8. Februar 1894. i^i'. 6. Die Encyklika über das Bibelstttdinm. (Schluß.) Der dritte Theil der Encyklika enthält Bestimmungen über die zweckmäßigste Einrichtung der biblischen Studien beim Unterrichte der jungen Theologen. AIs Einleitung geht diesen Bestimmungen eine Charakteristik der Irrthümer der ungläubigen Bibelkritik voraus, die unter dem Namen Nationalismus zusammengefaßt werden. Indem die Reformatoren des sechzehnten Jahrhunderts zwar die Schrift als einzige Glaubensguclle anerkannten, gleichzeitig aber der Kirche alle Autorität in der Schriftauslegnug absprachen, blieb nichts anderes übrig, als dem privaten Urtheil jedes Einzelnen die Eruirung der religiösen Wahrheiten aus der Schrift zu überlassen. Das widerspruchsvolle Nebeneinanderbestehen der Anerkennung der göttlichen Autorität der Schrift und der privaten Auslegung dieser konnte aber nicht von Dauer sein: das göttliche Ansehen der Bibel mußte immer mehr geschwächt und zuletzt ganz geleugnet werden. Das ist die naturgemäße Folge des Spiritus privatem, und darum nennt der hl. Vater die Rationalisten auch ganz treffend „Söhne und Erben" der Verächter des kirchlichen Lehramtes. Ein Blick auf den Entwicklungsgang der protestantischen Exegese mag die Nichtigkeit dieser Beurtheilung vor Augen stellen. Während die protestantischen Theologen bis ins 18. Jahrhundert meist sogar die Verbalinspiration festhielten und von einer eigentlichen wissenschaftlichen Behandlung der Bibel absahen, trat um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch den Leipziger Professor Johann August Ernesti (1707 bis 1781) ein Umschwung ein. Dieser war zwar auch bibelgläubig, stellte jedoch in seinem ^Intsrpres klovi Destarnonti" (Leipzig 1761) den Grundsatz auf, daß bei Erklärung der Bibel dieselben Regeln in Anwendung kommen müssen, deren man sich bei Erklärung der Kirchenschriftsteller bedient, der Sprachgebrauch, die Geschichte und Denkart der Zeit, die Parallelstellen, der Zusammenhang u. dgl. Weiter ging der Hallenser Professor Johann Salomo Semler (1725—1791). Er verfocht in seinem „Apparatus aä liberalem veteris Pestamenti interprotationam" und in seiner „Abhandlung von der Untersuchung des Canons" die freie gelehrte Untersuchung der Bibel mittelst der historisch- kritischen Methode, unbekümmert, was dabei herauskommen möge. Man nannte diese theologische Richtung, weil sie im allgemeinen noch an dem inspirirten Charakter der Schrift festhielt, relativen Snpernaturalismus, dessen Grundprinzip war: die Offenbarung ist in der Bibel enthalten, aber nicht alles, was die Bibel enthält, ist Offenbarung. Daß damit der subjektiven Willkür Thür und Thor geöffnet war, versteht sich von selbst. Der relative führte zum kritischen Supernaturalismus. Diesem zufolge gibt es zwar eine göttliche Offenbarung; diese ist aber nichts anderes als die Entwickelung, Läuterung, Bewährung und Anwendung der in der menschlichen Vernunft liegenden religiösen Ideen, weil alles, was nicht zu diesen Ideen gehört, der Religion fremd ist; die Geschichte der so aufgefaßten Offenbarung ist allerdings in der Bibel enthalten; es muß aber erst kritisch festgestellt werden, was m der Bibel als zur Offenbarung gehörend zu betrachten sei. Da die Entwicklung der religiösen Ideen cu. ^e Cultur des menschlichen Geistes überhaupt und an die sich stets erweiternde und berichtigende Weltanschauung gebunden sein muß, so ist die Einkleidung und Gestaltung der Offenbarung eine verschiedene nach der jeweiligen geistigen Auffassnngs- fähigkeit der Menschen. Diese Theorie über Bibel und Offenbarung wurde in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts insbesondere von Bretschneider (früher Professor der Theologie in Leipzig, dann Gencralsnper- intendent in Gotha) vorgetragen, während Ammon, Oberhofprediger in Dresden, sie in seiner „Fortbildung des Christenthums zur Weltreligion" historisch zu begründen suchte. Durch den „kritischen Supernatnralismns" war dem Offcnbarungsglaubcn und einer Behandlung der Bibel als Wortes Gottes im eigentlichen Sinne der Boden entzogen und dem ungeschminkten Nationalismus die Bahn frei gemacht. Was die rationalistische, das ist völlig ungläubige Bibelkritik aus der hl. Schrift gemacht, wie sie insbesondere die Evangelien mißhandelt hat, das besagen zur Genüge die Namen Bauer, Paulus und David Strauß, von den neuesten Vertretern dieser „historischen" Schule gar nicht zu reden. Ungemein lehrreich ist auch die Geschichte der negativen Pentateuch-Kritik, die so recht zeigt, wohin die Bibelsorschung ohne das Correctiv der kirchlichen Autorität führt. Von heiliger Entrüstung sind jene Worte der Encyklika eingegeben, in denen sie auf das widersinnige Gebaren derjenigen rationalistischen Bibelkritiker hinweist, die, trotzdem sie „in so gottloser Weise" über Gott und sein heiliges Wort denken, reden und schreiben, dennoch für Theologen, Christen und „Evangelische" gelten wollen und so „die frechen Ausschreitungen einer verwegenen Geistesrichtung mit einem hochachtbaren Namen verdecken" (llonestissiino iwiuiiis osttenciant insolantis inZsnii twuieritatem). Im folgenden Abschnitte dieses Theiles betont die Encyklika zunächst die Wichtigkeit der Auswahl allseitig tüchtiger Lehrer des Bibelfaches, geht dann über auf die biblische Einleitung und schreitet dann zur Normirung der Exegese selbst. Der Exegese ist der Text der Vnlgata zu Grunde zu legen, nach dem bekannten Dekret des Tridentinums, auf das sich die Encyklika beruft und das sich ausdrücklich auch auf „öffentliche Vorlesungen" bezieht. Daneben ist aber der griechische und hebräische Grundtext durchaus nicht zu vernachlässigen, sondern zur Aufhellung des Vulgata-Textes, wo nöthig, heranzuziehen. Hier wird auf den hohen Werth der ältesten Handschriften aufmerksam gemacht. Nach Feststellung der Leseart ist der Sinn nach den bewährten Regeln der Interpretation zu eruiren. Der Literalsinn der Schrift gibt die sichere Grundlage zu deren mannigfacher Anwendung in der Dogmatik und Moral, in Predigt und Ascetik. Die Ausführungen der Encyklika über die vom Exegeten nach dem Willen der Kirche und der Lehre aller namhaften Theologen zu beobachtenden Normen lassen sich auf die bekannten Jnterpretationsregeln zurückführen: 1. 8ensus ooinmmris LLelösiao; 2. rexula üäoi (Glaubensbekenntnisse, dogmatische Definitionen); 3. antlrentioa intsrprstatio (wie sie von einzelnen Stellen in Conziliardekretcn manchmal gegeben wird); 4. nnanilnis consonsus katrum (das übereinstimmende Zeugniß der heiligen Väter über den Sinn von Schriftstellen); 5. analo^ia tiäsi (keine Exegese darf mit der Lehre der Kirche im Widersprüche stehen). Im weiteren 42 Verlaufe seiner Weisungen warnt der Papst — was be- achtenswcrth — eindringlich, den allegorischen Gebrauch der Schrift ZU vernachlässigen; es ist natürlich hier unter Allegorie nicht jene Art der Interpretation zu verstehen, die nach Weise der alexandrinischen Schule statt Geschichte überall Allegorien sieht, sondern die Worte der Encyklika beziehen sich auf den sogenannten ssnsns nooorainoäatus, der Schriftstellen auf Personen und Gegenstände anwendet, die nach dem Literalsinne nicht davon betroffen werden; so wendet z. B. die Kirche in der Liturgie eine Menge Stellen des Alten Testamentes auf die seligste Jungfrau oder den hl. Joseph an, die sich an und für sich keineswegs auf diese heiligen Personen beziehen. Der Brauch einzelner katholischer Exegeten, sich mit Vorliebe auf protestantische Ausleger zu stützen, während über dieselben Bücher oder Bücherthcile längst treffliche Leistungen von katholischer Seite vorliegen, rügt der Papst ernstlich (iä niiuiuin äaäaost), auf die unterlaufende Gefahr der Aufstellung falscher Lehren und Schädigung des eigenen Glaubens aufmerksam machend. Der letzte Abschnitt dieses Theiles der Encyklika bietet eine sehr instruktive Anweisung, das Bibelstudium mit dem der positiven und spekulativen Theologie zu verbinden, und betont die Nothwendigkeit dieser Verbindung. Der vierte und letzte Theil der Encyklika handelt von der allseitigen Feststellung und Aufrechterhaltung der göttlichen Autorität der hl. Schrift. Die Autorität der Schrift beruht aber für uns in der Autorität des kirchlichen Lehramtes. Würde nicht die Autorität der Kirche die den Canon bildenden Bücher Laxativ aufzählen, so müßten wir darauf verzichten, von der Bibel als Gottes Wort überhaupt zu reden; daher die bekannte Sentenz Augustins: Lvan§6lio non cwöäersva, nisi rns cornrnovörönb Loolvsiaa ca- tstolioLS nnciorltas. — Wie auf so manches andere, müssen wir uns leider auch versagen, auf das näher einzugehen, was der hl. Vater über das Studium der semitischen Sprachen sagt, und was genügsam erkennen läßt, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen liegt. Mit scharfen Worten wendet sich die Encyklika gegen die sogenannte „höhere Kritik", insoferne diese einzig und allein aus inneren Gründen die Authentie, Integrität und Glaubenswürdigkeit der heiligen Bücher beurtheilen will und so der subjektiven Willkür den weitesten Spielraum gewährt. Der hl. Vater verwirft die höhere Kritik nicht an und für sich; aber er will sie mit Maß und Vorsicht angewendet wissen; er legt den größten Werth auf die äußeren, historischen Zeugnisse und erkennt den inneren Gründen nur einen subsidiarischen Werth zu. Mit allem Nachdrucke und großer Ausführlichkeit, unter Hinweis auf die Dekrete von Florenz und Trient und wörtlicher Wiederholung des vatikanischen Dekretes, behandelt die Encyklika die Lehre von der Inspiration und schärft den Satz ein: Die hl. Schrift ist als Wort Gottes absolut irrthumslos. Diese Ausführungen sind offenbar gegen jene Katholiken gerichtet, die den Jnspirationsbegriff möglichst einzuschränken geneigt sind, und deren auch die neueste Zeit einige ausweist. Wir nennen nur Lenormant in Frankreich, Bischof Clisford in England und Cardinal Newman, der in einem über den Gegenstand geschriebenen Aufsätze die Ansicht verfocht, es gebe in der hl. Schrift „ostitor äiota", die von der Inspiration ausgenommen sein könnten, welche Behauptung dem Kirchenfürsten scharfe Widerlegungen zugezogen hat. Zum Schlüsse wendet sich die Encyklika an die katholischen Gelehrten des Laienstandes, sie auffordernd, mit Beobachtung derselben Normen und Kautelen wie die Geistlichen ihr Scherflein zur Förderung der biblischen Wissenschaft beizutragen und so ebenfalls die Wahrheit des Psalmcnwortes zu erfahren: „Selig sind, die in seinen Zeugnissen forschen und mit ganzem Herzen ihn suchen." Palcstrina. Zu seinem 400jährigen Todestag nach seinem Leben und Wirken geschildert von K. (Schluß.) Im Jahre 1585 wurde Sixtus V. Papst und Palcstrina componirte aus diesem Anlaß die fünf- stimmige Messe „1u es xastor ovium«, eine Aufmerksamkeit, die der hl. Vater hoch anschlug. Die Aufführung entsprach aber nicht dessen Wünschen, und er soll die Aeußerung gethan haben: „Palestrina hat diesmal die Niosg. kaxao Llaroslli und die Motetten der Oantiaa vergessen," eine Bemerkung, die Palestrina nicht verdroß, sonst wäre er nicht sofort darangegangen, den Fehler zu verbessern, und hätte nicht alsbald die Motette rwmnnxta 68b Dlaria und, die gleichnamige sechsstimmige Messe geschrieben, ein Werk voll wunderbarer Schönheiten, ebenso herrlich als berühmt. In dieser Messe ist gewissermaßen eine Verschmelzung der durch die Ni33a 1?apa6 Llaraelli geschaffenen Compofitionsweise mit der einfachen Majestät und Erhabenheit der gregorianischen Melodiegänge der alten römischen Liturgie erfolgt. Sixtus V. selbst sagte nach der ersten Aufführung, welche zudem nach kurzen Proben erfolgte: „Das war heute wieder eine wahrhaft neue Messe, die kann nur von unserm Meister kommen. Am hl. Dreifaltigkeitssonntag beklagte ich mich über seine Musik, aber heute bin ich wieder ganz mit ihm ausgesöhnt. Wir wollen hoffen, er werde unsere Andacht noch öfter auf so liebliche Weise zu erfrischen suchen." Papst Sixtus wollte Palestrina zum apostolischen Kapellmeister machen, stand aber davon ab, da das Col- legium sich gegen einen Laien aussprach, und der Papst bestätigte ihn hiefür als Tonsetzer der päpstlichen Kapelle. Palestrina selbst that nicht die geringsten Schritte, um besagten Posten zu erlangen. Stets arbeitete er und componirte gerade damals drei weitere Messen, die im Druck nicht erschienen, von denen aber besonders eine, „6666 lloliann63", ebenfalls ein Meisterwerk genannt zu werden verdient; in kurzer Zeit folgte sodann wieder ein stattlicher Band von Madrigalen. Der Ruhm des Meisters erreichte gleichsam seinen Höhepunkt durch seine Lamentationen, die er für die päpstliche Kapelle schrieb und dem Papste Sixtus V. widmete. Bis zu dieser Zeit waren die Lamentationen von Carpentrasso im Gebrauch, obwohl sie etwas veraltet waren, zudem waren sie in dem etwas steifen Flam- länderstile geschrieben. Seine erste Lamentation übergab Palestrina im Februar 1587 dem hl. Collegium, indem er sagte, auf höheren Befehl habe er sie geschrieben, unterziehe aber sein Werk ganz dem Urtheile des Col- legiums und der Sänger. Man sieht hieraus, daß es auch demüthige Componisten gab. Palestrina gehörte unstreitig zu dieser Klasse. Diese erste Lamentation fand vollgültigen Beifall bei der ganzen Kapelle, und der hl. 43 Vater selbst sagte nach der ersten Aufführung in der Charwoche: «Wir wollen hoffen, daß wir im nächsten Jahr auch die zwei andern Lamentationen in diesem Stil werden zu hören bekommen." Dieser Wunsch war für unsern Meister Befehl, der denn auch sofort sich an die übrigen machte und sie in kurzer Zeit vollendete, Meisterwerke in ihrer Art und doch so verschieden von den bisherigen Werken, die er componirt hatte. Bann sagt über diese Kompositionen unter anderm folgendes: „Die Noten scheinen wegen ihrer Schwere und gleichen Geltung auf den ersten Anblick ohne Bedeutung; hört man sie aber, so sind sie die feinsten Melodien. Die Kunstmittcl scheinen nur angedeutet zu sein und in der Ausführung hört man die blumigste Jdeenfülle. Der Ausdruck der Worte ist überall heilig und Ehrfurcht gebietend, selbst die Pausen bedeuten hier das Ihre, sie geben nämlich Gelegenheit zu einer ernsten Betrachtung des mystischen und allegorischen Sinnes, womit die bitteren Gefühle, wovon diese Klagelieder überfließen, erfüllt sind. Jeremias' erschütternde Beschreibung der Leiden seines Volkes ist durch die eigenthümliche Musik Palestrina'S charakteristisch gefärbt, keine Empfindung des ersteren verklingt, ohne daß sie durch die letztere auf den möglichst erreichbaren Grad von musikalischem Ausdruck gesteigert worden wäre." Es ist heilige Musik, es ist heiliger Gesang! Sixtus V. war mehr als hocherfreut und entzückt über diese Werke des großen Meisters. Außer den Lamentationen bearbeitete er auch das Benc- dictus so, daß es abwechselnd mit dem Chor nach hergebrachter Sitte gesungen werden konnte, desgleichen fügte er diesem Sixtus V. gewidmeten Bande noch einige Verse des ergreifenden Nissrsrs-Psalmes bei. Schreibt heutzutage einer einen Noman, componirt heutzutage einer eine Operette, wenn auch des leichtesten und seichtesten Genres, so erhält er vom Verleger, von dem aufführenden Theater so und so viel tausend Mark und noch Tantiemen von so und so viel Aufführungen, er wird ein vermöglicher, oft reicher Mann und kann sich sehr viel erlauben, denn seine Mittel erlauben ihm das; Palestrina arbeitete nicht nur ungcmein viel, sondern er componirte Meister- und Musterwcrke, und doch, so geneigt ihm die Musen waren, materiell wurde er, wie es scheint, ungemein mager entschädigt, er selbst sagt von sich zu der Zeit, als er die Lamentationen vollendet hatte, also zu Ende seines laugen wirkungs- und segensreichen Lebens, daß er arm sei. Freilich blieben seine Werke Manuscripte für die päpstliche Kapelle, gedruckt wurde bloß auswärts einiges, das auf heimliche Weise in andere Hände gekommen war. Allein sicher wäre ein Genie, wie Palestrina, in unsern Tagen bei seiner reichen Schaffenskraft bald ein CrösuS. Trotz der materiellen Mißstände ließ sich's aber der Meister nicht verdrießen, er war eben kein Rasten und kein Ruhen gewöhnt, kein Tag blieb sins linsn, bei ihm ohne Noten, und sofort, nachdem er die Lamentationen beendet hatte, warf er sich wieder energisch auf strengere Studien und kehrte zu den Hymnen der römisch-katholischen Kirche zurück. Diese Hymnen sind dem Texte nach das Schönste, was man kennt, und die Kompositionen Palestrina'S zu denselben schmiegen sich diesem herrlichen Texte so innig an, daß sie den Meister für alle Zeiten als Meister dokumentiren, auch dann, wenn er gar nichts anderes geschaffen hätte, denn man darf mit Fug und Recht sagen, daß sich in keinem andern Werke Palestrina'S so gewühlte Feinheiten des musikalischen Ausdruckes finden, als in diesen Hymnen^ besonders ist der Schluß derselben stets ungemein großartig gehalten, meist fünf- und sechsstimmig, überreich an Harmonien, an Majestät und erhabener Wirkung. Er widmete dieselben dem Papste Sixtus V., der sie so liebte, daß er einige derselben beständig für sich sang/ Ein Jahr darauf widmete der Meister dem Herzog Wilhelm II. von Bayern das fünfte Buch der Messen und Papst Gregor XIV. zwei Motettensammlungen, wofür ihm der HI. Vater seinen Gehalt als Tonsetzer der päpstlichen Kapelle vermehrte im Jahre 1591. Wilhelm II. hatte eine vorzügliche Kapelle, deren Direktor der bekannte Komponist Orlandus Lassus war, er war ein Fürst, von dem ein Zeitgenosse sagt: «prinssps vsrs maxnus, sapisus, plus, st religiösem". Er war es auch, der Palestrina, da derselbe sich in materiellen Nöthen befand, zweimal reichliche Geschenke sandte, ein Umstand, der den Meister aus Dankbarkeit zu obenge- nannter Dedikation bestimmte. Unter den acht Messen sind besonders erwahnenswerth die beiden: „^.stsrnri Estristi rnnnsra" und «Isis oont'sssor". Die erwähnten Motettensammlungen enthielten sieben 6siimmige und acht Lstimmige Motetten, das Ltalmt nratsr und ein Llagnitlsat, beide 8stimmig. Das herrlichste dieser Werke ist das Ltadat watsr, das allein genügt hätte, Palestrina'S Namen unsterblich zu machen. König Friedrich III. von Preußen hörte im Jahre 1822 nebst anderen und zwar den besten Stücken auch dieses Werk in Rom im Palast clslla sonsnlta. im Quirinal, aufgeführt von der päpstlichen Kapelle, und sagte nach Schluß der Aufführung: „Ich habe in allen vorgekommenen Musikstücken die Höhe der Kunstvollendung bewundert, in diesem Ltabat inatsr aber fesselte mich Wahrheit und Natur." Vom Papste erhielt Palestrina von der Dedikation dieses Werkes an bis zu seinem Lebensende statt bisheriger elf Scudi per Monat vierundzwanzig Scudi. In dieser kurzen Zeit vor dem Tode des großen Meisters war das irdische Glück ihm noch günstig; er wurde nämlich Concertmeister bei dem Kardinal Aldolbrandini, dem er das sechste Buch seiner Messen widmete, und fand eine hohe Gönncrin in der Großherzogin von Toskana, für die er einen zweiten Band Madrigalen schrieb. Wir sehen, Palestrina war stets sehr dankbar. Dies war sein letztes Werk, der Schwancngesang des gottbegnadigten Künstlers. Eine Rippenfellentzündung erschöpfte in Bälde seine Kräfte, Ende Januar 1594 ertheilte ihm sein väterlicher und priestcrlicher Freund, der hl. Philipp Ncri, die hl. Stcrbsakramcnte, er nahm rührenden Abschied von seinem Sohne Jgino, segnete ihn und ertheilte ihm den Auftrag, seine Kompositionen „zur Ehre und zum Ruhme des allerhöchsten Gottes und seines heiligen Dienstes in der Kirche" drucken zu lassen, und starb am Feste Mariä Reinigung, den 2. Februar 1594, in der Frühe unter den Gebeten des hl. Philipp Neri, der ihn besonders auf die Himmelskönigin und ihre mächtige Fürbitte hinwies, worauf Palestrina sterbend sagte: „Ja, ich wünsche es sehnlichst; möchte die hl. Maria, meine Fürbitterin, diese Gnade von ihrem göttlichen Sohne erhalten!" So starb nach einem ungemein schaffensrcichen Leben und Wirken der große Meister der Musik, der demüthige Mensch, der durch und durch katholische Palestrina. Möge er würdig befunden worden sein, das große Alleluja im Jenseits mitfeiern zu dürfen, er, der oft auf Erden an das Nissrsrs denken durfte! Auf Befehl der Curie ward er mit allen Ehren eines Kardinals oder Fürsten begraben, indem man seine sterblichen Ueberreste in der Basilika 44 des Vaticans beisetzte, wohin ihm ganz Nom trauernd das Geleite gab. Sein Nachfolger im Amte wurde Felice Anerio, nach dessen Tode ein eigener Tonsctzcr der päpstlichen Kapelle nicht mehr angestellt wurde. Sein Sohn Jgino gab eine größere Reihe der Werke seines Vaters heraus aus Befehl des Papstes. Nach Giuseppe Baini bestehen die Werke Palestrina's im Ganzen aus: 20 Büchern Messen, 10 Büchern Motetten, 4 Büchern Madrigalen, 3 Büchern Lamentationen, 2 Büchern Magnisicat, 3 Büchern Litaneien und 2 Büchern Offcrtorien, im Ganzen aus 36 Bänden. Palestrina hat demnach mit seinen Talenten zur Ehre Gottes und zur Verherrlichung des Gottesdienstes gewiß so fleißig gearbeitet, wie noch nicht leicht einer, und sein Name wird sorileben, so lange das Lob Gottes in seinen heiligen Tempeln gesungen wird, sein Name wird unsterblich sein und bleiben. ll. I'. Nachdem in Vorstehendem eine Darstellung des Lebensganges Giovanni Picrluigi's da Palestrina und seiner genialen Thätigkeit gegeben worden ist, uiöge es auch dem Schreiber dieses gestattet sein, zum Ruhme deS Meisters ein weniges beizutragen durch eine allgemeinere Besprechung seiner Werke, soweit sie größere Kreise interessiren mag. Mit Palestrina hat der polpphone Stil der Kirchenmusik seine glänzendste Entfaltung genommen und seine höchste Blüthe erreicht, von ihm nahm er zugleich auch den Namen an. Diesen Palestrinnstil nun nennen die einen zwar mit viel Respekt, schrecken aber im Innersten zurück vor der „Langweile solch ewigen Eincrlci's von Tongewirren und tonlcitcrähnlichen Auf- und Abjagcns der Stimmen"; den andern — bilden sie wohl die Mehrzahl der Kircheumusiker? — gelten dieser Stil und die Werke seines größten Vertreters als das Edelste, was in Kirchenmusik geschaffen wurde, ja als Ideal alles mehrstimmigen Kirchcngcsanges. Wie einer, an dessen Macht kein Bedenken und kein Hinderniß herankommt, übernahm Palestrina die contrapunklische Erbschaft von den großen Vorfahren und formte das Material, das kalte und leblose, nach freieren Gesetzen, nur dem Fluge des Genies eigen, zu den stanncnswcrihcstcn Kunstwerken. Nicht die contrapunklische Form, sondern der Text wurde ihm zum bestimmenden Moment und dadurch betrat er die neue Bahn. Der Text war Palestrina die Hauptsache; von ihm ließ er sich begeistern und hinreißen und diesem gab sein Genius hinwiederum die frömmste, gottcrlcnchtete Interpretation. Er verschmähte es nicht, Tonmalereien anzuwenden, einfach, aber klar und sprechend, reizend möchte man sie nennen wegen ihrer nngesuchten natürlichen Schönheit, aber immer würdig, immer der Ausfluß eines Geistes, der seine Melodien vom Himmel geholt zu haben scheint. Welche Zartheit, welcher Adel und Reichthum der Melodie und Harmonie! Welche Festesfreude, die schon in den ersten 3 Takten einer Festmesse aufleuchtet; welch tiefe Trauer, welch hcrzdurchdringender Schmerz in den Jmproperien, den Nesponsorien der Chnr- woche, den Lamentätionen! Der ü?rinvops innsiaas war ein König auf seinem Gebiet, der den Tönen, Melodien und Harmonien befahl, das Herz der Zuhörer zu rühren, zur Andacht, zu gottinnigem Gebete und zur Betrachtung hinzureißen. Wenn im Khrie der Marcellnsmesse Festesfreude hochauschwcllend die Brust des Hörers füllt, wenn er so recht sich glücklich preist, mit der Kirche im Herrn sich freuen zu können, dann hält Palestrina den Sinn des Beters für zubereitet, um ihm im Gloria gleichsam selbst vorzubc/cn ein Gebet der tiefsten Demuth zum mächtigen herrlichen GEc. Der Gesang scheint von der Erde sich bis zum HiMMc/ erhoben zn haben, es ist, als ob die Melodien von vier oder sechs Engelchvren au unser Ohr dringen: tief in Demuth neigen sie das Haupt und hauchen ein ^.clorarnrm, das der Chor andächtig betrachtend wiederholt; dann wieder scheint der Cherub den Blick zu erheben zur strahlenden Majestät des ewigen Gottes, und in staunendem Jubel singt der Chor das Lob des Drei- cinigen. Mag dies nun überschwänglich scheinen — wir können uns nicht dazu verstehen, bei Palestrina eine kalte Berechnung des Effektes anzunehmen, jeder Satz trägt unverkennbar den Adel der Genialität zur Schau und wird nur verständlich und erwärmt nur, wenn er hingenommen wird als der höchsten Begeisterung entflossen. Für den großen Werth seiner Compositionen und für die aufrichtige Verehrung, welche Palestrina von seinem Jahrhunderte gezollt wurde, zeugt besonders der sagcuartige Nimbus, welcher alsbald das bekannteste seiner Werke umgab, die Nisss, ü?axao Llarcwlli. Jeder Musikschriftsteller weiß darüber etwas besonders zn berichten, alles nur aus Verehrung für den großen Meister. Doch, wenn wir nach der strengen Wahrheit fragen, wird die Antwort kurz beisammen sein. Nach den Beschlüssen des tridentinischen Concils war eine weltliche, lascive Musik von der Kirche auszuschließen. Das Concil hielt sich nur an diesen allgemeinen Ausdruck, das nähere und einzelne zu bestimmen, blieb den Bischöfen für ihre Diözesen überlassen. Für Nom wurde eine aus 8 Cardiuälen bestehende Commission angewiesen, die vom Concil gewünschten Reformen bei den päpstlichen Behörden, Anstalten u. s. w. durchzuführen. Zu diesen zählte auch die päpstliche Kapelle. Mit der Neformirung dieser wurden zwei Mitglieder der Commission betraut, die Cardinäle Carlo Borromeo und Vitcllozi Vitelli. Zunächst trafen sie Bestimmungen disciplinärer Art, dann erst beschäftigten sie sich mit der Frage, wie den bisherigen Klagen über Schwerverständlichkeit des Textes abzuhelfen sei. Der Cardinal Vitelli berief zn einer diesbezüglichen Probe mehrere Sänger der Kapelle am 27. April 1565 in seine Wohnung. In den Punktationsbüchern der päpstlichen Kapelle wird darüber kurz vermerkt: Ois Lalldati, 28. ^.pr. 1565. ^.cl instantiarn Rsv.pfl Oaräinalig Vitallotii luinrug conArkAnti in ckonro esusäsm Ilov.L* aä ckoLantanclas aliquot raissas, ab pro- Uanclnin, si vcwlla intalliAarantur pront ltevarvn- clissiwig xlrrest.*) Baun erzählt nun als ganz sicher, bei dieser Gelegenheit seien drei Messen von Palestrina gesungen worden und hätte von diesen die LlisLU kapas chlaraolli allwegs entsprochen und höchstes Lob gcerutct, Habcrl weist dagegen darauf hin, daß es nach den bis jetzt bekannten Urkunden ganz und gar zweifelhaft sei, welche Messen gesungen wurden. Es ist möglich, ja sehr wahrscheinlich, daß die eine oder andere Messe Palestrina's, also etwa auch die Marcellnsmesse, hiezu gewählt wurde, und es ist auch ganz klar, daß gerade seine Messen vollauf befriedigen und jedes Bedenken benehmen tonnten, da er ja schon von Anfang an bestrebt war, die zwecklosen Zicrathen zu vermeiden und dem Texte zum klaren Verständniß und Ausdruck zu verhelfen. Daß Palestrina in seinem Streben durch die Klagen des Konzils und der Cardinäle noch mehr bestärkt wurde, ist wohl P Hciberl, Kirchenmusik. Jahrbuch 1892, ga§. 82 ff. 45 verständlich. Eines ist sicher erwiesen, daß nämlich die Nissa Vuxrw Na-roelli nicht, wie überall zu lesen, eigens für eine Probeanfführnng geschrieben wurde, sondern schon vorher componirt und gesungen worden war. Denn die älteste Quelle für diese Messe ist ein Codex der Kapelle in S. Maria Maggiore. Dort schrieb sie Palestrina für seinen Chor. Wie vordem die Jmpro- perien, wurde 1565 diese Messe mit uoch andern für den Gebrauch der päpstlichen Kapelle copirt, ohne Angabe von Titel und Autor. 1567 erschien sie im II. Buch der Messen zum erstenmal im Druck, und da erst gab ihr Palestrina den Titel: Dlissa I?apU6 Nai- velli — zur dankbaren Erinnerung an seinen Gönner Marcello Cervini, der als Papst Marcellus II. nur 21 Tage regiert hatte. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß den Berichten der Musikschriftstcller und Lexikographen bezüglich dieser Frage nur mit Vorsicht Glauben geschenkt werden darf, denn die neueren Nachforschungen Haberls haben die bisher geltenden Ansichten über Entstehung und historische Bedeutung der Marcellnsmesse gänzlich ins Wanken gebracht. Vielleicht bringt rastloses Forschen noch völlige Klarheit über die Frage bezüglich dieser Blesse. Wie dem aber auch sei, die Dlissa, kapae Nareslli verliert nichts von ihrem Werthe, denn der fromme Zauber und die großartige Pracht dieser Messe stempeln sie für alle Zeiten zu einem Kunstwerk ersten Ranges. Staunenswerth ist die Schaffenskraft des Meisters. Er schrieb 93 Messen, darunter 28 fünfstimmige, 21 sechs- stimmige und 5 achtstimmige, 360 Motetten, Hymnen, Litaneien, Magnifikat, nur Werke für die Kirche bestimmt, mit Ausnahme von 3 Büchern weltlicher Madrigale, welche er in der Jugend componirte. Palestrina wählte zu diesen letzteren als Texte vorzüglich Lieder von Petrarca. Obwohl diese Gesänge weit entfernt sind von den derben, fast zotigen Gesängen anderer gleichzeitiger Meister, so bereute Palestrina später doch aufrichtig, daß er sich in seiner Jugend eitlen Ruhmes wegen damit abgegeben habe. Rührend ist, wie darüber der 69jührige Meister denkt. Er schreibt 1583 in der Os- äicmtic» der Gautiaa, (lantiooruru an Gregor XIII: so numoro aliguauäo Inisse ino, ob orndesLo, et äoloo. 8aä gnanäo praotorlta. mntari uon iwssnnt, N66 raääi inloota, yuuv kaeta, jam auut, Consilium mutavi." Palestrina veröffentlichte einen großen Theil seiner Werke. Nach feinem Tode beauftragte Papst Clemens VIII. dessen überlebenden Sohn Jgino, die noch ungcdruckten Werke des Vaters mit den bereits cdirten zu einer Gc- sammtansgabe zu vereinigen. Jgino verkaufte aber dieselben schleunigst an zwei vcnetiauischc Buchhändler und so wurde der große Gedanke des Papstes vereitelt und die Werke Palestrina's blieben in den verschiedensten Ausgaben in den Bibliotheken Italiens und Dentscb- lands zerstreut. Dem Eifer und der Ausdauer eines Baini, Proske, de Witt, Espagne, Rauch, Commer und besonders der fieberhaften Thätigkeit Haberls gelang es, sämmtliche Werke aufzufinden. Baini machte 1821 die ersten Versuche, eine Gesammt- ansgabe zu ermöglichen; seine Anfrage um Unterstützung in Frankreich blieb resultatlos. Nun wurden durch die eifrige Vermittlung Buusens, des damaligen preußischen Gesandten in Rom, Verhandlungen mit der großen Firma Breit köpf u. Härtet in Leipzig angeknüpft. welche bis 1841 dauerten, aber zu keinem festen Entschlüsse führten. Die berühmte Firma scheute die Opfer nicht und kam nach 20 Jahren wieder auf den Gedanken zurück. Was Theodor de Witt, unterstützt durch die Munifizenz König Friedrich Wilhelms IV. von Preußen, während neun Jahren in Italien gesammelt hatte, das war nach dessen allzufrühcm Tode in die Berliner königlichen Bibliothek gekommen und erschien nun, 1862 und 1863, revidirt von Ranch, als die drei ersten Bünde der Gcsammtausgabe. Als nach Verlauf von 11 Jahren Espagne fünf weitere Bände veröffentlicht hatte, starb auch er 1878. Fr. Commer besorgte uoch den neunten Band, und jetzt übernahm die Wetterführung des Werkes Domkapellmeister Fr. L. Haberl in Ncgensburg, welcher das gcsammte Material beinahe druckfertig bereit hatte. Durch Gründung eines Palestrina- vereins gewann er neue Siibscribcntcn, und nun nahm das Werk einen raschen Fortgang, indem fast alljährlich zwei neue Bände erschienen. Am Ende des Jahres 1893 lag die Gcsammtausgabe von „Pierluigi da Palestrina's Werken" in 32 Bänden, Großfolio, in ausgezeichneter Ausstattung fertig vor; — das herrlichste Denkmal, das Verehrung und Begeisterung dem unsterblichen Meister zu seinem dritten Centenarium setzen konnte. Besonderer Dank gebührt den unermüdlichen Forschern, in erster Linie Haberl, und der preußischen Regierung, welche den Beginn des Werkes ermöglichte durch generöse Subscription auf fünfundsiebzig Exemplare. Nun ist den Chorregenten und allen Freunden der Kirchenmusik ein Zanberland der Töne erschlossen, ist ihnen eine Schatzkammer geöffnet, deren Reichthum unerschöpflich ist. Es ist nicht mehr als billig, daß jeder nach Möglichkeit darin arbeite und daraus Nutzen schaffe für sich und andere. Die Werke Palestrina's sollen wieder bekannt werden; wie man überall gerne die Kopien von Werken seiner Zeitgenossen, eines Nafael und Michelangelo, sieht und kennt, so sollen auch Pierluigi's Werke wieder Eingang finden und bei unsern Chören verbreitet werden, selbst bei den kleineren. Wo nur ein einfaches Quartett gut besetzt ist, da darf man sich, wenn der Dirigent ein tieferes Studium und anfängliche Blühe nicht scheut, ohne Zaudern an's Werk wagen, der Erfolg wird jede Anstrengung lohnen. Niemand soll sich durch die vermeintlichen Schwierigkeiten abschrecken lassen, denn diese sind hier meist nicht so groß, als bei modernen Kompositionen Zweiten Ranges. Wenn einmal durch Proben und Feilen der Stil getroffen ist, dann singen die Sänger mit unverkennbarer Freude viel lieber und leichter eine alte Messe als eine neue. Man darf auch nicht der Ansicht sein, zu den Gesängen der Alten wären große Chöre erforderlich, — Palestrina selbst hatte im Jahre 1551 vier Soprane, cbcnsoviele Alte, Tcnörc und Bässe. 1584 sind es sechs Soprane, vier Alte (nicht, wie die Soprane, Knaben-, sondern Männerstimmen, hohe Falsettistcn), vier Tcnöre und cbcnsoviele Bässe. Diese Besetzung mußte für große Räume und für achtund zwölfstimmige Sachen ausreichen. Auch den Grund kann ich nicht gelten lassen: „Das Volk versteht diese Gesänge nicht, sie seien ihm zu langweilig." Gerade das Gegentheil behaupte ich. Ich habe in Domkirchcn schon einfache Landlcule gesehen, welche zwei, drei Stunden weit her zum Gottesdienste in die Stadt' kamen „wegen der schönen Kirchenmusik" und andächtig, mit gespanntester Aufmerksamkeit, mit sichtlicher Freude den dahinschwebenden 46 Klängen der Llissn f?axas Naroslli, oder Ulrrur rs- äswxtoris, oder Isis conkeLsor lauschten. Wenn sich die Chorregcnten und Freunde klassischer Musik mit dem Studium der Werke der Alten, speciell Palestrina's, enger befassen wollten, wahrhaft, da wäre keine Mühe vergeudet, denn sie schenken sie einem Manne, der als unerreichter Genius die Poesie der kirchlichen Liturgie in seraphischen Melodien und Harmonien nachgedichtet hat und dem kein größeres Lob hätte gespendet werden können, als der Ehrentitel auf seinem Grabe: Nusioas I'riuosxs, der Fürst der Tonkunst. Das Kloster Monheim und die Reliquien der heiligen Walburga: 893—1893. Zum 1000. Jahrestag der Neliquienübertragung und Stiftung des Klosters. Von A. Zottmaun. (Fortsetzung.) III. Vom Aufhören des äußeren Glanzes bis zum Verfall: o. 1000 —1500. Das Wenige, was über diese Zeit gefunden wurde, wird hier in Kürze mitgetheilt. Bis zum Jahre 1400 finden sich folgende Namen von Monheimer Aebtissinnen, - leider ohne Angabe der bestimmten Jahreszahl: Anna die Fcstcnbcrgerin, Sophye von Maurn, Knnignnd die pirkcnfelseriN, Agnes von Umendorf, AgneS von Pflaunlach, Liukart von Grcdingen, Gute diu Marspcckin, Grcte von Maurn, Anna von kalenthcin und Katharina von Wemdingcn. Dieselben sind genommen aus einem alten Mon- hcimer Salbuch. Darin finden wir bei Auszählung der gestifteten Jahrtage auch einzelne aus dem Klerus der Klosterkirche während dieser Periode angeführt, nämlich: bor Knäolks v. baloutin ains pbarrers lartag; bor Uberbartü ilos xbarrers 1arta§; Her Hansen Pöppsing Jahrtag, eins Kapl. zu Maunhaim; Her Hausen Camererz, der caplan hch gcbescn ist; Her Hermanns des Capplans Zahltag.^) Im Jahre 1060 weiht Bischof Gnndekar II. von Eichstätt in Monheim eine neue Kirche?^) Es ist dieselbe, von welcher heute noch ein Theil des Thurmes, des Krenzganges 6°) und wahrscheinlich auch der Grundmauern steht?') 1161 brennt die Kirche in Heidenheim ab und wenden sich die Heidenheimer an Bischöfe und Klöster um Mittel zu einem Neubau; dazu hat sicher auch unser Kloster beigetragen, das ja, wie kein anderes, mit Heidcn- heim in Verbindung gestanden. °') Nach Klosteraufzcichnungen aus d. I. 1381 ok. später. °°) In dem betreffenden Gundekarischen Verzeichnis; der geweihten Kirchen heißt cS: Istas, guas bie oeruitis, subuvtatas eeotosias cousoorarit Eunäeobar s. aureateusis oeelostas oetavns äoeiwus opiseopns: ... 36 Nuouboiw. °°) Vgl. Sighart, Bild. Künste im Kgr. Bayern pg. 775. Vor kurzer Zeit erst fand man ein Stück dieser alten Grundmauer aus; sie liegt etwas innerhalb der Grundmauern der jetzigen Kirche unter dem Pflaster. Allerdings wäre es auch möglich, daß die aufgefundene Mauer zur ehemaligen Krypta gehörte; denn daß diese römische Kirche eine Krypta zur Aufnahme der bl. Reliquien hatte, erhellt daraus, daß man um's Jahr 1500 beim Bau einer neuen Kirche unter der Erde einen Altar fand. 1180 findet sich eine Urkunde, nach welcher Monheim Besitzungen in Otting hat. 1256 werden in Eichstätt die Reliquien des heil. Willibald aus der Gruft erhoben und in einem erhöhten Monument beigesetzt unter Bischof Heinrich IV. Zu dieser Feier, die großartig begangen wird, erscheint auch der Konvent Monheim mit den Reliquien der HI. Walburga und in Begleitung zahlreicher Andächtiger. Von Eichstätt werden die Reliquien wieder zurückgebracht und in der Krypta wieder beigesetzt. Jedenfalls nahm man gerade damals von dem wunderbaren Wal- burga-Oel in Eichstätt mit und legte es zu den hl. Reliquien in der Gruft, wo es nach fast 300 Jahren noch rein und lauter gefunden wurde. In dem Zeitraum von Mitte des 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts entstand bei der Kirche und dem Kloster dreimal ein Brand; dabei wurde die Krypta mit den hl. Reliquien ganz verschüttet und waren dieselben lange Zeit unbekannt und vergraben. Es scheint, daß schon bald nach 1256 der erste Brand stattfand und dabei solche Zerstörung verursacht wurde, daß die vollständige Verschüttung der Krypta mit den hl. Reliquien erfolgte und dieselben ganz außer Kenntniß geriethcn. 1278 wird erwähnt ein Oürmraäus, ässumm äs Nav/nlisim. 1369 verkauft das Kloster Vesitzthümer in Feld- heim an Scyfried Heyden;°o) es besitzt zu dieser Zeit auch das Patronatsrecht über die dortige Pfarrei. Um 1370 bringt Bischof Nhabno Ordnung in die zerrütteten Verhältnisse Monheims?") Es muß also im Kloster Etwas fehlen: freilich mochte schon die Zerstörung durch's Feuer und die dadurch herbeigeführte Unordnung nachtheilig gewirkt haben. Die hl. Reliquien waren auch unbekannt mit Schutt begraben; die Verehrung der hl. Walburga demnach nicht mehr so blühend und eifrig. Was für Ordnung der Bischof hineingebracht, konnten wir nicht ermitteln. Da wir aber erfahren, daß er von Monheim weg sein Augenmerk auf die Reform des Klosters Pillenreuth richtete und dort Canonissen einführte, so möchten wir schließen, daß dasselbe um diese Zeit in Monheim geschah. Gewiß aber ist nur, das; die Benediktincriuuenabtei Monheim überhaupt in eine Canonissenabtei verwandelt wurde?') 1381 ist Aebtissin: Katharina von Wemdingcn. Sie schrieb aus alten Büchern und Urkunden ein Verzeichniß der in die Klosterkirche gestifteten Jahrtage, sowie sämmtlicher Einnahmen des Klosters in einem interessanten Pergamentcodex °?) zusammen, in welchem wir eine ziemlich gute Uebersicht über den damaligen Stand des Klosters erhalten: »In irowins äomini. Urnen?, so beginnt sie, „Ditz puch ist geskriben und gcordiniert Da man zalt von Cristz geburt Drützehen hundert Jar und da nach in dem ain vnd achtzigsten Jahr an dem nächsten °s) »ea vero äie i !. 8. IVatbnrgis äo Llrumbeim per eonvontuw ejusäenr loei et s. Ooukossor ^Vuniunvalllus . Oliaw, das; Margarctha, Äbtissin zu Monheim, an die Teutschen Nittcr-Ordens- Commenthur zu Blommcnthal etwelche Güter sammt dem Kirchensatz, Zchenden und Ehehafft zu Berubach verkanfft habe, wie solches der Kaufbrief vom Jahre 1482 be- zeuge"?°) Mit verschiedenen andern Gütern wird es auch so gegangen sein, jedenfalls um den baldigen Kirchenbau zu ermöglichen. Dieser wurde aber hinausgeschoben; verschiedene Unglücksfälle, die vielen Hagel- schläge, die in der ganzen Gegend eintraten, und Ueber- schwemmuugcn, dann große Trockenheit und Theuerung, endlich die Pest, welche Viele dahinraffte, ließen solche Pläne nicht aufkommen. Dazu kamen neue Kriegsunruhen. Monheim gehörte um diese Zeit dem bayerischen Herzog Georg dem Reichen aus der Landshuter Linie. Da dieser ohne männliche Erben war, so sollten seine Besitzungen nach dem bayerischen Agnarenrecht und außerdem noch nach kaiserlich bestätigter Uebereinkuuft an die Münchner Herzoge fallen. Im Geheimen aber hatte Georg eine Urkunde ausfertigen lassen, daß seine Besitzungen sein Tochtermann Ruprecht von der Pfalz erben sollte. Als bald darauf, am 1. Dezember 1503, Herzog Georg gestorben war, wollten beide Theile: die Münchner- Herzoge als eigentlich berechtigte Erben und Ruprecht auf Grund des geheimen Testamentes, das Erbe antreten. Ein gütlicher Ausgleich kam nicht zu Stande: so griff man zu den Waffen. Vom Kaiser wurde Ruprecht in die Acht erklärt; dieser aber wußte die reichen Schätze feines Schwiegervaters zum großen Theil an sich zu bringen und Bundesgenossen zu finden, so daß er die besten Aussichten hatte;^) auch die Monheimer Gegend wußte er für sich zu gewinnen. Die Buchdorfer hatten ihn allerdings gefangen genommen, aber „er sprach ganz holdselig, wie er war, dem wilden Haufen freundlich zu, gab ihnen drei Gulden zum Vertrinken und die besten Verheißungen, als seinen künftig eigenen Leuten, so daß er die ganze Gemeinde für sich gewann und ihm diese von nun an mit allem Ernste diente". So verstand Ruprecht goldene Brücken zu bauen. Es wurde nun der freie Paß von Nürnberg nach Donauwörth, wo die Kaiserlichen standen, abgesperrt, kaiserliche Couriere abgefangen und ihre Briefe geöffnet, kurz die Keckheit auf's höchste getrieben. Aber bald wendete sich das Blatt. In Buchdorf wurden von den Kaiserlichen und Herzoglichen 200 Firste abgebrannt und viele Leute fortgeschleppt, und nachdem hier die Fackel des Krieges angebrannt war, schwang sie sich weit in die Pfalz und nach Bayern hinein. Bei 600 Ortschaften wurden abgebrannt, es herrschte ein gegenseitiges Brennen und Morden.^) In unserer Gegend siegten die Kaiserlichen; neben andern Herzoge; ob mit Recht und nach welchen Urkunden, konnten wir nicht ermitteln. Die dort (Bild. Künste in Bayern) 464 angegebene Jahreszahl o. 1450 ist jedenfalls unrichtig. '") Luidl, 8.0., Eichstättisches Heiligthum, I. Tbl., p§. 221. ") Schreiber, Bayer. Geschichte, I. Bd., p§. 399 ff. Königsdorfer, Hl. Kreuz in Donauwörth, 1. Bd., xZ. 306-308. Städten, wie Friedbcrg, Aicha, Launigen, Gundelfingen, Wemding n. A., wurde auch Monhcim von ihnen besetzt und mußte wieder dem Herzog Albrecht von München huldigen.^) Da aber in den übrigen Ländern das Kriegsglück bald auf der einen, bald auf der andern Seite war und beide Theile große Verluste erlitten, auch viele Fürsten, besonders die Bischöfe von Trier, Würz- burg, Salzburg, Eichstätt, Freising und Paffau zum Frieden mahnten, so verstanden sich die feindlichen Parteien, umsomehr, da auch Ruprecht selbst und seine habsüchtige Gemahlin Elisabeth gestorben waren, zu einem friedlichen Vergleich, dem sogenannten „Kölner Spruch", im Jahre 1505.^) Demzufolge wurden die Erblande Georgs des Reichen, in welchen Monhcim lag, in drei Theile getheilt, deren einen größten Herzog Albrecht von München, den zweiten der Kaiser für die Kriegskosten erhielt und den dritten man zu einem eigenen Herzog- thnm für die Söhne des verstorbenen Ruprecht: Otto Heinrich und Philipp, ausschied, unter dem Namen „Junge Pfalz", auch „Pfalz-Neuburg". Dieses neugebildete junge Herzogthum bestand aus „Schloß, Stadt und Amt Neuburg, mit den dazu gehörigen Wäldern, wie auch Höchstädt, Launigen, Gundelfingen, Monheim, Hilpoltstein rc."^) Unter diesen Kriegswirren und andern Unglücksfällen war an den Ban der Kirche nicht zu denken. Aber auch das innere Leben des Klosters litt stark darunter. Aus dem Jahre 1480 wird uns berichtet, daß nur mehr vier Canonissen sich im Kloster befanden. Ein Rückblick auf diese letzte Zeit des Klosters bietet uns ein trauriges Bild; die hl. Reliquien schon längst vergraben und unbeachtet, die Kirche eingeäschert, die Klostergüter großentheils verwüstet, die Klosterbewohner bis auf ganz wenige zusammengeschmolzen: es ist das Bild des Verfalles. (Fortsetzung folgt.) Litterarisches. 0. „Gott will cö". Mit den letzten Heften des Jahrgangs 1993 dieser MissiouSzeitschrift erhielten wir auch das erste Heft für 1894. Die letzten Hefte bilden einen würdigen Abschluß des Jahrgangs, und der Inhalt des ersten Heftes laufenden Jahres eröffnet einen erfreulichen Ausblick auf das, was uns der neue Jahrgang bieten wird. Der ohnehin billige Preis ist halbjährig auf 1 M. ermäßigt, und erscheint die Zeitschrift, einem vielfach geäußerten Wunsch entsprechend, mit gleich großem Umfange monatlich einmal. Bei dieser geringen Ausgabe von jährlich nur zwei Mark wird diese so verdienstvolle, durch ihre vielen Originalberichte aus Afrika einzig in ihrer Art dastehende, mannigfach unterrichtende, oft sehr interessante und überdieß illustrirte Missionszeitschrift gewiß viele neue Freunde gewinnen. Wir empföhlen sie somit aufs Neue unsern verehrten Lesern. Probenuwmcrn versendet jede Buchhandlung, sowie auch die Verlagöhandlung A. Niffarth, M.-Gladbach gratis und frauco. DaS früher im Verlage von Velhagen und Klasing in Bielefeld erschienenen Oonoilinm triäsutiuum mit gegenüberstehender deutscher Ucbersctzung von CanonicuS Dr. Smet s, sowie der O'ateebismus romauns (lateinisch und deutsch) unter Zugrundelegung der Ucbersctzung von SmetS, herausgcg. von Univ.-Prof. Dr. B u se, zwei Bände, sind mit sämmtlichen Vor- räthen in den Verlag von B. Wehberg in Osnabrück übergegangen. Der Letztere hat den Preis des Oatoebismus romanus von 6 M. auf 3.50 M.. den des Ooneilium tricksn- tinum von 4 M- auf 2 M. ermäßigt. ^) Falckenstein, Vollst. Geschichte des großen Herzogthumö Bayern, III. Thl., i^. 493. ") Ibiä. xx. 505. '^) Falckenstein, Vollst. Gesch., px. 506. Verautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg.