Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung.*) H,. H. In den letzten Jahren ist über das Schulwesen und besonders über die Gymnasien so viel gesprochen und geschrieben worden, daß man daran allerdings auf einige Zeit genug haben könnte. Allein da die Zeit der Bewegung mehr nur die Mangel des Bestehenden vor Augen gehabt und fast überall in der wesentlichen Umgestaltung das Heil zu erkennen glaubte, so dürfte es der Zeit deS ruhigen Ueberlegrns vorbehalten sein, die Gegenstände von neuem zu betrachten und zn untersuchen, ob nicht vielleicht mancher Theil des Bestehenden zuletzt doch besser und brauchbarer ist, als man zuvor gemeint hat. Es ist indessen nicht unsere Absicht, über das Schulwesen im Allgemeinen oder die Gymnasialbildung in ihrem ganzen Umfange zu sprechen, sondern wir wollen uns nur im Bereiche der letzteren über einige Punkte verbreiten, die nach unserem Dafürhalten immer zu wenig beachtet werden und eben dadurch zu manchem Vorwurf gegen die Gymnasien Anlaß geben. Man tadelt daran in der neuesten Zeit mehr als je, daß die alten todten Sprachen in zu großem Umfange gelehrt werden, dieses Studium sei in unseren Tagen überhaupt unpraktisch und die darauf verwandte Zeit eine verlorene; die Gymnasien liefern deßwegen, sagt man, nur solche Leute, welche utopisch für gewisse Ideale schwärmen, aber dem Leben gänzlich entfremdet seien. Man hat bei dieser Behauptung jene Zeit im Auge, wo die alten Sprachen (besonders Latein) den größten Theil des Gymnasialunterrichtes ausmachten, alle anderen Lehrgegenstände stiefmütterlich behandelt und jene Sprachen selbst mehr nur nach ihren Wortformen und grammatischen Regeln gelernt wurden, ohne daß man dabei großen Werth auf das Erfassen der Schriftsteller gelegt hätte. Doch diese Zeit liegt längst hinter uns. Im Vergleich zu ihr ist in den letzten Dezennien eine bedeutende Verbesserung eingetreten. Denn einerseits hat der Unterricht in der Muttersprache, in Mathematik, in den Naturwissenschaften, in Geschichte und Geographie einen Umfang gewonnen, welcher sowohl dem absoluten Werthe dieser Lehrgegenstände die verdiente Anerkennung verschafft, als auch den Anforderungen der Zeit entspricht; anderseits hat der Unterricht in den alt- klassischen Sprachen fast allenthalben eine bessere Methode der Behandlung angenommen. Während früher allzuviel Gewicht auf das Erlernen der bloßen Wortformen und syntaktischen Regeln gelegt wurde, wird jetzt die Form der Sprache zwar nicht vernachlässigt und die strenge Einübung der lateinischen und griechischen Grammatik immerfort als das beste Mittel formaler Geistesbildung angesehen; allein das bloße Wort und seine Form gilt nicht mehr für das Einzige oder die Hauptsache in dem Unterrichte dieser Sprachen, sondern mehr nur als das Mittel zum Zweck. Dieser besteht vorzugsweise darin, in enger Verbindung mit der formalen Durchbildung des Geistes den reichen Inhalt der Werke des klassischen Alterthums, die *) Aus dem Nachlasse des ch Gymnasialdirectors Dr. Stelzer zu Sigmaringen. Die Abhandlung, obwohl schon im Jahre 1852 versaht, dürste auch in unseren Tagen noch zeitgemäß sein. Thaten und Gedanken der Griechen und Römer, wie sie in der ästhetisch-schönen und dem Inhalt angemessenen Form ihrer Literatur niedergelegt sind, unmittelbar aus den Quellen selbst zu erkennen. Wir sagen: aus den Quellen selbst; denn es ist eine bekannte Sache, daß auch die besten Uebcrsehungen weit hinter dem Originale zurückbleiben, seine Lebcnsfrische entbehren und es nicht ersetzen können, da nur die Sprache selbst der getreue Ausdruck des geistigen Lebens eines Volkes ist. Wir müssen uns daher die Quellen offen erhalten und zur Anregung des forschenden und nach Wissenschaft streben» den Geistes sie immer wieder von neuem durchforschen, um ihren Inhalt durch eigene Geistesthätigkeit herauszufinden und gleichsam zu erobern. So ist die Grammatik und Literatur der lateinischen und griechischen Sprache das beste Mittel/) den Geist im logischen Denken und Begreifen unablässig zn üben, seine Kraft zu entwickeln und zu stählen, mit einem Worte: ihn zn bilden, abgesehen von dem Stoffe, den die Schriften der Alten zur Nahrung des jugendlichen Geistes und Gemüthes in reicher Fülle darbieten. Wenn ma:> nun nach dem Utilitätsprinzip in feiner alltäglichen Form nur dasjenige praktisch nennt, was alsbald im Leben mit materiellem Gewinn") angewandt werden kann, was zunächst als Mittel zum Erwerbe und Lebensunterhalte dient, so ist das Studium der alten Sprachen allerdings für die überwiegende Mehrzahl der jungen Leute sehr unpraktisch. Wenn man dagegen dasjenige praktisch nennt, was überhaupt mit vorrhcilhaftem Erfolge angewandt werden kann und somit die Erreichung eines bestimmten Zweckes möglich macht oder befördert, so ist das Studium der klassischen Sprachen in hohem Grade praktisch. Der praktische Werth dieses Studiums liegt aber nicht nur in der Geistesbildung an sich, sondern auch darin, daß jene Sprachen der Schlüssel sind zum gründlichen Erlernen und wahren Verständniß der neueren (romanischen und germanischen) Sprachen und ihrer Literatur; indem sowohl diese Sprachen selbst in Rücksicht auf ihre Formen, als auch die in ihren Schriftwerken niedergelegte Kunst und Wissenschaft ursprünglich und großenteils auf die Werke der griechischen und la- *) Ein Urtheil Schcllings sei hier angeführt, welcher sagt: „In der That nichts, selbst nicht der Unterricht in den mathematischen Wissenschaften, der zwar an ein nothwendiges, stufen- weises Fortschreiten, aber nicht ebenso zugleich an freie Bewegung gewöhnt, kann jene strenge Dünket, und salsäe Einbildung frühzeitig niederhaltende Zucht deS Geistes, jene Gewöhnung an Stetigkeit und gleichmäßiges Fortschreiten ersetzen, welche ein gründlicher Unterricht in den alten C prachen gewährt." (Jahrb. f. Ph. u. Päd. v. Klotz u. Dietsch, 52. 94.) Professor Dietsch (Grimma) sagt in den Jahrb. f. Ph. u. Päd. 52,97: „Die Jugend ist von dem Zeitgeiste angesteckt; sie will früh selbstständig sein, früh genießen, früh etwas gelten; deßhalb hält sie jede heilsame Zucht für eine Sklaverei, der sie sich womöglich entledigen müsse, und will nur dasjenige lernen» was sie in der Praxis nach ihrer Meinung gebrauchen kann. Beim Studium des Alterthums sieht sie keinen materiellen Nutzen voraus, und es fordert tüchtig Anstrengung; was Wunder, wenn sie sich gegen dasselbe sträubt, zumal ihr in den Ohren das Geschrei der VolkSagitatoren tönt, welche die Jugend in ganz moderner Weise erzogen und gebildet wissen wollen, weil sie dieselbe so besser zn ihren Zwecken brauchen können. Aber gerade darum weg mit jener Affenliebe, welche der Jugend nur das zu lernen znmnthet, wozu sie Lust hat! Nur durch die Uebung und Erfüllung schwerer Pflichten, nur durch eine spannende Uebung der Geisteskräfte, nur unter einer strengen Zucht kann ein gesundes, kräftig wollendes und vormthellSjrei prüfendes Geschlecht entstehen." teintschen Literatur aufgebaut sind. Wir wollen nicht, um dieses zu begründen, wett ausholend davon sprechen, das; einst mit der Eroberung der sogenannten alten Welt durch die Römer lateinische und griechische Sprache und griechisch- römische Bildung sich allmahlig über alle Provinzen des römischen Reiches verbreitete und seit jener Zeit aller späteren Cultur der civilisirten Welt zu Grunde liegt, daß ferner bei der Völkerwanderung die Bewohner des römischen Reiches zwar den Waffen der wandernden Völker unterlagen, aber durch ihre Sprache und Bildung geistig über die Sieger herrschten, daß endlich mit der Ausbreitung des Christenthums in allen Ländern zugleich lateinische und griechische Sprache Eingang gefunden, daß das Latein i« ganzen Mittelalter und bis in die neue Zeit herein die Sprache der Gelehrten und fast ausschließlich die Schriftsprache war. Ich will nur das erwähnen, daß durch das neue Aufleben der Studien des klassischen Alterthums in Italien, Frankreich, England, in den Niederlanden, in Deutschland u. s. w. eine neue Aera der Wissenschaft und Kunst anfing und bald darauf in eben diesen Ländern die Blüthezeit der eigenen Literatur eintrat, nachdem die klassischen Studien als Vorschule den Weg dazu gebahnt hatten. Wir sind weit entfernt, behaupten zu wollen, das Aufblühen der Wissenschaft und die Blüthezcit der neueren Sprachen sei allein den klassischen Studien zu danken; wir übersehen die Erfindung der Buchdruckerkunst, die Zeitbewegungen und verschiedene Umstünde, die dabei zusammenwirkten, keineswegs, müssen jedoch bet der Behauptung stehen bleiben, daß das Studium des klassischen Alterthums einen höchst wesentlichen Einfluß nicht nur auf die Gestaltung und Ausbildung der Sprachnormen, sondern auch auf die Blüthe der neueren Literaturen geübt hat. ^) Wer also das Neue gründlich erkennen will, muß es im Zusammenhang mit seiner Basis — mit dem Alten — erfassen. Man wende nicht ein, daß man bei diesem Studium eigeuilich mit asiatischen Sprachen, mit dem Sanskrit rc. anfangen und erst von da zu den Griechen und Römern übergehen müsse, um in dem so hoch geschätzten Zurückgehen auf Quelle und Ursprung consequent zu sein. Denn wenn die Griechen auch manches in Sprache und Sitten ursprünglich durch Einwanderungen und Verkehr von Asien und Aeghpten erhalten haben, so geschah dieses nicht durch die Literatur, sondern unmittelbar durch den Verkehr oder durch die traditionelle Sage, und auch dieses wurde bald von dem reichbegabten Genius der Griechen so nmgeschaffen und zum Nationalrigenthum gemacht, daß das griechische Volk in seiner Sprache und der ganzen geistigen Entwicklung als originell dasteht. Deßhalb konnte der griechische Jüngling in seiner Bildungs- lausbahn ohne anderweite Hilfsmittel sogleich mit der 2) Der Umstand, daß zufällig Schiller und Goethe und bei den Engländern Shakespeare im Lateinischen und Griechischen keine so ausgedehnten Kenntnisse besaßen, wie man allenfalls nach dem Gesagten voraussetzen sollte, ist kein Gegenbeweis zu unserer Behauptung; denn das Genie bricht sich selbst Bahn und kann keinen Maßstab für das Allgemeine abgeben. Ein Gelehrter unserer Zeit sagt, wenn man aus dem genannten Umstände folgern wollte, daß die klassische Bildung deßwegen für uns überflüssig sei, so wäre der Schluß ebenso unrichtig, als wenn man bebauptcn wollte, die Anatomie sei für Maler eine überflüssige Wissenschaft, da Corrcggio obne dieselbe ein großer Maler geworden ist. — Indessen ließe sich ohne Mühe in Schiller und Goethe fast auf jedem Blatte — an der Sprache und der Art der Darstellung — nachweisen, daß auch diese Koryphäen unserer Literatur viel zu den Alten in die Schule gegangen sind. Literatur seines Vaterlandes beginnen und mit ihr seine Bildung abschließen. Anders war es bei den Römern, welche die Schüler der Griechen waren, und anders ist es bei uns und den übrigen Völkern der civilisirten Welt, indem unsere und ihre Sprache, Wissenschaft und Kunst nun einmal in Folge der historischen Entwickelung vielfach auf der griechischen und römischen beruht. Es ist daraus klar, daß zur gründlichen Kenntniß unserer Muttersprache und der neueren Sprachen und Literaturen überhaupt das Studium der alten Sprachen nicht nur die nothwendige Voraussetzung, sondern auch zugleich das beste Hilfsmittel ist. Es ist also auch in dieser Beziehung das genannte Studium von großem Werthe und somit praktisch. Wenn es nun aber einmal doch unpraktisch sein und utopisches Schwärmen erzeugen soll, so wird die Ursache in dem Inhalt der griechischen und lateinischen Schriftsteller, in der Anschauungsweise und geistigen Richtung des klassischen Alterthums liegen müssen. Und hier tritt uns sogleich in Bezug auf Staatsform und Religion ein schroffer Gegensatz des Standpunktes der Alten zu unserm Standpunkte vor Augen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß unsere Jugend für das praktische Leben, für das Leben in unserem Staate, zu tüchtigen Mitgliedern dieses Staates und ebenso — mit Rücksicht auf die Erreichung der höheren Bestimmung unseres Daseins — zu guten Christen und Mitgliedern der Kirche erzogen werden soll.") Es ist gleichfalls keinem Zweifel unterworfen, daß der Unterricht und die ganze Erziehung, wenn anders das vorgesteckte Ziel erreicht werden will, in sich keinen Widerspruch, keine Disharmonie duldet, daß also nichts vorkommen darf, was die einheitliche und consequente Erziehung stört und sich mit dem Gesammtzweck derselben nicht verträgt. Wenn wir uns nun einerseits des Zweckes der Erziehung und des Umstandes, daß dabei alles Vorkommende mit sich im Einklang stehen müsse, bewußt sind und anderseits zugleich den obenbezeichneten Gegensatz der klassischen Autoren zu unserem Standpunkte nicht übersehen, so müssen wir nothwendig fragen, ob die Lectüre der Klassiker nicht gerade wegen der Beschaffenheit ihres politischen und religiösen^) Inhaltes mit der ") Der Zweck des Gymnasiums wird mit verschiedenen Definitionen bezeichnet: In den Beschlüssen der Berliner Landes- schnlconfercnz heißt eS § 1 (S. 207): „Die höheren Lehranstalten sollen die intellcctuellen und sittlichen Kräfte der männlichen Jugend entwickeln, dieselbe zn wissenschaftlichen Studien — auf Universitäten und höheren Fachschulen — und zur erfolgreichen Betreibung des gewählten Berufes vorbereiten, sowie zu selbst- ständiger Theilnahme an den höheren Interessen der menschlichen Gesellschaft und zn gedeihlicher staatsbürgerlicher Wirksamkeit erziehen." Anderswo wird der Gesammtzweck in die Worte zusammengefaßt: „Klassisches Alterthum, Christenthum, Germanenthum;" oder so ausgedrückt: „Historisch- ethische, christlich-nationale Bildungoder „allgemein humanistische Bildung: Reichthum an Kenntnissen (Wissen), Reife des Geistes (Intelligenz) und Cultur des Gemüthes (Charakter)." — Mag nun diese oder jene Zweckbestimmung die richtigere sein, so scheint doch in allen unzweideutig so viel zn liegen, daß die Schule nebst der religiösen Ausbildung und Erziehung auch die Bestimmung der Schüler zu tüchtigen Bürgern des Staates nicht aus dem Auge lassen darf, den Patriotismus in ihnen wecken und nähren und überhaupt für die einstige Erfüllung ihrer bürgerlich-n Pflichten vorbereitend thätig sein muß. °) Zn verschiedenen Zeiten und nicht am wenigsten auch in der jüngsten Vergangenheit wurde (besonders in Frankreich) behauptet, die klassische Lectüre sei überhaupt mit dem Christenthum unverträglich; und wenn man sich an die alten Fehden der Theologen und Philologen erinnert, so ist man halb versucht zu glauben, daß diese Behauptung gewissermaßen begründet sei. 2S9 Erziehung der Jugend in christlichen und monarchistischen Staaten absolut im Widerspruch stehe, ob sie nicht deßwegen unpraktisch sei und auf die Abwege des Schwärmens führe, oder ob im Gegentheil der Inhalt jener Schriftsteller sich mit dem Geiste und Zweck unserer Erziehung vertrage und durch angemessene Behandlung ihn sogar befördere. Im ersten Falle wäre der dem Zweck des Unterrichts und der Erziehung widerstreitende Stoff der Klassiker aus den Schulbüchern zu entfernen; denn der Stoff des Unterrichts muß nach dem Zwecke des Unterrichts eingerichtet sein; im zweiten Falle ist der Stoff der Schriftsteller (ohne sogenannte Purification) zu belassen und in einer seiner Natur und dem Zwecke der Erziehung entsprechenden Weise zu behandeln. In politischer Beziehung ist der Inhalt ein solcher, daß wir die Geschichte Griechenlands und Roms sowohl in der Periode der Monarchie, als auch besonders in der Entwicklung und dem Verlauf der Republik, ihrem Ucber- gehen von einer Art und Gestalt in die andere und der endlichen Rückkehr zur Monarchie kennen lernen; die Einrichtung und Verwaltung jener Staaten, das politische Leben und Treiben jener Völker tritt uns in der Lectüre der Klassiker in einzelnen, scharf ausgeprägten Bildern vor Augen. — In religiöser Hinsicht werden wir mit den Begriffen und Vorstellungen der Griechen und Römer von ihren Göttern, mit ihrer Gottesverehrung und Moral, überhaupt mit der durch keine Offenbarung unterstützten Entwickelung des religiösen Bewußtseins, mit der selbst- geschaffenen Religion heidnischer Völker bekannt. Wir haben eS somit auf dem einen Gebiete vorzugsweise und meistens mit der Geschichte und den Verhältnissen republikanischer Staaten, auf dem andern immer mit dem Heidenthum zu thun. So sehr nun dieses auch auf den ersten Anblick mit der Erziehung in christlich-monarchischen Ländern in Widerspruch zu stehen scheint, so wenig sind im ganzen genommen die Bilder und Erscheinungen, die uns dort auf beiden Gebieten begegnen, bei näherer Betrachtung und besonnener Ueberlegung geeignet, eine Neigung zu der Form und den Verhältnissen jener Staaten oder zu der Religion jener Völker hervorzurufen. Wir behaupten davon gerade das Gegentheil. Freilich kann der Gegenstand jeder Lectüre richtig oder falsch aufgefaßt, gut oder schlecht behandelt werden. Es hängt somit der Erfolg nicht nur von dem unmittelbaren Inhalte, sondern hauptsächlich auch von der Art der Behandlung ab. Wir geben von vornherein zu, daß eine unbedingte Billigung und Verehrung des Alterthums nothwendig zum Irrthum führe und somit schade, ein gedankenloses und gleichgültiges Uebergehen des Inhaltes, besonders des Standpunktes und Jdeenkreises der Alten, leicht einer irrthümlichen Auffassung Raum gebe und dadurch nachtheilig werden könne. Auf politischem Gebiete, wo das Alterthum in der That gewisse Glanzpunkte in sich schließt, kann man durch unbedingtes Billigen und Verehren des Alten und durch Mangel an Unterscheidung des wahrhaft Guten von den nur scheinbaren Vorzügen leicht eine ganz verkehrte Weltanschauung und crasse Begriffsverwirrung hervorrufen. (Fortsetzung folgt.) Der Prämonskatenser-Chorherren-Orderr. Ueber diesen Orden findet man in den gebräuchlichen Nachschlagewerken so viele veraltete und nnrichtige Angaben, daß man das Erscheinen des Prämonstra- tenser-Kataloges mit Freuden begrüßen muß, welcher dem beständigen Abdrucken der höchst ungenauen und oberflächlichen Berichte gründlich ein Ende macht. Ein Mitglied des Ordens im Stifte Wilten (Innsbruck) hat sich der mühevollen, aber gewiß sehr dankenswerthen Arbeit unterzogen, den heutigen Stand des Prämonstratenser-Ordens derart festzustellen, daß auch die anspruchsvollsten Wünsche bis auf einen sehr hohen Grad befriedigt werden und dabei doch die Anschaffung des Werkleins sehr billig zu stehen kommt. (Der Preis ist nämlich für die große Seitenzahl XXVIII und 136 erstaunlich nieder. Er beträgt 85 kr. für einen broschirten, 1 fl. 10 kr. für einen gebundenen Katalog einschließlich der Postversendung.) Mit Erlaubniß des Herrn Verfassers entnehmen wir dem Kataloge, welcher in lateinischer Sprache geschrieben ist, folgendes: Der Orden vom heil. Norbert, späterem Erz- bischofe von Magdeburg, im Jahre 1120 in Prä- montrv bei Laon in Frankreich (Departement Aisne) gegründet, anfangs nnr für Männer bestimmt, bald darauf und zwar noch vom heil. Stifter auch auf Frauen (2. Orden) und schließlich sogar auf Weltleute beiderlei Geschlechtes (3. Orden) ausgedehnt, hat im Laufe der Jahrhunderte sehr mannigfaltige Schicksale erlebt. Unbeschreiblich rasch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Schweiz, Oesterreich-Ungarn, Polen, Spanien und anderen Ländern während der ersten zwei Jahrhunderte seines Bestehens aufgeblüht, sank er in den folgenden Jahrhunderten hier schneller, dort langsamer, bis die Stürme der Glaubensneuerungen, des 30jährigen Krieges, der Klosteraufhebungen zur Zeit der sogen. Aufklärung, die Verfolgung, welche über die kaih. Kirche überhaupt in Spanien und Polen (Rußland) in diesem Jahrhunderte kam, den stattlichen Baum seiner weittragenden Neste und Zweige so sehr beraubten, daß er jetzt leider beinahe einem Strunke zu vergleichen ist, der aber, wie wir aus der trefflichen, kurzen Ordensgeschichte erfahren (Seite VII—XXIV), zum Segen der Gläubigen noch voll Lebenskraft ist. Wenn auch keine größere Entfaltung mehr nach außen, so läßt sich doch eine um so innigere Vereinigung seiner treibenden Säfte ersehen, wodurch ja vor allem die nothwendige Stärke erzeugt wird, welche dem Orden ein so großes Ansehen verleiht. Der Zweck des Männerordcns ist die Pflege deS ChorgebeteS und der thätigen Seelsorge, welche er einst auf lausenden von einverleibten Pfarreien ausgeübt hat. Den Prämonstratenser-Chorherren wurde wegen ihrer wahrhaft großen Verdienste in der Seelsorge von Papst Benedikt XIV. in der Bulle „Oneioso" vom 1. September 1750 ausdrücklich ihre Berechtigung bestätigt, um jede weltliche Pfarrei sich bewerben zu können. Der Frauenorden hat ausschließlich ein beschauliches Gepräge. Der dritte Orden deS hl. Norbert, vielleicht der älteste dieser Gattung, hat die Heiligung der Weltlrute durch ein ächt christliches Leben zum Zwecke. Derselbe hat gleich anfangs eine ungeheure Ausbreitung erlangt, machte aber den spätern Orden deS hl. DominikuS und FranziSkuS Platz, ja gerieth fast in völlige Vergessenheit, bis er um die Mitte d«S 300 vorigen Jahrhunderts in der bayerischen Ordensprovinz wieder zur Blüthe gelangte, mit der Aufhebung der deutschen Chorherren- und Chorfrauenstifte im Jahre 1803 verschwand, neuerdings sich in Belgien, Frankreich, England erhob und auch schon in Oesterreich Boden gewann, nämlich in Mähren, wo er auf dem berühmten Wallfahrtsorte Hciligenberg bet Olmütz kirchlich errichtet ist. Der Prümonstratenser-Orden hat den Kardinal Oreglia als Protektor, als General den hochwürdigsten Herrn Sigmund Stary, Prälaten des Stiftes Strahow in Prag, wo auch der Leib des hl. Norbert ruht. Er besteht gegenwärtig aus drei Provinzen (denen je ein Generalvikar und Visitator vorsteht), nämlich der österreichischen mit 7 Chorherren - Abteien (Geras in Niederösterreich, Neu-Neisch in Mähren, Schlägl in Oberösterrcich, Sclau, Strahow, Tepl in Böhmen und Willen in Tirol) und 332 Mitgliedern, sowie mit 1 Chorfrauen - Abtei (Zwierzyniec in Galizieu) und 37 Mitgliedern, der brabantischen mit 7 Chorheiren- Abteien (Averbode, Grimberghen, Park, Postel, Tonger- loo in Belgien, Berne in den Niederlanden und Mon- daye in Frankreich), 2 Chorherren-Prioraten (St. Josef de Balariu und Nantes in Frankreich) und 325 Mitgliedern und 3 Chorfraucn - Prioraten (Bonlieu in Frankreich, Neerpelt in Belgien, Oosterhout in den Niederlanden) mit 86 Mitgliedern. Zu dieser gehören noch 4 Missionen (Crowle, Manchester, Spalding in England, Nosiere in Nordamerika). Die dritte Provinz ist die ungarische mit 2 Propsteien (Csorna und Jaszo) und 149 Mitgliedern. Außerhalb des Ordensverbandes befinden sich zur Zeit noch die „französische Chorherren- Congregation" mit 1 Abtei (St. Michel de F-rigolet in Frankreich), 4 Prioraten (Conques, Etoile in Frankreich, Farnborough, Storrington in England), 3 Missionen (Ambleside, Bedworth in England, Whithorn in Schottland) und 72 Mitgliedern, ferner 3 Chorfrauen- Abteien (Jmbramovice in Russisch-Polen, Toro, Villoria de Orbigo in Spanien) und 2 Chorfrauen-Prioraten (Berg Sion in der Schweiz, Czerwinsko in Russisch- Polen) mit 81 Mitgliedern, endlich noch das Ter- narinnenkloster Mesnil-St. Denis in Frankreich mit 19 Mitgliedern. Es zählt also der 1. Orden des hl. Norbert 878, der 2. Orden 204 Mitglieder. Ueber die Anzahl derselben im 3. Orden finden wir keine nähere Angabe außer der bereits genannten Zahl (19) der Terttarinnen, welche ein gemeinschaftliches Leben führen und womit die Zahl 1101 für die eigentlichen Ordensleute sich ergibt, während die weltlichen Mitglieder vorzüglich in Mähren, Belgien, Niederlande, England, Irland, Canada und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zerstreut sind. Seinem Hauptzwecke gemäß arbeitet der Orden vor allem in der Seelsorge, wozu, wie sehr gut bemerkt wird, auch die Heranbildung der studirenden Jugend gehört. 117 Mitglieder sind theils als Theologie-Professoren und Lektoren an Universitäten und Hauslehranstalten, theils als Mittelschul-Professoren, 368 als Dekane, Pfarrer, Missionäre, Cooperatoren u. s. w. in 191 Pfarreien (Missionen) mit über 306,360 Katholiken (von 4 Pfarreien in Frankreich konnte die Seelenzahl nicht ermittelt werden) thätig. Hauslehranstalten besitzt der Orden 12, Gymnasien 7 mit 2227 Schülern. Zwierzyniec in Ga- lizten hat eine Anstalt, in welcher 32 arme Mädchen unterrichtet und verpflegt werden, McSnil-St. Denis eine Waisenanstalt mit 20 Kindern. Der Ordens-Katalog enthält außer der bereits erwähnten Geschichte, den Namen, Aemtern und Wurden der Mitglieder, deren Geburts-, Einkleidungs-, Profeß- jahren u. s. w. (auch Geburtsorten) noch die Gründuugs- bczw. die Wiedererrichtungsjahre der Stifte, die Pfarreien, alle einzeln mit Dekanatsort u. s. w. sowie mit Katholikenzahl aufgeführt, worauf wir wegen Raummangels leider nicht eingehen können. Einen besonderen Werth hat er noch deßhalb, weil er alle Ortsnamen in der betreffenden Landessprache angibt, also nicht, wie es so oft zur großen Unbequemlichkeit der Leser bei lateinischen Katalogen vorkommt, mit latinisirten Namen aufwartet, die man selbst in den größten Wörterbüchern nicht findet. Auch die letzte Post der einzelnen Stifte ist angegeben. Seite 130—34 werden wir über die neueste Ordensliteratur in Kenntniß gefetzt. Uebersicht, Orts- und Namenverzeichniß lassen nichts zu wünschen übrig, sie sind mit erstaunlicher Emsigkeit angefertigt. Etwas störend sind manche Druckfehler, die aber alle leicht ausgebessert werden können, da sie auf Seite 128 ff. gesammelt sind, was bei ähnlichen Werken auch wieder oft vermißt wird. Bei einer späteren Herausgabe des Kataloges möchten wir gerne die Aufnahme der Patrone der Stiftskirchen, der Tage und Monate der Geburt, Einkleidung u. s. w. und eine etwas schnellere Drucklegung empfehlen, auch könnten die lateinischen Namen der Stifte der Vollständigkeit halber in Klammern beigesetzt werden. („N. Tiroler Stimmen.") Bergwerksverwaltung der Römer.') Ueber römisches Finanzwesen im Allgemeinen sind die historischen Nachrichten nicht zahlreich; vom Bergwesen insbesondere sind nur Schriften erhalten, die von Nichtrömern stammen. Den Römern galt eben nur der Ackerbau als ehrenvolle Beschäftigung; die Arbeit in den Bergwerken wurde entweder den am Bergwerk ansässigen Völkern auferlegt oder von Sklaven verrichtet, oder in der Kaiserzeit von Sträflingen. Unrömisch ist sogar das Wort vaetaUuw, mit dem nicht blos Metallbergwerke bezeichnet sind, sondern auch die Mineralgruben mit Schwefel, Alaun, Kreide und die Steinbrüche, die Marmor- und Wetzsteinbrüche. In der ersten Zeit war der römische Staat nicht, wie späterhin, Alleinbesitzer der Fossilien; er konnte nur neben Privaten als Unternehmer im großen Stil auftreten, allerdings auch die Concession ertheilen oder verweigern aus volksmirthschaftlichen Gründen. Die staatlichen Bergwerke wurden vom Censor verpachtet. Als die welterobernden Römer eine fremde Provinz um die andere in die Tasche steckten, da wurde erstens der italische Bergbau verboten und zweitens das, was früher dem besiegten Staate oder Könige gehört hatte, Eigenthum der römischen Gemeinde. Der ganze eroberte Boden galt als römisches Staatseigenthum, als ggar xnblieuo, und die Bergwerke wurden verpachtet zuerst an Einheimische, später auch an Römer und Jtaliker, an die berüchtigten Aussauger. Als Cato z. B. die Provinz Spanien verwaltete, erklärte er die Bergwerke für Staats- *) Vergl. Binder, die Bergwerke im röm. Staatshaushalt. Progr. Laibach 18L0/81. 301 gut und verpachtete sie so günstig, daß der Aerar täglich 25,000 Drachmen einnahm. Einzelnen Privaten und Gemeinden wurde ihr Bergwerk gelassen und kein Bergzins, keine Abgabe verlangt. Unter dem Kaiser AugustuS wurden die Provinzen in seuatorische und in kaiserliche abgetheilt; es gab dann eine Senatskasse: Aerar, und eine kaiserliche Verwaltungskasse: Fiscus. Mäcenas bezeichnete dem Kaiser die Bergwerke neben den Steuern als beste Einnahmequelle. Die Kaiser zogen aber auch (durch Confiscation z. B.) die Neichsbergwerke und die werthvollsten Marmorbrüche an sich, auch neue Erzadern wurden gesucht: die Soldaten aller Provinzen beklagten sich, daß sie zu Grubenarbeiten verwendet würden. Zuletzt gehörten selbst in den senator- ischcn Provinzen die besten Mineralschätze dem kaiserlichen Fiskus. Unter Vespasian endlich ist zum letzten Mal vom Grund und Boden des römischen Volkes die Rede: das ganze Staatsgut wird kaiserliches Fiskalgut, allerdings mit der ganzen Reichsverwaltung belastet; die Kaiser aber haben einen Theil davon in ihrem eigensten Privatbcsitz als pati'inioiuura Caesaris. Wo hatten nun der Senat und die römischen Kaiser Bergwerke und Steinbrüche? In den senatorischen Provinzen spielen Gold- und Silberbergwerke keine große Rolle, dagegen Kupfer (der Senat durfte nämlich nur die Kupfermünzen prägen, die Kaiser prägten die Gold- und Silbermünzen). Berühmt war die Jnselprovinz Chpern durch ihren Kupfer- reichthum. Die andern wichtigen Bergwerke hatte frühzeitig der Fiskus an sich zu ziehen gewußt: so gehörten ihm in den senatorischen Provinzen die Kupfer- und Eisenbergwerke von Macedonien, die großen und reichen Bergwerke Hispaniens (Baetica), das Kupferbergwerk von Nio Tinto und mehrere Bleibergwerke dort, die um vier Millionen Scstcrzien verpachtet waren. Die Kupfer- und Eiscnbergwcrke Galliens gehörten ebenfalls dem Fiskus, ferner die Eisenerzlager auf Elba und die Bergwerke auf Sardinien. Kaiserlich waren auch in den senatorischen Provinzen fast alle Marmorbrüche: so in Phrygien, auf der Insel Achaja und Epirus, auf Paros und Skyros, der von den Dichtern so gepriesene Marmor von Euböa, der Marmor von Sparta, der korinthische und die Marmorbrüche vom Berg Hymettos, in Italien die Brüche von Carrara. In Spanien blieben dem Aerar die Zinnobergruben von Sisapo, die allerdings sehr einträglich waren, da für das Pfund Zinnober 70 Sesterzien gezahlt und jährlich 2000 Pfund an die Fabriken in Rom geliefert wurden. Kreta lieferte Kreide und Pontus Edelsteine und den röthlichen Thon von Sinope. L. Viel größere Bedeutung hatten die Bergwerke in den kaiserlichen Provinzen. Da sind vor Allem zu erwähnen die Goldschätze von Asturien und Lusitanien. Aus dem Tnjo und Dnero wurde Gold gewaschen, besonders in Asturien gewann man ungeheure Massen Goldes. Ganze Hügel leicht gekitteten Golderzes wurden untergraben, zum Einsturz gebracht und in das so gelockerte Erdreich aus weiter Entfernung her auf künstlichen fliegenden Holzaquädnkten mächtige Ströme Wassers geleitet, um das Gold von dem tauben Sand zu scheiden. Wichtig war auch. die Goldgewinnung in Mösien, wo der Fiskus den Betrieb auf eigene Regie hatte. Trojan und Hadrian wandten diesem Zweig der Staatsverwaltung besondere Sorgfalt zu. Die Mösier selbst waren sehr geschickte Bergleute und Metallarbeiter und wurden deßhalb zu Halbfreien, zu Colonen, gemacht. Ein minenkundiges Volk waren auch die Thracier; der thracische Bergbau lieferte ebenfalls Gold und Silber, nicht blos den Römern, sondern später noch den Byzantinern. Auf Gold wurde auch in Jllyrien und Dnl» watien gegraben, deßgleichen in Dacien neben Salz. Silber gab es bet Ncu-Karthago und Castulo; doch waren diese Lager schon früher von den Karthagern und später von den Römern maßlos ausgebeutet. Eisenerz gab es in Palästina, Kappadocien, in Pannonien, im heutigen Perigord in Frankreich. Der Reichthum an Blei- und Eisenerzen von Cantabrien ist heute noch nicht erschöpft. In Noricum gab es Eisen und Salz. (Auch das Salz war Monopol des Staates.) In England gruben die Römer nach Eisen und Silber; der Reichthum an Blei in England war so groß, daß man die Förderung beschränken mußte, um den Preis nicht zu sehr herabzudrücken, ferner versorgte England nebst Lusitanien das römische Reich mit Zinn. Reiche Einnahme brachte dem kaiserlichen Fiskus der vielberühmte Syenit von Acgypten und die dortigen Porphyrbrüche. Noch im Beginn des vierten Jahrhunderts arbeiteten christliche Bekenner in diesen Brüchen. Einen vielfach verwendeten Marmor lieferte Numidien bis in die späteste Kaiserzett. In Numidien waren auch Kupferlager, in denen im dritten Jahrhundert christliche Märtyrer arbeiteten. Aus Syrien kam zu Plinius' Zeiten Gyps und Alabaster. Unter den späteren Kaisern von 365 an wurde auch der Privatbetrieb wieder gestattet, eine Abgabe festgesetzt und dem Fiskus das Verkaufsrecht für Gold re- servirt. Durch die Privatindustrie wollte man eben neue Bodenschätze erschließen, weil Geldmangel herrschte. Dieser Geldmangel war einmal so groß, daß sich die Kaiser Gratian, Valentinian und Theodosius genöthigt sahen, ein Ausfuhrverbot auf Gold zu erlassen, wonach den Barbaren kein Gold gegeben werden durfte, ja das schon in ihrem Besitz befindliche Gold sollte ihnen auf feine Weise (subtili inZanio) abgelistet werden. Weiter wurde bestimmt, daß Kaufleute, durch die Gold über die Grenze fließe, sich der Todesstrafe schuldig machen. Nachdem nun der Bergbau wieder den Privaten überlassen war, that Justinian den weiteren Schritt, daß er das Obereigenthnm des Staates über die Grundstücke aufhob: so ward der Grundbesitzer wieder freier Disponent über seine Grundstücke. Was die Verwaltung der Bergwerke betrifft, so wurden die Einkünfte aus den Staatsbergwerken vom Censor verpachtet, und zwar entweder so, daß die Bergwerke selbst von den Pächtern betrieben wurden, oder so, daß die Abgaben, die sie dafür zu zahlen hatten, wieder an Pächter, also an Abgabepächter, vergeben wurden, die dann die Eintreibung besorgten. Pächter wurde, wer das größte Angebot machte. Da ein einzelner Kapitalist nicht die nöthigen Summen aufbringen konnte, so vereinigten sich mehrere Pächter (pnstlianni) zu einer Societät — Kommanditgesellschaft. Eine solche Gesellschaft erwähnt z. B. PliniuS und sagt von dieser, die auch die Gruben von Sisapo gepachtet hatte, daß sie ihren Gewinn bedeutend vergrößerte durch Fälschungen, die sie an dem Farbstoff in den römischen Fabriken vornahm. Während nun die senatorischen Bergwerke den Pachtgesellschaften vollständig überlassen blieben ohne weitere Beschränkung und Aufsicht, wird von Tiberius bereits gemeldet, daß er die kaiserlichen Einkünfte von eigenen Beamten verwalten ließ. Trotz dieser Beamten (proLurntoras) wurde aber das Pachtsystcm nicht vollständig aufgegeben: der Pro- M kurator konnte nun entweder das Gut in kaiserlicher Regie betreiben oder, wenn es ihm vortheilhafter erschien, ganz oder Iheilweise verpachten. Der Hütten- betrieb blieb stets Privaten überlassen, die das Erz aus fiskalischen Gruben kauften oder diese selbst in Pacht hatten. Das System der Selbstbewirthschaftung wurde, wie schon erwähnt, in Mosten und Thracien, Jllyrien, Dalmatien, Macedonien und Dacien ausgeübt. Die in Dacien arbeitenden Colonen, jene halbfreien Arbeiter, die zwar heirathen und Grund erwerben, aber nicht wandern durften, waren hierher versetzt aus Pannonien und Dalmatien zur Ausbeutung der dacischen Gold- lager. Das Bergwerk unterstand also einem kaiserlichen Beamten, einem Prokurator, bei größeren Betrieben gab es noch einen Sub-Prokurator. Im vierten Jahrhundert erscheint eine Centralbehörde: der Berggraf von Jllyrien, dem die gesammte Bergwerksverwaltung der Provinzen unterstellt war. Die Verpachtung des Bergwerks geschah in Form einer Auktion: der Ersteher mußte die Auktionssteuer und den Auktionator bezahlen. Interessant ist, daß diese Steuer ebenfalls verpachtet war; der Pächter dieser Steuer bekam bei jedem öffentlichen Verkauf ein Procent vom Werth. Diese Steuer war auch zu entrichten, wenn es, nachdem es vergebens öffentlich feilgeboten war, unter dem ausgerufenen Werth verkauft wurde. Wurde die Gebühr binnen dreier Tage dem Pächter nicht bezahlt, so hatte dieser das Doppelte zu fordern. Wie die Auktionssteuer, war übrigens auch das Geschäft des Ausrufers in Pacht gegeben. Wir werden noch von mehreren Geschäften hören, die der Staat verpachtet hatte. Wenn also ein Bergwerk verpachtet war, so konnte der Pächter durch freie Taglöhner oder durch Sklaven oder durch Sträflinge, die der Fiskus lieferte, das Erz fördern, verkaufen oder sonst verhütten. Der Ertrag des Bergwerkes aber wurde von dem Prokurator verpachtet und an die kaiserliche Kasse eingesandt. Bei Regiebetrieb wurde das Edelmetall an die nächsten Münzen geliefert oder nach Rom geschickt. (Schluß folgt.) Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkärnten). Von Cölestin Schmid. (Schluß.) Zwischen den vier ziemlich weit auseinanderlegenden Dorfgemeinden von Göriach wogte beständig eine wahre Völkerwanderung hin und her. Man besuchte sich gegenseitig nach alter Sitte: so gab auch jeder Tanzplatz immer wieder andere Bilder. Was ich aber immer wieder traf, war der hohe Procentsatz von hübschen, sogar schönen Gefichtsbildungen bet den Thaldamen. Neben dem im allgemeinen vorherrschenden gemäßigt slavischen Typus waren auch blauäugige Flachsköpfe und ebenso italienische Schärfe der Linien zu finden. Fast noch hervorstechender schien mir die zierliche Eleganz der Tanzbewegungen. Der österreichische Kaiser hat ja einmal bet einem Besuche in Körnten erklärt, daß die Nosen- thaler (Drauthal bei Klagenfurt) die besten Sänger und die Gailthaler die besten Tänzer der Monarchie seien. Und all diese heitere Beweglichkeit und froher Natursinn bei den Bewohnern eines von Felsen umdrohten Thales, denen sie in harter Arbeit und unerschrockenem Kampf ihr Leben abtrotzen müssen! Sind die Klänge des letzten Kirchtages verklungen, so schickt auch schon der Gebirgs- winter seine Boten ins Thal, bis er selbst mit eisiger Gewalt sich in der kleinsten Ritze des Grundes festkcallt. Zieht dann endlich wieder draußen im Land der Frühling über die schneefreien Fluren, so beginnt hier erst recht der Kampf gegen die feindliche Natur, und auf Steinlawinen, Vermurung durch die Bergbäche folgt alsbald die Gluthhitze des Sommers, von den Bergwänden in das gegen den Ausgang fast abgesperrte, tiefliegende Thal Zurückgeworfen. Droben auf den Hochalmcn der Züge zwischen karnischen und Mischen Alpen geht dann der Kampf erst recht wieder los gegen die auf diesen Wasserscheiden stetig sich zusammenziehenden Hochgewitter. Und das Alles zieht in dem Geleise der öden Alltäglichkeit in langer Reihe wie eine schale Kruste über das tiefere Bewußtsein des abgabengedrückten Gebirglers hin, bis an dem längst ersehnten Kirchtag das niedergedrückte Gemüth gewaltsam wie der lautere Quell durch die Steinmure bricht. Daß das Volk im Gailthal noch so zärtlich an seinem alten Kirchtag hängt und keine anderen Genüsse als Entschädigung für lange, harte Arbeit sucht, ist das sicherste Zeichen dafür, daß seine tief in dem geliebten heimischen Boden haftenden Wurzeln von den zersetzenden Ideen der modernen Zeit noch nicht angefressen und von mißverstehenden Aufklärern noch nicht gelockert sind. Dabei geht dem germanisirten Slovenen Kärutens, resp. des Gailthales, noch Alles, Kirchliches und Weltliches, Glaube und Dämonenfurcht, aus einem noch nicht getheilten und zerrissenen Gemüth heraus. Ich war erstaunt, bei einer Primizfeier, bei der das halbe, hauptsächlich windische Gailthal versammelt war, ganz dasselbe zu treffen, wie auf den Kirchtagen. Kaum daß der Primiziant, mit einem riesigen Blumenkränze, welcher wohl seine Vermählung mit der Kirche versinnbildlichen soll, geschmückt, aus der Kirche zurückgezogen, so begann auch schon das Treiben unter der Dorflinde und nachher auf den Tanzplätzen. Ebenso wie die Volks- heiligthümer und Wallfahrten in Körnten vielfach auf hohen Bergen stehen, und gerade denjenigen, die auch jetzt noch Veranlassung zum Glauben an dämonische Naturelemente geben. Das ist eben Volksreligion im wahren Sinne des Wortes. Das stoßweise Stchoffenbaren des Volksgemüthcs geht auf ferne jugendliche Jahrhunderte zurück, gleichviel ob es als altslavisch oder altgermauisch genommen wird. Jedenfalls aber bildet es die hervorstechende Eigenthümlichkeit gerade der altgermanischen poetischen Literatur, während wieder andere Züge des »indischen Völkleins mehr slavischen Charakter ausweisen. Aehnliches habe ich nur mehr auf dem vielfach als roh und halbwild verschrieenen altbayrischen Flachland gefunden. Hier liegt die elementare Kraft noch roher, ungebrochener, als in Südkärnten, wo drei verschiedene Culturen sich mischen oder wenigstens zu- sammengrenzen. Darum trifft man diese Dinge, hauptsächlich im Gebiete des Jsar- und Vilsthalcs, in Mt- bayern bei entsprechenden Gelegenheiten, welche hier nur mehr die Hochzeiten bilden, auch noch ungefüger, unvermittelter aufeinander folgend. Der Vater der Braut ist gestorben, der Brautbruder tritt an den Tisch und singt auf den verstorbenen Vater, oder die einzige Tochter hat von der alten Mutter weggeheirathet und eine Anverwandte tadelt sie deshalb in einem Schnadahüpfl: da bricht die ganze Brautgesellschaft in krampfhaftes Schluchzen aus. Im nächsten Augenblick wird ein lustiges Trutz- 303 schnadahüpfl dazwischen gesungen, und mit den meisten Taschentüchern verschwinden ebenso urplötzlich die Thränen. Mir ist bet Vergleichung des bajnvärischen und des ober- kärntischen VolkSthums immer wieder die Parallele zwischen den klotzigen, sprungweise» Eddaliedern und dem wettern Eefüge der milderen Nibelungenlieder in den Sinn gekommen. Jedenfalls bieten sich hier allein, will man noch annähernd in den Charakter jener alten Volksdichtungen eindringen, noch die Wege. Sind eS auch schon Bäche, die eine ziemliche Zeit unter dem Sonnenlicht geflossen, so ist eS doch immer noch dasselbe natürliche, unverdorbene Wasser, das dem wilden, kalten Quell entsprungen. Recensionen nnd Notizen. Ehrhard Alb., Die altchristliche Literatur unbihre Erforschung seit 1880: Allgemeine Uebersicht und erster Literaturbericht (1880 — 1834). 8°, XX -fl 240. Frcibnrg i. Br., Herder 1894. M. 3,40. S. Was die altchristliche Literatur- und Kirchcngcschichtc betrifft, so leben wir gegenwärtig in einem Zeitalter der Entdeckungen, indem die historisch-kritische Methode der theologischen Wissenschaft ihre Triumphe feiert. Leider müssen wir gestehen, daß auf katholischer Seite mit den unter enormem Aufwand von Forschcrflech gemachten Anstrengungen protestantischer Gelehrter nicht im entfernteste» gleicher Schritt gehalten wurde. Ein Blick auf den Inhalt vorliegenden BuchcS wird diese Anklage rechtfertigen; zum erstenmal erscheint hier von katholischer Seite eine Uebersicht über das, was seit 1880 in Erforschung der altchristlichen Literatur geleistet wurde, so daß wir unS über den Stand der Wissenschaft in leichter Weise oricntiren können. Das Buch bildet das IV. und V. Heft der „Straß- bürger theologischen Studien", eines noch ganz jungen Unternehmens, das sich aber schon (im Heft I u. II) durch die erste Veröffentlichung („Natur und Wunder" von E. Müller) den Ruf oer Gelehrsamkeit in hervorragender Weise errungen hat und sich denselben auch im 3. Hefte („Barth. Arnoldi von Usingeu" von 3!. Paulus) bewahrte. Erhard's Studien gliedern sich dieser Zeitschrift würdig an; alles ist mit philologischer Gründlichkeit und mit ruhiger Unparteilichkeit erörtert. Die Einleitung bespricht die puristischen Studien der Gegenwart im allgemeinen, dann folgen 14 Abschnitte über die ältesten christlichen Literaturdenkmäler (apostol. Vater), die griechischen Apologeten, die ältesten Kirchenschriftstcllcr Kleinasiens, die ältere alexandriuische Schule, die älteren afrikanischen und römischen Schriftsteller, die großen Theologen der griechischen Kirche bis zum 5. Jahrhundert, die Vlütbezeit der kirchlichen Literatur im Abendland und die Zeit der Nachblüthe, die Kirchenschrift- stellcr auf dem päpstlichen Stuhle, die altchristlichcn Historiker, Dichter und Hymnologen, die orientalischen Kirchcnschriftstellcr, die symbolischen, liturgischen nnd hagiograpbischcn Literaturdenkmäler bis zu den letzten Vertretern der patristischcn Literatur in den germanischen Reichen. Dem reichen Belchrungsstoff folgt noch ein Rückblick und Schlußwort, das wir gewissen vorur- theilenden und „wiederkäuenden" Richtungen der heutigen Theologie recht dringend zur Bcherzigung empfehlen. Möchten wir doch nur mehr solche Gelehrte haben, wie Ehrhard I Seine Arbeit darf sich schmeicheln, jedem Theologen, namentlich dem Historiker, ein unentbehrliches Handbuch zu sein; hoffentlich wird das Werk fortgesetzt, um auf dem Laufenden zu bleiben. Longfellow H. W., Lied von Hiawatha, deutsch im Versmaß der Urschrift von F. Rouleaux. 8°. XVIII -s- 201 S. .Stuttgart, I. G. Cotta 1894. M. 2,00. -r. Der feinsinnige Literaturkritiker Al. Baumgartner ( 3 .1.) hat uns in „Longfellow'S Dichtungen" (2. Aufl., Frcibnrg 1837) ein sympathisches Bild amerikanischen DichtcrlebenS vorgeführt, aus dem gewiß jeder Leser ein gesteigertes Interesse am Sänger des Himvatha-Licdes geschöpft haben wird. Dieses bekannteste und berühmteste Werk Longfellow'S ist natürlich schon öfter in andere Sprachen übersetzt worden, sogar ins Lateinische (von Newman, London 1873) und Griechische (von Pervanoglos, Leipzig 1883), öfter auch ins Deutsche; zu den besten Ucbcr- tragungen zählt sicher die vorliegende von F. Neuleaux, die zudem bei billigem Preis tadellos ausgestattet ist. Angenehm liest sich die klare Antiqua-Schrift, welche gewählt wurde „weil die zahlreichen Fremdnamcn sich in gothischen Buchstaben gar zu gesträubt ausnehmen"; möge überhaupt die augenmörderische und krüppelhafte sogenannte „deutsche Schrift", die Schweden, Polen, Böhmen, Lithauer, Wenden, Ungarn auch hatten, aber längst aufgaben, bald aus unseren Druckereien verschwinden. Das reizende Büchlein wird gewiß dem Sang von Hiawatha, dessen Kenntniß in Amerika zur allgemeinen Bildung gehört, auch in Deutschland neue Freunde gewinnen. Spillmann Jos. (s.I.), Wolken und Sonnenschein: Novellen und Erzählungen. 12", 2 voll. S. 315 u. 313. Freiburg i. Br.. Herder 1894. (IV.) M. 4.20. 1. In eleganter Ausstattung nnd handlicherem Format (consorm dem neueren prächtigen Werk „Wunderblume von Woxindon" desselben Verfassers) erscheint hiemit die mit der dritten gleichlautende Neuauflage eines NovellcnkranzeS, der den Erzähler unter die ersten Reihen deutscher Novellisten setzt und den Leser wahrhaft erfreut und erfrischt. Die erste Erzählung „DaS ParadicSzimmer" ist ein wahres Kabinetstückchen des ge- müthvollen älteren ChrouistcntoneS; rührend „der Judenknabe von Prag" und nicht minder reizend die übrigen Geschichtchen, die den Meister künstlerischer Prosa in jeder Zeile verrathen. Hätten wir solcher Bücher nur mehr! Vielleichr interessirt es manchen Leser, zu erfahren, daß die feinsinnigen Novellen auch in'S Französische übersetzt (»XuaAss st raz-ous äs solsil: traä. xar LI. äs IwstanAes-Böäner.- 16°, xp. 239. LrnZs», 51. 6al1e- vasrt 1893) herausgekommen sind. Französ ische Volksstimmungen während des KriegeS 1870/71. Von Dr. E. Ko schwitz, Professor an der Universität Greifswald. Heilbronn, Verlag von Eugen Salzer. 132 S. O Eine sehr interessante Sammlung von Aeußerungen und Stimmungen, wie sie in verschiedenen französischen Zeitungen und Schriften von dem Zusammenballen des Kriegswettcrö, während dessen Auöbruchs und darnach laut geworden. Wer aus seinem Cäsar die Charakierzeichnung der alten Gallier kennt, ihre Leichtgläubigkeit, Schwatzsucht, ihren Leichtsinn, ihre Selbstüberschätzung, ihre Verachtung der Gegner, ihre Tollkühnheit und ihre Verzagtheit nnd Mutlosigkeit, ihre Rachsucht, ihre Nnritterlichkcit regen wehrlose Feinde, wird aus diesem Schriftchen kick überzeugen, daß der altgallische Charakter über die ihn mildernde und zugleich kräftigende fränkische Beimischung, die noch bis zum Ausgang des Mittelalters sich geltend gemacht, vollends Herr geworden ist. Die Sammlung bildet daher einen schätzbaren Nachtrag zur Kriegsliteratur, ihr kommt auch ein bleibender Werth zu. Albrecht Dürer. Sein Leben, Wirken nnd Glauben, dargestellt von Anton Weber. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 11 Abbildungen. RegenSburg, Pustet, 1894. 152 Seiten, Preis 1 M. 20 Pf. In diesem Buche gibt Lycealprosesior vr. Weber, der sich bereits in seiner Schrift über den Bildhauer Dill Niemcnschneider als tüchtiger Forscher und gründlicher Kenner der deutschen Kunstgeschichte erwiesen, ein belehrendes nnd anregendes Bild von dem Leben, deni Charakter und den Arbeiten des großen Nürnberger Meisters. Den historischen Hintergrund bildet die in vieler Hinsicht glanzvolle Zeit des ausgehenden Mittclaltcrs, in der die fränkische Metropole der Kunst und Wissenschaft so reich war an Männern von seltenen Geistesgabcn und hohem schöpferischen Können. Im ersten Bande seiner Geschichte hat bekanntlich Jansscn in wirkungsvollen Zügen uns das Leben einiger dieser Männer geschildert, so des Willibald Pirkheimer, des Johann Müller, genannt Rcgiomontanus. Der von Pastor bearbeitete siebente Band bietet zu dem dort Gesagten manche ausgezeichnete Ergänzung. In jenem Kreise großer Männer nimmt Dürer einen bedeutenden Platz ein. Er erlangte als Maler, Kupferstecher und Zeichner von Vorlagen für Holzschnitte, sowie als Verfasser praktischer Werke über Meßkunst, FcstungSbau, über menschliche Proportion u. dgl. hohen Ruhm nnd wurde von Fürsten nnd Bürgern in gleicher Weise geehrt. Unvergleichlich sind viele Kunstblätter, die sein trefflicher Stift geschaffen hat, so daß ihn gerade diescrhalb ErasmuS über Apcllcs und die Maler überhaupt stellt. Klar, treffend und für jeden objektiven Denker entscheidend sind in Webers Buch die Charakteristik des Künstlers und die Ausführungen über das Glaubensbekenntniß desselben. Der Verfasser beleuchtet und widerlegt darin die seit Kuglers windiger Behauptung in neuerer Zeit von Protestanten vielfach vertretene Ansicht, Dürer sei überzeugter Anhänger der Lehre Luthers gewesen, seine Kunst habe „wahrhaft evangelischen Charakter", Wohl gesteht der Verfasser zu, daß Dürer wie so viele andere edel denkende Männer jener viclbcwegten Zeit bei dem ersten Auftreten Luthers eine thatsächliche Reformation erhofften; er hält aber fest, daß er sich mit ihnen energisch von der neuen Lebre abwandte, als sie in Wahrheit eine Deformation und zugleich die uugcmein schädlichen Einflüsse und traurigen Folgen derselben sahen. Das Buch zeichnet sich durch übersichtliche Darstellung, durch sorgfältige Benützung des wissenschaftlichen Materielles über Dürer, sowie durch ein feinfühliges Urtheil in Fragen der Kunst und ein unbestechlich strenges und klares Urtheil in Fragen des religiösen Bekenntnisses aus. Besonderes Interesse erregt in dieser um 33 Seiten vermehrten Ausgabe die gründliche Widerlegung der fast allgemeinen Annahme einer Reise Dürers in den neunziger Jahren nach Italien und die eingehende Besprechung des in allerneuestcr Zeit bekannt gewordenen Gemäldes: „Maria mit dem Zeisig". Die 11 Abbildungen geben charakteristische Proben der Werke des großen Meisters und bilden eine schöne Ergänzung des fließend geschriebenen und lehrreichen Textes. Die hübsch ausgestattete, dabei so wohlfeile Schrift kann daher bestens empfohlen werden. _ vr. H. Reicher und mannigfaltiger als je zuvor ist Bcnzigers Marienkalcndcr für das Jahr 1895 soeben aus der Presse hervorgegangen. Text und Bilder bieten eine solche Fülle des Interessanten, Schönen und Lehrreichen, daß wir den Preis dieses Kalenders (50 Pfennig per Exemplar) als einen sehr niedrigen bezeichnen müssen. Was denselben während der kurzen Zeit seines Erscheinens so allgemein beliebt und anziehend machte, das sind vorab seine von berühmten Volköschrifistcllcrn geschriebenen vielen schönen und spannenden Erzählungen. Der diesjährige Kalender bringt sechs lange, reichhaltig illustrirte Geschichten. Als eine der schönsten bezeichnen wir die in lebhaften Farben geschriebene, wahrhaftige Geschichte von Wickmer, betitelt: „GottcS Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich sicher", dann das ergreifende Familiendrama „Franz Erlenkamp", die rührende Erzählung von Joachim „Er hatte das Beten verlernt", die hochinteressanten Erlebnisse des weltbekannten Neiscschrist- stellcrs Karl May in Kairo und Tunesien endlich die zwerchfellerschütternde Militär-HumoreSke „Der Spuk in der Kaserne". Als eine besondere Zierde des Kalenders nennen wir die Abhandlung über den allgemeinen Verein der christlichen Familie, von keinem Geringern geschrieben, als dem Senior des schweizerischen Episcopates, dem Gnädigen Herrn Bischof Egger von St. Gallen. Dieser schließt sich an „Saat und Ernte", eine Zusammenstellung von Gedenktagen aus früheren Jahrhunderten, jewcilen auf daS Jahr 95 entfallend, ferner eine illustrirte Rundschau, enthaltend die wichtigeren Begebenheiten des letzten Jahres, ein interessanter Artikel über den berühmten Wallfahrtsort LonrdeS, die Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem, Gesundheitspflege, Mahnwort an das Volk von vr. I. A. Schilling u. s. w. Wer auch die Poesie fehlt in Bcnzigers Marien- kalender nicht, da finden wir vorab das schöne Gedicht des gottbegnadigten Dichters v. Leo Fischer: „Die Jungfrau von Orleans", dann den reich illustrirte» Zimmerspruch von Ludw. Uhland, >8ursum eorlla- von L. Hensel u. s. w. Besonders hervorzuheben ist k. Alexander Baum- gartners Gedicht, welches als Text dem reichen Farbendruckbilde „Maria. Königin der Heiligen" beigcgeben ist. Unerreicht steht BenzigerS Maricnkalendcr bezüglich dcrJl- lustratiouen da. Nebst dem schon genannten Chromobilde begegnen wir einer großen Anzahl feinster, ganzseitiger Holzschnitte ernsten und humoristischen Inhaltes; wir können sie nicht alle aufzählen, dagegen sind Bilder wie „Die heilige Familie" von Nhoden, „Beim Klang der Abendglocke", „Die Jungfrau von Orleans auf dem Scheiterhaufen", „Die heilige Messe in der Neformationszcit" von Feuerstein, „Die Aufschneider" und „Die Cigarrcnprobe" von Flashar, gerade entzückend, wenn nicht unübertrefflich. Kurz und gut, „BenzigerS Marienkalender" ist ein Unikum, welches wir Jedermann bestens empfehlen können, umsomebr, als, wie schon oben bemerkt, der Preis desselben mit Rücksicht auf das Gebotene ein spottbilliger zu nennen ist. Gustav Durch ard: Hans Sachs-Dramer»: nebst einem Testspiel, Berlin, F. Fontäne L Co. Preis 1 Mk. Es ist ein verdienstvolles Unternehmen das Repertoire der ! modernen Bühne durch pietätvolle Bearbeitung dramatischer i Dichtungen Hans Sachs' zn bereichern. Die vorliegende Ausgabe dürfte geeignet sein, zu überzeugen, daß Hans Sachs nicht nur als „Vater der deutschen Bühnendichtung" ein litcrar-historisches Interesse für uns haben sollte, sondern daß die lebendige Kraft, die in seinen dichterischen Werken ruht, sich auch noch heute bewährt. — Die hier zusammengestellten Stücke zeigen uns den Meister von der ernsten und heiteren Seite. — Eingeleitet wird das Werk durch ein Testspiel. Diese Arbeit Gustav Burchards erscheint rechtzeitig zum vierhuudertsten Geburtstag Hans Sachsens und ist durch den liebenswürdigen Inhalt und den Prächtig getroffenen Ton jener Tage wie geschaffen zur „SachS-Feier". ES ist im Rahmen eines kurzen AkteS gehalten, um dem Nürnberger Meister dann selbst, als dem würdigsten Fürsprecher seiner unvergänglichen Verdienste nur die deutsche Dichtung und ihre Pflcgcstättcn, daö Wort zu geben. _ Linzer thcol.-praktiscbe Quartalschrift. Jahrgang 1891. Expedition: Linz, Stiftcrstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 3. Heftes u. A.: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von ?. Albert Maria Weiß 0. vr. — Ehcdispenscn im inneren Forum. Von Dompropst Dr. Johann Pruner in Eichstätt (Bayern). — Die Thorheit der Gotteslcugnung. Von Professor Augustin Lehm- kubl 8. 9. in Exaeten (Holland). — Daö Rundschreiben Leo's XIII. über das Studium der hl. Schrift, Von Professor vr. Philipp Kohout in Linz. — „Der CapitaliSmus ün äs sisolo," Besprochen von Graf Sylva-Tarouca. — Wie kann der Seelsorger zur Beseitigung des Pricstermaugels mitwirken? (Schlußartikel,) Von Frz. BartbolomäuS in N. — Heiligenpatronate, (Dritter Artikel,) Von k. v. II. — Marian- ischeS Nicdcrösterrcich. Von Pfarrer Josef Maurer in Deutsch- Altenburg. — Pastoral - Fragen und -Fälle: 1) Ehelich oder uncbelich? Von Dr, Rudolf v, Scherer, Uuivcrsitäts-Proiessor in Graz. 2) Gewinn im Spiel mit fremdem Geld und Nesti- tutiouSpflicht. Von Josef Weiß, Professor in St. Florian. 3) Darf an einem Altar, an welchem daö Allcrheiligste ausgesetzt ist, cclcbrirt und die hl, Communion ausgetheilt werden? Von v. Bernard Schmid 0. 8, L. in Scheycrn, Bayern. 4) Winke für Katecheten. Von Dr. Joh. Ackert, Professor in St. Florian. 5) Wie können die bei den Mcßgebetcn begangenen Fehler oder Verstöße verbessert werden? Von vr, I. N i g l u t s ch, Professor in Trient, 6) Ausstellung des TrauungSschcineS bei Trauungen per äsIsZationew. Von Franz Niedling u. s. w. — Literatur. — Erlässe und Bestimmungen der römischen Kongregationen. Zusammengestellt von ?. Bruno Albers 0. 8. L. in Beuron, — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sachen der Ablässe. Von v. Franz Beringer 8, ll., Con- sultor in Rom. — Bericht über die Erfolge der kathol. Missionen. Von Joh. G. Hubcr. — Kirchlich-socialpolitische Umschau. Von v, A. M. Weiß 0. vr. — Kurze Fragen und Mittheilungen. Sonntagskalen der für Stadt und Land. (Kalender für Zeit und Ewigkeit.) 1895. Mit vielen Illustrationen und einem Titelbild von Joseph von Führich. (52 S. Text.) Mit und ohne Calendarium. 30 Pf. Freiburg im Breisgau; Herdcr'sche Dcrlagshandlnng. 1894. Zur gewohnten Zeit hat sich der Sonntagskalender eingestellt, der nun zum 35. Mal seine Einkehr in Tausende katholischer Familien hält. Weder an innerein Gehalt noch an der äußern Ausstattung ist der neue Jahrgang hinter seinen Vorgängern zurückgeblieben. Belehrendes, Unterhaltendes und Erbauendes finden sich hier in reicher Abwechslung, lind viele recht schöne Bilder sind in den Text eingestreut. Aus dein reichen Inhalt erwähnen wir: die gemüthvolle Erzählung von Sebastian Thalhuber: Der krumme Boten-Alexi. (Mit Bild.) — vr. Friedrich JustuS Schlecht, Weihbischof von Freiburg. (Mit Bild.) — Gesühnt. Erzählung von Antonie Jüngst (schildert das Schicksal eines den Anarchisten in die Hände gefallenen ArbeitcrS). (Mit 4 Bildern.) — Cardinal Steinhuber und das römische Collegium Gcrmanicum, (Mit 2 Bildern.) u. s. w. — Eine» nicht zu unterschätzenden Vorzug des „SonntagSkalenders" bildet auch der billige Preis von nur 30 Pfennig, der dessen weiteste Verbreitung unter dem katholischen Volke ermöglicht. Berantw, Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg.