ssn. 16 19. April 1894. Aus dem Jugendleven des Churfürsten Maximilian I. von Bayern. Es ist unmöglich, auch nur ein einziges Menschenleben einer bis auf den Grund gehenden Analyse seiner seelischen Anlagen zu unterwerfen. Darum wird es nie gelingen, das ganze ungeheure seelische Getriebe der Weltgeschichte bloszulegen. Nichts jedoch vermag wohl mehr die leitenden Motive der handelnden Personen in der Geschichte aus psychologischen Grundlagen zu erklären, als die Kenntniß jener Grundsätze, nach welchen dieselben in ihrer Jugendzeit erzogen worden sind. Darum verdienen alle Mittheilungen wohl Beachtung, die uns zur Beurtheilung von fürstlichen Persönlichkeiten, deren Name durch keine Macht der Zeit aus dem dankbaren Gedächtnisse der Nachwelt ausgelöscht werden kann, einen Einblick in deren geistige Entwicklung in der wichtigsten Lebensperiode gestatten, die uns die Erziehung und den Bildungsgang ihres Jugendlebens vor Augen führen. Diesem interessanten Theile der Geschichte der Pädagogik will der 14. Band der Nonuinonta, Oorrnanias xusäu- AOAloa, dienen, der sich mit der Geschichte der Erziehung der bayerischen Wittelsbacher von den frühesten Zeiten bis zum Jahre 1750 beschäftigt. Die hier gebotenen Urkunden zerfallen a) in Amtsinstruktionen für die mit der Erziehung der fürstl. Kinder beschäftigten Personen; b) in Briefe, die von bayerischen Prinzen und Prinzessinnen an ihre Eltern oder von letzteren an ihre Kinder gerichtet sind; o) in Berichte und Mittheilungen von Hofmeistern und Lehrern der fürstlichen Kinder an deren Eltern, und ä) in Schul- und Uebungshefte bayerischer Prinzen aus verschiedenen Zeiten. Um den Werth des gebotenen Materials in aonorsto zu veranschaulichen, will im Nachstehenden auf Grund der vorliegenden Urkunden das Bild einer Prinzenerziehung aus der bayer. Vergangenheit gezeichnet werden, das Jugendleben eines Fürsten, der untadelig bis zum letzten Athemzuge war, des großen Churfürsten Maximilian I. von Bayern. Maximilians Vater, Herzog Wilhelm V., war ein treubesorgter Vater, unablässig bemüht um das geistige und körperliche Wohl seiner Kinder. Sein väterliches Bemühen ging einzig dahin, die Prinzen zur Furcht Gottes, zum Gehorsam gegen die Eltern, zu Demuth und Tapferkeit, zu Wahrhaftigkeit und Ehrbarkeit, zu einem nüchternen, mäßigen Leben zu führen, weitab von Hoffart, von Ueberfluß im Essen und Trinken, von Spiel, Leichtfertigkeit und Unzucht. Zu diesem Ziele sollen, wie die von ihm stammende Instruktion vom Jahre 1584 es ausspricht, der neu ernannte Präceptor und Hofmeister seine Söhne von frühester Jugend an Hinleiten, weil das, was in der ersten Jugend angenommen wird, tief zu wurzeln und lange zu bestehen pflegt. Darum soll der Anfang der Erziehung gemacht werden mit der Einpflanzung der Furcht Gottes. Der Herzog schreibt eine genaue Eintheilung des Tages für die Prinzen vor und bestimmt genau, wie ihr Studium durch Uebungen des Gebetes geheiligt werden soll. Morgen- und Abendgebet sollen sie mit gebogenen Knieen in orutorw verrichten und täglich nach dem „Morgen- süppel" die hl. Messe anhören. Damit sie von Jugend auf lernen, ihre Gebete der Ordnung und den Gebeten der Kirche anzuschließen, sollen die Prinzen, sobald sie an Verständniß der lateinischen Sprache etwas zugenommen haben, brauchbare Meßbüchlein, welche auch die wechselnden Gebete und Lesungen enthalten, zu Händen bekommen. Den englischen Gruß, der so viele Geheimnisse unserer hl. Religion enthält, sollen sie öffentlich beten, wo immer die Betglocke sie antreffen uiögc. Bezüglich des Tischgebetes wünscht der Herzog, daß seine Söhne mit den für die Hochfeste gebräuchlichen veränderlichen Versikeln bekannt gemacht werden. Einmal in der Woche, vorzüglich an Samstagen und Feierabenden, sollen sie den Rosenkranz mit der lauretanischen Litanei beten. Die Prinzen sollen aber nicht nur beten, sondern auch wissen und verstehen, was sie beten, und erkennen, daß sie einen solchen täglichen Gebetsdienst dem Allmächtigen schuldig sind, um Hilf' und Stärkung zu einem christlichen, tugendsamen Leben zu erlangen, zu dem sie nicht nur wie die anderen Gläubigen durch die Taufe sich verpflichtet, in dem sie vielmehr kraft ihres Standes und Berufes anderen vorzuleben und vorzuarbeiten haben. Der Titel „Durchlaucht" soll sie daran erinnern, daß sie mit allen Tugenden geschmückt und so aus den anderen Menschen gleichsam heranslerichten und scheinen sollen. Darum sollen sie gegen jedermann freundlich und holdselig, gegen die Ihrigen aber sich gnädig und hilfreich erzeigen, und wohl es bedenken, daß es nicht Knechte und Leibeigene, sondern christliche Mitbrüder und Erben des Himmelreiches sind, denen sie dereinst vorstehen sollen, damit sie in Glücks- und Unglückszeiten sich einen Schatz sammeln und Freunde machen. Der innig fromme, zarte, religiöse Sinn des Vaters Zeigt sich besonders in der Anweisung, welche er an den Hofmeister richtet; wenn er gewahre, daß die Prinzen einen besonderen Wunsch hegen, z. B. nach einer Reise, nach einem Geschenke, oder überhaupt nach einem von den Eltern zu erbittenden Gegenstände, so solle er dieselben lehren, diese Dinge durch Andacht im Gebete zu suchen, damit sie wissen und verstehen, daß Alles und Jedes allein von Gott erbeten und erhofft werden muß. Herzog Wilhelm hat es wohl erkannt, daß das beste Schutzmittel für seine Kinder gegenüber der um sich greifenden neuen Lehre in dem kindlichen Anschlüsse an die Kirche und ihr oberstes Haupt, im rechten Verständniß der katholischen Lehre und in treuem, herzlichem Gebete um die Gnade des Glaubens vor allem durch die Fürbitte Mariens, der Patronin Bayerns, gegeben ist. Darum soll zunächst der deutsche, später der lateinische Katechismus und darauf die (laxita, äootrinas Ollristianas 6ar>isii mit- und neben dem täglichen Brode in den Händen seiner Söhne sein. Hierin soll der Präceptor ganz besonders sich angelegen sein lassen, gründlich zu unterweisen, in seinen Schillern Liebe und Neigung zur Kirche und zum göttlichen Dienste zu wecken und zu diesem Behufe sie in das Verständniß der herrlichen und schönen Ceremonien einzuführen. Zugleich ist sorgfältig darauf zu achten, daß kein Buch in die Hände der Prinzen komme, das in Bezug auf Religion und Sittlichkeit irgendwie verdächtig erscheint. Desgleichen sollen Personen, welche in dieser Richtung nicht verlässig erscheinen, keinen Zutritt bei ihnen haben; denn es sind Beispiele vorhanden, daß fürstliche Kinder heimlich und in der Stille, ehe man die Sache recht gewahrte, innerlich verführt wurden durch böse, schädliche Leute, die unter Anwendung von allerlei Formen von Höflichkeit und scheinbarer Liebe sich meisterlich einzuschleichen verstanden. 122 Diese väterliche Fürsorge, alle schädlichen Einflüsse von seinen Söhnen fern zu halten, führt den Herzog sogar soweit, daß er die heidnischen römischen und griechischen Schriftsteller als „heidnische Schwätzer und Fabelhansen" bezeichnet, die aus einer Fürstenschule, in welcher auch ein Bischof soll erzogen werden (Prinz Philipp war schon im Alter von 3 Jahren zum Bischof von Negensburg erwählt worden), womöglich ausgetrieben werden sollen. In Wirklichkeit ist dieser Wunsch des Herzogs nicht zum Vollzug gelangt; vielmehr ist Prinz Maximilian wie seine Brüder in die Kenntniß der griechischen und lateinischen Literatur eingeführt worden. Weil aber der Glaube eine Gabe Gottes und ein sitttenreines Herz das geeignetste Organ zur Aufnahme desselben ist, so empfiehlt der fürstliche Vater seinen Söhnen mit allem Nachdrucke die kindliche Verehrung der hl. Gottesmutter. Darum sollen sie in das Verständniß und den Gebrauch des Olüdnm L. Nurias Vir^ims eingeführt werden, das sie, weil es kurz ist, leicht in den Kopf bringen und auswendig gebrauchen können. Wirklich findet sich unter den noch erhaltenen Jugendarbeiten des Prinzen Maximilian aus den Jahren 1683 bis 1585 ein von ihm selbst in lateinischer Sprache geschriebenes Oftidum ö. V. Llarius. Schon in frühester Jugend in die Marianische Congregation in München aufgenommen, wurde er im Jahre 1584 zum Prüfecten derselben und bald darauf zum Vorstand aller in Deutschland bestehenden marianischen Vereinigungen ernannt. Zur Verehrung der Gottesmutter dürfen die Prinzen auch Kirchgänge nach Thalkirchen und Ramersdorf und mit seiner besonderen Erlaubniß auch Wallfahrten auf den hl. Berg (Andechs), nach Tuntenhausen und Altötting machen. Wie bei allen geistlichen Uebungen das Verständniß betont wird, so soll auch die Bedeutung der Wallfahrt den Prinzen erklärt und ihnen Stoff zur geistigen Verarbeitung während derselben geboten werden, damit sie von Jugend auf des Herrn Joch tragen und die elende Pilgrimschaft dieses Lebens erkennen und betrachten lernen. Ein Bericht des Präceptors Petreus meldet unterm 27.Sept. 1580 über einen solchen Kirchgang dem herzoglichen Vater: Maximilian ist auf seinem Napple geritten bis zur Wiese bei Thalkirchen; alsdann ist er über die Wiese hin mit uns gegangen und hat die lateinische Litanei singen helfen. Bei der hl. Messe hat er den Rosenkranz und für alle, deren er in seinem täglichen Gebete gsusralitsr eingedenk ist, ein specielles kaisr uoster mit ^.vs ülariu gebetet. Nach solchen streng religiösen Grundsätzen wurde Maximilian von frühester Jugend an erzogen. Der Unterricht des Prinzen war, solange er in München weilte, conform dem Lehrplane an dem von den Jesuiten geleiteten Gymnasium in München, an dessen öffentlicher Preisverthetluug er 1584 und 1585 persönlich sich be- theiligte und zwar als Preisträger. Außerdem lernte er zeichnen, malen und musiziren. Für die freie Zeit war vom Vater Ballspiel, Kugeln, Tafelschießen, mäßiges Umherlaufen, Reiten und besonders Fischen gestaltet. Der bereits erwähnte Präceptor erzählt, mit welch großer Freude Maximilian den ersten Hecht, den er gefangen, seiner fürstlichen Mutter präsentirte, nachdem er ihn für den abwesenden Vater hatte abmalen lassen. Ringen und Schwimmen war nicht gestattet; Karten- und Würfelspiel durfte nicht zugelassen werden. Weil der spätere Beruf Tapferkeit und Mannhaftigkeit von dem Träger der Herzog-krone forderte, darum solle Maximilian schon in der Jugend unerschrocken reden und handeln lernen. Der ihm von Natur eigenen Zaghaftigkeit und Erschrockenheit bei unvorhergesehenen Reden soll dadurch begegnet werden, daß ihm öfters Meldungen, Botschaften, Ueberbringung von Grüßen aufgetragen und auch kleinere deutsche Vortrüge von ihm gehalten werden. Wie sehr dem Wunsche des Vaters, daß die lateinische Sprache in den Mittelpunkt des ganzen Unterrichtes gestellt und von seinen Söhnen vollkommen beherrscht werde, von Seite dieser entsprochen wurde, das beweisen die noch vorhandenen lateinischen Briefe Maximilians an seinen Vater und die Berichte seiner Lehrer. Bereits im Alter von neun Jahren schrieb er an seinen Vater einen Brief in lateinischer Sprache, der in einer Beilage der Nonumsutg, xuöäuAoFiou reproducirt wird. Im Alter von 14 Jahren, 1587, siedelte Maximilian an die Universität Jngolstadt über, um zunächst Rhetorik und Dialektik zu studiren. Während der vier Jahre seines dortigen Aufenthaltes hörte er juridische und geschichtliche Vorlesungen und lernte die bedeutenderen Schriften von Lenophon, Cicero, Tacitus, Horaz und Ovid kennen. Zugleich erhielt er Unterricht in der Mathematik und Kriegskunde. Nach des Vaters Willen wurde französische und italienische Konversation eifrig gepflegt. Präceptor Fickler führte ihn in die Institutionen, in die rsAulas furis dvilis und die bayerische Landordnung ein. Die von Jngolstadt an seine Eltern gerichteten Briefe, 38 an der Zahl, geben eben so sehr Zeugniß von der kindlichen Liebe zu seinen Eltern, wie von seiner tiefen Frömmigkeit und seinem Eifer für das Studium. Jeder dieser Briefe berichtet über den Stand seiner Studien und gibt seiner Freude an denselben Ausdruck. Die begleitenden Berichte des Präceptors und Hofmeisters lassen ersehen, daß es nicht leere Versicherungen waren, die der Sohn dem besorgten Vater gab, daß vielmehr wirklich nicht nur oditsr, sondern gründlich und anhaltend gearbeitet wurde. Wiederholt ist Maximilian bet öffentlichen Disputationen oxxoasuäo st arZu- uasutauäc» in xudliso mit bestem Erfolge aufgetreten und sandte Thesen und Argumente in Abschrift dem Herzoge nach München. Ein neuer Hofmeister Namens Laubenberg scheint sich in Jngolstadt gegen die Wünsche des Prinzen zu nachgiebig gezeigt und in demselben nicht so sehr seinen Zögling, als vielmehr den künftigen Herzog respectirt zu haben. Darum erließ Herzog Wilhelm im Jahre 1587 an Laubenberg eine Instruktion, die von dem unbefangenen Blicke des Vaters rühmliches Zeugniß ablegte. Ihr Inhalt ist folgender: Der Hofmeister solle nicht so viel Gepränge und äußerliche Ceremonien mit feinem Sohne treiben, solle nicht immer fragen, ob der Prinz dies oder jenes thun wolle, sondern selbst jederzeit ihm sagen, was er thun und lassen soll; ja er solle ihm zuweilen auch ohne Angabe eines Grundes etwas an sich Erlaubtes verweigern und abschlagen, damit der „Pueb" gegen ihn billigen Respekt trage; denn dem Herzog will eS vorkommen, als seien sie (Hofmeister und Prinz) viel zu gesellig mit einander. Der Hofmeister solle sich nicht nach künftigen Gnaden oder Ungnaden des Prinzen richten; denn wenn er mehr sich nach der aufgehenden als nach der untergehenden Sonne richte und ihm, dem Prinzen, allein das xlaosko singe, so könnte er das nicht vor Gott verantworten und würde sich für sein Amt als untauglich erweisen. Beichtvater des Prinzen während der Universitätsjahre war der Jesuitenpater Gregor von Valencia, Pro- > 1 - 123 fessor der Dogmatik an der Universität, der seinem Schutzbefohlenen als erfahrener Rathgeber zur Seite stand. Herzog Wilhelm erkannte sehr wohl den segensreichen Einfluß der hl. Beichte auf die sittliche Gestaltung des jugendlichen Lebens. Darum verfügte er, „daß seine Söhne nicht nur einmal im Jahre, sondern etlichemal, als Anfang und Ende der Fastenzeit, Pfingsten, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen und Weihnachten" die hl. Beichte ablegen sollten. Daß diese Praxis auch in Jngolstadt beibehalten wurde, läßt sich aus den Briefen des jungen Herzogs, sowie aus den Berichten seiner Hofmeister entnehmen, die zugleich alle außerordentlichen kirchlichen Veranstaltungen registriren. an denen der Prinz sich aufs eifrigste bethetligte. In dem eifrigen Gebrauche dieser mächtigen Waffe gegenüber den Gefahren der Jugendzeit ist wohl auch die Erklärung zu dem herrlichen Urtheile zu suchen, welches der Präceptor Fickler vor Abschluß des Universitätsstudiums im Jahre 1590 an den Herzog über seinen Zögling berichtet hat. „Ich habe an ihm eine zur Frömmigkeit und zu heroischer Tugend veranlagte Seele gespürt, sowie eine Geistesrichtung an ihm wahrgenommen, die durchaus rein und von jeglicher Makel der Unkeuschheit unversehrt und unbefleckt ist. Ueberdies ist er von solchem Ernste erfüllt, daß er nie am Anblicke leichtfertiger, possenhafter Menschen, geschweige denn an ihrem Umgänge ein Wohlgefallen empfindet und unscham- hafte Worte auf das äußerste verabscheut. Diese Vorzüge entstammen seiner Liebe und kindlichen Ehrfurcht, welche er gegen Gott in sich trägt, und aus welcher diese Wohlthaten GotteS gleichsam als Belohnungen und als Schutzmittel auf ihn zurückfließen. Mehreres hierüber will ich nicht schreiben, damit ich nicht in den Verdacht des Schmeichelns komme, während ich doch nur mich bestrebe, Ew. Durchlaucht die Wahrheit zu bezeugen, und ich nichts sehnlicher von Gott erflehe, als daß er in seiner Güte Ihrem Sohne jene Gesinnung bewahre, die er in ihn gelegt hat. Denn dann hoffe ich zuversichtlich, daß einstens das Staatswesen an ihm den besten Fürsten haben wird." Im Jahre 1591 kehrte Maximilian nach 4jährigem Aufenthalte an der Universität Jngolstadt in die Arme seiner geliebten Eltern zurück. Er brachte ein reiches Kapital an Wissen und Jugendkraft mit nach Hause, und sein Herz hatte den reinen Glanz nicht getrübt, in dem es beim ersten Scheiden von den herzoglichen Eltern erstrahlte. Maximilian wurde nunmehr in die Negierungs- geschäfte eingeführt, wurde 1594 von seinem Vater als Mitregent angenommen, bis 1597 die Regierung ganz in seine Hände gelegt wurde. Er wurde, wie sein Prä- ceptor es vorausverkündet hatte, vxtimus privospg Lavarias, ein Fürst,*) „der glühenden Eifer für seine Kirche mit classischer Bildung und staatsmännischem Blicke, Ordnung im Staatshaushalte und Sittenstrenge mit Glanz in der Regierung, Ehrgeiz mit Treue gegen Kaiser und Reich zu vereinen wußte. Unter ihm erlangte Bayern eine Bedeutung, wie es sie seit lange nicht besessen." Nach einem Leben treuer Pflichterfüllung, im Alter von 79 Jahren, wandelte den greisen Fürsten die Sehnsucht an, nochmals den Ort zu schauen, wo er in edlem Streben so glückliche Jugendjahre verlebt und jene soliden Principien in sich aufgenommen hatte, denen er in schwerem Lebenskämpfe als Mann nie untreu geworden war. Auf der Reise nach Jngolstadt, auf der so viele Erinnerungen *) Weiß, Weltgeschichte IX, 123. an die entschwundenen Jugendjahre vor seiner Seele aufstiegen, erkrankte und starb der große Churfürst, untadelig bis zum letzten Athemzuge. L. L. Eine Cnlturgeschichte des Mittelalters. Keine Aera der Welt- und Menschengeschichte ist soviel gepriesen und soviel geschmäht, als die Zeit des Mittelalters. Dieselbe hat unbestreitbar — und psychologisch begreifbar — ihre großen Licht- und Schattenseiten. Es wäre aber ebenso falsch, mit den lauclatoren tsnaxoiis aoti jene Zeit in politisch-kirchlicher Hinsicht als das Muster und Ideal für alle Zeiten aufstellen und kulturgeschichtlich als den Höhepunkt menschlicher Bildung und Gesittung bezeichnen zu wollen, wie sie als eine Zeit trüber Barbarei und geistiger Finsterniß zu verschreien. Das Mittelalter ist — das wird eine ruhige und fachliche Geschichtsforschung immer deutlicher zeigen — „eine Zeit, die wir, Alles in Allem, groß und denkwürdig nennen müssen, die wir nicht zurückrufen wollen, deren wir uns aber auch nicht zu schämen brauchen"'). Die zahlreichen Monographien über kirchlich-politische und namentlich culturhistorische Verhältnisse jener Zeit, die in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht wurden^), beweisen das zur Genüge. Sind schon die Einzelabhandlungen nicht immer fehlerfrei und je nach dem Standpunkte des Verfassers auch tendenziös, so vertreten die Gesammt- darstellungen des mittelalterlichen Kulturlebens nur zu oft eine einseitige, ja falsche Richtung. So geht die allgemeine Culturgeschichte von Otto Henne-Am Nhyn (2. Bd.: Das Mittelalter, Leipzig 1877) nicht bloß von durchaus rationalistischen, sondern von darwin- istischen Principien aus. Und doch ist eine gerechte Würdigung des Mittelalters einzig und allein möglich durch die genaue Kenntniß und das richtige Verständniß des politisch-kirchlichen und religiös-sittlichen Charakters jener Zeit. Ja, es wird wohl richtig sein, daß alle mittelalterlichen Verhältnisse nur vom katholisch-kirchlichen Standpunkte aus richtig taxirt werden können. Es ist deßhalb freudigst zu begrüßen, daß Dr. Grupp^) den Versuch gemacht hat, auf wissenschaftlicher Grundlage eine allgemeine Culturgeschichte des Mittelalters aufzubauen. Es ist das allerdings eine Aufgabe, welche die umfassendsten Kenntnisse erfordert. Man mag und kann eine Lösung dieser Aufgabe wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten zur Zeit noch für gewagt, ja für unmöglich halten, aber Dr. Grupp hat den Versuch gemacht und — mit großem Geschick, mit viel Geist und Scharfsinn durchgeführt. Wer das geistreiche, mit viel Beifall aufgenommene, erste culturgeschicht- liche Werk des Gelehrten^) kennt, wird sich nicht mehr wundern, daß Grupp sich an diesen schwierigen Versuch herangewagt hat. ') Kraus, Lehrbuch der Kirchengeschichte, 3. Aufl., S. 242. Trier 1837. 2) Vergl. nur die in der „Literarischen Rundschau" 1894, I, 20 aufgeführten Abhandlungen sowie „Geschichte des gallo- fränkischm Unterrichts- u. BildungSwescns von Otto Denk, Mainz 1892. b) Culturgeschichte des Mittelalters von Dr. G. Grupp, f. Octtingen-Wallersteinischem Bibliothekar. Erster Band, mit 28 Abbildungen. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagsbuchhandlung, 1894. 356 S. M. 6,20. System u. Geschichte der Cultur v. Dr. Grupp, Paderborn 1892. Vgl. v. LinsenmannS Recension in der Tübinger Quartalschr. 1892, 676—686. Wie dort, so beweist der Verfasser auch hier sicheres Urtheil und solides Wissen, staunenswerthe Belesenheit und innige Vertrautheit mit der Spezialliteratur, große Auffassungsgabe und gewandte, mitunter flotte Darstellungsform. Das Ganze ist lichtvoll geordnet und gibt ein nahezu vollständiges Bild von dem vielseitigen Culturleben des an Erscheinungen aller Art so reichen Mittelalters. Das Gebiet der politischen Ereignisse und Veränderungen ist nur insoweit berührt, als es auf die menschliche Cultur bestimmend einwirkte. Die beige- gebenen Abbildungen machen den interessanten Inhalt sehr anschaulich, und die Lektüre ist durch die glatt fließende Sprache sowie dadurch erleichtert, daß der „gelehrte Ballast" und die Controversfragen in die Anmerkungen verwiesen sind. Für den ganzen Inhalt, für das richtige Verständniß der mittelalterlichen Cultur und Gesittung hat vr. Grupp sich einen sicheren Boden geschaffen durch eine eingehende und liebevolle Betrachtung des Christenthums und der urchristlichen Kirche. Die Ausgestaltung des Dogmas und die Entfaltung der kirchlichen Institutionen, die nltchristliche Lebensweise und die einzelnen Stände mit ihren Beschäftigungen, Sitten und Gewohnheiten, Tugenden und Lastern, der harte Kampf gegen und der ruhmvolle Sieg über die materiellen und geistigen Kräfte des Heidenthums, der religios-sittlich-sociale Zustand der Gesellschaft und der Kirche vor dem Einfall der Germanen werden mit lebcnsfrischen Farben geschildert. Dabei ist das Verhältniß des klassischen Heidenthums zum Christenthum vollkommen erfaßt, dasselbe hat ja viele wirkliche Elemente des Wahren, Guten und Schönen in sich geborgen. Aber wir Hütten auch die Schäden und Aergernisse in der frühesten Kirche (vgl. Apostelgesch. 5 u. 6 u. 1. Korinth. 5, 1) sowie die heidnische Literatur gegen das Christenthum erwähnt (S. 40—60) und den Einfluß des letzteren auf die römische Gesellschaft viel höher taxirt; man denke nur an den herrlichen Kreis, der sich um Hieronymus gebildet hat. „Die Wirkungen dieser Heiligung des Familienlebens für die socialen und volkswirthsch östliche» Verhältnisse können nicht hoch genug angeschlagen werden. Sie veredelte das öffentliche wie das Privatleben. Es mußte ein milder, edler Geist die Unterhaltung, den Unterricht beherrschen. Die Briefe des hl. Hieronymus au vornehme Römerinnen legen ein Zeugniß hicfür ab""). Auch der sittliche Rigorismus in dem Leben und den Ansichten der alten Christen, der theilweise bis ins 5. Jahrhundert hinein fortdauerte, Hütte Erwähnung verdient "); man denke nur an die harte Beurtheilung der wiederholten Ver- ehelichung. Auf solidem Fundamente erhebt sich nun das stattliche Gebäude dcs reichhaltigen Culturlebens der mittleren Zeit. Die Romantik in der griechischen Literatur eröffnet das Mittclalter als eine Periode des Gefühles. Das widerstandsfähige Byzantinerthnm, das „tausend Jahre lang auf allen Seiten umgeben von unaufhörlich Andrängenden kriegstüchtigen Barbaren" (S. 86) sich zu halten vermochte, und namentlich das nrkräftige Germ ane nthnm werden in trefflicher Weise charak- °) Schanz, Apologie des Christenthums, III, S. 403. Vgl. auch Kober. Einfluß der Kirche und ihrer Gesetzgebung auf die Gesittung, Humanität u. Civilisation im Mitttclalter, Tübinger Theol. Qnartalschr. 1858. °) Vgl. Hcfele, Beiträge zur Kirchengeschichte u. Archäologie, Tübingen 1864, S. 16-59, terisirt; beide sind „zwei entgegengesetzte Lebensmächte und Lebensprincipien" (S. 97), aber jedes groß in seiner Art?). Jenes war ja von der Vorsehung „zu einer Zuflucht und Aufbewahrnngsstätte aller Geisteserzeugniffe und Culturelemente des Alterthums ausersehen" (S. 86), und die welthistorische Bedeutung der Germanen ist mit Recht darin gefunden worden, „daß der kräftige, lebensvolle und saftreiche Wildling, Germane genannt, der rechte Stock war, dem der göttliche Keim für die edelsten Früchte eingeimpft werden konnte" (Arndt). Aeußerst interessant ist die Darstellung der Lebensart und Sitte, Staats- verfaffung und Religion, des Kriegs- und Wirthschaftswesens der Germanen, wobei jedoch eine ausführlichere Behandlung der Rechtsverhältnisse, der Agricultur und der Eintheilung in Sippen und Hundertschaften (S. 105 u. S. 113) zu wünschen wäre"). Mit kräftigen Zügen ist die Völkerwanderung des 4. und 5. Jahrh, in ihrer Ursache und Zweckbeziehung geschildert"), der Charakter der Wandalen und Goten, der Langobarden und Franken mit naturwahren Farben gezeichnet und „das Heldenthum dieser Wanderzeit im romantischen Frühlicht der Sage" schwungvoll dargestellt. Als Gegenpol des Germauenthums erscheint das phantasievolle Araberthum, begeisternd durch seinen Glaubensmuth, verderbenbringend durch seine Sinnlichkeit, feinen Glanz und seine Ueppigkeit. Gegen den Einbruch der Germanen und Araber erhebt sich die gewaltige Macht der Kirche in ihrer Thätigkeit als Erzieherin und Mutter, die lehrt und bessert, aufrichtet und erhält, das Böse straft und zum Guten ermuntert, die Trümmer antiker Bildung durch ihre Klöster und (Dom- und Pfarrei-) Schulen rettet, — in allen Verhältnissen eine Quelle deS reichsten Segens und Trostes. Mag diese Periode, die durch den Zusammenstoß barbarischer Wildheit und römischer Korruption bezeichnet wird, auch dunkle, sehr dunkle Schatten aufzeigen und hinter dem Ideal der Sittlichkeit zurückbleiben, es fehlt ihr doch nicht an hellstrahlendem Lichte: überall entfaltet sich jugendliche, schöpferische Kraft und immer mehr offenbart sich das tiefe, reiche Gemüth deutscher Nation. Es ist sodann die Heldengestalt eines Karl des Großen, der die Cultur Mächtig gefördert und nach den hohen Ideen eines Augustinus den christlichen Gottesstaat aufzubauen strebte'"). Wirthschafts- und Kriegswesen, Wissenschaft und Unterricht, religiöses und kirchliches Leben werden in erfreulicher Weise ausgebildet. Das reiche Culturleben des römischen Reiches deutscher Nation erscheint in seinen vielverheißeuden Anfängen. Die weltlichen und geistlichen Ideale der Dichtung, die ') Wir schätzen die oströmische Cultur (u. Literatur) höher, als der Verfasser. LiutprandS Berichte sind doch sehr mit Vorsicht aufzunehmen. — Man vgl. sodann Krumbacher' s Geschichte der byzantinischen Literatur von Justinian bis zum Ende des oströmischen Reiches (527—1453), München 1891, u. Reuters Augustin. Studien, 1887, 153 ff. °) Auch die Geistigkeit und verhältnißmäßige Reinheit der religiösen Vorstellungen (vgl. Tacitus, Osrman. v. 19) wäre mehr zu betonen. ") Das geschichtliche Bild der Völkerwanderung ist jedoch nicht klar genug gezeichnet. '") Karl der Große erscheint in zu Hellem Lichte. Denn als Schutzvogt der Kirche überschritt er ost das richtige Maß und mischte sich zu tief in religiöse Fragen ein (S. 204), er war „ein leidenschaftlicher Liebhaber des schönen Geschlechtes", und „gleicht hierin etwas den Merowingern" (S. 214). Ja, im merowingischen Königshause war Polygamie fast hergebracht. Und wie Pipin II., ist auch Karl d. Gr. hierin schlecht beleumundet. 125 geistliche Cultur, vor allem die der Klöster "), die hervorragende Bedeutung und das Ansehen des Papstthums im 8. u. 9. Jahrhundert, der Charakter des philosophischen Studiums, die staatlichen Neubildungen, Burgenbau und Nitterthum, deutsches und nationales Königthum, — all das ist eingehend und farbenreich geschildert. Der Aufschwung der religiösen Volksbildung und die Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände, welche die großartige Thätigkeit Karls des.Großen, wie in England König Alfreds des Großen") zur Folge hatte, war leider nur vorübergehend. Die Otto nische Cultur weist neben wohlthuenden Lichtpunkten dunkle Schattenseiten auf. Im 10. Jahrhundert, dem Lasouluna oftseurum, erreichte das Uebel seinen Höhepunkt. Mit den „Anfängen der Nitterdichtung", womit „wir uns mehr und mehr der ritterlichen Zeit des Mittelalters, dem Zeitalter der Kreuzzttge und des Minnesangs, dem Höhepunkt von Papstthum und Kaiserthum" (S. 344) nähern, schließt Grnpp den ersten Band feiner geistreichen Culturgeschichte des Mittelalters. Ein derartiges Werk bringt es naturgemäß mit sich, daß der Referent oder Recensent, so sehr er auch im Großen und Ganzen den Ausführungen seine volle und »»getheilte Anerkennung zollen muß, dennoch an einzelnen Stellen ") seine Asterisken anbringen wird. Aber alle Wünsche und Ausstellungen beweisen nur, mit welch großem Interesse man ein solches Buch aufnimmt und — darin eben liegt seine beste Empfehlung. „Nicht bloße Anerkennung und Bewunderung, sondern ernste Kritik, nicht nur fromme, begeisterte Leser, sondern freimüthige Verbessere! all seiner Schriften", hat sich ein Augustinus gewünscht "), der Tadel eines jeden war ihm lieber als das Lob eines Schmeichlers "). Denn mit der Kritik in Liebe und im Interesse der Wahrheit sei dem Verfasser und den Lesern besser gedient, als durch eine ") „Die Klöster haken Deutschland cultivirt und sowohl in materiell-wirthschaftlicker als geistig-religiöser Hinsicht die Rohheit und Barbarei besiegt." (S. 243.) --) Alfred d. Gr., K. v. England (671-900). welcher an der Volksbildung regsten Antheil genommen, scheint nnS zu Wenig berücksichtigt. ") Außer den bereits angebrachten Desidericn hätten wir statt der „persönlichen Vorrede" eine andere gewünscht; etwa einen rein sachlichen Plan über die Eintheilung der „Culturgeschichte", sowie eine Aeußerung über die bisherigen „Cultur- geschichten deS Mittelaltcrs". Sodann verlangten wir überall eine genauere Zeitangabe; man weiß oft nicht, mit welchem Jahrhundert man es zu thun hat, z. B. ob mit dem 9. oder 10. Jahrh. — Dem Culturhistorikcr mag es besonders schwer fallen, überall Licht und Schatten gleichmäßig zu vertheilen, aber cö geht nicht an, „den historischen Boden" zu verlassen und z. B. die bekannten römischen Verhältnisse des 10. Jahrh, „von der Hochwarte der Geschichte aus" (S. 288) zu betrachten, „womit sie alles Anstößige verlieren". Wir wollen gewiß nicht vergessen, daß die Schilderungen der Zeitgenossen vorzüglich das Tadelnswerthe hervorheben, während das stille, gedeihliche, be- rufötrcue Wirken meist unerwähnt bleibt, daß die Inschriften (vgl. Kraus, Lehrbuch, S. 277) aus jenen Jahrh, uns ein freundliches Bild von dem christlichen Culturlebcn entrollen, aber jene Zustände bleiben auch bei der idealsten Auffassung das, was sie wirklich sind. Um so mehr hätte die geistliche Hymnen-, besonders die Sequenzendichtung im Zeitalter der Ottonen schärfer hervorgehoben werden sollen. — Ob man damals, ums Jahr 1000, den Weltuntergang mehr fürchtete als sonst? Nein, „es rührten sich ja trotz der Angst alle Kräfte" und „die Furcht" hemmte z. B. die Bauthätigkeit nicht (S. 316). ") S. Theol. Quartalschrift 1891, S. 103. s°) Lla11 m wo reprokouüi a rsprsbsiwors kalsitatis gnam ao sgns tauäators lauäari (äs trillit. 1. I o. 3 ll. 6). Prüfungslose Zustimmung "). Das schön ausgestattete Werk Grupps sei darum allen gebildeten Kreisen bestens empfohlen. Ohne die Absicht des Verfassers zieht sich durch das Ganze wie ein lang glänzender Lichtstreif die Wahrheit durch, daß die christliche Kirche die wahre Bildungsmacht ist.") Stuttgart. Neligionslehrer vr. tlrsol. Koch. Charcot über die Wirksamkeit des Glaubens in der praktischen Heilkunde. Von Pros. vr. Haas in Passau. (Schluß.) Nach Charcot sind die an Gnadenorten wunderbar geheilten Krankheiten meist Lähmungen hysterischer Natur, aber nicht alle. Wie steht es nun mit leheren, z. B. mit geheilter Blindheit, Taubheit u. f. w.? Sind diese Krankheiten auch hysterischer Natur? Es gibt zwar hysterische Erscheinungen von einseitiger Anästhesie und insofern von einseitiger Taubheit, Blindheit u. s. w. Aber das sind wechselnde Erscheinungen: wie verhält es sich mit Blindheit u. s. w., die auf eine gewaltsame äußere Einwirkung hin entstand, oder von Geburt aus anhaftete, oder sich allmählich ohne jede hysterische Grundlage durch sonstige schädliche Einflüsse ausbildete? Zudem ist von Charcot die Frage ganz unberührt gelassen, ob denn die Hysterie als solche lediglich auf Einbildung beruht, ob sie nicht irgendwie als organisch aufzufassen ist. Können ferner die Erscheinungen und Folgen der Hysterie schwinden, ohne daß letztere geheilt wird? Und wenn mit ihren secundären Erscheinungen die Hysterie selbst ohne weiteres ärztliches Eingreifen an einem Gnaden- orte geheilt wird, läßt sich diese Heilung auf eine rein natürliche Wirkung des Glaubens zurückführen? Dem ganzen Verfahren Charcots liegt eine eklatante logische katitio xrinoixii zu Grunde, nämlich der Satz: Jeder Glaube ist Einbildung. Da ergibt sich für ihn freilich ohne alle Schwierigkeit folgender Schluß, der aber selbst in seinen einzelnen Gliedern eine strenge Prüfung nicht aushält: Die Erscheinungen in der Hysterie beruhen auf Einbildung, können also durch Einbildung beseitigt werden. Krankheitserscheinungen werden durch den Glauben beseitigt, beruhen also auf Einbildung, sind also hysterischer Natur. Selbst die falsche Voraussetzung als wahr angenommen, ist dieser Schluß so wackeliger Natur, daß auch der ungeschulteste Logiker das Sophistische in demselben sofort erkennt. Charcot verlangt nach seiner ganzen Darstellung von einer wunderbaren Heilung ein Zweifaches: plötzlichen Eintritt und sofortige Vollständigkeit. Hier verlangt er augenscheinlich zuviel. Die wunderbare Wendung in der Krankheit muß allerdings eine plötzliche sein; denn wenn ein Organismus derart der Auflösung bereits verfallen ist, daß in ihm die Kraft zu ciuer Wendung zum Bessern nicht mehr liegt und durch kein natürliches Mittel wehr hineingelegt werden kann, so muß derselbe in seinem innersten Wesen neugeschaffen, es muß ihm eine neue Kraft verliehen werden. Dieser ganze Vorgang kann aber seiner Natur nach nur ein momentaner fein. Wird aber die Vollständigkeit der Heilung in der Weise gefordert, daß die geheilten Organe sofort '°) Vgl. LnANstiu. ibiä. u. 5. ») Vgl. Schanz, Apologie III, 387-422: DaS Christes thum und die Cultur. 126 wieder vollständig ihren Dienst leisten, so werden eigentlich statt eines Wunders zwei oder sogar drei verlangt. Bei längerem Verluste des Gebrauches eines Gliedes ist nach Wiedererlangung dieses Gebrauches letzterer erst wieder zu erlernen; der Geheilte muß sich erst wieder an die neu erlangte Funktionsfähigkeit des Gliedes gewöhnen. Ferner bleibt naturgemäß trotz des Vertrauens des Geheilten für die erste Zeit eine Art Unsicherheit bezüglich des geheilten Gliedes zurück, hervorgerufen durch die Ungewohntheit des neuen Gefühles, welches rasch und unvermittelt auf das alte schmerzhafte Gefühl oder unter Umständen auf die gänzliche Gefühllosigkeit folgt. Chnrcot verlangt also, daß mit dem physischen Defekt auch zugleich sofort ein doppelter moralischer Defekt gehoben werde. Ich halte es aber für ausreichend znr Annahme des Wundercharakters einer Heilung, wenn da, wo bei klarer und deutlicher Einsicht in die Natur einer Krankheit eine Regeneration des kranken Organismus sowohl von Seiten des letzeren als von Seiten der angewendeten oder anwendbaren ärztlichen Mittel vollständig und positiv ausgeschlossen ist, trotzdem auf den lebendigen Glauben hin plötzlich eine Regeneration eintritt und ohne Rückfall vorwärts schreitet. Die unerläßliche Prüfung hat sich aber in einem solchen Falle besonders darauf zu erstrecken, ob die eingetretene Regeneration in sich wesentlich vollendet ist und etwaige zurückbleibende Mängel lediglich unwesentlicher Natur sind und dem berührten moralischen Gebiete angehören. Ohne Beantwortung dieser Fragen ist ein sicherer Anhaltspunkt zur Annahme eines Wunders nicht gegeben. Wollte man sich aber etwa darauf steifen, daß bei dem heutigen Stande der medizinischen Wissenschaft die unbedingte Regenerationsunfähigkeit eines kranken Organismus aus eigener Kraft nicht bewiesen werden könne, so müßte eben in allen Fällen, wo die Heilung nicht eine plötzlich vollständige im Sinne Charcot's ist, auch von Seiten der medizinischen Wissenschaft das Urtheil über den Wundercharakter objectiv in LUkpanso bleiben und dem subjectiven Ermessen des Einzelnen freies Spiel gelassen werden. Nun sind aber viele plötzliche vollständige Heilungen, sogar bei namhaften äußeren Verwundungen, beglaubigt. Beispiele anzuführen, halte ich für überflüssig. Die Wunder der hl. Schrift erfüllen ausnahmslos die Anforderungen Charcot's im vollsten Sinne. Ich will nur auf ein Beispiel verweisen, auf die Heilung des Lahm- gebornen, welche der hl. Lukas in Apostelgeschichte 3 ganz eingehend erzählt. Wer die Erzählung nachliest, kann sich sicher im Hinblick auf die Anforderungen Charcot's des Eindruckes nicht erwehren, es habe der hl. Arzt und Hagiograph auf göttliche Fügung hin den Einfall seines späteren einseitigen Collegen im voraus berücksichtigt und zurückgewiesen. Wir haben so in den Anforderungen Charcot's eine treffende, unfreiwillige, unbewußte Bestätigung des Wundercharakters der in der hl. Schrift erzählten Heilungen. Aus der Darstellung Charcot's geht fernerhin mit vollster Klarheit hervor, daß nur der Glaube mit religiösem Charakter, oder sagen wir ganz bestimmt mit katholisch-religiösem Charakter, Wunderheilungen hervorruft. Diesem Glauben ausschließlich ist in der hl. Schrift Wunderkraft verheißen. Wir haben bis jetzt nicht einmal den Versuch eines Beweises, daß auch der rein profane, rein natürliche Glaube Wunderkraft besitzt, nämlich in sich, ohne jedes weitere Mittel. Man sucht vielmehr den übernatürlichen Glauben einfach auf das natürliche Niveau herabzudrücken. Allerdings verlangen auch die Aerzte Glauben und Vertrauen für ihre Person von ihren Kranken. Aber der diesbezügliche Glaube ist nur ein Beruhigungsmittel, wirkt nur negativ zur Bannung schädlicher Einflüsse, positiv höchstens insofern, als er den Gehorsam gegen den Arzt und seine Vorschriften fördert. Ein Arzt, der mit der Entdeckung der Wirksamkeit eines rein natürlichen Glaubens auch nur den Erscheinungen der Hysterie gegenüber vor die Welt träte, wäre im Handumdrehen ein gemachter Mann. Die Heilung durch „psychische" Mittel (Towler) ist etwas ganz anderes, als die Heilung durch den Glauben. Will man sie dem Glauben an die Seite stellen, so müssen sie vor allem genau bezeichnet und ihre Natur dargelegt werden. D er Glaube aber, welcher nach den bisherigen Erfahrungen allein zur Heilung führt, gehört wegen seines übernatürlichen Charakters nicht zu den psychischen Mitteln, höchstens insoweit sein Sitz eben die Seele ist. — Aber es sind doch auch Heilungen durch den Glauben am Grabe des Jansenisten Paris erfolgt! Freilich, wenn man den entsprechenden Berichten glaubt. Mit der Glaubwürdigkeit derselben sieht es aber so mißlich aus, daß dieselbe gänzlich unannehmbar ist. Der Erzbischof von Paris, Kaspar Vintimello de Luc, erklärte 1731 und 1734 die am Grabe des 1727 verstorbenen Franz von Paris angeblich geschehenen Wunder für erdichtet. Dex MedarduS-Kirch- hof, in welchem sich das Grab befand, wurde 1732 auf Befehl Ludwigs XV. geschlossen. Darnach wurde der Unfug mit Erde von dem Grabe in den Häusern fortgesetzt. Eine Controlle für die vorgegebenen Heilungen gab es nicht. Ich stütze mich hier auf die Darstellung in Cardinal Hergenröther's Kircheugeschichte. Wenn ich hiermit scheinbar Autorität neben Autorität setze, so bin ich dazu vollkommen berechtigt, da Charcot sich so wenig als Historiker zeigt, daß er unter seinem hl. Franz von Paris und seinem hl. PLris, wie schon die Schreibweise zeigt, offenbar zwei verschiedene Personen versteht. Nach den historischen Grundsätzen, die Charcot bei seinem Verweis auf die Vergangenheit befolgt, müßte man con» scquenterweise alle Erzählungen aus früherer Zeit für wahr halten, wenn sie in früherer Zeit aufgezeichnet, und insbesondere, wenn sie mit Abbildungen versehen sind. Charcot's ganze Darstellung leidet überhaupt an Unklarheit. Er begeht den Fehler, daß er aus feinen Voraussetzungen, mögen sie objectiv feststehen oder nicht, wie viele Vertreter moderner Wissenschaft ohne weiters schließt und mehr erschließt, als in ihnen liegt. Wenn Lähmungen und Circulationsstörungen plötzlich auftreten und ebenso plötzlich verschwinden können, so folgt daraus nicht mehr und nicht weniger, als daß bei der Beurtheilung von Wunderheilungen Täuschungen mit unterlaufen können — das zu leugnen, fällt niemanden ein —, daß also bei dieser Beurtheilung die größte Vorsicht und Genauigkeit erforderlich ist; es folgt aber nicht im entferntesten, daß es keine Wunderhetlungen gibt oder keine geben kann. Will überhaupt ein Arzt von seinem Standpunkte aus in dieser Frage mitreden. dann darf er nicht von vorneherein auf das philosophische oder gar (wenn auch nur negative) theologische Gebiet überspringen, sondern er hat in rein experi- menteller Weise die Heilkraft sowohl des natürlichen als des übernatürlichen Glaubens zu untersuchen. Entdeckt er eine solche des ersteren, so mag er sie bestimmt 127 formulieren. Entdeckt er, waS das allerwahrscheinlichste ist, an dem natürlichen Glauben an sich überhaupt keine eigentliche Heilkraft, und vermag er die des übernatürlichen Glaubens mit seinen Mitteln nicht zu fassen und zu beweisen, ohne daß er sie willkürlich ihres eigentlichen Charakters entkleidet, steht er mit seinen Mitteln hier vor einem ihm unlösbaren Räthsel, so ziehe er sich bescheiden auf sein eigentliches Gebiet zurück und überlasse die Sache getrost der allein competenten Autorität! Der Ammonstempel in Karuak (Theben). Dr. 8. L. Das Wunderland der Pharaonen hatte es mir schon in frühester Jugend angethan. WaS auf das alte Aeghpten Bezug hatte, war für mich von hohem Interesse. Was Wunder, wenn ich bei meinem Aufenthalt in Kairo den Einflüsterungen meines Dragomans Gehör schenkte und eine Dhahabiye (Segelschiff) miethete, um die Reise bis zum ersten Katarakt zu unternehmen. Obwohl ich 6 Wochen ganz allein mit meinen 12 Muselmännern, welche die Besatzung ausmachten, auf dem Schiffe war, und obwohl ich bei den glühendheißen Tagen und den eiskalten Nächten, bei Moskitos, Wespen, Fliegen, bei bakschischheischenden Eseltreibern rc. gar manches Ungemach erdulden mußte, obwohl Fledermäuse und Molche den Besuch der alten Felsengräber nicht gerade erleichtern, so habe ich doch in diesen 6 Wochen, vom 1. Nov. bis 15. Dezember, die schönste und lehrreichste Reise gemacht. Ich habe alle irgendwie interessanten Denkmäler, Tempel und Gräber Ober- und Unterägyptens besucht, habe herrliche Mondnächte auf dem Nil und in Tempeln zugebracht, habe das Leben und Treiben der alten Bewohner des Nilthales mit eigenen Augen geschaut; denn in ihren Gräbern haben sie Ackerbau und Viehzucht, Jagd und Fischfang, Kunst und Handwerk, Krieg und Spiel, Belohnung und Strafe, alles, was ein Menschcnherz mit Lust oder Leid erfüllt, mit minutiöser Genauigkeit abgebildet; auch als Btbelfreund habe ich schöne Stunden verlebt, da manche Darstellungen geradezu Illustrationen oder wenigstens Pendants zu biblischen Vorgängen sind. So erinnert der Empfang der 37 Amu d. i. Semiten unter ihrem Schech Abscha durch den Pharao (im Grabe des Chnumhotep in Benihassan abgemalt) lebhaft an den Zug Abrahams nach Aegypten, in Memphis, Luxor, Namesseum rc. sehen wir die Statuen des Pharaos der Bedrückung Namses' II. als Gott Horns aufgefaßt, und im Museum in Gizeh stehen wir vor der Leiche desselben Königs, seine wohlerhaltene Mumie zeigt noch im Gesichte die Spuren des Todeskampfes; in dem Grabe Ramses' III. las ich den Text einer Wandinschrift, welcher uns mit einer Erzählung von der Zerstörung der Menschen durch die Götter bekannt macht und nach Naville, Brugsch, Howorth, Vigouroux ein Pendant zum Berichte der Bibel von der Sündfluth bildet; im Tempel von Der el Bahri ist die Expedition der Königin Hatasn in allen ihren Theilen mit der Gewissenhaftigkeit eines englischen Reporters in Haut-Relief gemeißelt und ruft uns die Ophir- fahrten Salomons in's Gedächtniß u. s. f.; aber die deutlichsten Erinnerungen an die Bibel, die erhabensten Kunstformen, die großartigsten Verhältnisse, die interessantesten historischen Reminiscenzen bietet der gewaltigste Tempel des Pharaonenreiches, das Nationalheiligthum Ober- und Unterägyptens: der Ammonstempel in Karnak. Ich habe alle Tempel bis zum 1. Katarakt resp. bis Philä besucht, aber keiner gewährt jenen künstlerischen, poetischen und historischen Genuß, wie dieses Heiltgthum; ich habe es bei Morgen-, Mittag-, Abend- und Mondbeleuchtung gesehen, habe es zu wiederholten Malen durchschritten und umritten, mit jedem neuen Besuche wurde eS großartiger, schöner und interessanter. Es geht hier, wie mit der Petersktrche in Rom; erst nach öfterem Besuche erschließt sich voll und ganz die Majestät, Größe und Schönheit des BaueS und seiner Theile. Die imposanten Neste dieses Tempels liegen beim Dorfe Karnak, */z Stunde nördlich von Luxor (beide Dörfer sind an der Stelle des alten Theben erbaut), 720 Kilometer südlich von Kairo. Dieses Denkmal alter Größe und Macht ist daS größte Bauwerk Aegyptens und vielleicht der ganzen Welt. Der Tempel im engeren Sinne des Wortes hat allein eine Länge (von Osten nach Westen) von 470 Meter. In den Tempel sind aber wiederum zwei vollständige Tempel eingebaut, und auf der Area lassen sich nach den mehr oder weniger gut erhaltenen Resten außerdem weitere 18 Tempel nachweisen. Um das ganze Gebiet des Heiligthums nur zu umreiten, brauchte ich wehr als eine halbe Stunde. Don dem Haupttempel führten sowohl zum Nil im Westen als zum Tempel in Luxor im Süden Sphinxalleen, von welchen noch zahlreiche Reste vorhanden sind. Diese Sphinxe sind jetzt meist in den Gärten der Bauern von Karnak, ein Luxus, welchen sich kaum andere Sterbliche erlauben können. Leider ist fast kein Sphinx unbeschädigt. Ich sage kein Sphinx, da alle ägyptischen Sphinxe Androsphinxe sind und gewöhnlich das Porträt eines Königs bieten; es ist daher unrichtig, die ägyptischen Sphinxe als ksminina zu stilisiren. ES würde zu weit führen und ermüden, wollte ich alle Gemächer und Heiligthümer Karnaks der Reihe nach aufführen und besprechen, ich beschränke mich darauf, die wichtigsten Theile zu beschreiben. Jeder ägyptische Tempel bestand aus einem meist dunklen und nur nach vorne geöffneten Sanctuarium, auch Sckos oder Adyton genannt, welches der kleinste Raum des Heiligthums war; um dasselbe gruppirten sich nach 3 Seiten hin, durch einen Gang von ihm getrennt, ebenfalls dunkle Gemächer zur Aufbewahrung von Opfern und Tempelgerüthen. Vor dem Sanctuarium lagen 2—3 mehr breite als tiefe Säle, deren letzterer eine bedeckte Säulenhalle war (hypostyler Saal); vor diesen Prosekosräumen, wie sie heißen, befand sich ein großer, fast quadratischer Hof, welchen auf 2 oder 3 Seiten Säulengänge einschlössen, welcher aber selbst unbedeckt war, daher hypäthraler Raum heißt. Den Eingang zu diesem Hofe bildet der Pylon; zwei abgestumpfte Pyramiden, zwischen welchen das Thor angebracht war. Diese Einrichtung vom Pylon bis zum AdytoN haben alle Tempel gleichmäßig, nur in untergeordneten Dingen variiren sie; hier aber in Karnak tritt eine sonst nirgends nachweisbare Veränderung ein, indem das Sanctuarium auch nach rückwärts geöffnet ist und sowohl nach vorne (Westen) als nach rückwärts (Osten) sich ein vollkommener Tempel an dasselbe anschließt, so daß wir eigentlich zwei Tempel mir einem gemeinsamen Sanctuarium haben. Auch sonst hat der Bau des Tempels interessante Eigenthümlichkeiten auszuweisen, worauf ich aber hier nicht eirr- gehen will. Nach diesen Vorbemerkungen schreiten wir durch die Sphinxallee, welche den Nil mit dem Tempel verbindet. Diese Sphinxe haben alle Widderköpfe, und zwischen den Beinen halten sie kleine Statuetten. Kurz vor dem 128 1. Pylon (der Ammontempel hat 6, die ganze Tempel- anlage 12 Pylonen) bleiben wir stehen und betrachten den mächtigen Quaderbau; derselbe ist 113 m breit, 15 in dick und 43 in hoch. Vom nördlichen Flügel aus hat man herrliche Uebersicht über das Ruinenfeld. Beim Durchwandern des Pylonenthores mahnt uns eine Inschrift an die Thätigkeit jener Männer, welche Aegypten durch ihre Arbeiten der europäischen Welt und Wissenschaft wieder näher gebracht haben. An der rechten Wand oben haben nämlich die Gelehrten, welche Bonaparte nach Aegypten begleiteten, die Längen- und Breitengrade der bedeutendsten Tempel verzeichnet. Wir ersehen unter anderem, daß das Heiligthum von Karnak unter 30° 2t? 4" Länge und 25° 44' 15" n. Br., jenes von Luxor unter 30° 19' 16" Länge und 25° 42' 55" n. Br. liegen. Auf der gegenüberliegenden Wand hat eine italienische Expedition (1841) die Abweichung der Magnetnadel um 10' 56" angemerkt. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Pudor (H.), Englische Reiseskizzen. Verlag von H. Pu- dor, vorm. Verl. d. DreSdner Wochenblätter, Leipzig, Strauch. 1694. 8°. Brosch. 2 M.; geb. 3,50 M. 98 S. Vorstehendes Buch erscheint als erstes Bändchen der „Pndor'schen Reisebibliothek" und ist bereichert durch eine Karte vom Westen Englands und 4 Bilder: Torquai, Plhinouth, St. Michaels-Monnt und Lands-End. Der Inhalt ist folgender: 1. Englische Sittenbilder, 2. Londoner Straßenleben, 3. Die Insel Wight, 4. Im Lande Tristans. Der Verfasser hat sein Werk „seiner lieben Frau und Reisegefährtin" zugeeignet. Schade, daß die anziehende Lektüre des recht unterhaltlichen und lehrreichen Buches nicht selten gestört wird durch stilistische Nachlässigkeiten, oder sagen wir besser, durch stilistische Sonderbarkeiten. Denn vielleicht ist der Autor identisch mit dem „durch allerlei Excentricitäten bekannt gewordenen ehemal. Dresdener Musikdirektor und Schriftsteller Heinrich Pudor", wie die Allgemeine Zeitung (Nr. 87, Abeudbl.) schreibt, „der sich eine Zeit laug Heinrich Scham nannte und der Universität Leipzig fein Doktordiplom zurückgeschickt hat". Jetzt ist er unter die Künstler gegangen und veranstaltet eine vom 1. April bis 1. Mai in München im „Englisch. Hof" stattfindende „Einer-Ausstellung" seiner Werke, „als erster wirklicher Künstler"! OesterreichischesLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Dr. Franz Schn ü re r. Nr. 1 u. 2. Pölzl F. X., Kurzgefaßter Commcntar zu den 4 hl. Evangelien. IV, 2. 1: Markus. (Augustineums- Direktor Hoskaplan vr. Fr. Scdej.) — Krogh-Touning K., Die Kirche und die Reformation. (Augustineums-Direktor Hoskaplan Dr. A. Fischer-Colbrie. — I. Pottcrs P., Oomponelium xdilo- soxlnao moralis ssn etkioaa seo. priucipia s. Nlwmas. II. Cathrein V., Moralphilosophie. III. Cathrein V., llüilosopliia moralia. (Sämmtlich von Univ.-Prof. Prälat Dr. F. M. Schindler.) — Wcgcncr G., Kant-Lexikon. (vr. Aug. Sieben- list.) — Giacomctti G., va. qusstion italieims xorioäs eis 1814 L 1860 (Geh.-Rath Jos. Freib. von Helfcrt.) — Dopsch A., Entstehung und Charakter des österr. Landrechtes. (UniversitätsProfessor vr. Jos. Hirn.) — Opitz W., Die Schlacht bei Breitenfeld 17. September 1631. (Hofrath Onno Klopp.) — Goethe's Gespräche. Herausgeber W. Fh. v. Biedermann. (UniversitätsProfessor vr. Jac. Minor.) — Schiller's Briese, heranSgg. von Fritz Jonaö. (Univ.-Prof. vr. I. E. Wackernell.) — Nabulas voeliovm mauv seriptorvm in vibliotlwea, valatiua, Vimlod aoservatornm. Vo!. VIII (i'c.) — Galland G., Der große Kurfürst und Moritz von Nassau, der Brasilianer. (Univ.-Prof. Dr. Jos. Ncuwirth.) — Egli I. I., dlowina, geoKraxdioa (I)r. Nich. Müller, Offizial an der „Albcrtina".) — Brockhausen K., Vereinigung und Trennung von Gemeinden. (Privatdocent Dr. Friedrich Tezner.) — Schimek I., Die Jugendformen einiger Papaveraceen, Ranunculacecn und Campanulaceen. (I. Wies- baur, 8. 4.) — Wehl Th., Lehrbuch der organ. Chemie für Medicincr. (Privatdocent vr. H. Malfatti.) — B.-K-, C. v., Zur Psychologie des großen Krieges. (Oberstlieutenant Freiherr von Hipssich.) — Nissel F., Ausgewählte dramatische Werke. (Richard Kralik.) — Zschokke H., Die theologischen Studien und Anstalten der kakhol. Kirche in Oesterreich. (Univ.-Prof. Dr. R. v. Schcrer.) — Bäumer S., Das apostol. Glaubensbekenntniß. (Augustineums-Direktor Hoskaplan vr. A. Fischer- Colbrie.) — Blume Cl., Das Apostolische Glaubensbekenntnis. Derselbe. — Knauer V., Die Hauptprobleme der Philosophie in ihrer Entwicklung und theilweisen Lösung von Thales bis R. Hamcrling. (Vr. Aug. Siebenlist.) — Loscrth I., vr. Balth. Hubmeier und die Anfänge der Wiedertaufe in Mähren. (—w.) — Ehrmann Eug., Die Bardische Lyrik im XVIII. Jahrhundert. (Univ.-Prof. vr. Aug. Sauer.) — Schöning's Ausgaben deutscher Classiker, mit ausführlichen Erläuterungen. Siebzehn Bündchen. (W l.) — Bole F., Sieben Meisterwerke der Malerei. (Dg.) — Lendenfeld R. v., Australische Reise. (Ministcrial-Sccretär vr. Fz. Ritter v. Le Monnier.) — Wetzel Fr., Das Zollrecht der deutschen Könige von den ältesten Zeiten bis zur Goldenen Bulle. (Privatdocent vr. Tullius Sartori Ritter v. Moutecroce.) — Voigt M., Röuiische RcchtSgeschichte. 1. Bd. (Nied.-österr. Landes- Secretär vr. Heinrich Misera.) — Catalog der Bibliothek der kais. Leopoldinisch-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher. Bd. I. u. Bd. II. 1. (Univ.-Prof. vr. I. M. Pernter.) — GraveliuS H., Plaudcrgänge im Weltall. (Th. Kreß.) — Zola E., Der Zusammenbruch. (F. Sch.) — EichnerW., AuS Werkstätten des Geistes. Ein literarischer Citatenschatz. Wanderungen durch Rom. Ueber das soeben im Verlage von Ulr. Moser'S Buchhandlung in Graz erschienene Werk „Wanderungen durch Rom" von vr. Robert Klinisch schreibt das „Wiener Vaterland": Die überaus strebsame katholische Verlagsbuchhandlung hat mit der Herausgabe des vorliegenden Buches über die ewige Stadt ein neues interessantes Neisewerkchen ihrem stattlichen Verlage einverleibt. Klimschs „Wanderungen durch Rom" sind prächtig zu lesen. Sowohl der edle Stil des Verfassers, der durch zwei Jahre Kaplan an der „Anima" in Rom war, als auch die reiche Fülle von Citaten aus der großen Nomliteratur, welche vr. Klinisch in seine zweiundreißig Betrachtungen geschickt Anzuflechten versteht, verleihen dem Buche sprachliche Würde und gedankliche Tiefe. In der Herbeiziehuug einer schier ungezählten Reihe von Gewährsmännern für Rom und seine Welt zeigt vr. Klinisch eine großartige Versiertheit in den Werken der bezüglichen Schriftsteller. Wer Rom zu hesuchcn gedenkt und dem es hiebe! um eine geeignete Vorbereitung auf den Anblick dieser Städtekönigin zu thun ist, der wird in vr. Robert Klimschs „Wanderungen durch Rom" einen liebenswürdigen Wegweiser finden. Der Glanz der Poesie, der über Rom sich auszieht, findet in dem Buche einen ebenso zarten und innigen Ausdruck, als die historische Vergangenheit und Größe der ewigen Stadt in der wohlgewählten Sammlung zahlreicher Aussprüche großer Männer über dieselbe einen geistreichen. Auch jenen, welche ihre römische Reise bereits hinter sich haben, ist das Buch als theueres Andenken an schöne, genußreiche Stunden in Rom sehr zu empfehlen. Die Verlagsbuchhandlung hat das Werk vornehm ausgestattet; es prä- fentirt sich mit seinem hübschen Titelbild überaus Vortheilhaft und wird jeder Bibliothek zur Zierde gereichen. Preis brosch. 1 st. 80 kr.. gebd. 2 fl. 40 kr. Anna-Buch oder Anleitung zur Nachfolge und Verehrung der hl. Mutter Anna. Ein Lehr-, Gebet- und Erbannngs- buch für Bräute, Ehefrauen und Wittwen, insbesondere für Mitglieder des St. Anna-Bundes. Von Johann V ölkl, weiland Dekan und StiftSpropst in Jnnichen. Mit Approbation des fürstb. Ordinariates Brixen. Innsbruck. Verlag der mar. Vercins-Buchhandlung. Christlichen Frauen wird im Annabuch ein Erbauungs- und Gebetbuch geboten, das sie nur mit großem Nutzen für ihr Seelenheil und zum Wohle der Familie gebrauchen können. An der Hand der wichtigsten Episoden des Lebens der heiligen Mutter Anna werden ihnen die hervorragendsten Pflichten der christlichen Ehefrauen vor Augen geführt und Rathschläge ertheilt, wie sie besonders in der heutigen gefährlichen Zeit dazu beitragen können, das öffentliche Leben im besten Sinne zu beeinflussen. Verantw. Redacteur: Phil. Flick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.