können. Andrerseits läßt sich nicht bestreiten, daß die Zeugnisse eines Stanhope, Hickel, Meyer nur sehr beschränkten Werth besitzen. Doch sei dem, wie es wolle, soviel ist gewiß: Mit dem Tode hört alles Simuliren auf. War Kaspar Häuser wirklich während seiner Jugendjahre in Gewahrsam gehalten worden, so mußten die Spuren dieser Behandlung bei der Sektion zu Tage treten und die inneren Organe des Körpers jenes Unglücklichen, insbesondere die Leber, die Lunge, das Hirn, eine abnorme Beschaffenheit ausweisen, da ihre Entwicklung durch die Kerkerhaft während I der Wachsthumsperiode beeinträchtigt worden war. Hören 221 wir daher, wie sich ein ganz unparteiischer Mann, der praktische Arzt Dr. Heidenreich in Ansbach, der Kaspar Häuser nach der Verwundung die erste Beihilfe leistete und Augenzeuge bei der gerichtlichen Obduktion war, unter dem frischen Eindruck derselben über den Sektionsbefund äußert (im Journal der Chirurgie und Augenheilkunde, herausgegeben von C. F. v. Gräfe und Ph. v. Walther, Berlin 1834, Bd. XXI. S. 91 f. „Kaspar Hausens Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung"). Nach einer genauen Beschreibung der Wunde und nachdem Heidenreich dargethan, daß schon die Richtung des Wundkanals gegen einen Selbstmord spreche, man müßte denn annehmen, daß sich Kaspar Häuser den ungemein heftigen Stoß mit der linken Hand in einer nach vorwärts gebeugten Stellung beigebracht habe, fährt er folgendermaßen fort (a. a. O. S. 119): „Die Leber war sebr groß und hypertropbisck. Dem Landgerichtsarzte, der sich gutachtlich ciuSzuiprechen hatte, konnte es daher nicht entgehen, daß diese Vergrößerung und Hypertrophie mit Hausers früherer Einkerkerung in Verhältniß zu setzen sei, indem auch Thiere, denen man in engen Käfigen wenig Bewegung gestattet, große Leber bekommen*). AuS dem Drucke der vergrößerten Leber erklärte derselbe, der auch Hausers früherer Arzt gewesen war, das fortwährende Ausstößen nach dem Genuß auch jeder Speise, über welches Häuser so häufig klagte, welche Erscheinung aber auch, nächst leicht und bald vorübergehenden Rückenschmerzen, die er sich einmal durch eine Erkältung zugezogen hatte, die einzigen Krankheitszusällc waren, die an Häuser während seines zweijährigen Aufenthaltes dahier beobachtet wurden. In Uebereinstimmung mit den ver- hältnißmäßig kleinen Lungen finde auch ich die Vergrößerung der Leber ganz natürlich, indem diese beiden Organe sich physiologisch bedingen als Ausschcidungsorgane des Kohlenstoffs, die Leber im Fötus für die Lunge fuuktionirt und in dem Thierreiche um so mehr hervortritt, je mehr die Lunge sich zurückzieht. „Konnte sich bei weniger Bewegung und in der dumpfen Lust deö Kerkers die Lunge nur wenig entwickeln, so mußte das Ucbergewicht auf die Leber fallen. „Ist es aber ausgemacht, daß Häuser lange Zeit nur koblen- stoffhaltcnde Vegetabilieu (trockncs Brod) und kein stickstoffhaltiges Fleisch zur Nahrung erhalten hatte, so wurde durch vermehrtes Bedürfniß, den Kohlenstoff auszuscheiden, auch die Vergrößerung der Leber und die dicke, zähe, schwärzliche Galle bedingt. „Umgekehrt aber beweisen diese Erscheinungen für Hausers früheres Verhältniß, für seine Einkerkerung iu einem dumpfen Loch» und Ernährung durch Pflanzenkost . „Ueber den namentlich vom Scheitel gegen die Stirne zu etwas niedergedrückten Schädel, die ziemliche Dicke der Knochen, den weit hcreinragenden Sichelfortsatz der harten Hirnhaut — über die Kleinheit des Gehirns im allgemeinen, die relativ geringe Masse deö großen und bedeutende Größe des kleinen Hirns, über die der Zahl nach wenigeren, aber dem Ansehen nach größeren und gröberen Windungen an der Oberfläche, das besondere Hervortreten einzelner Massen im Innern, namentlich im großen Gehirne, und endlich über einige Eigenthümlichkeiten der Schädel-Basis — habe ick mich schon im Leichenbefunde ausgesprochen (a. a. O. S. IlO f.). Alle diese Momente schienen mir auf mangelhafte Entwicklung deö Hirnorganö zu deuten. *) S. das gcricktsärztliche Gutachten des kgl. Landgerichts- arztcs Or. Albert vom 9. Januar 1834 bei Meyer, Anthent. Mittb. S. 373 f.: Wenn Meyer a. a. O. S. 374 A. dagegen bemerkt: „Lebervcrgrvßernngen können verschiedene Ursachen haben und kommen nickt selten auch bei Menschen vor, die ihrer Freiheit nie beraubt waren", so übersieht er, daß es im vorliegenden Falle nur darauf ankommt, ob sich die beobachtete Lebervergrößerung mit den Angaben, welche Kaspar Häuser über sein Vorleben machte, übereinbrmgen läßt. Dies kann aber nicht bestricken werden, zumal Kaspar Häuser in seiner Selbstbiographie ausdrücklich bezeugt, daß er sich in seinem Kerker nur wenig bewegen konnte und nicht immer die nöthige Menge Wassers zu trinken bekam. Der Vergleich mit den gestopften Gänsen ist daher recht wohl am Platze. „Als dasselbe herausgenommen war, wurde die Kleinheit der Hintern Lappen des großen Hirnes, die auseinandcrficlcn und das kleine nicht decken wollten, noch ausfallender, und diese Erscheinung hatte einige, wenn gleich nur entfernte Aebnlickkeit mit dem Aussehen, wie Carus (Versuche über das Nervensystem, Tafel V, Figur 21) das Hirn des Marders, oder Ticdemann (Bildungsgeschichte deS Fötushirns, Tafel III, Figur 1) das Hirn des menschlichen Föiuö abgebildet haben. „Uebrigens konnte ich während der Untersuchung des Gehirnes das Gefühl, und während ich dieses schreibe, das Wort „thierähnliche Bildung" nicht unterdrücken. „In diesem Falle war nicht die geistige Entwicklung durch mangelhafte Bildung des Hirnorganes gehemmt, sondern das Organ blieb in seiner Entwicklung zurück durch Mangel aller geistigen Thätigkeit und Erregung. „Denn es ist ein Naturgesetz, daß jedes Organ und Gebilde, das ungeübt und unbenutzt bleibt, den vollständigen Grad seiner möglichen Vollkommenheit nicht erreicht, oder von demselben zurücksinkt und verkümmert wird. Bis zum siebenten Jahre ist die materielle Entwicklung des Mensckenbirns so ziemlich beendigt, haben aber vor dieser Zeit und um dieselbe Einflüsse stattgefunden, die dessen naturgemäße Bildung bcmmen und aushalten konnten, so muß das Hirn auch in physischer und materieller Hinsicht auf der niedern Bildungsstufe stehen bleiben. „Nach dem angegebenen Naturgesetze, daß Uebung und Thätigkeit zur vollständigen Entwicklung eines Organes nölhig sei, und ohne dieselben auch die vhysischc Organisation in ihrer Ausbildung zurückbleibe, mußte die Hirnbildung auch in vorliegendem Falle geschehen. „Hat Häuser geraume Zeit vor dem siebenten Jahre seine Zeit in einem finstern Loche, im dumpfen Hiubrüten, ohne alle intellektuelle Thätigkeit und geistige Lebensrcize, die zur Entwicklung des menschlichen Hirns nöthig sind, zubringen müssen, so mußte auch seine Hirnbildung auf der thierähnliche» Stufe stehen bleiben, wie er selbst nur in thierähnlichem Zustande gelebt hatte. „Hat aber die Leichenöffnung einen solchen unentwickelten Zustand in der physischen Hirnbildung wirklich nachgewiesen, so ist dieser Zustand auch genügender Beweis, daß Häuser geraume Zeit vor seinem siebenten Jahre in die Lage, in der er so lange verharren mußte, gebracht worden ist. „Waren aber darüber die Jugendjahre verstrichen und hatte das Hirn seine physische Bildung auf dieser niedern Stufe vollendet, so konnte das Versäumte nicht mehr ersetzt werden. „Als er wirklich an das Licht und unter die Menschen getreten war, war es zu spät, als daß die intellectuellen Reize auf die Bildung des bereits gereiften, physisch ausgewachsenen, aber nur für diese niedere Stufe geistigen Lebens vollendeten Hirns noch hätten Einfluß äußern können. „Daher lassen sich die reißenden Fortschritte und glänzenden Anlagen erklären, die Häuser anfangs verrieth, weil für sie das Hirnorgan schon gereift war, das bei Kindern sich erst auch noch physisch bilden muß, daber aber auch sein alsbaldiges Stehenbleiben an der Grenze des Mittelmäßigen und Gewöhnlichen, weil das Hirn für höheres geistiges Leben nicht mehr umgebildet werden konnte." Wir ersehen hieraus, daß der Sektionsbefund völlig mit dem in Einklang steht, was Kaspar Häuser über sein Vorleben berichtete. Damit fällt aber auch der letzte Grund, an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweifeln, hinweg, da es ja nicht in seiner Macht stand, auf die Bildung seiner inneren Organe einzuwirken, und es kann daher nunmehr als feststehende Thatsache betrachtet werden, daß Kaspar Häuser — kein Betrüger war. Die Todesamneldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur". Von k. F., 0. 8. k'r. (Fortsetzung.) II. Unläugbar feststehend sind die Todesanmeldungen in ihrer Mehrzahl, und von Zeit zu Zeit wird deren Realität durch neue Beispiele der glaubwürdigsten Art weiterhin bewiesen; wie nun lassen sich dieselben wohl vernünftiger Weise erklären? So berechtigt für den denkenden Verstand diese Frage an sich ist, so schwierig ist deren Lösung. Schon in den sinnlich wahrnehmbaren Dingen finden wir Menschen uns vielfach nicht znrccht, wie wollten wir da vollständig jene Verhältnisse ergründen, welche in dem Gebiete des Geistigen, des Uebersinnlichen obwalten? Die endgiltigen Kreuzpunkte der sichtbaren und unsichtbaren Welt vermag der beschränkte menschliche Verstand nicht genau zu bestimmen, wiewohl wir Menschen mit unserer Seele selbst in das „Nachtgebiet der Natur" hineinragen. In unserem dermaligcn Zustand des Erkenntnißvermögens können wir nicht weit in dieses dunkle Gebiet eindringen, wir sehen uns vielmehr auf Vermuthungen beschränkt. Jede Erscheinung in der Welt mittels der Vernunft nach ihrem Wesen zu erfassen und Zu erklären, ist die erhabene Aufgabe der Philosophie, und wer möchte wohl in Abrede stellen, daß des Menschen forschender Geist in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft bereits herrliche Triumphe errungen hat? Wie leicht zu denken, haben die Vertreter der Philosophie wie die Vorgänge im geistigen Leben des Menschen überhaupt, so auch die Todesmelduugen in das Bereich ihrer Untersuchungen gezogen. Nach ihrer Lehre sind die einschlägigen Thatsachen aus den Kräften der menschlichen Seele zu erklären. Sobald des Menschen Seele die rohe, leibliche Hülle abgelegt hat, behaupten die Philosophen mit Recht, tritt sie auf eine höhere Stufe des geistigen Lebens; ihr Erkennen ist dann im Vergleich zum irdischen ein gesteigertes und umfassenderes, und in gleicher Weise scheint die Annahme begründet, daß die Willenskraft der Seele, sofern sie in ihrem Wirken nicht mehr an die Mitthätigkeit der Sinnesorgane gebunden ist, zu freierer und kräftigerer Entfaltung gelangt. Mit der Trennung vom Leibe verläßt die Seele auch den irdischen Daseinskreis und tritt in den leiblosen über; dadurch hört sie naturgemäß auf, an einen bestimmten Raum gebunden zu sein. Diese allgemeinen Lehrpunkte der Psychologie finden wir schon scharfsinnig bei den kirchlichen Gcistesheroen des Mittelalters; so behauptet z. B. der große Aquinate: „Ist die Seele vom Leibe getrennt, so ist sie über jeden Raum erhaben." Was nun allezeit von der bereits abgcleibteu Menscheuscele gelehrt wurde, übertrügt bei den Todesaumeldungen die Philosophie auf die erst im Scheiden begriffene Seele. Hat sich die Seele, so lautet ungefähr kurz ihre Erklärung, zwar noch nicht völlig vom Körper losgerungen, sind aber doch die Bande zwischen Leib und Geist schon sehr gelockert, so nimmt die Seele bereits Antheil an den Kräften und Fähigkeiten der reinen Geister und ist demnach in etwas in einen höheren Wirkungskreis getreten. Dem Geiste ist es alsdann möglich, auf weitere Entfernungen unmittelbar, d. h. ohne Sinneswerkzeuge, zu wirken. Wahrscheinlich lasse auch die Innigkeit der Seelenverwandtschaft zwischen zwei Menschen nähere, geistig-seelische Beziehungen entstehen, die in jenem Zeitpunkte, wo die eine Seele sich zum Flug ins Jenseits rüstet, noch mehr hervortreten und noch wirksamer werden. In diesen Wechselbeziehungen und erhöhten Kräften der scheidenden Seele ist der Grund der Todesanmeldungen nach den Philosophen gegeben. Für diese Erklärungsweise spricht allerdings der Erfahrungsumstand, daß sterbende Menschen sich fast immer bei jenen Personen anmelden, denen sie mit besonderer Verehrung und Liebe zugethan waren. Ebenso läßt sich aus dieser Theorie erschließen, warum nicht selten eben jenen Angehörigen und Freunden eine Todesanmeldung zu theil wird, nach welchen der Sterbende in den letzten Augenblicken seines Daseins fragte oder deren Gegenwart er wünschte. Greifen wir z. B. nur zurück auf jene Thatsache in dem Leben der erwähnten protestantischen Dame; es kann nach der Erklärung der Philosophen ihr Wort: „Nun ist es Zeit, daß ich von dem Pater Abschied nehme", und ihr Erscheinen in Bellinzona einigermaßen verständlich werden. Gleichwohl werden wir der menschlichen Seele, solange sie noch nicht völlig von dem Leibe getrennt ist, jene Kräfte und Fähigkeiten nicht zuschreiben können, wie sie der vom Körper geschiedenen eigen sind; wir werden vielmehr mit den Vertretern einer gesunden Psychologie den Wirkungskreis der Seele, solange der Leib ihre Wohnstätte ist, als durch den Körper abgeschlossen betrachten müssen, womit eben dann jede Fernwirkung, wie z. V. bei den Todes- anmeldungen, als unmöglich sich darstellt. Wie die Philosophie die Todesanmeldungen auf die Seele und deren Kräfte zurückführt, so geben auch die meisten Naturforscher, welche leider so vielfach auf dem Standpunkte^ffes Stoff- oder des völligen Unglaubens stehen, Kräfte des Menschen als Ursache der einschlägigen Vorkommnisse an, aber nicht Kräfte der Seele, des Geistes — einen solchen kennen sie nicht —, sondern „Kräfte der menschlichen Natur". Nach ihrer Lehre ist „die menschliche Natur mächtiger und wunderbarer, als man früher geglaubt; sie besitzt Fähigkeiten, welche man bisher für göttliche oder dämonische angesehen hat." Da sich aber die Naturforscher rühmen, sich lediglich auf sinnliche Wahrnehmungen bei ihren Theorien zu stützen, so bleibt es uns gewöhnlichen Menschen von allem Anfang an unbegreiflich, wie diese Gelehrten sich auf das übersinnliche Gebiet zur Forschung wagen können, ohne mit sich und ihren Gruudprincipien in Widerspruch zu gerathen. Das Wort der geistreichen Convcrtitin Jda Gräfin Hahn-Hahn über Gott, den reinsten, ewigen Geist, gilt auch voll und ganz von dem Geistigen im Menschen, von der Seele, nämlich, daß sie mit Lupe und Fernrohr nicht entdeckt und durchforscht werden kann. Wollen die Naturforscher mit ihren Instrumenten die Todcsamneld- uugen nach ihrem Grunde zu erklären versuchen, so ist ihr Resultat sicherlich ein falsches. Sie gleichen da einem Menschen, der mit dem Fernrohr bewaffnet in der Sternenwelt nach Gott suchen würde, ihn natürlich nicht findet und dann der Welt mit dem berüchtigten Astronomen Bayle die unumstößliche Wahrheit verkündet: „Es gibt keinen Gott!" Aber selbst zugegeben, die moderne Naturforschung könnte durch ihre Mittel Ueber- sinnliches erklären, so ist ihre Theorie schon aus dem Grunde lächerlich, weil ihre Vertreter jene „Kraft der Natur" noch gar nicht entdeckt haben, welche dem Menschen die Fähigkeit zu den Todesanmeldungeu verleihen soll. Was man nicht definiren kann u. s. w., dieses geflügelte Wort könnte man solchen Forschern wohl in das Stammbuch schreiben! Wollten sich die modernen Propheten des Stoffglaubens doch merken die treffliche Mahnung eines hervorragenden Gelehrten der Gegenwart: „Durch Thatsachen so in die Enge getrieben, daß die Natnrforschung keinen Ausweg mehr sieht, thut sie besser daran, die fragende Menschheit nach Oben zu weisen, an die Un- ' sichtbaren, als Erscheinungen, die sie unter anderen Um- 223 ständen als hinreichend verbürgt ansehen würde, einfach auf bisher noch unbekannte Kräfte zurückzuführen oder sie ganz in Abrede zustellen!« Während die Philosopie doch wenigstens in etwas den Schleier lüftet, der über diesem Theil des „Nachtgebietes der Natur" liegt, vertröstet uns die Naturforschung auf noch unentdeckte Naturkräfte; wollen wir denn auch ruhig abwarten, bis diese „Kräfte" gefunden worden, inzwischen jedoch „nach Oben", „zu den Unsichtbaren" unsern Blick wenden und dort nach einer Erklärung unserer Begebenheiten suchen. — Schwingen wir uns im Geiste empor zu den Unsichtbaren, geführt von dem untrüglichen hl. Glauben, so treten uns dort drei Mächte entgegen, welche mit dem Menschen in Verbindung stehen, Gott, die Engel des Himmels mit den Heiligen und die Geister der Finsterniß. Wohl können mit Gottes Zulassung die Mächte der Hölle bei Todesanmeldungen thätig gedacht werden; aber wie mit Recht ein Gelehrter der Neuzeit bemerkt, treten derlei Anmeldungen keineswegs auf eine Weise ein, die nothwendig auf satanische Wirksamkeit und Bosheit schließen läßt. Wciters dürfte diese Annahme bei Besprechung des etwaigen Zweckes der Todesanmeldungen als unhaltbar sich erweisen. Mehr für sich hat die Meinung, welche ein amerikanischer Theologe über die Todesanmcldungcn vor einigen Jahren anführte. Er weist uns hin auf die wechsel- vollen und lieblichen Beziehungen, welche nach christ- katholischer Lehre zwischen der bedrängten Menschheit auf Erden und den beseligten Geistern des Jenseits besteht. Wäre es da wohl undenkbar, daß mit Gottes Willen diese guten Mächte bei den Todcsanmeldungcn sich thätig zeigten? Vor allem glaubte jener Theologe auf die hl. Schutzgeister der sterbenden Personen verweisen zu sollen. Diese Erklärungsweise ist, wie man zugeben muß, in keiner Hinsicht gegen die Lehre der Kirche, ja sie ist ebenso einfach und ungezwungen, wie den religiösen Anschauungen des Volkes entsprechend. Allerdings hat man gegen sie alsbald den Einwurf erhoben, diese Theorie scheine schon deßwegen unannehmbar, weil nach der Lehre derselben Kirche der Schutzgeist des Menschen beim Tode desselben eine viel wichtigere Aufgabe zu erfüllen habe, als die eintretende Auflösung den Angehörigen oder Freunden zu melden; gerade am Sterbebette müsse der hl. Schutzengel dem Menschen den letzten, entscheidenden Sieg erringen helfen durch seinen Beistand. Aber kennt denn die Lehre der Kirche nicht auch einen Schntzgeist für jede Familie, für jede Gemeinde u. s. w.? Wie also, wenn man sich einen dieser Engel thätig bei den Todcs- anmeldungen denken würde? Es kann auch ein solch' wirksames Eingreifen der Engel nicht als entwürdigend für die seligen Geister bezeichnet werden, da ja nach christlichen Begriffen kein Auftrag Gottes — und die Engel können ja auch nur mit Gottes Willen also wirkend auftreten — für irgend ein Geschöpf entwürdigend sein kann. Wie später gezeigt werden soll, werden die Schutzgeister bei den Todesanmeldungen wohl mehr sein als „bloße Neuigkeitsboten". Manche beanstanden bei dieser Theorie namentlich auch die Art und Weise, wie derlei Vorkommnisse eintreten; vor allem, heißt es, ist es unbegreiflich, wie man sich die erhabenen Mächte des Himmels bei jenen Fällen thätig zu denken habe, wo der sterbende Mensch sich den fernen Angehörigen selbst zu zeigen scheint; „es wäre dies zwar eine . fromme, aber immerhin eine Täuschung der Menschen, bewirkt durch Engel".*) Bezüglich letzterer Entgegnung sei erwähnt, daß in der Schrift des alten Bundes ein Fall erwähnt ist, der auf Todesanmelduugen in obiger Weise vielleicht Licht zu werfen geeignet wäre. Im Buche Tobias zeigt sich Naphael, der Erzengel, dem Vater des jungen Tobias in Gestalt eines Wanderers und bietet sich als Begleiter des Sohnes für die Reise an. Auf die Frage des Vaters Tobias nach der glücklichen Rückkehr, wer er sei, erklärte Naphael: „Ich bin Azarias, des großen Ananias Sohn!" Wie sich solch scheinbare Widersprüche näherhin rechtfertigen lassen, haben die Eeistesheroen der Kirche in ihren Werken zur Genüge nachgewiesen. Es dürfte demnach wohl nicht allzu schwer sein, ein Eingreifen der Engel in benannter Weise zu begreifen; doch wäre dies Sache einer theologischen Abhandlung und kann hier füglich Übergängen werden. Im Vorübergehen sei hier noch bemerkt, daß einzelne Gelehrte, welche dem Spiritismus huldigen, die Todesanmeldungen durch bereits verstorbene Angehörige der im Scheiden liegenden Personen bewirkt werden lassen. Wohl könnte Gott nach dem strengen Lehrbegriff der katholischen Kirche, mit welchem aber jene Anhänger des modernen „Geisterglaubens" im Widersprüche stehen, auch durch die Seele eines verstorbenen Freundes oder Verwandten einschlägige Begebenheiten hervorrufen lassen. Diese, mit dem Spiritismus nicht vollständig harmonircnde Erklärungsweise unterscheidet sich dann aber nicht wesentlich von der oben besprochenen, wo man sich Engel oder überhaupt Himmelsbewohner als Urheber der Todcsan- meldungen denkt. Wollte man aber annehmen, daß ohne Zulassung Gottes, gleichsam auf eigene Faust, die Geister der Verstorbenen solche Wirkungen erzeugen, so wäre man bereits in das äußerst gefährliche Fahrwasser des Spiritismus gekommen, welchen die Kirche als verderbliche Irrlehre gerichtet hat. Bei dem Versuche, die Todesanmeldungen zu erklären, gehen manche auch bis zu höchst „nach Oben", indem sie auf die unbeschränkte- Wundermacht Gottes re- flektiren. Nach ihrem Dafürhalten wirkt Gott bet derartigen Vorkommnissen ohne Vermittlung eines geschöpf- lichcn Wesens ein Wunder im eigentlichsten Sinne. Wiewohl bei Besprechung des Zweckes diese Annahme nicht als geradezu unannehmbar sich erweisen dürfte, muß man doch hier an dem Worte eines gläubigen Gelehrten festhalten: „Wir können uns zu dieser Meinung nicht bekennen; das Wunder übersteigt jede geschöpfliche Kraft und ist eine außerordentliche That Gottes, dazu bestimmt, in augenfälliger Weise Gott zu verherrlichen. Die erhabene Majestät des Wunders und dessen seltene Erscheinung würde aber sicherlich beeinträchtigt werden, wenn dasselbe mit den so häufigen Thatsachen dieser Art in Verbindung gebracht würde." Zudem ist es nach christlicher Sittenlehre vermessen, zu glauben, daß immer, bei jedem Vorfalle, der unerklärlich erscheint, Wunder geschehen. Die Erklärungsversuche, wie sie mit der Zeit nach der jeweiligen Richtung aufgestellt wurden, sind im Vorstehenden kurz namhaft gemacht und besprochen worden; es steht über jeden derselben dem geneigten Leser ein freies Urtheil zu. Denn bislang kann weder die eine noch die andere Meinung in diesem Punkte als die allein *) Man vergleiche hiezu Apostelgesch. 12,15, woraus man einen ähnlichen Glauben schon im Anfange deö Christenthums ersehen kann. 224 richtige sich behaupten; auch ist von Seite der Kirche den j Gläubigen keine Entscheidung für oder gegen nahe gelegt worden. „Prüfet alles, das Beste behaltet!" Doch nun zum Schlußstein unserer Abhandlung, zum Zwecke der Todesanmeldungen I (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. In der gediegenen „Zeitschrift für Schulgesund- heitspflege" von Dr. wsä. st pbil. L. Kotclmann, weiche in Hamburg erscheint, findet sich (1894, 4. Heft, S. 249) ein Bericht über nachstehende Schrift: Wie kann der Ueber- bürdung unserer Jugend auf höheren Lehranstalten mit Erfolg entgeaengewirkt werden? Ein Wort an Eltern, Lehrer und Erzieher von Direktor vr. Clemens Nohi. Leipzig, Ludw. HcM'er, 1892. — Weil wir glauben, daß die Besprechung dieser Schrift durch Herrn Pros. Sepp-AugSburg manche unserer Leser interessirt, bringen wir sie hier zum Abdruck. Sie lautet: Es lassen sich gewichtige Autoritäten hören, welche verlangen, daß jetzt keinen Schritt mehr weiter gegangen werden dürfe bezüglich der Entlastung der Jugend an den höheren Lehranstalten. Aber es fehlt auch nicht au ebenso gewichtigen Stimmen, (Ueber die wachsende Nervosität unserer Zeit. Von Pros. vr. Erb, Gebeimratb und Direktor der medizinischen Klinik der Universität Heidelberg. Heidelberg, 1893, G. Köstcr.) welche, um der Nervosität der Zeit entgegenzuwirken, eine noch größere Ncduziruug des Lernstoffes, besonders an höheren Mädchenschulen, fordern, damit derselbe ohne Hetze und Hast ruhig ausgenommen, ordentlich verdaut und assimilirt werden könne. Dock dieser Streit wird sobald noch nicht von der Bildfläche verschwinden, wenn auch allseitig anerkannt werden muß, daß nunmehr eine große Zahl der wohlthätigsten Verordnungen besteht, welche jegliche Uebcr- bürdung zu verhindern suchen. Die oben bezeichnete Schrift, wohl eine der beachtenSwerthesten Stimmen in dieser Angelegenheit, stellt besonders dasjenige in den Vordergrund, was von oben herab geschehen sollte, um schädliche Ueberbürvuug fern zu halten, und gar manche von den dort ausgesprochenen Desi- dcrien sind berücksichtigt worden. Wie mag der Herr Verfasser z. B. sich freuen, wenn er die neueste bayerische Verordnung über den naturgcschichtlichen Unterricht au den Gymnasien liest, wonach die Benützung eines Lehrbuches ganz ausgeschlossen ist und hauptsächlich bezweckt wird, das Auge für die Beobachtung der Natur zu schärfen und Lust und Freude an derselben zu wecken! Es kaun also gar nicht mehr vorkommen, was er auf Seite 10 schreibt, „daß Hunderte von Pflanzen nach der Zahl der Staubfäden, nach Gestalt und Farbe der Blüthen und Blätter, nach anderen Merkmalen, sowie nach ihrer lateinischen Benennung gedächtuißmäßig eingeprägt und immer wieder re- petirt werden müssen". Die vorliegende Arbeit von Herrn Direktor Nohl enthält eine Fülle von höchst wichtigen Bemerkungen und betont unter anderem nachdrücklich, es sei jetzt nachgerade auch an der Zeit, daß die Eltern zu der Entbindung der höheren Anstalten beitragen, dadurch, daß sie derselben nur ausreichend begabte, körperlich gesunde, sittlich unverdorbene Schüler zuführen, welche Fähigkeit, Lust und Neigung zu ernstem Studium haben und nicht durch falsche Erstehung und frühzeitigen Lebensgenuß abgestumpft und außer Stande sind, die kräftige Kost eines strengen Studiums in ihren verzärtelten oder verdorbenen Magen aufzunehmen und dort zu verdauen. Denn die Ursachen des Mißerfolges und der Nervosität sind gar mannigfaltig, und nur zu oft wirken inebrcre zusammen. Der Irrenarzt Professor vr. GraSbey in München hat vor einiger Zeit öffentlich ausgesprochen, daß bei den wenigen jugendlichen Geisteskranken, welche zur Beobachtung kamen, die Ursachen der nervösen Ueberreizung sich ganz anderswo zeigten, als im ernsten, andauernden Betrieb des Studiums. Aerzte und Laien erfahren eben leider nur zu oft die Bestätigung des Spruches: „Zu früh gelebt, zu früh verdorben und zu früh gestorben." Jllustrirte Geschichte des Allgäu's von Dr. F. L- Bau mann. Verlag von I. Kösel in Keuchten. DaS vorliegende 31. Heft enthält: a) an Text: Die neuere Zeit (1517—1602). Zweiter Abschnitt: Land und Leute. Erstes Haupt stück: Stände (Herren von Benzenau, Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Freiberg, Fuchs von Ebenhofen, Humpiß, von Waltrams, Landau. Langcnegg, Mangold, Ratzcnried, Rcchberg, Sckellen- berg, Scbweickart, Stein Summerau, Pappus von Tratzberg, Westernach; Briesadel. Scbmid von Schmidsfeld, Pakriciat, Bürgerschaft, Ausbürger, Freizimer, Leibeigenschaft, Lasten des Landvolkes, Juden). ZweiteSHauptstück: Leben und Cultur (Ucbervölkerung, Vercinödung, fremde Ansiedler, Mehrung der Bevölkerung, Herbergesystem, Wälderrenten, neue Vereinödungcn, bessere Benützung der Güter, Viehzucht, Nlpenwirthscbaft, Pferdezucht, Waldwirthschaft, Jagd, Fischzucht, Bergbau, Gewerbe, Zunftwesen, Brauereien, Weberei, Industrie, Handel), b) an Illustrationen: 1. Zwei Vollbilder in Farbendruck, ausgeführt in der Jos. Kösel'icken Oifizin in Keuchten, darstellend: Allgäuer Volkstrachten VI. und VII.: Weibliche Tracht von Oberstdorf und Weibliche Tracht in der Gegend von Wcrtach, beide nach einem Aquarell von Jos. Bück; 2. sechsunddreißig in den Text gedruckte Abbildungen. Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hoftatb, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 102—109. Graz und Leipzig 1894. Verlags-Buchbaudluug „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Pfg. Diese Lieferungen enthalten den XIII. Band, der wie der vorhergehende Band die merkwürdige Zeit von 1750—1789 schildert, die Zeit der Aufklärung und des Absolutismus: die Einleitung in die Geschichte des Zeitalters der Revolution. Sie ist rcick an umfassenden Slaatsvcräudcrungcii, die aber in der Regel von einem Manne, vorn Fürsten oder seinem gewalitragcn- den Minister durchgeführt werden. Der Wille des Einen ist Gesetz. Das Skändelcbeu ist verkommen oder liegt in den letzten Zügen Die Völker sind wie Teig, an dem man nach gewissen Systemen berumkueret. Die Losung ist das VolkSwohl, in seinem Namen wird mit einem große» Aufwand von Fleiß und Verstand aus alles historische Leben losgeschlagen. Manches Gute wird eingeführt. noch giößcr ist jedoch die Zahl der Mißgriffe. Um jedoch auch im Speciellen aus den Inhalt dieses Bandes einigermaßen einzugehen, so finden wir hier die Aushebung des Jesuitenordens, die Neformpläne Josefs II., Katharinas II. Regierung, die Türkeukriege von 1787- 1789, die Unruhen in Belgien, Holland, Schweden und Dänemark u. s. w. behandelt, kurz eine reiche Fülle des herrlichsten und interessantesten Lesestoffes. Dabei sind die Cbaraklerzeicbuuiigen, wir nennen nur die hervorragendsten Namen jener Zeit, wie Joses II„ Friedrich II., Karl III., Gustav III., Pombal und Strucnsee. so vollendet und erschöpfend dargestellt, daß sie als ebenso viele Monographien gelten können. Wir können daher nicht umbin, dieses herrliche Geschichiswcrk immer und immer wieder auf das Angelegentlichste zur Anschaffung zu empfehlen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Mouatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Freiburg im Breisgau. Hcrder'sche Vcrlags- haudlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 7: Die im Jahre 1893 verstorbenen Missiousbischöie. — Die Redactionen von Paraguay. (Forts.) — Ältchristliche Ruinen Nord-Synens. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: Japan (Katecbisten); Cbiua (Ostmongolei); Vorderindien (Schulen in den Kholsmissivnen; Besuch beim Radschab von Mandi); Algier (Ein Ausflug nach Seelen (Schluß^); Acquatorial-Aftika (Stand der Mission); Südafrika (Neue Opfer am Sambesi); Westasrika (Mission bei den Adumas); Britisch-Nordamerika (Das heiligste AltarSsacra- ment im hohen Norden); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Für Missionszwecke. — Beilage für die Jugend: Die Sklaven des Sultans (Fortsetzung). Illustrationen: Msgr. Dumaui, griechisch-melchitischer Bischof von Akon. — Msgr. Reynandi 0. 6., vorm. Apostol. Vicar von Sophia und Philippopel. — Msgr. Ricards, Apostol. Vicar von Ost-Kapland. — Msgr. Lions, Apostel. Vicar von Kwei-tscheu. — Plan der Mission von Caudelaria. — Seiten- portal der Kirche zu Dehhes aus dem 6. Jahrhundert. — Fassade eines Hauses und Chorseite der Kirche zu Dehhes aus dem 6. Jahrhundert. — Fassade der Kirche von Qualb-Luzeh. — Längsansicht und Chor der Kirche von Qualb-Luzeh aus dem 6. Jahrhundert. — Das Innere der Kirche von Qualb- Luzeh aus dem 6. Jahrhundert. — Der hochw. Herr Corre und seine Katechisten. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Pierluigi, Palestrina und der Cäcilien-Verein. Ein vorläufiges Wort an die verehrlichen Besucher der 14. General-Versammlung deS Cäcilien-Vereines am 8. und 9. August 1894 zu Regensburg. Motto: „Ihr stürzt nieder, Millionen?!" IV. K. In den „Fliegenden Blättern für kath. Kirchenmusik, offizielles Organ des allgemeinen Cäcilien- Vereins", wurden bis jetzt drei Anträge an die demnächst in Negensburg tagende General-Versammlung veröffentlicht. Während die letzteren zwei (von Prälat Karton und vom Diöcesan-Präses Dr. Walter eingebrachten) geschäftlicher Natur sind und das Verhältniß der Dtö- cesan- und Psarrvereine zum „Allgemeinen Cäcilien- Vereine" betreffen, ist der erste für die Existenz und das Gedeihen des Vereines an sich scheinbar und hoffentlich ganz belanglos, er hat persönlichen Charakter, tangirt sachlich höchstens das Portemonnaie der Vereinsmitglieder, und das nicht bedeutend. Aber die Tendenz, die dem Antrage zu Grunde liegt, und der Charakter des Antrages scheinen uns — sonderbar, und deshalb dürfte es angezeigt sein, in einem öffentlichen Blatte, das von sehr vielen süddeutschen Besuchern der General-Versammlung gelesen wird, sich darüber auszusprcchen, solange es noch Zeit ist. In Nr. 5 der „Flieg. BI." wird nämlich folgender Antrag gestellt: „Die General-Versammlung wolle beschließen, daß aus Anlaß des Palestrina-Jubiläums, und um das Andenken des großen Meisters der Töne zu ehren, Sr. Eminenz dem Kardinal Angela Bianchi, dem erhabenen Protektor unseres Vereins, welcher zugleich Bischof von Palestrina, dem Geburtsorte des unsterblichen Meisters, ist, aus Dritteln des Vereins ein entsprechender Beitrag (etwa 1000 Mark) zur Restauration der Kathedrale daselbst überreicht werde." Es ist etwa anderthalb Jahre her, da wurde dem Schreiber dieser Zeilen ein Aufruf aus Palestrina übermittelt, unterzeichnet von Mitgliedern eines Comitö's für eine Palestrinafeier eben in der Geburtsstadt des Meisters. Dieser Aufruf hatte zum Inhalte zunächst den Hinweis auf das Palestrinajubiläum; sodann versuchte er sich in Geschichte: „Die ganze Welt „wiederholt" (!! offenbar italienisch-deutsch statt „widerhallt"!) vom Ruhme Pa- lestrina's;" er sei es gewesen, der die Musik — Gott weiß aus was für beengenden Fesseln, aus waS für einem Nichts von Unmusik — mit kühner Hand zur höchsten Blüthe, Stilreinheit, Correctheit des Ausdruckes rc. heraus- und emporgeführt habe — „allerdings nur, damit diese erhabenen Klänge nach kurzer Zeit wieder den trivialen Plattheiten einer weltlichen Kirchenmusik Platz machen sollten." Der Zweck des Sendschreibens war der: von den gutmüthigen Deutschen Beitrüge zu erbetteln zur Restauration der Kathedrale in Palestrina, „dem Geburtsorte des unsterblichen Meisters"; die innere Westfayade sollte mit Fresken aus dem Leben Palestrina's geziert werden. Ich sandte damals den Bettelbrief zurück*) mit folgendem Vermerk: 1) aus der Adresse (sie war orthographisch falsch französisch geschrieben) geht hervor, daß die Herren vom Comitö im Französischen nicht ge- ') Eben das ist auch der Grund, warum ich jetzt aus dem Gedächtniß citiren mnß; indeß glaube ich sowohl den Inhalt des Avisos, sowie dessen Wortlaut, soweit ich ihn in Anführungszeichen wiedergebe, ziemlich getrcn gemerkt zu haben. rade stark sind; 2) aus dem Worte „wiederholt" statt „widerhallt" geht hervor, daß die Herren nicht Deutsch können und sich dafür nickt einmal in diesem Falle auch nur einige Mühe gegeben haben; 3) aus der Stellung, welche sie für den „Musilreformator" Palestrina gegenüber seinen Vorgängern vindiciren, geht hervor, daß die Herren die Musikgeschichte gar nicht kennen; 4) wer je einmal in Italien, in Genua, Venedig, Mailand, Florenz — und je südlicher, desto erbärmlicher! — Musik in der Kirche gehört hat, der muß den Italienern (tutti guanbi!) ganz entschieden das Recht absprechen, über Kirchenmusik, vorab über „triviale Plattheiten" auch nur zu reden. Damals dachte ich beileibe nicht daran, daß einem Aufrufe zu einer Palestrinafeier bei uns Gehör gegeben werde, zumal da die Vereinsblätter sich darüber — eine kurze Notiz in der Nusiorr snoru, ausgenommen — meines Wissens vollständig ausschwiegen. Eine Palestrinafeier in Italien! Was wissen denn die Italiener von Palestrina? Daß er wie ein ckeuo ox maostina. gekommen ist mit einer Musik, die vordem auch nicht geahnt werden mochte? Deswegen wäre ein Palestrina noch lange nichts Großes; denn „vor Fröschen ist auch der Hase tapfer"; sicherlich groß ist jener, der auch unter Großen der Größte ist! Oder daß er kein „Niederländer" war, wenigstens seinen niederländischen Lebenssaft allmählig in italienisches Vollblut umwechselte? Aber Palestrina ist Niederländer gewesen und hat stark niederländische Züge auch in seinen vollendetsten Werken dokumentirt (Nissa „l'omms arraä"; vgl. auch die Bemerkungen, die Ambras Bd. 4 S. 16 f. zur Lliosn „ut ro mi" macht). Mir scheint nach allem, was ich von Italien weiß, wissen die Italiener von Palestrina und feinem Werke ungefähr soviel, wie wir Deutsche von Kalidasa und der Sakuntala: einige wenige Kreise sind etwas eingeweiht, die anderen Italiener kennen nichts, weder von Palestrina, noch von seinem Werke, noch von seinem Geiste. Und was der eingeweihteste italienische Palestrinakenner, Gins. Baini, über Palestrina als „Reformator" übertrieben und gefabelt hat, das haben Ambras und namentlich Habers) zur Genüge gezeigt. Die Italiener wollen Palestrina feiern — wie? Sie hatten schon einmal so etwas, wie eine Palestrinafeier; damals schrieben sie an alle lebenden Komponisten um Beiträge zu einem Monstre-Concert — nur keinen oder so gut wie keinen „Palestrina"! Damals hatte R. Wagner den trefflichen Einfall, den Italienern als seinen Beitrag seine herrliche Bearbeitung des zwci- chörigen Linda,!: mator von Palestrina zu senden; das war ein Nasenstüber, wie die italienischen Fest- und °) Kirchcmnus. Jahrb. 1892 u. 1894. Möchte doch Haberl auch einmal den Beweis bringen, daß Palestrina in Bezug auf den gregor. Choral größere als bloß Dilettantenverdicnstc hat! Mir will's immer scheinen, als sei die Kenntniß deS gregor. Chorales ebensowenig Palestrina's als der anderen Contrapnnktiker starke Seite gewesen, ok. Rahm. Schlecht, Geschickte der Kirchenmusik S. 67- Herr Haberl hat zu Nr. 2 der Llus. saera 1894 eine außerordentliche Beilage gegeben: „G. P. da Palestr. u. das osfiz. 6raä. Rom." In dieser Abhandlung scheint mir das „Es würde hier zu weit führen durch Notenbeispicle nachzuweisen" . . . (S. 11 Nr. 8 b) der schwache Punkt zu sein. Ein solcher Nachweis im Einzelnen „führt nicht zu weit," im Gegentheil, er ist nothwendig: der Behauptende muß beweisen; das liegt in seinem Interesse und im Interesse der Sache. 226 Musikmacher ihn verdienten! Nun wollen sie in Italien, speciell in Palestrina, wieder eine Palestrinafeier veranstalten — wie? Durch eine Malerei in ihrer Kirche, zu der wir Moneten spenden sollten. Es braucht sich ja uns nicht gerade um das Kleingeld zu handeln, aber um das Princip: feiert man so Palestrina? „Ihr werdet meine Freunde sein (nicht wenn ihr mich „ikrinoipo äsUa, inusiou", „Herr, Herr" nennet, nicht wenn ihr mich irgendwohin malet oder -gipset, sondern) wenn ihr das thut, was ich euch geboten habe," wenn ihr die Werke, so ich euch hinterlassen, studieret und in schönster Darstellung dem Gottesdienste und der Welt zugänglich machet! Was für ein Verdienst haben denn die Italiener hierin? Sie ließen — mit rühmlicher Ausnahme Batni's — Palesirina's Werke in ihren Bibliotheken vergraben sein; cs war ein Deutscher, der edle Proske, der da hincingriff und Werke Palestrina's an's Tageslicht brachte; es waren Deutsche, voran und zu allermeist Haberl, die mit unermüdlichem Fleiße und mit staunenswerther Findigkeit Palestrina's sämmtliche Werke zusammentrugen und Herausgaben; die verlegende Firma ist auch eine deutsche: Breitkopf L Härtel in Leipzig; und der Handel mit Palestrinabänden gravitirt dem Vernehmen nach durchaus nicht nach Italien! Das Verdienst der heutigen Italiener gegenüber Palestrina? Ich wüßte es nicht zu nennen; aber bei dem Gedanken an die „trivialen Plattheiten" fällt mir ein Geschichichen ein, das ich als Schulknabe einmal im Lesebuch von Hopf gefunden habe: auf dem römischen Forum, wo einst Cicero den Catilina verdonnert hat, wo Cäsar und Augustus im Triumphe eingefahren sind, da erschienen „nachmals" zerlumpte Knaben: kauft's „Hecheln und Mausfall'n, der Welschland Kunst dran, der Deitschland nit kann!" Lapionti sät! „Gotteslästerliches Mnsiktreiben in den meisten ital. Kirchen", sagte Kardinal Bartolini, selbst Italiener, im März 1884. Walter, Biogr. Witt's S. 167. Muß cs demnach erklärlich erscheinen, wenn schon der einzelne Deutsche mit der Pierluigifeier in Palestrina nichts zu thun haben will, so muß es sonderbar erscheinen, wenn dem ganzen Cäcilienvereine bezw. der Generalversammlung zugemuthet wird, sich offiziell und korporativ an dieser Feier zu betheiligen; es muß geradezu verblüffen, wenn dieser Antrag da nicht etwa vom italienischen Fesicomitö in Palestrina gestellt wird, sondern von einem deutschen Landsmanne, einem Cäcilianer, gar von dem Generalpräses des Vereines. O taiuxora, o woros! Oder haben die Italiener vielleicht so große Verdienste um den deutschen Cäcilien-Verein? Der Verein verfolgt — ob mit Recht oder mit Unrecht, braucht hier gar nicht untersucht zu werden — andere kirchen- musikalische Tendenzen als Haydn und Mozart. Nun war es gerade der Kardinal Bartolini, der diese Tendenzen des Vereines desavouirte; Witt selbst hat jenen Brief Bartolini's (ä. ä. 15. Juli 1883) als ein Des- aveu angesehen ^); und alle Deutungen und Erklärungen haben das Wesen jener Angelegenheit nicht alterirt. Dann kam der Ernestine-Bauduin-Nummel (anno 1891): kurz vor der Generalversammlung des Cäcilien- Vereines zu Graz erhielt Frau Gräfin Banduin für eine erbärmliche Sudel-meß-„Composition" „von höchster Stelle" allerhöchste Auszeichnungen. Stehle im „Chorwächter" Nr. 6 richtete damals an den „Generalstab" die denkbar energischste Mahnung zu einem entschiedenen Proteste gegen dieses Gebühren; er machte auf die verderblichen Folgen aufmerksam, die der Fall haben werde, wenn man die Sache ruhig hinnehme. Was geschah in Graz? Gar nichts; dagegen ist in Nusioa saora 1891 Nr. 10/11 S. 160 an verborgenster Stelle zu lesen: „Ein feierlicher Protest gegen den B.-Schwindel wäre der Generalversammlung unwürdig gewesen." Bum, großartig! Aber es war doch nicht unwürdig, noch 1893 in Nr. 6 der Flieg. Bl. den ehemaligen Dorfschöuen Bühler und Consorten wieder einmal in ihr längst er- storbenes, vermodertes Gesicht zu leuchten und ihre Häßlichkeit zu zeigen!! Der sei. Witt war wenigstens Mann genug, sich seinerzeit gegen den Bartolinibrief energisch zu vertheidigen und ein Ultimatum zu stellen. Wie sieht aber nun ein Antrag des jetzigen General-Präses aus? Nicht nur keine Vertheidigung nach oben, sondern ein Antrag auf eine — Handsalbe! Und das unter der Devise „Palestrina-Ehrung" l Ich meine, es gäbe Anträge an die General-Versammlung, mit denen sich ein Präses Verdienste erwerben könnte. Ich weise nur hin auf die erbärmliche Stellung, in die manche gutgesinnte Chorregenten gegenüber ihren Kirchenvorstünden und gegenüber ihrem Personale gezwängt sind. Das wäre ein Kapitel! Es ist bereits einmal ausführlich behandelt worden: im „Chorwächter" 1890/91 — der Präses und sein Organ haben sich natürlich darüber vollständig ausgeschwiegen. Ein Punkt, nicht unwürdig eines Antrags seitens des Generalpräses, wäre z. B. auch der: die General-Versammlung disku- tire die Frage, wie dem Handwerkerthum wirksam und ohne materielle Schädigung der Musiker begegnet werden kann, das auf vielen Chören herrscht infolge allzuvieler kirchenmusikalischer Verrichtungen. Schreiber dieser Zeilen wüßte mehr solcher Kapitel, die ganz würdig wären auf die Initiative des Generalpräses hin von der General- Versammlung behandelt zu werden. Indeß wollen wir heute bet der Palestrinafeier bleiben und als Pendant gegen den Antrag des Herrn Generalpräses einen anderen hier stellen, nachdem dieser Antrag, an competenter Stelle eingebracht, im Vereinsorgan todtgeschwiegen worden ist: „Die General-Versammlung in Negensburg wolle beschließen, daß, aus Anlaß des Palestrina- jubiläums und um das Andenken des großen Meisters der Töne zu ehren, aus Vereinsmitteln und durch Erhebung freiwilliger Beiträge eine entsprechende Summe zusammengebracht werde behufs Transferirung der Gebeine Palestrina's aus Italien auf deutschen Boden (etwa zu Orlando di Lasso nach München), da die Italiener bei dem Stande ihrer Kirchenmusik nicht verdienen, auch nur den Staub Palestrina's zu besitzen." Auf München nun wäre ich hierin nicht gerade versessen, namentlich nach der letzten Orlandofeier; ich glaube, daß z. B. Negensburg viel würdiger wäre, solch theure Ueberreste zu bergen. Die Italiener übrigens könnten sich kaum beschweren über eine Transferirung Palestrina's: als ich (im Herbste 1890) in der Kirche 8anta Oroao in Florenz war, waren soeben die Gebeine Nossini's vom Pöre-Lachatse dorthin gebracht worden: in Paris habe ich nie Rossini in der Kirche gehört (freilich schlimmere Dinge — neben viel plain-estulltl), ok. Walter, Biogr. WittS S. 166 ff. wohl aber in Florenz. Also, wo der Held in Ehren ist, da soll er auch ruhen! Indeß sind das Aeußerlichkeiten, Zufälligkeiten; auf sie kommt an und für sich auch gar nicht viel an, ebensowenig als es an und für sich auf die tausend Mark im Schmidt'schen Antrage ankommt; worauf es ankommt, das ist das Princip und die Tendenz; und diese dürften aus unserem Antrage eben so leicht ersichtlicb sein, wie aus dem des Herrn General- präses. Wieder ein „Leben Jesu". Wieder einmal glaubt der ebenso aufgeblasene und selbstbewußte als oberflächliche und unwissenschaftliche Unglaube einen Fund gemacht zu haben, der geeignet sei, dem Evangelium und dem Christnsglauben den Garaus zu machen. Ein Nüsse, wie sich unten zeigen wird, allem Anscheine nach ein russischer Jude, Namens Not owitsch, will in dem berühmten Hauptsitz des tibetanischen Buddhismus eine Lebensgeschichte Jesu entdeckt haben, die über diesen ganz andere Aufschlüsse ertheilt als die vier Evangelisten. Der großartige literarische Fund des Herrn Notowitsch belehrt uns, daß Jesus mit 13 Jahren heimlich seine Familie in Nazareth verlassen und sich einer nach Jerusalem gekommenen Karawane von Kaufleuten angeschlossen hat, die ihn nach Indien mitnahm. Dort ließ er sich in der Wissenschaft und Religion der Brahmanen unterrichten. Bald aber überwarf er sich mit seinen Lehrern, weil er sich gegen das Kastenwesen erklärte, er wurde verfolgt und mußte sich flüchten. Er ging nun zu den Buddhisten, und deren Lehren bewogen ihn, sich seinerseits als Neligionsstifter zu versuchen. In Gakyamuni's (Bnddha's) Doctrinen eingeweiht, kehrte dieser merkwürdige „Jesus" über Persien, wo er wegen seiner Bekämpfung des Zoroasterismus allerlei Abenteuer zu bestehen hatte, nach Palästina zurück. Dort predigte er seine Lehre, stachelte das Volk zu seinen Gunsten auf, versuchte sich zum König ausrufen zu lassen und ward trotz der Sympathien und Proteste des jüdischen Volkes von Pilatus zum Tode verurtheilt. Diesmal hat der Versuch, dem Jesus der Evangelien und des christlichen Glaubens einen Jesus der Mythe und der Phantasie entgegenzustellen, sofort eine Abfertigung erfahren von einer Seite, die keiner Parteinahme für christliche Auffassung und Anschauung verdächtig ist. Der weltberühmte Orientalist Pros. Leon RoSny am Collöge de France zu Paris, einer der tüchtigsten Kenner des Buddhismus, schreibt vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus über die Leistung des Herrn Notowitsch. „Das .unbekannte Leben Jesu' ermangelt an gewissen Stellen nicht der Originalität; man liest es sogar mit Vergnügen. Jedoch findet man darin einen Fehler, der verzeihlich ist bei einem romanhaften Werke, aber etwas schwer wiegt bei einem Buche, das den Anspruch erhebt, dem Gebiete der Geschichte anzugehören: dieser Fehler besteht darin, alle Anzeichen einer phantastischen Erzählung zu bieten und einen etwas mehr als verdächtigen Ursprung zu verrathen. Der Verfasser war sofort von der Ähnlichkeit der Namen ,Issest (so heißt der Held des .unbekannten Lebens') und .Jesus' betroffen. Recht schön. Aber der Name Majas', dessen Träger am zweiten buddhistischen Concile Theil genommen, ähnelt nicht minder dem Namen Christi. Dasselbe gilt von Buddha; der Name ,6akya-Muni' (so wird nämlich Buddha bei Notowitsch genannt) findet sich wieder bei den Tibetanern im fünfzehnten Jahrhunderte, wo er von einem berühmten Apostel (des Buddhismus) getragen wurde, der aber unter der Reform Tseng-Kabas sein Ansehen verlor, weil er in Gegenwart seines Gegners das Verbrechen begangen hatte, unter seinem Kleide und zwischen seinen Fingern ein kleines weißliches Schmarotzerthier zu zerquetschen, das ihn grausam zerbiß. „Es sei fern von mir, die Ehrlichkeit des Herrn Notowitsch anzuzweifeln; aber man kann offen sagen, daß er Alles gethan hat, um seine Sache zu verlieren. Von der Handschrift, welcher er seine Aufschlüsse entnommen hat, liefert er uns keinerlei Beschreibung, keinerlei Probe; er meldet uns bloß, daß sie auf einem von der Zeit vergilbten Papier geschrieben sei. Er hatte einen Photographischen Apparat bei sich; es kam ihm nicht der Gedanke, auch nur das geringste Bruchstück zu reprodu- ziren. Diese Handschrift ist freilich in einer Sprache (im Pali) geschrieben, die er nicht versteht, und er ist darauf angewiesen, vertrauensvoll die Nebersetzung anzunehmen, die ihm ein Lama liefert, dessen Namen er uns nicht einmal kennen lehrt. Aber er theilt uns nicht daS mit, was ihm jener Lama dictirt hat; was er veröffentlicht, äst ganz seine persönliche Textirung, die er nach seinem Ermessen mit Anmerkungen versehen hat, um so dem ganzen Werke einen einheitlichen Charakter aufzudrücken. „Herr Notowitsch vergißt, uns die Beweggründe mitzutheilen, die ihn glauben lassen, daß er nicht das Opfer eines schlechten Spaßes geworden, und was ihm Vertrauen einflößen konnte auf die (buddhistischen) Mönche, bei denen er übrigens nicht nur falsche Ideen in philosophischer und religiöser Hinsicht, sondern auch historische Irrthümer der gröbsten Art aufgelesen hat. Man hat ihm z. B. gesagt, daß der Buddhismus in China unter der Regierung Mingati's um das Jahr 2050 eingeführt worden sei, während Jedermann weiß, daß dieser Fürst im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte, und daß der Glaube Oakhamuni's durch die chinesische Regierung officiell im Jahre 65 nach Christi Geburt anerkannt wurde. Bloß um 2000 Jahre gefehlt in einer chronologischen Angabe! Man möchte an einen Druckfehler glauben; allein Fehler dieser Art dürften nicht in einer vierten Auflage stehen bleiben. Derselbe Kaiser (als zu einer Dynasti Honi, statt Hnn, gehörend bezeichnet) hätte übrigens zu zwei verschiedenen Epochen leben müssen, denn an einer andern Stelle seines Buches erzählt uns Herr Notowitsch, daß jener Fürst ein Jahr vor Jesu Geburt die Schriften ^akyamnni's, der nie etwas geschrieben hat, nach China bringen ließ. Wäre diese Angabe wahr, so hätte Mingati sein Decret zu Gunsten des Buddhismus 59 Jahre vor seiner Thronbesteigung erlassen. „In derselben Schule der Lamas, die meistens Leute von crasser Unwissenheit sind, hat Herr Notowitsch ohne Zweifel gelernt, daß das Alphabet und das Pergament in China vor MoseS bekannt waren. Das fragliche Alphabet wäre von Fou, dem ersten Kaiser, im Jahre 2800 erfunden worden. Nun weiß Jedermann, daß die Chinesen, selbst heutzutage, kein Alphabet haben, und dem letzten Orientalisten ist es nicht unbekannt, daß man dem genannten Kaiser, der während der mythischen Perioden der chinesischen Phantasie lebte, die Anwendung der Trigramren zuschreibt, die zu der alphabetischen Schrift 228 in keiner Beziehung stehen. Das der Regierung dieses Fou zugeschriebene chronologische Datum ist übrigens ebenso ernst zu nehmen, wie jenes Zoroasters, den Herr Notomitsch in das Jahr 550 bor Christi Geburt versetzt. Ich könnte die Zahl dieser Beispiele leicht vermehren und ihnen philologische Bemerkungen von nicht minderer Wichtigkeit anfügen, die aber nur die Orientalisten interessiern. Das Buch des Herrn Notowitsch ist vielleicht ein sensationelles Werk, aber es ermangelt vollständig des wissenschaftlichen Charakters." Hiemit wäre Herr Notowitsch mit seinem „unbekannten Leben Jesu" wissenschaftlich abgethan. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß hinter dem Buche eine jüdische Speculation steckt. . . . Notowitsch läßt die Juden und Pilatus ihre Rollen vertauschen: nicht die Juden haben die Kreuzigung Jesu verlangt, sondern Pilatus ließ ihn trotz und wegen der Sympathien der Juden für ihn kreuzigen. Wäre dem so, so wäre die ganze christliche Geschichte und damit auch das gesummte Christenthum über den Haufen geworfen. In der That ist die „Vraie Parole", ein jüdisches Organ in Paris, von dem Buche so entzückt, daß sie erklärt, daß „die Entdeckung des jungen russischen Gelehrten für das Judenthum der Ausgangspunkt einer heilsamen Entwicklung sein könnte und sollte nach seiner großen Bestimmung, die da ist, eines Tages die Religion der Menschheit zu werden". Die Todesaitmeldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur". Von ?. F., 0. 8. §r. (Schluß.) III. Zweckbewnßtes Handeln allein offenbart denkende Vernunft; alles, was ohne bestimmten Zweck geschieht, erscheint von Anfang an als unvernünftig und darum auch als unwahrscheinlich. Sollen daher die Todesanmeldungen als Thatsachen zugestanden werden, so muß sich in ihnen nothwendig ein vernünftiger Zweck offenbaren; ein solcher ist aber nicht wohl einzusehen, folglich sind derlei Spukgeschichten mit Recht in das Bereich der Fabeln zu verweisen I Wie steht es nun in der Wirklichkeit mit diesem Einwände? „Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden", singt wehmutsvoll der deutsche Dichter, und das Wort „Tod" überzeugt uns hinlänglich von der bittern Wahrheit dieses Ausspruches. Wenn das „Scheiden wehe thut" jenen, die an ein fröhliches Wiedersehen über kurz oder lang in lichten Himmelsräumen glauben, wenn selbst diese sich glücklich schätzen, dem sterbenden Freunde, den scheidenden Angehörigen zum letzten Abschied die welke Hand zu drücken, um wie viel mehr werden jene Unglücklichen, die an ein besseres Jenseits über den Sternen nicht mehr glauben, sich sehnen, dem „enteilenden Genossen" froher Tage noch ein kurzes Lebewohl zu bieten, ehe er unwiederbringlich zurücksinkt in das trostlose Nichts? Wer sich zur Devise: „Macht euch das Leben angenehm und schön, es gibt kein Aufersteh'n, kein Wiederseht" bekennt, mag den Zweck dieser „Geistergeschichten" darin suchen, daß sich zwei Menschen, durch zärtliche Bande des Blutes oder des Geistes verbunden, vor dem so bittern Scheiden auf immer und ewig in dieser Weise den letzten Scheide- gruß, das letzte Liebespfand weihen. Diesen Zweck scheint auch jene protestantische Dame einzig und allein verfolgt zu haben, wie ihre Worte: „Es ist Zeit, daß ich von dem Pater Abschied nehme!" vermuthen lassen. Sicherlich ist es ein schöner und durchaus edler Gedanke, welcher dieser Zweckbestimmung zu Grunde liegt, aber sollte sich kein erhabenerer Endzweck der Todesanmeldungen finden lassen? Für den gläubigen Christen winkt über den Sternen frohe Hoffnung auf ein Wiederseht, für ihn bricht aber auch beim Scheiden jene Nacht herein, wo er nicht mehr wirken, nicht mehr an seines Schöpfers Güte appelliren kann. Hierin sucht die katholische Theologie für ihre Zweckbestimmung einen Stützpunkt. Nach der tröstlichen Lehre der Kirche reicht die Liebe der Hinterbliebenen bis zum Throne des gerechten Richters und kann dort durch Gebet und gute Werke anderer Art kräftig die zagende Seele unterstützen. Es dürfte sich hiemit der Zweck der Todes- anmeldungen ohne Schwierigkeit also bestimmen lassen: „Wird lieben Verwandten oder trauten Freunden durch eine „Anmeldung" Kunde von dem Hinscheiden einer nahestehenden Person, so soll ihnen dadurch nach dem Willen Gottes Gelegenheit und Antrieb geboten werden, möglichst schnell der verstorbenen Person zu Hilfe zu eilen." Ganz diesen Zweck offenbart jene Todesanmeldung im Leben des hl. Aloysius. Läßt sich wohl hierin nicht eine entsprechende Ursache zum thätigen Eingreifen der Engelwelt mit Gottes Zulassung, ja selbst zur Entfaltung der Wundermacht Gottes in etwas wenigstens denken und finden? Wie Gott aber auf verschiedene Weise ähnliche Zwecke verfolgt durch außerordentliche Begebenheiten, dürfte unschwer aus folgendem, höchst merkwürdigem Vorfalle zu erkennen sein. Ein zwar betagter, aber an Geist und Körper völlig rüstiger Pfarrer der protestantischen Religion hatte einst, wie schon öfters, einen jüngeren Collegen zu Tische geladen. Um seine Ansicht in einer theologischen Streitfrage, über welche sie sprachen, zu begründen, ging besagter Pfarrer in seine Bibliothek, ein Buch zu holen. Wer beschreibt aber sein Erstaunen, da er beim Eintritt bereits sich selbst dort sitzen steht? Die Gestalt schien eifrig in einem Buche zu lesen; beherzt tritt der Geistliche an sie heran, blickt über deren Schulter in das vorliegende Buch und findet, daß die Erscheinung mit ihrem Finger auf jene Stelle des Propheten Jsaias deutet, wo es heißt: „Bestelle dein Haus; denn du mußt sterben!" Erschüttert kehrt der Greis zurück und erzählt die sonderbare Begebenheit, welcher der Freund natürlich jede weitere Bedeutung abspricht. — Wenige Tage später schied der Pfarrer wirklich aus dem Leben. Wird es reiner Zufall gewesen sein, daß jene Gestalt eben auf diese Stelle hinwies? Kann Gott auf diese Weise zu außerordentlichen Zwecken das sogenannte zweite Gesicht benützen, warum sollten dann nicht auch die TodeS- anmeldnngen einem ähnlichen, erhabenen Zwecke dienen können? Daß bei einer solchen durchaus ungezwungenen Theorie an ein thätiges Eingreifen der höllischen Mächte nicht wohl zu denken ist, dürfte leicht begreiflich sein. Sicherlich steht es in Gottes Macht, auch die bösen Geister guten Zwecken dienstbar zu machen; ja in einzelnen wenigen Fällen, wo die Todesanmeldungen in äußerst schreckenerregender Weise eintraten, dürfte sogar eher an diabolische Wirksamkeit zu glauben sein, als an das Walten der guten Engelwelt. So wissen wir z. B., daß mitunter ungerathenen Kindern, frivolen Sünden- genossen der Tod der bisher vergebens warnenden Eltern u. s. w. in erschütternder Weise angezeigt wurde, um jenen Unseligen so eine letzte eindringliche Warnung zukommen zu lassen. In solchen Fällen werden aber sicher die Mächte des Abgrundes nicht aus eigenem Willens- entschluß selbst mit Zulassung Gottes so handeln, sondern widerwillig den höheren Absichten des Herrn sich beugen müssen. Ihr Wirken wäre dann zusammentreffend mit dem der guten Engel. Freien, ungezwungenen Einfluß der satanischen Geister ohne jedweden Zweck können wir aber nimmermehr annehmen, da der böse Feind zwar ein verworfener, aber immerhin höchst vernünftiger Geist ist, der sicherlich ohne höheren Befehl die Menschen nicht zur Einkehr in sich selbst und zur Umkehr vom Wege des Verderbens, überhaupt zu guten Werken antreiben wird. Auch wird Gott niemals zugeben, daß die verstoßenen Engel die Menschen durch derlei Einflüsse in eitlen Schrecken nach Belieben versetzen dürfen. Gegen eine solche Annahme empört sich des Christen Glaube an Gottes hehre Majestät und väterliche Güte. Schließlich sei noch erwähnt, daß es thörichter Aberglaube ist, wenn manche Leute an der Ansicht festhalten, die Todesanmeldungen seien ein untrügliches Vorzeichen eines baldigen Unglückes oder eines neuerlichen Todesfalles in der Familie; hin und wieder mögen solche Ereignisse zufälliger Weise zusammentreffen. Unser Streifzug in das Nachtgebiet der Natur wäre nunmehr zum Endziele gelangt. Möge er dazu beigetragen haben, aus den Herzen der geneigten Leser eitle Angst und abergläubische Furcht vor solchen „Spukgeschichten" zu verbannen und in ihrer Seele den Glauben an eine übersinnliche, übernatürliche Welt auf's neue zu beleben und zu stärken. Gegebenen Falles forsche man zuerst gründlich nach einer natürlichen Ursache; gebricht es an einer solchen, so mag mau sich für einen Erklärungsversuch, je nach dem Bedürfniß des Herzens, entscheiden. Stets aber wird beruhigend und ermnthigend auf des Menschen Inneres wirken das treffliche Wort des Dichters Utz: Die stille Tugend liebt den prächtigen Gedanken: „Gott ist und Gott wird sein, wenn alle Welten wanken!" Von Jerusalem nach Beyrath. Von Dr. Seb. Enringer. (Schluß.) Nach einem langweiligen Ritte längs der Ostseite des Karmel, aber eine Stunde östlich davon, der nur durch einige Prachtexemplare von Steineichen interessant wurde, kam ich nach Akka. Der Golf von Akka ist nicht groß, aber hübsch, an dem westlichen Ende desselben ist das Kap Karmel und Haifa (Kaifa), am östlichen Ende die Stadt Akka, welche nach der dortigen Niederlassung der Johanniter St.-Jean d'Acre hieß und heißt. Die Mauern und einige Häuser sind alt und zum Theil pittoresk; aber im allgemeinen ist wenig erhalten, was über die Krenzzüge hinaufreichen könnte; aber da die Häuser und ganze Straßen aus Steinen von Askalon's und Cäsarea's Ruinen erbaut sind, findet man sich oft mitten im Mittelalter, obwohl die Häuser selbst neu sind. Der Pfingstsonntag traf meinen Dragoman etwas besser, und wir kamen bis Jskanderium. Ich hatte dort, wie noch zweimal, Gelegenheit, die Sonne in's Meer tauchen zu sehen. Am nächsten Tage schaute ich mir die Maulbeer- baumgärten (Seidenwürmer) von Ras el Sin und die 4 alten Wasserbassins an, welche einst das 1 Stunde entfernte Tyrus mit Wasser zu versorgen hatten. Um den nöthigen Hochdruck zu erlangen, hat man die 4 Quellen gefaßt, so daß sie in die Höhe fließen müssen. Alan hat die Quellen einzeln mit viele Meter hohem, festem, cementirtem Mauerwerk umgeben, so daß die immer fortfließende Quelle diesen Cylinder füllen muß; es wird dadurch allmählig eine Wassersäule gewonnen, welche in ihrer Oberfläche mehrere Bieter höher als die darunter liegende Quelle ist und daher genügenden Hochdruck gibt. Von da nach Dar Kanun, wo einige rohe Figuren in den Felsen gemeißelt sind, dann zum Kaba hinan. Es ist dieses ein Grab, das aus einem Sockel aus riesigen Felsblöcken und einem rohen, aber gewaltigen Sarkophage besteht; das ganze Monument ist ca. 10 m hoch und phönizisch. Ich kam mit untergehender Sonne nach Kana, wo einige die Stelle der Hochzeit von Kana suchen wollen, während die Tradition und selbst die der Bewohner von Kana, wie ich mich überzeugte, dieselbe nach Kefr Kana verlegen. Da ich mein Zelt bei Tyrus nicht mehr erreichen konnte, nahm ick bei einer griechisch-katholischen Familie Nachtquartier. Da man wußte, daß ich Priester bin, wurde ich auf's freundlichste empfangen, die erwachsenen Söhne des Hauses und die Weiber küßten mir die Hand und legten dann dieselbe an die Stirne, wie es in Syrien Sitte ist, einen Priester zu bewillkommnen. Ich konnte vor Müdigkeit nichts essen und bezog bald meinen Schlafraum. Das ganze Haus besteht in Galiläa bei Wohlhabenden aus zwei Theilen: 1. aus dem Stall, 2. der Wohnung; bei Armen ist alles beisammen. Dieser Wohnraum ist eine hohe, geräumige Halle, deren Dach durch zwei Bogen getragen wird. Unter Tags wird darin gearbeitet, gegessen rc., am Abend werden die Matratzen auf dem Boden ausgebreitet, und der Vater und seine erwachsenen Söhne nebst resp. Frauen und Kindern schlafen alle in demselben Zimmer, es steht aus wie ein Feldlazareth. Es gab in dem Raume eine kleine Empore, wie eine Musikbühne, eine Leiter führt hinauf; dort wurde ich auf den Boden gebettet; konnte aber wegen Härte des BodenS und der Schnaken wegen nicht schlafen. Unten schliefen und schnarchten der Hausvater und die Hausmutter, 4 erwachsene Söhne und 1 Weib, 3 Kinder und mein Dragoman. Nächsten Tages ritt ich nach Tyrus, wo in der Nähe der Stätte eines alten Tempels mein Zelt war. Zuerst wurde das Schlafen nachgeholt, dann die alten Trümmer von Tyrus besichtigt; darunter die Ruinen einer Kirche, in welcher der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa begraben liegt. Tyrus war einst mit Sidon die Haupthandelsstadt der Welt. Von diesem Lande (Phonizien) aus ging die Cultur nach Griechenland und ganz Europa, und die Schrift, deren wir uns bedienen, wurde dort erfunden, ebenso das Glas und der Purpur; die Schifffahrt wurde von den Phöniziern begonnen und ausgebildet. Es ist ein Landstrich, nicht breit und nur wenige Tagreisen lang: von Jaffa bis Beyruth; aber von ihm aus ging die alte Cultur, und aus denselben Orten segelten die Boten der neuen Cultur des Christenthums ab, als die Zeit dazu gekommen war. In der Nähe von Tyrus sind interessante Höhlen und Grotten und Kreidefelsen, welche denen von Beth Schiba gleichen. Man hält sie für Grabmäler, was ich 230 nicht glauben kann; dazu ist gar kein Anzeichen, da und sie wären nicht recht ausreichend. Am Abend kam ich nach Sarepta. Auf dem Wege dahin sah ich einige interessante Höhlen, Gräber und Sarkophage. Das alte Sarepta lag am Meere, und das Haus der Wittwe ist jetzt ein mnhammedanisches Bethaus; die neue Stadt liegt auf dem Hügel. Andern Tages ritt ich hinauf, um mir mit Mühe einen modernen Krug zur Erinnerung an das Krüglein der Wittwe von Sarepta zu kaufen. Der Abend brachte mich nach Saida, der Schwesterstadt von Tyrus, dem alten Sidon. In der Stadt ist nicht viel los, der französische Chor, die Mauern und Brücken zur Insel stammen aus dem Mittelalter. Aber außerhalb der Stadt liegt die Grotte Ablun, wo man einen schönen Sarg mit Inschrift des Königs Eschmienazar (5. Jahrh, vor Christus) gefunden hat. Ich habe ihn in Paris im Louvre gesehen. Hier sind eine Menge Gänge mit Sarkophagen und Grabnischen, Spuren von Malerei rc. Die Todtenstadt dehnte sich weit aus, ist aber fast alles wieder zugeschüttet. Ich kroch lange in diesen Löchern, Kammern und Zimmern umher; die meisten stehen mit einander in Verbindung. Auf einem Berge ist jetzt die Wallfahrt zu U. l. Frau von der schönen Aussicht (Mautara), eine Marien- kapelle in einer Grotte, die dem Dienste der Göttin Astarte geweiht war. Ich suchte noch die Gräberstadt im Nordosten auf. Sie wird von einem türkischen Soldaten bewacht, damit man nichts stiehlt. Am Abend war ich in Mulaka und am nächsten Tag endlich, 20 Tage nach der Abreise von Jerusalem, in der ganz europäischen Stadt Beyruth, am Fuße des schneebedeckten Libanon. Von Grenoble nach der Grande Chartrense. Von H. Eid. Es war gegen Ende des Monats August. Der Himmel zeigte schon seit langem ein ungetrübtes Antlitz, und infolge dessen war die Hitze fast bis zur Unaus- stehlichkeit gestiegen. In der Frühe des Morgens verließ ich mit einem mir befreundeten Herrn, einem geborenen Grenoblois, die liebliche Alpenhauptstadt an den Ufern der Jsöre. Die Eisenbahn brachte uns in kurzer Zeit nach dem Städtchen Voiron, wo wir ausstiegen, um von hier aus theils zu Wagen, theils zu Fuß den durchs Gebirge führenden Weg zurückzulegen. Die Fahrt von Grenoble nach Voiron bot mir wenig Interessantes, da ich diese Strecke vorher schon theilweise durchwandert hatte. Ueppige Weingärten und blühende Fluren bekränzen hier den Fluß, und grotesk aufgethürmte, nackte Felswände schauen von beiden Seiten, bald nähertretend, bald weit zurückweichend, in die steingraue Fluth. Am Bahnhof zu Voiron standen schon zwei Wagen bereit, die Touristen nach der Grande Chartreuse aufzunehmen. Die beiden Kutscher stritten sich förmlich um unsere Kundschaft, und derjenige, der nach kurzem Wortwechsel den Sieg davongetragen hatte, schaute dann den andern mit einem Blicke voll unsagbarer Ueberlegenheit und Verachtung an. Wir fuhren also allein in dem großen, bequem gepolsterten Wagen bis zu dem großen Marktplatz der Stadt, der vor der schönen gothischen Kirche zum hl. Bruno gelegen ist. Voiron mit seinen 12,000 Bewohnern, seinen behäbig aussehenden Häusern und seiner breiten, luftigen, mit schönen Platanen bepflanzten Hauptstraße macht einen recht angenehmen Eindruck und erinnerte mich lebhaft an Speyer mit feinem platanenbepflanzten Domgarten. An der Haltestelle unseres Wagens fanden sich bald noch mehrere Reisende ein, darunter einige Geistliche und zwei Damen aus der Gegend von Lyon. Nun ging es munter bergan, bis wir die Stadt im Rücken hatten. Welch wundervolles Panorama lag da vor uns ausgebreitet! Hinter uns die Stadt, eingebettet in einen Hain von Mandel- und Kastanicnbäumen, in einen Kranz blühender Gärten, aus deren Mitte da und dort ein prächtiges Landhaus aufragte; und das alles umwunden von der in der Morgensonne blitzenden Jsöre; und weit, weit in der Ferne Grenoble und die Häupter des Hochgebirges in bläulichem Schimmer. — Aber das großartige Bild verschwand, sobald wir um die nächste Biegung des Weges gekommen waren. Es ist ein ziemlich eingeengtes Thälchen, durch welches sich nun die Landstraße sanft hinaufwindet. Die Firste der Schneebcrge zur rechten Hand sind völlig verdeckt; ein frischgrünes Eichenwäldchen auf der einen und ein kleiner Hügel, von einem weit ins Land hinansschauenden Kreuze und einer Wallfahrtskirche bekrönt, auf der andern Seite lassen uns fast vergessen, daß wir der Einsamkeit des Alpenklosters zustreben. Die Unterhaltung in unserm gutbesetzten Wagen beginnt jetzt lebhafter zu werden. Offenbar machen die beiden ältlichen Damen heute zum ersten Male diese Reise, und sie sprechen mehr mit Blicken und Gesten als mit Worten über alles, was ihnen als neu in die Augen füllt. Ihre ganze Haltung verräth, daß sie mit der gespanntesten Erwartung dem Ziel ihrer Reise entgegensehen. Für die Erklärungen und Aufschlüsse, die ihnen mein freundlicher Begleiter bereitwilligst und eigentlich unaufgefordert ertheilt, haben sie wieder nur stumme Blicke freudigen Dankes. Es gehörten jene beiden Damen gewiß nicht zu jenen Mitreisenden, die sich uns durch ihre Bekanntschaft mit der Gegend oder auch durch die Gabe freundlicher Unterhaltung nützlich machen können, aber sie waren mir immerhin in ihrer kindlich unbefangenen, stillen Freude viel lieber, als jene Vielgereisten, die kalt und unnahbar in ihrer Ecke sitzen, so, als ob sie sagen wollten: Das alles kann mich nicht rühren — schon tausendmal Schöneres gesehen! Jener Neulingszustand der beiden Frauen offenbarte sich auch in der Art und Weise, wie sie mich, der ich größtentheils in deutscher Sprache mit meinem Freunde mich unterhielt, betrachteten. Ich glaube nun freilich, daß es sich selten ereignet, daß Deutsche in dieser Gegend Sommerausflüge machen; ich wenigstens habe während meines sechswöchigen Aufenthaltes dortselbst auf allen meinen Fahrten durch die Dauphins zu meinem großen Leidwesen keinen einzigen Landsmann getroffen. So mag denn auch unsern Nachbarinnen meine Sprache seltsam genug geklungen haben. Die Gegend wurde nach und nach recht einförmig. Kleine Eichenbestände und schmale Wiesenründer begrenzten den Weg. Tiefe Ruhe herrschte ringsum, nur hie und da sah man ein einsames Bauerngehöfte oder eine weidende Schafheerde. Der Morgenthau hing in großen, hellen Tropfen auf den Gräsern, und die Luft wurde merklich kühler. Getreidefelder und Obstbäume verschwanden allmählig ganz und machten einem weiten Wiesenplane Platz, der sich als Hochebene zwischen niedrigen Nandbergen ausbreitet. Aus diesem grünen Plateau liegt das Städtchen St.-Laurent du Pont, wo wir beide den Wagen verließen, um den Ortspfarrer, einen guten Bekannten meines Freundes, zu besuchen. 231 Unsere Voiture mit den übrigen Insassen fuhr indessen lustig von bannen, der großen Karthause entgegen. Die Mittagsonne lag jetzt brütend auf der weiten Hochfläche, und die nackten Felsen am Saume der Ebene in ihrem leuchtenden Weiß scheinen förmlich zu glühen. Unser Weg zum Pfarrhof führte durch den größten Theil des unbedeutenden Städtchens, das sich in nichts von seinen Schwestergemeinden in dieser Gegend unterscheidet. Eine einzige, ziemlich breite, aber nur zum Theil gepflasterte Straße mit einem hübschen Monumentalbrunnen aus Stein, aus dem das klarste Bergwasser in mächtigen Strömen hervorspringt, wie denn überhaupt die ganze Umgebung mit Wasser auf's reichlichste versorgt ist; die Häuser niedlich und sauber, hübsch grün angestrichen, die Hausthüre meist aus Glas und mit weißen Gardinen behängen; eine ganze Reihe von Cafes und Depots de Tabac: das ist St.-Laurent du Pont. Wo der Pfarrhof liegt, braucht der Fremde kaum zu erfragen. Eine herrliche gothische Kirche mit zwei auffallenderweise stumpfen Thürmen, aus Mitteln des nahen Klosters erst vor kurzem erbaut, läßt den Ort leicht errathen. Abseits von der Straße, mitten in einem weitläufigen Garten, gerade hinter der neuen Kirche, steht das Pfarrhaus, das uns für kurze Zeit beherbergen sollte. Kaum hatten wir die Gartenthüre hinter uns geschlossen, als auch schon der Pfarrherr, der lesend unter einem Baume gesessen war, uns lächelnd entgegen kam. Eine stattliche Erscheinung von milden, gewinnenden Gesichtszügen, mit schon fast ergrautem Haare und einer angenehm weichtöuenden Stimme, so stand der Geistliche vor uns, das Bild eines würdigen Priesters und Hirten. »Vons Ztes 1'rrini äs wou nini, ob e'est: xonr^noi mou arni aussi" (Sie sind der Freund meines Freundes, und deßhalb auch der meine), redete er mich freundlich an, indem er mich auf's herzlichste bewillkommnete und umarmte. Wie angenehm mich ein solcher Empfang berührte, läßt sich leicht denken. Wie oft sucht man doch bei uns glauben zu machen, es gehöre ein Aufenthalt in Frankreich nicht gerade zu den Annehmlichkeiten! Ich kann indessen nur versichern, daß ich hier allenthalben mit großer Liebenswürdigkeit und oft sogar mit freundschaftlicher Wärme aufgenommen wurde. Unser freundlicher Gastgeber wußte denn auch gar nicht, was er mir alles zur Erfrischung anbieten sollte: Wein, Kaffee, Liqueur, Absinth und andere Dinge! Ich zog, um mich nur schnell zu entscheiden, ein Gläschen Liqueur vor. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, begab ich mich in den Garten hinaus, um im Schatten eines der zahlreichen Bäume einen angenehmen Sitz und womöglich auch größere Kühle zu finden, denn die Hitze war unterdessen auf's höchste gestiegen. Dieser Pfarrgarten mag wohl für die ganze Gegend typisch sein, denn seine Anlage erschien mir durchaus eigenartig. Vor der Front des Hauses breiten sich schöne Rasenflächen aus, von zahlreichen Wegen durchschnitten und mit großen Holunder- und Lindenbäumen und allerlei Gesträuchen bepflanzt. An der Umfassungsmauer gewahrte ich einige Gemüsebeete und hie und da sogar Zierkräuter und Blumen. Aber das Klima in dieser Höhenlage scheint zarteren Pflanzen nicht besonders zuträglich zu sein, da die Morgen- und Abendzeit trotz des heißesten Nachmittags meist recht kühl, ja sogar rauh ist. Indeß zieht man an geschützten Stellen früh reifendes Obst, wie Pflaumen und Pfirsiche, die denn auch stets auf der sommerlichen Tafel erscheinen. Der hinter dem Hause liegende Theil des Gartens ist eigentlich nur ein Kleefeld, und man gewinnt von dem Ganzen den Eindruck der Halbcultur, des behaglich Breiten und Ungezwungenen. Der Tag verging mir in dieser Umgebung auf die angenehmste Weise. Im Laufe des Nachmittags gesellte sich uns ein Pfarrer aus der Umgegend zu, der uns, als er nach kurzer Zeit sich verabschiedete, auf's herzlichste einlud, ihn bei unsrer Rückkehr von der Grand Chartreuse zu besuchen. Mit diesem Herrn besichtigten wir das neue Hospital, ebenfalls eine Gründung des Karthäuferklosters. Nicht weit von demselben erhebt sich über dem Städtchen St.-Laurent ein niedriger Vorhügel, der, ganz in das grüne Festgewand des Sommers gekleidet, auf seiner Höhe ein Ktrchlein trägt, das gar zierlich und unmuthig hinunterschaut in diese Landschaft voll wilder, seltsamer Schönheit. Ein hübsch gepflegter Pfad führt im Zickzack da hinauf. Das kleine Plateau ist mit Gras und Blumen bestanden und scheint ein beliebter Spazier- gang für alle zu sein, die zu größeren Ausflügen keine Zeit oder Lust haben. Drunten liegt das Städtchen, von seiner domartigen Kirche und dem alles überragenden Bau des Hospitales beherrscht. Jetzt gewahren wir auch den Bergstrom, der mit seinen glitzernden Wellen eben erst aus der finsteren Schlucht des Gebirges hervorgetreten ist und nun in weiten Bogen durch die grüne Hochebene eilt. Ueber wohlbebaute Felder gelangen wir an einem reichen Landsitze vorbei an den Friedhof, ebenfalls hoch über St.-Laurent gelegen. Wie angenehm berührt uns hier die Sorgfalt, womit die Angehörigen die stillen Wohnungen der Todten geschmückt haben! Da ist kein Grab verödet; überall ein Denkstein oder ein einfaches Kreuz auf den blumenüberwucherten Hügeln. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizell. Griebenow Herm., Perlen griechischer Dichtung ins Deutsche übertragen. 8°. XIII-j-122 S. In Orig.-Pr.-Bd. m. Goldschn. M. 4,00. Leipzig, Th. Knaur, 1893. k. Dieselbe Verlagsbuchhandlung, der wir die herrliche Verdeutschung der poetischen Frithjoss-Sage durch Fr. Ohncsorge verdanken, bietet uns unter obigem Titel eine Auswahl griechischer Lyrik in einer Weise verdeutscht, die den Meister der Sprache in jeder Zeile erkennen läßt; wahrlich, diese Leistung der Ueber- setzungskunst läßt uns ganz vergessen, daß die Gedichte mehr als zweitausend Jahre vor uns entstanden sind; wir meinen, sie seien deutsch erdacht, so lebendig und frisch sprechen sie unS an, und dennoch sind es wirklich Originaltreue Uebertraguugen, nicht freie Nachbildungen mit Aenderungen, Lücken und Zuthaten, die, wie in vielen anderen Anthologien, die Urform oft bis zur Unkenntlichkeit verzerren. Ein besonderes Verdienst ist es, daß wir das Original sofort in bequemster Weise zum Vergleich herbeiholen können, indem der Verfasser die Quellen (kostas Ixr. Ar. sä. LergL; LmtdoloAla Ar. kalat. sä. llaeobs. 1813—17; üpiArammutuw antbol.kalat. sä.vübnsr. 1864—72) bei jedem einzelnen Liedchen ganz gewissenhaft angibt; auch belehrt unS ein Anhang mit kurzen Nachrichten über Zeit und Schicksale der angeführten Dichter. Unter den „Perlen" finden wir 29 über „Wein und Lebenslust" voll jugendlicher Muthwilligkeit, dann 25 über das alte Thema „Liebe", nicht besser und nicht schlechter, als was unsere deutschen „christlichen" Liebesverschmachtungswinseldichterseclen verbrochen haben, ferner 43 Lieder über „Zeit und Leben", worin in der That manches Goldkorn ernster Lebensweisheit; nun folgen noch 16 Skolien, 34 Sprüche und 16 Scherz- und Spottgedichte, worunter wir manch attisches Salzkörnlein bewundern. Die Ausstattung zeigt von feinstem Geschmacke und macht das Büchlein zur Zierde jeden Salontisches; nicht bloß die Decke ist mit zartem Blumenmuster geschmückt, sondern auch der Text hat in Bordüren und Titelverzierungen reichlichen, reizend gezeichneten Blüthenschmuck. Möge das Büchlein beitragen, Viele mit den herrlichen Erzeugnissen griechischer Lyrik bekannt zu machen, die tausendmal die übelriechenden Giftpflanzen moderner Romanschreiberei aufwiegt, und möcbrcn namentlich recht Viele veranlaß! werden, die Originale aufzuschlagen und sich an ilmen zu erquicken, zumal da die griechische Sprache ja nicht zu den schwer erlernbaren gehört und doch so reichlichen Lohn bringt, indem sie uns eine der grobartigsten Literaturen erschließt. Es ist bedauerlich, daß es heutzutage kein Verleger wagen kann. eine griechische Anthologie ,m Urtext in w eleganter Ausstattung „salonfähig" dem Publikum zu bieten! - Der Feierabend. Kathol. Unterhaltungsblätter. Papst Leo XIII. hat aus wohl erwogenen Gründen den Wunsch ausgesprochen, daß auch die katholischen Schriftsteller nack ihrer besten Kraft dabin streben sollten, dem katholischen Volke durch passende Lektüre eine gesunde Nahrung zu bieten. Diesem erhabenen Wunsche kommen die katholischen Unter- haltungSblätter für Jung und Alt, „Der Feierabend", mit mehreren Jugendfreunden von Joseph Gcllrich, Lehrer an der katholische» Volksschule zu Landeshut in Schlesien, herausgegeben, in wirklich trefflicher Weise nach. Vor uns liegt der 38. und 39. Jahrgang; ist schon die lange Zeitdauer, während welcher sich diese Zeitschrift mitten in dem Gcwoge der rasch untergehenden Tageslitcratur erhalten bat, ein Zeugniß für ihre Solidität sowohl als auch für ihren ansprechenden Inhalt, so bieten auch die beiden genannten Bände des Unterhaltenden, Erbebenden und Belehrenden so viel, daß jeder katholischen Familie dieses prciswürdige Unternehmen — jährlich erscheinen vier Bündchen von je 150 Druckseiten um den Gesammtabonnemcnts- preis von nur 2 M. 30 Pf., durch alle Buchhandlungen beziehbar — auf das Wärmste empfohlen werden kann. In reicher Fülle wechseln in diesen Untcrhaltungsblättcrn Gedichte und Prosa in geeigneter Weise ab, so daß der Hochwürdigste Herr Fürstbischof dieser Zeitschrift wegen ihres, gediegenen, sittenreincn und religiösen, dabei aber dock bildenden und erheiternden Inhalts seine besondere Anerkennung ausgesprochen hat. Wir heben noch besonders hervor, daß der Inhalt der frommen Erzählungen nicht Ausfluß der Phantasie, sondern vorwaltend dem wirklichen Leben entnommen ist. Wenn, wie wir hoffen, die Zahl der Abonnenten sich mehrt, wird auch die Ausstattung, wie wir wünschen, eine elegantere werden. OcsterreichischesLiieraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien. redigirt von Dr. Franz Scknürer. (Administration: Wien I., Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 12 u. A.: Probst F., Liturgie des 4. Jahrh. u. deren Reform. (?. Jld. Veith, Emaus.) — Prill Jos., Einführung in die hebräische Spräche. (Dr. W. Gerber, Pros. an verdeutschen Univ. Prag.) — Lc Camus E., Leben unseres Herrn Jesus Christus, übers. v. E. Kcppler. (Theol.-Pros. Dr. Jos. Schindler, Leitmeritz.) — Caird John, Einleitung in die Religionspbiloiophie, übers. von A. Ritter. (Seminar-Dir. Dr. Gg. Neinhold, Wien.) — Grimmich Birg., Lehrbuch der thcorct. Philosophie. Auf thomistischer Grundlage. (Alumnats- Dir. Dr. I. Gruber, St. Pötten.) — Faulmann K., Im Reiche des Geistes. (F. Sck.) — Truxa H. M-, Hedwig Wolf, eine litcrar. Frauengestalt Oesterreichs. (Secretär Th. Kreß.) — Marburg A., Sandro Botticclli'S „Geburt der Venus" u. „Frühling", (vr. Jos. Neu Wirth, Pros. an der deutschen Univ. Prag. — DukaS-TheodassuS I., Im Zeichen des Halbmondes. Schilderungen aus der türkischen Reichshauptstadt. (Laudesrath vr. H. Misera, Wien.) u. s. w. Die Wocrl'schcn Reisebiicher verdienen für die diesjährige Reisezeit wieder einmal mit allem Nachdrucke empfohlen zu werden. Es werden diesen Herbst schon 17 Jahre, daß die Anregung zu dieser Neisebücher-Sammlung von der im Herbst des Jahres 1877 in Würzburg tagenden Generalversammlung der Katholiken Deutschlands ausging. Ein thatkräftiger Würzburger Verleger, LeoWoerl. Benjamin Herder'sNeffe, griff die nur allzusehr gerechtfertigte Anregung unverweilt mit großem Eifer aus und begann sodann bereits im nächsten Jahre, dem bis dahin für die Länder deutscher Zunge beinahe vollständig in «katholischen Händen befindlichen Neisebücker-Verlage eine Reibe von Ncisebüchcrn entgegen bezw. an die Seite zu stellen, welche zwar keineswegs für Katholiken allein berechnet waren, aber diese doch als nächste Leser ins Auge faßten. Demgemäß sollte denn — natürlich ohne Andersgläubige jemals im mindesten zu verletzen — nicht bloß alles für Katholiken Anstößige in Bild und Text vermieden, sondern auch das sür Katholiken besonders Interessante — katholische Kirchen und andere Monumental- : bauten, kirchl. Verhältnisse, katholische Vereine. Klöster. Gottes- > dienst u. s. w. — auch besonders achtsam und ausgiebig behandelt werden. Da das Unternehmen einen durchaus gesunden Boden hatte und auch mit praktischem Geschicke angegriffen war, blieb es sofort nickt ohne greifbaren Erfolg, und in Folge dessen nahm eS allmählig immer größere Dimensionen an. So liegen denn zur Zeit, nach beinabe zwei Dezennien voll Aufgebotes eines ungewöhnlichen Maßeö von geistiger Arbeit wie von materiellen Mitteln, die großen wie die kleinen Woerl'fchen Rcisebüchcr in einer Anzahl vor uns, welche geradezu siauncnswürdig ist. In größeren Werken — theils eigentlichen Reiseführern, theils rein wissenickaftl. Darlegungen, theils mehr seuilletonistisch gehaltenen Neisebildcrn — wurden bisher behandelt, und zwar meist von genannten und überdies namhaften Auroren: die 5 Welttheile je für sich, Oesterreich-Ungarn, Ungarn allein, Baden, Bayern, Württemberg, Südventschland, der Rhein und die Rhein- lande, die Schweiz, die deutschen und die Schweizer Alpen, St. Gorthard und der Brenner, die Ufer des Bodensee's, Vorarlberg, Italien und Rom, Cvrsica und Sardinien, Bulgarien, Griechenland, Paxos und Antipaxos, Palästina und Jerusalem, Aegypten, der Orient, Nordafrika, Südamerika Mexiko. Westindien, Sumatra, die deutsch-österr.-ungar.-schweizcr. Benediktiner-, Chorherren- und Cistcrzienserstifte, zuletzt Schweden und Spanien. (Das Werk über Spanien wurde bereits in diesen Blättern besprochen.) Ueber den voin Reichsarckivassessor vr. P. Wittmann in München bearbeiteten „Führer durch Schweden" (mit Plänen und Karten, 16°, 136 S. M. 2) freut es uns, die folgenden Zeilen den: Zarucke'scken „Litcrar. Ccniralblatt" (1894,19) entnehmen zu können: „DaS Büchlein bringt in gedrängter Kürze Alles, was in geschichtlicher, ethnographischer, handelspolitischer und naturgeschichtlicher Hinsicht sür Reisende von Interesse und Wichtigkeit ist, und darf bei seinem billigen Preise jedem Besucher des nordischen Königreichs wohl empfohlen werden. Eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Redensarten, übersichtliche Karren und Pläne sowie eine klare, fesselnde Schreibweise sind beim Gebrauche dieses Führers von besonderem Werthe." Den genannten größeren Werken, welche zumeist ebenso geschmackvoll als reich illustrirt und selbstverständlich mit zahlreichen Karten und Plän.n ausgestattet sind, tritt nun aber eine fast unabsehbar lange Reihe von Städte-, Bäder- und Tourcn-Fübrern zur Seite, in denen wir den eigentlichen Schwerpunkt des Woerl'ichen Neisebücher - Verlages erblicken möchten, wie denn auch bezüglich ihrer der am meisten durchschlagende Verbraucks-Erfolg bisher erzielt ist. In den größer» Ländersührern — ausgenommen vielleicht Rom und Palästina — mag Herr Weerl den älteren und bekannteren deutschen Neisewerken gegenüber immer nock einen reckt schwere» Stand haben; aber bezüglich seiner kleinen Srädtesübrer braucht man die betreffenden Auslagen der seßhaften Buchhändler in unsern Reisecentren und Frcmdenstädten wie ganz besonders die der „fliegenden" Buchhändler in den Wartciälcn der Bahnhöfe auch nur mit einem Blick zu streifen, um alsbald — zur Freude jedes Freundes und Pflegers der katholischen Literatur — zu gewahren, daß Woerl's Srädtesübrer dort nachgerade allen andern „über" sind; man würde ilmen keinen so breite» Platz einräumen, wenn sie nicht Tag für Tag sehr fleißig gekauft würden. Wir zählen in dem Vcrlagskatalogc nickt weniger als rund 700 solcher kleiner Orts- und Landsckaftsführer, alle nach dem nämlichen Plane gearbeitet, alle in gleicher Weise ausgestattet und alle meist nur 50 Pfennige kostend, trotz Beigabe von Plan oder Karte. Abgesehen von der praktischen Einrichtung und deni niedrigen Preise, wird insbesondere der Umstand zu der immer größeren Verbreitung beigetragen haben: daß alle diese OrtSsührcr genau nach demselben, durch die Erfahrung bewährten Plane eingerichtet sind, was dem Vielrcisenden das Durchstiegen und Benutzen, überhaupt das Aufsuchen und Finden außerordentlich erleichtert. Und nun hat der Reisende noch dazu die nicht hoch genug zu schätzende Annehmlichkeit, daß er sich auf jedem fre- quentcn Bahnhöfe auch schon den Woerl'fchen Führer für die nächste Stadt kaufen und ihn so vor seiner Ankunft daselbst studieren kann. 'So untergeordneten Ranges daS hier berührte Literaturgebiet auch scheinen mag, so weitgreifend und weittragend ist doch zweifellos seine Bedeutung, und deshalb dürfen wir uns über den hier in Folge energischer, langjähriger und geschickter katholischer Anstrengung errungenen Erfolg — um nicht zu sagen: Triumph — von ganzem Herzen freuen. Fran z Hülskamp. (Liter. Handw.) Verantw., Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nl-. 30. 26. Juli 1894. Die Schenkung Constantins in Dahn'scher Nornanbclenchtnng. (Vertrag, gehalten im katholischen Vercinshaus zu Spcyer.) Philosoph'scher Roman, du Gliedcrmami, der so geduldig Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt, Schiller. L*r Nicht allein „wer lügt, muß ein gutes Gedächtniß haben", sondern auch wer dichtet und Romane schreibt, — und nicht bloß ein gutes Gedächtniß, sondern auch noch andere gute Gaben mehr, wie z. B. Logik, einen gesunden Sinn für das Physisch, psychologisch und moralisch Mögliche und dergleichen, damit man von dem Werke des Dichters doch wenigstens sagen kann: „wenn'- nicht wahr ist, so ist es gut erfunden." Eine Dichtung, von der man dieses nun aber nicht sagen kann, ist der neueste Roman von Felix Dahn: „Julian der Abtrünnige". Auf diesen Roman paßt vielmehr ganz das obige Lenion Schillers. Das Dahn'sche Machwerk ist gerade wie ein schlecht ge» schnittenes Kleid, das hier widerwärtig spannt und dort häßliche Falten schlügt. Der Dichter hat eben nicht nach Maßgabe der geschichtlichen Wahrheit gearbeitet, sondern er hat nach der künstlich von ihm zusammengcposselten und zugerenkten Gliederpuppe seiner historisch-philosophischen Idee geschneidert. Diese Idee des nationalliberalcn Univcrsitätspro- fessors, eingekleidet in die Gestalt eines altfränkischen Königssohncs mit dem germanisch-ägyptischen Zwitter- Namen Merovech-Serapio, ist eigentlich der Held des Romanes. Der fabelhafte Prinz Merovech-Serapio ist die Personification des deutschen Chauvinismus, wie er als Caricatur des Patriotismus im Kopf eines culturkümpferischen Universitätsprofessors sich ausgebildet hat. Merovech sollte darum auch dem Romane seinen Namen geben, und nicht der historische Kaiser Julian der Abtrünnige. Als Motto würde sich die Phrase empfehlen: „Mein Volk ist mir alles", womit Julian sich von Mero- vcch gewaltig imponiren läßt, weil er nicht weiß, auf wie schöne Manier die Merovcch'schen Volksfreunde es verstehen, die Lasten des Volkes vor den Wahlen mit dem Munde auf ihre breiten Schultern zu nehmen, um aber hintennach in der That durch ihre Steuerplänc und sogenannten Finanzreformen diese Lasten dem Volke um so gewisser aufzuladen. Nun hat der Jesuitenpater Kreiten diesen Merovech- Serapio-Noman in dem 3. und 4. Heft der „Stimmen aus Marta-Laach" bereits nach den oben angedeuteten Richtungen einer angemessenen Kritik unterzogen; aber wer ist im Stande, an einem Pfuschwerke all' die Ungereimtheiten in gehöriges Licht zu stellen, ohne auf die drei Bände Roman wieder drei Bände Kritik zu setzen! Darum sei es erlaubt, einen von dem rühmlichst bekannten Kritiker blos gestreiften Punkt etwas kräftiger zu berühren. Es ist die berüchtigte äouatio 6ou- stuvtini, die angebliche Schenkung des Kaises Con- stantin an den päpstlichen Stuhl, eine von den Lieblings- Nosinanten des edeln Ritters Felix Dahn in seinen erbitterten Kämpfen gegen Rom. Zu den geschichtlich gerade nicht leicht erklärbaren Vorgängen gehört die Umwandlung des christlich erzogenen Prinzen Julian in einen heftigen Feind und Verfolger des Christenthums. Statt nun aber sich an die historischen Umstände zn halten und so die Lücken der Geschichtsforschung auszufüllen durch geschichtliche Poesie, hat Felix Dahn auch dieses Mal vorgezogen, seinen Schriftstcllernamen, wie schon bei seinem früheren „Kampf um Rom", wiederum auf der Erfinderliste prangen zu lassen. Er zeigt uns den Prinzen Julian in ein Kloster in Kleinasien gesteckt, gegen das ein modernes Gefängniß als ein Lustschloß erscheint. Der sonst mit allen Wassern gewaschene Abt Konon, ein alter Jurist, hat ihm dazu einen Beichtvater und Wächter beigegeben, der seinem „gottseligen" Obern in Allem noch weit „über ist". Lysias, so heißt er mit seinem Klosternamen, ist eine Specialität von reinster Dahn'scher Dichtung und Erfindung. Diese „allzu romanhafte Romanfigur", wie sogar die Münchener „Allgemeine Zeitung" (Beil. 237) den Mentor Julians nennt, ist ein Mönch bloß zum Scheine. In Wirklichkeit ist er ein ägyptischer Götzenpriester, und sogar ein Götzenpriesterkönig, der, die Wachsamkeit des ale- xandrinischen Erzbischofes Athanasins wie des Abtes Konon täuschend, sich in den christlichen Priester- und Mönchsstand eingeschmuggelt hat. Während Ptolcmäus, so heißt er als heidnischer Priesterkönig, in Aegypten einen Palast mit einer Prinzessin-Tochter darin hat, weiß er im fernen Kloster bei dem Abte und auch bei dem Hofe sich solches Ansehen zu erschwindeln, daß er als sorgsamer Papa schon darauf hinarbeiten kann, seinen Zögling mit der Hand seiner Tochter zu beglücken und ihn dadurch zum künftigen Priesterkaiser zu weihen. Die widerspruchsvolle Existenz dieses „ägyptischen Wunder- mannes", wie die „Allg. Ztg." ihn bezeichnet, ist weit räthselhafter als die Abtrünnigkeit Julians, die durch seinen so schlecht erfundenen Einfluß erklärt werden soll. Zwei Hauptgeniestrciche, von denen einer wundersamer als der andere, werden nämlich von diesem Scheinmönche ausgeführt, um den Prinzen von der Unwahrheit des Christenthumes zu überzeugen und ihn für seine ägyptisch-heidnische „Kirchenpolitik" zurechtzumachen. In der Pfingstnacht weckt er seinen Zögling, schleicht mit ihm weit vor die Stadt hinaus zu einer verfallenen Wasserleitung, hebt dort eine Marmorplatte und läßt Julian durch eine Ritze des Mauerwerkes in ein unterirdisches Gewölbe blicken, wo die Mönche unter Vorsitz des Abtes Konon, der sich den Tag über mit „Messe lesen, Beicht hören, Predigt halten, Psallircn, Umzüge führen, Pilger empfangen, ihre Wünsche und Fragen anhören und beantworten" doch bereits tüchtig abstra- pazirt hatte, noch eine derartige Orgie aufführen, daß Julian vor Schauder ohnmächtig zusammenstürzt. Der zweite Geniestreich des Dahn'schen Zwittergeschöpfes aus Mönch und Götzenpriester ist eine Reise mit Julian nach Rom, wohin der Abt Konon unbegreiflicher Weise den bei ihm, dem alten „Juristen", eigentlich doch als Staatsgefangener eingesperrten Prinzen fortläßt. Zwei Monate nach jener Pfingstnacht spazieren also beide durch die Straßen der ewigen Stadt. „Wohin gehen wir?" fragt Julian seinen Führer. — „Zum Heiligen Vater. Komm hier hinab, diese Stufen." — Natürlich geht es auch da wieder in das Unterirdische. „Und so demüthig ist er, fährt Julian fort, so fern von jedem weltlichen Gedanken, des Imperators treuester Unterthan. — Wo sind wir?" — „Auf dem Esqutlin, in der Krypta, der neu vom Papste errichteten Basilika. . . . Hierher hat er mich beschicken. Und einen im Ur- kuudenwesen, in Nechtsschriften gewandten Gehilfen sollte ich mitbringen. Du hast, unterwiesen vom Abt, dem ehemaligen Juristen, die Verträge des Klosters verfaßt, viele Jahre lang." (Der junge Prinz!) Aber daß du der Vetter bist des Imperators, das verschweige sorgfältig!" — „Weßhalb dies Geheimniß?" — „Man soll nichts erfahren von unserem Verkehr." Der als so vertraut mit Konon geschilderte Papst soll also von dem Prinzen Julian nichts wissen! „Eine schmale Pforte thut sich auf: siehe, Licht schimmert uns entgegen; folge mir, tritt ein." Alsbald rauscht der dunkelbraune Vorhang, Theatervorhang sollte es heißen, denn ganz wie auf dem Theater steht vor ihnen, angethan mit reichem, goldgesticktem Vischofsoruate, der Papst Liberius. Beide fallen auf das Knie. „Erhebet Euch, meine Söhne, und empfanget meinen Segen." Für dieses neue Segens-- ceremonicll mit Erhebung, sowie für seine andern genialen Leistungen auf dem Gebiete des Ceremonienwesens verdient Felix Dahn unstreitig den Titel und Rang eines Ceremomcurathcs beim „Sohn der Sonne und Bruder des Mondes" im bekannten „Reich der Mitte". In jenem widerlich salbungsvollen Pathos, in dem der „Pfarrer ein Komödiant" ist, läßt hierauf Dahn seinen Papst fortfahren: „In Demuth danke ich meinem ehrwürdigen Bruder, dem Abt Konon, daß er meinem Wunsche gemäß, gerade Dich o Presbyter Lysias, zur Ausrichtung eines Geschäftes gesandt hat, das der armen Magd Ehristi, seiner heiligen Kirche, unter dem Segen des Höchsten zum Heil ausschlagen soll." In demselben abgeschmackten muckerischen Prädi- cantentone, der niemals von einem Papste angeschlagen worden ist, muß alsdann Liberius in goldgesticktem Bischofsoruat, den kein vernünftiger Mensch an solchem Ort, zu solcher Zeit und Gelegenheit anzieht, vor den beiden Fremden sein ganzes kircheupolitisches Programm offenherzig und geschwätzig auskramen, wobei natürlich all die Ungeheuerlichkeiten zum Vorschein kommen müssen, die von den Culturkämpfern als päpstliche Politik ausgegeben werden. Als Hiebei Lysias und Julian einige Bemerkungen wagen, werden sie natürlich angeherrscht, und Papst Liberius ergeht sich in einfältigen Klagen über die widerspenstige Vernunft, die er nach Luthers Vorbild und Wort als „Buhle des Satans" bezeichnet, über das Nömerreich, über den Staat im allgemeinen, der im Angesichts der Kirche nichtberechtigt und nichtig sei. Staat, Vaterland, Heldenthnm, Eigenthum, Straf- recht, Nichterthum n. s. w., all das sind, wenn man den Felix Dahn'schen Papst hört, Ausgeburten der durch den Sündknfall verdunkelten Vernunft, der „Buhle des Satans". . . . „Möge der Staat, läßt Dahn seinen Papst ausrufen, bald mit dem Teufel zugleich in Flammen aufgehen!" . . . Das ist ja der allerliebste anarchistische Dyuamitard, dieser Papst Liberius aus dem vierten Jahrhundert, der nicht blos ü 1a Luther mit dem Teufel, sondern wie ein Navachol u. Genossen mit Bomben und Granaten um sich zu werfen im Stande wäre. „Einstweilen aber, solange die Kirche auf Erden den als ein Uebel von Gott einstweilen noch geduldeten Staat neben sich ertragen muß, muß wenigstens der Anfang geschaffen werden zu einer Welt- ! ltchen Herrschaft der Kirche, die erste Stufe muß gelegt werden zu einem stolzen Bau, auf dessen Spitze der römische Bischof dereinst auch die weltliche Gewalt üben wird auf der ganzen Erde." .... „Aber noch kann ich meine Ansprüche nicht beweisen. Und um den Beweis zu beschaffen, deßhalb hab' ich die Schärfe deines im Urkundenwesen und im weltlichen Recht vielbewanderten Geistes berufen. Der gottselige Abt Konon hat dich mir auf das wärmste empfohlen. Und deßhalb hab' ich auch diesen noch Unreifen zugelassen auf deinen brieflichen Wunsch. Du rühmtest, er sei geschickt im Schreibwerk und mit der Sprache der Rechtsurkunden im Kloster wohl vertraut gemacht worden — wohlan, hier mag der Anfänger seine Erfllingsleisiung schaffen im Dienste der Kirche." ... Nachdem nun Dahn seinen Papst durch diese zeitraubenden Präambeln sich gehörig hat ausplaudern und vor Julian blosstellen lassen, bringt er ihn endlich auf die Sache. „Wohlan, sprich es aus, sagt Lysias, was soll ich, was soll der Jüngling für dich thun?" — „Eine Urkunde schreiben." — „Gern! Welcher Art?" — „Eine Schenkungsurkunde. In aller Form Rechtens, hört Ihr? Ihr werdet eine Urkunde aufsetzen, in welcher der Imperator zum Dank für die wunderbare Heilung von dem Aussatz meinem Vorgänger, dem wunder- thätigen St. Sylvester, und dem römischen Stuhle für ewige Zeiten zu eigen schenkt die Stadt Rom und das Weichbild von Rom im Umfang von so und so viel Miliarien (das werd' ich noch nachtragen!) mit allen Herrschafisrechtcn, wie sie jetzt der Augustus ausübt." „Abschreiben meinst du wohl, Heiliger Vater!" entgegneie Lysias. „Schwerfälliger, ruft dieser aus, wozu abschreiben? Verfassen sollst du die Schenkung." Mit Recht ist der Dahn'fche Papst ungeduldig über den so weit als heutzutage von den Gegenfüßlern herbestellten Mönch, der nichts begreifen zu wollen scheint, während er doch nach allem Vorausgegangenen den Zweck seiner so außerordentlichen Berufung wissen mußte. „Der Imperator trug sich, ich weiß es, fährt der Dahn'fche Papst weiter, mit ähnlichen Gedanken. Der Tod Konstantins kam der Erfüllung zuvor. Ergänzen wir, was der Imperator wollte, wollen sollte, wollen mußte — zum Heil seiner Seele und der Kirche. Ihr verfaßt den Nechtsinhalt der Schenkung. Seine Unterschrift, .... die werde ich besorgen: ich kann sie machen, nachmachen, . . . . so gut wie er selbst." — „Was ist die deutsch Sprak für ein plump Sprak", würde der französische Falschspieler in der „Minna von Barnhelm" ausrufen. Wie vor zwei Monaten in dem kleinasiatischen Auerbachs Keller beim Anblicke des Bacchanals jener Dahn'schen Mönche, so fällt Julian auch in dem päpstlichen Kellergewölbe in Ohnmacht beim Anhören der staatsverbrecherischen Sprache des Dahn'schen Papstes. Ein Wunder auch, wenn dem Prinzen bei den Dahn'schen Abgeschmacktheiten im Munde eines Papstes nicht übel und bei den plumpen Erfindungen nicht grün und gelb vor den Augen geworden wäre. Kann Liberius die Hand Konstantins so gut nachmachen, so ist es kaum zu glauben, daß er in der Neichshauptstadt Rom nicht Helfershelfer auch zu den andern Fälschungen gehabt hätte und einen so weit hergeholten Fremden mit einem „Knaben, Unreifen und Anfänger" für eine solche wichtige „Erstlingsarbeit" zu benützen brauchte. Wie aber. wenn der Dahn'fche Prinz Julian erst 23b gewußt hätte, daß er schon ungefähr 20 Jahre früher in einem ältern Romane Dahns einen Vorläufer und Concurrenten im Urkundenfälschen gehabt hatte? Nämlich in dem Roman „Ein Kampf um Rom" muß eine ganz ähnliche schmachvolle Rolle wie der Papst Liberius der Papst Sylverius spielen. Auch diesem Papste wird von Dahn die nämliche herrschsüchtige Politik und werden die nämlichen macchiavellistischen Grundsätze und verbrecherischen Mitte! unterschoben, als dem Papste Liberius. Ja Sylverius führt ganz die gleiche, widerlich salbungsvolle Sprache des muckerischen Prüdicauten. Um den Besitz Roms kämpfen nach Dahns früherem Romane „Ein Kampf um Rom" gegen Mitte des sechsten Jahrhunderts 1) der Papst, 2) der L 1a Louis Napoleon republikanische Stadtpräfect Cethegns, der schon anno 600 so nnd so viel die moderne Parole ausgibt: „Italien hilft sich selbst", Italia tarä äa se, 3) die Ostgothen und 4) die Byzantiner unter ihrem Feldherrn Belisar. Der Papst Sylverius hatte dem Gothenkönige Witichis vor dessen Abzug aus Rom öffentlich Treue geschworen, und die Römer nach des Papstes Beispiel ebenfalls. „Doch kaum hatten die Gothen den Mauern Roms den Rücken gewendet, schreibt Dahn Band II S. 294, so berief Papst Sylverius — es war am Tag nach seinem Eide — die Spitzen... Mit Unbefangenheit stellte er darauf den Antrag, da endlich die Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer (die Gothen waren Arianer) abzuwerfen, eine Gesandtschaft an Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen Stadt zu überreichen." „Die Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters nnd eines ehrlichen Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu binden, so zu lösen." ... So spielt Dahns Papst mit dem Eide der Treue, lächelnden Mundes. Darauf ging der Antrag einstimmig durch, und der Papst nebst Cethegus und zwei andern wurden als Gesandte an Belisar gewählt. Cethegus jedoch kam der Deputation heimlich zuvor. „Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten Augen das mächtige Schauspiel, wie der Papst im Lager seinen Einzug hielt. Meilenweit herzugeeilte Gläubige, Haufen des Landvolkes der Umgegend, Tausende von Soldaten bildeten den unter unaufhörlichen Jubelrufen sich heranwälzenden Strom von Menschen, über welche Sylverius unermüdlich Segen sprach." Der Dahn'sche Belisar hatte seine byzantinische Leibwache, weil sie „zu gute Christen" seien, durch heidnische Hunnen und Gepidcn ablösen lassen. Vor diesen, des Lateins unkundigen Barbaren läßt hierauf Herr Dahn seinen Sylverius noch unmittelbar vor dem Zelteingange des Feldherrn simpclhaster Weife sich lächerlich machen durch eine schöne Rede über den ungeschickt gewählten Text „Lasset die Kleinen zu mir kommen," wobei er wieder lächeln muß, aber salbungsvoll. (Schluß folgt.) Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst (gegründet 1893) versendet ihren ersten Jahresbericht*) und das Verzeich- niß ihrer Mitglieder (bis 1. Juni 1893). Wir erhalten hier in authentischer Weise einen „gedrängten Ueberblick *) Verfasser i. A. H. Inspektor S. Staudhammer-Münchcn. Geschäftsstelle d. d. E. f. chr. K. LndwigSsir. 15. über die bisherige Thätigkeit der deutschen Gesellschaft für christliche Kunst und über die in nächster Zeit vorzunehmenden Schritte." Ueber erstere haben die Leser der Postzeitung wiederholt Bericht empfangen, speziell über die Gründung, die erste JahreSmappe, die Verhandlungen in Würzburg. Es ist nicht uninteressant, die Reihe der Tagesblätter und Kunstzeitschriften zu durchlaufen, welche von Anfang an oder auf die genannte Publikation hin das neue Unternehmen mit aller Aufmerksamkeit verfolgten. Obenan stehen die Angsbnrger Postzeitung, die Kölnische Volkszeitnng, das Negensbnrger Morgenblatt, das Archiv für christliche Kunst, das österreichische Literaturblait; aber auch die Allgemeine Zeitung, die Kunst für Alle und eine sehr große Zahl anderer Blätter der verschiedensten Richtung bekundeten meist in günstigster und anerkennender Weise ihr Interesse an der Sache. Der Bericht spricht deßhalb auch die Hoffnung aus, es werde „dem ernsten Streben der Gesellschaft die gleiche Unterstützung auch fernerhin zur Seite stehen", besonders, da sich die Publikationen der Gesellschaft immer mehr, namentlich nach der instruktiven Seite hin, vervollkommnen werden. Die Herausgabe der ersten Mappe war mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Denn als diese Aufgabe an die Gesellschaft herantrat, zählte sie erst eine kleine Zahl begeisterter Förderer in der Künstlcrwelt; dann konnten in der verhältnißmäßig kurzen Zeit, welche für die Vorbereitungen vergönnt war, gerade von den besten und geeignetsten Schöpfungen der Künstler-mitglieder keine technisch genügenden Nachbildungen beschafft werden; weiterhin fällt der Umstand in die Wagschale, daß manche der Künstler schon längst den Wunsch hegten, aber keine Gelegenheit fanden, direkt im Dienste der christlichen Kunst zu schaffen. Daher kommt es auch, daß in ausgedehnterem Maße, als es in der Folge geschehen dürste, Werke von Juroren herbeigezogen werden mußten. Immerhin werden jederzeit alle andern Rücksichten der einen sich unterordnen müssen, die Wirksamkeit der Gesellschaft möglichst segensreich zu gestalten. Noch ein anderer Punkt ergab sich aus den ange führten Schwierigkeiten. Wegen der verhältnißmäßig geringen Auswahl an Werken, welche der Kunst, der Religion und dem allgemeinen Verständniß gleichmäßig entsprachen, mußte die Jury in der ersten Mappe zunächst darauf Hintrachten, zu zeigen, daß es Männer gibt, die mit vollendetem technischen Können den Willen verbinden, ihre Geisteskraft in den Dienst der religiösen Ideen zu stellen; und dieses Ziel hat sie unstreitig mit jedem Blatte erreicht. In allen Versammlungen und Zuschriften zeigte sich, daß die Mitglieder mit dem bei Gründung der Gesellschaft klar ausgesprochenen Grundsatz einverstanden sind, wir sollten nicht allein die kirchliche, sondern die christliche Kunst im weitesten Sinne pflegen. Der Betrachter der Mappe wird auch ohne nähere Bezeichnung leicht finden, für welchen Zweck die einzelnen Darstellungen gedacht sind, und darnach wird er sein Endurtheil einrichten. Anders gestaltet sich eine Schöpfung deS künstlerischen Empfindens, wenn ich sie für den Altar bestimme, anders, wenn sie der häuslichen Erbauung oder Anregung dienen soll, wieder anders, wenn derselbe Gegenstand als ein allgemein zugängliches Monumentalwerk gedacht ist. Bei Kunstwerken, welche im Gotteshaus Aufstellung finden, spielt die Tradition eine ungleich größere Rolle als bei anderen. Es möge nicht über- sehen werden, daß auch unsere Zeit für spätere Generationen ein Stück Tradition darstellt, und das; auch die alte Kunst zu ihrer Zeit neu war. So wie die Verhältnisse sich thatsächlich gestaltet haben, nmß der Künstler bei einer nicht bestellten (was regelmäßig der Fall ist), sondern für Ausstellungen bestimmten Arbeit die technische Seite betonen, weil ihm Erfahrung und Gefühl sagen, hier werde mehr nach seinem äußeren Können gefragt; würde er dabei mit der inneren Wahrheit und dem, was das Wesen des Kunstwerkes ausmacht, in Widerspruch gerathen, so wäre seine Schöpfung bei allen sonstigen Vorzügen gewiß unvollkommen. Doch müssen gerade solche Erscheinungen im Kunstleben für alle Freunde hoher Kunst eine Aufforderung bilden, dem christlichen Künstler seine schwierige Stellung erleichtern zu helfen. Wir thun aber das Gegentheil und zeigen von geringer Kenntniß der Verhältnisse, wenn wir in überhasteter Kritik auch das vorhandene Gute wegleugnen und wenn wir zurückstoßen, wo wir anziehen, zerstreuen, wo wir sammeln sollten. In unseren Tagen ist die Beherrschung der Kunstmittel eine unerläßliche Vorbedingung für Jeden, der es wagen will, an die schmierigsten und erhabensten Aufgaben heranzutreten. Deßhalb verdienen neu entstandene Arbeiten, welche dem religiösen Jdeen- kreisc entnommen sind, nur dann den Namen religiöser „Kunstwerke", wenn sie die genannte Bedingung erfüllen. Wir wollen verhüten, daß die Darstellung des Heiligen mitleidigem Lächeln ausgesetzt werde und daß man uns um unserer „christlichen Kunst" willen als minder gebildet bezeichne. Und heutzutage können wir mit umso größerer Entschiedenheit die künstlerische Fertigkeit betonen, als unumstößlich feststeht, daß wer die hierauf bezüglichen Anforderungen nicht erfüllt, noch weniger die Fähigkeit besitzt, der zweiten, ungleich schwierigeren Anforderung zu genügen, nämlich seinem Gebilde den rechten Geist einzuflößen. Höchst bedauerlich wäre die Ansicht, der Besteller eines kirchlichen Bildwerkes wende sich am besten an einen „Künstler zweiten Ranges", da ein solcher williger auf die Ideen des Bestellers eingehe; für eine zu rechtfertigende Einflußnahme des Auftraggebers wird vielmehr gerade der tüchtigste Künstler im Interesse seines Werkes am dankbarsten sein. Fern bleibe aber der Versuch, unsere Künstler zu Handlangern zu degradiren, sie müssen uns vielmehr als Mitarbeiter im Weinberge des Herrn gelten, ähnlich wie die Männer der Wissenschaft, nicht sklavisch, sondern in freier Liebe zur Religion schaffend. Möge es nicht dauernd vorkommen, daß sie bei den Gegnern der Kirche mehr Ehre und Unterstützung finden, als in unseren Kreisen! So sehr wir die Tradition in der Darstellung besonders der hauptsächlichsten Thatsachen der Religion hochhalten und ein gewaltsames Brechen mit ihr verwerfen, so wenig möchten wir die Künstler aller Zeiten von selbständigem Denken und Empfinden dispensiren. Die Beobachtung der kirchlichen Bestimmungen, wo dieselben überhaupt in Betracht kommen, halten wir für selbstverständlich. Die äußeren Hilfsmittel der Darstellung vermögen niemals den Geist zu ersetzen, können aber auch nicht durch ihn zureichend ersetzt werden. Allerdings ist der ungleich wichtigere Theil der seelische Inhalt. Daraus ergeben sich für den Künstler und Kunstfreund etliche nicht immer genügend beherzigte Wahrheiten. Diese sind: daß man sich nicht an eine bestimmte frühere oder moderne Schule anklammere und dadurch für alles andere erblinde; daß man in der unablässig sich vollziehenden Aenderung der Techniken nicht ohne weiters einen Rückschritt oder Fortschritt erblicke; daß man nicht in Lob oder Tadel an der äußeren Form haften bleibe, sondern den Künstler innerlich auf sich einwirken lasse durch die schöne Seele, die sich in schöner Form offenbaren muß. Die Sprache der Schönheit aber ist so reich an Ausdrucksweisen, daß jeder echte Künstler, sobald er sich von der nöthigen Akademieschulung losgemacht hat, seinen Werken mehr oder minder auch ein individuelles Gepräge aufdrücken und auch hierin mit wohlthuender Originalität auf den Beschauer wirken wird, ohne nach einer Originalität der Einseitigkeit haschen zu müssen. Von einer nicht auf positiv christlichem Boden stehenden Seite wurde die Frage aufgeworfen, ob die Gesellschaft wohl mehr der Kunst oder dem Christenthum dienen wolle. Aus dem Namen, welchen die Gesellschaft trägt, aus der ersten Jahresmappe und aus obigen Bemerkungen geht zur Genüge hervor, daß beides keine Trennung zuläßt. Leider wollen auch Gutmeinende einen Gegensatz zwischen Kunst und kirchlicher Darstellung con- struiren; diese leisten dabei dem Ansehen der Kunst und der Kirche gleich beklagcnswerthe Dienste. Wem sollten die Schwächen einiger Künstler entgehen s Aber der Ansicht vermögen wir nicht zu huldigen, als ob hier rücksichtsloses Aufdecken und Bemängeln Heil bringe; wir wollen nämlich heilen, ohne unnöthig zu schmerzen, wo wir verbessern können, möchten wir nicht vernichten. Oftmals ist die eigene Einseitigkeit Ursache der schroffen Beurtheilung Anderer. Nach diesen Darlegungen dürften alle Gönner der christlichen Kunst den Juroren Dank wissen, daß sie mit Ueberwindung, großer Schwierigkeiten die erste Publikation zu einer würdigen Kundgebung christlichen Kunstgeistes gestaltet haben. Die Zusammensetzung der Jury bot von vornherein hinlängliche Bürgschaft für ein gutes Gelingen. Dankbarste Anerkennung gebührt auch den in der Mappe vertretenen Künstlern, welche sämmtlich die Veröffentlichung ihrer Werke ohne Entgelt gestatteten; ferner jenen VerlagSfirmen, welche uns die Reproduktion der bei ihnen verlegten Kunstblätter ermöglichten. Ermuthigend und für das christliche Kunstleben segensreich waren die Tage der 40. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Würzburg, wo auch die Gesellschaft am 29. August eine Generalversammlung abhielt. Es zeigte sich hier nicht allein bei jenen Kunstfreunden, welche die Macht der Kunst bereits in ihrem praktischen Wirken schätzen gelernt, sondern auch bei der jüngeren Generation das regste Interesse für unsere Sache. Die Generalversammlung selbst nahm einen unerwartet günstigen Verlauf; insbesondere wurde die Rede des I. Präsidenten, welcher die bedeutungsvolle Aufgabe der Gesellschaft vom Standpunkte der Kunst und des socialen Lebens beleuchtete, mit Begeisterung aufgenommen. Statutengemäß nahm die Generalversammlung auch die Wahl der Vorstandschaft für das Jahr 1894 vor, und zwar wurden zum Zeichen des Dankes für ihre bisherige Thätigkeit die 6 durch das Loos ausscheidenden Mitglieder neuerdings gewählt. Hiernach besteht der Vorstand des Jahres 1894 (alphabetisch geordnet) aus den Herren: Dr. Georg Freiherr von Hertling, Neichsrath, Universitätsprofessor (München), I. Präsident. Heinrich Graf Adelmann von Adelmannsfelden, fürstlich hohenzollern'scher Hofkammer- präsident (Sigmaringen). I>r. Jos. Bach, Universitäts- 237 Professor (München). Franz Festing, Pfarrer (Niederroth bei Röhrmoos). Clemens Freiherr von Heereman, k. Negierungsrath a. D., Mitglied des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses (Münster), vr. Paul Keppler, Universitätsprofessor, Vorstand des Nottenburger Diöcesan-Kunstvereins, Herausgeber und Redacteur des Archivs für christliche Kunst (Tübingen), vr. Alois Knöpfler, Universttätsprofcssor, Kassier (München). Dr. I?. Albert Kühn, O. 8. L., Professor der Aesthetik u. Kunstgeschichte (Einsiedeln). Dr. Oscar Freiherr Lochner von Hüttenbach, Professor, II. Schriftführer (Eichstütt). Dr. Jos. Schlecht, Lycealprofessor (Dillingen), vr. Gustav Schnürer, Universttätsprofcssor (Freiburg, Schweiz). S. Staudhammer, k. Inspektor und Hofstiftsvikar (München), l. Schriftführer. Georg Busch, Bildhauer, II. Präsident. Beruh. Hertel, k. Regierungsbaumeister (Münster). Heinr. Freiherr von Schmidt, k. Professor, Architekt (München). M. Heinrich Waders, Bildhauer (München). Martin Feuerstein, Maler (München). Gebhard Fugel, Maler (München). (Schluß folgt.) Von Gremrble nach der Grande Chartrcuse. Von H. Eid. (Fortsetzung.) So schön auch die Eindrücke dieses Tages waren, den wir hier mitten in der Einsamkeit des Gebirges verlebten, so hatte mich doch der kleine Nundgang in brennender Sonnenhitze recht müde gemacht, und ich erfreute mich infolge dessen des erquickendsten Schlafes, den ich um so höher schätzte, als ich bisher in dem geräuschvollen Grcnoble kaum einmal gut geschlafen hatte. Wie herrlich ist doch dieses Erwachen im Psarrhause gewesen, da durchs Fenster die junge Morgensonne grüßte und die frischen Waldlüfte wehten, während die alten Tannen droben auf den grauen Felsen mit ihren dunklen Zweigen zu sich hinaufwiukten l Nur gemach, wir kommen bald! Laßt uns nur erst frühstücken und von dem guten Pfarrer Abschied nehmen. Ich hatte mich in der That wohl gefühlt an diesem Ort der Ruhe und der Freundschaft und trennte mich nur ungern von unserm ehrwürdigen Gastgeber. Auf Wiedersehen! In vergnügter Schönheit strahlte der neue Morgen. Es schien wiederum drückend heiß zu werden, allein wir trösteten uns mit dem Gedanken, einen schattigen Weg vor uns zu haben. Dieser Weg führt längs des Berg- stromes durch ein tief cingerisscues, schluchtartiges Thal bis hinauf zur sogenannten Einöde (1a äösort), wo das Kloster gelegen ist. Gleich hinter dem Städtchen St.- Laurent betraten wir das fcldumgürtcte Thal; eine sehr gut gehaltene, auch ziemlich breite und bequeme Straße führt dicht zwischen Bach und Bergwand dahin. Große, bemooste Steine lagen da und dort in wirren Haufen und vielfach zerschmettert zur Seite, Zeugen der wilden Gewalt von Wind und Wetter, die hier zu Zeiten wohl schrecklich Hausen müssen. Aus diesem Steinchaos erheben sich schlanke Tannen und stämmige Buchen, höher und höher steigend bis hinauf, wo das Auge die seltsam gezackten, nadclartigen Felsspitzeu in voller Klarheit am blauen Himmelsgrunde sich abheben sieht. Jetzt tritt plötzlich das Gebirge so nahe an uns heran, daß die Aussicht nach oben unter den Baumgipfeln völlig verdeckt ist; dafür aber offenbart sich dem Auge der Anblick der jenseits des Baches liegenden Höhen, der uns bisher durch die dichten Ufergestrüuche entzogen war. Wie da die Tannen nach oben hin immer kleiner werden, wie sie sich zuletzt in ihrer wunderlichen Zwergengestalt auf die Vorspränge der Felsen flüchten, und wie sie dort ans den höchsten nackten Zinnen wie schwarze Männlein in Reih und Glied zu stehen scheinen! Und uns znr Seite, tief drunten, murmelt der Corrent mit seinem krystallhellcn Wasser, das in wilder Hast über die grünen Felsblöcke dahinsauste und dessen weiße, wirbelnde Schaumkronen aus dem Halbdunkel gespenstisch heraufkeuchten. Indem wir uns den erhabenen Eindrücken dieser herrlichen Natur überlassen, schreiten wir schweigend neben einander her. Kein Wandrer ist uns bis jetzt begegnet, alles ist so still ringsum, als ob wir auf tausend Meilen dem Getriebe der geschäftigen Welt der Menschen entrückt wären. Aber siehe, dort drüben am andern Ufer wehen bläuliche Nauchstrcifcn über den schweigenden Wald, dort ist eine Ccmentfabrik. Wagen, mit Pferden bespannt, halten vor der Eingangsthürc, Säcke werden ausgeladen, und die Stimmen der Fuhrleute und Arbeiter schlagen an unser Ohr. Nicht weit von hier befindet sich eine andere industrielle Anlage, aber nicht von alltäglicher Natur. Es ist die weltberühmte Ltqueurfabrik der großen Karthause. Wir läuteten am äußeren Thore und erhielten alsbald Einlaß. Durch den Pförtner ließen wir dem die Oberaufsicht führenden Klosterbruder melden, daß wir wünschten, die Fabrik besichtigen zu dürfen. Es dauerte auch nicht lauge, so erschien ein altes, graues Männchen im grauweißen Mönchshabit und mit einem grobleinenen blauen Arbcitsschurz bekleidet, das uns mit lächelndem Gesichte freundlich willkommen hieß, sich dabei tausendmal entschuldigend, daß es ihm leider nicht erlaubt sei, uns die Fabrik zu zeigen, indem eben Tag für Tag Reisende einträfen, die sie zu sehen begehrten, wobei jedoch zu fürchten sei, daß das Geheimniß der Zubereitung des Liquems leicht verrathen werden könnte. Indessen wollte uns der alte Mann nicht ziehen lassen, ohne uns einen Beweis von der Gastfreundlichkcit des Hauses gegeben zu haben. Wir traten also mit ihm in ein kleines, weißgetüuchtes Gemach und ließen uns auf seine Einladung hin auf die sehr primitiv aus Weiden geflochtenen Stühle nieder. Der Bruder öffnete nun den Wandschrank, nahm fünf Gläschen heraus — wir waren unsrer vier, da sich uns schon in St.-Laurent noch zwei Wanderer beigesellt hatten — und goß in ein jegliches von dem goldig klaren, duftigen Getränke, das uns dann auch ausgezeichnet mundete. Das graue Mönchlein schien in Grcnoble sehr gut bekannt zu sein und erkundigte sich bei meinem Freunde über mancherlei Personen und örtliche Verhältnisse, wie man es bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegt. Es war gut, daß wir uns nicht lange aufhielten, denn wir wären sonst so gute Freunde geworden, daß dem freundlichen Alten die des öfteren wiederholten Entschuldigungen wegen der uns verweigerten Erlaubniß noch viel härter angekommen wären. Die Hälfte unseres Weges war zurückgelegt. Es ging auch bereits gegen Mittag, und <^us ostauä, wie heiß! kam es gar oft über die lechzenden Lippen. Mit einer Wendung der Straße standen wir plötzlich vor der kühn über den Bergstrom gewölbten, steinernen Brücke St. Bruno, und gerade, als wir sie zu überschreiten uns anschickten, begegneten uns zwei junge Männer, die offenbar soeben von der Chartreuse kamen. Ich glaubte in dem einen, einem hellblonden, rothwangigen Jünglinge, einen Landsmann zu erblicken und redete ihn deßhalb .,-S 238 vertrauensvoll in deutscher Sprache an. Er verstand mich aber nur mit Mühe, er war ein Belgier. Wir erkundigten uns angelegentlichst, wie weit wir noch zu gehen hätten, wie man sich in solchen Fallen ja gerne crmuthigen läßt, und ich glaube, sie sprachen von einer guten halben Wegstunde, während die Straße sich noch weit über eine Stunde hinzog und mit der steigenden Sonne immer beschwerlicher wurde. Die Landschaft nahm allmählig einen anderen Charakter an. Wohl brauste noch immer der Bergstrom, in tiefer Rinne fluthend, zu unsern Füßen, aber die Berge wurden niedriger und die herrlichen Wälder dehnten sich in breiteren Flächen vor uns aus. Natürlich erreichte uns jetzt auch die Sonne ungehinderter, und heute meinte sie es ausnehmend gut. Ost windet sich hier die Straße mühsam durch die künstlich beiseite gedrängten oder auch gesprengten Felsen. Ja manchmal führt sie gar durch ziemlich lange, unterirdische Durchlässe, die von der Seite des Flusses her durch künstlich hergestellte Lichtöffnnngen erhellt werden. Da drinnen war es so kühl, aber doch auch wieder so unheimlich öde angesichts der durch die unförmlichen Felsenfenster hereinschauenden, reizenden Natur. — Immer steiler wird die Straße, die Mittagsonne hat jetzt alle Baumschatten aufgezehrt, mir brennen die Füße auf dem steinigen Boden, es ist zum Verschmachten. Doch Geduld! Wir haben ja bereits den Eingang in die Einöde erreicht. Ein hohes, grün angestrichenes Eisenkrenz kennzeichnet diese Stelle, wo einst der heilige Bruno die einsame Hochebene betrat. Noch einmal bereitet mir eine Wendung des Weges, die ich für die letzte hielt, eine Enttäuschung. Aber der Bach ist ja gänzlich verschwunden, nur wild durcheinander geworfene Steine bezeichnen sein vertrocknetes Bett, hier muß er also seinen Ursprung haben. Jetzt tritt der Wald zurück, es wird licht, eine mächtige Felsenwand, der Grand Lom, erscheint, und dort liegt das heiß ersehnte Ziel, die altersgrauen Mauern der Grande Chartreuse. Noch ein jäher Aufstieg der Straße, eine letzte Kraftanstrengung — und wir stehen vor der Klosterpforte! Auf dem Nasenplätzchen vor dem Thore hatte sich eine kleine Gesellschaft vornehmer Herren und Damen niedergelassen. Die meisten der Herren hatten wohl das Innere des Klosters schon besichtigt und beriethen nun mit den Frauen, denen der Eintritt nicht gestattet ist» einen nachmittägigen Ausflug. Die hohe Umfassungsmauer auf der gegen Osten gelegenen Vorderseite des Gebäudes warf ihren Schatten auf dieses reizende Fleckchen Erde, und hätte uns der Bruder Pförtner nicht auf der Stelle geöffnet, so wäre ich jedenfalls auch versucht gewesen, mich im weichen Grase auszuruhen. Aber schon waren wir über eine kleine Treppe in das zur Linken der Pforte liegende Vorzimmer eingetreten, um die erforderlichen Personalangaben zu machen und den uns hier empfangenden Bruder über die Dauer unseres Aufenthaltes zu verständigen. Es kommen nämlich auch Pilger hierher, die gesonnen sind, eine sogenannte Netraite (geistliche Uebungen) zu machen, und zu diesem Zwecke mehrere Tage lang hier verweilen. Nachdem auch mein dem Bruder etwas seltsam klingender deutscher Name nach einigem Zaudern und Vorbuchstabiren in die Liste eingetragen war, schritten wir über den großen Vorhof zum eigentlichen Eingang des Gebäudes für die fremden Gäste. Die Düsterheit dieses rings von hohen Mauern begrenzten Raumes wird dadurch in etwas gemildert, daß rechts und links VD dem durch seine Mitte führenden, mit großen Steinplatten belegten Hauptwege ein umfangreiches, kreisrundes Steinbecken steht, aus dem sich ein mächtiger Wasserstrahl erhebt, um laut plätschernd in dasselbe wieder niederzufallen. Diese beiden Springbrunnen, die von der Quelle des hl. Bruno gespeist werden, müssen den neuankommenden müden und durstigen Wanderern gar verlockend erscheinen, denn ich sah im Verlaufe jenes Tages ganze Gruppen jüngerer und älterer Leute sich an ihrem eiskalten, aber wunderbar reinen Wasser erkühlen. Außer den beiden Fontänen weist der Vorhof auch zwei sehr sorgsam gepflegte, eben in der herrlichsten Blüthe stehende Blumenbeete auf, was einen recht freundlichen, wohnlichen Eindruck hervorbringt. Betritt man aber das Innere des Hauses, so fühlt man sich mit einem Schlage in eine ganz andere Welt versetzt: Lange, düstere Korridore mit grauen Steinböden und hohen Wänden, mit unansehnlicher Tünche bedeckt! Gar trübselig kommen uns die schwarz angestrichenen Thüren mit den altmodischen, knarrenden Schlössern und die nackten, tief in den Wänden liegenden, zum Theil noch mit Butzenscheiben versehenen Fenster vor. Eine ziemlich große Zahl von Gästen bewegt sich eifrig über die Treppen und Gänge. Jeder sucht sich vorerst zu- rccht zu finden und sich soviel als möglich heimisch Zu machen. Aber frohes Geplauder ist nirgends zu hören, und wenn jemand sich beigehen lassen wollte, laut zu reden oder gar zu lachen, so würde ihn eine ernste Hand auf die von allen Wänden streng herniedcrblickende Warnung verweisen: Man bittet, leise zu sprechen! (Fortsetzung folgt.) Neceusivnen und Notizen. Lätitia, Sammlung vierstimmiger Chöre für deutsche Cä- cilienvcrcine, höhere Lehranstalten rc., herausgegeben von Waldmann v. d. Au. III. Vändchcn: gemischte Chöre, broch. 1 M., geb. IM. 25 Ps.; IV. Bündchen: Münner- Chöre, broch. 60 Ps. Straßburg i. E., 1894- Straß- bürger Druckerei und Verlagsanstalt, vorm. N- Schnitz u. Comp. L. 6. In vorliegender Sammlung begrüßen wir eine Gabe, die gewiß in weiteren Kreisen schon mit Sehnsucht erwartet wurde. Der Herausgeber, „ein aufs Praktische eingerichtetes Talent", wie ihn Dr. Wiit rühmte, hat uns schon vor mehreren Jahren mit 2 Bündchen vierstimmiger Chöre beglückt und konnte in der Folge die angenehme Erfahrung machen, daß er nicht vergeblich gearbeitet habe; den» das I. Bündchen (gedruckt 1884) ist bereits in 4. Auflage und das II. Bündchen (gedruckt 1887) in 3. Auflage mit je 2000 Exemplaren erschienen, ein Umstand, der genugsam erkennen läßt, daß hier das Nichtige getroffen wurde. Den früheren Bündchen reihen sich nun die jüngst erschienenen in würdigster Weise an. Das 3. Bündchen enthält 70 gemischte Chöre, daö 4. Bündchen 36 Münnercböre, welche in glücklicher Auswahl all den Veranlassungen Rechnung tragen, in denen Cäcilienvereine außer der Kirche aufzutreten haben. ES finden sich darin religiöse, Grab-, Vaterlands- und Heimathöliedcr, Sonntags-, Morgen-, Abend-, Frühlings- und Herbstlieder, Wald- und Berg-, Wander- und Abschiedslieder, vermischte und humoristische Lieder. Wir rechnen cS dem Herausgeber zum hohen Verdienste an, daß die Texte mit großer Sorgfalt ausgewählt sind, frei von erotischen Schwärmereien, lauter und rein, so daß sie jedem Schüler, ja jedem Kinde unbedenklich in die Hand gegeben werden können. Was den musikalischen Theil betrifft, begegnen wir hier manchen lieben alten Bekannten, entweder in ihrer ursprünglichen Tracht oder in einem vom Herausgeber gut angemessenen Gewände. Zu ihnen gesellen sich viele neue Erscheinungen cücilianischer Compouistcn, die neben den Alten ganz gut auftreten können, ja sie vielfach überflügelt haben. Indem bei der Auswahl besonders darauf gesehen wurde, daß den GesangSkrästen keine großen Schwierigkeiten zugcmuthet werden, so ist gleichwohl alles Triviale und Ordinäre vermieden, vielmehr paart sich anmuthigc Einfachheit mit edlem Schwung. Da Einzelstimmen nicht ausgegeben werden, so muß wohl jeder Sänger aus der Partitur singen, aber daL lostet bei dieser Ausgabe wahrlich keine Mühe; denn die AuSstaikung ist in Bezug auf Notendruck und Textvertheilung eine geradezu vorzügliche. Der Preis darf im Verhältniß zu dem, was geboten wird, ein sehr mäßiger genannt werden, und es ist die Anschaffung um so mehr erleichtert, da nun die gemischten und die Männerchöre in getrennten Bündchen zur Ausgabe gelangten und getrennt abgegeben werden. Mag auch in einer solchen Sammlung nicht alles vollkommen sein, daö ist gewiß: der Herausgeber hat durch diese überaus praktische Arbeit den CL- cilienvereinen, Seminarien und höheren Lehranstalten einen großen Dienst erwiesen; dieselben werden ihren Dank sicher dadurch bekunden, daß sie bei den neuen Bündchen ebenso frisch zugreifen werden, wie es bei den früheren der Fall war. Eckstein Ern., Verstehen wir Deutsch? VolkSthümliche Sprachuntersuchungen. 8", 163 S. Leipzig, C. Reißner, 1894. M. 2.00 gebd. L. Den Zweck des Büchleins erfahren wir aus der Einleitung. „Die Naturwissenschaften, sagt der Verfasser (2. 1), haben es fertig gebracht, mit dem Laien hie und da eine recht intime Fühlung zu gewinnen, die Linguistik dagegen, die Sprachforschung, die doch ganz zweifellos zu den Naturwissenschaften gehört, — denn die Sprache ist ein Naturprodukt, das nach ebenso unabänderlichen Gesetzen entwickelt wurde, wie der menschliche Organismus selbst — nur die Sprachforschung ist für das Publikum eine Art Popanz geblieben, vielleicht nur in Erinnerung an die fürchterlichen Grammatirstunden der Jugendzeit, vielleicht aber auch deßhalb, weil die Sprachgelehrten sich für die Gelehrten par sxeellonos halten und demzufolge es verschmähen,. von der Höhe des Katheders herabzusteigen und mit den Menschen menschlich zu reden." Das ist doch nicht ganz richtig: Die vergleichende Sprachforschung, welche in ihren viel- verschlnngenen Wegen eine ernste Geistesarbeit und ein riesiges Dctailwissen voraussetzt, widerstrebt vielmehr ihrer Natur nach der Popularisirung, was übrigens gar kein Unglück ist; sie theilt dies Schicksal ganz und gar mit anderen Wissenszweigen, so mit der erhabenen, von allen sinnlichen Qualitäten abstra- hircndcn Wissenschaft der Mathematik. Ucbrigens hat bereits Rudolf Kleinpanl in drei Bänden (Räthsel der Sprache; Sprache ohne Worte; Stromgebiet der Sprache) die Linguistik zur schöngeistig-belletristischen Popularität erniedrigen wollen; wer diese Bücher kennt, weiß, daß Kleinpanl kein Sprachforscher ist und daß seine pikanten Machwerke höchstens für „Rauch-Coupös lustiger Männerzirkel" einen fragwürdigen Werth haben, wo man stark gewürzte Zotenhastigkcit liebt. Ein Dienst ist damit weder der Wissenschaft, noch der allgemeinen Bildung erwiesen. Kleinpauls Pfade betritt Eckstein freilich nicht, er bietet ganz artige, unterhaltende Plaudereien, die aus einer Menge kleiner Beobachtungen entsprungen sind; als Sprachforscher stellt sich indeß der in der Form nicht ungewandte Nomanschreibcr keineswegs dar. Also Saul unter den Propheten! Nicht nur der Bauer» meint Eckstein, ist der Linguistik gegenüber eben ein Bauer, der nicht weiß, was cigenilich „Serviette" heißt, sondern „die ungeheure Mehrzahl des sonst gebildeten, aber nicht sprachlich geschulten Publikums versteht die eigene Muttersprache nur so, wie der Bauer das Wort .Serviette'". Ganz gut — aber, erstens, bei wie vielen Wörtern läßt sich die ursprüngliche Bedeutung überhaupt entziffern? und zweitens, dem „Gebildeten" ist diese Art Wissenschaft so „egal", wie der Streit um den Werth der Logarithmen negativer Größen. Wer also Linguist ist, wird durch Eckstein nicht besser „Deutsch verstehen lernen", als er es schon versteht, und wer es nicht ist, kann es damit nicht werden. Also Verlorne Liebesmüh'! Ein gewaltiges Loblied singt Eckstein der gotischen Sprache, der er, was Voll- tönigkeit betrifft, einen Ehrenplatz neben dein Spanischen gibt; das Finnische ist übrigens bei den „klangreichen Sprachen" auch nicht zu vergessen. „Die unpatriotisch geringe Beachtung, seufzt Eckstein (S. 41), die das Gotische auf unseren Gymnasien und sonstigen höheren Schulen erfährt, steht leider nicht im Verhältniß zu der Summe von Arbeitskraft, die auf das Studium der altklassischen Sprachen verwendet wird. An rein formaler Bildungskraft würde das Studium des Gotischen mit dem des Lateinischen wetteifern können, während es für die Entwickelung des Nationalgefühls und für das innere Verständniß der neuhochdeutschen Muttersprache geradezu unersetzliches leistet." Das scheint uns denn doch zu stark aufgetragen; wir geben zu, daß ein schulgcbildcter Deutscher das Gotische kennen muß, weil es zur ältesten Gestalt seiner Muttersprache hinweist, aber nicht gerade, um das Nationalitätsgefühl zu stärken, da unsere Gymnasien (in ihren deutschen Aufsatzthemen rc.) ohnehin schon für systematische Ueberfütterung mit Deutschthum- buselek ihr Mögliches leisten. Auf Kosten der beiden „klassischen* Sprachen mit ihrer einzig dastehenden Literatur darf denn doch das Gotische nicht erlernt werden, von dem wir ja doch nur ganz spärliche (wenn auch darum sehr werthvolle) Literaturdenkmäler haben, die uns Wulsila, der arianische Gotenbischof, hinterlassen hat. Ho quick nimm! Dst mockus iu redusl Unö bestärkt vielmehr die Geschichte der Wissenschaft und Cultur täglich in der unwandelbaren Ueberzeugung, daß die Summe an Arbeitskraft, die auf das Studium des Griechischen und Lateinischen verwendet wird, niemals groß genug sein kann, jedenfalls aber in unseren Schulen gegenwärtig viel zu gering ist, was der Erfolg leider beweist. — Neben vielen richtigen Beobachtungen, die längst erkannt sind, bringt das Büchlein, welches immerhin lcsenswerth ist, Vieles, das einen alten Standpunkt verräth, der von den neueren großartigen Forschungen, namentlich Brugmann'S, keine blasse Idee hat. Linke Jo., tütbara saora: oantionnw piarnm somieonturia. — Fünfzig geistliche und weltliche Lieder in lateinischer Uebcrtragung. 12° x. VIII -st 192. Leipzig, Carl Reißner, 1893. M. 2,00. lt. Mit Vergnügen nehmen wir von jeder neuen Erscheinung auf dein Gebiete der einst eifrig gepflegten lateinischen Reimpoesie Notiz, zumal dergleichen Versuche leider in neuer Zeit sehr vereinzelt auftreten und dann auch nicht die Beachtung finden, die sie oft verdienen. Der Verfasser hat bereits eine stattliche An- zabl theologischer Werke (darunter Neuausgaben von Luthers Prophctencommentaren) veröffentlicht und ist Protestant, doch drängt sich im vorliegenden Buche sein Standpunkt nie unangenehm oder verletzend vor; im Gegentheil, wir finden bei ihm zahlreiche innigfromme, gcmütbvollc Lieder katholischer Sänger (L. Hensel, Volksweisen) in lateinischem Gewände. Die Originaltexte stehen überall gegenüber, so daß sich der Leser von der Gewandtheit des Umdichters ebenso überzeugen kann, wie von der Grundlosigkeit deö VorwurfS, daß die lateinische Sprache hart und spröde sei; im Gegentheil, eignet sich kaum eine andere durch ihren Wohllaut so sehr zur Rcimpoesie. Wir lesen hier im Originalmctrum übersetzt allbekannte Texte, wie „Es ist ein Reis entsprungen" oder „Himmclsau, licht und blau" oder „O du hochheiliges Kreuz" oder „Stille Nacht, heilige Nacht". Zur Probe theilen wir Louise Hensel'ö bekanntes «Müde bin ich, geh' zur Ruh" mit: §essus oo cuditum, Oisucko xreoans ooulnm: Lator, visibus meo Ooram acksis leotnlo. tzui sum lapsus dockio, Domino, na rosxieo! Odristi mors 6t Aratia Damno, saroit ownia. ckunotos midi Zansro ' Das in t6 quiosooro, Drooores 6t parvulos Habs tidi creäitos. Lecks, motus mordickos, Dckos olanckas ooulos, LZits. onstockiam Nootoin xraodo xlacickam! Möge der Verfasser recht bald wieder in die Saiten seiner »Oitiiara- greifen und uns mit einer neuen Gabe erfreuen. Vor ei» paar Jahren sind dem kürzlich verstorbenen Weber einige Proben seines kraftvollen „Dreizehnlindcn" in lateinischer Uebcrtragung vorgelegt worden, worüber sich der Dichter sehr günstig ausgesprochen hat; eine lateinische, rhythmische Reim- übersetzung dieser kernigen Strophen wäre ein schöner Vorwurf für ein Talent, wie Linke, denn die oben genannte Bearbeitung scheint nicht zu Stande zu kommen!? Engelhardt, Zehn Original-Compositionen. Negcns- Lurg, Coppcnrath (Pawcleck). Partitur 2 M. 40 Pf., 4 Stimmen L 30 Pf. Neben der Vorführung von exquisiten Palcstrina- und Orlando-Kompositionen zur Feier des Doppel-Jubiläums dieser beiden Tonheroen werden bei der XIV. General-Versammlung des Allgemeinen Cäcilien-VercineS am 6. und 9. August d. I. in Negensburg eine Anzahl von neueren Tondichtungen, welche im Geiste und Sinne der Alten geschaffen sind, zu Gehör gebracht. In obigem Musikale sind nur die ausgewählten Tonstücke durch den Herrn Domkapellmeister von Negensburg ge- 240 <5 sammelt und redigirt. Brücklmaper leitet die Sammlung ein mit einem sehr wirkungsvollen Mmmigcn Vollito xortas — der weihevolle Hauch der Adventzeit weht aus Melodie und Harmonie. Der kunstgcübtc, formgewandte GricSbacher liefert ein fünssiimmiges, reich bewegtes und belebtes Vuieraut stesum — ein äckter Fra Bartolommco (Bclvedcre, Wien) tu Tönen. Der dramatische Quadflicg schuf ein brillantes, glühendes und sprühendes ^stimmiges WcihnachtS-Mctctt Tut 8unt eoeli mit Orgel; Auer, der uns so oft schon Proben seiner contrapunktischcn Kunst gegeben, ein ernstes, wie unter dem Kreuze knieend gedichtetes Fastenoffcrtorium Drips ms, ^stimmig; Nenner jun. im hoben Stile ein pompöses, groß angelegtes Pfingstlied (üonürwa koo Heus (»stimmig); unser rheinländischcr Witt, Piel, ein 4stim- migcS, wohl durchdachtes und prächtig ausgearbeitetes 6onstitus8 eos xrinoii>k3. Altmeister Haller ist mit einem 5 stimmigen Veriras moa vertreten, das voll und ganz den Charakter der Haller'schcn Muse, Wohllaut und Formvollendung, an sich trägt. Hauisch lebt unter unS auf durch sein priestcrlich ernstes üam uon äioam vos sorvos, das durch die feierliche Würde seiner Accorde in der Stunde der Priesterweihe des unfehlbaren, erschütternden Eindruckes sicher ist. Der tief empfindende August Wiltbergcr bringt für vierstimmigen Mänucrchor mit Orgel einen Hcrz-Jcsu-HymnuS 6or, aiea. losssm oontiuens von glühender Andacht und seliger Anbetung. Thiclcn'S scchsstimmigeS Re- spousorium Didera wo Domino ist durch den Ernst und die erschütternde Krast seiner melodischen und harmonischen Form eine Perle der katholischen Excquial-Musik-Litcratur. Allen Chor-Dirigenten, namentlich jenen, welche beim Cäcilicnsestc in Ncgensburg, mit der Partitur in der Hand, lernen wollen, seien diese auScrwähltcn Compositicnen moderner Meister aus's beste empfohlen. Sie sind beim Hochamte, Requiem und bei Nach- mittagSandachten sehr gut und wirksam zu gebrauchen. Dr. Walter. Fünf Jahre unter d cn Horden Asrika's und A sie» S. Von einem Soldaten der franz. Fremdenlegion. Vrixen. Verlag des Kath. Pal.-Prcßvercins. Erlebnisse in der franz. Fremdenlegion. Von K. v. K. Verlag von Georg Koch in Eltmann a. M. Preis 20 Pf. --- Beide Schriftchen behandeln Erlebnisse im Dienste der französischen Fremdenlegion. Die erste der beiden angezeigten Schriften hat einen Tiroler, Th. Habichcr, zum Autor; sie gibt hauptsächlich über Land und Leute in Algier und Tonkin eingehende Schilderungen, die zum großen Theil recht interessant zu lesen sind und recht frisch und plastisch, wenn auch nicht in vorzüglicher Stilistik, Bilder theils freundlicher, theils düsterer Art vorführen. Habichcr deutet nur flüchtig auf die Qualen hin, die der Frcmdcnlcgionär durchzumachen bat, und es scheint, daß er besser durchgekommen ist als sein LeidenSgenosse, der Verfasser der zweiten Schrift, K. v. K., ein Münchner. Letztere Schrift hat den ausgesprochenen Zweck, alle deutschen Landslrnte auf'S dringendste zu warnen, sich in die Fremdenlegion anwerben zu lassen. Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Verfasser vorführt — und wir haben keinen Grund, nicht das Ganze für wahr zu halten — so muß er diesen Zweck erreichen. Das Leben als Legionär ist weit schlechter, als das ehemalige brasilianische Sklavenlcben, und es ist ganz entsetzlich, was nach diesen Schilderungen der Legionär, und besonders wenn es einer der verhaßten Deutschen ist, durchzumachen hat. Klimatische Einflüsse und schauderhafte Entbehrungen bewirken denn auch, daß die allerwenigsten Legionäre lebend oder gar gesund daS Ende ihrer fünfjährigen kontraktlichen Dienstzeit erreichen. — Beiden Schriften, deren Preis sehr billig, wünschen wir weiteste Verbreitung. Marsch- und Quartier-Erlebnisse v. I. T. Kujawa. Erschienen sind 2 Bändchen. Vollständig ist die Sammlung in 5 Bändchen. Jedes ist einzeln käuflich. Preis L 50 Ps. Adolf Nussell's Verlag in Münster i. W. Ueber das Solbatcnlcben ist schon viel geschrieben worden. Heiteres und Ernstes, Belehrendes und Unterhaltendes, Wahres und Unwahres, Mögliches und Unmögliches, so daß neuen Erscheinungen auf diesem Gebiete der Kamps umS Dasein schwer gemacht wird. Nach den vorliegenden 2 Bändchen zu urtheilen, scheint uns diese Sammlung dennoch viele Leser zu finden. Kujawa, bekannt durch eine Reihe vorzüglicher Sotdaten- HumoreSken in namhaften Kalendern und Zeitschriften, dann durch seine Militär-Lustspiele, langweilt nicht durch gleichgültige Beschreibung und Vortrüge; er läßt vielmehr die Leser Bekanntschaft machen mit dem echten und rechten Soldaten, wie er „leibt und lebt", wie er „weint und lackt". Die Episoden und Erlebnisse sind wahr, die Personen gehören dem wirklichen Leben an, nicht der Dichtung. Der Leser findet nichts Alltägliches, bereits schon Dagewesenes. Der Veteran wird in der Lektüre manch liebe Rückcrinncrung an SelbstcrlebteS finden, der Soldat beredte Beispiele, die zur Nacheifcrung ermuntern, die Jugend eine Anspornung zur Vaterlandsliebe, zur Hingebung und Treue gegen Kaiser und Reich. „Sociale Thätigkeit der Kirche" oder „Antworten auf kirchenscindliche Anzapfungen" lautet der Titel einer im Verlage von I. Gürtler in Warnsdorf (Deutschböhmen) erschienenen zeitgemäßen Flugschrift. — 1 Expl. 10 Pfg., 50 Expl. 4 M.. 100 Expl. 7 M. 50 Pfg. Die Broschüre bietet in knapper Fassung (16 S.) ein vielseitiges, reiches Material zur Abwehr der sozialdcmokratischen Phrasen, daß die katholische Kirche für die Arbeiter und Armen nichts gethan, sondern sie „nur auf den Himmel vertröstet" habe. Die Flugschrift zerfällt in eine Vorrede und in folgende Capitel: 1. „Geistige Erlösung und wirthsckaftliche Befreiung durch daS Christenthum", 2. „Milderung u. Aufhebung der Leibeigenschaft", 3. „Ausbildung der Handwerke und Landwirthschaft", 4. „Segen der christlichen WirthschaitSordnung im Mittclaltcr", 5. „Die neueren sozialen Schutzgesetze", 6. „Soziales Wirken der St. Vincenzvereine", 7. „Soziales Wirken der Orden", 8. „Don Bosko, Cottolengo, Noussel, P. Mattcw", 9. „Katholische Gesellenvereine", 10. „WoblfahrtScinrichtungen", 11. „Maßnahmen für den Bauernstand". Es wäre zu wünschen, daß diese Broschüre in die Hände jedes christlichen Arbeiters käme. um ihn einerseits gegen die Gefahr zu stählen, infolge der shstcmatischen Verdächtigungen der Kirche seitens sozialdemokratischcr Collcgeu an der Wahrheit irre zu werden, und um ihn anderseits in die Lage zu setzen, auf rcligionSgehässige Anzapfungen in der Presse, in der Werkstatt, in der Fabrik und in Versammlungen mit Thatsachen prompt antworten zu können. Die geist liche Schulaufsicbt in der VolkSsch ule, ihre Berechtigung und Ausübung von M. A. Ber- ningcr, Schul-Jnspcktor. Zweite vermehrte Auflage. Würzburg, Andreas Göbcl, Verlagsbuchhandlung, 1894. VII u. 65 S. Preis 70 Ps. Wir haben diese Schrift wegen ihres aktuellen Interesse wie der sich darin kundgebenden logischen Schärfe und historischen Darlegung gelegentlich ihres ersten Erscheinens mit vollster Genugthuung und großer Freude begrüßt und allgemein empfohlen. Nachdem die erste Auflage nun aber rasch vergriffen war und ebenso rasch die 2. Auflage erfolgt ist, diese aber wesentliche und bedeutende Erweiterungen erfahren hat, stehen wir nicht an, bei der Zeitgemäßhcit dieser Schrift und der grandiosen Wichtigkeit deö Gegenstandes auf diese Broschüre nochmals zurückzukommen. Hat sich doch auch der bayerische Cultns-Miuister erst jüngst wiederholt und nachdrücklichst für die geistliche Schulaussicht erklärt und ihre Berechtigung, Bedeutung und anerkannt große Ersprießlichkeit im Neicbsrathe und im Landtage ausgesprochen. Obige Schrift aus erprobter Feder, obschon der Zeit nach früher, erscheint wie ein leuchtender Commcntar zu des Herrn Ministers wohlbegründetcm Urtheile. Außerdem behandelt sie noch nebenbei daS diese Frage vom „liberalen" Standpunkte aus traktirende Buch von Karl Frei, würdigt und widerlegt es. Dies ist vor allem an der 2. Auflage neu. Auch die anderen Erweiterungen sind als höchst glückliche Zusätze zu betrachten. Möge daher jeder Geistliche und Lehrer die billige Broschüre sich erwerben! Kirche und Kirchenjahr oder Kurze Belehrung über das Gotteshaus, den Gottesdienst und den hl. Zeiten. Von I. Schiltknecht. II. vermehrte Auflage. Freiburg i. Br. 1894. Hcrdersche Vcrlagö- handlung. kl. 8° VI. 70 S. Preis 30 Pfg., geb. 40 Pfg. X Bei der Aufzählung der Kirchengcräthe vermißten wir die Anführung der SanktuSkerze; auch wird mancher bei diesem oder jenen, Punkte eine Erklärung noch hinzuwünschen, wie z. B. bei Anführung des Korporale, die Erinnerung an die Windeln und Grabtuch Jesu; Bedeutung des Pfarrgottesdienstcs u. a. m. Im Uebrizen aber wird das recht brauchbare Backstein Lehrern und Katecheten, sowie auch reifern Kindern gute Dienste leisten und ist bestens zu empfehlen. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Nl-. 31 2. Auglist 1894. Die Schenkung Constantins in Dahn'scher Nomanbelenchtnng. (Vertrag, gehalten im katholischen VereinshauS zu Speyer.) (Schluß.) xl; Das ist aber nur ein winziges Vorspiel der colossalen Blamage, die Herr Dahn seinem Papste drinnen vor Bclisar, seiner Gemahlin Antonina, dem Präfecten Cethegus und dem ganzen Gefolge vorbereitet hat. „Der hl. Petrus ist es, beginnt Sylverius salbungsvoll, der dir mit meiner Hand die Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie ihm beschirmest und behütest." „Ich bin es gewesen, der die Anschlüge deiner Feinde vernichtet hat." „Hat der Kaiser Feinde in Rom?" fragt Belisar, und als der Papst heuchlerisch seufzt, „die Kirche dürstet nicht nach Blut", tritt sein juristischer Begleiter Skävola hervor, erhebt gegen Cethegus die Klage auf Rebellion gegen den Kaiser Justinian und beantragt auch von kurzer Hand gleich die Todesstrafe und Confiscation der Güter, deren Hälfte dem Kläger zufallen solle „und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes, schloß der Bischof von Rom" nach Felix Dahn. Auf thut sich der Theatervorhang im Hintergründe des Zeltes, und herein, „mit vernichtendem Blick" natürlich, Cethegus tritt als Gegenankläger: „Sylverius hat die Absicht, erklärt Cethegus, die Herrschaft der Stadt Rom und einen großen Theil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen und — lächerlich zu sagen — ein Priesterreich zu gründen in dem Vaterland der Cä- saren." — Allerdings lächerlich zu sagen, aber lächerlich von Felix Dahn, denn dieser ganze Gründungsplan ist seine eigene Erfindung, die er zur fixen Idee sich pa- tentirt hat, wie jene Wiederholung derselben Geschichte im späteren Romane „Julian der Abtrünnige" beweist. „Hier überreiche ich einen Vertrag, fährt Cethegus fort, den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der Barbaren, geschlossen." „Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die Summe von tausend Pfund Gold an den hl. Petrus und seine Nachfolger .... die Herrschaft der Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde." „Also im selben Augenblick, wo er hinter Theodahads Rücken die Waffen des Kaisers herbeirief, schloß er hinter des Kaisers Rücken einen Vertrag, der diesem die Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle Fälle (?) sicher stellen sollte", läßt Dahn seinen Cethegus spotten; er spottet aber seiner selbst und weiß nicht wie; denn ein so abgefeimter Diplomat wie Dahns Sylverius mit den „weitklugen Zügen" ist doch nicht so einfältig, daß er ein so theueres Geschäft sich selber verderben würde, indem er gerade den gefährlichsten Liebhaber des Kaufgegenstandes zur Concurrenz herbeiriefe. „Etwas weniger, Freund, Liebschaften, dann wärst du beliebt zwar weniger", sagt Platen zu Schiller; etwas weniger, Freund, Dummheiten, möchten wir dem Dahn'schen Romane im Vertrauen gesagt haben. Freilich wäre er dann in gewissen Kreisen weniger beliebt. Trotzdem ist „der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden ein gewaltiger". Allein „Sylverius zeigte in diesem Augenblicke, daß er kein unebenbürtiger Gegner des Präfecten Cethegus", sondern ein ebenso großer Meister in der „politischen Heuchelei" war; „keine Wimper zuckte ihm". „Wie lange wirst du noch schweigen?" fuhr ihn Belisar an. — „Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von Urchitophel, dem Dämon des Zornes", läßt Felix Dahn, der sich unter den Dämonen auszukeimen scheint, seinen Papst entgegnen. Die Päpste wissen von einem Urchitophel nichts. „Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag mit dem Barbarenkönig geschlossen", beginnt Sylverius dann, „weil es meine Pflicht war, ein uraltes Recht des hl. Petrus nicht fallen zu lassen." „An demselben Ort, wo des Präfckten tempclschänderische Hand diesen Vertrag entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, welche ursprünglich unser Recht begründet." „Der fromme Kaiser Constantin . . . hat, um vor aller Welt zu bezeugen, daß Krone und Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem hl. Petrus zu eigen übertragen." „Diese Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft: der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet", läßt Felix Dahn, der sich auch in den Flüchen besser „wie ein Türke" auszukeimen scheint, „mit aller Kraft geistlicher Würde und aller Kunst weltlicher Rhetorik" seinen Papst deklamiren, was „von unwiderstehlicher Wirkung" gewesen sei. Also: ! „Banges Schweigen". „Prüftet von Rom, sagt endlich Belisar, was hast du zu erwidern?" „Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die seinen Lippen verneigte sich Cethcgus und begann: „Der Angeklagte beruft sich auf eine Urkunde .... Ich räume ein, die Urkunde existirt." „Ich habe die Urkunde selbst mitgebracht in meiner tcmpcl- schänderischen Hand." „Er zog ein vergilbtes Pergament aus dem Sinus." „Ich habe die Urkunde viele Tage lang (so schlecht hat der geriebene Diplomat Sylverius sein wichtigstes Actenstück gehütet) Mit feindselig forschendem Auge geprüft. Vergebens. Alle Formen des Rechtes sind in der Schenkungsurkunde haarscharf gewahrt." „Er hielt inne — höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des Sylverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte. — „Also, fragte Bclisar in höchster Aufregung, die Urkunde ist beweiskräftig?" „Ja wohl! seufzte Cethegus. Schade nur, daß" — „Nun?" unterbrach Bclisar. „Schade nur, daß sie falsch ist." — „Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar sprang auf. Alle Anwesenden traten einen Schritt näher. Nur Sylverius wankte einen Schritt zurück." — „Falsch? Prüftet, Freund, kannst du es beweisen?" „Das Pergament, auf welches die Urkunde geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche, Wurmstiche" — (mehr als „Salomon, der große König, dem die Geister untcrthänig", mehr als Mephisto, „der Herr der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse", scheint dieser Dahn'sche Papst zu sein, dem sogar die antiquarischen Bücherwürmer als Helfershelfer in der Geschwindigkeit zu Diensten eilen, um dem ungeschickter Weise nagelneuen Pergamente die Ehrwürdigkeit des Alters anzufälschenl) also „Wurmstiche, Flecken jeder Art . . . 242 „Es ist ächtes Pergament, aus der alten, von Con- 1 stantin gegründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen Pergamentfabrik Byzanz. Aber eS scheint auch leider dem heiligen Bischof entgangen zu sein" — (was bei dem als so gerieben dargestellten Sylverius unwahrscheinlich ist) «daß bei diesen Pergamenten ganz unten links am Rande durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch Angabe der Jahreseonsulen in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben bezeichnet wird. Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten Jahre von Konstantins Regierung." „Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären — aber hier hat Gott der Herr ein Wunder gegen seine Kirche gethan — daß man in jenem Jahre, also im Jahre 335 nach der Geburt des Herrn, schon ganz genau wußte, wer im Jahre nach dem Tode des Kaisers Justinus Cousul sein würde; denn seht, hier unten am Rande der Stempel besagt: — der Schreiber hatte ihn nicht beachtet — er ist auch wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das Licht hält: V. Inkretion, Justiniauus Augustus, allein Consul, im ersten Jahre seiner Herrschaft." „Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers Constantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. Gesteh', o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen endet und des Ueber- natürlichcn beginnt," ein Spott und Hohn gegen das Christenthum, der nicht im Munde eines römischen Stadt- präfcctcn aus dem 6. Jahrhundert denkbar ist, sondern ganz einem liberalen Universitätsprofessor oder socialistischen Agitator ähnlich sieht. Uns kommt übrigens des Cethcgus Eselshaut lehr natürlich vor. Nach den Spuren der Ohren daran, die bei der schlechten Mache noch deutlich erkennbar sind, zu schließen, stammt diese Eselshaut von der tendenziösen Nomanschreiberci des Herrn Felix Dahn selbst her. Diese erst einjährige Eselshaut macht gewiß, daß in dem Roman „Ein Kampf um Nom" der Papst Sylverius wirklich als Urkundenfälschcr, als Fabrikant der nämlichen Constantinischen Schenkung hingestellt werden soll, als deren Fabrikant im spätern Roman „Julian der Abtrünnige" der Papst LiberinS ausgegeben wird. Jene Verleumdung des Papstes Sylverius war wohl vergessen, und da glaubte man zur Abwechslung eine so ungeheuerliche Fälschung einmal auch einem andern Papste aushängen zu dürfen. Vielleicht denkt Hr. Dahn, der überhaupt die Wiederholungen sehr liebt, in seinem nächsten Romane: „aller guten Dinge sind drei"; nur möchten wir rathen, das nächste Mal den Papst doch etwas gescheidter zu wählen, denn eine lappigere Wahl, wie die des Papstes Liberius unter einem Julian und des Sylverius unter einem Jnstinian, konnte man wohl nicht ansdenken. Im gegenwärtigen Stande der Sache sieht aber die von den zwei Romanen gegen die katholische Kirche verübte Verleumdung verzweifelt ähnlich dem Complott jener zwei schändlichen Alten gegen die tugendhafte Snsanna. § „Wo hast du sie gesehen?" fragt der weise Daniel jeden i gesondert. „Unter einem Mastixbaume." „Unter einem , Eichenbaume." Sie waren somit aus ihrem eigenen Munde überführt, daß sie falsches Zeugniß abgelegt hatten. Und so ist es auch mit den zwei Dahn'schen Romanen in Bezug auf die Constantinische Schenkung. Die falsche Urkunde existirt allerdings; aber weder zur Zeit des Kaisers Justinian und noch weniger zur Zeit des Kaisers Julian findet sich davon eine Spur in der Geschichte. Oder glaubt man, Julian der Abtrünnige hätte, als er Kaiser und Verfolger der Kirche geworden war, sich eine so furchtbare Waffe und einen so gesetzlichen Grund entgehen lassen, um gegen die Päpste einzuschreiten, wenn er gar selber Zeuge und mißbrauchtes Werkzeug einer solchen hochverräterischen Urkundenfälschung gewesen wäre! Vor der ganzen Mit- und Nachwelt hätte Julian die Verbrecher entlarvt und als „Philosoph" in seinen Spottschriften sowie namentlich als Kaiser unerbittlich an ihnen Rache genommen. Im Gegentheile sehen wir, daß Julian die Einrichtungen der katholischen Geistlichkeit auch bei seinen Götzenpriestern einzuführen bemüht war und sogar, wenn auch mit kläglichem Erfolge, heidnische Manns- und Frauenklöster zu gründen suchte, ein klarer Beweis, daß er in den katholischen Klöstern die vom Dahn'schen Romane erdichteten Orgien nicht gefunden hatte. In der Zeit des Papstes Sylverius und Kaisers Justinian aber wußte man von der „Constantinischen Schenkung" auch nicht das Geringste. Wenn von der theatralischen Senfations-Sccne mit dem Papst in Belisars Zelt auch nur eine Sylbe wahr wäre, auch Justinian, der große Juristenkaiser und Urheber des corxug juris oivilis, Hütte ein solches Attentat auf Recht, Gesetz und Reich nicht ungeahndet gelassen, und die damaligen kaiserlichen Geschichtsschreiber hätten nicht davon geschwiegen. l Zwei verschiedene, 200 Jahre von einander entfernte Päpste also einer und der nämlichen Urkundenfälschung anzuklagen, und zwar unter Kaisern wie Jnstinian und Julian, und den letzter» als Prinz noch dabei mithelfen zu lassen, das ist doch das Uebermaß schlechter Erfindung. Also nicht wahr und auch noch nicht einmal gut erfunden! l! Zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit von der weltlichen Regierung — denn um diese Unabhängigkeit handelte es sich eigentlich, und nicht um weltliche Herrschaft, die von der Souveränes freilich unzertrennlich bleibt — zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit brauchten die Päpste keine falschen Urkunden zu fabri- ciren; dafür sorgte die Noth der Zeit und die gebieterische Macht der Umstände. In dem Maße als die Kaiser, besonders durch Verlegung der Staatsregierung nach Constantinopel, Italien und Rom vernachlässigten, in demselben Maße fiel die Sorge auch für die weltlichen Angelegenheiten den Päpsten anheim. Lange schon trugen sie diese weltlichen Sorgen, che sie noch die weltliche Souveränes und Herrschaft erlangten. Denken wir nur an Leo ll. und seine Verdienste um Nom und Italien gegenüber dem Hunnen Attila und dem Wandalen Geuserich. Es ist natürlich, daß durch eine solche Vermittlungsrolle das weltliche Ansehen 1 des päpstlichen Stuhles sich hob. Das Eintreten der Päpste für Recht und Freiheit auch gegenüber den gesetzlichen Machthabern, dann der große Gütcrbcfitz der römischen Kirche und die wohlthätige Verwaltung und Verwendung desselben trugen zu diesem Wachsthum des politischen Ansehens der Päpste nicht wenig bei. Besonders nach dem Untergänge des ostgothischen Reiches nahm die Autorität des Papstthumes auch politisch einen mächtigen Aufschwung. In dem Ver- zweiflungskampfe der Ostgothen gegen Kaiser Justinians Feldherren Belisar und Narses wurde der römische -- - -- - - - - _ _ 243 Senat durch das Schwert und Elend so gut wie ausgerottet. Zugleich erhielten die Nömer und Italiener Gelegenheit, ihre während des Krieges bethätigte byzantinisch-nationale Begeisterung dem Schwärme der kaiserlichen Zöllner tüchtig zu versteuern. Und als die Kaiserin Sophia, die Gemahlin Justins II., soweit sich vergaß, dem ergrauten Statthalter Narses einen Weiberanzug mit Spinnrocken zu schicken, da spann dieser ehemalige Weber jenen berühmten Faden, aus dem auf dem Webstuhle der Zeit die volle päpstliche Souveränität hervorgegangen ist; er lud den Longobardenkönig Alboin zur Besitznahme Italiens ein. Wieder waren es nun die Päpste, denen die Sorge zufiel, einzutreten für die Säumigkeit und Ohnmacht der byzantinischen Kaiser, die noch immer als Oberherreu und Schirmvögte Roms galten. Die Langobarden hatten ja nicht einen blassen Schein von Anspruch auf die Herrschaft Roms und waren in Italien auch so zügellos raubgierig und grausam aufgetreten, daß die Römer allen Grund hatten, sich diese Barbaren so weit als möglich vom Leibe zu halten. Zu diesem Zweck wandte sich die Bevölkerung in ihrer thatsächlichen Herrenlosigkeit an die Päpste, und diese halfen auch, als die Kaiser das alte Rom seinem Schicksal überließen. Nach Leo I. wurde besonders der große Gregor I. ein Beförderer der päpstlichen Souveränität. Als er noch Abt des in seinem väterlichen Palaste auf dem Cölius von ihm eingerichteten Benediktinerklosters war, entstand in Rom ein förmlicher Aufruhr bei der Kunde, daß Gregor heimlich als Missionär nach Britannien abgereist sei, und Papst Pelagius II. war genöthigt, Gregor zurückzurufen. Nach der einstimmigen Wahl Gregors zum Papste wurden seine Briefe an den Kaiser Mauritüls, worin er um dessen Nichtznstimmung bat, vom Stadt- präfccten Roms aufgefangen, und als Gregor nach Eintreffen der kaiserlichen Zustimmung verkleidet entfloh, wurde er wie ein steckbrieflich Verfolgter gesucht und im Triumphe nach St. Peter geleitet (590). Rom befand sich gerade in äußerst bedrängter Lage. Ueberschwemmung, Pest und Hungersnoth herrschten unter dem Volke. Gregor ließ Getreide aus Sicilien kommen, wobei die zahlreichen und großen Landgüter der Kirche, deren Bauern Gregor ein wohlwollender Herr war, gute Dienste leisteten. Die Kirche hatte damals, wie GrcgoroviuS sagt, angefangen, ein großes Asyl der Gesellschaft zu sein. Wie früher der Consul unter das Volk Geld und der Prüftet Lebensmittel austheilte, so war jetzt diese Aufgabe dem Papste zugefallen. So wurde Gregor der allgemeine Ernährer des Volkes. Von gleichem Verdienste waren Gregors Bemühungen, seinem Vaterlands mit den Langobarden Frieden zu schaffen. Vorthcilhaft wirkte zu diesem Zwecke der gute Einfluß der katholischen Longobarden- königin Theodolinde. Aber auch Gregor selbst erwarb sich das ehrfurchtsvolle Vertrauen dieses andersgläubigen, arianischen Volkes. Vom byzantinischen Kaiser aufgefordert, er möge seine Verbindungen dazu benützen, die Langobarden unter sich zu entzweien, so daß sie einander selber aufreiben würden, wies er diese Rolle eines Felix Dahn'schen Romanpapstes entschieden zurück. Wenn er in die Streitigkeiten der Langobarden sich hätte einmischen wollen, ließ er dem Kaiser erklären, so würde dieses Volk allerdings weder Könige, noch Herzoge, noch Grafen mehr haben; allein da er Gott fürchte, so scheue er sich, an dem Mord irgend eines Menschen Theil zu nehmen. Der Papst verabscheute die treulose Ränke-, Blut- und Eisenpolitik, welcher gewisse Staaten ihre Größe verdanken, und so machten seine Fähigkeiten, seine Hochherzigkeit und Helligkeit sowohl als die Umstände ihn zum stillschweigend anerkannten Oberhaupt auch des politischen Rom, und mit vollem Recht ist er als der Gründer der päpstlichen Herrschaft weltlicher Natur zu betrachten. Die Gelüste der späteren Longobardenkönige Luit- prand und Nachis nach dem Besitze Roms wurden durch die Päpste Gregor II. und Zacharias gütlich im Zaum gehalten, als jedoch bei König Aistulph weder freundliche noch ernste Worte mehr halfen und Stephan III. auch von Eoustantinopel umsonst gegen die andringenden Langobarden Schutz erflehte, da ging der Papst über die Alpen an den Hof des Frankenkönigs Pipin. Als Aistulph die Forderungen Pipins verwarf, erschien der Frankenkönig mit Heeresmncht vor Pavia und erzwäng sich Nachgiebigkeit. Kaum hatte jedoch Pipin den Rücken gewandt, so brach Aistulph (754) treulos den Vertrag, warf sich schnell auf Rom und bestürmte es. Doch Pipin erschien noch rechtzeitig zum Entsatz (755) und schenkte das dem Langobarden kriegsrechtlich abgenommene Gebiet dem hl. Petrus. Das ist der formelle Anfang des Kirchenstaates, während sein materieller Beginn, allmählig herbeigeführt durch die Macht der Umstände, in einer mehrhundertjährigen Vergangenheit sich verliert. Kein Staat Europa's hat sich auf eine rechtmäßigere und ehrenvollere Weise gebildet. Und diesen klaren, offenkundigen Thatsachen der Geschichte gegenüber kommen nun zwei Romane eines rationalistischen, nationalliberalen Univcrsitäisproftssors und wollen die Souveränität deS Papstes und die ganze hohe Kirchcupolitik des HI. Stuhles als ein Werk der Lüge, Jmmoralität, Heuchelei, Herrschsucht und Fälschung hinstellen, zu Stande gebracht durch die Erdichtung der sogenannten Constantinischen Schenkung! Diese falsche Urkunde ist schon deßhalb ohne jeden Einfluß auf die Entwicklung des päpstlichen Ansehens geblieben, weil sie vor Karl d. Gr. überhaupt nicht existirte. Die ersten Schriftsteller, von denen sie angeführt worden ist, sind keine Italiener, sondern Franken, die Bischöfe AeneaS von Paris, Ado von Vicnne und Hinkmar von Rheims, alle drei in der Mitte des 9. Jahrhunderts. Die wahrscheinlichste Vermuthung über den Ort und Zweck der Fälschung ist wohl diejenige, daß die Abfassung der Urkunde im Fraukenreich geschehen sei, und zwar aus Anlaß der Kaiserkrönnung Karls d. Gr., die in Constantinopel von den griechisch-römischen Kaisern sehr übel aufgenommen wurde. Die Legitimität und Ebenbürtigkeit deS vom Papste errichteten abendländisch- römischen Kaisertumes sollte gegenüber den byzantinischen Zweifeln dadurch begründet werden, daß man eine Urkunde verfaßte, in der Constarüin dem Papste kaiserliche Gewalt übertrug, woraus dann die Nechtmäßigkeit der weiteren Uebertragung dieser Gewalt von Papst Leo III. auf Karl d. Gr. sich von selbst ergeben hätte. Dieses alles ist jedoch ganz ohne Wissen NomS geschehen. Der erste Papst, der die falsche Urkunde be- nützt hat, und zwar in keinem politischen Aktenstück, sondern in einem Brief an den Patriarchen Michael Cärularius in Constantinopel, den Vollender des griechischen Schismas, war Leo IX., ein geborener Lothringer, früher Bischof 244 von Toni. Er hat die Urkunde wohl erst Mit nach Nom gebracht. Dagegen bedient sich Gregor VII., der Hauptvertheidiger der päpstlichen Macht, nirgends der Con- stantinischen Schenkungsurkunde, auch nicht einmal in Canossa gegen Heinrich IV. Auch Jnnozenz III. macht von ihr keinen Gebrauch in seiner Abwehr gegen die Uebergriffe Heinrichs VI., sondern führt sie nur tn einer Predigt auf den hl. Sylvester an. Gregor IX. benutzt diese Urkunde bloß einmal (1236) dem Kaiser Friedrich II. gegenüber, um ihm die Ehrfurcht Constantins d. Gr. gegen die Kirche vorzustellen; Jnnozenz IV. (1245) erklärt diesem Kaiser gegenüber, unter Bezug auf diese Urkunde, daß Konstantin d. Gr. nicht der Erste gewesen sei, der dem römischen Stuhl weltliche Gewalt gegeben, Nikolaus III. erwähnt daraus (1278) nur die Uebergabe der Stadt Nom an die Päpste, und Johannes XXII. gedenkt blos im Vorbeigehen, in einer Widerlegung des Marsilius von Padua (1327), daß Konstantin den Kaisersitz an Sylvester überlassen habe, unter wörtlicher Anführung der Stelle aus der Urkunde. Das ist, wie Hergenröther (^uti-llunus vinclioatug Bd. I S. 369) nachweist. Alles, was in päpstlichen Schriften von der Constantinischen Schenkung vorkommt. Und als die Gelehrten anfingen, die Aechtheit der Urkunde in Zweifel zu ziehen, da ließ der römische Stuhl ihnen völlige Freiheit. Er sah durch die Prüfung dieser falschen Urkunde feine Rechte durchaus nicht bedroht. Gerade die Theologen leugneten zuerst die Aechtheit der Urkunde, darunter der Kardinal Nikolaus von Cusa und Aencas Sylvius, der spätere Papst Pius II. Wer am längsten an dieser Aechtheit festhielt, waren gerade die Kollegen des Herrn Dahn, die Juristen. Das Verdienst, dieser Urkunde den entscheidenden Stoß versetzt zu haben, gebührt dem Kardinal Baronius, dem Zögling des HI. Philippus Neri. Die Anklage der zwei Dahn'schen Romane gegen die beiden Päpste Liberius und Syl- bcrius ist also falsch. Und zwar, wenn man die Gehässigkeit der von diesen zwei Romanen geführten Sprache bedenkt, die keine Gelegenheit versäumt, um christliche Lehren, Gesinnungen, Ausdrucksweisen und Gebräuche zu verspotten, so wird diese falsche Anklage des Vorwnrfes der Absichtlichkcit sich wohl schwerlich erwehren können. Die falsche Anklage lautet aus ein gemeines Verbrechen, das von dem weltlichen und kirchlichen Gesetze mit schweren Strafen bedroht wird. Der Dahn'sche Belisar läßt auch den Dahn'schen Sylverins als „deS Kaisers gefährlichsten Feind" sogleich durch einen „riesigen Hernler" nach Constantinopel znm „Kaiser des Rechtes" abführen. Der geschichtliche Sylverins starb als Opfer der berüchtigten Kaiserin Theodora, weil er die von ihr begünstigte Irrlehre der Monophysiten nicht dulden wollte. Er wird als heiliger Märtyrer verehrt. Papst Urban III. bestimmte, daß einige Kleriker, die das Siegel des Königs von Frankreich nachgemacht hatten, degrndirt, mit einem Brandmal versehen und des Landes verwiesen werden sollten. Die hl. Schrift aber (V. Mos. 19, 16 u. f. w.) sagt: „Wenn ein falscher Zeuge auftritt gegen Jemand, ihn anklagend einer Uebertretung, und wenn die Richter nach genauer Erforschung finden, daß der falsche Zeuge gegen seinen Bruder eine Lüge ausgesagt, so sollen die Richter ihm entgelten lassen, was er feinem Bruder zu thun gedachte." Durch den Schimpf und Abscheu, den die beiden Dahn'schen Romane auf die zwei Päpste zu häufen gedenken, haben sie selber deutlich genug verkündet, welche xoana talionis, welche Strafe der Vergeltung dafür auf sie selber zurückfallen muß. Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. (Gegründet 1893.) (Schluß.) Im Februar l. Js. wurde an S. Heiligkeit Papst Leo XIII. die Mappe mit einem Begleitschreiben abgesendet, auf welches S. Päpstliche Heiligkeit die Gesellschaft mit einem an den I. Präsidenten gerichteten Schreiben beglückte, dessen Wortlaut wir hier in deutscher Ueber- setzung folgen lassen. Leo r. k. XIII. Geliebter Sohn, Gruß und apostolischen Segen. Wie Dein Schreiben Uns meldet, baben mehrere katbolische Männer Deutschlands, welche die schönen Künste entweder selbst ausüben oder aus jegliche Weise fördern, eine Gesellschaft, deren Präsident Du selbst bist, in der Absicht und zu dem Zwecke gebildet, die christliche Kunst bei den Deutscken zu Pflegen. Wir halten dies für ein heilsames und >ehr zeitgemäßes Unternehmen. Groß sind nämlich die geistigen Erfolge unserer Tage; aber allzusehr gerathen oft die edlen Künste auf Abwege, und das zumeist wegen der Lehre Jener, welche, indem sie erklären, die Natur lebenswahr nachzubilden, sich dabei zu große Freiheiten herausnehmen und die Gesetze des Guten und des Schönen ebenmäßig verkehren, ja kein Bedenken tragen, selbst den Kunstdcnkmalen der Heiligthümer einen weltlichen Geist einzuflößen. DaS ist jedoch ein Unrecht und widerstreitet offen dem, was die Künstler bezwecken sollen. Der christlichen Kunst Zweck und Aufgabe ist es nämlich, Gott zu dienen- und deßhalb muß sie sich selbst treu bleiben, d. h. durch Anwendung der äußeren Form die Sinne ersassen, um auf den Geist einzuwirken und ihn für das, was wahr ist und gut und was der Mensch erstreben soll, zu gewinnen. Wie rülnncnswerth sich nach dieser Richtung die alte Zeit unter dem Einfluß der Religion hervorgethan, ist Niemandem unbekannt. Man muß also in Ausübung der Künste auf die Beispiele der Alten blicken und von da christliche Begeisterung empfangen. Gerade dieses birgt das den Künsten zu wünschende Gedeihen in sich, weil die Maler, Bildhauer, Architekten, Ciseleurc niemals eine solche Vollendung erreicht haben, als wenn ihr Gemüth von der Ueberzeugung durchdrungen war, ihre Aufgabe sei, durch Geist und Hand die Seele zu ergötzen und Freude an der Tugend zu verbreiten. Eurer von solchen Grundsätzen erfüllten Gesellschaft wünschen Wir zu ihrer Begründung Glück und hegen das vollste Vertrauen, daß sie der Religion und den Künsten sehr förderlich sein werde. Dir nun, geliebter Sohn, und allen Mitgliedern dieser Gesellschaft ertheilen Wir als Unterpfand der göttlichen Gaben und zum Zeichen Unseres Wohlwollens voll Liebe im Herrn den apostolischen Segen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am 12. März 1894, im 17. Jahre Unseres Poutifikates. Diese ebenso herrlichen als huldvollen Worte des hl. Vaters werden den Mitgliedern ein neuer Antrieb zu unermüdetem Wirken sein, zumal da der Hochwürdigste Episcopat sich in einer Weise unserer Bestrebungen annimmt, für die wir nicht genug danken können: in der kurzen Zeit ihres Bestandes sind der Gesellschaft 15 Hochwürdigste kirchliche Würdenträger als Mitglieder beigetreten; andere haben durch wohlwollendste Zuschriften ihre Sim- pathien bekundet. Die Mitglieder lassen es denn auch an Rührigkeit nicht fehlen. So ist z. B. die Theilname in Württemberg, wo das Archiv für christliche Kunst seit langem aufklärend gewirkt hat und wirkt, eine sehr warme. Recht viel verdankt dort die Gesellschaft u. A. den Bemühungen des Herrn Pfarrers Detzel in St. Christina bei Navensburg, durch dessen Vermittlung Herr Bildhauer Schlächter in Navensburg die Vertretung der Gesellschaft für die dortige 245 Gegend übernahm; für das Decanat Tettnang besorgt die Vertretung gütigst Herr Pfarrer Bleyer in Fischbach. Hiemit wäre der Anfang zu einer später wohl unentbehrlichen Organisation gemacht. Für Städte dürfte sich das Beispiel Eichstätts empfehlen, wo sich durch die Bestrebungen des Freiherru Lochner von Hüttenbach und des Herrn geistlichen Rathes Herb ein Localverein mit regelmäßigen Versammlungen zum Zweck der Förderung der Gesellschaft gebildet hat. Ueberall bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß die Mißstände im christlichen Kunstleben nur im Sinne der Gesellschaft mit Erfolg bekämpft werden können; in gleichem Maße stellt sich aber auch heraus, wie die Gesellschaft kein Hinderniß für anderweitige Unternehmungen im Dienste der christlichen Kunst bildet, wie dieselbe vielmehr durch Verbreitung des Interesses für die Schöpfungen unserer Meister und durch Einführung in die praktische Kunstübung auch das Interesse an der Theorie und Archäologie fördern wird. Wir begrüßen Alles, was der wirklichen Kunst zu dienen im Stande ist, Vereine wie Zeitschriften, wobei wir wünschen, dieselben möchten nicht ohne Fühlung mit den bewährten Künstlern vorgehen. Was unsere Mappe betrifft, so betonen wir, daß sie sich keineswegs in die Reihe der gewöhnlichen Kunstzeitschriften stellt, welche mehr durch das Wort wirken; sie wird aber zu ihnen eine willkommene Ergänzung bilden, da sie mit ihren möglichst vollkommenen Ncproductionen von Werken lebender Künstler unter ungewöhnlich günstigem Zusammenwirken von Künstlern und theoretisch gebildeten Männern aus allen Ständen in das Leben tritt. So besteht denn die Hoffnung, daß sich Jahr für Jahr die zerstreuten Kräfte mehr sammeln und durch gegenseitig anregenden Verkehr und Gedankenaustausch die widrigen, künstlich aufgebauschten Gegensätze einem gesunden, praktischen Wirken Platz machen werden. Mögen der Gesellschaft alle ihre Freunde treu bleiben und mit ihr Opfer bringen, mögen sie derselben recht viele neue Mitglieder zuführen, damit sie allen Aufgaben gerecht werden kann, zu denen nicht allein die Herausgabe der Mappe gehört, sondern vielmehr die Förderung aller Regungen christlichen Knnstlebens. Für die nächste Mappe, welche in zwei Monaten erscheinen dürfte, sind bereits die nöthigen Schritte geschehen. In der Vorstandssitzung vom 12. Januar l. I. wurde die Bestimmung getroffen, daß fernerhin der geschäftsführcnde Ausschuß den Vorschlag für die Jnrywahl zu machen habe, und zwar sowohl a) jenen, der an die Künstler, als auch U) jenen, welcher an den Vorstand versendet wird. Daraufhin wurden am 9. Februar l. I. die betreffenden Circnlare an die Wähler gesendet. Die Wahl ergab folgendes Resultat für 1894: die Architekten: Professor Georg Hauberisser, Pros. Heinr. F-rhr. v. Schmidt; die Bildhauer: Pros. Sirius Eberle, Balth. Schmidt; die Maler: Pros. Franz v. Defregger, Martin Feuerstein; die hochwürdigen Kunstfreunde: Pros. Dr. Jos. Bach, Pros. Dr. Paul Keppler. Am 20. März war die Jurysitzung behufs Auswahl der Kunstblätter für die Mappe 1894, wobei Dr. Paul Keppler durch Pros. Dr. Anton Weber vertreten war. Zu unserer Genugthuung können wir verrathen, daß die nächste Publikation hinter der ersten ganz gewiß nicht zurückbleiben, vielmehr neue Netze bieten dürfte. Sie wird Werke enthalten von den Architekten Becker und Wetterwald, von den Bildhauern Busch, Gamp, Hetz, Myslbeck, Wadera, von den Malern Baumeister, Benz, v. Defregger, Feuerstein, Fugel, Locher, Müller- Warth, Schleibner, Walch. Leider müssen einige sehr schöne Blätter für später zurückgestellt werden. Die Jury hat auch bereits über die Concurrenzentwürfe zu einem Titelblatt entschieden. Der erste Preis zu 100 Mark wurde Herrn Maler Walch zuerkannt, ferner erhielten die Herren Maler Balmer, Schleibner und Stockmann drei gleiche Preise ü 50 Mark. Erfreulicher Weise befindet sich die Gesellschaft schon Heuer in der Lage, an weitere Unternehmungen zu denken. Hiebei dürfte verschiedenes in Betracht kommen. So könnte die Gesellschaft zunächst Concurrenzen unter den ihr an- gehörigen Künstlern für Pläne und Skizzen zu Kirchen und Kirchcneinrichtungen, Altären, Statuen, Gemälden auf eigene Kosten übernehmen; oder man könnte ihr die Restauration eines Gotteshauses anvertrauen, in welchem Falle sie Zuschüsse gewähren würde. Falls von Seite eines Mitgliedes ein Gesuch dieser Art käme, wäre die Gesellschaft auch im Stande, Zuschüsse zur Ausführung von religiösen Werken der Malerei und Bildhauerei zu leisten. Weitere Anregungen werden der Gesellschaft vielleicht aus den Kreisen unserer Mitglieder zugehen. Durch unverdrossenes Zusammenwirken Aller, bei gegenseitiger Nachsicht und Berücksichtigung der vorliegenden Verhältnisse, wird das so verheißungsvoll angefangene Werk immer festere Wurzeln fassen, zahlreiche Gönner finden und sich zum Segen des christlichen Kunstlebens weit verbreiten. Wir können diesem eingehenden Bericht noch erfreuliche Bemerkungen für die Besucher der diesjährigen Ausstellung im Glaspalaste in München hinzufügen und uns hier kurz fassen, da Herr Pfarrer Festing schon einzelne Werke in der Beilage besprach, andere aber wohl in dem diesbezüglichen Spezialartikel des Feuilleton erwähnt werden. Es genügt hier auf die Namen der Aussteller hinzuweisen. Pros. Franz v. Defregger ist mit einem frischen Mädchen-Portrait vertreten, Maler Georg Fugel außer dem schon vielgenannten herrlichen Abendmahle (Knt.-Nr. 279) auch durch eine Reihe vorzüglicher Skizzen in der Schwarzweißabtheilung (Kat.- Nrn. 160? u. 8) und einen Karton Mariä Himmelfahrt (Nr. 1609), welche die ganze vorzügliche Begabung des Künstlers erkennen lassen. Alexander von Liezen-Mayer ist ebenda mit schöner Kartonkohlenzeichuung „Die Heimkehr" (Nr. 1684), Bonifaz Locher mit Federzeichnungen (Nr. 1685) zu finden. Professor Karl Naupp, der Meister jener bekannten Chiemsecbilder, hat die Ausstellung mit einem neuen Werke dieses Genres „In höhcrm Schutz" (Nr. 839) beglückt. Schon rast der Sturm über den See herauf, schon schwankt der Kahn im Wcllen- getös, eine junge Mutter mit herzigen Kleinen ist im futterbcladenen Schifflein ahnungslos entschlummert; die Unschuld reiner Seelen spielt auf diesen lieblichen Gesichtern. Ueber dieser innigen Gruppe schwebt ernst- freundlich eine durchsichtig-lichte Gestalt, der Schutzengel. Eine Fülle schöner Contraste, herrliche Technik und tiefe Empfindung haben uns veranlaßt, dieses Gemälde besonders hervorzuheben, als ein Beispiel, wie vielseitig die christliche Kunst in hohem Sinne gepflegt werden kann. Schleibners Katakombenbild „Cäcilia" (Nr. 916), Nafael Schuster-Woldan's „Nikolaus mit Christkindl" (Nr. 959), „Welke Kränze" (Nr. 960), „Heilige Cäcilia", Nöthelzeichnung (Nr. 1745), Em. Walch's „Studienkopf" reihen sich würdig an. Von allen religiösen Gemälden 246 der Ausstellung möchten wir Fugels Abendmahl den Preis zuerkennen. Nicht minder gut ist die Gesellschaft bei den plastischen Werken vertreten; obenan zu nennen sind Henry WaderL und Georg Busch, dieser mit seinem ebenfalls bereits besprochenen Triptychon „Die Marien- sänger" (Nr. 1339) und einer sprechend ähnlichen Porträt- büste des Dichters Martin Greif (Nr. 1340), jener mit einem wahren Prachtstücke „Rosa MMiorr« (Nr. 1487). Diese und die Mariensänger sind sicher in dieser Abtheilung die bedeutendsten Leistungen religiöser Art. Welchem von beiden gebührt die Palme? — Lassen wir diese Frage unentschieden und freuen wir uns, zwei solche Meisterwerke tiefstempfundener christlicher Kunst zu besitzen. Balthasar Schmitt mit einer geistvollen Marmorporträtbüste (Nr. 1469), Jakob Stolz mit einer zarten Marmorstatuette „Psyche" (Nr. 1480) haben vorzügliche Proben ihres Könnens abgelegt. Heinrich Ueberbacher's Grab- sigur (Nr. 1483) endlich ist eine treffliche Leistung von schönem, edlem, fast etwas zu zartem Ausdruck. Manches haben wir außerdem in der Ausstellung gefunden, was Zeichen erfreulichster Wendung des modernen künstlerischen Bestrebens ist. Manchen Namen lasen wir, den wir gerne im Mitgliederverzeichniß der Gesellschaft ebenfalls gefunden hätten. Doch wollen wir andern nicht vorgreifen. Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst aber ist auf der Ausstellung in vorzüglicher Weise vertreten. Vielleicht ist dem einen oder andern Besucher der Ausstellung dieser Hinweis erwünscht. Jüngeren Besuchern der Ausstellung und solchen, welche die Kunst in ihrem wahren Werthe schätzen lernen möchten, empfehlen wir, einmal unmittelbar den Vergleich zwischen den Originalwerken des Glaspalastes und den nicht allznfern auftauchenden Fabrikelaboraten zu ziehen. Man sollte meinen, es würden da Jedem die Augen aufgehen über gut und böse. Endlich möge es sich Keiner gereuen lassen, den einen oder andern tüchtigen Künstler in seinem Atelier zu besuchen, er wird gewiß aus dem Verkehre mit diesen Leuten mehr Gewinn ernten, als aus manchem „praktischen Handbuch". Die Wcrkstätte eines gottbegnadeten Künstlers ist Bildungsstätte im edelsten Sinne. Dr. O. Irdr. L. v. 8. Von Grenoble nach der Grande Chartreuse. Von H. Eid. (Fortsetzung.) Im Speisesaale entledigte ich mich vorläufig meiner Reisetasche und schaute mich daselbst ein wenig um. An der Wand hingen uralte Kupferstiche in hölzernen Nahmen, theils benachbarte Wallfahrtsorte, theils das Kloster selbst darstellend. Darunter befand sich auch eine Uebersichtstafel über die Aebte der Grande Chartreuse, eine alterthümliche wunderliche Zeichnung auf vergilbtem Papier in einem mächtigen Rahmen. Sonst sind die Wände völlig kahl. Der Raum selbst ist auffallend hoch und die Decke ganz aus braunem, massivem Eichenholzwerk mit hervortretendem Gebälke hergestellt, wie ich das später auch in den kleineren Gelassen des Klosters überall bemerkte. Eine lange Speisetafel nimmt die Mitte des Saales ein, und an der Innenwand desselben öffnen sich drei Thüren in ebcnsoviele Einzelgemächer, woselbst man Gelegenheit findet, sich auf eine Weile zurückzuziehen xour ckavxer ä'imlftts. Nachdem wir uns durch einen Trunk Wassers erfrischt und ein bischen ausgeruht hatten, begann das Mittagessen. Es könnte einen wohl die Befürchtung ankommen, als wäre ein guter Appetit mitten im weltentfernten Gebirge und zumal im Kloster nicht recht am Platze. Wer sich indessen mit irgendwelcher Beunruhigung dieser Art zu Tische setzte, der würde gar bald gründlich hievon geheilt sein. Unsre kleine Reisegesellschaft ließ sich der gemüthlicheren Unterhaltung im engeren Kreise wegen an einem kleinen Ergänzungstische nieder, und hier wurden wir, von der großen Tafelgesellschaft getrennt, wider alles Erwarten nicht allein nicht vernachlässigt, sondern an erster Stelle und vorzüglich bedient. Der Aufwärter, ein junger Bursche von strotzender Gesundheit, mit den feurigsten und gutmüthigsten Schelmenaugen von der Welt, trug die Speisen mit solcher Behendigkeit und so feinem Anstande auf, daß man sich in einem eleganten Hotel hätte glauben können. Der Nothwein, der hier zu Lande nie fehlen darf, stand bereits vor der Mahlzeit auf dem Tische, und auch an den üblichen großen Wasserflaschen mit dem zur Mischung des Weines bestimmten Inhalte fehlte es nicht. Als Erstes kam eine Suppe, die man anderswo bloß Abends erhält. Es war eine Art Nahmsuppe mit reichlich eingeweichtem Brod, und sie schmeckte mir nach all den läppischen französischen Gemüsesuppen des Hotels ganz vortrefflich. Dann gab es Thunfisch von ausgezeichneter Zubereitung und delikatem Geschmacke, hierauf ausgehülste Bohnen, die man hier seltsamerweise xoiäg, d. h. Erbsen, nennt. Der Nachtisch bestand in Mandeln, Birnen und verschiedenen Küsesorten, und zuletzt wurde jedem der Gäste noch ein Gläschen ächter Chartrcuser eingeschenkt. Das waren nun nach französischen Begriffen recht einfache, doch schmackhafte und kräftige Fastenspeisen. Nach aufgehobener Tafel durchwanderten wir unter Führung eines Laienbruders die Räumlichkeiten deS Klosters. Da ich den Plan des außerordentlich weitläufigen Gebäudes nicht kannte, so kam ich mir, von Treppe zu Treppe steigend und aus einem Corridor in den andern einbiegend, wie ein im Labyrinth Verirrter vor. Von den vielen Sehenswürdigkeiten des Klosters sind mir der Kapitelsaal, der mit den Bildnissen der 50 ersten Ordensgenerale und mit der lebensgroßen, marmornen Statue des berühmten Ordensstifters, des hl. Bruno, geschmückt ist, ferner die sehr reichhaltige Bibliothek, der Speisesaal der Väter, der nur bei festlichen Anlässen benützt wird, und der große, 115 w lange Kreuzgang noch in guter Erinnerung. Den nachhaltigsten und zugleich düstersten Eindruck jedoch machten auf mich der Begräbnißplatz des Klosters mit der daranstoßcnden Todtenkapelle und die noch unbewohnte Zelle eines kürzlich erst verstorbenen Mönches. An diesen beiden Orten tritt uns der Geist strenger klösterlicher Entsagung lebhafter als sonstwo vor Augen. Der Gottesacker ist ringsum von den Mauern angrenzender Gebäulichkeiten umschlossen; die Gräber sind mit Nasen bedeckt und mit einfachen schwarzen Kreuzen versehen; in der Mitte des Raumes erhebt sich ein großes Kruzifix. Die ganze Fläche steigt etwas an, und der uns begleitende Bruder sagte uns, die Todten seien, mit Ausnahme der Aebte, mit dem Kopfe nach unten hin begraben. Zwei graue Marmorplatten, auf denen große Goldbuchstaben prangen, zeigen die Stätte an, wo zwei Herren aus fürstlichem Geblüts nach ihrem ausdrücklichen Wunsche ihre letzte Ruhe fanden. Dieser Friedhof, so klein und armselig er auch ist, scheint den Insassen des Klosters das liebste 247 Plätzchen im ganzen Hause zu sein, auf das sie gern voll weltverachtender Sehnsucht Hinblicken: betrachten sie doch den Sterbetag eines Mitbrnders als einen großen Freudentag, an welchem sie sich sogar im allgemeinen Speisefaal versammeln. Nicht weit von hier befand sich die Zelle des zuletzt verstorbenen Bruders, die wir in dem Zustande, wie sie verlassen wurde, besichtigen durften. Neben der Thüre bemerkt man in der Wand eine mit einem hölzernen Schieber verschlossene Ocffnung, durch welche die Speisen gereicht werden. Das Innere der Zelle gliedert sich in drei von einander getrennte Räume. Der vordere, die eigentliche Wohnung, enthält außer einigen unansehnlichen Heiligenbildern nur einen Tisch. Das daran sich anschließende, sehr enge Gemach zeigt ein in eine horizontale Oeffnung der Wand eingelassenes Bett, d. h. eigentlich einen Strohsack, durch einen Vorhang verdeckt. Zur Seite in einer Nische steht ein aus rohem Holze kunstlos gezimmerter Betschemel, ein Schreibtischlein von gleicher Arbeit und eine kleine Büchersammlung. Von hier führt :ine hölzerne Stiege nach unten in einen halbdunklen, kcllerartigen Raum. Hobelspäne lagen da umher, verschiedene Hölzer lehnten an der Wand und harrten ihrer Verarbeitung, und eine Art Hobelbank, ein Schleifstein u. f. w. redeten als stumme Zeugen von der in körperlicher Arbeit zugebrachten Mußczeit des Verstorbenen. Die einzige, offenstehende Thür, die zugleich dem Lichte Einlaß gewährt, führt von da ,'n ein mauer- umfriedigtes Gärtchen, mit Blumen und Kräutern spärlich bewachsen und von Kieswegen strahlenartig durchschnitten. An der Mauer aber erhebt sich als Abschluß des Ganzen ein hohes, weißes Kreuz. Nach beendigtem Nundgang wurden uns die Nachtquartiere angewiesen. Bei der Anwesenheit so vieler Fremden, es waren deren etwa ZO, ging die Vertheilung der Zimmer nicht sehr rasch von Statten. Endlich wurde mir Nummer 10 zugetheilt, und so war ich denn für diese Nacht geborgen. Ein kleines, aber hohes Gemach mit eichener Balkendecke und einem schmalen, der großen Kapelle zugewandten, vergitterten Fenster; ein reinliches, aber ärmlich aussehendes Bett, .'in Stuhl, ein Tischlein mit dem Waschbecken und ein Betschemel mit darüber- hängendem Kruzifixe: so war das Schlafzimmer beschaffen. Es hielt mich nicht lange in dieser düsteren Zelle. Mich dürstete .räch der freien Natur, und wir befanden uns denn auch bald aus dem Wege zur nahegelegenen Anhöhe. Die Sonne brannte noch immer außerordentlich heiß auf den steil ansteigenden, von hartem Trümmer- gestein ganz übersäten Waldweg. Doch je weiter wir in den dichten Forst eindrangen, desto kühler wurde die Luft und desto ebener und weicher der Pfad. Hie und da begegnete uns ein elegant gekleideter Herr, der von oben herabkam und die Sehenswürdigkeiten der Umgegend bereits in Augenschein genommen hatte. Auch eine kleine Schaar Chartreuser Klosterbruder ging, von einem ihrer seltenen Spaziergänge heimkehrend, an uns vorüber. Zwei und zwei schritten sie dahin, leise mit einander redend und uns, die wir grüßten, nur die oberflächlichste Beachtung schenkend. Wir waren noch nicht lange gegangen, als wir an der Stelle standen, wo einst, es war im Jahre 1084, St. Bruno das erste Kloster erbaute. Da man indessen hier gar häufig von den Schneestürzen des in der Nähe sich aufthürmenden Grand Lom belästigt wurde, so sah man sich gezwungen, das Gebäude zu ver» legen. Zum Andenken an diese älteste Gründung aber errichtete man eine Kapelle: Rotrs vams äs Lasalidus. Durch günstigen Zufall waren wir in den Besitz deS Schlüssels zu diesem Heiligthume gelangt, und so konnte.! wir ungestört hier eintreten, um die kunstreich geschnitzten Bänke, den reichen Altar und die sonstigen Kostbarkeiten zu bewundern. Nicht weit von hier erhebt sich auf einem Felsen die Kapelle St. Bruno. Ueber eine Steintreppe gelangt man zur Thüre dieses Gebäudes, das, von unten gesehen, einen gar seltsamen Eindruck macht. Das Innere ist ein wahres Schmuckkästchen. Von den Wänden schauen die Freskobilder der Genossen des Ordensstisters hernieder auf den mit schönen Fliesen mosaikartig eingelegten Boden, die massiven Eichenstühle mit kunstvollenSchnitzereien und den aus weißem Marmor erbauten Altar, der über jener ehrwürdigen Stelle sich erhebt, wo St. Bruno sein erstes Opfer dargebracht. Der natürliche Felsen, der dem Heiligen als Altar gedient haben soll, ragt unter dem nunmehrigen Opfertische herauf, und man kann ihn, durch die in kunstvoller Steinmetzenarbeit prachtvoll durchbrochenen Seitenwände des Altares reichend, mit der Hand berühren. Kleine Fensterchen im Rnndbogenstile erhellen das Dunkel deS Kirchleins, die Bäume des Waldes blicken träumerisch herein, und die Sonne malt mit zitterndem Strahle allerlei flüchtige Goldstreifen an die bildergefchmückten Wände. Die Natur hat alle ihre stillen Reize um diesen erhabenen Ort ausgebreitet: Zwischen mächtigen Steinblöcken winden sich die starken Wurzeln der Tannen und Buchen hindurch, üppige Farne und goldgelbe Blumen flüstern und schwanken im Luftzuge, und eine Quelle ergießt ihren silbernen Reichthum in ein steinernes, grünbemoostes Becken. Die Sonne neigte sich bereits zum Untergänge, als wir die das Kloster unmittelbar umgebende Bergwiese wieder erreichten. Ein schmaler Pfad führt über den mit Alpenblumen durchwirkten Rasen zu einer Anhöhe hinauf, von wo aus man den ganzen weitläufigen Gebäudecomplex übersehen kann. Was wir da vor uns sehen, ist das erst im Jahre 1676 aus den Ruinen der im Laufe der Zeit mehrmals durch Feuer zerstörten ersten Gründung ncu- erbaute Kloster. Das Ganze erscheint wie eine Festung, ja auf der uns zugewandten Seite erheben sich aus der Umfassungsmauer einige Thürme, deren Zweck mir indessen nicht bekannt geworden ist. Jetzt wird's allmählig dämmerig, der Wald kleidet sich in das Schattengewand des Abends, und vom Kloster herauf ertönt ein Glöcklein zum Gebete. Nur droben, wo der Grand Lom seinen rauhen Felsenrücken in die blaue Sommerluft erhebt, spielen die letzten Sonnenstrahlen in röthlichem, ungewissem Lichte. Wir steigen zu Thals, und die Klosterpforte wird hinter uns geschlossen. Zum Abendimbiß gab es Suppe, Rühreier, ein Gemüse aus gestampften Kartoffeln und einen Nachtisch. Die Zubereitung aller dieser Speisen läßt in Bezug auf Appetitlichkeit und Wohlgeschmack nichts zu wünschen übrig. Das Häuflein fremder Gäste war um diese Zeit beträchtlich zusammengeschmolzen; man begab sich jetzt in den Vorhof, um die Annehmlichkeit des Sommerabends zu genießen. Die Luft hatte sich abgekühlt, zahllose Sterne funkelten am Himmel, und der Mond goß über die stille Berglandschaft einen zauberhaften Schein. Die nackten Gipfel des Grand Lom, hinter denen das Nachtgestirn sich erhob, warfen ihre Niesenschatten bis herunter auf die Dächer der Klostergebäude und schienen bei der sanften Beleuchtung so nahe, daß man sie mit den Händen greifen ! zu können wähnte. — Ehe ich zur Ruhe ging, bat ich den Aufwärter, mich um Mitternacht zu wecken; es ist ! nämlich unter den Besuchern der Grande Chartreuse Sitte, dem nächtlichen Gottesdienst der Mönche beizuwohnen, um dann den Grand Lom zu besteigen und den Sonnenaufgang zu bewundern. Mir erschien indeß diese Bergtour etwas gewagt, umsomehr, als der Mond nach Mitternacht unterging und ich fürchten mußte, den Dialekt des Führers, denn ein solcher ist unentbehrlich, nicht zu verstehen. wie ich hierin schon bei einer andern Gelegenheit bittere Erfahrungen machte. Trotz der ermüdenden Wanderungen des Tages fand ich keine gute Nachtruhe. Das Bett bot statt der Kissen nur ein einziges, Walzenrundes, hartes Kopfpolster, von dem ich in der empfindlichsten Weise beständig herabsank oder zur Seite siel, so daß von Schlafen anfangs keine Rede sein konnte. Endlich um 12 Uhr pochte es heftig an meiner Thüre. Nonsieur, «n vs lövs! (Aufstehen I) rief eine muntere Stimme, und nach einigen Augenblicken stand ich schon in dem großen Corridore, der znr Kapelle führt. Mich schauderte ein wenig vor Kälte, und indem ich mir den erst halb begonnenen Schlaf aus den Augen wischte, folgte ich den über die Steinfliesen huschenden Gestalten der übrigen schlafverstörten Kirchengänger. Die große Kapelle (In oirnxölls äo8 pörss), ein in schönen Verhältnissen aufgeführter gothischer Bau mit reicher, innerer Ausstattung, läßt sich sowohl vom Erdgeschoß als auch vom ersten Stockwerk aus erreichen. Durch eine Thüre gelangt man aus letzterem auf die Empore, und es hatte sich hierselbst, als ich eintrat, bereits der größte Theil der Fremden, meist Geistliche, eingefnnden. Mit dem Glockenschlage 12 erscheinen die Mönche im Chöre der Kapelle, und zwar in der Ordnung, daß je 2 auf beiden Seiten des Altares gleichzeitig eintraten. Die grauweißen Kapuzen über den Kopf gezogen und lautlosen Schrittes dahinwandelnd, schienen die düsteren Gestalten im matten Schimmer der an den Wänden des Langschiffes brennenden Kerzen wie Geister daherzuschweben. An ihren Plätzen, die sich längs der Wände hinziehen, angekommen, ließen sie sich auf einige Augenblicke in eine, wie mir schien, hockende, nach vornüber gebeugte Stellung nieder — dann hoben sie plötzlich und mit lauter Stimme an, das „Darm irr aäjutorium" zu singen, und schauerlich ergreifend hallte der Gesang durch die Stille der Nacht. Ich hörte den Gottesdienst nicht ganz zu Ende, sondern zog mich nach einer halben Stunde auf mein Zimmer zurück. Ich fühlte mich wirklich erleichtert, als endlich der junge Tag durch mein Gitterfensterchen guckte, und erhob mich ungesäumt beim ersten Morgengrauen vom harten Lager. Gegen 8 Uhr nahm man das Frühstück ein, das in seiner Art einzig sein dürfte. Wir aßen nämlich zuerst eine gute Brodsuppe, dann Käse, gedörrte Zwetschgen und Aepfel; dazu trank man Nothwein und zuletzt ein Gläschen Chartreuser. Unterdeß hatte es zu regnen angefangen, und mein Freund dachte daran, noch einen weiteren Tag im Kloster zu verweilen; ich hatte jedoch hiezn nicht die geringste Lust und machte mich eiligst reisefertig. Dabei vergaß ich nicht, mir ein kleines An- sichtenalbum von der Grande Chartreuse, sowie ein Fläschchen Echten mitzunehmen. Dergleichen hübsche Andenken bekommt man bei einem Bruder zu kaufen. (Schluß folgt.) I Literarisches. Die Natur des thierischen Lebens und Lebens- prinzips. Ein apologetisches Wort gegen den modernen Anthropomorphismus, von Matthias Kohl- tz ofer, Pfarrer in Arnsing. Keuchten bei Köscl 1894. Preis 4 M, 400 Seiten. brv. Der gewandte Verfasser dieser Schrift will nicht bloß das dunkle Gebiet ver Thicrpsycbologie aufhellen, sondern zugleich auf dem Boden der Wissenschaft die modernen Lehren, welche die Grenzlinien zwischen dem Thierreich nnd dem Menschen verschieben und das Thier zu nahe an den Menschen heranrücken, entschieden zurückweisen. Znr Lösung dieser schwierigen Aufgab- verfügt er über reiche Litcraturkcnntniß und sichere klare Principien. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückgreifend, nimmt der Autor zugleich Bezug aus die neuern Werke von Scheitlin, Wundt, Gustav Carns, Altum, Max Perty, Paul Bert rc. rc. und namentlich auch auf das große „Thicrleben" von Brchm. Von lctzterm sagt er: „Unkritische Anekdotcn- klauberei nebst gehässigen Ausfällen auf die Kirche und ihren Dogmenglauben verunstalten das im klebrigen sehr verdienstvolle Werk." — Der reiche Stoff ist in zwei Hauptabtheilungcn gegliedert, wovon die erste (S, 1 bis 267) das thierische Leben und LebenS- princip in seinem An sich sein, die andere (S. 269 biS 400) in seinen Relationen behandelt. Diese schließt mit einer sehr eingehenden scharfen Kritik der modernen Thicrschntz-Bestreb- nngen. — Als Merkmale der Geistigkeit bezeichnet der Verfasser Bewußtheit, Vernünstigkett und Freiheit; dann Innerlichkeit, Einfachheit und Sclbstsländigkeit im Sein und in der Bestimmung. 'Als Merkmale der Materialität stellt er auf die Sinn- fälligkeit und Acußcrlichkeit, die Zusammensetzung und Forma- bilität, die Determination durch das Naturgesetz und Abhängigkeit von andern gcschvpflichen Wesen und die Pluralität. Zwischen dem niedern Genus der Formbildungs-Erscheinungen und dem bewußten Sein ist nach ihm ein ungeheurer Abstand; ebenso zwischen Empfinde» und Erkennen an sich und dem bewußten Empfinden und Erkennen; ersteres kommt auch dem Thiere zu, letzteres nur dem Menschen. Die Trichotomie, d. h. die Annahme eines neutralen Zwischcnwcscns zwischen Geist und Materie beim Menschen, nennt der Autor eine „cxistcnz- unfähige Ungeheuerlichkeit". Die eine (geistige) Seele bringt außer ihren höher» Funktionen auch niedere Wirkungen hervor. Sie vcgetirt den Leib durch absolut innere, spezifisch geistige Akte. So sehr die vegetativen und sensitiven Lebenserscheinnngen bei Mensch und Tbier einander ähnlich erscheinen, so haben sie dock ganz verschiedene Ursachen; beim Menschen ist eS die geistige Seele, beim Thier das dem Stoff inhärirende überphhsikalische LcbcnSprincip, Auf Grund solcher Principien bespricht der Autor die thierische Vegetation, welche den Bau und die Erhaltung der Organismen erzielt, Hiebei steigt er vom Niedern zum Höher» auf, indem er der Reihe nach die Zoo- phyten, Weichthicre, Glieder- und Wirbelthicre vorführt. Die sehr eingehende Behandlung der thierischen Sensation kommt zu dem Ergebniß, daß die zum thierischen Leib organisirte Materie im Bunde mit psychischen Lebenskräften zu sensitiven Akten befähigt wird, welche dem vegetativen Leben dienen und nicht aufhören, materiell zu sein. Ueber die thierische Vernünftig- keit, Moralität und Idealität (Aesthetik) ist gesagt, daß dieselben lediglich objektiven Charakter haben und von subjektiver Bethätigung keine Spur sich zeige. Daher sagt der Autor am Schlüsse dieser Ausführungen: „Das Thier ist absolut und gänzlich jeder Geistigkeit bar. Anathema den ganzen und halben Anthropomorphistcn! — Die zweite Haupt- abtheilnng fixirt das thierische LcbcnSprincip in seinem Verhältniß zu den physikalischen Erscheinungen und Kräften und nennt es eine überphysische, vitale oder psychische Kraft dcS Körpers und bestimmt zugleich das Thier in seiner Stellung im Universum und zum Menschen. Von den Thierschutzbestreb- ungcn sagt der Verfasser: „So wie sie sind, schaden sie mehr als sie nützen. Wenn sie nicht in andere Bahnen einlenken, sind sie nicht der Unterstützung würdig. Unterstützung werden sie nur dann verdienen, wenn sie auf eine korrekte Unterlage gestellt werden". Diese Gedanken führt der Autor weiter aus, wobei er unter der „korrekten Unterlage" die von ihm entwickelten Principen versteht. Wie man sieht, liegt die Stärke dieses geistreichen Buckes in der auf eingehendem Studium beruhenden principiellen Richtigstellung der Grenzlinie zwischen Mensch und Thier. Die Lektüre ist ebenso interessant als lehrreich, das gewandte Werk verdient die weiteste Verbreitung. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kii-. 32 9. Anglist 1894. Mugt zur Sügsöürgcr Ä Eine Klosterkirche im Stile des Frühbarock. Monumentalbauten aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts sind in unseren Gegenden nicht allzu häufig. Schon an sich war die Zeit wenig baulustig, wenn wir sie mit anderen Perioden, etwa dem Jahrhundert von 1420—1520 oder jenem von 1675—1775, vergleichen; überdieß vernichtete der alsbald hereinbrechende Schweden- krieg eine Menge der Schöpfungen von damals oder versetzte sie doch in einen Zustand, welcher durchgreifende Restaurationen und damit eine wesentliche Umgestaltung des ursprünglichen Stilcharakters herbeiführte. Umso großer ist das Interesse, welches ein derartiger Bau, sofern er im großen Ganzen unverändert blieb, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist. Die ehemalige Klosterkirche zu Pökling, einem Pfarrdorfe 3 Kilometer südlich von Weilheiur, ist zwar nicht ein völliger Neubau aus jener Periode, aber sie wurde in den Jahren 1620—28 so bedeutend im Geschmacke der damaligen Zeit umgestaltet, daß sie als Bau immerhin, und speziell was die Dekoration betrifft, sogar in hervorragender Weise als Vertreterin des Frühbarock gelten kann. Das läßt sich freilich nicht in Bezug auf das Aeußere des Bauwerkes behaupten. Die Langhausseiten mit den vielen, kleinen, verschieden geformten Fenstern entbehren mit Ausnahme des vorderen Chores der Gliederung durch Pilaster, Gesimse und Lisenen und bringen, wenn überhaupt von einer Wirkung gesprochen werden kann, die der Eintönigkeit und Bedeutungslosigkeit hervor, welche durch die weiße Tünche noch wesentlich verstärkt wird. Der Ostabschluß des Chores ist nach außen hin nicht sichtbar, da ein Flügel des ehemaligen Klostergcbäudes östlich an die Kirche anstößt. Selbst die Westfagade, sonst wohl der Glanzpunkt bei Barockkirchen, ist von nüchterner Gestaltung. Malerische Wirkung kommt, vom Thurme abgesehen, allein dem stattlichen Portalvorbau zu mit den flankirenven Doppelpaaren jonischer Halb- sänlen, welche über dem elegant gegliederten Gesimse in Vasen ausklingen und das zwischen ein weiteres Säulen- pnar der gleichen Ordnung gestellte Portal in die Mitte nehmen. Aber dieser Portalbau ist in keinerlei organischen Zusammenhang gebracht mit dem Aufbau der Fahnde und dieser hinwiederum ebensowenig mit der inneren Bauanlage der Kirche. Der Fatzadenaufbau ist nämlich weiter nichts als eine kahle Mauerfläche mit kraftlos geschwungenem Giebel. Der Thurm, am westlichen Ende der Südseite im Jahre 1607 neu aufgeführt, steigt in massigen Formen, durch Lisenen und Mauerblenden entsprechend gegliedert, quadratisch -an und fetzt dann ins Achteck über, welches von einem achtseitigen Helme gekrönt wird. Das verwendete Material, Tuff aus einem nahegelegenen Bruche, eignet sich durch feinen graubraunen Ton und die Dimension der Blöcke ganz leidlich für Barockbauten. Treten wir nun durch das Westportal, dessen zugehöriger Bau im Innern eine Vorhalle bildet, in die Kirche ein, so verrathen die schlanken, achteckigen Pfeiler mit ihrer gothischen Sockelprofilirung und die Spitzbogenform der Scheidebogen sofort die ursprünglich gothische Anlage des Baues. Die Kirche war ehedem ein gothischer dreischiffiger Hallenbau mit einfachen Sterngewölben; die Pfeiler scheinen ohne Vermittlung durch Kämpfer in die Gewölbe und Schcidebogen übergegangen zu fein, welch letztere durch Abschrägung der Kanten so profitirt sind, daß sie je drei Seiten der Achtcckspfeiler fortsetzen. Aber wie hat der Barockstil diesem Bau den Stempel seines Geistes aufzuprägen verstanden! Durch Einziehung von Emporen, Anordnung von Oratorien, Au^brechung von Seitenkapellcn, Anpassung des Gewölbesystems, durch Pilasterschmuck und nicht zuletzt durch die Kunst des Stnckaiors ist der Charakter der Gvthik geschickt verdeckt und nahezu der Eindruck einer einheitlichen Barock schöpfung erzielt. Die Klosterkirche zu Posting ist in ihrer dermaligen Gestalt ein fünfschisfigcr Bau mit östlich vorgelegtem Querschiff und doppeltem Ostchor. Das Quer schiff ist bereits zum Chor gezogen und nimmt die ganze Länge des ersten Cbores ein. Der zweite vordere Chor ist um eine Stufe über den ersten, dieser um zwei Surfen über das Langhaus erhöht. Jeder der beiden Chöre besteht aus drei Jochen, doch ist das vorderste Joch des östlichen Chores durch den Hochaltar verbaut. Das Langhaus zerfällt in fünf Joche. Je vier Pfeiler und zwei Halb- pfeiler trennen beiderseits das Mittelschiff von den inneren Seitenschiffen. Die Joche der letzteren sind auf quadratischem, die des Mittelschiffes auf rechteckigem Grundriß errichtet. Die äußeren Seitenschiffe stellen sich als Ka- pcllenräume dar; es sind solcher Räume auf jeder Seite vier, das westlichste Joch entbehrt derselben. Die Kapellen stehen untereinander nicht in Verbindung, da Altäre die Ostwand derselben einnehmen. Weder die äußeren, noch die inneren Seitenschiffe setzen sich um den Chor fort. Die Länge der Kirche beträgt 51 m, wovon 27,30 w auf das Langhaus, 13,20 irr auf den ersten und 10.50 rrr auf den zweiten Chor (bis zur Rückwand des Hochaltares) entfallen. Die Breite des Langhauses einschließlich der Seitenkapellen belauft sich auf 29,80 rn, nämlich Mittelschiff 9 m, je ein inneres Seitenschiff 6 w, je ein Kapellenraum 4,40 m; der Chor mißt 8.50 in in der Breite. Die Gewölbe des Mittelschiffes und der inneren Seitenschiffe ruhen auf den Achteckvfeilern und an den Umfassungsmauern auf weit vorspringenden Pilastern, zwischen welchen sich unten die niederen Kapellenräume im Segmentbogen öffnen und oben spitz geformte Schild- bogen spannen. In den Schildmaueru und in den Kapellen sind Fensteröffnungen angebracht. Die Gewölbe der Chorpartie werden von Pilastern getragen. Die drei inneren Langhansfchiffe haben die gothische Gewölbe- construktion beibehalten, jedoch unter Beseitigung der Nippen und Verwischung der gothischen Form der Gurtbogen. Der erste Chor ist mit einer, wohl auch aus dem gothischen Gewölbe umgeformten Tonne mit tief einschneidenden Stichkappen überwölbt. Tadellos vollkommen gestaltet ist das von kleinen Slichkappcn durchbrochene Tonnengewölbe des vorderen Chores. In diesem zweiten Chöre treten die Pilaster wieder mächtig von den Umfassungsmauern herein; die dadurch gebildeten Nischen haben transversale Tonnengewölbe. Die Querschiffarme bestehen aus je zwei über einander gelegenen Geschossen. Das Erdgeschoß des südlichen Flügels birgt die Achberg'» sche Kapelle (jetzt Sakristei), das des nördlichen die alte Sakristei. Die Obergeschosse bilden Oratorien, welche sich in je drei, hoch und schlank gebildeten Bogenstcllungen gegen den ersten Chor öffnen. Das südliche Oratorium 250 ist mit transversaler gedruckter Tonne überwölbt, das nördliche mit einer auf stuckirten Schrägen ruhenden, flachen Holzdcüe versehen. In den äußeren Seitenschiffen find Nenaiffancekreuzgewölbe angeordnet, deren Grate sich unter der Stuckatnr verlieren. Die Höhenvcrhältnisse sind folgende: Mittelschiff 14,90, innere Seitenschiffe 12,10, äußere Seitenschiffe c. 4, erster Chor 14 in; der vordere Chor ist um ein Geringes höher als der erste. In halber Höhe des Baues zieht sich an den Umfassungsmauern von Langhaus und Chor eine Empore hin. Dieselbe ist im westlichsten Joch zu einem die drei inneren Schiffe umspannenden geräumigen Mnsikchor erweitert, setzt sich dann an den Langhausseiten über den Kapcllenränmen fort, die Pflaster mit Durchgängen durchbrechend, geht in die Obergeschosse der Qncrschiffarme über und zieht sich jenseits derselben völlig um den vorderen Chor herum, wo sie sich hinter dem Choraltare zu einem Altarraume erweitert. Der Raum unter der Westempore bildet eine Art innere Vorhalle und ist durch ein kunstvolles Nococo- Eisengitter mit dem Wappen des Prälaten Franz Töpsl von dem übrigen Theil des Langhauses getrennt. Der von diesem Prälaten in den Jahren 1761 — 67 vorgenommenen Restauration gehören ferner an die Ausschmückung und Einrichtung der Seitenkapellen, das Gittcrwerk der Empore mit dem darüber angebrachten, flott geschwungenen Aufsatz, die Orgel, reiche Thürver- kleidnngen im vorderen Chöre, Dekorationsstücke an den großen Altären, endlich — ein Schmuckkästchen des Nococo- stileS — die jetzige Sakristei, früher Achberg'sche oder Reliqnicnkapelle genannt. Diese erhielt ihre dermalige Gestalt im Jahre 1764 und wurde von der Meisterhand Johann Baadcrs mit sehr hübschen Deckengemälden geziert (Mariä Verkündigung und Heimsuchung, Christi Geburt und die Flucht nach Aeghptcn). Geradezu reizend sind die Malereien an den Sakristeischränken, wahre Muster für Cchrankbemalung im Nococostil; lieblichere Kinderköpfchen hat die Kunst jener Zeit kaum geschaffen. Abgesehen von diesen Zuthaten späterer Zeit, die sich übrigens meist auf Nebenräume vertheilen, hat sich in der Dekoration der Charakter der in den Jahren 1621—28 durchgeführten Restauration durchaus erhalten. Die DekorationSknnst jener Zeit benützte als ausschließliches Mittel die Stuckatnr. Für Fresken ist kein Raum übrig gelassen, die Stuckatnr behauptet noch allein das Feld. Sie ist in der Polliuger Kirche in einer Weise angewendet, welche höchst charakteristisch ist für die Art des Frühbarock: Nähmenwerk und figürliches Ornament walten vor, Pflanzenornamcnt ist spärlicher und nur in streng stilisirtcr Form vertreten. Als Rosetten verschiedener Größe und Gestaltung und als Füllungen der Nahmenlcisten tritt das Pflanzenwerk wohl selbst- ständig auf, sonst aber ist es meist mit den Figuren in Verbindung gebracht. Frnchtgewinde, gegen die Mitte zu stark anschwellend (Festons), finden sich häufig, vereinzelt auch Tuchgehänge mit eingcflochtenen Blumen. Von Akanthusranken, welche seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine stets wachsende und zu Ende desselben oft eine beherrschende Rolle spielen, finden sich noch nicht die Ansätze, ebensowenig von den später mit Vorliebe verwendeten Eichen- und Lorbeerlaubkränzen und -Stäben. Das einfache Akanthusblait, wie es schon die Antike kannte, ziert abwechselnd mit Engelsköpfen die Kapitelle der Pflaster und der als Säulen behandelten Pfeiler. Klassische Motive, vor Allem Eierstab, Perlenschnur und Palmettenornament, werden auch zur Betonung der Ränder des Nahmenwerkes herangezogen und verleihen, da das Nahmenwerk reichlich zur Anwendung kommt, dem Ganzen einen starken Anklang an den ernst-gemessenen Charakter der Antike. Die Stuckatur steht der Renaissance noch bedeutend näher, als dies 50 Jahre später der Fall ist. Man vergleiche beispielsweise die zierlich, fast nach Art der Kleinkunst stuckirten Pflaster der Kirche zu Pökling mit den mächtigen, kannelirten Doppelpilastern der Kirche zu Wetten- hausen. Das Nachklingen der Renaissance zeigt sich sowohl im Pflanzenornament wie in den figürlichen Zier- stücken. Welche Ruhe in Haltung und Gewandung der Genien! Diese wie auch das übrige Figurenwerk, bestehend in Engelsköpfchen und Halbfiguren, welch letztere häufig in Blattwerk übergehen, zeichnen sich durch sorgfältig gearbeitete Gesichtsbildung aus. Was das Verhältniß der Figuren zu dem Pflanzen- ornament betrifft, so macht man im Allgemeinen die Beobachtung — und auch diese Thatsache dürfte bezeichnend sein für die Stuckatur des Frühbarockstiles —, daß die Figuren die Herrschaft über das Pflanzenornament behaupten. Letzteres ist den Figuren untergeordnet, wird von denselben gleichsam im Zaume gehalten, während es sich später dieser Herrschaft entzieht und nicht mehr in Unterordnung unter die Figuren, sondern diesen gleich geordnet, ja sie überwuchernd, den Decorationszwecken dient. Hier aber steht das Pflanzenornament mit den Figuren in einer mehr oder weniger engen Beziehung, es wird von denselben getragen oder zusammengehalten oder wächst aus denselben organisch hervor. Als besonders reich und edel stuckiri seien hervorgehoben: die Kapitelle der Pfeiler, die Pflaster, die Brüstung der Empore, namentlich in den Chorpartien, die Fenstergewände und die Decken der beiden Chöre. Im Obergeschoß des südlichen Kreuzschiffarmes und in dem Altarraume der Empore befinden sich stuckirte Altäre, welche als Typen damaligen Altarbaues und Altarschmuckes gelten dürfen; der an erster Stelle genannte Altar trägt die Jahreszahl 1624. Sehr bcachtenswerth sind ferner die im Jahre 1687 ausgeführten Thürverkleidungen am östlichen Ende des ersten Chores. Der gleichen Zeit etwa ist die geschmackvolle Kanzel zuzuweisen. Die kunstgeschichtlich nicht unwichtige Frage, ob die Stuckaturen ursprünglich schon Bemalung trugen, wage ich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten, neige aber zur Verneinung derselben hin; denn die Analogie spricht entschieden dagegen, ebenso die gewählten Farbentöne; positive Anhaltspunkte für oder wider fand ich jedoch trotz allen Suchens nicht. Jedenfalls sind die Farben nicht ungeschickt gewählt und spätestens bei der Restauration von 1761 ff. beigegeben worden. Die stark hervortretenden Theile der Stuckatur sind in zartem Blaugrau gehalten, die Ränder des Nahmenwerkes gelb, einzelne Mittelfelder rosa; meist jedoch ist der Grund weiß belassen. Die Wirkung der Stuckaturen ist durch diese Art von Bemalung wesentlich gehoben, vielleicht etwas zu kräftig und schwer geworden. Manches wäre noch zu sagen über einzelne Merkwürdigkeiten der Kirche zu Pökling, wie über das alte Crucifixbild, welches dort verehrt wird, oder über die Denksteine aus alter und neuerer Zeit. Aber das würde den Nahmen dieses Aufsatzes überschreiten, der nur zum 251 Zwecke hat, den Frühbarockstil und seine Dekorations- kunst an einem Beispiel zu beleuchten. Möge, wer seine Schritte in jene Gegend lenkt, nicht versäumen, sich die Kirche zn betrachten. Das herrliche Gebirgspanorama, welches sich im Hintergründe erhebt und mit dem Ernste dieses Gotteshauses so trefflich zusammenstimmt, läßt den Aufenthalt doppelt lohnend erscheinen. Die Räume des ehemaligen Klosters sind jetzt theilweise wieder in den Händen eines Ordens, der Dominikanerinnen, welche dort seit einem Jahre eine Mädchenerziehungsanstalt errichtet und dieselbe vorzüglich ausgestattet haben, so daß ein Besuch des Instituts viel des Interessanten bietet und die besten Eindrücke zurückläßt. Or. A. Schröder. Das Martyrium der thebäischen Legion. Von Dr. Bernhard Sepp. Die Thebäerlegende ist unstreitig eins der ehrwürdigsten Legenden, die wir kennen. Denn es kann nunmehr als ausgemacht betrachtet werden, daß der von P. Fr. Chifflet veröffentlichte *) authentische Text der kassio ^.Anunsnsiuni wart^rnm nicht, wie noch Nettberg behauptete ^), dem sechsten, sondern bereits dem fünften Jahrhundert angehört und von dem (als Kirchenschrift- steller wohlbekannten) Bischof Eucherius von Lyon, der nach Gcnnadius vir. ilt. 63 unter der Regierung der Kaiser Valentinian 111. und Marcian zwischen 450 und 455 starb, herrührt?) Er zählt mithin zu den Erzeugnissen der römisch-christlichen Literaturpcriode und ist daher schon wegen seiner Sprache bemerkenswerth. Aber auch seine Bedeutung als geschichtliches Dokument darf nicht gering angeschlagen werden, da er spätestens 150 Jahre nach dem Martyrium der Thebäer (unter Diokletian), d. h. zu einer Zeit, wo die Erinnerung an jenes Ercigniß in Agaunum noch recht lebhaft sein mußte, entstanden ist. Zudem steht fest, daß Eucherius einen vortrefflichen Gewährsmann für seine Erzählung hatte, denn, wie aus seiner Widmungsepistel an Silvius*) (den Autor des ') I?an1inu8 llliwtratns ?. I (Dijon 1662) S. 66 f. aus einem Codex «nee. VII sx. des Klosters St. Clciude im Jura (beute n. 9550 der Pariser Nationalbibliothek). Nuinart (4eta. Llart. Verona 1731 S. 241 f.) benutzte außerdem einen Codex saeo. VIII des Klosters St. Maur des Fossses, ferner eoä. Lenins 5293, Handschriften aus Rheims (St. Tbierry) n. 1142 saeo. XIII, der Sorbonne, von St. Eermain deö Pros, Flenry rc. Vgl. noch coä. karis. 17002 (aus Moissac.), eoä. Lruxell. n. 831—834 8a.ee. XIII kol. 141 f. (auö Kloster Marienthal bei Luxemburg), eoä. Lämunt. n. 248 aase. XI u. a. m. 2) K. G. D. I S. 97 A. 13. Ein „jüngerer Eucherius von Lyon" hat niemals existirt. Der in der vita. s. Oaosarii genannte Eucherius ist offenbar dessen Snsfraganbischof von Avignon (s. .4. 88. Voll. 4ng'. VI S. 73 u. k.; vgl. Gams 8. L. S. 503). Ein anderer Eucherius war zur Zeit des zweiten Concils von Orange (529) Bischof von Antikes (s. Gams a. a. O. S. 554 n. S. 570, Mansi VIII. 718). Ebenso grundlos ist die Behauptung Rettbergs a. a. O. S. 100 f., daß die Mauritiuslegcnde aus dem Orient übertragen sei, s. Stolle S. 53 f. Am willkürlichsten bat übrigens Albert Hanek die ganze Frage behandelt, da er die Legende in einer Anmerkung abfertigen will (K. G. D. I. Bd. S. 9 A. 1); s. die treffende Widerlegung seines „Arguments" bei Stolle S. 73 f. °) Wenn der Autor der vita. 8. Uomani und Bischof Avitus von Vicnne von einer schriftlichen Passiv der hl. Märtyrer von Agaunum sprechen, so haben sie die des Eucherius im Auge, welche auch der von Mabillon zuerst edirten ältesten miaaa 8. Llaurieii st aoeiorum viug (s. Stolle S. 106 f.) zu Grunde liegt. *) Stolle (Exkurs II S. 98 f.) vermuthet in Silvius einen Bischof von Vicnne und möchte ihn zwischen Claudius, der an dem ersten Concil zu Orange (441) und an der Synode zu Htcwcu1us?)°) hervorgeht, verdankte er das Material zu seiner Schrift dem Bischof Jsaak von Genf°), der nur 60 römische Meilen (d. i. etwa 24 Wegstunden) von Agaunum, der Stätte des Martyriums (St. Maurice in Wallis), entfernt lebte und seine Nachrichten an Ort und Stelle einzuziehen vermochte. Obendrein macht eS Eucherius wahrscheinlich, daß Jsaaks Berichterstatter jener Theodorus?), Bischof von Octodurum (Martigny, vier Stunden von Agaunum, das zur Diöcese Octodurum gehörte), war, der (um die Mitte des 4. Jahrhunderts) die Gebeine der ermordeten Thebäer sammelte und über ihnen eine Kirche erbaute, die ihrem Andenken geweiht war. Beherzigen wir, daß zur Zeit des Bischofs Theo- doruS noch Leute leben konnten, die Augenzeugen des Martyriums gewesen waren oder wenigstens von ihren Vütern Mittheilungen über die näheren Umstände jenes Ereignisses erhalten hatten, so müssen wir auch anerkennen, daß die Thebäerlegende gut beglaubigt sei. Nichtsdestoweniger trägt der neueste Bearbeiter derselben, Dr. Franz Stolle, in seiner Inauguraldissertation „Das Martyrium der thebäischen Legion", Münster 1891, kein Bedenken, der Passio des Eucherius ebenso wie den voreucherianischen Zeugnissen und den Angaben der Ka- lendarien und Martyrologien^) fast allen Werth abzusprechen, und er geht soweit, dieselbe für eine rhetorisch Vaison (442) theilnahm, und dem bl. MamcrtuS einreihen. Er übersah aber, daß Claudius und MamcrtuS eine und dieselbe Person sind (Bruder des Schriftstellers Claudianus Ma- mertuS f. Geunadiuö vir. III. 83). °) Bekanntlich hat Polemeus (vcrgl. den Polemius des Xpoliiuaria Liäouins) Silvius den 1>a.tsren1u8 einem Bischof Eucherius gewidmet, der kein andrer als unser Lyoner Bischof sein kann, s. Th. Mommsen 6. 1. I.. I S. 332 f. vgl. vita. g. Uälarii spiee. Vrslat. sag, 11. °) S. Stolle Anhang S. 101: »Porro ab iäousia ane- toribus rsi ipsins vsritatom gnassivi, ab bis utigus gui atkirmabaut (Laloniuo? f. A. 10) ab epieeopo Osnavsnsi 8auoto Isaas buno gusw rsttnli pasaiouia oräiuem eoZnoviseo, gui, orsäo, rnr5Uiu Iraeo retro a bsatissimo spiseopo Bbsväoro, viro tewporis antsrioris, aeespsrat.« Orsäo heißt bei einem christlichen Schriftsteller niemals „ich vermuthe", sondern „ich bin der festen Ueberzeugung". Aber selbst wenn es sich im vorliegenden Falle wirklich nur um eine Vermuthung Enckcrs handeln sollte, wie Stolle S. 52 meint, so wären wir noch nicht berechtigt, sie ohne weiteres zu verwerfen, weil sie auch richtig sein kann. Da nämlich TbeodoruS um den Cult der Thebäer sehr eifrig bemüht war, so wird er auch nickt unterlassen haben, ein Oküoiuw proxrinm dieser hl. Märtyrer anzufertigen, welches in seinen Lektionen (zur ersten und zweiten Nocturn) die Leidensgeschichte derselben behandelte. Von diesem Officium erhielt gewiß auch Jsaak Kenntniß. Da aber der Gebrauch desselben wohl auf die Diöcescn Octodurum und Genf beschränkt blieb, so übernahm cS Eucherius, die Passio neu zu bearbeiten, damit die Thaten der Thebäer nicht in Vergessenheit geriethen, s. A. 10. ') Theodorus war im I. 381 auf dem Concil zu AqnilcjL anwesend (s. Mansi III, 599). sein Kirchenbau sällt aber wohl in den Anfang seines Pontificats (um 350). Bemerkenswerth ist, daß uns schon im I. 419 ein Bischof von Octodurum des Namens Mauritius begegnet (s. Gams a. a. O. S. 312, der auch eincu Erzbischof Mauritius von Trier zum I. 398 verzeichnet S. 318). Vgl. auch die römisch-christliche Grabsckrift des Knaben Mauritius, welche südlich von Lyon in der Rhone gefunden wurde, bei Le Blaut T. II S. 45 N. 399 Planche 48 n. 282 und das interessante Ncliquiar im Schatz von St. Maurice (aus der Mcrowingerzeit) ebenda S. 580 N. 684 Planche 91 n. 542. Gregor Tur. bist. seo1e8. X, 31, 19. °) Da wir noch immer keine kritische Ausgabe des Llar- txrolvAium Ilisrouzuunm besitzen und die Edition de Nossi'S erst in einigen Jahren vollendet sein wird, so war für Stolle Zurückhaltung im Urtheil über dasselbe geboten und seine These (S. 26) „die Hierouymiana sind, um es kurz zu sagen, die denkbar schlechtesten Quellen" wäre besser ersetzt durch den Satz „die bisherigen Ausgaben des 11artxrolo§ium UisronFMUm sind ungenügend". Uebrigcnö bedeuten die Worte »In Oallia eivt- 2öä ausgeschmückte Erzählung des Lhoner Bischofs zu erklären, deren festen Kern lediglich die Namen der drei Offiziere Mauricius, Exupcrius und Candidus bilden. Gewiß eine kühne Behauchung, für die wir strikte Beweise fordern dürfen. Betrachten wir aber seine Argumente näher, so ergibt sich, datz dieselben durchaus nichts zwingendes haben. Dies hinderte jedoch nicht, daß Stolle's Sckrift von Fachgelehrten beifällig aufgenommen wurde?) Wir sehen uns daher genöthigt, auf seine Beweisführung im einzelnen einzugehen, da längeres Schweigen einer Zustimmung gleichkäme und unsere Bemerkungen vielleicht dazu dienen, den jugendlichen Kritiker für die Zukunft zu größerer Vorsicht bei der Beurtheilung der überlieferten Marlyrcrakten zu bestimmen. I. Stolle geht bei seiner negativen Kritik davon aus (S. 47 f.), daß Euchertus seine Passto nur auf Grund mündlicher Mittheilungen verfaßt habe. Dies könnte von uns zugegeben werden, ohne daß wir deßhalb dieselben Folgerungen, wie er, zu ziehen brauchten. Denn es ist klar, daß auch eine bloß mündliche Tradition, wenn sie, wie im vorliegenden Falle, durch zuverlässige Zeugen, wie Bischof Jsaak von Genf, verbürgt ist, vom Geschichtsforscher nicht ohne weiteres außer Acht gelassen werden darf. Ganz abgesehen davon aber schließen die Worte der Epistel an Silvius, auf welche sich Stolle als Beweis für seine Annahme beruft: ^Versdar snim, ris xsr insuriani turn A'Ioriosi Zssta mart^rii all siominuiu rnsiuoria, tsmxus abolsrst", keineswegs die Möglichkeit aus, daß bereits vor Eucherius eine schriftliche Thebäer- passion vorhanden war (s. A. 6), sondern sie lassen auch die Erklärung zu, daß eine voreucherianische Passto existirte, aber nur in einem engeren Kreise bekannt war. Auch in diesem Falle nämlich hatte Eucher Grund zur Befürchtung, daß die Thaten der thcbäischen Märtyrer tote 8iäunis looo ^Annno« wobt nickt mehr, als „in Gallien, im Gau (der) Seduni, im Orte Agauuum", nickt aber, wie Stolle a. a, O. A. 2 iuterpretirt: „im Bisthum Sitten". Es kann mitbin nickt daraus geschlossen werden, daß dieselben ein spaterer Zusatz seien. Ebenso irrig ist die Behauptung Stolle's S. 23, daß unsere Handschriften deS Hicronymianum nicht über 800 binaufrcichen, denn nicht nur der aus Metz stammende ooä. Borneiisis 289, sondern auch coä. Laris. 10837, der ein Ecktcrnachcr Mariyrologium und Kalcndar (letzteres nnt der berühmten Randbemerkung von der Hand des hl. Willibrord aus dem Jahre 728) enthält (s. Neues Archiv f. ä. d. G. II S. 291 f.), und die Wolfenbüttler Handschrift 23 (aus Weissen- burg i. E.) sind ohne Zweifel nock im 8. Jahrh, entstanden. DucheSne lud. pcwtik. lotroäuotion x. XIVI u. 13 weist nach, daß der uns überlieferte Text der Hieronymiana unter Bischof Annarius von Auxerre vor dem Jahre 593 redigiert wurde. °) S. Neues Archiv XVII S. 223 n. 9 unterzeichnet W(ilbclm) W(attenback): „In der Erstlingsschrift deS Dr. Franz Stolle: Das^ Martyrium der thebäiscken Legion (Brcslau, Müller und Sciffert 1891) wird in sehr dankcnswerther Weise diese Legende einer klaren und einsichtigen Kritik unterzogen unter Widerlegung der schwächlichen RettungsVcrsu ch e. Ilebcrzcngcnd wird nachgewiesen, daß die fabelhafte Geschichte nur zurückgeht aus B. Eucherius von Lhon (um 450), der die Namen der drei damals bekannten Marryrcr mit der vergrößernden Tradition von 1'/, Jahrhunderten und aus Lactanz und Vegez geschöpften Kenntnissen zu einer Darstellung geschickt verarbeitet hat, und sie seinem Amtsbruder SilviuS von Vienne übersandte. Hervorzuheben sind die treffenden Bemerkungen über die leicht irreführende Beschaffenheit der stets erweiterten Marthrologien. Beige- geben ist die älteste Redaction der Akta, worin der Verf. o. 6 über den Veteran Viktor und Viktor und Ursus für eine Interpolation hält, nach Ruinart u. die Lasen» 6assii st Llorentii.. ob Esreonis aus Mombritius." tznaväogns äorwitat bonus Lowerus! mit der Zeit in Vergessenheit gerathen könnten, und diese Gefahr schien erst dann beseitigt, wenn es ihm gelang, ihre Leidensgeschichte allen Bischöfen Galliens zur Kenntniß zu bringen und den Cnlt der hl. Märtyrer auch in anderen Diöcesen zu beleben.*") Mithin kann jenes Argument Stolle's nicht als stichhaltig erachtet werden. Nicht viel besser steht es um seine Behauptung (S. 56 f.), daß Eucherius für seine Legende neben der Lokaltradition noch andere Quellen benützt habe. Denn zugestanden auch, daß die Nachricht des Eucherius über das Ende Maximians aus Lactantius (äs mort. xsr- sssnbvrniQ 29 und 8V) entnommen sei**), so läßt sich doch nicht bestreiten, daß dieselbe mit dem Inhalt der Legende gar nichts zu schaffen hat, sondern nur zur Befriedigung der Wißbegierde des Lesers am Schlüsse angereiht wurde. Sie kommt daher bei der Beurtheilung des Werthes der Legende gar nicht in Betracht. Noch weniger Gewicht können wir den Stellen, welche Stolle S. 58 f. aus VegetiuS sxib. rei ruilibaris anführt, beimeffen, da eine genauere Prüfung derselben ergibt, daß sie mit den Worten Suchers gar keine Aehn- lichkeit haben, sondern diesen zum Theil direkt widersprechen. läd. III, 4 redet VegetiuS von der Art, wie man einen Tumult im Heere dämpfen müsse, und sagt dabei, es sei besser, nach Weise der Vorfahren nur die Rädelsführer zu packen; Eucher dagegen spricht (cmp. III f.) von der Dezimirung — welche offenbar den Unschuldigen ebenso wie den Schuldigen trifft — und von der Nieder- wetzelung einer ganzen Abtheilung. läb. III, 21 räth VegetiuS zur Vorsicht bei der Verfolgung des Feindes, weil derselbe in der Verzweiflung das Aeußerste wage; Eucher dagegen läßt (onx. IV) seine Thebäer sagen, daß sie lieber sterben als todten wollen. IUb. II, 5 berichtet VegetiuS, daß die Soldaten seiner Zeit bei Gott und dem Kaiser zu schwören pflegten und in dem Kaiser gleichsam den sichtbaren und verkörperten Gott verehrten; Eucher dagegen legt seinen Thcbüern die Worte in den Mund (sax. IV), daß sie dem Blutbefehl des Kaisers den Gehorsam versagen müßten, weil sie sonst Gott verläugnen würden, dem sie zuerst ihren Eid geschworen hätten. Demnach beschränkt sich alles, was VegetiuS und Eucher mit einander gemein haben, auf den Satz, daß die Menge für ihre Vergehen meist straflos ausgehe, und selbst dieser Gedanke ist zu trivial, als daß wir annehmen könnten, daß ihn ein Nhetor wie Eucher einem Militärschriftsteller zu entlehnen nöthig hatte. Was vollends das Vorkommen gewisser militärisch-technischer Ausdrücke bei Eucher anlangt, so kann uns dieses schon darum nicht befremden, weil die Thebäer Soldaten waren und die Märtyrer von den älteren christlichen Autoren (wie ") S. die Worte des uralten Sittencr Breviers (A.. 83. Voll. V, 815): -Lassionem sanstorum Miebasoruw martzwum 7c§auueusium Llanrieii st soeiorum eins exiseoxo Eeusvsnsi transinisit (Tbsoäorus) oowwunioanäaw owutbus oxisvoxis Oalliao, guam üuobsrius eptseopns ImKäunensis pro IroKrautia, sui stM owuibus vowwunsm tseit.« Vgl. A. 6 a. E. Wahrscheinlich hat Eucherius diese Passiv durch seinen Sohn Salonius, der schon i. I. 441 als Bischof von Genf erscheint (s. Mansi VI, 441, Gams a. a. O. S. 277) und wobl als der unmittelbare Nachfolger des Jsaak zu betrachten ist, erhalten. ") Reminiscenzen aus der Lektüre sind bei einem so vielbelesenen Mann wie Eucherius wahrlich kein Wunder; vgl. noch Oros. VII, 28, 8. Lnr. Victor äs 6sssar. 40, sxit. äs vassar. oax. 40, Lutrop. X, 2. Stolle S. 32 f. selbst dcirthut) mit Vorliebe als militsa Oüristi oder ooalsstis inilitig. bezeichnet wurden.^) Zudem läßt sich aus dem Umstände, daß Eucher aus einem vornehmen römischen Geschlechte stammte und lange im Getümmel der Welt gelebt hatte, ehe er sich dem Dienst der Kirche widmete"), abnehmen, daß ihm die militärischen Verhältnisse und Ausdrücke, wie campiäuvtor,^) oontuffarnalos u. a. m., ebenso wie dem Vegetius geläufig waren. Erwähnt er doch sogar die Charge eines ssnator rnilrturu, von welcher Vegetius schweigt. Nehmen wir hinzu, daß Eucher die Stärke der Legion nicht, wie Vegetius lid. II, 6, auf 6830 Mann (6100 psäitso, 730 Laustes), sondern (gleich Plutarch vita Romrür 20) auf 6600 Mann beziffert, so wird es fraglich, ob Eucher das Werk des Vegetius auch nur gekannt habe, zumal es durchaus nicht ausgemacht ist, daß Vegetius vor Eucherius schrieb. Ebenso unbegründet ist die Meinung Stolle's (S. 61), Eucherius habe, um die Entfernung des Ortes Agaunum von Genf kennen zu lernen, ein Jtinerar zu Hilfe nehmen müssen, da es „ganz unwahrscheinlich sei, daß Eucher oder auch seine Gewährsleute ihre Reise dahin zum Theil mit Ablesen von römischen Meilensteinen vertrieben* (viel). Denn eS läßt sich kaum annehmen, daß in jener vielbereisten Gegend kein Gastwirth oder Kutscher zu finden gewesen sei, der über die Entfernung Agaunums von Genf Bescheid zu ertheilen wußte, gleichwie heutzutage jeder Postillon über die Länge der Wegstrecke, die er befählt, sichere Auskunft zu geben vermag. Im schlimmsten Falle brauchte Eucher nur seinen Sohn Salonius, der vom Jahre 441 an als Bischof von Genf erscheint, zu fragen, um Aufschluß hierüber zu erhalten. Noch wunderlicher ist, wenn Stolle S. 62 beifügt, Eucher habe sich auch in der Beschreibung von Agaunum (das er vermuthlich vom Sehen kannte) an die Vorschrift des Vegetius gehalten, der liff. III, 6 dem commandierenden Offizier an's Herz legt, von den Gegenden, in welchen Krieg geführt wird, sich genaue Karten zu verschaffen — Eucher war kein Militär und wollte auch nicht Krieg führen. Oder wenn Stolle die Vermuthung äußert, daß Eucher den Namen Hivstavi für seine Legion aus der iHoritia, äiZnitatum Oooi- äentia V und VII entnommen habe! — Schwerlich war Eucher so thöricht, unter den zahlreichen Legionen, welche in diesem Staatshandbuch des römischen Reiches aufgeführt werden, gerade eine solche als Taufpathin für seine Martyrerlegion zu wühlen, welche eine !ö§io palatinn inira, Italiam war, d. h. das Privilegium hatte, in Italien stationirt zu sein.^) ") Vgl. noch die uralten Marlyrerccktcn des hl. Maximilian (Nuinart a. a. O. S. 263) »nou milito saeenlo, seä milito veo inoo.« '°) Eucherius war scnatorii'chcn Standes und Solch eines Valerianus (wabrichciulich des kriseus Valsrianus, praeteotuo xrastorio dalliarnm, eines nahen Verwandten des Kaisers Avitus), dem er leine Schrift äo oontsinxtu muncli widmete. Er hatte aus seiner Ehe mit (Kalla zwei Sötme. walouinS und Vcranius, welche beide gleichfalls Bischöfe wurden. (Ueber SaloniuS s. oben A. 10, über Veraniuö, Bischof von Vence? f. Gams a. a. O. S. 651). ") Aus dem Beisatz »ut in oxoreitu atzxollant« möchte man folgern, daß diese Bezeichnung zur Zeit, wo Eucherius schrieb, noch nicht abgekommen war. Ueber die Rangstufe eines xrimieorins (— xrimi xili eenturio?) und seuutor wilitum s. Hieronhmus aä kammaokium eap. 19 (Migne XXIII, 370). ") S. 71 findet Lrtolle in dem dreimaligen Wüthen Maximians gegen die Thebäer gar etwas symbolisches (eine Beziehung zum Geheimniß der Trinität, sioi). Ueber Schul- und Studienwesen. Wenn die Geschichte eine Lehrmeisterin ist — und sie kann und sollte es sein — so haben wir allen Grund in Bezug auf das s. t. angezeigte Thema uns wiederholt bei der Geschichte zu erkundigen. Wir bleiben dabei zunächst in unserm Lande Bayern. Was wir da als Spezielles vorführen, wirft zugleich auch einen Reflex auf die allgemeinen Verhältnisse in fraglicher Sache: es sind Spiegelbilder für unsere Zeit. In der ehemaligen bayerischen Zeitschrift „Eos" vom Jahre 1826 — einer Zeitschrift, welcher der Vor- wurf „nltramontan" durchaus nicht gemacht werden kann — beschäftigten sich drei verschiedene Stimmen mit unserm Thema. Die erste Stimme (in Nr. 5 genannter Zeitschrift) beschäftigt sich hauptsächlich mit der falschen Schul- und Hauserziehung des weiblichen Geschlechtes. Hievon wollen wir heute nur die Einleitung zur Sache reproduciren. Es heißt allda wie folgt. „Die gefährlichen Fortschritte einer immer mehr um sich greifenden Krankheit, welche zerstörend auf alle Lebensorgane der Menschheit wirkt, geben dem Beobachter Stoff zum Nachdenken und Klagen. Wir meinen den Egoismus, der alle Wurzeln der Gesellschaft vergiftet und das eigentliche Zeichen unserer Zeit ist. „Zwar müssen wir uns selbst als die Urheber deS Uebels anklagen, dessen Vorhandensein wir überall schmerzlich fühlen. Oder waren wir es nicht selbst, die in unseliger Verblendung — weil wir die „Aufklärung" befördern zu müssen glaubten — Alles der Erklärung unterwarfen — sogar das Ueberirdischel? Und weil wir die Menschen zum PhtlanthropismuS erziehen wollten und die Nützlichkeits-Tendenz zum Typus aller Erkenntniß von göttlichen und menschlichen Dingen machten." Bei der Hinweisung darauf, daß man Alles der Erklärung unterworfen, befindet sich eine Note, welche eine scharfsinnige Erklärung aus Guts Muths „Bibliothek der pädagogischen Wissenschaften" (Jahrg. 1804 S. 256) enthält — und lautet: „Der Grund, warum die ältern, vergessenen Schriften, welche man vormals der Jugend in die Hände gab, mehr als die jetzigen mit ganzer Seele ergriffen wurden, liegt wohl darin, daß eben jene die Seele des Kindes umfangen, die Phantasie mehr genährt und das Gemüth tiefer berührt haben, da die meisten Pädagogen des vorigen Jahrzehnts vor lauter Aufklürungssucht in ihren Lehrbüchern gar vorsichtlich alles vermeiden, was etwa Unerklärliches aus einer unbekannten, höheren Ordnung der Dinge mit unterlaufen möchte, und das Heilige im Menschen auf den dürren kathegorischen Imperativ zurückführen. Die Sucht, Alles demonstriren und praktisch fürs Erdenleben machen zu wollen, hat auch in der Pädagogik großes Unheil angestiftet." Nun heißt es im Haupttcxt weiter: „Jetzt hält sich der Mensch an das, was ihm zunächst liegt, an sein Ich! Was die Pflichten an Gott und den Nächsten anbelangt, so hat er gelernt, geschickt und bequem sie mit Worten abzuthun. Sobald er sich den Kinderschuhen entwachsen fühlt, jagt er nach sogenannter Selbstständigkeit und streift alle Bande des Gehorsams von sich; daher so viel Unordnung und Zwist in den Familien; so viel verkehrte Ansichten in Absicht auf das öffentliche Leben, den gesellschaftlichen Verband, wo Jeder herrschen und Keiner dienen möchte. Dieser Geist des Eigendünkels greift irr 254 alle Verhältnisse ein — und rückt und meistert so lange, j bis er die ganze Maschine (Staatsmaschine) unbrauchbar macht." Eine andere Stimme der Eos im Jahre 1826 läßt sich (in Nro. 16) unter der Aufschrift „Schul- und Studienwesen" vernehmen wie folgt: In einer Zeit, wo das Bedürfniß einer festeren, kräftigeren Ordnung im Fache der öffentlichen Erziehung und des Unterrichtes am lebendigsten gefühlt wird und vielfach besprochen worden; wo durch die stürmische Bewegnng der Zeit und den ewigen Wechsel neuer Pläne, die nothwendig daraus hervorgegangen, die Schule wie das Leben in den wesentlichsten Elementen erschüttert und gefährdet worden ist und noch wird; wo selbst der redliche Wille im Ningen nach einer besseren Ordnung, vielleicht aus übertriebener Scheu vor dem Alten und aus dem charakteristischen Hange nach neuen und originellen Schöpfungen, oft die wesentlichen Grundlagen übersehen hat, — thut es allerdings noth, einmal mit nüchternem Auge in die Geschichte der Vorzeit zurückzusehen — und in den Annalen der vaterländischen Cultur jene Lichtprincipien aufzusuchen, denen das Vaterland (Bayern) das schnelle und stärkende Aufblühen zn einer der gebildetsten Nationen verdankt, und eben dadurch den sicheren Leitfaden für die Bildung der gegenwärtigen und zukünftigen Generation zn finden." Eine Nation, welche über ein Jahrtausend die Rechte ihres Thrones und ihren Namen mit der Geschichte verflochten hat, steht immer auf einer hohen Stufe der moralischen Kraft und Cultur. Man nehme ihr diese historische Würde durch Entuationalisirung in den Bildungsprin- cipien, so wird sie verbildet und dadurch demoralisirt; und die fortschreitende Demoralisation — fügen wir bei — bereitet den Sturz der Nation — des Staates — des mächtigsten Reiches! Da Gott entfremdet Völker, Kronen, Sank in den Ocean der Zeit Zertrümmert eine Welt von Thronen — Mit aller Macht und Herrlichkeit! Welch eine furchtbare Mahnung für unsere Zeit! Vernehmen wir nun wieder unsere Eos-Stimme. Da heißt es des Wettern: „Wenn das Leben eines Volkes wie das Individuelle eines Menschen einer organischen Entwicklung und Fortbildung unterworfen ist; — wenn die wahre Bildung eines Volkes durch ewige, unwandelbare Principien bedingt ist; wenn in der Volksbildung wie in der individuellen das Festhalten an einem Plane und in diesem konsequentes Fortschreiten — ohne Sprung und Lücke, ohne willkürliche (fremdartige — sohin negative) Experimente — nothwendig ist, so werden sich wohl die gegenwärtigen und die künftigen Institute, wie aus der Vergangenheit erzeugt, an den historischen Standpunkt anschließen, jene unwandelbaren Principien, welche vom allweisen Erzieher des Menschengeschlechtes geoffenbaret oder als Erzeugnisse der menschlichen Vernunft durch die Geschichte bewährt, in sich aufnehmen und für ihre Zeit darstellen müssen. — Unsere Zeit hat es mit nur zn tiefer Betrübniß erfahren müssen, welche Wunden unreife Pläne — ax abruptw aus dem Gehirn irgend eines Individuums entsprossen — den heiligsten Interessen der Menschheit und dem Vaterlande schlagen können." Zur Zeit, als diese Mahnstimme erscholl, sprühten noch die stolzen luziferischen Ltchtfunken der „großen Principien", welche hauptsächlich die Guillotinen-Revolution von 1789 erzeugt. Dort, wo die Eosstimme von unreifen Plänen spricht, seht sie eine sehr charakteristische Note, welche uns Zugleich an die bekannte „akademische Glorification" erinnert. Diese Note lautet: „Abgesehen von dem, wie die Mütter der Literatur' seit so langem die gefälligsten Recensionen und Belobungen über das, was der Doctrine huldigt und angehört, theils selbst machen, theils annehmen — ist man bei uns über diese Tactik längst hinweg. Der wahre Freund des Vaterlandes kennt keinen anderen Humanism ns, mag ihn Doctor Thiersch drehen, wie er will, als den, welchen schon Karl der Große mit den wahrhaften Worten bezeichnete: Mein Volk gehorche nicht deßwegen, weil es muß, sondern weil es aus Gehorsam gegen Gott will'." Aber wie bringt man das Volk zu diesem wahren Gehorsam? Durch die moderue Erzieh uugs- und Bildungsweise nicht! Schließlich wird in der Eos für die so wichtige Zeitanfgabe das Werk „Die Geschichte der Schulen in Bayern" von Felix Joseph Lipowsky (1825) empfohlen, „ein unerschöpfliches Quellcnbuch für eine streng wissenschaftliche, pragmatische Geschichte der vaterländischen Cultur und der wichtigsten Principien der National- bildung, welche die Weisen aller Zeiten ausgesprochen — und die Philanthropen unserer Tage nicht erkannt haben"; sagen wir — nicht erkennen mochten —, gleichwie in unseren Tagen der Gelehrtenriug auch das beste geistige Erzeugnis; ignorirt oder „verdonnert", wenn dessen Verfasser der Doctrin des Ringes nicht huldigt. Dieses hochmüthige oder tendenziöse Jguoriren (wenn es nicht beides ist) ward — und wird noch — zur Nebelkappe empörender, nicht selten folgenschwerer Geschichts- lügen. — (Schluß folgt.) Von Grenoble nach der Grande Chartrense. Von H. Eid. (Schluß.) Der Wagen, mit dem wir bis Grenoble hätten fahren können, war, bis mein Freund sich endlich zum Aufbruch entschlossen hatte, bereits abgegangen, und so mußten wir uns auf eine etwa 8stündige und umso anstrengendere Fußtour gefaßt machen, als der Regen sich immer heftiger gestaltete. Wir schlugen diesmal die links von dem bei unserm Aufstiege beuütztcn Weg abzweigende Straße ein, l'Lntröo xar Is Imxpax-, und ich war trotz des Regens froh, dem Kloster entronnen zu sein. Es dauerte indeß nicht lauge, so waren wir vollständig durchnäßt und sahen die Unmöglichkeit ein, überhaupt weiterzugehen. Kurz entschlossen eilten wir auf eine etwas abseits vom Wege auf einer Wiese stehende Meierei des Klosters zu. Mein Freund klopfte an die verriegelte Hausthüre, worauf ein altes, zusammengeschrumpftes, ärmlich aussehendes Männchen erschien, das nach unserm Begehr fragte. Wir baten um die Erlaubniß, uns an seinem Küchenfeuer trocknen zu dürfen, was er uns denn auch gern gewährte, nachdem er uns freilich vorher einer mit der Miene der Ueberraschung und des Zweifels angestellten Musterung unterzogen hatte. Er führte uns in seine Küche, wo ein lustiges Herdfener brannte, auf dem ein Topf mit Wasser kochte. Wir hingen unsre Mäntel ans Feuer und ließen uns selbst mit stiller Befriedigung neben demselben nieder. Das alte Männchen nöthigte uns dann in der gastfreundlichsten Weise, eine Tasse Kaffee zu trinken, und ließ sich dabei mit meinem Begleiter in eine lebhafte Unterhaltung ein, an der ich 255 nur vermöge der Dolmeischerkünste meines Freundes thcil- nehmen konnte. Unser Gastgeber merkte bald, daß ich Ausländer sei: „Sind Sie Engländer oder Deutscher?" fragte er sichtlich gespannt, nachdem ich ihm meine Ausländerschaft zugestanden. Da ich mich nun als Deutscher entpuppte, so schien ich dem Manne nicht mehr recht zu behagen. Er sprach mit leidenschaftlichem Eifer von dem Unglück von 1870, von den bösen Preußen, zu denen er mich ohne Weiteres auch rechnete, und von dem geraubten Elsaß-Lothringen. Dabei wandte er sich ausschließlich an mich, machte die heftigsten Geberden und that, als wollte er mir in die Augen springen. Zu Worte ließ er mich durchaus nicht kommen, auch habe ich seine Zornesausbrüche zum größten Theil nicht verstanden. Zuletzt ließ er sich doch auf Zureden meines Freundes beruhigen. Indessen schien es mir, als könne ich in seinen Augen keine Gnade mehr finden; denn als er später meinem Gesellschafter in die geleerte Tasse, wie es in der Gegend üblich ist, ein Schnäpschen einschenkte, that er, als sei ich gar nicht da. Nun mag ja das auch aus Versehen geschehen sein; allein ich könnte es dem guten Manne nicht sehr verargen, wenn er es absichtlich gethan hätte. Denn er war, wie er vorher schon erzählt hatte, lange Jahre Soldat in Afrika gewesen, und da mag er sich denn für die Ehre seines Vaterlandes etwas stärker erhitzt haben, als es die Gelegenheit oder vielmehr meine unschuldige Person gerade angezeigt erscheinen ließen. Mir nöthigte dieser kleine Zwischenfall zwar nicht im Augenblicke der Aktion, denn diese selbst versetzte mich in eine etwas un- gemüthliche Stimmung, so doch später manches Lächeln ab, und noch lange nachher habe ich meinen Freund, der sich gewiß dabei in heikler Lage befand, damit geneckt, da er mir bei jedem passenden Anlaß zu beweisen suchte, wir Deutsche könnten ganz unangefochten bei ihnen weilen und mit ihnen verkehren, was ich auch trotz alldem gewiß nicht bestreiten möchte. Der Regen hatte aufgehört, wir schickten uns zur Weiterreise an. Unser guter Alter machte uns indessen noch auf die seiner Wohnung gegenüberliegende Kapelle aufmerksam. Auf dem Altare derselben steht eine lateinische Inschrift in gothischen Buchstaben, die nach der Behauptung unseres Führers noch von niemand entziffert worden war. Nach einigem Bemühen war es uns geglückt, das Räthsel zu entschleiern, worüber der alte Soldat ganz verblüfft dreinschaute, so, als ob wir damit die Kapelle ihres geheimnißvollsten Reizes beraubt hätten. Mein Freund übersetzte die an sich unbedeutsame Inschrift, die von den Rechten des Klosters auf dieses Kirchlein spricht, ins Französische und schrieb sie dann auf einen Zettel nieder, damit sie der Alte hin und wieder lesen möchte. Aber siehe da l Die Kunst des Lesens war ihm fremd. Das ließ mich nun den unhöflichen Eifer des Mannes in einem noch milderen Lichte betrachten, und wir schieden in Frieden von einander. Leichten Muthes schritten wir von bannen. Bald hatten wir das auf einer Anhöhe thronende Dörfchen St. Pierre erreicht, dessen Pfarrer uns, wie oben schon erzählt, in St. Laurent eingeladen, bei ihm vorzusprechen. Der geistliche Herr war soeben mit dem Ausschleudern von Honig beschäftigt und erwies sich in der Folge als ein sehr eifriger und rationeller Bienenzüchter. Der gastfreundliche Pfarrer von St. Pierre schlug bei Tisch einen gar frischen, herzlichen Ton mir gegenüber an. Ihm machte, wie vielen andern Personen, die mir hier bekannt wurden, die Aussprache meines Namens einige Mühe, die er in launiger Weise dadurch zu umgehen wußte, daß er mich einfach Llr. ^rllsmancl benamste. Ich, der ich hier weltfremd war und nur ganz flüchtig und zufällig die Bekamüschaft dieses Herrn gemacht hatte, wurde als erster und vornehmster Gast behandelt und mit der liebenswürdigsten Zudringlichkeit zum Essen und Trinken eingeladen. Die lustige Unterhaltung bei Tische ließ mich bald die Düsterkeit des eben erst verlassenen Klosters vergessen. Der gute Herr Pfarrer wurde nicht müde, seine heiteren Zwischenbemerkungen zu machen und die Gesellschaft zum Trinken seines vorzüglichen Weißweines aufzumuntern, den man hier selten bekommt. Wir beabsichtigten jetzt, wenigstens den zweiten und letzten Wagen, der von der Grande Chartrcuse nach Grenoble geht, noch zu erreichen. Nachdem wir an der Haltestelle des Wagens bei einem Wirthshaus voll Ungeduld, weil im Regen stehend, einige Zeit gewartet, erschienen zuletzt zwei Wägen, die aber über und über besetzt waren. Jedenfalls hatten die Pilger auf der Grande Chartreuse angesichts des schlechten Wetters sämmtlich das Weite gesucht. Mit Mühe und Noth und bemitleidet von den in den Wägen Geborgenen gelang es uns endlich, einen Sitz auf dem engen und unbequemen Kutsch- bock zu erhalten, und wir durften diese Unterkunft immer noch als ein Glück betrachten, denn der Regen wurde immer heftiger, und wenn uns auch das aufgespannte Zeltdach des Wagens wegen unseres exponirten Platzes keinen Schutz gewährte, so waren wir doch der mühseligen Wanderung auf kothiger Straße und über Berg und Thal enthoben. Die Fahrt ging zuerst beständig bergan, der Weg wurde dabei immer steiler, und ich bedauerte die armen Pferde, die der Kutscher erbarmungslos weiterpeitschte. Ueberhaupt hatte ich auf allen meinen Fahrten durch die Dauphins von meinem gewöhnlichen Platze aus, der sich auf dem sogen. Jmpsriale, dem oberen Stockwerke, befand, reichlich Gelegenheit, die Leistungen dieses gequälten Geschöpfes so recht würdigen zu lernen. Die Voitures sind bei guter Witterung meist dicht besetzt, und wenn auch von Zeit zu Zeit bei einem an der Landstraße gelegenen Wirthshause Pferdewechsel eintritt, so ist doch die den Thieren zugemuthcte Aufgabe meist eine recht schwierige, und man fühlt sich, wenn man überhaupt Gefühl hiefür hat. gleichsam mitveranwortlich für jede, dem gehorsamen Freunde des Menschen zugefügte Unbill. Diesmal, da ich auf dem Kutschbocke saß, ging mir das Geschick der beiden Pferde besonders zu Herzen. Eines davon gebeidete sich etwas unartig, überließ meist seinem Genossen die Arbeit und drohte beständig, den Wagen über den steilen, manchmal schluchtenartigen Wegrand zu schleudern. Der Kutscher, ein frischer Geselle mit schwarzen Locken, rauhem Schnurrbart und blau- grauen, schalkhaft blitzenden Augen, kannte denn auch gegen diesen halsstarrigen Unterthanen keine Barmherzigkeit und schlug ihn dermaßen mit der Peitsche, daß das arme Thier über und über mit Striemen bedeckt war. Die unmittelbare Nachbarschaft dieses Mannes, aus dessen Munde ich nicht viel mehr als Flüche hörte, war mir nicht besonders angenehm; allein ich war doch froh. so festgepackt und sicher auf diesem luftigen Throne sitzen zu können und die Pferdedecke gemeinsam mit ihm und meinem Freunde über die durchnäßten Knie breiten zu dürfen. Gern hätte ich ihn um größere Schonung seines Schutzbefohlenen gebeten, aber ich wagte es nicht, eine derartige, wenn auch noch so bescheidene Andeutung zu 256 machen, da ich gerade bei solchen Fahrten schon öfter erleben mußte, wie diese Leute oft wegen der geringfügigsten Ursachen die lebhaftesten und rohesten Hansel nicht allein mit ihresgleichen, sondern auck mit den Reisenden beginnen. So unterdrückte ich denn mein Mitleid und athmete erleichtert auf, als wir endlich den Gipfel der Mächtig vor uns aufragenden Wasserscheide erreicht hatten, wo ein Pferdewcchsel vorgenommen wurde. Da droben war es herrlich. Ein riesiger Tannenwald empfing uns in seinem Halbdunkel und hielt den lästigen Regen einigermaßen von uns ab. Von den Zweigen und Besten dieser Tannen hingen gewaltige graue Moosbärte in solcher Fülle herab, daß das Waldinnere einen ganz eigenartigen, geisterhaften Anblick gewährte. Jetzt ging es mit dem neuen Gespann frisch hinab ins Thal, und nach 3'/2 ständiger Fahrt durch mächtige Forste, über steinige Einöden und an kleinen Ansiedelungen vorbei tauchte endlich das weite Thal der Jsöre mit seinen rebenbekränzten Hügeln und seinen aus blauer Ferne grüßenden Schneebcrgen vor uns auf. Drunten liegt die Stadt im Sonnenglanze des Abends. Der Regen hat sich verzogen, und die Menschen ergehen sich in der nun kühleren Luft. Gerne verlassen wir unsre unbequemen Sitze, unsre Reisegefährten zerstreuen sich nach allen Seiten, und wir sind wieder daheim im schönen Grenoble. Recensionen und Notizen. Apologie des Christenthums. Von b'r. Albert Maria Weiß 0. ?r. I. Bd. Der ganze Mensch. Handbuch der Ethik. Dritte Auflage. Mit Approbation des hochwürdigstcn Herrn Erzbii'choiS von Freibnrg und Gut- heißnng der Ordcnsobcrn. Freiburg, Herder 1891, (XVI u. 808 S,) M. 6, geb. M. 7,80. ik. v. I,. Fort mit d,m Glauben an das Uebcrnatürliche! DaS ist die Lotung der modernen Feinde des Christenthums. In Kort und L-ckrift suchen sie unermüdlich ihren teuflischen Zweck zu erreichen. Wie sie offen gestehen, wollen sie eine glaubenslose L-itllickkeit. Und diese preisen sie an als natürliche, naturwissenschaftlich begründete, bessere Sittlichkeit. Solchen gottlosen Bestrebungen müssen wir unserseits manuhasr entgegentreten. Da heißt es, warnen und mahnen und vom Gegentheil überzeugen. Eine wahre Rüstkammer dazu bietet der jetzt in dritter Auflage erschienene erste Band der Apologie des Christenthums vom Dominikaner-Pater Albert Maria Weis;. Ohne Gott bleibt der Mensch ein Räthsel. Ohne Gotr wird des Menschen Würde entehrt. Mit Gott allein läßt sich seine Ausgabe lösen. Diese Au'gabc des Menschen nun sucht der Verfasser im 1. Bande, ganz unabhängig von allen Lehren des Christenthums, auf rein psychologischem und philosophischem Wege klar zu machen. Er verfolgt den Gegner aus dessen eigenem Gebiete und legt seinen ganzen Irrwahn bloß. Nach den Grundsätzen einer gesunden Philosophie lernen wir den Menschen kennen, wie er sein soll, den ganzen Menschen, gerecht gegen Gott, gerecht gegen die Nebcnmenschen, gerecht gegen sich selbst. Mit den Vorschriften der Vernunft zur Erreichung unserer menschlichen Vollkommenheit steht durchaus im Einklänge, was zu diesem Zwecke die Lehre des Christcnibums vorschreibt. Im Christenthum wird die natürliche Befähigung und Bestimmung des Menschen keineswegs verkümmert; vielmehr gerade von ihm deutlich erkannt und von ihm allein ernstlich und ganz zur Anerkennung gebracht. So haben wir denn, wenn auch in freierer Form, im 1. Bande der Apologie ein treffliches, überaus praktisches „Handbuch der Ethik". — Die vorliegende dritte Ausgabe ist mannigfach umgearbeitet, insbesondere in der Eintbeilung geändert. Gegenüber den 3 Abtheilungen der zweiten zerfällt die neue Ausgabe in 4 Abtheilungen: 1) die Kräfte des ganzen Menschen; 2) das Uebungsfeld des ganzen Menschen; 3) wie das Christenthum zum ganzen Menschen erzieht; 4) wie sich einer selbst zum ganzen Menschen bildet. Durch diese Anordnung wurden zwar die Vortrüge 8—15 umgestellt, die einzelnen Abtheilungen aber, dem Umfange nach, > gleichmäßiger, sowie Klarheit und Uebcrsicbtlichkeit des Ganzen nicht unbeträchtlich erhöbet. — Alle, die noch Liebe zur Wabr- beit und Gerechtigkeit haben, werden durch Lesung unseres Buches nothwendig zum Gcständniß gezwungen, daß Ebrinus mchr bloß zu Christen macht, sondern auch zu echten Menschen. Die auf seine Religion den Vorwurf schleudern, als nehme ne uns die Erde und vertröste uns auf den Himmel, wissen nickt, was sie sagen. Die kennen unsern Glauben schleckt, welche nickt erfassen, daß er auch das Angesicht der Erde erneuert bat. Wir aber, die wir Christ- Jünger bereits sind, wir haben die verantwortungsvolle, ernste und große Aufgabe, durch unsern Wandel dicier Wahrheit den Weg zu den Herzen zu bahnen. Dem Zweifler' würde selbst der letzte Aubalt zum Widersprüche entzogen, wenn alle Christen die schönen Worte Stolbergs zur That und Wahrheit machten: Ihr habt die Lehre, haltet, waS ihr habt> Sie ist's, für welche Märt'rer bluteten, Sie gibt im Leben wie im Tode Ruh', Der Dämm'rung Rübe vor dem Morgenroth, Und strahlet einst in vollem Mitkagsglanz. Baut, Cbristcn, baut auf diesen Felsengrund. Die falschen Lehrer ban'n auf falschen Sand. Wengcnmayr Florian. Der KrippleS-Verl. Eine Erzählung aus Schwaden für die Jugend und das Volk Himmlische Liebe. Eine Künstler- und Reiienovelle. Katholische Jugend-Bibliothek. Kcmpteu, Köiel. 1894. t>. Eines der Hauptübcl, an denen unsere Zeit krankt, ist unstreitig die Lesewutb, d>,e fast alle Alter, Stände und Geschleckter cr^rstfcn hat. Mir Reckt wird dagegen anmkämpfen versucht, mit Reckt wird immer wievcr auf die Gefahren hingewiesen, die darin für Glaube unv Sittlichkeit liegen. Allein so wie die Dinge nun einmal gelagert sind, ist wenig Aussicht vorbanden, daß dem Uebel erfolgreich gesteuert wird und cS kann sich daher nur darum bandeln, dein chrislkatbolischen Volke, insbesondere der heranwachsenden Jugend, gute, gediegene, vom kirchlichen Geiste durckwebte Schriftiir in die Hand zu geben. Gott Lob feblt es uns an solchen nickt; außer umern um die katholische Sacke so hochverdienten Zeüuincn und UisterbaltungS- blättcrn sei beiipielsbalber nur hingewiesen auf Männer wie Steigenbergcr, den leider allzufrüh dahingegangenen Franz von Seeburg und den unermüdlichen Konrad von Bolanven. Bezüglich des letzteren bat uns erst unlängst ein wackerer, dein Gewerbestandc angehörender junger Mann geschrieben, wie er in seinen! 21. Lebensjahre in der Fremde durch die Lektüre der kirchenscindlichen Zeitschriften „Der Feierabend" nud „Chronik der Zeit" bereits in Gcsabr war. auf Abwege zu gerathen, und wie er dann glücklicher Weise einige Lände Bolanden und auch des katb. Hausschatzcs in die Hand bekommen und dadurch in der Liebe zur Kirche wieder unerschütterlich bestärkt morden sei. Und wie vielen Andern mag es ähnlich ergeben, wie viele junge Leute fallen durch die Lektüre glaubensieindlichcr Schriften, die ja heutzutage jedem in's Haus gewinnen werben, dein Unglauben anheim. Wahrlich, jene Männer criüllen eine wahrhaft apostolische Mission, die, von Gott mit dein Charisma des Wortes und der Kunst der Darstellung bcgnadcr, znr Feder greifen, um das Volk und besonders die Jugend in der Liebe zur christlichen Weltanschauung zu erhalten und das lodernde Feuer der Ideale für daS wahrhaft Große, Gute und Schöne zu schüren. Eine vielversprechende Kraft tritt nnö im Verfasser obiger Erzählungen entgegen. Die „himmlische Liebe" bietet uns herrliche Schilderungen aus Italien, im „Kripples-Verl" schildert er in mitunter ergreifender Weise des armen LandmanneS Freud und Leid, sein stilles, gottergebenes Arbeiten und Dulden, Leben und Sterben, Straucheln und Wiederaufstehen, und dürfte nicht leicht jemand das Büchlein ohne innere Erhebung zu Ende lesen. Wengeumayr hat unstreitig reiche Anlagen zu belletristischen Arbeiten, und wünschen wir nickt bloß in seinem eigenen, sondern auch im Interesse der guten Sacke, daß er seine Kraft noch weiter ausbilde und an der Hand erprobter Meister entwickle, Insbesondere dürfte die Handlung spannender, die Fäden feiner gewoben, die Charaktere schärfer und individueller gezeichnet und von allen Uebertreibungen nach der einen wie nach der andern Seite freigehalten werden. Der katholische Schriftsteller kann dem «katholischen nicht auf das Gebiet des Pikanten und Prickelnden folgen; aber gut schreiben, lebendig, fesselnd, feurig, das kann und soll auch er. In diesem Sinne rufen wir dem jugendlichen Verfasser ein wohlgemeintes „Glück auf" zu. Lerantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabhcrr in Augsburg. tt,'. 33 1894 . Das Martyrium der thebäischen Legion. Vvn Dr. Bernhard Sepp. (Schluß.) II. Schon hieraus hat der Leser ersehen, daß die Argumentation Stolle's kaum ernsthaft zu nehmen ist, sondern eher geeignet sein dürfte, uns ein Lächeln zu entlocken. Recht eigenthümlich muthet uns daher seine Schlußfolgerung auf S. 63 an: „Euchers Werk ist also nicht mehr der reine und ungetrübte Niederschlag dessen, was ihm seine Gewährsleute erzählten." Ist es ihm doch nicht gelungen, auch nur eine einzige Quelle außer der Ortstradition namhaft zu machen, aus welcher Eucher irgend etwas über das Martyrium der thebäischen Legion erfahren konnte. Im Gegentheil versichert Stolle au anderer Stelle (S. 79 f.) selbst, daß kein Schriftsteller vor Eucher von diesem Martyrium Erwähnung thue. Da nun aber kaum anzunehmen ist, daß Eucher die Einzelheiten seines Berichtes frei ersonnen habe (vgl. Stolle S. 81 f.), so erhellt, daß er sie nur den von Bischof Isaak hinterlassenen Aufzeichnungen entnommen haben kann. Allerdings mag zugegeben werden, daß dabei manches Mißverständniß mitunterlaufen sei, denn gewiß in Eucher im Irrthum, wenn er die ganzes thebäische Legion das Martyrium erleiden läßt und den Borfall in die Zeit der großen Chriflenvcrfolgung der Jahre 303—305 verlegt. Immerhin können uns solche Verstoße nicht hindern, die Meldung der Legende, daß eine größere Anzahl von Thcbäern ") nach zweimaliger Dezi- mirung zu Agannnm niedergehauen wurde, in ihrem ganzen Umfang aufrecht zu erhalten. Stolle irrt nämlich auch darin, daß er meint (S. 65) „es werde nur immer vergebliche Blühe sein, die Erzählung Euchers mit dem, was wir von der Geschichte dieser Zeit wissen, in Einklang zu setzen", denn so lückenhaft uns auch die Geschichte Maximians überliefert ist,'^) gibt sie uns doch einen deutlichen Fingerzeig, in welches Jahr wir das in der Legende geschilderte Ereignis; zu verlegen haben. Wie wir nämlich aus einer Rede (des Eumenins?), welche am 1. März 29? zu Trier gehalten wurde, erfahren, zog Maximian im Herbst des Jahres 296 zur Unterdrückung eines Aufstands in Mauretanien mit einem Heere von Gallien (vom Oberrhein) über die Alpen nach Italien und Afrika,") und es unterliegt keinem Zweifel, daß er bei dieser Gelegenheit den Weg über den irrc>i,8 '") Alte Martprologicn, wie das von H. Rosweyde herausgegebene Llartzwoloxinmilomannm, die Kcllendcirien von Biineriin and Bcck sprechen nur von Mauritius und seinen Genossen, ohne eine Zahl zu nennen. ES ist daher recht wohl »löblich, daß nur eine Coborte (die cokors wiliaria?) von dem schrecklichen Schicksal betroffen wurde. ") Da die Tbchais zum Verwaltungsbezirk Orient geborte, so ist der Ausdruck Euchers -Tbsbasi ab Orionti» partibns acciti venerant« ganz richtig. Die Legionen der Tkebäer scheinen erst durch Maximian, ConstantiuS Cblorus und Diokletian gebildet worden zu sein, vgl. Xot. äiAin Orientis o. VI u. VII: -Triwa Llaximiana Tbsbasorum-, »8scunäa Xlavia Oonstantia. Tbsdaeorum-, »Tertia Oioeietiana Tbsbaeorrnn-. "0 Näheres über die Fcldzüge Maximians erfahren wir — was Stolle seinen Lesern klüglich verschweigt — nur gelegentlich aus einigen Paneghrikern, wie Maincrtinus, EumcniuS, und aus Inschriften. Der Beweis sx silsutio ist daher hier wenig am Platze. Im Frühjahr deö I. 296 hatte sich Maximian von Aquilcja her (wo er noch am 31. März 296 weilte, s. H. Schiller kenninus (Gr. St. Bernhard) nahm. Er muß mithin damals Agaunum (— 'Uurnnia, wo eine Abtheilung der 22. Legion Llloxanclriana. pirr kickslm ibre Station hatte, s. Mowmsen, Inser. ccwkoeä. Ilolv. lab. n. 14) und Octodurum pafsirt haben, und zwar um dieselbe Zeit, um welche die Ueberlieferung das Martyrium der Thebäer ansetzt (22. Sept.). Dieses merkwürdige Zusammentreffen der Umstände macht es wahrscheinlich, daß der von der Legende berichtete Vorfall im Herbst des Jahres 296 stattgefunden habe, zumal sich weder vorher noch nachher ein geeigneter Zeitpunkt für dasselbe ausfindig.machen läßt. Denn das Ereigniß früher anzusetzen, verbietet die bestimmte Meldung des Euscbius und Lactantius, daß die diokletianische Christenveifolgung um's Jahr 297 (wohlgcmerkt beim Heere) begonnen habe."") Später kann dasselbe aber darum nicht fallen, iveil Maximian erst Ende des Jahres 307, also lange nach dem Aufgören jener Verfolgung, nach Gallien (ohne Heer) zurückkehrte und bei dem ersten Versuche, sich gegen Konstantin zu erheben, den Tod fand (im I. 310). Wir haben also einen sicheren Anhallspuukt für die Datirung jenes Borfalls gewonnen und nur noch zu untersuchen, ob eine solche Härte dem Charakter Maximians entsprach. Auch dies kann kaum in Abrede gestellt werden, da alle Autoren, welche uns Nachrichten über sein Naturell hinterlassen haben, versichern, daß er äußerst jähzornig, grausam und jeder Bildung bar gewesen sei."') Berücksichtigen wir zudem, daß das schlechte Beispiel des Ungehorsams leicht ansteckend wirken konnte, so darf es uns nicht wundern, wenn er eine Insubordination im Heere mit der größten Strenge bestrafte. Wahrscheinlich hatten sich die Thebäer in dem Momente, wo sie den Paß überschreiten sollten, geweigert, Gallien zu verlassen, um nicht gegen ihre christlichen^) Mitbrüder und Mitbürger in Afrika (die Mauren) kämpfen zu müssen, denn unter dieser Voraussetzung lösen sich alle Schwierigkeiten. Aber selbst wenn unsere Vermuthung irrig wäre und es uns niemals gelänge, das wahre Motiv jenes Massenmords zu eruiren, würde die Glaubwürdigkeit jener Tradition dennoch keine Einbuße erleiden, denn der Werth einer geschichtlichen Ueberlieferung hängt selbstverständlich nicht davon ab, daß wir sie heute, d. i. nach 1600 Jahren, a. ci. O. S. 133 A. 5) nach dem Nhcin begeben, nni in Gallien während ver Abwesenheit des ConstantiuS Cblorus (der eine Expcdiiion nach Britannien unternommen baue) die Nabe aufreckn zu erhalten. Nach der Nückkchr des ConstantiuS nach dem Contincnt, die erst im Laufe des Herbstes eriolgte, zog Maximian in seine Provinz zurück, da sich inzwischen die tzuingnoAentanei in Maurecanien crboben hatten, s. H. Scknller a. a. O. S. 136, 8. elnr. Victor äs Oassar. 39; Ikutrop. brov. IX, 15; ckorn. äs rsb. get. cax. 21; Incsrti pans^xr. Oonstantio Oaesari ckiet. (1. März 297) cap. 5: reservetnr uunriis iam iamgus vsnisntibus dlauris iniuissa vastatio, vgl. ibick. eap. 13. °") Siehe H. Schiller, Geschichte der römischen Kaiserzeit Bd. II S. 153 s. 2') S. 8. ilur. Victor, spit. etc Oaesar. cap. 40: »Lmrelius dkaximianu!!, csAnomento Herenlius, ksrns nalura, aräsns libickins, consilio stoliäus, ortri agrssti kannonioqns.« blutrop. brsv. IX, 16: -Horcntins antsm propaiam ksrns st incivilis intz'onii, asperitatem suam etiain vultus Horrors siguiticans;« X, 2 (Ilsrcniins) > vir all omusm aspsritatem sasvitiamgus proclivns, inüäus, iucowmoäus, civilitatis psuitus sxpsrs«; vgl. Lactantius äs mort. psrsse. 8. ") Daß das Christenthum in der Thebais und in Mauretanien in jener Zeit sehr verbreitet war, lehrt Eusebius bist. esel. VIII, 6 u. 9; äs wart. kalasst. cap. 8; vgl. Tertnllian aäv. änä. 7. 258 noch strikt beweisen können, sondern umgekehrt muß eine Legende, welche so alt und so gut bezeugt ist, wie die vorliegende, so lange für zuverlässig erachtet werden, bis die Unmöglichkeit des darin erzählten Faktums unwider- leglich dargethan ist?") Letzteres dürfte aber bei der Thebäerlegende kaum jemals gelingen, denn Fälle von Nieder'metzelung rebellischer Truppeutheile kamen, wie Stolle S. 76 selbst zeigt, bei den Nömern im Laufe der Jahrhunderte mehrmals vor. Auch ist es kaum denkbar, daß ein Tyrann, wie Maximian, der höhere Offiziere, wie Mauritius. Exuperius, Candidus (nach Stolle), nicht schonte, den gemeinen Mann habe straflos ausgehen lassen. Mithin dürfen wir aus dem Umstände, daß die Legende nur jene drei Märtyrer mit Namen nennt, nicht ohne weiteres mit Stolle (S. 82) folgern, daß diese die einzigen Opfer der Rache Maximians gewesen seien. Ebenso unzulässig ist es, wenn Stolle aus dem Schweigen des Eucherius bezüglich der rheinischen Thebäer") den Schluß zieht, daß die Nachrichten, welche von solchen überliefert sind, falsch seien. Vielmehr müssen wir, da bereits Gregor von Tours deutlich von thebäischen Märtyrern, die zu seiner Zeit — und wohl schon lange vorher — in Köln verehrt wurden, spricht, "") annehmen, daß Maximian seinen Cäsar Konstantins auf die Un- botmäßigkeit dieser Truppe aufmerksam gemacht und ihn zu strengem Einschreiten gegen die Kohorten der Thebäer (und Mauren), welche in den Garnisonen von Köln, Lanten und Bonn lagen,"") ermähnt habe. Allerdings mochten mehrere Wochen verstreichen, bis ein darauf lautendes Schreiben des Kaisers am Niederrhein anlangte und dort in die That übersetzt wurde. Da aber die Mariyrologien in der That erst den 9., 10. und 15. Oktober als Tage der Hinrichtung der rheinischen Thebäer und Mauren bezeichnen,"") so stehen sie mit der Passiv Suchers im besten Einklang und dienen vortrefflich dazu, dieselbe zu bestätigen und zu ergänzen. III. Damit schließen wir diese Betrachtung und wenden uns nun dem im Anhang obiger Dissertation S. 101 f. Stolle scheint umgekehrt nichts Ueberliefertes für wahr zu hallen, was sich nicht heute noch, nachdem so viele Schriften und Denkmäler des Alterthums untergegangen sind, auS gleichzeitigen Autoren erweisen läßt! "0 Da Eucherius ex xrokssso nur von den agaunensischcn Märtyrern handelt, so harte er keine Veranlassung, von den außeraaaunischen Thebäern zu sprechen, falls er überhaupt von dieser Lokaltradition der Kölner, Lantener und Bonner Bevölkerung wußte. 2°) vs Zlor. mark. oax. 62. Wenn Gregor hiebet den Ausdruck äiouutur gebraucht, so will er damit gewiß nicht, wie Stolle ihm unterschiebt (S. 41). andeuten, daß dies nur ein Gerücht war, sondern vielmehr sagen, daß in Köln eine solche Tradition vorhanden sei. Da er aber ferne vorn Nheine in Tours lebte, so darf eS uns auch nicht wundern, wenn er sich über die Zahl der Märtyrer schlecht unterrichtet zeigt (auf der Gesandtschaftsreisc, von der er bist. eeel. VIII, 13 f. spricht, berührte er nur Koblenz und Trier und fand wohl kaum Zeit, antiquarische Studien zu machen). Er kennt die rheinischen Thebäer offenbar nur vorn Hörensagen, und da er nur die Wunder, die ihm zu Ohren gekommen waren, erwähnt, hatte er auch keine Ursache, alle Märtyrer des NheinlanbS aufzuzählen, geschweige denn bei jedem einzelnen anzumerken, ob er Thebäer war oder nicht. Mithin ist aus seinem Schweigen nichts sicheres zu schließen. 2 °) Während die Legionen der Thebäer in der Hot. äiFuit. nach dem Osten verlegt erscheinen, werden darin noch Mauren in Gallien aufgeführt (in der Vendöe und Bretagne); vgl. noch Friedrich K. G. D. I S. 135. 2') S. chlorentillius Vstust. oooiä. scelss. martyrol. Imeea. 1668 S. 907. 910, 919. L. 88. Soll. Ootob. XIII S. XXIV f.; die Kalepdarien von Beck und Binteriin u. a. m. (aus Ruinart) abgedruckten Texte der Passiv zu, da Stolle auch diesen corrigiren möchte. Leider ist er in seinen Emendationsversuchen wenig glücklich. Wohl stimmen wir ihm bei, wenn er jenen Passus des Kapitels VI, welcher von Urfus und Victor, die, am 30. September zu Solothurn gemartert wurden, handelt, als spätere Interpolation betrachtet (s. Exkurs I S. 84 f.), weil derselbe in direktem Gegensatz zu den unmittelbar vorausgehenden Worten des Eucherius "") steht und darum nicht von ihm herrühren kann. Dagegen sehen wir keinen Grund, das ganze Kapitel VI zu eliminiren, denn weder unterscheidet sich die Sprache desselben von der der vorausgehenden Kapitel, noch erregt die Stelle, welche der Bericht über Victor einnimmt (hinter der Erzählung von den Thebäern), Anstoß, da Victor nicht zn den Thebäern zählte, überhaupt nicht Legionssoldat, sondern Veteran war. Dazu kommt, daß Victor bereits in den Akten der Synode von Agaunnm (im I. 515), ferner in den um die Mitte des sechsten Jahrhunderts entstandenen vitas abstatuin cklZuunsnZiunr mit Namen aufgeführt wird und Venantius Fortunatus (P 600) in feinem Hymnus auf die Thebäer von yuatuor pi^nora, savata prooerum spricht (s. Stolle S. 16 A. 1 u. S. 17), unter welchen Victor jedenfalls mitinbegriffen ist?") Es kann daher nicht mit Fug be- stritten werden, daß auch Kapitel VI der ersten Recension angehört. ^-Ebenso unstatthaft ist es, wenn Stolle das von Ruinart in den Text gesetzte oiroa, Ootociurura (oax. II) in ocito äieruin verändert. Denn für's erste verlangt der Ausdruck as tonsstat: (er hielt sich auf) eine nähere Bezeichnung des Ortes, wo sich Maximian aufhielt; zweitens ist eS zwar recht wohl möglich, daß 2°) -Nase nobis tantnm äs numero illo Ilart^rum eom- psrts, saut nomina, iä sst, bcatissimorum Llaurion, Kxuperii, Oanäiäi atgus Vietoris, osksia voro nobis guiäsin inooAnita, ssä in libro vitas soripta. sunt.« Hieraus folgt natürlich nicht, daß das Martyrium des UrsuS und Victor erfunden sei. 2b) Die altgallikanische Messe (Stolle S. 106 f.) spricht nur im allgemeinen von den hl. Agauncnsern, zu welchen ja auch Victor gehört. Zudem gilt der Satz: »a potiori üt äo- uoiuinatio«, was Stolle S. 35 s. übersehen hat. Auch auf die Mariyrologien darf sich Stolle für seinen Zweck nicht berufen, da er vorher (S. 23 f.) die Zuverlässigkeit und Vollständigkeit derselben in Zweifel gezogen hat. Uebrigens kann die Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, mit welcher Stolle über die Mar- tyrologien urtheilt, nicht strenge genug gerügt werden, und es findet dieselbe nur in der Unerfahrcuhcit dcS jugendlichen Forschers eine gewisse Entschuldigung. In Wahrheit verhält es sich mit den Martyrologien ebenso wie mit den Werken veralten Autoren. Wie es von den letzteren gute und schlechte Handschriften gibt, so gibt es auch gute und schlechte Texte der Martyrologien. Niemand aber wird darum ihr Zeugniß ohne weiteres verwerfen, sowenig als wir die Bücher der Alten darum gering achten, weil sie uns nicht in ihrem unverfälschten Wortlaut erhalten sind. Ein verständiger Forscher wird vielmehr die ältesten und besten Handschriften der Martyrologien mit einander vergleichen und den ihnen gemeinsamen Text zn eruiren suchen, da dieser dem Originaltext am nächsten kommt. Aus diese Weise läßt sich auch Klarheit über den ursprünglichen Inhalt und die späteren Zusätze und Erweiterungen gewinnen. Nebenbei bemerkt, scheint Stolle nicht einmal den Unterschied zwischen Kalendaricn und Martyrologien zu kennen. Kalendarien sind Tabellen in Kalcnderform, welche die kirchlichen Feste und die Gedäcbtnißtage jener Heiligen enthalten, die in einer einzelnen Kirche, Diöcese oder Kirchenprovinz gefeiert wurden. Martyrologien dagegen sind kalenderartige Verzeichnisse der Märtyrer und Bekenncr verschiedener Diöcesen, ja der ganzen Erde. Die älteren Martyrologien enthielten, wie Gregor d. Er. (roglstr. existolar. VIII, 29) uns bezeugt, nur die Namen der Heiligen, ferner Ort und Tag ihres Todes. Erst Beda erweiterte den ursprünglichen Plan dahin, daß er (unter Beibehaltung der Kalcnderform) die nähere» Umstände der Lebens- und Leidensgeschichte der genannten Heiligen angab. Ihm folgten Florus, Ado u. a. m. 259 ein späterer Abschreiber den ihm unbekannten Ortsnamen Oobocluruw mit ooto äisrniu vertauschte, dagegen kaum glaublich, daß octo äisrnm in Ootoäurnm verwandelt worden sei. Auch steht es durchaus nicht fest, daß der Kaiser Maximian von Mailand kam, welches nach Stolle S. 70 etwa acht Tagmärsche (189 röm. Meilen — 80 Wegstunden) von Agaunum entfernt ist, und daß er diese Reise nirgends unterbrach; nach unserer Vermuthung kam er vielmehr vom Nheine her. Endlich ist die Lesart circa, Octcärrrnnr durch den Wortlaut der zweiten Recension, welche eine frühe Ueberarbeitung der ersten ist, gestützt und paßt vortrefflich zu den vorausgehenden Worten der Passio „ülaxirnianus nvn Icu^c afferab", da Octodurum nur 12 röm. Meilen (— 4 Wegstunden) von Agaunum entfernt lag. Oax. V ist für §rsx äominicarnva vvinm die Lesart des coä. ffurensis Zrsx äomiuicns oviurn herzustellen, vgl. coä. Oarol. sä. TaM ex. 10: ns äi- sxerg'Lvtur anrxlius oves Oominici §re^is (Mntth. 26, 31; Zach. 13, 7; Mark. 14, 27). Für „von tantura totere ackclinis" (cax. VII) bieten zwei Handschriften der Münchener Hof- und Staatsbibliothek, nämlich atm. t 8220 (Dcx. 220) s. X u. clm. 22020 (tVessok. 20) s. XII, wohl richtiger „nuo tanturn 1 obere oä- clivis". In der iuamototio wissac (— Präfation) der altgallikanischen Messe ist für nee crun tontis ut (Stolle S. 108) offenbar nee unvtoti surrt zu lesen; weiter unten mag iro oder rotstes vor inimivoruin ausgefallen sein. Zu S. 109 Drojauuin uet Xanten bemerken wir: Die Bezeichnung Drojauum für Tanten stammt davon her, daß unweit von Tanten (— eostra vetero) die ootonio Drasaua angelegt war. Dieser letztere Name wurde frühzeitig zu Iroio in Beziehung gebracht (s. den Anonymus Ravcnnas); daher auch die (schon von Fredegar OrsA. Dur. trist, exitow. 2 berichtete) Sage, daß die Franken (welche Tanten eroberten) von dem alten Troja gekommen seien und am Nheine eine zweite Stadt dieses Namens angelegt hätten. Hie- durch wird die Ansicht Stolle's S. 41 hinfällig, daß der Name Drojonuiu für Tanten vor dem 11. Jahrhundert in der Literatur nicht vorkomme. Uebrigens haben wohl die Bollandisten Recht, wenn sie behaupten, daß die von Mombritius Louutuorruui I, 217 v. edirte kassio sancicruru Oassü «t tilorsrrtii rnaitxrnrrr curn socris eornin et Ocrcouis uuur sociis eins nur ein Auszug aus dem Sermon des Cisterziensers Helinandus (1- 1227) sei (s. H.. 88. Volt. Oot. V S. 36 f. vgl. ebenda S. 17 v. 15), denn erst Heliandus scheint die thcbäischen Märtyrer der Orte Agaunum, Köln, Bonn, Tanten mit einander in Zusammenhang gebracht zu haben. S. 110 ist unter Llcr^issslns LZrixpivos co- clcsias sxiscoxus jener Lkcr^isilus zu verstehen, den Gregor von Tours äs §1or. ruort. 61 und 62 bei einer ähnlichen Gelegenheit erwähnt. Vgl. über ihn noch Irrst. ccclss. X, 15. Ueber Schul- und Studienwesen. (Schluß.) Unsere Vorfahren gaben den öffentlichen Schulen den herrlichen Namen „Werkstätten des Geistes Gottes". Auch Herder wünschte, es möchten unsere Schulen solche erhabene Werkstätten sein; als er fühlte, wie weit auch in seiner Zeit die Schulen davon entfernt seien. Und er schrieb (in seinen Schulreden): „Wir wissen Alle, daß unsern Zeiten (und 1894 erst recht!) noch immer, wie vor einem halben Jahrhundert, der Vorwurf gemacht wird, daß nicht, wie in den alten Zeiten, unsere Weisheit im Leben ausgedrückt wird — und von den Sitten ausgeht und auf Sitten zurückführt. Sie — die Weisheit — wohnt bei uns mehr im Kopf, als im Herzen — und hat meistens mehr unser Gedächtniß berührt, als unsere Denkart und Sinnesart gebildet. Die unermeßliche Luxurie in den Wissenschaften, ihre fast unübersehbare Vermehrung Hai uns zu Sklaven der Wissenschaft gemacht — oft ohne alle Selbstbildung —: wie manche Jugendseele ging im trügerischen Organ des Vielwissens, der,Allgelehrsamkeit' unter." So weit — Herder. — Diese und ähnliche alte Mahnungen scheinen in der modernen Gclehrtenwelt spurlos verhallt zu sein. Eine weitere Eosstimme aus dem Jahrgang 1826 — S. 124 — bietet ebenfalls einen vortrefflichen Spiegel für unsere Zeit. Der Verfasser anerkennt vollständig, daß die Wissenschaften nothwendig; er hätte „auch nichts gegen die Aufklärung", aber meint — und mit Recht, daß man „mit diesem Worte — besonders bei den Oppositionsgliedern der Religion — Etwas mit diesem Namen nennt, was das reine Licht der Wahrheit eher trüben, als die Finsterniß des menschlichen Geistes aufzuhellen scheint". „Die Zeit ist bei Vielen noch nicht vorüber, wo man glaubte, der Mensch müsse so frühzeitig als möglich über religiöse Dinge verständigt' — das heißt, auf ganz natürliche Weise über Gott, menschliche Bestimmung u. s. w. unterrichtet werden; dagegen — ohne bei diesen Dingen lange zu verweilen — mit besondern! Eifer über seine gesellschaftlichen Interessen aufgeklärt und in Allem, was ihm in der Welt Ruhm, Ehre, Nutzen, Vortheil und Genuß gewähren kann, ausgebildet werden." Man hat nach dieser Meinung länger als ein halbes Jahrhundert hindurch die Menschen zu erziehen und zu unterrichten gesucht —: und auf diese Weise der Selbstsucht das Vernichtungsschwert gegen Thron und Altar, gegen Personen und Eigenthum — und gegen die wahre Freiheit und Gleichheit in die Hand gegeben. Wegen der geistigen Vcrirrung will nun der Verfasser den Geist durchaus nicht in Fesseln geschlagen wissen; aber er fordert eine vernünftige Erziehung und Bildung, und zwar auf wahrhaft christlicher Grundlage. Er weist hin auf die Ungeheuerlichkeit des wissenschaftlichen Strebens, auf das „unübersehbare Feld von Theorien und besonders auf die Anforderung an die Jugend, wo durch übermäßige Anhäufung gelehrter Kenntnisse der Geist überladen, jede freie Entwicklung gehemmt, die klare und zweckmäßige Anordnung — und eben dadurch einzig mögliche Benutzung des Gesammelten erschwert, jeder Beurtheilung die eigene Ansicht, jeder Mittheilung die belebende Kraft entzogen — und somit der Geist in jene unbegreifliche Lage versetzt wird, wo er nichts zeigen kann, als das Gewicht der auf ihm lastenden Schätze (die Schütze selbst aber nicht)". „Wir haben (sagt unsere Eosstimme weiter) vor lauter Aufklärerei den erleuchteten und erleuchtenden Glauben, vor lauter Gelehrsamkeit den nüchternen, reinen Sinn und daher auch das klare, faßliche Wort, mithin vor lauter ,umfassender Kenntniß und Verständigkeit' das rechte Verständniß unserer selbst und alles dessen verloren, was uns zunächst liegt." Wiederholt verlangt der Verfasser die Pflege des religiösen Geistes in den verschiedenen Fächern der Wissen» schuft (also auch — und hauptsächlich sogar an deu Universitäten!), indem er sagt: „Die Philosophie muß zur Wahrheit und zur Tugend führen; aber nicht zu dieser oder jener Wahrheit eines Systems, dessen Principien die Philosophen selbst in die größten, die Philosophie selbst herabwürdigenden Streitigkeiten verflechten, sondern zu jener Wahrheit, die in Gott ist; aber wieder nicht in dem von den Philosophen bald so oder so aufgefaßten Gott; sondern in dem ewig unwandelbaren Geiste des uns von der Religion gelehrten einzig wahren Gottes." Wie man nun christliche Philosophie lehren müsse, ebenso verhält es sich mit der Geschichte, der Rechts- und der Naturlehre älterer und neuester Literatur. Alan trage nichts in die Geschichte, man bürde ihr nichts auf, man mache nichts Uuheiliges aus dem Heiligen, nichts Falsches aus dem Wahren, nichts Ncchtsloses aus dem Rechte, nichts Nanmvivrigcs aus Natürlichem. Man lehre jedes Fach in der ihm eigenthümlich (naturgemäß) zukommenden Weise — in klarer Ordnung, jedes für sich, in harmonischer Verbindung zu- und untereinander — und in gleicher, reiner Beziehung auf ihr Allgemeinesund „Höchstes — auf Gott". — So wird ein Glauben, der beseligt, ein Wissen und Handeln, das fruchtet, erzeugt; so erreicht die Schule ihre rechte Bestimmung; die Wissenschaften werden erlernt, ohne daß man die „freien" Studien versäumt; der Mensch reift übcrdieß noch zu ciwas Besserem, als zum bloßen nä lwo. Aber was dieses aä !ic>o betrifft, so wird er nicht nur unterrichtet genug sein, allen Anforderungen seines Gcschüstsberufes entsprechen zu können, sondern auch gewissenhaft und redlich genug, um dem Staate, dem er dient, genügen zu wollen. Also die Philosophie nicht von der Schule verbannen; aber jene Philosophen und Lehrer überhaupt, welche nicht für die positive Religion und die allgemeine Wohlfahrt des Staates eintreten, sondern nach besonderen Absichten erziehen und bilden; deren ganzes Dichten und Trachten dahin zielt, gewisse „Lieblingsidecn der Zeit als vorzüglich einer politischen Partei, einer philosophischen Schule (Zunft) oder religiösen Sccte in den Geist der Jugend zu verpflanzen. — Nach den modernen Weisen müßten, weil die Zeiten wechseln, auch der Glaube und die Ueberzeugung sich ändern, und das Recht und mit ihm die Einrichtung und Verfassung des Staates sich beständig umgestalten". Paffen nun wohl diese Worte, welche vor längst 60 Jahren gesprochen, etwa nicht für unsere Zeit? Man hat auf gewissen Seiten von jeher nicht unterschieden zwischen verändern und richtig verbessern — vervollkommnen. In diesem Sinne soll und mnß die Welt, die Menschheit immer fortschreiten. Der wahre Fortschritt vollzieht sich nach bestimmten Entwicklungsgesetzen, welche die Vernunft im Bereiche des göttlichen Offcnbarungslichtes erkennt. Wohin aber — bei aller Intelligenz — der Fortschritt führt, welcher dieses göttlichen Lichtes sich entzieht, das bezeugen uns — leider in nur zu sinnenfälliger Weise — die Früchte des neuparadiesischen Erkenntnißbaumes, dessen Schlangenkrone nicht mehr der Socialdemokratismns gemeinhin ist, sondern der Anarchismus — das ist der völlige religiöse und politische Nihilismus. Senden wir für unsere Sache nun auch einen Blick in die altheidnische Cultnrwelt. Wie beschämen viele alte heidnische Weltweisen die modernen „Weisen" im christlichen Zeitalter! Wie haben sie doch bei ihren verschiedenen Studien immer die Gottheit gesucht und das Verhältniß des Menschen zu ihr! Mit welcher Ehrfurcht haben sie ihre religiöse Pflicht erkannt und bethätigt. Und wie haben sie vor Allem darauf gedrungen, daß die Jugend religiös erzogen und gebildet — und tugendhaft werdet Denn „die Seele des Menschen ist", wie Cicero lehrt, „gleichsam ein Tempel der Gottheit". Wie scharfsinig, herrlich überraschend, als von einem Heiden kommend, ist seine Erklärung oom Gewissen — von der „nruFnn vis aonsoisntüns etc."*) —und über die Pflichten des Menschen zur Gottheit. Gerade in diesem religiösen Suchen dieser Heiden ist ihre Vernunft erstarkt und erhellt worden, und so ward ihnen die Tugend nicht nur von hohem Werthe, sondern eine heilige Pflicht, und in diesem Sinne erzogen sie die Jugend und lehrten sie die Weltweisheit. Wie hoch auch immer die alten Weisen Griechenlanos und Roms die Wissenschaften schätzten und ihre Pflege förderten, sie achteten sie dennoch wenig, wenn sie nicht zur Tugend leiteten. Ja, sie hielten sie nicht nur für nichts, sondern sogar für gefährlich, wenn sie ohne Gottesfurcht waren, denn sie vermöchten so nicht einen einzigen sittlichen Fehler zu verbessern, nicht die Leidenschaften zu zähmen, sondern sie würden im Gegentheil sie entzügeln und besonders die Jugend hochmüthig machen. Aehnlich spricht Seneca (Lpto. 59), der namentlich den Grundgedanken des Platon folgt: der Endzweck der Erziehung und Bildung sei — die Jugend tugendhaft zu machen; und daß derjenige, der sich von diesem Endzweck entferne, bei all seinen etwaigen sonstigen Verdiensten der Hochachtung und des allgemeinen Beifalls nicht werth sei. Ach — wenn unsere modernen Gelehrten doch beherzigen möchten, was die alten Weisen in ihrer heißen Sorgfalt für die Erziehung und Bildung der Jugend geschrieben und gelehrt haben! namentlich Platon, L'cnophon (in seiner herrlichen Cyropä), Cicero, Seneca, Quintilian — schon diese genügen. Zum Schlüsse wollen wir noch einen besonders zu beherzigenden Punkt des Universitütslebens in Betracht ziehen. Ein höchst wichtiges Kapitel ist die „akademische Freiheit". Die vielen Unbotmäßigkciten, ärgerliche, nicht selten scandalöse Auftritte an den Hochschulen bezeugen klar, daß hier tiefere Uebelstände herrschen, als man gebotenen Ortes sich zugestehen will. Der akademische Bürger ist denn doch noch mehr Jüngling als Mann; da herrscht noch die üppige Kraft — und lodert heiß die schwer zu zügelnde Phantasie: mit diesen Mächten eint sich nicht Maß und Ziel, wenn der Freiheit nicht als Correctiv die religiös-moralische Kraft zur Seite steht. Aber — selbst diese muß verloren gehen — und zwar positiv und negativ zugleich, wenn der Hochschüler ohne religiöse Uebungen, ohne moralische Veredelung mehrere Jahre hinbringt — und dazu noch vom Katheder herab Lehren vernimmt, welche die letzten Wurzelfasern seines positiven Glaubens zerstören. Da muß man doch Respect vor England haben. Die Britten haben es längst erkannt, daß unter den Sternen nur eine relative Freiheit möglich ist — und daß diese auch bei der studierenden Jugend ihr Correctiv in der Religion haben muß: darum gibt es in England keinen „Tempel der Wissenschaft" ohne einen Tempel *) Man lese nur von Cicero äs Usx. lib. n. 44, n. 59; üb. II n. 8—13,15; dazu pro LIil. n. 63; äs nai. vsor. Üb. II n. 164; lib. I äs Oküo. o. 10 u. s. w. L61 der Religion. Ja, an den englischen Universitäten herrscht noch eine Liebe zur Wissenschaft, eine tiefernste Verinnerlichung in dieselbe und eine strenge Ordnung nach jeder Richtung hin. Und dennoch werden auf den englischen Universitäten Charaktere gebildet, welche dann im öffentlichen Leben auftreten erhobenen Hauptes als Männer des freimüthigsten, kühnsten Wortes; während gerade jene unserer akademischen Bürger, welche immer die „Freiheit" im Munde haben, dann in ihrem Berufsleben zumeist sich knechtisch beugen, aus — Selbstsucht, wenn sie einstehen sollten für das wahre Wohl des Staates und die Rechte des Volkes, oder — für die Rechte der Kirche! Ich schliche mit den Worten: Wo immer ein Volk wahre Macht und wahre Größe errungen — und aufrecht erhalten hat, so konnte das nicht geschehen durch die rohe Gewalt der Waffen, sondern durch jene oft wunderbar wirkende Doppelkraft von Moral und Intelligenz, welche da ist Frucht des erhabenen Bündnisses zwischen Religion und Wissenschaft. Darum, ihr Lehrer der Jugend insgesammt: Q pfleget Uefbcsorgt den Wisscnö-Drang! So daß er stets auf jenen Weg auch leitet, Darauf, gleichwie ninrauscht von Engclsang, Der Mensch der Gottheit immer näher schreitet. Augsburg. Joh. Gg. Fußenecker. Maria Luschari nnd Pontebba. Von Cölcstiu Schmid. Niederösterreich hat sein Maria Taferl, Steiermark sein Maria Zell, das kärntische Gebirgsland sein Maria Luggau und Maria Luschari. Ersteres, tief in einem rauhen Thale der krainischen Alpen verborgen, nahe der Tirolergrenze, hat seinen rein deutschen Charakter bewahrt, letzteres, in den julischen Alpen auf dem 1800 irr hohen Luschariberg gelegen, bildet den ideellen Mittelpunkt von deutschen, italienischen und slavischen Cultur- elementen. Au der Paßhöhe von Saifnitz, unweit der italienischen Grenze, schaut der schöne Berg auf das von der Poutebbabahn durchfahrene, im Anfang überwiegend deutsche, später fast rein slavische und schließlich italienische Cannl-Thal herab. Gegen Osten liegt die alte Mark- grafschaft Friaul, in ihrem nördlichen Theil überwiegend slavisch mit romanisirenden Elementen, in die hellen Fels- thäler der Venetianeralpen gebettet, gegen Nordosten liegt krainischcs Land, gegen Norden deutsches Drangebiet, das Villacherland, gegen Westen das halb Windische halb deutsche Gail-, das rein deutsche Bleibergerthal, gegen Süden beginnt sehr bald die italienische Grenze. Wir fahren von Villach aus an dem jetzt weithin bekannten Tarvis vorbei bis zu dem fast rein slovenischcn Paßdorfe Saifnitz. Den ganzen Weg begleiten unS links, immer schärfer, schließlich gigantisch ansteigend, die Felshöhen der julischen Alpen. In der Nähe unserer Haltstation bricht von denselben der wilde Luscharigraben herab, der allen Jngenicurkünsten zutrotz seine Wasser immer wieder vcrmnrend thalwärts schickt. An dem Rande des klüftigen Bettes steigen wir aufwärts. Bald belebt sich der Weg in bezeichnender Weise. Bald da, bald dort treten uns wie hinter Bühncukulisscn hervor zerlumpte, gebrochene Bettlergestalten entgegen. Das ist ganz begreiflich. Morgen ist einer jener Marientage, an denen der Berg von 2000—3000 Wallfahrern besucht wird. Ueberhaupt wälzen die umliegenden Gemeinden ihre Armenlasten so ziemlich auf den „heiligen Berg" ab, und die Platzverhältnisse der Bettler sind demgemäß auch ganz offiziell geregelt. Nach zweistündigem Steigen führt der Weg auf eine kleine, grüne Hochmulde, umsäumt von Tannenwald und breitgelagerten Bergkuppen. Zur Rechten taucht der sanfte Felskegel des Luschari aus dem zwerghaft Hinaufstrebenden Tannengrün. Auch die Kirche mit einigen der Unterkunftsgebüude zeigt sich, malerisch die Höhen umfassend. Marientag! Eben zieht eine kleine Schaar, im Abstiege begriffen, am Fuße der Felskuppen über die grüne Mulde hin. Bereits dringen die abwechselnd gesungenen, choral- artigen Gesänge zu uns herüber, so daß wir den Text als Gemisch von Lateinisch und Italienisch, vielleicht auch als friaulisch unterscheiden können. Langsam tauchen die ärmlich gekleideten, ernsten Männergestalten vor uns auf, bald auch Frauen mit braungebrannten Gesichtern, unter der Korblast, die sie auf dem Kopfe tragen, fast graziös einherschreitend. Jetzt hat die ganze Schaar unsere Waldblöße erreicht, wo der abziehende Wallfahrer die Kirche zum letztenmal vom Felsen winken sieht. Wie auf ein unsichtbares Commandowort verstummen die Gesänge und, den Blick gegen die Luscharikuppe gewendet, sinkt die ganze Schaar lautlos auf dem thaufeuchten Rasen in die Kniee. Es sind Küstenländer, die vielleicht weit aus dem Thal des Jsonzo, aus den Gegenden von Görz bis nach Trieft hinüber, über den Predilpaß gezogen waren und nun, wohl manchmal zum letztenmal, mit schwerem Herzen und sehnendem Blicke von dem einzigen Troste ihres engen, felsigen Thales Abschied nehmen. Langsam verhallen die Gesänge auf den steil abfallenden Pfaden, die gegen Norden ins Schlitzathal, zum Raiblersee hinabführen. Ein sorgfältig gepflegter Weg führt uns, um die Felskuppen sich windend, dem Gipfel entgegen. Einzelne Kapellen und Kreuze zeigen sich am Abhang mit versunkenen Wallfahrern und jammernden Bettlern. Während die Bergwirrnisse der Umgebung, von scharfen Sonnenstrahlen durchleuchtet, immer mächtiger und Wetter vor unserm Auge auftauchen, nimmt der Zauber des bergan bergab fluthenden Lebens der wolkennahen heiligen Stätte immer mehr unsere Seele gefangen. Endlich stehen wir vor dem übermächtigen Anblick der gegen Süden und Osten fast endlos sich dehnenden julischen Alpen. In allen nur möglichen Formen und Linien zieht es nebcu- und durcheinander; in düsterem Grün und Schwarz sinkt es jäh in Klüfte und Schluchten ab und erhebt sich wieder ungebrochen zu himmelstürmenden Zacken und blendenden Schneelagcrn. Direkt vor uns, gegen Süden, die Niesen der schaurigschönen Seiseragruppe mit den tiefeingerissenen, vermurten Thalfurchen, weit entfernt, von intensiverem Blau übergössen, das Venetische Gebirg, im Osten wie zwei geharnischte Kronmächte. Mangart und Triglavl Ermüdet von den unendlich wechselnden Abstufungen der Farbentöne sucht das Auge immer wieder das erlösende Grün des westlich herüberleuchtenden Uggowitzer Almengebietes und der zart verduftenden Höhen des nördlichen Kärntens. Und, wenn es dann, wie von einem Magnet gezogen, zu den versteinerten Titanenkämpfen des Südens zurückgleitet, auf die ätherisches Licht siegreich blendend herabglänzt, so erblickt es jetzt erst die tief zwischen Felsen in Schlangcnwindungen ziehende Thalfurche der Fella mit den Userorten Malborget, Pontafel, Pontebba rc. als weißlichen Flecken. Und hier nun, in dieser Umgebung, das buntwimmelnde 262 Menschengewoge, das sich zwischen den vor der Kirche aufgeschlagenen Reihen der Verkaufsbuden drängt. Bei jener Schaar dort weist die schlichte, unbestimmte Tracht, ein nicht mehr ganz passiver Zug im Gesicht auf die deutschen Thäler Nordkärntens. Daneben schreitet breit angelegt und entwickelt, in farbenreicher, halborientalischer Tracht, oft mit unbewußter Anmuth in den üppigen Gesichtslinien, daS Naturweib aus den Gründen des windischen Gailthnles. Mit ernster, fast düsterer Miene, ebenso ärmlich gekleidet als naiv selbstbewußt, gravitätisch und beweglich macht sich derfriaulische Sprößling, der verbrannte Küstenländer Bahn. Unbestimmt wie die große slavische Nation, äußerlich nur an dem typischen Kopftuch erkenntlich, durch die verhärmten Züge auf harte Arbeit deutend, lagern Schaaren von Krainerinnen auf den Rasenplätzen vor der Kirche. Dazwischen einzelne Gestalten mit den deutlichen Kennzeichen halber und ganzer Civilisation im modernen Sinne. Darüber hinweg das Gedränge der dreisprachigen Beichtstühle, das Feilschen an den Verkaufsbuden. Lateinische Gesänge, italienisch lebhafte Gesprächsformeln, weiches slavisches Gcplauder und die langsame, bedächtige Rede des Deutschen. Schaaren ziehen auf und ab, sammeln sich auf ihren Lagerplätzen zum Abzüge, mancher hat sich noch schnell ein liebes Andenken zu holen, drängt sich eilig durch das Gewühle, während von Zeit zu Zeit bimmelndes Glockengeläute mahnt. Und all dieses oft sehr lärmende Treiben führt äußerst selten zu ernsten Reibereien. Infolge der verhetzenden Politik der letzten Jahrzehnte sind diese trotz des friedfertigen Charakters der Slovenen in den Thälern drunten eben nicht selten. An den größten Feiertagen aber lagern droben 4000 bis 5000 Menschen in der Kirche und im Freien. Dabei entfaltet sich bei den Körben voll Lebensmittel und Kleidung, welche die Wallfahrer oft auf 8—10 Tage mitnehmen, ein regelrechtes, lärmendes Lagerleben. Was alle diese schreienden Disharmonien zu einer verklärten, erhebenden Harmonie einigt, das ist der altererbte, ungekünstelte Volksglaube. Der arme Thalbewohner zieht von dem heiligen Berg mit einem um ein paar Kreuzer gekauften Andenken als Talisman getröstet hinunter zu jahrelangem, schwerem Kampfe mit den feindlichen Naturmächten. Die Zurückgebliebenen preisen ihn glücklich und harren sehnsüchtig auf den Augenblick, wo sie selber die Kirche Maria Luschari zum erstenmal vom Felsen winken sehen werden. Manchem Modernen wird diese Macht tiefwurzelnden Volksglaubens ein Räthsel oder auch ein leeres Hirngespinst beschränkter Leute dünken, nicht aber dem, der diese wunderbare centralisirende Kraft in der Völkergeschichte kennen gelernt und in entscheidenden Lebens» Momenten sie selber empfunden hat. Da gibt es keine künstlich zugespitzte Nationalitäteneifersüchtelei: alle die vielen verschiedenen großen und kleinen Züge der beschränkten culturellen Entwicklung passen in den weiten Nahmen dieser Kraft. Sie alle, bis zu den drei verschiedenen Landessprachen, geben nur den bunten Einschlag: am Webstuhl sitzen hohe, ewige Gesetze. Und all das Kleinliche, Kreischende, Grelle wird erdrückt durch die gewaltigen überirdischen Linien, die da ziehen von Himmelsihüre zu Himmelsthüre, von Berg zu Thal, von allen Seiten zusammen, bis sie dem Unverdorbenen von selbst sich zu luftigen Gestalten fügen und im ewigen Aether, von wo sie gekommen, entschwinden. In solcher Weise hat sich den Germanen der Gottesglaube faßbar geoffenbart, und als dann das Christenthum kam, denselben in seine Bahnen zu lenken, da drang es, von volksentwachsenen Söhnen gelehrt und verkündigt, hinauf zu den Höhen der Volksphantasie und bot dieser ihre eigenen Gebilde in einer milderen, versöhnlicheren Form an, legte den Volksfesten einen andern, noch tiefern Sinn unter und baute seine Hciligthümer hinauf in die luftigen Höhen, wo der stolze Germane sich ganz seiner Phantasie, seiner Vaterlands- und Freiheitsliebe und andrerseits dem Gefühl der Abhängigkeit vom höchsten Wesen überließ. So ist das Christenthum auch eine wahre Volksreligion geworden, und lange noch über das Mittelalter hinaus haben sich die Gebräuche des ersten mächtigen Kampfes zwischen Heidenthmn und Christerrthum, des ersten gewaltigen Durch- dringenS des gewaltigsten Volksthums und der erhabensten überirdischen Lehre erhalten. Das Christenthum des Mittelalters.ist aus dem Volke herausgewachsen und manche spätere Jahrhunderte haben an dieser in Wesen und Form wahren Religion gezehrt. Auch jetzt noch findet sich das Volk, wo es nicht verdorben und verflacht ist, aus dem kleinlichsten Treiben, dem mühseligsten tagtäglichen Kämpfen heraus in seinen unver- derbbaren Grundvesten wieder im Zusammenflüsse der stärksten Dinge: des germanischen und slavischen Natur- gefühles, der Vaterlandsliebe und der Alles bindenden und lösenden Religion. Es wäre hier eine lehrreiche Parallele mit manchen Dingen der allerneuesten Zeit gegeben, wenn sie nicht so leicht falsch verstanden werden könnte: mir drängt sie sich immer auf, wenn ich so vor einem Brrgkirchlein stehe, das vielleicht schon manchen Ungläubigen anders als er gekommen hinabgeschickt Hai, und das liebe, leider hauptsächlich slavische, Volk sehe, wie es da, nur in milderen gczügelten Formen, die unbesiegbare Macht wahren Volksthums immer wieder spiegelt. Ich meine die vielfach jetzt erbauten Lourdes- grotten. Da wird in ein grünes, weiches Wiesenthal auf einmal ein riesiger Aufbau aus Kalk- und Tuffsteinen, Stalaktithöhlen und Wasserfalle hineingelegt, da muß das Volk auf einmal in die an und für sich ja berechtigte und schöne Marienverehruug, das Feld der tiefsten christlichen Spekulation und Mystik, hineingedrängt werden. Don allen irdischen Beziehungen, Naturgefühl, Vaterlandsliebe, verwandten Zügen aus dem täglichen Leben losgelöst, symbolisch-abstrakt, nur für tiefste Mystik durchdringbar, muß diese Art der Marienverehruug dem Volke fremd gegenüberstehen und einfach nicht anders in dasselbe hineingetragen werden, als Fclsgcklüfte in den weichen Bachabhang. Man braucht nur die mittelalterliche Art der Verehrung zu dem schmucklosen, vom Volk geschmückten Holzbild hoch oben im Blauen, daneben mit dem Volke verwurzelte Heilige, wie St. Georg, Martin, Nikolaus, Hildegard, als vermittelnde Stufe zum Vergleichs heranzuziehen, um zu sehen, daß diese neuaufkommenden religiösen Formen Künstlichkcit nicht verleugnen können. Eine weitere lehrreiche Beobachtung wird zeigen, daß dieselben nur da wirklich eindringen, wo dem Volke durch irgend welche Prozesse sein Bestes, das eigene Volksthum, bereits genommen ist. Einer der segensreichsten jener Orte aber, wo ein Glanbenshciligthum innig mit den Elementen der Natur verbunden ist, die auf das menschliche Gemüth am stärksten und unmittelbarsten wirken, ist der heilige Berg Maria Luschari. (Schluß folgt.) 263 Recensionen nnd Notizen. Haberl Fr. Xav., Kirchenmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1894. 8°. SS. IV-s-124. Negcnsbrirg, Fr. Pustet 1891. M. 2.00. zr. Zum neunzehnten Mal erscheint dieses Jahrbuch, zugleich Cäcilienkalender, zur Freude der Förderer und Freunde echter Kirchenmusik; wir hoffen nur, es möchten deren nicht so wenige werden, daß das fernere Erscheinen dieses Jahrbuches nochmals ernstlich in Frage gestellt werden muß, so wie vor etlichen Jahren, obwohl der Preis des hübsch ausgestatteten Heftes spottbillig ist. Das Interesse der Sionswächtcr, welche für LourdeSgrotten und ähnliche Modeartikel immer Geld und Sinn haben, ist freilich zur Zeit noch schwach genug, wenn eS sich um eine musikalisch würdige Feier der hl. Geheimnisse handelt und mit dem liebgewonnenen Schlendrian gebrochen werden soll. Möge dieser Jahrgang die Zahl derer vermehren, welche für eine heilige Musik begeistert sind und die Vorschriften der Kirche, die doch nun einmal da sind, hochachten, unbekümmert, wieviele andere „kirchliche Gesinnung" erheuchelnd ihren Gläubigen Ehrfurcht und Gehorsam gegen die Kirche predigen, selbst aber nicht darnach thun. Daß dieses Jahrbuch Heuer den beiden Heroen Pierluigi da Palestrina und Orlando di Lasso ganz besonders seine Huldigung darbringt, ist selbstverständlich; ist doch vor 300 Jahren der »Lrineeps Llusisas- in Rom und der deutsche Palestrina in München zu Grabe getragen worden. Dem Herausgeber verdanken wir im laufenden Hefte eine synchronistische Tabelle über Leben und Werke der beiden großen Meister; die Arbeit war schwieriger und mühevoller, als mancher Leser vermuthen kann, und wird bleibenden Werth behalten. Aus A. Walter's (in Landshut) Feder haben wir einen Aufsalz über Witt, der in den letzten Lebensjahren mit Unrecht in den Verdacht einer Abschweifung von den Principien „der Alten" gekommen war. Auch Haberl's Aufsätze über Baun und ProSke sind zugleich eine Ehrung für Palestrina; war doch ersterer der gewaltige Palestrina-Forscher-Dirigent-Biograph, der uns den vergessenen Stern wieder inS Gesichtsfeld gerückt, letzterer aber ein Musikkenner, der die Palestrina-Begeistcrung nach Deutschland gebracht nnd damit die Umgestaltung der Kirchenmusik angebahnt hat. Es folgen noch andere werthvolle Beiträge, sowie eine musikalische Beilage: Palcstrina's herrliche Messe „0 admirakils oommsroinm". deren Verständniß durch Hallcr's treffliche Analyse erleichtert ist. Einige polemische Notizen und kleinere Nachrichten bilden den Schluß des Buches. Schirlitz S.CH., Griech isch-deutsches Wörterbu ch zum neucn Testamente. V. Anst. neu bearbeitet von T h. Eger. 8°. xx. V -s- 456. Gießen, Em. Noth. 1863. M. 6,00. k. Ein -Iwxicon ZMsco-Iatinnm in lidros novi tsstamsuti- (M. III. xp. 474 in 8"; Inpsias, Lrnold. 1888. M. 12.) besitzen wir bereits von Car. Lud. Will). Grimm; daß dieses „ein in vieler Hinsicht nicht zu übertreffendes" Werk ist, gesteht der Herausgeber vorliegenden (zum ersten Mal 1850 erschienenen) Buches unumwunden zu, glaubt aber die Berechtigung des letzteren mit Schirlitz selbst einerseits in dem zu breiten Umfang und hohen Preise, anderseits in dem lateinischen Gewände zu sehen, in welchem die älteren derartigen Werke auftreten. Letzteren Umstand müssen wir gerade für einen Vorzug halten und nicht für einen Mangel, denn gerade die wichtige und altchrwürdige Vulgata-Ucbersctzung, die doch jedem vernünftigen Bibellescr vor Allem zur Hand ist, fordert uns gerade heraus, ihre uns gang und gäbe gewordene Latinität mit der eines Iwxisvu ßrasoo-Iatinuin nach dem heutigen Stande der Philologie und Textkritik zu vergleichen, sei es zu bestätigen oder zu verbessern. Traurig, wenn deßhalb ein derartiges Wörterbuch „nur den Männern vom Fach zugänglich ist"; was müssen da unsere Gymnasien leisten?! Sonst verdient indessen vorliegendes Werk in seiner neuen Bearbeitung vollste Anerkennung; namentlich wirt^ der staunenSwerth niedrige Preis bei vollendeter äußerer Ausstattung auch der Börse eines Studierenden nicht zu wehe thun. Nicht bloß dem sprachlichen Element, sondern auch den Realien ist vorzüglich mit Hcrbeiziehung zahlreicher Beweis- und Parallelstcllen die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Möge das Buch beitragen, die Bekanntschaft mit dem Urtext des Gotteswortes mehr zu verbreiten; es wäre schon angezeigt, daß auch die kathol. NcligiouSlchrer an den Gymnasien ein oder das andere Stück des neuen Testaments im Orginaltext mit den Schülern lesen, statt ihren Kistemackcr, Allioli oder andere noch schlechtere Verdeutschungen auf dem Pulte liegen zu lassen; dadurch, daß die Kirche unter den lateinischen Ucbersetzungen den VulMa-Text apprybirt hat, ist dieser durchaus nicht dem Original etwa vorgezogen; auch erleidet durch die griechische Lektüre dgs „klassische Stilgefühl" der Schüler gewiß keinen Schaden, nachdem mit griechischen Stilübungen zudem neuerdings aufgeräumt worden. Beiträge zur Kunstgeschichte der Stadt Eichstätt. Von Josef Schlecht. Eichstätt, Hornik. 1894. —8t. Als im Herbste 1888 die Görresgesellschaft in Eichstätt tagte, erhielt der Sekretär Schlecht des dortigen historischen VereinS den Auftrag, über Eichstätts Kunstschätze zu sprechen. Sein Vortrug („Zur Kunstgeschichte der Stadt Eichstätt") fand allgemeinen Beifall und wurde sofort im Drucke vervielfältigt. Letzter Tage nun bekamen wir eine interessante Fortsetzung dieser Arbeit in die Hände. Sie betitelt sich „Beiträge zur Kunstgeschichte der Stadt Eichstätt". Es sind Verbesserungen und Nachträge zur ersten Broschüre. Besprechungen früher nicht erwähnter Kuustschätze und gewähren einen vollen Einblick in die hohe Cultur, welche Jahrhunderte laug in der kleinen, romantisch gelegenen Bischofsstab! blühte. Eleganten Stil sind wir beim Herrn Verfasser schon gewöhnt, aber die vielen Fußnoten (218 auf 37 Textseiten) geben dem Büchlein, das in sehr Vieler Hände zu kommen verdient, doch gar zu stark den Anstrich einer Gelchrten-Schrift. Wir wünschen, es möchte jede Stadt, die eine Vergangenheit ausweist, einen eben solchen Schildcrer ihrer Kunstdcnkmäler finden, einen Schilderet, der in Städte- und Kunstgeschichte gleich bewandert ist, wie cö beim Herrn Verfasser zutrifft, der es zwischen dem Erscheinen der ersten und zweiten Broschüre vom Kaplan in Eichstätt zum Doktor und Gcschichteprofessor in Dillingcn gebracht hat. Lxitoms kistorias Arnssas. üdition simpliüss st ZMklnss, avsa uns iutrodnotiou, äss nolss, un vo- cabnlairs, das illustrations d'axrös les monnmsnts st uns sarts gar InI. Oirard. 16" xp. VIII -si 344. lkr. 1,50 oart. Laris, Laokstts 1891 (II). I/Komond, Lpitoms liistorias saoras. 16° x. 173. Tours, LIams 1890. §r. 1,00 oart. l/sjard, Tlorss sanetoruin ssu ds olaris soolssias viris. 16° Tip- XVI -s- 198. Laris, OK. koussislAUö 1893. Ich. 2,00 oart. -r. Hicmit seien gleich drei Büchlein angezeigt und unseren lateinischen ABC-Schützcn empfohlen; alle drei sind mit lateinisch- französischem Glossar versehen zur Einführung in die lateinische Lektüre, die dem Schüler in zusammenhängender Weise jedenfalls angenehmer und nutzbringender sein wird, als mit abgerissenen Uebunzssätzen, wie es in unseren Gymnasien der Brauch ist, solange man dem Lernenden als Anfänger noch keinen „Klassiker" in die Hand geben kann. Die drei Büchlein beweisen und, daß in Frankreich eine etwas geschicktere Pädagogik herrscht, die in überaus praktischer Methode dem Schüler mit der Form auch einen seinem Verständniß angemessenen Inhalt bietet, der ihm Lnst und Liebe zum Lernen mehrt. Ein prächtiges Lehrbuch nnd Lesebuch zugleich ist namentlich das erstgenannte Werk, das dem Anfänger nicht bloß die lateinische Grammatik, sondern auch spielend die griechische Geschichte beibringt ; hübsch ausgeführte Bilder unterstützen die Vorstellungskraft. Merkwürdig, daß wir in unserm hochgelehrten Deutschland, dem Paradies der Schulreformen, derartige pädagogisch vorzügliche Lehrmittel gar nicht haben. Die »Ilistoriii. Araees,- wäre es wirklich werth, in einer Bearbeitung für deutsche Mittelschulen herausgegeben zu werden; in einer „Ausstellung von Lehrmitteln an Gymnasien", glaube ich, würde sie allseitigen Beifall finden. _ Bayer. Bürger-Handbuch für HauS und Schule. Von Amtsrichter Frz. Lindner in Krumbach. Verlag von Palm u. Enke in Erlangen. Ein bewährter Fachmann äußert sich über dieses „Bayer. Bürger-Handbuch" von Amtsrichter F. Lindner wie folgt: „Eine Gcsetzeskuude, die sich an das große Publikum wendet, mutz kurz gefaßt, gemeinverständlich geschrieben und billig sein. DieS alles trifft bei vorliegendem Werke in hervorragendem Maße zu. Was muß ich thun, wenn ich Jemanden verklagen oder pfänden lassen, wenn ich auswandern, ivenn ich heirathcn will; was habe ich als Bürgermeister, als Distrikts- oder Landrath zu thun, waö ist bei einem Wechsel, einem Schuldschein zu beobachten, wie wird ein Vertrag, ein Kauf, eine Pacht abgeschlossen, kurz all' die hundert und aberhundert Fragen des täglichen Lebens finden hier eine kurze, aber genügende Beantwortung. Dazu kommt noch, daß auch eine übersichtliche und klare Darstellung der Reichs- und bayerischen Landesverfassung, sowie der Organisation der Gerichte, der Handels- und Gewerbe- 264 kammern stoben ist. Infolge dieser Vorzüge und seiner enormen Billigkeit ist das Lindner'sche Bück berufen, ein Volksbuch im wahrsten Sinne des Wortes zu werocn. Außerdem aber glauben wir, daß dasselbe sich ganz vorzüglich eignen wird zu einem Leitfaden, nach dem der staatsbürgerliche Unterricht in den Fortbildnugs-, Handels- und Gewerbeschulen ertheilt werden kann, wcSbalb wir cS auch den Herren Lehrern noch besonders empfehlen/' l>r. Dom. Korioth. Katholische Apologetik für die obern Klassen der Gymnasien und Realgymnasien. Frcibnrg i. Br. Herder'sche Vcrlags- haudlung, 1894. Preis 1 M. 40 Pf., geb. 1 M. 65 Pf. 8°. XI u. 162 S. P. Genanntes Schulbuch ist aus der Praxis herausgewachsen und vereinigt in sich auch die Vorzüge, die solcher Eutstchuiigs- weise eigen sind. Die volle Beherrschung des Stoffes verleibt der DarstcllungSwcise die empfehlende Eigenschaft der Frische und Lebendigkeit. Was sodann die Ausführlichkeit anbelangt, so ist dieselbe bei allem Streben, den Rabmeu eines Schulbuches nicht zu überschreiten, ancrkenncnSwerth. Lobend sei u. a. bcs. erwähnt der Abschnitt über die Einrichtung der Kirche Jesu Christi; hier sind Punkte behandelt, von denen Schreiber erst als Tbeologickandidat gehört. Die Bemerkungen S. 112 über den Kanon und die dcuterokanonischcn Bücher wünschten wir etwas prägnanter und mehr auf die Gründe hingewiesen, warum bezüglich des Kanons und besonders der deuterokanon- iscken Bücher ursprünglich nicht die Einheit vorhanden war, welche seht herrscht. Die Definition von Inspiration: „Der HI. Geist hat die Verfasser .... so erleuchtet und geleitet, daß' sie weder in Glaubens- und Sittenlebren noch sonstwie irren konnten", scheint uns mit diesem „sonstwie" nicht ganz glücklich gegeben. Wenn die mündliche Erklärung nicht mehr im Gedächtniß weilt, so ist Gefahr vorhanden, daß dieses „sonstwie" entweder zu weit oder zu eng gefaßt werde. Unserer Ansicht nach wäre die Sache gehoben durch weitere Anführung des AussprucheS des hl. AugustinnS, lilp. 81, 1, 3. XLX. 277: eis soriptmrarrrw libris, gui fürn eanomei axpellaiwur, äiüiei huno tstmoroiu Iwnvremgus dekorrs, ut nnlium oornm auo- torom soriboudo allgnid errasso Lrmissimo ereäam eto. 8i aliguid in eis olkeuäero litteris, grrod videatur contrarium veritati, niliil alinä guam vsl weuüosum esse eoüiosm, vel interprstem uon asseontum esse, guod äiotum est, vel ine minims iutslloxisse non amdiKaw. Wird dieses Bündchen gut aufgenommen, so folgen auch die übrigen Theile der kath. NcligionSlehre im Drucke nach. Nun, wir glauben, daß dies der Fall sein wird. Ueber das Werkchen: Lationss wovsncki poeni- tsntes, auctore 0. 6 em perle. 6°. 60 Seiten. Preis Mk. —.60 (Nationale Verlagsanstalt NegcnSburz) schreibt der hochw. Herr Univ.-Pros. Dr. Krieg in Freiburg i. Br. nach Durchsicht des MauuscriptS u. A.: Die-beiden Serien, die deutsche wie die lateinische, verdienen gedruckt zu werden, und ich wünsche dies dringend, einmal weil wir sehr arm an derartige», doch so nöthigen Zusprächen sind, und dann wegen der innern Gediegenheit der vorliegenden zwei Arbeiten. Die „Zuspräche" sind durchweg mit Geschick der Epistel ovcr dem Evangelium entnommen, oft originell, dabei praktisch und gerade wegen ihrer Bündigkeit und Knappheit jedem Seelensührcr willkommen. Alle sind gut und brauchbar und regen zu neuen Gedanken an; und gerade letzteres Moment ist bei derartigen Schriften sehr zu schätzen. Auch dem Prediger werden die einzelnen Serien sehr gute Dienste thun. Geschichte des deutschen Volkes. Von Dr. S. Wid- mann. Vollständig in 19Licfg. L 40 Pfg. Paderborn, Ferdinand Schöningh. WidmanuS Geschichte des deutschen Volkes ist nun vollständig und erhält ihr eigenthümliches Gepräge dadurch, daß sie auf dem Grund und Boden einer christlichen Weltanschauung fußt und sich mit Glück versucht, ein möglichst allseitiges Bild der deutschen Geschichte zu zeichnen, vor allein aber der Cultur- entwickelung gerecht zu werden und für die Gesammtcntfaltung der materiellen und geistigen Cultur einheitliche Grundlagen und FortschrittSstufen nachzuweisen. W/s Darstellung zeigt, daß er das weitscküchtigc Material vollständig beherrscht und mit selbständigem Urtheil durchdringt. Aber ebenso lobenswerth ist die Art des VortragS, welche den Leser selbst schwierigere Partien und Ausführungen des Verfassers mit Genuß folgen läßt. In Betreff der Ausstattung, des Preises und der Tendenz steht dieses Bück einzig da und eignet sich daher hauptsächlich für solche Laien, welchen JaussenS Geschichte der Deutschen zu wissenschaftlich und zu theuer ist und die ein Bück wünschen, das. vom christlichen Standpunkte aus geschrieben, sich von jenen Produkten liberaler Herkunft unterscheidet, in welchen sich häufig neben GeschichtSlügeu Ausdrücke und Redewendungen finden die für jedes katholische Gemüth verletzend sind. Alle katholischen Zeitungsstimmen äußern sich sehr anerkennend über daö Widmaun'schs Werk, das zur Anschaffung nur bestens empfohlen werden kann. Staatslexikon. Herausgegeben im Auftrage der Görres- Gcscllschait zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch Dr. Adolf Bruder. — Erscheint in Heften von 5 Bogen Lex.-8°, oder in Bänden von je etwa 50 Bogen, bezw. in Halbbäuden von etwa 25 Bogen. Preis für das Heft Mk. 1.50, für den Halbband Mk. 7.50, für den Band Mk. 15. — Verlag von Herder in Freiburg. DaS 31. Heft (Anfang des IV. Bandes) enthält u. a. folgende Artikel: Ocsterrcich-IIngaru (Haas). Oldenburg (Sickcn- berger), Oranje-Freistaat (Neuwiem), Orden, religiöse (Lebin- kubl), Ordnung, sittliche, und Sitteugcsctz lNcuniugcr), Pacht (Bctzinger), Vanslavismus (HaaS). Papiergeld (v. Hueue), Papst (noch ohne Schluß) (Bellesheim). Studien undMi Theilungen auö dem Beuedictiner- Or den. XV. Jahrg. 1894. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca. 40 Logen) Mk. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrist im Stift Naigern bei Bräun (Oesterreich). JnhaltS-Verzcichniß des II. HefteS 1894. (Abbau d l u n g e n.) Schmid, ?. Bernhard (0. 8. L. Schützern): Die Gewisscnsvcrpslichtuug der menschlichen Gesetze. Albcrö, V. Bruno (0. 8. IZ. Leurou): Zur Geschichte dcS Beucdictiucr- Ordcns in Polen. Eubel, 1'. Komas (0. A. 6, Rom): Die päpstlichen Provisionen aus deutsche Abteien wäbrend des Schismas und des Pontificats von Martin V. (1378—1431.) (Schluß.) Dolberg, Ludw. (Ribnitz): Die Satzungen der Cistercienser wider das Betreten ihrer Klöster und Kirchen durch Frauen. (Schleiß.) Hammerlc, Älois Ios. (Salzburg): Ein Beitrag zur Geschichte der ehem. Benediciiuer-lluiversität (I). Srölzl, ?. Marc. (0. 61st., Wisheriug): Ein Beitrag zur Geschichte deö östcrr. ErbsolgckriegcS in den Jahren 1741 und 1742. (Schluß.) Plaine, l). Bcda (0. 8 L., LstloS): Os Lanouis Llissao Xpostoliertato oum nova dielst Oauours ox- plauaistous. — Oisguisirio erliste» litur^iea. (II.) Hafner, Otto (Eßlingeu): Negesten zur Geschichte des schwäb. Klosters Hinan. (XIV) Bredl, ?. SigiSm. (0. 6ist., Hoheuiurt): Cistercienscr-Professoren im erzbischöflichen Seminare zu Prag. — (Mittheilungen.) Schmiv, I?. Bernhard (0. 8. B., Scbeyern): Das prlvilsgstum tori in casuislischcr Beleuchtung. Neueste Benedictiuer- u. Cistercicuscr-Litcrarur (IstVIII.) Litcrarische Referate. OrdeuSgeschichtl. Rundschau. Nekrologe. Nekrologische Notizen. Historisches Jahrbuch. Im Auftrage der Görresgcsellichaft herausgegeben von vr. H. Graucrt, Dr. L. Pastor und Dr. G. Schnüren CominissionSvcrlag von Herder u. Cie., München. XV. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: Aufsätze, v. Funk, kritische Bemerkungen zu dogmatischen Reflexionen. Falk, der mittclrbcinische Freundeskreis des Heinrich von Langeustein. Weiß, Beiträge zur Geschichte der WahlLeopoldSl. —Kleinere Beiträge. Gietl, Hincmars Oolleetsto ds seolesiis et eapollis. Sauerland, eine Padcrboruer HS. dcS 12. Jahrh, in der Vatikan. Bibliothek. Paulus, Wolfgaug Mayer, ein baycr. Cistercienserabt des 16. Jahrh. Notizen: (Meister. — C. W(eimnu). — Recensionen und Referate. Roch oll, Philosophie der Geschichte (Weiß). Pisani, tu valmatsts do 1797—1815 (». KroneS). Pisani, Xnm LaZursini immuuos kuoriut? (v. Krones). Seifferi, Denkmäler deutscher Tonkunst (Wagner). — Zcitschriftcnschau. — Novitätcnschau. — Nachrichten. Leipziger Historikcrtag (Helmolt). Llonn- inouta 6orm. Iiistoriea. Bayerische histor. Coinmissiou. Gesellschaft für rheinische GcschichiSkiinde. Reise nach Rom und Neapel (Pastor). Preisfragen. Neue Unternehmungen. Nc- krologische Ilotizen- — Erklärungen. V. Nösler-Finke. Verantlv. Ncdactcur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Ni-. 34. Wage zm Aitgskarger Iaßzeiiaag. 23. August 1894. Der Nimbus. I-. K. Zu den manchen Erscheinungen in der katholischen Kirche, welche auf den ersten Blick als christlichen Ursprungs sich darstellen, bei näherer Untersuchung aber als aus dem Heidenthum herübergenommen sich erweisen, gehört auch der Heiligenschein oder Nimbus. Um zu einem richtigen Verständniß des christlichen Heiligenscheins zu gelangen, ist es daher nöthig, auf dieselbe Erscheinung im Heidenthum zurückzugreifen und ohne moderne oder vorgefaßte Anschauungen gewaltsam in die Vergangenheit hineinzutragen an der Hand der aus uns gekommenen Darstellungen Sinn und Bedeutung des Nimbus zu erforschen und zu beobachten, wie dann die christliche Kunst sich denselben zu eigen machte und im Lauf der Jahrhunderte in ihrem Geiste ausbildete. Das soll im Folgenden versucht werden. Der Nimbus tritt gleichzeitig auf als einfache Kreislinie um das Haupt (Nimbus im engeren Sinne) oder als Strahlenkranz, der Haupt oder die ganze Figur umgibt, und ist stets aufzufassen als ein die ganze Gestalt umstrahlender Lichtglanz. Das Licht machte von jeher einen freundlichen belebenden Eindruck auf den Menschen, so daß es ganz natürlich erscheint, wenn die Griechen, die in ihrer anthropo- morphistischen Götterauffassung den Göttern nicht nur alle menschlichen Eigenschaften in höchster Potenz, sondern auch übermenschliche Vorzüge beilegten, vor allem die Vorstellung eines lichtglänzenden Leibes damit verbanden. Der strahlende feurige Aether gilt ihnen als Wohnung der Götter und eine Erscheinung, die aus diesem Neich des Lichtes kommt, gibt sich durch den Strahlenkranz dem Menschen als göttlich zu erkennen. So sagt Homer *) von Demeter: H oväov -ro<7t xar (>« zekX«F(>ov xvpr ös Skroio, und Vergilt von der Erscheinung der Venus — pur«, per uootem in Ines relulsit ttlwn xarens oonksssa äsaw gualisguo viäeri Oaetteotis ot guanta, sotot — ! t . Als mir hell wie nimmer zuvor sich dem Auge zu sehen Bot und in lauterem Licht durchstrahlte die Mutter Herrlich und hehr als Göttin wie schön sie den Himmlischen jemals Und wie hoher Gestalt sie erscheint. Ebenso kommt auch den den Göttern heiligen Thieren der Nimbus zu. Heroen haben ihn nur vorübergehend. Er wird ihnen von den Göttern mitgetheilt oder entwickelt sich bei besonderen Heldenthaten aus den Waffen. Von den zahlreichen Beispielen aus Homer seien nur zwei angeführt: -) errk« «öo»- ärir/o»' vrrkp zrk)'«Sv,uor> I/izLk,lu>-vs Starrend sehn auch die Lenker der Gluth rastlose Gewalt dort Grauenvoll um daö Haupt des erhabenen Peleioncn Brennend entflammt von Zeus blauängichter Tochter Athene. An einer anderen Stelle heißt es: <) rov ä' o Tl^luror ozi>A«z^ot- lninus lacium" sich herauswindet! Der Engel hält im rechten Arm einen bandumwundcuen Kreuzstab; er ist der Jäger des Einhorns, das er „aä sinurn vir- Ainig prwllas" treibt. Die vier Hunde sind bezeichnet als veritn8, xax, rnissrioorciia, und znstütia. Das Einhorn auf dem lieblichen Bild ist ein Mittelding zwischen einem Füllen und einem Esel, mehr ersterem ähnlich, mit wallenden Mähnen. Das zugespitzte gewundene Horn des Thieres scheint gerade gegen das Herz Mariens gerichtet wie ein Sinnbild des namenlosen Schmerzes, der bald die gebenedeiete Seele treffen soll. — Die Darstellung gehört der gothischen Kunstperiode an. Maria Lnschari und Pontebba. Von Cölestin Schmid. (Schluß.) Jetzt aber an den südlichen, steilen Grashnngen hinab in das Thal des wilden Seiserabaches und dann hinüber zum Jahrmarkt von Pontebba! Am Fuße des Berges liegt das durch seinen feinen Menschenschlag berühmte Wolfsbach. Von da aus erreichen wir, durch Gebüsch und Röhricht marschierend, in einer Stunde Dorf und Station Uggowitz. Zwei Stationen Fella - abwärts stehen wir an der italienischen Grenze. Eine schwache Wasserlinie, die seitwärts vom Gebirge her der Fella zustrebende Pontebbana, markirt dieselbe. Um so schärfer sind die Gegensätze der Grenzorte, des deutschen Pontafel, des italienischen Pontebba. Während in den Thälern der Etsch und des Tesstn der Kampf zwischen Germanen- und Nomanenthum auf weitem Felde auf- und abwogt, scheint es hier, als wenn die Brennpunkte zweier gegeneinander wogenden Kampfeslinien, voreilend und gegen einander anrennend, in gegenseitiger Verwunderung für immer erstarrt wären. Immer fester und undurchdringlicher hat sich die Kruste der Zeitläufte auf die beiden Grenzstädte gelegt. So finden wir uns hier, wenn wir über die schmale Brücke hinüber nach Pontebba gehen, plötzlich in einer waschechten italienischen Scenerie: holprig gepflasterte Straßen, winkliges Häuserwerk mit Knäueln von schmutziggrauen, ineinander geschobenen Mauern und öffentlichem Gewerbe, überall Spuren ehrwürdiger Schmutzüberreste, eine in ihrem Aeußern vernachlässigte Bevölkemng, deren scharfgeschnittene, feurige Gesichtszüge aber auch alles Uebrige nur als romantisch erscheinen lassen. Wohl mögen sonst die beiden Orte idyllische Ruhe für ihre gegenseitigen Betrachtungen in Fülle haben; denn die Bahn führt ja allen größer» Verkehr rasch an ihnen vorbei. Heute aber wogt es, als wenn der Grenzbann für immer gebrochen wäre, herüber und hinüber über die schmächtige Brücke, und die feierlichen Gegensätze scheinen sich in ordnungslosem Durcheinander ein- für allemal auflösen zu wollen. Jahrmarkt von Pontafel-Pontebba l Ich überließ mich willenlos dem übermüthigen, völkermischenden Treiben. Glatt und ohne Störung trug mich dieses durch Pontafel. Hier lehnten sich die Kaufbuden bescheiden und beschaulich an die Häuserreihen, und um dieselben sammelte sich, mehr oder minder lebhaft, aber immer mit einer gewissen Behäbigkeit, der Verkehr in kleinen Gruppen. Nur einzelne, sauber eingerichtete Obstbuden wagten sich etwas kühner auf die Mitte der Straße vor, und von einem seitwärts gelegenen Platz drang ein abgerissenes Durcheinander von Lauten, bald italienisch, bald deutsch, herüber, welches sich von Zeit zu Zeit dramatisch zuspitzte und manchmal auch in jäher Katastrophe abzubrechen schien. Das war der deutsch-italienische Viehmarkt. Nunmehr aber setzte mich die Strömung mit einem gewaltigen Ruck auf die Schwelle der Pontebbanabrücke, und mit dem wiederkehrenden Bewußtsein, das mir dabei verloren gegangen, wurde es mir auch immer deutlicher, daß meine übermüthigen Freiheitsträume nur ein schöner Wahn gewesen. Denn wie Brückenpfeiler, an denen die Wogen sich brechen, standen sie da, die biedern Zollwächter der Manarchie, nationalen Argwohn auf Obst und Wein und dergleichen Schmuggelsachen in dem biedern Gesicht. Kaum hatte ich mich an ihnen vorbeigewunden, so stürzten bereits auch vom andern Ende deren italienische Collegen auf mich zu und untersuchten, romanische Grimassen schneidend, meinen Nucksack mit der Genauigkeit eines Untersuchungsrichters. Aus ihrem Dialektgewälsche wurde mir nur das eine klar, daß sie hauptsächlich nach österreichischem Tabak fahndeten, wohl in dem ganz zutreffenden Bewußtsein, daß ihre heimischen Cigarren trotz ihrer romantischen, nationalen Namen: Cavour, Noma, 270 Toscana, Minghetti u. dgl., deun doch ein sehr schutzbe- dürftiger Punkt ihrer gepriesenen Halbinsel seien. So oft ich ferners die Brücke wieder passirte, ereilte auch meinen Nncksack immer wieder das Schicksal zweisprachiger Untersuchung, bis ich endlich in ziemlich derber, bajuvarischer Art meine prinzipielle Stellung zu Schmuggelgeschichten klarlegte. Doch endlich stand ich auf italienischem Boden: die ganze Scenerie machte mir das in energischer Weise klar. Stellten vielleicht jene sich drängenden Knäuel von keifenden, gestikulirenden, ab- und zurennenden Käufern und Verkäufern nicht die gewünschte Lebhaftigkeit der Südländer deutlich genug vor Augen s Auch erinnerten alsbald an das stolze Wort der Italiener, ihr Land sei der Garten Europas, die riesigen, nferdammmäßig auf beiden Seiten des Weges aufgestapelten Lager von Zwiebeln und Knoblauch, wobei die ausströmenden Gerüche die in dem Völkerkampf ermatteten Lebensgeister alsbald wieder auffrischten. Und dann der Hauch der südlichen Sonne auf all den denkbar möglichen Obstsorten, die bunt durcheinander auf primitiven Karren umeinander lagen! Mit ruhiger, selbstbewußter Grandezza bedienten einzelne Verkäufer die sie unruhig Umdrängenden. Hier erklärte sich auch die Zugcspitztheit der sonst so gemüthlichen österreichischen Grcnzwächter; denn das Obst war da doppelt so billig, als drüben am andern Ende der Brücke. Von den Karren weg riß mich nun der Strom schonungslos in die engen, menscheustauenden Gaffen zwischen den Budenreihen. Das war wieder Italien! Bald schrie einer der aufgeputzten Verkäufer den glänzenden Tand und blendenden Trödel seiner Bude laut und kreischend zum Verkauf aus, bald schleppte ein anderer unter die Menge springend seine Käufer mit sanfter Gewalt bei. Schwerer Pflasterstaub zog der herabglühenden Sonne entgegen, immer toller wurde der Lärm, dazwischen mengte sich das heitere Lachen italienischer Schönen und scharf herausgestoßene südliche Verwünschungsformeln. Ueber die Buden begann es wie Duft von schwarzem Kaffee herüberzuziehen, mit dem die übrigen aromatischen Elemente, vom wochenalten Kehrichthaufen bis zum Knoblauchlager an der Brücke, vergebens eine harmonische Vereinigung einzugehen suchten. Immer mehr drückte auf mein nordisches Gehirn dieses Gemenge südlicher Lüfte, und bald benutzte ich die erste Lücke zwischen den Buden, um mich, dem Mokkaduft folgend, in eines der vielen kleinen Cafes zu verziehen. Da gab es Stühle ü !a Boulevard. Von da aus konnte ich das südliche Treiben in ehrerbietiger Entfernung betrachten und hatte dabei noch die besondere Genugthuung, daß an meinem Horizont auch das Knoblanchlager sichtbar war. Während ich mir mit etwas eigenthümlichen Gedanken dessen gewaltige, von der südlichen Sonne freundlich beschienene Umrisse und die Käufer betrachtete, die wohlgefällig mit ihrer Beute abziehend seinen Hintergrund belebten, gesellte sich mir ein deutscher Beamter aus Poutafcl zu, der mich auf einen Weinkeller aufmerksam machte. Das war geeignet, meinen südlichen Studien einen feierlichen Abschluß zu geben. Wir blieben bald vor einem der niedrigen, schmutzigen Häuser stehen, über dessen Thüre auf einem alters- eutkräfteten, schiefhängenden Firmenschild zu lesen war: Ia zur Wohlleben". OuLa§nr>. bedeutet Schlaraffenland, die Uebersetzung des Wirthes war sehr wohlmeinend, mit italienischen Nachklängen. Ein paar nicht ungefährliche Treppen führten in ein sehr mäßig beleuchtetes, unterirdisches Lokal. Allwählig entwirrten sich mir in dem zutraulichen Dämmerlicht, das durch einige Gucker hereinfiel, die Gegenstände meiner Umgebung als einfache Brettergerüste, um die herum auf kleinen Fässern sitzend Zechende jeder Sorte, aber mit unverkennbar italienischem Gepräge, sich drängten. An den graubraunen Wänden glitzerten einzelne herabrinnende Wafferstreifen, die Decke schien sich in ein undurchdringliches Geheimniß von grauen, braunen und schwarzen Farb- töuen hüllen zu wollen. Im Hintergründe aber ragten, von den schräg herabdringenden Lichlrcflcxen umspielt, vier gewaltige Weinfässer, ein Durcheinander von Natioual- küse und der unvermeidlichen Salami bescheiden zu ihren Füßen. Sie enthielten Veuetianer und Jstricr, den Liter zu 20 Kreuzer! Es dauerte nicht lange, so gaukelte mir der schwarzrothe Trank immer mehr sich verwirrende Bilder vor. Bald glaubte ich in meinen Träumen alle die schönen heroischen Bilder von der Decke des Münchener Naths- kellers vor mir zu haben, bald huschten wie Schattenbilder bergauziehende Wallfahrer vorbei, deren Wege jedoch anstatt der Stcindümme unendlich scheinende Knoblauchlager schützen mußten. Bald verwandelten sich auch die Wallfahrer in lauge Züge selbstbewußt schreitender Obstmänner und schienen dann unter dem Wogen schwüliger Dünste als Holzbuden sich breit an die Straße zu stellen, zwischen denen aus ringelnden Dünsten keifendes, lachendes Volk aufzutauchen begann. Da zog es in Schwärmen über die Grenzbrücke, eine Völkerschlacht begann, ich stak mitten im Knäuel. Ich erinnerte mich, daß ich klassisch gebildet sei, und betete zum lluxitsr O^tnrnus Hnximus. Da sah ich weit in der Ferne die Tempel der römischen Burghöhe blinken, Merkur kam, hinter einer Wolke tauchte heiß und glühend die Sonne hervor, das ganze Bild zerfloß in einen goldigen Nebel, der sich wonnig und strahlend endlos zu dehnen schien. Das waren die letzten Strahlen der sinkenden Sonne, die durch die Lücken zwischen den Weinfässern hereinfielen. Ich hatte gerade noch soviel Zeit, in höchster Eile den Zug nach Tarvis zu erreichen. Hast du, mein Leser, schon einen Dom oder Buchillustrationen aus dem romanischen Mittelalter gesehen s Da schauen dich gar seltsam an allen Ecken und Enden Drachen und Ungeheuer, Neste deS überwundenen Christ- Heidenthums, gähnend, geheimnißvoll an. Das Christenthum hat sie zu fratzenhaften Portalwächtcrn, zu Dach- speiern, zur Bildumrahmnng herabgedrückt, aber da sind sie, wenn auch nur als Staffage. Aus der tiefen christlichen Symbolik selber aber taucht auf einmal der Volkshumor in Form eines entsprechend postirten Affen, des Todes oder Teufels als komischer Figuren auf. Das ist ungefähr die Form, wie sich der erste Volksglaube in unverdorbenen Gebieten erhalten hat. So findet er sich noch in den geheimen Winkeln des bajuvarischen Volkslebens, so noch in versteckten Thälern der deutsch-österreichischen Alpen, so vor allem noch in jenen gemischten Gebieten, wo sich unter der feinen deutschen Cultur- schichte der couservative Untergrund slavischen Volksthums findet. Gar, wenn noch Elemente des alpinen Italien dazu kommen! Und so gleitet der Blick unwillkürlich, ohne künstliche Macherei, von der zwerghaften Komik des Jnhrmarktsgetriebes wieder empor zu den Höhen des Luschari, der vom Norden her freundlich, aber mit um ! so höhern Jdeenaffociationen winkt. Dasselbe natürliche Völklein, deutsch, slovenisch, italienisch, das du auf dem Jahrmarkt von Pontebüa, auf den Kirchtagen des Gail- thales in seinem ungeschminkt derben Treiben beobachten kannst, findest du auch wieder beisammen auf der luftigen Höhe des heiligen Berges, wo alle diese kleinlichen Züge eine erhebende Harmonie eingehen mit dem befreienden Einflüsse einer großen Natur und eines ungekünstelten, tröstenden und stärkenden Glaubens. Auch Manches aus uralt eingewurzeltem Volksaberglauben kannst du dort beobachten, aber es fügt sich ebenso gut in die Harmonie des Ganzen wie jene ungeheuerlichen Portalfiguren der romanischen Dome. Ebenso wie du dann jene derbe Humoristik der frühmittelalterlichen Teufels- und Todcs- figuren begreifen wirst, ebensowenig darfst du obige Zusammenstellung des Jahrmarktes mit der Wallfahrt am Ende für frivol halten. Gerade in der Vereinigung all dieser Dinge liegt das sicherste Fundament unversieglichen, auch von der modernen Uebercivilisation nicht zu verdrängenden Volksglaubens. Necensilmen und Notizen. Prill Jos., Einführung in die hebräische Sprache für den Schnlgebran ch. 8°, X -j-153 SS. Bonn, P. Haustein 1893. M. 2,00. Dreher Theod., Kleine Grammatik der hebräischen Sprache mit Uebnngs- und Lesestücken für Obcrghmnasic n. 8°, VIII-j-118 SS. Frcibnrg i. Br., Herder 1894. M. 1,50. L Bis in die neueste Zeit entbehrten wir für den Anfangsunterricht in der schwierigen hebräischen Sprache eines brauchbaren Schul- und Lernbucbcs, das für die größeren Grammatiken eines Gesenius, Ewald, Stade rc. als passende Vorbereitung hätte gelten können und zugleich einen stufenweise geordneten Uebnngs- stosf geboten hätte. Nachdem aber die gar nicht genug zu lobende „Hebräische Grammatik" von H. L. Strack (soeben in V. Anst. Berlin, Rcnthcr M. 5. geb.) als eine pädagogische That ersten Ranges diesem Mangel abgeholfen, muß jeder weitere Versuch, daö Hebräische in einer Schnlgranunatik zu behandeln, als ein Wagniß erscheinen, das großes Selbstvertrauen vorausseht. Daß nach Strack es ein Anderer besser macht, ist kaum zu erwarten und kann man bei oben genannten neuen Lehrbüchern gewiß nicht behaupten, obgleich damit nicht gesagt sein soll, daß nickt bei Strack Manches nicht verbessert, aber doch vereinfacht werden könnte. Prill's „Einführung" ist ein ganz sorgfälltig gearbeitetes Scknlbnch, hat aber gegen Strack den Nachtheil, daß cö nicht ganz streng systematisch angeordnet ist, doch sind die einzelnen Regeln sehr klar und übersichtlich dargestellt; alle darin vorkommenden Beispiele sind auch übersetzt, was sehr angenehm ist und bei Strack nicht durchgchends gefunden wird; die Erfahrung aber beweist, daß der Schüler, namentlich der verhätschelte „Herr Gymnasiast" im Zeitalter der Schulreformen, wenn er auch mittels eines Lexikons sich die Beispiele übersetzen könnte, dennoch viel zu faul ist, um sich dieser kleinen, aber nützlichen Unbequemlichkeit zu unterziehen. Die Paradigmentafeln sind bei Prill in Folge des Formates übersichtlicher, als bei Strack, indem sie die auseinander folgenden Formen in vertikaler Neide bringen, sollten aber ebenso vollständig sein, als bei Strack, der gewiß nichts UeberflüssigeS schreibt. Die einzelnen Paragraphen bringen zahlreiche Ucbungsbeispiclc zum Uebcrsetzen aus dem Hebräischen ins Deutsche und umgekehrt, die jeweils dazu gehörigen Vokabeln folgen am Schlüsse des Buches; ärgerlich ist es, daß der Verfasser nicht lieber ein allgemeines alphabetisches Wörterverzeichnis; gibt, wie Strack, und so sehr unS das Buch (als Vorbereitung zu Strack) angcmuthet hat. war gerade dieser Umstand entscheidend, cö für den Unterricht nicht einzuführen, denn, wo soll der Schüler ein Wort finden, das er vergessen hat; wir muthen cö keinem zu, jedes Wort. das einmal vorgekommen, gleich für immer zu merken, oder sich selbst ein alphabetisches Wörterbuch anzulegen, das doch nicht fehlerfrei würde; möge der Verfasser diesen Uebclstand in einer nächsten Auflage beseitigen, daö jetzige paragraphenweise Wörterbuch würde dann entbehrlich und ein solches könnte sich eventuell der Schüler lieber und leichter von Lection zu Lectiou zum Memorieren anlegen. Die Ausstattung dcö Buches, daö mit den neuen scharfen Drugulin'schen Typen in Leipzig gedruckt ist, läßt nichts zu wünschen übrig. — Das zweite Buch von Dreher ist nicht nur kein Fortschritt gegen Strack, sondern ein Rückschritt gegen den gänzlich unbrauchbaren Vosen hin, da cö auch bescheidenen Ansprüchen nicht genügt. Das Streben »ach Kürze verleitete den Verfasser, der besser gethan hätte, von einer 27- jährigen Lehrtätigkeit, der das Buch entsprossen, zu schweigen, zu einer Art von undentschem Tclegraphen-Chisfre-Stil, wodurch Vieles nicht gerade verständlicher wird; außerdem gibt eine Blüthenlcse der anmuthigsten Druckfehler dem Anfänger noch manches Räthsel zu lösen auf. Manches ist gar zu kindisch und stellt dem Verstände der Musensöhne ein solches Armnthszcugniß aus, daß man Schülern der Art nur rathen kann, das Hebräische nicht zu lernen; sogar Mcmorialverse finden sich mit Reimen. In den UebersetznngSausgaben kommen Barbareien vor. wie „Ich bewahre eos" „Er hat aoa vernichtet"; warum dann nicht lieber den ganzen Satz lateinisch? Man könnte ja auch noch zur Abwechslung Griechisch, Englisch, Französisch, Ungarisch in die Sprachmoiaik bringen; Gelegenheit zu Vergleichen wäre ja vorhanden. So leicht, als es der Verfasser den Buben zu machen sucht, läßt sich das Hebräische überhaupt nicht modeln, dazu ist die Sprache viel zu schwierig und wer seinen Kops nicht anstrengen will, lasse überhaupt davon. Eine Grammatik, die man nicht zu lernen braucht, kann man nicht erfinden, und nur eine solche würde den Beifall des Schülers finden, von dem nur zu oft die Definition eines italienischen Schriftstellers gilt: Ltmlonts vuol ckirs, elia uou stuclia meuti! — Drehers Klcinkinder- Grammatik hat uns gar nicht gefallen, sie ähnelt den Büchern wie: „Mama, schnell Französisch per Dampf"; Prill's „Einführung" kann sehr wohl empfohlen werden, namentlich wenn die nothwendigen Verbesserungen vorgenommen würden. Das liebste aber wäre uns, wenn Stracks unerreichtes Lehrbuch auch in lateinischer Fassung erschiene, damit es auch in die Priester- seminare und Lyceen namentlich außerhalb Deutschlands eindringe, woselbst man sich vielfach noch mit den kläglichen »Lncli- monta« Voscus erfolglos abquält. Tolstoi (Graf Leo; Sohn), Daö blaue Heft. Erzählung. AnS dem Russischen von Dr. Alcxis Markow. Berlin, Stcinitz, 1894. 8°. 64 S. M. 1,09. xlz Dem Vater Tolstoi, dem russischen Typus eines Ronsseau-Diesfenbach, hat sich im eigenen Sohne nunmehr ein literarischer Compagnon zum Vertrieb der „ethischen Cultur" beigesellt. D.rS vorliegende Buch ist der erste Sendbote der neuen Firma. Es soll die Wahrheit predigen, daß die Sinnlichkeit den Menschen physisch und moralisch zerstört. Eine Wahrheit, die uns schon im Buch Hiob 31, 12 gelehrt wird: »IZnis L8t nsqns aä zieräitiouem äsvorans at omuia. eraclieims ALnimiua«, und zu deren Verkündigung wahrlich nicht erst der junge Tolstoi aufzustehen brauchte. Den Hauptinhalt des Buches (S. 16—62) aber bildet eine jung-russisch- Variation des biblischen Potipharthcmas in Form einer Erzählung aus einem alten „blauen Hcst" eines Freundes, die mit der vorgegebenen lehrhaften Tendenz des Buches blutwenig zu schassen hat. Sie wird höchstens zum Verräther an dem Eesammtwerke und läßt dasselbe trotz aller Wohlansiändigkeit der Sprache und dcS „sittlichen Ernstes" als nichts anderes alö eine verblümte Spekulation auf das Aufregungsbedürsniß „moderner" Leser erscheinen. Die Ucbcrsetzung macht den Eindruck einer guten. Geschichte der Oberpfälzischen Grenzstadt Wald- münchen. II. Theil, 2. Halste L. Vom k. Gymnasial- profcssor Franz Lommer in Amberg. 83 S. Gr.- Oklav. Preis 1 M. Zu beziehen durch Buchhändler H. Mayr in Amberg. * Das Werkchen enthält eine aktenmäßige Geschichte der Pfarrei mit einem geschichtlichen^ ErknrS über das religiöse Leben in Waldmüuchen, gibt ebenfalls an der Hand der Akten einen lichtvollen Einblick in die früheren VerwaltungS- und Eerichtsverhältnisse, sowie eine anschauliche Schilderung vom Stadtrcgimcnt und den Stadtprivilegicn. einschließlich Jagd und Fischerei. _ Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theo- logie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von vr. Ernst Commer, o. ö. Professor an der Universität BreSlau. Paderborn, Schöningh, 1894. IX. Vand, 1. Heft (Mitte Juli). Inhalt: Portrait des Vonorabilis ckoannos cko Ualakor st lllamlcwa, Stich von Campanclla. Der Ehrwürdige starb 1659 als Bischof von Osma in Spanien, gleich ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und Tugend. Abhandlungen: 1) Die TextanSlegung des Aristoteles bei Thomas von Aquin und bei den Neueren. Von vr. Eugen Reises, 272 Rektor in Frauweiler. Das Ergebniß des Artikels läßt sich kurz fassen in den Worten: Soll es bei uns mit dem Verständniß des Aristoteles besser werden, so mutz die Bedeutung der betreffenden Aquinatischcn Commentare noch viel allgemeiner anerkannt und diese selbst entsprechend verwerthet werden. (S.34.) — 2) Die Ein Beitrag zur Soziologie des Aristoteles. Von Franz von Dessen-Wesicrski in Breslau. Unter den verschiedenen Bedeutungen von Lo-»,--,»','--- wird als die wichtigste nachgewiesen jene, welche wir mit „menschliche Gesellschaft" wiedergeben. (S. 49.) Fortsetzung folgt. — 3) Die Neu-THornisten. Von k. Magister 8. Blieol. GundisalvuS Feldner. Orä. kraeä., Prior in Lcmberg. Begonnen wurde diese Arbeit Band VIII (S. 385—419). Allen, welche sich ernstlich über die tbomistisch-molinistische Controverse belehren wollen, ist diese Reibe von Artikeln, deren zwei jetzt vorliegen, sehr zu empfehlen. Sie enthalten die eingehendste Kritik des in der Passaucr Monatsschrift (1894, S. 14—25) mit überschwäng- lichen Lobeserhebungen angepriesenen Werkes: »8. Mwmas ^.guinatio äoetrina äs Ooopsrations Del oum omni natura. oreata praessrtim libora ete.- (karwlis, 1893). Das Werk richtet sich gegen V. Dummermuth'S, Orä. Vrasä., Werk: »8. Bliowas st üootrinckpraswotionioyli^sioaseto.« Volle? Jahre brauchte der Verfasser Viel. Frins, 8. ä., zur Widerlegung. Man dürfte nach so langer Arbeit wohl erwarten, daß V. Dummermuth Vollständig überwunden sei. Aber, wie V. Berthier, Orä. Vraeä, in der Lsvns Bbowlsts, I (S. 82—103, S. 169—200, S. 471—509) und V. Feldner in den genannten Artikeln schlagend nachweisen, ist das durchaus nicht der Fall. Das Werk V. Dummcrmutb's, sowie das tüchtige Werk: „Wissen Gottes" (4 Bände) von Dr. Ceslaus Maria Schneider behalten gegenüber den Molinistcn ihre volle Bedeutung. V. Frins hat entschieden Unglück. Seine Logik in Auslegung der Päpstlichen Schreiben (Scct. 1), wie in Auffassung der Lehre der Thomisten und des hl. Thomas (Scct. 2) läßt ihn kläglich im Stiche. Seine Kritiker sind ihm vollauf gewachsen, um nicht zu sagen überlegen. Daß sich die VV. Dominikaner eifrigst um den bl. Thomas und seine echte Lehre annehmen, und die molinistischen Angriffe entschieden abweisen, wird man hoffentlich sür sehr erklärlich finden. Daß bei dieser Defensive dem V. Berthier (a. O. 1. Heft) einzelne unpar- lameutarische Worte entschlüpft sind, ist sicher kein Verbrechen. Beispielsweise erinnern wii an die Polemik des hl. HieronymuS. k. Fclduer's Kritik finden wir durchweg objektiv und maßvoll; einige, etwas humoristische, aber sachliche Bemerkungen werden doch wohl den Gegner und dessen Meinungsfreunde nicht zu stark verdrießen. Jin Interesse der Wahrheit ist die gründliche Kritik durchaus am Platze. (S. 79) — 4) Die Philosophie des hl. Tbomas von A guin. Gegen Frohschammcr. Schluß. Naturphilosophie. Von Kanonikus Dr. Michael Glossner in München, Mitglied der römischen Akademie des hl. Thomas. (S. 91.) — 5) Die ?otkntia.ob6äisntiaIisderKrea- turcn. Vom genannten V. Feldner. Vgl. VIII, 257 ff., 459 ff. (S. 115.) —6) Die Grundprincipien des hl. Thomas und der moderne Sozialismus. IV. Die Zweckbestimmungen der menschlichen Natur. Von Dr. Ceslaus Maria Schneider. Pfarrer in Floisdorf. Fortsetzung der 4 Artikel in Band VIII. Im letzten Artikel war behandele diese Zweckbestimmung und die soziale Ordnung; im neuen Hefte kommt zur Sprache: die letztvollendende Zweckbestimmung in sich, und ihre Beziehung zur Freiheit. Die ganze Abhandlung ist höchst zeitgemäß — sehr beachtenswert!) für Philosophen und Theologen, sowie auch für alle ernsten Sozialpolitiker. Der nächste Artikel wird das Eigenthum behandeln. (S. 125). - Damit schließen die Abhandlungen. Wegen Stosssülle mußten die Besprechungen literarischer Neuheiten auf das Oktoberheft verlegt werden. — Den Schluß desHertes bilden die Zeit- schriftenschau und die Uebersicht über „Neue Bücher und deren Besprechungen" (S. 128). — Das Jahrbuch erscheint in vierteljährigen Heften von 8 Bogen Lex. 8°. Preis für den Band von 4 Heften 9 Mark. Abonnements übernehmen jederzeit alle Buchhandlungen. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blatter. Jahrgang 1891. Zehn Hefte M. 10.80. — Freiburg im Breisgau. Herder'sche Verlngshcmdluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 6. Heftes: Zur Bevölkere, ugsfrage. (H. Pesch 8. ä.) — Die Heerfahrt des sel. Heinrich von Bonn und seiner Gefährte». (O. Pfülf 8. I.) — Das Coppcruicauische Sonnensystem. I. (I. G. Hagen S. I.) — Das neucntdeckte Wandgemälde in der Katakombe der hl. Priscilla zu Rom. (Th. Granderath 8. ck.) — Annette von Droste-Hülshoffs Briefwechsel mit Levin Schücking. I. (W- Kreiten 8. ck.) Recensionen: Korum, Wunder und Göttliche Gnaden- erweise bei der Ausstellung des hl. Rockes zu Trier im Jahre 1891 (A. Lchmkuhl 8.1.); Schund, Geschichte des Georgianums in München (O. Pucks 8. ä.); Krogb-Tonning, Die Enaden- lcbre und die stille Reformation (A. Perger 8. I.); König, Die päpstliche Kammer unter Clemens V. und Johann XXII. (Fr. Ehrle 8. I.) — Empfehlenswertste Schriften. — Miscellen: Schriftstellerische Arbeiten der kath. Missionäre in China; Statistische Angaben über die Berufsstände in Frankreich; Ein „wissenschaftliches" Urtheil über Janssen. KatholischeWarte. Jllustr. Monatösckrift zur Unterhalt* tung und Belehrung. X. Jahrg. Heft 4/5 L 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Die neuesten Hefte dieses heimischen Familienblattes bringen wieder reichen abwechslungsvollen Inhalt. Buols „Geheimniß der Mutter" findet einen überraschenden Abschluß, während Schachings „Traudl" immer spannender sich entwickelt. Außerdem beginnt Hirschfeld, eine historische Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution „der Royalist" — der Humorist Kujawa eine seiner bekannten Militärhumoresken „die Lumpen- parade". In bekannter fesselnder Weise schildert Oberstlieutenant von Himmel die Tropenpracht „Brasiliens", während uns der Zoologe Tümler in einem Kapitel „Aus dem Buche der Natur" reizvolle Bilder aus den, Vogellcben schildert. An Biographien bringen diese Hefte den neuen Oberhirten der St. Pölteucr Diöccse, „Dr. Nößler", und einen westfälischen Pädagogen, „Pros. Sclmcrbusch" — beide von vertrauter Hand gezeichnet. Außerdem enthalten die Hefte Gedichte, kathol. Chronik u. dgl. Der Bilderschmuck ist ein reicher und gediegener zu nennen. Allen Freunden guter Lektüre möge deshalb die „Kath. Warte" wiederholt bestens empfohlen sein. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Brcisgau, Herder'sche Ver- lagSbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 8: Idodarv, Ds oueiibus biblieis contra, Zsutss. (Sck>önfelder.) — Bäthgen, Die Psalmen. (Hoberg.) — Narueelck, Ds msmorls äei 38. apostoll Vieira st Vaolo nslla oittä äi Rowa. (Baumgarten.) — Greving, Pauls von Vermied Vita OrsZorii VII. Vaxas. (Müller.) — Korum, Wunder und göttliche Gnadenerweise bei der Ausstellung des heiligen Rockes zu Trier im Jahre 1691. (Schill.) — Dult, Da vis st 1'osuvrs äs Diakon. (Bach.) — Kunze, Unsterblichkeit und Auferstehung. (Hardy.) — Grupp, Culturgeschichte des Mittclaltcrs. (Wittmann.) — Diemaud, Das Ceremoniell der Kaiserkrönungen von Otto I. bis Friedrich II. (Günter.) — Altmann, Eberhart Windcckes Denkwürdigkeiten zur Geschichte Kaiser S,gmunds. (Wurm.) — Aus dem Leben König Karls von Rumänien. - Fromm, Zeitschrift des Aachener Gcschichts- vereins. (Rauschen.) — Dehio, Untersuchungen über das gleichseitige Dreieck als Norm gothischer Bauproportioncn. (F. Schneider.) — Noak, Die Geburt Christi in der bildenden Kunst bis zur Renaissance. (F. Schneider.) — Fcstgruß an Rudolf von Noth zu Doktorjubiläum 24. August 1893. (Vetter.) — Aly, Geschichte der römischen Literatur. (Egen.) — Haas, Der Geist der Antike. — Donner, OataloZno totius saori, eanäiäi, oa- nonici ao oxsmpki Oräinis Vraemonstratsnsis insunts anno 1894. (Hauthaler.) — Schnorr von Carolsield, Erasmus Albertus. — Zehrt, Eichsfeldische Kirchengeschichte deö 19. Jahrhunderts. (Woker.) — v. Destouches, Orlando di Lasso. (Korn- müller.) — Korioth, Katholische Apologethik. (Walter.) — Nachrichten. — Büchertisch. _ k. Mauritiu s Klostermann, 0. 8. Dr., Besuchungen des heiligsten Sakramentes des Altares für jeden Tag des Jahres. III. Auflage. Freiburg i. Br., 1894. Herder'sche Verlaqshandlung. Pr. 60 Pf., gebd. 90 Pf. 16°, IX u. 235 S. D. Recht gesunde Eeistesnahrung sür die tägliche Visikakio 8anoti88iwi und bestens zu empfehlen. Berichtigung. In Nr. 32 der Beilage Seite 251 des Artikels „Das Martyrium der thebäischen Legion" muß es in Note 8 statt war tzwolooftmn Uioron^wum Dioron^wlanuw heißen. Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. tt!'. 35 30. August 1894. ilage zm Kugskurga Die Briefe des hl. Bonifatins. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönfeld. Wenn es einen hohen geistigen Genuß gewährt, mit hervorragenden Männern, welche die Geschicke ihrer Zeit mehr oder minder bestimmen, zu verkehren und deren Lebensauffassungen zu vernehmen, so ist doch dieser Gewinn nur Wenigen unter den Sterblichen ermöglichet, indem nur einzelne bevorzugte Freunde an dieser Tafelrunde theilnehmen können und dürfen. Anders aber liegt die Sache, wenn es sich handelt um die literarische Hinterlassenschaft eines geistig hochstehenden Mannes: die Ideale, die Kämpfe, die Zeitlage, der Freundeskreis, kurz das ganze Leben liegt klar und unzweideutig vor uns. Darum haben gerade Briefsammlungen einen so großen bildenden Werth, üben einen eigenthümlichen Zauber auf den Leser aus. „Solche Briefsammlungen, äußert sich Fr. Böhner, sind wie Kirchhöfe, auf denen viele Befreundete begraben sind. Alle diese großen, edlen, reichen Herzen schlagen nicht mehr, nur noch Trümmer sind von den Menschenkreisen vorhanden, in denen die Schreibenden sich bewegten, in den meisten Fällen hat Niemand die Heimgegangenen ersetzt." „Man lernt die großen Todten aus ihren Briefen am besten kennen und muß an dem geistigen Kampfe, den sie muthig gekämpft, und an den hohen Zielen, die sie verfolgt haben, sich emporziehen und aus ihnen Kraft, Muth und Selbstverleugnung schöpfen." Wenn aber dieses Wort des Frankfurter Historikers im Allgemeinen gilt, um wie viel mehr muß es stch bestätiget finden in der Lektüre der Briefe jenes Mannes, den wir mit Stolz „den Apostel der Deutschen" nennen, dem unser Vaterland die Grundlage aller nachfolgenden geistigen Entwicklung auf dem Boden des christlichen Glaubens verdankt? „Der Briefwechsel des hl. Boni- fatius, sagt mit Recht Cornelius Will (Regesten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöfe I, VI Ein!.), führt uns Mitten hinein in den Gang einer Epoche der Weltgeschichte, auf der eigentlich die gesammte Bildung und sittliche Größe des Abendlandes seit elfhundert Jahren beruht. Welche Seite des historischen Interesses man daher immer ins Auge fassen mag, jene Briefe gewähren Aufschlüsse oder doch Anhaltspunkte der Belehrung, die man in anderen Quellen vergeblich suchen würde." Darum kann es nur mit Freuden begrüßt werden, wenn Ernst Tümmler in dem großen Sammelwerke der Nonumantu Oorwunius stistoriou die Briefe des hl. Bonifatins auf Grundlage der eingehendsten Vorarbeiten und der genauesten Quellenforschung neuerdings zugänglich gemacht hat. (N. 6-. Itlpp. t. III, rrrörorviuAioi st curolini asvi t. I p. 215—433). Freilich können wir angesichts der bedeutenden Kosten dieses Bandes den Wunsch nicht unterdrücken, es sollen die bonifatianischen Briese in einer handlichen Separatausgabe zum Gemeingute aller gebildeten Deutschen gemacht werden. Wenn wir die Briefe des Apostels der Deutschen aufmerksam durchgehen, so finden wir in den verschiedenen Schreiben, die entweder von ihm herrühren oder an ihn gerichtet sind, einen einheitlichen Grundgedanken ausgesprochen: die deutschen Völkerschaften für die katholische Kirche zu gewinnen und zu erhalten. Da es aber eine Kirche ohne sichtbares Oberhaupt nicht geben kann, so war für Bonifattus die Verbindung mit Rom, dem Einheitspunkte aller wirksamen Missionsthätigkeit, von selbst gegeben. Von Papst Gregor II. erhielt „der fromme Priester Bonifatius" am 15. Mai 719 die Ermächtigung, kraft der unerschütterlichen Auktorität des Apostelfürsten den Heiden aller Orten das Evangelium zu verkündigen und die Katechumenen nach der in Rom üblichen Form zu taufen (op. 12 x. 258). Aus Willibald wissen wir, daß ihm speciell Thüringen als Arbeitsfeld angewiesen wurde (Vit. s. Lonik. o. VI: In st?stui'iriAiam juxta rnunäuturu Lpostolious seciio Lonsiäoranäo pro- §r 688 U 8 63t. ^.ot. 83 . 6 ä. Nudillou t. IV. p. 11). Schon im Jahre 722 am Feste des hl. Andreas wurde Bonifatius mit der bischöflichen Würde ausgezeichnet; ehe er in dieses erhabene Amt eingesetzt wurde, leistete er den Eid der Treue und des Gehorsams in die Hände des Papstes: kroinitto 6§c>, Lorntutirw Arrrtin Ööi 6PI800PU8, vostio, stoato ketro Lpootolorum prinoixi viouriogus tuo, steato papu6 6u'6Aorio 8U66688oridus^U6 . . IN6 oilliuzra tiäora 6t puritatom 8UN6ts.6 öclei Latsto1illL6 sxstistors 6t in unituts eju8ä6in Üä6i, Oso 0 p 6 runt 6 , xeroioters (6P. 16 x. 265). Außerkirchliche Historiker lassen gewöhnlich durch diesen Eid die deutsche Kirche an das herrschsüctige Rom verkauft werden. Ebrard verliert vollends die Ruhe und die kritische Besonnenheit, wenn er in seiner bonifatianischen Biographie auf die Beziehungen Noms zu der Organisation der katholischen Kirche in den deutschen Gauen zu reden kommt. Nach ihm ist „Bonifatius zwar nicht für einen moralisch-schlechten Menschen", aber doch „für einen beschränkten Fanatiker" zu halten, der nur „eine Moral: Rom über alles! und darum keine Moral" kannte; in dessen Briefen sich „nirgends eine tiefere christliche (!) Idee" findet, sondern nur „Geistloses", dessen „Gemüth von Natur sichtlich zu Gift, Haß und Heimtücke, wie zu Kriecherei und Schmeichelei disponirt ist." Auch Woelbing (die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Bonifatius S. V) behauptet, der Angelsachse Winfrid habe die deutsche und fränkische Kirche unter die Herrschaft Noms und seines Bischofes gebracht, „wodurch der Grund gelegt wurde zu all den Leiden und Wirren, welche Rom unserem Vaterlande bereitet hat und noch bereitet, und auch das Christenthum auf dem Festlande in die Bahn eines strengen Formalismus und äußerlichen Mechanismus und einer unnatürlichen und ungesunden Askese geführt, wodurch zum großen Theil der Verfall des Christenthumes und des Volks» lebens im Mittelalter herbeigeführt und eine Wiederbelebung des geistigen Lebens und eine Reformation der Kirche nothwendig wurde." Mit anderen Worten: Hätte der hl. Bonifatius die deutschen Stämme in ihrer halb christlichen, halb heidnischen Lebensauffassung und Sitte belassen, so hätte sich nach der Phantasie Ebrards und Woelbings auf kolumbanischer Grundlage eine deutschnationale Kirche entwickelt, welche an innerer Stärke und gesunder Entwicklung alle Stürme der Zeiten überdauert hätte. So aber ist Bonifattus die nothwendige Voraussetzung für das Erscheinen Luthers geworden. „Ja, schreibt Woelbing weiterhin, es war eine harte Schule, die das deutsche Volk durchmachen mußte, bis die Zeit erfüllet war und der Augustinermönch Martin Luther, der deutscheste der deutschen Männer, auftreten und seinem Volke lehren konnte (sonst verbindet man lehren mit dem vierten Fall), mit deutschem Herzen zu beten und mit deutscher Zunge zu singen (haben vielleicht die Deutschen des 12. oder 18. Jahrh, mit griechischer oder hebräischer Zunge gesungen?), und durch seine Bibelübersetzung und die damit verbundene Schöpfung einer gemeinsamen deutschen Sprache den ersten Grund legte zur Herstellung der Einheit des deutschen Reiches und zum Wiedererstehen der deutschen Kaiserherrlichkeit, welche durch die Beziehungen mit Rom geknickt schon drei Jahrhunderte in dem unterirdischen Schlosse des Kyffhäusers eingeschlossen war und noch mehr als drei Jahrhunderte eingeschlossen blieb, bis unser großer Bismarck den Schlüssel zur Oeffnung desselben auf den Schlachtfeldern Deutschlands und Frankreichs aus Blut und Eisen geschmiedet hatte." Dieser Wortschwall steht nicht in einem Festartikel zum Lutherjubilüum, sondern in einer vergleichenden Untersuchung über die verschiedenen Biographien des hl. Bonifatius. Wahrlich, die protestantischen Historiker dieser Gattung müssen mit unüberwindlichen Vorurtheilen behaftet sein, wenn sie angesichts der klaffenden Wunden des deutschen Protestantismus, welcher seit der Durchführung der preußischen Union von 1817 kein Recht mehr hat, Luther als Springquell der reformatorischen Segnungen zu feiern, eine „romfreie" Kirche als höchstes Ideal preisen; gerade diese Abarten in England, Rußland und den deutschen Staaten zeigen, wohin der Byzantinismus führt und nothwendig führen muß. (Vergl. Döllinger, Kirche u. Kirchen S. 5 ff.) * *) Danken wir Gott, daß Gregor II. in Bonifatius den Mann gefunden, welcher mit unerschütterlicher Festigkeit zeitlebens an feinem Bischofseide gehalten, welcher durch die Verbindung mit Rom der aufstrebenden Kirche in Deutschland sichere Grundlage gewährte. Welch innigen Antheil Papst Gregor II. an dem Werke des seelencifrigen Missionärs genommen hat, erhellt klar aus den verschiedenen Zuschriften an Karl Martell ^) (ap. 20), an die Bischöfe und Priester (ex. 18), an die christlichen Thüringer: Asulf, Godolav, Wilarcus, Gundhareus, Alvold (ex. 19), an die noch heidnischen ') Paulsen äußerte sich kürzlich: „Wäre die Reformation ganz durcbgedrnngen, hätten wir jetzt eine deutsche Nationalreligion und NeichSkirche; ich weiß nicht, ob wir dabei nicht in eine gefährliche Nähe zu russischen Zuständen geriethen." (Histor.-polit. Blätter 1891, Bd. 113, Heft 10, S. 768 aus der Münchner Allg. Ztg., Beilage v. 1. Febr. d. Jö.) *) Hauck (K.-G. Deutschlands I, 426) schreibt über diesen Brief an Karl Martell: „Der Papst theilt die Ordiuation des Bonifatius mit, aber er bittet nicht um Anerkennung seiner bischöflichen Würde." Das konnte der Papst deswegen nickt, weil die Spendung der Sakramente nicht vor das weltliche Forum gehört. . . „er bittet nur um Schutz und Unterstützung Karls für Bonifatius". „Es weht ein anderer Geist, erklärt Hauck weiterhin, in diesem Briese, als in den Briefen Gregors d. Er. an die fränkischen Herrscher. Die Thatsache, daß in der fränkischen Kirche der König eine leitende Stellung hatte, ist in den letzteren anerkannt, in dem ersteren nicht bestrittcn, aber ignvrirt. Gregor handelte auf Grund von Rechten, welche Rom im Frankenreich nicht besaß: alles kam darauf an, ob er sie behaupten konnte." Wenn die groben Anmaßungen der Merowiuger und ihrer Hausmcier hinsichtlich kirchlicher Güter und Aemter von selbst zur Rechtsbasis werden, dann gilt einfach der Satz: Gewalt ist Recht. Uebrigens hat Gregor d. Er. sowohl gegenüber der Königin Brunichilde, als den Königen Childebcrt, Thcodobert und Clothar den kirchlichen Nechtsstand- punkt immer betont. Vergl. Ausgewählte Schriften deS heil. Gregor (Kösel 1874) Bd. II, S. 295, 303, 491, 505. 508, 642, 662. Kirchenlexikon V, 2, 1083; Histor. Jahrbuch Bd. XU, S. 553. Mtscichsen (sx. 21); mit väterlicher Freude nimmt daS Oberhaupt der Kirche die Berichte über den glücklichen Fortgang des Bekehrungswerkes entgegen (ex. 24) und fordert die Germanen auf, Kirchen und bischöfliche Wohnungen zu errichten (ax. 24, 25). Auch Gregor III. (731—741) behielt die deutschen Misstonen scharf im Auge; bald nach Beginn seines Pontifikates erhob er Bonifatius — aä iuIumivLtionsin Fsnlig Liormaiiias vel airouuiczuac^us in umttra ruorlis morLvtiirus Zöntidus, in srrors oonstätutis, ad dao axostolivL Osi öLLlssia clirsatum — (sx. 28 x. 278) zur Würde eines Erzbischofes und verlieh ihm das Recht, bei der Feier des hl. Opfers und bei Bischofsconsekra- tiouen das Pallium zu tragen. Zum dritten Male zog der Apostel der Deutschen über die Alpen, um dem Stellvertreter Christi Rechenschaft über seine Amtsführung zu erstatten (o. 737—738). Mit Freuden, berichtet er an seine Freunde Geppan und Eoban, Tatwin und Wyg- bert nach Deutschland, sei er vom Apostolikus aufgenommen worden, und er werde erst nach Abhaltung einer Synode, wozu er vom Papste eingeladen sei, heimkehren (sx. 41 x. 289). Mit verschiedenen Empfehlungsbriefen ausgerüstet, trat Bonifatius die Rückreise an. (Fortsetzung folgt.) „Erbliche Belastung." Von Pros. Dr.L. Haas. (Schluß.) Wenn wir die „erbliche Belastung" abweisen, was setzen wir an die Stelle derselben, um den Thatsachen gerecht zu werden? Eine ursprüngliche d. h. eine nach dem Setzen des Lebensketmes oder in einem späteren, aber immer frühen Lebensstadium beginnende und sich fortsetzende Ansteckung und Einwirkung. Einer solchen haftet einerseits nicht das Widerspruchsvolle und geradezu Furchtbare einer Erblichkeit an, anderseits erklärt sie viel mehr als diese. Sie ist wenigstens im Princip heilbar, was man von der naturwissenschaftlichen Erblichkeit nicht sagen kann. Im Mutterleibe ist das neue Leben von der leiblichen Beschaffenheit der Mutter unmittelbar, von der geistigen mittelbar abhängig. Nun halte man fest, daß ein Lebcnwesen in seiner embryonalen Entwicklung für äußere Einflüsse äußerst empfänglich ist; ferner bedenke man, daß gerade die feinsten leiblichen Organe, die Nerven, in ihrer Gesammtheit, besonders das Gehirn, zu ihrer gesunden Bildung und Erhaltung der besten Ernährung bedürfen: welch' weiter Einfluß auf das neue Leben, mag dasselbe in seiner Setzung noch so gesund gewesen sein, von Seiten des mütterlichen Organismus und in zweiter Linie von dessen Umgebung im engeren und weiteren Sinne eröffnet sich da? Außerhalb des Mutterleibes verringern sich die Einflüsse auf das junge Leben nicht nur nicht, sondern mehren und verstärken sich. Der Einfluß der Mutter dauert fort, und die Einwirkungen, die das Kind bis jetzt Mittelbar durch die Mutter erfuhr, erleidet es jetzt vielfach, ja in den meisten Fällen unmittelbar. Man braucht keine Erblichkeit, die Ansteckung reicht zur Belastung des zarten, empfänglichen jungen Organismus hinreichend aus. Ich will die Sache nicht zu weit ausmalen, sondern nur auf zwei Punkte noch verweisen. Nach meiner Anschauung erklärt sich sehr einfach, warum die fälschlich behauptete Erblichkeit häufig Generationen zu überspringen scheint, und warum von einem und demselben Elternpaare vielfach belastete und unbelastete Kinder 275 stammen. Auf den zarten, empfänglichen kindlichen Organismus vermag jedenfalls auch eine dem ärztlichen und noch mehr dem Laienauge verborgene vorübergehende Krankheit der Eltern ansteckend zu wirken, besonders wenn äußere Bedingungen hiezu beitragen. Es hat z. B. fast jeder Mensch (o/,o der Gestorbenen) Tuberkeln. Aber diese zeigen sozusagen ein Streben nach Heilung, wenn diese nicht durch äußere Einflüsse gehemmt oder unmöglich gemacht wird. Es können unter besonders günstigen Umständen die Eltern oder eines von beiden mit einer Krankheit behaftet sein und doch das Kind nicht anstecken; die faktische Ansteckung des Kindes braucht nicht von den Eltern herzurühren. So sehr ich daher auch von meinem Standpunkte aus zur Erzeugung eines allseitig gesunden Geschlechtes die allseitige Gesundheit der Eltern betonen muß, so halte ich doch eine unbedingte Uebertragbarkeit (Erblichkeit) ausgeschlossen und glaube, daß unter entsprechender Vorsicht und unter Anwendung der rechten Mittel auch von kränklichen Eltern gesunde Kinder stammen können. Worin diese Mittel hauptsächlich bestehen, werden wir weiter unten sehen. Werden die schädlichen äußeren Einflüsse durch nichts gehemmt, können sie ihre volle Wirksamkeit entfalten, dann vermögen sie ein an sich ganz gesundes Leben in seinen ersten Stadien gavz oder theilweise zu verderben. Die genaue Periodicität der behaupteten Erblichkeit hat zudem noch niemand festgestellt, sie wird einfach im allgemeinen angenommen, über ihren Verlauf im einzelnen schweigt man sich aus oder gibt eine Art Regellosigkeit derselben zu. — Nach meiner Anschauung läßt sich sogar die Uebertragung der primären Verrücktheit, bei der doch jede Vererbung im eigentlichen Sinne von Hause aus ausgeschlossen ist, ganz gut erklären. Ich finde die primäre Verrücktheit darin, daß zwar die Organe an sich gesund sind, aber in verkehrter Weise gebraucht werden. Da nun die Seele des Menschen als geschaffener Geist niederer Ordnung bedingt ist, und zwar sowohl in ihrer Ausbildung überhaupt als auch hinsichtlich der scientifischen, moralischen und socialen Richtung, so kann ich es mir ganz gut erklären, daß ein Kind, welches im Hause unter dem beständigen Einflüsse eines Menschen mit nach irgend einer Beziehung abnormer Geistesrichtung steht, sich in diese Richtung allmählig sozusagen hineinlebt. Nervöse Eltern machen ihre Kinder nervös, mögen diese von Natur aus noch so gesund sein. Ja die Erfahrung geht noch weiter: Nervöse Lehrer beeinflussen ihre Schüler; selbst in höheren Erziehungsanstalten, wo es sich um Candi- daten im Anfang der zwanziger Jahre, also im Stadium der Vollendung der körperlichen Ausbildung handelt, kann der nervöse Vorstand seine Untergebenen anstecken, insbesondere wenn er beliebt ist und als allseitiges Muster der Nachahmung gilt. Den tieferen Grund dieser Uebertragung erkennen wir, wenn wir das fast einzige Mittel zu ihrer Verhinderung näher in's Auge fassen. Dieses Mittel ist einfach möglichster Wechsel. Das Gesetz des Wechsels, der Differenz, zieht sich durch das gesammte organische Leben, den Menschen mit eingeschlossen, hindurch, reicht sogar hinauf bis zur geistigen Thätigkeit des Menschen. Es läßt sich zwar nicht als Grundgesetz aufstellen, aber es ist ein sekundäres Gesetz von weitesttragender Bedeutung. Bleiben wir beim Menschen stehen! Es beherrscht seine Nahrung (auch die beste wird zum Ekel bei beständiger Wiederholung), seine Vergnügungen und Erholungen, seine Sinnenthätigkeit (einförmige, dauernde oder sich ständig wiederholende Reize stumpfen ab und werden zuletzt ganz wirkungslos), seine geistige Thätigkeit (dauernde Einseitigkeit derselben bewirkt bleibende Einseitigkeit, stumpft das Interesse und die Empfänglichkeit für anderes ab, macht pedantisch und stört die geistige Harmonie), ja sogar den Wechsel selbst. Wird dieser beständig, wird er zur Ruhelosigkeit, ist er nicht compeusirt durch ein Moment der Ruhe und Stabilität, dann stumpft er ebenfalls ab und führt zur Blastrtheit oder auch zu nervöser Ueberreizung Wie eine kränkliche Pflanze durch Versetzung an einer neuen Standort sich vielfach erholt, so auch der Mensch durch den Wechsel. Darum wechselt der Arzt mit der Arznei und der Nahrung, ja wo es sein kann mit dem Aufenthaltsort seines Patienten. Aus ihrem Nomadenleben, also aus dem beständigen Wechsel, erkläre ich mir die Erhaltung der Kraft der Urväter trotz der Heirathen innerhalb derselben Familie. Man beachte sogar, wie im Laufe der Zeit sogar die Natur selbst (um diesen einmal gebräuchlichen Ausdruck beizubehalten) für die Aenderung in der Nahrung sorgt. Die altbaperische Bevölkerung hält sich heute viel weniger an die Ernährung von fetten Mehlspeisen wie vor 30 Jahren. Man weist, um das Verderbliche der Heirathen in zu eng gezogenen Kreisen nachzuweisen, gewöhnlich auf die höheren Gefellschasts- schichten hin. Aber selbst diesen Hinweis kaun ich nicht voll gelten lassen. Ich glaube nämlich, daß die Ver- derblichkeit solcher Heirathen in den höheren Gesellschaftsschichten sich noch viel mehr geltend machen würde, wenn nicht denselben der weiteste und ausgiebigste Gebrauch des Wechsels in den verschiedensten Beziehungen hinsichtlich der Ernährung, des Aufenthaltes, der Beschäftigung u. s. w. zu Gebote stünde. Ich bin der Ansicht, daß sich diese Verderblichkeit in den tieferen Schichten eben wegen der Unmöglichkeit des Wechsels thatsächlich noch weit mehr geltend macht, als in den höheren. Der thatsächliche Zustand entzieht sich hier wegen der Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit der statistischen Zusammenstellung unserer auch nur einigermaßen genauen und sicheren Erkenntniß. Ich komme also auch von meiner Anschauung aus zur Forderung einer möglichsten Ausdehnung der gegenseitigen Heirathsbezirke; ich möchte dieselben nicht bloß auf die verschiedenen Stämme und Völkerschaften eines Landes, sondern, soweit es ohne sonstige Nachtheile geschehen kann, über die verschiedenen Nationen ausgedehnt und selbst da noch einen bestimmten Wechsel eingehalten wissen. Neben dem eigentlichen Zwecke würde sich gewiß noch eine ganze Reihe moralischer, socialer und politischer Vortheile ergeben. Die Quintessenz meiner Anschauung möchte ich dahin zusammenfassen, daß sie die entsprechenden Thatsachen hinreichend erklärt, den wissenschaftlichen Anforderungen vollständig genügt und dazu den Trost einer verhältniß- mäßig leichten und vollständigen Heilbarkeit der etwa vorhandenen Belastung gewährt. Auf einen Punkt muß ich schließlich noch aufmerksam machen: Etwa vorhandene geistige Abnormität wird vielfach nicht früh genug beachtet, und wenn dieses, vielfach vernachlässigt und durch das Benehmen der Umgebung, sei eS durch Mißbrauch zu Scherzen, sei es durch abstoßende Zurückhaltung, gesteigert, anstatt gemindert. Frühzeitige Versetzung in eine andere Umgebung ist in der Regel sowohl in materiell-leiblicher als in geistig-persönlicher Beziehung die Grundbedingung einer sicher zu erhoffenden Heilung. 276 Der Nimbus. (Schluß.) I>. L. ES fand sich also in dem zuletzt erörterten Punkt kein Gegensatz im Christenthum mit heidnischen Anschauungen, der eine Ablehnung des Gebrauches des Nimbus verlangt hätte. Falsch ist demnach, wenn Krenser schreibt:") „Um heilige Personen von anderen zu unterscheiden, verfiel die christliche Kunst — vielleicht schon in ihrem Anfang — darauf, als unterscheidendes Merkmal den Heiligenschein beizugeben", oder wenn Menzel") in seiner Symbolik vom Nimbus sagt: „Ganz andere Bedeutung wie bei den Heiden, wo er die Sonnenscheibe vorstellt, hat der Nimbus bei den Christen. Hier drückt er die Macht des Geistigen im Leiblichen aus, die den Leib gleichsam überfluthet und über ihn hinausstrahlt." Der heidnische Nimbus stellt ebensowenig die Sonnenscheibe vor — denn wie kämen Pluton und Hekate zur Sonnenscheibe — als in den christlichen Darstellungen der ersten Zeit der nicht etwa dem Heiland, sondern dem richtenden Herodes gegebene Nimbus die überfluthende Macht des Geistigen im Leiblichen bedeutet. Auch wenn Herradis") sagt: Lumina, csuus oiroo. oaputi sauotorum in inocluin virouli äöxin§untur äogi'Avant guoci luvrivs astsrvi Zploväoris oorovati lruuvtnr. lä oiroo voro soouväum tormarv rotunäi souti xivAuvtur c^uia clivina xrotootious ut Konto nnininntnr; so ist das zwar vom späteren Standpunkt aus eine sehr schöne Symbolik, aber die, welche den Nimbus erfanden, und auch die christlichen Künstler, welche ihn zuerst anwendeten, wußten von alledem nichts. Auch hat er in christlichen Darstellungen zunächst nicht die Bedeutung der Göttlichkeit, sondern ist Zeichen der Macht und Jurisdiction, der 2laiostg,3 iivporialis. In diesem Sinne hat Herodes und der Kaiser Justinian den Nimbus. Gebräuchlich wurde die Anwendung des Nimbus erst in der Zeit Constantins. Vereinzelt findet er sich aus Goldgläsern aus dem 3. Säculum. Insbesondere ist es der wunderwirkende Heiland, der mit dem Nimbus ausgezeichnet ist. So bei der Heilung des Gichtbrüchigen, der Brodvermehrung u. dgl. Besondere Erwähnung verdient auch eine Darstellung aus dem Cömeterinm des hl. Petrus und Marcellinus.") Ein Lamm trägt auf dem Rücken das die hl. Eucharistie symbolisircnde Milchgefäß, welches mit einem Nimbus umgeben ist. Sehr früh erhielten auch schon die evangelischen Thiere den Nimbus, sei es, um sie dadurch als religiöse Bilder zu kennzeichnen, sei es, weil man darin im heidnischen Vogel Phönix ein Vorbild fand. Interessant ist auch, daß die Gnostiker den Nimbus sehr viel verwendeten, so z. B. in der Darstellung der ägyptischen Schlangengottheit Kneph.") Innerhalb des Christenthums ging die morgen- ländische und abendländische Kirche im Gebrauch des Nimbus gar bald auseinander. Erstere schrieb nämlich ihren Künstlern die Verwendung des Nimbus nicht nur für alle Heiligen, auch die des alten Bundes, sondern auch für alles Ueberirdische, also auch für das Dämonische vor. Der kleinliche byzantische Hofgeist aber machte sich ") Kreuscr, der christl. Kircbcnbau. II, 87. ») Menzel. Symbolik. II. 159 sf. ") Otte, Handbuch d. Kunstarchäol. I, 550. ") De Waal in Kraus' Realencyclop II, 497. ") Stephane l. o. darin geltend, daß man den Nimbus je nach Rang und Würde des Heiligen in verschiedenen Farben malte. Auf Judas entfällt Hiebei ein schwarzer Nimbus.") Im Abendland dagegen wurde der Nimbus immer mehr zum eigentlichen Heiligenschein. Freilich findet sich auch in einer Miniatur aus dem 10. Säculum der Teufel mit dem Nimbus. De Waal möchte hierin eine Ironie erblicken.") Es scheint aber näher zu liegen, der Zeichner habe damit die Macht des Höllenfürsten ausdrücken wollen. Vielleicht dachte er keines von beiden und ahmte einfach ein byzantinisches Vorbild nach. Kleinere Verschiedenheiten und Unterscheidungen bildeten sich indessen auch im Abendlande aus. So kommt der dreieckige Nimbus ausschließlich Gott dem Vater, der mit dem Labaron geschmückte Gott Sohn, der mit einem einbeschriebenen Kreuze Gott Sohn und dem hl. Geist, niemals aber einem Heiligen zu. Die Mutter Gottes und der hl. Johannes Nepomuk haben einen aus Sternen zusammengesetzten Nimbus, erstere als Ltolla Llaris, letzterer, weil über seinem Leichnam in der Moldau sieben Sterne sichtbar gewesen sein sollen. Bis zum 12. Säculum war der Nimbus eine feine Kreislinie, im 12. und 13. wurde er dicker und schwerer; im 14. und 15. pflegte man ihm den Namen des betr. Heiligen einzuschreiben, im 16. wurde er so grob und schwer,") daß er „wie ein Mühlstein auf dem Haupte lastet". In Italien umgab man die Figur Christi und der Muttergottes häufig mit einem mandelförmigen Strahlenkranz, rvaväorla genannt. Dieser Gebrauch verpflanzte sich auch nach Deutschland, wo man in der Form der manäorlg, die eines Fisches, des Symboles Christi, erblickte.") Statt der strengen Form des Nimbus und Strahlenkranzes verwendete die sich von steifen Formen immer mehr befreiende Malerei der Renaissance verschwommene Lichtschimmer, Regenbogen, Glorien auS lichten Wolken, Tauben oder Engclsköpfen, unterließ es auch manchmal ganz den Heiligenschein beizugeben und suchte den übernatürlichen Charakter besonders im Gesichtsausdruck darzuthun. Die neueste Malerei verschmäht den Nimbus keineswegs, und es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß sie ihn manchmal gar nöthig hat, da sonst niemand in diesem oder jenem Bild einen Heiligen suchen würde, wenn uns nicht der bei- gegebene Nimbus mit Gewalt diese Vorstellung aufdrängen würde. Um das im Vorausgehenden versuchte Bild von der Bedeutung und Anwendung des Nimbus zu vervollständigen, erübrigt uns nur noch, den Gebrauch desselben bei noch lebenden Personen kurz ins Auge zu fassen. Ein solcher Gebrauch entstand erst in der späteren römischen Kaiscrzeit. Ein indoskythischer Fürst Namens Oerki soll der erste gewesen sein, der sich mit dem Nimbus darstellen ließ?") Später galt er dann ganz allgemein als unerläßliches Attribut der königlichen Würde. In Georgien hat sich noch im 17. Säculum der Scha Abbas mit dem Nimbus malen lassen?') Auch das Christenthum gestand lebenden Personen den Nimbus zu. Aber es gab denen, die „den Kampf noch nicht gekämpft, den Lauf noch nicht vollendet und ">) Menzel l. o. II, 159. ") Kraus 1. o. ") Otte I. o. 551. ") Kreuscr I. o. I, 742. i°) Stephan! I. «r. 360. «) Stephan! I. o. 360. 277 die Krone der Gerechtigkeit noch nicht empfangen hatten", nicht den Nimbus in Form der die Ewigkeit, Vollendung und Vollkommenheit symbolisirenden Kreislinie, sondern in Gestalt eines Vierecks, was man dann wohl mit Durandus mit den vier Cardinaltugenden in Verbindung bringen mag. So zeigt uns eine Miniatur aus Monte Cassino den hl. Benedikt mit dem runden, den Abt von Monte Cassino mit dem viereckigen Nimbus.^) Doch den Menschen war es nicht genug, sich mit dem Nimbus vor oder nach dem Tode bildlich darstellen zu lassen, die Herrscher der Erde wollten auch selbst im Leben ein an die Göttlichkeit erinnerndes Abzeichen tragen. Da nun Nimbus und Strahlenkranz hiezu äußerst unpraktisch waren, sammelte man die Strahlen senkrecht stehend auf einem Band oder Reif und hatte so die Strahlenkrone. Auch diese ist griechische Erfindung aus der Zeit Alexanders des Großen. Dadurch, daß man diese Strahlenzinken keilförmig, kürzer und nach auswärts gebogen machte, entstand dann die Zackenkrone. Außer den Herrschern trug auch der Opfernde eine solche Krone, da ja das Opfer eine eigentlich königliche Handlung war. Cäsar trug sie im Theater, Nero ließ sich auf Münzen zuerst damit darstellen?«) Nach Augustus finden wir sie auch statt des Nimbus für Götterbilder verwendet. Wohl zu unterscheiden sind natürlich davon die Kronen von der Form der päpstlichen. Sie stammen alle von der persischen Tiara, welche eine wirkliche cylinder- förmige Kopfbedeckung war, die allerdings oben auch kurze, stumpfe Zacken oder Niesen hatte. Aber diese sollten keineswegs Lichtstrahlen vorstellen, sondern waren aus der Anschauung des Pflanzenreiches entnommen.^) Wir haben nun im Vorausgehenden gesehen, daß daS Christenthum den Heiligenschein, so christlich er uns vorkommt, nicht erfunden, sondern vielmehr vom Heiden- thum herübergenommen hat. Es war dies möglich, weil sich in diesem Punkt Heidenthum und Christenthum nicht feindlich gegenüberstanden, sondern im allgemein Menschlichen sich die Hand reichten. Denn überall, wo wir den Nimbus treffen, im Heidenthum wie im Christenthum, in alter und neuer Zeit, ist er der unwillkürliche Ausdruck des gemeinsamen und allgemein menschlichen Bewußtseins, daß etwas Höheres, als das Materielle, in uns wohnt, er ist der Ausdruck des allgemeinen Wunsches nach Vergeistigung und Vergöttlichung, er ist, möchte ich sagen, die bildliche Darstellung der Idee des Geistigen und Unsterblichen. Die socialistische Staatsidee beleuchtet durch Thomas von Aquin. ä. V. I«. Bekanntlich lieben es socialistische Redner und Schriftsteller sich in ihren Ausführungen auf Stellen aus den Werken des Aquinaten zu berufen. Einerseits bezwecken sie dadurch, die Ansicht zu begründen, der von uns Katholiken so sehr gefeierte Kirchenlehrer sei ihren Theorien nicht fremd; anderseits aber wollen sie so auch darthun, wie wenig das Christenthum im Stande gewesen, die einseitigsten Uebertreibungen des sogenannten Klasiensystems zu unterdrücken. Demgegenüber ist es gewiß ganz zeitgemäß, wenn der, auch den aufmerksamen Lesern unserer Beilage, als gründlicher Thomas- kenner wohlbekannte, äußerst rührige Dr. CeslauS ") Kraus l. v. 498. Stephani I. v. 360. ") Stephani l. o. 360. Maria Schneider unter obigem Titel in eigenem Schriftchen (S. 98, 8", Paderborn 1894, Bonifatius-Druckerei) den Mißbrauch des HI. Thomas seitens der Socialisten brandmarkt. Eingehend weist der gelehrte Herr Verfasser nach, und zwar durch ausführlichere Darlegung der Lehre des Aquinaten selbst, daß alle derartigen, socialistischerfeits gebrachten Belegstellen gemäß der ganzen Anschauung des hl. Thomas von vornherein entweder durchaus auf Fälschung beruhen, oder auf Unkenniniß der von ihm gebrauchten Ausdrücke, oder endlich auf der Loslösung einzelner Sätze aus dem Zusammenhange. Die einschlägige Lehre des hl. Thomas enthält zudem, auch abgesehen von den augenblicklichen Angriffen auf dieselbe, so viel wirklich Nützliches und Fruchtbringendes auf socialem Gebiete, daß sich auch darum eine genauere Wiedergabe überaus empfiehlt. Der Aquinate läßt einzig die Vernunft sprechen. Was die reine Vernunft über die menschliche Gesellschaft und deren Beschaffenheit sagt, das untersucht Thomas. Nur durchaus stichhaltige Gründe sollen gelten, und zwar Vernunftgründe. Deshalb hat auch der Verfasser gerade die Politik des hl. Thomas, d. h. dessen Erklärungen zu dem entsprechenden Buche des Aristoteles, zu Grunde gelegt, und nicht die Summa oder dessen Schrift äs re§iinins xrinoixum. Da kann sich jeder, schon durch die äußere Gestalt eines Comwentars zu Aristoteles, überzeugen, daß hier in keiner Weise die Offenbarung maßgebend ist, sondern die reine Stimme der natürlichen Vernunft, wie sie in allen Menschen wiedertönt, welche nur ernst auf sie achten wollen. Daraus folgt ein weiterer Vorzug, welcher die Darlegungen des hl. Thomas auszeichnet und, zumal für unsere Zeit, recht praktisch macht. Thomas stellt sich auf rein natürlichen Boden. So breitet sich denn gar leicht vor unsern Augen das weite Gebiet aus, auf welchem das positive Gesetz die Natur zu vollenden berufen ist. Der Hauptzweck vorliegender Schrift ist, besonders in den für die gesellschaftliche Ordnung unserer Tage wichtigen Punkten, die sichere Lehre des berühmten Fürsten der Scholastik klar vorzulegen. Keine verknöcherte Staatsordnung wird von St. Thomas vertheidigt. Das Gute in unsern heutigen Staatengebilden hebt er vielmehr schon nachdrücklich hervor. Auch schält er los den gesunden Kern in den Bestrebungen des Socialismus, soweit dieser nicht eine Sekte sein, sondern das geordnete Zusammenleben der Menschen befördern will. Nach einer Einleitung über den Zweck der staatlichen Ordnung werden in 4 Kapiteln der Reihe nach behandelt: die zwei Hauptklassen im Staate, die Erwerbsquellen, die Familie, Widerlegung des Com munismus. Zuerst wird in jedem Kapitel der entsprechende Text aus Thomas vorgelegt und daran gelegentliche Bemerkungen und Vergleiche angeschlossen. — Vor allem betont St. Thomas die natürlichen Prinzipien des staatlichen Zusammenlebens. Natur ist ihm nie das voll genügende Prinzip für das einzelne Sein und Wirken. In der heutigen Redeweise deckt der Ausdruck „Natur" alle Verlegenheiten. Jeder gebraucht ihn deshalb, wie es ihm gerade paßt. Bei Thomas ist deutlich ausgedrückt, wie sich jemand bei Behandlung socialer Fragen auf die Natur berufen kann. Sie ist das Gemeinsame in allen Menschen. Neben der Natur unterscheidet Thomas im Menschen noch ein anderes Element: jenes, durch welches der Einzelne unter die Natur hinab- sinken oder über dieselbe sich erheben kann, insofern er s durch seine frei wirkende Vernunft die Natur mißbraucht oder über das gewöhnliche Maß hinaus vollendet. Das ist durchaus festzuhalten. Weder Thomas noch Aristoteles will das Individuum im Staate aufgehen lassen. Eine Staatsallmacht ist den Ideen beider fremd. Der Staat ist ihnen vielmehr nur insofern Zweck der einzelnen Menschen und berufen, allseitig den menschlichen Nöthen zu genügen, als die Menschen durch die Natur zu einander gehören und einander bedürfen. Soweit jeder Mensch kraft seines vernünftigen Geistes selbständig ist, hat der Staat seinen Zweck im einzelnen Menschen: er soll ihn nämlich zur Tugend erziehen und damit dem endgiltigen Wohle jedes Einzelnen dienen. Das socialistische System ist keineswegs etwas Neues. Sein Grundgesetz mit den unvermeidlichen Folgen wird bereits von Aristoteles bekämpft. Dieses Grundgesetz heißt: Im Staate sind nur Individuen. Jede? derselben hat durchaus das gleiche Recht. Das Haus ist ein kleiner Staat, der Staat ist ein großes Haus oder eine große Gemeinde. Nur die Zahl macht da einen Unterschied. Demgegenüber stellt St. Thomas nach Aristoteles fest, daß Haus, Gemeinde, Staat von Natur dem Wesen nach von einander geschieden sind. Damit aber werden zugleich die Grundelemente für das organisch gegliederte Staatsganze gekennzeichnet. Die Zahl macht ja nicht wesentlich die Familie aus, sondern Mann und Gattin, Herr und Knecht, von denen jedes Glied von Natur die ihm eigene Bedeutung hat, und zwar gemäß den entsprechenden natürlichen Aufgaben, sowie nach dem Grade der Vernunft in den verschiedenen. Besonders ist hervorzuheben die Stellung, welche Thomas dem Weibe zuweist. Die Frau gehört tn die Familie. Sie ist vor allem berufen, die ersten Schritte des heranzubildenden Geistes im Kinde zu leiten. Die Arbeit in der Haushaltung liegt der Frau von Natur ob; nicht die in der Fabrik oder dgl. Noch mehr widernatürlich ist es, die Frau in allen bürgerlichen oder politischen Angelegenheiten dem Manne gleichstellen zu wollen, als ob kein natürlicher Unterschied zwischen beiden bestände. Welche Mißstände letzterer Irrthum zeitigt, dafür bietet Amerika höchst traurige Beispiele. Mit vollem Rechte weist der Verfasser hin auf den allgemeinen Fehler in den socialpolitischen Werken und Gesetzen der Gegenwart. Dieser ist der Mangel an unumstößlich festen Prinzipien, auf welchen die Erörterungen der socialen Schäden aufgebaut werden. Es fehlt der Anschluß an die vergangenen Zeiten; die socialpolitische Wissenschaft als solche wird ausdrücklich als eine Frucht des neuzeitlichen Fortschrittes gepriesen. Für die Heilmittel, welche angegeben werden, ist mehr das Gefühl maßgebend, wie die nüchterne Vernunft. Daher der stete Wechsel in den Ansichten, die vielen Abänderungen der Gesetze. Gerade der Wesenscharakter der menschlichen Handlung wird fast durchweg übersehen. St. Thomas, wie Aristoteles, betont denselben scharf. Soll das Menschliche Handeln, mag es die einzelne Person oder die gesellschaftliche Ordnung zum nächsten Gegenstände haben, nützlich und heilsam sein, so muß eS der menschlichen Natur entsprechen. Das ist die feste Norm, nach welcher auch in socialpolitischen Fragen entschieden werden muß. Darum hebt auch Thomas als Kennzeichen eines naturgemäßen Lettens oft hervor, daß die Leitung auf beiden Seiten zum Besten gereiche: dem Leitenden und dem Untergebenen, der Seele und dem Leibe. Die socialen Gesetze und Erörterungen müssen demnach immer an diesem Probirsteine untersucht werden. Nur, wenn sie der geraden Linie entsprechen, haben sie Anspruch auf Dauer. Sie müssen das Ganze befördern und zugleich die Selbständigkeit des Einzelnen. Ein Staat ist umso stärker, in je größerem Maße ihm die gewaltigste Kraft im Bereiche des Geschöpf- lichen, die Vernunft, zu Gebote steht. Die naturgemäßen Principien der Gesellschaftslehre müssen wieder ganz und voll zur Geltung kommen, wenn es anders besser werden soll. Die natürliche Ordnung ist wieder einzuführen. Man muß allseitig gebührend Rücksicht nehmen auf die selbständige Stimme der Natur. — Betreffs der Erwerbsquellen wird sehr richtig und wichtig hervorgehoben, daß es Pflicht der staatlichen Gesetzgebung ist, die eigentlich und von Natur bedeutungsvollen Erwerbsquellen an unbedingt erster Stelle zu begünstigen. Die großen Massenccntren sind kein Vortheil für einen Staat, wohl aber ein blühender, nicht leicht beweglicher Bauernstand. Etwas weiter haben wir unsere Besprechung ausgedehnt, um dem Leser auch ein Urtheil über die Bedeutung unserer Schrift zu ermöglichen. Nebenbei machen wir auch aufmerksam auf die trefflichen Artikel desselben Verfassers: „Die Grundprincipien des heiligen Thomas und der moderne Socialismus" im trefflichen Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie (vgl. Beilage Nr. 24 v. 14. Juni l. I., Artikel: „Der heilige Thomas von Aquin und seine Lehre"). Wohlthuend berührt, wie in allen Arbeiten Schneiders, so auch in unserm Schriftchen und den erwähnten Artikeln, welche auch im Jahrgange 1894/95 fortgesetzt werden, der warme, überzeugnngs- volle Ton, welcher dieselben durchweht. Wir freuen uns schon auf das baldige Erscheinen der angekündeten Schrift über „Kirche und Staat". Dieselbe soll den eingehenden Nachweis liefern, was die kirchlich-christliche Gesetzgebung gethan hat, um der Natur im Menschen zu ihrem vollen Rechte zu verhelfen und dieselbe zu vollenden. Recensionen und Notizen. Weiß I. E., Scbnl- u. ExcursionSflora von Bayern. München-Leipzig, E. Wolfs, 1894. 8°. XI- -j- 520 S. M. 4.50 geb. Der nciturgeschicbtliche Unterricht ist erst in jüngster Zeit an den bayerischen Mittelschulen eingeführt worden, nur leider nicht in den oberen Klassen, sondern in den untere», wo der Verstand der Schüler hicfür noch viel zu unentwickelt ist, um einen Erfolg zu erzielen. An Hilfsmitteln, den Lehrstoff durch die Anschauung zu beleben, feblt es gewiß nicht; eines der besten ist die vorliegende Flora Bayerns, die dem jungen und alten Freunde der Pflanzenwelt die Möglichkeit gibt, jede im Königreich wild wachsende oder cnltivirte Pflanze selbst zuverlässig zu bestimmen. Sind die dunstigen Schulstuben geschlossen und ist die ersehnte Ferienzeit gekommen, dann wird dieses prächtige und bequeme Handbuch noch mehr dem im Grünen sich ergebenden Schüler zum trauten Freund und Begleiter werden. Doch, man glaube ja nicht, daß dieses Lob dem wissenschaftlichen Charakter des Buches zu nahe träte; im Gegentheil, auch der Fachmann wird bestätigen, daß die Flora den strengen Anforderungen der Wissenschaft gerecht wird, wenn sie auch einen bescheidenen Titel führt, welchen wir freilich mehr logisch gefaßt wünschen, denn „Schule" und „Excursion" sind doch nicht coordinirte Begriffe: das Wort „Schnlflora" ist in unseren Augen ein Monstrum von Sprachwidrigkeit; in der Schule ist ja keine andere Pflanze zu finden, als die -lAnornnti» xxrawiäalik«, Excnrsionen hingegen sollen Ausbeute an Pflanzen geben, die dann allerdings in die Schule zur Analyse gebracht werden können. Von Florenbüchcrn für Deutschland (und Bayern) kennen wir eine ziemliche Anzahl, keines aber ist so 279 vollständig in seiner Art und mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit durchgearbeitet; die Ausstattung ist musterhaft, und wenn das Buch in unseren Schulen zur ofstciellen Einführung kommt, woran wir nicht zweifeln, so ist das nur recht und billig. Mit treffender Kürze und Sicherheit sind die Diagnosen aufgestellt; die deutschen Pflanzennamen, welche in jeder Gegend wechseln, sind botanisch ganz gleichgültig und haben höchstens mitunter für den Cultur- und Dialektforscher Werth; diese hätte also der Verfasser anzugeben sich ersparen können, um so mehr, da sie nicht immer die Verdeutschung deö lateinischen Kunstausdruckes wiedergeben. Daß der Acccnt angegeben ist, wird geschätzt werden, hört man ja selbst von Fachmännern die gräulichsten Betonungen der Wörter; die Methode der Accentbezcich- nung jedoch (nach dem Grundsatz S. IV) entspricht nicht dem Charakter der lateinischen Sprache, welche den Ton regelmäßig auf der vorletzten Silbe hat und ihn nur da, wo diese kurz rst, auf die drittletzte zurückschiebt; diesem Fundameutalgesctze zufolge wäre es am besten, nur vorletzte Silbenkürzcn mit dem Quantitätszeichen oder, was dasselbe ist, drittletzte Tonstellen mit dem Tonzeichenstrich zu versehen; alles andere ist Luxus. Manche Fehler haben wir indeß auch gesehen, und zwar sehr schlimme, so „6am- xunüla" (S. 291 statt „llampLnula"), oder „üximus" (S. 266 statt „opimus") u. st w. Die Durchsicht des BucheS von einem der lateinischen Sprache kundigen Corrector würde für die Zukunft solche Fehler vermeiden lassen. Doch auch die Sonne hat Flecken! _ Brockelmann Car., Iwxieon szwiaoum, praskatus ssd Xoslclslls. §aso. I (pp. 1—80). 4°. M. 4,00. Bcrolini, Reuther u. Neichard, 1894. 1. Sehen wir von der »Lidlia, bobraiea- ab, so ist unter allen semitischen Dialekten dem Theologen (Excgcten und Patro- logen) das Syrische weitaus der wichtigste, ja man darf sagen, die Kenntniß der syrischen Sprache ist ihm kaum entbehrlich, um so weniger, als gerade in neuerer Zeit die syrischen Studien einen großartigen Aufschwung genommen haben. Trotzdem sind die Mittel für das Erlernen der Sprache immer noch sehr mangelhaft, namentlich gebrach es an einem vcrlässigen Handwörterbuch, während sür das Studium des Arabischen überreiche Auswahl vorhanden ist. Das einzige vorhandene Lcxicon von I. D. Michaelis (1788) wurde bei den Antiguaren mit 60—70 Mark bezahlt, obwohl eS eine Menge Fehler ausweist und außerdem nur den biblischen Wortschatz bringt; der große »Miesaurrw 8^riaou8- von Smith (London, Clarendon Preß), schon 1879 begonnen, erweckt durchaus nicht das Vertrauen, daß das lebende Geschlecht noch seinen Abschluß sehen werde (bis jetzt ungefähr 2 /, in 8 Heften), außerdem wird er über 200 Shilling kosten; mit dem vorzüglichen »^1-IwbLb s. cliotionarium szwvarabiouiu- (4°, 2 voll. Fr. 60), das der Maronite Gabriel Cardahi in der Jesuitendruckerci zu Beyruth 1887—91 herausgab, ist doch nur gewiegten Kennern des Arabischen etwas gedient; nachdem sich auch das von der gleichen Druckerei angekündigte »vietionuairs sxriaguo-latin elassiqus« noch nicht geburtöreif erwiesen und wer weiß, wie lang noch »en prexaration- bleiben wird, muß die Herausgabe eines »Iwxieou sz-riaonm- durch obige Verlagsbuchhandlung als eine wahre Erlösung begrüßt werde», zumal wenn es, wie man hoffen darf, schleunig seiner Vollendung entgegen geht. Daß es ein sicherer Führer sein wird, dafür bürgt die empfehlende Einführung durch einen so gewiegten Syrologen, wic Nöldekc; die Abfassung in lateinischer Sprache schätzen wir als einen besonderen Vortheil. Das Buch, welches 10 Lieferungen (L 4 M.) umfassen soll, wird in erster Linie ein bequemes Hilfsmittel bei der Lektüre sein, aber auch dem Sprachforscher einen Ueberblick über den Sprachschatz ermögliche»; jede einzelne Bedeutung ist durch Citate belegt. Der Preis des Werkes beweist aber schon, daß es die Verlagshandlnng versteht, Capital auS der Noth zu schlagen. Das erste, uns vorliegende Heft (die ersten 4 Buchstaben dcS Alphabetes umfassend) ist uns ein honnm auAnrium, daß wir ein Monumentalwerk deutschen Fleißes und philologischer Gründlichkeit in ideal schöner Ausstattung haben werden; möge es doch bald vollständig vorliegen! Hoffmann (Luise Johanna), Seelenphotographien. Aufgenommen aus Predigten zu St. Hedwig in Berlin. Gehalten von Advent bis Ostern. Ein Theil des Reinertrages ist für die katholischen Kirchen Berlins bestimmt. Ratibor, Müntzberg. 8°. 61 S. Wir setzen zur Orientirung über Inhalt und Tendenz der Sammlung das „Vorwort" der Verfasserin hieher, gegenüber einer Dame und einem WohlthätigkeitSzweckc wollen Wir uns nicht der Unhöflichkcit eines kritschen Einspruches schuldig machen: „Die folgenden Gedichte, welche meine Gedanken aus den in der St. Hedwigskirche von Advent bis Ostern gehörten Predigten, ihrem Inhalte nach, wie in einer Photographie wiedergeben, sind von mir dem Hochwürdigcn Herrn Geistlichen Rath und Stadtpfarrer Hermann Schaffer, welchen Herrn ich aus dem schönen Werke „Für Treu und Glauben" hochschätzen gelernt habe, gewidmet. Der hochwürdige Herr Geistliche Rath steht, wenn auch persönlich unbekannt» nicht blos als Dichter, sondern auch als apostolischer Lebrer vor meiner Seele. Denn der Priester, welcher durch seine Predigten mir den Stoff zu den folgenden Gedichten geliefert, hat sich unter der Anleitung des Hochwürdigen Herrn Geistlichen Rathes ausgebildet. Ratibor war ja der erste Ort der Wirksamkeit des Hochwürdigen Herrn Kaplan Stephan Burek. Mögen diese Gedichte Manchen, die verhindert sind, eine Predigt zn hören, im Stande sein, dieselbe zeitweise zu ersetzen. Außerdem wird es dem Hochwürdigen Herrn Geistlichen Rath gewiß eine große Freude sein, durch diese Gedichte an eine Kirche erinnert zu werden, in welcher er zu seiner Zeit als Abgeordneter so oft das hl. Opfer dargebracht." Der heilige Sola. Ein historischer Versuch von Adam Hirschmann, Pfarrer. Jngolstadt, Ganghofer. 1 M. t. Am 3. Dezember l. Js. werden es 1100 Jahre, daß in Solnhofen der Gründer dieses durch seine Lithographicsteine weltberühmten Ortes, der hl. Einsiedler Sola, gestorben ist. Neben St. Willibald und Walburga ist er es, der für das Bisthum Eichstätt eine Persönlichkeit höchster Bedeutung ist. Zur Centcnarfeier erschien nun bei A. Gangbofer in Jngolstadt eine Schrift, aller Beachtung werth. Der Name des Hrn. Verfassers, dem wir in den historischen Jahrbüchern der Görres- qesellschast, im Katholik und in den hist.-politischen Blättern schon öfters begegneten, bürgt dafür, daß wir eS mit einer ernsten, wissenschaftlichen Arbeit zu thun haben. In drei Abschnitten bietet Herr Hirschmann, soweit dies die spärlich vorhandenen geschichtlichen Belege zulassen, ein Bild des Heiligen und seiner Stiftung. Zuerst eine sehr minutiöse Kritik der Quellen, dann das Leben des Heiligen und seine Gründung, endlich die Schicksale der letzteren sowie auch der Reliquien deS hl. Sola. Möge das 84 Seiten haltende Werkchen beitragen, daß sich recht bald am Grabe deö frommen Einsiedlers, daS jetzt ganz im Diaspora-Gebiete des Bisthums Eichstätt liegt, eine würdige Kapelle deö Heiligen erhebe! Die hochelegante altdeutsche Ausstattung der Schrift, in starkem Pergamentpapierumschlag» macht der Vcrlagsoffizin alle Ehre. Sie ist wirklich eine jubi- lare, glanzvolle. _ M- Meschler, 8. F., DaS Leben unseres Herrn Jesu Christi, des Sohnes Gottes, in Betrachtungen. III. Auflage. Mit einer Karte von Palästina zur Zeit Christi. Zwei Bände in 8°, XXVIII u. 1225 S. Preis M. 7,50, geb. in Halbfrz. mit Rothschn. M. 10,70. Freiburg i. Br.. 1894. Herder'sche Verlagshdlg. 8. Wenn angeführtes Werk mit zwei ziemlich dicken Bänden neben andern, in nicht gerade geringer Anzahl erschienenen Be- trachtungöbüchern innerhalb 4 Jahren 3 Auflagen erlebt, so ist dies selbst schon Empfehlung genug; aber zugleich ist es ein erfreulicher Beweis, daß in katholischen Kreisen das Verlangen nach wahrhaft gediegenen, Geist und Herz in gleicher Weise befriedigenden ascetischen Werken ein bedeutendes genannt werden kann. Daß wir es mit einem hervorragenden Werke zu thun haben, darin sind die zahlreichen Recensenten einig, und zum gleichen Urtheil muß kommen, wer das Buch zur Grundlage seiner Meditationen erwählt. Was den Werth des Werkes so besonders erhöht, ist dies, daß das Leben Jesu nicht bloß einzelne Punkte zu Betrachtungsstoffen hergeben muß, sondern daß das ganze Leben des Heilandes in historischem Zusammenhange praktisch exegetisirt und in seiner allseitigen Bedeutung sür das Leben ergründet und dem betrachtenden Geiste vorgeführt wird. Auf diese Weise wird eben die Person und das Charakterbild des Erlösers überaus Wirkungsreich und allseitig gezeichnet. Um dieser Aufgabe ganz zu genügen, hat Verfasser auch in einigen Betrachtungen daS Vorleben Jesu in der Ewigkeit und im Alten Testamente und dann noch sein Nachleben in der Kirche geschildert. Die Betrachtungen über das Leiden Jesu, an und für sich schon für solche Zwecke das Wirkungsvollste, möchten wir fast als den Glanzpunkt erklären. Die Sprache ist gewählt, des Stoffes sehr würdig, von hoher Ehrfurcht gegen den hl. Gegenstand eingegeben. Das tiefe Eindringen in die wunderbaren Geheimnisse der menschlichen Natur Jesu Christi veranlaßt den Verfasser oft zu den zartesten, herzlichsten Gedanken und Anmuthungen. Gebildeten Laien wüßten wir kein bessert 280 Betrachtungöbuch zu nennen. Daß Priester daraus für sich t und für andere großen Nutzen schöpfen können, sei nicht besonders hervorgehoben; aus diesem Werke werden sie lernen, zu predigen in den Worten der hl. Schrift, zu predigen Christum den Gekreuzigten. Ein alpbabetischcö Namen und Sachregister, sowie ein Verzcichniß der Sonn- und Festtazsevangelien erhöht die Brauchbarkeit des Werkes. V Einer Ihrer geschätzten Herrn Bücherrccensenten hat in Nr. 34 der BeilageJbres Blattes die „Kleine Grammatik der hebräischen Sprache" von Tbeod. Dreher in einer Weise kritisirt, die gewiß in den Kreisen, die Herrn Domcavi- tular vr- Th. Dreher, oder wenigstens seine Schriften näher kennen, peinliches Aufleben erregte. Wie, ein Mann von solchen Verdiensten, der 27 Jahre mit großem Erfolge im Hebräischen unterrichtete, der anerkannt ausgezeichnete Schriften (Katechesen, Abriß der Kirchengerichte u. s. w.) herausgegeben sollte mit einem Werke vor die Öffentlichkeit getreten sein, das man als „Rückschritt", als „Kleinkindergrammaiik" u. s. w. bezeichnen dürste?! Das erscheint schon von vornherein unglaublich. Wenn wir nun die Gründe dieses scharfen Urtheils näher in's Auge fassen, so sind sie alle anfechtbar. Das Buch wurde nicht zum Selbststudium geschrieben, sondern setzt des Lehrers Erklärung voraus und orientirt diesen durch die knappe Kürze weit rascher über die Punkte, die einer Erläuterung bedürfen. Ist dein Schüler dann das Nöthige gesagt, dann ist ihm bei seinen vielen Arbeiten an den jetzigen Gymnasien die kürzeste Fassung des zu Memorireudcn die liebste: er stößt sich wenig an dem „Telcgraphen-Chiffrc- Stil". Ebenso wenig wird ihn ein »sos« mitten im deutschen Text genircn; er geht ja nicht in den hebräischen Unterricht, um deutsch zu lernen. So aber hat der Verfasser die kürzeste, einfachste und allen verständliche Form gefunden, da sie sonst mit „sie (ms. 80 .)" gegeben werden müßte. Und nachdem einmal das Buch in deutscher Sprache erschienen ist, läßt sich darüber streiten, ob die Uebersetzungsstücke lateinisch zu geben seien oder nickt. Der Recensent findet manches kindisch, z. B. die Memorial- verse. Hätte er uns einige namentlich angeführt, so könnten wir ein Urtheil darüber bilden, ob diese Ansicht richtig ist. Doch im Allgemeinen die Memorialvcrse für Obergymnasisten verwerfen, halten wir für ungerechtfertigt. Lernen nickt selbst die Theologen an der Universität Mcmonalverse? Ich erinnere nur an die Ehehindernisse und die „fremden Sünden". Der Herr Verfasser wollte gewiß nicht eine Grammatik schreiben, die man nicht zu lernen braucht; er kennt aus langjähriger Erfahrung die Schwierigkeit des Hebräischen an sich so gut, wie der Herr Recensent. Gerade diese Schwierigkeit bewog den Verfasser, allen unnöthigen Ballast zu entfernen, damit der Scküler ganz eingetheilt seine Gedächtnißkraft dem Wesenilickcn widme. Und wo es gilt, etwas so Schwieriges, wie die hebräische Sprache, seinem Kopfe einzuprägen, bleibt dem Lernenden kein anderes Verfahren übrig, als das, welches das Kind auch anwenden muß; eS schadet aber dem jungen Studenten keineswegs, wenn ihm diese, allerdings demüthigende Wahrheit etwas zu Gemüthe geführt wird. Soglauben wir aus den Andeutungen des Hrn. Recensenten selbst das Fazit ziehen zu dürfen: Lehrer wie Schüler werden Hrn. Dr. Dreher Dank wissen für seine neueste Arbeit. Sie hat, nebenbei bemerkt, eben durch ihre Kürze auch einen Vorzug, der bei unseren kostspieligen Studien auch nicht zu unterschätzen ist: das Buch kostet nur 1,50 M-, während das vom Recensenten so gerühmte von Strack gebunden aus 5 M. zu stehen kommt. Endlich würden wir eS sehr bedauern, wenn wirklich diesmal sich der altbewährte Ruhm der Freiheit von Druckfehlern bei der Hcrder'schcn Offizin nickt erprobt hätte. — Möge trotz aller Hindernisse dieses neueste geistige Erzeugniß unseres allverehrten Lehrers dessen edle Ziele ebenso erfolgreich fördern, wie seine anderen hochverdienten Arbeiten. Ein dankbarer Schüler des Verfassers. Das Juliheft von „Kreuz und Schwert" (Münster i. W.) bringt das interessante Porträt Msgr.'s Le Roh, apostolischen VicarS von Gabun, zugleich den Beginn dessen Neise- herickts „Von Sansibar zum Kilimandscharo". Le Roh ist ein brillanter Erzähler; die Redaction hat einen guten Griff gethan, als sie dessen großes Reiscwcrk zum alleinigen Abdruck erwarb. Das gilt aber auch von der neuen Erzählung „Ghclla und Milo", deren Anfang hereits den Leser in ganz besonderer Weise fesselt. Außerdem bringt das Heft noch eine Reihe von Originalberichten auS den afrikanischen Missionen, den halbjährigen VerwaltungSbcricht des Afrika-VercinS u. s. w. Da mit Juli ein neues Abonnement begonnen hat, so möge man eine Bestellung nicht aufschieben. Der Preis ist 75 Pf. halbjährlich bei jeder Post und Buchhandlung, 90 Pf. bei directer portofreier Zusendung. Probehefte stellt der Herausgeber (Redacteur W. Helmes in Münster i. W.) gern zur Verfügung. Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel. X. Auflage. Freiburg i. Br., 1694. Hcr- dcr'sche VerlngShandtung. L. Vollständig in 10 Heften L 60 Pf. erschienen. DaS 2. Heft reichend bis 18. März. Dr. Hcrm. Rolfus, Kirchengeschichte für die kath. Familie bearbeitet. III. Auflage. Vollständig in 18 Heften ä 50 Pf. Freiburg i. Br., 1894. L. Erschienen daS 2. Heft mit reichem Bilderschmuck, noch die Missionsreisen des hl- Paulus behandelnd. Die Romanwelt. Zeitschrift für die erzählende Literatur aller Völker. Stuttgart, Cotta. Heft 27—39. Wir haben uns über den Charakter dieser Zeitschrist schon eingehend geäußert in der „Beilage" Nr. 52 vom 28. Dezbr. vor. Js. und Heuer in Nr. 26 vom 29. Juni. Heute obliegt eS uns, die Leser der „Beilage" mit den bedeutsamsten Erscheinungen in den oben bez. Heften bekannt zu machen. Im Vordergründe stehen diesmal 2 ausländische Autoren : Emilio de Marcdi, ein Mitglied der jung italienischen Dichterschulc, mit einem scharfsinnigen Kriminalroman „Don Cirillos Hut" — nur daß der Genuß an der Lek'üre durch naturalistische Uebertreibungen im Stil und die Tendenz, alles Kirchliche ironisch zu bebandel», ziemlich geschmälert wird —- und Paul Lourgct, der Meister des französ. psychologischen RomanS, mit seinem Werke „Das gelobte Land" (übers. von C. Hcckcr), das wegen seiner klassischen Diktion, seiner spannenden Analyse, seiner lebensvollen Seelenmalerei und seiner edlen Tendenz mir Recht gerühmt zu werden verdient. Zwei kleinere Arbeiten von der als geistreiche Erzählerin bekannten Frau Marie von Ebner-Eschenback „Das Schädliche"— doch wollen wir im Gegensatz zu der Redaktion der Roman- welt zum Vortheile der Dichterin dafür halten, daß sie durch die Erzählung nicht schon „aus der Höhe ihrer Schaffenskraft" sich zeigt — und eine flott und fesselnd geschriebene Geschichte aus den Kriegstagcn d. I. 1870 von Alexander Baron Roberts „Die Generalin", nebenher die lebendige Erzählung „Der Kriegecorreipondent" von dem gefeierten russischen Maler W. W. Weresckagin (Zeit des letzten russ.-türk. Krieges) und ein reiches „Feuilleton" machen den Inhalt der erwähnten Hefte zu einem mannigfaltigen. Daß das Unternehmen nicht für die „reifere Jugend" sich schickt uno schicken will, haben wir in den genannten Nummern der „Beilage" bereits betont. Der heilige Wolfgang. Gedenkblätter zum 900jährigen Todestage des Patrons der Diözese Negensburg. Von einem Priester des Bisthums. 8°. 40 S. Preis broch. 30 Pf. Die Diözese Regensburg rüstet sich in diesem Jahre das Fest ihres heiligen BisthumSpatroneS in besonders würdiger und feierlicher Weise zu begehen. Am 31. Oktober sind es nämlich gerade 900 Jahre, daß der heilige Wolfgang nach einem glorreichen und ruhmvolle» Wirken aus dieser Zeilsichkcit hinüber gegangen ist. Nicht blos für Regensburg, sondern auch für die Diözese Prag, wie auch für Rcichenau, Einsiedeln, Trier rc. ist dieses Fest ein wichtiger Gedenktag. Eingehend hierüber belehrt uns eine Schrift, die aus Anlaß des 900jährigen Jubiläums im Verlage von H. Böes in Amberg erschienen ist, und die das ganze Leben des Heiligen, von seiner Geburt auf dem Schlosse Ahalm im Schwabenlande bis zu seinem seligen Tode, behandelt. Wir begleiten da den Heiligen auf seinem Zuge nach Ungarn, um dort den heidnischen Völkern den christlichen Glauben zu verkünden, wir bewundern ihn in seinem Eifer für Errichtung des Bisthums Prag, wie nicht minder in seiner reformatoriscbcn Thätigkeit für die Klöster St. Emmeram, Ober- und Niedermünster in RegenSburg. Genaue Erörterung findet hier auch das Verhältniß deS heiligen Wolfgang zur bayerischen Herrscherfamilie, sein Aufenthalt am Abersee in Oesterreich, sein heiliger Tod, sowie die Gnadenerweisungen, welche Gott nach seinem Tode gewirkt bat. Die ganze Schrift baut sich auf wissenschaftlicher Grundlage auf, ist übersichtlich und klar geschrieben, und in diesem Sinne eine Volksschrist, die wir Allen aufs beste empfehlen wollen. Das Werkchen ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen, in Amberg durch H. Böes' Verlag. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Nr. 36 6. Zeptbr. 1894. Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. Jahresmappe. Wenn die Vereinsgabe des Vorjahres schon durch» schlagenden Erfolg erzielte, so daß Blatter aller Richtungen sich lobend und anerkennend über die Publikation äußerten, so darf Heuer die Gesellschaft in Rücksicht auf ihre neueste Publikation siegesgewiß in den Wettstreit mit allen derartigen Unternehmungen eintreten. Die Organisation der Gesellschaft, die Jurywahl insbesondere verbürgten, daß etwas Tüchtiges geleistet würde, aber auch die Erwartungen begeisterter Freunde des Unternehmens wurden übertroffen. Schon der Umfang der Publikation konnte wieder um ein Bedeutendes erweitert werden. Es sind darin zwar nur 10 Tofeln, gegen 12 Tafeln des vorjährigen Heftes, dafür aber im Texte noch 12 Illustrationen. Gerade letzterer Umstand ist besonders zu. begrüßen. Es ist dadurch das instruktive Moment der Mappe besser ins Licht gerückt und hat zugleich der Gesammteindruck der Mappe auch mit Rücksicht auf die Anordnung und elegante Ausstattung des Textes wesentlich gewonnen. Schon beim Aufschlagen der Mappe tritt uns also ein Fortschritt entgegen, und ist hier die mühsame Thätigkeit des ersten Schriftführers, Herrn Inspektors S. Staud- hamer, der wohl hierauf zunächst einwirkte und aus dessen Feder der ausführliche, fleißig ausgearbeitete Text stammt, in rühmender Weise zu erwähnen. An der Spitze des Textes ist auf einem eigenen Widmungsblatte die „ebenso erfreuliche als aufmunternde Thatsache" verzeichnet: „Seine Königliche Hoheit der Prinz-RegentLuitpold von Bayern, an welchem die Kunst gleich allen idealen Bestrebungen einen unermüdlichen und weisen Förderer besitzt, hat die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst mit seinem Beitritt beehrt." Somit erscheint die heurige Mappe auch als eine bescheidene Huldigung an den erhabenen Protektor der Münchener Kunst. Im Folgenden erhalten wir sodann einen Commentar zu den einzelnen Reproduktionen, Aufschlüsse über Lebensverhältnisse und Thätigkeit der Schöpfer der abgebildeten Werke, theils Neues, theils eine Ergänzung der Notizen in der vorjährigen Mappe bietend. Reizende Tert- illustrationen erläutern das Gesagte noch deutlicher. Wir können uns nicht versagen, ganz besonders aufmerksam zu machen auf die vorzügliche technische Ausführung der Reproduktionen, sei es in Kupferdruck oder Phototypie. Herr Obernetter hat sich mit diesem „jüngsten Erzeuguiß seiner Anstalt" nicht nur neuen Ruhm, sondern vor allem auch Dank und Anerkennung seitens der Gesellschaft verdient, da man durchweg wahrnimmt, daß der Interpret eifrigst bemüht war, bei der Uebersetzung in die Sprache deS einfarbigen Druckes dennoch der Klarheit und Schönheit des Urtextes möglichst nahe zu kommen. Man erkennt unschwer, daß hier nicht nur das Geschäftsinteresse maßgebend war, sondern aufrichtige Liebe zu der Sache. Der Inhalt der Mappe ist im Einzelnen folgender: Vollblätter: 1) St. Martinsktrche in Chicago, von Architekt Beckerin Mainz; 2) Entwurf zu einer Brücken- kapelle, von Architekt Wetterwald in Gebweiler im Elsaß, Möbelmagazin; 3) Modell zu einem Marien- altar, von Bildhauer Busch in München, Augusten- straße 75/0 N.; 4) Brunnenmodell, von Bildhauer Gamp in München, Schillerstr. 26/R.; 5) Madonna mit Kind, von Bildhauer Pros. Heß in München, Louisenstr. 17/1.; 6) L. 08 L von Bildhauer Waders in München, Schillerstr. 26/N.; 7) Erinnerungsbild an denseligenGrnfcnLudwig von Arco-Zinneberg, von Maler Baumeister in München, Augustenstr. 29/1. N.; 8) Altargcmälde, von Maler Pros. vonDefreggerin München, Königin- straße 31; 9) St. Pantaleon, Kranke heilend, von Maler Feuerstein in München, Schwanthalerstr. 33 R. II.; 10) Chorbogenbild, von Maler Fuge! in München, Heßstraße 4/1V.; — Bilder im Text: 11 —13) Studien, zu Engeln (aä Nr. 7), von Baumeister; 14) Rast auf der Flucht nach Aegypten, von Maler Benz in München; Schillerstraße 26/11. N.; 15 u. 16) Studienköpfe zum Chorbogenbild (aä Nr. 10), gemalt von Fuge!; 17) Modellstudie zu einem Schriftgelehrten, gezeichnet von Maler Locher in Btünchen, Adnlbertstraßc 76/1.; 18) Martyrium des heiligen Vitus, von Maler Müller-Warth in München, Theresienstr. 81; 19) Religion, von Maler Schleibner in München, Zieblandstr. 16/IV.; 20 u. 21) Profil- u. Vorderansicht der Rosa (aä Nr. 6), von Waderö; 22) St. Magdalena, von Maler Walch in München, Atelier in der Akademie der bildenden Künste. Die Perle der ganzen Mappe ist WaderL's Rosa mxotäoa,, ein Madonnenideal, wie es wohl zu keiner Zeit inniger, erhabener und keuscher gedacht wurde. „Es dürfte unwidersprochen bleiben, wenn mau seine .Uoon rn^tiou' als die bedeutungsvollste Frucht seines Genius bezeichnet." Mit Recht führt der Text die innigen Worte Walthcrs von der Vogelweide an: „Maria, Magd, du hochgelebte Frau, du süße,. i. Dein Schöpfer, Vater, Kind ist z» dir eingegangeni Uns allen Heil, daß du ibn hast empfangen! Den Höhe, Breite, Tiefe, Läng' umfinge nimmermehr» Dein kleiner Leib, mit süßer Keuschheit barg ihn der." Diesem reiht sich würdig der „Marieunltar" von Georg Busch an. Tritt uns in jenem Werk die entzückende Schönheit, die keusche Erhabenheit des Madonnen- ideals selbst entgegen, so in diesem der ganze poesievolle Reiz der Marienverehrung. Zu einem solchen Werk „gehört ein warm empfindendes Gemüth, unverdrossenes Studium der Natur und ein bedeutendes Können. .. . Diese Kindergestalten muthen uns an so frisch wie Luca della Nobbia's, aber sie sind nicht „nachempfunden", sondern aus dem Innern herauscrfnnden und in unmittelbar der Natur abgelauschten Typen zum Ausdruck gebracht; so der Text; darum meinen wir aber, sie seien recht und echt deutsch, und recht und echt innig, wie eben von Georg Busch. Die feinen Detailaufuahmcn im Text erhöhen noch den Genuß der beiden genannten Werke. Von malerischen Werken dürfte sich diesen in ganz origineller Weise Baumeisters Erinnerungsbild an die Seite stellen. Hier ist es wohl am Platze, an die besten Marienbilder des Mittelalters zu erinnern, denn was Schongauers Pinsel angestrebt, haben wir hier vollendet vor uns. Und wieder ist es eine neue Seite der Mariendarstellungen, Maria erscheint hier als Hoffnung der Sterbenden, als Trost der Wittwen. Und welch ein Frieden im Antlitz dieses Todten. ' Ein hübscher Zufall ist, daß in dieser Lieferung so 282 viele Mariendarstellungen enthalten sind, wie ja auch daS Titelblatt annoch provisorisch Wadero's anmuthige „8säes saxiantias" trägt. Unter den Werken der Plastik befinden sich noch zwei Stücke, welche diesem Jdeenkreis angehören. Tafel IV zeigt uns einen herrlichen Brunnenentwurf von Gamp im Stile des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Die Brunnensäule ist in der Vorderansicht geschmückt mit einem von Putten getragenen Neliefbild des Prinz-Regenten, gekrönt von einer katrona LavariLs; der in der Richtung aus das Relief „segenspeudende Arm des Kindes weist darauf hin, es werde der weise Regent und unermüdliche Förderer alles Schönen seinem treuen Volk noch recht lange erhalten bleiben." DaS Werk trug bei der Concurrenz für einen Monumentalbrunnen in Traunstein dem Künstler den II. Preis ein. Möge dasselbe denn anderorts bald ausgeführt werden. Es wäre wahrhaft eine bessere Idee, als die ewigen Städtepersoni- ficationen, deren Namen den Brunnen oft schon vor dessen Vollendung lächerlich machen. Ein Meisterstück der Reproduktion ist die Abbildung der Madonna mit Kind von Heß, worin sich Mutterliebe und jungfräuliche Demuth so zart und reizvoll vereinigen. „Hetz hat sein Relief in Marmor ausgeführt, ein Material, welches der Komposition einen besonderen Zauber verleiht." Die Architektur ist nur mit zwei Blatt bedacht. Wir möchten der reizenden Brückenkapelle fast den Vorzug geben vor der Martinskirche in Chicago, ohne deren Bedeutung abschwächen zu wollen. Dieses kleine Heilig- thum am Wege, über den rauschenden Wogen — es ist ein recht warm empfundenes Gedicht, sobald man auf den Gedanken näher eingeht. Die Malerei ist kaum weniger gut als in den schon genannten Werken auch in den noch übrigen vertreten. Feuersteins Pantalcon ist ein Meisterstück, auf diesem Gebiete das Beste der Mappe. Die mildernste Erscheinung des Heiligen wird noch gehoben durch die herrliche Anordnung und Behandlung der Nebenfiguren, die Spannung im Ausdruck der auf ihn Hoffenden. Eine wunderbare Figur ist der Knabe, welcher Pantaleon die Schale reicht, zart, anmnihig, rein und wahr. Dcsregger hat sich ebenfalls den Verehrern Mariens angeschlossen. Seine HI. Familie ist vielleicht dem einen oder anderen Leser schon bekannt. Er verläugnet auch hier seinen gemüthvollen Sinn, die Anhänglichkeit an feine Heimath nicht, sein hl. Joseph ist meisterhaft. In der prächtigen Com Position Fugels bewundern wir die einfache, klare Ordnung der Gruppen und Ein- zelstguren. Herrlich ist besonders die Gruppe Augustin, David, Jeremias. Letztere Figur insbesondere ist typisch für Fugels Charakter: ergreifende Realistik verbunden mit idealster Empfindung und religiöser Weihe. Sie erinnert uns an sein herrliches Abendmahl im Glaspalast. Die Idee der ganzen Komposition ist die triumphirende Kirche anbetend am Throne der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Im einzelnen bekundet Fuge! auch in diesem Werk eine erstaunliche Erfindungsgabe und Originalität, die anfangs stets überrascht, dann aber hinreißt. Das Können des jungen Meisters ist auch aus den herrlichen Studien- köpfcn im Text leicht zu ersehen. Zwischen den Zeilen des Textes lernen wir auch noch Werke von Severin Benz, Bonifaz Locher, Augnst Müller-Warth, Kaspar Schleibner und Emanuel Walch kennen. Benz und Müller-Warth zeigen uns volks- thümlichste Auffassung, letzterer überdies ein äußerst geschicktes Raumgefühl. In Locher begegnen wir einem rastlos vorwärts strebenden Talente, das wohl noch manche Stufe höher steigen wird. Schleibner zeigt eine Ruhe, welche den Beschauer wohlthuend erquickt. In Emanuel Walchs Magdalena ist die moderne Richtung der Kunst verkörpert, deren oberstes Prinzip Wahrheit ist?) Wir müßten einfach den Text der Mappe abschreiben, wollten wir mehr zu dem Gesagten hinzufügen. Derselbe führt ja in eingehendster Weise den Beschauer in die Schönheiten der Sammlung ein, nicht ohne stets auch auf des Künstlers Lebensgang und auf die Hindernisse zurückzuweisen, welche so oft „Künstlers Erdenwallen" erschweren. Wie wahr und richtig ist der Satz, welcher in die Notizen über Baumeisters Leben und Schaffen eingestreut ist! „Obwohl, heißt es da, der Künstler bis heute rastlos schafft und dabei ein unglaublich einfaches Leben führt — reich ist er nicht. Gar manchmal mögen Unwissenheit und Eigennutz mehr oder minder plumpe Versuche gemacht haben, des Künstlers Großmuth auszubeuten." Bei wie vielen Künstlerleben trifft die schlichte Schilderung des Lebens Schleibners zu! „Die Jahre der Berufswahl waren dornenvoll. Schon als Kind hegte er den sehnlichsten Wunsch, Maler zu werden. Allein da die Verhältnisse solches nicht gestatteten, so wählte er wenigstens ein an die Kunst erinnerndes Geschäft; er ging nämlich zu einem Dekorationsmaler in Bamberg in die Lehre.... Endlich wurde sein Streben soweit erfüllt, daß er an die Münchener Akademie gehen konnte." Walch folgte Defreggers Beispiel, beide machten ihre ersten Zeichenstudien beim Viehhüten. Auf manchen Umwegen — er ward Schloffergeselle — gelang es Benz endlich, sich akademischen Studien widmen und in den Tempel der Kunst als Maler eintreten zu dürfen. So bei diesem und jenem; aber selten sind die, welchen von einem günstigeren Schicksal auch auf Erden von Anfang ein behagliches Loos zu Theil wurde. Möge denn auch diese Seite nicht verschwiegen sein zu Nutz und Frommen unsrer Künstler und zur Aufklärung über den wahren Werth so mancher Phrasen. Vergleichen wir schließlich die heurige Jahrcsgabe der Gesellschaft mit jener des Vorjahres, so wird zwar die erstere gewiß nicht verlieren, aber beide gewinnen im Zusammenhalt. Hat die Gesellschaft voriges Jahr unter glücklichen Auspizien begonnen, so hat sie sich in diesem bereits als lebensfähig und -kräftig erwiesen. Man wird der diesjährigen Publikation auch von Seiten derer endlich „unverklausulirt" die verdiente Anerkennung zollen müssen, die nie erwägen wollen, daß wir nicht mehr anno 1300 oder 1400 schreiben. Erinnert mag sein an die Worte des edlen, kunsterfahrenen k. A. Kühn auf dem vorjährigen Katholikentag zu Würz- burg. Verstummen mögen jene wohlgemeinten Prophezeiungen, Mahnungen und versteckten Denunziationen, wie sie jene Anfragen an die Ritencongregation im Winter dieses Jahres enthielten. Doch es wäre schade, hier solche Bitterkeiten aufzutischen. An den Früchten erkennt man den Baum. Schlechte Früchte sind diese beiden Vereinsgaben nicht. Wir Hütten noch einen Wunsch, vielleicht könnte dieser auf der Generalversammlung im Oktober d. Js. erörtert werden. Es möchten nämlich auch von Seiten der Mitglieder, besonders der betreffenden Künstler selber, *) Dieser Meister erhielt für den Entwurf zuni künftigen Titelblatts der Mappe den ersten Preis. 283 die bereits früher erschienenen bedeutenderen Aufsätze über Leben oder Werke der einzelnen Künstler kurz bibliographisch notirt und gesammelt und dann etwa jährlich vervollständigt werden. Eine solche ganz kurze Statistik wäre eine unschätzbare Vorarbeit für die Kunstgeschichte. So würde der Zukunft eine bedeutende Quelle erschlossen werden. Inzwischen mögen sich recht Viele in der Gegenwart an diesen erwähnten Schöpfungen des Künstlergeistes erfreuen. Glückauf der Gesellschaft! Glückauf den Künstlern besonders, welche sich hier geeint, „die idealsten Güter" zu schirmen und in dauernden Werken der Mit- und Nachwelt vor Augen zu führen! Glückauf allen denen, welche es redlich mit der Kunst meinen! Mindelheim, 26. Aug. 1894. vr. O. Frhr. Lochner v. H. Die Briefe des hl. Bonifatius. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönseld. (Fortsetzung.) Als Gregor III. am 29. November 741 dieser Zeit- lichkcit entrückt wurde, versäumte Bonifatius nicht, dem Nachfolger in der päpstlichen Würde, Zacharias, seine Unterwürfigkeit auszusprechen und das Gelöbniß der Treue für sich und feine Schüler zu erneuern. Mit Freimuth bemerkt er aber auch, wie die Alamannen, Bayern, Franken als fleischlichgesinnte Menschen Aergerniß nehmen, wenn sie bei ihren Nomfahrten am Neujahrstage heidnische Tänze und ausgelassene Tafelfreuden bemerken, indem sie dadurch zur Anschauung gelangen: in Nom, unter den Augen des Papstes seien derartige Ausschreitungen erlaubt, während die Priester in der Heimath sie als Sünde verbieten und brandmarken (ex. 50 x. 299—301). Ja er sah sogar in den Gaben und Geschenken, welche bei Verleihung des Palliums an fränkische Bischöfe üblich waren, eine simonistische Handlungsweise, ob welcher der strenge Missionär bitteren Tadel gegenüber dem Papste Zacharias aussprach, welcher sich aber hiegegen scharf verwahrte: 8eä, curissirns traten, ortamnr sanetitatew Irwin, ut nestle äoin- eexs tals rrliguiä ininiwe tun, truteruitas soristat; tzuiu lastiäiosum a nostis st injuriosuin sussixitur, äuin illuä nostis rnAeritur, yuoä uos oinnino äs- testaranr (ex. 58 x. 315). Zu verschiedenen Malen sah sich der Apostel der Deutschen veranlaßt, die lehramtliche Auktorität des römischen Stuhles anzurufen. Außer persönlichen Bedenken über den Verkehr mit schlechten Bischöfen und Priestern, welcher im Interesse der kirchlichen Organisation oftmals nicht vermieden werden konnte (ex. 86 x. 368), über die Nichtbeachtung der kanonischen Weihetage (ex. 87 x. 371), waren es besonders die Schwierigkeiten in der Durchführung der kirchlichen Ehegesetze, welche eine Entscheidung Noms erheischten (ex. 26 x. 275; ex. 50 p. 300; ex. 51 x. 304). Auch auf den Synoden bildeten die Klagen über incestuöse Ehen und die Bestrafung derselben ein ständiges Kapitel. Am Abende seines thatenreichen Lebens konnte sich der hl. Bonifatius in dem Obedienzbriefe an Papst Stefan III. das Zeugniß geben, daß er drei Päpsten mit gleicher Hingebung gedient, daß er 36 Jahre lang nur das Wohl der römischen Kirche im Auge gehabt habe (ex. 108 x. 394). Leider ist sein Werk: äs umtäte öäei eLtstolicue, welches Papst Zacharias (ex. 80 x. 359) wohlgefällig aufgenommen hatte, verloren gegangen: es war das Testament des greisen Oberhirten an den deutschen Klerus, stets treu und unentwegt zum Stuhle Petri zu halten. Diese Gesinnungen finden sich auch klar ausgesprochen in dem inhaltsvollen Schreiben an Cudberht, Erzbischof von Canterbury, aus dem Jahre 747, worin er demselben Mittheilungen macht über die jüngsten Synodnlverhandluugen: Oeersvlrnrw untern In nostro siuoäali eonventu et eonkssei sninns, üäern euistolieuin et snstjeotronern Kowunus seelseiae üns tenns vitae vostrue velle servurs; saneto l'stro et vieario esus velle sustjioi . . . st xsr ornnia, xrue- oeptu s. ketri oanoniee ss^ui äesiäeiure, ut toter ovss ersti oonnneiräutas nninsremnr (sp. 78 x. 351). Sollte dieser Wunsch nach Einheit im Glauben durch Unterordnung unter Noms Auktorität heute seine Berechtigung verloren haben? Von England . war Bonifatius ausgegangen, mit England blieb er zeitlebens in engster Beziehung. Zum Danke, daß Papst Gregor d. Gr. den Mönch Augustinus von Nom abgeschickt hatte, um dem Volke der Anglen den Glauben an den gekreuzigten Gottmenschen zu predigen, sandte England feurige Verkünder der christlichen Lehre in reichen Schaaren über den Kanal und unterstützte durch Gebet und Geschenke die Arbeit der Missionäre. In herzlich bewegten Worten bittet Bonifatius den Abt Aldher, er möge mit feinen Mönchen beten, auf daß die Völker Germaniens dem Götzendienste entsagen und zur Erkenntniß Gottes gelangen mögen (ex. 38 x. 288). Ja, er fordert alle Engländer auf zum Gebete für die Bekehrung der heidnischen Sachsen, welche ihre Bruder, ihre Stammesgenossen seien. Dazu habe er den Auftrag zweier Päpste erhalten (ex. 46 x. 295). Gar oft noch kehrt in den bonifatianischen Briefen die Bitte um das eifrige Gebet seiner Landsleute wieder, auf daß die Gnade Gottes an ihm nicht wirkungslos vorübergehe — yuia, nltimrw et xessiinrw sum, fügt er in demüthiger Bescheidenheit hinzu, ownium lexrrtorum, HN 08 eatlroliou et rrxostoliea Hornana, eeeleeis. uä xraeäieanäuw svrmAsIium äestinuvrt — (ex. 67 x. 335). Von der Aebtisfin Bugga läßt sich der für wissenschaftliche Bildung begeisterte Glaubensprediger (ex. 9 x. 260) die Leidensgeschichten der Märtyrer nachsenden (ex. 15 x. 264), den Erzbischof Nothelm ersucht er um Ueberlafsung der Antworten des Papstes Gregor auf die Fragen Augustins, des Lehrers der Anglen (ex. 33 x. 284); sein Freund Duddus soll ihm Erklärungen zu den Briefen des hl. Paulus schicken, da er nur für den Römer- und I. Korintherbrief Commentare zur Hand habe (ex. 34 x. 285); die Aebtissin Eadburga wird angegangen, in goldenen Buchstaben die Briefe des hl. Petrus durch den Priester Eoban abschreiben zu lassen, um dadurch Ehrfurcht vor den hl. Schriften den Neubekehrten einzuflößen (ex. 35 x. 286). Von Rom hatte der hl. Bonifatius die Briefe des hl. Gregor mitgebracht; da er deren Wichtigkeit für England erkannte, machte er sie dem Bischöfe Egberth von Jork zum Geschenke; erbittet sich aber hiegegen die Traktate Beda's (ex. 75 x. 347), vorzüglich die Homilien zu den Evangelien und zu den Sprüchen Salomons (ex. 91 x. 377)?) °) Ueber Bcda'S (j- 26. Mai 735) exegetische Verdienste s. Kirchcnlex. II, 172. 284 Sein Herz war zugleich sehr empfänglich für die edlen Gefühle treuer Freundschaft; dem Abte Duddus ruft er daher die Worte der Schrift (Lool. 9, 14) ins Gedächtniß: „Halte fest an dem alten Freundei" um in ihm die Eindrücke früherer Jahre neu zu beleben (sx. 34 x. 285; Look. sx. 75 x. 346; ex. 94 p. 381; ex. 104 x. 390). Aber ebensosehr war Bonifatius von glühender Liebe zu seinem Vaterlande durchdrungen. „Ich freue mich, schreibt er nach Jahrzehnte langer Trennung an den Priester Herefrith, an den Vorzügen und dem Lobe meines Volkes, über seine Sünden aber und Schandthaten bin ich bekümmert und betrübt" (ex. 74 x. 346). Im Vereine mit den angelsächsischen Missionsbischöfen — darunter wird auch Wilbalth von Eichstätt genannt — richtet „der Erzbischof Bonifatius, der deutsche Legat der römischen Kirche," an den König Aethilbald von Mercien ein Mahnschreiben, dessen Freimüthigkeit in der Aufforderung eine legitime Ehe einzugehen, statt gottgeweihte Jungfrauen in viehischer Lust zu schänden, gipfelt (ex. 73 x. 339). Den Erzbischof Cudberth von Canterbury ersucht er, geeignete Vorsorge zu treffen, daß die englischen Weiber und Klosterfrauen aus Anlaß der Nomfahrten nicht Schiffbruch leiden an ihrer Ehre; denn fast alle öffentlichen Dirnen in den Städten der Lombardei, Franciens und Galliens sind angelsächsischen Ursprungs. Ebenso scharf tadelt der gottbegeisterte Missionsprediger den zügellosen Luxus in der Bekleidung und die angemessene Trunksucht seiner Landsleute; selbst Bischöfe halten sich nicht frei von diesem Laster und verleiten durch Zutrinken andere zur Unmäßigkeit. Das ist ein specielles Uebel der Heiden und unseres Volkes (stov Mini waluni sxeeials est xa§anoruin ob vostras A6nti8, ex. 78 x. 354—355). Von England erhielt der hl. Bonifatius anderseits aber auch die edelmüthigste Unterstützung in der Verkündigung der evangelischen Wahrheiten, in der sittlichen Erneuerung des deutschen Volkslebens: Priester und gottgeweihte Jungfrauen verließen die angelsächsische Heimath, um unter den Augen eines hochgcfeierten Lehrers an der Bekehrung und Besserung der Sachsen, Thüringer, Bayern U! d Franken zu arbeiten. Wir besitzen noch das Schreiben des Priesters Wiehlberht, in welchem derselbe den Mönchen in Glastonbury seine glückliche Ankunft in Niederhessen mittheilt. Voll Freude berichtet er, wie ihm Bonifatius auf die Kunde seiner Ankunft hin eine weite Strecke Weges entgegengeeilt sei und ihn gar liebevoll empfangen habe. Die Arbeit sei gefährlich und mühevoll in jeglicher Hinsicht: Hunger und Durst, Kälte und die Ueber- fälle der Heiden müsse man ertragen. Aber Wiehberht ist darob nicht kleinmüthig: seine Freunde in der Ferne sollen nur eifrig für ihn beten, damit ihm das Wort gegeben werde in freudigem Aufthun seines Mundes. Denn Gott, der da will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen, habe ihn glücklich über das Meer in die Gegend der heidnischen Hessen und Sachsen geführt (ex. 101 x. 388). *) 9 Hauck (Kirch.-Gcsch. I, 439) bemerkt zu diesem Briefe: „WiehbcrhtS Brief charakterisirt den Geist, der Bonifatius und seine Mitarbeiter beseelte: sie waren trotz ihrer Anbänglicbkeit an Rom Verkündiget des Evangeliums." Also Anhänglichkeit an Rom ist eigentlich in den Augen des protestantischen Kirchen- historikcrs ein Hemmschuhs für die Verkündigung des Evangeliums. Dieser Vvrwnrf überragt an Unverfrorenheit sonstige starke Leistungen Hauck's, der sich nicht scheut, von Bonifatius zu sagen: „Wie Hunderte vor und nach ihm, führte ihn das mißverstandene (?!) Wort in die Ferne, daß man um Christi Aus der Todtenliste der Missionsbischöfe von 1893 . ll. 0. Im vergangenen Jahre sind 11 Missionsbischöfe nach einem thatenreichen, mühevollen Leben — und mehr oder minder heimgesucht von Kreuz und Leiden — eingegangen in die ewige Ruhe. Es sind dies — in geographischer Reihe genommen: 1. Msgr. Franz Dominikus Neynaudi, O. Lax., von 1868 bis 1886 Apostol. Vicar von Sophia und Philippopel — Titular-Erzbtschof von Stauropolis, geboren am 4. September 1808 in Villafranca, einem piemontestschen Dorfe der Diöcese Turin, gestorben am 24. Juli 1893, erlebte somit das hohe Alter von 85 Jahren. Als k. Francesco da Villafranca trat er 1841 als einer der ersten Pioniere in die Mission auf der Balkanhalbinsel. Das Vicariat, das die südliche Hälfte Bulgariens und ganz Ostrumelien umfaßte, war eben im Jahre 1841 den Kapuzinern anvertraut worden; Apostol. Vicar ward k. Canova. Fünfzehn Jahre hindurch hatte diese Mission einen traurigen Bestand. Die Furcht vor den „Türken und ihrer Herrschaft" bannte die Entwicklung des kirchlichen Lebens. Die Kirchen waren ärmliche Strohhüten, die Wohnungen der Missionäre „Spelunken". — Erst durch den Krimkrieg und nach dem Vertrag in Paris am 30. März 1856 fiel wenigstens ein Theil der osmanischen Fesseln, und die Missionäre entfalteten nun, insoweit es ihnen gestattet wurde, eine energische Thätigkeit. Die Gleichstellung der Christen mit den Mohammedanern war wohl durch den Vertrag ausgesprochen; zur vollen Geltung jedoch gelaugte sie noch nicht sofort. Doch — die Missionäre konnten nun Kirchen und Schulen bauen. Im Jahre 1861 wurde die schöne Kathedrale zu Philippopel erbaut. Nachdem Msgr. Canova 1866 das Zeitliche gesegnet, wurde sein vieljähriger treuer Mitarbeiter k. Francesco Apostolischer Vicar (1868). Msgr. Neynaudi trug nun vor Allem Sorge für Heranbildung eines einheimischen Klerus und gründete ein Knabenseminar, das 1870 eröffnet wurde. Die Anstalt entwickelte sich in solch gedeihlicher Weise, daß sie im Jahre 1888 bereits 79 Zöglinge hatte (und 1891 allein 18 Theologen). Im Jahre 1872 gründete Msgr. Neynaudi ein Waisenhaus für Mädchen und übergab es später — zugleich mit dem neugegründeten Spital — bulgarischen Klosterfrauen vom dritten Orden, welchen der Bischof selbst eine „den lokalen Verhältnissen entsprechende" Regel und eine sehr praktische Anleitung für den Waisen- und den Krankendienst gegeben. Da zeigte sich ein in der That merkwürdiger Zug der bulgarischen Frauenwelt zum Ordensstand und jungfräulichen Leben. Dieser Zug trat so stark zu Tage, daß er von den Missionären förmlich zurückgedrängt werden mußte. Der Aufstand der Bulgaren gegen die Türkei im Jahre 1876 und der russisch-türkische Krieg brachten schwere Zeiten über die Mission. Msgr. Neynaudi stand felsenfest inmitten der Gefahren; er vertraute der Hilfe deS Allmächtigen. Und seinem Einflüsse, seiner Klugheit, sowie seinem unerschrockenen Vorgehen ist eS zu einem nicht geringen Theile zu verdanken, daß Philippopel vor willen die Eltern und das Vaterland verlassen müsse" (I. e. l, 417). Welche Motive bewegen denn die protestantischen Missionsprediger der Gegenwart, „Eltern und Vaterland" zu verlassen, um in überseeischen Ländern das Evangelium zu verkündigen? Nacü Hauck handeln diese evangelischen Christen ganz un- biblisch. 285 völliger Anarchie und Zerstörung bewahrt wurde. Seine dießfallsigen Verdienste wurden auch von allen Seiten anerkannt; nicht nur von Bulgarien, sondern auch von der Türkei und von Rußland. Auch in der nun folgenden Berathung über die Regelung der Balkanfrage spielte Msgr. Neynaudi als Congreßmitglied eine bedeutende Rolle. Im I. 1881 feierte er sein 50jähriges Priesterjubilüum; und 1882 unternahm er noch den Bau eines großen internationalen Spitals. — Als endlich die Gebrechen seines Alters zu empfindlich hervortraten, legte er mit Bewilligung des hl. Stuhles sein bürdevolles apostolisches Amt nieder und zog sich in das Klösterlein Kalachia (bei Philippopel) zurück — als armer Capuziner ohne Pension und Pfründe — und weihte sich dem Gebete und der Vorbereitung zum Tode. Ein glorreicher Tag war für ihn noch der 4. Oktober 1891: da feierte Bulgarien den 50. Jahrestag feiner Ankunft in Bulgarien. Das war in Wahrheit ein großes Fest, gefeiert unter Theilnahme aller Klassen, Nationen und Religionsbekenntnisse l Ferdinand I. von Bulgarien schmückte den greisen Bischof mit einem der höchsten Orden; der Viceconsul Frankreichs überreichte ihm das Kreuz eines Offiziers der Ehrenlegion; der italienische Consul das Kreuz eines Commandanten vom Orden des hl. Moriz und des hl. LazaruS. Und von Land und Stadt drängten sich Armenier, Juden und Türken — vor Allen aber seine lieben katholischen Bulgaren — um den ehrwürdigen Jubelgreis, um demselben darzubringen ihre herzlichsten Glückwünsche. Das war ein Zeichen jener seltenen allgemeinen Liebe, die hinausreicht über Grab und Zeit! 2. In Port Elizabeth (Südafrika) starb Msgr. Jakob David Ricards, apostol. Vicar des Ost- caps — am 30. November; geboren am 10. Januar 1828 zu Wexford in Irland als der Sohn eines angesehenen Arztes. Die Persönlichkeit dieses hohen Verblichenen, sowie sein hochverdienstlichcs Wirken ist in unserm verehrlichen Leserkreis in den Hauptzügen wohl schon bekannt. Vierundvierzig Jahre wirkte Msgr. RicardS im Missionsdienste des Caplands. Noch als Subdiacon (kaum 22 Jahre alt) folgte er dem apostol. Vicar des Ostcaps, Msgr. Depreux, der nach Europa gekommen war, um opferwillige Priester zu werben, im Jahre 1849 — im Dezember — nach Afrika. Damals war für die katholische Mission das Capland, wo der calvinische Fanatismus herrschte, noch ein sehr unfruchtbarer Boden. Erst im Jahre 1868 wurden die barbarischen Zwanggesetze abgeschafft. Doch war die Stimmung der protestantischen Bevölkerung gegen die Katholiken eine sehr feindselige. DaS hat bald der Neupres- byter Ricards in Grahamstown erfahren, das sein Arbeitsfeld wurde — das „fast noch völlig unbebaut". Da durfte sich kein Priester im klerikalen Rock öffentlich zeigen; man mußte die Vorurtheile zu bannen suchen. Das verstand eben der hochwürdige Herr. Er war sehr talentirt, hatte ein umfangreiches Wissen, besaß eine seltene Rednergabe, dabei so viel Klugheit als apostolischen Muth und Energie — und war überdreh eine liebenswürdige Persönlichkeit. Er verschaffte sich besonders Eingang in die Herzen seiner Gegner durch wissenschaftliche Vorlesungen, die bald sehr beliebt wurden. Er begann mit der Naturwisseuschaft und ging nach und nach, selbst Humoresken gebend, auf religiöse Themata über, wobei man mit gleicher Aufmerksamkeit den Worten des geistreichen Redners lauschte. Dann zog er auch die Presse in sein Hilfsbereich und gründete eine Zeitung und einen Leseverein. Nasch hob sich die kleine kathol. Gemeinde. Im Jahre 1869 zählte das Vicariat 4000 Katholiken, 9 Priester, 10 Kirchen und Kapellen, 1 Priester- Seminar und 9 Schulen. Im Jahre 1871 wurde Msgr. Ricards apostolischer Vicar des Ostcaps, setzte aber, trotz der großen Arbeitslast, seine literarische Thätigkeit fort; was um so nothwendiger war, da die Führer der englisch-protestantischen Seelen die aufblühende katholische Kirche in Wort und Schrift befehdeten. Außer zahlreichen Gelegenheitsschriften verfaßte er mehrere treffliche Controversschriften, von denen daS größere Werk „Oabliolio Otirisiüanit^ anä Noäsrn Ilirbsliek" auch in England und Amerika große Verbreitung fand. — Besonders aber galt es, dem Protestantismus die Alleinherrschaft im Schulwesen zu entringen, und Msgr. Ricards gründete das St. Aidans- Colleg in Grahamstown, die einzige höhere Schule im Ostcap. Im Jahre 1875 gewann er in Europa für dieses Colleg vortreffliche Lehrkräfte bet den englischen Jesuiten. Für die Elementar- und Gewerbschulen gewann er Marienbrüder aus Lyon; für die armen Waisen „Schwestern von Nazareth", welche die Leitung des Na- zarethhauses in Port Elizabeth übernahmen, eine der schönsten Gründungen Ricards'. Die Frauen von der Himmelfahrt weihten sich der Krankenpflege. Ein besonders glückliches Unternehmen des Msgr. Ricards war die Berufung deutscher Dominikanerinnen — aus dem Mutterhause zu Augsburg — im Jahre 1875. Im Jahre 1877 folgten aus dem Mutterkloster St. Ursula 7 Schwestern für einen neuen Convent in King Williams- town, worüber ein Contract mit dem Hochw. Herrn Bischof Pankratius v. Dinkel von Augsburg und der Frau Priorin des Klosters St. Ursula abgeschlossen wurde. „Gottes reichster Segen ward diesem Werke." Daß Msgr. Ricards für die armen Koffern Trappisten berief, welche 1880 die Farm Dumbrodi übernahmen, dieselbe aber wegen verschiedener Hindernisse 1882 wieder aufgaben; daß später diese Station von Jesuiten unternommen wurde, welche bei den Koffern im Keilond u. f. w. Stationen gründeten, und daß die Jesuiten am Sambesi — bei seinem Unterlaufe — wieder begonnen haben, darüber wurde in diesen Blättern und dem Hauptblatte — Postzeitung — jeweilig berichtet. Msgr. Ricards hatte als Bischof sich das Motto „Olraritns omnia sustinot" gewählt. Das ist ein Ausspruch, der, wie Msgr. Strobino, Ricards' Nachfolger, in seiner Leichenrede sagte, „so treffend das ganze Leben und Wirken des Bischofs einschloß". — Ihm verdankt die katholische Kirche im Ostcap ihre heutige, ehrenvolle Stellung. Sein Tod wurde nicht nur von den Katholiken, sondern auch von den Protestanten tief betrauert. Das bezeugt selbst ein herrlicher Nachruf der englischen protestantischen Zeitung „Eastern Province Herald", welcher Nachruf sogar von einem früheren literarischen Gegner Msgr. Ricards' verfaßt ist; von dem gelehrten Vicepropst der anglikanischen Kirche in Port Elizabeth — Nev. Dr. Wirkmann, der da unter anderm sagte: „Den Bischof Ricards kennen lernen, hieß ihn lieben und hochachten, und Alle, alt und jung, arm und reich, fühlten, daß sie bei seinem Tode einen persönlichen Freund verloren." Msgr. Ricards starb im 66. Lebensjahre. R. I. ?. (Schluß folgt.) Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkärnten). Von Cölcstin Schmid. Nur ungefähr 250 in überragt der Osternigg das 1700 in hoch gelegene Gebiet der Uggowitzer und Feist- ritzer Almen, welche sich auf den grasreichen, südlichen Fortsetzungen der Karawankenkette ausdehnen. Aber glühend brütete es in dem geschürften Felshange, an dem der Weg hinanklimmt. Noch zeigte sich an geschützten Plätzen manch zartes Alpenblümchen, wie die alpine Primel, Nelke und das gelbe Veilchen; doch die Königin der Höhen, das Edelweiß, ließ kraftlos den verblühten Stern hängen. Dafür tauchte nun, oben auf der Schneide des Grates, in weiter Ferne ein erhabenes Bouquct auf, mit riesigen Diamanten besetzt, die in der Mittagssonne flimmerten: Hafnereck, Großglockner, Großvenedigerl Mächtig über ihre Umgebung emporragend, leuchteten sie vom Norden herauf wie entschwundene, zeitferne Gebilde der Göttersage, glitzernd und blendend, aber über die Wolken der Erde in reine, unnahbare Himmelstiefen tauchend, die von dem kleinlichen, boshaften Gewürze der Zeitgeister nichts wissen, die nur dem jugendlich frischen, phantasievollen Sinne des jungen germanischen Volkes, feinen sehenden Führern sich offenbarten. Es wird nicht ohne Grund sein, daß gerade in dem stürmenden, sehnsuchtsvollen 18. Jahrhundert der Großglockner zum erstenmal von dem edlen Fürstbischof von Salm erstiegen wurde. So berückend das unendliche Berggewirre des Ostens zieht, so zart verwoben die Luftlinien des Südens winken, bis vom Po heraus, so wendet sich das Auge doch immer wieder zu den drei bläulich-schimmernden Lichtkegeln, gegen die weder die finstern Bergdämonen noch die Feuermächte des Südens etwas vermögen. Dicht vor uns gegen Nordwesten aufragend, zeigt sich das grau- röthliche Gestein des isolirt stehenden Dobratsch, breit, massig im Aufbau, mit spärlicher Cultur, mit seinen Graten und wilden Wänden auf das Gailthal hernnter- drohcnd, wie ein schatzbehütender Drache. Im Jahre 1347, zur Zeit des schwarzen Todes, stürzte der ganze östliche Felsenhang des langen Rückens ab. Dadurch wurde der Ausgang des Gailthales versperrt, die Gail schwoll zu einem See an. Im Ganzen gingen 17 vollständige Ortschaften zu Grunde. Schließlich brach sich das Wasser bei Arnoldstein Bahn gegen die Schlitzn, und der fruchtbare Schlammboden wurde bald wieder angebaut. Aber noch jetzt liegt es über der Gestaltung der Thalscenerie mit ihrem schwerfälligen Gewässer wie Erinnerung an jene Zeiten. Das ernste, unheimliche Gepräge der Dobratsch-Wände kann nur geeignet sein, diese Stimmung noch zu verstärken. Großglockner und Dobratsch: die Götter sind verschwunden, haben sich vor dem vernünftigen Sinn der Zeit in ihren Himmel zurückgezogen, die Dämonen, die unheimlichen Naturmächte haben ihre Macht ungeschwächt behalten, sie zwingen zum Glauben an sie. Mag der moderne Zeitgeist Hotels und Telegraphenstationen auf den Rücken des Ungeheuers bauen, manchmal rührt der Drache seine Pratzen, dann wehe seiner Umgebung und all den vernünftigen Aufgeklärten, die mit ihm zu thun haben. Nicht umsonst stehen gerade auf dem Luschari und Dobratsch mehrhundertjährige Volksheilig- thümer, und der Glaube, der sie in diese blauen Höhen hinaufgestellt, der weiß auch heute noch, waS er von dem Dobratsch, dem Thorwächter zwischen karnischen und Mischen Alpen, zu halten hat. Horch, da dringt es bebend zu uns an den Hängen herauf. Es ist verhallendes Glockengeläute aus dem tief unten zwischen Osternigg und Dobratsch gebetteten Gailthal I Heitere Ruhe liegt über der still abgeschlossenen Mulde mit ihrem milden, gleichmäßigen Sonnenlichte; nur goldgelbe Getreidefelder und zeitweise dunkler Erlen- und Birkenbusch unterbrechen das Sattgrün des Wiesen- teppichs. Dazwischen in unzähligen Windungen ein grauschwarzes Band, auf dem von Zeit zu Zeit schimmernde Lichtreflexe auftauchen. Das ist die Gail, deren Wasser zwischen ödem Ufergebüsch träge von Tümpel zu Tümpel schleichen. Auf den endlosen, hügligen Ufermatten aber lagert sich Dorf neben Dorf, verlieren sich Weiler und Einödhöfe wie weiße Flecken gegen die Thalwände. Gegen Süden ist in unbestimmten Umrissen der Hauptort des 14 Stunden langen Thales zu erkennen. Er ist der ganz deutsche Markt Hermagor, mitten im Thale als Markstein zwischen deutschem und «indischem Volks- thum gelegen. Nur eine Viertelstunde seitwärts gelegen, bildet Potschach den letzten vorgeschobenen Posten der Slovenen. Doch jetzt hinunter ins Thal: denn morgen ist Kirchtag in GLrjach! Und zwar ein echt windtscher Kirchtag, in der alten Form, mit den alten Liedern und Trachten — und das zwei Tage und Nächte hindurch! Und dann: wer kennt Körnten, ohne von den schönen, tanzlustigen Gailthalerinnen gehört zu haben? Und wer je einmal in Tirol und Kärnten alte Tracht und Sitte suchen geht, der wird sie fast nur mehr im Gailthal finden! Mir war das auf dem Kirchtag von Thörl-Maglern, welches an der Mündung des Gailthales in das Canale- Thal liegt, deutlich geworden. Aus beiden Thälern strömten die Besucher des Festes zusammen: dort Volksthum und Volkstracht, hier alles Alte verwischt und darüber sich breitend nivellirende moderne Civilisation! Dafür aber auch im Gailthal ein wenigstens zu 40 schöner Menschenschlag und Mädchengesichter, die manchmal an italienische Bilder erinnern. Als Erklärungsgrund beider Erscheinungen bot sich mir immer wieder nur das eine: der slovcnische Untergrund des Thales. Mit besonderer Hartnäckigkeit hatte sich hier nicht nur das Heidenthum, sondern auch das Slaventhum gegen die hereinbrechenden christianisirten Germanen gehalten. Als die christliche deutsche Cultur dann doch endlich siegreich eindrang, da scheint sie nicht zerstört, sondern sich als feine, befruchtende Kruste über den zähen Urstoff gezogen zu haben. So sind auch jetzt noch die Schulen des untern, «indischen Thalzuges zweisprachig, die eigentliche Volkssprache aber ist und bleibt das Slovenische. Nebenbei sprechen die Windischen vom 12. Jahre an ganz gut deutsch und manche auch italienisch. In ähnlicher Weise hat der deutsche Cultureinfluß mäßigend auf den slavischen Typus eingewirkt. Aus dieser Mischung erklären sich die neben dem Extremen des Slavischen, das sich noch ganz gut verfolgen läßt, auftretenden schöngeschnittenen Gesichtszüge besonders bei der weiblichen Bevölkerung. Aehnliches ist ja schließlich bei allen Nacen- und Nationalitäts- mischungen der Fall. So habe ich einmal ein wahres Ideal hinreißender Zierlichkeit und Graziösität in einem japanisch-englischen Mädchen gefunden. Andrerseits erklärt sich aus dem conservativen Grundcharakter des Slovenenthums das zähe Festhalten an den alten Bräuchen. Am allerwenigsten oder höchstens ein mißverstehendes Interesse für derartige Dinge fand ich bei den „gebildeten" deutschen Elementen des Thales, Lehrern 287 und Grundbesitzern. Unter den Volksbildnern lernte ich ein wahres Original jener streitbaren Pioniere des österreichischen Deutschtums kennen, die, unter der Acgide des deutsch-österreichischen Schulbereines manchmal recht eigenartig kämpfend, etwas gar zu rührend über Unterdrückung der deutschen Cultur zu jammern Pflegen. Der Mann war noch jung, aber bereits Wittwer mit sechs Kindern. Was er mir aber gleich nach dem ersten Bekanntwerden erzählte, war nicht das, sondern daß er bereits zehn Jahre in der Gemeinde gegen die Slovenen kämpfe, und daß er es mit Hilfe eines deutschen Grundbesitzers und des deutsch-österreichischen Schulbereines durch eine Reihe von Intriguen dazu gebracht habe, daß in der überwiegend slovenischen Gemeinde eine rein deutsche Schule zustande gekommen. Dafür habe dann auch der Schul- verein 2000 fl. zum Bau des neuen Schulhauses beigesteuert. Dieses Schulhaus, isolirt, mitten in einem Garten gelegen, sah denn auch in grellem Kontraste zu dem schmächtigen Doppeldörflein allerdings wie ein Palast aus. Vielleicht wirkt dieses Bewußtsein auch auf den streitbaren Volksbildner ein. Mit gehobenem Pathos, wie früher einmal ein Schulvereinler aus Pilsen auf dem Arber, deklamirte er mir, indem die schwarzen Haarsträhne sein Haupt wie Schlangen umzüngelten, daß er auf diese seine nationale Arbeit sehr stolz sei: seine Gemeinde sei die einzige derartige im Gailthal, und die durch Intriguen bearbeiteten slovenischen Bauern hätten selber mitgründen helfen. Bei der sonstigen Gutmnthig- keit des Mannes errieth ich aus dem wettern Gespräch gar bald, daß er eigentlich die Marionettenfignr des genannten Grundbesitzers in seinem Orts war, und der weitere Hintergrund ergab sich auch alsbald, indem mir ein junger Vetter des letzteren bald einen eingehenden Vortrag über den Protestantismus als wahre Religion der Zukunft gehalten hätte, wenn ihn nicht mein Verhalten aus seiner weittragenden Begeisterung gerissen hätte. Wenn ich noch daznfüge, daß Thörl-Magiern der unmittelbare Nachbarort des durch seine „slovenischen Umtriebe und die Verhetzung des slovenischen Volkes durch Pfarrer Einspieler" berüchtigten Arnoldstein ist, so wird sich dem, der einigermaßen in diesen Dingen unterrichtet ist, der kausale Zusammenhang der politischen Constcllation von sich selbst ergeben. Ich habe die kärntischen Slovenen als das liebenswürdigste, friedfertigste Volk kennen gelernt. Durch die „nationale" Hctzarbeii des deutsch- österreichischen Schulbereines werden sie mit der Zeit der von Krain her arbeitenden panslovenischen Agitation in die Arme geworfen werden. Mögen auch immerhin einzelne slovenische Jungkleriker auf den Kampfruf geradeso einseitig und unklug antworten, wenigstens können sie in Körnten für sich das Moment der Nothwehr beanspruchen. Andrerseits aber Hai das Völklein der windischen Gail- thaler noch gesunde Volkskraft genug in sich, um unbeirrt von derlei Dingen seine eigenen, wenn auch manchmal etwas derben, so doch gesunden Wege zu gehen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Karsch A., Vacksinoonm dotanieum: Handbuch zum Bestimmen der in Deutschland wildwachsenden sowie im Feld und Garten, im Park, Zimmer und Gewächshaus kultivirten Pflanzen. 8°. I.V -s- 1094 -st L SS. ni. 2437 Fig. Leipzig, Otto Lenz 1894. M. 20.00. zp Ein Werk riesenhaften Fleißes liegt vor uns, dessen Erscheinen der fast ein halbes Jakrhuilden an der Akademie zu Münster rastlos thätige Professor der Naturgeschichte Karsch leider nicht mehr erlebte; denn kurz nachdem er das Manu- script des Buches zum Druck fertiggestellt hatte, rief ihn der Tod vom Schauplatz seiner Thätigkeit. Seit Koch's berühmter »bllora. Oormaniao- (1857) ist kein so brauchbares Handbuch mehr erschienen; nachdem jenes klassische Werk keinen Bearbeiter gefunden hat, der es im Sinne des Meisters redigirt und auf der Höhe der Wissenschaft gehalten hätte, müssen wir Karsch doppelt dankbar sein, daß er eine tatsächliche Lücke in der botanischen Literatur so vortrefflich ausgefüllt bat. Das Handbuch, welches an 3000 Genera und an 10000 Species vorführt und beschreibt, ermöglicht durch seine klare und deutliche Fassung auch dem Liebhaber der »Soisntin amabilis- die selbstständige Bestimmung der Pflanzen; Lehrer und Lernende, Gärtner, Forstleute und Botaniker von Beruf haben hicmit ein Nach- schlagebuch, das wohl nicht leicht versagen wird. Die Brauchbarkeit desselben in der Praxis war dem Verfasser vor Allem maßgebend, selbst die wichtigsten Gruppen der Cryptogamen fanden Berücksichtigung. Ist der wissenschaftliche Werth deS (verbesserten) De Candolls'schen Pflanzensystems auch außer aller Frage, da es eben als natürliches jedem andern gegenüber allein Berechtigung hat, so ist in dem Handbuch doch aus praktischen Gründen als grundlegendes System für die Bestimmung der Pflanzen das von LinnS angenommen worden; denn man muß offenbar jene Merkmale der Pflanzen vorzüglich berücksichtigen, die am leichtesten zu entdecken sind, nun aber ist für eine schnelle und gleichwohl sichere Bestimmung der Pflanzen das wissenschaftlich freilich unhaltbare Linns'sche Classensystcm das weitaus geeignetste, wie es der Verfasser in öOjähriger Lehr- und Excursionsthätigkeit erprobt hat. Die § Diagnosen sind kurz und bündig abgefaßt, allerdings, die ^ zweifellose Klarheit der Koch'schen erreichen sie nicht, das ist j aber auch nicht wohl möglich, denn Koch hat seine „Flora" ; lateinisch geschrieben, vorliegendes Buch ist aber zur „Ehre der , deutschen Wissenschaft" deutsch abgefaßt, d. h. in dem Mischmasch von Deutsch und Latein, in der bunten wissenschaftlichen Knnstbntlersprache, die gegenwärtig Mode ist. Wer daher an ältere Werke gewöhnt ist, wird sich schon ein wenig hart thun, sich in die vielfach neue und eigenartige Terminologie einzuleben; nicht umsonst ist schon öfter von Botanikern der beherzigens- werthe Vorschlag gemacht worden, in Werken aus der be- schreibeueen Botanik, falls man sie nicht mehr ganz lateinisch schreiben will (oder kann?), wenigstens die Diagnosen lateinisch mit den wissenschaftlich stereotypen Kunstausdrücken abzufassen. In deutsche» Termini läßt sich ja doch keine Konsequenz herstellen: warum z. B. der Verfasser „steril" und „fertil", ferner „depreß, exotisch, sensitiv" neben „fruchtbar, ausländisch, reizbar" rc., neben „bogigadrig, schülfrig" und anderen, zuweilen ganz unverständlichen Sprachncubildungen stehen läßt, ist nicht klar; jedenfalls bat er selbst das Bedürfniß gefühlt, einen Schlüssel zur Erklärung der KnnstauSdrücke beizugeben. Doch thun natürlich solche Dinge dem Werth des Buches keinen Eintrag; ist man ja bei natürgeschichtlichen Werken gewöhnt, die Anforderungen an philologische Genauigkeit der Darstellungsform nicht hoch zn spannen. Daß der Verfasser die lateinischen Genus- und Species-Bezeichnungen nicht, wie viele ähnliche Schriften, mit den barbarischen deutschen Endungen „beschwäuzt", ist anzuerkennen, ebenso, daß die lateinischen Wörter ihren Accent (nicht immer richtig, vgl. lOanoeöla, S. 1080) tragen; denn wir wissen aus Erfahrung, daß selbst gutbezahlte Umvcrsitäts- professoren die KnnstauSdrücke deS Faches, das sie in Vorlesungen dcciren, oft genug nicht einmal richtig auSzulprechen, geschweige denn ihre Herlcitung anzugeben vermögen. Wesentlich tragen zum Verständniß die beigegebenen schematischen Figuren bei, auch ist es angenehm, daß uns jene Persönlichkeiten, welche einer unseligen Sitte gemäß so Vielen Pflanzen ihre Namen gegeben haben, vorgestellt werden. — Das Werk wird in seiner Art den ersten Platz behaupten; möge es recht viel beitragen zur bewundernden Kenntniß der Natur, die im Kleinen am größten ist und in der Pflanzenwelt einen unermeßlichen Schatz an Farben, Düften und Formen bietet. Anzeiger des germanischen Nation almnseumS. 1894. Nr. 2 — März und April, 3 — Mai und Juni. Nürnberg, Germanisches Museum. Dem „Auze.ger" (Museumschronik) sind als „Mittheilungen" beigegeben: Th. Hampc, Spruchsprccher, Meistersinger und Hochzeitlader, vornehmlich in Nürnberg. S. 25—44, 60—69. Eine sehr gehaltvoll: Studie, als Text zu den im germanischen Museum bewahrten Denkmälern, überdies für die Literatur- nicht minder als für die Cultur- und Sittengeschichte interessantes Thema. Die Nürnberger Hochzeitlader und Leid- 288 bitter des XVH. Jahrhunderts rcknitirten sich hauptsächlich aus den Meistersingern und berührten sich in ihren Funktionen vielfach mit denen des Nürnberger Spruchsprcchers. — I. Kamann, Aus dem Briefwechsel eines jungen Nürnberger Kaufmanns im XVI. Jahrhundert. S. 45—56. (Schluß.) Siehe „Beilage" Nr. 18 (3. Mai 1894). — H. Bösch, Zwei Weintafeln des XVII. Jahrhunderts im germanischen Museum. S. 57—60. Vorläufer unserer Weinkarten. — Th. von Frimmel, Aus der Galerie des germanischen Museums. S. 70—71. Betrifft ein Bild ron Claes Moeyaert „Der Frühling". — H. Bosch, Inhalt eines BalsambüchSleins. S. 71. XVII. Jahrhundert. — Derselbe, Ein rheinisches Wand- kästchen des XVI. Jahrhunderts. S. 71—72. — Sämmtliche Artikel sind illustrirt, besonders der beiden Heften beigelegte „Katalog der im german. Museum vorhandenen zum Abdrucke bestimmten geschnittenen Holzstöcke vom XV—XVIII. Jahrhundert. II.Theil: XVII. und XVIII. Jahrhundert. S. 1—16: Außer Gcschlechtcrwappen eine mannigfache Zahl von Darstellungen aus der hl. Schrift. Fz Die „Mappe", die VereinSgabe der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst für 1894, sist jetzt erschienen. Die eingehende Besprechung derselben bleibt Ihrem ständigen Referenten überlassen. Wir wollen uns hier darauf beschränken, ihren allgemeinen Eindruck festzustellen, indem wir unser aufrichtiges Entzücken an dem vornehmen Inhalte, mit dem sie ihre Vorgängerin von 1893 noch übertrifft, in unverhohlener Weise kund thun. Dabei soll auch die ebenso aufmunternde als ehrende Thatsache verzeichnet werden, daß Se. kgl. Hoheit der Prinzregent die Gesellschaft mit seinem Beitritte beehrt. Weitere Kreise wird cS gleichfalls intcrcssirc», daß die Gesellschaft bereits an die Ausübung des § 14 ihrer Statuten schreiten kaun und als Beitrag zur Ausführung von Altarbildern in Groß-Eislingcn (Württemberg) 600 Mark bewilligt hat. Darum ein begeistertes Vivat, üoroat. orosoad der Deutschen Gesellschaft sür christliche Kunst! _ Friedr. Beetz. Scelenführer. Jllustrirter Katechismus der katholischen Ascese für alle heilsbegierigen Christen, besonders für Tertiären. Mit 42 Abbildungen nach Zeichnungen von A. und L. Seitz. II. Auflage. Frei- burg i. Br. 1894. Hcrdcr'sche Vcrlagshandlung. 12°. XII u. 227 S. Preis 1 M., gebund. zu 1 M. 35 Pf. u. 1 M. 45 Pf. L. Die katholische Ascese in Form eines Katechismus darzustellen, darf ein glücklicher Gedanke genannt werden, und daß vor Ablauf eines Jahres die II. Auflage nöthig wurde, bestätigt dies. Es ist dem Verfasser die gestellte Aufgabe auch gut gelungen, und eS entrollt sich in diesem Büchlein ein gar großer Stoff, von dem in Predigt und Katechese oft wenig und dann erst in sehr langen Zwischenräumen gesprochen wird. Durch die gewählte Darstellungswcise fällt auch der Inhalt deutlich und stark hervortretend in die Augen. Der Gedanke des Verfassers, genanntes Büchlein zur Grundlage von katechetischen Vortrügen bei III. OrdcnSversammlungen zu bcnützcn, kann nur gebilligt werden. Viele Fragen sind mit den Worten der hl. Schrift, Aussprüchen der Väter und Entscheidungen der Kirche beantwortet, überhaupt sind diese 3 Quellen sehr fleißig benützt und muß es so sein; denn sonst wird cS leicht eine Privat- und nicht die katholische Ascese. S. 9 wäre eine Bemerkung über Besuche bei Geistlichen in ihren Wohnungen am rechten Orte. Ein sehr beachtenSwerther Anhang von Gebeten ist beigegeben. Die Bilder sind trefflich und gut gewählt. Der Preis dieser Auflage ist gegen die erste auerkennenöwerth niedriger gestellt. Nallino 6. rV, Olrrestomatbia qorani arabica cum noiis et Klossario. 8°x. VI-f-68-ch-54. Inpsiao, IV. Oerkarä, 1893. L 4,50 Omnibus, czui in arabioa stuäia incumbunb, guanta sib aleorani assicius perloZeväi nocessitas, cuilibst: xatet; boäio- äum ea äicenäi ratio, guain ists indutus hlubainineäanorum über xrosequitnr, veluti exemplar roxutakur. Lüguas srrras blallious ita cleleg-it, ut aäuleseens kacils in menio sua variam kormam ao speeivm ssrinonis eoranici porspicers possit. llsxtus arabions wenäis carens praeclaris tzxis aä kiäem eäitionis Ileäslobianas reeusus est, quem Glossarium arabico latinum sequitvr. kltiamsi autor sermonis eleFantir so consulto ab- stinuisss ipso lateatur, tamen „vox aä Latanam ... transkerta" sie pLA. 41) lapsus est ealami nekanäissimus, gui utinam acl Latanam translatus sit. Oeteroguin übellus moüico xrstio vorrätig tironibus maZno errt cowmoäo. Französ. Volksstimmungen während des Krieges 1870/71 von Dr. E. Koschwitz, Professor an der Universität GreiiSwald. — Verlag von Eugen Salzer, Heilbronn. — PreiS: brosch. M. 1.50; gebunden M. 2.—. Unwillkürlich beschleicht uns die Ahnung, als werde uns Bekanntes geboten, und wir fragen uns, ob wir jenen „schon so oft mit mitleidigem Achselzucken gehörten Stimmen" nochmals lauschen sollen. Aber, was wir bisher gehört, sind mehr oder weniger Fragmente, Einzelheiten, ohne chronologische und kausale Anordnung. Das hier Gebotene ist Studium an den ergiebigsten Quellen, deren einzelne Rinnsale zum Strome „jener Volksstimmung" geworden. Die Zeit, welche seit jenem denkwürdigen Kriege verstrichen, konnte eben zur Untersuchung und Klärung jener Quellen benützt werden — und so liegt vor uns ein Stück Geschichte, das fast nothwendig zur Schilderung jenes Krieges mitgehört. Im Wcrkchcn sind Volkscharakter der Deutschen und Franzosen kurz und treffend gezeichnet, ist durch französische Schilderungen (mit Quellenangabe) unserer Zustände und namentlich unsres Heeres die völlige damalige Unkenntniß mit unsren Verhältnissen bewiesen, so z. B. in den Berichten des Figaro von Eh. Hugo und Milland. In Erstaunen setzt dabei die Unverfrorenheit der Lügenhaftigkeit der betreffenden Autoren. — Bekannt ist die Langsamkeit, Entstellung und Lügenhaftigkeit, mit der das französische Volk über den Fortgang des Krieges und — des unabwendbaren Schicksals — durch die französische Presse u. s. w. bedient wurde. L-ehr durchsichtig schildert das Schristchcn, wie mit dem Eindringen unsrer Truppen in Frankreich die künstlich genährten, falschen Vorstellungen von den „Barbaren" mehr und mehr schwanden, und wie sich unser Heer selbst beim erbosten Feinde die gebührende Schätzung seiner Tugenden und seiner Bildung errang. Theologisch - praktische Monatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 8. Heft. Passau, Verlag von Rudolf Abt. Jnhaltsverzeichniß des 8. Heftes: I. Wissenschaftliche Aufsätze. Die 69 Jahreswochen des Propheten Daniel. Von k. Anton Hammerschmied, 0. 8. §r., Lektor der Theologie. — Katholische und protestantische Ethik. Von Dr. Joseph Dippel, Pfarrer in Dcrnach. — Gedanken über christliche Jugendbildung an unsern Gymnasien. Von Dr. Natzinger in München. II. Belehrendes sür die scelsorgliche und pfarramtliche Praxis: Eine Betrachtung über „Firm- gcschenke". Von B. Nepcfny. Benefiziat in Stubenberg. — Die Gewissenspflichten in Bezug auf Kapitalrenteusteuer. Von Dr. Pruncr, Prälat in Eichstätt. — Ist jemand, welcher fremde Kapitalien in seinem Depot und in seiner Verwaltung hat, dafür verantwortlich, daß die Rentensteuer daraus entrichtet werde? Von Dr. Pruncr, Prälat in Eichstätt. — Dia- phanienfcnster für Kapellen nnd Oratorien. Von M. Raith, Pfarrer in Unterhanscn. — LeichengotteSdienste an abgewürdigten Feiertagen. — Hervorsegnung von Wöchnerinnen an Sonn- uud Feiertagen. — Trauung von Auswanderern. Von Ad. Hirschmann in Schönseld (Dollnstein). — Oelebratio Llissas nriurstro masoulo äeüoiorrts. Von k. Bcrnard Schmid. 0. 8. L. in Schcycrn. — Manöver, Einquartierung und Scelsorgc. Von H. Stadler in Nicdenburg. — Kann der Pfarrer gegen eine Katholikin, welche ihr illegitimes Kind protestantisch erziehen lassen will, auf Grund der Staatsgesetze einschreiten? Von Dr. Eduard Stingl in Straubiug. — Ein für die Geistlichen der Grenzorte lehrreicher Erbschaftsstreit. Von vr. Eduard Stingl in Straubing. — Behandlung eines PLnitcntcn, der eine dem Beichtvater bereits anderswoher bekannte Sünde verschweigt. Von L. H. in E. — DaS informc Testament in der Praxis. Von Christian Kunz. — Ein Dcfect in der Tauf- spendung. Von Grüner in Nürnberg. — Eine Warnung für baulustige Kirchcnverwaltungsvorstände. Von Sch., xaroolrus in U. — Ein Verein für arme Schulkinder. Von Voit in Jllkosen (Post MooSham). — Die Augen des Priesters während des Wandlungsaktes. Von L. H. in E. — Eine nachahmcns- werthe Sühne für Sonntagsschändung. Von Rüger, Pfarrer in Bibergau. — Ein Predigtthema für unsere Gegenwart aus dem zweiten Briefe dcö heiligen Petrus. Von A- Gmclch, Kanonikus in Nezensburg. _ Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Nn. 37. zur Altgsvlirger 13. Keptlir- 1894. Die Sendlingerschlacht. xlx Wenn noch einige Jahre vergangen sind, dann ist es möglich, das Wissenswerthe der deutschen Geschichte mit Hilfe eines „kombinirten Fahrscheinheftes" einfach auf einer Theatertournee kennen zu lernen. Welch ein großartiges Bildungsmoment für die Jugend der Zukunft und ihren Unterricht in Geschichte und Literatur! Mit 20 Mark — vorausgesetzt, daß das fortschrittliche Beispiel des schwäbischen „Sandle" unsere Nachahmung findet — wird man alsdann Wochen lang im Bayerland umherreisen dürfen. Und wo ist denn eine Stätte, von der nicht irgend etwas „Romantisches" oder „Geschichtliches" erzählt wird, wo ist ein Ort, an welchem nicht irgend einmal irgend eine „historische Person" so unvorsichtig gewesen ist, durch irgend einen muthwilligen Streich die Pietät der Nachwelt herauszufordern? Wie viele Stätten und Orte kann es bei der augenblicklichen Hausse in der patriotischen Dramatik darum in einigen Jahren noch geben, die nicht werden ihr „Spiel" auszuweisen haben? Es gilt ja allgemein und mit Recht als Ruhmeszeugniß für ein Volk, wenn seine dramatische Poesie sich auf seine große Vergangenheit besinnt und lebendigen Antrieb aus der vaterländischen Gesinnung empfängt. Wir spenden deshalb Leuten, wie den wackeren Kraiburgern, und Männern, wie unserm edelsinnigen Martin Greif und seinem Genossen Oberregisscur Savits, von Herzen ein uneingeschränktes Lob, weil sie ihre schauspielerische oder dramatische Begabung in den adeligen Dienst der Vaterlandsliebe stellen. Anders aber beurtheilen wir den ethischen und ästhetischen Werth so vieler anderer „Spiele", die einzig der Eitelkeit entstammen, irgend eine lokale Spezialität aus der Rumpelkammer der „Romantik" oder „Geschichte" zur Schau bringen zu können, getreulich nach dem Motto des Direktors in Göthe's Faust: „Wird vieles vor den Augen abgesponnen, So daß die Menge staunend gaffen kann, Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen, Ihr seid ein vielgeliebter Mann." „Dilettanten und Philister sind Geschwisterkinder", sagt Niehl in der „bürgerlichen Gesellschaft". Und es sind in der That spießbürgerlicher Chauvinismus und dramatischer Dilettantismus meist die einzigen Tugenden, welche aus derartigen Aufführungen erblühen. Neuerdings wollen nun auch die Sendlinger ihr patriotisches Schauspiel haben. Sie brauchen ja auf der Suche nach einem dramatischen Stoffe im Buch der Geschichte nicht so weit zurückzublättern. Das Gedächtniß an den Opfertod für Fürst und Vaterland, dem sich in der „Mordweihnacht" von anno 1705 im Schatten der Sendlinger Kirche eine Leonidasschaar heldenmüthiger Bauern geweiht hat, verdient wohl in unserer Zeit vaterlands- loser Bestrebungen aufgefrischt zu werden; das Gedächtniß an die Zeit, als „die seit 4 Jahrhunderten in den Gemüthern der Unterthanen zum Naturverhältniß ausgebildete Gehorsamspflicht und Anhänglichkeit an ihren Landesherrn" und die Liebe zu dem „im Boden deutscher Volkstreue festgewurzelten Herrscherstamm" (K.A. Menzel, Neuere Geschichte d. D. IX, 359) sich bewährte. Die Geschichtsliteratur zur Sendlingerschlacht ist ziemlich reich, besonders haben sich um sie verdient gemacht Professor Dr. Sepp (München) und der verstorbene Würzburger Kreisarchivar vr. Schäffler. Zwischen beiden Forschern schwebte eine lebhafte Controverse über die Geschichtlichkeit des Schmiedes von Kockel, die von Schäffler bekämpft und von Sepp vertheidigt wurde. Und wer der Promotion des Or. I. W. in der Münchner Aula am 1. März 1889 anwohnte, der konnte Zeuge sein eines interessanten Nedeturniers zwischen dem Promoventen, welcher eine Thesis aufgestellt hatte, die im Sinne Schäfflers den Münchner Literaten Grub er*) bezichtigte, an der Figur des Schmieobalthes tüchtig herumgedichtet zu haben, und zwischen Professor Sepp, der aus dem Auditorium heraus von der Redefreiheit Gebrauch machte und einen feurigen Ansturm auf diese waghalsige Behauptung ausführte. Von den dramatischen Bearbeitungen scheint die von Gustav Adolf Müller den Beifall der Sendlinger gefunden zu haben. Sie hat den Titel: „Die Schlacht bei Sendling (1705). Historisches Schauspiel in vier Aufzügen." Bühl, Concordia. 1892. 8°. 68 S., und ist „den Manen der bei Sendling am Christfest 1705 für Fürst und Freiheit kümpfend gefallenen Helden" gewidmet. „Ich denke es mir", sagt der Verfasser im Geleitsworte, „als eine der schönsten Aufgaben national gesinnter Bühnen, in dieser oder einer anderen Gestalt die Ideale der Treue und heldenhaften Liebe eines seines sittlichen Werthes vollbewußten Volkes der Mitwelt wie ein mahnend Gedenken vor Augen zu stellen." Müllers Stück, ursprünglich für das „reformirte" Oktoberfest bestimmt und von G. Flüggen bühnengerecht gemacht, fußt auf einem verwandten Drama von Pros. Sepp: „Der Jägerwirth und die Sendlingerschlacht." Drama in vier Akten mit einem Vorspiel: „Die Haberfeldtreiber". 2. Auflage. München, Lindauer. 1891. 8°. 15, 107 S., es steht aber durch Wohllaut der Verse und Adel der Sprache unserer Meinung nach weit über seinem Vorbilde, wenn auch Sepps Dichtung einige recht erhebende Partien auszuweisen hat. Die vielumstrittene und niemals, selbst nicht in Lesfings Dramaturgie, recht gelöste Controverse über die Befugniß des Dichters, große historische Begebenheiten durch kleine, freierfundene Anekdoten zu verdunkeln, bezw. zu erhellen, kommt auch in Müllers Drama zur Geltung. Bei ihm ist der Schmted- *) Zu seiner literarischen Qualifikation diene folgendes charlatanartige Inserat in der „Bayer. Staatszeitung" Nr. 40 (1832 April 15.): „Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung werde ich, gestützt von mebrercn Kunstfreunden, Dienstags den 17. April 1832 im großen Saale zum schwarzen Adler eine Vorlesung religiösen, vaterländisch-geschichtlichen und erbauenden Inhaltes auszugsweise aus mehreren vollendeten Manuskripten, mit musikalischen Produktionen ausgestattet, zu halten, und dieselbe auf 2 bochgefällig anzugebende religiöse Vortragsstoffe als rhetorischer und lyrischer Improvisator zu beschließen, mir die Ehre nehmen. Unter den Vortragsstoffen vaterländisch- geschichtlichen Inhaltes ist ein historisches Familien- und Kriegsgemälde betitelt: Der starke SchmiedbalthcS zu Kochel (nach der von mir der Oeffcntlichkeit mitgetheilten historischen Forschung abgebildet aus dem Kirchengemälde zu Sendling) in seiner Werk- stätte und als Anführer der bayerischen Hochländerbauern am Cbristtage 1705, nach einem schriftlichen Aufsätze im Kalender 1734, welchen mir der nun verstorbene Lehrer Anton Bichl- mayr zu Kochel bchändigte, gezeichnet. Mit musikalischer Zwischen- beglcitung auf dem Fortepiano von dem 11jährigen Musikzögling Peter Cavallo. AIS ein Eingcborner Bayerns rechne ich mit unbegränzter Zuversicht aus einen zahlreichen Zuspruch und werde micb bestreben, dieser stützenden Theilnahme mich ferner als vaterländischer Historiograph und Schriftsteller würdig zu machen. München, am 14. April 1832. Ferdinand Joseph Eruber, Privatdozent und Schriftsteller." 290 balthes nicht bloß der freiheitsdurstige Patriot, sondern außerdem der für die durch einen Oesterreicher beschimpfte Ehre seiner Tochter auf blutige Vergeltung ausziehende Vater. Ob aber dieses Motiv der persönlichen Rachsucht dazu angethan ist, den Helden uns, wie man es nennt, „menschlich näher" zu bringen, ist eine Frage. Jedenfalls schadete es nichts, wenn an der weitausgesponnenen Erzählung, die der Schmied von jenem Attentat gibt, etliches gekürzt wäre. Im übrigen wird zweifelsohne das Stück seinen Eindruck nicht verfehlen. Man macht jetzt Anstrengungen, um der Degeneration des Oktoberfestes durch allerlei Programmneuheiten zu steuern. Wie wäre es denn, wenn man das „vaterländische Schauspiel" allen Ernstes in den Nahmen dieser wohlgesinnten Bestrebungen aufnähme? Wir brauchten da erst nicht, nach den Worten des verstorbenen Grafen Schack (Einleitung zu CalderonS Werken, 13), „die Brosamen von der Tafel vergangener Zeit" aufzulesen, sondern uns nur unserer mitlebenden Dichter zu erinnern. Und wenn in München keine Kräfte zu gewinnen find, dann lassen sich vielleicht die Kraiburger oder die Send- linger zu einem „Gastspiele" bestimmen. Unter den herrlichen Liedern des unsterblichen Sängers von „Dreizehnlinden" befindet sich ein schwungvoller Hymnus „An die Volkspoesie". Er stammt aus dem Jahre 1862 und klingt aus in eine warme Sehnsucht nach „Deutschlands AuferstehungsLage", nach dem Erwachen des „alten Schläfers im Kyffhnuser". An die vaterländische Muse aber richtet F. W. Weber die Bitte: „Sing' unsern Ruhm: dein Liedcrborn Erfrischt den kranken Muth der Schwachen; Sing' unsre Schmach, um Scham zu Zorn Und Zorn zu Thaten anzufachen!" Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkiirnten). Von Cölestin Schmid. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen zog ich schon frühe den Hügel hinan, von dem der Gvriacher Kirchthurm durch die Lücken des wallenden Thalnebels Ausschau zu halten anfing. Die Kirchengemeinde Göriach umfaßt vier Ortschaften. Zum Fcstgotiesdicnst vereinigt man sich in der gemeinsamen Dorfkirche, das Uebrige spielt sich in jeder Ortschaft gesondert ab. Etwas unterhalb der Kirche weitet sich der Dorfplatz von Göriach uneben um eine mächtige, uralte Linde. Nebenan aus dem Wirthshaus ließ sich bereits die Dorfmusik mehr lustig als feierlich hören. Den Klängen derselben nachgehend, fand ich droben auf dem Tanzboden die ganze Burschenschaft des Dorfes, hemdärmelig, mit der officiellen Virginia im Mundwinkel, versammelt. Ich stieg zur Kirche hinauf. Auf dem Platze vor derselben hatte sich bereits ein ganzer Jahrmarkt entwickelt. Von allen Seiten her zogen die Burschen und die Schönen des Thales; schon von weitem her hob sich die bunte Tracht der Auf- und Abziehenden auf dem mattgrünen Wiesengrunde scharf ab. Die Glocken bimmelten mit hartnäckiger Ausdauer, aber von einem Beginn des Gottesdienstes schien noch lange nicht die Rede zu sein. Nur die gebrochene Gestalt des Dorfpfarrers huschte von Zeit zu Zeit forschend durch das Gewirre, um bald wieder zu verschwinden. Um so freundlicher und voller beschienen allmählig die Sonnenstrahlen den bunten Kram von Buden und gleißenden Kostbarkeiten. Darunter waren besonders auffallend ganze Reihen von Lebzelterbnden, deren Schätze sich in alle möglichen Winkel mythologischer und symbolischer Deutsamkeit verloren: vor jeder stand ein Hackblock mit Beil. Da ist ein alter Volksbrauch im Spiel. Auf dem Block wird nämlich ein lebzeltenes, unbescheiden großes Herz auf zwei Hiebe durchhauen, und zwar so, daß Derjenige dasselbe gewinnt, dessen Hiebe sich in einer geraden Linie fortsetzen. Es war bereits gegen 10 Uhr, da ließ sich Musik von der Dorfgasse herauf hören, und gleich darauf erschienen, hinter der Musik einherzieheud, hemdärmelig, rauchend, die Burschen von Göriach. Während sie sich heroben im Kreise um die fortspielende Musik postirten, folgten auch die Burschen von Draschiz mit Musik, und zu gleicher Zeit ließ sich von Achamiz herüber eine dritte Musikbande mit dominirender großer Trommel recht deutlich hören. Zuletzt erschienen die Trellacher. Während der ganzen Zeit hatten sämmtliche anwesende Musikcorps nebeneinander mit der ganzen Wucht ihrer Kunst gewett- eifert, was ganz rührend zu dem Glockengebimmel paßte. Die berühmte homerische Volksversammlung konnte nicht mehr an elementaren Sinneseindrücken geleistet haben: nur zeitweise unterbrach das Schnadahüpfl irgend eines Burschen das Getöse. Endlich ging es in die Kirche. Da die Predigt in slovenischer Sprache gehalten wurde, zog ich mich alsbald wieder auf den Friedhofplatz zurück und erkämpfte mir die höchste Stufe einer Freitreppe. Von da bot sich nun das anmuthige Bild von ungefähr 200 auf der Mauer zwischen den Grabsteinen sich lagernden Thalbewohnerinnen. Den düstern Nahmen des heiteren Gemäldes bildeten die immer noch nebelumwallten Hänge des Osternigg und Dobratsch. Die Thaltracht besteht in einem faltig gebügelten Rock, der, nur bis zu den Knieen reichend, die meistens auffallend zierlichen Unterfüße sehen läßt. Auch. die seidene, bunte Schürze ist gefältelt. Die weißen Strümpfe sind halb durch hohe, verzierte Schnürstiefletten verdeckt. Das Mieder ist nur auf dem Rücken ganz geschlossen und macht da den Eindruck eines unzerstörbaren Panzers, auf der Vorderseite läuft eS in zwei Haltbänder aus. Zwischen diesen ist ein seidenes Brusttuch hinaufgespannt, das am Halse von einer Spange festgehalten wird. Eine breitfaltige, weiße Krause legt sich um den Hals, ebensolche um die Handgelenke. Um das in reichen Flechten gelegte, von Bändern durchzogene Haar schlingt sich in kühner Weise, etwas nach rückwärts geschoben, ein buntfarbiges seidenes Tuch. Vielfach hangt unter demselben ein banddurchflochtener Zopf hervor, der an dem Gürtel festgemacht wird. Es gibt kaum Farben, die nicht da oder dort bei dieser Tracht vertreten wären. Gewöhnlich sind es deren 4—5, und zwar habe ich dieselben vielfach mit einer geradezu klassisch-harmonischen Wirkung zusammengestellt gesehen, die alle Berechnungen des Wiener Ningviertels übertraf. Meistens sind die Farbennuancen gedämpft hell, und man kann sich dabei ohne Phantasterei in den hellen, farbenreichen Orient versetzt fühlen. Das sechs Stunden lange windische Gailthal ist auch die einzige Gegend, die den Fremden mit all den Phantasiern des trachtenreichen Tiroler- und Kärntnerländls nicht enttäuscht. Ebenso haben sich auch nur da noch uralte Volksspiele wie das Kufenstechen der berittenen Burschen erhalten. Der Gottesdienst war beendet, nach allen Richtungen strömt die Menge auseinander. Während die große Trommel der Achamizer noch lange über den grünen Rücken herüberdröhnt, folgen wir den Göriachern, die feierlich zu ihrer Dorflinde ziehen. Im weiten Umkreis umgibt das Volk den von mächtigen Besten beschatteten Platz. Auf einer Bank, die rund um den Stamm gezimmert ist, nimmt die Musik stehend Platz, die Burschen aber stellen sich wieder, zum Theil sich gegenseitig umschlingend, in ihren Kreis. Eine Weise nach der andern wird gespielt. Den Text singen die Burschen abwechselnd. Zugleich spielen sich geheimnißvolle Ceremonien ab: es handelt sich um die Auswahl der Tänzerinnen. Eine Pause tritt ein; da winken die Burschen gegen den umgebenden Kreis. Die Erwählten stürzen sich aus demselben in die Arme ihres Burschen. Nun werden alle gangbaren Tänze um die Linde herum durchgetanzt, dazwischen immer wieder die Schnadahüpfl der Burschen. Früher spielte sich der ganze Kirchtag, wenn möglich, unter der Linde ab, jetzt dauert der Tanz im Freien 1, 2 bis 3 Stunden, und dann geht es auf den Tanzsaal, durch dessen losgefügte Bretterwand die blaugrüne Thalscenerie freundlich hereinschimmert. Und nun geht es in tollem Jagen fort Tag und Nacht hindurch: das Ganze wiederholt sich genau am zweiten und auf besonders alterthümlichen Kirchtagen, wie auf dem von Sak-Nötsch, an einem dritten Tage. Bei dem Tanz unter der Linde ist nicht nur jeder Fremde, sondern auch jeder Bursche einer andern Dorfschaft und jeder in dem Dorfe nicht Altansässige ausgeschlossen. Doch scheint das Protektorat der Damen auch diese altererbte Schranke zu durchbrechen, wenigstens wurde ich auf einem andern Kirchtag von meiner Wirthin aufgefordert, unter ihrem Schutze den Tanz mitzumachen. Um so freundlicher zeigen sich die Burschen dem Fremden gegenüber auf dem Tanzboden. Ich war auf jenem Kirchtag der einzige thalfremde Eindringling, konnte mich aber unter den 400 — 600 Burschen und Schönen der fünf Tanzplätze vollständig frei bewegen. Einer althergebrachten Sitte zufolge bieten die Burschen selber dem Fremden Tänzerinnen an, wobei sie auch noch teilweise sorgfältige Auswahl treffen. Ablehnung von Seiten des Gastes gilt als tödtliche Beleidigung. Am höchsten galt meine Anwesenheit auf dem Kirchtag in Thörl, wo ich mit dem Bezirksrichter auf dem Tanzsaal erschienen war. Beamte und Geistliche werden als Gäste sehr geehrt, wenn sie Sinn für das Volksleben zeigen, und sind auch vielfach noch bei der ganzen Kirchtagsfeier unter ihren Leuten zu treffen. Die Tänze folgen sehr rasch, fast ununterbrochen aufeinander und haben fast durchweg einen lebhaften, scharfen Rhythmus. Eigenthümlichen Charakter haben sie wenig auszuweisen, mit Ausnahme deS „Steirischen", welcher mit Liedern abwechselt, von den Burschen, die ihre Tänzerinnen an der Hand führen, gesungen. In den kurzen Zwischenpausen stehen die Mädchen in zwei-, dreifacher Reihe an den Wänden umeinander. Nur zeitweise gehen sie zu einem großen Wafferschaff unter der Treppe, um sich etwas abzukühlen. Dafür tanzen sie bis 3 Uhr in der Frühe, ohne zu ermüden. Die Burschen vereinigen sich zu „Zechen" von 6 Mitgliedern. Alles Verzehrte geht hier ganz auf gemeinsame Rechnung, jede Zeche hat eine riesige, bekränzte Weinflasche in der Mitte. Dieser jedenfalls altererbte volkstümliche Zug des Gemeinschaftlichen macht wie das übrige Benehmen der Burschen einen durchaus günstigen Eindruck. Reibereien und Schlägereien find sehr selten. Nur der Kirchtag von Mellweg bei Hermagor hatte etwas schlimmeren Charakter. Thatsächlich begann dort bereits am Nachmittag eine Rauferei; dafür entschuldigten sich die übrigen Burschen, nachdem sie die Uebelthäter hinausgeworfen, mir, dem Fremden, gegenüber. (Schluß folgt.) Aus der Todtenliste der Missionsbischöfe von 18S3. (Schluß.) 3. Msgr. Franz Maria Duboin aus der Genossenschaft vom Hl. Geist und dem hl. Herzen Mariä, ehemal. apostol. Vicar von Senegambien; geboren am 23. September 1827 in Samoens, Diöcese Anuecy, gestorben am 26. August im Ordenshause St.-Coeur Marie in Chevilly. Msgr. Duboin hatte in Folge seiner schwächlichen Gesundheit ein wechselvolles Missionsleben. Er kam im Jahre 1850 in die Mission nach Senegambien, wirkte dort zuerst für einen einheimischen Klerus, dann als Missionär und mußte nach kaum zwei Jahren, schwer erkrankt, nach Frankreich zurück. Dort weilte er fünf Jahre und arbeitete in verschiedenen Ordensämtern. Im Johre 1857 ") ging er als Provinzialoberer nach der Insel Rounion; 1872 in derselben Eigenschaft nach der Insel Mauritius. An beiden Orten schuf er eine Reihe von Anstalten. Am 26. Juli 1876 wurde er zum apostol. Vicar von Senegal und Senegambien ernannt. Wiederum — wie einst vor 26 Jahren — wurde ihm bald gefährlich das mörderische Klima. Im sechsten Jahre seines VicariatS mußte er entkräftet seine schwere Bürde niederlegen und zog 1883 sich in das Mutterhaus zurück, wo er in stiller Zurück- gezogenheit lebte bis an sein seliges Ende. 4. Msgr. Ag apit Dumani, griechisch-melchitischer Bischof von Acca — dem alten Ptolemais und Jean- d'Acre der Kreuzfahrer. Geboren am 1. Januar 1802, erreichte er ein Alter von 91 Lebensjahren. Seine Geburtsstätte war De'ir-el Kamar im Libanon; sein Leben dürftig. Sein Einkommen belief sich auf kaum 2000 Frcs. Seine Hecrde war arm. Dennoch baute er sechs neue Steinkirchen, 8 Schulen und 15 Priesterhäuser. Die ganze Schaar seiner Gläubigen betrug nur 9000 Personen. Msgr. Dumani war ein frommer, seelcneifriger Priester und hatte sich bei seinen eifrigen Studien im Kloster der Basilianer-Möuche vom heiligen Erlöser bei Sidon ausgezeichnet. — Es sind aus Asien noch drei weitere Sterbefälle zu verzeichnen. 5. Msgr. Andreas Simon aus dem Pariser Seminar, apostol. Vicar von Nord-Birma, geboren 1858 zu? — in der Diöcese Lvtzon in Frankreich, gestorben am d in Mandalay. Er unterlag einem frühen Tode. Nur fünf Jahre währte sein Vicariat. Doch mehrte sich unter ihm die Zahl der Katholiken um 2000; auch legte er 1888 den Grundstein zu einer neuen Kathedrale, deren Baukosten ein reicher Birmane trug. Nähere biographische Notizen über den Verstorbenen sind noch nicht vorhanden. Zu bemerken ist noch, daß sich jetzt in Birma unter der neuen englischen Herrschaft die katholische Kirche frei und Achtung gebietend entfaltet. 6) Msgr. Franz Eugen Lions — ebenfalls *) In „Die kath. Miss." ist wohl irrthümlich die Jahreszahl 1855 angegeben, wen» Msgr. Duboin vom Jahre 1852 wirklich fünf Jahre in Frankreich verblieb. aus dem Pariser Missionsseminar, apostol. Vicar von Kwei-tscheu (China); geboren am 1. November 1820 im Dörfchen Barcelonnette, Diöcese Digne, gestorben am 24. April. Bis in sein 14. Lebensjahr hinein hütete er die Schafe seines Vaters. Er war talentvoll, bieder, fromm und fröhlich, und hatte etwas Militärisches in seinem Charakter. Seine äußere Erscheinung und seine chinesische Sprachfertigkeit stempelten ihn im nationalen Anzüge zu einem gleichsam wirklichen Chinesen, was ihm bei den schweren Christenverfolgungen oft zu gute kam. Seine Mission begann eben im Vicariate Kwei-tscheu im Jahre 1848. Er hatte unendlich viel zu leiden. Eine barbarische, blutige Mißhandlung schon frühzeitig äußerte ihre schmerzlichen Folgen noch nach 30 Jahren. In den 1850er Jahren mußte er mit seinen Christen ins Gebirg flüchten. Im Jahre 1860, wo eben eine außerordentliche religiöse Bewegung unter den Heiden eintrat und sich in einer einzigen Subprä- fectur die Heiden von 300 Dörfern zur Annahme des Christenthums anmeldeten, brach von Aünnan aus ein schrecklicher Verfolgungssturm los. Eine große Anzahl von Christendörfern wurden vollständig zerstört und entvölkert. In Folge der Aufregung und des Fiebers brach der heldenmüthige Missionär zusammen. — Im Jahre 1866 übernahm er die Leitung des MissionSseminars. — Nach dem Tode des apostol. Vicars Msgr. Faune wurde Msgr. Lions — am 29. Juni 1872 zum Bischof geweiht — apostol. Vicar von Kweit-tscheu. — Bereits 12 Jahre herrschte ziemlich Ruhe, und es mehrten sich in hocherfreulicher Weise die Zahl der Katholiken, der Kirchen, Schulen und Waisenhäuser rc. Da brach aufs Neue 1884 durch den französisch-chinesischen Krieg die Chrtstenverfolgung aus. Im Missionssprengel wurden 52 Stationen zerstört, Priester, Katecheten und viele Christen getödtet und schwer mißhandelt. Von diesem Schlag hat sich die Mission bis heute noch nicht erholt. Abermals mußte der Bischof flüchten. Da fing er an zu kränkeln, und nachdem er 1885 einen Coadjutor erhalten, zog er sich nach und nach ganz zurück. Er starb inmitten feiner Lieben sanft „in Ruhe und Frieden" am 24. April. 7. Msgr. Johannes Jbaüez (Jbanjes), 0. apostol. Vicar von Amoi (ebenfalls in China). Sechs Tage kaum trug er den Bischofstab. Am 8. Oktober trat er das Vicariat an und am 14. Oktober lag er auf der Todtenbahre. Er war eben schon kränklich. Seine Lebenszeit währte nur 45 Jahre. Er war sehr fromm, eifrig und wirkte auch literarisch; er ist Verfasser eines chinesischen Wörterbuches und mehrerer kleiner Schriften in der Landessprache. 8. Msgr. Felix Nikolaus Joseph Midon aus dem Pariser Seminar, apostol. Vicar von Osaka (Central-Japan), geboren in Bonviller — Diöcese Nancy — am 7. Mai 1840. Zum Priester geweiht 1864, wurde er Professor, dann Vicar an der Kathedrale in Nancy; trat 1869 in das Missionshaus ein und ging 1870 nach Japan, wo damals Msgr. Petitjean als apostol. Vicar das ganze weite Missionsgebiet unter sich hatte. Im Jahre 1674 wurde der tüchtige Missionär Provicar des nördlichen Missionsdistriktes, woselbst er auch nach der Theilung Japans in ein südliches und nördliches Vicariat, welch'letzteres Msgr. Osouf erhielt, verblieb. Hier war er 15 Jahre, da er schon über ein Jahr vor 1674 im Norden wirkte. Schon 1888 wurde d«S Vicariat Centraljapan — Osaka — errichtet und Msgr. Midon übertragen. Dort gab es 15 Missionäre, nur 2 Kirchen und etwa 2000 Neophyten — unter 13 Millionen Heiden. Und dort war das Haupt- boIlwerk des Buddhismus, der in der alten Hauptstadt Kioto (nördlich von Osaka) seine heilige Stadt besitzt, die heute noch an zweitausend Heiligthümer hat und eben erst — in den 1880er Jahren? — einen prachtvollen Tempel gebaut hatte, der über vier Millionen Frcs. gekostet (welche Opferwilligkeit bei Heiden!). Msgr. Midons Hauptbestreben war die Errichtung von Schulen und Waisenhäusern. In Kioto standen zahlreiche Anstalten und Schulen der reichen englisch-amerikanischen Secten und daneben die katholikcnfeindliche Hochschule Do-chicha (Do-schischa), von den Protestanten eifrig beeinflußt. In diese mächtige Götzenstadt baute Msgr. Midon ein solch respektables Gotteshaus, daß dieser Bau im „Fremdenführer" als Sehenswürdigkeit angeführt wurde. Der prachtvolle Bau wurde eingeweiht am 1. Mai 1890. — Trotz seiner schwächlichen Gesundheit war Msgr. Midon ein Mann von Schaffenskraft. Aber mitten in seinem Werke, und unverhofft, raffte ihn der Tod dahin. Auf einer Reise nach Rom befiel ihn zu Marseille die Influenza. Ein Blutsturz machte den Zustand hoffnungslos. In der Nacht vom 11. auf 12. April verlangte und erhielt er die hl. Sterbfakra- mente, ordnete mit aller Seelenruhe noch die dringendsten Geschäfte und verschied am 13. April ohne Todeskampf. Bei seinem Tode hatte das junge Vicariat 45 Christengemeinden, 3 Kirchen, 2 Kapellen, 34 Bethäuser, 10 Schulen, 5 Waisenhäuser, 9 Gewerbeschulen und Werkstätten und eine japanische Zeitung. Die Zahl der Missionäre aber hatte sich auf 20 und jene der Katecheten auf 50 erhöht. Das war das Werk weniger Jahre des so früh dahingeschiedenen Msgr. Midon! 9. Msgr. Christoph August Reynolds, Erzbischof von Adelaide (Australien); geb. am 25. Juli 1835 in Dublin, der Hauptstadt Irlands. Er machte seine Studien bei den Carmeliten, dann bei den Benediktinern im ehrwürdigen Subiaco in Italien, und vollendete sie bei den Jesuiten im Colleg von Sevenhill in Südaustralien. Sein Herz zog ihn hin zum Ordensleben; da er jedoch eine schwächliche Körper-Constitution hatte, konnte er sich den strengen Forderungen des Ordenslebens nicht unterwerfen. Er wirkte darum als Weltpriester. Nachdem er 14 Jahre als solcher mit schönem Erfolge gewirkt hatte, erhielt er 1873 den Bischofsstuhl von Adelaide und ward 1887 dessen erster Erzbischof. Dieses Erzbisthum ist zweimal so groß, wie Frankreich. Seit seiner Bischofsweihe bis ins Jahr 1881 hinein hat Msgr. Reynolds, wie er selbst berichtete, keinen Monat lang zu Hause gewohnt: 85,000 (?) 1cm hat er auf seinen ersten Berussreisen durchmessen, 11,800 Firmlinge gesalbt und zu 30 neuen Kirchen den Grundstein gelegt. Die Zahl der Schicken hat er von 5 auf 56 erhöht, und die 1100 Schüler stiegen auf 6000! Hiezu hat die Regierung nicht einen Heller gesteuert. Bei seinem unermüdlichen Schaffen fand Msgr. Reynolds eine Hauptstütze bei seinen lieben, zahlreichen Ordensgenossenschaften. Er hatte eine lange und schmerzliche Krankheit, die er mit aller Gottergebenheit ertrug, und schied aus dem Leben am 12. Juni 1893, tief betrauert selbst von den Protestanten. 10. Am 26. Januar starb in der Bifchofsstadt Fort Wahne — Nordamerika — Msgr. David Dwenger, ein Deutscher. Er war ein Mann von Frömmigkeit, Entschiedenheit und Geschicklichkeit. (Näheres fehlt.) 11. Dr. Jgnacia Ordoüez, Erzbischof von Quito (Ecuador). Er war es hauptsächlich auf geistlicher Seite, welcher den großen, blutigen Kampf für die kirchliche und politische Neugestaltung Ecuadors treu und kühn Mitgekämpft, welchem der unsterbliche Garcia Moreno und Msgr. Checa im Meuchelmord zum Opfer fielen, und dem Msgr. Ordoirez — damals Bischof von Rumba — mit knapper Noth entkam. — Er war es auch, der, vom Präsidenten Gar. Moreno gesandt, im Jahre 1861 bet Pius IX. das Concordat mit Nom erwirkte. Dr. Ordoüez lebte nach dem Vergiftungstode des Msgr. Chöca (1877) einige Jahre als Verbannter und wurde, als endlich eine bessere Zeit eintrat, von Leo XIII. zum Erzbischof von Quito ernannt. (Geburtszeit und Sterbetag sind nicht angegeben.) R. I. k. Die Briefe des hl. Bonifatius. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönseld. (Schluß.) Wohl der hervorragendste unter den Schülern des hl. BonifatiuS war Lul, welcher später sein Nachfolger in Mainz geworden ist. Er scheint das Kind reicher Eltern gewesen zu sein; denn er bittet die Aebtissin Cuneburg um Zusendung zweier Knechte: Beiloc und Man, welche er und sein Vater freigelassen hatten (ex. 49 x. 298). In Bonifatius verehrt er den Lehrer der Metrik und des geistlichen Lebens (ex. 98 x. 385), der seinerseits den reichbeanlagten, wissensdurstigen (ex. 71 x. 338; ex. 103 x 389) Priester zu vertrauten Sendungen an den päpstlichen Stuhl verwendet (ex. 86 x. 368). Wenn auch ein Seufzer über die harte Mis- fionsthätigkeit, über den Mangel an zuverlässigen Mitarbeitern (ex. 100 x. 387) der Brust Luls sich entringt, so läßt er sich doch in der Treue gegen die alten Freunde in England und in der Verehrung gegen Bonifatius durch keine Bitterkeit beirren; in Versen spricht er den Wunsch aus, Gott möge die Arbeit des greisen Erzbischofcs zum Heile der Seelen reichlichst lohnen, und fährt dann, sein eigenes Verhältniß zu Bonifatius berührend, fort: »Llsrnentia cchus (se. Oei) LIe miserum te lar§a monsbat rulirs niaZsistrum Llols Zravi noxas pressns, Line lumins corclis; Otia cluin vgAabunäus amabain; äuleia creäens tzuas eonstant cunetis animabus noxia sempsr. keetoris abtust teuebras scä Aratia äeinpsir Lalvantis Obristi, Zratis via ssnsibus auZens Von» weis stoliäis. 6ui laus vt bonor sma lins. Ltgus tui tibi.erescat inarce laboris Oliiupi — virscti eallis äuetor! — mereesgus coroua luAöuüguo tui, guc> snw pars ultima magni« ' (ep. 103 p. 390). Zugleich mit Lul war Denchard nach Deutschland gekommen (ex. 49 x. 297), welcher das volle Vertrauen seines Oberhirten besaß und daher als Sachwalter der deutschen Mission in Rom thätig war (ex. 61 p. 302; ex. 64 x. 308; ex. 69 x. 316). Ein kleines Brief- chen, das kaum 5 Zeilen umfaßt, zeigt uns Denehard in der angelsächsischen Heimath, wie er im Auftrage des hl. Bonifatius thätig ist für einen Unfreien, Namens Athalhere, welcher sich verehelichen wollte, dem sich aber Schwierigkeiten entgegenstellten. Denehard sollte ihn wie einen freien Mann unterstützen, wenn nothwendig sogar Bürgschaft leisten (ex. 99 x. 387). Dieser kurze Brief, bemerkt Hanck mit Recht (K.-G. I, 446), charaktertsirt Bonifatius und seine nach allen Seiten sich erstreckende Fürsorge für die Seinen besser, als lange Schilderungen. Unter den Frauen, die dem Rufe des Apostels der Deutschen folgten, nimmt unstreitig Lioba oder Leobgyth, eine Verwandte des Heiligen, die erste Stelle ein. In einem Briefe bittet sie den Erzbischof, für ihre verstorbenen Eltern: Dynne und Aebbe, deren einzige Tochter sie sei, zu beten. Unter der Leitung der Aebtissin Eadburg, welche die hl. Schrift nicht aus den Händen legt, habe sie die Kunst, Verse zu machen, gelernt (ex. 29 x. 281). Daß sie auch auf deutschem Boden für literarische Mädchenbildung thätig war, erhellt aus der Verwendung des angelsächsischen Priesters Torhthat bei Bonifatius, der Aebtissin von Bischofsheim die Erlaubniß zu gewähren, einem Mädchen Unterricht zu geben (ex. 96 x. 383). Neben Lioba werden noch andere Frauen genannt: Chunihilt, Chunitrud und Thekla, welche die christliche Bildung, die sich in England so rasch entfaltet hatte, in unser Vaterland übertrugen, welche zuerst nach Hauck'S Ausdruck (K.-G. I, 450) eine höhere Anschauung deS Lebens in Deutschland heimisch machten. Was erzählen uns die bonifatianischen Briefe über unser deutsches Vaterland? Wer an der Hand der taciteischen Germania ein Sittenbild unserer heidnischen Ahnen entwirft, der verfällt gar leicht in ein unberechtigtes Jdealisiren. So sagt Scherr (Deutsche Cultur- und Sittengeschichte S. 26): „Der lichteste Punkt in der Sittengeschichte unserer Vorfahren ist das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander und die Stellung der Frauen, eine Stellung, welche unverhältnißmäßig höher und edler war, als die, welche das antike Zeitalter dem Weibe einräumte, . . Daß die Frau die nährende und wärmende Flamme der Geschichte ist, das haben erst die Germanen erkannt; erst durch sie wurde das Weib wirklich in die Gesellschaft eingeführt. Sie sahen, berichtet Tacitus, im Weibe etwas Heiliges, Vorahnendes; sie achteten auf den Rath der Frauen und horchten ihren Aussprüchen." Gegenüber der raffinirten Sittcnlosigkeit des römischen Lebens mag die derbe Un- geschlachtheit der germanischen Weiber dem zürnenden Historiker der Kaiserzeit als herzerfreuendes Ideal gegolten haben, aber im bonifatianischen Zeitalter war die gerühmte Züchtigkeit deutscher Frauen und Jungfrauen äußerst selten zu finden. °) Denn sonst hätte der Apostel der Deutschen nicht stets Klage führen können über un« enthaltsame Diakone, welche, von Jugend auf in allen Schlechtigkeiten sich wälzend, selbst in diesem Stande oft vier, fünf und noch mehr Kebsweiber bei sich haben, aber gleichwohl das Wort Gottes verkündigen, ja sich nicht scheuen, die Priesterweihe sich ertheilen zu lassen. Im Reiche Karlmanns, berichtet Bonifatius an den päpstlichen Stuhl, gibt es auch Bischöfe ähnlicher Führung (sx. 50 xa§. 300). Ein häretischer Priester, welcher von seiner Concubine zwei Kinder hatte, berief sich zur Vertheidigung seiner Unenthaltsamkeit auf das alte Testament, wornach der überlebende Bruder die Frau des verstorbenen Bruders heirathen sollte (ex. 57 x. 314). °) In den Annalen (lib. IX, aap. 16) äußert sich TacituS über die vinolsntis, se libiäines, Zrata barbaiis se. Oerwanis. Cäsar (vs bsllo galliv. iib. VI o. XXI) berichtet: Intra »nimm vsro vieesimum Iswinae notitiam Iiabuisss in turpissimis bedeut (Oermani) rebus; eusus rsi null» est oeeultatio, guoä et proiniseue in Üuwiaidus perluuntur st pellibus aut parvis rsnonum legimslltis utuutur, waZna vorporis parke nuäa. Vcrgl. Weiß, Apologie des Christenthums, I, 423, 451. Ohne die Hilfe des weltlichen Armes, ohne den Schutz des Frankenkönigs, hätte Bonifatius beim Klerus weder das Cölibatsgesetz, noch bei den Laien die kirchlichen Vorschriften über die Monogamie durchzuführen vermocht (ex. 28 x. 279; ex. 56 x. 310; ex. 63 x. 329). Unter den verschiedenen Widersachern der boni- fatianischen Missiouslhätigkeit werden zwei Namen besonders genannt. Auf der römischen Synode vom 25. Oktober 745 legte Deneard die Klageschriften des hl. Bonifatius gegen den Franken Aldebert und den Schotten Klemens vor; der erstere hielt sich für einen heiligen Apostel und großen Wunderthäter, dem ein Engel des Herrn von der äußersten Ferne Reliquien von wunderbarer und unerhörter Heiligkeit überbracht habe; in Kraft derselben könne er alles, was er wünsche, von Gott erlangen. Sein größtes Heiligthum jedoch war ein Brief des Herrn Jesu Christi: in Jerusalem sei er auf die Erde gefallen und von dem Erzengel Michael am Thore Effrcm gefunden worden; nach verschiedenen Wanderungen sei er in die Hand Aldeberts gekommen. Kamen Leute zu ihm, um ihre Sünden zu bekennen, so sprach er: „Ich weiß all eure Sünden, denn eure Heimlichkeiten sind mir bekannt; es bedarf des Sündenbekenntnisses nicht, sondern es sind euch eure vergangenen Sünden vergeben, kehret getrost und frei von Schuld im Frieden in eure Häuser zurück." Die Wallfahrten nach Nom mißbilligte Aldebert, ebenso wenig liebte er die alten Kirchen der Apostel und Märtyrer, dagegen richtete er an Quellen und auf den Fluren Kreuze auf, baute Kapellen, die er auf seinen eigenen Namen weihte, und feierte dort Gottesdienst. Das Volk hörte die Predigten dieses Mannes, den unwissende Bischöfe sogar mit der bischöflichen Würde ausgezeichnet hatten, gerne an; verehrte seine Nägel und Haare als werthvolle Reliquien und sprach es offen aus: „Die Verdienste des hl. Aldebert werden uns helfen." Noch ist uns ein Bruchstück eines der Gebete dieses Schwärmers erhalten: „Herr, allmächtiger Gott, Vater des Sohnes Gottes, unseres Herrn Jesu Christi, A und O, der Du sitzest auf dem siebenten Throne, über Cherubin und Seraphin: große Frömmigkeit und süßes Glück ist vor Dir. Vater der hl. Engel, der Du gemacht hast Himmel und Erde, und Alles, was darinnen ist, Dich rufe ich an, und zu Dir schreie ich, und Dich lade ich ein zu mir Armen, denn Du hast uns gewürdiget zu sagen: Was ihr vom Vater bitten werdet in weine« Namen, das habe ich euch gegeben. Dich bitte ich, zu Dir schreie ich, auf den Herrn Christus vertraue ich meine Seele." Zu den Engeln sich wendend, beschwört er sie: ^kraecor vo8 st conjuro vvs st suxxlioo me aä vos, anAkünv Ilrisl, cmKölus IlaZusI, anxölus ltusiuel, LNZsIur ölicknöl, rmZelus ^äinu8, rmgelu8 PnßuL3, angelus Lairaoc, anxelus Liwisl." Gewiß, diese fremdartig und gehcimnißvoll klingenden Namen mußten die stets lebendige Phantasie der Menge erregen I (Hauck I. e. I, 509.) Der andere Gegner war Bischof Klemens, welcher das Cölibatsgesetz theoretisch und praktisch mißachtete, welcher die Auctorität der Kirchenversammlungen gering schätzte und das Ansehen des hl. Hieronymus, des hl. Augustinus und Gregorius verwarf. Ueber die Höllenfahrt Jesu Christi, über die göttliche Vorherbestimmung huldigte er Anschauungen, welche mit der kirchlichen Lehre im offenen Widersprüche standen. An volkstümlicher Bedeutung und tiefgehendem Einflüsse stand Klemens weit hinter Aldebert zurück; seine Irrthümer bewegten sich mehr in theologischen Jdeenkreisen. Beide wurden auf der römischen Synode ihres priesterlichen Amtes entsetzt, ihre Lehren als falsch verworfen (ex. 59 x. 317 bis 321). Doch scheinen ihre Irrthümer noch längere Zeit nachgewirkt zu haben (ex. 77 x. 349), indem Pippin die Ketzerei nicht als staatliches Vergehen erachtete und bestrafte. Groß und mannigfaltig waren demgemäß die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche der hl. Bonifatius gegenüber den fränkischen Bischöfen, den nikolaitischev Priestern zu überwinden hatte. Aber mit muthiger Unerschrockenheit und heldenmütiger Ausdauer führte er den Kampf bis zum vollen Siege durch. Uoriaiuur, st Osu3 voluerit, xro sauLtis IsZidus xutrnva nostrornm: nov 8imu8 canes matt, noQ 8iinu3 taciti sxsculatorös, non simn8 insrosn- uarii luxuva üagisntss, 8sä xa8tor63 8oI1iciti, vigi- lantes 8uxra Zrsgem Clirtsti, xru6äieants8 rnagori av ininori, ckiviti 6t xanxsri onins eonmlium Oei, om- niliu8 §rnäidu3 vel astatidus, in csuantuiQ O6U3 äona-verlt xv38s, oxortune, inxortuns, eo naoclo cfno 8Lnotu8 6rsZc>riu8 in lißro xastorali eorworixsit (sx. 78 x. 354). Hat der hl. Bonifatius diesen herrlichen Vorzügen des katholischen Priesterthums nicht stets nachgelebt? Steht nicht heute noch sein Bild als hellleuchtendes Muster unverdrossener Pflichterfüllung, treuestcr Hirtensorgfalt vor unserem Auge. Wenn seit dreihundert Jahren nach Gottes uner- forfchlichem Weltenplane der Gedanke des hl. Bonifatius getrübt, sein Einheitsbau — das Herzvolk Europa'S mit Nom zu verbinden — theilweise in Trümmer gesunken ist, sollte nicht eine eingehendere Beschäftigung mit den Briefen dieses epochemachenden Mannes dazu beitragen, daß wir Deutsche aller Stämme wieder eins werden im Glauben, eins in der demüthigen Unterwerfung unter die unfehlbare Lehrauktorität des römischen Pontifex? Verzeichnis bei der Redaction eingegangener Schriften. Erinncrungsblätter an die feierlicbe Ueber- tragnng der Gebeine der hl. Märtyrer Adclarius undCobanuS in die Domkirche zu Erfurt. Erfurt, 1694. Druck und Verlag von G. A. Brodmann. Stimmen vom Berge Karmel. Monatsschrift für das kath. Volk. Graz, 1894. Verlag des Karmeliten-Convents- 12. Heft. Das heil. Land. Organ des Vereins vom hl. Grabe. 38. Jahrg. Heft 2. Commissionsverlag von I. P. Bachem, Köln. Nagel's Jllustr. Klassiker-Bibliothek. Schiller'S Werke I. Druck u. Verlag von G. Nagel. Berlin. Repcrtorium der Pädagogik. Organ für Erziehung, Unterricht und pädagogische Literatur. Herausgegeben und geleitet von Joh. B. Schubert, Oberlehrer in Augsburg. 48. Bd. 11. u. 12. Heft. Ulm, 1894. Druck u. Verlag der I. Ebner'- schen Buchhandlung. Jahresbericht der kgl. bayer. landwirthschaftl. Centralschule Weihenstephan für das 42. Schuljahr 1893/94. Frcising. Buchdrucker« von Dr. Frz. P. Dattcrer. Geschichte deS historischen Museums und der Maillinger-Sammlung der Stadt München. Von Ernst von Destonchcs. München. I. Lindauer'sche Buchhandlung (Schöpping). Jllust rirtcs Familienbuch der Naturheilkunde. Herausgegeben von Ludw. Rexhäuser. Leipzig, Verlag von C. Schremmel. Liefg. 24—27. Recensionen und Notizen. Schneider Eulogius. Sein Lebe» und seine Schriften. Von vr. L. Ehrhard, Oberlehrer in Straßburg. 1894. 1—223 mit Bildniß. ct. Seit dem Jahre 1791 hat dieser unglückliche Priester und SchrcckenSmann in den Tagen der französischen Revolution nicht weniger als 24 Biographen gefunden. Vorliegende Schrift schildert ausführlicher als jede Vorgängerin, wie Schneider in das Franziskanerkloster zu Augsburg eintrat, Hofprcdiger zu Stuttgart, Professor in Bon», Prediger in Stratzburg, Bürgermeister von Hagenau, öffentlicher Ankläger beim Kriminalgericht wurde und endlich sein Leben am 1. April 1794 durch die Guillotine in Paris endete. Wer ein Bild menschlicher Schwäche und die Wandelbarkeit des irdischen Glückes kennen lernen will, lese diese durch Inhalt und Form spannende Schrift. _ Fuhlrott Jos., Materialien für Prediger und Katecheten über die wichtigsten kath. Glaubensund Sittenlehrcn in alphabetischer Ordnung. IV. Bd. 8°, 603 S. Negensburg, VcrlagSanstalt 1894 (N.) M. 7,50. s. Die früheren Bände vorstehenden Werkes haben wir in der „Beilage Nr. 10" d. Bl. bereits (am 8. März d. JS.) angezeigt und lobend empfohlen,- so daß wir uns, da die Bearbeitung eine ganz gleichartige geblieben ist, darauf beschränken können, zu cvnstatiren, daß mit diesem IV. Band das ganze Werk abgeschlossen ist und auch zugleich ein den Gebrauch erleichterndes Univcrsalregistcr erhalten hat. Im übrigen können Wir unser früher gefälltes Urtheil nur wiederholen. Der heilige Papst CLlestin V. (Peter von Morronc), unter dessen Regierung das HauS der heiligen Familie von Nazarcth nach Loreto wunderbar übertragen wurde. Ein kurzes Lebensbild zur sechshundertjährigen Ge- dächtnißfeier entworfen von Don Josaphct, Herausgeber des „Sendbote des heil. AntoniuS von Padua". 8". IV. 76 S. M. 0,50. Commissionsverlag der Akticndruckerei in Fulda. Alle Nationen rüsten sich, zur 600jährigen Jubelfeier der Uebertragung des Hauses der heiligen Familie von Nazareth nach Loreto das Ihrige beizutragen. Auch Deutschland will dabei nicht zurückbleiben, und betreibt ein eigens dazu gebildetes Comite seit langem die würdige Ausstattung der den deutschen Katholiken zugewiesenen Abtheilung dieses ehrwürdigen Heiligtlmms, sowie auch die Or- ganisirung von Pilgerzügen nach dem Guadcnorte. Ohne Zweifel wird es daher jedem Katbolikcn, besonders aber denen, die an einem Pilgerzugc theilzunchmen beabsichtigen, überaus erwünscht sein, die Schicksale des hl. Hauses von Loreto zu erfahren und zugleich das Leben eines Nachfolgers des hl. Petrus kennen zu lernen, der bis zu seiner Erwählung als armer Klausner gelebt und schon nach 3'/,monatlicher Regierung in wahrhaft heroischer Demuth die Tiara wieder niederlegte, weil er sich der ränkesüchtigen französischen Politik Carls II. von Anjou nicht gewachsen fühlte und die Kirche vor Schaden bewahren wollte. In lichtvoller, klarer Darstellung führt uns der Verfasser den Heiligen und seine Zeit vor Augen und begegnet dabei den GeschichtSlügen, die sich über diesen Einsiedler-Papst gebildet hatten. DaS Werkchen verdient weiteste Verbreitung, die ihm bei der guten Ausstattung und dem billigen Preis (50 Pf.) wohl auch nicht fehlen wird. Karl Gempcrle, Wahrheiten zur Erweckung der Neue und Bußgesinnung. Ein Vaäswoouw für Beichtväter. Mit kirchl. Druckgenehmigung. 8°. XIV und 114 Seiten. Preis M. 1.20. Obiges Werkchen bildet mit der vor kurzem erschienenen lateinischen Ausgabe: »Rationss movonäi xosnitsntsa«, Preis M. —.60, eine vorzügliche Ergänzung zu dem unter dem kathol. Klerus weitest verbreiteten Buche von „Nöggl Zuspräche" und wurde von Hocbw. Herrn Universitäts-Professor vr. Krieg, Freiburg i. Br., äußerst günstig beurtheilt und zur Anschaffung bestens empfohlen. Die beiden Serien, die deutsche wie die lateinische, schreibt der hochw. Herr Nniversitätsprofessor, Verdienen gedruckt zu werden; und ich wünsche dies dringend, einmal weil wir sehr arm an derartigen, doch so nöthigen Zusprächen sind, und dann wegen der inneren Gediegenheit der vorliegenden zwei Arbeiten. Gleich die Einleitung, Vorrede genannt, ruht auf sicheren Grundsätzen und zeigt große Erfahrung des Verfassers. Es ist schade, daß der Verfasser gerade diese Gedanken nicht weiter auSgesponnen und die praktischen Grundsätze zusammengestellt hat. Die „Zuspräche" selbst sind durchweg mit Geschick der Epistel oder dem Evangelium entnommen, oft originell, dabei praktisch und gerade wegen ihrer Bündigkeit und Knappheit jedem Seelcnführcr willkommen. Alle sind gut und brauchbar und regen zu neuen Gedanken an; und gerade letzteres Moment ist bei derartigen Schriften sehr zu schätzen. Auch dem Prediger werden die einzelnen Serien sebr gute Dienste thun. Zum Schlüsse bemerkt der Hochw. Herr Univ.-Profcssor vr. Krieg, daß er im „Beichtunterricht" den Theologen gern das Werk Gemperle's als Anhang zu dem trefflichen Werke «Nöggl, Zuspräche" warm empfehlen wird. „Vorwärts" von Pros. Aug. Nincklake, Berlin, Verlag der Germania. (Preis 30 Pfg.) Der Verfasser obiger Schrift weist nach, daß der Ursprung der socialen und meistens auch der wirtschaftlichen Mißstände der Jetztzeit in den unzureichenden Arbeitslöhnen, welche namentlich in den großen Städten gezahlt werden, sowie überhaupt in dem Centralisiren deS Fabrikenwesens zu suchen ist. Der Preis der Waare dürfe nicht den Lohn bestimmen, sondern umgekehrt — der Lohn den Preis der Waare. Die schwierige Ausgabe der Lohnregulirung solle gesetzlich derart gelöst werden, daß die gewöhnlichste normalstündige Arbeit ihrem Vollsührer mindestens den Lebensunterhalt sichern müsse. Für alle Arbeiten, die Intelligenz erfordern, gebe eS durch Zeit und Gewohnheit geregelte feste Vcrhältnißzahlen, durch deren Multiplikation mit den Kosten der Lcbensuntcrhaltung der nicht z» unterschreitende Minimallohn jeder Arbeitsbranche zu ermitteln sei. So solle die halbjährlich zu erneuernde Lohn- festsetzung an allen Orten erfolgen, wonach sich die Löhne in den großen Städten ganz wesentlich höher stellen müßten, als in ländlichen Bezirken. Daraus sei zu folgern, daß die Industrie nach und nach die großen Plätze verlassen würde und sich somit daS Land wieder bevölkere. Für den Rückgang der Grundstückswcrthc in den großen Städten könne ein milder Ausgleich gefunden werden. Die sehr zu empfehlende Schrift bietet sodann auch äußerst practischc Vorschläge in Bezug auf die Wohnungsfrage, wonach die Arbeiterwohnung der Privat- spcculation dauernd entzogen werden kann. Das warme Interesse für daS Wohl der Arbeiter, welches die Schrift durchweht, als auch die kurze, jedes unnütze Wort vermeidende Abfassung derselben machen sie noch besonders lescnswerth. Die kohlcnsäurehaltigen Bäder und deren Heilwerth. Von vr. well. Hugo Zelle. Dresden, Verlag von HanS Hackarath. (Preis: 40 Pf.) In dem vorliegenden Schriftchcn ist es ein Mann der Wissenschaft, ein Arzt, welcher in streng sachlicher und klarer Weise den Werth der Kohlensäure im Bade für Gesunde und Kranke erörtert. Insbesondere beleuchtet vr. Zelle die kohlen- säurehaltigen Bäder als vornehmstes Heilmittel für die in unserer Zeit immer mehr überhandnehmenden Krankheiten der Nerven und des Herzens, wie für viele andere Leiden, und preist eS deshalb als eine außerordentliche Errungenschaft für die leidende Menschheit, daß eS in der Gegenwart gelungen ist, den natürlichen kohlensauren Bädern künstlich hergestellte an die Seite zu stellen. Unter letzter» behandelt er schließlich daS von Friedrich Keller in Dresden erfundene Verfahren ausführlich als dasjenige, welches sich nicht blos bei einem die Keller'- schen Bäder den kohlensäurereichstcn natürlichen Bädern gleich- werthig machenden Nutzeffect durch große Einfachheit und Billigkeit, sondern auch durch die leichte Regulirbarkeit des Kohlensäuregehaltes auszeichnet. Der hl. Wolfgang in Wort und Bild. Zum 900jähr» igen Jubiläum dem kath. Volke dargestellt von Präses Mchler in Negensburg. Pustet. Preis einzeln 50 Pf., 100 Stück 40 M. Mit bischöflicher Genehmigung. Zum 900jährigen Jubiläum des Todestages des hl. Wolfgang ist in vorstehender Broschüre dem kath. Volke reichhaltiger Aufschluß ertheilt über des hl. Bischofs Leben, Wunder und Verehrung. Mit großem Fleiße hat der Hochw. Hr. Verfasser alle Erinnerungen an den Heiligen aus den verschiedensten Ländern gesammelt und so in seiner mit passenden Zugaben, Programmen und sinnigen Gedichten, verbundenen Schrift eine cmpfchlenswerthe JubiläumSgabe geboten. Was daS Interesse am diese gewiß zeitgemäße Broschüre noch besonders lenken dürfte, sind die vielen und meisterhaft gelungenen Abbildungen (mehr als 30 für 103 Seiten), welche in treffender Auswahl Scenen aus dem Leben des hl. Wolfgang, Orte, die er durch 296 seine Anwesenheit geheiligt, und anderes dgl. mehr zur getreuen Anschauung bringen. Möge eine weite Verbreitung dem eifrigen und opferwilligen Hochw. Herrn Verfasser seine Mühe belohnen. k. tz., 0. Oarwel. viso. Beleuchtung antireligiöser Schlagwörter. Ein Beitrag zur Löiung der brennendsten Zeitirage. 40 kr. Unter diesem Titel erschienen bei Heinrich Kirsch in Wien soeben acht Vortrage deS bereits bestens bekannten derzeitigen Nectorö des Präger.Redcmptoristen-Kollegiums ?. Georg Freund, deren Ucberschrften lauten wie folgt: „Religion ist Nebensache", „Ick glaube nichts", „Es ist ein Glaube wie der andere", „Der Glaube ist anliquirt, heute tbut's die Bildung", „Mit dem Tode ist alleö aus". „Es gibt kein Jenseits", „Die katholische Kirche hemmt den Fortschritt", „Nur nichts übertreiben", „Von der Religion hab' ich nichts, die vertröstet auf'S Jenseits". In ungemcin klarer und ansprechender Weise widerlegt der Verfasser in den einzelnen Vortragen diverse Einwürfe gegen die kathol. Religion; Geistliche werden in den Frcund'scben Vortragen so manchen Gedanken finden, den sie vcrwertben können, und auch Laien kann die Lectüre der ungemcin klar und verständlich geschriebenen Schrift nur angcrathen werden. — Die Ucberscbriften der einzelnen Vortrage sind in der Tbat heutzutage antireligiöse Schlagwörter geworden. Möchte daher doch die Frcund'scbe Schrift, die diese Schlagwörtcr so trefflich Widerlegt, recht viel gekauft und gelesen werden. Pünktlich ist der Fuldaer Bonifatiuskalender für 1895, der in diesem Jahre sein erstes Dccennium feiert und aus diesem Anlag ganz besonders reichhaltig und hübsch ausgestattet ist, erschienen. Im Nachfolgenden nehmen wir vom Inhalte kurz Notiz: Zunächst fällt uns ein Farbcndruckbild, 24 X 18 om groß und kunstvoll ausgeführt, „Das Rosen wunder der hl. Elisabeth" darstellend, in's Auge; schon allein dieses an- muthigen Bildes wegen, welches daö für unsere Zeit so be- deutungSwürdige Gebot der christlichen Nächstenliebe versinnbildlicht, verdient der Bonifatius-Kalender weiteste Verbreitung. — Das zweifarbige Kalendarium bringt neben sehr wohl angebrachten Belehrungen über Feld-, Wald-, Garten- rc. Arbeiten die üblichen Denksprüche, Wetterregeln, Notizenraum u. s. w. Die Erzählungen: „Wunderbare Fügungen" (aus dem KricgSjahre 1870), „Sein Princip" (Soziale Erzählung aus unseren Tagen) und „Der Himmel auf dieser Welt" sind zeitgemäß und unterhaltend, voll bcberzigenswertber Lehren. Eine urgelungene Militärhumoreske „Eierkuchen und Johannisbeeren" sorgt für nöthige Erheiterung. Weiterhin folgen: eine flott geschriebene Jabresrundschau» wcrthvolle Abhandlung über Gemüsebau, das hl. Haus von Lorcto, Wasserheilmethode und sonstige schätzenswertbe Aufsätze. Wie früher, so widmet der Bonifatiuskalender auch in diesem Jahre dem Werke des Bonifatiuövereins einen größeren Artikel, der hoffentlich seine Wirkung nicht verfehlen wird. Vollständiges Marktverzeichniß und Wandkalender sind ebenfalls vorbanden. Nickt weniger als 2 Vollbilder, 33 Portraits und 25 sonstige Bilder schmücken den Text. Und das alles für nur 35 Pfg.! In der That ist dieser Kalender wie kein anderer geeignet, in katholischen Kreisen weitesten Eingang zu finden. Allen Verehrern der hl. Elisabeth sei er noch besonders empfohlen. OesterreichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz Schnürer. (Administration: Wien I., Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 14 u. A.: Somm ervogel C., Lidliotiitzqus cls la. LowxaZms äs llösus. (v.) — Heiner Frz., Katb. Kirchen- recht, II. Bd. (Tbeol. Pros. Dr. Jos. Scheicher. St. Pötten.) — Albertus Llagnno, vo savrosauoto corxoris vomini saeramsnto ssrnwnss, oä EZ. ssacob. (Domcapitular Rud. Frhr. v. Linde, Wien.) — Neteler B.. Stellung der alt- testamentlichcn Zeitrechnung in der oriental. Geschichte. V.: Untersuchung der Zeitverhältnisse des babylon. ExilS. (Univ.- Prof. vi. Beruh. L>chäfer, Wien.) — Müllen er Eh., Beiträge und Vorschläge zur Reorganisation der Lehrerbildung auf pädagogischer Grundlage. (Pros. Dr. C. Ludewig, Preßburg.) — Mahr Mich., Wolfgang LaziuS als Geschichtsforscher Oesterreichs. (Dr. Jos. Lampe!, Concipist I. Cl. am Geh. Staatsarchive, Wien.) — Wankel, Die prähistor. Jagd in Mähren, (vr. N. F. Kaindl, Privatdocent an der Univ. Czernowitz.) — Limback Hm., Priameln. Eine ausgewählte Sammlung altdeutscher Sinngedichte mit einem erläuternden Vorworte. (Univ.-Prof. vi. I. E. Wackernell, Innsbruck.) — Sorn Jos., Der Sprachgebrauch des Historikers Eutropius.— Spiegel Gebh., Zur Charakteristik des Epigrammatikers M. Valcrius Martialis. — Spandl Jos., Constructionsschwankungen m der latcin. Sprache und deren Ursachen. — Heidrich Gg-, Der Stil des Varro. — Troost K., Seebildcr aus Vergib Versuch einer im Goethe'schen Sinne identischen Uebersetzung. — Hevesi Ludw., Zerline Gabillon. Ein Künstlerleben. (Univ.-Prof. Dr. Laur. Müllner Wien.) — Musikalische Werke der Kaiser Ferdinand III., Leopold I. und Joseph I. Autorisirie Volksausgabe. (Pros. Moriz Prunlechncr, Wien.) — Weichs-Glon Fricdr. Frbr. zu. Das finanzielle und sociale Wesen der modernen Verkehrsmittel (Finanzratb Dr. K. Scheimpslug, Innsbruck) u. s. w. — Personalnacbricbtcn. — Inhaltsangabe von Fachzeitschriften. — Bibliographie. Katechetische Blätter. Zeitschrift für Religionslehrer. Zugleich Correipondenzblatt des Canisius-Kaiecheten- Vercins. Herausgegeben u. redigiert von Pfarrer Frz. Walk, Benesiziat zu GaimerSheim (Oberbayern). Kempten, Verlag der Jos. Kösel'scbcn Buchhandlung. 1894. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2.40. Inhalt des siebenten Hefteö: Fingerzeige für angehende Katecheten zur Ertheilung des Religionsunterrichtes.— Die Weihungcn und Segnungen der Kirche. — Von heiligen Lippen. — Ueber die Liebe zur Jugend. — Literatur und Miscellen. — Correspondcnz des Canisius-Katecheten-Vercines. Theologis ch-praktischeMonatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 9. Heft. Passau. In Commission der Abt'- scben Buchhandlung. Jnhaltsverzcichniß des 9. Heftes: I. Wissenschaftliche Aufsätze. Interessantes auö den liturgischen Kalcndaricn (Direktorien) sämmtlicher Diöcesen von Deutschland, Oesterreich, Schweiz und Luxemburg. — Die 69 Jahreswochen des Propheten Daniel. (Schluß.) — II. Belehrendes für die seelsorglicbe und psarramtliche Praxis: Bemerkungen über die läßliche Sünde. — Das Recht deS Psarr- berrn zur Aufrechterhaltung der Disciplin in der Kirche. — Die Aufgabe der Mädchenerzichung gegenüber der modernen Gesellschaft. — Die geltenden Rubriken und Gewohnheiten bei Austheilung des Weihwassers. — Praktische Bemerkungen zum Kapitel „Krankenbesuche". — Wer ist »xaroodna proxrirw- der Schulkinder. — Gewissensfall bezüglich des Stipendiums der Binaiionsmesse. — Soll man die Episteln der Sonn- und Feiertage dem Volke vorlesen? — Knien und Kniebeugungen deS Volkes in der Kirche. — Uneigennützigkeit des Priesters. — Fleißigere Ausnützung deS Paramentenvereines. — Meßstipen- dium für den Ausbilfspriester. — III. Erlasse der obersten Verwaltungsstellen u. Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. (RcligionS- und Kirchensachen.) 1. Kircben- verwaliungswahlen; 2. Einkommensausbesscrung der kathol. Seclsorgsgeistlichcn aus Staatsmitteln; 3) Klage auf Anerkennung der kirchlichen Baupflickn; Compctcnz zur Entscheidung von Streitigkeiten; 4. Acrgernißgcbender Charakter des Con- cubinates; 5) Wiederzulassung der Redemptoristcn und der Väter vom heil. Geiste. — Novitätcnschau. — Literar- ischer Anzeiger. — Zeitschriftcnschau. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für 4 M. p. Jahr. 1894. Nr. 7. Inhalt: Kritische Referate über tlauäß l)o morali ozcstomato 8. ^.IMonsi äo InAorio (Deppe), L ox an vistinAnishsä Irislimon ot' tds XVI. Century (BclleSheim), Zwerg er ^.pis aseetiea. (Rösler), Krebs ?. Passerat und Leben der ehrwürdigen Mutter de Rozisrcs (Deppe), Oraik LuAlisIr Vroos 8oleotion8 (Zimmermann), Baumgartner Unicrrichtslchre und Rieden Allgemeine Pädagogik (Rolfus), Ludorff In sturmbewegter Zeit, Ludorff Zu spät und P. Weber Kaiser Maximilian (Keiter), Jüngling Erklärung katholischer Kirchenlieder (Schcuermann), Rom stück Personal- statistik und Bibliographie des Eichstätter LyceumS und Fest- bericht über die Jubelfeier des Münchener Georgianums (Hülskamp). — 8 Notizen über verschiedene Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichnitz. — Lectionskatalog der Universität zu Freiburg-Schweiz für das Wintersemester 1894/95. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung.*) H,. H. In den letzten Jahren ist über das Schulwesen und besonders über die Gymnasien so viel gesprochen und geschrieben worden, daß man daran allerdings auf einige Zeit genug haben könnte. Allein da die Zeit der Bewegung mehr nur die Mangel des Bestehenden vor Augen gehabt und fast überall in der wesentlichen Umgestaltung das Heil zu erkennen glaubte, so dürfte es der Zeit deS ruhigen Ueberlegrns vorbehalten sein, die Gegenstände von neuem zu betrachten und zn untersuchen, ob nicht vielleicht mancher Theil des Bestehenden zuletzt doch besser und brauchbarer ist, als man zuvor gemeint hat. Es ist indessen nicht unsere Absicht, über das Schulwesen im Allgemeinen oder die Gymnasialbildung in ihrem ganzen Umfange zu sprechen, sondern wir wollen uns nur im Bereiche der letzteren über einige Punkte verbreiten, die nach unserem Dafürhalten immer zu wenig beachtet werden und eben dadurch zu manchem Vorwurf gegen die Gymnasien Anlaß geben. Man tadelt daran in der neuesten Zeit mehr als je, daß die alten todten Sprachen in zu großem Umfange gelehrt werden, dieses Studium sei in unseren Tagen überhaupt unpraktisch und die darauf verwandte Zeit eine verlorene; die Gymnasien liefern deßwegen, sagt man, nur solche Leute, welche utopisch für gewisse Ideale schwärmen, aber dem Leben gänzlich entfremdet seien. Man hat bei dieser Behauptung jene Zeit im Auge, wo die alten Sprachen (besonders Latein) den größten Theil des Gymnasialunterrichtes ausmachten, alle anderen Lehrgegenstände stiefmütterlich behandelt und jene Sprachen selbst mehr nur nach ihren Wortformen und grammatischen Regeln gelernt wurden, ohne daß man dabei großen Werth auf das Erfassen der Schriftsteller gelegt hätte. Doch diese Zeit liegt längst hinter uns. Im Vergleich zu ihr ist in den letzten Dezennien eine bedeutende Verbesserung eingetreten. Denn einerseits hat der Unterricht in der Muttersprache, in Mathematik, in den Naturwissenschaften, in Geschichte und Geographie einen Umfang gewonnen, welcher sowohl dem absoluten Werthe dieser Lehrgegenstände die verdiente Anerkennung verschafft, als auch den Anforderungen der Zeit entspricht; anderseits hat der Unterricht in den alt- klassischen Sprachen fast allenthalben eine bessere Methode der Behandlung angenommen. Während früher allzuviel Gewicht auf das Erlernen der bloßen Wortformen und syntaktischen Regeln gelegt wurde, wird jetzt die Form der Sprache zwar nicht vernachlässigt und die strenge Einübung der lateinischen und griechischen Grammatik immerfort als das beste Mittel formaler Geistesbildung angesehen; allein das bloße Wort und seine Form gilt nicht mehr für das Einzige oder die Hauptsache in dem Unterrichte dieser Sprachen, sondern mehr nur als das Mittel zum Zweck. Dieser besteht vorzugsweise darin, in enger Verbindung mit der formalen Durchbildung des Geistes den reichen Inhalt der Werke des klassischen Alterthums, die *) Aus dem Nachlasse des ch Gymnasialdirectors Dr. Stelzer zu Sigmaringen. Die Abhandlung, obwohl schon im Jahre 1852 versaht, dürste auch in unseren Tagen noch zeitgemäß sein. Thaten und Gedanken der Griechen und Römer, wie sie in der ästhetisch-schönen und dem Inhalt angemessenen Form ihrer Literatur niedergelegt sind, unmittelbar aus den Quellen selbst zu erkennen. Wir sagen: aus den Quellen selbst; denn es ist eine bekannte Sache, daß auch die besten Uebcrsehungen weit hinter dem Originale zurückbleiben, seine Lebcnsfrische entbehren und es nicht ersetzen können, da nur die Sprache selbst der getreue Ausdruck des geistigen Lebens eines Volkes ist. Wir müssen uns daher die Quellen offen erhalten und zur Anregung des forschenden und nach Wissenschaft streben» den Geistes sie immer wieder von neuem durchforschen, um ihren Inhalt durch eigene Geistesthätigkeit herauszufinden und gleichsam zu erobern. So ist die Grammatik und Literatur der lateinischen und griechischen Sprache das beste Mittel/) den Geist im logischen Denken und Begreifen unablässig zn üben, seine Kraft zu entwickeln und zu stählen, mit einem Worte: ihn zn bilden, abgesehen von dem Stoffe, den die Schriften der Alten zur Nahrung des jugendlichen Geistes und Gemüthes in reicher Fülle darbieten. Wenn ma:> nun nach dem Utilitätsprinzip in feiner alltäglichen Form nur dasjenige praktisch nennt, was alsbald im Leben mit materiellem Gewinn") angewandt werden kann, was zunächst als Mittel zum Erwerbe und Lebensunterhalte dient, so ist das Studium der alten Sprachen allerdings für die überwiegende Mehrzahl der jungen Leute sehr unpraktisch. Wenn man dagegen dasjenige praktisch nennt, was überhaupt mit vorrhcilhaftem Erfolge angewandt werden kann und somit die Erreichung eines bestimmten Zweckes möglich macht oder befördert, so ist das Studium der klassischen Sprachen in hohem Grade praktisch. Der praktische Werth dieses Studiums liegt aber nicht nur in der Geistesbildung an sich, sondern auch darin, daß jene Sprachen der Schlüssel sind zum gründlichen Erlernen und wahren Verständniß der neueren (romanischen und germanischen) Sprachen und ihrer Literatur; indem sowohl diese Sprachen selbst in Rücksicht auf ihre Formen, als auch die in ihren Schriftwerken niedergelegte Kunst und Wissenschaft ursprünglich und großenteils auf die Werke der griechischen und la- *) Ein Urtheil Schcllings sei hier angeführt, welcher sagt: „In der That nichts, selbst nicht der Unterricht in den mathematischen Wissenschaften, der zwar an ein nothwendiges, stufen- weises Fortschreiten, aber nicht ebenso zugleich an freie Bewegung gewöhnt, kann jene strenge Dünket, und salsäe Einbildung frühzeitig niederhaltende Zucht deS Geistes, jene Gewöhnung an Stetigkeit und gleichmäßiges Fortschreiten ersetzen, welche ein gründlicher Unterricht in den alten C prachen gewährt." (Jahrb. f. Ph. u. Päd. v. Klotz u. Dietsch, 52. 94.) Professor Dietsch (Grimma) sagt in den Jahrb. f. Ph. u. Päd. 52,97: „Die Jugend ist von dem Zeitgeiste angesteckt; sie will früh selbstständig sein, früh genießen, früh etwas gelten; deßhalb hält sie jede heilsame Zucht für eine Sklaverei, der sie sich womöglich entledigen müsse, und will nur dasjenige lernen» was sie in der Praxis nach ihrer Meinung gebrauchen kann. Beim Studium des Alterthums sieht sie keinen materiellen Nutzen voraus, und es fordert tüchtig Anstrengung; was Wunder, wenn sie sich gegen dasselbe sträubt, zumal ihr in den Ohren das Geschrei der VolkSagitatoren tönt, welche die Jugend in ganz moderner Weise erzogen und gebildet wissen wollen, weil sie dieselbe so besser zn ihren Zwecken brauchen können. Aber gerade darum weg mit jener Affenliebe, welche der Jugend nur das zu lernen znmnthet, wozu sie Lust hat! Nur durch die Uebung und Erfüllung schwerer Pflichten, nur durch eine spannende Uebung der Geisteskräfte, nur unter einer strengen Zucht kann ein gesundes, kräftig wollendes und vormthellSjrei prüfendes Geschlecht entstehen." teintschen Literatur aufgebaut sind. Wir wollen nicht, um dieses zu begründen, wett ausholend davon sprechen, das; einst mit der Eroberung der sogenannten alten Welt durch die Römer lateinische und griechische Sprache und griechisch- römische Bildung sich allmahlig über alle Provinzen des römischen Reiches verbreitete und seit jener Zeit aller späteren Cultur der civilisirten Welt zu Grunde liegt, daß ferner bei der Völkerwanderung die Bewohner des römischen Reiches zwar den Waffen der wandernden Völker unterlagen, aber durch ihre Sprache und Bildung geistig über die Sieger herrschten, daß endlich mit der Ausbreitung des Christenthums in allen Ländern zugleich lateinische und griechische Sprache Eingang gefunden, daß das Latein i« ganzen Mittelalter und bis in die neue Zeit herein die Sprache der Gelehrten und fast ausschließlich die Schriftsprache war. Ich will nur das erwähnen, daß durch das neue Aufleben der Studien des klassischen Alterthums in Italien, Frankreich, England, in den Niederlanden, in Deutschland u. s. w. eine neue Aera der Wissenschaft und Kunst anfing und bald darauf in eben diesen Ländern die Blüthezeit der eigenen Literatur eintrat, nachdem die klassischen Studien als Vorschule den Weg dazu gebahnt hatten. Wir sind weit entfernt, behaupten zu wollen, das Aufblühen der Wissenschaft und die Blüthezcit der neueren Sprachen sei allein den klassischen Studien zu danken; wir übersehen die Erfindung der Buchdruckerkunst, die Zeitbewegungen und verschiedene Umstünde, die dabei zusammenwirkten, keineswegs, müssen jedoch bet der Behauptung stehen bleiben, daß das Studium des klassischen Alterthums einen höchst wesentlichen Einfluß nicht nur auf die Gestaltung und Ausbildung der Sprachnormen, sondern auch auf die Blüthe der neueren Literaturen geübt hat. ^) Wer also das Neue gründlich erkennen will, muß es im Zusammenhang mit seiner Basis — mit dem Alten — erfassen. Man wende nicht ein, daß man bei diesem Studium eigeuilich mit asiatischen Sprachen, mit dem Sanskrit rc. anfangen und erst von da zu den Griechen und Römern übergehen müsse, um in dem so hoch geschätzten Zurückgehen auf Quelle und Ursprung consequent zu sein. Denn wenn die Griechen auch manches in Sprache und Sitten ursprünglich durch Einwanderungen und Verkehr von Asien und Aeghpten erhalten haben, so geschah dieses nicht durch die Literatur, sondern unmittelbar durch den Verkehr oder durch die traditionelle Sage, und auch dieses wurde bald von dem reichbegabten Genius der Griechen so nmgeschaffen und zum Nationalrigenthum gemacht, daß das griechische Volk in seiner Sprache und der ganzen geistigen Entwicklung als originell dasteht. Deßhalb konnte der griechische Jüngling in seiner Bildungs- lausbahn ohne anderweite Hilfsmittel sogleich mit der 2) Der Umstand, daß zufällig Schiller und Goethe und bei den Engländern Shakespeare im Lateinischen und Griechischen keine so ausgedehnten Kenntnisse besaßen, wie man allenfalls nach dem Gesagten voraussetzen sollte, ist kein Gegenbeweis zu unserer Behauptung; denn das Genie bricht sich selbst Bahn und kann keinen Maßstab für das Allgemeine abgeben. Ein Gelehrter unserer Zeit sagt, wenn man aus dem genannten Umstände folgern wollte, daß die klassische Bildung deßwegen für uns überflüssig sei, so wäre der Schluß ebenso unrichtig, als wenn man bebauptcn wollte, die Anatomie sei für Maler eine überflüssige Wissenschaft, da Corrcggio obne dieselbe ein großer Maler geworden ist. — Indessen ließe sich ohne Mühe in Schiller und Goethe fast auf jedem Blatte — an der Sprache und der Art der Darstellung — nachweisen, daß auch diese Koryphäen unserer Literatur viel zu den Alten in die Schule gegangen sind. Literatur seines Vaterlandes beginnen und mit ihr seine Bildung abschließen. Anders war es bei den Römern, welche die Schüler der Griechen waren, und anders ist es bei uns und den übrigen Völkern der civilisirten Welt, indem unsere und ihre Sprache, Wissenschaft und Kunst nun einmal in Folge der historischen Entwickelung vielfach auf der griechischen und römischen beruht. Es ist daraus klar, daß zur gründlichen Kenntniß unserer Muttersprache und der neueren Sprachen und Literaturen überhaupt das Studium der alten Sprachen nicht nur die nothwendige Voraussetzung, sondern auch zugleich das beste Hilfsmittel ist. Es ist also auch in dieser Beziehung das genannte Studium von großem Werthe und somit praktisch. Wenn es nun aber einmal doch unpraktisch sein und utopisches Schwärmen erzeugen soll, so wird die Ursache in dem Inhalt der griechischen und lateinischen Schriftsteller, in der Anschauungsweise und geistigen Richtung des klassischen Alterthums liegen müssen. Und hier tritt uns sogleich in Bezug auf Staatsform und Religion ein schroffer Gegensatz des Standpunktes der Alten zu unserm Standpunkte vor Augen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß unsere Jugend für das praktische Leben, für das Leben in unserem Staate, zu tüchtigen Mitgliedern dieses Staates und ebenso — mit Rücksicht auf die Erreichung der höheren Bestimmung unseres Daseins — zu guten Christen und Mitgliedern der Kirche erzogen werden soll.") Es ist gleichfalls keinem Zweifel unterworfen, daß der Unterricht und die ganze Erziehung, wenn anders das vorgesteckte Ziel erreicht werden will, in sich keinen Widerspruch, keine Disharmonie duldet, daß also nichts vorkommen darf, was die einheitliche und consequente Erziehung stört und sich mit dem Gesammtzweck derselben nicht verträgt. Wenn wir uns nun einerseits des Zweckes der Erziehung und des Umstandes, daß dabei alles Vorkommende mit sich im Einklang stehen müsse, bewußt sind und anderseits zugleich den obenbezeichneten Gegensatz der klassischen Autoren zu unserem Standpunkte nicht übersehen, so müssen wir nothwendig fragen, ob die Lectüre der Klassiker nicht gerade wegen der Beschaffenheit ihres politischen und religiösen^) Inhaltes mit der ") Der Zweck des Gymnasiums wird mit verschiedenen Definitionen bezeichnet: In den Beschlüssen der Berliner Landes- schnlconfercnz heißt eS § 1 (S. 207): „Die höheren Lehranstalten sollen die intellcctuellen und sittlichen Kräfte der männlichen Jugend entwickeln, dieselbe zn wissenschaftlichen Studien — auf Universitäten und höheren Fachschulen — und zur erfolgreichen Betreibung des gewählten Berufes vorbereiten, sowie zu selbst- ständiger Theilnahme an den höheren Interessen der menschlichen Gesellschaft und zn gedeihlicher staatsbürgerlicher Wirksamkeit erziehen." Anderswo wird der Gesammtzweck in die Worte zusammengefaßt: „Klassisches Alterthum, Christenthum, Germanenthum;" oder so ausgedrückt: „Historisch- ethische, christlich-nationale Bildungoder „allgemein humanistische Bildung: Reichthum an Kenntnissen (Wissen), Reife des Geistes (Intelligenz) und Cultur des Gemüthes (Charakter)." — Mag nun diese oder jene Zweckbestimmung die richtigere sein, so scheint doch in allen unzweideutig so viel zn liegen, daß die Schule nebst der religiösen Ausbildung und Erziehung auch die Bestimmung der Schüler zu tüchtigen Bürgern des Staates nicht aus dem Auge lassen darf, den Patriotismus in ihnen wecken und nähren und überhaupt für die einstige Erfüllung ihrer bürgerlich-n Pflichten vorbereitend thätig sein muß. °) Zn verschiedenen Zeiten und nicht am wenigsten auch in der jüngsten Vergangenheit wurde (besonders in Frankreich) behauptet, die klassische Lectüre sei überhaupt mit dem Christenthum unverträglich; und wenn man sich an die alten Fehden der Theologen und Philologen erinnert, so ist man halb versucht zu glauben, daß diese Behauptung gewissermaßen begründet sei. 2S9 Erziehung der Jugend in christlichen und monarchistischen Staaten absolut im Widerspruch stehe, ob sie nicht deßwegen unpraktisch sei und auf die Abwege des Schwärmens führe, oder ob im Gegentheil der Inhalt jener Schriftsteller sich mit dem Geiste und Zweck unserer Erziehung vertrage und durch angemessene Behandlung ihn sogar befördere. Im ersten Falle wäre der dem Zweck des Unterrichts und der Erziehung widerstreitende Stoff der Klassiker aus den Schulbüchern zu entfernen; denn der Stoff des Unterrichts muß nach dem Zwecke des Unterrichts eingerichtet sein; im zweiten Falle ist der Stoff der Schriftsteller (ohne sogenannte Purification) zu belassen und in einer seiner Natur und dem Zwecke der Erziehung entsprechenden Weise zu behandeln. In politischer Beziehung ist der Inhalt ein solcher, daß wir die Geschichte Griechenlands und Roms sowohl in der Periode der Monarchie, als auch besonders in der Entwicklung und dem Verlauf der Republik, ihrem Ucber- gehen von einer Art und Gestalt in die andere und der endlichen Rückkehr zur Monarchie kennen lernen; die Einrichtung und Verwaltung jener Staaten, das politische Leben und Treiben jener Völker tritt uns in der Lectüre der Klassiker in einzelnen, scharf ausgeprägten Bildern vor Augen. — In religiöser Hinsicht werden wir mit den Begriffen und Vorstellungen der Griechen und Römer von ihren Göttern, mit ihrer Gottesverehrung und Moral, überhaupt mit der durch keine Offenbarung unterstützten Entwickelung des religiösen Bewußtseins, mit der selbst- geschaffenen Religion heidnischer Völker bekannt. Wir haben eS somit auf dem einen Gebiete vorzugsweise und meistens mit der Geschichte und den Verhältnissen republikanischer Staaten, auf dem andern immer mit dem Heidenthum zu thun. So sehr nun dieses auch auf den ersten Anblick mit der Erziehung in christlich-monarchischen Ländern in Widerspruch zu stehen scheint, so wenig sind im ganzen genommen die Bilder und Erscheinungen, die uns dort auf beiden Gebieten begegnen, bei näherer Betrachtung und besonnener Ueberlegung geeignet, eine Neigung zu der Form und den Verhältnissen jener Staaten oder zu der Religion jener Völker hervorzurufen. Wir behaupten davon gerade das Gegentheil. Freilich kann der Gegenstand jeder Lectüre richtig oder falsch aufgefaßt, gut oder schlecht behandelt werden. Es hängt somit der Erfolg nicht nur von dem unmittelbaren Inhalte, sondern hauptsächlich auch von der Art der Behandlung ab. Wir geben von vornherein zu, daß eine unbedingte Billigung und Verehrung des Alterthums nothwendig zum Irrthum führe und somit schade, ein gedankenloses und gleichgültiges Uebergehen des Inhaltes, besonders des Standpunktes und Jdeenkreises der Alten, leicht einer irrthümlichen Auffassung Raum gebe und dadurch nachtheilig werden könne. Auf politischem Gebiete, wo das Alterthum in der That gewisse Glanzpunkte in sich schließt, kann man durch unbedingtes Billigen und Verehren des Alten und durch Mangel an Unterscheidung des wahrhaft Guten von den nur scheinbaren Vorzügen leicht eine ganz verkehrte Weltanschauung und crasse Begriffsverwirrung hervorrufen. (Fortsetzung folgt.) Der Prämonskatenser-Chorherren-Orderr. Ueber diesen Orden findet man in den gebräuchlichen Nachschlagewerken so viele veraltete und nnrichtige Angaben, daß man das Erscheinen des Prämonstra- tenser-Kataloges mit Freuden begrüßen muß, welcher dem beständigen Abdrucken der höchst ungenauen und oberflächlichen Berichte gründlich ein Ende macht. Ein Mitglied des Ordens im Stifte Wilten (Innsbruck) hat sich der mühevollen, aber gewiß sehr dankenswerthen Arbeit unterzogen, den heutigen Stand des Prämonstratenser-Ordens derart festzustellen, daß auch die anspruchsvollsten Wünsche bis auf einen sehr hohen Grad befriedigt werden und dabei doch die Anschaffung des Werkleins sehr billig zu stehen kommt. (Der Preis ist nämlich für die große Seitenzahl XXVIII und 136 erstaunlich nieder. Er beträgt 85 kr. für einen broschirten, 1 fl. 10 kr. für einen gebundenen Katalog einschließlich der Postversendung.) Mit Erlaubniß des Herrn Verfassers entnehmen wir dem Kataloge, welcher in lateinischer Sprache geschrieben ist, folgendes: Der Orden vom heil. Norbert, späterem Erz- bischofe von Magdeburg, im Jahre 1120 in Prä- montrv bei Laon in Frankreich (Departement Aisne) gegründet, anfangs nnr für Männer bestimmt, bald darauf und zwar noch vom heil. Stifter auch auf Frauen (2. Orden) und schließlich sogar auf Weltleute beiderlei Geschlechtes (3. Orden) ausgedehnt, hat im Laufe der Jahrhunderte sehr mannigfaltige Schicksale erlebt. Unbeschreiblich rasch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Schweiz, Oesterreich-Ungarn, Polen, Spanien und anderen Ländern während der ersten zwei Jahrhunderte seines Bestehens aufgeblüht, sank er in den folgenden Jahrhunderten hier schneller, dort langsamer, bis die Stürme der Glaubensneuerungen, des 30jährigen Krieges, der Klosteraufhebungen zur Zeit der sogen. Aufklärung, die Verfolgung, welche über die kaih. Kirche überhaupt in Spanien und Polen (Rußland) in diesem Jahrhunderte kam, den stattlichen Baum seiner weittragenden Neste und Zweige so sehr beraubten, daß er jetzt leider beinahe einem Strunke zu vergleichen ist, der aber, wie wir aus der trefflichen, kurzen Ordensgeschichte erfahren (Seite VII—XXIV), zum Segen der Gläubigen noch voll Lebenskraft ist. Wenn auch keine größere Entfaltung mehr nach außen, so läßt sich doch eine um so innigere Vereinigung seiner treibenden Säfte ersehen, wodurch ja vor allem die nothwendige Stärke erzeugt wird, welche dem Orden ein so großes Ansehen verleiht. Der Zweck des Männerordcns ist die Pflege deS ChorgebeteS und der thätigen Seelsorge, welche er einst auf lausenden von einverleibten Pfarreien ausgeübt hat. Den Prämonstratenser-Chorherren wurde wegen ihrer wahrhaft großen Verdienste in der Seelsorge von Papst Benedikt XIV. in der Bulle „Oneioso" vom 1. September 1750 ausdrücklich ihre Berechtigung bestätigt, um jede weltliche Pfarrei sich bewerben zu können. Der Frauenorden hat ausschließlich ein beschauliches Gepräge. Der dritte Orden deS hl. Norbert, vielleicht der älteste dieser Gattung, hat die Heiligung der Weltlrute durch ein ächt christliches Leben zum Zwecke. Derselbe hat gleich anfangs eine ungeheure Ausbreitung erlangt, machte aber den spätern Orden deS hl. DominikuS und FranziSkuS Platz, ja gerieth fast in völlige Vergessenheit, bis er um die Mitte d«S 300 vorigen Jahrhunderts in der bayerischen Ordensprovinz wieder zur Blüthe gelangte, mit der Aufhebung der deutschen Chorherren- und Chorfrauenstifte im Jahre 1803 verschwand, neuerdings sich in Belgien, Frankreich, England erhob und auch schon in Oesterreich Boden gewann, nämlich in Mähren, wo er auf dem berühmten Wallfahrtsorte Hciligenberg bet Olmütz kirchlich errichtet ist. Der Prümonstratenser-Orden hat den Kardinal Oreglia als Protektor, als General den hochwürdigsten Herrn Sigmund Stary, Prälaten des Stiftes Strahow in Prag, wo auch der Leib des hl. Norbert ruht. Er besteht gegenwärtig aus drei Provinzen (denen je ein Generalvikar und Visitator vorsteht), nämlich der österreichischen mit 7 Chorherren - Abteien (Geras in Niederösterreich, Neu-Neisch in Mähren, Schlägl in Oberösterrcich, Sclau, Strahow, Tepl in Böhmen und Willen in Tirol) und 332 Mitgliedern, sowie mit 1 Chorfrauen - Abtei (Zwierzyniec in Galizieu) und 37 Mitgliedern, der brabantischen mit 7 Chorheiren- Abteien (Averbode, Grimberghen, Park, Postel, Tonger- loo in Belgien, Berne in den Niederlanden und Mon- daye in Frankreich), 2 Chorherren-Prioraten (St. Josef de Balariu und Nantes in Frankreich) und 325 Mitgliedern und 3 Chorfraucn - Prioraten (Bonlieu in Frankreich, Neerpelt in Belgien, Oosterhout in den Niederlanden) mit 86 Mitgliedern. Zu dieser gehören noch 4 Missionen (Crowle, Manchester, Spalding in England, Nosiere in Nordamerika). Die dritte Provinz ist die ungarische mit 2 Propsteien (Csorna und Jaszo) und 149 Mitgliedern. Außerhalb des Ordensverbandes befinden sich zur Zeit noch die „französische Chorherren- Congregation" mit 1 Abtei (St. Michel de F-rigolet in Frankreich), 4 Prioraten (Conques, Etoile in Frankreich, Farnborough, Storrington in England), 3 Missionen (Ambleside, Bedworth in England, Whithorn in Schottland) und 72 Mitgliedern, ferner 3 Chorfrauen- Abteien (Jmbramovice in Russisch-Polen, Toro, Villoria de Orbigo in Spanien) und 2 Chorfrauen-Prioraten (Berg Sion in der Schweiz, Czerwinsko in Russisch- Polen) mit 81 Mitgliedern, endlich noch das Ter- narinnenkloster Mesnil-St. Denis in Frankreich mit 19 Mitgliedern. Es zählt also der 1. Orden des hl. Norbert 878, der 2. Orden 204 Mitglieder. Ueber die Anzahl derselben im 3. Orden finden wir keine nähere Angabe außer der bereits genannten Zahl (19) der Terttarinnen, welche ein gemeinschaftliches Leben führen und womit die Zahl 1101 für die eigentlichen Ordensleute sich ergibt, während die weltlichen Mitglieder vorzüglich in Mähren, Belgien, Niederlande, England, Irland, Canada und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zerstreut sind. Seinem Hauptzwecke gemäß arbeitet der Orden vor allem in der Seelsorge, wozu, wie sehr gut bemerkt wird, auch die Heranbildung der studirenden Jugend gehört. 117 Mitglieder sind theils als Theologie-Professoren und Lektoren an Universitäten und Hauslehranstalten, theils als Mittelschul-Professoren, 368 als Dekane, Pfarrer, Missionäre, Cooperatoren u. s. w. in 191 Pfarreien (Missionen) mit über 306,360 Katholiken (von 4 Pfarreien in Frankreich konnte die Seelenzahl nicht ermittelt werden) thätig. Hauslehranstalten besitzt der Orden 12, Gymnasien 7 mit 2227 Schülern. Zwierzyniec in Ga- lizten hat eine Anstalt, in welcher 32 arme Mädchen unterrichtet und verpflegt werden, McSnil-St. Denis eine Waisenanstalt mit 20 Kindern. Der Ordens-Katalog enthält außer der bereits erwähnten Geschichte, den Namen, Aemtern und Wurden der Mitglieder, deren Geburts-, Einkleidungs-, Profeß- jahren u. s. w. (auch Geburtsorten) noch die Gründuugs- bczw. die Wiedererrichtungsjahre der Stifte, die Pfarreien, alle einzeln mit Dekanatsort u. s. w. sowie mit Katholikenzahl aufgeführt, worauf wir wegen Raummangels leider nicht eingehen können. Einen besonderen Werth hat er noch deßhalb, weil er alle Ortsnamen in der betreffenden Landessprache angibt, also nicht, wie es so oft zur großen Unbequemlichkeit der Leser bei lateinischen Katalogen vorkommt, mit latinisirten Namen aufwartet, die man selbst in den größten Wörterbüchern nicht findet. Auch die letzte Post der einzelnen Stifte ist angegeben. Seite 130—34 werden wir über die neueste Ordensliteratur in Kenntniß gefetzt. Uebersicht, Orts- und Namenverzeichniß lassen nichts zu wünschen übrig, sie sind mit erstaunlicher Emsigkeit angefertigt. Etwas störend sind manche Druckfehler, die aber alle leicht ausgebessert werden können, da sie auf Seite 128 ff. gesammelt sind, was bei ähnlichen Werken auch wieder oft vermißt wird. Bei einer späteren Herausgabe des Kataloges möchten wir gerne die Aufnahme der Patrone der Stiftskirchen, der Tage und Monate der Geburt, Einkleidung u. s. w. und eine etwas schnellere Drucklegung empfehlen, auch könnten die lateinischen Namen der Stifte der Vollständigkeit halber in Klammern beigesetzt werden. („N. Tiroler Stimmen.") Bergwerksverwaltung der Römer.') Ueber römisches Finanzwesen im Allgemeinen sind die historischen Nachrichten nicht zahlreich; vom Bergwesen insbesondere sind nur Schriften erhalten, die von Nichtrömern stammen. Den Römern galt eben nur der Ackerbau als ehrenvolle Beschäftigung; die Arbeit in den Bergwerken wurde entweder den am Bergwerk ansässigen Völkern auferlegt oder von Sklaven verrichtet, oder in der Kaiserzeit von Sträflingen. Unrömisch ist sogar das Wort vaetaUuw, mit dem nicht blos Metallbergwerke bezeichnet sind, sondern auch die Mineralgruben mit Schwefel, Alaun, Kreide und die Steinbrüche, die Marmor- und Wetzsteinbrüche. In der ersten Zeit war der römische Staat nicht, wie späterhin, Alleinbesitzer der Fossilien; er konnte nur neben Privaten als Unternehmer im großen Stil auftreten, allerdings auch die Concession ertheilen oder verweigern aus volksmirthschaftlichen Gründen. Die staatlichen Bergwerke wurden vom Censor verpachtet. Als die welterobernden Römer eine fremde Provinz um die andere in die Tasche steckten, da wurde erstens der italische Bergbau verboten und zweitens das, was früher dem besiegten Staate oder Könige gehört hatte, Eigenthum der römischen Gemeinde. Der ganze eroberte Boden galt als römisches Staatseigenthum, als ggar xnblieuo, und die Bergwerke wurden verpachtet zuerst an Einheimische, später auch an Römer und Jtaliker, an die berüchtigten Aussauger. Als Cato z. B. die Provinz Spanien verwaltete, erklärte er die Bergwerke für Staats- *) Vergl. Binder, die Bergwerke im röm. Staatshaushalt. Progr. Laibach 18L0/81. 301 gut und verpachtete sie so günstig, daß der Aerar täglich 25,000 Drachmen einnahm. Einzelnen Privaten und Gemeinden wurde ihr Bergwerk gelassen und kein Bergzins, keine Abgabe verlangt. Unter dem Kaiser AugustuS wurden die Provinzen in seuatorische und in kaiserliche abgetheilt; es gab dann eine Senatskasse: Aerar, und eine kaiserliche Verwaltungskasse: Fiscus. Mäcenas bezeichnete dem Kaiser die Bergwerke neben den Steuern als beste Einnahmequelle. Die Kaiser zogen aber auch (durch Confiscation z. B.) die Neichsbergwerke und die werthvollsten Marmorbrüche an sich, auch neue Erzadern wurden gesucht: die Soldaten aller Provinzen beklagten sich, daß sie zu Grubenarbeiten verwendet würden. Zuletzt gehörten selbst in den senator- ischcn Provinzen die besten Mineralschätze dem kaiserlichen Fiskus. Unter Vespasian endlich ist zum letzten Mal vom Grund und Boden des römischen Volkes die Rede: das ganze Staatsgut wird kaiserliches Fiskalgut, allerdings mit der ganzen Reichsverwaltung belastet; die Kaiser aber haben einen Theil davon in ihrem eigensten Privatbcsitz als pati'inioiuura Caesaris. Wo hatten nun der Senat und die römischen Kaiser Bergwerke und Steinbrüche? In den senatorischen Provinzen spielen Gold- und Silberbergwerke keine große Rolle, dagegen Kupfer (der Senat durfte nämlich nur die Kupfermünzen prägen, die Kaiser prägten die Gold- und Silbermünzen). Berühmt war die Jnselprovinz Chpern durch ihren Kupfer- reichthum. Die andern wichtigen Bergwerke hatte frühzeitig der Fiskus an sich zu ziehen gewußt: so gehörten ihm in den senatorischen Provinzen die Kupfer- und Eisenbergwerke von Macedonien, die großen und reichen Bergwerke Hispaniens (Baetica), das Kupferbergwerk von Nio Tinto und mehrere Bleibergwerke dort, die um vier Millionen Scstcrzien verpachtet waren. Die Kupfer- und Eiscnbergwcrke Galliens gehörten ebenfalls dem Fiskus, ferner die Eisenerzlager auf Elba und die Bergwerke auf Sardinien. Kaiserlich waren auch in den senatorischen Provinzen fast alle Marmorbrüche: so in Phrygien, auf der Insel Achaja und Epirus, auf Paros und Skyros, der von den Dichtern so gepriesene Marmor von Euböa, der Marmor von Sparta, der korinthische und die Marmorbrüche vom Berg Hymettos, in Italien die Brüche von Carrara. In Spanien blieben dem Aerar die Zinnobergruben von Sisapo, die allerdings sehr einträglich waren, da für das Pfund Zinnober 70 Sesterzien gezahlt und jährlich 2000 Pfund an die Fabriken in Rom geliefert wurden. Kreta lieferte Kreide und Pontus Edelsteine und den röthlichen Thon von Sinope. L. Viel größere Bedeutung hatten die Bergwerke in den kaiserlichen Provinzen. Da sind vor Allem zu erwähnen die Goldschätze von Asturien und Lusitanien. Aus dem Tnjo und Dnero wurde Gold gewaschen, besonders in Asturien gewann man ungeheure Massen Goldes. Ganze Hügel leicht gekitteten Golderzes wurden untergraben, zum Einsturz gebracht und in das so gelockerte Erdreich aus weiter Entfernung her auf künstlichen fliegenden Holzaquädnkten mächtige Ströme Wassers geleitet, um das Gold von dem tauben Sand zu scheiden. Wichtig war auch. die Goldgewinnung in Mösien, wo der Fiskus den Betrieb auf eigene Regie hatte. Trojan und Hadrian wandten diesem Zweig der Staatsverwaltung besondere Sorgfalt zu. Die Mösier selbst waren sehr geschickte Bergleute und Metallarbeiter und wurden deßhalb zu Halbfreien, zu Colonen, gemacht. Ein minenkundiges Volk waren auch die Thracier; der thracische Bergbau lieferte ebenfalls Gold und Silber, nicht blos den Römern, sondern später noch den Byzantinern. Auf Gold wurde auch in Jllyrien und Dnl» watien gegraben, deßgleichen in Dacien neben Salz. Silber gab es bet Ncu-Karthago und Castulo; doch waren diese Lager schon früher von den Karthagern und später von den Römern maßlos ausgebeutet. Eisenerz gab es in Palästina, Kappadocien, in Pannonien, im heutigen Perigord in Frankreich. Der Reichthum an Blei- und Eisenerzen von Cantabrien ist heute noch nicht erschöpft. In Noricum gab es Eisen und Salz. (Auch das Salz war Monopol des Staates.) In England gruben die Römer nach Eisen und Silber; der Reichthum an Blei in England war so groß, daß man die Förderung beschränken mußte, um den Preis nicht zu sehr herabzudrücken, ferner versorgte England nebst Lusitanien das römische Reich mit Zinn. Reiche Einnahme brachte dem kaiserlichen Fiskus der vielberühmte Syenit von Acgypten und die dortigen Porphyrbrüche. Noch im Beginn des vierten Jahrhunderts arbeiteten christliche Bekenner in diesen Brüchen. Einen vielfach verwendeten Marmor lieferte Numidien bis in die späteste Kaiserzett. In Numidien waren auch Kupferlager, in denen im dritten Jahrhundert christliche Märtyrer arbeiteten. Aus Syrien kam zu Plinius' Zeiten Gyps und Alabaster. Unter den späteren Kaisern von 365 an wurde auch der Privatbetrieb wieder gestattet, eine Abgabe festgesetzt und dem Fiskus das Verkaufsrecht für Gold re- servirt. Durch die Privatindustrie wollte man eben neue Bodenschätze erschließen, weil Geldmangel herrschte. Dieser Geldmangel war einmal so groß, daß sich die Kaiser Gratian, Valentinian und Theodosius genöthigt sahen, ein Ausfuhrverbot auf Gold zu erlassen, wonach den Barbaren kein Gold gegeben werden durfte, ja das schon in ihrem Besitz befindliche Gold sollte ihnen auf feine Weise (subtili inZanio) abgelistet werden. Weiter wurde bestimmt, daß Kaufleute, durch die Gold über die Grenze fließe, sich der Todesstrafe schuldig machen. Nachdem nun der Bergbau wieder den Privaten überlassen war, that Justinian den weiteren Schritt, daß er das Obereigenthnm des Staates über die Grundstücke aufhob: so ward der Grundbesitzer wieder freier Disponent über seine Grundstücke. Was die Verwaltung der Bergwerke betrifft, so wurden die Einkünfte aus den Staatsbergwerken vom Censor verpachtet, und zwar entweder so, daß die Bergwerke selbst von den Pächtern betrieben wurden, oder so, daß die Abgaben, die sie dafür zu zahlen hatten, wieder an Pächter, also an Abgabepächter, vergeben wurden, die dann die Eintreibung besorgten. Pächter wurde, wer das größte Angebot machte. Da ein einzelner Kapitalist nicht die nöthigen Summen aufbringen konnte, so vereinigten sich mehrere Pächter (pnstlianni) zu einer Societät — Kommanditgesellschaft. Eine solche Gesellschaft erwähnt z. B. PliniuS und sagt von dieser, die auch die Gruben von Sisapo gepachtet hatte, daß sie ihren Gewinn bedeutend vergrößerte durch Fälschungen, die sie an dem Farbstoff in den römischen Fabriken vornahm. Während nun die senatorischen Bergwerke den Pachtgesellschaften vollständig überlassen blieben ohne weitere Beschränkung und Aufsicht, wird von Tiberius bereits gemeldet, daß er die kaiserlichen Einkünfte von eigenen Beamten verwalten ließ. Trotz dieser Beamten (proLurntoras) wurde aber das Pachtsystcm nicht vollständig aufgegeben: der Pro- M kurator konnte nun entweder das Gut in kaiserlicher Regie betreiben oder, wenn es ihm vortheilhafter erschien, ganz oder Iheilweise verpachten. Der Hütten- betrieb blieb stets Privaten überlassen, die das Erz aus fiskalischen Gruben kauften oder diese selbst in Pacht hatten. Das System der Selbstbewirthschaftung wurde, wie schon erwähnt, in Mosten und Thracien, Jllyrien, Dalmatien, Macedonien und Dacien ausgeübt. Die in Dacien arbeitenden Colonen, jene halbfreien Arbeiter, die zwar heirathen und Grund erwerben, aber nicht wandern durften, waren hierher versetzt aus Pannonien und Dalmatien zur Ausbeutung der dacischen Gold- lager. Das Bergwerk unterstand also einem kaiserlichen Beamten, einem Prokurator, bei größeren Betrieben gab es noch einen Sub-Prokurator. Im vierten Jahrhundert erscheint eine Centralbehörde: der Berggraf von Jllyrien, dem die gesammte Bergwerksverwaltung der Provinzen unterstellt war. Die Verpachtung des Bergwerks geschah in Form einer Auktion: der Ersteher mußte die Auktionssteuer und den Auktionator bezahlen. Interessant ist, daß diese Steuer ebenfalls verpachtet war; der Pächter dieser Steuer bekam bei jedem öffentlichen Verkauf ein Procent vom Werth. Diese Steuer war auch zu entrichten, wenn es, nachdem es vergebens öffentlich feilgeboten war, unter dem ausgerufenen Werth verkauft wurde. Wurde die Gebühr binnen dreier Tage dem Pächter nicht bezahlt, so hatte dieser das Doppelte zu fordern. Wie die Auktionssteuer, war übrigens auch das Geschäft des Ausrufers in Pacht gegeben. Wir werden noch von mehreren Geschäften hören, die der Staat verpachtet hatte. Wenn also ein Bergwerk verpachtet war, so konnte der Pächter durch freie Taglöhner oder durch Sklaven oder durch Sträflinge, die der Fiskus lieferte, das Erz fördern, verkaufen oder sonst verhütten. Der Ertrag des Bergwerkes aber wurde von dem Prokurator verpachtet und an die kaiserliche Kasse eingesandt. Bei Regiebetrieb wurde das Edelmetall an die nächsten Münzen geliefert oder nach Rom geschickt. (Schluß folgt.) Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkärnten). Von Cölestin Schmid. (Schluß.) Zwischen den vier ziemlich weit auseinanderlegenden Dorfgemeinden von Göriach wogte beständig eine wahre Völkerwanderung hin und her. Man besuchte sich gegenseitig nach alter Sitte: so gab auch jeder Tanzplatz immer wieder andere Bilder. Was ich aber immer wieder traf, war der hohe Procentsatz von hübschen, sogar schönen Gefichtsbildungen bet den Thaldamen. Neben dem im allgemeinen vorherrschenden gemäßigt slavischen Typus waren auch blauäugige Flachsköpfe und ebenso italienische Schärfe der Linien zu finden. Fast noch hervorstechender schien mir die zierliche Eleganz der Tanzbewegungen. Der österreichische Kaiser hat ja einmal bet einem Besuche in Körnten erklärt, daß die Nosen- thaler (Drauthal bei Klagenfurt) die besten Sänger und die Gailthaler die besten Tänzer der Monarchie seien. Und all diese heitere Beweglichkeit und froher Natursinn bei den Bewohnern eines von Felsen umdrohten Thales, denen sie in harter Arbeit und unerschrockenem Kampf ihr Leben abtrotzen müssen! Sind die Klänge des letzten Kirchtages verklungen, so schickt auch schon der Gebirgs- winter seine Boten ins Thal, bis er selbst mit eisiger Gewalt sich in der kleinsten Ritze des Grundes festkcallt. Zieht dann endlich wieder draußen im Land der Frühling über die schneefreien Fluren, so beginnt hier erst recht der Kampf gegen die feindliche Natur, und auf Steinlawinen, Vermurung durch die Bergbäche folgt alsbald die Gluthhitze des Sommers, von den Bergwänden in das gegen den Ausgang fast abgesperrte, tiefliegende Thal Zurückgeworfen. Droben auf den Hochalmcn der Züge zwischen karnischen und Mischen Alpen geht dann der Kampf erst recht wieder los gegen die auf diesen Wasserscheiden stetig sich zusammenziehenden Hochgewitter. Und das Alles zieht in dem Geleise der öden Alltäglichkeit in langer Reihe wie eine schale Kruste über das tiefere Bewußtsein des abgabengedrückten Gebirglers hin, bis an dem längst ersehnten Kirchtag das niedergedrückte Gemüth gewaltsam wie der lautere Quell durch die Steinmure bricht. Daß das Volk im Gailthal noch so zärtlich an seinem alten Kirchtag hängt und keine anderen Genüsse als Entschädigung für lange, harte Arbeit sucht, ist das sicherste Zeichen dafür, daß seine tief in dem geliebten heimischen Boden haftenden Wurzeln von den zersetzenden Ideen der modernen Zeit noch nicht angefressen und von mißverstehenden Aufklärern noch nicht gelockert sind. Dabei geht dem germanisirten Slovenen Kärutens, resp. des Gailthales, noch Alles, Kirchliches und Weltliches, Glaube und Dämonenfurcht, aus einem noch nicht getheilten und zerrissenen Gemüth heraus. Ich war erstaunt, bei einer Primizfeier, bei der das halbe, hauptsächlich windische Gailthal versammelt war, ganz dasselbe zu treffen, wie auf den Kirchtagen. Kaum daß der Primiziant, mit einem riesigen Blumenkränze, welcher wohl seine Vermählung mit der Kirche versinnbildlichen soll, geschmückt, aus der Kirche zurückgezogen, so begann auch schon das Treiben unter der Dorflinde und nachher auf den Tanzplätzen. Ebenso wie die Volks- heiligthümer und Wallfahrten in Körnten vielfach auf hohen Bergen stehen, und gerade denjenigen, die auch jetzt noch Veranlassung zum Glauben an dämonische Naturelemente geben. Das ist eben Volksreligion im wahren Sinne des Wortes. Das stoßweise Stchoffenbaren des Volksgemüthcs geht auf ferne jugendliche Jahrhunderte zurück, gleichviel ob es als altslavisch oder altgermauisch genommen wird. Jedenfalls aber bildet es die hervorstechende Eigenthümlichkeit gerade der altgermanischen poetischen Literatur, während wieder andere Züge des »indischen Völkleins mehr slavischen Charakter ausweisen. Aehnliches habe ich nur mehr auf dem vielfach als roh und halbwild verschrieenen altbayrischen Flachland gefunden. Hier liegt die elementare Kraft noch roher, ungebrochener, als in Südkärnten, wo drei verschiedene Culturen sich mischen oder wenigstens zu- sammengrenzen. Darum trifft man diese Dinge, hauptsächlich im Gebiete des Jsar- und Vilsthalcs, in Mt- bayern bei entsprechenden Gelegenheiten, welche hier nur mehr die Hochzeiten bilden, auch noch ungefüger, unvermittelter aufeinander folgend. Der Vater der Braut ist gestorben, der Brautbruder tritt an den Tisch und singt auf den verstorbenen Vater, oder die einzige Tochter hat von der alten Mutter weggeheirathet und eine Anverwandte tadelt sie deshalb in einem Schnadahüpfl: da bricht die ganze Brautgesellschaft in krampfhaftes Schluchzen aus. Im nächsten Augenblick wird ein lustiges Trutz- 303 schnadahüpfl dazwischen gesungen, und mit den meisten Taschentüchern verschwinden ebenso urplötzlich die Thränen. Mir ist bet Vergleichung des bajnvärischen und des ober- kärntischen VolkSthums immer wieder die Parallele zwischen den klotzigen, sprungweise» Eddaliedern und dem wettern Eefüge der milderen Nibelungenlieder in den Sinn gekommen. Jedenfalls bieten sich hier allein, will man noch annähernd in den Charakter jener alten Volksdichtungen eindringen, noch die Wege. Sind eS auch schon Bäche, die eine ziemliche Zeit unter dem Sonnenlicht geflossen, so ist eS doch immer noch dasselbe natürliche, unverdorbene Wasser, das dem wilden, kalten Quell entsprungen. Recensionen nnd Notizen. Ehrhard Alb., Die altchristliche Literatur unbihre Erforschung seit 1880: Allgemeine Uebersicht und erster Literaturbericht (1880 — 1834). 8°, XX -fl 240. Frcibnrg i. Br., Herder 1894. M. 3,40. S. Was die altchristliche Literatur- und Kirchcngcschichtc betrifft, so leben wir gegenwärtig in einem Zeitalter der Entdeckungen, indem die historisch-kritische Methode der theologischen Wissenschaft ihre Triumphe feiert. Leider müssen wir gestehen, daß auf katholischer Seite mit den unter enormem Aufwand von Forschcrflech gemachten Anstrengungen protestantischer Gelehrter nicht im entfernteste» gleicher Schritt gehalten wurde. Ein Blick auf den Inhalt vorliegenden BuchcS wird diese Anklage rechtfertigen; zum erstenmal erscheint hier von katholischer Seite eine Uebersicht über das, was seit 1880 in Erforschung der altchristlichen Literatur geleistet wurde, so daß wir unS über den Stand der Wissenschaft in leichter Weise oricntiren können. Das Buch bildet das IV. und V. Heft der „Straß- bürger theologischen Studien", eines noch ganz jungen Unternehmens, das sich aber schon (im Heft I u. II) durch die erste Veröffentlichung („Natur und Wunder" von E. Müller) den Ruf oer Gelehrsamkeit in hervorragender Weise errungen hat und sich denselben auch im 3. Hefte („Barth. Arnoldi von Usingeu" von 3!. Paulus) bewahrte. Erhard's Studien gliedern sich dieser Zeitschrift würdig an; alles ist mit philologischer Gründlichkeit und mit ruhiger Unparteilichkeit erörtert. Die Einleitung bespricht die puristischen Studien der Gegenwart im allgemeinen, dann folgen 14 Abschnitte über die ältesten christlichen Literaturdenkmäler (apostol. Vater), die griechischen Apologeten, die ältesten Kirchenschriftstcllcr Kleinasiens, die ältere alexandriuische Schule, die älteren afrikanischen und römischen Schriftsteller, die großen Theologen der griechischen Kirche bis zum 5. Jahrhundert, die Vlütbezeit der kirchlichen Literatur im Abendland und die Zeit der Nachblüthe, die Kirchenschrift- stellcr auf dem päpstlichen Stuhle, die altchristlichcn Historiker, Dichter und Hymnologen, die orientalischen Kirchcnschriftstellcr, die symbolischen, liturgischen nnd hagiograpbischcn Literaturdenkmäler bis zu den letzten Vertretern der patristischcn Literatur in den germanischen Reichen. Dem reichen Belchrungsstoff folgt noch ein Rückblick und Schlußwort, das wir gewissen vorur- theilenden und „wiederkäuenden" Richtungen der heutigen Theologie recht dringend zur Bcherzigung empfehlen. Möchten wir doch nur mehr solche Gelehrte haben, wie Ehrhard I Seine Arbeit darf sich schmeicheln, jedem Theologen, namentlich dem Historiker, ein unentbehrliches Handbuch zu sein; hoffentlich wird das Werk fortgesetzt, um auf dem Laufenden zu bleiben. Longfellow H. W., Lied von Hiawatha, deutsch im Versmaß der Urschrift von F. Rouleaux. 8°. XVIII -s- 201 S. .Stuttgart, I. G. Cotta 1894. M. 2,00. -r. Der feinsinnige Literaturkritiker Al. Baumgartner ( 3 .1.) hat uns in „Longfellow'S Dichtungen" (2. Aufl., Frcibnrg 1837) ein sympathisches Bild amerikanischen DichtcrlebenS vorgeführt, aus dem gewiß jeder Leser ein gesteigertes Interesse am Sänger des Himvatha-Licdes geschöpft haben wird. Dieses bekannteste und berühmteste Werk Longfellow'S ist natürlich schon öfter in andere Sprachen übersetzt worden, sogar ins Lateinische (von Newman, London 1873) und Griechische (von Pervanoglos, Leipzig 1883), öfter auch ins Deutsche; zu den besten Ucbcr- tragungen zählt sicher die vorliegende von F. Neuleaux, die zudem bei billigem Preis tadellos ausgestattet ist. Angenehm liest sich die klare Antiqua-Schrift, welche gewählt wurde „weil die zahlreichen Fremdnamcn sich in gothischen Buchstaben gar zu gesträubt ausnehmen"; möge überhaupt die augenmörderische und krüppelhafte sogenannte „deutsche Schrift", die Schweden, Polen, Böhmen, Lithauer, Wenden, Ungarn auch hatten, aber längst aufgaben, bald aus unseren Druckereien verschwinden. Das reizende Büchlein wird gewiß dem Sang von Hiawatha, dessen Kenntniß in Amerika zur allgemeinen Bildung gehört, auch in Deutschland neue Freunde gewinnen. Spillmann Jos. (s.I.), Wolken und Sonnenschein: Novellen und Erzählungen. 12", 2 voll. S. 315 u. 313. Freiburg i. Br.. Herder 1894. (IV.) M. 4.20. 1. In eleganter Ausstattung nnd handlicherem Format (consorm dem neueren prächtigen Werk „Wunderblume von Woxindon" desselben Verfassers) erscheint hiemit die mit der dritten gleichlautende Neuauflage eines NovellcnkranzeS, der den Erzähler unter die ersten Reihen deutscher Novellisten setzt und den Leser wahrhaft erfreut und erfrischt. Die erste Erzählung „DaS ParadicSzimmer" ist ein wahres Kabinetstückchen des ge- müthvollen älteren ChrouistcntoneS; rührend „der Judenknabe von Prag" und nicht minder reizend die übrigen Geschichtchen, die den Meister künstlerischer Prosa in jeder Zeile verrathen. Hätten wir solcher Bücher nur mehr! Vielleichr interessirt es manchen Leser, zu erfahren, daß die feinsinnigen Novellen auch in'S Französische übersetzt (»XuaAss st raz-ous äs solsil: traä. xar LI. äs IwstanAes-Böäner.- 16°, xp. 239. LrnZs», 51. 6al1e- vasrt 1893) herausgekommen sind. Französ ische Volksstimmungen während des KriegeS 1870/71. Von Dr. E. Ko schwitz, Professor an der Universität Greifswald. Heilbronn, Verlag von Eugen Salzer. 132 S. O Eine sehr interessante Sammlung von Aeußerungen und Stimmungen, wie sie in verschiedenen französischen Zeitungen und Schriften von dem Zusammenballen des Kriegswettcrö, während dessen Auöbruchs und darnach laut geworden. Wer aus seinem Cäsar die Charakierzeichnung der alten Gallier kennt, ihre Leichtgläubigkeit, Schwatzsucht, ihren Leichtsinn, ihre Selbstüberschätzung, ihre Verachtung der Gegner, ihre Tollkühnheit und ihre Verzagtheit nnd Mutlosigkeit, ihre Rachsucht, ihre Nnritterlichkcit regen wehrlose Feinde, wird aus diesem Schriftchen kick überzeugen, daß der altgallische Charakter über die ihn mildernde und zugleich kräftigende fränkische Beimischung, die noch bis zum Ausgang des Mittelalters sich geltend gemacht, vollends Herr geworden ist. Die Sammlung bildet daher einen schätzbaren Nachtrag zur Kriegsliteratur, ihr kommt auch ein bleibender Werth zu. Albrecht Dürer. Sein Leben, Wirken nnd Glauben, dargestellt von Anton Weber. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 11 Abbildungen. RegenSburg, Pustet, 1894. 152 Seiten, Preis 1 M. 20 Pf. In diesem Buche gibt Lycealprosesior vr. Weber, der sich bereits in seiner Schrift über den Bildhauer Dill Niemcnschneider als tüchtiger Forscher und gründlicher Kenner der deutschen Kunstgeschichte erwiesen, ein belehrendes nnd anregendes Bild von dem Leben, deni Charakter und den Arbeiten des großen Nürnberger Meisters. Den historischen Hintergrund bildet die in vieler Hinsicht glanzvolle Zeit des ausgehenden Mittclaltcrs, in der die fränkische Metropole der Kunst und Wissenschaft so reich war an Männern von seltenen Geistesgabcn und hohem schöpferischen Können. Im ersten Bande seiner Geschichte hat bekanntlich Jansscn in wirkungsvollen Zügen uns das Leben einiger dieser Männer geschildert, so des Willibald Pirkheimer, des Johann Müller, genannt Rcgiomontanus. Der von Pastor bearbeitete siebente Band bietet zu dem dort Gesagten manche ausgezeichnete Ergänzung. In jenem Kreise großer Männer nimmt Dürer einen bedeutenden Platz ein. Er erlangte als Maler, Kupferstecher und Zeichner von Vorlagen für Holzschnitte, sowie als Verfasser praktischer Werke über Meßkunst, FcstungSbau, über menschliche Proportion u. dgl. hohen Ruhm nnd wurde von Fürsten nnd Bürgern in gleicher Weise geehrt. Unvergleichlich sind viele Kunstblätter, die sein trefflicher Stift geschaffen hat, so daß ihn gerade diescrhalb ErasmuS über Apcllcs und die Maler überhaupt stellt. Klar, treffend und für jeden objektiven Denker entscheidend sind in Webers Buch die Charakteristik des Künstlers und die Ausführungen über das Glaubensbekenntniß desselben. Der Verfasser beleuchtet und widerlegt darin die seit Kuglers windiger Behauptung in neuerer Zeit von Protestanten vielfach vertretene Ansicht, Dürer sei überzeugter Anhänger der Lehre Luthers gewesen, seine Kunst habe „wahrhaft evangelischen Charakter", Wohl gesteht der Verfasser zu, daß Dürer wie so viele andere edel denkende Männer jener viclbcwegten Zeit bei dem ersten Auftreten Luthers eine thatsächliche Reformation erhofften; er hält aber fest, daß er sich mit ihnen energisch von der neuen Lebre abwandte, als sie in Wahrheit eine Deformation und zugleich die uugcmein schädlichen Einflüsse und traurigen Folgen derselben sahen. Das Buch zeichnet sich durch übersichtliche Darstellung, durch sorgfältige Benützung des wissenschaftlichen Materielles über Dürer, sowie durch ein feinfühliges Urtheil in Fragen der Kunst und ein unbestechlich strenges und klares Urtheil in Fragen des religiösen Bekenntnisses aus. Besonderes Interesse erregt in dieser um 33 Seiten vermehrten Ausgabe die gründliche Widerlegung der fast allgemeinen Annahme einer Reise Dürers in den neunziger Jahren nach Italien und die eingehende Besprechung des in allerneuestcr Zeit bekannt gewordenen Gemäldes: „Maria mit dem Zeisig". Die 11 Abbildungen geben charakteristische Proben der Werke des großen Meisters und bilden eine schöne Ergänzung des fließend geschriebenen und lehrreichen Textes. Die hübsch ausgestattete, dabei so wohlfeile Schrift kann daher bestens empfohlen werden. _ vr. H. Reicher und mannigfaltiger als je zuvor ist Bcnzigers Marienkalcndcr für das Jahr 1895 soeben aus der Presse hervorgegangen. Text und Bilder bieten eine solche Fülle des Interessanten, Schönen und Lehrreichen, daß wir den Preis dieses Kalenders (50 Pfennig per Exemplar) als einen sehr niedrigen bezeichnen müssen. Was denselben während der kurzen Zeit seines Erscheinens so allgemein beliebt und anziehend machte, das sind vorab seine von berühmten Volköschrifistcllcrn geschriebenen vielen schönen und spannenden Erzählungen. Der diesjährige Kalender bringt sechs lange, reichhaltig illustrirte Geschichten. Als eine der schönsten bezeichnen wir die in lebhaften Farben geschriebene, wahrhaftige Geschichte von Wickmer, betitelt: „GottcS Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich sicher", dann das ergreifende Familiendrama „Franz Erlenkamp", die rührende Erzählung von Joachim „Er hatte das Beten verlernt", die hochinteressanten Erlebnisse des weltbekannten Neiscschrist- stellcrs Karl May in Kairo und Tunesien endlich die zwerchfellerschütternde Militär-HumoreSke „Der Spuk in der Kaserne". Als eine besondere Zierde des Kalenders nennen wir die Abhandlung über den allgemeinen Verein der christlichen Familie, von keinem Geringern geschrieben, als dem Senior des schweizerischen Episcopates, dem Gnädigen Herrn Bischof Egger von St. Gallen. Dieser schließt sich an „Saat und Ernte", eine Zusammenstellung von Gedenktagen aus früheren Jahrhunderten, jewcilen auf daS Jahr 95 entfallend, ferner eine illustrirte Rundschau, enthaltend die wichtigeren Begebenheiten des letzten Jahres, ein interessanter Artikel über den berühmten Wallfahrtsort LonrdeS, die Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem, Gesundheitspflege, Mahnwort an das Volk von vr. I. A. Schilling u. s. w. Wer auch die Poesie fehlt in Bcnzigers Marien- kalender nicht, da finden wir vorab das schöne Gedicht des gottbegnadigten Dichters v. Leo Fischer: „Die Jungfrau von Orleans", dann den reich illustrirte» Zimmerspruch von Ludw. Uhland, >8ursum eorlla- von L. Hensel u. s. w. Besonders hervorzuheben ist k. Alexander Baum- gartners Gedicht, welches als Text dem reichen Farbendruckbilde „Maria. Königin der Heiligen" beigcgeben ist. Unerreicht steht BenzigerS Maricnkalendcr bezüglich dcrJl- lustratiouen da. Nebst dem schon genannten Chromobilde begegnen wir einer großen Anzahl feinster, ganzseitiger Holzschnitte ernsten und humoristischen Inhaltes; wir können sie nicht alle aufzählen, dagegen sind Bilder wie „Die heilige Familie" von Nhoden, „Beim Klang der Abendglocke", „Die Jungfrau von Orleans auf dem Scheiterhaufen", „Die heilige Messe in der Neformationszcit" von Feuerstein, „Die Aufschneider" und „Die Cigarrcnprobe" von Flashar, gerade entzückend, wenn nicht unübertrefflich. Kurz und gut, „BenzigerS Marienkalender" ist ein Unikum, welches wir Jedermann bestens empfehlen können, umsomebr, als, wie schon oben bemerkt, der Preis desselben mit Rücksicht auf das Gebotene ein spottbilliger zu nennen ist. Gustav Durch ard: Hans Sachs-Dramer»: nebst einem Testspiel, Berlin, F. Fontäne L Co. Preis 1 Mk. Es ist ein verdienstvolles Unternehmen das Repertoire der ! modernen Bühne durch pietätvolle Bearbeitung dramatischer i Dichtungen Hans Sachs' zn bereichern. Die vorliegende Ausgabe dürfte geeignet sein, zu überzeugen, daß Hans Sachs nicht nur als „Vater der deutschen Bühnendichtung" ein litcrar-historisches Interesse für uns haben sollte, sondern daß die lebendige Kraft, die in seinen dichterischen Werken ruht, sich auch noch heute bewährt. — Die hier zusammengestellten Stücke zeigen uns den Meister von der ernsten und heiteren Seite. — Eingeleitet wird das Werk durch ein Testspiel. Diese Arbeit Gustav Burchards erscheint rechtzeitig zum vierhuudertsten Geburtstag Hans Sachsens und ist durch den liebenswürdigen Inhalt und den Prächtig getroffenen Ton jener Tage wie geschaffen zur „SachS-Feier". ES ist im Rahmen eines kurzen AkteS gehalten, um dem Nürnberger Meister dann selbst, als dem würdigsten Fürsprecher seiner unvergänglichen Verdienste nur die deutsche Dichtung und ihre Pflcgcstättcn, daö Wort zu geben. _ Linzer thcol.-praktiscbe Quartalschrift. Jahrgang 1891. Expedition: Linz, Stiftcrstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 3. Heftes u. A.: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von ?. Albert Maria Weiß 0. vr. — Ehcdispenscn im inneren Forum. Von Dompropst Dr. Johann Pruner in Eichstätt (Bayern). — Die Thorheit der Gotteslcugnung. Von Professor Augustin Lehm- kubl 8. 9. in Exaeten (Holland). — Daö Rundschreiben Leo's XIII. über das Studium der hl. Schrift, Von Professor vr. Philipp Kohout in Linz. — „Der CapitaliSmus ün äs sisolo," Besprochen von Graf Sylva-Tarouca. — Wie kann der Seelsorger zur Beseitigung des Pricstermaugels mitwirken? (Schlußartikel,) Von Frz. BartbolomäuS in N. — Heiligenpatronate, (Dritter Artikel,) Von k. v. II. — Marian- ischeS Nicdcrösterrcich. Von Pfarrer Josef Maurer in Deutsch- Altenburg. — Pastoral - Fragen und -Fälle: 1) Ehelich oder uncbelich? Von Dr, Rudolf v, Scherer, Uuivcrsitäts-Proiessor in Graz. 2) Gewinn im Spiel mit fremdem Geld und Nesti- tutiouSpflicht. Von Josef Weiß, Professor in St. Florian. 3) Darf an einem Altar, an welchem daö Allcrheiligste ausgesetzt ist, cclcbrirt und die hl, Communion ausgetheilt werden? Von v. Bernard Schmid 0. 8, L. in Scheycrn, Bayern. 4) Winke für Katecheten. Von Dr. Joh. Ackert, Professor in St. Florian. 5) Wie können die bei den Mcßgebetcn begangenen Fehler oder Verstöße verbessert werden? Von vr, I. N i g l u t s ch, Professor in Trient, 6) Ausstellung des TrauungSschcineS bei Trauungen per äsIsZationew. Von Franz Niedling u. s. w. — Literatur. — Erlässe und Bestimmungen der römischen Kongregationen. Zusammengestellt von ?. Bruno Albers 0. 8. L. in Beuron, — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sachen der Ablässe. Von v. Franz Beringer 8, ll., Con- sultor in Rom. — Bericht über die Erfolge der kathol. Missionen. Von Joh. G. Hubcr. — Kirchlich-socialpolitische Umschau. Von v, A. M. Weiß 0. vr. — Kurze Fragen und Mittheilungen. Sonntagskalen der für Stadt und Land. (Kalender für Zeit und Ewigkeit.) 1895. Mit vielen Illustrationen und einem Titelbild von Joseph von Führich. (52 S. Text.) Mit und ohne Calendarium. 30 Pf. Freiburg im Breisgau; Herdcr'sche Dcrlagshandlnng. 1894. Zur gewohnten Zeit hat sich der Sonntagskalender eingestellt, der nun zum 35. Mal seine Einkehr in Tausende katholischer Familien hält. Weder an innerein Gehalt noch an der äußern Ausstattung ist der neue Jahrgang hinter seinen Vorgängern zurückgeblieben. Belehrendes, Unterhaltendes und Erbauendes finden sich hier in reicher Abwechslung, lind viele recht schöne Bilder sind in den Text eingestreut. Aus dein reichen Inhalt erwähnen wir: die gemüthvolle Erzählung von Sebastian Thalhuber: Der krumme Boten-Alexi. (Mit Bild.) — vr. Friedrich JustuS Schlecht, Weihbischof von Freiburg. (Mit Bild.) — Gesühnt. Erzählung von Antonie Jüngst (schildert das Schicksal eines den Anarchisten in die Hände gefallenen ArbeitcrS). (Mit 4 Bildern.) — Cardinal Steinhuber und das römische Collegium Gcrmanicum, (Mit 2 Bildern.) u. s. w. — Eine» nicht zu unterschätzenden Vorzug des „SonntagSkalenders" bildet auch der billige Preis von nur 30 Pfennig, der dessen weiteste Verbreitung unter dem katholischen Volke ermöglicht. Berantw, Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. N,-. 39 M Mgsmlrger M, 27. Keptdr. 1894. De Rossi 1°. * Wie schon gemeldet, ist der berühmte Archäologe und Epigraphiker G. Battista de Nossi gestorben. Die „Deutsche Neichszeitung" gibt ein Lebensbild desselben, dem wir entnehmen: De Rossi war geboren am 23. Februar 1822 in Nom, erhielt daselbst auch seine gelehrte Bildung. Den archäologischen Studien zugewendet, veröffentlichte er seine ersten Arbeiten in gelehrten Zeitschriften. Er behandelte zunächst vornehmlich die christlichen Inschriften des 1. Jahrhunderts und richtete dann sein Augenmerk auf die gründliche Erforschung der römischen Katakomben. Die epochemachenden Ergebnisse seiner Forschungen liegen vor in den Werken: »InsorixtionW cstristiallÄS urdis Ilornus scxtirao scculo untiquiorW" (Nom 1857 ff.); „Horn«, Zvttcrunca, cri8tig.ua>" (das. 1864—67. 2 Bde. mit Kupfern; deutsch von Kraus, Freiburg 1872 ff.; auch ins Französische und Englische übersetzt); „>lu8gioi oristiaui" (Aus den Basiliken Roms, Nom 1872 ff.). Anderes von ihm enthält da? „LoUctino äi ^rostcoloßig cri8tigng", das er seit 1863 selbst herausgab. Rossi war Professor an der Universität zu Nom und Mitglied der koutikeig ^coaciciuiL ä'grcstevIoZig sowie gelehrter Gesellschaften des Aus- landes (seit 1877 auch Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien). Der Höhepunkt der wissenschaftlichen Thätigkeit de Rossi's sind unbestitten seine Katakombenforschungen, denen er sich als Schüler des hochverdienten Jesuitenpaters Marchi, des wissenschaftlichen Begründers der modernen Forschung auf diesem Gebiete, hingab. Die Erfolge de Rossi's sind geradezu beispiellos, und sie wurden errungen durch eine erstaunliche Gelehrsamkeit, gepaart mit Bienenfleiß und großer Geschicklichkeit. De Rossi verstand es auch, Papst Pius IX. für seine Sache zu interessiren, der für die Aufdeckungsarbeiten eine besondere Commission ernannte und jährlich die Summe von 18,000 Franken dafür spendete, eine Spende, die von seinem hochherzigen Nachfolger Leo XIII. fortgesetzt wird. Infolge solcher Unterstützung war es denn dem großen Forscher gelungen, nach und nach innerhalb 40 Jahren folgende Katakomben mit ihren werthvollen Kunstschätzen auszu- graben: die Coemeterien des hl. Callistus und des hl. Praetextatus an der appischen, der Domitilla an der ardeatinischen, der Priscilla an der salarischeu, der hl. Agnes und das Ostrianum an der normentanischen, des Pontianus an der portuensischen Straße. In den oben angeführten Werken sowie in einer großen Anzahl kleinerer Schriften sind die Resultate dieser Forschungen niedergelegt. Ein großes Verdienst de Rossi's besteht auch darin, daß er es verstand, jüngere Kräfte für die Sache der christlichen Archäologie zu begeistern, zur Mitarbeit heranzuziehen und so eine Anzahl begeisterter Schüler heranzubilden, die das von ihm begonnene Werk fortzusetzen fähig waren. So gehörten zu seinen Mitarbeitern die berühmten Archäologen Stevenson, Maruchi, Arminelli u. a., nicht zuletzt sein Bruder, der fleißige und als Geologe berühmt gewordene Michael de Nossi. Seit 1875 gründeten Nossi und der bedeutende Forscher P. Bruzza regelmäßige archäologische Conferenzen, denen 1878 eine andere noch wichtigere Gründung unter Beihilfe mehrerer jüngerer Archäologen folgte: das LvIIsZium Lultorura mar- t^ruw, das seine Schola im Hospiz des deutschen Ouiuxo srrnto erhielt. Diese Stiftung, welche errichtet war, um die Verehrung der Märtyrer an ihren ursprünglichen Ruhestätten zu erwecken und zu beleben, wurde dann erweitert durch die Gründung eines Priestercollegiums für archäologische und archivalische Studien, welches auch jungen deutschen Gelehrten Gelegenheit bot, sich in die Katakombenforschung zu vertiefen. Die Herausgabe der „Römischen Quartalsschrift" seit 1887 war ebenfalls eine sehr glückliche Unternehmung, die es den Gelehrten ermöglichte, im Verein mit anderen Forschern die Resultate ihrer Forschungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. So hat de Nossi in seinem unermüdlichen Eifer, seiner rastlosen Arbeitskraft und seinem großen Forschergcnie die archäologische Wissenschaft auf eine bishcran ungeahnte Höhe erhoben und das Feld der Forschung auf diesem Gebiete großartig erweitert. Manche unserer Leser, die in Rom waren und einem Feste der Oultorrrm Nrrrt^rurn in den Katakomben beigewohnt haben, werden sich noch des berühmten katholischen Gelehrten erinnern, wenn er, nachdem das Hochamt auf den Gräbern der Heiligen vollendet, in irgend einer mit Kränzen geschmückten, durch Wachskerzen geheimnißvoll erleuchteten Katakomben-Kapelle stehend, die auf das Fest bezügliche Rede hielt. In eine Ecke gedrückt, das schwarze Käppchen auf dem Haupte, sprach er dann in fließendem Französisch in steigender Begeisterung zu den aus allen Weltgegenden versammelten Fremden über den Heiligen des Tages, wissenschaftlich, religiös erhebend. Man hörte nicht nur den Gelehrten, sondern auch den kindlich gläubigen frommen Christen. Sein Privatleben war rein, einfach und schlicht, sein Benehmen geradezu demüthig, weit entfernt von dem Professoren- Hochmuth, der sich in unseren Tagen breit macht. Den Deutschen war er sehr zugethan, er stand in regem Verkehr mit den deutschen Archäologen, die sich in Nom aufgehalten, und Männer, wie Msgr. Wilpcrt in Nom, Msgr. Kirsch, Professor in Freiburg i. Schw., und Professor Dr. Ehrhard in Würzbnrg könnten Manches von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit erzählen. Die Wissenschaft hat einen großen Mann verloren, wir trauern ihm nach um so mehr, weil er einer der Unsrigen war, aber wir freuen uns zugleich, weil wir ihm den Lohn, den er jetzt im Jenseits genießt, von Herzen gönnen. Er hat, so weit wir menschlicher Weise urtheilen können, die Krone des Lebens durch treue demüthige Arbeit verdient, k. I. k. Einfluß der Kunst auf den Gang der Weltgeschichte. Von Dr. I. N. Sepp. „Eine Religion, welche auf Kunst verzichtet, kann unmöglich die wahre sein." Dieß war die Meinung des großen Kunstmonarchen König Ludwig I., welcher sich vor allen darum den Griechen zuwandte; denn die Hellenen sind das geborne Kunstvolk, die eigentliche Nation der Künstler. Ihnen ist vor andern der Schönheitssinn aufgegangen, und kein Stamm hat sein geistiges Kapital höher auf Zinsen angelegt. Gleichwohl hat die Kunst sie kaum vor dem Untergänge gerettet; denn sie stießen mit den bilderfeindlichen Persern, fanatischen Arabern und bildungslosen Türken zusammen, und verschwanden nach dem Untergang ihres Reiches bis auf einen kleinen 306 Rest, der unter unseren Augen wieder staaisbildend auftritt. Bildung leitet sich ab von Bild: die Sprache selber verräth mithin die Kunstaufgabe, und daß mit dieser Pflege die Nohheit abgelegt sei; nicht allein Sprachkenut- rüß und Büchergelehrsamkeit genügen, um für vollkommen gebildet zu gelten. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, sagt die Schrift. Daraus entnehmen die Künstler das Recht, die Gottheit auch menschlich darzustellen. Prometheus hat den Anthropos, d. h. den aufwärts Schauenden (nach Lassanlx' Erklärung), aus Thon gebildet und ihm durch das Licht von Oben Vernunft verliehen. Dädalus gilt für den ersten Werkmeister und Künstler in Stein, Holz und Thon, er hat die Figuren schreitend gemacht, die primitiv bei den Aegyptern geschlossene Füße zeigen. Pygmalion gestaltete die Göttin der Schönheit so leibhaft menschlich, daß das Ebenbild Leben gewann. Die Pflege der Kunst wird den Hellenen zur Religion, dagegen erwacht bei den nicht so künstlerisch veranlagten Stämmen die Eifersucht, es möchte das Gebilde von Menschenhand statt des Urbildes, welches im unzugänglichen Lichte wohnt, die Verehrung auf sich ziehen und zugleich die Vielgötterei Platz greifen. In diesem Glauben faßten zuvörderst die Semiten tödtlichen Haß gegen alle Bilder, sie sprechen nicht einmal den göttlichen Namen aus, haben auch kein Wort für Kunst und wenden nur dem Ewig-Einen, von aller sinnlichen Vorstellung abstrahirend, ihr Augenmerk, ihre Andacht zu. „Die Götter der Heiden sind Dämonen", betheuert der Psalmist 96, 5. Diese jedem religiösen Kunstwerk, wenigstens der menschlichen Skulptur entgegengesetzte Richtung ruht aber nicht, sondern verursacht Glaubenskriege von den ältesten Zeiten her. Vor allem ist es die Kunst, oder sagen wir die Anfeindung der Kunst, welche auf den Gang der Weltgeschichte unglaublichen Einfluß übt. Knnsttrieb führt zur höheren Cultur, Abneigung hält den Rückfall in Barbarei nicht auf. Die Vernachlässigung der idealen Güter hat sich noch jederzeit gerächt und einen Rückschritt im Volksleben zur natürlichen Folge. Es wäre unrecht, den Kindern Sems zum Vorwurf zu machen, daß sie das leere, farblose Ideal festhielten und jede materielle Darstellung verabscheuten. Die Arier sind die praktischen Realisten, aber merkwürdig waren es vornehmlich die Magier oder Anhänger Zoroasters, die Perser, also Stammesbrüder der Germanen, in welchen der Fanatismus wider die Kunstvölker am heißesten entbrennt. Der Inder nennt den Himmelsgott äsva, worin auch äsus, Zeus und der deutsche Ziu wurzelt. Aber das Volk von Jram, dem Lichtlande, gebraucht gegensätzlich än? für den bösen Geist, und Typhon, Typhoel entwickelt sich zu unserem Teufel. Der Eingott- gläubige bleibt nicht für sich orthodox, er fühlt die Verpflichtung, gegen die Polytheisten oder Völker, welche Bilder erschaffen, als Götzendiener feindselig aufzutreten, und er zieht im Namen Gottes zur Unterwerfung, wo nicht Bekehrung der Gottesfeinde aus. So bricht Cambyses im Lande Mizraim, Aegypten, ein und wirft die Götter des Volkes nieder, mit welchem schon Israel weder Gemeinschaft des Tisches und Bettes, noch Grabes pflog. Er ersticht mit eigener Hand das wandelnde Gottesidol, den Apis zu Memphis, wie die Könige von Juda ob der Stierkälber dem Reiche Israel Rache geschworen halten. Allerdings brachte die Lehre von der Seelenwanderung bei den Aegyptern mit sich, daß ihre Tempel im Delta eigentlich Menagerien glichen, oder, was Plutarch so auffallend findet, Thiere aller Art im Innern hinter Käfigen zu sehen waren. Allein die Gottheit strafte den Frevel, denn in Ekbatana, wo dem Sohne des Cyrus zu sterben bestimmt war (so hieß indeß auch ein Ort am Karmel), rannte sich der Herrscher, indem er zu Pferde stieg, sein Schwert ebenda in die Seite, wo er den Apis getroffen. Die Verfolgung erneuerte sich jedoch unter Darius Ochus. Aber nicht weniger galt der Ankampf der Jranier den Joniern, wie der Orientale, von Hiudostan angefangen, noch heute alle Hellenen (Djuni) nennt. Schon Darius Hystaspes, der den Feldzug unter Cambyses gegen Aegypten mitgemacht, unternahm den Rachekrieg wider das Jnselvolk. Nachdem dieser mißglückt war, brach sein Nachfolger Xerxes mit einem ungeheuren Heere wider Griechenland auf, zerstörte alle Götterbilder und Tempel, selbst den auf der athenischen Akropolis, und schonte nur Ein Heiligthum, nämlich jenes zu Delos, weil hier das ewige Licht als reinstes Symbol der Gottheit brannte und alle Städte regelmäßig im Frühjahr das heilige Feuer vom Altare holten, um vom Centralfeuer die lautere Flamme im Tempel und am häuslichen Herde zu erneuern. Ahura Mazda offenbarte sich ihnen eben im Lichte, welches auch im Eingang des Johannesevangeliums aus Gott leuchtend der Urquell alles Lebens heißt. Ich greife dem Gange der Dinge vor, wenn ich Bezug auf die christliche Zeit nehme, wo die Perser unter Sarbarazes, dem Feldherrn des Chosru II. Parwiz, 614 in Palästina einbrachen. Lassen wir Gibbon das Wort: „Die Eroberung von Jerusalem hatte schon Nushirvan vor, der Eifer seines Enkels vollbrachte sie. Der unduldsame Geist der Magier drang mit Ungestüm auf die Vernichtung des stolzesten Denkmals der Christenheit, dazu half ihm der wüthende Fanatismus von 26,000 Mosaischen (aus Galiläa)." Sie zerstörten nicht nur den von Constantin erbauten Tempel des heiligen Grabes nebst der Justinianischen Marienkirche, sondern man legte ihnen auch die Niedermetzlung von 90,000 Christen zur Last. Merkwürdig machten sie mit der Anastasis oder Auferstehungskapelle eine Ausnahme, wie dort mit Delos, weil darin der Feuercult herrschte, d. h. wie noch heute am Tage vor Ostern das Licht vom Himmel kommt, oder in Erinnerung an die Erfindung des Feuers zur Mittheilung an die Gläubigen aufgefrischt wird. Die Bekenner der Lichtlehre treten als Puritaner in der Geschichte auf, aber am Wendepunkt der Zeiten erscheint der Stifter der Weltreltgion als Protektor der Künste. Er ist auch darin, bisher ungeahnt, der große Faktor in der Weltgeschichte. Dieselben Heere des Königs der Könige erschienen auch vor dem christlichen Edessa. Die Armenier, unsere Stammverwandten, zählen nämlich zu den ältesten Christen, sie sind die ersten Arier, welche der Religion Jesu sich zuwandten. Wir lesen im Evangelium Johannis 12, 20 f. gelegentlich des Triumphzuges der Galiläer mit der Palmenprocession: „Es waren aber auch einige Hellenen «ach Jerusalem zum Feste hinaufgekommen, und sie begehrten Jesum zu sehen." Moses von Chorene beurkundet in seiner Geschichte Armeniens im fünften Jahrhundert, es seien Armenier gewesen, welche dem Herrn im Namen ihres Fürsten Abgar 307 von Edessa einen Asylantrag überbrachten. Die syrochal- däische Version nennt sie Aramäer. Fürwahr! Bereits der Kirchenhistoriker EusebiuS hat aus den Archiven von Edessa einen Sendbrief Abgars an Christus und das Antwortschreiben übersetzt, wovon ersterer die syrische Jahreszahl 340 enthält. Diese entspricht ausfallend dem wahren Todesjahre Christi 782 n. o. Die Legende fügt nun hinzu, es sei zugleich ein Maler mit bei der Gesandtschaft gewesen, beauftragt, das Bild des großen Propheten aufzunehmen. Da habe Christus sein Angesicht auf die Leinwand abgedrückt — wie das gleiche von Veronika oder der Herodierin Berenike verlautet, welche Jesu am Kreuzwege ihr Schweißtuch überreichte. Dieses Antlitz des Weltheilands, heißt es, hätten die Vertheidiger Edessas den Persern entgegengehalten und so ihre Stadt gerettet. Dasselbe ging in das Königswappen von Georgien über, und es existiren davon taufende von Abdrücken unter dem Namen « 7 «)^« «nicht von Menschenhand geschaffenes Bild". WaS ist der Sinn dieser Meldungen und welche Lehre haben wir daraus zu ziehen? Der Herr selbst tritt hiemit als Protektor der Maler auf; damit war dem kunstfeindlichen zweiten Gebote MosiS abgesagt und das Herz den knnstliebenden Hellenen zugewandt. Im Gefolge des Paulus geht Lukas der Maler, der Hellene aus Autiochia, welchen van Ehk mit seinem unvergleichlich schönen Gemälde in unserer Pinakothek wohlverstanden als den ersten Meister eines Madonncnbildes darstellt, um anzudeuten, daß der starre Judaismus im Christenthum gebrochen und den Hellenisten in der Kunst das Feld eröffnet war. Ein Wendepunkt in der Geschichte war schon vorher eingetreten. Was die Kunstfeinde unter den Japhetiden gesündigt, haben sie auch gebüßt. Alexander der Große schritt als Welteroberer in Asien und Aegypien vor, und pro- klamirte die Freiheit aller Culte. Damit gewann er die Herzen der Völker, sie richteten ihre Tempel und Götterstatuen wieder auf, und der Bildersturm der Perser hat hauptsächlich zum Untergang ihres Reiches geführt. DaS Volk kann und will sich, je größer die Religiosität, von mythologischen Vorstellungen nicht trennen, dieß haben schon die Propheten deS alten Bundes erfahren, indem sie vergebens wider den siderischen Dienst ankämpften. Der Mensch ist nicht bloß Geist, sondern Geistleib, und alle Allegorien wollen nur sichtbare Verkörperungen des Geistigen und Göttlichen sein. Dieser Empfindung folgten die alten Griechen, wie mit aller durchdachten Virtuosität ein Naphacl und Buonarotti. Es gibt dabei kunstfreundliche wie -feindliche Naturen und Nationen. Der Bilderdienst lebte mit der Hellenenherrschaft in Asien wieder auf. Das junge Christenthum, so lange es judaistisch war, erwies sich gegen die Kunst abstoßend, ja wir hören die laute Klage gebildeter Heiden, eine neue Barbarei sei damit hereingebrochen. Die Wunderwerke der Bildhauerkunst, wie die Venus von Mtlos, wurden vor der drohenden Zerstörung in einen Keller geflüchtet und blieben bis auf unsere Tage vermauert. Die Gruppe des Laakoon verbirgt sich in einem Gewölbe des Hauses von Titus und ist verschollen, bis der Tag der Auferstehung nahte und de Fredis, der Weingärtner, es 1506 in einer Nische entdeckte, worauf das größte Kunstwerk in Rom (mit Plinius zu reden) im Triumphe, von Cardinälen besungen und begleitet, nach dem Vatican übertragen ward. Die Zeit der Renaissance oder Wiedergeburt der alten, wesentlich hellenischen Kunst war zum zweitenmal herangebrochen und die Jahrhunderte überwunden, wo ein Walafried Strabo aufgefundene und ausge- grabene Statuen für versteinerte Menschen halten durfte. Wie feindselig aber ging von Anfang herein z. B. der Judenchrist Epiphanius-Vor, welcher in rasender Unduldsamkeit die erste Ketzergeschichte verfaßte! Als er auf Cypern einen Vorhang mit eingesticktem Bilde, wir sagen Gobelin, in der Kirche traf, riß er ihn in Stücke. Er begriff nicht, daß der Stifter des neuen BundeS uns vom Joche des alten Gesetzes und seiner AuSschließ- lichkeit erlöst hat, und schon darum den Namen Erlöser verdient, weil er aus Juden und Heiden Ein Volk, Eine Gottesgemeiude machte. Stephanus, der erste Mariyr, ging als Zeuge für die Verwerfung des Judaismus oder Antihellenismus, wie die Apostelgeschichte 6 , 14. 21, 28 ausführt, in den Tod. Leider wollen die meisten Gottesgelchrten dieß noch heute nicht begreifen, und die kühlen Philosophen huldigen als Nominalisten bloßen Gedankendingen. (Schluß folgt.) Ein Work über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) L. H. Eine so unbedingte Verehrung wird indessen kaum vorkommen; wenigstens ist sie bei näherer Kenntniß des Alterthums und bei besonnenem Nachdenken nicht möglich. — Häufiger und wohl zu häufig ist es dagegen der Fall, daß der Standpunkt und die Anschauungsweise der Alten nicht näher ins Auge gefaßt, sondern mit Gleichgültigkeit Übergängen wird. — Der vorkommende Inhalt wird dann mehr mit dem Gefühle aufgefaßt; es bleibt ein Tvtaleindruck in ihm zurück, den gewisse Werke oder Stellen der Lectüre auf dasselbe gemacht haben. Und da man zur geistigen Anregung und Belebung der studierenden Jugend gewöhnlich von jedem Schriftsteller vorzugsweise dasjenige liest, was einen wichtigen Stoff, großartige Charaktere, ruhmvolle Thaten, hohe Ideen u. dgl. enthält, da ferner dieser Inhalt in den Werken der Alten fast ohne Ausnahme in einer sehr anziehenden und ästhetisch-schönen Form dargestellt ist, da endlich das Alterthum als solches gerne die Gegenstände in demselben Maße, als sie der Zeit nach ferne liegen, nnS größer, herrlicher und ehrwürdiger erscheinen läßt: so ist der Eindruck auf das empfängliche Gemüth der leicht zu begeisternden Jugend um so stärker, tiefer und nachhaltiger. Die meisten dieser Eindrücke sind jedoch der Art, daß sie einen guten Einfluß auf die Erziehung der Jugend ausüben, besonders bei solchen Jünglingen, die, dem guten Zuge der Natur folgend, sich vom Edlen und Großen mächtig angezogen fühlen. Weil aber der Standpunkt der Alten in den wichtigsten Punkten so vielfach von dem unserigen abweicht, so ist doch nicht vorauszusetzen, diese unmittelbaren Eindrücke seien immer und jedesmal so beschaffen, daß der Studierende von selbst auf dem rechten Wege erhalten oder auf denselben hin- geleitet wird. Gewöhnlich hat jeder Standpunkt auch irgend eine Lichtseite, selbst wenn er im ganzen genommen entschieden zu verwerfen ist. Je mehr nun diese Lichtseite durch die Kunst der Sprache ausgeschmückt und hervorgehoben wird, desto mehr Anhänger gewinnt jener 308 Standpunkt; am meisten macht er sein Glück bei den s Unerfahrenen, also bei der Jugend, welche nicht selten, durch Scheingründe geblendet, dahin gebracht wird, daß sie mit dem besten Willen und redlichsten Streben nach Wahrheit auf den Weg des Irrthums geräth in der Meinung, sie habe glücklich das Wahre gefunden. Man muß zugeben, daß ein Schüler durch gewisse Erscheinungen in der Geschichte der alten Republiken auf irr- thnmliche Voraussetzungen und aus Abwege gerathen kann, wenn er nicht zugleich die weit umfangreichere Schattenseite jener Einrichtungen ins Auge fassen und vorübergehenden Glanz von wahrem und dauerndem Glücke unterscheiden lernt. Es ist nur zu häufig der Fall, daß man bei dergleichen Beurtheilungen von den inneren Zuständen und Gebrechen absieht und einzelne große Thaten nach außen, ruhmvolle Siege in blutigen Schlachten u. dgl. zum Maßstab der guten Einrichtung, der Blüthe und Wohlfahrt eines Staates nimmt. Wenn man die Gegenstände aber nicht nur obenhin kennen lernt, wenn man sich nicht mit zufälligen Eindrücken, die nichts als ein dunkles Gefühl zurücklassen, begnügt, wenn man die Dinge etwas genauer anschaut, so wird das Resultat ein ganz anderes sein. Wir wollen zu zeigen versuchen, daß das politische Leben und das Schicksal der alten Republiken, wie es uns in der klassischen Lektüre da und dort vor Augen tritt, eine so starke Schattenseite darbietet, daß es entschieden mehr abstoßen als anziehen muß, folglich bei richtiger Auffassung mit der Erziehung in monarchischen Staaten nicht im Widerspruch steht. In religiöser Beziehung ist zwar keine große Begeisterung für den Glauben der alten Griechen und Römer und nicht leicht eine Berauschung der christlichen Lehre mit den religiösen Ansichten der Heiden zu befürchten; man müßte denn auf geistigem Gebiete den Waffentausch jenes Glaubens versuchen, von dem Homer (II. VI., 234 sagt, daß er, von Zeus mit Blindheit des Geistes geschlagen, seine goldenen Waffen gegen die ehernen des Diomcdes vertauscht habe. Allein auch hier kann eine verkehrte und indifferente Behandlung der Klassiker nachiheilig fein. Wenn der Unterschied des Christenthums vom Heidenihum dem Schüler nicht vollständig zum Bewußtsein kommt, wenn der schroffe Gegensatz nicht als solcher klar vor seinen Geist tritt und sich dem Gemüthe tief einprägt, wenn der Studierende einzelne Männer des Hcibcnthums wegen der Weisheit und moralischen Größe (in ihrer Art) bewundert und bei angestellter Vergleichung über manchen tiefstehcnden Christen stellen muß, so ist es, wenn auch nicht immer wahrscheinlich, so doch wenigstens möglich, daß dadurch der Grundsatz des Jndifferentismus: es komme nicht auf den Inhalt des Glaubens, also nicht auf die richtige Erkenntniß des höchsten Wesens und seines Willens, sondern lediglich und allein auf die Handlungen an, all- mählig Eingang findet. Der Umstand, daß der Heide durch den göttlichen Lichifunken der Vernunft ein gewisses Maß von Erkenntniß erlangen und bei gutem Willen in Mancher Beziehung tugendhaft sein kann, der Christ dagegen vermöge seines freien Willens das Licht der Offenbarung fliehen, schlecht handeln und überhaupt die dargebotenen Hilfsmittel verschmähen oder mißbrauchen kaun, dieser Umstand gilt den oberflächlichen Geistern für einen Beweis, oaß es zuletzt gleichgültig sei, ob man dem Christenthum oder Heidenihum angehöre, daß alle Religionen unvollkommen und insofern einander so ziemlich gleichzustellen seien u. f. w. Es tritt dabei nun freilich niemand förmlich zum Heidenihum über, niemand läßt sich einfallen, den Zeus oder die Pallas der Griechen und Römer anzubeten. Aber indem man sich dem bequemen Jndifferentismus in die Arme wirft, aus den verschiedenen Ansichten und Neligionslehren überall das Angenehmste und Schmackhafteste für sich auswählt und so sich seine Religion selber bildet, hat man den Glauben an die göttliche Autorität des Christenthums als der allein-wahren Religion für sich abgethan, und insofern man dabei nichts Festes, nichts Positives mehr unter den Füßen hat, steht man auf dem unsicheren und schwankenden Boden des Heidenthums. Der Unterschied des modernen und antiken Heidenthums ist nur dieser, daß der alte Heide sich seine Religion selbst schaffen mußte, weil er nichts Positives, keine göttliche Offenbarung als Norm seines Glaubens hatte, und dabei auf den irrigen Glauben an viele Götter, auf Polytheismus, verfiel, der moderne Heide aber sich seine Religion mit Umgehung des positiv Gegebenen selbst schaffen will und dabei zwar nicht zum Glauben an viele Götter kommt, aber allzu leicht in Unglauben und Atheismus verfällt oder noch allenfalls ein höchstes Wesen annimmt, das ihm jedoch keinen bestimmten Inhalt hat, alles und im Grunde nichts ist. Daß zu dieser Verirrung ein verkehrtes und mangelhaftes Studium des heidnischen Alterthums etwas beitragen könne, ist oben bereits zugegeben worden. Und wenn man erwägt, daß der Unglaube seinen Hauptsitz gerade in dem gebildeten Stande aufgeschlagen, bei dessen Erziehung besonders der Gymnasialunterricht mit den klassischen Studien zur Grundlage dient, wenn man ferner bedenkt, daß man in den neuen Literaturen, die deutsche keineswegs ausgenommen, eine ganze Sint- fluth von unchristlichen und antichristlichen Schriften findet, die uns nebenbei vielfach die Ueberzeugung gewinnen lassen, ihre Verfasser seien in Bezug auf die Behandlung des Stoffes, auf Sprache, Wissenschaft und Kunst Schüler der alten Griechen und Römer und unterschieden sich auch im religiösen Standpunkte wenig oder nicht von den heidnischen Philosophen, stehen vielleicht an Interesse für religiöse Wahrheit noch eine ziemliche Stufe unter der besseren Klasse heidnischer Forscher: so möchte man im ersten Augenblick wohl versucht sein, zu glauben, das Unchristliche und Irreligiöse, welches man häufig in dem Stand der sogen. Gebildeten und Studierten, Gelehrten und in vielen Schriftstellern des christlichen Zeitalters wahrnimmt, sei ganz die natürliche Folge der altklassifchen Studien. Wenn wir die Sache aber näher betrachten und nns überzeugen, daß einerseits bei Vielen gleichzeitig frommer Christenglaube und fleißiges Studium des heidnischen Alterthums ohne Widerspruch neben einander vorhanden sind, und anderseits jener unchristliche Sinn so vielfach ohne die Kenntniß des Alterthums vorkommt und sich überhaupt am liebsten mit oberflächlicher und halber Bildung paart, so müssen wir sowohl von der Annahme abgehen, daß die Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern an und für sich naturgemäß ein Abnehmen des christlichen Glaubens zur Folge habe, als auch müssen wir die Hanptquclle des Unglaubens und der Trennung vom Positiven anderswo suchen. Wir finden sie in dem Streben der Menschen, jede Autorität, jede feststehende Norm, jede bindende Vorschrift von sich zu weisen. Wir finden sie in dem Princip der sogen. Aufklärung, welches darin besteht, nur dasjenige für wahr zu halten, was der menschliche Geist entweder selbst erfunden oder doch als etwas Vernünftiges begriffen und als etwas Wahres anerkannt hat. Dieser zunächst von den Philosophen aufgestellte und festgehaltene Grundsatz hat wegen seiner temporären Annehmlichkeit für die Praxis schnell eine große Popularität erlangt. Hier liegt der Krebsschaden, hier die Quelle des Unglaubens, nicht aber in den alten Klassikern, die auch in der Blüthezeit des christlichen Glaubens Wohl ohne Nachtheil gelesen wurden. Nicht auf den Gymnasien wird der Grund zum Unglauben gelegt, sondern in den Hörsülen der modernen Philosophie und durch die Lectüre der auf dem obengenannten Princip beruhenden Schriften der Neuzeit. Diese sind die wahre Pflanzschnle des Jndtfferentismus und der Religionslosigkeit. Sie sind um so gefährlicher, da sie vielfach christlich zu sein scheinen und das wahre Licht des ächten Christenthums zu verbreiten vorgeben. Der Leser glaubt christliche Wahrheiten vor sich zu haben und hat dafür ein Product des seichten Nationalismus. Anders ist es mit den Schriften der Heiden in der Hand des christlichen Lesers; hier haben wir doch das Kind unter seinem rechten Namen, wir haben das pure Product eines Menschen, wir wissen vornweg, daß wir die Meinungen, Ansichten und Vorstellungen eines Heiden vernehmen. — Soviel sei hierüber bemerkt, und wollen wir erst zusehen, was wir in politischer Beziehung in den Klassikern finden^) und nach dem vorhandenen Stoff aus ihnen lernen können und müssen, wollen auf obigen Punkt später wieder zurückkommen. (Fortsetzung folgt.) Bergwerksvcrwaltrmg der Römer. (Schluß.) Die Prokuratoren waren keine höheren Beamten; es waren meistens frühere Sklaven, spätere Freigelassene, welche diesen Posten bekamen. Ihr Hauptgeschäft war, für die günstigste Ausnutzung der kaiserlichen Domänen zu sorgen. Sie hatten keine richterliche Gewalt, nur in einem Falle konnten sie einschreiten und selbst Aus- weisung verhängen oder den Zugang verbieten: nämlich solchen gegenüber, von denen Belästigung der kaiserlichen Colonen zu befürchten war. In jurisdictioneller Beziehung waren die Prokuratoren dem Proconsul oder Proprätor oder dem kaiserlichen Legaten untergeordnet. So wurden bei einem Strike der Bergleute in Palästina die Rädelsführer vom Prokurator ansgehoben, aber zur Vernrtheilung und Bestrafung dem Offizier des zur Wache detnchirten Corps zugeschickt. Das Loos der Prokuratoren scheint in Tacten und Mösien ein schwieriges, exponirtes gewesen zu sein, weil die Kaiser genöthigt sind, einzuschärfen, daß dieselben, im Falle sie sich unter dem Vorwand feindlicher Einfälle davon machten, an ihre frühere Stelle zurückkehren müßten und nicht eher ein höheres Amt bekleiden könnten, bis sie ihre Pflicht als Bergverwalter erfüllt hätten. Dem Prokurator standen °) Wir haben uns begnügt, unsere Ueberzeugung über den gedachten Gegenstand, wie wir sie durch die klassische Lectüre gewonnen und befestigt habe», auszusprechcn und einige Beweisstellen hicsür mehr beispielsweise anzuführen. Indessen werden die meisten Dinge, die bier vorkommen, bei solchen Leiern, die das Alterthum näher kennen, nickt erst der Belegstellen bedürfen. Bei dieser Vertheidigung der klassischen Studien gegen oben erwähnte Vorwürfe dürfte es größtentbcils genügen, auf gewisse einzelne Punkte, die häufig ganz übersehen werden, mehr aufmerksam zu machen und sie mit besonderem Accente hervorzuheben. zur Seite technische Beamte, wenn die Prokuratoren nicht selbst Sachverständige waren. Bei den Steinbrüchen war ein Werkmeister, der die ausgearbeiteten Steine übernahm; in den harmonischen Steinbrüchen hießen sie philosophische Mathematiker, da sie Fachbildung besaßen, wenn sie auch Sklaven waren. Die Offiziere mit ihren Detachements hatten nicht blos die exponirien Arbeiter- oder Sträflinge zu überwachen, sondern waren zugleich geschulte Ingenieure bei Leitung der Ausgrabungen. Dem Prokurator stand ferner ein Bureau von Rechnunas- beamten und Schreibern zur Verfügung: es gab Kassen- Beamte, Buchhalter und Schreiber, ferner Partieführer und Controlleure der Arbeiter. Vom Arbeitspersonal war vorübergehend schon die Rede. Es waren anfänglich, schon des ungestörten Fortbetriebes halber, die vor der Unterwerfung dort ansässigen und arbeitenden Prv- vincialen, die geschulten und erfahrenen Eingeborenen. Der Fiskus machte später Eingeborene zu halbsreien Pächtern, sogen. Colonen, die der Ehe und des Eigenthums fähig und nicht verkäuflich waren wie Sklaven, aber auch unauflöslich an die Scholle gebunden blieben, die sie bebauten, und durch Verkauf des Grund und Bodens an den neuen Besitzer übergingen. Das war auch meist das Schicksal der Barbaren, die nach ihrer Besiegung auf römischen Boden verpflanzt wurden. Daß sie ihre Lage manchmal zu hart fanden, erhellt nicht nur aus den Versuchen, die sie machten, bei Privaten sich zu verdingen und namentlich nach dem Westen des Reiches, selbst in die Eisenbergwerke von Sardinien, zu gelangen, sondern auch daraus, daß sie beim Hereinbruch der Gothen rasch ihr Joch abwarfen und sich den Eindringlingen anschlössen. Die Kaiser haben aber durch zahlreiche Anordnungen sich bestrebt, die Bergcolonen bei ihren Bergwerken festzuhalten, und außerdem war für die Arbeiter in den kaiserlichen Bergwerken wenigstens im zweiten Jahrhundert und im Westen in ganz eigenthümlicher Weise gesorgt. Im Jahre 1876 wurde in Süd-Portugal auf der Hochebene von Ourigue bei der Neuausbeutung eines Kupferbergwerkes eine Erztafel gefunden, 72 Cm. lang und 53 Cm. breit, auf beiden Seiten beschrieben. Sie enthält das sogenannte Berggesetz von Vipasca (I-ex urstulli Vipasooirsis). Darnach bildeten die Bergarbeiter eine Art Berggemeinde, deren Vorstand der Prokurator war, der nicht nur das Interesse des Fiscus, sondern auch das der Arbeiter zu wahren hatte. Die Bergarbeiter waren vor spekulativen Händlern dadurch geschützt, daß gewisse Gewerbe monopolisirt waren, so die Walkerei, Lederei, Schuhmacherei, ja sogar die Barbierstuben: diese Gewerbe waren durch den Staat verpachtet. Wer also unbefugt Schuhwerk, oder Lederzeug, oder sonst Fußbekleidungsartikel verkaufte und dabei erwischt wurde, hatte dem Pächter daS Doppelte von dem Werthe des Gegenstandes zu zahlen; der Pächter hatte das Pfandrecht auf diesen Gegenstand. Doch durfte jeder sich die Schuhe selbst flicken, der Sklave für seinen Herrn. Dagegen mußte der Pächter alle Sorten von Lederwaaren vorräthig haben und die sonstigen Zuthaten, widrigenfalls es Jedermann freistand, zu kaufen, wo er wollte. Auch die Barbierstuben waren verpachtet. Der Pächter war der einzige Berechtigte in dem Flecken zur Ausübung dieses Gewerbes. Der unbefugt es Ausübende zahlte dem Pächter eine Geldstrafe und mußte ihm auch seine Scheeren und Messer ausliefern. Doch dursten Sklaven ihre Herren und ihre Mitsklnven barbieren. Nur die vom Pächter herumgeschickten Barbiergesellen 310 hatten das Recht, ihre Kunst auszuüben. Wer den Pächter in Ausübung seines Pfandrechts hinderte, zahlte fünf Denare, jeder Pächter mußte aber einen oder mehrere Haarkünstler (artikaes) im Dienste haben. In den Berggemeinden gab es auch ein ärarisches Bad, das von Jahr zu Jahr verpachtet wurde. Durch strenge Vorschriften war der tägliche Genuß des Bades allen gesichert. Unentgeltlich badeten die kaiserlichen Beamten, Soldaten und Sklaven, die Frauen und Kinder; die Anderen mußten ein Geringes bezahlen. Alltäglich mußten die Pächter frisches, fließendes Wasser und warme Bäder bereit halten, die Frauen konnten Vormittags von 6—1 Uhr, die Männer Nachmittags von 1—8 Uhr baden. Bei Ablauf des Pachtes mußten die Einrichtungen unversehrt übergeben werden, ausgenommen, wenn sie durch Alter schadhaft geworden waren. Am Anfang jedes Monats waren die Kessel zu waschen, zu reiben und einzufetten auf Kosten des Pächters. Das Holz erhielt er vom FisknS und durfte es nicht wieder verkaufen, ausgenommen das Reisig. Für Ordnungswidrigkeiten konnte ihm der Prokurator eine Konventionalstrafe auferlegen. — Auch für den Unterricht der Kinder war in den Berggemeinden gesorgt durch den Schulmeister, der wie in Rom und in den übrigen römischen Gemeinden von Gemeindclasten befreit war. Aber trotz der Fürsorge, die der Staat den Berggcmeiuden «»gedeihen ließ, war, wie schon erwähnt, das LooS dieser Arbeiter ein solches, daß sie bet der ersten Gelegenheit sich losmachten. Erscheint also das Schicksal der freien Bergarbeiter schon keineswegs als günstig, wenn auch erträglich, so müssen die zu den Bergwerken und in die Steinbrüche verur- thetlten Sträflinge ihr Leben geradezu als Last gefühlt haben. Die Strafe des Bergwerks galt als die härteste Kapitalstrafe vor der Todesstrafe. Zum ersten Mal begegnet man ihrer Anwendung am Anfang der Kaiserzeit. Die dazu Verurtheilten büßten entweder ein Verbrechen oder waren Opfer der Kabineis-Justiz. In den Gesetzbüchern stehen folgende Verbrechen, welche die Strafe der Bergwerke nach sich zogen: Todtschlag, Brandlegung, Diebstahl mit der Waffe in der Hand, Diebstahl in den kaiserlichen Bergwerken, Wegelagerei, Nothzucht, Gewaltthaten an Bürgern, Grenzverletzungen. Nicht unterzogen durften dieser Strafe werden: Soldaten, Kinder von Veteranen und die ehemaligen Decurionen (Commnnal- würdcniräger). Weiber wurden verurtheilt zur Arbeit in den Salinen, die infolge des Salzmonopols sämmtlich staatlich waren, in Kalksteinbrüchen und Schwefel- gruben. Von den Strafarbeitern wird ausdrücklich bemerkt, daß sie nicht Sklaven deS Kaisers, sondern Sklaven der Strafe sind. Das Recht, diese Strafe zu verhängen, stand nur dem Stadtpräfekten zu; von dem Bergverwalter der Provinz hing nur die Vertheilung der Sträflinge an die verschiedenen Werke ab. Zur Bewachung dieser Arbeiter diente die schon erwähnte detachirte Truppen- abtheilung; sie mußte aber auch in den meist abseits gelegenen Orten die Ordnung unter der freien Arbeiterschaft aufrecht erhalten, die sich oft auf Tausende bclief. Als die römischen Kaiser ihre systematische Christenverfolgung begannen, wurden die Christen auch in die Bergwerke geschickt, und so theilten die Christen das Loos aller in die Bergwerke Verurtheilten: sie bekamen das Brandmal auf die Stirne, daS Haar wurde geschoren, ihre Kleidung war nothdürftig und schmutzig, sie halten ein hartes Steinlager und waren mit schweren oder leichteren Fesseln belastet. So arbeiteten sie bis zur Krüppelhaftigkeit oder bis der Tod sie erlöste. DaS ist das Bild der Unglücklichen, wie man es sich aus den Beschreibungen der christlichen Arbeiter, aus den Akten der Märtyrer und aus den gesetzlichen Bestimmungen zusammen entwerfen kann. Daß sie zu den härtesten und gröbsten Arbeiten verwendet wurden, läßt sich denken. So starb der greise Papst Pontianus am 30. Oktober 236 in den Bergwerken von Sardinien. Sankt Cyprian schilderte die Leiden der in die Bergwerke Verurtheilten besonders anschaulich. „Die Füße liegen in Fesseln, die nicht mehr der Schmied, sondern Gott allein abnehmen wird. Dem Körper fehlt die Lagerstätte und die Pflege; er muß auf bloßem Boden liegen. Die Verurtheilten bekommen kein Wasser, den dicken Schmutz abzuwaschen von dem sie naturgemäß bedeckt sein müssen, Brod wird kärglich gereicht, gegen die Kälte schützt die Kleidung nicht. Der Kopf ist halb geschoren, und was vom Haar bleibt, starrt von Schmutz. Bekenner danken diesem Bischof von Karthago, daß er ihre von Stockschlägen zerschlagenen Glieder geheilt, die Fesseln der Füße gelöst, das wüste Haar deS halb geschorenen Kopfes gepflegt, die Nacht des Gefängnisses erhellt, die Haufen des Erzgesteins geebnet und statt des unausstehlichen Gestankes duftende Blumen ihnen geboten habe." Dem Papst Soter schrieb Bischof DionysiuS von Corinth im Jahre 168 ein Dankschreiben für die Unterstützung, welche die Kirche zu Rom besonders den Brudern in den Bergwerken übersandt hat. Papst Victor erwirkte 192 vom Kaiser Commodus die Zurückberufung eines Theiles der Christen, die unter Marc Aurel in die Bergwerke von Sardinien verurtheilt worden waren. Tertullian und Cyprian erwähnen die besonderen Aus- lagen, die aus der aroa, der Kasse der Kirche, für kratrcw in metallo eonstitutos gemacht werden. Ja, manche Christen begaben sich freiwillig in die Gefangenschaft, um andere daraus zu befreien oder ihr LooS zu erleichtern. So meldet Gregor der Große von dem heiligen Paulinus von Nola, der sich freiwillig in die Sklaverei lieferte, um den Sohn einer Wittwe davor zu bewahren. Mit diesem schönen Bilde schließen wir die etwas prosaische Betrachtung über die römischen Bergwerke. Ein Besuch in Paris im Herbst 1A7. p. In dem Tagebuche meines scl. Vaters, der im Jahre 1814 als kgl. sächs. Generalmajor und Brigadier gestorben ist, befindet sich unter andern höchst interessanten Aufzeichnungen aus feinem Leben (aus den Feldzügen 1807, 1609, 1812 und 1813) auch eine Schilderung eines Besuchs von Paris im Herbst 1817. Im Alter von 25 Jahren bereits Major im Generalstab, hatte er sich Anfang 1811 zum ersten Male verheirathet, aber leider nur kurze Zeit eine ungestörte Häuslichkeit genießen können. Kaum hatte er sich von seiner an der Bercszina erhaltenen Wunde und von den beim Rückzug aus Rußland erlittenen Strapazen im Kreise der Seinen erholt, als er abermals ins Feldlager rücken mußte, um die Schlachten bei Großbeeren, Dennewitz und Leipzig mitznschlagen. Im Jahre 1814 rückte sein Corps nach Belgien, später ins Rheinland und den Elsaß und endlich Ende 1816, als zur Occupationsarmee gehörig, in die Gegend von Lille, nach Tourcoing, wohin das Hauptquartier der sächsischen Division verlegt wurde. Hier war es ihm möglich, im Frühjahr 1816 seine Gattin und seine beiden kleinen Mädchen, nach einer Trennung 311 von bald 3 Jahren, zu sich kommen zu lassen. Auch andere Kameraden hatten ihre Familien zu sich gerufen, und so war denn in diesem kleinen französischen Städtchen ein angenehmer und anregender Verkehr für das junge Ehepaar und zwar besonders mit der von Lenz'- schen Familie entstanden, mit der auch im Sommer 1817 ein kleinerer Ausflug nach Dünkirchen, um das Meer zu sehen, unternommen wurde. Bet dieser Gelegenheit entwarfen die beiden Freunde auch den Plan zu einer gemeinsamen Reise nach Paris, und erfolgte dessen Ausführung nach der Revue, welche der Herzog von Wellington am 25. Oktober bet Hautbourdin zwischen Losz und Wattignies über die ihm unterstellten Occupationstrnppen hielt. Die Aufzeichnungen über diesen Besuch von Paris dürften darum noch von besonderem Interesse sein, als sie uns ein Bild dieser Stadt nach dem Sturze Frankreichs von der Weltherrschaft zeigen, unter der schwachen und kleinlich-eifersüchtigen Regierung der Bourbons, welche es nicht verstanden, weder die Pariser noch die Franzosen überhaupt an sich zu fesseln. Leider war es meinem Vater bei der Kürze des ihm ertheilten Urlaubs nicht möglich, alle Sehenswürdigkeiten in und um Paris in Augenschein zu nehmen: er mußte sich nur auf das beschränken, was das größte allgemeine und sein besonderes Interesse in Anspruch nahm. Nach diesen Vorbemerkungen beginne ich nunmehr mit der Wiedergabe seines Tagebuchs. „Donnerstag den 30. Oktober verließen wir frühzeitig Tourcoing und erreichten, nachdem wir Lille und Douay passirt hatten, Abends 7 Uhr Cambrai, das damalige Hauptquartier des Herzogs von Wellington. Trotz der späten Stunde unserer Ankunft suchten wir sogleich Ramberg's auf, die uns in Begleitung meiner Freunde Schreibershofen und Berlepsch ihren Gegenbesuch abstatteten. Freitag den 31. Oktober früh 6 Uhr setzten wir unsre Reise fort und gelangten (es war etwa 9 Uhr Vormittags) an den Kanal von St. Quentin, 2 Stunden diesseits Bellicourt, wo er als Tunnel 250 par. Fuß unter der Erdoberfläche in einer Länge von 17,400 par. Fuß hingeführt wird. Dieser Kanal, welcher die Seine und die Somme mit der Scheide verbindet und durch die Quellen der ersten beiden Flüsse gespeist wird, ist über 6 Meilen lang, 24 par. Fuß breit, steigt von St. Quentin bis Tronquoy durch 6 Schleusen 40 par. Fuß und fällt bis Cambrai durch 18 Schleusen 130 par. Fuß, hat einen 3000 Fuß langen Tunnel bei Tronquoy und den andern, wie gesagt, bei Bellicourt. Diese Tunnels sind theils gewölbt, theils nur in den Felsen gehauen und so breit angelegt, daß 2 Schiffe neben einander vorbeifahren können. Außerdem gehen uoch an beiden innern Seiten des Tunnels Fußwege für die Schisfs- zieher. Leider erlaubte es uns die Zeit nicht, soweit in den Kanal hineinzufahren, bis wo das Gewölbe des Tunnels durch den Felsen selbst gebildet wird. Wir sahen nur einige Salpeterbildungeu an der Decke des gemauerten Gewölbes, die uns wie herausgestrcckte weiße Arme erschienen. Uebrigens geht der Kanal auch zweimal über die Scheide. Vollendet wurde dies großartige Bauwerk im Jahre 1810. Von da fuhren wir durch St. Quentin, das sich am 12. März den Russen ergab und seitdem aufgehört hat, Festung zu sein, und durch Ham (dessen festes Schloß seit den ältesten Zeiten als Staatsgefängniß diente, wo Karl der Einfältige 923, Ludwig XI. 1440, der Prinz von Condö 1560 und 1804 —1814 die PoltgnacS und viele Andere gefangen saßen) nach Compisgne, das wir erst Abends 9 Uhr erreichten. Das Wetter war uns nicht günstig gewesen, es hatte fast ununterbrochen geregnet. Sonnabend den 1. November. Nachdem wir früh» zeitig in der Pfarrkirche, die 1784 an Stelle einer aus dem 12. Jahrhundert stammenden baufällig gewordenen Kirche errichtet worden, unserer kirchlichen Pflicht genügt hatten, begaben wir uns in das Schloß, um dieses zu besichtigen. Hier am Zusammenfluß der Aisne und Otse hatte schon Karl der Kahle ein Schloß erbaut, von welchem aber nur noch die Kapelle und der jetzige Saal der Schweizer vorhanden sind. Unter Ludwig XI. ist daS an diesen stoßende Hintergebäude, unter Franz I. daS Hauptthor gebaut worden; Ludwig XIV. ließ die Gärten verschönern und baute sowohl das große Treppenhaus als auch das Ballspielhaus. Ludwig XV. ließ durch den Architekten Gabriel den jüngern dem Palais eine einheitliche Gestalt geben; auch die beiden Seitenflügel sind von letzterem gebaut worden, dagegen wurden seine weiteren Verschönerungspläne nicht ausgeführt. Durch die während der Revolutionszeit in das Schloß verlegte Kunst- und Gewerbeschule wurde es in einen elenden Zustand versetzt, welchem es Napoleon entriß, indem er es von 1806 an durch Barthault restauriren ließ. Hier fand der Empfang der Kaiserin Marie Louise statt. Die Möbel sind einzig schön, zwei Statuen von Achat, deren Köpfe, Füße und Hände von Bronze sind, sowie die Statuen von Amor und Psyche besonders be- merkenswerth. Die königlichen Gemächer liegen in der vorderen Front nach den Gärten zu, links und rechts davon die Gemächer der königlichen Prinzen, und zwar wohnen links Herzog und Herzogin von Angoulome, rechts die Herzogin von.Berry und der Herzog von Bordeaux. Zu den Räumen der Herzogin von AngoulZme gehört auch das frühere Schlafzimmer Marie Louisens, an dessen Plafond, UM die Erinnerung an die napoleonische Zeit zu verwischen, einige Veränderungen vorgenommen worden sind; das anstoßende Badezimmer ist von lauter Spiegelwänden eingefaßt, das Licht fällt durch eine Krystalldecke. Die große, hinter der Mitte der Haupt- front im Jahre 1810 erbaute Gallerte ist mit korinthischen Säulen in Stuck geziert; die Wandgemälde derselben sind (wie fast alle im Schloß) von Girodet, die Arabesken von Vafflard, die Decorationen und Ornamente von Dubais. Eine ebenfalls von Barthault im Jahre 1810 erbaute Dampfmaschine hebt das Wasser aus der Oise inS Schloß; leider mußte sein weiteres Projekt, das Wasser aus den naheliegenden Teichen von Pierrefonds durch unterirdische Leitungen nach Compiögne zn schaffen, aufgegeben werden, da die Kosten dieser Anlage auf eine Million Francs veranschlagt waren. Sie hätte eine Fontaine im Schloßgarten mit einem Wasserstrahl von 100 par. Fuß Höhe und 12 andere Fontaine» in der Stadt gespeist. Von CompiSgne aus fuhren wir direkt nach Paris, wo wir um 6 Uhr ankamen und im Hotel Nelson, Rue Neuve St. Augustin, im 2. Stock ein allerliebstes Quartier bereit fanden, das uns durch unsern lieben Freund Heinz bestellt worden war. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, den Abend zu Haus zn bleiben, um uns von der ziemlich ermüdenden zweitägen Reise auszuruhen, aber die Generäle von Gablenz und von Zezschwitz, sowie 312 i Stimtzner, welche in der 1. Etage unseres Hotels wohnten, forderten uns auf, mit ihnen noch auszugehen. Man hat ja überhaupt in diesen Hotels nichts als die Wohnung; alle Mahlzeiten muß man beim Restaurateur einnehmen; auch muß man, außer dem Zimmerpreis, Licht, Heizung und jeden anderen Dienst, die Reinigung des Zimmers ausgenommen, besonders bezahlen. So wanderten wir denn in das Cass Aux Milles Colonnes im Palais Noyal, labten uns dort und sahen uns im Palais Royal um, das uns aber (vielleicht in Folge des Feiertags) gar nicht so brillant erschien. Das Palais Royal wurde bekanntlich vorn Cardinal Richelieu von 1629 — 1636 erbaut und führte damals den Namen seines Erbauers, bis derselbe es 1643 dem König Ludwig XIV. schenkte, der es eine Zeit lang mit seiner Mutter, Anna von Oesterreich, bewohnte. Von da an hieß es Palais Royal. Ludwig XIV. überließ es 1692 seinem Bruder, dem Herzog Philipp von Orleans; während der Revolution hieß es Palais Egalits nach seinem Besitzer, dem berüchtigten Herzog von Orleans Egalits. Von 1802 an nannte man es Palais du Tribunal, und erst 1814 hat es seinen alten Namen wieder angenommen. Auch eine Bühne war früher im Palais, auf welcher die Italiener und die Molisrtsche Truppe spielten und sogar auch Opern gegeben wurden. 1763 zerstörte ein Brand den Thcatersaal und wurde statt dessen die Fatzade nach Rue St. Honorä zu aufgebaut, nach den Zeichnungen von Worin. Der Garten ist von drei Seiten von Arkaden umgeben, auf welche noch zwei Stockwerke aufgesetzt sind; in diesen Räumen befinden sich CafeS, Restaurants, Spielzimmer, kleine Verknufsläden u. s. w., kurz, man bekommt dort alles, was man braucht. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Bibel künde für höhere Lehranstalten und Lehrerseminare sowie zum Selbstunterrichte bearbeitet von Dr. Andreas Brüll. Mit Approbation des Hochw. Herrn Erzbischofes von Frciburg. 6. verbesserte Auflage. Mit 5 Abbildungen und 4 K catchen. Herder, Frciburg 1893. VII ff- 184 S. Die beste Empfehlung und der sicherste Beweis für den hohen Werth und die praktische Brauchbarkeit des vortrefflichen Büchleins ist die Thatsache, daß es schon zum 6. Mal aufgelegt werden mußte. Gegenüber den modernen Angriffen auf die heiligen Schriften muß jeder Religionsunterricht vor allem den Schüler mehr als je einmal in die Kenntniß der Offcn- barungSurkunde einführen. Die „Bibelkunde" bietet nun in gedrängter Kürze und in klarer Darstellung die nothwendigsten Kenntnisse über Inspiration, Kanon, Acchtheit und Glaubwürdigkeit, Handschriften und Uebersctzungen, Erklärung und Lesen der hl. Schrift, über die Bücher des Alten und des Neuen Testamentes, über den biblischen Schauplatz von dem ältesten Wohnsitze der Menschen bis zur Zeit der Apostel, sowie über die heiligen Alterthümer (Orte, Handlungen, Personen und Zeiten) des Volkes Israel. Dabei entspricht der Verfasser überall den gerechten Anforderungen einer gesunden wissenschaftlichen Kritik. Möge die „Bibelkunde" nicht blos an Lehranstalten, sondern auch in den gebildeten Kreisen die weiteste Verbreitung finden! Zugleich wünschten wir für eine neue Auflage, daß das apologetische Moment mehr verwerthet, die synoptische Frage (S. 76 f.) ausführlicher behandelt, die ältesten Zeugnisse für das Alter der Evangelien angeführt, die Resultate der assyrisch-babylonischen und ägyptischen Forschungen für den Inhalt der alttcstamcntlichen Bücher sruktificirt und eine Zeittafel der jüdischen Könige aufgenommen würde. Bezüglich des Lesens der hl. Schrift in der Landessprache verlangen die kirchlichen Dccrete, daß die betreffende Uebersetzung „vom Apostol. Stuhl gutgeheißen oder (nicht „und" S. 14) mit rechtgläubigen und bewährten Erklärungen versehen" sein müsse. (Vgl. Freibg. Kirchenlcxicon 2. A. s. v. Bibellescn II, 679 ff). Für die Praxis dürfte es allerdings gerathen sein, daß ein Laie nur eine mit Erklärungen versehene Uebersetzung leicn solle. St. Dr. A. Koch. Ernst Ewert. Maria Pally. Novelle. Danzig, Theodor Bcrtling, 1894. d. Ewcrr ist einer der jüngsten „Modernen". „Kürschner" von 1894 enthält seinen Namen noch nicht. Auck vorliegende Novelle legt den Gcvauken nahe, daß sie von „einem jungen" Autor, stamme und macht ganz den Eindruck eines Erstlingswerkes. Da man eine g-wisse stilistische Fertigkeit ohnehin von jedem Belletristen verlangen muß, so finden wir, von der Kürze der Erzählung (knapp 32 Seiten trotz der ungezählten „modernen" Punkt- und Gedankenstrichreihen) abgesehen, nichts LobcnSwertbeS zu erwähnen. Das Sujet ist nicht mehr neu: die Geschichte eines jedes idealen HalteS baren Modellmädchens, später unglücklich verheiratheten Kanzleirälhin, die nach vier Jahren Ehe zu ihrer alten Liebe zurückgreift, von, Maler Fred Storni aber „gedemüthigt" wird und deßhalb „eines seiner edelsten Werke zerstört", worauf sie sich selbst entleibt. Nach Moral und Aesthetik darf man nicht suchen. Parfümeriegeschäfte könnten profitircn, wenn sie gegen Möbel, die „einen philiströsen Hauch ausströmen" (S. 5), ein Patentaroma sich beilegen; den Psychologen empfehlen wir zur Untersuchung den „fragenden Hauch, der zuweilen über die Seele huscht"; der Socialpolitiker mag sich den genialen Einfall (S. 11) notiren: „Lieben können sie Alle, die Kleinen und Großen, aber Hassen ist ein Vorrecht der Großen und Starken, der geistigen Aristokratie." Den Allermodernsten und auch Hrn. Ewert würden wir rathen, ihre Dichtungen durchweg in folgender Weise beispielsweise drucken zu lassen: - 27 — V. Das gäbe in der That die ergreifendste und gedankenvollste Lektüre, müßte sich sehr hochmodern ausuehmen und die pikanteste Situationsmalerci darstellen. Das Papier ist auch hiezu geduldig genug. Gut beriet Sonst,, Die Willensfreiheit und ihre Gegner. 8°. VI ff- 272 S. Fulda, Actiendruckerei 1893. M, 3,50. ->. Mit Ausnahme derjenigen Philosophiedocenten, die sich ausdrücklich in den Dienst der katholischen Richtung gestellt haben, gibt es in Deutschland wohl kaum einen Lchrstuhl für Philosophie, dessen Vertreter gegenwärtig die Willensfreiheit des Menschen vertheidigt; so weite Ausdehnung hat der Determinismus angenommen; zum Glück bleibt das öffentliche Leben noch ziemlich von der Theorie unberührt, noch immer gibt es ja Criininalrccht, Polizei, Gefängnisse und Zuchthäuser; was für Zuständen werden wir aber entgegengehen, wenn man einmal die Folgerungen aus den Lehren der „Philosophen" zieht und der „Verbrecbertypus" (nach Lombroso) in sein blutiges Recht eingesetzt ist? Es ist also gewiß kein zweckloses Unternehmen, die Frage nach der Willensfreiheit, welche die Grundlage aller Sitte und Cultur bildet, zum Gegenstand einer Monographie zu machen. Daß uns Gutberlct nur Vorzügliches bietet, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden; überragen doch seine philosophischen Lehrbücher alle anderen deutsch geschriebenen Werke ihrer Art meilenweit. Der Verfasser beginnt mit der Definition und dem Beweis der Willensfreiheit und führt uns dann auf das moderne Gebiet der Moralstatistik mit ihren etwas unreinlichen Gegenständen des Bordellwesens rc.; sodann hat die Anthropologie und Physiologie daS Wort; zuletzt bespricht das Werk daS Verhältniß der Willensfreiheit zur Spekulation (Schopenhauer) und zur mechanischen Naturauffassung. _ Dr. Josef Perkmann, Bildender Unterricht in den Sprach- fächern. I. Theil: Grundlinien. Innsbruck, Verlag der Wagner'fchcn Universitätsbuchhandlung, 1894. 2 . Was bis jetzt vorliegt, zeugt von edler, christlicher Auffassung des Lehrerberufes, von vielseitiger praktischer Erfahrung, von warmer Hingabe an die idealen Aufgaben eines Erziehers, und enthält eine Fülle trefflicher, origineller Gedanken, wie sie uns sonst nicht allzu häufig in pädagogischen Büchern begegnen. Mit Spannung sehen wir dem Erscheinen des folgenden Theiles entgegen. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 4 öjf. 40. * t» 4. NclM. 1894. Einfluß der Kirnst auf den Gang der Weltgeschichte. Von Dr. I. N. Sepp. (Schluß.) Mit Kaiser Constantin bekam der Hellenismus das Uebergewicht, oder wie man uns sagt: Das Heiden- thum brach in die Kirche ein. Die großartigsten Tempel erhoben sich, so die noch erhaltene Basilika der hl. Jungfrau zu Bethlehem und bald auch der Sophiendom Justinians an der Stelle des Salomonischen Tempels. Die Byzantiner waren die natürlichen Erben der alten Hellenen in Kunst und Wissenschaft. Da brach der neue Sturm der bildfeindlichen Muhammedaner herein. Der Prophet von Mekka, ganz von semitischer Milch genährt, erklärt Sure 21: „Ihr Götzenanbeter sollt insgesammt dem Feuer zur Nahrung in die Hölle geworfen werden!" Umsonst suchen spätere Koranausleger dieser Stelle ihren Stachel zu benehmen. Götzendiener waren den Jslamiten dieselben, welche die Hebräer Goim nannten. „Gott ist Gott und Muhammed sein Prophet!" erscholl als Schreckensruf durch drei Welttheile. Allen Kunstbildern galt die Vernichtung unter dem Vorwande, daß sie nur zur Götzendienerei verführten. Ich habe die Erfahrung gemacht und seinerzeit mitgetheilt, wie wir 1874 gelegentlich der Ausgrabung der noch vorconstantinischen Basilika zu Tyrus von den Statuen des Apollo und Learch mit dem Hirschfell die Köpfe, Arme und Beine abgeschlagen, anderseits bloß ein Herakleshaupt vorfanden und sonstiges Bildwerk ins Meer geworfen war. Wer sagt, wie viel so zertrümmert ward und verloren gegangen, die Glaubenswuth der Jslamiten hat unzählige Opfer gefordert! Auf dem Burghügel zu Pergamum traf Humann die Ko- lossalfiguren des Gigantenkampfes, Hochreliefs vom Zeus- altar, durch die muhammedanischen Türken in die Festungsschanzen vermauert. Mit diesem Werke eines vorchristlichen Michel Angelo hat Berlin keine mindere Eroberung gemacht, als München mit den Aegineten, welche nach ihrer Erhebung aus dem Erdgrunde der Bildhauer Wagner im Auftrage König Ludwigs erwarb und glücklich in Italien landete. Aber ging denn der Reichsgedanke der Kunstliebe nicht vor? Wie, wenn man die Bilder und die Kunstbilder opferte, um die durch solchen Dienst aufgestachelten Feinde der Christenheit zu versöhnen? Auf diesen Gedanken konnte allerdings nur ein Barbar oder dazu gearteter Kunstfeind sich einlassen, So viel man weiß, hetzte der Synagogen-Vorstaud von Tiberias den Kaiser Leo den Jsaurier 726 zum Bildersturm, so daß auf allerhöchsten Befehl 730 alle Bilder aus den Kirchen entfernt wurden. Diese feindselige Bewegung zerrüttete noch unter seinem Nachfolger Constantin mit dem Spottnamen Copronymos (der Mistfink) den Staat, nachdem dieser selbst das Concil zu Constantinopel 754 veranlaßt hatte, sich gegen die Cultusbildrr zu erklären, und bildereifrige Mönche hinrichten ließ. Mit Militärgewalt handhabte Kaiser Leo IV. der Chazar die Gesetze wider die Bilderverehrung. Zwar gab seine Wittwe Irene dem Verlangen des Volkes und Klerus nach, zwei andere Concilien gestalteten den Bildercult und bannten und verdammten die Widersacher; die Ikonostasen in den Kirchen füllten sich wieder mit Heiligen. Jedoch Leo V. der Armenier nahm 814 den Kampf neuerdings auf, er wurde deßhalb 820 durch Michael den Stammler vom Throne gestürzt und ermordet. Nun sage man uns, ob die Kunst keinen Einfluß auf den Gang der Weltgeschichte geübt hat? Von 726 bis 842, mithin 116 Jahre, hielt das Unwesen der Jkonoklasten an, fast konnte man ausrufen: „Du hast gesiegt, Muhammed!" Erst unter der Kaiserin Theodor«, am 19. Februar 842, konnte das Fest der Orthodoxie oder Wiederherstellung religiöser Kunstbilder begangen werden. Es galt den entscheidenden Kampf, ob Judaismus oder Hellenismus die Vorherrschaft im Christenthum behaupten solle? Damals wurden viele Bildwerke vor der Vernichtung ins Abendland geflüchtet, so das Steinbild Maria Orth, welches die Donau herauf bis an die Naabmündung geschwommen sein soll. Ursprünglich ist es Artemis Orthia, welche in Lacedämon Verehrung genoß und deren Altar mit dem Blute der Epheben bespritzt ward, wie die Dominikanerinnen zu Regensburg vor dem Bilde der hl. Küwmerniß (eigentlich der kimmerischen Mutter) sich blutig geißeln mußten. Die Madonna von Skutari wird später angeblich durch Engel wunderbar vor den Türken nach dem Monte Baldo am Gardasee gerettet und die Wallfahrt begründet. Das Abendland erfuhr einen weit nachhaltigeren Bildersturm und eine bedauerliche Vernichtung von Kunstwerken durch blinde Reformer, welche unter dem Rufe: DerBaalscultist in die Kirche eingedrungen! alles Bildwerk hinauswarfen und zusammenschlugen. ES war Bodenstein, nach seiner Vaterstadt in Franken gewöhnlich Karlstadt genannr, welcher wie rasend gegen die Heiligen predigte und deren Bilder stürmte, so daß Luther deßhalb von der Wartburg aufbrach, um seiner Wütherei in Wittenberg eine Grenze zu setzen. Doch, mit den Schwarmgeistern von Zwickau oder den Wiedertäufern unter Thomas Münz er verbunden, setzte er seine Zerstörung der Bilder in den Gotteshäusern, zumal in Orlamünde, fort, ja er wollte als Vorläufer unserer Socialisten sogar Schulen und Gelehrsamkeit abgeschafft wissen, so daß Luther neuerdings in Jena gegen ihn die Kanzel bestieg, seinen Feuereifer zu dämpfen. Bei der Wiederherstellung deZ Königreichs Zion in Westphälisch Münster trieben die Anabaptisten ihre Extravaganzen noch weiter. Allein durch den Knnsthaße Zwinglt's und Calvins ist noch weit mehr untergegangen; die Malerzunft fand keine Beschäftigung mehr, und ein Hans Halb ein wanderte nach England auS, wo Thomas Morus ihn günstig aufnahm und er fortan mit Portraitmalen sich fortbrachte. Das Herz blutet uns, wenn wir uns auch auf Weniges beschränken und (wie jüngst in der M. Allg. Ztg. 1891 Beibl. 286) lesen, wie 1525 in Basel lediglich aus Gemälden drei große Brände angerichtet wurden. Die Menge der zu förmlichen Scheiterhaufen aufgehäuften Bilder war so beträchtlich, daß man sie zum Verbrennen anfangs an die Armen vertheilen wollte, aber davon Abstand nahm, weil bei der Zu» theilung in den verschiedenen Kirchenvierteln Streit entstand und manches beiseite geschafft und gerettet werden konnte. Selbst Holbeins Orgelthüren, seine letzte kirchliche Arbeit, waren in Gefahr. Alles mußte spurlos in Flammen aufgehen, so daß nur zwei oder drei Bilder aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts im Privatbesitz sich erhielten. In den calvinischen Kirchen der Schweiz, zu Genf, Zürich, Schaffhausen u. s. w., sieht es darum so öde aus, wie in der Philosophie Spinozas oder in einer Judenschule. Die Reformirten hatten bezüglich der Kunst ganz recht mit der Behauptung, von Nom aus habe ein neues Heidenthum, besser gesagt: der religiöse Hellenismus mit der Pflege der Klassiker, sich verbreitet. Wir geben dagegen zu erwägen, daß die Reformation grundsätzlich auf das alte Testament zurückging, und so wurde das von den Päpsten stillschweigend ausgemerzte Gebot Mosis: „Du sollst Dir kein Bild formen von welch immer einem lebenden Geschöpf, sei es im Himmel, auf Erden oder im Wasser", bis zur Stunde wieder giltig und ging selbst in den Heidelberger Katechismus über. (Das Gebot hat den Beisatz: „um es anzubeten", und war in diesem Sinne niemals ausgemerzt. D. Red.) Am ärgsten hausten die Puritaner in Schott- land, namentlich ging es über die strahlende Pracht der Glasgemälde her. Hatten die Wiedertäufer im Dom zu Münster alles zu Scherben zerworfen und zu Stral- sund der Magistrat der Abgötterei mit den Heiligen in Kirchen und Klöstern durch Einschlagen all der farbenprächtigen Fenster Einhalt zu thun sich bemüßigt gefunden, so war der General der Restauration Monk gezwungen, nur um Unersetzbares zu retten, das herrliche Mnrgarethenfenster zu Oxford zu vergraben, ungefähr wie der Küster zu Nördlingen die altdeutschen Malereien nur durch Verschalung hinter dem Hochaltar rettete. Die christlichen Wechabiten schonten die Prachtfenster der Kathedrale zu Canterbury so wenig, wie zu St. Canice in Irland, obwohl der spanische Gesandte und päpstliche Nuntius Tausende von Pfunden dafür geboten haben sollen. Genug! der kunstfeindliche Mosaismus gewann wieder historische Bedeutung und die überspannteste Sabbathfeier gilt im brittischen Reiche und in Nordamerika noch heute. Im Beginne des dreißigjährigen Krieges rasten noch die Nachfolger der Hussiten unter ScultetuS wider die Kirchenbilder, und Zu Neumarkt in Tirol genießt eine hölzerne Madonnenstatue Verehrung, welche in der Stadt an der Moldau schon ins Feuer geworfen, aber von den Kapuzinern unversehrt herausgezogen ward. Die katholische Gegenreformation, welche von Italien und Spanien, also von den Romanen ausging, hat der deutschen Kunst nicht weniger Schaden gebracht, indem man die stilgerechtesten Kirchen nach wülschem Muster umbaute, den Spitzbogen abrundete und die Fenster in Baßgeigenform herstellte. Wer hat nicht mit Bedauern vom Benediktiner- und Jesuitenstil gehört oder gelesen, welcher kein charakteriistsches Motiv in die Architektur einführte, umsomehr aber durch Gypsschnörkel und willkürliches Ornament die Gotteshäuser verunzierte l Um die Staatsbaukunst stand es nicht besser, so daß Clemens Brentano äußert: „Was verstand auch der deutsche Philister anders, als was viereckig ist, und das war ihm oft noch zu rund." Auf protestantischer Seite ließ man wenigstens die ehrwürdigen Bauten noch unverletzt stehen, die Katholischen aber hatten zu viel Geld, und so sehen wir allein in München vier deutsche Kirchbauten, St. Peter und Heiliggeist, die Augustiner- und St. Jakobskirche im Anger unter Herabschlagen der Nippen und Hinauswerfen der Altäre vandalisch behandelt, zwei andere aber geradezu zusammengerissen. Damit arbeitete man Verstandlos und ohne alle Pietät nur der französischen Revolution vor, sie brach herein und blieb an Zerstörungswuth hinter den Ne- formationsstürmen nicht zurück. Wessen sie fähig seien, hatten unsere welschen Nachbarn gegen Westen schon früher gezeigt, da sie 1692 den großartigsten Renaissancebau in Deutschland, das Schloß der Wittelsbacher zu Heidelberg, in einem Anfall von Raserei in eine Ruine verwandelten, gleichzeitig auch das größte Werk der Glasmalerkunst, die Fenster der Abteikirche zu Hirsau, in lauter Scherben zerschlugen. Nenne man dieß einen Anfall von Raserei, so wurde dieselbe in der großen Revolutionszeit ständig. In Colmar, der Stadt Schongauers, ging es zu, wie früher zu Basel, denn die kostbarsten Bilder wurden verbrannt. Straßburg war der Schauplatz aller Gräuel, und die Convents- commissäre sprangen mit Füßen in die Gemälde. Hebert wollte dem Münsterthurm die Spitze abbrechen, weil er so aristokratisch über die Häuser der Citoyens sich erhob — erst die Gegenvorstellung rettete ihn, er könnte den Stadtbürgern auf den Kopf fallen. Eines der größten Gotteshäuser der Christenheit nach dem St. Petersdom, die Abteikirche zu Clugny, welche mehrere Fürsten zu Prälaten gehabt, und von wo Hildebrand oder Papst Gregor VII. ausgegangen, überhaupt die Reformation des Benediktiner-Ordens sich herschreibt, war bereits in einen Steinbruch verwandelt; nur das von den Generaläbten gegründete Hotel in Paris mit seiner weltgeschichtlichen Kunstsammlung hat den alten Ruhm noch erhalten. Da sollte dieselbe Zerstörung durch die Sanscüloten den Dom zu Mainz treffen, als das Machtwort Bonapartes den Abbruch verhinderte. Die Kunst ist eine erhaltende Macht und eine Tochter des Friedens, sie liegt in der menschlichen Natur und ist der glänzendste Beweis der Wohlhabenheit und Bildung. Die Araber haben statt der ihnen verbotenen Bilder mit architektonischen Wunderbauten und Arabesken ihren Kunstgeist befriedigt und dabei auch uns Europäern zu lernen gegeben — man denke an die Abhambral Wäre der Geist der Zeit doch überwunden, in welchem die Völker des Islam nach dem Spruche Muhammeds einhertobten: „Das Schwert ist der Schlüssel zu Himmel und Erde!" Seit 1200 Jahren haben sie die Kunstbewegung in ganz Vorderasien lahm gelegt, woselbst, solange die Griechen dort herrschten, die größten Meister aufgestanden; auch Neurom, Konstantinopel, liegt künstlerisch todt. Heute erleben wir einzig, daß auch muslimische Herrscher sich monumental verewigen möchten. In Alexandria sehen wir Mehemet Ali hoch zu Roß am Hauptplatze el Muft'i prangen — freilich blieb das Standbild lange mit Brettern verdeckt, um die Muslimen allmählig an den Anblick zu gewöhnen. Das Museum in der hiesigen Erzgießerei bewahrt noch das im kleineren Maßstabe ausgeführte Modell des Sultans AbdulAziz, welches in Bronzeguß für das Serail bestimmt war — wohin aber nach seiner Ermordung dieses Kunstwerk gelangte, wer weiß es? Sagen wir vielmehr: wer weiß, was uns die nächste Zukunft bringt? In parlamentarischen Körperschaften, wo nur zu wenig, ja oft keine Kenner und Vertreter aus der Künstlerwelt sitzen, ist schon lange der Antrag aufgetaucht, den Besitz von Kunstwerken, zumal an Gemälden, mit Steuer zu belegen. Man könnte ja auch den Bibliothek-Besitzern zur Strafe 315 eine Abgabe auferlegen. Wer weiß, was die Socialdemokratie unS bringt! sie will mit der Religion auch die Kunst abschaffen und immerhin die kirchliche Kunst in den Winkel drängen. Sehen wir nicht selbst unter Künstlern eine bedenkliche Richtung Platz greifen? Die Kunst soll uns über das Gemeine, Alltägliche erheben und den Vorgeschmack einer höheren Anschauung gewähren. Wie nnn, wenn bereits das Proletariat sich breit macht, ja sogar die gemalte Verbrecherwelt die Charaktere eines Leonardo da Vinci verdrängen will? Wenn Courbet, der die Vendome-Säule umgestürzt, keck den Straßenarbeiter, andere einen Arbeiter- strike uns vorführen, mag dieß zeitgemäß scheinen, aber ein Albrecht Dürer würde sagen: „Kann man so etwas auch malen?" Die Kunst soll nicht ihren letzten Beruf darin suchen, mit dem, was sie zur Anschauung bringt, wie mit Journalartikeln aufzuhetzen. — Soll die Begeisterung für das Edle erlöschen und der Cultus des Schönen ein Ende nehmen? Und wo bleibt die Pietät, die Achtung vor dem Heiligen, wenn wir die den Christen noch immer heilige Jungfrau wie ein Gassenweib, ihren Rangen auf dem Arme, dargestellt sehen, oder wie eine Holzträgerin neben dem Holzhauer mit seiner Säge in Nacht und Nebel dahingehen sehen? Soll damit etwa gar die Sixtinische Madonna in der Dresdener Gallerte verdrängt werden? Von der modernen Civilisation bis zur neuen Barbarei ist nur Ein Schritt! Wie Robespierre erklärte: Mus n'uvono xlus kasoin ckes savants! und Lavoisier, den Hauptbegründer der neuern Chemie, guillotiniren ließ, so könnten die zur Herrschaft gelangten Socialdemokraten oas Glaubens- bekenntniß ablegen: Wohlan! wir brauchen weder Religion noch Wissenschaft und Kunst mehr! Dann Adieu mit Kunst und Kunstgewerbe! ihr wohlthätiger Einfluß auf die Entwicklung des Völkerlebens und den Gang der Geschichte wäre zu Ende! — Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) II. Die klassische Lectüre ist immer zugleich auch ein Studium der Geschichte Griechenlands und Roms. Nebst den Kämpfen der Griechen und Römer nach außen lernen wir dort besonders die innere Entwickelung, die Verfassung und Verwaltung jener Staaten zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Formen näher kennen. In Griechenland bestanden zuerst einige Jahrhunderte hindurch erbliche Monarchien mit keineswegs unumschränkter Gewalt des Königs?) Nachher traten an ihre Stelle aristokratische Republiken, in denen die oberste Gewalt und die Leitung des Ganzen im Besitze des ersten Standes oder weniger Familien desselben ist; nicht selten kommt sie in den Besitz eines Einzigen, der sie sich durch List und Gewalt aneignet?) Dieser Eine wird meistens bald wieder gestürzt, indem die Vornehmsten ihm die angemaßte Gewalt entreißen und die Aristokratie zurückführen. In dieser streiten sich wiederum die Ersten des Staates um den höchsten Rang und die Ausübung der Staatsgewalt; eS entstehen Parteien, die sich gegenseitig bekämpfen. So geht es zunächst unter wechselnden Siegen und Niederlagen der aristokratischen Geschlechter und Parteihäupter unter sich einige Zeit fort, bis entweder das Volk sich von selbst gegen den ersten Stand, gegen die Aristokraten empört oder ein Parteiführer des Adels sich auf seine Seite stellt, um durch Hilfe des gemeinen Volkes seinen Gegner aus dem Besitze der Macht zu verdrängen; auf diese Weise wird die Aristokratie in Demokratie umgewandelt. So war der Verlauf z. B. in Athen, wo Klisthenes und Jsagoras, zwei aristokratische Parieihäupter, um die höchste Gewalt stritten. Klisthenes unterlag dem Gegner, schlug sich auf die Seite des Volkes und verschaffte der Demokratie den Sieg?) Und wenn schon in der Aristokratie das monarchische Princip, die Leitung des Ganzen durch einen Einzigen, deutlich hervor trat, so ist dieses in der Demokratie nicht weniger der Fall. Denn auch hier ist es in der Regel ein Mann, der das Volk in seinen Beschlüssen und Handlungen leitet und die Menge beherrscht. Sobald nicht ein Einziger ein entschiedenes Uebergewicht hat und den höchsten Platz allein behauptet, so dauert der Parteikampf so lange fort, bis ein Parteihaupt siegt und sich für längere oder kürzere Zeit entschieden auf oberster Stufe erhält. Von den vielen Kämpfen dieser Art heben wir nur denjenigen hervor, der für den Staat noch am wenigsten nachtheilig gewesen zu sein scheint, nämlich den des Aristides und Themistokles, dem nur die Verbannung des einen dieser Männer ein Ziel setzte. Ihre Eifersucht war dem Staate weniger verderblich, als die vieler Andern vor und nach ihnen. Denn Aristides, der sich bekanntlich durch seine Nechtschaffenheit den Beinamen des Gerechten erwarb, hatte bei Bekämpfung des Themistokles doch im allgemeinen das Wohl des Staates im Auge und gab, als das Vaterland in Gefahr schwebte (besonders vor der Schlacht bei Salamis), ein herrliches Beispiel von Patriotismus und Selbstüberwindung?") Doch zu anderer Zeit, wenn den Staat keine äußere Gefahr bedrohte, vergaß selbst Aristides das allgemeine Wohl bei der Bekämpfung seines Gegners; er ließ sich durch die Eifersucht verleiten, sogar guten Vorschlägen des Themistokles entgegenzuwirken, nur um ihn nicht siegen und nicht an Macht gewinnen zu lassen. Und als er denselben einmal in einem solchen Falle besiegt hatte, rief er, wie uns Plntarch berichtet, im Unmuth über sein verkehrtes Streben und das Verderbliche der Parteikämpfe aus, daß für Athen kein Heil sei, wenn man nicht ihn und den Themistokles in jenen Abgrund werfe,") in welchen sonst die zum Tode Verurteilten gestürzt wurden. Nach der Verbannung des Themistokles und dem Tode des Aristides traten Cimon und Periklcs als Rivalen in der Oberleitung des Staates auf. Beide waren von Geburt und Gesinnung ursprünglich Aristokraten. Cimon hatte zuerst das Uebergewicht durch seinen Kriegs- rnhm und Reichthum, der es ihm möglich machte, sich durch große Freigebigkeit beliebt zu machen. Dem Perikles standen solche Mittel nicht zu Gebote. Er trat daher in die Fußstapfen des Klisthenes'") und verschaffte der Demokratie den entschiedensten Sieg und die größte Ausdehnung, so daß die Gegenpartei völlig geschlagen war «) Vergl. AeroS. V., 66. ") Vergl. klut. Lrist. 8. ") klut. ^rist. 3. klut. körte!. 7. ') Vergl. Muexä. I. 13. °) Vergl. Herock. I. 59 sgg. und insofern die Parteikümpfe unter Perikles ruhten, da die eine Partei gänzlich unterlag und ihr Anführer verbannt wurde. Perikles leitete nun das Volk der Athener und alle Angelegenheiten des Staates mit Muth, Einsicht, unermüdlicher Thätigkeit und Energie, unterstützt von außerordentlicher Beredsamkeit. Unter ihm war Athen stark nach außen und blühte im Innern durch die Künste des Friedens mehr als zuvor und nachher. Allein nicht das Volk herrschte, sondern Perikles beherrschte es wie ein Alleinherrscher; Athen war nach dem Urtheil des Thu- cydides unter ihm nur dem Namen nach eine Demokratie, in der That aber eine Monarchie;*") eben daraus ist seine Blüthe hauptsächlich zu erklären. Dieselbe hörte deßhalb auch auf, als Perikles nicht mehr war und kein anderer Führer des Volkes sich nach ihm für längere Dauer als Monarch zu behaupten wußte. Allerdings hat das Volk selbst den Perikles auf seinen Platz gestellt und ihm willig, nicht gezwungen, gehorcht; aber er hat diesen Gehorsam sich nicht allein durch seine geistige Ueberlegenheit, sondern zum großen, wenn nicht zum größten Theil durch andere und zwar verwerfliche Mittel verschafft. Er hat der Menge allerdings nicht mit Worten geschmeichelt, aber er wußte sie doch sehr gut an der schwachen Seite zu fassen und an sich zu fesseln. Er hat für die Theilnahme an den Gerichten und Volksversammlungen einen Sold eingeführt und große Summen aus der Staatskasse unter die unbemittelte Klasse vertheilt, damit sie davon das Theater, die Feste und Opfermahle besuchen könnte. Er machte es also auch der besitzlosen Klaffe auf Kosten der Besitzenden möglich, an dem ganzen öffentlichen Leben im Staate thätigen Antheil zu nehmen, und eben in dieser gleichmäßigen Theilnahme Aller liegt das Wesen der Demokratie. Die so heilsame Wirksamkeit des Arcopags, der als oberster Sittenrichter, als ein Bollwerk gegen Zügellosigkeit des Volkes und Willkür der Beamten, als Wächter der Gesetze und Beschützer der alten Verfassung nicht weniger den Gelüsten der Menge als der Herrschsucht ihres Führers allein noch im Wege stand, ließ er schmälern und beschränken. Um solchen Preis gehorchte das Volk der Athener allerdings ihm allein; aber er hat es dabei so au Müßiggang und Genußsucht gewöhnt und überhaupt so verdorben,") daß nach ihm niemand es mehr im Zaume halten konnte. So groß der Glanz seiner Alleinherrschaft an und für sich war, so verderblich war die Nachwirkung der Mittel, durch die er jene Herrschaft behauptete. Die Folgen zeigten sich bald nach dem Tode des Perikles in vollstem Maße. Die Demagogen setzten das Volk in Bewegung und brachten alles in Verwirrung. Die gährende Menge warf sich bald diesem, bald jenem Anführer in die Arme, und häufig lieber den frechsten und schlechtesten Menschen, als redlichen und wohlwollenden Patrioten, lieber einem Cleon und Alcibiades, als einem Nicias und Demosthenes. — Jeder strebte nach der Macht und Alleinherrschaft des Perikles, aber keiner konnte sich in derselben erhalten; heute herrschte dieser, morgen jener. Der Grund lag nicht nur darin, daß keiner die seltene Kraft und Größe des Perikles besaß, sondern vorzugsweise darin, daß die Grundlagen und Bedingungen, worauf die Alleinherrschaft des Perikles gegründet war, nicht für längere Dauer bestehen konnten. Denn obgleich die Geldvertheilungen aus ») killt, ksriel. 9. — 6onk. I'bueyä. II., 65. ") Oool. ktut. keriol. 9 und kiat. Oor§. x. 515. der Staatskasse auf Kosten der wohlhabenden Bürger und der Bundesgenossen nicht aufhörten, indem die Demagogen den letzteren immer mehr Beiträge auspreßten,*") so war es doch nicht möglich, die sich immer steigernden Wünsche und Ansprüche der nun einmal verwöhnten Menge zu befriedigen. Die minder besitzende und besitzlose Klasse entschied durch ihre numerische Ueberlegenheit alles ") und beherrschte die besitzende, so daß m und rll «nopoe als bezeichnet und ihre Herrschaft rs) genannt wurde. Perikles hat durch die Mittel, auf die er seine Alleinherrschaft gründete, die Zeit des größten Sittenoerderbnisses und der Zerrüttung des Staates hervorgerufen, jene Zeit, von der einst Jsokrates sagte, die Reichen haben ein peinlicheres Loos, als die Armen,") und es sei gefährlicher, reich zu scheinen, als offen ein Verbrechen zu begehen."") Alle Uebel der Anarchie und Demagogie bedrängten den verwirrten Staat. Alles wollte regieren und niemand gehorchen; am schwierigsten war es für die Guten und Rechtschaffenen, einigen Einfluß auf die Masse zu gewinnen und den Staat zu leiten. Deßhalb hielt es SakrateS, um längere Zeit für das Wahre und Gute wirken zu können, für nöthig, sich auf Privatwirksamkeit zu beschränken, kein öffentliches Amt zu bekleiden und nicht als Staatsmann redend und handelnd vor dem Volke aufzutreten; denn er hegte die Ueberzeugung, daß man, im Falle er auftreten würde, seinem auf Wahrheit und Gerechtigkeit gerichteten Streben frühzeitig durch den Tod ein Ende gemacht hätte?*) Er vertraute ebensowenig auf den Gerechtigkeitssinn der großen Menge, als auf den jener 30 Oligarchen, die einige Zeit mit Willkür und Schrecken über Athen herrschten. Und als er in einem Alter von mehr als siebenzig Jahren wegen seines Wirkens als Lehrer der Jugend angeklagt und zum Tode verurtheilt wurde, sagte er vor seinen Richtern, daß er nicht aus Mangel an Vertheidigungsgründen unterlegen sei, sondern deßwegen, weil er es nicht über sich vermocht habe, wie die Uebrigen, einerseits mit Keckheit und Unverschämiheit aufzutreten, anderseits den Ohren der Zuhörer zu schmeicheln""). — Wie sehr die Menge durch die Schmeicheleien der Demagogen"") verwöhnt war und wie wenig sie eine ernste Wahrheit ertragen konnte, erfuhr in etwas späterer Zeit besonders -der Redner Demosthenes. Er warf dem Volke seine Verblendung und Schlaffheit vor, die es dem schlauen Philipp gegenüber an den Tag legte; er tadelte seine Mitbürger, daß sie ihre Pflicht gegen das Vaterland nicht erfüllen/*) er forderte sie mit glühendem Eifer und der größten Vaterlandsliebe auf, mit Hingabe und Kraftanstrengung für die Selbstständigkeit zu kämpfen. Er zeigte, wie thöricht es sei, die schlimme Lage des Staates mit Selbsttäuschung sich zu verhehlen, um nicht durch das Bekennen der Wahrheit ein unangenehmes Wort sagen und hören zu müssen/") Er beklagt sich bitter darüber, daß man in der Versammlung des Volkes die Wahrheit nicht sagen dürfe, und zeigt, daß der Staat 6ouk. killt. Lrist. 24. 10 ^ 12 9 ") 6ouk. Xenoxb. Nsmor. IV, 2 u. killt, äs rsßb. p. 565. -°) 0ouk. ^i-ist. koi. III, 5, L. ") Isoer. äs kaes o. 33. 2") Isoor. 7rk(>t p. 85 Orsil. 6vllk. killt. Lxoi. XIX. u. ibiä. XX. killt. L.i,oi. XXIX. --) ^rist. koiit. IV., 4. vsmostii., llävsrg. kbil. I., 8. °°) vemostb. I.. 38. 317 eben dadurch in die größte Gefahr gekommen sei?") Allein der Redner Aeschines, welcher im Solde deS Philippus stand, wurde meistens lieber gehört, weil er gewöhnlich nichts anderes vorbrachte, als was angenehm klang, weil er nichts von Opfern sprach, die der Einzelne für den Staat bringen müsse. Die Unabhängigkeit Griechenlands aber ging eben dadurch verloren, daß seine Bürger schlaff waren, sich lieber von schmeichelnden Demagogen, als von wahrheitsliebenden Patrioten leiten ließen, weil sie eS nicht über sich vermochten, dem Parteigeist zu entsagen und mit aufopfernder Selbstoerläug- nung einmüthig für das Vaterland einzustehen, weil es endlich die eine Partei vorzog, eher das Interesse und die Unabhängigkeit des Staates aufzuopfern, als der Gegenpartei nachzugeben. — Ganz derselbe Fall trat später bei Carthago ein.^) — Theils ähnliche, theils die gleichen Erscheinungen begegnen uns in der römischen Geschichte. — (Fortsetzung folgt.) Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Fortsetzung.) p. So spät Abends noch alle Lüden geöffnet und so gefüllt die Straßen noch zu später Nachtstunde von Wagen und Menschen sind, so spät ist auch das Erwachen des Pariser Lebens. Der Lohnbediente kommt nicht vor 8 Uhr, der Kaffee ist nicht vor 9 Uhr zu haben, so daß vor 10 Uhr nicht an das Ausgehen zu denken ist. Wir benutzten die frühe Morgenstunde des heutigen Tages, um in der Kirche Notre Dame des Victoires, auch des Petits Pöres genannt, die heilige Messe zu hören und für' unsre lieben Abgestorbenen — es war ja heute Allerseelentag — zu beten. Bald nach unserer Rückkehr kam auch Zezschwitz zu uns herauf, um uns den Plan zu unsern heutigen Rundgängen zu entwerfen, zu welchen er sich uns in höchst liebenswürdiger Weise als Führer anbot. So wanderten wir denn durch die Rue de la Pnix, die früher Rue Napoleon hieß, nach der kolossalen Vendomesänle, welche, innen von Stein, außen von Kanonenmetall, im Ganzen 125 par. Fuß hoch ist und um welche, wie ein gewundenes Band, die Siege der Franzosen im Jahre 1805 in Hantrelief dargestellt sind. Im Piedestal befinden sich Waffen aller Art: aus der Spitze der Säule stand früher die Kolossalstatue Napoleons, die aber 1814 abgenommen und durch eine weiße Fahne ersetzt wurde, während das Metall der Napoleonsstatue beim Guß des neuen Standbildes Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf Verwendung finden soll. Die Vendomesänle wurde 1806 begonnen und 1810 beendet; die Hautreliefs sind von Gerard und Nenaud. Man kann im Innern der Säule hinaufsteigen; wir unterließen es aber. Von da wendeten wir uns nach dem Tuileriengarten, zu welchem die Rue Castiglione führt und der sich vom Tuilerienpalast bis zum Platz Ludwigs XV. längs der Seine hinzieht. Parallel zum Seinequai geht die Rue Nivoli, welche Napoleon anlegte. An dieser Straße war ein neues Postgebäude in Bau, aber noch nicht unter Dach. Im Tuileriengarten 2 °) vsmostb. aävers. kbil. III., 3. 6onk. ibiä. 2 u. 84. Vioit eiZo Urnimbslsin non xoxulus romainm toties oavsus knAatusgus, sei ssuarns eLltbaZiviLnsis olUreetkUlons atqus inviäia; uequs bao clokorinitors roäitug msi ?. Loixio oxultobit atqus ellsrst 8686, qug.ro Houuo, qui äomuw nostrom, quLncko glia, rs non xotnit, ruin» Oartkagiuis Lxxrsssit. — luv. XXX., 20. selbst wurde uns ein kleines Lnsthaus gezeigt, in welchem früher der König von Rom spielte und das jetzt in ein Cafs verwandelt ist. Der Garten wurde 1600 nach den Plänen von Lenotre ausgeführt: keine Stadt Europa's hat einen so schönen öffentlichen Park auszuweisen, dessen Alleen und Wasserbecken herrliche Statuen schmücken. In der Verlängerung des Tuileriengartens liegen die Champs Elysees, an deren Ende unter Napoleon der Grund zu einem großen Triumphbogen gelegt wurde, auf welchen, wie man sich erzählt, daS Kreuz des Kreml gesetzt werden sollte. Auf die Pfeiler des nach dem Platz Ludwigs XV. führenden Gartenthores hätten je zwei der Pferde des Brandenburger Thores kommen sollen. Auf letztgenanntem Platz wurden Ludwig XVI. und Marie An- toinette enthauptet. Man sieht von hier Seine abwärts auf dem linken Ufer einen hohen runden Thurm, die Pompe L Feu am Quai d'Orsay, der Paris mit Wasser bei ausbrechenden Bränden versorgt. Zwei Dampfmaschinen treiben das Wasser bis auf 110 par. Fuß Höhe und werden von vier großen Reservoirs gespeist, deren jedes 9000 Kubikmeter Wasser faßt. Dieses Wasserwerk wurde 1805 durch Marguerit verbessert. Auch den Dom der Invaliden mit seiner goldenen Kuppel kann man von hier aus sehen. Wir gingen nun längs des Tuileriengartens hinauf und ließen uns den unterirdischen Gang in der Nähe des Schlosses zeigen, welchen Kaiserin Marie Lonise mit ihrem Sohne benutzte, wenn letzterer den mit zwei Lämmern bespannten Wagen bestieg und im Garten herumfuhr. Der Bau der Tuilerien begann auf Veranlassung von Katharina von Medici im Jahre 1564 durch die beiden berühmten Architekten Delorme und Bullant: Heinrich IV. ließ sie durch Ducenceau und Dupirant vergrößern und verändern; doch wurde der Bau abermals unterbrochen und erst unter Ludwig XIII. vollendet; daher der verschiedene Baustilseiner 5 Pavillons. Denn auch uuter Ludwig XIV., welcher Einheit in denselben bringen wollte, änderten die mit der Ausführung seines Wunsches beauftragten Architekten Le Veau und Orbay nur den mittleren Pavillon, während sie das Nebrige stehen ließen; die innere Ausschmückung erfolgte ebenfalls hauptsächlich während Ludwigs XIV. Regierung. Unser Weg führte uns längs des Quai nach dem Pont des Arts, und kamen wir an dem Theil des kgl. Schlosses vorüber, aus dessen einem Fenster Karl IX. in der Bartholomäusnacht auf die Hugenotten geschossen haben soll. Die Bögen des Pont des Arts sind von Eisen. Von da aus gingen wir um die Tuilerien herum, deren rückwärtiger Hof durch ein eisernes Gitter geschlossen ist: es war gerade Paradezeit und die Militärmusik spielte. Vor dem Gitterthor befindet sich ein Triumphbogen, auf dem früher die venetianischeu Pferde gestanden haben, der jetzt ohne dieselben ganz kahl aussieht. Den Tuilerien gegenüber liegt der Louvre, der durch Gallerten längs des Quai mit ersteren verbunden ist. Auch der Louvre ist ein ganz alter Bau: im Jahre 1355 diente er noch als Rendezvous zur Jagd. Im Jahre 1510 ließ Franz I. das alte Schloß niederreißen und ein neues nach Zeichnungen von Pierre Lescot zu bauen anfangen; dieser Bau wurde unter Heinrich II.» Katharina von Medici, Heinrich IV. und Ludwig XIII. fortgesetzt. Ludwig XIV. ließ zur Vollendung des Louvre den berühmten Le Benein aus Rom kommen, der einen i neuen Plan entwarf, dessen Ausführung aber der Neid der französischen Architekten vereitelte. 1670 wurden von den letzteren die Kolonnaden des Louvre vollendet, an der Jonrseite desselben, gewiß eines der klassischsten Bauwerke Frankreichs. Anfang dieses Jahrhunderts wurde unter der Leitung der Architekten Percier und Fontaine der Bau des Louvre zu Ende geführt. Napoleon hatte auch die zwischen beiden Schlössern stehenden Häuser ganz wegräumen lassen wollen; doch war dies bis jetzt nur zur Hälfte geschehen: der dadurch gewonnene freie Platz heißt Place du Caroussel. Wir traten in die Gallerie rechter Hand des Louvre, wo die Gemälde aufgestellt sind; freilich sieht es da jetzt anders aus als zu Napoleons Zeiten, aber da die früher im Palast Luxembonrg befindlichen Gemälde auch in dieser Gallerie untergebracht sind, so findet man hier immer noch eine große Anzahl Meisterwerke. Im ganzen besteht die Sammlung aus 1200 Gemälde, darunter die berühmtesten: der HI. Julian, von Allori, einem Florentiner des 16. Jahrhunderts, Karl I. von England, vom Holländer Mhtees, die Hochzeit von Kanaan, von Paul Veronese, Alexander der Große im Zelt des Darius, von Le Brun, die Sündfliith, von Poussin, Thomas Morns, von Halbem und andere mehr. Außerdem befinden sich in den anstoßenden 24 Sälen 20,000 Handzeichnungen, darunter die Schule von Athen und die Verleumdung von Nafael, sowie 900 Antiken, worunter Ariadne von Naxos, Venus von Medici, Laokoon, Apoll von Bel- oedere, die Büsten der Kaiser Hadrian und Galba die bekanntesten sind. Aus der Gallerie gingen wir durch den Louvre. Das Schloß hat sollen ein schönes Viereck werden, ist aber im Innern noch nicht ganz ausgebaut. Es war Napoleons Plan, von hier aus eine gerade Straße nach der Place du Trone zu bauen, wozu die Häuser, welche niedergerissen werden sollten, schon bezeichnet waren; die Ausführung desselben wurde durch seine Thronentsetzung vereitelt. Nach dieser anstrengenden Wanderung stärkten wir uns im Cafs aux Milles Colonnes des Palais Noyal mit einer Tasse Chocolade und begaben uns von da durch die Passage Feydeau in das Panorama von Amsterdam; es stellt diese Stadt zur Winterszeit dar und istz sehr sehenswerth. Dann bestiegen wir am Boulevard des Italiens einen Wagen und fuhren durch die Champs Elysee's zu den französischen Nutschbergen. Das dort gebotene Vergnügen besteht darin, sich von dem oberen Stock eines hohen Hauses aus in einen kleinen vierrädrigen Wagen zu setzen, der in Rinnen geht, und auf diesem pfeilschnell auf einer schiefen Ebene hinunter- und ebensoschnell auf einer andern schiefen Ebene durch eine Maschinerie getrieben wieder; hinaufzufahren. Wir begnügten uns mit dem Zusehen. Den Rückweg nahmen wir durch die Vorstadt St. Honore bei dem Palais Elisee Bourbon vorbei, das vom Herzog von Berry bewohnt wird. Dieses Palais wurde im Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut und war von der Marquise von Pompadour bis zu ihrem Tode bewohnt, gehörte dann eine kurze Zeit der Herzogin von Bourbon, nach welcher es auch benannt wurde. Auch Napoleon bewohnte es mehrere Male, so nach der Schlacht von Waterloo, und hier legte er 1815 die Regierung nieder. Während der Anwesenheit des großen Hauptquartiers der Verbündeten in Paris bewohnte es Kaiser Alexander. Wir speisten im Palais Noyal bei Verry, wo wir unsere übrigen Landsleute trafen und mit ihnen dann ins Theater der Varietes, Boulevard Montmartre, gingen. In diesem Theater werden nur Vaudevilles, Burlesken und leichte Stücke aufgeführt. Die Melodien, die darin vorkommen, find meist bekannte Gassenhauer oder werden es, die Pointen verstehen wir Ausländer schwer, weil sie sich auf das Pariser Leben, auf die Tagesereignisse beziehen. Wenn man sich bei diesen Vorstellungen amüsiren will, muß man jedenfalls Verstand und Geschmack draußen lassen. Montag den 3. November galt unser erster Besuch dem Schuhmacher Mr. Chapelle, bei dem wir schon von Tourcoing aus Bestellungen gemacht hatten. Hierauf wanderten wir wieder ins Palais Royal, machten auch dort verschiedene Einkäufe und Bestellungen, frühstückten und bestiegen sodann in der Nue Nivoli einen Wagen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einige Bemerkungen über die Pariser Lohnkntscher einstießen lassen. Es gibt z. Z. hier 900 zweispännige Fuhrwerke, welche eine fortlaufende Nummer führen und auf 71 Standplätzen in der Stadt durch die Polizei vertheilt sind. Sie haben ihre Taxe nach der einzelnen Fahrt oder nach der Stunde: eine Stunde Fahrt 2 Francs, jede Stunde mehr 30 Sous, nach Mitternacht das Doppelte. Wenn man in ein Theater oder Concert fährt, muß man voraus bezahlen, Trinkgeld ist üblich. Die zweirädrigcn Cabriolets sind etwas billiger, doch findet man sie nur bis Abends 10 Uhr auf den Plätzen. Sowie man über die Barrieren von Paris hinausfahren will, muß man den Fahrpreis im voraus ausmachen. Die Kutscher fuhren gut und haben auch gute Wagen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen, Stcindorff Gc., Kop tische Gra inniai ik mit Chrestomathie. Wörterverzeichnis; und Literatur. 8°. XVIII -f- 220 -s- 94 S. Berlin, Reuther und Reichard, 1894. M. 13,20. g. Unter dem Titel einer »korta. liuAuarum orloutalium« begründete I. H. Pctcrmann (fi 1875) eine Sammlung von Lehrbüchern zur ersten Einführung in das Studium der Sprachen des Orients; die Bündchen, deren Zahl jetzt auf 25 gestiegen ist. erfreuen sich ob der glücklichen Vereinigung von wissenschaftlicher Gründlichkeit mit praktischer Kürze mit Recht allgemeiner Beliebtheit; die ersten unter Petcrmann's Leitung herausgegebenen Theile waren überdies zu ihrem Vortheil lateinisch abgefaßt; spätere Auflagen und neuere Bündchen, von verschiedenen Gelehrten bearbeitet, haben das allgemein verständliche und anständige Idiom der Wissenschaft zum größten Theil leider verlassen und sind in jenem gelehrten Jargon abgefaßt, den man weder „Deutsch" noch „Latein" nennen kann. Auch daö vorliegende Bündchen, das XIV. in der Reihe, von dem man in der That sagen muß, daß es einem wirklichen Bedürfnisse abhilft, da cS die einzige Grammatik bietet, die dem heutigen Stande der Wissenschaft gerecht wird; freilich, ob bei dem Wucherpreis von 13 M., der trotz der einfachen koptischen Typen für daö kleine Buch festgesetzt wurde, die koptischen Studien, so wichtig sie sind, ein besonderes Aufblühen erfahren werden, ist eine andere Frage; kostet doch Stern's vollständige Grammatik, die nebenbei tast ein Lexicon entbehrlich macht, nur 18 Mark. Unter den fünf Hauptdialekten der koptischen Sprache hat Steindorff den sahidischcn zur Grundlage genommen; manche Leser würden aber gewiß an sciuer Stelle lieber den boheirijchcn sehen, denn „er hat sich später in der Literatur über ganz Aegypten verbreitet und gilt noch jetzt allgemein als Kircbeniprache" (S. 4), waS ja das Literaturver- verzeichniß (S. 217) am besten beweist, in welchem auch Lagarde's Pcntateuch-Anszabe aufgeführt ist, einer der wenigen korrekten und für die Lektüre passenden Texte. In der Chrestomathie hat der Verfasser „das Princip dem praktischen Nutzen geopfert und sprachlich etwa-Z weniger korrekte Texte, aber solche gewählt, die den Lernenden mehr zum eigenen Nachdenken, alö auf die Benutzung der Bibel und ihrer Uebcrsetzungen ver- 319 weisen*. Aber, nachdem die koptischen Bibcltexte, wenn überhaupt zu beschaffen, unerschwinglich theuer, außerdem auch noch kritisch ost in einem heillosen Zustande sind, wie die von Fehlern wimmelnde Ausgabe des neuen Testamentes von Wilkins, wäre es doch mindestens sehr erwünscht gewesen, eine größere Auswahl biblischer Texte zu bieten; wir können nur wünschen, daß diesem Mangel bald mit einer eigenen »Odrsstomatdia bidlica ooptioa onm Zstossario« abgeholfen werde. Was philologische Genauigkeit betrifft, läßt das Buch nichts zu wünschen übrig; auf das Aegyptische ist stets Bezug genommen. Ossig H., Spanisch-deutsches und deutsch-spanisches Taschenwörterbuch. 16". 544 S. Leipzig, Ph. Reclam (1894. Univ.-Bibl. Nr. 3201 —5). M. 1,00; geb. 1,50. Keine andere Sprache der Welt lohnt die Mühe des LernenS so reichlich, wie daS Spanische, das uns eine der herrlichsten Literaturen bietet und auch schon um seiner eigenen klangvollen Schönheit willen mehr, als bisher, studirt zu werden verdient. Dazu ist Ossig'S sauber ausgestattetes, bequemes und reichhaltiges Wörterbuch ein Hilfsmittel von geradezu beispielloser Billigkeit, daS namentlich dem Kenner des Lateinischen sofort genügende Dienste leisten wird, um sich an die Lektüre eines Caballero, Trueba und auch der älteren Klassiker zu wagen. Möge namentlich die studirende Jugend ergiebigen Gebrauch davon machen; aus die Kostspieligkeit der nöthigen Lern- bücher kann sich nun Niemand mehr ausreden. Königs-Historicn. I. Theil: Was sich die bayerischen Königsschlösser erzählen. München. Im Selbstverläge des Verfassers. I. L. Crämer, Baumstraße 11. Preis M. 1,50. O In buntem Durcheinander und nicht immer in taktvoller Auswahl sind Erinnerungen, Vorkommnisse, Anekdoten aneinander gereiht, die an einige bayerische Königsschlösser — Bayreuth, Ansbach, Nürnberger Burg, LudwizShöhe, Trausnitz bei Landshut, insbesondere Hohcnschwaugau, Neuschwanstein, Linderhof, Hcrrnchiemsee, Berg. Nvseninsel, Wintergarten — und an den Besuch und Aufenthalt bayerischer Könige alldort sich knüpfen. Selbstverständlich mußte daS einsame Leben und das tragische Geschick des unglücklichen Königs Ludwig II. den Hauptanthcil zum Inhalt des Buches liesern. Alles findet sich zusammengetragen, was aus dem Geflüster der Hofleute, aus den Stuben der Zofen, Lakaien und Hosstaller in die Oesfentlichkeit durchsickerte, selbst die doch ganz interesselosen Namen einiger militärischer Diener des kranken Königs wurden erfragt und gebracht, was nicht minder unangenehm berührt, wie die mannigfachen Andeutungen des Verfassers, was er, weiß Gott, noch Alles wüßte, sich aber nicht zu sagen getraute. Nach unserer Empfindung hat er nichts verschwiegen, was er zu erlauschen vermochte! was er veröffentlichte, sind eben die Klatschereien, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehntes und nach des Königs Tode zwischen Berg und Hohenschwangau und wohl auch in München umhergcredct wurden. Gleichwohl wird daS Buch den großen Leserkreis finden, für den es berechnet ist, wenn auch gerade nicht unter den Lesern der Postzeitung. Sehr hübsch sind die bcigegcbenen Darstellungen der Schlösser, König Ludwig II. zu Pferd, am Familientisch mit der Königin-Mutter und dem Prinzen Otto. Der Frauen Natur und Recht von Hedwig Dohm. 2. Aufl. Friedrich Stabr, Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. Wilhelmstraße 122 L. 365 Seiten, 8°. O Geistreich, mit sprühendem Witze, mit beißendem und häufig sehr wohl berechtigtem Spotte hat die als Fahrerin auf dem Gebiete der Frauenbewegung bekannte Verfasserin die Gründe in äußerst gewandter und packender Darstellung entwickelt, die sür die Gleichstellung der Frauen mit der Männerwelt auf dem Gebiete des Erwerbslebens, der Politik, in der Bildung, kurz für eine Emancipation in gutem Sinne vorgebracht werden können, und die Widerlegung der Gegengründe und Einwendungen niit Geschick und nicht selten mit gelungener Ironie versucht. Wenn man auch grundsätzlich mit der Verfasserin nicht einverstanden sein will, so muß man immerhin anerkennen, daß sie die wirklichen und vermeintlichen Fraucn- rcchte glücklich vertritt und die Gegner mit Ruhm bekämpft. Aus einen nahen Sieg ihrer Ideen hofft sie selber nicht. Uebrigens liefert das Buch einen sehr schätzbaren Beitrag zur Frauenfrage, die, nun einmal aufgeworfen und einen bedeutsamen Theil der social-politischen Frage bildend, mit guten oder schlechten Witzen nicht mehr abgethan werden kann, sondern volle Beachtung verdient. Deßhalb macht das Buch berechtigten Anspruch auf eine eingehende Beachtung. ES steckt in ihm nickt blos ein Körnchen, sondern manche, mitunter bittere Wahrheit. Bei der Belescnheit und, wir möchten sagen» Gelehrsamkeit der Verfasserin ist uns aufgefallen, daß sie den entscheidenden Einfluß des Christenthums aus die Stellung und Wcrthschätzung der Frauen so sehr unterschätzt, ja gar nicht anerkennen will. obwohl sie damit in Widerspruch mit andern Partien ihres Buches geräth. Für eine dritte Auflage möchten wir ihr deßhalb eine Ergänzung ihrer Studien empfehlen, sowie die Beseitigung der Abgeschmacktheit, die in der Bezeichnung einiger Verkehrtheiten des Hausfrauenthums als „Jcsuitis- mus" liegt. _ Die Konfession der Kinder nach dem geltenden bayerischen Rechte von Franz Lindner, kgl. Amtsrichter. München, I. Schweitzer, Verlag. 62 S. Preis 1 M. o Eine recht verdienstliche und erwünschte, bündige und dabei erschöpfende Zusammenstellung der in Bayern über die Confessionsverhältnisse Minderjähriger geltenden Bestimmungen und der einschlägigen Praxis, insbesondere des Verwaltungs- gcricbtshofes. die Geistlichen, VcrwaltungSbeamten und Richtern bestens empfohlen werden kann, da sie über die so schwierige und strittige Materie in allen sich ergebenden Fragen sofort richtige Auskunft und rasche Orientirung bietet. Nlmann's Cicerone für Jtalienreisende. Verlag von Otto Weihrauch. L. Dieser Cicerone ist wirklich eine gelungene Erscheinung Ein angenehmer, redseliger Unterhalter, deutsch und italienisch. Er ist in allem, was zur Reise gehört, beschlagen: auf der Bahn, auf der Post, beim Telegraphen-, beim Zollamt. Kennt sich in den Hotels aus, und er ist ein kleiner Gourmand in den italienischen kulinarischen Genüssen. Der „Cicerone", eben wegen seiner Unentbehrlichkeit, hat in kürzester Frist schon die zweite Austage nöthig gemacht. DaS Werkchen behandelt vorerst eine Rundreise durch die Schweiz nach Rom und zurück über den Brenner. ES sind 26 interessante, genußreiche Tage. Der Cicerone lehrt uns die Zeit sparen und steuert mit sicherem Blick auf das SehcnSwürdigste, sei es, daß es der Geist oder die Kunst oder die Natur ausbaut, hin. Ich habe mit einem Im-, presario einmal eine große Nundtour gemacht. — Gott, bis wir alle beieinander waren; und dann die Jagd — durch die Straßen, durch die Kirchen, durch die Museen, durch die Paläste, auf den Seen, auf der See. Das Minutiöse wurde ost auf Kosten des Grandiosen mitgenommen. Und beim Essen wieder ein Hinabjagcn. Man kam weder zu einer intellektuellen noch zu einer gastronomischen Verdauung. Anders der Cicerone, wer mit ihm geht, geht ohne Hetze und sieht viel» und mangelt einem gerade der italienische Ausdruck, so macht der II. Theil des Büchleins den Dolmetsch. Es gibt keine Verlegenheit in der Konversation, weder bei der Wanderung, noch im Hotel. Das Werkchen, elegant und fest gebunden, kostet nur 1 M. 80 Pfg. Wer cS in die Hand nimmt und nur einige Seiten liest, wird sich sagen: Billig, schön und praktisch. ^.IbortusaLuIsano (o. 6ap.), Institutiones tbooloZias äoZmaticas speoialis rsco§nitao eorreetasa dottkrisä a 6 raun. 'I'om. II. 8". mag. pp. X -st 800. Osnixonts, lädr. catd. soo. 1894. Ll. 10,00. S krimum duzuses oporis tomum, guem zam anno 1893 in kaseieulo 36" Iris actis äiuruis aääitieio lauäavimns, nune alter sscutus oat traetatus äo Deo sanotiücators, äs »ratia Odristi, äs saoramentis in sssnsrs neenou äs sacra- montis daxtismi, eonürmationis, vucdaristias cvntiusns; tertimn volumen a nodis valäo äesiäeratum opus intsArum reääst. Ooäokrsäus a 6raun, qui kormam sui nominis vers latinaw eonstantor reeusars viästur, autoris vsstizia maAna eum pie- tato atqus eruäitione servans oucdiriäion eonZessit, guoä zam ab omnidns viris s. tbsolo§iam in scbolis äoeentibus marima cum lauäs äiscipulis commenäatum est. Lbsgus äubio non solum tiionss, ssä etiam saesräotes euram animarum srer- centes opors maFno cum succossu utontur. I?iat, üat! Franz Devantier, Der Siegfriedmythus, ein Kapitel auS der vergleichenden Mythologie. Hainburg, Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. (vorn,. I. F. Richter). 1894. u. Vorliegende Studie, Heft 190 der von Virckow und Holtzendorff begründeten, von Virchow und Wattcnbach herausgegebenen Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vortrage. empfiehlt sich durch den für alle Deutsche interessanten Stoss, durch wissenschaftlichen Gehalt und klare und gefällige Form aus's beste. Ranke Job-, Der Mensch. 2 Bde. 8°, XIV-f- 640 n. XII -s- 676 S. mit 1393 Tcxtfiguren, 35 Tafeln und 6 Karten. Leipzig-Wien, Bibliogr. Institut 1894. (II.) M. 32 geb. Unter der Menge von Werken biologischen und speziell antliropologischen Inhaltes zeichnet sich Ranke's großartige Anthropologie durch einen ebenso seltenen als wohlthuenden wissenschaftlichen Ernst aus, der es verschmäht, durch die bekannten Seitenblicke auf fremde Gebiete die höchsten geistigen Interessen der Menschheit bei Lesern zu untergraben, welche vielfach bloße Hypothesen von den bewiesenen Thatsachen nicht gehörig unterscheiden tonnen, sich aber desto mehr geschmeichelt fühlen, wenn sie für ihre eigene materialistische Lebensauffassung eine gelehrt klingende Stütze zu haben glauben. Ranke gcbört also nicht zur oberflächlichen Scbaar jener naturgcschichtlichen Nomanfchreibcr, die (wie E. Hacke!) die zugkräftigen TagcS- mcinnngen der Wissenschaft als Dogmen verkünden, ein in seinen Folgen gemeingefährliches Beginnen; denn „so mußte nothwendig, sagt Ranke, in dem der cxactcn Naturforschnng ferner stehenden Publikum die vcrbängnißvolle Meinung erweckt werden, als gäbe es naturwissenschaftliche Dogmen, welche den höchsten Idealen des MenstbengeisteS feindselig gegenüber stehen; es wäre ein Lohn für die Mühen unserer besten Forscher, wenn es auf dem Gebiete der Anthropologie gelänge, diesem volksverderbenden Irrthum Schranken zu setzen". Das hat der gelehrte Physiologe Joh. Ranke selbst in diesem herrlichen Buche, daS der reiche Bilderschmuck überdies zu einem Kunstwerk macht, in wirkungsvoller Weise geleistet. Nicht blos dem Gelehrten, sondern jedem Gebildeten wird dieses beste und vollständige Lehrbuch der Anthropologie ein unentbehrliches Nachschlagcbuch werden, besonders in einer Zeit, wie die gegenwärtige ist, wo die Naturwissenschaften im Vordergrund des Interesses stehen und es so überaus wichtig ist, sie nicht durch den keck auftretenden wisscnschastlichen Schwindel blenden und auf falsche Bahn leiten zu lassen. Mit Stolz kann der Generalsekretär der anthropologischen Gesellschaft auf diese seine Lebensarbeit blicken.; möge nur auch das Meisterwerk die verdiente Würdigung erfahren und die vielen bösartigen anthropologischen Tendcnzromane, die im Umlaufe sind, verdrängen. Bibel und Judenthum. Ein Blick auf Israels Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Don Jo- saphct. Waldbaucr'sche Buchhandlung, Passau 1893. VIII u. 153 S. Preis 2 M. An der Hand von AuSsprüchen der hl. Schrift Alten und Neuen Testamentes legt der Verfasser seilte persönlichen Ideen über das Judenthum dar und wendet sich deßhalb nur an gläubige Leser, Jsraeliten und Christen. Entsprechend dem Titel zerfällt das Buch in drei Theile, die in durchgängiger Abhängigkeit von den Schriften Seb. BrunnerS, Döllingers, Franks, v. Saldenhofcns, Krcmentz's und VanutelliS das vergangene, gegenwärtige und zukünftige JSracl behandeln. Trotz dieser Abhängigkeit, die stets an Ort und Stelle benierkt ist, zeigt der Verfasser ein selbstständiges und gesundes Urtheil. Im ersten Theil verdient namentlich seine Ansicht über den rituellen Ostermord, der nicht ein allgemeiner jüdischer Gebrauch oder gar eine Religion ss chrift für die Juden sei, Anerkennung und Nachahmung. Die schwungvollen Ausführungen deS zweiten Theils über Judenthum und Christenthum, über Roma und Jerusalem, Katholicismus und Judenthum sind äußerst interessant. In dem Kapitel über Charakter und Eigenschaften der Juden zeigt der Verfasser, „daß es Christenpflicht ist, die Menschenwürde in Jedem zu ehren und zu lieben — in- clusive Juden" (S. 78). Die warm geschriebene Abhandlung über die antisemitische Bewegung hat unseren vollen Beifall erhalten: „nicht Jndenhetzc, sondern Christenschutz!" Die Zukunft Israels wird im dritten Theil ideal und nach unserer Ansicht zu ideal geschildert. Ohne den Vorwurs einer „grob spiritualist- ischcn Auffassung" (S. 116) zu fürchten, halten wir daran fest, daß die biblischen Verheißungen nicht dem leiblichen, sondern dem neuen, geistigen Israel Christi gegeben sind. (Vgl. Gal. III, 28. — Röm. II, 28 f.; IV, 11 f.) Das interessante Schrift- chcn aber sei bestens empfohlen! St. Dr. A. Koch. Kiefl Fr. -k., Pierre Gassendi'S Erkenntnißiheorie und seine Stellung zum Materialismus. 8°, 104 S. Fulva, Actiendruckerei 1893. M. 1,60. Die gesammte philosophische Bewegung unserer Tage spitzt sich auf crkenntnißtheoretische Fragen zu; mnso interessanter ist Vcratilw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. es, einen Rückblick auf vergangene Zeiten zu thun und zu sehen, wie frühere Denker Probleme erörtert haben, die heutzutage so sehr im Vordergründe stehen. Die bisher noch nicht genügend aufgehellte Erkenntnißiheorie Gassendi'S hat sich Kiefl zum Gegenstand einer Jnaugural-Dissertation gewählt, für deren wissenschaftliche Tüchtigkeit die Billigung der philosophischen Fakultät in München Gewähr leistet. Das Urtheil Lange'S, der in Gassendi den Vater des Materialismus sieht, weist Kiefl mit Recht entschieden zurück. k. Benedikt Valuh, 8. I., Der Priester in der Einsamkeit der heiligen Exercitien. Zweite, vielfach verbesserte Auflage von L. Franz Miller. 8. 3. Mit Approbation des hochw. bischöfl. Ordinariates von Rottenburg. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung, 1894. i. Ascetische Schriften werden vielfach wahllos aus dem Französischen importirt und dem deutschen Publikum oft in sehr undentschcr und fabrikmäßiger Uebersetznng geboten. Das ist glücklicherweise hier nicht der Fall. Der Inhalt dcö BuckeS ist gediegen, ohne Uebertreibung und Uebcrspanntbeit, obne Sentimentalität; er ist durchweg darauf berechnet, dem Priester in den Tagen der Einsamkeit zrr einer gründlichen Sclbstkenntniß, zur entschiedenen Abkehr von all den kleineren oder größeren Mangeln zu verhelfen, die der natürlichen Anlage entspringen und durch die mannigfachen Berührungen mit der Welt genährt werden, und ihn mit neuem Opfersinn zu entflammen. So empfiehlt sich das Buch namentlich jenen Priestern, die nicht in der Lage sind, gemeinsame Exercitien mitmachen zu können; auch Leiter der Exercitien werden eS sicher mit großem Nutzen gebrauchen. Möge es mit Gottes Hilfe reichen Segen stijten! _ Franz Fiedler, AuS der Musikantcnholle. Ein Urtheil über Richard Wagner im Jenseits. Graz 1894. Commissionsverlag HanS Wagner. I. DaS Ding soll eine Satire sein, ist'S aber nicht; dazu fehlt dem Autor die geistige Ucberlcgeiiheit. Des Pudels Kern ist schwer zu finden; endlich kriegt man ihn doch heraus: Wagner schreibt „Affcnmusik". Witz ist in der ganzen Sache keiner; man ist am Schluß so klug, wie zu Anfang, so daß man sich zuletzt fragt: „Wozu ist das Ding denn eigentlich geschrieben?" Geschichte des Historischen Museums und derMail- linger-Sammlung der Stadt München von Ernst von Destouches, k. b. Archivrath. München, I. Lindauer'sche Buchhandlung (Schöpping). 128 S. 8". mit 13 Abbildungen und Titelblatt von Max Wolf. Preis 2 M. München besitzt erst seit acht Jahren ein Historisches Museum Dessenungeachtet muß man staunen über diese Fülle von Schätzen, Kostbarkeiten, Kleinoden und absonderlichen Gegenständen, die hier als Erbtheil früherer Jahrhunderte angesammelt und in klar übersichtlicher Weise vereinigt wurden. Indem nnS Herr Destouches, dieser rühmlichst bekannte Archivar und Chronist, durch die neugeschaffenen Räume begleitet, erläutert uns derselbe die Büsten, Portraits und Lrachtenbilder, die interessanten Ansichten und Abbildungen, das Silber- und Pretiosen-Cabinet, die Collectiv» von Waffen, Altarzierden, die alten Maße und Gewichte, die Ueberrcste hochnothpeinlicher Gerichtsbarkeit und allerlei Schmuck und Hausbedarf des öffentlichen und privaten Lebens. Dazu berichtet er die Geschichte der hier sachgemäß einverleibten sogenannten „M aillinger - S ammlung" und erzählt als weltcrfahrencr Historiker aus den ihm anvertrauten Archivalen. Quellen und Urkunden die Geschichte des altehr- würdigcn Stadthauses, dessen Grundbestand wohl auf ein halbes Jahrtausend zurückgeführt werden kaun. Ebenso verzeichnet er in dankbarer Erinnerung alle Namen der Stifter, Donatoren und Gutthäter, welche in irgend einer Form zum ersprießlichen Ganzen beigetragen und mitgewirkt haben. DaS mit vielen zweckmäßigen Abbildungen ausgestattete Buch, welches im Auskrage der Stadt publicirt wird, dient nicht nur den Besuchern als treuer Führer, sondern gewährt auch dem Kunst- und Kultur-Freunde, insbesondere dem cxacten Historiker und Forscher, eine Fülle des anregendsten und lehrreichsten Stoffes. Der Verfasser hat mit dieser Publikation die Geschichte Münchens um einen neuen, ganz besonders werthvollen Beitrag bereichert. Verlag des LIt. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 11. VMiir. 1894. MM Akademische Gesetze gegen das Duell. * Im Jahre 1794, also vor hundert Jahren, ist bei Joh. Albr. Barmeier, Univerfitäts--Buchdrucker in Göttingen, im Drucke eine Sammlung „Akademische Gesetze für die Ltuctiosos aus der Königlichen und Chur- fürstlichen Georg-August-Universität zu Göttingen" erschienen, deren auf das Duellunwesen bezüglicher Theil besonderes Interesse bietet. Die Sammlung ist durch einen Erlaß vom 18. August 1763 eingeleitet, laut dessen Georg III. „von Gottes Gnaden, König von Großbrittannien, Frankreich und Irland, Beschützer des Glaubens, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg" rc. w. befiehlt, daß die von ihm „zum Besten unserer Universität zu Götttngen" gegebenen akademischen Gesetze nebst dazu gehörigen Beilagen in Druck gegeben und den Studenten ausgetheilt werden. In 18 Titeln gibt sodann das Hauptedikt ganz treffliche Vorschriften; einige der Ueber- schriften über den einzelnen Abschnitten mögen hier erwähnt sein: „Die Ltuäivsi sollen einen gotteSsürchtigen Wandel führen, und dem öffentlichen Gottesdienste fleißig und ohne dessen Stöhrung beywohnen" — „Auch der in das Land publicirten Sabbaths-Feyer-Ordnung sich gemäß verhalten, und vor, unter, und zwischen dem Gottesdienste die Schenken, LuW-Häuser und Dillaräs nicht besuchen" — „Die Ltuäiosi sollen ihren Vorzug nicht in einer unbändigen Freyheit, sondern in ihrer wohlanständigen, unbescholtenen Aufführung suchen" — „Landsleute haben einander alle Freundschaft, Rath und Beystand zu leisten, jedoch dabey vor allem Anscheine des verbotenen Ratio- vulisrni sich zu hüten" — „Uebermäßiges und allzuhohes Spiel ist, nebst Annullirung der Schuld, mit willkührlicher Strafe anzusehen" — „Ein jeder Ltuäicwus soll sich nach seinem Stande und Vermögen einer guten Occonomir befleißigen, und vor Schulden und den daher entstehenden Klagen sich hüten" u. s. w. Ziff. 9 des Ediktes hat die folgende Ueberschrift: „Alle Injurien, und die darauf genommene Selbst-Rache, alle Thätlichkeiten, HeneontrsZ und Duells find in dem der Universität ertheilten Duell-Läiets bey schwerer Strafe untersaget." Dann heißt es weiter: Es kann niemand, als denen, welche Gelehrte sehn und werden wollen, besser bekannt seyn, datz von allen Landsherren hauptsächlich um deswillen Obrigkeiten und Gerichte bestellet und angeordnet worden, damit unter deren Schutze jeder Unterthan ein stilles und geruhiges Leben führen könne, und, wenn dennoch einiger Streit oder Unwille sich erhebet, der Beleidigte wisse, wo und wie er seine wahre rechtliche Genugthuung zu suchen habe; und wenn jemand diesen Weg nicht crwehlct, und sich selbst Recht zu schaffen vornimmt, derselbe dem von der höchsten Obrigkeit gesetzten Richter in das ihm anvertraute Amt greife, und mit dem Beleidiger solchergestalt fast in gleiche Schuld und Strafe gerathe. Dessen ohngeachtct lehret leider die traurige Erfahrung, daß sonderlich auch auf Universitäten die studierende Jugend aus einer unüberlegten Hitze zum öfter» in Streitigkeiten und Beschimpfungen ausbricht: sodann aber der beleidigte Theil bey der Akademischen Obrigkeit die rechtliche Hülfe nicht suchet, sondern dem sehr falschen Begriffe von dem sogenannten point ä'bonneur nachgehet, sich und andere in Leib- und LebenS- Gefahr setzet, und zuweilen die hohe Schule sogar mit Blutschulden beschwehret, vor denen jedoch der gnädige Gott diese Georg-Augustus-Universität bis hieher bewahret hat: als hat der Allerdnrchlauchiigste Stifter derselben gleich bey deren Anfange ein besonderes Duell -Läiet den 18. Juli 1735. vor dieselbe ausgehen lassen, alle Verbal- und Deal-Injurien den Ltuäiosis darinne rechtlich untersaget, alle Selbst-Rache und die daraus entspringenden ü-enoontree und Duelle auf das schärfste verbothen, und nicht alleine wider die Duellanten, sondern auch wider die Secundanten, Cartel-Träger, oder mündliche Herausforderer, die Diener und Domestiguen, welche dabey wissentlich Handreichung oder andere Dienste leisten, die Zuschauer, und die, welche einen Duellanten verbergen oder verhelen, schwere Strafe verordnet. Da nun einem jedem Ltuäioso bey der Im- matriculation von diesem Königlichen Gesetze, sammt dem den 15. May 1743. von der Universität auf hohen Befehl publicirten Patente, ein Exemplar zugestellet wird, ist dabey eines jeden Pflicht und Schuldigkeit, solche fleissig und mit Aufmerksamkeit zu lesen, alle darinne umständlich erzchlcte Fälle lind die darauf gesetzte Strafen sich bekannt zu machen, und vor dem, was darinne verboten und angedrohet worden, sich möglichsten Fleisses zu hüten. Das in Vorstehendem angezogene Duell-Edikt König Georgs II. vom 18. Juli 1735 ist in der IV. Beilage enthalten und handelt in folgenden Artikeln von Ehren- händeln: ^.rt. IV. Es wird hicmit unter der hier nachfolgendcrmassc» specificirtcn Strafe ernstlich und gänzlich verboten, jemanden durch Gebärden, Worte und Werke, zu injuriircn, und zu beleidigen. Wenn aber ein Ltuäiosns oder anderer UniversitätsVerwandter zu Göttingen. aus einige Weise mit Worten und Werken beleidiget wird, oder sich für beleidiget hält; so hat er solches, mit Bcyscitsetzung aller Selbst-Rache, dem dortigen Lonatui ^.oaclsmivo zu denunciiren, von dem ihm sodann un- verweilet und zureickige Latislaction verschaffet werden soll. Welche richterliche öffentliche Latiskaotion viel bonorablsr, sicherer und soliäor für die Beleidigte ist, und wodurch ihr vermcynter point ä'bcmnour viel besser salviret wird, als durch alle selbst übende, in göttlichen und weltliche» Gesetzen höchst strafbare, krivat-Rache, die nicht genommen werden kann, ohne in gleiche Gefahr von Leib und Leben, Seele und L>eeligkeit, mit seinem Widersacher sich zu setzen. ^rt. VI. Der Llaxistratus Lcmlemiens zu Göttingen soll sobald jemand bey ihm über empfangene Injurien sich beklaget, die Sache gehörig cognosciren, oder auch, wenn ihm sonsten von jemandes Jnjnriirung etwas kund wird, sx ottieio darauf schars inquirircn, jedoch in beyden Fällen, ohne nnnölhige Weilläuftig- keit und Umschweif verfahren, und nur dahin vornehmlich sehen, daß das Davtuin klar gemacht, den: Jnjnriirtcn genügsame Latistaotion gegeben, und die That Recht und Ordnungsmäßig bestrafet werde. Wenn der Jnjuriirte ein Divis eleailomious ist, der Jn- jurante aber nicht, so hat der Llatz'istratus ^.emlsmivns, mittelst Rcquirirung der ordentlichen Obrigkeit des Beleidigers, auch allen benöthigten Falls, mittelst Jmplorirung des mit allein Nachdruck zu leistenden Beytritts des Geheimen Raths OoIIsZii, und aus alle andere eouvouadio Art und Weise, dafür Sorge zu tragen, daß der Jnjuriaut nicht frey ausgehen, sondern dem Jnjuriirten gebührende schleunige Latistaotiou wiedersahren, auch der Jnjuriant nach Verdienst bestrafet werden möge. Der LlaZistratus Lcmlsmiens soll auch mit aller möglichen Wachsamkeit sich befleißigen, die zwischen Studenten vorfallenden Irrungen, ehe sie zu gefährlichen Thalhandlungen ausbrechcn, zu erfahren, und alsdann durch diensameS Zureden, und alle bequeme Mittel und Wege, dahin sehen, daß die Sachen in der Güte beygelegt, und alle daher zu besorgende böse und unglückliche Wirkungen und Folgen abgelehnet werden mögen. ^.rt. VII. Wenn Dasquillo asfigiret gefunden werden, oder sonst zum Vorschein kommen, sollen solche durch des Nachrich- ters Knecht öffentlich verbrannt, aus den Urheber ox oküoio inquiriret, und derselbe nach Wichtigkeit des dem andern zugefügten Schimpfs mit drey- oder viermonathlicker Gefängniß, auch wohl mit ein- oder zweimonatlichen VestungSbau, oder Zuchthaus-, bestrafet, andere schriftliche Verunglimpfungen aber, die die Darm und Roquisita eines kasquiis nicht haben, wie auch blosse Ehrenrührige Worre oder Gebärden, nach Befinden ihrer Beschaffenheit, Enormitat, und Umstände, mit 14tägigem, 4, 6. und mehr wöchigem Gefängniß dergestalt geahndet weiden, daß der Beleidigte zugleich durch eine Ehren-Erklärung, oder Abbitte und Widerruf des Beleidigers in öffentlichen Gerichte, zu seiner billigmäßigen Latiskaotion gelange. elrt. VIII. Wenn jemand einem andern mit der Hand, oder mit einem Stocke, einer Peitsche, oder andern Instrument, drohet, rind ihm Maulschellen, Schläge, oder Streiche anbietet, ohne daß es jedoch zu deren Erthcilung würklich komme, so soll ein solcher Beleidiger, nebst einer dem Beleidigten zu thuenden gerichtlichen Abbitte, mit 3 monatlicher Gefängnißstrase beleget werden. 32L Wenn cS aber zu wnrklicher Handanlegung und Schlägen gekommen, so ist ein Unterschied zu machen, ob solches aus nn- vermutblich vorgefallene Vcrunwillignng in eoutänenti in der ersten Hitze geschehen, oder, ob die Gelegenheit darzu vorschlich gesuchet sey. Ersteren Falls ist der ckM'sssor mit halbjährigem Gefängniß, oder drcymonatlicher Conäsmnation all oxoras, nach des Naxiotratno Leaäomioi Wahl zu bestrafen. Zweyten Falls aber wenn nehmlich die Gelegenheit zur Verunwillignng vorschlich gesucht worden, und es darüber zu Schlägen gekommen, soll der ch^ressor ein ganzes Jahr im Gefängniß sitzen, oder auf ein Jahr all oxua xnblionm condemniret werden. In diesen beyden Fällen soll der Beleidiger anncbst angehalten werden, dem Beleidigten eine Abbitte in öffentlichem Gerichte kniccnd zu thun, auch daselbst sich zu erbieten, daß er von dem Beleidigten eben das Tractanient annebinen wolle, was er demselben angethan. Wer jemanden aufpasset, und ihm mit einem Degen, oder Stocke, oder mit einer Peitsche, oder mit einem andern Instrument, anfällt und schlüget, der soll gleich einem würklichen Duellanten bestraft werden. Wenn er solche böse That mit Hülfe anderer ausgeübt, so sollen solche Helfer, und HelferS-Helfer, wenn sie die Absicht gewnst, und dazu vorsätzlich Beystand und Vorschub geleistet, mit gleicher Strafe angesehen werden. Lrt. IX. Weil oftmals vorsätzliche ckttagnon und Schlä- gercycn, welche von vorherigem Groll und nachgetragenen Tücken herrühren, auch wohl heimliche AnSfordernngen zu Duellen, unter dem Nahmen einer Uetzereilung, oder zufälligen Ksnooutro, verstellet werden; so wird dem NaZistratni ^callomioo hiermit aufs ernstlichste eingebunden, bey Vorfallenheiten, da vorgcwandt Wird, daß die Beleidigung pur Lonoontro, und nicht aus prä- mcditirtem Vorsatz, geschehen, aufs genaueste nach allen Umständen zu erforschen, ob es in der That also sich verhalte, oder nur fälschlich vorgegeben ivcrde. Und wenn sich dann findet, daß der Beleidiger mit dem Beleidigten nickt erst zu der Zeit, da die vorgegebene Lonoontro geschehen, in Streitigkeit gerathen, sondern durch eine, zu anderer Zeit sich zugetragene Sache, Anlaß dazu gegeben worden; soll ein solcher LAZrossor, ohne Unterscheid, ob die H,t.tagno mit andern Real- oder Vsrbal-Jnjnrien, oder mit einer Nörbigung, das der attaquirte den Degen zücken müssen, begleitet gewesen ich, oder nicht, gleich einem würklichen Duellanten und Provocanten zum Duell, Inhalts nachstehenden XI. bestrafet werden. Lrt. X. Wenn aber der vorkommende Casus auf eine wahre unverstellte Lsncoutro qualificirt zu seyn sich zeiget, und einer von denen, die solchergestalt aneinander gerathen, entleibet, oder so, daß er davon stutzet, verwundet wird, soll zwischen dem tl§rossoro und ^.Kresse, der gehörige Unterscheid ob sie sich illlra. terwinos iuoulpatao tntslas gehalten, beobachtet unv sonst die Sache nach den gemeinen Rechten entschieden und bestrafet werden. Lrt. XI. Wenn jemand sich gelüsten last, seinen Widersacher entweder selbst, ocer durch einen andern, zum Duell herauszufordern, es sey auf den Degen, oder auf Pistolen, zu Fuß oder zu Pferde, so soll der Herausgeforderte dem bla- Aistratni Leaäemieo sofort davon Eröffnung thun, und sodann der Provocant allein; wenn aber der Provocirte die Ans- fordcrnng, sie geschehe schrffft- oder mündlich, annimt, 10 sollen beyde, der Provocans und Provocatns, wenn gleich kein Duell daraus erfolget, sondern dasselbe, ohne der Partheyen Zuthun, durch obrigkeitliches Veranstalten abgewandt worden, aus ein Jahr all oporas pnblioas bey einen Vestungsbau, oder einem Zuchtbaufe, oder an statt dessen, auf zwey Jahr zum Gefängniß, wobey sie das erste Jahr mit blostm Wasser und Brod zu ernähren seyn, condemniret; wenn es aber zum würklichen Duell gekommen, dasselbe jedoch ohne Entleibung oder tödtlicke Verwundung abaelaufen, bcyde mit zweijähriger Ccmüemuation aä oporas xnbtioas, oder vierjähriger Gefängniß, bestrafet werden. Der Provocans soll auch nickt die geringste privat Latiskacticm für den ihm etwa zugefügten Schimpf, um deswillen die AnSfordernng geschehen, zu gewarten baden, sondern denselben immerwährend tragen. Solte jedoch der Provocans nach der von ihm geschehenen und von dem Pcovocato angenommenen Ausforderung vor dem würklichen Duell eines bessern sich besinnen, seinen Unfug des ProvocirenS erkennen, und mit dessen Bereung die Sacke, ehe sie kund worden, der akademischen Obrigkeit selbst anmelden, so soll er mit vorgesetzter Strafe übersehen, und blos in eine mäsige Geldsumme condemniret werden. ^rt. XII. Wenn der Provocatns die ihm geschehene Provokation vor dem Duell der Obrigkeit zwar denuncuret aber zu der Provokation durch eine dem Provocanten zugefügte Beschimpfung Anlaß gegeben: so ist der ProvocatuS solches seines Denunciiren ungeachtet, darum, daß er durch Beschimpfung des Provocanten zum Xnetors rixas sich gemacht, gebührend zu bestrafen; das hebet aber sodann die von dem Provocanten ver- würkte oben Lrt. XI. ausgedrückte Strafe nicht aus, sondern dieselbe ist an ihm dennoch zu vollziehen. Lrt. XIII. Diejenigen, die wegen geschehener, oder angenommener Provokation, oder wegen vollbrachten, und ohne Todlschlag abgegangenen Duells mit der Flucht sich zu retten jucken, sollen, wenn sie in Unsern Landen betreten werden, zur Haft und gebührenden Strafe gezogen werden. Wenn sie aber entkommen, und aus ergangene peremtorische bläiotal Citation sich nicht einstellen, sollen sie von Unserer Universität xubliev onm inkamia in xorpotuum, aus Unsern Landen aber aus gewisse Jahre, relcgirct, und solche Ssntontia rolsKationis der Obrigkeit des Orts, von wannen sie bürtig seyn, sä notitiam zugeschickt werden. Lrt. XIV. Wenn ein Duell in- oder ausserhalb Unserer Lande geschiehet, und einer der Duellanten dabey entleibet wird, und entweder sofort aus dem Platze todt bleibet, oder von einer empfangenen absolnts lstbalen Wunde hernach stirbet; so soll der Thäter, ohne Unterschied seines Standes, oder Wesens, und ohne alle Begnadigung, mit dem Scbwcrdt vom Leben zum Tode gebracht, und dessen Leichnam, nicht weniger der Leichnam des Entleibten, an einen Abort begraben werden. Desgleichen sollen, wenn tzeyde Duellanten anf der Wahlstatt todt tzleiben, ihre Leiber daselbst, oder an einen Abort, begraben, auch wenn einer der Duellanten verwundet, und die Wunde zwar nicht iotkal befunden wird, er aber dennoch durch Verwahrlosung seines Chirurgi, oder wegen einer andern zufälligen Ursache, daran stirbet, sein Cörper in der Stille ausserhalb des Kirchhofes eingescharret werden. Wenn der Mörder flüchtig wird, so ist derselbe durch Steckbriefe, und sonst auf alle Weise möglichst zu verfolgen; wenn man aber seiner Person nicht habhaft werden kan, sein Bildniß mit einer Beschreibung der Beschaffenheit seines volioti an den Galgen zu henken. Diese Bestrafung in eköKis soll aber die gesetzte Todesstrafe nicht aufheben, sondern dieselbe an dem Mörder, wenn er über lang oder kurz erhäschet, und vest gemacht wird, vollzogen werden, ohne daß er dawider mit der Verjährung oder einem andern Vorwand, sich schützen könne. ^rt, XV. Damit solche Missethäter desto schwerer entkommen mögen, so sollen kro Lootor und Zsnatns Leaclemious, sobald von einem vorgegangenen Duell, Loneontrs, oder Schlägerey, ihnen etwa's kund worden, eS sei damit abgelaufen, wie es wolle, mit möglichster Geschwindigkeit zu der Captnr der Verbrecher eilen, und ihrer Person in Zeiten sich zu versichern alle erdenkliche Vorkehrung anwenden. Lrt. XVI. Weil bey L-cblägercyen und Duellen Leute gemeiniglich sich befinden, die unter dem Namen von L-ccundanten, oder Mittelspersonen, in die Sachen sich mischen, denen Duellen beywohnen, auch wohl, an statt sie die in Streit gerathene zur gütlichen Beylegung ihrer Handel perfnadiren sollen, die Duelle befördern, und dazu anrcitzen; So sollen dieselbe nachfolgender maßen bestraft werden. 1) Die Secnndanten sollen in allem dem würklichen Duellanten gleich, und also, wenn das Duell ohne Entleibung abgelaufen, mit vierjähriger Gefängniß, und zwar das erste Jabr bey Wasser und Brod, oder mit zwcyjähriger Arbeit an einem Vestungsbau, oder im Zncbthaufe bestrafet; auf den Fall aber, daß eine Entleibung vorgefallen: mit dem Schwerd vom Leben zum Tode gebracht werden. 2) Die Cartelträgcr, oder mündliche Herausforderer, und welche wissentlich Waffen und Gewehr zum Duell hergeben, sind mit vierjähriger Gefängniß, oder zwcyjähriger Conclvmnation aä operas, zu bestrafen. 3) Die Diener und Domestiquen, so zu Duellen wissentliche Handreichungen, oder andere Dienste, leisten sollen 6 Mo- naie bey einem Vestungsbau im Karren schieben, oder, wenn sie zu schwach dazu sind, sechs Monate im Zucht- hause sitzen, und arbeiten. 4) Wer einem Duell zustehet, und mit Vorbewust dabey sich einfindet, aber nickt auf alle Weise bemühet ist, solcbeS zu verhüten, da er eS dock wohl gekonnt, soll 4 Wochen und nach Befinden noch länger, im Gefängniß sitzen. 5) Wer einen Duellanten vcrbirget, oder verholet, und dadurch sich schuldig machet, daß die Obrigkeit feiner nicht habhaft werden kann, auch wobl gar dem Duellanten in seiner Flucht mit Rath und That behülslich ist, dcr soll dreimonatliche Gefäuguißstrafe ausstehen. ^rt. XVII. Wer von einem geschehenen, oder vorsehenden Duell Nachricht bekömmt, soll dem jedesmahligen kro-Leetoii solches unverzüglich anmelden*), damit lctzternfciÜS die Vollziehung des Duells, wenn es möglich ist, verhindert werden könne. Wenn aber jemand dieses Anmelden unterlasset, ob er gleich im übrigen des Duells, oder des Streits, woraus er hergekommen, sich nicht theilhaftig gemachet, man aber hernach erfahret, daß er darum gcwnst, so soll er nach Bewcmduiß der Umstände mit einer Gcldbusse, oder anderer willknhrlichcr Strafe, welche der illa- tz'istratus Lomlomions zu determiniern hat, beleget werden. Eben das haben auch diejenigen vcrwürket, und soll an. ihnen vollstrecket werden, welche von einem vorsehenden, oder vorgegangenen Lonoontrs Wissenschaft gehabt, und es dem?ro- Neetori nicht angezeiget. Der I'ro-Loetor ist aber sodann schuldig, und wird hicmit befehliget, die Person, die ihm dergleichen anzeiget,. auf ihr Begehren allerdings zu verschweigen, und ihren Namen zu ihrem Nachtheil und Gefährde nicht kund zu machen. ^rt. XVIII. Einem jeden gebühret, wenn in seinem Veyscin Leute sich vcrnnwilligcn, dieselben so viel möglich zu besänftigen, und den Ansbrnch des Streits zum Handgemenge, so viel ohne Gefahr eigenen Leibes und Lebens geschehen kan, verwehren zu helfen. Wer aber solches nicht thut, und im Gegentheil den AuSbruch der Streithändcl zu Thätlichkeiten auf einige Weise veranlasset, facilitiret, oder befördert, der soll entweder in vier- monatliche Arbeitsstrafe am VestungSban oder im Zuchthaus?, wovon die Wahl dem lllagistratui üe-ulomieo zustehet, verfallen sehn. Dafcrn jemand sich so weit vergriffe, daß er Leute zu einem Duell zuscuumenhetzete, oder, welches einerley ist, zu einem verstellten Lenoontro anricthe, oder, wenn jemand diejenigen, der eine ihm kund gewordene Provokation, oder Duell, der Obrigkeit denunciiret, oder der selbst proviciret wäre, aber für die ihm wicderfahrne Beschimpfungen durch den Weg Rechtens Satiskuctioo gesnchct und erlanget, oder noch zu suchen gesonnen wäre, solches »erweislich vorzuhalten, ihn deshalber von Gesellschaften auSznschliessen, ihm bey Tisch den Teller umzukehren, oder ihm auf andere Weise verklcinerlich und verächtlich zu begegnen, sich unterstünde, und ihn dadurch per in ilireotum zum Duell, oder zu einem Dnellgleichenden Lsueontrs, anzutreiben; So soll derselbe Verbrecher denen würklichen Sccuu- dantcn gleich, nach Inhalt obigen XVI. tkrt. Xr. I. bestrafet werden, und zwar, so viel die Auhetzung zu einem Duell, oder lleneontre, betrist, mit dcr Maaßgcbung, daß, wenn das Duell oder Lsueontro, ohne Eutlcibuug abgelaufen, die Aubetzung mit zwcyjährigcr Oonäenmation all operas, oder vierjähriger Gefangenschaft, wenn aber einer dcr Duellanten, oder durch verstellte lloneontro aneinander gerathene, oder auch behde, ums Leben kommen, der Anhetzer, gleich dem, der ihn entleibet, mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht werden solle. ttrt. XIX. Auf unserer Universität zu Eöttingen soll durchaus niemand geduldet werden, der zwar für einen Ltncliosnm sich ausgicbet, aber denen Stuäiis oder Exercitien nicht oblieget, sondern die Zeit mit Müssiggehe», Saufen und Schwelgen zubringet. und andere an ihren Stuäiis durch zudringliche Besuch- und Bcschmausungen hindert, auch wohl davon Profeßion machet, daß er Händel und Plaudcreycn zwischen Stuäiosis anrichte, sie zum Balgen und Raufen animire, alsdann zum Secundanten sich gebrauchen lasse, oder, wenn ein Studiosus sich nicht gerne duclliren will, sich zum Unterhändler auswerfe, eS in die Wege zu richten, daß der, so das Duell dccliniret, gleichsam pro roäimeuäs. voxu, durch ein dem, der ihm ein Ducll angeboten, und seinem Anhange, zu gebendes kostbares Convivium, vom Duclliren sich bestehen möge. Wer dergleichen Dinge, eines oder mehrerer sich schuldig machet, und dessen überführet wird, dcr soll allsofort, ohne einiges Nachsehen, von Unserer Universität weggeschaffet werden, und zwar, wenn er niemanden zu Schlägerehen, oder Duclliren, verleitet, durch ein Simplex vonsilium ubounäi, andernfalls aber, nach Unterschied der Umstände, entweder per relegationew xudlieam, auch *) Den Studenten der Medicin und Chirurgie ist bey 10 Rthlr. Geld- oder dem Befinden nach härterer Strafe verboten, sich aller Praxis der Medicin und Chirurgie zu enthalten, mit dem Anhange, daß wenn sie etwa bey Verwundungen academischcr Mitbürger» zu erforderlicher schleuniger Hülse gerufen werden sollten, sie doch so bald als möglich einem andern der dazu lc- gitimirct ist, die Cur übergeben und dem Köuigl. Universit. Gerichte von dem Vorfall sogleich Anzeige thun sollen. Nescript vom 5. Oct. 1761. nach Befinden onm iukawia, oder nach Inhalt abstehenden üertionli XVIII. So die Göitinger Gesetze gegen das Duellunwesen, das nach Janssen (Bd. 7 S. 163) durch französische adelige Studenten vor dem 30 jährigen Krieg an die Universität Freiburg eingeschleppt wurde und sich von dort auf die deutschen Universitäten verbreitete. Auch andere Universitütsgesctze enthielten strenge Verordnungen gegen das Ducll; so ist in den „Freyheiten und Ordnungen" der Universität Mainz vom Jahre 1746 über Duellanten und Secundanten Ehrlosigkeit und Relegation verhängt. Leider ist es trotzdem nicht gelungen, die Duell-Barbarei auszurotten, und wird es noch vieler Bemühungen bedürfen, um diesem heillosen Unfug ein Ende zu machen. Zum Schlüsse möge auch noch aus „des Hochwürdigsten Fürsten und Herrn, Herrn Johann Friederich Carl, des H. Stuhls zu Mayntz Ertz- Bischoffen, des H. N. Reichs durch Germanien Ertz- Cantzlern und Churfürsten Unsers gnädigsten Herrns, Erneuert- und vermehrte Freyheiten und Ordnungen für Dero Uralte Universität zu Mayntz (28. Dez.) 1746" folgende gegen das Duellunwesen gerichtete Bestimmungen eine Stelle finden: Ditulus XII. Von Busen, und Straffen. §. VIII. Säuffere, Spiclcre, Nachtschwärmere, und dergleichen liederliche Pnrsch sollen unter dem mißbrauchten Nahmen deren Studenten nicht gedultet, sondern wie eine ansteckende Kranckbeit aus der Stadt verwiesen, oder mittels langwürigen Kärckers zur Besserung gebracht werden. Ferners sollen diejenige, welche sich drey Monath über nirgends bey dem Vorlesen vcren öffentlichen Lehrer eiufindcn, andurcb des Einschreib- und anderer Akademischen Rechte verlustigt wissen, sofort von anderen Gerichts-Stellen eingezogen, und dem VerbesserungsHautz zur verdienten Straffe übergeben werden. §. XII. Wer den anderen zu einem Zweykampfs auf den Degen, oder Pistohlcn forderet, oder dem Forderenden an bestimmtem Orth erscheinet, soll als unehrlich öffentlich von der Universität verwiesen werden, und mit gleicher Straff sollen auch die belegt werden, welche dem Zwcykampf als Erbettene Vor- und Zuständte beywohnen, gegen die Kämpffende aber selbst soll nach Recht, und dem dahiesigcn besonderen Duell- Edict verfahren werden. Ei» Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) 8. Auch in Rom finden wir zuerst (zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch) Könige mit eingeschränkter Gewalt. Ihnen steht der Senat und die Versammlung der Comitien zur Seite. Nach der Vertreibung der Tarquinier wird die Gewalt des Königs ungeschmälert auf zwei Consuln übertragen.^) Der Stand des Adels beherrscht den Staat, aus ihm werden die Senatoren und alle Beamten gewählt, er ist im Besitze des Staatslandes (aZer publious). Die Plebejer gewinnen durch die Vertreibung des Königs nicht das Mindeste, sie fühlen im Gegentheil den Druck der Patricier doppelt, da dieselben jetzt durch nichts mehr in Schranken gehalten werden. Wir erinnern nur an das Schicksal der plebejischen Schuldknechte, die, wenn sie nicht bezahlen konnten, den Gläubigern (und diese waren fast nur Patricier) mit ihrer Person verfallen waren "°) lüv. II. 1. 324 und so förmlich die Sklaven derselben wurden. Die Plebejer klagen deßhalb, daß ihre Lage zu Hause eine härtere sei, als im Kriegsdienste gegen auswärtige Feinde?") Es entsteht durch jenen Druck ein langwieriger Kampf zwischen den Patriciern und Plebejern, der über 200 Jahre dauert, bis endlich der Bürgerstand dem Adel ein Recht nach dem andern abgerungen und die Gleichstellung beider Stände erkämpft hat. Aber auch nach der gesetzlichen Gleichstellung überwiegt die Macht des ersten Standes noch eine geraume Zeit, bis der Bürgerstand ihm faktisch das Gleichgewicht hält. Die inneren Kämpfe um das Standes-Jnteresse dauern fort. Daß der Staat bei diesen immerwährenden Unruhen im Innern nicht zu Grunde ging, hatte seinen Grund darin, daß er gleichzeitig stets gegen auswärtige Feinde zu kämpfen hatte. Die gemeinsame Gefahr nöthigte die Bürger immer wieder zur Eintracht und ließ den inneren Streit nie zum Aeußersten kommen?") Ebenso hatten die auswärtigen Kriege um Selbsterhal- jung und Erweiterung des Staates die gute Folge, daß sie das römische Volk in angestrengter Thätigkeit und bet einfachen Sitten erhielten, vor Weichlichkeit und Genußsucht lange bewahrten und für die Bevölkerung der Stadt Rom einen Ableiter bildeten. Außerdem wurde in gefährlichen Zeitumständen das monarchische Princip auf höchster Stufe zu Hilfe gerufen, man legte alle Staatsgewalt in eine Hand, man schritt zur Wahl eines Dictators, der eine unumschränkte Macht, selbst über Leben und Tod der Bürger, besaß. (Nach Livius wurde in der Zeit von 499—301, von T. Lartius bis Val. Maximus, also in nicht ganz 200 Jahren, 48 Mal zur Wahl eines Dictators die Zuflucht genommen.) Durch diese Ursachen, äußeren Umstände und Mittel hat sich die römische Republik theils in absolut, theils in überwiegend aristokratischer Form (vor dem faktischen Eintreten der Demokratie) beinahe vierhundert Jahre erhalten, durch ihre beharrliche und conieguente Eroberungspolitik, durch den selbst im größten Unglück nicht verzagenden Muth ihrer Bürger?^) durch die stanncnswerthe Tapferkeit ihrer wohlgeübtcn Heere eine außerordentliche Größe erreicht. Die äußere Gefahr, der fortgesetzte Krieg war also einerseits die nothwendige Bedingung, daß der innere Kampf nicht bis zur Auflösung und Zerstörung des Staatsgebäudes sich steigerte, anderseits die Hauptursache des Glanzes nach außen. Wir würden den Zustand des römischen Staates und Volkes jener Zeit einen wünschens- werthen, einen glücklichen nennen, wenn der Hauptzweck der Menschheit im gegenseitigen Vernichtungskampfe, wenn das Glück der Völker im Kriegführen bestünde, wenn der Krieg sich selbst Zweck wäre und nicht vielmehr, wie Aristoteles und Cicero sagen, nur das Mittel zur Erlangung eines ehrenvollen und guten Friedens sein sollte. Doch nach dem letzten gefährlichen Kampfe, nach der Demüthigung und Zerstörung Karthagos ist Rom in keiner äußeren Gefahr mehr, kein Brennus, kein Hanni- bal rückt mehr gegen die Stadt und schreckt die Bürger; Rom hat Frieden oder könnte ihn wenigstens haben und die reiche Beute der glorreichen Kriege in Ruhe genießen. -°) viv. II. 23. vorrk. ibiä. II. 27 u. 32. viv. XXII, 12, viv. XXII, 61. ") Schön sagt hierüber Horaz (Oä. IV, 4): vnris ut ilex torrsa bipennidns Xi^ras keraoi kronäis in ^IZicko, ker äamira, per eaeäss, ab ixso vueit opss nuimnmqus kerro. Aber gerade diese Beute ist Gift für die Eingeweide des Staates, weil mit dem Reichthum zugleich die Ueppigkeit und Genußsucht ihren Einzug hält. Gerade die Ruhe und die Sicherheit vor äußeren Feinden, gerade der Umstand, daß kein Feind mehr gegen Rom zieht und die streitenden Parteien zur Eintracht nöthigt, ist jetzt dem Staate zum Untergang,"") weil dieses zuvor seine Lebensbedinguug gewesen. Der innere Kampf wird jetzt um so heftiger und gefährlicher, je mehr die Demokratie die Oberhand gewinnt. Die gesteigerte Heftigkeit der Parteikämpfe regt nun mehr als je die Leidenschaften auf und zerstört die Sittlichkeit?") Während vorher die Furcht vor dem äußeren Feinde zur Mäßigung mahnte und das Bindemittel der zwistigen Stände war, herrscht jetzt Leidenschaft und Zwietracht. Das Wohl des Staates ist nicht mehr der oberste Zweck aller Stände und einzelnen Bürger, sondern der Staat wird fortan zur Erreichung der Privat- und Parteizwccke auf jegliche Weise ausgebeutet."^) Die innere Fäulniß wird zuerst im Jugurtinischeu Kriege recht offenbar. Volksgunst, Staatsämter, alles war käuflich""): wer am heftigsten die Senatspartei bekämpfte, wer am meisten gab oder versprach, der hatte die große Menge, namentlich den besitzlosen Theil"") derselben, zu seinem Anhange und bereitwilligen Werkzeuge. Marius erlangt dnrch Verleumdung seines Vorgesetzten, des Metellus (ooirk. Lull. 64 u. 65), das Consulat, und nachdem er als Plebejer und lwuiv novrm einen Patrizier, welchem er Uebermuth und Herrschsucht vorgeworfen, vervrängt hatte, wurde er selbst so ehrgeizig und herrschsüchtig, daß er seinem Gegner, dem schrecklichen Sulla, an Herrschsucht und Grausamkeit um nichts nachstand. Sobald die eine Partei siegte, verfolgte sie den Sieg an der Gegenpartei, an ihren Mitbürgern auf schonungslose Weise dnrch Proskription, Raub, Mord und Gewaltthaten jeder Art;"^) man mißhandelte, verbannte und tödtete die Anhänger der Gegenpartei, theils um das Nachegefühl an ihnen zu sättigen, theils um ihre Güter wegzunehmen."") Während in dem Bürgerkriege des Marius und Sulla die beiden Stände der Patrizier und Plebejer sich feindlich gegenüberstanden und sich gegenseitig durch Herrsch- und Habsucht, Blutgier und Grausamkeit zu übertreffen suchten, sehen wir bald darauf in der catilinarischen Verschwörung nicht so fast einen Kampf des Bürgerstandes gegen den Adel, sondern vorzugsweise einen Kampf von besitzlosen, stark verschuldeten und moralisch ganz niedrigen Menschen gegen die besitzende und moralisch bessere Klasse. Cicero faßt die Anhänger des Catilina unter folgenden sechs Klassen zusammen, die bei ähnlichen Ereignissen überall und zu allen Zeiten vorzukommen scheinen. Der vortrefflichen Bezeichnung wegen setzen wir die ganze Stelle, so lange sie auch ist, hieher: »vnuin Fenns est eornin, gui rnagno in aero aUsno Majores etianr possessiones dabent, guarum ainors aääueti äissoivi nulle nroäo possuut. vorum Irorninrun Speeres est tronestissima: surrt «nim locnxlstes, vvlnntas ve-ro et eansa impuäeirtissrirrr ... Huri! vniin exspectas? beiluiv? gniä? srFo in vastationo ornnium Inas possessiones saerosanetas lutnras xrrtas 2 Llterum gemis est eoruiu, gui guamguampremnntrrr aere --) 8-rII. 6-rt. 10. °') 8-rII. ,7u» 5. "«) 8-rII. änF. 41. "°) 8-rII. äriA. 35. 8-rII. IriA. 86. "') 8-rIl. 6ar. 11. 6onk. 6io. pro kose. Lmer. °°) 8-rlI. 6-rt. 51. 325 slieno, äominationsm ts.msn exspsetLni- rerm» potiri volunk, kooores, guos qriista rspuklies. äespsrank, povturkskL eonseg»! ss passe arditrantur. lertiom ^enus sst aetsta eonkeetui», seä tsmen exercitationo rokustum; guo ex gsnsro est klellkis, v»i Mine 6s.ti>inL saecsäit. Hi sunt Kamines ex üs eoloniis, g»as LuIIa I'nesulis constituit; c>uas e§o uni versag civinm esse optimornm ei) kortissimoruw virorum sentio; seil tarnen ki sunt coioni, gui ss in inspero-tis rspontivisgas pseuniis snwtnosiug insoientirisHns jaetarunt: II i clum asäiüernt, tairr- gULw keati, ämu prasäiis, lsetiois, kainiliis mngnis, eonviviig appsratis clelsotantor, in tanturn aas aliennm inciäerunt, »t, si salvi esso velint, Lulln sit iis all inkeris exeitanclns; gui etism nonnnllog »Orestes, Kamines tsnnes atczno e§e»tes in eanäein illam spom rapinarum vstsruin impnlsrnnt; guos ego »trosgne, tznirites, in eoclem Feuers prasclatorum äirep- tornmqns pono. tzuartum Avnns sst sanv varium est inistnm st tnikulontnm; gui ssi» priclam premuntur (se. aers alieno), g»i nnnrquam emergsut, gei partim etiam snmtikns, in vetsrs asrs alisoo vaeillant, g»i vaäiiuonüs, jüäieüs, proserixtionibus bonormn äskatiFati, pormulti et ax urke et ex nxris ss in illa eastra conksrrs äiouvtur. tzuiotum Aenns sst parrici- äarum, sicariorum, äenignv ownium kaeinorosoram. kost- rsmnin autei» §snns sst non solnin vnmsro, vsrnm stiam Fsners ixso atgus vita, gnoä proxrium sst Oatilinae, cls esus äolsetn, iinrno voro äs eoinploxn sjus ao sinn, guos xsxo eaxillo nitiäos, ant imksrkos ant bans karkatos viästis, wanicatis st talarikns tnnieis, volis amietos, non tozis; quoruin omninm inclustria vitas et vigilanäi lakor in ants- Inoanis eosnis expromitur. In kis Fregikus omnss aleatorss, omnss aänlteri, omnss impnri impuäioiguv varsantnr. (Orat. in (latil. II, 8 sgg.) Die Versprechungen des Catilina und die Hoffnungen seiner Anhänger waren auf die Besitznahme der Staatsämter und der Güter ihrer Mitbürger gerichtet.") Anfangs schien freilich der Zweck ein mehr allgemeiner zu sein und das Interesse des Bürgerstandes dem Adel gegenüber zu betreffen. Aus diesem Grunde sowohl als auch aus Ncuerungssucht war der ganze Stand des gemeinen Volkes anfangs für das Unternehmen des Catilina;") allein als die eigentliche Tendenz der Verschworenen offen da lag, trat ein Umschlag der Gesinnung ein. man verdammte die Pläne des Catilina und erhob den Consnl Cicero als den Retter des Staates in den Himmel.") Aber dasselbe Volk. das jetzt den Consul als Vater des Vaterlandes pries, verbannte ihn nach kurzer Zeit auf Rath und Antrieb des schändlichen Clodius. Die Menge zeigte überhaupt weder Einsicht noch eigenen Willen, keinen Grundsatz, keinen zuverlässigen Charakter, sondern große Unselbststündigkeit, Veränderlichkeit, Uebermutb und Neigung zu Gewaltthaten. Die Worte des Livins (XXIV, 25) scheinen allgemein anwendbar zu sein, wenn er sagt: Hase »sture. rrmltituäims est: aut servil kumilitsr, ant superkv clowiuatur; liksrtutsm, guas meclia, est, nee sperovro moäiee, nae Imkere sciunt; et non kenne ässunt warum inälllZentes ministri, gui uviclos atgue intcmperantes xlekejorum suimos aä sanZuinew et caeäom irriteut. Das, worüber schon im ersten Jahrhundert der römischen Republik (469 v. Chr.) nicht ohne Grund im Senate geklagt wurde, daß nämlich durch die Streitigkeiten im Innern der Staat zerfleischt werde, daß es sich dabei nicht mehr um das Wohl des Staates, sondern um den Besitz der Herrschaft in demselben handle, war jetzt im vollsten Maße eingetreten. In diesem letzten Stadium der römischen Republik stieg daher der Kampf der Parteien auf den höchsten Grad. Er bestand nicht mehr, wie früher, größtentheils in Feindseligkeiten und blutigen Auftritten in der Stadt Rom selbst, sondern der ganze Staat ist jetzt in zwei feindliche Lager ge- °°) Lall. 6atil. 31. *°) Lall. 6atil. 37. ") Lall. vatil. 48. theilt, in allen Ländern und Provinzen deS römischen Reiches werden von Römern gegen Römer blutige Schlachten geschlagen. Deßhalb ruft der Dichter klagend aus: Hais non Istina sangiiius pinxmor Lampus sspulckris impia proelia Lsstatur uuäitum^us Llsäis Ilesperias sanitär» ruin-rs? tzui Anr^es ant gnae ilnmina, InAnkris Ixinrra Kolli? guocl rnars vannias klon äseoloravere eaeävs? (juas oarot ora ernoro nostro? Hör. 0cl. II. 1. 6onk. ikiä. I. 14. Eine österreichische Erzherzogin als Romanschriftstellerin. Von Joseph Maurer. Erzherzog Sigmund von Oesterreich wurde 1427 zu Innsbruck als Sohn des Herzogs Friedrich mit der leeren Tasche geboren und wurde nach seines Vaters Tode, 1439, Erbe von dessen Ländern, namentlich von Tirol. Von seinen Zeitgenossen erhielt er den Beinamen „der Münzreiche". Im Jahre 1448 verehelichte er sich mit Eleonore, der Tochter des gelehrten König Jakob I. von Schottland, welche Ehe 32 Jahre dauerte. Sigmund umgab sich gerne mit einem Kreis von Dichtern und Gelehrten, in dem sich auch Eleonora heimisch fühlte, da ihr schon in ihrer Heimath Lust und Liebe zu den Wissenschaften beigebracht wurden. Eleonora fand an der Literatur ein solches Wohlgefallen, daß sie endlich selbst zur Feder griff und Schriftstellerin wurde. Erzherzogin Sigmund fand nämlich an einem französischen Roman, l'llistoira äu Xobls Rox Lcmtus, üls äu Ilo^ äs Oulias st äs Ig. sislls LiäoMS AIs äu Ilox äs LrstaiZns" besonderes Gefallen, so daß sich Eleonora bewogen fühlte, diesen Roman „ihrem ehelichen Gemahl zulieb und gefallen" in deutscher Sprache zu bearbeiten, waS ihr so vortrefflich gelang, daß aus dem französischen Roman ein deutsches Volksbuch wurde, daS zahlreiche neue Auflagen, Wieder- und Nachdrucke erlebte. Die Erzherzogin benutzte für ihre Arbeit das französische Original sowie eine lateinische Uebersetzung, die aber jetzt nicht mehr vorhanden ist. Sie gab ihrer Arbeit folgenden Titel: „Hie hebt sich an eine schön History, daraus und davon man vil guter, schöner Lehre, Unterweisung und Gleichnuß mag nennen und besunder die jungen, so sie hören und vernemen die Gutthat und grob Ehre und Tugent so ihre Eltern und Vordem gethan und an ihnen gehabt haben" u. s. w. Hierauf folgt die Angabe, daß die Erzherzogin die Geschichte „von französischen Zungen in Teutsch transferirt und gemacht hat dem durchlauchtigen hochgebornen Fürsten und Herrn Sigmunden Erzherzog zu Oesterreich ihrem ehelichen Genial zulieb und zugefallen." Die Drucklegung ihres Buches erlebte die Erzherzogin nicht mehr, denn sie starb schon 1480, während ihr Buch erst drei Jahre später aus der Druckerpresse hervorging; denn es heißt am Ende des Buches: „Gedruckt und vollendet ist dies Büchlein genannt PontuS von Hansen Schönsperger in der kaiserlichen Stadt Augs- , bürg, da man zält nach Christi gepurt Ll0666ll,XXXIII." Das Buch wurde in Augsburg, Frankfurt, Nürnberg, Straßburg 1498, 1509, 1539, 1542, 1548, 1557 «. s. w. wieder gedruckt. Die Nürnberger Ausgabe vom Jahre 1645, die bei Michael Endter erschien, sucht das Versprechen ihres Titels: „eine gar kurzweilige Lcctüre" zu bieten, dadurch noch eher zu erreichen, indem 57 Illustrationen in naivem Holzschnitt beigegeben sind, von denen einzelne Bilder zweimal und auch öfter vorkommen, so oft sich nämlich eine Scene geschildert findet, zu der sie halbwegs passen. Das Volksbuch „Pontus und Sidonia" hat beiläufig folgenden Inhalt: Pontus ist natürlich ein Held, welcher die Bretagne vor den einfallenden Heiden siegreich beschützt. Er liebt die Königstochter Sidonia und es wird zwar seine Liebe erwidert, aber der neidische Gendellet verleumdet ihn, worauf Pontus nach England geht und dort große Heldenthaten verübt. Als er zurückkehrt, kommt er gerade noch zu recht, um Sidonia von der Ehe abzuhalten, zu welcher Gendellet sie mit ihm selbst zwingen will. Der Verleumder wird entlarvt und büßt seine Schandthaten mit dem Leben. Die Heldin des Buches hat überhaupt mit allen möglichen Hindernissen mit Furcht, Hinterlist, Verrath u. s. w. zu kämpfen, so z. B. gleich im Eingänge, wo ihr der Seneschall statt des Ritters PontuS dessen Vetter Polidas zuführt, welche Verwechslung aber ohne weitere schlechte Folgen bleibt, da Polidas so ehrlich ist zu bekennen, wer er eigentlich ist. Sidonia stellt nun den Seneschall ordentlich zur Rede: „Förcht ir mein, ich will und weiß meine Ehre wol zu bewahren, das solt ihr noch jemand bezweifeln." Daraufhin holte ihr der Seneschall den wahren Ritter Pontus. „Ich bitte Euch", sprach sie, „gehet hin und bleibet nicht lange aus." Und dann heißt es: „der Seneschall ging hin den Pontum zu holen, die Sidonia ging in ihr Gemach und erwartet mit großer Begierd und Freud des Jünglings und sah zu einem Fenster hinaus auf den Weg, da er herkommen sollte, und war Niemand bei ihr als Elois, ihre liebe Jungfrau, und also schauet Elois auch oft aus, um am letzten kam Elois schnell gelaufen zu der Frauen und sprach: Fran er kommt, der schönste in der Welt. — Da erschrnck Sidonia von großen Freuden, die sie empfinge und ging auch an das Fenster und sah ihn und den Seneschall mit einander kommen. Und als sie den Pontum recht ersah, da war er gerade, lang und schön, daß sie sie darob verwundert und sprach: Liebe Elois, er bedünkt mich ausdermaßen schön. Dazu sprach Elois: Fran, er ist nicht ein Mann, sondern ein Engel, denn ich habe keine menschliche Creatur nie so hübsch gesehen. Gott hat ihn mit seiner eigenen Hand gemacht. — Auf mein Eid ja, sprach Sidonia, liebe Elois. Und bald ging sie heraus in eine große Kammer, da ihre Frauen und Jungfrauen immer waren und wartete daselbst. Da kam Pontus und der Seneschall, Pontus erzeuget sich ganz höflich mit Worten und Geberden, mit züchtigen Reden und fürstlichen Ansprachen, wie er solches gelernt und wol unterrichtet war. Da ging Sidonia ihm entgegen und empfing ihn auch gar lieblich und schön, nahm ihn mit seiner Hand, führet ihn mit ihr hinein in ihr Königlich Gemach und hieß ihn zur niedersetzen auf ihren Stuhl. Aber der züchtig und edelich Pontus wehrt sich und sprach: „Gnädige Frau, es ist nicht billig noch ziemlich, daß ich zu Euch auf Euren Stuhl soll sitzen, ich bin ein Jüngling und geringe Person, dieser Ehren gar nicht würdig, und macht sich ihr fast ungleich und unterthänig." Da sprach Sidonia zu ihm: „Warum treibt ihr soviel Gcprens, ihr seid doch wol eines Königs Kind wie ich." Er sprach: „Ihr seid eines mächtigen Königs Tochter, ich einer, der weder Land noch Lent hat und werde allein erhalten durch die Wohlthaten, die mir von Eurem Vater meinem Herrn widerfahren, der mir viel Gutes thut." „Lieber Pontus", spricht sie, „lasset solche Worte unterwegen." Das nächste Kapitel erzählt: „Was für Gespräch, schöner Rede, Kurzweil und Höflichkeit Sidonia und Pontus miteinander hatten, auL wie Sidonia an Pontum begehrte, ihr Ritter zu werden, darauf sie ihm ein Fingerling gibet und er ihr schwor, für allen anderen Frauen ihr Ritter zn sein und ihr zu dienen, so lange er lebet." Pontus hielt diesen Schwur, so viele Gelegenheiten und Gefahren es auch gab, die ihm die Haltung desselben auf alle mögliche Weise erschwerten. Zuletzt wurde er doch ihr Gemahl, nachdem alle Hindernisse und Prüfungen glücklich überwunden und überstanden waren. Sidonia aber war an seiner Seiie Königin von Galicia. Das letzte Bild des Buches zeigt uns einen pompösen Leichenzug, dem ein Bischof in vollem Ornate in würdevoller Haltung voranschreitct, Männer mit Gugel- hauben tragen einen Sarg anf den Schultern und Pagen gehen zu beiden Seiten als Fackelträger. Unter dem Bilde ist zu lesen: „Der König PoutuS und die Königin Sidonia regierten eine lange Zeit nach ihrer Landschaft gefallen. Darnach stürben sie mit großer Klag von allen ihren Unterthanen. Aber es ist so gestalt, mnb dieser Welt Leben, daß kein Mensch so fromb oder so reich, noch so hübsch, noch so mächtig, er muß von dieser Welt scheiden. Ende!" Wer diesen Roman der Erzherzogin Eleonore, der zum Volksbuchs geworden ist, in neuhochdeutscher Bearbeitung lesen will, der nehme die neueste Ausgabe desselben von Karl Simrock (die deutschen Volksbücher, Frankfurt-a. M., 11. Band) zur Hand und er wird finden, daß „die zierliche, ruhmreiche und fruchtbare Histori" wirklich „gar kurzweilig zu lesen" ist. Erzherzog Sigmund, der sich 1487 wieder mit Katharina von Sachsen verehelicht hatte, überlebte seine erste Gattin um sechzehn Jahre, indem er am 4. März 1496 aus diesem Leben schied. Da er ohne Leibeserben starb, so hatte er seinen Vetter Maximilian I. an Kindesstatt angenommen und setzte ihn zum Erben aller seiner Besitzungen ein, wodurch Tirol und Vorderösterreich wieder in den Besitz der österreichischen Hauptlinie kamen. Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Fortsetzung.) p. Wir fuhren also bei den Champs Elysees vorbei nach dem für den König von Rom projectirten PalaiS; was dort gebaut worden war, wurde bereits abgetragen und der Platz, auf welchem das Palais zu stehen kommen sollte, eingeebnet. Von da gelangten wir über die Brücke der Invaliden (früher Pont de Jeux) nach dem Marsfeld, einem großen länglichen Viereck, Manövrirplatz der Pariser Garnison, der von der Seine bis zur Ecole Militaire reicht, welches letztere Gebäude Ludwig XV. für 500 junge Edelleute errichten ließ, die sich dem Waffendienst widmen wollten, und welches Ludwig XVIII. dieser Bestimmung wiedergegeben hat. Von hier aus erreichten wir das Hotel der Invaliden: Ludwig XIV. legte den Grundstein zu diesem Bau; 1671 und 1679 327 wurde derselbe unter Bruants Leitung vollendet. Von der Seine her kommt man zunächst in einen mit Gräben umgebenen und mit eisernen Gittern eingefaßten Vorhast hinter welchem sich das großartige Bauwerk erhebt. An dem Mittelgebäude befindet sich ein mit Trophäen geschmückter Triumphbogen, unter welchem ein Basrelief von Coustou angebracht ist, Ludwig XIV. zu Pferd darstellend, begleitet von der Gerechtigkeit und der Klugheit. Die Statuen des Mars und der Minerva stehen rechts und links des Hauptthorcs, und die 4 bronzenen Sclaven von Desjardins, die für die Place des Victoires bestimmt waren, schmücken die Ecken der Flügelpavillons. Im Innern gibt es nicht weniger als 14 Höfe. 6- bis 7000 Invaliden bekommen hier Wohnung und Verpflegung. Ein Marschall von Frankreich ist Gouverneur des Palastes; unter ihm steht ein Generalstab. Die Stabsund Oberoffiziere bewohnen einen eigenen Pavillon: wir besahen uns ihren Speisesaal, in welchem sie an runden Tischen zu 6 und 8 speisen, Mittags drei und Abends zwei Gänge erhalten und zu jeder Mahlzeit eine Flasche Wein, während den Soldaten eine halbe Flasche Wein und ein Gericht weniger verabreicht wird. Die Kranken werden von den Schwestern des hl. Vincenz von Paul gepflegt. Wir besuchten auch den Dom, dessen vergoldete Kuppel, wie ich bereits erwähnte, man in ganz Paris sieht. Er ist von Mansard erbaut, sehr reich ausgestattet und mit Marmorplatten belegt: in seine mittlere Kuppel hat Lafosse die Apotheose des hl. Ludwig gemalt, wie er Gott Vater seine Krone und sein Schwert darbietet. Die anstoßenden Kapellen des hl. Hieronymus, hl. Ambrosins und hl. Augustinus sind mit Gemälden von Bonllongce, die übrigen drei von andern Meistern geschmückt. Früher hingen im Dom Hunderte von eroberten Fahnen, die aber, als die Alliirten das erste Mal in Paris einrückten, von den Invaliden verbrannt wurden. Von hier fuhren wir nach dem Palais Luxembourg, dem Sitzungslokal der Pairs; sein Treppenhaus ist besonders schön, aber von den Statuen der Feldherren, die in demselben standen, hat man nur noch die von Desaix, Marceau und von noch zwei andern stehen lassen, während man die übrigen mit allegorischen Figuren aus der Antike vertauschte. Die Gemäldesammlung ist, wie ich bereits erwähnte, in den Louvre gekommen; nur einige größere Stücke blieben zurück, unter anderen ein Gemälde, die Siegeskrönung Napoleons darstellend: man hatte aber jetzt seinem Körper einen andern Kopf aufgesetzt! Im Sitzungssaal der Pairs war der frühere Thron weg. genommen worden, dagegen im Nebensaal ein Thronsessel für den König aufgestellt. Ney hat in diesem Palast seine letzten Tage zugebracht und ist am 7. Dez. 1815 früh 9 Uhr im Garten des Luxembourg in der Nähe der Umfassungsmauer erschossen worden. Dieser Garten bildet eine der beliebtesten öffentlichen Promenaden; da er nicht ganz eben ist, bietet er in Folge dessen manche Abwechselung; zum Schmuck dienen ihm Statuen heidnischer Gottheiten: Venus, Flora, Diana, Bacchus u. s. w. sind vielfach vertreten. Am Pantheon, das wir nun aufsuchten, wird die Aufschrift „Den berühmten Männern die dankbare Nation" ausgekratzt, um der früheren: „Sie. Geneviöve" Platz zu machen, da das Gebäude dem kirchlichen Cultus wiedergegeben und wie früher unter den Schutz der Patronin von Paris, der hl. Genoveva, gestellt werden soll. Ludwig XV. ließ an Stelle einer älteren, baufällig gewordenen Kirche, welche ebenfalls diese Schutz- patronin hatte, den Neubau beginnen, der 1770 beendet wurde; während der Revolution und auch unter Napoleon dienten seine Grüfte als Begräbntßstätten berühmter Männer. Wir stiegen zu ihnen hinab und besuchten unter anderen das Grab des Generals Neynier, welcher 1809, 1812 und 1813 unsere Truppen commandirte. Neuerdings ist bestimmt worden, daß alle Marschälle, Cardinäle, Minister, Großoffiziere der Ehrenlegion und Senatoren hier beigesetzt werden sollen. In dem Pantheon selbst befinden sich die Denkmäler von Turenne und Rousseau. Der Platz um die Kirche ist, wie gewöhnlich bei allen im Bau begriffenen Gebäuden, mit einer Bretterwand umgeben, was einen unangenehmen Eindruck macht. Es war nun Zeit zur Heimfahrt, die wir über den Pont Neuf antraten, der über die beiden Arme der Seine führt, und zwar in der Nähe der unteren Spitze der Jsle du Palais. Begonnen wurde der Bau desselben unter Heinrich III. und während der Regierung Heinrichs IV. beendet. Des letzteren Monument in Bronze vom Jahre 1614 (welches neben der Brücke auf der Insel stand) wurde, nachdem es zu Anfang der Revolution ein Gegenstand der Verehrung des Pöbels gewesen war, nachher von diesem zerstört. An derselben Stelle, wo jenes gestanden hatte, wurde 1814 eine Neiterstatue Heinrichs IV. in Gips aufgestellt, die später durch eine gleiche in Bronze ersetzt werden soll. Wir besahen uns noch im Vorbeifahren die Fontaine Desaix auf der Place Dauphins, errichtet zum Andenken an den General Desaix, der bei Marengo fiel. Gespeist wurde heute zu allgemeiner Zufriedenheit bei dem Restaurateur Grignon, Nue Neuve des PetitS Champs: trotzdem das Diner in jeder Hinsicht ein ganz vorzügliches war, kam es jeder Person nicht höher als 6—7 Francs zu stehen. Nachher fuhren wir ins Theater der Grande Academie, auch Grand Opera genannt, wo man „Die Karawane von Kairo" von Gretry und das Ballet „Nina" gab. Der Umfang des Theaters — es ist wohl das größte der Welt — die kunstvolle Darstellung, die herrlichen Dekorationen; alles das machte die Vorstellung zum Vollkommensten, das man sehen konnte; außerdem findet sich dort die ganze vornehme und schöne Welt von PnriS zusammen, nicht nur um zu sehen, sondern auch um gesehen zu werden. Unsere für heute, Dienstag den 4., geplanten Ausflüge wurden durch die Eröffnung der Kammern beschränkt. Vor derselben fand eine hl. Geist-Messe in Notre Dame statt, um den Segen Gottes zu der kommenden Session zu erflehen. Wir zogen es aber vor, nicht dahin zu gehen, da man uns vor dem Andrang des Publikums warnte, sondern hörten erst eine stille hl. Messe in Notre Dame des Victoires, dann bestellten wir Einiges, und als wir zum Frühstück in das Cafs de Foy gehen wollten, kam Einsiedel und erzählte uns, daß er den Zug des königlichen Hofes in die Kirche gesehen habe. Es wurde daher beschlossen, letzteren aus der Kirche zurückkommen zu sehen, worauf wir freilich zwei Stunden warten mußten. Endlich nahte der Zug; voran ritten die Stäbe der kgl. Garden, dann kamen viele 8 spännige Gnlawagen, in welchen Hofchargcn saßen, hierauf 4 Herolde und hinter diesen die Wagen mit der kgl. Familie. Die Equipagen waren prachtvoll und sollen (wie uns der Lohnbediente erzählte) bei der Ver- mühlungSfeier Marie Louisens Verwendung gefunden 328 haben. Weniger glänzend war das Geleite der Gardes j du Corps und der Grenadiergarde zu Pferde, ebenso fiel die schlechte Haltung der Truppen, welche die Haie von Notre Dame nach den Tuilcrien bildeten, unangenehm auf. In der dem Zug zuschauenden Menge war kein Gedränge zu bemerken, ebensowenig hörte man freudige Zurufe. Da uns dadurch der Nachmittag für weitere Partien verloren gegangen war, wanderten wir nach dem Platz des Jnnocents, einem früheren Kirchhof, wo jetzt die berüchtigten Fischweiber fitzen und ihre Waare feilbieten. In der Nähe dieses Platzes ist in der Straße de la Ferronnerie die Stelle zu sehen, wo Heinrich IV. am 14. Mai 1610 von Navaillac erstochen wurde. Das Haus, vor welchem die Mordthat geschah, trägt das Bildniß des Königs über der Hausthür. Wir halten es übersehen und wollten nicht wieder umkehren; dafür ward uns die Genugthuung, Zeugen eines Auftritts unter den Fischweibern zu sein. Zwei derselben spaßten mit einander, spien sich ins Gesicht und schimpften sich: dennoch herrschte die größte Harmonie unter ihnen. Wir besahen uns auch die Halle aux Blas, Nue de Viarmes, ein großes rundes Gebäude, das in eine Kuppel endigt, die mit Glas bedeckt ist, um das Licht hereinfallen zu lassen. Es ist mit den verschiedensten Gattungen von Mehl gefüllt und wurde 1762 an der Stelle erbaut, wo früher das Hotel de Soissons gestanden harte. An der Wölbung der Kuppel befindet sich jetzt kein Holzwerk, denn nach dem Brand von 1802 hat man sie im Jahre 1806 aus Eisen und Kupfer hergestellt. An der Außenmauer der Halle aux Bläs ist die 95 par. Fuß hohe, schöne Medicissäule befestigt, in deren Innern eine Treppe bis auf das Kapitäl führt, auf welchem sich eine Art Observatorium befindet. Unser nächster Weg führte uns bei der Place Noyale vorbei, unweit welcher (in einem kleinen Gäßchen vor der Wache des Gefängnisses La Force) im September 1792 die Obersthofmeisterin der Königin Marie Antoinette, die Princessin von Lamballe, auf barbarische Weise umgebracht wurde, nachdem sie es abgelehnt hatte, ihren Haß gegen König und Königin, sowie gegen das Königthum überhaupt auszusprechen. Man schnitt ihr den Leib auf, bratete und aß einzelne Theile und Glieder derselben u. s. w., steckte ihren Kopf auf eine Pike und hielt ihn vor das Fenster des Gefängnisses der unglücklichen Königin. Wir kehrten nun in unser Hotel zurück, die Damen ruhten sich aus und kleideten sich um, dann ging es zum Essen zu den Trois Fröres Provenceaux im Palais Noyal und von da ins Theatre Frangais, Nue Richelieu, dicht am Palais Noyal, wo fast ausschließlich nur Tragödien und Schauspiele aufgeführt werden. Man gab „1^68 wuniSres äs8 §runcl8 liomiw68" und noch ein anderes Stück, welches wir aber nicht abwarteten. Im ersteren kamen viele Anspielungen auf den Dünkel der Geburt vor; jede derselben wurde eifrig beklatscht. Uebrigens spielte man ausgezeichnet, die Mlle. Mars, Talma und die vorzüglichsten Schauspieler traten auf; die Sprache war außerordentlich schön und stand zu dem Spiel in gleichem Verhältniß. (Schluß folgt.) Vcrantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Neceusionen und Notizen. Axenstein. Eine Doppelnovelle von C. Miethe, Verfasser von „Schloß Karnath" — „Ein Sommer" — „Usr aspsra all astra." — „Gräfin Klausel" rc. rc. Berlin 1894. R. v. Decker'S Verlag. G. Schenk. 187 S. 8°. Preis 3 Mark. O Der bekannte Schweizergasthof auf dem herrlichen Axen- stein und seine prachtvolle Umgebung bilden den Schauplatz einer reizenden Doppclnovclle, deren Fabel trotz ihrer Einfachheit und Anspruchslosigkeit durch bie geist- und gemüthvolle Entwicklung und Darstellung und durch die treffliche scharfe Zeichnung der Charaktere das vollste Interesse deS Lesers in Anspruch nimmt und ihn bis zum Ende in steter Spannung erhält. Der Inhalt ist durchaus rein, die Sprache gewählt und schön, und so kann das Buch zu einer nicht blos einmaligen stets genußreichen Lesung bestens empfohlen werden. Vom Deutschen Hausjchatz liegt nunmehr das letzte Heft des 20. Jahrgangs vor. Wie uns die Verlagshandlung mittheilt, wird der neue Jahrgang die vorhergehenden an Reichhaltigkeit weit übertreffen. Es liegen große Romane vor von M. Herbert, M. Ludolff, H. Nicbthofen, L. v. Neidegg, Karl May u. a. — den besten Erzählern des katholischen Deutschlands — welche bei allen Lesern das lebhafteste Interesse erregen werden. Neben diesen großen Romanen wird eine Reibe kleinerer spannender Novellen veröffentlicht werden. Unterhaltende und belehrende Artikel über alle Zweige der Wissenschaft und des Lebens liegen der Vcrlagöhandlung in großer Fülle vor, so daß die Leser über die Fortschritte der Neuzeit stets auf dem Laufenden gehalten werden; dazu kommen die zahllosen kleinen Notizen, die interessanten Brieskasten-Antworten, die Extrabeilage für die Frauenwelt, die reiche Jllustrirung — ein Reichthum deS Stoffes, wie ihn so leicht keine andere Zeitschrift bietet. Wir rathen unsern Lesern deshalb dringend, auf den neuen Jahrgang zu abouniren. „Alte und Neue Welt". Mit großer Bewiedigung haben wir von dem uns dieser Tage zugekommenen I. Hefte des neuen (29.) Jahrgangs dieser altbewährten Zeitsch' iit Einsicht genommen. Der rege und dabei doch friedliche och teifer, mit welchem die Verleger unserer illustrirten kathol. Familien- blätter allen berechtigten Anforderungen ihrer Leser zu entsprechen sich bestreben, kommt in diesem Hefte der „Alten und Neuen Welt" ganz hervorragend zum Ausdruck. In ein frisches, allmonatlich sich änderndes Gewand gehüllt und mit neuer, sehr leserlicher Schrift gesetzt, führt der soeben beginnende Jahrgang mit seinem bedeutend vergrößerten Formate und mit dem entsprechend erweiterten Umfang sich äußerst Vortheilhast bei der Leserwelt ein. Der äußeren Schale entspricht dann aber auch der innere Kern, indem es der Redaktion gelang, durch Wort und Bild für Unterhaltung und Belehrung in gleich vorzüglicher Weise zu sorgen und der „Alten und Neuen Welt" auch fortan einen Ehrenplatz auf dem Tische der katholischen Familie zu sichern. _ Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Breisgau. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 10: Korea. — Die Mission auf den Kei-Jnseln (Holländisch-Jndien). (Fortsetzung.) — Venezuelas Hauptstadt und ihre Umgebung. (Schluß.) — Nachrichten aus den Missionen: Korea (Die Ansänge des Krieges); Vorderindien (Bekehrung der höheren Kasten); Indonesien (Mission auf Portugicsisch-Timor); Nordairika (Am Lagerfeuer in der Sahara); Centralafrika (Stand der Mission deS Sudan); Südafrika (Der neue Abt von Mariannhill; Apostol. Präsectur des Oranjeflusseö); Britisch-Nordamerika (Erbauliche Züge aus Britisch-Columbieu); Mexico (Die Kirchen in Mexico; Anstalten der Ordenssrauen vom heiligsten Herzen); Südamerika (Kapuzinermissionen in Columbia); Oceanien (Die Anstalten in Kinigunan aus Neu-Pommern); Aus verschiedenen Missionen. — Misccllen. — Für Missionszwecke. Illustrationen: Li Hung, der König von Korea. — Der Rönigspalast in Söul. — Koreanische Soldaten der regulären Armee. — Söul, die Hauptstadt von Korea. — Wasfer- fall der L-illa bei Caräcaö. — Ansicht des Städtchens Anti- mano in Venezuela. — Ansicht von La Guaira in Venezuela. — Ritt über die Dünen. — Gesattelte Reitkamcle. Verlag des Lit. Instituts von Haas nullis stastentur" deuten darauf hin, daß man sie nicht als Menschen, sondern als eine Sache des gewöhnlichen Besitzthnms betrachtete. Es mußte der Einzelne gleichsam zuerst ein Mitglied des Staates, ein Bürger werden, ehe er ein Mensch sein konnte. Die Sclaven waren völlig rechtlos. In Griechenland wurden sie zwar im ganzen weniger hart behandelt als in Rom. Hier aber waren sie ganz der Laune und Grausamkeit ihrer Herren preisgegeben. Oft wurden sie wegen einer Kleinigkeit nicht nur gefühllos gezüchtigt und mißhandelt, sondern getödtet, an das Kreuz geschlagen. So weit verirrten sich die gebildeten Völker der Heidenwelt, daß sie in den armen Sclaven die Menschenwürde gänzlich verkannten. Die Römer haben die Rechtswissenschaft sonst so sehr ausgebildet und für alle möglichen Fälle Gesetze und Normen aufgestellt, mit haarspaltendem Scharfsinn die Rechte von Mein und Dein geschieden; aber für die Sclaven haben sie kein Menschenrecht herausgefunden. Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert. I. Zell bei Oberstaufen. Eine gute halbe Stunde von Oberstaufen liegt friedlich und unmuthig inmitten weniger schmucker Anwesen auf kleiner Arhöhe eine Kapelle, einst die Pfarrkirche von Zell, seit 1375 Mit der Propstei Staufen unirt, jetzt ein einfaches Filialkirchlein, von welchem man, abgesehen von der anmuthigen Lage, kaum besondere Dinge erwartet, die etwa einen Ausflug dorthin lohnen würden. Dennoch birgt dieses kleine Kirchlein in seinem Chöre seltene und auserlesene Kuustschätze. Die Kapelle umfaßte ursprünglich wohl nur den Nanm des heutigen Chores. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts etwa wurde dieselbe aber erhöht und mit einem entsprechenden Langhause versehen. Aus dieser Zeit stammt der künstlerische Wandschmuck. Es sind nämlich die Wände des Chores vollkommen mit Gemälden bedeckt, die sich dem Raume und Inhalte nach in drei Gruppen gliedern. Die erste Gruppe bedeckte die Nordwand des Chores, leider wurden hier später 2 Fenster eingebrochen. Die vorzügliche Restauration hat den Schaden so geschickt ausgebessert, daß auch der Kenner nur mit besonderer Aufmerksamkeit die Ergänzungen wird angeben können. Es finden sich an dieser Wand 16 Darstellungen, die reihenweise unter einander wie in einem Bilderbuche angeordnet sind; die Reihen enden in der Mitte der Ostwand. Demnach haben wir in der ersten Zeile: 1) Die Wurzel Jesses (Stammbaum Mariens);') 2) Joachims Opfer wird zurückgewiesen (das Opfer ist als TempelzinS gedacht; der Hohepriester sitzt, Joachim will eben das Geldstück hergeben, Anna steht trauernd zur Seite); 3) Joachim vom Engel über die Erhörung seines Gebetes unterrichtet (auf der Weide, ein Hirte im Hintergrund); 4) Anna im Garten (Anna hat stets den Heiligenschein, Joachim nicht) erhält ebenfalls vom Engel die trostreiche Botschaft; 5) Joachim und Anna begegnen sich an der goldenen Pforte; 6) Maria Geburt (bekannte Auffassung). Zweite Zeile: 7) Die kleine Maria steigt die Tempelstufen hinan; 8) Die Freier Mariens erhalten ihre Stäbe zurück, Josephs Stab grünt, er erhält von einem der Freier einen F-anstschlng, ein andrer zerbricht seinen Stab; 9) Vermählung Josephs (bejahrt) mit Maria; 10) Verkündigung (Maria sitzt vor einem Buche, der Engel schwebt von oben herab); 11) Heimsuchung (ungemein zart). Dritte Zeile: 12) Weihnacht, drei Englein darüber, welche das Gloria singen (Choralnoteu); 13) Beschnei düng; 14) Anbetung der Könige; 15) Flucht nach Aegypten; 16) Der bethlehcmitischc Kindcrmord (etwas derber aufgefaßt). Die südliche Chorwand zeigt uns die Martyrien der Apostel und drei andere Darstellungen, in der nämlichen Weise angeordnet, nur daß hier die Fenster ursprünglich vorhanden waren. Erste Zeile: 1) Kreuzigung Petri; 2) Enthauptung Pauli; 3) Kreuzigung deshl. Andreas (Andreas bekleidet); Jakobus wird von einem Kanzelgerüste herabgeworfen und mit der Walker st äuge erschlagen (einige Figuren sind noch in der andächtigen Stellung, wie sie seiner Predigt zuhörten); 5) Johann Evangelist vor der la- teranensischen Pforte im Oelkcssel (der Tyrann in kostbarem Gewände sieht zu); 6) Thomas wird enthauptet, während eine fürstliche Familie andächtigst ein Götzenbild (Kalb) anbetet; 7) Philippi Kreuzigung. Zweite Zeile: 8) Matthäus vor dem Altar erstochen; 9) Bartholomäus wird geschunden (—Fenster—); 10) Stephanus wird gesteinigt ') Sämmtliche Bilder trugen erklärende Unterschriften, größtentheils nicht mehr erhalten. (— Fenster —); 11) Mathias wird enthauptet. Dritte Zeile: 12) Jakobus der Aeltere wird enthauptet; 13) Simon und Judas werden erstochen, ersterer mit einer Lanze, letzterer mit dem Schwert (— Fenster—); 14) Stephanus heilt ein Pferd (ein Fuß ist eingebunden), ein stattlicher Zug Hilfesuchender reitet herzu, einige werfen Geld in einen Opferkasten (das Bild trug die Unterschrift: Ltopdanus laoiedut xrociiZia, ab mZoa, inaZnn in plosis) (—Fenster—); 15) St. Albauus. — Aus dem Triumphbogen (Seite gegen den Chor) ist das jüngste Gericht dargestellt, oben Christus, zu beiden Seiten Engel, etwa in mittlerer Höhe zur Rechten (Süden) die Seligen von Petrus geführt, zur Linken (Norden) Sturz der Verdammten; unten zur Rechten auferstehende Selige, zur Linken der Höllenrachen, bereits mit Angehörigen der verschiedensten Stände gefüllt. Unterhalb sämmtlicher Gemälde zieht sich eine einheitliche Sockelmaleret hin, marmorirt, unterbrochen von graugemalten gewundenen Säulchen. Unter den Gemälden zeigten sich die Apostelkreuze. In der Läibung (unprofilirt) des Chorbogeus, auf der Südseite, fanden sich noch Neste, welche zeigen, daß hier die klugen und thörichten Jungfrauen gemalt waren, doch sind diese sämmtlich zerstört, da der ursprüngliche Spitzbogen ausgerundet wurde. Die Laibungen der alten (südlichen) Chorfenster zeigen auf jeder Seite je einen Heiligen: Nikolaus Tolentino und Sebastian, Leonhard und Laurentius, Antonius Eremita und Martin (als Bischof), darüber Sternchen. In derselben Weise sind in die neueren Fenster ergänzt worden: St. Gallus und Maguus, St. Konrad und Wolfgang. Auch das Schiff war bemalt, leider sind hier nur ungenügende Spuren von Ornamenten aufgedeckt, auf der Südwand befand sich ein größeres Gemälde, das aber nicht mehr erkennbar ist. In neuerer Zeit wurden auch die Decken mit derben, handwerksmäßigen Fresken im Nococostil versehen, die allerdings an anderem Orte nicht gerade ganz schlecht genannt werden müßten, aber in dieser Umgebung keinen Anspruch auf Schonung machen können. In die Nordwand des Chores zwischen den: 9. und 10., 14. und 15. Bildchen ist ein Sakramentshäuschen im spätgothischen Stile (2. Hälfte des 15. Jahrhunderts) eingelassen, eine schöne Arbeit in grauem Sandstein, mit dem Wappen der Montfort geschmückt. Man sieht hier noch die grünen Umrahmungen, wie sie jedes Bild ausweist, zu beiden Seiten. Dem Inhalte nach ist aber die Reihenfolge der Bilder nicht durchbrochen, es war also wohl nur die Eintheilung auch hier vorgezeichnet. Es läßt sich nämlich erkennen, wie der ganze Wandschmuck vorgezeichnet war, frisch und originell sind diese Skizzen hingeworfen; dann wurde durch Buchstaben die Farbe angegeben und erst zuletzt die Umrißzeichuungen, vielleicht von einem Gehilfen, mit Farbe ausgefüllt. Einigemale scheint sogar noch eine andere Skizze, namentlich bei den Hüten u. ä., durch die Farbe durch. Der Charakter der Bilder ist ein durchweg einheitlicher, d. h. alle sind von derselben Hand gemalt; jedoch ist ein merklicher Unterschied zwischen den Gemälden des Marienlebcns und den übrigen. Erstere Bilder zeigen trotz mancher Neuheit in Stellung u. s. w. doch mehr den ständigen traditionellen Typus, letztere sind ungleich freier, kühner, realistischer; der Künstler gab sich hier mehr, wie er wirklich sein wollte. Freilich ist die Zart- hett des Marienlebens in diesen letzteren nicht überboten, i aber welch ein Reichthum der Phantasie herrscht in diesen vielen Aposteln, Henkern, Tyrannen, den Rittern und Frauen der Umgebung u. s. w., alles lebt, rührt sich, spricht und handelt. Insgesammt zeigen alle Gemälde eine unglaubliche Sicherheit der Zeichnung. Mit ein paar Strichen und Punkten ist ein Marienköpfchen voll reizender Anmuth hingeworfen, ebenso frisch und keck die herrlichsten Costüme. Da ist bei ausgesprochen dekorativem Charakter des Ganzen doch ein vollendetes Kunstwerk geschaffen worden. Was der Zeit fehlte, vergißt man im Genusse des vom Künstler Gebotenen. Das ist aber eben die Kunst, eine Idee in der zu Gebote stehenden Formen- sprache dem Beschauer vollkommen zu Gemüthe zu führen. Ist denn, absolut gesprochen, auch die herrlichste moderne Technik unübertrefflich? Noch ein kostbares Kunstwerk ist in dieser Kapelle, der Choraltar, ein Altarschrein mit Flügeln und Be- krönung. Der Schrein zeigt geschnitzt: Maria zwischen Barbara und Stephanus, die gemalten Flügel außen Weihnacht und die hl. 3 Könige, ersteres Bildchen sehr ähnlich dem 12. des Marienlebens, innen Leonhard- Bartholomäus und Alban-Margareth. Wie diese Flügel, war die ganze Predella mit rauher Leinwand überzogen, darauf ein Gipsgrund, auf diesem die Malereien. Die Predella zeigt in Bogenarkaden die Brustbilder von Aposteln. Die Rückseite des Schreines ist gänzlich verblaßt, doch erkennt man, daß darauf ein sehr schöner Oelbcrg gemalt war. Der Schrein zeigt innen die Unterschrift: Lüo . änr . m - ooooO xlzr . sxlstm » s - Ir? Irrbula, - p » ioliü - strigol. Damit ist die Zeit der Vollendung des künstlerischen Schmuckes der Wände im Endtermin gegeben. Wahrscheinlich stammen auch die Wandgemälde von derselben Hand, wie die Malereien dieses Altars. Leider, leider ist derselbe durch eine sehr schlimme Fassung und schlechte Ergänzung und Ucbermalung in der Zeit der Anfertigung obengenaunter Deckengemälde rninirt worden. Eine völlige Wiederherstellung ist unmöglich. Die beiden Seitenaltüre sind geringwerihig. Das ist, was dieses Kapellchen bietet. Den Anlaß zur Restauration gaben die unermüdlichen Versuche der anwohnenden Geschwister Allger, die alten Bilder bloßzulegen. Einer der Brüder hat sich der Mühe unterzogen, die ganze Wand abzuklopfen und zur Restauration vorzubereiten. Die kgl. Regierung ließ denn auch die Mittel zu einer fachgemäßen tüchtigen Restauration beschaffen und beauftragte den Münchner Historienmaler Bonifaz Locher mit der Restauration. Dieselbe ist nn- gemein geschickt durchgeführt; mit größter Pietät wurde nur das Nothwendigste ergänzt, alles Vorhandene geschont. Es haben sich deßhalb auch Autoritäten, wie Professor Rudolf Seitz, nicht anerkennend genug hierüber aussprechen können. Professor Seitz bezeichnete gerade diese Restauration als die beste ihm bekannte. Hier haben wir also eine Musterrestauration vor uns. Freilich stellte die Arbeit bedeutende Anforderungen an die Geduld und Selbstlosigkeit des Künstlers. Dafür ist sein Name hinfort auf's innigste mit dem schönen Werke verbunden?') Mindelheim, den 3. Okt. 1834. I)r. O. Frhr. von Lochner. 2) Eine genaue und fachmnßige Besprechung dieser Malereien wird Herr Professor Dr. EndreS-Negensbnrg im Allgäuer Ge- schichtSfrcnnd veröffentlichen. Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Schluß.) p. Mittwoch den 5. früh beschlossen wir, nach St. Cloud zu fahren, verließen um 10 Uhr in Einsiedels Begleitung das Hotel und fuhren bei sehr nebligem Wetter auf einem kleinen Umweg durch das Bois de Bonlogne, um auch dieses kennen zu lernen. Die Al- liirten haben hier mit ihren Biwaks großen Schaden in den schönen Waldpartien angerichtet, wie wir beim Durchführen bemerkten. Im Sommer müssen die Spaziergänge in demselben herrlich sein. Wohl eine Stunde WcgS legten wir von dem einen Ende bis zum andern zurück, bis wir eine Brücke über die Seine erreichten, welche nach St. Cloud führt, das sich am Bergabhange auf dem linken Seineufer hinzieht, während sich das schöne Schloß links der Brücke am südlichen Abhang deS Hügels, auf welchem die Stadt gelegen ist, befindet. Hier wurde Heinrich III. in dem Gondy'schen Hause am 2. Auguste 1289 von Jacques Element ermordet; Ludwig XIV. kaufte es im Jahre 1658 und schenkte es seinem Bruder, dem Herzog von Orleans, der es 1680 ausbaute. Als es die Königin Marie Antoinette 1782 kaufte, ließ sie im Innern große Veränderungen vornehmen; dagegen nur einen kleinen Theil des von Le Notre angelegten Parkes als Privatgarten abtrennen, während der übrige Theil dem Publikum offen stand; der Park zieht sich vom Seinenfer bis Garches. Ein sehr aufgeblasener königlicher Bedienter führte uns in dem prachtvollen Schlosse herum, in welchem jetzt viel gebaut wird; vom Balkon soll man eine schöne Aussicht nach Paris haben, die wir aber wegen des starken Nebels leider nicht genießen konnten. Der Orangeriesaal diente während der Revolution als Sitzungssaal der Fünfhundert; Napoleon trat am 16. November 1799 in denselben ein, um das Direktorium zu stürzen. Wegen der ungünstigen Witterung war an einen Besuch des Schloßparks nicht zu denken; wir fuhren daher nach eingenommenem Frühstück nach Ssvrcs Zur Besichtigung der Porzellanfabrik. Die erste derartige Fabrik legte der Marquis von Fulvy 1738 an, durch die er zum armen Manne wurde, obgleich sein Porzellan an Güte dem japanischen gleichkam; 1755 erbauten die Generalpächter die jetzige Mannfactur, die ihnen Ludwig XV. auf den Rath der Pompädour abkaufte. Seit 1810 macht man dort auch porealaino clura, welches sich von dem poroLlaina tamlrs dadurch unterscheidet, daß es den Wechsel von der Kälte zur Wärme eher aushält, während letzteres die Farben besser annimmt; das Kaolin, der Grundbestandiheil des Porzellans, kommt aus der Gegend von Limoges. Der Besuch der Arbeitssäle war uns, da wir uns mit keinem Erlaubniß- schein versehen hatten, nicht gestattet; man führte uns daher nur in die Magazine, wo es viele Prachtstücke gibt, unter anderen einen runden Tisch, in dessen Platte Medaillons mit Ansichten der königlichen Lustschlösser eingelassen sind. Dieser Tisch hat einen Werth von 36,000 Frcs., viele Vasen und Services haben einen ähnlichen, auch ein Glasgcmülde sahen wir, ferner die königliche Familie in Biscuit, und zwar in großer Anzahl. Auch eine Glasfabrik gibt es in Sävrcs, die wegen ihrer schönen Flaschen großen Ruf hat. Das Wetter heiterte sich, als wir zurückfuhren, derart auf, daß wir noch das Observatorium zu besichtigen beschlossen, welches sich im Fauburg St. Jacques, gegenüber der großen Avenue des Lnpembourg, befindet. 334 und von wo man den diesseitigen Theil von Paris und , das linke Seineufer gut übersehen kann. Dies Observatorium ist ein viereckiger Bau mit zwei achteckigen Thürmen an den Ecken der Südseite und einem Vorbau an der Westseite. Der Meridian, welcher auf dem Estrich des großen (in der Mitte des Gebäudes befindlichen) Saales eingezeichnet ist, bildet die Achse desselben. Der ganze Bau ist nur aus Steinen aufgeführt, ohne jegliche Holz- oder Eisenconstruktion. Die tiefen Keller, in welche mau auf einer Treppe von 360 Stufen hinabsteigt, werden zu Versuchen benutzt, Körper zum Gefrieren zu bringen. Auch ist hier eine Maschine aufgestellt, welche die Menge der Niederschlage im Laufe eines Jahres angibt. Es war schon 4 Uhr, als wir das Observatorium verließen, deßhalb zu spät zur Besichtigung der Katakomben, jener unterirdischen Steinbruche, deren Eingang in der Rue d'Eufer gelegen ist und wohin man im Jahre 1786 alle Menschenknvchen schaffte, die sich in den Grüften der seit Jahrhunderten aufgehobenen Kirchen und Kirchhöfe befanden; man schmückte damit die unterirdischen Gänge in etwas sehr bizarrer Weise aus. Wir gingen nunmehr durch den Gärten des Lnxembourg, der nach dem Observatorium freie Aussicht hat, besahen uns die Stelle, wo Ney erschossen wurde, und fuhren nach der Kathedrale Notre Dame, die auf der Seine-Insel, dem ältesten Theil von Paris, der Citä, liegt. Childerich, Klodwigs Sohn, soll 522 dort die erste Kirche gebaut haben; ihr gegenüber stand eine zweite, welche dem hl. Stephan geweiht war. Den ersten Stein der jetzigen Notre Dame-Kirche legte Papst Alexander III., der vor dem Gegenpapst Victor IV. nach Frankreich geflüchtet war, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts; der Bau selbst wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts beendet. Die Steinarbeitcn des Westportals geben mehrere Züge aus dem Leben der hl. Gottesmutter wieder. In diesem Dome ließ sich Napoleon von Papst Pius VII. zum Kaiser salben; er zeigt sehr große Dimensionen, aber keine hervorragende Prachtentfaltung; die von der Anwesenheit des Papstes Pius VII. herrührenden Dekorationen sollen zwar auf besonderen Wunsch gezeigt werden; wir bekamen sie aber nicht zu sehen. Unser Diner nahmen wir heute bei Beauvilliers, Nue Richelieu, ein und begaben uns von da in die Große Oper, wo man die Danaiden aufführte, eine Vor- - stellung, die durch die dazu gehörigen Ballets, Pracht- > vollen Dekorationen und Eruppirungen uns ausnehmend gefiel. Donnerstag den 6. fuhren wir früh 10 Uhr in Begleitung unserer Freunde Zezschwitz und Stüntzner in das Palais de Justice, wo die Kriminalverbrecher verwahrt werden; es liegt ebenfalls in der Cits und war schon im 9. Jahrhundert königlicher Palast. Zwei Brände, 1618 und 1776, zerstörten den alten prachtvollen Saal, sowie die Kapelle und die daraustoßenden Baulichkeiten. In diesem Palast brachte die unglückliche Königin Marie Antoinette ihre letzten Lebenstage zu, und zwar in der sogenannten Conciergerie, wo die gemeinsten Verbrecher eingesperrt werden. Ihr Gefängniß ist in eine 5 Fuß breite und 10 Fuß lange Kapelle umgebaut worden; an der Stelle, wo ihr Bett stand, befindet sich jetzt ein Sarkophag; das kleine Fenster, das das Tageslicht von oben hereinließ, hat man vergrößert und den Nebenraum, in welchem sich die Wächter der Königin aufhielten und der nur durch eine niedere spanische Wand von ihrer Gefängnißzelle getrennt war, durch eine Mauer abgeschieden. Auch in diesem Zimmer steht ein Altar; an den Wänden hängen Gemälde, welche Scenen aus der letzten Lebenszeit Marie Antoiuette's darstellen. DaS Zimmer, in welchem Ney gefangen saß, sowie jenes, aus welchem Lafayette entsprang, wollte man uns nicht zeigen. Von da aus fuhren wir nach der Gobelinfabrik, Nue Monffetard, die in dieser Art einzige in Frankreich; sie arbeitet nur für den König und nicht für den Verkauf. Schon 1450 (nach anderen unter Franz I.) errichtete Gilles Gobelin an derselben Stelle Färbereien in Wolle und Tuchen, die unter Ludwig XIV. von I. Glucq vergrößert und verbessert wurden. Colbert und der Maler Lebrun haben die Gobelinweberei auf die Stufe ihrer jetzigen Vollkommenheit gehoben. Die Anfertigung ist meist theurer, als ein Gemälde von gleicher Größe zu stehen kommen würde, denn die Arbeit ist so mühsam, daß über einem größeren Stück zwei Personen 6 Jahre lang Zubringen; dafür wird aber so schön gewebt, daß man, wenn man das Gobelin in einiger Entfernung betrachtet, ein Gemälde zu sehen glaubt. Besonders gefielen uns zwei große Arbeiten: Sully vor Heinrich IV. auf den Knieen liegend und eine Jagdscene aus dem Leben desselben Königs. Bei allen fertigen wie unfertigen Arbeiten war es unverkennbar, daß das Gewebe schöner sei, als das Gemälde; es wird theils in feiner Wolle, theils, wenn nöthig, in Seide gearbeitet. Von den Gobelins ging es zum Jardin du Not oder des Plantes, Quai St. Vernard. 1636 unter Ludwig XIII. gegründet, erlangte er unter seinem Intendanten Buffon, dem hervorragenden Naturforscher, 1739 seine größte Vollkommenheit. Wir begannen mit der Besichtigung des Naturaliencabinets, in welchem jede Thiergattuug vertreten ist, ebenso alle Mineralien in der Mineraliensammlung; 7000 Pflanzen sind nach Klasse und Familie nach der Methode Jussieu geordnet. Dann bestiegen wir das Belvedöre, auf welchem einige Cypressen vom Libanon wachsen und sich durch ihre geraden Neste von anderen Nadelbäumen auszeichnen: man hat hier eine sehr schöne Aussicht auf Paris. Ferner besahen wir uns die Menagerie, die viele ausländische Vierfüßler und Vögel enthält, wie Kameele, Löwen, Affen, Strauße n. s. w., in welcher aber seltsamerweise der Elephant fehlte. Zwei Löwinnen zeichnen sich besonders aus; die eine durch ihre Schönheit, die andre durch ihre Harmonie mit einem Hündchen, mit dem sie schon einige Jahre zusammen lebt. Im Garten, welcher sich bis an die Seine hinzieht, werden auch alle Arten gemeinere wie seltenere Pflanzen gezogen. Mit dem Jardin des Plantes verbunden ist eine Akademie, in welcher 13 Professoren stark besuchte Vorlesungen über Botanik, Anatomie, Zoologie, Geologie, Ikonographie, Mineralogie und Chemie halten. Der Pont d'Austerlitz, jetzt Pont du Noi genannt, führt hier über die Seine, ein Privatunternehmen, weß- halb auch Wagen, Reiter und Fußgänger einen Brückenzoll zu entrichten haben; die Brücke wurde 1800 begonnen und 1806 beendet, Pfeiler und Streben sind von behauenem Stein, die 5 Bögen von je 77 par. Fuß Spannweite aus gegossenem Eisen, deren mittelst Schrauben untereinander befestigte Theile die Abnahme des ganzen Bogens gestatten. Unser Wagen führte uns längs des Boulevard Bourdon nach dem Bastilleplatz, wobei wir am Grenier d'Abondance vorbeikamen, einem immens großen unvollendeten Gebäude, das 1807 von Napoleon zu dem Zwecke angelegt wurde, darin für Paris alle Arten trockne Gemüse und Getreide aufzuspeichern, und so für den Nothfall die Ernährung der Bevölkerung zu sichern; es wurde aber in den Jahren 1814 und 1815 nicht weitergebaut, sondern eingedeckt, nachdem die Mauern kaum 8 Fuß über das Erdgeschoß hinwegragten. Auf dem Bastilleplatz beabsichtigt man, einen kolossalen Elephanten aufzustellen, der aus seinem Rüssel Wasser speit; das Wasser will man dem Ourcqkanal entnehmen, der unter dem Platz fließt und Paris mit Wasser versorgt. Das Piedestal ist angefangen; ob der Elephant darauf kommen wird, ist noch die Frage; vor der Hand steht sein Gypsmodell in einem Schuppen nebenan. An seinem rechten Vorderbein soll eine Treppe herausführen, sein Leib einen großen Saal enthalten und in den auf seinem Rücken ruhenden achteckigen Thurm das Wasser geleitet werden, damit es genug Druck hat, die Fontäne aus dem Rüssel zu treiben. Die geplante Straße vom Louvre nach der Place du Trone, von der ich schon gesprochen habe, sollte hier vorbeiführen. Von hier gelangten wir über die Place Royale durch die Boulevards St. Martin und St. Denis (wo zwei freistehende Thore gleichsam Triumphbögen bilden und Porte St. Martin und Porte St. Denis genannt werden) über den Boulevard Bonne Rondelle und Poissonniöre, wo die Fontäne Bondy ist, verließen dann den Wagen und gingen noch das Panorama von London betrachten und von da aus zu Fuß nach Hause. Dann speisten wir bei Grignon, Rue Neuve des Petits Champs, besuchten, da wir sehr ermüdet waren, kein Theater, sondern gingen nach kurzem Spaziergang nach Hanse. Freitag den 7. galt es den ganzen Tag über das Bestellte herbeizuschaffen, die noch übrigen Einkäufe zu machen und alles zur Abreise in Bereitschaft zu setzen. Wir speisten bei den Frsres Provenceaux; Gablenz verließ uns schon um 6 Uhr, während wir übrigen Sachsen nachher noch einmal nach dem Cafö Milles Colonnes gingen. Sonnabend den 8. früh 1 Uhr verließen wir alle Paris; Lenz mit Gattin reiste über Metz, Mainz nach Dresden, Zczschwitz, Einsiede! und Stüntzner mit uns über Senlis, Compisgne, dessen Schloß wir uns nochmals besahen, nach St. Quentin, wo wir sehr ermattet Abends anlangten und wenn auch nicht besonders gut, so doch wenigstens leidlich logirten. Am 9. (Sonntag) fuhren wir, nachdem ich mit meiner Frau eine hl. Messe gehört, um 6 Uhr weiter nach Cambrai, wo wir das Frühstück einnahmen und von Schreibershofen begrüßt wurden, über Lille, und langten Abends 6 Uhr glücklich wieder in Tourcoing an, wo wir unsere lieben Kinder gottlob gesund antrafen. Recensionen und Notizen. Des gottseligen Thomas von Kempen Rosengärt- lein und Lilienthal in deutschen Versen von Hermann Zicke. Verlag von F. W. Cordier zu Heiligcustadt. Preis broschirt 2 M. 50 Pf.; in Salon- band 3 M. 50 Pf. „Der Knabe Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden", d. h. die Cordier'sche Verlagshandlung läßt den Freund der katholischen klassischen Dichtung ja kaum mehr zu Athem kommen: vor Weihnachten die herrliche „Nachfolge Christi" von Jscke, zu Ostern die großartige episch-allegorische Dichtung „Vom Nil zum Nebo" von Macke, im Sommer der klassische tiessinnige „Völkersang Kalanyas" von Fr. W. Helle, dem Dichter des „Jesus Messias", uud jetzt, wenige Wochen nach letzterem, das vorliegende Werk! Viel des Guten in einem Jahre, ja des sehr Guten! Ein geistiges Gegenstück, möchte ich sagen, zu der heutigen Ernte des Feldes! „Vom Nil zum Nebo" und „Kalanyas Völkersaug" können freilich nur von dem höher Gebildeten genossen werden — aber welcher Genuß auch! Die „Nachfolge Christi" aber wie „Nosengärtlein" und „Lilienthal": das sind Blüthen, aus denen den süßen Seim der Erbauung und des Trostes jede hcilSbegicrigc Seele zu schlürfen befähigt ist. So kunstvollendet die Strophen Jsekc'S aufgebaut sind, so anspruchslos und natürlich — getreu dem lateinischen Prosa-Originale — gleiten sie dahin und sind von einer Gemüthswärme getragen, die das Herz gefangennimmt und den Willen hinreißt. Die deutschen Prosa - Ueber- setzungen des Thomas von Kempen — von „Nosengärtlein" und „Lilienthal" mögen wohl überhaupt keine im Gebrauche sein — können den eigenthümlichen, an unzählig vielen Stellen hochpoetischen Hauch des lateinischen Originals nicht wiedergeben, und so mutz die objektive Berechtigung dichterischer Behandlung unumwunden zugestanden werden, um so lieber, wenn sie so durchgeführt ist, wie hier. Das Spruchhaste, ja die Rcimklänge des Originals kommen bei poetischer Darstellung zu ihrer Geltung, und so finden wir bei Jseke in gewissem Sinne den alten Thomas treuer wiedergegeben, wie in prosaischen Uebcrtragungen, von denen manche außerdem recht unbeholfen und nachlässig verfaßt sind. Wer gewinnt z. B. aus Prosa-Uebersetzuugen eine Ahnung, daß Thomas Stellen hat, wie z. B. Nosengärtlein 4 Cap. a. E.: Laxiens sst illo, gni sxernit millia mills. Omnia. suut nuIls,, Lox, kapa, st plumbea bn11a. Ounetorum tinis, mors, vermis, t'ovea, oinrs. tzuantumgus guis ss ext» litt, nilri! est, mors vmnia tollit? Sonderbar anmuthen dürfte manchen die allzugetreue Wiedergabe für unser modernes Gefühl befremdlicher Bilder, z. B. der „schwarze Hund" als Bild eines Zotenreißers, u. A. Auch hätte vielleicht Manches weggelassen werden können, waS sich lediglich auf die Klostcrnovizen bezieht, z. B. Vorlesung bei der gemeinschaftlichen Mahlzeit rc. Freilich könnte man dann nicht mehr sagen: Nosengärtlein des Thomas von Kempen, sondern nach Thomas von Kempen. Es tritt nämlich bei vorliegendem Werke viel deutlicher als bei der „Nachfolge Christi" der Zweck des Thomas hervor, seine Novizen zu belehren, ohne jedoch die übrige Christenheit ausschließen zu wollen. Wir hätten lieber gesehen, daß das Versmaß des ersten Kapitels beibehalten wäre, welches beginnt: „Mit Heiligen wirst heilig dn, Du wirst verkehrt mit den Verkehrten (Ps. 17. 26.27.) Drum prüfe, wenn du wählen willst Zum Freunde dir und zum Gefährten/ Auf daß nicht durch Genossenschaft Mit Argen, die von Zucht nicht wissen Uud abgelegt die Sündenscheu, Verdeckt du wirst und fortgerissen!" Doch wird mancher gerade in der kapitclwcisen Abwechslung des Versmaßes — im „Nosengärtlein" sind 11 verschiedene Metra verwendet — einen Vorzug finden. Unseres Erachtens hat neben dem ersten das letzte Kapitel daS bestgewählte Versmaß. Der Schluß dcS Ganzen lautet: „Darum habe Gott vor Augen, Was du thust und was du denkst; Hüte dich, Ihn zu betrüben, Wache, daß du Ihn nicht kränkst! Sag' Ihm Dank sür alles Gute, Was er Seinem Kind erwies. Und am Schlüsse jedes Werkes Sprich herzinnig dankend dies: Lob und Dank sei meinem Schöpfer, Preis und Ruhm Ihm allezeit! Alles lobe, was da athmet, Gott den Herrn in Ewigkeit I Amen." Das „Lilienthal" hat durch alle 34 Kapitel den reimlosen Blankvers und sind nur an mehr als hundert Stellen — jedesmal am Schluß der Absätze — Reimpaare wirkungsvoll verwendet, so daß man lebhaft an „Maria Stuart" erinnert wird. Daß dieses Versmaß auch didaktisch verwerthbar ist, haben die deutschen Klassiker genügend bewiesen. Da das 336 „Lilienil,cil" mehr praktisch nüchterne Partien hat, als „Nachfolge .Christi" und „Roscngärtlein", so war die Weglassung dcS Reimes, wenn nickt geboten, so doch rathsam. Das „Lilicn- thal" möchte man trotz des dichterischen Gewandes eine geradezu wörtliche Ucbersetzung nennen. Da beide Werke unter dem Volke unbekannt sind, so haben sich der Dichter und die Verlagshandlung den Dank der katholischen Welt in reichem Maße verdient, und es wird nicht lange währen, so werden beide genannten Werke von Thomas der unverdienten Vergessenheit entrissen und in dem schmucken Kleide, das Dichter und Verleger ihnen gaben, allen Heilsbegierigcn lieb und theuer sein. O—u. L. Unter den katholischen VolkSkalendcrn nimmt der im 19. Jahrgang erscheinende „EichSfclder Maricn- Keilender" (Verlag von F. W. Cordier in Heiligcnstadt- EichSfeld) einen der ersten Plätze ein. Der Kalender ist zugleich ein „Jahrbuch" für die Mitglieder des von Leo XIII. so warm empfohlenen „Allgemeinen VereinS der christlichen Familien". Eine illustrirtc politische Jahrcsschau, mehrere hübsche und spannende VotkScrzählnngen — gleichfalls durch gut gezeichnete Bilder ausgestattet — prächtige humoristische Beiträge, belehrende Aufsätze verschiedener Art, LebenSrcgeln, Rathschläge für Bürger und Bauern, Gedichte rc. bieten eine seltene Fülle von Lesestoff für jedes Alter und für jeden Geschmack. Das Kalendarium ist sehr praktisch eingerichtet und enthält AllcS, waS man nur sticken will. Der Bilderschmuck ist so reichhaltig, das; er allein schon dem Kalender zur Empfehlung gereicht. Auch mehrere künstlerisch ausgeführte Vollbilder zieren den stattlichen Band von im Ganzen 190 Seiten großen Formats. Ein Wandkalender auf Karton ist nickt vergessen, das Titelblatt ist in Buntdruck hergestellt. Der Preis dieses herrlichen Kalcnderwerkcs ist spottbillig: 30 Pfennige. Wir können den „EichSfclder Marien-Kalender" mit gutem Gewissen allen katholischen Familien empfehlen. Stcindorf Ge., Koptische Grammat'k mit "hresto- mathic, Wörterverzeichnis und Literatur. 8°. XVIII -s- 220 -s- 91 SS. Berlin, N:ut>r und Neichard, 1894. M. 13.20. It. Obiges Werk haben wir in „Beilage 40" d. Bl. (4. Okt. 1891) gebührend gerühmt und empfohlen; nur bedauerten wir den außerordentlich hohen Preis, der uns der wünschcnSwcrthen Verbreitung dcS vortrefflichen BuchcS als wenig förderlich schien. Doch lag es uns vollständig ferne, mit dem von uns damals gebrauchten Ausdruck „Wncherprciö" einen Sinn zu verbinden, welcher der Geschäftsehre der sehr vorehelichen und gerühmten Vcrlagshandlung zu nahe treten sollte. Wenn dieselbe den Ausdruck „Wuchcrpreis" als ehrenrührig und beleidigend betrachtet, so sind wir natürlich sofort bereit, diese Bezeichnung mit Bedauern zurückzunehmen, um so mehr, als wir nun auch von der verehrst Verlagöbandlung über die enormen Herstellungskosten eines derartigen Buches, sowie über das der Natur der Sache nach beschränkte Absatzgebiet eine dankenswcrthe Aufklärung empfangen babcn, der zufolge wir zugestehen müssen, daß der Preis des obigen musterhaft ausgestatteten Buches nicht allzuhoch angesetzt ist. Mögen die Leser d. Bl., welche unsere Besprechung in „Beilage 40" gelesen haben, nun auch von dieser unserer Erklärung Notiz nehmen, womit wir der Vcrlags- handlung aufrichtig und öffentlich und, wie wir hoffen, zufriedenstellend Genugthuung leisten wollen. Christus als Prophet. Nach den Evangelien dargestellt von Dr. Franz Sckmid, Professor der Theologie, Brixen; kathol.-politischer Prcßvercin; 1892; 8°; 19ö S.; Preis: fl. 1,20. X. Es ist hier eine sehr ansprechend, ruhig und inst tiefem Verständniß geschriebene Studie von hohem apologetischen und paränctiscken Werthe zu begrüßen. Wir lernen nicht bloß das Verhältniß der Wunder Christi zu seinen Weissagungen, das Verhältniß der Weissagungen zu einander, die prophetische Bedeutung mancher Gleichnißreden kennen, sondern auch den typischen Charakter vieler Einrichtungen der Kirche, der Anordnungen, Gebote und Räthe und Sakramente Christi würdigen. Im Nachweis zur Erfüllung der Weissagungen sind die nothwendigen Erklärungen, Beschränkungen und Unterscheidungen gemacht, um etwaigen Einwendungen zu begegnen. Der Verfasser unterscheidet sachgemäß Weissagungen mit vollständig eingetretener Erfüllung, solche mit fortlaufender Erfüllung, solche für daS Endziel, Weissagungen Christi und anderer in Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. I den Evangelien vorkommenden Personen. Was der Verfasser in absichtlicher Kürze oft nur andeutet, verdient weiteres Studium, vermittelt neue Gesichtspunkte und verbreitet Helles Licht über viele Erlösungsthatsachen. Körnig Th. G., Die Hygiene der Keuschheit. 8°, 93 S. Berlin, H. Stcinitz, 1894. (III.) M. 2,00. zr. Vom natürlichen, rein medizinischen Standpunkt aus spricht der Verfasser über eine von der Religion unerbittlich geforderte Tugend, deren Name jedoch in der heutigen verlotterten Gesellschaft vollständig aus dem Lexikon moralischer Begriffe verschwunden ist, wozu gewiß auch die Vertreter der medizinische» Wissenschaft oftmals ihren Beitrag in Theorie und Praxis liefern, waS Körnig selbst zugibt und sich aus der wissenschaftlichen (namentlich der „populären") medizinischen Literatur sattsam beweisen läßt; kennen wir ja doch eine gynäkologische Zeitschrift, deren Rathschläge auch sonst sogar von Wiener „Collegen" alö „verbrecherisch" bezeichnet werden. Körnig hebt seine Darstellung an mit Hinweis auf Björnson's Drama „Ein Handschuh", das bekanntlich einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat, weil es der „modernen Gesellschaft" in drastischer Weise den Spiegel vorhält und den Widerspruch schonungslos aufbellt, der darin liegt, daß die Welt die^ Forderung „tadelloser Vergangenheit" bei dem Mädchen stellt und das Gegentheil als Schimpf und Schande betrachtet, während man dem jungen Manne volle Freizügigkeit seiner Leidenschaften gern zu gute hält, ja als selbstverständlich voraussetzt. Moral und Logik, die für alle Menschen gleiche Geltung haben, fordern aber gleiche Beurtheilung; auf dieser Grundlage fußt Kornig's ernstes Wort an alle Mütter, Lehrer und Erzieher, die in dem Buche, soviel wir gesehen habe», keine Ansicht vorgetragen finden werden, die mit der Moral in Conflict stünde, was bei einem Arzt in dem Punkte immerhin als rühmenswcrth hervorgehoben werden darf. Einige Andeutungen früherer Auflagen sind in vorliegender gemildert worden, unsern zimperlichen Damen zu liebe, die ihre Töchter zwar ruhig ins „moderne Theater" mit seinen rohen Sckweincreicn schicken, bei Naturalibus aber heuchlerisch sogleich nach dem Feigenblatt schreien. k. August Sckynse und feine MissionSreiscn in Afrika. Herausgegeben von einem Freunde dcS Missionars. Mit dem Bilds L. Sckynse's und einer Ab- hildung seiner Grabstätte. Straßburg i. Elsaß. Verlag von F. X. L- Roux u. Co. brosch. 2 M. VIII', 336. e. DaS Lebensbild eines Mannes zu lesen, das anS dessen Briefen zusammengestellt ist, welche, wie man mit Sicherheit annehmen darf, nicht mit dem Hintergedanken geschrieben wurden, sie später zu veröffentlichen, heißt wirklich einen tiefen Blick in die Seele dieses Menschen werfen. Hier bat man eben die Person vor sich nicht im schwarzen Frack. Cylinder und Glacehandschuhen, sondern sozusagen in ihrem Hausgewand, in ihrem Arbeitszimmer. Wie schon die beiden früheren Schriften von V. Schynse: Mit Stanley und Emin Pascha durch Dcutsch- Ostafrika und k. Schynse'S letzte Reisen, Briefe und Tagebuch- blätter, veröffentlicht durch die ELrrcs-Gesellschaft — großes allgemeines Interesse hervorgerufen, so rann auch dieses Werk auf gleiche Aufmerksamkeit Anspruch erbeben; denn cS ist gleichsam der Schluß- und Ergänzungsband dieser beiden erstgenannten Schriften. Recht willkommen dürfte dieses Werk sein jenen, die Missionöbernf in sich verspüren. Geschildert sind auch die Jugend- und Studienjahre Sckynse's. Neugierigen Seelen sei verrathen, daß auch ein Abschnitt vorkommt: „Im Carcer"; jedoch ganz ungefährlich und wie der Herausgeber bemerkt: Es ist aber auch das einzige, was man tadelnswertstes anführen kann. _ Reiß C., Die Naturheilmethode bei Magen-und Darmkrankheiten (VerdaunngSstöruuge n). 8°. 60 S. Berlin, H. Stcinitz. 1894. M. 1,00. Vorliegendes Bündchen bildet den dritten Theil der Bibliothek der gesammten Naturheilkunde; die beiden ersten Hefte derselben enthalten zuerst den allgemeinen Theil (Diät, Lust, Wasser, Massage, Gymnastik) und dann die Methode bei Nerven- und Rückcnmarkslciden; auch dieses Bündchen ist dem Plane, eine kurze, allgemein verständliche Darstellung zu bieten, treu geblieben. Allen, die das angeht, wovon das Buch erzählt, sei diese Oricntirung zu einer dem Leiden entsprechenden Behandlung empfohlen; sie werden damit dem Arzt seine Kunst erleichtern. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Friedrich W. Helle: Kalanya's Vvlkersang. Mittelafrikanischer SchöpfungsMythus. 18! Unter diesem Titel erschien bei Franz W. Cordier in Heiligenstadt (Eichsfeld) 1894 eine Dichtung von 143 Octavseiten, über welche der Dichter in Anmerkung sagt: „Die Traditionen des Menschengeschlechts bezüglich der wahren GotteSerkeuntniß wie der Schöpfung, des Sündcnfalles und seiner Strafe und Sühne haben, soweit auch die Völker sich örtlich und zeitlich immer mehr von der Wabr- heit entfernten und in die Irrwege des Götzendienstes hinein- geriethcn, sich dennoch ihre Urkcime bewabrt. Den tiefer Forschenden und Schauenden treten in allen Götter- und Schöpfungsmythen der verschiedensten Völker und Zeiten Gedanken entgegen, die auf den Urquell aller Wahrheit zurückweisen und die Berichte der Genesis und die Worte der göttlichen Offenbarungen mehr oder weniger bestätigen resp. in sich erhalten haben. Man ist so leicht geneigt zu glauben, daß die heidnischen Negervölker Afrika's nach ihrem Mittelpunkte hin sich sämmtlich am weitesten von der Urwahrheit und von den Zeugnissen der wahren Gottcserkenntniß entfernt hätten; und doch ruht gerade in ihnen, wie eine in der Nacht verschlossene Morgendämmerung, eine Fülle von Ideen, welche zur wabren Gotteserkeuntnitz zurückweisen und die Sehnsucht des Menschen zur Rückkebr nach der vollen, verlorenen Wahrheit zum Ausdruck bringen. DaS beweist uns der SchöpfungsmhtbuS der in Ccntral- Afrika lebenden Uumala-Neger, ein Mythus, dessen Ideen und Anschauungen von wahrhaft christlichen Anklängen, die das Hcidenthum aus der Zeit der ersten Völker der Welt, sowie des Urchristentums in sich aufgenommen und bewahrt haben mutz, Zeugniß ablegen. In einer Zeit, wo das Christenthum sich anschickt, wie ein Niese sich neue Bahnen durch Afrika's undurchdringliche Waldungen, über seine Ströme und Niescnberge zu schaffen, um Afrika für sich und für Gott zurückzugewinnen, soll diese Dichtung in gewisser Weise an den afrikanischen Missionen durch Begeisterung für deren Ziele und durch Anregung theil- nehmen. . Dieses war der Zweck, der schon vor 30 Jahren die Ma- terialsammlung und Bearbeitung des Stoffes veranlaßte und den Inhalt nach und nach vervollständigte bis zur gegenwärtigen Form. Der eigentliche Stoff wurde theils aus Lüken's ,Traditionen des Menschengeschlechtes', theils aus alten Reise- beschreibungen in München, Wien und Rom geschöpft und durch Selbstachtung ergänzt und dann ausgefüllt." Unter dem Ergänzen und Ausfüllen find wohl vor Allem zu verstehen die schönen Naturschilderungen, in welchen Helle bekanntlich Meister ist, sowie kleinere Einzelheiten der Vorgänge. Wieweit er den Mythus noch durchtränkt hat mit christlichem Geiste, bleibt uns ungewiß, jedenfalls ist trotz menschlich sagenhafter Beimischung, und obschon der vollständige Begriff reiner Geistigkeit mangelt, die Gestalt Til's des Schöpfers in einer Erhabenheit und Milde gehalten, welche erbauend wirkt. Das Hervorbringen der Schöpfung aus dem Nichts, d. h. das Nichtsein alles dessen was nicht er ist oder schafft, wird zwar nicht mit Deutlichkeit betont, immerhin erscheint Til als einziger und lebenspendender Gestalter aller Dinge. Sehr poetisch sind auch die von ihm hervorgerufenen Lichtgestalten, welche unsrer Engclwelt entsprechen, und ebenso entsprechen dem Satan und seinen Gesellen die Dimmus als nicht ursprünglich böse, sondern als gefallene, verfluchte Wesen. Ein erstes Menschenpaar erscheint auf des Schöpfers Ruf und empfängt dessen Befehle; der Sündenfall aber, bei welchem anstatt der Schlange der häßliche Frosch zum Helfer und dafür zur Strafe in den Sumpf verbannt wird, tritt hier erst ein, nachdem die Erde bereits durch zahlreiche Menschheit bevölkert ist. Die überall vorhandene Erinnerung an ein Riesengeschlecht der Urzeit macht auch hier sich geltend. Eine merkwürdige Abweichung nicht nur von der Genesis, sondern von der Sage der meisten Völker ist die, daß hier anstatt der großen Fluth ein Weltbrand die sündigen Geschlechter vertilgt. Nahm der afrikanische Sonnenbrand die Geister so sehr in Beschlag? Hat eine partielle Katastrophe, ähnlich, nur weit gewaltiger, wie die amerikanischen Waldbrände, von denen wir jüngst vernahmen, die Erinnerung an die allgemeine Fluth verdrängt? Oder geistert hier eine Urüberlieferung über ein prüadamitisches Ereignis; (etwa beim Engelsturz), welches dem „Wüst und leer" im ersten Kapitel der Genesis voranging? Oder endlich, spiegelt sich eine alte Weissagung jenes Brandes, der am Ende der Zeiten die Erde vertilgen soll? Aus der Urzeit wird ein einziger Heiliger gerettet, in einer Basalthöhle geborgen, aber er wird nicht wie Noah der Stammvater der späteren Geschlechter, sondern nur Zeuge, Lehrer, gottpreisender Sänger. Schade, daß der Dichter nicht ändernd eingriff in das, was bei der Neuschöpfung der Pflanzen- und Thierwelt und beim zweiten Verderbnis; der Menschen zu ähnlich dem Vorlauf der Urzeit erzählt wird und hiedurch ermüdet. Aber höchst merkwürdig ist, das; wie allerwärts, so auch in der afrikanischen Sage eine Jungfrau-Mutter verehrt wird; sie bringt zwar nicht den Erlöser zur Welt, .sondern die Stammeltern aller ferneren Geschlechter, und ihre eigene Entstehung ist märchenhaft umkleidet, aber in keuschem Zauber. Und, wie Helle eigens anmerkt (S. 94), die Jungfrau-Mutter heißt im afrikanischen Mythus Mariam (entsprechend der arabischen Form Mirjam für Maria). Der Sang Kalanya's schließt unter Vorherver- kündigung zuerst des Elendes der Sklaverei, dann aber auch derjenigen weißen Männer, welche kommen sollen, unter wunderbarem Zeichen eine Botschaft des Friedens und des Heiles zu bringen, und in einem Epilog wird die Ankunft der Letzteren als bereits geschehen angesagt. Möge dem deutschen Dichter beschieden sein, das Ziel zu erreichen, welches er den lauteren Klängen dieser Dichtung gesteckt hat! — Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert, ii. Die Frauenkirche in Memmingen. In der, heute protestantischen, Frauenkirche zu Memmingen wurden schon 1891 herrliche Wandmalereien blos- gelegt. Seitdem wurde die Tünche von allen Malereien, deren die Kirche zahllose enthält, entfernt, und schon naht deren Restauration ihrem Ende. Das Verdienst der Aufdeckung kommt Herrn Stadtpfarrer Braun zu, der auch die erste, ziemlich eingehende Beschreibung derselben lieferte?) Die kgl. Regierung unterstützte das Nestau- rationswerk, das wohl ebenfalls mnstergiltig genannt werden muß. Hier haben wir das Beispiel einer großartigen einheitlichen Bemalung des ganzen Kirchenraumes. Die Kirche wurde dreimal erweitert und umgebaut. Der dritte Umbau wurde um Mitte des 15. Jahrhunderts vollendet. Wie haben eine dreischiffige spätgothische Kirche mit flachgedecktem Mittelschiff. In die Seitenschiffe find -) Im Christl. Kuustbl. 1891 S. 33 ff.. 1892 S. 26 ff., 43 ff. bei Dr. Endrcö: Bild!. Darstellungen aus dem Marien- lcbc» im Mittelalter. Hist.-pol. Bl. 113* S. 245 Anm. 338 Netzgewölbe eingespannt, der Chor ist ebenfalls reich eingewölbt. Die Bemalung ist in folgender Weise durchgeführt. Der Grund ist weist, die Nippen sind ziegelroth bemalt, im Chor und Triumphbogen waren sie mit Silberrosen gemustert. Die Pfeiler waren röthlich marmorirt, die breiten Gurte von Pfeiler zu Pfeiler, wie die Laibung des Triumphbogens, tragen reichen Bilderschmuck, die Viertelrippen an den Arkadenbögen sind mit einem gewellten bunten Muster versehen. Ueber den Arkaden läuft ein gemalter Fries, über dem Scheitel eines jeden Bogens von den ebenfalls (grün) gemalten Wimpergen durchbrochen, über jedem Pfeiler durch einen gemalten Sockel, welcher je eine kolossale prächtige Apostelfigur trägt. Die Arkadenbögen zeigen auf jeder Seite je zwei Engel, dazwischen einen Propheten, einmal zwei Heilige, dazwischen einen Engel. Alle halten Spruchbänder, die sich auf Meßopfer und Marienverchrung beziehen. In den Zwickeln zwischen Bogen und Apostelfigur finden sich herrliche Engelsgestalten, bei welchen besonders die meisterliche Stellung der Flügel und Drapirung der Gewänder auffällt. Oberhalb des Frieses finden sich an den Hochwänden des Schiffes nur vorne beim Triumphbogen rechts und links zwei Tafeln, Anfang und Ende des Athana- sianums in deutscher Sprache enthaltend. Im Chor findet sich an der Wand zwischen Fenster und Nippen des beginnenden Chorschlusses je ein fliegender Engel, flott gemalt; einer hält die Hostie mit dem Namen Jesu. Rechts ist eine Nische, wie für den Credcnztisch, dieselbe ist architektonisch ausgemalt, darüber ein Wimperg (wie oben), den Hintergrund bildet eine Teppichmalerei, darüber Maria mit dem Kinde in der Mondsichel, das Jesukind hält einen Rosenkranz, rechts und links ein reizender mufizirender Engel; dieses Bild ist ungemcin lieblich. Links ist in ziemlicher Höhe der Stifter nebst Wappen groß aufgemalt. Um die fünf Schlußpunkte des Chorgewölbes sind je vier Engel (in die vier Zwickel) eingemalt, dieselben shmbolisiren wieder das Meßopfer, die mittleren vier haben ein jeder in einer Hand eine Sanktuskerze, in der andern eine Schelle. Die Laibung des Triumphbogens zeigt uns südlich die thörichten Jungfrauen (10 Brustbildchen), in reichen Modecostümen, aber mit leeren Oelflaschen und umgekehrten Lampen, auf der Nordseite die 10 klugen mit brennenden Lampen. Die Gewölbesterne im Seitenschiff sind um die Schlußpunkte mit schwarzrothen, gothischen Pflanzenornamenten geschmückt. Nicht zwei von ihnen gleichen sich. Den herrlichsten Schmuck trägt aber die Wand des eingebauten Thurmes im nördlichen Seitenschiff. Hier finden wir zwei Darstellungen, oben ein größeres Bild, darunter ein Marienleben in 14 Bildern. Das obere Gemälde zeigt uns zuoberst Gott Vater, darunter rechts einen Garten, nach Art einer mittelalterlichen Burg mit Mauern und Thürmen umgeben. Darin finden sich alle möglichen Symbole Mariens: der versiegelte Brunnen, der Thurm Davids, die verschlossene Pforte, die Lilie unter den Dornen n. f. w. Stets ist die Bedeutung beigeschricben. Die Darstellung links ist theilweise zerstört. Die köstlichste Darstellung ist die Einhornjagd. Gabriel als Jäger mit vier Hunden und dem Speer, das Hifthorn am Munde, treibt das Einhorn, worauf das Christkindlein reitet, in den Schoß Mariens. Die Darstellung ist sehr hübsch durchgeführt, zeigt aber, daß die alte Einhornsage bereits nicht mehr ganz verstanden wurde. Die 14 kleineren Bilder unten sind: 1) Joachim und Anna Lämmer opfernd vom Hohenpriester zurückgewiesen; 2) Joachim auf der Weide, der Engel bringt ihm die Botschaft, im Hintergrund ein Hirt; 3) Anna im Garten empfängt vom Engel die Verheißung der Geburt Mariens; 4) Joachim und Auna an der goldenen Pforte; 5) Geburt Mariens; 6) Maria Tempelgang; 7) das Stab- wuuder, die Freier zerbrechen ihre Stäbe; 8) Vermählung Mariens; 9) Verkündigung; 10) Maria bei Elisabeth; 11) Joseph wird der Empfängniß gewahr, ein Engel klärt ihn auf; 12) die Geburt Christi; 13) die Be- schneidung; 14) die Anbetung der hl. drei Könige. Die Bilder sind höchst originell gedacht und ausgeführt, voll Ausdruck und packender Realistik, im Reichthum des Beiwerks nähern sie sich schon der Auffassung, wie sie aus Dürers Marienleben bekannt. Sehr fein, die besten und zartesten Gemälde überhaupt sind: das Erbärmdebild (Leos kvruo) auf einem Pfeiler der Evangelienseite und der Schmuck des Kanzelpfeilers, welcher eine Reihe von Diensten und Kapitälen vorgemalt erhielt, darauf Maria mit dem Kind in einer zierlichen spütgothischen Halle, zu beiden Seiten je zwei Engelsfigürchen. Dieser einzig schöne Schmuck soll sogar copirt werden und dieser ganze Pfeiler in dem neuen Nationalmuseum prangen. Ueber dem Chor findet sich die Jahreszahl 1459, über dem Südportal des Seitenschiffes ein Steinmetz- zeichen zwischen den Buchstaben L. u. ^., darüber 1571. In der südlichen Portalvorhalle findet sich eine Kreuzigungsgruppe gemalt, darüber wieder ein Wimperg. In der nördlichen Thorhalle sehen wir über dem Portal drei Bilder, oben die Anbetung der hl. 3 Könige, darunter die Verkündigung und die Geburt Jesu. Links sind Spuren von einer Apostellegende, erkennbar nur eiste Scene vom Martyrium des hl. Jakobus d. Ae. Dieses Portal harrt noch seiner Restauration entgegen. Merkwürdig ist noch im Innern der Kirche ein gemaltes Epitaphium, die Grabschrift ist unleserlich, darüber eine Nische (gemalt) mit Kelch, Ciborium, Meßbuch, Kanon, Meßpult, Leuchter und Oelgefäß(s), also den Emblemen des Priesterstandes. Fassen wir Alles zusammen, so haben wir in dieser Kirche ein Denkmal mittelalterlicher Kunst von ganz unschätzbarem Werthe; in der Geschichte der Wandmalerei gibt es wenige ähnliche Beispiele. Wir glaubten darum trotz oben erwähnter Publikation auch die Leser der Postzeitung darauf aufmerksam machen zu sollen. Viel kann hier sowohl in Hinsicht auf den Inhalt der Bilder, als in Hinsicht auf die treffliche Restauration gelernt werden?) Mindelheim, den 3. Okt. 1894. vr. O. Frhr. von Lochner. Josef Lelotte, ein katholischer Socialreformer aus dem Priesterstaude. Von L. H. Der Träger obigen Namens war keine moderne Tagesgröße, deren Name viel genannt wurde im politischen Leben, ja es sind schon zwei Jahre her, daß er nicht mehr unter den Sterblichen wandelt, und wohl viele Leser Ihres geschätzten Blattes haben noch nie den 2) Auch über die Frauenkirche steht noch eine größere Publikation von Herrn Stadtpsarrer Braun in Aussicht. 339 Namen Josef Lelotte nennen hören — und doch glauben wir der katholischen Sache einen Dienst zu erweisen, wenn wir Leben und Wirken des am 6. April 1892 verstorbenen Oberpfarrers von München-Gladbach — denn das war Lelotte — weiteren Kreisen bekannt machen. M.-Gladbach ist ja in den letzten Jahren berühmt geworden als Taguugsstätte des ersten praktischsocialen Kurses vorn 20.-30. September 1892. Zwar haben die Thcilnehmer an diesem Kursus den merkwürdigen Oberpfarrer nicht mehr kennen gelernt, aber es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet: wäre nicht ein Lelotte viele Jahre Pfarrer in M.-Gladbach gewesen, so wäre dieß nicht in solch großartiger Weise eine Musterstadt für Lösung der socialen Frage geworden, wie es dieß jetzt ist. Hat ja doch der Leichen- redner vor der Bahre des Verblichenen, der Hochwürdigste Herr Weihbischof Or. A. Fischer von Köln, zn den Pfarr- kindern des Seligen die Worte gesprochen: „Zu einer Zeit, wo nur wenige die Bedeutsamkeit der socialen Frage ahnten, wo oberflächliche Geister die Existenz dieser Frage einfach verneinten, da hat dieser schlichte Pfarrer schon die ganze Bedeutsamkeit dieser Frage durchschaut und sie nicht bloß erkannt, sondern selbst Hand uns Werk gelegt. Und wenn M.-Gladbach unwidersprochen den Mittelpunkt bildet der katholisch-socialen Bewegung in unserem deutschen Vaterland, so verdanken wir das neben anderen Männern, die dem Pfarrer zur Seite standen, ganz vorzüglich eurem guten verstorbenen Pfarrer, der anregte, begeisterte, selbst Hand ans Werk legte und andre dazu bestimmte." Darum möge es gestattet sein, eine Skizze des Lebens und Wirkens dieses hochbegabten Mannes zu geben; wir folgen einer Biographie, welche ein Kaplan des Verstorbenen, Hochw. Herr Kesselkaul, veröffentlichte (M.-Gladbach, 1893, Druck und Commissionsvcrlag von Wilms und Nixen; Preis 30 Pf.), und deren Lectüre wir jedem empfehlen möchten, da zudem der Reinertrag für einen Kirchenban in M.-Gladbach bestimmt ist. Karl Josef Nemaclus Lelotte wurde zu Aachen am 28. März 1827 als Sohn wohlhabender Bürgersleute geboren. Seine Gymnasialstudien machte er in feiner Vaterstadt. Für seine außerordentliche Begabung zeugt der Umstand, daß er in den Oberklaffen die lateinische Sprache so gut beherrschte, daß er mehrere lateinische Aufsätze über dasselbe Thema hintereinander diktiren konnte, ohne ein Wort zu schreiben. Seine theologischen Studien machte Lelotte in Bonn, wo er der katholischen Studentenverbindung Bnvaria beiirat und mit großer Schneidigkeit, geschmückt mit den weiß-blauen Farben, das Amt des Seniors versah. Er gründete auch unter den Studenten den akademischen Dombauverein, dessen Mitglieder sich verpflichteten, durch Geldbeiträge und auf andere Weise an dem großen Werke der Restauration und Vollendung des Kölner Domes mitzuwirken. Der feurige Student machte an anderen Universitäten, besonders in Süddeutschland, durch persönliches Auftreten und Vortrüge energisch Propaganda für seine Idee. Bei Elkan in Köln ließ er eine farbige Skizze des Domes anfertigen, und ans dem Ertrage wurde ein großes Glasfenster an der Südseite des Domes und ein anderes in der Sacramentskapelle beschafft. Lelotte hat damals durch seinen Eifer ein erhöhtes Interesse für den Kölner Dombau in weite Kreise getragen. Das am Studenten schon bewunderte Nednertalent ließ von dem Auftreten Lelotte's als Prediger (er wurde am 3. September 1850 zum Priester geweiht) Großartiges erwarten. Als Primiziant predigte er in seiner Pfarrkirche St. Michael über den hl. Erzengel und dessen Wahlspruch tzuis ut Osus — Wer ist wie Gott? Ein Mann aus dem Volke faßte seine Kritik über den feurigen Redner in die naiven Worte zusammen: „Wenn der den Lucifer fassen könnte, er würde ihn noch einmal in die Hölle stürzen." Seinen ersten Posten als Kaplan bezog Lelotte in Eupen, wo er eine Arbeitslast auf sich nahm, in welche sich nachher 2 oder 3 Geistliche theilten. Dem übergroßen Eifer hielt die Gesundheit nicht Stand; er wurde von einem heftigen Blutsturze befallen und mußte nach bloß 7 monatlicher Wirksamkeit Eupen wieder verlassen. Nach seiner Wiederherstellung war er 3 Jahre in Türen Kaplan und wurde dann in gleicher Eigenschaft nach Düsseldorf versetzt. Dort hauptsächlich begründete er seinen Ruf als großer, geistreicher Redner und Prediger. Alles strömte in seine Predigten, selbst Schauspieler vom Theater. Die Prinzessin Stephanie, eine Tochter des Fürsten von Hohenzollern, welche Lelotte zu ihrem Beichtvater gewühlt hatte und fleißig dessen Predigten besuchte, wollte den tüchtigen Geistlichen als Hofkaplan mit sich nach Lissabon nehmen, als sie die Gemahlin des Königs von Portugal wurde; allein Lelotte dankte und ging anstatt nach Lissabon, in die majestätische Königsstadt am atlantischen Ocean, — nach Venwegen, einem Ocrtchen von einigen 100 Seelen, in den Vorbergen der Eifel gelegen. Das war Lelotte's erste Pfarrei, welche er 2*/z Jahre verwaltete. Am 19. Januar 1864 übernahm er auf Wunsch seines Erzbischofs als 36 jähriger Mann die Sorge für eine Pfarrei von 18,000 Seelen, welche während seiner mehr als 28jährigen Amtsdauer sich auf 40,000 vermehrten — Lelotte wurde Oberpfarrer von Müuchen- Gladbach, und das war die von der Vorsehung für ihn bestimmte Stellung. Bald schon hatte er gegen die Bestrebungen der Socialdemokratie aufzutreten, die ein ergiebiges Feld ihrer Thätigkeit in der rasch aufblühenden Industriestadt gesucht und vielleicht auch gefunden Hütte, wenn nicht Lelotte den Wühlereien der Socialdemokraten sehr rasch den Boden entzogen hätte. Als im Jahre 1871 ein geriebener Socialdemokrat, Fritz Mcnde, der jeden Sonntag die hl. Messe besuchte, durch diese Zurschautragung einer erheuchelten religiösen Gesinnung viele gute Leute für seine verderblichen Ideen zu gewinnen schien, da genügten wenige, aber gewaltig wirkende Predigten Lelotte's, um dem Volksverführcr den Boden zu entziehen und ihm den letzten Anhänger zu entreißen — eine Thatsache, auf welche man im Parlament zu Berlin hingewiesen hat als Beweis dafür, wie wichtig die Wirksamkeit des katholischen Geistlichen in der Bekämpfung der Umstnrzbestrcbungen der Socialdemokratie sei. Ebenso mächtig erwies sich unseres Pfarrers Wort und der Einfluß seines Geistes in der kritischen Zeit zu Beginn des Cnlturkampfes. In unvergleichlicher Weise verstand er es, das Volk über die der Religion drohende Gefahr aufzuklären und zu mannhaftem Eintreten für die hl. Kirche zu begeistern, ohne dabei den schuldigen Respekt vor der weltlichen Obrigkeit zu verletzen. Ein Hauptaugenmerk richtete Lelotte dem Geiste 340 der Zeit entsprechend auf die Sorge für die arbeitenden Klassen. Er gründete schon im Jahre 1866 das erste „Hospiz" in Deutschland für katholische Arbeiterinnen, welches mustergiltig geworden ist nicht bloß in Deutschland, sondern weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus; sodann rief er im Anschluß an das vorgenannte Institut einen Verein für Arbeiterinnen ins Leben, auch wohl den ersten oder sicher einen der ersten in Deutschland. Ebenso gründete er einen Verein für junge Kaufleute; auch die jugendlichen Arbeiter (von 14 bis 18 Jahren) und die Lehrlinge sammelte er zu einem Verein und erbaute ihnen sogar ein eigenes, schönes, musterhaft eingerichtetes Vereinshaus. Jahre lang trug er sich mit dem Gedanken auch den Ladenmädchen Sonntags Nachmittags eine veredelnde und herzerhebcude Erholung in einem Vereine zu bieten; aber die Sonntagsbeschäftigung ließ diesen Plan nicht ausführen, und erst als diese für den Nachmittag durch das Gesetz über die Sonntagsruhe aufgehoben wurde, trat bald nach dem Tode Lelotte's der „Verein der Ladengehülfinnen" ins Leben. Die hohe sociale Bedeutung der katholischen Orden fand bei dem weitausschauenden Gladbacher Pfarrherrn die vollste Würdigung; es wurde unter ihm für die der Krankenpflege obliegenden „Dienstmügde Christi" ein Kloster gebaut; in den letzten Jahren seines Lebens noch veranlaßte er eine Niederlassung der Franziskaner in seiner Pfarrei. Eine seiner Lieblingsschvpfungen war das stattliche Waisenhaus, für welches er große persönliche Opfer brachte. Es wurden ferner unter Lelotte's Leitung gebaut die (späteren) Pfarrkirchen von Venn und im Eickeu, sowie die Nektoratskirchen der Dienstmägde Christi und der Alexianerbrüder auf dem Blumenberge; daneben wurden die Restaurationen der alten Gladbacher Kirchen weitergeführt und vollendet. Neben dieser großartigen Thätigkeit vergaß Lelotte keineswegs die zwar weniger auffällige, aber um so wichtigere Thätigkeit für die Schule. Er hatte nicht bloß die Aufsicht über die Schulen seiner Pfarrei, sondern war auch Kreisschulinspektor, welch letzteres Amt ihm aber zu Beginn des Culturkampfes abgenommen wurde. Für die Schulsachen zunächst hielt er sich einen eigenen Sekretär und arbeitete selbst, solange er Kreisschulinspektor war, fast jeden Abend bis 12 oder 1 Uhr. Die Lehrpcrsonen schätzten Lelotte überaus hoch; manche sprechen geradezu mit Begeisterung von feinem pädagogischen Talent, seiner Menschenrenntniß, seinem erstaunlichen Gedächtniß. Ein Kind, das er nur Ein Mal gesehen, mit dem er nur einige flüchtige Worte gewechselt, erkannte er oft nach mehreren Jahren unter Hunderten wieder heraus, hatte sogar den Namen behalten. Die aufrichtige Liebe und Verehrung, womit die Lehrpersonen an ihm hingen, fand einen herrlichen Ausdruck unmittelbar nach des Obcrpfarrers Tod, indem die Lehrer und Lehrerinnen Gladbachs die ersten waren, welche einen Jahrtag für den Seligen stifteten — ein Akt der Pietät von Seiten der Lehrpersouen Gladbachs, den der Hoch- würdigste Herr Weihbischof von Köln, Dr. Fischer, öffentlich gerühmt hat. Wenn man Lelotte mit kurzen Worten charakterisiren will, so muß man wohl mit seinem Biographen sagen: Er war ein groß und originell angelegter Geist, er war ein liebenswürdiger Mensch, er war vor allem ein Priester in des Wortes bester und edelster Bedeutung. Er lebte und wirkte für Gott und seine Neben- menschen, für sich suchte er kein Vergnügen, kein Geld, keine Ehre. Seine Erholung bestand in einem Spaziergange durch seinen großen Garten; Reisen machte er äußerst selten; es ist Thatsache, daß bei ihm vorkam, daß er 12 Jahre laug keine Eisenbahn benutzte. Des edlen Priesters Herz war frei von Anhänglichkeit an Hab und Gut; vor seiner Thüre sammelten sich oft solche Haufen von Armen, daß die Polizei, die in der Nähe ihr Hauptquartier hatte, sich veranlaßt sah, schützend einzuschreiten. Auch nach Ehre verlangte der bescheidene Priester nicht. Es wurde ihm die Stelle eines Stiftspropstes in Aachen von seinem Vorgesetzten angeboten, Lelotte aber lehnte ab; er sollte dann Domkapitular in Köln werden, aber er wollte Pfarrer bleiben; Se. Eminenz der Hochwürdigste Herr Cardinal-Erzbischof Krementz wollte Lelotte zu seinem Weihbischof haben, trug ihm persönlich die Würde eines Kirchenfürsten an, aber Lelotte bat demüthig, seine schon alternden Schultern nicht mit einer so schweren Bürde zu belasten. Lelotte blieb Pfarrer und starb als Pfarrer am 6. April 1892. Der Hochwürdigste Herr Weihbischof von Köln, Dr. Fischer, eilte an die Bahre des Verblichenen, celebrirte ein Pontifikal-Requiem für dessen Seelenruhe und hielt eine ergreifende Leichenrede. Danken wir Gott, daß er uns einen solchen Mann geschenkt, ein so hellleuchtendes, begeisterndes Vorbild für jeden Priester, und bitten wir den Allgütigen, daß er jeder großen Stadt, in welcher die Socialdemokratie eingebrochen ist oder einzubrechen droht, einen solchen Pfarrer gebe! Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) A. 8. Es ist nun nicht schwer, diesen großen Unterschied zwischen den heidnischen Staaten des Alterthums und den christlichen Staaten der neuen Zeit einzusehen. Dort besteht der Staat aus der Anzahl der Freien, meistens aus dem geringeren Theil der Bewohner des Staatsgebietes; hier besteht er aus der ganzen Bevölkerung. Dort liegt die ganze Erwerbsthätigkeit beinahe ausschließlich den rechtslosen Sklaven ob, sie müssen für die kleinere Anzahl der Freien alle Arbeiten verrichten, damit diese sich dem Kriege und den Staats- gefchäften widmen können; hier gibt es keine Menschenklasse im Zustande der Rechtslosigkeit, es gibt keine Sklaven; der Landbau, die häuslichen Arbeiten und die Gewerbe werden daher alle von den Mitgliedern des Staates selbst getrieben, jedes derselben arbeitet und erwirbt für sich, da keines das Eigenthum des andern ist, sondern, auch wenn es andern dient, in Folge eines freien Vertrages und für Lohn, also zu seinem eigenen Erwerb, für sich arbeitet. Die natürliche Folge ist, daß hier nicht, wie dort, alle Freien sich bloß den Staatsgeschüften widmen können, eben weil alle Einwohner persönlich frei sind und somit keine Klasse mehr im Staate vorhanden sein kann, durch welche, wie in Griechenland und Rom, die Privatgeschäfte 341 der Freien besorgt würden. Wollte man nun in unserer Zeit einen Staat von etwa 16 Millionen Einwohnern ganz nach dem Muster des alten Athen unter Perikles organisiren, so würden ungefähr 4,325,000 Einwohner als Freie, 11,675,000 als Sklaven anzusehen sein. Letztere wären also das Eigenthum und die rechtslosen Knechte jener geringeren Zahl von Freien. Wenn nun unter diesen, die alsdann den Staat ausmachten, eine ausgedehntere Freiheit bestände, als in Athen oder Rom je unter den Bürgern bestand, und eine Gleichheit, wie sie kaum denkbar ist, so hätten zwar die 4 Millionen eine Demokratie im vollsten Maße; aber mit Rücksicht auf die Gesammtbevölkerung des Staates, von der wir in unserer Zeit und nach unseren Verhältnissen nothwendig ausgehen müssen und allein ausgehen können, wäre es eine höchst grausame und unmenschliche Bedrückung der größeren Menge durch die kleinere; wir würden einem solchen Staate jeden erdenklichen Namen eher geben, als den eines „Freistaates". Hieraus ist klar, daß nach unserem Maßstabe, nach unseren Verhältnissen, wonach wir die gesummte Bevölkerung des Staatslandes, nicht einen einzelnen Theil derselben unter den Bürgern und Mitgliedern des Staates verstehen, im alten Griechenland und Rom gar nie eine Demokratie existirt hat, abgesehen davon, daß auch in dem engeren Kreise der Freien, die dort das Volk hießen und den Staat bildeten, fast immer die Leitung und Beherrschung der Menge durch einen Mann vorwaltete und die Selbstherrschaft des Volkes in der Regel eine Selbsttäuschung war. — Und doch will man, trotz aller dieser Verhältnisse, in unserer Zeit jene Staaten des Alterthums wegen ihrer Freiheit bewundern und als Ideale hinstellen für welche die Jugend durch das Lesen der Klassiker, wie man sagt, bis zur Schwärmerei begeistert werde?*) Das, was mit Recht Bewunderung Vielleicht wird eingewendet, cö lasse sich ans den Klassikern auch vieles im entgegengesetzten Sinne anführen und folgern, insbesondere finde man in ihnen häufig eine entschiedene Sprache gegen das Königthum; schon der klotze Name -rsx« sei bei den Alten verhaßt gewesen, Brutus werde als »oxpnlsor rs§nm« und »vimlsx libsrtas« hochgepriescn, Harmodins und Aristozitcn werden als Mörder des Hipparcbns wie Helden besungen n. dgl. (eouk. Oio. äs oll. III. 4, Oio. pro ülil., Oemoatb. § 280). Bei dem letzten Beispiel und ähnlichen ist die laxe und verkehrte Moral in Betreff des Mordes nicht zu übersehen. Was den Hatz gegen das Königthum betrifft, so hatte derselbe vorzüglich darin seinen Grund, daß die Alten in einem Könige überhaupt einen unnnischränkten Herrscher nach Art der orientalischen Tespoten vor Augen hatten, der sich zu seinen Unterthanen ungesäbr so Verhält, wie ein römischer Bürger zu seinen Sklaven. Deßwegen bezeichnen sie auch den Zustand eines Staates, der keinen König hat, mit dem nämlichen Worte, mit welchem sie den eines Menschen, der eben nicht der Sklave eines andern Menschen ist, bezeichneten, mit dem Worte -liberkas-, so daß dieses zugleich den Gegensatz zu -rsZum« und -svrvitns- bildete (oonk. las. Lun. I. 1, luv. II. 1). Dieser Gegensatz ist jedoch nur mehr ein contradictorischcr, die bloße Negation von reZ-um und ssrvitus, ohne im Grunde etwas Positives zu bezeichnen, so daß z. B. gleich nach der Vertreibung der Tarquinier das Wort -libortao- aus den Zustand des römischen StaaleS angewandt wird, obgleich die nämlichen Historiker, die diesen AnSdruS gebrauchen, ein schauerliches Bild von der Unfreiheit und Bedrückung der Plebejer durch die Patrizier entwerfen, wie wir oben gesehen. — UebrigcnS stellten die Griechen und Römer das Königthum gewöhnlich mit der besonderen Absicht, es bei dem Volke verbaßt zu machen, in ein ungünstiges Licht; deßwegen sprechen sie nicht selten von der Gewalt ihrer früheren Könige, z. B. der attischen und römischen, in einem Sinne, als hätte ihre jedesmalige Laune und Willkür für den Staat als Gesetz gegolten, obgleich sie wohl wissen, daß dieses nicht wahr ist und zwischen ihren Königen und den asiatischen ein sehr großer Unterschied war. erregt und bis zur Begeisterung für sich einnehmen kann und soll, ist nicht die Form, nicht das Leben und Schicksal jener Staaten im ganzen genommen, sondern einzelne Einrichtungen und Grundsätze^) und insbesondere der Charakter einzelner hervorragender Männer, ihr Gehorsam gegen das Gesetz und seine Vollstrecker, ihre glühende Vaterlandsliebe und rückhaltlose Hingabe für das Wohl und den Ruhm des Vaterlandes. In dieser Beziehung bietet uns die Lcctüre der Alten viel Schönes dar und stellt uns manchen Mann als Muster und leuchtendes Vorbild in Erfüllung der bürgerlichen Pflichten vor Augen. Wir möchten bezüglich des Gehorsams gegen die Staatsgesetze auf den an Gymnasien so häufig gelesenen Dialog des Plato, der „Oritoi? betitelt ist, hinweisen. Dort setzt der zum Tode oerurtheilte Sokrates, dem Triton räth, aus dem Gefängnisse zu entfliehen, das Verhältniß des Bürgers zum Staat und die daraus hervorgehenden Pflichten treffend auseinander. Er sagt (6ux>. 11 rc.) zu Criton, was sie antworten werden, wenn ihnen beim Entfliehen die Gesetze und die Person des Staates (cfl rözrcw xcrc 10 xocröv -rH; TcöXsw-:) begegnen und also fragen würden: Was willst du thun, o Sokrates, willst du nicht uns, die Gesetze, und, soweit es an dir liegt, den Staat zu Grunde richten? Oder glaubst du, es könne ein Staat bestehen, in dem die gefällten Urtheilssprüche nichts gelten, sondern von dem Einzelnen ungültig gemacht und aufgehoben werden? Werden wir, o Criton, wohl antworten: Der Staat hat uns Unrecht gethan, er hat ein ungerechtes Urtheil über uns gefällt! Gut. Wenn aber die Gesetze und der Staat erwidern; Sind nicht wir es, die dich erzeugten, dich erzogen und bildeten? bist du somit nicht unser, sowohl unser Sohn als unser Sklave (sxpavo; ösöXsc) , du und deine Kinder? Glaubst du nun, bei diesem Verhältniß habest du soviel Recht gegen uns, als wir gegen dich? Der Sohn hat gegen den Vater, der Sklave gegen den Herrn nicht das gleiche Recht, das der Vater gegen den Sohn, der Herr gegen den Sklaven hat; wenn der Sohn und der Sklave geschmäht oder geschlagen werden, so dürfen sie den Vater und Herrn nicht wiederum schmähen und schlagen. Und doch glaubst du uns zu Grunde richten °-) Wir erinnern hier, daß bei den Alten nicht die unbesonnene Jugend, sondern Männer des reiferen Alters und die vielersahrcnen Greise im Rathe des Staates saßen, in öffentlichen Angelegenheiten zu berathen und das Wort zu führen berufen waren. Die Stellung, welche die Jugend im Alterthum einnahm, und das Beispiel der spartanitchen Jünglinge in ihrem ehrfurchtsvollen Verhalten gegen die Greise ist für die Jugend aller Zeiten sehr belehrend. — BeachtunzSwcrth ist in dieser Beziehung auch das Beispiel und besonders der dabei ausgesprochene Satz deS Römers MinucinS. Als er nämlich, wie Livins erzählt, aus Hitze und Uebcreilung sich gegen den Rath und Willen des älteren und einsichtsvolleren Dictators Fabius mir Hannibal in ein Tressen eingelassen hatte und bereits geschlagen war, kam Fabins demselben zu Hilfe und rettete ihn vom nahen Untergänge. Hierauf sprach Miuucius zu seinen Truppen, nachdem er sie in das Lager zurückgeführt hatte: „Ich habe oft gehört, o Soldaten, daß derjenige Mann der eruc sei, der selbst klugen Rath besitze und das Sachdienliche erkenne; der zweite sei der, welcher einem guten Rath gehorche; derjenige aber, welcher weder selbst Einsicht habe, noch einem anderen zu gehorchen wisse, der sei der unfähigste und letzte. Da uns nun der erste Rang an Geist und Einsicht nickt beschicken ist, so lasset uns den zweiten und mittleren behaupten und den Entschluß fassen, einem Einsichtsvollen zu gehorchen, bis wir befehlen lernen." Sodann sübrtc er seine Heereöabtheilung in das Lager des Fabins, begrüßte ihn mit dem Worte „Vater" und unterwarf sich gänzlich seinem Oberbefehl, obgleich er zuvor an Macht dem Dictator gleichgestellt war. 342 zu dürfen, weil wir es für recht halten, dich zu tödten. Oder hast du vergessen, daß das Vaterland seinen Bürgern gegenüber nicht nur die Rechte des Vaters gegen den Sohn und des Herrn gegen den Sklaven hat, sondern noch weit höher steht, als Vater und Mutter, daß man ihm, auch wenn es hart ist, noch mehr gehorchen und dienen müsse, als den Eltern; daß man dulden muß, wenn es zu dulden befiehlt, daß man im Kriege und vor Gericht und überall thun muß, was der Staat und das Vaterland gebietet? Bedenke, Sokrates, ob wir nicht wahr sprechen, wenn wir sagen, du thust uns Unrecht durch das, was du unternimmst. Denn wir haben dich erzeugt, erzogen, gebildet, wir haben dich und die übrigen Bürger an all dem Guten, das wir haben, Theil nehmen lassen. Gleichwohl gestatten wir jedem, das, was er hat, zu nehmen und in ein anderes Land zu ziehen, wenn wir ihm nicht gefallen. Wer aber im Staate bleibt, von dem nehmen wir an, daß er durch die That seine Zustimmung gegeben habe, das thun zu wollen, was wir befehlen. Wer uns aber nicht gehorcht und uns auch nicht eines Besseren belehrt, uns nicht überzeugt, daß wir Unrecht thun, der begeht au uns ein dreifaches Unrecht, weil er uns, seinen Ernährern und Erziehern, und weil er denen nicht gehorcht, welchen er Gehorsam versprochen hat. — In diesem Sinne und ungefähr mit diesen Worten läßt uns Plato seinen Lehrer die Pflicht des Gehorsams gegen den Staat und seine Gesetze entwickeln. Obgleich Sokrates die Ueberzeugung in sich trägt, daß er unschuldig verurtheilt sei, und obgleich ihm durch seinen Schüler und Freund Criton alle Mittel zur Flucht angeboten wurden, so bleibt er doch im Kerker und erwartet voll Seelenruhe den Tod. Nicht von dem Gesetze, sondern von den Menschen, die jenes mißbrauchen, sagt er, geschehe ihm Unrecht. Er bringt das Leben zum Opfer, nur um den Grundsatz nicht anzutasten, daß der Einzelne kein Recht habe, sich den Gesetzen und Aussprüchen des Staates willkürlich zu entziehen. — Daraus, daß Plato die Pflichten des Bürgers gegen den Staat und seine Gesetze aus dem Verhältnisse des Sohnes zum Vater und des Sklaven zum Herrn ableitet, ersehen wir auch deutlich, wie der Staat bei den Alten der unumschränkte Herr des einzelnen Bürgers war und dieser mit Aufopferung seiner individuellen Zwecke vor allem und hauptsächlich dem Allgemeinen, dem Staatszwecke sich unbedingt hingeben mußte. (Oonst 6io. acl ^.tt. IX., 9 und 6io. da oll. I., 17). Der Einzelne ist dort gleichsam mehr des Staates, als seiner selbst wegen da. Am meisten war dieses in Sparta der Fall, wo der Mensch schon als Kind ganz dem Staate angehörte und seine Person sofort in der Staatsfamilie aufging. Die gemeinschaftlichen Mahlzeiten der Spartaner und Anderes zeugen allerdings von einer Art Kommunismus, aber nicht zum Behufe des Genusses, sondern zum Zweck der allgemeinen Einfachheit, Enthaltsamkeit und Abhärtung. Von dem Kennenlernen jenes Beispiels ist nichts Nachteiliges zu befürchten; es findet in unserer Zeit gewiß keine Nachahmung, denn man hat bisher noch nirgends ein Gelüste nach der schwarzen Suppe der Spartaner entdeckt. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. L. Bei Kösel in Kcmpten erscheinen „Pädagogische Vortrage und Abhandlungen", herausgegeben in Verbindung mit namhaften Schulmännern von Jos. Pötsch» in zwangslosen Heften von 2—6 Bogen. Das Unternehmen ist ein katholisches und ist gerichtet gegen gewisse moderne naturalistische, materialistische und rationalistische Strömungen auf dem pädagogischen Gebiete. Es will Jnformationsarbeiten, eckte Gcistcswaffen, eine wahrhaft katholische Lektüre bieten. — Die folgenden erschienenen Hefte lassen beurtheilen, in wie weit bis jetzt das Programm eingehalten worden ist. Viertes Heft: Die wahren Verdienste Luthers um die Volksschule. Zur Lehr' und Abwehr dargestellt von Dr. Thalhcim; 8°; 29 Seiten. Das Resultat dieser Untcriuchung an der Hand der Geschichte lautet: Luther ist nicht der Gründer der deutschen Volksschule, sondern ihr Zerstörer. — Fünftes Hest: Die Er- ziehnngsprincipicn Dnpanloups und unsre modernen Pädagogen. Von Hugo Wehncr, Lehrer in Düsseldorf. 8°; 88 Seiten. Der geistreiche, im Erziehungswesen wohl erfahrene französische Bischof hat in einem größeren 3 bändigen Werk seine Grundsätze über christliche Erziehung niedergelegt und sich als eine Autorität in diesem Fache bewiesen, indem er das Ziel der Erziehung, die Natur des Kindes und die Erziehungsmittel eingehend behandelt. Der Verfasser dieses Schriftchens hat die verdienstvolle Arbeit übernommen, diese Grundsätze deS katholischen Bischofs den Principien der modernen Pävagogik gegenüberzustellen und letztere auf ihren praktischen Werth in einer christlichen Schule zu prüfen. DaS Resultat geht dabin, daß kein Grund vorhanden, die alten katholischen Grundsätze zu verlassen. — Sechstes Heft: Die culturhistorischen Stufen der Herbart-Ziller-Stoy'schen Schule. Ein Darstellung nebst Beurtheilung derselben. Von Al. Knöppcl, Hauptlehrer. 8°; 46 Seiten. Wenn Protestanten die Schule zum Versuchsfeld machen wollen für die Entwickelung falscher Principien und Voraussetzungen, so kommt es den Katboliken zu, dem Eindringen derselben in katholische Schulen sich entgegenzustellen. Das that der Verfasser. Er kommt in seiner Kritik der genannten Schule zu dem Resultat, daß das Unterrichten in diesem Sinne aus praktischen, methodischen und religiösen Bedenken in unseren Schulen nicht zulässig sei. — Bisher hat die VcrlagShandlung von Kösel ihr Programm erfüllt und verdient demnach ihr Unternehmen in bethciligten Kreisen alle Beachtung und Unterstützung. Die neue Kunst und der Schaupöbel. Dresden, Verlag : Kunstdruckerei Union, Herzog u. Schwinge. 60 Pf. O Ein sehr verdienstvolles Schriftchen eines hervorragenden Sachverständigen über und gegen die modernsten Kunst- bestrebungen, deren Endziel, dem Zeitgeist entsprechend, die Darstellung des Häßlichen und Gemeinen, die Erniedrigung des Erhabenen ist, beleuchtet an einigen Muster-Meisterwerken dieser Art. Zunächst bestimmt für Dresden und DrcSdcner Kunstverhältnisse, verdient die schneidige und wohl begründete Kritik allgemeine Beachtung, insbesondere in Bayern, in dessen Haupt- und Kunststadt ja auch die modernste Kunstrichtung über Gebühr sich breit macht. _ Beleuchtung antireligiöser Schlagwörter. Von k. Georg Freund, l. S. S. N. Wien 1824. Verlag von Heinrich Kirsch. I. Singcrstraße 7. 73 Seiten. O Die täglich zu hörenden Schlagwörter: „Religion ist Nebensache; Ich glaube nichts; Es ist ein Glaube wie der andere; Der Glaube ist autiguirt, heute thut's Bildung; Mit dem Tode ist alles aus, eS gibt kein Jenseits; Die kath. Kirche hemmt den Fortschritt; Nur nichts übertreiben; Von der Religion habe ich nichts, die vertröstet aufs Jenseits", sind anziehend und volksthümlich und gut widerlegt. Das Schriftcken liest sich leicht und dürfte für Vortrüge in Vereinen ein vortreffliches Material bieten. Stellung des katholischen Religionsunterrichtes in der Volksschule im Plane der Jünger Herbarts von Dr. Johannes Scholastikus. Würzburg, Andreas Göbel; 1894; 8°; 34 Seiten. L. Der philosophisch-theologische Wellenschlag der Zeit macht sich auch in der wissenschaftlichen Pädagogik geltend. Doch ist eine glückliche Jnconsequcnz oft von Vortheil, indem neue Versuche nicht zur Entwickelung gelangen und so das bewährte Alre die Oberhand behält. So ist auch die Hcrbart'sche Philosophie großenthcils überwunden, und der Verfasser dieses Schriftchens beleuchtet kritisch die Abwege, wohin Hcrbart's wissenschaftliche Pädagogik führt, d. h. daß man sich nicht mit dem Resultat befreunden könne: Der Mensch ist lediglich das Produkt der Erziehung. Dagegen anerkennt der Verfasser, daß in der kcnntnißthcoretischcn und metbodischen Beziehung die Her- bart'fche Richtung einen gewissen Fortschritt bezeichne. 343 k. I- I- Scheffmacher» 8. F., ControverS-Katechis- muS für Katholiken und Protestanten, in dieser neuen Ausgabe vermehrt mit einem Nachtrag: Folgen und Früchte der Reformation; Protest. Schlag- wörter unv Entstellungen. Anhang: Die christliche Familie, ein Sittenspicgel. Herausgegeben von einem Priester der Diöccse Strahlung. Mit bischöflicher Approbation. Strahlung i. E., Le Ronx u. Co. 8°, 1894; 312 Seiten; Preis 2,00 M. gebunden. L. Ein altes Buch nach Titel, Anlage und Einfluß, aber neu durch sehr bedeutende Erweiterungen nach den Häresien und Bedürfnissen der Neuzeit, besonders durch das II. Buch! — Dieses Buch ist eine vortreffliche Waffe zur Abwehr, eine Fundgrube zur Vertiefung in die Wahrheiten deS Karcchismus. ein Rcpertorinm über die Untcrscheidungslehrcn zwischen der kathol. Kirche und den Sekten seit 350 Jahren in präciser, verständlicher und erschöpfender Darstellung. Für unsere Zeit ist besonders wichtig das II. Buch, welches von den Folgen und Früchten des Lntherthums und der sogenannten Reformation in socialer Hinsicht, von den protestantischen Schlagwörtern, dann von den Freidenkern, von der Freimaurerei u. s. w. handelt. Der Proceß der Entwickelung des Protestantismus bis herab zum Socialismus in seiner conscqnenten Phasen vollzieht sich vor den Augen des Lesers. Die Ausstattung ist sehr solid. _ Der große Tag der Ernte. Fastcnprcdigten von G. Diessel, 0. 8s. L. Mit Approbation des bischöfl. Ordinariats Königgrätz und der Ordcnsobern. Negens- bnrg, Pustet; 1894; 8°; 176 Seiten. 8. Der Verfasser, welcher durch frühere Jahrgänge von Fastcnpredigteu bereits einen Namen hat, fesselt in diesen vorliegenden den Leser nicht blos durch den an sich das Herz ergreifenden Gegenstand (das letzte Gericht), sondern auch ganz besonders durch die Darstellung; denn er findet wohl durchdachte, gut disponirte, durch passende Beispiele beleuchtete, sprachlich abgerundete, einfach stilisirte Verträge, an welchen Jeder lernen kann. Wilhelm Becker, 8. kk. Die christliche Erziehung oder Pflichten der Eltern. Freiburg i. Br. 1894. Herder'sche Vcrlagshandlung. br. 2 M., geb. 2 M. 70 Pf. 8°. 282. o. Drciunddrcißig Kanzclvcrträge führen aus, wie Eltern ihre Kinder zu guten, nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft machen können, wie sie dieselben in die christliche Religion einzuführen, vor Sünden und Jrrpfaden zu bewahren, nöthigenfalls weise zu bestrafen, durch das eigene gute Beispiel im Guten zu befestigen haben. Die Sprache ist einfach und gemeinverständlich, aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb warm und überzeugend. Die Vortrüge, weil in Amerika gehalten, sind amerikanischen Verhältnissen angepaßt; jedoch, da die Gesetze der Erziehnngskunst überall die gleichen sind, auch in der alten Welt recht brauchbar. Joseph Seeber. Der ewige Jude. Episches Gedicht. Freiburg i. Br., Herder'sche VerlagShandlnng. 1894. br. 2 M., kl. 8°. 216. s. Die Erzählung beginnt mit den Ereignissen in den letzten Tagen der antichristlichen Weltherrschaft und endet mit ihrem Sturze. Der ewige Jude ist aufgefaßt, als der Vertreter des altgläubigen Judemhnms, das seine national-politische Anschauung vom Messias bewahrt hat und darum dem in Christus erschienenen feindlich gegenübersteht, welche Auffassung vor allem eine großartige Grundlage schafft und dann auch einen gewaltigen Ausbau der Erzählung ermöglicht. In Jerusalem, das zur modernen Weltstadt geworden, thront der Antichrist als mächtiger Fürst; das Feldherrntalent, die List AhaSver'S hat ihm Orient und Occident unterjocht; der Fels Petri scheint endlich durch die Gefangennahme des Statthalters Christi überwältigt. Trotz dieser Erfolge sieht sich AhaSver und sein Volk von der Stelle verdrängt, die einzunehmen er geboffr; ein Nichtjude, ein verhaßter, abgefallener Christ hat die Gunst deö Antichristes für sich gewonnen. Alle Bestrebungen, dieselbe zurückzuerobern, mißlingen nicht blos, AhaSver muß sogar den Haß seines Herrn fühlen, der ihm durch ein Scheinwnuder das Augenlicht raubt, und wird mit seinem Volke vom fürstlichen Hofe in Schanden verstoßen. Aufnahme findet er bei den verfolgten Christen; das Oberhaupt der Kirche pflegt ihn persönlich. Diese Liebe besiegt seinen Haß, er läßt sich taufen, erhält das Augenlicht wieder, wird ein zweiter Paulus und führt sein unglückliches Volk zum wahren Gott zurück, während unterdessen die Herrschaft des Antichristes, der sich als Gott huldigen läßt, durch göttliches Einschreiten ihr Ende erreicht. Diese gedrängte Inhaltsangabe läßt einigermaßen ersehen, welch gewaltigen Stoff der Dichter sich ausgesucht. Er ist aber auch Meister über denselben geworden. Die Sprache ist fließend; mit Meisterschaft der fünffüßige Iambus behandelt; öfters erfreuen den Leser überraschende Bilder; die Spannung wächst von Gesang zu Gesang. Wir lasen das Gedicht sozusagen auf einen Sitz, um eö sofort — wieder von vorne zu beginnen, und haben seitdem manche Stelle schon wiederholt gelesen. Ein Blick in die heutige Rechtsanwaltschaft hinein. Commissions-Verlag von Georg Weiß in Heidelberg. 38 Seiten. O In volkSthümlicher Sprache sind die bedenklichen Mißstände der heutigen Ncchtsanwaltschaft recht sachkundig besprochen und ihre Ursachen erörtert. Diese findet der Verfasser mit Recht in der unbeschränkten und in der Zulassung praktisch noch ungeschickter, unerfahrener Bewerber, in Mängeln der Prozeßordnung, die dem Richter nur einen sehr geringen Einfluß auf den Gang des Verfahrens gestattet und ihren Vorschriften durch die Unterlassung von Strafandrohungen auf die Nicktbeachinng den Nachdruck und Erfolg benimmt. Mit Unrecht scheint uns der Verfasser dem mündlichen Verfahren einige Schuld beizumesseu; denn gelogen wird auch in den Schriftsätzen, und noch mehr wurde gelogen im frühern schriftlichen Verfahren. Was sonst der Verfasser alles sagt und beklagt, hat nicht bloß für Baden, sondern im Allgemeinen Geltung, und wiro ihm jeder mit der streitigen Rechtspflege befaßte Richter bestätigen, jeder aufrichtige Anwalt zugestehen, und könnte in mancher Hinsicht z. B. durch ein Kapitel über die Ausscheidung von Schreibgebühren ergänzt werden. k. O. Ningholz 0. 8. P. Der selige Markgraf Bernhard von Baden. Mit einem Titelbild in Farbendruck und 7 weiteren Abbildungen. Volksausgabe. Herder'sche Verlagsbandlung. Freiburg i. Br., 1894. brosch. 50 Pf., Leinw. 60 Pf., ganz Leinw. 1 Mark. XII», 93. o. Vorliegendes Büchlein, bearbeitet nach dem größeren, glcichbctiteltcn Werke desselben Autors, enthält in edler, sehr ansprechender Form die Lebensbeschreibung eines Gliedes des badensischcn Herrscherhauses, des Markgrafen Bernhard, der 1458 im Alter von 30 Jahren starb und 1769 von Papst Clemens XIV. selig gesprochen wurde. Ein Anhang bringt Gebete zu Ehren deS Seligen aus alter und neuer Zeit. Die Ausstattung, sowie die Bilder verdienen Lob. Für Volks- bibliothcken sehr zu empfehlen. F. C. Bacrnrcitbcr, Bonfilia oder gutgemeinte Worte an katholische Töchter. Approbirt und empfohlen vom Hochw. Bischof von Linz. Einsiedeln, Benziger, 1894. 279 S. Fein geb. 3 M. -cl- An guten Rathgcbcrn für Mädchen aus gebildeten Gesellschaftskreisen, welche im Begriffe stehen, in das gesellschaftliche Leben eingeführt zu werden, bat die katholische Literatur keinen Mangel. Die betreffenden Schriften der Frauen von Licbenau, von Lindcmann, Albini-Crosta — um nur die bekanntesten zu nennen — sind aber trotz ihrer Vorzüge noch uicbt^ im Stanoe gewesen, die protestantische und die religiös indifferente Literatur auf diesem Gebiete von den katholischen Familien gänzlich ferne zu halten. Es wird dies auch der vorliegenden Schrift nicht gelingen, weil die „gebildeten katholischen Kreise" von der katholischen Literatur vielfach nicht Notiz zu nehmen lieben. Gegenüber solcher Indolenz ist cS schon von moralischem Gewichte, auf eine stattliche Zahl concurrenzsäbiger katholischer Leistungen wenigstens hinweisen zu können. Bonfilia wird übrigens ihren Weg finden. Das Büchlein ist unter die belehrende, nicht unter die erbauliche Literatur einzureihen. Um es kurz zusammenzufassen, cS zeichnet sich gleichmäßig aus durch vornehme Sprache, durch weise Beschränkung auf das praktisch Erreichbare unter Fcrnhaltnng aller Einseitigkeitcn und durch eine wirklich gründliche, auf reiche Erfahrung gestützte Kenntniß des Franeuhcrzcns. Der Emancipation wird die echte Weiblichkeit in ihrer ganzen Würde und Schönheit gegenübergestellt, doch nirgends polemisch, sondern rein positiv-apologetisch. An packenden Vergleichen und Bildern, an anregenden Gedanken wird eine Fülle geboten. Aber alle diese Vorzüge treten zurück hinter dem der warmen Liebe zu den Angeredeten, wie sie der ganze Ton der Schrift verräth. Die Liebe reicht diese Gabe, 344 welcher eben darum der Segen nicht fehlen kann. Wir theilen hier statt einer Analyse einzelne Artikcliiberichriften mit: Lectitre. In Gottes freier Natur. Ueber Bälle. Was ist Takt? Angewöhnte Fehler und Mittel dagegen. Langweile und Einsamkeit. Mit Gott allein. Etwas über Liebe und warum Mädchen hcirathen. Welche Männer nicht zu wählen sind. Der Brautstand als Vorbereitung für die Ehe. Schwiegermütter. Vom Kochen und Essen u. s. w. Nach Inhalt und Form ist die Sckrift für die gebildeten Kreise im engeren Sinne berechnet. Möge es in solchen recht warm empfohlen werden. Es wäre eine Zierde für den Weihnachtstisch der Tochter. Linzer theol.-praktischc Qnartalschrift. Jahrgang 1894. Expedition: Linz, Stiftcrstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 4. Heftes u. A.: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von v. Albert Maria Weih 0. vr. — Die Heilsbedürftigkeit des Menschen und die HeilSsorge Gottes. Von Augustin Lehmkuhl 8. I., Professor in Exaeten (Holland). — Die RechlSbezichnngen des lateinischen und griechisch-katholischen Ritus in der Lembergcr Kircheuprovinz. Von Aug. Arndt 8. .1., Professor des canon- ischen Rechtes in Krakau. — Die s. 6a?» in Loreto. Von Joj. Krcschnicka, NeligionSprofcssor in Horn (N.-Oe.). — Der Gesang bei der feierlichen Liturgie. Von Pfarrer Saut er, Präses des hohcnzollern'schen Bezirks-Cäcilienvereines. — Kennt die katholische Liturgie die Eintheilnng des Kirchenjahres in die drei Festkreise von Weihnacht, Ostern und Pfingsten? Von v. Franz Hattler 8. I. in Innsbruck u. s. w. — Pastoral- Fragcn und -Fälle: 1) Beihilfe zum protestantischen Ne- ligions-Untcrricht. Von Professor Augustin Lehmkuhl 8. st. in Exaeten (Holland); 2) Ungerechter Preis bei Zwangsversteigerung. Von vr. A. Goepfert, Universitäts-Professcr in Würzburg, Bayern; 3) Eine unrichtige Definition des Gelübdes. Von Josef Frcihcrrn v. Grimmen sie in, Maissau; 4) Die heilige Communion in Frauenklöstern und nicht durch Priester geleiteten Laienorden. Von Aug. Arndt 8. I., Professor in Krakau, Galizien; 5) Sakramenten-Empfang der Tertiären. Von I. Weiß, Professor in St. Florian, Obcröstcrrcich u. s. w. — Literatnranzeigen u. s. w. Theologisch-praktischeMonatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit BayernS. Herausgegeben von vr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 10. Heft. Passau. In Commission der Abt'- schen Buchhandlung. JnhaltSverzcichniß des 10. Heftes: l. Wissenschaftliche Aufsätze: Wolframs von Eschenbach Stellung zum Katholizismus. — Interessantes auS den liturgischen Kalendarien (Direktorien) sämmtlicher Dtöcesen von Deutschland, Oesterreich, Schweiz und Luxemburg. (Schluß.) — II. Belehrendes für die seelsorgliche und pfarramtliche Praxis: Fälle zur Beleuchtung der neuesten Erlasse des hl. Stuhles über die Zensuren. — Aphorismen zur schwierigen Katechese über die vollkommene Reue. — Seelsorgliche Behandlung depressiver und krankhaft cxaltirtcr Geniüthszustände. — Die Aufgabe der Mädchcnerziehung gegenüber der modernen Gesellschaft. (Fortsetzung). — Die sittliche Bedeutung der Raiff- eiscnvereine. — Wie ist das Fest des hl. BonifatiuS zu feiern? — Weibliche Ministranten. — Unentgeltlichkeit der Katechese. — Gelten die pfarramtlichen Geburtszcngnisse seit 1876 noch als ZivilstandSakte und bedürfen sie einer Gebührenmarke? — Obacht auf schädliche Bücher-Annoucen. — Gegen tumnltuöses Hinausdrängen aus der Kirche. — St. Joseph als Sterbepatron. — Zur Frage der Ueberfüllung der Pfarrregistraturkästen mit gebundenen Amtsblättern. — Novitäten schau. — Literar- ischer Anzeiger. _ Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der GörrcSgesellschaft herausgegeben von vr. Const. Gutberlet. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerci. VII. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. 1. I. Nassen, Ueber den platonischen Gottcsbegriff (Forts.). 2. C. G n t b c r l c t, Ueber Meßbarkeit psychischer Acte (Forts.) 3. T. Pesch 8. I., vr. Al. Schmid über die Erkenntnißlehre (Schluß). 4. C. Th. Jscn- krahc, Die Coppernicanische Hypothese und die Sinnestäuschungen. — II. Recensionen und Referate. 1. H. Schmid- kunz, Ueber die Abstraction, von Pfeifer. 2. H. Schmid- Verantw. Redacteur: kunz, Analytische und synthetische Phantasie, von demselben. 3. M. Schwcisthal, Hiooris än Dean, von demselben. 4. Ad. Bonhöffer, Die Ethik des Stoikers Epiktet, von Frhrn. v. Hertling. 5. Fr. W. F ö r st e r, Der Entwickelungsgang der Kantischen Ethik bis zur Kritik der reinen Vernunft, von Schanz. 6. Fr. Erhardt, Metaphysik. 1. Bd.: Er- kenntnißthcorie, von Al. Schmid. 7. A. Biese, Die Philosophie des Metaphorischen, von Gutberlet. 8. Die Sittlichkeit als Nalurlehre, von demselben. 9. R. Keßler. Praktische Philosophie, von demselben. 10. G. Esser, Die Seelenlehre Tertullians, von Schanz. 11. L. Stein, Fr. Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren, von Adlhoch 0. 8. L. 12. 13. Philosophische Vortrüge. (l)A. v. Hcydcbrcck, Ueber die Gewißheit des Allgemeinen. (2) N. v. Wschert, Die Lebenskraft, von Gutberlet. 14. Petri Card. Pelz in an y oporal.: vialeetiea., von Schinitt. — III. Philosophischer SPre ch- saal. Mathilde v. H., Das Weib und die traditionelle Auffassung seiner Natur (Schluß). — IV. Zeitichriftenschau. Philosophische Studie». Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Archiv für Geschichte der Philosophie. Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. — V. Mis- cellen und Nachrichten. Die Structur des Nervensystems. Die Temperatur der Sonne und der Fixsterne. Teleologie in dem Brutgeschäfte der Vögcl. „Thier-Ethik." Zur Bcvöl- kerungsfrage. _ Litcrarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Frciburg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. .9. — Frciburg im Brcisgau, Hcrdcr'sche Vcr- lagsbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 10: Giescbrecht, Das Bück Jeremia. (Vetter.) — Löhr, Die Klagelieder dcS Jeremia. (Vetter.) — Llazmr, ^neeilota. Oxouisnoia. (BelleSheim.) — Ovorton, llis Vn§li8st vsturoli in tlio uinstssntli venturz-. (Bellcshciui.) — Vsetor, Vo vonelavs. (Sägmüller.) — clo Ilartel, vanliui Xolani vxistnlas. (Wcynian.) — Kühn, Die Christologie Leos I., des Großen, in systematischer Darstellung. (Hoch.) — vswontlwn, VIreotoirs äs 1'en8eiAnement rsÜAisux 3 los maisons il'eüneation. (Krieg.) — Deinen tbon, Lletlioäs prati- gus el'instruetion reliAisuse. (Krieg.) — Marx, Pastoral - Medizin. (Gassert.) — Strakosch-Graßmann, Der Einfall der Mongolen in Mitteleuropa in den Jahren 1241 u. 1242. (Gottlob.) — Joachim, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen, Albrecht von Brandenburg. (Kolbcrg.) — Fcstbnch zur Eröffnung des Historischen Museums. (Hürbin.) — 8iearck, V'anoien elerg'e äs vranoo. (Gottlob.) — blalum, Bde 1n- üueues ok ssa porver npon üistor^ 1660—1783. (Zimmermann.) — blalian, Mis inüusnee ok sea. porver uxon tliö vrenost rovolution anst tlis vmxire 1793—1812. (Ziniiner- mann.) — Macke, Vom Nil zum Nebo. (v. Hecmstedc.) — Spanien in Wort und Bild. (Ruhle.) — Scheffmacher, „Licht in den Finsternissen". (Schild) — Giovanni Pierluigi da Pa- lestrina und das Oraüuals Vomannm der eciitio meäicao» von 1614. (Walter.) — 6iov. kisrl. ä» valsstrina. eil il Vraänals Uomanum Hell eäitio weclies». (Walter.) — Die ehrwürdige Mutter Maria von der Vorsehung (Eugenie Smct). (Pruner.) — Nachrichten. — Büchertisch. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich. 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Inhalt von 1894, Heft X, Oktober: vr. A. BelleSheim, Neue Biographie des anglikanischen Erzbischofs Land von Canterbury. — vr. Selbst, Eine Schule für biblische Studien in Jerusalem. — v. Jldc- Phons Veitb, 0. 8. v., Das sog. LlartzwolvAinm Ilioron^mi- anuw. — Galluö Jakob Baumgartner, Die Ritnalisten in England und der gregorianische Choral. — vr. Ant. Linsen- mayer, Nikolaus v. Lüttich, ein Reimprediger am Ende des Mittclalters. — Literatur: D. Ferd. Kattenbusch, Das apostolische Symbol. — vr. P. Bahlmann, Deutschlands katholische Katechismen. — votrns vauisius, 8nimn» ilovtrinas obristianao. — v. llannarius Lnoosroui, 8. I.. 6asus oonscisntias. — vr. F. P. Kraus, Synchronistische Tabellen der Kirchengeschichtc. — Lornliaril vuür, 8. st., blounmsnta Oorinanias paeilaAvZIea. — vr. I. P. Kirsch, Die Päpstlichen Collectoricn in Deutschland. — 6aril. Llkouso Oaxsoolatro, va Vita ili 8. ^.Ikonso clo' ViAuori. — Heinrich Pesch, 8. st., Liberalismus, Socialismus und christliche Gesellschaftsordnung. — Alinda Jakob y, Jda Gräfin Hahn-Hahn. — MiScelle. Phil. Frist in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. 44 . Wage zm Sag5öillgel Weitung. 1. Nauvr. 1894. Zum 400jährigen Gebnrtsjnbilämn des Dichters Hans Sachs. xsz „Hans Sachs war ein Schuh- — Macher und Poet dazu." Mit diesem wohlfeilen Knittelvers, gedankenlos anderen nachgesprochen, glauben noch gar manche unserer „Gebildeten" ruhigen Gewissens dem Andenken des Nürnberger Dichters volle literarische und menschliche Gerechtigkeit erzeigen zu können. Keiner derselben hat wohl eine Zeile von des Dichters Werken gelesen. Und doch steht Hans Sachs in seiner „dichterisch armen Zeit als der eigentliche Poet da, wofern wir ihn nur von seiner bedeutsamen Seite betrachten wollen?) Am 5. Nov. 1494 wurde dem ehrsamen Schneidermeister Jörg Sachs und seiner Hausfrau Christine zu Nürnberg ein Söhnlein geboren, das noch am selben Tage in der hl. Taufe den Namen Hans erhielt. Zu guten Sitten, Tugend, Zucht und Ehre ward der Knabe erzogen und kam als Siebenjähriger in die Spitalschule, eine der vier Nürnberger Lateinschulen, wo er die Anfangsgründe seiner Bildung, auch Grammatik und Musik erlernte. 1509 verließ er 15 Jahre alt die Schule und trat bei einem Schuhmachermeister in die Lehre, die er in zwei Jahren vollendete. Seine Nebensiunden waren der Kunst des Meistergesanges unter Anleitung des Leinewebers Lienhard Nunnenbeck gewidmet. Für fünf Jahre begab er sich dann auf die Wanderschaft; Regensburg und Passau, Vraunau am Jnn, Oetting, Burghausen, Wels, Salzburg, Neichenhall, München, Landshut, Würzburg, Frankfurt a. M., Koblenz, Köln und Aachen wurden die Stationen, wo er auf längere oder kürzere Zeit verweilte. Gegen Schluß des Jahres 1516 kehrte er reich an Erfahrungen und zum Charakter gereift, aber lebensfrisch und unverführt durch „Spiel, Trunkenheit und Wühlerei" in die geliebte Vaterstadt zurück. Am 1. Sept. 1519 vermählte er sich mit Kuni- gunde Creutzcr, mit der er bis zu ihrem Tode 1560 die glücklichste Ehe führte und 7 Kinder zeugte, die er alle überlebte; am 2. Sept. 1561 heirathete der fast Siebenundsechzigjährige abermals und starb am 19. Jan. 1576. Sein treuer Schüler Adam Pnschmann hat uns ein rührendes Bild des hochbetagtcn, vorn Alter wohl an den Sinnen, nicht aber an der Heiterkeit des Gemüthes geschwächten Meisters hinterlassen. Er sieht ihn inmitten eines schönen Gartens in einem zierlichen Lusthause vor einem mit grüner Seide überdeckten Tische sitzen, grau und weiß wie eine Taube, in ein großes, goldbeschlagenes Buch vertieft und von vielen anderen Büchern umgeben, nach denen er zuweilen hinblickt. Wer zu dem alten Sänger eintritt oder ihn aus der Ferne grüßt, den sieht er nicht, er redet auch nicht, sondern neigt schweigend sein schwaches Haupt. Als er starb waren seine Landsleute sich seines Verlustes wohl bewußt. Das Todtenbuch z. B. gibt den Eintrag, wie es sonst nicht gebräuchlich, mit größerer und kalligraphischer Schrift und in einer Zweizeiler „Gestorben ist Hans Sachs der alte teutsche Poet. Gott verleih ihm und uns eine fröhliche Urstet!" Und im Todtengeläut von St. Sebald steht er gleichfalls als „teutscher Poet und gewesener Schuh- ') Lindemann-Seeber, Gesch. d. deutsch, Literatur rc., Seite 344. macher im Spittlgäßlein".?) Auch die Nürnberger Chronisten hielten sein Andenken in Ehren. Von seinen berühmten Zeitgenossen schützten ihn besonders hoch Luther und Melanchthon, deren kirchlichen Neuerungen er sich in ehrlicher Ueberzeugung angeschlossen und einen begeisterten Lobgesang auf „Die Wittenbergisch Nachtigall" 1523 gewidmet hatte, so daß sein Eintreten für die Sache der neuen Lehre ihn sogar mit dem Rathe seiner Vaterstadt in Conflikt brachte. Allein schon bald war er über das Treiben der Anhänger Luthers in bittere Klagen aus- gebrochen: „Es ist nur Geschrei und wenig Wolle an euch; wenn ihr evangelisch wäret, wie ihr rumoren thut, so thätet ihr die Werke des Evangeliums" u. s. w?) Immerhin aber hielt er an Luthers Sache fest, dichtete Gesänge nach Psalmen, unterzog seine Lieder aus der katholischen Zeit einer „christlichen Veränderung und Correctur" und brachte seinen kirchlichen Standpunkt in seinem „Epitaphium ob der Leich Doktor Martini Luthers" nochmals zum Ausdruck. „Ließe sich mit Sicherheit annehmen, daß das Lied ,Warum betrübst du dich, mein Herz* von ihm verfaßt wäre, so würde ihm allerdings dieser innige gottergebene Gesang, der mehrfach in todte und lebende Sprachen übersetzt und unter tiefer Verehrung ,der alten Leute Trostprcdigst genannt wurde, zu größerem Ruhme gereichen, denn all seine Meistergesänge."^) Gewiß! Die Meistergesänge so wenig wie die Dialoge und Disputationen sind durchaus nicht die Eigenart und Stärke des Hans Sachs. Er war eine zu kerngesunde, lebens- und schaffens- frohe Natur, als daß er sich einseitig oder auf die Dauer den Fesseln des Meistergesanges und dem engen und beschränkten Kreise der Meistersinger hätte anbequemen können. Seine Meistergesänge waren ja auch nicht für die Ocffentlichkeit, sondern nur für die „Schule" zu Nürnberg bestimmt. Und dafür besaßen auch sie ihr Verdienst. Der Meistergesang — auf die Frage nach dem Ursprung desselben näher einzugehen, würde uns hier zu weit führen — hatte etwa seit dem Anfange des XVI. Jahrhunderts in Nürnberg eine Stätte gefunden?) Das Unterscheidungszeichen zwischen Meistersingern und anderen Dichtern und Sängern beruht in der Existenz der Sing schule. Einmal bedeutet dieses Wort die Versammlung einer bestimmten Anzahl von Personen zur Uebung regelrechten Singens und Dichtens nach der °) Eine gcholtvclle Biographie, die sich an einen weiteren Leserkreis wendet, ist im Auitrage der Stadt Nürnberg soeben zum Jubiläum erschienen von der Hand des städtischen Archivars Ernst Mummenhoss: „Hans Sachs. Zum 400jähr. Geburtsjubiläum des Dichters rc. rc." Das Buch erstes bis zehrst. Tausend (Nürnberg, Fr. Korn) umfaßt 141 S. und würdigt den Dichter ruhigen Urtheils nach seinem menschlichen und literar. Werthe. Einen hervorragenden Schmuck verleihen ihm die zahlreichen säst ausschließlich alten Vorlagen wiedergebenden Abbildungen mit einer die Originale erreichenden Genauigkeit, besonders der Einblattdruck mit einem sarbigen Holzschnitt von Hans Schäussclein „Ein neuer Spruch wie d.ie Geystlichkeit und etlich Handwerker yber den Luther clagen", wodurch die Hvjbuchdruckerei von Bicling-Dietz und die Kunstanstalt von E. Nistcr sich rühmlich verdient gemacht haben. °) Döllinger, Resormat. I, 172 s. Janssen, Gesch. d. d. V. II, 349. — Vgl. Mummenhoss a. a. O. 90. <) Lindemann-Seeber a. a. O- 345. °) Vgl. den instrukt. Artikel von Th. Hampe, Spruchsprecher, Meistersinger rc. rc. in Nürnberg, in den Mittheilung, a. d. Germern. Nationalmuseum S. 25 ff. (Beil. z. Angsb. Postztg. 1894 S. 287). Leidbitter, Leichensänger u. die Todten- gräber wurden die Erben der Meistersinger ; a. a, O. S.. 63. 346 „Tabulatur", d. h. nach einer umständlichen Sammlung von Gesetzen, Rügen u. ähnl., unter selbstgewählten Lehrern oder Kritikern („Merkern"). Die Nürnberger Zusammenkunft fand in der Katharinenkirche statt;°) neben der Kanzel befand sich der Singstuhl, im Chor war ein Podium für die Mcrker, das „Gemerke". Das andere Mal ist das Wort etwa identisch mit unserem Worte „Concert". Nur Singschule in ersterer Bedeutung und genaue Benennung der „Töne" ?) — die eben auf ein „beweren", eine Taufe derselben durch eine meister- fingerische Genossenschaft schließen läßt — sind die Hauptindizien für die Existenz einer Meistersingergesellschaft. Und eine solche läßt sich für 1503 in Nürnberg frühestens nachweisen. AIs Hans Sachs auftrat, glich sie eher einem wüsten Haufen weintruukener Zechgesellen, denn einer löblichen Gesellschaft von Meistersingern. Sein erstes „Bar" d. i. Meistergesang hatte er 1514 zu München auf das Geheimniß der Gottheit gedichtet. In Nürnberg begann er vor allem Zucht und Ehrbarkeit unter den Gliedern der Schule zu schaffen und den Kreis der der Sangeskunst vorgeschriebenen Stoffe zu erweitern, indem er auch die weltliche Poesie in der Schule heimisch machte. Das wurden unstreitige Verdienste. Man mag ferner noch so geringschätzig denken von den Künsteleien des Meistergesanges, der Gedankenarmuth so vieler Reimer, die den Mangel ihrer dichterischen Begabung durch verzwickten Stropheubau zu verdecken suchten: wenn man aber die Erscheinung in ihrem Culturzusammen- hange betrachtet und beurtheilt, so wird man zugeben müssen, daß der Meistergesang der guten Zeit als ein Ausdruck der Blüthe deutschen Siüdtelebens zu gelten hat und daß selbst der Meistergesang der Verfallzeit noch unzähligen Menschen das Leben verschönen und die bösen Gedanken bannen half. Auch um die Ausbreitung und Weiterbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache erwarb er sich Verdienste. „Mehr als ungerecht wäre es demnach, eine Erscheinung von solcher Bedeutung für unsere Culturcutwickelung mit Spott und Hohn zu übergießen, nur weil sie auch Auswüchse zeitigte und weil sie im Alter melkte, krank und schwach und eben alt wurde." ^) Doch, wie schon bemerkt, die Stärke des Hans Sachs liegt nicht im Meistergesang. Seine Poesie waltet, um mit Jakob Grimm zu reden, „am reinsten und eigensten in den Fabeln und Schwanken, deren Stoff und Umfang seiner Lebenserfahrung und ganzen Sinnesart am meisten entsprach." Und Lindemann-Seeber sagt (a. a. O. 345) mit Recht: „Wohl kaum ist seit dem 16. Jahrhundert wieder ein so glückliches Talent für naiv-komische Erzählung unter uns aufgestanden." Hans Sachs besaß in hohem Grade jene Anlage, welche den Humoristen und Satiriker befähigt: unverwüstliche Heiterkeit des Gemüthes, sittlichen Ernst und eine zum Lehrhaften hinneigende Auffassung. Die schöpferische Arbeit des Dichters offenbart sich aber ausschließlich in der Art und Weise, wie er den überkommenen fremden Stoff aufnimmt und verarbeitet; frei aus sich schöpft er nicht. Letzteres ist jedoch keine besondere Eigenthümlichkeit unseres Dichters, es galt bei den Dichtern des Mittelalters als etwas Selbstverständliches, zumal in ihren epischen Ge- °) Gelegentlich des Jubiläums soll sie, die durch Wagners „Meistersinger" eine internationale Bcrübmtheit erhielt, zur Behausung für ein Haus SackS-Muscum bestimmt werden. I Die Bezeichnungen der verschied. Tonweiscu waren ganz absonderliche: die Hagebüttweise, die überh öhe Bergweis, MuS- catblüths langer Ton u. ä. °) Th. Hampe a. a. O. S. 69. dichten wollten sie in der Materie nichts Eigenartiges darbieten und nur in neuem Gewände geben, wus sie aus einheimischen und fremdländischen Dichtungen und Sagen, Chroniken und Geschichten oft mit großer Mühe erst auflesen mußten. Die Stoffe zu seinen Fabeln entnahm Hans Sachs wohl sämmtlich aus der ihm zugänglichen Literatur, der Uebersetzung Aesops und «uS anderweitigen Bearbeitungen mittelalterlicher Vorlagen. Er dnrchdringt sie aber mit dem eignen Geist und Gefühl, belebt sie mit dem eigenen Wesen und gestaltet nun doch ein eigenartiges Gebilde. „In diesem Sinne ist er der bedeutendste Dichter seiner Zeit, ob er nun in den über.- lieferten Tönen oder in eigenen Weisen den Meistergesang Pflegt, ob er in den von ihm so leicht und geläufig gehandhabten kurzen Reimpaaren feine fröhlichen Schwünke und Fabeln, seine .örtlichen' Gespräche, Geschichten und Allegorien, kurzweilig und lehrhaft, auftischt, ob er endlich seine Personen handelnd, in Rede und Gegenrede auftreten läßt."^) Mit seinen Schwänken tritt er mitten in das Leben des Volkes als ein scharfer Beobachter, ein humorvoller Erzähler und eindringlicher Erzieher. „Die Moral der Geschichte" ist der Punkt, auf den jeder Schwank und jede Fabel sich zuspitzt. Wer kennt nicht die schwankhaften Legenden von „St. Peter mit der Geiß", eine komisch-ernste Abfertigung der Beschwerden über die göttliche Vorsehung? Die mannigfachen Possen über den „dummen" Teufel? Eine Reihe von Schwänken geht auf das Treiben der Landsknechte, eine andere auf das Bauernleben, die häuslichen Scenen zwischen Mann und Weib, eine andere auf das löbliche Handwerk. „Der Schneider mit dem Panier", „der Müller und der Student" werden noch in unserer Zeit gerne erzählt, wie nicht minder „der Waldbruder mit dem Esel" und das „Schlauraffenland". Hans Sachs weiß die Geschichten von den Narreteien der Welt ebenso mit schalkhafter Anmuth zu erzählen, wie er auch den überaus derben Ton zu treffen versteht, der dem Geschmack jener rauheren Zeit behagt. Sitte und Zucht der Neformationszeit waren eben andere als in unseren Tagen, und Hans Sachs bedeutete auf dem Gebiete der Delikatesse einen entschiedenen Fortschritt gegen Hans Nosenblüt, den Schnepperer, Hans Folz und Kunz Has. Auch in der dramatischen Dichtung brach mit ihm in dieser Beziehung eine neue Zeit an. Von seinen eigentlichen „Dramen" sind zu unterscheiden die „Gespräche" und besonders die „Kampfgespräche", die dramatischer Form sich nähern, ohne den Charakter von eigentlichen Dramen auszuweisen. Die Dramen selbst theilt Hans Sachs je nach dem glücklichen oder traurigen Ausgaug in „Komödien" und „Tragödien" und gesellt beiden noch bei „die Spiele", geistliche und weltliche und besonders „Fastnachtspiele mit Schwänken". Von einem tiefen Einblick in das Wesen des Schauspiels ist keine Rede; ohne alle Ein- theilung und Ruhepause läuft die Handlung zu Ende; eine Zerlegung der Akte in Scenen, die drei Einheiten kennt er nicht, ebensowenig geschichtliche oder archäologische Gesetze als Kind feiner Zeit. Das Stück wird gewöhnlich durch den Herold, „Ehrnhold" (Prolog), eingeleitet und geschlossen. In den Komödien und zumal in den Fastnachtspielen begegnet auch hin und wieder die lustige Person „Jükle" oder „Jüklein" der Narr. Die Bedeutung des Haus Sachs auf dem dramatischen Gebiete beruht darin, daß er dem geistlichen Drama in Nürn- ") Mummenhoff a. a. O. S. 36 f. 347 berg wieder Eingang verschaffte nnd damit sich um die Verfittlichung des Volkes namhafte Verdienste erwarb, und daß er ebenso das Fastnachtspiel aus der unbeschreiblichen Rohheit und dem Schmutze, in dem es steckte, emporhob. Derbheiten und Rohheiten trifft man freilich bei ihm noch zur Genüge, „aber gegenüber den Spielen seiner Vorgänger sind die seinigen wie Tauben unter den Naben." Einen für unsere Tage passenden Ausblick auf die sociale Frage enthält die Komödie „Die ungleichen Kinder Eva", deren Stoff er als Mcisterlied, als Schwaukgedicht, als Spiel und als Komödie behandelt hat. Eva bringt nämlich, als Gott die wohlerzogenen Kinder zu den höchsten Würden und Aemtern erhoben hat, auch ihre bösen und ungeschlachten Buben, die sie vorher im Heu und Stroh, ja sogar im Ofenloch versteckt hatte, damit Gott sie zu großen Herren mache. Aber je nach ihren Fähigkeiten werden Schuster, Weber, Schäfer und Bauern daraus, und als sich Eva über die ungleiche Anstheilnng der Stünde beklagt, erwidert ihr Gott, daß er sich erst seinen Mann ansehe, bevor er etwas aus ihm mache. Er muß eben Amtleute haben zu allen Dingen, und wenn es nur Könige, Fürsten, Bürgermeister und große Kaufherren gäbe, so müßten sie alle miteinander verschworen. Keiner würde bauen, zimmern, backen und andere Handwerke treiben wollen. Und was würde entstehen, wenn der große Haufe keine Obrigkeit hätte zum Schutze der allgemeinen Wohlfahrt und zur Abwehr der Bösen? Da ginge alles „über md über" .... „Zu Arbeit ick den Menschen klug Bcschuf wie den Vogel zum Flug. Drumb, welcher Mensch sich läßt genügen An dem Stand, den ich ihm thu fügen, Der hat genug bei all sein Jahren." Eine so erstaunliche Fruchtbarkeit, wie sie uns in Hans Sachsens Dichtcrthätigkeit entgegentritt, ist ohne Beispiel in der deutschen Literatur?") Nach der Zählung des ersten Sachsforschers Edmund Götze bcläuft sich die Zahl der Werke auf ungefähr 6205, und zwar auf 4420 Meistergesänge und 1785 Spruchgedichte. Die Werke erschienen zum Theil bei des Dichters Lebzeiten 1558 ff. zu Nürnberg in 5 Foliobänden. Eine neue Gesammtausgabe besorgen Edm. Götze und Adalbcrt v. Keller in der „Bibliothek des literarischen Vereins", während E. Götze eigens die Fastnachtspiele und Schwanke herausgibt. Das literarische Andenken des Dichters ist früh schon in absprechender Weise beurtheilt worden von Joh. Phil. Harsdörffer, dem pegnesischen Schäfer- dichter, und zu dieser Theilnahmlosigkeit gesellte A. Gryphius in seinem „Peter Squcnz" bald noch den Hohn. Nachdem dann Gottsched, Lessing und Herder auf den Nürnberger Poeten wieder die verdiente Aufmerksamkeit zu lenken versucht hatten, war es dann vor allem Goethe, der mit seinem Gedichte „Hans Sachsens poet. Sendung" dem Vergessenen den „Eichkranz, ewig jung belaubt" aufs Haupt setzte. Seine Vaterstadt stiftete Hans Sachs 1874 ein Denkmal. Das Urtheil des Altmeisters der Sprachwissenschaft, Jakob Grimms, haben wir schon angeführt. Wackernagel nennt Hans Sachs den größten Dichter des XVI. Jahrhunderts, „weil ungebrochen von der Schulunart in ihm die Art des Volkes mit ihrem edelsten Kerne und Marke wohnte." Vilmar mißt seinen Werth ab mit den Er hat nur ein Gegenstück in der spanischen Literatur an Lope de Vcga, der von Cervantes als „Wunder der Natur" gefeiert ward und Hans Sachs noch überbietet- Worten: „Als Dichter, das Wort im höchsten Sinne gefaßt, als schöpferisches, die Welt gestaltendes oder umgestaltendes Ingenium, kann Hans Sachs allerdings nicht gelten, wohl aber ist er ein ungemein glücklich begabtes Talent, in der Auffassung des Gegebenen schnell und sicher, in der Darstellung leicht und ungezwungen, dem Stoffe und der Behandlung desselben fast immer entschieden überlegen, milde und gemäßigt, dabei von heiterer Laune nnd höchst ergötzlichem Humor."") Gödeke bemerkt: „Man thut Hans Sachs Unrecht, wenn man ihn mit den Späteren mißt und dann glaubt entschuldigen zu müssen; man darf ihn nur mit seinen Zeitgenossen und nach den in ihm liegenden Maße messen — er übertrifft alle an Fülle und Umfang des Stoffes, an Mannigfaltigkeit der Erfindungen und Formen, an sittlicher Tiefe und glücklicher Gestaltung."") In eingehender Weise haben ihn der Franzose Eh. Schweitzer und neuerdings Rudolf Genee gewürdigt. Zur Jubiläumsfeier des „teutschen Poeten" werden in einer Reihe von Städten festliche Veranstaltungen statthaben, in Wien, Dresden, Weimar, Berlin, München nnd Nürnberg. In Wien sollen durch Studenten Schwänke von Hans Sachs aufgeführt werden, Professor Minor wird die Festrede halten. In Weimar und München feiern die Hoftheater den Tag durch die Vorstellung von Martin Greifs Schauspiel „Hans Sachs". Dasselbe gelangt an den drei Festtagen auch in Nürnberg zur Ausführung; Nürnberg hat außerdem noch ein „offizielles" Festspiel von Nnd. Genöe, welches am Vorabend gespielt wird im Stadttheater; am 5. Nov. ist Festversammlung im Nathhaus, wo Ed. Götze die Festrede hält, dann histor. Festzng, Nachmittags finden „Fastnachtspicle" statt; ein Bankett und die Ausführung von Nich. Wagners „Meistersingern" bildenden Schluß der Jnbiläumstage. Sct. Thomas und die moderne Wissenschaft. Von Dr. S. Huber. So lautet das Thema, über welches die wissenschaftliche Beilage der „Allgemeinen Zeitung" (Beilage Nr. 244 u. 245) zwei Artikel aus der Feder des Dr. Joseph Müller bringt. Es wird in diesen beiden Artikeln jene Richtung der katholischen Wissenschaft, der Philosophie und Theologie, welche entsprechend einer alten Schultradition und der bekannten Encyklica des heiligen Vaters „Latarui katris" den Principien des hl. Thomas folgt, aufs heftigste angegriffen. Für den feinen Ton dieser Angriffe sprechen Ausdrücke wie „Gedankensaulheit, Bequemlichkeit, Wahnsinn, dumpfe Hörsüle der vom wogenden Geistesleben so entlegenen Lyceen, frömmelnde Devotionsheuchelei, Professorenmnmien, gleichwie Ritter, welche noch mit Speeren und Eisenrüstungen erschienen, als das Pulver längst erfunden war" rc. rc. Derartige Ausdrücke könnten uns nicht bewegen, die Feder zur Erwiderung in die Hand zu nehmen. Sie richten denjenigen, welcher sich ihrer bedient, selbst. Der Stil ist der Mensch, heißt ein bekanntes Wort. Auch der ganze Gedankengang der beiden Artikel, die Taktik des Angriffes erfordert keine besondere Berücksichtigung ; denn sie bietet nichts Neues, wenigstens nicht im Allgemeinen. Zuerst wird der hl. Thomas über alle Himmel erhoben; gegen Schluß wird sogar einmal ") Vorlesungen üb. b. Gcsch. b. d. Literat. ") Grundriß z. Gesch. d. d. Dichtg. I. 348 Veranlassung genommen, das bekannte Wort des ehemaligen Philosopbicprofessors Prantl, welches mit Recht von Weiß als eines Akademieprofeffors unwürdig bezeichnet wurde, als zu weit gehend zurückzuweisen, wenn auch sehr sanft und nicht ohne Zugeständniß. Was ist Wahres, was ist Dauerndes an der thomistischen Lehre? Merken wir es uns wohl, nach was gefragt wird. Nach dem, was dauernd ist an der thomistischen Lehre. Die Antwort lautet: Thomas ist kein origineller Denker, er ist ein systematischer Kopf und dazu eine conciliante Persönlichkeit. Seine Kraft ist demnach das Systemati- siren. Und gerade dadurch war er für seine Zeit wie geschaffen. Denn ein Doppeltes that damals noth: die Lehre der Kirche bedurfte der Systematisirung und der Verbindung mit dem damaligen Geiste der Zeit, welcher kurz als „Aristotelismus" bezeichnet werden kann. Beides hat nun Thomas in ganz vorzüglicher und unübertrefflicher Weise geleistet. Es gelang ihm, „aus dürftigem Material das imposante Gebäude seiner Summen aufzubauen" und „eine dem christlichen Empfinden so heterogene Lehre, wie die des Aristoteles, mit dem Christenthum innig zu amalgamiren". Wir müssen nochmal darauf hinweisen, daß vom Verfasser die Systematisirung der christlichen Lehre als ein dauerndes Verdienst des Aquinaten hingestellt wird; ebenso als ein dauerndes, daß er die christliche Weltanschauung mit Aristoteles versöhnte und so natürlich die Kluft zwischen den Gebildeten seiner Zeit und dem Christenthum überbrückte, was auch in unserer Zeit geschehen sollte. Nicht zu vergessen ferner ist, daß zur Erhöhung des Lobes des Lehrers der Schule noch beigefügt wird, die großartige Anlage, der imposante Bau sei bewunderungswerth, „weil das Niedere, wenn auch schlummernd, die Sehnsucht nach dem Höheren in sich birgt, die Stufenordnung der Zwecke einem Ziele zuschaue, die Gebiete und Principien aber, so innig sie in Verbindung stehen, keineswegs vermischt würden, sondern in ihrer Selbstständigkeit und Eigenthümlichkeit gewahrt würden". Es will uns scheinen, der Verfasser wollte hiemit dem hl. Thomas das Lob spenden, sein System zeichne sich sowohl durch innere Harmonie und Uebereinstimmung, als durch großen Reichthum an Gedanken und allumfassenden Principien aus. Gewiß ein großes Lob, über welches man den Tadel, St. Thomas sei kein origineller Kopf, fast vergessen möchte. Aber wenn das Lob doch hinterher nicht gar so geschmälert würde, daß davon nichts mehr übrig bleibt! Im offenen Widerspruch mit dem Lobe wird gegen Schluß des 2. Artikels gesagt, „es sei unleugbar, daß die thomistische Lehre keine einheitliche, aus einem Guß, aus einer Gesammtanfchaunng gefertigte sei; die heterogenen Gedanken seien nur lose aneinandergereiht, nicht organisch verbunden, noch aus einer leitenden Idee entwickelt; daher die mannigfachen Widersprüche, die nur dürftig verschleiert sind." Wo bleibt da noch das frühere, begeisterte Lob? Doch ist das nicht der einzige Widerspruch, in welchen Dr. Joseph Müller verfällt. Obwohl die Systematisirung der christlichen Lehre und die Versöhnung derselben mit dem Aristotelismus als dauerndes Verdienst des Aqui- naten als das Wahre an dessen Lehre bezeichnet wird, wird doch sofort gesagt, es sei diese Systematisirung nicht mehr für unsere Zeit, müsse daher fallen gelassen werden. Denn für unsere fortgeschrittene Zeit ist eine andere Fassung der christlichen Lehre nothwendig, und diese läßt sie auch zu, ja verlangt sie sogar! Also dauernd und doch nicht bleibend? Wie reimt sich das zusammen? Welch ein Splitterrichter! wird es nun heißen. Doch nein, es ist nicht bloß Splitterrichterei, sondern ernster Kampf um das Verdienst des hl. Thomas. Es gibt nur eine Wahrheit für alle Zeiten; und diese eine Wahrheit allein hat Dauer; entweder ist die Systematisirung keine dauernde, wenigstens in ihren Grundzügen und Hauptumrissen für alle Zeiten geltende, dann ist sie auch nicht die wahre und Thomas ist auch kein systematischer Kopf; oder sie ist jene Systematisirung, welche der kirchlichen Lehre entspricht und demnach die wahre ist, dann ist sie für alle Zeiten giltig und dauernd; dann ist sie nicht aufzugeben, sondern vielmehr festzuhalten, trotz aller Anforderungen, welche die moderne Wissenschaft zu stellen scheint. Daß nun das letztere der Fall ist, wird mit vollster Ueberzeugung von der ganzen scholastischen Richtung, welche in einer erdrückenden Mehrheit von Theologen ihre Vertreter hat, verkündigt, ja von der Kirche selbst ausgesprochen. Herrn Dr. Müller wird ja doch jener Satz nicht unbekannt sein, der im Syllabus als falsch erklärt ist: „NstlioäuZ st xrirraixin, yuibrm anti^ui äoator63 scsiolastiei lsisisoloZiaw. exeolnarunt, tsm- xorunr oostrvruur nsesssibLtisius 8ci6ntiaeczus p>ro- Ar688iii llsinirnö conZruunt" — „Die Methode und die Principien, nach denen die scholastischen Lehrer der Vorzeit die Theologie ausgebildet haben, entsprechen keineswegs den Bedürfnissen unserer Zeit und ihrem Fortschritte in den Wissenschaften" (8M. Z II, 13). Doch wir haben gesagt, es sei auf diese Art der Argumentation nicht allzu viel zu geben; ihr innerer Widerspruch springt sofort in die Augen, auch ist sie nicht neu und originell — weil nun einmal darauf gar so viel ankommt — sie ist in allen Büchern zu lesen, welche gegen die Scholastik geschrieben sind. Größeres Gewicht möchten wir zwei anderen Punkten beilegen. Herr Dr. Müller erlaubt sich, um seiner Argumentation mehr Nachdruck zu verleihen, eine Verschiebung des Fragcpunktes. Die moderne Scholastik wird deshalb von ihm bekämpft, weil sie die Lehre des hl. Thomas repristinirt. Um das Unsinnige dieses Verfahrens in den Augen der Leser darzulegen, wird dann dargethan, daß sich bei Thomas und Aristoteles einzelne Lehren und Sätze finden, welche von aller Welt heutzutage als lächerlich angesehen werden, so über den Einfluß des Süd- und Nordwindes auf die Geburt von Mann und Weib, der Gestirne auf die Somnambulen rc. rc. Allerdings versucht der Verfasser es auch, tiefer greifende Lehren als falsch und unhaltbar hinzustellen, so vor allen den Dualismus von Materie und Form, die Lehre von den Universalien rc. rc. Auf die Rechtfertigung dieser Lehren näher einzugehen, Lehren, welche thatsächlich auch von der Neuscholastik vertreten sind, kann nicht erwartet werden. Es sei auf die zahlreichen gründlichen Darlegungen dieser Punkte in den zahlreichen, trefflichen Werken der Neuzeit verwiesen. Es ist uns schon genug, wenn wir durch Herru vr. Müller erfahren, in der Scholastik sei „sein — wahr sein, falsch — nicht sein, daher die Realität der Universalien rc. rc.". Ein philosophischer Scharfsinn sondersgleichen wird geoffenbart, wenn durch Herrn Müller Aristoteles und Thomas dahin belehrt werden, das Princip der Jndividuation sei nicht ein Metaphysisches, sondern ein psychologisches Problem. Als ob in der Scholastik und auch bei Aristoteles der psychologische Faktor bei Erkenntniß des Allgemeinen im Einzelnen nicht vollauf wäre gewürdigt worden, ohne daß 349 Man dem metaphysischen irgend etwas vergab. „Das universale äirscwurn ist seinem Inhalte, nicht aber seiner Form nach real", heißt eine Thesis, welche jeder kennen muß, der etwas scholastische Philosophie studirt hat. Er gibt in Kürze die Lehre des gemäßigten Realismus, welche Gemeingut der Blüthezeit der Scholastik, wenn auch nicht gerade der modernen Philosophie genannt werden kann. (Schluß folgt.) Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) 8. Wie der historisch-politische Inhalt der Klassiker uns einerseits viel Nachahmungswürdiges vorführt und anderseits durch abschreckende Beispiele vor Manchem Uebel warnt, so ist der religiöse Inhalt nicht weniger geeignet, uns gleichfalls in doppelter Hinsicht zu belehren. Bekanntlich verehrten die alten Griechen und Römer, statt des einen wahren Gottes, eine große Zahl von Göttern und Göttinnen, die nichts als Geschöpfe menschlicher Phantasie waren und also auch nirgends als eben in der Einbildung, in dem Glauben jener Völker existirten. Mit diesen fingirten Göttern nun, mit "ihrer Natur und der Art ihrer Verehrung werden wir durch die klassische Leciüre näher bekannt; wir sehen, in welcher Weise jene heidnischen Völker sich ihre Religion gebildet haben. Das Gottesbewußtsein, das, wie die Geschichte aller Völker beweist, dem Menschen als ein Erbtheil seiner Abstammung und als ein unveräußerliches Eigenthum der Vernunft angeboren und tief eingepflanzt ist, wurve zunächst durch die äußere Natur, ihre wohlthätigen und furchtbaren Erscheinungen geweckt und zur Entwickelung angeregt. Da jene Völker Hiebei lediglich auf den Inhalt der Vernunft und die äußere Wahrnehmung, die Natur, beschränkt waren und durch keine weitere Offenbarung der Gottheit unterstützt und geleitet wurden, so gelang es ihnen nicht, den einen wahren Gott zu finden. Sie erhoben sich nicht über die Natur hinaus zu einem ewigen, geistigen, uneuolicv vollkommenen Wesen als dem Schöpfer der Natur und Urquell alles Seins, sondern sie blieben bei der Natur selbst stehen und verwechselten das Geschöpf mit dem Schöpfer. Ihre Phantasie schrieb den Elementen ein höheres Leben zu, personifieirte und vergötterte dieselben. Und wie die Elemente alles aus sich erzeugen, so zeugten nach der Vorstellung der heidnischen Griechen und Römer die ersten Gottheiten (die personificirtcn Elemente, zunächst vög«vö<; und U«-a) wiederum andere Götter und Göttinnen, und es entsteht sofort ein zahlreiches Geschlecht von größeren und kleineren, älteren und jüngeren Gottheiten,") so daß zuletzt fast in jedem größeren Gegenstände der Natur eine besondere Gottheit gesehen wurde, die in dem Naturgegenstande als dem ihr überwiesenen Gebiete lebte, wirkte und herrschte. Auf oberster Stufe steht als höchster Herr der Welt der Gott des alles überragenden und umschließenden Himmels — Zeus oder Jupiter. Alle übrigen Gottheiten stehen unter ihm und haben sowohl durch diese Unterordnung, als auch durch die gegenseitige Abgrenzung ihres Gebietes eine beschränkte Macht. Allein auch die Macht des Jupiter ist eine beschränkte, sie ist keine Allmacht, obgleich ihm, besonders von Dichtern, häufig die Prädikate des Allmächtigen") beigelegt werden; er theilt die Beherrschung der Welt mit dem blinden und unabänderlichen Schicksal, mit dem Fatum. Es herrschte in diesem Punkte bei den Alten, wie in vielen andern, eine große Unklarheit und Verschiedenheit der Auffassung; bald wird Zeus oben angestellt und das Schicksal ist gleichsam nur ein Ausfluß seines Willens, bald stehen Zeus und das Schicksal neben einander, bald stehen Zeus und alle anderen Götter unter dem Schicksal.") Daß auch dem höchsten der Götter keine absolute Macht zugeschrieben wurde, hing damit zusammen, daß man nicht einen Gott, sondern einen formlosen Urstoff, der allen Raum erfüllte, als das erste und ursprüngliche Wesen annahm und erst aus diesem die Welt sammt den Göttern hervorgehen ließ. So ist nach jenem Glauben die Welt nickt von Gott als dem absoluten Urgrund alles Seins erschaffen worden; sondern, wenn sie nicht von selbst oder durch Zufall entstand, so wurde höchstens der vorhandene Stoff von einem Gatte geordnet und zu dieser Welt gestaltet, wie ein Kunstwerk vom Künstler aus vorhandenem Stoffe verfertigt wird. Eine Stelle aus Ovid, Nstarn. I. 5. s^., mag hier citirt werden, welche heißt: Luto mors et lerras vt, quoä teZsit omnia, eoelum IInus erat toto naturas vultus tu orbs, (Zuam (lixeis 6Imos; rmlis iuäiAöstaqus molss; Xeo quiäquLM »ist xornlus iners; oonAostaqus eoäom Xon bens juiuNaruw äiseoräia, semiug, rerum. Der Dualismus in der Regierung der Welt (Zeus und Fatum) ruht somit folgerichtig auf dem Dualismus, der bei der Entstehung und Bildung der Welt (Chaos und öy.n'.ou^v;) schon vorhanden ist. Zeus und die anderen Götter erscheinen daher von Anfang an als bedingte, entstandene Wesen; sie werden geboren, sie sind zwar unsterblich, aber sie sind nicht von Ewigkeit her. Ebenso ist das Wissen der Götter ein beschränktes, sie werden von einander und selbst von Menschen getäuscht und betrogen, sie haben keine Allwissenheit,") obgleich ihnen solche bisweilen beigelegt wird?'') Ihre Gerechtigkeit ist gleichfalls eine relative und für den Begriff der Gottheit niedrige; von Heiligkeit nach unserem Begriffe ist bei ihnen keine Rede, sondern wie sie in allem Anderen anthropomorphosirt sind, so sind sie es besonders in dieser Hinsicht; sie sind genußsüchtig und leidenschaftlich, neidisch und eifersüchtig, sie hadern und kämpfen miteinander um Ehre und Macht rc., sie werden überhaupt mit menschlichen Schwachheiten und Lastern behaftet gedacht. Die Menschen sind für sie oft die bloßen Werkzeuge ihrer Laune, der Liebe oder des Hasses. Ihre Lieblinge beschützen sie, auch wenn dieselben ungerecht handeln; auf die Gehaßten dagegen schütten sie die volle Schale ihres Zornes aus. Die Ursache dieses Hasses ist gewöhnlich eine spezielle Beleidigung von Seiten des Menschen, eine Mißachtung dieser oder jener Gottheit, das Unterlassen der Opfer u. dgl. Die dafür von Seiten der beleidigten Gottheit verhängte Strafe scheint mehr ein Akt der Rache als der Gerechtigkeit zu sein. Manchmal verleiten sie den Menschen zu schlechten Thaten, die sonst von den Göttern selbst schwer bestraft wurden. (Oonk. Hörner, II. IV. 64 u. 94 sc^.) Bezüglich ihrer Lasterhaftigkeit gehen wir eben zunächst von unseren Begriffen von Tugend und Laster aus, und es ist einiger "') 6onk. Aomer, Ocl^ss. IV. 2, 37. ^) Heroik. I. 91. Homer, Oäzss. III. 236 oqo. -°) 6onr. Homer II. XIV.. 1ö9 und tt. XVIII., 183. ") Horn. (clxss. IV., 469. ^) Oonk. Ueoiocl. Uisox. 350 Grund vorhanden, zu sagen, daß jene Götter für das sittliche Bewußtsein der Alten nicht lasterhaft gewesen seien, indem man in ihren Attributen nur die bessere Seite, die Macht und Größe im Auge gehabt und das ihnen Beigelegte eben nicht für lasterhaft gehalten habe. Hier ist jedoch nicht zu vergessen, daß in der Mythologie auch manche Thaten den Göttern zugeschrieben worden find, die, wenn sie von Menschen begangen wurden, nach den Gesetzen und Sitten der Alten Strafe und Schande zur Folge hatten. Freilich galt in vielen Fallen dieser Art die Strafe nicht der Handlung an sich, sondern der damit verbundenen Verletzung des Rechtes Anderer. Und insofern die Menschen den Göttern gegenüber kein Recht anzusprechen hatten, so fiel allerdings die Rechtsverletzung weg. Aber auch so sind manche Handlungen der heidnischen Götter selbst vor dem moralischen Bewußtsein der Griechen und Römer nicht ganz gerechtfertigt; denn das Gefühl für das Bessere war nie ganz erstickt, und das Bewußtsein von der Schändlichkeit des hier gedachten Lasters trat oft unzweideutig hervor. Dieses sehen wir besonders auch aus der Hochschätznng der ihm entgegengesetzten Tugend. (Oonü ?1ut. Lrisb. 20.) Wir erinnern nur an den Dienst der Vesta und die großen Ehren und Auszeichnungen der Vestalinnen. Die Begriffe der Alten sind eben auch hierin, wie in den meisten anderen Dingen, schwankend, unklar und sich widersprechend, weil ihre religiösen Ansichten, abgesehen von der getrübten Quelle, aus der sie geflossen, keinen Mittelpunkt haben, in keinem Lehrgebäude als Ganzes zusammengefaßt sind, überhaupt der Einheit, Uebereinstimmung und Konsequenz vollständig entbehren. — Insofern jedes Volk von Natur aus dasjenige als seine Gottheit verehrt und mit dem Namen Gott oder Götter bezeichnet, was es nach seinen Begriffen für das Größte und Vollkommenste hält, so ist es freilich gegen die Natur der Sache, anzunehmen, daß die Alten etwas, das sie als lasterhaft erkannt hatten, ihren Göttern beilegten. Allein wenn sie unbewußt den Göttern jene Eigenschaften und Thaten zuschrieben, die wir mit Recht als menschliche Schwachheiten und Laster bezeichnen, so sehen wir eben daraus, wie wenig sich die Alten zu einer würdigen Vorstellung der Gottheit erhoben, indem sie ihre eigene Natur, ihre Lebens- und Handlungsweise nur in etwas vergrößertem Maßstabe auf die Götter übertrugen und eigentlich nur ihr eigenes Wesen — ohne Jdealisirung ins Unendliche — zur Gottheit erweiterten. Und hierin liegt eben der Grund davon, daß die Moral der Alten so vielfach verkehrt und niedrig war. Denn wenn die Menschen aus sich Gesetze der Moral entwickeln wollen, so können sie dieselben nur aus der Vernunft, aus dem Gottesbewußtscin schöpfen; sie werden sich die Begriffe von Sittlichkeit, Tugend und Vollkommenheit aus ihren Begriffen von Gott, aus ihrer Vorstellung von dem Wesen und Willen Gottes herausnehmen; was sie in ihrem Bilde von Gott sehen, wird ihnen die höchste Tugend, die größte Vollkommenheit sein, so daß das Streben nach Tugend und Vollkommenheit nichts anderes ist, wie Plato sagt, als das Streben nach der Aehnlichkeit mit Gott. Denn ein höheres Vorbild, als das Wesen Gottes, ein höheres Gesetz, als den Willen GotteS, kann es für den Menschen nicht geben. Wenn nun aber in das Bild von den Göttern nebst anderen Eigenschaften zugleich die (wenn auch nicht als solche zum Bewußtsein gekommenen) Mangel der Menschen hineingetragen wurden, so hatten die Heiden in ihren Göttern als Vorbildern der Tugend und Vollkommenheit ini Grunde nichts anderes oder nicht viel mehr, als ihr eigenes unvollkommenes Wesen und Handeln. Daß die Moral dadurch nur eine niedrige und unvollkommene werden konnte, ist klar. Und in der That war die Tugend auch der edelsten Heiden nach christlichen Begriffen immerhin noch sehr mangelhaft und einseitig; denn abgesehen davon, daß die Heiden viele Handlungen, die nach unserer Sitten- lehre schlecht sind, für erlaubt, ja selbst für gut und für ein Zeichen hoher Gesinnung hielten (wir erinnern hier nur an den Selbstmord eines Cato von Utica, „Oatonig nodils letum," Hör. 06. I. 12), beruhte ihre Tugend mehr auf der Furcht vor den Göttern, als auf Liebe zu ihnen; häufig mehr auf Ruhmsucht und Eitelkeit in der strengen und conscquenten Durchführung gewisser Grundsätze, als auf wahrer Liebe zur Tugend selbst (Oonk. klut. Oalo). Daher sind die Alten auch so oft die Lobredner ihrer eigenen Tugend. Die Demuth dagegen, ohne die es im Christenthum keine ächte Tugend gibt, kannten die Alten soviel als gar nicht. Es ist dieses aus dem Vorhergehenden leicht zu erklären. Denn da die Demuth das Gefühl und Bewußtsein der eigenen Schwäche und sittlichen Unvollkommcnheit im Verhältniß zur unendlichen Vollkommenheit und Heiligkeit Gottes ist, die heidnischen Götter aber mehr nur in Betreff der natürlichen Anlagen und der Macht hoch über den Menschen stehen, in sittlicher Beziehung dagegen so sehr anthropo- morphosirt find, daß zwischen ihnen und den Menschen kein unendlicher Gegensatz stattfindet, indem sie ja selbst menschlich denken, fühlen und handeln und somit für die Menschen nicht als unendlich hohe und absolut unerreichbare Ideale von sittlicher Vollkommenheit erscheinen können, so ist es ganz natürlich, daß die Heiden bei solchen Vorbildern von sittlicher Vollkommenheit, denen sie auch bei einem geringeren Maß von Tugend nicht sehr ferne standen, nicht in dem Grade zum Bewußtsein ihrer eigenen Un- vollkommenheit gelangen konnten, wie dieses auf christlichem Boden der Fall ist und nach der christlichen Lehre von den Eigenschaften Gottes nothwendig sein muß. Die Demuth fand daher dort keinen Platz, weil eben das Unvollkommene für vollkommen galt; man war im Gegentheil stolz auf die Tugend. Nicht mit Unrecht werden deßhalb die heidnischen Tugenden vom christlichen Standpunkte aus als glänzende Laster bezeichnet. Zwar haben die alten Philosophen, besonders Plato, sich thcilweise zu einer würdigeren Vorstellung von der Gottheit erhoben und vielfach bessere Sittenlehren aufgestellt. Die Naturkräste, welche die Dichter und der besonders auf sie gestützte Volksglaube einzeln auffaßten, durch die Phantasie belebten und personificirten, wurden von den Philosophen gewöhnlich in eins zusammengefaßt und als ein Ganzes angeschaut. (Ltiam in 60 lisiro, czui xsi^sieus inscribitur, populäres äsog' inrrltog, uaturalsm. urmra 6886 clioeno, tollib vinr 6t nrrtuiLiir äoorum. Oio. clo nat. äoor. I. 13.) Aber auch sie kamen nicht über die Natur hinaus, sie erhoben sich aus dem Begriffe der als Einheit gefaßten Kraft nicht mehr zur Persönlichkeit. Die Ethik des Sokrates, des Plato und Anderer setzt, sowie alles Streben nach Tugend und Vollkommenheit, freilich die Existenz eines persönlichen Gottes voraus oder ist wenigstens ohne dieselbe nicht wohl erklärlich. Allein gerade da liegt ja der Hauptwiderspruch der Philosophen mit sich selbst, daß die Vernunft das Bewußtsein Gottes, eines persönlichen Gottes, unabweisbar in sich trägt und vermöge des- 351 selben sich unwillkürlich zur Tugend und Selbstveredlung angetrieben fühlt, während der bloße Verstand, von einem angenommenen Princip ausgehend, in seinen Urtheilen und Schlüssen nicht zu einem Resultate gelangt, das mit dem unmittelbar sich kundgebenden Gottesbewußtsein völlig übereinstimmt. Indessen haben die philosophischen Systeme bei den Alten, mochten sie nun für die rein menschliche Wissenschaft noch so große Bedeutung haben, im Einzelnen eine gewisse ideale Höhe behaupten und manche tiefe und schön entwickelte Vernunftwahrheit enthalten, im Ganzen doch keinen großen und umgestaltenden Einfluß auf den Glauben des Volkes ausgeübt. Ein Theil derselben blieb selbst bei dem Polytheismus stehen und näherte sich insofern dem Volksglauben, ein anderer erkannte zwar den im Polytheismus liegenden Widerspruch und Irrthum, erhob sich aber doch nicht zur Idee eines einzigen, über der Natur stehenden persönlichen Gottes, sondern verfiel auf Pantheismus, der dem Atheismus im Grunde gleich ist?«) Während der Irrthum vorher in der Vielheit göttlicher Wesen lag, bestand er jetzt darin, daß man kein göttliches Wesen mit Persönlichkeit wehr dachte, daß die gesammte Naturkraft das Höchste und Einzige war. Soweit nun diese Richtung Einfluß auf das Volk ausübte, konnte sie kaum etwas anderes als Unglauben bewirken und die geistige Verwirrung vermehren, um so mehr, da die Lehrsätze der Philosophen, wie es leicht erklärlich ist, vom Volke nicht, oder nur halb und falsch verstanden wurden. Es zeigte sich deutlich, daß Philosopheme mit ihren abstrakten Lehrsätzen nicht im Stande sind, dem Volke eine verständliche, das Herz erwärmende und dadurch auf das sittliche Leben mächtig einwirkende Neligionslehre zu geben. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Johann Jgnciz von Fclbigers Methodenbuch. Mit einer geschichtlichen Einleitung über daö deutsche VolkS- schulwcscn vor Felbiger und über das Leben und Wirken FclbigcrS und seiner Zeitgenossen Ferdinand Kindermann und Älcxiuö Vinz. Parzizek. Bearbeitet von Jobann Panhotzcr. Freiburg, Herder. 368 S. M. 3,86. 8. In unserer Zeit, da die moderne Pädagogik so gern alles Heil der Scbule in ibrer Trennung von der Kirche wähnt und die Verdienste jener Schulmänner, welche als treue Glieder der katholischen Kirche gelebt und gewirkt haben, zu verdunkeln sucht, ist es doppelt gerathen, durch Wort und Schrift auf solche Persönlichkeiten aufmerksam zu machen, die streng gläubig Ware» und aus dem Gebiete der Jugenderziehung Ersprießliches geleistet haben. Der Herr Verfasser hat eine glückliche Wabl getroffen, da er den großen, edlen Abt von Sagan und späteren Reformator des österreichischen Schulwesens in seinen Schriften, seinem Leben und Wirken zum Gegenstand des Studiums und der Besprechung machte. Der Abschnitt „Das deutsche VolkS- schulwcsen vor Felbiger" beleuchtet einerseits hell das rege^ Interesse und die warme Fürsorge, welche die Kirche stets für die Jugenderziehung gehegt und bekundet hat; andererseits entrollt er ein Bild der traurigen Sebulverhältnisse namentlich in der Zeit nach dem 30 jährigen Kriege. FclbigcrS Schulreform in Schlesien und später in Oesterreich, sowie seine literarische Thätigkeit auf pädagogisch-didaktischem Gebiete rc. behandeln die weiteren Abschnitte; dieselben nebst dem sich anschließenden Metbodcnbuch bezeugen den seltenen Scharsblick, mit dem Felbiger die Schäden des damaligen Untcrrichtswesen erkannt und Mittel zu deren Besserung gefunden hat. Man ersieht °°) Jnsofcrne der Polytheismus au und für sich mit dem Begriffe Gottes, als des absoluten Seins, das natürlich nur eines sein kann, durchaus in Widerspruch steht, nur mit relativem Sein gedachte und überhaupt nichtseicnde Wesen zur Gottheit erhebt, ist er dem Atheismus gleichzustellen, obwohl er von der subjcctivcn Seite, von der Anschauung und dem Glauben der Polythcisten aus betrachtet, es nicht ist. aber auch den Ernst und thatkräftigen Eifer, mit dem er fast sein ganzes Leben dem Dienste der Jugend opferte. Allen Lehrern und Erziehern, allen Freunden der Schule kann dieses Buch bestens empfohlen werden, ha es gewiß neue Begeisterung für den schönen, aber opferreichen Lehrberuf weckt. KönigSdorfcr Mart., Katholische Homilien; neu herausgegeben von Al. Eber hart. 8", VIII-j-408S. Brixen, Kath. Preßvcrein. 1894. M. 4,60. 0880 äixerunt; anFustov 86usus, imkociUoa rrniiuoa, bravia. currieula. vitao, et (ut Oernoorrtrw) in pro- tnncko veritrrtern crwe eleinerMin; opinioniluw et in8tituti3 ornnirr teneri; nrirrl verstatt rolin<)ui, äe- ineepw ornnirr tenebrst eireurnstwrr o830 ckixerunt. — Wir halten aus obigen Gründen nichts für geeigneter, den Menschen vor Ucberschütznng seiner Kräfte und seines Wissens, vor der eitlen Meinung, alles erforschen und durchdrängen zu können, vor dem himmclstürmcnden Titanenstolz, dem geistigen Hochmuihe der Selbstvergötternng zu bewahren, als eben das Studium der alten Klassiker, das uns so vielfach mit der Beschränktheit des menschlichen Geistes und seinen Verirrungen bekannt macht/ Gerade auf diesem Wege können wir uns am leichtesten von dem Bedürfnisse und der Nothwendigkeit einer göttlichen Offenbarung überzeugen; wir werden das hehre Licht des Christenthums und die Fülle seines geistigen Reichthums dadurch erst recht erkennen und über alles hoch schätzen lernen, daß uns der schroffe Gegensatz, die Finsterniß und Armuth des HeidenthumL vor Augen tritt, wie der Reiche sich seiner Schätze erst wahrhaft bewußt wird, wenn er in die Hütte des Armen geht. Diese Erkenntniß, die wir aus den klassischen Autoren ziehen können und sollen, ist in der That ein großer Gewinn; man fürchte dabei nicht, daß durch die Ueberzeugung von der Beschränktheit des menschlichen Wissens der Muth zum wissenschaftlichen Streben gebrochen und die Schwingen des Geistes gelähmt werden. Der nach Erkennen und Wissen strebende Geist wird dadurch nur zum voraus auf daS aufmerksam gemacht, was erreicht und was nicht erreicht werden kann, er wird in die rechte Bahn und Sphäre eingelenkt, vor dem Jcarns-Fluge und seinen Folgen gewarnt. Denn warum sollten wir die Wahrheit des Heils, die uns von oben gegeben ist, erst aus uns selbst finden wollen und zu diesem Zwecke denselben Weg einschlagen, von dem wir aus den alten Klassikern gesehen haben, daß er nicht zu dem erwünschten Ziele, sondern in die Jrrgänge eines unentwirrbaren Labyrinthes führt? Wenn wir uns in dasselbe hinein begeben und nicht durch das darin Hansende Unihier: den sich weise dünkenden Wahn — aufgezehrt werden wollen, sondern wieder unversehrt herauszukommen wünschen, so müssen wir den gefährlichen Weg an dem leitenden Faden der göttlichen Offenbarung zurücklegen. Zu diesem Schlüsse und Resultate gelangen wir durch das Studium des heidnischen Alterthums. — Allein wir lernen daraus nicht nur, auf welchem Wege wir nicht zum vorgesteckten Ziele gelangen, sondern wir stoßen daselbst auch auf manches Beispiel, das, obgleich von Heiden gegeben, Nachahmung verdient. Wir sehen, wir die Griechen und Römer mit lebhaftem Interesse nach religiöser Wahrheit streben und in allen Lcbensvcrhültnissen Religiosität an den Tag legen. Mit Unrecht spricht man häufig den Alten die Religiosität ab, und mit Unrecht belegt man oft einen Menschen, der, wie man sagt, nichts glaubt und von Gott und Religion nichts wissen will, mit dem Namen „Heide", während er doch noch eine ziemliche Stufe unter den Heiden sieht. Alle wichtigen Handlungen begannen im Alterthum mit einem religiösen Acte, mit Befragen des Willens der Götter (Orakel, 356 Auspicien rc.), mit Gebet und Opfern. Bei Opfern wurden immer die besten Früchte und auserlesene Thiere"") dargebracht, man scheute überhaupt bei religiösen Feierlichkeiten weder Mühe noch Aufwand/") Alle gemeinsamen Feste und Spiele hatten einen religiösen Ursprung, sie waren von religiöser Tendenz getragen und gehoben. Die Künste, besonders Architectur, Plastik, Musik und Poesie, standen wesentlich im Dienste der Religion und betrachteten als ihre Hauptaufgabe die Verherrlichung der Götter. Obgleich überall in Prosaikern und Dichtern der oben berührte Dualismus von Göttermacht und Fatum zum Vorschein kommt, so tritt doch in den Tragödien besonders die Demüthigung des Stolzes und Frcvelmuthes der Menschen durch die Götter in den Vordergrund, während im Epos überall ein persönliches Eingreifen der Götter in die Handlung vorherrscht. Ueberall zeigt sich das Gefühl der menschlichen Schwäche, überall die Ueberzeugung, daß der Mensch nichts Großes durch sich allein thun könne, daß er alles Große, Gute und Schöne der Hilfe und Gnade eines Gottes zu danken habe. Homer ist reich an solchen Beispielen; nichts Außerordentliches geschieht dort ohne besonderen Beistand einer Gottheit. Wir erinnern nur an die Heldenthaten des Diomedes (II. V.) und an die Be- siegung Hcctors durch Achilles (II. XXII.), wobei die Göttin Pallas der Tapferkeit des Helden wenig mehr zu thun übrig läßt, so daß der Held weniger durch seine eigene That groß erscheint, als eben dadurch, daß ihn die Göttin liebt und ihres besonderen Schutzes und Beistandes würdigt. Der Dichter stellt seine Helden oft unter den Schutz eines besonderen Gottes oder einer Göttin, läßt sie vor jedem wichtigen Unternehmen und Kampf zur Gottheit flehen und erst so von dieser zum Siege geführt werden/') Nach vollbrachter That werden den hilfreichen Göttern Dankgebete und Dankopfer dargebracht, ihnen weihen die Helden ihr Theuerstes, die Denkmäler ihres Ruhms, die im Kriege erbeuteten Waffen und die im Wettkampfe errungenen Preise. (Die zahlreichen Weihegeschenke in den Tempeln.) In der Erfüllung der Gelübde, in der Heilighaltung des Eides waren die Alten in der Regel sehr gewissenhaft und streng; denn sie gingen von dem Glauben aus, daß der Meineid sicher die Feindschaft der Götter und große Strafe nach sich ziehe, die Gewissenhaftigkeit im Schwören und Halten der Eide aber dem ganzen Geschlechte Segen bringe."") In manchen anderen Dingen begegnen uns löbliche Muster von Gottesfurcht, Hochschätzung der Tugend''") als des höchsten und einzig wahren Gutes, Geringschätzung irdischer Güter, Verachtung des Todes") und anderer scheinbaren Uebel. Dieses alles bekundet den religiösen Sinn jener heidnischen Völker, das Streben nach Wahrheit und Tugend, das als lobenswerth anerkannt werden muß, wenn auch ihre Religion eine irr- thümliche war und als solche keine ächte und allseitige --) 6ovk. Ilom. II. II, 102, ibiit. VI, 91, iöiä. I, 315. Vir§. ä.ev. VI, 38. ") vemostli. aävers. Uliil. I, 35 und Lall. 6ad. 9. «') 6ouk. II. X, 276 und XXIII, 872 Lgg. Vir§. äeu. V, 513 8gg. ") Xeuoxli. Lual). II, 5, 7. — 6ouk, Uow. II. IV. 170. ") Oouk. Ulkt. Lxol. Loer. XVII. Mciu vergleiche über diesen Punkt die Schriften der Philosophen, besonders des Plato und Cicero. ") klot. Lxol. Locr. XX. l?Iat. 6rlt. VI. 6io. tzuaest. Misoul. üb. I. Tugend erzeugen konnte. Doch in manchen Punkten siegte der bessere Zug der Natur, und manche Leucht- funken der Vernunft durchbrachen und erhellten theil- weise das Dunkel, je nachdem die Vernunftideen mehr oder weniger zum klaren Bewußtsein kamen. Das verschiedene Maß der Entwickelung dieser ist für uns von keiner untergeordneten Bedeutung. Denn wenn wir dort viele Ideen mangelhaft entfaltet sehen und dieselben im Christenthum vollkommener ausgeprägt und geläutert wieder finden, so erkennen wir daraus nicht nur den ungleich höheren Standpunkt, auf den das Christenthum den Menschen erhebt, sondern wir sehen auch zugleich, wie manche Glaubenswahrheiten des Christenthums, die uns auf den ersten Blick als unbegreifliche und völlig vernunftwidrige Dogmen erscheinen, schon bei den Heiden in gewissem Maße auftauchten, daß sie also, indem die Heiden sie nur auS der Vernunft schöpfen konnten, in der Vernunft selbst begründet sein müssen und somit durch das Christenthum uns nicht als etwas für die Vernunft Fremdartiges gleichsam aufgedrungen, sondern nur zum volleren Erwachen gebracht worden sind; während sie vor dem Hinzutreten des göttlichen Lichtes sich erst verworren aus dem Schlummer hcrauszuringen suchten. In dieser Hinsicht kann das Heidenthum viel dazu beitragen, daß wir erkennen, wie die Vernunftidecn durch das Christenthum nur zu größerer Klarheit erwacht und in der rechten Richtung ausgebildet worden sind, so daß das Christenthum, auch wenn es in manchen Punkten über unsere Fassungskraft hinausgeht, doch im Ganzen hauptsächlich nur den Inhalt der menschlichen Vernunft aus den tiefsten Keimen an das Licht hervorgebracht hat. Dasselbe kann und muß daher die wahre Ver- nunftrcligion im edelsten Sinne des Wortes genannt werden. Und wirklich ist keine andere Religion der menschlichen Natur, deren Wesen und Hauptmerkmal eben die Vernunft ist, so anf allen Stufen der geistigen Bildung angepaßt, keine umfaßt so den ganzen Menschen nach allen Seiten seines Wesens und unter allen Verhältnissen des Lebens. Wenn wir nun das Gesagte zusammenfassen, so müssen wir den Schluß ziehen, daß die Lcctüre der heidnischen Klassiker sich mit der entschieden christlichen Erziehung der studircnden Jugend nicht nur vertrage, sondern ihr sogar in mancher Hinsicht sehr förderlich sein könne und müsse, wenn man nur den Standpunkt und das Wesen jener heidnischen Religion näher ins Auge faßt und die sich dann von selbst ergebenden Konsequenzen daraus zieht. Also nur eine höchst oberflächliche Kenntniß des Hcidenthnms kann dem Christenthum schaden, während eine wahre und gründliche Kenntniß die Niedrigkeit und Mangelhaftigkeit der von Menschen geschaffenen Religionen aufdeckt und in ihrer ganzen Blöße zeigt, wodurch uns eben die Höhe und Vollkommenheit der christlichen Religion, ihr Triumph über alle Erfindungen menschlicher Weisheit erst recht zum vollen Bewußtsein kommt. Wer durch das Studium des heidnischen Alterthums nicht zu diesem Schlußsätze gelangt, hat aus den Klassikern soviel als nichts gelernt. — Wenn es nun in der klassischen Lcctüre nicht an solchem Stoffe fehlt, der geeignet ist, uns in politischer und religiöser Hinsicht zu belehren und besonders vor demjenigen zu warnen, was auf beiden Gebieten nicht zum Heile, sondern zum Verderben führt, so wird es die unerläßliche Pflicht und Aufgabe der Schule sein, diesen Stoff für den Zweck der Erziehung zu bcnützen 357 und nicht indifferent über ihn wegzugehen. Hiemit ist nicht gesagt, daß man bei der klassischen Lectüre jede sich darbietende Gelegenheit ergreifen solle, um Bemerkungen über den religiösen und politischen Standpunkt der Alten anzuknüpfen und sich darüber mit weitschweifender Kritik zu verbreiten; dieses würde von dem jedesmaligen Gegenstände des Unterrichts leicht zu weit abführen und das Fortschreiten in der Lectüre selbst offenbar hemmen. Auch muß dcui nur zu oft hervortretenden Streben der Jugend, alles verstehen und beurtheilen zu wollen, sich mit Selbstüberschätzung und wegwerfender Kritik über die verschiedensten und ihrem Gesichtskreis oft ganz fern liegenden Gegenstände zu äußern, so viel als möglich entgegengewirkt werden; denn die Jugend soll zwar nichts gedankenlos, oberflächlich und mechanisch erlernen, aber sie ist auch nicht zum Näsouniren und Kritisiren berufen. Von einer solchen Behandlung des klassischen Alterthums, die das entgegengesetzte Extrem zu dem gleichgültigen Ueber- gehen der wichtigsten und lehrreichsten Punkte bildet, ist hier keine Rede; nicht das eine oder andere Extrem, sondern das rechte Maß (arM-- ä'pav), die bei den Alten so hoch geschätzte goldene Mittclstraße („anrsa, raeckio- oritas"), ist auch hier das Nichtigste und Zweckmäßigste. Es wird ohne Zweifel für den Zweck der Schule vollkommen genügen, wenn bei solchen Stellen der Klassiker, die den politischen oder religiösen Standpunkt der Alten charakterisircn und das Verhältniß desselben zu dem unseligen, die Uebereinstimmung oder den Gegensatz leicht nachweisen lassen, eine kurze Bemerkung angeknüpft oder auch manchmal nur ein flüchtiger Wink gegeben wird, der die Schüler anleitet, den Gegenstand von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten und aufzufassen. Daß dabei stets auf das Alter und die Bildungsstufe der Schüler Rücksicht genommen werden mutz, versteht sich von selbst. Während es daher in den unteren und mittleren Klaffen die Hauptaufgabe ist, der Grund- anschauung der jungen Leute die rechte Richtung zu geben, falsche Begriffe zu beseitigen, das Aufkeimen irr- thümlicher Ansichten und schlechter Grundsätze zu verhüten, wird es die Aufgabe der höheren und obersten Klassen sein, das Wesen der antiken Bildung, das Leben und den Jdeenkreis der Griechen und Römer genauer kennen zu lernen, klare Begriffe und Vorstellungen davon zu erlangen, so daß die Studirenden vor dem Ueber- tritt zur Universität besonders auch von den religiösen Ansichten und politischen Einrichtungen des Alterthums, ihrem Werth und Unwerth im Allgemeinen hinreichende Kenntniß besitzen und feste Anhaltspnnkte für die Zukunft gewonnen haben. Durch diese Art der Auffassung und Behandlung des klassischen Alterthums wird mancher Verirruug sowohl auf religiösem als politischem Boden vorgebeugt. Es wird sich daher das Studium der alten Klassiker, wenn es nur recht getrieben wird, auch in dieser doppelten Hinsicht, nämlich in der Erziehung der studirenden Jünglinge zu guten Mitgliedern der christlichen Kirche und zu tüchtigen Bürgern des monarchischen Staates, als zweck« dienlich und somit als praktisch erweisen. Der Einfluß des Klimas auf die Umgestaltung der Thier-rassen. Von H. von Reinagen. (Nachdruck vlrvoUn) „Die Natur schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder: Alles ist I neu und doch immer das Alte. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr," sagt Goethe. Ein solches Leben und Weben, Werden und Vergehen findet namentlich im Thicrreich statt. Unzweifelhaft haben sich in ihm die ausfallendsten Umgestaltungen vollzogen; denn gar mannigfaltig sind die im Laufe der Zeit vorgekommenen Veränderungen der Thiere, Thierarten und Nassen. Ganz sicher cxistirt jetzt kein Dinotherium, kein Ichthyosaurus und kein Lepido- centrid mehr auf der Erde. Wollen wir den Grund dieser Erscheinung finden, so müssen wir die heutige Erde beobachten, ob darauf nicht ähnliche Erscheinungen vorkommen, die bloß wegen der Kürze der Zeit unserer Beobachtung etwas dürftiger ausfallen werden. Es liegen eine Menge von Beweisen vor, daß der Wechsel der äußeren Lebensbedingungen tief eingreifende Veränderungen in der Körperbeschaffenheit der Thiere und Pflanzen bewirkte. Wir finden nahe verwandte Thiere in weit auseinander liegenden Gegenden körperlich so verschieden, daß man sie als sclbstständige verschiedene Arten aufgestellt hat. So wird der ceylonische und afrikanische Elephant, das ein- und zweihöckerige Kameel, die Antilopen verschiedener Länder, das einhörnige oder asiatische und das zwcihörnige oder afrikanische Nashorn, das Krokodil Afrika's und der Kaiman Amerika's unterschieden, da sich wirkliche Unterschiede auffinden lassen. Es ist aber trotzdem möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß diese Thiere von je einer und derselben Art abstammen und sich nur in den ungleichen Verhältnissen ungleich gestaltet haben. Australien, ein in Bezug aus Klima, Wasservcr- thciluug, Flüsse, Trockenheit der Luft ganz eigenthümliches Land, hat auch eine eigene Flora und Fauna. Kein Lastthier, kein Hausthier, kein Singvogel findet sich dort, dagegen das Känguruh, die Känguruh-Ratte, der Wombat, das Schnabclthier, der Vampyr, der Manati und andere abenteuerliche Gestalten. — Die Bäume haben keine grünen, schattengebenden Blätter, sondern schmale, mattweiße, lanzettförmige Blätter, und die Stiele sind häufig mit Stacheln versehen. Alles ist wie zum Nachtheile des Menschen gemacht, daher auch der armselige Urzustand des Australiers, des Tasmaniers. Die arme unwirthbare Nordküste von Ncuholland sticht auffallend von dem gegenüber liegenden, gleich einem Garten blühenden Timor ab, wo Mensch und Thiere von jenen Neuhollands so sehr verschieden sind. In Südamerika sind alle Thierspezics kleiner als die parallelen Arten der alten Welt: der Kaiman ist kleiner als das Krokodil, der Puma geringer als der Löwe, der Strauß kleiner als der afrikanische, der Jaguar schwächer als der Tiger, die Onze kleiner als der Panther. Viele Veränderungen sind auch schon mit Sicherheit wahrgenommen worden. Die Süugcthiere in Syrien und Persien zeichnen sich durch langes, weiches Haar aus, und die dort erst akklimatisirtcn Thiere haben ähnliches angenommen. Auf Korsika werden die verschiedensten Thiere, Hunde, Pferde u. s. w. bald gefleckt; die zur Wollzncht aus Spanien nach Paraguay verpflanzten Schafe sind vollkommen ausgeartet und haben kurze, rauhe Haare bekommen. Auch die dorthin vor 300 Jahren eingeführten Hauskatzen sind um ein Viertel kleiner geworden, schmächtig und zartgliederig, und zeigen nicht Lust, sich mit frisch eingeführten Katzen zu paaren. Die verwilderten Schweine haben auf Cuba eine be- 358 deutende Stärke und Körpermasse angenommen, mehr aufrecht stehende Ohren und schwarze Borsten bekommen. Auf Kubagua erhielten sie ungewöhnlich lange Schalen. Im Winter bedecken sich in unseren Klimaten alle Thiere mit einem dickeren Pelze als im Sommer. Der Alpenhase des äußersten Nordens hat seinen Winterbalg das ganze Jahr hindurch, der lappländische während zehn Monate, der norwegische acht bis neun Monate, im mittleren Deutschland fünf bis sechs Monate lang. Unter den Tropen findet man keinen Winterbalg mehr, weil es keinen Winter gibt. Thiere, welche nach den südlichen Gegenden verpflanzt wurden, verlieren die Dichte des Balges, in nördlichen gewinnen sie ihn. Das Mammuth hatte einen doppelten, über Meter langen Balg, und sein Abkömmling, der Elephant, hat in Ceylon die Haare fast ganz verloren. Die ächten Pelzthierc finden sich in Sibirien, am Kupferminenflnß, während der Süden schwach behaarte und nackte Thiere erzeugt. Es ist demnach klar, daß Wärme und Kälte einen bedeutenden Einfluß aus Erzeugung von Haaren und Wolle haben, und daß ein ursächlicher Zusammenhang zwischen diesen beiden Erscheinungen stattfindet. Bis jetzt kennen wir die Wirkung nicht, aber der Zusammenhang ist klar. Ebenso einleuchtend ist, daß, wenn sich die Temperatur eines Landes ändert, dies auch auf die Behaarung der Thiers und ihre ganze Körperbeschaffenheit einen Einfluß haben müsse, weil sich ja auch das Wachsthum der Pflanzen ändert. Daß sich in lange dauernden Zeiträumen Pflanzen und Thiere nach den klimatischen Verhältnissen eines Landes einrichten, beweisen unter Andern: die Galapagos- odcr Schildkröten-Inseln, die nicht weit vom Continent von Amerika in der Südsee gerade unter der Linie liegen. — Anderson, der die Fregatte „Eugenie" begleitete, berichtet, daß unter 26 Arten Landvügeln nur 25 dort, aber sonst nirgends, angetroffen werden. Die kolossalen Schildkröten und großen Ottern-Arten sind alle eigenthümlich; 15 Fischarten sind nur dort zu Hause, und von 16 Landmuscheln sind 14 auf jene Inseln beschränkt. Auch von 90 Seemnschcln sind 49 fast überall sonst unbekannt, und alle Insekten-Arten, etwa mit Ausnahme von dreien, sind gleichfalls neue Arten. Demnach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die körperliche Beschaffenheit der lebenden Wesen von den äußeren Bedingungen abhängig ist, und daß mit den Veränderungen dieser auch die Ersteren wechseln müssen. Solche äußere Bedingungen sind die Feuchtigkeit der Luft, die Nähe des Meeres, das Vorhandensein großer Ströme oder nahe liegender Hinterländer; ferner die chemische Beschaffenheit des Bodens, d. h. ob er Mineralbestandtheile für Pflanzen enthält, oder die Summe des Negens auf das Jahr und seine Vertheilung. Vorwaltende Windrichtungen, die östliche oder westliche Lage zu einem großen Continent, oder die Nähe zum Acqnator hin, ob viel Land oder viel Meer vorhanden sei, die Temperatur des Meerwassers und dessen Strömungen, sowie vor Allem die mittlere Warme des Jahres und die Mittlere Wärme des Sommers und des Winters für sich allein, wie noch viele andere Beziehungen sind vom stärksten Einfluß. Die Körpertheile der Thiere aber, welche durch diese äußeren Bedingungen mancherlei Veränderungen unterworfen werden, gehören namentlich zu denjenigen, welche zur Aufnahme der Nahrungsmittel und zur Fortbewegung bestimmt sind, als Kopf, Hals, Leib, Kreuz und Hiutertheil, besonders aber auch die Bekleidung, im Allgemeinen also gerade diejenigen Theile, welche die wichtigsten Nassenkennzeichen bieten. Besonders groß ist indeß auch die klimatische Einwirkung auf die Färbung der Bedeckungen in allen den verschiedenen Tinten und Nuancen, auf Häute, Haar und Gefieder, wie auch auf die Größe eines oder des anderen Körpertheiles sowohl im freien Zustande, als auch in der Gefangenschaft. Denn es ist bekannt, wie außerordentlich, ja oft ungeheuer der Einfluß ist, den der Mensch dadurch ausübt, daß er Thiere in andere Weltgegenden versetzt, wo sie, obwohl sie immer dieselbe Spezics bleiben, sich nach und nach zu klimatischen Rassen umwandeln, welchen die am neuen Aufenthaltsort gewonnenen charakteristischen Züge so fest aufgeprägt sind, daß sie diese endlich auch beim Zurückbringen an den früheren Ort durch viele Generationen beibehalten. Warum werden die Schafe in Chile und die Schweine auf Cuba so groß, aber in den deutschen Haiden so klein? Warum erhalten die Schafe in manchen Gegenden von Asien Fettschwänze? Warum werden sie in verschiedenen anderen Gegenden ganz schwanzlos und erhalten Fettpolster auf den Steiß? Warum sind sie in Aegypten und den angrenzenden Ländern ebenso wie die Ziegen hängeohrig, dort und am Senegal oft ungehörnt oder nur mit ganz kleinen Hörnchen begabt, dagegen auf Island, auf den Anden, in Südamerika vielhörnig? Warum sind in der Walachei und auf Kreta die Hörner der Ziegen denen des Kndu (^Vntilops sdi-opsioeros) ähnlich? Warum find Schafe um den Aeguator herum, wie auf Island, rauhhaarig u. s. w.? Warum besitzen gerade die hohen Gebirgsstriche zwischen Persien oder China außer den feinwolligsten aller Ziegen und Schafe auch andere sehr lang- und reichhaarige Thiere, wie z. B. den Los Zruvnious? Warum hat gerade der Bezirk von Angara Ziegen, Kaninchen und Katzen mit so langen seidenartigen Haaren? Jedenfalls nur, weil in der eigenthümlichen Beschaffenheit der Himmelsstriche die Ursachen dazu vorhanden sind. (Schluß folgt.) Einige Scenen aus dem Schtvedenkcicge. (Auch ein Beitrag zur Beantwortung der Frage: „Ob Deutschland bei der Gustav- Adolf-Feier mitthun soll?") Von k. Emmeram Heindl, 0. 8. V. Wir haben aus den uns zu Gebote stehenden Quellen zusammengesucht was die Benediktinerklöster im 30jährigen Kriege seitens der Schweden zu erdulden hatten. Die schwedischen Soldaten haben als getreu; Söhne Luthers nur in seinem Sinne und nach seiner Mahnung gehandelt, wenn sie Kirchen und Klöster niederbrannten, ihre Bewohner mordeten oder verjagten. Daß Luther zu solchen Gräuelthaten gegen die „götzendienerischen Papisten" wirklich aufgefordert, dafür finden sich in seinen Schriften hinlängliche Beweise (vgl. hierüber das Werk von Janssen ec.). Vielleicht sind diese Zeilen auch für einige der geehrten HH. Mitarbeiter, denen noch andere Quellen zur Verfügung stehen, ein Anstoß, um durch Aufführung ähnlicher Beispiele diese Berichte zu vervollständigen. 1. Andc chs. Dem Tagebuche des Abtes Maurus Frksenegger (abgedruckt in I>. Sattlers Chronik von AnvechS) einnehmen wir Folgendes: AIS die Nachricht voin Einfalle der Schweden in Bayern sich verbreitet hatte, wurden die Kostbarkeiten, insbesondere der heilige Schatz, rechtzeitig an sicheren Orten untergebracht; auch 359 die meisten Klostcrbcwohner flüchteten sich. Um gar nicht zu reden von dem, was das Kloster von den übrigen Feinden, ja selbst von Freunden zu leiden hatte, soll nur berichtet werden, wie die Schweden in demselben hausten. Anno 1632 den 18. Mai früh Morgens kamen 16 schwedische Reiter vor das Thor des Klosters hl. Berg, und da sie nicht gleich eingelassen wurden, hieben sie das Thor mit Hacken und Gewalt ein und nur mit Mühe retteten sich die zwei Herren, Hausmeister und Psarrcr mit den Bedienten, die noch da waren, durch den Garten in das Kientbal und nahmen die Flucht weit über den Ammer- see nach Liessen. Die Reiter raubten 26 Pferde und das Bessere, was sie im Kloster fanden. Es kamen aber bald mehrere feindliche Soldaten nach. Was sich in der Zeit von 3 Wochen und darüber bei Anwesenheit des Feindes am hl. Berg zugetragen, hat sich nach der Hand, nach dem Abzug der Schweden und der Zurückkauft einiger Domestiken und Geistlichen gezeigt. Das Gotteshaus war voll Gestank und Pferdemist, auf den Altären Ueberbleibsel von Futter, die Opfcrstöcke alle zerbrochen und die Grabstätte des Stifters geöffnet. Jedoch waren die Altäre uns die Bildnisse derselben alle unverletzt, ausgenommen das Bildniß des hl. Rasso, das, verstümmelt und mit Kcth befleckt, außer dem GottcShause gefunden wurde. Den beiden Guadcnbildern der MuttergotteS konnten die Feinde nichts anhaben; auch suchten sie mehrmals vergeblich Feuer au die Ge- bäulichkeiten zu legen. Auch im ganzen Kloster war eine abscheuliche Verwüstung: keine ganze Thür, kein Schloß, kein Kasten, kein Schrank, kein Fenster, daö nicht zerbrochen war; alle Gänge, alle Zimmer, das Nefcctorium. Dormitorium und Kollegium waren mit Stroh, zerschlagenen Fenster-, Thür- und Kästeniplittern, mit Pferd- und Meuschenunrath, mit Gestank und Grausen so angefüllt, daß 5 Mann 10 Tage genug zu thun hatte», das Kloster nur vom größten Unrath zu reinigen. Vom ganzen Hausrath, von Küchen- und Tischgeräthe war nichts mehr da, oder zerbrochen. Von der Menge der Betten fand man kaun; eines oder das andere, und diese ohne Leinenzeuge, ohne Kissen und Polster; von anderen lagen die Federn in den Gängen und Zimmern mit auderm Unrath zerstreut. Auch in der folgenden Zeit schwebten die Klostcrbewohuer beständig zwischen Furcht und Hoffnung und mußten mehrmals sich zur Flucht bereit halten. Am 17. April 1633 sielen wieder einige schwedische Freibeuter iuS Kloster am hl. Berge ein. zu denen immer mehrere nachkamen und sich bei 13 Tage aushielten. Sie zerbrachen Thüren und Kästen, Fenster und Tabulatcn, und raubten Geschirre, Kleidungen, Getreide und Hafer, sowie das, was sie vom Kloster und den Dorflenten darin fanden. Den 1. April 1631 wurde auch das benachbarte Kloster Wessobrnnn von den Schweden überfallen und zwei Religiösen gefangen nach Kaufbcurcn geführt. In ganz ähnlicher Weise wie in AndechS machten es die Schweden auch in den meisten übrigen von ihnen heimgesuchten Klöstern. 2. Benedictbcnern. 8. Karl Mcichclbek erzählt in seinem -dbronieon vsns cliotodurannm- (herausgegeben 1753 von I?. Alfons Haidcn- fcld) folgendcrwcise den Martcrtod des 8. Simon Speer: 1'. Simon Speer, der sich im Jahre 1591 unserem Kloster durch die feierlichen Gelübde einverleibte, wurde am 19. Mai 1632 von den Schweden aufs grausamste ermordet. Diesem Manne lag die Erhaltung deö Klosters mehr am Herzen als das eigene Leben. Als daher wegen des Einfalles der Schweden in diese Gegend alle unsere Bruder zugleich mit dem Abte auf den benachbarten Bergen sich versteckt und auch die besseren Geräthschaflcn, sowohl heilige als profane, an sicheren Orten untergebracht hatten, entwich 8. Simon allein nicht aus dem Kloster, sondern wollte bei unsern Sachen bleiben, solange es möglich wäre. Die Anzahl der eingefallenen Schweden war bei weitem geringer als der Ruf davon, der sich durch furchtsame Leute verbreitet hatte; und wenn man den Berichten älterer Landleute und Diener unseres Hauses, die ich selbst vor etwa 50 Jahren noch ganz gut gekannt habe, glauben darf, so waren ihrer nicht mehr als zwanzig. Dieser unbedeutende Trupp schwedischer Reiter hätte von den Uusrigen ohne Mühe in die Flucht geschlagen oder überwältigt werden können; indessen die Furcht, welche bei weitem größer war als die Zahl der Feinde, trieb die Uusrigen in die Flucht und auf die Berge. Uebrigens erschienen diese wenigen feindlichen Reiter so rasch in unserem Kloster, daß 8. Simon weder Ort noch Zeit fand, sich ihrer Wuth zu entziehen. Außer 8. Simon selbst befand sich in dem Kloster Niemand als einige Knaben und Mädchen, welche aus Furcht vor den Feinden aus der Nachbarschaft zu uns geflohen waren. Die Schweden drangen nun eiligst in unser Kloster ein, und da sie Niemanden fanden, der ihnen Widerstand leistete, stießen sie endlich auf8. Simon als willkommenes Opfer ihrer Wuth. Auf diesen stürmten sie also los und begehrten wüthend von ihm, daß er ihnen die werthvollen Sachen des Klosters sogleich verrathen sollte. 8. Simon sagte ihnen, es sei nichts von besonderem Werthe mehr im Kloster vorhanden. Der Abt und die Brüder hätten sich sammt den beweglichen Sachen in den Bergen versteckt; indeß sei ihm ganz unbekannt, in welchen Theilen des Gebirges sie gegenwärtig verweilten. Da die Schweden dies durchaus nicht glauben wollten, so mißhandelten sie den guten Mann alsbald mit schauderhaften Schlägen, um etwas von ihm zu erpressen. Da sie aber nichts ausrichteten, beraubten sie ihn sämmtlicher Kleider und hängten ihn ganz nackt im Speisezimmer der Klostcrdicnerschaft beim Ofen an einer eisernen Stange aus; hierauf zündeten sie um seinen ganzen Leib herum Stroh an und marterten ihn so, bis der gute Mann dem Tode nahe war. Die Schweden wünschten aber, daß er noch eine Zeit laug leben sollte, weil sie hofften, ihm endlich durch die Gewalt der Marter irgend ein Geständnis; zu entlocken. Daher verschafften sie ihm in seiner hängenden Lage einige Erleichterung und suchten einige Zeit im Kloster herum nach Beute. Als sie einiges gefunden, viel verwüstet und zerbrochen hatten, kehrten sie in erwähntes Speisezimmer zurück, ließen den 8. Simon von der Stange herab und schleppten ihn mit sich zum Kloster hinaus gegen die Alpen zu. Da sie aber mit größter Habgier in den umliegenden Dörfern nach Beute suchten, ließen sie ihn endlich halbtodt liegen. Inzwischen kamen einige unserer Bauern und erblickten den I?. Simon nackt, auf allen Seiten versengt und mit Wunden bedeckt. Von innigstem Mitleid gerührt, fragten sie ihn, womit sie ihm dienlich sein könnten. Er verlangte mit schwacher Stimme etwas, womit er seine Blöße bedecken könnte. AIS mau es ihm gebracht, bat er, man möge ihn in eines der nahen Gebüsche tragen, damit er nicht dem Anblicke Aller ausgesetzt wäre. Unsere Bauern willfahrten seiner Bitte. Aber schon am nächsten Tage hauchte 8. Simon seine Seele aus, nachdem er sie unaufhörlich und voll Andacht Gott empfohlen hatte. Als die Nachricht von seinem Tode den Uusrigen, die auf den Bergen versteckt waren, hinterbracht worden war, wurde der Leichnam des guten Mannes nicht in unserm Kloster (wo man vor den Feinden nicht sicher war), sondern in unserer Pfarrkirche zu Kochcl beim Hochaltar beigesetzt. Der Grabstein enthält die Inschrift: >Häm. 8. 8. Limon Lpeor Orll. 8. 8. a 8nsoi3 oeoimw 1632.« So bildete 8. Simon einen glückseligen Zuwachs zur Anzahl derer von den Uusrigen, die einst von den Hunnen und anderen gottlosen Menschen ähnliche Martern um ihres Glaubens oder ihrer Treue willen erlitten haben. Und wir zweifeln nicht, daß er auch jetzt im Himmel noch unser Kloster liebe, dem er einst auf Erden mit solcher Anhänglichkeit zugethan war. 3. St. Emineram (in Regenöburg). (Aus Uatisdona monastica I. Theil, Ncgeusburg 1752; vom Fürstabt I. B. Kraus von St. Emmcram.) Die Bürger der Stadt fielen größtenthcils der neuen Lehre zu seit 1535; diese Lehre wurde in Ncgeusburg 1542 öffentlich anerkannt. Als die Stadt am 5. Nov. 1633 sich dem schwedischen Feldherrn Bernhard von Weimar übergeben hatte, wurden die Mönche und Nonnen aus ihren Klöstern vertrieben, die meisten Geistlichen aus der Stadt verjagt, Das Stift St. Emmcram kam in weltlichen Besitz, und die herrliche Bibliothek mit den kostbaren Werken und Handschriften wurde elend verschleudert. 4. Ettal. 8. Ludwig Babcustuber, Conveutualc von Ettal, erzählt in seinem Werke >8unllatrix lüttalerwrs« (München 1691 bei I. L. Sträub) Folgendes: Unter Abt Othmar Eoppelzrieber fiel der Schwebeukv'nig Gustav Adolf in das röm. Kaiserreich deutscher Nation ein, und zuletzt auch in Bachern. Mau sah sich darum bei Zeiten durch die Flucht vor, und alles Wcrtbvollerc wurde an sicheren Orten verborgen. Abt Othmar selbst und alle Mönche suchten Schlupfwinkel auf. Der einzige 8. Josef Hcß aus Augsburg weigerte sich, das Kloster zu verlassen, und gab aus eigenem Antriebe das handschriftliche Versprechen, er würde daö Hauswesen bewachen und besorgen, solange vom Kloster noch eine Mauer übrig wäre. Dean nahm seine hochherzige Großmuth an, und die Uebrigen begaben sich in ihre verschiedenen Zufluchtsstätten, wo ihnen solche geboten wurden; das war am 4. Juni 1632. Bald darauf erschien eine Schaar feindlicher Reiter, nachdem Solche, welche sogar mit Gefahr ihres Lebens es hätten verheimlichen sollen, ihnen den Weg durch die Alpen gewiesen hatten. Bei ihrer Ankunft begehrten sie mit ächter Soldaten- 360 rohheit Einlaß, und k. Josef empfing sie ausS freundlicbstc. Hierauf bewirthete er sie wie liebe Gäste reichlich mit Speise und Trank. Mau hätte unu sicher glauben sollen, die Gäste hätten ihm wegen einer so ausnehmenden Freundlichkeit wenn nicht das Geld, doch wenigstens das Leben gelassen, allein die Sache kam ganz anders. Plötzlich Miethen sie nämlich in Wuth und schlugen ihren Gastwirth, der sie bei Allem, was heilig ist, vergeblich um Schonung anflehte, zuerst unmenschlich mit Knitteln, verwundeten ihn dann köstlich mit ihren Säbeln und durchbohrten ihn mit Spießen. Er fiel an der Klostcr- psorte in die Kniee, indem er ununterbrochen bis zum letzten Athemzuge Gott und die seligste Jungfrau, die Gründerin unseres Klosters, anrief. Es war damals ein gewisser Job. Zieglmair, ein sehr braver junger Mensch, im Kloster Organist. Dieser war mit ?. Josef, während die ganze übrige Dienerschaft sich durch die Flucht zerstreut hatte, zurückgeblieben. Als er nun den ?. Josef in seinem Blute liegen sah und erkannte, daß auch er sterben müsse, fiel er auf seine Kniee nieder und erhielt von dem nämlichen Meuchelmörder den Todesstoß. Im Fallen umfaßte er noch den l?. Josef und gab allsvgleich den Geist auf. Nach diesem Doppelmord- stürzten die Feinde, von einem geheimuißvollen panischen Schrecken ergriffen, in eiliger Flucht aus den Bergen und ließen das Kloster im llebrigcu unverletzt. Jener gottcsräuberische Mörder aber wurde bald darauf von Landlcntcn erschlagen und empfing so die wohlverdiente Strafe für seine Unthat. Die unschuldigen Opscr dieser barbarischen Grausamkeit, welche die gleiche Ursache und Art des Todes getroffen hatte, nahm dann auch in der Kirche das gleiche Grab aus. DaS war die blutige Einkehr der Schweden zu Ettal. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. In der Festung wegen einer katholischen Predigt über die Ehe. Von I. Bcchtold, Pfarrer in Thaunweilcr. Straßburg. Druck von F. X. Le Noux, bischöfl. Buchdr. 144 S. 60 Pf. O Eine vierzehntägige Gcfängnißhaft durch kaiserl. — von dritter Hand angerufene — Gnade in Festungshaft von gleicher Dauer umgewandelt, bot dem Verfasser hinreichende Muße, über seine Missethat, über die Anwendung des § 166 dcS N.-St.- G.-B. auf katholische Priester, auf evangelische Bundes- und andere Brüder und über die beiderseitige Behandlung auf dem Rechts- und Gnadenwege reiflich nachzudenken und die Ergebnisse seiner Betrachtungen aufzuzeichnen. Der beigefügte Wortlaut der Predigt und eine anmuthige Sammlung der saftigsten Schimpfereien gegen die katholische Kirche, die nachweislich in protestantischen Versammlungen, in Flug- und sonstigen Schriften, in Witzblättern gebraucht wurden, und der darauf ergaugeuen Urtheile bieten dem Leser lehrreichen Stoff zu nützlichen Vergleichungcn. Die gegen den Verfasser beliebte strafrechtliche Verfolgung, die vom juristischen Standpunkt schwer, vom politischen unbegreiflich ist, bat eine in das Werkchen aufgenommene scharf abfällige Kritik in der protestantischen Zeitschrift für Kirchcurecht gefunden, die in Leipzig, dem Sitz des NeichSgerichtS, von Geheimrath und Professor der Rechte Dr. Emil Friedbcrg dortselbst und von Dr. Emil Schling, Professor der Rechte in Erlangen, herausgegeben wird. Die Trost- gedanken des Herrn Verfassers, der, wie es scheint, keineswegs zerknirscht das Dcckwerk der Schleuse 88 verlassen hat, verdienen daher die allgemeine Beachtung, insbesondere in theologischen und juristischen Kreisen. Sie geben viel zu denken. Lehrbuch der Apologetik. 3. Band. Von der katholischen Religion von Dr. Coustautin Gnt- berlet, Professor am bischöflichen Seminar zu Fnlda. 290 S. in 8°. Preis 3 M. Verlag der Thcissing'schen Buchhandlung in Münster i. W. T Den früher erschienenen und von der Kritik sehr günstig bcurtbeiltcu ersten beiden Bänden schließt sich der dritte Band von Gutbcrlct'S Apologetik würdig an. Eutberlct hatte bei der Abfassung der ersten Bände („Von der Religion überhaupt" und „Von der geoffenbarten Religion") noch die Absicht, die katholische Apologetik der Dogmatik zu überlassen. Die Verhältnisse haben sich aber geändert und den Verfasser veranlaßt, den Kreis weiter zu ziehen. Denn der Protestantismus richtet seit einiger Zeit fast mit derselben Kampfeslust wie in den schlimmsten Tagen der religiösen Spaltung unseres Vater- , landcS seine Angriffe auf die katholische Kirche. Diese leidige I Thatsache ist eS, welche Dr. Gutberlet dazu führte, in einem dritten Band auch die katholische Apologetik zu behandeln. Auch dieser Band weist die Vorzüge auf, welche Herrn vr. Gutberlet's Ruf als Gelehrter und Schriftsteller sicher gestellt haben. Klarheit der Darstellung, Gründlichkeit der Behandlung, Schärfe der Bewcissührung zeichnen auch seine katholische Apologetik in hohem Maße aus. Möge das Buch nicht bloß in geistlichen, sondern auch in gebildeten Laienkreisen zahlreiche Leser finden l _ Unserer Töchter Erziehung zur Schönheit von Hor- tcnse deGouph. Fried. Stahn, Verlagsbuchhandlung. Berlin SW., Wilhclmstraße 122 ^.. O Die Schönheit des Körpers ist eine hochschätzbarc Mitgift der Natur, sie nimmt ein und empfiehlt, bevor noch der Geist zum Aus- und Eindruck gekommen ist; die Erziehung zur Schönheit ist aber auch eine Erziehung zur Gesundheit. Deßhalb ist sie ein wichtiger Bestandtheil der Erziehung überhaupt, insbesondere der Meidchencrziehung. Die Verfasserin bietet nun in ihrem eigenartigen Buche eine auf die Natur und die körperliche Entwicklung des WeibcS gegründete, wohl durchdachte Anleitung, wie unsere Töchter zur Schönheit heranzuziehen seien von dem zartesten Alter bis zur vollendeten Reife, und füllt mit ihrer Gabe eine fühlbare Lücke der Erziehungs- litcratur aus. Es ist sehr gut geschrieben und allen, die mit der Mädchen-Erziehung zu thun haben, insbesondere den Müttern, den Vorsteherinnen von Mädchen-Erziehungs-Anstaltcn weltlichen und geistlichen Charakters, zu empfehlen. Zu berichtigen wäre die falsche Aufstellung, daß durch der Sinne Pforten der Geist in den Körper einziehe und durch die Sinnes- wahrnehmnngen die (Leistest Heftigkeit entstehe. Wahrscheinlich ist dem richtigen Gedanken, daß durch die Sinnes- empfindungcn dem im Körper wohnenden Menschengeist die Auffassung der Außenwelt vermittelt wird, nur ein unrichtiger Ausdruck gegeben. Welche Mittel stehen uns zu Gebote im Kampfe gegen die öffentliche Uusittlichkeit? Vertrag von vr. Bren necke, pr. Arzt in Magdeburg. Albert Rathke's Verlag. 29 Seiten. O Eine bemerkenswerihe Gabe deS Magdeburger Männcr- bundes zur Wahrung und Pflege der öffentlichen Sittlichkeit, der den vor ihm gehaltenen Vortrug durch Druck weiteren Kreisen zugänglich machte. Der Redner sieht die Ursache der zunehmenden Sittcnfäulniß in der zunehmenden religiösen Ver- flachnng, in der Entchristlichung deö Volkes und folgerichtig das Hauptmittcl zur Bckäumpfnug dcS öffentlichen Lasters in der Zurückeroberung des Volkes für das Christenthum. In diesen Hauptpunkten sind wir mit dem Redner ganz einverstanden, weniger mit seinen Erörterungen über den für uns Katholiken nicht vorhandenen Unterschied zwischen Kirche und Christenthum, auch nicht mit der auch nur vorläufig noch zu duldenden Kasernirung deö Lasters. DaS Schriftchcn verdient übrigens auch aus katholischer Seite alle Beachtung, insbesondere der Rath, das öffentliche Laster und seine Förderer durch daS Vereinswcsen zu bekämpfen. Kirchenmni'ikalische Vierteljahrsschrift. Hcransgcz. vom Salzburgcr Diöccsan-Cäcilien-Vercin. Verlag von Mittcrmüller in Salzburg. Preis, 2 M. per Jabr. Das Heft III 1894 enthält n. A.: Orlando di Lasso, die Ehoralrcsponsorien, über Gesangschnlen, Statuten für Kirchen- sänger aus dem 18. Jahrh. n. s. w. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1891. Zehn Hefte M. 10.80. — Freibnrg im BrciSgan. Hcrdcr'sche Ncrlagshandlnng. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 9. Heftes: Henry George und die En- cyklica -Herum normrum«. I. (H. Pesck 8. 9.) — Die Geschichte eines unglücklichen Fürstensohnes. III. (O. Pfülf 8.9.) — Die Reblaus und ihre Vorgänger. (E. Wasmanu 8. 9.) — Die Mosaiken von Navcnna. I. (S. Bcissel 8. 9.) — Mohammed und die Literatur der Araber. (A. Baumgartner 8. 9.) Recensionen: Korioth, Katholische Apologetik (A. Pergcr 8. 9.); tzuillist, vo eivilis yotootatis ori§ino tlrooria eatlwlioa, (A. Lehmknhl 8. 9.); Kepplcr, Wanderfahrten und Wallfahrten im Orient. — Empfehlenswerthe Schriften. — Mis- ccllen: Ein Nachtrag zum Artikel über Picrlnigi da Palestrina; Die Ceremonie des Fnßknsses; Das internationale Schiedsgericht. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabhcrr in Augsburg. tti-. 46 15. Navl-r. 1894. Die Beuroner. Durch die Presse geht gegenwärtig die Nachricht, daß die Beuroner Benedictinercongregation demnächst auch im fernen Auslande Niederlassungen gründen wird. Schon im Vorjahre wurden einige Patres derselben nach Brasilien entsandt, um in die dortigen Ordensverhältnisse Einsicht zu nehmen, da vom HI. Stuhle die Einführung der von den Beuronern angestrebten Reformen in dortigen Klöstern befürwortet wurde, und es soll nun demnächst, sobald die hiezu nothwendigen Anstalten getroffen sein können, eine Colonie nach Südamerika entsandt werden. Auf der Rückreise haben diese Patres in einem Kloster der portugiesischen Provinz Porto Aufenthalt genommen, und während desselben theilte ihnen dessen Abt seinen Wunsch mit, es von Beuroner Mönchen geleitet zu wissen. Es wurde nun beschlossen, daß der vor einigen Jahren in die Kongregation eingetretene Fürst Nadziwill (?. Benedict) mit der Mission nach Portugal betraut werden solle. Gelegentlich dieser Neuigkeiten dürfte es von Interesse sein, Näheres über die so sehr emporstrebende Kongregation zu erfahren. Dieselbe wurde, wie bereits bekannt sein dürfte, vor mehr als zwei Dezennien durch den späteren, nunmehr gestorbenen Erzabt Dr. Maurns Wolter gegründet, der vom hl. Stuhle mit der Reform des Benedictinerordens, zunächst in den Ländern deutscher Zunge, betraut worden war. Zur Ausführung seiner Pläne, zu denen nur die geringsten Mittel vorhanden waren, fand er unerwartet entgegenkommende Unterstützung durch die Fürstin Katharina von Hohenzollern, welche ihm die Gebäulichkeiten ihres Besitzthumes Beuron in Hohenzollern zur Gründung einer ersten Niederlassung in Deutschland überließ. Nach Ueberwindung vieler anfänglicher Schwierigkeiten erreichte dieselbe eine Blüthezeit, welche die Aufmerksamkeit weiter Kreise anzog und speziell die Pflege der Künste in der neuen Communität ließ sie zu hoher Achtung gelangen. Der Name der Beuroner Malerschule wurde seitdem in Erörterungen der neuen christlichen Kunst oft unter Anerkennung der Bedeutsamkeit der von diesen Klosterkünstlern angestrebten Reformen zur Förderung der Würde und Erhabenheit christlich-künstlerischer Schöpfungen in den Vordergrund gestellt. Ferner wurde die eigenartige Wiederbelebung des Choralgesanges durch die Beuroner Mönche bald so geschätzt, daß sogar bei Verbannung der „jesuitenverwandten" Congregationen zur Zeit des Culturkampfes man dem Zugeständnisse nicht abgeneigt war, die Beuroner im Lande zu lassen, falls sie dem Unterrichte in der Kirchenmusik ihr Hauptaugenmerk zuwenden würden. Doch endeten die damals eingeleiteten Verhandlungen derart, daß die Mönche sich in das ihnen gebotene Asyl zu Volders in Tirol begaben. Es waren ihnen aber noch glücklichere Zeiten durch die Gunst des österreichischen Kaiserhauses beschieden. Vorerst wurden sie zur Uebernahme des vereinsamten Benedictinerklosters Emmaus bei Prag veranlaßt. Eine Besichtigung der früher dringend einer Verbesserung bedürftigen, durch ihren historischen Werth in mancher Hinsicht bedeutsamen Gebäulichkeiten in der Gegenwart mag erkennen lassen, was Beuroner Fleiß und Beuroner Kunst in verhültnißmäßig kurzer Zeit zur Vervollkommnung und Veredlung zu schaffen vermag. Die Kirche, die historische Wenzelscapelle, und das Kloster selbst sind durch die herrlichsten Frescogemälde und sculptorische Kunstentfaltung zu einer der hervorragendsten Zierden der altehrwürdigen Stadt geworden. Die stets wachsende Zahl der Mitglieder der Con» gregation wachte bald neue Gründungen nothwendig. Schon vor der geschilderten Besserung der Verhältnisse für dieselbe in den Ländern deutscher Zunge war eine Niederlassung zu Maredsous in Belgien durch die Opferfreudigkeit eines belgischen Edelmannes veranlaßt worden, welcher der Bau einer imposanten, im gothischen Stile gehaltenen Heimstätte für die eifrigen Mönche zu danken war. Der erste Abt dieses Klosters war der Bruder des genannten Erzabtes, Dr. Placidus Wolter, und unter seiner Leitung wurde nicht nur der künstlerische, sondern auch der literarische Werth der neuen Communität gesichert, welch letzterer gegenwärtig eine allgemeine Würdigung erfährt. Das „Cstroinooli Leueätetimim" und die „Lunalas äs l'Orära äo Luiuk-Löiwlk" dürften, was historische Forschung und treffende Kennzeichnung der Neformverhältnisse der Gegenwart anbelangt, zu den geschätztesten Quellen gehören. Das Gedeihen der Neu- stiftnng hat es auch ermöglicht, daß mit diesen Bestrebungen erzieherische Thätigkeit verbunden werden konnte. DaS Kollegium von Maredsous, dessen Schüler meist belgischen Adelskreisen entstammen, ist sehr geschätzt, ähnlich wie das, welches mit der zweiten noch zu erwähnenden Niederlassung im Auslande, in dem Priorate Erdington bei Birmingham, gegründet wurde. In Oesterreich und Deutschland sollte der Kongregation noch weitere Entfaltung beschieden sein. Durch die Bemühung des Cellerars der Präger Abtei, k. Jldephons Schober, gelang die Erwerbung des historisch durch die Fürstbischöfe von Graz bekannten, im Jahre 1140 vom Grafen Adalram von Waldeck gegründeten Klosters Seccau, dessen ausgedehnte, aber sehr reparaturbedürftige Räume zunächst zur Wohnstätte des Beuroner ClcricateS bestimmt wurden. Nachdem im Jahre 1687 das anfängliche Priorat Seccau zur Abtei erhoben war und früher schon der Wiedereinzug der Mönche in ihrem ersten Kloster gestattet sworden, wurde dem Gründer der Kongregation der Titel eines Erzabtes zuerkannt, und wühlte derselbe wieder Beuron zu seiner Residenz. Emmaus erhielt einen neuen Abt in der Person des früheren Priors, k. Benedict Sauter. Der obengenannte Cellerar hingegen wurde zum Abte von Seccau bestimmt. Die spätere Uebernahme des Klosters Maria-Laach darf bereits als bekannt vorausgesetzt werden. Wenn wir nach der Ursache dieses verhültnißmäßig so auffallend raschen Wachsthums dieser unter nicht allzu günstigen Auspicien eingeleiteten Neformbcwegung im Benedictinerorden fragen, so dürfte der energisch vorwärts strebende, fest an den erkannten Principien haltende und doch mit seltenem mildem Zugeständnis; an einzelne Verhältnisse wirkende Geist, der die Führer in ihren Bestimmungen und Handlungen beherrscht und der in dem mehr als unter andern Verhältnissen erzielten Gesammtbewußtsein der Communitäten eine kräftige Stütze findet, verbunden mit dem die Bemühungen reichlich lohnenden schützenden Entgegenkommen von Seite hoher und einflußreicher Kreise, als solche sich ergeben. Die Grundsätze und Gebräuche des Ordens, wenn auch nicht für alle Individualitäten in gleicher Weise 362 geeignet, bieten viele Anschlußpunkte an die durch ihre edle Mäßigung und vornehme Empfindung in der Geschichte eigenartig hervortretenden Zweige des Bencdicüner- ordcns, z B. die Manriner. In neuerer Zeit ergaben sich naturgemäß die meisten verwandtschaftlichen Beziehungen mit den in Frankreich so schwer getroffenen Mönchen von SolcSmes. Wie diese und ursprünglich alle Congregationen strengerer Observanz, haben auch die Beuroner ihre Kräfte in erster Linie auf das OEeiurn divinum con- centrirt. Das bedeutsame Werk des ErzabteS Walter „ksallits Zg-xianter" ist ein Beweis deS trotz der strengsten Beachtung der äußeren ceremoniellen Borschriften erzielten tiefen Eindringens in die kontemplativen Aufgaben des Mönchslebens. Anderseits aber beweisen uns die Werke des Abtes von Emmaus, Sauter, sowie des auch sonst durch historisch-liturgische Forschungen neben seinem nunmehr verstorbenen Cousrnter k. Suitbert Bauemer bedeutsam wirkenden k. Ambrosius Ktenle über die nothwendige Auffassung und die nothwendigen Reformen auf dem Gebiete des Choralgesanges, daß die Kongregation der äußeren Veredlung und der Rückleitung des Gottesdienstes auf frühere Principien in der von Nom in neuerer Zeit befürworteten Weise auf das erfolgreichste sich widmet. Daß die auf Askese gerichteten Bestimmungen der Congrcgalion, wie sie im traditionellen Ordensleben als integrirender Faktor auftreten müssen, dazu beitragen, die Neformrichtung derselben noch mehr hervorzuheben, ist nach dem Gesagten erklärlich. Wenn auch in dieser Hinsicht vielleicht ein allzu rigoroses Festhalten an alten Usancen zu beobachten ist, so muß doch im Allgemeinen anerkannt werden, daß der äußerlichen Strenge, die in andern Orden so sehr hervortritt, wehr die inneren, rein seelischen asketischen Bemühungen vorgezogen werden, die bei dieser Kongregation eine gewisse principielle Uebereinstimmung mit besonders betonten Anschauungen des Jesuitenordens nicht verkennen lassen, wenn auch sonst der Charakter der beiden Gesellschaften, wie er durch manche Verschiedenheiten in den Bestrebungen festgesetzt wird, keineswegs die Behauptung einer näheren Verwandtschaft rechtfertigt. Ch. Th. Saint-Paul. Planeten im Fixsternsysiem. Beitrag zur Astronomie des Unsichtbaren. Von Max Mater (Schaufling). -Motto: „Die Spräche der Analysis des Unendlichen, die vollkommenste aller Sprachen, ist schon an sich selbst ein mächtiges Hilfsmittel und Werkzeug der Entocckung." Pierre Simon Laplace in »Llöeanigus eLkebte«. Die meisten Sterne, .die wir am Himmelszelte erblicken, sind Fixsterne, die von unserer Sonne und von einander durch unermeßlich große Zwischenrüume getrennt werden. Die Spektralanalyse, welche dem Chemiker noch Vsononon Milligramm eines Natriumsalzes nachweisen läßt, hat dargethan, daß jeder Fixstern in seinem physischen Aufbau die größte Aehnlichkeit mit dem Centralkörper unseres Systems, mit unserer Sonne, besitzt und außerdem eine lange Reihe von Entwickelungsstadien von der intensivsten Weißglühhitze bis zu einer massenhafte Kondensationen von Metalldämpfen bedingenden Abkühlung und noch weiter bis zum festen Zustande zu durchlaufen hat, freilich in unmcßbaren Jahrmillionen! Also die Fixsterne lauter Sonnen! Sie erweisen sich aus derselben Materie zusammengesetzt, welche wir hier auf Erden analystren, sie eilen in rastlosem Fluge durch den unendlichen Raum — welchem Ziele entgegen? wir wissen es noch nicht; was liegt da näher als der Gedanke: alle Fixsterne als Sonnen sind Tagesgestirne für besondere Welten, mit anderen Worten: alle Fixsterne sind Sonnen für Systeme von dunklen Körpern, für Planetensysteme. — Nicht nutzlos würden auf diese Weise diese fernen Sonnen ihren ungeheueren Vorrath von Energie durch Vermittlung des Aethcrs, in welchem die Körper reiblos dahingleiten, in den Weltenraum ausgießen, vielmehr würden sie auf großen und kleinen Weltkugeln durch ihre Licht- und Wärmestrahlcn das Leben in der Materie wachrufen und bis zur höchsten Vollendung steigern. Nachdem wir wissen, daß auch auf den andern Welikörpern des Universums dieselben chemischen Bestand- theile existiren, durch welche auf unserem Erdball daS organische Leben bedingt wird, so entsteht von selbst die Frage, ob nicht auf diesen Körpern eine der irdischen Flora und Fauna analoge Stufenreihe von Organismen sich entwickelt, sobald dieselben physikalischen Bedingungen wie auf unserer Erde erfüllt sind. Jeder Weltkörper ist für uns ein Samenkorn, das bei seiner Entstehung schon eine ganze Organismenwelt xoteirtialrtöv enthält, um sie dann unter den günstigen Bedingungen entwickeln zu lassen. (Vgl. die merkwürdigen Spekulationen Kant's im 3. Theile der „Naturgeschichte des Himmels". Ost- wald's Klassiker der exakten Wissenschaften. Leipzig, Engelmann.) Wenn wir auch sicher wissen, daß auf einzelnen Weltkörpern, z. B. den Fixsternen, Organismen nicht existiren können, so lange sie sich im Glühzustand befinden, so thut das der Annahme der Bewohnbarkeit der Welten keinen Eintrag! Wir wissen, daß unsere Erde von ihrem einst gasförmigen, dann glühend flüssigen bis zu ihrem jetzigen Zustande mit erkalteter Rinde eine Entwickelung von mehreren Millionen Jahren durchlaufen hat. Mehr als 10 Millionen Jahre hat sie sich um die Sonne bewegt, bis endlich einmal, vermuthlich in der kambrischen Periode, auf ihr die einfachsten Zellen- orgamsmen entstanden; Menschen haben vermuthlich nicht viel länger als höchstens 10,000 Jahre auf ihr gelebt, die Civilisation besteht auf ihr noch nicht 5000 Jahre; hätte also ein Enge! die Eide in Zwischenräumen von 10,000 Jahren besucht, um Menschen zu suchen, so würde er viele tausend Male enttäuscht worden sein. So würde es auch uns gehen, wenn wir die fernsten Sterne nach lebenden Wesen absuchen würden. Uebrigens wer sagt uns, daß das Leben, die Reizbarkeit des Protoplasmas überall im unendlichen Weltall zwischen denselben Grenzen eingeschlossen ist, wie hier aus Erden! (Vgl. meine Ausführungen in „Natur und Offenbarung". 40. Bd. 1894, S. 193 ff., 272 ff. u. 462 ff.) Diese ganz der Vernunft entsprechende Auffassung würde jedenfalls eine wesentliche Stütze bekommen, wenn man einmal darüber volle Gewißheit hätte, daß die Fixsterne mit Planeten d. h. mit dunklen Körpern ausgestattet feien. Die Astrophysik hat in jüngster Zeit auf einem höchst einfachen Wege Anhaltspunkts erhalten, um auf das Vorhandensein dunkler Fixsternbegleiter zu schließen. Der erste Fixstern, bei dem ein dunkler Begleiter 363 nachgewiesen werden konnte, war der Stern st (Algol) ini Persens. Im Jahre 1667 hatte Montanari erkannt, daß dieser Stern sein Licht verändere, d. h. daß er bald Heller, bald dunkler werde, und erst Arge land er und Schönfeld ersahen aus ihren zahlreichen Beobachtungen, daß das Maximum der Helligkeit Algols 2 Tage 11*/z Stunden anhält, um dann in 4*/» Stunden bis zum Minimum der Helligkeit herabzusinken und in weiteren 4*/z Stunden wieder zur vollen Stärke anzuschwellen. Man hat im Laufe der Zeit noch sieben Fixsterne gefunden, deren Ltcbtwechsel dieselben typischen Eigenschaften wie Algol besitzt. Verschiedene Erklärungen wurden gegeben. Als die plausibelste erwies sich diejenige, welche den Lichtwechsel erklärte durch einen den Algol umkreisenden weniger hellen oder dunklen Himmelskörper. Die Bahnebene mußte sich natürlich nahe in der Gesichtslinie befinden, so daß beim Vorübergehen des dunklen Körpers jedesmal eine Bedeckung d. h. Verfinsterung des hellen stattfand. Die Umlaufszeit der beiden Körper um ihren Schwerpunkt mußte 2 Tage 21 Stunden betragen, d. h. der Periode des Lichtwechsels gleich sein. Daraus lassen sich die Elemente der Bahn dieses Doppelsternsystems berechnen. Aus diesen Berechnungen ergab sich, daß die Distanz der beiden Körper äußerst gering ist, so daß man an die Stabilität eines so engen Systems nicht glauben konnte. Die scheinbare Distanz der beiden Sterne am Himmel konnte nicht viel über den hundertsten Theil einer Bogensekunde betragen, und derartige Distanzen können selbst in unseren Niesenrefraktoren nicht aufgelöst werden. Da machte das Spektroskop, dieser feinste Analyscnr der Materie, den dunklen Begleiter des Algol sichtbar! Nach dem Doppler'schen Princip, nämlich aus der gegenseitigen Verschiebung der Linien im Spektrum, können wir ermitteln, ob ein Himmelskörper sich uns nähert oder ob er sich entfernt, und mit welcher Geschwindigkeit dieses geschieht. (Die höchste Genauigkeit in der Messung der Linienverschiebung in einem Spektrum wird durch die im Jahre 1888 zum ersten Male angewandte spektro- graphische Methode erzielt.) Wie ein Ton immer höher wird, je mehr sich dessen Quelle uns nähert, oder immer tiefer, je weiter sich eine Tonquelle von uns entfernt, weil in dem ersten Falle in der Zeiteinheit immer mehr, im zweiten Falle immer weniger Schallwellen unseren Gehörnerv reizen, so werden auch die Linien im Spektrum eines Sternes, der sich uns nähert und der uns also in der Sekunde immer mehr Aetherwellen zusendet, gegen die violette Seite hin verschoben; im entgegengesetzten Falle, wenn sich der Stern von uns wegbewcgt und uns also immer weniger Aetherwellen in der Zeiteinheit zusendet, so werden die Linien eine Verschiebung gegen Noth hin erleiden. Vogel und Sch einer in Potsdam waren es, welche die Lösung des Algolproblcms auf fpektrographischem Wege versuchten und das Ergebniß ihrer Untersuchungen am 28. November 1889 der Berliner Akademie der Wissenschaften vorlegten. Daß ein Satellit, der so starke Verfinsterungen hervorrufen kann, an Größe und an Masse vom Hauptstern nicht zu sehr verschieden sein kann, ergibt sich bei der einfachsten Ucberlegung. Die Himmels-Mechanik zeigt, daß sich solche Körper, die an Masse sehr wenig differiren, um einen gemeinsamen Schwerpunkt bewegen müssen. (Bei unserem Sonnensystem liegt dieser Schwerpunkt in der Sonne wegen ihres Massenüberschusses.) Nun muß Algol, wenn er wirklich um einen von seinem Centrum verschiedenen Punkt kreist, während jedes Umlaufes ein Mal mit großer Schnelligkeit sich von uns entfernen, ein anderes Mal mit ebenso großer Geschwindigkeit uns näher kommen, welche Bewegungen in den Linien- verschiebungen des Algolspektrums sich wiederspiegeln müssen. So fanden Vogel und Sch einer, daß die Bahngeschwindigkeit Algols 42, die seines dunklen Begleiters 89 Kilometer beträgt. Das ganze System bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von nur 4 Kilometer auf uns zu. Die Massen der beiden Körper sind ^/g und 2/g der Sonncnmasse. Der Durchmesser des Hauptsterns ist 1,700,000, der des Begleiters 1,330,000 Kilometer. Die Distanz der beiden Mittelpunkte beträgt 5,480,000 Kilometer! Die Mittelpunkte dieser beiden Körper sind 10 Mal näher aneinander gerückt, als der sonnennächste Planet Merkur bei seinem Tagcsgestirne steht. Die Oberflächen dieser beiden Körper müssen also noch näher sein! Für Merkur hat Schiaparelli vor einigen Jahren nachgewiesen, daß die Zeit seiner Notation gleich der Zeit feines Umlaufes um die Sonne ist. Seit den berühmten Mathematischen Untersuchungen von Georg Darwin und William Thomson wissen wir, daß der Grund hievon in einer sehr starken Fluthwclle zu suchen ist, welche die Sonne seit unermeßlichen Zeiten auf der Oberfläche des Merkur hervorgerufen hat. Um wie viel stärker müssen bei Systemen, wie dem des Algol, die Fluthwirkungen der beiden Körper sein! Algol und sein dunkler Begleiter müssen, wie Wilsing gezeigt hat, Ziemlich stark von der Kugel abweichende Formen besitzen; sie müssen in der Richtung ihrer Mittelpunkte verlängert sein — nach G. Darwin'S Theorie in ciähnlichen Figuren, deren Spitzen einander zugekehrt sind. AuS Unregelmäßigkeiten in der Periode des Lichtwcchsels hat Eh and! er auf einen dritten dunklen Körper im Algol- system geschlossen. Die exacten Untersuchungen hierüber sind aber bis jetzt noch nicht abgeschlossen. (Schluß folgt.) Der Einfluß des Klimas auf die Umgestaltung der Thierrassen. Von H. von Remagcn. (Schluß.) Am augenscheinlichsten sind unter den Veränderungen, welche das Klima rc. hervorruft, jedenfalls diejenigen, welche an den Haaren und Hörnern sich vollziehen. Wie schon bemerkt, haben die meisten Thiere in heißen Gegenden nicht nur weniger, sondern auch kürzere und feinere Haare, als in kälteren Zonen, wie dies z. B. die nackten Hunde Chinas beweisen. In Grönland dagegen sind die Mitglieder dieser Spezies stark behaart, während der Büffelochs Chinas nur wenig einzelne Haare hat. Der Fuchs ist im Norden stark behaart, im Süden dagegen trägt er einen weit feineren und kurzhaarigen Balg. Aber auch die einzelnen Haare werden abgeändert, wenn man Thiere aus einem Klima in das andere versetzt. So wurde, wie schon gezeigt, z. B. die schönste und feinste Wolle der Merinos in Chile und Peru verhältnißmäßig schnell in schlichte und steife Haare verwandelt. Wie das Haar, verhalten sich die Hörner in Bezug auf Form und Construktion, indem sie bei einigen Thierarten kürzer werden, sich in der Masse mehr verdichten und sich dabei Heller und glänzender färben, bei anderen i aber mehr oder weniger gewunden erscheinen. Als Bei- 364 i spiel dienen hiefür einige ostindische Rindvieh- und Schaf- Rassen. Aber auch im Nebligen wirkt das Klima umbildend. So wird der europäische Hund, wenn er nach den heißesten Gegenden von Afrika verpflanzt wird, stumm, das heißt, sein Bellen verwandelt sich in ein Gemurr; dabei bekommt er spitzige, steife Ohren, wird häßlich und verliert die Haare, wie auch seinen ehemaligen Muth; ebenso ergeht es ihm in Südamerika. Was nun die Größe der Thiere betrifft, so steht auch diese offenbar in Wechselwirkung mit dem Klima. Denn unter den wärmeren Himmelsstrichen finden sich im Allgemeinen größere und ausgebildeter« Formen der organischen Welt vor, als in den gemäßigten, und die bildende Thätigkeit der Natur erscheint dort in jeder Hinsicht kräftiger, was man besonders bei den auf dem Lande lebenden Thieren bemerken kann. In den nördlichen Gegenden von Europa findet man die Farnkräuter als kleine Gewächse, während sie in den tropischen Gegenden zu hohen, baumartigen Farnen gedeihen. In unserem Norden findet man durchgehend nur kleine Amphibien- arten, während im Süden die kolossalen Krokodile, Niesenschlangen und Niesenschildkröten Hausen. Wie gering sind nicht die wilde Katze und der Luchs, diese beiden Arten des europäischen Katzengeschlechtes, gegen den mächtigen Löwen und Tiger des Südens? Die hohen Palmen, Giraffen, Elephanten gehören alle dem Süden an, dem Norden dagegen die großen Wasserthiere. — Das Pferd in den heißen Zonen und im hohen Norden ist klein, wie in Arabien, Island und Sibirien. Versetzt man Rindvieh aus den gemäßigten Zonen Europas, z. B. nach Ostindien, so wird es in den folgenden Generationen bedeutend kleiner, ebenso ist's mit den Schweinen. Werfen wir weiter einen Blick auf die Temperamente, Triebe und Eigenschaften der Thiere, so werden wir wiederum einen Einfluß des Klimas spüren. So findet man in den heißen Zonen meist Thiere von lebhaft cholerischem Temperament, von der wilden Katze anfangend bis zum Tiger und zum Löwen hinauf, während die Nanbthiere in gemäßigteren Gegenden weniger raubgierig und meist sanfter sind, wie der Wolf und der Hund. In den gemäßigten Zonen ist auch das Fleisch viel wohlschmeckender und nahrhafter, als in den heißen und kalten. Die Häut ist in weniger warmen Gegenden ebenfalls anders gestaltet, als in heißen; in jenen ist sie weniger porös, daher dichter, zäher und weniger dick. Dasselbe gilt von den Knochen, welche bei den meisten Thieren in einem warmen und gemäßigten oder einem trockenen Klima weit dichter, weniger porös und daher bei gleicher Dicke weit fester als im kalten sind. Allerdings kommt Hiebei auch der Aufenthaltsort und die Nahrung in Betracht. Man muß bei alledem die Tiefen, Höhen, Berge und Sumpfgegenden nicht unberücksichtigt lassen. — In Betreff der Nahrung ist zu bemerken, daß alle Pflanzen, die in Tiefen oder einem feuchten Klima wachsen, weit mehr wässerige als feste Theile in gleichem Gewichte und Volumen enthalten, und daß daher Thiere, die dort heimisch sind, gegen jene in einem entgegengesetzten eine andere Körperform annehmen. Je besser die Weiden sind, desto herrlicher gedeihen die Thiere; so haben die oberen kalten Gegenden Sibiriens, wo die Weiden äußerst schlecht sind, kleines, elendes, oftmals hornloses Rindvieh; so sind die Ochsen Persiens klein, hingegen in der Kalmuckei und Ukraine wegen reicher, guter Nahrung sehr groß; so sind die Ochsen der Schweiz größer, als die Frankreichs. Bei Verschiedenheit der Nahrung nimmt meist nicht bloß die Größe, sondern auch die Form des Körpers eine verschiedene Gestalt an; bei dieser beginnt die Veränderung von innen nach außen, bei den klimatischen Einflüssen dagegen mehr von außen nach innen. Darum hat man wohl gesagt: „das Klima verändere den Typus von außen nach innen, die Nahrung dagegen von innen nach außen." Wenden wir schließlich unsere Aufmerksamkeit noch den Abänderungen in der Färbung zu, welche durch die klimatischen Einflüsse hervorgerufen werden, so finden wir, daß diese besonders groß sind, wenn nämlich Dr. Gloger in Breslau — der diesen Gegenstand ausführlich behandelte und durch Beispiele belegte — Recht hat. Nach ihm wird an Vögeln z. B. das Schwarz oder Braunschwarz in wärmeren Gegenden einerseits tiefer, während es andererseits bei unbestimmter Abgrenzung von hellen Farben sich mit bestimmten Grenzen von diesen abzuscheiden und in schärferen Gegensatz gegen sie zu treten pflegt, so z. B. bei den Dohlen, dem schwarzkehligen Wiesenschmätzer, auf den Flügeln der Nöthlinge, bei der weißen Bachstelze. Theilweise muß es aber auch weichen, wie bei den Schwänzen des rothköpfigen Würgers, der Steinschmätzer-Arten, den Flügeln der Röthliuge, der weißen Bachstelze, beim Schwanz des Erlenzeisiges, mehrerer Grasmücken und Lerchen, besonders aber des Wiedehopfes und der Feldtaube. Die Färbung nimmt hingegen ab bei Standvögeln unter kalten, nördlichen oder östlichen Klimaten, so beim Jagdfalken, bei dem Mäusebussard, bei der Schnee-Eule, bei dem Uhu, bei der gemeinen Krähe und hin und wieder bei dem Wasserschmätzer. Das Graue und Graubraune neigt sich an wärmeren Orten mehr ins Dunklere und geht zuletzt ganz in das Schwarze über, wie z. B. beim Hühnerhabicht, beim Sperber, beim Zwergfalken, bei der Dohle, bei der Wacholderdrossel. Ganz deutlich verdunkelt sich das helle Nothgrau beim Baumläufer. Oft wird ein recht Helles Weißgrau bei denselben klimatischen Einflüssen noch lichter, ja manchmal ganz weiß, so bei dem grauen Kopfe des männlichen rothköpfigen Würgers, an mehreren Theilen der Dohle, an der Stirn und den Hinteren Schwanzfedern der Nöthlinge, an den Flügeln der weißen Bachstelze, an oen Seitenschwauzfedern der Grasmücken und am Schwänze der Feldtaube. Im Norden wird dies Heller, oder es tritt das Weiße an die Stelle des Grauen und Graubraunen, so bei der gemeinen Krähe am nördlichen Laufe und Busen des Obi, beim Hühnerhabicht, Jagdfalken, Mäusebussard, beim Uhu und oft bei der Schneetaube. Das Weiße nimmt meistens in den kalten Ländern an Glanz und Schönheit zu, während es in wärmeren Ländern sich mehr in das Schwarze verliert. Die hellere Nostfarbe wird in den wärmeren Klimaten zu tiefem Rost- oder Rothbraun, z. B. am Bauche des schwarzkehligen Wiesenschmätzers, des GartenröthlingS, Garten- Ammers, Baumläufers und den Hinteren Flügelfedern der Turteltaube. Bei anderen Vögeln werden diese Farben, wo sie oft nur schwach oder bloß angedeutet sind, weiter ausgedehnt, überziehen allmählig größere Strecken und verdrängen dadurch die benachbarten Farben, wie z. B. am männlichen Sperber, Mäusebussard, am rothköpfigen und weiblichen rothrückigen Würger, dem 1 Wasserschmätzer, männlichen Haussperling, ganz besonders aber am einjährigen oder jüngeren Kuckuck und dem jungen Jagdfalken. So nimmt bei den Gänsen im Alter der Körper eine viel höhere Nostfarbe an, während die weißen Schnabelfederchen sich verlieren. Oefters entsteht tiefes Nothbraun aus einem schwefelgelblichen oder blassen Nostgelb, wie beim Wiesenpiper im Sommer oder beim blaukehligen Erdsänger und Gartenammer. Im hohen Norden sind sie gegen eine sehr merkliche Abnahme dieser Farben geschützt. Weniger auffallend werden Blau und Grün in wärmeren Gegenden erhöht; im Alter kommt bei einigen Vögeln das Grüngelb mehr zum Vorschein, so beim Erbsenzeisig und Hänflling. Ebenso verhält es sich bezüglich der Färbung mit den Säugethieren. Von dem gemeinen Eichhörnchen gibt es bekanntlich in unseren Gegenden ein rothes und schwarzes, während letzteres in Skandinavien fehlt. Die rothen Thiere dieser Art sind bei uns im Sommer braunroth, im nördlichen Skandinavien aber noch etwas dunkler gefärbt, werden aber bei uns im Winter grauer, in Skandinavien graubraun und in Sibirien ganz weiß. — So hat der I^vxus doreulis im südlichen Skandinavien, ebenso wie bei uns, während des Sommers eine graubraune, im Winter aber eine weißgraue, in Grönland das ganze Jahr hindurch eine weiße Färbung. Aehnliches bietet das kleine Wiesel und andere Thiere. Die grüne Farbe wird vielfach weißgrau, wenn sie längere Zeit hindurch dem Lichte entzogen wird, so z. B. bei den Laubfröschen. Bewahrt man diese Thier- chen einige Zeit über im Dunkeln auf, so findet dieser Farbenwechsel statt; setzt man sie hingegen dem Sonnenlichte aus, so wird ihre Farbe immer dunkler. Im Allgemeinen werden alle Farben bei den Thieren Heller, je werriger die Luft einwirken kann. So behalten die Larven einiger Nachtschmetterlinge, als des Lomsizx Virrulae, Lpliinx ocollata,, Illgustri, ihre Farben bis fast zu ihrer Verwandlung, wenn man sie in Behältern mit Glasglocken aufbewahrt und sie dem Lichte aussetzt. Werden sie aber mit hölzernen Deckeln bedeckt, so bleichen sie bald. Die grüne Farbe wird gelb; bei der Vinula und Liguster wird sogar das Roth blässer. — Ebenso verlieren Vögcl, die beständig im Zimmer unterhalten werden, endlich die dunkleren Farben, vorzüglich die rothe; doch muß ein Theil dieser Veränderungen der veränderten Nahrung rc. zugeschrieben werden. Aus dein allem geht hervor, daß dem direkten und bestimmten Einflüsse äußerer Lebensbedingungen, wie z. B. dem Klima, bei der Veränderung der Thierrassen ein nicht geringer Airtheil einzuräumen sei, wenngleich das Hauptgewicht auf die Thätigkeit der Menschen zu legen sein dürfte: Die Natur liefert allmnhlig mancherlei Abänderungen, der Mensch summirt sie in gewissen, ihm Nützlichen Richtungen. Einige Scenen aus dem Schwedenkriege. (Auch ein Beitrag zur Beantwortung der Frage: „Ob Deutschland bei der Gustav- Adolf-Feier mitthun soll?") Von k. Emmeram Hcindl, 0. 8. L. (Schluß.) 5. Metten. In ?. Nnpert Mittermüllcrs „Kloster Metten und seine Aebte" lesen wir S. 163 f.: Im Jahre 1633 und 1641 wurde das Kloster theils durch die Feinde, theils durch die Freunde rein ausgeplündert. Im Jahre 1633 war der Andrang des schwedischen Feindes für Metten und die Umgegend am verhängnißvollsten. Die Mönche erhielten am 14. Nov. 1633 ihre Empfehlungsbriefe, um anderwärts Schutz und Unterkunft zu suchen; einige derselben gerathen jedoch in Gefangenschaft und wurden sebr übel behandelt. Der Abt selbst (Johann Christoph Gurtknccht) flüchtete sich einige Tage später nach Oesterreich. Die Plünderung des Klosters war vollständig; als der Abt zurückkam, fand er im Stalle, im Wohnhause, auf dem Gctreidekasten alles leer. 6. Ottobeuren. (Nach k. Maurus Feherabend: „Des ehemaligen Neichs- stistes Ottenbeuren sämmtliche Jahrbücher"; Ottobeuren 1815 bei Ganser; 3. Band.) Das Stift Ottobeuren wurde i. I. 1634 gewaltsam ver- wclilicht, als Besitzthum dem schwedischen Oberst Wurmbraud angewiesen und eine weltliche Verwaltung darüber bestellt. Der Abt und die Convcntualen flohen nach Füssen und von da in das Stift St. Peter zu Salzburg. Dann heißt es wörtlich: „Der einzige, welcher (von Füssen) wieder nach Hause zurückkehrte, war der in unserer Hausgeschichte unvergeßliche k. Jerc- mias Mahr, ein geborner Mindelheimer (geb. 1588, Profeß zu Ottobeuren 1602), ein Mann, der allen Gefahren und Schrecken der Zeit trotzte, der Wächter und einzig sichtbare Schutzgcist des Hauses, der als ein in der Nähe umherwaudernbcr Engel deö Friedens und Trostes unter hundert Lebensgefahren alle Unternehmungen der Feinde genaues) beobachtete, schriftlich bemerkte, der leidenden Menschheit Oel in die Wunden goß, die Pflichten eines allgemeinen Scclcuhirten erfüllte, manchesmal in verschiedenen Pfarrkirchen in einem Tage bei dem Mangel der theils ermordeten, theils flüchtig gewordenen PsariPriester 2- bis 3mal das Wort Gottes predigte und das hl. Meßopfer entrichtete, und welcher bei seinem äußerst mühsamen und gefahrvollen Hirtenleben weder eines bestimmten Tisches noch einer bestimmten Herberge genoß. Erst jetzt ging es zu (so sagte man 20 Jahre später bis jetzt) wie im schwedischen Kriege. DaS hiesige Stift stand leer und war, von allen Klostcrgeist- lichen verlassen, mehr nicht als eine schwedische Burg, und des Raubens sah man kein Ende." Dieser genannte ?. Jeremias Mahr selbst schildert in einem Berichte an seinen (in Salzburg weilenden) Abt Maurus vom 2. August folgendermaßen die Lage der Dinge: „Man besetzt unser Kloster ringsumbcr mit Schranken und Pallisaden, in die Klostermauern werden Schieß- löeber gebrochen, das Klostergebäude selbst ist mit einem Unteroffizier und 40 bewaffneten Schweden besetzt, die nach ihrem Vorgeben stark genug sind, es wieder mit 5—600 Kaiserlichen aufzunehmen. Noch zur Zeit ist an den Klostcrgebäudcn nichts zerstört worden. Noch tönen die Orgel, die Glocken; noch hat weder das kupferne Dach noch die Büchersammlung gelitten, und noch haben die Feinde von den verborgenen Schätzen nichts ausgespäht. UevrigenS leben die Pfarrer unseres Gebietes verschiedener Nachstellungen wegen sehr unsicher, und haben sie an Sonn- und Festtagen den PfarrgotteSdicnst geendigt, so eilen sie alle nach Ottenbeuren, wo sie sich sicherer glauben." In einem andern um einige Tage späteren Berichte schreibt er: „Ober der Orgel haben die Feinde Alles gefunden und mitgenommen, auch die von mir schon einmal gerettete Büchcrsamm- lung haben sie größtcntheils wcggeiübrt. In der geschlossenen Stiftskirche fällt auS Mangel der durchstreichenden Lust das Ghpswerk herunter." In einem Schreiben vom 21. Dezember des nämlichen Jahres 1634 sagt er: „Den 16. d. Mts. schlich ick mich NacktS in mein Kloster ein und schlief aus dem harten Boden meiner Zelle; am folgenden Tage las ich in der Stiftskirche die Messe; alle Diener weinten vor Freude uns grüßten mich bei der Hand. Die Zimmer fand ich so ziemlich ganz, nur wo man etwas Verborgenes ahnte, sind die Böden aufgehoben und alle Schränke, Behältnisse und Tbüren zerhauen und zerschlagen; die Kirche und die Apotheke sind sehr ichonend behandelt. Die Büchersammlung litt Vieles .... die Hausdienerschaft ist unter einander spaltig und zwieträcktig und kommt nirgendwo fleißiger und ciumülhigcr als beim Tische zusammen." Hieraus erzählt der Chronist (k. Feyerabend) weiter: „Nichts aber übertraf die unmenschliche Weise, womit die Schweden von den gemeinen Leuten die verheimlichten Gelder erpreßten. Einigen stießen sie in dieser Absicht Ahlen und Pfriemen durch die Waden, Anderen schössen sie, um Schrecken zu verbreiten, entweder zwischen den Füßen durch oder jagten ihnen Kugeln durch den bohlen Leib; wieder Andere füllten sie unter Bedrohung, mit Füßen auf ihre aufgedunsenen Leiber zu springen, mit einer Menge Wassers so voll an, daß sie bloß zwischen dem Zerplatzen nnd dem Entdecken ihres ver- 366 heimlichten NotbpsennigS zu wählen hatten; noch Andere sperrten sie in die Backöfen und heizten dieselben so lange, bis es die Hitze ebenso weit als der Wasserzwang brachte." Im I. 1635 erreichte das Elend in diesen Gegenden einen Grad. welcher bis zn den unmenschlichsten und verzweifeltsten Unternehmen verleitete. Der erwähnte k. JeremiaS Mahr schildert in einem Berichtsschreiben an seinen Abt Maurns vom 20. Jänner d. I. das Elend folgendermaßen: .... „die Pfarrer zn Otten- benren, Ottenhausen, Günz und Erisricd haben ihre Posten verlassen. In unserm Gebiete sind die meisten Mühlen zerstört und in einen unbrauchbaren Stand versetzt. Mit dem Hunger ist cS auf der äußersten Stufe; Pferdefleisch, ausgebälgte Katzen und geschundene Hunde sind jetzt die gewöhnlichen Delikatessen der bloßen Bürger, die Noth zwingt sie auch, nicht nur alle Gattung der Mäuse, sondern auch das MooS alter Bäume, Brennesseln und gleich den Thieren GraS und andere theils unverdauliche, theils äußerst ekelhafte Dinge zu speisen. AIS dieser Tage dem Herrn Obersten von Wolkenstein ein schäbiger und krätziger Esel fiel, stürzte man sich über das Aas her und fraß dasselbe begierig aus Zn Loos zehrte eine Mutter ihr eigen Kind auf, und eine andere stand eben im Begriffe, mit ihrer doppelten Leibesfrucht ihren Hunger zn stillen, als der Ortspfarrcr dazu kam und die Unmcnfchlichkcit binderte. Von AngSburg und dessen Gegenden meldet der Oberste von Biberack', daß man auch dort Menschcnflcisch speise." Erst im Jahre 1636 nach dem Abzüge der Schweden, dieser grausamen Unmenschen, traten wieder gelindere und menschlichere Tage für Sckwaben ein. Aber erst im I. 1610 kehrten die gcflüchtelcn Mönche unter ihrem Abte wieder in ihr Kloster zurück, und damit kehrte die frühere Ordnung wieder in das Stift ein. 7. Wcihcnstephan. Nach Gcntner'S Geschichte von Weihcnsiephan (München 1854 bei Hübsckmann) plünderten die Schweden bei ihrem ersten Einfalle in Bayern 1632 das Kloster von innen und voi^außen und benahmen sich besonders roh gegen jene vorhandenen «schätze, welche nicht mehr ersetzt werden konnten, nämlich gegen die Docnmcnte und wissenschaftlichen Alterthümer, an welchen Weihenstepban so reich war. Im Jahre 1634 nahten die Schweden wieder und ermordeten viele Leute in Vötting und Bachern, scheinen aber diesmal das Kloster verschont zu haben. 9. Weingarten. Ueber die Schicksale des Klosters Weingarten in dieser Periode entnehmen wir dem >6atalo§ns Lbdatum Iwxerialis Ilonasteiii IVain^artöllsis« von k. Gerhard Heß (Augsburg 1781) folgende Notizen: Im April des Jahres 1632 drangen die zn Ulm sich aufhaltenden schwedischen Soldaten in die umliegenden Klöster ein und plünderten sie; sie jagten eine solche Furcht ein, daß alle Klosterbewohncr die Flucht ergriffen und an andern Orten ein sicheres Unterkommen suchten. In das Kloster Weingarten flohen sehr Viele von verschiedenen Orten her. Am 20. April flohen aber auch 16 Mönche von Weingarten wegen dringender Gefahr, die seitens der Schweden drohte, nach Feldkirch. Am 16. Juli sahen sich auch die übrigen zur Flucht gezwungen. Bald darauf erschien ein schwedisches Heer, das die Bürger und Landlcute, die es antraf, ohne alles Mitleid verjagte oder tövtete. Von der Grausamkeit der Schweden blieb weder das Kloster noch seine Bewohner und Bediensteten verschont. Denn zwei derselben, welche eben krank lagen und deßhalb nicht hatten mitgenommen werden können, wurden grausam ermordet, ?. Nu- pcrt Khuen und der Schreiber Zoh. Maier. ?. Nupert lag auf einem mit trockenen Blättern gefüllten Sacke krank am Boden. Da kam ein lutherischer Fleischer aus der Nachbarschaft und zerschmetterte ihm mit einer Doppelaxt das Haupt. Als nach 11 Tagen die Feinde abgezogen waren, fand man ihn so, mit zertrümmertem «Schädel, tobt aus dem Sacke liegen. Sein Bild war bis über die Hälfte des Leibes auf dem genannte Sacke durch sein eigenes Blut so vollkommen ausgeprägt, daß man alle seine Glieder bis zu den Knöcheln deutlich unterscheiden konnte. Von den Fersen weg war ihm die Haut wie ein Stiefel abgezogen und wurde besonders gefunden. Den barbarischen Soldaten war es noch nicht genug, so grausam gegen die unschuldigen Bewohner gewüthet zu haben; auch daS Kloster selbst sollte jämmerlich verwüstet werden. Der Hochaltar und einige andere Altäre in der Kirche wurden entweiht und zerstört, die Heiligenbilder zerschlagen und mit Schmach überhäuft. Sogar der allcrbciligstc Name Jesu, der oben ain Tabernakel mit goldenen Strahlen umgeben angebracht war, wurde nicht verschont. Alle Kostbarkeiten des Tempels wurden geraubt; die drei Orgeln wurden so zerschlagen und verdorben, daß mau sie nachher nicht mehr gebrauchen konnte. Den Bildern, welche äußerst künstlich in die Chorstüblc geschnitzt waren, wurden mutwilliger Weise die Nasen abgeschlagen. Alle Tbnren deS Tempels wurden zerschlagen; die Zimmer und Säle deS Klosters fand man voll Unrat, Federn, Blätter n. dgl. Die Fenster deS ganzen Conveuts, namentlich des Speisesaales, waren alle zerschlagen. Die Klostcrgänge und der Recreationssaal wurden als Pfcrdcställe verwendet. Alle NahrungSvorräthe wurden nicht bloß von den Feinden, sondern noch mehr von den Freunden und Hausgenossen des Klosters entführt. ES wird auch berichtet, daß die Schweden mit den hl. Kirchengewändern angethan in einem Obstgarten Tänze ausführten und Niemanden zu denselben zuließen, der nicht mit einer ähnlichen Larve verkleidet war. Am 5. Jänner 1633 kehrten endlich wieder einige Patres von der Flucht ins Kloster zurück. Am 10. Juli predigte ein lutherischer Prädjkant auf der Kanzel der Klosterkirche,^und das Kloster wurde wieder von einigen Tausend Soldaten besetzt. Am 27. Jänner 1634 besetzten einige Schwadronen schwedischer Reiter die Klostcrpforle, um den Auö- gang abzusperren. Unterdessen aber entkamen die Meisten sammt dem Abte über eine an die Gartenmauer gelehnte Leiter. Der Klostcrökvnom ?. Peter Molstor, der mit den übrigen nicht entflohen war, mußte 52 Stunden unter den Mühlrädern verborgen bis an die Lenden im Wasser stehen und wurde erst am folgenden Sonntag den 29. Jänner von einem Klostcrbäckcr, welcher sein dort verstecktes Geld zu suchen gekommen war, zufällig entdeckt, mit Speise und Trank erquickt und in ein warmeö Zimmer gebracht, nachdem er vom Donnerstag bis zum Sonntag ganz nüchtern und vor Kälte beinahe erstarrt war. In der folgenden Nacht gelang cS ihm mit den klebrigen, in weltlichen Kleidern mit einer Hacke über der Achsel, als ob's zum Eiöhaucn ginge, nach Bregen; zu entfliehen. Es ist wahrhaft wunderbar, daß er bei der gerade damals herrschenden sehr strengen Kälte nicht ganz erfror. Einige blieben in Bregcnz bei ihren Freunden und Bekannten, andere reisten nach Feldkirch weiter. Erst im Juli des Jahres 1637 konnte man wieder an die Rückkehr in's Kloster denken. Die folgenden Berichte entnehmen wir der -HierarelnL ^.UAnstana I'ars III. reguläres- von k. Corbinian Khamm 0. 8. L., Augsburg 1715. 9. St. Ulrich und Afra (in Augsburg). Im Schwcdenkricge, unter dem Administrator und nachmaligen Abte Bernhard Herdtfclder, wurde ane 19. Mai 1633 der gesammte Klerus, mit Ausnahme der Mönche von St. Ulrich, aus Augsburg vertrieben; 5 Stadtpfarrcien waren ihrer Hirten beraubt. Zur geistlichen Verlassenheit kam noch eine schreckliche Pest; die Mönche von St. Ulrich standen in dieser Noth allein noch den Leuten bei, der Prior deS Klosters wurde von der Pest hinwcggerafft. Dazu gesellte sich eine so schreckliche Hungersnot», daß man mit Hunden und Katzen, dem Aas und der Haut gefallener Thiere den Hunger stillte. Kleingeschnittenes Stroh vermischte man mit ein wenig Mehl und buk Brod daraus; ja sogar vor Menschenfleisch schreckte man nicht mehr zurück. Abt Bernhard war unter all' diesem Unglück der einzige kirchliche Prälat in der Stadt und vom bischöflichen Gencralvikar mit allen geistlichen Vollmachten ausgerüstet. Die 6 Stadtpsarrcien rcdncirte er aus 4: 1) die Dompfarrci; 2) St. Ulrich und St. Moriz; 3) hl. Kreuz und St. Georg; 4) St. Stephan mit der Vorstadt St. Jakob. Einer jeden dieser Pfarreien setzte er einen aus seinen Mönchen als Pfarrer vor. Mit diesen versah er die gesammte Scclsorge der Stadt und der 3 Franenklöster, und widerstand nach Kräften den wilden Stürmen der Häresie, von welchen Augsburg heimgesucht ward. Damit der katholische Glaube in der Stadt nicht ganz zu Grunde gehe, predigte er selbst an Sonn- und Festtagen dem zusammenströmenden Volke, ermunterte cS zum Gehorsam gegen den Papst und waffncte cS mit den heilsamen Lehren deS alten Glaubens. Dazu veranstaltete er noch in der Kirche St. Ulrich öffentliche Gebete und Andachten. Am FrohnlcichiiamSscste (26. Mai) 1633 und dessen Octav veranstaltete er die feierlichen Proccssionen in herkömmlicher Weise unter Theilnahme aller Gläubigen, so daß sogar die zuschauenden Schweden sich wunderten, daß cS noch so viele Katholiken in der Stadt gebe. Am 11. April 1634 wurde der Abt sammt dem Convcnte aus ihrem Kloster vertrieben, und sie mußten in das Jesuitcncollcgium übersiedeln, wo sie wie bisher allein für die ganze Stadt die Scelsorge versahen; sie bildeten noch den einzigen Damm gegen die Häresie und zur Bewahrung deS katholischen Glaubens. Unter allen Stürmen und Verfolgungen, die ihm mitunter sogar von der katholischen Geistlichkeit wegen eines der schwedischen Krone notgedrungen geleisteten EideS von rein politischer Bedeutung bereitet wurden, stand Bernhard unbeweglich wie ein Fels. Als endlich ain 6. April 1636 durch die siegreiche Hand des Kaisers dem Klerus der Stadt seine Kirchen und Klöster wieder zurückgegeben worden waren, wurde Bernhard alsbald zum Abte gewählt. 10. Irsee wurde im Schwedeukriegc 10 mal geplündert, und alle Kostbarkeiten und wichtigen Documentc gingen zu Grunde. Die Religiösen flohen und starben meist in der Verbannung; der Abt allein hielt unter allen Drangsalen im Kloster aus. Recensionen und Notizen. flannaris L. X. et kxlarinoo 6d. Bd,, vommeub xarls- t-on L L.tkenss? Lobo ün tzree moüsruo avso nu cliotiouuairs speeial. 8" xp. 170. Voipsio, R. Ciogler, 1894. Ir. 3,75 oart. ->. Die „Echos" aus dem Verlage von Gieglcr in Leipzig (bereits für Englisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Rumänisch, Russisch und Ungarisch vorhanden) werden mit Recht den übrigen sogenannten Gesprächbüchern vorgezogen, welche durch die nebenstehende Ucbcrsetzuug eine gar zu grosse Verlockung zur Bequemlichkeit bieten; die hier befolgte Methode, zusammenhängende Unterhaltungen ohne Uebersetzung zu geben, verdient entschieden den Vorzug, da man Raum erspart, das eigene Denken fördert und doch mittels des beigegcbencn Wörterbuches die Möglichkeit gibt, Alles zu entziffern, abgesehen davon, da» das selbst Gefundene besser im Gedächtnis; bleibt, als das mühelos Gebotene. Nachdem schon vor einiger Zeit das griechische Echo mit griechisch-deutschem Glossar erschienen ist, besitzen wir nunmehr dasselbe auch mit griechisch-französischem Glossar; beide Ausgaben können angelegentlich empfohlen werden. Das Buch trifft den frischen lebendigen Gesprächston vorzüglich und ist von einem Meister (JannariS) zusammengestellt, dem wir die beste neugriechische Grammatik verdanken. Die Schriftsprache ist zwar in griechischen Büchern und selbst in allen TagcSblätteru nahezu reines Attisch, also nach Ed. Engel „Knnstbuttergriccbisch", dem Kenner des Altzriechischcn soiort verständlich, die Umgangssprache jedoch, und zwar auch die der Gebildeten, weicht sehr bedeutend vorn Schriftgrnchisch ab; so nothwendig es ist, selbe zu kennen, so gibt cö doch fast gar keine Literatur znr Uebung in derselben, und schon darum müssen wir den Verfassern für Herausgabe vorliegender Gespräche dankbar sein, welche einen unentbehrlichen Anhang zu jeder neugriechischen Grammatik bilden. Der Kenner des Altgriechischen, welcher die Athenienscr Zeitungen leicht liest, wird staunen, wie verschieden die Umgangssprache von jenem Griechisch ist, sich aber mit Hilfe des Lexikons ganz leicht hineinlesen und dafür bei einem etwaigen Ausflug ins klassische Hellas reichlich belohnt finden. Baum gar tu er Heinr., Psychologie oder Seelen- lehre für Lehrer und Erzieher. 8°. VIII-s-132S. Freiburg i. Br., Herder, 1894. (III.) M. 1,20. ->. Das recht brauchbare Büchlein, aus der Feder eines tüchtigen Schulmannes hervorgegangen, ist aus den Erfahrungen einer langjährigen Schulpraxis entsprungen und auch ganz besonders für die Lrchulpraxis geschrieben. Vorstände von Lehrerbildungsanstalten thäten sehr gut daran, das klein: und leicht verständliche Werk bei ihren Zöglingen einzuführen, denn ohne Kenntniß des Seelenlebens, wenigstens nach seinen wichtigsten Erscheinungen ist ein vernünftiger und solider Unterricht in Pädagogik und Methodik undenkbar, welche beide geradezu eine angewandte Psychologie genannt werden können. Solche Kenntnisse wären unseren Schallehren!, Pardon! „Ele- mentarprosessorcn" jedenfalls ersprießlicher, als das Herumstöbern in unverstandenen Phrasen Herbart'scher Philosophie oder in den höheren Regionen der Physik und Chemie. Daß sich der fleißige Schüler mit dem, was dieses Büchlein bietet, begnügen soll, ist damit nicht gesagt, aber, wir meinen, es gibt den passendsten Vornntcrricht zur Lektüre größerer Werke, zu deren Verständniß allerdings die Kenntniß der lateinischen Sprache fast nothwendig ist, eine Forderung, die endlich auch einmal bei Schullehrern gestellt werden muß. Kappes Mat., Aristoteles-Lexikon: Erklärung der philosophischen tsrmiui tooliuiei dcsAristo- telcS in alphabetischer Reihenfolge. 8°, 70 S. Paderborn, F. Scköningh, 1894. M. 1,50. So erfreulich es ist, daß dem größten griechischen Denker in neuerer Zeit allmählig wieder mehr die ihm gebührende Ehren- stellung im Studium der Philosophie zugewiesen wird, so bedauerlich ist die Erscheinung, daß die Vorbildung, welche unsere Gymnasien nach Ojährigem Drill in sprachlicher Hinsicht zu geben vermögen, ganz und gar ungenügend ist und mit fortschreitender „Schulreform" immer noch kläglicher wird, trotz aller „klassischen" PnriSmus-Hcuchelei. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat Kappes ein sehr brauchbares Lexikon der aristotelischen Borwini zusammengestellt und reichlich mit den Belegstellen versehen, so daß sich der Anfänger aus einem Gebiete, das ihm so schwierig und fremdartig ist. leicht orientiren kann. Die entsprechenden Ausdrücke der lateinischen Ucbcrsclzer sind nicht überall angegeben, waS sehr zu wünschen wäre, wie überhaupt das ganze Buch besser lateinisch abgefaßt wäre, nachdem doch die Scholastik sich der aristotelischen Philosophie bemächtigt hat und auch Trcndelenburg seine -Llemsnta, logiosz aristotslioab« in Latein geschrieben hat. k. A. v. Doß. Gedanken und Rathschläge. 9. Anfl. mit Titelbild. Herdcr-Freiburg. 1894. Preis 2,40 M. geb. 3,60 u. 5,40 M. G Das allbekannte und allbewährtc Buch, das schon so vielen Jünglingen ein Führer zum Licht und zum edlen Leben war, ist in neuer, neunter Auflage erschienen. Obschon der Preis dieser Auflage um 60 Ps. ermäßigt wurde, ist sie doch ebenso gut ausgestattet, wie die früheren. Der Inhalt des Buches braucht nicht mehr besonders gekennzeichnet zu werden. Möge es recht Vielen im Sturm des Lebens als treuer Freund und Berather dienen! Lebende Bilder in religiösen Dichtungen von Jos. Hcchcr, CanonicuS. II. Aufl. Jos. Noth'sche VerlagS- handlunz, Stuttgart. I. Passionsblumen. Aus dem Leben und der Verherrlichung Jesu. 8", 49. Preis 60 Pf. II. Marienrosen. Die Geheimnisse deS Rosenkranzes. 3°, 62. Preis 60 Ps. III. Märzenveilchcn. Aus dem Leben deS Nährvaters Christi. 8°, 32. Preis 40 Ps. o. Mit diesen drei ganz trefflichen Schristchen werden nicht nur Motive zur Vorführung lebender Bilder geboten, sondern gleichzeitig auch geeignete, stimmungsvolle Texte, die sich bnrch tiefe, erhabene Gedanken und eine schwungvolle Sprache auszeichnen. Es sei noch bemerkt, daß der Gesellenvercin St. Anna in Müncken seinerzeit solche Bilder mit recht erfreulichem Erfolge aufführte. _ Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von Dr. Ernst Coinnrer, o. ö. Professor an der Universität Brcslau. Paderborn 1894, Ferdinand Schöuingh. 9. v. V. IX. Band, 2. Heft, Inhalt: I. Die Philosophie des hl. Thomas von Aquin. Gegen Froh- schammer. VIII. Psychologie. Von Kanonikus vr. Michael Gloßncr in München. — II. Die Neu-Tho misten. Forts. Von ?. Llax. Tdeol. Gundisalv Feldncr Orcl. Lraoä., Prior in Lembcrg. In der Kritik deS Werkes vonv. Frins: Ls- opvusio all ?. vummsrmntli folgt ?. Feldner dem Molinistiscben Verfasser Schritt auf Schritt, legt unnachsichtig seine Unwahrheiten, seine logischen Fehler, seine Verdrehungen und Entstellungen der Lehre deS hl. TbouraS und der „Tbomistcn" bloß, faßt dann in mehreren Punkten diese Lehre, wie sie tha t- sächlich vorgetragen, nicht wie sie von den Molinisten erdichtet wird, kurz zusammen, erklärt näher, wie unter der xraemotio physios, der Wille durchaus frei bleibe und nicht die Potenz für das Gegentheil verliere, iübrt vor die einstimmige Lehre des hl. Thomas und der „Thomisten" bezüglich des Willens, welcher von Gott nicht vorherbewegt und vorherbestimmt ist, widerlegt die diesbezüglichen Mcliuist- ischen Einwürfe; L. Pcsch (Welträthsel, II, S. 364 ff.) kommt dabei mit seiner Theorie vom „actnellen Bewcgungs- quantum" betreffs der Naturdinge, sowie vom „Uebermaß der Selbstbesti >ninungSfähigkeit" im Menschen sehr in die Enge. Mit jeder Fortsetzung unseres Artikels wird eS immer klarer, was von den Anpreisungen des Frins'schen Buches in verschiedenen Zeitschriften (z. B. Passauer Monatschrist, 1894, 1. Heft. Abhandlung: „St. Thomas' Gegner der liraomotio xh^siea") oder Broschüren zu halten ist. Jeder sachlich urtheilende Leser der k. Feldncr'schen Artikel wird immer bestimmter sagen müssen: „Besser wäre es, wenn V. Frins geschwiegen. Er reitet den Molinismus zu Tode." — III. Der Beweis des Aristoteles für die Unsterblichkeit der Seele. (Forts, folgt.) Von vr. Eugen NolseS, Rektor in Frauweiler (Nheinprovinz). — IV. Dievotöntrs 368 obsäiontialis der Kreaturen. (Schluß.) Von v. 2la§. Misol. Gundisalv Fclducr 0. vr. — V. Literarische Besprechungen. — VI. Ze itschristenschau. — VII. Neue Bücher und deren Besprech nngcn. — Das Jahrbuch erscheint in vierteljährigen Hestcn von 8 Bogen, Lex. 8°. Preis für den Band von 4 Heften 9 Mark. Abonnements übernehmen alle Buchhandlungen. Josef Haydn, Singspiel in 1 Akt, von Franz Lehner; Musik von Jos. Renner jun.; Text ä 25 Pf.; Partitur 3 M.; St. 50 Pf. NegcnSbnrg, Coppenrath. Der Dichter, auch Verfasser mehrerer werihvoller Beiträge zur poetischen Wolfgangsliteratur und einer herrlichen Elegie aus Franz Bonn, bietet in obigem Singspiel eine von idealem Schwung getragene Dichtung, die schon um ihrer deklamatorischen Brauchbarkeit willen allen Seminarien, Instituten rc. zur Ausführung bestens empfohlen werden kann. Die Scenerie ist einfach, die Handlung spannend und interessant; das lyrische Element kommt zur gebührenden Geltung: edle, klangvolle, musikalische Sprache, reiche, lyrische Empfindung und eine lebenSfrische, gefühlvolle Zeichnung des heiteren, jugeudirohcn „Seminarlebens" im Wiener Kapellhausc! Die Musik ist melodiös und schön. Die eingestreuten Lieder und Romanzen, namentlich das Terzett „Weihnacht" sind echte Perlen. Das Ganze ist eine schöne Wcihnachtsgabe besonders für Institute, v. Dr. L. Militärhumorcsken von Fcrd. Bonn. Jllustr. von Nein icke. 2 Bündchen. NeaenSburg, Friedr. Pustet, 1894. kl 8°, 127 u. 168 ä. 75 Pf. s. Den Lesern des Negeusburger Marienkalenders sind diese Humoresken immer noch in recht guter Erinnerung, und daß der Leserkreis sich immer mehr erweitere, dafür sorgen diese lustigen Dinger schon selbst. Mit Recht konnte der Vater deö Verfassers, der bekannte „von MiriS", davon schreiben: „Bilder sind es mannigfalt—lustig, frisch, für Jung und Alt, sroh und fröhlich, lichtumringt, wie'S das Leben mit sich bringt." Theologisch-praktischeMonatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit Bayerns. Herausgegeben von Dr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 11. Heft. Passan. In Commission der Abt'- schen Buchhandlung. Jnhaltsverzeichniß deS 11. Heftes. I. Wissenschaftliche Aufsätze: Haben die ConsecrationSworte in der hl. Eucharistie Sakramcntönatur? — II. Belehrendes für die seelsorgliche und pfarramtliche Praxis: Die kirchlichen Vorschriften über das Oküeium und die Llissa, els- kunctoruin euw Hbsolutiono. — Die „innere Mission" der Protestanten. — Ueber die Gewissenserforschung, vorzüglich das Partikularcxamcn. — Der Stiftnngsfonds der Raiffcisenvercine. — Die Begräbuißfcier an confcssioncll gemischten Orten. — Die Ausgabe der Mädchencrziehung gegenüber der modernen Gesellschaft. (Forts.) — Beförderung der Armenseelen-Andacht durch den HI. Papst Gregor. — Geschichtliche Reflexionen über die Simultanschule. — Notizen zum -Oanticum tilum xuerorum- im Breviergebctc. — Eine für Kirchcnfabriken der Pfalz wichtige Entscheidung des VerwaltungSgerichtöhoscs. — WaS ist in Betreff von „Litaneien beim öffentlichen Gottesdienste" kirchliche Vorschrift. — Crucifix bei Messen und Aemtern coram Lsino. oxposito. — Besorgung von Meßstipendicn durch Laien. — Acceß und Neccß der Ministranten. — Warnung vor dem Gebrauche von Opium und Morphium als Heilmittel. — Vari- irung der Taxe bei Lcichenaussegming und LeichenanShilse. — Taktvolles Behandeln „schwieriger" Confitcnten. — „Scelsorg- liche Praxis", eine nicht mustergültige Auffassung von derselben. — III. Erlasse der obersten Verwaltungsbehörden und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätcnschau. Literarischer Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülökamp in Münster. 24 Nrn. ü 2 Bogen Hochqnart für 4 M. p. Jahr. 1894. Nr. 13. Inhalt: Jgnaz v. Felbigcr's Leben und Wirken (Rolfus). — Weitere kritische Referate über 21. sts Llaria, viiitosoplna, xsripatetico - aeliolastica (Huber), Pox o Institutionos tliooloAioao (Depp.), Gräser Predigten und Kolberg Sonntagspredigten (Deppe), Viclilou Piks ok knsez'(Bellcsheim), Frhr. v. Brenner Besuch bei den Kannibalen Sumatra's (Plaßmann), Veldenz Novellen und Ferd. Bonn Mtlitärhumoresken (Keiter). — 10 Notizen über die neuen VivsL'schen Ausgaben von Albertus und Scotus (Deppe), Debes' neuen Handatlas (Plaßmann) und verschiedene andere Nova (HülSkamp). --- Novitätcn-Verzeichniß. Die Pariser Commune 1871 von Freiherrn Dietrich von Labberg, k. bayr. Premicrlicutcnant a. D. Verlag des „Arbeiter", München, Commissiousverlag für den Buchhandel: H. Korff in München. 70 Seiten, Preis 20 Pf. 10 Expl. M. 1.80, 50 Expl. M. 7.-. 100 Expl. M. 12.—. Reinertrag für wohlthätige Zwecke. Man redet oft von der kommenden socialen Revolution, und Viele begrüben sie als den Uebergang zu besseren Tagen. WaS die sociale Revolution ist und waö die Welt von ihr zu erwarten hat, zeigt uns die Pariser Commune. Sie war nicht die sociale Revolution, aber sie war wie Bebe! ganz richtig gesagt hat ein „Vorpostengestcht" zu dem kommenden Kampfe. Die Geschichte der Commune zeigt uns in verkleinertem Maßstab, wie eine Revolution im Großen verlaufen müßte. Die vorliegende Schrift, welche die Geschichte der Commune in gedrängter Kürze und farbigen Einzelbildern bringt, ist darum ein höchst lehrreiches VolkSbllchlein. Der Verfasser, ein Veteran des siebziger KriegeS, schildert theils aus persönlichen Erinnerungen, theils an der Hand bewährter Schriftsteller die Sturmtage der Commune und ihre Gräuelthaten. Der behandelte Gegenstand ist hochinteressant, die Darstellung übersichtlich, frisch und lebendig. Wir empfehlen daö Schriftchcn zur weitesten Verbreitung im Volke. _ Weber I., Katechismus deS katholis chen Ehcrechts. 4. Aufl., besorgt von vr. Konrad Elser, Kaplan an der Auima in Rom. Augsburg 1894. B. Schmid'fche Verlagsbuchhandlung. 261 Seiten. 8°. Preis brach. M. 2.10, Rück u. Eck in Leder gcbd. M. 2.70. Dieser Katechismus deS katholischen EherechtcS muß als recht praktisches Nackschlagebuch sür Jeden, der sich in eherecht- lichcu Fragen schnell und sicher oricntiren will, bestens empfohlen werden, und spricht für die Brauchbarkeit des Werkes schon die bereits nothwendig gewordene 4. Auflage. — In 383 präcis gestellten Fragen behandelt das Buch das ganze Eherecht in klarer, bündiger Weise, und ist dasselbe sehr zu empfehlen für die Vorbereitung zu den einzelnen Examiuas, welche der Theologe zu bestehen hat. _ Epiphanias. Unter diesem Titel ist von Walter E i chner im Verlage von P. Hauptmann in Bonn ein Weihnachts-Drama in vier Akten erschienen, welches in schöner und schwungvoller Sprache die Reise der hl. drei Könige nach Bethlehem, des Weiteren HerodeS' fluchwürdigen Kindcrmord sowie das schandcr- volle Ende des Massenmörders auf dem Throne behandelt. An die Aufführung werden nur geringe Anforderungen gestellt, hingegen ist bei dem dankbaren Stoffe leicht eine tiefgehende Wirkung zu erzielen. Es kann daher das Drama für theatralische Veranstaltungen nur bestens empfohlen werden. „Kreuz und Schwert." Inhalt des Nov.-HefteS: Kreuz und Schwert (Gedicht aus dem Drama „Afrika"). — Der erste Missionär der jetzigen Sambesi-Mission. — Von Sansibar zum Kilimandscharo (Fortsetzung). — Ghclla und Milo (Fortsetzung). — Aus der apostolischen Präfektur Kamerun. — Aus der Togo- Mission. — Von unseren Novizen. — Salia, die kleine Araberin. — Professor Ed. DcscampS' Drama „Afrika". — Kleine Nachrichten. — Eingegangene Gaben. — Gcbctsempfchlungen. — Sprachrohr. — Büchcrschau. — Illustration: Der Zauberer von Kamba. — „Kreuz und Schwert" kann noch vom Juli ab nachbestellt werden. Der dritte Jahrgang dieser so erfolgreichen Zeitschrift beginnt am 1. Januar 1895. Preis halbjährlich 75 Psg. per Post und im Buchhandel; 90 Pfg. unter Kreuzband versandt. (Redacteur und Verleger: W. Helmes, Münster i. W.) _ Historisch-politische Blätter. Jahrg. 1694. 114. Bd Neuntes Heft. Inhalt: Der dänische Luther: Hans Taufen (1494 bis 1561). — Die „konfessionelle Parität" im Beamtenthum des preußischen Staates. (Schluß.) — Das Alter der Lehnin'schen Weissagung. — Socialismus und Frauenfrage. — Zeitkäufe. Das neue Wahlgesetz in Belgien; seine erste Wirkung. — Eine Biographie des Bischofs Nudigier. — Cardinal Päzmäny'S gesammelte Schriften. ' Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. . Nf. 47. Wage zur Sugsömger Weitung 22. Navlir- 1894. Planeten im Fixsternsystem. Beitrag zur Astronomie des Unsichtbaren. Von Max Maier (Schaufling). (Schluß.) Ein anderes dem Algol ähnliches System mit dunklen Körpern bildet der Stern « Virginia. Dieser Stern vollendet seinen Umlauf um den Schwerpunkt des Systems in 4 Tagen und 19 Minuten. Der sichtbare Stern legt bei dieser Umlaufsbewegung in jeder Sekunde 12,3 geographische Meilen zurück. Beide Glieder des Systems haben zusammen eine Masse, die 2,6mal so groß ist wie die Masse unserer Sonne. Der Abstand der sichtbaren Sterne vom Schwerpunkt des Systems ist 679,000 Meilen. Der Schwerpunkt des ganzen Systems nähert sich uns mit einer Geschwindigkeit von 2 Meilen. Bei si Xuriga.6 beträgt die Entfernung des dunklen Körpers von seiner leuchtenden Sonne 1,650,000 geographische Meilen, und die Masse des ganzen Systems ist gleich 4,7 Sonnen- massen. Auch dieses System nähert sich unserem Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von 3'/z Meilen per Sekunde. Es erinnert uns diese geistreiche Methode des Aufsuchens unsichtbarer Himmelskörper an jenen Triumph, den die „Analysis des Unendlichen" in ihrer Anwendung auf die Himmels-Mechanik errang, als einer der größten Mathematiker Frankreichs, Urban Leverrier, am 31. August 1846 in der Sitzung der Pariser Akademie mit der Zuversicht eines Propheten den bloß mit der Feder gefundenen Ort des unbekannten Planeten, des Neptun, verkündete. Durch höchst geistreiche Berechnungen hat der rühmlichst bekannte Direktor der Sternwarte Bogenhausen (München), Pros. Dr. H. Seeliger, das System des Sternes tz Ounori enthüllt. Das System hat drei leuchtende Sonnen und einen unsichtbaren Körper. Die Sonnen und L stehen durchschnittlich 0,9" voneinander entfernt und beschreiben umeinander eine kreisähnliche Ellipse in 59*/z Jahren. Die dritte Sonne 6 steht 5,4" von der Mitte von ^ und L entfernt und bewegt sich in einer unregelmäßigen Wellenlinie um dieselben, welche einer Epicycloide ähnlich ist. (Erfolgt die Bewegung eines Kreises auf einer geraden Linie, so beschreibt ein Punkt auf der Peripherie desselben eine Cykloide; bewegt sich ein Kreis auf der Außenseite eines festen Kreises, so beschreibt ein Punkt auf der Peripherie des ersten, des bewegten Kreises eine Epicykloide!) Der vierte unsichtbare Stern dreht sich mit der dritten leuchtenden Sonne 6 innerhalb 18 Jahren um einen gemeinsamen Schwerpunkt. Nun gibt eS bei diesen Systemen von zwei oder mehreren Sonnen oft eine ungleiche Färbung der Sterne, d. h. die Sonnen befinden sich in verschiedenen Entwickelungsstadien. Wer von uns könnte wohl einen Tag schildern, der von einer rothen Sonne beleuchtet wird, oder einen Tag, an welchem zwei Sonnen mit verschiedener Farbe strahlen und eine Nacht, die mit goldfarbigem Dämmerlichte beginnt und mit blauem verschwindet! Alle diese Systeme in den unermeßlichen Tiefen des Weltalls zeigen uns nicht nur die Spuren der nämlichen Materie, wie wir sie auf unserer Erde analysiren, sondern sie lassen sich auch beherrschen von dem nämlichen Gesetze der Gravitation, das hienieden den emporgeworfenen Stein zur Erde zwingt. Wenn wir erwägen die Unendlichkeit des Weltalls in Raum und Zeit, wenn wir bedenken, daß unser Erdenball nicht einmal einem Sandkorn gleichkommt in Hinsicht auf die zahllosen Körper des Weltalls, so müssen wir von dem Wahne geheilt werden, als wären wir die alleinigen vernünftigen und bedeutendsten Geschöpfe des ficht baren Universums. Ich erinnere an einen treffende Ausspruch des größten Mathematikers Frankreichs, Pierre Laplace: „Doppelt getäuscht durch die Uuvollkommen- heit seiner Sinne, wie durch die Einbildung seiner Selbstliebe, betrachtete der Mensch sich lange als das Centrum der Bewegungen der Gestirne. Und diese seine Eitelkeit wurde durch all die Schrecken der Astrologie gestraft, zu welchen er den Anlaß gegeben. Endlich zogen Jahrhunderte von Arbeit den Schleier hinweg, der das System der Welt vor seinen Augen verbarg. Da fand er sich auf der Oberfläche eines Wandelsternes wieder, der so winzig war, daß er kaum merkbar in jenem selben Sonnensystem erschien, das selbst wieder nur einen Punkt darstellt in der Unendlichkeit des Raumes." Betrachten wir das Weltall, die Entstehung, die allmählige Ausbildung der Nebelflecke, Sonnen und Planeten, so müssen wir uns sagen, daß unsere Erde von ganz kurzer Dauer ist. Und innerhalb der Entwickelungszeit der Erde ist nur eine Minute für die Existenz des Menschen angesetzt. Und nach der Zukunft sind gleichfalls unsere Tage gezählt, indem sich unsere Existenz an das Vorhandensein der Sonnenglnth knüpft. Schon lange, bevor die Sonne erloschen sein wird, d. h. wo ihre potentielle Energie sich in kinetische Energie der Aether- und Körpermoleküle umgesetzt haben wird, wird das Menschengeschlecht dahin sein. Nach meinem Dafürhalten ist unser Sonnensystem nur ein Molekül, eine belebte Zelle gleichsam von einem System höherer Ordnung im Universum. Wir endliche Menschen sind an die Sinne gebunden! Wir messen die Natur mit uns selbst räumlich und zeitlich. Hätten wir die Größe einer mikroskopisch kleinen Radiolarie (Näder- thicrchcn), so würde ein Teich uns wie ein Ocean erscheinen. Wir können jetzt nach den Messungen der Psychophysiker beiläufig im Zeitraum von einem Puls- schlag zum andern 6—10 sinnliche Wahrnehmungen auffassen! (Vgl. Wundt, Grundzüge der Physiologischen Psychologie. 4. Anst. Leipzig, 1893. 2 Bde.) Jetzt erreicht der Mensch ein Alter von 80 Jahren oder 29,200 Tagen. Denken wir uns, sein Leben wäre auf den tausendsten Theil beschränkt. Er wäre also schon ein Greis, wenn er 29 Tage alt ist. Er soll Nichts von seinem inneren Leben verlieren, und sein Pulsschlag soll tausendmal so schnell sein, als er jetzt ist. Der Zeitraum für die sinnlichen Wahrnehmungen sei der oben- genannte. Ein solcher Mensch würde z. B. einer an ihm vorbeifliegenden Flintenkugel leicht folgen können. Aber wie würde ihm die gesammte Natur erscheinen! Von einer Jahreszeit würde er keine Erfahrung haben! Vom Monde würde er etwa sagen: „Es war ein Gestirn am Himmel, das wurde erst, als ich ein kleines Kind war, und zwar zuerst ganz schmal und sichelförmig, dann wurde es immer voller und stand länger am Himmel, bis es ganz rund wurde und die ganze Nacht hindurch leuchtete. Aber dieses Gestirn wurde nach kurzer Zeit wieder kleiner und ging immer später auf. bis es jetzt wieder verschwunden ist. Mit diesem Gestirn ist es also vorbei, und die Nächte 370 werden immer dunkel bleiben." Eine solche Anficht wäre doch sehr natürlich für ein denkendes Wesen, das nur 29 Tage denken und beobachten konnte! Wir wissen aus den Experimenten von Hertz u. A., daß sich die Elektricität ähnlich dem Lichte in Wellenform fortbewegt, aber wir haben keinen Sinn für diese Wellenbewegung des Aethers. Werden die Wellen kleiner, so empfinden wir sie als Wärme, werden sie noch kleiner als Licht und über das violette Ende des Specirums hinaus nehmen wir sie mit unseren Sinnen wieder nicht mehr wahr. Es fehlen uns also die Organe für das physische Jenseits! Vielleicht bringt es die Forschungstechnik noch dazu, so starke Vergrößerungen zu erzeugen, daß wir in dem Steine die ihre schwingenden und ro- tirendcn Bewegungen ausführenden Atome einzeln erkennen werden und so im Stande sind, unsere astronomischen Studien, die wir am raumdurchdringenden Teleskope begannen, im Mikroskop zu vollenden. Die Bewegungen der Atome im geworfenen Stein müssen selbst in den Details den Bewegungen der Himmelskörper ganz ähnlich fein. Nur eine Materie und an diese gebunden nur eine Energie im beständigen Flusse und nur ein Gesetz beherrscht das unendliche Universum. * Nachschrift: Soeben ersehe ich aus den „Astronomischen Nachrichten 136, 281", daß Belopolsky beim Stern ö Löxlloi einen dunklen Begleiter nachgewiesen hat. Der Radius der Bahn ist 1,330,000 stm, und das ganze System nähert sich uns mit einer Geschwindigkeit von 18 stin in der Secunde. „Die Lücke im Leben Jesu." Von Dr. Gustav A. Müller. Diesen vielversprechenden, ich möchte fast sagen pikanten Titel führt eine bereits in III. Auflage bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienene Ueber- setzung des Russischen eines Tibetreisenden Nikolaus Noto witsch. Das Buch ist mit all der Sorgfalt des noblen Verlags ausgestattet: sein Erscheinen ist als Verdienst zu begrüßen, denn das Werk ist die klare und deutliche Krönung der neueren Versuche, Jesum als Buddhisten zu erweisen, und nach ihm können alle weiteren Versuche als höchst überflüssige Plagiate zu Hause bleiben. Dies ist unsere Meinung vom liter arischen Werth des merkwürdigen Buches, das Reise- schilderung und christologifche Untersuchung in einem bietet, im ersteren freilich zweifellos wissenschaftlicher als im — zweiten. Noto witsch hat nämlich in einem Buddhakloster uralte Aufzeichnungen über einen im Judenland von den Heiden gekreuzigten Propheten „Jssa" gefunden, die er — sie relativ richtig auf Christum beziehend — in ihrer Objectivität über die Evangelien, in ihrem Alter vor dieselben, etwa 3 oder 4 Jahre nach Jesu Tod, zu setzen sich veranlaßt sieht. Wir erfahren da als Neuigkeit, daß Jesus, die Jncarnation der Weltseele, nach dem 18. Lebensjahr, um einer Heirath zu entgehen, die Heimath verläßt und den „Sindh" überschreitend zu den Buddhisten geht, wo er Weisheit lernt und lehrt und Wunder wirkt. Später hört er von seines israelitischen Volkes Geistes- und Staatsknechtschaft und kehrt als sein Erlöser heim; von den Luden gefeiert und geliebt, wird er dem bösen Pilatus unbequem, der ihn — den Juden zuwider! — hinrichten läßt. Die Verwandten begraben ihn, das Volk betet an seinem Grabe: drum läßt der wüthende Pilatus den Leichnam entfernen, das Grab aber offen stehen, um dem Cultus zu begegnen. Kino illus laorünao: daher die Legende von der „leiblichen" Auferstehung. Dies ist in Kürze das Neue, was wir vernehmen. Die Lücke im Leben Jesu — die Zeit vom 13. bis zum 30. Jahre — ist bedeutsam ausgefüllt: als eine Jncarnation Buddhas, besser als Buddhist, kehrt Jesus „von der Wüste" heim und wird der große Bekehrer einer weiten Welt. Die Buddhisten von Himis und Lass« verehren Jssa als einen der Ihrigen. Kaufleute hatten ihnen gleich nach dem Tage von Golgatha die letzte Kunde von Buddha-Jssa gebracht: diese Ohren- und Augenzeugen, meint Notowitsch, verdienen mehr Glauben als die kirchlich anerkannten Evangelien. Ich füge bei, daß die Tendenz des Buches keineswegs atheistisch ist und daß ich den „Fund" des Reisenden gar nicht bezweifeln möchte. Doch seine Bedeutung liegt auf dem Felde der Apokryphen, nicht auf dem geschichtlicher Wahrheit. Zunächst etwas Principielles. Aus einem Buddha konnte kein Christus, aus einem Buddhisten kein Jesus werden, weil ein Nihilist eben kein Autonomist ist. Buddhismus und Christenthum sind ganz einfache Gegensätze: jedenfalls braucht der Dalai-Lama auf den Buddha- Jesus nicht zu pochen. Notowitsch weiß vielleicht, was eine ernste Wissenschaft — nicht die der Bierpolitiker oder Ooirrnais voMZeurs — von der angeblichen inneren und äußeren Verwandtschaft zwischen Christenthum und Buddhismus hält; die abgefeimten Budohapriester mögen eine solche — sich natürlich bevorzugend — behaupten, die modernen Magier, die Spiritisten und „Magnetiseurs", mögen sie glauben, ein Christ aber macht sich vor sich selbst lächerlich, wenn er — seinen Glauben nicht besser kennt. Notowitsch ist uns freilich sympathischer als alle andern Buddhariecher: er leitet in seinem Funde die geistige Größe Jesu aus sich und seiner Lehrzeit ab, indeß die andern Jesum bei den Buddhisten das „Hexen" lernen lassen. „Jesus ein Buddhist?" und „Jesus ein Fakir?" — wir haben diese Untersuchungen hervorragender und achtbarer Spiritisten und Philosophen mit minderem Eindruck gelesen. Die Gleichung Buddha-Jesus ist also absolut nichts Neues; sie war bisher abendländische Forschungs-Specu- lation, nun ist sie durch eine orientalische Schriftrolle auch als Buddhisteuglaube erwiesen worden: was sie um keinen Bruchthcil überzeugender gestaltet. Warum? Notowitsch hat die gelehrten Akademien zu einer Prüfungsexpedition aufgefordert, nicht um die Echtheit, die absolut feststehe, zü untersuchen, sondern die Handschriften zu studiren und ihr Alter zu cruiren. Da haben wir's! Die Handschriften — ihr Alter. Die Handschriften sind eben noch nicht die „alten Kaufleute", die ihren Inhalt nach Indien brachten, sie sind nicht einmal apostolische Zeitgenossen — sie sind vielleicht recht späten Datums. Der Inhalt aber ist in den das Leiden Jesu berichtenden Stellen ganz unzweifelhaft voller Anklänge an unsere Evangelien. Die Kritik dieser letzteren sagt uns, daß sie nicht aus Indien importirt sind. Doch sie behandeln denselben Gegenstand, sagt wer, und in einer bestimmten T en- 371 denz und als spätere Zeugnisse. Chronologisch sind die Evangelien zur Stunde sicherer erkannt als die Schriftrolle von Himis, sie sind wirklich vertrauenswürdiger; doch wir wollen die „Expeditionen" nach Himis mit ihren Ergebnissen abwarten. Bleibt die Tendenz. Eine Tendenz hat jedes Ding, sonst ist es ein Unding. Soll das Wort aber soviel wie Partei bedeuten, und zwar „Partei um allen Preis", so macht die Buddhisteuschrift auf jeden Unbefangenen sofort den Eindruck, daß sie im Hinblick auf die Evangelien eben als Tendenzschrift geschrieben sei, gleichviel ob 1893 oder anno 37 n. Chr. — Mit merklicher Ostentation macht sie Front gegen die evangelischen Berichte vom Ende des Herrn! So betrachten wir die Schrift als einen späteren Tendenzabklatsch der Evangelien. Ob das Buch, soweit eS „Jssa" betrifft, nicht ein romanhafter, am Ende gar witziger Einfall sein soll, habe ich mich freilich gefragt: allein wir nehmen den Verfasser durchaus ernst, da wir ihn als vorzüglichen Ethnographen kennen lernten. Notvwitsch wird daher im zweiten Theil nicht weniger wahr sein wollen als im ersten: er müßte denn eine Heine-Natur als Satiriker haben. Der Wissenschaft nützen seine ethnologischen Beobachtungen sicherlich mehr als seine philologische Buddhistenprobe. Unsere sehr schlechte Meinung von der moralischen Aufrichtigkeit der Buddha- und Brahma- Priester hat er nicht gehoben. Der Versuch, Christum irgendwie mit einer „Schule" oder einem Neli- gionssystem zu identificiren, bleibt vernunftwidrig, sei er alt oder neu. Einen Gedanken freilich bestärkt auch dieses seltsame Buch, von dem der Prospect meint, es sei vielleicht berufen, die jetzige Neligionsanschauung zu modificiren. Es erinnert an den Orient, wo noch sicherlich uralte Zeugnisse über das Urchristcnthum begraben liegen. Roina. looutn est — sage ich in archäologischem Sinne. Der Orient hat nun angefangen, seinen Mund auf- zuthun. Die kommenden Jahrhunderte mögen wahre Wunder an Enthüllungen bringen. Ich glaube daran. Christum freilich werden sie nicht zum Buddhisten — „bekehren" können. Das war wohl auch bezüglich des Notowiisch-Fundes die Meinung von Renan, von Jules Simon, von Cardinal Noielli u. a., die Herrn Notowitsch nach seinem Vorwort mehr oder minder „deutlich" als ungläubige Thomasse entgegenkamen. Babenberger oder Scheyern. Eine genealogische Notiz von Dr. B. Sepp. Bekanntlich ist die Herkunft jener Markgrafen, welche mit dem Jahre 976 im Nordgan und in der Ostmark als Gebieter auftreten, noch immer in tiefes Dunkel gehüllt. Während Otto von Freising seinen Ahn, den Markgrafen Adalbcrt ('s 1055), ohne weiteres für einen Nachkommen des Babenbergers Adalbert erklärt, der am 9. Sept. 906 vor seiner Burg Tharisfa (ThereS) au: Main unweit Bamberg wegen Landfriedensbruchs enthauptet wurde/) steht Avcuttn nicht an, Otto's Bruder ') Oliron. VI, 15: »üx Irnius LUierti eavAuws LIbortus, gui xostmoclnm marebinin orieutalem, iä 88t Uaunouiam suxeriorem, UnAarrs erextaw Romano imxsiio aäioort ori- Aiiiem (luxisse traclitur.« AuS dein Ausdruck traäitur ersehen wir, daß Otto v. Fr. seiner Sache durchaus uicht sicher war; vielmehr lieh er sich wobl nur durch den Elcichlaut der Namen zu seiner Annahme verleiten, und er hat eben darum Leopold IV. als Sproß der Grafen von Scheyern zu bezeichnen?) Und in der That, so seltsam es auch auf den ersten Blick erscheinen mag, daß sich Otto von Freistng in einer ihn selbst so nahe berührenden Frage geirrt haben sollte, müssen wir doch gestehen, daß die größere Wahrscheinlichkeit für Aventins Annahme spricht, denn 1. steht urkundlich fest, daß Mitglieder jenes mark- gräflichen Hauses als Zeugen beim Ohre gezupft wurden, was, wie schon Riezler hervorgehoben hat?) ein sicheres Merkmal ihrer bayrischen Abkunft ist; von den Babenbergern aber läßt sich nicht bezweifeln, daß sie ihrer Abstammung nach Franken waren; 2. sind die Namen Berthold und Liutpold, welche die Stifter jener markgräflichen Linien tragen, in der Familie der Babenberger nicht nachweisbar?) im Hause der Scheyern dagegen wohlbekannt; 3) haben wir bestimmte Auhaltspuukte dafür, daß die Stifter jener markgräflichen Linien im Besitze scheyrischen Hausguts waren: n) Aus einer Traditionsurkunde des Klosters St. Emmeram (gedr. bei Pcz, Mass. anaeclot:. Vvl. I k. III S. 92 u. 99, 6ocl. traü. s. üinwar. anx. 20 u. 33) geht hervor, daß Markgraf Berthold im Einverständniß mit seiner Gattin Heilsuinda und seinem Sohne Heinrich dem Abt Namwold von St. Emmeram (reg. 975—1000) das Gut Jsling (bei Regensburg) im Donangau, wo auch sein Bruder Liutpold begütert war, Übermächte. Da nun Heilsuinda die Tochter des sächsischen Grafen Lothar von Walbeck war/) so kann dieses Gut nicht etwa von ihr in die Ehe gebracht worden sein, sondern nur zum Hausgut Bertholds gehört haben?) den eigentlichen Begründer der Linie Liutpcld I. (st 991) mi* * Stillschweigen Übergängen. Sein Zeugniß wird dober sehr verschiedenartig beurtbcilt. Während Giescbrccht (Nankc'sche Jahrb. d. d. R- unter Otto II. Exkurs VI S. 137) meint: „Auf diese Autorität hin mag denn sich immer die Tradition, so lange sich nicht eine sichere Genealogie auffinden läßt, auch weiter fortpflanzen", bestreiten F. Stein (Forschungen zur D. G. Bd. XII S. 131), S. Riezler (Gesch. B. Bd. I S. 360), Cl. Schwitz (Oesterreichs Scheyern-WittelSbacber S. 22 f.) die Richtigkeit dieser Hypothese, zumal cS an jedem Mittelglied zur Anknüpfung an die Babenberger fehlt. 2 ) Bayer. Chronik VI, cap. 17: „König Chunrad lihe Vairn, davon er herzog Haiurichcn den zebcuden vcrtribcn hat, seinem bruedcr der muctcr halben, herzog Leitpold. marchgrafcn auS Oesterreich, sank LeitpoldS fun, so auch auS dem eltistcn stam dcö Haus Bairn, den grasen von Scheirn, pürtig was." 2) Gesch. B. Bd. I S. 360 A. 3. Dieses Argument bewog auch Giescbrccht, seine Meinung zu ändern, s. Gesch. d. d. Kaiserzeit Bd. I 5. Aufl. S. 616 Anm. zu S. 573: „Man kann so zu der Annahme gelangen, daß die Babenberger m der Nordmark und in Oesterreich von einem bairischen im Bambergischcn später angesiedelten Geschlecht abstammten, aber man kommt über vage Vermuthungen nicht hinaus." *) Hier begegnen uns Namen, wie Poppo (— Pabo, davon Pabinberg — Bamberg), Avalbert, Ndalhard. S. ThietmarS (Enkel des Grafen Lothar von Walbeck) Chronik V, 8. Unter dem Chronik II, 11 z. I. 911 angeführten Grasen Berthold ist natürlich der Bruder dcS Herzogs Arnulf zu verstehen, vgl. Lnual. Laxo z. I. 913 (oomes steht in den Quellen oft, wo wir clux oder warelno erwarten). Die Unmöglichkeit, ihn mit dem Markgrafen Berthold zu identificiren, hat Cl. Schmilz a. a. O. S. 6 f. überzeugend bargethan. Eine Verwechslung war aber beim sächsischen Annalisten (z. I. 977) um so leichter, als beide Bcrtholdc Söhne des Namens Heinrich hatten. °) Daß die Schehern im Donangau viele Güter hatten, beweisen die Urkunden bei Ried coä. äixlow Uktisb. I n. 103« 372 Wie aber sollte ein Babenberger in den Besitz scheyrischen Erbguts gelangt sein? sz) Aus einer 2. Traditionsnrkunde desselben Klosters (ebenda S. 106 oax. 48; vgl. Ried eoä. clixlora. Ilatigd. I n. 120) ersehen wir. daß Bertholds Schwester Mathilde, welche den Burggrafen Pabo von Regensburg (Grafen v.Stefening) geheirathet hatte, das Gut Gundelshausen (bei Abbach) an St. Emmeram schenkte. Auch dieses war eine scheyrische Besitzung, welche ihre Mutter Kuni- gnnde anscheinend als Wittwengut von ihrem Gatten, dem Vater Bertholds, erhalten hatte, o) Eben diese Mathilde ließ laut einer Urkunde, die zu Maria Saal in Körnten ausgestellt wurde (s. Kleimayrn lluvavia Diplomatischer Anhang S. 198 n. 20, Nagel Notüt. oriA. äom. boions S. 236), durch ihren aävoeatus Berthold von dem Erzbischof Friedrich I. von Salzburg (reg. 958—991) und dessen aävooatrm Hartwig die Orte Gurnoz (— Gurnitz bei Klagenfurt) und Turbine (?) in Körnten gegen Zemusesdorf (— Zimmersdorf bei Feuchtwangen?) und Hornaresdorf (— Hormersdorf bei Hersbruck?) eintauschen. Nun wissen wir von den Scheyern, daß sie sowohl in Körnten/) wo einst Herzog Arnulfs Bruder Berthold geboten hatte, als auch im Sualafeld, Sulzgau und Rangau Besitzungen hatten/) von den Babenbergern dagegen ist weder das eine noch das andere bezeugt. Diese Umstünde rechtfertigen die Vermuthung von Cl. Schwitz a. a. O. S. 71 f., daß jener Markgraf Berthold im Nordgau mit dem gleichnamigen Sohn des bayrischen Pfalzgrafen Arnulf identisch sei. Denn wenn auch der letztere wegen Betheiligung an dem Aufstande seines Vaters des Landes verwiesen wurde (nach der Reisensburg bei Günzburg) und wegen des vor der Schlacht auf dem Lechselde geübten Verraths sogar das Leben verwirkt hatte, so ist es doch ausgemacht, daß er von König Otto I. auf Bitten seines Taufpathen (des hl. Bischofs Ulrich von Augsburg) begnadigt wurde?) Wenige Jahre später treffen wir ihn mit Liutpold als Zeugen bei Beurkundungen des Bischofs Abraham von 110, 112, wo uns als Besitzungen Judiths und ihres Bruders Ludwig: Schierling, Nogging, Lindhart, Biberbach und Aiter- hofen genannt werden. Ueber ihren Neffen Bertbold s. unten A. 17. Ueber Jslinz vgl. Heigel und Riezler, Das Herzozgthum Bayern, S. 294. ') Z. B. die Arnulsinger Hermann (im Grabfeldc, s. Kleimayrn, üuvavia. Diplom. Anhang S. 180 n. 66, vgl. Tümmler, Otto d. Er. S. 229 A. 3) und Ascuin (Ncifnitz am Wörther- see, f. Ncsch, Lunal. Labion. T. II S. 632 f. n. 2, Nagel a. a. O. S. 229 f.). °) So z. B. Herzog Bertholds Wittwe Willrude, Tochter des Herzogs Giselbert von Lothringen, Stifterin des Klosters Bergen bei Ncubnrg a. D., und Herzog Berthold felbst (s. Nagel a. a. O. S. 243 f.. Llon. So. XXXIa. 230 f.. Oefele, Vermißte Kaiser- und Königsurkundcn. Sitzunqsbcr. d. k. b. Akad. d. W. philos.-philol.-histor. Cl. Jahrg. 1893 S. 296 n. XIII). Daß die Allode der Markgrafen von Schweinsurt mit dem babenbergischen Besitz sich nicht berühren, hat schon F. Stein a. a. O. S. 132 f. gezeigt. °) S. Conrad von Scheyern Llon. Lo. X, 392 f., der den Sohn Arnulfs fälschlich Wcrnherus nennt; vgl. Hmiial. s. ümmsr. z. I. 951, Gerhards vita s. Väalrioi cap. 12. Otto von Freising läßt diesen Berthold im Jahre 955 durch die Ungarn gctödtet werden, s. Obrem. VI, 20; aus einer Urkunde Otto'S II erhellt aber, daß er noch im I. 976 am Leben war, s. Lloy. Lo. XI. 439. Freising (reg. 957—993)/°) des treuen Berathers seiner Tante Judith, die seit dem Tode ihres Gemahls Heinrich I. (-ß 955) die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Heinrich (d. Zänker) in Bayern führte. Judiths und Abrahams Fürsprache wird es wohl auch zuzuschreiben sein, wenn Berthold durch Otto d. Gr. ums Jahr 960 die Grafschaft im Nordgau, Nadenzgau und im Volkfelde,") wo auch seine Ahnen regiert hatten,") erhielt, während dem jüngeren Bruder Liutpold (nach 973) die Grafschaft im Donaugau") und im Sundergau") zu- theil wurde. In dankbarer Erinnerung an seinen königlichen Wohlthäter warnte Berthold dessen Sohn Otto II. im I. 974 vor den Anschlägen Heinrichs des Zänkers,") der dem Scheyern das ihm von Rechtswegen gebührende Herzogthum Bayern vorenthielt und ihm daher in der Seele verhaßt sein mußte. Als jedoch Otto II. nach der Aechtung des Bayernherzogs dieses Herzogthum nicht ihm, sondern seinem Neffen Otto von Schwaben verlieh, lehnte sich Berthold gegen seinen König auf,") und es kam so weit, daß Otto II. mehrere Güter des scheyrischen Grafen confiscirte.") Dies veranlaßte Berthold, sich dem l°) S. Meichclbeck, bist. Pris. Ib n. 1090, 1097 g und b, 1101; Huschbcrg, Aclteste Gcsch. d. HauscS Scheyern-Wittcls- bach, S. 181 A. 13. ") S. LIu einem besseren Verständniß der Währungsfrage führen. Kiesel und Krystall. Gedichte von Anton Müller (Br. Willram). Buchhandlung des Kath.-pol. Preßvercins, Brixcn. 8 Bg. auf Doc.-Papier 60 kr.; in feinem Ge- schcnkband fl. 1,20. „Die Gedichte des .herrlichen Bruders Willram', wie ihn vr. Hehl in einem Briese an mich genannt hat, sind nach meinem Urtheile echte, frische, mitunter geradezu prächtige Lyrik, wahre Poesie. Die flügge gewordene junge Alpcnlcrche verspricht ein ausgezeichneter Sänger zu werden." — Dieses Gutachten hat Sckrcibcr dieser Zeilen seinerzeit dem Ausschiffst deS Kath.-polit. Preßvercins gegenüber abgegeben. Jetzt figurirt dasselbe, wie ich sehe, an der Spitze des Liedcrbüchleins, daS nun in nobler Prachtausgabe vorliegt. Nachdem ich die Lieder Bruder Willrams neuerdings gelesen, kann ich nur obiges Urtheil wiederum und vollinhaltlich unterschreiben. Es ist eine Freude und ein Genuß, diese jugendfrischcn und jugendkräftigen Dichtungen zu lesen, und man wird beim Lesen mächtig zum Mitdichten eingeladen — das aber ist eben daS richtige Kriterium. Die erste Abtheilung seiner Dichtungen überschreibt der Sänger mit „BnnteS Allerlei". Dennoch lassen sich bestimmte Gruppen zusammengehörender Lieder ziemlich genau unterscheiden. Dem jugendlichen Alter des Dichters entsprechend, stehen da zunächst die Lieder der LenzeSlust und des freudigen JugendmutbeS. Wer auch einmal jung gewesen und mit Jugendträumen geflogen, fühlt sich lebhaft zurückversetzt in jene goldene Zeit, die freilich so balde entschwunden. Aber sehr täuschen würde man sich, wollte man den Sänger für einen leichtsinnigen Springinsfeld halten, wie deren so viele sich auf dem deutschen Parnaß herumtummeln. Zins die Lieder der Jugendlust folgen in merkwürdigem Contrast Dichtungen von gewaltigem Ernst. Eine ganze Gruppe könnte man „Friedhofsgedichte" überschreiben. Dahin gehören: »Vanitas vanitatum-, „Das einsame Grab", „Im Beinhaus", »vxtrema. so tanFirnt«, „Der Friedhos", „Das Emblem des Todes" uud andere. Die zweite Abtheilung ist dem „Marierffang" gewidmet und enthält prächtige Lieder; wir nennen nur: „Gruß an die Maienkönigin". Die Waldkapelle", „An die Schmerzhafte" u. s. w. Das hübsch ausgestattete Büchlein bildet eine reizende Weihnachtsgabe. Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. tt,-. 48 29. zillvbr. 1894. Ein interessanter Beitrag znr Geschichte einheimischer Knnstbethätigung. Als eine Errungenschaft neuester kuustgeschichtlicher Forschungen ist die Entdeckung einer zahlreiche Mitglieder umfassenden und weithin in Beschäftigung genommenen Wessobrunner Stuckatorenschule zu bezeichnen. Die staatliche Jnventarisation der Kunstdenkmale des Bezirksamtes Landsberg i. I. 1888 hat zu dieser, für die Geschichte des Barock und Rokoko sehr belangreichen Entdeckung geführt. Soeben erhalten wir über die Schule eine höchst lehrreiche, auf eingehendem Studium der Kunstobjekte und auf sorgfältiger Verwerthung eines reichen archivalischen Materielles beruhende Einzeldarstellung von der berufenen Hand des Herrn Dr. Georg Hager, kgl. Conservators am bayerischen National- museum. Ör. Hager war nicht nur persönlich betheiligt an der erwähnten Jnventarisation, sondern hat auch schon einmal zu Anfang des vorigen Jahres in drei Artikeln der Beilage zur Allgemeine» Zeitung über die Wessobrunner Stuckatorenschule berichtet. In sehr erweiterter und vertiefter Form legt er nun die Ergebnisse seiner seitherigen eifrigen Forschungen auf diesem Gebiete vor in der Zeitschrift des historischen Vereines von Oberbayern.*) Der Name Wessobrunn hatte schon vordem einen guten Klang in der Kunstgeschichte. Ein in den Jahren 1862 — 64 aus den Fundamenten der niedergelegten Klostertrakte zu Tage geförderter spätromanischer Apostel- cyklus hat die Aufmerksamkeit der Kunstforscher auf sich gezogen. Dieser Cyklus, ein wichtiges Glied in der Entwicklung der deutschen Plastik in der Zeit des Ueber- gangsstiles, findet allseitige Würdigung vom künstlerischen und kunsthistorischen Standpunkte aus im ersten Theile der Hager'schcn Abhandlung, welcher sich betitelt: „Die Bauthätigkeit und Kunstpflcge im Kloster Wessobrunn." Hier sind außerdem alle Nachrichten über die Baugeschichte des Klosters und der Kirche von den Zeiten der Agilolfinger an bis zur Säkularisation gesammelt und kunsthistorisch erörtert und was sonst noch über die Kunstpflege im Kloster überliefert ist, sei es in gelegentlichen Aufzeichnungen oder in den noch erhaltenen Werken selbst, zu einem möglichst vollständigen Bilde klösterlicher Kunstpflege vereinigt. Welch wichtige Bereicherung das kunstgeschichtliche Studium aus derartig sorgfältigen Zusammenstellungen von vereinzelt überlieferten Nachrichten gewinnt, dafür sei nur andeutungsweise die Beschreibung eines zwischen 1160 und 1165 angefertigten Kirchen- portales sowie zweier dem Anfang des 13. Jahrhunderts entstammenden Wandteppiche mit Darstellungen aus der Apokalypse und aus dem Leben der hl. Apostclfürsten erwähnt. Wir wenden uns sofort dem zweiten Theile der Abhandlung zu, welcher überschrieben ist: Die Wessobrunner Stuckatoren. Das Verdienst des Verfassers besteht darin, daß er die Meister, welche der: Glanz der *) Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte. 48. Band, 2. (Schlug-) Heft. Manchen 1894, S. 193 — 521: „Die Bautbäiigkeit und Knni'lpflcge im Kloster Wessobrunn und die Wessobrunner Stuccatoren". Mit 16 Abbildungen im Text und 9 Tafeln. Der zweite Theil S. 347 — 475 und der Anhang S. 490 — 510 bandelt von den Wessobrunner Stuckatoren. Die ganze Abhandlung ist auch im Sonder- abdrnck mit eigener Seitcnzählnng erschienen. Wessobrunner Stuckatorenschule begründen, der unverdienten Vergessenheit entreißt, ihre äußeren Lebens- umstände feststellt, den Begriff einer Wessobrunner Stuckatorenschule durch Analysiruug des Stiles ihrer Arbeiten in die Kunstgeschichte einführt und diese Schule durch den Nachweis der auf dieselbe bestimmend wirkenden Einflüsse der Kunstgeschichte eingliedert. Die Wessobrunner Stuckatoren waren schlichte Dorfbewohner, ansäßig oder doch hervorgegangen aus den um das Kloster Wessobrunn gelegenen Ortschaften (Gaispoint, Haid u. s. w.). In dem den Altbayern angeborenen und besonders in der Bevölkerung der Weilheimer Gegend lebendigen Kunstsinne war die Vorbedingung künstlerischen Schaffens gegeben; ungünstige Verhältnisse in landwirth- schaftlicher Beziehung hatten schon längst die Wessobruner zu Handwerken greifen lassen, unter welchen sie daS Maurerhandmerk besonders bevorzugten. AIs nun im Laufe des 16. Jahrhunderts die Stuckdekoration in Deutschland Eingang fand, da war der Anlaß gegeben, der künstlerisch veranlagte Maurer zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten geradezu herausfordern mußte. Im 16. Jahrhundert, dessen zweite Hälfte wenig Baulust entwickelte, kam es dazu nicht mehr. Nachdem aber im 17. Jahrhundert die unmittelbaren Folgen des dreißigjährigen Krieges überwunden waren, da haben die schlichten Dorfbewohner von Wessobrunn, welche wohl auch während des Winters, um ihr Fortkommen zu finden, irgend ein anderes Gewerbe betrieben, in der Dekorationskunst des Barock- und Nokokostiles nicht blos Hervorragendes, sondern auch Eigenartiges geleistet, haben in einem Zeiträume von etwa 100 Jahren (ca. 1675—1775) den Ruhm bayerischer Kunstfertigkeit hinausgetragen in alle Gaue des deutschen Reiches und selbst bis nach Polen, Rußland, Frankreich und den Niederlanden und sind nur durch die Verfluchung der Kunst im Klassicismus zum Stillstände genöthigt worden. Wie zahlreich die Wessobrunner im Auslande arbeiteten, zeigt eine 100 Jahre umspannende Liste der fern von ihrer Heimath gestorbenen Wessobrunner Stucka- toreu, welche nicht weniger als 47 Namen enthält. Davon entfallen 6 auf Polen, 5 auf die Schweiz, je einer auf Berlin, Wien, Amsterdam, Paris u. s. w. Der Wessobrunner Meister Johann Michael Merk war um die Mitte des 18. Jahrhunderts des Königs von Preußen erster Stuckator. Mit der Münchener Hofkunst ist der Name von Wcssobrunnern unzertrennlich und in sehr ruhmvoller Weise verbunden. Von den in Augsburg ansäßigen Stuckatoren gehörten zur Wessobrunner Schule die Feuchtmayr, Rauch, Finsterwalder, lauter Namen von gutem Klänge. Unstreitig der bedeutendste unter den Wessobrunner Künstlern des 17. Jahrhunderts war Johann Schmuzer, der als Architekt wie als Stnckatormeister hervorragte. Seine künstlerische Eigenart kommt am vollsten zur Geltung in der von ihm 1687 ff. als Centralbau aufgeführten Wallfahrtskirche zu Vilgertshosen (Pfarrei Stadel), „welche nach Grundriß, Aufbau und Dekoration zu den interessantesten Barockdenkmälern unseres Landes gehört". Von den Klosterkirchen in Obermarch- thal und Friedrichshafen abgesehen, war Joh. Schmuzer gewiß noch in einer Reihe von Landkirchen thätig, wie das Beispiel der kleinen Pfarrkirche Ettelried vermuthen läßt, woselbst er die Stuckirung des Chores um 33 fl. 378 übernahm. Der Lokalforschung bleibt da noch ein weites Feld zu bebauen und erst, wenn einmal die alten Stfftungsrecbnungen ausgebeutet sein werden, läßt sich über den Umfang der Thätigkeit, welche die Wesso- brunner Schule entfaltete, ein annähernd vollständiges Bild gewinnen. Darum ist es dankbarst zu begrüßen, daß Herr Dr. Hager sich der mühseligen Arbeit unterzogen hat, ein alphabetisch geordnetes Verzetchniß der Wcssobrunner Maurer und Stuckatoren herzustellen. So ist der Lokalforscher in den Stand gesetzt, sich in den meisten Fällen sofort zu unterrichten, ob ein ihm unterkommender Name unter die Wcssobrunner Meister einzureihen ist. Doch wir kehren zu diesen selbst zurück. Im 18. Jahrhundert brachte die Schule in Johann Zimmcrmann ihren bedeutendsten Stuckator, in dessen Bruder Dominikus ihren bedeutendsten Baumeister, „einen wahrhaft genialen Architekten", hervor. Letzterer baute die köstlichen Wallfahrtskirchen Steinhaufen und Wies, ersterer stnckirte die Klosterräume in Ottobeuren und trat 1720 in die Dienste des Münchener Hofes, wodurch er auf die innere Entwicklung der Wcssobrunner Schule maßgebenden Einfluß gewann. Die Wcssobrunner Stuckatorenschule beginnt in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts ein eigenen Stil auszubilden. Bis dahin hatten die Wcssobrunner sich begnügt, die in Oberitalien übliche und durch die St. Michaelskirche in München nach Deutschland verpflanzte Art der Stuckdekoration nachzuahmen, deren Wesen darin besteht, die Gewölbe durch quadratisches und kreisförmiges Rahmenwerk in geometrische Felder zu theilen (Quadraturarbeit), wobei die Kanten der Nahmen durch Eier- und antike Blatistäbe hervorgehoben werden. Dieser Formenschatz erhält im Laufe der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine wesentliche Bereicherung durch Aufnahme jener Dckorationsmotive, welche von dem Bolögnesen Barelli in der Theatincrkirche zu München, diesem „Markstein in der altbayerischen Baugeschichte des 17. Jahrhunderts", zur Verwendung gebracht worden waren. Es sind hauptsächlich die Akanthusranke, der Lorbeer- und Eichenlaubstab und die Fruchtschnur. Trotz der Abhängigkeit von den Italienern zeigt die Formcnwelt der Wcssobrunner doch gewisse Eigenthümlichkeiten, freilich nicht zu deren Vortheil: das Figürliche steht hinter dem Pflanzenwerk quantitativ und qualitativ zurück; unter den Pflauzenmottven ist der von den Italienern so sehr begünstigte Palmzweig nur spärlich und in verkümmerter Form vertreten; überhaupt erreichen die Wcssobrunner Stuckaturen nicht die schwellende, üppige Form der italienischen. Zu diesen den italienischen Vorbildern entnommenen Motiven gesellt sich alsbald als neues Element französischer Einfluß. Die durch den Münchener Hof und den Augs- burger Kunsthandel bekannt gewordenen Nadirungen des Architekten Jean Le Pautre vermÄeln diesen Einfluß. Unter den neuen Motiven sei als hervorstechendstes erwähnt das des Hinweggleitens der Akanthusranken über die Figuren, so daß diese theilwcise unter den Ranken versteckt sind (Jagdsaal in Wessobrunn; Ostwand der Frauenkirche in Münsterhausen). Durch diese Vermengung italienischer und französischer Motive entsteht der eigentliche Wcssobrunner Stil und von da ab kann man von einer Wcssobrunner Schule im vollen Sinne des Wortes reden. Wie nun der kräftige, gedrungene Stil der Hochbarock überhaupt sich gegen das Jahr 1700 zu freier und leichter gestaltet, so wird jetzt auch die Stuckatur großzügiger und in ihren Formen schmächtiger. Die Akanthusranken entfalten sich, die Zwischenräume, in denen sie vom Stamme abzweigen, werden größer, in immer wachsender Menge entsprießt verschiedenartiges Blatt- und Blumenwerk in diesen Zwischenräumen dem Stamme (Jesuitenkirche in Mindelheim). Mit der Zunahme der Neigung für schmächtigere Formen tritt die Nothwendigkeit ein, durch zarte Abtönung des Grundes den Stuckaturen gegenüber der Architektur die volle Wirkung zu verschaffen, welche ihnen vordem die eigene Kraft und Fülle gab. Die Stilwendung zum Rokoko trat bei den Wcssobrunner Meistern schon frühzeitig ein. München und Augsburg waren auch hierin von maßgebendem Einflüsse. In Augsburg, dem Hauptsitze deS Ornamentstiches, hatte Wessobrunn seinen kirchlichen Mittelpunkt und die daselbst ansäßigen Wcssobrunner Künstler versahen ihre Landsleute ohne Zweifel eifrig mit den neuesten Stichen französischen Geschmackes. Johann Zimmcrmann verwendete schon i. I. 1717 jenes „Laub- und Bandelwerk französischer Manier", welches den neuen Stil ankündigt. Als er dann seit 1720 am Hofe zu München Beschäftigung fand und bald auch unter Cüvilliäs Leitung arbeitete, fand er Gelegenheit, den damals modernsten Stil sich anzueignen und den Seinigen zu vermitteln. Die Nachahmung französischer Vorbilder ward bald allgemein Mode und erwischte so zum gntcn Theil seit etwa 1720 die Eigenart der Wcssobrunner Schule. Indeß ist zu erwarten, daß ein ins Einzelnste gehendes Studium des Rokoko, wie es erst an der Hand eines vollständigen Photographischen Materiales möglich sein wird, auch für die spätere Zeit gewisse Eigenthümlichkeiten der Wcssobrunner Stuckaturen erkennen lassen wird. Freilich die Glanzzeit der Stuckdekoration oder doch ihre beherrschende Stellung unter den Dekorationsmitteln geht um die Mitte des 18. Jahrh, zu Ende. Die Freskomalerei beginnt das Feld zu behaupten und läßt der Stuckatur nur mehr die Aufgabe, den Nahmen für das Gemälde zu schaffen. Die seit 1780 allmählig zur Geltung kommende klassicistische Richtung bereitete der Stuckaturkunst den Untergang, indem ihre nüchternen Formen der Phantasie des Künstlers den Boden entzogen. Wieviel des Belehrenden und Anregenden Hagers Studie bietet, konnte hier nur in großen Umrissen angedeutet werden. Darf der erste Theil der Abhandlung als ein Muster einer Kloster-Kunstgeschichte bezeichnet werden, so greift der zweite einschneidend in die Geschichte des Barock und Rokoko in Deutschland ein und eröffnet der kunst- geschichtlichen Forschung über diese Stilarten ein neues Feld. Augsburg. Dr. A. Schröder. Die Chronologie des hl. Willibald nach der Klosterfrau von Heidenheim a. H., einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahrhunderts. Von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) II. OftronoIoZia. IVillilial ciina zwischen 720 und 743. Hirschmann hat die spätmittelalterliche falsche Eich- stätter Tradition, daß Willibald schon 741 Bischof geworden, nicht bloß aus dem Oonoiliuna Aorwaniourn, sondern auch aus der vitn ^Villisialäi nach der Lanabi- inouialis beweisen wollen, es ist ihr» dieses jedoch ebenfalls vollständig mißlungen. Lauschen wir, sagt er, den Worten unseres ersten Bischofs, wie sie die Nonne wiedergegeben,") zeigt aber schon in seinem ersten Satze, daß er dieselbe mißverstanden hat. „Im Sommer des Jahres 721, behauptet Hirschmann, habe der HI. Willibald die Heimath verlassen." Die Unrichtigkeit dieser chronologischen Angabe habe ich bereits angedeutet, wenn ich sagte: mit Sommeranfang 720 (20. —23. Juni) sei die Nomreise unternommen worden.") Daß sich die Sache aber genau so verhalten hat, ergibt sich aus der Hauptregel der Interpretation, welche für jeden Autor, sohin auch für die Klosterfrau von Heidenheim, Geltung hat: aucstor oxtirnrm sui inborprös. Die Lauotiiuoiüalis hat uns nicht bloß die Jahreszeit, sondern irvxliaits auch das Jahr der Abreise der beiden Brüdcr und ihres Vaters von England nach Frankreich, Italien und Nom genau angegeben. Als der Sommer schon ganz nahe war, brachen sie im Heimath- lande auf, suchten den Einschiffungsplatz Hamblehaven nahe der Stadt Hambich (in der heutigen Grafschaft Southampton) auf und bestiegen mit Sommersanfang oder bald darauf, d. h. 21. — 24. Juni oder Anfang Jnli (oouZruo aastatiZ tanipors) 720, das Schiff.") Das Jahr 720 ist zwar nicht speciell angegeben, aber die Nonne sagt im Leben Wunibalds wiederholt, daß derselbe beim Verlassen der Heimath 19 Jahre alt war, und später erzählt sie,") daß er in einem Alter von 60 Jahren am 19. Dezember 761 gestorben ist; er war demgemäß im Jahre 701 geboren, denn 761 — 60 —701, und die Wallfahrt nach Nom wurde nicht erst 721 angetreten, wie Holder-Egger und Hirsch- mann annehmen und andere vor ihnen angenommen haben, sondern mit Sommersanfang des Jahres 720, denn 701 -s- 19 720. Am 11. November (Martini) des Jahres 720 waren die Brüdcr nach Nom gekommen. Von da an bis zur andern oder übernächsten (nicht nächsten, wie Brückl übersetzte), d. h. bis zur zweiten, Osterfeier 722 führten sie in klösterlicher Zucht und Znrückgezogenhcit ein glückliches Leben;") hierauf aber (turn autsni), als die Sonneuhitze zu- und der Tag abnahm, wurden auch sie vom Fieber ergriffen (Juli 722) und zum Sterben krank. Beide erholten sich aber wieder, und Willibald unternahm seine Orientreise im darauffolgenden Frühjahr (Ostern 28. März) 7 2 3. Diese Daten sind als die wahren, dem Texte der 8a,notirnoQia.Ii8 entsprechenden festzuhalten, weil sie die Grundlage der Chronologie des hl. Willibald bilden. Nicht l'/r Jahre (vom 11. Nov. 721 bis 28. März 723), -°) I. o. ") Beilage zur Augsb. Postztg. 1893 Nr. 51 S. 2. ") Brückl L., Willibalds Pilgerreise cax. VIII x. 20; Holder-Egger !1. 6. 88. XV, 91 hat mit Recht zu 721 ein Fragezeichen gesetzt. '-) LI. S. 88. XV o. 1 u. 2. xa§. 107, nonäsosm a-unoruiu ästals u. uonäooim annornm ästals jain Arauäovus. Osg. 1 u, 9, xaZ. 114, 20; sexa-Aiuta, annoinm ealoulo aä . . keliosm vitas proveulns est sxitnm. üt 8io rsgnissesbat uns, sbäomaäa ants natale Oomiui ob tunll laid sabbadum post vssgsrs 14 Xal. äannar. Xt turn ernt ills ssrag'inta snnorum ssrats st kuit abbas ksrs 10 auuo8. Oax. 13, xaA, 115 u. 116. ") Brückl I. e. eag. IX, p. 22: nsgns aä aliam oolomni- tatis xa. soll am. Holder-Egger I. o. 92. sondern Jahre (vom 11. Nov. 720 bis Ostern 723) war Willibald in Rom. dann unternahm er die Orient- reise, überwinterte 723/4 zu Patara in Lycien (Kleinasien), war zu Ostern (16. April) 724 drei Wochen in Paphos und bis nach Johannis dem Täufer (24. April 724) in Constantia auf der Insel Cypcrn. Hierauf wurde nach Syrien (Tharathas, Antarados) übergesetzt. Dem Aufenthalte Willibalds in Syrien, bezw. der ziemlich lange dauernden Haft desselben und seiner 7 Gefährten, welche insgesammt für griechische Spione angesehen wurden, habe ich im Jahre 1859 ein ganzes Kapitel gewidmet und näher ausgeführt- daß unser Palästinapilger unmöglich schon am 11. Nov. des Jahres 724 nach Jerusalem gekommmen sein kaun, daß seine Ankunft daselbst vielmehr auf den genannten Tag des Jahres 725 angesetzt werden muß. Man bedenke doch, daß der 24. Juni (Johannis) 724 bereits vorüber war,") als die Pilger Constantia auf Cypern verließen, daß die Fahrt an die Küste Syriens und der Weg von Antarados über Arke nach Emessa (Homs) immerhin einige Tage in Anspruch nahm und der Proceß in Folge ihrer Gefangensctzung als Spione ein sehr zeitraubender war, da sie zuerst von einem reichen Alten (8Msx), dann von einem Spanier, der am Hofe einen hochgestellten Bruder hatte, sehr eingehend ausgeforscht und verhört wurden und ihre Sache zuletzt vor den Chalifen selbst gebracht worden war, der in Gegenwart des Kapitäns (ug.utori8) des Schiffes, auf welchem sie von Cypern gekommen waren, des inquirirenden Spaniers und des Präses, welcher sie einkerkern ließ, vor Allem fragte, woher die Fremdlinge wären, und als auf diese Frage der Statthalter von Emessa, der Spanier und der cypcische Schiffsherr antworteten: „Vom Westen,") wo die Sonne untergeht, sind jene Leute gekommen, wir kennen über das ihrige hinaus kein Land, nichts als lauter Wasser," ergriff der König das Wort und sprach: „WaS sollen wir sie strafen? Sie haben nichts gegen uns verschuldet. Gib ihnen (zum Statthalter gewendet) freien Paß und laß sie abziehen." Daß die Haft Willibalds und seiner Reisegefährten eine langa »dauernde gewesen, geht insbesondere auch aus dem Umstände deutlich hervor, daß ein Handelsmann aus Emessa sie loskaufen und aus dem Gefängnisse befreien wollte, was ihm jedoch nicht gelang; er durfte aber den Gefangenen täglich Frühstück und Mittagsmahl schicken und sie durch seinen Sohn am Mittwoch und Samstag ins Bad und wieder zurückführen lassen, ja am Sonntag konnte er selbst mit ihnen über deu Bazar zur Kirche gehen und nach ihrem Wunsche Einkäufe für dieselben machen. Wenn nun schon Holder- Egger die Gefangenschaft in Emessa bis in den September und Oktober des Jahres 724 ausgedehnt hat, so dürfen wir, gestützt auf die bruchstückartige Erzählung der folgenden Ereignisse und die Versicherung der Nonne, daß die Orientreise sieben Jahre gedauert hat, mit Recht darauf schließen, daß das Jahr 724 zur Neige gegangen war, als der Chalife Hi schein") die Weiterreise gestattete und die Pilger den 100 Millien weiten Weg Brückl oax. XII in Lns 23. Holder-Egger I. 0 . 94, 95. Hahn übersetzt die Stelle äs oeoiäentali xlaZa „von der östlichen (?) Küste, wo die Sonne untergeht, kamen jene Menschen." Reise d. hl. Willibald nach Palästina. Programm, Berlin 1856, S. 19. ") Dessen Bruder Jegid II. war am 27. Januar 724 gestorben. Holder-Egger 1. e. x. 95 A. 1. 380 nach Damaskus angetreten haben. Es führten aber nach der Puliulg, keutingsriunu zwei Nömerstraßen von Emessa (^6M68a) nach Damaskus, die eine über Helio- polis (Lliopolia) zählte 140, die andere, kürzere 96 mils xa,88U8; die letztere haben unsere Pilger eingeschlagen, weil sie mit der von Willibald angegebenen Länge so ziemlich harmonirt.^b) Am 25. Januar 725 besuchten sie wahrscheinlich die nur 2 Millien von der Hauptstadt der Omajaden entfernte christliche Kirche Pauli Bekehrung. An diesem Tag wird nämlich das Fest des Völkerapostels begangen, zu welchem der Herr die Worte gesprochen: Saulus, Saulns, warum verfolgst Du mich? (J.Ltu axovtol. 22, 7.) Hatte Willibald die Entfernung der Hauptstadt Damaskus von Emessa noch angegeben, so läßt er uns über die nach achttägigem Aufenthalte daselbst unternommene Reise nach Nazareth ohne alle Nachricht über den eingeschlagenen Weg, die Entfernung und die verwendete Zeit. Nachdem die Pilger in der Paulskirche ihr Gebet verrichtet, gingen sie nach Galiläa, wo Gabriel die seligste Jungfrau mit Huvo Naria. begrüßte (Luc. I, 28). Ich vermuthe, daß die Pilger Maria Verkündigung (25. März 722, Sonntag Judica) in Nazareth gefeiert haben, sodann wurde Kana und der Berg Tabor besucht. Von dort gingen sie in die Stadt Tiberias am See Gcnesareth und hielten sich daselbst ziemlich viele Tage (a,lii)ua.uto8 äio8) anf?o) Die Osterwoche war nahe, Palmsonntag fiel auf den 1. April, Ostern auf den 8. desselben Monats. Die hl. Charwoche verlangte die vorgeschriebene Ruhe und Sammlung, und wie die Pilger im vorigen Jahre 724 zu Ostern in Paphos auf Cypern 3 Wochen verweilten, so scheinen sie sich im Jahre 725 gleich lange oder ein paar Tage weniger oder mehr in Tiberias am See gleichen Namens in Galiläa aufgehalten zu haben. Sodann umgingen sie den See in nördlicher Richtung über Migdol, Kapharnanm, Bethsaida und Corazaim, suchten dann die Quellen des Jordans (Jor und Dau) auf, wo sie von den Hirten saure Milch zu trinken bekamen und Willibald folgende Bemerkung über die dortige Nindviehzucht einstießen läßt. „Das Rind, sagt er?°) hat dort einen ungewöhnlich langen Rucken, kmze Schenkel und große, aufrechtstehende Hörner. Alle haben eine röthliche Farbe. Die Sümpfe daselbst sind lief, und wenn zur Sommerszeit große Sonnenhitze über die Erde zu kommen pflegt, so steht das Vieh auf, läuft in den Sumpf und taucht mit dem ganzen Leibe unter, mit Ausnahme des Kopfes." Wenn nun Willibald, was sehr wahrscheinlich ist, selbst gesehen hat, wie die Rinder zur Sommerszeit in die Sümpfe gingen, so erleidet es keinen Zweifel, daß er sich während des Maimondes des Jahres 725 noch an den Quellen des Jordans befand, was mit der Zeitrechnung im Allgemeinen übereinstimmt. Von den Quellen des Jordans weg begaben sich die Pilger nach Cäsarea Philippi"') (Baneas, Paneas), ") Vgl. Weltkarte des Eastorius, genannt die Peutinger'sche Tafel X, 3 u. 4. von Dr. Konrad Miller, Navcnsburg 1888. ") Brück! oax. XIV, 5. Ibi Inornnt »liguandos äiö 8 . Holder-Eggcr 1. o. x. 95 in Lne. 2 °) Brückt e»p XV; Holder-Egger I. o. x»K. 96. Omneo sunt nuin 8 oolorio, ostreae, 2') Das jetzt wieder einen katholischen Buckos hat, der unsern lieben Freund, den Orientalisten I. Mich. Scbmid, Psarr- berrn in Frohnstettcn bei Deggendors, zum Canonicns seiner Kathedrale (a. Peter) ernannt hat. wo eine Kirche und eine Menge Christen sich befand, und dort ruhten sie ziemlich lange Zeit aus.^) Jedem Geographen und Chronologen muß es auffallend erscheinen, daß Willibald von Damaskus plötzlich bis Nazareth im Südenvon Galiläa herüberspringt und, anstatt über Cäsarea Philippi dorthin zu gelangen, den umgekehrten Weg von Nazareth nach Philippi geht. Lautete etwa der Paß der Pilger bloß auf die 103. Hedschra, welche am 15. Juli 725 endigte (Flucht Muhameds aus Mekka 15. Juli 622), und mußten sie denselben in Damaskus oder Emesa für die 104. Hedschra (726) verlängern lassen?^) Der dauernde Aufenthalt Willibalds in Baneas (Cäsarea Philippi) steht fest; gleichwohl hat Generalvikar (später Dompropst) Snttner in Eichstätt in seiner Ausgabe die sehr gewichtige Stelle: „st idi (6g.68ur6g.s kstilixxi) rö^uisgosutss uli- HULlltuirr t6vapu8" gar nicht, undBrückl übersetzte: „dort rasteten sie eine Weile", womit ich mich nicht ganz einverstanden erklären knnn?0 Ebenso lückenhaft, wie die Reise von Damaskus nach Nazareth, ist nach einem längeren Aufenthalte zu Cäsarea Philippi die Pilgerfahrt von dort zum Kloster des hl. Johannes des Täufers gegeben. Wir erfahren nicht, wann die Pilger abreisten, ob sie ihren Weg rechts oder links des Jordanflusses nahmen und wann sie in dem gedachten Kloster ankamen. Im Johannis- kloster wurde übernachtet, und Willibald badete im Jordan, ein Umstand, der darauf schließen läßt, daß die Pilger noch im Oktober 725 dorthin gekommen waren. Hierauf wallfahrteten sie weiter nach Ealgala, Jercho und dem Kloster der hl. Eustochium zwischen Jercho und Jerusalem. Am Sonntag den 11. November 725 (kurz vor Eintritt der Regenzeit) waren die Pilger von: Osten (Oelberg) her in die hl. Stadt gelangt, und Willibald erkrankte sogleich und lag darnieder bis eine Woche vor des Herrn Geburt (d. h. bis 18. Dez. 725 ). 2 °) Ich habe den Weg, welchen Willibald im Jahre 725 durch Galiläa, Perea und Jndea machte, deßwegen etwas eingehender besprochen, um zu zeigen, daß die Annahme jener Autoren,"°) welche mit Hirschmann den Palästinapilger Willibald schon am 11. Nov. 724 nach Jerusalem kommen lassen, ebenso unstichhaltig ist wie die Behauptung, er sei noch im Jahre 7 29 von Con stantinopel nach Italien zurückgekehrt und im Herbste dieses Jahres in das Bcnediktinerkoster Monte Cassino eingetreten??) Die beiden Angaben sind entschieden unrichtig und von Willibald selbst und der Luiretiuroninlig wiederholt zurückgewiesen worden, einmal durch den de- ??) Brückt Latz. XVI. üt ibi regnieoeeutss »ligngntuin temporig . . Holder-Egger alignantnin tempno . . I. 0 . 22 ) Ueber die damaligen Paßplackereicn in Syrien und Palästina gibt Willibald'S Nebe genügenden Aufschluß. (Brückt cax. 26, Holder-Egger I. 0 . x. 100.) 2 H Brückt ist überbanpt nickt sebr genau, so hat er z. B. die Srelle e»p. Xlll S. 32 seiner Ausgabe ob 8 »netn 8 ^nanicrs — Zziriin weggelassen bezw. nicht ins Deutsche übertragen. 2 °) Brück! I. 0 . o»p. XVI, XVII u. XVIII; Holder-Egger LI. S. 88 . XV. 96 u. 97. *°) Die vv. Joh. Nep. n. Bernhard Sepp sagen in ihrer Felscnkuppcl rc., Müncben 1882 S. 55, „Willibald sei 728 nicht in die 8 »not!» 8 opbi» zu Jerusalem gekommen." Im Jahre 728 gewiß nickt, wobl aber zu Christi Geburt 725 in die 8 a. not». 8 ic>n, welche wobl mit 8 g.net!» 80 p bi», 8 »not:» Llari» ökäroxoL, dem Tempel des Herrn und der jetzigen Omarmoscbee identisch sein dürste. ??) Beilage z. Augsb. Postz. 1894 Nr. 17 S. 131; Holder- Egger I. 0 . x. 101. taillirten Nachweis, daß die Orientreise von Nom bis Cypern 1 Jahr, von da durch Syrien unter Ein- rechnung einer lange dauernden Gefangenschaft ein zweites Jahr, drei weitere Jahre ^) die Wanderungen in Palästina in Anspruch nahmen und der Pilger sich zwei Jahre in Constantiuopel aufgehalten hat;^) sodann im Allgemeinen dadurch, daß die Nonne, beim Eintritt Willibalds in das Benediktinerkloster auf Monte Cassino im Herbste 7 30 auf die Jahre der damals vollendeten Wanderschaft zurückblickend, die Gesammt- dauer auf 10 volle Jahre 2* */g-H-7-K-*/z — 10) angegeben hat.2°) Fällt nun, wie wir aus dem Leben Wunibalds gesehen haben, der Abgang von England in den Anfang des Sommers 720, so muß die Zurück- kunst aus dem Oriente nach Italien im Frühlinge des Jahres 730 stattgefunden haben, nicht schon 729, wie Holder-Egger und Hirschmann bezw. die Gewährsmänner derselben angenommen haben. Hirschmann meint, da Willibald die Pilgerreise nach dem Oriente erst Ostern 723 angetreten hat, so scheint die Nonne die Jahre der Abreise und der Ankunft als voll gezählt zu haben, ebenso scheint sie Verfahren zu sein bei der Zühlung der Jahre der Abreise von England und der Ankunft in Nom?*) Daß diese Vermuthungen jedoch nur auf Schein beruhen, nicht auf der nackten Wahrheit und Wirklichkeit, geht schon daraus hervor, daß die Nonne ihre Jahreszeiten stets nach Ostern, Weihnachten, Johannis, Martini und nebenbei auch nach dem Tage des Apostels Andreas (30. Nov.) zu berechnen pflegte. Man nehme einmal mit Hirschmann, Holder-Egger und den Gewährsmännern derselben an, Willibald sei 721 von England abgefahren, so wäre er nach der genauen Berechnung der Nonne 731 vorn Orient zurückgekehrt und am 30. Nov. 741 von Monte Cassino nach Nom gekommen. Papst Gregor III. hätte ihn nach dem 30. Nov. 7 41 zu sich beschicken, d. h. erst nach seinem Tode, da Gregor III. einen Tag vor der angeblichen Ankunft Willibalds am 29. Nov. 741 bereits gestorben war. In solche arge Widersprüche verwickeln sich alle jene gerühmten Autoren, welche den hl. Willibald, diesen Chronologen I. Ranges aus dem 8. Jahrhnndcrte, falsch interprctiren oder deßwegen nicht mehr verstehen, weil sie sich selbst öffentlich für die unhaltbare, spüttnittclaltcrliche Eichstätter Chronologie ausgesprochen haben und sich eines Irrthums nicht überführen lassen wollen. Die Chronologie Popps, Brückls und Hirschmanns und die Nandchronologie Holdcr-Eggers siu Leben des hl. Willibald müssen aufgegeben und durch die sicheren chronologischen Angaben der Nonne von Hcideuheim ersetzt werden, weil Willibald schon mit Beginn des Som- Abfahrt ven TyrnS 30. Nov. 727, wie Hirschmann u. Holder Egger ebenfalls angeben. 2") Ende März 728 — 780; nicht 729, wie Hirschmann und .Holder-Egger I. s. haben. °°) Brückt cax. XXXI u, XXXII; Holder-Egger I. s. p. 102. Illnil (taue) erst anrmnnns, guamlo veiiik aä Landarm Lsns- äieiarm ev tnno kusra.nt7ri.uno8, gnoä äs D-owa transirs oospit, st omnium srrrut 10 rrnnos, gnoä äs xatria sua rrauoibat .. . . 1? ran 8 asIo (a) itagus dune 10 anuorum inreroaxeäins .. Beilage z. Angsb, Postz. 1894 Nr. 17 S. 131. Denselben Gedanken hat Holder-Egger lateinisch in die Auincrk- ungen 9 n. 10 x. 102 seiner Ausgabe niedergelegt. °2) Nur ein paar Angaben Holder-Eggers, nämlich 723, 727, sind richtig. mers 7 20 (nicht 721) England verlassen hat, aus dem Orient nach Italien nicht schon 729, sondern erst 730 zurückgekehrt ist und sich auf Monte Cassino vom Herbste 730 bis 30. Nov. 740 (nicht 739) aufgehalten hat. Willibalds Berufung nach Bayern 740/1, seine Reise dorthin 741, seine Priesterweihe am 22. Juli 742 zu Eichstätt und die Weihe zum Bischof von Eichstätt am 20. Oktober 743 habe ich in meinen Bruchstücken ausführlich behandelt; indem ich auf dieselbe verweise,^) will ich nur noch ein paar Bemängelungen und irrige Auffassungen Hirschmanns zurückweisen bezw. richtigstellen. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Volksschulwesens in Württemberg. Bearbeitet und herausgegeben von Beruh. Kaitzer, Oberlehrer am kgl. katholischen Schullehrerieminar Einund,*) „Die Schulfrage steht überall im Vordergründe, und jede Erörterung derselben in kirchlichem Sinn ist erwünscht. Bis jetzt ist dieselbe viel zu wenig beachtet." vr. Windthorst. Aus Anlaß des 25 jährigen Ncgierungsjnbiläums weiland König Karls von Württemberg (1889) hatte Oberlehrer Kaißer in Gmünd eine kürzere „Geschichte des Volksschulwesens in Württemberg" herausgegeben, welche allerorts eine überaus günstige Aufnahme fand (clr. Augsb. Postztg. Beil. Nr. 57 v. I. 1689). Seit jener Zeit setzte er mit bewundernswerthem Eifer seine volksschulgeschichtlichen Studien fort, erweiterte und vertiefte sie auf Grund schulgeschichtlicher Schriften und archivalischer Urkunden. Vorstehendes Werk ist eine Frucht seines Sammelns und Forschens. (Einige Partien sind zum Theile früher auch schon in dieser Zeitung zum Abdruck gekommen.) Die Schrift stellt mit großer Gründlichkeit und Sachlichkeit, in klarer, anziehender Sprache die Entwicklung des Volksschulweseus in Württemberg von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart dar. Sie steht auf entschieden christlichem Standpunkte und athmet Liebe zur Kirche und zum Vaterlande. Es ist ein wirklicher Genuß, sie zu lesen. Der Verfasser weist in der Einleitung und im I. Abschnitte bis zur Evidenz nach, daß die Kirche die Mutter der Volksschule ist und daß es Volksschulen in Deutschland überhaupt und ganz besonders auch im heutigen Württemberg — in Städten und auf Dörfern — schon vor der Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts gegeben hat. Im II. Abschnitt wird die Entwicklung des kathol. und evangelischen Schulwesens im 16., 17. und 18. Jahrhundert im Allgemeinen und mit besonderer Berücksichtigung Württembergs geschildert. Der schlimme Einfluß der sog. Reformation wird gebührend hervorgehoben; es wird aber auch im Verlaufe der weitern Entwicklung nachgewiesen, daß und wie man katholischerseits so gut wie protestantischerseits das Volksschulwesen zu heben bestrebt war. Am eingehendsten und ausführlichsten wird im III. Abschnitt das Volksschulwesen im Königreich Württemberg behandelt. Sehr interessant nnd instruktiv ist in diesem Theile (von S. 118 bis S. 153) die Geschichte der Volksschulaufsicht von den ersten Anfängen bis heute. °°) Im Separatabdruck sind die vier ersten Zeilen auf Seite 10 hinter die drittletzte Zeile nach in Syrien herabzusetzen. *) Stuttgart, Jos. Notb'sche VerlagShaudlung. X. 336 S. in gr. 8°, brosch. 5 M. 50 Pj. 382 Dieser Passus ist eine glänzende Apologie der kirchlichen Schulaussicht. Der IV. Abschnitt bespricht das Fortbildungsschnl- wesen von der frühesten Zeit bis heute. Hier verdienen die Ausführungen über „die Sonntagsschule" und „den Handfertigkeitsunterricht für Knaben" besondere Beachtung. Im V. Abschnitt werden die öffentlichen und privaten Anstalten (mit katholischem und evangelischem Charakter) zur Erziehung und Bildung schulpflichtiger Kinder außerhalb der öffentlichen Volksschule vorgeführt. Es ist wohlthuend, das hier entworfene Bild der staatlichen und kirchlichen Fürsorge für verwahrloste, blinde, taube, schwachsinnige und epileptische Kinder zu betrachten. Zur Vervollständigung der Abhandlung über die Kleinkinderschulen in Württemberg möchte Recensent hinweisen z. B. auf „Blätter für das Armenwcsen", Stuttgart 1888 Nr. 39 und 40, und die dort angegebene Literatur. Betreffs des letzten (IV.) Abschnittes: „von den Verhältnissen der Lehrer im Mittelalter bis heute" (Heranbildung und Fortbildung, Anstellung, soziale Stellung, ökonomische Lage) ist zu wiederholen, was über die Behandlung der Geschichte der Volksschulaufsicht gesagt wurde: sehr interessant, sehr instruktiv! Vorstehende Schrift ist in hohem Grade geeignet, eine Blenge von Vorurtheilen und Einseitigkeiten zu zerstören, welche wir Katholiken fast in jeder größern Erziehungsgeschichte finden. Sie ist von hohem Interesse nicht bloß für die württcmbcrgischen Geistlichen und Lehrer, sondern auch für Schulfreunde und Lehrer aller deutschen Gauen, für Männer politischer Laufbahn, für «lle, welche für kulturhistorische Forschungen und historische Wahrheit überhaupt sich interessiren — zumal da, wie man oft sagen hört, das württembergische Schulwesen zu den Musterhaftesten aller zivilisirten Länder gehört. Die Druckfehler, welche sich dann und wann vorfinden sind untergeordneter Art und lassen sich leicht verbessern. Einigemal hätten wir genaue Literaturangabe gewünscht (z. B. S. 8 zum Satz: „wie urkundlich nachgewiesen ist", S. 37 zur Behauptung: „Thatsache ist, daß" rc.). Schließlich empfehlen wir vorstehende Schrift aufs wärmste und wünschen und hoffen, daß sie recht viele Leser und Freunde finde. Dann wird der geehrte Verfasser mit um so größerer Freude seine volksschulgeschichtlichen Studien fortsetzen. Gegenwärtig arbeitet er an der Geschichte des Schulwesens Neuwürttembergs, d. h. der zu Anfang dieses Jahrhunderts an Württemberg gekommenen katholischen Landcstheile — eine Arbeit, welche sich ausschließlich auf archivalische Ausbeute gründet und welche äußerst interessante Resultate zu Tage fördern wird. Es ist sehr wünschenswerth und erfreulich, daß dieses Stück der Geschichte unseres Volksschulwesens einmal recht einläßlich behandelt wird. Wir sehen diesem II. Theil der Geschichte des Volksschulwesens in Württemberg mit großer Spannung entgegen. Hohenstadt, O.-A. Aalen. Schnitter, Pfarrer. Zeitgemäße katholische Literatur. Bon Theodor Habicher. CorDlila Mähler. Wie ein Veilchen anspruchslos und verborgen lcht und dichtet die Sängerin heiliger Liebe Frau Cordula Wühler, die durch ihren Lcbensgang sowie durch ihr Dichten vielfach an Lonise Hcnsel erinnert. Sie ist 1815 zu Machlin (Mecklenburg-Schwerin) geboren als Tochter des nun pcnsionirten lutherischen Pastors W. Wühler, der selbst ein episch-lyrisches Epos („Hobenstein") verfaßte, kon- vertirte 1870, ehelichte in der Hafenstadt Bregenz am Herr» lichen Bodensee den geistreichen Privatier Joseph Schneid, lebt aber schon längere Zeit in meinem Geburtsort Sebwaz (Tirol). — Eine wahre Natbanaclsscele singt in all ihren frommen Liedern, die dem Urtheile des Literarhistorikers Brngier gemäß wahre Perlen deutscher Poesie sind. Gleichwie die Sonnenblume ihre Krone stets der Sonne zuwendet, so neigt ihre Muse immer und immer wieder dem Heiland im Sakramente zu. Eine große Anzahl ihrer Lieder dürfen den Perlen geistlicher Lyrik zugezählt werden. Von ihren Dichtungen sind im Druck erschienen: „Die Geschichte der heiligen Notbburga, poetisch erzählt"; „Was das ewige Licht erzählt" (Gedickte, über das heilige Altarssakrament, 7. Auflage, 1888, unter dem Pseudonym Cordula Pcregrina); „Bausteine" (zwei Bündchen, die Lieder über die Sonntagsevangelien und Festtagsgeheimnisse enthalten, und deren Erlös die an irdischen Gütern nickt reiche Dichterin dem Bau einer neuen Kirche zuwandte); „Katholisches Haus- nnd Familienleben"; endlich eine „Tiroler Dorfgeschichte", worin die himmlische und irdische Liebe in ihren Zielen, Opfern und in ibrcm Glücke geschildert ist; außerdem schrieb sie »erschiene treffliche, durchaus poetisch angehauchte religiöse Bctrachtungs- bücker mit eingelegten Gedichten, die sehr zu empfehlen sind. („GebhardnSbuck", „Weg nach Golgatha", „Krippe und Altar".) Von den drei Bündchen wirklich guter, zum Theil reckt volkSthümlichcr und darum schnell beliebt gewordener Erzählungen nennen wir mit Auszeichnung die literarischen Erzeugnisse: „Die Lilie des hl. Antonius von Pcwua", „VincentiuS und Paula", sowie „Das Sonntagskind".'*) Gar bald sind Cordula Wübler's Name und ihre gediegenen Schöpfungen in der deutschen Lescrwelt bekannt geworden. Erfüllt von Eindrücken und Erscheinungen aller Art, in der frischen, unverbrauchten Kraft und mit feuriger Phantasie begabt, schuf sie ein Werk nach dem andern mit bewunderns- werthcr Prodeirtivitär. Sie ist daher eine Autorin von jener kräftigen Art, die darauf hindrängt, die Bilder und Gestalten der vom Christenthum vollständig erfaßten Phantasie in knappen Strichen auf daö Papier zu werfen, eine Autorin, der ein weiter Gesichtskreis und ein sicherer Blick für die Auswahl ihrer Stoffe und ihrer Durchführung im Einzelnen zu Gebote steht, und die es gerade dadurch versteht, ihren Werken den Stempel einer geschlossenen Eigenart aufzudrücken. Eines ihrer besten Werke, „Krippe und Altar", erscheint soeben in dritter Auflage und eignet sich dasselbe infolge seines gediegenen Inhaltes und billigen Preises — 3 Mk. 7ö Pfg. — sowohl als Betracktungsbnch für die heil. Adventzeit sowie auch als Weihnachtsgeschenk. Möcktcn daher recht viele Familien, besonders aus den Bcamtenkreisen, nach dem Büchlein greisen, welches auch in seiner äußeren Ausstattung viel Lob verdient. Sie werden es nicht ohne die mannigfachste Anregung aus der Hand legen. Hätten die Cordula Wöblcr'schen Werke nur den vorübergehenden, zweifelhaften Werth, wie ihn leider Gott Hunderte moderner Erzählungen und Dichtungen haben, dann würde die Autorin an dieser Stelle nicht genannt fein. Eine kurze Prüfung einer einzigen hier angeführten, dem Werke „Krippe und Altar" entnommenen Strophe möge genügen, oben angeführte Worte zu bekräftigen: — Vorahn ung. Ihr Vöglein, laßt euch fragen, Was singt ihr heut' so holv? AlS wen» ibr mir was sagen Tief in die Lreelc wollt! Ich möchte init euch singen, Wenn ich's so lieblich könnt'! — Auch dein Lied soll erklingen, Herz — morgen ist Advent! Recensionen und Notizen. D Handbücklein der kathol. Presse. Heinrich Kcitcr, der unermüdliche Förderer der Interessen der kathol. Presse und Literatur, Redacteur des „Deutschen Hausschuhes" in *) Sämmtliche hier angeführte Werke sind stets vorräthig und zu beziehen durch daö Litcrarische Institut von vr. M Hnttlcr (Michael Seih), lL 160. Negensburg, bat den bis jetzt erschienenen 4 Jahrgängen seines „Katbol. Literaturkalenders" ein Büchlein folgen lassen, welches ausschließlich der kathol. Presse gewidmet ist (Selbstverlag des Verfassers). Das hübsch ausgestattete Wcrkchen enthält zunächst eine sehr sorgfältig bearbeitete Statistik der katholischen politischen und kirchlich-politischen Presse deutscher Zunge in Deutschland, Luxemburg, Oesterreich-Ungarn und der Schweiz (nach Staaten bczw. Provinzen geordnet), sodann ein Verzeichnis der Fachzeitschriften (nach Materien geordnet), eine eigene Rubrik über die katholische Presse in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, ein Verzeichnis; der katholischen Kalender (1211), genaue Mittheilungen über die bestehenden ZeitungS-Correspcnvcnzen, Agenturen für Feuilleton-Bedarf, Anstalten für Herstellung von Autotypien und Zinkätzungen, Agenturen und Verlagsbandlnngen, welche Buchdruck-Clickös liefern, endlich ein Verzeichnis katholischer Schriftsteller, welche Feuilleton- und Kalender-Material liefern. Auch die katholischen Pretzvereine in Deutschland und Oesterreich sind nickt vergessen; sowohl über den deutschen Augustinus-Vcrein als auch über die beiden österreichischen Vereine erkält man genauen Ausschluß. Der Herausgeber hat sich durch sein neues Werk den Dank der ganzen katholischen Presse verdient. Aber nicht nur den Redacteuren, Verlegern und Schriftstellern, sondern auch dem inserireuden und litcratursreundlicken Publikum wird das „Handbücklcin der katholische» Presse" ein wichtiger Führer auf einem Gebiete sein, dessen stetige Ausbreitung durch die Statistik in erfreulichster Weise bestätigt wird. kszzodoloFia rabionalis sivs pdilosopdia äs anima Imma.ua. In usum soliolsiium. ^.uelors Psruaräo Losääsr 8. ä. Oum Xpprob. Lvu Xrebisp. IkriburA. 8°, XVII, 314. l?ribnr§i Lris§., Ileräsr 1894. krstüum: 21. 3,20; lix. 21. 4,40. ä. v. D. Den bereits erschienenen und früher besprochenen 4 Bündchen dcS >6ursus pliilosopbieus. In usum soliolarum - folgt hiermit das fünfte. Die Ausstattung ist wiederum trefflich; die Latinität flüssig und leichtverständlich. Der ganze Stoff wird eingetheilt in zwei Bücher. Das erste handelt: äs aetibus eb kaeultatäbus aniiuas Iiumanas, und zwar in 5 Kapiteln. 6apub I bringt die ävAmata lunäainölltalia: äs äis- kiuctious kaeult.at.uw aniwas und aus der Kosmologie (kliilo- sopdiu nakuralis) äs sorxors vivo vSAStali st animali. 6aput II: äs ssnsu kowinis (äs sudjeoto aotus ssutisoäi, ortu sensationis, ssusibus sxtsrioribus st interioribus). 6uput III: äs intsllsotu Humana (ojus iwwaterialitas, od- gsekum; oriKo priiuarum iäearum; oonseisntia sui ipsius aniwas; woäus eoxuitiouis intellsetualis; intelleetus ratio- oinans; wsworia inbellsetiva; verbuw wsntis sto.). 6aput IV: äs kaeultatibua rrppstitivis Iiomini propriis (apxstitus ssusitivus; voluntatis objsotum, libsrtas iuäitksrentias sto.). 6aput V-. äs pobsukiis st haditidus aniwas in Asners eon- siäeratis. DaS zweite Buch handelt: äs natura Humana in 2 Kapitell;. 6aput I: äs priuoipio naturas humanas in spssis consiäsratas sivs äs aniwa ut priuoipio prima vitas rationalis (animas simplieitas, spiritualitas, imwortali- tas). 6 aput II: äs natura Humana ei auima rationali st vorpors oonstituta (aniwas uuitas; moäus oorpori unionis; ssäss animas, ori§o ojusgus oum oorporis oriAius oannsxio; natura aä psrsonam humanam eomparatio). In einem kurzen Appendix ist zum Schlüsse Rede vom Spiritismus. — Dieser ganze Inhalt wird durchgeführt in syllogistischcn Beweisen von 53 Thesen. Klarheit und Uebersichtlichkeit gewinnen dadurch. Für die Einwürfe und deren bündige Widerlegung ist zu Ende der einzelnen Thesen der Kleindruck gewählt, und tritt auch so das Wichtigere schärfer hervor. Eingebender werden im Zusammenhange die falschen Theorien über die menschliche Erkenntniß zurückgewiesen. So die von Spencer, Locke, Kaut, der TraditioualiSmus, die eingeborenen Ideen, der OntologiS- mus. Gelegentlich werden auch manche andere irrige einschlägige Ansichten, wie von Nosmiui, Longiorgi uud Palmieri (beide 8.I.), berichtigt. Seinen längeren Aufenthalt in England benutzte der Verfasser, um sich auch in englischen Autoren näher umzusehen und öfter zu verwerthen. Im Allgemeinen bemüht sich der Verfasser sichtlich, an St. Thomas sich anzuschließen. Nur ist ihm dies nickt stets gelungen. So z. B. in der Eintheilnug. Die rationelle Psychologie (philosophia äs anima) muß zunächst das Wesen der Seele erforschen, um aus diesem tiefsten Grunde die Seelcu-Kräfte und -Thätigkeiten zu erklären (vgl. 8. Bh. I, gu. 75, Einleitung). Ferner ist St. Tbomas, Wie seinen großen Zeitgenossen, die äistiuotio kormalis zwischen der Seele und ihren Kräften und zwischen den letzteren untereinander unbekannt. Sie nehmen in beider Hinsicht eine äistiuotio rsalis an. (Vgl. 8. Louavouturu — säit. tzua- raeolii — 2. 8eut äist. 24, p. 1, a. 2, gu. 4 und 8oho1ion dazu; TiAÜara, 8umma pliilos. Tom. 2, I. 3, op. 1, a. 1; I. 4, op. 1, a. 2; LKAsr, kropaeäsutiou sä 4 a, kszwdol. 8sot. 2. llraet. 1, op. 1, a. 1; op. 3, a. 2; Eommcr, System der Philosophie, 3. B., 4. Kap. § 1; 5. Kap. § 1, 4) Manche Tbeien scheinen uns gar zu laugathmig, manche Partien zu weitschweifig. Zum neuen Jahre! Eine Octave A B C-Stndien aus der Fibel und Bibel zur Anregung und Unterhaltung für Junge und Alte von Carl Maria Sam berge r. Bambcrg 1895. Commissionsverlag der Sckmidt'schen Buchhandlung (L. Schindler). 175 S. Preis 2 M. Vs. Ein origineller Titel für ein originelles Büchlein. Unter die Hauptrubrikcn der sieben Wockcntaae sammt der Octave und die untergcordn. Rubriken der einzelnen Buchstaben des Alphabets ordnen sick Schlagworte, welche mit den betr. Buchstaben des ABC beginnen. Diesen Schlagworten fügt sich an eine buntschillernde Menge von Gedanken, Reflexionen, Wortspielen, Antithesen über Zustände der alten und der neuen Zeit, über alte ernste Wahrheiten und moderne luftige Thorheiten, bezüglich letzterer bald im Tone ernster Rüge, bald im Tone heiteren Spottes. Geschickte und Politik, Familie und Gesellschaft, Wissenschaft und Literatur, Schule und Haus, Kirche und antikirckliche Strebungen — das alles in buntem Wechsel wie in einem Kaleidoikop, bisweilen untermischt mit einem kurzen Poem. Und alles durchdrungen von gläubigem kirchlichem Geist, geleitet von dem Streben, die irdischen menschlichen Dissonanzen aufzulösen zu dem höheren Accord eines übernatürlichen christlichen Lebens. Das Büchlein ist gedankenreich und regt wieder zum Denken an. Die ägyptische Fürstentochter. Ein Weihnachtsi'picl in 3 Auszügen von Jos. Hccher. Stuttgart, Jos. Noth'sche V-rlagshdlg. 8°. 53. Pr. 60 Ps. s. Atossa, die Tochter Balthassars, eines der hl. 3 Könige, ringt, während der Vater fortgezogen, den »Stern Davids" zu jucken, in der Heimath in schwerem Geistcskampfe nach Erkenntniß der Wahrheit. Eine jüdische Sklavin vermittelt ihr Israels Hoffnung auf den Messias, und schon ist sie nahe daran, zu demselben Glauben sich zu erschwingen, wie ihr Vater, da fällt ein auirührcrischer Negeifürst über Balthassars Reich her, erobert die Königsstadt und führt alle in Gefangenschaft. Atossa wird eingekerkert und soll nur befreit werden, wenn sie einwilligt, die Gemahlin deS Siegers zu werden. Folterwerkzeuge sollen ihre entschiedene Weigerung brechen. Im letzten Augenblicke kommt ibr Vater mit starker Heercsmacht, besiegt den Empörer. Atossa siebt diese Befreiung als ein Werk des wahren Gottes an und glaubt an ihn. Beim SiegeSfest erzählt Balthassar Von dem göttlichen Kinde und seiner Mutter. Mit der Verehrung der hl. Familie, welche auf der Flucht in das Reich Balthassars gekommen, findet daö Stück seinen Abschluß. In solcher Darstellung gefällt uns die Tochter des Magiers bedeutend besser, als wie Lewis Wallacc in Bcn Hur sie gezeichnet, welchem Hecker in der.Erzählung des Zusammentreffens der 3 Könige gefolgt zu sein scheint. Das Spiel ist dazu angethan, gewünschte Abwechselung in die Weihnachtsspiele zu bringen. Lucas Ritter v. Führich's ausgewählte Schriften von Heinrich von Wörndle. Stuttgart. Verlag Noth, 1894. D. II. Wir haben in diesem gediegenen Schriftchen eine Veröffentlichung des Nachlasses deS zu Wien 1891 verstorbenen Ministcrial- und HofrathcS Lucas v. Fübrich, des würdigen Sohnes Joscf's v. Fübrich, unseres bockgefeierten, weltberühmten Malers, vor uns. Der Herausgeber schickt eine mit lebhafter Pietät geschriebene Biographie des Verewigten voraus. In den „Erinnerungen aus einer Künstlerwohnung" werden wir mitdenLebenSver- bältnissen dcS großen MalerS Josef Führich vertraut gemacht. Die anderen Aufsätze (5) lassen uns einen tiefen Btzck in die gottbegnadcte, kunstliebcude Seele des Verewigten thun. Während manche der erwähnten Aufsätze schon früher in Druck gekommen, sind andere und eine Anzahl Gedichte hier zum erstenmale veröffentlicht. Das treffliche Büchlein wird allen willkommen sein, die sich an trefflichen Charakteren begeistern wollen; so einer war der Verewigte, dem Slöber in der Vorrede die Worte widmet: Er war ein echter Gelehrter, ein sinniger Kunstsreund, ein inniger Poet, er hatte ein goldenes Herz. 6 N H)i- -i- « «r s^s 0». ^ S ,-^SZ As->- L .SIS S ^N- --N S ^ S ^E> 7§ -L> - ÄZZ A 'S s^ L>. -!- N s L' S- S S S Q S G S T «r N d W 8-2 Q s s so s 'S s s? „"S.ss>^^r.^s«> -^ u 7 > »«>x> s L <»r -s " s x^S Z LLm^ -^-ZA §3 c- ! L«. .X'l X! ?> § - '7 « 8 L 8 « 8 ^ 8 «> >» '8 ZA 7«q-Z^-S° KXLZ ^ : « « ^ ^ ^ ^ ^ r- ^ L " -Kb°GLFZ- «-S?H---Z°LZ «'" ^Zs-s«'"-M'Z o -<2 q2 L2. -v-« -tzL S^N ^ , 7-^ rü o -N-" -> Z ZnR - Srs^ " 'L-S 8 -i ^ » §L-S- L L» " ^ ^ LS «SS ^ «r»02 « « " « ^8l2.s o 6 S-.'L r:D"».« o « "X . -L2 27) L2 ^ c^ >O ^2 ^ b2- ^ . » L-—Z 2 ^ ^ 'U 2d j j L ^ rZr-vr-c-^^o^» ^ ^ ^ ^ x ^.2 gz^ ^2 » S " ^.^5- 1 -^2 ^ .2 -: o^sr s ^ ^ .s Lk> ^ o «ZG »'r: ^ S^-o ^ "^N x" R^^-S:^„E!4 .^-L>--^.S -A- ZZ 6 « u-s >7-''' "Ls-L^^-L-.s Z-« --^LLZZübs^s« ZP-OS-Ar-KAx^o^Z^-.^-sL-^'^'? --3-27^ L« ,.^-Z L^NZ Z ZN"^LZI G^^L4^^-8--Z--^ZZsZS K Z'ZLSZ 6^G?L^Sd"Z ^s^>-^K- § ^ ^ ^ «2 ^ ^ 7^ L <2 L: >2 r-. -S^^Oo -.2?) L b:Z^^ " V . 2 «) rr ^ ^ ^ l70.77 77 ^ ^t^s) » 2 «" L o.Z ZZN Z^ 'S _cr r- 'S- «2 T . !2 L ^2 E> «- r- ^> «.02 X b « 77 - § 2 rr ^.rs -2 -^ . ^» L . ^LO o ^ 77 ^ o ^ ^^'.2 . 2 77 . 2 ^ ^N Q Q 'Isis L s--sd S-^ ^ZZ"-^>kZs».D ^ L oQ — o "" ^7 . ^ S x- -« ^ 8-'d S?^^Ts AZ^-ZL - . 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(Worte eines alten Klagliedcs.) Der 9. Dezember 1894, an dem vor dreihundert Jahren Gustav Adolf als Sohn Carls IX. geboren wurde, liegt heute, an welchem Tage diese kurze, gedrängte Abhandlung zu schreiben begonnen wird (14. November), noch ziemlich ferne, aber schon sind die Tagesblütter voll mit Berichten großartiger Versammlungen, mit Ausführung von Festspielen, lebenden Bildern rc. von Seite der protestantischen Bevölkerung, insonderheit von Seite der Mitglieder des evangelischen Bundes. Es ist sicher, die Gustav Adolfs-Jubiläumsfeier, sie bleibt nicht zurück und darf nicht zurückbleiben hinter der hinter uns liegenden Lutherfeier. Während nun der Reformator Martin Luther als „Gottesmann", als „neuer Verkündige! der reinen Lehre des Herrn" bei denen, welche sich nach seinem Namen nennen, eine Berechtigung hat, gefeiert zu werden, kommt es dem nüchternen Verstände eines nüchternen Deutschen mehr als nüchtern vor, daß Gustav Adolf geradeso gefeiert wird, als der „Gottesmann". Gustav Adolf nämlich kann im Grunde genommen nur gefeiert werden als „Blutmann" Deutschlands, und dies halten wir doch für allzu deutsch und allzu gemüthlich. Gönnen wir den Deutschen diese Feiern, besonders jenen, die dem Verein angehören, welcher den Namen des Schwedenkönigs trägt und der ihn als „Vater" verehrt, fast anbetet, während er die Tochter des Vaters — Christine — bei allen möglichen Gelegenheiten verdonnert, und feiern wir selbst mit! Ja, wir wollen das Jubiläum nicht vorübergehen lassen, ohne kurz und prägnant Gustav Adolf auch in diesen Blättern zu feiern ohne Voreingenommenheit, kina irg, 6t oäio, zu feiern ihn als den, was er war, wie er war und was er für Deutschland vollbrachte. Schon mit 17 Jahren wurde er König von Schweden und führte alsbald drei Kriege: gegen Polen, gegen Dänemark, den der Friede zu Knäröd 1613 schloß, gegen Rußland, der mit dem Frieden von Stolbowa 1617 endete. Dies berührt uns Deutsche nicht. Ein Konversationslexikon bemerkt nach diesen Thaten sehr kurz: am 24. Juni 1630 landete er an Deutschlands Küste, und am 6. November 1632 fand er seinen Tod bei Lützen. So war er also bloß zwei kurze Jahre in Deutschland! Was aber ist alles in diesen zwei kurzen Jahren enthalten? Welch ein Unmaß von Perfidiel welch ein Unmaß von Grüuel und Elend! Wir haben zunächst an der Hand einer unparteiischen, also wahren Geschichtsschreibung darzulegen die Fragen: wer hat Gustav Adolf nach Deutschland gerufen? warum folgte er dem Rufe? welches waren seine eigentlichen Absichten? was hat er für Deutschland „Gutes" geleistet bis zur Schlacht von Lützen? Es muß hier zuerst die Frage aufgeworfen werden: wer trügt die meiste Schuld am 30jührigen Kriege? Wir beantworten die Frage frei und ohne Scheu dahin, daß wir sagen: am ersten Theil dieses verheerende Krieges bis zum Jahre 1629 tragen die Protestanten die Hauptschuld, vom zweiten Theil sind betreffs der Hauptschuld die Katholiken nicht freizusprechen. Die Protestanten haben im Anfang zuerst den Rcligiousfrieden gebrochen, sie haben zuerst eine Allianz geschlossen, sie haben zuerst die Feindseligkeiten in Böhmen angefangen. Es kam das Jahr 1629 und mit ihm das Nestitutionsedikt. Dasselbe verbot den protestantischen Cult in den geistlichen Fürstcn- thümcrn, beziehungsweise stellte es die geistlichen Fürsten bezüglich des jrw rekorwairäi den weltlichen gleich, hielt das rasarvatuin seelösigstioum aufrecht und erklärte die Säkularisation der Kirchcngüter seit 1555 für nichtig. Nun erlauben wir uns zu sagen: Klugheit hätte geboten, dieses Edikt nicht zu erlassen, sondern Frieden zu schließen, da man nie erwarten konnte und durfte, jene Punkte würden angenommen werden; die Protestanten wollten ihren Besitzstand retten und griffen aufs neue zu den Waffen, und die Folge, die traurige Folge davon war die Verlängerung des Krieges auf weitere volle 19 Jahre und dadurch die Verwüstung Deutschlands und die Aufreibung von zwei Dritteln seiner Bewohner. Die Protestanten suchten in dieser ihrer Lage Hilfe, wo sie Hilfe finden konnten, und sie fanden eine solche in erster Linie bei Frankreich, das sich mit ihnen verband, obgleich es im eigenen Lande die Protestanten unterdrückte. Dieser Zwiespalt der Natur ist sehr einfach daraus zu erklären, daß Frankreich sich schon damals durch Erwerben von Ländern, d. h. deutschen Ländern, bereichern wollte. Nicht um die reliZio war es Frankreich zu thun, sondern um die reZio, die man Deutschland abzwicken wollte. Daß Frankreich auch damals der Erbfeind Deutschlands war, geht klar daraus hervor, daß nach der Schlacht bei Nördlingen im Jahre 1634 die deutschen Protestanten und die Schweden zum Frieden geneigt waren, Frankreich aber dazwischen trat und die Fortsetzung des Krieges bewirkte, so daß er noch weitere 14 Jahre dauerte. Der zweite Bundesgenosse neben Frankreich war für die deutschen Protestanten der jugendliche König und Held Gustav Adolf. Sein Bestreben war, kurz gesagt: die Kaiserkrone zu erwerben (sein Kanzler Oxenstierna wäre in Bescheidenheit zufrieden gewesen mit dem Churfürsten- thum Mainz) oder, wenn dies nicht zu erreichen wäre, wenigstens dem deutschen Adler die Federn ordentlich auszu- reißen — letzteres gelang mitunter mehr als zur Genüge! — Die neue Religion zu schützen, wie vorgegeben war, ist einfach große Heuchelei, sonst nichts. Daß er ersteres wollte, hat er selbst, ein Jahr bevor er nach Deutschland zog, ausgesprochen mit den Worten: „si rvx 6rik viotor, (lvrmani xrasäu Erunk", also ex ora tuo fuclico ts. Es ist der Fundamentalsatz, der gleichsam als Motto für die damalige Zeit galt, nicht aus dem Auge zu lassen „eujus regio, illius 6k reiigio", und mit Fug und Recht hat schon Hippolytus a Lapide seinen Zeitgenossen gesagt: „daß, weil nicht um Religionen, sondern um Regionen gestritten wurde, der leere Neligionsvorwaud (vanus ill6 r6lißioin3 xraataxtus) bei Seite gelassen werden sollte." Noch viel weniger galt er der Freiheit Deutschlands, wie man so oft in geradezu unglaublicher Verblendung gesagt hat, sagt und leider sagen wird. Frankreich in erster Linie wollte Deutschland schwächen und deßhalb uneinig sehen, und mithelfen mußte hiezu Schweden; dasselbe that es sub praataxtu raliZionis, in That und Wahrheit aber, wir wiederholen es, um die Kaiserkrone für sich zu holen. Trotz der angeblichen NeligionSliebe wurde vor dem 386 Schweden sogar von Freund und Feind gewarnt, und man ist ganz auf dem Holzwege, wenn man klipp und klapp mit gewissen Geschichtsschreibern annimmt, als sei Gustav Adolf mit weitausgestreckten Armen empfangen worden, denn jeder erkannte, daß, wo immer er Krieg führte, wohin immer er seine Waffen wandte, Deutschland sein erster und letzter Gedanke war; was er betrieb, was er anstrebte, es war nur eine Vorbereitung auf den späteren deutschen Krieg, darum war auch seine wichtigste Sorge, einen Hasen an der deutschen Nordküste zu erlangen, und zwar beschäftigte ihn dieses schon 4 Jahre, bevor er wirklich seine Invasion in Deutschland begann. Wie er in jener Zeit mit gewissen Deputationen verkehrte, des näheren darzulegen; würde über den Nahmen unserer Darstellung Hinausgreifen; es genügen zwei Sätze von ihm: „ Uaata non surrt paota. Inter urina, sileirb legkw;" deßgleichen übergehen wir die unerquicklichen, wenn auch lehrreichen Händel und Streitigkeiten des Schwaden mit Dänemark, Mecklenburg u. a. Wollenstem selbst, der mitunter eine sonderbare Rolle spielte, durchschaute den Schweden ganz und gar und warnte vor ihm. Besonders schrieb er derartige Warnungen des öfteren an Nrnim: „er ist ein gefährlicher Nachbar, auf dessen Treue und Glauben man sich ebensowenig verlassen könne, wie auf diejenige seines Schwagers Bethlen Gabor;" „auch wage der Schwede nichts im offenen Kriege, sondern practicire heimlich." Offen warnte Schwnrzenberg auch vor dem Schweden, bevor er nach Deutschland kam. Er sagte nämlich: „entweder siegt der König, und dann werden die deutschen Reichsstände durch den Schweden schärfer geknechtet sein, als es je ein Kaiser vom Hause Habsburg versuchte; oder der König wird besiegt, und dann ereilt alle die, welche zu dem Ausländer abgefallen sind, die Rache des Kaisers." Und weiter sagt der gleiche Schwarzenberg, nachdem er sich dem Wahne hingegeben, daß der Schwede wohl nur eine kleine Vergütung feiner Anstrengungen haben wolle (sehr bescheiden vom Schweden gedacht!), die er ja, wie er selbst behauptet, zum Wohle der protestantischen Religion gemacht: „wenn aber der Schwede sich damit nicht begnügt, sondern noch weitere Dinge gegen das deutsche Reich im Schilde führt, so müssen wir ihm das vertreiben. Nicht allein die Protestanten müsse" sich znsammenthun, ihn hinauszuwerfen, sondern auch oie Katholiken helfen, daß der freche Eindringling wieder den deutschen Boden verläßt." Bevor wir den Schweden in Deutschland landen lassen als „Befreier", haben wir noch eine Frage, eine wichtige, auszuwerfen und kurz zu beantworten, nämlich die: beabsichtigte der deutsche Kaiser Ferdinand II. einen Krieg mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf? Von einer gewissen Geschichtsschreiberei wurde auch diese Frage bejaht, wir verneinen sie ganz entschieden und beweisen dieses unser Nein kurz in folgenden Sätzen: Gustav Adolf hatte eine Stadt auf deutschem Reichsboden besetzt und sammelte in Stralsnnd Truppen, soviel er konnte. Gesetzt den Fall, solches geschähe heutzutage, so wäre damit sofort ein casrm und eine eri-usa. dolli geschaffen; hätte Deutschland derartiges in Schweden gethan, wahrlich, der Schwede hätte auch sofort losgeschlagen. Der Kaiser aber wollte, wie er an Wollenstem berichtete, deßwegen keinen Krieg. Diese Ansicht des Kaisers datirt vom Januar 1630 — aber Gustav Adolf wollte Krieg, schon längere Zeit, wie wir schon oben nachgewiesen haben, er wollte Krieg auf deutschem Boden, obwohl selbst Oxen- stierna im Anfang nicht für den Krieg war, sondern nur wollte, daß sich sein Herr zum Herrn des Nordens machen sollte. Ja, Gustav Adolf vergab ja seinerseits durch seine Gesandten bereits deutsche Fürsteuthümer, ein Jahr bevor sein Fuß den deutschen Boden betrat. Ueber- gehen wir gewisse scheinheilige Verhandlungen und Unter- handlungen des Schweden, und fassen wir nun seine Thaten und Unthaten ins Auge vom Sommer 1630 an, also von der Zeit an, in welcher er in Pommern landete und dieses Land zum Veitritt nöthigte, obgleich Herzog Bogislaw von Pommern Gesandte an den Schweden vorher geschickt hatte mit der Bitte, sein Land zu verschonen und dort nicht zu landen, worauf der Schwede erwiderte, „er habe keinen Grund, Pommern zu verschonen, denn der Herzog und die Stände seien in Rath und That schon feindselig gegen ihn gewesen" — Hnoä orut äamonstranäuill. Er landete bei der Insel Uscdom ungehindert, eine eigentliche Kriegserklärung an den Kaiser erließ er nicht, er behauptete, „in den Schranken der Vertheidigung zu stehen, in welchem Falle der Krieg nicht durch Herolde, sondern durch die Natur und von selber angesagt werde." Geht über diese Frivolität etwas in der Geschichte? Kaum auf dem Lande angekommen, kniete er nieder, dankte Gott für die glückliche Landung, betete und forderte die Seinen zum Gebete auf mit den Worten: „Betet, meine Freunde! Je mehr Betens, je mehr Siegs! Fleißig gebetet, ist halb gefochten!" Es mag dies ein theatralisches Schauspiel gewesen sein, würdig, bei einem Gustav-Adolf-Festspiel öffentlich aufgeführt zu werden, wir aber halten dieser Komödie die Worte des großen Propheten Jsaias entgegen: „und ob ihr wohl eure Hände ausbreitet, und ob ihr viel betet, höre ich euch doch nicht, denn eure Hände sind voll Bluts" und, fügen wir bet, eure Herzen voll Hochmuth und Heuchelei. Geradezu blasphcmisch ist das Wort, das dieser sonderbare „Gottesmann" nach seinen ersten kleinen Eroberungen sprach: „Die Gnade Gottes ist bei mir!" Die Zeit zu seiner Invasion hatte der Schwede sehr glücklich gewählt: Wallenstein war entlassen, das Heer vermindert, die Kurfürsten in Negensburg versammelt, die Truppen tu Pommern zwar den Schweden numerisch überlegen, aber ohne Thatkraft. Gustav Adolf besetzte Stettin, der alte Herzog wollte die Stadt nicht übergeben, der Schwede aber schrieb an den Magistrat der Stadt: „Faßt einen Entschluß, die Sache ist dringend; die Sonne wird in Bälde untergehen, und ich bin nicht gewohnt, in der Nacht auf den Wällen Schildwachen auszustellen. Eilet und nöthigt mich nicht, zu wirksameren Mitteln Zuflucht zu nehmen, wenn meine Worte euch nicht überreden können." Und die Stadt wurde übergeben am 20. Juli 1630. „Stettiner! Ich komme zu euch als euer Freund, um euch und euren Fürsten von den Räubern zu erlösen. Ich komme nicht als ein großer Potentat, sondern als ein Soldat, um euch zu schützen!" Schöne Worte! nur schade, daß alles erlogen ist. Wer sind die Räuber, vor denen der Schwede die Stettiner schützen will? Er selbst war der Räuber, der ungerufen in das Land eindrang! Der Kaiser selbst und die Kurfürsten schrieben damals an den Eindringling nach Stettin, ein Schreiben, worin von weiter nichts als der Geneigtheit zum Frieden und den Vorstellungen gegen einen Krieg die Rede ist. Und der „Netter" Adolf, er wartete zwei Monate, bis er eine „gnädige" Antwort gab, und wie lautete diese Antwort: „Zwar sei es schon für einen gedeihlichen Frieden zu spät; doch wolle er in Unterhandlungen treten, wenn der Kaiser den Stand der Dinge, wie er im Jahre 1618 gewesen, wiederherstelle und ihn — den Sckweden — für seine Kriegskosten entschädige." So ungefähr hatte der Usurpator Napoleon I. auch geschrieben, und er wird deßhalb mit Recht von dem deutschen Volke verdammt. Und Gustav Adolf wird von einem Theil des deutschen Volkes gleichsam angebetet und war kein Härchen besser, als Napoleon I. Wie konnte er dem Kaiser gegenüber eine solche Sprache führen? mit welchem Rechte konnte er eine Rückerstattung der Kriegskosten verlangen? mit welchem Rechte eine Wiederherstellung der Zustände, wie sie waren 1618? wer hatte den Schweden gerufen? Niemand! Er will nichts, gar nichts anderes, als Krieg, und im Hintergrund sieht er auf Trümmern eine Kaiserkrone, nach der er mit größter Gier die Hände ausstreckt — ohne sie gottlob zu erreichen! (Fortsetzung folgt.) Lcmndpot und ordmmg der vischereyen halb in Bairn von 1516. (Vertrag von Max Frhr. Lochner von Hüttenbach auf der 6. Wandcrvericnnmlnng dcS schwäbischen Fischerei-Vereines zu Dillingcn am 21. Oktober 1891.) Schon unter Albrecht IV. dem Weisen von Bayern- München und unter Georg dem Reichen von Bayern- Landshut waren Ordnungen und „lanndtpote" errichtet worden, die im Lauf der Zeit wenig gehalten worden und zum Theil in Vergessenheit gekommen sind. Da beriefen die Söhne Albrechts IV., die Herzöge Wilhelm IV. der Standhafte und Ludwig von Vohburg, auf dem Landtag zu Jngolstadt am 14. April 1516 Abgeordnete aus allen Stünden nach München, um mit ihnen und den herzoglichen Räthen die alten Ordnungen zu berathen. Das Ergebniß dieser Berathung war „ain Satzung, Ordnung uund Lanndtpot", die uns in einem prächtigen Druck erhalten ist. Uns interesfirt insbesondere die „nottürfftige Lannd- pot und ordnung der vischereyen halb in Bairn". Die Ordnung soll gelten einmal „auf der Thunaw von Rain bis gen Passaw", dann zweitens „auf allen anndern flicssennden vischwassern". Eingangs der Ordnung für die Donau ist dessen gedacht, daß sowohl Herzog Albrecht, als auch Herzog Georg für die Donau schon eine Fischerei-Ordnung erlassen haben. Doch ist die Ordnung nicht mehr gehalten worden, „daraus dann dem vischwerch groß Verödung ervolgt". Deshalb wurde eine neue Ordnung aufgestellt, die in Folge Uebereinkunft auch im Neuburgischen angenommen wurde. Die Einhaltung derselben sollen die Ambtleut, Pfleger und Richter überwachen. Thuen die es nicht, so sollen sie vor dem Vitzdomb oder Renndt- mayster erscheinen und von diesem „mit gelübden ver- strickht" werden, daß sie sich vor dem Herzog stellen. Man sieht daraus, daß die Ordnung nicht blos auf dem Papier stehen sollte. Zunächst werden verschiedene Fanggeräthe vollständig verboten. Es sind dies die Archen, Legschcffel, verbundne oder verdeckte Neusten, Holzreussen, Gleyder- (Schweibcr-) Körbe, Geränterpürd, Geschirr, daran man die flinnderl hängt (eine Neuerung). Sie sollen hin, abgethan und in allweg verpoten sein. Andere Geräthe oder Fangarten sollen nur zu bestimmten Zeiten angewendet werden, so das Legen der Gleyder oder Schweiber von Bartlmeßtag (24. August) bis saut Jörgentag (23. April), der Zawnschern von Lichtmeß (2. Februar) bis sant Jörgen, das Schrätten von Ostern bis auf sant Laurentzntag (10. August). Das letztere wird besonders als „ain Verödung und verjagen aller visch in der Thunaw pringend" bezeichnet. Von den Netzen werden insbesondere die „Pern" erwähnt, die das „lischt" haben müssen, als das „pritl" anzeigt. Dieses Blaß gibt 12 ein an. Verstehe ich diese lichte Weite recht, dann ist als Malcheugröße des Netzes 85 inm bestimmt, während nach der jetzigen Ordnung 30 ruirr vorgeschrieben sind.*) Außerdem sind auch ganz verboten die „dickhn gärn". Es soll auch keines an das andere mehr gebunden werden dürfen, weil das eine große Verödung an den Fischen mit sich bringt. Heutzutage laufen Klagen, daß einer gleich auf Kilo- meter Länge Netze einhängt und treiben läßt! Auch das sogenannte Brittel-Maß ist festgesetzt. Zu dem Ende sind die einzelnen Fischarten in der vorgeschriebenen Größe in Abbildungen beigefügt. Der „Alltn" (Aland) hat 16 om. Für diese Fischgattung kennt man jetzt gar kein Minimalmaß. Brachsen und Karpfen haben 32 ova. Für den Brachse» sind in der bayrischen Landesfischerei-Ordnung von 1884 28 om vorgesehen, während für den Karpfen kein Maß festgesetzt ist. Im Bodensee hat man für ihn 25 om genouunen. Der Huchen hat 33^/» ercr; heutzutage findet man 54 om für genügend! Auch die Barbe hat ihr Maß mit 30^/z cw, heute 28 ein. Der Schied hat 30, der Hecht 31^^ ein. Für den Hecht kennt die Bodenseefischereiordnung 30 ein, ein Maß, das sich ziemlich mit dem alten deckt. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, daß für diesen Fisch wieder ein allgemeines Brittelmaß eingeführt wird, sogar werden muß! Auch der Nerffling erfreut sich eines Maßes von 28 om. Die Forelle hat 30, heute 24, die Aesche 27'/z, heute 29 ein zu verzeichnen. Schließlich kommt noch sogar der Krebs mit 9 ein von der Schnauze bis zur Schwanzspitze. Man sieht also, daß so ziemlich für alle Fischarten, die für den Markt von Bedeutung sind, Minimal- oder Brittelmaße festgesetzt waren. Schließlich wird noch, um ein Ueberfischcu zu Verbindern, bestimmt, daß „auff der Thunaw, auf den wassern, die von der Thunaw zuegang haben und in denselben zugeenden wassern", also im ganzen Stromgebiet der Donau, nur die Fron- und gemeinen Fischer, die verdingte Wasser an denselben haben, fischen dürfen. Sie haben sich aber bei aller Arbeit an das Britlmaß zu halten. Das gleiche ist zu beobachten in den gemeinen Wassern, in denen „mag man bischen, wer da wil". Im zweiten Theil der Ordnung, der, wie Eingangs erwähnt, sich mit den andern fließenden Fisch- wassern beschäftigt, wird ebenfalls festgestellt, daß sich „in und bey anndern wasscrstramen und vischwassern uunsers Fürstcnthumbs Bairn" ebenfalls „grosse Unordnung und merckliche eröduug der fisch dem gemaineu nutz zu schaden" eingeschlichen hat. Es soll deshalb die Ordnung für die Donau auch für diese Wasser gelten. Insbesondere werden die Archen auch auf dem „yn, yser" u. s. w. verboten. Hecht, Karpfen, Huchen und Barben haben das gleiche Brittelmaß; doch soll auch das Maß der andern gehalten werden. *) Es wäre das eine auffallende Maschenweite. Von dem Borne iübrt in seiner neu erschienenen Sügwasserfischcrei indessen auch das Blei- oder Brachsen-Netz der Oder an, das 70 mm weite Maschen hat. und mit dem Brachsen, Schied und Zander gcsangcn werden können. 388 Bezüglich der Krebse wird dann am Schluß an das erwähnte Maß erinnert. Nur die rechten Steinkrebse sind in diesem Verbot nicht inbcgriffen. Der dritte Theil der Ordnung handelt von den „straffen der so obverschribne gegot überfarn". Wer sich gegen das Mittelmaß verfehlt, hat zwölf Pfennige, wer sich gegen die andern Vorschriften ein Verschulden zukommen laßt, einen „gülden rcynisch" seiner Gerichtsobrigkeit zu zahlen. Alle diejenigen Stellen, wie Vizedom, Hauptleute, Pfleger, Nentmeister, Richter, Hofmarken, Städte und Märkte, welche zur Aufrechthaliung und Handhabung der Ordnung berufen sind, haben vereidigte Aufseher zu bestellen, die „vleissig aufsehen zu haben". „All unnser Preläten, die vom Adel nnnd annder die »unsern, so Vischlehen auf der Thunaw und andern wasserstramen, auch gemaine oder aygne vischwasser in unnserm Fürstenthomb haben", werden ebenfalls ermähnt, „bey vermeydung vorgeschribner pene und straff" die Ordnung zu halten. Mit den Bischöfen zu Salzburg, Eichstätt, Freising, Negensburg und Passau soll in Unterhandlung getreten werden, daß sie die gleiche Ordnung einführen möchten. Von Interesse ist der Schlußartikel, der sich mit dem Fischen in gemeinen Wassern beschäftigt. Demzufolge darf nur derjenige in den gemeinen Wassern fischen, der mit den nächst umliegenden Anslößern „wnnn, waid, trib und trabt" hat. Wer das übertritt, hat 60 Pfennige zu zahlen. Die heutigen Fischordnungen enthalten in der Hauptsache drei Theile: Bestimmungen über eine Schonzeit, über das Minimalmaß und über Fangartcn und Fang- geräthe. Wir haben gesehen, wie die alte Ordnung von 1516 oft in sehr strenger Weise den Anforderungen über Mittelmaß und Fanggcräthe gerecht zu werden suchte; die Erkenntniß, daß man durch Schonen der Fische in der Laichzeit die natürliche Fortpflanzung schütze und ein vermehrtes Fortkommen von Jnngbrut erziele, ist erst später durchgedrungen. Jedenfalls aber ist der Beweis geliefert, daß man auch schon im 16. Jahrhundert Fischereiordnnngen zu machen wußte und daß nicht erst die Neuzeit sich in einem Plagen der Fischer durch Aufstellung allerhand lästiger Vorschriften gefällt. Ohne Ordnung und Gesetz geht es bei der Fischerei so wenig, wie anderswo, und vielleicht, ich sage nochmals vielleicht, sehen es alle Fischer und Fischereiintcressenten noch einmal dankbar ein, daß durch weise Vorschriften ihnen ein gewisser jährlicher Ertrag sicher gestellt werden kann, während sonst, wenn der bequemere Raubbau zugelassen würde, auf ein fettes Jahr gar schnell die sehr mageren Jahre folgen dürften. Heim verhehlt sich nicht, daß in der Berechnung, die wir hier übergehen wollen, eine Menge kleinerer und größerer Fehlerquellen steckt. Der berühmte Schweizer Geologe hat dieselben eingehend überlegt und ihren Einfluß aus das Resultat zu berechnen versucht. Manche der Fehler heben sich gegenseitig wieder auf, andere nicht. Wenn man alle Fehler möglichst ungünstig combinirend und groß annehmen will, mag sich das Resultat um 50°/g, vielleicht sogar um 100 °/„ ändern. Aber trotz dieser möglichen Fehler bleibt das Resultat der Berechnungen des Schweizer Geologen noch immer höchst interessant und nützlich. Auf ganz exakte Berechnungen durfte man ja niemals hoffen! Wir haben wenigstens, sagt Heim, so viel erreicht, sagen zu können, daß seil dem Rückzug der diluvialen großen Gletscher der letzten Vergletscherung wenigstens 10,000, höchstens 50,000 Jahre vergangen sind, und daß es sich jedenfalls bei der Frage nach dem Alter der Eiszeit weder um einzelne wenige Jahrtausende, noch um Jahrhunderttausende, wohl aber um einige Jahrzehntausende handelt. Die Größenordnung der Jahrzahl darf doch wohl als ein sicherer Gewinn dieser kleinen Untersuchung angesehen werden — ein Gewinn, der übrigens in vollem Einklang steht mit dem, was mir, fährt Heim weiter, in Erwägung aller Thatsachen stets als das Wahrscheinlichste erschienen ist. Wenn 16,000 Jahre seit der letzten Vergletscherung verflossen sind, so schätze ich aus interglacialen Schieferkohlen, interglacialer Thalbildung u. s. w., daß 100.000 Jahre seit Beginn der ersten Vergletscherung verflossen sein mögen. Professor Dr. Brückner in Bern und Dr. Steck haben das Alter der Deltabildungen zwischen Brienzer- und Thunersce zu 20,000 Jahren, das Alter der Aare-Anschwcmmungen oberhalb des Brienzer-Sees zu 14,000 bis 15,000 Jahren berechnet. Es ist nun höchst wahrscheinlich, daß diese Anschwemmungen eben seit dem letzten Rückzüge des Gletschers hinter diese Stellen begonnen haben, und somit ihr Alter nahezu gleichkommt demjenigen der Post- glacialzeit. Diese Zahlen bestätigen die Berechnungen von Pros. I)r. Heim. Nachdem sicher erwiesen ist, daß der Mensch in der Jnterglazialzeit, d. h. in der der letzten Vergletscherung vorausgehenden Epoche schon gelebt hat, wie dieß der schöne Fund bei Taubach (Weimar) beweist, so wird der Mensch Europa schon länger als 10,000 Jahre bewohnen. Feuersteinmcsser, abgeschlagene Bisonknochen, Holzkohlen- stücke, aufgeschlagene Knochen von Löwen und Hyänen wurden hier gefunden. Der leider vor einigen Jahren verstorbene Anthropologe Pros. Schaaffhausen hat auf dem Anthropologencongreß zu Münster im August 1890 das Alter des Menschen zu 15,000 Jahren bestimmt. Das absolute Alter der Eiszeit. Von Max Maier (Scbauflinz). In der Vierteljahresschrift der „Naturforschenden Gesellschaft in Zürich" (Jahrgang 39) hat Professor Alb?rt Heim das absolute Alter der Eiszeit berechnet. Quer durch den Vicrwnldstättersee, unterhalb Brunnen, zieht eine große Endmoräne. Das Seeboden- flück zwischen dem Muottadelta und dieser Endmoräne ist erhöht durch die Concentration der Ablagerungen der Mnoita auf diese Scestrccke. Diese Ablagerungen hinter der Moränenbarriöre müssen natürlich jünger sein, als dir Barriöre. Das Volumen der Anschwemmung und die dazu nöthige Zeit läßt sich berechnen. Die Chronologie des hl. Willibald nach der Klosterfrau von Heidenbeim a. H., einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahrh. Von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) III. Willibald, Bischof von Eichstätt (20. Oktober 743 bis 7. Juli 779). BonifaziuS zum lctztenmale in Rom 735. Hirschmann läßt den Benediktiuermönch Willibald noch in dem unmöglichen Jahre 740 nach Bayern kommen und zu Eichstätt die Priesterweihe erhalten. Die Entfernung Roms gibt er nach Breitegraden (6'/z) an und findet (2 Breitegrade zu 15 geographischen Meilen — 30 Stunden genommen) eine Wcgsentfernung von 195—200 Stunden, läßt Willibald täglich 8 Stunden zurücklegen, auf einem Pferde oder Maulesel reiten und in 25 Tagen das Ziel seiner Reise (Freising) erreichen.^) Woher weiß denn aber Hirschmann, daß Willibalds Reiseziel Freising gewesen? Wo Herzog Odilo damals residirte, wissen wir nicht. Vermuthen läßt sich etwa, daß er in Negensburg oder Osterhasen an der Donau (Altenmarkt, (Zuintianis) Hof gehalten. Die Nonne sagt nur, Willibald sei zu Odilo und Suitgar gekommen, habe sich bei jedem 1 Woche aufgehalten und sei dann mit Suitgar nach Lindhard zu Bonifazius fortgereist.^) Für Liudhart (Ober- und Niederlindhart, B.-A. Mallers- dorf in Niederbayern) habe ich Markt Lindenhardt in Oberfranken (B.-A. Pegnitz) vorgeschlagen, weil, wenn Suitgar nicht bloß Hoswürdenträger (satallöZ?), sondern Graf im Nordgau gewesen, an dieses eher gedacht werden kann, als an die beiden Lindhart an der großen Laber. Außerdem ist nicht zu übersehen, daß in dem unrichtigen, von Hirschmann angenommenen Reisejahre 740 Ostern auf den 24. (17.) April gefallen ist, was er anzugeben unterlassen hat, denn daß Willibald seine Reise nicht nach der Luftlinie, sondern auf Umwegen über Lucca und Pavia (lioeiruw) an den Gardasee vollzog und die Tiroler Hochalpen überstieg, wie sein Bruder Wunibald^) im Jahre 735. Sodann hat Willibald gewiß nicht vor dem 26. April (Osterdinstag), sondern darnach die Reise angetreten (in xuscfia), Sonn- und Feiertage sicher Rast gehalten und sich als erprobter Tourist auch weder eines Pferdes noch Esels bedient (die Nonne wenigstens sagt nichts davon). Unter so be- waudten Umständen wird man es wohl begreiflich finden, daß nicht bloß 25 Tage verbraucht wurden, um an den weit entfernten, nicht näher bestimmten Hof Herzog Odilo's von Bahern zu gelangen, sondern sicher l'/z Monate. Nimmt man hinzu, daß Willibald sich bei Odilo und Suitgar je eine Woche aufgehalten, so war der Monat Juni zur Neige gegangen, bevor die Reisen Willibalds von Odilo zu Suitgar, von diesem zu Bonifazius nach Lindenhart, von hier nach Eichstätt, von dort nach längerem Aufenthalte nach Freising und von da nach abermaligem Verzüge wieder nach Eichstätt unternommen und ausgeführt worden sind. Der Aufenthalt in Eichstätt vor der Priesterweihe Willibalds war ohne allen Zweifel von ziemlich langer Dauer, und ich muß mich nm so mehr für die Lesart Llicfuantum tcuuporuia iiräueirnn aussprcchen, wenn ich erwäge, daß mit der Auswahl eines Wohnplatzes an der verwüsteten Stätte eigentlich nichts gedient war, vielmehr allererst eine Wohnung gebaut und hergestellt werden mußte, um sich aus den Empfang der Priesterweihe vorbereiten zu können??) Wunibald wurde nicht mehr im Neisejahre 735 zum Priester geweiht, sondern erst nach der -") SlugSb. Postztg. 1894 Nr. 18 S. 139. 0°) Das iteruw perAsbaut (Brückt oap. 36 und Holder- Egger p. 104, 39) bezieht sich wohl nur all Lonikaeium, nicht aä IstiZstsinAUm. lll. (3. 88. XV, 109 eng. 4 per irräu» ^Ipium alt». Wunibald reiste 735, nickt 7 38, wie Holder-Egger angegeben. °') Warum wobt hat Holder-Egger I. o. x. 104 zu »li- guantulum tewporis inäuoinm seiner Ausgabe die ins Gewicht fallende Variante nicht angemerkt? Zurückkunft des Bonifazius aus Italien, sohin wahr» scheinlich erst im Jahre 7 36 nach vorausgegangener längerer Vorbereitung, Prüfung und Erprobung.^) Ein gleiches Verfahren scheint bei Willibald eingehalten worden zu sein, und ich kann mich unmöglich dafür erklären, daß er noch im wirklichen Reisejahre 7 41 zum Priester geweiht wurde, wenn ich bedenke, daß er nach der Berechnung der 8a,uetivaonia.1i8 ganz gewiß erst am 20. Oktober 743 Bischof geworden ist und 1 Jahr zuvor die Priesterweihe in Eichstätt erhalten hat. Acht und ein halbes Jahr hatten sich die Brüder Willibald und Wuni- bald nicht mehr gesehen, als sie im Herbste 743 in Sulzebrücke zusammenkamen; Greiser und Hauck haben die Stelle oato ainroruin 8putio ab vono äiraiäio ebenfalls mit 8'/? Jahren übersetzt, die richtige Consequenz aber haben sie nicht gezogen, daß Bonifazius 735 zum letztenmale in Rom und Italien anwesend war und den Wunibald veranlaßt hat, sich an der thüringischen Mission zu betheiligen. Hirschmann beharrt auf der falschen Anschauung, daß die Brüder sich vor der Orient reise Willibalds im Jahre 723 zuletzt gesehen haben, allein ich muß im Hinblick auf das bestimmte Zeugniß der Heidenheimer Klosterfrau darauf bestehen, daß sich dieselben um Ostern 735 gesehen und gesprochen^) haben und der Ausdruck „ooto urmorura sxatio st nono äiraiäio" nur mit 8?/z, nicht mit 16'/z oder 17'/, Jahren übersetzt werden darf. Sechzehn ein halb oder siebzehn ein halb Jahre zu der Orientreise 723 hinzugerechnet, würden 7 39 oder 740 ergeben, in welchen Jahren Willibald unmöglich Bischof geworden sein kann, und wenn Hirschmann (I. e. Nr. 17 S. 140 und sonst) immer von 18'/^ Jahren redet, so geht er mit Holder-Egger und Popp (N. 6. 88. XV, 105 A. 2) von der Ansicht aus, ein Abschreiber habe „äeosin ob" vor ooto anaorum 8patio weggelassen. Allein mit welchem Rechte wird dem ersten Bischöfe von Eichstätt bezw. der 8aaoti- iaonia1i8 hier ein Irrthum unterschoben, die Stelle cor- rumpirt") und die Zusammenkunft der Brüder im Jahre 735 in Abrede gestellt? Die hier vorgenommene Korrektur unserer Schriftstellerin ist eine Versündigung an der historischen Wahrheit und die Uebersetzung der fraglichen Stelle mit 16'/z oder 17'/z Jahren dem Wortlaute und der Darstellung der angelsächsischen Jungfrau stracks entgegen. Hirschmann behauptet, Willibald und Wunibald haben sich 735 weder gesehen noch gesprochen, womit der Grund hinwegfällt, die dritte Nomreise des hl. Bonifazius in das Jahr 735 zu verweisen?') Dagegen ist zu erinnern, daß sich die Nomreise des hl. Bonifazius im Jahre 735 nicht bloß aus der vita, 'Mlliioaiäi und IVunibaläi der Nonne von Heidcnheim, LI. (3. 88. XV, 109. Ouingus transaeto »Ist gurrn to tewporis spatio srreer itle ...» srrnoto Bons' t'atio in prssbirsratum eonseorrrtus est §raäuin 2°) Oonksstimgns krntrsin suaw proprium, seä st alias oognrrtos rrtgus rrwieos sobriis srrlntatiornm vsrbis sonpsllrrvit rrtgus lieentirriu postulrrvit. lll. <3. 88. XV, 109 eap. 4. Weder Holder-Egger (I. o. A. 3), welchem Hirsch- mami folgt, noch Nctkberg (Ki-G. Deutschlands II, 358) kann beigepflichtet werden. ") Brückt eap. XXXVII u. Bruchstücke I, Holder-Eggcrs: blror in numero, lumä cludis nonuisi seridas orrore ortus. Bsgenäuin est X st VIII annormn muß entschieden zurückgewiesen werden. ") Beilage z. Augsb. Postztg. 1894 Nr. 19 S. 150. 390 sondern auch aus anderen gleichzeitigen Quellen erweisen läßt, sohin auch dann bestehen bliebe, wenn sich die Bruder 735 nicht gesprochen hätten. In meinem Manu- scripte aus dem Jahre 1859 ist des dritten Bruders (Stiefbruders?) Willibalds und Wunibalds ebenfalls gedacht. Dieser ungenannte dritte Bruder ging mit Wuni- bald, welcher 728 nach England zurückgekehrt war, 729/30 (nicht schon 728, wie Holder-Egger meint) nach Nom, ist aber verschollen oder von einem Ueberarbeiter der vitu IVuuibaläi erst später in den Text aufgenommen worden. ") Deßungeachtet meint Hirschmann, Wunibald habe den Antrag des Bonifazins, sich der thüringischen Mission anzuschließen, seinem ungenannten Stiefbruder, nicht dem damals auf Monte Cassino weilenden Willibald, mitgetheilt; allein dagegen spricht die bestimmte Nachricht der Nonne, daß Willibald und Wunibald sich 8ffz Jahre vor des Ersteren Bischofsweihe zum letztenmal gesehen haben.") Wunibald und Willibald waren zweibändige Brüder, der erstere war 701, der letztere am 20. Oktober 702 geboren. Der angebliche dritte Bruder war wahrscheinlich ihr Stiefbruder und hat es jedenfalls zu keiner größeren Bedeutung gebracht, wenn er überhaupt bis zum Jahre 735 in Nom geblieben ist. Mir ist es deßhalb nicht bloß sehr wahrscheinlich, sondern fast gewiß, daß Wunibald mit dem sehr nahe verwandten Bonifazius 735 nach Monte Cassino ging, um den Willibald ebenfalls für die thüringische Mission gewinnen zu helfen. Es gelang damals nicht, ihn von 8. Benedikt abzuziehen, es mußte dazu von Bonifazius die Autorität Papst Gregors III. in Anspruch genommen werden, erst der päpstlichen Aufforderung und Mahnung hat Willibald fünf Jahre später (740/41) Folge geleistet.") IV. Einige Richtigstellungen. Hirschmann hat aus meinen Worten: „Willibald (der Priester und Biograph des hl. Bonifazius) setzt die Reise des Apostels der Deutschen nach Nom unmittelbar nach der Visitation der kirchlichen Verhältnisse Baherns unter dem damals noch lebenden Herzog Hug- bert an", einen Sinn herausgelesen,") den ich nicht damit verbunden habe. Es wird genügen, darauf aufmerksam zu machen, daß ich keineswegs den hl. Bonifazius direkt von Bayern hinweg (734) nach Italien und Rvm abgehen lasse, sondern recht gut weiß und gewußt habe, daß derselbe damals von Bayern zunächst nach Thüringen zurückging. Mit dem Worte unmittelbar wollte ich nur den Zusammenhang der Reisen nach Bayern (734) und Nom (735) hervorheben und die Behauptung zurückweisen, daß der Apostel Deutschlands seine dritte und letzte Nomreise erst 739 unternommen habe. Das Verdienst, das Jahr dieser Reise erschlossen zu haben, lasse ich der angelsächsischen Jungfrau bezw. dem hl. Willibald von Niemand entreißen oder mit Erfolg bestreiten. ") ll. 6. 88. XV, 108 oax. 3 in üne. Lt iterum, kratrs suo somits, saora s. ketri xerguirsre proxerabat xresiäia. Willibald wird sonst von der Nonne Unter Aermauus und xroprins genannt, nicht krater schlechthin. ") So hat den Thatbestand auch der dritte Biograph deS hl. Willibald im XI. Jabrhundcrt aufgefaßt, wenn er schreibt: »kratrsm Wnuebaläum ootavosewis anno, xost- nam apnä Romain äisoossero, von visnw. v. alkcnstein 6oä. äixl. x. 468. ") Brück! cap. XXXIV xa§. 58 Ll. 6. 88. XV p. 104. *°) ». o. (A. 38). Ich theile die Ansicht Rtezlers (Gesch. Bayerns I, 103) nicht ganz, wenn er sagt: „noch unter Herzog Hugbert, etwa 735 (nicht gegen das Jahr 735, wie Hirschmann ihn sagen läßt), nahm Bonifazius einen längeren Aufenthalt in Bayern", weil nach meiner vollsten Ueberzeugung der Legat des apostolischen Stuhles um Ostern 735 schon in Italien eingetroffen war. Nicht bloß die LnuLtimoElw von Heidenheim und die Biographen des hl. Bonifazius (Priester Willibald zu Mainz und der Mönch Othlon bei 8. Emmeran in Negcnsburg) sprechen für die Anwesenheit desselben in Italien im Jahre 735, sondern noch viele andere gewichtige Gründe, und ich muß deßhalb wiederholt entschieden in Abrede stellen, daß Hergenröther, Hcfcle und Dümmler die letzte Nomfahrt Winfrids 737—738 richtig angesetzt und angegeben haben. Ich bin nicht der Ansicht, daß sich Bonifazius in Bayern mit der Circumscription der vier bischöflichen Sitze zwei volle Jahre in coutinuo beschäftigt hat, wohl aber hat die Zergliederung (clivisio) und Neueintheilung der älteren bayerischen Kirchen, der ketsuL-^uvuvansis (Chieming-Salzburg), VrisinZensiZ und der ^.UAUZtu-IlsAiuöusiZ und katavienZiZ (Strau- bing-Negensburg-Passau) denselben in den Jahren 736 und 737 vielfach (raultis äiedus) beschäftigt,") und wir dürfen ihn in diesen Jahren in Bayern vermuthen, wenn sein Aufenthalt anderwärts nicht beglaubigt nachgewiesen ist. Im Jahre 740 hat er in Bayern nichts mehr zu organisiren gehabt, — in diesem Jahre hat er daselbst (wahrscheinlich in Negcnsburg oder Straubing a./D.) das erste Concilium abgehalten, auch soll er 740 mit Bischof Wiggo von Augsburg Kloster Benediktbeuern eingeweiht haben.") Mit Hirschmann und Holder-Egger die Nonne von Heidenheim dafür einstehen zu lassen, daß Willibald schon 740 nach Bayern gekommen und am 22. Juli dieses oder des nächsten Jahres 7 41 das Presbyterat in Eich- stätt erlangt hat, das kann und darf nicht zugegeben werden. Ebenso wenig wird, wie wir gesehen haben, von den Akten des „ersten deutschen Nationalconcils" (?) die Bischofsweihe Willibalds im Jahre 7 41 gefordert. Willibald wurde auch nicht zugleich mit Burkhard 741 Bischof, wie der Anonymus von Herrieden") behauptet hat. Papst Zacharias bestätigte allerdings die Bisthümer Würzburg, Beraburg und Erfurt, und unser Ungenannter von Herrieden substituirte der letzteren Stadt, Hui olim luit url)8 xugLnorura d. h. der Heidenstadt, sein liebes Eistet bezw. das damals neu aufgekommene famose ^ursaturn, das nur in der Einbildung der Gelehrten, sonst aber niemals und nirgends, auch in Jngoldstatt nicht, existirte und von unserm sarkastischen Niederer längst scharf zurückgewiesen wurde.") ") Bruckstücke, SeparatauSgabe, S. 10 A. 17 mansitgns s-xnä Lajnvarios äiebus multis. Hätte der Biograph mit Hirsckmann die Worte multis aunis gebraucht, so hätte man darunter mindestens 3—4 Jahre verstehen müssen. ") Vergl. Dr. Friedrich Kunstmann im oberbayer. Archiv I. Band. ") Lli^ns tom. 146 paA. 1007 und lll. d. 88. VII, 255 eax. 3. Luno ab i. v. 741, ut iu Aestis xontiüeum Ro- inanorum repsrimus...vonstitutae sunt una saäem- gns äis äno exisoopales ssäss IVirrburlr et Listet. Zur richtigen Jahreszahl V60XUII (nicht 741) ist anstatt Erfurt unser Listet bezw. ^.ureatum substituirt worden. Falsch ist die Angabe Bcthmanus, daß Willibald wirklich im Oktober 741 zum Bischof geweiht worden ist. ") Vergl. dessen Lrolusio aeaäemiea äs veteri ^.urs o 391 Burchard und Wizo, welche nach der gottgeweihten Jungfrau von Heidenheim bei der Bischofsmeihe Willibalds assistirten, waren schon im April 742 Bischöfe, Willibald dagegen war damals noch nicht Presbyter, und Bischof wurde er erst am 20. Oktober 743, drei Wochen vor Martini.5°) Drei Wochen find zusammen 21 Tage, und diese 21 Tage vor Montag dem 11. November 743, nicht von diesem Tage an zurückgerechnet, ergeben als Weihetag Willibalds zum Bischöfe und als seinen Geburtstag den 2 0., nicht 21. oder 22. Oktober 743. Der 2 0. Oktober war im Jahre 743 ein Sonntag, und an Sonntagen wurden und werden vorschriftsgemäß auch heute noch die Bischöfe geweiht, einer besonderen Fakultät oder Erlaubniß des Papstes zur Weihe Willibalds an diesem Tage hatte Bonifazius nicht bedurft. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. v. Steichele-Schröder, Das Bistbum Augsburg bistoriick und statistisch beschrieben. Augsburg, Schund, 1894. 40. Heft. —8. Unter den edlen Bestrebungen des unvergeßlichen Bischofs Pankratius wird vie Geschichte auch das zu verzeichnen haben, daß er die während seines Ponlifikates begonnene historisch- statistische Beschreibung der Diözese nacb dein Tode des hochsel. Erzbischofs v. Strichele nickt unvollendet liegen ließ, sondern durchaus geeigneten Händen zur Fortführung und Vollendung anvertraute. — Das vorliegende 40. Heft der BiStbumsgeschicbte schließt sich den vorausgehenden in ebenbürtiger Weise an. Es behandelt aus dem Laudkapite! Jcttingen die gleichnamige Pfarrei (Schluß), ferner die Pfarreien und Kuraticn Konzenberg, LandenS- bcrg, Mindelaltbcim, Münsterbansen, Oberschöneberg, Rechberg- reuthen, Ried. Nöstngcu, Scheppacb, Tbannbansen (ohne Schluß). — Zu den Partien des Weites, welche allgemeineres Interesse finden, gehört ohne Zweifel die Ncgistrirnng der Kunstgegenstände. Hierüber eine kurze Bemerkung! Während Architektur und Malerei wie auch die Kleinkünste stets eine zweckentsprechende Schilderung erfahren, scheint das Gleiche nicht immer der Fall zu sein bei den Skulpturen. Einige kurze, vielleicht sogar in Klammern gcictzie Andeutungen über Auffassung, Attribute, Disposition u. dgl. z. B. bei der reizenden Gruppe des Todes Mariä zu Landcnsbcrg (S. 693), den gothischen Skulpturen in Allerheiligen (S. 748), zu Oberwaldbach (S. 728), der Figur des bl. Diouysius Areop. aus dem 14. Jahrhundert zu Nöfingen (S. 735) würden gewiß auch in diesem Punkte, ohne das Werk zu belasten, dankenswerthe Ausschlüsse geben. vr. Karl August Geiger. Die religiöse Kinder-Er- ziehuug in gemischten Ehen nach bayerischem Rechte. Ein Commentar zu 88 12 — 23 der II. Vcr- fassungsbeilage. Augsburg 1894. Literar. Institut von vr. M. Huttler (Mich. Seih). IV und 184 Seiten. Preis: 3 M. 60 Pf. * Je mehr die verschiedenen Confessioucn in unseren Gegenden sich vermischen, desto häufiger werden die gemischten Ehen, und desto öfter kaun der katholische Seelsorger in die Lage kommen, für die Erziehung der Kinder aus gemischten Ehen in der kaibolischen Religion mit allen gesetzlichen Mitteln eintreten zu müssen. Ein verläisiger Führer bei Erfüllung dieser Aufgabe ist die neue Schrift Geiger's. Dieselbe enthält eine kurze Geschichte der Entwickelung des nunmehr in Bayern geltenden Rechtes bezüglich der religiösen Erziehung der Kinder aus gemischten Eben. Hieran reibt sich ein gründlicher Coinmcn- tar zum III. Kapitel oder zu §8 12 — 23 der zweiten Beilage der bayerischen Verfassung, wodurch die religiöse Erziehung der Kinder aus gemischten Eben staatlich geregelt und geordnet ist. Hiebe! kommt die NcckstSauffassung des k. b. VerwaltungSgerichts- hofcs ausführlich zur Darstellung, und werden zur Erläuterung der einzelnen Fragen und Fälle sehr zahlreiche Auszüge aus den Entscheidungen des genannten Gerichtshofes, die meistens °°) Ueber die Errichtung der Bistbümcr Würzburg und Eickstätt ist schon der Biograph des hl. BonifaziuS nicht ganz verlässig. Die Nonne von Heidcnheim hat ihn corrigirt. Vgl. meine Bruchstücke S. 1ö u. 32. der offiziellen Sammlung derselben, aber auch anderen Quelle» entnommen sind, angeführt. Der Verfasser hat indeß auch die Literatur, welche nainentlich seit Einführung der Verwaltungsgerichte in Bayern über den vorliegenden Gegenstand sich gebildet bat, sorgiältig benutzt und an der Hand derselben an den Entscheidungen des VerwaltungsgerichtShofcS eine mitunter zutreffende, aber stets bescheidene Kritik geübt. Das Bück kann auf Vollständigkeit Anspruch machen, insofernc von den wichtigeren Fragen, über welche der k. b. Verwaltungsgerichtshof in dieser Materie sich auszusprcchen Veranlassung hatte und die neuere Literatur sich verbreitete, kaum eine übersehen worden ist. Darum kann es als ein sicherer Wegweiser für den Seelsorger bezeichnet werden. Derie.be findet darin Aufschluß, welche Wege er einzuschlagen und welche Mittel er zu ergreifen habe, wenn es sich darum handelt, Kinder auö gemischten Eben, welche in katholischer Erziehung stehen und von irgendwelcher Seite einer anderen Couiession zugeführt werden wollen, der katholischen Kirche zu erhalten, sowie solche Kinder, wenn sie im Widerspruch mit den gesetzlichen Bestimmungen in einer anderen Confession erzoren werden, für die katholische Erziehung wirksam zu reklamiren. Aber auch in Fällen, in welchen das liraotuum sasonlaro für die Erzwiuaung der Erziehung eines Kindes im katholischen Glauben nicht mit Erfolg angeraten werden kaun, findet der Seelsorger hier Belehrung, und es werden ihm dadurch nutzlose Ben,Übungen und Konen erspart. Bemerki. muß werden, daß der kirchliche oder katholische Standpunkt, von dem aus die Frage nach der religiösen Erziehung der Kinder beurtheilt und behandelt werden muß, hier vollständig bei Seite gelassen ist. Es wird vorausgesetzt, daß der Priester die Pflichten, die er in dieser Beziehung hat, kennt, und er soll hier nur in dem unterrichtet werden, was er den weltlichen Behörden gegenüber zu tbun hat, um seine diesbezüglichen Pflichten nach allen Richtungen hin zn erfüllen! Diesen Unterricht bietet das neue Geiger'scbe Werk in vorzüglicher Weise, und es sollte unseres ErachtenS in den Bibliotheken der Seelsorger nirgends fehlen. Bei der durchaus sachlichen Darstellung, deren sich der Verfasser befleißigt, wird das Buch ohne Zweifel auch von den Juristen, für die es im Grunde noch mehr Interesse bat als für die Theologen, beachtet und von Beamten und Nechlsanwälten vielfach in Gebrauch genommen werden. Usw Rsstamont in Lansorit, translateä krom tbs Aroslr. 8", paF. 666. Oaleutta,, Libls Looistzc 1886 (III). 8ti. 4,00 §ob. k. Daß Gottes Wort, wie eS uns in den hl. Schriften geoffenbart ist, aus den Originaltexten in alle nur erdenklichen lebenden Sprachen übersetzt worden ist, kann nicht Wunder nehmen; wunderbarer mag sein, daß es auch eine vollständige »Holz? Uidlö in Lanserit-, der todten Schriftsprache der gelehrten Inder, gibt (Calcutta 1848—51, 5 voll.); das Buch, das jetzt bei Antiquaren auf ungefähr 40 Mark kommt, wurde anfänglich von der britischen Bibelgesellschaft zu sehr billigem Preis verkamt, ist aber längst aus den Preisverzeichnissen der Gesellschaft verschwunden, bis erst vor kurzer Zeit wenigstens daö Neue Testament (bei Antiquaren ca. 9 M.) wieder Aufnahme in den „Anhang zum Preisverzeicbniß für Deutschland der brit. Bibelgesellschaft" gefunden hat und in deren Filialen (z. B. durch Justus Naumann in Leipzig) zu dem erstaunlich billigen Preis von 4 M. verkauft wird; das ist auch der Grund, warum mir von eurem Buche reden, das doch schon vor geraumer Zeit erschienen ist. Die Uebersctzung ist aus dem Griechischen auf Veranlassung der Baptisten - Missionare in Calcutta mit großer Sorgfalt ausgearbeitet, und zwar unter der für Sprachricbtigkeit Gewähr leistenden Oberleitung ein» geborner Gelehrter, die ihr Sanskrit bekanntlich ganz anders verstehen und beherrschen, als etwa ein europäischer Professor sein Latein. Die Schwierigkeit, ein christliches Buch inS Altindische zu gcwaudcn, liegt nun nicht etwa an der Armuth deS Sanskrit, da es ja eine unergründlich reiche Sprache ist, sondern im Gegentheil in der unerschöpflichen Fülle von Synonymen, aus denen eben die Auffassung des Uebersctzcrö daS Sprachmaterial zieht und verwendet; wie nun das Gotteswort sich ausuimmt in der uralten heiligen Brahmanensprache, das zu kennen, dürfte von hohem Interesse sein; die feine Gewandtheit der Uebersetzer muß uns oft dabei erstaunen machen. Vor allem aber ist das Werk als Lcrnmittel nickst genug zu empfehlen; denn Sauskritbüchcr von gleichem Umfang kosten sonst mindestens das Fünffache und bieren namentlich dem Anfänger und Autodidakten unüberwindliche Schwierigkeiten, während hier der Inhalt dem Leser bereits venraut ist und die Sprache keine Unregelmäßigkeiten ausweist. Mit Hilse v. Cappeller's „Sanskrit- 3V2 Wörterbuch" (Slraßburg, Trübncr 1837, M. 15.) kann sich ein Jeder, der die Elemente der Grammatik überwunden hat, getrost an die überaus lehrreiche Lektüre des Buches machen, das in sauberer DevauLgari-Sckrift gedruckt ist, die Wvrttrennung und sogar die Interpunktionszeichen nach europäischem Muster zur Erleichterung eingeführt hat. Katholische Flugschriften zurWehr undLehr. Preis L 10 Pf. * Von den trefflichen grünen Hcftcben (Verlag der „Germania", Berlin) sind neuerdings erschienen Nr. 82—86/87 mit folgendem Inhalt: 82. Bernardino Ochino von Siena. 83. Der hl. Petrus Claver. 84. Blicke auf das Wirken des Evangelischen Bundes. 85. Gustav Adolf. Ein trauriges Jubiläum. 86./87. Protestantische Stimmen zum Jesuitengesetz. Die Flugschrist Nr. 85. Gustav Adolf, von hervorragend sachkundiger Seite verfasst, verdient eine um so gröbere Beachtung, als man sich im protestantischen Lager bekanntlich anschickt, das bevorstehende Jubiläum des Verwüstcrs unseres Vaterlandes „Gustav Adolf" in ganz außergewöhnlicher Weise zu feiern. F. X. 'äoulin, Die Gottcöbraut. Betrachtungen über die Jungfräulichkeit, aus dem Französischen übersetzt und vermehrt durch einen Anhang: „Klosterleben in der Welt" von Dr. I. Ecker. 2. Auflage. Herder-Freiburg 1894. Preis 3,00 M.. geb. 3,80 M. O Jungfräulichkeit! — „Nicht alle fassen dieses Wort", nicht die Ungläubigen, die bloß für wahr halten, was ihr bischen Verstand begreift, — nicht die Häretiker, — nicht die Wcltchristen, — nicht die thörichten Jungfrauen, die „Bräute Cbristi" sind, weil sie keinem Manne gefallen und viel in die Kirche laufen, weil sie zu träge sind zum Arbeiten — für all' diese ist nach des Uebersetzers eigenem Wort das Büchlein nicht geschrieben, sondern nur sür jene, „denen es gegeben ist". Für die heiligen Jungfrauen, welche Vater und Mutter, Bruder und Schwester, ja ihren eigenen Willen verlassen haben, um in der Einsamkeit des Klosters sich Gott zu weihen. Für diese ist cö ein ErbauungS- und Betrachtungsbuch; aber auch die Eltern, die ibr Theuerstes dem Herrn darbringen, werden es mit Nutzen in die Hand nehmen und daraus den Werth des Gutes lernen, das ihre Kinder für die Welt eingetauscht haben. Das Buch bietet 21 Betrachtungen, jede zerfällt in drei fast selbstständige Theile. Daran fügt sich ein „Unterricht für die Wittwen" und eine sehr eingehende Erörterung und Zurückweisung des oft gehörten Satzes „Emweder heirathcn, oder in's Kloster". Der Anhang „Klosterleben in der Welt" ist eine Ermunterung und Anleitung zur Jungfräulichkeit, wie sie auch außerhalb der Klostermauern gepflegt werden kann, und trägt dazu bei. daS Buch sür weitere Kreise nutzbar und werthvoll zu machen. Schlichte Weisen. Gedichte von Evarist Bickmann. Heiligenstadt (Eichsscld), Verlag von F. W. Cordier. 6». 144. Preis 2 M.. geb. 3 M. s. Es finden sich in diesen schlichten Weisen einzelne reckt gute Gedichte. Unter „Gedanken und Sprüche" verbirgt sich manches Goldkörnlein, während anderes wieder recht schlicht ist. Wenn „Halme" als Iambus auftreten will, so geht dies ohne Hinken nicht, s. S. 41. Der kath. Meß n er in seinen kirchlichen Verrichtungen von Gg. Brei tsa mcter. II. verbesserte Auflage von I. Lautenschlager. Augsburg, B. Schmid'fche Buchhandlung. kl. 8°, 59 S. o. Ein brauchbares Büchlein, dem aber leider im lateinischen Texte die Angabe des Accentes mangelt. Auch die deutsche Ucbersctzung des angeführten Lateins wäre willkommen. Die Arbeiter-Einigungen des Mittelalters; nach dem Französischen des Pros. Dr. G. Knrth bearbeitet von vr. K. A. Leimbach. 8". IV. und 26 Seiten. Preis 25 Pfg. Verlag der Fuldacr Actiendruckerci. Dieses Schriftchen, daS in seiner französischen Ausgabe schon über 50,000 Abnehmer gefunden, verdient auch in der neuen deutschen Bearbeitung, die auf die deutschen Verhältnisse gebührend Rücksicht nimmt und als durchaus gelungen bezeichnet werden muß, die Beachtung aller, die sich sür die Handwcrker- und Arbeiterfrage irgendwie interessieren und nach Mitteln zu deren glücklicher Lösung suchen. Das Spiegelbild, das uns der Verfasser in den großentheils von der Kirche ausgegangenen Handwerker- und Arbeiter-Einigungen vorhält, liefert den klaren Beweis, daß unter diesem, von den Aposteln des Socialismus so verpönten Regimcnte Verbände in's Leben gcrnien und Einrichtungen getroffen waren, die auch heute noch als mustergiltig bezeichnet werden müssen. Wenn nun auch die Einigungen jener vergangenen Zeit mit ihren Einrichtungen nicht mehr die gleicher Dienste leisten würden, wie damals, so bleibt doch der Gedanke, der ihnen das Leben gegeben, ewig jung und ewig fruchtbar. Der Geist der brüderlichen Liebe muß auch die neuen Einige ungcn beseelen, der religiöse Gedanke muß sie beleben und nähren. Vor allem muß der christliche Begriff von der Arbeit sich wieder Bahn brechen und muß Arbeiter und Arbeitgeber bestimmend beherrschen. So hielt sich z. B. der Arbeitgeber des Mittelalters nicht für berechtigt, seine Arbeiter zu überbürden. Man trug bei Bemessung der Arbeitszeit der Schwierigkeit oder Gesundheitsschädlichkeit der Beschäftigung gebührend Rechnung. Die Arbeitszeit sür Bergarbeiter betrug z. B. in Deutschland damals nur acht Stunden. Nachtarbeit war bei den meisten Gewerben gänzlich untersagt. Ebenso war Frauen- und Kinderarbeit genau geregelt, die Ausbildung und das Halten von Lehrlingen rc. rc. Wir können das lehrreiche Schriftchen nur empfehlen. Der billige Preis erleichtert dessen weiteste Verbreitung. Lorenz August Grill, Handbuch des bayerischen Staatsbürgers. (DaS Werk erscheint in 10 monatlichen Lieferungen ä 60 Pf. im C. H. Beck'schen Verlag zu München.) Von dem obigen empfchlenswerthcn Werk ist soeben die 3. und 4. Lieferung erschienen. Dieselben beweisen aufs neue, daß es'Verfasser und Verleger voller Ernst damit ist, ein Werk zu liefern, das das nicht juristisch gebildete Publikum in die öffentlichen Angelegenheiten einschließlich der beutzutag das Interesse des Staatsbürgers inehr wie früher herausfordernden Fragen der Social- und Wirthsckaftspolitik wiiklich gründlich einführt. Dadurch, daß der Verfasser fortlaufend auch die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen anführt, macht er sein Buch ganz besonders für die Gemeindebehörden, Magistratsräthe, Gemeindebevollmächtigten, Kirchen- verwaltungs Mitglieder usw. brauchbar und empicblcus- werth. Aber auch alle» übrigen Ständen bietet eS des Wissenswerthen viel. Die 3. Lieferung bringt ein Haupt-Kapitel, nämlich das über die Gemeinbeverfassung, das nicht nur das örtliche Gcmeindewesen in allen seinen Beziehungen und Abstufungen, sondern auch die Districtsbehördcn und die Landräthe umfaßt. Auf Seite 235 beginnt alsdann der zweite Theil des Werkes, nämlich die Darstellung der inneren Verwaltung in Bezug auf Polizei, sociales und wirtbschaftliches Leben, Kirche und Schule, StaatS- und Gemeinde-Finanzen, Landcsvertheidigung. In Lief. 4 folgen die Kapitel, welche die öffentliche Ordnung und Sicherheit, die öffentliche Sittlichkeit und die Gcsuudheitspolizei zum Gegenstände haben. Es ist ein weites und großes Gebiet, das liier behandelt und jedem etwas ihn Jnteressireudes bieten wird. Wir machen auf das wirklich cmpfchleuswerthe Werk auch die Schulbibliotheken in Stadt und Land aufmerksam. Allen Denjenigen, welche sich auf leichte und bequeme Art die Kenntniß der französischen, englischen und italienischen Sprache aneignen wollen, seien die Zeitschriften »Iw Lspstiteur-, >Ttzs Lopeator-, »II ripotitors» zum Abonnement warm empiohlen. (Berlin, Verlag von Nosenbaum u. Hart.) Zur Uebung in diesen wichtigsten fremden Sprachen, deren Kenntniß in allen BcrufSzweizcn äußerst wertbvoll ist, ist die Methode der genannten Zeitschriften sehr zweckdienlich. Unter jedem fremden Worte steht daS entsprechende deutsche, so daß dem Leser das unbekannte sofort auffällt und bei der Wiederholung in Erinnerung gebracht wird, wodurch der Wortschatz sich beständig vergrößert. Für die weiter Fortgeschrittenen ist ebenfalls gesorgt, indem die 14tägig erscheinenden Blätter allmonatlich eine Beilage mit nur französischem, englischem und italienischem Texte enthalten, dem zum Zwecke des besseren Verständnisses am Fuße jeder Seite die nöthigen Anmerkungen bei- gegebcn sind. Es dürsten daher diese Zeitschriften, deren Abonne- mentsprcis bei der Post und im Buchhandel pro Quartal nur je 1 Mk. beträgt, vielen unserer Leser willkommen sein. Berichtigung. Im Stammbaum der Scheyern haben sich leider Druckverschen cingescklichen. Es muß heißen: Herzog Arnulf si 937, Herzog Heinrich I. si 955, Mantachinga. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Spiritismus und Theosophie. Von Charles Saint-Paul. Dem aufmerksamen Beobachter neuer Strömungen kann es nicht entgehen, daß in der Gegenwart die Kampfesliga gegen den Materialismus sich in einer Weise verbreitet, welche erwarten läßt, daß derselbe binnen Kurzem den Todesstoß erhalten wird. Die hypnotischen Forschungen der Neuzeit haben zur Anerkennung der Mental- suggestion, der rein geistigen Gedankenübertragung ohne physische Vermittlung, sowie der Phänomene geführt, welche in das Gebiet des sogen. Somnambulismus gehören, und von denen das Hellsehen eines der bedeutendsten ist. Ueberdies sind durch die Forschungen der „Loeietx tor Ikeseareli" in England und der ihr verwandten psychologischen Gesellschaften in Deutschland, vornehmlich in München und Berlin, die Geistererschcin- ungen, das Fernwirken Sterbender und Verstorbener, in Tausenden von Fällen constatirt worden, die speciell in dem Werke der berühmten Psychologen Gurney, Myers und Podmore nkdantasius ok dirs lüving" dargelegt wurden. Ja sogar gewisse von den Spiritisten behauptete Phänomene sind auf dem letzten internationalen „Psychiker"congreß in Chicago zur Sprache gebracht worden, und bedeutende Gelehrte haben die Möglichkeit derselben zu erweisen versucht. Wenn also hiedurch die Thatsache hervortritt, daß in der antimaterialistischcn Bewegung der Gegenwart bedeutende Kämpfer sich befinden, die ein wissenschaftliches Bollwerk gegen den Materialismus errichtet haben, so finden wir doch leider anderseits eine Masse ungebildeter, leichtgläubiger und verdächtiger Spiritisten an derselben betheiligt, die sich bei der gegenwärtigen Ausbildung des Spiritismus bereits zu einer Art Cultus der Professionsmedien vereinen, bei denen, da sie meist um Geld arbeiten, Betrug aus Erwerbsrücksichten meist nicht ausgeschlossen ist, und deren Eeistesprodukte vielfach auch an ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen. Was den mediumistischen Betrug anbelangt, so finde Ich soeben im „Figaro" (vom 10. November 1894) eine Studie von dem bekannten Mitgliede der Pariser „Oroupa ä'Ltnclss Lsotörliuss", Charles Chincholle, in welcher er Mittheilung von der kürzlich vollzogenen Entlarvung des „berühmten" amerikanischen Mediums Mrs. Williams, das einige Herren nach Paris kommen ließen, macht. Da dasselbe auch in Berlin Vorstellungen geben sollte und daselbst von einigen Spiritisten unglaubliche Reklame für seine Experimente gemacht wurde, *) so glaube ich des aktuellen Interesses halber die Hauptpunkte des Berichtes im „Figaro" hier einschalten zu sollen. Mrs. Williams ist nach demselben in Amerika im Rufe bedeutender mediumistischer Kraft. Sie „verdient" daselbst bedeutende Gelder mit ihren Experimenten; besitzt in New-Iork drei Hotels und überdies 750,000 Fr. Baarvermögen. Trotzdem war ihr die neue Welt nicht groß genug für ihre Thätigkeit; sie wollte auch in der alten ihren Ruhm und ihr Geld vermehren. So schrieb sie nach Paris, ob sie dort Vorstellungen geben könne. Der „Ehrensekretär" der Vereinigung „Sphinx" daselbst gab sogar vor kurzem eine eigene Broschüre über dieses Mevium heraus. und kam auf den Bescheid, daß, falls neues und ernst zu nehmendes geboten werden könne, sie angenehm sei, in die französische Hauptstadt mit ihren! Impresario, M. Macdouald. Vorerst wurde eine Privatsitzung bei Mme. de . . . arrangirt, während welcher Mrs. Williams, die in großer Toilette erschienen war, dem Herzog von H. versprach, eine seiner Verwandten erscheinen zu lassen, die mit ihm dann sprechen werde. Sie setzte sich dann auf einen Stuhl im Dunkelkabinet, das bei so vielen spiritistischen Säancen hergestellt wird, da angeblich oie meisten Geister das Licht nicht ertragen können, und bezeichnete dem Herzog die Stelle, wo seine Verwandte sich zeigen würde. Derselbe sah auch wirklich bald eine Hand und küßte dieselbe, auch hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte: „Ich bin hier." Sie schien von der Stimme der Mediums verschieden Zu sein. Plötzlich aber bemerkte er, da das Licht nicht ganz abgedreht war, daß der Sessel, auf dem das Medium sich niedergelassen hatte, während der Erscheinung leer war. Dieses mußte jedoch seine Entlarvung gefürchtet haben und zeigte sich wieder auf seinem Stuhle, ehe man eingehendere Prüfungen anstellen konnte. Die Versammlung schöpfte aber Mißtrauen, und man wollte sich mit ihm nicht mehr abgeben. Sie versprach nun einigen Pariser Psychologen eine Ssance in ihrer Privaiwohnung zu geben, bei öer Materialisationen (Verkörperungen von Abgestorbenen) mit wechselnden Lichterscheinungen sich zeigen würden. Bei der Sitzung, die am 31. Oktober gehalten wurde, und bei der die Eintrittspreise zwischen 10 und 25 Fr. variirten, hoffte man vielfach auf bedeutende Phänomene. Diejenigen aber, welche Verdacht geschöpft hatten, trafen die Bestimmung, einen Entlarvungsversuch, sobald sich der Augenblick dazu bieten würde, vorzunehmen. Einer der Herren aus der Versammlung äußerte im Verlause der Sitzung den Wunsch, einen verstorbenen Arzt zu sehen, und dieser kam angeblich mit seiner Tochter. Als sich die Erscheinungen zeigten, stürzten einige Herren aus dem Publikum auf sie, den Manager der Mrs. Williams und letztere selbst zu, während ein anderer Licht machte. Da entdeckte man nun das Medium, welches Kleider und Schuhe ausgezogen hatte, um besser schwindeln zu können. Der gewünschte und herbcigeeilte Arzt entpuppte sich als ein Weib, das sich als Btann verkleidet hatte. Die zweite Erscheinung aber zeigte sich als Puppe, über die ein Schleier geworfen war und deren Gliedmnßen die Betrügerin durch Gummibänder mit der linken Hand bewegte. In der rechten hatte sie eine Schnur, mit welcher sie den Lichtapparat regulirte, der ihr zur Beleuchtung ihrer „Geister" diente. Das Medium stieß, als es sich entlarvt sah, einen Schrei aus und wollte sich in ein anstoßendes Gemach flüchten. Aber einer der Herren, die aus dasselbe losgestürzt waren, Mr. Lcymarie, der Direktor einer spiritistischen Zeitung, zwang es, zurückzukehren und sich öffentlich beschämen zu lassen. Man sammelte alle Gegenstände, die ihr zu ihren „Experimenten" dienten. Sie hatte dieselben in einem kleinen Sack unter ihrem Rocke verborgen, wenn sie vor dem Publikum erschien. Im Dunkelkabinet kleidete sie sich dann um, entleerte den Sack und spielte mit der Puppe und, wenn nöthig, mit ihren Helfern „Geist". Es kam ihr Hiebei sehr zu 394 statten, daß sie Bauchrednerin war und alle Stimmen, l von der Stimme eines kleinen Kindes bis zu der eines Mannes, imitiren konnte. Es wurde nun ein Protokoll über die Entlarvung abgefaßt und von 22 Personen unterzeichnet. Man drohte der Betrügerin und ihrem Manager mit Auslieferung an die Polizei, falls sie nicht binnen einer Stunde Paris verlassen hätten, und sie zog selbstverständlich vor, dieses zu thun. Sie soll sich dann in Havre wieder nach New-Mrk eingeschifft haben, wohl sehr enttäuscht von ihren Erfahrungen in Europa. Die Spiritisten in Frankreich hoffen, wie Charles Chincholle am Schlüsse seines Artikels bemerkt, in Zukunft von amerikanischen Medien verschont zu bleiben. Es ist nun gewiß keine Frage, daß im Geburtslande des Spiritismus, in den vereinigten Staaten Nordamerikas, am meisten in experimenteller Hinsicht betrogen wird, und deßhalb haben sich ja daselbst auch bereits eine gewisse Kategorie von Personen festgesetzt, die ihr Hauptaugenmerk auf Entlarvung von Medien richten („Neäiunrlluutsrs"). Aber auch im allgemeinen ist zu betonen, daß die Täuschung naturgemäß mit dem niedrigen Phünomeualismus, insofern er zu pecuniären Zwecken ausgebeutet wird, verbunden ist, und daß es jedem Medium naheliegt, falls einmal seine „Geister" es im Stiche lassen, auf andere Weise nachzuhelfen. Aber der Betrug — der erzählte Fall steht gewiß nicht einzig in neuester Zeit da; ich erinnere in dieser Hinsicht nur an den Prozeß gegen das Medium Töpfer — ist es nicht allein, welcher die moderne Entwicklung des Mediumismus bedenklich erscheinen lassen muß. Es kommen auch noch die Schädigungen des Mediums selbst in Betracht, die so häufig beobachtet werden. Nicht nur körperlich verursachen, wie nachgewiesen, die spiritistischen Experimente bei den Medien eine bedeutende Kraftabsorption, die nach und nach zu schweren Nervenleiden und völliger Erschöpfung gesteigert werden kann, falls die Experimente so häufig wie von Professionsmedien wiederholt werden. Auch geistig können sich mit der Zeit schwere Leiden einstellen, Jrrsinnssymptome u. dgl. eintreten; ein Theil der Spiritisten spricht sogar von beobachteter Besessenheit, indem bei Ssancen, besonders wenn sie nur zur Belustigung in Kreisen, die aus Sport Spiritismus treiben, unternommen werden, manchmal einer der gerufenen Geister ganz vvn dem Medium Besitz ergreift, sich durch dasselbe nach seiner Art zu äußern sucht; es treten dann furchtbare Krümpfe auf und man sucht oft lange vergeblich nach Hilfe. Auf diese Folgen hat schon Schneid in seiner bekannten Schrift über den Spiritismus hingewiesen und dieselben haben während der letzten Jahre viele veranlaßt, auf die spiritistischen Experimente, speciell auf solche mit Profesfiousmcdien, zu verzichten und energisch gegen dieselben aufzutreten. Mau hat Hiebei in Betracht gezogen, daß selbst vom spiritualistischen Standpunkte aus der niedrige Phänomenalismus nur geringen Werth besitzt und daß, abgesehen von der vielfach kindischen und rohen Art der Erscheinungen und Manifestationen, speciell bei Professions- medien, auch die anfangs so beliebten „Offenbarungen", die durch Medien im „Pranaa" (Verzückung) gegeben werden, so widerspcuchsvoll und oftmals albern sind, daß der erwachsende Schaden durch den Nutzen der Phänomene nicht ausgewogen wird. ') Eichstält 1630. Offenbar hat man in den leitenden Kreisen der Kirche die erwähnten Uebelstände oder wenigstens einen Theil derselben in Betracht gezogen, wenn man wiederholt gegen die spiritistischen und ähnliche Experimente auftrat. Vom Standpunkte der christlichen Mystik aus betrachtet, mußte überdies diese Art des Verkehrs mit den Geistern noch weniger als nutzbringend, ja im Gegentheile als Verirrnng und in gewisser Hinsicht auch als mit Einflüssen böser Geister zusammenhängend erscheinen. Jedoch ist man wohl im Allgemeinen in der Annahme diabolischer Einflüsse zuweit gegangen, und diesbezüglich dürften, insbesondere auch, wenn Magnetismus und Spiritismus zusammengestellt werden, die Erklärungen in Betracht zu ziehen sein, die schon vor mehr als einem Decennium in einem Artikel der „Augsburger Postzeitung" gegeben wurden. (Einige Blicke ins Nachtgebiet der Natur, von Dippel. Beilage zur Augsburger Postzeitung. Jahrgang 1880 .) ^) In denselben wird die Behauptung aufgestellt, daß wenigstens die magnetischen Erscheinungen als Ausflüsse des physisch-psychischen Wesens der menschlichen Natur zu betrachten seien. In der Zwischenzeit nun haben die neueren Forschungen, speciell die des russischen Staatsrathes Or. Aksakow, nachgewiesen, daß nicht nur diese, sondern auch ein Theil der „spiritistischen" Phänomene auf solche Wirkungen zurückzuführen sind. Man spricht deshalb im modernen Spiritualismus häufig vom Animismus, und der eben erwähnte Gelehrt hat in seinem Werke: „Animismus und Spiritismus. Versuch einer kritischen Prüfung der mediumistischon Phänomene mit besonderer Berücksichtigung der Hypothesen der Hallucinationen und des Unbewußten. Als Entgegnung auf Dr. Eduard von Hartmann's Werk: Der Spiritismus. (2 Bünde. Mutze. Leipzig 1890.) viele Fälle gesammelt, bei denen die Möglichkeit einer Wirkung des Mediums selbst bei Manifestationen und Erscheinungen, bei letzteren durch Auslösung des eigenen „Aetherleibes" im n"Ira,irc:6"zustande, angenommen werden kann. Er hat sogar durch einige Beispiele darauf hingedeutet, daß offenbar viele Phänomene durch Fernwirkung hypnoid veranlagter Lebender veranlaßt werden können. Diese neueren Forschungen werden also wohl auch in Zukunft bei einer endgiltigen Entscheidung berücksichtigt werden müssen. Eine genauere Prüfung der ") Dagegen wird in der Encyclica vom Jahre 1656 eine scharfe Verurtbeilung wenigstens des Somnambulismus ans- gesprowen: »bltoniw comxsrtum sst«, so heißt es in derselben, — »novuw guoääam supsrstitionis ß'snus invsbi sx pbasno- msnis mag'nsticis, guibus baue! scisntiis pb^sicis suuclsanäis, ut par sssst, seil äscipisuäis ac seäucsnäis bominibus stuäent usotsrici plurss, rate posss occulta, rsmota ac kutura ästegl wag'notismi arts, vel prasstigio, prasssrtim ops mulisrcularum, guas unics a maAnotisatoris nutu psnäsnt.... Hinc »8omnam- bulismi st claras intuitionls-, uti vocant, praestigiis mulisr- culas illao, Assticulationibus non ssmpor vsrscunäis, abrsxtas, so iuvisibilia guasgus conspicers sttütiunt, ac äs ipsa rsli^ Aions ssrmonss instituers, auimas mortuorum svocars, rs- sponsa accipers, ignota ac longingua ästsZcrs, allagus iä Asnus superstitiosa sxsrcsrs ausu tsmsrario prassumunt, maZuum guasstuw sibi ac äominis suis äivinamio ccrto cou socuturas. In kiscs omnibus, guascungus äsmum utuntur arte vsl illusiouv, cum oräinontur meäia pb^sica aä stksctus non naturalss, rspsritur äsesptio omnino illicita st basrsti- calis st scauäalnm contra bousstatom worum. Igitur aä tautum notas, st rsligioni st ei rill socistati inksstissimum otücacirsr cobibsnänm, excitari äsbet guam maxims Pastorales sollicituäo, vitzilantia as sein» Lpiscoporum omnium.« Olvilta 6atr. 8. VI, vol. 8, x, 105. einschlägigen Literatur würde in dieser Hinsicht überhaupt sehr förderlich sich zeigen. Dieselbe ist allerdings sehr schwierig. Denn es gibt ja über 100 Zeitschriften über Spiritualismus in allen Welttheilen, und die Bibliographie ist fast unübersehbar geworden. Bei uns in Deutschland allerdings — um dies noch zu bemerken — ist dieselbe nicht von der Bedeutung wie im Auslande. Es existiren hier nur 3 nennenswerte Zeitschriften, die „Psychischen Studien", gegründet von Aksakow im Jahre 1874 und redigirt von Dr. Wittig, dem Uebersetzrr der Werke des amerikanischen Spiritualisten Davis; sodann die „Spiritualistischen Blätter", ein Wochen- organ für den amerikanischen Spiritualismus, herausgegeben von Dr. Eyriax; ferner die „Sphinx", von der wir noch sprechen werden und die nicht ausschließlich spiritualistische Richtung verfolgt. In bibliographischer Hinsicht kommen wohl nur die Schriften des Baron Dr. du Prel, des Ehrenpräsidenten der Gesellschaft für wissenschaftliche Psychologie in München, in Betracht, der die Phänomene durch Wirkung des „transcendentalen Subjects" erklärt, dem er, im Anschlüsse an Andeutungen in Kants „Vorlesungen über Metaphysik", individuellen Charakter zuschreibt. (Fortsetzung folgt.) Gustav Adolf. Nach seinem Leben, seinem Charakter und seinen Thaten geschildert von A. E. (Fortsetzung.) Wir haben gezeigt, daß Pommern nichts mit dem Schweden zu thun haben wollte, Brandenburg wollte ebenso nichts von ihm, und doch sagte der König überall, man habe ihn gerufen, bloß vergißt er beizusetzen, wer ihn gerufen habe. Von Mecklenburg verlangte er, daß es sich mit ihm verbünde, und als es sich weigert, läßt er den mecklenburgischen Ständen vermelden: „wenn sie dem nicht nachkämen, werde er sie mit Feuer und Schwert verfolgen und bestrafen". Dies sind wohl nicht Worte eines „Gerufenen", eines „Befreiers Deutschlands". Mit der Stadt Lübeck stand es gerade so. Nur die Landgrafen von Hessen-Kassel machten Brüderschaft mit dem Schweden, sie, welche schon seit langer Zeit mit jedem verbündet waren, nur nicht mit Kaiser und Reich, sie, welche stets die jämmerlichste Rolle als Deutsche gespielt hatten und mit jedem Fetzen Landes zufrieden waren, kam er her, woher er wolle. Zwei Umstände waren es, welche die Aussicht des Schweden sehr hoben: der Convent zu Leipzig und der Vertrag zu Bärwalde. Auf dem ersten zeigte sich so recht die Uneinigkeit der Fürsten und das Dominiren des protestantischen Geistes, welcher trefflich illustrirt wurde schon durch die Einleitungspredigt des Hofpredigers Hoe von Hoenegg, in welcher dieser Mann des „reinen" Wortes Gottes gemein gegen den Katholizismus loszog. Und nun der Vertrag von Bärwalde. Was wollte Richelieu? was Frankreich? Die Niederwerfung -Oesterreichs. Was wollte Gustav Adolf? Ganz das Gleiche, denn Oesterreich war der natürliche Schutz- und Schirmherr des deutschen Reiches und als solcher der erste und größte Feind des Schweden. So lag die Sache, als der französische Gesandte im Januar 1631 bei Gustav Adolf in Bärwalde eintraf, und hier wurde der berüchtigte Vertrag am 23. Januar geschlossen, dessen Hauptpunkte wir — wenn auch kurz — hier hervorheben müssen: Schweden und Frankreich — Pilatus und Herodes — verbinden sich zum Schutz ihrer Freunde, zur Wiederherstellung der Rechte der bedrängten Stände des römischen Reiches, alles soll in den Stand zurückversetzt werden, in dem es zu Anfang des Krieges gewesen. Da die feindliche Partei jede Genugthuung bis jetzt verweigert hat, soll sie durch die Gewalt der Waffen gezwungen werden. Zu diesem Zweck führt der König von Schweben ein Heer von 30,000 Btann zu Fuß und 6000 Mann zu Pferd nach Deutschland und unterhält es auf seine Kosten. Dafür zahlt Frankreich jährlich eine Million Livres. Sind die Waffen des Königs glücklich, so soll er in allen eroberten Gebieten nach den Neichssatzungen verfahren und die Ausübung der katholischen Religion nicht hindern (doch verflucht gnädig!). Mit dem Herzog von Bayern und den Fürsten der Liga soll Freundschaft oder doch Neutralität gehalten werden, wenn sie zu Gleichem bereit sind (sehr gnädig, aber auch ungemein nach einem Fuchs riechend!). Das Bündniß dauert bis zum 1. März 1636; weil aber der König schon viele Kosten für diesen Krieg aufgewandt hat, so werden ihm für das vorige Jahr 300,000 Livres vergütet (sehr vorsichtig I). Hiemit war der Hauptgrund zur zweiten Coalition gegen Habsburg gelegt. Es schlössen sich ihr in der Folge die übrigen Westmächte an. Der Kriegstanz konnte jetzt erst auf's neue wieder beginnen, und er begann, nachdem Ende 1630 Gustav Adolf bereits Herr von ganz Pommern, mit Ausnahme der beiden Festungen Colberg und Greifswalde, war und ein großes Dankfest am Neujahrstage 1631 in Stettin die Erfolge des Schweden verherrlichen mußte. Das kaiserliche Heer war ungemein geschwächt, Lilly sammelt, was zu sammeln war — Wollenstem schmollt in einem Winkel Deutschlands —, Lilly will eine offene Feldschlacht mit dem Schweden, dieser geht derselben vor der Hand wohlweislich aus dem Wege. Neubranden- burg wird durch die Kaiserlichen eingenommen, Frankfurt a./O. durch den Schweden wahrscheinlich in Folge von Verrath. Beide Städte werden nach dem damaligen Kriegsrecht drei Stunden der Plünderung durch die Soldaten übergeben. Man hat den Kaiserlichen betreffend Neu- brandenbnrg alles Schändliche vorgeworfen, dagegen die Schweden betreffs Frankfurts in Schutz genommen. Untersuchen wir die Sache kurz nach der vollen Wahrheit! Geplündert wurden beide Städte, Neubrandenburg aber erst, nachdem alle gütlichen Mittel erschöpft waren, Frankfurt gegenüber aber hatte der Schwede gar keine gütlichen Mittel angewandt. In Neubrandenburg hatte Lilly mitten im Blutbad die Trommelwirbel rühren und jedem Gnade und Rettung ankündigen lassen, welcher helfe, dem Brand der Häuser zu steuern; in Frankfurt wirbelten auch die Trommeln, die Soldaten rankten und mordeten weiter, die meisten Menschen wurden bis auf das Hemd ausgezogen, denn „die Schweden waren in voller Action begriffen", und erst als der Schwede einige der miserabelsten hängen ließ, ward ein Ende geschafft. Ganz merkwürdig ist noch, daß Gustav Adolf einen theologischen Grund zur Entschuldigung oder Rechtfertigung des Plünderns fand. Als nämlich der reformirte Superintendent Pelargus in Frankfurt sich beklagte, daß auch er mit ausgeplündert fei, erwiderte der lutherische König: „das sei die gerechte Strafe dafür, daß Pelargus falsche Lehren in die Kirche gebracht". Das sagte der gleiche Gustav Adolf, der wenige Wochen zuvor dem hessischen Gesandten Wolf für den reformirten Landgrafen geant- 396 wartet hatte: „den Unterschied zwischen der veränderten und unveränderten Konfession habe der Teufel erfunden". Tilly war bereits vor Magdeburg, als er erfuhr, der Schwede habe sich gegen Frankfurt gewandt; er brach sofort auf, es war aber schon zu spät. Frankfurt und Magdeburg zugleich zu belagern, hätte eine Theilung der Macht verlangt, und eine getheilte Macht hätte zu nichts ausgereicht. Er legte sich also mit seiner ganzen Macht vor Magdeburg und hoffte zuversichtlich, Gustav Adolf werde sich jetzt in offener Seeschlacht mit ihm messen, wenn er Magdeburg retten wollte. Und jetzt wird Magdeburg der Mittelpunkt des Interesses für den deutschen Krieg. Wir wollen auch hier kurz halten. Magdeburg! Tillh! Der jahrhundertlauge Missethäter, bis er endlich in unserm Jahrhundert doch von der ihm auf- und angedichteten Missethat rein gewaschen wurde. Der Administrator von Magdeburg war Verbündeter Schwedens, und die Stadt suchte allein Heil und Segen bei Gustav Adolf. Warum dieser nicht sofort zu Hilfe eilte, wird wohl ein Räthsel bleiben, glaubhaft ist, daß er sich fürchtete, mit Tilly offen zu kämpfen. Letzterer machte Magdeburg ausdrücklich aufmerksam darauf, „daß es auch nicht die allergeringste Ursache habe zu einer Widergesetzlichkeit und daß es unnöthiger Weise zu den Waffen gegriffen". Dreimal forderte Tilly zur Uebergabe auf, umsonst, er läßt seine Batterien ein fürchterliches Feuer gegen die Stadt eröffnen, umsonst. Ein Theil will Kapitulation, aber Falkenbcrg will nicht, denn der Freund, der Schwede, muß ja zu Hilfe kommen, aber der „Freund" kommt nicht — er rückte ja gegen Wittenberg. Falkenberg liest einen Brief vor, den er vom Schweden vor einer Stunde erhalten habe und worin letzterer versichert, er werde sofort zum Entsatz kommen; der Brief war gefälscht. Ein Prediger erzählt dem Volke, einen Engel habe er im Schweigen der Nacht die Wachen und Wälle umwandeln sehen, und dieser habe ihm verkündet, Magdeburg werde aus dem Kampfe mit dem alten Ruhme hervorgehen. So bethörte lutherischer Fanatismus und schwedische Lügekunst das arme Volk. Wir übergehen der Kürze halber die Verhandlungen im Kriegsrathe, Magdeburg wird eingenommen und geplündert. Daß es an sehr vielen greulichen Scenen nicht fehlte, ist selbstverständlich bei der damaligen Soldateska und bei der großen Erbitterung der Soldaten, bald brennt die Stadt an fünfzig bis sechzig Stellen, aber nicht Tilly hat hiezu Befehl gegeben, denn es brannte zu gleicher Zeit in manchen Stadttheilen, wohin die Kaiserlichen noch gar nicht gedrungen waren. Gustav Adolf wollte Magdeburg nicht retten, aber er hat die Stadt zerstört durch die Verrätherei des Schweden Falkenberg, er wollte Tilly als Massenmörder hinstellen und für alle Zeiten brandmarken, er wollte den Religionskrieg, den er so unumgänglich nothwendig zu seinen ehrgeizigen Plänen brauchte, in Deutschland mit aller und voller Gewalt entzünden. Und der Fanatismus der Demagogen und Prediger wollte nicht, daß die Stadt in die Hände des „gottverdammten Liguisten" falle. Tilly rettete zudem ja die herrliche Domkirche und andere hervorragende Gebäude durch seine Vermittlung allein; er schonte Hunderte und aber Hunderte vor dem Untergang durch seine striktesten Befehle, er — der Mordbrenner! Wohl soll der Schwede auf die Kunde von Magdeburgs Fall geweint haben, Thränen sind oft eine sehr billige, auch eine sehr heuchlerische Waare, und er schwor, diese That an den Urhebern zu rächen, er verstand eben den alten Satz nach seiner ganzen und vollen Wahrheit: „Die Welt will für den Narren gehalten sein!" Er heuchelt dem Kurfürsten von Brandenburg, daß so vieler Christen Blut geflossen und er habe nicht helfen können, er droht mit seinem Abgang nach Schweden, wenn ihm nicht alsbald die protestantischen Stände bei- treten; Tilly's Macht ist zu schwach, um sofort offensiv gegen den Schweden vorzugehen, neue gebildete Regimenter waren nicht für ihn bestimmt, sondern für den neu erwachenden Wollenstem und seine Partei, die Gegnerin des liguistischen Feldherrn. Wie Gustav Adolf den Bogislaw überlistet hatte, so überlistet er jetzt den Herrn von Brandenburg, welches Land sich dem Schweden unterwarf und für den Unterhalt des schwedischen Heeres sorgte. Gustav Adolf ging bei Tangermünde über die Elbe und bezog ein festes Lager bei Werben, Tilly lag ihm gegenüber, und wieder kam es zu einer offenen Feldschlacht nicht; der Schwede ging bei Wittenberg zum zweitenmale über die Elbe. ES folgte die Schlacht bei Leipzig. Die Schweden siegten; der „edle" Kurfürst brannte durch, Tilly wurde dreimal verwundet. Es war die erste bedeutende Schlacht, die Tilly verlor, die kaiserliche Sache stand schlecht. Jetzt ruft der Schwede laut: „unsere Sache gilt der Religion", und nicht mehr erscheint er gewissen Deutschen als der nordische Eroberer, sondern als der neue Heiland des unterdrückten Glaubens, und sie rufen dem Schweden ein Vivat! zu, denn der Gewalt weicht füglich auch die Ueberzeugung. Alsbald wurde Halle schwedische Stadt aus Zwang, und so ging es bei dem „Befreier" Deutschlands ruhig weiter. Der Grundplan war jetzt: „die Sachsen sollten den Kaiser in Böhmen und Schlesien angreifen, die Schweden aber durch Thüringen nach Franken vordringen, den Protestanten in Süddentschland Luft machen und die Staaten der katholischen Fürsten erobern, damit man füglich das Schicksal des ganzen Reiches in die Hand bekäme, die Liga Zerschmettern uvo dem Protestantismus durch die Wahl eines römischen KönigS (!!) von dieser Partei ein entscheidendes Uebergewicht geben könne." So schreibt Becker. Hütte er nicht „schwedischer Kaiser" schreiben sollen? Er deutet es wenigstens als Meinung an und hätte gar nichts auszusetzen, wenn es so gekommen wäre. Nach verschiedenen Zügen, kleineren Attaquen kam der Schwede nach Würzburg, aus welcher Stadt der Bischof geflohen war. Die Stadt ergab sich nach kurzem Widerstand, das Schloß wurde erstürmt, und Gustav Adolf setzte eine schwedische Landesregierung ein und ließ sich huldigen. Die Büchersammlung der Jesuiten ließ er einpacken und schenkte sie der Universität zu Upsala. Die Jesuiten hielt der Schwede überhaupt für seine eigentlichen Feinde. Dies bewies er schon in Erfurt, wo er denselben sagte, „er wisse mehr von ihnen, als sie dächten, ihre Pläne seien schlecht, ihre Wege krumm, ihre Grundsätze gefährlich." Ja, was hatten denn die Jesuiten gethan? was konnten sie denn gethan haben? Sie lebten mit allen im Frieden, bis der Schwede kam und den Unfrieden brachte; weil er den Religionskrieg erzwingen wollte, deßwegen mußten die Jesuiten gesündigt haben. Es ist wohl nicht besonders merkwürdig, daß die Angst vor den Jesuiten auch auf diejenigen in vollem Maße bis heute übergegangen ist, welche nicht höher schwöre», als auf den „Vater" Gustav Adolf. tScbluk folgt.) 397 Die Chronologie des hl. Willibald nach der Klosterfrau von Heidenheim a. H., einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahrh. Von I. N. Seesried. (Schluß.) V. Der hl. Willibald ist am 7. Juli 779, nicht 7 81 gestorben. Ein bisher nicht bekanntes, sehr ins Gewicht fallendes chronologisches Moment hat mit der Freisinger Vita. Willibalds Holder-Egger zur allgemeinen Kenntniß gebracht, die Abfassung des Originals derselben durch die LruiLtimolnalis zwischen dem 23. Juni 778 und dem Beginn des Jahres 779. Ich habe zwar schon 1859 angenommen, daß Willibald an dem bezeichneten Tage des Jahres 778 seine Reiseerlebnisse der Nonne zu Heidenheim mitgetheilt hat/9 weil das Leben Wunibalds von derselben Nonne kurz nach jenem Willibalds und nach dem Ableben Walburga's (25. Februar 779) geschrieben wurde; nun bestätigt uns die Heidenheimer Schriftstellerin noch speciell und ganz bestimmt, daß ihr der Bischof seine Reisen 9 Kai. llulü, priäia ants solstitüa, Nartia, äls erzählte und diktirte.^) Nach Holder- Egger fiel der 23. Juni (9 Kai. lluk, xrickis ants solstitia) in den Jahren 767, 772 und 77 8 auf den äiss Nartiua; und ist demnach dieser Wochentag des Jahres 778 jener Tag, an welchem der hl. Willibald der Nonne seine Reisen in Heidenheim a. H. bekannt gegeben hat. Der dreijährige Kirchenbau von S. Sal- vator in Heidenheim, die Erhebung der Reliquien seines Bruders (777) und die Einweihung der neuen Kirche (778) führten den ersten Bischof von Eichstütt gerade in den Jahren 776 — 778 wiederholt in die klösterlichen Siedlungen des Bruders und der Schwester auf dem sualafeldischen Hahnenkamm. ^). In der Thatsache aber, daß das Itinarariura Konti ^Villikaläi am Dienstag den 23. Juni 778 in Heidenheim der verwandten angelsächsischen Jungfrau erzählt und diktirt worden ist, finden alle Anstünde, welche die Gegner bislang in die 6krono- loZia Villikaläma hineininterpretirt haben, ihre vollständige Lösung. War nämlich der hl. Willibald 77 Jahre alt, als er starb, und lebte er zur Zeit der Abfassung des Lebens des hl. Wunibald (Frühling bis Sommer 7 7 9) höchst betagt^) noch fort. so ist er eben am 7. Juli dieses Jahres d. h. cleclxxix, nicht ckoelxxxi, im Alter von 77 Jahren in die Gemeinschaft der Engel aufgenommen und am 20. Oktober 702 geboren worden (779 — 77 — 702), nicht 700, wie Hirschmanu und seine Gewährsmänner angeben, und wurde er nach der Lanotimonialia im Alter von 41 Jahren Bischof, so ist er es 743 geworden, denn 702 -s- 41 743. Zugegeben muß allerdings werden, daß das Pontifikalbuch Gnndekars auf tolio 7 °') In den Bruchstücken ist Scparatabdnick S. 16 statt 777 das Jahr 778 zu setzen, ebenso Beilage z. AngSb. Postz. 1893 Nr. 51 S. 2 Abs. 1. ") In omnibns eäitäonibus vox Llrrrtii ommissa, sst, quaro annus anten statui noqnivit. Holder-Egger Ll. O. 88. XV, 81 A. 5. ") Ll. S. 1. e. p»F. 115 u. 117 oai>. 11 n. 13. ") In Vit» VVillibübli eap. 1 sagt die Nonne von ihm: usqua seneetntem proeessum et Imoteuus usqns äoorsxitatis »etatom . . (I. o. IMF. 88), und in Vit» IViiuibalsti redet sie ihn 779 noch als lebend an (l. o. x»§. 117 i» Lue). folgenden Satz enthält, welcher die Quelle alles Irrthums sowohl für das Todesjahr Willibalds wie der Errichtung des Bisthums Eichstätt geworden und geblieben ist bis auf den heutigen Tag:^) „Im Jahre der Menschwerdung des Herrn 781 am 7. Juli wurde der hl. Willibald in die Gemeinschaft der Engel aufgenommen, er war 7 7 Jahre alt und saß 36 Jahre auf dem bischöflichen Stuhle." Wir können jedoch nur die Thatsache, daß der ct- tirte Satz, so wie angeführt, im Pontifikale Gnndekars (1057—1075) kok 7 steht und kok 5 wiederholt worden ist, zugestehen, müssen dagegen mit aller Entschiedenheit die Nichtigkeit des Sterbejahres 781 beanstanden. Offenbar ist die römische Zahl äeolxxxi anstatt der glcichziffrigen Jahreszahl äoolxxix nur durch ein Versehen des Schreibers in den Gundekarischen Text eingesetzt worden, was ganz evident schon daraus hervorgeht, daß Gundekar selbst nicht einmal bloß, sondern siebenmal angeführt hat, die Diöcese sei im Jahre 743 errichtet worden?^) Da Hirschmann mit mir hierüber nicht rechten will, so gehe ich der Kürze wegen hierauf nicht näher ein, kann aber die Bemerkung nicht unterlassen, daß es im Pontifikalbuche Gnndekars II., nachdem die auf Willibald folgenden fünf Bischöfe Geruch, Aganus, Adalung, Altun und Otkar ausgezählt sind und das Sterbejahr Otkars (Otgers) herausradirt und dafür die Zahl äaelxxx (780) mit blässerer Tinte von anderer Hand eingesetzt ist, ausdrücklich heißt: „Diese fünf Bischöfe haben die Gesammtzahl ihrer Regierung fleißig in Eins zusammengefaßt, volle hundert Jahre ausgefüllt." Von dem Nachfolger Otkars Gottschalk wird gesagt, daß er am 12. Nov. 882 gestorben sei und drei Jahre Bischof war??) Es folgt daraus, daß Gottschalk im Jahre 87 9 Bischof wurde, denn 882 — 3 — 879; es folgt aber auch, daß an der radirten Stelle bei Otkar ursprünglich gar keine andere Zahl stehen konnte als 8 7 9, denn wäre, wie jetzt, schon ckeeelxxx (880) darin gestanden, dann würde eine Rasur oder Correktur nicht vorgenommen worden sein; die Zahl äoeolxxxi aber konnte schon um deßwillen nicht im Texte stehen, weil in diesem Falle für die bischöfliche Würde Gottschalks keine drei Jahre, sondern bloß ein Jahr übrig geblieben wäre. Otger oder Otkar starb mithin am 6. Juli äeodxxix °°) Hnno »b meai'U. vomini äoolxxxr 8»notus IViNi- bsläns Xoiiis änlii cousvrtinm consceuäit auqelornw, »st»ts quitziio 1 xxv 11 »nnornwseäit annos XXXVI (L1.8.88. VII, 245 u. 243). °°) 1. o. xriA. 246 u. 247. Zur Weihe des Hochaltars s. Lalvritoris ließ Ginidckar II. coiistatircn: .4uno »d ine. vowini 1060, »nno rintem voustitntionis Imius ei>iseoi>ij 66LXVI1, imlivtioiio XIII, re§n»nte quarto Ilcinrico reFo, construvtnrn et eonssor»tnm est koe altars . . . Der letzte Einer der Zahl 317 ist verwischt, 1060 — 317 ergibt das Jabr 74 3. Ich habe unter Hcchw. Herrn Toiiidckan Dr. Drrn- berger, meinem trüberen verehrten Vorstand im Gcorgiaiiriin zu München, das Poniisicalc selbst einüben dürfen, was dem Hcs- historiographcn Falkcnstein noch nicht gestattet war. L1. O. I. e. 245. Ocker obüt (auf radirter Stelle rleoelxrx) anno, 2. Xon. ckul. »Isti gningus vpiscopi owni eoruin äirectionis uiimero rliliZenter in uunm eolle-ety eeutum »nnos vowp iovorniit. Ootosonlvli vdiit: 882. anno, 2. lä. Xov.; seäit »imo» tres. Aus kol. 243 I. e. liest man «Isti quinque exiseoiij.eeutniu »nuos vivsnrla ooiuxteverunt. und am 7. Juli ckovlxxix, gerade 100 Jahre zuvor, sohin nicht ävolxxxi (781), der hl. Willibald?«) Die Rasur und Correktur der Zahl ckaoolxxix (879) bei Otkar wurde erst nach dem LnonzMus HusarMsis oder von ihm, dem Vertrauensmanne Gundekars, selbst vorgenommen, da bei ihm die Stelle bereits lautet: nOtlrsrus (ostiit) 2. Xon. ckulü anno ad i. I). 8 80." Man sieht, es wurde an der unrichtigen Stelle corrigirt, anstatt äeolxxxi (781) bei Willibald in das richtige ckoalxxix (779) umzusetzen, wurde schon vom HusarauLis oder einem seiner Zeitgenossen das richtige ckooelxxix (879) bei Otkar in das unrichtige 880 umgesetzt?') An Rasuren fehlt es dem Pontifikale Gundekars II. keineswegs, und wenn Suttner in ladula Iwonroäiung, x. 1 erklärte, die Zeitangabe auf lol. 5 des Ouuäs- curiuin ^seäit anuv8 XXXVI" stehe auf einer Rasur, ursprünglich habe XXVII gestanden/') so würde die letztere unmögliche Zahl nur beweisen, daß man zu Gundekars II. Zeit die Nonne von Heidenheim und den hl. Willibald gar nicht zu Rathe gezogen oder aber sehr arg mißverstanden hat?') Warum soll es der historischen Kritik nicht erlaubt sein, das ungeschichtliche, offenbar verschriebene Todesjahr 781 aus der Willibaldinischen Chronologie wieder zu entfernen? Dasselbe ist nicht bloß einer liebgewonnenen Meinung unbequem, sondern der geschichtlichen Wahrheit (in vita staati VCIIibaläi nach der Klosterfrau von Heidenhcim) und der älteren beglaubigten Tradition der Diöcese Eichstätt (im Pontifikale bsati duuäacari II.) stracks entgegen. Daß man den Ausdruck im Gundekarium: anno andern eon8ti tntioois Iiujns exi8ooxii auf die Gründung des BisthumS Eichstätt, nicht auf die Erbauung der dortigen Kathedralkirche, beziehen müsse, habe ich im Jahre 1859 schon in ziemlich schneidiger Weise nachgewiesen; ich unterlasse es, die damals gebrauchten kräftigen Worte hier einzurücken, warum auch den Gegner verletzen? llueunäa oritioa si Linien. Warum gerade ich mich mit den vielen Autoritäten, welche den hl. Willibald erst 786 sterben lassen, auseinandersetzen soll, ist nicht einzusehen. Schon die Dompröpste David Popp und Georg Suttner von Eich- stütt haben die Urkunden, welche scheinbar nach dem 7. Juli 781 aus Willibald lauten, beanstandet und zurückgewiesen; ich gehe einen Schritt weiter und bestreite die Beweiskraft und Echtheit einer jeden auf Willibald bezüglichen Urkunde nach dem genannten Tage 779. Will Jemand sich dieser Urkunden bedienen, so muß er") °') Wäre das Sterbejahr 781 im Pontificale richtig, so würde Willibald nacb den übrigen Angaben desselben im Jahre 701 nicht 700 geboren und 745, nicht 741 Bischof geworden sein, chronologische Ergebnisse, welche sich weder mit den genauen Angaben der Laiietimonialis noch init dem Endresultate HirschmannS vereinigen lassen. (Augsb. Postz. 1894 Nr. 19 S. 152 am Schlüsse.) °°) Ll. E. 83. VII. 254 cap. 2. *°) L. C. Bethmann hat I. o. x. 243 ssetit annos XXXVI, einer Rasur und der Zahl XXVII hat er nicht gedacht. Die Vita IVillibaläi III bei v. Falkenstein 6oä. äipl. 468 aus dem 11. Jahrhundert ipricht nur von einer sicbcn- j ihrigen (per soxtom annos) bisckvsl. Wirksamkeit. Hier scheint mir triAinta. vor soptsin ausgefallen zu sein, weil 713 -s- 37 — 760 ist, in welchem Jahre der gleichzeitige Ungenannte von Hcrricdcn den hl. Willibald hat sterben lassen. °2) Hier insbesondere Hauck und Holder-Egger. Die Behauptung des Leistern S. 88. XV, 106 A. 4), Gundc- kar habe das Todesjahr Willibalds 781 unrichtig vorgetragen, trifft den wahren Sachvcrhalt nicht. Nur soviel kaun zuge- beweisen, daß sie echt sind und auf den Bischof Willibald von Eichstätt, den großen Chronologen aus dem 8. Jahrhunderte, sich beziehen. Die Urkunde vom 8. Oktober 786 (v. Falkenstein 6oä. äixl. pa§. 1) bezieht sich nicht auf den ersten Bischof von Eichstätt (Suttner, Pastoralblatt der Diöcese Eichstätt 1881 S. 59). Ich habe nicht Alles besprochen, was sich in der Kritik Hirschmanns beanstanden läßt, sondern nur die wesentlichsten Punkte herausgehoben. Das Resultat der Antikritik konnte nicht zweifelhaft sein, weil gegen die Autorität des hl. Willibald und der Nonne von Heidenheim aus dem 8. Jahrhunderte eine spätere aus dem 11. und 13. Jahrhunderte herrührende entgegengesetzte Chronologie nicht aufkommen kann und niemals ausgekommen wäre, wenn nicht das unkritische spätere Mittel- alter Willibald und Wigbert, Erfurt und Eichstätt bezw. den 1oou8, Hui olim tuit urli8 xaZauoruia und das eingebildete famose ^ursatuw, das niemals cxistirte, mit einander verwechselt hätte. Daß diese Verwechslung d. h. die spät Mittelalterliche Tradition aufgegeben und die Urtradition wiederhergestellt werden muß, kann angesichts der bestimmt und genau gegebenen Daten der Klosterjungfrau von Heidenheim, welche ihre freie Meinungsäußerung und Redefreiheit gegenüber von einigen Autoritäten") ihrer Tage so kühn und glänzend vertheidigt hat, keine Frage mehr sein. Das liebenswürdige Urtheil des Ungenannten von Herrieden, daß die Lanetilrwmalw (nicht wie er angibt die hl. Walburga) vita.3 tratrurir 8iinxlieit6r Zwickern 8vä plenitsr et veraei88irne 8erix3i886 (LI. 6. 88. VII, 255 o. 3), unterschreiben wir recht gern, für das anerkennende mmxlieiter aber mit Holder-Egger 3irnxlioi88iins zu setzen, dazu können wir uns nicht verstehen (LI. 6. 88. XV, 80 A. 4 u. 82). Wir haben eine viel höhere und bessere Meinung von der 8anoti- rnoniaÜ3 Heicksnsioimeiwm und von den Verdiensten Jakob Brückls in Eichstätt als Holder-Egger und theilen die Ansicht desselben nicht, daß die Freisinger vita IVillibalcki fast bis in die Tage unserer heimischen Schriftstellerin hinaufreicht und die vielen Fehler, welche ihr zugeschrieben werden, alle auf ihre Rechnung gesetzt werden dürfen,") doch darum handelt es sich nicht, sondern darum, daß das Bisthnm Eichstätt im Jahre 743 constituict worden ist, wofür sich im Jahre 778, einen Tag vor Sonnenwende, der hl. Willibald und im XI. Jahrhundert der selige Gundekar klar und deutlich genug ausgesprochen haben. Ihnen zufolge wurde Willibald am 20. Oktober 743 Bischof von Eichstätt in einem Alter von 41 Jahren; er war demnach erst im Jahre 702 geboren, folglich 1 Jahr jünger als der 701 geborene Wunibald, und erst 18 Jahre alt, als er sich zum erstenmal auf die Wanderung nach Rom begab (8anotimoniaIi8 IlaickLulisiinoirsio); er hatte den bischöflichen Stuhl in Eickstätt 36 Jahre inne und starb somit am 7. Juli 779 in einem Alter von 77 Jahren (Pon- iifikale). geben werden, daß der Abschreiber die richtige Zahl äoolxxix in die falsche äoalxxxi verschrieben hat. °") Ueber Autoritäten und ihren Werth dürfte die Rede des Rektor Magnificus vr. Kuöpfler in München vom 25. Novellier 1893 zu vergleichen und wohl zu beachten sein. Wir bedauern, daß wir unsere uralten heimischen Quellenschriften nunmehr über Berlin und Hannover beziehen müssen und Commentare dazu erhalten, womit wir uns nicht immer einverstanden erklären können. 399 Wir geben zum Schlüsse die aus der Klostersrau von Heidenheim bereits im Jahre 1859 gewonnenen Resultate und werden, wenn es verlangt wird, von den 18 Nummern unserer damaligen Arbeit noch weitere Bruchstücke oder Fragmente, z. B. über ^urantuni und die exiscoxi ^urentsnsss, Eichstätt ein bayerisches Bisthum u. s. w-, der Oeffentlichkeit übergeben. Passau, am Tage Maria Magdalenä 22. Juli 1894. t/dronalvAi» HVilülralÄjira nach der Klosterfrau von Heidenheim a./H. 778. (Willibald, geboren am 20. Oktober 702.) 720 20.—23. Juni. Willibald (18 I. alt) und sein Bruder Wunib ald (19 I. alt) verlassen mit dem Vater die Heimath. „ c. 1. Juli besteigen dieselben in Hamblehaven das Schiff. „ 11. Nov. (Mariini) Ankunft der Bruder in Rom. 722 nach dem 24. Juni (Johannis) erkranken beide am Fieber. 723 nacb Ostern (28. März). Reise Willibalds in den Orient. 724 Osterseier (16. April) in Paphos auf der Insel Chpern. „ nach dem 24. Juni Abfahrt von Constantia (Sala- mina) nach Syrien. „ Juli bis Dez. Gefangenschaft in Homs (Emesa). 725 Reise nach Damaskus, Galiläa, an den Jordan und Jerusalem. (I) „ (Ostern, 8. April in Tiberias am See Gcnesarcth; im Sommer längerer Aufenthalt in Cäsarea Philipp!; 11. Nov. (Martini) Ankunft in Jerusalem.) 726 Reise über Bethlehem nach Gaza und zurück nach Jerusalem. (II) Reise über Tyrus und Sidon nach Damaökus und von dort über Cäsarea Philippe nach Jerusalem. Pestjabr. 726/27 Ueberwinterung in Jerusalem. (III) 727 Reise nach Syrien. In Salaminias krank bis 1 Woche „ vor Ostern (13. April). Emesa, DamaSkus, Jerusalem. (IV) „ Reise über Sebaste nach Tyrus. „ 30. Nov. (Andreas) Einschiffung in Tyrus nach Konstantinopel. 728 28. März (eine Woche vor dem 4. April, Ostern) Ankunft daselbst. 723—730 zweijähriger Aufenthalt in Konstantinopel. 730 Rückreise nach Italien. 780(Herbst) — 740 Nov. Aufenthalt auf Monte Cassino. 740 30. Nov. (Andreas) Ankunft in Rom. 741 nach Ostern (9. April) Reise nach Bayern. 742 22. Juli Priesterweihe in Eichstätt. 743 20. Oktbr. Bischofsweihe in Sulzebrucke (Tbüringcn). 761 18. u. 19. Dez. in Hcidenheim (Ableben WunibaldS). 765 Willibald unterscbrnbt daS Concil von Attigny. 776—778 befindet sich derselbe im Sommer und Herbst zu Heidcnheim. 778 am 23. Juni erzählte und diktirte er der Nonne seine Reisen. 779 am 7. Juli starb er im Alter von 77 Jahre». -i- 728 Rückkehr WunibaldS nach England, k 729/30 zweite Reise desselben nach Rom. 735 nach Ostern Abgang in die thüringische Mission. 736 Priesterweihe. Steht in Tbüringcn sieben Kirchen vor. 744 an der Vils in der Oberpfalz thätig. 747 in Mainz. 750 in Heidenbcim a./H. Abt. 761 19. Dez. Ableben WunibaldS. 77? 24. Sepr. Erhebung der Reliquien desselben durch Willibald in der Salvatorkirche zu Hcidenheim. Berichtigung. In Beilage Nr. 43 S. 379 Spalte 2 Zeile 5 ist zu lesen Juni statt April, Nr. 49 S. 389 Spalte I Zeile 25 dann statt denn, Nr. 49 S. 390 Spalte 2 Anm. 49 ll.nren.to start Hureo. Recensionen und Notizen. „AlräunchenS Kräuterbuch." Literarischcs Institut von Dr. M. Huttler. —4 „Alräuuchens Kräuterbuch", welches schon bei seinem ersten Erscheinen mit aufrichtiger Freude von Alt und Jung begriffst worden war, ist uns vom Verleger aufs Neue inso- ferne unter dankenSwerth günstigen Bedingungen voraelcgt worden, als für das ganze aus vier Tbeilcn bestehende Werk der Gesammtpreis M. 20 — anstatt M. 25 wie bisher — festgesetzt worden ist. Die einzelnen Theile sollen zu je 5 bezw. 6 M. abgegeben werden. Theil I, „der da handelt von allem, was mit dem täglichen Leben zu schaffen hat", und Theil II, in dem man von den sog. „Zauberkräutern" erfahren wird,, deren seltsamer Gebrauch zumeist der alten Heidenzeit entstammt, können zusammen als der weltliche Theil des Werkes für sich als Ganzes gelten; ebenso der III. u. IV. Theil, welche in die „christliche Pflanzenmystik" einführen. Dadurch dürste die Kenntnißnahme dieses mit ernstem Forscherfleiß gesammelten, mit historischem Sinn ausgearbeiteten und von feinster Naturempfinduug durchdrungenen Werkes für ein größeres Publikum ermöglicht werden. Vor allem möchten wir aber der reiferen Jugend an's Herz legen, sich mit dem durchaus eigenartigen Buch bekannt zu machen, da eö besonders dazu geeignet ist, das Interesse für kulturgeschichtliche Botanik zu wecken. Für eingehendere Studien auf diesem Gebiete bietet daS jedem Theil angefügte Quellenregister einen unschätzbaren Wegweiser. Möchte „AlräunchenS Kräuterbuch" recht viele Weihnachtstische schmücken! Maria im Bilde. 12 Darstellungen im Lichtdruck. Verlag von Paul Neff, Stuttgart. 18 M. * Diese Collectiv» ist das erste Prachtwerk, welches wir zur bevorstehenden Weihnachtssaison anzuzeigen haben. Eö sind hier 12 Marienbilder nach den berühmtesten Darstellungen alter Meister geboten, nämlich: La Madonna di Sän Sistino, Madonna della Sedia und La belle Jardinisre von Naphael, die Conceptio Immaculata von Murillo, die Madonna della Scala von Correggio, die Madonna mit dem Bürgermeister von Holbein, die Vierge aux rochers von Lionardo da Vinci, die Himmelfahrt Mariens von Tizian, Maria mit den Heiligen von Rubens, die heilige Familie mit Engelsknaben von Guido Reist, Madonna mit Engeln von A. Dürer. Die vorliegenden Reproduktionen dieser berühmten Meisterwerke sind in Pboto- typie von der Hofkunstanstalt Rommel u. 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Auch der Weihnachtstisch, für welchen daS Büchlein sich trefflich eignet, und der Weibnachtsbaum bietet seine Gaben nicht im strengen System, sondern mehr bunt, aber insofern um so angenehmer geordnet, weil man sie, ohne sich 400 besonders anzustrengen, abpflücken und genießen kann. Möge das Werkchcn Viele nützlich crsrencn! Dr. K. Der Gottesbegriff in der neueren und neuesten Philosophie. Von Dr. M. Gloßner, Kanonikus, Mitalied der römischen Akademie des hl. Thomas. S. 80, 8°. Padcrborn 1894, Schöningh. Preis: M. 1,80; für Abonnenten dcö Commer'schcn Jahrbuchs: M. 1,20. 0. v. I/. Zum „Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie" werden von nun an auch Ergänzungöl,efte erscheinen. Abonnenten des Jahrbuchs erhalten dieselben zu einem ermäßigten Preise. Das erste Ergänzungshcft liegt uns unter dem angegebenen Titel vor. Format nnd Ausstattung ist ebenso wie beim Jahrbuch nnd macht der VcrlagShandlung alle Ehre. Wir können das Heft kurz Kritik einer Kritik nennen. In eingehendster Weise bespricht der so rührige Verfechter der Lehre des hl. Thomas, Dr. M. Glvßner, das Werk: „Die deutsche Spekulation seit Kant mit besonderer Rücksicht auf das Wesen des Absoluten nnd die Persönlichkeit Gottes." Von Dr. A. Drcws. 2 Bände, Berlin 1893. Der Verfasser, ein Jünger Ed. v. Hartmann's nnd Anhänger der Philosophie dcö Unbewußten, bietet darin eine ausführliche Darstellung der Geschichte des modernen spekulativen Gottcsbegriffs. Die Absicht ist gerichtet auf eine Prüfung der spekulativen Shsteme (seit Kant) nach ihrem Werthe und ihrer Bedeutung für das Ganze der spekulativen Jdeenentwickelung. Gloßner folgt dem Verfasser auf seinem Gange durch die Jrrpfade der movcrnen Systeme. Der philosophische Nihilismus zeigt sich so handgreiflich als das folgerichtige Endergebniß deö DeScartes-Kant'- schen SnbjectiviSmus. In „I. Allgemeine Erörterung" wird zunächst erklärt, was der sogen, spekulative Gottesbegriff der neueren Philosophie sei, wie er sich entwickelt vom dogmatischen Pantheismus aus durch Kant nnd Hegel hindurch. Vorläufer Kants sind CartcsiuS, Malebranche, Leibniz, Spinoza. Die Uebersicht des Verfassers über die Entwickelung des religiösen und philosophischen Gottcsbegriffs von ihren vermeintlichen Ansängen an (Einleitung des Werkes) wird in manchen Punkten berichtigt. Dann kommen der Reihe nach zur Sprache: II. Der Gottesbegriff Kants. III. Der angebliche naive Pantheismus (Fichte, Schelling, Schleiermacher, Hegel). IV. Der spekulative TheismnS(Baader, Schelling in der späteren Periode, der jüngere Fichte, Weiße, Fischer, Sengler, Günther, Weber, Deutinger, Nosenkrantz, Dörner). V. Ilnitari scher Theismus (Jakobi, Krause, Herbart, Braniß, Rothe, Chalybäns, Fcchner, Lotze, Nohmer Ulrici, Carriere, LiPsiuS). VI. Pseudoth eismuS (Latke, Wirth, Biedermann, Sicndel, Frohschammer). VII. Radikaler Atheismus (Feuerbach, Strauß, Büchner, Häckel, Czolbc, Dühring, Planck, Mainländer, Bahnsen). VIII. Jndifserentistischer Atheismus (Hcllenbach, Du Prel, Wundt). IX. Antitheist- ischer Atheismus (Schopenhauer, Michelet, v. Hartmann). AnS der Besprechung ergibt sich ein entschiedenes Vcrwerfungs- urthcil über diese gesummte Entwickelung, welche endet in der Philosophie des Unbewußten mit einem unbewußten unpersönlichen Gott. Retten kann nur ein Mittel: die Rückkehr znr christlichen, patristisch-scholastischcn d. i. echt theuristischen Philosophie, wie es immer wieder der hl. Vater betont. — Somit liefert denn Gloßner einen wcrtbvollen Beitrag znr Geschichte der neueren und neuesten Philosophie. Eben am GotteSbcgriffe haben wir auch einen Maßstab zur richtigen Würdigung der einzelnen philosophischen Systeme. Und darum müssen wir vr. Gloßner für seine Arbeit allen Dank sagen. Leontius von Byzanz, ein Polemiker aus dem Zeitalter Jnstinians. Von vr. tlwol. k. Wilhelm Rügamcr, 0. 8. L. Preisgekrönte Schrift; Würzburg 1891, bei Göbel; VIII nnd 176 S. ö. Der Verfasser vorstehender Schrift, vier Jahre lang als Kaplan in der Diöcese Würzburg thätig, seit einem Jahre Mitglied dcS Augustiner-Klosters zu Münnerstadt, sowie Ncligions- lebicr und Lobrer der hebräischen Sprache am dortigen Gymnasium, übergibt hier seine als Alumnus im Jahre 1887/88 gelöste PreiSanfgabe in neuer Ueberarbcitung der Öffentlichkeit. Durch die Encyklika Lco's XIII. vom 20. Juni lfd. Js., nt ownes sint nimm, worin er die morgcnländischcn Völker auffordert zum Studium ihrer Vater, um sieb zu überzeugen, daß ihre Vorfahren dasselbe glaubten und lehrten, was die römisch- katbolische Kirche glaubt und lehrt, sowie durch die vor Kurzem in Rom tagende Versammlung der orientalischen öcumenischen Patriarchen, wird die Aufmerksamkeit der Abendländer auf die griechischen Vater der ersten Jahrhunderte in erneutem Maße hingelenkt. Schöne Frückte hat bereits die historisch-kritische Methode der theologischen Wissenschaft hervorgebracht, und dürfen die kath. Theologen hierin nicht zurückbleiben. Im I. historischkritischen Theil behandelt der Verfasser die dem L. zugeschriebenen Werke unter steter Berücksichtigung der neuesten einschlägigen Literatur und dann das Leben desselben, 1—68; im II. dogmen- historischcn Theile wird nachgewiesen, daß die Lehre des Leontius mit der der katholischen Kirche übereinstimmt. Von besonderem Interesse ist es, daß Leontius als Apologet die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon vertheidigt und als Polemiker gegen die Nestorianer und Monophhsitcn, von denen ja verschiedene Sekten noch bestehen, die jetzt zur Wiedervereinigung mit der Kirche eingeladen werden, auftritt. Trug er ja dadurch viel zur Befestigung der Kirchengemeinschaft des östlichen Theiles mit Rom bei. Welchen Einfluß L. auf die Theologie der spätern Zeit hatte, gebt daraus hervor, daß er als „Vorläufer" des Johannes v. Damaskus, des „Vaters der Scholastik", bezeichnet wird. Mag auch manchmal der Kritiker an vorliegendem Werke etwas auszusetzen haben, mag er manchmal eine präcisere oder prägnantere Definition wünschen, — mag auch die Schrift noch nicht eine endgültigte Lösung der Frage nach dem Leben, den Werken und der Bedeutung dcö L. als Kirchen- schriststeller sein, wie Verfasser selbst S. 1 n. 175 bemerkt, — als ein wichtiger Beitrag dazu muß sie aber angesehen werden. Soll der Wunsch des hl. Vaters betreffs Wiedervereinigung der nicht nnirten Orientalen in Erfüllung gehen, so darf daS Studium der byzantinischen Kircbenschriftstcller der ersten Jahrhunderte nicht außer Acht gelassen werden, wie Verfasser mit Recht zum Schlüsse bemerkt. Volle, lsZol L. v. Hammerstein, „Edgar" oder „Vom Atheismus znr vollen Wahrheit". 8. Aufl. Trier, 1891. - „GottcSbcwcise" nnd moderner Atheismus. 4. Aufl. Trier, 1894. Verlag der Paulinusdruckerci. O Von den genannten Büchern werden nnS neue Aus- lagen geboten, die in mehrfacher Beziehung die früheren überflügeln. „Edgar" ist um Vieles vermehrt worden; anderes wurde neu gefaßt nnd überarbeitet. Der Literaturnachweis am Schlüsse ist mit den neuesten Erscheinungen vervollständigt und eine Tafel — graphische Darstellung einiger der bekannteren christlichen Confcssioncn — ist am Schlüsse angefügt. — Die „GottcSbeweise" bilden den ersten Band einer christlichen Apologie; sie wenden sich gegen den Atheismus niid Nationalismus und schaffen die Grundlage für den Beweis des Christenthums. Auch dies Buch wurde einer genauen Durchsicht unterzogen und mehrfach erweitert. Im Interesse der praktischen Bcnutz- barkcit des Buches wäre cS aber doch vielleicht besser gewesen, wenn der Herr Verfasser seinem Impuls gefolgt wäre und die spekulativ-philosophischen Kapitel weiter zurückgestellt hätte. Der christliche Vater in der modernen Welt. Vo» August in Egg er, Bischof von St. Gallen. Verlag von Benziger n. Co., Einsicdeln. Preis M. 1,30. (Fein gcbd. zu M. 2—3,20.) * Der bocbwürdigste Herr Verfasser, dessen Fleiß und Talent die katholische Welt schon eine Reihe sehr dankcnswerther Publikationen verdankt, bietet in diesem von der Verlagshand- lnng sehr hübsch ausgestatteten Buche (handliches Gebetbuch- Format, 511 Seiten) dem christlichen Vater einen treuen Führer, der ihm durch die Schwierigkeiten und Hindernisse der modernen Welt den rechten Weg zeigt, um seiner hohen Ausgabe gerecht zu werden und sich und seine Familie und damit auch die Gesellschaft zu beglücken. Es sind Belehrungen, die aus warm fühlendem Herzen kommen und von einem klaren Geiste diktirt sind. Sie umfassen das Leben und Wirken eines Vaters in seiner ganzen Mannigfaltigkeit nnd in seinem Verhältniß zu Frau nnd Kindern, zur Kirche, zur Oeffentlichkcit u. s. w. Probeweise greifen wir folgende Stelle heraus: „Wenn das Kind sich gut hält, so sei man mit dem Lobe nicht verschwenderisch und mit Belohnungen sparsam. Dieselben sind nicht ausgeschlossen, aber man sehe sich vor, daß man damit daS Kind nicht verziehe. Es ist bald geschehen, daß das Kind nur um einer Art Eigennutzes willen gehorcht, und das darf nicht sein. Ist es auch für höhere Beweggründe noch wenig zugänglich, so muß doch für diese der Raum in seinem Herzen offen bleiben." Möge dies in seiner Art classische Buch, das im zweiten Theil die gewöhnlichen Andachtsübungcn eines kathol. Christen und eine Anzahl Gebete für einen christl, Vater in den verschiedenen Anliegen seines Berufes enthält, recht weite Verbreitung finden und vielen Segen stiften! 'Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erahherr in Augsburg. Die Apostclgruft liä (ülLtlirriiWlE an der Via Appia. So betitelt sich eine in hohem Grade interessante Schrift des unermüdlichen Archäologen Msgr. Dr. Ant. de Waal, welche vor Kurzem als drittes Supplcmenthcft der von dem nämlichen Autor in Verbindung mit dem Historiker Pros. Finke herausgegebenen Römischen Quartalschrift erschien?) Es ist eine auf Grund der neuesten Ausgrabungen fußende historisch-archäologische Untersuchung über den Ort an der Kirche von S. Sebastians, wo nach verbürgten Zeugnissen des christlichen Alterthums die Leiber der Apostelfürsten eine Zeit lang beigesetzt waren. Ihr großer Werth liegt darin, ein neues kräftiges Beweismoment in dem Complexe von Fragen, welche sich an die Tradition von der Anwesenheit des hl. Petrus in Rom knüpfen, in den Vordergrund gerückt zu haben. Die Kritik, welche sich gegen die traditionellen Nachrichten über den hl. Petrus zu Rom ablehnend verhält, ist gegenwärtig in einem Stadium der Rückbildung begriffen. „Abgesehen von einzelnen Gelehrten, welche hartnäckig den allgemach antiquirten Standpunkt vertheidigen, sagt de Waal, ist der Verlauf der Opposition gegen die römische Tradition folgender: Petrus ist nie in Rom gewesen. Er ist zwar in Rom gewesen, aber er hat doch dort nicht als Bischof gewirkt. Er ist zwar (nicht bloß als einer von den zwölf, sondern als der erste von den Aposteln) dort thätig gewesen, allein er ist nicht in Rom gestorben. Er ist freilich daselbst gestorben; allein sein Grab ist unbekannt." (S. 24.) Daß nun die römischen Ueberlieferungen auch bezüglich der Ruhestätten der Apostelfürsten trotz der Irreleitung, welche sie durch den Wandel der Dinge im Laufe der Jahrhunderte in nebensächlichen Momenten erfahren haben mögen, in der Hauptsache auf einen festen und sicheren Ausgangs- und Anhnltspunkt zurückweisen, das an einem Beispiele zu zeigen, ist de Waal in der vorliegenden Schrift nach unserem Ermessen in ebenso überzeugender als überraschender Weise gelungen. Die Tradition bezeichnet die sogenannte Platonia an der Kirche S. Sebastian», einen unterirdischen halbrunden, nach rückwärts gerade abschließenden Raum, den ein Tonnengewölbe deckt, als zeitweilige Ruhestätte der Apostelfürsten. Inmitten dieses Raumes steht ein ausgemauerter hohler Altarstock, dessen Fenestellä die Kommunikation mit einer kleineren, tiefer liegenden Grab- kammer mit bisomer Tumba (Grab für zwei Leichname) vermitteln. Hicher sollen die Leiber der Apostel gebettet worden sein, als orientalische Christen, wie die Sage berichtet, den Versnch gemacht hatten, sie in ihre Heimath zu entführen, aber durch ein Erdbeben und die nacheilenden Römer beim dritten Meilensteine vor dem Appischen Thore gezwungen wurden, ihren Raub zurückzulassen. Als historischen Kern dieser vielinterpretirten Legende glaubt de Waal folgendes zu erkennen: Die in Rom ansässigen Jndenchristen hätten den Versuch gemacht, gleich nach dem Tode der Apostel sich in den Besitz ihrer Leiber zu setzen, weil sie ein größeres Anrecht darauf zu haben glaubten und ihrer Partei ein kostbares Palladium sichern wollten. Die Absicht einer Neberführung in den ') Rom 1894. In Commission der Herdcr'schen Verlagsbuchhandlung zu Freiburg i. B. und der Buchhandlung Spit- höver zu Nom. Orient sei spätere Zuthat (S. 51). Hier nun hätten die Reliquien ungefähr anderthalb Jahre geruht, nämlich bis zum Bau der Memorier durch Anaklet auf dem Vatikan. Als de Waal über die ersten Ausgrabungen in diesem Raume berichtete 2) — sie begannen im Winter 1892 —, konnte er von mannigfachen Spuren, welche die ersten christlichen Jahrhunderte dort hinterlassen hatten, erzählen, während sich über die ursprüngliche Bestimmung des Raumes noch tiefes Dunkel legte. Erst nach Wiederaufnahme der Arbeiten im folgenden Jahre begann sich dasselbe zu lichten. Nun aber mußte eine Thatsache con- statirt werden, die ganz und gar unerwartet kam, die Thatsache nämlich, „daß die Platonia gar nichts mit den Apostelreliquien zu thun hat", daß sie der Bergungsort der Reliquien des heiligen Bischofs und Marthrcrs Quirinus ist, welche ungefähr in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts aus Pannonicn nach Nom geflüchtet worden waren: „II Nrrusoloo s Lsotärigus für Deutschland, berufen, der den wissenschaftlichen Theil der „Sphinx" leitete, aber nach einiger Zeit, wie wir hören, da er die neue Gottweisheit mit seinen religionsphilosophischen Bestrebungen auf die Dauer nicht in Einklang bringen konnte und die christliche Mystik der indischen vorzog, sich wieder verabschiedete. Es wurde nun vorerst im November des Jahres 1893 zu Berlin ein „Esoterischer Kreis" gegründet, dem das Studium der Werke der Mme. Blavatsky empfohlen wurde. Nachdem sodann der deutsche Theosoph alles Nothwendige mit den „indischen und englischen" Hauptquartieren geregelt hatte, entstand im August dieses Jahres eine deutsche Zweiggesellschaft der indischen Mahatma-Berbindung. Oberst Olcott, der Leiter derselben, war eigens, um den Triumph der Blavatskosophie in Deutschland mitzufeiern, nach Berlin gekommen und wohnte der Gründungsversammlung bei, die allerdings nicht so zahlreich besucht war, als man erwartet hatte. Hübbe-Schleiden ging, nachdem sein Wunsch erfüllt war, nach Indien, und für ihn übernahm nun ein Or. Goering die Leitung des indischen Zweigvereins und der zuerst gegründeten „Theo- sophischen Vereinigung", die merkwürdigerweise noch immer fortbesteht, aber, wie Hübbe-Schleiden in der „Sphinx" bemerkte, „nur für solche geistig niedrig stehende, die noch nicht tiefer in das Wesen der Theosophte eingedrungen sind und deßhalb sich noch an nationale Schranken gebunden fühlen", d. h. mit andern Worten, die theosoph- ischen Werke der englischen Gesellschaft nicht lesen und verdauen können. Nach dieser Aenderung der Verhältnisse wird also gegenwärtig der Lehre der Blavatsky und ihrer Mahatmas das Hauptaugenmerk in Deutschland geschenkt, und es ist deßhalb nothwendig, daß wir uns schließlich noch mit dieser eingehender beschäftigen; es werden hiedurch einzelne Andeutungen, welche im Laufe dieser Erörterungen bereits gegeben sind, erklärt und vervollständigt werden. Mme. Blavatsky ist identisch mit der bekannten Reisenden, die, nachdem sie den 60jährigcn russischen General gleichen Namens im Alter von 17 Jahren aus Eigensinn und Muthwillen geheirathet hatte, ihn eines Tages, als er ihr unsympathisch wurde, mit einem silbernen Leuchter zu Boden schlug, dann in Angst um die Folgen entfloh und in der weiten Welt umherzog. Auf einer ihrer Reisen, und zwar erst im Jahre 1856, behauptet sie in Tibet eingedrungen zu sein und dort drei Jahre lang unter der Brüderschaft der „Mahatmas", d. i. der großen indischen Mystiker, geweilt zu haben und von ihnen in die geheimen Wissenschaften und in die uralte Weisheitsreligion oder Theosophie, aus der alle Volksreligionen hervorgegangen sein sollen und die den großen Religionsstiftern, wie Buddha und Christus, bekannt war, eingeweiht worden zu sein. Es ist sehr schwer glaublich, daß diese Aussagen auf Wahrheit beruhen; denn die indischen weltflüchtigen Mystiker sollen keineswegs zu so vertrautem Verkehre mit Frauen geneigt sein. Bemerkenswerth ist es in dieser Hinsicht, daß in dem Berichte, den der Londoner Psychologe Dr. Hodgson im Auftrage der „Looiotzc kor xs^okioLl resoarolr" in Indien nach den Aussagen der Umgebung der Mme. Blavatsky zusammenstellte, dieselbe nur mit Chelas, d. h. Schülern indischer Mystiker, aber nicht mit diesen selbst, in Beziehung war. Selbstverständlich stellte die Theosophin dies in Abrede, wie sie überhaupt stets allen Einwänden ihrer Gegner energisch widersprach. Sie will nach ihrer Rückkehr aus Indien noch immer mit den „Mahatmas" in geistigem Rapport geblieben sein, sogar, während sie 3 Jahre lang in TifliS in hysterisch-kataleptischem Zustande sich befand, geistig bet denselben ein zweites selbstbewußtes Dasein geführt haben. Ueberdies sollen diese ihr das Material zu ihren beiden Werken „Psts Laoret Dootrius" (Die Geheimlehre) und „Isw unveileä" (Die entschleierte Isis) in geheimnißvoller Weise gesandt und sie mit der Gründung der „Theosophischen Gesellschaft" zur Verbreitung indischer Weisheit betraut haben. Letztere vollzog sie, nachdem sie in Amerika anfänglich sich an der mediumistischen Bewegung betheiligt, am 17. November 1875, in Verbindung mit Oberst Olcott, den sie in New-Aork kennen gelernt hatte. Sie wollte keine neue Neligionsgesellschaft ins Leben rufen, sondern nur die Doktrinen verbreiten, welche nach ihrer Aussage Wissenschaft und Religion vereinen. Allmählig gewann sie in den Ländern englischer Zunge, wo ja jede neue Bewegung, sogar eine Heilsarmee Verbreitung finden kann, immer mehr Anhänger. Das „Hauptquartier" der Gesellschaft wurde im Jahre 1878 nach Adyar bei Madras in Indien verlegt. Gegenwärtig zählt sie etwa 300 Zweigvereine, und im letzten Jahre hielt sie unter dem Vorsitze der Mrs. Annie Besant, welche nach dem am 8. Mai 1891 erfolgten Tode der Mme. Blavatsky deren Nachfolgerin wurde, einen Congreß gelegentlich der Weltausstellung in Chicago ab, der sehr zahlreich besucht war. Die angeblich völlig undogmatische theosophische Gesellschaft hält doch im allgemeinen an den „esoterischbuddhistischen" Lehren fest, deren Hauptpunkte in den beiden genannten Hauptwerken der Blavatsky, in dem Werke „Schlüssel zur Theosophie", einer Summe von Widersprüchen, lächerlichen und gewagten Behauptungen, sowie in Sinnett'L Buch v^soteriv Luäclsiisiu" klargelegt sind. Nach denselben vollziehen sich im Universum — hinsichtlich des Gottesbegriffes strotzen die theosophischen Werke von Phrasen und Widersprüchen, nnd im allgemeinen tritt der indische Pantheismns, nur vielfach verzerrt, entgegen — ewig zwei Processe, die Evolution und die Involution, — das Aus- und Einathmen Brahmas, — die Verstofflichung und Vergeistigung. Das Menschenwesen, welches in 6 oder 7 Theile, 3 obere uno 4 untere „Principien", Atma, Buddhi, Manas, — ManaS, Linga Sharira, Kama Nupa, Nnpa/) zerfällt, wird durch viele Neinkarnationen ge- ') Gottgeist, erleuchtete oder göttliche Seele, Mcnschengcist, (ManaS) Astral- oder Actherleib, Lebensprincip, materieller Leib. läutert und allmählig vom Stofflichen zum Geistigen zurückgeführt. Dieselben erfolgen meist ungefähr alle 3000 Jahre, während welcher Zeit das Menschenwesen in einer Art „Nirwana", nach Art der spiritistischen „vierten Dimension", herumbummelt. Im Indischen wird dieser Zwischenzustand als „Devachan" bezeichnet. Erst nachdem der Mensch sich von aller Anhänglichkeit an das Irdische und an das Sonderdasein gereinigt hat, erfolgt die Rückkehr in das eigentliche „Nirwana", welches Erlöschen eben nur mit Bezug auf das Stoffliche bedeutet. Von der langwierigen Inkarnation kann sich nun ein Mensch schon hier auf Erden befreien, wenn er durch Askese die Höhe eines „Jogi", d. t. Gottmenschen, zu erreichen sucht, der dann schon hier auf Erden in der Ekstase sich ganz mit dem Gottgeiste einen und auf diese Weise das höchste Wissen und die höchste Vollendung erreichen kann. Ein solcher ist ein Gottwciser, Theosoph, im vollen Sinne des Wortes. Die Mahatmas sind auf dieser Entwicklungshöhe in der Gegenwart. Ganz besonders wird von den Theosophen das Gesetz der „Karma" betont, welches alle scheinbare Ungerechtigkeit in der Welt erklären und in allen Verhältnissen Trost und rechte Lebensführung gewähren soll. Nach demselben bestimmt die Gesammtsumme der guten und bösen Thaten eines Individuums in früheren Existenzen kausal die Verhältnisse desselben in den späteren bis zur Rückkehr inS Nirwana. Wenn wir uns mit unserem irdischen Bewußtsein unserer Handlungen im früheren Dasein, von denen nur das höhere geistige Ich Kenntniß hat, nicht erinnern können, so ist dies für uns in der Weise von Vortheil, weil wir noch mehr geprüft nnd znm Selbstdenken über unser und der Welt Wesen angeregt werden. Diese Lehren muß man sich mühsam aus den verschiedenen Werken, in welchen sie keineswegs so klar und verständlich dargestellt werden, zurechtlegen. Wer nun dieselben mit der Aufzählung der Zwecke vergleicht, welche die englische theosophische Gesellschaft haben soll, der muß bekennen, daß letztere wohl keineswegs dem Neuling einen Begriff von dem Glauben geben, dem er entgegenzustrcben hat. Die Theosophische Gesellschaft, so heißt es, hat folgende Zwecke: 1) Einen Kern zu bilden, um welchen die Ideen einer allgemeinen Menschenverbrüderung ohne Unterschied der Nationalität, des Glaubens, Geschlechts, der gesellschaftlichen Stellung oder Hautfarbe krystallisiren und die Ideale der Menschheit sich verwirklichen können. 2) Das Studium der Literatur der Arier und der Religionen, Philosophien und Wissenschaften des Orients und des Alterthums zu befördern und auf dessen Wichtigkeit aufmerksam zu machen. 3) Die noch unbekannten Gesetze der in der Natur und im Menschen schlummernden Kräfte (Wille, Bewußtsein, Vorstellung rc.) zn erforschen. Letzterer Zweck wird jedoch hauptsächlich nur von der „Esoterischen Section" der Theosophischen Gesellschaft, die noch immer in direkter Verbindung mit den Mahatmas stehen und von ihnen mysteriöse Briefe aus Tibet mit Blitzesschnelle durch magische Fernwirkung empfangen soll, verfolgt. Dieses allgemein gehaltene Programm kann wohl Manchen verlocken, sich den Theosophen anzuschließen, der auf ihre sonstigen Lehren und Bestrebungen, wenn er sofort in sie eingeweiht würde, nicht näher eingehen würde. Man wird nach dem Gesagten zu der Anschauung gelangen müssen, daß in Deutschland die Verbreitung ^er Theosophie kaum so rasch erfolgen dürfte, wie in England. Abgesehen davon, daß wir nicht das Interesse an indischen Ideen haben, wie die Engländer, dürfte wohl auch in Betracht zu ziehen sein, daß der deutsche Michel doch Verstandeskraft und Willen genug hat, um sich nicht buddhistisch einschläfern zu lassen. Die gebildeten und tiefer religiösen Kreise werden aber wohl immer mit Befremden und Mißtrauen eine Gottwcisheit betrachten, die auf derartigen Umwegen bei uns eingeführt werden soll und die christliche Mystik noch immer der indischen vorziehen. Dies ahnte wohl auch Graf Lciningen, der kürzlich (am 8. Novbr.) in München einen Vortrag über Theosophie und Mystik hielt, und suchte deßhalb auch das Wesen derselben möglichst von der Theosophischen Gesellschaft, ihrer Stifterin, ihren Mahatmas u. s. w. zu trennen und überhaupt zu betonen, daß er keineswegs ausschließlich indische Mystik vertreten wolle, daß, was er lehre, auch der Kern der christlichen sei. Jedoch waren im allgemeinen die Grundzüge seines Vertrages nur die dargestellten indisch-theosophischen Lehren, und am Schlüsse entwickelte er sogar ein System der praktischen Mystik und Askese aus der Vedanta. Demzufolge wird wohl auch in der süddeutschen Hauptstadt seine Bemühung wohl kaum die angestrebte Förderung realisiren können, und auch die Münchener, von denen doch ein Theil weniger Verständniß für Mystik, zumal für so entlegene, zeigt und gewissen „grobstofflichen" Gewohnheiten nicht allzuschncll entsagen dürfte, werden wohl nicht so bald in die Gemeinschaft der „Mahatmas'' kommen können. Auch ein Beitrag zur Astronomie. Von Georg Sailer (Anistors). Herr Maier (Schausling) hat in einigen Beilagen der Postzcitung deren Lesern mit seinem reichen Wissen aus der Astronomie interessante Aufschlüsse gegeben. In der Beilage Nr. 47 jedoch findet sich ein Satz, dessen Inhalt sich aus dem sonst Gesagten nicht beweisen läßt. Er lautet: „Wenn wir erwägen die Unendlichkeit des Weltalls in Raum und Zeit, wenn wir bedenken, daß unser Erdball nicht einmal einem Sandkorne gleichkommt in Hinsicht auf die zahllosen Körper des Weltalls, so müssen wir von dem Wahne geheilt werden, als wären wir die alleinigen vernünftigen und bedeutendsten Geschöpfe des sichtbaren Universums." Hier ist also, wie es scheint, von einer absoluten Unendlichkeit des Universums in Raum und Zeit die Rede. Mit einer solchen Annahme aber ist vor allem der Erfahrungswissenschaft selbst widersprochen, denn diese hat die allmählige Entwickelung des ganzen Kosmos ermittelt. Alles weist hin auf einen Anfang, den die einzelnen Theile genommen haben, und den man deßhalb folgerichtig auch dem Ganzen nicht absprechen kann. Wenn auch die Erfahrung bis zu diesem Anfang noch nicht gelangt ist, so muß sie ihn doch annehmen, gleichwie sie auch den mathematischen Punkt im Centrum eines Kreises annimmt, obwohl sie ihn mit der feinsten Messung nicht erreichen kann. Die Annahme der Unendlichkeit des Universums der Zeit nach ist auch ein Widerspruch gegen das geoffenbarte Wort Gottes, das uns belehrt, daß Gott im Anfange Himmel und Erde erschaffen hat. Eine Unendlichkeit des Universums der Ausdehnung nach ist ein philosophisches Absurdum. Die Adee der Materie ist nicht denkbar ohne Begrenzung. Mit der Annahme der Unendlichkeit des Universums nach Zeit oder Raum kommt man nothwendiger Weise zur Naturvcrgöttening. Niemand aber wird Widerspruch erheben, wenn man von einer relativen Unendlichkeit des Universums spricht. Für die Erfahrungswissenschaft und menschliche Berechnung mag Anfang und Grenze des Universums unerreichbar sein. Wenn das wirklich ist und so bleiben sollte, so hätte es auch seinen guten Grund. Der heil. Apostel Paulus schreibt: „Was von Gott erkennbar ist, das ist unter den Menschen offenbar. Denn das Unsichtbare von ihm ist aus der Schöpfung der Welt in den geschaffenen Dingen erkennbar und sichtbar, seine unsichtbare Kraft und Gottheit." Also nicht blos die Existenz Gottes, sondern auch seine Kraft und Gottheit, seine Eigenschaften sind in den erschaffenen Dingen erkennbar. Wie aber sollte aus dem Kosmos Gottes Ewigkeit und Unendlichkeit erkennbar sein, wenn nicht der Kosmos dem Menschen unermeßlich scheint nach Zeit und Raum? Wie sollte Gottes unendliche Schönheit, Weisheit und Intelligenz aus den erschaffenen Dingen erkennbar sein, wenn nicht der Kosmos die Spuren dieser Eigenschaften in seinen unerschöpflich neu sich erschließenden Wundern zeigt? Der Eingangs erwähnte Sah stellt es ferner als einen Wahn hin, wenn sich der Mensch als die Krone der Schöpfung, als das vornehmste Geschöpf Gottes in der sichtbaren Welt betrachtet. Bisher haben die Worte des Schöpfers, mit denen er die Erschaffung des Menschen einleitet, die wunderbare Einrichtung des menschlichen Organismus, endlich seine geistige Macht und Ebenbildlich- keit Gottes als Beweis dafür gegolten, daß es kein Wahn ist, wenn man den Menschen als bedeutendstes Geschöpf Gottes in der sichtbaren Welt betrachtet. Was auch soll bedeutender sein als er? Will man ohne jeglichen Anhaltspunkt andere der sichtbaren Welt noch angehörende Geschöpfe aus irgend einem unbekannten Planeten voraussetzen, die bedeutender sein sollen, als der Mensch? Die Erfahrung liefert dafür nicht die Spur eines Beweises. Oder soll die Bedeutung des Menschen etwa verschwinden vor den zahllosen Himmelskörpern? So lange man den Werth der Menschenscele kennt, kann man das nie zugeben. Ausdehnung ist die Haupteigenschaft der Materie. Und wenn der liebe Gott der Materie überhaupt Bedeutung geben wollte, so konnte es nur dadurch geschehen, daß er ihr diese Eigenschaft im reichlichsten Maße verlieh. Aber wirklich geehrt und geadelt, in ein höheres Reich versetzt wurde die Materie erst durch die Verbindung mit dem unsterblichen Menschengeist. Ungezählte Millionen von nur materiellen Welten mit all ihrer Pracht können die Bedeutung eines einzigen Menschengeistes nicht aufwägen. ^ Endlich wird behauptet, daß wir Menschen auf dieser Erde nicht die alleinigen vernünftigen Geschöpfe der sichtbaren Welt seien. Damit entscheidet sich der Herr Verfasser für die mehrfach ventilirte Hypothese von der Bewohnbarkeit anderer Himmelskörper. Der Beweis für diese Hypothese gründet sich hauptsächlich auf Analogie. Es wird angenommen- daß es Himmelskörper gibt mit gleichem Entwicklungsstadium wie unsere Erde, also müsse es auch Leben auf denselben geben. Wenn dieser winzige Erdball bewohnt ist, warum sollen nicht noch viele, viele andere unter den zahllosen Himmelskörpern bewohnt sein? So argumentirt man, um diese Hypothese wahrscheinlich zu machen. 413 Dagegen ist vorerst zu sagen, daß nicht der eben passende Entwickelungszustand erster Grund dafür ist, daß Leben auf Erden herrscht, sondern der freie Willensakt Gottes. Es mochten alle Vorbedingungen für Pflanzen- und animalisches Leben erfüllt sein, gleichwohl hätte die Erde nie das geringste Leben hervorgebracht, wenn nicht des Schöpfers freier Akt die Lebenskraft hineingelegt Hütte. Es können also Millionen von Himmelskörpern das tellurische Entwicklungsstadium betreten haben und dabei dennoch ohne Leben sein. Von der Erde sagt uns die hl. Schrift ausdrücklich, daß sie den Menschen als Wohnsitz übergeben sei. Morruia autoin äsäit ülÜ3 Komin am.« Von anderen Himmelskörpern ist ein solcher Zweck nirgends angegeben. Die verschwindende Kleinheit der Erde spricht nicht vagegen, daß sie alleiniger Wohnsitz des Lebens sei, ebensowenig ihre Stellung als Planet. Gottes Wahl greift so gerne nach dem Kleinen. Nicht Assyrier, Meder oder Perser, auch nicht Griechen oder Nömer, sondern das kleine Volk Israel im kleinen Ländchen Palästina war sein auserwähltes Volk. Das kleine Bethlehem wurde als Geburtsort des Welterlösers bevorzugt vor so vielen anderen weit größeren Städten. Auch in der Natur ist das Edelste nicht immer groß oder durch cen- trale Lage ausgezeichnet. Man denke nur z. B. an das Gehirn des Elephanten oder Walfisches und vergleiche es mit dem übrigen Körper. Der Lage nach liegt nicht einmal das Herz genau im Centrum des Körpers. Wie klein ist das Auge, das so viel umfast aus dem Reiche der Sichtbarkeit! Der menschliche Körper, dieser wunderbare Kosmos im Kleinen, verschwindet völlig vor einem gewaltigen Gcbirgsriesen. Dieser selbst wieder birgt in seinem Innern verschwindend kleine Gänge edlen Metalles oder Gesteines, dessen Werth dennoch unschätzbar ist. Gleichwie die Blüthe der Pflanze, obgleich im Vergleich zum Ganzen unbedeutend an Masse, dennoch der edelste Theil derselben ist, so kann auch die Erde trotz ihrer Kleinheit die Blüthe des Weltalls durch ihre Bestimmung sein und vielleicht auch durch ihre sonstigen Eigenschaften. Jedenfalls ist sie der bevorzugteste Planet unseres Sonnensystems. Hier gilt als erwiesen, daß sämmtliche äußere, jenseits der Asteroiden liegende Planeten sich gegenwärtig noch in einem so geringen Dichtigkeitszustand und auch in Tcmpcraturverhältnissen befinden, welche auf ihnen eine Entwickelung organischen Lebens unmöglich machen. Der kleine, der Sonne am nächsten stehende Merkur besitzt die größte Dichtigkeit. Allein seine sehr dichte Atmosphäre und die wahrscheinlich sehr große Wärme, die auf ihm herrscht, machen die Existenz organischer Gebilde mindestens zweifelhaft. Der Mond kann wegen Mangels jeglicher Atmosphäre gar nicht in Sprache kommen. Es bleiben also außer der Erde nur noch Venus und Mars übrig. Allein für Mars beträgt die Sonnenstrahlung noch nicht die Hälfte von der, welche die Erde empfängt. Die Folge davon ist, daß sein Klima mindestens doppelt so kalt ist, als das irdische. Da zugleich dieser Planet ein sehr großes Absorptionsvermögen für die Lichtstrahlen besitzt, so ist das Licht auf ihm .nicht bloß im Verhältniß des Quadrates seiner Entfernung schwächer als auf der Erde, sondern noch bedeutend geringer. Venus hat fast gleiche physikalische Verhältnisse wie die Erde mit doppelt so großer Erleuchtung und Erwärmung. Bei diesem Planeten allein kann man auf Grund der Forschung die Bewohnbarkeit nicht direkt in Abrede stellen. Da jedoch der Winkel seiner Rotationsachse weit größere Extreme seiner Klimate bedingt, so muß man dieses jedenfalls als einen sehr bedeutenden Nachtheil fürs organische Leben bezeichnen. Aus dem Gesagten geht hervor, daß unsere Erde unter allen Planeten unseres Sonnensystems am meisten begünstigt erscheint für das Gedeihen organischen Lebens. Die meisten Planeten unseres Sonnensystems können nicht bewohnt fein, die übrigen weisen große Nachtheile auf für die Entfaltung von organischem Leben, somit spricht der Erfahrungsbeweis dafür, daß nur unsere Erde bewohnt und belebt ist. Wenn dieses von unserem Sonnensystem gilt, warum sollen wir. dann mit der Hypothese von der Bewohnbarkeit noch weiter ziehen auf unsichtbare Planeten anderer Sonnen? Indem Schreiber dieser Zeilen hiemit sich erlaubt hat, Kritik zu üben an dem, was ihm ungeeignet erschien, bekennt er sich ausdrücklich als Freund der Naturwissenschaft und der Naturforscher. Er wünscht aufrichtig, daß jeder derselben die drohende Gefahr der Einseitigkeit vermeide. Möge man die Natur als geschaffenes Wort Gottes betrachten, welches nie dem geoffenbarten widersprechen kann. So betrachtet schon der hl. Augustin die Natur, wenn er schreibt: Major lider nostor ordia tsrraruw. est: in oo loZo ooinxloturn, Hnoä in likro Del loZo xroinissnra.« Außer Altum hat besonders Lorinser das Gesammtgebiet der Naturwissenschaft in diesem Sinne erfaßt und behandelt in seinem bedeutenden Werke „Das Buch der Natur". Allein es ist dieses, wie er selbst sagt, nur ein Versuch, ein Anfang. Möge Gott bald einen genialen Geist erwecken, der, auf dieser Bahn fortschreitend, uns möglichst Vollkommenes bietet! Dann, wenn man im geschaffenen Buche der Natur nicht mehr falsch liest, sondern recht lesen gelernt hat, wird die Naturwissenschaft nicht mehr vom Glauben hinweg, sondern zum Glauben hinführen. «- * * Herr Maier (Schaufling), dem wir vorstehenden Artikel im Manuscript vorgelegt haben, bemerkt hiezu: Was die Unendlichkeit des Weltalls betrifft, so habe ich zunächst in meiner Arbeit die relative Unendlichkeit des Weltalls oder, strenge genommen, unseres Fixsternsystems behauptet. Diese Unendlichkeit in Raum und Zeit ist ein Satz der Empirie. Wir als endliche Wesen werden nie die Schranken der Unendlichkeit durchbrechen! Ich habe in einem Vortrage vor der natur- forschenden Gesellschaft in Passan und in mehreren Artikeln über „Größe und Bau des Weltalls", welche im 38. Band der Zeitschrift „Natur und Offenbarung" abgedruckt sind,, gezeigt, daß wir mit unseren optischen Hilfsmitteln bis jetzt nicht einmal über unsere höchst wahrscheinlich linsenförmige Weltinsel hinausgedrungen sind, daß wir also nicht wissen, was jenseits unseres Fixsternsystems sich befindet. Ich sehe übrigens nicbt ein, weshalb im absolut grenzenlosen Raum die Zahl der Weltkörper eine begrenzte, endliche sein sollte. Bekanntlich ist ja das Unendliche auch heute noch das Objekt der größten Streitigkeiten zwischen den Mathematikern und Philosophen. Die „Analysis des Unendlichen" oder die „Differential- und Integralrechnung" rechnet sogar mit den unendlich kleinen Größen. Der mathematische Realismus behandelt das Differentiale als eine transfinite, der Nominalismns als eine infinite Größe. Wie Hamilton in seiner genialen Theorie der 414 Ouaternionen die sogenannten complexen oder imaginären Größen benutzt hat, ist ja bekannt. — Wenn man die Arbeiten von Gauß („Briefwechsel zwischen Gauß und Schumacher" Bd. II), Bolzano (Paradoxien des Unendlichen), Paul Du Bois-Reymond („Funktionen- theorie"), Cantor („Mannigfaltigkeitslehre"), Wundt („Logik" Bd. II, S. 150 ff., 223 ff.) u. s. w. liest, dann sieht man, wie die Ansichten großer Denken in Bezug auf das Unendliche auseinandergehen. Ich sage also: Die Wissenschaft kann weder die Endlichkeit noch die Unendlichkeit des Weltalls in Bezug auf Ausdehnung und Anzahl der Körper beweisen. Mit Du BoiS-Neymond müssen wir hier sagen: I§nor- alüraus. Um zu beweisen, daß es sich hier um eine Grenze der Erfahrung und des Wissens handelt, greift Kant zu seinen Antinomien, bei welchen die Vernunft mit sich selbst in Widerspruch kommt, da sie zwei entgegengesetzte Sätze mit gleicher Kraft beweisen kann. Die erste Antinomie heißt: Thesis: Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen. Antithesis: Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenze im Raume, sondern ist sowohl in Ansehung der Zeit als des Raumes unendlich. (Kant, Kritik d. reinen Vernunft. Ausgabe v. Zimmermann. S. 340 u. 341.) ^ Die Natnrwissenschaft, welche Materie und Bewegung als etwas Gegebenes zu betrachten und nur den gesetzmäßigen Kreislauf des scheinbaren Werdens und Vergehens der Naturformen zu analysiren hat, kann weder die Ewigkeit noch die Nichtewigkcit des Weltalls beweisen. weil dieses nicht mehr Gegenstand der Empirie sein kann. Aristoteles glaubte beweisen zu können, daß die Weltbewegung nothwendig eine von Ewigkeit her bestehende sei. Denn jeder Anfang dieser Bewegung schien ihm das Resultat eines vorangegangenen Prozesses, also wiederum einer Bewegung sein zu müssen. (Aristoteles, Liixs. VIII, eux». 1. — Hertling, Ueber die Grenzen der mechan. Naturerklärung. Bonn 1875. S. 18 ff., behandelt diese Frage genauer!) Und Thomas v. Aquin ist der Ansicht, daß die Vernunft zwar beweisen könne, daß die Welt ex niüilo, tamHuaw. ex nulla, materi» xraeexistente geschaffen worden sei, daß sie aber nicht darzuthun vermöge, daß die Welt xost nikiluin geworden sei, daß ihrem Sein ein Nichtsein vorangegangen wäre. — Wie Kant über diese Frage gedacht, sehen wir aus der oben angeführten Antinomie. In neuester Zeit ist, nachdem durch Robert Mayer, Helmholtz, Joule, Thomson, Maxwell, Clausius, Boltzmann u. A. die mechanische Wärmetheorie begründet wurde, diese Frage in ein neues Stadium getreten. Clausius hat im Jahre 1854 den 2. Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie aufgestellt, welcher sich also in Worten ausdrücken läßt: „Wenn bei einem umkehrbaren Kreisprozesse jedes von dem veränderlichen Körper aufgenommene (positive oder negative) Wärmeelement durch die absolute Aufnahmetemperatur dividirt und der so entstandene Differentialausdruck für den ganzen Verlauf des Kreisprozesses integrirt wird, so hat das Integral den Werth Null." Der mathematische Ausdruck heißt: — 0. Aus diesem Satze folgt jener berühmte Entropte- ^atz, der schon eine große Literatur hervorgerufen hat. Fast bei allen Verwandlungen der verschiedenen Energieformen in einander überwiegen die Verwandlungen von Bewegungsenergie in Wärme die umgekehrten. Und da Clausius die bei einer solchen Energieverwandlung übrig bleibende Wärme Entropie nennt, so wird der zweite Hauptsatz auch in der Form gegeben: „Die Entropie deS Weltalls strebt einem Maximum zu." Clausius, Thomson und Helmholtz haben diesen Satz auf das ganze Universum ausgedehnt. „Das ganze Weltall strebt unaufhaltsam einem Endzustand entgegen, in welchem alle Bewegungsenergie in Wärme verwandelt ist und der ganze Raum in eisiger, gleichmäßig vertheilter Temperatur erstarrt und jede Bewegung unmöglich macht." Diesem Satze ist unter den Astronomen namentlich ?. A. Secchi beigetreten. (Clausius, Mechan. Wärmetheorie. Braunschweig 1887. Bd. I, S. 355 ff. — Helmholtz, Vortrüge und Reden. Braunschweig 1884. Bd. I, S. 27 ff. — Secchi, Die Sonne. Braunschweig 1872. Bd. II, Seite 607 ff. — Secchi, Einheit d. Naturkräfte. Leipzig 1876. Bd. II, S. 342 ff. — Tyndall, Fragmente a. d. Naturwissenschaften. Braunschweig 1874. S. 1 u. 83 ff. — Thomson, Handbuch d. theoret. Physik. Lang, Theoret. Physik. Wüllner, Physik. Bd. III. — Tait, Vorlesungen re. S. 7 u. 123 ff. — Maxwell, Theorie d. Wärme u. s. w.) Gegen den Entropiesatz läßt sich folgendes sagen: Der Satz von Clausius stützt sich auf die Begriffe eines unendlichen Raumes und einer unendlichen Zeit. Beide Begriffe aber sind für uns unfaßbar. (Gauß bemerkt einmal scharfsinnig: Das Unendliche ist nur als ewig Unvollendetes aufzufassen I l) Und da unsere Naturgesetze Abstraktionen aus Erfahrungen sind, so werden wir nicht berechtigt sein, einen solchen Erfahrungssatz auf Zeiträume auszudehnen, die für uns unendlich sind. Einen neuen Einwand gegen die Allgemeingültig- keit des Entropicsatzes hat A. Schmidt (Beiblätter zu den Annalen d. Physik u. Chemie von Wicdemann. Bd. 18, xaA. 1038) aufgestellt. Ein Hauptmerkmal des Zustandes, wo die Entropie ihr Maximum erreicht hat, ist die vollkommene Ausgleichung der Temperatur. In der Meteorologie ist man aber zu der Ueberzeugung gelangt, daß Temperaturgleichheit in der Atmosphäre eines Himmelskörpers als Dauerzustand ganz unmöglich ist. Die Erdatmosphäre zeigt einen Temperaturabfall von unten nach oben, als dessen Ursache die Schwere anzusehen ist. Die selbstthätige Mischung der Atmosphäre vermöge ihrer Wärmcbcwegung ist mit einer Temperaturgleichheit der oberen und unteren Schichten unverträglich. ^ sr? Auf die Einwendungen, die Tait, Maxwell, Boltz- mann, Burton und Eilhard Wiedemann gemacht haben, kann ich hier nicht näher eingehen. — Erwähnen will ich nur, daß der Entropiesatz in seiner Gültigkeit auf Organismen noch nicht im geringsten geprüft ist. Wir Menschen können dnrch unsere willkürlichen Handlungen die Entropie des Weltalls jeden Augenblick um einen freilich sehr kleinen Betrag vermehren. Die Erfinder von Maschinen sind zugleich Vermehrer der Energie. Dann kommt in der Anwendung des Clausius'schen Satzes die Gestaltung des Weltraumes in Betracht. Die Eigenschaften, die wir dem Raume beilegen, sind wesentlich empirischen Ursprunges. Seit den geistreichen Untersuchungen von Gauß, Niemann, Lobatschewski», Bolhay, Klein, Killing u. A. hat man eine von 415 dem Euklidischen Parallelen-Axiom unabhängige, ein- wurfsfreie sogen, „absolute Geometrie" („Pangeometrie") gegründet. (Vgl. Klein, Nicht-Euklidische Geometrie". — Frischauf, Absolute Geometrie. Leipzig. — Hagen, Syn- opsis der höheren Mathematik. Berlin. Bd. II. — Killing, Einführung in die Grundlagen der Geometrie. 2 Bde.) Man unterscheidet eine hyperbolische (Lo- batschewsky), eine parabolische (Euklides) und eine elliptische Geometrie (Riemann). Legen wir dem Raume mit Riemann (Riemann, Abhandlungen der kgl. Gesellschaft d. W. zu Göttingen. Bd. XIII)' ein constantes Krümmungsmaß bei, das einen positiven Werth hat, so würden in einem solchen Raume die Theile einer endlichen Quantität Materie, die sich mit endlichen constanten Geschwindigkeiten entfernen, niemals unendlich weite Punkte erreichen können. Dieselben müßten sich nach endlichen Zeitintervallen, deren Größe von der Geschwindigkeit der Bewegung und dem Krümmungsmaße des Raumes abhängt, wieder nähern und auf diese Weise pendelartig periodisch kinetische Energie in potentielle bei Annäherung und potentielle Energie in kinetische bei Entfernung verwandeln. Es ist ja bekannt, daß der Entdecker des Prinzips der Erhaltung der Energie am Meisten gegen die Anwendung des Gesetzes der Entropie auf das Universum remonstrirt hat. Und I. Robert Mayer war nicht nur ein origineller Denker, sondern auch ein strenggläubiger Christ. (Vgl. Mayer, Die Mechanik d. Wärme. Ausg. v. Wcyrauch. Stuttgart, 1893. S. 347 ff. und Weyrauch, Kleinere Schriften u. Briefe von Robert Mayer. Stuttgart 1893. Namentlich das letztere Werk zeigt uns, von welcher Glaubensinnigkeit Mayer beseelt war.) Die Entropie, auf das ganze Weltall angewendet, ist gar kein physikalisches Problem und gehört dem transcendenten Gebiete an, oder wie (Rüttler in seiner verdienstvollen Abhandlung „Die Entropie des Weltalls und die Kant'schen Antinomien" sagt: „Entropie und Weltende sind in letzter Linie Probleme der sittlich- transcendenten Weltordnnng, sie sind durch die theoretische Vernunft nicht zu lösen, sondern gehören in das Gebiet des Vernunftglaubens und der religiösen Weltanschauung." (Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Halle 1891.) Was die Frage über die Bewohnbarkeit der Himmelskörper anbelangt, so kann ich' verweisen auf meine im 40. Bande der Zeitschrift „Natur und Offenbarung" erschienenen Abhandlungen über „Physik der Planeten". Was die Atmosphären der Planeten in unserem Sonnensystem betrifft, so wissen wir darüber nichts Sicheres. Erst fortgesetzte spektrographische und photomctrtsche Untersuchungen werden uns mit der Zeit Gewißheit hierüber verschaffen. Merkur kann trotz seiner großen Sonnennähe von Organismen bewohnt sein! Der Planst darf nur eine dichte Atmosphäre besitzen. Hütte unsere Erde keine Atmosphäre, so würde bei Tage furchtbare Wärme und bei Nacht furchtbare Kälte unser Leben unmöglich machen. Ich erinnere dann an die Grenzen des Lebens der Organismen, die natürlich nicht überall gleich sein müssen. Jeder, der mit dem Mikroskope schon gearbeitet hat, weiß, daß Protozoen nach Tagen oder sogar Jahren wieder aufleben können, wenn man sie wieder in's Wasser bringt. Erst jüngst hat der Physiker Pictet durch Experimente gezeigt, daß Jnsecten noch eine Temperatur von — 28 ° 0, Myriapoden eine solche von — Roherträgen. Bakterien bleiben noch lebensfähig, wenn sie einer Temperatur von — 213° 0 ausgesetzt werden. Wir Menschen haben bekanntlich Augen, die vor» Standpunkt des Physikers und Physiologen aus sehr fehlerhaft gebaut sind. Ich erinnere an Farbenzerstreu- ung, Gefäßschatten, Fluorescenz der Cornea, Astigmatismus, Lückenhaftigkeit im Gesichtsfelde u. s. w. (Vgl. Helmholtz, Physiologische Optik.) Alle diese Fehler haben Fraunhofer, Clark, Steinheil, Abbe u. A. in den optischen Instrumenten corrigiren müssen. Warum sollte es auf Himmelskörpern nicht intelligente Wesen mit teleskopisch oder mikroskopisch eingerichteten Augen geben? Welch eine große Mannigfaltigkeit ist schon unter den Organismen der Erde! Der Physiologe Exn er hat uns durch seine Arbeiten die vielfach aus Krystallkegeln zusammengesetzten Jnsectenaugen kennen gelehrt. Wie einfach ist das Auge von Euglena oder irgend eines Protozoen? Bei mehreren Feuer-Boliden (Meteoriten) wurde durch sorgfältige chemische Untersuchung das Vorhandensein einer kohlenstoffhaltigen Substanz, die mit dem Ozokerit Aehnlichkeit hat, nachgewiesen. Es ist fast unzweifelhaft, daß diese Kohlenstoffverbindung organischen Ursprungs ist, da eigentlich die Organismen die Kohlenstoffträger sind. Die für die meisten in den letzten Jahren beobachteten Feuer-Boliden berechneten hyperbolischen Geschwindigkeiten weisen darauf hin, daß die Boliden aus dem Fixstern- raum zu uns gelangen, und somit wären die auf die Erde gefallenen Meteoriten Zeugen dafür, daß auf den Körpern des Fixstern- raumes Organismen vorkommen. Der anthropozentrische Standpunkt ist wissenschaftlich nicht haltbar. Galilei ist der anthropozentrischen Lehrmeinung zum Opfer gefallen. Für das Vorhandensein von Organismen auf den fernen Himmelskörpern ist unter den Philosophen namentlich Lieb mann (vgl. Liebmann, Analysis der Wirklichkeit. Straßburg 1880. S. 400 ff.) und unter den katholischen Theologen Pohle (vgl. Bewohnbarkeit d. Sternenwelten. Köln. 2 Bde.) eingetreten. Für die „Himmels-Mechanik" und für die Astrophysik hat diese Frage keine Bedeutung. „Das endliche Ziel der theoretischen Naturwissenschaften ist, die letzten unveränderlichen Ursachen der Vorgänge in der Natur aufzufinden. Es ist klar, daß die Wissenschaft, deren Zweck es ist, die Natur zu begreifen, von der Voraussetzung ihrer Begreiflichkeit ausgehen müsse." (Helmholtz, Erhaltung d. Kraft. Leipzig 1889. S. 4.) Jsaak Newton stellt als Hauptregel für die Erforschung der Natur auf: „An Ursachen zur Erklärung natürlicher Dinge nicht mehr zuzulassen, als wahr sind und zur Erklärung jener Erscheinungen ausreichen." (Newton, krirroixiuxlriivsoxirius uuturalis nurtdamutioa,. Ausgabe v. Wolfers. S. 380.) Die Bedeutung des Menschen in Bezug auf die Unsterblichkeit feiner Seele und in Bezug auf die Erlösung gehört nicht in die Wissenschaft des Natürlichen, sondern in die Wissenschaft des Ucbernatttrlichen.*) Schaufling. M. Maier. ") Das Buch Lorim'er'S „Das Buch der Natur" ist gänzlich veraltet. In der Astronomie hat Lorinscr fast alles dem epochemachenden Werke des ?. Secchi über „Die Sonne", Braunschweig 1872, entlehnt. Secchi war ein scharfsinniger, ideenreicher und vielseitiger Mathematiker und Astrophysiker; hätte er neben diesen schönen Eigenschaften auch die der Gründlichkeit und Kritik besessen, so wäre er neben B esset der größte Astronom unseres Jahrhunderts. Recensionen nnd Notizen. * Die Linzertbcol.-Prakt. Quartal schrift, deren 1. Heft pro 1895 die Presse verlassen hat, beginnt damit ihren 48. Jahrgang nnd verbindet mit ihrem hohen Alter einen anerkannt groben Nnf. Ihrem Titel gemäß ist sie stets bestrebt gewesen, den praktischen Theil der Sceliorge zu Pflegen, ohne 'deßhalb aber den wissenschaftlichen Theil zu vernachlässigen, wovon das neueste Heft wiederum den Beweis liefert. Dem Umstände, daß dem Klerus bei der Lösung der socialen Frage ein Hauptanthcil zufällt, trägt die Redaktion in den von der ständigen Feder des hochw. ?. Albert Maria Weiß stammenden Leitartikeln und in der „Kirchlich-socialpolitischcn Umschau" Rechnung und bringt außerdem noch in jedem Hefte zahlreiche interessante Abhandlungen. Die „Pastoral-Fragcn und Fälle" zumeist von bekannten Kasuisten bieten dem Seelsorger eine Fundgrube in schwierigen Fällen; ebenso besprechen die „Kurzen Fragen und Mittheilungen" die verschiedenen Vorkommnisse in der Seclsorge, und finden mannigfache kirchliche Rechtsfragen hier ihre Lösung. Jedes Hest bringt außerdem noch einen Bericht über die Literatur, über die Erfolge in den katholischen Missionen und über neueste Entscheidungen und Bewilligungen in Sachen der Ablässe bezw. Entscheidungen und Bestimmungen der römischen Congre- gationen. Da der Redaction über 500 Mitarbeiter auS allen europäischen Ländern, darunter hervorragende Gelehrte, zur Seite stehen, so können die Verhältnisse der verschiedenen Länder berücksichtigt werden. Die Quartalschrift, die von den meisten bischöflichen Ordinariaten warm empfohlen wurde, erfreut sich in allen Diöcescn Oesterreich-Ungarns und Deutschlands, sowie in der Schweiz, in Holland, Luxemburg und Amerika einer stets wachsenden Verbreitung. Die Auflage stieg von 1889 bis 1894 von 8700 aus 12,000 Exemplare. Das I. Heft 1895 wurde in der Stärke von 17 Bogen mit 15,000 Exemplaren aufgelegt. Die einzelnen Hefte erscheinen stets Ende Dezember, 15. April, 15. Juli und 15. Oktober in der Stärke von 17 Bogen in schöner Ausstattung. Trotz des reichen Inhaltes beträgt der Abonncmeniprcis nur 3 fl. 50 kr. — 7 Mark — 8 Frc. und 75 Cent. Man pränumerirt am einfachsten mit Postanweisung bei der Redaction der Quartalschrift in Linz a. d. Donau, Stiftcrstraße 7. Die Versendung geschieht direkt und portofrei. Auch die Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. Lolot I.-8. (s. ck.), Voeadnlairs arade-kiangais L I'usaAö ckos ötncliauts. 8", xx. IX -j- 994. Vr. 10,00. Lsg-- ronth, InMimoris eatlwligus. 1894. (III.) k Ein großartiges Feld der Thätigkeit haben die Jesuiten in dem herrlich gelegenen Beirut, dem Neapel des Orients, eröffnet. Was sie dort aus ihrer vorzüglich eingerichteten Druckerei an arabischer Literatur und Studienwerken für arabische Sprache veröffentlicht haben, ist ein Muster philologischer Genauigkeit und hat auch bei den gelehrten Orientalisten Europas, die sonst giftige Jesuitenfresser sind, vollste Anerkennung und Benützung gefunden. Zu den nützlichsten Büchern des Verlages gehört obiges Wörterbuch, welches jetzt in seiner neuen Auflage, die (in größerem Format, als die vorige von 1688) um mehr als 5000 Wörter reicher geworden ist, kurzwcg als bestes und bequemstes Lexikon bezeichnet werden darf; Staunen erregt der niedrige Preis (der freilich bei Bezug von deutschen Importgeschäften sich auf 10 — 30 Mark erhöht) bei einem Umfange, der das theuere vierbändige arabische Folio- Lexikon von Frcytag vollständig ersetzt; nur den Vortheil hat letzteres, daß cS lateinisch geschrieben ist. Daß bei der com- pcndiösen Form dieses handlichen Wörterbuches der Druck entsprechend klein werden mußte, ist klar; die arabische Schrift ist aber schon wirklich von mikroskopischer Kleinheit, für Beduinenaugen berechnet, die ihre Schärfe freilich gerade dem Nichtlesen verdanken. Weiß, Dr. I. B. von, k. k. Hofrath, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 110—116. Grnz und Leipzig 1894. Verlags-Buchhandlung „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 65 Pfg. Nun liegt von diesem epochalen Gcschichtewerke bereits der XIV. Band vor. Dieser führt uns in der ersten Hälfte in den Abfall Nordamerikas vom Mutterlande ein, schildert unö die Ursachen desselben, die Verhandlungen darüber, den langen, wcchsclrollen Krieg, den FriedcnSabschluß und endlich das riesige Wachsthum der jungen Republik. Die zweite Hälfte zeigt uns wie der nordamerikanische Freiheitskampf nicht ohne Folgen für die alte Welt geblieben und hebt namentlich die Einwirkung Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. hervor, welche selber zunächst auf die gewaltige Bewegung auZ- ausgcübt, die da „französi'cbe Revolution" heißt, und von der nack und nach die meisten Völker beeinflußt werden. Meisterhaft wie immer hat der Verfasser die Zeichnung der Charaktere verstanden; denn unvergleichlich ist die Charaktcrwicdcrgabe dcS erhabenen Freiheitömauncs Washington, des französ. Schriftstellers Rousseau, der Staatsmänner Maurepaö und Necker und hauptsächlich des ersten Redners Frankreichs Mirabeau. Unstreitig gehört dieser Band zu den interessantesten der bis jetzt erschienenen Bände dieses Werkes und nur schwer ist es, das Buch aus der Hand zu geben, wenn man einmal darin zu lesen begonnen. Mit großer Befriedigung erfüllt uns die Nachricht, daß soeben von der ersten Ausgabe der Weiß'schen Weltgeschichte die erste Hälfte des X. Bandes erschienen ist, enthaltend: Allgemeine Geschichte 1806 bis 1809. Mit der zweiten Hälfte dieses Bandes, welche bis 1815 reichen wird, will der Verfasser sein Werk bekanntlich schließen. Die Natnrheilmcthode bei Asthma- und Herzleiden von vr. Carl Reiß. Hugo Steinitz' Verlag, Berlin 1895. Preis 1 Mk. Der vorliegende vierte Band der „Bibliothek der gcsammtcn Naturheilkunde" weist vollständige Beherrschung des umfangreichen Materials, objektive unparteiische Schilderung aller natürlichen Heilfaktorcu und Heilmethoden, klare, lichtvolle, in allen Theilen gemeinverständliche Darstellung auf. Der Leser findet in dem Buche alles das im weitesten Umfange geschildert, waS über daS Wesen und die Ursachen des Asthma und der Herzkrankheiten bekannt ist, und eine ganz besonders sorgfältige Darstellung derjenigen Behandlungsmctbodcn, die sich in langjähriger Erfahrung als unzweifelhaft günstig bewährt haben. Das vierte Heft.des Deutschen Hausschatzes enthält die Fortsetzung des mit so großem Beifall aufgenommenen Romans von M. Lndolfs: Die Einsamen und des Reise- romans von Carl Map: Krüger-Bci. Außerdem bringt es eine sehr feine, kleine Erzählung, betitelt: Eine Erinnerung von Carl Ernest. An belehrend-unterhaltenden Artikeln ist dieses Heft besonders reich. Wir nennen nur: Die Wahrheit überGustav Adolf von Dr, Hcrm. Iosep h. Behrings Diphtheriebeilserum von Dr. Anton Schmid, die Thicrwelt der Eiszeit von vr. O- Fall- mann, Bischof Petrus Hötzl von Augsburg, Janssen's achter Band von H. Kerner u. s. w. Daran schließen sich kleine Artikel über die letzte Flottenparade bei Kiel, über den Komponisten von Hänsel und Gretel, Engelbert Humperdinck, und viele kurze Notizen. Der Inhalt der Beilage: „Für die Frauenwelt" ist ebenfalls reich und gediegen. Die zahlreichen Illustrationen stehen ganz auf der Höbe. — Der Beginn des Neuen Jabrcs ist die beste Gelegenheit zum Abonnement. Das bereits erschienene I. Quartal wird vollständig nachgeliefert. Quartal M. 1.80. 18 Hefte ä 40 P f. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heil in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 1. Heftes 1895: Der Klerus und die Gesellschaft. — Lebensweise der Jesuiten vor 190 Jahren, zunächst im Collegium zu Passau. — Das übernatürliche Motiv guter Werke. — Ein Seelsorgcrmuster aus der Regcnsbnrger Diöcese. — Was ist Rechtens in Sachen der Friedhos-Ordnung? — Provisur und Beerdigung von Kindern vor ihrem siebenten Lebensjahre. — BeherzigcnSwerthes über die Leitung der sogenannten „frommen Seelen". — Die Mütter als „Secliorgs- gehilicn". — Die Verpflichtung der Geistlichen zur Quartierleistung für die bewaffnete Macht im Friesen. — Aufenthalt vor der Kircbthüre während des Gottesdienstes. — Erfordernisse zur Giltigkeit eines Beschlusses der Kirchengemeindeversammlung. — Die „Zahl der Auserwähltcn" in der Predigt. — Wann darf der celebrirende Priester das heil. Opfer unterbrechen und vor beendigter Messe den Altar verlassen? — Rechtfertigt die Ueberzahl der Pönitcnten wenigstens ausnahmsweise ein Absehen von der Vollständigkeit der Beicht? — Bei Darreichung des Viatikums zu beachten! — Die äußere Erscheinung des OfsteiatorS beim Gottesdienste. — Ebrcnbczeig- nngcn für unverehelichte Mütter. — Ausnutzung der kirchlichen Ablaßgnaden. — Sittengcsährlicbe Schaustellungen auf Jahrmärkten. — Oommamoratio äs Vsnsrabili in einer Messe, in welcher zwei große Hostien consccrirt werocn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.