44 . Wage zm Sag5öillgel Weitung. 1. Nauvr. 1894. Zum 400jährigen Gebnrtsjnbilämn des Dichters Hans Sachs. xsz „Hans Sachs war ein Schuh- — Macher und Poet dazu." Mit diesem wohlfeilen Knittelvers, gedankenlos anderen nachgesprochen, glauben noch gar manche unserer „Gebildeten" ruhigen Gewissens dem Andenken des Nürnberger Dichters volle literarische und menschliche Gerechtigkeit erzeigen zu können. Keiner derselben hat wohl eine Zeile von des Dichters Werken gelesen. Und doch steht Hans Sachs in seiner „dichterisch armen Zeit als der eigentliche Poet da, wofern wir ihn nur von seiner bedeutsamen Seite betrachten wollen?) Am 5. Nov. 1494 wurde dem ehrsamen Schneidermeister Jörg Sachs und seiner Hausfrau Christine zu Nürnberg ein Söhnlein geboren, das noch am selben Tage in der hl. Taufe den Namen Hans erhielt. Zu guten Sitten, Tugend, Zucht und Ehre ward der Knabe erzogen und kam als Siebenjähriger in die Spitalschule, eine der vier Nürnberger Lateinschulen, wo er die Anfangsgründe seiner Bildung, auch Grammatik und Musik erlernte. 1509 verließ er 15 Jahre alt die Schule und trat bei einem Schuhmachermeister in die Lehre, die er in zwei Jahren vollendete. Seine Nebensiunden waren der Kunst des Meistergesanges unter Anleitung des Leinewebers Lienhard Nunnenbeck gewidmet. Für fünf Jahre begab er sich dann auf die Wanderschaft; Regensburg und Passau, Vraunau am Jnn, Oetting, Burghausen, Wels, Salzburg, Neichenhall, München, Landshut, Würzburg, Frankfurt a. M., Koblenz, Köln und Aachen wurden die Stationen, wo er auf längere oder kürzere Zeit verweilte. Gegen Schluß des Jahres 1516 kehrte er reich an Erfahrungen und zum Charakter gereift, aber lebensfrisch und unverführt durch „Spiel, Trunkenheit und Wühlerei" in die geliebte Vaterstadt zurück. Am 1. Sept. 1519 vermählte er sich mit Kuni- gunde Creutzcr, mit der er bis zu ihrem Tode 1560 die glücklichste Ehe führte und 7 Kinder zeugte, die er alle überlebte; am 2. Sept. 1561 heirathete der fast Siebenundsechzigjährige abermals und starb am 19. Jan. 1576. Sein treuer Schüler Adam Pnschmann hat uns ein rührendes Bild des hochbetagtcn, vorn Alter wohl an den Sinnen, nicht aber an der Heiterkeit des Gemüthes geschwächten Meisters hinterlassen. Er sieht ihn inmitten eines schönen Gartens in einem zierlichen Lusthause vor einem mit grüner Seide überdeckten Tische sitzen, grau und weiß wie eine Taube, in ein großes, goldbeschlagenes Buch vertieft und von vielen anderen Büchern umgeben, nach denen er zuweilen hinblickt. Wer zu dem alten Sänger eintritt oder ihn aus der Ferne grüßt, den sieht er nicht, er redet auch nicht, sondern neigt schweigend sein schwaches Haupt. Als er starb waren seine Landsleute sich seines Verlustes wohl bewußt. Das Todtenbuch z. B. gibt den Eintrag, wie es sonst nicht gebräuchlich, mit größerer und kalligraphischer Schrift und in einer Zweizeiler „Gestorben ist Hans Sachs der alte teutsche Poet. Gott verleih ihm und uns eine fröhliche Urstet!" Und im Todtengeläut von St. Sebald steht er gleichfalls als „teutscher Poet und gewesener Schuh- ') Lindemann-Seeber, Gesch. d. deutsch, Literatur rc., Seite 344. macher im Spittlgäßlein".?) Auch die Nürnberger Chronisten hielten sein Andenken in Ehren. Von seinen berühmten Zeitgenossen schützten ihn besonders hoch Luther und Melanchthon, deren kirchlichen Neuerungen er sich in ehrlicher Ueberzeugung angeschlossen und einen begeisterten Lobgesang auf „Die Wittenbergisch Nachtigall" 1523 gewidmet hatte, so daß sein Eintreten für die Sache der neuen Lehre ihn sogar mit dem Rathe seiner Vaterstadt in Conflikt brachte. Allein schon bald war er über das Treiben der Anhänger Luthers in bittere Klagen aus- gebrochen: „Es ist nur Geschrei und wenig Wolle an euch; wenn ihr evangelisch wäret, wie ihr rumoren thut, so thätet ihr die Werke des Evangeliums" u. s. w?) Immerhin aber hielt er an Luthers Sache fest, dichtete Gesänge nach Psalmen, unterzog seine Lieder aus der katholischen Zeit einer „christlichen Veränderung und Correctur" und brachte seinen kirchlichen Standpunkt in seinem „Epitaphium ob der Leich Doktor Martini Luthers" nochmals zum Ausdruck. „Ließe sich mit Sicherheit annehmen, daß das Lied ,Warum betrübst du dich, mein Herz* von ihm verfaßt wäre, so würde ihm allerdings dieser innige gottergebene Gesang, der mehrfach in todte und lebende Sprachen übersetzt und unter tiefer Verehrung ,der alten Leute Trostprcdigst genannt wurde, zu größerem Ruhme gereichen, denn all seine Meistergesänge."^) Gewiß! Die Meistergesänge so wenig wie die Dialoge und Disputationen sind durchaus nicht die Eigenart und Stärke des Hans Sachs. Er war eine zu kerngesunde, lebens- und schaffens- frohe Natur, als daß er sich einseitig oder auf die Dauer den Fesseln des Meistergesanges und dem engen und beschränkten Kreise der Meistersinger hätte anbequemen können. Seine Meistergesänge waren ja auch nicht für die Ocffentlichkeit, sondern nur für die „Schule" zu Nürnberg bestimmt. Und dafür besaßen auch sie ihr Verdienst. Der Meistergesang — auf die Frage nach dem Ursprung desselben näher einzugehen, würde uns hier zu weit führen — hatte etwa seit dem Anfange des XVI. Jahrhunderts in Nürnberg eine Stätte gefunden?) Das Unterscheidungszeichen zwischen Meistersingern und anderen Dichtern und Sängern beruht in der Existenz der Sing schule. Einmal bedeutet dieses Wort die Versammlung einer bestimmten Anzahl von Personen zur Uebung regelrechten Singens und Dichtens nach der °) Eine gcholtvclle Biographie, die sich an einen weiteren Leserkreis wendet, ist im Auitrage der Stadt Nürnberg soeben zum Jubiläum erschienen von der Hand des städtischen Archivars Ernst Mummenhoss: „Hans Sachs. Zum 400jähr. Geburtsjubiläum des Dichters rc. rc." Das Buch erstes bis zehrst. Tausend (Nürnberg, Fr. Korn) umfaßt 141 S. und würdigt den Dichter ruhigen Urtheils nach seinem menschlichen und literar. Werthe. Einen hervorragenden Schmuck verleihen ihm die zahlreichen säst ausschließlich alten Vorlagen wiedergebenden Abbildungen mit einer die Originale erreichenden Genauigkeit, besonders der Einblattdruck mit einem sarbigen Holzschnitt von Hans Schäussclein „Ein neuer Spruch wie d.ie Geystlichkeit und etlich Handwerker yber den Luther clagen", wodurch die Hvjbuchdruckerei von Bicling-Dietz und die Kunstanstalt von E. Nistcr sich rühmlich verdient gemacht haben. °) Döllinger, Resormat. I, 172 s. Janssen, Gesch. d. d. V. II, 349. — Vgl. Mummenhoss a. a. O. 90. <) Lindemann-Seeber a. a. O- 345. °) Vgl. den instrukt. Artikel von Th. Hampe, Spruchsprecher, Meistersinger rc. rc. in Nürnberg, in den Mittheilung, a. d. Germern. Nationalmuseum S. 25 ff. (Beil. z. Angsb. Postztg. 1894 S. 287). Leidbitter, Leichensänger u. die Todten- gräber wurden die Erben der Meistersinger ; a. a, O. S.. 63. 346 „Tabulatur", d. h. nach einer umständlichen Sammlung von Gesetzen, Rügen u. ähnl., unter selbstgewählten Lehrern oder Kritikern („Merkern"). Die Nürnberger Zusammenkunft fand in der Katharinenkirche statt;°) neben der Kanzel befand sich der Singstuhl, im Chor war ein Podium für die Mcrker, das „Gemerke". Das andere Mal ist das Wort etwa identisch mit unserem Worte „Concert". Nur Singschule in ersterer Bedeutung und genaue Benennung der „Töne" ?) — die eben auf ein „beweren", eine Taufe derselben durch eine meister- fingerische Genossenschaft schließen läßt — sind die Hauptindizien für die Existenz einer Meistersingergesellschaft. Und eine solche läßt sich für 1503 in Nürnberg frühestens nachweisen. AIs Hans Sachs auftrat, glich sie eher einem wüsten Haufen weintruukener Zechgesellen, denn einer löblichen Gesellschaft von Meistersingern. Sein erstes „Bar" d. i. Meistergesang hatte er 1514 zu München auf das Geheimniß der Gottheit gedichtet. In Nürnberg begann er vor allem Zucht und Ehrbarkeit unter den Gliedern der Schule zu schaffen und den Kreis der der Sangeskunst vorgeschriebenen Stoffe zu erweitern, indem er auch die weltliche Poesie in der Schule heimisch machte. Das wurden unstreitige Verdienste. Man mag ferner noch so geringschätzig denken von den Künsteleien des Meistergesanges, der Gedankenarmuth so vieler Reimer, die den Mangel ihrer dichterischen Begabung durch verzwickten Stropheubau zu verdecken suchten: wenn man aber die Erscheinung in ihrem Culturzusammen- hange betrachtet und beurtheilt, so wird man zugeben müssen, daß der Meistergesang der guten Zeit als ein Ausdruck der Blüthe deutschen Siüdtelebens zu gelten hat und daß selbst der Meistergesang der Verfallzeit noch unzähligen Menschen das Leben verschönen und die bösen Gedanken bannen half. Auch um die Ausbreitung und Weiterbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache erwarb er sich Verdienste. „Mehr als ungerecht wäre es demnach, eine Erscheinung von solcher Bedeutung für unsere Culturcutwickelung mit Spott und Hohn zu übergießen, nur weil sie auch Auswüchse zeitigte und weil sie im Alter melkte, krank und schwach und eben alt wurde." ^) Doch, wie schon bemerkt, die Stärke des Hans Sachs liegt nicht im Meistergesang. Seine Poesie waltet, um mit Jakob Grimm zu reden, „am reinsten und eigensten in den Fabeln und Schwanken, deren Stoff und Umfang seiner Lebenserfahrung und ganzen Sinnesart am meisten entsprach." Und Lindemann-Seeber sagt (a. a. O. 345) mit Recht: „Wohl kaum ist seit dem 16. Jahrhundert wieder ein so glückliches Talent für naiv-komische Erzählung unter uns aufgestanden." Hans Sachs besaß in hohem Grade jene Anlage, welche den Humoristen und Satiriker befähigt: unverwüstliche Heiterkeit des Gemüthes, sittlichen Ernst und eine zum Lehrhaften hinneigende Auffassung. Die schöpferische Arbeit des Dichters offenbart sich aber ausschließlich in der Art und Weise, wie er den überkommenen fremden Stoff aufnimmt und verarbeitet; frei aus sich schöpft er nicht. Letzteres ist jedoch keine besondere Eigenthümlichkeit unseres Dichters, es galt bei den Dichtern des Mittelalters als etwas Selbstverständliches, zumal in ihren epischen Ge- °) Gelegentlich des Jubiläums soll sie, die durch Wagners „Meistersinger" eine internationale Bcrübmtheit erhielt, zur Behausung für ein Haus SackS-Muscum bestimmt werden. I Die Bezeichnungen der verschied. Tonweiscu waren ganz absonderliche: die Hagebüttweise, die überh öhe Bergweis, MuS- catblüths langer Ton u. ä. °) Th. Hampe a. a. O. S. 69. dichten wollten sie in der Materie nichts Eigenartiges darbieten und nur in neuem Gewände geben, wus sie aus einheimischen und fremdländischen Dichtungen und Sagen, Chroniken und Geschichten oft mit großer Mühe erst auflesen mußten. Die Stoffe zu seinen Fabeln entnahm Hans Sachs wohl sämmtlich aus der ihm zugänglichen Literatur, der Uebersetzung Aesops und «uS anderweitigen Bearbeitungen mittelalterlicher Vorlagen. Er dnrchdringt sie aber mit dem eignen Geist und Gefühl, belebt sie mit dem eigenen Wesen und gestaltet nun doch ein eigenartiges Gebilde. „In diesem Sinne ist er der bedeutendste Dichter seiner Zeit, ob er nun in den über.- lieferten Tönen oder in eigenen Weisen den Meistergesang Pflegt, ob er in den von ihm so leicht und geläufig gehandhabten kurzen Reimpaaren feine fröhlichen Schwünke und Fabeln, seine .örtlichen' Gespräche, Geschichten und Allegorien, kurzweilig und lehrhaft, auftischt, ob er endlich seine Personen handelnd, in Rede und Gegenrede auftreten läßt."^) Mit seinen Schwänken tritt er mitten in das Leben des Volkes als ein scharfer Beobachter, ein humorvoller Erzähler und eindringlicher Erzieher. „Die Moral der Geschichte" ist der Punkt, auf den jeder Schwank und jede Fabel sich zuspitzt. Wer kennt nicht die schwankhaften Legenden von „St. Peter mit der Geiß", eine komisch-ernste Abfertigung der Beschwerden über die göttliche Vorsehung? Die mannigfachen Possen über den „dummen" Teufel? Eine Reihe von Schwänken geht auf das Treiben der Landsknechte, eine andere auf das Bauernleben, die häuslichen Scenen zwischen Mann und Weib, eine andere auf das löbliche Handwerk. „Der Schneider mit dem Panier", „der Müller und der Student" werden noch in unserer Zeit gerne erzählt, wie nicht minder „der Waldbruder mit dem Esel" und das „Schlauraffenland". Hans Sachs weiß die Geschichten von den Narreteien der Welt ebenso mit schalkhafter Anmuth zu erzählen, wie er auch den überaus derben Ton zu treffen versteht, der dem Geschmack jener rauheren Zeit behagt. Sitte und Zucht der Neformationszeit waren eben andere als in unseren Tagen, und Hans Sachs bedeutete auf dem Gebiete der Delikatesse einen entschiedenen Fortschritt gegen Hans Nosenblüt, den Schnepperer, Hans Folz und Kunz Has. Auch in der dramatischen Dichtung brach mit ihm in dieser Beziehung eine neue Zeit an. Von seinen eigentlichen „Dramen" sind zu unterscheiden die „Gespräche" und besonders die „Kampfgespräche", die dramatischer Form sich nähern, ohne den Charakter von eigentlichen Dramen auszuweisen. Die Dramen selbst theilt Hans Sachs je nach dem glücklichen oder traurigen Ausgaug in „Komödien" und „Tragödien" und gesellt beiden noch bei „die Spiele", geistliche und weltliche und besonders „Fastnachtspiele mit Schwänken". Von einem tiefen Einblick in das Wesen des Schauspiels ist keine Rede; ohne alle Ein- theilung und Ruhepause läuft die Handlung zu Ende; eine Zerlegung der Akte in Scenen, die drei Einheiten kennt er nicht, ebensowenig geschichtliche oder archäologische Gesetze als Kind feiner Zeit. Das Stück wird gewöhnlich durch den Herold, „Ehrnhold" (Prolog), eingeleitet und geschlossen. In den Komödien und zumal in den Fastnachtspielen begegnet auch hin und wieder die lustige Person „Jükle" oder „Jüklein" der Narr. Die Bedeutung des Haus Sachs auf dem dramatischen Gebiete beruht darin, daß er dem geistlichen Drama in Nürn- ") Mummenhoff a. a. O. S. 36 f. 347 berg wieder Eingang verschaffte nnd damit sich um die Verfittlichung des Volkes namhafte Verdienste erwarb, und daß er ebenso das Fastnachtspiel aus der unbeschreiblichen Rohheit und dem Schmutze, in dem es steckte, emporhob. Derbheiten und Rohheiten trifft man freilich bei ihm noch zur Genüge, „aber gegenüber den Spielen seiner Vorgänger sind die seinigen wie Tauben unter den Naben." Einen für unsere Tage passenden Ausblick auf die sociale Frage enthält die Komödie „Die ungleichen Kinder Eva", deren Stoff er als Mcisterlied, als Schwaukgedicht, als Spiel und als Komödie behandelt hat. Eva bringt nämlich, als Gott die wohlerzogenen Kinder zu den höchsten Würden und Aemtern erhoben hat, auch ihre bösen und ungeschlachten Buben, die sie vorher im Heu und Stroh, ja sogar im Ofenloch versteckt hatte, damit Gott sie zu großen Herren mache. Aber je nach ihren Fähigkeiten werden Schuster, Weber, Schäfer und Bauern daraus, und als sich Eva über die ungleiche Anstheilnng der Stünde beklagt, erwidert ihr Gott, daß er sich erst seinen Mann ansehe, bevor er etwas aus ihm mache. Er muß eben Amtleute haben zu allen Dingen, und wenn es nur Könige, Fürsten, Bürgermeister und große Kaufherren gäbe, so müßten sie alle miteinander verschworen. Keiner würde bauen, zimmern, backen und andere Handwerke treiben wollen. Und was würde entstehen, wenn der große Haufe keine Obrigkeit hätte zum Schutze der allgemeinen Wohlfahrt und zur Abwehr der Bösen? Da ginge alles „über md über" .... „Zu Arbeit ick den Menschen klug Bcschuf wie den Vogel zum Flug. Drumb, welcher Mensch sich läßt genügen An dem Stand, den ich ihm thu fügen, Der hat genug bei all sein Jahren." Eine so erstaunliche Fruchtbarkeit, wie sie uns in Hans Sachsens Dichtcrthätigkeit entgegentritt, ist ohne Beispiel in der deutschen Literatur?") Nach der Zählung des ersten Sachsforschers Edmund Götze bcläuft sich die Zahl der Werke auf ungefähr 6205, und zwar auf 4420 Meistergesänge und 1785 Spruchgedichte. Die Werke erschienen zum Theil bei des Dichters Lebzeiten 1558 ff. zu Nürnberg in 5 Foliobänden. Eine neue Gesammtausgabe besorgen Edm. Götze und Adalbcrt v. Keller in der „Bibliothek des literarischen Vereins", während E. Götze eigens die Fastnachtspiele und Schwanke herausgibt. Das literarische Andenken des Dichters ist früh schon in absprechender Weise beurtheilt worden von Joh. Phil. Harsdörffer, dem pegnesischen Schäfer- dichter, und zu dieser Theilnahmlosigkeit gesellte A. Gryphius in seinem „Peter Squcnz" bald noch den Hohn. Nachdem dann Gottsched, Lessing und Herder auf den Nürnberger Poeten wieder die verdiente Aufmerksamkeit zu lenken versucht hatten, war es dann vor allem Goethe, der mit seinem Gedichte „Hans Sachsens poet. Sendung" dem Vergessenen den „Eichkranz, ewig jung belaubt" aufs Haupt setzte. Seine Vaterstadt stiftete Hans Sachs 1874 ein Denkmal. Das Urtheil des Altmeisters der Sprachwissenschaft, Jakob Grimms, haben wir schon angeführt. Wackernagel nennt Hans Sachs den größten Dichter des XVI. Jahrhunderts, „weil ungebrochen von der Schulunart in ihm die Art des Volkes mit ihrem edelsten Kerne und Marke wohnte." Vilmar mißt seinen Werth ab mit den Er hat nur ein Gegenstück in der spanischen Literatur an Lope de Vcga, der von Cervantes als „Wunder der Natur" gefeiert ward und Hans Sachs noch überbietet- Worten: „Als Dichter, das Wort im höchsten Sinne gefaßt, als schöpferisches, die Welt gestaltendes oder umgestaltendes Ingenium, kann Hans Sachs allerdings nicht gelten, wohl aber ist er ein ungemein glücklich begabtes Talent, in der Auffassung des Gegebenen schnell und sicher, in der Darstellung leicht und ungezwungen, dem Stoffe und der Behandlung desselben fast immer entschieden überlegen, milde und gemäßigt, dabei von heiterer Laune nnd höchst ergötzlichem Humor."") Gödeke bemerkt: „Man thut Hans Sachs Unrecht, wenn man ihn mit den Späteren mißt und dann glaubt entschuldigen zu müssen; man darf ihn nur mit seinen Zeitgenossen und nach den in ihm liegenden Maße messen — er übertrifft alle an Fülle und Umfang des Stoffes, an Mannigfaltigkeit der Erfindungen und Formen, an sittlicher Tiefe und glücklicher Gestaltung."") In eingehender Weise haben ihn der Franzose Eh. Schweitzer und neuerdings Rudolf Genee gewürdigt. Zur Jubiläumsfeier des „teutschen Poeten" werden in einer Reihe von Städten festliche Veranstaltungen statthaben, in Wien, Dresden, Weimar, Berlin, München nnd Nürnberg. In Wien sollen durch Studenten Schwänke von Hans Sachs aufgeführt werden, Professor Minor wird die Festrede halten. In Weimar und München feiern die Hoftheater den Tag durch die Vorstellung von Martin Greifs Schauspiel „Hans Sachs". Dasselbe gelangt an den drei Festtagen auch in Nürnberg zur Ausführung; Nürnberg hat außerdem noch ein „offizielles" Festspiel von Nnd. Genöe, welches am Vorabend gespielt wird im Stadttheater; am 5. Nov. ist Festversammlung im Nathhaus, wo Ed. Götze die Festrede hält, dann histor. Festzng, Nachmittags finden „Fastnachtspicle" statt; ein Bankett und die Ausführung von Nich. Wagners „Meistersingern" bildenden Schluß der Jnbiläumstage. Sct. Thomas und die moderne Wissenschaft. Von Dr. S. Huber. So lautet das Thema, über welches die wissenschaftliche Beilage der „Allgemeinen Zeitung" (Beilage Nr. 244 u. 245) zwei Artikel aus der Feder des Dr. Joseph Müller bringt. Es wird in diesen beiden Artikeln jene Richtung der katholischen Wissenschaft, der Philosophie und Theologie, welche entsprechend einer alten Schultradition und der bekannten Encyklica des heiligen Vaters „Latarui katris" den Principien des hl. Thomas folgt, aufs heftigste angegriffen. Für den feinen Ton dieser Angriffe sprechen Ausdrücke wie „Gedankensaulheit, Bequemlichkeit, Wahnsinn, dumpfe Hörsüle der vom wogenden Geistesleben so entlegenen Lyceen, frömmelnde Devotionsheuchelei, Professorenmnmien, gleichwie Ritter, welche noch mit Speeren und Eisenrüstungen erschienen, als das Pulver längst erfunden war" rc. rc. Derartige Ausdrücke könnten uns nicht bewegen, die Feder zur Erwiderung in die Hand zu nehmen. Sie richten denjenigen, welcher sich ihrer bedient, selbst. Der Stil ist der Mensch, heißt ein bekanntes Wort. Auch der ganze Gedankengang der beiden Artikel, die Taktik des Angriffes erfordert keine besondere Berücksichtigung ; denn sie bietet nichts Neues, wenigstens nicht im Allgemeinen. Zuerst wird der hl. Thomas über alle Himmel erhoben; gegen Schluß wird sogar einmal ") Vorlesungen üb. b. Gcsch. b. d. Literat. ") Grundriß z. Gesch. d. d. Dichtg. I. 348 Veranlassung genommen, das bekannte Wort des ehemaligen Philosopbicprofessors Prantl, welches mit Recht von Weiß als eines Akademieprofeffors unwürdig bezeichnet wurde, als zu weit gehend zurückzuweisen, wenn auch sehr sanft und nicht ohne Zugeständniß. Was ist Wahres, was ist Dauerndes an der thomistischen Lehre? Merken wir es uns wohl, nach was gefragt wird. Nach dem, was dauernd ist an der thomistischen Lehre. Die Antwort lautet: Thomas ist kein origineller Denker, er ist ein systematischer Kopf und dazu eine conciliante Persönlichkeit. Seine Kraft ist demnach das Systemati- siren. Und gerade dadurch war er für seine Zeit wie geschaffen. Denn ein Doppeltes that damals noth: die Lehre der Kirche bedurfte der Systematisirung und der Verbindung mit dem damaligen Geiste der Zeit, welcher kurz als „Aristotelismus" bezeichnet werden kann. Beides hat nun Thomas in ganz vorzüglicher und unübertrefflicher Weise geleistet. Es gelang ihm, „aus dürftigem Material das imposante Gebäude seiner Summen aufzubauen" und „eine dem christlichen Empfinden so heterogene Lehre, wie die des Aristoteles, mit dem Christenthum innig zu amalgamiren". Wir müssen nochmal darauf hinweisen, daß vom Verfasser die Systematisirung der christlichen Lehre als ein dauerndes Verdienst des Aquinaten hingestellt wird; ebenso als ein dauerndes, daß er die christliche Weltanschauung mit Aristoteles versöhnte und so natürlich die Kluft zwischen den Gebildeten seiner Zeit und dem Christenthum überbrückte, was auch in unserer Zeit geschehen sollte. Nicht zu vergessen ferner ist, daß zur Erhöhung des Lobes des Lehrers der Schule noch beigefügt wird, die großartige Anlage, der imposante Bau sei bewunderungswerth, „weil das Niedere, wenn auch schlummernd, die Sehnsucht nach dem Höheren in sich birgt, die Stufenordnung der Zwecke einem Ziele zuschaue, die Gebiete und Principien aber, so innig sie in Verbindung stehen, keineswegs vermischt würden, sondern in ihrer Selbstständigkeit und Eigenthümlichkeit gewahrt würden". Es will uns scheinen, der Verfasser wollte hiemit dem hl. Thomas das Lob spenden, sein System zeichne sich sowohl durch innere Harmonie und Uebereinstimmung, als durch großen Reichthum an Gedanken und allumfassenden Principien aus. Gewiß ein großes Lob, über welches man den Tadel, St. Thomas sei kein origineller Kopf, fast vergessen möchte. Aber wenn das Lob doch hinterher nicht gar so geschmälert würde, daß davon nichts mehr übrig bleibt! Im offenen Widerspruch mit dem Lobe wird gegen Schluß des 2. Artikels gesagt, „es sei unleugbar, daß die thomistische Lehre keine einheitliche, aus einem Guß, aus einer Gesammtanfchaunng gefertigte sei; die heterogenen Gedanken seien nur lose aneinandergereiht, nicht organisch verbunden, noch aus einer leitenden Idee entwickelt; daher die mannigfachen Widersprüche, die nur dürftig verschleiert sind." Wo bleibt da noch das frühere, begeisterte Lob? Doch ist das nicht der einzige Widerspruch, in welchen Dr. Joseph Müller verfällt. Obwohl die Systematisirung der christlichen Lehre und die Versöhnung derselben mit dem Aristotelismus als dauerndes Verdienst des Aqui- naten als das Wahre an dessen Lehre bezeichnet wird, wird doch sofort gesagt, es sei diese Systematisirung nicht mehr für unsere Zeit, müsse daher fallen gelassen werden. Denn für unsere fortgeschrittene Zeit ist eine andere Fassung der christlichen Lehre nothwendig, und diese läßt sie auch zu, ja verlangt sie sogar! Also dauernd und doch nicht bleibend? Wie reimt sich das zusammen? Welch ein Splitterrichter! wird es nun heißen. Doch nein, es ist nicht bloß Splitterrichterei, sondern ernster Kampf um das Verdienst des hl. Thomas. Es gibt nur eine Wahrheit für alle Zeiten; und diese eine Wahrheit allein hat Dauer; entweder ist die Systematisirung keine dauernde, wenigstens in ihren Grundzügen und Hauptumrissen für alle Zeiten geltende, dann ist sie auch nicht die wahre und Thomas ist auch kein systematischer Kopf; oder sie ist jene Systematisirung, welche der kirchlichen Lehre entspricht und demnach die wahre ist, dann ist sie für alle Zeiten giltig und dauernd; dann ist sie nicht aufzugeben, sondern vielmehr festzuhalten, trotz aller Anforderungen, welche die moderne Wissenschaft zu stellen scheint. Daß nun das letztere der Fall ist, wird mit vollster Ueberzeugung von der ganzen scholastischen Richtung, welche in einer erdrückenden Mehrheit von Theologen ihre Vertreter hat, verkündigt, ja von der Kirche selbst ausgesprochen. Herrn Dr. Müller wird ja doch jener Satz nicht unbekannt sein, der im Syllabus als falsch erklärt ist: „NstlioäuZ st xrirraixin, yuibrm anti^ui äoator63 scsiolastiei lsisisoloZiaw. exeolnarunt, tsm- xorunr oostrvruur nsesssibLtisius 8ci6ntiaeczus p>ro- Ar688iii llsinirnö conZruunt" — „Die Methode und die Principien, nach denen die scholastischen Lehrer der Vorzeit die Theologie ausgebildet haben, entsprechen keineswegs den Bedürfnissen unserer Zeit und ihrem Fortschritte in den Wissenschaften" (8M. Z II, 13). Doch wir haben gesagt, es sei auf diese Art der Argumentation nicht allzu viel zu geben; ihr innerer Widerspruch springt sofort in die Augen, auch ist sie nicht neu und originell — weil nun einmal darauf gar so viel ankommt — sie ist in allen Büchern zu lesen, welche gegen die Scholastik geschrieben sind. Größeres Gewicht möchten wir zwei anderen Punkten beilegen. Herr Dr. Müller erlaubt sich, um seiner Argumentation mehr Nachdruck zu verleihen, eine Verschiebung des Fragcpunktes. Die moderne Scholastik wird deshalb von ihm bekämpft, weil sie die Lehre des hl. Thomas repristinirt. Um das Unsinnige dieses Verfahrens in den Augen der Leser darzulegen, wird dann dargethan, daß sich bei Thomas und Aristoteles einzelne Lehren und Sätze finden, welche von aller Welt heutzutage als lächerlich angesehen werden, so über den Einfluß des Süd- und Nordwindes auf die Geburt von Mann und Weib, der Gestirne auf die Somnambulen rc. rc. Allerdings versucht der Verfasser es auch, tiefer greifende Lehren als falsch und unhaltbar hinzustellen, so vor allen den Dualismus von Materie und Form, die Lehre von den Universalien rc. rc. Auf die Rechtfertigung dieser Lehren näher einzugehen, Lehren, welche thatsächlich auch von der Neuscholastik vertreten sind, kann nicht erwartet werden. Es sei auf die zahlreichen gründlichen Darlegungen dieser Punkte in den zahlreichen, trefflichen Werken der Neuzeit verwiesen. Es ist uns schon genug, wenn wir durch Herru vr. Müller erfahren, in der Scholastik sei „sein — wahr sein, falsch — nicht sein, daher die Realität der Universalien rc. rc.". Ein philosophischer Scharfsinn sondersgleichen wird geoffenbart, wenn durch Herrn Müller Aristoteles und Thomas dahin belehrt werden, das Princip der Jndividuation sei nicht ein Metaphysisches, sondern ein psychologisches Problem. Als ob in der Scholastik und auch bei Aristoteles der psychologische Faktor bei Erkenntniß des Allgemeinen im Einzelnen nicht vollauf wäre gewürdigt worden, ohne daß 349 Man dem metaphysischen irgend etwas vergab. „Das universale äirscwurn ist seinem Inhalte, nicht aber seiner Form nach real", heißt eine Thesis, welche jeder kennen muß, der etwas scholastische Philosophie studirt hat. Er gibt in Kürze die Lehre des gemäßigten Realismus, welche Gemeingut der Blüthezeit der Scholastik, wenn auch nicht gerade der modernen Philosophie genannt werden kann. (Schluß folgt.) Ein Wort über die alten Sprachen und den Einfluß der klassischen Studien in politischer und religiöser Beziehung. (Fortsetzung.) 8. Wie der historisch-politische Inhalt der Klassiker uns einerseits viel Nachahmungswürdiges vorführt und anderseits durch abschreckende Beispiele vor Manchem Uebel warnt, so ist der religiöse Inhalt nicht weniger geeignet, uns gleichfalls in doppelter Hinsicht zu belehren. Bekanntlich verehrten die alten Griechen und Römer, statt des einen wahren Gottes, eine große Zahl von Göttern und Göttinnen, die nichts als Geschöpfe menschlicher Phantasie waren und also auch nirgends als eben in der Einbildung, in dem Glauben jener Völker existirten. Mit diesen fingirten Göttern nun, mit "ihrer Natur und der Art ihrer Verehrung werden wir durch die klassische Leciüre näher bekannt; wir sehen, in welcher Weise jene heidnischen Völker sich ihre Religion gebildet haben. Das Gottesbewußtsein, das, wie die Geschichte aller Völker beweist, dem Menschen als ein Erbtheil seiner Abstammung und als ein unveräußerliches Eigenthum der Vernunft angeboren und tief eingepflanzt ist, wurve zunächst durch die äußere Natur, ihre wohlthätigen und furchtbaren Erscheinungen geweckt und zur Entwickelung angeregt. Da jene Völker Hiebei lediglich auf den Inhalt der Vernunft und die äußere Wahrnehmung, die Natur, beschränkt waren und durch keine weitere Offenbarung der Gottheit unterstützt und geleitet wurden, so gelang es ihnen nicht, den einen wahren Gott zu finden. Sie erhoben sich nicht über die Natur hinaus zu einem ewigen, geistigen, uneuolicv vollkommenen Wesen als dem Schöpfer der Natur und Urquell alles Seins, sondern sie blieben bei der Natur selbst stehen und verwechselten das Geschöpf mit dem Schöpfer. Ihre Phantasie schrieb den Elementen ein höheres Leben zu, personifieirte und vergötterte dieselben. Und wie die Elemente alles aus sich erzeugen, so zeugten nach der Vorstellung der heidnischen Griechen und Römer die ersten Gottheiten (die personificirtcn Elemente, zunächst vög«vö<; und U«-a) wiederum andere Götter und Göttinnen, und es entsteht sofort ein zahlreiches Geschlecht von größeren und kleineren, älteren und jüngeren Gottheiten,") so daß zuletzt fast in jedem größeren Gegenstände der Natur eine besondere Gottheit gesehen wurde, die in dem Naturgegenstande als dem ihr überwiesenen Gebiete lebte, wirkte und herrschte. Auf oberster Stufe steht als höchster Herr der Welt der Gott des alles überragenden und umschließenden Himmels — Zeus oder Jupiter. Alle übrigen Gottheiten stehen unter ihm und haben sowohl durch diese Unterordnung, als auch durch die gegenseitige Abgrenzung ihres Gebietes eine beschränkte Macht. Allein auch die Macht des Jupiter ist eine beschränkte, sie ist keine Allmacht, obgleich ihm, besonders von Dichtern, häufig die Prädikate des Allmächtigen") beigelegt werden; er theilt die Beherrschung der Welt mit dem blinden und unabänderlichen Schicksal, mit dem Fatum. Es herrschte in diesem Punkte bei den Alten, wie in vielen andern, eine große Unklarheit und Verschiedenheit der Auffassung; bald wird Zeus oben angestellt und das Schicksal ist gleichsam nur ein Ausfluß seines Willens, bald stehen Zeus und das Schicksal neben einander, bald stehen Zeus und alle anderen Götter unter dem Schicksal.") Daß auch dem höchsten der Götter keine absolute Macht zugeschrieben wurde, hing damit zusammen, daß man nicht einen Gott, sondern einen formlosen Urstoff, der allen Raum erfüllte, als das erste und ursprüngliche Wesen annahm und erst aus diesem die Welt sammt den Göttern hervorgehen ließ. So ist nach jenem Glauben die Welt nickt von Gott als dem absoluten Urgrund alles Seins erschaffen worden; sondern, wenn sie nicht von selbst oder durch Zufall entstand, so wurde höchstens der vorhandene Stoff von einem Gatte geordnet und zu dieser Welt gestaltet, wie ein Kunstwerk vom Künstler aus vorhandenem Stoffe verfertigt wird. Eine Stelle aus Ovid, Nstarn. I. 5. s^., mag hier citirt werden, welche heißt: Luto mors et lerras vt, quoä teZsit omnia, eoelum IInus erat toto naturas vultus tu orbs, (Zuam (lixeis 6Imos; rmlis iuäiAöstaqus molss; Xeo quiäquLM »ist xornlus iners; oonAostaqus eoäom Xon bens juiuNaruw äiseoräia, semiug, rerum. Der Dualismus in der Regierung der Welt (Zeus und Fatum) ruht somit folgerichtig auf dem Dualismus, der bei der Entstehung und Bildung der Welt (Chaos und öy.n'.ou^v;) schon vorhanden ist. Zeus und die anderen Götter erscheinen daher von Anfang an als bedingte, entstandene Wesen; sie werden geboren, sie sind zwar unsterblich, aber sie sind nicht von Ewigkeit her. Ebenso ist das Wissen der Götter ein beschränktes, sie werden von einander und selbst von Menschen getäuscht und betrogen, sie haben keine Allwissenheit,") obgleich ihnen solche bisweilen beigelegt wird?'') Ihre Gerechtigkeit ist gleichfalls eine relative und für den Begriff der Gottheit niedrige; von Heiligkeit nach unserem Begriffe ist bei ihnen keine Rede, sondern wie sie in allem Anderen anthropomorphosirt sind, so sind sie es besonders in dieser Hinsicht; sie sind genußsüchtig und leidenschaftlich, neidisch und eifersüchtig, sie hadern und kämpfen miteinander um Ehre und Macht rc., sie werden überhaupt mit menschlichen Schwachheiten und Lastern behaftet gedacht. Die Menschen sind für sie oft die bloßen Werkzeuge ihrer Laune, der Liebe oder des Hasses. Ihre Lieblinge beschützen sie, auch wenn dieselben ungerecht handeln; auf die Gehaßten dagegen schütten sie die volle Schale ihres Zornes aus. Die Ursache dieses Hasses ist gewöhnlich eine spezielle Beleidigung von Seiten des Menschen, eine Mißachtung dieser oder jener Gottheit, das Unterlassen der Opfer u. dgl. Die dafür von Seiten der beleidigten Gottheit verhängte Strafe scheint mehr ein Akt der Rache als der Gerechtigkeit zu sein. Manchmal verleiten sie den Menschen zu schlechten Thaten, die sonst von den Göttern selbst schwer bestraft wurden. (Oonk. Hörner, II. IV. 64 u. 94 sc^.) Bezüglich ihrer Lasterhaftigkeit gehen wir eben zunächst von unseren Begriffen von Tugend und Laster aus, und es ist einiger "') 6onk. Aomer, Ocl^ss. IV. 2, 37. ^) Heroik. I. 91. Homer, Oäzss. III. 236 oqo. -°) 6onr. Homer II. XIV.. 1ö9 und tt. XVIII., 183. ") Horn. (clxss. IV., 469. ^) Oonk. Ueoiocl. Uisox. 350 Grund vorhanden, zu sagen, daß jene Götter für das sittliche Bewußtsein der Alten nicht lasterhaft gewesen seien, indem man in ihren Attributen nur die bessere Seite, die Macht und Größe im Auge gehabt und das ihnen Beigelegte eben nicht für lasterhaft gehalten habe. Hier ist jedoch nicht zu vergessen, daß in der Mythologie auch manche Thaten den Göttern zugeschrieben worden find, die, wenn sie von Menschen begangen wurden, nach den Gesetzen und Sitten der Alten Strafe und Schande zur Folge hatten. Freilich galt in vielen Fallen dieser Art die Strafe nicht der Handlung an sich, sondern der damit verbundenen Verletzung des Rechtes Anderer. Und insofern die Menschen den Göttern gegenüber kein Recht anzusprechen hatten, so fiel allerdings die Rechtsverletzung weg. Aber auch so sind manche Handlungen der heidnischen Götter selbst vor dem moralischen Bewußtsein der Griechen und Römer nicht ganz gerechtfertigt; denn das Gefühl für das Bessere war nie ganz erstickt, und das Bewußtsein von der Schändlichkeit des hier gedachten Lasters trat oft unzweideutig hervor. Dieses sehen wir besonders auch aus der Hochschätznng der ihm entgegengesetzten Tugend. (Oonü ?1ut. Lrisb. 20.) Wir erinnern nur an den Dienst der Vesta und die großen Ehren und Auszeichnungen der Vestalinnen. Die Begriffe der Alten sind eben auch hierin, wie in den meisten anderen Dingen, schwankend, unklar und sich widersprechend, weil ihre religiösen Ansichten, abgesehen von der getrübten Quelle, aus der sie geflossen, keinen Mittelpunkt haben, in keinem Lehrgebäude als Ganzes zusammengefaßt sind, überhaupt der Einheit, Uebereinstimmung und Konsequenz vollständig entbehren. — Insofern jedes Volk von Natur aus dasjenige als seine Gottheit verehrt und mit dem Namen Gott oder Götter bezeichnet, was es nach seinen Begriffen für das Größte und Vollkommenste hält, so ist es freilich gegen die Natur der Sache, anzunehmen, daß die Alten etwas, das sie als lasterhaft erkannt hatten, ihren Göttern beilegten. Allein wenn sie unbewußt den Göttern jene Eigenschaften und Thaten zuschrieben, die wir mit Recht als menschliche Schwachheiten und Laster bezeichnen, so sehen wir eben daraus, wie wenig sich die Alten zu einer würdigen Vorstellung der Gottheit erhoben, indem sie ihre eigene Natur, ihre Lebens- und Handlungsweise nur in etwas vergrößertem Maßstabe auf die Götter übertrugen und eigentlich nur ihr eigenes Wesen — ohne Jdealisirung ins Unendliche — zur Gottheit erweiterten. Und hierin liegt eben der Grund davon, daß die Moral der Alten so vielfach verkehrt und niedrig war. Denn wenn die Menschen aus sich Gesetze der Moral entwickeln wollen, so können sie dieselben nur aus der Vernunft, aus dem Gottesbewußtscin schöpfen; sie werden sich die Begriffe von Sittlichkeit, Tugend und Vollkommenheit aus ihren Begriffen von Gott, aus ihrer Vorstellung von dem Wesen und Willen Gottes herausnehmen; was sie in ihrem Bilde von Gott sehen, wird ihnen die höchste Tugend, die größte Vollkommenheit sein, so daß das Streben nach Tugend und Vollkommenheit nichts anderes ist, wie Plato sagt, als das Streben nach der Aehnlichkeit mit Gott. Denn ein höheres Vorbild, als das Wesen Gottes, ein höheres Gesetz, als den Willen GotteS, kann es für den Menschen nicht geben. Wenn nun aber in das Bild von den Göttern nebst anderen Eigenschaften zugleich die (wenn auch nicht als solche zum Bewußtsein gekommenen) Mangel der Menschen hineingetragen wurden, so hatten die Heiden in ihren Göttern als Vorbildern der Tugend und Vollkommenheit ini Grunde nichts anderes oder nicht viel mehr, als ihr eigenes unvollkommenes Wesen und Handeln. Daß die Moral dadurch nur eine niedrige und unvollkommene werden konnte, ist klar. Und in der That war die Tugend auch der edelsten Heiden nach christlichen Begriffen immerhin noch sehr mangelhaft und einseitig; denn abgesehen davon, daß die Heiden viele Handlungen, die nach unserer Sitten- lehre schlecht sind, für erlaubt, ja selbst für gut und für ein Zeichen hoher Gesinnung hielten (wir erinnern hier nur an den Selbstmord eines Cato von Utica, „Oatonig nodils letum," Hör. 06. I. 12), beruhte ihre Tugend mehr auf der Furcht vor den Göttern, als auf Liebe zu ihnen; häufig mehr auf Ruhmsucht und Eitelkeit in der strengen und conscquenten Durchführung gewisser Grundsätze, als auf wahrer Liebe zur Tugend selbst (Oonk. klut. Oalo). Daher sind die Alten auch so oft die Lobredner ihrer eigenen Tugend. Die Demuth dagegen, ohne die es im Christenthum keine ächte Tugend gibt, kannten die Alten soviel als gar nicht. Es ist dieses aus dem Vorhergehenden leicht zu erklären. Denn da die Demuth das Gefühl und Bewußtsein der eigenen Schwäche und sittlichen Unvollkommcnheit im Verhältniß zur unendlichen Vollkommenheit und Heiligkeit Gottes ist, die heidnischen Götter aber mehr nur in Betreff der natürlichen Anlagen und der Macht hoch über den Menschen stehen, in sittlicher Beziehung dagegen so sehr anthropo- morphosirt find, daß zwischen ihnen und den Menschen kein unendlicher Gegensatz stattfindet, indem sie ja selbst menschlich denken, fühlen und handeln und somit für die Menschen nicht als unendlich hohe und absolut unerreichbare Ideale von sittlicher Vollkommenheit erscheinen können, so ist es ganz natürlich, daß die Heiden bei solchen Vorbildern von sittlicher Vollkommenheit, denen sie auch bei einem geringeren Maß von Tugend nicht sehr ferne standen, nicht in dem Grade zum Bewußtsein ihrer eigenen Un- vollkommenheit gelangen konnten, wie dieses auf christlichem Boden der Fall ist und nach der christlichen Lehre von den Eigenschaften Gottes nothwendig sein muß. Die Demuth fand daher dort keinen Platz, weil eben das Unvollkommene für vollkommen galt; man war im Gegentheil stolz auf die Tugend. Nicht mit Unrecht werden deßhalb die heidnischen Tugenden vom christlichen Standpunkte aus als glänzende Laster bezeichnet. Zwar haben die alten Philosophen, besonders Plato, sich thcilweise zu einer würdigeren Vorstellung von der Gottheit erhoben und vielfach bessere Sittenlehren aufgestellt. Die Naturkräste, welche die Dichter und der besonders auf sie gestützte Volksglaube einzeln auffaßten, durch die Phantasie belebten und personificirten, wurden von den Philosophen gewöhnlich in eins zusammengefaßt und als ein Ganzes angeschaut. (Ltiam in 60 lisiro, czui xsi^sieus inscribitur, populäres äsog' inrrltog, uaturalsm. urmra 6886 clioeno, tollib vinr 6t nrrtuiLiir äoorum. Oio. clo nat. äoor. I. 13.) Aber auch sie kamen nicht über die Natur hinaus, sie erhoben sich aus dem Begriffe der als Einheit gefaßten Kraft nicht mehr zur Persönlichkeit. Die Ethik des Sokrates, des Plato und Anderer setzt, sowie alles Streben nach Tugend und Vollkommenheit, freilich die Existenz eines persönlichen Gottes voraus oder ist wenigstens ohne dieselbe nicht wohl erklärlich. Allein gerade da liegt ja der Hauptwiderspruch der Philosophen mit sich selbst, daß die Vernunft das Bewußtsein Gottes, eines persönlichen Gottes, unabweisbar in sich trägt und vermöge des- 351 selben sich unwillkürlich zur Tugend und Selbstveredlung angetrieben fühlt, während der bloße Verstand, von einem angenommenen Princip ausgehend, in seinen Urtheilen und Schlüssen nicht zu einem Resultate gelangt, das mit dem unmittelbar sich kundgebenden Gottesbewußtsein völlig übereinstimmt. Indessen haben die philosophischen Systeme bei den Alten, mochten sie nun für die rein menschliche Wissenschaft noch so große Bedeutung haben, im Einzelnen eine gewisse ideale Höhe behaupten und manche tiefe und schön entwickelte Vernunftwahrheit enthalten, im Ganzen doch keinen großen und umgestaltenden Einfluß auf den Glauben des Volkes ausgeübt. Ein Theil derselben blieb selbst bei dem Polytheismus stehen und näherte sich insofern dem Volksglauben, ein anderer erkannte zwar den im Polytheismus liegenden Widerspruch und Irrthum, erhob sich aber doch nicht zur Idee eines einzigen, über der Natur stehenden persönlichen Gottes, sondern verfiel auf Pantheismus, der dem Atheismus im Grunde gleich ist?«) Während der Irrthum vorher in der Vielheit göttlicher Wesen lag, bestand er jetzt darin, daß man kein göttliches Wesen mit Persönlichkeit wehr dachte, daß die gesammte Naturkraft das Höchste und Einzige war. Soweit nun diese Richtung Einfluß auf das Volk ausübte, konnte sie kaum etwas anderes als Unglauben bewirken und die geistige Verwirrung vermehren, um so mehr, da die Lehrsätze der Philosophen, wie es leicht erklärlich ist, vom Volke nicht, oder nur halb und falsch verstanden wurden. Es zeigte sich deutlich, daß Philosopheme mit ihren abstrakten Lehrsätzen nicht im Stande sind, dem Volke eine verständliche, das Herz erwärmende und dadurch auf das sittliche Leben mächtig einwirkende Neligionslehre zu geben. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Johann Jgnciz von Fclbigers Methodenbuch. Mit einer geschichtlichen Einleitung über daö deutsche VolkS- schulwcscn vor Felbiger und über das Leben und Wirken FclbigcrS und seiner Zeitgenossen Ferdinand Kindermann und Älcxiuö Vinz. Parzizek. Bearbeitet von Jobann Panhotzcr. Freiburg, Herder. 368 S. M. 3,86. 8. In unserer Zeit, da die moderne Pädagogik so gern alles Heil der Scbule in ibrer Trennung von der Kirche wähnt und die Verdienste jener Schulmänner, welche als treue Glieder der katholischen Kirche gelebt und gewirkt haben, zu verdunkeln sucht, ist es doppelt gerathen, durch Wort und Schrift auf solche Persönlichkeiten aufmerksam zu machen, die streng gläubig Ware» und aus dem Gebiete der Jugenderziehung Ersprießliches geleistet haben. Der Herr Verfasser hat eine glückliche Wabl getroffen, da er den großen, edlen Abt von Sagan und späteren Reformator des österreichischen Schulwesens in seinen Schriften, seinem Leben und Wirken zum Gegenstand des Studiums und der Besprechung machte. Der Abschnitt „Das deutsche VolkS- schulwcsen vor Felbiger" beleuchtet einerseits hell das rege^ Interesse und die warme Fürsorge, welche die Kirche stets für die Jugenderziehung gehegt und bekundet hat; andererseits entrollt er ein Bild der traurigen Sebulverhältnisse namentlich in der Zeit nach dem 30 jährigen Kriege. FclbigcrS Schulreform in Schlesien und später in Oesterreich, sowie seine literarische Thätigkeit auf pädagogisch-didaktischem Gebiete rc. behandeln die weiteren Abschnitte; dieselben nebst dem sich anschließenden Metbodcnbuch bezeugen den seltenen Scharsblick, mit dem Felbiger die Schäden des damaligen Untcrrichtswesen erkannt und Mittel zu deren Besserung gefunden hat. Man ersieht °°) Jnsofcrne der Polytheismus au und für sich mit dem Begriffe Gottes, als des absoluten Seins, das natürlich nur eines sein kann, durchaus in Widerspruch steht, nur mit relativem Sein gedachte und überhaupt nichtseicnde Wesen zur Gottheit erhebt, ist er dem Atheismus gleichzustellen, obwohl er von der subjcctivcn Seite, von der Anschauung und dem Glauben der Polythcisten aus betrachtet, es nicht ist. aber auch den Ernst und thatkräftigen Eifer, mit dem er fast sein ganzes Leben dem Dienste der Jugend opferte. Allen Lehrern und Erziehern, allen Freunden der Schule kann dieses Buch bestens empfohlen werden, ha es gewiß neue Begeisterung für den schönen, aber opferreichen Lehrberuf weckt. KönigSdorfcr Mart., Katholische Homilien; neu herausgegeben von Al. Eber hart. 8", VIII-j-408S. Brixen, Kath. Preßvcrein. 1894. M. 4,60.