Nf. 47. Wage zur Sugsömger Weitung 22. Navlir- 1894. Planeten im Fixsternsystem. Beitrag zur Astronomie des Unsichtbaren. Von Max Maier (Schaufling). (Schluß.) Ein anderes dem Algol ähnliches System mit dunklen Körpern bildet der Stern « Virginia. Dieser Stern vollendet seinen Umlauf um den Schwerpunkt des Systems in 4 Tagen und 19 Minuten. Der sichtbare Stern legt bei dieser Umlaufsbewegung in jeder Sekunde 12,3 geographische Meilen zurück. Beide Glieder des Systems haben zusammen eine Masse, die 2,6mal so groß ist wie die Masse unserer Sonne. Der Abstand der sichtbaren Sterne vom Schwerpunkt des Systems ist 679,000 Meilen. Der Schwerpunkt des ganzen Systems nähert sich uns mit einer Geschwindigkeit von 2 Meilen. Bei si Xuriga.6 beträgt die Entfernung des dunklen Körpers von seiner leuchtenden Sonne 1,650,000 geographische Meilen, und die Masse des ganzen Systems ist gleich 4,7 Sonnen- massen. Auch dieses System nähert sich unserem Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von 3'/z Meilen per Sekunde. Es erinnert uns diese geistreiche Methode des Aufsuchens unsichtbarer Himmelskörper an jenen Triumph, den die „Analysis des Unendlichen" in ihrer Anwendung auf die Himmels-Mechanik errang, als einer der größten Mathematiker Frankreichs, Urban Leverrier, am 31. August 1846 in der Sitzung der Pariser Akademie mit der Zuversicht eines Propheten den bloß mit der Feder gefundenen Ort des unbekannten Planeten, des Neptun, verkündete. Durch höchst geistreiche Berechnungen hat der rühmlichst bekannte Direktor der Sternwarte Bogenhausen (München), Pros. Dr. H. Seeliger, das System des Sternes tz Ounori enthüllt. Das System hat drei leuchtende Sonnen und einen unsichtbaren Körper. Die Sonnen und L stehen durchschnittlich 0,9" voneinander entfernt und beschreiben umeinander eine kreisähnliche Ellipse in 59*/z Jahren. Die dritte Sonne 6 steht 5,4" von der Mitte von ^ und L entfernt und bewegt sich in einer unregelmäßigen Wellenlinie um dieselben, welche einer Epicycloide ähnlich ist. (Erfolgt die Bewegung eines Kreises auf einer geraden Linie, so beschreibt ein Punkt auf der Peripherie desselben eine Cykloide; bewegt sich ein Kreis auf der Außenseite eines festen Kreises, so beschreibt ein Punkt auf der Peripherie des ersten, des bewegten Kreises eine Epicykloide!) Der vierte unsichtbare Stern dreht sich mit der dritten leuchtenden Sonne 6 innerhalb 18 Jahren um einen gemeinsamen Schwerpunkt. Nun gibt eS bei diesen Systemen von zwei oder mehreren Sonnen oft eine ungleiche Färbung der Sterne, d. h. die Sonnen befinden sich in verschiedenen Entwickelungsstadien. Wer von uns könnte wohl einen Tag schildern, der von einer rothen Sonne beleuchtet wird, oder einen Tag, an welchem zwei Sonnen mit verschiedener Farbe strahlen und eine Nacht, die mit goldfarbigem Dämmerlichte beginnt und mit blauem verschwindet! Alle diese Systeme in den unermeßlichen Tiefen des Weltalls zeigen uns nicht nur die Spuren der nämlichen Materie, wie wir sie auf unserer Erde analysiren, sondern sie lassen sich auch beherrschen von dem nämlichen Gesetze der Gravitation, das hienieden den emporgeworfenen Stein zur Erde zwingt. Wenn wir erwägen die Unendlichkeit des Weltalls in Raum und Zeit, wenn wir bedenken, daß unser Erdenball nicht einmal einem Sandkorn gleichkommt in Hinsicht auf die zahllosen Körper des Weltalls, so müssen wir von dem Wahne geheilt werden, als wären wir die alleinigen vernünftigen und bedeutendsten Geschöpfe des ficht baren Universums. Ich erinnere an einen treffende Ausspruch des größten Mathematikers Frankreichs, Pierre Laplace: „Doppelt getäuscht durch die Uuvollkommen- heit seiner Sinne, wie durch die Einbildung seiner Selbstliebe, betrachtete der Mensch sich lange als das Centrum der Bewegungen der Gestirne. Und diese seine Eitelkeit wurde durch all die Schrecken der Astrologie gestraft, zu welchen er den Anlaß gegeben. Endlich zogen Jahrhunderte von Arbeit den Schleier hinweg, der das System der Welt vor seinen Augen verbarg. Da fand er sich auf der Oberfläche eines Wandelsternes wieder, der so winzig war, daß er kaum merkbar in jenem selben Sonnensystem erschien, das selbst wieder nur einen Punkt darstellt in der Unendlichkeit des Raumes." Betrachten wir das Weltall, die Entstehung, die allmählige Ausbildung der Nebelflecke, Sonnen und Planeten, so müssen wir uns sagen, daß unsere Erde von ganz kurzer Dauer ist. Und innerhalb der Entwickelungszeit der Erde ist nur eine Minute für die Existenz des Menschen angesetzt. Und nach der Zukunft sind gleichfalls unsere Tage gezählt, indem sich unsere Existenz an das Vorhandensein der Sonnenglnth knüpft. Schon lange, bevor die Sonne erloschen sein wird, d. h. wo ihre potentielle Energie sich in kinetische Energie der Aether- und Körpermoleküle umgesetzt haben wird, wird das Menschengeschlecht dahin sein. Nach meinem Dafürhalten ist unser Sonnensystem nur ein Molekül, eine belebte Zelle gleichsam von einem System höherer Ordnung im Universum. Wir endliche Menschen sind an die Sinne gebunden! Wir messen die Natur mit uns selbst räumlich und zeitlich. Hätten wir die Größe einer mikroskopisch kleinen Radiolarie (Näder- thicrchcn), so würde ein Teich uns wie ein Ocean erscheinen. Wir können jetzt nach den Messungen der Psychophysiker beiläufig im Zeitraum von einem Puls- schlag zum andern 6—10 sinnliche Wahrnehmungen auffassen! (Vgl. Wundt, Grundzüge der Physiologischen Psychologie. 4. Anst. Leipzig, 1893. 2 Bde.) Jetzt erreicht der Mensch ein Alter von 80 Jahren oder 29,200 Tagen. Denken wir uns, sein Leben wäre auf den tausendsten Theil beschränkt. Er wäre also schon ein Greis, wenn er 29 Tage alt ist. Er soll Nichts von seinem inneren Leben verlieren, und sein Pulsschlag soll tausendmal so schnell sein, als er jetzt ist. Der Zeitraum für die sinnlichen Wahrnehmungen sei der oben- genannte. Ein solcher Mensch würde z. B. einer an ihm vorbeifliegenden Flintenkugel leicht folgen können. Aber wie würde ihm die gesammte Natur erscheinen! Von einer Jahreszeit würde er keine Erfahrung haben! Vom Monde würde er etwa sagen: „Es war ein Gestirn am Himmel, das wurde erst, als ich ein kleines Kind war, und zwar zuerst ganz schmal und sichelförmig, dann wurde es immer voller und stand länger am Himmel, bis es ganz rund wurde und die ganze Nacht hindurch leuchtete. Aber dieses Gestirn wurde nach kurzer Zeit wieder kleiner und ging immer später auf. bis es jetzt wieder verschwunden ist. Mit diesem Gestirn ist es also vorbei, und die Nächte 370 werden immer dunkel bleiben." Eine solche Anficht wäre doch sehr natürlich für ein denkendes Wesen, das nur 29 Tage denken und beobachten konnte! Wir wissen aus den Experimenten von Hertz u. A., daß sich die Elektricität ähnlich dem Lichte in Wellenform fortbewegt, aber wir haben keinen Sinn für diese Wellenbewegung des Aethers. Werden die Wellen kleiner, so empfinden wir sie als Wärme, werden sie noch kleiner als Licht und über das violette Ende des Specirums hinaus nehmen wir sie mit unseren Sinnen wieder nicht mehr wahr. Es fehlen uns also die Organe für das physische Jenseits! Vielleicht bringt es die Forschungstechnik noch dazu, so starke Vergrößerungen zu erzeugen, daß wir in dem Steine die ihre schwingenden und ro- tirendcn Bewegungen ausführenden Atome einzeln erkennen werden und so im Stande sind, unsere astronomischen Studien, die wir am raumdurchdringenden Teleskope begannen, im Mikroskop zu vollenden. Die Bewegungen der Atome im geworfenen Stein müssen selbst in den Details den Bewegungen der Himmelskörper ganz ähnlich fein. Nur eine Materie und an diese gebunden nur eine Energie im beständigen Flusse und nur ein Gesetz beherrscht das unendliche Universum. * Nachschrift: Soeben ersehe ich aus den „Astronomischen Nachrichten 136, 281", daß Belopolsky beim Stern ö Löxlloi einen dunklen Begleiter nachgewiesen hat. Der Radius der Bahn ist 1,330,000 stm, und das ganze System nähert sich uns mit einer Geschwindigkeit von 18 stin in der Secunde. „Die Lücke im Leben Jesu." Von Dr. Gustav A. Müller. Diesen vielversprechenden, ich möchte fast sagen pikanten Titel führt eine bereits in III. Auflage bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienene Ueber- setzung des Russischen eines Tibetreisenden Nikolaus Noto witsch. Das Buch ist mit all der Sorgfalt des noblen Verlags ausgestattet: sein Erscheinen ist als Verdienst zu begrüßen, denn das Werk ist die klare und deutliche Krönung der neueren Versuche, Jesum als Buddhisten zu erweisen, und nach ihm können alle weiteren Versuche als höchst überflüssige Plagiate zu Hause bleiben. Dies ist unsere Meinung vom liter arischen Werth des merkwürdigen Buches, das Reise- schilderung und christologifche Untersuchung in einem bietet, im ersteren freilich zweifellos wissenschaftlicher als im — zweiten. Noto witsch hat nämlich in einem Buddhakloster uralte Aufzeichnungen über einen im Judenland von den Heiden gekreuzigten Propheten „Jssa" gefunden, die er — sie relativ richtig auf Christum beziehend — in ihrer Objectivität über die Evangelien, in ihrem Alter vor dieselben, etwa 3 oder 4 Jahre nach Jesu Tod, zu setzen sich veranlaßt sieht. Wir erfahren da als Neuigkeit, daß Jesus, die Jncarnation der Weltseele, nach dem 18. Lebensjahr, um einer Heirath zu entgehen, die Heimath verläßt und den „Sindh" überschreitend zu den Buddhisten geht, wo er Weisheit lernt und lehrt und Wunder wirkt. Später hört er von seines israelitischen Volkes Geistes- und Staatsknechtschaft und kehrt als sein Erlöser heim; von den Luden gefeiert und geliebt, wird er dem bösen Pilatus unbequem, der ihn — den Juden zuwider! — hinrichten läßt. Die Verwandten begraben ihn, das Volk betet an seinem Grabe: drum läßt der wüthende Pilatus den Leichnam entfernen, das Grab aber offen stehen, um dem Cultus zu begegnen. Kino illus laorünao: daher die Legende von der „leiblichen" Auferstehung. Dies ist in Kürze das Neue, was wir vernehmen. Die Lücke im Leben Jesu — die Zeit vom 13. bis zum 30. Jahre — ist bedeutsam ausgefüllt: als eine Jncarnation Buddhas, besser als Buddhist, kehrt Jesus „von der Wüste" heim und wird der große Bekehrer einer weiten Welt. Die Buddhisten von Himis und Lass« verehren Jssa als einen der Ihrigen. Kaufleute hatten ihnen gleich nach dem Tage von Golgatha die letzte Kunde von Buddha-Jssa gebracht: diese Ohren- und Augenzeugen, meint Notowitsch, verdienen mehr Glauben als die kirchlich anerkannten Evangelien. Ich füge bei, daß die Tendenz des Buches keineswegs atheistisch ist und daß ich den „Fund" des Reisenden gar nicht bezweifeln möchte. Doch seine Bedeutung liegt auf dem Felde der Apokryphen, nicht auf dem geschichtlicher Wahrheit. Zunächst etwas Principielles. Aus einem Buddha konnte kein Christus, aus einem Buddhisten kein Jesus werden, weil ein Nihilist eben kein Autonomist ist. Buddhismus und Christenthum sind ganz einfache Gegensätze: jedenfalls braucht der Dalai-Lama auf den Buddha- Jesus nicht zu pochen. Notowitsch weiß vielleicht, was eine ernste Wissenschaft — nicht die der Bierpolitiker oder Ooirrnais voMZeurs — von der angeblichen inneren und äußeren Verwandtschaft zwischen Christenthum und Buddhismus hält; die abgefeimten Budohapriester mögen eine solche — sich natürlich bevorzugend — behaupten, die modernen Magier, die Spiritisten und „Magnetiseurs", mögen sie glauben, ein Christ aber macht sich vor sich selbst lächerlich, wenn er — seinen Glauben nicht besser kennt. Notowitsch ist uns freilich sympathischer als alle andern Buddhariecher: er leitet in seinem Funde die geistige Größe Jesu aus sich und seiner Lehrzeit ab, indeß die andern Jesum bei den Buddhisten das „Hexen" lernen lassen. „Jesus ein Buddhist?" und „Jesus ein Fakir?" — wir haben diese Untersuchungen hervorragender und achtbarer Spiritisten und Philosophen mit minderem Eindruck gelesen. Die Gleichung Buddha-Jesus ist also absolut nichts Neues; sie war bisher abendländische Forschungs-Specu- lation, nun ist sie durch eine orientalische Schriftrolle auch als Buddhisteuglaube erwiesen worden: was sie um keinen Bruchthcil überzeugender gestaltet. Warum? Notowitsch hat die gelehrten Akademien zu einer Prüfungsexpedition aufgefordert, nicht um die Echtheit, die absolut feststehe, zü untersuchen, sondern die Handschriften zu studiren und ihr Alter zu cruiren. Da haben wir's! Die Handschriften — ihr Alter. Die Handschriften sind eben noch nicht die „alten Kaufleute", die ihren Inhalt nach Indien brachten, sie sind nicht einmal apostolische Zeitgenossen — sie sind vielleicht recht späten Datums. Der Inhalt aber ist in den das Leiden Jesu berichtenden Stellen ganz unzweifelhaft voller Anklänge an unsere Evangelien. Die Kritik dieser letzteren sagt uns, daß sie nicht aus Indien importirt sind. Doch sie behandeln denselben Gegenstand, sagt wer, und in einer bestimmten T en- 371 denz und als spätere Zeugnisse. Chronologisch sind die Evangelien zur Stunde sicherer erkannt als die Schriftrolle von Himis, sie sind wirklich vertrauenswürdiger; doch wir wollen die „Expeditionen" nach Himis mit ihren Ergebnissen abwarten. Bleibt die Tendenz. Eine Tendenz hat jedes Ding, sonst ist es ein Unding. Soll das Wort aber soviel wie Partei bedeuten, und zwar „Partei um allen Preis", so macht die Buddhisteuschrift auf jeden Unbefangenen sofort den Eindruck, daß sie im Hinblick auf die Evangelien eben als Tendenzschrift geschrieben sei, gleichviel ob 1893 oder anno 37 n. Chr. — Mit merklicher Ostentation macht sie Front gegen die evangelischen Berichte vom Ende des Herrn! So betrachten wir die Schrift als einen späteren Tendenzabklatsch der Evangelien. Ob das Buch, soweit eS „Jssa" betrifft, nicht ein romanhafter, am Ende gar witziger Einfall sein soll, habe ich mich freilich gefragt: allein wir nehmen den Verfasser durchaus ernst, da wir ihn als vorzüglichen Ethnographen kennen lernten. Notvwitsch wird daher im zweiten Theil nicht weniger wahr sein wollen als im ersten: er müßte denn eine Heine-Natur als Satiriker haben. Der Wissenschaft nützen seine ethnologischen Beobachtungen sicherlich mehr als seine philologische Buddhistenprobe. Unsere sehr schlechte Meinung von der moralischen Aufrichtigkeit der Buddha- und Brahma- Priester hat er nicht gehoben. Der Versuch, Christum irgendwie mit einer „Schule" oder einem Neli- gionssystem zu identificiren, bleibt vernunftwidrig, sei er alt oder neu. Einen Gedanken freilich bestärkt auch dieses seltsame Buch, von dem der Prospect meint, es sei vielleicht berufen, die jetzige Neligionsanschauung zu modificiren. Es erinnert an den Orient, wo noch sicherlich uralte Zeugnisse über das Urchristcnthum begraben liegen. Roina. looutn est — sage ich in archäologischem Sinne. Der Orient hat nun angefangen, seinen Mund auf- zuthun. Die kommenden Jahrhunderte mögen wahre Wunder an Enthüllungen bringen. Ich glaube daran. Christum freilich werden sie nicht zum Buddhisten — „bekehren" können. Das war wohl auch bezüglich des Notowiisch-Fundes die Meinung von Renan, von Jules Simon, von Cardinal Noielli u. a., die Herrn Notowitsch nach seinem Vorwort mehr oder minder „deutlich" als ungläubige Thomasse entgegenkamen. Babenberger oder Scheyern. Eine genealogische Notiz von Dr. B. Sepp. Bekanntlich ist die Herkunft jener Markgrafen, welche mit dem Jahre 976 im Nordgan und in der Ostmark als Gebieter auftreten, noch immer in tiefes Dunkel gehüllt. Während Otto von Freising seinen Ahn, den Markgrafen Adalbcrt ('s 1055), ohne weiteres für einen Nachkommen des Babenbergers Adalbert erklärt, der am 9. Sept. 906 vor seiner Burg Tharisfa (ThereS) au: Main unweit Bamberg wegen Landfriedensbruchs enthauptet wurde/) steht Avcuttn nicht an, Otto's Bruder ') Oliron. VI, 15: »üx Irnius LUierti eavAuws LIbortus, gui xostmoclnm marebinin orieutalem, iä 88t Uaunouiam suxeriorem, UnAarrs erextaw Romano imxsiio aäioort ori- Aiiiem (luxisse traclitur.« AuS dein Ausdruck traäitur ersehen wir, daß Otto v. Fr. seiner Sache durchaus uicht sicher war; vielmehr lieh er sich wobl nur durch den Elcichlaut der Namen zu seiner Annahme verleiten, und er hat eben darum Leopold IV. als Sproß der Grafen von Scheyern zu bezeichnen?) Und in der That, so seltsam es auch auf den ersten Blick erscheinen mag, daß sich Otto von Freistng in einer ihn selbst so nahe berührenden Frage geirrt haben sollte, müssen wir doch gestehen, daß die größere Wahrscheinlichkeit für Aventins Annahme spricht, denn 1. steht urkundlich fest, daß Mitglieder jenes mark- gräflichen Hauses als Zeugen beim Ohre gezupft wurden, was, wie schon Riezler hervorgehoben hat?) ein sicheres Merkmal ihrer bayrischen Abkunft ist; von den Babenbergern aber läßt sich nicht bezweifeln, daß sie ihrer Abstammung nach Franken waren; 2. sind die Namen Berthold und Liutpold, welche die Stifter jener markgräflichen Linien tragen, in der Familie der Babenberger nicht nachweisbar?) im Hause der Scheyern dagegen wohlbekannt; 3) haben wir bestimmte Auhaltspuukte dafür, daß die Stifter jener markgräflichen Linien im Besitze scheyrischen Hausguts waren: n) Aus einer Traditionsurkunde des Klosters St. Emmeram (gedr. bei Pcz, Mass. anaeclot:. Vvl. I k. III S. 92 u. 99, 6ocl. traü. s. üinwar. anx. 20 u. 33) geht hervor, daß Markgraf Berthold im Einverständniß mit seiner Gattin Heilsuinda und seinem Sohne Heinrich dem Abt Namwold von St. Emmeram (reg. 975—1000) das Gut Jsling (bei Regensburg) im Donangau, wo auch sein Bruder Liutpold begütert war, Übermächte. Da nun Heilsuinda die Tochter des sächsischen Grafen Lothar von Walbeck war/) so kann dieses Gut nicht etwa von ihr in die Ehe gebracht worden sein, sondern nur zum Hausgut Bertholds gehört haben?) den eigentlichen Begründer der Linie Liutpcld I. (st 991) mi* * Stillschweigen Übergängen. Sein Zeugniß wird dober sehr verschiedenartig beurtbcilt. Während Giescbrccht (Nankc'sche Jahrb. d. d. R- unter Otto II. Exkurs VI S. 137) meint: „Auf diese Autorität hin mag denn sich immer die Tradition, so lange sich nicht eine sichere Genealogie auffinden läßt, auch weiter fortpflanzen", bestreiten F. Stein (Forschungen zur D. G. Bd. XII S. 131), S. Riezler (Gesch. B. Bd. I S. 360), Cl. Schwitz (Oesterreichs Scheyern-WittelSbacber S. 22 f.) die Richtigkeit dieser Hypothese, zumal cS an jedem Mittelglied zur Anknüpfung an die Babenberger fehlt. 2 ) Bayer. Chronik VI, cap. 17: „König Chunrad lihe Vairn, davon er herzog Haiurichcn den zebcuden vcrtribcn hat, seinem bruedcr der muctcr halben, herzog Leitpold. marchgrafcn auS Oesterreich, sank LeitpoldS fun, so auch auS dem eltistcn stam dcö Haus Bairn, den grasen von Scheirn, pürtig was." 2) Gesch. B. Bd. I S. 360 A. 3. Dieses Argument bewog auch Giescbrccht, seine Meinung zu ändern, s. Gesch. d. d. Kaiserzeit Bd. I 5. Aufl. S. 616 Anm. zu S. 573: „Man kann so zu der Annahme gelangen, daß die Babenberger m der Nordmark und in Oesterreich von einem bairischen im Bambergischcn später angesiedelten Geschlecht abstammten, aber man kommt über vage Vermuthungen nicht hinaus." *) Hier begegnen uns Namen, wie Poppo (— Pabo, davon Pabinberg — Bamberg), Avalbert, Ndalhard. S. ThietmarS (Enkel des Grafen Lothar von Walbeck) Chronik V, 8. Unter dem Chronik II, 11 z. I. 911 angeführten Grasen Berthold ist natürlich der Bruder dcS Herzogs Arnulf zu verstehen, vgl. Lnual. Laxo z. I. 913 (oomes steht in den Quellen oft, wo wir clux oder warelno erwarten). Die Unmöglichkeit, ihn mit dem Markgrafen Berthold zu identificiren, hat Cl. Schmilz a. a. O. S. 6 f. überzeugend bargethan. Eine Verwechslung war aber beim sächsischen Annalisten (z. I. 977) um so leichter, als beide Bcrtholdc Söhne des Namens Heinrich hatten. °) Daß die Schehern im Donangau viele Güter hatten, beweisen die Urkunden bei Ried coä. äixlow Uktisb. I n. 103« 372 Wie aber sollte ein Babenberger in den Besitz scheyrischen Erbguts gelangt sein? sz) Aus einer 2. Traditionsnrkunde desselben Klosters (ebenda S. 106 oax. 48; vgl. Ried eoä. clixlora. Ilatigd. I n. 120) ersehen wir. daß Bertholds Schwester Mathilde, welche den Burggrafen Pabo von Regensburg (Grafen v.Stefening) geheirathet hatte, das Gut Gundelshausen (bei Abbach) an St. Emmeram schenkte. Auch dieses war eine scheyrische Besitzung, welche ihre Mutter Kuni- gnnde anscheinend als Wittwengut von ihrem Gatten, dem Vater Bertholds, erhalten hatte, o) Eben diese Mathilde ließ laut einer Urkunde, die zu Maria Saal in Körnten ausgestellt wurde (s. Kleimayrn lluvavia Diplomatischer Anhang S. 198 n. 20, Nagel Notüt. oriA. äom. boions S. 236), durch ihren aävoeatus Berthold von dem Erzbischof Friedrich I. von Salzburg (reg. 958—991) und dessen aävooatrm Hartwig die Orte Gurnoz (— Gurnitz bei Klagenfurt) und Turbine (?) in Körnten gegen Zemusesdorf (— Zimmersdorf bei Feuchtwangen?) und Hornaresdorf (— Hormersdorf bei Hersbruck?) eintauschen. Nun wissen wir von den Scheyern, daß sie sowohl in Körnten/) wo einst Herzog Arnulfs Bruder Berthold geboten hatte, als auch im Sualafeld, Sulzgau und Rangau Besitzungen hatten/) von den Babenbergern dagegen ist weder das eine noch das andere bezeugt. Diese Umstünde rechtfertigen die Vermuthung von Cl. Schwitz a. a. O. S. 71 f., daß jener Markgraf Berthold im Nordgau mit dem gleichnamigen Sohn des bayrischen Pfalzgrafen Arnulf identisch sei. Denn wenn auch der letztere wegen Betheiligung an dem Aufstande seines Vaters des Landes verwiesen wurde (nach der Reisensburg bei Günzburg) und wegen des vor der Schlacht auf dem Lechselde geübten Verraths sogar das Leben verwirkt hatte, so ist es doch ausgemacht, daß er von König Otto I. auf Bitten seines Taufpathen (des hl. Bischofs Ulrich von Augsburg) begnadigt wurde?) Wenige Jahre später treffen wir ihn mit Liutpold als Zeugen bei Beurkundungen des Bischofs Abraham von 110, 112, wo uns als Besitzungen Judiths und ihres Bruders Ludwig: Schierling, Nogging, Lindhart, Biberbach und Aiter- hofen genannt werden. Ueber ihren Neffen Bertbold s. unten A. 17. Ueber Jslinz vgl. Heigel und Riezler, Das Herzozgthum Bayern, S. 294. ') Z. B. die Arnulsinger Hermann (im Grabfeldc, s. Kleimayrn, üuvavia. Diplom. Anhang S. 180 n. 66, vgl. Tümmler, Otto d. Er. S. 229 A. 3) und Ascuin (Ncifnitz am Wörther- see, f. Ncsch, Lunal. Labion. T. II S. 632 f. n. 2, Nagel a. a. O. S. 229 f.). °) So z. B. Herzog Bertholds Wittwe Willrude, Tochter des Herzogs Giselbert von Lothringen, Stifterin des Klosters Bergen bei Ncubnrg a. D., und Herzog Berthold felbst (s. Nagel a. a. O. S. 243 f.. Llon. So. XXXIa. 230 f.. Oefele, Vermißte Kaiser- und Königsurkundcn. Sitzunqsbcr. d. k. b. Akad. d. W. philos.-philol.-histor. Cl. Jahrg. 1893 S. 296 n. XIII). Daß die Allode der Markgrafen von Schweinsurt mit dem babenbergischen Besitz sich nicht berühren, hat schon F. Stein a. a. O. S. 132 f. gezeigt. °) S. Conrad von Scheyern Llon. Lo. X, 392 f., der den Sohn Arnulfs fälschlich Wcrnherus nennt; vgl. Hmiial. s. ümmsr. z. I. 951, Gerhards vita s. Väalrioi cap. 12. Otto von Freising läßt diesen Berthold im Jahre 955 durch die Ungarn gctödtet werden, s. Obrem. VI, 20; aus einer Urkunde Otto'S II erhellt aber, daß er noch im I. 976 am Leben war, s. Lloy. Lo. XI. 439. Freising (reg. 957—993)/°) des treuen Berathers seiner Tante Judith, die seit dem Tode ihres Gemahls Heinrich I. (-ß 955) die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Heinrich (d. Zänker) in Bayern führte. Judiths und Abrahams Fürsprache wird es wohl auch zuzuschreiben sein, wenn Berthold durch Otto d. Gr. ums Jahr 960 die Grafschaft im Nordgau, Nadenzgau und im Volkfelde,") wo auch seine Ahnen regiert hatten,") erhielt, während dem jüngeren Bruder Liutpold (nach 973) die Grafschaft im Donaugau") und im Sundergau") zu- theil wurde. In dankbarer Erinnerung an seinen königlichen Wohlthäter warnte Berthold dessen Sohn Otto II. im I. 974 vor den Anschlägen Heinrichs des Zänkers,") der dem Scheyern das ihm von Rechtswegen gebührende Herzogthum Bayern vorenthielt und ihm daher in der Seele verhaßt sein mußte. Als jedoch Otto II. nach der Aechtung des Bayernherzogs dieses Herzogthum nicht ihm, sondern seinem Neffen Otto von Schwaben verlieh, lehnte sich Berthold gegen seinen König auf,") und es kam so weit, daß Otto II. mehrere Güter des scheyrischen Grafen confiscirte.") Dies veranlaßte Berthold, sich dem l°) S. Meichclbeck, bist. Pris. Ib n. 1090, 1097 g und b, 1101; Huschbcrg, Aclteste Gcsch. d. HauscS Scheyern-Wittcls- bach, S. 181 A. 13. ") S. LIu einem besseren Verständniß der Währungsfrage führen. Kiesel und Krystall. Gedichte von Anton Müller (Br. Willram). Buchhandlung des Kath.-pol. Preßvercins, Brixcn. 8 Bg. auf Doc.-Papier 60 kr.; in feinem Ge- schcnkband fl. 1,20. „Die Gedichte des .herrlichen Bruders Willram', wie ihn vr. Hehl in einem Briese an mich genannt hat, sind nach meinem Urtheile echte, frische, mitunter geradezu prächtige Lyrik, wahre Poesie. Die flügge gewordene junge Alpcnlcrche verspricht ein ausgezeichneter Sänger zu werden." — Dieses Gutachten hat Sckrcibcr dieser Zeilen seinerzeit dem Ausschiffst deS Kath.-polit. Preßvercins gegenüber abgegeben. Jetzt figurirt dasselbe, wie ich sehe, an der Spitze des Liedcrbüchleins, daS nun in nobler Prachtausgabe vorliegt. Nachdem ich die Lieder Bruder Willrams neuerdings gelesen, kann ich nur obiges Urtheil wiederum und vollinhaltlich unterschreiben. Es ist eine Freude und ein Genuß, diese jugendfrischcn und jugendkräftigen Dichtungen zu lesen, und man wird beim Lesen mächtig zum Mitdichten eingeladen — das aber ist eben daS richtige Kriterium. Die erste Abtheilung seiner Dichtungen überschreibt der Sänger mit „BnnteS Allerlei". Dennoch lassen sich bestimmte Gruppen zusammengehörender Lieder ziemlich genau unterscheiden. Dem jugendlichen Alter des Dichters entsprechend, stehen da zunächst die Lieder der LenzeSlust und des freudigen JugendmutbeS. Wer auch einmal jung gewesen und mit Jugendträumen geflogen, fühlt sich lebhaft zurückversetzt in jene goldene Zeit, die freilich so balde entschwunden. Aber sehr täuschen würde man sich, wollte man den Sänger für einen leichtsinnigen Springinsfeld halten, wie deren so viele sich auf dem deutschen Parnaß herumtummeln. Zins die Lieder der Jugendlust folgen in merkwürdigem Contrast Dichtungen von gewaltigem Ernst. Eine ganze Gruppe könnte man „Friedhofsgedichte" überschreiben. Dahin gehören: »Vanitas vanitatum-, „Das einsame Grab", „Im Beinhaus", »vxtrema. so tanFirnt«, „Der Friedhos", „Das Emblem des Todes" uud andere. Die zweite Abtheilung ist dem „Marierffang" gewidmet und enthält prächtige Lieder; wir nennen nur: „Gruß an die Maienkönigin". Die Waldkapelle", „An die Schmerzhafte" u. s. w. Das hübsch ausgestattete Büchlein bildet eine reizende Weihnachtsgabe. Verantw- Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg.