öjf. 40. * t» 4. NclM. 1894. Einfluß der Kirnst auf den Gang der Weltgeschichte. Von Dr. I. N. Sepp. (Schluß.) Mit Kaiser Constantin bekam der Hellenismus das Uebergewicht, oder wie man uns sagt: Das Heiden- thum brach in die Kirche ein. Die großartigsten Tempel erhoben sich, so die noch erhaltene Basilika der hl. Jungfrau zu Bethlehem und bald auch der Sophiendom Justinians an der Stelle des Salomonischen Tempels. Die Byzantiner waren die natürlichen Erben der alten Hellenen in Kunst und Wissenschaft. Da brach der neue Sturm der bildfeindlichen Muhammedaner herein. Der Prophet von Mekka, ganz von semitischer Milch genährt, erklärt Sure 21: „Ihr Götzenanbeter sollt insgesammt dem Feuer zur Nahrung in die Hölle geworfen werden!" Umsonst suchen spätere Koranausleger dieser Stelle ihren Stachel zu benehmen. Götzendiener waren den Jslamiten dieselben, welche die Hebräer Goim nannten. „Gott ist Gott und Muhammed sein Prophet!" erscholl als Schreckensruf durch drei Welttheile. Allen Kunstbildern galt die Vernichtung unter dem Vorwande, daß sie nur zur Götzendienerei verführten. Ich habe die Erfahrung gemacht und seinerzeit mitgetheilt, wie wir 1874 gelegentlich der Ausgrabung der noch vorconstantinischen Basilika zu Tyrus von den Statuen des Apollo und Learch mit dem Hirschfell die Köpfe, Arme und Beine abgeschlagen, anderseits bloß ein Herakleshaupt vorfanden und sonstiges Bildwerk ins Meer geworfen war. Wer sagt, wie viel so zertrümmert ward und verloren gegangen, die Glaubenswuth der Jslamiten hat unzählige Opfer gefordert! Auf dem Burghügel zu Pergamum traf Humann die Ko- lossalfiguren des Gigantenkampfes, Hochreliefs vom Zeus- altar, durch die muhammedanischen Türken in die Festungsschanzen vermauert. Mit diesem Werke eines vorchristlichen Michel Angelo hat Berlin keine mindere Eroberung gemacht, als München mit den Aegineten, welche nach ihrer Erhebung aus dem Erdgrunde der Bildhauer Wagner im Auftrage König Ludwigs erwarb und glücklich in Italien landete. Aber ging denn der Reichsgedanke der Kunstliebe nicht vor? Wie, wenn man die Bilder und die Kunstbilder opferte, um die durch solchen Dienst aufgestachelten Feinde der Christenheit zu versöhnen? Auf diesen Gedanken konnte allerdings nur ein Barbar oder dazu gearteter Kunstfeind sich einlassen, So viel man weiß, hetzte der Synagogen-Vorstaud von Tiberias den Kaiser Leo den Jsaurier 726 zum Bildersturm, so daß auf allerhöchsten Befehl 730 alle Bilder aus den Kirchen entfernt wurden. Diese feindselige Bewegung zerrüttete noch unter seinem Nachfolger Constantin mit dem Spottnamen Copronymos (der Mistfink) den Staat, nachdem dieser selbst das Concil zu Constantinopel 754 veranlaßt hatte, sich gegen die Cultusbildrr zu erklären, und bildereifrige Mönche hinrichten ließ. Mit Militärgewalt handhabte Kaiser Leo IV. der Chazar die Gesetze wider die Bilderverehrung. Zwar gab seine Wittwe Irene dem Verlangen des Volkes und Klerus nach, zwei andere Concilien gestalteten den Bildercult und bannten und verdammten die Widersacher; die Ikonostasen in den Kirchen füllten sich wieder mit Heiligen. Jedoch Leo V. der Armenier nahm 814 den Kampf neuerdings auf, er wurde deßhalb 820 durch Michael den Stammler vom Throne gestürzt und ermordet. Nun sage man uns, ob die Kunst keinen Einfluß auf den Gang der Weltgeschichte geübt hat? Von 726 bis 842, mithin 116 Jahre, hielt das Unwesen der Jkonoklasten an, fast konnte man ausrufen: „Du hast gesiegt, Muhammed!" Erst unter der Kaiserin Theodor«, am 19. Februar 842, konnte das Fest der Orthodoxie oder Wiederherstellung religiöser Kunstbilder begangen werden. Es galt den entscheidenden Kampf, ob Judaismus oder Hellenismus die Vorherrschaft im Christenthum behaupten solle? Damals wurden viele Bildwerke vor der Vernichtung ins Abendland geflüchtet, so das Steinbild Maria Orth, welches die Donau herauf bis an die Naabmündung geschwommen sein soll. Ursprünglich ist es Artemis Orthia, welche in Lacedämon Verehrung genoß und deren Altar mit dem Blute der Epheben bespritzt ward, wie die Dominikanerinnen zu Regensburg vor dem Bilde der hl. Küwmerniß (eigentlich der kimmerischen Mutter) sich blutig geißeln mußten. Die Madonna von Skutari wird später angeblich durch Engel wunderbar vor den Türken nach dem Monte Baldo am Gardasee gerettet und die Wallfahrt begründet. Das Abendland erfuhr einen weit nachhaltigeren Bildersturm und eine bedauerliche Vernichtung von Kunstwerken durch blinde Reformer, welche unter dem Rufe: DerBaalscultist in die Kirche eingedrungen! alles Bildwerk hinauswarfen und zusammenschlugen. ES war Bodenstein, nach seiner Vaterstadt in Franken gewöhnlich Karlstadt genannr, welcher wie rasend gegen die Heiligen predigte und deren Bilder stürmte, so daß Luther deßhalb von der Wartburg aufbrach, um seiner Wütherei in Wittenberg eine Grenze zu setzen. Doch, mit den Schwarmgeistern von Zwickau oder den Wiedertäufern unter Thomas Münz er verbunden, setzte er seine Zerstörung der Bilder in den Gotteshäusern, zumal in Orlamünde, fort, ja er wollte als Vorläufer unserer Socialisten sogar Schulen und Gelehrsamkeit abgeschafft wissen, so daß Luther neuerdings in Jena gegen ihn die Kanzel bestieg, seinen Feuereifer zu dämpfen. Bei der Wiederherstellung deZ Königreichs Zion in Westphälisch Münster trieben die Anabaptisten ihre Extravaganzen noch weiter. Allein durch den Knnsthaße Zwinglt's und Calvins ist noch weit mehr untergegangen; die Malerzunft fand keine Beschäftigung mehr, und ein Hans Halb ein wanderte nach England auS, wo Thomas Morus ihn günstig aufnahm und er fortan mit Portraitmalen sich fortbrachte. Das Herz blutet uns, wenn wir uns auch auf Weniges beschränken und (wie jüngst in der M. Allg. Ztg. 1891 Beibl. 286) lesen, wie 1525 in Basel lediglich aus Gemälden drei große Brände angerichtet wurden. Die Menge der zu förmlichen Scheiterhaufen aufgehäuften Bilder war so beträchtlich, daß man sie zum Verbrennen anfangs an die Armen vertheilen wollte, aber davon Abstand nahm, weil bei der Zu» theilung in den verschiedenen Kirchenvierteln Streit entstand und manches beiseite geschafft und gerettet werden konnte. Selbst Holbeins Orgelthüren, seine letzte kirchliche Arbeit, waren in Gefahr. Alles mußte spurlos in Flammen aufgehen, so daß nur zwei oder drei Bilder aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts im Privatbesitz sich erhielten. In den calvinischen Kirchen der Schweiz, zu Genf, Zürich, Schaffhausen u. s. w., sieht es darum so öde aus, wie in der Philosophie Spinozas oder in einer Judenschule. Die Reformirten hatten bezüglich der Kunst ganz recht mit der Behauptung, von Nom aus habe ein neues Heidenthum, besser gesagt: der religiöse Hellenismus mit der Pflege der Klassiker, sich verbreitet. Wir geben dagegen zu erwägen, daß die Reformation grundsätzlich auf das alte Testament zurückging, und so wurde das von den Päpsten stillschweigend ausgemerzte Gebot Mosis: „Du sollst Dir kein Bild formen von welch immer einem lebenden Geschöpf, sei es im Himmel, auf Erden oder im Wasser", bis zur Stunde wieder giltig und ging selbst in den Heidelberger Katechismus über. (Das Gebot hat den Beisatz: „um es anzubeten", und war in diesem Sinne niemals ausgemerzt. D. Red.) Am ärgsten hausten die Puritaner in Schott- land, namentlich ging es über die strahlende Pracht der Glasgemälde her. Hatten die Wiedertäufer im Dom zu Münster alles zu Scherben zerworfen und zu Stral- sund der Magistrat der Abgötterei mit den Heiligen in Kirchen und Klöstern durch Einschlagen all der farbenprächtigen Fenster Einhalt zu thun sich bemüßigt gefunden, so war der General der Restauration Monk gezwungen, nur um Unersetzbares zu retten, das herrliche Mnrgarethenfenster zu Oxford zu vergraben, ungefähr wie der Küster zu Nördlingen die altdeutschen Malereien nur durch Verschalung hinter dem Hochaltar rettete. Die christlichen Wechabiten schonten die Prachtfenster der Kathedrale zu Canterbury so wenig, wie zu St. Canice in Irland, obwohl der spanische Gesandte und päpstliche Nuntius Tausende von Pfunden dafür geboten haben sollen. Genug! der kunstfeindliche Mosaismus gewann wieder historische Bedeutung und die überspannteste Sabbathfeier gilt im brittischen Reiche und in Nordamerika noch heute. Im Beginne des dreißigjährigen Krieges rasten noch die Nachfolger der Hussiten unter ScultetuS wider die Kirchenbilder, und Zu Neumarkt in Tirol genießt eine hölzerne Madonnenstatue Verehrung, welche in der Stadt an der Moldau schon ins Feuer geworfen, aber von den Kapuzinern unversehrt herausgezogen ward. Die katholische Gegenreformation, welche von Italien und Spanien, also von den Romanen ausging, hat der deutschen Kunst nicht weniger Schaden gebracht, indem man die stilgerechtesten Kirchen nach wülschem Muster umbaute, den Spitzbogen abrundete und die Fenster in Baßgeigenform herstellte. Wer hat nicht mit Bedauern vom Benediktiner- und Jesuitenstil gehört oder gelesen, welcher kein charakteriistsches Motiv in die Architektur einführte, umsomehr aber durch Gypsschnörkel und willkürliches Ornament die Gotteshäuser verunzierte l Um die Staatsbaukunst stand es nicht besser, so daß Clemens Brentano äußert: „Was verstand auch der deutsche Philister anders, als was viereckig ist, und das war ihm oft noch zu rund." Auf protestantischer Seite ließ man wenigstens die ehrwürdigen Bauten noch unverletzt stehen, die Katholischen aber hatten zu viel Geld, und so sehen wir allein in München vier deutsche Kirchbauten, St. Peter und Heiliggeist, die Augustiner- und St. Jakobskirche im Anger unter Herabschlagen der Nippen und Hinauswerfen der Altäre vandalisch behandelt, zwei andere aber geradezu zusammengerissen. Damit arbeitete man Verstandlos und ohne alle Pietät nur der französischen Revolution vor, sie brach herein und blieb an Zerstörungswuth hinter den Ne- formationsstürmen nicht zurück. Wessen sie fähig seien, hatten unsere welschen Nachbarn gegen Westen schon früher gezeigt, da sie 1692 den großartigsten Renaissancebau in Deutschland, das Schloß der Wittelsbacher zu Heidelberg, in einem Anfall von Raserei in eine Ruine verwandelten, gleichzeitig auch das größte Werk der Glasmalerkunst, die Fenster der Abteikirche zu Hirsau, in lauter Scherben zerschlugen. Nenne man dieß einen Anfall von Raserei, so wurde dieselbe in der großen Revolutionszeit ständig. In Colmar, der Stadt Schongauers, ging es zu, wie früher zu Basel, denn die kostbarsten Bilder wurden verbrannt. Straßburg war der Schauplatz aller Gräuel, und die Convents- commissäre sprangen mit Füßen in die Gemälde. Hebert wollte dem Münsterthurm die Spitze abbrechen, weil er so aristokratisch über die Häuser der Citoyens sich erhob — erst die Gegenvorstellung rettete ihn, er könnte den Stadtbürgern auf den Kopf fallen. Eines der größten Gotteshäuser der Christenheit nach dem St. Petersdom, die Abteikirche zu Clugny, welche mehrere Fürsten zu Prälaten gehabt, und von wo Hildebrand oder Papst Gregor VII. ausgegangen, überhaupt die Reformation des Benediktiner-Ordens sich herschreibt, war bereits in einen Steinbruch verwandelt; nur das von den Generaläbten gegründete Hotel in Paris mit seiner weltgeschichtlichen Kunstsammlung hat den alten Ruhm noch erhalten. Da sollte dieselbe Zerstörung durch die Sanscüloten den Dom zu Mainz treffen, als das Machtwort Bonapartes den Abbruch verhinderte. Die Kunst ist eine erhaltende Macht und eine Tochter des Friedens, sie liegt in der menschlichen Natur und ist der glänzendste Beweis der Wohlhabenheit und Bildung. Die Araber haben statt der ihnen verbotenen Bilder mit architektonischen Wunderbauten und Arabesken ihren Kunstgeist befriedigt und dabei auch uns Europäern zu lernen gegeben — man denke an die Abhambral Wäre der Geist der Zeit doch überwunden, in welchem die Völker des Islam nach dem Spruche Muhammeds einhertobten: „Das Schwert ist der Schlüssel zu Himmel und Erde!" Seit 1200 Jahren haben sie die Kunstbewegung in ganz Vorderasien lahm gelegt, woselbst, solange die Griechen dort herrschten, die größten Meister aufgestanden; auch Neurom, Konstantinopel, liegt künstlerisch todt. Heute erleben wir einzig, daß auch muslimische Herrscher sich monumental verewigen möchten. In Alexandria sehen wir Mehemet Ali hoch zu Roß am Hauptplatze el Muft'i prangen — freilich blieb das Standbild lange mit Brettern verdeckt, um die Muslimen allmählig an den Anblick zu gewöhnen. Das Museum in der hiesigen Erzgießerei bewahrt noch das im kleineren Maßstabe ausgeführte Modell des Sultans AbdulAziz, welches in Bronzeguß für das Serail bestimmt war — wohin aber nach seiner Ermordung dieses Kunstwerk gelangte, wer weiß es? Sagen wir vielmehr: wer weiß, was uns die nächste Zukunft bringt? In parlamentarischen Körperschaften, wo nur zu wenig, ja oft keine Kenner und Vertreter aus der Künstlerwelt sitzen, ist schon lange der Antrag aufgetaucht, den Besitz von Kunstwerken, zumal an Gemälden, mit Steuer zu belegen. Man könnte ja auch den Bibliothek-Besitzern zur Strafe 315 eine Abgabe auferlegen. Wer weiß, was die Socialdemokratie unS bringt! sie will mit der Religion auch die Kunst abschaffen und immerhin die kirchliche Kunst in den Winkel drängen. Sehen wir nicht selbst unter Künstlern eine bedenkliche Richtung Platz greifen? Die Kunst soll uns über das Gemeine, Alltägliche erheben und den Vorgeschmack einer höheren Anschauung gewähren. Wie nnn, wenn bereits das Proletariat sich breit macht, ja sogar die gemalte Verbrecherwelt die Charaktere eines Leonardo da Vinci verdrängen will? Wenn Courbet, der die Vendome-Säule umgestürzt, keck den Straßenarbeiter, andere einen Arbeiter- strike uns vorführen, mag dieß zeitgemäß scheinen, aber ein Albrecht Dürer würde sagen: „Kann man so etwas auch malen?" Die Kunst soll nicht ihren letzten Beruf darin suchen, mit dem, was sie zur Anschauung bringt, wie mit Journalartikeln aufzuhetzen. — Soll die Begeisterung für das Edle erlöschen und der Cultus des Schönen ein Ende nehmen? Und wo bleibt die Pietät, die Achtung vor dem Heiligen, wenn wir die den Christen noch immer heilige Jungfrau wie ein Gassenweib, ihren Rangen auf dem Arme, dargestellt sehen, oder wie eine Holzträgerin neben dem Holzhauer mit seiner Säge in Nacht und Nebel dahingehen sehen? Soll damit etwa gar die Sixtinische Madonna in der Dresdener Gallerte verdrängt werden? Von der modernen Civilisation bis zur neuen Barbarei ist nur Ein Schritt! Wie Robespierre erklärte: Mus n'uvono xlus kasoin ckes savants! und Lavoisier, den Hauptbegründer der neuern Chemie, guillotiniren ließ, so könnten die zur Herrschaft gelangten Socialdemokraten oas Glaubens- bekenntniß ablegen: Wohlan! wir brauchen weder Religion noch Wissenschaft und Kunst mehr! Dann Adieu mit Kunst und Kunstgewerbe! ihr wohlthätiger Einfluß auf die Entwicklung des Völkerlebens und den Gang der Geschichte wäre zu Ende! — Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) II. Die klassische Lectüre ist immer zugleich auch ein Studium der Geschichte Griechenlands und Roms. Nebst den Kämpfen der Griechen und Römer nach außen lernen wir dort besonders die innere Entwickelung, die Verfassung und Verwaltung jener Staaten zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Formen näher kennen. In Griechenland bestanden zuerst einige Jahrhunderte hindurch erbliche Monarchien mit keineswegs unumschränkter Gewalt des Königs?) Nachher traten an ihre Stelle aristokratische Republiken, in denen die oberste Gewalt und die Leitung des Ganzen im Besitze des ersten Standes oder weniger Familien desselben ist; nicht selten kommt sie in den Besitz eines Einzigen, der sie sich durch List und Gewalt aneignet?) Dieser Eine wird meistens bald wieder gestürzt, indem die Vornehmsten ihm die angemaßte Gewalt entreißen und die Aristokratie zurückführen. In dieser streiten sich wiederum die Ersten des Staates um den höchsten Rang und die Ausübung der Staatsgewalt; eS entstehen Parteien, die sich gegenseitig bekämpfen. So geht es zunächst unter wechselnden Siegen und Niederlagen der aristokratischen Geschlechter und Parteihäupter unter sich einige Zeit fort, bis entweder das Volk sich von selbst gegen den ersten Stand, gegen die Aristokraten empört oder ein Parteiführer des Adels sich auf seine Seite stellt, um durch Hilfe des gemeinen Volkes seinen Gegner aus dem Besitze der Macht zu verdrängen; auf diese Weise wird die Aristokratie in Demokratie umgewandelt. So war der Verlauf z. B. in Athen, wo Klisthenes und Jsagoras, zwei aristokratische Parieihäupter, um die höchste Gewalt stritten. Klisthenes unterlag dem Gegner, schlug sich auf die Seite des Volkes und verschaffte der Demokratie den Sieg?) Und wenn schon in der Aristokratie das monarchische Princip, die Leitung des Ganzen durch einen Einzigen, deutlich hervor trat, so ist dieses in der Demokratie nicht weniger der Fall. Denn auch hier ist es in der Regel ein Mann, der das Volk in seinen Beschlüssen und Handlungen leitet und die Menge beherrscht. Sobald nicht ein Einziger ein entschiedenes Uebergewicht hat und den höchsten Platz allein behauptet, so dauert der Parteikampf so lange fort, bis ein Parteihaupt siegt und sich für längere oder kürzere Zeit entschieden auf oberster Stufe erhält. Von den vielen Kämpfen dieser Art heben wir nur denjenigen hervor, der für den Staat noch am wenigsten nachtheilig gewesen zu sein scheint, nämlich den des Aristides und Themistokles, dem nur die Verbannung des einen dieser Männer ein Ziel setzte. Ihre Eifersucht war dem Staate weniger verderblich, als die vieler Andern vor und nach ihnen. Denn Aristides, der sich bekanntlich durch seine Nechtschaffenheit den Beinamen des Gerechten erwarb, hatte bei Bekämpfung des Themistokles doch im allgemeinen das Wohl des Staates im Auge und gab, als das Vaterland in Gefahr schwebte (besonders vor der Schlacht bei Salamis), ein herrliches Beispiel von Patriotismus und Selbstüberwindung?") Doch zu anderer Zeit, wenn den Staat keine äußere Gefahr bedrohte, vergaß selbst Aristides das allgemeine Wohl bei der Bekämpfung seines Gegners; er ließ sich durch die Eifersucht verleiten, sogar guten Vorschlägen des Themistokles entgegenzuwirken, nur um ihn nicht siegen und nicht an Macht gewinnen zu lassen. Und als er denselben einmal in einem solchen Falle besiegt hatte, rief er, wie uns Plntarch berichtet, im Unmuth über sein verkehrtes Streben und das Verderbliche der Parteikämpfe aus, daß für Athen kein Heil sei, wenn man nicht ihn und den Themistokles in jenen Abgrund werfe,") in welchen sonst die zum Tode Verurteilten gestürzt wurden. Nach der Verbannung des Themistokles und dem Tode des Aristides traten Cimon und Periklcs als Rivalen in der Oberleitung des Staates auf. Beide waren von Geburt und Gesinnung ursprünglich Aristokraten. Cimon hatte zuerst das Uebergewicht durch seinen Kriegs- rnhm und Reichthum, der es ihm möglich machte, sich durch große Freigebigkeit beliebt zu machen. Dem Perikles standen solche Mittel nicht zu Gebote. Er trat daher in die Fußstapfen des Klisthenes'") und verschaffte der Demokratie den entschiedensten Sieg und die größte Ausdehnung, so daß die Gegenpartei völlig geschlagen war «) Vergl. AeroS. V., 66. ") Vergl. klut. Lrist. 8. ") klut. ^rist. 3. klut. körte!. 7. ') Vergl. Muexä. I. 13. °) Vergl. Herock. I. 59 sgg. und insofern die Parteikümpfe unter Perikles ruhten, da die eine Partei gänzlich unterlag und ihr Anführer verbannt wurde. Perikles leitete nun das Volk der Athener und alle Angelegenheiten des Staates mit Muth, Einsicht, unermüdlicher Thätigkeit und Energie, unterstützt von außerordentlicher Beredsamkeit. Unter ihm war Athen stark nach außen und blühte im Innern durch die Künste des Friedens mehr als zuvor und nachher. Allein nicht das Volk herrschte, sondern Perikles beherrschte es wie ein Alleinherrscher; Athen war nach dem Urtheil des Thu- cydides unter ihm nur dem Namen nach eine Demokratie, in der That aber eine Monarchie;*") eben daraus ist seine Blüthe hauptsächlich zu erklären. Dieselbe hörte deßhalb auch auf, als Perikles nicht mehr war und kein anderer Führer des Volkes sich nach ihm für längere Dauer als Monarch zu behaupten wußte. Allerdings hat das Volk selbst den Perikles auf seinen Platz gestellt und ihm willig, nicht gezwungen, gehorcht; aber er hat diesen Gehorsam sich nicht allein durch seine geistige Ueberlegenheit, sondern zum großen, wenn nicht zum größten Theil durch andere und zwar verwerfliche Mittel verschafft. Er hat der Menge allerdings nicht mit Worten geschmeichelt, aber er wußte sie doch sehr gut an der schwachen Seite zu fassen und an sich zu fesseln. Er hat für die Theilnahme an den Gerichten und Volksversammlungen einen Sold eingeführt und große Summen aus der Staatskasse unter die unbemittelte Klasse vertheilt, damit sie davon das Theater, die Feste und Opfermahle besuchen könnte. Er machte es also auch der besitzlosen Klaffe auf Kosten der Besitzenden möglich, an dem ganzen öffentlichen Leben im Staate thätigen Antheil zu nehmen, und eben in dieser gleichmäßigen Theilnahme Aller liegt das Wesen der Demokratie. Die so heilsame Wirksamkeit des Arcopags, der als oberster Sittenrichter, als ein Bollwerk gegen Zügellosigkeit des Volkes und Willkür der Beamten, als Wächter der Gesetze und Beschützer der alten Verfassung nicht weniger den Gelüsten der Menge als der Herrschsucht ihres Führers allein noch im Wege stand, ließ er schmälern und beschränken. Um solchen Preis gehorchte das Volk der Athener allerdings ihm allein; aber er hat es dabei so au Müßiggang und Genußsucht gewöhnt und überhaupt so verdorben,") daß nach ihm niemand es mehr im Zaume halten konnte. So groß der Glanz seiner Alleinherrschaft an und für sich war, so verderblich war die Nachwirkung der Mittel, durch die er jene Herrschaft behauptete. Die Folgen zeigten sich bald nach dem Tode des Perikles in vollstem Maße. Die Demagogen setzten das Volk in Bewegung und brachten alles in Verwirrung. Die gährende Menge warf sich bald diesem, bald jenem Anführer in die Arme, und häufig lieber den frechsten und schlechtesten Menschen, als redlichen und wohlwollenden Patrioten, lieber einem Cleon und Alcibiades, als einem Nicias und Demosthenes. — Jeder strebte nach der Macht und Alleinherrschaft des Perikles, aber keiner konnte sich in derselben erhalten; heute herrschte dieser, morgen jener. Der Grund lag nicht nur darin, daß keiner die seltene Kraft und Größe des Perikles besaß, sondern vorzugsweise darin, daß die Grundlagen und Bedingungen, worauf die Alleinherrschaft des Perikles gegründet war, nicht für längere Dauer bestehen konnten. Denn obgleich die Geldvertheilungen aus ») killt, ksriel. 9. — 6onk. I'bueyä. II., 65. ") Oool. ktut. keriol. 9 und kiat. Oor§. x. 515. der Staatskasse auf Kosten der wohlhabenden Bürger und der Bundesgenossen nicht aufhörten, indem die Demagogen den letzteren immer mehr Beiträge auspreßten,*") so war es doch nicht möglich, die sich immer steigernden Wünsche und Ansprüche der nun einmal verwöhnten Menge zu befriedigen. Die minder besitzende und besitzlose Klasse entschied durch ihre numerische Ueberlegenheit alles ") und beherrschte die besitzende, so daß m und rll «nopoe als bezeichnet und ihre Herrschaft rs) genannt wurde. Perikles hat durch die Mittel, auf die er seine Alleinherrschaft gründete, die Zeit des größten Sittenoerderbnisses und der Zerrüttung des Staates hervorgerufen, jene Zeit, von der einst Jsokrates sagte, die Reichen haben ein peinlicheres Loos, als die Armen,") und es sei gefährlicher, reich zu scheinen, als offen ein Verbrechen zu begehen."") Alle Uebel der Anarchie und Demagogie bedrängten den verwirrten Staat. Alles wollte regieren und niemand gehorchen; am schwierigsten war es für die Guten und Rechtschaffenen, einigen Einfluß auf die Masse zu gewinnen und den Staat zu leiten. Deßhalb hielt es SakrateS, um längere Zeit für das Wahre und Gute wirken zu können, für nöthig, sich auf Privatwirksamkeit zu beschränken, kein öffentliches Amt zu bekleiden und nicht als Staatsmann redend und handelnd vor dem Volke aufzutreten; denn er hegte die Ueberzeugung, daß man, im Falle er auftreten würde, seinem auf Wahrheit und Gerechtigkeit gerichteten Streben frühzeitig durch den Tod ein Ende gemacht hätte?*) Er vertraute ebensowenig auf den Gerechtigkeitssinn der großen Menge, als auf den jener 30 Oligarchen, die einige Zeit mit Willkür und Schrecken über Athen herrschten. Und als er in einem Alter von mehr als siebenzig Jahren wegen seines Wirkens als Lehrer der Jugend angeklagt und zum Tode verurtheilt wurde, sagte er vor seinen Richtern, daß er nicht aus Mangel an Vertheidigungsgründen unterlegen sei, sondern deßwegen, weil er es nicht über sich vermocht habe, wie die Uebrigen, einerseits mit Keckheit und Unverschämiheit aufzutreten, anderseits den Ohren der Zuhörer zu schmeicheln""). — Wie sehr die Menge durch die Schmeicheleien der Demagogen"") verwöhnt war und wie wenig sie eine ernste Wahrheit ertragen konnte, erfuhr in etwas späterer Zeit besonders -der Redner Demosthenes. Er warf dem Volke seine Verblendung und Schlaffheit vor, die es dem schlauen Philipp gegenüber an den Tag legte; er tadelte seine Mitbürger, daß sie ihre Pflicht gegen das Vaterland nicht erfüllen/*) er forderte sie mit glühendem Eifer und der größten Vaterlandsliebe auf, mit Hingabe und Kraftanstrengung für die Selbstständigkeit zu kämpfen. Er zeigte, wie thöricht es sei, die schlimme Lage des Staates mit Selbsttäuschung sich zu verhehlen, um nicht durch das Bekennen der Wahrheit ein unangenehmes Wort sagen und hören zu müssen/") Er beklagt sich bitter darüber, daß man in der Versammlung des Volkes die Wahrheit nicht sagen dürfe, und zeigt, daß der Staat 6ouk. killt. Lrist. 24. 10 ^ 12 9 ") 6ouk. Xenoxb. Nsmor. IV, 2 u. killt, äs rsßb. p. 565. -°) 0ouk. ^i-ist. koi. III, 5, L. ") Isoer. äs kaes o. 33. 2") Isoor. 7rk(>t p. 85 Orsil. 6vllk. killt. Lxoi. XIX. u. ibiä. XX. killt. L.i,oi. XXIX. --) ^rist. koiit. IV., 4. vsmostii., llävsrg. kbil. I., 8. °°) vemostb. I.. 38. 317 eben dadurch in die größte Gefahr gekommen sei?") Allein der Redner Aeschines, welcher im Solde deS Philippus stand, wurde meistens lieber gehört, weil er gewöhnlich nichts anderes vorbrachte, als was angenehm klang, weil er nichts von Opfern sprach, die der Einzelne für den Staat bringen müsse. Die Unabhängigkeit Griechenlands aber ging eben dadurch verloren, daß seine Bürger schlaff waren, sich lieber von schmeichelnden Demagogen, als von wahrheitsliebenden Patrioten leiten ließen, weil sie eS nicht über sich vermochten, dem Parteigeist zu entsagen und mit aufopfernder Selbstoerläug- nung einmüthig für das Vaterland einzustehen, weil es endlich die eine Partei vorzog, eher das Interesse und die Unabhängigkeit des Staates aufzuopfern, als der Gegenpartei nachzugeben. — Ganz derselbe Fall trat später bei Carthago ein.^) — Theils ähnliche, theils die gleichen Erscheinungen begegnen uns in der römischen Geschichte. — (Fortsetzung folgt.) Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Fortsetzung.) p. So spät Abends noch alle Lüden geöffnet und so gefüllt die Straßen noch zu später Nachtstunde von Wagen und Menschen sind, so spät ist auch das Erwachen des Pariser Lebens. Der Lohnbediente kommt nicht vor 8 Uhr, der Kaffee ist nicht vor 9 Uhr zu haben, so daß vor 10 Uhr nicht an das Ausgehen zu denken ist. Wir benutzten die frühe Morgenstunde des heutigen Tages, um in der Kirche Notre Dame des Victoires, auch des Petits Pöres genannt, die heilige Messe zu hören und für' unsre lieben Abgestorbenen — es war ja heute Allerseelentag — zu beten. Bald nach unserer Rückkehr kam auch Zezschwitz zu uns herauf, um uns den Plan zu unsern heutigen Rundgängen zu entwerfen, zu welchen er sich uns in höchst liebenswürdiger Weise als Führer anbot. So wanderten wir denn durch die Rue de la Pnix, die früher Rue Napoleon hieß, nach der kolossalen Vendomesänle, welche, innen von Stein, außen von Kanonenmetall, im Ganzen 125 par. Fuß hoch ist und um welche, wie ein gewundenes Band, die Siege der Franzosen im Jahre 1805 in Hantrelief dargestellt sind. Im Piedestal befinden sich Waffen aller Art: aus der Spitze der Säule stand früher die Kolossalstatue Napoleons, die aber 1814 abgenommen und durch eine weiße Fahne ersetzt wurde, während das Metall der Napoleonsstatue beim Guß des neuen Standbildes Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf Verwendung finden soll. Die Vendomesänle wurde 1806 begonnen und 1810 beendet; die Hautreliefs sind von Gerard und Nenaud. Man kann im Innern der Säule hinaufsteigen; wir unterließen es aber. Von da wendeten wir uns nach dem Tuileriengarten, zu welchem die Rue Castiglione führt und der sich vom Tuilerienpalast bis zum Platz Ludwigs XV. längs der Seine hinzieht. Parallel zum Seinequai geht die Rue Nivoli, welche Napoleon anlegte. An dieser Straße war ein neues Postgebäude in Bau, aber noch nicht unter Dach. Im Tuileriengarten 2 °) vsmostb. aävers. kbil. III., 3. 6onk. ibiä. 2 u. 84. Vioit eiZo Urnimbslsin non xoxulus romainm toties oavsus knAatusgus, sei ssuarns eLltbaZiviLnsis olUreetkUlons atqus inviäia; uequs bao clokorinitors roäitug msi ?. Loixio oxultobit atqus ellsrst 8686, qug.ro Houuo, qui äomuw nostrom, quLncko glia, rs non xotnit, ruin» Oartkagiuis Lxxrsssit. — luv. XXX., 20. selbst wurde uns ein kleines Lnsthaus gezeigt, in welchem früher der König von Rom spielte und das jetzt in ein Cafs verwandelt ist. Der Garten wurde 1600 nach den Plänen von Lenotre ausgeführt: keine Stadt Europa's hat einen so schönen öffentlichen Park auszuweisen, dessen Alleen und Wasserbecken herrliche Statuen schmücken. In der Verlängerung des Tuileriengartens liegen die Champs Elysees, an deren Ende unter Napoleon der Grund zu einem großen Triumphbogen gelegt wurde, auf welchen, wie man sich erzählt, daS Kreuz des Kreml gesetzt werden sollte. Auf die Pfeiler des nach dem Platz Ludwigs XV. führenden Gartenthores hätten je zwei der Pferde des Brandenburger Thores kommen sollen. Auf letztgenanntem Platz wurden Ludwig XVI. und Marie An- toinette enthauptet. Man sieht von hier Seine abwärts auf dem linken Ufer einen hohen runden Thurm, die Pompe L Feu am Quai d'Orsay, der Paris mit Wasser bei ausbrechenden Bränden versorgt. Zwei Dampfmaschinen treiben das Wasser bis auf 110 par. Fuß Höhe und werden von vier großen Reservoirs gespeist, deren jedes 9000 Kubikmeter Wasser faßt. Dieses Wasserwerk wurde 1805 durch Marguerit verbessert. Auch den Dom der Invaliden mit seiner goldenen Kuppel kann man von hier aus sehen. Wir gingen nun längs des Tuileriengartens hinauf und ließen uns den unterirdischen Gang in der Nähe des Schlosses zeigen, welchen Kaiserin Marie Lonise mit ihrem Sohne benutzte, wenn letzterer den mit zwei Lämmern bespannten Wagen bestieg und im Garten herumfuhr. Der Bau der Tuilerien begann auf Veranlassung von Katharina von Medici im Jahre 1564 durch die beiden berühmten Architekten Delorme und Bullant: Heinrich IV. ließ sie durch Ducenceau und Dupirant vergrößern und verändern; doch wurde der Bau abermals unterbrochen und erst unter Ludwig XIII. vollendet; daher der verschiedene Baustilseiner 5 Pavillons. Denn auch uuter Ludwig XIV., welcher Einheit in denselben bringen wollte, änderten die mit der Ausführung seines Wunsches beauftragten Architekten Le Veau und Orbay nur den mittleren Pavillon, während sie das Nebrige stehen ließen; die innere Ausschmückung erfolgte ebenfalls hauptsächlich während Ludwigs XIV. Regierung. Unser Weg führte uns längs des Quai nach dem Pont des Arts, und kamen wir an dem Theil des kgl. Schlosses vorüber, aus dessen einem Fenster Karl IX. in der Bartholomäusnacht auf die Hugenotten geschossen haben soll. Die Bögen des Pont des Arts sind von Eisen. Von da aus gingen wir um die Tuilerien herum, deren rückwärtiger Hof durch ein eisernes Gitter geschlossen ist: es war gerade Paradezeit und die Militärmusik spielte. Vor dem Gitterthor befindet sich ein Triumphbogen, auf dem früher die venetianischeu Pferde gestanden haben, der jetzt ohne dieselben ganz kahl aussieht. Den Tuilerien gegenüber liegt der Louvre, der durch Gallerten längs des Quai mit ersteren verbunden ist. Auch der Louvre ist ein ganz alter Bau: im Jahre 1355 diente er noch als Rendezvous zur Jagd. Im Jahre 1510 ließ Franz I. das alte Schloß niederreißen und ein neues nach Zeichnungen von Pierre Lescot zu bauen anfangen; dieser Bau wurde unter Heinrich II.» Katharina von Medici, Heinrich IV. und Ludwig XIII. fortgesetzt. Ludwig XIV. ließ zur Vollendung des Louvre den berühmten Le Benein aus Rom kommen, der einen i neuen Plan entwarf, dessen Ausführung aber der Neid der französischen Architekten vereitelte. 1670 wurden von den letzteren die Kolonnaden des Louvre vollendet, an der Jonrseite desselben, gewiß eines der klassischsten Bauwerke Frankreichs. Anfang dieses Jahrhunderts wurde unter der Leitung der Architekten Percier und Fontaine der Bau des Louvre zu Ende geführt. Napoleon hatte auch die zwischen beiden Schlössern stehenden Häuser ganz wegräumen lassen wollen; doch war dies bis jetzt nur zur Hälfte geschehen: der dadurch gewonnene freie Platz heißt Place du Caroussel. Wir traten in die Gallerie rechter Hand des Louvre, wo die Gemälde aufgestellt sind; freilich sieht es da jetzt anders aus als zu Napoleons Zeiten, aber da die früher im Palast Luxembonrg befindlichen Gemälde auch in dieser Gallerie untergebracht sind, so findet man hier immer noch eine große Anzahl Meisterwerke. Im ganzen besteht die Sammlung aus 1200 Gemälde, darunter die berühmtesten: der HI. Julian, von Allori, einem Florentiner des 16. Jahrhunderts, Karl I. von England, vom Holländer Mhtees, die Hochzeit von Kanaan, von Paul Veronese, Alexander der Große im Zelt des Darius, von Le Brun, die Sündfliith, von Poussin, Thomas Morns, von Halbem und andere mehr. Außerdem befinden sich in den anstoßenden 24 Sälen 20,000 Handzeichnungen, darunter die Schule von Athen und die Verleumdung von Nafael, sowie 900 Antiken, worunter Ariadne von Naxos, Venus von Medici, Laokoon, Apoll von Bel- oedere, die Büsten der Kaiser Hadrian und Galba die bekanntesten sind. Aus der Gallerie gingen wir durch den Louvre. Das Schloß hat sollen ein schönes Viereck werden, ist aber im Innern noch nicht ganz ausgebaut. Es war Napoleons Plan, von hier aus eine gerade Straße nach der Place du Trone zu bauen, wozu die Häuser, welche niedergerissen werden sollten, schon bezeichnet waren; die Ausführung desselben wurde durch seine Thronentsetzung vereitelt. Nach dieser anstrengenden Wanderung stärkten wir uns im Cafs aux Milles Colonnes des Palais Noyal mit einer Tasse Chocolade und begaben uns von da durch die Passage Feydeau in das Panorama von Amsterdam; es stellt diese Stadt zur Winterszeit dar und istz sehr sehenswerth. Dann bestiegen wir am Boulevard des Italiens einen Wagen und fuhren durch die Champs Elysee's zu den französischen Nutschbergen. Das dort gebotene Vergnügen besteht darin, sich von dem oberen Stock eines hohen Hauses aus in einen kleinen vierrädrigen Wagen zu setzen, der in Rinnen geht, und auf diesem pfeilschnell auf einer schiefen Ebene hinunter- und ebensoschnell auf einer andern schiefen Ebene durch eine Maschinerie getrieben wieder; hinaufzufahren. Wir begnügten uns mit dem Zusehen. Den Rückweg nahmen wir durch die Vorstadt St. Honore bei dem Palais Elisee Bourbon vorbei, das vom Herzog von Berry bewohnt wird. Dieses Palais wurde im Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut und war von der Marquise von Pompadour bis zu ihrem Tode bewohnt, gehörte dann eine kurze Zeit der Herzogin von Bourbon, nach welcher es auch benannt wurde. Auch Napoleon bewohnte es mehrere Male, so nach der Schlacht von Waterloo, und hier legte er 1815 die Regierung nieder. Während der Anwesenheit des großen Hauptquartiers der Verbündeten in Paris bewohnte es Kaiser Alexander. Wir speisten im Palais Noyal bei Verry, wo wir unsere übrigen Landsleute trafen und mit ihnen dann ins Theater der Varietes, Boulevard Montmartre, gingen. In diesem Theater werden nur Vaudevilles, Burlesken und leichte Stücke aufgeführt. Die Melodien, die darin vorkommen, find meist bekannte Gassenhauer oder werden es, die Pointen verstehen wir Ausländer schwer, weil sie sich auf das Pariser Leben, auf die Tagesereignisse beziehen. Wenn man sich bei diesen Vorstellungen amüsiren will, muß man jedenfalls Verstand und Geschmack draußen lassen. Montag den 3. November galt unser erster Besuch dem Schuhmacher Mr. Chapelle, bei dem wir schon von Tourcoing aus Bestellungen gemacht hatten. Hierauf wanderten wir wieder ins Palais Royal, machten auch dort verschiedene Einkäufe und Bestellungen, frühstückten und bestiegen sodann in der Nue Nivoli einen Wagen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einige Bemerkungen über die Pariser Lohnkntscher einstießen lassen. Es gibt z. Z. hier 900 zweispännige Fuhrwerke, welche eine fortlaufende Nummer führen und auf 71 Standplätzen in der Stadt durch die Polizei vertheilt sind. Sie haben ihre Taxe nach der einzelnen Fahrt oder nach der Stunde: eine Stunde Fahrt 2 Francs, jede Stunde mehr 30 Sous, nach Mitternacht das Doppelte. Wenn man in ein Theater oder Concert fährt, muß man voraus bezahlen, Trinkgeld ist üblich. Die zweirädrigcn Cabriolets sind etwas billiger, doch findet man sie nur bis Abends 10 Uhr auf den Plätzen. Sowie man über die Barrieren von Paris hinausfahren will, muß man den Fahrpreis im voraus ausmachen. Die Kutscher fuhren gut und haben auch gute Wagen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen, Stcindorff Gc., Kop tische Gra inniai ik mit Chrestomathie. Wörterverzeichnis; und Literatur. 8°. XVIII -f- 220 -s- 94 S. Berlin, Reuther und Reichard, 1894. M. 13,20. g. Unter dem Titel einer »korta. liuAuarum orloutalium« begründete I. H. Pctcrmann (fi 1875) eine Sammlung von Lehrbüchern zur ersten Einführung in das Studium der Sprachen des Orients; die Bündchen, deren Zahl jetzt auf 25 gestiegen ist. erfreuen sich ob der glücklichen Vereinigung von wissenschaftlicher Gründlichkeit mit praktischer Kürze mit Recht allgemeiner Beliebtheit; die ersten unter Petcrmann's Leitung herausgegebenen Theile waren überdies zu ihrem Vortheil lateinisch abgefaßt; spätere Auflagen und neuere Bündchen, von verschiedenen Gelehrten bearbeitet, haben das allgemein verständliche und anständige Idiom der Wissenschaft zum größten Theil leider verlassen und sind in jenem gelehrten Jargon abgefaßt, den man weder „Deutsch" noch „Latein" nennen kann. Auch daö vorliegende Bündchen, das XIV. in der Reihe, von dem man in der That sagen muß, daß es einem wirklichen Bedürfnisse abhilft, da cS die einzige Grammatik bietet, die dem heutigen Stande der Wissenschaft gerecht wird; freilich, ob bei dem Wucherpreis von 13 M., der trotz der einfachen koptischen Typen für daö kleine Buch festgesetzt wurde, die koptischen Studien, so wichtig sie sind, ein besonderes Aufblühen erfahren werden, ist eine andere Frage; kostet doch Stern's vollständige Grammatik, die nebenbei tast ein Lexicon entbehrlich macht, nur 18 Mark. Unter den fünf Hauptdialekten der koptischen Sprache hat Steindorff den sahidischcn zur Grundlage genommen; manche Leser würden aber gewiß an sciuer Stelle lieber den boheirijchcn sehen, denn „er hat sich später in der Literatur über ganz Aegypten verbreitet und gilt noch jetzt allgemein als Kircbeniprache" (S. 4), waS ja das Literaturver- verzeichniß (S. 217) am besten beweist, in welchem auch Lagarde's Pcntateuch-Anszabe aufgeführt ist, einer der wenigen korrekten und für die Lektüre passenden Texte. In der Chrestomathie hat der Verfasser „das Princip dem praktischen Nutzen geopfert und sprachlich etwa-Z weniger korrekte Texte, aber solche gewählt, die den Lernenden mehr zum eigenen Nachdenken, alö auf die Benutzung der Bibel und ihrer Uebcrsetzungen ver- 319 weisen*. Aber, nachdem die koptischen Bibcltexte, wenn überhaupt zu beschaffen, unerschwinglich theuer, außerdem auch noch kritisch ost in einem heillosen Zustande sind, wie die von Fehlern wimmelnde Ausgabe des neuen Testamentes von Wilkins, wäre es doch mindestens sehr erwünscht gewesen, eine größere Auswahl biblischer Texte zu bieten; wir können nur wünschen, daß diesem Mangel bald mit einer eigenen »Odrsstomatdia bidlica ooptioa onm Zstossario« abgeholfen werde. Was philologische Genauigkeit betrifft, läßt das Buch nichts zu wünschen übrig; auf das Aegyptische ist stets Bezug genommen. Ossig H., Spanisch-deutsches und deutsch-spanisches Taschenwörterbuch. 16". 544 S. Leipzig, Ph. Reclam (1894. Univ.-Bibl. Nr. 3201 —5). M. 1,00; geb. 1,50. Keine andere Sprache der Welt lohnt die Mühe des LernenS so reichlich, wie daS Spanische, das uns eine der herrlichsten Literaturen bietet und auch schon um seiner eigenen klangvollen Schönheit willen mehr, als bisher, studirt zu werden verdient. Dazu ist Ossig'S sauber ausgestattetes, bequemes und reichhaltiges Wörterbuch ein Hilfsmittel von geradezu beispielloser Billigkeit, daS namentlich dem Kenner des Lateinischen sofort genügende Dienste leisten wird, um sich an die Lektüre eines Caballero, Trueba und auch der älteren Klassiker zu wagen. Möge namentlich die studirende Jugend ergiebigen Gebrauch davon machen; aus die Kostspieligkeit der nöthigen Lern- bücher kann sich nun Niemand mehr ausreden. Königs-Historicn. I. Theil: Was sich die bayerischen Königsschlösser erzählen. München. Im Selbstverläge des Verfassers. I. L. Crämer, Baumstraße 11. Preis M. 1,50. O In buntem Durcheinander und nicht immer in taktvoller Auswahl sind Erinnerungen, Vorkommnisse, Anekdoten aneinander gereiht, die an einige bayerische Königsschlösser — Bayreuth, Ansbach, Nürnberger Burg, LudwizShöhe, Trausnitz bei Landshut, insbesondere Hohcnschwaugau, Neuschwanstein, Linderhof, Hcrrnchiemsee, Berg. Nvseninsel, Wintergarten — und an den Besuch und Aufenthalt bayerischer Könige alldort sich knüpfen. Selbstverständlich mußte daS einsame Leben und das tragische Geschick des unglücklichen Königs Ludwig II. den Hauptanthcil zum Inhalt des Buches liesern. Alles findet sich zusammengetragen, was aus dem Geflüster der Hofleute, aus den Stuben der Zofen, Lakaien und Hosstaller in die Oesfentlichkeit durchsickerte, selbst die doch ganz interesselosen Namen einiger militärischer Diener des kranken Königs wurden erfragt und gebracht, was nicht minder unangenehm berührt, wie die mannigfachen Andeutungen des Verfassers, was er, weiß Gott, noch Alles wüßte, sich aber nicht zu sagen getraute. Nach unserer Empfindung hat er nichts verschwiegen, was er zu erlauschen vermochte! was er veröffentlichte, sind eben die Klatschereien, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehntes und nach des Königs Tode zwischen Berg und Hohenschwangau und wohl auch in München umhergcredct wurden. Gleichwohl wird daS Buch den großen Leserkreis finden, für den es berechnet ist, wenn auch gerade nicht unter den Lesern der Postzeitung. Sehr hübsch sind die bcigegcbenen Darstellungen der Schlösser, König Ludwig II. zu Pferd, am Familientisch mit der Königin-Mutter und dem Prinzen Otto. Der Frauen Natur und Recht von Hedwig Dohm. 2. Aufl. Friedrich Stabr, Verlagsbuchhandlung, Berlin SW. Wilhelmstraße 122 L. 365 Seiten, 8°. O Geistreich, mit sprühendem Witze, mit beißendem und häufig sehr wohl berechtigtem Spotte hat die als Fahrerin auf dem Gebiete der Frauenbewegung bekannte Verfasserin die Gründe in äußerst gewandter und packender Darstellung entwickelt, die sür die Gleichstellung der Frauen mit der Männerwelt auf dem Gebiete des Erwerbslebens, der Politik, in der Bildung, kurz für eine Emancipation in gutem Sinne vorgebracht werden können, und die Widerlegung der Gegengründe und Einwendungen niit Geschick und nicht selten mit gelungener Ironie versucht. Wenn man auch grundsätzlich mit der Verfasserin nicht einverstanden sein will, so muß man immerhin anerkennen, daß sie die wirklichen und vermeintlichen Fraucn- rcchte glücklich vertritt und die Gegner mit Ruhm bekämpft. Aus einen nahen Sieg ihrer Ideen hofft sie selber nicht. Uebrigens liefert das Buch einen sehr schätzbaren Beitrag zur Frauenfrage, die, nun einmal aufgeworfen und einen bedeutsamen Theil der social-politischen Frage bildend, mit guten oder schlechten Witzen nicht mehr abgethan werden kann, sondern volle Beachtung verdient. Deßhalb macht das Buch berechtigten Anspruch auf eine eingehende Beachtung. ES steckt in ihm nickt blos ein Körnchen, sondern manche, mitunter bittere Wahrheit. Bei der Belescnheit und, wir möchten sagen» Gelehrsamkeit der Verfasserin ist uns aufgefallen, daß sie den entscheidenden Einfluß des Christenthums aus die Stellung und Wcrthschätzung der Frauen so sehr unterschätzt, ja gar nicht anerkennen will. obwohl sie damit in Widerspruch mit andern Partien ihres Buches geräth. Für eine dritte Auflage möchten wir ihr deßhalb eine Ergänzung ihrer Studien empfehlen, sowie die Beseitigung der Abgeschmacktheit, die in der Bezeichnung einiger Verkehrtheiten des Hausfrauenthums als „Jcsuitis- mus" liegt. _ Die Konfession der Kinder nach dem geltenden bayerischen Rechte von Franz Lindner, kgl. Amtsrichter. München, I. Schweitzer, Verlag. 62 S. Preis 1 M. o Eine recht verdienstliche und erwünschte, bündige und dabei erschöpfende Zusammenstellung der in Bayern über die Confessionsverhältnisse Minderjähriger geltenden Bestimmungen und der einschlägigen Praxis, insbesondere des Verwaltungs- gcricbtshofes. die Geistlichen, VcrwaltungSbeamten und Richtern bestens empfohlen werden kann, da sie über die so schwierige und strittige Materie in allen sich ergebenden Fragen sofort richtige Auskunft und rasche Orientirung bietet. Nlmann's Cicerone für Jtalienreisende. Verlag von Otto Weihrauch. L. Dieser Cicerone ist wirklich eine gelungene Erscheinung Ein angenehmer, redseliger Unterhalter, deutsch und italienisch. Er ist in allem, was zur Reise gehört, beschlagen: auf der Bahn, auf der Post, beim Telegraphen-, beim Zollamt. Kennt sich in den Hotels aus, und er ist ein kleiner Gourmand in den italienischen kulinarischen Genüssen. Der „Cicerone", eben wegen seiner Unentbehrlichkeit, hat in kürzester Frist schon die zweite Austage nöthig gemacht. DaS Werkchen behandelt vorerst eine Rundreise durch die Schweiz nach Rom und zurück über den Brenner. ES sind 26 interessante, genußreiche Tage. Der Cicerone lehrt uns die Zeit sparen und steuert mit sicherem Blick auf das SehcnSwürdigste, sei es, daß es der Geist oder die Kunst oder die Natur ausbaut, hin. Ich habe mit einem Im-, presario einmal eine große Nundtour gemacht. — Gott, bis wir alle beieinander waren; und dann die Jagd — durch die Straßen, durch die Kirchen, durch die Museen, durch die Paläste, auf den Seen, auf der See. Das Minutiöse wurde ost auf Kosten des Grandiosen mitgenommen. Und beim Essen wieder ein Hinabjagcn. Man kam weder zu einer intellektuellen noch zu einer gastronomischen Verdauung. Anders der Cicerone, wer mit ihm geht, geht ohne Hetze und sieht viel» und mangelt einem gerade der italienische Ausdruck, so macht der II. Theil des Büchleins den Dolmetsch. Es gibt keine Verlegenheit in der Konversation, weder bei der Wanderung, noch im Hotel. Das Werkchen, elegant und fest gebunden, kostet nur 1 M. 80 Pfg. Wer cS in die Hand nimmt und nur einige Seiten liest, wird sich sagen: Billig, schön und praktisch. ^.IbortusaLuIsano (o. 6ap.), Institutiones tbooloZias äoZmaticas speoialis rsco§nitao eorreetasa dottkrisä a 6 raun. 'I'om. II. 8". mag. pp. X -st 800. Osnixonts, lädr. catd. soo. 1894. Ll. 10,00. S krimum duzuses oporis tomum, guem zam anno 1893 in kaseieulo 36" Iris actis äiuruis aääitieio lauäavimns, nune alter sscutus oat traetatus äo Deo sanotiücators, äs »ratia Odristi, äs saoramentis in sssnsrs neenou äs sacra- montis daxtismi, eonürmationis, vucdaristias cvntiusns; tertimn volumen a nodis valäo äesiäeratum opus intsArum reääst. Ooäokrsäus a 6raun, qui kormam sui nominis vers latinaw eonstantor reeusars viästur, autoris vsstizia maAna eum pie- tato atqus eruäitione servans oucdiriäion eonZessit, guoä zam ab omnidns viris s. tbsolo§iam in scbolis äoeentibus marima cum lauäs äiscipulis commenäatum est. Lbsgus äubio non solum tiionss, ssä etiam saesräotes euram animarum srer- centes opors maFno cum succossu utontur. I?iat, üat! Franz Devantier, Der Siegfriedmythus, ein Kapitel auS der vergleichenden Mythologie. Hainburg, Verlagsanstalt und Druckerei A.-G. (vorn,. I. F. Richter). 1894. u. Vorliegende Studie, Heft 190 der von Virckow und Holtzendorff begründeten, von Virchow und Wattcnbach herausgegebenen Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vortrage. empfiehlt sich durch den für alle Deutsche interessanten Stoss, durch wissenschaftlichen Gehalt und klare und gefällige Form aus's beste. Ranke Job-, Der Mensch. 2 Bde. 8°, XIV-f- 640 n. XII -s- 676 S. mit 1393 Tcxtfiguren, 35 Tafeln und 6 Karten. Leipzig-Wien, Bibliogr. Institut 1894. (II.) M. 32 geb. Unter der Menge von Werken biologischen und speziell antliropologischen Inhaltes zeichnet sich Ranke's großartige Anthropologie durch einen ebenso seltenen als wohlthuenden wissenschaftlichen Ernst aus, der es verschmäht, durch die bekannten Seitenblicke auf fremde Gebiete die höchsten geistigen Interessen der Menschheit bei Lesern zu untergraben, welche vielfach bloße Hypothesen von den bewiesenen Thatsachen nicht gehörig unterscheiden tonnen, sich aber desto mehr geschmeichelt fühlen, wenn sie für ihre eigene materialistische Lebensauffassung eine gelehrt klingende Stütze zu haben glauben. Ranke gcbört also nicht zur oberflächlichen Scbaar jener naturgcschichtlichen Nomanfchreibcr, die (wie E. Hacke!) die zugkräftigen TagcS- mcinnngen der Wissenschaft als Dogmen verkünden, ein in seinen Folgen gemeingefährliches Beginnen; denn „so mußte nothwendig, sagt Ranke, in dem der cxactcn Naturforschnng ferner stehenden Publikum die vcrbängnißvolle Meinung erweckt werden, als gäbe es naturwissenschaftliche Dogmen, welche den höchsten Idealen des MenstbengeisteS feindselig gegenüber stehen; es wäre ein Lohn für die Mühen unserer besten Forscher, wenn es auf dem Gebiete der Anthropologie gelänge, diesem volksverderbenden Irrthum Schranken zu setzen". Das hat der gelehrte Physiologe Joh. Ranke selbst in diesem herrlichen Buche, daS der reiche Bilderschmuck überdies zu einem Kunstwerk macht, in wirkungsvoller Weise geleistet. Nicht blos dem Gelehrten, sondern jedem Gebildeten wird dieses beste und vollständige Lehrbuch der Anthropologie ein unentbehrliches Nachschlagcbuch werden, besonders in einer Zeit, wie die gegenwärtige ist, wo die Naturwissenschaften im Vordergrund des Interesses stehen und es so überaus wichtig ist, sie nicht durch den keck auftretenden wisscnschastlichen Schwindel blenden und auf falsche Bahn leiten zu lassen. Mit Stolz kann der Generalsekretär der anthropologischen Gesellschaft auf diese seine Lebensarbeit blicken.; möge nur auch das Meisterwerk die verdiente Würdigung erfahren und die vielen bösartigen anthropologischen Tendcnzromane, die im Umlaufe sind, verdrängen. Bibel und Judenthum. Ein Blick auf Israels Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Don Jo- saphct. Waldbaucr'sche Buchhandlung, Passau 1893. VIII u. 153 S. Preis 2 M. An der Hand von AuSsprüchen der hl. Schrift Alten und Neuen Testamentes legt der Verfasser seilte persönlichen Ideen über das Judenthum dar und wendet sich deßhalb nur an gläubige Leser, Jsraeliten und Christen. Entsprechend dem Titel zerfällt das Buch in drei Theile, die in durchgängiger Abhängigkeit von den Schriften Seb. BrunnerS, Döllingers, Franks, v. Saldenhofcns, Krcmentz's und VanutelliS das vergangene, gegenwärtige und zukünftige JSracl behandeln. Trotz dieser Abhängigkeit, die stets an Ort und Stelle benierkt ist, zeigt der Verfasser ein selbstständiges und gesundes Urtheil. Im ersten Theil verdient namentlich seine Ansicht über den rituellen Ostermord, der nicht ein allgemeiner jüdischer Gebrauch oder gar eine Religion ss chrift für die Juden sei, Anerkennung und Nachahmung. Die schwungvollen Ausführungen deS zweiten Theils über Judenthum und Christenthum, über Roma und Jerusalem, Katholicismus und Judenthum sind äußerst interessant. In dem Kapitel über Charakter und Eigenschaften der Juden zeigt der Verfasser, „daß es Christenpflicht ist, die Menschenwürde in Jedem zu ehren und zu lieben — in- clusive Juden" (S. 78). Die warm geschriebene Abhandlung über die antisemitische Bewegung hat unseren vollen Beifall erhalten: „nicht Jndenhetzc, sondern Christenschutz!" Die Zukunft Israels wird im dritten Theil ideal und nach unserer Ansicht zu ideal geschildert. Ohne den Vorwurs einer „grob spiritualist- ischcn Auffassung" (S. 116) zu fürchten, halten wir daran fest, daß die biblischen Verheißungen nicht dem leiblichen, sondern dem neuen, geistigen Israel Christi gegeben sind. (Vgl. Gal. III, 28. — Röm. II, 28 f.; IV, 11 f.) Das interessante Schrift- chcn aber sei bestens empfohlen! St. Dr. A. Koch. Kiefl Fr. -k., Pierre Gassendi'S Erkenntnißiheorie und seine Stellung zum Materialismus. 8°, 104 S. Fulva, Actiendruckerei 1893. M. 1,60. Die gesammte philosophische Bewegung unserer Tage spitzt sich auf crkenntnißtheoretische Fragen zu; mnso interessanter ist Vcratilw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. es, einen Rückblick auf vergangene Zeiten zu thun und zu sehen, wie frühere Denker Probleme erörtert haben, die heutzutage so sehr im Vordergründe stehen. Die bisher noch nicht genügend aufgehellte Erkenntnißiheorie Gassendi'S hat sich Kiefl zum Gegenstand einer Jnaugural-Dissertation gewählt, für deren wissenschaftliche Tüchtigkeit die Billigung der philosophischen Fakultät in München Gewähr leistet. Das Urtheil Lange'S, der in Gassendi den Vater des Materialismus sieht, weist Kiefl mit Recht entschieden zurück. k. Benedikt Valuh, 8. I., Der Priester in der Einsamkeit der heiligen Exercitien. Zweite, vielfach verbesserte Auflage von L. Franz Miller. 8. 3. Mit Approbation des hochw. bischöfl. Ordinariates von Rottenburg. Stuttgart, Jos. Roth'sche Verlagshandlung, 1894. i. Ascetische Schriften werden vielfach wahllos aus dem Französischen importirt und dem deutschen Publikum oft in sehr undentschcr und fabrikmäßiger Uebersetznng geboten. Das ist glücklicherweise hier nicht der Fall. Der Inhalt dcö BuckeS ist gediegen, ohne Uebertreibung und Uebcrspanntbeit, obne Sentimentalität; er ist durchweg darauf berechnet, dem Priester in den Tagen der Einsamkeit zrr einer gründlichen Sclbstkenntniß, zur entschiedenen Abkehr von all den kleineren oder größeren Mangeln zu verhelfen, die der natürlichen Anlage entspringen und durch die mannigfachen Berührungen mit der Welt genährt werden, und ihn mit neuem Opfersinn zu entflammen. So empfiehlt sich das Buch namentlich jenen Priestern, die nicht in der Lage sind, gemeinsame Exercitien mitmachen zu können; auch Leiter der Exercitien werden eS sicher mit großem Nutzen gebrauchen. Möge es mit Gottes Hilfe reichen Segen stijten! _ Franz Fiedler, AuS der Musikantcnholle. Ein Urtheil über Richard Wagner im Jenseits. Graz 1894. Commissionsverlag HanS Wagner. I. DaS Ding soll eine Satire sein, ist'S aber nicht; dazu fehlt dem Autor die geistige Ucberlcgeiiheit. Des Pudels Kern ist schwer zu finden; endlich kriegt man ihn doch heraus: Wagner schreibt „Affcnmusik". Witz ist in der ganzen Sache keiner; man ist am Schluß so klug, wie zu Anfang, so daß man sich zuletzt fragt: „Wozu ist das Ding denn eigentlich geschrieben?" Geschichte des Historischen Museums und derMail- linger-Sammlung der Stadt München von Ernst von Destouches, k. b. Archivrath. München, I. Lindauer'sche Buchhandlung (Schöpping). 128 S. 8". mit 13 Abbildungen und Titelblatt von Max Wolf. Preis 2 M. München besitzt erst seit acht Jahren ein Historisches Museum Dessenungeachtet muß man staunen über diese Fülle von Schätzen, Kostbarkeiten, Kleinoden und absonderlichen Gegenständen, die hier als Erbtheil früherer Jahrhunderte angesammelt und in klar übersichtlicher Weise vereinigt wurden. Indem nnS Herr Destouches, dieser rühmlichst bekannte Archivar und Chronist, durch die neugeschaffenen Räume begleitet, erläutert uns derselbe die Büsten, Portraits und Lrachtenbilder, die interessanten Ansichten und Abbildungen, das Silber- und Pretiosen-Cabinet, die Collectiv» von Waffen, Altarzierden, die alten Maße und Gewichte, die Ueberrcste hochnothpeinlicher Gerichtsbarkeit und allerlei Schmuck und Hausbedarf des öffentlichen und privaten Lebens. Dazu berichtet er die Geschichte der hier sachgemäß einverleibten sogenannten „M aillinger - S ammlung" und erzählt als weltcrfahrencr Historiker aus den ihm anvertrauten Archivalen. Quellen und Urkunden die Geschichte des altehr- würdigcn Stadthauses, dessen Grundbestand wohl auf ein halbes Jahrtausend zurückgeführt werden kaun. Ebenso verzeichnet er in dankbarer Erinnerung alle Namen der Stifter, Donatoren und Gutthäter, welche in irgend einer Form zum ersprießlichen Ganzen beigetragen und mitgewirkt haben. DaS mit vielen zweckmäßigen Abbildungen ausgestattete Buch, welches im Auskrage der Stadt publicirt wird, dient nicht nur den Besuchern als treuer Führer, sondern gewährt auch dem Kunst- und Kultur-Freunde, insbesondere dem cxacten Historiker und Forscher, eine Fülle des anregendsten und lehrreichsten Stoffes. Der Verfasser hat mit dieser Publikation die Geschichte Münchens um einen neuen, ganz besonders werthvollen Beitrag bereichert. Verlag des LIt. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.