Nl-. 31 2. Auglist 1894. Die Schenkung Constantins in Dahn'scher Nomanbelenchtnng. (Vertrag, gehalten im katholischen VereinshauS zu Speyer.) (Schluß.) xl; Das ist aber nur ein winziges Vorspiel der colossalen Blamage, die Herr Dahn seinem Papste drinnen vor Bclisar, seiner Gemahlin Antonina, dem Präfecten Cethegus und dem ganzen Gefolge vorbereitet hat. „Der hl. Petrus ist es, beginnt Sylverius salbungsvoll, der dir mit meiner Hand die Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie ihm beschirmest und behütest." „Ich bin es gewesen, der die Anschlüge deiner Feinde vernichtet hat." „Hat der Kaiser Feinde in Rom?" fragt Belisar, und als der Papst heuchlerisch seufzt, „die Kirche dürstet nicht nach Blut", tritt sein juristischer Begleiter Skävola hervor, erhebt gegen Cethegus die Klage auf Rebellion gegen den Kaiser Justinian und beantragt auch von kurzer Hand gleich die Todesstrafe und Confiscation der Güter, deren Hälfte dem Kläger zufallen solle „und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes, schloß der Bischof von Rom" nach Felix Dahn. Auf thut sich der Theatervorhang im Hintergründe des Zeltes, und herein, „mit vernichtendem Blick" natürlich, Cethegus tritt als Gegenankläger: „Sylverius hat die Absicht, erklärt Cethegus, die Herrschaft der Stadt Rom und einen großen Theil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen und — lächerlich zu sagen — ein Priesterreich zu gründen in dem Vaterland der Cä- saren." — Allerdings lächerlich zu sagen, aber lächerlich von Felix Dahn, denn dieser ganze Gründungsplan ist seine eigene Erfindung, die er zur fixen Idee sich pa- tentirt hat, wie jene Wiederholung derselben Geschichte im späteren Romane „Julian der Abtrünnige" beweist. „Hier überreiche ich einen Vertrag, fährt Cethegus fort, den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der Barbaren, geschlossen." „Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die Summe von tausend Pfund Gold an den hl. Petrus und seine Nachfolger .... die Herrschaft der Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde." „Also im selben Augenblick, wo er hinter Theodahads Rücken die Waffen des Kaisers herbeirief, schloß er hinter des Kaisers Rücken einen Vertrag, der diesem die Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle Fälle (?) sicher stellen sollte", läßt Dahn seinen Cethegus spotten; er spottet aber seiner selbst und weiß nicht wie; denn ein so abgefeimter Diplomat wie Dahns Sylverius mit den „weitklugen Zügen" ist doch nicht so einfältig, daß er ein so theueres Geschäft sich selber verderben würde, indem er gerade den gefährlichsten Liebhaber des Kaufgegenstandes zur Concurrenz herbeiriefe. „Etwas weniger, Freund, Liebschaften, dann wärst du beliebt zwar weniger", sagt Platen zu Schiller; etwas weniger, Freund, Dummheiten, möchten wir dem Dahn'schen Romane im Vertrauen gesagt haben. Freilich wäre er dann in gewissen Kreisen weniger beliebt. Trotzdem ist „der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden ein gewaltiger". Allein „Sylverius zeigte in diesem Augenblicke, daß er kein unebenbürtiger Gegner des Präfecten Cethegus", sondern ein ebenso großer Meister in der „politischen Heuchelei" war; „keine Wimper zuckte ihm". „Wie lange wirst du noch schweigen?" fuhr ihn Belisar an. — „Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von Urchitophel, dem Dämon des Zornes", läßt Felix Dahn, der sich unter den Dämonen auszukeimen scheint, seinen Papst entgegnen. Die Päpste wissen von einem Urchitophel nichts. „Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag mit dem Barbarenkönig geschlossen", beginnt Sylverius dann, „weil es meine Pflicht war, ein uraltes Recht des hl. Petrus nicht fallen zu lassen." „An demselben Ort, wo des Präfckten tempclschänderische Hand diesen Vertrag entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, welche ursprünglich unser Recht begründet." „Der fromme Kaiser Constantin . . . hat, um vor aller Welt zu bezeugen, daß Krone und Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem hl. Petrus zu eigen übertragen." „Diese Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft: der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet", läßt Felix Dahn, der sich auch in den Flüchen besser „wie ein Türke" auszukeimen scheint, „mit aller Kraft geistlicher Würde und aller Kunst weltlicher Rhetorik" seinen Papst deklamiren, was „von unwiderstehlicher Wirkung" gewesen sei. Also: ! „Banges Schweigen". „Prüftet von Rom, sagt endlich Belisar, was hast du zu erwidern?" „Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die seinen Lippen verneigte sich Cethcgus und begann: „Der Angeklagte beruft sich auf eine Urkunde .... Ich räume ein, die Urkunde existirt." „Ich habe die Urkunde selbst mitgebracht in meiner tcmpcl- schänderischen Hand." „Er zog ein vergilbtes Pergament aus dem Sinus." „Ich habe die Urkunde viele Tage lang (so schlecht hat der geriebene Diplomat Sylverius sein wichtigstes Actenstück gehütet) Mit feindselig forschendem Auge geprüft. Vergebens. Alle Formen des Rechtes sind in der Schenkungsurkunde haarscharf gewahrt." „Er hielt inne — höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des Sylverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte. — „Also, fragte Bclisar in höchster Aufregung, die Urkunde ist beweiskräftig?" „Ja wohl! seufzte Cethegus. Schade nur, daß" — „Nun?" unterbrach Bclisar. „Schade nur, daß sie falsch ist." — „Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar sprang auf. Alle Anwesenden traten einen Schritt näher. Nur Sylverius wankte einen Schritt zurück." — „Falsch? Prüftet, Freund, kannst du es beweisen?" „Das Pergament, auf welches die Urkunde geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche, Wurmstiche" — (mehr als „Salomon, der große König, dem die Geister untcrthänig", mehr als Mephisto, „der Herr der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse", scheint dieser Dahn'sche Papst zu sein, dem sogar die antiquarischen Bücherwürmer als Helfershelfer in der Geschwindigkeit zu Diensten eilen, um dem ungeschickter Weise nagelneuen Pergamente die Ehrwürdigkeit des Alters anzufälschenl) also „Wurmstiche, Flecken jeder Art . . . 242 „Es ist ächtes Pergament, aus der alten, von Con- 1 stantin gegründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen Pergamentfabrik Byzanz. Aber eS scheint auch leider dem heiligen Bischof entgangen zu sein" — (was bei dem als so gerieben dargestellten Sylverius unwahrscheinlich ist) «daß bei diesen Pergamenten ganz unten links am Rande durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch Angabe der Jahreseonsulen in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben bezeichnet wird. Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten Jahre von Konstantins Regierung." „Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären — aber hier hat Gott der Herr ein Wunder gegen seine Kirche gethan — daß man in jenem Jahre, also im Jahre 335 nach der Geburt des Herrn, schon ganz genau wußte, wer im Jahre nach dem Tode des Kaisers Justinus Cousul sein würde; denn seht, hier unten am Rande der Stempel besagt: — der Schreiber hatte ihn nicht beachtet — er ist auch wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das Licht hält: V. Inkretion, Justiniauus Augustus, allein Consul, im ersten Jahre seiner Herrschaft." „Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers Constantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. Gesteh', o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen endet und des Ueber- natürlichcn beginnt," ein Spott und Hohn gegen das Christenthum, der nicht im Munde eines römischen Stadt- präfcctcn aus dem 6. Jahrhundert denkbar ist, sondern ganz einem liberalen Universitätsprofessor oder socialistischen Agitator ähnlich sieht. Uns kommt übrigens des Cethcgus Eselshaut lehr natürlich vor. Nach den Spuren der Ohren daran, die bei der schlechten Mache noch deutlich erkennbar sind, zu schließen, stammt diese Eselshaut von der tendenziösen Nomanschreiberci des Herrn Felix Dahn selbst her. Diese erst einjährige Eselshaut macht gewiß, daß in dem Roman „Ein Kampf um Nom" der Papst Sylverius wirklich als Urkundenfälschcr, als Fabrikant der nämlichen Constantinischen Schenkung hingestellt werden soll, als deren Fabrikant im spätern Roman „Julian der Abtrünnige" der Papst LiberinS ausgegeben wird. Jene Verleumdung des Papstes Sylverius war wohl vergessen, und da glaubte man zur Abwechslung eine so ungeheuerliche Fälschung einmal auch einem andern Papste aushängen zu dürfen. Vielleicht denkt Hr. Dahn, der überhaupt die Wiederholungen sehr liebt, in seinem nächsten Romane: „aller guten Dinge sind drei"; nur möchten wir rathen, das nächste Mal den Papst doch etwas gescheidter zu wählen, denn eine lappigere Wahl, wie die des Papstes Liberius unter einem Julian und des Sylverius unter einem Jnstinian, konnte man wohl nicht ansdenken. Im gegenwärtigen Stande der Sache sieht aber die von den zwei Romanen gegen die katholische Kirche verübte Verleumdung verzweifelt ähnlich dem Complott jener zwei schändlichen Alten gegen die tugendhafte Snsanna. § „Wo hast du sie gesehen?" fragt der weise Daniel jeden i gesondert. „Unter einem Mastixbaume." „Unter einem , Eichenbaume." Sie waren somit aus ihrem eigenen Munde überführt, daß sie falsches Zeugniß abgelegt hatten. Und so ist es auch mit den zwei Dahn'schen Romanen in Bezug auf die Constantinische Schenkung. Die falsche Urkunde existirt allerdings; aber weder zur Zeit des Kaisers Justinian und noch weniger zur Zeit des Kaisers Julian findet sich davon eine Spur in der Geschichte. Oder glaubt man, Julian der Abtrünnige hätte, als er Kaiser und Verfolger der Kirche geworden war, sich eine so furchtbare Waffe und einen so gesetzlichen Grund entgehen lassen, um gegen die Päpste einzuschreiten, wenn er gar selber Zeuge und mißbrauchtes Werkzeug einer solchen hochverräterischen Urkundenfälschung gewesen wäre! Vor der ganzen Mit- und Nachwelt hätte Julian die Verbrecher entlarvt und als „Philosoph" in seinen Spottschriften sowie namentlich als Kaiser unerbittlich an ihnen Rache genommen. Im Gegentheile sehen wir, daß Julian die Einrichtungen der katholischen Geistlichkeit auch bei seinen Götzenpriestern einzuführen bemüht war und sogar, wenn auch mit kläglichem Erfolge, heidnische Manns- und Frauenklöster zu gründen suchte, ein klarer Beweis, daß er in den katholischen Klöstern die vom Dahn'schen Romane erdichteten Orgien nicht gefunden hatte. In der Zeit des Papstes Sylverius und Kaisers Justinian aber wußte man von der „Constantinischen Schenkung" auch nicht das Geringste. Wenn von der theatralischen Senfations-Sccne mit dem Papst in Belisars Zelt auch nur eine Sylbe wahr wäre, auch Justinian, der große Juristenkaiser und Urheber des corxug juris oivilis, Hütte ein solches Attentat auf Recht, Gesetz und Reich nicht ungeahndet gelassen, und die damaligen kaiserlichen Geschichtsschreiber hätten nicht davon geschwiegen. l Zwei verschiedene, 200 Jahre von einander entfernte Päpste also einer und der nämlichen Urkundenfälschung anzuklagen, und zwar unter Kaisern wie Jnstinian und Julian, und den letzter» als Prinz noch dabei mithelfen zu lassen, das ist doch das Uebermaß schlechter Erfindung. Also nicht wahr und auch noch nicht einmal gut erfunden! l! Zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit von der weltlichen Regierung — denn um diese Unabhängigkeit handelte es sich eigentlich, und nicht um weltliche Herrschaft, die von der Souveränes freilich unzertrennlich bleibt — zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit brauchten die Päpste keine falschen Urkunden zu fabri- ciren; dafür sorgte die Noth der Zeit und die gebieterische Macht der Umstände. In dem Maße als die Kaiser, besonders durch Verlegung der Staatsregierung nach Constantinopel, Italien und Rom vernachlässigten, in demselben Maße fiel die Sorge auch für die weltlichen Angelegenheiten den Päpsten anheim. Lange schon trugen sie diese weltlichen Sorgen, che sie noch die weltliche Souveränes und Herrschaft erlangten. Denken wir nur an Leo ll. und seine Verdienste um Nom und Italien gegenüber dem Hunnen Attila und dem Wandalen Geuserich. Es ist natürlich, daß durch eine solche Vermittlungsrolle das weltliche Ansehen 1 des päpstlichen Stuhles sich hob. Das Eintreten der Päpste für Recht und Freiheit auch gegenüber den gesetzlichen Machthabern, dann der große Gütcrbcfitz der römischen Kirche und die wohlthätige Verwaltung und Verwendung desselben trugen zu diesem Wachsthum des politischen Ansehens der Päpste nicht wenig bei. Besonders nach dem Untergänge des ostgothischen Reiches nahm die Autorität des Papstthumes auch politisch einen mächtigen Aufschwung. In dem Ver- zweiflungskampfe der Ostgothen gegen Kaiser Justinians Feldherren Belisar und Narses wurde der römische -- - -- - - - - _ _ 243 Senat durch das Schwert und Elend so gut wie ausgerottet. Zugleich erhielten die Nömer und Italiener Gelegenheit, ihre während des Krieges bethätigte byzantinisch-nationale Begeisterung dem Schwärme der kaiserlichen Zöllner tüchtig zu versteuern. Und als die Kaiserin Sophia, die Gemahlin Justins II., soweit sich vergaß, dem ergrauten Statthalter Narses einen Weiberanzug mit Spinnrocken zu schicken, da spann dieser ehemalige Weber jenen berühmten Faden, aus dem auf dem Webstuhle der Zeit die volle päpstliche Souveränität hervorgegangen ist; er lud den Longobardenkönig Alboin zur Besitznahme Italiens ein. Wieder waren es nun die Päpste, denen die Sorge zufiel, einzutreten für die Säumigkeit und Ohnmacht der byzantinischen Kaiser, die noch immer als Oberherreu und Schirmvögte Roms galten. Die Langobarden hatten ja nicht einen blassen Schein von Anspruch auf die Herrschaft Roms und waren in Italien auch so zügellos raubgierig und grausam aufgetreten, daß die Römer allen Grund hatten, sich diese Barbaren so weit als möglich vom Leibe zu halten. Zu diesem Zweck wandte sich die Bevölkerung in ihrer thatsächlichen Herrenlosigkeit an die Päpste, und diese halfen auch, als die Kaiser das alte Rom seinem Schicksal überließen. Nach Leo I. wurde besonders der große Gregor I. ein Beförderer der päpstlichen Souveränität. Als er noch Abt des in seinem väterlichen Palaste auf dem Cölius von ihm eingerichteten Benediktinerklosters war, entstand in Rom ein förmlicher Aufruhr bei der Kunde, daß Gregor heimlich als Missionär nach Britannien abgereist sei, und Papst Pelagius II. war genöthigt, Gregor zurückzurufen. Nach der einstimmigen Wahl Gregors zum Papste wurden seine Briefe an den Kaiser Mauritüls, worin er um dessen Nichtznstimmung bat, vom Stadt- präfccten Roms aufgefangen, und als Gregor nach Eintreffen der kaiserlichen Zustimmung verkleidet entfloh, wurde er wie ein steckbrieflich Verfolgter gesucht und im Triumphe nach St. Peter geleitet (590). Rom befand sich gerade in äußerst bedrängter Lage. Ueberschwemmung, Pest und Hungersnoth herrschten unter dem Volke. Gregor ließ Getreide aus Sicilien kommen, wobei die zahlreichen und großen Landgüter der Kirche, deren Bauern Gregor ein wohlwollender Herr war, gute Dienste leisteten. Die Kirche hatte damals, wie GrcgoroviuS sagt, angefangen, ein großes Asyl der Gesellschaft zu sein. Wie früher der Consul unter das Volk Geld und der Prüftet Lebensmittel austheilte, so war jetzt diese Aufgabe dem Papste zugefallen. So wurde Gregor der allgemeine Ernährer des Volkes. Von gleichem Verdienste waren Gregors Bemühungen, seinem Vaterlands mit den Langobarden Frieden zu schaffen. Vorthcilhaft wirkte zu diesem Zwecke der gute Einfluß der katholischen Longobarden- königin Theodolinde. Aber auch Gregor selbst erwarb sich das ehrfurchtsvolle Vertrauen dieses andersgläubigen, arianischen Volkes. Vom byzantinischen Kaiser aufgefordert, er möge seine Verbindungen dazu benützen, die Langobarden unter sich zu entzweien, so daß sie einander selber aufreiben würden, wies er diese Rolle eines Felix Dahn'schen Romanpapstes entschieden zurück. Wenn er in die Streitigkeiten der Langobarden sich hätte einmischen wollen, ließ er dem Kaiser erklären, so würde dieses Volk allerdings weder Könige, noch Herzoge, noch Grafen mehr haben; allein da er Gott fürchte, so scheue er sich, an dem Mord irgend eines Menschen Theil zu nehmen. Der Papst verabscheute die treulose Ränke-, Blut- und Eisenpolitik, welcher gewisse Staaten ihre Größe verdanken, und so machten seine Fähigkeiten, seine Hochherzigkeit und Helligkeit sowohl als die Umstände ihn zum stillschweigend anerkannten Oberhaupt auch des politischen Rom, und mit vollem Recht ist er als der Gründer der päpstlichen Herrschaft weltlicher Natur zu betrachten. Die Gelüste der späteren Longobardenkönige Luit- prand und Nachis nach dem Besitze Roms wurden durch die Päpste Gregor II. und Zacharias gütlich im Zaum gehalten, als jedoch bei König Aistulph weder freundliche noch ernste Worte mehr halfen und Stephan III. auch von Eoustantinopel umsonst gegen die andringenden Langobarden Schutz erflehte, da ging der Papst über die Alpen an den Hof des Frankenkönigs Pipin. Als Aistulph die Forderungen Pipins verwarf, erschien der Frankenkönig mit Heeresmncht vor Pavia und erzwäng sich Nachgiebigkeit. Kaum hatte jedoch Pipin den Rücken gewandt, so brach Aistulph (754) treulos den Vertrag, warf sich schnell auf Rom und bestürmte es. Doch Pipin erschien noch rechtzeitig zum Entsatz (755) und schenkte das dem Langobarden kriegsrechtlich abgenommene Gebiet dem hl. Petrus. Das ist der formelle Anfang des Kirchenstaates, während sein materieller Beginn, allmählig herbeigeführt durch die Macht der Umstände, in einer mehrhundertjährigen Vergangenheit sich verliert. Kein Staat Europa's hat sich auf eine rechtmäßigere und ehrenvollere Weise gebildet. Und diesen klaren, offenkundigen Thatsachen der Geschichte gegenüber kommen nun zwei Romane eines rationalistischen, nationalliberalen Univcrsitäisproftssors und wollen die Souveränität deS Papstes und die ganze hohe Kirchcupolitik des HI. Stuhles als ein Werk der Lüge, Jmmoralität, Heuchelei, Herrschsucht und Fälschung hinstellen, zu Stande gebracht durch die Erdichtung der sogenannten Constantinischen Schenkung! Diese falsche Urkunde ist schon deßhalb ohne jeden Einfluß auf die Entwicklung des päpstlichen Ansehens geblieben, weil sie vor Karl d. Gr. überhaupt nicht existirte. Die ersten Schriftsteller, von denen sie angeführt worden ist, sind keine Italiener, sondern Franken, die Bischöfe AeneaS von Paris, Ado von Vicnne und Hinkmar von Rheims, alle drei in der Mitte des 9. Jahrhunderts. Die wahrscheinlichste Vermuthung über den Ort und Zweck der Fälschung ist wohl diejenige, daß die Abfassung der Urkunde im Fraukenreich geschehen sei, und zwar aus Anlaß der Kaiserkrönnung Karls d. Gr., die in Constantinopel von den griechisch-römischen Kaisern sehr übel aufgenommen wurde. Die Legitimität und Ebenbürtigkeit deS vom Papste errichteten abendländisch- römischen Kaisertumes sollte gegenüber den byzantinischen Zweifeln dadurch begründet werden, daß man eine Urkunde verfaßte, in der Constarüin dem Papste kaiserliche Gewalt übertrug, woraus dann die Nechtmäßigkeit der weiteren Uebertragung dieser Gewalt von Papst Leo III. auf Karl d. Gr. sich von selbst ergeben hätte. Dieses alles ist jedoch ganz ohne Wissen NomS geschehen. Der erste Papst, der die falsche Urkunde be- nützt hat, und zwar in keinem politischen Aktenstück, sondern in einem Brief an den Patriarchen Michael Cärularius in Constantinopel, den Vollender des griechischen Schismas, war Leo IX., ein geborener Lothringer, früher Bischof 244 von Toni. Er hat die Urkunde wohl erst Mit nach Nom gebracht. Dagegen bedient sich Gregor VII., der Hauptvertheidiger der päpstlichen Macht, nirgends der Con- stantinischen Schenkungsurkunde, auch nicht einmal in Canossa gegen Heinrich IV. Auch Jnnozenz III. macht von ihr keinen Gebrauch in seiner Abwehr gegen die Uebergriffe Heinrichs VI., sondern führt sie nur tn einer Predigt auf den hl. Sylvester an. Gregor IX. benutzt diese Urkunde bloß einmal (1236) dem Kaiser Friedrich II. gegenüber, um ihm die Ehrfurcht Constantins d. Gr. gegen die Kirche vorzustellen; Jnnozenz IV. (1245) erklärt diesem Kaiser gegenüber, unter Bezug auf diese Urkunde, daß Konstantin d. Gr. nicht der Erste gewesen sei, der dem römischen Stuhl weltliche Gewalt gegeben, Nikolaus III. erwähnt daraus (1278) nur die Uebergabe der Stadt Nom an die Päpste, und Johannes XXII. gedenkt blos im Vorbeigehen, in einer Widerlegung des Marsilius von Padua (1327), daß Konstantin den Kaisersitz an Sylvester überlassen habe, unter wörtlicher Anführung der Stelle aus der Urkunde. Das ist, wie Hergenröther (^uti-llunus vinclioatug Bd. I S. 369) nachweist. Alles, was in päpstlichen Schriften von der Constantinischen Schenkung vorkommt. Und als die Gelehrten anfingen, die Aechtheit der Urkunde in Zweifel zu ziehen, da ließ der römische Stuhl ihnen völlige Freiheit. Er sah durch die Prüfung dieser falschen Urkunde feine Rechte durchaus nicht bedroht. Gerade die Theologen leugneten zuerst die Aechtheit der Urkunde, darunter der Kardinal Nikolaus von Cusa und Aencas Sylvius, der spätere Papst Pius II. Wer am längsten an dieser Aechtheit festhielt, waren gerade die Kollegen des Herrn Dahn, die Juristen. Das Verdienst, dieser Urkunde den entscheidenden Stoß versetzt zu haben, gebührt dem Kardinal Baronius, dem Zögling des HI. Philippus Neri. Die Anklage der zwei Dahn'schen Romane gegen die beiden Päpste Liberius und Syl- bcrius ist also falsch. Und zwar, wenn man die Gehässigkeit der von diesen zwei Romanen geführten Sprache bedenkt, die keine Gelegenheit versäumt, um christliche Lehren, Gesinnungen, Ausdrucksweisen und Gebräuche zu verspotten, so wird diese falsche Anklage des Vorwnrfes der Absichtlichkcit sich wohl schwerlich erwehren können. Die falsche Anklage lautet aus ein gemeines Verbrechen, das von dem weltlichen und kirchlichen Gesetze mit schweren Strafen bedroht wird. Der Dahn'sche Belisar läßt auch den Dahn'schen Sylverins als „deS Kaisers gefährlichsten Feind" sogleich durch einen „riesigen Hernler" nach Constantinopel znm „Kaiser des Rechtes" abführen. Der geschichtliche Sylverins starb als Opfer der berüchtigten Kaiserin Theodora, weil er die von ihr begünstigte Irrlehre der Monophysiten nicht dulden wollte. Er wird als heiliger Märtyrer verehrt. Papst Urban III. bestimmte, daß einige Kleriker, die das Siegel des Königs von Frankreich nachgemacht hatten, degrndirt, mit einem Brandmal versehen und des Landes verwiesen werden sollten. Die hl. Schrift aber (V. Mos. 19, 16 u. f. w.) sagt: „Wenn ein falscher Zeuge auftritt gegen Jemand, ihn anklagend einer Uebertretung, und wenn die Richter nach genauer Erforschung finden, daß der falsche Zeuge gegen seinen Bruder eine Lüge ausgesagt, so sollen die Richter ihm entgelten lassen, was er feinem Bruder zu thun gedachte." Durch den Schimpf und Abscheu, den die beiden Dahn'schen Romane auf die zwei Päpste zu häufen gedenken, haben sie selber deutlich genug verkündet, welche xoana talionis, welche Strafe der Vergeltung dafür auf sie selber zurückfallen muß. Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. (Gegründet 1893.) (Schluß.) Im Februar l. Js. wurde an S. Heiligkeit Papst Leo XIII. die Mappe mit einem Begleitschreiben abgesendet, auf welches S. Päpstliche Heiligkeit die Gesellschaft mit einem an den I. Präsidenten gerichteten Schreiben beglückte, dessen Wortlaut wir hier in deutscher Ueber- setzung folgen lassen. Leo r. k. XIII. Geliebter Sohn, Gruß und apostolischen Segen. Wie Dein Schreiben Uns meldet, baben mehrere katbolische Männer Deutschlands, welche die schönen Künste entweder selbst ausüben oder aus jegliche Weise fördern, eine Gesellschaft, deren Präsident Du selbst bist, in der Absicht und zu dem Zwecke gebildet, die christliche Kunst bei den Deutscken zu Pflegen. Wir halten dies für ein heilsames und >ehr zeitgemäßes Unternehmen. Groß sind nämlich die geistigen Erfolge unserer Tage; aber allzusehr gerathen oft die edlen Künste auf Abwege, und das zumeist wegen der Lehre Jener, welche, indem sie erklären, die Natur lebenswahr nachzubilden, sich dabei zu große Freiheiten herausnehmen und die Gesetze des Guten und des Schönen ebenmäßig verkehren, ja kein Bedenken tragen, selbst den Kunstdcnkmalen der Heiligthümer einen weltlichen Geist einzuflößen. DaS ist jedoch ein Unrecht und widerstreitet offen dem, was die Künstler bezwecken sollen. Der christlichen Kunst Zweck und Aufgabe ist es nämlich, Gott zu dienen- und deßhalb muß sie sich selbst treu bleiben, d. h. durch Anwendung der äußeren Form die Sinne ersassen, um auf den Geist einzuwirken und ihn für das, was wahr ist und gut und was der Mensch erstreben soll, zu gewinnen. Wie rülnncnswerth sich nach dieser Richtung die alte Zeit unter dem Einfluß der Religion hervorgethan, ist Niemandem unbekannt. Man muß also in Ausübung der Künste auf die Beispiele der Alten blicken und von da christliche Begeisterung empfangen. Gerade dieses birgt das den Künsten zu wünschende Gedeihen in sich, weil die Maler, Bildhauer, Architekten, Ciseleurc niemals eine solche Vollendung erreicht haben, als wenn ihr Gemüth von der Ueberzeugung durchdrungen war, ihre Aufgabe sei, durch Geist und Hand die Seele zu ergötzen und Freude an der Tugend zu verbreiten. Eurer von solchen Grundsätzen erfüllten Gesellschaft wünschen Wir zu ihrer Begründung Glück und hegen das vollste Vertrauen, daß sie der Religion und den Künsten sehr förderlich sein werde. Dir nun, geliebter Sohn, und allen Mitgliedern dieser Gesellschaft ertheilen Wir als Unterpfand der göttlichen Gaben und zum Zeichen Unseres Wohlwollens voll Liebe im Herrn den apostolischen Segen. Gegeben zu Rom bei St. Peter am 12. März 1894, im 17. Jahre Unseres Poutifikates. Diese ebenso herrlichen als huldvollen Worte des hl. Vaters werden den Mitgliedern ein neuer Antrieb zu unermüdetem Wirken sein, zumal da der Hochwürdigste Episcopat sich in einer Weise unserer Bestrebungen annimmt, für die wir nicht genug danken können: in der kurzen Zeit ihres Bestandes sind der Gesellschaft 15 Hochwürdigste kirchliche Würdenträger als Mitglieder beigetreten; andere haben durch wohlwollendste Zuschriften ihre Sim- pathien bekundet. Die Mitglieder lassen es denn auch an Rührigkeit nicht fehlen. So ist z. B. die Theilname in Württemberg, wo das Archiv für christliche Kunst seit langem aufklärend gewirkt hat und wirkt, eine sehr warme. Recht viel verdankt dort die Gesellschaft u. A. den Bemühungen des Herrn Pfarrers Detzel in St. Christina bei Navensburg, durch dessen Vermittlung Herr Bildhauer Schlächter in Navensburg die Vertretung der Gesellschaft für die dortige 245 Gegend übernahm; für das Decanat Tettnang besorgt die Vertretung gütigst Herr Pfarrer Bleyer in Fischbach. Hiemit wäre der Anfang zu einer später wohl unentbehrlichen Organisation gemacht. Für Städte dürfte sich das Beispiel Eichstätts empfehlen, wo sich durch die Bestrebungen des Freiherru Lochner von Hüttenbach und des Herrn geistlichen Rathes Herb ein Localverein mit regelmäßigen Versammlungen zum Zweck der Förderung der Gesellschaft gebildet hat. Ueberall bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß die Mißstände im christlichen Kunstleben nur im Sinne der Gesellschaft mit Erfolg bekämpft werden können; in gleichem Maße stellt sich aber auch heraus, wie die Gesellschaft kein Hinderniß für anderweitige Unternehmungen im Dienste der christlichen Kunst bildet, wie dieselbe vielmehr durch Verbreitung des Interesses für die Schöpfungen unserer Meister und durch Einführung in die praktische Kunstübung auch das Interesse an der Theorie und Archäologie fördern wird. Wir begrüßen Alles, was der wirklichen Kunst zu dienen im Stande ist, Vereine wie Zeitschriften, wobei wir wünschen, dieselben möchten nicht ohne Fühlung mit den bewährten Künstlern vorgehen. Was unsere Mappe betrifft, so betonen wir, daß sie sich keineswegs in die Reihe der gewöhnlichen Kunstzeitschriften stellt, welche mehr durch das Wort wirken; sie wird aber zu ihnen eine willkommene Ergänzung bilden, da sie mit ihren möglichst vollkommenen Ncproductionen von Werken lebender Künstler unter ungewöhnlich günstigem Zusammenwirken von Künstlern und theoretisch gebildeten Männern aus allen Ständen in das Leben tritt. So besteht denn die Hoffnung, daß sich Jahr für Jahr die zerstreuten Kräfte mehr sammeln und durch gegenseitig anregenden Verkehr und Gedankenaustausch die widrigen, künstlich aufgebauschten Gegensätze einem gesunden, praktischen Wirken Platz machen werden. Mögen der Gesellschaft alle ihre Freunde treu bleiben und mit ihr Opfer bringen, mögen sie derselben recht viele neue Mitglieder zuführen, damit sie allen Aufgaben gerecht werden kann, zu denen nicht allein die Herausgabe der Mappe gehört, sondern vielmehr die Förderung aller Regungen christlichen Knnstlebens. Für die nächste Mappe, welche in zwei Monaten erscheinen dürfte, sind bereits die nöthigen Schritte geschehen. In der Vorstandssitzung vom 12. Januar l. I. wurde die Bestimmung getroffen, daß fernerhin der geschäftsführcnde Ausschuß den Vorschlag für die Jnrywahl zu machen habe, und zwar sowohl a) jenen, der an die Künstler, als auch U) jenen, welcher an den Vorstand versendet wird. Daraufhin wurden am 9. Februar l. I. die betreffenden Circnlare an die Wähler gesendet. Die Wahl ergab folgendes Resultat für 1894: die Architekten: Professor Georg Hauberisser, Pros. Heinr. F-rhr. v. Schmidt; die Bildhauer: Pros. Sirius Eberle, Balth. Schmidt; die Maler: Pros. Franz v. Defregger, Martin Feuerstein; die hochwürdigen Kunstfreunde: Pros. Dr. Jos. Bach, Pros. Dr. Paul Keppler. Am 20. März war die Jurysitzung behufs Auswahl der Kunstblätter für die Mappe 1894, wobei Dr. Paul Keppler durch Pros. Dr. Anton Weber vertreten war. Zu unserer Genugthuung können wir verrathen, daß die nächste Publikation hinter der ersten ganz gewiß nicht zurückbleiben, vielmehr neue Netze bieten dürfte. Sie wird Werke enthalten von den Architekten Becker und Wetterwald, von den Bildhauern Busch, Gamp, Hetz, Myslbeck, Wadera, von den Malern Baumeister, Benz, v. Defregger, Feuerstein, Fugel, Locher, Müller- Warth, Schleibner, Walch. Leider müssen einige sehr schöne Blätter für später zurückgestellt werden. Die Jury hat auch bereits über die Concurrenzentwürfe zu einem Titelblatt entschieden. Der erste Preis zu 100 Mark wurde Herrn Maler Walch zuerkannt, ferner erhielten die Herren Maler Balmer, Schleibner und Stockmann drei gleiche Preise ü 50 Mark. Erfreulicher Weise befindet sich die Gesellschaft schon Heuer in der Lage, an weitere Unternehmungen zu denken. Hiebei dürfte verschiedenes in Betracht kommen. So könnte die Gesellschaft zunächst Concurrenzen unter den ihr an- gehörigen Künstlern für Pläne und Skizzen zu Kirchen und Kirchcneinrichtungen, Altären, Statuen, Gemälden auf eigene Kosten übernehmen; oder man könnte ihr die Restauration eines Gotteshauses anvertrauen, in welchem Falle sie Zuschüsse gewähren würde. Falls von Seite eines Mitgliedes ein Gesuch dieser Art käme, wäre die Gesellschaft auch im Stande, Zuschüsse zur Ausführung von religiösen Werken der Malerei und Bildhauerei zu leisten. Weitere Anregungen werden der Gesellschaft vielleicht aus den Kreisen unserer Mitglieder zugehen. Durch unverdrossenes Zusammenwirken Aller, bei gegenseitiger Nachsicht und Berücksichtigung der vorliegenden Verhältnisse, wird das so verheißungsvoll angefangene Werk immer festere Wurzeln fassen, zahlreiche Gönner finden und sich zum Segen des christlichen Kunstlebens weit verbreiten. Wir können diesem eingehenden Bericht noch erfreuliche Bemerkungen für die Besucher der diesjährigen Ausstellung im Glaspalaste in München hinzufügen und uns hier kurz fassen, da Herr Pfarrer Festing schon einzelne Werke in der Beilage besprach, andere aber wohl in dem diesbezüglichen Spezialartikel des Feuilleton erwähnt werden. Es genügt hier auf die Namen der Aussteller hinzuweisen. Pros. Franz v. Defregger ist mit einem frischen Mädchen-Portrait vertreten, Maler Georg Fugel außer dem schon vielgenannten herrlichen Abendmahle (Knt.-Nr. 279) auch durch eine Reihe vorzüglicher Skizzen in der Schwarzweißabtheilung (Kat.- Nrn. 160? u. 8) und einen Karton Mariä Himmelfahrt (Nr. 1609), welche die ganze vorzügliche Begabung des Künstlers erkennen lassen. Alexander von Liezen-Mayer ist ebenda mit schöner Kartonkohlenzeichuung „Die Heimkehr" (Nr. 1684), Bonifaz Locher mit Federzeichnungen (Nr. 1685) zu finden. Professor Karl Naupp, der Meister jener bekannten Chiemsecbilder, hat die Ausstellung mit einem neuen Werke dieses Genres „In höhcrm Schutz" (Nr. 839) beglückt. Schon rast der Sturm über den See herauf, schon schwankt der Kahn im Wcllen- getös, eine junge Mutter mit herzigen Kleinen ist im futterbcladenen Schifflein ahnungslos entschlummert; die Unschuld reiner Seelen spielt auf diesen lieblichen Gesichtern. Ueber dieser innigen Gruppe schwebt ernst- freundlich eine durchsichtig-lichte Gestalt, der Schutzengel. Eine Fülle schöner Contraste, herrliche Technik und tiefe Empfindung haben uns veranlaßt, dieses Gemälde besonders hervorzuheben, als ein Beispiel, wie vielseitig die christliche Kunst in hohem Sinne gepflegt werden kann. Schleibners Katakombenbild „Cäcilia" (Nr. 916), Nafael Schuster-Woldan's „Nikolaus mit Christkindl" (Nr. 959), „Welke Kränze" (Nr. 960), „Heilige Cäcilia", Nöthelzeichnung (Nr. 1745), Em. Walch's „Studienkopf" reihen sich würdig an. Von allen religiösen Gemälden 246 der Ausstellung möchten wir Fugels Abendmahl den Preis zuerkennen. Nicht minder gut ist die Gesellschaft bei den plastischen Werken vertreten; obenan zu nennen sind Henry WaderL und Georg Busch, dieser mit seinem ebenfalls bereits besprochenen Triptychon „Die Marien- sänger" (Nr. 1339) und einer sprechend ähnlichen Porträt- büste des Dichters Martin Greif (Nr. 1340), jener mit einem wahren Prachtstücke „Rosa MMiorr« (Nr. 1487). Diese und die Mariensänger sind sicher in dieser Abtheilung die bedeutendsten Leistungen religiöser Art. Welchem von beiden gebührt die Palme? — Lassen wir diese Frage unentschieden und freuen wir uns, zwei solche Meisterwerke tiefstempfundener christlicher Kunst zu besitzen. Balthasar Schmitt mit einer geistvollen Marmorporträtbüste (Nr. 1469), Jakob Stolz mit einer zarten Marmorstatuette „Psyche" (Nr. 1480) haben vorzügliche Proben ihres Könnens abgelegt. Heinrich Ueberbacher's Grab- sigur (Nr. 1483) endlich ist eine treffliche Leistung von schönem, edlem, fast etwas zu zartem Ausdruck. Manches haben wir außerdem in der Ausstellung gefunden, was Zeichen erfreulichster Wendung des modernen künstlerischen Bestrebens ist. Manchen Namen lasen wir, den wir gerne im Mitgliederverzeichniß der Gesellschaft ebenfalls gefunden hätten. Doch wollen wir andern nicht vorgreifen. Die deutsche Gesellschaft für christliche Kunst aber ist auf der Ausstellung in vorzüglicher Weise vertreten. Vielleicht ist dem einen oder andern Besucher der Ausstellung dieser Hinweis erwünscht. Jüngeren Besuchern der Ausstellung und solchen, welche die Kunst in ihrem wahren Werthe schätzen lernen möchten, empfehlen wir, einmal unmittelbar den Vergleich zwischen den Originalwerken des Glaspalastes und den nicht allznfern auftauchenden Fabrikelaboraten zu ziehen. Man sollte meinen, es würden da Jedem die Augen aufgehen über gut und böse. Endlich möge es sich Keiner gereuen lassen, den einen oder andern tüchtigen Künstler in seinem Atelier zu besuchen, er wird gewiß aus dem Verkehre mit diesen Leuten mehr Gewinn ernten, als aus manchem „praktischen Handbuch". Die Wcrkstätte eines gottbegnadeten Künstlers ist Bildungsstätte im edelsten Sinne. Dr. O. Irdr. L. v. 8. Von Grenoble nach der Grande Chartreuse. Von H. Eid. (Fortsetzung.) Im Speisesaale entledigte ich mich vorläufig meiner Reisetasche und schaute mich daselbst ein wenig um. An der Wand hingen uralte Kupferstiche in hölzernen Nahmen, theils benachbarte Wallfahrtsorte, theils das Kloster selbst darstellend. Darunter befand sich auch eine Uebersichtstafel über die Aebte der Grande Chartreuse, eine alterthümliche wunderliche Zeichnung auf vergilbtem Papier in einem mächtigen Rahmen. Sonst sind die Wände völlig kahl. Der Raum selbst ist auffallend hoch und die Decke ganz aus braunem, massivem Eichenholzwerk mit hervortretendem Gebälke hergestellt, wie ich das später auch in den kleineren Gelassen des Klosters überall bemerkte. Eine lange Speisetafel nimmt die Mitte des Saales ein, und an der Innenwand desselben öffnen sich drei Thüren in ebcnsoviele Einzelgemächer, woselbst man Gelegenheit findet, sich auf eine Weile zurückzuziehen xour ckavxer ä'imlftts. Nachdem wir uns durch einen Trunk Wassers erfrischt und ein bischen ausgeruht hatten, begann das Mittagessen. Es könnte einen wohl die Befürchtung ankommen, als wäre ein guter Appetit mitten im weltentfernten Gebirge und zumal im Kloster nicht recht am Platze. Wer sich indessen mit irgendwelcher Beunruhigung dieser Art zu Tische setzte, der würde gar bald gründlich hievon geheilt sein. Unsre kleine Reisegesellschaft ließ sich der gemüthlicheren Unterhaltung im engeren Kreise wegen an einem kleinen Ergänzungstische nieder, und hier wurden wir, von der großen Tafelgesellschaft getrennt, wider alles Erwarten nicht allein nicht vernachlässigt, sondern an erster Stelle und vorzüglich bedient. Der Aufwärter, ein junger Bursche von strotzender Gesundheit, mit den feurigsten und gutmüthigsten Schelmenaugen von der Welt, trug die Speisen mit solcher Behendigkeit und so feinem Anstande auf, daß man sich in einem eleganten Hotel hätte glauben können. Der Nothwein, der hier zu Lande nie fehlen darf, stand bereits vor der Mahlzeit auf dem Tische, und auch an den üblichen großen Wasserflaschen mit dem zur Mischung des Weines bestimmten Inhalte fehlte es nicht. Als Erstes kam eine Suppe, die man anderswo bloß Abends erhält. Es war eine Art Nahmsuppe mit reichlich eingeweichtem Brod, und sie schmeckte mir nach all den läppischen französischen Gemüsesuppen des Hotels ganz vortrefflich. Dann gab es Thunfisch von ausgezeichneter Zubereitung und delikatem Geschmacke, hierauf ausgehülste Bohnen, die man hier seltsamerweise xoiäg, d. h. Erbsen, nennt. Der Nachtisch bestand in Mandeln, Birnen und verschiedenen Küsesorten, und zuletzt wurde jedem der Gäste noch ein Gläschen ächter Chartrcuser eingeschenkt. Das waren nun nach französischen Begriffen recht einfache, doch schmackhafte und kräftige Fastenspeisen. Nach aufgehobener Tafel durchwanderten wir unter Führung eines Laienbruders die Räumlichkeiten deS Klosters. Da ich den Plan des außerordentlich weitläufigen Gebäudes nicht kannte, so kam ich mir, von Treppe zu Treppe steigend und aus einem Corridor in den andern einbiegend, wie ein im Labyrinth Verirrter vor. Von den vielen Sehenswürdigkeiten des Klosters sind mir der Kapitelsaal, der mit den Bildnissen der 50 ersten Ordensgenerale und mit der lebensgroßen, marmornen Statue des berühmten Ordensstifters, des hl. Bruno, geschmückt ist, ferner die sehr reichhaltige Bibliothek, der Speisesaal der Väter, der nur bei festlichen Anlässen benützt wird, und der große, 115 w lange Kreuzgang noch in guter Erinnerung. Den nachhaltigsten und zugleich düstersten Eindruck jedoch machten auf mich der Begräbnißplatz des Klosters mit der daranstoßcnden Todtenkapelle und die noch unbewohnte Zelle eines kürzlich erst verstorbenen Mönches. An diesen beiden Orten tritt uns der Geist strenger klösterlicher Entsagung lebhafter als sonstwo vor Augen. Der Gottesacker ist ringsum von den Mauern angrenzender Gebäulichkeiten umschlossen; die Gräber sind mit Nasen bedeckt und mit einfachen schwarzen Kreuzen versehen; in der Mitte des Raumes erhebt sich ein großes Kruzifix. Die ganze Fläche steigt etwas an, und der uns begleitende Bruder sagte uns, die Todten seien, mit Ausnahme der Aebte, mit dem Kopfe nach unten hin begraben. Zwei graue Marmorplatten, auf denen große Goldbuchstaben prangen, zeigen die Stätte an, wo zwei Herren aus fürstlichem Geblüts nach ihrem ausdrücklichen Wunsche ihre letzte Ruhe fanden. Dieser Friedhof, so klein und armselig er auch ist, scheint den Insassen des Klosters das liebste 247 Plätzchen im ganzen Hause zu sein, auf das sie gern voll weltverachtender Sehnsucht Hinblicken: betrachten sie doch den Sterbetag eines Mitbrnders als einen großen Freudentag, an welchem sie sich sogar im allgemeinen Speisefaal versammeln. Nicht weit von hier befand sich die Zelle des zuletzt verstorbenen Bruders, die wir in dem Zustande, wie sie verlassen wurde, besichtigen durften. Neben der Thüre bemerkt man in der Wand eine mit einem hölzernen Schieber verschlossene Ocffnung, durch welche die Speisen gereicht werden. Das Innere der Zelle gliedert sich in drei von einander getrennte Räume. Der vordere, die eigentliche Wohnung, enthält außer einigen unansehnlichen Heiligenbildern nur einen Tisch. Das daran sich anschließende, sehr enge Gemach zeigt ein in eine horizontale Oeffnung der Wand eingelassenes Bett, d. h. eigentlich einen Strohsack, durch einen Vorhang verdeckt. Zur Seite in einer Nische steht ein aus rohem Holze kunstlos gezimmerter Betschemel, ein Schreibtischlein von gleicher Arbeit und eine kleine Büchersammlung. Von hier führt :ine hölzerne Stiege nach unten in einen halbdunklen, kcllerartigen Raum. Hobelspäne lagen da umher, verschiedene Hölzer lehnten an der Wand und harrten ihrer Verarbeitung, und eine Art Hobelbank, ein Schleifstein u. f. w. redeten als stumme Zeugen von der in körperlicher Arbeit zugebrachten Mußczeit des Verstorbenen. Die einzige, offenstehende Thür, die zugleich dem Lichte Einlaß gewährt, führt von da ,'n ein mauer- umfriedigtes Gärtchen, mit Blumen und Kräutern spärlich bewachsen und von Kieswegen strahlenartig durchschnitten. An der Mauer aber erhebt sich als Abschluß des Ganzen ein hohes, weißes Kreuz. Nach beendigtem Nundgang wurden uns die Nachtquartiere angewiesen. Bei der Anwesenheit so vieler Fremden, es waren deren etwa ZO, ging die Vertheilung der Zimmer nicht sehr rasch von Statten. Endlich wurde mir Nummer 10 zugetheilt, und so war ich denn für diese Nacht geborgen. Ein kleines, aber hohes Gemach mit eichener Balkendecke und einem schmalen, der großen Kapelle zugewandten, vergitterten Fenster; ein reinliches, aber ärmlich aussehendes Bett, .'in Stuhl, ein Tischlein mit dem Waschbecken und ein Betschemel mit darüber- hängendem Kruzifixe: so war das Schlafzimmer beschaffen. Es hielt mich nicht lange in dieser düsteren Zelle. Mich dürstete .räch der freien Natur, und wir befanden uns denn auch bald aus dem Wege zur nahegelegenen Anhöhe. Die Sonne brannte noch immer außerordentlich heiß auf den steil ansteigenden, von hartem Trümmer- gestein ganz übersäten Waldweg. Doch je weiter wir in den dichten Forst eindrangen, desto kühler wurde die Luft und desto ebener und weicher der Pfad. Hie und da begegnete uns ein elegant gekleideter Herr, der von oben herabkam und die Sehenswürdigkeiten der Umgegend bereits in Augenschein genommen hatte. Auch eine kleine Schaar Chartreuser Klosterbruder ging, von einem ihrer seltenen Spaziergänge heimkehrend, an uns vorüber. Zwei und zwei schritten sie dahin, leise mit einander redend und uns, die wir grüßten, nur die oberflächlichste Beachtung schenkend. Wir waren noch nicht lange gegangen, als wir an der Stelle standen, wo einst, es war im Jahre 1084, St. Bruno das erste Kloster erbaute. Da man indessen hier gar häufig von den Schneestürzen des in der Nähe sich aufthürmenden Grand Lom belästigt wurde, so sah man sich gezwungen, das Gebäude zu ver» legen. Zum Andenken an diese älteste Gründung aber errichtete man eine Kapelle: Rotrs vams äs Lasalidus. Durch günstigen Zufall waren wir in den Besitz deS Schlüssels zu diesem Heiligthume gelangt, und so konnte.! wir ungestört hier eintreten, um die kunstreich geschnitzten Bänke, den reichen Altar und die sonstigen Kostbarkeiten zu bewundern. Nicht weit von hier erhebt sich auf einem Felsen die Kapelle St. Bruno. Ueber eine Steintreppe gelangt man zur Thüre dieses Gebäudes, das, von unten gesehen, einen gar seltsamen Eindruck macht. Das Innere ist ein wahres Schmuckkästchen. Von den Wänden schauen die Freskobilder der Genossen des Ordensstisters hernieder auf den mit schönen Fliesen mosaikartig eingelegten Boden, die massiven Eichenstühle mit kunstvollenSchnitzereien und den aus weißem Marmor erbauten Altar, der über jener ehrwürdigen Stelle sich erhebt, wo St. Bruno sein erstes Opfer dargebracht. Der natürliche Felsen, der dem Heiligen als Altar gedient haben soll, ragt unter dem nunmehrigen Opfertische herauf, und man kann ihn, durch die in kunstvoller Steinmetzenarbeit prachtvoll durchbrochenen Seitenwände des Altares reichend, mit der Hand berühren. Kleine Fensterchen im Rnndbogenstile erhellen das Dunkel deS Kirchleins, die Bäume des Waldes blicken träumerisch herein, und die Sonne malt mit zitterndem Strahle allerlei flüchtige Goldstreifen an die bildergefchmückten Wände. Die Natur hat alle ihre stillen Reize um diesen erhabenen Ort ausgebreitet: Zwischen mächtigen Steinblöcken winden sich die starken Wurzeln der Tannen und Buchen hindurch, üppige Farne und goldgelbe Blumen flüstern und schwanken im Luftzuge, und eine Quelle ergießt ihren silbernen Reichthum in ein steinernes, grünbemoostes Becken. Die Sonne neigte sich bereits zum Untergänge, als wir die das Kloster unmittelbar umgebende Bergwiese wieder erreichten. Ein schmaler Pfad führt über den mit Alpenblumen durchwirkten Rasen zu einer Anhöhe hinauf, von wo aus man den ganzen weitläufigen Gebäudecomplex übersehen kann. Was wir da vor uns sehen, ist das erst im Jahre 1676 aus den Ruinen der im Laufe der Zeit mehrmals durch Feuer zerstörten ersten Gründung ncu- erbaute Kloster. Das Ganze erscheint wie eine Festung, ja auf der uns zugewandten Seite erheben sich aus der Umfassungsmauer einige Thürme, deren Zweck mir indessen nicht bekannt geworden ist. Jetzt wird's allmählig dämmerig, der Wald kleidet sich in das Schattengewand des Abends, und vom Kloster herauf ertönt ein Glöcklein zum Gebete. Nur droben, wo der Grand Lom seinen rauhen Felsenrücken in die blaue Sommerluft erhebt, spielen die letzten Sonnenstrahlen in röthlichem, ungewissem Lichte. Wir steigen zu Thals, und die Klosterpforte wird hinter uns geschlossen. Zum Abendimbiß gab es Suppe, Rühreier, ein Gemüse aus gestampften Kartoffeln und einen Nachtisch. Die Zubereitung aller dieser Speisen läßt in Bezug auf Appetitlichkeit und Wohlgeschmack nichts zu wünschen übrig. Das Häuflein fremder Gäste war um diese Zeit beträchtlich zusammengeschmolzen; man begab sich jetzt in den Vorhof, um die Annehmlichkeit des Sommerabends zu genießen. Die Luft hatte sich abgekühlt, zahllose Sterne funkelten am Himmel, und der Mond goß über die stille Berglandschaft einen zauberhaften Schein. Die nackten Gipfel des Grand Lom, hinter denen das Nachtgestirn sich erhob, warfen ihre Niesenschatten bis herunter auf die Dächer der Klostergebäude und schienen bei der sanften Beleuchtung so nahe, daß man sie mit den Händen greifen ! zu können wähnte. — Ehe ich zur Ruhe ging, bat ich den Aufwärter, mich um Mitternacht zu wecken; es ist ! nämlich unter den Besuchern der Grande Chartreuse Sitte, dem nächtlichen Gottesdienst der Mönche beizuwohnen, um dann den Grand Lom zu besteigen und den Sonnenaufgang zu bewundern. Mir erschien indeß diese Bergtour etwas gewagt, umsomehr, als der Mond nach Mitternacht unterging und ich fürchten mußte, den Dialekt des Führers, denn ein solcher ist unentbehrlich, nicht zu verstehen. wie ich hierin schon bei einer andern Gelegenheit bittere Erfahrungen machte. Trotz der ermüdenden Wanderungen des Tages fand ich keine gute Nachtruhe. Das Bett bot statt der Kissen nur ein einziges, Walzenrundes, hartes Kopfpolster, von dem ich in der empfindlichsten Weise beständig herabsank oder zur Seite siel, so daß von Schlafen anfangs keine Rede sein konnte. Endlich um 12 Uhr pochte es heftig an meiner Thüre. Nonsieur, «n vs lövs! (Aufstehen I) rief eine muntere Stimme, und nach einigen Augenblicken stand ich schon in dem großen Corridore, der znr Kapelle führt. Mich schauderte ein wenig vor Kälte, und indem ich mir den erst halb begonnenen Schlaf aus den Augen wischte, folgte ich den über die Steinfliesen huschenden Gestalten der übrigen schlafverstörten Kirchengänger. Die große Kapelle (In oirnxölls äo8 pörss), ein in schönen Verhältnissen aufgeführter gothischer Bau mit reicher, innerer Ausstattung, läßt sich sowohl vom Erdgeschoß als auch vom ersten Stockwerk aus erreichen. Durch eine Thüre gelangt man aus letzterem auf die Empore, und es hatte sich hierselbst, als ich eintrat, bereits der größte Theil der Fremden, meist Geistliche, eingefnnden. Mit dem Glockenschlage 12 erscheinen die Mönche im Chöre der Kapelle, und zwar in der Ordnung, daß je 2 auf beiden Seiten des Altares gleichzeitig eintraten. Die grauweißen Kapuzen über den Kopf gezogen und lautlosen Schrittes dahinwandelnd, schienen die düsteren Gestalten im matten Schimmer der an den Wänden des Langschiffes brennenden Kerzen wie Geister daherzuschweben. An ihren Plätzen, die sich längs der Wände hinziehen, angekommen, ließen sie sich auf einige Augenblicke in eine, wie mir schien, hockende, nach vornüber gebeugte Stellung nieder — dann hoben sie plötzlich und mit lauter Stimme an, das „Darm irr aäjutorium" zu singen, und schauerlich ergreifend hallte der Gesang durch die Stille der Nacht. Ich hörte den Gottesdienst nicht ganz zu Ende, sondern zog mich nach einer halben Stunde auf mein Zimmer zurück. Ich fühlte mich wirklich erleichtert, als endlich der junge Tag durch mein Gitterfensterchen guckte, und erhob mich ungesäumt beim ersten Morgengrauen vom harten Lager. Gegen 8 Uhr nahm man das Frühstück ein, das in seiner Art einzig sein dürfte. Wir aßen nämlich zuerst eine gute Brodsuppe, dann Käse, gedörrte Zwetschgen und Aepfel; dazu trank man Nothwein und zuletzt ein Gläschen Chartreuser. Unterdeß hatte es zu regnen angefangen, und mein Freund dachte daran, noch einen weiteren Tag im Kloster zu verweilen; ich hatte jedoch hiezn nicht die geringste Lust und machte mich eiligst reisefertig. Dabei vergaß ich nicht, mir ein kleines An- sichtenalbum von der Grande Chartreuse, sowie ein Fläschchen Echten mitzunehmen. Dergleichen hübsche Andenken bekommt man bei einem Bruder zu kaufen. (Schluß folgt.) I Literarisches. Die Natur des thierischen Lebens und Lebens- prinzips. Ein apologetisches Wort gegen den modernen Anthropomorphismus, von Matthias Kohl- tz ofer, Pfarrer in Arnsing. Keuchten bei Köscl 1894. Preis 4 M, 400 Seiten. brv. Der gewandte Verfasser dieser Schrift will nicht bloß das dunkle Gebiet ver Thicrpsycbologie aufhellen, sondern zugleich auf dem Boden der Wissenschaft die modernen Lehren, welche die Grenzlinien zwischen dem Thierreich nnd dem Menschen verschieben und das Thier zu nahe an den Menschen heranrücken, entschieden zurückweisen. Znr Lösung dieser schwierigen Aufgab- verfügt er über reiche Litcraturkcnntniß und sichere klare Principien. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückgreifend, nimmt der Autor zugleich Bezug aus die neuern Werke von Scheitlin, Wundt, Gustav Carns, Altum, Max Perty, Paul Bert rc. rc. und namentlich auch auf das große „Thicrleben" von Brchm. Von lctzterm sagt er: „Unkritische Anekdotcn- klauberei nebst gehässigen Ausfällen auf die Kirche und ihren Dogmenglauben verunstalten das im klebrigen sehr verdienstvolle Werk." — Der reiche Stoff ist in zwei Hauptabtheilungcn gegliedert, wovon die erste (S, 1 bis 267) das thierische Leben und LebenS- princip in seinem An sich sein, die andere (S. 269 biS 400) in seinen Relationen behandelt. Diese schließt mit einer sehr eingehenden scharfen Kritik der modernen Thicrschntz-Bestreb- nngen. — Als Merkmale der Geistigkeit bezeichnet der Verfasser Bewußtheit, Vernünstigkett und Freiheit; dann Innerlichkeit, Einfachheit und Sclbstsländigkeit im Sein und in der Bestimmung. 'Als Merkmale der Materialität stellt er auf die Sinn- fälligkeit und Acußcrlichkeit, die Zusammensetzung und Forma- bilität, die Determination durch das Naturgesetz und Abhängigkeit von andern gcschvpflichen Wesen und die Pluralität. Zwischen dem niedern Genus der Formbildungs-Erscheinungen und dem bewußten Sein ist nach ihm ein ungeheurer Abstand; ebenso zwischen Empfinde» und Erkennen an sich und dem bewußten Empfinden und Erkennen; ersteres kommt auch dem Thiere zu, letzteres nur dem Menschen. Die Trichotomie, d. h. die Annahme eines neutralen Zwischcnwcscns zwischen Geist und Materie beim Menschen, nennt der Autor eine „cxistcnz- unfähige Ungeheuerlichkeit". Die eine (geistige) Seele bringt außer ihren höher» Funktionen auch niedere Wirkungen hervor. Sie vcgetirt den Leib durch absolut innere, spezifisch geistige Akte. So sehr die vegetativen und sensitiven Lebenserscheinnngen bei Mensch und Tbier einander ähnlich erscheinen, so haben sie dock ganz verschiedene Ursachen; beim Menschen ist eS die geistige Seele, beim Thier das dem Stoff inhärirende überphhsikalische LcbcnSprincip, Auf Grund solcher Principien bespricht der Autor die thierische Vegetation, welche den Bau und die Erhaltung der Organismen erzielt, Hiebei steigt er vom Niedern zum Höher» auf, indem er der Reihe nach die Zoo- phyten, Weichthicre, Glieder- und Wirbelthicre vorführt. Die sehr eingehende Behandlung der thierischen Sensation kommt zu dem Ergebniß, daß die zum thierischen Leib organisirte Materie im Bunde mit psychischen Lebenskräften zu sensitiven Akten befähigt wird, welche dem vegetativen Leben dienen und nicht aufhören, materiell zu sein. Ueber die thierische Vernünftig- keit, Moralität und Idealität (Aesthetik) ist gesagt, daß dieselben lediglich objektiven Charakter haben und von subjektiver Bethätigung keine Spur sich zeige. Daher sagt der Autor am Schlüsse dieser Ausführungen: „Das Thier ist absolut und gänzlich jeder Geistigkeit bar. Anathema den ganzen und halben Anthropomorphistcn! — Die zweite Haupt- abtheilnng fixirt das thierische LcbcnSprincip in seinem Verhältniß zu den physikalischen Erscheinungen und Kräften und nennt es eine überphysische, vitale oder psychische Kraft dcS Körpers und bestimmt zugleich das Thier in seiner Stellung im Universum und zum Menschen. Von den Thierschutzbestreb- ungcn sagt der Verfasser: „So wie sie sind, schaden sie mehr als sie nützen. Wenn sie nicht in andere Bahnen einlenken, sind sie nicht der Unterstützung würdig. Unterstützung werden sie nur dann verdienen, wenn sie auf eine korrekte Unterlage gestellt werden". Diese Gedanken führt der Autor weiter aus, wobei er unter der „korrekten Unterlage" die von ihm entwickelten Principen versteht. Wie man sieht, liegt die Stärke dieses geistreichen Buckes in der auf eingehendem Studium beruhenden principiellen Richtigstellung der Grenzlinie zwischen Mensch und Thier. Die Lektüre ist ebenso interessant als lehrreich, das gewandte Werk verdient die weiteste Verbreitung. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.