N,-. 39 M Mgsmlrger M, 27. Keptdr. 1894. De Rossi 1°. * Wie schon gemeldet, ist der berühmte Archäologe und Epigraphiker G. Battista de Nossi gestorben. Die „Deutsche Neichszeitung" gibt ein Lebensbild desselben, dem wir entnehmen: De Rossi war geboren am 23. Februar 1822 in Nom, erhielt daselbst auch seine gelehrte Bildung. Den archäologischen Studien zugewendet, veröffentlichte er seine ersten Arbeiten in gelehrten Zeitschriften. Er behandelte zunächst vornehmlich die christlichen Inschriften des 1. Jahrhunderts und richtete dann sein Augenmerk auf die gründliche Erforschung der römischen Katakomben. Die epochemachenden Ergebnisse seiner Forschungen liegen vor in den Werken: »InsorixtionW cstristiallÄS urdis Ilornus scxtirao scculo untiquiorW" (Nom 1857 ff.); „Horn«, Zvttcrunca, cri8tig.ua>" (das. 1864—67. 2 Bde. mit Kupfern; deutsch von Kraus, Freiburg 1872 ff.; auch ins Französische und Englische übersetzt); „>lu8gioi oristiaui" (Aus den Basiliken Roms, Nom 1872 ff.). Anderes von ihm enthält da? „LoUctino äi ^rostcoloßig cri8tigng", das er seit 1863 selbst herausgab. Rossi war Professor an der Universität zu Nom und Mitglied der koutikeig ^coaciciuiL ä'grcstevIoZig sowie gelehrter Gesellschaften des Aus- landes (seit 1877 auch Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien). Der Höhepunkt der wissenschaftlichen Thätigkeit de Rossi's sind unbestitten seine Katakombenforschungen, denen er sich als Schüler des hochverdienten Jesuitenpaters Marchi, des wissenschaftlichen Begründers der modernen Forschung auf diesem Gebiete, hingab. Die Erfolge de Rossi's sind geradezu beispiellos, und sie wurden errungen durch eine erstaunliche Gelehrsamkeit, gepaart mit Bienenfleiß und großer Geschicklichkeit. De Rossi verstand es auch, Papst Pius IX. für seine Sache zu interessiren, der für die Aufdeckungsarbeiten eine besondere Commission ernannte und jährlich die Summe von 18,000 Franken dafür spendete, eine Spende, die von seinem hochherzigen Nachfolger Leo XIII. fortgesetzt wird. Infolge solcher Unterstützung war es denn dem großen Forscher gelungen, nach und nach innerhalb 40 Jahren folgende Katakomben mit ihren werthvollen Kunstschätzen auszu- graben: die Coemeterien des hl. Callistus und des hl. Praetextatus an der appischen, der Domitilla an der ardeatinischen, der Priscilla an der salarischeu, der hl. Agnes und das Ostrianum an der normentanischen, des Pontianus an der portuensischen Straße. In den oben angeführten Werken sowie in einer großen Anzahl kleinerer Schriften sind die Resultate dieser Forschungen niedergelegt. Ein großes Verdienst de Rossi's besteht auch darin, daß er es verstand, jüngere Kräfte für die Sache der christlichen Archäologie zu begeistern, zur Mitarbeit heranzuziehen und so eine Anzahl begeisterter Schüler heranzubilden, die das von ihm begonnene Werk fortzusetzen fähig waren. So gehörten zu seinen Mitarbeitern die berühmten Archäologen Stevenson, Maruchi, Arminelli u. a., nicht zuletzt sein Bruder, der fleißige und als Geologe berühmt gewordene Michael de Nossi. Seit 1875 gründeten Nossi und der bedeutende Forscher P. Bruzza regelmäßige archäologische Conferenzen, denen 1878 eine andere noch wichtigere Gründung unter Beihilfe mehrerer jüngerer Archäologen folgte: das LvIIsZium Lultorura mar- t^ruw, das seine Schola im Hospiz des deutschen Ouiuxo srrnto erhielt. Diese Stiftung, welche errichtet war, um die Verehrung der Märtyrer an ihren ursprünglichen Ruhestätten zu erwecken und zu beleben, wurde dann erweitert durch die Gründung eines Priestercollegiums für archäologische und archivalische Studien, welches auch jungen deutschen Gelehrten Gelegenheit bot, sich in die Katakombenforschung zu vertiefen. Die Herausgabe der „Römischen Quartalsschrift" seit 1887 war ebenfalls eine sehr glückliche Unternehmung, die es den Gelehrten ermöglichte, im Verein mit anderen Forschern die Resultate ihrer Forschungen der Oeffentlichkeit zu übergeben. So hat de Nossi in seinem unermüdlichen Eifer, seiner rastlosen Arbeitskraft und seinem großen Forschergcnie die archäologische Wissenschaft auf eine bishcran ungeahnte Höhe erhoben und das Feld der Forschung auf diesem Gebiete großartig erweitert. Manche unserer Leser, die in Rom waren und einem Feste der Oultorrrm Nrrrt^rurn in den Katakomben beigewohnt haben, werden sich noch des berühmten katholischen Gelehrten erinnern, wenn er, nachdem das Hochamt auf den Gräbern der Heiligen vollendet, in irgend einer mit Kränzen geschmückten, durch Wachskerzen geheimnißvoll erleuchteten Katakomben-Kapelle stehend, die auf das Fest bezügliche Rede hielt. In eine Ecke gedrückt, das schwarze Käppchen auf dem Haupte, sprach er dann in fließendem Französisch in steigender Begeisterung zu den aus allen Weltgegenden versammelten Fremden über den Heiligen des Tages, wissenschaftlich, religiös erhebend. Man hörte nicht nur den Gelehrten, sondern auch den kindlich gläubigen frommen Christen. Sein Privatleben war rein, einfach und schlicht, sein Benehmen geradezu demüthig, weit entfernt von dem Professoren- Hochmuth, der sich in unseren Tagen breit macht. Den Deutschen war er sehr zugethan, er stand in regem Verkehr mit den deutschen Archäologen, die sich in Nom aufgehalten, und Männer, wie Msgr. Wilpcrt in Nom, Msgr. Kirsch, Professor in Freiburg i. Schw., und Professor Dr. Ehrhard in Würzbnrg könnten Manches von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit erzählen. Die Wissenschaft hat einen großen Mann verloren, wir trauern ihm nach um so mehr, weil er einer der Unsrigen war, aber wir freuen uns zugleich, weil wir ihm den Lohn, den er jetzt im Jenseits genießt, von Herzen gönnen. Er hat, so weit wir menschlicher Weise urtheilen können, die Krone des Lebens durch treue demüthige Arbeit verdient, k. I. k. Einfluß der Kunst auf den Gang der Weltgeschichte. Von Dr. I. N. Sepp. „Eine Religion, welche auf Kunst verzichtet, kann unmöglich die wahre sein." Dieß war die Meinung des großen Kunstmonarchen König Ludwig I., welcher sich vor allen darum den Griechen zuwandte; denn die Hellenen sind das geborne Kunstvolk, die eigentliche Nation der Künstler. Ihnen ist vor andern der Schönheitssinn aufgegangen, und kein Stamm hat sein geistiges Kapital höher auf Zinsen angelegt. Gleichwohl hat die Kunst sie kaum vor dem Untergänge gerettet; denn sie stießen mit den bilderfeindlichen Persern, fanatischen Arabern und bildungslosen Türken zusammen, und verschwanden nach dem Untergang ihres Reiches bis auf einen kleinen 306 Rest, der unter unseren Augen wieder staaisbildend auftritt. Bildung leitet sich ab von Bild: die Sprache selber verräth mithin die Kunstaufgabe, und daß mit dieser Pflege die Nohheit abgelegt sei; nicht allein Sprachkenut- rüß und Büchergelehrsamkeit genügen, um für vollkommen gebildet zu gelten. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, sagt die Schrift. Daraus entnehmen die Künstler das Recht, die Gottheit auch menschlich darzustellen. Prometheus hat den Anthropos, d. h. den aufwärts Schauenden (nach Lassanlx' Erklärung), aus Thon gebildet und ihm durch das Licht von Oben Vernunft verliehen. Dädalus gilt für den ersten Werkmeister und Künstler in Stein, Holz und Thon, er hat die Figuren schreitend gemacht, die primitiv bei den Aegyptern geschlossene Füße zeigen. Pygmalion gestaltete die Göttin der Schönheit so leibhaft menschlich, daß das Ebenbild Leben gewann. Die Pflege der Kunst wird den Hellenen zur Religion, dagegen erwacht bei den nicht so künstlerisch veranlagten Stämmen die Eifersucht, es möchte das Gebilde von Menschenhand statt des Urbildes, welches im unzugänglichen Lichte wohnt, die Verehrung auf sich ziehen und zugleich die Vielgötterei Platz greifen. In diesem Glauben faßten zuvörderst die Semiten tödtlichen Haß gegen alle Bilder, sie sprechen nicht einmal den göttlichen Namen aus, haben auch kein Wort für Kunst und wenden nur dem Ewig-Einen, von aller sinnlichen Vorstellung abstrahirend, ihr Augenmerk, ihre Andacht zu. „Die Götter der Heiden sind Dämonen", betheuert der Psalmist 96, 5. Diese jedem religiösen Kunstwerk, wenigstens der menschlichen Skulptur entgegengesetzte Richtung ruht aber nicht, sondern verursacht Glaubenskriege von den ältesten Zeiten her. Vor allem ist es die Kunst, oder sagen wir die Anfeindung der Kunst, welche auf den Gang der Weltgeschichte unglaublichen Einfluß übt. Knnsttrieb führt zur höheren Cultur, Abneigung hält den Rückfall in Barbarei nicht auf. Die Vernachlässigung der idealen Güter hat sich noch jederzeit gerächt und einen Rückschritt im Volksleben zur natürlichen Folge. Es wäre unrecht, den Kindern Sems zum Vorwurf zu machen, daß sie das leere, farblose Ideal festhielten und jede materielle Darstellung verabscheuten. Die Arier sind die praktischen Realisten, aber merkwürdig waren es vornehmlich die Magier oder Anhänger Zoroasters, die Perser, also Stammesbrüder der Germanen, in welchen der Fanatismus wider die Kunstvölker am heißesten entbrennt. Der Inder nennt den Himmelsgott äsva, worin auch äsus, Zeus und der deutsche Ziu wurzelt. Aber das Volk von Jram, dem Lichtlande, gebraucht gegensätzlich än? für den bösen Geist, und Typhon, Typhoel entwickelt sich zu unserem Teufel. Der Eingott- gläubige bleibt nicht für sich orthodox, er fühlt die Verpflichtung, gegen die Polytheisten oder Völker, welche Bilder erschaffen, als Götzendiener feindselig aufzutreten, und er zieht im Namen Gottes zur Unterwerfung, wo nicht Bekehrung der Gottesfeinde aus. So bricht Cambyses im Lande Mizraim, Aegypten, ein und wirft die Götter des Volkes nieder, mit welchem schon Israel weder Gemeinschaft des Tisches und Bettes, noch Grabes pflog. Er ersticht mit eigener Hand das wandelnde Gottesidol, den Apis zu Memphis, wie die Könige von Juda ob der Stierkälber dem Reiche Israel Rache geschworen halten. Allerdings brachte die Lehre von der Seelenwanderung bei den Aegyptern mit sich, daß ihre Tempel im Delta eigentlich Menagerien glichen, oder, was Plutarch so auffallend findet, Thiere aller Art im Innern hinter Käfigen zu sehen waren. Allein die Gottheit strafte den Frevel, denn in Ekbatana, wo dem Sohne des Cyrus zu sterben bestimmt war (so hieß indeß auch ein Ort am Karmel), rannte sich der Herrscher, indem er zu Pferde stieg, sein Schwert ebenda in die Seite, wo er den Apis getroffen. Die Verfolgung erneuerte sich jedoch unter Darius Ochus. Aber nicht weniger galt der Ankampf der Jranier den Joniern, wie der Orientale, von Hiudostan angefangen, noch heute alle Hellenen (Djuni) nennt. Schon Darius Hystaspes, der den Feldzug unter Cambyses gegen Aegypten mitgemacht, unternahm den Rachekrieg wider das Jnselvolk. Nachdem dieser mißglückt war, brach sein Nachfolger Xerxes mit einem ungeheuren Heere wider Griechenland auf, zerstörte alle Götterbilder und Tempel, selbst den auf der athenischen Akropolis, und schonte nur Ein Heiligthum, nämlich jenes zu Delos, weil hier das ewige Licht als reinstes Symbol der Gottheit brannte und alle Städte regelmäßig im Frühjahr das heilige Feuer vom Altare holten, um vom Centralfeuer die lautere Flamme im Tempel und am häuslichen Herde zu erneuern. Ahura Mazda offenbarte sich ihnen eben im Lichte, welches auch im Eingang des Johannesevangeliums aus Gott leuchtend der Urquell alles Lebens heißt. Ich greife dem Gange der Dinge vor, wenn ich Bezug auf die christliche Zeit nehme, wo die Perser unter Sarbarazes, dem Feldherrn des Chosru II. Parwiz, 614 in Palästina einbrachen. Lassen wir Gibbon das Wort: „Die Eroberung von Jerusalem hatte schon Nushirvan vor, der Eifer seines Enkels vollbrachte sie. Der unduldsame Geist der Magier drang mit Ungestüm auf die Vernichtung des stolzesten Denkmals der Christenheit, dazu half ihm der wüthende Fanatismus von 26,000 Mosaischen (aus Galiläa)." Sie zerstörten nicht nur den von Constantin erbauten Tempel des heiligen Grabes nebst der Justinianischen Marienkirche, sondern man legte ihnen auch die Niedermetzlung von 90,000 Christen zur Last. Merkwürdig machten sie mit der Anastasis oder Auferstehungskapelle eine Ausnahme, wie dort mit Delos, weil darin der Feuercult herrschte, d. h. wie noch heute am Tage vor Ostern das Licht vom Himmel kommt, oder in Erinnerung an die Erfindung des Feuers zur Mittheilung an die Gläubigen aufgefrischt wird. Die Bekenner der Lichtlehre treten als Puritaner in der Geschichte auf, aber am Wendepunkt der Zeiten erscheint der Stifter der Weltreltgion als Protektor der Künste. Er ist auch darin, bisher ungeahnt, der große Faktor in der Weltgeschichte. Dieselben Heere des Königs der Könige erschienen auch vor dem christlichen Edessa. Die Armenier, unsere Stammverwandten, zählen nämlich zu den ältesten Christen, sie sind die ersten Arier, welche der Religion Jesu sich zuwandten. Wir lesen im Evangelium Johannis 12, 20 f. gelegentlich des Triumphzuges der Galiläer mit der Palmenprocession: „Es waren aber auch einige Hellenen «ach Jerusalem zum Feste hinaufgekommen, und sie begehrten Jesum zu sehen." Moses von Chorene beurkundet in seiner Geschichte Armeniens im fünften Jahrhundert, es seien Armenier gewesen, welche dem Herrn im Namen ihres Fürsten Abgar 307 von Edessa einen Asylantrag überbrachten. Die syrochal- däische Version nennt sie Aramäer. Fürwahr! Bereits der Kirchenhistoriker EusebiuS hat aus den Archiven von Edessa einen Sendbrief Abgars an Christus und das Antwortschreiben übersetzt, wovon ersterer die syrische Jahreszahl 340 enthält. Diese entspricht ausfallend dem wahren Todesjahre Christi 782 n. o. Die Legende fügt nun hinzu, es sei zugleich ein Maler mit bei der Gesandtschaft gewesen, beauftragt, das Bild des großen Propheten aufzunehmen. Da habe Christus sein Angesicht auf die Leinwand abgedrückt — wie das gleiche von Veronika oder der Herodierin Berenike verlautet, welche Jesu am Kreuzwege ihr Schweißtuch überreichte. Dieses Antlitz des Weltheilands, heißt es, hätten die Vertheidiger Edessas den Persern entgegengehalten und so ihre Stadt gerettet. Dasselbe ging in das Königswappen von Georgien über, und es existiren davon taufende von Abdrücken unter dem Namen « 7 «)^« «nicht von Menschenhand geschaffenes Bild". WaS ist der Sinn dieser Meldungen und welche Lehre haben wir daraus zu ziehen? Der Herr selbst tritt hiemit als Protektor der Maler auf; damit war dem kunstfeindlichen zweiten Gebote MosiS abgesagt und das Herz den knnstliebenden Hellenen zugewandt. Im Gefolge des Paulus geht Lukas der Maler, der Hellene aus Autiochia, welchen van Ehk mit seinem unvergleichlich schönen Gemälde in unserer Pinakothek wohlverstanden als den ersten Meister eines Madonncnbildes darstellt, um anzudeuten, daß der starre Judaismus im Christenthum gebrochen und den Hellenisten in der Kunst das Feld eröffnet war. Ein Wendepunkt in der Geschichte war schon vorher eingetreten. Was die Kunstfeinde unter den Japhetiden gesündigt, haben sie auch gebüßt. Alexander der Große schritt als Welteroberer in Asien und Aegypien vor, und pro- klamirte die Freiheit aller Culte. Damit gewann er die Herzen der Völker, sie richteten ihre Tempel und Götterstatuen wieder auf, und der Bildersturm der Perser hat hauptsächlich zum Untergang ihres Reiches geführt. DaS Volk kann und will sich, je größer die Religiosität, von mythologischen Vorstellungen nicht trennen, dieß haben schon die Propheten deS alten Bundes erfahren, indem sie vergebens wider den siderischen Dienst ankämpften. Der Mensch ist nicht bloß Geist, sondern Geistleib, und alle Allegorien wollen nur sichtbare Verkörperungen des Geistigen und Göttlichen sein. Dieser Empfindung folgten die alten Griechen, wie mit aller durchdachten Virtuosität ein Naphacl und Buonarotti. Es gibt dabei kunstfreundliche wie -feindliche Naturen und Nationen. Der Bilderdienst lebte mit der Hellenenherrschaft in Asien wieder auf. Das junge Christenthum, so lange es judaistisch war, erwies sich gegen die Kunst abstoßend, ja wir hören die laute Klage gebildeter Heiden, eine neue Barbarei sei damit hereingebrochen. Die Wunderwerke der Bildhauerkunst, wie die Venus von Mtlos, wurden vor der drohenden Zerstörung in einen Keller geflüchtet und blieben bis auf unsere Tage vermauert. Die Gruppe des Laakoon verbirgt sich in einem Gewölbe des Hauses von Titus und ist verschollen, bis der Tag der Auferstehung nahte und de Fredis, der Weingärtner, es 1506 in einer Nische entdeckte, worauf das größte Kunstwerk in Rom (mit Plinius zu reden) im Triumphe, von Cardinälen besungen und begleitet, nach dem Vatican übertragen ward. Die Zeit der Renaissance oder Wiedergeburt der alten, wesentlich hellenischen Kunst war zum zweitenmal herangebrochen und die Jahrhunderte überwunden, wo ein Walafried Strabo aufgefundene und ausge- grabene Statuen für versteinerte Menschen halten durfte. Wie feindselig aber ging von Anfang herein z. B. der Judenchrist Epiphanius-Vor, welcher in rasender Unduldsamkeit die erste Ketzergeschichte verfaßte! Als er auf Cypern einen Vorhang mit eingesticktem Bilde, wir sagen Gobelin, in der Kirche traf, riß er ihn in Stücke. Er begriff nicht, daß der Stifter des neuen BundeS uns vom Joche des alten Gesetzes und seiner AuSschließ- lichkeit erlöst hat, und schon darum den Namen Erlöser verdient, weil er aus Juden und Heiden Ein Volk, Eine Gottesgemeiude machte. Stephanus, der erste Mariyr, ging als Zeuge für die Verwerfung des Judaismus oder Antihellenismus, wie die Apostelgeschichte 6 , 14. 21, 28 ausführt, in den Tod. Leider wollen die meisten Gottesgelchrten dieß noch heute nicht begreifen, und die kühlen Philosophen huldigen als Nominalisten bloßen Gedankendingen. (Schluß folgt.) Ein Work über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) L. H. Eine so unbedingte Verehrung wird indessen kaum vorkommen; wenigstens ist sie bei näherer Kenntniß des Alterthums und bei besonnenem Nachdenken nicht möglich. — Häufiger und wohl zu häufig ist es dagegen der Fall, daß der Standpunkt und die Anschauungsweise der Alten nicht näher ins Auge gefaßt, sondern mit Gleichgültigkeit Übergängen wird. — Der vorkommende Inhalt wird dann mehr mit dem Gefühle aufgefaßt; es bleibt ein Tvtaleindruck in ihm zurück, den gewisse Werke oder Stellen der Lectüre auf dasselbe gemacht haben. Und da man zur geistigen Anregung und Belebung der studierenden Jugend gewöhnlich von jedem Schriftsteller vorzugsweise dasjenige liest, was einen wichtigen Stoff, großartige Charaktere, ruhmvolle Thaten, hohe Ideen u. dgl. enthält, da ferner dieser Inhalt in den Werken der Alten fast ohne Ausnahme in einer sehr anziehenden und ästhetisch-schönen Form dargestellt ist, da endlich das Alterthum als solches gerne die Gegenstände in demselben Maße, als sie der Zeit nach ferne liegen, nnS größer, herrlicher und ehrwürdiger erscheinen läßt: so ist der Eindruck auf das empfängliche Gemüth der leicht zu begeisternden Jugend um so stärker, tiefer und nachhaltiger. Die meisten dieser Eindrücke sind jedoch der Art, daß sie einen guten Einfluß auf die Erziehung der Jugend ausüben, besonders bei solchen Jünglingen, die, dem guten Zuge der Natur folgend, sich vom Edlen und Großen mächtig angezogen fühlen. Weil aber der Standpunkt der Alten in den wichtigsten Punkten so vielfach von dem unserigen abweicht, so ist doch nicht vorauszusetzen, diese unmittelbaren Eindrücke seien immer und jedesmal so beschaffen, daß der Studierende von selbst auf dem rechten Wege erhalten oder auf denselben hin- geleitet wird. Gewöhnlich hat jeder Standpunkt auch irgend eine Lichtseite, selbst wenn er im ganzen genommen entschieden zu verwerfen ist. Je mehr nun diese Lichtseite durch die Kunst der Sprache ausgeschmückt und hervorgehoben wird, desto mehr Anhänger gewinnt jener 308 Standpunkt; am meisten macht er sein Glück bei den s Unerfahrenen, also bei der Jugend, welche nicht selten, durch Scheingründe geblendet, dahin gebracht wird, daß sie mit dem besten Willen und redlichsten Streben nach Wahrheit auf den Weg des Irrthums geräth in der Meinung, sie habe glücklich das Wahre gefunden. Man muß zugeben, daß ein Schüler durch gewisse Erscheinungen in der Geschichte der alten Republiken auf irr- thnmliche Voraussetzungen und aus Abwege gerathen kann, wenn er nicht zugleich die weit umfangreichere Schattenseite jener Einrichtungen ins Auge fassen und vorübergehenden Glanz von wahrem und dauerndem Glücke unterscheiden lernt. Es ist nur zu häufig der Fall, daß man bei dergleichen Beurtheilungen von den inneren Zuständen und Gebrechen absieht und einzelne große Thaten nach außen, ruhmvolle Siege in blutigen Schlachten u. dgl. zum Maßstab der guten Einrichtung, der Blüthe und Wohlfahrt eines Staates nimmt. Wenn man die Gegenstände aber nicht nur obenhin kennen lernt, wenn man sich nicht mit zufälligen Eindrücken, die nichts als ein dunkles Gefühl zurücklassen, begnügt, wenn man die Dinge etwas genauer anschaut, so wird das Resultat ein ganz anderes sein. Wir wollen zu zeigen versuchen, daß das politische Leben und das Schicksal der alten Republiken, wie es uns in der klassischen Lektüre da und dort vor Augen tritt, eine so starke Schattenseite darbietet, daß es entschieden mehr abstoßen als anziehen muß, folglich bei richtiger Auffassung mit der Erziehung in monarchischen Staaten nicht im Widerspruch steht. In religiöser Beziehung ist zwar keine große Begeisterung für den Glauben der alten Griechen und Römer und nicht leicht eine Berauschung der christlichen Lehre mit den religiösen Ansichten der Heiden zu befürchten; man müßte denn auf geistigem Gebiete den Waffentausch jenes Glaubens versuchen, von dem Homer (II. VI., 234 sagt, daß er, von Zeus mit Blindheit des Geistes geschlagen, seine goldenen Waffen gegen die ehernen des Diomcdes vertauscht habe. Allein auch hier kann eine verkehrte und indifferente Behandlung der Klassiker nachiheilig fein. Wenn der Unterschied des Christenthums vom Heidenihum dem Schüler nicht vollständig zum Bewußtsein kommt, wenn der schroffe Gegensatz nicht als solcher klar vor seinen Geist tritt und sich dem Gemüthe tief einprägt, wenn der Studierende einzelne Männer des Hcibcnthums wegen der Weisheit und moralischen Größe (in ihrer Art) bewundert und bei angestellter Vergleichung über manchen tiefstehcnden Christen stellen muß, so ist es, wenn auch nicht immer wahrscheinlich, so doch wenigstens möglich, daß dadurch der Grundsatz des Jndifferentismus: es komme nicht auf den Inhalt des Glaubens, also nicht auf die richtige Erkenntniß des höchsten Wesens und seines Willens, sondern lediglich und allein auf die Handlungen an, all- mählig Eingang findet. Der Umstand, daß der Heide durch den göttlichen Lichifunken der Vernunft ein gewisses Maß von Erkenntniß erlangen und bei gutem Willen in Mancher Beziehung tugendhaft sein kann, der Christ dagegen vermöge seines freien Willens das Licht der Offenbarung fliehen, schlecht handeln und überhaupt die dargebotenen Hilfsmittel verschmähen oder mißbrauchen kaun, dieser Umstand gilt den oberflächlichen Geistern für einen Beweis, oaß es zuletzt gleichgültig sei, ob man dem Christenthum oder Heidenihum angehöre, daß alle Religionen unvollkommen und insofern einander so ziemlich gleichzustellen seien u. f. w. Es tritt dabei nun freilich niemand förmlich zum Heidenihum über, niemand läßt sich einfallen, den Zeus oder die Pallas der Griechen und Römer anzubeten. Aber indem man sich dem bequemen Jndifferentismus in die Arme wirft, aus den verschiedenen Ansichten und Neligionslehren überall das Angenehmste und Schmackhafteste für sich auswählt und so sich seine Religion selber bildet, hat man den Glauben an die göttliche Autorität des Christenthums als der allein-wahren Religion für sich abgethan, und insofern man dabei nichts Festes, nichts Positives mehr unter den Füßen hat, steht man auf dem unsicheren und schwankenden Boden des Heidenthums. Der Unterschied des modernen und antiken Heidenthums ist nur dieser, daß der alte Heide sich seine Religion selbst schaffen mußte, weil er nichts Positives, keine göttliche Offenbarung als Norm seines Glaubens hatte, und dabei auf den irrigen Glauben an viele Götter, auf Polytheismus, verfiel, der moderne Heide aber sich seine Religion mit Umgehung des positiv Gegebenen selbst schaffen will und dabei zwar nicht zum Glauben an viele Götter kommt, aber allzu leicht in Unglauben und Atheismus verfällt oder noch allenfalls ein höchstes Wesen annimmt, das ihm jedoch keinen bestimmten Inhalt hat, alles und im Grunde nichts ist. Daß zu dieser Verirrung ein verkehrtes und mangelhaftes Studium des heidnischen Alterthums etwas beitragen könne, ist oben bereits zugegeben worden. Und wenn man erwägt, daß der Unglaube seinen Hauptsitz gerade in dem gebildeten Stande aufgeschlagen, bei dessen Erziehung besonders der Gymnasialunterricht mit den klassischen Studien zur Grundlage dient, wenn man ferner bedenkt, daß man in den neuen Literaturen, die deutsche keineswegs ausgenommen, eine ganze Sint- fluth von unchristlichen und antichristlichen Schriften findet, die uns nebenbei vielfach die Ueberzeugung gewinnen lassen, ihre Verfasser seien in Bezug auf die Behandlung des Stoffes, auf Sprache, Wissenschaft und Kunst Schüler der alten Griechen und Römer und unterschieden sich auch im religiösen Standpunkte wenig oder nicht von den heidnischen Philosophen, stehen vielleicht an Interesse für religiöse Wahrheit noch eine ziemliche Stufe unter der besseren Klasse heidnischer Forscher: so möchte man im ersten Augenblick wohl versucht sein, zu glauben, das Unchristliche und Irreligiöse, welches man häufig in dem Stand der sogen. Gebildeten und Studierten, Gelehrten und in vielen Schriftstellern des christlichen Zeitalters wahrnimmt, sei ganz die natürliche Folge der altklassifchen Studien. Wenn wir die Sache aber näher betrachten und nns überzeugen, daß einerseits bei Vielen gleichzeitig frommer Christenglaube und fleißiges Studium des heidnischen Alterthums ohne Widerspruch neben einander vorhanden sind, und anderseits jener unchristliche Sinn so vielfach ohne die Kenntniß des Alterthums vorkommt und sich überhaupt am liebsten mit oberflächlicher und halber Bildung paart, so müssen wir sowohl von der Annahme abgehen, daß die Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern an und für sich naturgemäß ein Abnehmen des christlichen Glaubens zur Folge habe, als auch müssen wir die Hanptquclle des Unglaubens und der Trennung vom Positiven anderswo suchen. Wir finden sie in dem Streben der Menschen, jede Autorität, jede feststehende Norm, jede bindende Vorschrift von sich zu weisen. Wir finden sie in dem Princip der sogen. Aufklärung, welches darin besteht, nur dasjenige für wahr zu halten, was der menschliche Geist entweder selbst erfunden oder doch als etwas Vernünftiges begriffen und als etwas Wahres anerkannt hat. Dieser zunächst von den Philosophen aufgestellte und festgehaltene Grundsatz hat wegen seiner temporären Annehmlichkeit für die Praxis schnell eine große Popularität erlangt. Hier liegt der Krebsschaden, hier die Quelle des Unglaubens, nicht aber in den alten Klassikern, die auch in der Blüthezeit des christlichen Glaubens Wohl ohne Nachtheil gelesen wurden. Nicht auf den Gymnasien wird der Grund zum Unglauben gelegt, sondern in den Hörsülen der modernen Philosophie und durch die Lectüre der auf dem obengenannten Princip beruhenden Schriften der Neuzeit. Diese sind die wahre Pflanzschnle des Jndtfferentismus und der Religionslosigkeit. Sie sind um so gefährlicher, da sie vielfach christlich zu sein scheinen und das wahre Licht des ächten Christenthums zu verbreiten vorgeben. Der Leser glaubt christliche Wahrheiten vor sich zu haben und hat dafür ein Product des seichten Nationalismus. Anders ist es mit den Schriften der Heiden in der Hand des christlichen Lesers; hier haben wir doch das Kind unter seinem rechten Namen, wir haben das pure Product eines Menschen, wir wissen vornweg, daß wir die Meinungen, Ansichten und Vorstellungen eines Heiden vernehmen. — Soviel sei hierüber bemerkt, und wollen wir erst zusehen, was wir in politischer Beziehung in den Klassikern finden^) und nach dem vorhandenen Stoff aus ihnen lernen können und müssen, wollen auf obigen Punkt später wieder zurückkommen. (Fortsetzung folgt.) Bergwerksvcrwaltrmg der Römer. (Schluß.) Die Prokuratoren waren keine höheren Beamten; es waren meistens frühere Sklaven, spätere Freigelassene, welche diesen Posten bekamen. Ihr Hauptgeschäft war, für die günstigste Ausnutzung der kaiserlichen Domänen zu sorgen. Sie hatten keine richterliche Gewalt, nur in einem Falle konnten sie einschreiten und selbst Aus- weisung verhängen oder den Zugang verbieten: nämlich solchen gegenüber, von denen Belästigung der kaiserlichen Colonen zu befürchten war. In jurisdictioneller Beziehung waren die Prokuratoren dem Proconsul oder Proprätor oder dem kaiserlichen Legaten untergeordnet. So wurden bei einem Strike der Bergleute in Palästina die Rädelsführer vom Prokurator ansgehoben, aber zur Vernrtheilung und Bestrafung dem Offizier des zur Wache detnchirten Corps zugeschickt. Das Loos der Prokuratoren scheint in Tacten und Mösien ein schwieriges, exponirtes gewesen zu sein, weil die Kaiser genöthigt sind, einzuschärfen, daß dieselben, im Falle sie sich unter dem Vorwand feindlicher Einfälle davon machten, an ihre frühere Stelle zurückkehren müßten und nicht eher ein höheres Amt bekleiden könnten, bis sie ihre Pflicht als Bergverwalter erfüllt hätten. Dem Prokurator standen °) Wir haben uns begnügt, unsere Ueberzeugung über den gedachten Gegenstand, wie wir sie durch die klassische Lectüre gewonnen und befestigt habe», auszusprechcn und einige Beweisstellen hicsür mehr beispielsweise anzuführen. Indessen werden die meisten Dinge, die bier vorkommen, bei solchen Leiern, die das Alterthum näher kennen, nickt erst der Belegstellen bedürfen. Bei dieser Vertheidigung der klassischen Studien gegen oben erwähnte Vorwürfe dürfte es größtentbcils genügen, auf gewisse einzelne Punkte, die häufig ganz übersehen werden, mehr aufmerksam zu machen und sie mit besonderem Accente hervorzuheben. zur Seite technische Beamte, wenn die Prokuratoren nicht selbst Sachverständige waren. Bei den Steinbrüchen war ein Werkmeister, der die ausgearbeiteten Steine übernahm; in den harmonischen Steinbrüchen hießen sie philosophische Mathematiker, da sie Fachbildung besaßen, wenn sie auch Sklaven waren. Die Offiziere mit ihren Detachements hatten nicht blos die exponirien Arbeiter- oder Sträflinge zu überwachen, sondern waren zugleich geschulte Ingenieure bei Leitung der Ausgrabungen. Dem Prokurator stand ferner ein Bureau von Rechnunas- beamten und Schreibern zur Verfügung: es gab Kassen- Beamte, Buchhalter und Schreiber, ferner Partieführer und Controlleure der Arbeiter. Vom Arbeitspersonal war vorübergehend schon die Rede. Es waren anfänglich, schon des ungestörten Fortbetriebes halber, die vor der Unterwerfung dort ansässigen und arbeitenden Prv- vincialen, die geschulten und erfahrenen Eingeborenen. Der Fiskus machte später Eingeborene zu halbsreien Pächtern, sogen. Colonen, die der Ehe und des Eigenthums fähig und nicht verkäuflich waren wie Sklaven, aber auch unauflöslich an die Scholle gebunden blieben, die sie bebauten, und durch Verkauf des Grund und Bodens an den neuen Besitzer übergingen. Das war auch meist das Schicksal der Barbaren, die nach ihrer Besiegung auf römischen Boden verpflanzt wurden. Daß sie ihre Lage manchmal zu hart fanden, erhellt nicht nur aus den Versuchen, die sie machten, bei Privaten sich zu verdingen und namentlich nach dem Westen des Reiches, selbst in die Eisenbergwerke von Sardinien, zu gelangen, sondern auch daraus, daß sie beim Hereinbruch der Gothen rasch ihr Joch abwarfen und sich den Eindringlingen anschlössen. Die Kaiser haben aber durch zahlreiche Anordnungen sich bestrebt, die Bergcolonen bei ihren Bergwerken festzuhalten, und außerdem war für die Arbeiter in den kaiserlichen Bergwerken wenigstens im zweiten Jahrhundert und im Westen in ganz eigenthümlicher Weise gesorgt. Im Jahre 1876 wurde in Süd-Portugal auf der Hochebene von Ourigue bei der Neuausbeutung eines Kupferbergwerkes eine Erztafel gefunden, 72 Cm. lang und 53 Cm. breit, auf beiden Seiten beschrieben. Sie enthält das sogenannte Berggesetz von Vipasca (I-ex urstulli Vipasooirsis). Darnach bildeten die Bergarbeiter eine Art Berggemeinde, deren Vorstand der Prokurator war, der nicht nur das Interesse des Fiscus, sondern auch das der Arbeiter zu wahren hatte. Die Bergarbeiter waren vor spekulativen Händlern dadurch geschützt, daß gewisse Gewerbe monopolisirt waren, so die Walkerei, Lederei, Schuhmacherei, ja sogar die Barbierstuben: diese Gewerbe waren durch den Staat verpachtet. Wer also unbefugt Schuhwerk, oder Lederzeug, oder sonst Fußbekleidungsartikel verkaufte und dabei erwischt wurde, hatte dem Pächter daS Doppelte von dem Werthe des Gegenstandes zu zahlen; der Pächter hatte das Pfandrecht auf diesen Gegenstand. Doch durfte jeder sich die Schuhe selbst flicken, der Sklave für seinen Herrn. Dagegen mußte der Pächter alle Sorten von Lederwaaren vorräthig haben und die sonstigen Zuthaten, widrigenfalls es Jedermann freistand, zu kaufen, wo er wollte. Auch die Barbierstuben waren verpachtet. Der Pächter war der einzige Berechtigte in dem Flecken zur Ausübung dieses Gewerbes. Der unbefugt es Ausübende zahlte dem Pächter eine Geldstrafe und mußte ihm auch seine Scheeren und Messer ausliefern. Doch dursten Sklaven ihre Herren und ihre Mitsklnven barbieren. Nur die vom Pächter herumgeschickten Barbiergesellen 310 hatten das Recht, ihre Kunst auszuüben. Wer den Pächter in Ausübung seines Pfandrechts hinderte, zahlte fünf Denare, jeder Pächter mußte aber einen oder mehrere Haarkünstler (artikaes) im Dienste haben. In den Berggemeinden gab es auch ein ärarisches Bad, das von Jahr zu Jahr verpachtet wurde. Durch strenge Vorschriften war der tägliche Genuß des Bades allen gesichert. Unentgeltlich badeten die kaiserlichen Beamten, Soldaten und Sklaven, die Frauen und Kinder; die Anderen mußten ein Geringes bezahlen. Alltäglich mußten die Pächter frisches, fließendes Wasser und warme Bäder bereit halten, die Frauen konnten Vormittags von 6—1 Uhr, die Männer Nachmittags von 1—8 Uhr baden. Bei Ablauf des Pachtes mußten die Einrichtungen unversehrt übergeben werden, ausgenommen, wenn sie durch Alter schadhaft geworden waren. Am Anfang jedes Monats waren die Kessel zu waschen, zu reiben und einzufetten auf Kosten des Pächters. Das Holz erhielt er vom FisknS und durfte es nicht wieder verkaufen, ausgenommen das Reisig. Für Ordnungswidrigkeiten konnte ihm der Prokurator eine Konventionalstrafe auferlegen. — Auch für den Unterricht der Kinder war in den Berggemeinden gesorgt durch den Schulmeister, der wie in Rom und in den übrigen römischen Gemeinden von Gemeindclasten befreit war. Aber trotz der Fürsorge, die der Staat den Berggcmeiuden «»gedeihen ließ, war, wie schon erwähnt, das LooS dieser Arbeiter ein solches, daß sie bet der ersten Gelegenheit sich losmachten. Erscheint also das Schicksal der freien Bergarbeiter schon keineswegs als günstig, wenn auch erträglich, so müssen die zu den Bergwerken und in die Steinbrüche verur- thetlten Sträflinge ihr Leben geradezu als Last gefühlt haben. Die Strafe des Bergwerks galt als die härteste Kapitalstrafe vor der Todesstrafe. Zum ersten Mal begegnet man ihrer Anwendung am Anfang der Kaiserzeit. Die dazu Verurtheilten büßten entweder ein Verbrechen oder waren Opfer der Kabineis-Justiz. In den Gesetzbüchern stehen folgende Verbrechen, welche die Strafe der Bergwerke nach sich zogen: Todtschlag, Brandlegung, Diebstahl mit der Waffe in der Hand, Diebstahl in den kaiserlichen Bergwerken, Wegelagerei, Nothzucht, Gewaltthaten an Bürgern, Grenzverletzungen. Nicht unterzogen durften dieser Strafe werden: Soldaten, Kinder von Veteranen und die ehemaligen Decurionen (Commnnal- würdcniräger). Weiber wurden verurtheilt zur Arbeit in den Salinen, die infolge des Salzmonopols sämmtlich staatlich waren, in Kalksteinbrüchen und Schwefel- gruben. Von den Strafarbeitern wird ausdrücklich bemerkt, daß sie nicht Sklaven deS Kaisers, sondern Sklaven der Strafe sind. Das Recht, diese Strafe zu verhängen, stand nur dem Stadtpräfekten zu; von dem Bergverwalter der Provinz hing nur die Vertheilung der Sträflinge an die verschiedenen Werke ab. Zur Bewachung dieser Arbeiter diente die schon erwähnte detachirte Truppen- abtheilung; sie mußte aber auch in den meist abseits gelegenen Orten die Ordnung unter der freien Arbeiterschaft aufrecht erhalten, die sich oft auf Tausende bclief. Als die römischen Kaiser ihre systematische Christenverfolgung begannen, wurden die Christen auch in die Bergwerke geschickt, und so theilten die Christen das Loos aller in die Bergwerke Verurtheilten: sie bekamen das Brandmal auf die Stirne, daS Haar wurde geschoren, ihre Kleidung war nothdürftig und schmutzig, sie halten ein hartes Steinlager und waren mit schweren oder leichteren Fesseln belastet. So arbeiteten sie bis zur Krüppelhaftigkeit oder bis der Tod sie erlöste. DaS ist das Bild der Unglücklichen, wie man es sich aus den Beschreibungen der christlichen Arbeiter, aus den Akten der Märtyrer und aus den gesetzlichen Bestimmungen zusammen entwerfen kann. Daß sie zu den härtesten und gröbsten Arbeiten verwendet wurden, läßt sich denken. So starb der greise Papst Pontianus am 30. Oktober 236 in den Bergwerken von Sardinien. Sankt Cyprian schilderte die Leiden der in die Bergwerke Verurtheilten besonders anschaulich. „Die Füße liegen in Fesseln, die nicht mehr der Schmied, sondern Gott allein abnehmen wird. Dem Körper fehlt die Lagerstätte und die Pflege; er muß auf bloßem Boden liegen. Die Verurtheilten bekommen kein Wasser, den dicken Schmutz abzuwaschen von dem sie naturgemäß bedeckt sein müssen, Brod wird kärglich gereicht, gegen die Kälte schützt die Kleidung nicht. Der Kopf ist halb geschoren, und was vom Haar bleibt, starrt von Schmutz. Bekenner danken diesem Bischof von Karthago, daß er ihre von Stockschlägen zerschlagenen Glieder geheilt, die Fesseln der Füße gelöst, das wüste Haar deS halb geschorenen Kopfes gepflegt, die Nacht des Gefängnisses erhellt, die Haufen des Erzgesteins geebnet und statt des unausstehlichen Gestankes duftende Blumen ihnen geboten habe." Dem Papst Soter schrieb Bischof DionysiuS von Corinth im Jahre 168 ein Dankschreiben für die Unterstützung, welche die Kirche zu Rom besonders den Brudern in den Bergwerken übersandt hat. Papst Victor erwirkte 192 vom Kaiser Commodus die Zurückberufung eines Theiles der Christen, die unter Marc Aurel in die Bergwerke von Sardinien verurtheilt worden waren. Tertullian und Cyprian erwähnen die besonderen Aus- lagen, die aus der aroa, der Kasse der Kirche, für kratrcw in metallo eonstitutos gemacht werden. Ja, manche Christen begaben sich freiwillig in die Gefangenschaft, um andere daraus zu befreien oder ihr LooS zu erleichtern. So meldet Gregor der Große von dem heiligen Paulinus von Nola, der sich freiwillig in die Sklaverei lieferte, um den Sohn einer Wittwe davor zu bewahren. Mit diesem schönen Bilde schließen wir die etwas prosaische Betrachtung über die römischen Bergwerke. Ein Besuch in Paris im Herbst 1A7. p. In dem Tagebuche meines scl. Vaters, der im Jahre 1814 als kgl. sächs. Generalmajor und Brigadier gestorben ist, befindet sich unter andern höchst interessanten Aufzeichnungen aus feinem Leben (aus den Feldzügen 1807, 1609, 1812 und 1813) auch eine Schilderung eines Besuchs von Paris im Herbst 1817. Im Alter von 25 Jahren bereits Major im Generalstab, hatte er sich Anfang 1811 zum ersten Male verheirathet, aber leider nur kurze Zeit eine ungestörte Häuslichkeit genießen können. Kaum hatte er sich von seiner an der Bercszina erhaltenen Wunde und von den beim Rückzug aus Rußland erlittenen Strapazen im Kreise der Seinen erholt, als er abermals ins Feldlager rücken mußte, um die Schlachten bei Großbeeren, Dennewitz und Leipzig mitznschlagen. Im Jahre 1814 rückte sein Corps nach Belgien, später ins Rheinland und den Elsaß und endlich Ende 1816, als zur Occupationsarmee gehörig, in die Gegend von Lille, nach Tourcoing, wohin das Hauptquartier der sächsischen Division verlegt wurde. Hier war es ihm möglich, im Frühjahr 1816 seine Gattin und seine beiden kleinen Mädchen, nach einer Trennung 311 von bald 3 Jahren, zu sich kommen zu lassen. Auch andere Kameraden hatten ihre Familien zu sich gerufen, und so war denn in diesem kleinen französischen Städtchen ein angenehmer und anregender Verkehr für das junge Ehepaar und zwar besonders mit der von Lenz'- schen Familie entstanden, mit der auch im Sommer 1817 ein kleinerer Ausflug nach Dünkirchen, um das Meer zu sehen, unternommen wurde. Bet dieser Gelegenheit entwarfen die beiden Freunde auch den Plan zu einer gemeinsamen Reise nach Paris, und erfolgte dessen Ausführung nach der Revue, welche der Herzog von Wellington am 25. Oktober bet Hautbourdin zwischen Losz und Wattignies über die ihm unterstellten Occupationstrnppen hielt. Die Aufzeichnungen über diesen Besuch von Paris dürften darum noch von besonderem Interesse sein, als sie uns ein Bild dieser Stadt nach dem Sturze Frankreichs von der Weltherrschaft zeigen, unter der schwachen und kleinlich-eifersüchtigen Regierung der Bourbons, welche es nicht verstanden, weder die Pariser noch die Franzosen überhaupt an sich zu fesseln. Leider war es meinem Vater bei der Kürze des ihm ertheilten Urlaubs nicht möglich, alle Sehenswürdigkeiten in und um Paris in Augenschein zu nehmen: er mußte sich nur auf das beschränken, was das größte allgemeine und sein besonderes Interesse in Anspruch nahm. Nach diesen Vorbemerkungen beginne ich nunmehr mit der Wiedergabe seines Tagebuchs. „Donnerstag den 30. Oktober verließen wir frühzeitig Tourcoing und erreichten, nachdem wir Lille und Douay passirt hatten, Abends 7 Uhr Cambrai, das damalige Hauptquartier des Herzogs von Wellington. Trotz der späten Stunde unserer Ankunft suchten wir sogleich Ramberg's auf, die uns in Begleitung meiner Freunde Schreibershofen und Berlepsch ihren Gegenbesuch abstatteten. Freitag den 31. Oktober früh 6 Uhr setzten wir unsre Reise fort und gelangten (es war etwa 9 Uhr Vormittags) an den Kanal von St. Quentin, 2 Stunden diesseits Bellicourt, wo er als Tunnel 250 par. Fuß unter der Erdoberfläche in einer Länge von 17,400 par. Fuß hingeführt wird. Dieser Kanal, welcher die Seine und die Somme mit der Scheide verbindet und durch die Quellen der ersten beiden Flüsse gespeist wird, ist über 6 Meilen lang, 24 par. Fuß breit, steigt von St. Quentin bis Tronquoy durch 6 Schleusen 40 par. Fuß und fällt bis Cambrai durch 18 Schleusen 130 par. Fuß, hat einen 3000 Fuß langen Tunnel bei Tronquoy und den andern, wie gesagt, bei Bellicourt. Diese Tunnels sind theils gewölbt, theils nur in den Felsen gehauen und so breit angelegt, daß 2 Schiffe neben einander vorbeifahren können. Außerdem gehen uoch an beiden innern Seiten des Tunnels Fußwege für die Schisfs- zieher. Leider erlaubte es uns die Zeit nicht, soweit in den Kanal hineinzufahren, bis wo das Gewölbe des Tunnels durch den Felsen selbst gebildet wird. Wir sahen nur einige Salpeterbildungeu an der Decke des gemauerten Gewölbes, die uns wie herausgestrcckte weiße Arme erschienen. Uebrigens geht der Kanal auch zweimal über die Scheide. Vollendet wurde dies großartige Bauwerk im Jahre 1810. Von da fuhren wir durch St. Quentin, das sich am 12. März den Russen ergab und seitdem aufgehört hat, Festung zu sein, und durch Ham (dessen festes Schloß seit den ältesten Zeiten als Staatsgefängniß diente, wo Karl der Einfältige 923, Ludwig XI. 1440, der Prinz von Condö 1560 und 1804 —1814 die PoltgnacS und viele Andere gefangen saßen) nach Compisgne, das wir erst Abends 9 Uhr erreichten. Das Wetter war uns nicht günstig gewesen, es hatte fast ununterbrochen geregnet. Sonnabend den 1. November. Nachdem wir früh» zeitig in der Pfarrkirche, die 1784 an Stelle einer aus dem 12. Jahrhundert stammenden baufällig gewordenen Kirche errichtet worden, unserer kirchlichen Pflicht genügt hatten, begaben wir uns in das Schloß, um dieses zu besichtigen. Hier am Zusammenfluß der Aisne und Otse hatte schon Karl der Kahle ein Schloß erbaut, von welchem aber nur noch die Kapelle und der jetzige Saal der Schweizer vorhanden sind. Unter Ludwig XI. ist daS an diesen stoßende Hintergebäude, unter Franz I. daS Hauptthor gebaut worden; Ludwig XIV. ließ die Gärten verschönern und baute sowohl das große Treppenhaus als auch das Ballspielhaus. Ludwig XV. ließ durch den Architekten Gabriel den jüngern dem Palais eine einheitliche Gestalt geben; auch die beiden Seitenflügel sind von letzterem gebaut worden, dagegen wurden seine weiteren Verschönerungspläne nicht ausgeführt. Durch die während der Revolutionszeit in das Schloß verlegte Kunst- und Gewerbeschule wurde es in einen elenden Zustand versetzt, welchem es Napoleon entriß, indem er es von 1806 an durch Barthault restauriren ließ. Hier fand der Empfang der Kaiserin Marie Louise statt. Die Möbel sind einzig schön, zwei Statuen von Achat, deren Köpfe, Füße und Hände von Bronze sind, sowie die Statuen von Amor und Psyche besonders be- merkenswerth. Die königlichen Gemächer liegen in der vorderen Front nach den Gärten zu, links und rechts davon die Gemächer der königlichen Prinzen, und zwar wohnen links Herzog und Herzogin von Angoulome, rechts die Herzogin von.Berry und der Herzog von Bordeaux. Zu den Räumen der Herzogin von AngoulZme gehört auch das frühere Schlafzimmer Marie Louisens, an dessen Plafond, UM die Erinnerung an die napoleonische Zeit zu verwischen, einige Veränderungen vorgenommen worden sind; das anstoßende Badezimmer ist von lauter Spiegelwänden eingefaßt, das Licht fällt durch eine Krystalldecke. Die große, hinter der Mitte der Haupt- front im Jahre 1810 erbaute Gallerte ist mit korinthischen Säulen in Stuck geziert; die Wandgemälde derselben sind (wie fast alle im Schloß) von Girodet, die Arabesken von Vafflard, die Decorationen und Ornamente von Dubais. Eine ebenfalls von Barthault im Jahre 1810 erbaute Dampfmaschine hebt das Wasser aus der Oise inS Schloß; leider mußte sein weiteres Projekt, das Wasser aus den naheliegenden Teichen von Pierrefonds durch unterirdische Leitungen nach Compiögne zn schaffen, aufgegeben werden, da die Kosten dieser Anlage auf eine Million Francs veranschlagt waren. Sie hätte eine Fontaine im Schloßgarten mit einem Wasserstrahl von 100 par. Fuß Höhe und 12 andere Fontaine» in der Stadt gespeist. Von CompiSgne aus fuhren wir direkt nach Paris, wo wir um 6 Uhr ankamen und im Hotel Nelson, Rue Neuve St. Augustin, im 2. Stock ein allerliebstes Quartier bereit fanden, das uns durch unsern lieben Freund Heinz bestellt worden war. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, den Abend zu Haus zn bleiben, um uns von der ziemlich ermüdenden zweitägen Reise auszuruhen, aber die Generäle von Gablenz und von Zezschwitz, sowie 312 i Stimtzner, welche in der 1. Etage unseres Hotels wohnten, forderten uns auf, mit ihnen noch auszugehen. Man hat ja überhaupt in diesen Hotels nichts als die Wohnung; alle Mahlzeiten muß man beim Restaurateur einnehmen; auch muß man, außer dem Zimmerpreis, Licht, Heizung und jeden anderen Dienst, die Reinigung des Zimmers ausgenommen, besonders bezahlen. So wanderten wir denn in das Cass Aux Milles Colonnes im Palais Noyal, labten uns dort und sahen uns im Palais Royal um, das uns aber (vielleicht in Folge des Feiertags) gar nicht so brillant erschien. Das Palais Royal wurde bekanntlich vorn Cardinal Richelieu von 1629 — 1636 erbaut und führte damals den Namen seines Erbauers, bis derselbe es 1643 dem König Ludwig XIV. schenkte, der es eine Zeit lang mit seiner Mutter, Anna von Oesterreich, bewohnte. Von da an hieß es Palais Royal. Ludwig XIV. überließ es 1692 seinem Bruder, dem Herzog Philipp von Orleans; während der Revolution hieß es Palais Egalits nach seinem Besitzer, dem berüchtigten Herzog von Orleans Egalits. Von 1802 an nannte man es Palais du Tribunal, und erst 1814 hat es seinen alten Namen wieder angenommen. Auch eine Bühne war früher im Palais, auf welcher die Italiener und die Molisrtsche Truppe spielten und sogar auch Opern gegeben wurden. 1763 zerstörte ein Brand den Thcatersaal und wurde statt dessen die Fatzade nach Rue St. Honorä zu aufgebaut, nach den Zeichnungen von Worin. Der Garten ist von drei Seiten von Arkaden umgeben, auf welche noch zwei Stockwerke aufgesetzt sind; in diesen Räumen befinden sich CafeS, Restaurants, Spielzimmer, kleine Verknufsläden u. s. w., kurz, man bekommt dort alles, was man braucht. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Bibel künde für höhere Lehranstalten und Lehrerseminare sowie zum Selbstunterrichte bearbeitet von Dr. Andreas Brüll. Mit Approbation des Hochw. Herrn Erzbischofes von Frciburg. 6. verbesserte Auflage. Mit 5 Abbildungen und 4 K catchen. Herder, Frciburg 1893. VII ff- 184 S. Die beste Empfehlung und der sicherste Beweis für den hohen Werth und die praktische Brauchbarkeit des vortrefflichen Büchleins ist die Thatsache, daß es schon zum 6. Mal aufgelegt werden mußte. Gegenüber den modernen Angriffen auf die heiligen Schriften muß jeder Religionsunterricht vor allem den Schüler mehr als je einmal in die Kenntniß der Offcn- barungSurkunde einführen. Die „Bibelkunde" bietet nun in gedrängter Kürze und in klarer Darstellung die nothwendigsten Kenntnisse über Inspiration, Kanon, Acchtheit und Glaubwürdigkeit, Handschriften und Uebersctzungen, Erklärung und Lesen der hl. Schrift, über die Bücher des Alten und des Neuen Testamentes, über den biblischen Schauplatz von dem ältesten Wohnsitze der Menschen bis zur Zeit der Apostel, sowie über die heiligen Alterthümer (Orte, Handlungen, Personen und Zeiten) des Volkes Israel. Dabei entspricht der Verfasser überall den gerechten Anforderungen einer gesunden wissenschaftlichen Kritik. Möge die „Bibelkunde" nicht blos an Lehranstalten, sondern auch in den gebildeten Kreisen die weiteste Verbreitung finden! Zugleich wünschten wir für eine neue Auflage, daß das apologetische Moment mehr verwerthet, die synoptische Frage (S. 76 f.) ausführlicher behandelt, die ältesten Zeugnisse für das Alter der Evangelien angeführt, die Resultate der assyrisch-babylonischen und ägyptischen Forschungen für den Inhalt der alttcstamcntlichen Bücher sruktificirt und eine Zeittafel der jüdischen Könige aufgenommen würde. Bezüglich des Lesens der hl. Schrift in der Landessprache verlangen die kirchlichen Dccrete, daß die betreffende Uebersetzung „vom Apostol. Stuhl gutgeheißen oder (nicht „und" S. 14) mit rechtgläubigen und bewährten Erklärungen versehen" sein müsse. (Vgl. Freibg. Kirchenlcxicon 2. A. s. v. Bibellescn II, 679 ff). Für die Praxis dürfte es allerdings gerathen sein, daß ein Laie nur eine mit Erklärungen versehene Uebersetzung leicn solle. St. Dr. A. Koch. Ernst Ewert. Maria Pally. Novelle. Danzig, Theodor Bcrtling, 1894. d. Ewcrr ist einer der jüngsten „Modernen". „Kürschner" von 1894 enthält seinen Namen noch nicht. Auck vorliegende Novelle legt den Gcvauken nahe, daß sie von „einem jungen" Autor, stamme und macht ganz den Eindruck eines Erstlingswerkes. Da man eine g-wisse stilistische Fertigkeit ohnehin von jedem Belletristen verlangen muß, so finden wir, von der Kürze der Erzählung (knapp 32 Seiten trotz der ungezählten „modernen" Punkt- und Gedankenstrichreihen) abgesehen, nichts LobcnSwertbeS zu erwähnen. Das Sujet ist nicht mehr neu: die Geschichte eines jedes idealen HalteS baren Modellmädchens, später unglücklich verheiratheten Kanzleirälhin, die nach vier Jahren Ehe zu ihrer alten Liebe zurückgreift, von, Maler Fred Storni aber „gedemüthigt" wird und deßhalb „eines seiner edelsten Werke zerstört", worauf sie sich selbst entleibt. Nach Moral und Aesthetik darf man nicht suchen. Parfümeriegeschäfte könnten profitircn, wenn sie gegen Möbel, die „einen philiströsen Hauch ausströmen" (S. 5), ein Patentaroma sich beilegen; den Psychologen empfehlen wir zur Untersuchung den „fragenden Hauch, der zuweilen über die Seele huscht"; der Socialpolitiker mag sich den genialen Einfall (S. 11) notiren: „Lieben können sie Alle, die Kleinen und Großen, aber Hassen ist ein Vorrecht der Großen und Starken, der geistigen Aristokratie." Den Allermodernsten und auch Hrn. Ewert würden wir rathen, ihre Dichtungen durchweg in folgender Weise beispielsweise drucken zu lassen: - 27 — V. Das gäbe in der That die ergreifendste und gedankenvollste Lektüre, müßte sich sehr hochmodern ausuehmen und die pikanteste Situationsmalerci darstellen. Das Papier ist auch hiezu geduldig genug. Gut beriet Sonst,, Die Willensfreiheit und ihre Gegner. 8°. VI ff- 272 S. Fulda, Actiendruckerei 1893. M, 3,50. ->. Mit Ausnahme derjenigen Philosophiedocenten, die sich ausdrücklich in den Dienst der katholischen Richtung gestellt haben, gibt es in Deutschland wohl kaum einen Lchrstuhl für Philosophie, dessen Vertreter gegenwärtig die Willensfreiheit des Menschen vertheidigt; so weite Ausdehnung hat der Determinismus angenommen; zum Glück bleibt das öffentliche Leben noch ziemlich von der Theorie unberührt, noch immer gibt es ja Criininalrccht, Polizei, Gefängnisse und Zuchthäuser; was für Zuständen werden wir aber entgegengehen, wenn man einmal die Folgerungen aus den Lehren der „Philosophen" zieht und der „Verbrecbertypus" (nach Lombroso) in sein blutiges Recht eingesetzt ist? Es ist also gewiß kein zweckloses Unternehmen, die Frage nach der Willensfreiheit, welche die Grundlage aller Sitte und Cultur bildet, zum Gegenstand einer Monographie zu machen. Daß uns Gutberlct nur Vorzügliches bietet, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden; überragen doch seine philosophischen Lehrbücher alle anderen deutsch geschriebenen Werke ihrer Art meilenweit. Der Verfasser beginnt mit der Definition und dem Beweis der Willensfreiheit und führt uns dann auf das moderne Gebiet der Moralstatistik mit ihren etwas unreinlichen Gegenständen des Bordellwesens rc.; sodann hat die Anthropologie und Physiologie daS Wort; zuletzt bespricht das Werk daS Verhältniß der Willensfreiheit zur Spekulation (Schopenhauer) und zur mechanischen Naturauffassung. _ Dr. Josef Perkmann, Bildender Unterricht in den Sprach- fächern. I. Theil: Grundlinien. Innsbruck, Verlag der Wagner'fchcn Universitätsbuchhandlung, 1894. 2 . Was bis jetzt vorliegt, zeugt von edler, christlicher Auffassung des Lehrerberufes, von vielseitiger praktischer Erfahrung, von warmer Hingabe an die idealen Aufgaben eines Erziehers, und enthält eine Fülle trefflicher, origineller Gedanken, wie sie uns sonst nicht allzu häufig in pädagogischen Büchern begegnen. Mit Spannung sehen wir dem Erscheinen des folgenden Theiles entgegen. Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 4