Ui'. 26. Gottfried August Bürger. Zu seinem hundertsten Todestage nach seinem Leben und seinen Werken geschildert von A. G. Es ist ein mitunter verfehltes Leben, das wir im Nachfolgenden zu schildern versuchen, denn die sittliche Haltung und Würde fehlte Bürger mitunter oft, und oft bedeutend. Er war theils selbst daran schuld, indem er sich allzusehr gehen ließ, allzusehr der Sinnlichkeit sich überließ, anderntheils waren aber auch gerade in der Jugendzeit falsche Freunde daran Schuld, daß er auf falsche, schlüpfrige Bahnen gerieth, auf welchen er schlüpfrig lebte und schlüpfrig wirkte. Doch auch ein verfehltes Leben und Wirken kann für den verständigen Leser von Interesse sein, und dann hat Bürger durch mehrere seiner sehr guten Dichtungen — wir brauchen nur allein seine „Leonore" zu nennen — sich doch unter dem deutschen Volke einen so volksthümlichen Namen errungen, daß er bei seinem wiederkehrenden hundertsten Todestag verdient, wieder aufgefrischt zu werden. Bürger selbst schrieb: „Da ich durch meine poetischen Werke und einige Vorfälle meines Lebens einen ziemlich allgemein bekannten Namen in meinem Vaterland erlangt habe, so kann ich mir leicht vorstellen, daß mein Leben nicht unbeschrieben bleiben wird. Damit nun bei einer künftigen Beschreibung meines Lebens nicht romanisirt werde, damit niemand mehr sich selbst und seine Kunst, als mich darstelle, so entschließe ich mich vielleicht noch, das Geschäft lieber selbst zu übernehmen." Bürger hat dies nun unterlassen, Biographen aber hinreichend gefunden, welche theils mehr, theils weniger „romanisirten", was wir vermeiden wollen, indem wir Bürger so schildern, wie er war, nicht wie er hätte sein sollen in seinem Leben sowohl, wie in seinem Wirken und Dichten. Obige Sätze Bürgers scheinen dem bekannten Philosophen und sogenanntem Philanthropen Jean Jacques Rousseau entnommen zu sein, zum Theil wenigstens, welcher in seinen Oonksss. luv. X also schreibt: „fls kuvois cjn'on ras xsiAiioib äaas ls xrrUlis Laus äes Iruits si xsn Lsiadlastlso aux raisas, st guslquskois si äiflorruss Hus, raul^rs 1s raal, äoat js as voulois riea tuirs, js vs xoavois qus Zugnsr easors L ras raoatrsr tsl Has j'stois." Bürger wurde im Jahre 1748 zu Molmerswende im Fürstenthum Halberstadt geboren, und zwar nach seiner eigenen Angabe „in der ersten Stunde des JahreS unter den Gesängen, womit man nach alter Sitte das angekommene neue Jahr vom Kirchthurm herab zu begrüßen pflegte." Nach andern ist er schon vor Mitternacht auf die Welt gekommen. Sein Vater war Pastor, seine Mutter eine sehr begabte Frau, aber sehr roh, worüber sich der Sohn in späteren Jahren sehr mißbilligend äußerte. „Meine Eltern hielten mich anfangs für einen erzdummen Jungen." Bis in sein zehntes Jahr lernte er weiter nichts, als lesen und schreiben, hatte aber besondere Freude an der Bibel und am Gesangbuch, speziell an den Psalmen, Propheten und an der Offenbarung des heil. Johannes. Einen merkwürdigen Zug findet man bereits an dem Knaben, seinen Hang zur Einsamkeit, seine Freude an dem Dunkel der Nacht und dem stillen „heiligen" Dunkel der Wälder. DaS Lateinische wollte ihm absolut nicht in den Kopf hinein, der Vater hatte wohl Zeit zur Bequemlichkeit und zum Rauchen seines „Tobaks", keine Lust aber, seinen Sohn zu unterrichten, und schickte ihn im Alter von 12 Jahren zum Großvater nach Ascherslcben, um die dortige Stadtschule zu besuchen. Auch hier ging es mit dem Latein schlecht, er warf sich schon aufs Dichten und sabrizirte die „Feuersbrünste von Aschersleben", welche wenigstens Eines zeigen: richtiges Reim- und Silbenmaß. Ein Streit des Großvaters mit dem Rektor der Schule wegen einer großen Schliugelei des Enkels und der darauffolgenden etwas derben Bestrafung war der Anlaß, daß Bürger auf das Pädagogium nach Halle kam. Sein Aufenthalt hier fällt in die letzten drei Jahre des siebenjährigen Krieges. Ost waren die nöthigsten Lebensmittcl kaum um schweres Geld zu haben, oft ging ein Lehrer durch, denn „es gebe anjetzo kein besseres Leben, als das Soldatenleben", und nicht weniger als siebzehn Lehrer soll Bürger während der kurzen Zeit, in der er am Pädagogium weilte, gehabt haben, gewiß allzuviel und deßhalb auch allzu ungesund. Ein Zeugniß über ihn besagt: „Einen Anfang der Furcht Gottes scheint er zu haben, Studia hat er fleißig getrieben. Das äonurn äiäustnsura ist nicht ungeschickt, Sitten sind wohlanständig, das re§1inen, hofft man, wird sich auch noch finden." Trotzdem er einigemal krank geworden, hielt er dennoch mehrmals bei festlichen Gelegenheiten ordentliche Sermone und verfertigte auch oarurinn latina. Im Jahre 1764 bezog er die Universität Halle, um dort nach dem Willen seines Großvaters Theologie zu studieren. Sein Vater starb, und der Großvater wollte mit aller Gewalt aus dem Enkel einen Geistlichen machen. Theologie war aber dem Enkel ganz zuwider, doch widersetzte er sich anfangs nicht dem Großvater, von dem er jetzt ganz und gar allein abhängig war, und predigte selbst einmal in einer Dvrfkirche bei Halle. Doch bald hing er die Theologie an den Nagel und schloß sich an die Philologen an, besonders an den etwas lockeren, übel berüchtigten Klotz, der einen sehr schlimmen Einfluß auf ihn ausübte und ihn in sein wüstes, ausschweifendes Leben mit Hineinriß. Ganz entrüstet rief ihn der Großvater zurück, doch muß es dem geliebten Enkel gelungen sein, dessen Zorn zu besänftigen, denn er erlaubte ihm einen Studienwechsel, und Bürger ging an Ostern 1768 nach Göttiugen und sollte dort Jurisprudenz studieren. Während er im Anfang ziemlich eifrig dem Studium oblag, besonders dem der Pandekten, ging das Halle'sche Leben auch bald wieder in Göttingen von vorne an. Er zog zu der Schwiegermutter des Professors Klotz und trat so wieder in die alten Verbindungen mit letzterem, und „diese Verbindungen, sagt Althof, konnten weder auf sein Studieren, noch auf seine Sitten Vortheilhaft wirken; er verlor allmählig den Hauptzweck seines Aufenthaltes so sehr aus den Augen, daß der Großvater, der alles erfuhr, nach und nach seine Hand von ihm abzog und ihn, den er für einen ohne Rettung verlorenen Menschen ansah, ganz ohne Unterstützung ließ. Einer seiner nachherigen besten Freunde sagt, Bürger sei damals in einer Lage gewesen, daß mau ihn habe kennen und schützen Müssen, um sich seinem Umgänge nicht zu entziehen." Indeß nahmen sich seiner jetzt wackere Freunde an, 202 wie Biester, Sprengel und besonders Boie, eine französisch geschulte diplomatische Natur, der Bürgers Talent erkannte und sein Möglichstes that, dasselbe zu fördern und den jungen Dichter wieder auf gute Wege zurückzuführen. Die materielle Unterstützung lieferte der gute, allzeit bereite Gleim. Bürger nahm wieder den besten Anlauf, studierte fleißig die alte Literatur, die englischen Volkslieder, aus denen er später so viel für seine eigenen Balladen schöpfte, und besonders auch Shakespeare. Zur damaligen Zeit kam auch im zweiten Jahrgang des Musenalmanachs Bürgers Lied: „Herr Bacchus ist ein braver Mann", welches unverändert, so wie es niedergeschrieben worden war, bekannt gemacht wurde. Damals schrieb Boie an Gleim: »Bürger lebt jetzt auf eine un- tadelhafte Art, und ich verspreche der Nation von seinen Talenten nickt wenig; gelitten haben sie bei seiner vorigen Lebensart, aber zerstört sind sie nicht. Ich glaube, daß der Eintritt in die feine und gesittete Welt ihn jetzt zu einem vollendeten Mann machen und leicht das Nohe abschleifen würde, das ihm noch von seiner vorigen Lebensart übrig geblieben ist." Bürger hing mit großer Liebe an Gleim, was aus seinen vielen Briefen trefflich hervorgeht; oft freilich redet er ihn an mit überschwäng- lichen Worten als den «allerbesten Mann" und singt z. B.: „Fürwahr! fürwahr i ich spränge Zu Dir in'S Höllearcich Und bäte Gott, zu richten Barmherzig, und doch nur Die Hölle zu vernichten, Um Deinetwillen nur." Im Jahre 1772 brachte es Bote nach vielen Schwierigkeiten dahin, daß die Herren von Uslar Bürger die Stelle ihres Justizamtmauns im Gerichte Alten- Gleichcn bei Göttingen übertrugen. Die Freunde sahen wohl ein, daß für den so lebhaften Geist diese Stelle nicht recht Passe; allein Bürger griff mit beiden Händen nach der Stelle, einestheils, um der materiellen Noth entrissen zu werden und um mehr Ruhe zu großem geistigem Schaffen zu gewinnen. Der gute Großvater, von dem wir oben gesehen, daß er seine Hand vom Enkel ganz zurückgezogen, weil er glaubte, Hopfen und Malz seien an letzterem verloren, söhnte sich wieder aus, öffnete wieder seine milde Hand, bezahlte die Göttinger Schulden, so daß Bürger „frei" war, und sandte auch dem neuen Juflizamtmann Geld. Da er aber dem Enkel nicht traute, so erhielt er die Unterstützungen durch Vermittlung Boie's. Dieser war eine Zeit lang abwesend, und ein Dritter, dem Geld an Bürger gesandt wurde, unterschlug nach und nach die Summe von siebenhundert Thalern (damals eine sehr hohe Summe), so daß Bürger wieder sehr in materielle Klemme kam. Dieser Mann war der würtiembergische Hofrath Lifte zu Gelliehausen, früher selbst Uslarischer Beamter. Die Zerrüttung der ökonomischen Umstünde dauerte fort bis an das Ende des Dichters und hatte sicher großen Einfluß auch auf seinen poetischen und literarischen Charakter. Damals war es, daß er im Mondschein ein Baucrn- mädchen singen hotte: „Der Mond, der scheint so helle, Die Todten reiten so schnelle! Fein Liebchen, graut Dir nicht?" Bekanntlich entstand hieraus seine „Lcnore", die ihn berühmt machte. Als er seiner Zeit die Stelle seinen Freunden deklamirte: „Nasch auf ein eisern Gitterthor Ging's mit verhängtem Zügel. Mit schwanker Gert' ein Schlag davor Zersprengen Schloß und Riegel," schlug Bürger mit seiner Reitgerte an die Thüre des Zimmers derart, daß Friedrich Stolberg so erschrack, das; er einer Ohnmacht nahe war. Das Gedicht wurde bald derart bekannt und verbreitet, daß Bürger selbst es oftmals in Bauernorten deklamiren hörte und jetzt selbst glaubte, „etwas Gutes hervorgebracht zu haben". Bürger hat mit seiner Lenore einen ausgezeichneten Griff in einen ungeheuren Sagencomplex voll ethischer Tiefe gethan, der bis in das graue Alterthum reicht. Der in der Lenore classisch, wie selten eine andere Sage, aufgefaßte Volksglaube, z. B. daß Thränen die Ruhe der Todten stören, findet sich in einer sehr schönen Erzählung schon in den Liedern der alten Edda. Nicht weniger bekannt und besonders in den deutschen Schulen sehr verbreitet und gelernt ist «der Abt von St. Gallen", der Kaiser und der Abt, doch ist das Gedicht nur eine gute Umarbeitung der Ballade llokn anä tlls ubflot ok Oarttsrbur^, wie Bürger sich damals überhaupt viel mit englischen Schriftstellern und Dichtern beschäftigte. Hauptsächlich übersetzte er auch die Hexen-Scenen im Macbeth, welchen Schröder damals in Hannover auf die Bühne bringen wollte. Nebenbei verdeutschte er auch die JltaS von Homer, schrieb in das Göttingische Musen-Almanach, dessen Herausgabe er eine Zeit lang übernahm, gab auch die erste Sammlung seiner Gedichte heraus, kurz, er war fleißig, war auf den besten Wegen, ganz solid zu werden, als auf einmal wieder ein großer Rückschlag eintrat, und zwar nach dem alten Recept: oü eot 1» lamme? ein Recept, das sich Bürger selbst verschrieb zu seinem Unheil, und zwar nicht ein Mal, sondern mehrere Male. Diese seine drei Ehen mögen kurz hier Erwähnung finden, wenn wir auch der Zeit uach und feinem Wirken nach etwas vorgreifen. Im Herbste 1774 verheiratete er sich mit der ältesten Tochter des Justizamtmanns Leonhard zu Niedek. Nach seinem eigenen Geständnisse liebte er aber schon vorher deren jüngere Schwester Mollh, die er in allen möglichen und unmöglichen Tonarten besang, und die seine Liebe leider erwiderte. Diese sündhafte Leidenschaft wurde stets ungestümer, und es entstand ein jeder Sitte in das Gesicht schlagendes Verhältniß, das alle drei Betheiligte ungemein unglücklich machte. Der Schwiegervater starb, materielle Sorgen traten zu andern geistigen, er wurde verleumderischer Weise angeklagt (hierüber noch einiges später!), sein Amt gewissenlos verwaltet zu haben, durch die Untersuchung wurde er zwar freigesprochen, aber der Mann war so tief gekränkt, daß er glaubte, abdanken zu müssen. Das Brod fehlte oft zu Hause, seine Frau starb, er heirathete seine Molly, das Glück, das langersehnte, kam nicht mit Molly, denn der Weg in die neue Ehe war mit Verfehlungen gepflastert, Molly starb bald, uud durch eine dritte Ehe wurde das Unglück für Bürger vollends perfekt. Eine Schwäbin, Elise Hahn, von seinen Dichtungen begeistert, erklärte ihm in eigenen Gedichten ihre volle Liebe und bot ihm ihre Hand an. Mit Rücksicht auf seine Kinder nahm er die dargebotene Hand an — die Hand einer eitlen, genußsüchtigen und untreuen Frau, und gequält von Nahrungssorgen, einsam, elend und krank an Körper, Geist und Gemüth, ließ er sich nach kurzem Zusammenleben von dieser seiner dritten und letzten Frau scheiden. Für Bürger war die Zahl „drei" also eine bedeutende Unglückszahl, am Unglück trug aber er selbst auch die Hauptschuld. Oü ssb 1a kemms? 203 War Kaspar Häuser ein Betrüger? «SS Am 17. Dezember v. Js. waren es volle sechs Dezennien, daß Kaspar Häuser im jugendlichen Alter von 21 Jahren zu Ansbach aus dem Leben schied, nachdem er — wie er auf dem Sterbebette in drei, nur durch Schwächeanfälle unterbrochenen, gerichtlichen Vernehmungen betheuerte — durch einen fremden Mann die Todeswunde empfangen hatte. Wie die Sektion ergab, war der Stoß mit einem scharfen zweischneidigen Instrumente so kräftig gegen die Brust geführt worden, daß nicht nur die dichte Kleidung, welche Kaspar Häuser wegen der Winterskälte trug (ein wattirter Rock, eine Weste, ein flanellenes Leibchen, ein Hemd), durchbohrt wurde, sondern auch eine vier Zoll tiefe Wunde entstand, welche Herz, Zwerchfell, Leber und Magenwand pene- trirte. Und merkwürdig! wie zum Beweise eines plötzlichen heftigen Schreckens wurde der Körper gleich nach der Verwundung von Gelbsucht befallen. Dennoch stehen neuere Hauserforscher, wie Dr. Julius Meyer (z. Z. Oberlandesgerichtsrath in Ansbach), Herausgeber der „Authentischen Mittheilungen über Kaspar Häuser" (Ansbach 1872), und AntoniuS von der Linde (z. Z. Oberbibliothekar in Wiesbaden), Verfasser eines dickleibigen, im Stil des Hammelburger Reifenden geschriebenen Werkes „Kaspar Häuser, eine neugeschichtliche Legende" (2 Bde. Wiesbaden 1887), nicht an, von einem „unfreiwilligen Selbstmord" zu sprechen und so die Möglichkeit offen zu lassen, als habe sich Kaspar Häuser nur leicht verwunden wollen, um die bei einzelnen aufgetauchten Zweifel an der Wahrheit seiner Angaben durch ein entscheidendes Unternehmen niederzuschlagen. Ist es doch für beide ausgemacht, daß Kaspar Häuser von Anfang an ein Betrüger war. Freilich übersehen sie dabei, daß uns die Persönlichkeit des jungen Mannes in diesem Falle nur noch räthselhafter wird. Denn um seine Behauptung einer langjährigen Einkerkerung glaublich zu machen, hatte sich Kaspar Häuser das Aussehen eines durchaus verwahrlosten, physisch und geistig zurückgebliebenen Menschen gegeben und diese Rolle bis an sein Lebensende mit großem Geschick durchgeführt. Er hatte sich derart abgehärtet, daß er lange Zeit nur von Wasser und Brod lebte und zeitlebens allen geistigen Getränken entsagte. Er hatte feine Augen so an die Dunkelheit gewöhnt, daß er im Halbdunkel einem Naubthier gleich Gegenstände und Farben auf größere Entfernungen hin noch deutlich zu unterscheiden vermochte und das Tageslicht ihn schmerzte. Er hatte sich wie ein Clown von Jugend auf geübt, die Beine gestreckt zu halten, so daß die Kniescheibe sich einsenkte und man kein Kartenblatt unter die Kniebeuge hätte einschicken können, und alles dies hatte er gethan, um schließlich — Copist an einem Gericht zu werden(l), Jahre lang keinen Schritt aus dem Hause zu thun, ohne sich von Polizisten begleitet und überwacht zu sehen (Wie angenehm für einen Betrüger!), und sich zwei Jahre hindurch geduldig der unfreundlichen Behandlung eines pedantischen Lehrers zu unterwerfen, der in ihm nicht, wie andere Leute, ein Wunderkind sehen wollte, sondern ihm noch auf dem Sterbebette zu verstehen gab, daß er ihn für einen Simulant halte. Wie? Ein Meister in der Verstellungskunst, wie Kaspar Häuser, sollte von derselben keinen besseren Gebrauch zu machen gewußt haben und zuletzt aus verletztem Ehrgeiz (I) eine schmerzliche Todesart gewählt haben, statt sich durch die Flucht aus Ansbach einer ihm unerträglich gewordenen Zwangslage zu entziehen und sein Spiel anderswo mit besserem Erfolge zn wiederholen? Gewiß eine seltsame Annahme, die wenig Wahrscheinlichkeit hat. Noch mehr aber müssen wir in unserem Glauben an die Hypothese jener beiden Männer irre werden, wenn wir bei genauerer Prüfung wahrnehmen, daß ihre Methode, Zeugnisse über Kaspar Häuser zu verwerthen, eine ganz verkehrte ist, und daß sie selbst das Opfer einer Mystifikation geworden sind. Um dieses zu erweisen, erscheint es nöthig, auf das erhaltene Quellenmaterial näher einzugehen. Von großer Wichtigkeit für die Entscheidung der Frage, ob Kaspar Häuser ein Betrüger war oder nicht, dürften die Protokolle jener Zeugenvernehmungen sein, welche der Stadtmagistrat von Nürnberg in seiner Eigenschaft als Ortspolizeibehörde unmittelbar nach dem ersten Auftauchen des Kaspar Häuser anstellte. Leider sind dieselben aber seit Jahrzehnten verschollen und niemals bekannt geworden. Nach einer Vermuthung von der Linde's (I. S. 19 A.) wurden sie, nachdem sie zweimal von Nürnberg nach Ansbach gewandert waren, unter anderen Akten („den in der Stadt Nürnberg aufgegriffenen Findling, angeblich Kaspar Häuser, und dessen Ermordung betreffend" 1828 —1833) dem kgl. Justizministerium in München auf Verlangen ausgeliefert und von diesem am 2. August 1836 an das Staatsministerium des kgl. Hauses und des Aeußeren abgegeben. Dennoch hat sich bis heute weder im kgl. allg. Neichsarchiv noch im geheimen Staatsarchiv eine Spur davon vorgefunden. Das Aktcnmaterial, welches Dr. Julius Meyer in seinen authentischen Mittheilungen zu publiziren in der Lage war, beschränkt sich daher, abgesehen von einer Bekanntmachung des Stadtmagistrats von Nürnberg vom 7. Juli 1828 „Einen in widerrechtlicher Gefangennahme aufgezogenen und gänzlich verwahrlosten, dann aber ausgesetzten jungen Menschen betr." (mit Beilagen, welche ein Signalement Kaspar Hausers, eine Beschreibung des von ihm mitgebrachten, an Rittmeister von Wessenig adressirten Briefes nach Inhalt und Form, endlich ein Verzeichnis; der Gegenstände, die man bei ihm fand, enthalten) und einigen ärztlichen Gutachten w., auf: 1) die Protokolle jener Verhöre, die nach der ersten Verwundung des Kaspar Häuser (am 17. Okt. 1829) vom kgl. Kreis- und Stadtgericht in Nürnberg vorgenommen wurden, wobei nicht nur Kaspar Häuser selbst über seine Vorgeschichte auf's Neue befragt, sondern auch jene Zeugen, welche bereits im Jahre 1828 vernommen worden waren, unter Hinweis auf ihren geleisteten Eid aufgefordert wurden, zu bekennen, ob sie bei ihren früheren Aussagen, die man ihnen vorlas, beharren wollten und diesen nichts hinzuzufügen hätten; 2) die Protokolle jener Verhöre, welche nach dem Tode des Kaspar Häuser im April und Mai 1834 auf Requisition des Kreis- und Stadtgerichts in Ansbach, das die Untersuchung wegen Mords eingeleitet hatte, mit denselben Zeugen, soweit sie noch lebten, angestellt wurden. Diese letzteren stimmen nun allerdings mit den unter Nr. 1 genannten nicht in allen Einzelheiten überein. Dies erklärt sich aber daraus, daß inzwischen mehr als vier Jahre verflossen waren, in welchen einerseits manches wahre Detail aus der Erinnerung der Zeugen geschwunden, andrerseits manches Irrige aus dem Tagesgespräch und aus den zahlreichen Schriften, die über Kaspar Häuser seitdem erschienen waren, aufgegriffen worden war und so an die Stelle der früheren lebhaften Eindrücke trat. Es ist daher auf diese Abweichungen durchaus kein Werth zu legen; völlig kritiklos aber wäre es, den Protokollen von 1834 den Vorzug vor denen des Jahres 1829 einzuräumen. Einige Proben mögen dies erläutern. Während der Zeuge Schuhmachermeister Georg Leon- hard Wcickmann am 4. Nov. 1829 angab, daß Kaspar Häuser, als er ihn zuerst erblickte, „vom Bärleinhuterberg herunter wackelte" (vgl. auch die Verhöre des Joh. Matih. Merk, Bedienten bei Rittmeister von Wessenig, vom 20. Dez. 1829 und 5. Mai 1834 und des gen. Rittmeisters selbst, vom 2. Nov. 1829 und 29. April 1834 u. a. m.), behauptet er am 5. Mai 1834, er habe Kaspar Häuser zu Pfingsten 26. Mai 1828 den ziemlich steilen Bärleinhuterberg guten Schrittes herunterkommen sehen; desgleichen der Schuhmachermeister Jak. Leck, der bei Weickmann gestanden hatte: „Da sahen wir nun den Kaspar Häuser mit starken Schritten den Bärleinhuterberg herunterkommen "(I). Ein ähnlicher Widerspruch findet üch in den Angaben des Bedienten Joh. M. Merk. Während er am 20. Dez. 1829 versicherte, er habe auS Kaspar Häuser nichts herausbringen können, als die stereotype Antwort „des woas i net", wußte er am 5. Mai 1834 zu berichten: „ferner sprach er (Kaspar Häuser), daß er Tag und Nacht reisen mußte, dann daß er getragen worden wäre, wenn er nicht mehr gehen konnte, daß er schreiben und lesen gelernt habe und daß er alle Tage über die Gränze in eine Schule gmg"(l). Was sollen wir nun dazu sagen, daß sowohl Meyer (A. M. S. 110 A. „Merk bekundet ferner die höchst bedeutsamen Thatsachen" rc.) als A. v. d. Linde (I, 3, 9, 20) von diesen späteren Angaben für ihre Hypothese ausgiebigen Gebrauch machen! Noch schlimmer ist ein anderes Versehen! Wahrend der Drucklegung seiner Authentischen Mittheilungen erhielt Dr. Julius Meyer durch den Dom- kapitular Pflaum in Bamberg ein Manuscript des im Jahre 1862 verstorbenen k. b. Gendarmeriemajors Jos. Hickel, welcher am 27. Okt. 1829 der UntersuchungS- commission zum Behufe der Anstellung von Recherchen in Sachen Kaspar Hausers beigegeben worden war und diesen in seinen letzten Lebensjahren zu überwachen hatte. Dasselbe gibt in 63 Briefen an einen ungenannten Freund, welche angeblich in der Zeit vom 2. Juni 1828 bis 19. Mai 1834 geschrieben sind, „eine vollständige gedrängte Geschichte des Hauser'schen Falles", wie der Herausgeber Du. Julius Meyer sagt (A. M. S. 504; Caspar Häuser, Hinterlassenes Manuscript von Jos. Hickel, Ansbach 1881 S. IV). Aber schon Georg Friedrich Kolb wies in seiner Schrift „Kaspar Häuser" Ncgensburg 1883 S. 63 f. nach, daß diese Korrespondenz von Anfang bis zu Ende erdichtet ist. Kein einziger der erwähnten Briefe ist nämlich wirklich an dem Tage, dessen Datum er trügt, entstanden, das ganze Machwerk vielmehr erst im Jahre 1858, also 25 Jahre nach dem Tode des Kaspar Häuser, in der bestimmten Absicht, Kaspar Häuser als Betrüger hinzustellen, begonnen, und zwar gibt sich Hickel darin den Anschein, als habe er von vorneherein an der Wahrheit der Aussagen des Kaspar Häuser gezweifelt, während aus den Briefen des Grafen von Stanhope gerade das Gegentheil hervorgeht (s. unten). Wie keck diese Fälschung gemacht ist, mag ein Blick auf Brief 11 erweisen, dem I. Meyer das Datum März 1829 gegeben hat, obwohl darin von einem Schreiben vom 2. April l. Js. die Rede ist. Ungefähr in der Mitte dieses Briefes heißt es: „Deinem Wunsche gemäß theile ich Dir eine Probe seines Stiles mit, die er am 2. April l. Js. niederschrieb." In Wahrheit aber hat Hickel diese Probe ebenso wie das am Schlüsse angereihte Gedicht aus Professor G. Fr. Daumers „Mittheilungen über Kaspar Häuser", welche erst im Jahre 1832 zu Nürnberg in Druck erschienen, entnommen (s. Heft II S. 29; Heft I S. 45). Vollends die dem Briefe beigelegte Lebensbeschreibung Kaspar Hausers wurde in diesem Umfange erst im Jahre 1839 durch die Gräfin W. C. v. Albersdorf veröffentlicht und durch Hickel aus ihrem Buche über Kaspar Häuser I. Bd. S. 58 f. abgeschrieben. Weder Meyer noch v. d. Linde haben mithin durch die Benützung dieses Romanes ihrer Sache einen Dienst erwiesen, geschweige denn die Kaspar Hauser-Controverse durch ihre Publikationen zum Abschluß gebracht. Vielmehr sind wir auch heute noch auf die Aussagen der Zeitgenossen angewiesen, welche Kaspar Häuser nicht, wie wir Epigonen, nur aus Akten und Büchern, sondern von Angesicht kannten. Eine Uebersicht dieser Zeugnisse ergibt aber: 1) daß von allen jenen Männern, welche mit Kaspar Häuser längere Zeit hindurch verkehrten und, sei es von Amtswcgen, sei es aus persönlicher Theilnahme, mit ihm in engere Berührung traten, kaum 2 oder 3 an der Wahrheit der Erzählung Kaspar Hausers von seiner widerrechtlichen Gefangenhaltung zweifelten; 2) daß diejenigen unter ihnen, welche daran zweifelten, durch ganz unzureichende Motive hiezu bestimmt wurden. Wir wollen nun diese Männer im Folgenden näher betrachten. (Forts, folgt.) Die Todesanmeldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebtet der Natur". Von k. F.. 0. 8. §r. Die jetzigen Zeitläufte charakterisirt mehr oder minder der Zug, alles Uebernatürliche zu negiren. Thatsachen, auS denen man sicher auf das geistige Wesen des Menschen schließen könnte, behandelt man mit der nämlichen Gleich- giltigkeit und vornehmen Ueberlegenheit, wie man jetzt die Märchen der Jugendzeit betrachtet. Da erinnert es denn fast etwas an das „finstere Mittelalter mit seinem Aberglauben", wenn man den geneigten Lesern von „Geistergeschichten" — läßt ja doch der Titel schon derlei vermuthen — berichten will. Thatsächlich werden auch die „Todesanmeldungen" von den Anhängern des modernen Stoffglaubens als Hirngespinste abergläubischer Menschen gar gerne mitleidig belächelt und ohne weitere Untersuchung bei Seite geschoben. Diesem leichtfertigen Urtheil gegenüber sollen in den folgenden Zeilen die einschlägigen Thatsachen des näheren zur Unterhaltung und Belehrung besprochen worden. Unter Todesanmeldungen versteht man gemeiniglich die Thatsache, daß sich nicht selten sterbende Menschen bei lieben Verwandten oder trauten Freunden, welche meist keine Kenntniß von einer Krankheit, geschweige Todesgefahr der betreffenden Personen hatten, in dem Augenblick des Hinscheidens auf verschiedene Weise bemerkbar machen. Bald vernimmt man ein auffallendes Geräusch, bald ein geheimnißvolles Klopfen an Thüre oder Fenster; mitunter zeigt sich der Sterbende selbst jenen fernen Angehörigen, oder letztere vernehmen plötzlich dessen Stimme; in manchen Fällen bricht auch über die von einem Trauerfall betroffene Person eine unerklärliche, tiefe Niedergeschlagenheit und Traurigkeit herein, um ebenso mit einem Male wieder zu verschwinden. Wie steht es nun mit der Thatsüchlichkeit derartiger Vorkommnisse? Anmeldung sterbender Menschen! Welche Thorheit, als gebildeter, vernünftiger Mensch noch an solche Ammenmärchen zu glauben! Durch diese und ähnliche Kraftsprüche wähnen die Apostel des modernen Naturcultus die Todesanmeldungen aus der Welt geschafft zu haben. Unsere Todesmeldungen sind aber leider nicht bloße, schöne Spukgeschichten, die der Phantasie irgend eines witzigen Menschen entstammen und die man sich zum Zeitvertreib an langen Winterabenden erzählt, sondern gut verbürgte Thatsachen; hiefür aus beinahe unzähligen Beispielen nur einige! Allerdings muß hier vorerst den Gegnern zugestanden werden, daß auch auf diesem Gebiete des Unerklärlichen und Wunderbaren absichtliche Lüge und Betrügerei nicht selten ihr schädliches und schändliches Unwesen treiben. Aber wäre eS nicht doch gewagt, alle Mittheilungen derartiger Begebenheiten ohne weiteres mit dem Stempel des Betruges zu brandmarken? Auch für die Täuschung des Menschen selbst ist hier gewiß ein weiter Spielraum, indem man gerne ohne Prüfung an Außerordentliches dachte; aber alle derartigen Vorkommnisse schlechthin als Täuschung zu betrachten, kann den denkenden Geist des Menschen nicht befriedigen. Wir werden darum gerade solche Todesanmeldungen anführen, welche uns von wissenschaftlich gebildeten, ja selbst glaubenslosen Männern berichtet werden. Leuten gegenüber, welche vielleicht auch noch solche Zeugnisse bemängeln, sei das treffende Wort des gelehrten Astronomen Challis erwähnt: „Die Zeugnisse hierüber sind so zahlreich und übereinstimmend, daß die Thatsachen entweder so, wie sie berichtet sind, zugestanden oder die Möglichkeit, Thatsachen überhaupt durch menschliches Zeugniß zu erhärten, aufgegeben werden muß." -s- Der ebenso gelehrte wie fromme Kardinal Ba- ronius (1° 1607) hat uns einen der merkwürdigsten Fälle von Todesmeldungen überliefert, merkwürdig vor allem deßhalb, weil die betheiligten Personen berühmte Gelehrte waren. Michael Merkato hatte mit seinem Freunde Marstlius Ficinus die Verabredung getroffen, daß derjenige, welcher von ihnen zuerst sterben würde, deni überlebenden womöglich erscheinen solle. Auf diese Weise wollten sie dem Anscheine nach erproben, „ob es nach dieser Welt, deren Dinge sie für eitel Schein erklärten, noch etwas gebe." Eines Morgens sitzt Merkato fern von seinem Freunde — Ficinus war bereits längere Zeit nach einer anderen Stadt gezogen — mit Studium beschäftigt an seinem Schreibpulte. Da hört er plötzlich einen Reiter vorbeisprengen, der ihm unter dem Fenster zurief: „Michael, diese Dinge sind kein Schein, sie sind wahr!" Merkato glaubt genau die Stimme seines Freundes erkannt zu haben, eilt an das Fenster und sieht nur noch, wie Ficinus, weiß gekleidet, auf einem weißen Pferde sitzend, um eine Straßenecke einbiegt. In der nämlichen Stunde, so stellte es sich später heraus, war Ficinus zu Florenz gestorben.*) -j- Nicht minder auffallend ist eine Begebenheit, *) Die Beispiele, mit -j- gezeichnet, Neuerer Geisterglaube" bearbeitet. sind nach „Dr. Schneit welche uns der Dichter Wieland (-j- 1813) berichtet. Wieland wurde wegen seiner Glaubenslosigkeit und Frivolität nicht mit Unrecht „der deutsche Voltaire" genannt; er dürfte also wohl ein unverdächtiger Zeuge für Ueber- sinnliches sein! Eine fromme protestantische Dame wohnte mit ihrer Familie auf dem Landguts eines Benediktiner- stiftes; ein Priester besagten Klosters war Hausfreund der Familie. Nach längerer Zeit wurde dieser Ordensmann nach Bellinzona versetzt, um dort höhere Mathematik zu lehren. Im Lause der Jahre erkrankte die Dame, ohne daß jedoch die Krankheit gefährlich schien. Einmal um Mitternacht erhob sich die Kranke etwas von ihrem Lager und sprach zu ihrer Tochter, welche am Bette wachte: „Nun ist es Zeit, daß ich gehe und von dem Pater —> sie meinte jenen Hausfreund — Abschied nehme." Daraufhin wandte sie sich von der Tochter ab und schien ein wenig eingeschlafen zu sein. Nach einer Weile erwachte sie wieder, richtete noch einige Worte an ihr Kind und verschied. Zur selben späten Stunde, wie sich nachher ergab, saß der ermähnte Ordensmann zu Bellinzona an seinem Studiertische, mit der Lösung einer mathematischen Aufgabe eifrig beschäftigt. Eine Erkrankung jener Dame war ihm nicht bekannt, er dachte auch nicht an sie. Mit einem Male hörte er einen heftigen Knall, gleich als wäre der Schallboden des Pandora, welches neben ihm an der Wand hing, gesprungen. Erschrocken ficht der Pater um und erblickt mit einem Erstaunen, das ihn starr macht, eine weiße, jener Dame vollkommen gleiche Gestalt, die ihn freundlich-ernst anblickt und dann sofort verschwindet. -Z- Ein ebenso glaubwürdiger Zeuge wie Wieland dürfte in Sachen des Ueberstnnlichen Arthur Schopenhauer, der Weltschmerz-Philosoph, sein. Auch er schreibt über eine Todesanmeldung also: „ .... Als ein ganz neuer Fall dieser Art mag hier Folgendes stehen: Vor kurzem starb hier in Frankfurt im jüdischen Hospital bei Nacht eine kranke Dienstmagd. Am folgenden Morgen in aller Frühe trafen ihre Schwester und ihre Nichte, welche mehrere Stunden entfernt wohnten, hier ein, um nach ihr zu fragen, weil die Verstorbene, wie sie erklärten, ihnen in der Nacht erschienen sei. Der Hospital- Aufseher, auf dessen Bericht diese Thatsache beruht, versichert, daß solche Fälle öfters vorkommen." Hier haben wir den Fall, daß zwei verschiedenen Personen dieselbe Meldung zutheil wurde. Auch im Leben des hl. Aloisius findet sich eine solche Thatsache von glaubwürdigen Männern berichtet. Ein Priester der Gesellschaft Jesu lag in dem nämlichen Ordcnshause wie der englische Jüngling zum Tode krank darnieder. In einer Nacht zeigte sich urplötzlich der sterbende Pater sogar zweimal nacheinander dem heiligen Aloisius und flehte ihn um seine Fürbitte an, da er jetzt vor Gottes strengem Gerichte erscheinen müsse. Als des Morgens der Krankenwärter zu Aloisius kam, theilte ihm dieser die Erscheinungen mit, worauf der Wärter versicherte, genau zu jener Zeit sei der Pater mit Tod abgegangen. An letzter Stelle seien noch zwei Begebenheiten erwähnt, welche der allernenesten Zeit angehören und dem Schreiber dieses von den betheiligten Personen selbst mitgetheilt wurden. In den Blüthejahren des Lebens lag in einem Kloster der altchrwürdigen Bischofsstadt W. eine Nonne am Sterben. Der Bruder dieser Jungfrau lebte als Ordensgeistlicher im fernen M., wußte wohl von einer Erkrankung der Schwester, befürchtete aber nicht 206 im geringsten eine Todesgefahr. An einem freundlichen Sommertage des Jahres 188 . befand er sich mit mehreren anderen Geistlichen im Musiksaale des Hauses, als mit einem Male ein Schlag wie gegen ein Fenster erdröhnte. Die Anwesenden untersuchen sämmtliche Fenster, finden sie geschlossen und unversehrt. Nach wenigen Minuten — der nämliche heftige Schlag, ohne daß die Fenster, welche zudem von außen unzugänglich sind, irgendwie verletzt wären. In den nächsten Tagen kam in M. die Trauerbotschaft an, daß die Jungfrau R. am selben Tage, wo man jene Schläge vernahm, und zur selben Stunde verschied. In diesem Falle hörten sämmtliche Anwesende die Todesmeldung, während meist nur die davon speziell getroffene Person die Meldung wahrnimmt. Das zweite Beispiel betrifft eine angesehene Bürgersfamilie in dem Markte V. in Bayern. Fern der trauten Heimath stand eine Tochter in der Hauptstadt im Dienste, welche von der Herrschaft eines Tages zu einer Bestellung in ein Geschäft geschickt wurde. Auf der Rückkehr zur Herrschaft sieht das Mädchen mit einem Male wenige Schritte vor sich seinen Vater, wie er leibte und lebte. Uebcrrascht, daß der bereits betagte Vater in der so fernen Stadt sich befinde, ohne daß man ihr Nachricht hievon gegeben, will die Jungfrau der lieben Gestalt nacheilen. Eben meint sie den Vater erreicht zu haben, als plötzlich derselbe ihren Augen wieder entrückt ist. Unklar mit sich selbst kommt sie zur Herrschaft zurück, um nur zu bald zu erfahren, daß der geliebte Vater genau in jener Stunde, da sie ihn zu M. sah, in V. aus dem Leben geschieden sei. (Fortsetzung folgt.) Religiöse Kunst im Glaspalast zu München. (Schluß.) Einem gemalten Triptychon gleich erscheint das auch durch den Nahmen dreigetheilte Bild von Walter Firle. In der mittlern, doppelt breiter» Darstellung sehen wir eine vortrefflich gezeichnete und gemalte Gruppe von knieenden Landleuten von schöner religiöser Haltung, aber in ganz moderner Auffassung, so vorne gleich einen Bauer mit der Sense auf dem Rücken; im Hintergründe die Mutter- gottes mit dem Kinde, im orientalischen Phantasiegewande, die in der Dämmerung des Halbdunkels nicht klar in die Erscheinung tritt, was wir, obwohl es künstlerisch ja berechtigt ist, wegen der Verwendbarkeit des Bildes in einer Kirche, weniger gern gesehen hätten. Das linksseitige Bild zeigt uns die jugendliche Madonna einsam in morgen- frischer Landschaft sitzend, den sehnsuchtsvoll andächtigen Blick zum Himmel gerichtet, eine mit hochpoetischer Empfindung aufgefaßte Juugfrauengestalt; während die rechtsseitige Darstellung die durch Leiden geprüfte und wie verklärte hohepriesterliche watsr äolorosa, vorführt, die hier das von erhabener Empfindung durchgeistigte Antlitz und die ausgebreiteten Arme zu dem mittlern der drei Kreuze auf Golgatha bei hereinbrechender Sternennacht emporrichtet. Dieses mit großem stimmungsvollen Ernste und mit poetischer Kraft des Ausdrucks ausgestattete, tiefreligiös empfundene Gemälde ist von ächt künstlerischem Gehalte. Es gehört zu jenen, welche, in der Nähe betrachtet, nicht verlieren, sondern an Eindruck gewinnen. Das Letztere kann man gerade nicht sagen von dem Bilde Nr. 994 von Spatz in Düsseldorf: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid". Wir sehen links unter einem Thorbogen eine Gruppe Männer und Frauen, von schwermüthigem düstern Ausdruck der Mienen und der Haltung, zusammengedrängt. Von dieser ziemlich weit abseits sitzt an der Wand auf einem Steine des hofartigen Raumes eine Gestalt, die, wie es scheint, den Heiland vorstellen soll. Er beugt sich tief zu einem weiblichen Wesen (Magdalena?) herab, die ihr Gesicht in seinem Schoße birgt, der er wohl tröstende und verzeihende Worte zuflüstert, während die Andern warten, bis auch sie, einer nach dem andern, an die Reihe kommen. Die schmutzig grauen Wände, die schmutzig graubraunen Gewänder und traurig düstern Physiognomien der Personen in dem sonnenlos düstern Raume sollen wohl ein melancholisch wirkendes Spiegelbild socialer Verhältnisse unserer Großstädte sein! Das große Bild von H. Breiten, Amsterdam, stellt den Gekreuzigten in schlanker, schön gezeichneter Gestalt, aber in der langweiligen Malerei der flüssig-glatt behandelten weißgelben Fleischfarbe des Körpers auf den halbdunkeln Stimmungsbildern des XVI. Jahrhunderts dar. Von der Hauptsache der Darstellung, dem Haupte des Gekreuzigten, kann man leider in dem das Dunkel des Bildes noch vertiefenden schattigen Raume nichts Deutliches erkennen. Kunz Meier in München zeigt uns den in einsamer Felsschlucht in Verzweiflung zusammengesunkenen Judas, dem aus einem Dorngebüsche die Erscheinung des Gekreuzigten entgegenschimmert. — Ob dem Maler der brennende Dornbusch vorgeschwebt hat? — Judas verhüllt sein Antlitz in beide Hände, so daß man sich fragt: hat er bereits die Erscheinung deS Gekreuzigten gesehen, oder stellt sie nur ein Spiegelbild feines bösen Gewissens dar? — Der Charakter der mit plastisch kräftigem Vortrage trefflich gemalten Landschaft harmonirt, sowohl was das Motiv als die packende tragische Stimmung betrifft, vorzüglich mit dem sich in ihr abspielenden historischen Vorgänge. Professor Karl Naupp's Bild schildert uns mit kräftigem Vortrage die Noth einer armen Schiffern: mit ihrem Töchterchen in den aufgeregten Wellen des sturm- bewegten Lnndsce's. Das Ruder ist der ermatteten Hand entfallen, Mutter und Kind liegen erschöpft auf dem Boden des Kahnes. Doch die Gestalt des Schutzengels erscheint sichtbar und Rettung verheißend den Hartbe- drüngten, und schon arbeitet sich aus der Ferne das Rettung bringende Boot durch Wind- und Wogendrang heran. In dem schmalen Ausstellungsräume kommt das mit starken Gegensätzen von Schalten- und Lichtparticn ausgestattete poesievolle Bild nicht zu seiner rechten Wirkung. Zum Schlüsse möge hier noch das malerisch und inhaltlich bedeutsame Gemälde von Ferdinand Vrütt (Düsseldorf) genannt werden. Ihm sind die Worte aus Psalm II beigegeben: „Warum toben die Heiden und die Leute reden so vergeblich." — Links im Hintergründe sehen wir die in Rauch und Flammen gehüllte Fabrikstadt. Ein unordentlicher Haufe aufgeregter Arbeiter, Männer und Weiber, flüchtet von der Brandstätte in den Vordergrund uns entgegen. Bestürzt vor der sich ihnen hier darbietenden Erscheinung hält er auf der Flucht inne. Auf einer kleinen Anhöhe rechts steht lichtum- flosscn in weißem Gewände Christus vor seinem Kreuze, die rechte Hand mit gebieterischer Bewegung erhoben. Einige, besonders Frauen, sind mit ängstlicher oder flehender Geberde in die Kniee gesunken. Andere blicken wie verstockt und zornig drein; gleich vorne greift Einer nach einem Steine, dem ein Anderer zu wehren scheint. 207 — In künstlerischer Hinsicht ist das Bild gewiß eine tüchtige Leistung. Ob aber die deutlich hervortretende Tendenz gerade in dem Kreise, aus dem die Staffage des Bildes genommen, eine erwünschte Wirkung erzielt, müssen wir dahingestellt sein lassen. Immerhin aber ist es auch eine Stimme des Nusenden in der Wüste. Es richtet sich wohl nicht so sehr speciell gegen die „Socialdemokratie" bezw. „Anarchie" als solche, als vielmehr nur formell gegen diese, als die reif werdende Frucht der ganzen verkehrten und unchristlichen, rationalistischliberal - manchesterlichen Richtung unserer Zeit, deren treibende Kräfte bewußt oder unbewußt auf ein geist- und gottloses heidnisches Chaos hindrängen. — Das Bild stellt inhaltlich einen Pendant dar zu jenem vor zwei Jahren aus Paris in den Glaspalast gekommenen, das zwar im kleinen Nahmen, aber mit ergreifender Kraft der Darstellung eine arme, doch innig liebende Gemeinde treuer Freunde des Heilandes darstellte, die den zu Tode gemarterten Menschenfreund in die Leinwand bettet. Einer ist aus dem Kreise in der Ueberwallung seines Gefühles hinausgetreten, es ist ein Arbeiter mit modernem Arbeitskittel angethan, der drohend die geballte Faust gegen das aus der Tiefe mit seinen Palästen und Schlössern abendlich herüberschimmernde Babel — die Verfolgerin und Mörderin der Propheten — erhebt. Wilhelm Trübner's Kreuzigung — Nr. 1062 — gleicht in seiner malerischen Behandlung einer manierirten Mischung altniederdeutscher-mnd neuschottischer Muster; sie zeigt in der ganzen Art der gespenstisch-dunkellicht- farbigen Stimmung einen gesuchten Affekt, den man zu leicht herausmerkt und dadurch verstimmt wird. Grönvold's gut gemalte „hl. Familie" wäre wohl so etwas von Ideal einer christlich gewordenen türkischen, aber selbst mit Zuhilfenahme der Heiligenscheine noch lange nicht „die hl. Familie von Nazareth"; die Unterschrift ersetzt nicht den Mangel des tiefern Gehaltes. Das unmuthige religiöse Genre „St. Nikolaus und das Christuskind", sowie die vornehm aufgefaßte Madonna mit dem ausdrucksvollen Christusknaben von Schustcr-Woldan in München machen dem strebsamen Künstler alle Ehre. Dagegen ist die, wenn auch mit feinem Pinsel gemalte Darstellung „Petrus an der Himmelspforte" eine mit raffinirtem Witz und mit künstlicher Naivität gegebene Jronifirung des Heiligen als Himmelspförtner, deren Pikanterie ja für manchen Beschauer interessant sein mag, aber aus demselben Grunde umsoweniger angebracht erscheint. Was die Vildhauerarbeiten betrifft, so sind uns bisher nur sechs mit religiösem Charakter aufgefallen, die Erwähnung verdienen. In der Mitte des Vestibules rechterseits steht ein Relief (Nr. 1401) von gutem klassischen Stil mit der Unterschrift: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid". Die Figuren gleichen in ihrer Profilstcllung, Zeichnung, Bewegung, ihrer verhältnißmäßig starken Größe und idealisieren Bildung jenen auf den antiken Sarkophagen. Christus, in der Mitte sitzend, eine sehr große, sonst vornehme Gestalt mit edelklassischen, aber etwas leeren Zügen, wendet sein Antlitz nach rechts zu einer Hilfe suchenden Gruppe: eine Mutter mit Kind, ein Lahmer, ein Blinder, gegen dessen Augen er seine heilende Hand ausstreckt, und ein Weib, das ihm ihre Kleinodien zu Füßen legt; während er dem Pharisäer den Rücken zukehrt, der auf diese anziehende Gruppe mit sprechender Haltung des Stolzes und verächtlicher Miene herabschaut. Beim Ausgange des Vestibules in den ersten Saal rechter Hand steht die ausgezeichnete, in diesen Blättern — Beilage Nr. 23 — bereits gewürdigte Altarretable des Bildhauers Georg Busch mit der „Madonna und den 16 musicirenden Chorknaben". In dem Saale daneben, gleich rechts unweit des Einganges, finden wir die ebenfalls in der Postzeitungs-Beilage kurz charakterisirte „Rosa rn^stioa." von Heinrich Waderä, ein wahres Juwel christlicher Kunst. (Dieses, wie das vorige Thonmodell werden durch die Jahresmappe der „Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst" vervielfältigt werden.) In demselben Saale hängt noch ein großer Cruci- fixus (Nr. 106) von H. Brausewetter (Berlin) von etwas derber aktmäßiger Körperbildung, das Antlitz des herabhängenden Hauptes von den nach vorne niederfallenden Locken tief beschattet, so daß man, um dessen wirksamen empfindungsvollen Ausdruck aufzufangen, sich dicht unter das Kreuz stellen muß. In der Ecke desselben „Sculpturensaales" macht noch Edmond Lefever's „St. Cäcilia", eine etwas genre- haft, lyrisch-stimmungsvoll gehaltene, schlanke und schöne Figur in einfach großfaltiger Gewandung, welche mit Blick und Fingerbewegung die erklingenden Töne ihres Instrumentes gleichsam zu verfolgen scheint, einen an» muthig ansprechenden Eindruck. Zu dem künstlerisch Besten der Ausstellung zählt unbestritten Ciariellos (Neapel) „Pieta": ein durchaus edel gebildeter, auf der Bahre ausgestreckter, schlanker, durch Leiden zwar etwas abgemagerter, in seiner Schönheit aber nicht beeinträchtigter Chrtstusleichnam, auf dessen mit einem Tuche bedeckte Kniee Magdalena ihr Haupt niedergelegt hat; eine von hoher Schönheit beseelte, ergreifende Cvmposition. Festing. Recensionen nnd Notizen. Die Nomanwelt, Zeitschrift für die erzählende Literatur aller Völker. I. Jhrz. 1. Band. Stuttgart, Cotta 1894. Es wird nicht leicht eine moderne Literatur, ob germanische, ob romanische, ob slavische gefunden werden, welche cS vermocht hat, gegen den „Realismus" sich auf die Dauer abzuschließen. Das Quellengebiet der vielgenannten Geistcs- strömung dürfen wir in England suchen (vgl. Beil. z. Allg. Ztg. 67, 70 (57, 59)); als „natürliche Schule" lenkte sie zum erstenmale die Aufmerksamkeit der abendländischen Welt auf das russische Schriftthum und bei unsern westlichen Nachbarn bahnte ihr den Weg Flaubert mit seiner „Madame Bovary". Aber überall dort durchliefen die Geister eine langjährige Schule und entwickelte sich der „Naturalismus" als ein organisches Stei- gcrungsprodukt aus dem „Realismus", nur zu uns Deutschen kam die neue Kunst zuletzt und erst, als sie bereits anfing zu entarten. Darum ist die „Echtheit" und die „Aufrichtigkeit" unserer Modernen vielfach nichts als Mache. Die einen sehen ihr künstlerisches Ideal in einer sklavischen Durchpausung der gemeinen Wirklichkeit, die anderen kehren als geistige Straßenfeger all den im Leben über weite Strecken hin verzettelten Unrat und Wust vor unseren Augen aus einen lieblichen Haufen zusammen. Alle Naturalisten aber begehen die ästhetische Sünde, Uebertreibung der Wirklichkeit, welche sie den Idealisten so schwer anrechnen, nur daß der Idealist nach dcS Lebens Höhen, der Naturalist nach dessen Tiefen ausschweift. Fast alle Naturalisten sind vom Wahne besangen, des ZaubcrstabcS der Phantasie und der Leuchte der Sittlichkeit zur Hebung eines echt künstlerischen und poetischen Schatzes entrathcn zu können; sie wenden die naturwissenschaftliche Betrachtung auf die Poesie an nnd leugnen demnach die Ethik. d. h. sittliche Ideale, Freiheit und Gewissen. Das Streben nach Naturwahrheit erstreckte sich auch auf die Form der Darstellung. Kein Mensch bedient sich im Gespräche langer Perioden und folgerichtig mußte der Realismus die Vernichtung all der schleppfüßigen i Satzungeheucr in seine Kriegsartikel aufnehmen. Allein die Naturalisten stürmten nach dieser Seite ebenfalls zu weit vor. Sie glaubten für die Verkündigung der Wahrheit praktisch zu wirken, wenn sie nur in kurzen Sätzen von höchstens einem Dutzend Worten reden oder gar sich bloß mit Interjektionen, Bunktcn und Gedankenstrichen, Frage- und AuSrufungszcichcn zur Mittheilung ihrer Empfindungen bescheiden würden. Manier warfen sie ihren Gegnern vor lind übersahen wiederum, dah sie mit ihrem neuen bizarren Stile den Vorwurf des Manicrirtcn auf ihr eigenes Haupt laden mußten. Ein platter Naturalismus, der Kraft mit Nohheit und Echtheit mit Schamlosigkeit verwechselt und so gerne daS Glcichgiltigste und Widrigste um seiner selbst willen in die grelle Beleuchtung des Vordergrundes rückt, wie ihn I. Stindc in seiner Parodie „DaS Torfmoor" karrikirt, ist nun nicht die in der „Romanweit" vertretene Kunstanschauung. Man kann die Zeitschrift, über deren Programm die „Beilage" vom 28. Dezbr. v. JS. Nr. 52 schon oricntirt hat, überhaupt nicht der Schablone nach unter irgend einem iömuS" einreihen. Denn soviel Autoren, soviel „Richtungen". Vorherrschend aber erscheint der psychologische Roman und die realistische Schule, vertreten durch Namen von gutem Klang. Der I. Band liegt jetzt vollendet da. Er enthalt abgeschlossen die Romane von H. Sudcrmaun „ES war", E- v. Wildcnbruch „Schwcstersccle" — ein Seiteustück zu einem anderen Romane WildcnbruchS, „Eifernde Liebe" —, Pierre Loti „Mein Bruder Meö" (übers.), I. Lemcntre „Die Könige" (übers.), in Fortsetzung F. Spielhagen „Stumme des Himmels" und W. W. Wcreschagin „Der Kriegscorrespondcnt" (übersetzt); daran reiht sich eine Fülle von Novellen und Feuilletons von L. Fulda, E. Hütten, E. Fließ, A. MoSz- kowSki, Potapcuko, G. Verga u. A. Die Werke von Supermann und Spielhagen dienen wohl am besten dazu, um den Unterschied zwischen neuer und alter Schule in Deutschland zu Tage treten zu lassen. Beide besitzen fein durchgeführte analytische Partien. Aber gerade über dem Romane Sudcr- mannS hat man bisweilen das Gefühl, als ob vor unseren Augen niit dem Messer in einer Wunde gebohrt würde, während er anderseits neben wirklich poetischen Stimmungsbildern, wie wir deren einige schon in der obeugcnaunten Anzeige hervorhoben, Stellen ausweist, die für die sittlich-strenge Auflistung des Dichters zeugen (n. A. die Einsicht von dein psychologischen Uugenügcn des öffentlichen (Protest.) Sündcn- bekcnntnistcs und dem menschlichen Bedürfniß der Ohrenbeichte), wenn auch im Allgemeinen der starke Einfluß des Philosophen F. Nietzsche, des Abgottes aller „Modernen", in der Ethik Sudermanns unverkennbar ist. Neben Sudermann steht Pierre Loti, der Liebling der Pariser Damen und Akademie. Ihm schließt sich an JuleS Lemcntre mit einem sozialpolitischen Staatsroman, bei dem dem Verfasser Begebnisse im österrcich. Kaiserhanse vorgeschwebt haben mögen. Ein Anhänger des modernen Telegrammstiles, sonst ein trefflicher Plauderer und realist. Beobachter ist E. Hütten, nur huldigt er bisweilen einem zu starken Impressionismus und Hang zu psychologischer Grübelei. Alles in allem: die „Romanwelt" ist wohl ein frappantes Spiegelbild der modernen Literatur,"-') aber geeignet nur für die Hände des „erwachsenen Mannes und der reisen Frau", wie dies der Prospekt seinerzeit auch ankündigte. Sie steht zwar nicht im Dienste einer Weltanschauung, in der nur das Häßliche und Rohe die ganze Wirklichkeit ausmacht. Allein manchmal wünschte unsereiner doch die alte Poctcnschnsucht nach der Sckön- heitSsülle der Natur und den edleren Regungen der Menschen- secle zu vernehmen und fallen einem unwillkürlich die Verse des schwedischen Skalden unserer Tage ein, des Grafen Karl SnoilSky („Die Wanderungen der Poesie"): „Wer traumlos lauscht in mitternächt'ger Stunde, Hört einen Laut und deutet ihn sich bang: Ein Grabscheit klingt, es nagt die Zeit am Grunde _ Der alten Welt, ver lassen vom Gesang." *) Wir hoffen, gelegentlich einmal die Leser der Beilage mit einem eigenen Artikel auf einen Streifzug durch die „jüngste" deutsche Dichtung führen zu können. Wer sich für diese Geistesgeschichte näher intcrcssirt, der greife zu dem trefflichen Buche von Fr. Kirchner, „Gründcutschland" (Wien und Leipzig, Kirchner und Schmidt. 1893. 8°. XIX. 216 S.). Außerdem kommen in Betracht die Studien von G. Brandes („DaS junge Deutschland", Menschen und Werke") und der leichte Aufsatz von F. Spielhagen im Juniheft von „Westermann's illustr. Monatsheften" S. 337—318: „Streifblicke auf daS moderne deutsche Drama" (d. b. Wiidenbruch, Fulda, Sudcr- maun, Hartlcbcn, Halbe, Hauptmann). Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Hagen Jo. G. (8. 7.), Synopsis der höheren Mathematik. I. Bd. Arithmetische und algebraische Analyse. 4". VIII -s- 393 S. Berlin, Fel. Dameö 1891. M. 3V. -> Die Pflege der mathematischen Wissenschaften ist seit Schall, Boscowich, DcchaleS, Tacquct, Schersfer, Schott, Horvath bis auf Caraffa, Foglini und viele Andere in neuerer Zeit ein Gebiet, das die Mitglieder der Gesellschaft Jesu stets mit Vorliebe und mit Ruhm bebaut haben; das gibt ja sogar der Ex- Jesuit Paul von HoenSbrocch zu, der doch sonst (in ungerechter Mißachtung, aber vielleicht in richtiger Würdigung seiner eigenen schwachen Leistungen) die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der neueren 8. ö.-Gelehrtcn in Bausch und Bogen als „Dutzendwaarc" zu bezeichnen wagt. Die ersten Anfänge oben genannten Werkes entstanden im Collegium Maria-Laach, bis die bekannten Ereignisse die Jesuiten aus der Stätte ihrer friedlichen und ernsten Geistesarbeit vertrieben und auch dein Hagen auferlegten, sein Werk im gastfreien Amerika weiter zu führen und hoffentlich bald zu vollenden. Es sind aber auch wirklich im höchsten Grade vaterlaudsgefährliche Dinge, die so ein Jesuit sich zu schreiben erdreistet! Da begreift man es freilich, wenn in Deutschland ihres Bleibens nicht sein kann! Oder ist cS nicht mindestens „grober Unfug", wenn da ?. Hagen im ersten Band seiner „SyuopsiS" gleich 12 Kapitel schreibt über die Theorie der Zahlen, der komplexen Größen, der Combinationen, der Reihen, der Produktreihcn und Fakultäten, der Kettenbrücke, der Differenzen und Summen, der Funktionen, der Determinanten, der Invarianten, der Substitutions- gruppcn und Gleichungen. Haarsträubend! Das sollte schon ein Freund des Reiches dem Bundesrath denunziren. k. Hagen ist gegenwärtig Direktor der Sternwarte des Georgetown-College in Washington, und das Widmnngsblatt seines Werkes trägt die Inschrift: »Limas doorAlopolitans aoaclemias primum sasenlnm tslioitsr transastnm pistats summa gratu- lavnr sigus novnm telieins ansxieanti all jnvenvnvew litdsris moribns iustrnsuäaw pro patrias bouo st relitzstouis gfloria. vpsm vsi 0. Ll. ex animo prseatnr anctor.- Leider ist nicht das ganze Werk in Latein geschrieben, wie es bei den meisten Mathematikern des nunmehr an 14,000 Schriftsteller zählenden Jesuitenordens Brauch war, sondern nur diese eine Widmung; das Buch ist vielmehr in deutscher Sprache abgefaßt, waS uns wundert, nachdem es seine Leser doch meist in Amerika finden wird; durch die Wahl des lateinischen Idioms würde eö beiden Hemisphären in gleicher Weise gerecht und, auf neutralem Boden stehend, schon die Möglichkeit kleinlicher nationaler Spracheifer- süchteleicn ausschließen. Ein Lehrbuch ist die „Synopsis" nicht, sondern ein Nachschlag-buch, eine Art von Encyclopädie, welche für Lehrer und Schüler eine sehr erwünschte Orientirung bietet. „Der Zweck des Werkes, sagt das Vorwort, ist eine Rundschau, eine Durchmusterung der höheren Mathematik. Einer Karte vergleichbar soll es ein Netz übersichtlicher Eintheilung ausspannen und auf demselben den vorhandenen Stoff bis zu einer angenommenen Vollständigkcitsgrenzc eintragen, damit der Studierende sich auf dem weiten vor ihm liegenden Felde zurccht finden könne." Dieser Plan hat in der That eine höchst anerkcnnenS- werthe Lösung gesunden; die Literatur ist bei jedem Abschnitt in reichhaltiger Weise angegeben und verwerthet, so daß der Leser mit Dank die wichtigsten Momente der Geschichte der Mathematik daraus entnehmen kaun; daß bei Ausarbeitung des Werkes einige sehr bedeutende Werke von Eulcr (Opusenla; Opsra xostlmma), Jacobi, Dirichelet, Caylcy nicht oder doch nicht vollständig zur Hand waren, bedauert gewiß Niemand mehr, als der Verfasser selbst. Die Ausstattung des Buches ist ganz vortrefflich, der Preis dürfte mäßiger sein; der zweite Band, welcher die analyiischc und synthetische Geometrie enthalten soll, ist unter der Presse, und war sein Erscheinen von der Verlagsbuchhandlung schon für Ende 1893 in AuSsicht gestellt, doch ist er uns noch nicht zugekommen. Möge Hagens „SyuopsiS" die verdiente Anerkennung finden und auch das thörichte Vor- urthcil gewisser Leute gegen alle Bücher, deren Verfasser mit 8. 3. gezeichnet sind, etwas zerstreuen. Wir freuen uns, daß es ein deutscher Jesuit ist, der dicö Werk zum Ruhm seines Vaterlandes und seines Ordens geschrieben hat; schließt ja doch der oberste Grundsatz der Gesellschaft Jcsn 0. L. Ä. v. Ö. jedweden anderen edlen Zweck in sich. Berichtigung. In Nr. 25 der Beilage ist im Artikel „Die Könige von Preußen rc." zu lesen: S. 197 Spalte 1 Zeile 11 Huben statt Huber» S. 193 Aum. 26 Meyer statt Schund, S. 193 Spalte 2 Abs. 2 ist nach gewesen" (Ansührungs- _ schlußze iche n) zu setzen! __ Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg,