Nl-. 30. 26. Juli 1894. Die Schenkung Constantins in Dahn'scher Nornanbclenchtnng. (Vertrag, gehalten im katholischen Vercinshaus zu Spcyer.) Philosoph'scher Roman, du Gliedcrmami, der so geduldig Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt, Schiller. L*r Nicht allein „wer lügt, muß ein gutes Gedächtniß haben", sondern auch wer dichtet und Romane schreibt, — und nicht bloß ein gutes Gedächtniß, sondern auch noch andere gute Gaben mehr, wie z. B. Logik, einen gesunden Sinn für das Physisch, psychologisch und moralisch Mögliche und dergleichen, damit man von dem Werke des Dichters doch wenigstens sagen kann: „wenn'- nicht wahr ist, so ist es gut erfunden." Eine Dichtung, von der man dieses nun aber nicht sagen kann, ist der neueste Roman von Felix Dahn: „Julian der Abtrünnige". Auf diesen Roman paßt vielmehr ganz das obige Lenion Schillers. Das Dahn'sche Machwerk ist gerade wie ein schlecht ge» schnittenes Kleid, das hier widerwärtig spannt und dort häßliche Falten schlügt. Der Dichter hat eben nicht nach Maßgabe der geschichtlichen Wahrheit gearbeitet, sondern er hat nach der künstlich von ihm zusammengcposselten und zugerenkten Gliederpuppe seiner historisch-philosophischen Idee geschneidert. Diese Idee des nationalliberalcn Univcrsitätspro- fessors, eingekleidet in die Gestalt eines altfränkischen Königssohncs mit dem germanisch-ägyptischen Zwitter- Namen Merovech-Serapio, ist eigentlich der Held des Romanes. Der fabelhafte Prinz Merovech-Serapio ist die Personification des deutschen Chauvinismus, wie er als Caricatur des Patriotismus im Kopf eines culturkümpferischen Universitätsprofessors sich ausgebildet hat. Merovech sollte darum auch dem Romane seinen Namen geben, und nicht der historische Kaiser Julian der Abtrünnige. Als Motto würde sich die Phrase empfehlen: „Mein Volk ist mir alles", womit Julian sich von Mero- vcch gewaltig imponiren läßt, weil er nicht weiß, auf wie schöne Manier die Merovcch'schen Volksfreunde es verstehen, die Lasten des Volkes vor den Wahlen mit dem Munde auf ihre breiten Schultern zu nehmen, um aber hintennach in der That durch ihre Steuerplänc und sogenannten Finanzreformen diese Lasten dem Volke um so gewisser aufzuladen. Nun hat der Jesuitenpater Kreiten diesen Merovech- Serapio-Noman in dem 3. und 4. Heft der „Stimmen aus Marta-Laach" bereits nach den oben angedeuteten Richtungen einer angemessenen Kritik unterzogen; aber wer ist im Stande, an einem Pfuschwerke all' die Ungereimtheiten in gehöriges Licht zu stellen, ohne auf die drei Bände Roman wieder drei Bände Kritik zu setzen! Darum sei es erlaubt, einen von dem rühmlichst bekannten Kritiker blos gestreiften Punkt etwas kräftiger zu berühren. Es ist die berüchtigte äouatio 6ou- stuvtini, die angebliche Schenkung des Kaises Con- stantin an den päpstlichen Stuhl, eine von den Lieblings- Nosinanten des edeln Ritters Felix Dahn in seinen erbitterten Kämpfen gegen Rom. Zu den geschichtlich gerade nicht leicht erklärbaren Vorgängen gehört die Umwandlung des christlich erzogenen Prinzen Julian in einen heftigen Feind und Verfolger des Christenthums. Statt nun aber sich an die historischen Umstände zn halten und so die Lücken der Geschichtsforschung auszufüllen durch geschichtliche Poesie, hat Felix Dahn auch dieses Mal vorgezogen, seinen Schriftstcllernamen, wie schon bei seinem früheren „Kampf um Rom", wiederum auf der Erfinderliste prangen zu lassen. Er zeigt uns den Prinzen Julian in ein Kloster in Kleinasien gesteckt, gegen das ein modernes Gefängniß als ein Lustschloß erscheint. Der sonst mit allen Wassern gewaschene Abt Konon, ein alter Jurist, hat ihm dazu einen Beichtvater und Wächter beigegeben, der seinem „gottseligen" Obern in Allem noch weit „über ist". Lysias, so heißt er mit seinem Klosternamen, ist eine Specialität von reinster Dahn'scher Dichtung und Erfindung. Diese „allzu romanhafte Romanfigur", wie sogar die Münchener „Allgemeine Zeitung" (Beil. 237) den Mentor Julians nennt, ist ein Mönch bloß zum Scheine. In Wirklichkeit ist er ein ägyptischer Götzenpriester, und sogar ein Götzenpriesterkönig, der, die Wachsamkeit des ale- xandrinischen Erzbischofes Athanasins wie des Abtes Konon täuschend, sich in den christlichen Priester- und Mönchsstand eingeschmuggelt hat. Während Ptolcmäus, so heißt er als heidnischer Priesterkönig, in Aegypten einen Palast mit einer Prinzessin-Tochter darin hat, weiß er im fernen Kloster bei dem Abte und auch bei dem Hofe sich solches Ansehen zu erschwindeln, daß er als sorgsamer Papa schon darauf hinarbeiten kann, seinen Zögling mit der Hand seiner Tochter zu beglücken und ihn dadurch zum künftigen Priesterkaiser zu weihen. Die widerspruchsvolle Existenz dieses „ägyptischen Wunder- mannes", wie die „Allg. Ztg." ihn bezeichnet, ist weit räthselhafter als die Abtrünnigkeit Julians, die durch seinen so schlecht erfundenen Einfluß erklärt werden soll. Zwei Hauptgeniestrciche, von denen einer wundersamer als der andere, werden nämlich von diesem Scheinmönche ausgeführt, um den Prinzen von der Unwahrheit des Christenthumes zu überzeugen und ihn für seine ägyptisch-heidnische „Kirchenpolitik" zurechtzumachen. In der Pfingstnacht weckt er seinen Zögling, schleicht mit ihm weit vor die Stadt hinaus zu einer verfallenen Wasserleitung, hebt dort eine Marmorplatte und läßt Julian durch eine Ritze des Mauerwerkes in ein unterirdisches Gewölbe blicken, wo die Mönche unter Vorsitz des Abtes Konon, der sich den Tag über mit „Messe lesen, Beicht hören, Predigt halten, Psallircn, Umzüge führen, Pilger empfangen, ihre Wünsche und Fragen anhören und beantworten" doch bereits tüchtig abstra- pazirt hatte, noch eine derartige Orgie aufführen, daß Julian vor Schauder ohnmächtig zusammenstürzt. Der zweite Geniestreich des Dahn'schen Zwittergeschöpfes aus Mönch und Götzenpriester ist eine Reise mit Julian nach Rom, wohin der Abt Konon unbegreiflicher Weise den bei ihm, dem alten „Juristen", eigentlich doch als Staatsgefangener eingesperrten Prinzen fortläßt. Zwei Monate nach jener Pfingstnacht spazieren also beide durch die Straßen der ewigen Stadt. „Wohin gehen wir?" fragt Julian seinen Führer. — „Zum Heiligen Vater. Komm hier hinab, diese Stufen." — Natürlich geht es auch da wieder in das Unterirdische. „Und so demüthig ist er, fährt Julian fort, so fern von jedem weltlichen Gedanken, des Imperators treuester Unterthan. — Wo sind wir?" — „Auf dem Esqutlin, in der Krypta, der neu vom Papste errichteten Basilika. . . . Hierher hat er mich beschicken. Und einen im Ur- kuudenwesen, in Nechtsschriften gewandten Gehilfen sollte ich mitbringen. Du hast, unterwiesen vom Abt, dem ehemaligen Juristen, die Verträge des Klosters verfaßt, viele Jahre lang." (Der junge Prinz!) Aber daß du der Vetter bist des Imperators, das verschweige sorgfältig!" — „Weßhalb dies Geheimniß?" — „Man soll nichts erfahren von unserem Verkehr." Der als so vertraut mit Konon geschilderte Papst soll also von dem Prinzen Julian nichts wissen! „Eine schmale Pforte thut sich auf: siehe, Licht schimmert uns entgegen; folge mir, tritt ein." Alsbald rauscht der dunkelbraune Vorhang, Theatervorhang sollte es heißen, denn ganz wie auf dem Theater steht vor ihnen, angethan mit reichem, goldgesticktem Vischofsoruate, der Papst Liberius. Beide fallen auf das Knie. „Erhebet Euch, meine Söhne, und empfanget meinen Segen." Für dieses neue Segens-- ceremonicll mit Erhebung, sowie für seine andern genialen Leistungen auf dem Gebiete des Ceremonienwesens verdient Felix Dahn unstreitig den Titel und Rang eines Ceremomcurathcs beim „Sohn der Sonne und Bruder des Mondes" im bekannten „Reich der Mitte". In jenem widerlich salbungsvollen Pathos, in dem der „Pfarrer ein Komödiant" ist, läßt hierauf Dahn seinen Papst fortfahren: „In Demuth danke ich meinem ehrwürdigen Bruder, dem Abt Konon, daß er meinem Wunsche gemäß, gerade Dich o Presbyter Lysias, zur Ausrichtung eines Geschäftes gesandt hat, das der armen Magd Ehristi, seiner heiligen Kirche, unter dem Segen des Höchsten zum Heil ausschlagen soll." In demselben abgeschmackten muckerischen Prädi- cantentone, der niemals von einem Papste angeschlagen worden ist, muß alsdann Liberius in goldgesticktem Bischofsoruat, den kein vernünftiger Mensch an solchem Ort, zu solcher Zeit und Gelegenheit anzieht, vor den beiden Fremden sein ganzes kircheupolitisches Programm offenherzig und geschwätzig auskramen, wobei natürlich all die Ungeheuerlichkeiten zum Vorschein kommen müssen, die von den Culturkämpfern als päpstliche Politik ausgegeben werden. Als Hiebei Lysias und Julian einige Bemerkungen wagen, werden sie natürlich angeherrscht, und Papst Liberius ergeht sich in einfältigen Klagen über die widerspenstige Vernunft, die er nach Luthers Vorbild und Wort als „Buhle des Satans" bezeichnet, über das Nömerreich, über den Staat im allgemeinen, der im Angesichts der Kirche nichtberechtigt und nichtig sei. Staat, Vaterland, Heldenthnm, Eigenthum, Straf- recht, Nichterthum n. s. w., all das sind, wenn man den Felix Dahn'schen Papst hört, Ausgeburten der durch den Sündknfall verdunkelten Vernunft, der „Buhle des Satans". . . . „Möge der Staat, läßt Dahn seinen Papst ausrufen, bald mit dem Teufel zugleich in Flammen aufgehen!" . . . Das ist ja der allerliebste anarchistische Dyuamitard, dieser Papst Liberius aus dem vierten Jahrhundert, der nicht blos ü 1a Luther mit dem Teufel, sondern wie ein Navachol u. Genossen mit Bomben und Granaten um sich zu werfen im Stande wäre. „Einstweilen aber, solange die Kirche auf Erden den als ein Uebel von Gott einstweilen noch geduldeten Staat neben sich ertragen muß, muß wenigstens der Anfang geschaffen werden zu einer Welt- ! ltchen Herrschaft der Kirche, die erste Stufe muß gelegt werden zu einem stolzen Bau, auf dessen Spitze der römische Bischof dereinst auch die weltliche Gewalt üben wird auf der ganzen Erde." .... „Aber noch kann ich meine Ansprüche nicht beweisen. Und um den Beweis zu beschaffen, deßhalb hab' ich die Schärfe deines im Urkundenwesen und im weltlichen Recht vielbewanderten Geistes berufen. Der gottselige Abt Konon hat dich mir auf das wärmste empfohlen. Und deßhalb hab' ich auch diesen noch Unreifen zugelassen auf deinen brieflichen Wunsch. Du rühmtest, er sei geschickt im Schreibwerk und mit der Sprache der Rechtsurkunden im Kloster wohl vertraut gemacht worden — wohlan, hier mag der Anfänger seine Erfllingsleisiung schaffen im Dienste der Kirche." ... Nachdem nun Dahn seinen Papst durch diese zeitraubenden Präambeln sich gehörig hat ausplaudern und vor Julian blosstellen lassen, bringt er ihn endlich auf die Sache. „Wohlan, sprich es aus, sagt Lysias, was soll ich, was soll der Jüngling für dich thun?" — „Eine Urkunde schreiben." — „Gern! Welcher Art?" — „Eine Schenkungsurkunde. In aller Form Rechtens, hört Ihr? Ihr werdet eine Urkunde aufsetzen, in welcher der Imperator zum Dank für die wunderbare Heilung von dem Aussatz meinem Vorgänger, dem wunder- thätigen St. Sylvester, und dem römischen Stuhle für ewige Zeiten zu eigen schenkt die Stadt Rom und das Weichbild von Rom im Umfang von so und so viel Miliarien (das werd' ich noch nachtragen!) mit allen Herrschafisrechtcn, wie sie jetzt der Augustus ausübt." „Abschreiben meinst du wohl, Heiliger Vater!" entgegneie Lysias. „Schwerfälliger, ruft dieser aus, wozu abschreiben? Verfassen sollst du die Schenkung." Mit Recht ist der Dahn'fche Papst ungeduldig über den so weit als heutzutage von den Gegenfüßlern herbestellten Mönch, der nichts begreifen zu wollen scheint, während er doch nach allem Vorausgegangenen den Zweck seiner so außerordentlichen Berufung wissen mußte. „Der Imperator trug sich, ich weiß es, fährt der Dahn'fche Papst weiter, mit ähnlichen Gedanken. Der Tod Konstantins kam der Erfüllung zuvor. Ergänzen wir, was der Imperator wollte, wollen sollte, wollen mußte — zum Heil seiner Seele und der Kirche. Ihr verfaßt den Nechtsinhalt der Schenkung. Seine Unterschrift, .... die werde ich besorgen: ich kann sie machen, nachmachen, . . . . so gut wie er selbst." — „Was ist die deutsch Sprak für ein plump Sprak", würde der französische Falschspieler in der „Minna von Barnhelm" ausrufen. Wie vor zwei Monaten in dem kleinasiatischen Auerbachs Keller beim Anblicke des Bacchanals jener Dahn'schen Mönche, so fällt Julian auch in dem päpstlichen Kellergewölbe in Ohnmacht beim Anhören der staatsverbrecherischen Sprache des Dahn'schen Papstes. Ein Wunder auch, wenn dem Prinzen bei den Dahn'schen Abgeschmacktheiten im Munde eines Papstes nicht übel und bei den plumpen Erfindungen nicht grün und gelb vor den Augen geworden wäre. Kann Liberius die Hand Konstantins so gut nachmachen, so ist es kaum zu glauben, daß er in der Neichshauptstadt Rom nicht Helfershelfer auch zu den andern Fälschungen gehabt hätte und einen so weit hergeholten Fremden mit einem „Knaben, Unreifen und Anfänger" für eine solche wichtige „Erstlingsarbeit" zu benützen brauchte. Wie aber. wenn der Dahn'fche Prinz Julian erst 23b gewußt hätte, daß er schon ungefähr 20 Jahre früher in einem ältern Romane Dahns einen Vorläufer und Concurrenten im Urkundenfälschen gehabt hatte? Nämlich in dem Roman „Ein Kampf um Rom" muß eine ganz ähnliche schmachvolle Rolle wie der Papst Liberius der Papst Sylverius spielen. Auch diesem Papste wird von Dahn die nämliche herrschsüchtige Politik und werden die nämlichen macchiavellistischen Grundsätze und verbrecherischen Mitte! unterschoben, als dem Papste Liberius. Ja Sylverius führt ganz die gleiche, widerlich salbungsvolle Sprache des muckerischen Prüdicauten. Um den Besitz Roms kämpfen nach Dahns früherem Romane „Ein Kampf um Rom" gegen Mitte des sechsten Jahrhunderts 1) der Papst, 2) der L 1a Louis Napoleon republikanische Stadtpräfect Cethegns, der schon anno 600 so nnd so viel die moderne Parole ausgibt: „Italien hilft sich selbst", Italia tarä äa se, 3) die Ostgothen und 4) die Byzantiner unter ihrem Feldherrn Belisar. Der Papst Sylverius hatte dem Gothenkönige Witichis vor dessen Abzug aus Rom öffentlich Treue geschworen, und die Römer nach des Papstes Beispiel ebenfalls. „Doch kaum hatten die Gothen den Mauern Roms den Rücken gewendet, schreibt Dahn Band II S. 294, so berief Papst Sylverius — es war am Tag nach seinem Eide — die Spitzen... Mit Unbefangenheit stellte er darauf den Antrag, da endlich die Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer (die Gothen waren Arianer) abzuwerfen, eine Gesandtschaft an Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen Stadt zu überreichen." „Die Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters nnd eines ehrlichen Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu binden, so zu lösen." ... So spielt Dahns Papst mit dem Eide der Treue, lächelnden Mundes. Darauf ging der Antrag einstimmig durch, und der Papst nebst Cethegus und zwei andern wurden als Gesandte an Belisar gewählt. Cethegus jedoch kam der Deputation heimlich zuvor. „Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten Augen das mächtige Schauspiel, wie der Papst im Lager seinen Einzug hielt. Meilenweit herzugeeilte Gläubige, Haufen des Landvolkes der Umgegend, Tausende von Soldaten bildeten den unter unaufhörlichen Jubelrufen sich heranwälzenden Strom von Menschen, über welche Sylverius unermüdlich Segen sprach." Der Dahn'sche Belisar hatte seine byzantinische Leibwache, weil sie „zu gute Christen" seien, durch heidnische Hunnen und Gepidcn ablösen lassen. Vor diesen, des Lateins unkundigen Barbaren läßt hierauf Herr Dahn seinen Sylverius noch unmittelbar vor dem Zelteingange des Feldherrn simpclhaster Weife sich lächerlich machen durch eine schöne Rede über den ungeschickt gewählten Text „Lasset die Kleinen zu mir kommen," wobei er wieder lächeln muß, aber salbungsvoll. (Schluß folgt.) Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst (gegründet 1893) versendet ihren ersten Jahresbericht*) und das Verzeich- niß ihrer Mitglieder (bis 1. Juni 1893). Wir erhalten hier in authentischer Weise einen „gedrängten Ueberblick *) Verfasser i. A. H. Inspektor S. Staudhammer-Münchcn. Geschäftsstelle d. d. E. f. chr. K. LndwigSsir. 15. über die bisherige Thätigkeit der deutschen Gesellschaft für christliche Kunst und über die in nächster Zeit vorzunehmenden Schritte." Ueber erstere haben die Leser der Postzeitung wiederholt Bericht empfangen, speziell über die Gründung, die erste JahreSmappe, die Verhandlungen in Würzburg. Es ist nicht uninteressant, die Reihe der Tagesblätter und Kunstzeitschriften zu durchlaufen, welche von Anfang an oder auf die genannte Publikation hin das neue Unternehmen mit aller Aufmerksamkeit verfolgten. Obenan stehen die Angsbnrger Postzeitung, die Kölnische Volkszeitnng, das Negensbnrger Morgenblatt, das Archiv für christliche Kunst, das österreichische Literaturblait; aber auch die Allgemeine Zeitung, die Kunst für Alle und eine sehr große Zahl anderer Blätter der verschiedensten Richtung bekundeten meist in günstigster und anerkennender Weise ihr Interesse an der Sache. Der Bericht spricht deßhalb auch die Hoffnung aus, es werde „dem ernsten Streben der Gesellschaft die gleiche Unterstützung auch fernerhin zur Seite stehen", besonders, da sich die Publikationen der Gesellschaft immer mehr, namentlich nach der instruktiven Seite hin, vervollkommnen werden. Die Herausgabe der ersten Mappe war mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Denn als diese Aufgabe an die Gesellschaft herantrat, zählte sie erst eine kleine Zahl begeisterter Förderer in der Künstlcrwelt; dann konnten in der verhältnißmäßig kurzen Zeit, welche für die Vorbereitungen vergönnt war, gerade von den besten und geeignetsten Schöpfungen der Künstler-mitglieder keine technisch genügenden Nachbildungen beschafft werden; weiterhin fällt der Umstand in die Wagschale, daß manche der Künstler schon längst den Wunsch hegten, aber keine Gelegenheit fanden, direkt im Dienste der christlichen Kunst zu schaffen. Daher kommt es auch, daß in ausgedehnterem Maße, als es in der Folge geschehen dürste, Werke von Juroren herbeigezogen werden mußten. Immerhin werden jederzeit alle andern Rücksichten der einen sich unterordnen müssen, die Wirksamkeit der Gesellschaft möglichst segensreich zu gestalten. Noch ein anderer Punkt ergab sich aus den ange führten Schwierigkeiten. Wegen der verhältnißmäßig geringen Auswahl an Werken, welche der Kunst, der Religion und dem allgemeinen Verständniß gleichmäßig entsprachen, mußte die Jury in der ersten Mappe zunächst darauf Hintrachten, zu zeigen, daß es Männer gibt, die mit vollendetem technischen Können den Willen verbinden, ihre Geisteskraft in den Dienst der religiösen Ideen zu stellen; und dieses Ziel hat sie unstreitig mit jedem Blatte erreicht. In allen Versammlungen und Zuschriften zeigte sich, daß die Mitglieder mit dem bei Gründung der Gesellschaft klar ausgesprochenen Grundsatz einverstanden sind, wir sollten nicht allein die kirchliche, sondern die christliche Kunst im weitesten Sinne pflegen. Der Betrachter der Mappe wird auch ohne nähere Bezeichnung leicht finden, für welchen Zweck die einzelnen Darstellungen gedacht sind, und darnach wird er sein Endurtheil einrichten. Anders gestaltet sich eine Schöpfung deS künstlerischen Empfindens, wenn ich sie für den Altar bestimme, anders, wenn sie der häuslichen Erbauung oder Anregung dienen soll, wieder anders, wenn derselbe Gegenstand als ein allgemein zugängliches Monumentalwerk gedacht ist. Bei Kunstwerken, welche im Gotteshaus Aufstellung finden, spielt die Tradition eine ungleich größere Rolle als bei anderen. Es möge nicht über- sehen werden, daß auch unsere Zeit für spätere Generationen ein Stück Tradition darstellt, und das; auch die alte Kunst zu ihrer Zeit neu war. So wie die Verhältnisse sich thatsächlich gestaltet haben, nmß der Künstler bei einer nicht bestellten (was regelmäßig der Fall ist), sondern für Ausstellungen bestimmten Arbeit die technische Seite betonen, weil ihm Erfahrung und Gefühl sagen, hier werde mehr nach seinem äußeren Können gefragt; würde er dabei mit der inneren Wahrheit und dem, was das Wesen des Kunstwerkes ausmacht, in Widerspruch gerathen, so wäre seine Schöpfung bei allen sonstigen Vorzügen gewiß unvollkommen. Doch müssen gerade solche Erscheinungen im Kunstleben für alle Freunde hoher Kunst eine Aufforderung bilden, dem christlichen Künstler seine schwierige Stellung erleichtern zu helfen. Wir thun aber das Gegentheil und zeigen von geringer Kenntniß der Verhältnisse, wenn wir in überhasteter Kritik auch das vorhandene Gute wegleugnen und wenn wir zurückstoßen, wo wir anziehen, zerstreuen, wo wir sammeln sollten. In unseren Tagen ist die Beherrschung der Kunstmittel eine unerläßliche Vorbedingung für Jeden, der es wagen will, an die schmierigsten und erhabensten Aufgaben heranzutreten. Deßhalb verdienen neu entstandene Arbeiten, welche dem religiösen Jdeen- kreisc entnommen sind, nur dann den Namen religiöser „Kunstwerke", wenn sie die genannte Bedingung erfüllen. Wir wollen verhüten, daß die Darstellung des Heiligen mitleidigem Lächeln ausgesetzt werde und daß man uns um unserer „christlichen Kunst" willen als minder gebildet bezeichne. Und heutzutage können wir mit umso größerer Entschiedenheit die künstlerische Fertigkeit betonen, als unumstößlich feststeht, daß wer die hierauf bezüglichen Anforderungen nicht erfüllt, noch weniger die Fähigkeit besitzt, der zweiten, ungleich schwierigeren Anforderung zu genügen, nämlich seinem Gebilde den rechten Geist einzuflößen. Höchst bedauerlich wäre die Ansicht, der Besteller eines kirchlichen Bildwerkes wende sich am besten an einen „Künstler zweiten Ranges", da ein solcher williger auf die Ideen des Bestellers eingehe; für eine zu rechtfertigende Einflußnahme des Auftraggebers wird vielmehr gerade der tüchtigste Künstler im Interesse seines Werkes am dankbarsten sein. Fern bleibe aber der Versuch, unsere Künstler zu Handlangern zu degradiren, sie müssen uns vielmehr als Mitarbeiter im Weinberge des Herrn gelten, ähnlich wie die Männer der Wissenschaft, nicht sklavisch, sondern in freier Liebe zur Religion schaffend. Möge es nicht dauernd vorkommen, daß sie bei den Gegnern der Kirche mehr Ehre und Unterstützung finden, als in unseren Kreisen! So sehr wir die Tradition in der Darstellung besonders der hauptsächlichsten Thatsachen der Religion hochhalten und ein gewaltsames Brechen mit ihr verwerfen, so wenig möchten wir die Künstler aller Zeiten von selbständigem Denken und Empfinden dispensiren. Die Beobachtung der kirchlichen Bestimmungen, wo dieselben überhaupt in Betracht kommen, halten wir für selbstverständlich. Die äußeren Hilfsmittel der Darstellung vermögen niemals den Geist zu ersetzen, können aber auch nicht durch ihn zureichend ersetzt werden. Allerdings ist der ungleich wichtigere Theil der seelische Inhalt. Daraus ergeben sich für den Künstler und Kunstfreund etliche nicht immer genügend beherzigte Wahrheiten. Diese sind: daß man sich nicht an eine bestimmte frühere oder moderne Schule anklammere und dadurch für alles andere erblinde; daß man in der unablässig sich vollziehenden Aenderung der Techniken nicht ohne weiters einen Rückschritt oder Fortschritt erblicke; daß man nicht in Lob oder Tadel an der äußeren Form haften bleibe, sondern den Künstler innerlich auf sich einwirken lasse durch die schöne Seele, die sich in schöner Form offenbaren muß. Die Sprache der Schönheit aber ist so reich an Ausdrucksweisen, daß jeder echte Künstler, sobald er sich von der nöthigen Akademieschulung losgemacht hat, seinen Werken mehr oder minder auch ein individuelles Gepräge aufdrücken und auch hierin mit wohlthuender Originalität auf den Beschauer wirken wird, ohne nach einer Originalität der Einseitigkeit haschen zu müssen. Von einer nicht auf positiv christlichem Boden stehenden Seite wurde die Frage aufgeworfen, ob die Gesellschaft wohl mehr der Kunst oder dem Christenthum dienen wolle. Aus dem Namen, welchen die Gesellschaft trägt, aus der ersten Jahresmappe und aus obigen Bemerkungen geht zur Genüge hervor, daß beides keine Trennung zuläßt. Leider wollen auch Gutmeinende einen Gegensatz zwischen Kunst und kirchlicher Darstellung con- struiren; diese leisten dabei dem Ansehen der Kunst und der Kirche gleich beklagcnswerthe Dienste. Wem sollten die Schwächen einiger Künstler entgehen s Aber der Ansicht vermögen wir nicht zu huldigen, als ob hier rücksichtsloses Aufdecken und Bemängeln Heil bringe; wir wollen nämlich heilen, ohne unnöthig zu schmerzen, wo wir verbessern können, möchten wir nicht vernichten. Oftmals ist die eigene Einseitigkeit Ursache der schroffen Beurtheilung Anderer. Nach diesen Darlegungen dürften alle Gönner der christlichen Kunst den Juroren Dank wissen, daß sie mit Ueberwindung, großer Schwierigkeiten die erste Publikation zu einer würdigen Kundgebung christlichen Kunstgeistes gestaltet haben. Die Zusammensetzung der Jury bot von vornherein hinlängliche Bürgschaft für ein gutes Gelingen. Dankbarste Anerkennung gebührt auch den in der Mappe vertretenen Künstlern, welche sämmtlich die Veröffentlichung ihrer Werke ohne Entgelt gestatteten; ferner jenen VerlagSfirmen, welche uns die Reproduktion der bei ihnen verlegten Kunstblätter ermöglichten. Ermuthigend und für das christliche Kunstleben segensreich waren die Tage der 40. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands in Würzburg, wo auch die Gesellschaft am 29. August eine Generalversammlung abhielt. Es zeigte sich hier nicht allein bei jenen Kunstfreunden, welche die Macht der Kunst bereits in ihrem praktischen Wirken schätzen gelernt, sondern auch bei der jüngeren Generation das regste Interesse für unsere Sache. Die Generalversammlung selbst nahm einen unerwartet günstigen Verlauf; insbesondere wurde die Rede des I. Präsidenten, welcher die bedeutungsvolle Aufgabe der Gesellschaft vom Standpunkte der Kunst und des socialen Lebens beleuchtete, mit Begeisterung aufgenommen. Statutengemäß nahm die Generalversammlung auch die Wahl der Vorstandschaft für das Jahr 1894 vor, und zwar wurden zum Zeichen des Dankes für ihre bisherige Thätigkeit die 6 durch das Loos ausscheidenden Mitglieder neuerdings gewählt. Hiernach besteht der Vorstand des Jahres 1894 (alphabetisch geordnet) aus den Herren: Dr. Georg Freiherr von Hertling, Neichsrath, Universitätsprofessor (München), I. Präsident. Heinrich Graf Adelmann von Adelmannsfelden, fürstlich hohenzollern'scher Hofkammer- präsident (Sigmaringen). I>r. Jos. Bach, Universitäts- 237 Professor (München). Franz Festing, Pfarrer (Niederroth bei Röhrmoos). Clemens Freiherr von Heereman, k. Negierungsrath a. D., Mitglied des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses (Münster), vr. Paul Keppler, Universitätsprofessor, Vorstand des Nottenburger Diöcesan-Kunstvereins, Herausgeber und Redacteur des Archivs für christliche Kunst (Tübingen), vr. Alois Knöpfler, Universttätsprofcssor, Kassier (München). Dr. I?. Albert Kühn, O. 8. L., Professor der Aesthetik u. Kunstgeschichte (Einsiedeln). Dr. Oscar Freiherr Lochner von Hüttenbach, Professor, II. Schriftführer (Eichstütt). Dr. Jos. Schlecht, Lycealprofessor (Dillingen), vr. Gustav Schnürer, Universttätsprofcssor (Freiburg, Schweiz). S. Staudhammer, k. Inspektor und Hofstiftsvikar (München), l. Schriftführer. Georg Busch, Bildhauer, II. Präsident. Beruh. Hertel, k. Regierungsbaumeister (Münster). Heinr. Freiherr von Schmidt, k. Professor, Architekt (München). M. Heinrich Waders, Bildhauer (München). Martin Feuerstein, Maler (München). Gebhard Fugel, Maler (München). (Schluß folgt.) Von Gremrble nach der Grande Chartrcuse. Von H. Eid. (Fortsetzung.) So schön auch die Eindrücke dieses Tages waren, den wir hier mitten in der Einsamkeit des Gebirges verlebten, so hatte mich doch der kleine Nundgang in brennender Sonnenhitze recht müde gemacht, und ich erfreute mich infolge dessen des erquickendsten Schlafes, den ich um so höher schätzte, als ich bisher in dem geräuschvollen Grcnoble kaum einmal gut geschlafen hatte. Wie herrlich ist doch dieses Erwachen im Psarrhause gewesen, da durchs Fenster die junge Morgensonne grüßte und die frischen Waldlüfte wehten, während die alten Tannen droben auf den grauen Felsen mit ihren dunklen Zweigen zu sich hinaufwiukten l Nur gemach, wir kommen bald! Laßt uns nur erst frühstücken und von dem guten Pfarrer Abschied nehmen. Ich hatte mich in der That wohl gefühlt an diesem Ort der Ruhe und der Freundschaft und trennte mich nur ungern von unserm ehrwürdigen Gastgeber. Auf Wiedersehen! In vergnügter Schönheit strahlte der neue Morgen. Es schien wiederum drückend heiß zu werden, allein wir trösteten uns mit dem Gedanken, einen schattigen Weg vor uns zu haben. Dieser Weg führt längs des Berg- stromes durch ein tief cingerisscues, schluchtartiges Thal bis hinauf zur sogenannten Einöde (1a äösort), wo das Kloster gelegen ist. Gleich hinter dem Städtchen St.- Laurent betraten wir das fcldumgürtcte Thal; eine sehr gut gehaltene, auch ziemlich breite und bequeme Straße führt dicht zwischen Bach und Bergwand dahin. Große, bemooste Steine lagen da und dort in wirren Haufen und vielfach zerschmettert zur Seite, Zeugen der wilden Gewalt von Wind und Wetter, die hier zu Zeiten wohl schrecklich Hausen müssen. Aus diesem Steinchaos erheben sich schlanke Tannen und stämmige Buchen, höher und höher steigend bis hinauf, wo das Auge die seltsam gezackten, nadclartigen Felsspitzeu in voller Klarheit am blauen Himmelsgrunde sich abheben sieht. Jetzt tritt plötzlich das Gebirge so nahe an uns heran, daß die Aussicht nach oben unter den Baumgipfeln völlig verdeckt ist; dafür aber offenbart sich dem Auge der Anblick der jenseits des Baches liegenden Höhen, der uns bisher durch die dichten Ufergestrüuche entzogen war. Wie da die Tannen nach oben hin immer kleiner werden, wie sie sich zuletzt in ihrer wunderlichen Zwergengestalt auf die Vorspränge der Felsen flüchten, und wie sie dort ans den höchsten nackten Zinnen wie schwarze Männlein in Reih und Glied zu stehen scheinen! Und uns znr Seite, tief drunten, murmelt der Corrent mit seinem krystallhellcn Wasser, das in wilder Hast über die grünen Felsblöcke dahinsauste und dessen weiße, wirbelnde Schaumkronen aus dem Halbdunkel gespenstisch heraufkeuchten. Indem wir uns den erhabenen Eindrücken dieser herrlichen Natur überlassen, schreiten wir schweigend neben einander her. Kein Wandrer ist uns bis jetzt begegnet, alles ist so still ringsum, als ob wir auf tausend Meilen dem Getriebe der geschäftigen Welt der Menschen entrückt wären. Aber siehe, dort drüben am andern Ufer wehen bläuliche Nauchstrcifcn über den schweigenden Wald, dort ist eine Ccmentfabrik. Wagen, mit Pferden bespannt, halten vor der Eingangsthürc, Säcke werden ausgeladen, und die Stimmen der Fuhrleute und Arbeiter schlagen an unser Ohr. Nicht weit von hier befindet sich eine andere industrielle Anlage, aber nicht von alltäglicher Natur. Es ist die weltberühmte Ltqueurfabrik der großen Karthause. Wir läuteten am äußeren Thore und erhielten alsbald Einlaß. Durch den Pförtner ließen wir dem die Oberaufsicht führenden Klosterbruder melden, daß wir wünschten, die Fabrik besichtigen zu dürfen. Es dauerte auch nicht lauge, so erschien ein altes, graues Männchen im grauweißen Mönchshabit und mit einem grobleinenen blauen Arbcitsschurz bekleidet, das uns mit lächelndem Gesichte freundlich willkommen hieß, sich dabei tausendmal entschuldigend, daß es ihm leider nicht erlaubt sei, uns die Fabrik zu zeigen, indem eben Tag für Tag Reisende einträfen, die sie zu sehen begehrten, wobei jedoch zu fürchten sei, daß das Geheimniß der Zubereitung des Liquems leicht verrathen werden könnte. Indessen wollte uns der alte Mann nicht ziehen lassen, ohne uns einen Beweis von der Gastfreundlichkcit des Hauses gegeben zu haben. Wir traten also mit ihm in ein kleines, weißgetüuchtes Gemach und ließen uns auf seine Einladung hin auf die sehr primitiv aus Weiden geflochtenen Stühle nieder. Der Bruder öffnete nun den Wandschrank, nahm fünf Gläschen heraus — wir waren unsrer vier, da sich uns schon in St.-Laurent noch zwei Wanderer beigesellt hatten — und goß in ein jegliches von dem goldig klaren, duftigen Getränke, das uns dann auch ausgezeichnet mundete. Das graue Mönchlein schien in Grcnoble sehr gut bekannt zu sein und erkundigte sich bei meinem Freunde über mancherlei Personen und örtliche Verhältnisse, wie man es bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegt. Es war gut, daß wir uns nicht lange aufhielten, denn wir wären sonst so gute Freunde geworden, daß dem freundlichen Alten die des öfteren wiederholten Entschuldigungen wegen der uns verweigerten Erlaubniß noch viel härter angekommen wären. Die Hälfte unseres Weges war zurückgelegt. Es ging auch bereits gegen Mittag, und <^us ostauä, wie heiß! kam es gar oft über die lechzenden Lippen. Mit einer Wendung der Straße standen wir plötzlich vor der kühn über den Bergstrom gewölbten, steinernen Brücke St. Bruno, und gerade, als wir sie zu überschreiten uns anschickten, begegneten uns zwei junge Männer, die offenbar soeben von der Chartreuse kamen. Ich glaubte in dem einen, einem hellblonden, rothwangigen Jünglinge, einen Landsmann zu erblicken und redete ihn deßhalb .,-S 238 vertrauensvoll in deutscher Sprache an. Er verstand mich aber nur mit Mühe, er war ein Belgier. Wir erkundigten uns angelegentlichst, wie weit wir noch zu gehen hätten, wie man sich in solchen Fallen ja gerne crmuthigen läßt, und ich glaube, sie sprachen von einer guten halben Wegstunde, während die Straße sich noch weit über eine Stunde hinzog und mit der steigenden Sonne immer beschwerlicher wurde. Die Landschaft nahm allmählig einen anderen Charakter an. Wohl brauste noch immer der Bergstrom, in tiefer Rinne fluthend, zu unsern Füßen, aber die Berge wurden niedriger und die herrlichen Wälder dehnten sich in breiteren Flächen vor uns aus. Natürlich erreichte uns jetzt auch die Sonne ungehinderter, und heute meinte sie es ausnehmend gut. Ost windet sich hier die Straße mühsam durch die künstlich beiseite gedrängten oder auch gesprengten Felsen. Ja manchmal führt sie gar durch ziemlich lange, unterirdische Durchlässe, die von der Seite des Flusses her durch künstlich hergestellte Lichtöffnnngen erhellt werden. Da drinnen war es so kühl, aber doch auch wieder so unheimlich öde angesichts der durch die unförmlichen Felsenfenster hereinschauenden, reizenden Natur. — Immer steiler wird die Straße, die Mittagsonne hat jetzt alle Baumschatten aufgezehrt, mir brennen die Füße auf dem steinigen Boden, es ist zum Verschmachten. Doch Geduld! Wir haben ja bereits den Eingang in die Einöde erreicht. Ein hohes, grün angestrichenes Eisenkrenz kennzeichnet diese Stelle, wo einst der heilige Bruno die einsame Hochebene betrat. Noch einmal bereitet mir eine Wendung des Weges, die ich für die letzte hielt, eine Enttäuschung. Aber der Bach ist ja gänzlich verschwunden, nur wild durcheinander geworfene Steine bezeichnen sein vertrocknetes Bett, hier muß er also seinen Ursprung haben. Jetzt tritt der Wald zurück, es wird licht, eine mächtige Felsenwand, der Grand Lom, erscheint, und dort liegt das heiß ersehnte Ziel, die altersgrauen Mauern der Grande Chartreuse. Noch ein jäher Aufstieg der Straße, eine letzte Kraftanstrengung — und wir stehen vor der Klosterpforte! Auf dem Nasenplätzchen vor dem Thore hatte sich eine kleine Gesellschaft vornehmer Herren und Damen niedergelassen. Die meisten der Herren hatten wohl das Innere des Klosters schon besichtigt und beriethen nun mit den Frauen, denen der Eintritt nicht gestattet ist» einen nachmittägigen Ausflug. Die hohe Umfassungsmauer auf der gegen Osten gelegenen Vorderseite des Gebäudes warf ihren Schatten auf dieses reizende Fleckchen Erde, und hätte uns der Bruder Pförtner nicht auf der Stelle geöffnet, so wäre ich jedenfalls auch versucht gewesen, mich im weichen Grase auszuruhen. Aber schon waren wir über eine kleine Treppe in das zur Linken der Pforte liegende Vorzimmer eingetreten, um die erforderlichen Personalangaben zu machen und den uns hier empfangenden Bruder über die Dauer unseres Aufenthaltes zu verständigen. Es kommen nämlich auch Pilger hierher, die gesonnen sind, eine sogenannte Netraite (geistliche Uebungen) zu machen, und zu diesem Zwecke mehrere Tage lang hier verweilen. Nachdem auch mein dem Bruder etwas seltsam klingender deutscher Name nach einigem Zaudern und Vorbuchstabiren in die Liste eingetragen war, schritten wir über den großen Vorhof zum eigentlichen Eingang des Gebäudes für die fremden Gäste. Die Düsterheit dieses rings von hohen Mauern begrenzten Raumes wird dadurch in etwas gemildert, daß rechts und links VD dem durch seine Mitte führenden, mit großen Steinplatten belegten Hauptwege ein umfangreiches, kreisrundes Steinbecken steht, aus dem sich ein mächtiger Wasserstrahl erhebt, um laut plätschernd in dasselbe wieder niederzufallen. Diese beiden Springbrunnen, die von der Quelle des hl. Bruno gespeist werden, müssen den neuankommenden müden und durstigen Wanderern gar verlockend erscheinen, denn ich sah im Verlaufe jenes Tages ganze Gruppen jüngerer und älterer Leute sich an ihrem eiskalten, aber wunderbar reinen Wasser erkühlen. Außer den beiden Fontänen weist der Vorhof auch zwei sehr sorgsam gepflegte, eben in der herrlichsten Blüthe stehende Blumenbeete auf, was einen recht freundlichen, wohnlichen Eindruck hervorbringt. Betritt man aber das Innere des Hauses, so fühlt man sich mit einem Schlage in eine ganz andere Welt versetzt: Lange, düstere Korridore mit grauen Steinböden und hohen Wänden, mit unansehnlicher Tünche bedeckt! Gar trübselig kommen uns die schwarz angestrichenen Thüren mit den altmodischen, knarrenden Schlössern und die nackten, tief in den Wänden liegenden, zum Theil noch mit Butzenscheiben versehenen Fenster vor. Eine ziemlich große Zahl von Gästen bewegt sich eifrig über die Treppen und Gänge. Jeder sucht sich vorerst zu- rccht zu finden und sich soviel als möglich heimisch Zu machen. Aber frohes Geplauder ist nirgends zu hören, und wenn jemand sich beigehen lassen wollte, laut zu reden oder gar zu lachen, so würde ihn eine ernste Hand auf die von allen Wänden streng herniedcrblickende Warnung verweisen: Man bittet, leise zu sprechen! (Fortsetzung folgt.) Neceusivnen und Notizen. Lätitia, Sammlung vierstimmiger Chöre für deutsche Cä- cilienvcrcine, höhere Lehranstalten rc., herausgegeben von Waldmann v. d. Au. III. Vändchcn: gemischte Chöre, broch. 1 M., geb. IM. 25 Ps.; IV. Bündchen: Münner- Chöre, broch. 60 Ps. Straßburg i. E., 1894- Straß- bürger Druckerei und Verlagsanstalt, vorm. N- Schnitz u. Comp. L. 6. In vorliegender Sammlung begrüßen wir eine Gabe, die gewiß in weiteren Kreisen schon mit Sehnsucht erwartet wurde. Der Herausgeber, „ein aufs Praktische eingerichtetes Talent", wie ihn Dr. Wiit rühmte, hat uns schon vor mehreren Jahren mit 2 Bündchen vierstimmiger Chöre beglückt und konnte in der Folge die angenehme Erfahrung machen, daß er nicht vergeblich gearbeitet habe; den» das I. Bündchen (gedruckt 1884) ist bereits in 4. Auflage und das II. Bündchen (gedruckt 1887) in 3. Auflage mit je 2000 Exemplaren erschienen, ein Umstand, der genugsam erkennen läßt, daß hier das Nichtige getroffen wurde. Den früheren Bündchen reihen sich nun die jüngst erschienenen in würdigster Weise an. Das 3. Bündchen enthält 70 gemischte Chöre, daö 4. Bündchen 36 Münnercböre, welche in glücklicher Auswahl all den Veranlassungen Rechnung tragen, in denen Cäcilienvereine außer der Kirche aufzutreten haben. ES finden sich darin religiöse, Grab-, Vaterlands- und Heimathöliedcr, Sonntags-, Morgen-, Abend-, Frühlings- und Herbstlieder, Wald- und Berg-, Wander- und Abschiedslieder, vermischte und humoristische Lieder. Wir rechnen cS dem Herausgeber zum hohen Verdienste an, daß die Texte mit großer Sorgfalt ausgewählt sind, frei von erotischen Schwärmereien, lauter und rein, so daß sie jedem Schüler, ja jedem Kinde unbedenklich in die Hand gegeben werden können. Was den musikalischen Theil betrifft, begegnen wir hier manchen lieben alten Bekannten, entweder in ihrer ursprünglichen Tracht oder in einem vom Herausgeber gut angemessenen Gewände. Zu ihnen gesellen sich viele neue Erscheinungen cücilianischer Compouistcn, die neben den Alten ganz gut auftreten können, ja sie vielfach überflügelt haben. Indem bei der Auswahl besonders darauf gesehen wurde, daß den GesangSkrästen keine großen Schwierigkeiten zugcmuthet werden, so ist gleichwohl alles Triviale und Ordinäre vermieden, vielmehr paart sich anmuthigc Einfachheit mit edlem Schwung. Da Einzelstimmen nicht ausgegeben werden, so muß wohl jeder Sänger aus der Partitur singen, aber daL lostet bei dieser Ausgabe wahrlich keine Mühe; denn die AuSstaikung ist in Bezug auf Notendruck und Textvertheilung eine geradezu vorzügliche. Der Preis darf im Verhältniß zu dem, was geboten wird, ein sehr mäßiger genannt werden, und es ist die Anschaffung um so mehr erleichtert, da nun die gemischten und die Männerchöre in getrennten Bündchen zur Ausgabe gelangten und getrennt abgegeben werden. Mag auch in einer solchen Sammlung nicht alles vollkommen sein, daö ist gewiß: der Herausgeber hat durch diese überaus praktische Arbeit den CL- cilienvereinen, Seminarien und höheren Lehranstalten einen großen Dienst erwiesen; dieselben werden ihren Dank sicher dadurch bekunden, daß sie bei den neuen Bündchen ebenso frisch zugreifen werden, wie es bei den früheren der Fall war. Eckstein Ern., Verstehen wir Deutsch? VolkSthümliche Sprachuntersuchungen. 8", 163 S. Leipzig, C. Reißner, 1894. M. 2.00 gebd. L. Den Zweck des Büchleins erfahren wir aus der Einleitung. „Die Naturwissenschaften, sagt der Verfasser (2. 1), haben es fertig gebracht, mit dem Laien hie und da eine recht intime Fühlung zu gewinnen, die Linguistik dagegen, die Sprachforschung, die doch ganz zweifellos zu den Naturwissenschaften gehört, — denn die Sprache ist ein Naturprodukt, das nach ebenso unabänderlichen Gesetzen entwickelt wurde, wie der menschliche Organismus selbst — nur die Sprachforschung ist für das Publikum eine Art Popanz geblieben, vielleicht nur in Erinnerung an die fürchterlichen Grammatirstunden der Jugendzeit, vielleicht aber auch deßhalb, weil die Sprachgelehrten sich für die Gelehrten par sxeellonos halten und demzufolge es verschmähen,. von der Höhe des Katheders herabzusteigen und mit den Menschen menschlich zu reden." Das ist doch nicht ganz richtig: Die vergleichende Sprachforschung, welche in ihren viel- verschlnngenen Wegen eine ernste Geistesarbeit und ein riesiges Dctailwissen voraussetzt, widerstrebt vielmehr ihrer Natur nach der Popularisirung, was übrigens gar kein Unglück ist; sie theilt dies Schicksal ganz und gar mit anderen Wissenszweigen, so mit der erhabenen, von allen sinnlichen Qualitäten abstra- hircndcn Wissenschaft der Mathematik. Ucbrigens hat bereits Rudolf Kleinpanl in drei Bänden (Räthsel der Sprache; Sprache ohne Worte; Stromgebiet der Sprache) die Linguistik zur schöngeistig-belletristischen Popularität erniedrigen wollen; wer diese Bücher kennt, weiß, daß Kleinpanl kein Sprachforscher ist und daß seine pikanten Machwerke höchstens für „Rauch-Coupös lustiger Männerzirkel" einen fragwürdigen Werth haben, wo man stark gewürzte Zotenhastigkcit liebt. Ein Dienst ist damit weder der Wissenschaft, noch der allgemeinen Bildung erwiesen. Kleinpauls Pfade betritt Eckstein freilich nicht, er bietet ganz artige, unterhaltende Plaudereien, die aus einer Menge kleiner Beobachtungen entsprungen sind; als Sprachforscher stellt sich indeß der in der Form nicht ungewandte Nomanschreibcr keineswegs dar. Also Saul unter den Propheten! Nicht nur der Bauer» meint Eckstein, ist der Linguistik gegenüber eben ein Bauer, der nicht weiß, was cigenilich „Serviette" heißt, sondern „die ungeheure Mehrzahl des sonst gebildeten, aber nicht sprachlich geschulten Publikums versteht die eigene Muttersprache nur so, wie der Bauer das Wort .Serviette'". Ganz gut — aber, erstens, bei wie vielen Wörtern läßt sich die ursprüngliche Bedeutung überhaupt entziffern? und zweitens, dem „Gebildeten" ist diese Art Wissenschaft so „egal", wie der Streit um den Werth der Logarithmen negativer Größen. Wer also Linguist ist, wird durch Eckstein nicht besser „Deutsch verstehen lernen", als er es schon versteht, und wer es nicht ist, kann es damit nicht werden. Also Verlorne Liebesmüh'! Ein gewaltiges Loblied singt Eckstein der gotischen Sprache, der er, was Voll- tönigkeit betrifft, einen Ehrenplatz neben dein Spanischen gibt; das Finnische ist übrigens bei den „klangreichen Sprachen" auch nicht zu vergessen. „Die unpatriotisch geringe Beachtung, seufzt Eckstein (S. 41), die das Gotische auf unseren Gymnasien und sonstigen höheren Schulen erfährt, steht leider nicht im Verhältniß zu der Summe von Arbeitskraft, die auf das Studium der altklassischen Sprachen verwendet wird. An rein formaler Bildungskraft würde das Studium des Gotischen mit dem des Lateinischen wetteifern können, während es für die Entwickelung des Nationalgefühls und für das innere Verständniß der neuhochdeutschen Muttersprache geradezu unersetzliches leistet." Das scheint uns denn doch zu stark aufgetragen; wir geben zu, daß ein schulgcbildcter Deutscher das Gotische kennen muß, weil es zur ältesten Gestalt seiner Muttersprache hinweist, aber nicht gerade, um das Nationalitätsgefühl zu stärken, da unsere Gymnasien (in ihren deutschen Aufsatzthemen rc.) ohnehin schon für systematische Ueberfütterung mit Deutschthum- buselek ihr Mögliches leisten. Auf Kosten der beiden „klassischen* Sprachen mit ihrer einzig dastehenden Literatur darf denn doch das Gotische nicht erlernt werden, von dem wir ja doch nur ganz spärliche (wenn auch darum sehr werthvolle) Literaturdenkmäler haben, die uns Wulsila, der arianische Gotenbischof, hinterlassen hat. Ho quick nimm! Dst mockus iu redusl Unö bestärkt vielmehr die Geschichte der Wissenschaft und Cultur täglich in der unwandelbaren Ueberzeugung, daß die Summe an Arbeitskraft, die auf das Studium des Griechischen und Lateinischen verwendet wird, niemals groß genug sein kann, jedenfalls aber in unseren Schulen gegenwärtig viel zu gering ist, was der Erfolg leider beweist. — Neben vielen richtigen Beobachtungen, die längst erkannt sind, bringt das Büchlein, welches immerhin lcsenswerth ist, Vieles, das einen alten Standpunkt verräth, der von den neueren großartigen Forschungen, namentlich Brugmann'S, keine blasse Idee hat. Linke Jo., tütbara saora: oantionnw piarnm somieonturia. — Fünfzig geistliche und weltliche Lieder in lateinischer Uebcrtragung. 12° x. VIII -st 192. Leipzig, Carl Reißner, 1893. M. 2,00. lt. Mit Vergnügen nehmen wir von jeder neuen Erscheinung auf dein Gebiete der einst eifrig gepflegten lateinischen Reimpoesie Notiz, zumal dergleichen Versuche leider in neuer Zeit sehr vereinzelt auftreten und dann auch nicht die Beachtung finden, die sie oft verdienen. Der Verfasser hat bereits eine stattliche An- zabl theologischer Werke (darunter Neuausgaben von Luthers Prophctencommentaren) veröffentlicht und ist Protestant, doch drängt sich im vorliegenden Buche sein Standpunkt nie unangenehm oder verletzend vor; im Gegentheil, wir finden bei ihm zahlreiche innigfromme, gcmütbvollc Lieder katholischer Sänger (L. Hensel, Volksweisen) in lateinischem Gewände. Die Originaltexte stehen überall gegenüber, so daß sich der Leser von der Gewandtheit des Umdichters ebenso überzeugen kann, wie von der Grundlosigkeit deö VorwurfS, daß die lateinische Sprache hart und spröde sei; im Gegentheil, eignet sich kaum eine andere durch ihren Wohllaut so sehr zur Rcimpoesie. Wir lesen hier im Originalmctrum übersetzt allbekannte Texte, wie „Es ist ein Reis entsprungen" oder „Himmclsau, licht und blau" oder „O du hochheiliges Kreuz" oder „Stille Nacht, heilige Nacht". Zur Probe theilen wir Louise Hensel'ö bekanntes «Müde bin ich, geh' zur Ruh" mit: §essus oo cuditum, Oisucko xreoans ooulnm: Lator, visibus meo Ooram acksis leotnlo. tzui sum lapsus dockio, Domino, na rosxieo! Odristi mors 6t Aratia Damno, saroit ownia. ckunotos midi Zansro ' Das in t6 quiosooro, Drooores 6t parvulos Habs tidi creäitos. Lecks, motus mordickos, Dckos olanckas ooulos, LZits. onstockiam Nootoin xraodo xlacickam! Möge der Verfasser recht bald wieder in die Saiten seiner »Oitiiara- greifen und uns mit einer neuen Gabe erfreuen. Vor ei» paar Jahren sind dem kürzlich verstorbenen Weber einige Proben seines kraftvollen „Dreizehnlindcn" in lateinischer Uebcrtragung vorgelegt worden, worüber sich der Dichter sehr günstig ausgesprochen hat; eine lateinische, rhythmische Reim- übersetzung dieser kernigen Strophen wäre ein schöner Vorwurf für ein Talent, wie Linke, denn die oben genannte Bearbeitung scheint nicht zu Stande zu kommen!? Engelhardt, Zehn Original-Compositionen. Negcns- Lurg, Coppcnrath (Pawcleck). Partitur 2 M. 40 Pf., 4 Stimmen L 30 Pf. Neben der Vorführung von exquisiten Palcstrina- und Orlando-Kompositionen zur Feier des Doppel-Jubiläums dieser beiden Tonheroen werden bei der XIV. General-Versammlung des Allgemeinen Cäcilien-VercineS am 6. und 9. August d. I. in Negensburg eine Anzahl von neueren Tondichtungen, welche im Geiste und Sinne der Alten geschaffen sind, zu Gehör gebracht. In obigem Musikale sind nur die ausgewählten Tonstücke durch den Herrn Domkapellmeister von Negensburg ge- 240 <5 sammelt und redigirt. Brücklmaper leitet die Sammlung ein mit einem sehr wirkungsvollen Mmmigcn Vollito xortas — der weihevolle Hauch der Adventzeit weht aus Melodie und Harmonie. Der kunstgcübtc, formgewandte GricSbacher liefert ein fünssiimmiges, reich bewegtes und belebtes Vuieraut stesum — ein äckter Fra Bartolommco (Bclvedcre, Wien) tu Tönen. Der dramatische Quadflicg schuf ein brillantes, glühendes und sprühendes ^stimmiges WcihnachtS-Mctctt Tut 8unt eoeli mit Orgel; Auer, der uns so oft schon Proben seiner contrapunktischcn Kunst gegeben, ein ernstes, wie unter dem Kreuze knieend gedichtetes Fastenoffcrtorium Drips ms, ^stimmig; Nenner jun. im hoben Stile ein pompöses, groß angelegtes Pfingstlied (üonürwa koo Heus (»stimmig); unser rheinländischcr Witt, Piel, ein 4stim- migcS, wohl durchdachtes und prächtig ausgearbeitetes 6onstitus8 eos xrinoii>k3. Altmeister Haller ist mit einem 5 stimmigen Veriras moa vertreten, das voll und ganz den Charakter der Haller'schcn Muse, Wohllaut und Formvollendung, an sich trägt. Hauisch lebt unter unS auf durch sein priestcrlich ernstes üam uon äioam vos sorvos, das durch die feierliche Würde seiner Accorde in der Stunde der Priesterweihe des unfehlbaren, erschütternden Eindruckes sicher ist. Der tief empfindende August Wiltbergcr bringt für vierstimmigen Mänucrchor mit Orgel einen Hcrz-Jcsu-HymnuS 6or, aiea. losssm oontiuens von glühender Andacht und seliger Anbetung. Thiclcn'S scchsstimmigeS Re- spousorium Didera wo Domino ist durch den Ernst und die erschütternde Krast seiner melodischen und harmonischen Form eine Perle der katholischen Excquial-Musik-Litcratur. Allen Chor-Dirigenten, namentlich jenen, welche beim Cäcilicnsestc in Ncgensburg, mit der Partitur in der Hand, lernen wollen, seien diese auScrwähltcn Compositicnen moderner Meister aus's beste empfohlen. Sie sind beim Hochamte, Requiem und bei Nach- mittagSandachten sehr gut und wirksam zu gebrauchen. Dr. Walter. Fünf Jahre unter d cn Horden Asrika's und A sie» S. Von einem Soldaten der franz. Fremdenlegion. Vrixen. Verlag des Kath. Pal.-Prcßvercins. Erlebnisse in der franz. Fremdenlegion. Von K. v. K. Verlag von Georg Koch in Eltmann a. M. Preis 20 Pf. --- Beide Schriftchen behandeln Erlebnisse im Dienste der französischen Fremdenlegion. Die erste der beiden angezeigten Schriften hat einen Tiroler, Th. Habichcr, zum Autor; sie gibt hauptsächlich über Land und Leute in Algier und Tonkin eingehende Schilderungen, die zum großen Theil recht interessant zu lesen sind und recht frisch und plastisch, wenn auch nicht in vorzüglicher Stilistik, Bilder theils freundlicher, theils düsterer Art vorführen. Habichcr deutet nur flüchtig auf die Qualen hin, die der Frcmdcnlcgionär durchzumachen bat, und es scheint, daß er besser durchgekommen ist als sein LeidenSgenosse, der Verfasser der zweiten Schrift, K. v. K., ein Münchner. Letztere Schrift hat den ausgesprochenen Zweck, alle deutschen Landslrnte auf'S dringendste zu warnen, sich in die Fremdenlegion anwerben zu lassen. Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Verfasser vorführt — und wir haben keinen Grund, nicht das Ganze für wahr zu halten — so muß er diesen Zweck erreichen. Das Leben als Legionär ist weit schlechter, als das ehemalige brasilianische Sklavenlcben, und es ist ganz entsetzlich, was nach diesen Schilderungen der Legionär, und besonders wenn es einer der verhaßten Deutschen ist, durchzumachen hat. Klimatische Einflüsse und schauderhafte Entbehrungen bewirken denn auch, daß die allerwenigsten Legionäre lebend oder gar gesund daS Ende ihrer fünfjährigen kontraktlichen Dienstzeit erreichen. — Beiden Schriften, deren Preis sehr billig, wünschen wir weiteste Verbreitung. Marsch- und Quartier-Erlebnisse v. I. T. Kujawa. Erschienen sind 2 Bändchen. Vollständig ist die Sammlung in 5 Bändchen. Jedes ist einzeln käuflich. Preis L 50 Ps. Adolf Nussell's Verlag in Münster i. W. Ueber das Solbatcnlcben ist schon viel geschrieben worden. Heiteres und Ernstes, Belehrendes und Unterhaltendes, Wahres und Unwahres, Mögliches und Unmögliches, so daß neuen Erscheinungen auf diesem Gebiete der Kamps umS Dasein schwer gemacht wird. Nach den vorliegenden 2 Bändchen zu urtheilen, scheint uns diese Sammlung dennoch viele Leser zu finden. Kujawa, bekannt durch eine Reihe vorzüglicher Sotdaten- HumoreSken in namhaften Kalendern und Zeitschriften, dann durch seine Militär-Lustspiele, langweilt nicht durch gleichgültige Beschreibung und Vortrüge; er läßt vielmehr die Leser Bekanntschaft machen mit dem echten und rechten Soldaten, wie er „leibt und lebt", wie er „weint und lackt". Die Episoden und Erlebnisse sind wahr, die Personen gehören dem wirklichen Leben an, nicht der Dichtung. Der Leser findet nichts Alltägliches, bereits schon Dagewesenes. Der Veteran wird in der Lektüre manch liebe Rückcrinncrung an SelbstcrlebteS finden, der Soldat beredte Beispiele, die zur Nacheifcrung ermuntern, die Jugend eine Anspornung zur Vaterlandsliebe, zur Hingebung und Treue gegen Kaiser und Reich. „Sociale Thätigkeit der Kirche" oder „Antworten auf kirchenscindliche Anzapfungen" lautet der Titel einer im Verlage von I. Gürtler in Warnsdorf (Deutschböhmen) erschienenen zeitgemäßen Flugschrift. — 1 Expl. 10 Pfg., 50 Expl. 4 M.. 100 Expl. 7 M. 50 Pfg. Die Broschüre bietet in knapper Fassung (16 S.) ein vielseitiges, reiches Material zur Abwehr der sozialdcmokratischen Phrasen, daß die katholische Kirche für die Arbeiter und Armen nichts gethan, sondern sie „nur auf den Himmel vertröstet" habe. Die Flugschrift zerfällt in eine Vorrede und in folgende Capitel: 1. „Geistige Erlösung und wirthsckaftliche Befreiung durch daS Christenthum", 2. „Milderung u. Aufhebung der Leibeigenschaft", 3. „Ausbildung der Handwerke und Landwirthschaft", 4. „Segen der christlichen WirthschaitSordnung im Mittclaltcr", 5. „Die neueren sozialen Schutzgesetze", 6. „Soziales Wirken der St. Vincenzvereine", 7. „Soziales Wirken der Orden", 8. „Don Bosko, Cottolengo, Noussel, P. Mattcw", 9. „Katholische Gesellenvereine", 10. „WoblfahrtScinrichtungen", 11. „Maßnahmen für den Bauernstand". Es wäre zu wünschen, daß diese Broschüre in die Hände jedes christlichen Arbeiters käme. um ihn einerseits gegen die Gefahr zu stählen, infolge der shstcmatischen Verdächtigungen der Kirche seitens sozialdemokratischcr Collcgeu an der Wahrheit irre zu werden, und um ihn anderseits in die Lage zu setzen, auf rcligionSgehässige Anzapfungen in der Presse, in der Werkstatt, in der Fabrik und in Versammlungen mit Thatsachen prompt antworten zu können. Die geist liche Schulaufsicbt in der VolkSsch ule, ihre Berechtigung und Ausübung von M. A. Ber- ningcr, Schul-Jnspcktor. Zweite vermehrte Auflage. Würzburg, Andreas Göbcl, Verlagsbuchhandlung, 1894. VII u. 65 S. Preis 70 Ps. Wir haben diese Schrift wegen ihres aktuellen Interesse wie der sich darin kundgebenden logischen Schärfe und historischen Darlegung gelegentlich ihres ersten Erscheinens mit vollster Genugthuung und großer Freude begrüßt und allgemein empfohlen. Nachdem die erste Auflage nun aber rasch vergriffen war und ebenso rasch die 2. Auflage erfolgt ist, diese aber wesentliche und bedeutende Erweiterungen erfahren hat, stehen wir nicht an, bei der Zeitgemäßhcit dieser Schrift und der grandiosen Wichtigkeit deö Gegenstandes auf diese Broschüre nochmals zurückzukommen. Hat sich doch auch der bayerische Cultns-Miuister erst jüngst wiederholt und nachdrücklichst für die geistliche Schulaussicht erklärt und ihre Berechtigung, Bedeutung und anerkannt große Ersprießlichkeit im Neicbsrathe und im Landtage ausgesprochen. Obige Schrift aus erprobter Feder, obschon der Zeit nach früher, erscheint wie ein leuchtender Commcntar zu des Herrn Ministers wohlbegründetcm Urtheile. Außerdem behandelt sie noch nebenbei daS diese Frage vom „liberalen" Standpunkte aus traktirende Buch von Karl Frei, würdigt und widerlegt es. Dies ist vor allem an der 2. Auflage neu. Auch die anderen Erweiterungen sind als höchst glückliche Zusätze zu betrachten. Möge daher jeder Geistliche und Lehrer die billige Broschüre sich erwerben! Kirche und Kirchenjahr oder Kurze Belehrung über das Gotteshaus, den Gottesdienst und den hl. Zeiten. Von I. Schiltknecht. II. vermehrte Auflage. Freiburg i. Br. 1894. Hcrdersche Vcrlagö- handlung. kl. 8° VI. 70 S. Preis 30 Pfg., geb. 40 Pfg. X Bei der Aufzählung der Kirchengcräthe vermißten wir die Anführung der SanktuSkerze; auch wird mancher bei diesem oder jenen, Punkte eine Erklärung noch hinzuwünschen, wie z. B. bei Anführung des Korporale, die Erinnerung an die Windeln und Grabtuch Jesu; Bedeutung des Pfarrgottesdienstcs u. a. m. Im Uebrizen aber wird das recht brauchbare Backstein Lehrern und Katecheten, sowie auch reifern Kindern gute Dienste leisten und ist bestens zu empfehlen. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg.