f vr. Sebastian Brunner. Von Franz Vogt. (Schluß.) Undank ist der Welt Lohn und Undank erntete Brunner für seine muthige Vertheidigung der Wahrheit von Seiten seiner geistlichen Vorgesetzten, Undank von Seiten der Staatsgewalt, Undank von Seiten der Universität. Mit allen diesen Factoren lebte er in beständigem Conflikte, was hier nur angedeutet sei. Nur ein Mann erkannte Brunners hohe Begabung und seinen Scharfblick, der damalige Lenker der Geschicke Oesterreichs, Fürst Melternich, der ihn wiederholt um seine Ansicht fragte und in dessen Auftrag er eine Reise nach Deutschland und Frankreich machte, um in diesen Ländern die politische Stimmung zu studiren. In der That war Brunner, wie kaum Jemand, befähigt, die Hand an den Puls der Völker zu legen, denn fast auf -das Datum hin sagte er dem Fürsten Metternich den Ausbruch der 48er Revolution vorher. Die auf dieser Reise gewonnenen Eindrücke und Ansichten enthält der Roman „Die Prinzcnschule zu Möpselglück", in dessen letztem Kapitel er den März 1848 drastisch ankündigt. Brunner hat auch unsere heutigen Verhältnisse genau vorhergesagt. Die sociale Frage ist noch selten so präzis und verständig in ihren Grundzügen geschildert worden, wie in Brunners „Liane, Istelcel, kstares, ein letztes Wort an die armen Reichen" (1852): „Ihr wollt ihnen", schreibt er, „das Himmelreich verwehren, sie brechen euer Erdenreich zusammen — ihr hebt auf das Eigenthum des Geistes, die Religion, ihr hebt auf das Eigenthum der Ehre, denn ihr schützt in der Presse Lug und Trug, ihr hebt auf das Eigenthum der Ehe, und da wollt ihr einmal entrüstet euch umdrehen — wenn ihr sehet, was die Proletarier alles von euch profitirt, und staunet, wie gelehrig sie geworden sind — und wollt ausrufen: „bis hieher und nicht weiter, denn heilig ist unser Eigenthum". Stellt euch dem reißenden Strome entgegen und sagt: „bis hieher und nicht weiter", und er wird euch begraben in seinen Wellen. Sagt den lodernden Flammen: „bis hieher und nicht weiter", und sie werden euch verzehren mit ihrer gierigen Zunge. Stellt euch unter den fallenden Quader und ruft: „bis hieher und nicht weiter", und er wird euch zerschmettern unter seiner Wucht — denn Hunger und Durst sind ihre Rosse und mit diesen fahren sie unaufhaltsam hinein in euere Reihe und ihr ruft vergebens: „bis hieher und nicht weiter." — „Und wer", sagt Heinrich Keiter, „einen Blick thun will in die Thron und Altar, Gesetz und Sitte untergrabende Thätigkeit der Nachzügler des jungen Deutschland und der sogenannten Halle'schen Schule, der lese die „Nebeljungen". Die „Nebeljungen" sind nichts anderes, als die Vertreter der atheistischen Philosophie, die alles Bestehende vernichten, die Kirche demoliren, die Fürsten entthronen möchten, ohne zu wissen, wie das neue Reich ewiger Glückseligkeit einzurichten sei. Nur das eine steht fest, daß sie, die Nebeljungen, „dann das Ruder in die Hand bekommen". Gott wird abgesetzt, „Und mit ihm gehen als Leichengcleite die Könige von Gottes Gnaden, Er hat sie zum ewigen stummen Gebet zu sich in die Gruft geladen, Das sei das Ende von unserm Lied, vom Reveille, den wir gesungen, Dann tönt es aus allen Ecken der Welt: eS leben die Nebcljnngen." MWlls. ^ 1894 , Und nun noch kurz eine Beurtheilung Brunners als Schriftsteller. Daß «katholische Literaturwerke Brunner nur selten oder gar keine Anerkennung -ollen, ist begreiflich, denn um dieses Lobes willen hätte Brunner ein anderes Glaubensbekenntnis) haben, hätte von Aufklärung, Hu' manität und Bildung predigen und vor den großen Geistern von Göthe bis Scheffel das Rauchfaß schwinge müssen. Dafür wurde er, wenn auch spät, doch vor seinen Gesinnungsgenossen ganz und voll erkannt unt anerkannt. „Sebastian Brunner ist", sagt sein Biograph Scheicher, „wie kaum ein anderer, ein universeller Schriftsteller. Seine Hauptstürke liegt in der Satire, in der schlagenden, oft geradezu vernichtenden Polemik. Das Dünkelwissen seiner Zeit in seiner ganzen Hohlheit pcrsiflirt er meisterhaft im „Deutschen Hiob" und im „Nebcljungenlied". Das Frankfurter Parlament und die politischen Einheits- und Preußensänger bearbeitet der wackere Oesterreicher weidlich im „Deutschen Ncichs- vieh", als Historiker ist er wohl der gründlichste Schriftsteller über die josefinische Zeit. Jene traurige, unglückliche Zeit und ihren ebenso unglücklichen Urheber schildert uns „Joseph II.", und einen Einblick in die Greuel bei Klosteraufhebungen, in die kleinliche Weise, in welcher die Regierung in kirchliche Angelegenheiten eingrisf, die Charakterlosigkeit der feigen, josefinisch gesinnten Geistlichkeit und eine Menge von höchst interessanten Anekdoten und Thatsachen zur Beurtheilung jener Zeit des josefinischen Zopfes gewähren uns folgende ausgezeichnete Geschichtswerke: „Die Mysterien der Aufklärung in Oesterreich", „Die theologische Dienerschaft am Hofe Josephs II." und „Der Humor in der Diplomatie und Ncgierungskunde des 18. Jahrhunderts", sowie seine „Denkpfennige". Zur Kirchengeschichte lieferte er „Das Leben des Norikerapostels St. Severin" von seinem Schüler Eugippus und „Clemens Maria Hoffbauer und seine Zeit". Der Literarhistoriker Brugier schreibt über ihn: „Vielleicht der einzige echte, jedenfalls beste Satiriker der Periode von 1832 bis jetzt ist der Wiener Prälat Sebastian Brunner. An ihm fanden, die Weltschmerz- und revolutionären Dichter, sowie alle, deren Poesie vom „Pfaffcnthum" und vom „Pfaffenwahn" lebt, ihren ebenbürtigen, ja überlegenen und furchtlos kümpfenden Gegner. Und man darf ihn, was das Genie betrifft, kühn einem Fischart, Mnruer, Borne zur Seite stellen. Schon „Die Welt ein Epos" (1847), der „Deutsche Hieb" (1846) und das „Ncbcljnngenlicd" (1845), die „Keilschriften" (1856) ließen ihn als einen modernen Aristophanes, als einen christlichen Böruc erkennen. Jean Panl'schen Humor entwickelt er in des „Genies Malheur und Glück" (3. Aufl. 1864), „Fremde und Heimath" (3. Aufl. 1864) und „Diogenes von Azzelbrunn". Die Schäden der modernen Pädagogik geißelt er in der „Prinzenschule zu Möpselglück", als geistreichen Beobachter und fleißigen Sammler bekundet er sich in den Reisebildern: „Kennst Du das Land? Heitere Fahrten durch Italien" (1857), „Aus dem Venediger- und Longobardenland" (2. Aufl. 1860), „Unter Lebendigen und Todten", Spaziergänge in Deutschland, Frankreich, England und der Schweiz (2. Aufl. 1863), „Heitere Studien und Kritiken in und über Italien" (1866). Seine mit vielem Humor und Eeistestiefe geschriebene Selbstbiographie aber erschien 18 unter dem Titel: „Woher, Wohin?" Geschichten, Gedanken, Bilder und Leute aus meinem Leben (2. Aufl. 1866, 5 Bände). Nicht zu vergessen ist seine neuere Schrift gegen den „evangelischen Schnüfselbund", in welcher er den bekannten Bundestrompeter Pfarrer Weitbrecht von Mähringen in Württemberg in klassischer Weise vernichtet, und seine „Hau- und Bausteine zu einer Literaturgeschichte der Deutschen rc. rc." (1886, 87 u. 88), in welch letzteren es sich nicht im entferntesten um einen tollen Feldzug gegen das Lesen moderner Klassiker, sondern nur um die Frage handelt: „Kann der Kultus des Genius Religion und Sittlichkeit ersetzen?" was Brunucr mit einem entschiedenen Nein beantwortet. Resümiern wir: Vrunner hat seine Lebensaufgabe nach Talent und Kräften treu erfüllt. Er hat die Kirche gegen die materielle Uebermacht des Staates in Schutz genommen, der antichristlichen Bureaukratie das Visier gelüftet, den Materialismus aller Variationen, wo er ihn angetroffen, besonders aber auf dem Gebiete der Kunst, nach Verdienst gezüchtigt. Natürlich haben ihm die Väter und die Epigonen dieser Geistesrichtung als die Gezüchtigten keine Belobigungen ausgestellt. Dafür hat das Oberhaupt der Kirche, wie es im Stande ist, ihn mit ideellen Belohnungen überschüttet. Das Vaterland jedoch hat ihn — wie so manchen — viel zu wenig beachtet und ist erst durch die Stimme des Auslandes auf ihn aufmerksam geworden. Zu seinem 70. Geburtstag sang Brunner: „Geht über das Diesseits Dein Sinnen und Trachten, Dann kannst Du die Güter der Erde verachten, Nur was Du erstrebst mit Gewissen in Ehren, Wird über die irdische Wanderschaft währen." So wird auch Brunner im Jenseits den Lohn für seine Kämpfe und Leiden erhalten haben; für die Katholiken aber ist es Ehrensache, dem Manne, der so mannhaft und muthig in schwerer Zeit für ihre Rechte und Interessen gestritten, ein treues Gedenken zu bewahren dadurch, daß sie treu und fest zn ihrer Kirche und dem ihr von Gott gesetzten Oberhaupte halten. Aus dem Leben zweier edlen kathol. Frauen. Von Frhr. T. zu W. (Schluss.) II. Ein ganz anderes Bild, als das der Mutter Elisabeth Seton, bietet uns das Leben der Marquise von Barol. Sie war eine Duma" auch in der Gesellschaft. Ihr Salon in Turin war einer der vornehmsten und elegantesten, doch nicht exclusiv, sobald der als Gast dort Eingeführte als Charakter, in seinen Leistungen für Kirche oder Staat, in Wissenschaft und Kunst, als Dichter, Autor oder Philanthrop sich dieser Ehre würdig erzeigte. Zwei Könige, die königlichen Prinzen und Prinzessinnen besuchen die Marquise, die mit zwei Königinnen in freundlichstem Briefwechsel stand. In ihrem Salon trifft man den Minister Cavour. Die Marquise war nicht eines Sinnes weder mit den religiösen noch mit den politischen Ansichten dieses immerhin genialen Staatsmannes, und sagte ihm ihre Ansicht unverhohlen, natürlich in der vornehmen Art, die eine an Geist wie an Gesinnung wirkliche „^ranäs vamo" einem Manne gegenüber anwenden wird, dessen Talent, aber nicht dessen Handlungen sie alle Anerkennung zollt. Sie war strenggläubige Katholikin, die dem Statthalter Christi auf Erden die seiner hohen Stellung und seinen persönlichen Eigenschaften gebührende Verehrung zollt. Ihr Freund, GrafMelun, sagt von ihr: „Sse besaß jene Universalität des katholischen Genies, welche in ihrer Liebe und Sorgfalt Alles umfaßt. Juliette von Colbert de Maulövrier, später Marquise Faleti de Barol, erblickte 1785 in einem Schlosse der Vendöe das Licht der Welt. Der bekannte Finanzminister Colbert unter Ludwig XIV. war ihr Ahnherr. In früherer Zeit, zum Theil vielleicht noch heute, hielt es der Adel der Vendäe für eine Ehrensache, dem Altar und dem Thron zu dienen. In der That beweist die Geschichte bis in die Neuzeit, daß, wenn der katholischen Kirche eine Gefahr drohte, oder wenn ein legitimer Thron von Seite einer Revolution genöthigt war, an seine Getreuen zu appelliren, die Edelleute der Vendäe herbeiströmten und ihr Blut für Altar und Thron floß. Die Marqnise war eine echte Tochter ihrer Heimath. Sie verband mit dieser, mit der Muttermilch Angesogenen Treue für die legitime Sache eine Thatkraft und Energie, ohne welche sie nicht das erstrebte Ziel hätte erreichen können. Dieses Ziel und wie sie es erreichte zu zeigen, ist der Zweck dieses Aufsatzes. Neun Jahre alt, verlor Juliette von Colbert ihre Mutter. Fast zu gleicher Zeit bestiegen ihre Großmutter, ihre Taute und mehrere ihrer nahen Verwandten das Schafott, dessen Opfer so viele Edlen wurden. Auch ihr Vater und sie selbst wären der Guillotine nicht entgangen, hätten ihnen nicht einige anhängliche Bauern zur Flucht verholfen. Wie viele Emigrirte, mußte auch sie ihren Aufenthalt in Deutschland, Holland oder der Schweiz nehmen. Sie lernte jung mehrere Sprachen, und ihr Gesichtskreis, ihre Menschenbeobachtungsgabe erweiterte sich und reifte viel mehr, als es ein Aufenthalt im väterlichen Schloß hätte bewerkstelligen können. Napoleon gestattete auch ihrer Familie die Rückkehr nach Frankreich. Im Alter von 22 Jahren vermählte sich Juliette von Colbert mit einem reichen piemontesischen Edelmann, dem Marquis von Barol. Turin wurde als ständiger Aufenthalt der Neuvermählten gewählt. Durch die politischen Ereignisse vermögenslos geworden, hatte die Marquise an sich selbst, wenn auch nicht das Elend, doch den Mangel an Geldmitteln empfunden. Sie hatte viel fremdes Elend gesehen, und ihr edles, theilnehmendes Herz drohte zu brechen, dieses Elend nicht, wie sie es wünschte, erleichtern zu können. Sie bat gleich am Hochzeitstage den Marquis, die zu einer Hochzeitsreise bestimmte Summe lieber zu Werken der Wohlthätigkeit zu verwenden. Darüber befragt, antwortete sie: „Der Gang zu Armen und Unglücklichen ist meine schönste Hochzeitsreise." Im Jahre 1814 begegnete der Marquise ein Priester der zn einem Sterbenden das hl. Viaticum trug. Eine Schaar Andächtiger folgte. Eben, als sie niederkniete, hörte sie eine kreischende Stimme: „Ich bedarf nicht der heiligen Wegzehrung, wohl aber Suppe!" Ueber diese Aeußerung entrüstet, blickte die Marquise nach jener Stelle hin, woher die Stimme kam. Es war ein Gefängniß, an dessen eisenvergitterten Fenstern die Köpfe einiger Weiber ansichtig wurden. Ihr Entschluß stand fest. Ob ihr wohl das Leben einer edlen Quäkerin in England, der Elisabeth Fry, welche sich eine ähnliche Lebensaufgabe gestellt hatte, den Aermsten der Armen Trost zu bringen, bekannt war? Mit Leichtigkeit erhielt die angesehene Dame von den autoristrten Behörden die Erlaubniß, die Gefangenhäuser zn besuchen. Eine Stiege hoch war die Abtheilung für die weiblichen Gefangenen. Kaum daß ein Lichtstrahl in diesen Raum fiel. Laster und Elend der Insassen verliehen den Gesichtern derselben einen düsteren, unheimlichen Ausdruck, zu dem noch bei einigen der blinden Hasses und der größten Verzweiflung kam. Einen solchen Anblick hatte die edle Marquise nicht erwartet. Der empfangene Eindruck war ein so großer, daß sie erkrankte. Ihr Entschluß, eine Reform des Gefängnißwesens in Piemont durchzusetzen, wurde nur um so fester, und sie verhehlte dies ihrer Umgebung nicht. Tadel darüber, daß eine junge, der besten Gesellschaftsklasse angehörende Dame ein so vergebliches, zweckloses, gefährliches Werk unternehme, fehlte selbstverständlich nicht. „Wie", hieß es, „eine so schwache Frau will sich dem Laster aller Grade, dem Verbrecherthnm entgegenstellen? Sie will herniedersteigen in den Koth des socialen Elendes?" Marquise von Barol glaubte fest an ihre Mission. Sie wollte ihr Möglichstes thun, die armen Seelen der Verbrecher zu retten. Ein weiterer Besuch, den die Marquise in der Anstalt machte, bot ein eigenthümliches Bild. Da stand die vornehme Dame, umgeben von meistens nur in Lumpen gekleideten Weibern, von denen — wie schon erwähnt — viele schon eine lange Verbrecherlaufbahn hinter sich hatten, andere, jüngere, erst an deren Schwelle standen. Mit einem richtigen Gefühl erkannten die meisten, alle nicht, daß ihnen ein rettender Engel in Menschengestalt wohl wollte. Kein tadelndes Wort kam anfänglich über ihre Lippen, wohl aber der Theilnahme. Als die Marquise aber zn ihnen sprach, sie sollten die ihnen auferlegte, wohl auch verdiente Strafe annehmen, da entstand unter einem Theil dieser Weiber ein wüster Lärm. „Das ist wieder eine, die uns nur predigt, anstatt zu helfen!" Sie sangen obscöne Lieder, spotteten sie aus. „Ich will eure Gesänge nicht stören", sagte die Marquise ruhig. „Ich sehe, daß ihr in einem Zustande seid, wo ihr keiner Unterhaltung bedürft. Ich hoffe, ihr werdet zn einer besseren Einsicht über den Zweck meines Besuches kommen." Das wirkte. Die Gesänge und der Lärm verstummten, und beschämt blickten die Weiber ihre Wohlthäterin an, die Wäsche und Kleider unter sie austheilen ließ. Damals wurde kein regelmäßiger Gottesdienst in den Gefangenanstalten abgehalten, keinem Priester lag deren Seclsorge ob. Auch da brachte die Marquise Abhilfe, in der richtigen Voraussetzung, daß ohne die Mitwirkung der Kirche keine sittliche Besserung stattfinden könne. Einen von allen Fenstern sichtbaren Raum ließ sie als einfache Kapelle herstellen und mit einem transportablen Altar versehen, an dem alle Sonn- und Festtage ein von ihr besoldeter Priester das heilige Meßopfer darbrachte. Schon bald nachher ließ sich die gute Wirkung dieses regelmäßigen Gottesdienstes, mit dem wohl auch der Zuspruch des Geistlichen verbunden war, erkennen. Eines Tages überfiel ein Weib, welchem es gelungen war, sich heimlich eine Flasche Branntwein zu verschaffen, den ihr die Marquise hatte fortnehmen lassen, dieselbe, spie ihr ins Gesicht, versetzte ihr einen Faustschlag, so daß sie nur mit Hilfe der andern gefangenen Weiber weiteren Mißhandlungen des Weibes entging. „Wir müssen für sie einige Vaterunser und den Gruß des Engels beten." Diese in Ruhe gesprochenen Worte machten auf die anderen Weiber einen solchen Eindruck, daß sie alle mit der Marquise auf die Kniee fielen und ihr die vorgesagten Worte nachbeteten. Das Geheimniß der Marquise, auf diese entarteten Geschöpfe Einfluß zn gewinnen, bestand darin, ihnen anfänglich keine Vorwürfe zn machen, sondern soviel als möglich aus ihrem vergangenen Leben Einzelnes zu erfahren. Fast immer fand sich ein Punkt, den erfassend, sie ihr Vertrauen erwerben konnte. Es waren darunter Mütter, die von ihren Kindern getrennt waren. Die Marquise versprach, sich derselben anzunehmen, brachte ihnen dann Nachricht. Von einem recht unzugänglichen Weibe erfuhr sie, daß dasselbe die Blumen liebe. Beim nächsten Besuch brachte sie ihm zwei Blumentöpfe. Damit gewann sie das Vertrauen des Weibes, das sich besserte und nach seiner Entlassung ein Leben anfing, das Niemandem Anlaß zu Klagen gab. Natürlich ließ es die Marquise nicht dabei bewenden, die Gefangenen während ihrer Strafhaft aufzusuchen. Sie war eine viel zu kluge, weiterfahrene Frau, um nicht zu verstehen, daß es nicht genügt, an die zu bessernden Menschen blos Ermahnungen zu richten, sie gleichsam anzupredigen. Es müssen ihnen nach Ueber- stehuug der Strafe auch die zu gehenden Wege gezeigt und geebnet werden. So gründete sie einen Verein, den sie unter das Patronat der großen Büßerin, der hl. Magdalena, stellte. Die Marquise besaß einen sehr energischen Charakter und kannte keine Hindernisse. Ihr Erfolg war meist das Einzige, mit dem sie die anfänglichen Gegner verstummen machte. Ihre kinderlos gebliebene Ehe war eine glückliche. Sie fand an ihrem Mann einen Helfer für ihr Streben. Er starb im Jahre 1638 und setzte seine Frau zur Erbin seines bedeutenden Vermögens ein, sie hiemit in den Stand setzend, das Angefangene mit großen Mitteln ihrem Wunsche entsprechend fortzusetzen. Unter den Gehilfen, die der Marquise an die Hand gingen, ist in erster Reihe der edle Silvio Pelico, Verfasser des in alle europäischen Sprachen übersetzten Buches: Nis kri§iovi, zu nennen. Es ist bekannt, daß Pelico, politischer Umtriebe wegen, viele Jahre als Staatsgefangener auf der Festung Spielbein bei Brünn zubringen mußte. Die Strafe war eine strenge, dennoch ließ sie in der edlen Seele des Mannes keinen Groll zurück. Es ist begreiflich, daß die Marquise glücklich war, diesen Mann, der selbst viel gelitten hatte und ein liebevolles Herz besaß, für ihre Unternehmungen gewinnen zu können. Gegen eine kleine Entschädigung, die dem mittellosen Manne nur ein bescheidenes Leben zu führen gestattete, übernahm er die Stelle ihres „Ministers", wie beide oft scherzend sagten. Wir sahen bisher die Marquise nur als wohlthätige Dame, in „schlechter Gesellschaft". Das wäre nur eine Seite ihres edlen Charakters. 20 Sie war auch Weltdame im besten Sinne des Wortes. Ich erwähnte gleich am Anfang, ihr Salon in Turin fei einer der vornehmsten gewesen. Aus der liebenswürdigen Art und Weise, mit der sie ihre Gäste empfing, konnten Fremde nicht ahnen, daß diese „Oa-anäs vains" kurz vorher die Hütten der Armuth aufgesucht oder in einem Gefängniß den Insassen desselben mit Ermahnungen und Hilfeleistungen beigestanden hatte. Ich habe schon erwähnt, daß König Karl Albert und sein Nachfolger Victor Emanuel Gäste der Marquise waren, daß sie mit den Königinnen von Piemont und von Neapel einen regelmäßigen Briefwechsel führte. Die Minister, die Diplomaten, die hohen Staatsbeamten besuchten die Marquise, und da sie ohne das Wohlwollen, ja die directe Unterstützung derselben keine so großen Erfolge gehabt hätte, ist wohl anzunehmen, sie habe ihre Stellung als liebenswürdige Hausfrau dazu benutzt, denselben ihre Pläne zu erklären und deren Interesse dafür wachzurufen. Auch Prinzessin Clotilde, Wittwe des Prinzen Napoleon, eine eines besseren Schicksals würdige Frau, verehrte sie. Von bedeutenden Fremden, die es sich zur Ehre rechneten, bei ihr eingeführt zu werden, bezeichnet ihr Biograph die Franzosen Lamartine, de Maistre, Barante, die Genfer de la Nive, Pictet, mehrere nicht näher genannte Kirchenfürsten. Die Ereignisse des Jahres 1848 betrübten sie tief. Als überzeugte katholische Christin, nicht weniger als Vendöerin, haßte sie die Revolution und machte von ihrer Anschauung auch den Mächtigen gegenüber kein Hehl, von denen sie sehr gut wußte, daß sie gegcn- theiliger Meinung waren. Stimmten diese auch der Marquise nicht zu, ihre Hochachtung konnten sie ihr nicht versagen. Dagegen wurde sie von einigen ihrer politischen Gegner auf's gemeinste verleumdet. Sie erhielt schändliche Drohbriefe; man beschuldigte sie, mit Gewalt Kinder haben entfuhren zu lassen, um das von ihr gestiftete Waisenhaus zu füllen. Sie erhielt Drohbriefe, man werde Feuer an ihr Haus legen u. s. w. Auch diesen Schändlichkeiten setzte die Marquise nur die vornehme kalte Ruhe eines guten Gewissens entgegen. Ihre Freunde, deren sie in allen Ländern hatte, baten sie, Turin zu verlassen. Sie verweigerte es standhaft. „Wie kann ich jetzt in der Stunde der Gefahr meine Waisenkinder und meine Armen verlassen?" schrieb sie. „Jetzt erst brauchen diese vielleicht meine Hilfe oder Rath. Weil mir der Eintritt inrdie Gefängnisse untersagt ist, muß ich doppelt eifrig arbeiten, zu verhindern, daß Andere hineinkommen." Das Resultat der politischen Umwälzungen war für Marquise von Barol kein anderes, als sie milder in ihrem oft scharfen Urtheile gegen andere Ansichten zu stimmen. In ihrem Salon wurden alle wichtigen Fragen besprochen, ob sie auf Politik, Literatur, Kunst, Philanthropie Bezug hatten oder einem ihrer Werke galten. Cavour soll in ihrem Salon zuerst vor Mehreren seine Plane entwickelt haben und die Marquise war seine heftigste Opponentin. Auch zunehmendes Alter und damit erschütterte Gesundheit brachen ihren Muth nicht. Tagelang auf einem Ruhebett liegend, nahm sie den lebhaftesten Antheil an allen edlen Bestrebungen. Liegend empfing sie Besuche, sowohl von Berichterstattern als Hilfesuchenden. Im Alter von 78 Jahren unternahm sie ihr letztes großes Werk, dessen Ende sie freilich nicht mehr erlebte, den Ban der schönen großen Kirche in der Türmer Vorstadt Varchiglia. Ruhig und gottergeben starb die edle Marquise am 21. Januar 1864. Ihr mit merkwürdiger Voraussicht und Pünktlichkeit verfaßtes Testament sicherte allen ihren Stiftungen die zum Fortbestehen erforderlichen Geldmittel. Das leitende Comite der Oxera, xia, Larolrr hat feinen Sitz in ihrem Palais. In Dankbarkeit und Liebe verbleibt ihr Andenken! Religiöse und historische Kunst. I. 1?. Der Stand der Künstler (wenn man noch von einem solchen reden darf!) scheint immer mehr dem Schicksale anderer angesehener Stände anheimfallen zu sollen. Während aus dem flachen Lande die brod- erzeugenden Kräfte immer mehr abnehmen, weil der bisherige Getreidebau dem Bauern keine Rente mehr abwirft und die Zahl der Dienstboten von Jahr zu Jahr mehr beschränkt werden muß, überfüllen sich in den Städten nicht nur die arbeitenden Klassen, sondern ver- hältnißmäßig noch mehr die gebildeten Kreise der Juristen, Beamten, Aerzte, Lehrer, Kaufleute und nicht am wenigsten in letzter Zeit die der Künstler. Während aber bei den andern Ständen der Zutritt durch immer größere Anforderungen zu erschweren gesucht wird, ist das Feld künstlerischer Thätigkeit vollständig freigelegt. Ja der Andrang und Zutritt zum Künstlerthum wird vielfach noch von Regierungen und Magistraten — nicht am wenigsten durch die vielen Akademien und Kunstschulen — angeregt und erleichtert. Diese Anstalten sollen doch natürlich nicht leer stehen. Je mehr Schüler, desto besser und ruhmreicher steht es um die Anstalt. Haben wir doch hiezu in den sich überstürzenden Ausstellungen in München schon den rechten Pendant, indem auch hier sich immer mehr die Parole geltend macht: „Je mehr Bilder, desto besser!" Ob die meisten dieser ausgestellten „Kunstwerke" nichtsnutziges Zeug sind, das kümmert die Macher nicht. Hiedurch kommt es, daß das Künstlerproletariat von Jahr zu Jahr zunimmt. Es kommen ja leider nicht bloß berufene Talente. In noch viel größerer Anzahl drängen sich wohl die mittelmäßigen Kräfte, Unfähige und Unberufene herbei, um dem wahren Künstler das Feld streitig und das Leben sauer zu machen. Aber nicht nur mit den einheimischen überzähligen Kollegen hat der deutsche, speciell Münchener Künstler um Verdienst und um das tägliche Brod zu ringen, fast noch mehr wird ihm bereits von den fremden, ausländischen Standesgenossen im eigenen Lande Concurrenz gemacht. Am meisten geschieht letzteres wohl durch die bereits alljährlich sich wiederholenden internationalen Kunstausstellungen mit ihren Verkäufen und Prümiirungen meistens fremder Werke. Hiedurch wird den Ausländern zum Nachtheile der Einheimischen der Kunstmarkt mit einer uns unbegreiflichen Noblesse präparirt, ähnlich wie man zum Ruine des deutschen Bauernstandes durch die selbstmörderischen Begünstigungen des ausländischen Getreides den einheimischen Markt verdirbt. Das meiste Geld, was der Staat und Private für die „Kunst" ausgeben, wird für solchen Kunstsport verschwendet, wie er sich in diesen ewigen Ausstellungen und den theuren Ankäufen berühmter oder berühmt gemachter Namen für Gallerten 21 und Salons, wo vielleicht das eine oder andere Mal ein verständnißvoller Kunstfreund einen flüchtigen Blick darauf wirft, offenbart. Die wahre deutsche, echt nationale und monumentale Kunst wird immer stiefmütterlicher behandelt und ihr Verständniß ist dem Volke ziemlich allgemein abhanden gekommen. Was nun aber das Künstlerproletariat betrifft, so dürfte dasselbe bei keinem Genre so zahlreich vertreten sein, als dem religiös-kirchlichen. Ueberall, in Stadt und Land, sieht man die sogenannten christlichen Künstler sich ausbreiten, sich zur Ausübung ihrer Kunst für befähigt und berechtigt erklärend mit dem thatsächlichen Erfolge, daß sie — wohl meist wegen der Billigkeit ihrer Kunstwaare und -Leistungen — dem durch- und ausgebildeten Künstler vorgezogen werden. DaS ist aber ein um so größeres Unrecht, wenn es sich um wichtigere Aufträge und bedeutendere Aufgaben handelt und die Bestellung solch kirchlicher Werke von kirchlichen oder weltlichen Behörden ausgeht. Da sich aber jedes Unrecht rächt, so sollte es vor allem da, wo es sich um die höchsten Interessen, die der hl. Religion und Kirche, handelt, sorgfältigst vermieden werden. Denn die so häufig anzutreffende, höchst elende oder geschmacklose, bäurisch-handwerksmäßige, unästhetische und abstoßende Ausstattung der Gotteshäuser und der kirchlich-liturgischen Dinge ist gewiß kein Zeichen der Blüthe der Religion und gereicht ihren Dienern und Bekenuern keineswegs zur Ehre und Empfehlung. Nur der fähige und zugleich mit innerer Ueberzeugung schaffende, also der wahrhaft berufene Künstler hat das Recht, die künstlerisch zu gestaltenden Gegenstände des kirchlichen Cultus und die zwischen dem Himmel und der Erde auf dem Boden der Kirche vermittelnden hl. Symbole herzustellen. Wir wollen den Begriff „Künstler" aber nicht auf den reinen Akademiker beschränken. Sonst müßte mancher in unsern Gallerten bewunderte Altmeister aus der Liste gestrichen werden. Denn Technik und Naturwahrheit sind nicht die wesentlichsten Merkmale der Kunst und darum auch nicht die alleiwichtigsten Kriterien eines bedeutenden Kunstwerkes, obwohl sie zur Vollendung desselben unentbehrlich sind. Künstler ist in unsern Augen jeder, welcher eine schöne Idee oder Empfindung bis zu einem entsprechenden oder ansprechenden bildlichen Ausdruck darzustellen vermag. Je adäquater dieser Ausdruck mit der Idee, oder je vollkommener oder schöner das Bild nach allen Beziehungen ist, einen desto höhern Rang nimmt natürlich das Kunstwerk ein. Also nur dem wahren berufenen Künstler kann man das Recht auf das kirchliche und religiöse Kunstwerk zusprechen und zwar in Folge seines innern Berufes, den ihm Gott selbst gegeben hat. Es muß ihn kränken, beleidigen und schließlich irre machen an seinem Berufe, wenn man ihm den offenbar Unberufenen wiederholt vorzieht. „Der Künstler", sagte mit Recht Pros. Schnürer auf der ersten Generalversammlung der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst, „der lein Verständniß findet, muß die schönste Idee in sich verschließen, wenn er sich nicht etwa in einem Anfall von Verzweiflung herbeiläßt, die Idee ganz über Bord zu werfen." Doch wo sind diese berufenen christlichen Künstler? Wer gibt uns zuverlässige Kunde von ihnen? — Ja an der letzter« hat es eben bis dato durchaus gefehlt, — die Vertreter der modernen weltlichen und realistischen Knust verstehen das Geschäft nur zu sehr, durch eine Reihe meist brillant ausgestatteter Zeitschriften und Journale sowie Zeitungskritiken ihre Interessen mit Nachdruck und Erfolg zu fördern. Auch die Protestanten bemühen sich vielfach mit anerkennenswerthen Resultaten, durch Landesvereine mit eigenen Organen, Generalversammlungen und autoritativen Comitös kirchliche Kunst und Künstler zu fördern. Die Katholiken dagegen haben kein einziges Organ, das sie in objectiver und zuverlässiger Weise über die gegenwärtige Thätigkeit auf dem christlichen Kunstgebiete auf dem Laufenden erhält, eine verständnißvolle Sichtung über die neuesten Leistungen vornimmt und über die bessern und leistungsfähigen Künstler verbürgte Kunde gibt. Die paar bekannten Größen auf dem vorwürfigen Gebiete, die durch Glück und Genie sich einen berühmten Namen gemacht haben, kann man nicht überall herbeiziehen. Sie sind für die gewöhnlichen Verhältnisse zu theuer, oder, wenn noch aktiv, schon übermäßig in Anspruch genommen. Soll in die christliche Kunstthätigkeit neues, aufblühendes Leben kommen, so müssen auch die jüngern, strebsamen, mit frischer Begeisterung ausgestatteten Talente herbeigezogen und ihnen Gelegenheit zum Schaffen und Bilden für die Kirche und das christliche Haus geboten werden. Sonst werden diese, gerade die Bessern und Besten, von der ihnen freilich entsprechendsten Thätigkeit sich zurückziehen und mit den Realisten und Sensualisten der profanen Kunst zu dienen gezwungen sein, so daß uns außer ein paar Bevorzugten nur das Gros des gewöhnlichsten Küustlerproletariats zurückbleibt. Dem oben gekennzeichneten Mangel eines für das Gedeihen und die Fortentwicklung der christlichen Kunst nothwendigen Vermittlungsorganes zwischen den beiden Hauptinteressengruppen abzuhelfen, das ist der vornehmste Zweck und das Hauptziel der neuen in diesem Jahre entstandenen Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. Sie will einmal die christlichen Künstler mehr unter sich selbst einigen und diese sodann mit dem kunstliebenden und knustbedürftigen christlichen Volke zur gegenseitigen Förderung der christlichen Kunstinteressen in nähern Contakt bringen. Dieses Ziel sucht sie zunächst, bis ihr größere Mittel zur Verfügung stehen, durch halbjährige Herausgabe einer Foliomappe mit Nachbildungen neuerer Werke ihrer Mitglieder nebst erläuterndem Text zu erstreben. Die erste vor Kurzem erschienene Mappe mit 12 Foliotafeln phototypischer Bilder dürfte wohl für die meisten ein über Erwarten günstiges erstes Resultat des thatkräftigen Voranschreitens der jungen Vereinigung ausweisen. Es wäre daher dringend zu wünschen, daß dieses so zeitgemäße Bestreben die allgemeinste Betheiligung fände, damit zunächst und vor allem die Jahrcs- mappe des Vereins durch eine möglichst umfangreiche und erschöpfende bildliche Vorführung der neu entstandenen christlichen Kunstwerke und durch brillante Ausstattung ihrem Ideale immer mehr entgegengeführt werden könne. Vorläufig möge es aber gestattet sein, in diesen Blättern, den Bestrebungen jener Gesellschaft, welche sie mit ihrer Mappe verfolgt, secundirend, durch Besprechungen von neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der religiös-kirchlichen und historischen Kunst den Interessen der Kunst sowie der Künstler zu dienen. Um diesen Zweck zu erreichen, bleibt nichts anderes übrig, als die Künstler in ihrem eigenen Heim, in ihren Ateliers und Werkstätten aufzusuchen und sich nach ihrem Bilden und Malen umzusehen. Denn das Meiste, was 22 dort, und zwar besonders in christlicher Kunst, geschaffen wird, kommt vor der Absenkung nicht erst in die öffentlichen Ausstellungen, obgleich es oft bei weitem mehr als manche der ausgestellten Sachen hiefür geeignet wäre. Wir thun das um so lieber, als wir aus Erfahrung wissen, daß es einem strebsamen und begeisterten Künstler nur angenehm ist, wenn ein kunstsreudiger Mensch sich hie und da nach seiner Schaffensthätigkeit umsieht, um an den Freuden und Leiden, die ihm dasselbe bereitet, in etwas theilzunehmen. (Schluß folgt.) Wissen und Glauben. O. R. Der unvergeßliche Joh. Friedrich Böhmer schreibt am 26. April 1863 an Marie Görres: „Man müßte eigentlich neue Reden über Theologie und Kirche an die Gebildeten unter ihren Verächtern haben, wie einst Schleiermacher herausgab. . . . Aber ich besorge, daß ein wohlgesinnter Moderner (wie wir doch nun einmal sind) sich dadurch eher seine Freunde zu Feinden machen, als die Feinde gewinnen würde" (Briefe, herausg. v. Janssen, II, S. 410). Wie man immer über die von Böhmer hier ausgesprochene Befürchtung denken mag, sicherlich Hütte dieser unbefangene Forscher in dem kürzlich erschienenen Buch: „Wissen und Glauben." Oeffentliche Vortrüge von I>r. C. Güttler (München, C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1893, 214 S., 8°) wenigstens einen Theil seines Wunsches erfüllt gesehen und es darum mit Freude begrüßt. In 16 (an der Münchener Universität gehaltenen) Vorlesungen behandelt der Verfasser Themata, deren Wichtigkeit und Zeitgemäß- heit jedem Gebildeten unmittelbar einleuchten. Ueber seinen persönlichen Standpunkt (irenische Vermittlung zwischen selbstständigem Denken und lichtem, nicht blindem Glauben) orientirt uns Dr. G. vorzugsweise in der ersten (Glauben und Wissen in der Geschichte) und in der letzten Vorlesung (Die Bedeutung der Philosophie und ihre Stellung zum religiösen Glauben). Die vierte Vorlesung ist dem Ursprung und Wesen der Religion (vgl. Schleiermachers Zweite Rede: Ueber das Wesen der Religion), drei folgende der Gottesidee (historisch, kritisch, kritisch-dogmatisch) gewidmet. Von den übrigen heben wir noch hervor: Die Einheit und Entwickelung des Kosmos, die Entstehung der Arten und die Formen des Darwinismus, die menschliche Wahlsreiheit, die Unsterblichkeitsidee. Während der Verfasser in naturwissenschaftlichen Dingen sich überall auf solche Autoren stützt, die in ihrem Fache als Autoritäten gelten, nimmt er in rein philosophischen Fragen selbstverständlich das Recht in Anspruch, ein eigenes Wort mitzusprechen. Den gebildeten Leser wird, ganz abgesehen von der frischen, lebendigen Darstellung*), die bescheidene Zurückhaltung angenehm berühren, welche G. gegenüber den schwierigsten Problemen sich auferlegt. Während ein Naturforscher ersten Ranges (Julius Robert Mayer, Mechanik der Wärme, 1874, S. 318; bei Güttler S. 106) deu merkwürdigen Ausspruch thut: „Eine richtige Philosophie kann und darf nichts anderes sein, als eine Propädeutik für die christliche Religion" (vgl. damit Geibcl's Wort: „Das ist das Ende der Philosophie, zu wissen, daß wir glauben müssen"), begnügt sich Dr. G. zunächst mit dem — ihm wohlgelungenen — Nachweise, daß *) ES muß ein Genuß gewesen sein, diese Vortrüge zu hören. weder die Natur- noch die Geisteswissenschaften an sich zum Unglauben führen oder die Thüre zum (christlichen) Glauben versperren. „Widerspricht die Lehre von einer allmähligen Entwickelung des Weltalls etwa der Inspiration der kanonischen Schriften ? Wenn wir die Bedeutung der Inspiration auf die unverfälschte Ueber- mittelung religiöser Wahrheiten beschränken und die naturwissenschaftlichen Probleme davon ausuehmen, so kann die Antwort keine zweifelhafte sein. Kosmogonie und Geogonie sind Erkenntnißsphären der forschenden Menschenwclt, nicht Objecte übernatürlicher Offenbarung. Die Bibel redet von einem Schöpfungswerk nicht in der exacten Form der Wissenschaft, sondern in der religiösen Sprache der GoiteSwoche. . . . Kein Theologe, weder ein katholischer noch ein protestantischer, hat sich auS dogmatischen Gründen gegen die kosmologische Entwickelungslehre erklärt" (S. 107 f.). Güttler hätte sich hier auch auf das schöne Buch von ?. Karl Braun 8. ä., Ueber KoSmogonie vorn Standpunkt christlicher Wissenschaft (Münster. 1889), berufen können, worin u. a. der „Atheismus" Laplaces auf ein Mißverständnis; seiner bekannten Aeußerung „8irs, ss n'avaig xas Usovin äs sstts ll^potüsss", zurückgeführt uud gezeigt wird, daß der berühmte Astronom durch eine verbesserte kosmogonische Theorie und durch Vervollkommnung der Analysis das noch von Newton postulirte wunderbare Eingreifen des Schöpfers in die Bewegung der Planeten entbehrlich gemacht habe (S. 282 f.). Wie einfach wäre in manchen Fällen die Verständigung zwischen Wissen und Glauben, wenn einerseits die Naturforscher die Grenzen ihrer eigenen und das Gebiet der Geisteswissenschaften respectiren und andrerseits die Theologen auch in spcculativen und historischen Fragen so unbefangen, im besten Sinne „modern" sein wollten, wie es z. B. die heutigen Jesuiten in Hinsicht auf Naturforschung sind! Allen, die sich für das Verhältniß zwischen Wissen und Glauben interes- siren — und welchem Gebildeten könnte dieses Interesse fern liegen? — seien die lehrreichen, zu weiterem Nachdenken höchst anregenden Vortrüge vr. Güttlers auf's wärmste empfohlen. Das große Apostolische Vikarmt der Mandschurei. ^.6. Das Apostolische Vikariat der Mandschurei umfaßt ein Gebiet von mehr als 1,765,000 Quadratkilometer; es ist somit etwa so groß, wie das Deutsche Reich, Oesterreich und Frankreich zusammen, und gehört wohl zu den größten Apostolischen Vikariaten der ganzen Welt. Es ist wohl auch das beschwerlichste, wenn wir von dem „hohen Norden" Amerika's absehen. Dieses riesige Missionsfcld faßt in sich: die starkbevölkerte chinesische Provinz von Leao-tong — an Petscheli angrenzend — die beiden Mandschu- provinzen Ghirin und Tsi-tsi-kar und die russischen Provinzen Amur und Primorskaia. Von den vielen Bergketten dieses Landes ist der Haupizug der Tai- pai-chan — d. h. der „Weiße Berg" — eigentlich Weißes Gebirg — dessen mit Schnee bedeckte Kalkstein- felsen bis zu einer Höhe von 3000 Meter aufragen. Zwischen den Bergreihen erstrecken sich unabsehbare Ebenen, die im Westen und Nordwesten durch wildes Steppenland — im Osten durch einen undurchdringlichen, herrlichen Urwald ihren Charakter erhalten. Ueberreich ist das Land an Pelzwild, Panthern, 23 Tigern, Bären u. s. w., an Metallen und werthvollen Hölzern. Das Klima ist, besonders in der nördlichen Hälfte, sehr rauh und der nordasiatische Frosthauch läßt das Thermometer im Winter (vom Oktober bis in den März hinein!) bis auf 45° R. sinken, während es im Sommer bis auf 40, ja 45° steigen kann. Die Gesammteinwohnerzahl soll nicht mehr als zwölf Millionen betragen. Die Hauptmasse der Bevölkerung befindet sich im Südtheile des Landes. Die Mandschurei zeigt ein buntes Völkergewirr: Mandschn, Tungusen, Mongolen, Chinesen, Khalkhas, Ghilaks, Solons und verschiedene Mischrasfen aus diesen Stämmen und Völkern. Die Mandschu-Provinzen und die Provinz Leao- tong haben ihre eigene, getrennte Verwaltung. Die Mongolen stehen unter 48 mongolischen Tributär- königen und die wilden Horden — Nomaden — haben ihre Häuptlinge. Was die Religion betrifft, so bekennen sich die Chinesen zu einem Gemisch von Konfutse-Buddhismus; die Mandschu und Tungusen fröhnen dem unheimlichen Geisterglauben der „Schamanen"; manche bekennen sich zum Islam. Die Anfänge des katholischen Missionswerkes reichen zurück bis zur alten Jesuitenmission. Die neue Missionsthätigkeit begann im Jahre 1840 mit der Errichtung eines Apostolischen Vikariats der Mandschurei — unter Leitung des Pariser Missions-Seminars. Das Centrum der Missionsthätigkeit ist die Provinz Leao-tong (im Südtheile), wo in deren wichtigster Hafenstadt Jng-tse (Jng-tze) der Apostolische Vikar seinen Sitz hat. Die Eroberungen der Nüssen und ihre Nähe haben den Fortschritt der Mission sehr gehemmt und den Frcmdenhaß wiederholt auch gegen die Missionäre heraufbeschworen. Nur langsam dringt das Evangelium in dem ungeheuren Gebiete vor. Gegenwärtig zählt die Misston 14,000 Katholiken, welche sich auf 151 Gemeinden in 41 Distrikten vertheilen. Der europäischen Missionäre sind es 27, der eingebornen Priester 7. Es bestehen 2 Priesterseminare „wegen der Größe des Landes und der Reisekosten". Das eine Seminar ist im Südtheile mit 30 Alumnen, das andere im Nordtheile mit 12 Alumnen. Die Misston hat ferner 88 Schulen, 16 Waisenhäuser, 2 Spitäler, eine Landbau-Schule mit 250 Zöglingen u. s. w. „Die kathol. Missionen" veröffentlichen soeben in ihrem Dezemberheft 1893 einen Brief des Apostolischen Vicars Msgr. Guillon (vom 3. Mai 1893), worin der hochwürdigste Herr über eine viermonatliche Missionsreise berichtet, die vom 1. Dezember 1892 bis 1. April 1893 dauerte, einen Weg von zweitausend Kilometer umfaßt und ungemein flrapazenreich war. Hiebci besuchte er zum ersten Male die beiden Nordproviuzen. Diese Rundreise geschah mitten im Winter, wo die Kälte „so furchtbar empfindlich werden kann". Doch hatte der Apostolische Vikar das Glück, über 700 Ncophyten das Sakrament der Firmung zu spenden, zwei neue Kirchen einzuweihen und einen neuen Missionsdistrikt zu gründen, dem er den Namen „Stern des Erlösers" gab, zur „Erinnerung an das schöne Weihuachtsfest", das der hochwürdigste Herr unter 400 Neophhten verlebte; dieselben hatten noch nie ihren Bischof gesehen, noch je der Feier einer hl. Christmette beigewohnt. Zu der obigen Zahl der Katholiken sind nach dem Schreiben des A. Vicars noch 2500 Katechumenen zu rechnen. In seinen zwei Seminarien hat Msgr. Guillon zwei Einheimische zu Priestern geweiht, zweien die Diakonatsweihe und I fünfen die Tonsur ertheilt. — Eine peinliche Klage spricht aus dem Schlüsse deS bischöflichen Berichtes in Bezug auf die Geldmittel. „Wenn ich einem jeden der (42) Missionäre sein Weggeld auf's Jahr verabreicht habe, bleiben mir von der Summe, die der Verein für die Glaubeusverbreitung mir zuwendet, noch ganze 11,200 M. übrig; damit soll ich alle andern Unternehmungen und Werke des unermeßlichen MissionsgebicteS im Gang erhalten und die Seminaristen ernähren (und der eigene Hausbedarf?!). Die Folge davon ist der Mangel an einer hinreichenden Anzahl einheimischer Priester und Katechumenen, die doch den Hauptnerv der hiesigen Missionsthätigkeit bilden." Recensionen und Notizen. Cardinal Johannes Dominici, 0. kr., 1357—1419. Ein Ncformatorcnbild aus der Zeit bcS großen Schisma. Gezeichnet von k. Augustin Rösler, 6. 88. L. Frei- burg i/B., Herder 1893. VI und 196 S. * Es ist eine traurige Periode der Kirchcngeschichte, in die vorliegende Arbeit uns versetzt. Einer Geißel GotteS gleich ist das große Schisma über die abendländische Christenheit hereingebrochen, spaltet die kirchliche Einheit und ängstigt ungezählte Gemüther. Wie aber der Herr sein Volk zu keiner Zeit verläßt, so fehlt es auch in dieser Zeit nicht an bedeutenden Männern, die das Volk erheben und trösten und die kommende Rettung vorbereiten. Ein solcher Mann war Johannes Dominici, dessen Lebeiisgang uns der Vers. vor Augen führt. 1357 in Florenz geboren, tritt Johannes (17 Jahre alt) in den Orden des hl. Dominikus und erregt hier bald durch seine glänzenden Talente sowohl wie durch seinen glühenden Eifer für die Ordcns- reiorm die Aufmerksamkeit weiterer Kreise. Bald finden wir ihn in Venedig, wo er das Kloster Oorpus Lüiristi für Töchter seines hl. Ordcnsstiftcrs gründet, deren geistliche Führung er übernimmt und mit denen er Zeit seines Lebens in frenndschaft- licbcm Briefwechsel verbunden bleibt. Darauf entfaltet er in seiner Vaterstadt eine großartige Thätigkeit als Kanzelrcdner, er, der in seiner Jugend stotterte, gründet den Dominikancr- conveut bei Fiesole und tritt insbesondere der damals sich entfaltenden sogenannten Renaissance entgegen in seiner interessanten Schrift „luenla noetüs", deren Entstehung und Inhalt eingehend erläutert werden. Sodann lernen wir Dominici'S kirchcnpolitische Thätigkeit kennen, wie er in die Nähe Grcgor's XII. kommt, der ihm sein ganzes Vertrauen schenkt und ihn zum Cardinal erhebt. Endlich sehen wir ihn aus dem Concil von Konstanz eine hervorragende Roste spielen, biö er gelegentlich einer GesandtschastSrcise zur Bekehrung der Hussiten 1419 in Buda stirbt, nachdem ihm noch der Trost zu Theil geworden, zur Wiederherstellung der kirchlichen Einheit mitgewirkt zu haben. Wir können dem Verfasser vorliegender Monographie das Zeugniß nicht versagen, daß er sich in den Quellen fleißig umgesehen hat und daß eS ihm gelungen ist, manches schiefe Urtheil zu verbessern, manches falsche zu widerlegen; auch besitzt er die Gabe anziehender Schilderung und gewandter Sprache. Das Bild, das k. R. von Dominici entwirft, ist denn ein wesentlich verschiedenes von dem, das ein anderer katholischer Historiker, Sauerland, gezeichnet hat. Wir möchten glauben, ganz treu ist R.'s Bild so wenig, wie das Sanerland'S. ?. N. wirft zwar Sanerland Voreingenommenheit gegen Dominici vor, er selbst ist aber erfüllt von solcher für D., der nach L. R. an allen Erfolgen schuld, den« alles zu danken ist. Und doch muß I?. R. selbst zugeben, das; namentlich D. es war, der Gregor XII. im Entschlüsse, nicht zu rcsigniren, bestärkte. War nun D. wirklich der große, einzig uin's Wobl der Kirche besorgte Mann, als den I?. N. ihn darstellt, dann hätte D. von Anfang an Gregor XII. energisch und immer wieder zur Abdankung rathen und, wenn er mit seinen Vorstellungen nicht durchdrang, Gregor sich selbst überlassen müssen. Daß D. von der Ueberzeugung getragen war, Gregor sei der allein rechtmäßige Papst, ändert daran nichts, dasselbe glaubten die Vertrauten Peter de Luna's auch von diesem; dadurch, daß beide Theile nur immer auf ihr gutes Recht pochten und keiner dem andern zum Wohl der Gcsammt- hest weichen wollte, wurde ja eben das ganze Elend der Kirche verschuldet. Daß die schlicßlichc Union Gregors XII. mit dem Concil und damit die Hebung des Schisma viel mehr auf Kosten deö Fürsten Malatesta, als, wie ?. R. schreibt, D.'S zu setzen ist. wurde von berufenster Seite bemerkt. Und von ein wenig Ehrgeiz scheint D. nicht ganz freizusprechen zu sein. 24 Erklärung der gebräuchlichsten fremden Pflanzen- namcn. Bon A. Emmerig. Donauwörth, Druck und Verlag der Buchhandlung von L. Aucr. LI. Der Verfasser des in weiten Kreisen bekannten „Stcrucn- himmcl" hat mit einem ähnlichen praktischen Werkchcn auf dem Gebiets der Botanik den Büchermarkt bereichert. Auf 122 Seiten gibt dasselbe in Form eines Lexikons eine etymologische Erklärung von den Namen unserer häufigsten Tops- und Gartenpflanzen. Der Laie erfährt hier nicht bloß, welche Namen in der Wissenschaft viele Pflanzen führen, die der Volksmund anders bezeichnet, sondern auch, aus welcher Sprache diese Namen genommen sind, welche Betonung dieselben haben, welchem Gcnuö sie angehören und ob sie Eigen- oder Gattungsnamen, einfache oder zusammengesetzte Wörter sind. Wenn die Pflanzen, was nicht selten ist, nach bestimmten Personen benannt sind, so werden letztere bezeichnet; ebenso wird die Wortbedeutung der übrigen Pflanzen aufs eingehendste mitgetheilt. Geradezu überraschend ist oft diese Erklärung, indem nämlich der Verfasser als Fachmann mit der ihm eigenen Gründlichkeit nachweist, wie der Name genau zur Pflanze paßt. Gewisse Eigenschaften, die der letzteren anhängen, lassen sofort erkennen, warum sie diesen Namen trägt. Unwillkürlich entsteht der Gedanke, dass auch im Pflanzenreiche jedem Gewächse „sein Name gegeben" ist, wie der biblische ScböpfnugSbcricht von der Thierwelt erzählt. In bekannten Wortlürzungen enthält dann das Schriftcken bei den einzelnen Namen auch die Angabe sowohl der Klasse und Ordnung (nach Linnö'schcm System), welcher jede Pflanze angehört, als auch der Autoren, von denen Benennungen verschiedener Pflanzen herrühren. Auf weiteren 14 Seiten folgt die nähere Erklärung dieser „Familiennamen" der Pflanzen, die analog ist der vorausgegangenen, und auf den letzten 7 Seiten werden gleichfalls in alphabetischer Reihenfolge die früher bei den Pflanzen angedeuteten „Autoren" aufgeführt und ihr genauer Name, ihr Stand und Zeit und Ort, wann und wo sie geboren sind, kurz und bündig angegeben. Da das Büchlein auch einen sehr mäßigen Preis und ein gefälliges Taschenformat hat, so empfiehlt es sich durchaus als das, was auf dem Titclblatte zu lesen ist, nämlich als „ein Nachschlagc- Luch für Studircndc. Botaniker, Lehrer, Seminaristen, Gärtner, Forstleute, Blumenliebhaber" rc. Kirchengeschichte in Lebensbildern. Für Schule und Familie dargestellt von Ferdinand Stiefel Hagen. 3. Aufl. Freiburg i. B., Herder 1893. VIII u. 6l6S. * Ein eigenthümlicher, geheimnißvollcr Zauber ergreift unwillkürlich den Pilger, wenn er vor den alten Mosaiken Noin's oder besonders Ravenna'S steht. Da leuchten lind grüßen sie auf ihn herab, diese altchrwürdigen Gestalten in ihren langen, wallenden Gewändern, mit ihren hagern, durchgeistigten Zügen, in die eine so feierliche Majestät und doch wieder eine so tief innerliche Ruhe, ein so himmlischer Friede gegossen ist. In den Händen aber halten sie den SiegcSpreis ihres opfer- und entsagungsvollen Erdcnstrebens, die Krone des ewigen Lebens. Und wir können uns des Gedankens nicht erwehren: ist nicht auch die Kirchengeschichte einer solchen alten Basilika vergleichbar, in deren Hallen die hl. Blutzeugen, Bckenner und Jungfrauen uns cntgegenlächeln und uns ihre Kronen zeigen zur Aufmunterung, daß auch wir kämpfen und siegen sollen? Wenn wir die Blätter der Kirchengeschichte aufschlagen, da begegnen uns auf Schritt und Tritt die großen Männer des Christenthums, denen die Welt zwar keine Statuen gesetzt hat, die aber doch mit ihrem segenSvollen Walten unauslöschlich fortleben im Gedächtnisse der kathol. Kirche. Einer literarischcn Walhalla der .Heroen des Katholicismus möchte ich nun „die Kirchcnge- schickte in Lebensbildern" vergleichen, die uns Stiefclhagcn in 3. Auflage bietet. Es war ohne Zweifel ein sehr glücklicher Gedanke, die verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte gleichsam personisicirt in ihren markantesten Vertretern zur Darstellung zu bringen, und wir können dem Verfasser die Anerkennung nicht versagen, daß er in der Auswahl der für jede Periode bezeichnendsten Persönlichkeiten einen sicheren Blick bewiesen hat. Dock können wir unsere Verwunderung nicht unterdrücken, daß der Verfasser, der doch schon auf dem Titelblatt ankündigt, sein Bück sei für Schule und Familie geschrieben, die kirchliche Wissenschaft, besonders auch die Scholastik, so stiefmütterlich behandelt, z. B. den hl. Thomas von Aquin (S. 268) in wenigen Zeilen abthut. Auch die kirchliche Kunst und Poesie hätte mehr zur Geltung kommen dürfen, die großartige charitative Thätigkeit der Kirche im Mittclalter trilt gleichfalls allzuweuig hervor. Doch wollen wir mit dcm Verf. hierüber nicht rechten; er wollte nur ein Lesebuch bieten, keine eigentliche Kirchengeschichte, eine solche will und kann sein Buch auch gar nicht sein, dazu wäre es zu lückenhaft und einseitig; denn die Kirchengeschichte erzählt leider nicht bloß von Heiligen und großen Männern. Brunn er (Franz Lndw.), Geschichte der Deutschhcrreuordens- Comthurci und des Marktfleckens Neubrunn. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart nach archivalischen und historischen Quellen bearbeitet. Würzburg, „Neue Bayerische Landeszeitung" 1893. 8°. Vl, 131 S. M. 1,50. -s- Eine auf Grund der Materialien des KönigSberger Staatsarchives, Münchener NcichSarchives, Stuttgarter Staatsarchives, des Wertheimcr Archives und der Würzburger Archive gearbeitete Abhandlung, der Gemeinde Neubrunn (Marktflecken im Bezirksamts Markthcidenscld) von ihrem Pfarrherrn gewidmet; ihr Erlös soll dem Nenbrunner Kirchenbaufonds zu Gute kommen. Dieser fromme und gemeinnützige Zweck muß bei der Würdigung dcS Buches vor Augen behalten bleiben! Denn in einer „Geschickte der DcurschherrenordcnS-Comthurci rc. Neubrunn rc." würde man gerne vermissen die Bemerkung, daß „die Ncu- brnuncr an ihrem erfahrenen, allgemein beliebten Arzte Dr. Pfistcr einen immer bereiten, bewährten Helfer" haben (S. 3), oder S. 84 f. die Vorschläge dcS Vers., wie die Gemeinde 1884 ihr neues SchnlhauS besser und schöner hätte bauen können; Neihenfolg der Herren Lehrer" und „Fräulein Lehrerinnen" S. 129 ist allzu höflich! Eine „Geschichte" im strengen Sinne gibt das Werkchcn nicht, wohl aber eine fleißige chronikalische Verzeichnung der Geschichte Neubrnnns als Deulsch- hcrrenordenscomthnrei 1290—1484, unter Kurmainz 1484 bis 1655, unter Würzburg 1655—1801 s180l unter Bayern); ob aber für die Zwecke des Verfassers die Urkundenpublikationen über den Deulichhcrrcnorden vonJ.H. Hennes, E. Strchlke und E. G. Graf v. Pettcnegg, welche nirgends im Buche erwähnt sind, wirklich keine Ausbeute gewähren, wäre wohl noch zu untclsnckcn. Der „Bauernkrieg 1325" (S. 9) ist gewiß nur ein Druckfehler, statt 1525. Dem Citate aus „Sclvers allbekannten .Adclsprobeu'" (S. 33) über Kurfürst Joh. Philipp von Schöuborn, daß keiner von dessen Vorführern „sich so vieler besessener höchster Würden rühmen konnte", hätte Vers. mit einem Hinweis auf den Kurfürsten Albrecht von Brandenburg widersprechen müssen. Doch wir wollen an dein in usum volpbini pietätvoll geschriebenen Büchlein keinen gar zu strengen Maßstab anlegen! ES ist gewiß ein lcbwürdiges Unternehmen, diese OrtSzesckichte, und verdient als solche Nachahmung zu finden. Im Hinblicke speziell auf ihren frommen Zweck sei sie hicmit bestens empfohlen! -o Brevier. Bei Pustet-Rcgensburg ist neben einer neuen vielbändigen Ausgabe des römischen Breviers auch eine zweibändige in 13" erschienen. Fast unglaublich, und doch wahr! Was sonst in 4 Bänden steht, ist hier in 2 enthalten, ohne daß der Druck kleiner, die Dicke dcS Bandes (40 Millimtr.) größer, das Gewicht (675 Gramm) schwerer ist. Alan findet das Brevier sehr haudbar, den Druck außerordentlich schön und deutlich; alles ist vollständig ausgesetzt, so daß auch das lästige Hin- und Herschlagcn vermieden wird. DaS Brevier enthält alle neueren Feste nebst den Votivofficien. Bei den Hauptfestcn sind noch herrliche Bilder eingelegt. Man muß sich wirklich fragen: wie war eine solche Ausgabe möglich? Die besonders gute Papiergualität hat sie ermöglicht. DaS Papier, obwohl sehr fein, ist aber doch so fest, daß der Druck nicht durchsichtbar wird. Ganz begreiflich, wenn darum diese Ausgabe eine ehrende Anerkennung von Rom erhalten hat. Das Werk lobt den Meister. Die Landes, Hören, Vesper und Complet sind außerdem noch durch Scparatabdruck in einem kleinen Broschürchen beigelegt mit den Ncsponsoricn für die Nocturncn, welche im proprimn äs toiuporo einzulegen sind, ebenso die Antiphonen unv Vcrsikeln pro oommsmoralions Lanotorum, pro oomwomorationo vominioarom ot Vsriarmn und die Oommsworatnoues oomwunos. Proprien für einzelne Länder, Diöccsen und Orden können gegen aparte Berechnung mitbestellt werden. Der Preis dieser zweibändigen Brcvicraus« gäbe beträgt broschirt 12 Mark. In Schaflcderband mit biegbarem Rücken und Nothschnitt 18 M. Ebenso mit Goldschnitt 19 M. In echtem Chagrinband mit Nothschnitt 21 Mark. Ebenso mit Goldschnitt 22 M. Ebenso mit reicher Pressung, Kantenvergoldung und Goldschnitt auf rothem Untergrund 25 Mark. In Juchtenledcrband niit Goldschnitt auf rothem. Untergrund 30 M. Diese schöne, praktische und billige Ausgabe kann somit jedem Priester aufs beste empfohlen werden» und namentlich möchten wir die Alumnen in Priestersemiuaricn bei Anschaffung eines Breviers auf selbige aufmerksam gemacht haben. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg.