tt!'. 35 30. August 1894. ilage zm Kugskurga Die Briefe des hl. Bonifatins. Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönfeld. Wenn es einen hohen geistigen Genuß gewährt, mit hervorragenden Männern, welche die Geschicke ihrer Zeit mehr oder minder bestimmen, zu verkehren und deren Lebensauffassungen zu vernehmen, so ist doch dieser Gewinn nur Wenigen unter den Sterblichen ermöglichet, indem nur einzelne bevorzugte Freunde an dieser Tafelrunde theilnehmen können und dürfen. Anders aber liegt die Sache, wenn es sich handelt um die literarische Hinterlassenschaft eines geistig hochstehenden Mannes: die Ideale, die Kämpfe, die Zeitlage, der Freundeskreis, kurz das ganze Leben liegt klar und unzweideutig vor uns. Darum haben gerade Briefsammlungen einen so großen bildenden Werth, üben einen eigenthümlichen Zauber auf den Leser aus. „Solche Briefsammlungen, äußert sich Fr. Böhner, sind wie Kirchhöfe, auf denen viele Befreundete begraben sind. Alle diese großen, edlen, reichen Herzen schlagen nicht mehr, nur noch Trümmer sind von den Menschenkreisen vorhanden, in denen die Schreibenden sich bewegten, in den meisten Fällen hat Niemand die Heimgegangenen ersetzt." „Man lernt die großen Todten aus ihren Briefen am besten kennen und muß an dem geistigen Kampfe, den sie muthig gekämpft, und an den hohen Zielen, die sie verfolgt haben, sich emporziehen und aus ihnen Kraft, Muth und Selbstverleugnung schöpfen." Wenn aber dieses Wort des Frankfurter Historikers im Allgemeinen gilt, um wie viel mehr muß es stch bestätiget finden in der Lektüre der Briefe jenes Mannes, den wir mit Stolz „den Apostel der Deutschen" nennen, dem unser Vaterland die Grundlage aller nachfolgenden geistigen Entwicklung auf dem Boden des christlichen Glaubens verdankt? „Der Briefwechsel des hl. Boni- fatius, sagt mit Recht Cornelius Will (Regesten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöfe I, VI Ein!.), führt uns Mitten hinein in den Gang einer Epoche der Weltgeschichte, auf der eigentlich die gesammte Bildung und sittliche Größe des Abendlandes seit elfhundert Jahren beruht. Welche Seite des historischen Interesses man daher immer ins Auge fassen mag, jene Briefe gewähren Aufschlüsse oder doch Anhaltspunkte der Belehrung, die man in anderen Quellen vergeblich suchen würde." Darum kann es nur mit Freuden begrüßt werden, wenn Ernst Tümmler in dem großen Sammelwerke der Nonumantu Oorwunius stistoriou die Briefe des hl. Bonifatins auf Grundlage der eingehendsten Vorarbeiten und der genauesten Quellenforschung neuerdings zugänglich gemacht hat. (N. 6-. Itlpp. t. III, rrrörorviuAioi st curolini asvi t. I p. 215—433). Freilich können wir angesichts der bedeutenden Kosten dieses Bandes den Wunsch nicht unterdrücken, es sollen die bonifatianischen Briese in einer handlichen Separatausgabe zum Gemeingute aller gebildeten Deutschen gemacht werden. Wenn wir die Briefe des Apostels der Deutschen aufmerksam durchgehen, so finden wir in den verschiedenen Schreiben, die entweder von ihm herrühren oder an ihn gerichtet sind, einen einheitlichen Grundgedanken ausgesprochen: die deutschen Völkerschaften für die katholische Kirche zu gewinnen und zu erhalten. Da es aber eine Kirche ohne sichtbares Oberhaupt nicht geben kann, so war für Bonifattus die Verbindung mit Rom, dem Einheitspunkte aller wirksamen Missionsthätigkeit, von selbst gegeben. Von Papst Gregor II. erhielt „der fromme Priester Bonifatius" am 15. Mai 719 die Ermächtigung, kraft der unerschütterlichen Auktorität des Apostelfürsten den Heiden aller Orten das Evangelium zu verkündigen und die Katechumenen nach der in Rom üblichen Form zu taufen (op. 12 x. 258). Aus Willibald wissen wir, daß ihm speciell Thüringen als Arbeitsfeld angewiesen wurde (Vit. s. Lonik. o. VI: In st?stui'iriAiam juxta rnunäuturu Lpostolious seciio Lonsiäoranäo pro- §r 688 U 8 63t. ^.ot. 83 . 6 ä. Nudillou t. IV. p. 11). Schon im Jahre 722 am Feste des hl. Andreas wurde Bonifatius mit der bischöflichen Würde ausgezeichnet; ehe er in dieses erhabene Amt eingesetzt wurde, leistete er den Eid der Treue und des Gehorsams in die Hände des Papstes: kroinitto 6§c>, Lorntutirw Arrrtin Ööi 6PI800PU8, vostio, stoato ketro Lpootolorum prinoixi viouriogus tuo, steato papu6 6u'6Aorio 8U66688oridus^U6 . . IN6 oilliuzra tiäora 6t puritatom 8UN6ts.6 öclei Latsto1illL6 sxstistors 6t in unituts eju8ä6in Üä6i, Oso 0 p 6 runt 6 , xeroioters (6P. 16 x. 265). Außerkirchliche Historiker lassen gewöhnlich durch diesen Eid die deutsche Kirche an das herrschsüctige Rom verkauft werden. Ebrard verliert vollends die Ruhe und die kritische Besonnenheit, wenn er in seiner bonifatianischen Biographie auf die Beziehungen Noms zu der Organisation der katholischen Kirche in den deutschen Gauen zu reden kommt. Nach ihm ist „Bonifatius zwar nicht für einen moralisch-schlechten Menschen", aber doch „für einen beschränkten Fanatiker" zu halten, der nur „eine Moral: Rom über alles! und darum keine Moral" kannte; in dessen Briefen sich „nirgends eine tiefere christliche (!) Idee" findet, sondern nur „Geistloses", dessen „Gemüth von Natur sichtlich zu Gift, Haß und Heimtücke, wie zu Kriecherei und Schmeichelei disponirt ist." Auch Woelbing (die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Bonifatius S. V) behauptet, der Angelsachse Winfrid habe die deutsche und fränkische Kirche unter die Herrschaft Noms und seines Bischofes gebracht, „wodurch der Grund gelegt wurde zu all den Leiden und Wirren, welche Rom unserem Vaterlande bereitet hat und noch bereitet, und auch das Christenthum auf dem Festlande in die Bahn eines strengen Formalismus und äußerlichen Mechanismus und einer unnatürlichen und ungesunden Askese geführt, wodurch zum großen Theil der Verfall des Christenthumes und des Volks» lebens im Mittelalter herbeigeführt und eine Wiederbelebung des geistigen Lebens und eine Reformation der Kirche nothwendig wurde." Mit anderen Worten: Hätte der hl. Bonifatius die deutschen Stämme in ihrer halb christlichen, halb heidnischen Lebensauffassung und Sitte belassen, so hätte sich nach der Phantasie Ebrards und Woelbings auf kolumbanischer Grundlage eine deutschnationale Kirche entwickelt, welche an innerer Stärke und gesunder Entwicklung alle Stürme der Zeiten überdauert hätte. So aber ist Bonifattus die nothwendige Voraussetzung für das Erscheinen Luthers geworden. „Ja, schreibt Woelbing weiterhin, es war eine harte Schule, die das deutsche Volk durchmachen mußte, bis die Zeit erfüllet war und der Augustinermönch Martin Luther, der deutscheste der deutschen Männer, auftreten und seinem Volke lehren konnte (sonst verbindet man lehren mit dem vierten Fall), mit deutschem Herzen zu beten und mit deutscher Zunge zu singen (haben vielleicht die Deutschen des 12. oder 18. Jahrh, mit griechischer oder hebräischer Zunge gesungen?), und durch seine Bibelübersetzung und die damit verbundene Schöpfung einer gemeinsamen deutschen Sprache den ersten Grund legte zur Herstellung der Einheit des deutschen Reiches und zum Wiedererstehen der deutschen Kaiserherrlichkeit, welche durch die Beziehungen mit Rom geknickt schon drei Jahrhunderte in dem unterirdischen Schlosse des Kyffhäusers eingeschlossen war und noch mehr als drei Jahrhunderte eingeschlossen blieb, bis unser großer Bismarck den Schlüssel zur Oeffnung desselben auf den Schlachtfeldern Deutschlands und Frankreichs aus Blut und Eisen geschmiedet hatte." Dieser Wortschwall steht nicht in einem Festartikel zum Lutherjubilüum, sondern in einer vergleichenden Untersuchung über die verschiedenen Biographien des hl. Bonifatius. Wahrlich, die protestantischen Historiker dieser Gattung müssen mit unüberwindlichen Vorurtheilen behaftet sein, wenn sie angesichts der klaffenden Wunden des deutschen Protestantismus, welcher seit der Durchführung der preußischen Union von 1817 kein Recht mehr hat, Luther als Springquell der reformatorischen Segnungen zu feiern, eine „romfreie" Kirche als höchstes Ideal preisen; gerade diese Abarten in England, Rußland und den deutschen Staaten zeigen, wohin der Byzantinismus führt und nothwendig führen muß. (Vergl. Döllinger, Kirche u. Kirchen S. 5 ff.) * *) Danken wir Gott, daß Gregor II. in Bonifatius den Mann gefunden, welcher mit unerschütterlicher Festigkeit zeitlebens an feinem Bischofseide gehalten, welcher durch die Verbindung mit Rom der aufstrebenden Kirche in Deutschland sichere Grundlage gewährte. Welch innigen Antheil Papst Gregor II. an dem Werke des seelencifrigen Missionärs genommen hat, erhellt klar aus den verschiedenen Zuschriften an Karl Martell ^) (ap. 20), an die Bischöfe und Priester (ex. 18), an die christlichen Thüringer: Asulf, Godolav, Wilarcus, Gundhareus, Alvold (ex. 19), an die noch heidnischen ') Paulsen äußerte sich kürzlich: „Wäre die Reformation ganz durcbgedrnngen, hätten wir jetzt eine deutsche Nationalreligion und NeichSkirche; ich weiß nicht, ob wir dabei nicht in eine gefährliche Nähe zu russischen Zuständen geriethen." (Histor.-polit. Blätter 1891, Bd. 113, Heft 10, S. 768 aus der Münchner Allg. Ztg., Beilage v. 1. Febr. d. Jö.) *) Hauck (K.-G. Deutschlands I, 426) schreibt über diesen Brief an Karl Martell: „Der Papst theilt die Ordiuation des Bonifatius mit, aber er bittet nicht um Anerkennung seiner bischöflichen Würde." Das konnte der Papst deswegen nickt, weil die Spendung der Sakramente nicht vor das weltliche Forum gehört. . . „er bittet nur um Schutz und Unterstützung Karls für Bonifatius". „Es weht ein anderer Geist, erklärt Hauck weiterhin, in diesem Briese, als in den Briefen Gregors d. Er. an die fränkischen Herrscher. Die Thatsache, daß in der fränkischen Kirche der König eine leitende Stellung hatte, ist in den letzteren anerkannt, in dem ersteren nicht bestrittcn, aber ignvrirt. Gregor handelte auf Grund von Rechten, welche Rom im Frankenreich nicht besaß: alles kam darauf an, ob er sie behaupten konnte." Wenn die groben Anmaßungen der Merowiuger und ihrer Hausmcier hinsichtlich kirchlicher Güter und Aemter von selbst zur Rechtsbasis werden, dann gilt einfach der Satz: Gewalt ist Recht. Uebrigens hat Gregor d. Er. sowohl gegenüber der Königin Brunichilde, als den Königen Childebcrt, Thcodobert und Clothar den kirchlichen Nechtsstand- punkt immer betont. Vergl. Ausgewählte Schriften deS heil. Gregor (Kösel 1874) Bd. II, S. 295, 303, 491, 505. 508, 642, 662. Kirchenlexikon V, 2, 1083; Histor. Jahrbuch Bd. XU, S. 553. Mtscichsen (sx. 21); mit väterlicher Freude nimmt daS Oberhaupt der Kirche die Berichte über den glücklichen Fortgang des Bekehrungswerkes entgegen (ex. 24) und fordert die Germanen auf, Kirchen und bischöfliche Wohnungen zu errichten (ax. 24, 25). Auch Gregor III. (731—741) behielt die deutschen Misstonen scharf im Auge; bald nach Beginn seines Pontifikates erhob er Bonifatius — aä iuIumivLtionsin Fsnlig Liormaiiias vel airouuiczuac^us in umttra ruorlis morLvtiirus Zöntidus, in srrors oonstätutis, ad dao axostolivL Osi öLLlssia clirsatum — (sx. 28 x. 278) zur Würde eines Erzbischofes und verlieh ihm das Recht, bei der Feier des hl. Opfers und bei Bischofsconsekra- tiouen das Pallium zu tragen. Zum dritten Male zog der Apostel der Deutschen über die Alpen, um dem Stellvertreter Christi Rechenschaft über seine Amtsführung zu erstatten (o. 737—738). Mit Freuden, berichtet er an seine Freunde Geppan und Eoban, Tatwin und Wyg- bert nach Deutschland, sei er vom Apostolikus aufgenommen worden, und er werde erst nach Abhaltung einer Synode, wozu er vom Papste eingeladen sei, heimkehren (sx. 41 x. 289). Mit verschiedenen Empfehlungsbriefen ausgerüstet, trat Bonifatius die Rückreise an. (Fortsetzung folgt.) „Erbliche Belastung." Von Pros. Dr.L. Haas. (Schluß.) Wenn wir die „erbliche Belastung" abweisen, was setzen wir an die Stelle derselben, um den Thatsachen gerecht zu werden? Eine ursprüngliche d. h. eine nach dem Setzen des Lebensketmes oder in einem späteren, aber immer frühen Lebensstadium beginnende und sich fortsetzende Ansteckung und Einwirkung. Einer solchen haftet einerseits nicht das Widerspruchsvolle und geradezu Furchtbare einer Erblichkeit an, anderseits erklärt sie viel mehr als diese. Sie ist wenigstens im Princip heilbar, was man von der naturwissenschaftlichen Erblichkeit nicht sagen kann. Im Mutterleibe ist das neue Leben von der leiblichen Beschaffenheit der Mutter unmittelbar, von der geistigen mittelbar abhängig. Nun halte man fest, daß ein Lebcnwesen in seiner embryonalen Entwicklung für äußere Einflüsse äußerst empfänglich ist; ferner bedenke man, daß gerade die feinsten leiblichen Organe, die Nerven, in ihrer Gesammtheit, besonders das Gehirn, zu ihrer gesunden Bildung und Erhaltung der besten Ernährung bedürfen: welch' weiter Einfluß auf das neue Leben, mag dasselbe in seiner Setzung noch so gesund gewesen sein, von Seiten des mütterlichen Organismus und in zweiter Linie von dessen Umgebung im engeren und weiteren Sinne eröffnet sich da? Außerhalb des Mutterleibes verringern sich die Einflüsse auf das junge Leben nicht nur nicht, sondern mehren und verstärken sich. Der Einfluß der Mutter dauert fort, und die Einwirkungen, die das Kind bis jetzt Mittelbar durch die Mutter erfuhr, erleidet es jetzt vielfach, ja in den meisten Fällen unmittelbar. Man braucht keine Erblichkeit, die Ansteckung reicht zur Belastung des zarten, empfänglichen jungen Organismus hinreichend aus. Ich will die Sache nicht zu weit ausmalen, sondern nur auf zwei Punkte noch verweisen. Nach meiner Anschauung erklärt sich sehr einfach, warum die fälschlich behauptete Erblichkeit häufig Generationen zu überspringen scheint, und warum von einem und demselben Elternpaare vielfach belastete und unbelastete Kinder 275 stammen. Auf den zarten, empfänglichen kindlichen Organismus vermag jedenfalls auch eine dem ärztlichen und noch mehr dem Laienauge verborgene vorübergehende Krankheit der Eltern ansteckend zu wirken, besonders wenn äußere Bedingungen hiezu beitragen. Es hat z. B. fast jeder Mensch (o/,o der Gestorbenen) Tuberkeln. Aber diese zeigen sozusagen ein Streben nach Heilung, wenn diese nicht durch äußere Einflüsse gehemmt oder unmöglich gemacht wird. Es können unter besonders günstigen Umständen die Eltern oder eines von beiden mit einer Krankheit behaftet sein und doch das Kind nicht anstecken; die faktische Ansteckung des Kindes braucht nicht von den Eltern herzurühren. So sehr ich daher auch von meinem Standpunkte aus zur Erzeugung eines allseitig gesunden Geschlechtes die allseitige Gesundheit der Eltern betonen muß, so halte ich doch eine unbedingte Uebertragbarkeit (Erblichkeit) ausgeschlossen und glaube, daß unter entsprechender Vorsicht und unter Anwendung der rechten Mittel auch von kränklichen Eltern gesunde Kinder stammen können. Worin diese Mittel hauptsächlich bestehen, werden wir weiter unten sehen. Werden die schädlichen äußeren Einflüsse durch nichts gehemmt, können sie ihre volle Wirksamkeit entfalten, dann vermögen sie ein an sich ganz gesundes Leben in seinen ersten Stadien gavz oder theilweise zu verderben. Die genaue Periodicität der behaupteten Erblichkeit hat zudem noch niemand festgestellt, sie wird einfach im allgemeinen angenommen, über ihren Verlauf im einzelnen schweigt man sich aus oder gibt eine Art Regellosigkeit derselben zu. — Nach meiner Anschauung läßt sich sogar die Uebertragung der primären Verrücktheit, bei der doch jede Vererbung im eigentlichen Sinne von Hause aus ausgeschlossen ist, ganz gut erklären. Ich finde die primäre Verrücktheit darin, daß zwar die Organe an sich gesund sind, aber in verkehrter Weise gebraucht werden. Da nun die Seele des Menschen als geschaffener Geist niederer Ordnung bedingt ist, und zwar sowohl in ihrer Ausbildung überhaupt als auch hinsichtlich der scientifischen, moralischen und socialen Richtung, so kann ich es mir ganz gut erklären, daß ein Kind, welches im Hause unter dem beständigen Einflüsse eines Menschen mit nach irgend einer Beziehung abnormer Geistesrichtung steht, sich in diese Richtung allmählig sozusagen hineinlebt. Nervöse Eltern machen ihre Kinder nervös, mögen diese von Natur aus noch so gesund sein. Ja die Erfahrung geht noch weiter: Nervöse Lehrer beeinflussen ihre Schüler; selbst in höheren Erziehungsanstalten, wo es sich um Candi- daten im Anfang der zwanziger Jahre, also im Stadium der Vollendung der körperlichen Ausbildung handelt, kann der nervöse Vorstand seine Untergebenen anstecken, insbesondere wenn er beliebt ist und als allseitiges Muster der Nachahmung gilt. Den tieferen Grund dieser Uebertragung erkennen wir, wenn wir das fast einzige Mittel zu ihrer Verhinderung näher in's Auge fassen. Dieses Mittel ist einfach möglichster Wechsel. Das Gesetz des Wechsels, der Differenz, zieht sich durch das gesammte organische Leben, den Menschen mit eingeschlossen, hindurch, reicht sogar hinauf bis zur geistigen Thätigkeit des Menschen. Es läßt sich zwar nicht als Grundgesetz aufstellen, aber es ist ein sekundäres Gesetz von weitesttragender Bedeutung. Bleiben wir beim Menschen stehen! Es beherrscht seine Nahrung (auch die beste wird zum Ekel bei beständiger Wiederholung), seine Vergnügungen und Erholungen, seine Sinnenthätigkeit (einförmige, dauernde oder sich ständig wiederholende Reize stumpfen ab und werden zuletzt ganz wirkungslos), seine geistige Thätigkeit (dauernde Einseitigkeit derselben bewirkt bleibende Einseitigkeit, stumpft das Interesse und die Empfänglichkeit für anderes ab, macht pedantisch und stört die geistige Harmonie), ja sogar den Wechsel selbst. Wird dieser beständig, wird er zur Ruhelosigkeit, ist er nicht compeusirt durch ein Moment der Ruhe und Stabilität, dann stumpft er ebenfalls ab und führt zur Blastrtheit oder auch zu nervöser Ueberreizung Wie eine kränkliche Pflanze durch Versetzung an einer neuen Standort sich vielfach erholt, so auch der Mensch durch den Wechsel. Darum wechselt der Arzt mit der Arznei und der Nahrung, ja wo es sein kann mit dem Aufenthaltsort seines Patienten. Aus ihrem Nomadenleben, also aus dem beständigen Wechsel, erkläre ich mir die Erhaltung der Kraft der Urväter trotz der Heirathen innerhalb derselben Familie. Man beachte sogar, wie im Laufe der Zeit sogar die Natur selbst (um diesen einmal gebräuchlichen Ausdruck beizubehalten) für die Aenderung in der Nahrung sorgt. Die altbaperische Bevölkerung hält sich heute viel weniger an die Ernährung von fetten Mehlspeisen wie vor 30 Jahren. Man weist, um das Verderbliche der Heirathen in zu eng gezogenen Kreisen nachzuweisen, gewöhnlich auf die höheren Gefellschasts- schichten hin. Aber selbst diesen Hinweis kaun ich nicht voll gelten lassen. Ich glaube nämlich, daß die Ver- derblichkeit solcher Heirathen in den höheren Gesellschaftsschichten sich noch viel mehr geltend machen würde, wenn nicht denselben der weiteste und ausgiebigste Gebrauch des Wechsels in den verschiedensten Beziehungen hinsichtlich der Ernährung, des Aufenthaltes, der Beschäftigung u. s. w. zu Gebote stünde. Ich bin der Ansicht, daß sich diese Verderblichkeit in den tieferen Schichten eben wegen der Unmöglichkeit des Wechsels thatsächlich noch weit mehr geltend macht, als in den höheren. Der thatsächliche Zustand entzieht sich hier wegen der Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit der statistischen Zusammenstellung unserer auch nur einigermaßen genauen und sicheren Erkenntniß. Ich komme also auch von meiner Anschauung aus zur Forderung einer möglichsten Ausdehnung der gegenseitigen Heirathsbezirke; ich möchte dieselben nicht bloß auf die verschiedenen Stämme und Völkerschaften eines Landes, sondern, soweit es ohne sonstige Nachtheile geschehen kann, über die verschiedenen Nationen ausgedehnt und selbst da noch einen bestimmten Wechsel eingehalten wissen. Neben dem eigentlichen Zwecke würde sich gewiß noch eine ganze Reihe moralischer, socialer und politischer Vortheile ergeben. Die Quintessenz meiner Anschauung möchte ich dahin zusammenfassen, daß sie die entsprechenden Thatsachen hinreichend erklärt, den wissenschaftlichen Anforderungen vollständig genügt und dazu den Trost einer verhältniß- mäßig leichten und vollständigen Heilbarkeit der etwa vorhandenen Belastung gewährt. Auf einen Punkt muß ich schließlich noch aufmerksam machen: Etwa vorhandene geistige Abnormität wird vielfach nicht früh genug beachtet, und wenn dieses, vielfach vernachlässigt und durch das Benehmen der Umgebung, sei eS durch Mißbrauch zu Scherzen, sei es durch abstoßende Zurückhaltung, gesteigert, anstatt gemindert. Frühzeitige Versetzung in eine andere Umgebung ist in der Regel sowohl in materiell-leiblicher als in geistig-persönlicher Beziehung die Grundbedingung einer sicher zu erhoffenden Heilung. 276 Der Nimbus. (Schluß.) I>. L. ES fand sich also in dem zuletzt erörterten Punkt kein Gegensatz im Christenthum mit heidnischen Anschauungen, der eine Ablehnung des Gebrauches des Nimbus verlangt hätte. Falsch ist demnach, wenn Krenser schreibt:") „Um heilige Personen von anderen zu unterscheiden, verfiel die christliche Kunst — vielleicht schon in ihrem Anfang — darauf, als unterscheidendes Merkmal den Heiligenschein beizugeben", oder wenn Menzel") in seiner Symbolik vom Nimbus sagt: „Ganz andere Bedeutung wie bei den Heiden, wo er die Sonnenscheibe vorstellt, hat der Nimbus bei den Christen. Hier drückt er die Macht des Geistigen im Leiblichen aus, die den Leib gleichsam überfluthet und über ihn hinausstrahlt." Der heidnische Nimbus stellt ebensowenig die Sonnenscheibe vor — denn wie kämen Pluton und Hekate zur Sonnenscheibe — als in den christlichen Darstellungen der ersten Zeit der nicht etwa dem Heiland, sondern dem richtenden Herodes gegebene Nimbus die überfluthende Macht des Geistigen im Leiblichen bedeutet. Auch wenn Herradis") sagt: Lumina, csuus oiroo. oaputi sauotorum in inocluin virouli äöxin§untur äogi'Avant guoci luvrivs astsrvi Zploväoris oorovati lruuvtnr. lä oiroo voro soouväum tormarv rotunäi souti xivAuvtur c^uia clivina xrotootious ut Konto nnininntnr; so ist das zwar vom späteren Standpunkt aus eine sehr schöne Symbolik, aber die, welche den Nimbus erfanden, und auch die christlichen Künstler, welche ihn zuerst anwendeten, wußten von alledem nichts. Auch hat er in christlichen Darstellungen zunächst nicht die Bedeutung der Göttlichkeit, sondern ist Zeichen der Macht und Jurisdiction, der 2laiostg,3 iivporialis. In diesem Sinne hat Herodes und der Kaiser Justinian den Nimbus. Gebräuchlich wurde die Anwendung des Nimbus erst in der Zeit Constantins. Vereinzelt findet er sich aus Goldgläsern aus dem 3. Säculum. Insbesondere ist es der wunderwirkende Heiland, der mit dem Nimbus ausgezeichnet ist. So bei der Heilung des Gichtbrüchigen, der Brodvermehrung u. dgl. Besondere Erwähnung verdient auch eine Darstellung aus dem Cömeterinm des hl. Petrus und Marcellinus.") Ein Lamm trägt auf dem Rücken das die hl. Eucharistie symbolisircnde Milchgefäß, welches mit einem Nimbus umgeben ist. Sehr früh erhielten auch schon die evangelischen Thiere den Nimbus, sei es, um sie dadurch als religiöse Bilder zu kennzeichnen, sei es, weil man darin im heidnischen Vogel Phönix ein Vorbild fand. Interessant ist auch, daß die Gnostiker den Nimbus sehr viel verwendeten, so z. B. in der Darstellung der ägyptischen Schlangengottheit Kneph.") Innerhalb des Christenthums ging die morgen- ländische und abendländische Kirche im Gebrauch des Nimbus gar bald auseinander. Erstere schrieb nämlich ihren Künstlern die Verwendung des Nimbus nicht nur für alle Heiligen, auch die des alten Bundes, sondern auch für alles Ueberirdische, also auch für das Dämonische vor. Der kleinliche byzantische Hofgeist aber machte sich ") Kreuscr, der christl. Kircbcnbau. II, 87. ») Menzel. Symbolik. II. 159 sf. ") Otte, Handbuch d. Kunstarchäol. I, 550. ") De Waal in Kraus' Realencyclop II, 497. ") Stephane l. o. darin geltend, daß man den Nimbus je nach Rang und Würde des Heiligen in verschiedenen Farben malte. Auf Judas entfällt Hiebei ein schwarzer Nimbus.") Im Abendland dagegen wurde der Nimbus immer mehr zum eigentlichen Heiligenschein. Freilich findet sich auch in einer Miniatur aus dem 10. Säculum der Teufel mit dem Nimbus. De Waal möchte hierin eine Ironie erblicken.") Es scheint aber näher zu liegen, der Zeichner habe damit die Macht des Höllenfürsten ausdrücken wollen. Vielleicht dachte er keines von beiden und ahmte einfach ein byzantinisches Vorbild nach. Kleinere Verschiedenheiten und Unterscheidungen bildeten sich indessen auch im Abendlande aus. So kommt der dreieckige Nimbus ausschließlich Gott dem Vater, der mit dem Labaron geschmückte Gott Sohn, der mit einem einbeschriebenen Kreuze Gott Sohn und dem hl. Geist, niemals aber einem Heiligen zu. Die Mutter Gottes und der hl. Johannes Nepomuk haben einen aus Sternen zusammengesetzten Nimbus, erstere als Ltolla Llaris, letzterer, weil über seinem Leichnam in der Moldau sieben Sterne sichtbar gewesen sein sollen. Bis zum 12. Säculum war der Nimbus eine feine Kreislinie, im 12. und 13. wurde er dicker und schwerer; im 14. und 15. pflegte man ihm den Namen des betr. Heiligen einzuschreiben, im 16. wurde er so grob und schwer,") daß er „wie ein Mühlstein auf dem Haupte lastet". In Italien umgab man die Figur Christi und der Muttergottes häufig mit einem mandelförmigen Strahlenkranz, rvaväorla genannt. Dieser Gebrauch verpflanzte sich auch nach Deutschland, wo man in der Form der manäorlg, die eines Fisches, des Symboles Christi, erblickte.") Statt der strengen Form des Nimbus und Strahlenkranzes verwendete die sich von steifen Formen immer mehr befreiende Malerei der Renaissance verschwommene Lichtschimmer, Regenbogen, Glorien auS lichten Wolken, Tauben oder Engclsköpfen, unterließ es auch manchmal ganz den Heiligenschein beizugeben und suchte den übernatürlichen Charakter besonders im Gesichtsausdruck darzuthun. Die neueste Malerei verschmäht den Nimbus keineswegs, und es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß sie ihn manchmal gar nöthig hat, da sonst niemand in diesem oder jenem Bild einen Heiligen suchen würde, wenn uns nicht der bei- gegebene Nimbus mit Gewalt diese Vorstellung aufdrängen würde. Um das im Vorausgehenden versuchte Bild von der Bedeutung und Anwendung des Nimbus zu vervollständigen, erübrigt uns nur noch, den Gebrauch desselben bei noch lebenden Personen kurz ins Auge zu fassen. Ein solcher Gebrauch entstand erst in der späteren römischen Kaiscrzeit. Ein indoskythischer Fürst Namens Oerki soll der erste gewesen sein, der sich mit dem Nimbus darstellen ließ?") Später galt er dann ganz allgemein als unerläßliches Attribut der königlichen Würde. In Georgien hat sich noch im 17. Säculum der Scha Abbas mit dem Nimbus malen lassen?') Auch das Christenthum gestand lebenden Personen den Nimbus zu. Aber es gab denen, die „den Kampf noch nicht gekämpft, den Lauf noch nicht vollendet und ">) Menzel l. o. II, 159. ") Kraus 1. o. ") Otte I. o. 551. ") Kreuscr I. o. I, 742. i°) Stephan! I. «r. 360. «) Stephan! I. o. 360. 277 die Krone der Gerechtigkeit noch nicht empfangen hatten", nicht den Nimbus in Form der die Ewigkeit, Vollendung und Vollkommenheit symbolisirenden Kreislinie, sondern in Gestalt eines Vierecks, was man dann wohl mit Durandus mit den vier Cardinaltugenden in Verbindung bringen mag. So zeigt uns eine Miniatur aus Monte Cassino den hl. Benedikt mit dem runden, den Abt von Monte Cassino mit dem viereckigen Nimbus.^) Doch den Menschen war es nicht genug, sich mit dem Nimbus vor oder nach dem Tode bildlich darstellen zu lassen, die Herrscher der Erde wollten auch selbst im Leben ein an die Göttlichkeit erinnerndes Abzeichen tragen. Da nun Nimbus und Strahlenkranz hiezu äußerst unpraktisch waren, sammelte man die Strahlen senkrecht stehend auf einem Band oder Reif und hatte so die Strahlenkrone. Auch diese ist griechische Erfindung aus der Zeit Alexanders des Großen. Dadurch, daß man diese Strahlenzinken keilförmig, kürzer und nach auswärts gebogen machte, entstand dann die Zackenkrone. Außer den Herrschern trug auch der Opfernde eine solche Krone, da ja das Opfer eine eigentlich königliche Handlung war. Cäsar trug sie im Theater, Nero ließ sich auf Münzen zuerst damit darstellen?«) Nach Augustus finden wir sie auch statt des Nimbus für Götterbilder verwendet. Wohl zu unterscheiden sind natürlich davon die Kronen von der Form der päpstlichen. Sie stammen alle von der persischen Tiara, welche eine wirkliche cylinder- förmige Kopfbedeckung war, die allerdings oben auch kurze, stumpfe Zacken oder Niesen hatte. Aber diese sollten keineswegs Lichtstrahlen vorstellen, sondern waren aus der Anschauung des Pflanzenreiches entnommen.^) Wir haben nun im Vorausgehenden gesehen, daß daS Christenthum den Heiligenschein, so christlich er uns vorkommt, nicht erfunden, sondern vielmehr vom Heiden- thum herübergenommen hat. Es war dies möglich, weil sich in diesem Punkt Heidenthum und Christenthum nicht feindlich gegenüberstanden, sondern im allgemein Menschlichen sich die Hand reichten. Denn überall, wo wir den Nimbus treffen, im Heidenthum wie im Christenthum, in alter und neuer Zeit, ist er der unwillkürliche Ausdruck des gemeinsamen und allgemein menschlichen Bewußtseins, daß etwas Höheres, als das Materielle, in uns wohnt, er ist der Ausdruck des allgemeinen Wunsches nach Vergeistigung und Vergöttlichung, er ist, möchte ich sagen, die bildliche Darstellung der Idee des Geistigen und Unsterblichen. Die socialistische Staatsidee beleuchtet durch Thomas von Aquin. ä. V. I«. Bekanntlich lieben es socialistische Redner und Schriftsteller sich in ihren Ausführungen auf Stellen aus den Werken des Aquinaten zu berufen. Einerseits bezwecken sie dadurch, die Ansicht zu begründen, der von uns Katholiken so sehr gefeierte Kirchenlehrer sei ihren Theorien nicht fremd; anderseits aber wollen sie so auch darthun, wie wenig das Christenthum im Stande gewesen, die einseitigsten Uebertreibungen des sogenannten Klasiensystems zu unterdrücken. Demgegenüber ist es gewiß ganz zeitgemäß, wenn der, auch den aufmerksamen Lesern unserer Beilage, als gründlicher Thomas- kenner wohlbekannte, äußerst rührige Dr. CeslauS ") Kraus l. v. 498. Stephani I. v. 360. ") Stephani l. o. 360. Maria Schneider unter obigem Titel in eigenem Schriftchen (S. 98, 8", Paderborn 1894, Bonifatius-Druckerei) den Mißbrauch des HI. Thomas seitens der Socialisten brandmarkt. Eingehend weist der gelehrte Herr Verfasser nach, und zwar durch ausführlichere Darlegung der Lehre des Aquinaten selbst, daß alle derartigen, socialistischerfeits gebrachten Belegstellen gemäß der ganzen Anschauung des hl. Thomas von vornherein entweder durchaus auf Fälschung beruhen, oder auf Unkenniniß der von ihm gebrauchten Ausdrücke, oder endlich auf der Loslösung einzelner Sätze aus dem Zusammenhange. Die einschlägige Lehre des hl. Thomas enthält zudem, auch abgesehen von den augenblicklichen Angriffen auf dieselbe, so viel wirklich Nützliches und Fruchtbringendes auf socialem Gebiete, daß sich auch darum eine genauere Wiedergabe überaus empfiehlt. Der Aquinate läßt einzig die Vernunft sprechen. Was die reine Vernunft über die menschliche Gesellschaft und deren Beschaffenheit sagt, das untersucht Thomas. Nur durchaus stichhaltige Gründe sollen gelten, und zwar Vernunftgründe. Deshalb hat auch der Verfasser gerade die Politik des hl. Thomas, d. h. dessen Erklärungen zu dem entsprechenden Buche des Aristoteles, zu Grunde gelegt, und nicht die Summa oder dessen Schrift äs re§iinins xrinoixum. Da kann sich jeder, schon durch die äußere Gestalt eines Comwentars zu Aristoteles, überzeugen, daß hier in keiner Weise die Offenbarung maßgebend ist, sondern die reine Stimme der natürlichen Vernunft, wie sie in allen Menschen wiedertönt, welche nur ernst auf sie achten wollen. Daraus folgt ein weiterer Vorzug, welcher die Darlegungen des hl. Thomas auszeichnet und, zumal für unsere Zeit, recht praktisch macht. Thomas stellt sich auf rein natürlichen Boden. So breitet sich denn gar leicht vor unsern Augen das weite Gebiet aus, auf welchem das positive Gesetz die Natur zu vollenden berufen ist. Der Hauptzweck vorliegender Schrift ist, besonders in den für die gesellschaftliche Ordnung unserer Tage wichtigen Punkten, die sichere Lehre des berühmten Fürsten der Scholastik klar vorzulegen. Keine verknöcherte Staatsordnung wird von St. Thomas vertheidigt. Das Gute in unsern heutigen Staatengebilden hebt er vielmehr schon nachdrücklich hervor. Auch schält er los den gesunden Kern in den Bestrebungen des Socialismus, soweit dieser nicht eine Sekte sein, sondern das geordnete Zusammenleben der Menschen befördern will. Nach einer Einleitung über den Zweck der staatlichen Ordnung werden in 4 Kapiteln der Reihe nach behandelt: die zwei Hauptklassen im Staate, die Erwerbsquellen, die Familie, Widerlegung des Com munismus. Zuerst wird in jedem Kapitel der entsprechende Text aus Thomas vorgelegt und daran gelegentliche Bemerkungen und Vergleiche angeschlossen. — Vor allem betont St. Thomas die natürlichen Prinzipien des staatlichen Zusammenlebens. Natur ist ihm nie das voll genügende Prinzip für das einzelne Sein und Wirken. In der heutigen Redeweise deckt der Ausdruck „Natur" alle Verlegenheiten. Jeder gebraucht ihn deshalb, wie es ihm gerade paßt. Bei Thomas ist deutlich ausgedrückt, wie sich jemand bei Behandlung socialer Fragen auf die Natur berufen kann. Sie ist das Gemeinsame in allen Menschen. Neben der Natur unterscheidet Thomas im Menschen noch ein anderes Element: jenes, durch welches der Einzelne unter die Natur hinab- sinken oder über dieselbe sich erheben kann, insofern er s durch seine frei wirkende Vernunft die Natur mißbraucht oder über das gewöhnliche Maß hinaus vollendet. Das ist durchaus festzuhalten. Weder Thomas noch Aristoteles will das Individuum im Staate aufgehen lassen. Eine Staatsallmacht ist den Ideen beider fremd. Der Staat ist ihnen vielmehr nur insofern Zweck der einzelnen Menschen und berufen, allseitig den menschlichen Nöthen zu genügen, als die Menschen durch die Natur zu einander gehören und einander bedürfen. Soweit jeder Mensch kraft seines vernünftigen Geistes selbständig ist, hat der Staat seinen Zweck im einzelnen Menschen: er soll ihn nämlich zur Tugend erziehen und damit dem endgiltigen Wohle jedes Einzelnen dienen. Das socialistische System ist keineswegs etwas Neues. Sein Grundgesetz mit den unvermeidlichen Folgen wird bereits von Aristoteles bekämpft. Dieses Grundgesetz heißt: Im Staate sind nur Individuen. Jede? derselben hat durchaus das gleiche Recht. Das Haus ist ein kleiner Staat, der Staat ist ein großes Haus oder eine große Gemeinde. Nur die Zahl macht da einen Unterschied. Demgegenüber stellt St. Thomas nach Aristoteles fest, daß Haus, Gemeinde, Staat von Natur dem Wesen nach von einander geschieden sind. Damit aber werden zugleich die Grundelemente für das organisch gegliederte Staatsganze gekennzeichnet. Die Zahl macht ja nicht wesentlich die Familie aus, sondern Mann und Gattin, Herr und Knecht, von denen jedes Glied von Natur die ihm eigene Bedeutung hat, und zwar gemäß den entsprechenden natürlichen Aufgaben, sowie nach dem Grade der Vernunft in den verschiedenen. Besonders ist hervorzuheben die Stellung, welche Thomas dem Weibe zuweist. Die Frau gehört tn die Familie. Sie ist vor allem berufen, die ersten Schritte des heranzubildenden Geistes im Kinde zu leiten. Die Arbeit in der Haushaltung liegt der Frau von Natur ob; nicht die in der Fabrik oder dgl. Noch mehr widernatürlich ist es, die Frau in allen bürgerlichen oder politischen Angelegenheiten dem Manne gleichstellen zu wollen, als ob kein natürlicher Unterschied zwischen beiden bestände. Welche Mißstände letzterer Irrthum zeitigt, dafür bietet Amerika höchst traurige Beispiele. Mit vollem Rechte weist der Verfasser hin auf den allgemeinen Fehler in den socialpolitischen Werken und Gesetzen der Gegenwart. Dieser ist der Mangel an unumstößlich festen Prinzipien, auf welchen die Erörterungen der socialen Schäden aufgebaut werden. Es fehlt der Anschluß an die vergangenen Zeiten; die socialpolitische Wissenschaft als solche wird ausdrücklich als eine Frucht des neuzeitlichen Fortschrittes gepriesen. Für die Heilmittel, welche angegeben werden, ist mehr das Gefühl maßgebend, wie die nüchterne Vernunft. Daher der stete Wechsel in den Ansichten, die vielen Abänderungen der Gesetze. Gerade der Wesenscharakter der menschlichen Handlung wird fast durchweg übersehen. St. Thomas, wie Aristoteles, betont denselben scharf. Soll das Menschliche Handeln, mag es die einzelne Person oder die gesellschaftliche Ordnung zum nächsten Gegenstände haben, nützlich und heilsam sein, so muß eS der menschlichen Natur entsprechen. Das ist die feste Norm, nach welcher auch in socialpolitischen Fragen entschieden werden muß. Darum hebt auch Thomas als Kennzeichen eines naturgemäßen Lettens oft hervor, daß die Leitung auf beiden Seiten zum Besten gereiche: dem Leitenden und dem Untergebenen, der Seele und dem Leibe. Die socialen Gesetze und Erörterungen müssen demnach immer an diesem Probirsteine untersucht werden. Nur, wenn sie der geraden Linie entsprechen, haben sie Anspruch auf Dauer. Sie müssen das Ganze befördern und zugleich die Selbständigkeit des Einzelnen. Ein Staat ist umso stärker, in je größerem Maße ihm die gewaltigste Kraft im Bereiche des Geschöpf- lichen, die Vernunft, zu Gebote steht. Die naturgemäßen Principien der Gesellschaftslehre müssen wieder ganz und voll zur Geltung kommen, wenn es anders besser werden soll. Die natürliche Ordnung ist wieder einzuführen. Man muß allseitig gebührend Rücksicht nehmen auf die selbständige Stimme der Natur. — Betreffs der Erwerbsquellen wird sehr richtig und wichtig hervorgehoben, daß es Pflicht der staatlichen Gesetzgebung ist, die eigentlich und von Natur bedeutungsvollen Erwerbsquellen an unbedingt erster Stelle zu begünstigen. Die großen Massenccntren sind kein Vortheil für einen Staat, wohl aber ein blühender, nicht leicht beweglicher Bauernstand. Etwas weiter haben wir unsere Besprechung ausgedehnt, um dem Leser auch ein Urtheil über die Bedeutung unserer Schrift zu ermöglichen. Nebenbei machen wir auch aufmerksam auf die trefflichen Artikel desselben Verfassers: „Die Grundprincipien des heiligen Thomas und der moderne Socialismus" im trefflichen Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie (vgl. Beilage Nr. 24 v. 14. Juni l. I., Artikel: „Der heilige Thomas von Aquin und seine Lehre"). Wohlthuend berührt, wie in allen Arbeiten Schneiders, so auch in unserm Schriftchen und den erwähnten Artikeln, welche auch im Jahrgange 1894/95 fortgesetzt werden, der warme, überzeugnngs- volle Ton, welcher dieselben durchweht. Wir freuen uns schon auf das baldige Erscheinen der angekündeten Schrift über „Kirche und Staat". Dieselbe soll den eingehenden Nachweis liefern, was die kirchlich-christliche Gesetzgebung gethan hat, um der Natur im Menschen zu ihrem vollen Rechte zu verhelfen und dieselbe zu vollenden. Recensionen und Notizen. Weiß I. E., Scbnl- u. ExcursionSflora von Bayern. München-Leipzig, E. Wolfs, 1894. 8°. XI- -j- 520 S. M. 4.50 geb. Der nciturgeschicbtliche Unterricht ist erst in jüngster Zeit an den bayerischen Mittelschulen eingeführt worden, nur leider nicht in den oberen Klassen, sondern in den untere», wo der Verstand der Schüler hicfür noch viel zu unentwickelt ist, um einen Erfolg zu erzielen. An Hilfsmitteln, den Lehrstoff durch die Anschauung zu beleben, feblt es gewiß nicht; eines der besten ist die vorliegende Flora Bayerns, die dem jungen und alten Freunde der Pflanzenwelt die Möglichkeit gibt, jede im Königreich wild wachsende oder cnltivirte Pflanze selbst zuverlässig zu bestimmen. Sind die dunstigen Schulstuben geschlossen und ist die ersehnte Ferienzeit gekommen, dann wird dieses prächtige und bequeme Handbuch noch mehr dem im Grünen sich ergebenden Schüler zum trauten Freund und Begleiter werden. Doch, man glaube ja nicht, daß dieses Lob dem wissenschaftlichen Charakter des Buches zu nahe träte; im Gegentheil, auch der Fachmann wird bestätigen, daß die Flora den strengen Anforderungen der Wissenschaft gerecht wird, wenn sie auch einen bescheidenen Titel führt, welchen wir freilich mehr logisch gefaßt wünschen, denn „Schule" und „Excursion" sind doch nicht coordinirte Begriffe: das Wort „Schnlflora" ist in unseren Augen ein Monstrum von Sprachwidrigkeit; in der Schule ist ja keine andere Pflanze zu finden, als die -lAnornnti» xxrawiäalik«, Excnrsionen hingegen sollen Ausbeute an Pflanzen geben, die dann allerdings in die Schule zur Analyse gebracht werden können. Von Florenbüchcrn für Deutschland (und Bayern) kennen wir eine ziemliche Anzahl, keines aber ist so 279 vollständig in seiner Art und mit so peinlicher Gewissenhaftigkeit durchgearbeitet; die Ausstattung ist musterhaft, und wenn das Buch in unseren Schulen zur ofstciellen Einführung kommt, woran wir nicht zweifeln, so ist das nur recht und billig. Mit treffender Kürze und Sicherheit sind die Diagnosen aufgestellt; die deutschen Pflanzennamen, welche in jeder Gegend wechseln, sind botanisch ganz gleichgültig und haben höchstens mitunter für den Cultur- und Dialektforscher Werth; diese hätte also der Verfasser anzugeben sich ersparen können, um so mehr, da sie nicht immer die Verdeutschung deö lateinischen Kunstausdruckes wiedergeben. Daß der Acccnt angegeben ist, wird geschätzt werden, hört man ja selbst von Fachmännern die gräulichsten Betonungen der Wörter; die Methode der Accentbezcich- nung jedoch (nach dem Grundsatz S. IV) entspricht nicht dem Charakter der lateinischen Sprache, welche den Ton regelmäßig auf der vorletzten Silbe hat und ihn nur da, wo diese kurz rst, auf die drittletzte zurückschiebt; diesem Fundameutalgesctze zufolge wäre es am besten, nur vorletzte Silbenkürzcn mit dem Quantitätszeichen oder, was dasselbe ist, drittletzte Tonstellen mit dem Tonzeichenstrich zu versehen; alles andere ist Luxus. Manche Fehler haben wir indeß auch gesehen, und zwar sehr schlimme, so „6am- xunüla" (S. 291 statt „llampLnula"), oder „üximus" (S. 266 statt „opimus") u. st w. Die Durchsicht des BucheS von einem der lateinischen Sprache kundigen Corrector würde für die Zukunft solche Fehler vermeiden lassen. Doch auch die Sonne hat Flecken! _ Brockelmann Car., Iwxieon szwiaoum, praskatus ssd Xoslclslls. §aso. I (pp. 1—80). 4°. M. 4,00. Bcrolini, Reuther u. Neichard, 1894. 1. Sehen wir von der »Lidlia, bobraiea- ab, so ist unter allen semitischen Dialekten dem Theologen (Excgcten und Patro- logen) das Syrische weitaus der wichtigste, ja man darf sagen, die Kenntniß der syrischen Sprache ist ihm kaum entbehrlich, um so weniger, als gerade in neuerer Zeit die syrischen Studien einen großartigen Aufschwung genommen haben. Trotzdem sind die Mittel für das Erlernen der Sprache immer noch sehr mangelhaft, namentlich gebrach es an einem vcrlässigen Handwörterbuch, während sür das Studium des Arabischen überreiche Auswahl vorhanden ist. Das einzige vorhandene Lcxicon von I. D. Michaelis (1788) wurde bei den Antiguaren mit 60—70 Mark bezahlt, obwohl eS eine Menge Fehler ausweist und außerdem nur den biblischen Wortschatz bringt; der große »Miesaurrw 8^riaou8- von Smith (London, Clarendon Preß), schon 1879 begonnen, erweckt durchaus nicht das Vertrauen, daß das lebende Geschlecht noch seinen Abschluß sehen werde (bis jetzt ungefähr 2 /, in 8 Heften), außerdem wird er über 200 Shilling kosten; mit dem vorzüglichen »^1-IwbLb s. cliotionarium szwvarabiouiu- (4°, 2 voll. Fr. 60), das der Maronite Gabriel Cardahi in der Jesuitendruckerci zu Beyruth 1887—91 herausgab, ist doch nur gewiegten Kennern des Arabischen etwas gedient; nachdem sich auch das von der gleichen Druckerei angekündigte »vietionuairs sxriaguo-latin elassiqus« noch nicht geburtöreif erwiesen und wer weiß, wie lang noch »en prexaration- bleiben wird, muß die Herausgabe eines »Iwxieou sz-riaonm- durch obige Verlagsbuchhandlung als eine wahre Erlösung begrüßt werde», zumal wenn es, wie man hoffen darf, schleunig seiner Vollendung entgegen geht. Daß es ein sicherer Führer sein wird, dafür bürgt die empfehlende Einführung durch einen so gewiegten Syrologen, wic Nöldekc; die Abfassung in lateinischer Sprache schätzen wir als einen besonderen Vortheil. Das Buch, welches 10 Lieferungen (L 4 M.) umfassen soll, wird in erster Linie ein bequemes Hilfsmittel bei der Lektüre sein, aber auch dem Sprachforscher einen Ueberblick über den Sprachschatz ermögliche»; jede einzelne Bedeutung ist durch Citate belegt. Der Preis des Werkes beweist aber schon, daß es die Verlagshandlnng versteht, Capital auS der Noth zu schlagen. Das erste, uns vorliegende Heft (die ersten 4 Buchstaben dcS Alphabetes umfassend) ist uns ein honnm auAnrium, daß wir ein Monumentalwerk deutschen Fleißes und philologischer Gründlichkeit in ideal schöner Ausstattung haben werden; möge es doch bald vollständig vorliegen! Hoffmann (Luise Johanna), Seelenphotographien. Aufgenommen aus Predigten zu St. Hedwig in Berlin. Gehalten von Advent bis Ostern. Ein Theil des Reinertrages ist für die katholischen Kirchen Berlins bestimmt. Ratibor, Müntzberg. 8°. 61 S. Wir setzen zur Orientirung über Inhalt und Tendenz der Sammlung das „Vorwort" der Verfasserin hieher, gegenüber einer Dame und einem WohlthätigkeitSzweckc wollen Wir uns nicht der Unhöflichkcit eines kritschen Einspruches schuldig machen: „Die folgenden Gedichte, welche meine Gedanken aus den in der St. Hedwigskirche von Advent bis Ostern gehörten Predigten, ihrem Inhalte nach, wie in einer Photographie wiedergeben, sind von mir dem Hochwürdigcn Herrn Geistlichen Rath und Stadtpfarrer Hermann Schaffer, welchen Herrn ich aus dem schönen Werke „Für Treu und Glauben" hochschätzen gelernt habe, gewidmet. Der hochwürdige Herr Geistliche Rath steht, wenn auch persönlich unbekannt» nicht blos als Dichter, sondern auch als apostolischer Lebrer vor meiner Seele. Denn der Priester, welcher durch seine Predigten mir den Stoff zu den folgenden Gedichten geliefert, hat sich unter der Anleitung des Hochwürdigen Herrn Geistlichen Rathes ausgebildet. Ratibor war ja der erste Ort der Wirksamkeit des Hochwürdigen Herrn Kaplan Stephan Burek. Mögen diese Gedichte Manchen, die verhindert sind, eine Predigt zn hören, im Stande sein, dieselbe zeitweise zu ersetzen. Außerdem wird es dem Hochwürdigen Herrn Geistlichen Rath gewiß eine große Freude sein, durch diese Gedichte an eine Kirche erinnert zu werden, in welcher er zu seiner Zeit als Abgeordneter so oft das hl. Opfer dargebracht." Der heilige Sola. Ein historischer Versuch von Adam Hirschmann, Pfarrer. Jngolstadt, Ganghofer. 1 M. t. Am 3. Dezember l. Js. werden es 1100 Jahre, daß in Solnhofen der Gründer dieses durch seine Lithographicsteine weltberühmten Ortes, der hl. Einsiedler Sola, gestorben ist. Neben St. Willibald und Walburga ist er es, der für das Bisthum Eichstätt eine Persönlichkeit höchster Bedeutung ist. Zur Centcnarfeier erschien nun bei A. Gangbofer in Jngolstadt eine Schrift, aller Beachtung werth. Der Name des Hrn. Verfassers, dem wir in den historischen Jahrbüchern der Görres- qesellschast, im Katholik und in den hist.-politischen Blättern schon öfters begegneten, bürgt dafür, daß wir eS mit einer ernsten, wissenschaftlichen Arbeit zu thun haben. In drei Abschnitten bietet Herr Hirschmann, soweit dies die spärlich vorhandenen geschichtlichen Belege zulassen, ein Bild des Heiligen und seiner Stiftung. Zuerst eine sehr minutiöse Kritik der Quellen, dann das Leben des Heiligen und seine Gründung, endlich die Schicksale der letzteren sowie auch der Reliquien deS hl. Sola. Möge das 84 Seiten haltende Werkchen beitragen, daß sich recht bald am Grabe deö frommen Einsiedlers, daS jetzt ganz im Diaspora-Gebiete des Bisthums Eichstätt liegt, eine würdige Kapelle deö Heiligen erhebe! Die hochelegante altdeutsche Ausstattung der Schrift, in starkem Pergamentpapierumschlag» macht der Vcrlagsoffizin alle Ehre. Sie ist wirklich eine jubi- lare, glanzvolle. _ M- Meschler, 8. F., DaS Leben unseres Herrn Jesu Christi, des Sohnes Gottes, in Betrachtungen. III. Auflage. Mit einer Karte von Palästina zur Zeit Christi. Zwei Bände in 8°, XXVIII u. 1225 S. Preis M. 7,50, geb. in Halbfrz. mit Rothschn. M. 10,70. Freiburg i. Br.. 1894. Herder'sche Verlagshdlg. 8. Wenn angeführtes Werk mit zwei ziemlich dicken Bänden neben andern, in nicht gerade geringer Anzahl erschienenen Be- trachtungöbüchern innerhalb 4 Jahren 3 Auflagen erlebt, so ist dies selbst schon Empfehlung genug; aber zugleich ist es ein erfreulicher Beweis, daß in katholischen Kreisen das Verlangen nach wahrhaft gediegenen, Geist und Herz in gleicher Weise befriedigenden ascetischen Werken ein bedeutendes genannt werden kann. Daß wir es mit einem hervorragenden Werke zu thun haben, darin sind die zahlreichen Recensenten einig, und zum gleichen Urtheil muß kommen, wer das Buch zur Grundlage seiner Meditationen erwählt. Was den Werth des Werkes so besonders erhöht, ist dies, daß das Leben Jesu nicht bloß einzelne Punkte zu Betrachtungsstoffen hergeben muß, sondern daß das ganze Leben des Heilandes in historischem Zusammenhange praktisch exegetisirt und in seiner allseitigen Bedeutung sür das Leben ergründet und dem betrachtenden Geiste vorgeführt wird. Auf diese Weise wird eben die Person und das Charakterbild des Erlösers überaus Wirkungsreich und allseitig gezeichnet. Um dieser Aufgabe ganz zu genügen, hat Verfasser auch in einigen Betrachtungen daS Vorleben Jesu in der Ewigkeit und im Alten Testamente und dann noch sein Nachleben in der Kirche geschildert. Die Betrachtungen über das Leiden Jesu, an und für sich schon für solche Zwecke das Wirkungsvollste, möchten wir fast als den Glanzpunkt erklären. Die Sprache ist gewählt, des Stoffes sehr würdig, von hoher Ehrfurcht gegen den hl. Gegenstand eingegeben. Das tiefe Eindringen in die wunderbaren Geheimnisse der menschlichen Natur Jesu Christi veranlaßt den Verfasser oft zu den zartesten, herzlichsten Gedanken und Anmuthungen. Gebildeten Laien wüßten wir kein bessert 280 Betrachtungöbuch zu nennen. Daß Priester daraus für sich t und für andere großen Nutzen schöpfen können, sei nicht besonders hervorgehoben; aus diesem Werke werden sie lernen, zu predigen in den Worten der hl. Schrift, zu predigen Christum den Gekreuzigten. Ein alpbabetischcö Namen und Sachregister, sowie ein Verzcichniß der Sonn- und Festtazsevangelien erhöht die Brauchbarkeit des Werkes. V Einer Ihrer geschätzten Herrn Bücherrccensenten hat in Nr. 34 der BeilageJbres Blattes die „Kleine Grammatik der hebräischen Sprache" von Tbeod. Dreher in einer Weise kritisirt, die gewiß in den Kreisen, die Herrn Domcavi- tular vr- Th. Dreher, oder wenigstens seine Schriften näher kennen, peinliches Aufleben erregte. Wie, ein Mann von solchen Verdiensten, der 27 Jahre mit großem Erfolge im Hebräischen unterrichtete, der anerkannt ausgezeichnete Schriften (Katechesen, Abriß der Kirchengerichte u. s. w.) herausgegeben sollte mit einem Werke vor die Öffentlichkeit getreten sein, das man als „Rückschritt", als „Kleinkindergrammaiik" u. s. w. bezeichnen dürste?! Das erscheint schon von vornherein unglaublich. Wenn wir nun die Gründe dieses scharfen Urtheils näher in's Auge fassen, so sind sie alle anfechtbar. Das Buch wurde nicht zum Selbststudium geschrieben, sondern setzt des Lehrers Erklärung voraus und orientirt diesen durch die knappe Kürze weit rascher über die Punkte, die einer Erläuterung bedürfen. Ist dein Schüler dann das Nöthige gesagt, dann ist ihm bei seinen vielen Arbeiten an den jetzigen Gymnasien die kürzeste Fassung des zu Memorireudcn die liebste: er stößt sich wenig an dem „Telcgraphen-Chiffrc- Stil". Ebenso wenig wird ihn ein »sos« mitten im deutschen Text genircn; er geht ja nicht in den hebräischen Unterricht, um deutsch zu lernen. So aber hat der Verfasser die kürzeste, einfachste und allen verständliche Form gefunden, da sie sonst mit „sie (ms. 80 .)" gegeben werden müßte. Und nachdem einmal das Buch in deutscher Sprache erschienen ist, läßt sich darüber streiten, ob die Uebersetzungsstücke lateinisch zu geben seien oder nickt. Der Recensent findet manches kindisch, z. B. die Memorial- verse. Hätte er uns einige namentlich angeführt, so könnten wir ein Urtheil darüber bilden, ob diese Ansicht richtig ist. Doch im Allgemeinen die Memorialvcrse für Obergymnasisten verwerfen, halten wir für ungerechtfertigt. Lernen nickt selbst die Theologen an der Universität Mcmonalverse? Ich erinnere nur an die Ehehindernisse und die „fremden Sünden". Der Herr Verfasser wollte gewiß nicht eine Grammatik schreiben, die man nicht zu lernen braucht; er kennt aus langjähriger Erfahrung die Schwierigkeit des Hebräischen an sich so gut, wie der Herr Recensent. Gerade diese Schwierigkeit bewog den Verfasser, allen unnöthigen Ballast zu entfernen, damit der Scküler ganz eingetheilt seine Gedächtnißkraft dem Wesenilickcn widme. Und wo es gilt, etwas so Schwieriges, wie die hebräische Sprache, seinem Kopfe einzuprägen, bleibt dem Lernenden kein anderes Verfahren übrig, als das, welches das Kind auch anwenden muß; eS schadet aber dem jungen Studenten keineswegs, wenn ihm diese, allerdings demüthigende Wahrheit etwas zu Gemüthe geführt wird. Soglauben wir aus den Andeutungen des Hrn. Recensenten selbst das Fazit ziehen zu dürfen: Lehrer wie Schüler werden Hrn. Dr. Dreher Dank wissen für seine neueste Arbeit. Sie hat, nebenbei bemerkt, eben durch ihre Kürze auch einen Vorzug, der bei unseren kostspieligen Studien auch nicht zu unterschätzen ist: das Buch kostet nur 1,50 M-, während das vom Recensenten so gerühmte von Strack gebunden aus 5 M. zu stehen kommt. Endlich würden wir eS sehr bedauern, wenn wirklich diesmal sich der altbewährte Ruhm der Freiheit von Druckfehlern bei der Hcrder'schcn Offizin nickt erprobt hätte. — Möge trotz aller Hindernisse dieses neueste geistige Erzeugniß unseres allverehrten Lehrers dessen edle Ziele ebenso erfolgreich fördern, wie seine anderen hochverdienten Arbeiten. Ein dankbarer Schüler des Verfassers. Das Juliheft von „Kreuz und Schwert" (Münster i. W.) bringt das interessante Porträt Msgr.'s Le Roh, apostolischen VicarS von Gabun, zugleich den Beginn dessen Neise- herickts „Von Sansibar zum Kilimandscharo". Le Roh ist ein brillanter Erzähler; die Redaction hat einen guten Griff gethan, als sie dessen großes Reiscwcrk zum alleinigen Abdruck erwarb. Das gilt aber auch von der neuen Erzählung „Ghclla und Milo", deren Anfang hereits den Leser in ganz besonderer Weise fesselt. Außerdem bringt das Heft noch eine Reihe von Originalberichten auS den afrikanischen Missionen, den halbjährigen VerwaltungSbcricht des Afrika-VercinS u. s. w. Da mit Juli ein neues Abonnement begonnen hat, so möge man eine Bestellung nicht aufschieben. Der Preis ist 75 Pf. halbjährlich bei jeder Post und Buchhandlung, 90 Pf. bei directer portofreier Zusendung. Probehefte stellt der Herausgeber (Redacteur W. Helmes in Münster i. W.) gern zur Verfügung. Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel. X. Auflage. Freiburg i. Br., 1694. Hcr- dcr'sche VerlngShandtung. L. Vollständig in 10 Heften L 60 Pf. erschienen. DaS 2. Heft reichend bis 18. März. Dr. Hcrm. Rolfus, Kirchengeschichte für die kath. Familie bearbeitet. III. Auflage. Vollständig in 18 Heften ä 50 Pf. Freiburg i. Br., 1894. L. Erschienen daS 2. Heft mit reichem Bilderschmuck, noch die Missionsreisen des hl- Paulus behandelnd. Die Romanwelt. Zeitschrift für die erzählende Literatur aller Völker. Stuttgart, Cotta. Heft 27—39. Wir haben uns über den Charakter dieser Zeitschrist schon eingehend geäußert in der „Beilage" Nr. 52 vom 28. Dezbr. vor. Js. und Heuer in Nr. 26 vom 29. Juni. Heute obliegt eS uns, die Leser der „Beilage" mit den bedeutsamsten Erscheinungen in den oben bez. Heften bekannt zu machen. Im Vordergründe stehen diesmal 2 ausländische Autoren : Emilio de Marcdi, ein Mitglied der jung italienischen Dichterschulc, mit einem scharfsinnigen Kriminalroman „Don Cirillos Hut" — nur daß der Genuß an der Lek'üre durch naturalistische Uebertreibungen im Stil und die Tendenz, alles Kirchliche ironisch zu bebandel», ziemlich geschmälert wird —- und Paul Lourgct, der Meister des französ. psychologischen RomanS, mit seinem Werke „Das gelobte Land" (übers. von C. Hcckcr), das wegen seiner klassischen Diktion, seiner spannenden Analyse, seiner lebensvollen Seelenmalerei und seiner edlen Tendenz mir Recht gerühmt zu werden verdient. Zwei kleinere Arbeiten von der als geistreiche Erzählerin bekannten Frau Marie von Ebner-Eschenback „Das Schädliche"— doch wollen wir im Gegensatz zu der Redaktion der Roman- welt zum Vortheile der Dichterin dafür halten, daß sie durch die Erzählung nicht schon „aus der Höhe ihrer Schaffenskraft" sich zeigt — und eine flott und fesselnd geschriebene Geschichte aus den Kriegstagcn d. I. 1870 von Alexander Baron Roberts „Die Generalin", nebenher die lebendige Erzählung „Der Kriegecorreipondent" von dem gefeierten russischen Maler W. W. Weresckagin (Zeit des letzten russ.-türk. Krieges) und ein reiches „Feuilleton" machen den Inhalt der erwähnten Hefte zu einem mannigfaltigen. Daß das Unternehmen nicht für die „reifere Jugend" sich schickt uno schicken will, haben wir in den genannten Nummern der „Beilage" bereits betont. Der heilige Wolfgang. Gedenkblätter zum 900jährigen Todestage des Patrons der Diözese Negensburg. Von einem Priester des Bisthums. 8°. 40 S. Preis broch. 30 Pf. Die Diözese Regensburg rüstet sich in diesem Jahre das Fest ihres heiligen BisthumSpatroneS in besonders würdiger und feierlicher Weise zu begehen. Am 31. Oktober sind es nämlich gerade 900 Jahre, daß der heilige Wolfgang nach einem glorreichen und ruhmvolle» Wirken aus dieser Zeilsichkcit hinüber gegangen ist. Nicht blos für Regensburg, sondern auch für die Diözese Prag, wie auch für Rcichenau, Einsiedeln, Trier rc. ist dieses Fest ein wichtiger Gedenktag. Eingehend hierüber belehrt uns eine Schrift, die aus Anlaß des 900jährigen Jubiläums im Verlage von H. Böes in Amberg erschienen ist, und die das ganze Leben des Heiligen, von seiner Geburt auf dem Schlosse Ahalm im Schwabenlande bis zu seinem seligen Tode, behandelt. Wir begleiten da den Heiligen auf seinem Zuge nach Ungarn, um dort den heidnischen Völkern den christlichen Glauben zu verkünden, wir bewundern ihn in seinem Eifer für Errichtung des Bisthums Prag, wie nicht minder in seiner reformatoriscbcn Thätigkeit für die Klöster St. Emmeram, Ober- und Niedermünster in RegenSburg. Genaue Erörterung findet hier auch das Verhältniß deS heiligen Wolfgang zur bayerischen Herrscherfamilie, sein Aufenthalt am Abersee in Oesterreich, sein heiliger Tod, sowie die Gnadenerweisungen, welche Gott nach seinem Tode gewirkt bat. Die ganze Schrift baut sich auf wissenschaftlicher Grundlage auf, ist übersichtlich und klar geschrieben, und in diesem Sinne eine Volksschrist, die wir Allen aufs beste empfehlen wollen. Das Werkchen ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen, in Amberg durch H. Böes' Verlag. Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.