Ni-. 19 10. Mai 1894. » Reise-Briefe aus dem Orient von Dr. Seb. Euringer. St. Katharinen-KIoster Sinai, 15. März 1894. Endlich nach 9tägigem Ritte durch die Wüste bin ich heute Mittag bei 32° L, in der Sonne am Fuße des majestätischen Gottesberges angekommen und habe im Hofe des Klosters mein Zelt aufgeschlagen. Da Sinai ganz und gar nicht aus der Welt liegt, wie man glauben möchte, sondern sogar eine regelmäßige Postverbindung mit dem 2^2 Tagereisen entfernten Seestädtchen Tor am rothen Meere unterhält, so benutze ich die Gelegenheit, von dieser hl. Stätte aus Euch von meinem Befinden und meiner Reise Nachricht zu geben. Mittwoch vor 8 Tagen verließ ich Suez mit dem Boote, um vor meiner Abreise die Korallenriffe im rothen Meere zu besuchen. Die Sonne brannte heiß, und ich hatte Gelegenheit mich aufzuwärmen, nachdem ich in Jerusalem so viel gefroren hatte. Beim Ausgang des Kanals von Suez begegnete uns ein deutsches Schiff, dessen Wellen mein Boot recht unfreundlich hin- und herrüttelten. Da die Fahrt eine Stunde dauerte, so beschäftigte ich mich mit dem Meere und seiner Umgebung recht eingehend. Bor allem bewunderte ich das schöne Farben- spiel der glatten See. Tiefblau, stahlblau und grün, das sind in herrlichen Tinten die Farben des „rothen" Meeres. Nur wo die Korallenriffe unter dem Wasserspiegel sind, und das sind verhältnißmäßig wenige Strecken, ist die Oberfläche purpnrroth bis schwarzroth. Das Gebirge, kahl und langgestreckt, zur Rechten jetzt Atüka genannt, trug zu Moses' Zeiten ein Heiligthnm, dem Nordwinde (Baal Zephon) geweiht, nur wenige Kilometer von seinem nördlichen Ausläufer entfernt liegt das Fort Agrüd, das biblische ki-stuostirotst, vor welchem Moses lagerte, bevor er das rothe Meer durchzog. Dieses Gebirg AtLka, dessen südlicher Ausläufer ein steiles Kap in die See vorstreckt, hielt einst die Jsraeliten bei ihrem Zuge auf, und da, wo meine Barke schaukelte, hat sich das Meer einst für dies auserwählte Volk geöffnet und für die verfolgenden Aegypter geschlossen. Rechts liegt Afrika, links liegt die Halbinsel Sinai, zwischen zwei Erdtheilen rudern wir den Riffen zu. Das Wasser ist bei diesen Bänken klar und durchsichtig, zahllose Seeigel, wie Rasenstücke anzusehen, ruhen auf dem Grund. Gewaltige Felsenbänke, mit rothen oder gelben Korallen bedeckt, erheben sich fast bis zum Wasserspiegel, dem sie hübsche Farben geben. Ein Matrose steigt hinab und holt mir Seeigel und Seequallen, Seekohl, und wie die Thiere alle heißen, herauf; aber kaum an der Sonne, fangen die rothen Korallen an zu zerbrechen, und jetzt nach mehr als einer Woche habe ich nur noch einzelne Neste, die auch bald zerfallen werden. Die gelben und weißen dagegen haben sich erhalten. Auf der hohen See nahm ich die Metamorphose in einen Araber an meinem äußern Menschen vor. Als Europäer hatte ich Afrika verlassen, und als Araber betrat ich das Gestade Asiens. Ich habe mir in Kairo einen vollständigen arabischen Anzug gekauft, welcher den Vorzug hat, daß es keine Knöpfe gibt, und daß er so weit ist, daß keinerlei Unfälle in garderobelicher Hinsicht zu befürchten sind; denn in der Wüste gibt es keine Schneider. Der Anzug besteht aus weiten weißen Leinwandhosen, welche mit einer grünen Schnur am Leibe festgehalten werden (sestirrvul), einem kurzen Gilet und einem talarähnlichen seidenen Kaftan mit langen Aermeln, welche zurückgeschlagen werden; dieser wird durch einen ledernen Gürtel, der zugleich als Geldbörse dienen kann, festgehalten, und zum Luxus trägt man über diesem einen farbigen Shawl; ein türkischer Fez, um ihn ein großes seidenes Tuch, welches den Hals vor der glühenden Sonne schützt und Kufiye heißt, vollendet die Toilette. Um mir noch mehr Respekt zu verschaffen, habe ich mir eine doppelläufige Flinte beigelegt. Wir kehrten nicht mehr nach Suez zurück, sondern betraten einige Kilometer südlich den Boden Asiens, bestiegen zwei Kamele und ritten, da inzwischen die Sonne untergegangen war, bei sternheller Nacht den Ahnn Musa zu, wohin Bagage, Beduineneskorte, Zelte re. vorausgegangen waren. Um 9 Uhr Abends erreichten mein Dragoman und ich den Lagerplatz. Vor der Oase Ahnn Musa waren die Zelte, eines für mich und eines für Dragoman und Koch, aufgeschlagen, während die 9 Beduinen mit ihrem Schech (Anführer) um das angezündete Feuer saßen und die Nacht im Freien zubringen. Die Kamele, 11 an der Zahl, kauern ringsum am Boden. Die Beduinen mit ihren braunen Gesichtern und ihrer seltsamen Kleidung, vorn Feuer beleuchtet, machen fast einen unheimlichen Eindruck, in Wirklichkeit sind sie, d. h. die Beduinen der Halbinsel Sinai, die harmloststen Leute von der Welt. Ihr werdet fragen, warum denn für mich allein so viele Leute und so viele Kamele. Drei Kamele sind nöthig für mich, den Dragoman und den Koch; die Beduinen gehen zu Fuß, die übrigen Kamele tragen die zwei Zelte, das Gepäck, die Konserven, Wein, Wasser, Küchengcräthe und eine Steige mit lebenden Hühnern, zwei Truthühnern und Tauben; denn in der Wüste gibt es keine Hotels, keine Metzger und keine Bäcker, und da in vier Wochen rohes und gekochtes Fleisch an Güte nicht gewinnt, so muß man seinen Speisezettel lebendig mitnehmen. Am Abend, bei Ankunft am Lagerplatz, werden Hühner und Laichen freigelassen, ebenso wie die Kamele, damit sie sich soweit möglich auch selbst verköstigen und ausschnaufen können. Es gleicht dann das Lager einem Meierhof. Am Morgen, wenn die Sonne aus den Federn kriecht, kräht ganz lustig der Hahn, so daß ich mich ganz idyllisch fühle. Da es bei Nacht nicht viel zu sehen gibt, so will ich Euch meine Leute vorstellen. Mein Dragoman ist ein Katholik, ein Syrer, Maronit, von Geburt aus Beirut, wo er auch wohnt; im Winter lebt er in Kairo, um die Fremden nach dem Sinai oder auf dem Nil zu begleiten; im Sommer versieht er die gleichen Dienste in Palästina und besonders im Libanon. Er besitzt ausgezeichnete Zeugnisse und hat die seltene Eigenschaft, daß er zu den Fremden hält und nicht zu den Arabern. Er ist ein Maronit, wie er im Buche steht. So ein Dragoman ist eine sehr nützliche Einrichtung. Sein Name bedeutet Dolmetsch; aber sein Geschäft ist ein viel com- plicirteres. Er ist der Reisemarschnll, er miethet und bezahlt die zur Reise nöthigen Leute, garnntirt für Hab und Gut und Sicherheit dem Reisenden, ist vor dem Konsulate für den Reisenden verantwortlich, sorgt für Lebensmittel, Führer, Kamele, packt aus und ein, so daß der Reisende sich nur um seine Reise zu kümmern hat. Auch alle Bakschische (Trinkgelder), diese Hanptplage des Orientes und Occidentes, werden von ihm bezahlt. Der Passagier 146 - macht mit dem Dragoman vor der Reise den Contract auf dem Konsulate und zahlt ^/z des Preises vor der Abreise und den Nest nach der Beendigung der Reise, so daß man keine größere Geldsumme mit sich herumzutragen braucht, da alle Auslagen laut Vertrag vom Dragoman zu decken sind für den ausgemachten Preis. Nichtsdestoweniger kommen die Araber, nachdem sie vom Dragoman ab- gelohnt und mit Trinkgeld versehen sind, zum „OIinnrvaAs" und verlangen extra Trinkgeld; ich sage einfach: nun Olia- Urnvn tnr^ewan (ich bin der Herr, der andere ist der Dragomau), worauf sie sich dann zufrieden geben. Wenn mau so einige Jmmediatgesuche abschlägig beschicken und auf den richtigen Jnstanzenzug verwiesen hat, bekommt man Ruhe. Mein Koch ist ebenfalls Katholik und Maronit und läßt mich ganz vergessen, daß ich nicht im Hotel Nil oder Shcpherd wohne. Mittags ist immer Picknick in einem eigens dazu bestimmten, schnell aufzuschlagenden Zelte, während am Abend eine vollständige Table d'hote meiner wartet. Die Araber haben an ihrer Spitze den Schech Schema; sie sind vom Kloster Sinai, dem sie hörig sind, für meine und meiner Leute Sicherheit und Besitzthnm verantwortlich, haben den Weg zu zeigen, die Kamele zu bepacken und abzuladen, die Zelte zu spannen und abzubrechen, uns mit Wasser zu versehen und uns gegen etwaige Angriffe, die auf Sinai meines Wissens unerhört sind, zu vertheidigen; daher tragen sie Mucken und einige sogar Säbel. Zwei Beduinen führen unsere (mein und meines Dragomaus) Kamele. Den Weg, das Lager rc. bestimme ich (nach Büdeker resp. nach der englischen Karte). Ich und der Dragoman machen einen Halt von einer Stunde, um zu frühstücken, die übrigen marschiren weiter bis zum Lagerplatz, wo wir dann meistens die Zelte schon aufgerichtet finden. Der Tagesmarsch ist nicht unter 5 Stunden und nicht über 8; znm Auspacken und Einpacken braucht man täglich zwei Stunden. Die Beduinen verköstigt der Schech selbst; das ist übrigens nicht besonders kostspielig; denn auf der ganzen Reise essen sie nichts als Brod und trinken nichts als Wasser. Jeden Abend gibt der Schech Mehl her, und jeden Abend backen sie sich dann Brod; denn wenn das arabische Brod auch nur einen Tag alt ist, ist es schlecht. Diese Beduinen haben ein höchst einfaches Leben, wie man sieht. Sie essen fast nichts, - trinken nur Wasser, schlafen trotz der eiskalten Nächte im Freien, und ihre Kleidung ist auch nicht kostspielig. Dieselbe besteht aus einem Hemde, das fast bis zu den Knöcheln reicht, ein Gürtel, oft Strick, hält es zusammen; darüber kommt, wenn es etwas kalt ist, ein grober ärmelloser Mantel und manchmal noch ein weiterer Mantel oder Decke. Auf dem Kopse tragen sie entweder einen Fez oder eine weiße Filzkappe, welche beide mit einem Turbantnch umwickelt werden; dasselbe ist weiß oder buntfarbig, je nach dem Geschmack des Trägers. Wenn es heiß ist und der Sand brennt, oder wenn der Boden zu steinig wird, dann ziehen sie Sohlen an, welche durch Stricke an den Füßen festgehalten werden. Ihre Stöcke wie ihre Sandalen haben genau die Form, wie wir sie auf den ägyptischen Abbildungen und im Museum in Gizeh sehen. Wenn sie mit ihrem Stamme ziehen, wohnen sie in Zelten. Ihre Zelte sind sehr einfach. Grobes schwarzes Tuch wird so aufgespannt, daß eine Seite ganz frei ist, das Zelt wird durch eine Wand von ebensolchem Tuch in zwei Theile getheilt, der Raum rechts vom Eintretenden gehört für die Männer, der links für die Frauen. Die Männer haben als ^Hauptmöbel eine Strohmatte, welche Divan und Bett ist. Mit ihnen theilen das Zelt auch ihre Hausthiere. Der Mann thut meistens nichts, als aus einer langen (indianermäßigen) Pfeife Tabak rauchen, die Weiber müssen alle Arbeit verrichten. Die jungen Mädchen, welche wie die Frauen ein langes, schwarz- blaues Gewand, nebst einem langen gleichfarbigen Tuche um den Kopf, tragen, hüten die kleinen schwarzen, wie Miniaturausgaben von Thieren aussehenden Ziegen. Es erinnert dieses immer an die Sulamit im hohen Liede. Kommt ein Fremder in die Nähe, so verdecken sie mit dem Kopftuche das Gesicht. Der Kamelführer meines Dragomans, Hassan, geht auf Freiersfüßen, und von ihm erfuhr ich, daß der Preis einer Frau zwischen 40 — 200 Franken schwankt; die Scheidung ist ungemein leicht gemacht; hat eine Frau ihren Mann irgendwie beleidigt oder erzürnt, so genügt das einzige Wort ruastl (gehe!) und die Frau ist entlassen. Wenn der Mann ißt, muß sie neben ihm stehen und ihn bedienen, in seiner Gegenwart darf sie überhaupt nicht sitzen; die Frauen sind mit einem Worte Sklavinnen ihrer Männer. Die Religion der Beduinen ist zwar die mnhamme- danische; aber sie machen nicht viel Gebrauch davon, ich werde später davon reden. Sie sind im allgemeinen sehr schlichte Leute, wissen nicht, wie alt sie sind, und haben nur für zwei Dinge Interesse: Heirath und Geld, und reden auch nur von diesen Dingen. Jetzt habe ich genug von den Beduinen erzählt. Was ich sage, gilt zunächst nur von den Beduinen dieser Halbinsel, namentlich was Ehrlichkeit anbelangt; es gibt Beduinen, welche nichts anderes als Straßenränder sind und mit Vorliebe die Mekkapilger angreifen und ausrauben. Die erste Nacht in meinem Zelt verlief ausgezeichnet. Der mehrstündige ungewohnte Kamelritt hatte mir einen prächtigen Schlaf verschafft. Am andern Morgen besuchte ich die Mosesquellen, während die Zelte abgetragen und die Kamele beladen wurden. Der Ort ist eine Oase mit schönen Palmengärten und wird von fünf -Quellen bewässert. Die einen enthalten trinkbares, andere salziges Wasser. Die größte ist mit Steinen eingefaßt, das Wasser ist grünlich und lauwarm. Außerhalb des Oasendorfes steht ganz einsam im Wüstensand eine hochstämmige Palme, an deren Fuß in einem Trichter von 1 in Durchmesser eine Quelle entspringt, um nach kurzem Laufe im Sand zu versiegen. Wenige Schritte von dieser Palme erhebt sich eine circa 5 m hohe sandige Anhöhe, weitaus der höchste Punkt im ganzen Umkreis. Nach Bädeker befindet sich da oben eine Quelle; ich konnte es nicht recht glauben, und doch, als ich oben ankam, fand ich einen kleinen Krater mit Riedgras und einigem Wasser, das gerade hinreichte, diese Quellenvegetation zu erhalten. Nach großem Regen ist auch diese Quelle ergiebiger. Immerhin ist es interessant, eine Quelle auf dem höchsten Punkte der ganzen Umgebung entspringen zu sehen. Der Hochdruck rührt von dem viele Stunden entfernten Er Nahah-Gebirge her. Wenn auch die Meinung falsch ist, diese Quellen seien von Moses für das anserwählte Volk trinkbar gemacht worden (dieses geschah an einer anderen Quelle), so dürfte doch Ahnn Musa der Platz sein, in dessen Nähe die Juden das rothe Meer verlassen, das Jubellied ge- > - jungen und sich mit Wasser für dke Wüstenreise versehen haben. Inzwischen waren die Kamele beladen, und nachdem ich mein Vehikel bestiegen, setzte sich die Karawane in Bewegung. Ich nahm meine Bibel in die Hand und las den Hymnus, welchen Moses und die Kinder Israels an diesen Gestaden einst sangen: „Dem Herrn will ich singen, denn hocherhaben ist er, Roß und Reiter warf er ins Meer" rc. Ich kann mir keinen höheren Genuß denken, als die Bibelworte an Ort und Stelle zu lesen und zu überdenken. Die ersten Tage bieten wenig Abwechslung. Vor sich die Sandwüste, links das Gebirge Er Naha und dann Et Tih, zur Rechten das Meer und jenseits das bereits erwähnte Atüka-Gebirge. Man folgt dem Ufer des Meeres. Es ist dieses nach meiner Ansicht ganz sicher nicht der Weg des Exodus, da Moses sehr un- pädagogisch gehandelt hätte, die Schaaren angesichts Aegyptens ziehen Zu lassen. Es heißt auch in der Bibel: „Er führte sie den Weg dreier Tagereisen in die Wüste." Er hat sie wahrscheinlich zuerst gegen den Fuß des Gebirges Er Nahah geführt und dann längs desselben, um dann bei Ain Hawüra oder einer anderen Quelle das Wunder von Marah zu wirken. Doch will ich hier über die schwierigen Fragen betreffs der Identification der einzelnen Stationen nicht weiter handeln. Die einzige Unterhaltung bildet das Farbenspiel des Meeres, die glänzenden Glimmerplatten, welche am Wege liegen, und das Treiben der Karawane. Das Kamelreiten ist eine eigene Sache. Es hat viele Vorzüge vor dem Reiten auf Eseln oder Pferden voraus. Man sitzt sehr sicher, das Kamel scheut nicht leicht, die Zügel braucht man nicht in der Hand zu behalten, da dies der Kameltreiber besorgt, man kann sogar lesen und hat vor sich in den Satteltaschen alle möglichen Utensilien zu sofortigem Gebrauch. Doch das Aufsitzen hat einige Schwierigkeit; denn zuerst richtet sich das Thier unter unmuthigem Grunzen auf die Vorderkniee, dann auf die Hinterbeine, dann vorne ganz aufrecht, und endlich ist die Geschichte im Reinen; man wird dabei, da alles ruckweise geschieht, von vorne nach rückwärts und von rückwärts nach vorwärts rc. geworfen. Während des Reitens, das man erst langsam gewöhnt, wird man immer nach vorne und rückwärts und wieder vorwärts geschoben, allerdings nicht zu stark, aber immerhin so, daß man bei jedem Schritte eine sehr tiefe Verbeugung mit dem Oberkörper macht. Es ermüdet dieses ungemein, und nach einem Ritte von 6—8 Stunden ist man äußerst erschöpft; aber seekrank wird man nicht. So sehr ich dazu geneigt bin, habe ich bei diesem Stägigen Ritte nie etwas von derartigen Gefühlen verspürt. (Fortsetzung folgt.) Napoleon und Madame de StaLl von Friedrich Koch-Breuberg. (Schluß.) Die vergifteten Nadelstiche der Staäl wurden dem ersten Consul bald unerträglich. Jetzt hatte sie wenigstens das erreicht, daß er sie beachtete. Nun verletzte sie fortwährend seine Achillesferse — die Eitelkeit. Aber der verwundete Löwe begann bald sich zornig zu schütteln. Er verbannte zuerst Madame de Staäl aus Paris und, als sie es ferner wagte, ihn lächerlich zu machen, aus ganz Frankreich. Sie, die ihn als Erretter der Gesellschaft, als höheres Wesen Lesungen, verließ jetzt voll Haß ihr Vaterland und bot ihre Dienste seinen Feinden, den Bourbonen, an. Das Erscheinen ihrer Werke „Delphine" und „Corinne" vergrößerte ihren Ruhm und machte sie nur zu einer viel bedeutenderen Feindin. Jetzt konnte sie ihm ebensoviel schaden, wie vielleicht das ganze Königreich England zusammen. Und trotzdem machte sie stets unter der Hand Anstrengungen, von ihm die Erlaubniß zur Rückkehr zu erhalten. Doch er sagte nur: Ich verabscheue die Mannweiber ebenso, wie die weibischen Männer! Und eir andermal: Ich hasse diese Frau und möglich, daß ich si>. hasse, weil mir die Geduld für Frauen fehlt, die sich mir in die Arme werfen, und das hat sie sicher versucht. Jetzt, wo Napoleon am Gipfel seiner Macht angelangt war, wünschte Madame de StaÄ, sich mit ihm zu versöhnen. Es ist das nicht sehr großartig von der großen Frau, noch dazu, wenn man bedenkt, daß sie sich von dieser Versöhnung klingende Münze erwartete. Der Herr Minister Necker hatte nämlich zur Zeit der großen Hnngersnoth Frankreich eine Million znm Ankaufe von Korn geliehen. Ludwig XVI. hatte den Schuldschein gezeichnet, aber die Revolution mit ihren späteren Regierungen die Schuld nie anerkannt. Diese Summe sollte nun Napoleon I. der Erbin Neckers zurückerstatten, so dachte sich die verbannte Dichterin, denn von einem großen Manne mußte man doch mehr als Verzeihung auf einmal begehren. Aber der Kaiser blieb hart, obwohl seine Stieftochter, die Königin Hortcnse, sich sehr für Madame de Staöl verwendete. Die Königin von Holland, welche selbst viel gesungene Romanzen dichtete, ohne je in's Vlanstrumpshafte zu verfallen, schätzte und bemitleidete ihre Schwester in Minerva. Sie wagte es, dem erzürnten Kaiser die Nückberufnng der bedeutenden Frau als einen nothwendigen Akt der Gerechtigkeit darzustellen. Ein kleiner Erfolg blieb nicht aus. Madame de Stavl durfte nach Frankreich zurückkehren und hatte nur Paris und dessen Umgebung zu meiden. Da entsendete die Dichterin ihren Sohn in die Hauptstadt. Natürlich blieben ihm alle Thüren verschlossen. Aber Hortense empfing ihn dann und verschaffte ihm sogar eine Audienz beim Kaiser. Die Unterredung zwischen dem allmächtigen Cäsar und dem jungen Mann währte lange, und Napoleon legte außergewöhnlich viel Geduld an den Tag. Zuerst ließ er sich die Liebe schildern, welche die Dichterin für Frankreich im Herzen trug, dann wie sie sich unglücklich im Exil fühle. Was nicht gar, platzte der Kaiser heraus. Dazu ist Ihre Mutter viel zu excentrisch! Ich will nicht gerade sagen, daß sie eine mschante Frau ist. Sie hat Talent, viel Talent, zu viel — ein aggressives, revolutionäres Talent! Sie ist in dem Chaos einer einstürzenden Monarchie, dem eine Revolution folgte, aufgewachsen und trügt davon diese Elemente in ihrem Herzen, was stets gefährlich werden kann. Nach weiterer angenehmer Schilderung für den Sohn sagte er: Sie wäre nicht sechs Monate hier, ohne mich in die unangenehme Nothwendigkeit zu versetzen, sie nach Bicßtre zu schicken oder in den Temple zu sperren. Was das fatal wäre! Welche Sensation, und wie würde dies meiner Popularität schaden! Sagen Sie Ihrer Mutter, daß ich einen Entschluß gefaßt habe, den nichts zu ändern vermag. So lange ich lebe, kehrt sie nicht nach Paris zurück! Aber der junge Staöl ließ sich nicht so leicht ab- schrecken. Das hatte er wohl von seiner Mittler geerbt. Er ging nicht, sondern bat von neuem. Napoleon suchte ihm zu erklären, daß die bedeutende Frau sich mit dem Faubourg St.-Germain in Verbindung setzen würde, und daß er dies nie dulden könne. Unschuldige Besuche würden sich gefährlich auswachsen, aber seine Regierung sei kein Kinderspiel, diese dulde keine Gaukeleien, und es sei gut, wenn dies Jedermann wisse. Herr von Staäl ließ noch nicht nach. Er sagte dem Kaiser, daß es nicht wahr sei, was man allgemein annehme, daß seine Mutter das letzte Werk Ncckers, welches Napoleon so mißfallen, ausgearbeitet hätte. Folglich hasse Seine Majestät seine Mutter ohne jeden Grund. Als der Kaiser den Namen Neckers hörte, begann er zornig zu werden und rief: Was? In diesem Buch soll ich auch noch gerecht behandelt sein! Ernennt mich den nothwendigen Mann. Natürlich — ihm nach wäre es das Beste gewesen, diesem nothwendigen Mann das Haupt abzuschlagen. Ja, ich war nothwendig, um die Dinge in Ordnung zu bringen, um die Fehler Ihres Großvaters gut zu machen und aller derer, welche, wie er, den Sturz der Monarchie herbeigeführt und den Tod Ludwigs XVI. verursacht haben. Sire, rief der junge Mann dem Kaiser zu, Sie vergessen, daß das Vermögen meines Großvaters con- fiscirt wurde, weil er den König vertheidigte! Eine schöne Vertheidigung! kam's höhnisch von Napoleons Lippen, und dann hielt er dem jungen Manne mit zorniger Stimme eine Vorlesung über das Unglück, welches der Minister Necker über Frankreich heraufbeschworen. Sie endete mit den artigen Worten: Ihr Großvater ist der Urheber der Saturnalien, welche Frankreich in Tollwuth versetzt haben! Und wie so oft, wenn der Kaiser sich ausgetobt hatte, wurde er liebenswürdig. Er packte den jungen Staäl beim Ohrläppchen, und dies war in der kaiserlichen Familie das Zeichen höchster Gunst. Dann belobte er seinen Muth und seine Liebe zur Mutter, blieb aber unerbittlich. Herr von Staäl setzte die Geduld Napoleons auf eine harte Probe, denn er begann die Unterredung von neuem. Noch einmal mußte sich der Gewaltige dazu bequemen, alles anzuhören, was für die Nückberufnng der Frau v. Staäl von Vortheil erschien. Als aber alles nichts nützte, versuchte der echte Sohn seiner Mutter zum Schlüsse, geschwind die bewußte Million herauszuschlagen. Sire, die Anwesenheit mqiuer Mutter wird nöthig erscheinen, um von Ihrer Regierung die Rückzahlung einer heiligen Schuld zu erlangen. Was nennen Sie heilig? Sind nicht alle Schulden heilig? Der Kaiser war ermüdet, war nach kurzem Bescheid, daß diese Angelegenheit Sache des Gesetzes sei, schon an der Thüre des Saales angelangt, als ihn Herr von Staäl noch einmal fragte, ob er wenigstens selbst sich in Frankreich niederlassen dürfe. Darum bekümmere ich mich nicht im geringsten, rief Napoleon zurück, doch gingen Sie besser nach England. Dort liebt man die Pamphlctisten. Gehen Sie nach England, denn in Frankreich werde ich stets mehr gegen als für Sie sein! Damit waren die Verhandlungen über die Rückkehr der Madame de Staäl abgeschlossen. Als Napoleon dann auf Elba saß, kehrte sie in ihr geliebtes Frankreich zurück. Sie hatte sich erwartet, von den Bourbonen mit offenen Armen empfangen zu werden, aber sie sah sich enttäuscht. Die Liliengekrönten vergaffen es eben so wenig, daß sie die Tochter Nccker's sei, als Napoleon. Von der Tochter Ludwigs XVI. wurde sie stets ignorirt, und Ludwig XVIII. sagte scherzend von ihr: Das ist ein Chateaubriand im Unterrock! In gewissem Sinne verletzten die Bourbonen, denen Madame de Staäl so gehuldigt, ihre Eitelkeit viel mehr, als dies Napoleon gethan. Dieser behandelte sie als eine feindliche Macht, jene lachten über ihre Rathschläge und fanden sie höchstens unbequem. Aber die Million erhielt Madame de Staäl von der Regierung Ludwigs XVIII. zurückbezahlt. Die schöne Gräfin du Cayla, die Freundin des dicken Königs, war ihr von einer zarten Angelegenheit her verpflichtet. Eine Hand wäscht die andere — die „heilige" Schuld näherte sich ihrer Abtragung. Darüber erzählt die Gräfin du Cayla in ihren Memoiren sehr offenherzig: „Aber ich glaube, daß die Rückerstattung dieser Million ihr nicht weniger als Viermalhunderttausend Francs, ohne von einem Diamantschmuck im Werthe von hunderttausend Francs zu sprechen, gekostet hat." Derosne in seinen Memoiren der Königin Hortense meint sehr richtig, daß diese Annahme der schönen Gräfin als Gewißheit vorgeführt werden könnte, wenn man ihre eigene Börse und ihre Schränke hätte durchsehen dürfen. Ueber die frühchristlichen Thiersymbole von Achmim-Panopolis in Oberägypten und in den Katakomben. Studie von Dr. Gustav A. Müller, Museumsbevollm. und Herausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E. (Fortsetzung.) Der Hahn. Bezüglich der Figur des Hahnes auf den altchrist- lichcn Monumenten der Katakomben gilt im Allgemeinen das Wort Wilperts gegen Hasenclever: „Der Hahn figurirt auf den christlichen Monumenten fast nur als Attribut des Apostelfürsten." Er bildet ein wesentliches Detail in der Scene, wo Christus dem von seiner charakterfesten Treue so selbstbewußt überzeugten Apostel die prophetische Warnung ertheilt: „Ehe der Hahn zweimal krähet, wirst Du mich dreimal verlaugnet haben." Meist steht der Hahn zu den Füßen des Petrus; viermal nur erblicken wir ihn auf einer Säule, auf dem Wandgemälde in S. Cyriaca, auf zwei lateranensischen Sarkophagen und einer Elfenbeinkiste aus Brcscia. Es ist beachtenswerth, daß alle diese Darstellungen der nach- constantinischen Zeit entstammen, so daß Haseuclcvers Meinung von einer Imitation „pompejanischer" Kunst- motive ausgeschlossen bleiben muß: auch die Funde von Achmim bezeugen in jener Periode eine völlige Lossagnng von etwaigen heidnisch-klassischen Traditionen. Ob indessen der Hahn ursprünglich mit Vorliebe dem Apostel beigegebeu wurde, ob er nicht vielmehr zuerst seine dogmatisch-allegorische Bedeutung zum Ausdruck bringen sollte, ist bei dem Mangel an Darstellungen ältesten Datums nicht leicht zu entscheiden. Hiezu kommt die Schwierigkeit chronologischer Fixirung. Immerhin reden die Denkmäler, soweit sie uns die Figur des Hahns außerhalb der Verläugnungsscene bieten, eine deutliche Sprache. Und da begreifen wir nicht, warum de Waal, der hochverdiente römische Archäolog«, wider 149 Brock haus bemerkt: „Im Unterschiede von den Vatern ist auf den Denkmälern gerade die Kampfeslust des Hahnes das am meisten hervortretende Moment." Auch Brock Haus übersieht die „Kampfeslust" des Hahnes nicht, wenn er ihn „häufiger später als Symbol der Wachsamkeit, der Tapferkeit, der Auferstehung und so als Symbol Christi selbst" deutet. Denn was de Waal mit de Nossi bekennt, wenn er sagt, es sei nahe gelegen, „auch die Hahnenkämpfe, wie man sie täglich vor Augen hatte, als Symbol des Lebens zu deuten, in welchem wir den guten Kampf kämpfen müssen, damit der gerechte Kampfrichter uns dereinst den Siegespreis zuerkenne" — so meint schließlich Brockhaus dasselbe mit seinem Begriffe der „Tapferkeit", den er allerdings nicht exegetisch erörtert. Und wenn er diese Tapferkeit, diese allegorische „Kampfeslust" mehr wie de Waal auf den Denkmälern der Bedeutung „Wachsamkeit" und „Auferstehung" coordinirt, wenn er die letzteren Begriffe der Zahl ihres Hervortretend nach dem ersteren gleichzustellen scheint, so wag das für den seinerzeitigen Stand der Sache nicht ganz genau gewesen sein: heute, wo die frühchristlichen Funde aus der Necropole von Achmim-Pauopolis ergänzend zu den Katakombenfnnden hinzutreten, müssen wir Brockhaus beipflichten. Was zunächst die Kampfesdarstellungen betrifft, so wäre eS falsch, ihre genetische Entwicklung aus klassisch-heidnischen Motiven rundweg zu negieren, sie als christlich xa LLoxy'-' hinzustellen. Freilich ist es ebenso falsch, mit Victor Schnitze diese „Abhängigkeit" der christlichen Kunst von der heidnischen auch auf den inneren Gehalt der Darstellungen zu übertragen, so daß man wie den klassischen Hahnenkümpfen auch den christlichen eine allegorische Bedeutung höheren Sinnes abspricht. Die alten Christen, dies ist doch eine hundertfältig bezeugte Thatsache, haben in der Periode der Verfolgungen sowohl als auch des Friedeus es gar wohl und sinnig verstanden, an ein wenn man will heidnisches Motiv christliche Ideen zu knüpfen. So geschah es z. B. mit der ornR Aurnmnta, jener vierfachen Wiederholung des griechischen Buchstabens U in der Form die bei den Buddhisten und seit Urzeiten bei andern Orientalen als heiliges Symbol galt und gilt. Den Christen diente es trefflich zur arcauen Darstellung des Kreuzes Christi, wie wir dies auf dem Gewandschmuck eines christlichen Todten von Nchmim beobachten. Es ist hier nun nicht unsere Aufgabe, alle christlichen Hahnenkampfbilder aufzuzählen und zu erörtern, wiewohl dies gerade keine lange Arbeit wäre. Erinnern wollen wir nur au ein Mosaikfragment des Lateran- museums mit dem Bilde eines zum Kampfe herausfordernden Hahnes und an ein Neliefbild aus S. Aguese, einem Sarkophage entnommen und einen Hahuenkampf darstellend. Die immerhin geringe Zahl derartiger Kampfesdarftcllungen gibt kaum das Recht, letztere als die am meisten beliebte Auffassung zu bezeichnen. Im Gegensatz zu de Waal hat daher auch Wilpert in seinen peinlich genauen „Principienfragen der christlichen Archäologie" dem „Kampfhahn" eine bescheidenere Stellung zugewiesen. Wir halten den Hahuenkampf weder für das am meisten bevorzugte, noch für das älteste Motiv über die Symbolik des Hahnes, trotzdem er täglich vor den Augen der Christen sich abspielte, wie denn mit Recht de Waal auf Paulus verweist, der vielfach seine Vergleiche aus der Arena und den agouistischen Kämpfen holte. Allein die thatsächliche Seltenheit der Kampfcs- darstellungen auf Hahnenbildern der Katakomben und, fügen wir hinzu, ihr auffallendes Fehlen in den sonst so symbolreichen Gräberfunden aus Achmim geben dem Hahnenkampf nicht im Entferntesten eine besonders wichtige Stellung in der frühchristlichen Auffassung und Symbolik. Um so bedeutsamer aber erscheint uns der Hahn in seiner Beziehung zum Glauben an die Auferstehung der Todten. Schon die Katakomben haben hiefür wichtige Belege geboten. Wo der Hahn hier auf Grabsteinen mit der Inschrift Il§ erscheint, wo er, wie auf einem Jaspisring, in Verbindung mit der Palme und in einem Schiffletn auftritt, da kündigt er sich an als Verheißung der kommenden Auferstehung aus der Ruhe des Todes nach dem Kampfe des Lebens. Zeigt sich über ihm das Christusmonogramm, so symbolisirt er den Heiland selbst, der am jüngsten Tag uns alle „weckt" zu herrlichem Leben. Keinen Zweifel aber läßt auf dem Grabstein eines Leopardns neben der Figur des Hahnes die verstümmelte, von Polidori richtig ergänzte Inschrift bestehen: VIL HL — illa, äis ffaus r'68U1'K68. Wandern wir nun von den Katakomben hinaus zum Gräberfeld von Achmim-Panopolis, so finden wir hier den Hahn, wir dürfen eS ruhig aussprechen, von vornherein als Auferstehnngssymbol in fast ausschließlichem Sinne. Mein Freund Forrer, der mit besonderem Interesse den christlichen Thiersymbolen auf den Gewändern von Achmim nachging, dem auch sicherlich die besten und meisten derartiger Stoffe durch die Hand gingen, ist zu einer höchst interessanten Vermuthung gelangt, die er mit folgenden Worten ausspricht: „Mehrfach beobachtete ich den Hahn in auffallend roher, linearer Ausführung auf gleich auffallend roher Leinwand in seltsamer Dnrchzieh- technik als Clavus angebracht, und es machte diese wiederholt gleichartige Erscheinung den Eindruck, als läge ihr eine bestimmte, mir unklare Anschauung zu Grunde. Sollte der Hahn als „Wecker" ein Zeichen der Auferstehung fein, und waren diese durchweg rohen und einfacheu „Hahnengewänder" dteTodten- kleider der Armen? Nun, die Auferstehung symbolisirt der Hahn auf den Mumieugewänderu ohne Zweifel; aber auch der Begriff „Hahnengewünder" ist keine allzu- kühne Annahme. Für beide Momente können wir ein und dasselbe Beispiel hier vorführen. Ich besitze einen Gewandrest, der, wie das Original ausweist, nur das Bruchstück eines gleichartigen ganzen Gewandes ist. Und was bietet sich uns dar? Inmitten rankend sich verschlingender Umrahmungen wiederholt sich fortwährend die Figur eines friedlichen Hahues, der hier auf einem christlichen Grnbkleid nichts anderes als die Hoffnung der Auferstehung bedeutet. Dies erhellt bis zur Evidenz aus der ebenfalls sich fortwährend wiederholenden Männergestalt, die, lebhaft an die von Forrer als frohe Herolde des siegreichen Christenthums gedeuteten Tänzer auf christlichen Textilien erinnernd, jeweils mit der erhobenen Linken zum Hahne empordeutet. Unser Gewandstück, das noch in das III. Jahrhundert, sicherlich in die heidnisch-christliche Uebergangszcit zu datiren ist, steht keineswegs vereinzelt da. In den verschiedensten Museen und Privatsammlungen, besonders auch in der Sammlung Forrer-Straßburg, der mein Stück entstammt, sind ähn- 150 liche Darstellungen vertreten, die dem Hahn weit mehr wie die Kampfcsdeutung die nicht minder poetische Symbolik des Auferstehungsglaubens zuerkennen und zugleich darthun, daß da, wo man dem Todten anstatt eines gewöhnlichen Kleides ein spezielles Funeralgewand mitgab, die Figur des Hahnes mit Vorliebe als Ornament in Verwendung kam. Diese Bedeutung als Auferstehungssymbol scheint uns für den Hahn die häufigste und die älteste zu sein, letzteres in um so höherem Grade, je mehr wir das Bild des Hahnes auf den Verlüugnungsscenen, resp. letztere selbst einer jüngeren Epoche zuschreiben müssen im Gedenken an die Thatsache, daß erst mit dem Uebertritt Konstantins im vierten Jahrhundert und durch die hie- durch geschehene Aenderung in der Lage der Christen der Symbolzwang aufhörte und historische Scenen als solche ungescheut dargestellt werden konnten. Es gilt dieses Princip auch völlig für die koptisch- christliche Kunst Achmims. Nur mag es auffallen, daß auf den Verläugnungsscenen von Achmim-Panopolis der Hahn keineswegs die significante Rolle spielt, wie in den abendländischen Bildern. Auch nicht einmal ist auf den allerdings seltenen diesbezüglichen Darstellungen in Textilstücken der Hahn sichtbar. Trotzdem bleibt in der wichtigsten aller Verläugnungsscenen von Achmim, nämlich in jener des größeren bischöflichen Palliums aus dem VI. Jahrhundert, die Situation klar und unverkennbar. Ueber dieses werthvolle Pallinm selbst hat Forrer, sein einstiger Besitzer, zu wiederholten Malen eingehend berichtet, auch hat der Schreiber dieser Abhandlung darüber ausführlich gehandelt. Wir verweisen demgemäß auf die betreffenden Quellen. Von den 9 gestickten Figurentableaux dieses Prachtgewandes zeigt Nr. 7 eine Darstellung, welche N. Forrer „in Folge der Zwischenstellung hinter den Bildern aus Christi Wirkenszeit und vor dem Bilde der Kreuzigung als die Scene gedeutet" hat, in welcher JesuS dem Petrus die Verlüugnung voraussagt. Forrer hat gewiß auch ohne den Hahn das Nichtige getroffen: „Christus ist reich (?) gekleidet und sitzt vor dem die Prophezeiung zurückweisenden Petrus." (Fortsetzung folgt.) Zur Chronologie des heiligen Willibald. Von Adam Hirsch mann, Pfarrer in Schönfcld. (Schluß.) Aus den Angaben der Vita des hl. Wynnebald geht klar hervor: Willibald und Wynnebald haben sich weder gesehen noch gesprochen, als letzterer in die deutsche Mission abging. Damit fällt aber auch zugleich der Grund hinweg, die dritte Nomfahrt des hl. Bonisatius in das Jahr 735 zu verweisen. Sowohl Willibald, der Mainzer Biograph, als Othlon berichten, daß der hl. Bonisatius während der Regierung des Herzogs Hugbert nach Bayern gekommen sei und durch häufige Predigten das Volk aus den häretischen Lehren eines gewissen Eremwulf, den er nach den kanonischen Satzungen von der Kirche ausschloß, herauszuziehen versucht habe. Dann aber kehrte der secleneifrige Oberhirte wieder zu den Brüdern, die in Thüringen seiner Obsorge unterstellt waren, zurück: Htsgus omuikus ritö coulsotis, Laguariorum tsru- porikns HuAokerti äucüs aäiit torras . . . eb aä kratres suk suas älosaeLsoll ^uksruntionis cousit- tutos rursus mi^ravit, juxta, illucl axostoli: euxiäl- tntsni Kuchens venienäi act ckrutres. N. 6-. II, 345. Mabillon ^ot. 8s. IV, 17. Fast mit denselben Worten schildert Othlon die nur vorübergehende Wirksamkeit des hl. Bonisatius unter Hugbert; auch er betont dessen Heimkehr aus Bayern nach Thüringen. Mabillon, I. o. IV, 40 eux. XLVII. Wie angesichts dieser klaren Angabe der bonifati- anischen Biographen Herr S. sagen kann: „Willibald setzt die dritte Reise des Apostels der Deutschen nach Rom unmittelbar nach der Visitation der kirchlichen Verhältnisse Bayerns unter dem damals noch lebenden Herzog HngVdrt an", (Nr. 50 S. 4) ist nicht einzusehen. Niezler (Gesch. Bayerns I, 103) setzt die Anwesenheit des hl. Bonisatius auf bayerischem Gebiete gegen das Jahr 735, Will (Negesten I, V) in die Zeit von 735—736, Woelbing (Die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Bonisatius S. 79) gegen das Ende der Regierung des Herzogs Hugbert 728—739. Erst nachdem der Apostel der Deutschen Vorsorge für die Kirchen in Hessen und Thüringen getroffen hatte, trat er in Begleitung zahlreicher Schüler die dritte Rom- reise an, um dem Papste Gregor III (731—741) persönlich seine Ergebenheit zu bezeigen. Das wichtigste Resultat dieses Besuches der Gräber der hl. Apostelfürsten Petrus und Paulus war unstreitig die nachfolgende kirchliche Organisation Bayerns, wo Bonisatius mit Zustimmung des Herzogs Odilo und der Großen des Landes vier Diözesen errichtete und ebensovicle Bischöfe aufstellte. Die päpstliche Confirmationsurkunde trägt das Datum: 29. Oktober 739 (LI. 6-. Lpp. I, 293). Daher werden wir wohl am besten mitHcrgen- röther (K.-G. I, 681), Hefele (Conc.-G. III, 493), Will (Negesten I, V) und Dümmler (N. O. Lpx>. I, 289) diese letzte Nomfahrt in die Zeit 737—738 verlegen. Der Ausdruck, daß Bonisatius viele Tage (rnultüs ätokus) in Bayern bei Herzog Odilo und seinen Unterthanen verweilt habe, fordert durchaus nicht, anzunehmen, daß der eifrige Glaubensprediger die Jahre 736 und 737 auf die Circumskription der bayerischen Diözesen verwendet haben müsse; für diese Thätigkeit genügte doch wohl das Frühjahr und der Sommer 739; sonst hätte der Biograph wohl den significanteren Terminus multis anuis, viele Jahre, gewählt. Mochte Bonisatius auch von Thüringen aus den glücklichen Vollzug der Diözesaueintheilung des Herzog- thums Bayern nach Rom gemeldet und um deren Bestätigung nachgesucht haben, so ist es doch von vorne- herein sehr wahrscheinlich, daß er diese junge Pflanzung nicht aus den Augen verlor und gemäß dem päpstlichen Auftrage die bayerischen Bischöfe auf einer Synode zu vereinigen suchte. Darum stimmt die Angabe der Nonne von Heidenheim, daß der im Mai 740 aus Italien angekommene Willibald den hl. Bonisatius in Freising angetroffen habe und mit demselben nach den Ufern der Ältmühl gezogen sei, um in Eichstätt am 22. Juli 740 die Priesterweihe zu empfangen, sehr mit den allgemeinen Zeitverhältnissen überein. Ein Jahr darnach wanderte Willibald nach Thüringen, um drei Wochen vor Martini, an seinem Geburtstage, zum Bischöfe erhoben zu werden. Herr S. sagt nun: Im Jahre 741 fiel der Ge- dächtnißtag des hl. Martin, 11. November, auf einen Samstag, also mußte drei Wochen vorher, am Samstag 151 dem 21. Oktober, Willibald znm Bischöfe geweiht werden. Das ist aber nach dem kanonischen Rechte nicht zulässig, indem die Consccration eines Bischofes immer an einem Sonntage vorgenommen werden muß?) Mit Hefele (Conc.-G. III, 495 A. 2) könnte man hierauf erwidern: rwlla. rsZulu sius sxssxtious. Der hl. Bonifatius als päpstlicher Legat war sicherlich für sein weitausgedehntes Missionsfeld mit großen Facul- täten seitens des apostolischen Stuhles ausgerüstet; aber fordern die Worte der Nonne: „Ills UVillibaläris, Hnanäo in spisooputum eonssornius ernt:, tmbsbach 40 annos st 1 annurn st tuno ernt nuturnnuls tsivpns virsn illnnr bsrs llorain tridus Ii sdäoinnäidus g.nts uatals s. lllartinl in spisooputum consssrntus sst" die Interpretation, daß Willibald am Samstag dem 21. Oktober 741 znm Bischöfe consccrirt werden wußte? Der hl. Bonifatius wählte in zarter Aufmerksamkeit gerade jenen Tag und jene Stunde, um seinem Verwandten die bischöfliche Würde zu übertragen, an welchen derselbe vor 41 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Ob aber dieser 42. Geburtstag Willibalds auf Samstag den 21. Oktober 741 oder auf Sonntag den 22. Oktober desselben Jahres gefallen ist, das liegt in der Zeitbestimmung: tridus Iisdäoinaäidng nnts natals Llartini, drei Wochen vor Martini, nicht so prägnant ausgesprochen, als daß man daraufhin ein apodiktisches Urtheil sich bilden könnte, um das Jahr 741, welches durch die Akten des ersten deutschen Na- tionalcoucils als Consecrationsjahr des hl. Willibald gefordert wird, zu verwerfen. Für dieses Jahr tritt auch als Zeuge der Eichstätter Tradition ein der Zeitgenosse des Bischofes Gundekar II, der Anonymus von Herrieden, welcher erwähnt, daß auf Anordnung des Papstes Gregor III. Willibald von Bonifatius zum Bischöfe von Eichstätt consccrirt worden sei zugleich mit Burchard von Würzburg (N. 6-. VII, 255). Da Gregor III. am 29. November 741 aus dem Leben schied, so kann Willibalds Bischofsweihe nicht über das Jahr 741 hinaus verlegt werden. Hatte unser Heiliger am Tage seiner Consccration das 41. Lebensjahr soeben abgeschlossen, so datirt seine Geburt in den Oktober des Jahres 700 zurück. Wenn Bonifatius seinem Landsmanne zu Sülzen- brücke, im ehemaligen Archidiakonate Gotha, im heutigen coburg-gothaischen Amte Jchtershausen (Past.-Blatt 1881, 104), nicht auf der Salzburg bei Neustadt a. d. Saale, wie man feit Eckhart und Falckenstein allgemein angenommen hat, die bischöfliche Weihe ertheilte, so geschah dieses wohl deßwegen, weil Wyuuebald daselbst als Missionspriester stationirt war: dort nun sahen sich die beiden Brüder znm ersten Male wieder, seitdem Willibald nach Ostern 723 von Nom Abschied genommen und nach den heiligen Stätten des gelobten Landes gepilgert war: 18'/z Jahre waren entschwunden; welch verschiedene Wege hatte die göttliche Vorsehung das Brüderpaar geführt! und nun finden sie sich wieder im Herzen von Deutschland als Priester und Bischof! Daß im Jahre 741 Willibald nicht als Bischof einer festbegrenzten Diözese Eichstätt, sondern nach englischem Vorgänge als Klosterbischof für die kleine Kolonie an der Altmühl aufgestellt wurde, ergibt sich schon aus der Betrachtung der Zeitlage, indem das Herzogthum *) Im Jcihrc 713 fiel Martini auf einen Montag; drei Wochen vor Martini fallen nach volksüblicher Rechnung aus Montag, den 21. Oktober, nicht Sonntag, den 20. Oktober. Bayern erst 739 eine neue Diöcesaneintheilung erfahren hatte. Aber gerade in den Tagen, in welchen der Abt des Klosters Eichstätt die bischöfliche Weihe erhielt, am 21. Oktober 741 starb der mächtige Frankcnführer Karl Martell: Karlmann und Pippin theilten sich in die Herrschaft, der Halbbruder Griso, welcher unberücksichtigt geblieben war, verband sich mit dem Bayernherzog Odilo, doch Karlmann errang den Sieg und verkleinerte Bayern um den Nordgau. Dieser politischen Aenderung folgte gar bald eine kirchliche: aus dem ehemals bayerischen Nordgane und dem alamannischen Sualafelde wurde das Bisthum Eichstätt gebildet 743—747 (Niezler, Gesch. Bayerns I, 104; Forsch, z. d. Gesch. XVI, 400—406). Die einheimische Tradition verlegt die formelle Errichtung der Diözese in das Jahr 745 (Popp, Anfang und Verbreitung d. Christenth. S. 158). Die letzte Frage, die wir zu erledigen haben, lautet: Wann starb der heilige Willibald? Nach Herrn S. am 7. Juli 779 (Nr. 52 S. 2). Da die Nonne von Heidenheim ihrem Berichte über den Heimgang des hl. Willibald nichts beigefügt hat, noch auch sonst eine gleichzeitige Quelle das Todesjahr unseres ersten Bischofes aufgezeichnet hat, so sind wir auf die Tradition angewiesen, wie sich dieselbe im gunde- karianifchen Pontifikalbuche niedergelegt findet. Da finden wir nach der Ausgabe von Bethmann in den Nonuinsuta. O-smunnias Lorixtores im siebenten Bande S. 243 folgenden Eintrag: „ Willibaläs, luos xriwus rsZis ^.ureutsussg. . . Noch auf derselben Linie den historischen Vermerk: 8säit anuoo 36. Tlnno insurn. 781 Xou. ckul. stillt: O Willibald, als Erster leitest du deine Eichstätter.*) Er regierte 36 Jahre, starb am 7. Juli 781." Dann folgen die trockenen Namen seiner 5 ersten Nachfolger: Gerhoch, Aganus, Adalunc, Altune, Otker, mit der Bemerkung: Diese 5 Bischöfe füllten eine Negierungszeit von 100 Jahren aus; ein Beweis, daß die Chronologie derselben dem Verfasser des Gunde- karianums unbekannt war, während er über Willibald, den Gründer der Diöcese, Tag und Jahr des Todes und die Dauer der Amtsführung zu berichten wußte. Der zweite Eintrag (lblcl. VII, 245) lautet: Das sind die Namen der Bischöfe der aureatensischen Kirche zu Ehren des Weltheilandes erbaut: ^.nno alr iasar- uutioue Douriwi 781, 8. Mllllfialäus Xon. lul. cou- 8ortium soassswält aw^sloruw, astats gmlpps 7? anucwum, ssäit annos 36: Im Jahre des Herrn 781 am 7. Juli erhob sich der hl. Willibald zur Gesellschaft der Engel, in einem Alter von 77 Jahren; er hatte 36 Jahre regiert." Beide Einträge weisen die gleichen Jahre hinsichtlich der Dauer der bischöflichen Amtsführung und den gleichen Todestag: 7. Juli, nebst dem nämlichen Sterbejahre 781 auf. Zählen wir von diesem letztgenannten Jahre 36 Jahre rückwärts, so gelangen wir zu dem Jahre 745, in welchem nach schon oben berührter Eichstätter Tradition das Bisthum sein Entstehen feierte. Herr S. hält nun aus den Einträgen des Bischofes Gundekar II., gegen das Jahr 1072 gemacht, folgende Daten als historisch fest: a) Willibald hat 36 Jahre lang den bischöflichen Stuhl in Eichstätt eingenommen, 6) Willibald ist 77 Jahre alt geworden. Da nun nach der Voraussetzung des Herrn S. Willibald am 20. Oktober 743 als Bischof von Eichstätt consccrirt worden ist, so fällt sein Tod auf den 7. Juli 779. Aber *) Ueber die Bedeutung des ltureatum s. Past.-Vlcitt 1871, 130. 152 wir erlauben die Gegenfrage: Ist es vom Standpunkte der historischen Kritik aus erlaubt und gestattet, eine spätere Nachricht, die weder den Schein der Unwahrheit, noch der Unmöglichkeit in sich schließt oder offen zur Schau trägt, so zu zerstückeln, daß man ein und das andere Satzglied für wahr hält, das andere aber, das vielleicht einer liebgewonnenen Meinung unbequem ist, als falsch erklärt? Da ein gleichzeitiger Bericht über Willibalds Tod nicht vorliegt, so gibt es nur die doppelte Möglichkeit: Entweder man nimmt den Eintrag Gundekars so wie er sich vorfindet, oder man verwirft denselben ganz und gar. Der Kern dieser schriftlich fixirten Tradition ist: Willibald starb am 7. Juli (Samstag) 781. Denn Snttner (Vitao pontil. in: ladnla. I-eoriroäianL x. 1) erklärt im ersten Eintrag die Zeitangabe: seäit Lirnos XXXVI als Nasura; ursprünglich habe gestanden ruinös XXVII: also nicht 36, sondern 27 Jahre habe Bischof Willibald regiert; ferner hält derselbe um Eichstätts Diözesangeschichte hochverdiente Forscher die Zusätze, welche mit saciit beginnen, nicht von Gundekar II. herrührend, sondern glaubt sie dem Bischöfe Otto (1182 bis 1195) zuweisen zu müssen, wo nicht ein späterer Fortsctzer aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, Konrad von Kastei, besonders genannt ist. Daß man im Gunde- karianum immer äaLl^XXXI (781), nicht äaol-XXIX (779) gelesen habe, wie Herr S. vermuthet, dürfte außerdem Mangel jeglicher nachweisbarer Rasur an dem noch vorhandenen Originale aus dem Zusätze Konrads von Kastei hervorgehen, welcher zu dem ersten Eintrage: Leckib rwnos 36. ^.n. ino. 781 Xon. llnl. oliiit: Willibald regierte 36 Jahre; er starb am 7. Juli 781 — hinzugefügt hat: Hnno ciaoXI-V im Jahre 745 wurde Willibald Bischof; er zählte demnach die 36 Bischofsjahre nicht von 743, sondern von 745 ab. Wenn Herr S. ferner aus 7 Eintrügen im Pon- tifikalbuche Gundekars II. folgert, daß die Diözese Eich- stütt schon 743 geschaffen worden sei (N. 6-. VII, 246 bis 247; Past.-Bl. 1862, 137), so wollen wir hierüber mit ihm nicht rechten, nur dagegen legen wir Verwahrung ein, daß Willibald erst im Oktober 743 zum Bischöfe consccrirt worden sei; indessen die Erklärung Popps (1. o. S. 170), wornach der Ausdruck: anno amtmni aonstitutnonis ffujns apisaopii auf die Kathedral- kirche in Eichstätt zu beziehen sei, hat auch ihre Berechtigung. Sehr ungerne vermißten wir in den chronologischen Studien des Herrn S. eine Auseinandersetzung mit den Bollandisten (TVotrr 8s. llul. II, 491), mit Mabillon (I. o. IV, 354), mit Falckenstein (TVngleotz. II, 424), Hauck (K.-G. II, 720), Holder-Egger (N. 0-. XV, 106 A. 4), welche den Tod des ersten Bischofes von Eichstätt in das Jahr 786 verlegen, da er im Jahre 785 noch urkundlich erscheine. (Vergl. Will, Negesten I, 44, Lullus II nr. 79, Dronke, aoä. äixl. kulä. irr. 85 S. 52). Da wir uns nur das Ziel gesteckt hatten, die chronologischen Aufstellungen des Herrn S. über den hl. Willibald einer Besprechung zu unterziehen, so können wir über die Prüfung der hier einschlägigen Urkunden auf ihre Aechtheit hinweggehen, indem wir auf die Ausführungen von Popp (1. o. 190—195), von Lefflad, Negesten S. 2, und von Stamminger (Idrano. 8. I, 480—481) verweisen. Als Endresultat aber glauben wir die drei Daten gesichert zu haben: Der hl. Willibald wurde am 22. Juli 740 in Eichstätt zum Priester, am 21. oder 22. Oktober 741 in Sülzenbrücke durch den hl. Bonifatins zum Bischöfe geweiht und starb am 7. Juli 781 eines seligen Todes. Recensionen und Notizen. Pros. vr. H. Karsten's Flora von Deutschland, Deutsch-Oesterreich und der Schweiz. Mit Einschluß der fremdländischen medizinisch und technisch wichtigen Pflanze», Droguen und deren chemisch-physiologischen Eigenschaften. — Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Ca. 85 Bogen in Lex.-8°, mit Abbildungen von über 1300 Pflanzcnarten in Holzschnitt. Gera-Untcrm- haus (Reuß). Verlag von Fr. Eugen Köhler. Vollständig in zwei Halbbäuvcn 5 10 M. oder in 20 Lieferungen »IM. „Vollständig Ende 1894.« DaS „Archiv der Pharmacie« nennt „Karstcns Flora" ein „Werk aus Meisterhänden hervorgegangen". — Das „CeNitrat-Organ f. d. Interessen des NcalschnlwesenS" nennt das Buch „ein Produkt deutscher Gelehrsamkeit und deutschen Fleißes", welches nicht nur dem Apotheker und dem Arzte, sondern auch allen Botanikern empfohlen zu werden vedicnt, und die Deutsche mediciuische Wochenschrift: „ES ist dies das für den Arzt empfehlcnSwcrtheste aller botanischen Werke, da es in gedrängter Kürze alles für denselben Wissenswerthe aus den Gebieten der Botanik und Drogucnkunde enthält." „Die Natur": „Gerne bekennen wir, daß es sich hier um ein Werk handelt, welches nicht mit gewöhnlichem Maßstabe gemessen werden kann. Zwar ist der Kern seines Inhaltes ein florist- ischer, allein der Verfasser faßt diese vaterländische Floristik im großen Stile an, wie eS seil langer Zeit in solcher Weise nicht mehr geschah. — Wenn es sich auch zunächst um die deutsche Flora bandelt, so gebt der Zweck des Verfassers doch offenbar dahin, jene Flora als einen Bestandtheil der Gcjammt-Vege- tation unseres Planeten zu fassen, sie mit den Formen derselben in Verbindung, in Vergleich zu stellen. — Daraus geht dann von selbst hervor, was die deutsche Flora ist und nicht ist, welche Lücken sie ausfüllt oder an sich trägt. — So erwirbt sich diese „deutsche Flora" Karsten's von vornherein einen kosmischen Charakter, wie sich das auch von einem Manne erwarten ließ, der zwöls Jahre lang vom äußersten östlichen Küstengebirgc des äquatorialen Südamerika bis zu dessen Niesenhöhen botanisirend wanderte, um auf der Hochebene von Quito zu den beträchtlichen Erhebungen des wunderbar gegliederten Festlandes emporzusteigen. — Wer seine große »sklora, Oolnwbia-o» näher kennt, der weiß es auch, daß dieser Mann zu den fleißigsten, umsichtigsten und kenntnißreichsten unserer heutigen Botaniker, sowohl im systematischen wie im morphologischen und physiologischen Sinne, gehört. — Selten nnr vcrcinigcn drei solche Eigenschaften sich in einem einzigen Beobachter, und das ist es auch, was ihn und sein Werk in die vordersten Reiben stellt." Allen Freunden der seisntia. annrbilis ans's Wärmste zu empfehlen. Pros. vr. K. Leitschuh (Fr.), Franz Ludwig von Ertheil, Fürstbischof von Bamberg und Würzburg, Herzog von Franken. Ein Charakterbild nach den Quellen bearb. von —. Bamberg, Büchner. 1894. 8°. VIII, 256 S. Das Buch, mit 10 Vollbildern versehen, hübsch ausgestattet nach dem Muster der „Bayerischen Bibliothek", für welche es ursprünglich bestimmt war, erzählt uns in angenehmer Sprache von einem Kirchcnfürsten aus der Verwandtschaft Echters von Mespelbrunn (1779—95), dessen Regierung nach dem Zeugnisse Döllingcrs „eine musterhafte, vom ganzen Lande gesegnete« war. „Ich habe«, sagt derselbe Gewährsmann, „in meiner Jugend — mein Großvater stand selbst in seinen Diensten — auch von Greisen niit Begeisterung die Verwaltung des Landes preisen kören.« Wenn auch des Verfassers Urtheil gar zu panegyrisch klingt: „ein Melchisedck in der Abendsonne des untergehenden deutschen Reiches", so läßt sich doch nicht bestreiten, daß Ertheil sich als weltlicher Regent und auch als Kirchcnfürst ungcwöbn- liche Verdienste um sein Territorium erworben hat. In religiösen Dingen huldigte er einer gemäßigten Aufklärung, in kirchenrecht- lichen dem Josephinismus, was sich besonders bei den Nuutiatur- streitigkcitcn 1785 ff. und der „Emscr Punktation« zeigte. Bei der Schilderung dieses letztgenannten Kapitels überschreitet der Verfasser verschiedentlich die sonst im Buche obwaltende Objektivität des Urtheils und Ausdrucks. Verautw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg.