In Sachen von Dr. F. W. Helle's Dichtung Jesus Messias/") Wie kommt es, daß eine Dichtung, deren veröffentlichte Theile mit Recht so glänzende Beurtheilung erfahren haben, — konnte doch selbst die „Neue Freie Presse" nicht umhin, wenn auch mit eigenthümlichem Lächeln um die Lippen, entschiedene Anerkennung zu zollen, — wie kommt es, daß ein Werk, in welchem Poesie und Erbauung um die Palme ringen, trotzdem selbst bei Katholiken so langsame Verbreitung findet? Wie kommt es, daß selbst des Dichters nähere Landsleute, die Westfalen, ihn und sein Werk so selten erwähnen? Wohl liegt es in der Natur der Sache, daß romanartige Dichterwerke ihren Weg rascher machen, als so wuchtige hochernste. Auch daß wir leichter nach einem Buche greifen, wenn es 10 Bogen, als wenn es deren 30 zählt, ist nach Umständen leicht erklärlich. Zudem ist es ja bekannt, daß das „Volk der Denker" zu den schlechtesten Bücherkäufern der civilisirten Welt gehört! Je weniger seßhaft wir in eigenen Häusern, vielmehr nomadenhaft, zwar nicht unter Zelten, aber in Mieth- häusern leben, desto mehr wird der Luxus von Privat- bibliotheken der letzte sein, den wir uns erlauben. Wir nehmen die Bücher lieber zu leihen, als wir sie kaufen; Dr. Helle's Werk aber eignet sich nicht dafür, leihweise in Hast gelesen zu werden, sondern gelassen, in ruhigen Absätzen, und will immer wieder hervorgeholt werden, um einzeln bald diesen, bald jenen Abschnitt zu genießen. Dies Alles erklärt einigermaßen die sonst verwunderliche Thatsache. Aber es gibt bei uns doch so Viele, denen das Leben, Leiden und Sterben unsres Herrn die erhabenste Herzensangelegenheit bilden und die sich freuen, an der Hand eines geistreichen Führers sich darin zu ergehen. Nun wohl denn, Helle verfügt bei lebendiger Darstellungskraft in edelster Sprache über einen erstaunlichen Reichthum von selbständig verwertheten epischen Thatsachen, im Wesentlichen geschöpft aus beiden Testamenten, aus Apokryphen, Kirchenvätern, Ueberlieferungen, frommen Sagen und mannigfaltigen Schriften, im Geleit der schönsten Betrachtungen, deren Correctheit von Theologen gerühmt worden, im Geleit auch der gelungensten malerischen Schilderungen. An der auffallend langsamen Verbreitung des Werkes muß also, selbst wenn Einiges dem Verleger zur Last fallen sollte, irgend ein Vorurtheil mit Schuld tragen, und wir glauben es zu kennen. Helle's Dichtung läuft in Hexametern. „O weh," rufen hier sogleich einige meiner Leser. Geduld, verehrte Herrschaften, hören Sie mich einen Augenblick an! Der Hclle'sche Hexameter ist nicht jener, den Sie kennen, weder der noch sehr unbeholfene der Klopstock'schen Messiade, noch auch der zwar sehr schöne, sehr formvollendete des Grafen Platen und anderer Neueren, welcher aber eigens geschulte Leser fordert; nehmen Sie Helle's „Golgatha und Oelberg" zur Hand und überzeugen Sie sich, daß sein Hexameter, auch ohne Kenntniß besondrer prosodischer Regeln ohne Stockung lesbar ist für Jeden, der nur ein natürliches Sprach- und Rhythmengefühl besitzt und bis auf sechse zählen kann. Helle erreicht dies, indem er bei Anwendung der Spondäen äußerst mäßigen Gebrauch macht von der Dr. F. W. Helle lebt in Dresden, Alaunstraße 64. Freiheit des antiken Hexameters, Accentlängen in die Senkung zu bringen. Sein Vers ist in dieser Hinsicht in strengerem Sinne ein accentuirender, als unsre volks- thümlichen Versmaße, die bei der leichten Ueberschaulich- keit ihrer Zeilen sich die nämliche Freiheit häufig gestatten; sieh beispielsweise die Accentlänge Schutz in dem bekannten Kindergebetchen: Heiliger Schutzengel mein rc. Dennoch bleibt Helle's Hexameter zugleich ein quanti- tirender; denn er hält (mit kaum nennenswerthen Ausnahmen) die Gemeinregel aller antiken Versmaße ein, in der Senkung zu einer Länge keine weitere Silbe zu fügen, was unsere volksthümlichen Maße gestatten, nicht nur wenn die betreffende Senkungslänge accentlos ist, wie Land in der Zeile „Rufet das Vaterland mächtig zum Streite" — sondern selbst wenn sie den Wortaccent erhält, wie in den Droste'schen Versen: Nechtsab des eigenen Blutes Gezweig, Die alten, freiherrlichen Wappen: Drei Rosen im Silberfelde bleich, Zwei Wölfe, schildhaltende Knappen. Indem Helle einerseits eine Freiheit der volksthümlichen Messung, andrerseits eine Freiheit sowohl dieser als der antiken nur mit großer Vorsicht anwendet, gewinnt er sich, ohne Gefahr, den Rhythmus zu verwirren, das Recht, öfter Trochäen einzufügen. Ich bemerke dies,! um etwaiger Kritik die Spitze abzubrechen. Bekanntlich ^ vermag ohnehin der deutsche Hexameter unter keinerlei Umständen die rhythmische Wirkung des griechischen zu erzielen; denn dieser schreite, wie man uns sagt, im Zwei» Vierteltakt, wir aber können aus Sylbenfolgen wie Herrsche, du Mächtiger, in Ewigkeit nicht die Figur f j ß bilden, es sei denn im Gesang. Da im Deutschen die Voraussetzung, daß zwei kurze Sylben gleich einer langen seien, nicht zutrifft, haben wir mit der darauf gebauten Regel nur insoweit zu schaffen, als allerdings auch für uns der Spondüus mehr Fülle hat, als der Trochäus. Inwiefern aber die Meldung von Trochäen nur durchführbar ist, wenn wir auch fleißig Accente in die Senkung legen, ungeübte Leser aber über diese straucheln, so fällt — Vorzug gegen Vorzug gehalten — sicherlich bei einem Gedicht, dessen stofflicher Inhalt empfängliche Leser in allen Ständen und Lebenskreisen sucht und findet, die volksthümliche Lesbarkeit entscheidend in's Gewicht. Man gestatte mir etliche eilig zusammengeraffte Belege: Aus dem vierten Gesang (Petri Verleugnung und Reue) den Eingang: Kalt durckchauchct die Luft der reichlich gefallene Nachtthau; Aber im porphyrgepflasterten Hof, aus weiter Vertiefung Strömet erwärmenden Hauch das knisternd-prasselnde Feuer. Ueber die ruhige Gluth im tiefgemauerten Stcinbett Häuft die geschäftige Hand der dienenden Mägde des Ginsters Ruthenförmig Geäst und die knorrigen Scheite des Stammes; Bräunlich Wachholdergesträuch vermischt in den Gluthen des Heerdes Harzige Düfte dem duftigen Markt verglimmender Beeren. Springende Schoten sprüh'n des Ginsters kernigen Samen Ueber das flackernde Wurzelgeflecht und schlangelnde Flammen Fressen durcb's Ruthcngeäst und huschen wie schwankende Arme Um die zersplitterten Scheite des Stammes; gespenstige Schatten Klettern umher an den Säulen des Hofs und streuen zerriss'ne Nebelgebilde aus's Volk, das ängstlick-leise und heimlich Oder voll Leidenschaft mit heftigen Worten umhergeht Unter dem Säulengewölb, des gefangenen Rabbi gedenkend. Oder aus dem 14. Gesang (Abnahme Jesu vom Kreuze): Joseph's erbab'irc Gestalt, im lang Hinwallenden Barte, Stützet die Linke um'S Kreuz, sein Blick schaut über das Querholz, Ueber der Schulter zerrissenes Fleisch, und bebend vor Herzleid Sieht er in Mitten der Hand die blutig umkrustete Wunde, Welche in's Fleisch und Holz der gierige Nagel hineinfraß, Daß aus der andern Seite des Pfahls die Spitze hervorragt... Weit ab steht von der Fläche der Hand des eisernen Nagels Schützender Helm; vergebens versucht in zartester Ehrfurcht Sorgsam dieRcchte, demFleische u. Holz zu entringen das Eisen... Aber umkrustet von Blut, mit der Wunde zusammengewachsen, Trotzt es der bebenden Hand; — im stillen Gebete des Herzens Fleht er zu JesnS um Hilfe und Gnad', — und stehe, die Nagel Folgen der ziehenden Hand in gchcimnißvollcr Bewegung, Wie wenn göttliche Kraft die Spitzen berühre von rückwärts, Daß sie verlassen das Holz nnd die heilige Wunde der Hände, Sorglich verbirgt er sie dann im Gürtel dein Auge Maria'S. Oder aus dem 17. Gesang (Jesus im Jnfernus u. s. w.): (Der Dichter greift zurück zum Augenblick des Abscheidens Jesu; die Hölle erzittert dem Ruf der Engel- schaaren): „Oeffnet die Thore, ihr Fürsten der Nacht! aus ehernen Angeln Hebet die Pforten empor! denn einziehen will der gerechte König der Gloria und Macht, der Gerechtigkeit ewiger Rache." (Die abgeschiedene Seele des Herrn erscheint im Aetherleib noch als Leidensgestalt, um der ewigen Gerechtigkeit die letzte höchste Sühne zu bieten; bei diesem Anblick glaubt die Hölle zu triumphiren, aber —) Niedergedrückt auf die Knie' von geheimnißvollen Gewalten, Welche entquellen der Siegcrgestalt des wandelnden Gottsohns, Rufen die Teufel in einem Moment, in wiederstandsloser Kraftloser Ohnmacht, knirschend vor Zorn und willenlos-folgsam Hinter dem Wandelnden her und vor Ihm und neben Ihm allwärts Lauter u. grimmiger stets: „Heil, Heil dem Bezwinger der Hölle! Unserm Gebieter nnd Richter und Herrn, dem Sohne des David!" Und um nicht mit dem Ruf der Teufel zu schließen, noch aus dem 28. Gesang (Jesu Verherrlichung im Himmel): Ueber die Welten im Sonuengewog, — Millionen Gestirne — Donnert der Donner des Herrn, und Sonnen, Planeten und Sterne Leuchten in herrlicherm Glanz; in gehorsamer Eile durchschnellen Alle das nimmerbcgrenzte Gcfild u. s. w. * Es ist heut nicht das erstemal, daß es mich drängt, in Sachen des hochinteressanten Werkes und seiner bisherigen Geschicke in Ihrem Blatt ein bescheidenes Wort zu sprechen. Was mich hemmte, war die Erwägung, daß Dr. F. W. Helle mir selber ein äußerst günstiger Recensent gewesen und daß Gegenseitigkeit des Lobes gar leicht einer Mißdeutung unterliegt. Heut aber duldet es mich nicht länger in solchem Schweigen, angesichts einer Subscriptions-Einladung, welche der vielfach schwergeprüfte Mann und Dichter „an der Schwelle des Greisenalters" erläßt, damit er die edle Arbeit so vieler Jahre in der Gesammtheit der drei Bände könne an's Licht treten lassen. Der erste Band, der 1870 erschien unddasLeben Jesu in seiner Kindheit behandelte, wurde seitdem auf das ganze Leben Jesu bis zum 80. Lebensjahre ausgedehnt und im Geiste der Fortsetzung, nämlich im Anschluß an den 1886 separat erschienenen Schlußband „Golgatha und Oelberg", umgearbeitet. Alle drei Bände sollen circa 90 Bogen 8° ausfüllen. Jeder Dichter, jeder Autor wird es Dr. Helle nachfühlen, wie dringend es ihm am Herzen liegen muß, solch ein Werk noch selbst dem Druck zu übergeben, die Correklur selbst zu besorgen. Hiebei braucht nicht verhehlt zu werden, daß auch die finanzielle Seite ihm muß von Wichtigkeit sein. Aus geschäftlichen Rücksichten ist es geboten, daß die Auflage 2000, noch besser 3000 Exemplare umfasse. Im ersteren Fall müßte, damit die Deckung der Kosten und ein nennenswerter Reingewinn für den Autor gesichert seien, die Zahl der Subscribenten 400 betragen, im zweiten 600, wobei das Gesammtexemplar sich auf 15 Mark (9 fl. 30 kr.) berechnen würde, — in Ansehung des reichen und breiten Satzes ein erstaunlich billiger Preis. Exemplare des 1. und 2. Bandes betrügen 10 Mark (6 fl. 20 kr.). Seine Durchlaucht der regierende Fürst v. Liechtenstein hat auf 50 Exemplare des Gesammtwerkes unterzeichnet. Es ist undenkbar, daß die Subscription nicht bald zum gewünschten Ziel gelangen sollte. Das katholische Deutschland wird sich nicht selber eines solchen Werkes berauben. Weil aber in solcher Sache jeder das Seinige thun soll, habe ich mir htemit erlaubt, die Leser der Postzeitung noch ausdrücklich aufmerksam zu machen. Emilie Ringseis. Der Herbartmnismns an den Lehrer- und Lehrerinnen-Seminarien. (Schluß.) Der Inhalt des sittlichen Ideals besteht nach Lindner in folgenden fünf sittlichen Ideen: Gewissenhaftigkeit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht und Billigkeit. „Die Uebereinstimmung des Wollens mit der Einsicht oder die Gewissenhaftigkeit als das erste Element der sittlichen Werthschätzung nennen wir die Idee der sittlichen Freiheit." (S. 60.) Im Anschluß an Herbart wird die innere Freiheit als Unabhängigkeit von außen dargestellt. Zwar ist nicht ausdrücklich gesagt, jenes „außen" sei auch auf Gott und sein Gesetz zu beziehen. Aber der Sinn jener „Unabhängigkeit von außen" ist kein anderer als „Autonomie" des menschlichen Willens, nnd die innere (sittliche) Freiheit bedeutet die innere Uebereinstimmung des Menschen mit sich selbst, unabhängig von jedem Willen außer ihm, auch dem göttlichen. Unter solchen Umständen verlieren die Worte: Gewissen, Gewissenhaftigkeit, im Zusammenhang mit dieser inneren Freiheit gebraucht, entweder allen Sinn, oder sie erhalten eine dem gewöhnlichen Sprachgebrauch durchaus fremde Bedeutung. Gewissenhaftigkeit ist nicht eine bloße Form der Uebereinstimmung (l?), sondern konsequentes Wollen und Handeln, entsprechend der erkannten Pflicht. „Stärke, Vielseitigkeit und Zusammenstimmung des Wollens bezeichnen wir kurz als Vollkommenheit desselben. Wir fällen somit vom Standpunkt dieser Idee das Urtheil: Das vollkommenere Wollen gefällt unbedingt neben dem minder vollkommenen." (S. 61.) Doch, dieser rein formalen Bestimmung der Vollkommenheit fehlt ganz und gar der sittliche Inhalt! Es fehlt das Ziel, die Richtung auf ein höchstes Gut. Die von dieser Ethik beeinflußte Pädagogik verschmäht es, mit dem gottmenschlichen Lehrmeister zu sagen: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!" Das paßt nicht zur „exakten Wissenschaft" (ls). Da gilt 99 ja nur das Größenverhältniß, die mathematische Formel. — „Unter dem bekannten Namen der Nächstenliebe (Lehrbuch S. 63) bildet das Wohlwollen den Hauptgedanken des Christenthums und den größten Wendepunkt in der bisherigen Menschengeschichte, indem es der Menschheit das Evangelium der Erlösung von der Selbstsucht verkündet." Damit würde sich das Christenthum nicht wesentlich vom Buddhismus unterscheiden. Die Nächstenliebe in ihrem vollen Umfange und ihrer ganzen Bedeutung ist zwar eine durchaus christliche Tugend, bildet aber nur eine Folge des Hauptgedankens des Christenthums. Dieser ist nämlich die Menschwerdung des Gottessohnes; und der Wendepunkt der Menschengeschichte ist die Erlösungsthat am Kreuze. „Das ist das ewige Leben, sagt der Herr, daß sie dich den einen wahren Gott erkennen und den du gesandt hast, Jesum Christum." Weiter heißt's (a. O.) bei Lindner: „Das Gegentheil des Wohlwollens ist das Uebelwollen, welches dem andern Böses wünscht. Zum Begriff des einen wie des andern gehört es wesentlich, daß es unmotivirt sei." Das Christenthum dagegen kennt keine unmotivirte Nächstenliebe. Diese ist ein Gebot und hat zudem die Liebe Gottes zum höheren Beweggrund, ist also doppelt motivirt. Wie stimmt da Herbart'sche Ethik und Pädagogik mit dem Christenthum? — „Wenn zwei Willen auf einen Gegenstand gerichtet sind, welcher jedoch nur einem derselben folgen kann, so entsteht Streit. Der Streit ist sittlich mißfällig. Um ihn zu beseitigen, ist eine ausdrückliche oder stillschweigende Uebereinkunft der Gesellschaftsmitglieder nothwendig, welche bestimmt, wem der Gegenstand zu folgen habe. Eine solche durch die allgemeine Anerkennung geheiligte Regel zur Vermeidung des Streites ist das Recht." (S. 64.) Es gibt aber auch einen sittlich berechtigten Streit. Freilich muß man den Streit als solchen für „sittlich" mißfällig erklären, wenn man das Recht nicht anders zu begründen weiß, als durch das Mißfallen an einer Disharmonie, welche „ethisch" zu benennen beliebt, obgleich sie nur ästhetisch oder gewissermaßen mathematisch ist. Der Streit mißfällt durch seinen Mangel an Ebenmaß, durch die Disharmonie, welche das Mißfallen des interesselosen Zuschauers erregt. — „Ein Wollen kann absichtlich auf ein zweites Wollen gerichtet sein. Dann darf es aber nicht bloße Gesinnung bleiben, sondern muß zur That werden. Durch dieselbe wird das zweite Wollen in seinem Zustande gestört und diese Störung von ihm entweder als ein Wohl oder als ein Wehe empfunden. Dadurch wird die von dem ersteren Wollen ausgehende That zur Wohlthat oder zur Wehethat. Sowohl die eine als die andere fordert vom sittlichen Standpunkte eine Ausgleichung, die man Vergeltung nennt. Wohlthaten und Wehethaten sollen vergolten werden; denn dieunver- goltene Wohl- und Wehethat als Störerin eines bestehenden Willensverhältnisses mißfällt unbedingt." (S. 65.) Gewöhnliche Vorstellungen erscheinen uns hier mit specifisch Herbart'schen Lehren vermischt. Die Pädagogen, n In Lindner, schwatzen dem Philosophen nach, übersetzen aber dann seine Worte in die gewöhnliche Sprache und suchen sie den landläufigen Vorstellungen anzupassen. Glauben denn diese Erzieher wirklich, daß die Pflicht der Dankbarkeit nicht besser begründet werden könne, als dadurch, daß man diese zurückführt auf eine unverstandene und unverständliche Formel, welche sich ihrerseits stützt auf die mathematische Analogie der entgegengesetzten Größen? Wäre die Wohlthat eine Störerin, so müßte sie vom Herbart'schen Standpunkte aus als sittlich verwerflich gelten, also unterlassen werden. Man dürfte es offenbar nicht daraus ankommen lassen, durch das mögliche Unterbleiben der Vergeltung zu einer neuen Störung Gelegenheit zu bieten. Auf ganz eigenthümliche Weise sucht unser Lehrbuch von den „sittlichen Ideen" hinüberzukommen auf die Begriffe von Tugend und Pflicht. Nur so nebenbei kommen diese für die Ethik so wichtigen und unentbehrlichen Begriffe zur Sprache. (Anmerkung, S. 67.)" Wenn wir auf die Entwicklung des Sittlichkeitsbegriffes in Form der fünf praktischen Ideen zurückblicken, so sehen wir, daß es fünf Klassen von Willensverhältnissen sind, welche den Gegenstand der sittlichen Werthschätzung bilden. Die Glieder dieser Verhältnisse sind einzelne Wollen(I?); nur bei der ersten Idee ist ein Verhältnißglied die Einsicht. An die Betrachtung dieser Verhältnisse knüpft sich der sittliche Beifall oder das sittliche Mißfallen; jener führt zu gewissen Tugenden, dieses zu gewissen Pflichten; denn das Mißfallen, weil es von der höchsten Instanz kommt, muß vermieden werden. Dadurch verwandeln sich die Urtheile der unbedingten Verwerfung in Anforderungen an das Wollen, denen unbedingte Folge bewiesen werden muß, d. h. in Pflichten." Zwar wird hier von Tugend und Pflicht geredet: das Wesen der Sache selbst aber fehlt. Ohne Lust am Guten gibt es keine Tugend. Die Herbart'sche Sittenlehre aber schließt die Lust aus dem Gebiete des Sittlichen grundsätzlich aus und kennt nur das kalte, interesselose Wohlgefallen am Harmonischen. Pflicht gibt es nur bei einem höchsten, gesetzgeberischen Willen. Zwar ist gelegentlich auch von Gott als dem höchsten Gegenstand der Dankbarkeit, als der höchsten vergeltenden Instanz die Rede. Die Rolle aber, welche in dieser Ethik Gott zugetheilt wird, ist eine ganz äußerliche und zufällige. Der Glaube an Gott ist Herbart Sache eines blinden Gefühls. Wer dieses Glaubens zu bedürfen meint, gut, er möge ihn behalten. Bei der Oede und Unfruchtbarkeit der Herbart'schen Tugendlehre müssen wir wahrhaft staunen, wie sich christliche Pädagogen von den üppigen Auen der christlichen Philosophie weg der geist- und herzlosen Herbart'schen Ethik zuwenden mochten. Zudem besitzt die christliche Moralphilosophie in der objectiven Weltordnung und namentlich in der vernünftigen Menfchennatur ein inhaltsvolles ethisches Princip, welches Herbart und seine Anhänger in dem formalen Gesichtspunkt mathematisch- ästhetischer, daS Wohlgefallen des Zuschauers erregender Harmonie vergeblich suchen. Der Ethik nicht minder, wie der Philologie und Metaphysik Herbarts ist der mathematisch-mechanische Charakter aufgeprägt. Deutlich tritt dies in unserm Lehrbuche hervor. Von einem freien Willen, von einer sittlichen Selbstbestimmung ist da nirgends die Rede. Die Aufgabe der Erziehung ist keine andere, als dem „Vorstellungsmechanismus" einen gewissen Inhalt und ein gewisses festes Gefüge zu geben. Daraus erklärt sich denn auch der mechanische Charakter der Herbart'schen Erziehungs- und Unterrichtsmethode. Und bei all den Gefahren, welche das Verbreiten Herbart'scher Lehren mit sich bringt, sollte man ruhig Herbart'sche Lehrbücher in die Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen eindringen lassen? Auf, muthig zur Wehr! Angesichts solch drohender Gefahren thut auch für unser deutsches Vaterland ein Weckruf noth, wie ihn der 100 Dichter Franz Sichert in seinem vortrefflichen Wetterleuchten (Paderborn, 1893) an die österreichischen Katholiken richtet: Rettet eure Kinder! Nun, Bruder, rafft euch auf zu Thaten! Ihr schlief'!, eö kam der Feind bei Nacht, Und in der Kinderseele Saaten Hat er des Unkrauts Gift entfacht! In uns'rer Kinder zarten Herzen Keimt seines Hasses Schierlingsfrucht, Wie Bilsenkrautes gift'ge Kerzen Entbrannt' er d'rin Empörungssucht l Auf, österreichisch-christlich' Blut! Es gilt der Kinderscele Gut! Was haben wir nicht schon gelitten! O, welche Bande! — Welche Schmach! In frecher Judasrottc Mitten Geschah es, daß der Muth uns brach. — Doch unser Dulden hat ein Ende, Weihs uns'rer Kinder Blüthen gilt! Nicht nur zum Fleh'n hob unS die Hände Der Herr — er brachte Schwert und Schild Zum Schreck der feigen JudaSbrutl Auf, für der Kinderseele Gut! Nicht länger schleppt ihr zu Altären Des Satans dann ein Gotteskind; Auf, Brüderl Laßt uns steh'n und schwören: Wo Christ ist, auch wir Christen sind! Wenn aus den Schulpalästen bannte Ihn haßerfüllt die neue Zeit, Dann brause, wo ein Herz noch brannte Für Christus, himmelan der Streit Und lasse glüh'n in Kampfesgluth Uns für der Kinderseele Gut! Laßt neue Blüthen lodernd brechen Drum aus des Glaubens Stamm hervor, Laßt Worte nicht, laßt Thaten sprechen, Und Herz und Hand zu Gott empor! Und in der Seele kühn' Vertrauen Und auf der Lippe einen Spruch Zur wundermildesten der Frauen, Die uns zertrat der Schlange Fluch, Und die der Unschuld Blüthenfluth Streut in der Kinderseele Gut! Ja — hört's: Solang' uns noch im Munde Ein Hauch, ein Schlag im Herzen wohnt, So lange über unserm Bunde Noch sonnumbliht das Kreuzbild thront — Solang' noch eines Herzens Flamme Empor zum Heiland liebend bricht — Das merkt euch, ihr vom Judas stamme — . Bekommt ihr unsre Kinder nicht! Wir alle steh'n mit Gut und Blut — Wir schwören's! — ein für dieses Gut! Mit Gott denn, mit des Kreuzes Zeichen Die stolze Zwingburg kühn erstürmt, Die, Schlüssel zu des Feindes Reichen, Die Hoffnung seiner Zukunft schirmt! Wir müssen, müssen sie gewinnen, Die Schule, neu als Christi vauö, Und sollte unser Leben rinnen Aus tausend Todcswunden aus! Wie Sturm erbrause, Christcnmuth! Auf, für der Kinderseele Gut! Die Grabstätten des großen Noriker - Apostels St. Severin in und bei Neapel. Zu den vielen Verdiensten, welche sich der erst kürzlich in Wien verstorbene Prälat Or. Sebastian Brunner um die katholische Sache speziell Oesterreichs erworben, ist sicher auch zu rechnen, daß er seinen Landsleuten das Andenken des großen Noriker-Apostels St. Severin wieder aufgefrischt und über dessen Grabstätte zum ersten Male verläßliche Kunde brachte. Bis in die neueste Zeit herab — selbst noch in einem 1879 erschienenen kirchlichen Proprium — waren über letztere irrthümliche, althergebrachte Angaben im Umlaufe, die schon längst einer Berichtigung bedurft Hütten. St. Severin hatte noch bei seinen Lebzeiten den Bewohnern der römischen Donaukastelle vorher verkündet, daß sie bald nach seinem Hinscheiden, gezwungen durch den Einbruch germanischer Völkerschaften in jene Gegenden, nach Italien sich zurückziehen würden, und sie gebeten, dann auch seinen Leichnam mit sich zu nehmen. Sechs Jahre nach St. Severius Tod: 488, traf ein, was der Heilige vorausgesagt. St. Severins Leiche wurde bei dieser Gelegenheit in einem schon lange zu diesem Zwecke bereit gehaltenen Kasten auf einen Wagen gelegt und die langwierige Reise angetreten. In Italien wurde die irdische Hülle des Heiligen einstweilen im Kastelle von Monte Feltre, welches Einige für S. Leon, Andere für Macerata di Monte Feltre in der ehemaligen Delegation Urbino halten, niedergelegt. Von hier aus begannen Unter- handlungen mit einer edlen Frau Namens Barbaria in Neapel, welche nebst ihrem Manne von großer Verehrung zu dem Seligen beseelt war. Sie wünschte die heiligen Ueberreste desselben auf ihrem Landgute Luculanum beizusetzen und erbaute zu deren Aufnahme eine Grabkapelle nebst einem Cönobium für die Priesterschaft, welche im Geleite St. Severins über die Alpen mit herübergekommen war. Papst Gelastus gab die Einwilligung hiezu und so konnte (zwischen 492 u. 496) die Uebertragung dahin erfolgen. Von dem großen Ansehen, das St. Severin genoß, gibt Zeugniß Papst Gregor der Große in seinen Briefen (lid. III Dp. 19, 115. IX Dp. 35); derselbe erbaute in Rom die erste Kirche zu Ehren desselben in der Nähe von St. Matthäus in Mernlana. Bis zum Jahre 910 blieben Severins hl. Ueberreste in Luculanum; in diesem Jahre war man genöthigt, zu deren Sicherung einen anderen würdigen Aufbewahrungsort in Neapel selbst ins Auge zu fassen. Seit den ersten christlichen Zeiten befand sich in dieser Stadt bereits eine St. Severinskirche. Sie ist wahrscheinlich jenem heiligen Bischöfe geweiht, von dem das römische Martyrologium am 9. Januar bemerkt: „Dog-poli in Dampams, nutaHs 8t. Lovorivi Dxlsoopi trutrls 5 satt Vlotorinl Norberts, qui post irmltarurn virtutum perpetrottoneirl xloirus sauotitats qutsvtt." Auch unter der Genossenschaft der hl. Luzia, welche in Campamen den Martertod erlitt, findet sich ein St. Severinus, Märtyrer. Im Laufe der Zeit war bei der Severinuskirche in Neapel ein Benediktinerkloster entstanden, und der Abt dieses Klosters war es, welcher 910, da die räuberischen Sarazenen die Umgebung Neapels unsicher machten, im Einverständnisse mit dem Bischöfe der Stadt die Reliquien des Noriker-Apostels St. Severin für seine Kirche aus Luculanum erhob und feierlich einbegleitete. Hier genossen dieselben auf Jahrhunderte hinaus Ruhe und Sicherheit. Erst im Jahre 1807 wurde diese Ruhe neuerdings gestört. Unter der napoleonischen Gewaltherrschaft ward den Klöstern Italiens dasselbe Loos bereitet, wie in den anderen Staaten. Am 26. Februar obgenannten Jahres erschien ein Dekret, des Inhalts, daß aus den aufgehobenen Klosterkirchen Ornate und Reliquien an ärmere Pfarrkirchen, wenn sie solche wünschten, abgegeben werden sollten. Ueber dieses Dekret zeigte sich Niemand mehr erfreut, > » >> 101 als die Einwohner von Fratta Maggiore (auch Fratta Grmno genannt), 14 Kilometer von Neapel entfernt, gegenwärtig Station der Bahn zwischen Nom und Neapel. Aus dieser Ortschaft stammte der hl. Sosius, welcher gleichzeitig mit Neapels hochberühmtem Patrone St. Januartus den Martertod erlitten hat. Schon längst hätten die Einwohner von Fratta Maggiore dessen Reliquien gerne erhalten, aber vergebens. Nun erachteten sie den Zeitpunkt für gekommen, in Besitz derselben zu gelangen, und wirklich glückte es mittelst obigen Dekretes dem Bischöfe von Peluso, Namens Lupoli, aus Fratta Maggiore gebürtig, seinen Heimathsangehörigen dieselben zu verschaffen. Dabei kam das Unerwartete: er erhielt auch die Reliquien des Noriker-Apostels, weil man dieselben bei Eröffnung der Krypta in S. Severino an Seite des hl. Sosius beigesetzt gefunden. Die Grabesinschrift dabei lautete: „äivis 8. Lsvsrivo blorloorum ^.postolo st 8osio lavitns L. flanuarii Hxisoopi in xaosions sooio tsmxlurn ndi eorum 8. 8. oorxora, Lud altars rnag'ori raquisZeunt." Sobald günstigere Zeitverhältnisse es erlaubten, gingen die Einwohner von Fratta Maggiore daran, die Seitenkapelle ihrer Kirche, in welcher sie die kostbaren Uebcrblcibsel beigesetzt, würdig mit Marmorarbeiten zu schmücken. 1874 waren die Arbeiten vollendet, für welche 35,000 Lire aufgewendet worden. Inzwischen waren aber die Neapolitaner nicht wenig darüber ungehalten, daß man ihnen hinterlistiger Weise — wie ihr Historiker Galante sich ausdrückt — die Reliquien entwendet hatte, und verlangte deren Rückgabe. Zu allem Ueberflusse kam auch aus Oesterreich, dem ehemaligen Wirkungskreise St. Severins, die Kunde, daß man für die zu Währung in Wien durch die Lazaristenpatres neuerbaute herrliche Severinskirche die Ueberlassung der Reliquien des Heiligen sehnlichst wünsche. Vier österreichische Cardinäle hatten sich dafür verwendet. — Umsonst. Als Prälat Du. Sebastian Brunner in der Oster- woche 1878 Fratta Grumo einen Besuch abstattete, zeigte sich so recht die tiefgehende Erregung der dortigen Bevölkerung in dieser Angelegenheit. Er hatte, bis der Kirchendiener mit den Schlüsseln zum Grabmale St. Severius erschien, sich in den Palazzo Lupoli zu den zwei Neffen jenes Bischofes begeben, welcher seinerzeit die Uebertragung St. Severins bewerkstelliget hatte. Mit dem Kirchendiener erschienen zugleich fünf Geistliche, und vor der Kirche waren bei 300 Personen, Männer, Frauen und Kinder, in drohender Haltung versammelt; Sebastian Brunner war darüber nicht wenig überrascht, und erst als er versicherte, daß er nur das Grab des Heiligen besuchen wolle, zerstreute sich die Menge. Von S. Severino in Neapel entwirft derselbe folgende Schilderung: S. Severino in der Nähe der Universität zu Neapel ist eine der herrlichsten und großartigsten Kirchen der ganzen Christenheit, sowie das Benediktinerstift daselbst vom zehnten Jahrhundert bis 1807 eines der berühmtesten gewesen. Die Reliquien St. Severins waren aber nicht in der großen, sondern in einer alten kleinen Kirche, seitwärts ungefähr zwanzig Stufen tiefer als die große neuere gelegen ist, beigesetzt. Der Kirchendiener führte mich durch eine kleine Thüre neben der Sncristei eine enge Stiege hinunter. ES geht durch einen dunklen Gang, dessen Boden ebenso, wie der der untern Kirche, mit einer Menge von Grabsteinen vom zwölften bis zum siebzehnten Jahrhundert belegt ist. In dieser untern Kirche befanden sich bis 1607 die Särge der heiligen Sosius und Severinus auf dem Hochaltare. An der aus schwarzem Marmor angefertigten Predella dieses Altares ist wörtlich in Stein gemeißel folgende Inschrift zu lesen: Lio äuo saucta, ckivinugus oorxoru xatrss 8os8Mg unnnimog sb 8svsrinns Unchont." Links von diesem Hochaltare, an einem Seiten- altar, befindet sich ein Christus am Kreuz, Lebensgröße in Holz geschnitzt, ein Kunstwerk aus dem neunten Jahrhundert. Die obere eigentliche Stiftskirche S. Severino kann ein Kunstmuseum genannt werden. Am 10. Oktober 9t 0 wurden unter Stefan II., Bischof von Neapel, die Reliquien St. Severins von Luculanum hierher übersetzt. Die Schnitzereien an den Chorstühlen von Merliano gehören zu den besten und harmonischsten Arbeiten, welche die Holzsculptur in der Spätrenaissancezett zu Tage gefördert hat. Die an der Epistelseite befindliche Severinuscapelle, welche ebenso wie die dem Heiligen zu Ehren gebaute Kirche den Cultus bezeugt, der dem Noriker-Apostel in Neapel zu Theil geworden, besitzt Gemälde auf Holz, St. Benedikt, St. Sosius, St. Severin (von Beltsar Carensi, der auch in dieser Kirche begraben liegt). In dieser Kirche existirt auch eine Grabkapelle der Familie S. Severino mit drei Büsten von drei Brüdern, die der Onkel (1516), um ihren Besitz zu erben, mit vergiftetem Weine aus dem Leben schaffte. Auch die Mutter dieser Söhne, die der Gram über diese That schon einige Wochen darnach hinwegraffte, ist hier bei ihren Söhnen beigesetzt. So wird man in dieser Kirche auf große Heilige und auch zum Gegensatze auf grauenhafte Verbrecher aufmerksam gemacht. An der Stelle, wo einst der Landsitz des berüchtigten Schweigers Lucullus sich befand, gegen Puteoli hin, dehnt sich nun der kgl. Palast und das große Theater S. Carlo aus. Fratta Maggiore zählt 14,000 Einwohner, deren Hauptnahrnugszweig der Flachsbau ist. Hier, wie in Torre Annunciata, südlich von Neapel, sieht man Frauen auf dem Steinpflaster vor den Häusern mit großen, schweren Holzkeulen den Flachs brechen. Diese Abkömmlinge der Großgriechcn haben es mit den Söhnen der alten Latier gemeinsam, daß sie ihre Ahnen und die uralten Gepflogenheiten derselben hochhalten, alle Gewerbe und Geschäfte soviel als nur möglich primitiv und ahnen- mnßig betreiben. So kennt man auch hier, wie in ganz Mittel- und Unter-Italien, auf dem Lande keine Spinnräder und der Flachsbündel wird im ächten Sinne des Wortes mit der linken Hand hochgehalten und mit der rechten der Faden daraus gesponnen; dabei läßt sich herumspazieren, eine Nachbarin besucht die andere und geht plaudernd und spinnend mit derselben auf und nieder. Die nenere Knpferplastik. Von Dr. Sepp. (Schluß.) Wie komme aber ich dazu, diesen Kunstzweig zum Gegenstände wissenschaftlicher Besprechung zu wählen? Es will schon so sein. Obiger Karl Borromäus übte weithin seine Wirksamkeit, so daß die Kupferschmiede 102 einigermaßen sich mit Treiben von Metallfiguren befaßten. Vor andern ließen 1696, also gleichzeitig, die Grafen Hörwart in Hohenburg bei der Anlage des Kreuzweges — welchen ihr Bruder, der aus Jerusalem heimge- kehrte Guardian vom Berge Sion, einweihte — das Crucifix mit Maria und Johannes in Kupfer aushämmern. Die Arbeit rührt ohne Zweifel vom wackern Kupferschmied Hammerl zu Tölz her, welcher sofort 1721 auf dem Kreuzberg meiner Heimath den neun Fuß hohen Christus aufstellte, ein tüchtiges Werk, während daneben der Salz- faktor Friedrich Kyretn die angesichts des Jsarwinkels hochpoetisch gelegene Kalvarienberg-Kirche erbauen ließ. Zufällig hatten meine Eltern dem Kupferschmied Kiene das Nebenhaus abgekauft und auf dem Wege in die Ferien kam ich als Student in dessen Werkstätte zu Holzkirchen mit der Frage, ob denn heute kein Meister- oder Geselle mehr im Stande wäre, ähnliches zu schaffen, und zwar zuvörderst die beiden Schächer daneben? Eine Zeit später hat sie auf mehrfachen Antrieb Spänglermeister Weiß aus Landshut nach den von Michel Angelo entnommenen Vorbildern ausgeführt. Weiß ist derselbe kunstverständige Handwerksmann, welcher auch den Petrus auf den RegensburgerDom stellte. Kunsterfahren und vorzüglicher Zeichner, wie er war, hat er meinen seligen Freund Pros. Sighart auf Reisen von Dom zu Dom begleitet und die erste bayerische Kunstgeschichte mit Illustrationen bereichert — solche Bürger haben wir! Nun find es wohl 28 Jahre, da bekam ich eines Tages einen Besuch. Ich habe es schon lange vor, so sprach der Mann. und muß nun doch einmal kommen, Ihnen meinen Dank auszusprechen, denn Sie haben mich auf meine Lebensbahn geführt. Ich erwiderte: Das muß ein Irrthum sein, wir kennen einander nicht. Nein, kein Irrthum, sagte er; Sie haben als junger Herr, da ich selber noch Lehrling war, bei uns in Holzkirchen in der Werkstatt angefragt, ob denn jetzt kein Kupferschmied sich mehr auf Figurentreiben verstehe? Seitdem hat es mir keine Ruhe mehr gelassen, ich habe es klein und groß versucht und endlich so weit gebracht, daß ich schon Aufträge bis nach England erhalte. Ich heiße Saturnin Kiene. — Ist es nicht merkwürdig, wie viel plastisches Talent in unserem Volke, namentlich in den Bergländern, steckt, daß es nur der geringsten Anregung bedarf, es zu wecken! Unser Kiene hat den Landsknecht als Wachtposten auf die Spitze des von Hauberrißer erbauten Nathhauses gesetzt, welcher zu seinen architektonischen Verdiensten auch noch das fügt, diesem Kunstzweige besondere Unterstützung angedeihen zu lassen. Für das Krankenhaus in Traun st ein lieferte Kiene 1867 eine Madonna, welche hier vorher zur Ausstellung kam. Seine Maria Viktoria steht als Siegesdenkmal 1872 im Schlosse Mauern bei Moosburg. Sein Christus am Kreuze erlangte 1870 in der Londoner Weltausstellung den Preis und kam in eine dortige Kirche. Seine fast fünf Meterhohe Figur des hl. Joseph mit dem Christkind, stehend auf der Weltkugel, schaut vom Thurm des Josephcollegs in Millhill seit 1873 auf die Weltstadt London, auf 20 engl. Meilen sichtbar. Das Modell für dieses heilige Wahrzeichen hat der zu früh Heimgegangene Bildhauer So her dem Tölzer Meister gefertigt. Ich spreche nicht von den paar drei Meter hohen Figuren Johannis und der Gottesmutter unter dem Kreuze auf dem Kalvarien- berge zu Tölz, wohin er von München aus seine Werkstätte verlegte und wo er 1874 nur zu früh zu Grabe ging. Denn schon erwarteten ihn Aufträge des Königs Ludwig II. für Hohenfchwangau und Linderhof, Neu- schwanstein und Herrenchiemsee. Man treibt mittels Holzschlegeln und eisernen Hämmern und muß zum Zwecke der Weichheit und Dehnbarkeit das Kupfer sehr oft glühen. Die Griechen trieben Metallblech in hohle Holzformen, jetzt arbeitet man über Weichmetall. Die Kupferarbeiten der früheren, sowie der Jetztzeit sind meist nach kleinen Modellen und mehr aus freier Hand entstanden. So hielt es Weiß in Landshut wie Saturnin Kiene in Holzkirchen und Howald in Braunschweig. Grundsätzlich werden jedoch Köpfe, Hände und Füße in Naturgröße hergestellt und darnach gearbeitet. Die Madonna für Traunstein ist ohne jedes Modell getrieben. Die Löthung geht bei Holzkohlen- feuer und Gasgebläse mit Hartloth oder Messing vor sich: so verfuhr zuerst Hygin Kiene bei den vier Wappenhaltern am RathhaW zu Hamburg. Die saubere Ausführung geschieht durch Ciselirung über Pech. Bei der Firma Peters in Berlin fallen die vielen, meist stumpf aneinander gestoßenen, mit untergelegten Streifen doppelt genieteten Theile auf, so daß man das Ganze iu der Nähe nicht gut ansehen kann. Die Arbeiten setzte in Holzkircheu und München Saturnins gleich strebsamer Neffe Hygin Kiene fort. Er fertigte nicht bloß die Wasserspeier für die Herz-Jesu- Kirche unseres Hauberrißer nach Graz, sondern auch für dessen Rathhaus in Wiesbaden den 2,30 Meter hohen Bannerträger, die dritthalb Meter hohe allegorische Figur: „Das Gewerbe", und, flott mit Zirkel und Triebrad einen Kranz schwingend, für die Gewerbschule in Leipzig; dann vier weitere gleich hohe: Ackerbau, Land- wirthschaft, Gewerbe und Kunsthandwerk. Auch Helvetien lernte den jungen Meister kennen. Nach St. Gallen ging Merkur mit dem Schiffe und dem Schweizerwappen als Symbol des Handels ab, wozu Pros. Krämer das vier Meter hohe Modell lieferte. Dazu kamen für die dortige Unionsbank sieben Figuren von drei Meter Höhe. Vortrefflich präsentirt sich der Page mit der Hellebarde als Wappenhalter für das neue Nathhaus in Hamburg. Man sieht an alldem keine Niete, sondern alle Nähte sind mit Gasgebläse verlöthet. Kienes vier Herolde für die Hansestadt Hamburg halten die Wappen von London, Bergen, Brügge und Nowgorod. Schade, daß man bei monumentalen Werken so viel allegorische Figuren anbringt, statt aus der deutschen Gesammtgeschichte oder Lokalhistorie zu schöpfen. Doch sind dieselben Herrn Kiene, wie Herrn Seitz, nach griechischen Vorbildern am besten gelungen. Einem Bremerblatte (N. N. 24. Sept. 93) entnehme ich, daß von dort ein Herr Siber, welcher zu seiner Ausbildung mehrere Jahre eine Kunstschule in München besuchte, „wo die getriebene Metallarbeit eine schätzbare Pflegestätte gefunden", nun in seiner Vaterstadt ansehnliche Aufträge hat. Wohlan, derselbe ist ein halbes Jahr bei Hygin Kiene in Holzkirchen in der Lehre gestanden. Aus dieser Werkstatt ging auch Logauer hervor, welcher nicht weniger rührig sich in Wien niedergelassen hat. Eustach Faustner lieferte 1878 und 1880 zwei Figuren nach Amerika, 1892 drei nach Nürnberg; er war schon bei hiesigem Hofkupferschmied Leiß thätig. Nun komme ich erst näher auf Herrn Heinrich Seitz, Hofkupferschmiedmeister, zu sprechen, welcher vor zehn Jahren zuerst ins Große zu arbeiten unternommen hat. Von seiner Hand ist die drei Meter hohe, vorzüglich gelungene Madonna an der Fayade der hl. Geistkirche zu München nach dem Modell unseres braven Bildhauers Äsn ton Heß. Ferner die sechs Gruppen für das Cafs Luitpold nach Kaindl 1886, die Amphitrite für den Wasserthurm in Mannheim nach Modell vonHoffmann 1889. Meisterhaft ist ferner die für Berlin bestimmte Irene mit dem Knaben Plutos nach dem von Pausanias dem Cephissodotos zugeschriebenen Original, sei es der Kopie in unserer Glyptothek, einem Bilde, das man mit christlicher Deutung auf jeden Altar stellen dürfte. Es folgen die Figuren am Hause von Braun und Schneider nach Modell von Bildhauer F. L. Bernauer 1891; St. Peter für das Nathhaus in Hamburg nach Modell von Feiffer 1892; auch St. Jakob nach Bildhauer Kumm 1893 ist dahin bestimmt. Auf den Giebel des Neichstags-Gebäudes von Paul Wallot kommt also die durch Bismarck in den Sattel gehobene Germania zu stehen, ein Werk unseres wackeren Seitz, das eben 1893 in der Weltausstellung zu Chicago dem bayerischen Namen Ehre machte und von da nach Sän Fraucisco in Californien begehrt wurde. Reinhold Begas, der erste Bildhauer Berlins, hat das Modell zu dieser Gruppe geschaffen. Es ist doch eine Freude, in München, dem Hauptsitze des Kunstgewerbes, zu leben, das solche Meister ausweist. Solche Leistungen können nur weitere Bestellungen zur Folge haben unter dem Wahrspruche: Mach's nach! Auch Kusterer inAugsburg hat mit seinen tüchtigen Arbeitern die letzte Weltausstellung besucht. In gleicher Weise arbeitet Knodt in Bockenheim für Frankfurt, Strahburg, Hamburg, Berlin, sogar eine Homburgia. Die Figuren mecklenburgischer Fürsten am Ständehause in Rostock hat Fr. PeterS in seiner Klempnerwerkstatt in Berlin hergestellt, dazu den Bannerträger als Giebelfigur. Uebrigens werden in neuerer Zeit nicht bloß Thurmhelme, Drachen als Wasserspeier, Laternen, Löwen und Ornamente aller Art, sondern auch Kreuzblumen und Kapitelle über Granitsäulen von Kupfer getrieben, wie Pschorr in der Reichshauptstadt an seinem Bau solche anbringen ließ. Peters schuf 1887 ferner einen Ritter mit Fahne und Lanze für die Thurmspitze der Marien bürg in Ostpreußen, des weiteren 1889 zwei große sitzende Figuren, Vergangenheit und Zukunft, für einen Palastthurm in Madrid, für die Mannheimer Brücke unseres Pros. Thicrsch nach Vogels Modell Neptun und Ceres, und eine Reihe Fürsten für das Ständehaus in Rostock; dann mehrere Adler. Für den Kaiserpalast in Goslar wurde in der Berliner Werkstatt von Martin und Piltzing nach dem Modell von Scholl das vier Meter hohe Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. in Kupfer getrieben, welches in Barbarossa zu Toberenz sein Gegenbild erhält. Vorbereitet ist das' auf 12 Meter berechnete Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. für Coblenz als Rheindenkmal für die deutsche Ecke, wo Rhein und Mosel zusammenfließen, nach Entwurf von Bildhauer Hundrieser und Architekt Bruno Schwitz. Dieselbe Darstellung ist mit neun Meter hohen Nebenfiguren für den Kyffhäuser bestimmt; möge die Ausführung der einen oder anderen Aufgabe unseren kunstfertigen Meistern zugedacht werden, wie nicht minder das 14 Meter hohe weibliche Heiligenbild für einen freien Platz in Strahburg. Wir haben zwei geborne Künstlerfamilien Namens Seitz in München. Unser Benvenuto Cellini, Joseph Seitz, lebt als Greis von mehr als 80 Jahren bereits im Spital, sein Sohn Otto der Maler ist Professor an der Akademie: Vater und Brüder — alle waren Künstler. Aber auch der Vater unseres Plastikers hat bereits diesen Gewerbezweig betrieben und, nachdem er von 1818 bis 1822 in Paris gearbeitet, während seines achtjährigen Aufenthalts in Bordeaux unter anderm einen kunstreichen Brunnen in Kupfer getrieben. Da aber bei der Enthüllung sein Name nicht genannt wurde, zog er mit beleidigtem Stolze sich nach München zurück und bewarb sich hier um eine Concession. Wir wissen ja seit der Vertreibung unserer Landsleute im letzten Kriege, daß die Meisten derartigen Gegenstände, die wir aus Paris bezogen, von deutschen Kunsthandwerkern gefertigt waren. Wir haben uns auch im Schaffen der kunstfertigen Hand von Frankreich frei gemacht, und wie viele Arbeiter haben allein in Gebrauchsgegenständen aus Einem Stück sich aus der Schule Seitz selbständig gemacht; wurden doch allein im Kunstgewerbehaus 1892 für 11,000 Mark Kupferwaaren verkauft. Wie viele Museen, vor andern das in Genf, ließen sich mustergiltige Gefäße aus Einem Stück nach Münchener Technik zum Modell für Gewerbetreibende kommen, indeß die Hauptwerkstatt nur mehr Großfiguren liefert. Vieles ist in dieser Weise im Werden begriffen, wozu die Dauerhaftigkeit bei großer Billigkeit einladet. Ich selbst möchte mit dem heutigen Vortrag einen praktischen Gewinn für München erzielen. Beim siegreichen Einzug unserer aus Frankreich heimkehrenden Truppen unter Führung des deutschen Kronprinzen, späteren Kaisers Friedrich Wilhelm, sahen wir das Hofgartenthor mit einer Viktoria gekrönt, beim Erscheinen unseres Kaisers im September 1891 trat eine Pallas Athene an die Stelle, und jüngst bei der Vermählung der Prinzessin Auguste mit Erzherzog Joseph Augustin reichte ein Genius den Kranz, so daß das Thor in einer Vierthalb bis vier Meter hohen Figur einen reizenden pyramidalen Abschluß erhielt. Wohlan! das Modell ist gegeben: warum soll die entsprechende Figur nicht, in Kupfer getrieben, zur bleibenden Verschönerung der Stadt dienen? Ein einfacher Bürger könnte die Kosten dafür prästiren. Ebenso habe ich den Stadtconsuln längst vorstellig gemacht, auf dem Jsarthorthurm als historisches Wahrzeichen den Stadtgründer Heinrich den Löwen anzubringen, etwa wie ich ihn an meinem Haufe malen ließ, im Kampf mit der Meerschlange zur Befreiung deS Königs der Wüste, wie die Legende aus seinem Kreuzzuge vom Strande von Joppe lautet, wo er an die Stelle des Persens bei der Befreiung der Andromeda getreten ist. Ein Erzguß wäre an beiden Stellen schon wegen des Gewichtes nicht angebracht. Eben taucht der Gedanke auf und findet bei den maßgebenden Behörden, im Gemeinderath wie in der Magistratur, Anklang, im Stadttheil Haidhausen am Wvrthplatze, oder wegen der Kreuzung der Weißenburger- straße richtiger noch in der Wörthstraße, ein Kriegerdenkmal nebst Brunnen zu errichten und nicht immer aus der griechischen Mythologie, sondern aus der deutschen Heldensage den Stoff zu wählen. ES soll ein Siegfriedsbrunnen werden mit der Darstellung, wie der Held, den Schild neben sich, mit der Hand aus dem Borne schöpft. Aber hinter ihm hebt der grimmige Hagen die Lanze, lauernd nach der Stelle, wohin das Linden- 104 / blatt gefallen und wo der Held allein verwundbar ist. Es ist der Franzwann, der auf diese Weise uns hinterrücks beizukommen sucht, so daß wir forr und fort auf der Hut sein dürfen. Ein Denkmal in Erzguß erweckt so lange Besinnen, bis nichts daraus wird, denn die Stadt tragt Lasten genug! Dagegen liegt nahe, das Werk in Kupfer zu treiben, wozu ein schon erprobter Meister das Modell liefern mag, da die Erfahrung lehrt, das; mit Ausschreiben unnütz Kosten verursacht werden, und zwar Kosten von zwei Seiten, da mancher Künstler sich vergeblich anstrengt und sich dann bitter enttäuscht sieht, weil der Auftrag schließlich doch einem gemachten Künstler zufällt. Ein Denkmal, wie hier vorgeschlagen wird, ist leichter zu erschwingen und geht uns naher, als ein Poseidon mit dem Dreizack, wie der sogenannte Gabelmann am Brunnen zu Bamberg, oder eine Aphrodite, Diana, sei es sonst eine Gestalt aus dem Olymp. Wie viel unsere Kunstgewerbe-Schule unter Herrn Director von Lange und die lehrreicbcn Ausstellungen zur Förderung solcher Meisterwerke beitragen, möge jeder selber ermessen. Recensionen und Notizen. 8e itfa den zur Anfertigung mikroskopischer Dauer- präparate von Otto Bachmann, kgl. Ncallehrcr. II. Auflage. München und Leipzig, Druck und Verlag von R. Oldenbourg. k Hat schon die I. Auflage dieses Buches gewiß einem Bedürfnisse abgeholfen und es auch dem Dilettanten ermöglicht, sich gute und brauchbare Präparate für das Mikroskop herzustellen, sind ferner auch dem mit dem Mikroskop Vertrauteren die zahlreichen in diesem Buche niedergelegten Winke und Erfahrungen bei verschiedenen Anlässen sicher von großem Nutzen gewesen, so erfüllt die zweite Auslage diesen Zweck bestimmt in noch viel höherem Grade. Dies zeigt schon die gewaltige Vermehrung an Stoff und Abbildungen (332 Seiten mit 104 Abbildungen gegen 196 Seiten und 87 Abbildungen der ersten Auflage). Wer die Methode BachmannS kennt, weiß, daß derselbe als erfahrener Schulmann nicht ruht, bis er den zu behandelnden Stoff leicht faßlich, ohne schwülstigen Ballast, jedermann klar niedergelegt hat. Das ist auch besonders bei dieser zweiten Auflage der Fall. Wer etwa um den neueren Forschungen zu folgen oder aus Liebhaberei sich ein Mikroskop anschafft, wird durch diese Schrift in den Stand gesetzt sein, selbst- ständig sich ein gutes Präparat herzustellen, so daß er wirklich unter dem Instrumente etwas sebcn kann; denn die Enttäuschung, die manche erfahren, beruht meist auf falscher Behandlung des Präparates. Von den kleinsten Handgriffen bis zum compli- cirtcn Verfahren ist alles deutlich niedergelegt. Selbstverständlich sind die neuesten Errungenschaften auf diesem Gebiete alle behandelt, und wird die Herstellung von den einfachsten Präparaten wie Schuppen der Schmctterlingsflügel rc. bis zu den Bacterien jedem ermöglicht. Vielen wird dieses Buch eine ganz erwünschte Beigabe zu ihrem Mikroskope sein. Haber! Fr. X., LlaAister oboralis: Theoretisch-praktische Anweisung zum Verständniß und Vertrag des authentischen römischen Choralgesanges. 8", VI.-st 252 SS. Regeuö- burg. Fr. Pustet 1893 (X.) M. 1,40 s. Das bewährte Handbuch der kirchlichen Gesangskunst bedarf wohl keiner Empfehlung mehr; es ist in allen Ländern verbreitet und in der Hand eines jeden Theologen im Seminar, wie in der Praxis. Daß man sich nach der „Anweisung" des Buches immer richtet, soll damit nicht gesagt sein; zu wünschen wäre es, um die Kirchenmusik stünde es dann nicht so schlecht. Das Werk ist sehr verständlich geschrieben, daher auch für Laien, Dirigenten, Choristen und andere Leute, die sich häufig um kirchliche Vorschriften über Musik blutwenig kümmern, sehr zu empfehlen; jede neue Auflage weist Verbesserungen und Ergänzungen auf und zeigt von der größten Sorgfalt des Verfassers, ein oxns omnibns uumeris absolntum zu bieten; stets ist auf die einschlägige Literatur, sowie auf die neuesten römischen Entscheidungen die gebührende Rücksicht genommen worden. Im Vorwort zu einer der früheren Auflagen hieß es, baß die Veröffentlichung einer lateinischen Ausgabe im Werke sei, auf welche aber Schreiber dieses vergeblich gewartet hat. Der Plan scheint leider aufgegeben zu sein; jedenfalls wäre eö bei diesem wahrhaft internationalem Buche über Kirchenmusik, das doch zunächst für Kleriker bestimmt ist, das vernünftigste, selbes auch in der Sprache der Kirche und internationalen Sprache der Wissenschaft zu bieten; damit wäre allen zugleich gedient und könnte man Uebersetzungen in englischer, französischer, italienischer, ungarischer, polnischer und spanischer Sprache, die ebenfalls von, Verleger der deutschen Ausgabe zu beziehen sind, füglich ersparen; nicht einmal das päpstliche Breve vom 23. April 1883 (S. 247) ist im Originaltext mitgetheilt. Sachlich können wir uns nicht überwinden, den Beschluß der Nitenconzregation vom Jahre 1879 über Silbeuverthcilung (L>. 116) als solchen zu betrachten, der die Confusion heillos gemacht hat, so daß ein Psalmengesaug einfach unmöglich ist, denn wenn auch Aussprache rc. des Latein nicht überall gleich ist, so doch die Quantität; soll ein Gesang zu Stande kommen, so müssen eben die Silben vertheilt werden; indem nun die Congrcgation die Vcr- thcilung auö den Büchern beseitigt hat, ist letztere der Willkür der Säuger preisgegeben, die meist gar kein Latein verstehen und zu bequem sind, sich über Vertheiluug der Silben zu einigen. _ Literarische Rundschau für das katholische Deutschland Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. Jahrgang 1394. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breisgau, Herder'fche Ver- lagShaudlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 3: Die katholische Literatur Englands, im Jahre 1393. I. (BelleShcim.) — Ullrich, 11s 8alviani 8erix>- turas 8aoras vorsiouibus. (Weymanu.) — Eubel, Vrovlnoials orüinis krarrnm Llinornm. (GlaSscbröder.) — Lundström, lan- rsntlns Vanillins (sodlius, bans lik ooü vsrlesamtull. (Witt- maun.) — Mehl, Die Beziehungen des Papstthums zum fränkischen Staats- und Kirchenrccht unter den Karolingern. (Säg- müller.) — Heiner, Katholisches Kirchenrecht. II. Bd. (Lcinz.) — Göpfert, Pastoralthcvlozic von I. B. Renninger. (Pruner.) — Kappes, Aristoteles-Lexikon. (Braig.) — Bobnenberger, Der altiudischeGottVaruna. (Hardh.)—Parkman, ^ Lalk Oonturz? ok Oontliet. (Zimmcrmann.) — Storm, Maria Stuart. (Funk.) — Jansscu, Geschichte des deutschen Volkes seit dem AuSgange des Mittelalters. VII. Bd. (Haas.) — Waldmanu, Lenz in Briefen. (JosteS.) — Llaris 8to!!a oder Das Berufsleben des weiblichen Geschlechts im Lichte des Glaubens. (Krieg.) — Ka- lcmkiar, Geschichte der armenischen Zeitungsliteratur von ihren Anfängen bis auf die Gegenwart. I. Bd. (Vetter.) — v. Salis- Soglio, Die Konvertiten der Familie von Salis. (Rösler.) — Weyman, Studien zu Apulejus und seinen Nachahmern. (Barden- hewcr.) — v. Tbüna, Die Würzburger Hilfstruppen im Dienste Oesterreichs 1756—1763. — Nachrichten. — Büchertisch. Blüthenstrauß aus Luther'sWerken, enthaltend seine Ansichten über 36 Punkte des christlichen Glaubens in mehr als 300 Citaten. Für Katholiken und Protestanten gesammelt von A. Arndt, weil. Protestant. Theologe. 2. Auflage. Verlag der Germania, Berlin. Preis 25 Pfg. Eine Sammlung von Citaten aus authentischen Ausgaben von Luthers Werken mit genauen Quellenangaben. — Dadurch, daß der Verfasser sich jedweder Kritik enthält, gibt das Schriftchen eine durchaus objective Darstellung von Lutber's Anschauungen über die wichtigsten Dinge der christlichen Glaubens- und Sitteulchre. In diesen Citaten verurtheilt sich der Gründer der evangelischen Kirche selbst und ist das Hestchen werthvoll und interessant für Jedermann. Herr Hofprediger Rogge und das Vordringen des Katholicismus in der Mark Brandenburg. Ein Wort zur Beherzigung für Katholiken und Protestanten. Verlag der Germania, Berlin. Preis 20 Pfg Die Broschüre bietet eine treffliche Erläuterung zu den Auslassungen des Herrn Hofpredigers anläßlich der Generalversammlung des Brandeuburgischen Haupt-Vereins des evang. Bundes über das Vordringen des Katholicismus in der Mark. — Dieselbe ist von größtem Interesse für alle katholischen Kreise, indem sie zeigt, mit welchen Mitteln der famose „evang. Bund" für seine Zwecke arbeitet. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.