Die Entstehung des Kirchenstaates. Von Dr. Gustav Schnürer, Professor an der Universität Frcibnrg (Schweiz).*) m. Seit dem 20. September 1870 gibt es einen Kirchenstaat nicht mehr; die rohe Gewalt hat das Programm durchgeführt, welches die macchiavcllistische Politik eines Napoleon III. in der Hofbroschüre „Der Papst und der Congreß" 1859 dem revolutionären Jungitalien vorgezeichnet hatte. Angesichts der traurigen Wirklichkeit in der Gegenwart blickt das Auge gerne auf die Vergangenheit zurück und fragt sich der Geist: Wie ist der Kirchenstaat entstanden? Professor vr. Schnürer, welcher als Mitredactenr des historischen Jahrbuches der Görresgesellschaft allen Geschichtsfreunden rühmlichst bekannt ist, ist neuerdings an die Lösung dieser schwierigen und verwickelten Frage herangetreten. Denn das Qucllenmaterial weist oftmals große Lücken auf, so fehlen z. B. im Ooäax Earoliurrs die Antworten Kaiser Karls des Großen auf die Schreiben des Papstes Hadrian von 774 — 781, so daß für Ver- schiedenartigkeit der Auffassungen weiter Spielraum gelassen ist, wie dies zur Genüge ans den einschlägigen neueren Werken von Mariens und Lamprecht erhellt. Mit Recht geht Schnürer zur Beantwortung seiner Thesis: Wie ist der Kirchenstaat entstanden? auf die Patrimonien der römischen Kirche zurück, welche ihre rechtliche Basis im Gesetze des Kaisers Konstantin vom Jahre 321 besaßen, gemäß welchem den Gotteshäusern Besitzfähigkeit zuerkannt war. Papst Gregor der Große konnte sich rühmen, der größte Grundbesitzer Italiens zu sein. Freilich blieben die Päpste immer noch Unterthanen des jeweiligen Herrschers, aber ihr Einfluß war außerordentlich gestiegen, so daß die Römer in ihrem Oberhirten den natürlichen Vermittler zwischen Bhzanz und den fremden Völkern sahen, welche Italiens Gefilde verwüsteten. Die griechischen Kaiser waren zwar nicht in der Lage, dem bedrohten Lande gegen die Langobarden Hilfe und genügenden Schutz zu gewähren, aber gleichwohl wollten sie die Päpste zu gefügigen Werkzeugen ihrer dogmatischen und politischen Sonderiuteressen herabwürdigen, indem sie ganz im Sinne der heidnischen Imperatoren ihre Stellung zur Kirche als Magd des Staates auffaßten. Als daher in Mittelitalien die Kaiserherrlichkeit Konstantiuopels unter der Wucht der langobardischen Beutezüge zusammenbrach, da richteten die Päpste ihre Blicke über die Alpen zu dem Volke der Franken, von welchen schon im Jahre 580 Papst Pelagius II. gesagt hatte, daß deren rechtgläubige Könige durch die göttliche Vorsehung als Nachbarn und Netter Roms und Italiens bestimmt wären. Es war ein Moment von weltgeschichtlicher Bedeutung, als Papst Stephan II., ein Römer, und Pippiu, den 751 der hl. Bonifatius zum Könige gesalbt hatte, am 6. Januar 754 in dem Schloße Ponthion, in der Nähe von Bar-le-Duc, sich begegneten und jenes Verhältniß zwischen Kaiserthnm und Papstthum anbahnten, welches dem Mittelalter sein eigenthümliches Gepräge aufdrückte. Am hl. Osterfeste, dem 14. April, welches Stephan und Pippin in Quierzy an der Oisc feierten, wurde die leider Verlorne Urkunde unterzeichnet, in welcher die eingegangenen Verpflichtungen des Königs gegenüber dem päpstlichen Stuhle, besonders für den Fall eines bewaffneten Einschreitens seitens der Franken in der Lombardei, genau stipulirt waren. Schnürer glaubt den wesentlichen Inhalt dieses Dokuments dahin präcisiren zu dürfen, daß das Langobardenreich, wenn es durch fränkische Waffen niedergeworfen wäre, zwischen Pippin und Stephan II. getheilt werden sollte. Aber hatte damit der römische Pontifcx nicht Verrath an dem Kaiser von Bhzanz begangen? Wohl nicht; denn die griechische Herrschaft bestand in Ober- und Mittelitalien nur noch dem Namen nach. Uebrigens dachte der Papst gar nicht daran, die oströmische Herrschaft abzuschütteln, denn erst von 781 ab findet sich die Datirung nach den Pontifi- katsjahren. Pippin zog zweimal über die Alpen und erfüllte die Vertragsbedingungen des Jahres 754: Der römische Dukat ward wieder vereinigt mit den Gebieten des Exarchats und der Pcntapolis und dem Nachfolger des hl. Petrus übergeben. Damit war der Kirchenstaat dem wesentlichen Kerne nach geschaffen (S. 59). Karl der Große brach die Macht des Königs Dcsiderius vollends und nannte sich, indem er daS laugobardischs Reich in Personal-Union neben dem fränkischen bestehen ließ, vom 16. Juli 774 ab: „König der Franken und Langobarden und Patricias der Römer." Aber der Vertrag von Quierzh, den Karl einst selbst mit unterzeichnet hatte, kam nicht zur weiteren Durchführung trotz aller Bitten seitens des Papstes; es entstanden zwischen Hadrian und Karl Differenzen, welche erst bei einer persönlichen Zusammenkunft beider Würdenträger in Rom zu Ostern 781 beigelegt wurden, indem Hadrian seine Forderungen nicht länger mehr auf das Dokument von Quierzy stützte, sondern andere Rechtstitel vorbrachte und mit dem Erreichbaren sich politisch zufrieden gab. Leo III. erneuerte das Abkommen und Freundschaftsbündnis; mit Karl, welchen er am Weihnachtsfeste 800 zum Kaiser krönte. Damit war die Abwendung des Papstthums vom griechischen Osten besiegelt. Die römische Kirche ging mit der auf germanisch-romanischem Boden erwachsenen Staatenorduung einen neuen Bund ein, welcher für die Entwicklung einer einheitlichen Civilisation im westlichen Europa von großer Bedeutung werden sollte. Das ist der weltgeschichtliche Hintergrund, vor dem sich die Bildung des Kirchenstaates abspielte (S. 115). Das ist in großen Zügen der Inhalt der werthvollen Arbeit Schnürers, welche wir allen Freunden kircheugeschichtlicher Studien ob ihrer sachlichen Klarheit und vornehmen Ruhe bestens empfehlen. Wir wünschen nur, daß die Görresgesellschaft, welche zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland gegründet worden ist, stets so gediegene Vereinsschriften, wie die vorliegende, zu versenden in der Lage sei. Im Interesse der weiteren Ausbreitung genannter Gesellschaft müssen wir es daher sehr bedauern, daß im Hinblick auf den internationalen Gelehrtcn-Congreß zu Brüssel, auf welchem vr. Grauert die Görresgesellschaft vertrat, die Generalversammlung derselben auch in diesem Jahre wieder unterblieben ist; etwas mehr Leben und Agitation könnte der Görres- Gesellschaft nur zum Vortheile gereichen! *) Zweite Vereiuöschrist der Görresgesellschaft für 1894. '630 Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) L.. 8. So gleicht Rom einem wogenden Meere und ist der Schauplatz der größten Grünet, bis der verwirrte Staat endlich nach vielen inneren Stürmen und Umwandlungen, nach unsäglichem Blutvergießen unter der Herrschaft eines Einzigen — durch die Monarchie — zur Ruhe gelangt und auf diesem Wege wenigstens seine Existenz noch auf lange Zeit hinein rettet, wenn auch eine achte Blüthe und Wohlfahrt bei einer so allgemeinen Entartung, die alle Schichten der Bevölkerung von oben bis unten umfaßte, nie mehr von langer Dauer war. Der traurige Zustand des römischen Reiches unter den meisten der Kaiser läßt ahnen, wie derselbe erst dann gewesen wäre, wenn die Republik noch bestanden hätte, wenn man nämlich annimmt, daß ihre Existenz unter solchen Umstünden überhaupt möglich sei. — So sehen wir, daß in Athen und Rom besonders zu der Zeit, wo die von außen drohende Gefahr abgewendet und im Innern die Verfassung vorherrschend oder entschieden demokratisch geworden ist, ein Wendepunkt zum Schlechteren eintritt und der Staat dem Verfall entgegen geht. Und an beiden Orten ist dieses nicht etwa zu einer Zeit der Fall, wo die intellectuelle Bildung des Volkes in den ersten Stadien ihrer Entwicklung begriffen und noch zu wenig vorgeschritten ist, nein, sondern gerade in der Hauptentwickelung und Blüthezeit der Literatur, wo die geistige Bildung und Reife des Volkes, sich selbst zu regieren, am meisten hätte darangesetzt werden sollen.^) Daß in Athen und Rom die Blüthezeit der Literatur und geistigen Bildung mit der Hauptperiode der Sitten- losigkeit und Laster und mit dem Ausarten des Staatslebens zusammenfällt, kann auf den ersten Anblick überraschen, ist aber bei näherer Betrachtung wohl erklärlich, ohne daß man anzunehmen braucht, die Bildung als solche sei der Sittlichkeit und einem gedeihlichen Wirken im Staate hinderlich. — Wie wir oben gesehen, besteht die Glanzperiode der Republiken in der Zeit des Krieges mit äußeren Feinden, und die Eintracht der Bürger dauert in der Regel nur so lange, bis der Staat nach außen Frieden hat oder wenigstens keine drohende Erfuhr sieht. Sobald dieses der Fall ist, suchen sich die geistigen und physischen Kräfte ihren Wirkungskreis im Innern; es entfalten sich so einerseits die Segnungen des Friedens in der Blüthe der Kunst und Wissenschaft, anderseits wirft sich die rührige Thätigkeit auf das politische Gebiet, wo sich die inneren Kräfte durch den Streit der Leidenschaften weniger zum Heile, als zum Verderben des Staates entwickeln. Jeder fühlt sich berufen, an der Staatsverwaltung thätig Antheil zu nehmen und in derselben so hoch als möglich zu steigen. Bei diesem allgemeinen Wettrennen nach einem Ziele gerüth der Staat allzu leicht in Verwirrung, indem der Einzelne -b) Man ist sonach vollständig iin Irrthum befangen, wenn man die politische Reise eines Volkes bloß oder auch nur vorzugsweise nach dem Grade seiner intellcctucllen Ausbildung bemessen wollte. Die Griechen liefern dafür den schlagendsten Beweis, und nicht weniger die Römer. So lange diese ein einfaches, sittliches und kernhaftes Kriegs- und Bauernvvlk waren, hatte die Republik — wenigstens in überwiegend aristokratischer Form — noch Bestand, während das Sinken der alten Sitte und Römertugend, trotz dem Zunehmen der sogenannten Bildung, den Untergang der Republik naturnothwendig zur Folge hatte. mehr auf seinen Vortheil als auf das Interesse des Staates bedacht ist und seine Mitbewerber um Ehren- stellen Meistens unbedingt besiegen will. Und so viele Beispiele uns die Geschichte der Griechen und Römer von solchen Bürgern darbietet, die sich im Kriege mit der größten Todesverachtung für das Vaterland aufgeopfert haben, so wenige Beispiele finden wir von solchen, die im Frieden mehr auf das allgemeine Beste als auf ihre eigene Macht, auf Ehre und Ansehen im Staate Rücksicht genommen haben. Häufig will der Einzelne so das Wohl des Ganzen, wenn er selbst den ersten Platz einnehmen und das Ganze beherrschen kann. Freilich soll das Gesetz herrschen, es soll über allen stehen;^) allein das Gesetz ist an sich ein todter Buchstabe, dessen Geltung und Ansehen einerseits von der Gewissenhaftigkeit der Untergebenen, anderseits von der Macht und Würde der seine Befolgung überwachenden Personen abhängt. In erster Beziehung ruht die Wirksamkeit des Gesetzes ganz auf dem sittlichen Charakter des Volkes und insofern — bei der bekannten Selbstsucht der Menschen — gewöhnlich auf schwachen Stützen; denn eine solche Gewissenhaftigkeit, die das Gesetz — ohne alle weitere Rücksichten — der Pflicht wegen erfüllt, trifft man zwar bei einzelnen Menschen an, aber bei größeren Korporationen oder ganzen Völkern wird man sie nicht, wenigstens nicht für längere Dauer, vorherrschen sehen. Was den anderen Punkt, die Wächter des Gesetzes, betrifft, so fehlt es gewöhnlich an solchen Personen, die mit Macht und Auctorität dem Willen des GesetzeS Nachdruck verleihen können. Denn abgesehen davon, daß der immerwährende Wechsel der Magistratspersonen und die vor jeder neuen Wahl statthabende und zwar häufig mit Bestechung und Gewaltthaten verbundene Bewerbung um Aemter keineswegs geeignet ist, das Ansehen des Gesetzes zu befestigen und zu erhöhen, erhebt sich neben den Behörden, die vom Volke zur Handhabung des Gesetzes aufgestellt und mit Amtsgewalt ausgerüstet sind, immer noch eine andere auch auf das Volk sich stützende Gewalt, die der Demagogen. Diese setzen die unjelbst- ständige, in ihren Wünschen und Neigungen höchst veränderliche und darum Neuerungssüchtige Menge in Bewegung, so daß die Auctorität und Herrschaft des Gesetzes meistens nicht von langer Dauer ist. Bald herrscht die Obrigkeit im Namen des Gesetzes, bald ein Dema- goge durch seinen Anhang. Bald hat der Staat diese Form und Verfassung, bald jene. Das eine Mal ist das Uebergewicht auf Seiten der Vornehmen und Reichen (Aristokratie, Timokratie), das andere Mal ist alle Macht in den Händen weniger Männer (Oligarchie); bald erhebt sich Einer an der Spitze des Volkes gegen die Oligarchen und nimmt selbst und allein Besitz von ihrer Gewalt (ll^rannis), 2°) bald wird dieser ungesetzliche Alleinherrscher wieder gestürzt, und die Aristokratie tritt gewöhnlich wieder an die früher^ Stelle, bis sie der Demokratie Platz machen muß. Diese artet bei dem in ihr herrschenden Grundsatz der Gleichheit Aller und dem numerischen Uebergewicht der niedersten Klasse bald in Ochlokratie aus, die das Maß der Unordnung und allgemeinen Verwirrung voll wacht. Die Folge davon ist, daß der Staat in sich zerfällt und die Beute eines anderen Staates wird (Griechenland kommt unter Mace- donien), oder er ändert die Form, er kehrt zur Monarchie zurück (Rom). ärist. kolit. IV, 4. 2 °) kiato, Kolitis. VIII, p. 563. Zu dieser Argumentation führt uns das Studium der Geschichte Griechenlands und Noms, und zwar besonders das Quellenstudium derselben, die Lectüre der lateinischen und griechischen Schriftsteller überhaupt, vorzugsweise der Historiker und Redner. Denn während die Lehrbücher des eigentlichen Geschichtsunterrichtes die Ereignisse und Zustände wegen des reichen Stoffes nur in gedrängter Kürze geben können und mehr nur eine Uebersicht über das Ganze gewähren, führt uns die Lectüre der Quellen in das Einzelne ein, wir folgen da der Entwickelung Schritt für Schritt, wir leben gleichsam in jenen Zustünden, wir fühlen die Lage jener Staaten in den verschiedenen Zeiten. Und wenn man so die Verhältnisse und Zustände der alten Republiken, besonders in ihrer demokratischen Periode, in den Quellen selbst näher kennen lernt, sie so gleichsam in der Nähe betrachtet, sich in ihre Lage versetzt, die Uebel derselben fühlt und gewissermaßen geistig erlebt, so schwindet der Wahn, der etwa zuvor durch Unkenntnis; der Sache entstanden, es schwindet der Zauber des trügenden Irrlichts, das, aus weiter Ferne gesehen, bisweilen für den Pharos eines rettenden Hafens gehalten wird. Und es scheint in der That nichts geeigneter zu sein, die Jugend sowohl als das reifere Alter vor politischem Schwärmen zu bewahren oder davon gründlich zu heilen, als gerade die Reise in das alte Griechenland und Rom und ein längeres Verweilen daselbst. Wenn wir uns durch die Klassiker dorthin versetzen, so sieht vieles ganz anders aus, als wir es sonst geträumt haben. Nicht das ideale Bild einer schwärmenden Fantasie, sondern die nackte Wirklichkeit der Ereignisse, der Zustand jener Völker und Staaten mit ihren Gebrechen und selbsterzeugten Drangsalen steht leibhaftig vor uns. Wir sehen dort, wie die Griechen und Römer im Ringen nach Wohl und Glück von der staatlichen Urform, der Monarchie, ausgingen, diese selbst wegen gewisser Uebel, die sich bei mangelhafter Verwaltung und Führung zeigten, verwarfen und alle Formen und Stufen der Aristokratie und Oligarchie, Demokratie und Ochlokratie durchliefen, aber in keiner derselben das gesuchte Glück, die gewünschte Ruhe im Innern.und den nöthigen Haltpunkt des Ganzen zu erlangen vermochten, sondern im Gegentheil nach einer langen Reihe von inneren Stürmen zuletzt den Staat an den Rand des Verderbens brachten, so daß Griechenland seine Selbstständigkeit verlor und Rom zur Monarchie zurückkehrte, nur um dadurch das Leben noch länger zu fristen. — Wenn nun die Einrichtungen und besonders die aus ihnen hervorgehenden Zustände der alten Republiken durchaus nicht so beschaffen sind, daß sie leicht Neigung zu jener Staatsform hervorrufen könnten, sondern uns vielmehr auf den Satz des Homer hinweisen, den der Dichter dem einsichtsvollsten seiner Helden, dem klugen Odysseus, in den Mund legt, indem er (Jl. II, 204) sagt: „Nichts taugt die Vielherrschaft, Einer sei Herrscher, Einer sei König, dem Zeus es verlieh", so werden wir in der klassischen Lectüre gleichzeitig auf gewisse Voraussetzungen und Grundlagen des antiken Staatslebens aufmerksam gemacht und Hiebei besonders auf einen Umstand hingeführt, der es vollends unmöglich macht, die Einrichtungen der Republiken des heidnischen Alterthums als Muster und Norm auf christliche Staaten anzuwenden. Dieser Umstand besteht darin, daß es in jenen Staaten den Bürgern nur dadurch möglich war, sich ganz dem Staate und seiner Verwaltung zu widmen, daß die Geschäfte zu Hause und auf dem Felde fast ausschließlich von Sclaven besorgt wurden. In Rom galt außer den Staatsgeschäften, dem Kriegsdienste und Landbau jede andere Beschäftigung für niedrig und eines Freien nicht würdig; in Griechenland galten nicht nur die Gewerbe und häuslichen Geschäfte, sondern auch die Bestellung des Feldes für ein niedriges Geschäft, mit dem sich außer den Sclaven nur die ärmste Klasse der Freien abgab. Unter Perikles vollends wurde, wie wir oben gesehen, für die Theilnahme an Volksversammlungen u. dgl. Geld aus der Staatskasse bezahlt, so daß sich auch die ärmsten Bürger am Staatsleben bethciligen konnten, indem sie dadurch ihren Lebensunterhalt verdienten. Und eben in dieser gleichmäßigen Theilnahme Aller bestand die Vollendung der Demokratie durch Perikles. Die Sclaven aber, welche für die Freien arbeiten und es ihnen dadurch möglich machen mußten, sich ganz dem Staatsleben hinzugeben, gehörten selbst nicht zum Staate; dieser bestand nur aus Freien. Letztere machten jedoch meistens den kleineren Theil der Bevölkerung aus. So z. B. zählte Attika zur Zeit seiner höchsten Blüthe 500,000 Einwohner, von denen 135,000 Freie und 365,000 Sclaven waren (vergl. BLckh's Staatshaushalt- der Athener, I.). Korinth hatte (nach Timüus) 460,000, das kleine Aegina 470,000 Sclaven. Jeder Freie, der nicht vollständig arm war, hatte wenigstens einen oder mehrere Sclaven; wenn ein mäßig wohlhabender Bürger nur 7 Sclaven hatte, so galt es für wenig. Die Reichen hatten Hunderte von Sclaven. In Rom war die Zahl wohl noch größer, als in Griechenland. Manche hatten Tausende von Sclaven, so daß man in gewissen Zeiten von „ZrsZöZ uncullurnin" und „IsZioirss wuilcixiornirr" (Oio. xro Dill. 10 u. 21) einzelner Bürger sprechen konnte. Die Mehrzahl der Bevölkerung Noms bestand in dem letzten Jahrhundert vor Christus aus Sclaven. Die Mehrzahl der Bevölkerung des Staates war somit in den Republiken des Alterthums in der traurigsten Lage; schon die Bezeichnungen „inunoixiuw." (als nsutru) und noch mehr die Ausdrücke „ssrvus oaxmt von trübst", „servi xrc> nullis stastentur" deuten darauf hin, daß man sie nicht als Menschen, sondern als eine Sache des gewöhnlichen Besitzthnms betrachtete. Es mußte der Einzelne gleichsam zuerst ein Mitglied des Staates, ein Bürger werden, ehe er ein Mensch sein konnte. Die Sclaven waren völlig rechtlos. In Griechenland wurden sie zwar im ganzen weniger hart behandelt als in Rom. Hier aber waren sie ganz der Laune und Grausamkeit ihrer Herren preisgegeben. Oft wurden sie wegen einer Kleinigkeit nicht nur gefühllos gezüchtigt und mißhandelt, sondern getödtet, an das Kreuz geschlagen. So weit verirrten sich die gebildeten Völker der Heidenwelt, daß sie in den armen Sclaven die Menschenwürde gänzlich verkannten. Die Römer haben die Rechtswissenschaft sonst so sehr ausgebildet und für alle möglichen Fälle Gesetze und Normen aufgestellt, mit haarspaltendem Scharfsinn die Rechte von Mein und Dein geschieden; aber für die Sclaven haben sie kein Menschenrecht herausgefunden. Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert. I. Zell bei Oberstaufen. Eine gute halbe Stunde von Oberstaufen liegt friedlich und unmuthig inmitten weniger schmucker Anwesen auf kleiner Arhöhe eine Kapelle, einst die Pfarrkirche von Zell, seit 1375 Mit der Propstei Staufen unirt, jetzt ein einfaches Filialkirchlein, von welchem man, abgesehen von der anmuthigen Lage, kaum besondere Dinge erwartet, die etwa einen Ausflug dorthin lohnen würden. Dennoch birgt dieses kleine Kirchlein in seinem Chöre seltene und auserlesene Kuustschätze. Die Kapelle umfaßte ursprünglich wohl nur den Nanm des heutigen Chores. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts etwa wurde dieselbe aber erhöht und mit einem entsprechenden Langhause versehen. Aus dieser Zeit stammt der künstlerische Wandschmuck. Es sind nämlich die Wände des Chores vollkommen mit Gemälden bedeckt, die sich dem Raume und Inhalte nach in drei Gruppen gliedern. Die erste Gruppe bedeckte die Nordwand des Chores, leider wurden hier später 2 Fenster eingebrochen. Die vorzügliche Restauration hat den Schaden so geschickt ausgebessert, daß auch der Kenner nur mit besonderer Aufmerksamkeit die Ergänzungen wird angeben können. Es finden sich an dieser Wand 16 Darstellungen, die reihenweise unter einander wie in einem Bilderbuche angeordnet sind; die Reihen enden in der Mitte der Ostwand. Demnach haben wir in der ersten Zeile: 1) Die Wurzel Jesses (Stammbaum Mariens);') 2) Joachims Opfer wird zurückgewiesen (das Opfer ist als TempelzinS gedacht; der Hohepriester sitzt, Joachim will eben das Geldstück hergeben, Anna steht trauernd zur Seite); 3) Joachim vom Engel über die Erhörung seines Gebetes unterrichtet (auf der Weide, ein Hirte im Hintergrund); 4) Anna im Garten (Anna hat stets den Heiligenschein, Joachim nicht) erhält ebenfalls vom Engel die trostreiche Botschaft; 5) Joachim und Anna begegnen sich an der goldenen Pforte; 6) Maria Geburt (bekannte Auffassung). Zweite Zeile: 7) Die kleine Maria steigt die Tempelstufen hinan; 8) Die Freier Mariens erhalten ihre Stäbe zurück, Josephs Stab grünt, er erhält von einem der Freier einen F-anstschlng, ein andrer zerbricht seinen Stab; 9) Vermählung Josephs (bejahrt) mit Maria; 10) Verkündigung (Maria sitzt vor einem Buche, der Engel schwebt von oben herab); 11) Heimsuchung (ungemein zart). Dritte Zeile: 12) Weihnacht, drei Englein darüber, welche das Gloria singen (Choralnoteu); 13) Beschnei düng; 14) Anbetung der Könige; 15) Flucht nach Aegypten; 16) Der bethlehcmitischc Kindcrmord (etwas derber aufgefaßt). Die südliche Chorwand zeigt uns die Martyrien der Apostel und drei andere Darstellungen, in der nämlichen Weise angeordnet, nur daß hier die Fenster ursprünglich vorhanden waren. Erste Zeile: 1) Kreuzigung Petri; 2) Enthauptung Pauli; 3) Kreuzigung deshl. Andreas (Andreas bekleidet); Jakobus wird von einem Kanzelgerüste herabgeworfen und mit der Walker st äuge erschlagen (einige Figuren sind noch in der andächtigen Stellung, wie sie seiner Predigt zuhörten); 5) Johann Evangelist vor der la- teranensischen Pforte im Oelkcssel (der Tyrann in kostbarem Gewände sieht zu); 6) Thomas wird enthauptet, während eine fürstliche Familie andächtigst ein Götzenbild (Kalb) anbetet; 7) Philippi Kreuzigung. Zweite Zeile: 8) Matthäus vor dem Altar erstochen; 9) Bartholomäus wird geschunden (—Fenster—); 10) Stephanus wird gesteinigt ') Sämmtliche Bilder trugen erklärende Unterschriften, größtentheils nicht mehr erhalten. (— Fenster —); 11) Mathias wird enthauptet. Dritte Zeile: 12) Jakobus der Aeltere wird enthauptet; 13) Simon und Judas werden erstochen, ersterer mit einer Lanze, letzterer mit dem Schwert (— Fenster—); 14) Stephanus heilt ein Pferd (ein Fuß ist eingebunden), ein stattlicher Zug Hilfesuchender reitet herzu, einige werfen Geld in einen Opferkasten (das Bild trug die Unterschrift: Ltopdanus laoiedut xrociiZia, ab mZoa, inaZnn in plosis) (—Fenster—); 15) St. Albauus. — Aus dem Triumphbogen (Seite gegen den Chor) ist das jüngste Gericht dargestellt, oben Christus, zu beiden Seiten Engel, etwa in mittlerer Höhe zur Rechten (Süden) die Seligen von Petrus geführt, zur Linken (Norden) Sturz der Verdammten; unten zur Rechten auferstehende Selige, zur Linken der Höllenrachen, bereits mit Angehörigen der verschiedensten Stände gefüllt. Unterhalb sämmtlicher Gemälde zieht sich eine einheitliche Sockelmaleret hin, marmorirt, unterbrochen von graugemalten gewundenen Säulchen. Unter den Gemälden zeigten sich die Apostelkreuze. In der Läibung (unprofilirt) des Chorbogeus, auf der Südseite, fanden sich noch Neste, welche zeigen, daß hier die klugen und thörichten Jungfrauen gemalt waren, doch sind diese sämmtlich zerstört, da der ursprüngliche Spitzbogen ausgerundet wurde. Die Laibungen der alten (südlichen) Chorfenster zeigen auf jeder Seite je einen Heiligen: Nikolaus Tolentino und Sebastian, Leonhard und Laurentius, Antonius Eremita und Martin (als Bischof), darüber Sternchen. In derselben Weise sind in die neueren Fenster ergänzt worden: St. Gallus und Maguus, St. Konrad und Wolfgang. Auch das Schiff war bemalt, leider sind hier nur ungenügende Spuren von Ornamenten aufgedeckt, auf der Südwand befand sich ein größeres Gemälde, das aber nicht mehr erkennbar ist. In neuerer Zeit wurden auch die Decken mit derben, handwerksmäßigen Fresken im Nococostil versehen, die allerdings an anderem Orte nicht gerade ganz schlecht genannt werden müßten, aber in dieser Umgebung keinen Anspruch auf Schonung machen können. In die Nordwand des Chores zwischen den: 9. und 10., 14. und 15. Bildchen ist ein Sakramentshäuschen im spätgothischen Stile (2. Hälfte des 15. Jahrhunderts) eingelassen, eine schöne Arbeit in grauem Sandstein, mit dem Wappen der Montfort geschmückt. Man sieht hier noch die grünen Umrahmungen, wie sie jedes Bild ausweist, zu beiden Seiten. Dem Inhalte nach ist aber die Reihenfolge der Bilder nicht durchbrochen, es war also wohl nur die Eintheilung auch hier vorgezeichnet. Es läßt sich nämlich erkennen, wie der ganze Wandschmuck vorgezeichnet war, frisch und originell sind diese Skizzen hingeworfen; dann wurde durch Buchstaben die Farbe angegeben und erst zuletzt die Umrißzeichuungen, vielleicht von einem Gehilfen, mit Farbe ausgefüllt. Einigemale scheint sogar noch eine andere Skizze, namentlich bei den Hüten u. ä., durch die Farbe durch. Der Charakter der Bilder ist ein durchweg einheitlicher, d. h. alle sind von derselben Hand gemalt; jedoch ist ein merklicher Unterschied zwischen den Gemälden des Marienlebcns und den übrigen. Erstere Bilder zeigen trotz mancher Neuheit in Stellung u. s. w. doch mehr den ständigen traditionellen Typus, letztere sind ungleich freier, kühner, realistischer; der Künstler gab sich hier mehr, wie er wirklich sein wollte. Freilich ist die Zart- hett des Marienlebens in diesen letzteren nicht überboten, i aber welch ein Reichthum der Phantasie herrscht in diesen vielen Aposteln, Henkern, Tyrannen, den Rittern und Frauen der Umgebung u. s. w., alles lebt, rührt sich, spricht und handelt. Insgesammt zeigen alle Gemälde eine unglaubliche Sicherheit der Zeichnung. Mit ein paar Strichen und Punkten ist ein Marienköpfchen voll reizender Anmuth hingeworfen, ebenso frisch und keck die herrlichsten Costüme. Da ist bei ausgesprochen dekorativem Charakter des Ganzen doch ein vollendetes Kunstwerk geschaffen worden. Was der Zeit fehlte, vergißt man im Genusse des vom Künstler Gebotenen. Das ist aber eben die Kunst, eine Idee in der zu Gebote stehenden Formen- sprache dem Beschauer vollkommen zu Gemüthe zu führen. Ist denn, absolut gesprochen, auch die herrlichste moderne Technik unübertrefflich? Noch ein kostbares Kunstwerk ist in dieser Kapelle, der Choraltar, ein Altarschrein mit Flügeln und Be- krönung. Der Schrein zeigt geschnitzt: Maria zwischen Barbara und Stephanus, die gemalten Flügel außen Weihnacht und die hl. 3 Könige, ersteres Bildchen sehr ähnlich dem 12. des Marienlebens, innen Leonhard- Bartholomäus und Alban-Margareth. Wie diese Flügel, war die ganze Predella mit rauher Leinwand überzogen, darauf ein Gipsgrund, auf diesem die Malereien. Die Predella zeigt in Bogenarkaden die Brustbilder von Aposteln. Die Rückseite des Schreines ist gänzlich verblaßt, doch erkennt man, daß darauf ein sehr schöner Oelbcrg gemalt war. Der Schrein zeigt innen die Unterschrift: Lüo . änr . m - ooooO xlzr . sxlstm » s - Ir? Irrbula, - p » ioliü - strigol. Damit ist die Zeit der Vollendung des künstlerischen Schmuckes der Wände im Endtermin gegeben. Wahrscheinlich stammen auch die Wandgemälde von derselben Hand, wie die Malereien dieses Altars. Leider, leider ist derselbe durch eine sehr schlimme Fassung und schlechte Ergänzung und Ucbermalung in der Zeit der Anfertigung obengenaunter Deckengemälde rninirt worden. Eine völlige Wiederherstellung ist unmöglich. Die beiden Seitenaltüre sind geringwerihig. Das ist, was dieses Kapellchen bietet. Den Anlaß zur Restauration gaben die unermüdlichen Versuche der anwohnenden Geschwister Allger, die alten Bilder bloßzulegen. Einer der Brüder hat sich der Mühe unterzogen, die ganze Wand abzuklopfen und zur Restauration vorzubereiten. Die kgl. Regierung ließ denn auch die Mittel zu einer fachgemäßen tüchtigen Restauration beschaffen und beauftragte den Münchner Historienmaler Bonifaz Locher mit der Restauration. Dieselbe ist nn- gemein geschickt durchgeführt; mit größter Pietät wurde nur das Nothwendigste ergänzt, alles Vorhandene geschont. Es haben sich deßhalb auch Autoritäten, wie Professor Rudolf Seitz, nicht anerkennend genug hierüber aussprechen können. Professor Seitz bezeichnete gerade diese Restauration als die beste ihm bekannte. Hier haben wir also eine Musterrestauration vor uns. Freilich stellte die Arbeit bedeutende Anforderungen an die Geduld und Selbstlosigkeit des Künstlers. Dafür ist sein Name hinfort auf's innigste mit dem schönen Werke verbunden?') Mindelheim, den 3. Okt. 1834. I)r. O. Frhr. von Lochner. 2) Eine genaue und fachmnßige Besprechung dieser Malereien wird Herr Professor Dr. EndreS-Negensbnrg im Allgäuer Ge- schichtSfrcnnd veröffentlichen. Ein Besuch in Paris im Herbst 1817. (Schluß.) p. Mittwoch den 5. früh beschlossen wir, nach St. Cloud zu fahren, verließen um 10 Uhr in Einsiedels Begleitung das Hotel und fuhren bei sehr nebligem Wetter auf einem kleinen Umweg durch das Bois de Bonlogne, um auch dieses kennen zu lernen. Die Al- liirten haben hier mit ihren Biwaks großen Schaden in den schönen Waldpartien angerichtet, wie wir beim Durchführen bemerkten. Im Sommer müssen die Spaziergänge in demselben herrlich sein. Wohl eine Stunde WcgS legten wir von dem einen Ende bis zum andern zurück, bis wir eine Brücke über die Seine erreichten, welche nach St. Cloud führt, das sich am Bergabhange auf dem linken Seineufer hinzieht, während sich das schöne Schloß links der Brücke am südlichen Abhang deS Hügels, auf welchem die Stadt gelegen ist, befindet. Hier wurde Heinrich III. in dem Gondy'schen Hause am 2. Auguste 1289 von Jacques Element ermordet; Ludwig XIV. kaufte es im Jahre 1658 und schenkte es seinem Bruder, dem Herzog von Orleans, der es 1680 ausbaute. Als es die Königin Marie Antoinette 1782 kaufte, ließ sie im Innern große Veränderungen vornehmen; dagegen nur einen kleinen Theil des von Le Notre angelegten Parkes als Privatgarten abtrennen, während der übrige Theil dem Publikum offen stand; der Park zieht sich vom Seinenfer bis Garches. Ein sehr aufgeblasener königlicher Bedienter führte uns in dem prachtvollen Schlosse herum, in welchem jetzt viel gebaut wird; vom Balkon soll man eine schöne Aussicht nach Paris haben, die wir aber wegen des starken Nebels leider nicht genießen konnten. Der Orangeriesaal diente während der Revolution als Sitzungssaal der Fünfhundert; Napoleon trat am 16. November 1799 in denselben ein, um das Direktorium zu stürzen. Wegen der ungünstigen Witterung war an einen Besuch des Schloßparks nicht zu denken; wir fuhren daher nach eingenommenem Frühstück nach Ssvrcs Zur Besichtigung der Porzellanfabrik. Die erste derartige Fabrik legte der Marquis von Fulvy 1738 an, durch die er zum armen Manne wurde, obgleich sein Porzellan an Güte dem japanischen gleichkam; 1755 erbauten die Generalpächter die jetzige Mannfactur, die ihnen Ludwig XV. auf den Rath der Pompädour abkaufte. Seit 1810 macht man dort auch porealaino clura, welches sich von dem poroLlaina tamlrs dadurch unterscheidet, daß es den Wechsel von der Kälte zur Wärme eher aushält, während letzteres die Farben besser annimmt; das Kaolin, der Grundbestandiheil des Porzellans, kommt aus der Gegend von Limoges. Der Besuch der Arbeitssäle war uns, da wir uns mit keinem Erlaubniß- schein versehen hatten, nicht gestattet; man führte uns daher nur in die Magazine, wo es viele Prachtstücke gibt, unter anderen einen runden Tisch, in dessen Platte Medaillons mit Ansichten der königlichen Lustschlösser eingelassen sind. Dieser Tisch hat einen Werth von 36,000 Frcs., viele Vasen und Services haben einen ähnlichen, auch ein Glasgcmülde sahen wir, ferner die königliche Familie in Biscuit, und zwar in großer Anzahl. Auch eine Glasfabrik gibt es in Sävrcs, die wegen ihrer schönen Flaschen großen Ruf hat. Das Wetter heiterte sich, als wir zurückfuhren, derart auf, daß wir noch das Observatorium zu besichtigen beschlossen, welches sich im Fauburg St. Jacques, gegenüber der großen Avenue des Lnpembourg, befindet. 334 und von wo man den diesseitigen Theil von Paris und , das linke Seineufer gut übersehen kann. Dies Observatorium ist ein viereckiger Bau mit zwei achteckigen Thürmen an den Ecken der Südseite und einem Vorbau an der Westseite. Der Meridian, welcher auf dem Estrich des großen (in der Mitte des Gebäudes befindlichen) Saales eingezeichnet ist, bildet die Achse desselben. Der ganze Bau ist nur aus Steinen aufgeführt, ohne jegliche Holz- oder Eisenconstruktion. Die tiefen Keller, in welche mau auf einer Treppe von 360 Stufen hinabsteigt, werden zu Versuchen benutzt, Körper zum Gefrieren zu bringen. Auch ist hier eine Maschine aufgestellt, welche die Menge der Niederschlage im Laufe eines Jahres angibt. Es war schon 4 Uhr, als wir das Observatorium verließen, deßhalb zu spät zur Besichtigung der Katakomben, jener unterirdischen Steinbruche, deren Eingang in der Rue d'Eufer gelegen ist und wohin man im Jahre 1786 alle Menschenknvchen schaffte, die sich in den Grüften der seit Jahrhunderten aufgehobenen Kirchen und Kirchhöfe befanden; man schmückte damit die unterirdischen Gänge in etwas sehr bizarrer Weise aus. Wir gingen nunmehr durch den Gärten des Lnxembourg, der nach dem Observatorium freie Aussicht hat, besahen uns die Stelle, wo Ney erschossen wurde, und fuhren nach der Kathedrale Notre Dame, die auf der Seine-Insel, dem ältesten Theil von Paris, der Citä, liegt. Childerich, Klodwigs Sohn, soll 522 dort die erste Kirche gebaut haben; ihr gegenüber stand eine zweite, welche dem hl. Stephan geweiht war. Den ersten Stein der jetzigen Notre Dame-Kirche legte Papst Alexander III., der vor dem Gegenpapst Victor IV. nach Frankreich geflüchtet war, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts; der Bau selbst wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts beendet. Die Steinarbeitcn des Westportals geben mehrere Züge aus dem Leben der hl. Gottesmutter wieder. In diesem Dome ließ sich Napoleon von Papst Pius VII. zum Kaiser salben; er zeigt sehr große Dimensionen, aber keine hervorragende Prachtentfaltung; die von der Anwesenheit des Papstes Pius VII. herrührenden Dekorationen sollen zwar auf besonderen Wunsch gezeigt werden; wir bekamen sie aber nicht zu sehen. Unser Diner nahmen wir heute bei Beauvilliers, Nue Richelieu, ein und begaben uns von da in die Große Oper, wo man die Danaiden aufführte, eine Vor- - stellung, die durch die dazu gehörigen Ballets, Pracht- > vollen Dekorationen und Eruppirungen uns ausnehmend gefiel. Donnerstag den 6. fuhren wir früh 10 Uhr in Begleitung unserer Freunde Zezschwitz und Stüntzner in das Palais de Justice, wo die Kriminalverbrecher verwahrt werden; es liegt ebenfalls in der Cits und war schon im 9. Jahrhundert königlicher Palast. Zwei Brände, 1618 und 1776, zerstörten den alten prachtvollen Saal, sowie die Kapelle und die daraustoßenden Baulichkeiten. In diesem Palast brachte die unglückliche Königin Marie Antoinette ihre letzten Lebenstage zu, und zwar in der sogenannten Conciergerie, wo die gemeinsten Verbrecher eingesperrt werden. Ihr Gefängniß ist in eine 5 Fuß breite und 10 Fuß lange Kapelle umgebaut worden; an der Stelle, wo ihr Bett stand, befindet sich jetzt ein Sarkophag; das kleine Fenster, das das Tageslicht von oben hereinließ, hat man vergrößert und den Nebenraum, in welchem sich die Wächter der Königin aufhielten und der nur durch eine niedere spanische Wand von ihrer Gefängnißzelle getrennt war, durch eine Mauer abgeschieden. Auch in diesem Zimmer steht ein Altar; an den Wänden hängen Gemälde, welche Scenen aus der letzten Lebenszeit Marie Antoiuette's darstellen. DaS Zimmer, in welchem Ney gefangen saß, sowie jenes, aus welchem Lafayette entsprang, wollte man uns nicht zeigen. Von da aus fuhren wir nach der Gobelinfabrik, Nue Monffetard, die in dieser Art einzige in Frankreich; sie arbeitet nur für den König und nicht für den Verkauf. Schon 1450 (nach anderen unter Franz I.) errichtete Gilles Gobelin an derselben Stelle Färbereien in Wolle und Tuchen, die unter Ludwig XIV. von I. Glucq vergrößert und verbessert wurden. Colbert und der Maler Lebrun haben die Gobelinweberei auf die Stufe ihrer jetzigen Vollkommenheit gehoben. Die Anfertigung ist meist theurer, als ein Gemälde von gleicher Größe zu stehen kommen würde, denn die Arbeit ist so mühsam, daß über einem größeren Stück zwei Personen 6 Jahre lang Zubringen; dafür wird aber so schön gewebt, daß man, wenn man das Gobelin in einiger Entfernung betrachtet, ein Gemälde zu sehen glaubt. Besonders gefielen uns zwei große Arbeiten: Sully vor Heinrich IV. auf den Knieen liegend und eine Jagdscene aus dem Leben desselben Königs. Bei allen fertigen wie unfertigen Arbeiten war es unverkennbar, daß das Gewebe schöner sei, als das Gemälde; es wird theils in feiner Wolle, theils, wenn nöthig, in Seide gearbeitet. Von den Gobelins ging es zum Jardin du Not oder des Plantes, Quai St. Vernard. 1636 unter Ludwig XIII. gegründet, erlangte er unter seinem Intendanten Buffon, dem hervorragenden Naturforscher, 1739 seine größte Vollkommenheit. Wir begannen mit der Besichtigung des Naturaliencabinets, in welchem jede Thiergattuug vertreten ist, ebenso alle Mineralien in der Mineraliensammlung; 7000 Pflanzen sind nach Klasse und Familie nach der Methode Jussieu geordnet. Dann bestiegen wir das Belvedöre, auf welchem einige Cypressen vom Libanon wachsen und sich durch ihre geraden Neste von anderen Nadelbäumen auszeichnen: man hat hier eine sehr schöne Aussicht auf Paris. Ferner besahen wir uns die Menagerie, die viele ausländische Vierfüßler und Vögel enthält, wie Kameele, Löwen, Affen, Strauße n. s. w., in welcher aber seltsamerweise der Elephant fehlte. Zwei Löwinnen zeichnen sich besonders aus; die eine durch ihre Schönheit, die andre durch ihre Harmonie mit einem Hündchen, mit dem sie schon einige Jahre zusammen lebt. Im Garten, welcher sich bis an die Seine hinzieht, werden auch alle Arten gemeinere wie seltenere Pflanzen gezogen. Mit dem Jardin des Plantes verbunden ist eine Akademie, in welcher 13 Professoren stark besuchte Vorlesungen über Botanik, Anatomie, Zoologie, Geologie, Ikonographie, Mineralogie und Chemie halten. Der Pont d'Austerlitz, jetzt Pont du Noi genannt, führt hier über die Seine, ein Privatunternehmen, weß- halb auch Wagen, Reiter und Fußgänger einen Brückenzoll zu entrichten haben; die Brücke wurde 1800 begonnen und 1806 beendet, Pfeiler und Streben sind von behauenem Stein, die 5 Bögen von je 77 par. Fuß Spannweite aus gegossenem Eisen, deren mittelst Schrauben untereinander befestigte Theile die Abnahme des ganzen Bogens gestatten. Unser Wagen führte uns längs des Boulevard Bourdon nach dem Bastilleplatz, wobei wir am Grenier d'Abondance vorbeikamen, einem immens großen unvollendeten Gebäude, das 1807 von Napoleon zu dem Zwecke angelegt wurde, darin für Paris alle Arten trockne Gemüse und Getreide aufzuspeichern, und so für den Nothfall die Ernährung der Bevölkerung zu sichern; es wurde aber in den Jahren 1814 und 1815 nicht weitergebaut, sondern eingedeckt, nachdem die Mauern kaum 8 Fuß über das Erdgeschoß hinwegragten. Auf dem Bastilleplatz beabsichtigt man, einen kolossalen Elephanten aufzustellen, der aus seinem Rüssel Wasser speit; das Wasser will man dem Ourcqkanal entnehmen, der unter dem Platz fließt und Paris mit Wasser versorgt. Das Piedestal ist angefangen; ob der Elephant darauf kommen wird, ist noch die Frage; vor der Hand steht sein Gypsmodell in einem Schuppen nebenan. An seinem rechten Vorderbein soll eine Treppe herausführen, sein Leib einen großen Saal enthalten und in den auf seinem Rücken ruhenden achteckigen Thurm das Wasser geleitet werden, damit es genug Druck hat, die Fontäne aus dem Rüssel zu treiben. Die geplante Straße vom Louvre nach der Place du Trone, von der ich schon gesprochen habe, sollte hier vorbeiführen. Von hier gelangten wir über die Place Royale durch die Boulevards St. Martin und St. Denis (wo zwei freistehende Thore gleichsam Triumphbögen bilden und Porte St. Martin und Porte St. Denis genannt werden) über den Boulevard Bonne Rondelle und Poissonniöre, wo die Fontäne Bondy ist, verließen dann den Wagen und gingen noch das Panorama von London betrachten und von da aus zu Fuß nach Hause. Dann speisten wir bei Grignon, Rue Neuve des Petits Champs, besuchten, da wir sehr ermüdet waren, kein Theater, sondern gingen nach kurzem Spaziergang nach Hanse. Freitag den 7. galt es den ganzen Tag über das Bestellte herbeizuschaffen, die noch übrigen Einkäufe zu machen und alles zur Abreise in Bereitschaft zu setzen. Wir speisten bei den Frsres Provenceaux; Gablenz verließ uns schon um 6 Uhr, während wir übrigen Sachsen nachher noch einmal nach dem Cafö Milles Colonnes gingen. Sonnabend den 8. früh 1 Uhr verließen wir alle Paris; Lenz mit Gattin reiste über Metz, Mainz nach Dresden, Zczschwitz, Einsiede! und Stüntzner mit uns über Senlis, Compisgne, dessen Schloß wir uns nochmals besahen, nach St. Quentin, wo wir sehr ermattet Abends anlangten und wenn auch nicht besonders gut, so doch wenigstens leidlich logirten. Am 9. (Sonntag) fuhren wir, nachdem ich mit meiner Frau eine hl. Messe gehört, um 6 Uhr weiter nach Cambrai, wo wir das Frühstück einnahmen und von Schreibershofen begrüßt wurden, über Lille, und langten Abends 6 Uhr glücklich wieder in Tourcoing an, wo wir unsere lieben Kinder gottlob gesund antrafen. Recensionen und Notizen. Des gottseligen Thomas von Kempen Rosengärt- lein und Lilienthal in deutschen Versen von Hermann Zicke. Verlag von F. W. Cordier zu Heiligcustadt. Preis broschirt 2 M. 50 Pf.; in Salon- band 3 M. 50 Pf. „Der Knabe Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden", d. h. die Cordier'sche Verlagshandlung läßt den Freund der katholischen klassischen Dichtung ja kaum mehr zu Athem kommen: vor Weihnachten die herrliche „Nachfolge Christi" von Jscke, zu Ostern die großartige episch-allegorische Dichtung „Vom Nil zum Nebo" von Macke, im Sommer der klassische tiessinnige „Völkersang Kalanyas" von Fr. W. Helle, dem Dichter des „Jesus Messias", uud jetzt, wenige Wochen nach letzterem, das vorliegende Werk! Viel des Guten in einem Jahre, ja des sehr Guten! Ein geistiges Gegenstück, möchte ich sagen, zu der heutigen Ernte des Feldes! „Vom Nil zum Nebo" und „Kalanyas Völkersaug" können freilich nur von dem höher Gebildeten genossen werden — aber welcher Genuß auch! Die „Nachfolge Christi" aber wie „Nosengärtlein" und „Lilienthal": das sind Blüthen, aus denen den süßen Seim der Erbauung und des Trostes jede hcilSbegicrigc Seele zu schlürfen befähigt ist. So kunstvollendet die Strophen Jsekc'S aufgebaut sind, so anspruchslos und natürlich — getreu dem lateinischen Prosa-Originale — gleiten sie dahin und sind von einer Gemüthswärme getragen, die das Herz gefangennimmt und den Willen hinreißt. Die deutschen Prosa - Ueber- setzungen des Thomas von Kempen — von „Nosengärtlein" und „Lilienthal" mögen wohl überhaupt keine im Gebrauche sein — können den eigenthümlichen, an unzählig vielen Stellen hochpoetischen Hauch des lateinischen Originals nicht wiedergeben, und so mutz die objektive Berechtigung dichterischer Behandlung unumwunden zugestanden werden, um so lieber, wenn sie so durchgeführt ist, wie hier. Das Spruchhaste, ja die Rcimklänge des Originals kommen bei poetischer Darstellung zu ihrer Geltung, und so finden wir bei Jseke in gewissem Sinne den alten Thomas treuer wiedergegeben, wie in prosaischen Uebcrtragungen, von denen manche außerdem recht unbeholfen und nachlässig verfaßt sind. Wer gewinnt z. B. aus Prosa-Uebersetzuugen eine Ahnung, daß Thomas Stellen hat, wie z. B. Nosengärtlein 4 Cap. a. E.: Laxiens sst illo, gni sxernit millia mills. Omnia. suut nuIls,, Lox, kapa, st plumbea bn11a. Ounetorum tinis, mors, vermis, t'ovea, oinrs. tzuantumgus guis ss ext» litt, nilri! est, mors vmnia tollit? Sonderbar anmuthen dürfte manchen die allzugetreue Wiedergabe für unser modernes Gefühl befremdlicher Bilder, z. B. der „schwarze Hund" als Bild eines Zotenreißers, u. A. Auch hätte vielleicht Manches weggelassen werden können, waS sich lediglich auf die Klostcrnovizen bezieht, z. B. Vorlesung bei der gemeinschaftlichen Mahlzeit rc. Freilich könnte man dann nicht mehr sagen: Nosengärtlein des Thomas von Kempen, sondern nach Thomas von Kempen. Es tritt nämlich bei vorliegendem Werke viel deutlicher als bei der „Nachfolge Christi" der Zweck des Thomas hervor, seine Novizen zu belehren, ohne jedoch die übrige Christenheit ausschließen zu wollen. Wir hätten lieber gesehen, daß das Versmaß des ersten Kapitels beibehalten wäre, welches beginnt: „Mit Heiligen wirst heilig dn, Du wirst verkehrt mit den Verkehrten (Ps. 17. 26.27.) Drum prüfe, wenn du wählen willst Zum Freunde dir und zum Gefährten/ Auf daß nicht durch Genossenschaft Mit Argen, die von Zucht nicht wissen Uud abgelegt die Sündenscheu, Verdeckt du wirst und fortgerissen!" Doch wird mancher gerade in der kapitclwcisen Abwechslung des Versmaßes — im „Nosengärtlein" sind 11 verschiedene Metra verwendet — einen Vorzug finden. Unseres Erachtens hat neben dem ersten das letzte Kapitel daS bestgewählte Versmaß. Der Schluß dcS Ganzen lautet: „Darum habe Gott vor Augen, Was du thust und was du denkst; Hüte dich, Ihn zu betrüben, Wache, daß du Ihn nicht kränkst! Sag' Ihm Dank sür alles Gute, Was er Seinem Kind erwies. Und am Schlüsse jedes Werkes Sprich herzinnig dankend dies: Lob und Dank sei meinem Schöpfer, Preis und Ruhm Ihm allezeit! Alles lobe, was da athmet, Gott den Herrn in Ewigkeit I Amen." Das „Lilienthal" hat durch alle 34 Kapitel den reimlosen Blankvers und sind nur an mehr als hundert Stellen — jedesmal am Schluß der Absätze — Reimpaare wirkungsvoll verwendet, so daß man lebhaft an „Maria Stuart" erinnert wird. Daß dieses Versmaß auch didaktisch verwerthbar ist, haben die deutschen Klassiker genügend bewiesen. Da das 336 „Lilienil,cil" mehr praktisch nüchterne Partien hat, als „Nachfolge .Christi" und „Roscngärtlein", so war die Weglassung dcS Reimes, wenn nickt geboten, so doch rathsam. Das „Lilicn- thal" möchte man trotz des dichterischen Gewandes eine geradezu wörtliche Ucbersetzung nennen. Da beide Werke unter dem Volke unbekannt sind, so haben sich der Dichter und die Verlagshandlung den Dank der katholischen Welt in reichem Maße verdient, und es wird nicht lange währen, so werden beide genannten Werke von Thomas der unverdienten Vergessenheit entrissen und in dem schmucken Kleide, das Dichter und Verleger ihnen gaben, allen Heilsbegierigcn lieb und theuer sein. O—u. L. Unter den katholischen VolkSkalendcrn nimmt der im 19. Jahrgang erscheinende „EichSfclder Maricn- Keilender" (Verlag von F. W. Cordier in Heiligcnstadt- EichSfeld) einen der ersten Plätze ein. Der Kalender ist zugleich ein „Jahrbuch" für die Mitglieder des von Leo XIII. so warm empfohlenen „Allgemeinen VereinS der christlichen Familien". Eine illustrirtc politische Jahrcsschau, mehrere hübsche und spannende VotkScrzählnngen — gleichfalls durch gut gezeichnete Bilder ausgestattet — prächtige humoristische Beiträge, belehrende Aufsätze verschiedener Art, LebenSrcgeln, Rathschläge für Bürger und Bauern, Gedichte rc. bieten eine seltene Fülle von Lesestoff für jedes Alter und für jeden Geschmack. Das Kalendarium ist sehr praktisch eingerichtet und enthält AllcS, waS man nur sticken will. Der Bilderschmuck ist so reichhaltig, das; er allein schon dem Kalender zur Empfehlung gereicht. Auch mehrere künstlerisch ausgeführte Vollbilder zieren den stattlichen Band von im Ganzen 190 Seiten großen Formats. Ein Wandkalender auf Karton ist nickt vergessen, das Titelblatt ist in Buntdruck hergestellt. Der Preis dieses herrlichen Kalcnderwerkcs ist spottbillig: 30 Pfennige. Wir können den „EichSfclder Marien-Kalender" mit gutem Gewissen allen katholischen Familien empfehlen. Stcindorf Ge., Koptische Grammat'k mit "hresto- mathic, Wörterverzeichnis und Literatur. 8°. XVIII -s- 220 -s- 91 SS. Berlin, N:ut>r und Neichard, 1894. M. 13.20. It. Obiges Werk haben wir in „Beilage 40" d. Bl. (4. Okt. 1891) gebührend gerühmt und empfohlen; nur bedauerten wir den außerordentlich hohen Preis, der uns der wünschcnSwcrthen Verbreitung dcS vortrefflichen BuchcS als wenig förderlich schien. Doch lag es uns vollständig ferne, mit dem von uns damals gebrauchten Ausdruck „Wncherprciö" einen Sinn zu verbinden, welcher der Geschäftsehre der sehr vorehelichen und gerühmten Vcrlagshandlung zu nahe treten sollte. Wenn dieselbe den Ausdruck „Wuchcrpreis" als ehrenrührig und beleidigend betrachtet, so sind wir natürlich sofort bereit, diese Bezeichnung mit Bedauern zurückzunehmen, um so mehr, als wir nun auch von der verehrst Verlagöbandlung über die enormen Herstellungskosten eines derartigen Buches, sowie über das der Natur der Sache nach beschränkte Absatzgebiet eine dankenswcrthe Aufklärung empfangen babcn, der zufolge wir zugestehen müssen, daß der Preis des obigen musterhaft ausgestatteten Buches nicht allzuhoch angesetzt ist. Mögen die Leser d. Bl., welche unsere Besprechung in „Beilage 40" gelesen haben, nun auch von dieser unserer Erklärung Notiz nehmen, womit wir der Vcrlags- handlung aufrichtig und öffentlich und, wie wir hoffen, zufriedenstellend Genugthuung leisten wollen. Christus als Prophet. Nach den Evangelien dargestellt von Dr. Franz Sckmid, Professor der Theologie, Brixen; kathol.-politischer Prcßvercin; 1892; 8°; 19ö S.; Preis: fl. 1,20. X. Es ist hier eine sehr ansprechend, ruhig und inst tiefem Verständniß geschriebene Studie von hohem apologetischen und paränctiscken Werthe zu begrüßen. Wir lernen nicht bloß das Verhältniß der Wunder Christi zu seinen Weissagungen, das Verhältniß der Weissagungen zu einander, die prophetische Bedeutung mancher Gleichnißreden kennen, sondern auch den typischen Charakter vieler Einrichtungen der Kirche, der Anordnungen, Gebote und Räthe und Sakramente Christi würdigen. Im Nachweis zur Erfüllung der Weissagungen sind die nothwendigen Erklärungen, Beschränkungen und Unterscheidungen gemacht, um etwaigen Einwendungen zu begegnen. Der Verfasser unterscheidet sachgemäß Weissagungen mit vollständig eingetretener Erfüllung, solche mit fortlaufender Erfüllung, solche für daS Endziel, Weissagungen Christi und anderer in Verantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. I den Evangelien vorkommenden Personen. Was der Verfasser in absichtlicher Kürze oft nur andeutet, verdient weiteres Studium, vermittelt neue Gesichtspunkte und verbreitet Helles Licht über viele Erlösungsthatsachen. Körnig Th. G., Die Hygiene der Keuschheit. 8°, 93 S. Berlin, H. Stcinitz, 1894. (III.) M. 2,00. zr. Vom natürlichen, rein medizinischen Standpunkt aus spricht der Verfasser über eine von der Religion unerbittlich geforderte Tugend, deren Name jedoch in der heutigen verlotterten Gesellschaft vollständig aus dem Lexikon moralischer Begriffe verschwunden ist, wozu gewiß auch die Vertreter der medizinische» Wissenschaft oftmals ihren Beitrag in Theorie und Praxis liefern, waS Körnig selbst zugibt und sich aus der wissenschaftlichen (namentlich der „populären") medizinischen Literatur sattsam beweisen läßt; kennen wir ja doch eine gynäkologische Zeitschrift, deren Rathschläge auch sonst sogar von Wiener „Collegen" alö „verbrecherisch" bezeichnet werden. Körnig hebt seine Darstellung an mit Hinweis auf Björnson's Drama „Ein Handschuh", das bekanntlich einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat, weil es der „modernen Gesellschaft" in drastischer Weise den Spiegel vorhält und den Widerspruch schonungslos aufbellt, der darin liegt, daß die Welt die^ Forderung „tadelloser Vergangenheit" bei dem Mädchen stellt und das Gegentheil als Schimpf und Schande betrachtet, während man dem jungen Manne volle Freizügigkeit seiner Leidenschaften gern zu gute hält, ja als selbstverständlich voraussetzt. Moral und Logik, die für alle Menschen gleiche Geltung haben, fordern aber gleiche Beurtheilung; auf dieser Grundlage fußt Kornig's ernstes Wort an alle Mütter, Lehrer und Erzieher, die in dem Buche, soviel wir gesehen habe», keine Ansicht vorgetragen finden werden, die mit der Moral in Conflict stünde, was bei einem Arzt in dem Punkte immerhin als rühmenswcrth hervorgehoben werden darf. Einige Andeutungen früherer Auflagen sind in vorliegender gemildert worden, unsern zimperlichen Damen zu liebe, die ihre Töchter zwar ruhig ins „moderne Theater" mit seinen rohen Sckweincreicn schicken, bei Naturalibus aber heuchlerisch sogleich nach dem Feigenblatt schreien. k. August Sckynse und feine MissionSreiscn in Afrika. Herausgegeben von einem Freunde dcS Missionars. Mit dem Bilds L. Sckynse's und einer Ab- hildung seiner Grabstätte. Straßburg i. Elsaß. Verlag von F. X. L- Roux u. Co. brosch. 2 M. VIII', 336. e. DaS Lebensbild eines Mannes zu lesen, das anS dessen Briefen zusammengestellt ist, welche, wie man mit Sicherheit annehmen darf, nicht mit dem Hintergedanken geschrieben wurden, sie später zu veröffentlichen, heißt wirklich einen tiefen Blick in die Seele dieses Menschen werfen. Hier bat man eben die Person vor sich nicht im schwarzen Frack. Cylinder und Glacehandschuhen, sondern sozusagen in ihrem Hausgewand, in ihrem Arbeitszimmer. Wie schon die beiden früheren Schriften von V. Schynse: Mit Stanley und Emin Pascha durch Dcutsch- Ostafrika und k. Schynse'S letzte Reisen, Briefe und Tagebuch- blätter, veröffentlicht durch die ELrrcs-Gesellschaft — großes allgemeines Interesse hervorgerufen, so rann auch dieses Werk auf gleiche Aufmerksamkeit Anspruch erbeben; denn cS ist gleichsam der Schluß- und Ergänzungsband dieser beiden erstgenannten Schriften. Recht willkommen dürfte dieses Werk sein jenen, die Missionöbernf in sich verspüren. Geschildert sind auch die Jugend- und Studienjahre Sckynse's. Neugierigen Seelen sei verrathen, daß auch ein Abschnitt vorkommt: „Im Carcer"; jedoch ganz ungefährlich und wie der Herausgeber bemerkt: Es ist aber auch das einzige, was man tadelnswertstes anführen kann. _ Reiß C., Die Naturheilmethode bei Magen-und Darmkrankheiten (VerdaunngSstöruuge n). 8°. 60 S. Berlin, H. Stcinitz. 1894. M. 1,00. Vorliegendes Bündchen bildet den dritten Theil der Bibliothek der gesammten Naturheilkunde; die beiden ersten Hefte derselben enthalten zuerst den allgemeinen Theil (Diät, Lust, Wasser, Massage, Gymnastik) und dann die Methode bei Nerven- und Rückcnmarkslciden; auch dieses Bündchen ist dem Plane, eine kurze, allgemein verständliche Darstellung zu bieten, treu geblieben. Allen, die das angeht, wovon das Buch erzählt, sei diese Oricntirung zu einer dem Leiden entsprechenden Behandlung empfohlen; sie werden damit dem Arzt seine Kunst erleichtern. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.