! 1 , Z » ^1 28 . Mage zur Iiigskorger 12. Juli 1894. Ein neues Diözesanwerk. L. Eine historisch-topographische Beschreibung hat unsere Diözese Augsburg nach ihrem jetzigen Bestände schon durch den Benediktiner Placidus Braun im Jahre 1816 erfahren. Ihrer Anlage nach war sie in kurzem und knappem Nahmen gehalten. In den jüngsten De- zenien begann der sei. Dowprobst Steichele sein monumental angelegtes Werk, das durch den bischöfl. Archivar Dr. Schröder würdig fortgeführt wird. Aber dessen Vollendung wird wohl erst nach Ablauf einer Anzahl von Jahren zu erwarten sein, vorausgesetzt daß, wie wir herzlich wünschen, der jetzige Bearbeiter Herr Archivar vr. Schröder in ungehemmter Kraft so rüstig und freudig daran fortarbeiten kann, wie das bisher der Fall war. Es ist demnach begreiflich, daß der Klerus der Diözese sich nach einem Buche sehnte, das langgehegten Wünschen — wenn auch ohne Beigabe historischer Daten — entspreche; dieser Wunsch ist nun erfüllt worden durch die mit dem soeben erschienenen II. Band abgeschlossene „Pfründestatistik der Diözese Augsburg" des Herrn Pfarrers Jakob Hopp in Krumbach.*) Vor vier Jahren begann der Herr Autor seine umfangreichen Vorarbeiten und erholte sich von jedem einzelnen Pfründebesitzer die nöthigen Aufschlüsse. Schon um deßwillen darf die Redaction auf Authenticität Anspruch machen, wenn auch einige topographische und bauliche Angaben individuell ausgefallen sind. Wer da weiß, daß es schon schwer hält, von einigen hundert ähnlichen Stellen die Fragebogen ausgefüllt zu erhalten, wird umsomchr die unge- mein große Aufgabe zu schätzen wissen, daß von über 1200 Stellen die nöthigen Daten einzuholen waren, bei manchen war erst bet Drucklegung des betr. Bogens das nöthige Material zu erhalten, wodurch der Druck arg verzögert wurde, und dock ließ sich der Autor nicht abschrecken, trotz dieser sich thürmenden Hindernisse. Aber das sei anerkennend hervorgehoben, daß weit über drei Vierttheile des Klerus diesen Gedanken einer Pfründestatistik freudig begrüßten und mit Eifer und Geschick die nöthigen Aufschlüsse mit herzlicher Bereitwilligkeit zur Verfügung stellten. Wenn wir nun das Werk einer eingehenden Durchsicht unterwerfen, so waren für dessen Anlage anscheinend folgende Gesichtspunkte maßgebend: 1) Lage des Pfarrortes, seine Zugehörigkeit zum betr. Regierungsbezirk, Bezirksamt, Rentamt, Post- und Bahnstation, Seelenzahl, Patron (Verleihung), die zum Pfarrort gehörigen politischen Gemeinden, Zahl der Akatholiken. 2) Genauer Beschrieb der Kirche nach Bau und innerer Ausstattung und namentlich auch Akustik (für Prediger), deren Vermögen und Lasten (gestiftete Gottesdienste), Anlage und Entfernung des Gottesackers von der Pfarrkirche. 3) Pfründe-Einkommen, Pfründe-Vermögen und -Lasten, Widdum. 4) Beschrieb der Lage und baulichen Beschaffenheit des Pfarrhofes und der Annexgebäude, der Bequemlich*) Hopp I., Pfründestatistik der Diöcese Augsburg. Lex.-8°. I. Band. IV u. 372 Seiten mit 2 Tafeln. II. Band, IV. 403 u. 22 Seiten mit 1 Doppel-Tafel. Augsburg 1894. Liter. Institut von Dr. M. Huttlcr (Michael Seitz). Preis brosch. pro Band M. 7,-, eleg. gebd. M. 8,50. keiten oder, so man will, auch Unbequemlichkeiten, Baulast, Reluitioueu. 5) Beschrieb der Schulen und Lehrerzahl und der eingepfarrten Gemeinden und Filialen nebst deren Entfernung von der Mutterkirche, Kaptäne und deren Unterhalt, Klöster, Bruderschaften und kath. Vereine, sowie Entfernung der nächstangrenzeuden Pfarreien (Beicht- gelegenheit.) 6) Verkehrsverbältnisse (Post, Telegraph, Eisenbahnstation und Botengelegenheiten, Entfernung des nächsten Arztes vom Pfarrhof). Die bequemste und beste Pfarrei zu benennen, ist hier nicht der Platz, beqnem und höchst angenehm hat's sicher kein Pfarrer der großen, umfangreichen Diözese. Um aber auch den auswärtigen Lesern dieses Artikels nur einen Begriff zu geben, wie unbequem es manche Pfarrer (namentlich des Allgäu's) in ihren Holzkästen (— Pfarrhof) haben, mag der Beschrieb der Pfarrei Balder- fchwang dienen. „Balderschwang. Pfarrei, Kreis Schwaben, Bez.-A. Sonthofen, Rentamt Jmmenstadt, Post- und Bahnstation Oberstaufen; von da 7 — 8 Stunden über die Berge. Von der Bahnstation Blaichach aus 5 — 6 Stunden. Patron S. K. M., 70 Katholiken, im Sommer infolge der Alpenbewirthschaftung 300—500 Katholiken. Aber im Winter — ein bayerisches Sibirien. (Damit ist viel gesagt!) Kirche: z. hl. Antonius, kleines, aus Holz gebautes Landkirchlein; einige Schritte vom Pfarrhofe. Feste: Patrozinium ohne Aushilfe. Vermögen: M. 2636,57. Gestiftete Gottesdienste: 29 zu M. 24,08. Gottesacker: bei der Kirche. Pfründe-Einkommen: M. 827.03. Pfründe- Vermögen: M. 14582,84 mit M. 632,28 Zinserträgniß und M. 94,58 von der Gemeinde. Widdum: Gemüsegarten 0,04, Wiesen 20,27, Wald 1,50 — 21,81 Tagw., veranschlagt zu M. 84,43; zu verpachten. (Lasten: M. 22,83.) Pfarrhof: in schlecht baulichem Zustande, Neu bau in Aussicht, kleines Holzgebäude; 2 heizbare und 3 unheizbare Zimmer, Keller, Brunnen. Die Oekonomie- gebäude dem Pfarrhofe angebaut. Baulast: die Gemeinde. Schulen: 1 im Orte mit 1 Lehrer für die ganze Pfarrei. Filialen: Die Pfarrei besteht aus lauter Filialen, zerstreut im Balderschwangthale und an den dasselbe umgebenden Berghöhen, in einer Ausdehnung von 3 Stunden. 1. Au (30 Bit.), Weiler v. 6 Anwes. m. 29 Kathol. 2. Gschwend (15 Mt.), W. v. 5 A. mit 16 K. 3. Junghausen (1 St.), E. o. 1 A. m. 4 K. 4. Lappach (5 Mt.), E. v. 3 A. m. 9 K. 5. Lengen mit Schelpbach (1 St.), E. v. 2 A. m. 2 K. 6. Schlipfhalden (45 Mt.), W. v. 9 A. m. 27 K. 7. Scheine (4'/^ St.), Alphütte, E. v. 1 A. mit 9 K. 8. Schwabenhof (30 Mt.), E. v. 1 A. m. 2 K. 9. Wüldle (30 Mt.), W. v. 8 A. m. 26 K. Außer diesen sind noch einige Anwesen österreichischen Gebietes hier eingepfarrrt. — Die Pfarrei außer den österreichischen Anwesen bildet eine politische Gemeinde für sich. Pfarrort: Weiler v. 6 Anw. m. 29 Einw., in einem von hohen Bergen eingeschlossenen Thale, an der österr. Grenze, einsam gelegen und wegen dieser Einsam- keit und des lange (oft 8 Monate) dauernden Winters das bayerische Sibirien genannt. Verkehr sehr ungünstig, besonders im Winter. Grenzstation mit Wachpersonal und kgl. Forststelle. Nächster Arzt in Lingenau (österr., 4 Stunden). Nachbar Pfarreien: Hittisau (österr.) 3 St. südwestlich, Fischen 4*/z St. östlich und Maiselstcin 3 St. südöstlich. Wahrlich eine beschwerliche Station für einen Pfarrer, der ca. 3—4 Stunden weit marschiren muß, bis er wieder unter Amtsbrüdern weilen kann. 8 Monate Winter und 4 Monate dürftigen Sommer, das bezeichnet genug Leidensstationen für Seele und Leib. Und das ist im Allgäu nicht blos bei dieser einen Pfarrei der Fall. Gibt es doch Pfarreien, die zerstreut in den Alpen-Vorbergen 32 —70 Filialen — mit einem, höchstens 2 Priestern — haben! Hieraus ist ersichtlich, mit welch großer Mühe und Noth oft der Seelsorgskierus zu kämpfen hat, wie an seine Gesundheit und Kraft die höchsten Anforderungen gestellt werden. Manch einer, der zu Thal oder in der Ebene lebt (wo, wie der Volksmund sagt, eine Pfarrei der anderen „pfeifen" kann), hat keine Ahnung vom Ovferleben der Gcbirgspfarrer, die, lange Monate eingeschneit, lediglich auf sich selbst angewiesen sind! Ehre und Lob daher diesen „Gcbirgspfarrern", die im Sommer allerdings von Vielen beneidet werden, die man aber ganz getrost sich selbst überläßt, pocht der achtmonatliche Wintersturm an die Fensterladen der weitaus meisten „hölzernen" Pfarr-„BIockhänser". Wie erst, wenn infolge der Anstrengung den Körper des Pfarrherrn eine Krankheit durchwühlt! Drei bis vier Stunden ist der nächste Arzt zu treffen; wie lange dauert es, bis dieser zur Stelle ist! Wahrlich, hier erst bekommt man einen Begriff von Opfern und Entsagung! Dazu die geradezu bescheidenen Einkommcnsvcrhältnisse. Ein Taglöhner und Fabrikarbeiter in der Stadt stellt sich oft besser, als der Herr Pfarrer oder Kaplan im Gebirge. Rechnet man dazu, welche vielfachen Ansprüche an die Geistlichkeit von Seite mancher charitativen Vereine (und hierin geschieht — zum Ruhme der Augsbnrger Diözesangeistlichkeit sei es gesagt — gerade von Seite des Klerus ungcmein viel!) gemacht werden, so läßt das tiefblicken. Dazu kommt die sehr kostspielige Derproviantirung. Viele Geistliche des Flach- und Gebirgslandes sehen oft wochenlang kein Fleisch, und wenn im Sommer es ermöglicht wird, ein Stück Rindfleisch zu erhalten, so kommt es oft verdorben an. Das sind die Schattenseiten der abseits von den Eisenbahnen befindlichen Pfarrhöfe. Und dabei doch die frohe Genügsamkeit des Clerus, der vom 6. bis 24. Jahre die Schulbänke gedrückt hat. Schreibt doch so ein genügsamer Pfarrer in dieser Pfründestatistik, daß der Pfarrhof zwar hölzern, hoch gelegen und die Verbindung mit den Nachbarn sehr schlecht und die häufigen Winde sehr rauh seien, aber ein Schönes habe sein Pfarrhof doch, nämlich: die prächtige Aussicht auf die Gebirgskette, deren Anblick ihn über alles Erdhafte hinweg zu heben und alle Unbequemlichkeit vergessen zu lassen scheint. — Ganz individuell! — Welch eines Opfergeistcs ist doch der katholische Clerus fähig! — Um zum Werke selbst zurückzukehren, so ist dessen Eintheilung adäquat nach dem jährlich erscheinenden Schematismus eingerichtet. Jedem der 40 Kapitel geht eine kurze historisch-topographische Beschreibung mit Aufzählung der in jedem Kapitel beschriebenen Pfarreien und Scel- sorgsstellen vüraus. Der I. Band enthält nur ein alphabetisches Register über die darin enthaltenen Seelsorgsstellen, während der II. Band noch folgende Beilagen birgt: 1) Zusammenstellung der Klöster und Institute, 2) Emeriten-Benefizien (deren sind es 71), 3) Eehaltsverhültnisse der Pfarrpfründen, wobei zu bemerken, daß die Zahlen sich ohne Abzug der Lasten (die oft bedeutend sind) verstehen, . 4) Uebersicht der Seclenzahl der Pfarreien, 5) Patrone der Pfarrkirchen, 6) Verzeichnis der Patrone der Pfarrpfründen, 7) eine Gesammtnbersicht, 8) alphabetisches Ortsregister für den I. und II. Band, 9) Uebersicht der inserirenden Firmen, zusammengestellt nach kirchlichen Branchen. Die Ausstattung des Werkes ist sehr befriedigend; der klare, ticfschwarze Druck hebt sich vom schönen weißen und kräftigen (ganz holzfreien) Papier sehr gut ab, die 3 Tafeln (Porträt des hochwürdigsten Bischofs Pan- crntius, die Kathedrale und die St. Ulrichskirche) zeichnen sich durch saubere Ausführung aus, wie auch der hübsche Originalcinband aus der bekannten Buchbinderei und Prägeanstalt Karl Simon in Augsburg, mit dem goldgeprügten Bilde des hl. Ulrich im Vierpaß, alle Anerkennung verdient. Fassen wir unser Urtheil zusammen, so bekunden wir. daß hicmit ein monumentales Werk geschaffen wurde, würdig der großen Diöcese Augsburg, das auf Jahre hinaus dem Seelsorgklerus eine höchst wünschens- werthe Handhabe bietet und in allen Fragen der Pa- storirung die wünschenswerthen Auskünfte gibt. Dem Verfasser des Werkes sei herzinniger Dank gesagt, daß er dem Klerus einen so wichtigen Wegweiser und Rathgeber gegeben. Fortan hat kein Bewerber um eine Pfründe es nöthig, weite Reisen zur Besichtigung der „Erwählten" zu machen. Hopp's großes zweibändiges Werk ist ihm zuverlässiger Führer und Nathgeber. Von Jerusalem nach Beyrnth. Von l)r. Seb. Euringer. (Fortsetzung statt Schluß.) Zwei Tage darauf kam ich nach Cäsarea; hier hat der Hauptmann Cornelius gelebt und wurde vom hl. Petrus sammt seinem Hause als der erste der Heiden getauft, hier war der hl. Paulus zwei Jahre Gefangener und hielt eine seiner schönsten Reden voll Kraft und Energie; von hier schiffte er sich nach Nom ein; hier predigte der hl. Philipp. Zahlreiche Trümmer der alten Stadt sind vorhanden, namentlich die am Hafen sind sehr malerisch; ein Amphitheater läßt sich nachweisen; mein Führer hat mir eine alte griechische Inschrift gezeigt, die bis jetzt noch keiner vor mir gesehen hat; auf dem Rücken liegend habe ich sie abgeschrieben, denn sie bildet das Dach einer sehr niedern Vertiefung im Schutt. Jetzt ist Cäsarea eine Kolonie von Vosniaken, welche Oesterreich, einer christlichen Macht, nicht Unterthan sein wollten und daher als fanatische Mnhammedaner auswanderten und hier eine Kolonie gründeten. Sie handeln auch mit den Quadern der alten Ruinen. Von Cäsarea 219 an bis Beyruth und noch weiter sind fast alle vornehmeren ' Häuser aus alten Quadern der früheren Zeiten erbaut und schauen daher ganz mittelalterlich aus, wenn man die Bauart abrechnet. Es war ein langer, mühsamer Weg von Cäsarea bis Kaifa, d. h. zum Berg Karmel. Fast immer am Meere oder in der Nähe des Meeres, gab es oft viel Sand, zweimal mußte ein Fluß passirt werden. Natürlich, Brücken baut die Türkei keine, und so mußte man zu Pferde hinüber, was mit einiger Mühe gelingt. Am Abend grüßt uns von der Spitze des Karmel zwischen Kloster und Leuchtthurm die deutsche Fahne auf meinem Zelte. Mein Zelt ist an einem schönen Punkte, von meinem Tische aus sah ich den Golf von Akka. Das Kloster bietet außer dem Gnadenbilde und der Grotte des hl. Elias (habe auf beiden Altären celebrirt) nichts Besonderes. Es ist in italienischem Stil erbaut und nicht alt. Am Fuße des Berges liegt eine große, viereckige Kammer, in Felsen gehauen, mit einer rechteckigen Neben- kammer. Die Kammer ist sehr groß und führt nicht mit Unrecht den Namen Prophetenschule. Ich besuchte auch Kaifa, eine verhältnißmäßig junge Stadt, gegründet im vorigen Jahrhundert. Es ist dort eine protestantische Kolonie von Württembergern und Badensern, und auch der katholische Palästinaverein hat ein Hospiz daselbst. Ich besuchte den Direktor; er war nicht daheim. Die Klosterfrauen, die mich empfingen, sowie das Dienstpersonal hielten mich in meiner arabischen Kleidung für einen Juden aus Samaria. Am nächsten Tage wollte ich mir den Karmel näher ansehen. Um 6 Uhr celebrirte ich in der Eliasgrotte, wo der hl. Elias und Elisäus gelebt haben sollen. Dann kaufte ich Melissengeist und Skapuliere und Medaillen rc. und ging zu meinen Pferden. Ich hatte im Sinne, zu der Stelle zu reiten, wo der Prophet Elias Feuer vom Himmel herabgebetet hat auf sein Opfer und wo dann die Baalspricster von ihm geiödtet wurden und daraufhin der ersehnte Regen kam. Das Kloster steht am nordwestlichen Ende, gerade da, wo der Karmel auf drei Seiten vom Meere bespült wird, während die Opferstätte am südöstlichen Ende des Karmel liegt; ich mußte also den ganzen Karmel der Länge nach abreiten. Ich zog es vor, auf der Höhe zu bleiben, und fünf Stunden lang ritt ich durch lauter Grün und Blüthen. Wilde Birnbäume mit rothen Blüthen, Pinien mit ihren hübschen Zapfen, Johannisbrodbäume mit noch grünen Früchten, wilde Eichbäume und alle möglichen Blüthen und Farben, dazwischen der Blick bald auf die grüne Ebene Esdralon, bald auf das Bteer ließen mir die 5 Stunden auf Bergeshöhe kurz erscheinen. Der Ausläufer des Karmel, wo Elias einst die Baalspriester zu Schanden machte, ist von einem Kapellchen und einem unbewohnten Klösterchen der Karmeliten gekrönt. Im Schatten dieses Kapellchens nahm ich mein Mittagsmahl und Mittagsschläfchen ein. Nach Befriedigung dieser Lebensbedürfnisse schaute ich mir unbehindert von Hunger, Durst und Schlaf die Aussicht an. Gegen Osten und Nordosten lag zu unseren Füßen die gewaltige Ebene Esdralon, wo fast alle bedeutenden Schlachten, die über Wohl und Wehe von ganz Palästina entschieden, geschlagen wurden, von den ältesten Zeiten an bis in das Mittelalter. Der kleine Bach Kison, der so harmlos dem Meere zuplätschert, ist gar oft vom Blute der Gefallenen roth gefärbt worden; auch damals, als Elias über 400 Baalspriester tödtete. Jenseits der Ebene schaut ernst in den Formen des Vesuvs der Berg der Verklärung, der Tabor, herüber, auf dem Elias einst Zeugniß für die Gottheit Christi vor den erstaunten Jüngern ablegte. In dieser Richtung, durch Berge verhüllt, liegt Nazareth. Ich stieg in die Ebene Esdralon hinab, überschritt den Bach Kison, um nach 5—6 Stunden nach Schef Amar, wo bereits die Zelte standen, zu gelangen. Der Tagesritt von 10—11 Stunden war lange; man hatte mir in Karmel und Kaifa gesagt, von Muhaka (dem Opferplatze) bis Schef Amar seien es nur 2—3 Stunden, es waren aber doppelt soviel, und die letzten 2 Stunden mußten bei Dunkelheit zurückgelegt werden. In Schef Amar erwarteten mich bereits die beiden dortigen Missionspriester, sehr gemüthliche Franzosen. Am andern Tage, PfingstsamStag, hatte mein Dragoman das Fieber; ich schickte die Zelte nach Akka und schaute nach der hl. Messe unter Führung des Pfarrers die sehr schön ornamentirten alten Felsengräber an. Ich besuchte auch die Missionsschule und wurde ü 1a. Patriarch empfangen. Man erwartete nämlich den Patriarchen und hatte für ihn allerlei einstudiert, und ich hielt nun die Hauptprobe ab. Der Lehrer überreichte mir in Goldschrift den arabischen Text des Willkomms und deS Liedes, welche für den Patriarchen bestimmt waren, aber auch für mich galten. Ich durfte den Text behalten, den ich natürlich konoris ouusa, entsprechend bezahlen mußte. (Schluß folgt.) War Kaspar Häuser ein Betrüger? (Schluß.) II. Zeugen gegen Kaspar Häuser, rrrs 15) Philipp Heinrich, Graf von Stanhope, lernte Kaspar Häuser zuerst am 29. Mai 1831 kennen und interessirte sich alsbald so sehr für ihn, daß er am 2. Juni 1831 500 fl. zur Entdeckung des Urhebers des an Kaspar Häuser verübten Verbrechens aussetzte (M. 266 f.). Auch bestrick er die Kosten einer Reise des Kaspar Häuser (in Begleitung von Hickel und von Tücher) nach Ungarn im Juli 1631, da er sich zu der Meinung hatte verleiten lassen, daß Kaspar Häuser ein ungarischer Magnat sei; die Reisenden mußten jedoch wegen der Cholera schon in Preßburg wieder umkehren, ohne das Ziel ihrer Reise erreicht zu haben. Durch verschwenderische Geschenke und die Vorspiegelung hoher Abkunft verzog Stanhope den Kaspar Häuser derart, daß ihm Frhr. v. Tücher bald darauf ernste Vorstellungen machte (siehe seinen Brief an Stanhope vom 11. November 1831 bei M. 278 f.). Dadurch gekränkt verlangte Stanhope, daß ihm Kaspar Häuser ganz zur Erziehung überlassen werde, und erbot sich, die Kosten derselben wie seines Unterhalts auf sich zu nehmen (siehe seine Eingabe an das kgl. Kreis- und Stadtgericht Nürnberg. Ansbach, 21. November 1831, bei M. 268 f.), worauf Tücher um Enthebung von der Vormundschaft bat (M. 272 f.), die ihm auch am 7. Dez. 1831 gewährt wurde. Kaspar Häuser wurde an Stanhope ausgeliefert und am 10. Dez. 1831 dem Lehrer I. G. Meyer in Ansbach zum Unterricht und zur Pflege übergeben, der Lord dagegen reiste am 19. Januar 1832 von Ansbach ab und ging über Karlsruhe, Mannheim nach England zurück. Während er im persönlichen Verkehr mit Kaspar Häuser nicht den geringsten Zweifel an der Wahrheit der Aussagen des» selben gehegt hatte, ließ er sich in London durch seine Freunde — welche Kaspar Häuser niemals gesehen hatten — insbesondere durch Joh. Philipp Frhrn. v. Wessenbcrg, österreichischen Gesandten in London (s. dessen Brief an Stantsrath v. Klüber vom 10. Nov. 1832, worin die von Stanhope citirten Worte: „I-s jsuna lloinma sait plus HU6 v6ux Hui üerivsut clss livrss sur lui, uinis il us vöut pas parier, stloute 1a ^uestiou sst 1L", wiederkehren, L. I, 281 f., vgl. Stanhope an Hickel, Chevening 8. März 1833, bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 114 A.), völlig umstimmen und von der Absicht, die (ihm selbst gewidmete) Schrift Feuerbachs in England zu publizircn, um so eher abbringen (s. Stan- hope's Brief an Fcuerbach, London 5. Okt. 1832, bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 108 f. A.), als eine zweite Reise Hickels nach Ungarn im Frühjahr 1832 nicht zu dem von Stanhope gewünschten Resultat geführt hatte (s. Stanhope's Brief an Hickel, Chevening 24. Mai 1832, a. a. O. S. 96 f. A.). Statt dessen übersandte er, um seine Zweifel zu beschwichtigen, mit Brief vom 5. Okt. 1832 an Feuerbach 27 Fragen zur Beantwortung, die wohl ebenfalls von seinem Freund von Wessenberg aufgesetzt waren (Es sind dieselben, welche Stanhope am 4. Januar 1834 um drei weitere vermehrt dem Untersuchungsgericht in München vorlegte, s. M. 387 f.). Aber noch im Brief vom 8. März 1833 erklärte er Hickel gegenüber, daß er an die Hauptsache „daß Häuser der Natur und den Menschen entzogen wurde" selbst glaube, und daß sie ihm „niemals eine Erdichtung oder Betrügerei zu sein schien" (s. M. Kaspar Häuser 1881, S. 113 f. A.). Erst nach dem Tode des Kaspar Häuser, den er inzwischen nicht mehr gesehen hatte, trat er offen als Ankläger gegen denselben auf und unterstützte sogar den Polizeirath Merker mit Material! (s. die von Stanhope selbst publicirten „Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers." Heidelberg 1835, S. 43 f. und 81 f.). 16) Gendarmerielieutenant Joseph Hickel lernte, wenn wir seiner Versicherung in dem fingirten Brief vom 20. Juni 1828 trauen dürfen, Kaspar Häuser im Juni 1828 in Nürnberg kennen, wurde aber erst 10 Tage nach dem Attentat vom 17. Oktober 1829 der Untersuchungscommission in Sachen des Kaspar Häuser zum Behufe von Recherchen beigegeben (M. 505). Noch iui Jahre 1833 glaubte Hickel fest an die merkwürdigen Lebensumstände des Kaspar Häuser und machte Stanhope wegen seiner Zweifel Vorstellungen (s. den obenerwähnten Brief Stan- hopes an Hickel vom 8. März 1833 bei Meyer, Kaspar Häuser 1881, S. 113 f. A.; schon hieraus ergibt sich die Unechtheit von Hickels Correspondenz, von der schon die ersten Briefe aus dem Jahre 1828 die Tendenz haben, Hausers Angaben und Persönlichkeit zu verdächtigen). Dennoch ließ er sich später gegen Häuser einnehmen, einerseits, weil seine Nachforschungen nach den Eltern des Kaspar Häuser in Ungarn, Gotha rc. erfolglos geblieben waren, andrerseits, weil Kaspar Häuser — was weder Daumer noch v. Tücher in Abrede stellten — in den letzten Jahren seines Lebens häßliche Charakterseiten, wie eine gewisse Neigung zur Unwahrhaftigkeit und zum Trotz, an den Tag legte und unter anderm sein Tagebuch lieber verbrannte, als es an Hickel (für Stanhope) auslieferte. Aber noch im April 1834 machte Hickel dem Grafen Stanhope Vorwürfe, weil er gegen Kaspar Häuser schrieb (s. Stanhope's Brief an Hickel vom 21. April 1834, L. I, 369), ja noch am 21. März 1835 schreibt Stanhope an Lehrer Meyer aus Rom, daß Hickel an die Einsperrung des Kaspar Häuser glaube (L. I, 369 f.). Mithin läßt sich Hickel nicht als Zeuge gegen Kaspar Häuser verwenden. 17) Lehrer Johann Georg Meyer in Ansbach nahm am 10. Dez. 1831 Kaspar Häuser in sein Haus auf und gab ihm Unterricht und Kost (auf Rechnung Stanhope's) bis zu dessen Tod. Aus Meyers Bericht an Graf Stanhope vom Juli 1833 (M. 192 f.) erfahren wir, daß Meyer noch wenige Monate vor Hausers Ende an dessen Einkerkerung glaubte (a. a. O. S. 301 A.), ferner, daß Kaspar Häuser bet seinem Eintritt in Meyers Haus „in seiner geistigen Kraft und allen seinen Leistungen kaum einem neunjährigen Knaben gleich war, der bei guten (nicht vorzüglichen) Anlagen den Unterricht einer gewöhnlichen öffentlichen Schule erhalten hatte" und „kaum gleichen Schritt mit Knaben hat halten können, die ebensolange, wie er, Unterricht genossen" (M. 295 u. 307). Gerade dieser Mangel an Fähigkeiten und an Energie sowie die geringen Fortschritte Hausers im Schönschreiben und in der Orthographie waren es, welche Meyers Unzufriedenheit erregten und ihn auf die Meinung brachten, daß man es bei Kaspar Häuser keineswegs mit einem Wunderkinde zu thun habe. Sie genügen aber zum Beweise, daß Kaspar Häuser kein Betrüger war, da ja zur Durchführung einer solchen Täuschung gewiß ein außerordentlicher Grad von Energie und hervorragende Geisteskräfte nöthig waren (vgl. noch Hofmanns Aeußerungen über die geringe Befähigung des Kaspar Häuser in seinem Brief an Klüber vom 26. Febr. 1833, L. I, 284). Uebrigens hebt Lehrer Meyer (M. 306 f. u. 415 f.) an Kaspar Häuser neben manchen Schwächen, wie Eitelkeit, Unwahrhaftigkeit, auch gewisse Tugenden, wie seine Theilnahme an den Schicksalen der Lehrersfamilie, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Genügsamkeit und Zufriedenheit mit seiner schmalen Kost und eine auffallende Weichheit des Gemüths, hervor, wie er denn auch auf dem Sterbebette Meyer dankte und von ihm einen rührenden Abschied nahm (M. 349 A.) — lauter Eigenschaften, die mit dem Charakter eines berechnenden Betrügers unvereinbar sind. Endlich gibt Meyer mehrere gewichtige Gründe an, welche gegen die Annahme eines Selbstmordes des Kaspar Häuser sprechen (M. 414 f.). Mithin darf sein Zeugniß nicht einseitig gegen Kaspar Häuser verwerthet werden. Ueberblicken wir die Reihe der aufgeführten Zeugen, so ergibt sich, daß die Zahl und die Qualität derjenigen, welche zu Gunsten des Kaspar Häuser aussagten, die der Gegner weit überwiegt, denn wir finden darunter Polizisten, Aerzte, Juristen, Geistliche, Lehrer, kurz Männer aus allen Ständen und Lebensstellungen, die zum Theil durch ihren Beruf mit Verbrechern zusammengeführt wurden und jedenfalls Urtheilskraft genug besaßen, um einen Betrüger durchschauen zu können. Andrerseits läßt sich nicht bestreiten, daß die Zeugnisse eines Stanhope, Hickel, Meyer nur sehr beschränkten Werth besitzen. Doch sei dem, wie es wolle, soviel ist gewiß: Mit dem Tode hört alles Simuliren auf. War Kaspar Häuser wirklich während seiner Jugendjahre in Gewahrsam gehalten worden, so mußten die Spuren dieser Behandlung bei der Sektion zu Tage treten und die inneren Organe des Körpers jenes Unglücklichen, insbesondere die Leber, die Lunge, das Hirn, eine abnorme Beschaffenheit ausweisen, da ihre Entwicklung durch die Kerkerhaft während I der Wachsthumsperiode beeinträchtigt worden war. Hören 221 wir daher, wie sich ein ganz unparteiischer Mann, der praktische Arzt Dr. Heidenreich in Ansbach, der Kaspar Häuser nach der Verwundung die erste Beihilfe leistete und Augenzeuge bei der gerichtlichen Obduktion war, unter dem frischen Eindruck derselben über den Sektionsbefund äußert (im Journal der Chirurgie und Augenheilkunde, herausgegeben von C. F. v. Gräfe und Ph. v. Walther, Berlin 1834, Bd. XXI. S. 91 f. „Kaspar Hausens Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung"). Nach einer genauen Beschreibung der Wunde und nachdem Heidenreich dargethan, daß schon die Richtung des Wundkanals gegen einen Selbstmord spreche, man müßte denn annehmen, daß sich Kaspar Häuser den ungemein heftigen Stoß mit der linken Hand in einer nach vorwärts gebeugten Stellung beigebracht habe, fährt er folgendermaßen fort (a. a. O. S. 119): „Die Leber war sebr groß und hypertropbisck. Dem Landgerichtsarzte, der sich gutachtlich ciuSzuiprechen hatte, konnte es daher nicht entgehen, daß diese Vergrößerung und Hypertrophie mit Hausers früherer Einkerkerung in Verhältniß zu setzen sei, indem auch Thiere, denen man in engen Käfigen wenig Bewegung gestattet, große Leber bekommen*). AuS dem Drucke der vergrößerten Leber erklärte derselbe, der auch Hausers früherer Arzt gewesen war, das fortwährende Ausstößen nach dem Genuß auch jeder Speise, über welches Häuser so häufig klagte, welche Erscheinung aber auch, nächst leicht und bald vorübergehenden Rückenschmerzen, die er sich einmal durch eine Erkältung zugezogen hatte, die einzigen Krankheitszusällc waren, die an Häuser während seines zweijährigen Aufenthaltes dahier beobachtet wurden. In Uebereinstimmung mit den ver- hältnißmäßig kleinen Lungen finde auch ich die Vergrößerung der Leber ganz natürlich, indem diese beiden Organe sich physiologisch bedingen als Ausschcidungsorgane des Kohlenstoffs, die Leber im Fötus für die Lunge fuuktionirt und in dem Thierreiche um so mehr hervortritt, je mehr die Lunge sich zurückzieht. „Konnte sich bei weniger Bewegung und in der dumpfen Lust deö Kerkers die Lunge nur wenig entwickeln, so mußte das Ucbergewicht auf die Leber fallen. „Ist es aber ausgemacht, daß Häuser lange Zeit nur koblen- stoffhaltcnde Vegetabilieu (trockncs Brod) und kein stickstoffhaltiges Fleisch zur Nahrung erhalten hatte, so wurde durch vermehrtes Bedürfniß, den Kohlenstoff auszuscheiden, auch die Vergrößerung der Leber und die dicke, zähe, schwärzliche Galle bedingt. „Umgekehrt aber beweisen diese Erscheinungen für Hausers früheres Verhältniß, für seine Einkerkerung iu einem dumpfen Loch» und Ernährung durch Pflanzenkost . „Ueber den namentlich vom Scheitel gegen die Stirne zu etwas niedergedrückten Schädel, die ziemliche Dicke der Knochen, den weit hcreinragenden Sichelfortsatz der harten Hirnhaut — über die Kleinheit des Gehirns im allgemeinen, die relativ geringe Masse deö großen und bedeutende Größe des kleinen Hirns, über die der Zahl nach wenigeren, aber dem Ansehen nach größeren und gröberen Windungen an der Oberfläche, das besondere Hervortreten einzelner Massen im Innern, namentlich im großen Gehirne, und endlich über einige Eigenthümlichkeiten der Schädel-Basis — habe ick mich schon im Leichenbefunde ausgesprochen (a. a. O. S. IlO f.). Alle diese Momente schienen mir auf mangelhafte Entwicklung deö Hirnorganö zu deuten. *) S. das gcricktsärztliche Gutachten des kgl. Landgerichts- arztcs Or. Albert vom 9. Januar 1834 bei Meyer, Anthent. Mittb. S. 373 f.: Wenn Meyer a. a. O. S. 374 A. dagegen bemerkt: „Lebervcrgrvßernngen können verschiedene Ursachen haben und kommen nickt selten auch bei Menschen vor, die ihrer Freiheit nie beraubt waren", so übersieht er, daß es im vorliegenden Falle nur darauf ankommt, ob sich die beobachtete Lebervergrößerung mit den Angaben, welche Kaspar Häuser über sein Vorleben machte, übereinbrmgen läßt. Dies kann aber nicht bestricken werden, zumal Kaspar Häuser in seiner Selbstbiographie ausdrücklich bezeugt, daß er sich in seinem Kerker nur wenig bewegen konnte und nicht immer die nöthige Menge Wassers zu trinken bekam. Der Vergleich mit den gestopften Gänsen ist daher recht wohl am Platze. „Als dasselbe herausgenommen war, wurde die Kleinheit der Hintern Lappen des großen Hirnes, die auseinandcrficlcn und das kleine nicht decken wollten, noch ausfallender, und diese Erscheinung hatte einige, wenn gleich nur entfernte Aebnlickkeit mit dem Aussehen, wie Carus (Versuche über das Nervensystem, Tafel V, Figur 21) das Hirn des Marders, oder Ticdemann (Bildungsgeschichte deS Fötushirns, Tafel III, Figur 1) das Hirn des menschlichen Föiuö abgebildet haben. „Uebrigens konnte ich während der Untersuchung des Gehirnes das Gefühl, und während ich dieses schreibe, das Wort „thierähnliche Bildung" nicht unterdrücken. „In diesem Falle war nicht die geistige Entwicklung durch mangelhafte Bildung des Hirnorganes gehemmt, sondern das Organ blieb in seiner Entwicklung zurück durch Mangel aller geistigen Thätigkeit und Erregung. „Denn es ist ein Naturgesetz, daß jedes Organ und Gebilde, das ungeübt und unbenutzt bleibt, den vollständigen Grad seiner möglichen Vollkommenheit nicht erreicht, oder von demselben zurücksinkt und verkümmert wird. Bis zum siebenten Jahre ist die materielle Entwicklung des Mensckenbirns so ziemlich beendigt, haben aber vor dieser Zeit und um dieselbe Einflüsse stattgefunden, die dessen naturgemäße Bildung bcmmen und aushalten konnten, so muß das Hirn auch in physischer und materieller Hinsicht auf der niedern Bildungsstufe stehen bleiben. „Nach dem angegebenen Naturgesetze, daß Uebung und Thätigkeit zur vollständigen Entwicklung eines Organes nölhig sei, und ohne dieselben auch die vhysischc Organisation in ihrer Ausbildung zurückbleibe, mußte die Hirnbildung auch in vorliegendem Falle geschehen. „Hat Häuser geraume Zeit vor dem siebenten Jahre seine Zeit in einem finstern Loche, im dumpfen Hiubrüten, ohne alle intellektuelle Thätigkeit und geistige Lebensrcize, die zur Entwicklung des menschlichen Hirns nöthig sind, zubringen müssen, so mußte auch seine Hirnbildung auf der thierähnliche» Stufe stehen bleiben, wie er selbst nur in thierähnlichem Zustande gelebt hatte. „Hat aber die Leichenöffnung einen solchen unentwickelten Zustand in der physischen Hirnbildung wirklich nachgewiesen, so ist dieser Zustand auch genügender Beweis, daß Häuser geraume Zeit vor seinem siebenten Jahre in die Lage, in der er so lange verharren mußte, gebracht worden ist. „Waren aber darüber die Jugendjahre verstrichen und hatte das Hirn seine physische Bildung auf dieser niedern Stufe vollendet, so konnte das Versäumte nicht mehr ersetzt werden. „Als er wirklich an das Licht und unter die Menschen getreten war, war es zu spät, als daß die intellectuellen Reize auf die Bildung des bereits gereiften, physisch ausgewachsenen, aber nur für diese niedere Stufe geistigen Lebens vollendeten Hirns noch hätten Einfluß äußern können. „Daher lassen sich die reißenden Fortschritte und glänzenden Anlagen erklären, die Häuser anfangs verrieth, weil für sie das Hirnorgan schon gereift war, das bei Kindern sich erst auch noch physisch bilden muß, daber aber auch sein alsbaldiges Stehenbleiben an der Grenze des Mittelmäßigen und Gewöhnlichen, weil das Hirn für höheres geistiges Leben nicht mehr umgebildet werden konnte." Wir ersehen hieraus, daß der Sektionsbefund völlig mit dem in Einklang steht, was Kaspar Häuser über sein Vorleben berichtete. Damit fällt aber auch der letzte Grund, an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweifeln, hinweg, da es ja nicht in seiner Macht stand, auf die Bildung seiner inneren Organe einzuwirken, und es kann daher nunmehr als feststehende Thatsache betrachtet werden, daß Kaspar Häuser — kein Betrüger war. Die Todesamneldungen. Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur". Von k. F., 0. 8. k'r. (Fortsetzung.) II. Unläugbar feststehend sind die Todesanmeldungen in ihrer Mehrzahl, und von Zeit zu Zeit wird deren Realität durch neue Beispiele der glaubwürdigsten Art weiterhin bewiesen; wie nun lassen sich dieselben wohl vernünftiger Weise erklären? So berechtigt für den denkenden Verstand diese Frage an sich ist, so schwierig ist deren Lösung. Schon in den sinnlich wahrnehmbaren Dingen finden wir Menschen uns vielfach nicht znrccht, wie wollten wir da vollständig jene Verhältnisse ergründen, welche in dem Gebiete des Geistigen, des Uebersinnlichen obwalten? Die endgiltigen Kreuzpunkte der sichtbaren und unsichtbaren Welt vermag der beschränkte menschliche Verstand nicht genau zu bestimmen, wiewohl wir Menschen mit unserer Seele selbst in das „Nachtgebiet der Natur" hineinragen. In unserem dermaligcn Zustand des Erkenntnißvermögens können wir nicht weit in dieses dunkle Gebiet eindringen, wir sehen uns vielmehr auf Vermuthungen beschränkt. Jede Erscheinung in der Welt mittels der Vernunft nach ihrem Wesen zu erfassen und Zu erklären, ist die erhabene Aufgabe der Philosophie, und wer möchte wohl in Abrede stellen, daß des Menschen forschender Geist in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft bereits herrliche Triumphe errungen hat? Wie leicht zu denken, haben die Vertreter der Philosophie wie die Vorgänge im geistigen Leben des Menschen überhaupt, so auch die Todesmelduugen in das Bereich ihrer Untersuchungen gezogen. Nach ihrer Lehre sind die einschlägigen Thatsachen aus den Kräften der menschlichen Seele zu erklären. Sobald des Menschen Seele die rohe, leibliche Hülle abgelegt hat, behaupten die Philosophen mit Recht, tritt sie auf eine höhere Stufe des geistigen Lebens; ihr Erkennen ist dann im Vergleich zum irdischen ein gesteigertes und umfassenderes, und in gleicher Weise scheint die Annahme begründet, daß die Willenskraft der Seele, sofern sie in ihrem Wirken nicht mehr an die Mitthätigkeit der Sinnesorgane gebunden ist, zu freierer und kräftigerer Entfaltung gelangt. Mit der Trennung vom Leibe verläßt die Seele auch den irdischen Daseinskreis und tritt in den leiblosen über; dadurch hört sie naturgemäß auf, an einen bestimmten Raum gebunden zu sein. Diese allgemeinen Lehrpunkte der Psychologie finden wir schon scharfsinnig bei den kirchlichen Gcistesheroen des Mittelalters; so behauptet z. B. der große Aquinate: „Ist die Seele vom Leibe getrennt, so ist sie über jeden Raum erhaben." Was nun allezeit von der bereits abgcleibteu Menscheuscele gelehrt wurde, übertrügt bei den Todesaumeldungen die Philosophie auf die erst im Scheiden begriffene Seele. Hat sich die Seele, so lautet ungefähr kurz ihre Erklärung, zwar noch nicht völlig vom Körper losgerungen, sind aber doch die Bande zwischen Leib und Geist schon sehr gelockert, so nimmt die Seele bereits Antheil an den Kräften und Fähigkeiten der reinen Geister und ist demnach in etwas in einen höheren Wirkungskreis getreten. Dem Geiste ist es alsdann möglich, auf weitere Entfernungen unmittelbar, d. h. ohne Sinneswerkzeuge, zu wirken. Wahrscheinlich lasse auch die Innigkeit der Seelenverwandtschaft zwischen zwei Menschen nähere, geistig-seelische Beziehungen entstehen, die in jenem Zeitpunkte, wo die eine Seele sich zum Flug ins Jenseits rüstet, noch mehr hervortreten und noch wirksamer werden. In diesen Wechselbeziehungen und erhöhten Kräften der scheidenden Seele ist der Grund der Todesanmeldungen nach den Philosophen gegeben. Für diese Erklärungsweise spricht allerdings der Erfahrungsumstand, daß sterbende Menschen sich fast immer bei jenen Personen anmelden, denen sie mit besonderer Verehrung und Liebe zugethan waren. Ebenso läßt sich aus dieser Theorie erschließen, warum nicht selten eben jenen Angehörigen und Freunden eine Todesanmeldung zu theil wird, nach welchen der Sterbende in den letzten Augenblicken seines Daseins fragte oder deren Gegenwart er wünschte. Greifen wir z. B. nur zurück auf jene Thatsache in dem Leben der erwähnten protestantischen Dame; es kann nach der Erklärung der Philosophen ihr Wort: „Nun ist es Zeit, daß ich von dem Pater Abschied nehme", und ihr Erscheinen in Bellinzona einigermaßen verständlich werden. Gleichwohl werden wir der menschlichen Seele, solange sie noch nicht völlig von dem Leibe getrennt ist, jene Kräfte und Fähigkeiten nicht zuschreiben können, wie sie der vom Körper geschiedenen eigen sind; wir werden vielmehr mit den Vertretern einer gesunden Psychologie den Wirkungskreis der Seele, solange der Leib ihre Wohnstätte ist, als durch den Körper abgeschlossen betrachten müssen, womit eben dann jede Fernwirkung, wie z. V. bei den Todes- anmeldungen, als unmöglich sich darstellt. Wie die Philosophie die Todesanmeldungen auf die Seele und deren Kräfte zurückführt, so geben auch die meisten Naturforscher, welche leider so vielfach auf dem Standpunkte^ffes Stoff- oder des völligen Unglaubens stehen, Kräfte des Menschen als Ursache der einschlägigen Vorkommnisse an, aber nicht Kräfte der Seele, des Geistes — einen solchen kennen sie nicht —, sondern „Kräfte der menschlichen Natur". Nach ihrer Lehre ist „die menschliche Natur mächtiger und wunderbarer, als man früher geglaubt; sie besitzt Fähigkeiten, welche man bisher für göttliche oder dämonische angesehen hat." Da sich aber die Naturforscher rühmen, sich lediglich auf sinnliche Wahrnehmungen bei ihren Theorien zu stützen, so bleibt es uns gewöhnlichen Menschen von allem Anfang an unbegreiflich, wie diese Gelehrten sich auf das übersinnliche Gebiet zur Forschung wagen können, ohne mit sich und ihren Gruudprincipien in Widerspruch zu gerathen. Das Wort der geistreichen Convcrtitin Jda Gräfin Hahn-Hahn über Gott, den reinsten, ewigen Geist, gilt auch voll und ganz von dem Geistigen im Menschen, von der Seele, nämlich, daß sie mit Lupe und Fernrohr nicht entdeckt und durchforscht werden kann. Wollen die Naturforscher mit ihren Instrumenten die Todcsamneld- uugen nach ihrem Grunde zu erklären versuchen, so ist ihr Resultat sicherlich ein falsches. Sie gleichen da einem Menschen, der mit dem Fernrohr bewaffnet in der Sternenwelt nach Gott suchen würde, ihn natürlich nicht findet und dann der Welt mit dem berüchtigten Astronomen Bayle die unumstößliche Wahrheit verkündet: „Es gibt keinen Gott!" Aber selbst zugegeben, die moderne Naturforschung könnte durch ihre Mittel Ueber- sinnliches erklären, so ist ihre Theorie schon aus dem Grunde lächerlich, weil ihre Vertreter jene „Kraft der Natur" noch gar nicht entdeckt haben, welche dem Menschen die Fähigkeit zu den Todesanmeldungeu verleihen soll. Was man nicht definiren kann u. s. w., dieses geflügelte Wort könnte man solchen Forschern wohl in das Stammbuch schreiben! Wollten sich die modernen Propheten des Stoffglaubens doch merken die treffliche Mahnung eines hervorragenden Gelehrten der Gegenwart: „Durch Thatsachen so in die Enge getrieben, daß die Natnrforschung keinen Ausweg mehr sieht, thut sie besser daran, die fragende Menschheit nach Oben zu weisen, an die Un- ' sichtbaren, als Erscheinungen, die sie unter anderen Um- 223 ständen als hinreichend verbürgt ansehen würde, einfach auf bisher noch unbekannte Kräfte zurückzuführen oder sie ganz in Abrede zustellen!« Während die Philosopie doch wenigstens in etwas den Schleier lüftet, der über diesem Theil des „Nachtgebietes der Natur" liegt, vertröstet uns die Naturforschung auf noch unentdeckte Naturkräfte; wollen wir denn auch ruhig abwarten, bis diese „Kräfte" gefunden worden, inzwischen jedoch „nach Oben", „zu den Unsichtbaren" unsern Blick wenden und dort nach einer Erklärung unserer Begebenheiten suchen. — Schwingen wir uns im Geiste empor zu den Unsichtbaren, geführt von dem untrüglichen hl. Glauben, so treten uns dort drei Mächte entgegen, welche mit dem Menschen in Verbindung stehen, Gott, die Engel des Himmels mit den Heiligen und die Geister der Finsterniß. Wohl können mit Gottes Zulassung die Mächte der Hölle bei Todesanmeldungen thätig gedacht werden; aber wie mit Recht ein Gelehrter der Neuzeit bemerkt, treten derlei Anmeldungen keineswegs auf eine Weise ein, die nothwendig auf satanische Wirksamkeit und Bosheit schließen läßt. Wciters dürfte diese Annahme bei Besprechung des etwaigen Zweckes der Todesanmeldungen als unhaltbar sich erweisen. Mehr für sich hat die Meinung, welche ein amerikanischer Theologe über die Todesanmcldungcn vor einigen Jahren anführte. Er weist uns hin auf die wechsel- vollen und lieblichen Beziehungen, welche nach christ- katholischer Lehre zwischen der bedrängten Menschheit auf Erden und den beseligten Geistern des Jenseits besteht. Wäre es da wohl undenkbar, daß mit Gottes Willen diese guten Mächte bei den Todcsanmeldungcn sich thätig zeigten? Vor allem glaubte jener Theologe auf die hl. Schutzgeister der sterbenden Personen verweisen zu sollen. Diese Erklärungsweise ist, wie man zugeben muß, in keiner Hinsicht gegen die Lehre der Kirche, ja sie ist ebenso einfach und ungezwungen, wie den religiösen Anschauungen des Volkes entsprechend. Allerdings hat man gegen sie alsbald den Einwurf erhoben, diese Theorie scheine schon deßwegen unannehmbar, weil nach der Lehre derselben Kirche der Schutzgeist des Menschen beim Tode desselben eine viel wichtigere Aufgabe zu erfüllen habe, als die eintretende Auflösung den Angehörigen oder Freunden zu melden; gerade am Sterbebette müsse der hl. Schutzengel dem Menschen den letzten, entscheidenden Sieg erringen helfen durch seinen Beistand. Aber kennt denn die Lehre der Kirche nicht auch einen Schntzgeist für jede Familie, für jede Gemeinde u. s. w.? Wie also, wenn man sich einen dieser Engel thätig bei den Todcs- anmeldungen denken würde? Es kann auch ein solch' wirksames Eingreifen der Engel nicht als entwürdigend für die seligen Geister bezeichnet werden, da ja nach christlichen Begriffen kein Auftrag Gottes — und die Engel können ja auch nur mit Gottes Willen also wirkend auftreten — für irgend ein Geschöpf entwürdigend sein kann. Wie später gezeigt werden soll, werden die Schutzgeister bei den Todesanmeldungen wohl mehr sein als „bloße Neuigkeitsboten". Manche beanstanden bei dieser Theorie namentlich auch die Art und Weise, wie derlei Vorkommnisse eintreten; vor allem, heißt es, ist es unbegreiflich, wie man sich die erhabenen Mächte des Himmels bei jenen Fällen thätig zu denken habe, wo der sterbende Mensch sich den fernen Angehörigen selbst zu zeigen scheint; „es wäre dies zwar eine . fromme, aber immerhin eine Täuschung der Menschen, bewirkt durch Engel".*) Bezüglich letzterer Entgegnung sei erwähnt, daß in der Schrift des alten Bundes ein Fall erwähnt ist, der auf Todesanmelduugen in obiger Weise vielleicht Licht zu werfen geeignet wäre. Im Buche Tobias zeigt sich Naphael, der Erzengel, dem Vater des jungen Tobias in Gestalt eines Wanderers und bietet sich als Begleiter des Sohnes für die Reise an. Auf die Frage des Vaters Tobias nach der glücklichen Rückkehr, wer er sei, erklärte Naphael: „Ich bin Azarias, des großen Ananias Sohn!" Wie sich solch scheinbare Widersprüche näherhin rechtfertigen lassen, haben die Eeistesheroen der Kirche in ihren Werken zur Genüge nachgewiesen. Es dürfte demnach wohl nicht allzu schwer sein, ein Eingreifen der Engel in benannter Weise zu begreifen; doch wäre dies Sache einer theologischen Abhandlung und kann hier füglich Übergängen werden. Im Vorübergehen sei hier noch bemerkt, daß einzelne Gelehrte, welche dem Spiritismus huldigen, die Todesanmeldungen durch bereits verstorbene Angehörige der im Scheiden liegenden Personen bewirkt werden lassen. Wohl könnte Gott nach dem strengen Lehrbegriff der katholischen Kirche, mit welchem aber jene Anhänger des modernen „Geisterglaubens" im Widersprüche stehen, auch durch die Seele eines verstorbenen Freundes oder Verwandten einschlägige Begebenheiten hervorrufen lassen. Diese, mit dem Spiritismus nicht vollständig harmonircnde Erklärungsweise unterscheidet sich dann aber nicht wesentlich von der oben besprochenen, wo man sich Engel oder überhaupt Himmelsbewohner als Urheber der Todcsan- meldungen denkt. Wollte man aber annehmen, daß ohne Zulassung Gottes, gleichsam auf eigene Faust, die Geister der Verstorbenen solche Wirkungen erzeugen, so wäre man bereits in das äußerst gefährliche Fahrwasser des Spiritismus gekommen, welchen die Kirche als verderbliche Irrlehre gerichtet hat. Bei dem Versuche, die Todesanmeldungen zu erklären, gehen manche auch bis zu höchst „nach Oben", indem sie auf die unbeschränkte- Wundermacht Gottes re- flektiren. Nach ihrem Dafürhalten wirkt Gott bet derartigen Vorkommnissen ohne Vermittlung eines geschöpf- lichcn Wesens ein Wunder im eigentlichsten Sinne. Wiewohl bei Besprechung des Zweckes diese Annahme nicht als geradezu unannehmbar sich erweisen dürfte, muß man doch hier an dem Worte eines gläubigen Gelehrten festhalten: „Wir können uns zu dieser Meinung nicht bekennen; das Wunder übersteigt jede geschöpfliche Kraft und ist eine außerordentliche That Gottes, dazu bestimmt, in augenfälliger Weise Gott zu verherrlichen. Die erhabene Majestät des Wunders und dessen seltene Erscheinung würde aber sicherlich beeinträchtigt werden, wenn dasselbe mit den so häufigen Thatsachen dieser Art in Verbindung gebracht würde." Zudem ist es nach christlicher Sittenlehre vermessen, zu glauben, daß immer, bei jedem Vorfalle, der unerklärlich erscheint, Wunder geschehen. Die Erklärungsversuche, wie sie mit der Zeit nach der jeweiligen Richtung aufgestellt wurden, sind im Vorstehenden kurz namhaft gemacht und besprochen worden; es steht über jeden derselben dem geneigten Leser ein freies Urtheil zu. Denn bislang kann weder die eine noch die andere Meinung in diesem Punkte als die allein *) Man vergleiche hiezu Apostelgesch. 12,15, woraus man einen ähnlichen Glauben schon im Anfange deö Christenthums ersehen kann. 224 richtige sich behaupten; auch ist von Seite der Kirche den j Gläubigen keine Entscheidung für oder gegen nahe gelegt worden. „Prüfet alles, das Beste behaltet!" Doch nun zum Schlußstein unserer Abhandlung, zum Zwecke der Todesanmeldungen I (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. In der gediegenen „Zeitschrift für Schulgesund- heitspflege" von Dr. wsä. st pbil. L. Kotclmann, weiche in Hamburg erscheint, findet sich (1894, 4. Heft, S. 249) ein Bericht über nachstehende Schrift: Wie kann der Ueber- bürdung unserer Jugend auf höheren Lehranstalten mit Erfolg entgeaengewirkt werden? Ein Wort an Eltern, Lehrer und Erzieher von Direktor vr. Clemens Nohi. Leipzig, Ludw. HcM'er, 1892. — Weil wir glauben, daß die Besprechung dieser Schrift durch Herrn Pros. Sepp-AugSburg manche unserer Leser interessirt, bringen wir sie hier zum Abdruck. Sie lautet: Es lassen sich gewichtige Autoritäten hören, welche verlangen, daß jetzt keinen Schritt mehr weiter gegangen werden dürfe bezüglich der Entlastung der Jugend an den höheren Lehranstalten. Aber es fehlt auch nicht au ebenso gewichtigen Stimmen, (Ueber die wachsende Nervosität unserer Zeit. Von Pros. vr. Erb, Gebeimratb und Direktor der medizinischen Klinik der Universität Heidelberg. Heidelberg, 1893, G. Köstcr.) welche, um der Nervosität der Zeit entgegenzuwirken, eine noch größere Ncduziruug des Lernstoffes, besonders an höheren Mädchenschulen, fordern, damit derselbe ohne Hetze und Hast ruhig ausgenommen, ordentlich verdaut und assimilirt werden könne. Dock dieser Streit wird sobald noch nicht von der Bildfläche verschwinden, wenn auch allseitig anerkannt werden muß, daß nunmehr eine große Zahl der wohlthätigsten Verordnungen besteht, welche jegliche Uebcr- bürdung zu verhindern suchen. Die oben bezeichnete Schrift, wohl eine der beachtenSwerthesten Stimmen in dieser Angelegenheit, stellt besonders dasjenige in den Vordergrund, was von oben herab geschehen sollte, um schädliche Ueberbürvuug fern zu halten, und gar manche von den dort ausgesprochenen Desi- dcrien sind berücksichtigt worden. Wie mag der Herr Verfasser z. B. sich freuen, wenn er die neueste bayerische Verordnung über den naturgcschichtlichen Unterricht au den Gymnasien liest, wonach die Benützung eines Lehrbuches ganz ausgeschlossen ist und hauptsächlich bezweckt wird, das Auge für die Beobachtung der Natur zu schärfen und Lust und Freude an derselben zu wecken! Es kaun also gar nicht mehr vorkommen, was er auf Seite 10 schreibt, „daß Hunderte von Pflanzen nach der Zahl der Staubfäden, nach Gestalt und Farbe der Blüthen und Blätter, nach anderen Merkmalen, sowie nach ihrer lateinischen Benennung gedächtuißmäßig eingeprägt und immer wieder re- petirt werden müssen". Die vorliegende Arbeit von Herrn Direktor Nohl enthält eine Fülle von höchst wichtigen Bemerkungen und betont unter anderem nachdrücklich, es sei jetzt nachgerade auch an der Zeit, daß die Eltern zu der Entbindung der höheren Anstalten beitragen, dadurch, daß sie derselben nur ausreichend begabte, körperlich gesunde, sittlich unverdorbene Schüler zuführen, welche Fähigkeit, Lust und Neigung zu ernstem Studium haben und nicht durch falsche Erstehung und frühzeitigen Lebensgenuß abgestumpft und außer Stande sind, die kräftige Kost eines strengen Studiums in ihren verzärtelten oder verdorbenen Magen aufzunehmen und dort zu verdauen. Denn die Ursachen des Mißerfolges und der Nervosität sind gar mannigfaltig, und nur zu oft wirken inebrcre zusammen. Der Irrenarzt Professor vr. GraSbey in München hat vor einiger Zeit öffentlich ausgesprochen, daß bei den wenigen jugendlichen Geisteskranken, welche zur Beobachtung kamen, die Ursachen der nervösen Ueberreizung sich ganz anderswo zeigten, als im ernsten, andauernden Betrieb des Studiums. Aerzte und Laien erfahren eben leider nur zu oft die Bestätigung des Spruches: „Zu früh gelebt, zu früh verdorben und zu früh gestorben." Jllustrirte Geschichte des Allgäu's von Dr. F. L- Bau mann. Verlag von I. Kösel in Keuchten. DaS vorliegende 31. Heft enthält: a) an Text: Die neuere Zeit (1517—1602). Zweiter Abschnitt: Land und Leute. Erstes Haupt stück: Stände (Herren von Benzenau, Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Freiberg, Fuchs von Ebenhofen, Humpiß, von Waltrams, Landau. Langcnegg, Mangold, Ratzcnried, Rcchberg, Sckellen- berg, Scbweickart, Stein Summerau, Pappus von Tratzberg, Westernach; Briesadel. Scbmid von Schmidsfeld, Pakriciat, Bürgerschaft, Ausbürger, Freizimer, Leibeigenschaft, Lasten des Landvolkes, Juden). ZweiteSHauptstück: Leben und Cultur (Ucbervölkerung, Vercinödung, fremde Ansiedler, Mehrung der Bevölkerung, Herbergesystem, Wälderrenten, neue Vereinödungcn, bessere Benützung der Güter, Viehzucht, Nlpenwirthscbaft, Pferdezucht, Waldwirthschaft, Jagd, Fischzucht, Bergbau, Gewerbe, Zunftwesen, Brauereien, Weberei, Industrie, Handel), b) an Illustrationen: 1. Zwei Vollbilder in Farbendruck, ausgeführt in der Jos. Kösel'icken Oifizin in Keuchten, darstellend: Allgäuer Volkstrachten VI. und VII.: Weibliche Tracht von Oberstdorf und Weibliche Tracht in der Gegend von Wcrtach, beide nach einem Aquarell von Jos. Bück; 2. sechsunddreißig in den Text gedruckte Abbildungen. Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hoftatb, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 102—109. Graz und Leipzig 1894. Verlags-Buchbaudluug „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Pfg. Diese Lieferungen enthalten den XIII. Band, der wie der vorhergehende Band die merkwürdige Zeit von 1750—1789 schildert, die Zeit der Aufklärung und des Absolutismus: die Einleitung in die Geschichte des Zeitalters der Revolution. Sie ist rcick an umfassenden Slaatsvcräudcrungcii, die aber in der Regel von einem Manne, vorn Fürsten oder seinem gewalitragcn- den Minister durchgeführt werden. Der Wille des Einen ist Gesetz. Das Skändelcbeu ist verkommen oder liegt in den letzten Zügen Die Völker sind wie Teig, an dem man nach gewissen Systemen berumkueret. Die Losung ist das VolkSwohl, in seinem Namen wird mit einem große» Aufwand von Fleiß und Verstand aus alles historische Leben losgeschlagen. Manches Gute wird eingeführt. noch giößcr ist jedoch die Zahl der Mißgriffe. Um jedoch auch im Speciellen aus den Inhalt dieses Bandes einigermaßen einzugehen, so finden wir hier die Aushebung des Jesuitenordens, die Neformpläne Josefs II., Katharinas II. Regierung, die Türkeukriege von 1787- 1789, die Unruhen in Belgien, Holland, Schweden und Dänemark u. s. w. behandelt, kurz eine reiche Fülle des herrlichsten und interessantesten Lesestoffes. Dabei sind die Cbaraklerzeicbuuiigen, wir nennen nur die hervorragendsten Namen jener Zeit, wie Joses II„ Friedrich II., Karl III., Gustav III., Pombal und Strucnsee. so vollendet und erschöpfend dargestellt, daß sie als ebenso viele Monographien gelten können. Wir können daher nicht umbin, dieses herrliche Geschichiswcrk immer und immer wieder auf das Angelegentlichste zur Anschaffung zu empfehlen. Die katholischen Missionen. Jllustrirte Mouatschrift. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Freiburg im Breisgau. Hcrder'sche Vcrlags- haudlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 7: Die im Jahre 1893 verstorbenen Missiousbischöie. — Die Redactionen von Paraguay. (Forts.) — Ältchristliche Ruinen Nord-Synens. (Fortsetzung.) — Nachrichten aus den Missionen: Japan (Katecbisten); Cbiua (Ostmongolei); Vorderindien (Schulen in den Kholsmissivnen; Besuch beim Radschab von Mandi); Algier (Ein Ausflug nach Seelen (Schluß^); Acquatorial-Aftika (Stand der Mission); Südafrika (Neue Opfer am Sambesi); Westasrika (Mission bei den Adumas); Britisch-Nordamerika (Das heiligste AltarSsacra- ment im hohen Norden); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Für Missionszwecke. — Beilage für die Jugend: Die Sklaven des Sultans (Fortsetzung). Illustrationen: Msgr. Dumaui, griechisch-melchitischer Bischof von Akon. — Msgr. Reynandi 0. 6., vorm. Apostol. Vicar von Sophia und Philippopel. — Msgr. Ricards, Apostol. Vicar von Ost-Kapland. — Msgr. Lions, Apostel. Vicar von Kwei-tscheu. — Plan der Mission von Caudelaria. — Seiten- portal der Kirche zu Dehhes aus dem 6. Jahrhundert. — Fassade eines Hauses und Chorseite der Kirche zu Dehhes aus dem 6. Jahrhundert. — Fassade der Kirche von Qualb-Luzeh. — Längsansicht und Chor der Kirche von Qualb-Luzeh aus dem 6. Jahrhundert. — Das Innere der Kirche von Qualb- Luzeh aus dem 6. Jahrhundert. — Der hochw. Herr Corre und seine Katechisten. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.