Friedrich W. Helle: Kalanya's Vvlkersang. Mittelafrikanischer SchöpfungsMythus. 18! Unter diesem Titel erschien bei Franz W. Cordier in Heiligenstadt (Eichsfeld) 1894 eine Dichtung von 143 Octavseiten, über welche der Dichter in Anmerkung sagt: „Die Traditionen des Menschengeschlechts bezüglich der wahren GotteSerkeuntniß wie der Schöpfung, des Sündcnfalles und seiner Strafe und Sühne haben, soweit auch die Völker sich örtlich und zeitlich immer mehr von der Wabr- heit entfernten und in die Irrwege des Götzendienstes hinein- geriethcn, sich dennoch ihre Urkcime bewabrt. Den tiefer Forschenden und Schauenden treten in allen Götter- und Schöpfungsmythen der verschiedensten Völker und Zeiten Gedanken entgegen, die auf den Urquell aller Wahrheit zurückweisen und die Berichte der Genesis und die Worte der göttlichen Offenbarungen mehr oder weniger bestätigen resp. in sich erhalten haben. Man ist so leicht geneigt zu glauben, daß die heidnischen Negervölker Afrika's nach ihrem Mittelpunkte hin sich sämmtlich am weitesten von der Urwahrheit und von den Zeugnissen der wahren Gottcserkenntniß entfernt hätten; und doch ruht gerade in ihnen, wie eine in der Nacht verschlossene Morgendämmerung, eine Fülle von Ideen, welche zur wabren Gotteserkeuntnitz zurückweisen und die Sehnsucht des Menschen zur Rückkebr nach der vollen, verlorenen Wahrheit zum Ausdruck bringen. DaS beweist uns der SchöpfungsmhtbuS der in Ccntral- Afrika lebenden Uumala-Neger, ein Mythus, dessen Ideen und Anschauungen von wahrhaft christlichen Anklängen, die das Hcidenthum aus der Zeit der ersten Völker der Welt, sowie des Urchristentums in sich aufgenommen und bewahrt haben mutz, Zeugniß ablegen. In einer Zeit, wo das Christenthum sich anschickt, wie ein Niese sich neue Bahnen durch Afrika's undurchdringliche Waldungen, über seine Ströme und Niescnberge zu schaffen, um Afrika für sich und für Gott zurückzugewinnen, soll diese Dichtung in gewisser Weise an den afrikanischen Missionen durch Begeisterung für deren Ziele und durch Anregung theil- nehmen. . Dieses war der Zweck, der schon vor 30 Jahren die Ma- terialsammlung und Bearbeitung des Stoffes veranlaßte und den Inhalt nach und nach vervollständigte bis zur gegenwärtigen Form. Der eigentliche Stoff wurde theils aus Lüken's ,Traditionen des Menschengeschlechtes', theils aus alten Reise- beschreibungen in München, Wien und Rom geschöpft und durch Selbstachtung ergänzt und dann ausgefüllt." Unter dem Ergänzen und Ausfüllen find wohl vor Allem zu verstehen die schönen Naturschilderungen, in welchen Helle bekanntlich Meister ist, sowie kleinere Einzelheiten der Vorgänge. Wieweit er den Mythus noch durchtränkt hat mit christlichem Geiste, bleibt uns ungewiß, jedenfalls ist trotz menschlich sagenhafter Beimischung, und obschon der vollständige Begriff reiner Geistigkeit mangelt, die Gestalt Til's des Schöpfers in einer Erhabenheit und Milde gehalten, welche erbauend wirkt. Das Hervorbringen der Schöpfung aus dem Nichts, d. h. das Nichtsein alles dessen was nicht er ist oder schafft, wird zwar nicht mit Deutlichkeit betont, immerhin erscheint Til als einziger und lebenspendender Gestalter aller Dinge. Sehr poetisch sind auch die von ihm hervorgerufenen Lichtgestalten, welche unsrer Engclwelt entsprechen, und ebenso entsprechen dem Satan und seinen Gesellen die Dimmus als nicht ursprünglich böse, sondern als gefallene, verfluchte Wesen. Ein erstes Menschenpaar erscheint auf des Schöpfers Ruf und empfängt dessen Befehle; der Sündenfall aber, bei welchem anstatt der Schlange der häßliche Frosch zum Helfer und dafür zur Strafe in den Sumpf verbannt wird, tritt hier erst ein, nachdem die Erde bereits durch zahlreiche Menschheit bevölkert ist. Die überall vorhandene Erinnerung an ein Riesengeschlecht der Urzeit macht auch hier sich geltend. Eine merkwürdige Abweichung nicht nur von der Genesis, sondern von der Sage der meisten Völker ist die, daß hier anstatt der großen Fluth ein Weltbrand die sündigen Geschlechter vertilgt. Nahm der afrikanische Sonnenbrand die Geister so sehr in Beschlag? Hat eine partielle Katastrophe, ähnlich, nur weit gewaltiger, wie die amerikanischen Waldbrände, von denen wir jüngst vernahmen, die Erinnerung an die allgemeine Fluth verdrängt? Oder geistert hier eine Urüberlieferung über ein prüadamitisches Ereignis; (etwa beim Engelsturz), welches dem „Wüst und leer" im ersten Kapitel der Genesis voranging? Oder endlich, spiegelt sich eine alte Weissagung jenes Brandes, der am Ende der Zeiten die Erde vertilgen soll? Aus der Urzeit wird ein einziger Heiliger gerettet, in einer Basalthöhle geborgen, aber er wird nicht wie Noah der Stammvater der späteren Geschlechter, sondern nur Zeuge, Lehrer, gottpreisender Sänger. Schade, daß der Dichter nicht ändernd eingriff in das, was bei der Neuschöpfung der Pflanzen- und Thierwelt und beim zweiten Verderbnis; der Menschen zu ähnlich dem Vorlauf der Urzeit erzählt wird und hiedurch ermüdet. Aber höchst merkwürdig ist, das; wie allerwärts, so auch in der afrikanischen Sage eine Jungfrau-Mutter verehrt wird; sie bringt zwar nicht den Erlöser zur Welt, .sondern die Stammeltern aller ferneren Geschlechter, und ihre eigene Entstehung ist märchenhaft umkleidet, aber in keuschem Zauber. Und, wie Helle eigens anmerkt (S. 94), die Jungfrau-Mutter heißt im afrikanischen Mythus Mariam (entsprechend der arabischen Form Mirjam für Maria). Der Sang Kalanya's schließt unter Vorherver- kündigung zuerst des Elendes der Sklaverei, dann aber auch derjenigen weißen Männer, welche kommen sollen, unter wunderbarem Zeichen eine Botschaft des Friedens und des Heiles zu bringen, und in einem Epilog wird die Ankunft der Letzteren als bereits geschehen angesagt. Möge dem deutschen Dichter beschieden sein, das Ziel zu erreichen, welches er den lauteren Klängen dieser Dichtung gesteckt hat! — Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert, ii. Die Frauenkirche in Memmingen. In der, heute protestantischen, Frauenkirche zu Memmingen wurden schon 1891 herrliche Wandmalereien blos- gelegt. Seitdem wurde die Tünche von allen Malereien, deren die Kirche zahllose enthält, entfernt, und schon naht deren Restauration ihrem Ende. Das Verdienst der Aufdeckung kommt Herrn Stadtpfarrer Braun zu, der auch die erste, ziemlich eingehende Beschreibung derselben lieferte?) Die kgl. Regierung unterstützte das Nestau- rationswerk, das wohl ebenfalls mnstergiltig genannt werden muß. Hier haben wir das Beispiel einer großartigen einheitlichen Bemalung des ganzen Kirchenraumes. Die Kirche wurde dreimal erweitert und umgebaut. Der dritte Umbau wurde um Mitte des 15. Jahrhunderts vollendet. Wie haben eine dreischiffige spätgothische Kirche mit flachgedecktem Mittelschiff. In die Seitenschiffe find -) Im Christl. Kuustbl. 1891 S. 33 ff.. 1892 S. 26 ff., 43 ff. bei Dr. Endrcö: Bild!. Darstellungen aus dem Marien- lcbc» im Mittelalter. Hist.-pol. Bl. 113* S. 245 Anm. 338 Netzgewölbe eingespannt, der Chor ist ebenfalls reich eingewölbt. Die Bemalung ist in folgender Weise durchgeführt. Der Grund ist weist, die Nippen sind ziegelroth bemalt, im Chor und Triumphbogen waren sie mit Silberrosen gemustert. Die Pfeiler waren röthlich marmorirt, die breiten Gurte von Pfeiler zu Pfeiler, wie die Laibung des Triumphbogens, tragen reichen Bilderschmuck, die Viertelrippen an den Arkadenbögen sind mit einem gewellten bunten Muster versehen. Ueber den Arkaden läuft ein gemalter Fries, über dem Scheitel eines jeden Bogens von den ebenfalls (grün) gemalten Wimpergen durchbrochen, über jedem Pfeiler durch einen gemalten Sockel, welcher je eine kolossale prächtige Apostelfigur trägt. Die Arkadenbögen zeigen auf jeder Seite je zwei Engel, dazwischen einen Propheten, einmal zwei Heilige, dazwischen einen Engel. Alle halten Spruchbänder, die sich auf Meßopfer und Marienverchrung beziehen. In den Zwickeln zwischen Bogen und Apostelfigur finden sich herrliche Engelsgestalten, bei welchen besonders die meisterliche Stellung der Flügel und Drapirung der Gewänder auffällt. Oberhalb des Frieses finden sich an den Hochwänden des Schiffes nur vorne beim Triumphbogen rechts und links zwei Tafeln, Anfang und Ende des Athana- sianums in deutscher Sprache enthaltend. Im Chor findet sich an der Wand zwischen Fenster und Nippen des beginnenden Chorschlusses je ein fliegender Engel, flott gemalt; einer hält die Hostie mit dem Namen Jesu. Rechts ist eine Nische, wie für den Credcnztisch, dieselbe ist architektonisch ausgemalt, darüber ein Wimperg (wie oben), den Hintergrund bildet eine Teppichmalerei, darüber Maria mit dem Kinde in der Mondsichel, das Jesukind hält einen Rosenkranz, rechts und links ein reizender mufizirender Engel; dieses Bild ist ungemcin lieblich. Links ist in ziemlicher Höhe der Stifter nebst Wappen groß aufgemalt. Um die fünf Schlußpunkte des Chorgewölbes sind je vier Engel (in die vier Zwickel) eingemalt, dieselben shmbolisiren wieder das Meßopfer, die mittleren vier haben ein jeder in einer Hand eine Sanktuskerze, in der andern eine Schelle. Die Laibung des Triumphbogens zeigt uns südlich die thörichten Jungfrauen (10 Brustbildchen), in reichen Modecostümen, aber mit leeren Oelflaschen und umgekehrten Lampen, auf der Nordseite die 10 klugen mit brennenden Lampen. Die Gewölbesterne im Seitenschiff sind um die Schlußpunkte mit schwarzrothen, gothischen Pflanzenornamenten geschmückt. Nicht zwei von ihnen gleichen sich. Den herrlichsten Schmuck trägt aber die Wand des eingebauten Thurmes im nördlichen Seitenschiff. Hier finden wir zwei Darstellungen, oben ein größeres Bild, darunter ein Marienleben in 14 Bildern. Das obere Gemälde zeigt uns zuoberst Gott Vater, darunter rechts einen Garten, nach Art einer mittelalterlichen Burg mit Mauern und Thürmen umgeben. Darin finden sich alle möglichen Symbole Mariens: der versiegelte Brunnen, der Thurm Davids, die verschlossene Pforte, die Lilie unter den Dornen n. f. w. Stets ist die Bedeutung beigeschricben. Die Darstellung links ist theilweise zerstört. Die köstlichste Darstellung ist die Einhornjagd. Gabriel als Jäger mit vier Hunden und dem Speer, das Hifthorn am Munde, treibt das Einhorn, worauf das Christkindlein reitet, in den Schoß Mariens. Die Darstellung ist sehr hübsch durchgeführt, zeigt aber, daß die alte Einhornsage bereits nicht mehr ganz verstanden wurde. Die 14 kleineren Bilder unten sind: 1) Joachim und Anna Lämmer opfernd vom Hohenpriester zurückgewiesen; 2) Joachim auf der Weide, der Engel bringt ihm die Botschaft, im Hintergrund ein Hirt; 3) Anna im Garten empfängt vom Engel die Verheißung der Geburt Mariens; 4) Joachim und Auna an der goldenen Pforte; 5) Geburt Mariens; 6) Maria Tempelgang; 7) das Stab- wuuder, die Freier zerbrechen ihre Stäbe; 8) Vermählung Mariens; 9) Verkündigung; 10) Maria bei Elisabeth; 11) Joseph wird der Empfängniß gewahr, ein Engel klärt ihn auf; 12) die Geburt Christi; 13) die Be- schneidung; 14) die Anbetung der hl. drei Könige. Die Bilder sind höchst originell gedacht und ausgeführt, voll Ausdruck und packender Realistik, im Reichthum des Beiwerks nähern sie sich schon der Auffassung, wie sie aus Dürers Marienleben bekannt. Sehr fein, die besten und zartesten Gemälde überhaupt sind: das Erbärmdebild (Leos kvruo) auf einem Pfeiler der Evangelienseite und der Schmuck des Kanzelpfeilers, welcher eine Reihe von Diensten und Kapitälen vorgemalt erhielt, darauf Maria mit dem Kind in einer zierlichen spütgothischen Halle, zu beiden Seiten je zwei Engelsfigürchen. Dieser einzig schöne Schmuck soll sogar copirt werden und dieser ganze Pfeiler in dem neuen Nationalmuseum prangen. Ueber dem Chor findet sich die Jahreszahl 1459, über dem Südportal des Seitenschiffes ein Steinmetz- zeichen zwischen den Buchstaben L. u. ^., darüber 1571. In der südlichen Portalvorhalle findet sich eine Kreuzigungsgruppe gemalt, darüber wieder ein Wimperg. In der nördlichen Thorhalle sehen wir über dem Portal drei Bilder, oben die Anbetung der hl. 3 Könige, darunter die Verkündigung und die Geburt Jesu. Links sind Spuren von einer Apostellegende, erkennbar nur eiste Scene vom Martyrium des hl. Jakobus d. Ae. Dieses Portal harrt noch seiner Restauration entgegen. Merkwürdig ist noch im Innern der Kirche ein gemaltes Epitaphium, die Grabschrift ist unleserlich, darüber eine Nische (gemalt) mit Kelch, Ciborium, Meßbuch, Kanon, Meßpult, Leuchter und Oelgefäß(s), also den Emblemen des Priesterstandes. Fassen wir Alles zusammen, so haben wir in dieser Kirche ein Denkmal mittelalterlicher Kunst von ganz unschätzbarem Werthe; in der Geschichte der Wandmalerei gibt es wenige ähnliche Beispiele. Wir glaubten darum trotz oben erwähnter Publikation auch die Leser der Postzeitung darauf aufmerksam machen zu sollen. Viel kann hier sowohl in Hinsicht auf den Inhalt der Bilder, als in Hinsicht auf die treffliche Restauration gelernt werden?) Mindelheim, den 3. Okt. 1894. vr. O. Frhr. von Lochner. Josef Lelotte, ein katholischer Socialreformer aus dem Priesterstaude. Von L. H. Der Träger obigen Namens war keine moderne Tagesgröße, deren Name viel genannt wurde im politischen Leben, ja es sind schon zwei Jahre her, daß er nicht mehr unter den Sterblichen wandelt, und wohl viele Leser Ihres geschätzten Blattes haben noch nie den 2) Auch über die Frauenkirche steht noch eine größere Publikation von Herrn Stadtpsarrer Braun in Aussicht. 339 Namen Josef Lelotte nennen hören — und doch glauben wir der katholischen Sache einen Dienst zu erweisen, wenn wir Leben und Wirken des am 6. April 1892 verstorbenen Oberpfarrers von München-Gladbach — denn das war Lelotte — weiteren Kreisen bekannt machen. M.-Gladbach ist ja in den letzten Jahren berühmt geworden als Taguugsstätte des ersten praktischsocialen Kurses vorn 20.-30. September 1892. Zwar haben die Thcilnehmer an diesem Kursus den merkwürdigen Oberpfarrer nicht mehr kennen gelernt, aber es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet: wäre nicht ein Lelotte viele Jahre Pfarrer in M.-Gladbach gewesen, so wäre dieß nicht in solch großartiger Weise eine Musterstadt für Lösung der socialen Frage geworden, wie es dieß jetzt ist. Hat ja doch der Leichen- redner vor der Bahre des Verblichenen, der Hochwürdigste Herr Weihbischof Or. A. Fischer von Köln, zn den Pfarr- kindern des Seligen die Worte gesprochen: „Zu einer Zeit, wo nur wenige die Bedeutsamkeit der socialen Frage ahnten, wo oberflächliche Geister die Existenz dieser Frage einfach verneinten, da hat dieser schlichte Pfarrer schon die ganze Bedeutsamkeit dieser Frage durchschaut und sie nicht bloß erkannt, sondern selbst Hand uns Werk gelegt. Und wenn M.-Gladbach unwidersprochen den Mittelpunkt bildet der katholisch-socialen Bewegung in unserem deutschen Vaterland, so verdanken wir das neben anderen Männern, die dem Pfarrer zur Seite standen, ganz vorzüglich eurem guten verstorbenen Pfarrer, der anregte, begeisterte, selbst Hand ans Werk legte und andre dazu bestimmte." Darum möge es gestattet sein, eine Skizze des Lebens und Wirkens dieses hochbegabten Mannes zu geben; wir folgen einer Biographie, welche ein Kaplan des Verstorbenen, Hochw. Herr Kesselkaul, veröffentlichte (M.-Gladbach, 1893, Druck und Commissionsvcrlag von Wilms und Nixen; Preis 30 Pf.), und deren Lectüre wir jedem empfehlen möchten, da zudem der Reinertrag für einen Kirchenban in M.-Gladbach bestimmt ist. Karl Josef Nemaclus Lelotte wurde zu Aachen am 28. März 1827 als Sohn wohlhabender Bürgersleute geboren. Seine Gymnasialstudien machte er in feiner Vaterstadt. Für seine außerordentliche Begabung zeugt der Umstand, daß er in den Oberklaffen die lateinische Sprache so gut beherrschte, daß er mehrere lateinische Aufsätze über dasselbe Thema hintereinander diktiren konnte, ohne ein Wort zu schreiben. Seine theologischen Studien machte Lelotte in Bonn, wo er der katholischen Studentenverbindung Bnvaria beiirat und mit großer Schneidigkeit, geschmückt mit den weiß-blauen Farben, das Amt des Seniors versah. Er gründete auch unter den Studenten den akademischen Dombauverein, dessen Mitglieder sich verpflichteten, durch Geldbeiträge und auf andere Weise an dem großen Werke der Restauration und Vollendung des Kölner Domes mitzuwirken. Der feurige Student machte an anderen Universitäten, besonders in Süddeutschland, durch persönliches Auftreten und Vortrüge energisch Propaganda für seine Idee. Bei Elkan in Köln ließ er eine farbige Skizze des Domes anfertigen, und ans dem Ertrage wurde ein großes Glasfenster an der Südseite des Domes und ein anderes in der Sacramentskapelle beschafft. Lelotte hat damals durch seinen Eifer ein erhöhtes Interesse für den Kölner Dombau in weite Kreise getragen. Das am Studenten schon bewunderte Nednertalent ließ von dem Auftreten Lelotte's als Prediger (er wurde am 3. September 1850 zum Priester geweiht) Großartiges erwarten. Als Primiziant predigte er in seiner Pfarrkirche St. Michael über den hl. Erzengel und dessen Wahlspruch tzuis ut Osus — Wer ist wie Gott? Ein Mann aus dem Volke faßte seine Kritik über den feurigen Redner in die naiven Worte zusammen: „Wenn der den Lucifer fassen könnte, er würde ihn noch einmal in die Hölle stürzen." Seinen ersten Posten als Kaplan bezog Lelotte in Eupen, wo er eine Arbeitslast auf sich nahm, in welche sich nachher 2 oder 3 Geistliche theilten. Dem übergroßen Eifer hielt die Gesundheit nicht Stand; er wurde von einem heftigen Blutsturze befallen und mußte nach bloß 7 monatlicher Wirksamkeit Eupen wieder verlassen. Nach seiner Wiederherstellung war er 3 Jahre in Türen Kaplan und wurde dann in gleicher Eigenschaft nach Düsseldorf versetzt. Dort hauptsächlich begründete er seinen Ruf als großer, geistreicher Redner und Prediger. Alles strömte in seine Predigten, selbst Schauspieler vom Theater. Die Prinzessin Stephanie, eine Tochter des Fürsten von Hohenzollern, welche Lelotte zu ihrem Beichtvater gewühlt hatte und fleißig dessen Predigten besuchte, wollte den tüchtigen Geistlichen als Hofkaplan mit sich nach Lissabon nehmen, als sie die Gemahlin des Königs von Portugal wurde; allein Lelotte dankte und ging anstatt nach Lissabon, in die majestätische Königsstadt am atlantischen Ocean, — nach Venwegen, einem Ocrtchen von einigen 100 Seelen, in den Vorbergen der Eifel gelegen. Das war Lelotte's erste Pfarrei, welche er 2*/z Jahre verwaltete. Am 19. Januar 1864 übernahm er auf Wunsch seines Erzbischofs als 36 jähriger Mann die Sorge für eine Pfarrei von 18,000 Seelen, welche während seiner mehr als 28jährigen Amtsdauer sich auf 40,000 vermehrten — Lelotte wurde Oberpfarrer von Müuchen- Gladbach, und das war die von der Vorsehung für ihn bestimmte Stellung. Bald schon hatte er gegen die Bestrebungen der Socialdemokratie aufzutreten, die ein ergiebiges Feld ihrer Thätigkeit in der rasch aufblühenden Industriestadt gesucht und vielleicht auch gefunden Hütte, wenn nicht Lelotte den Wühlereien der Socialdemokraten sehr rasch den Boden entzogen hätte. Als im Jahre 1871 ein geriebener Socialdemokrat, Fritz Mcnde, der jeden Sonntag die hl. Messe besuchte, durch diese Zurschautragung einer erheuchelten religiösen Gesinnung viele gute Leute für seine verderblichen Ideen zu gewinnen schien, da genügten wenige, aber gewaltig wirkende Predigten Lelotte's, um dem Volksverführcr den Boden zu entziehen und ihm den letzten Anhänger zu entreißen — eine Thatsache, auf welche man im Parlament zu Berlin hingewiesen hat als Beweis dafür, wie wichtig die Wirksamkeit des katholischen Geistlichen in der Bekämpfung der Umstnrzbestrcbungen der Socialdemokratie sei. Ebenso mächtig erwies sich unseres Pfarrers Wort und der Einfluß seines Geistes in der kritischen Zeit zu Beginn des Cnlturkampfes. In unvergleichlicher Weise verstand er es, das Volk über die der Religion drohende Gefahr aufzuklären und zu mannhaftem Eintreten für die hl. Kirche zu begeistern, ohne dabei den schuldigen Respekt vor der weltlichen Obrigkeit zu verletzen. Ein Hauptaugenmerk richtete Lelotte dem Geiste 340 der Zeit entsprechend auf die Sorge für die arbeitenden Klassen. Er gründete schon im Jahre 1866 das erste „Hospiz" in Deutschland für katholische Arbeiterinnen, welches mustergiltig geworden ist nicht bloß in Deutschland, sondern weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus; sodann rief er im Anschluß an das vorgenannte Institut einen Verein für Arbeiterinnen ins Leben, auch wohl den ersten oder sicher einen der ersten in Deutschland. Ebenso gründete er einen Verein für junge Kaufleute; auch die jugendlichen Arbeiter (von 14 bis 18 Jahren) und die Lehrlinge sammelte er zu einem Verein und erbaute ihnen sogar ein eigenes, schönes, musterhaft eingerichtetes Vereinshaus. Jahre lang trug er sich mit dem Gedanken auch den Ladenmädchen Sonntags Nachmittags eine veredelnde und herzerhebcude Erholung in einem Vereine zu bieten; aber die Sonntagsbeschäftigung ließ diesen Plan nicht ausführen, und erst als diese für den Nachmittag durch das Gesetz über die Sonntagsruhe aufgehoben wurde, trat bald nach dem Tode Lelotte's der „Verein der Ladengehülfinnen" ins Leben. Die hohe sociale Bedeutung der katholischen Orden fand bei dem weitausschauenden Gladbacher Pfarrherrn die vollste Würdigung; es wurde unter ihm für die der Krankenpflege obliegenden „Dienstmügde Christi" ein Kloster gebaut; in den letzten Jahren seines Lebens noch veranlaßte er eine Niederlassung der Franziskaner in seiner Pfarrei. Eine seiner Lieblingsschvpfungen war das stattliche Waisenhaus, für welches er große persönliche Opfer brachte. Es wurden ferner unter Lelotte's Leitung gebaut die (späteren) Pfarrkirchen von Venn und im Eickeu, sowie die Nektoratskirchen der Dienstmägde Christi und der Alexianerbrüder auf dem Blumenberge; daneben wurden die Restaurationen der alten Gladbacher Kirchen weitergeführt und vollendet. Neben dieser großartigen Thätigkeit vergaß Lelotte keineswegs die zwar weniger auffällige, aber um so wichtigere Thätigkeit für die Schule. Er hatte nicht bloß die Aufsicht über die Schulen seiner Pfarrei, sondern war auch Kreisschulinspektor, welch letzteres Amt ihm aber zu Beginn des Culturkampfes abgenommen wurde. Für die Schulsachen zunächst hielt er sich einen eigenen Sekretär und arbeitete selbst, solange er Kreisschulinspektor war, fast jeden Abend bis 12 oder 1 Uhr. Die Lehrpcrsonen schätzten Lelotte überaus hoch; manche sprechen geradezu mit Begeisterung von feinem pädagogischen Talent, seiner Menschenrenntniß, seinem erstaunlichen Gedächtniß. Ein Kind, das er nur Ein Mal gesehen, mit dem er nur einige flüchtige Worte gewechselt, erkannte er oft nach mehreren Jahren unter Hunderten wieder heraus, hatte sogar den Namen behalten. Die aufrichtige Liebe und Verehrung, womit die Lehrpersonen an ihm hingen, fand einen herrlichen Ausdruck unmittelbar nach des Obcrpfarrers Tod, indem die Lehrer und Lehrerinnen Gladbachs die ersten waren, welche einen Jahrtag für den Seligen stifteten — ein Akt der Pietät von Seiten der Lehrpersouen Gladbachs, den der Hoch- würdigste Herr Weihbischof von Köln, Dr. Fischer, öffentlich gerühmt hat. Wenn man Lelotte mit kurzen Worten charakterisiren will, so muß man wohl mit seinem Biographen sagen: Er war ein groß und originell angelegter Geist, er war ein liebenswürdiger Mensch, er war vor allem ein Priester in des Wortes bester und edelster Bedeutung. Er lebte und wirkte für Gott und seine Neben- menschen, für sich suchte er kein Vergnügen, kein Geld, keine Ehre. Seine Erholung bestand in einem Spaziergange durch seinen großen Garten; Reisen machte er äußerst selten; es ist Thatsache, daß bei ihm vorkam, daß er 12 Jahre laug keine Eisenbahn benutzte. Des edlen Priesters Herz war frei von Anhänglichkeit an Hab und Gut; vor seiner Thüre sammelten sich oft solche Haufen von Armen, daß die Polizei, die in der Nähe ihr Hauptquartier hatte, sich veranlaßt sah, schützend einzuschreiten. Auch nach Ehre verlangte der bescheidene Priester nicht. Es wurde ihm die Stelle eines Stiftspropstes in Aachen von seinem Vorgesetzten angeboten, Lelotte aber lehnte ab; er sollte dann Domkapitular in Köln werden, aber er wollte Pfarrer bleiben; Se. Eminenz der Hochwürdigste Herr Cardinal-Erzbischof Krementz wollte Lelotte zu seinem Weihbischof haben, trug ihm persönlich die Würde eines Kirchenfürsten an, aber Lelotte bat demüthig, seine schon alternden Schultern nicht mit einer so schweren Bürde zu belasten. Lelotte blieb Pfarrer und starb als Pfarrer am 6. April 1892. Der Hochwürdigste Herr Weihbischof von Köln, Dr. Fischer, eilte an die Bahre des Verblichenen, celebrirte ein Pontifikal-Requiem für dessen Seelenruhe und hielt eine ergreifende Leichenrede. Danken wir Gott, daß er uns einen solchen Mann geschenkt, ein so hellleuchtendes, begeisterndes Vorbild für jeden Priester, und bitten wir den Allgütigen, daß er jeder großen Stadt, in welcher die Socialdemokratie eingebrochen ist oder einzubrechen droht, einen solchen Pfarrer gebe! Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) A. 8. Es ist nun nicht schwer, diesen großen Unterschied zwischen den heidnischen Staaten des Alterthums und den christlichen Staaten der neuen Zeit einzusehen. Dort besteht der Staat aus der Anzahl der Freien, meistens aus dem geringeren Theil der Bewohner des Staatsgebietes; hier besteht er aus der ganzen Bevölkerung. Dort liegt die ganze Erwerbsthätigkeit beinahe ausschließlich den rechtslosen Sklaven ob, sie müssen für die kleinere Anzahl der Freien alle Arbeiten verrichten, damit diese sich dem Kriege und den Staats- gefchäften widmen können; hier gibt es keine Menschenklasse im Zustande der Rechtslosigkeit, es gibt keine Sklaven; der Landbau, die häuslichen Arbeiten und die Gewerbe werden daher alle von den Mitgliedern des Staates selbst getrieben, jedes derselben arbeitet und erwirbt für sich, da keines das Eigenthum des andern ist, sondern, auch wenn es andern dient, in Folge eines freien Vertrages und für Lohn, also zu seinem eigenen Erwerb, für sich arbeitet. Die natürliche Folge ist, daß hier nicht, wie dort, alle Freien sich bloß den Staatsgeschüften widmen können, eben weil alle Einwohner persönlich frei sind und somit keine Klasse mehr im Staate vorhanden sein kann, durch welche, wie in Griechenland und Rom, die Privatgeschäfte 341 der Freien besorgt würden. Wollte man nun in unserer Zeit einen Staat von etwa 16 Millionen Einwohnern ganz nach dem Muster des alten Athen unter Perikles organisiren, so würden ungefähr 4,325,000 Einwohner als Freie, 11,675,000 als Sklaven anzusehen sein. Letztere wären also das Eigenthum und die rechtslosen Knechte jener geringeren Zahl von Freien. Wenn nun unter diesen, die alsdann den Staat ausmachten, eine ausgedehntere Freiheit bestände, als in Athen oder Rom je unter den Bürgern bestand, und eine Gleichheit, wie sie kaum denkbar ist, so hätten zwar die 4 Millionen eine Demokratie im vollsten Maße; aber mit Rücksicht auf die Gesammtbevölkerung des Staates, von der wir in unserer Zeit und nach unseren Verhältnissen nothwendig ausgehen müssen und allein ausgehen können, wäre es eine höchst grausame und unmenschliche Bedrückung der größeren Menge durch die kleinere; wir würden einem solchen Staate jeden erdenklichen Namen eher geben, als den eines „Freistaates". Hieraus ist klar, daß nach unserem Maßstabe, nach unseren Verhältnissen, wonach wir die gesummte Bevölkerung des Staatslandes, nicht einen einzelnen Theil derselben unter den Bürgern und Mitgliedern des Staates verstehen, im alten Griechenland und Rom gar nie eine Demokratie existirt hat, abgesehen davon, daß auch in dem engeren Kreise der Freien, die dort das Volk hießen und den Staat bildeten, fast immer die Leitung und Beherrschung der Menge durch einen Mann vorwaltete und die Selbstherrschaft des Volkes in der Regel eine Selbsttäuschung war. — Und doch will man, trotz aller dieser Verhältnisse, in unserer Zeit jene Staaten des Alterthums wegen ihrer Freiheit bewundern und als Ideale hinstellen für welche die Jugend durch das Lesen der Klassiker, wie man sagt, bis zur Schwärmerei begeistert werde?*) Das, was mit Recht Bewunderung Vielleicht wird eingewendet, cö lasse sich ans den Klassikern auch vieles im entgegengesetzten Sinne anführen und folgern, insbesondere finde man in ihnen häufig eine entschiedene Sprache gegen das Königthum; schon der klotze Name -rsx« sei bei den Alten verhaßt gewesen, Brutus werde als »oxpnlsor rs§nm« und »vimlsx libsrtas« hochgepriescn, Harmodins und Aristozitcn werden als Mörder des Hipparcbns wie Helden besungen n. dgl. (eouk. Oio. äs oll. III. 4, Oio. pro ülil., Oemoatb. § 280). Bei dem letzten Beispiel und ähnlichen ist die laxe und verkehrte Moral in Betreff des Mordes nicht zu übersehen. Was den Hatz gegen das Königthum betrifft, so hatte derselbe vorzüglich darin seinen Grund, daß die Alten in einem Könige überhaupt einen unnnischränkten Herrscher nach Art der orientalischen Tespoten vor Augen hatten, der sich zu seinen Unterthanen ungesäbr so Verhält, wie ein römischer Bürger zu seinen Sklaven. Deßwegen bezeichnen sie auch den Zustand eines Staates, der keinen König hat, mit dem nämlichen Worte, mit welchem sie den eines Menschen, der eben nicht der Sklave eines andern Menschen ist, bezeichneten, mit dem Worte -liberkas-, so daß dieses zugleich den Gegensatz zu -rsZum« und -svrvitns- bildete (oonk. las. Lun. I. 1, luv. II. 1). Dieser Gegensatz ist jedoch nur mehr ein contradictorischcr, die bloße Negation von reZ-um und ssrvitus, ohne im Grunde etwas Positives zu bezeichnen, so daß z. B. gleich nach der Vertreibung der Tarquinier das Wort -libortao- aus den Zustand des römischen StaaleS angewandt wird, obgleich die nämlichen Historiker, die diesen AnSdruS gebrauchen, ein schauerliches Bild von der Unfreiheit und Bedrückung der Plebejer durch die Patrizier entwerfen, wie wir oben gesehen. — UebrigcnS stellten die Griechen und Römer das Königthum gewöhnlich mit der besonderen Absicht, es bei dem Volke verbaßt zu machen, in ein ungünstiges Licht; deßwegen sprechen sie nicht selten von der Gewalt ihrer früheren Könige, z. B. der attischen und römischen, in einem Sinne, als hätte ihre jedesmalige Laune und Willkür für den Staat als Gesetz gegolten, obgleich sie wohl wissen, daß dieses nicht wahr ist und zwischen ihren Königen und den asiatischen ein sehr großer Unterschied war. erregt und bis zur Begeisterung für sich einnehmen kann und soll, ist nicht die Form, nicht das Leben und Schicksal jener Staaten im ganzen genommen, sondern einzelne Einrichtungen und Grundsätze^) und insbesondere der Charakter einzelner hervorragender Männer, ihr Gehorsam gegen das Gesetz und seine Vollstrecker, ihre glühende Vaterlandsliebe und rückhaltlose Hingabe für das Wohl und den Ruhm des Vaterlandes. In dieser Beziehung bietet uns die Lcctüre der Alten viel Schönes dar und stellt uns manchen Mann als Muster und leuchtendes Vorbild in Erfüllung der bürgerlichen Pflichten vor Augen. Wir möchten bezüglich des Gehorsams gegen die Staatsgesetze auf den an Gymnasien so häufig gelesenen Dialog des Plato, der „Oritoi? betitelt ist, hinweisen. Dort setzt der zum Tode oerurtheilte Sokrates, dem Triton räth, aus dem Gefängnisse zu entfliehen, das Verhältniß des Bürgers zum Staat und die daraus hervorgehenden Pflichten treffend auseinander. Er sagt (6ux>. 11 rc.) zu Criton, was sie antworten werden, wenn ihnen beim Entfliehen die Gesetze und die Person des Staates (cfl rözrcw xcrc 10 xocröv -rH; TcöXsw-:) begegnen und also fragen würden: Was willst du thun, o Sokrates, willst du nicht uns, die Gesetze, und, soweit es an dir liegt, den Staat zu Grunde richten? Oder glaubst du, es könne ein Staat bestehen, in dem die gefällten Urtheilssprüche nichts gelten, sondern von dem Einzelnen ungültig gemacht und aufgehoben werden? Werden wir, o Criton, wohl antworten: Der Staat hat uns Unrecht gethan, er hat ein ungerechtes Urtheil über uns gefällt! Gut. Wenn aber die Gesetze und der Staat erwidern; Sind nicht wir es, die dich erzeugten, dich erzogen und bildeten? bist du somit nicht unser, sowohl unser Sohn als unser Sklave (sxpavo; ösöXsc) , du und deine Kinder? Glaubst du nun, bei diesem Verhältniß habest du soviel Recht gegen uns, als wir gegen dich? Der Sohn hat gegen den Vater, der Sklave gegen den Herrn nicht das gleiche Recht, das der Vater gegen den Sohn, der Herr gegen den Sklaven hat; wenn der Sohn und der Sklave geschmäht oder geschlagen werden, so dürfen sie den Vater und Herrn nicht wiederum schmähen und schlagen. Und doch glaubst du uns zu Grunde richten °-) Wir erinnern hier, daß bei den Alten nicht die unbesonnene Jugend, sondern Männer des reiferen Alters und die vielersahrcnen Greise im Rathe des Staates saßen, in öffentlichen Angelegenheiten zu berathen und das Wort zu führen berufen waren. Die Stellung, welche die Jugend im Alterthum einnahm, und das Beispiel der spartanitchen Jünglinge in ihrem ehrfurchtsvollen Verhalten gegen die Greise ist für die Jugend aller Zeiten sehr belehrend. — BeachtunzSwcrth ist in dieser Beziehung auch das Beispiel und besonders der dabei ausgesprochene Satz deS Römers MinucinS. Als er nämlich, wie Livins erzählt, aus Hitze und Uebcreilung sich gegen den Rath und Willen des älteren und einsichtsvolleren Dictators Fabius mir Hannibal in ein Tressen eingelassen hatte und bereits geschlagen war, kam Fabins demselben zu Hilfe und rettete ihn vom nahen Untergänge. Hierauf sprach Miuucius zu seinen Truppen, nachdem er sie in das Lager zurückgeführt hatte: „Ich habe oft gehört, o Soldaten, daß derjenige Mann der eruc sei, der selbst klugen Rath besitze und das Sachdienliche erkenne; der zweite sei der, welcher einem guten Rath gehorche; derjenige aber, welcher weder selbst Einsicht habe, noch einem anderen zu gehorchen wisse, der sei der unfähigste und letzte. Da uns nun der erste Rang an Geist und Einsicht nickt beschicken ist, so lasset uns den zweiten und mittleren behaupten und den Entschluß fassen, einem Einsichtsvollen zu gehorchen, bis wir befehlen lernen." Sodann sübrtc er seine Heereöabtheilung in das Lager des Fabins, begrüßte ihn mit dem Worte „Vater" und unterwarf sich gänzlich seinem Oberbefehl, obgleich er zuvor an Macht dem Dictator gleichgestellt war. 342 zu dürfen, weil wir es für recht halten, dich zu tödten. Oder hast du vergessen, daß das Vaterland seinen Bürgern gegenüber nicht nur die Rechte des Vaters gegen den Sohn und des Herrn gegen den Sklaven hat, sondern noch weit höher steht, als Vater und Mutter, daß man ihm, auch wenn es hart ist, noch mehr gehorchen und dienen müsse, als den Eltern; daß man dulden muß, wenn es zu dulden befiehlt, daß man im Kriege und vor Gericht und überall thun muß, was der Staat und das Vaterland gebietet? Bedenke, Sokrates, ob wir nicht wahr sprechen, wenn wir sagen, du thust uns Unrecht durch das, was du unternimmst. Denn wir haben dich erzeugt, erzogen, gebildet, wir haben dich und die übrigen Bürger an all dem Guten, das wir haben, Theil nehmen lassen. Gleichwohl gestatten wir jedem, das, was er hat, zu nehmen und in ein anderes Land zu ziehen, wenn wir ihm nicht gefallen. Wer aber im Staate bleibt, von dem nehmen wir an, daß er durch die That seine Zustimmung gegeben habe, das thun zu wollen, was wir befehlen. Wer uns aber nicht gehorcht und uns auch nicht eines Besseren belehrt, uns nicht überzeugt, daß wir Unrecht thun, der begeht au uns ein dreifaches Unrecht, weil er uns, seinen Ernährern und Erziehern, und weil er denen nicht gehorcht, welchen er Gehorsam versprochen hat. — In diesem Sinne und ungefähr mit diesen Worten läßt uns Plato seinen Lehrer die Pflicht des Gehorsams gegen den Staat und seine Gesetze entwickeln. Obgleich Sokrates die Ueberzeugung in sich trägt, daß er unschuldig verurtheilt sei, und obgleich ihm durch seinen Schüler und Freund Criton alle Mittel zur Flucht angeboten wurden, so bleibt er doch im Kerker und erwartet voll Seelenruhe den Tod. Nicht von dem Gesetze, sondern von den Menschen, die jenes mißbrauchen, sagt er, geschehe ihm Unrecht. Er bringt das Leben zum Opfer, nur um den Grundsatz nicht anzutasten, daß der Einzelne kein Recht habe, sich den Gesetzen und Aussprüchen des Staates willkürlich zu entziehen. — Daraus, daß Plato die Pflichten des Bürgers gegen den Staat und seine Gesetze aus dem Verhältnisse des Sohnes zum Vater und des Sklaven zum Herrn ableitet, ersehen wir auch deutlich, wie der Staat bei den Alten der unumschränkte Herr des einzelnen Bürgers war und dieser mit Aufopferung seiner individuellen Zwecke vor allem und hauptsächlich dem Allgemeinen, dem Staatszwecke sich unbedingt hingeben mußte. (Oonst 6io. acl ^.tt. IX., 9 und 6io. da oll. I., 17). Der Einzelne ist dort gleichsam mehr des Staates, als seiner selbst wegen da. Am meisten war dieses in Sparta der Fall, wo der Mensch schon als Kind ganz dem Staate angehörte und seine Person sofort in der Staatsfamilie aufging. Die gemeinschaftlichen Mahlzeiten der Spartaner und Anderes zeugen allerdings von einer Art Kommunismus, aber nicht zum Behufe des Genusses, sondern zum Zweck der allgemeinen Einfachheit, Enthaltsamkeit und Abhärtung. Von dem Kennenlernen jenes Beispiels ist nichts Nachteiliges zu befürchten; es findet in unserer Zeit gewiß keine Nachahmung, denn man hat bisher noch nirgends ein Gelüste nach der schwarzen Suppe der Spartaner entdeckt. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. L. Bei Kösel in Kcmpten erscheinen „Pädagogische Vortrage und Abhandlungen", herausgegeben in Verbindung mit namhaften Schulmännern von Jos. Pötsch» in zwangslosen Heften von 2—6 Bogen. Das Unternehmen ist ein katholisches und ist gerichtet gegen gewisse moderne naturalistische, materialistische und rationalistische Strömungen auf dem pädagogischen Gebiete. Es will Jnformationsarbeiten, eckte Gcistcswaffen, eine wahrhaft katholische Lektüre bieten. — Die folgenden erschienenen Hefte lassen beurtheilen, in wie weit bis jetzt das Programm eingehalten worden ist. Viertes Heft: Die wahren Verdienste Luthers um die Volksschule. Zur Lehr' und Abwehr dargestellt von Dr. Thalhcim; 8°; 29 Seiten. Das Resultat dieser Untcriuchung an der Hand der Geschichte lautet: Luther ist nicht der Gründer der deutschen Volksschule, sondern ihr Zerstörer. — Fünftes Hest: Die Er- ziehnngsprincipicn Dnpanloups und unsre modernen Pädagogen. Von Hugo Wehncr, Lehrer in Düsseldorf. 8°; 88 Seiten. Der geistreiche, im Erziehungswesen wohl erfahrene französische Bischof hat in einem größeren 3 bändigen Werk seine Grundsätze über christliche Erziehung niedergelegt und sich als eine Autorität in diesem Fache bewiesen, indem er das Ziel der Erziehung, die Natur des Kindes und die Erziehungsmittel eingehend behandelt. Der Verfasser dieses Schriftchens hat die verdienstvolle Arbeit übernommen, diese Grundsätze deS katholischen Bischofs den Principien der modernen Pävagogik gegenüberzustellen und letztere auf ihren praktischen Werth in einer christlichen Schule zu prüfen. DaS Resultat geht dabin, daß kein Grund vorhanden, die alten katholischen Grundsätze zu verlassen. — Sechstes Heft: Die culturhistorischen Stufen der Herbart-Ziller-Stoy'schen Schule. Ein Darstellung nebst Beurtheilung derselben. Von Al. Knöppcl, Hauptlehrer. 8°; 46 Seiten. Wenn Protestanten die Schule zum Versuchsfeld machen wollen für die Entwickelung falscher Principien und Voraussetzungen, so kommt es den Katboliken zu, dem Eindringen derselben in katholische Schulen sich entgegenzustellen. Das that der Verfasser. Er kommt in seiner Kritik der genannten Schule zu dem Resultat, daß das Unterrichten in diesem Sinne aus praktischen, methodischen und religiösen Bedenken in unseren Schulen nicht zulässig sei. — Bisher hat die VcrlagShandlung von Kösel ihr Programm erfüllt und verdient demnach ihr Unternehmen in bethciligten Kreisen alle Beachtung und Unterstützung. Die neue Kunst und der Schaupöbel. Dresden, Verlag : Kunstdruckerei Union, Herzog u. Schwinge. 60 Pf. O Ein sehr verdienstvolles Schriftchen eines hervorragenden Sachverständigen über und gegen die modernsten Kunst- bestrebungen, deren Endziel, dem Zeitgeist entsprechend, die Darstellung des Häßlichen und Gemeinen, die Erniedrigung des Erhabenen ist, beleuchtet an einigen Muster-Meisterwerken dieser Art. Zunächst bestimmt für Dresden und DrcSdcner Kunstverhältnisse, verdient die schneidige und wohl begründete Kritik allgemeine Beachtung, insbesondere in Bayern, in dessen Haupt- und Kunststadt ja auch die modernste Kunstrichtung über Gebühr sich breit macht. _ Beleuchtung antireligiöser Schlagwörter. Von k. Georg Freund, l. S. S. N. Wien 1824. Verlag von Heinrich Kirsch. I. Singcrstraße 7. 73 Seiten. O Die täglich zu hörenden Schlagwörter: „Religion ist Nebensache; Ich glaube nichts; Es ist ein Glaube wie der andere; Der Glaube ist autiguirt, heute thut's Bildung; Mit dem Tode ist alles aus, eS gibt kein Jenseits; Die kath. Kirche hemmt den Fortschritt; Nur nichts übertreiben; Von der Religion habe ich nichts, die vertröstet aufs Jenseits", sind anziehend und volksthümlich und gut widerlegt. Das Schriftcken liest sich leicht und dürfte für Vortrüge in Vereinen ein vortreffliches Material bieten. Stellung des katholischen Religionsunterrichtes in der Volksschule im Plane der Jünger Herbarts von Dr. Johannes Scholastikus. Würzburg, Andreas Göbel; 1894; 8°; 34 Seiten. L. Der philosophisch-theologische Wellenschlag der Zeit macht sich auch in der wissenschaftlichen Pädagogik geltend. Doch ist eine glückliche Jnconsequcnz oft von Vortheil, indem neue Versuche nicht zur Entwickelung gelangen und so das bewährte Alre die Oberhand behält. So ist auch die Hcrbart'sche Philosophie großenthcils überwunden, und der Verfasser dieses Schriftchens beleuchtet kritisch die Abwege, wohin Hcrbart's wissenschaftliche Pädagogik führt, d. h. daß man sich nicht mit dem Resultat befreunden könne: Der Mensch ist lediglich das Produkt der Erziehung. Dagegen anerkennt der Verfasser, daß in der kcnntnißthcoretischcn und metbodischen Beziehung die Her- bart'fche Richtung einen gewissen Fortschritt bezeichne. 343 k. I- I- Scheffmacher» 8. F., ControverS-Katechis- muS für Katholiken und Protestanten, in dieser neuen Ausgabe vermehrt mit einem Nachtrag: Folgen und Früchte der Reformation; Protest. Schlag- wörter unv Entstellungen. Anhang: Die christliche Familie, ein Sittenspicgel. Herausgegeben von einem Priester der Diöccse Strahlung. Mit bischöflicher Approbation. Strahlung i. E., Le Ronx u. Co. 8°, 1894; 312 Seiten; Preis 2,00 M. gebunden. L. Ein altes Buch nach Titel, Anlage und Einfluß, aber neu durch sehr bedeutende Erweiterungen nach den Häresien und Bedürfnissen der Neuzeit, besonders durch das II. Buch! — Dieses Buch ist eine vortreffliche Waffe zur Abwehr, eine Fundgrube zur Vertiefung in die Wahrheiten deS Karcchismus. ein Rcpertorinm über die Untcrscheidungslehrcn zwischen der kathol. Kirche und den Sekten seit 350 Jahren in präciser, verständlicher und erschöpfender Darstellung. Für unsere Zeit ist besonders wichtig das II. Buch, welches von den Folgen und Früchten des Lntherthums und der sogenannten Reformation in socialer Hinsicht, von den protestantischen Schlagwörtern, dann von den Freidenkern, von der Freimaurerei u. s. w. handelt. Der Proceß der Entwickelung des Protestantismus bis herab zum Socialismus in seiner conscqnenten Phasen vollzieht sich vor den Augen des Lesers. Die Ausstattung ist sehr solid. _ Der große Tag der Ernte. Fastcnprcdigten von G. Diessel, 0. 8s. L. Mit Approbation des bischöfl. Ordinariats Königgrätz und der Ordcnsobern. Negens- bnrg, Pustet; 1894; 8°; 176 Seiten. 8. Der Verfasser, welcher durch frühere Jahrgänge von Fastcnpredigteu bereits einen Namen hat, fesselt in diesen vorliegenden den Leser nicht blos durch den an sich das Herz ergreifenden Gegenstand (das letzte Gericht), sondern auch ganz besonders durch die Darstellung; denn er findet wohl durchdachte, gut disponirte, durch passende Beispiele beleuchtete, sprachlich abgerundete, einfach stilisirte Verträge, an welchen Jeder lernen kann. Wilhelm Becker, 8. kk. Die christliche Erziehung oder Pflichten der Eltern. Freiburg i. Br. 1894. Herder'sche Vcrlagshandlung. br. 2 M., geb. 2 M. 70 Pf. 8°. 282. o. Drciunddrcißig Kanzclvcrträge führen aus, wie Eltern ihre Kinder zu guten, nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft machen können, wie sie dieselben in die christliche Religion einzuführen, vor Sünden und Jrrpfaden zu bewahren, nöthigenfalls weise zu bestrafen, durch das eigene gute Beispiel im Guten zu befestigen haben. Die Sprache ist einfach und gemeinverständlich, aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb warm und überzeugend. Die Vortrüge, weil in Amerika gehalten, sind amerikanischen Verhältnissen angepaßt; jedoch, da die Gesetze der Erziehnngskunst überall die gleichen sind, auch in der alten Welt recht brauchbar. Joseph Seeber. Der ewige Jude. Episches Gedicht. Freiburg i. Br., Herder'sche VerlagShandlnng. 1894. br. 2 M., kl. 8°. 216. s. Die Erzählung beginnt mit den Ereignissen in den letzten Tagen der antichristlichen Weltherrschaft und endet mit ihrem Sturze. Der ewige Jude ist aufgefaßt, als der Vertreter des altgläubigen Judemhnms, das seine national-politische Anschauung vom Messias bewahrt hat und darum dem in Christus erschienenen feindlich gegenübersteht, welche Auffassung vor allem eine großartige Grundlage schafft und dann auch einen gewaltigen Ausbau der Erzählung ermöglicht. In Jerusalem, das zur modernen Weltstadt geworden, thront der Antichrist als mächtiger Fürst; das Feldherrntalent, die List AhaSver'S hat ihm Orient und Occident unterjocht; der Fels Petri scheint endlich durch die Gefangennahme des Statthalters Christi überwältigt. Trotz dieser Erfolge sieht sich AhaSver und sein Volk von der Stelle verdrängt, die einzunehmen er geboffr; ein Nichtjude, ein verhaßter, abgefallener Christ hat die Gunst deö Antichristes für sich gewonnen. Alle Bestrebungen, dieselbe zurückzuerobern, mißlingen nicht blos, AhaSver muß sogar den Haß seines Herrn fühlen, der ihm durch ein Scheinwnuder das Augenlicht raubt, und wird mit seinem Volke vom fürstlichen Hofe in Schanden verstoßen. Aufnahme findet er bei den verfolgten Christen; das Oberhaupt der Kirche pflegt ihn persönlich. Diese Liebe besiegt seinen Haß, er läßt sich taufen, erhält das Augenlicht wieder, wird ein zweiter Paulus und führt sein unglückliches Volk zum wahren Gott zurück, während unterdessen die Herrschaft des Antichristes, der sich als Gott huldigen läßt, durch göttliches Einschreiten ihr Ende erreicht. Diese gedrängte Inhaltsangabe läßt einigermaßen ersehen, welch gewaltigen Stoff der Dichter sich ausgesucht. Er ist aber auch Meister über denselben geworden. Die Sprache ist fließend; mit Meisterschaft der fünffüßige Iambus behandelt; öfters erfreuen den Leser überraschende Bilder; die Spannung wächst von Gesang zu Gesang. Wir lasen das Gedicht sozusagen auf einen Sitz, um eö sofort — wieder von vorne zu beginnen, und haben seitdem manche Stelle schon wiederholt gelesen. Ein Blick in die heutige Rechtsanwaltschaft hinein. Commissions-Verlag von Georg Weiß in Heidelberg. 38 Seiten. O In volkSthümlicher Sprache sind die bedenklichen Mißstände der heutigen Ncchtsanwaltschaft recht sachkundig besprochen und ihre Ursachen erörtert. Diese findet der Verfasser mit Recht in der unbeschränkten und in der Zulassung praktisch noch ungeschickter, unerfahrener Bewerber, in Mängeln der Prozeßordnung, die dem Richter nur einen sehr geringen Einfluß auf den Gang des Verfahrens gestattet und ihren Vorschriften durch die Unterlassung von Strafandrohungen auf die Nicktbeachinng den Nachdruck und Erfolg benimmt. Mit Unrecht scheint uns der Verfasser dem mündlichen Verfahren einige Schuld beizumesseu; denn gelogen wird auch in den Schriftsätzen, und noch mehr wurde gelogen im frühern schriftlichen Verfahren. Was sonst der Verfasser alles sagt und beklagt, hat nicht bloß für Baden, sondern im Allgemeinen Geltung, und wiro ihm jeder mit der streitigen Rechtspflege befaßte Richter bestätigen, jeder aufrichtige Anwalt zugestehen, und könnte in mancher Hinsicht z. B. durch ein Kapitel über die Ausscheidung von Schreibgebühren ergänzt werden. k. O. Ningholz 0. 8. P. Der selige Markgraf Bernhard von Baden. Mit einem Titelbild in Farbendruck und 7 weiteren Abbildungen. Volksausgabe. Herder'sche Verlagsbandlung. Freiburg i. Br., 1894. brosch. 50 Pf., Leinw. 60 Pf., ganz Leinw. 1 Mark. XII», 93. o. Vorliegendes Büchlein, bearbeitet nach dem größeren, glcichbctiteltcn Werke desselben Autors, enthält in edler, sehr ansprechender Form die Lebensbeschreibung eines Gliedes des badensischcn Herrscherhauses, des Markgrafen Bernhard, der 1458 im Alter von 30 Jahren starb und 1769 von Papst Clemens XIV. selig gesprochen wurde. Ein Anhang bringt Gebete zu Ehren deS Seligen aus alter und neuer Zeit. Die Ausstattung, sowie die Bilder verdienen Lob. Für Volks- bibliothcken sehr zu empfehlen. F. C. Bacrnrcitbcr, Bonfilia oder gutgemeinte Worte an katholische Töchter. Approbirt und empfohlen vom Hochw. Bischof von Linz. Einsiedeln, Benziger, 1894. 279 S. Fein geb. 3 M. -cl- An guten Rathgcbcrn für Mädchen aus gebildeten Gesellschaftskreisen, welche im Begriffe stehen, in das gesellschaftliche Leben eingeführt zu werden, bat die katholische Literatur keinen Mangel. Die betreffenden Schriften der Frauen von Licbenau, von Lindcmann, Albini-Crosta — um nur die bekanntesten zu nennen — sind aber trotz ihrer Vorzüge noch uicbt^ im Stanoe gewesen, die protestantische und die religiös indifferente Literatur auf diesem Gebiete von den katholischen Familien gänzlich ferne zu halten. Es wird dies auch der vorliegenden Schrift nicht gelingen, weil die „gebildeten katholischen Kreise" von der katholischen Literatur vielfach nicht Notiz zu nehmen lieben. Gegenüber solcher Indolenz ist cS schon von moralischem Gewichte, auf eine stattliche Zahl concurrenzsäbiger katholischer Leistungen wenigstens hinweisen zu können. Bonfilia wird übrigens ihren Weg finden. Das Büchlein ist unter die belehrende, nicht unter die erbauliche Literatur einzureihen. Um es kurz zusammenzufassen, cS zeichnet sich gleichmäßig aus durch vornehme Sprache, durch weise Beschränkung auf das praktisch Erreichbare unter Fcrnhaltnng aller Einseitigkeitcn und durch eine wirklich gründliche, auf reiche Erfahrung gestützte Kenntniß des Franeuhcrzcns. Der Emancipation wird die echte Weiblichkeit in ihrer ganzen Würde und Schönheit gegenübergestellt, doch nirgends polemisch, sondern rein positiv-apologetisch. An packenden Vergleichen und Bildern, an anregenden Gedanken wird eine Fülle geboten. Aber alle diese Vorzüge treten zurück hinter dem der warmen Liebe zu den Angeredeten, wie sie der ganze Ton der Schrift verräth. Die Liebe reicht diese Gabe, 344 welcher eben darum der Segen nicht fehlen kann. Wir theilen hier statt einer Analyse einzelne Artikcliiberichriften mit: Lectitre. In Gottes freier Natur. Ueber Bälle. Was ist Takt? Angewöhnte Fehler und Mittel dagegen. Langweile und Einsamkeit. Mit Gott allein. Etwas über Liebe und warum Mädchen hcirathen. Welche Männer nicht zu wählen sind. Der Brautstand als Vorbereitung für die Ehe. Schwiegermütter. Vom Kochen und Essen u. s. w. Nach Inhalt und Form ist die Sckrift für die gebildeten Kreise im engeren Sinne berechnet. Möge es in solchen recht warm empfohlen werden. Es wäre eine Zierde für den Weihnachtstisch der Tochter. Linzer theol.-praktischc Qnartalschrift. Jahrgang 1894. Expedition: Linz, Stiftcrstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 4. Heftes u. A.: Die Aufgabe der Kirche inmitten der gegenwärtigen socialen Bewegung. Von v. Albert Maria Weih 0. vr. — Die Heilsbedürftigkeit des Menschen und die HeilSsorge Gottes. Von Augustin Lehmkuhl 8. I., Professor in Exaeten (Holland). — Die RechlSbezichnngen des lateinischen und griechisch-katholischen Ritus in der Lembergcr Kircheuprovinz. Von Aug. Arndt 8. .1., Professor des canon- ischen Rechtes in Krakau. — Die s. 6a?» in Loreto. Von Joj. Krcschnicka, NeligionSprofcssor in Horn (N.-Oe.). — Der Gesang bei der feierlichen Liturgie. Von Pfarrer Saut er, Präses des hohcnzollern'schen Bezirks-Cäcilienvereines. — Kennt die katholische Liturgie die Eintheilnng des Kirchenjahres in die drei Festkreise von Weihnacht, Ostern und Pfingsten? Von v. Franz Hattler 8. I. in Innsbruck u. s. w. — Pastoral- Fragcn und -Fälle: 1) Beihilfe zum protestantischen Ne- ligions-Untcrricht. Von Professor Augustin Lehmkuhl 8. st. in Exaeten (Holland); 2) Ungerechter Preis bei Zwangsversteigerung. Von vr. A. Goepfert, Universitäts-Professcr in Würzburg, Bayern; 3) Eine unrichtige Definition des Gelübdes. Von Josef Frcihcrrn v. Grimmen sie in, Maissau; 4) Die heilige Communion in Frauenklöstern und nicht durch Priester geleiteten Laienorden. Von Aug. Arndt 8. I., Professor in Krakau, Galizien; 5) Sakramenten-Empfang der Tertiären. Von I. Weiß, Professor in St. Florian, Obcröstcrrcich u. s. w. — Literatnranzeigen u. s. w. Theologisch-praktischeMonatsschrift. Central-Organ der katholischen Geistlichkeit BayernS. Herausgegeben von vr. Georg Pell und Ludwig Heinrich Krick. 4. Band, 10. Heft. Passau. In Commission der Abt'- schen Buchhandlung. JnhaltSverzcichniß des 10. Heftes: l. Wissenschaftliche Aufsätze: Wolframs von Eschenbach Stellung zum Katholizismus. — Interessantes auS den liturgischen Kalendarien (Direktorien) sämmtlicher Dtöcesen von Deutschland, Oesterreich, Schweiz und Luxemburg. (Schluß.) — II. Belehrendes für die seelsorgliche und pfarramtliche Praxis: Fälle zur Beleuchtung der neuesten Erlasse des hl. Stuhles über die Zensuren. — Aphorismen zur schwierigen Katechese über die vollkommene Reue. — Seelsorgliche Behandlung depressiver und krankhaft cxaltirtcr Geniüthszustände. — Die Aufgabe der Mädchcnerziehung gegenüber der modernen Gesellschaft. (Fortsetzung). — Die sittliche Bedeutung der Raiff- eiscnvereine. — Wie ist das Fest des hl. BonifatiuS zu feiern? — Weibliche Ministranten. — Unentgeltlichkeit der Katechese. — Gelten die pfarramtlichen Geburtszcngnisse seit 1876 noch als ZivilstandSakte und bedürfen sie einer Gebührenmarke? — Obacht auf schädliche Bücher-Annoucen. — Gegen tumnltuöses Hinausdrängen aus der Kirche. — St. Joseph als Sterbepatron. — Zur Frage der Ueberfüllung der Pfarrregistraturkästen mit gebundenen Amtsblättern. — Novitäten schau. — Literar- ischer Anzeiger. _ Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der GörrcSgesellschaft herausgegeben von vr. Const. Gutberlet. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerci. VII. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. 1. I. Nassen, Ueber den platonischen Gottcsbegriff (Forts.). 2. C. G n t b c r l c t, Ueber Meßbarkeit psychischer Acte (Forts.) 3. T. Pesch 8. I., vr. Al. Schmid über die Erkenntnißlehre (Schluß). 4. C. Th. Jscn- krahc, Die Coppernicanische Hypothese und die Sinnestäuschungen. — II. Recensionen und Referate. 1. H. Schmid- kunz, Ueber die Abstraction, von Pfeifer. 2. H. Schmid- Verantw. Redacteur: kunz, Analytische und synthetische Phantasie, von demselben. 3. M. Schwcisthal, Hiooris än Dean, von demselben. 4. Ad. Bonhöffer, Die Ethik des Stoikers Epiktet, von Frhrn. v. Hertling. 5. Fr. W. F ö r st e r, Der Entwickelungsgang der Kantischen Ethik bis zur Kritik der reinen Vernunft, von Schanz. 6. Fr. Erhardt, Metaphysik. 1. Bd.: Er- kenntnißthcorie, von Al. Schmid. 7. A. Biese, Die Philosophie des Metaphorischen, von Gutberlet. 8. Die Sittlichkeit als Nalurlehre, von demselben. 9. R. Keßler. Praktische Philosophie, von demselben. 10. G. Esser, Die Seelenlehre Tertullians, von Schanz. 11. L. Stein, Fr. Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren, von Adlhoch 0. 8. L. 12. 13. Philosophische Vortrüge. (l)A. v. Hcydcbrcck, Ueber die Gewißheit des Allgemeinen. (2) N. v. Wschert, Die Lebenskraft, von Gutberlet. 14. Petri Card. Pelz in an y oporal.: vialeetiea., von Schinitt. — III. Philosophischer SPre ch- saal. Mathilde v. H., Das Weib und die traditionelle Auffassung seiner Natur (Schluß). — IV. Zeitichriftenschau. Philosophische Studie». Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Archiv für Geschichte der Philosophie. Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. — V. Mis- cellen und Nachrichten. Die Structur des Nervensystems. Die Temperatur der Sonne und der Fixsterne. Teleologie in dem Brutgeschäfte der Vögcl. „Thier-Ethik." Zur Bcvöl- kerungsfrage. _ Litcrarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Frciburg i. Br. Jahrgang 1894. 12 Nummern. M. .9. — Frciburg im Brcisgau, Hcrdcr'sche Vcr- lagsbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 10: Giescbrecht, Das Bück Jeremia. (Vetter.) — Löhr, Die Klagelieder dcS Jeremia. (Vetter.) — Llazmr, ^neeilota. Oxouisnoia. (BelleSheim.) — Ovorton, llis Vn§li8st vsturoli in tlio uinstssntli venturz-. (Bellcshciui.) — Vsetor, Vo vonelavs. (Sägmüller.) — clo Ilartel, vanliui Xolani vxistnlas. (Wcynian.) — Kühn, Die Christologie Leos I., des Großen, in systematischer Darstellung. (Hoch.) — vswontlwn, VIreotoirs äs 1'en8eiAnement rsÜAisux 3 los maisons il'eüneation. (Krieg.) — Deinen tbon, Lletlioäs prati- gus el'instruetion reliAisuse. (Krieg.) — Marx, Pastoral - Medizin. (Gassert.) — Strakosch-Graßmann, Der Einfall der Mongolen in Mitteleuropa in den Jahren 1241 u. 1242. (Gottlob.) — Joachim, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen, Albrecht von Brandenburg. (Kolbcrg.) — Fcstbnch zur Eröffnung des Historischen Museums. (Hürbin.) — 8iearck, V'anoien elerg'e äs vranoo. (Gottlob.) — blalum, Bde 1n- üueues ok ssa porver npon üistor^ 1660—1783. (Zimmermann.) — blalian, Mis inüusnee ok sea. porver uxon tliö vrenost rovolution anst tlis vmxire 1793—1812. (Ziniiner- mann.) — Macke, Vom Nil zum Nebo. (v. Hecmstedc.) — Spanien in Wort und Bild. (Ruhle.) — Scheffmacher, „Licht in den Finsternissen". (Schild) — Giovanni Pierluigi da Pa- lestrina und das Oraüuals Vomannm der eciitio meäicao» von 1614. (Walter.) — 6iov. kisrl. ä» valsstrina. eil il Vraänals Uomanum Hell eäitio weclies». (Walter.) — Die ehrwürdige Mutter Maria von der Vorsehung (Eugenie Smct). (Pruner.) — Nachrichten. — Büchertisch. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich. 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchhcim. Inhalt von 1894, Heft X, Oktober: vr. A. BelleSheim, Neue Biographie des anglikanischen Erzbischofs Land von Canterbury. — vr. Selbst, Eine Schule für biblische Studien in Jerusalem. — v. Jldc- Phons Veitb, 0. 8. v., Das sog. LlartzwolvAinm Ilioron^mi- anuw. — Galluö Jakob Baumgartner, Die Ritnalisten in England und der gregorianische Choral. — vr. Ant. Linsen- mayer, Nikolaus v. Lüttich, ein Reimprediger am Ende des Mittclalters. — Literatur: D. Ferd. Kattenbusch, Das apostolische Symbol. — vr. P. Bahlmann, Deutschlands katholische Katechismen. — votrns vauisius, 8nimn» ilovtrinas obristianao. — v. llannarius Lnoosroui, 8. I.. 6asus oonscisntias. — vr. F. P. Kraus, Synchronistische Tabellen der Kirchengeschichtc. — Lornliaril vuür, 8. st., blounmsnta Oorinanias paeilaAvZIea. — vr. I. P. Kirsch, Die Päpstlichen Collectoricn in Deutschland. — 6aril. Llkouso Oaxsoolatro, va Vita ili 8. ^.Ikonso clo' ViAuori. — Heinrich Pesch, 8. st., Liberalismus, Socialismus und christliche Gesellschaftsordnung. — Alinda Jakob y, Jda Gräfin Hahn-Hahn. — MiScelle. Phil. Frist in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg.