4. Januar 1894. tti-. 1. Die Theologie des Aristoteles. Von jeher gilt Aristoteles als „Fürst der Philosophen" und als „Meister der Philosophie", nicht als ob mit ihm und durch ihn alle spätere Entwicklung als überflüssig erschiene, — die Philosophie ist ja schon ihrem Wesen nach keine blast historisch-positive Wissenschaft, sondern weil er das Grundprincip der organischen Weltanschauung in präziser exakter Fassung ausgesprochen und mit diesem Grundprincip ein- für allemal die Irrthümer des Materialismus und Idealismus überwunden hat. Aristoteles ist es sodann, der die Früchte der attischen Philosophie zur Reife brachte und der späteren Zeit überlieferte. „Ohne Aristoteles, bemerkt Haffner*), wäre Sokrates spurlos in der Geschichte verschwunden und hätte Plato nur einen vorübergehenden Aufschwung hervorgerufen." So hoch aber der Stagirite als Philosoph für seine und die ganze spätere Zeit steht, ist doch zugestandener- masten seine Theologie der schwächste Theil seiner Philosophie 2). Zwar wird wohl allgemein zugegeben werden, daß Aristoteles der erste ist, welcher — wenn auch in sehr mangelhafter Weise — den Versuch machte, das Dasein Gottes metaphysisch zu begründen. Allein in der näheren Bestimmung der Frage, ob „der Fürst der Philosophen" einen überall und stets festgehaltenen Theismus vorgetragen, ob er in Gott ein mit Intelligenz und freiem Willen begabtes Wesen erkannt habe, welches, wie es alles geschaffen, so auch alles erhalte, lenke und leite, gehen die Ansichten der Aristotelesforscher sofort auseinander. Und zwar ist dieser Zwiespalt der Gelehrten nicht erst von gestern oder heute, sondern er dauert seit den Zeiten des Stagiriten bis auf unsere Tage, wo sich gerade über die aristotelische Theologie, bezw. über die aristotelische Lehre von dem Wirken Gottes unter namhaften Philosophen eine sehr lebhafte Kontroverse entsponnen hat. Auf der einen Seite treten im Anschluß an Binse in gediegenen Monographien Brentano^), Kapp es und Nolfes°) energisch für die Behauptung ein, daß Aristoteles im christlichen Sinne die Weltschöpsung aus Nichts und die Vorsehung Gottes erkannt und gelehrt habe, und zwar so sicher, daß — nach den Ausführungen der genannten Autoren — eine weitere Kontroverse über diese Frage überhaupt ausgeschlossen sei. Gegen diese scharf pronoucirte These, die im Hinblick auf die Theologie der alten Philosophen und Ne- ligionssysteme (vgl. Schanz, Apologie I, 90 ff.) sofort überraschen muß, erheben auf der anderen Seite Männer von Namen mit bestem Klang, wie Götz^), Kanf- Grundlinien der Geschichte der Philosophie. Mainz 1381, S. 109. °) Schneid, Aristoteles in der Scholastik, Eichstätt 1865 S. 133. Philosophie des Aristoteles, 2 Bde., Berlin 1835—42. ^) Die Psychologie des Aristoteles, Mainz 1867. °) Die aristotelische Lehre über Begriff und Ursache der Bonn 1887. (Diese Schrift wird von Elfer, S. 29, nicht aufgeführt.) °) Die aristotelische Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt und zum Menschen. Berlin 1892. ') Der aristotelische GotteSbegriff mit Beziehung auf die christliche Gottesidee. Leipzig 1871. mannb) und besonders Zeller^) energischen Widerspruch und sprechen sich — in Uebereinstimmung mit den meisten Gelehrten der Gegenwart — für das Nichtvor- handensein der Schöpfungs- und Vorsehnngslehre in der aristotelischen Theologie aus. Diese Frage, deren Lösung für die Offenbarnngs- theologie von größtem Werthe ist, unterzieht Elfer mit philosophischer Akribie und philosophischem Scharfsinn in durchaus maßvoller und sachlich ruhiger Kritik einer neuen Prüfung. Die einzelnen Stellen und Aeußerungen des Stagiriten werden sorgfältig geprüft und die Aristoteleskommentare, sowohl die alten griechischen und mittelalterlichen (besonders Albertus Magnus, St. Thomas, Skotus) als auch die neueren und neuesten, gewissenhaft berücksichtigt. Dadurch gelangt der Verfasser auf sicherem Wege zuerst zu dem allgemeinen Ergebnisse, daß die Streitfrage durch Brentano, bezw. Nolfes noch keineswegs entschieden und derart abgeschlossen sei, daß die andere Ansicht verstummen müßte. Denn die betreffenden Aeußerungen, auf welche sich dieselben für ihre Behauptung stützen, seien nicht allweg von solcher Beweiskraft, daß sie eine vollkommen sichere Ansicht ermöglichten. Die Resultate im Einzelnen aber sind folgende: Gott ist ein Wesen, das denkt und nur sich selbst denkt; ist die Möglichkeit eines Denkens äußer- göttlicher Objekte offen gelassen, so erscheint die Bornirnng des göttlichen Denkens auf sich selbst doch als spezifisch aristotelische Lehre. Nach der Consequenz des aristotel. Systems besitzt Gott keinen Willen, jedenfalls erscheint der Wille nicht als ein dem Denken coordinirter Faktor. Gott ist sodann xriiunm rnovens, das selbst nicht bewegt wird, und übt einen gewissen, unbestimmten Einfluß auf die Welt aus. Die göttliche Vorsehung ist nicht theistisch, sondern „eine kalte und todte, liebe- leere und engumschlossene" (S. 212). Die Schöpfungsidee, die ein Unikum in der alten Philosophie wäre, hat Aristoteles nicht gekannt, auch nicht die Schöpfung der Sphär eng elfter. Die Frage nach der Präexistenz oder der Schöpfung des Menschengeistes ist mit einem non lic^ust zu beantworten. Die aristotelische Gotteslehre weist also viele fühlbare Lücken und Widersprüche auf. Indessen dürfte wohl Niemand dies dem Stagiriten zur Unehre anrechnen. Denn die Gottcslehre gehört sicher zu den schwierigsten Problemen der Philosophie und Aristoteles war gerade in der Begründung des Theismus wenn auch nicht ohne Vorgänger, so doch in wesentlichen Dingen ohne Lehrer und sicheren Wegweiser. „Der Stagirite hat in vielen und entscheidenden Punkten gefehlt" (S. 218), aber er wird stets mit Recht „der Fürst der Philosophie" genannt werden und die Scholastik hat mit Recht an diesem Manne festgehalten „trotz der Irrthümer, die sie selbst in ihm erkannte, trotz der Fehler, die man heutzutage in weit größerem Umfang in des Aristoteles Schriften finden will" (S. 225). Der Versuch, den Theismus wissenschaftlich zu erweisen, ist dem heidnischen Philo- °) Die theologische Naturphilosophie des Aristoteles und ihre Bedeutung für die Gegenwart. 2. Aufl. 1893. o) Philosophie der Griechen. 3. Aufl. — Streitschriften mit Brentano s. bei Elser, S. 31, A. 1. ") Die Lehre des Aristoteles über das Wirken Gottes Münster 1893. ") Vgl. Schanz, Apologie II, 190 ff. 2 sophen nicht gelungen, allein er wird „der Meister der Philosophie" bleiben und zugleich auch der unwiderlegbare Zeuge der Wahrheit, daß die erhabene Gotteslchre des Christenthums nicht bloßes Produkt heidnischer Weisheit ist und sein kann.") Das Elser'sche Buch bedarf unserer Empfehlung nicht. In Privatschreiben wird es von Zeller (Berlin) als „ein Werk ausdauernden und besonnenen Fleißes" und von Knauer (Wien) als „ein Meisterwerk ersten Ranges" bezeichnet. Möge der junge Gelehrte, der sich zwei Jahre an der „Anima" in Nom weiteren Studien widmet, uns mit einem ebenso vorzüglichen Werke über „Aristoteles bei den Kirchenvatern" erfreuen! Stuttgart. Neligiouslehrer Or. klrsol. Koch. Friedrich Hebbel. Noch seinem Leben und Wirken geschildert von A. G. Am 18. März v. Js. waren es 80 Jahre, daß Hebbel geboren wurde, und am 13. Dezember v. Js. waren es 30 Jahre, daß er starb. Der große Dramatiker, wenn auch mitunter bizarr, der so oft verkannt wurde, verdient sicher als Mensch und Dichter, daß seiner bei seinen wiederkehrenden Geburts- und Sterbedaten gedacht wird. Wir wollen uns allermeist an seine eigenen Worte halten, die er in seinen geradezu gewaltig vielen Briefen hinterlassen hat. Hebbel wurde am 18. März, nicht, wie es auch heißt, am 13. März, 1813 zu Wesselburen im alten Herzogihum Holstein geboren als der Sohn des Claus Friedrich Hebbel und der Anna Margaretha Schubart. Der Vater war ein Maurer, lebte in sehr dürftigen Verhältnissen, so daß es ihm oft schwer wurde, das tägliche Brod für sich und die Seinen zu erwerben, die Mutter arbeitete zur Erleichterung des Hauswesens oft, wie man heute zu sagen pflegt, im Taglohn. Die Sorge um das tägliche Brod mag es gewesen sein, die den Vater zu einem sehr ernsten Manne stimmte, der aber doch „zu Hause wieder munter und gesprächig war und gern Märchen erzählte". So genoß der Knabe eine ganz ländliche Erziehung und kam mit seinem vierten Jahre in eine Klippschule, allwo ihn eine „alte Jungfer Namens Susanna, hoch und männerhaft von Wuchs, mit freundlichen blauen Augen, unterrichtete, die weiße thönerne Pfeife im Munde und eine Tasse Thee vor sich, sitzend in einem urväterlichen Lehnstuhl". Ein Lineal spielte die Hauptrolle auf Händen und dem Rücken, „Rosinen gab's bisweilen zur Aufmunterung und Belohnung, mehr aber Klapse mit dem Lineal". Die Phantasie des Knaben war sehr bald außerordentlich lebhaft. „Fratzengesichter sah ich des Nachts und sonderbare Figuren." Es scheint, daß er sich allzufrüh schon mit Schauerlichem beschäftigte, ein Umstand, der später Leib und Leben, Fleisch und Blut auch leider in seinen gereiftesten Werken annahm. Bis zum sechsten Jahre blieb er bei Susanna und lernte gut lesen, auch die zehn Gebote Gottes und die Grundstücke des christlichen Glaubens nach Martin Luther, „weiter ging es nicht" bis zum Eintritt in die Elementarschule, wo er bald Chorknabe wurde. Als solcher singt er in seinem „Bubensonntag": „Wenn ich einst, ein kleiner Bube» Sonntags früh im Bette lag, Und die helle Kirchenglocke All das Schweigen unterbrach: O, wie schlüpft' ich bann so hurtig Aus dem Bett in's Kleid hinein, Und wie gern ließ ich das Frühstück, Um zuerst bei Gott zu sein!" Sein Lehrer Dethleffen rühmte die Wißbegierde des Kuaben sehr, welche nicht leicht und sofort befriedigt werden konnte, er ist „ein tüchtiger Junge". Bereits mit acht Jahren verlegte er sich auf das Versmachen und in seinem zehnten Jahre fabrizirte er ein Gedicht: „Evolia der Näuberhauptmann", das bei einem Streit mit seinem Bruder von der Mutter verbrannt wurde, wohl ohne daß die Göttin der Literatur hierüber hätte weinen müssen; im zwölften Jahre wurde er „Bühnen- unternehmer" — allzufrüh ist und bleibt ungesund! Vom 15.—22. Jahre arbeitete er als Schreiber bei dem Kirchspielvogt seines Geburtsortes und „dichtete fleißig daneben". So singt er über die Gegend: „Hier rauscht kein Wald, eS schlägt im Mai Kein Vogel ohn' Unterlaß, Die Wandergans mit hartem Schrei Nur fliegt in HcrbstcSnacht vorbei, Am Strande weht das Gras." Stets strebte er weiter, und wenn auch nicht viel Aussicht auf „gute Zeiten" noch für ihn vorhanden war, er zagt nicht und läßt den Muth nicht sinken: „Und kann ich nicht das Ziel erreichen, Das ich mir kühnlich vorgesteckt, Soll doch nicht eh' mein Mutb erbleichen, Als bis mich kalt die Erde deckt." „Die Jugend soll sich selbst helfen, und wenn sie das nicht kann, so steckt nichts hinter ihr", gewiß gewichtige Worte aus dem Munde eines jugendlichen aufstrebenden Geistes! Zu jener Zeit wandte er sich an Ludwig Wand mit der Bitte, ihm zu einer Anstellung in Stuttgart zu verhelfen zum Behufe weiterer Ausbildung, und sandte zugleich Gedichte an Uhland. In einem liebenswürdigen Schreiben bedauerte Uhland, daß er keinen Einfluß besitze, und munterte den jungen Mann auf, auszuharren, bis sich auch äußerlich eine günstigere Wendung der Umstände zeigt, der „Sie sich mit Sicherheit überlassen können". Die Umstände sollten sich bald besser gestalten, einige Gedichte nämlich, welche er an die Hamburger „Modezeitung" sandte, lenkten die Aufmerksamkeit der Herausgeberin Amalte Schoppe auf ihn, welche ihn einlud, nach Hamburg zu kommen, und ihm Mittel und Wege schaffte, dort zu bleiben und sich auf die Universität vorzubereiten. Mitunter recht nette und sinnige Gedichte und Erzählungen stammen aus jener Zeit, so wird „das Kind" stets gern gelesen werden, das am Todtensarg der Mutter weilt, welche mit Blumen geschmückt ist, von denen das Kind von der todten Mutter eine für sich erbittet: „Und als die Mutter es nicht thut, Da denkt das Kind für sich: Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, So thut sie'S sicherlich. Schleicht fort, so leif' es immer kann, Und schließt die Thüre sacht Und lauscht von Zeit zu Zeit daran, Ob Mutter noch nicht wacht." Aber auch in Hamburg war bei weitem nicht alles Gold für Hebbel, was anscheinend glänzte. Von Haus aus mit wenig bis sehr wenig Geld versehen, lehnte er solches einem anscheinenden Freunde, der es auf gut deutsch gesagt „verputzte"; er war auf Kost-Freitische angewiesen, was ihm ziemlich schwer fiel, seine Gönnerin Frau Doktorin 3 Schoppe spielte Intriguen gegen ihn, hetzte Familien gegen ihn auf, am Ende gar aus Eifersucht, obwohl sie anfangs an ihn geschrieben hatte: „Die Jahre, wo man versucht sein konnte, mir die Cour zu machen, sind vorüber, ich bin Ihre Freundin, meine 41 Jahre geben mir in dieser Hinsicht alle nur zu wünschende Freiheit" — am Ende zu viel Freiheit, und — Silier schützt vor Thorheit nicht. Er lernte ein Mädchen, Namens Elise Lensing, kennen und wurde ganz Flamme für sie. Die einen haben deßwegen Steine auf ihn geworfen, andere ihn wohl allzusehr in Schutz genommen, wir haben das Nähere nicht zn untersuchen und sagen nur, daß die vielen Briefe, die Hebbel an Elise schrieb, Herz, Gemüth und Geist im vollen Sinn der Worte athmen. Freilich besaß er leider eine allzusehr angelegte sinnliche Natur, die er nicht im Zaume hielt, vielmehr ihr allzuviel nachgab. Er schloß sich in Hamburg dem „Wissenschaftlichen Verein von 1817" an, verfaßte eine hübsche Reihe handschriftlicher Aufsätze und trug sie im Verein vor. Derjenige über „Theodor Körner und Heinrich von Kleist", ungemein umfangreich, soll hier besonders erwähnt sein. Im Februar 1836 machte er in der Heimath bei der „guten Mutter" Besuch und dann ging es auf die Universität nach Heidelberg, 23 Jahre alt: „ich freue mich auf die Pandekten und werde sie mit größtem Ernst und Fleiß studiren, nicht sowohl um mir dadurch den Zutritt zu einem Amt zu eröffnen, welches ich schwerlich jemals annehmen werde, als vielmehr, um mich geistig nach allen Seilen hin umzuthun und mir die Freiheit zn erwirken, den lahmen, steifen Esel, der mir die Brodsäcke nicht schleppen soll, an denjenigen Wegstrecken, wo er zn stolpern pflegt und wenigstens langsam geht, zu peitschen und zn stacheln. Ein Hund will ich sein, wenn ich mir den Geist binde, bevor mir die Hände gebunden sind." So schrieb er an den alten treuen Voß. Die Professoren versagten ihm die Immatrikulation, da er nicht die nöthigen Vorkenntnisse ausweisen konnte, er hatte gehofft, daß sie ihn als vollgiltigen Studenten aufnehmen würden, „gescheidte Leute werden mir die nämlichen Rechte einräumen, welche sie fünfzig Schafsköpfen und Schuljungen eingeräumt haben, etwas Anderes sind ankommende Studenten selten, woraus übrigens nicht folgt, daß sie auch nichts anderes werden können." Er war also Hospitant und belegte Encyklopädie und bei dem berühmten Thibaut, „der mir gnädigst das Honorar erließ", römisches Recht. Mehr als in Hamburg drückte den Studenten in Heidelberg der Mangel an Geld, so daß er oft Noth leiden mußte und sich bitter darob beklagte, „all mein Leben und Streben ist jetzt eigentlich nur noch ein Kämpfen für Mutter und Leichenstein". Hervorgehoben muß werden, daß er seine Vorlesungen ungemein fleißig besuchte, viel studirte, ohne der Poesie Abschied zn geben, einmal nur in der Woche wohnte er einer studentischen Kneipe bei. Sein „Nachtlied", das später Robert Schumann nach- und ausgesuugen hat, entstand damals: „Quellende, schwellende Nacht, Voll von Lichtern und Sternen: In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!" Deßgleichen das „Nachtgefühl": „Ich denke der alten Tage, Da zog die Mutter mich aus; Sie legte mich still in die Wiege, Die Winde brausten um's Haus. Ich denke der letzten Stunde, Da werdcn's die Nachbarn tbun; Sie senken mich still in die Erde, Dann werd' ich lange ruh'u." Er beendete sodann seine erste Erzählung „Anna" und schrieb in sein Tagebuch: „Anna beendet, zum erstenmal Respekt gehabt vor meinem dramatisch-episch in Erzählung sich ergießenden Talente". Die Erzählung enthält schöne Stellen, doch ist Kälte und mitunter Neber- spanntheit derselben auch nicht abzusprechen. Ueber Straß- burg, allwo Hebbel sein Lied „Traum" auf dem Münster dichtete, ging es nach Stuttgart zu dem „guten" Gustav Schwab, nach Tübingen zu Uhland, welch' beide ihn zu freudigem Schaffen ermunterten, und von dort auf die Universität nach München, wo der Wendepunkt seiner Entwicklung eintritt. Sofort schrieb er Skizzen rc. nach Stuttgart auch aus dem Grunde, „leben" zu können; denn in vielen Tagen hatte er nicht fünfmal warm zn Mittag gegessen, sondern sich mit Brod begnügt, um mit den von Elise vorgeschossenen hundert Thalern so lange als möglich auszureichen. Noth nach außen macht aber meist auch Ueberdruß im Innern, und Hebbel ist hier ein vollgiltiger Beweis, er war mit sich damals ganz und gar unzufrieden. Er vertiefte sich in die Werke Jean Pauls, den er bewunderte, und in die Heinrich von Kleist's, den er als Muster in der Erzählung bezeichnete, las eifrig Börne und verfertigte selbst komische Charakterbilder, welche nicht viel Anklang fanden, wohl auch mit Recht. Sehr am Herzen lag ihm damals Emil Rousseau, der einzige Sohn des Negicrungsrathcs Rousseau in Ansbach, ein für Poesie und Literatur ungemein begeisterter junger Mann. Hebbel hörte besonders an der Universität Schelling und Görres, von denen er letzteren sehr hoch schätzte, freilich dem tief religiösen Görres konnte er nicht folgen und wollte er nicht folgen, denn dem Offenbarungsglauben stand er ja ferne, weil er ihn nicht zu brauchen glaubte. Er Hütte ihn aber wohl oft sehr nothwendig gehabt, besonders in den Zeiten, wo-er mit sich selbst zerfahren war und Unzufriedenheit gleichsam mit sich selbst und der ganzen Welt ihn umfaßte. Erfreut wurde er durch eine Zuschrift UHIands, die allerdings sehr lang auf sich hatte warten lassen, in der mehrere seiner Gedichte als gut bezeichnet waren, nicht erfreut aber durch eine Zuschrift von Costa, der den Druck der Gedichte nicht acceptirte, dagegen Gedichte für das Stuttgarter Morgenblatt anzunehmen und zu honoriren versprach — es war eben stets Ebbe in Hebbels Kassel Der Herbst 1838 schlug ihm zwei tiefe Wunden, die nur sehr langsam vernarbten. Seine Mutter starb nach kurzer Krankheit in der „gleichen Noth", wie früher der Vater, so daß der Kirchspielschreiber der Heimath das Geld zum Sarg vorschießen mußte. „Es war nur der süßeste Gedanke, meiner Mutter aus dem, was mir neben dem Göttlichen selbst noch sonst zufallen möchte, ein Paradies zu erbauen und ihr Alter für frühere Jahre schadlos zu halten. Das ist nun vorbei. Sie verliert zwar nichts, aber ich; ich weiß jetzt nicht mehr, wofür ich arbeite; auch mein Leben scheint mir zu Ende." Fast noch mehr brach er zusammen auf die Nachricht des Todes seines innigsten Freundes Emil Rousseau in Ansbach, denn „es war der beste Mensch, den je die Erde getragen hat; er war mir alles, was ein Mensch in dem höchsten, würdigsten Verhältniß dem andern sein kann". Auf das Grab des Freundes dichtete er sein „Abendgefühl": 4 „Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag, Wie das zu dämpfen, >is das zu lösen vermag Der mich bedrückte, Schläfst Du schon, Schmerz? Was mich beglückte, Sagt, was war'S doch, mein Herz? Freude, wie Kummer, Fühl' ich, zerrann, Aber den Schlummer Führten sie leise heran. Und im Entschweben, Immer empor, Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor." Düster war sein Leben jetzt eine Zeit lang, kein rechter Schaffgeist wollte ihn erfassen, selbst der Umgang mit Freunden wurde gemieden: „Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor." Er „thaute erst wieder auf", als er auf's neue in Hamburg wieder seinen Einzug hielt in die gleiche Kammer, in der er drei Jahre vorher lateinische Vocabeln auswendig gelernt hatte, um später zwei hübsche Zimmer, hergerichtet von Elise, zu beziehen, wo er bald auf den Tod krank wurde. Wieder gesund geworden, begann er im Oktober 1839 seine erste große Tragödie „Judith". Ob diese Tragödie in Folge einer Wette verfertigt wurde, ob sie innerhalb vierzehn Tagen entstand, mag dahingestellt sein. Hebbel hat seine große Freude an dem Werk, er jubelte, „daß Leben, Situation und Charaktere in körniger Prosa frisch und kräftig hervorsprangen, denn von der Prosa hängt mein Ich ab". Körnig ist allerdings die Sprache, das Ganze der getreue Ausdruck des innersten Wesens des Dichters, „es ist nichts mehr und nichts minder als eine sinnlich-sensationelle Ausbeutung und Verzerrung der aus den Apokryphen des alten Testamentes bekannten jüdischen Volkssage. Aus Judith machte der Dichter ein wollüstiges Weib, aus dem tapferen Holo- fernes einen über Religion philosophirenden und morali- sirenden Tyrannen, der durch Judiths Schönheit überwunden und zur Gluth entfacht wird," sagt König über die Tragödie. Er sandte ein Exemplar des Stückes an Uhland und eines an Tieck, beide gaben eine Antwort, eine Kritik nicht, obwohl Hebbel in dem Briefe an Uhland bemerkte: „an einem einfachen Wort von Ihnen, sei es günstig oder nicht, liegt mir mehr, als an einem Trom- petentusch der gesammtcn deutschen Journalistik. Ich bin auf jeden Ausfall Ihres Urtheils gefaßt, nur nicht auf Ihr Stillschweigen, dieses würde mir unendlich wehe thun." Während diese beiden Dichter schwiegen, ist Amalie SchoPPe von „Judith" so begeistert, daß sie Hebbel schreibt: „ich stelle Sie zum Shakespeare, damit ist, denke ich, alles gesagt". Das Stück wurde füglich in Berlin gegeben, eine Hauptschuld daran trug Auguste Crelinger, welche die Titelrolle übernahm. Nach den Aufführungen schrieb Hebbel an Elise: „es ist gut gegangen, aber meine Freude ist die Freude über den Pardon vom Spießrutenlaufen. Man hat keine Prügel gekriegt, das ist recht hübsch und ist Alles. Holofernes — unter der Kritik! Dennoch findet das Stück Beifall und wird wiederholt. Zwei Kritiken gelesen. In der einen bin ich ein wahrer, geborner Dichter voll unerschöpflicher Fülle, der aber die Kunst noch lernen muß und dem Redacteur einen belehrenden Mehlbrei vorsetzt. In der zweiten habe ich nichts, als Phantasiereiche Sprache, die jedoch aus dem Kopf, nicht aus dem Herzen kommt, erhalte jedoch zum Schluß die gnädige Erlaubniß, noch ein paar Werke zu bringen. Ich ergötzte mich herzlich über den ganz vollkommenen Widerspruch." (Schluß folgt.) Aus dem Leben zweier edlen kathol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. ^ (Nachdruck vrrboNn,) Wie es die Ueberschrift sagt, einiges aus dem Leben zweier katholischen Frauen möchte ich an dieser Stelle den Lesern mittheilen, da deren Namen meines Wissens wenig oder doch nicht so bekannt in Deutschland sind, wie sie es verdienen. In einem Schreiben aus Paris vom 30. Oktober v. Js. hat mir der Verleger der Werke des Herrn Baron Jmbert de Saint-Amand bereitwillig sein Einverständniß, daß ich es in einem katholischen Blatte thue, mitgetheilt. Ich bezeichnete als solches die Augsburger Postzeitung. Herr von Saint-Amand hat mit Erfolg es unternommen, in einer Reihe von 10 bis 12 Bünden das Leben der bekanntesten Frauen höherer Stände in Frankreich zu schildern. Es heißt: I^ss äu XVIII st XIX Liäols.*) Die eine Abtheilung ist: I^ss I?smins8 äss st?ai1sris3; 1-S8 I'sinwss äs Vsrouillso, denen verschiedene Biographien folgen. Indeß halte ich mich diesesmal an „I?ortruit3 äsCiranäss Hains 8". Gerade die Lebensbeschreibung der ersten dieser zwei Frauen ist nicht eigentlich die einer „Oranäs Hains", wie man es im gewöhnlichen Sprachgebrauch versteht, d. h. die Dame ist nicht von fürstlichem oder hochadeligem Blute, wie eine Herzogin von Berry, eine Fürstin Lam- balle, eine Gräfin von Sabran, oder gar eine Marie- Antoinette u. A., deren Leben uns Herr von Saint- Amand bringt. In einem fließenden, eleganten Stil, der bis zu einem gewissen Grade spezifisches Eigenthum einiger französischen Schriftsteller aus der älteren Schule ist, und bei aller historischen Treue gegenüber Episoden, die zu umgehen oder zu verschweigen der Wahrheit Abbruch thun würde, versteht es der Verfasser, das Gesehene auf eine Weise mitzutheilen, die es gestattet, unbesorgt seine Bücher in alle Hände, auch jugendlicher Leser, zu legern Dieses Lob verdienen bekanntlich nicht alle Bücher in Deutschland, so wenig als in Frankreich, welche das Leben an Fürstenhöfen schildern. Elisabeth Anna Bayley, Tochter des Richard Bayley, Arzt in New-Iork, und der Katharina Charlton, Tochter eines anglikanischen Geistlichen, wurde am 28. August 1747 in New-Iork geboren. Ihr Vater stammte aus einer englischen Gentry-Familie, die nach Neu-England übersiedelt war, während ihre Mutter Abkömmling einer schottischen Familie war, die, weil den Stuarts anhänglich, aus ihrem Vaterland hatte fliehen müssen. Die Energie und Charakterfestigkeit Elisabeths, ihr praktischer Sinn, waren vielleicht ein Erb- theil ihrer mütterlichen Ahnen. Von ihren Kinderjahren berichtet ihr Biograph nichts Näheres. Im Frühjahr des Jahres 1794 vermählte sich Elisabeth Bayley mit William Seton, Sohn eines reichen Nheders. Es war eine gegenseitige Herzens- ') karis. D. Deutn: OursI, OougiZ et 6is. Oetavo 3 !?r. 50 Is Votnms. 5 neigung, welche das junge Paar zusammenführte, und das ungetrübte Glück der ersten Jahre war — könnte man fast sagen — eine Entschädigung für spätere Unglückszeiten. Williams Vater starb früh, so daß sich ersterer, noch jung an Jahren, als Chef eines angesehenen Handelshauses sah, dem aber auch die schwere Pflicht oblag, für seine 13 jüngeren Geschwister zu sorgen. Die Kriege, die politischen Umwälzungen, welche am Ende des XVIII. Jahrhunderts die alte wie die neue Welt erschütterten, lühmten nicht nur den Handel aller Nationen, sie bewirkten auch den Fall gar manches angesehenen Hauses. Auch Seton gelang es uicht, ungeachtet angestrengter Arbeit, dieses Unglück von den Seinigen fernzuhalten. Diese Arbeit, die Sorgen für die Seinen, hatten Setons ohnehin nicht feste Gesundheit untergraben. Die Aerzte erklärten, einzig durch eine Uebersiedlung in ein wärmeres Klima könne sein Leben erhalten bleiben. In Italien, in der Stadt Livorno, hatte Seton größere Summen ausstehen. Er hoffte, seine persönliche Anwesenheit daselbst werde deren gänzlichen Verlust verhindern können. So wurde denn Livorno als Reiseziel bestimmt. Seton nebst seiner Frau Elisabeth und einem seiner Kinder schiffte sich am 2. Oktober 1803 in New-Iork ein. Eine lange, zudem gefahrvolle Reise stand ihnen zu jener Zeit bevor. In Livorno fanden W. und E. Seton im Hause des Herrn Filichi, eines alten Freundes des Vaters Williams, herzliche und gastliche Aufnahme. Die Anstrengungen und die Beschwerden der Reise, zudem der wahrscheinliche Mißerfolg seiner Bemühungen, hatten Setons Krankheit so sehr verschlimmert, daß er bald nach seiner Ankunft in Livorno in den Armen seiner geliebten Elisabeth starb. Diese war an Leib und Seele ob ihres Unglücks gebrochen. Einen Trost fand sie bald, und dieß von einer Seite, von der sie es schwerlich erwartet hatte. Elisabeth Seton war Protestantin, das Haus des Herrn Filichi ein streng katholisches, und in diesem fand sie viel mehr als nur gastliche Aufnahme, sie fand hingebende Freundschaft und Liebe. Protestantische Fanatiker, wie es deren in der angelsächsischen Nation vielleicht damals noch mehr gab, als es heute der Fall ist, die den Katholiken alle Rechte vorenthielten, hatten ohne Zweifel diese als von unduldsamem Haß gegen Nichtkatholikcn erfüllt geschildert. Es rührte sie daher doppelt, daß sie das gerade Gegentheil im Hause, das sie aufgenommen, fand. Mit ihren Freunden wohnte sie häufig den katholischen kirchlichen Feierlichkeiten bei. Diese machten den tiefsten Eindruck auf ihre durch Kummer geläuterte Seele, für die der formlose, inhaltsleere Cult der amerikanischen Puritaner Nichts darbot. Sie schreibt darüber an ihre Schwägerin in New-Uork: „Liebe Nebckka, wie glücklich wären wir, wenn wir das glaubten, was diese lieben Seelen glauben." Doch die Sehnsucht nach ihren vier in Amerika gebliebenen Kindern veranlaßte sie, ohne die Beschwerden einer neuen Seereise zu achten, die Rückreise in ihr Vaterland anzutreten. Mit schwerem Herzen nahm sie von ihren Livorneser Freunden Abschied. Mehr als 60 Tage dauerte damals eine ohne Störung vollbrachte Reise von Italien nach New-Iork. Doch kaum gelandet, mußte Elisabeth Seton den tiefen Seelenschmerz erleben, ihre Schwägerin Ncbekka, mit der sie die innigste Freundschaft verband, zu verlieren. Nun fühlte sie sich verlassener als je. Schon während ihres Aufenthaltes in Italien, nach dem daselbst gepflogenen regen Verkehr mit gläubigen Katholiken, beim Anblicke der herrlichen katholischen Gottesdienste mag sie sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es für ihren Seelenzustand nicht angemessener sei, zu dieser Kirche überzutreten. Man kann nur lobend anerkennen, daß sie mit der Ausführung zögerte. Sie wollte reiflich überlegen, ob sie damit nicht etwa nur einem momentanen Impuls, vielleicht durch die Schönheit des katholischen Gottesdienstes angeregt, folge. Jede Konversion zur katholischen Kirche wird von protestantischer Seite, wenn unedle Motive vollkommen ausgeschlossen sind, diesem Umstände zugeschrieben. Nein, Elisabeth Seton suchte und fand bessere Beweggründe. (Fortsetzung folgt.) Siam. Von I. G. Fußenecker. Die Eroberungspolitik Frankreich'!?, welche eben dahin strebt, von dem hinterasiatischcn „Kaiserreiche" (?) Siam ein möglichst großes Stück (wenn nicht das Ganze!) zur Vergrößerung seines indochinesischen Kolonialreiches zu gewinnen, hat — leicht erklärlich, das lebhafteste Interesse der europäischen Großmächte erregt. Siam ist allerdings ein Land, welches die Eroberungslust reizen kann, und da es übrigens ein merkwürdiges, aber noch nicht allgemein zu bekanntes Reich ist, so wollen wir davon eine kurzgefaßte, aber dabei doch orientircnde Schilderung geben. Das Königreich Siam (auch ein Kaiserreich genannt) ist das größte von den vier indochinesischen Reichen dc. hintcrindischen Halbinsel und liegt in der Mitte derselben. ES hat einen Flächenraum von 14,600 Quadratmeilen und erstreckt sich vom 5. bis zum 22. Grad nördlicher Breite (510 Stunden!) und vom 96. bis 107. Grad östlicher Länge (330 Stunden). Seine Grenzen sind: Im Norden Birma, Osten Annam, Süden Golf von Siam und Kambodscha und im Westen Britisch-Birma. Siam wird von Reisenden und Missionären ein „paradiesisches" Land genannt. Ja, paradiesisch schön ist Siam und so fruchtbar wie kaum ein anderes Land der Erde! Es bietet in üppigster Fülle die werthvvllstcn Produkte des tropischen Ostens, und die Berge liefern nebst Zinn Schätze an Silber, Gold und Edelsteinen. Von der Hauptstadt Bangkok (im Süden), die wie eine „Sonne strahlt", führt eine Wasserstraße des Niescnstromes Menain in einer Breite von 300 bis über 400 Meter fünfhundert Stunden — an 2000 Kilometer längs!) — von Süd gen Nord durch das Reich bis hinauf in's „Zauberreich des Urwaldes". Unterwegs — „immergrüne Wälder auf Bergen und Hügeln, durch welche nur der Elephant sich Bahn brechen kaun und in deren wilder Einsamkeit der Tiger als Jagdkönig herrscht"; dann unabsehbare Ebenen mit solch' fruchtbaren Neis- und Zuckerseldern, daß ihre Doppelernte keinen Mangel eintreten läßt; zahllose Thäler mit krhstallklaren Bächen und fischreichen Flüssen, von Palmhaincn, Tamarinden und Bananen beschattet, in deren Zweigen Schaarcn von bunten Vögeln sich schaukeln, unter deren kühlem Laubdach eine Menge von Silber- kranichen, Reihern und Ibissen wohnt, indeß in der lauwarmen Fluth das Krokodil mit glühendem Auge die Sprünge der Affen verfolgt, welche die Krokodile in gröblichster Weise necken» 6 ein „riesiger Garten", in welchem auf blauer, spiegelglatter Fluth Tempel und Paläste sind und Tausende der Kähne voll fröhlichen Lebens umherschwimmen — das ist Siam?) Wohl fehlt es diesem herrlichen Lichtbilde auch nicht an düstern Schatten; doch das ist nicht die Schuld des Landes an sich (wie wir noch sehen werden). „Die Welt ist schön, ja überall, wo der Mensch nicht hinschleppt seine Qual." Der Hauptrcichthum des Landes an Kernfrucht besteht in NeiL. Die Thalebcnen mit ihrem großen Wasserreichthum, mit den Schlammablagcrungcn des Mcnam, deö „siamesischen Nils" und des auch mächtigen Stromes Mekong (in seinem Unterlauf) haben — in einem Umfang von 670 Kiloin. von Norden nach Süden und 220 Kilom. von Westen nach Osten — im Südtheile des Reiches einen „unglaublich fruchtbaren" Boden. Leider wird bei der Trägheit der Siamesen kaum der fünfte Theil dieses so fruchtbaren Bodens angebaut; überhaupt ist ein großer Theil des Landes eine „völlige Wildnis;", und ist zu bedenken, daß die große Fruchtbarkeit dem ganzen Ueberschwemmungsgcbiet mit einem Umfang von 30,000 Quadratkilometer eigen ist. Außer Reis wird vorzüglicher Zucker, Indigo, Mais, Pfeffer, die Kokospalme und Baumwolle gepflanzt, sowie der Maulbecrbaum für die sehr blühende Scidcn- zucht. Die höchsten Berge überragen nicht die Schneegrenze; die größte Höhe weniger Berge beträgt 2500 Meter. Weltberühmt sind die großen Lcak-Wäldcr, die es in erster Linie waren, welche seiner Zeit England's EroberuugSlust anstachelten, da das Holz deö Tcakbaumcs für die englische Marine in Indien unentbehrlich geworden. WaS die Temperatur in diesem tropischen Klima betrifft, so sinkt in der Zeit von Dezember bis März, wo der trockene Nordost-Monsun weht, im Januar und Februar die Wärme auf 13 Grad 6 herab. Die heißeste Jahreszeit ist im April und Mai, wo die Wärme bis zu 36 Grad 0 steigt. Von Ende Mai bis October herrscht der Westmonsun mit seinem vielen Regen. Die Einwohner Siams bilden ein Völkergemisch, wie schon die Bezeichnung der Halbinsel, „indochinesisch", andeutet. Die E inwohnerzahl wird auf sechsMillionen und darüber steigen; hievon rechnet man 2 Millionen für die eigentlichen Siamesen, 1 Million für Chinesen (?), 1 Million Malayen 1 Million L aoS und eine halbe Million für die Kambodschaner; den Rest bilden verschiedene Bergvölker der Karenen und Schans und Europäer. Die eigentlichen Siamesen sind wohl selbst ein Mischvolk, entstanden von der Vereinigung der Ureinwohner und der Chinesen bezw. Mongolen und Hindu. Ihr Nanie deutet auf den alten Namen SiamS und seine Ureinwohner hin; Siam hieß ursprünglich Sajam, d. h. Land der braunen Leute. Der mongolische oder chinesische Typus tritt bei den Siamesen mehr hervor, als der indische, der bei ihnen schwer zu erkennen ist. Sie haben schief- und cnggeschlitzte Augen und hervorstehende Backenknochen; sind aber nicht groß und schlank, sondern haben einen gedrungen stämmigen Körperbau und einen sehr großen runden Kopf. Ihre Hautfarbe ist hellbraun, dunkler als die der andern Völkerstämme. Mit den Chinesen haben sie gemein die übertriebene Höflichkeit, aber auch die Verschlagenheit und die Spielwuth, nicht aber auch dix Arbeitsamkeit (l). Ein Hauptcharakteristikum der Siamesen ist ihre sklavische feige Gesinnung. „Kein Wunder — das ist die Frucht einer vielhundertjährigen Sklaverei unter dem Joche despotischer Könige und Staatsbeamten." Diese Unterwürfigkeit schildert °) Nachgezeichnet der kurzen Schilderung des französischen Keifenden Mouhot (in „D. kath. Missionen", Jahrg. 1883, S, 4). ein Missionär mit den Worten: „Hier zu Lande liegt Alles auf dem Bauch, oder auf den Knieen: der Sklave vor seinem Herrn, mag dieser vornehm sein oder nicht; dieser vor dem Civilbeamten; der Soldat vor seinem Officier; der Buddha- Mönch vor seinem Abt und Alle miteinander vor dem König. Selbst die vornehmsten Siamesen müssen sich in Gegenwart des Königs auf die Kniee und Ellbogen niederwerfen." Ich möchte hiczu bemerken, daß diese Unterwürfigkeit doch nicht allein auö dem Despotismus hervorgegangen, sondern ihr eine besondere streng religiöse und moralische Anschauung zu Grunde liegt; nämlich der tiefernste feste Glaube an die wahrhaft göttliche Majestät eines Königs und die Ehrfurcht vor der von den Göttern dem Menschen verliehenen Uebermacht und Herrschberechtigung. Diese an und für sich nichts weniger als thörichte und lächerliche Anschauung hat aber die Leidenschaft der Herrsucht und des Hochmuths greulich mißbraucht und so diese Ungeheuerlichkeit der Untcrwcrfungsart erzeugt. Als eine gute Eigenschaft der Siamesen wird hervorgehoben ihr Familiengeist, die große Liebs zwischen den Gatten, Eltern und Kindern und gegen die Verwandten. Ihre gegenseitige Liebe und Sorgfalt, die kein Opfer scheut und sich namentlich in Krankhcitö- und Sterbcfällcn offenbart, ist rührend, und sie berechtigt zu der Annahme, daß dieses Volk edler Gefühle und hochherziger Aufopferung fähig ist. Die Haupt- und Residenzstadt Bangkok ist höchst interessant. Sie hat die großen Titel der alten zerstörten Ajut h i a (auch Juthia geschrieben) erhalten, lautend zu deutsch: „Die große, königliche Stadt, die Stadt der Engel; die unüberwindliche Stadt, die schöne Stadt" u. s. w. Man nennt sie auch das „asiatische Venedig", und dieses Prädikat, sowie das Lobwort schön gebührt ihr: Bangkok, die „Stadt der wilden Oclbäume" mit ihren 400,000 Einwohnern, erstreckt sich drei Stunden lang an den beiden Uiern des Menam dahin und ist von zahlreichen Kanälen durchschnitten in allen Bezirken. Auf beiden Userseitcn herrliche Gärten; im Hintergründe, dem Hanpttheile der Stadt, zahlreiche hochgcthürmte, buntvcrzierte Tempel und Pagoden, prächtige, vergoldete Paläste, die sich in der Ferne wie zauberhaft von dem dunkeln Grün der tropischen Bäume abheben; die an beiden Ufern auf mächtigen Holzflößen schwimmenden Häuser. Paläste, Tempel, zahllosen Kähne, Marktschiffe in den verschiedensten Formen und Farben, und zwischen diesem bunten Gewimmel europäische Dreimaster und chinesische Dschonken, die mit Donnerschlägcn der Gong (Rieseutrommcl) die Hafenschiffe begrüßen: so mag Bangkok wohl einen ganz eigenthümlichen, mächtigen, kaum zu schildernden Eindruck machen. Die ärmeren Stadttheile liefern allerdings, wie gewöhnlich in den großen Städten, ci» grelles Gegenstück zu den: „schönen" Bangkok. Die Häuser sind ohne Ausnahme fest, aus Teakholz und stehen auf dem Fcstlande und den Inseln auf hohen Pfählen. Die innere Stadt ist mit einer Mauer, die mit Zinn bedeckt, umgeben. In der Mitte dieses HauptstadttheilcS steht der Palast des KönigS, von Gold und Elfenbein strotzend, mit hundert Sälen und Prunkgemächern, umgeben von tausend Wachen! Hier thront der „große König, der Sohn des Himmels, die Kraft Gottes, das leuchtende Ebenbild der Sonne". Die StaatSform Siam'S ist, wie bereits angedeutet, der ausgeprägteste Despotismus. Die alten Siamesen schon nannten ihr Land stolz „Mnang-Thai", d. h. das Königreich der „freien Männer", und auch die heutigen Einwohner halten noch mit Stolz an diesem Titel fest; gegenwärtig aber — nein, schon längst — ist er eine wahre Ironie; es sollte heißen, das Land der Sklaven. Neben den vorhan- 7 denen wirklichen Sklave», deren Zahl zwei Millionen betragen soll, kann jeder „freie" Siamese, der heute hundert Sklaven vor sich hertreibt, morgen selbst ein Sklave sein: so sieht es aus mit den „freien" Männern und denRcchtsgesetzen dieses Reiches. Das folgenschwerste Gesetz ist das Schuld- gesetz. Dasselbe gebietet, daß eine Schuld, und vor Allem die Steuer, pünktlich bezahlt wird. Ist das nun einem Bürger nicht möglich, so kann er in die Lage kommen, gezwungen zu sein, Weib und Kind zu verkaufen. Hat er weder das Eine noch das Andere, so wird er selbst zum Sklaven. Und in diese unglückliche Lage können die Siamesen gar nicht selten gerathen; denn die Staatsabgaben sind zahllos und die Kopfsteuer sehr hoch, und werden von einem Heere herzloser Beamten unerbittlich eingetrieben. Diese ziehen mit Roß und Reiter und Ele' phanten selbst in die Schluchten der fast undurchdringlichen Wälder bis zu dem armen LaoSvolke und nehmen ihm nicht selten das letzte Honigtöpfchen, das letzte Wachs, das letzte Thier- ell. Das Traurigste bei dem Verfalle in die Sklaverei ist, daß arme, unschuldige Kinder, welche von ihren Eltern Schulden halber oder in anderer Nothlage verkauft werden, nie mehr loögckauft werden können, also Sklaven bleiben müssen, während die andern Sklaven, selbst die Kriegsgefangenen, sich die Freiheit erkaufen können. Ach ja! Thai, das Reich der freien Männer! Dort, in den Straßen des stolzen Bangkok, kann man auch einem Mann begegnen, abgemagert und gehüllt in Lumpen, auf den Schultern eine Axt; er ist Holzhacker und — ein Prinz des königlichen Hauses mit seinen achthundert Frauen. Das ist auch einer der freien Männer. Der kleine Prinz der ersten königlichen Gemahlin — wie sticht er ab gegen seinen Stiefbruder, oder Stiefonkel! Das „HimmckSsöhnchen" ist so schwer mit Goldschmuck und Edelsteinen beladen, daß es ob der Last kaum gehen kann. Und die höchsten „freien Männer" — die Minister des „großen KönigS" — sie haben in dem reichen Lande keine Prachtwohnungen, oder gar Villen, wie z. B. im armen Deutschland. Dort wohnt der höchste Würdenträger, der Kanzler des Reichest), in einem „elenden Bretter- gebäudc aus hohen Baumstämmen, mitten im Schlamme und Unrath". So ist es wahr, was die Kenner des Landes behaupten, nämlich: „daß Siam daS Land der größten Gegensätze sei, wie kein anderes der Erde". Was die Rechtspflege und das VerwaltunzSwescn überhaupt betrifft, so bietet Siam dasselbe traurige, trostlose Bild, wie dicßbezüglich China mit den habsüchtigen, das Volk auSsangendcn, parteiischen und tyrannischen Beamten, und vergebens haben sich einige wirklich edle Könige Siam'S in der jüngsten Zeit bemüht, die schweren Mißstände zu beseitigen. Recensionen und Notizen. Theologisch-praktische Monats - Schrift, Central- Organ der katbol. Geistlichkeit Bayerns. Unter Mitwirkung zahlreicher Gelehrter und Seelsorger herausgegeben von vr. Pell, Dr. Linsenmayer und Psr. Krick. Passern, Rudolf Abt. Nr. Mit dem Kalenderjahre 1893 schloß die von den Professoren vr. Pell, vr. Linsenmayer und Pfarrer Krick herausgegebene theologisch-praktische Monatsschrift, das Centralorgan der katholischen Geistlichkeit BayernS, den dritten Jahrgang ab. Wer während der drei Jahre des Bestehens genannter Monatsschrift sowohl den theoretisch-wissenschaftlichen, wie den praktischen Theil derselben aufmerksam verfolgte, muß sich wohl zum Geständnis; gedrungen fühlen, daß die verehrte Redaction die im Programm gemachten Versprechungen redlich eingelöst hat. Auf Grund zahlreich eingesandter Originalartikel wurvc den Lesern eine solche Fülle im großen und ganzen durchaus wissenschaftlich gediegener Abhandlungen wie praktisch bedeutsamer Fülle und seelsorglichcr Winke geboten, daß der bayer. Clerus nur mit großer Freude und gerechtem Stolze auf sein Centralorgan sehen kann. Speziell aus dein letzten Jahrgange seien zur Erhärtung unserer Behauptung nachstehende durchaus tüchtige wissenschaftliche Aufsätze und Abhandlungen hervorgehoben: Die soziale Bedeutung der Eheschließung, eine Serie von Artikeln aus der Feder des Lycealprofessors vr. Hans in Passau; Die Wirksamkeit der gefallenen Engel auf Erden von Dompropst vr. Pruncr in Eichstätt; Die niederen Weihen und der Subdiaconat von Pros. vr. Specht in Dillingcn; Naiffciscn- sche Darlehenskassen von Pfarrer Kaiser; Hcilsnotbwendigkeit der hl. Communion von Pros. vr. Lehringer in Eichstätt; Die Grabschrift des hl. Aberkios von Pros. vr. Weber in NegenS- burg; Die Früchte des hl. Meßopfers von Joh. B. Lobmann 8. ll.; Die Visio beatitiea, von Militärcurat Grüner in Nürnberg; Der bayerische Franziskaner Kaspar Schahger über Primat und allgemeines Concil von N. Paulus in München u. s. w. Diese ebenso trefflichen wie zeitgemäßen Artikel bieten eine kerngesunde theologische Nahrung und geben uns das Recht, der theologisch-praktischen Monatsschrift das beste Prognosticon auf eine herrliche Zukunft zu stellen. An diese wissenschaftlichen Abhandlungen reihen sich zahlreiche kasuistische Materien aus dem scelsorglichen Leben mit reicher Belehrung und fruchtbaren Winken. Es ist mit besonderer Freude zu begrüßen, daß dieser praktische Theil der Monatsschrift im letzten Jahrgang einen viel breiteren Boden gewonnen hat. Mit größter Sorgfalt wird sodann in unserer Monatsschrift das kanonistische und pfarramtliche Verwaltungsgcbict bearbeitet. Wenn wir die hier von Heft zu Heft mitgetheilten kirchlichen wie staatlichen Entscheidungen durchgehen, so müssen wir uns gerade von dieser Sparte eine nicht unbedeutende Förderung der Stellung des Klerus und damit auch seines Einflusses versprechen und werden wir nicht selten an das Wort des ehemaligen Kultusministers von Lutz erinnert: Wenn der bayer. Klerus sich stets vor Augen hielte, wie viele Rechte in Gemeinde und Schule ihm noch geblieben sind, so würde er nicht soviel über unwürdige Bevormundung durch die Staatöcuratel klagen. Es soll damit selbstverständlich der staatlichen Hinein- regicrung in kirchliche Verhältnisse nicht das Wort geredet sein, aber das muß sicher zugegeben werden, daß ein nicht unbedeutendes Quantum Wahrheit in jenem Dictum liegt und von Seiten des Klerus nicht in allwcg seine Rechte gekannt und wahrgenommen wurden. Möge auf diesem Gebiet die neue Monatsschrift eine stets fortschreitende Besserung bringen. WaS die wissenschaftliche Novitätenschau anlangt, so möchten wir wünschen, es möchte daS kritische Messer vielfach etwas schärfer und schonungsloser gehandhabt und den Recensionen über die wirklich ausgezeichneten Werke ein etwas breiterer Raum gegönnt werden. Besprechungen, wie diejenige über die Lehre von den hl. Sakramenten der katholischen Kirche von vr. Paul Schanz, halten wir entschieden für zu knapp und eng zugemessen. Freilich müssen wir zugeben, daß die Monatsschrift nur eine Novitätenschau halten und ein literarisches Fachblatt keineswegs ersetzen will. Wer aber nicht außer Acht läßt, wie wenig unserem fast durchwegs überbürdeten Klerus Zeit zur Lektüre von Literatnrblättern bleibt und wie wenige Seelsorgspricster sich darum solche Blätter halten, wird in der Novitätenschau ein entsprechendes Surrogat dafür wünschen. So hat unsere Zeitschrift in den wenigen Jahren ihres Bestehens sich bereits eine geachtete Stellung erobert. Wenn auch zugegeben werden muß, daß die Passauer theologisch-praktische Monatsschrift die volle Höhe der gleiche Ziele verfolgenden Linzer Quartalschrift noch nicht erreicht hat und sich der rcichgeschmückten edlen Schwester der benachbarten Donaustadt noch nicht ebenbürtig zur Seite stellen kann, so möge man bei gerechter Beurtheilung nicht aus dem Auge verlieren, daß die Linzer Quartalschrist mit dem neuen Jahre in den 47., das Centralorgan des ka tholischcn Klerus Bayerns aber erst in den 4. Jahrgang ein getreten ist. Wer sich die Mühe nicht gereuen läßt, die ersten Jahrgänge der österreichischen mit den Anfängen der bayerischen theologischen Zeitschrift zu vergleichen, wird nicht lange darüber zweifelhaft sein können, daß auch unser vaterländisches Organ einer herrlichen Blüthe entgegen gehen wird. Die Rührigkeit und Umsicht der vortrefflichen Redaction sowie das Vertrauen auf den tüchtigen Klerus BayernS sind nnö Bürge dafür, daß unsere Hoffnung uns nicht täuschen wird. Möge darum kein bayerischer Priester unterlassen, das Abonnement auf daS Centralorgan zu erneuern, sollte er aber bisher nicht Abnebmer gewesen sein, als Abonnent neu einzutreten. Der Preis, 5 Mark bei Bezug durch Post und Buchhandel und 6,20 Mark bei direkter Zusendung unter Kreuzband seitens der Verlagshandlung, steht mit dem trefflichen Inhalte und der soliden Ausstattung in keinem Verhältniß. 8 Unter den vier ersten Königen Bayerns. Nach Briesen und eigenen Erinnerungen von Luise v. Kobell. Zwei Baude mit 4 Pbotogravurcn und einer Chromolithographie, geh. 10 M. u. geb. 12 M. —-C. Geleitet von dem Streben nach schriftstellerischer Berühmtheit hat Luise v. Kobell aus ihrem umfangreichen, vierjährigen Tagbuch über verschiedene Dinge, Lebensverbältnisse, Männer und Frauen von allerlei Ständen und Berufszweigcn Auszüge gemacht, sie in zwei kleinen, elegant ausgestatteten Bänden chronologisch zusammengestellt und mit Redensarten aus den neueren Sprachen und dem Lateinischen gespickt, um sich mit einem Gelehrtennimbus zu umgeben. In der Einleitung theilt die Verfasserin dem Leser eine Reihe von Briefen mit, welche einen Einblick in das Familienlchen und die künstlerische Thätigkeit ihrer Ahnen gewähren und Streiflichter auf die Aufführung der französischen Emigranten in Deutschland und den Feldzug 1792 werfen. In einem Briefe ist ein edler Zug der Gemahlin des Psalzgrafen Max Joseph von Zwei- brücken, des künftigen Kurfürsten und Königs von Bayern, erwähnt, indem sie den Augnstincrmönchen in Spcyer, welche wegen der von den Franzosen geforderten Brandschatzung in die grösste Bedrängnis) gerathen waren, Hilfe leistete. In dem nächsten Kapitel über die ersten RcgicrungSjahre Max I. Joseph und den Rheinbund werden die Festlichkeiten während des Aufenthaltes des französischen Kaisers Napoleon I. in München (1606), die Vermählung der Prinzessin Anralie Auguste, des Kronprinzen Ludwig von Bayern (1810) und die Geburt eines Napolconischen Prinzen (1811) mit weiblicher Vorliebe ausführlich besprochen, jedoch nichts Neues vorgebracht. Die hervorragenden Männer der Wissenschaft und Kunst, sowie das Leben und Treiben in der Stadt München nach dem Wiener Congreß und die Festlichkeiten, welche bei der Verkündigung der Verfassungsurkunde (1818) und bei dem 25jährigen Nc- gicrungsjubiläum Max Josephs veranstaltet wurden, sind mit gewandter Feder geschildert. In der wahrheitsgetreuen Darstellung der Persönlichkeit des Königs Ludwig I., seiner Kunstliebe und Kunsthauten ist eine vortrefflich ausgeführte Photo- gravnre von einer Weinschenke in Rom hcigefügt, in welcher der bayerische Kronprinz Ludwig (1824) inmitten der damals berühmtesten Künstler in ungezwungenem, heiterem Gespräche verweilte. In dem kurzen Kapitel „Bayern und Griechenland" hatte Luise v. Kobell wieder Gelegenheit, an die Erzählung von ihrem Großvater, dem StaatSrath und Negentschaftsmitgliede Aegid v. Kobell, anzuknüpfen, dessen Briefe über den Aufenthalt Ludwigs I. in Griechenland (1836) sie veröffentlichte. Mit einer Skizze über das gesellschaftliche Leben in München unter König Ludwig I., über die Vermählung bayerischer Prinzessinnen und die Revolution 1848 vereinigte die Verfasserin die Erlebnisse in ihrer Kindheit und Mittheilungen ihrer Freunde und Verwandten aus jener Zeit; sie erzählt auch von Lola Montez, geht aber über das Verhältniß der spanischen Tänzerin zu König Ludwig I. und über deren Einfluß auf die Staatsgeichästc mit Stillschweigen hinweg. In der kurz bemessenen Abhandlung über die allgemein bekannten Bestrebungen und Verdienste des Königs Max II. auf dem Gebiete der Wissenschaft werden die gesellschaftlichen Abcndunterhaltungen der aus Norddeutfchland berufenen Gelehrten besprochen und der Weggang mehrerer dieser „Berufenen" aus München beklagt; allein diese hatten sich durch ihre Selbstüberschätzung und ihren Hochmuth in ganz Bayern so verhaßt gemacht, daß für sie der Aufenthalt in der Hauptstadt unbequem wurde. Die Briefe des gemütbvollcn Dichters Scheffel, welcher mit dem Juristen August Eisenhart, dem Bräutigam der Luise v. Kobell, Freundschaft geschlossen hatte, werden zum ersten Mal veröffentlicht. Der Eintritt Eiscnharts in'ö königliche Kabinet (1866) wird in Kürze berichtet. jedoch mit keinem Wort berührt, daß der Kabinctschef v. Pfistcrmcister wegen seiner conservativen Gesinnung von der liberalen Partei am und außer dem Hofe von der Seite des jungen Königs verdrängt wurde. Durch die Ernennung Eiscnharts zum Ministcrialrath und Kabinctschef (Januar 1870) kam Luise v. Kobell in die Lage, die Erbaulichkeiten der kgl. Residenz zu besichtigen und sie in fließender Sprache zu beschreiben. Von historischer Bedeutung ist das folgende Kapitel, welches die Entschließung des Königs Ludwig II. zur Mobilmachung des bayerischen Heeres (1870) behandelt. Mit lebhafter Phantasie sind der Einzug der bayerischen Truppen in München (1871), das vorjährige Jubiläum der Münchener Universität und die Vermählung des Prinzen Leopold mit der kaiserlichen Prinzessin Gisela beschrieben. Die Memoiren der > Luise v. Kobell schließen mit einer weitläufigen Erzählung eines ! Landaufenthaltes am Starnberger See, mit einer Schilderung der persönlichen Eigenschaften Ludwigs II. und mit der plötzlichen Entlassung des Kabinetschcss von Eisenhart (1876). »s» Fester (N.), Kurfürstin Sophie von Hannover. Hamburg, Richter. 8°34S. Verfasser, jetzt Privatdocent in München, bekannt als Herausgeber des badifchen Ncgestenwcrkcs und durch einige historische Aufsätze, läßt hier in der „Sammlung gemeinverst. wissenschaftlicher Vortrage, herausgegeben von Virchow und Wattcn- bach (vorher Holtzendorff), als Heft 179 den Vortrag erscheinen, den er am 7. März 1893 im Münchener Chemischen Hörsaale gehalten hat. Es ist eine ansprechend geschriebene, inhaltsreiche Biographie der 1630 geborenen und 1714 ge storbencn Tochter des „WinterkönigS", der Urenkelin der Maria Stuart und (als Mutter Georg Ludwigs von Hannover, des I. KönigS Georg von England und Mutter der Sophie Charlotte, der I. Königin von Preußen) gemeinsamen Stammmutter der Welsen und Hohenzollern, welche von ihrem „deutschen Aristoteles" Leibniz als „die große Knrfürstin" gepriesen wurde; eine Fürstin, die dem Historiker ein lebhaftes Interesse abgewinnt, eine Dame von „jener aufgeklärten, man möchte sagen confessionslosen französisch-holländischen Wcltbildung, welche den Frauen dcS pfälzischen Hofes eigen war" (Erdmanns- dörffer, deutsche Gcsch. II, 130), ohne tiefer entwickeltes religiöses Bedürfniß gleichwie ihr Bruder Karl Ludwig von der Pfalz und ihre Nichte, die berühmte „Liselotte", die den Kircbcn- schlaf für den der Gesundheit förderlichsten hielt. Freilich müssen wir fürchten, mit dieser Charakterisirungsweise dem Raisonnement zu verfallen, womit der Verfasser noch auf einer der letzten Seiten seines Vertrags sich ebenso gesucht wie überflüssig beeilt hat, den Gegnern JansscnS die Reverenz zu machen in der Anspielung: „Wir haben in unseren Tagen die glänzendsten Erfolge einer Geschichtsschreibung erlebt, die nur die Quellen reden läßt und sich dennoch, weil sie ihren Standpunkt der Ueberlieferung zu nahe gewählt hat, zu einer reineren historischen Auffassung der Dinge nicht aufzuschwingen vermag." Personal-Status der Lyceen im Königreiche Bayern nach dem Stande vorn 1. August 1893, zusammengestellt von Dr. Adolf Jobannes, Lycealprofessor älterer Ordnung. Drillingen 1893. I. Kellcr'sche Buchdruckern. LI Schon der Titel dieser Broschüre verkündet Interessantes; denn er besagt NcueS auf dem Gebiete der Statistik. Sicht man sich dann das Schriftchen selbst an, so findet man sich wirklich nicht getäuscht. Die erste Nummer: „Das Allgemeine über die Lyceen in Bayern" enthält bereits in kurzer und bündiger Zusammenstellung die wichtigsten Daten in Hinsicht auf Zweck und Unterricht der sieben bayerischen Lyceen und in Hinsicht auf Rang und Gehalt der Rektoren und Professoren an denselben. Die übrigen 4 Nummern sprechen, wie fast jede Statistik, hauptsächlich durch Zahlen und Namen. Besonderes Interesse erregt jedoch „III. Personalstand", wo man n. A. die frühere Stellung sämmtlicher Professoren zu erfahren Gelegenheit bat, und „V. Tabellarische Uebersichten". Hier ist in die Anzahl der Lehrkräfte zusammengestellt und ausfallender Weise erscheint dabei von den sechs vollständigen Lyceen das bischöfliche in Eichstätt als das mit den meisten (12) Professoren versehene, während das königliche Lyceum in Dillingen um ein ganzes Drittel weniger als das genannte ausweist. Nicht minder von Bedeutung ist „0", wo in genauer und klarer Uebersicht gezeigt wird „die Anzahl der Wochcnstunden, in welcher die einzelnen Disciplinen in den philosophischen und theologischen Sektionen der Lyceen vorgetragen werden". Welche Verschiedenheit tritt hier zu Tage in Bezug sowohl auf die Diciplinen selbst an den einzelnen Anstalten als auch in Bezug auf die Zeit, die auf diese Fächer verwendet wird! Ein wahres Mosaikbild bietet diese letzte sorgfältige Zusammenstellung. Bei den „OorriZ'öucla," auf der Schlußicitc ist Einzelnes, jedoch nichts Sachliches, übersehen. Da auch der Preis der instrnctivcn Broschüre sehr niedrig gestellt ist, so dürfte sich dieselbe den Interessenten zur Anschaffung sehr empfehlen. Berichtigung. In ObronoloZin IVillibcrlüina, Nr. 52 S. 3 A.56 ist zu lesen statt XI (6srm. srwra. III, 34); A. 59 statt Häuschen Herrschen, und A. 61 statt clio üioo. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas