kii-. 32 9. Anglist 1894. Mugt zur Sügsöürgcr Ä Eine Klosterkirche im Stile des Frühbarock. Monumentalbauten aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts sind in unseren Gegenden nicht allzu häufig. Schon an sich war die Zeit wenig baulustig, wenn wir sie mit anderen Perioden, etwa dem Jahrhundert von 1420—1520 oder jenem von 1675—1775, vergleichen; überdieß vernichtete der alsbald hereinbrechende Schweden- krieg eine Menge der Schöpfungen von damals oder versetzte sie doch in einen Zustand, welcher durchgreifende Restaurationen und damit eine wesentliche Umgestaltung des ursprünglichen Stilcharakters herbeiführte. Umso großer ist das Interesse, welches ein derartiger Bau, sofern er im großen Ganzen unverändert blieb, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist. Die ehemalige Klosterkirche zu Pökling, einem Pfarrdorfe 3 Kilometer südlich von Weilheiur, ist zwar nicht ein völliger Neubau aus jener Periode, aber sie wurde in den Jahren 1620—28 so bedeutend im Geschmacke der damaligen Zeit umgestaltet, daß sie als Bau immerhin, und speziell was die Dekoration betrifft, sogar in hervorragender Weise als Vertreterin des Frühbarock gelten kann. Das läßt sich freilich nicht in Bezug auf das Aeußere des Bauwerkes behaupten. Die Langhausseiten mit den vielen, kleinen, verschieden geformten Fenstern entbehren mit Ausnahme des vorderen Chores der Gliederung durch Pilaster, Gesimse und Lisenen und bringen, wenn überhaupt von einer Wirkung gesprochen werden kann, die der Eintönigkeit und Bedeutungslosigkeit hervor, welche durch die weiße Tünche noch wesentlich verstärkt wird. Der Ostabschluß des Chores ist nach außen hin nicht sichtbar, da ein Flügel des ehemaligen Klostergcbäudes östlich an die Kirche anstößt. Selbst die Westfagade, sonst wohl der Glanzpunkt bei Barockkirchen, ist von nüchterner Gestaltung. Malerische Wirkung kommt, vom Thurme abgesehen, allein dem stattlichen Portalvorbau zu mit den flankirenven Doppelpaaren jonischer Halb- sänlen, welche über dem elegant gegliederten Gesimse in Vasen ausklingen und das zwischen ein weiteres Säulen- pnar der gleichen Ordnung gestellte Portal in die Mitte nehmen. Aber dieser Portalbau ist in keinerlei organischen Zusammenhang gebracht mit dem Aufbau der Fahnde und dieser hinwiederum ebensowenig mit der inneren Bauanlage der Kirche. Der Fatzadenaufbau ist nämlich weiter nichts als eine kahle Mauerfläche mit kraftlos geschwungenem Giebel. Der Thurm, am westlichen Ende der Südseite im Jahre 1607 neu aufgeführt, steigt in massigen Formen, durch Lisenen und Mauerblenden entsprechend gegliedert, quadratisch -an und fetzt dann ins Achteck über, welches von einem achtseitigen Helme gekrönt wird. Das verwendete Material, Tuff aus einem nahegelegenen Bruche, eignet sich durch feinen graubraunen Ton und die Dimension der Blöcke ganz leidlich für Barockbauten. Treten wir nun durch das Westportal, dessen zugehöriger Bau im Innern eine Vorhalle bildet, in die Kirche ein, so verrathen die schlanken, achteckigen Pfeiler mit ihrer gothischen Sockelprofilirung und die Spitzbogenform der Scheidebogen sofort die ursprünglich gothische Anlage des Baues. Die Kirche war ehedem ein gothischer dreischiffiger Hallenbau mit einfachen Sterngewölben; die Pfeiler scheinen ohne Vermittlung durch Kämpfer in die Gewölbe und Schcidebogen übergegangen zu fein, welch letztere durch Abschrägung der Kanten so profitirt sind, daß sie je drei Seiten der Achtcckspfeiler fortsetzen. Aber wie hat der Barockstil diesem Bau den Stempel seines Geistes aufzuprägen verstanden! Durch Einziehung von Emporen, Anordnung von Oratorien, Au^brechung von Seitenkapellcn, Anpassung des Gewölbesystems, durch Pilasterschmuck und nicht zuletzt durch die Kunst des Stnckaiors ist der Charakter der Gvthik geschickt verdeckt und nahezu der Eindruck einer einheitlichen Barock schöpfung erzielt. Die Klosterkirche zu Posting ist in ihrer dermaligen Gestalt ein fünfschisfigcr Bau mit östlich vorgelegtem Querschiff und doppeltem Ostchor. Das Quer schiff ist bereits zum Chor gezogen und nimmt die ganze Länge des ersten Cbores ein. Der zweite vordere Chor ist um eine Stufe über den ersten, dieser um zwei Surfen über das Langhaus erhöht. Jeder der beiden Chöre besteht aus drei Jochen, doch ist das vorderste Joch des östlichen Chores durch den Hochaltar verbaut. Das Langhaus zerfällt in fünf Joche. Je vier Pfeiler und zwei Halb- pfeiler trennen beiderseits das Mittelschiff von den inneren Seitenschiffen. Die Joche der letzteren sind auf quadratischem, die des Mittelschiffes auf rechteckigem Grundriß errichtet. Die äußeren Seitenschiffe stellen sich als Ka- pcllenräume dar; es sind solcher Räume auf jeder Seite vier, das westlichste Joch entbehrt derselben. Die Kapellen stehen untereinander nicht in Verbindung, da Altäre die Ostwand derselben einnehmen. Weder die äußeren, noch die inneren Seitenschiffe setzen sich um den Chor fort. Die Länge der Kirche beträgt 51 m, wovon 27,30 w auf das Langhaus, 13,20 irr auf den ersten und 10.50 rrr auf den zweiten Chor (bis zur Rückwand des Hochaltares) entfallen. Die Breite des Langhauses einschließlich der Seitenkapellen belauft sich auf 29,80 rn, nämlich Mittelschiff 9 m, je ein inneres Seitenschiff 6 w, je ein Kapellenraum 4,40 m; der Chor mißt 8.50 in in der Breite. Die Gewölbe des Mittelschiffes und der inneren Seitenschiffe ruhen auf den Achteckvfeilern und an den Umfassungsmauern auf weit vorspringenden Pilastern, zwischen welchen sich unten die niederen Kapellenräume im Segmentbogen öffnen und oben spitz geformte Schild- bogen spannen. In den Schildmaueru und in den Kapellen sind Fensteröffnungen angebracht. Die Gewölbe der Chorpartie werden von Pilastern getragen. Die drei inneren Langhansfchiffe haben die gothische Gewölbe- construktion beibehalten, jedoch unter Beseitigung der Nippen und Verwischung der gothischen Form der Gurtbogen. Der erste Chor ist mit einer, wohl auch aus dem gothischen Gewölbe umgeformten Tonne mit tief einschneidenden Stichkappen überwölbt. Tadellos vollkommen gestaltet ist das von kleinen Slichkappcn durchbrochene Tonnengewölbe des vorderen Chores. In diesem zweiten Chöre treten die Pilaster wieder mächtig von den Umfassungsmauern herein; die dadurch gebildeten Nischen haben transversale Tonnengewölbe. Die Querschiffarme bestehen aus je zwei über einander gelegenen Geschossen. Das Erdgeschoß des südlichen Flügels birgt die Achberg'» sche Kapelle (jetzt Sakristei), das des nördlichen die alte Sakristei. Die Obergeschosse bilden Oratorien, welche sich in je drei, hoch und schlank gebildeten Bogenstcllungen gegen den ersten Chor öffnen. Das südliche Oratorium 250 ist mit transversaler gedruckter Tonne überwölbt, das nördliche mit einer auf stuckirten Schrägen ruhenden, flachen Holzdcüe versehen. In den äußeren Seitenschiffen find Nenaiffancekreuzgewölbe angeordnet, deren Grate sich unter der Stuckatnr verlieren. Die Höhenvcrhältnisse sind folgende: Mittelschiff 14,90, innere Seitenschiffe 12,10, äußere Seitenschiffe c. 4, erster Chor 14 in; der vordere Chor ist um ein Geringes höher als der erste. In halber Höhe des Baues zieht sich an den Umfassungsmauern von Langhaus und Chor eine Empore hin. Dieselbe ist im westlichsten Joch zu einem die drei inneren Schiffe umspannenden geräumigen Mnsikchor erweitert, setzt sich dann an den Langhausseiten über den Kapcllenränmen fort, die Pflaster mit Durchgängen durchbrechend, geht in die Obergeschosse der Qncrschiffarme über und zieht sich jenseits derselben völlig um den vorderen Chor herum, wo sie sich hinter dem Choraltare zu einem Altarraume erweitert. Der Raum unter der Westempore bildet eine Art innere Vorhalle und ist durch ein kunstvolles Nococo- Eisengitter mit dem Wappen des Prälaten Franz Töpsl von dem übrigen Theil des Langhauses getrennt. Der von diesem Prälaten in den Jahren 1761 — 67 vorgenommenen Restauration gehören ferner an die Ausschmückung und Einrichtung der Seitenkapellen, das Gittcrwerk der Empore mit dem darüber angebrachten, flott geschwungenen Aufsatz, die Orgel, reiche Thürver- kleidnngen im vorderen Chöre, Dekorationsstücke an den großen Altären, endlich — ein Schmuckkästchen des Nococo- stileS — die jetzige Sakristei, früher Achberg'sche oder Reliqnicnkapelle genannt. Diese erhielt ihre dermalige Gestalt im Jahre 1764 und wurde von der Meisterhand Johann Baadcrs mit sehr hübschen Deckengemälden geziert (Mariä Verkündigung und Heimsuchung, Christi Geburt und die Flucht nach Aeghptcn). Geradezu reizend sind die Malereien an den Sakristeischränken, wahre Muster für Cchrankbemalung im Nococostil; lieblichere Kinderköpfchen hat die Kunst jener Zeit kaum geschaffen. Abgesehen von diesen Zuthaten späterer Zeit, die sich übrigens meist auf Nebenräume vertheilen, hat sich in der Dekoration der Charakter der in den Jahren 1621—28 durchgeführten Restauration durchaus erhalten. Die DekorationSknnst jener Zeit benützte als ausschließliches Mittel die Stuckatnr. Für Fresken ist kein Raum übrig gelassen, die Stuckatnr behauptet noch allein das Feld. Sie ist in der Polliuger Kirche in einer Weise angewendet, welche höchst charakteristisch ist für die Art des Frühbarock: Nähmenwerk und figürliches Ornament walten vor, Pflanzenornamcnt ist spärlicher und nur in streng stilisirtcr Form vertreten. Als Rosetten verschiedener Größe und Gestaltung und als Füllungen der Nahmenlcisten tritt das Pflanzenwerk wohl selbst- ständig auf, sonst aber ist es meist mit den Figuren in Verbindung gebracht. Frnchtgewinde, gegen die Mitte zu stark anschwellend (Festons), finden sich häufig, vereinzelt auch Tuchgehänge mit eingcflochtenen Blumen. Von Akanthusranken, welche seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine stets wachsende und zu Ende desselben oft eine beherrschende Rolle spielen, finden sich noch nicht die Ansätze, ebensowenig von den später mit Vorliebe verwendeten Eichen- und Lorbeerlaubkränzen und -Stäben. Das einfache Akanthusblait, wie es schon die Antike kannte, ziert abwechselnd mit Engelsköpfen die Kapitelle der Pflaster und der als Säulen behandelten Pfeiler. Klassische Motive, vor Allem Eierstab, Perlenschnur und Palmettenornament, werden auch zur Betonung der Ränder des Nahmenwerkes herangezogen und verleihen, da das Nahmenwerk reichlich zur Anwendung kommt, dem Ganzen einen starken Anklang an den ernst-gemessenen Charakter der Antike. Die Stuckatur steht der Renaissance noch bedeutend näher, als dies 50 Jahre später der Fall ist. Man vergleiche beispielsweise die zierlich, fast nach Art der Kleinkunst stuckirten Pflaster der Kirche zu Pökling mit den mächtigen, kannelirten Doppelpilastern der Kirche zu Wetten- hausen. Das Nachklingen der Renaissance zeigt sich sowohl im Pflanzenornament wie in den figürlichen Zier- stücken. Welche Ruhe in Haltung und Gewandung der Genien! Diese wie auch das übrige Figurenwerk, bestehend in Engelsköpfchen und Halbfiguren, welch letztere häufig in Blattwerk übergehen, zeichnen sich durch sorgfältig gearbeitete Gesichtsbildung aus. Was das Verhältniß der Figuren zu dem Pflanzen- ornament betrifft, so macht man im Allgemeinen die Beobachtung — und auch diese Thatsache dürfte bezeichnend sein für die Stuckatur des Frühbarockstiles —, daß die Figuren die Herrschaft über das Pflanzenornament behaupten. Letzteres ist den Figuren untergeordnet, wird von denselben gleichsam im Zaume gehalten, während es sich später dieser Herrschaft entzieht und nicht mehr in Unterordnung unter die Figuren, sondern diesen gleich geordnet, ja sie überwuchernd, den Decorationszwecken dient. Hier aber steht das Pflanzenornament mit den Figuren in einer mehr oder weniger engen Beziehung, es wird von denselben getragen oder zusammengehalten oder wächst aus denselben organisch hervor. Als besonders reich und edel stuckiri seien hervorgehoben: die Kapitelle der Pfeiler, die Pflaster, die Brüstung der Empore, namentlich in den Chorpartien, die Fenstergewände und die Decken der beiden Chöre. Im Obergeschoß des südlichen Kreuzschiffarmes und in dem Altarraume der Empore befinden sich stuckirte Altäre, welche als Typen damaligen Altarbaues und Altarschmuckes gelten dürfen; der an erster Stelle genannte Altar trägt die Jahreszahl 1624. Sehr bcachtenswerth sind ferner die im Jahre 1687 ausgeführten Thürverkleidungen am östlichen Ende des ersten Chores. Der gleichen Zeit etwa ist die geschmackvolle Kanzel zuzuweisen. Die kunstgeschichtlich nicht unwichtige Frage, ob die Stuckaturen ursprünglich schon Bemalung trugen, wage ich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten, neige aber zur Verneinung derselben hin; denn die Analogie spricht entschieden dagegen, ebenso die gewählten Farbentöne; positive Anhaltspunkte für oder wider fand ich jedoch trotz allen Suchens nicht. Jedenfalls sind die Farben nicht ungeschickt gewählt und spätestens bei der Restauration von 1761 ff. beigegeben worden. Die stark hervortretenden Theile der Stuckatur sind in zartem Blaugrau gehalten, die Ränder des Nahmenwerkes gelb, einzelne Mittelfelder rosa; meist jedoch ist der Grund weiß belassen. Die Wirkung der Stuckaturen ist durch diese Art von Bemalung wesentlich gehoben, vielleicht etwas zu kräftig und schwer geworden. Manches wäre noch zu sagen über einzelne Merkwürdigkeiten der Kirche zu Pökling, wie über das alte Crucifixbild, welches dort verehrt wird, oder über die Denksteine aus alter und neuerer Zeit. Aber das würde den Nahmen dieses Aufsatzes überschreiten, der nur zum 251 Zwecke hat, den Frühbarockstil und seine Dekorations- kunst an einem Beispiel zu beleuchten. Möge, wer seine Schritte in jene Gegend lenkt, nicht versäumen, sich die Kirche zn betrachten. Das herrliche Gebirgspanorama, welches sich im Hintergründe erhebt und mit dem Ernste dieses Gotteshauses so trefflich zusammenstimmt, läßt den Aufenthalt doppelt lohnend erscheinen. Die Räume des ehemaligen Klosters sind jetzt theilweise wieder in den Händen eines Ordens, der Dominikanerinnen, welche dort seit einem Jahre eine Mädchenerziehungsanstalt errichtet und dieselbe vorzüglich ausgestattet haben, so daß ein Besuch des Instituts viel des Interessanten bietet und die besten Eindrücke zurückläßt. Or. A. Schröder. Das Martyrium der thebäischen Legion. Von Dr. Bernhard Sepp. Die Thebäerlegende ist unstreitig eins der ehrwürdigsten Legenden, die wir kennen. Denn es kann nunmehr als ausgemacht betrachtet werden, daß der von P. Fr. Chifflet veröffentlichte *) authentische Text der kassio ^.Anunsnsiuni wart^rnm nicht, wie noch Nettberg behauptete ^), dem sechsten, sondern bereits dem fünften Jahrhundert angehört und von dem (als Kirchenschrift- steller wohlbekannten) Bischof Eucherius von Lyon, der nach Gcnnadius vir. ilt. 63 unter der Regierung der Kaiser Valentinian 111. und Marcian zwischen 450 und 455 starb, herrührt?) Er zählt mithin zu den Erzeugnissen der römisch-christlichen Literaturpcriode und ist daher schon wegen seiner Sprache bemerkenswerth. Aber auch seine Bedeutung als geschichtliches Dokument darf nicht gering angeschlagen werden, da er spätestens 150 Jahre nach dem Martyrium der Thebäer (unter Diokletian), d. h. zu einer Zeit, wo die Erinnerung an jenes Ercigniß in Agaunum noch recht lebhaft sein mußte, entstanden ist. Zudem steht fest, daß Eucherius einen vortrefflichen Gewährsmann für seine Erzählung hatte, denn, wie aus seiner Widmungsepistel an Silvius*) (den Autor des ') I?an1inu8 llliwtratns ?. I (Dijon 1662) S. 66 f. aus einem Codex «nee. VII sx. des Klosters St. Clciude im Jura (beute n. 9550 der Pariser Nationalbibliothek). Nuinart (4eta. Llart. Verona 1731 S. 241 f.) benutzte außerdem einen Codex saeo. VIII des Klosters St. Maur des Fossses, ferner eoä. Lenins 5293, Handschriften aus Rheims (St. Tbierry) n. 1142 saeo. XIII, der Sorbonne, von St. Eermain deö Pros, Flenry rc. Vgl. noch coä. karis. 17002 (aus Moissac.), eoä. Lruxell. n. 831—834 8a.ee. XIII kol. 141 f. (auö Kloster Marienthal bei Luxemburg), eoä. Lämunt. n. 248 aase. XI u. a. m. 2) K. G. D. I S. 97 A. 13. Ein „jüngerer Eucherius von Lyon" hat niemals existirt. Der in der vita. s. Oaosarii genannte Eucherius ist offenbar dessen Snsfraganbischof von Avignon (s. .4. 88. Voll. 4ng'. VI S. 73 u. k.; vgl. Gams 8. L. S. 503). Ein anderer Eucherius war zur Zeit des zweiten Concils von Orange (529) Bischof von Antikes (s. Gams a. a. O. S. 554 n. S. 570, Mansi VIII. 718). Ebenso grundlos ist die Behauptung Rettbergs a. a. O. S. 100 f., daß die Mauritiuslegcnde aus dem Orient übertragen sei, s. Stolle S. 53 f. Am willkürlichsten bat übrigens Albert Hanek die ganze Frage behandelt, da er die Legende in einer Anmerkung abfertigen will (K. G. D. I. Bd. S. 9 A. 1); s. die treffende Widerlegung seines „Arguments" bei Stolle S. 73 f. °) Wenn der Autor der vita. 8. Uomani und Bischof Avitus von Vicnne von einer schriftlichen Passiv der hl. Märtyrer von Agaunum sprechen, so haben sie die des Eucherius im Auge, welche auch der von Mabillon zuerst edirten ältesten miaaa 8. Llaurieii st aoeiorum viug (s. Stolle S. 106 f.) zu Grunde liegt. *) Stolle (Exkurs II S. 98 f.) vermuthet in Silvius einen Bischof von Vicnne und möchte ihn zwischen Claudius, der an dem ersten Concil zu Orange (441) und an der Synode zu Htcwcu1us?)°) hervorgeht, verdankte er das Material zu seiner Schrift dem Bischof Jsaak von Genf°), der nur 60 römische Meilen (d. i. etwa 24 Wegstunden) von Agaunum, der Stätte des Martyriums (St. Maurice in Wallis), entfernt lebte und seine Nachrichten an Ort und Stelle einzuziehen vermochte. Obendrein macht eS Eucherius wahrscheinlich, daß Jsaaks Berichterstatter jener Theodorus?), Bischof von Octodurum (Martigny, vier Stunden von Agaunum, das zur Diöcese Octodurum gehörte), war, der (um die Mitte des 4. Jahrhunderts) die Gebeine der ermordeten Thebäer sammelte und über ihnen eine Kirche erbaute, die ihrem Andenken geweiht war. Beherzigen wir, daß zur Zeit des Bischofs Theo- doruS noch Leute leben konnten, die Augenzeugen des Martyriums gewesen waren oder wenigstens von ihren Vütern Mittheilungen über die näheren Umstände jenes Ereignisses erhalten hatten, so müssen wir auch anerkennen, daß die Thebäerlegende gut beglaubigt sei. Nichtsdestoweniger trägt der neueste Bearbeiter derselben, Dr. Franz Stolle, in seiner Inauguraldissertation „Das Martyrium der thebäischen Legion", Münster 1891, kein Bedenken, der Passio des Eucherius ebenso wie den voreucherianischen Zeugnissen und den Angaben der Ka- lendarien und Martyrologien^) fast allen Werth abzusprechen, und er geht soweit, dieselbe für eine rhetorisch Vaison (442) theilnahm, und dem bl. MamcrtuS einreihen. Er übersah aber, daß Claudius und MamcrtuS eine und dieselbe Person sind (Bruder des Schriftstellers Claudianus Ma- mertuS f. Geunadiuö vir. III. 83). °) Bekanntlich hat Polemeus (vcrgl. den Polemius des Xpoliiuaria Liäouins) Silvius den 1>a.tsren1u8 einem Bischof Eucherius gewidmet, der kein andrer als unser Lyoner Bischof sein kann, s. Th. Mommsen 6. 1. I.. I S. 332 f. vgl. vita. g. Uälarii spiee. Vrslat. sag, 11. °) S. Stolle Anhang S. 101: »Porro ab iäousia ane- toribus rsi ipsins vsritatom gnassivi, ab bis utigus gui atkirmabaut (Laloniuo? f. A. 10) ab epieeopo Osnavsnsi 8auoto Isaas buno gusw rsttnli pasaiouia oräiuem eoZnoviseo, gui, orsäo, rnr5Uiu Iraeo retro a bsatissimo spiseopo Bbsväoro, viro tewporis antsrioris, aeespsrat.« Orsäo heißt bei einem christlichen Schriftsteller niemals „ich vermuthe", sondern „ich bin der festen Ueberzeugung". Aber selbst wenn es sich im vorliegenden Falle wirklich nur um eine Vermuthung Enckcrs handeln sollte, wie Stolle S. 52 meint, so wären wir noch nicht berechtigt, sie ohne weiteres zu verwerfen, weil sie auch richtig sein kann. Da nämlich TbeodoruS um den Cult der Thebäer sehr eifrig bemüht war, so wird er auch nickt unterlassen haben, ein Oküoiuw proxrinm dieser hl. Märtyrer anzufertigen, welches in seinen Lektionen (zur ersten und zweiten Nocturn) die Leidensgeschichte derselben behandelte. Von diesem Officium erhielt gewiß auch Jsaak Kenntniß. Da aber der Gebrauch desselben wohl auf die Diöcescn Octodurum und Genf beschränkt blieb, so übernahm cS Eucherius, die Passio neu zu bearbeiten, damit die Thaten der Thebäer nicht in Vergessenheit geriethen, s. A. 10. ') Theodorus war im I. 381 auf dem Concil zu AqnilcjL anwesend (s. Mansi III, 599). sein Kirchenbau sällt aber wohl in den Anfang seines Pontificats (um 350). Bemerkenswerth ist, daß uns schon im I. 419 ein Bischof von Octodurum des Namens Mauritius begegnet (s. Gams a. a. O. S. 312, der auch eincu Erzbischof Mauritius von Trier zum I. 398 verzeichnet S. 318). Vgl. auch die römisch-christliche Grabsckrift des Knaben Mauritius, welche südlich von Lyon in der Rhone gefunden wurde, bei Le Blaut T. II S. 45 N. 399 Planche 48 n. 282 und das interessante Ncliquiar im Schatz von St. Maurice (aus der Mcrowingerzeit) ebenda S. 580 N. 684 Planche 91 n. 542. Gregor Tur. bist. seo1e8. X, 31, 19. °) Da wir noch immer keine kritische Ausgabe des Llar- txrolvAium Ilisrouzuunm besitzen und die Edition de Nossi'S erst in einigen Jahren vollendet sein wird, so war für Stolle Zurückhaltung im Urtheil über dasselbe geboten und seine These (S. 26) „die Hierouymiana sind, um es kurz zu sagen, die denkbar schlechtesten Quellen" wäre besser ersetzt durch den Satz „die bisherigen Ausgaben des 11artxrolo§ium UisronFMUm sind ungenügend". Uebrigcnö bedeuten die Worte »In Oallia eivt- 2öä ausgeschmückte Erzählung des Lhoner Bischofs zu erklären, deren festen Kern lediglich die Namen der drei Offiziere Mauricius, Exupcrius und Candidus bilden. Gewiß eine kühne Behauchung, für die wir strikte Beweise fordern dürfen. Betrachten wir aber seine Argumente näher, so ergibt sich, datz dieselben durchaus nichts zwingendes haben. Dies hinderte jedoch nicht, daß Stolle's Sckrift von Fachgelehrten beifällig aufgenommen wurde?) Wir sehen uns daher genöthigt, auf seine Beweisführung im einzelnen einzugehen, da längeres Schweigen einer Zustimmung gleichkäme und unsere Bemerkungen vielleicht dazu dienen, den jugendlichen Kritiker für die Zukunft zu größerer Vorsicht bei der Beurtheilung der überlieferten Marlyrcrakten zu bestimmen. I. Stolle geht bei seiner negativen Kritik davon aus (S. 47 f.), daß Euchertus seine Passto nur auf Grund mündlicher Mittheilungen verfaßt habe. Dies könnte von uns zugegeben werden, ohne daß wir deßhalb dieselben Folgerungen, wie er, zu ziehen brauchten. Denn es ist klar, daß auch eine bloß mündliche Tradition, wenn sie, wie im vorliegenden Falle, durch zuverlässige Zeugen, wie Bischof Jsaak von Genf, verbürgt ist, vom Geschichtsforscher nicht ohne weiteres außer Acht gelassen werden darf. Ganz abgesehen davon aber schließen die Worte der Epistel an Silvius, auf welche sich Stolle als Beweis für seine Annahme beruft: ^Versdar snim, ris xsr insuriani turn A'Ioriosi Zssta mart^rii all siominuiu rnsiuoria, tsmxus abolsrst", keineswegs die Möglichkeit aus, daß bereits vor Eucherius eine schriftliche Thebäer- passion vorhanden war (s. A. 6), sondern sie lassen auch die Erklärung zu, daß eine voreucherianische Passto existirte, aber nur in einem engeren Kreise bekannt war. Auch in diesem Falle nämlich hatte Eucher Grund zur Befürchtung, daß die Thaten der thcbäischen Märtyrer tote 8iäunis looo ^Annno« wobt nickt mehr, als „in Gallien, im Gau (der) Seduni, im Orte Agauuum", nickt aber, wie Stolle a. a, O. A. 2 iuterpretirt: „im Bisthum Sitten". Es kann mitbin nickt daraus geschlossen werden, daß dieselben ein spaterer Zusatz seien. Ebenso irrig ist die Behauptung Stolle's S. 23, daß unsere Handschriften deS Hicronymianum nicht über 800 binaufrcichen, denn nicht nur der aus Metz stammende ooä. Borneiisis 289, sondern auch coä. Laris. 10837, der ein Ecktcrnachcr Mariyrologium und Kalcndar (letzteres nnt der berühmten Randbemerkung von der Hand des hl. Willibrord aus dem Jahre 728) enthält (s. Neues Archiv f. ä. d. G. II S. 291 f.), und die Wolfenbüttler Handschrift 23 (aus Weissen- burg i. E.) sind ohne Zweifel nock im 8. Jahrh, entstanden. DucheSne lud. pcwtik. lotroäuotion x. XIVI u. 13 weist nach, daß der uns überlieferte Text der Hieronymiana unter Bischof Annarius von Auxerre vor dem Jahre 593 redigiert wurde. °) S. Neues Archiv XVII S. 223 n. 9 unterzeichnet W(ilbclm) W(attenback): „In der Erstlingsschrift deS Dr. Franz Stolle: Das^ Martyrium der thebäiscken Legion (Brcslau, Müller und Sciffert 1891) wird in sehr dankcnswerther Weise diese Legende einer klaren und einsichtigen Kritik unterzogen unter Widerlegung der schwächlichen RettungsVcrsu ch e. Ilebcrzcngcnd wird nachgewiesen, daß die fabelhafte Geschichte nur zurückgeht aus B. Eucherius von Lhon (um 450), der die Namen der drei damals bekannten Marryrcr mit der vergrößernden Tradition von 1'/, Jahrhunderten und aus Lactanz und Vegez geschöpften Kenntnissen zu einer Darstellung geschickt verarbeitet hat, und sie seinem Amtsbruder SilviuS von Vienne übersandte. Hervorzuheben sind die treffenden Bemerkungen über die leicht irreführende Beschaffenheit der stets erweiterten Marthrologien. Beige- geben ist die älteste Redaction der Akta, worin der Verf. o. 6 über den Veteran Viktor und Viktor und Ursus für eine Interpolation hält, nach Ruinart u. die Lasen» 6assii st Llorentii.. ob Esreonis aus Mombritius." tznaväogns äorwitat bonus Lowerus! mit der Zeit in Vergessenheit gerathen könnten, und diese Gefahr schien erst dann beseitigt, wenn es ihm gelang, ihre Leidensgeschichte allen Bischöfen Galliens zur Kenntniß zu bringen und den Cnlt der hl. Märtyrer auch in anderen Diöcesen zu beleben.*") Mithin kann jenes Argument Stolle's nicht als stichhaltig erachtet werden. Nicht viel besser steht es um seine Behauptung (S. 56 f.), daß Eucherius für seine Legende neben der Lokaltradition noch andere Quellen benützt habe. Denn zugestanden auch, daß die Nachricht des Eucherius über das Ende Maximians aus Lactantius (äs mort. xsr- sssnbvrniQ 29 und 8V) entnommen sei**), so läßt sich doch nicht bestreiten, daß dieselbe mit dem Inhalt der Legende gar nichts zu schaffen hat, sondern nur zur Befriedigung der Wißbegierde des Lesers am Schlüsse angereiht wurde. Sie kommt daher bei der Beurtheilung des Werthes der Legende gar nicht in Betracht. Noch weniger Gewicht können wir den Stellen, welche Stolle S. 58 f. aus VegetiuS sxib. rei ruilibaris anführt, beimeffen, da eine genauere Prüfung derselben ergibt, daß sie mit den Worten Suchers gar keine Aehn- lichkeit haben, sondern diesen zum Theil direkt widersprechen. läd. III, 4 redet VegetiuS von der Art, wie man einen Tumult im Heere dämpfen müsse, und sagt dabei, es sei besser, nach Weise der Vorfahren nur die Rädelsführer zu packen; Eucher dagegen spricht (cmp. III f.) von der Dezimirung — welche offenbar den Unschuldigen ebenso wie den Schuldigen trifft — und von der Nieder- wetzelung einer ganzen Abtheilung. läb. III, 21 räth VegetiuS zur Vorsicht bei der Verfolgung des Feindes, weil derselbe in der Verzweiflung das Aeußerste wage; Eucher dagegen läßt (onx. IV) seine Thebäer sagen, daß sie lieber sterben als todten wollen. IUb. II, 5 berichtet VegetiuS, daß die Soldaten seiner Zeit bei Gott und dem Kaiser zu schwören pflegten und in dem Kaiser gleichsam den sichtbaren und verkörperten Gott verehrten; Eucher dagegen legt seinen Thcbüern die Worte in den Mund (sax. IV), daß sie dem Blutbefehl des Kaisers den Gehorsam versagen müßten, weil sie sonst Gott verläugnen würden, dem sie zuerst ihren Eid geschworen hätten. Demnach beschränkt sich alles, was VegetiuS und Eucher mit einander gemein haben, auf den Satz, daß die Menge für ihre Vergehen meist straflos ausgehe, und selbst dieser Gedanke ist zu trivial, als daß wir annehmen könnten, daß ihn ein Nhetor wie Eucher einem Militärschriftsteller zu entlehnen nöthig hatte. Was vollends das Vorkommen gewisser militärisch-technischer Ausdrücke bei Eucher anlangt, so kann uns dieses schon darum nicht befremden, weil die Thebäer Soldaten waren und die Märtyrer von den älteren christlichen Autoren (wie ") S. die Worte des uralten Sittencr Breviers (A.. 83. Voll. V, 815): -Lassionem sanstorum Miebasoruw martzwum 7c§auueusium Llanrieii st soeiorum eins exiseoxo Eeusvsnsi transinisit (Tbsoäorus) oowwunioanäaw owutbus oxisvoxis Oalliao, guam üuobsrius eptseopns ImKäunensis pro IroKrautia, sui stM owuibus vowwunsm tseit.« Vgl. A. 6 a. E. Wahrscheinlich hat Eucherius diese Passiv durch seinen Sohn Salonius, der schon i. I. 441 als Bischof von Genf erscheint (s. Mansi VI, 441, Gams a. a. O. S. 277) und wobl als der unmittelbare Nachfolger des Jsaak zu betrachten ist, erhalten. ") Reminiscenzen aus der Lektüre sind bei einem so vielbelesenen Mann wie Eucherius wahrlich kein Wunder; vgl. noch Oros. VII, 28, 8. Lnr. Victor äs 6sssar. 40, sxit. äs vassar. oax. 40, Lutrop. X, 2. Stolle S. 32 f. selbst dcirthut) mit Vorliebe als militsa Oüristi oder ooalsstis inilitig. bezeichnet wurden.^) Zudem läßt sich aus dem Umstände, daß Eucher aus einem vornehmen römischen Geschlechte stammte und lange im Getümmel der Welt gelebt hatte, ehe er sich dem Dienst der Kirche widmete"), abnehmen, daß ihm die militärischen Verhältnisse und Ausdrücke, wie campiäuvtor,^) oontuffarnalos u. a. m., ebenso wie dem Vegetius geläufig waren. Erwähnt er doch sogar die Charge eines ssnator rnilrturu, von welcher Vegetius schweigt. Nehmen wir hinzu, daß Eucher die Stärke der Legion nicht, wie Vegetius lid. II, 6, auf 6830 Mann (6100 psäitso, 730 Laustes), sondern (gleich Plutarch vita Romrür 20) auf 6600 Mann beziffert, so wird es fraglich, ob Eucher das Werk des Vegetius auch nur gekannt habe, zumal es durchaus nicht ausgemacht ist, daß Vegetius vor Eucherius schrieb. Ebenso unbegründet ist die Meinung Stolle's (S. 61), Eucherius habe, um die Entfernung des Ortes Agaunum von Genf kennen zu lernen, ein Jtinerar zu Hilfe nehmen müssen, da es „ganz unwahrscheinlich sei, daß Eucher oder auch seine Gewährsleute ihre Reise dahin zum Theil mit Ablesen von römischen Meilensteinen vertrieben* (viel). Denn eS läßt sich kaum annehmen, daß in jener vielbereisten Gegend kein Gastwirth oder Kutscher zu finden gewesen sei, der über die Entfernung Agaunums von Genf Bescheid zu ertheilen wußte, gleichwie heutzutage jeder Postillon über die Länge der Wegstrecke, die er befählt, sichere Auskunft zu geben vermag. Im schlimmsten Falle brauchte Eucher nur seinen Sohn Salonius, der vom Jahre 441 an als Bischof von Genf erscheint, zu fragen, um Aufschluß hierüber zu erhalten. Noch wunderlicher ist, wenn Stolle S. 62 beifügt, Eucher habe sich auch in der Beschreibung von Agaunum (das er vermuthlich vom Sehen kannte) an die Vorschrift des Vegetius gehalten, der liff. III, 6 dem commandierenden Offizier an's Herz legt, von den Gegenden, in welchen Krieg geführt wird, sich genaue Karten zu verschaffen — Eucher war kein Militär und wollte auch nicht Krieg führen. Oder wenn Stolle die Vermuthung äußert, daß Eucher den Namen Hivstavi für seine Legion aus der iHoritia, äiZnitatum Oooi- äentia V und VII entnommen habe! — Schwerlich war Eucher so thöricht, unter den zahlreichen Legionen, welche in diesem Staatshandbuch des römischen Reiches aufgeführt werden, gerade eine solche als Taufpathin für seine Martyrerlegion zu wühlen, welche eine !ö§io palatinn inira, Italiam war, d. h. das Privilegium hatte, in Italien stationirt zu sein.^) ") Vgl. noch die uralten Marlyrerccktcn des hl. Maximilian (Nuinart a. a. O. S. 263) »nou milito saeenlo, seä milito veo inoo.« '°) Eucherius war scnatorii'chcn Standes und Solch eines Valerianus (wabrichciulich des kriseus Valsrianus, praeteotuo xrastorio dalliarnm, eines nahen Verwandten des Kaisers Avitus), dem er leine Schrift äo oontsinxtu muncli widmete. Er hatte aus seiner Ehe mit (Kalla zwei Sötme. walouinS und Vcranius, welche beide gleichfalls Bischöfe wurden. (Ueber SaloniuS s. oben A. 10, über Veraniuö, Bischof von Vence? f. Gams a. a. O. S. 651). ") Aus dem Beisatz »ut in oxoreitu atzxollant« möchte man folgern, daß diese Bezeichnung zur Zeit, wo Eucherius schrieb, noch nicht abgekommen war. Ueber die Rangstufe eines xrimieorins (— xrimi xili eenturio?) und seuutor wilitum s. Hieronhmus aä kammaokium eap. 19 (Migne XXIII, 370). ") S. 71 findet Lrtolle in dem dreimaligen Wüthen Maximians gegen die Thebäer gar etwas symbolisches (eine Beziehung zum Geheimniß der Trinität, sioi). Ueber Schul- und Studienwesen. Wenn die Geschichte eine Lehrmeisterin ist — und sie kann und sollte es sein — so haben wir allen Grund in Bezug auf das s. t. angezeigte Thema uns wiederholt bei der Geschichte zu erkundigen. Wir bleiben dabei zunächst in unserm Lande Bayern. Was wir da als Spezielles vorführen, wirft zugleich auch einen Reflex auf die allgemeinen Verhältnisse in fraglicher Sache: es sind Spiegelbilder für unsere Zeit. In der ehemaligen bayerischen Zeitschrift „Eos" vom Jahre 1826 — einer Zeitschrift, welcher der Vor- wurf „nltramontan" durchaus nicht gemacht werden kann — beschäftigten sich drei verschiedene Stimmen mit unserm Thema. Die erste Stimme (in Nr. 5 genannter Zeitschrift) beschäftigt sich hauptsächlich mit der falschen Schul- und Hauserziehung des weiblichen Geschlechtes. Hievon wollen wir heute nur die Einleitung zur Sache reproduciren. Es heißt allda wie folgt. „Die gefährlichen Fortschritte einer immer mehr um sich greifenden Krankheit, welche zerstörend auf alle Lebensorgane der Menschheit wirkt, geben dem Beobachter Stoff zum Nachdenken und Klagen. Wir meinen den Egoismus, der alle Wurzeln der Gesellschaft vergiftet und das eigentliche Zeichen unserer Zeit ist. „Zwar müssen wir uns selbst als die Urheber deS Uebels anklagen, dessen Vorhandensein wir überall schmerzlich fühlen. Oder waren wir es nicht selbst, die in unseliger Verblendung — weil wir die „Aufklärung" befördern zu müssen glaubten — Alles der Erklärung unterwarfen — sogar das Ueberirdischel? Und weil wir die Menschen zum PhtlanthropismuS erziehen wollten und die Nützlichkeits-Tendenz zum Typus aller Erkenntniß von göttlichen und menschlichen Dingen machten." Bei der Hinweisung darauf, daß man Alles der Erklärung unterworfen, befindet sich eine Note, welche eine scharfsinnige Erklärung aus Guts Muths „Bibliothek der pädagogischen Wissenschaften" (Jahrg. 1804 S. 256) enthält — und lautet: „Der Grund, warum die ältern, vergessenen Schriften, welche man vormals der Jugend in die Hände gab, mehr als die jetzigen mit ganzer Seele ergriffen wurden, liegt wohl darin, daß eben jene die Seele des Kindes umfangen, die Phantasie mehr genährt und das Gemüth tiefer berührt haben, da die meisten Pädagogen des vorigen Jahrzehnts vor lauter Aufklürungssucht in ihren Lehrbüchern gar vorsichtlich alles vermeiden, was etwa Unerklärliches aus einer unbekannten, höheren Ordnung der Dinge mit unterlaufen möchte, und das Heilige im Menschen auf den dürren kathegorischen Imperativ zurückführen. Die Sucht, Alles demonstriren und praktisch fürs Erdenleben machen zu wollen, hat auch in der Pädagogik großes Unheil angestiftet." Nun heißt es im Haupttcxt weiter: „Jetzt hält sich der Mensch an das, was ihm zunächst liegt, an sein Ich! Was die Pflichten an Gott und den Nächsten anbelangt, so hat er gelernt, geschickt und bequem sie mit Worten abzuthun. Sobald er sich den Kinderschuhen entwachsen fühlt, jagt er nach sogenannter Selbstständigkeit und streift alle Bande des Gehorsams von sich; daher so viel Unordnung und Zwist in den Familien; so viel verkehrte Ansichten in Absicht auf das öffentliche Leben, den gesellschaftlichen Verband, wo Jeder herrschen und Keiner dienen möchte. Dieser Geist des Eigendünkels greift irr 254 alle Verhältnisse ein — und rückt und meistert so lange, j bis er die ganze Maschine (Staatsmaschine) unbrauchbar macht." Eine andere Stimme der Eos im Jahre 1826 läßt sich (in Nro. 16) unter der Aufschrift „Schul- und Studienwesen" vernehmen wie folgt: In einer Zeit, wo das Bedürfniß einer festeren, kräftigeren Ordnung im Fache der öffentlichen Erziehung und des Unterrichtes am lebendigsten gefühlt wird und vielfach besprochen worden; wo durch die stürmische Bewegnng der Zeit und den ewigen Wechsel neuer Pläne, die nothwendig daraus hervorgegangen, die Schule wie das Leben in den wesentlichsten Elementen erschüttert und gefährdet worden ist und noch wird; wo selbst der redliche Wille im Ningen nach einer besseren Ordnung, vielleicht aus übertriebener Scheu vor dem Alten und aus dem charakteristischen Hange nach neuen und originellen Schöpfungen, oft die wesentlichen Grundlagen übersehen hat, — thut es allerdings noth, einmal mit nüchternem Auge in die Geschichte der Vorzeit zurückzusehen — und in den Annalen der vaterländischen Cultur jene Lichtprincipien aufzusuchen, denen das Vaterland (Bayern) das schnelle und stärkende Aufblühen zn einer der gebildetsten Nationen verdankt, und eben dadurch den sicheren Leitfaden für die Bildung der gegenwärtigen und zukünftigen Generation zn finden." Eine Nation, welche über ein Jahrtausend die Rechte ihres Thrones und ihren Namen mit der Geschichte verflochten hat, steht immer auf einer hohen Stufe der moralischen Kraft und Cultur. Man nehme ihr diese historische Würde durch Entuationalisirung in den Bildungsprin- cipien, so wird sie verbildet und dadurch demoralisirt; und die fortschreitende Demoralisation — fügen wir bei — bereitet den Sturz der Nation — des Staates — des mächtigsten Reiches! Da Gott entfremdet Völker, Kronen, Sank in den Ocean der Zeit Zertrümmert eine Welt von Thronen — Mit aller Macht und Herrlichkeit! Welch eine furchtbare Mahnung für unsere Zeit! Vernehmen wir nun wieder unsere Eos-Stimme. Da heißt es des Wettern: „Wenn das Leben eines Volkes wie das Individuelle eines Menschen einer organischen Entwicklung und Fortbildung unterworfen ist; — wenn die wahre Bildung eines Volkes durch ewige, unwandelbare Principien bedingt ist; wenn in der Volksbildung wie in der individuellen das Festhalten an einem Plane und in diesem konsequentes Fortschreiten — ohne Sprung und Lücke, ohne willkürliche (fremdartige — sohin negative) Experimente — nothwendig ist, so werden sich wohl die gegenwärtigen und die künftigen Institute, wie aus der Vergangenheit erzeugt, an den historischen Standpunkt anschließen, jene unwandelbaren Principien, welche vom allweisen Erzieher des Menschengeschlechtes geoffenbaret oder als Erzeugnisse der menschlichen Vernunft durch die Geschichte bewährt, in sich aufnehmen und für ihre Zeit darstellen müssen. — Unsere Zeit hat es mit nur zn tiefer Betrübniß erfahren müssen, welche Wunden unreife Pläne — ax abruptw aus dem Gehirn irgend eines Individuums entsprossen — den heiligsten Interessen der Menschheit und dem Vaterlande schlagen können." Zur Zeit, als diese Mahnstimme erscholl, sprühten noch die stolzen luziferischen Ltchtfunken der „großen Principien", welche hauptsächlich die Guillotinen-Revolution von 1789 erzeugt. Dort, wo die Eosstimme von unreifen Plänen spricht, seht sie eine sehr charakteristische Note, welche uns Zugleich an die bekannte „akademische Glorification" erinnert. Diese Note lautet: „Abgesehen von dem, wie die Mütter der Literatur' seit so langem die gefälligsten Recensionen und Belobungen über das, was der Doctrine huldigt und angehört, theils selbst machen, theils annehmen — ist man bei uns über diese Tactik längst hinweg. Der wahre Freund des Vaterlandes kennt keinen anderen Humanism ns, mag ihn Doctor Thiersch drehen, wie er will, als den, welchen schon Karl der Große mit den wahrhaften Worten bezeichnete: Mein Volk gehorche nicht deßwegen, weil es muß, sondern weil es aus Gehorsam gegen Gott will'." Aber wie bringt man das Volk zu diesem wahren Gehorsam? Durch die moderue Erzieh uugs- und Bildungsweise nicht! Schließlich wird in der Eos für die so wichtige Zeitanfgabe das Werk „Die Geschichte der Schulen in Bayern" von Felix Joseph Lipowsky (1825) empfohlen, „ein unerschöpfliches Quellcnbuch für eine streng wissenschaftliche, pragmatische Geschichte der vaterländischen Cultur und der wichtigsten Principien der National- bildung, welche die Weisen aller Zeiten ausgesprochen — und die Philanthropen unserer Tage nicht erkannt haben"; sagen wir — nicht erkennen mochten —, gleichwie in unseren Tagen der Gelehrtenriug auch das beste geistige Erzeugnis; ignorirt oder „verdonnert", wenn dessen Verfasser der Doctrin des Ringes nicht huldigt. Dieses hochmüthige oder tendenziöse Jguoriren (wenn es nicht beides ist) ward — und wird noch — zur Nebelkappe empörender, nicht selten folgenschwerer Geschichts- lügen. — (Schluß folgt.) Von Grenoble nach der Grande Chartrense. Von H. Eid. (Schluß.) Der Wagen, mit dem wir bis Grenoble hätten fahren können, war, bis mein Freund sich endlich zum Aufbruch entschlossen hatte, bereits abgegangen, und so mußten wir uns auf eine etwa 8stündige und umso anstrengendere Fußtour gefaßt machen, als der Regen sich immer heftiger gestaltete. Wir schlugen diesmal die links von dem bei unserm Aufstiege beuütztcn Weg abzweigende Straße ein, l'Lntröo xar Is Imxpax-, und ich war trotz des Regens froh, dem Kloster entronnen zu sein. Es dauerte indeß nicht lauge, so waren wir vollständig durchnäßt und sahen die Unmöglichkeit ein, überhaupt weiterzugehen. Kurz entschlossen eilten wir auf eine etwas abseits vom Wege auf einer Wiese stehende Meierei des Klosters zu. Mein Freund klopfte an die verriegelte Hausthüre, worauf ein altes, zusammengeschrumpftes, ärmlich aussehendes Männchen erschien, das nach unserm Begehr fragte. Wir baten um die Erlaubniß, uns an seinem Küchenfeuer trocknen zu dürfen, was er uns denn auch gern gewährte, nachdem er uns freilich vorher einer mit der Miene der Ueberraschung und des Zweifels angestellten Musterung unterzogen hatte. Er führte uns in seine Küche, wo ein lustiges Herdfener brannte, auf dem ein Topf mit Wasser kochte. Wir hingen unsre Mäntel ans Feuer und ließen uns selbst mit stiller Befriedigung neben demselben nieder. Das alte Männchen nöthigte uns dann in der gastfreundlichsten Weise, eine Tasse Kaffee zu trinken, und ließ sich dabei mit meinem Begleiter in eine lebhafte Unterhaltung ein, an der ich 255 nur vermöge der Dolmeischerkünste meines Freundes thcil- nehmen konnte. Unser Gastgeber merkte bald, daß ich Ausländer sei: „Sind Sie Engländer oder Deutscher?" fragte er sichtlich gespannt, nachdem ich ihm meine Ausländerschaft zugestanden. Da ich mich nun als Deutscher entpuppte, so schien ich dem Manne nicht mehr recht zu behagen. Er sprach mit leidenschaftlichem Eifer von dem Unglück von 1870, von den bösen Preußen, zu denen er mich ohne Weiteres auch rechnete, und von dem geraubten Elsaß-Lothringen. Dabei wandte er sich ausschließlich an mich, machte die heftigsten Geberden und that, als wollte er mir in die Augen springen. Zu Worte ließ er mich durchaus nicht kommen, auch habe ich seine Zornesausbrüche zum größten Theil nicht verstanden. Zuletzt ließ er sich doch auf Zureden meines Freundes beruhigen. Indessen schien es mir, als könne ich in seinen Augen keine Gnade mehr finden; denn als er später meinem Gesellschafter in die geleerte Tasse, wie es in der Gegend üblich ist, ein Schnäpschen einschenkte, that er, als sei ich gar nicht da. Nun mag ja das auch aus Versehen geschehen sein; allein ich könnte es dem guten Manne nicht sehr verargen, wenn er es absichtlich gethan hätte. Denn er war, wie er vorher schon erzählt hatte, lange Jahre Soldat in Afrika gewesen, und da mag er sich denn für die Ehre seines Vaterlandes etwas stärker erhitzt haben, als es die Gelegenheit oder vielmehr meine unschuldige Person gerade angezeigt erscheinen ließen. Mir nöthigte dieser kleine Zwischenfall zwar nicht im Augenblicke der Aktion, denn diese selbst versetzte mich in eine etwas un- gemüthliche Stimmung, so doch später manches Lächeln ab, und noch lange nachher habe ich meinen Freund, der sich gewiß dabei in heikler Lage befand, damit geneckt, da er mir bei jedem passenden Anlaß zu beweisen suchte, wir Deutsche könnten ganz unangefochten bei ihnen weilen und mit ihnen verkehren, was ich auch trotz alldem gewiß nicht bestreiten möchte. Der Regen hatte aufgehört, wir schickten uns zur Weiterreise an. Unser guter Alter machte uns indessen noch auf die seiner Wohnung gegenüberliegende Kapelle aufmerksam. Auf dem Altare derselben steht eine lateinische Inschrift in gothischen Buchstaben, die nach der Behauptung unseres Führers noch von niemand entziffert worden war. Nach einigem Bemühen war es uns geglückt, das Räthsel zu entschleiern, worüber der alte Soldat ganz verblüfft dreinschaute, so, als ob wir damit die Kapelle ihres geheimnißvollsten Reizes beraubt hätten. Mein Freund übersetzte die an sich unbedeutsame Inschrift, die von den Rechten des Klosters auf dieses Kirchlein spricht, ins Französische und schrieb sie dann auf einen Zettel nieder, damit sie der Alte hin und wieder lesen möchte. Aber siehe da l Die Kunst des Lesens war ihm fremd. Das ließ mich nun den unhöflichen Eifer des Mannes in einem noch milderen Lichte betrachten, und wir schieden in Frieden von einander. Leichten Muthes schritten wir von bannen. Bald hatten wir das auf einer Anhöhe thronende Dörfchen St. Pierre erreicht, dessen Pfarrer uns, wie oben schon erzählt, in St. Laurent eingeladen, bei ihm vorzusprechen. Der geistliche Herr war soeben mit dem Ausschleudern von Honig beschäftigt und erwies sich in der Folge als ein sehr eifriger und rationeller Bienenzüchter. Der gastfreundliche Pfarrer von St. Pierre schlug bei Tisch einen gar frischen, herzlichen Ton mir gegenüber an. Ihm machte, wie vielen andern Personen, die mir hier bekannt wurden, die Aussprache meines Namens einige Mühe, die er in launiger Weise dadurch zu umgehen wußte, daß er mich einfach Llr. ^rllsmancl benamste. Ich, der ich hier weltfremd war und nur ganz flüchtig und zufällig die Bekamüschaft dieses Herrn gemacht hatte, wurde als erster und vornehmster Gast behandelt und mit der liebenswürdigsten Zudringlichkeit zum Essen und Trinken eingeladen. Die lustige Unterhaltung bei Tische ließ mich bald die Düsterkeit des eben erst verlassenen Klosters vergessen. Der gute Herr Pfarrer wurde nicht müde, seine heiteren Zwischenbemerkungen zu machen und die Gesellschaft zum Trinken seines vorzüglichen Weißweines aufzumuntern, den man hier selten bekommt. Wir beabsichtigten jetzt, wenigstens den zweiten und letzten Wagen, der von der Grande Chartrcuse nach Grenoble geht, noch zu erreichen. Nachdem wir an der Haltestelle des Wagens bei einem Wirthshaus voll Ungeduld, weil im Regen stehend, einige Zeit gewartet, erschienen zuletzt zwei Wägen, die aber über und über besetzt waren. Jedenfalls hatten die Pilger auf der Grande Chartreuse angesichts des schlechten Wetters sämmtlich das Weite gesucht. Mit Mühe und Noth und bemitleidet von den in den Wägen Geborgenen gelang es uns endlich, einen Sitz auf dem engen und unbequemen Kutsch- bock zu erhalten, und wir durften diese Unterkunft immer noch als ein Glück betrachten, denn der Regen wurde immer heftiger, und wenn uns auch das aufgespannte Zeltdach des Wagens wegen unseres exponirten Platzes keinen Schutz gewährte, so waren wir doch der mühseligen Wanderung auf kothiger Straße und über Berg und Thal enthoben. Die Fahrt ging zuerst beständig bergan, der Weg wurde dabei immer steiler, und ich bedauerte die armen Pferde, die der Kutscher erbarmungslos weiterpeitschte. Ueberhaupt hatte ich auf allen meinen Fahrten durch die Dauphins von meinem gewöhnlichen Platze aus, der sich auf dem sogen. Jmpsriale, dem oberen Stockwerke, befand, reichlich Gelegenheit, die Leistungen dieses gequälten Geschöpfes so recht würdigen zu lernen. Die Voitures sind bei guter Witterung meist dicht besetzt, und wenn auch von Zeit zu Zeit bei einem an der Landstraße gelegenen Wirthshause Pferdewechsel eintritt, so ist doch die den Thieren zugemuthcte Aufgabe meist eine recht schwierige, und man fühlt sich, wenn man überhaupt Gefühl hiefür hat. gleichsam mitveranwortlich für jede, dem gehorsamen Freunde des Menschen zugefügte Unbill. Diesmal, da ich auf dem Kutschbocke saß, ging mir das Geschick der beiden Pferde besonders zu Herzen. Eines davon gebeidete sich etwas unartig, überließ meist seinem Genossen die Arbeit und drohte beständig, den Wagen über den steilen, manchmal schluchtenartigen Wegrand zu schleudern. Der Kutscher, ein frischer Geselle mit schwarzen Locken, rauhem Schnurrbart und blau- grauen, schalkhaft blitzenden Augen, kannte denn auch gegen diesen halsstarrigen Unterthanen keine Barmherzigkeit und schlug ihn dermaßen mit der Peitsche, daß das arme Thier über und über mit Striemen bedeckt war. Die unmittelbare Nachbarschaft dieses Mannes, aus dessen Munde ich nicht viel mehr als Flüche hörte, war mir nicht besonders angenehm; allein ich war doch froh. so festgepackt und sicher auf diesem luftigen Throne sitzen zu können und die Pferdedecke gemeinsam mit ihm und meinem Freunde über die durchnäßten Knie breiten zu dürfen. Gern hätte ich ihn um größere Schonung seines Schutzbefohlenen gebeten, aber ich wagte es nicht, eine derartige, wenn auch noch so bescheidene Andeutung zu 256 machen, da ich gerade bei solchen Fahrten schon öfter erleben mußte, wie diese Leute oft wegen der geringfügigsten Ursachen die lebhaftesten und rohesten Hansel nicht allein mit ihresgleichen, sondern auck mit den Reisenden beginnen. So unterdrückte ich denn mein Mitleid und athmete erleichtert auf, als wir endlich den Gipfel der Mächtig vor uns aufragenden Wasserscheide erreicht hatten, wo ein Pferdewcchsel vorgenommen wurde. Da droben war es herrlich. Ein riesiger Tannenwald empfing uns in seinem Halbdunkel und hielt den lästigen Regen einigermaßen von uns ab. Von den Zweigen und Besten dieser Tannen hingen gewaltige graue Moosbärte in solcher Fülle herab, daß das Waldinnere einen ganz eigenartigen, geisterhaften Anblick gewährte. Jetzt ging es mit dem neuen Gespann frisch hinab ins Thal, und nach 3'/2 ständiger Fahrt durch mächtige Forste, über steinige Einöden und an kleinen Ansiedelungen vorbei tauchte endlich das weite Thal der Jsöre mit seinen rebenbekränzten Hügeln und seinen aus blauer Ferne grüßenden Schneebcrgen vor uns auf. Drunten liegt die Stadt im Sonnenglanze des Abends. Der Regen hat sich verzogen, und die Menschen ergehen sich in der nun kühleren Luft. Gerne verlassen wir unsre unbequemen Sitze, unsre Reisegefährten zerstreuen sich nach allen Seiten, und wir sind wieder daheim im schönen Grenoble. Recensionen und Notizen. Apologie des Christenthums. Von b'r. Albert Maria Weiß 0. ?r. I. Bd. Der ganze Mensch. Handbuch der Ethik. Dritte Auflage. Mit Approbation des hochwürdigstcn Herrn Erzbii'choiS von Freibnrg und Gut- heißnng der Ordcnsobcrn. Freiburg, Herder 1891, (XVI u. 808 S,) M. 6, geb. M. 7,80. ik. v. I,. Fort mit d,m Glauben an das Uebcrnatürliche! DaS ist die Lotung der modernen Feinde des Christenthums. In Kort und L-ckrift suchen sie unermüdlich ihren teuflischen Zweck zu erreichen. Wie sie offen gestehen, wollen sie eine glaubenslose L-itllickkeit. Und diese preisen sie an als natürliche, naturwissenschaftlich begründete, bessere Sittlichkeit. Solchen gottlosen Bestrebungen müssen wir unserseits manuhasr entgegentreten. Da heißt es, warnen und mahnen und vom Gegentheil überzeugen. Eine wahre Rüstkammer dazu bietet der jetzt in dritter Auflage erschienene erste Band der Apologie des Christenthums vom Dominikaner-Pater Albert Maria Weis;. Ohne Gott bleibt der Mensch ein Räthsel. Ohne Gotr wird des Menschen Würde entehrt. Mit Gott allein läßt sich seine Ausgabe lösen. Diese Au'gabc des Menschen nun sucht der Verfasser im 1. Bande, ganz unabhängig von allen Lehren des Christenthums, auf rein psychologischem und philosophischem Wege klar zu machen. Er verfolgt den Gegner aus dessen eigenem Gebiete und legt seinen ganzen Irrwahn bloß. Nach den Grundsätzen einer gesunden Philosophie lernen wir den Menschen kennen, wie er sein soll, den ganzen Menschen, gerecht gegen Gott, gerecht gegen die Nebcnmenschen, gerecht gegen sich selbst. Mit den Vorschriften der Vernunft zur Erreichung unserer menschlichen Vollkommenheit steht durchaus im Einklänge, was zu diesem Zwecke die Lehre des Christcnibums vorschreibt. Im Christenthum wird die natürliche Befähigung und Bestimmung des Menschen keineswegs verkümmert; vielmehr gerade von ihm deutlich erkannt und von ihm allein ernstlich und ganz zur Anerkennung gebracht. So haben wir denn, wenn auch in freierer Form, im 1. Bande der Apologie ein treffliches, überaus praktisches „Handbuch der Ethik". — Die vorliegende dritte Ausgabe ist mannigfach umgearbeitet, insbesondere in der Eintbeilung geändert. Gegenüber den 3 Abtheilungen der zweiten zerfällt die neue Ausgabe in 4 Abtheilungen: 1) die Kräfte des ganzen Menschen; 2) das Uebungsfeld des ganzen Menschen; 3) wie das Christenthum zum ganzen Menschen erzieht; 4) wie sich einer selbst zum ganzen Menschen bildet. Durch diese Anordnung wurden zwar die Vortrüge 8—15 umgestellt, die einzelnen Abtheilungen aber, dem Umfange nach, > gleichmäßiger, sowie Klarheit und Uebcrsicbtlichkeit des Ganzen nicht unbeträchtlich erhöbet. — Alle, die noch Liebe zur Wabr- beit und Gerechtigkeit haben, werden durch Lesung unseres Buches nothwendig zum Gcständniß gezwungen, daß Ebrinus mchr bloß zu Christen macht, sondern auch zu echten Menschen. Die auf seine Religion den Vorwurf schleudern, als nehme ne uns die Erde und vertröste uns auf den Himmel, wissen nickt, was sie sagen. Die kennen unsern Glauben schleckt, welche nickt erfassen, daß er auch das Angesicht der Erde erneuert bat. Wir aber, die wir Christ- Jünger bereits sind, wir haben die verantwortungsvolle, ernste und große Aufgabe, durch unsern Wandel dicier Wahrheit den Weg zu den Herzen zu bahnen. Dem Zweifler' würde selbst der letzte Aubalt zum Widersprüche entzogen, wenn alle Christen die schönen Worte Stolbergs zur That und Wahrheit machten: Ihr habt die Lehre, haltet, waS ihr habt> Sie ist's, für welche Märt'rer bluteten, Sie gibt im Leben wie im Tode Ruh', Der Dämm'rung Rübe vor dem Morgenroth, Und strahlet einst in vollem Mitkagsglanz. Baut, Cbristcn, baut auf diesen Felsengrund. Die falschen Lehrer ban'n auf falschen Sand. Wengcnmayr Florian. Der KrippleS-Verl. Eine Erzählung aus Schwaden für die Jugend und das Volk Himmlische Liebe. Eine Künstler- und Reiienovelle. Katholische Jugend-Bibliothek. Kcmpteu, Köiel. 1894. t>. Eines der Hauptübcl, an denen unsere Zeit krankt, ist unstreitig die Lesewutb, d>,e fast alle Alter, Stände und Geschleckter cr^rstfcn hat. Mir Reckt wird dagegen anmkämpfen versucht, mit Reckt wird immer wievcr auf die Gefahren hingewiesen, die darin für Glaube unv Sittlichkeit liegen. Allein so wie die Dinge nun einmal gelagert sind, ist wenig Aussicht vorbanden, daß dem Uebel erfolgreich gesteuert wird und cS kann sich daher nur darum bandeln, dein chrislkatbolischen Volke, insbesondere der heranwachsenden Jugend, gute, gediegene, vom kirchlichen Geiste durckwebte Schriftiir in die Hand zu geben. Gott Lob feblt es uns an solchen nickt; außer umern um die katholische Sacke so hochverdienten Zeüuincn und UisterbaltungS- blättcrn sei beiipielsbalber nur hingewiesen auf Männer wie Steigenbergcr, den leider allzufrüh dahingegangenen Franz von Seeburg und den unermüdlichen Konrad von Bolanven. Bezüglich des letzteren bat uns erst unlängst ein wackerer, dein Gewerbestandc angehörender junger Mann geschrieben, wie er in seinen! 21. Lebensjahre in der Fremde durch die Lektüre der kirchenscindlichen Zeitschriften „Der Feierabend" nud „Chronik der Zeit" bereits in Gcsabr war. auf Abwege zu gerathen, und wie er dann glücklicher Weise einige Lände Bolanden und auch des katb. Hausschatzcs in die Hand bekommen und dadurch in der Liebe zur Kirche wieder unerschütterlich bestärkt morden sei. Und wie vielen Andern mag es ähnlich ergeben, wie viele junge Leute fallen durch die Lektüre glaubensieindlichcr Schriften, die ja heutzutage jedem in's Haus gewinnen werben, dein Unglauben anheim. Wahrlich, jene Männer criüllen eine wahrhaft apostolische Mission, die, von Gott mit dein Charisma des Wortes und der Kunst der Darstellung bcgnadcr, znr Feder greifen, um das Volk und besonders die Jugend in der Liebe zur christlichen Weltanschauung zu erhalten und das lodernde Feuer der Ideale für daS wahrhaft Große, Gute und Schöne zu schüren. Eine vielversprechende Kraft tritt nnö im Verfasser obiger Erzählungen entgegen. Die „himmlische Liebe" bietet uns herrliche Schilderungen aus Italien, im „Kripples-Verl" schildert er in mitunter ergreifender Weise des armen LandmanneS Freud und Leid, sein stilles, gottergebenes Arbeiten und Dulden, Leben und Sterben, Straucheln und Wiederaufstehen, und dürfte nicht leicht jemand das Büchlein ohne innere Erhebung zu Ende lesen. Wengeumayr hat unstreitig reiche Anlagen zu belletristischen Arbeiten, und wünschen wir nickt bloß in seinem eigenen, sondern auch im Interesse der guten Sacke, daß er seine Kraft noch weiter ausbilde und an der Hand erprobter Meister entwickle, Insbesondere dürfte die Handlung spannender, die Fäden feiner gewoben, die Charaktere schärfer und individueller gezeichnet und von allen Uebertreibungen nach der einen wie nach der andern Seite freigehalten werden. Der katholische Schriftsteller kann dem «katholischen nicht auf das Gebiet des Pikanten und Prickelnden folgen; aber gut schreiben, lebendig, fesselnd, feurig, das kann und soll auch er. In diesem Sinne rufen wir dem jugendlichen Verfasser ein wohlgemeintes „Glück auf" zu. Lerantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabhcrr in Augsburg.