ttl-. 11 15. März 1894. e M Zugs s St. Michael als Seelenwäger und Pastor Schenkel als sein Jkonograph. 8. Die Ikonographie des christlichen Mittelalters ist ein viel zu anziehendes Gebiet, als daß es uns wundern dürfte, wenn sich in unseren Tagen, wo die ehemalige Bilderstürmerei des 16. Jahrhunderts anch von billig denkenden Protestanten längst lebhaft bedauert wird, nach dem Vorgänge des sehr verdienten Otte auch protestantische Geistliche darauf begeben. Es darf uns dann aber anch nicht wundern, wenn das Bemühen, die Protestation gegen die Kirche als solche bereits vor dem Protestantismus zu constatiren, wie auf anderen so auch auf diesem Gebiete angetroffen wird. Mit welcher Bosheit und Verblendung dies aber zuweilen verbunden ist, dafür wollen wir hier ein Beispiel anführen. Im Jahre 1877 wurden in der Stcigkirche zu Schaffhausen mittelalterliche Gemälde bloßgelegt, von denen eines den hl. Michael mit einer Waage darstellt, ein Bild, „das mehrere höchst merkwürdige und seltene Züge in sich vereinigt, unter ihnen einen durchaus eigenartigen, der ein Räthsel schwierigster Art zur Lösung aufgibt," wie Herr Pastor I. I. Schenkel meint. Nach jahrelangem Studium sei es ihm jedoch gelungen, des Räthsels Lösung zu finden, und er überrascht damit die staunende Welt in diesem Jahre und zwar im Organ des hist.-antiqu. Vereines des Kantons Schaffhausen: „Beiträge zur vaterländischen Geschichte", 6. Heft, S. 4-22. Das Heft enthält zwei Kunstbeilagen, wovon die eine jenes aufgedeckte Wandgemälde wiedergibt. Wir sehen auf diesem, übrigens höchst unbedeutenden Bilde aus der Zeit von 1500 den hl. Michael neben zwei Heiligen. In der Linken hält er eine Waage, deren (vom hl. Michael aus gerechnet) rechte niederziehende Schale eine unbekleidete menschliche Gestalt beschwert, die sich an einem Kreuze anklammert, während aus der linken, in die Höhe geschnellten, eine Kirche hervorragt. Auf dem linken Waagbalken sitzt eine phantastische Teufelsgestalt, welche mit einer Gabel auf die Kirche in der Schale drückt, wahrend eine andere durch ihr Körpergewicht, das noch dazu durch einen um den Hals gehängten Mühlstein verstärkt ist, die linke Schale in die Tiefe zu ziehen sucht. Mit seiner Rechten gießt der hl. Erzengel aus einem Gesäße eine Flüssigkeit über die durch das nackte Figürchen dargestellte Menschenseele aus. Wir können die weitschweifigen, bis auf die mit den Haaren herbeigezogenen altgriechischen, ägyptischen, buddhistischen, mohamcdanischen Analogien eingehenden Untersuchungen des Herrn Pastors Schenkel bei Seite lassen. Die der mittelalterlichen Darstellung des hl. Michael zu Grunde liegende Idee kommt in Schenkels Studie nicht zum adäquaten Ausdruck. Die Bezeichnung des hl. Michael als Seclen- wäger ist eine äußerliche, beinahe triviale. Die Waage, ursprünglich auf Weltgerichtsbildern für sich vorkommend, gilt als Symbol der göttlichen Gerechtigkeit. Dieses Symbol wird später dem von Uranfang an von Gott mit der Exekutivgewalt betrauten hl. Michael, der darum in der Rechten gewöhnlich das Schwert oder Kreuzpanier trägt, in die Hand gegeben. Die christlichen Künstler wußten diese wenigen Motive auf die mannigfaltigste Weise zu verwerthen und zu beleben, indem sie z. B. den naheliegenden Akt des Wägens der Menschenscelen einführten, den hl. Michael für oder gegen eine Seite Partei ergreifen ließen rc. Doch uns intercssirt zunächst das Bild in der Steigkirche und „die Lösung seines Räthsels", wie sie Pastor Schenke! gibt. „Weitaus das Merkwürdigste in dem Gemälde der Steigkirche ist, wie er meint, daß in der Waagschale linker Hand eine Kirche steht. Was soll diese Kirche bedeuten? . . . Ein Bild der Scclcnwägung, auf welchem eine Kirche dargestellt ist, kam mir allerdings vor. Dasselbe befindet oder befand sich als Fresko in der Kirche zu Velemer in Ungarn." Dort stelle nämlich ein Engel das Kirchlein auf das rechte Ende des Balkens der vom hl. Michael gehaltenen Waage; es spreche also das Kirchlein für die gewogene Seele. „Nun aber liegt ja die Schwierigkeit im Steigbilde eben darin, daß die Kirche sich in der Sündenschale befindet. Sie spricht danach gegen die Seele. Sie symbolisirt eine Schuld. Die zwei Teufel sind geschäftig, nicht etwa, sie aus der Schale hinauszuwerfen, was sie thun müßten, wenn ihr Gewicht zu Gunsten der Seele spräche, nein, sie bemühen sich, ihr ohnehin zum Nachtheil der Seele wirkendes Gewicht nach Kräften zu vermehren" (S. 19). Und so strengt sich Pastor Schenkel in fast krampfhafter Weise an, eine antikirchliche, ja „antirömische" (S. 22) Tendenz aus dem Bilde herauszuklügeln. Und was sollte es anch anderes enthalten? „Handelt es sich etwa beim Steigbilde um eine bestimmte Person, und bestand deren Versündigung vielleicht darin, daß sie eine Kirche erbaute aus erwuchertem oder geraubtem Gute, mit den Thränen von Wittwen und Waisen? Schwerlich! Wenn ungerechter Besitz zum Ban eines Gotteshauses diente, so war die mittelalterliche Kirche in ihrer Beurtheilung des Falles sehr zur Milde geneigt. Der Zweck heiligte das Mittel." „Ist es etwa die Seele eines Priesters, die gewogen wird, und will mit der Kirche in der Schale links gesagt werden: die Schuld des Mannes sei um so schwerer, weil ein Diener des Heiligthums sie auf sich lud :c.?" Gewiß nicht! „Die römische Kirche war zu allen Zeiten viel zu politisch, als daß sie die dunklen Thaten ihres Klerus so an die Oeffentlichkeit gezogen hätte". Und nun soll der wahre Sinn des Steigbildes in Folgendem zu suchen sein: Die bloß äußerliche Zugehörigkeit zur Kirche sei allein nicht zum Heile, sondern gereiche nur zu um so größerer Verantwortung u. a. m. Allein derartige Grundsätze, wie Sie, Herr Pastor, dieselben aus dem Bilde herauslesen zu dürfen glauben, sind so ziemlich auch katholisch, nur mit der bestimmten Ausnahme, daß sich die katholische Kirche in ihrem Lehramts nie zu der wahrhaft horrenden und für den größten Theil der Menschheit geradezu verzwciflnngsvollen Behauptung verstieg, die Sie in ächt lutherischer Weise wagen, daß nämlich die nicht im Gnadenstande gewirkten guten Werke „strahlende Sünden" (S. 21) seien und „in die Sündenschale gehören". Schade nur, daß das fragliche Bild bei nüchterner Betrachtung keinen Gedanken an jene Grundsätze erweckt. Eine antikirchliche Tendenz würde aber weder in ihnen liegen, noch ist sie zu finden in dem Bilde der Steigkirche. Ich will Ihnen vielmehr, Herr Pastor, um zum Schlüsse zu kommen, kurz des Räthsels Lösung geben. Wie der Dichter, so setzt auch der Künstler zuweilen die Ursache statt der Wirkung. Man nennt das Metonymie. Das ist auch auf dem 82 Steigbilde der Fall. Statt der nachgelassenen Sünden, die nichts mehr wiegen, findet sich in der linken Waagschale des Steigbildes einfach die Kirche, als die Sühneanstalt (dgl. Joh. 20, 22 f.), wie anderwärts, was Sie ja selbst wissen, das Lamm Gottes. Was Sie von einem zum Nachtheile der Seele wirkenden Gewichte der Kirche faseln, entspringt einer mehr als bloß optischen Täuschung. Denn Sie müssen ja doch sehen, daß die Schale mit der Kirche in die Höhe geht. Was aber den Satz: der Zweck heiligt die Mittel, betrifft, so belieben Sie ihn einmal gefälligst aus der Mittelalterlichen Kirchenlehre zu beweisen. Eine krasse Unkenntniß sodann, und wenn nicht dies, dann eine um so größere Bosheit verräth aber der Satz: .-Die römische Kirche war zu allen Zeiten viel zu politisch, als daß sie die dunklen Thaten ihres Klerus so an die Ocffentlichkeit gezogen hätte." Soll ich Sie etwa mit einer Wolke von Beispielen gleichsam bedecken, welche alle Zeigen, wie die kirchlichen Künstler, angefangen von dem Zeitpunkte, wo das dramatische Moment der Scheidung der Auferstehenden in die Glückseligen und Verdammten in die Weltgerichtsbilder aufgenommen wurde — ungefähr von der Zeit des Meisters vom Weltgerichte im Campo Santo zu Pisa und des Deutschen Stephan Lochncr — bis herauf zu Cornelius und weiter, sich nicht scheuten, unter den Unglückseligen auch Ordensleute, Weltgeistliche, ja selbst auch mit Jnful, Cardinalshut und Tiara ausgezeichnete Häupter aufzuführen? Doch genug über das Steigbild zu Schaffhausen und seines Räthsels Lösung. In dem gleichen Band „Beiträge zur vatcrl. Geschichte" des Schasfhausener hist.-antiqu. Vereins findet sich noch ein anderer Beweis dafür, wie unzuverlässig Protest. Berichte über rein katholische Dinge zuweilen ausfallen können. Herr Nob. Harder veröffentlicht hier ein Jahrzeitbuch (Anniversarienvcrzeichniß) der Leutkirche St. Johannes in Schaffhausen und schickt demselben in bester Absicht einige einleitende Bemerkungen über die bei der Jahrtagsfeier in Betracht kommende kirchliche Liturgie voraus. Trotzdem er sich aber bei seiner Arbeit der Unterstützung zweier Pastoren erfreute, gewinnen doch gerade seine liturgischen Erklärungen manchmal einen fast komischen Anstrich. Ich begnüge mich damit, nur seine Beschreibung der Seelenmesse hieher zu setzen: „Wie die öffentliche Messe, so setzt sich auch die Privat- oder Seelenmesse zusammen aus: 1. dem Jntroitus oder Eingang, bestehend in dem Wechselgesang eines Psalmverses oder sonst einer Bibelstelle, dem dreimaligen L^ris eleisoir und der sogen. Doxologie oder Lobpreisung; 2. dem Graduale d. i. dem Gesang eines Psalmenoder Bibelvcrses, dem der Segen und die Anrede des Priesters, sowie die Verlesung des Episteltextcs vorausgeht. Nach 3. dem Ollsrtoriuw, womit die Brode aufgelegt und die Mischung des Weines nebst der Hand- waschung vorgenommen wird, folgt 4. der Lanon wissao, die eigentliche Meßhandlnng. Sie wird eingeleitet durch ein Dankgebet für die Erlösung, die Anrufung Gottes um gnädige Annahme und die Fürbitte für den Stifter und seine Angehörigen. Es erfolgt sodann unter verschiedenen leisen Gebeten, namentlich auch dem für die Verstorbenen, die Weihung, Brechung und Austheilung der Hostie und der Abendmahlsgenuß des Cclebrauten, worauf die Feier mit 5. der l^ootoomurunioii, dem Gesang eines kurzen Gebetes und nachherigem Segen schließt." (S. 102.) Diese Ausführungen schließen jede böswillige Insinuation gegen die katholische Kirche aus und sind deßhalb wesentlich anders zu beurtheilen, als jene des Herrn Pastors Schenkel. Doch sollte man von einer Arbeit, welche mit Unterstützung zweier Geistlichen erstellt ist, die noch dazu zu den „Tit. Archivbeamtungcn" gehören, und bei denen deßhalb wenigstens um des historischen Interesses willen eine genauere Kenntniß der uralten katholischen Liturgie vorauszusetzen wäre, bessere Informationen erwarten können. Wir schließen, indem wir dem hist.-antiqu. Verein des Kantons Schaffhansen den guten Rath ertheilen, in den Nedactionsausschuß der Beiträge zur vaterländischen Geschichte nur solche Mitglieder zu wählen, welche bei feinem, namentlich dem Historiker ziemenden, Takte gegen Andersgläubige der Fähigkeit zu sachlicher Kritik nicht entbehren. Dann wird der wahren Toleranz und der historischen Wahrheit zugleich gedient sein. Der Herbartiniiisllms an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien. 2^2 Im 2. Hefte des Jahrbuches für Philosophie und spekulative Theologie, herausgegeben von Professor Commer (Jahrgang 1893/94), veröffentlicht Kanonikus Or. Gloßner einen trefflichen Artikel über den ebenso weitgreifenden wie unheilvollen Einfluß, welchen die Her- bart'sche Philosophie auf Geist und Methode der Erziehung und des Unterrichtes gewonnen hat. Der gelehrte Verfasser beabsichtigt mit dieser seiner Arbeit, die Aufmerksamkeit der maßgebenden Faktoren auf die Gefahren des Eindringens Herbart'scher Lehrbücher in die Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen hinzulenken. Um diesen Zweck noch besser und nachdrucksamer zu ermöglichen, wollen wir auch den werthen Lesern unserer Blätter die Hauptgedanken des erwähnten Artikels vorführen. Um so mehr fühlen wir uns dazu gedrängt, weil viele unserer Leser als Schulinspektoren oder Lehrer mit den der Schule drohenden Gefahren näher bekannt gemacht werden müssen. Dies nun eindringlicher und concret zu thun, wählen wtr mit dem Verfasser als stellvertretendes Beispiel ein Lehrbuch, das seit Jahren unbeanstandet an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien gebraucht wird: „Die allgemeine Erziehungslehre. Lehrtext zum Gebrauche an den Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen. Von Schulrath Dr. G. A. Lindner. 6. unveränderte Auflage. 1886." Das vorliegende Lehrbuch ist durchweg im Herbart'schen Geiste geschrieben. Daran vermochte die Berücksichtigung der „Empiriker" nichts wesentlich zu ändern. Wenn die Herbartianer das Verdienst beanspruchen, strenge Wissenschaft mit Gläubigkeit und Religiosität zu verbinden, werden wir im Verlauf dieser Ausführungen wohl erkennen, daß die Wahrheit und Wirklichkeit diesen schön klingenden Versicherungen durchaus nicht entspricht. Die Herbart'sche Philosophie wird uns geradezu ungeeignet erscheinen, die unentbehrlichen psychologischen und ethischen Grundlagen einer wissenschaftlichen Pädagogik zu bieten. Unstreitig bedarf die Erziehungsknnst und Erziehungswissenschaft einer reichen psychologischen Erfahrung, einer klaren und tiefen Erkenntniß der Seele und des Seelenlebens. Soll doch vor allem die Erziehung einwirken auf die Seele und ihre Vermögen, insbesondere auf Verstand und Willen. Der Erzieher aber wird dies um so erfolgreicher können, je gründlicher er die Natur und Entwicklungsgesetze der Scelenvermögen, die Art ihres Zusammenwirkens, ihre gegenseitige Abhängigkeit n. dgl. erkennt. Der Blick in unser eigenes Innere, wie die Beobachtung der Aeußerungen fremden Seelenlebens zeigt uns das Bild einer ungemein reichen Mannigfaltigkeit derBethätigungen innerhalb der Einheit des Selbstbewußtseins, die Gegensätze sinnlicher und geistiger, innerlich auffassender und nach außen strebender Vermögen. Vorzugsweise gibt sich in der Thatsache der freien Selbstbestimmung und der wirklichen oder angestrebten Herrschaft des Willens über die niederen Triebe und Strebungen ein nach innen und außen wirksames und selbständig thätiges Prinzip kund. Diesen Erfahrungsthatsachen aber widerstreitet geradezu die Herbart'sche Psychologie. Das Lindner'sche Lehrbuch sagt (S. 4 f.) uns: „Die sogenannten Seelenvermögen: Verstand, Vernunft, Gedächtniß, Einbildungskraft u. s. w., gehören nicht zu den Uran lagen und sind vielmehr abgeleitete Vorgänge, die sich aus der Wechselwirkung der Vorstellungen ergeben. Denn der Inhalt unserer Vorstellungen ist in keiner Weise angeboren, sondern kommt uns von außen zu durch die Sinne. Angeboren sind uns nur die formellen Verschiedenheiten der Art, wie die Seelenzustände im Bewußtsein auftreten und wie sie verlaufen. Der eine faßt lebhaft und tief auf, der andere matt und seicht; der eine begreift augenblicklich, während der andere mit seiner Auffassung nur nachhinkt. Die Ursache hiervon liegt zumeist in der ererbten Beschaffenheit des Nervensystems, welche wir das Temperament und Naturell nennen... Alle Anlagen sind ursprünglich körperliche Anlagen, d. h. gewisse angeborne Beschaffenheiten des leiblichen Organismus. Jnsoferne jedoch die letzteren einen Einfluß haben auf das Auftreten und den Verlauf der Seelenzustände, kann man auch von geistigen Anlagen sprechen." Die wahren Gründe — wenn auch unausgesprochen — für Lindner, mit Herbart, seinem Meister, die Existenz der Seelenvermogen zu leugnen und das gesammte Seelenleben auf die Wechselwirkung der Vorstellungen zurückzuführen, liegen in der Herbart'schen Begriffsbestimmung der Seele. Nach Herbart (Werke, Bd. 5, S. 108 ff.) „ist die Seele das einfache Wesen, dessen Sclbsterhaltungen Vorstellungen sind. Die Seele ist ein einfaches Wesen; nicht bloß ohne Theile, sondern auch ohne irgend eine Vielheit in ihrer Qualität... Die Seele hat gar keine Anlagen und Vermögen, weder etwas zu empfangen, noch zu produziren. Sie ist demnach keine tusiulu raoa, in dem Sinne, als ob darauf fremde Eindrücke gemacht werden könnten; auch keine in ursprünglicher Selbstthätigkeit begriffene Substanz in Leibniz' Sinne. Sie hat ursprünglich weder Vorstellungen, noch Gefühle, noch Begierden; sie weiß nichts von sich selbst und nichts von anderen Dingen; es liegen auch in ihr keine Formen des Anschauens und des Denkens, keine Gesetze des Wollens und Handelns; auch keinerlei wie immer entfernte Vorbereitungen zu dem allem. Das einfache Was der Seele ist völlig unbekannt und bleibt es auf immer; es ist kein Gegenstand der spcculativen so wenig als der empirischen Psychologie. .. Die Selbst- erhaltungen der Seele sind Vorstellungen und zwar einfache Vorstellungen, weil der Akt der Selbsterhaltung einfach ist, wie das Wesen, das sich erhält. Daniit besteht aber eine unendliche Mannigfaltigkeit von mehreren solchen Akten; sie find nämlich verschieden, je nachdem es die Störungen sind. Demgemäß hat die Mannigfaltigkeit der Vorstellungen und eine unendlich vielfältige Zusammensetzung derselben gar keine Schwierigkeit. . . Der Gegensatz zwischen Seele und Materie ist nicht ein solcher in dem Was der Wesen, sondern er ist ein Gegensatz in der Art unserer Auffassung. Die Materie als ein räumlich Reales, mit räumlichen Kräften vorgestellt, wie wir sie zu denken Pflegen, gehört weder in das Reich des Seins, noch in das des wirklichen Geschehens, sondern sie ist eine bloße Erscheinung. Eben dieselbe Materie aber ist real als eine Summe einfacher Wesen; und in diesem Wesen geschieht wirklich etwas, welches die Erscheinung einer räumlichen Existenz zur Folge hat." Nach Lindner (a. O.) sind Verstand, Vernunft, Wille u. s. w. Ergebnisse der Wechselwirkung sinnlicher Vorstellungen. Offenbar eine Theorie des reinsten Materialismus. Da kann es freilich nicht befremden, wenn es heißt, die Seele sei nicht wesentlich verschieden von den Elementen der Körperwclt. Die Auffassung der Materie als eines bloßen Phänomens ändert nichts an diesem groben Materialismus. Denn die Seele und die Elemente der Körperwelt werden eben als Principien einer materiellen Welt, also materiell gedacht und bestimmt. Erklärte doch oben Herbart die Seele als einfaches Wesen, dessen Selbsterhaltungen Vorstellungen sind. Die Vorstellungen aber sind ihm Produkte mechanischer Verhältnisse, eines Mechanismus der Elemente, wie alle übrigen Seelenphänomeua außer den Vorstellungen Produkte des Mechanismus der Vorstellungen sind. Die Vorstellungen sind nach Herbarts Ansicht Selbsterhaltungen der einfachen Wesen gegenüber Störungen, welche von außen kommen. Wie nun aber soll man sich dies erklärend Herbart findet den Grund der mannigfaltigen Erscheinung (des Scheines) in der Vielheit der einfachen Wesen, welche in dem mechanischen Verhältniß des Druckes und Gegendruckes zu einander stehen. Diese einfachen Wesen suchen in einander einzudringen, setzen aber einen Widerstand entgegen und erhalten sich selbst gegenüber den von außen wider sie eindringenden Störungen. Er unterscheidet eben die Welt des Scheins, d. i. der Erscheinung, und die Welt des Seins. Alles, was wir unmittelbar, äußerlich oder innerlich, erfahren, gehört der Welt des Scheines an, hinter der aber eine Welt des Seins angenommen werden mnß; denn „soviel Schein, soviel Hindeutung auf Sein". Der Schein ist relativ, das Sein absolut, unbeschränkt, einfach, unveränderlich. Das Sein ist jedoch nicht eines, das alles ist, sondern, entsprechend dem mannigfaltigen Scheine, eine Vielheit von einfachen Wesen, welche alle ebenso absolut, unbeschränkt, unveränderlich u. dgl., also ebcnsovicle Götter sind (Pantheismus). Darum weiß Herbart auch von diesen Wesen keinen Weg zu einer schöpferischen Ursache der Welt zu finden. Die Herbart'sche „Wissenschaft" ist und bleibt atheistisch, sofern sie die Annahme eines höchsten Wesens im religiösen Sinne ausschließt, pan- theistisch, sofern die von ihr angenommenen Wesen alle die göttlichen Eigenschaften der Absolutheit, Einfachheit, Ewigkeit n. s. w. haben, materialistisch, sofern diese Wesen auch ganz wie die Atome Demokrits und Epikurs in bloß mathematisch-mechanischen Beziehungen sich bethätigen. Allerdings wollen die Herbart'schen Pädagogen, so auch insbesondere unser Lindner, jene atheistischen und materialistischen Theorien ablehnen, aber sie nehmen Lehren an und stellen Behauptungen auf, welche mit jenen abgelehnten stehen und fallen. Oder sind das nicht Herbart'sche Wege und Spuren, das gesammte Seelenleben auf Vorstellungen zurückzuführen und alles andere aus mechanischen Verhältnissen, aus der wechselseitigen Förderung und Hemmung, Anziehung und Abstoßung der Vorstellungen abzuleiten? Somit beherrscht Materialismus und Mechanismus ihre Pädagogik, weil er ihre Psychologie durchdringt. Der Vor- wnrf des Atheismus mag im subjcctiven Sinne viele Pädagogen der Herbart'schen Schule nicht treffen, aber auf alle trifft er im objectiven Sinne zu. Dies wird uns besonders klar werden bei Betrachtung der ethischen Grundlage der Herbart'schen Pädagogik L 1a Lindner. Doch bleiben wir noch zunächst bei der Lindner'schen Psychologie. Die sogenannten Seelenvermögen sind ihm, wie wir oben schon gehört, nur abgeleitete Vorgänge, welche sich aus der Wechselwirkung der Vorstellungen ergeben. Auf diese Weise erscheint die Psychologie als die reinste Mechanik der Vorstellungen. Von einem snbstanziellen Ich, einem thätigen Selbst, einer freien Selbstbestimmung des Willens kann da keine Rede sein. Das Ich ist Ergebniß der innigen Verschmelzung und Verflechtung der Vorstellungen, der Schwerpunkt gleichsam eines Vorstellungscomplexes. Da wird die Freiheit geradezu zum Scheine, zur Selbsttäuschung. Wo bleibt da für die Pädagogik eine wahre und gründliche Erkenntniß der Seele und des Menschen? Irrthümer aber über das Wesen der Seele und des Menschen führen nothwendig zu einer falschen Bestimmung des Endzwecks des menschlichen Lebens und des Zieles der Erziehung. Die Herbart'sche Theorie widerspricht geradezu dem Zeugniß des Bewußtseins, der inneren Erfahrung. Ist das Selbstbewußtsein die Erscheinung des Seelen- wesens, so kann dieses nicht ein todtes, vermögen- und thätigkeitsloses Reale im Sinne Herbarts sein, welches keine Macht über seine Vorstellungen besitzt und starr und unthätig hinter ihnen steht. Vielmehr muß die Seele als ein selbstthätiges, sich mit Freiheit bestimmendes Wesen mit einer Vielheit von Vermögen und Thätigkeiten anerkannt werden. (Fortsetzung folgt.) Eine „Sammlimg theologischer Lehrbücher" mit besonderer Berücksichtigung der Neligions- philosophie. (Schluß.) III. O. Was zunächst die Religionsphilosophie auf Seite der protestantischen Wissenschaft betrifft, so können uns ja hier Neberraschungcn kaum mehr zu theil werden, und Siebeck begreift seine Stellungnahme innerhalb dieser eigenthümlichen Richtungen vollständig. Bekannt sind ja die in neuester Zeit erschienenen Ncligionsphilosophien von Teichmüller, Otto Pfleiderer, Nauwenhoff, Rudolf Seydel. Der verstorbene Professor Teichmüller in Dorpat wird in der Regel als „theistischcr gerichteter Neligions- philosoph betrachtet", Pfleiderer ist Pantheist, Nauwenhoff sagt unö: „Glaube an uns selbst", das ist das höchste Erkenntniß- und Lebensprincip. Nauwenhoff versteht darunter „die Nothwendigkeit, aus das zu vertrauen, was sich als Gesetz unserer Anlage bet unserem Fühlen, Denken und Urtheilen geltend macht". Neuestens hat man sich gar noch bewogen gefühlt, bi Neligionsphilosophie des verstorbenen Leipziger Professors Ludwig Seydel aus dem Nachlaß herauszugeben, ein opus, aus dem keine Klarheit gewonnen werden kann. Seydel ist ein Phantast. Bis zum Jahre 1680 war er ein geradezu fanatischer Anhänger der Freimaurerei und glaubte im Frcimaurerbnnde den Anfang des Werdens einer wahrhaft christlichen, idealen Kirche zu sehen. 1880 trennte er sich, in seinen Hoffnungen getäuscht, von der Freimaurerei und warf sich der buddhistischen Richtung in die Arme, trieb Buddhismusschwärmerei in seinem Werk: „Das Evangelium von Jesu in seinen Verhältnissen zur Buddha-Sage und Buddha-Lehre." Den Abschluß seiner literarischen Thätigkeit bildet „die Neligionsphilosophie tm Umriß." Der ursprüngliche Titel sollte lauten: „Die Religion der freien Gotteskindschaft im Umrisse einer Neligionsphilosophie." Gegenüber diesen verschiedenen Versuchen, eine Neligionsphilosophie aufzubauen, nimmt Hermann Siebeck insofern eine eigenartige Stellung ein, als er ohne Zweifel von dem für ihn feststehenden Antagonismus zwischen Cultur und Religion ausgeht, Cultur die These und Religion die Antithese. Damit hat Siebeck einer gegenwärtig herrschenden Richtung Rechnung getragen. Hat man bisher bald das Absolute, bald den Urstoff als Embryo betrachtet, der sich in eine ganze Welt entwickelt, so ist jetzt dieser Embryo der Begriff Cultur. Siebeck sagt: Der Culturproceß verläuft in unbestimmte Ferne und Höhe; wie seine Anfänge in das Dunkel der Vorzeit, so verliert sich sein zukünftiger Verlauf in ein Stadium immer zunehmender Vervollkommnung, für welche keiner der erreichten Zustände je als letzter und abschließender zu gelten hat. Inhalt und Zweck der Welt fallen zusammen in dem Begriff der sich selbst bedingenden und sich selbst in unaufhörlichem Fort- gange vollendenden Ausgestaltung der Welt zum Schauplatze und zugleich zur Substanz des sich immer mehr erweiternden und vertiefenden Lebens der Menschheit." Aber diesem Culturproceß stellt die Religion ein Bein. Wie löst sich dieser Kampf? Siebeck weiß uns schließlich nur eine Antwort zu geben, die im monistisch- evolutionistischen System mündet und nur ein neues Problem stellt. Nach einer überaus schwierigen Darstellung von über 400 Seiten weiß uns Siebeck keine andere Auskunft, als: „Die Persönlichkeit, die sich als Glied des Weltprocesses erlebt, mutz und darf zugleich das Bewußtsein haben, ein Princip zu sein, welches ihm nicht untergeordnet, sondern übergeordnet ist. Diejenige Seite der Cultur nun, kraft deren die Persönlichkeit dieses Bewußtsein in sich findet und in seiner Bedeutung zu würdigen vermag, ist die Religion, sofern diese das Bewußtsein des absoluten Werthes der Persönlichkeit festhält gegenüber allem Anschein ihrer Jnferiorität angesichts des Stromes der Gesammtentwicklung." Doch da erhebt sich sofort gebieterisch die Frage: Was ist Persönlichkeit? Denn diese Frage wird sich nicht entscheiden lassen, wenn nicht zuvor die andere entschieden ist, wie sich der Geist oder die Seele zum Körper stellt. Darauf weiß aber Herr Siebeck keinen Aufschluß zu geben. Denn S. 427 sagt er diesbezüglich: „Diese beiden Seiten, nämlich die seelische und die leibliche, müssen wegen der Einheitlichkeit der Entwicklung des Organismus als die verschiedenartigen und doch verwandten Triebe aus einer und derselben Wurzel angesehen werden und als solche ist ein einheitlicher Lebensgrund vorauszusetzen, der als dasjenige zu gelten hat, was sich erscheinungs- und erfahrungsgemäß in dem Wechselverhältniß der beiden bezeichneten Seiten des (psycho-physischcn) Organismus ausschließt und darstellt, 85 dessen Wesen ,an sich' aber der wissenschaftlichen Methode und Erkenntniß sich entzieht." Wer will sich da wundern, daß Siebeck nicht zu einem Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, zu keinem Beweis für die Bestimmung des Menschen, zu keinem Beweis für die Existenz Gottes und natürlich noch weniger zu dem Begriffe der Persönlichkeit Gottes gelangt. Indeß hören wir einmal die auf monistischer Basis stehende Anschauung Siebecks über die Persönlichkeit des Menschen (S. 169): „Der Gang der Entwicklung führt vom unpersönlichen Wesen des Kindes zu dem persönlichen Bewußtsein des Erwachsenen und andererseits von der dem Wesen der Persönlichkeit nur sehr unvollkommen entsprechenden geistigen Beschaffenheit des Naturmenschen zum durchgebildeten persönlichen Selbstbewußtsein des eigentlichen Cultur menschen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung macht eine Bestimmtheit des Bewußtseins aus, kraft deren der Einzelne sich nicht mehr bloß als ein im Wesentlichen passives Theilstück einer sehr unbestimmt abgegrenzten Umgebung weiß und fühlt, sondern sich selbst als selbständige Einheit gegenüber einer Welt zum Bewußtsein gekommen ist." Trotzdem Siebeck mit dieser Darlegung auf die Höhe moderner Aufklärung steigt, scheint er uns sie doch nicht voll erreicht zu haben, denn sonst hätte er viel concreter also sagen können: Die Persönlichkeit ist ein Charakter- isticnm der Langköpfe, während die Rundköpfe noch unpersönliche Wesen sind, weil sie durchaus passiver Natur und geborene Autoritütsmenschen sind, durchaus abhängig von der sie umgebenden Autorität. Denn zu diesem Resultat ist die neueste Forschung der Wissenschaft gelangt. Wer es nicht glaubt, der lese Otto Ammon's Werk „Die Auslese beim Menschen". Dort wird er S. 219 finden: „Die Nnndköpfe sind geborene Autoritätsmenschen," ferner Seite 220: „Die Eigenschaften, welche die Kirche von ihren Parochialgeistlichen verlangt, sind die des Nnndkopfs. Die ganze Veranlagung dieses Typus macht ihn zu gehorsamen und daher tauglichen Werkzeugen der Kirche." Früher hatte schon De Lapouge bemerkt: „Von Religion ist der Nnndkopf Katholik." Lassen wir diese Abschweifung. Siebcck hat sich mit seiner Neligionsphilosophie offenbar überstürzt. Er sagt nämlich in dem Abschnitt über die Aufgabe und Methode der Neligionsphilosophie Seite 31 u. f.: „Neligionsphilosophie bedeutet nicht Anwendung von Religion auf Philosophie, sondern Anwendung der Philosophie auf die Thatsache der Religion." Er sagt weiter wörtlich: „Die Neligionsphilosophie ist die Anwendung der Philosophie als der Wissenschaft von dem Wesen und der Bethätigung des geistlichen Lebens auf die Thatsache der Religion als einer bestimmt unterschiedenen Ausgestaltung desselben." Wir stellen nun die Frage: Warum hat uns Siebeck nicht zuerst mit einem System der Philosophie beehrt? Denn soviel wir wissen, ist Siebeck zunächst nur mit historischen Arbeiten in die Oeffentlichkcit getreten, zuletzt mit der Geschichte der Psychologie. Wir sind nun der Ansicht, hätte Siebeck zuerst auf Grund der Begriffs- formnlirung, wie sie seiner Neligionsphilosophie zu Grunde liegt, ein System der Philosophie ausgearbeitet, niemals hätte er eine Neligionsphilosophie in die Öffentlichkeit geschickt, höchstens wäre ein Werk zu Stande gekommen, ähnlich dem des Jenaer Professors Encken: „Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und That der Menschheit." Dadurch aber, daß Siebecks Neligionsphilosophie in diese Sammlung theologischer Lehrbücher aufgenommen ist, ist diese Art Theologie selbst uä nstsuräuin geführt, d. h. sie ist nicht mehr Theologie, sondern die vollständige Negation derselben. Denn ist einmal die Wahrheit des Christenthums in seinen Dogmen für vogelfrei erklärt und total destruirt, so ist nothwendig die Wahrheit der Religion überhaupt und der die Religion tragenden Vernnnftwahrheiten preisgegeben. Welche Consequenzen aber hierin für die Politik sich ergeben, dieses Thema mag einer späteren Erörterung vorbehalten sein, soweit sie Zeit und Umstände ermöglichen. Eine Studie über den hl. Joseph, ob Zimmer- mann oder Architekt? Von Dr, Sep p. Unter den Darstellungen im Evangelium, welche die Kunst uns bietet, schien mir immer eine unannehmbar, wenn er, welcher noch nach seinem zwölften Jahre seinen Eltern in Nazareth unterthänig war (Luk. II, 51), als Lehrjunge im Zimmerhandwerk Hobelspühne auskehrt oder gar in der Vorahnung seines gewaltsamen Todes aus einem Brettstücke ein Kreuz sägte, wieOverbeck und Steinle, diese wahrhaft christlichen Maler den Knaben Jesus uns bildlich vorführen. Was sagen wir erst zu Uhde, wenn er den Socialismus ins Kunstgebiet einzuführen beliebt, seine Vorbilder nicht bloß von der Straße holt, sondern aus dem Strafarbeitshause zu entlehnen scheint, und den Nährvater Christi als Holzhauer mit der Säge über der linken Schulter, Maria aber wie eine Holzträgerin mit der Eßwaarentasche in der Hand uns vorpinseltl Die Kunst soll uns erheben und erbauen, und nicht aber ins Gemeine ausarten, was schon Albrecht Dürer an gewissen holländischen Kollegen mit der bedenklichen Frage rügte: „Kann man so etwas auch malen?" wenn sie Wirthshansscenen, Saufereien und Schlägereien zum Gegenstand ihrer Darstellung wählten. Der heilige Joseph, dessen Jahresfest wir wieder begehen, gilt für den Schutzherrn der Zimmerleute. Gut! Sieht man aber näher zu, so darf er noch viel mehr für den Patron der Architekten gelten, doch das haben wir erst näher zu beweisen. Den vornehmsten Patron haben wohl die Architekten eigentlich in der Person Jesu selbst. Bei Markus VI, 2 f. lesen wir vom Ausdruck der Verwunderung, welche die Nazarethaner über die Weisheit Jesu erhoben: „Ist denn dieser nicht der Zimmermann, Josephs des Zimmermanns Sohn?" Mit dieser Uebersctzung und Auslegung bin ich nicht einverstanden. Gewiß adelte er die Arbeit. Die Rabbiner: machten es jedem Vater zur Pflicht, seinen Sohn zu einem anständigen Geschäfte zu erziehen. Im Talmud Liäänsolrin Fol. 4, 41 spricht der berühmte N. Meir: „Jeder gebe sich Mühe, seinen Sohn eine ehrsame Kunst ergreifen zu lassen." So könnten wir eine Reihe der Lehrer in Israel, von den Zeitgenossen Jesu angefangen, aufzählen, welche diesem oder jenem Berufe sich widmeten. Spinoza brachte sich mit Glasschleifen fort. Paulus war ein Zeltweber. Von Sokrates, welchen das Orakel zu Delphi für den weisesten Sterblichen erklärte, zeigten die Athener die Gruppe der Grazien. 86 Was Wunder, wenn auch der Davidsohn sich zu einem Handwerk oder Kunstzweig verstand! Das griechische -rsxrtuv, tcleton im obigen Schrift- jexte stimmt zum ägyptischen Tehuti, wie der Weltbaumeister heißt. Schon Platon vergleicht cko rspustl. X, 586 den Weltschöpfer oder göttlichen Demiurg mit einem Baumeister. Architekt wird mit Oberzimmermann übersetzt, was mir kindisch vorkömmt, ll'clrtoii soll wahrscheinlich das hebräische clmrascli wiedergeben, welches ebenso mit wibilcx wie mit lasier sich übersetzt. Ist doch auch lasier vieldeutig, und kann Zimmermann, Schreiner, Schmied, überhaupt Künstler, wie aurj lasier den Gold- und Silberarbeiter bezeichnen. Dasselbe gilt von Schmied; wir haben nicht bloß den Eisen-, Kupfer- und Blechschmied, sondern die Apostelgeschichte nennt uns z. B. XIX, 2-1 einen Silberschmied, und der kunstfertige Geschmeidemacher ist auch ein Schmied, ja früher galt sogar der Ausdruck Brodschmied. Eigentlich ist Zimmern kein in Palästina übliches Handwerk, weil es an Holz gebricht. Wie Salomon und die Kaiser Assyriens die Stämme zu ihren Bauten vom Libanon holten, so die Phönizier ihre Mastbüume aus den Alpen. Unser Wort Brett ist punisch Lerotsi, Fichte und die Seestadt Beruth in Syrien führt den Namen vom Pinienwald, welcher der Sandwüste die Grenzen setzt; ßpircr?, siretas heißt griechisch der Fichten- pfahl. Die Einfuhr aus Dnlmatien in Aegypten und an der syrischen Küste besteht seit alter Zeit herkömmlich tn Brettern. Wozu ferner der Zimmermann? Die Häuser vertiefen sich, namentlich in Nazareth und Bethlehem noch heute in den Berg hinein und waren ursprünglich Höhlen- wohnungen. Jerusalem ist eben darum eine malerische Kuppelstadt mit Treppenabsätzen zu jeder Stanze, weil die Zimmer in eine Wölbung über dem Viereck sich erschwingen, indem es an Balken zur Zimmerdecke wie zum Dache gebricht. Wir sehen die Grundbedingung zum Kuppelbau zuerst in der heiligen Stadt gegeben. Oliven- holz ist kurz, krumm und spröde, auch nicht die Palme, sondern nur die Cypresse konnte bei horizontaler Lage passen. Der Talmud Lava. Lalsira toi. 15, 1 braucht 6 sioro 2 ain für Waldbezirk, das Wort ist noch dazu assyrisch, und siarecsiani kömmt auf den Thoucylindern von Asarhaddon, Tiglatpilesar und Sanherib vor; aber auf dem Steinboden beim heutigen Keraze oberhalb Telum, dem lelonium, der Zollstatt des Matthäus, kam von jeher nur Gestrüpp fort. Für das lichte Gehölz in Peräa kam das Fremdwort ealtus auf, wovon die Stadt es Salt heißt. So wenig wie für Kunst hat der Hebräer einen eigentlichen Ausdruck für Wald. In der Wüste ersetzt das Zelt das Haus, für Vichheerden gibt es keine hölzernen Pferche oder Almhütten: zum Schutze dienen rohe Steinaufwürfc, hebräisch sialeel, arabisch ckanar genannt, wozu das Material im weiten Felde liegt. Wie nun, wenn wir unter rix-rm'- den Werkmeister zu verstehen haben, dann läßt sich dieser allenfalls in alter Zeit nicht als geschulter Architekt auffassen, sondern als praktisch gebildeter Mann, wie im Mittclalter Steinmetz, allenfalls Bildhauer und Palier, aber auch Baumeister in Einer Person war. Unter König Herodes und seinen Söhnen und Nachfolgern kam das Bauwesen in Palästina erstaunlich in Aufnahme. Er wollte sich vor allem die Ehre nicht entgehen lassen, den Tempel, welchen Esra nur dürftig erneuert hatte, in Salomonischer Herrlichkeit wieder herzustellen und zu dem Ziele und Zwecke um 60 Ellen zu erhöhen. Der jüdische Geschichtschreiber Josephus F-lavius erzählt dabei in seinen Alterthümern XV, 11: „Herodes schaffte tausend Wage» an, um die Steine herbeizuschleppen, wählte 10000 Werkleute aus und ließ 1000 Leviten in der Steinhauerkunst und dem Zimmerhandwerk unterrichten." Wie unter Salomon und II. Kön. XII, 12 der Steinmetzen gedacht ist, so mußte auch Herodes die Werkmeister des ganzen JudenlaudeS aufbieten, und zweifelsohne befand sich Joseph von Bethlehem darunter. Der neue Tempel bau begann 734 nach Noms Erbauung (27 ante aer. vul§.) und dauerte während des ganzen Lebens Jesu bis 817, wo dann Josephus Ant. XX. 9, 7 schreibt: „Da man den Tempelschatz zur Befriedigung der Bauleute verwenden wollte, und da mehr als 18 000 Bauleute müssig gingen und Verdienst suchten, ließ König Agrippa (der Jüngere) die Stadt mit weißem Marmor pflastern." Die Geburt der Gnadenmutter in der Levitenstadt Nazareth fällt in das Anfangsjahr 734, da sie nach kirchlicher Tradition bei ihrer Verlobung 747 in ihrem 14. Jahre stand, und nichts widerspricht der Ueberlieferung des Talmud, daß sie die Tochter Eli's von Aaronitischem Blute war, daher sie als solche Base der Elisabeth unter Anordnung des Priesters Zacharias mit den Tempel- jungfrauen erzogen wurde. Halten wir' immerhin an der St. Aunakirche fest, welche dem Tempelberge zunächst gegenüberliegt, und nach der Vcrkündnng der Immaculata, conccptro 1854 von Kaiser Ludwig Napoleon erworben und auf französische Kosten neu hergestellt ist. Wie berührt sich dies mit der Vermählung mit dem Davididen Joseph! In der Folge aber scheint auch der Sohn der Verheißung und Mann der Zukunft in der Bauhütte seines Nährvaters gearbeitet zu haben und darum selber rixrauv, lad er zu heißen. Vergleiche man hiezn den Ausspruch Christi bet seinem ersten Auftreten als Messias Joh. II, 19: „Brechet diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn neu bauen." Da versetzten die Juden: „Scchs- undvicrzig Jahre ist schon an diesem Tempel gebaut worden und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?" Das Wort des Herrn bezieht sich auf den dritten Tempel, welcher nach Haggai's Prophezie II, 10 größer und herrlicher als zuvor erstehen sollte. In der kssisita eotarta, die mit den Nabboth den babylonischen Talmud (500 aer. vul§.) an Alter übertrifft, ist tot. 58, 2 die Ueberzeugung ausgesprochen: „Die Israelitin werden sich in Obergaliläa versammeln und der'Messias, Sohn Josephs, ihnen zuerst sichtbar werden. Der Messias wird dann den Tempel wiederherstellen und darin opfern." Ebenso lesen wir Lammiüsiar rat)Im lol. 220, 1: „Der König Messias wird gegen Norden aufstehen und sich rüsten, den Tempel gegen Mittag zu bauen." Christus ist hier als Baumeister in Aussicht genommen: eben die Ankündigung, daß er den Jchova-Tempel abbrechen und in kürzester Frist einen andern dafür bauen werde, bildete die Hauptanklage vor dem Hohenrathe, und er mußte diesen Zuruf noch am Kreuze hören. Mark. XIV, 58, XV, 29. Ja, die Wiederholung dieses Drohwortes führt als Lästerung der heiligen Stätte und des Gesetzes zur Steinigung des Stephanus. Apstlg. VII, 14. Beim Herodischen Tempelbau lag der Grundstein und Opferfcls frei, wo nach der Legende Abraham seinen Sohn darbringen wollte, aber auf höhere Weisung 87 das Thieropfer anordnete, welches Christus mit der Austreibung der Viehbändler und ihrer Rinder und Lämmer abschaffte, um dafür das unblutige Osterlamm einzusetzen. Dieser Fels des Fundaments, Lbkir Lolratja, galt für den Schlußstein des Abgrunds, und auf daß die Mächte der Tiefe nicht losbrächen, sollte das immerwährende, tägliche Opfer dargebracht werden. Die Plattform dient zum Hochaltar für die Opfer, und der Stein, welcher nothwendig in jeden christlichen Altar zur Darbringung des unblutigen Laoi-itioiuirr eingefügt sein muß, ist eben ein Abbild jener ursprünglichen keti-a auf dem Berge Moria zu Jerusalem. Somit war schon der Salomonische Tempel eine Felskirche, und in Bezug darauf ergeht das Wort des Herrn: In es 1'strus eb supki staue pstram aeäitieasto ecolksiam maaiu. Luststet es Laestra, Felskuppel, heißt noch heute der Dom über dem hochheiligen Fels, die einstige Sophien- kirche, durch deren Bau Juslinian den Judentempel an Herrlichkeit übertraf und gewissenhaft das Wort des Herrn vom bevorstehenden Neubau erfüllte: es ist die älteste und eigentliche Peters kirche. Sie gilt seit der Besitznahme durch die Muslimen für die drittheiligste aller Moscheen, und mit vollstem Rechte erklärt der arabische Reisende Jakut: „Es gibt in der Welt nichts schöneres." Der Anblick von Außen wie im Innern ist überraschend herrlich. Auf eine Begebenheit bei diesem Tempelban unter Jesu Augen scheint seine Anführung zu deuten: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden, lind wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert, und auf wenn er fällt, den wird er zermalmen." (Matth. XXI, 42, 44.) Das Wort bezieht sich auf Jsaias XXVIII, 16: „Sieh, ich lege in Sions Grundvesten einen Stein, einen bewährten Eckstein" — nämlich den König Messias, wie Jnrchi erklärt. Paulus faßt das Wort I. Kor. III, 11, X, 4 auf: „Der Fels ist Christus, es gibt kein anderes Fundament." Petrus aber führt im ersten Pastoralbriefe II, 5 f. dieß von der neuen Kirchengründung aus: „So bauet euch denn auf Ihn als lebendige Steine zum geistigen Tempel." Natürlich erklärt auch Papst Leo ex. 97 den Grund- und Eckstein von Christus. Das Bild von Zermalmen scheint von I. Kön. XVI, 84 hergenommen, wo vom Aufbau Jericho's die Rede ist. Selbst die Talmudisten bringen Jesus mit diesem hochheiligen Fels in Beziehung, wenigstens lesen wir in dem odiosen „Geschlechtsregist^r" Poloäotst Iksestu ll, 108: Jesus habe den geheimnisvollen Lestkwstarnpstorasost oder Gottesnamen auf dem Lstkir Jostatja gelesen, und kraft desselben seine Wunder gewirkt. Gemeint ist, daß er in die Höhle unter den Grundstein eingedrungen, wo schon die Patriarchen den Namen Jehovas angerufen. Wie hebt doch der Psalmist sein Gebet mit den Worten an: „Herr, du mein Fels!" Was wir bei Mark. III von der Begegnung mit einem Handlahmeu lesen, welchen der Herr in der Synagoge heilte, meldet das Hebraerevangelium aus erster Quelle von einem Steinmetz, der wohl in der Tempelbauhütte die Hand gequetscht hatte. Beim letzten Abschiede vom Tempel „traten die Jünger zu ihm, um ihm die Bauwerke zu zeigen und Einer nahm das Wort: Sieh doch, Meister, welche Stein Massen, welche Gebäude! Jesus aber erwiderte: Du siehst all diese mächtigen Bauten! Wahrlich sage ich euch: kein Stein wird auf dem anderen bleiben und der Zer' störung entgehen." Mark. XIII. Wie auffallend ist im Evangelium fortwährend vom Bauwesen die Rede! Wenn Jesus nach der Angabe des Evangeliums ein sectonisches Handwerk betrieb, gleich andern Nabbinen, ist es nun verwunderlich, wenn wir die dem Herrn zugeschriebene Tektonik von der Baukunst verstehen? Zu dieser Ueberzeugung bringt uns noch näher die Parabel vom weisen Manne (Matth. VII, 24 s., Luk. VII, 48 f.) „Er ist jenem gleich, der ein Haus baut und in die Tiefe grübt, um den Fels zum Fundament zu nehmen. Der Regen bringt eine Ueberschwemmung und die Fluthen schlagen gegen den Bau, die Winde tosen und stürmen dawider, aber sie vermögen es nicht zu erschüttern, denn es ist auf Felsen gegründet. Der Thor hingegen baut auf Sand oder Schutt und auf die Erde hin ohne alle Grundfeste, der Strom schlügt gegen dasselbe an, die Stürme brausen und rasen: da fällt es ein und der Einsturz eines solchen Gebäudes ist groß." Das Gleichniß ist im Grunde von Jerusalem hergenommen, wo wegen der wiederholten Zerstörungen im Laufe der Jahrhunderte der Urbau und Schotter stellenweise bis zu vierzig Fuß tief liegt. Beim Bau des österreichischen Ptlgerhauses grub man an tiefster Stelle im Thalgrund sogar bis achtzig Fuß, und die Nordseite der Sionsmauer steckt noch heute mit der Pforte Gennath im Boden, wie im Kellergrunde. Ruft doch schon Jeremias in feinen Klageliedern II, 8 aus: „Der Herr hat beschlossen, die Mauern der Tochter Sion zu zerstören, um die Zwinger steht es klüglich, in die Erde gesunken sind ihre Thore." Beim starken Spätregen im harten Winter 1873 auf 74 waren in Jerusalem Zwanzig und mehr Häuser eingefallen, welchen der Boden unter den Füßen wich, da sie nur auf Gerölle oberflächlich hingebaut waren. Jesus kannte als Baumeister Jerusalem vom Grund aus. In derselben Zeit herrschte rings um den See eine außerordentliche Bauthätigkeitr denn auch der Vierfürst Philipp us verlegte seinen Sommersitz von PaneaS nach Bethsaida, und erhob dieses zum Range einer Stadt, mehrte ihre Einwohnerzahl und den Wohlstand und schöpfte ihr nach der Kaisertochter Julia den Namen, wie Joscphns Tlrrti^. XVIII, 2, 1 ausdrücklich meldet. Von der Pracht seiner Bauten zeugen noch die aus dem heutigen Mcsadije im weiten Umkreise zerstreuten Werkstücke, wovon mein Freund, der Ingenieur Schumacher, in der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins Abbildungen liefert. Bethsaida war die Heimath von drei Aposteln, Simon Petrus, Andreas und Philippus. Der Landesherr Jesu, HerodeS Antipas, verlegte die Residenz aus Sepphoris, der bisherigen Hauptstadt Galiläas aus galiläische Meer und gründete die Stadt Tiberias, zn deren Bevölkerung er ein Asyl auch für Hellenen eröffnete. Für sich erbaute der Vier- fürst eine Herrscherburg, das noch bestehende, freilich den Einsturz drohende Serai auf der Nordfeite der Stadt. Er richtete das stolze Schloß auch zum Arsenal ein, was ihn wegen der Eifersucht Caligulas den Thron kostete (42 n. Chr.). Wegen der dabei angebrachten Sculpturen wollte schon der zum Statthalter Galiläa's ernannte Jo- sephus den Palast dem Erdboden gleich machen, später legte Jesus bcn Sapphia, der Führer der Fischerinnung, Feuer an. Da der Vierfürst nebenbei in einen Krieg mit den Arabern verwickelt war, ging ihm das Geld aus, und Lukas 14, 28 hat uns die Rüge des Herrn über» liefert: „Wer eine Burg baut, wird sich zuvor setzen und die nöthigen Kosten überschlagen, ob er auch genug hat, das Werk auszuführen, damit nicht nach der Grundlegung die Leute spotten: Sehet! dieser Mann fing zu bauen an und brachte es nicht zur Vollendung." So spricht ein Baumeister; dasselbe erhellt aus den Worten Joh. 14, 2: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen, ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten — wo er doch von den Gefilden der Seligen redet. Ein Gärtner würde den Paradiesesgarten betonen. Vom Propheten von Nazareth aber urtheilen wir nach dem Gesagten, daß er mit seinem Vater das Baufach zu seiner Beschäftigung erwählt. Schade, daß das heilige Hans zu Lorctto nur auf Legende beruht. Es ist eine alte Frage, worauf noch keine beiläufige Antwort erfolgte: Wo weilte Christus, der seinen Eltern Unterthan war vom zwölften bis dreißigsten Jahre? Wir halten dafür, daß er beim Tcmpelbau sich beschäftigte. Christus, der Pflegesohn eines Werkmeisters und selber Architekt — wahrhaftig l die Architektur kaun keinen vornehmeren Patron haben. (Diese Ausführungen sind recht interessant, aber in ihrer Beweiskraft für das tlromn, xrodancli scheinen sie uns doch wenig stringcnt zu sein. D. Ned.) Recensionen und Notizen. OlltoIoMg, sivs 2letaichg'8ica Kensralis. In usum sokolarnm. ^.uotoro 6 aro io vriolr, 8. 1. Omu approd. Ilä^l ^roliiex. VribrwA. 8°. (VIII et 204 x.) 21. 2.—, eum äorso eorio rsIiMto 21. 3.20. kküosoplila naturalis. Iu usnm sclicä. Lnot. Ilenr. Ho. au, 8.1. 6um kiM. Ilevwl Lrolüex vrid. 6°. (VIII st 220 x.) vrstäum ut snpra aä I. il. v. V. Was wir EmpfehlcnSwerthes bereits über die Votzlca und die Ldilosopliia moralis dieses von den deutschen Jesuiten zum Scbulgebrauche herausgegebenen vursus vüilo- sopüiens in Nr. 5 der Beilage v. t. Fcbr. 1894 gesagt haben, gilt auch hier: Inhalt reichhaltig, Darstellung sehr übersichtlich; Klarheit und Schärfe gewinnen durch Anwendung der scholastischen Methode: durch genaue Aufstellung von Thesen, deutliche Erklärung des 8tatus gnaestionis, syllogistisches BeweiSversabrcn. Die Latinität ist wiederum durchweg flüssig und leichtverständlich. Die OntoloZia beruft sich zur Vermeidung von Wiederholungen mehrfach auf die IwAiea desselben Verfassers. In 3 Büchern (Inder I, II, III) werden bebandelt: das Sein im allgemeinen, die höchsten Gattungen des Seins und dessen Vollkommenheit. Vib. I bespricht in 3 Kapiteln: den Scinöbeaiff als solchen, Akt und Potenz des SeinS (Wesenheit und Existenz, sowie Möglichkeit), die transcendentalen Eigenschaften des Seins (Einheit — Vielheit, Wahrheit — Falschheit, Güte — Uebel); lud. II in 6 Kapiteln: die Kategorien deö Aristoteles, die Substanz (Hypostase, Person), Accidcns im allgemeinen, Quantität n. Qualität, Relation, Ursachen; lud. III in 3 Kapiteln: die Vollkommenheit des Seins im allgemeinen, die Vollkommcnbeit guoaä realitatem (das Einfache und Zusammengesetzte, das Ganze und die Theile, das Envliche und Unendliche, das Schöne), die Vollkommenheiten gnoaä existentiam (das Nothwendige und Kontingente). S. 48 Wird Alexander Halensis mit Unrecht als Leugner der realis äisiinetio intsr ereatmrarum essentiam ei existentiam angeführt (vgl. Schneider, Uebersetznng der 8nmma Bdeol. Bd. XI, 5. 330 sf.). Daß man noch im Unklaren darüber sein kann, ob St. Thomas die genannte «listinetio realis gelehrt habe, finden wir unbegreiflich. Zur Uebcrgcnüge verweisen wir noch auf Kardinal Gonzalez, Lbilos. elem. tonn 2 xx. 31 sgg. eäit. 4 a, vstuäioseto. deutsch unter dem Titel: Die Philosophie des hl. Thomas von Aquin, Negcnöburg 1885, 1. Bd., 2. Buch, Kap. 6, 7, Kardinal Zigliara, 8nmwa Miss, tom. 1, Onkolog. I,. II, 6ap. I, Lrt. VI, Commer, System der Philosophie, 1. Buch, S. 54 ff., E. Dornet de Borges, Va eonstitntion äs I'Ztrs, Pariö 1886, A. Barbcris 0. 21., tznasstiones äs esse korrnali, kllaeentias 1887. Selbst Palmieri, 8.1., (Inst. xdilos., Ontol. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. 6ap. I, Rdes. III) schreibt ausdrücklich diese Ansicht dem keil. Thomas zu. Statt bei den Vollkommenheiten wäre das schöne wohl besser bei den Eigenschaften des Seins bebandelt worden (vgl. Zigliara, Gonzalez, Commer a. O.). — Die kdilosoxdia naturalis behandelt in 6 Büchern: die unthätigen Eigenschaften aller Körper, die allen materiellen Dingen gemeinsame Thätigkeit, das Leben und Lebensprincip im allgemeinen, das vegetative und sensitive Leben, endlich die Natur der Körper. Die Welt als Ganzes, ihr Unterschied von Gott, ihre Kontingenz und Dauer, ihr Ursprung werden in der natürlichen Theologie auseinandergesetzt. Im Zusammenhange mit diesem Weltganzen hätten wir auch die Weltordnung (die Naturordnung, Naturgesetze, Wunder) behandelt gewünscht. Der Verfasser bespricht Naturgesetze und Wunder im 2. Buche von der Thätigkeit der Körper (Kap. 4, 5), waS uns weniger zuträglich scheinen will (vgl. auch noch Schneid, Naturphilosophie außer der Naturphilosophie — Kosmologie — der 3 genannten Autoren). — Eingebend werden die entgegenstehenden Irrthümer widerlegt; so namentlich, in der Ontolog-ia,: der Atheismus, Polytheismus, Pantheismus, Pessimismus, in der kdilosopdia naturalis: der AtomiSmns (mechanische, chemische), Dynainismus, Darwinismus. Der beige- gebcne Inäex alpdadeticns leistet beim Nachschlagen gute Dienste. Beide Bündchen reihen sich den früheren würdig an. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1894. Heft II, Februar: vr. Selbst, Das päpstliche Rundschreiben »Lroviäentissimns vens« über das Studium der hl. Schrift. — Dr. Jos. Bl. Becker, Interessante Rundfrage der „Deutschen Gesellschaft für ethische Cultur". — Joseph Kolberg, DaS Septililmm der seligen Dorothea von Montau. — N, Pa u- lus, Conrad Kling, ein Erfurter Domprcdigcr des 16. Jahrhunderts. — Dr. A. BelleSheim, Professor Pusey'S Biographie. — vr. Säg Müller, Der Anfang des staatlichen Ausschließungsrechtes (jns sxelusivae) in der Papstwabl. — Literatur: Dr. G. Grnpp, Cnlturgescbichte des Mittel- altcrS. — L. Glöckl, Bibliothek der katholischen Pädagogik. — ?. Odilo Rottmanncr, 0. 8. 8., Predigten und Ansprachen. — Heinrich von Wörndle, Lucas Ritter von Führich's ausgewählte Schriften. _ Die katholische Welt. M. Niffarth in M.-Gladbach. Die neuesten Hefte lasset: wiederum einen achtungSwerthen Fortschritt erkennen. Dies gilt namentlich auch von dem reichen Bildcrschmuck, dem man daS Prädicat „vorzüglich" nicht versagen kann. Von dem textlichen Inhalt wollen wir neben dem Roman „Die Mühle im Fichtenmoos" von August Butscher hier nur die neueste Erzählung von Ncdcatis namhaft machen, welche uns in „Paula's Ehe" eine schriftstellerische Leistung ersten Ranges darbietet. Einer weiteren Empfehlung bedarf die „Katholische Welt" bei unseren Lesern nicht, da wir bereits wiederholt Veranlassung nahmen, ihre Aufmerksamkeit auf diese schöne und billige illnstrirte katholische Zeitschrift zu lenken. Stern der Jugend. Eine Zeitschrift zur Bildung von Geist und Herz. Von vr. Johannes Praxmare r, Neligions- lehrer. 'Preis vierteljährlich 1 M. Inhalt deö 8. Heftes: Deö Papstes Leo XIII. MissionS- thätigkeit. Pompouia Graccina und ihre Familie. Mathemat. Probleme. Glocken und Glockentöne. Verschiedenes. — Die Zeitschrift ist besonders den Schülern der höheren Lchr-Anstaltcn zum Abonnement zu empfehlen; bietet aber auch anderen jungen Leuten, selbst wenn sie schon die Schule verlassen haben, die beste Gelegenheit zur Befestigung und Erweiterung der auf der Schule erlangten Bildung. Möge sie allseitige Unterstützung finden. Druckfehler-Berichtignng. In der Beilage Nr. 10 vom 8. März d. I. lese man in deni Artikel „Marcia" S. 73 oben statt „Heldenmut!) für": Heldcnmuth er für; statt „Sevire": Severe; S. 74 oben statt „^-goäro?".- P-goHro?,- Mitte statt „LambridiuS": Lam- pridiuS; unten statt „beherrsche": beherrschte; oben statt „Nacbkampf": Nah kämpf; S. 75 oben statt „Amoritto": Amorctko; Mitte statt „Kämmerer LätuS": Kämmerer Eklektus und statt „Prämien Eklcktnö": PräfectenLätuS'; unten statt „niinio": nimis; statt „LambridiuS": Lampri- dius; S. 75 II. Sp. 10. Z. von oben statt „Mit Marcia": Für Maria, unten statt „commodisch": commodianisch. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg.