4. N xerei Ut >8s1dn-2 Neovitalismus. / ^ Von Proscssor vr. L. Haas in Possau. (Vgl. Beilage znr Augsb. Postzcitung Nr. 41 vom 4. Oktober 1895 und Eäa XXX, S. 705 sf.) Erfreulicherweise erheben sich mancherlei Stimmen gegen die materialistische Naturerklärung, insbesondere gegen die des Lebens. Zwar hält man auf der einen Seite immer noch starr daran fest, daß in der Zelle die Atome dieselben Kräfte haben, wie außerhalb einer solchen (Du Bois-Neymond, Rede in d. öffentl. Sitzung d. preuß. Akad. d. WW. am 28. Juli 1894), daß es also eine Lebenskraft nicht gibt; doch finden wir die Ansicht, die im Leben ein Problem sieht, welches nicht nur mechanistisch, sondern sogar physikalisch-chemisch auflösbar sei, ohne weiters als beschränkt bezeichnet. (Driesch, Biologie als selbstständige Grundwissenschaft.) Bunge führt in seinem Lehrbuch der physiologischen Chemie die von ihm be- strittene Behauptung, daß in den lebenden Wesen einzig und allein die Kräfte und Stoffe der unbelebten Natur wirksam seien, darauf zurück, daß wir zur Beobachtung der belebten und unbelebten Natur immer nur ein und dieselben Sinnesorgane benützen, welche nur einen beschränkten Kreis von Bewegungen percipiren. Er verweist dagegen auf den inneren Sinn zur Beobachtung der Zustände und Vorgänge unseres Bewußtseins. Dieser zeigt uns Qualitäten der verschiedensten Art, Dinge, die nicht räumlich geordnet sind, Vorgänge, die nichts mit einem Mechanismus zu thun haben. Die physiologische Forschung beginnt mit dem complicirtesten Organismus, dem Menschlichen, weil wir durch die Selbstbeobachtung, den inneren Sinn, in dessen innerstes Wesen eindringen können, um der von außen vordringenden Physik die Hand zu reichen. „In der Aktivität steckt das Räthsel des Lebens." Der Referent der Gäa (Or. Klein?) bemerkt mit Recht, daß Neymond übersieht, daß in der That in den Lebewesen andere Kräfte auftreten als in den Atomen außerhalb der Zelle, nämlich die Motive, welche Aktionen hervorrufen, und zwar mit der gleichen Nothwendigkeit, wie die Schwere den nicht unterstützten Stein zum Fallen bringt. So anerkennenswerth dergleichen Anschauungen und Bestrebungen sind, so würde man doch sehr irren, wenn man in ihnen sofort eine principiell und wesentlich verschiedene Lösung der Frage erblicken wollte. Nur der Ausgangspunkt ist vorläufig ein verschiedener. Der Neovitalismus, welcher in neuerer Zeit sich geltend macht, unterscheidet sich dadurch von dem älteren Vi- talismus, wie ihn die christliche Philosophie und u. a. Joh. Müller und E. H. Weber vertreten, daß er nicht wie dieser zwischen der organischen und anorganischen Kraft unterscheidet. Ein Hauptvertreter desselben ist der Würzburger Professor I)r. Rindfleisch, der schon in seiner Nektoratsrede und neuerdings auf der 67. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Lübeck Zeugniß von demselben abgelegt hat. In seiner Nektoratsrede spricht sich vr. Rindfleisch in folgender Weise aus: „Ganz unabhängig von jenen älteren Vitalistischen Theorien hat sich der Neovitalismus entwickelt, welcher die Lebenskraft nur in der innigsten Verbindung mit einem zu ihr gehörigen Lebensstosi kennt und beide gleichzeitig zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung macht. Derselbe ist lediglich bemüht, die Erscheinungendes Lebens aus der chemisch-physikalischen Beschaffenheit des Lebensstosfes zu erklären." .. . „Er verhehlt sich aber nicht, daß cs abgesehen von den Erscheinungen des Bewußtseins Thatsachen gibt, welche der Forschung vielleicht unübersteigliche Hindernisse bieten werden." Eingehender und zuversichtlicher sind die Darlegungen in der Rede zu Lübeck, die wir in einer kurzen Erörterung auf ihren Werth und ihre Bedeutung prüfen wollen. Gegenüber der mechanistischen Weltanschauung, die zur Erklärung der Vorgänge in der Natur vom Einfachsten und Kleinsten, dem Atome, ausgeht, von dem wir aber immer noch nicht wissen, waS es ist, setzt der Neovitalismus bei dem Verwickelt- sten, dem Weltganzen, ein und sucht den Geist dieses Wcltganzen auch in die elementarsten Bildungen und Vorgänge der Körperwelt hineinzutragen. Der Mechanismus hat insbesondere das „Wie" der Verbindung von Kraft und Stoff nicht zu erklären vermocht. Der Neovitalismus hilft sich da ganz einfach: er sucht etwas, bei dem Kraft und Stoff schon möglichst verschmolzen sind, und findet dieses Etwas in einem Stoffe, der sich selbst bewegt. Ein solcher Stoff ist die Welt als Ganzes. Das sich das Weltall selbst bewegt, sei ja eine uns allen geläufige Ueberzeugung, und nichts hindere, sie zum Ausgangspunkt der ferneren Betrachtung zu machen und zu behaupten, daß das die ganze Welt bewegende Princip nicht auch in den Theilerscheinnngen zu einer den Umständen angepaßten Darstellung drängte und in etwelchen Versuchen und Nachbildungen zum Vorschein käme, wie etwa an einem gothischen Tome die Idee des Ganzen auch an der kleinsten Dachverzierung sich ausprägt. Von den gelungeneren (sind nicht alle gelungen? warum nicht?) unter solchen Nachbildungen werden vorsichtige Rückschlüsse auf das Ganze gemacht, welches ja kein sterbliches Auge mit einem Blick zu umfassen vermag. Das die Grundanschauung des Neovitalismus. Näthselhaft und unverständlich ist in dieser Darstellung, daß der sich selbst bewegende Stoff, das Weltganze, in den Theilerscheinungen es nur zu mehr oder minder gelungenen Versuchen bringen soll. Wo liegt der Grund hievon? Das Weliganze muß doch als unabhängig und absolut gefaßt sein. Was als Ganzes vollkommen ist, das ist es doch auch in seinen einzelnen Theilen in ihrer Art; sind die einzelnen Theile (Theilerscheinnngen) oder auch nur ein Theil derselben minder gelungen, so ist es auch das Ganze. Die „Umstände" können auch keinen Einfluß ausüben; denn sie gehören jedenfalls auch zum Ganzen und sind von diesem abhängig. Es bleibt für den Neovitalismus nur die Annahme übrig, daß der sich selbst bewegende Stoff, das Weltganze, in seinen Theilerscheinungen sich selbst unbegrciflicherweise behindert und beschränkt, ein Widerspruch, der jeder monistischen Weltanschauung von Hause aus anhaftet. Ist die Grundanschaunng des Neovitalismus neu? Sie erinnert zu sehr an den Hylozoismus der älteren Mischen Naturphilosophen, die in naiver Auffassungs- wcise einfach die unmittelbare Einheit von Materie und Leben annahmen. Dieses Leben findet sich bei ihnen in allem. Den Satz des Thales (geb. um 640 v. Chr.), daß alles voll von Göttern sei, kann der Neo» 2 oitalismus ohne weiters herübernehmen, wie sich besän- , ders aus seiner weiter unten zu besprechenden Vorstellung von Gott ergibt. Wie steht es weiter mit dem Ausgangspunkt? Das Weltall bewegt sich; woher der Beweis, daß es sich selbst bewegt? Ist vielleicht beides eins? Wir finden diese Bewegung in ihrem Gange vor. Soll etwa darin der Beweis liegen, daß sie eine Selbstbewegung ist? Dann gilt für mich eine Uhr, die ich im Gange finde, als selbstbewegt und belebt, sowie jeder Fluß, dessen Lauf ich mich nähere. — Soweit wir die Bewegungen der Himmelskörper kennen, folgen sie mechanischen Gesetzen. Folgt etwa daraus, daß die Gesammtbewegung eine lebendige ist? Oder verlieren die Einzclbewegungen dadurch, daß die Gesammtbewegung ohne weiters als lebendige, als Selbst- bewegung genommen wird, ihren mechanischen Charakter und werden lebendige? Wo wir eine Bewegung in der Natur treffen, da finden wir Bewegtes und Bewegendes: wer gibt das Recht, die Gesammtnatur" als lediglich bewegend, als sich selbst bewegend zu behaupten, wenn nicht der erste Beweger (der aristotelische „unbewegte Beweger") durch eine kühne xotitio xrinoixii in die Natur und in die passive Bewegung mit hereingezogen wird, also seine reine Aktivität verliert? An einen Anfang der Bewegung kann man Hiebei auch nicht denken, sie ist einfach gegeben, ewig. Die hieraus sich ergebenden Conscquenzen will ich nicht weiter verfolgen. Von einer Selbstbewegnng legt allein das menschliche Bewußtsein Zeugniß ab. Aber gerade diese Selbstbewegnng, die sich im seelischen und geistigen Leben des Menschen kundgibt, muß der Neovitalismus leugnen; er kann sie nicht als eigentliche Selbstbewegung fassen, sondern nur als Folge, also als Wirkung der Gesammtselbstbewegung des Weltganzen. Seine Grundanschauung fußt ja in der potitio xrinoixii, daß alle Bewegungen der lebenden Wesen dieselben sind wie die des Weltganzen. Würde der Neovitalismus von der einzigen Selbstbewegung, die wir beobachten können, von der menschlichen, ausgehen, dann würde er zu ganz anderen Resultaten gelangen. Schon das Thierleben (um vom Menschenleben nicht weiter zu reden) zeigt Bewegungen, die sich von den im Weltall der Beobachtung zugänglichen Bewegungen diametral unterscheiden. Man nehme einfach das Beispiel eines in die Luft geworfenen Steines und eines in die Luft geworfenen lebenden Vogels t Von der in der Bewegung des letzteren sich zeigenden Willkür findet sich in den bis jetzt beobachteten Bewegungen im Weltall keine Spur. Soll man daraus etwa gar schließen dürfen, baß sie sich in den nicht beobachteten oder gar in den der Natur der Sache nach gar nicht der Beobachtung zugänglichen, d. h. den uranfänglichen, ewigen findet? Es bleibt da für den Neovitalismus nur die unbeweisbare Annahme übrig, daß sich Las Weltall ein- für allemal für seinen gegenwärtigen Bewegungsgang selbst (willkürlich) bestimmt hat. Kein sterbliches Auge vermag das Weltganze mit einem Blicke zu umfassen. Und doch die Ueberzeugung von seiner Selbstbewegung mit den weiteren auf sie gebauten Behauptungen! Was wir als Ganzes nicht erfassen, von dem dürfen wir als Ganzem nur dann etwas behaupten, wenn uns die Einzelbeobachtungen dazu berechtigen. Nicht aber dürfen die allein maßgebenden Einzelbeobachtungen von vorneherein und ohne Grund eine bestimmte Färbung und Bedeutung von einer vorgefaßten Meinung bezüglich des Ganzen erhalten. Wer einen Menschen von vorneherein für einen Taugenichts oder einen Tugendbold hält, der findet den Widerschein davon leicht in den einzelnen Handlungen desselben. Die Grundanschanung des Neovitalismus beruht also auf einer xatitio xrlneixii und. demzufolge auf einem logischen Zirkel. Ohne Beweis steht ihm fest: Das Ganze ist belebt. Daraus folgt freilich logisch, daß auch die einzelnen Theile belebt sind. Die einzelnen Theile müssen also, mögen sie auch wie immer sein, als belebt genommen werden, damit von ihnen (vorsichtige) Rückschlüsse auf das Ganze möglich sind. Wozu denn überhaupt solche Rückschlüsse, wenn man sich über - das Ganze schon klar ist? Heißt das etwas anders, als eine aufgestellte Behauptung aus dem beweisen, was nur durch sie gewiß ist? (Schluß folgt.) „Negensburg in seiner Vergangenheit und Gegenwart."*) (Bearbeitet von Hugo Graf von Walderdorff.) Negensburg, in der Herzgegend Bayerns gelegen, in einer Gegend, die „eine Stadt Herlocken mußte," — ein Compliment, das man Goethe nie vergessen wird —, vor alter Zeit die Hauptstadt des Landes, Jahrhunderte lang eine Centralstätte der Cultur, Sitz zahlreicher Stifter und Klöster, berühmter Bischöfe, blühender Geschlechter, oftmals der Versammlungsort der Stände des heiligen römischen Reiches: darf sich einer Vergangenheit rühmen, wie wenige der Schwesterstädte im engeren und weiteren Vaterlande. Und hat auch sein Stern längst den Zenith überschritten, er steht noch in achtunggebietender Höhe; und der Glanz der Vergangenheit, krystallifirt in herrlichen monumentalen Werken aus allen Perioden der christlichen Aera, wie die Blüthe der Gegenwart vereinigen sich dort an der nördlichsten Biegung der Donau zu einem der anziehendsten Städtebilder im südlichen Deutschland. „Negensburg in seiner Vergangenheit und Gegenwart" ist soeben Gegenstand einer Beschreibung geworden, die der geschichtlichen und kulturellen Bedeutung der Stadt in jeder Beziehung entspricht und ohne Umschweif als mustergiltig in ihrer Art anerkannt werden muß. Der Verfasser, Graf Hugo von Walderdorff, seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Stadt in eingehender Weise beschäftigt, hatte bereits im Jahre 1869 bei Gelegenheit der Generalversammlung der deutschen Geschichts- und Alterthums - Vereine einen dankbar aufgenommenen Wegweiser durch Regensburg erscheinen lassen. Nunmehr, in der 4. Auflage, ist die Schrift zu dem respektablen Umfange von ungefähr 700 Seiten angewachsen und damit ein Hausbuch geworden für jede BürgerSfamilie, ein vorzüglicher Führer für alle jene Fremden, deren Interessen den gewöhnlichen Horizont überragen, ein unentbehrliches Ortentirungsmittel für den Geschichtsforscher und Kunstfreund. Bei dieser neuen Auflage, welche sich gegen die unmittelbar vorausgehende um mehr als das Doppelte vergrößerte, hatte sich der Verfasser die Aufgabe gestellt, nicht nur der emsigen Lokal- und Spezialforschung auf historischem Gebiete, welche gerade in Negensburg einen sehr ergiebigen Boden fand, auf allen Punkten zu folgen, *) Vierte, vollkommen umgearbeitete und vielfach vermehrte Auflage. Negensburg, Fr. Pustet, 1896. ö M- 3 ihre Resultate an den Quellen kritisch nachzuprüfen und zu einem Ganzen zusammenzuarbeiten, sondern auch dieselben zu ergänzen und vielfach selbstständig weiterzuführen. Einen besonderen Werth und Reiz verleihen dem Buche die zahlreichen (bei 200) gelungenen und instruktiven Illustrationen. Die Disposition des Inhaltes betreffend bemerkt der Verfasser: „Die Einrichtung des Buches ist in der Hauptsache dieselbe wie früher geblieben, doch wurde der Stoff etwas übersichtlicher gestaltet. Einer allgemeinen geschichtlichen Einleitung, wobei namentlich, wie auch in den früheren Auflagen, die etwas verwickelte Verfaffungs- geschichte näher beleuchtet wurde, folgt eine längere Abhandlung über die örtliche Entwicklung der Stadt in den verschiedenen Zeitperioden. Besonders eingehend wurde Hiebei die alte Römerstadt mit ihrer wieder neu aufgedeckten porig. prnstoria, und den römischen Todten- seldern behandelt; es schien dies um so mehr geboten, als über die hiesige Römerzeit mehrfach unrichtige und unhaltbare Meinungen verbreitet worden waren. .Hieran schließt sich eine gedrängte Beschreibung der einzelnen kirchlichen und profanen Bauten, sowohl in geschichtlicher als architektonischer Beziehung. Nm auch der Neuzeit gerecht zu werden, folgt ein kurzer Abschnitt mit statistischen und praktischen Notizen, und endlich schließt das Werk mit einem Ausfluge durch die ebenso denkwürdigen als wechselvollen und reizenden Umgebungen von Regensburg" (p. XI 8.) Dieses schöne Werk gereicht wie dem Verfasser, io auch dem einheimischen Pustet'schen Verlage, dessen Interesse und Opfcrwilligkeit für die Sache die treffliche reiche Ausstattung des Buches ermöglichen half, zu hoher Ehre. Ncgensburg. Dr. Endres. „Schwedens Schanze."*) Ein Wort über die Völker Skandinaviens, besonders über die Schweden von Frau Helene Nyblom, geb. Noos. Frei und gekürzt nacki dem schwedischen Original von Or. P. Wittmann. Wem immer Gelegenheit geboten war, sich längere Zeit mit dem Studium eines Landes und seiner Bewohner zu beschäftigen, der gewinnt allmählig den Eindruck, als trete ihm eine selbstständige, ausgeprägte Persönlichkeit entgegen. Geschichtliche Erinnerungen, eigene Erfahrung, schöne und häßliche Züge vereinigen sich zu einem Ganzen. Das Wesentliche haftet, das Zufällige verschwindet. Auch die Vorzüge und Mängel der Heimath fallen besonders dann in's Auge, wenn man nach längerer Abwesenheit wieder dorthin zurückkehrt. Nur reife Erfahrung berechtigt übrigens dazu, die eigene Ansicht weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Denke ich mir die skandinavischen Länder als drei belebte Wesen, so repräsentirt für mich Dänemark das Bürgerthum, Norwegen den Bauernstand, Schweden den Adel. Natürlich ist das nicht so zu verstehen, als ob ich glaubte, Dänemark sei nur aus bürgerlichen, Norwegen ausschließlich aus bäuerlichen Elementen zusammengesetzt, ") „Schanze" (Lcansen) betitelt sich daö von Dr. Hazelius, dem Vorstand d. Nord. Museums aus Djurgürdcn bei Stockholm angelegte „Freiluft-Museuin", welches schwedisches Volksleben alter und neuer Zeit darzustellen bestimmt ist. Während die Schweden sich sammt und sonders edler Ahnen rühmen könnten. Ich meine bloß, daß jede der drei Nationen die Licht- und Schattenseiten genannter Gesellfchaftsschichten in vorzüglichem Maße wiederspiegle. Im schwedischen Landmanne tritt ein ritterlicher, im dänischen Aristokraten ein bürgerlicher Zug zu Tage, während dem Normann fast immer etwas Bäuerisches anklebt. Dänemark gleicht gewissermaßen einer freundlichen, wohlhabenden Bürgcrsfrau, welche ihr gemüthliches Heim gerne auch Anderen erschließt und in liebenswürdiger Weise znr Theilnahme am Familien- tische einlädt. Das Zimmer ist hübsch und wohnlich eingerichtet; Thorwaldsen'sche Bildwerke und Gemälde dänischer Meister schmücken die rothbraunen Wände; Kopenhagener Werkstätten entstammt die Einrichtung. Alles athmet Behaglichkeit. Ueberall treten uns Erzeugnisse einheimischen Gewerbeflcißcs entgegen. Auf der Tafel prangen lockende Gerichte, und die letzte Vorstellung des kgl. Theaters, das neueste dänische Werk, eine Ausstellung in Char- lottcnbnrg oder die reichlich gebotenen Zerstreuungen der Hauptstadt bilden den Gegenstand munterer Unterhaltung. Betritt man in Kopenhagen ein conservatipes oder liberales Haus — die Bewohner versichern uns, daß sie sich gegenseitig Haffen und verachten — so beobachtet man doch überall gleich große Gemüthlichkeit und Gastfreiheit. Man gewahrt ein gewisses allgemeines Wohlbefinden und eine weitverbreitete Bildung von stark ausgeprägter nationaler Färbung, die selbst längerer Aufenthalt im Aus- lande kaum zu beeinflussen vermag. Auch der stark mar- kirte Tonfall des Hauptstädters verschwindet trotz aller Berührung mit fremden Nationen niemals. Die Dänen sind eben Inselbewohner. Hierin liegt ebensowohl die Ursache ihrer Stärke wie ihrer Beschränktheit. Für daS, was aus ihrer Mitte hervorgeht, Zeigen sie ausgesprochene, leicht zu lächerlichem Dünkel ausartende Vorliebe. Und doch hat andererseits auch dieser Stolz auf eigenes Können dem kleinen Lande Kraft verliehen, bei Vertheidigung feiner Existenz wahre Wunder von Heldenmuth zu vollbringen. Die Ansammlung einer nach Hunderttausenden zählenden Volksmenge in Kopenhagen, der einzigen bedeutenden Stadt des Reiches, erinnert etwas an kleine Männer mit zu großem Kopfe, an Personen, welche sich von Kindheit all altklug geberdeu und, um länger zu scheinen, als sie in Wirklichkeit sind, recht hohe Hüte tragen. Faßt man aber nicht die Residenz allein, sondern das gesawmte Land in's Auge, so erweisen sich die Dänen, als wackere Bürger, als fleißige, sparsame und gutmüthige Leute. Sie nehmen das Leben von seiner heiteren Seite und sind wohlwollend und hilfsbereit gegen Jedermann. Freunde edler und gemeinnütziger Ideen, zeigen sie alle eine auffällige Gleichartigkeit der Sinncs- richtnng. So wie ihr Boden verhältnißmäßig wenige, dabei nur kleine Erhöhungen zeigt und die Sprache etwas monoton klingt, so ist auch das ganze Volk jeglicher Uebertreibung abhold. Was das Gewöhnliche übersteigt, mißfällt und muß die Geißel des Spottes fühlen. Welch' gewaltiger Unterschied zwischen dem norwegischen und dänischen Bauer! Letzterer hat allzulang seinen Herren Knechtsdienste geleistet, als daß er der Nation noch ein bestimmtes Gepräge zu der- 4 leihen im Stande wäre. Die Norwegischen Landleute dagegen sind stets freie Männer gewesen; Könige und Heerführer gingen aus ihrem Schoße hervor. Gleicht doch schon ihr Land einem solchen breitschulterigen Ackersmann, wie er hochgewachsen und stattlich, dabei hüftenschlank, mit marktrten Zügen, fest- geschlossenem Munde und hervortretendem Kinn unter buschigen Brauen seine scharfen Blicke auf uns richtet. Die ausgesprochene Individualität, will er seinen Staat nicht nur durch eine Stadt vertreten wissen; das eigene Thal, der eigene Fjord bildet seinen Stolz; er versteht es, sein Heim zu einer Welt für sich zu gestalten. Hat ja der Schöpfer das herrliche Nordland gar mannigfach abgetheilt und gegliedert. Allenthalben überwiegen die Kuppen mächtiger Berge, und der Mensch sieht sich darauf angewiesen, die zwischen ihnen liegenden Thalspalten dienstbar zu machen. Wenige Gegenden der Erde erreichen Norwegen an Schönheit. Selbst der Schweiz mangelt diese Unzahl von Wasserfällen, die Fülle der Buchten, das erhabene Meer. Und dennoch scheint auf den Bewohnern dieses gewaltigen Berglandes eine Art Druck zu lasten. Ueberall ruft gewissermaßen die Natur dem Menschen zu: „Bis hieher und nicht weiter!" Der Verkehr zwischen den verschiedenen Bezirken und deren Hauptplätzen gestaltet sich nirgends wie im offenen Lande; geistige und körperliche Absperrung der Menschen ist hievon natürliche Folge. Jedes der kleinen Gemeinwesen führt sein eigenes, beschränktes Dasein; hoffnungslose Jsolirtheit bildet sein Gepräge. Im Gegensatze hiezu bietet der norwegische Bauer ein vollkommen abweichendes Bild. Jeder Zug seines Wesens verräth den Normannen; sein Charakter ist der eines auf sich bauenden, thatkräftigen Mannes. Nicht selten artet sogar bei ihm Kraft zur Derbheit, Eigenart zum Unschönen aus. Der überflnthenden Fülle von Mannhaftigkeit könnten einzelne weiblich-weiche Züge durchaus nicht schaden, würden ihr vielmehr sicher zur Zierde dienen. Mit Recht stellt man Norweger und amerikanische Westmänner zu einander in Parallele. Muth und Begeisterung eines jungen Volkes zeichnen beide gleichmäßig aus. Das Sagenzeitalter liegt hinter ihnen, während die Periode fortschreitender Cultur noch andauert. Was manche Europäer beim Besuch gewisser Theile Amerikas vermissen — Mangel von Spuren früherer Civilisation — zeigt sich beim norwegischen Bauer: die guten Eigenschaften eines Kindes, gepaart mit den großen Fehlern eines Neuansiedlers oder Wikings. Denke ich mir somit Dänemark im Bürger, Norwegen im Bauersmann verkörpert, so steht Schweden als adeliger Jüngling vom alten Schlage eines Sten Sture oder Gustav Wasa vor mir, ein Junker, der sich auf der Welt umgesehen und dabei Schätze von Wissen und Kunstfertigkeit erworben hat, schließlich aber doch wieder zur lieben Heimath zurückkehrt, um hier leben und sterben, sie im Fall der Noth mit Gut und Blut vertheidigen zu können. Die schwedischen Aristokraten waren nicht nur Schlemmer und Bauernschinder, wie vielfach anderwärts der Fall, sie erwiesen sich vielmehr von jeher als wahre Repräsentanten der Staatsidee und leisteten ihrem Vaterlande gute Dienste. Sie vermittelten ihm zugleich die höhere Cultnr anderer europäischer Völker. In Schwedens zahlreichen Herrenhöfen empfängt man beständig neue Eindrücke wohlthätigster Art. Gemälde - Sammlungen, Büchereien, von den Ahnen erworbene, mit Pietät und Stolz bewahrte Kunstgegenstände legen Zeugniß ab, wie Generationen hindurch höhere Ziele verfolgt wurden, wie mächtig und bedeutsam der Staat bei den großen europäischen Verwickelungen eingegriffen hat. Betritt man aber die Residenzstadt, so „scheint einem die ganze schwedische Geschichte in weitem Umriß entgegenzutreten". Ich erwähnte bereits, daß es mir ferne liege, die politische Geschichte des Reiches mit der seiner Nobtlität zu identificiren, zu behaupten, daß gerade sie den Kern der Nation bilde. Nur darauf möchte ich hinweisen, wie bei all' dem Guten, das man in Schweden antrifft, sich eine gewisse Vornehmheit bemerklich macht, die Landes- geschichte den Stempel der Großartigkeit an sich trägt. Noch zur Stunde erblicken wir in den Bewohnern DalarneS jenes stolze Racevolk, das einst mit gleichem Muth wie die Großen für die Sache der Freiheit eintrat; beim Laydmann und Tagewerker entdecken wir ein augebornes Schicklichkeitsgefühl, einen Takt, wie man ihn sonst selten findet. Am wahrsten und treffendsten drücken die Volks-Lieder die GrundstimMung der Volks- Seele aus; sie sind der beste Beweis für den hochentwickelten ästhetischen Sinn derselben. Dieses ange- borne Schönheits-Jdeal, daS sich oft mit merkwürdiger, harmonischer Vertheilung ungleicher Eigenschaften vereint, hat Individuen von ungewöhnlicher Vollkommenheit auf dem Gebiete der politischen und Literaturgeschichte erzeugt. Anlangend Kunst will ich hier nur Jenny Lind erwähnen. Ich glaube kaum, daß sie außerhalb Schwedens hätte geboren werden können. Hervorgegangen aus dem Volke, hatte sie keinerlei Vorschule genossen und sah sich überdies von all' den Versuchungen und Gefahren umgeben, welche eins Jüngerin der Kunst auf der Bühne bedrohen. Gleichwohl nahm sie eine ganz vereinzelte Stellung ein: sowohl durch Reinheit des Charakters wie durch ungewöhnliche Leistung in ihrem Fache. Diese strahlende Unschuld, vor der sich ein Jeder beugen mußte, das Vermögen, die Gefühle der Menschen zu erfassen und ihnen vollkommen adäquaten Ausdruck zu verleihen, hat vor und nach ihr kein Weib besessen. Trotz der Befähigung zum Universellen, dem Stigma höchster Begabung, hing Jenny mit allen Fasern ihres Herzens an Volk und Natur ihres HeimathlandeS, ja die Liebe zu diesen bildet sogar den einzigen leidenschaftlichen Charakterzug, den wir an ihr bemerken. Wenn ich von Jenny Lind rede, so geschieht es, weil sie mir als bekanntestes Beispiel dafür erscheint, welch' geniales Neceptionsvermögen die schwedische Nation besitzt. In Dänemark sind die großen Massen gebildeter, obschon sich hier oft das Wissen auf einen recht engen Gesichtskreis beschränkt; in Norwegen macht sich die ausgeprägteste Stammeseigenthümlichkeit geltend; nur die Schweden können fast Alles mit Liebe umfassen und auch erfassen. So begabte, harmonisch gestimmte Naturen, wie sie in Schweden, und zwar in jedem Stande, vorkommen, finden sich bei anderen Völkern nur ganz vereinzelt. (Schluß folgt.) Der schwarze Bertholt», der Erfinder des Schieß- pnlvers und der Feuerwaffen. F. k'. Nach der Buchdruckerkunst wird keine andere Erfindung so hoch gewerthet und ist keine von so hohem Einflüsse auf die Entwickelung der Völker gewesen, als eben die des Schteßpnlvers und der Feuerwaffen. Wohl soll jeder Volksschüler den Namen des Mannes wissen, der diese epochemachende Erfindung machte, und sagen können, wie diese geschehen; allein über dieses hinaus ist selten über „Berthold Schwarz" weiteres zu hören. Ja, es ist noch gar nicht lange her, daß man es geradezu in Zweifel gezogen hat, daß der Freiburger Franziskaner- Mönch überhaupt der Erfinder sei. Da ist es nun höchst erfreulich, daß kein Geringerer als der bekannte Volksschriftsteller Dr. Heinrich Hansjakob, Stadtpfarrer von St. Martin in Freiburg, es in letzter Zeit unternommen hat, „durch eine kritische und wissenschaftliche Untersuchung den berühmtesten Franziskaner von St. Martin und den bekanntesten Mann FreiburgS — der Stadt und dem Kloster zu vindiziren". An der Hand dieser, bei Herder in Freiburg erschienenen, höchst dankens- werthen Arbeit*) wollen wir den Lesern dieses Blattes das Wichtigste über den schwarzen Berthold und seine Erfindung vorführen. In den Mythen der Alten lesen wir, daß der Sohn des Japetus, Prometheus, den Göttern das Feuer stahl; von Salmoneus, dem Sohne des Königs Aeolus in Thessalien, berichten sie, er habe donnern und blitzen gekonnt und sei deßhalb vom Donnergott erschlagen worden. Dio Casfius erzählt uns in seiner römischen Geschichte, der Kaiser Caligula habe eine Maschine machen lassen, mit welcher er bei Gewittern, dem Jupiter zum Trotz, gedonnert und geblitzt habe. Und Philostratus berichtet in dem Leben des Apollonins von Tyana von den Indern, daß sie Blitz und Donner auf die Feinde geworfen hätten. Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß Caligula seine Maschine über den Hauptstapelplatz der östlichen Welt, Alexandrien, von ostindischen Völkern erhalten hat. Von den Chinesen wissen wir endlich, daß sie eine Art Pulver lange vor uns hatten, aber nicht Zum Schießen, sondern nur zu Spielereien. Diese Feuerwerke der Alten hängen wohl zumeist mit dem zusammen, was wir unter dem Namen „griechisches Feuer" kennen, das im 7. Jahrhundert nach Europa kam, von den ost- römischen Kaisern als Staatsgeheimniß bewahrt und vielfach zu Kriegszwecken benützt wurde. Dasselbe war ein Gemisch aus Naphtha, Bergpech, Schwefel und Harz. Von den Griechen erfuhren zuerst die Venetianer das Geheimniß des griechischen Feuers; es war dieses in den Kämpfen der oströmischen Statthalter mit den Sarazenen und Normannen in Unteritalien, in welchen sie auf Seite der Griechen standen. So schössen schon 1003 vor dem belagerten Bari die Venetianer mit feurigen Pfeilen auf die Schiffe der Sarazenen, ebenso 1082 „aus verborgenen Röhren" gegen die Normannen in der Schlacht bei Dnrazzo. Jene Pfeile trugen einen Ring aus Pech, Werg, Harz, Schwefel und Oel, der unmittelbar vor dem Abschießen angezündet wurde. Wohl durch Gefangene oder Ver- räther gelangte das griechische Feuer zur Kenntniß der Sarazenen, welche es zum Werfen von Steinen in den Kriegen benutzten. So berichtet der Schriftsteller Join- ville, daß bei dem Feldzuge Ludwigs des Heiligen von Frankreich nach Aegypten die Sarazenen 1250 bei der Belagerung von Damiette „griechisches Feuer" auf die Befestigungswerke der Christen warfen aus einem Rohre, das die Größe einer Essigtonne hatte und mit einem donnerähnlichen Geräusche losging. Aber diese Geschosse *) Der schwärze Berthold, der Erfinder dcS Schießpulvcrs und der Feuerwaffen. Eine kritische Untersuchung von Dr. S. Hansjakob. Mit Titelbild. VI u. 91 S. Pr. 1.80 M. und das Pulver der Mauren hatten, wie der gelehrte dänische Professor Christian Temler nachweist, nichts Verwandtes mit unsern Pulvergeschützen. Was nun die Erfindung des Schleifpulvers betrifft, so steht fest, daß die ersten Kenner desselben zweifellos abendländische Mönche waren. Die Geschichte kennt außer dem schwarzen Berthold von Freiburg noch zwei Zeitgenossen desselben, welche in Chemie und Alchemie hoch erfahren waren und das Pulver kannten und mit demselben experimentirten; es sind dieses Albertus M eign us, der durch seine Theologie und Philosophie berühmte Dominikanermönch (geboren um das Jahr 1200 zu Lauingen an der Donau aus dem altadeligen Geschlechte derer von Bollstädt, gestorben zu Köln im Jahre 1280), und der englische Franziskanermönch Nager (Robert) Bacon, einer der merkwürdigsten und originellsten Gelehrten des Mittelalters (geboren 1214 auf einem Schlosse bei Jlchester in England und gestorben zwischen 1292 und 1294). Neben theologischen Werken schrieb Albertus Magnus auch naturwissenschaftliche, und durch physikalische Kenntnisse überragte er weit alle seine Zeitgenossen. Da er allerlei physikalische und künstliche Experimente machte, so galt er allgemein als Wundermann und Hexenmeister. Wenn das Albertus unterschobene Buch Da mirnsiilidus rrmncli (über die Wunderdinge der Welt) ächt wäre, so hätte er bestimmt „das Schwarz'sche Pulver" gekannt. In dem genannten Büchlein ist nämlich ein Recept zu einem „fliegenden Feuer", das anS Schwefel, Weidenkohle und Salpeter zusammengesetzt wird, angegeben. „Diese Mischung wird in eine Patrone gefüllt, kurz, dicht und halb voll, und dann geschlossen und angezündet" (Rakete). Der Schriftsteller Matthäus de Luna nennt Albert den Großen geradezu den Erfinder der Feuerbüchsen und der Handröhren (Gewehre). Nager Bacon, noch bedeutender als Albertus, galt als Erfinder der Fern- und Vergrößerungsgläser und des Vrennspiegels; auch über Strahlenbrechung und die Größe von Mond und Sonne lehrte er Neues. Wegen seiner erstaunlichen, an Wunder grenzenden Experimente wurde er vootor mirndilis (der wunderbare Gelehrte) genannt. Ja, wegen dieser seiner „Künste" brachte man ihn in Verbindung mit dem Teufel und leider wiederholt in den Kerker. Er mußte eben auch erfahren, daß diese Erde nicht für Gentes eingerichtet ist. In einem kleinen Buche I)s ssoretis oxorlbns nitw ed unturns sagt Bacon: „Aus Salpeter und anderen Dingen machen wir durch die Kunst ein brennendes Feuer; außerdem kann man einen heftigen Donnerknall in der Lust machen, wie die Natur ihn hervorbringt." Er gibt dann ein Recept an, wie viel Schwefel und Salpeter zu nehmen sei, aber verräth das Geheimniß nicht, denn er fügt hinzu: „So wirst du Donner und Blitz hervorbrigen, wenn du diese Kunst kennst." Weiter sagt er, daß diese Kunst im kleinen als Knabenspkl an manchen Orten getrieben werde, daß damit aber auch „ganze Städte und Kriegs- heerc zerstört werden könnten". Nirgends jedoch sagt Bacon, daß er dieses Pulver erfunden habe. Diese Angaben Bacons erklären sich daraus, daß er, wie wir sehen werden, ein Zeitgenosse des schwarzen Berthold war; wahrscheinlich haben englische Franziskanermönche, die auf ihren Pilgerfahrten nach Rom auch in Freiburg in St. Martin ein- und ausgingen, das „Geheimniß" ihrem gelehrten Landsmann heimgebracht. Wenn nun auch beide vielleicht sich mit Pulver- 6 experimenten abgegeben haben und jeder für sich die Mischung des Pulvers erfand, so entdeckte der dritte Mönch, der im Franziskanerkloster zu Freiburg die Netorte gebrauchte, allein dessen Schießkraft und wandte sie praktisch an. Wenn er auch bezüglich seiner Gelehrsamkeit erst an dritter Stelle genannt werden muß, so gebührt doch ihm die Palme. So geschieht es sehr häufig. Die meisten wichtigen Erfindungen sind nicht von Gelehrten, sondern oft ganz zufällig und von Laien gemacht worden. Gehen wir nun zum schwarzen Berthold über. Das erste gedruckte Zeugniß über ihn verdanken wir dem ebenso gelehrten, freimüthigen und charakterfesten als unglücklichen Manne, dem Geistlichen Felix Hemmerlin von Zürich (geboren 1389, gestorben um das Jahr 1464, als Opfer einer noch rohen, barbarischen Zeit). Dieser Geistliche erzählt in seinem um das Jahr 1450 geschriebenen Dialog „Ueber den Adel und die Bauernschaft", „daß der schwarze Berthold (Lartlrolrius nixer), ein allgemein bekannter, feiner Alchimist", das Quecksilber fixiren, hammerfest machen wollte, damit man es behandeln könne wie reines Silber. Er wollte deßhalb zunächst den „Geist", den „Basilisken", wie Hemmerlin in jener naturwissenschaftlich so naiven Zeit das „Leben" des Quecksilbers nannte, todten. Und da „der Geist dem Feuer feindlich ist und durch Rauch entweicht, wenn er dem Feuer nahe gebracht wird", so stellte er das Quecksilber an's Feuer. Aber er konnte es nicht tödten. Jetzt beschloß der schwarze Berthold einen andern Versuch. Er kam auf den Gedanken, den „Geist" sammt dem Quecksilber selbst zu vernichten. Er wußte, daß Gegensätze einander nicht dulden, und that deßhalb den von Natur feurigen Schwefel und den kalten Salpeter mit dem Quecksilber in ein Gefäß von Erz zusammen, verschloß dieses und setzte es dann dem Feuer aus. Die Wirkung war eine verblüffende. Der Schwefel entzündete sich, konnte neben dem kalten Salpeter nicht mehr cxistiren und zerriß unter furchibarem Knall die Büchse. Durch dieses Ereigniß aufmerksam geworden, experimentirte Berthold weiter, er band starke Metallgefässe mit Eisen und wiederholte obige Prozedur. Sie zerrissen und schlugen die Wände des Laboratoriums in Stücke. Nun erzählt Hemmerlin weiter: „Als Berthold das sah, machte er durch seinen Erfindungsgeist zum Staunen aller die durch einen Zufall erfundenen Gefäße zu dem, was wir uueigentlich Büchsen nennen, und da er seine Erfindung von Tag zu Tag verbesserte, so kam eS, daß er alle früheren Kriegsinstrumente übertraf. Es geht aus Schriften hervor, daß die Erfindung innerhalb zweihundert Jahren zum erstenuiale bekannt wurde." Hansjakob führt eine ganze Reihe Schriftsteller auf, welche von dieser neuen Erfindung sprechen. Von den alteren Italienern spricht ganz ausführlich Guido Porn- cirollus davon. Er sagt. daß unter den Erfindungen der Deutschen die metallenen Maschinen, welche durch Feuer und Schwefclpulver unter furchtbarem Donnern eherne Kugeln und Steine weithin schleudern, die Mauern der Städte und alles, was ihnen in den Weg kommt, niederwerfen, nicht den letzten Platz einnehmen. Man nenne sie „Lombarden" von dem griechischen Worte Koinl>ci8 (das Brummen), und der Schriftsteller Robert Valtnrius vergleiche sie „einem feurigen Brummen". Er zählt dann von Archimedes an alle Erfinder ähnlicher Kriegsmaschinen auf und meint, diese seien Kinderspiele gewesen gegen die Bombarden, welche mehr zu fürchten j seien als Blitz und Donner. Wahr sei, baß der Erfinder ein Deutscher gewesen, wie verschiedene Schriftsteller von ihm auch behaupteten, ob nun sein Name unbekannt oder ein Mönch von Freiburg, Konstantin Anklitzen oder Berthold Schwarz sei, wie er von Forculatus (j- 1573) genannt werde. Mit großer Sachkenutniß weist nun Dr. Hansjakob nach, daß man mit Hemmerlin annehmen muß, der Erfinder des Schießpulvers habe um 1250 gelebt. Die verbreitetste Annahme, welche besonders in Deutschland durchgedrungen ist, setzt die Erfindung in das Jahr 1354, eine Jahreszahl, welche auch auf dem im Jahre 1853 errichteten Monumente des Berthold Schwarz zu Freiburg Platz gefunden hat. Der „erste Verbreiter dieser Jahreszahl" ist niemand anders als der 1505 in Lindau geborene und 1577 in Augsburg als Arzt und Geschichtkschreiber gestorbene Dr. Achilles Pirminius Gaffer, welcher diese Zeitangabe auch dem ehemaligen Franziskaner und späteren Professor in Basel Sebastian Münster (1489—1552) übermittelte. Aus der Kosmographic Münsters schrieben es dann zahlreiche spätere Schriftsteller nach. Gaffer selbst hatte die Notiz von dem bekannten Johannes Aventinns (Johannes Thurmayr aus Abensberg, 1466 bis 1534) entlehnt. In seiner lateinisch geschriebenen und von ihm selbst verdeutschten Chronik schreibt er: Dieser Zeit (zur Zeit Karls IV.) hat gelebt Meister Berthold Schwartz, ein Barfüßer, ein großer Künstler der heimlichen Kunst Alchimey und dergleichen mehr; hat die Geister (des Quecksilbers!) können zwingen und bannen. Und hat die Büchsen und das Pulver erfunden, die nachmals durch andere gebessert worden und bei unserer Zeit auf das Höchste sctznd kommen." Zweifellos wurde Aventin von Hemmerlin bedient. Da nun dieser um 1454 seinen oben genannten Dialog „Ueber den Adel und die Bauernschaft" herausgab und darin sagte, daß innerhalb zweier Jahrhunderte vorher das Pulver erfunden worden sei, so nahm Aventin ein Jahrhundert, die Mitte, an;- so ergibt sich 1354. Daß Hemmerlin allein die richtige Zeit getroffen hat, wenn er auf das 13. Jahrhundert zurückgeht, folgt auch aus einem andern Umstände. Gewiß braucht eine Erfindung von weltgeschichtlicher Bedeutung bis zu ihrer vollen Entfaltung Jahrhunderte. Es sei nur an die Dampfmaschine hier erinnert; Abt Luger von St. Denis, mit dem Beinamen „Vater des Vaterlandes", war vor 700 Jahren deren Erfinder; der Spanier Blasco de Garay machte 1543 weitere Versuche ; bis zur Ausführung praktisch anwendbarer Dampfmaschinen durch den Kapitän Savertz 1698 vergingen 150 und von da bis zur ersten Eiscnbahnlokomotive fast ebensovicle Jahre. Demgemäß können wir wohl annehmen, daß von der ersten Erfindung des Geschützes bis zu seinem öffentlichen kriegerischen Gebrauche mindestens hundert Jahre vergangen sein können. Der historische Nachweis wurde von Dr. Hansjakob erbracht, daß weder bei den Deutschen, noch bei den Italienern, noch Franzosen rc. rc. vor der Mitte des 14. Jahrhunderts das Schießpulver und dessen Gebrauch erwähnt wird. Und Tcmler weist ganz vorzüglich nach, daß „kein einziger glaubwürdiger, recht verstandener Schriftsteller mit irgend einem klaren Zeugnisse darthne, daß vor dem Jahre 1354 das Schießpulver in Europa bekannt und im Gebrauch gewesen sei". (Schluß folgt.) 7 Münchner anthropologische Gesellschaft. —Nachdem der Vorsitzende Herr Pros. Dr. I. Ranke in der Sitzung von: 13. Dez. die neuangemeldeten Mitglieder mitgetheilt hatte, stellte er die gegenwärtig im Panoptikum sich produzirenden Kongonegcrinnen vor. Sie sind anthropologisch deßhalb interessant, weil sie einem Stamme angehören, der nach Burmeistcr den eigentlichen Negertypus darstellt. Gerade die vorgestellten Negerinnen zeigen die Unhaltbarkett von Bur- meisters Behauptungen. Ihre allgemeinen Körperpropvrtionen nähern sich in keiner Weise den Affen Hierauf demonstrirte der Vorsitzende die von Herrn Direktor E. v. Lange erfundene Meßvorrichtung. Scala. Dieser Apparat ist bestimmt zur Messung der Körpergröße in der Familie und der Schule und erfüllt seinen Zkvcck voll und ganz. Hierauf hielt Herr Hofrath Dr. msä. L. Martin seinen interessanten Vortrag über die Völker des östlichen Himalaya: Nepal, Sikkim, Bhutan. Martin war zweimal, und zwar auf längere Zeit (14 Tage und 6 Wochen), in Sikkim, das zwischen Nepal und Bhutan in der Nähe der höchsten Berge der Welt liegt. Das Land verbindet mit einem sehr gesunden Klima viele landschaftliche Reize und wird von den Europäern als GesundheitSstation benutzt. Da eS mehr als 7000 Fuß über dem Meere liegt, ist eS frei von dem Malariaficber. Von Calcutta erreicht man eS mit der Eisenbahn in 24 Stunden. Die Fahrt ist sehr genußreich. Es dürfte wohl die interessanteste Gebirgsbahn der Erde sein. Ohne Zahnrad werden die Höhen überwunden. Die Bahn fährt im Zickzack, indem die Lokomotive bald zieht, bald schiebt. Die Flora ist nicht unähnlich der von Südeuropa. Die Jesuiten haben dort ein Kloster mit einem berühmten Institute zur Erziehung von Kindern unter der Leitung von rheinischen und belgischen Patres. Dieses Institut ist bei Katholiken und Protestanten gleich beliebt. Letztere lassen oft ihre Kinder katholisch taufen und erziehen, um sie in jenem Institute unterzubringen. Die Bewohner SikkimS zeigen mongoloide Züge. Ihre Kleidung besieht aus einer kurzen Jacke und einem weiten, bis zu den Knöcheln enger werdenden Beinklcide. Die Bevölkerung befielst aus den Lcptschanern, welche die eigentlichen Eingeborenen sind, den Nepalesen und den Bhutanern. Erstere zeigen mongolische Züge und gehören zur tibeto-birmanischen Rasse. Sie tragen aber keinen Zopf, sind sanft, unkriegerisch und sehr geeignet als Diener. Sie haben ein sehr großes Verständniß für die sie umgebende Natur. Da sie eine Art Bier, Murwa- bicr, sehr lieben, sielst man häufig Scenen, die an die Salvator- und Bccksaison in München erinnern. Es ist ein im Aus- sterben begriffenes Völklcin von ca. 20,000 Seelen. Die zweite Gruppe sind Einwanderer von Nepal. Sie zeigen deutlich ein mongolisches AcnßercS, haben eine geringe Körpergröße. Jrr- thümlicher Weise werden sie der arischen Nasse beigezäblt. Sie sind ein kriegerisches, tapferes, anspruchloscs, an Embchrungen gewöhntes Gebirgsvolk. Die dritte Gruppe ist aus Bbutan eingewandert. Die Bhutaner sind rein und nnvermischte Mongolen mit chinesischer Tracht und Zöpfen. Ihre Beschäftigung besteht in Handel und Ackerbau. Sie sind klein und gedrungen, offen, frei und fröhlich. Es ist angenehm mit ihnen zu Verkehren. Die geringe Schönheit der Weiber läßt sich durch die jrühe schwere Arbeit erklären. Der Schmuck der Frauen besteht größtenteils anS Türkisen. Die Religion ist die buddhistische, aber mit einigen Aenderungen. Zum Schlüsse dcmonstrirt Martin verschiedene Gegenstände aus jener Gegend, wie Waffen, Kleidungsstücke, Gcbetöniühle und andere Cultgcgenstände. An der Diskussion betheiligen sich Pros. Kühn und Furtwängler. Hierauf theilt Pros. I. Rauke mit, daß das Ehrenmitglied Herr Sanitätsrath Bartels der Gesellschaft sein Werk „Das Weib" geschenkt hat und läßt das Werk von E. u. L. Selenka »Sonnige Welten" circulircn. Zum Schlüsse legte Professor Selenka Photographien anS Vorderindien und moderne japanische Drucke vor. Dr. Schund wies im Anschluß an die letzte Sitzung auf den großen Unterschied in der japanischen Malerei md Plastik hin. Letztere zeigt von hoher künstlerischer Begabung. Pros. I. Ranke dankt den Rednern und theilt mit, vaß Pros. Selenka versprochen hat, einen Vertrag über seinen Aufenthalt in Japan zu halten, verbunden mit einer Demonstration von Photographien mittels des Scioptikon. Damit schloß die sehr genußreiche Monats-Sitzung. Recensionen und Notizen. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 1. Heftes 1896: Die theologische Literatur der griechischen Kirche rc. Von Vk. A. Ehrhard, Professor der Theologie in Würzbnrg. — Der Klerus und die Laien. Von Domkapitular Dr. Kuudlach in Passau. — Mitwirkung des Seclsorgsklcrus zur Förderung der Gürrcsgesellschaft. Von Dr. Pell in Passau. — Die Religion und die Mittelschulen. Von Max Steige nberger, Domprcdiger in Augsburg. — Aus der seelsorglichen Kasuistik über die Ehe. Bon Prälat Dr. Pruner in Eichstätt. — Der Kampf gegen die Genußsucht und der Klerus. Von A. Häuser, geistl. Rath in Augsburg. — Die Lssistentia Passiva bei Mischehen im GellungS-Berciebe der Tridentincr Eheschließunzssorm nach Vortrauung des mi- nistsr aeatlroliaus und bei Verweigerung katholischer Kinder- Erziehung. Von Domkapitular Dr. P. Schmitt in Würz- burg. — Ueber die Bettelbriefe der Diaspora-Geistlichen. Von X. Z. — Ausnutzung der lebrplanmäßigen katcchetischen Unterrichtsstunden. Von Georg Sailer, Pfarrer und DistriktS- schulinspektor in Arnstors. — 6asus propositns ab aliguo eon- kessario cks nsu watrimonii. Von Dr. Pruner in Eichstätt. — Die Spinnstuben. Von Dr. H ünnn er in Würzbnrg.— Zur Behandlung der Glocken. (Wichtig für jeden Kirchenvcrstand.) Von Dr. Walter in Landshut. — Antheilnahme am häretischen Gottesdienste. Von Dr. HaSler in Passau. — Ist der Pfarrer zur Beherbergung der sog. Gemeindeumsuhrcr verpflichtet? Von L. H. Krick. — Verwendung des Armenopferstcckgeldes. Von L. H. Krick. — Postportosreiheit der Pfarrämter. Von L. H. Krick. Leichtes Mittel, um Meßwein auf seine Echtheit zu prüfen. Von L. Henmann in Feucht. — Der Tertiarpriestcr und die Generalabsolution. Von Anst. Kronseder, ExposituS in Föcknng. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen uno Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Literarische Novitätenschau. — Litterarischer Anzeiger. Das Lehrbuch der Metaphysik für Kaiser Joseph II. Verfaßt von D. Joseph Frantz, weil. Direcior der philos. Facnltät der Universität Wien rc. rc., herausgegeben von Fr. Thomas M. Wchofer, 0. Lraocl. Paderborn 1890. Ferdinand Schöningh. Gr. 8°, S. IX, 167. chj: Vorliegendes Lehrbuch der Metaphysik bildet das Er- gänzungsheft II zum Commer'schen Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. Der Preis desselben ist für die Abonnenten des Jahrbuchs M. 2.60, für Nichtabonncnten M. 3.60. Der Dominikaner-Pater Wehofcr^hat das Buch zunr erstenmale nach dem in der Allcrh. k. k. Privat- und Familien- bibliothck befindlichen Orginale herausgegeben und mit Benützung der im k. k. HauS-, Hof- und StaatS-Archivc befindlichen und anderer angedruckter und gedruckter Quellen philosophic- geschichtlich erläutert. Ein doppeltes Moment verleiht der Arbeit deS L. Frantz große Bedeutsamkeit: 1) ist er der Lehrer keines geringeren gewesen als deS nachmaligen deutschen Kaisers Joseph II., 2) ist der Tracstatms ülotapdxsicao des gelehrten Oberösterreichers eine höchst merkwürdige Etappe in der Geschichte deS Cartesianismus und seiner Berührung mit der Leibniz-Wolff'schcn Philosophie. Das Buch des ?. Wehofer erhielt die Approbation der Wiener Linker ü-mlolpliina, und verhalf dem Verfasser mit zur akademischen Doctorwürde an der ersten Universität der österreichischen Monarchie. Bescheiden will es nur der erste Spatenstich sein auf einem bisher leider sehr vernachlässigten Felde, auf dem Gebiete der Geschichte der österreichischen Nachscholastik in deren Zersetzung durch andere ganz fremde Elemente. . Fern von allem Tendenziösen wird nur die Feststellung der reinen, lauteren, geschichtlichen Wahrheit gesucht. Von den in der Einleitung versprochenen 3 Theilen behandelt k. Frantz nur den 1. Theil: Noetik und Kriteriologie, und den 2. Theil: Ontologie, Kos- mosophie und Pneumatologic. Der 3. Theil über die Principien, welche die einzelnen besonderen Wissenschaften entlehnen, ist, vielleicht aus Zeitmangel, weggeblieben. Des k. Frantz philosophisches System setzt sich im Großen und Ganzen zusammen aus der nach Leibniz-Wolff zum Theil modificirtcn Scholastik einerseits, aus dein Eartcsianismus anderseits. Erstere Richtung brachte er mit aus der im Jesuitenorden empfangenen Erziehung; die letztere ist zurückzuführen aus seine damalige Stellung in Wien und auf die ganz eigenthümlichen Verhältnisse um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Den eingehenden Nachweis dieses Urtheils bildet der Abschnitt: Die philosophiegeschichtliche Bedeutung von k. Frantz Traotatus Llstaxtiz'sieas in 8 Capiteln (S. 95—167). Vorausgeht (es. 1—53) die diplomatisch getreue Wiedergabe des Manuskriptes, die nähere Inhaltsangabe deS Traetatns (S. 56), sowie (S. 59) Gedankmgang. uns EintheilustL desselben. Hos- 8 fcntlich wird der Verfasser in Nom, woselbst er sich behufs weiterer Studien aufhält, Muße finden zu ähnlichen tüchtigen Arbeiten. Die Wunder des heiligen Antonius von Padua in unserm Jahrhundert. Mainz, Verlag von Franz Kirch- heim 1895. 80 Seiten, Preis 40 Pf. Die ungläubige Welt protestirt gegen das Wunder, und Gott protestirt gegen die ungläubige Welt, indem er auch in unserm Jahrhundert zahllose Wunder wirkt. Ein Beleg dafür ist obiges Büchlein, welches die Geschichte eines neuen Licbes- werkcs: „Brod der Armen" schildert, welches vor fünf Jahren in Toulon zu Ehren des heil. AntoniuS von Padua seinen Anfang genommen und inzwischen die größte Verbreitung gesunden hat. Diese Schrist, welche der siebeuhundertjährigen Wicgcnscier deS hl. Antonius von Padua gewidmet ist, ist ganz geeignet, auch in Deutschland die Verehrung dieses großen Heiligen mächtig zu fördern. Altheimland. Ein zweites Bayernbuch von I. Schlicht. Bamberg, Büchner. 8°. VI, 192 S. kart. 2.50 M., elcg. geb. 3 M. Das Buch, eine Art Volkskunde AltbayernS im belletristischen Gewände, ist gewiß gut gemeint. Das darf man bei dem geistlichen Verfasser wohl annehmen. Es enthält auch prächtige Partien, die fast an Alban Stolzischen Stil erinnern. Andere Stellen wiederum, und es sind leider viele, können aber wegen ihrer Derbheit fast nicht genossen werden. Und man braucht gerade kein zimperlicher Leser zu sein. Das ist recht schade! — Litcrarischc Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hobcrg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. Jahrgang 1895. 12 Nummern. M. 9. — Freibnrg im Brciszan, Herdcr'scbc Vcr- lagshandlnng. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 11: Neuere Prcdigiliterntur. (Keppler.) — äo lluwmolauer, Onrsus Lcrixturae saerao. (Schäfer.) — I-aFrs»§o, 8aint Ltienns et sou kauetnairs ä lorusalow. (Schiffers.) — Nolffs, Urkunden aus dem antimontaiiistischcn Kampfe des Abendlandes. (Funk.) — Lauchert, Die Lehre deS heiligen AthanasiuS des Großen. (Funk.) — Harnack, Eine bisher nicht erkannte Schrift des Papstes SixtuS II., zur Petrusapokalhpse, Patristischcö zu Luc. 16, 19: Jselin, Eine bisher unbekannte Version des ersten Theiles der „Apostcllchrc". tWeyinan.) — Harnack, Eine bisher nicht erkannte Schrift NovatianS. (Wcyman.) u. s. w. — Nachrichten. — Büchertisch. Heft 4 deS Deutschen HausschatzeS, welches in seiner prächtigen Ausstattung den früheren sich anreiht, bringt Fort- setzuiig'der sehr spannenden Romane: Prada von Melati von Java und Die Jagd auf den Millivnendieb von Karl Map, sowie die sehr unterhaltende Humoreske: Der Knoten im Taschentuch. Von den zahlreichen Artikeln können wir wegen Mangels an Raum nur die folgenden hervorheben: Erzbischof Dr. Zardetti, von I. Mchler; Eine Plauderei vom deutschen Wein, von A. I. Cüppcrs: Morgen- ländische Romantik, von Viktor Henze; Philippinc Weiser, von I. Hirn,- Centrums - Jubiläum und Ceutrums-Jubilare, von NhenanuS; Die heil. Drei Könige, von vr. Dreibach; daran reiht sich, wie in jedem Heft, eine Fülle kleiner inhaltreicher Mittheilungen. — Neue Abonnenten werden zu jeder Zeit angenommen und erhalten daS bereits erschienene I. Quartal bei allen Buchhandlungen und Postämtern sowohl in der Nummern- a!S Heftaus- gabe (Quartal L M. 1,80) nachgeliefert. Stimmen aus Mari a-La ach. Katholische Blätter. Jahrgang 1895. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.40). — Freibnrg im Breisgau. Herder'sche Verlagöhaudlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 10. Heftes: Die Methoden der Volks- wirthschaftSlehre. (H. Pesch 8. I.) — Das Leuchtvermögcn im Thierrcich. (E. Wasmann 8. I.) — Ein Besuch in Val-dcs- BoiS. (A. Lebmkuhl 8. I.) — Altcnglische Weihnachtslieder. (G. M. Dreves 8. I.) — Die religiös-communistischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten. (O. Pfülf 8.1.) — Eine neue JguatinS-Biograph-e. (W. Krciten 8. N) Recensionen: 8tentrnx, 8z-nvMS Nraetatus sedolastioi äs veo Duo. (E. Lingens 8.).); Das Mahabharata als Epos und Ncchtsbuch (G. Gictmann 8.1.); HoäZ-kin, lialz- anä der Invaäars (A. Zimmcrniann 8. N); Fabri de Fabris, WaS die Blumen erzählen. (W. Kreiten 8.1.)-- EmpfehlenSwerthe Schriften. — Miöcellen: DaS große religiöse Testspiel von Vourgcs; Erinnerungen eines Couvertiten. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XI. Jahrg. Heft 8/9 L 15 kr.» 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Die vorliegenden Hefte beweisen durch ihre textliche und illustrative Ausstattung wieder, daß dieses Familienblatt immer mehr verbessert wird und recht weite Verbreitung vollauf verdient, zumal allen Ansprüchen Genüge geleistet ist. Als Erzähler finden wir M. Buol, Cl. Borges und den Volkshumoristcn Josef Wichner, landschaftliche und geschichtliche Schilderungen bieten uns S. Orrcf, Archivar ?. Fr. Engl und Dr. H. Sam- son, die Zunft der Poeten ist vertreten in Anna Esser, Fritz Fuuder, du Nord, Jda von Lißberg, von Zerboui u. a. in. Schweizerische Leser werden sich freuen an dem Lebcnöbilde deS Buudespräsidcntcn Dr. Zemp, im Ländchen vor dem Arlberg wird die eingehende Biographie des fi Priors von Mehrerau LaurcntiuS Wacher gewiß Vielen willkommen sein. So sucht die Monatsschrift ihren Ruf zu wahren, ihren Freundeskreis zu mehren: möge ihr Letzteres allüberall glücken I OesterreichischesLitcraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von Ist-. Franz Schnüren. (Administration: Wien I., Aunagasse 9.) Inhalt der Nr. 22- Libliotlioos. Tliomistioa, I. 8. Dramas A.g. Oompeiulium Disolo-giac, eä. Vr. Lbart. (Univ.-Prof. Dr. F. M. Schindler. Wien.) (681.) - Schlatter D. A.. Zur Topographie und Geschichte Palästinas. (lluiv.-Prof. vr. Bb. Schäfer, Wien.) (682.) - Friedrich I., I. N. Möblcr, der Shmbclikcr. (?. Aug. Rösler, Mautern in St.) (684.) — Weib A. M., Apologie des Christenthums, II. 3. Anst. (V.) (685.) — Vidmar C., Geschichte und Festschrift der „Confraternität" in Wien. (k.) (685.) - Behrich Conrad, Das System der Uebcrgewalt. (I)r. R. von Kralik, Wien.) (686.) — Natorp Paul, Die Etlnka des Demokritos. (Ders.) (687.) — Limbonrg Max, Kant's kategorischer Imperativ. (Pfarrer N. Eichhorn, Wien-Nußdorf.) (688.) — Lange Conr., Die bewußte Selbsttäuschung als Kern des künstlerischen Genusses. (R.) (688.) — Klopp Onno, Der dreißigjährige Krieg bis zuin Tode Gustav Adolfs 1632. III. Bd., 1. Th. (Geh. Rath Jos. Freiherr von Helfert, Wien.) (689.) — Clauß Jmm., Die Lehre von den Staatsdicnstbcn keilen. (Fi- nauzrath vr. Carl Scheimpflug, Innsbruck.) (700.) — Gengler, Die Verfassuugszustände im bahr. Franken bis zum Beginne deS XIII. Jahrh. (Dr. Hs. Th. Soergel, Nürnberg.) (701.) — Stcnglcin M., Wider die Berufung. (Dr. v. Wein rieh, Franks, a. M.) (701.) — Hagen I. G., Synopsis der höheren Mathematik. (Univ.-Prof. i>r. Leopold Gegenbaucr, Wien.) (703.) — KleS F., Herzkrankheiten und ihre Behandlung durch die diätetische Heilmethode. (Univ.- Prof. Dr. Joh. Kirste, Graz.) (705.) — Dittmer Nich.» Handbuch der Sccschifffahrtökunde. (K. u. k. Schisfs-Licut. Alfr. Frhr. v. Koudelka, Pola.) (706.) u. s. w. Zum Artikel: Dcharbe'scher Katechismns. Lediglich einer sachlichen Berichtigung wegen ersuche ich die verehr!. Redaction Folgendes aufzunehmen: Seite 424 der Beilage sagt der hochw. „Veteran", ich hätte dafür plaidirt, daß in einen neuen Katechismus Gefühlsergüsse aufgenommen werden sollen. Das ist nickt zutreffend. Denn der unzweideutige Sinn meiner Ausführung Seite 391 (drittens) ist dieser: Im Katechismus sollen die dogmatischen Lichtseiten mehr in den Vordergrund gestellt werden, wodurch dann bei den Kindern eine Glaubens- frcndigkeit erregt würde, welche Glaubensfreudigkeit in dem Gedanken — natürlich bei den Kindern (und bei Erwachsenen) — gipfeln soll u. s. w. ES ist nicht möglich, meine Worte anders aufzufassen. Also im Katechismus sollen die dogmatischen Lichtseiten (nicht GesühlSergüsse) einen breiteren Raum einnchmen — dafür spricht eine hohe Autorität, Kanonikus Ginelch (viäs Passauer Zeitschrift 1892) — für die Gefühl-ergüsse ist der richtige Platz das Menschenherz, und nicht ein Lehrbuch. Mitbin fallen 70 Zeilen des Artikels vom hochw. „Veteran", welche diesen Punkt behandeln, hinweg. Der Expositns. Lcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L. Grabherr in Augsburg. Nl-. 2. 10. Jan. 1896. (5 Neovitalismns. Von Professor vr. L. Haas in Passau. (Schluß.) ES ist im Grunde gar nicht richtig, daß der Neo- vitalismus vom Weltganzen, überhaupt von einem com- plicirten Ganzen ausgeht. Will er ein solches durchforschen, muß er eS in seine Theile zerlegen. Er geht vom lebenden Protoplasma aus, also auch vom Kleinsten. Das nackte Protoplasmaklümpchen (etwa ein farbloses Blutkörperchen aus dem Blute eines Frosches) fängt, unter dem Mikroskop beobachtet, bei steigender Wärme an, seine Form zu verändern. Wie zarte Füß- chen tritt es an die Oberfläche hervor, und offenbar (ist es bewiesen?) mit diesen Füßcheu kriecht das Klümpchen auf der Glasplatte von Ort zu Ort. Mit zunehmender Wärme wird diese Bewegung lebhafter, bei einer bestimmten Temperaturgrenze werden die Ausläufer eingezogen, und die Bewegung hört auf. Aus diesem Verhalten soll sich ergeben, daß der Lebenssubstanz schon in ihren untersten Prägungen die Fähigkeit einer eigenartigen Verarbeitung äußerlich übertragener Kräfte zukommt, die uns als Selbstbestimmung (?) erscheint. Diese vitale Selbstbestimmung werde im Wesentlichen erreicht durch eine vorläufige Ueberführung der Kräfte, die von außen einwirken, in Spannkraft, und eS werde der Naturforschung voraussichtlich (?) gelingen, eine einleuchtende Physikalische Beschreibung der Veränderungen zu geben, die eine von außen kommende Anregung im Innern des Körpers durchmacht, bis sie in der Form einer scheinbar freiwilligen Bewegung wieder «ach außen tritt. In dieser Darstellung findet sich vor allem eine bedenkliche Lücke. Das beregte Protoplasmaklümpchen (Blutkörperchen) ist zwar organisirter Stoff, ist es aber aus dem lebenden Organismus herausgenommen noch als wirklich lebende Substanz zu betrachten? Dies kann nur der Fall sein, wenn man den lebenden Organismus aus einzelnen lebenden Organismen zusammengesetzt sein läßt. Wie steht es aber da mit dem diese zusammenhaltenden, or- ganisirenden Princip? Ein organisirter Stoff verhält sich jedenfalls anders der Wärme gegenüber, so lange die Nachwirkungen der organisirenden Kraft in ihm noch vorhanden sind, als wenn dies nicht mehr der Fall ist, ein grünes Blatt anders als ein dürres. Aber die Frage ist doch die, ob in dem abgebrochenen Blatte, in dem aus dem Blute herausgenommenen Protoplasma- körperchen die Lebenskraft als solche noch wirksam ist, ob man es also in dem angeführten Experimente noch mit der eigentlichen Lebenskraft, der organi- sirenden Kraft in ihrer wahren und eigentlich e n T h ä t i g k e t t zu thun hat. Kann das Experiment an einem und demselben Protoplasmaklümpchen wiederholt werden? So lange diese Fragen nicht gelöst sind, so lange können die angegebenen Erscheinungen ganz gut als physikalische gelten und müssen dann freilich eine physikalische Erklärung zulassen; man steht eben einfach nicht vor der eigentlichen Lebenskraft. Zudem ist es voreilig, aus dieser äußeren Aehnlich- keit, die sich in sehr bescheidenen Grenzen hält, auf die wesentliche Aehnlichkeit (oder Gleichheit) der Vorgänge in einem lebenden Organismus zu schließen. Ist aber das Verhalten eines wirklich lebenden Protoplasmakügelchens ein ganz anderes als das lebloser Körper, dann ist in ihm eine besondere Kraft wirksam. Will der Neovitalismns dieselbe physikalisch erklären, so unterscheidet er sich einerseits nicht principiell vom Mechanismus, anderseits vermag er den Unterschied zwischen der organischen und anorganischen Natur nicht zu erklären. Erklärt der von den Atomen ausgehende Mechanismus nicht die Einheit von Kraft und Materie und noch weniger die Erscheinungen des Lebens, so auch nicht der Neovitalismus: er setzt vielmehr von Anfang an durch einen kühnen Sprung über die Grenze zwischen Lebendem und Leblosem hinweg. Beide scheitern an demselben Punkte, an der Grenze zwischen der lebenden und leblosen Natur, nur langen sie von verschiedenen Seiten an dieser Grenze an. Wenn daher der Neovitalismus zu dem Resultat gelangen will, den Durchgang der äußeren Neizung durch unseren Körper von Station zu Station zu verfolgen, in das Nacheinander dieser Erscheinungen leitend und helfend — und zwar mit mathematischer Sicherheit — einzugreifen, so kommt er einerseits über das physikalische (leblose) Gebiet wieder nicht hinaus, anderseits vergißt er, daß wir in der höchsten Lebenserscheinung, in der geistigen Selbstbestimmung, von der äußeren Neizung thatsächlich unabhängig sind (auf diesem Gebiete hat das Gesetz der smateriellenj Aeguivalenz von Wirkung und Ursache keine Giltigkeit), während manche Lebensvorgänge unserer positiven Einwirkung entzogen sind. Wo bleibt da die mathematische Sicherheit? Nebenbei sei bemerkt, daß auch die zuversichtlichste Berufung auf eine in der Zukunft zu gewinnende Erkenntniß kein Recht zur Aufstellung auch nur einer Hypothese gibt: die zur Aufstellung einer Hypothese berechtigenden Erkenntnisse müssen wenigstens der Mehrzahl nach eher gewonnen sein als die Hypothese aufgestellt wird. Was weiterhin gesagt ist von den Errungenschaften des Lebens, von den Aeußerungen der vitalen Selbstbestimmung, die ihr muthmaßliches (sie) Ziel und Vorbild, den Stoff, der sich selbst bewegt, am nächsten streifen, so ist das zwar sehr geistreich, aber nicht klar ausgedrückt. Einheiten, die sich besonders schwer in Kraft und Stoff zerlegen lassen, werden wir geneigt sein, in höchster Vollkommenheit dem Ureinen als Eigenschaften beizulegen. Solche Einheiten sind Empfinden, Denken und Wollen, weil hier nachgiebiger Vorstellungsstoff und gestaltende Vorstellungskraft so innig verbunden sind, daß sie uns als ein Seelenvermögen entgegentreten. — Aber was ist denn Vorstellungsstoff? Ist es noch der grobsinnliche Stoff, den wir sonst Materie nennen? Allerdings sind Vorstellnngsstoff und Vorstellungskraft so innig vereinigt, daß letztere ohne ersteren nie in Wirksamkeit treten, sich nicht manifestiren kann. Aber ich denke, daS ist bei jeder Kraft der Fall: keine kann wirken ohne Wirkungsstoff. Wo wir überhaupt Kraft und Stoff zerlegen, da scheiden wir Stoffe mit ihren Kräften; unterscheiden können wir Kraft und Stoff überall. Wenn daS Selbstbewußtsein als Vorstellung (sie) über den Vorstellenden selbst für den höchsten Grad dieser innigen Durchdringung erklärt wird; wenn in ihm in den Augen der Menschen die Selbstbestimmung sich zur Freiheit adelt; wenn es als absolute Freiheit dem 10 Meinen mit Kraft und Stoff, das im Weltall sich von selbst bewegt, beigelegt wird; wenn es aber trotzdem nur als Begleiterscheinung (nicht, was es in der That ist, als Grundvoraussetzung) der (wahren) Selbstbestimmung gefaßt wird, so kommen wir zu der Sonderbarkeit, daß das Meine sich eher (wenigstens sachlich, wenn auch nicht zeitlich) absolut selbst bestimmte, als es sich selbst wußte. Wie da von einer absoluten Freiheit die Rede sein soll, ist unbegreiflich. Wir können uns die Sache nicht anders denken, als daß bas Meine sich bestimmte und dadurch sich erkannte, und sich daraufhin für frei hält, obwohl es doch nur erkennen kann, daß es selbst so sein muß, wie es sich ohne sein Wissen bestimmt hat. Wir kommen zur Moral des Neovitalismus. Das Mittel, dessen sich die Natur (das Ur-Eine?) bedient, um ihre Lebewesen auf immer höhere Stufen der Selbstbestimmung zu heben, weist über den Nahmen der individuellen Begrenzung hinaus. Dieses Mittel besteht nämlich darin, daß die Selbstbestimmung sich in den Dienst der Nächstenliebe stellt. Einer für Alle, und Alle für Einen! so lautet das Gebot, welches die Theile jedes lebenden Ganzen unter einander verbindet und die sogenannte „organische Einheit" derselben herstellt. — Wie ist denn im Neovitalismus, wo doch jede Bestimmung eine Folge der uranfänglichen Selbstbestimmung des Ur-Einen ist. überhaupt eine wahre Selbstbestimmung des Einzelnen noch möglich? Wie eine wahre Freiheit? Läßt sich das genannte Gebot auf den niedrigsten Stufen der thierischen Organismen, wo durch Theilung neue Individuen entstehen, überhaupt in der Pflanzenwelt vollständig durchführen? Es soll ein Naturgesetz und zugleich das vornehmste Gebot der Sittlichkeit sein! In gleicher Weise? Freilich, wenn Freiheit und Nächstenliebe Hand in Hand gehen, d. h. wenn die freien Wesen sich frei für ihre Mitwesen bestimmen, dann wird sicher ein hoher Grad der Vollkommenheit erreicht, aber nicht im Sinne des Neovitalismus. Wie Freiheit als Ziel und Nächstenliebe als Mittel zu diesem Ziele erklärt werden kann, ist auf den ersten Blick unverständlich, denn die Nächstenliebe ist ja eine Beschränkung, wenn auch eine Selbstbeschränkung der Freiheit. Man muß aber daran denken, daß im Sinne des Neovitalismus dadurch, daß alle Wesen sich um der andern willen bestimmen, diese Bestimmungen zuletzt aufgehen in der Selbstbestimmung des Ur-Einen, das insofern frei ist, als es sich sogar unabhängig von sich, weil seiner unbewußt, bestimmte. Freilich ist diese Freiheit keine wahre Freiheit. Es wird zuletzt sogar an das Bibelwort erinnert, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde erschaffen hat. Die neovitalistische Auffassung vorn Leben erinnere so unmittelbar an dieses Wort, daß es Gott absichtlich verleugnen hieße, wollte man achtlos an dieser Uebereinstimmung vorübergehen. — Wenn nur die geringste Uebereinstimmung vorhanden wäre! Im Neovitalismus sind doch alle lebenden Wesen nur immer unvollkommenere Wiederholungen des Ur-Einen oder gar Eigenschaften (vgl. oben) desselben. Dieses Ur-Eine aber ist sein Gott, den wir uns als höchstes Wesen in vollkommener Freiheit gegenüber denken sollen, das doch zugleich in der Natur und ihren gesetzmäßigen Erscheinungen aufgeht. Also ja keine Transscendenz! Da ist es freilich schwer, das muß man dem Neovitalismus zugestehen, zu einer einheitlichen Vorstellung von Gott zu gelangen. Eine solche Vorstellung im Sinne des Neovitalismus fordert das reinste oaoriüoinra intolloetus! Freilich soll die höchste Freiheit durch ein Naturgesetz, das der Nächstenliebe, erlangt werden! Aber dieses Gesetz war für die erste, sreieste Selbstbestimmung des Ur-Einen nicht vorhanden. Haben wir da vielleicht gar im Sinne des Neovitalismus anzunehmen, daß auch sein Gott die höchste Freiheit, also die höchste Vollkommenheit erst durch die Nächstenliebe erlangt, so daß wir im Grunde einen Gott zu denken hätten, der eigentlich noch nicht ist, sondern erst wird? Es würde zu weit führen, alle Anklänge an bereits vergangene philosophische Systeme aufzuzählen, die sich im Neovitalismus finden. Er ist eben eine monistische Weltanschauung, die sich principiell über die materialistische nicht erhebt. Aus seinen Jnconscquenzen und Widersprüchen kommt er nur dann heraus, wenn er im kleinsten wirklich lebenden Protaplasmakügclchen eine Kraft anerkennt, welche sich nirgends im Anorganischen findet, also auch nicht mit den gleichen Mitteln wie die anorganischen Kräfte erklärt werden kann, eine Kraft, welche die physikalischen und chemischen Kräfte zu einem bestimmten Ziele leitet, also über ihnen steht und insofern ihnen gegenüber Selbstständigkeit besitzt. Dabei ist weder ausgeschlossen noch thut es der Selbstständigkeit dieser Kraft einen Eintrag, daß sie für ihre Wirksamkeit Bedingungen voraussetzt, welche in der Wirksamkeit der sogenannten kosmischen Kräfte liegen. Sind diese Bedingungen gegeben, dann wirkt sie in ihrer Weise, nicht chemisch und physikalisch, sondern or- gantsirend. Wollen wir uns überhaupt über die verschiedenen Verbindungen von Kraft und Stoff, vom kleinsten Körperchen im Anorganischen angefangen bis hinauf zum höchsten Lebewesen auf Erden, dem Menschen, Klarheit verschaffen und uns dadurch eine genaue Scheidung ermöglichen zwischen dem Anorganischen und Organischen einerseits, zwischen dem Menschenleben und dem übrigen Naturleben anderseits, dann glaube ich, müssen wir vor allem klar zu werden suchen über das Wesen der Materie. Dieser Begriff scheint mir einer eingehenden Untersuchung werth und bedürftig. Professor Dr. Grimm si. * Das „Fränk. Volksblatt" bringt folgenden Nachruf: Einen schweren Verlust hat der erste Tag des Neuen Jahres der hiesigen theologischen Fakultät und mit ihr der katholischen Gelehrtenwelt Deutschlands gebracht. Am 1. Januar Nachmittags ftz4 Uhr verstarb nach kurzem Unwohlsein in Folge eines Schlaganfalles unerwartet schnell der ordentliche öffentliche Professor der neutesta- mentlichen Exegese Dr. Joseph Grimm, gleich ausgezeichnet als Gelehrter wie als Priester, ein Mann, in welchem tiefes, umfassendes Wissen sich mit seltener Frömmigkeit und Herzenseinfalt verbanden. Joseph Grimm wurde zu Freising geboren am 23. Januar 1827. Nachdem er seine Gymnasialstudien in Freising vollendet, in allen acht Klassen sich den ersten Platz und in der Reifeprüfung 1843 die erste Note erworben hatte, bezog er die Universität München, um da seinen philosophischen und theologischen Studien obzuliegen. Dort löste er die von der philosophischen Fakultät ge- 11 stellte Preisangabe: „Ueber den Geschichtschreiber Otto von Freising." Am 24. Juni 1850 wurde er Zum Priester geweiht und wirkte einige Zeit in der Seelsorge in München. Als Erstlingsfrucht seiner theologischen Studien erschien seine Doktordissertation: „Geschichte der Samariter mit besonderer Rücksicht auf Simon den Magier. München 1854." Daraufhin erfolgte am 20. Febr. 1856 seine Ernennung zum Lycealprofessor in Regensburg. Als solcher schrieb er im Jahre 1860 ein Programm über den des zweiten Thessalonicherbriefes, 1663 veröffentlichte er seine Schrift „Einheit des Lukasevangeli- ums", welcher 1868 sein großes Werk „Einheit der vier Evangelien" folgte, das seinen Namen weithin bekannt machte. Grimm hatte anfangs alt- und neutestamentliche Exegese zu vertreten, zog sich aber hierauf, als für ueu- testamsntliche Exegese eine Professur errichtet wurde, auf die alttestamentliche Exegese zurück, ohne die neutestament- lichen Studien zu vernachlässigen, was seine genannten Schriften aus jener Zeit beweisen. Im Jahre 1869 bekam er einen Ruf als Professor der neutestamentlichen Exegese an die Universität Prag, den er aber ablehnte. Der hochwürdigste Herr Bischof von Negerrsburg erkannte seine Verdienste dadurch an, daß er ihn zum geistlichen Rath ernannte. Inzwischen war auch in Würzburg eine Professur für neutestamentliche Exegese errichtet worden, welche zuerst Ov. Peter Schegg inne hatte. Nach dessen Berufung an die Münchener Universität richtete die theologische Fakultät Würzburg, welche damals, zur Zeit des beginnenden „Culturkampfes", der Sammelpunkt der Thcologiestudirenden aus ganz Deutschland geworden war, ihre Augen auf den gelehrten Lycealprofessor, der dann auch wirklich durch kgl. Dekret vom 4. August 1874 zum ordentlichen Professor der neutestamentlichen Exegese ernannt wurde. Mehr als 21 Jahre war Grimm hier eine Zierde des Katheders, der Freund und Liebling seiner Zuhörer, das Beispiel eines Priesters, der Wohlthäter der Armen. Zwar versuchte im Jahre 1886 nach dem Tode Schegg's die Münchener theologische Fakultät ihn für die dortige Hochschule zu gewinnen; aber den Bemühungen seiner Kollegen und insbesondere den dringenden Bitten seiner Zuhörer gelang es, ihn in Würzburg festzuhalten. Eiue begeisterte Huldigungsfeier der katholischen Studentenschaft und die Verleihung des St. Michaelsordens waren der Lohn für sein Verbleiben. Als Professor in Würzburg veröffentlichte er sein berühmtes Werk „Leben Jesu" in 5 Bänden, dessen erste Bände zum zweiten Male aufgelegt sind, während leider vom letzten Bande nur der erste Theil erschienen ist der zweite Theil erst vollendet werden sollte. Hoffentlich sind die Vorarbeiten soweit gediehen, daß das ganze Werk der Vollendung entgegcngeführt werden kann. Groß und allseitig war die Anerkennung, welche dieses Werk dem bescheidenen Gelehrten eintrug. Bei aller wissenschaftlichen Gründlichkeit der theologischen Forschung quillt die Darstellung aus einem gläubigen, frommen, betrachtenden Herzen, welche die Lektüre so angenehm und anregend für Geist und Gemüth, so fruchtbar für das praktische Leben, insbesondere für die Predigt, macht. Dies gilt vor allem vom letzierschienenen Theile, von der Leidensgeschichte, welche er mit der Innigkeit eines Lnkas, der Liebeswürme eines Johannes geschrieben hat. Nun ist die Feder seiner Hand entfallen; ehedem er die Leidensgeschichte vollenden und das verklärte Leben deS Heilandes schildern konnte, hat er sein eigenes Leiden vollendet und ist in das Land der Verklärung eingegangen. Wenige Tage genügten, um diese scheinbar noch unge- brachen« Lebenskraft aufzulösen. Am Vorabende vor Weihnachten befiel ihn ein Unwohlsein, das ihn nur mit Anstrengung das hl. Opfer an den beiden Weihnachtsfeiertagen feiern ließ. Von da an das Zimmer gefesselt, hatte er gleich seiner Umgebung kaum eine Ahnung des nahen Todes, und es traf ihn plötzlich und unerwartet am Neujahrstage, nachdem er noch am Vormittage zahlreiche Besuche empfangen hatte, ein Schlaganfall, welcher in wenigen Minuten seinem Leben ein Ende bereitete. Doch hatte er während seines Unwohlseins zweimal, so auch noch am Neujahrsmorgen, die hl. Sakramente empfangen. So starb er zwar plötzlich und unerwartet, aber nicht unvorbereitet; der fromme Priester, der sonst vor dem Tabernakel unserer Kirchen gekniet, stand vor seinem Erlöser, dessen Leben er mit solcher Liebe beschrieben, dessen Ehre er allein gesucht hatte. Möge er von dem Herrn. die Herrlichkeit als Lohn empfangen, weil er nie um andern Lohn gedient hat! k. I. k. Die Gründer des Hauses Bourbon-Frauce. Von Charles Saint Paul. Während die deutschen Historiker die neuere Geschichte der Bourbonen und die Einzelgestalten aus derselben vielfach eingehend behandelt haben, ist die Forschung in deren älterer Geschichte nur wenig berücksichtigt worden. Abgesehen davon, daß die auch für den französischen Forscher, — wovon sich der Autor folgender Studie selbst überzeugt hat, — mit vielen Schwierigkeiten verbundene Zusammenstellung der historischen Daten über das Haus, Bourbon-Ancien nicht vollzogen wurde, ist auch eine genauere Abhandlung über die Gründung des Hauses Bourbon-France und dessen Gründer noch nicht geliefert worden. Es soll nun im Folgenden speciell letztere Aufgabe gelöst werden, welche eher gelingen kann, da das Quellenmaterial für eine Studie über die Gründer des Hauses Bourbon-France zuverlässiger und leichter zu überblicken ist, als das für die frühesten Fürsten des Bourbonnais, über welche sich die widersprechendsten Angaben und Urkunden, die theilweise von einem Historiker, k. Andrö, gefälscht worden sein sollen,') finden. «« >) Der Verfasser des Werkes: I/Lneiou Uonrbonnois Mouline 1833), Allier, hat ebenso wie sein anonymer Hilfsarbeiter, der dasselbe nach seinem Tobe vollendete, einen Ersatz für die wichtige Urknndensammlung, das „Cartnlare" von Sou- vigny, in zwei Manuscripten gesucht. Daß erste derselben ist betitelt: -Uistoiro äes autiqnitss 146661,VI uatus ost Robertos, Mus Dnäovioi Rsxis, goem Dominos kbitixxos, ^rekispiseoxus I-itori- osnsis, baxtiravit.« <) Der Text der BelehnunzSurkunde, die aus dem Jabre 1269 stammt, lautet: -dions ä Robert, uostrs üts st ä Iss boirs äs son oorxs äonnons st assiZnoos . . . axrös nostrs äsoost ä tenir st xossssssr . . nostrs Okastst äs Otsrmont avso tootss lss apxarteuauoss, Orssi^ avso tootss Iss axxarts- nanoss st gustgoss untres obosss gos nous avous st xiosssssons en la Oomts äs Otsrmont, sn Dsorgostout, Llöri avso tootss Iss axxarrsiiancss st äswainos ... st tootss obosss äsvaut äites zmbit Robert st si boir tenront ä kö st eu bommazs ti^s äs nons, Rox äss Rraus — Des obosss tootss voiss gos lss Oowtes äs Otsrmont ont tsno ou äsvront tenir äs l'ovss- gus äs Lsaovais st äst abbs äs Laint-Dsnxs sont tonns taut ^eisux nostrs tioux oomms st boir kairs bomma§s ä I'svss- gos st o. I'abbs goi aront sts poor ts temps.- „Wir geben Robert, unserem Sohne, und seinen Erben unsere Burg von Clermont mit allem dazu gehörigen Besitze, Neuville cn Hues, la Forest und die andern dazu gehörigen Orte, Crecly und einiges andere, das wir in der Herrschaft Clermont und in Leurguetout besitzen, auch Msri mit allem davon Abhängigen — all' dieses soll dieser Robert und seine Erben von uns, dem Könige von Frankreich, zum Lehen haben. Sie sollen aber für alles, was die Grasen von Clermont vorn Bischöfe von Beau- vais und den Aebten von Saint-Dsnis gehabt haben, diesen huldigen." (Lrnssst, Ilsags äss tisks. tom. I. x. 458; ll'kau- mas äs la Tbaomasstüre, Oootüws äs Lsauvoisis, x. 356.) 13 Im Verhältnisse zu dem Erbe seiner späteren Gemahlin Beatrix war für Robert die Grafschaft Clermont ein geringer Besitz. Ludwig hatte ursprünglich seinen jüngsten Sohn mit der Tochter Margaretas von Burgund, die Vicomtesse von Limoges war, verbinden wollen. Dieselbe mußte aber später, als Philipp die am Hofe weilende Beatrix für seinen Bruder auserlesen hatte, zurücktreten?) Die Ehe zwischen Robert und Beatrix wurde zu Elermont, wahrscheinlich im Jahre 1276, geschlossen. Ein von k. Anselme") fälschlich citirtes Document hat bestimmt, die Hochzeit in die Mitte des Jahres 1272 zu verlegen, da in demselben gesagt wird, daß wegen der Vermählungsfeierlichkeiten das Pfingstparlament unterbleiben mußte, nach den Rsgistrss äss „Olim" dasselbe aber nur in diesem Jahre unterblieb. Jedoch weist Chazaud (OdronoloAis äss 8Irs8 äs Lourkon 239) nach, daß in dem von k. Anselme (Olim I. tot. 27 rsoto. toin. I. xaF. 154 äs I'säition äs N. LsuFnot) citirten Register gesagt wird: „L. v. käOOIuXII ° nso kuit xalla-insnturn in ksnttiscosti, proxtsr nuptias äomini kditippii titii äomini rsZis, taotas axuä Olnrnm-montsm? Die fragliche Hochzeit scheint nun - die Philipps III., des zweiten Sohnes des hl. Ludwig, > mit Jsabella von Aragon, die am 28. Mai 1262 gefeiert wurde, zu fein. Chazaud glaubt, daß die Hochzeit Roberts und Beatricens der Konfirmation ihres Verlobungsvertrages vom Juli 1276 durch Philipp III?) bald folgte. Der König erlas während des Hochzeitsfestes Beatrix, um ihren Gemahl mit der Ritterwürde auszuzeichnen. Dieselbe hatte er nach den Berichten Belleforest's (Lunalss äs Iranos) und Desormeaux's wohl verdient. Er zog mit 16 Jahren nach den Pyrenäen, um mit seinem Bruder Philipp den rebellischen Grafen von Foix, Noger Bernard, zu unterwerfen. Philipp wurde bald durch andere Angelegenheiten in's Innere zurückgerufen und soll seinem jungen Bruder, dessen Ritterlichkeit er bereits erprobt hatte, die weitere Verfolgung überlassen haben. Der Graf wurde bald auf seine Burg beschränkt und gezwungen, sich mit seiner Familie zu ergeben. Er wurde gefesselt nach Bcancaire gebracht und erhielt erst nach einem Jahre seine Freiheit und sein Lehen wieder?) Ein trauriges Ereigniß schwächte zeitlebens die vielversprechenden Eigenschaften unseres Fürsten. Während der Festlichkeiten, welche der junge Ritter gelegentlich des Besuches des Fürsten von Salerno, des Thronfolgers des Königreiches beider Sicilien, im Jahre 1279 gab, ließ er sich beim Turniere, indem er den ersten Siegespreis erringen wollte, zu weit von seinem Ehrgeize und jugend- 0 Ribliolbsca uova wauuserixtorum toin. II. po§. ZOO; Lääition L In, Obronigus äs Saint-IIartin äs lümvFss: Unis (Roberto) tuit ässponsats, LIis, Vieeooinitis Rsmovieeusis, si sibi plaoerst st LeZi, ouw nndiles ssssnt. Ebenso: Na,- risro, nuioam Imsrsäsm, grmm Ruäoviens, Rsx Rraueorum, Llio 8no Roberto äs8pov8ari xrowisit. (Obrouigus äs Lsint- Ltienns äs Inmog'ss, ibiäsm.) Ilistoirs Aöuealogigus äs In maisov äs Rraucs. Rnris, 1726—33. 0 Chazaud nach: Lrolnvos äs I Rmpirs. oartou. m. 348. °) Einige Historiker behaupten, Robert habe im Jahre 1276 auch den Zug gegen Navarra und Castilicn mitgemacht. Dies scheint jedoch unbegründet zu sein und aus einer Verwechslung Clermonts mit Robert von Zlrtois zu beruhen, der damals auch i,ch »Lirs äs Ronrbon- nannte. (eVebaintrs, Mstoirs äs Ir Llaisou äs Ronrbon. Lrr. Robert.) lichem Feüer fortreißen, so daß ihm sein erfahrener Gegner derartige Verwundungen beibrachte, daß er lebenslänglich körperlich und vorübergehend auch geistig zu leiden hatte?) In dem Berichte des Guillaume de Nangis ist offenbar der Grad der Folgen der Verletzung übertrieben, wie aus den sonstigen Daten der Historiker über Roberts Leben hervorgeht. Dieselben weisen nach, daß der Verwundete später noch im Stande war, an den Regierungsangelegenheiten theilzunehmen. As-- Einige Autoren stellen ihn sogar als einen hervor» ragenden Staatsmann und hohen Würdenträger der Krone hin, welcher eines der vier wichtigsten Kronämter, das des Chambrier de France, bekleidet hätte?") Letztere Annahme ist wohl auf eine Verwechslung seiner Persönlichkeit mit seinem Sohne Ludwig, welche durch den Wortlaut einer Urkunde nahegelegt ist» zurückzuführen. Jedoch ist es sicher, daß Robert oft in wichtigen Berathungen hervortrat und auch sonst seine Einsicht bewies. So war er am 21. Januar 1297 mit dem Herzoge vou Burgund und andern Herren und Prälaten in der Versammlung zur Regelung der Differenzen mit dem flandrischen Grafen Guy, der von den Engländern unterstützt wurde. (Fortsetzung folgt.) „Schwedens Schanze." Ein Wort über die Völker Skandinaviens, besonders über die Schweden von Frau Helene Nyblom," geb. Roos. Frei und gekürzt nach dem schwedischen Original von Dr. P. Wittmann. (Fortsetzung.) Ein Beweis für die natürliche Veranlagung deS Volkes liegt unter anderen darin, daß Mädchen der unteren Schichten und ohne jegliche Bildung, die als Ehefrauen mit den höchsten Gesellschaftskreisen in Berührung kommen, Takt, ästhetisches Gefühl und Empfänglichkeit für jeden Zweig wirklicher Cultur mit sich bringen. Selten fühlt man den Parvenü heraus. Da» Benehmen der feinen Welt bildet, was äußeren Schliff anlangt, ein durchaus nachahmenswerthes Beispiel. Schwachheit für äußeren Glanz und Schimmer bildet allerdings einen Punkt, welchen man den Schweden mit Recht und Unrecht vorzuwerfen Pflegt. So gibt z. B. ein Dienstmädchen in Stockholm den letzten Pfennig d'ran, um sich recht elegant kleiden zu können; seine dänische Kollegin dagegen vernachlässigt meist das Aeußere, weiß aber für ihre alten Tage etwas bei Seite zu legen. ^ Die Dänen sind eben verständige Leute; sie denken an die Zukunft, genießen wenig und sparen. Die Schweden hingegen wollen das Leben mit vollen Zügen genießen: Lieber heute ein frohes Fest, dann vierzehn Tage lang Häring und Kartoffeln, ist ihre Parole; sie leben nur der Gegenwart. Der Winter ist ja so lang. 0 Ueber den Docka'ck schreibt Guillaume de Nanzis: In gnvänm Ulorum txrouiciornm, oomes OIrromontis, jnveniz, uovu8 wilss, srworum ponäers xergravstus st matleoruw ictibus 8vpsr caxnt xluries st kortitsr xercus8llZ, veistions csredri iutouitus, äeoiäit in omsutiow, äs gno äawnnm st üolor maximu8 eumnavit. Rrat sutew tonnn eZregiar, oujus anrmus sä xrobikrtew tenäens xerveuire xotsrat. '0 Ra Anis, Ilistoirs äes äncs äs Loardon. krri?, 1860. 14 der Sommer kurz. Wer möchte auch auf jede Freude verzichten! Doch darf man nicht klimatischen Verhältnissen allein die Schuld an derartigen Erscheinungen beimessen, der eigentliche Grund hiefür liegt vielmehr im Naturell des Volkes; es lebt in ihm eine Künstlerseele voll Sehnsucht «ach Schönheit, Farbe, Klang und Lust. Die Karikatur zu dieser berechtigten Freude am Dasein zeigt sich bei Menschen, die bloß für Essen und Trinken, namentlich aber für letzteres, Interesse bekunden. Nirgends sonst auf Erden kann man solche Batterien von Flaschen aufgestapelt finden, vor denen sich gewisse Herren zu Postiren pflegen und halbe Tage zubringen, scheinbar ohne anderen Zweck, als um schweigend und apathisch ein Glas nach dem andern zu leeren. Diese Sorte Schweden, deren es leider eine Menge gibt, sind in den Nachbarländern nur allzuwohl bekannt. Wollte man aber die schwedische Nation nach ihren mindestwerthigen Vertretern beurtheilen, so wäre das ebenso unbillig, wie wenn man in Schweden vagabund- irende Dänen, Deutsche rc. als Typen ihres Volksthums ansehen würde. Einen gemeinsamen Charakterzug der Schweden bildet immerhin die Lust an Festen, die Gier, daß der Tag außer seinem ewigen Einerlei auch etwas anderes bringen soll. Ihren idealsten Ausdruck fand diese Seite des schwedischen Gemüthslebens im Improvisator Bellmann, der die einfachsten Zechbrüderschaften zu einer Atmosphäre olympischer Kraft und Freude zu erheben wußte. Er besaß das echt schwedische Vermögen, Alles zu vergeistigen; er wollte durch die Phantasie mehr Raum für Leben und Bewegung schaffen, als die Wirklichkeit bietet. Ganz anders die Dänen; sie betrachten, so zu sagen, die Welt durch ein Verkleinerungsglas und sehen dann alles recht erbärmlich. Der ausgesprochen künstlerische Zug des Schweden wird bedauerlicherweise oft außer Acht gelassen. Man gibt zu, daß die Schweden ein praktisches Volk, für die Zwecke der Verwaltung wohl brauchbare Leute sind; man weiß, daß Ericssons und Nobels der Welt bewnnderns- werthe Proben von Thatkraft und Jngenieurskunst lieferten; daß die schwedischen Bahnen den Vergleich mit andern durchaus nicht zu scheuen brauchen; daß kein Land reichlicher mit Telephonen und Telegraphen bedacht ist. Die übrigen Seiten des Volkscharakters sind aber so gut wie unbekannt, wenigstens soweit Dänen und Norweger in Frage kommen. Die fremden Nationen würdigen Schweden besser. In den Dänen oder, richtiger gesagt, den Kopen- hagenern lebt ein gewisser ästhetischer Zug. Bet ihnen wird verhältnismäßig viel gemalt, vcrsificirt und com- ponirt. Bei den Schweden überwiegt das wahrhaft dichterische Element. Am besten enthüllen uns dir Phantasiereichen Volksweisen all' den Reiz der Wälder, Seen und Ströme, auch wenn man nur zufällig damit bekannt wird. Man beschuldigt die Schweden der Kälte und Steifheit im Verkehr mit Fremden, und in der That bewahren sie auch eine gewisse vornehm-kühle Zurückhaltung, solange sie mit ihren Gästen nicht näher bekannt sind. Kommt man in ein dänisches Bahn-Conpä, so sieht man dort die Fahrgenosftn meist schon nach 5 Minuten Mit einander plaudern, selbst wenn sie sich früher niemals gesehen haben sollten. In freundschaftlich-gemüthlicher Weise verkürzt man sich so die Zeit und nimmt selbst keinen Anstand, während des Gespräches die eigene» Pläne und Verhältnisse preiszugeben. In einem mit Schweden gefüllten Wagen kann man, soferne nicht Bekannte darin sitzen, halbe Tage lang reisen, ohne daß einer den andern anspricht. Dagegen darf eine Dame bestimmt darauf zählen, daß ihr ein schwedischer Herr, soferne sie seiner Hilfe irgendwie bedarf, dieselbe in ritterlichster Weise gewähren wird. In Dänemark hinwiederum verspürt man nicht viel von solch' galanter Gesinnung gegen Damen. Man meint es gleichwohl gut. Wie gesagt, von den skandinavischen Nationen scheinen mir die Schweden entschieden die höchste Begabung zu besitzen. — Obschon ich schon so lange in ihrem mir liebgewordenen Lande weile — mehr als die Hälfte meines Lebens — so empfinde ich doch noch oft jenes Gefühl, das ein Mädchen zu desgleichen pflegt, welches, aus kleinem Hause einer Provinzstadt stammend, sich mit einem reichen Schloßherrn vermählt. Ich bewundere die großartigen, neuen Verhältnisse und erfreue mich an ihnen wie an all' den Erinnerungen alter, glanzvoller Zeiten, dem ewigen Wechsel in der Natur und Bevölkerung. Die Schweden weisen ja eine bunte Mannigfaltigkeit auf. Der Bewohner Norrlands und Skanes, Würmlüuder und Smaländer, - Göteburger und Stockholmer, SLadtbürger und Dienstleute des Adels welchen in ihrem Typus sehr wesentlich von einander ab. Am besten läßt sich das in einer Universitätsstadt beobachten, wo ganze Generationen junger Männer aus allen Theilen des Reiches durch- passiren; hier findet man sogar noch eher Gelegenheit, die provinziellen Unterschiede zu studiren, wie in der Hauptstadt. Wechselreich ist auch der Anblick des Landes. Bergkuppcn, Seen, Steilgestade und Ackerfelder, endlose Wälder und mächtige Ströme verleihen jedem Distrikt sein eigenthümliches Gepräge. In der Hauptsache ein offenes, nirgends von Felsen eingeengtes Gebiet, streckt Schweden seine Arme vertrauend und frei der ganzen Welt entgegen. Die Leichtigkeit, womit man sich das Fremde aneignet, geht leider nicht selten in kritiklose Bewunderung dessen über, was vom Auslande stammt. (Schluß folgt.) Aus dem Leben eines Modernen. 8. 8. Im November v. I. starb in Frankreich ein viel genannter Schriftsteller — Alex. Dumas — von dem alle französischen Blätter voll waren. Früher hieß es, Dichter und Philosophen müßten verhungern! Unsere modernen Schriftsteller verstehen es aber häufig, ihre Kunst zu Geld zu machen. Dumas wollte sein letztes Stück „Routs äo fl'stöbas" nicht herausgeben, obschon er selbst glaubte, es sei vielleicht sein bestes Stück. Warum sollte er es auch herausgeben? „Ruhm", so bekannte er, „oder das, was man so nennt, habe ich so reichlich, daß ein Mann damit zufrieden sein könnte, der hundertmal gieriger danach wäre, als ich. Geld besitze ich mehr, als ich ausgeben kann. Beifall, Zischen, Zustimmung, Anschwärzung — das Alles habe ich in so vielfältiger Art durchgemacht, daß ich nicht einmal mehr neugierig danach bin. Warum soll ich unter diesen Umständen wieder vor das Publikum treten? Es kennt 6) Frcm Nyblom ist geborne Dänin, Gattin des Professors der Aesthetik C. N. Nhblom in Upfala. »> 15 Mich, ich kenne es, und ich glaube, wir beide könnten es dabei bewenden lassen." Er war mit einem Wort gesättigt. Er kannte nicht die Triebfeder des wahren Schriftstellers — das Volk zu belehren, veredelnd auf dasselbe einzuwirken; seine Beweggründe waren Ruhm und Geld, und als er beides hatte, da erfaßte ihn ein Ekel davor. Unbewußt spricht aus ihm die gesättigte Eitelkeit und Geldgierde. Das obige Bekenntniß konnte sein Freund Philippe Gille, der es jetzt im Figaro erzählt, nicht begreifen, und er forschte darum nach, und was mußte er jetzt erst hören? „Wissen Sie wohl, fuhr Dumas fort, woran ich hundertmal gedacht habe? Ich habe es Niemandem gesagt, aus Furcht, man könnte falsche Folgerungen aus einem ganz natürlichen Entschlüsse ziehen." Unsere Leser werden es kaum selbst wohl ahnen, wonach sich dieser Verherrliche! der Halbwelt sehnte. „Im Angesicht der Nichtigkeit des Lebens, der Nutzlosigkeit unserer Anstrengungen, die wir an eine sogenannte Vorsehung richten, die nichts für uns vorsieht — habe ich daran gedacht (hundertmal!), mich in ein Kloster zurückzuziehen." Lache nicht, lieber Leser, dem Manne muß es weh um's Herz gewesen sein. Er mußte schon in diesem Leben die Strafe dafür erleiden, daß er so manchmal seine Frivolität an dem Klosterleben ausgelassen hatte. Vielleicht selten hat er so wahr gesprochen, als in diesem interessanten Bekenntniß. Und warum sehnte er sich nach dem Kloster? „Da ist man außerhalb des Lebens, da hört man nicht einmal dessen Geräusche, da denkt man an sich, da ist man frei zwischen diesen vier Wänden, tausendmal mehr frei als im sogenannten unabhängigen Leben....." Man fragt sich unwillkürlich, ist es wirklich Alexander Dumas, der so spricht? Aber er sollte das Glück nie genießen, er sollte es nur ahnen, sich darnach sehnen, aber nie erreichen. „Beruhigen Sie sich!" spricht er zu Philippe Gille, der wohl verwundert genug dreingeschaut haben mag. „Ich werde niemals das thun, was ich Ihnen da sage. Wissen Sie warum? Weil man sagen würde, ich sei in Frömmelei verfallen (aha!) und ich hatte dem Einflüsse irgend eines Priesters oder einer Frau gehorcht." Wie kleinlich! Beifall, Zischen, Zustimmung und An- schwärzung des Publikums war ihm doch nicht so ganz gleichgültig, wie er sich glauben machen wollte. Dann mischt er wieder Frivoles mit Tiefernstem: „Auch lese ich Ihre Einwendungen auf Ihrer Stirne: Ich würde wich da zu Tod langweilen (das Ansichselbstdeuken war also doch nicht so ganz nach seinem Geschmack), und es würde mich nicht befriedigen, Birnbäume zu Pflegen oder Dessert-Liqueure zu componiren (im Kloster thut man noch ein wenig anderes). Sie haben recht, mein Geist würde stets anderswo sein, als im Kloster, weil ich nicht das habe, was die andern dort zurückhält — den Glauben. Ach, diejenigen sind glücklich, die den Glauben haben; aber man hat ihn nicht, wenn man will." Der Glaube ist eben ein kostbares Geschenk Gottes, das Dumas, der nicht einmal getauft war und auch seine Kinder nicht taufen ließ, nie gekannt hat. Das möge als ein Entschuldigungsgrund gelten. Alexander Dumas hat auch einmal seinem Freunde Desbarolles, wie die „Franks. Zeitung" zu erzählen weiß, eine Art Selbstbeichte vor 15 Jahren übergeben, und die „Franks. Zestung" meint selber, dieselbe sei „nicht ganz unparteiisch ausgefallen, und man merkt, setzt sie hinzu, die Beschönigungsversuche und die Pose für die Nachwelt." Lernen wir den modernen Geistesheros noch etwa) näher kennen: „Ich erfinde sehr schwerfällig und componire sehr langsam. Darum producire ich so wenig (mehr als genug) im Vergleich zu meinen Collegen. Ich habe in meiner Kunst keinerlei „Ingeniosität"; was ich schreibe, das finde ich nach langem Suchen." Wie sind denn die vielen Bände entstanden, die ihm so ein Heidengeld getragen haben? Nun, er gehörte halt zu den Bücherfabrikanten, welche junge, ungekaunte Kräfte benutzen, die unter der Leitung des Meisters für diesen componiren und schreiben. Dann bekennt er weiter: „Ich bin ein großer Ignorant, und ich befinde mich in Unkenntniß über eine Menge der elementarsten Dinge." Aber trotzdem kann man eine ganze Bibliothek über alles Mögliche zusammenschreiben! „Früher habe ich einen wahren Heißhunger nach Ruhm gehabt." „Ich besitze einen erschreckenden Erwerbssinn.... Ich thue mir auf meine Sparsamkeit und Wirthschaftlichkeit viel zu Gute. Ich liebe das Geld, wegen der Macht, die es geben kann, und wegen all' des Guten, das man thun kann.... Nein aus Egoismus möchte ich so reich sein, wie alle Rothschilds zusammen." Geld und Ruhm wird eben zum Götzen, wenn man Gott nicht anerkennen will, aber zu einem Götzen, der das Herz leer und unbefriedigt läßt. „Diejenigen sind glücklich, die den Glauben haben; aber man hat ihn nicht, wenn man will." Dr. Hermann Roesler. * Welch große Hochschätzung die Japaner für den Ende 1894 in Bozen verstorbenen vortragenden Rath im Ministerrathe zu Tokio, Dr. Hermann Roesler, hatten, dessen Lebensskizze wir seinerzeit gebracht haben (Beilage 1895 Nr. 1), und welch innige Gefühle der Dankbarkeit sie gegen ihn hegen, geht außer andern Schreiben aus nachstehender Zuschrift hervor, welche, datirt vom Februar 1895, im Wege des Reichskanzler- amtes in Berlin erst im November an seine in Bozen lebende Wittwe gelangte. Dieselbe stammt vom „Verein für deutsche Wissenschaft" in Tokio, dessen Protector Se. kais. Hoheit der seitdem auf Formosa gestorbene Prinz Kitashirakawa war, und ist in japanischer Sprache verfaßt, mit beigefügter deutscher Uebersetzung. Mehr als auffallend ist der Umstand, daß das Auswärtige Amt in Berlin sieben Monate brauchte, um den Aufenthalt der Wittwe, für welche jene Zuschrift so trostreich war, zu entdecken, während doch die japanische Gesandtschaft in Berlin wie auch in Wien darüber alle Tage hätte Auskunft geben können. Aber Dr. Roesler war in Preußen nicht beliebt, theils wegen seiner Schriften, theils wegen seines Uebertritts zur katholischen Kirche. — Die Zuschrift lautet: Tokyo, den 25. Februar 1395. Hochgeehrteste Frau! Mit dem lebhaften Bedauern haben wir von dem schweren Verluste erfahren, der Sie betroffen hat, und es ist uns ein tiefempfundenes Bedürfniß, Ihnen, hochgeehrteste Frau, hiermit unsere innigsten Sympathien kundzugeben. Vielleicht wird es Ihnen in Ihrem tiefen Kummer einen wenn auch schmerzlichen Trost gewähren, zu wissen, daß der Tod Ihres Herrn Gemahls hier, in dem Lande, dem er eine so lange Reihe von Jahren seine besten Kräfie gewidmet hat, überall auf's Thcilnahmvollste empfunden und betrauert wird. Herr Rath vr. Hermann Roesler bat sich durch die bedeutenden Leistungen, die wir seinen seltenen wissenschaftlichen 16 Fähigkeiten sowohl wie seiner gewissenhaften, unermüdlichen Pflichttreue verdanken, insbesondere durch seine Verdienste um die Reorganisation unserer Gesetzgebung, den höchsten Anspruch aus die dauernde Anerkennung und Dankbarkeit unseres Landes erworben. Ganz besonders bei dem „Verein für deutsche Wissenschaften" wird das Andenken des Verewigten, welcber der von diesem Verein begründeten „Vereinsschule deutscher Wissenschaften" eine so rege. thätige Theilnahme entgegenbrachte und ihr mit seinem Rathe so oft zur Seite stand, immerdar in hohen Ehren bleiben; ebenso werden die ehemaligen Schüler dieser Anstalt seiner stets mit tiefer, treuer Dankbarkeit gedenken. Ihnen aber, hochgeehrteste Frau, wünschen wir von ganzem Herzen, das; der Himmel Ihnen Krast verleihen möge, den herben, unersetzlichen Verlust, den Sie erlitten haben, zu ertragen. Wir bitten Sie, dieses Schreiben, den zwar schwachen, aber aufrichtigen Ausdruck unserer Gesinnungen gegen Sie und Ihren verewigten Herrn Gemahl, freundlich entgegennehmen zu wollen. Mit der Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung und Ergebenheit Vicomte I. Sinagawa, Präsident des Vereins für deutsche Wissenschaften. Pros. H. Kato, Direktor der VcrcinSlchule deutscher Wissenschaften. Recensionen und Notizen. Biblische Tragödie in fünf Aufzügen von Max von Theuern. Erstes Bündchen: Text. Kemptcn, Verlag der Köscl'schen Buchhandlung. 1896. Unter obigem Titel verläßt soeben ein Büchlein die Presse, daS wohl einiger Beachtung werth ist. Das vorliegende Bündchen enthält den Text, das zweite die Musik dazu. Die Komposition hat Herr Kapellmeister Stehle in St. Gallen übernommen. Das Ganze ist Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen Nupprecht von Bayern, gewidmet, der die Widmung des Pseudonymen Verfassers huldvoll entgegengenommen hat. Wie der Verfasser am Schlüsse bemerkt, lehnt sich das Stück im Ganzen sehr eng an den biblischen Bericht an. Es ist ja richtig, daß der Stoff selbst gewissermaßen nach einer dramatische Behandlung ruft; und dem Verfasser ist es auch gelungen, ein kleines Meisterstück daraus zu fertigen. Der scenische Aufbau ist corrcct, die Handlung fesselnd, die Charaktere sind trefflich gezeichnet. Der wilde Joab, der in seiner rauhen Königstreue den nngerathcnen Sohn dem Befehl entgegen tödtet, erregt doch unser Mitleid, da ihn die Strafe trifft. Er ähnelt sehr dem grimmen Hagen im Nibelungenliede. Packend ist die Verzweiflung des hinterlistigen Acbitophel geschildert, dem der milde, bedächtige Chusai gegenübersteht. Ein reizendes Bild tritt uns in dem Knaben Chamaam entgegen, dem Sohne Bersillaies; Wie lieblich ist die Scene am Brunnen, in dem Chamaam vor seinen Verfolgern geborgen wird. Hier hat der Verfasser mit der Einführung Mirjams einen glücklichen Griff gethan. Von den cingeflochtenen Liedern will ich nur eines als Probe folgen lassen. Im siebenten Auftritt des dritten AufzugeS singt Chamaam: Vözlein fliegt zu Thal herab, Sitzt im Netz gefangen. Vogelstellers Mägdelein Rührt sein ängstlich Bangen. Süße Worte trösten es, Süße Lippen sprechen: Kann dich nicht so traurig seh'n, Will die Fesseln brechen. Frei ist's Vöglein, — blickt zurück Dennoch voll Verlangen. Mägdlein, das ihm Freiheit gab, Hält sein Herz gefangen. Ueber die Musik kann ich kein Urtheil fällen, da sie noch nicht vollständig vorliegt. Der Name des Verfassers bürgt indeß für ein Gelingen nach dieser Seite. Das Textbuch erscheint in zwei Ausgaben, einer billigen Volksausgabe und einem hübsch ausgestatteten Bündchen. Daö Stück ist zwar für größere Bühnen berechnet, dürfte aber auch mit geringen Aen- Berantw. Redacteur: berungen sich für Gesellschaften empfehlen. Möge es allseitig die Aufnahme finden, die es meinem Urtheile nach verdient! Dr. v. Förtsch, Neichsger.-Nath, Die Neichsgesctze betr. die privatrechtl. VerhältnissederBinnenschifffahrtundderFlößerei vom 15. Juni 1895, nebst den ergänzenden Vorschriften der Gewerbeordnung und deö Handelsgesetzbuches. Leipzig» Roßberg. 7 M. -es- Dieses mit dem 1. Januar 1896 in Krall getretene Gesetz wird für Richter wie Private, die nicht durch die Nähe der See mit dem letzten Theile des Handelsgesetzbuches, mit dem Seerecht, bekannt sind, anfangs manche Schwierigkeit mit sich bringen. Insonderheit i» Bayern, wo ciucStheilS das Seerecht selten zur Anwendung zu kommen hat und andcrntheils bis vor Kurzem auch auf den Universitäten das Seerccht mit Stillschweigen Übergängen wurde, wird das Verlangen nach einem tüchtigen, die Bedürfnisse der Praxis besonders berücksichtigenden Comnientar zu den vorliegenden Gesetzen ein starkes sein. Gerade in dieser Beziehung leistet vorliegende Ausgabe wirklich Hervorragendes. Der Verfasser war nicht nur bestrebt, alle nur irgend auftauchenden Zweifel oder Unsicherheiten zu lösen und zu heben, er hat es auch meisterlich verstanden, durch gut gewählte Beispiele uns zum Theil doch recht fremde Begriffe und Verhältnisse verständlich zu machen. Wir sind daher der Ueberzeugung, daß der Förtsch'sche Commentar zum Binnenschifffahrts- Gesetz den eingetheilten Beifall der Praktiker finden wird. Heilige Anklänge zu Betrachtungen und Erwägungen religiösen Belanges. Aus den Schriften eines Prä laten. Graz, Verlagsbuchhandlung Styria. G Fünfzig Meditationen als Frucht ernster, tiefer Reflexion! Die Bezugnahme auf den Unglauben unserer Zeit verleihen dem Buche eine seltene Originalität, die Betonung der Andacht zum Allerheiligsten Sacramente und der Maricnver- ehrung einen wahrhaft katholischen Charakter. Infolge des gediegenen Inhaltes sehen wir über die sprachlichen Unrichtigkeiten gerne hinweg, umsomebr als wir in dem Verfasser einen geborenen Ausländer vermuthen. „'S Dorl i". Von Carola v. Eynatten. Verlag von P. Weber in Baden-Baden. Die allbekannte und beliebte Erzählerin Carola v. Eynatten bietet der reiferen Jugend hier eine reizende Geschichte aus dem Schwarzwalde. Nichtalte Märchen grauer Vorzeit u. ferner Länder, sondern daS Leben und Treiben des heimathlichen Schwarz- waldes mit seinen originellen Erscheinungen und Trachten, wie es die Wirklichkeit bietet, wird uns hier in spannender und höchst anziehender Weise geschildert. Drei schöne 5 fünffar- bige Bilder zieren das Buch, die Ausstattung ist schön und der Preis (Mk. 2.50) sehr mäßig. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von Dr. Er nst Co m mer, o. ö. Professor an der Universität BreSlau. Padcrborn, Fcrd. Schöningh, 1896. X. Band. 2. Heft. Inhalt: I. Zur neuesten philosophischen Literatur. (I.) Von Kanonikus Dr. M. Gloßner, Müncben. II. Die in den drei unter dem Namen deö Aristoteles uns erhaltenen Ethiken angewandte Methode. (II.) Von Pros. l>r. Zahlfleisch in Ried, Ob.-Oesterreich. III. Die Neu-Thomistcn. (VII.) Das Gebiet der Gnade. Von U. LluF. Bbool. Gundisalv Fcldncr, 0. Vrasck., Prior in Lemberg. IV. Die unbefleckte Empfängniß der Gottesmutter u. der hl. Thomas. (II.) Von Jos. a Leon., 0. LI. 6ap. V. Die Grundprinzipien des hl. Thomas von Aqnin und der moderne Socialismus. (VI.) Die Gnade im allgemeinen. Von Dr. C. M. Schneider, Pfarrer in Floisdorf. U. s. w. Das Okkioinm Lla.ria.num xarvum, oder Die kleinen Marianischen Tagzeiten, in homiletischen Vortrügen erläutert von V. Ludwig Fritz, aus dem Orden der beschuhten Karmeliten. Regensburg bei Pustet. 2 Bde. 508 u. 644 S. Preis 6 M. —a. Diese Predigten sind in Straubing gehalten worden; sie sind die wohl ausgereifte Frucht sinniger und tief eindringender Meditation. Die Darstellung ist einfach und klar, jede rhetorische Uebertreibung ist streng vermieden. Ad. Haas in Augsburg. — Druck ». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Die GettemlkerMlmlrmlM der Katholiken und die christliche KrmsL. So ist denn noch vor Ablauf des alten Jahres trotz mancher Hemmnisse der gedruckte Bericht der Verhandlungen der 42. Generalversammlung der Deutschen Katholiken in München in die Hände der Mitglieder gelangt. Er erschien früher als dies in den letzten Jahren der Fall war. Und so kaun denn Jeder an der Hand diese» Berichtes um so leichter die schönen Tage vom 25. bis 29. August 1895 mit der ganzen Fülle ihrer geistigen Anregungen, der aufklärenden und begeisternden Gedanken, Mittheilungen, Rathschläge nnd Resolutionen, wie sie in den berathenden Sitzungen, den beschließenden Versammlungen und den öffentlichen Reden zum Ausdruck kamen, sammt jenen das Gemüth erhebenden Freuden der zusammenschließenden christlichen Geselligkeit und Solidarität noch einmal im Geiste durchkosten. Auf den Katholikentagen tritt so recht der allumfassende Charakter der katholischen Kirche der Welt vor Augen. Die ihrer Pflicht als solche sich bewußten Katholiken, die eifrigen werkihätigen Mitglieder der kathol. Kirche, stehen am allerwenigsten den wichtigen, drängenden Zeitfrageu unthätig gegenüber. Nein, sie bethätigen sich mit bestem Wissen und Können an deren möglichst vollkommener Lösung. So wurden so manche jener „Fragen", wie die Preß-, Schul-, Armen-, Arbeiter-, Kirchengesangs- und andere wichtige Fragen, von katholischen, zielbewußten Männern angeregt, auf den allgemeinen deutschen Katholikentagen in Fluß gebracht und mit ihrer Hilfe der Lösung näher geführt. Als die zwei neuesten Fragen, deren energische Inangriffnahme nicht wehr verschoben werden darf, sind die „Bauern-" und die „Künstlerfrage" aufgetaucht. — Bauern und christliche Künstler! Jawohl, beide halten wir für äußerst wichtige, ja unentbehrliche Faktoren eines soliden christlich-germanischen Staates. Beide sind aber in dem Punkte, der den „narvus omiuurn reruna kuwrnng.rnin" von heute betrifft, gleichgestellt. Sie müssen nämlich, wenn sie ein vollwertiges Produkt ihrer Arbeit herstellen wollen, meist ebensoviel oder noch mehr Geld und Geldeswerth hineinstecken, als sie dafür vom Abnehmer zurückerhalten. Eine genaue und gewissenhafte Enquete würde jene Thatsache bei den christlichen Künstlern vielleicht noch eklatanter bestätigen, als bei den Bauern. Bei solchen Verhältnissen kann nun aber, wie keine leveuskrüftige, gesunde Landwirtschaft, so auch keine blühende, achtunggebietende christliche Kunst bestehen. Selbst nicht die sparsamste klösterliche Genossenschaft, welche sich der Pflege der christlichen Kunst in wahrhaft künstlerischer Weise hingeben wollte, würde bei der jetzigen, bet uns so ziemlich allgemeinen Ablöhnung der christlichen Künstler existiren können, wenn ihr nicht noch weitere Quellen zum Lebensunterhalte zu Gebote ständen. Denn wenn man wirklich „kunstgemäß hergestellte Altarbilder von 2 m Höhe für 100 Mark" und vollständig künstlerisch und anatomisch richtig behandelte Altarbilder von 2 m Höhe für 120 Mark absetzen will oder muß, dann muß auch selbst der spekulativste Kunst- kmstaltsbesitzer bankerott werden, und wenn die ausführenden .Künstler auch nur wahre Hnngerlöhne erhielten. Aber abgesehen davon, wäre das Werk kein würdiges, kein Gott wohlgefälliges, zur himmlischen SegensvermiLt- lung paffendes Kunstwerk und Andachtsbildniß, wenn es außer seiner stumpfen Empfindungslosigkeit den unter Verwünschungen vergossenen Schweiß des Lohnarbeiters, genannt „christlicher Künstler", an sich tragen würde. — Das ist auch ein Stück der socialen Frage! Aber wie ist da abzuhelfen? Bei der Bauerufrage ist die Lösung jedenfalls bedeutend schwieriger. Denn bei dieser ist das Spiel der hohen Politik, der äußern wie der innern, die Rücksicht aus die fremden „meistbegünstigten Nationen", sowie auch die heimischen Kapitalmächte, die Allmacht des Manchesterthnms, ein ungemcin schwer zu überwindendes Hinderniß. Bei weitem leichter dürste die „christliche Künstlerstage" zu lösen sein. Man sollte meinen, eL bedürfe hier bloß der sachgemäßen Aufklärung nnd des guten Willens der maßgebenden Interessenten. Jeder, der eine wahre christliche Kunst will, der muß doch wollen und mitwirken, daß da, wo wirklich etwas Künstlerisches geschaffen werden soll, auch die absolut nothwendigen Vorbedingungen hiezu gegeben werden. Diese dürsten nun aber wohl vor allen folgende drei sein. 1. Der auszuführende kirchliche Kunstaustrag darf nur einem wirklichen Künstler übertragen werden — also nicht einem Faßmaler, Vergolder oder bloßen Techniker, Maurer- oder Baumeister, auch keinem Kunst- fabrikanten oder Engroskünstler, sondern direkt und unmittelbar dem der Aufgabe gewachsenen, durchgebildeten Meister. Nur der letzte hat von Gotts- und Rechtswegen einen begründeten Anspruch wie auf die Ausführung eines für das Gotteshaus bestimmten wirklichen Kunstwerkes, so auch auf die volle, ihm gebührende Entlohnung für die vollbrachte Kuustarbeit. — Daß für das religiöse kirchliche Kunstwerk kein Ungläubiger oder Jude in Anspruch genommen werden darf, versteht sich wohl von selbst, muß aber doch noch eigens betont werden. Ebenso gut könnte man einen solchen auch als Prediger auf die christliche Kanzel zulassen. 2. Es muß dem Künstler durch entsprechende, seine Arbeit, Mühe und Zeitaufwand vollwerthig entlohnende Bezahlung ermöglicht werden, mit Lust und Freude, mit ganzer Hingabe und Begeisterung sich seinem künstlerischen Schaffen zu widmen, zu dessen erster Bedingung ein sorgenfreies Gemüth gehört. Wahrlich, nicht nur eine sichere, niemals versagende Meisterschaft in seiner Kunst, sondern auch ein in echt christlicher Gesinnung festgegründetes Gemüth gehört dazu, trotz der oft unerhört unpreiswürdigen, herabgehaudelten Preissumwe, ein Andachts- und Heiligenbildniß zu schaffen, dessen erhabene Schönheit oder himmlischer Friede keine Spur jener bittern menschlichen Stimmung verräth, die bei jedem Pinselstrich und Meißelschlag im tiefsten Seelengrunde des christlichen Bildners aufwallen möchte. — Wenn der Literarhistoriker Vilmar sich im Stande erklärt, in jedem modernen Volkspoem „das Haar in der Suppe", das heißt: die innere, mehr oder weniger starke Verstimmung des Dichters nachzuweisen, so zeigen dagegen die echten Kunstgebilde unserer wahrhaft christlichen Dichter und Künstler trotz aller Ungunst der Zeiten bis in die neuesten Tage ein ganz reines, von jener Schlacke freies Gepräge. Als hervorstechende und gleichsam monumentale Beispiele 18 mögcn hier nur die Namen eines Dr. Fr. Helle und eines Carl Baumeister genannt werden. 3. Man rede deui Künstler nicht zu viel ein und wolle, was die rein künstlerische Auffassung und Form angeht, nicht klüger und vsrständnißvoller sein, als der gebildete Künstler selbst. Dieses Hineinreden, Vorschreiben und laienhafte Vordemoustriren und Constrniren des zu schaffenden Kunstwerkes hat schon manchem genialen Künstler — man denke nur an die Schöpfungen eines Steinle in Köln — das beste Concept verdorben. Macht doch nur das Subjcciiv-Jndividuclle, d. i. der persönliche Stil, das Werk zum Kunstwerk. Diese drei hier kurz berührten Grundsätze können nicht entschieden und oft genug betont werden. Sie bilden die sachliche und praktische Voraussetzung zur Er- möglichung einer höher« und allgemeinern christlichen Kunstblüthe. Ohne Künstler keine Kunst und ohne genügende Existenzmittel keine Künstler I Auch die allgemeinen Katholikenversammlnugen befaßten sich schon seit Jahren mit der christlichen Kunstsrage und erließen manche beachtenswerthe Resolutionen über die Ausgabe der christlichen Kunst und über Wesen und Form des christlichen Kunstwerkes. Auch wurden manche inhaltsreiche Reden über die Schönheit, Würde und Bedeutung der erhabenen religiösen Muse gehalten. Im „christlichen Jsar-Athen" wurde merkwürdiger Weise gegen Aller Erwarten, dem auch unwillkürlich Herr Or. Orterer in seiner öffentlichen Rede Ausdruck gab, keine vernommen. Mit Stillschweigen ist aber hier, wie überall, nichts geholfen. Auch die Generalversammlung der deutschen Gesellschaft für christliche Kunst bot für den Ausfall jener Rede keinen Ersatz. Die äußerst knapp zugemessene Zeit füllte zum größten Theil die Verlesung des Jahresberichtes, und kaum war es Herrn Professor Dr. Schlecht möglich, in einem kurzen rhetorischen Vorstoß eine kräftige Lanze für unsere christlichen Künstler zu brechen. Die „Künstlerfrage", der praktische Kern der ganzen Sache, wurde aber bisher meist nur so obenhin behandelt und hie und da mit einer nicht beachteten und noch weniger befolgten Resolution abgethan. So kommt dieselbe auch diesesmal wieder in dem Unterabschnitte einer seitenlangen Resolution ein wenig zum Vorschein, indem es da heißt: „Die Generalversammlung erkennt deßwegen für die Kirche ausschließlich die Thätigkeit selbst- ftändig schaffender Künstler und Kunsthandwerker als berechtigt an und verurtheilt den Fabrikbetrieb vieler sogen. Kunstanstalten, welche als die schlimmsten Feinde der echten kirchlichen Kunstthätigkeit betrachte! werden müssen. Die Generalversammlung verwirft die Massenerzeugung auf dem Kunstgebiete und warnt alle, die es angeht, durch Anschaffung solcher Erzeugnisse die Kirchen zu verunzieren und dazu auch finanziell schwer zn schädigen." Die „Künstlerfrage" war aber stets der Refrain oes seligen A. Neichensperger, der schon entschieden betonte: „Will man der christlichen Kunst aufhelfen, so muß uian vor allem dem schaffenden Künstler direkte Auftrüge zuwenden. Geld wäre zu diesem Zwecke genug da. Unsere christlichen Vorfahren hätten auch nicht an offenen Gcldsäcken gestanden." — Letzterer Gedanke ist ebenso wahr wie beachtcus- werth. — Ein Würzburger Decan erklärte mir in Mainz Folgendes: „Bei uns werden alljährlich in jedem Dekanate etwa 30,000 Mk. für kirchliche Nestaurations- zwecke ausgegeben. Wenn nun von oben herab dafür gesorgt würde, daß diese Summe nur für künstlerisch und technisch würdige Arbeiten verwendet würde, dann wäre der christlichen Kunst bald geholfen." Das ist in der That unzweifelhaft! "Doch ich will etwas noch ablassen. Ich behaupte, wenn von diesen 30,000 Mark nur „5000" alljährlich in jedem Dekanate für eine wirkliche Kunstleistuug ausgegeben würden, so würden nach und nach alle Kirchen den einen oder andern durchaus würdigen und erbaulichen Bildschmuck erhalten, und dem Elende der christlichen Kunst wie der Noth der christlichen Künstler wäre in Bälde abgeholfen. — Ncichen- sperger selbst griff vorzüglich in seiner nächsten Umgebung am Rhein mit großer Energie und Sachkenntniß, bei genauer Befolgung seines vorgenannten Grundsatzes, in die christliche Kunstthätigkeit ein, und ist die dortige herrliche Neublüthe kirchlicher Gothik als die reich entwickelte Frucht seiner grundlegenden und fördernden Bemühungen anzusehen. Möchte er nun besonders in allen Kunstcentren ebenso energisch eingreifende Nachahmer finden! Möchten auch besonders die folgenden Generalversammlungen der Katholiken gerade jenes alte Reichensperger'sche Grundthema der „Künstlerfrage" in nachdrücklichster aufklärender Weise den anwohnenden Mitgliedern, unter denen ja besonders der Klerus, der zunächst interessirte und berufene Förderer der bezüglichen Kunstthätigkeit, stets am zahlreichsten vertreten ist, nicht nur als Verstandes-, sondern noch mehr als Gewissenssache immer wieder zu Gehör bringen l Dann muß doch endlich auch auf dem vorwürfigen Gebiete ein ersprießlicher praktischer Erfolg sich zeigen, wie deren auf andern Gebieten die Generalversammlungen der Deutschen Katholiken in der That so manche zu verzeichnen haben. Festing, Die Gründer des Hauses Bourbon-France. Von Charles Saint Paul. (Fortsetzung.) Im Jahre 1310 sandte König Philipp den Grafen und seinen ältesten Sohn, Ludwig, zum Kaiser Heinrich VII., um einen Vertrag gegen die Engländer und Flamländer zu schließen.") Robert wollte sich auch am Kreuzzuge betheiligen. Jedoch entband ihn Clemens V. von dem diesbezügliche» Gelübde, wie aus einem Schreiben desselben vom 25. Februar 1306 hervorgeht, in welchem er den Grafen auffordert, da er durch körperliche Schwäche abgehalten sei, statt des Kreuzzuges eine fromme Schenkung von 10,000 LireZ zu machen.^) Daß Robert sich möglichst von der Verwaltung seiner Herrschaft frei zu machen suchte, ist erklärlich. Er verzichtete im Jahre 1310, nach dem Tods feiner Gattin, auf die Administration des Bourbonnais und gab vier Jahre später auch die Grafschaft Clermont seinem Sohne Ludwig, indem er nur den Titel und eine jährliche Reute für sich behielt. Er starb im Jahre 1317, am 7. Februar, wie aus der Grabschrift erhellt, im 62. Lebensjahre. Seine Be- gräbnißstätte war die Domiuikanerkirche der Nue Saint- Jacques in Paris, wo mehrere Bourbonen ruhten. Sein ") I,a Llurs, ioin. II. xn§. 10, 11; Ooiküsr vemorst, I,o Oonrbounais. ^.rtiels Itobort, toiu. I. '-) In den >?i'onvos snr l'bistoiro äss vnes äs Oonr- bon« von I,?. Lknrs, low. III. krsnvss 114 A. 19 Testament"), am 6. Dezember 1316 zu Paris abgefaßt, enthalt außer einer Stelle, die beweist, das; er zeitlebens im Sinne hatte, das Kreuz zu nehmen, nur einige fromme Schenkungen und einige unbedeutende Bestimmungen. Seine Kürze ist darauf zurückzuführen, daß, wie erwähnt, Robert bereits vor der Abfassung desselben seine Besitzungen seinem Sohne übertrug. Sein Epitaphium zierte eine Statue und die Inschrift: Ostx gisb 1s tits Nss. 8.. Roms, fuäis Hör äs Istmirss L swvoir tzl. Robert, Oornts äs 61srinont, Lstgueur äs Rourbon, Hui trspassu 1o VII° gour äs Isvrisr 1s lcmäi axrss 1u kuriüsution Rotrs Oams. Rris 2 xour I'uins cls . . . (lz?) . . . Später wurde diese Inschrift bei Veränderung des Epitaphiums durch folgende ersetzt: 6z? Zist wsssirs Robsrt, sonats cls Olsrnaont, ssignsur cls Lonrbon, c^ui tut 61s äs lllorwisur 8uint-Roz?8, roi äs Rranes, vsui trssxassL ls V1I° gour äs kövrisr l'un äs grnss N600XVII. kris 2 gsws Dien alt sori anas. Lrnsn.^) Beatrix besaß, als ihre Mutter noch lebte, nur die Chlltellernie Chavroche und 1000 Livres Einkünfte. Ihr väterlicher Großvater aber, Hugo IV., Herzog von Burgund, gab ihr durch sein Testament die Grafschaft Charrollais, die später eine ansehnliche Vergrößerung des Bourbonnais bildete. Ehe Beatrix ihr Erbe in Besitz nahm, hatte sie einen andauernden Streit mit dem Grafen von Artois, mit welchem ihre Mutter Agnes in zweiter Ehe sich vermählt hatte.") Ihr Gatte stellte wegen der Versuche desselben, Beatrix eines Theiles des Bourbonnais zu berauben, Klage beim Könige,") und das Parlament erklärte im Jahre 1282, daß Beatrix allein zur Erbschaft berechtigt und das Land der Fürsten von Bourbon un- theilbar sei.") Doch wollte sich Artois immer noch nicht zufrieden geben und reklamirte nach dem Tode seiner Gemahlin (1288) abermals einen Theil des früheren Besitzes derselben.") Die Angelegenheit wurde erst durch feinen Tod erledigt. '9 Der Text desselben ist in »Bitres äs In LI. O. äs Lonrbon« (xa§. 252) zu finden. ") Eine neuere Jnscription des Poeten Santeuil lautete: M QV8 LB IHV81W8 LXUVILS Lersnissimi kriuoixis, Oomitis äs Olermout, Laneti Imäovivi UsAis Hegias Lorbsniänin kriwasvas Ltärxis Lpitaxliium. Ris Ltirps Lorboniänm, Hie Urimus äs nowins Urinoeps, Oouüitur; Nie tnmuli vslnt in eunadula Usgmm. Uio vsniant xroni Us§ali s Ltirxs lisxotss. Lordonii bis isAnaut invito tunsrs LIanss. Das Epitaphium des Fürsten wurde von den Wütherichen des Jahres 1793 zerstört. Es ist irrig, wenn man noch in den letzten Jahrzehnten im llluses äes kstäts Lngustins in Paris Roberts Statue zu bewahren glaubt. Es ist dies nicht seine, sondern die von Charles de France, dem dritten Sohne Philipps des Kühnen. '9 Die Hochzeit muß vor dem Juni 1277 stattgefunden haben. Denn am 2t. Juni dieses Jahres huldigte Robert zu OrlSanS dem Erzbischof von Bourges für alles, was er von ihm m dem Bourbonnais zum Lehen hatte. (Lartulairs äs l'arobsvZclis äs Lonr^es 660X111, xa§. 41.) '9 Nach Ditrss (xa§. 128) haben Agnes und ihr Gatte sich durch einen Akt vom 26. Juli 1281 dem Richterspruche des Königs unterworfen. '9 bn lllure. Uistoire äss änes äs Lourbou. Bow. III., krsnves. 114 a. ") Wie Chazaud bemerkt, war das Bourbonnais ein weibliches Lehen. Denn nach dem Tode der Agnes lebte noch G rullanme II. von Bourbon-Lcxai, der Neffe Archambaudö VI. Robert und Beatrix ergriffen im Juni 1288, nach dem Tode der Agnes, Besitz von dem Bourbonnais. Das Datum ist durch eins Urkunde des Cartulare von Sou- vigny bestätigt. — Die Herren von Bourbon mußten nämlich beim Antritte ihrer Regierung schwören, die^ Privilegien von Souvigny zu wahren. Robert, der am Hofe des Königs zurückgehalten war, sandte drei Kommissäre nach dem Priorate, um den Eid zu leisten und die außerordentliche Abgabe, welche ihm die Stadt Souvigny schuldete, zu erheben. Es waren dies Gauthier, Bischof von Senlis, Pierre, Archidiakon von Orlsans, und Guy de Nsris, ein Ritter des Königs Philipp. Sie erhielten von den Mönchen die Antwort, daß die Abgabe nur dann gezahlt werden würde, wenn der Fürst selbst käme, um zu schwören. Jedoch erachteten diese es bald für besser, nachzugeben, und beschlossen, die Summe von 920 Livres zu verabfolgen, falls hiedurch ihre Rechte für die Zukunft nicht beeinträchtigt würden und Robert, wenn er später in sein Land käme, den Eis nachträglich leisten würde. Die Urkunde, welche diese Bestimmungen enthält, ist vom Jahre 1288, am Mittwoch nach der Pfingstoctav, datirt, und es wird also kurze Zeit vorher Robert den Besitz angetreten haben. Beatrix starb am 1. Oktober des Jahres 1310, sieben Jahre vor ihrem Gatten. Ihr Grabmal war früher in der Franziskanerkirche zu Champaigue im Bourbonnais zu sehen. Es wurde mit der Kirche zerstört; jedoch existirt noch eine Beschreibung desselben von l?. Andrs.") Es war in der Mitte des Chores zwischen den Gräbern von Guy de Dampierre und Marie d« Hainault, ein herrliches architektonisches Denkmal, ihre Statue weisend mit der Inschrift: si Ist gist trss nolisls Ouvis Naäams Rsutrxx Oovaissss äs Olsrmcmt st äams äs London, yui und es cxistirte noch die Familie Blot, welche in directer und männlicher Linie von Archambaud III. abstammte. Dieselbe war noch von Nager de Blot, Herrn von Montespedon und seinen beiden Söhnen Roger und Gauvain vertreten, von denen der letztere im Jahre 1276 der Dame Agnes für die Herrschaft Fernant im Combraille huldigte. Beatrix führte daö Wappen von Altbourbon, anfangs getheilt mit dem von Burgund, später mit dem ihres Gatten, welcher das Wappen von Frankreich, mit einem Querbalken, zur Andeutung seiner Geniturstellnng, statt dem Wappen von Clcr- mont angenommen hatte. Die alten Fürsten von Bourbon trugen Gold mit rothem Löwen und am Schildrande 10, nach anderen 8 oder 6 blaue Muscheln. Die Zahl der letzteren kann nicht festgestellt werden. Das älteste Monument, an dem dieses Wappen sichtbar ist, eine Grabstatue in der alten Abtcikirche von Bcllaigue bei Montaiguc-en-Combraille (Lnz? äs vüms), zeigt ein Schild mit einem Löwen und 11 Muscheln. Das Siegel Archambaud VIII. von Bourbon dagegen, einem Akte von 1247 beigegebcn, ein Wappen mit 8 Muscheln. Im Ar- morial von Gnillaume Nevcl ist Beatrix abgebildet mir einem goldverbrämten Pnrpnrgcwande, an dessen Untertheil daö Wappen rechts blau, besät mit goldenen Lilien und rothem Qucrstab (Frankreich), links Gold, mit rothem Löwen und 8 blauen Muscheln, eingestickt ist. Diese Figur findet sich auch in den 'Llouumeuks äs !a Llrmaiodis Ikrauxaiss- (tom. 2, pag. 23). — Neben Beatrix befindet sich ihr Gemahl im blauen mit goldenen Lilien besäte» Gewände, über welches sich von rechts nach links ein rother Qucrstab zieht. — Manche behaupten, daß Beatrix aus Hochjchcitzung ihres alten Hauses das Wappen von Bourbon l'Ancicn allein getragen habe, und stützen sich aus ein Wappen, das im archäologischen Museum von Moulins, in der Capelle Bourbon, gesunden wurde, uud iu welchem sich nur der rothe Löwe und die Muscheln befinden. Dem jedoch kann inan ein anderes, vom Grasen von Sonltrait gesunden, entgegenstellen, welches France und Bourbon l'Ancicn getheilt zeigt, und zwar nock mit einigen Fragmente» der Inschrift: »Lour(bon), äams äs-, ein Beweis, jedenfalls noch zuverlässiger als das Armorial von Nevel 20 tresxasss. au Oliatsuu äs Llurnt Is xrswisr jour äs vxlosirs 1'au äs §raos NOOOX. xriss xsr laws äs 1i?°) Der Ehe von Robert und Beatrix entstammten drei Söhne und drei Töchter. Der Erstgeborne war Ludwig I., der Große, dessen biographische Daten wir im Folgenden noch näher ins Auge fassen wollen. Der zweite Sohn war Jean de Clermont, Baron von Charolais und Saint- Just. Als Waffengefährte seines älteren Bruders zeichnete er sich in den Kämpfen mit Flandern aus und starb, kurze Zeit, nachdem er den Entschluß gefaßt hatte, ins heilige Land zu ziehen (1316). Von dem dritten Sohne, Pierre de Clermont, weiß man nur, daß er im Jahre 1330 Archidiakon von Paris war. (6g.I1. 6krist. lorn. VII. eol. 129.) Die erste Tochter, Manche de Clermont, vermählte sich im Jahre 1303 mit Robert VII., Grafen von Auvergne und von Boulogne, dem sie die Graf- schaft von Saint-Just in der Champagne, 11,000 Livres, die Herrschaften von Scmur, Argeuce, la Marche und Terrail im Bourbonnais sowie die Chütcllenie von Remin in der Grafschaft Clermont als Mitgift brachte. Sie starb nach den Autoren des „^nsisir Lourbormgis" schon im Jahre 1304, nach der Angabe des Grafen von Soultrait erst 1312, und wurde in der Cathedralkirche von Boulogne-sur-Mer. beigesetzt. Marie, die zweite Tochter Roberts, wurde in ihrer Jugend Johann, dem Markgrafen von Montferrat, versprochen. Sie zog aber das Klosterleben dem Ehestände vor und nahm im Con- vente von Moutargis den Schleier. Später wurde sie Priorin in dem kgl. Stifte Poissy (1333). Nachdem sie 11 Jahre lang die Vorstandschaft geführt, starb sie als einfache Klosterfrau, erblindet, am 13. Juni 1372 und wurde in der Klosterkirche begraben. Margaretha, das jüngste Kind Roberts, wurde, wahrscheinlich im Jahre 1308, die Gattin Johanns von Namur, Grafen von Flandern, und soll schon im solgenden Jahre, ohne Nachkommen zu hinterlassen, gestorben sein. (Siehe für die Genealogie der Kinder Roberts die Anmerkungen des Grafen von Soultrait zur Ilistoirs äss äuss äs Lour- lioir von La Mure (II. 11—13) und „Anoieu Lour- dsiurgis" (434—435). (Fortsetzung folgt.) „Schwedens Schanze." Ein Wort über die Völker Skandinaviens, besonders über die Schweden von Frau Helene Nhblom, geb. Roos. Frei und gekürzt nach dem schwedischen Original von Dr. P. Wittmann. (Schluß.) Während aber die Norweger zähe und unentwegt am Erbe der Vüter festhalten und die Dänen des Seibst- tobs und der Selbstberüucherung nie müde werden, stehen die Schweden den Schützen und der Zukunft ihres Landes vielfach theilnahmslos gegenüber. Da ich noch Kind war, schilderte man mir sie als Prahlhänsen, die stets von der Größe ihrer Nation zu erzählen wüßten. Ist das je wahr gewesen, so muß diese Generation nunmehr aus- gestorben sein. Ich wenigstens habe bei keiner anderen 2°) Diese Inschrift ist gleichfalls neueren Datums. Die ursprüngliche war ganz zerstört und zeigte nach der Zeichnung des Pöre Montfaucon in seinem Werke >Iws Llonnmonts äo In ülouareilis ^raueaiss« nur mehr die Worte . . . -Lotst kero Lvv LIs to änv Loxs« ... Nation solchen Mangel an Patriotismus beobachtet, ein so trauriges Unvermögen gefunden, eigenen Besitz zu schätzen und für dessen Erhaltung besorgt zu sein. Eine allzulang andauernde Friedensperiode trägt wohl Schuld an dieser moralischen Erschlaffung. Die Partei der Friedensfreunde, deren Stärke stetig wächst, gelangt nicht selten auf Absvege. So vertreten Einzelne die Anschauung, man solle sich überhaupt nicht in Vertheidigungsstand setzen; es sei einerlei, ob Schweden dem deutschen oder russischen Reiche zufiele u. s. w. Mit lächerlicher Inkonsequenz bewundern aber gerade Leute dieses Schlages das ausgeprägte Nationalgefühl der Norweger und gestehen zu, daß der „tapfere Landsoldat" dem kleinen Dänenvolke die Gloriole des Heldenthums verschafft hat. Der Wille, feine nationale Existenz hochzuhalten, entsproßt ebenso einem Naturtrieb, wie jener, das Leben, und zwar nicht bloß das eigene, sondern auch jenes der Kinder und Eltern, zu schützen. Läßt sich z. B. ein Deutscher denken, der gegen französische, ein Engländer, der gegen deutsche Herrschaft sich nicht ablehnend verhielte; würde ein Italiener sich wehrlos dem österreichischen Nachbar unterwerfen? Nimmermehr, und sogar bei den Kaltfinntgsten unseres Volkes müßte solch unnatürliches Gebühren Zorn und Verachtung hervorrufen. Wo aber der eigene Herd und Werth in Frage kommt, da verblassen alle Begriffe. Man schwankt hin und her. Man hält es für inhuman, an einen Krieg nur zu denken. Angriffskrieg gilt überhaupt als undenkbar. Er ist Sache barbarischer Nationen. Aber ein Veriheidigungs- krieg? Pah, welch' ein Zeitaufwand, welch' unnöthige Sorge! Weßhalb an Unangenehmes denken, das vielleicht niemals eintritt. — Manche freilich sind von solch blasirter Anschauung frei. Es gibt Tausende von Männern und Frauen, die zu jedem Opfer für's Vaterland bereit sind, aber diese Vaterlandsliebe ist nicht allgemein. Nur ein Theil des schwedischen Volkes erweist sich als stark und patriotisch gesinnt. Und doch hätte gerade der Schwede hinreichend Grund, stolz auf sein Vaterland zu sein. Was haben nicht dessen Könige und Adelige, seine Bürger und Bauern, Männer und Frauen Alles geleistet! Beide Geschlechter, Hoch und Nieder wetteiferten miteinander in Helden- und Opfermnth. „Ja, das war die Zeit von Schwedens Größe", wird hier von Manchen eingewendet. „Für jene Periode lassen wir Hünen und Heroen gelten. Jetzt aber hat unsere Nation zu viele Fehler und Schwächen an sich, als daß sie die frühere Begeisterung wecken könnte, unserer Hingabe würdig wäre." Eine merkwürdige Vaterlandsliebe, die sich auf bestimmte Epochen der Geschichte beschränkt! Was frommt es, das Schweden der Vergangenheit zu feiern und darüber das Land der Gegenwart mit seinen Fehlern und Tugenden aus dem Auge zu verlieren? Im großen Geisterkampf der Zeit dreht es sich vornehmlich um zwei Punkte, Wahrung des Rechts persönlicher Freiheit und werkthätige Unterstützung der Schwächern. Um dieser Doppelaufgabe gerecht werden zu können, gilt es zunächst das eigene Ich harmonisch auszubilden, ohne dabei individuelle Veranlagung zu beeinträchtigen. Wie langweilig wäre es, wenn alle Menschen einander ähnlich sehen, dasselbe reden und thun würden! Das Erfrischende im Verkehr mit anderen Personen besteht im Gegentheile darin, daß beide Parteien ihre Eigenthümlichkeiten, Sitten, Erfahrungen und Fähigkeiten zum Einsatz bringen. Gleich 21 förderlich wirken auch zwei Nationen auf einander ein, sofern sie sich nicht zu sehr verschmelzen, vielmehr ihre charakteristischen Merkmale beibehalten. Pflicht der Völker ist es deßhalb, an Gewohnheit, Sage, Sitte und Tracht, kurz an ihrer nationalen Eigenart festzuhalten. Diesem Zwecke soll auch Skansen, jenes herrliche Frei- luftmuseum, dienen, das vr. Arthur Hazelius auf Djurgarden errichtet hat. Von hier blickt man hinaus über die herrliche Stadt Stockholm, die sich mit all ihren Reizen dem Blicke entrollt und zauberisch auf den Fluthen des Meeres zu schwimmen scheint. Kein Gegenstück auf Erden zu dieser sonnenumglänzten, strahlenden Königin des Nordens, welche mit Recht den Stolz der Nation bildet! Ihr Bild allein sollte genügen, um den Söhnen des Landes Leier und Schwert in die Hand zu drücken! — Der Traum eines „einigen Skandinaviens" ist bis auf Weiteres vorüber. Wenn also Björnson Schweden auffordert, die „Fahne des Nordens" zu entrollen, dürfte er wohl wenig Anklang finden. Eilt es aber Existenz und Ehre Schwedens, so soll man die Enkel ihrer Ahnen würdig sehen! Ihnen sei es zugerufen, das Wort des Dichters: „Gemüthsvolk Du, Du Volk der Phantasie, Der innig sceleiivollen Poesie; Sei männlich stark und fasse muthentbrannt Dein Schwert und Dein Panier mit fester Hand!" Der schwarze Berthold, der Erfinder des Schieß- prrlvers und der Feuerwaffen. (Schluß.) ll. I'. Kommen wir nun zum Namen des Erfinders, den alle Geschichts- und Lesebücher als Berthold Schwarz angeben. Wie wir oben schon gesehen, nennt ihn der älteste Zeuge, Hemmerlin, Lertüolclus niZar, d. h. der schwarze Berthold. Aus diesem Lertüoläus niZar machte nun der als nicht sehr scrupulös bekannte Aventin den Lsrtüolclua I^iZen, und das heißt Berthold Schwarz. Diesen Namen übernahm von Aventin der obengenannte Gaffer und von diesem Sebastian Münster u. s. f. Daß dieses nicht die richtige Wiedergabe des lateinischen Namens ist, liegt auf der Hand; nicht bloß Hemmerlin sagt uns, daß er nicht Schwarz, sondern der Schwarze heißen muß; auch der Verfasser eines angedruckten Feuerwerlbuches aus dem Jahre 1432 bezeugt uns dieses. Er nennt den Erfinder einen „Maistcr", so geheißen hat „der schwarze Berthold" und gewesen ist ein ^gaiinantious, ein Schwarzkünstler. Das letztere Wort gibt unS deutlich den Grund an, warum der Pulvererfinder, Meister Berthold, den Beinamen „der Schwarze" bekam; von seiner „Schwarzkunst", der Alchimie. Richtiger als die deutschen Chronisten haben die Franzosen den LarÜioIclus nitzar übersetzt. So nennen ihn Frau?ois de Belleforest 1579 und Andrö Thevet 1584 Lartkolä Is Noir, d. i. Berthold der Schwarze. Der andere Name des Erfinders, Konstantin Antlitzen, hat Veranlassung gegeben, zwei Männer aus demselben zu machen. Dieses scheint aber ohne jeden triftigen Grund geschehen zu sein. Denn es ist bekannt, daß, wer in ein Kloster tritt, seinen Taufnamen ablegt und einen andern bekommt. So wurde der Konstantin der Welt eben im Kloster ?. Berthold, ohne daß man deßhalb vergessen mußte, daß er vor seinem Eintritt Konstantin Antlitzen geheißen habe. In Freiburg kamen in vergangenen Jahrhunderten eine Menge mit „Jsen" (Eisen) zusammengesetzter Geschlechtsnamen vor. So noch 1624 ein Spielmann Angelisen, den die österreichische Regierung dem Stadtrathe zur Anzeige brachte, weil „Georg Angelisen und ein Schreiner Jäcklin, Spiclleute von Freiburg, bei ihrem Durchzuge zu einer Hochzeit nach Kienzheim (Elsaß) zu Neichenweier an einem Freitage Speck gegessen und dadurch großes Aergerniß gegeben hätten." Von Angelisen, bemerkt Hansjakob richtig, ist aber, namentlich im Munde fremder Schriftsteller, nur ein Schritt zu Anklizen und Antlitzen. Man möchte sich nun wundern, daß die Chronisten des Franziskanerordens am wenigsten wissen von dem Pulvererfinder. Es ist aber bekannt, daß die ersten Nachfolger der zu Freiburg vertriebenen Conventualen oder diese selbst Pergamente abschabten, um anderes darauf zu schreiben. Warum aber Notizen über den Pulvererfinder mit Vorliebe vertilgt wurden, wird uns klar werden, wenn wir das Urtheil der Welt über den schwarzen Berthold und seine Erfindung erfahren. Doch zuvor noch ein Wort über die Stadt der Erfindung. Klar weist unser Gewährsmann nach, daß die Erfindung in Deutschland gemacht wurde, und daß das, was verschiedene Chronikanten darüber sagen, daß das „Byssen-Krud" (Büchsen-Kraut, d. i. Schießpulver) in Dänemark, in Italien, in Griechenland, in Böhmen usw. erfunden worden sei, theils Sage, theils Verwechslung ist. Ebenso klar ist sein Beweis, daß unter den fünf Städten, Köln, Goslar, Mainz, Nürnberg, Dortmund, die als Geburtsstätten des Erfinders oder wenigstens der Erfindung genannt werden, keine einen Grund hiezu habe. Freiburg allein hat diese Ehre. Für diese Stadt spricht die Sage, welche doch stets einen historischen Hintergrund hat. Diese Sagen erzählen, daß Meister Berthold, erst Cistercienser, in dem schon im 13. Jahrhundert blühenden St. Blasien, dem Monte Cassino des Schwarzwaldes, seine Studien machte und mit naturwissenschaftlichen Experimenten sich abgeben konnte; hier habe er sich auch seinen Gelehrtentitel, den eines „Meisters der freien Künste" (Mgistar), geholt. Ein „Meister Berthold" erscheint aber im Jahre 1245 in der Kirche St. Martin zu Freiburg als Zeuge. Als ein Sohn des hl. Franziskus wäre Berthold damals, wo Predigt und überhaupt Seelsorge die Hauptaufgabe der Franziskaner war, sicherlich nicht zum Studiren nach St. Blasten geschickt worden. Eine zweite Sage erzählt, daß feine Mitbrüder den Pulvererfinder wegen seiner unheimlichen Studien eingesperrt haben. Ein deutscher Schriftsteller, Buddeus, sagt, in einem Traktat, welches unter Alberti Magui Werken zu finden, stehe, daß Berthold Schwarz ein Barfüßer-Mönch gewesen und das Pulver im Gefängnisse erfunden habe. Damit stimmt überein, was wir mit geschichtlicher Gewißheit wissen, daß nämlich sein Zeit- und Ordcnsgenosse Bacon wegen ähnlicher Dinge wiederholt und jahrelang in Haft sich befand. Die dritte Legende übt das Nichteramt an dem Erfinder einer so „schändlichen Sache"; sie berichtet nämlich, daß der schwarze Berthold sich zu Freiburg selbst in die Luft gesprengt habe, um die Wirkung seiner Erfindung zu zeigen. In einem Scherzgedicht, dessen Dichter nach Dr. Hausjakob wohl noch im 13. Jahrhundert gelebt hat, ist die Rede von dem Schießen mit Büchsen; man hat also damals schon in Freiburg mit Pulver geschossen — und zwar früher als in einer andern Stadt. Daß dieses 22 mit den Angaben Hemmerlins, mit der oben angegebenen ! Urkunde und mit dem, was über die Entwickelungszeit einer solchen Erfindung gesagt wurde, übereinstimmt, bedarf keines Beweises. Daß kein größerer Gebrauch von der Erfindung gemacht wurde vor dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts, läßt sich damit begründen, daß 1348 der schwarze Tod durch das Land ging und 1356 im Breisgau und am Oberrhein die Zerstörung Basels durch ein Erdbeben Entsetzen hervorrief. Solche Zeiten sind für kriegerische Experimente und Unternehmungen nicht geeignet. Uebrigens besitzen wir einen genauen geschichtlichen Nachweis, daß die Freiburger Bürger zu den ersten gehörten, die in Deutschland Gebrauch von der Erfindung machten. In der „Freyburgischen Chronike" des Jakob von Königshoven heißt es vom Jahre 1366: „Darnach belagerten die burger von der Stadt Freyburg die Burg und das Schloß Burghalden dem Graf mit Dreyen lagern und stets hinaufschiessend." Endlich wissen wir, daß diese Stadt durch ihre Büchsenmeister und ihr „Büchsenzeug" renommirt war und daß die benachbarten weit größeren Städte Basel und Straßburg ihren desfallsigen Bedarf in Freiburg deckten. Aus all diesem folgt, daß im Ernst von keiner andern Stadt in Deutschland als von Freiburg als der Geburtsstätte des Pulvers und seines Erfinders gesprochen werde» kann. Dieses möchten wir noch anführen, daß Berthold nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, durch Zufall feine Erfindung gemacht hat. Die meisten älteren Chronisten behaupten, daß er durch Studium und Experimente, auf „geistreiche" Art, durch Scharfsinn, wie Hemmerlin sagt, darauf gekommen sei. Der bedeutendste Chronist der Franziskaner, LucaS Wadding, schreibt: „Berthold habe lange Philosophie studirt und dabei gelernt, daß nicht zwei Körper in demselben Raum sein könnten, und daß Feuer mehr Raum brauche als Erde. Darum habe er Schwefel und Salpeter pulverisirt und in einem geschlossenen Gefäß an's Feuer gestellt, worauf das Gefäß zersprengt worden. Erstellt hierüber, habe er angefangen, das Schießpulver rationell anzufertigen und anzuwenden, und habe zuerst Baumstrünke mit Pulver gesprengt und dann erst mit hölzernen und endlich mit eisernen Röhren ex- perimentirt und Steine und Orgeln aus denselben geworfen." Berthold war also ein Naturforscher und Chemiker oder, nach dem Sprachgebrauchs jener Zeit, ein Alchimist, dessen „Pulverküche" man noch heute hinter dem alten Kreuzgang von St. Martin zeigt. Und wie lohnte ihn die Welt dafür? Daß er von seinen Ordensgenossen ob seiner „Teufelskünste" wahrscheinlich eingesperrt wurde, haben wir schon gesagt. Forcatulus nennt ihn einen „Mönch und Faulenzer, weil nur aus dem Müßiggänge alles Böse komme". Ein Chronist, Erich Adalar, meint: „Büchsen mit Kraut (Pulver) und Lot (Blei) sind erfunden durch einen Mönnich: Wie das Werk ist, so ist auch der Meister gewesen, nämlich ein feuerspeiender Drach." Selbst der „milde" Philipp Melanchthon nennt den Erfinder „einen Münch, Diener und Gehülfen des Teufels", und Busch berichtet, daß die Obrigkeit von Ostfriesland 1379 habe Bussen (Büchsen) Inten soluneäen unä Zseten (gießen), änt inooräelist instruvaent, äoor (durch) äes Havels (Teufels) Onxellnn erkunäen." „Die schlechteste, die gefährlichste und die fluchwürdigste" aller Erfindungen wurde, wie Opmerius meint, „zum Verderben vieler Sterblichen gemacht", was ihm heute noch jedermann bestätigen wird. Der berühmte Dichter Ariost hält seinen folgenden Spruch für „gediegen": „Von den verruchten Geistern allzumal War keiner böser, noch im Frevel dreister, Als dieser greulichen Erfindung Meister. Und daß dafür ihn ewige Rache quäle, Hat in den tiefsten Abgrund Gottes Hand — Das glaub' ich sicher — die verruchte Seele Zu dem verruchten Judas hingebannt." Faber Stapulenfis (1- 1526) meint menschenfreundlich, „es wäre den Sterblichen gut gegangen, wenn der Erfinder beim ersten Versuche verbrannt wäre". Noch eine Reihe von Schriftstellern und Dichtern schließen sich diesem Wunsche an und sind darin einig, daß am besten der Urheber der Kanone zuerst erschossen worden wäre. Noch eine Belohnung haben die Schriftsteller früherer Zeit für den armen Berthold. Jalofsky meint, es wäre eine Art Belohnung für den Erfinder des Pulvers gewesen, daß sein Name für immer ein Geheimniß blieb, damit er nicht zu allen Zeiten von allen Sterblichen verflucht würde. Der spanische Kapitän Diego Uffano, Commandant der Citadelle von Antwerpen zu Anfang des 17. Jahrhunderts, sagt: „Und kompt diese teuffelische invsntion her von einem vorwitzigen Münch Deutscher Nation, einem sonderlichen Philosopho oder Alchymisten, deßen Namen zu seinem Vnglück gleichsam von allen bey allen verschwiegen wird." Wir wissen nun, warum der Name des Erfinders so lange geheim gehalten wurde, „damit ihm nicht zu allen Zeiten von allen Menschen geflucht werde", und begreifen nun auch, warum die Ordenschronisten so lange schwiegen und die etwa vorhandenen Aufzeichnungen möglichst bald vertilgt wurden?) Von dem gläubigen Volke und der Priesterschast wurde die Erfindung als im Bunde mit Dämonen entstanden verdammt, und die „Gelehrten" und Ritter der ersten Jahrhunderte nach Berthold glaubten dies auch, verwarfen sie aber ganz besonders, namentlich die letzteren, weil sie dem Mannesmuth Eintrag thue. Diesem Gefühl gibt Ariost Ausdruck, wenn er fingt: „Gib, armer Krieger, gib der Schmiedezange All' deine Waffen hin, bis auf das Schwert; Die Flint' und Büchse sei dafür genommen! Sonst wirst du wahrlich keinen Sold bekommen. Wie hast du Raum in Mcnschenbrnst gefunden, Erfindung, voll des Frevels und der Weh'n? Durch dich ist Waffendienst der Ehr' entbunden, Durch dich niuß Kriegesruhm zu Grunde gch'n. Durch dich — so weit sind Kraft und Muth geschwunden — Scheint Wackern oft der Schlechte vorzugeh'n. Durch dich sind Stärk' und Hcldensinn enthoben Der Möglichkeit, im Feld sich zu erproben." Dasselbe behauptet M. T. Alpinus; nachdem er die Wirkung der Geschützkugel geschildert, daß sie „alles des sie vor jr findt, zerschütets, zertrennets, zerbrichts, vnd zerknütschets so gar, das gantz kahn ort ist, wiewol vonn natur gantz wol bewaret, des nit leichtlich erkriegt mag werden," fährt er fort: „Darauß ists verfolgt, vnd darzu kommen, das alle krafft der fußknechten, aller glantz oder eer der raysigen, vnd zum leisten, die gantz kriegerische dapfferkayt, daran stehet, ligt vnd fault." Aber auch Lob erhielt der Erfinder des Pulvers und des Geschützes, wenn auch spät und sehr vereinzelt. *) Uebrigens gab es bald einzelne Mönche, die gute Artilleristen waren. So berichtet Gram, daß im Jahre 1469 ein Augustiner-Eremit den Kurfürsten von Brandenburg von der Belagerung von Ukermynde abtrieb durch seine vortreffliche Bedienung des Geschützes. Eines Tages schoß er dem Kurfürsten den Tisch sammt dem Essen „vor dem Maul" weg. Während Felix Heuiiuerlin Beriholds Erfindung „im höchsten Grade bcwundernsmerth" findet, widmet ihr Huldrich Mutins (1539) ein entschiedenes und warmes Lob. Er sagt: „Wenige Deutsche sehen ein, was das Menschengeschlecht den zwei Erfindungen, der Geschütze und der Buchdruckerei, verdankt, und von keinem werden sie genug gerühmt, obwohl sonst jede Kleinigkeit ihren Lobredner findet. . . . Auf den ersten Blick scheint die so nothwendige Erfindung der Geschütze dem menschlichen Geschlecht verderblich. Aber dies ist in Wirklichkeit nicht der Fall, denn bei der jetzigen Zunahme von Habsucht und Bosheit und bei der Abnahme der Nächstenliebe wären die Gesetze nicht im Stande, die Bosheit der Schlechten in Schranken zu halten, und niemand wäre seines Lebens sicher. Wer hätte die Burgen der Räuber von ihren Höhen herabgeworfen, wenn nicht die Geschütze es gethan hätten? Es verdammen viele dieselben und ihren Erfinder, die ohne sie nicht leben würden, ja nicht einmal ihre Eltern. Die mächtigen und reichen Städte existirten nicht ohne sie, und die Kaufleute könnten ihren Handel nicht so frei treiben, und doch macht der Handel zum großen Theil den Reichthum unseres Stüdtewesens aus. Darum soll niemand diese Geschenke Gottes verachten, außer wer die Zähne im Munde des Hundes und die Hörner des Stieres nicht für ein gutes Werk des Schöpfers hält. Entweder muß man alles, was Gott die Menschen zu ihrer Vertheidigung gelehrt hat, verdammen oder den Geschützen einen Platz unter den Gaben Gottes einräumen." Sehr ruhig urtheilt der berühmte englische Historiker Hume (si 1776) über unsere Erfindung; er sagt unter anderem von ihr, daß sie den Krieg im Grunde weniger blutig gemacht und den bürgerlichen Gesellschaften eine größere Festigkeit gegeben habe, ob sie gleich zur Zerstörung des menschlichen Geschlechts und zum Untergang der Reiche erfunden zu sein schien. „Die Völker, führt Hume fort, sind durch diese Erfindung einander mehr gleich gemacht, die Eroberungen sind langsamer und seltener geworden, das Glück im Kriege ist beinahe in eine Sache verwandelt worden, die sich ausrechnen läßt, und eine Nation, die sich von ihrem Feinde überwältigt sieht, willigt entweder in seine Forderungen oder setzt sich durch Allianzen gegen seine Gewaltthätigkeit und Einfülle in Sicherheit." Wie wir in der Einleitung unserer Abhandlung schon sagten, leitete die Erfindung des Schießpulvers eine neue Zeit ein. Pulver und Geschütze haben dem Bürger- und Bauernstande „eine Gasse für die Freiheit" geschossen; denn wie die Freibnrger Bürger, zum Schloß ihres Herrn „hinaufschicssend", sich die Freiheit geholt haben, so haben die Kanonen alle Freiheiten und Privilegien der waffenkundigen Ritterschaft, in deren Händen die Herrschaft auf dem Lande und das Regiment in der Stadt lag, hinweggefegt, die Dienstbarkeit der Bauern und Bürger beseitigt und sie freigemacht. Bertholds Erfindung schuf das, was wir heute mit Stolz „das Volk in Waffen" nennen! Aber noch mehr. DaS Pulver und die Geschütze haben die außereuropäische Erde für die Civilisation geöffnet, dem Dampfroß die Wege geebnet und so den Verkehr durch Berge und Felsen ermöglicht, und endlich ist die Kanone im Männerrathe der Völker immer noch die letzte und stärkste Stimme; sie ist die nltima, ratio der Könige und Völker; unter den Wissenschaften nimmt die des Krieges nicht die letzte Stelle ein. Wenn auch die Erfindung des alten, schwarzen Pulvers durch das im Jahre 1889 erfundene moderne, rauchlose Pulver etwas zurückgedrängt ist, so darf man denn doch nicht aus dem Auge lassen, daß dieses bloß eine neue Lebensphase der Erfindung des schwarzen Bertholt) ist und auf denselben Naturgesetzen beruht, mit denen der geistreiche Mönch operirte. Der Ruhm des armen Franziskaners wird nicht erbleichen vor dem rauchlosen Pulver; denn selbst wenn dieses eine ganz neue Erfindung wäre, bliebe sie werthlos, wenn der schwarze Bertholt) nicht auch der Erfinder der Kanone wäre. Dein hochbegabten Stadtpfarrer von St. Martin in Frciburg, Or. Hansjakob, aber gebührt das Verdienst, festgestellt zu haben, daß das Pulver in der Mitte des 13., nicht 14. Jahrhunderts durch den Freibnrger Franziskanerpater Bertholt), dessen Familienname Konstantin Anklitzen war, erfunden wurde. Da er ein tüchtiger Chemiker war, so wurde er nach dem Sprachgebrauchs jener Zeit „Schwarzkünstler" genannt, und von dieser Bezeichnung erhielt er den Namen Lortsiolckus nigar, d. i. der schwarze Berthold. Recensionen und Notizen. Schloß Hubcrtus. Von Ludw. Gangbofcr. Mit 1 Illustration von Hugo Engl. Stuttgart, Verlag von Sld. Bon; u. Co. 2 Bde. -s. Der fruchtbare Schriftsteller bietet in diesem seinem neueste» Werke einen Familienroman, der seine cnlturbistvrische „MartinSklause" an litcrarischcr Bedeutung unseres ErachtenS bei weitem nicht erreicht. Indessen bewährt sich die reiche Phantasie und die geschickte Mache, welche wir an L. Gang- boicr stets beivunderten, namentlich auch seine Kraft in plastischer Gestaltung der Charaktere und Handlungen, auch in seinem neuesten Werk. Die Hauptperson des Romans, »in welche sich eine große Gesellschaft bandclndcr Personen und eine Menge von Episoden gruppirt, ist der alte Graf Egge, für den es auf Erden nur etwas gibt, waS des Lebens werth ist — die Jagd. Seine Leidenschaft bicfnr, in der er Gattin und Kinder gröblich vernachlässigt, begründet seine Schuld, bringt aber auch die Sühne, indem er bei einem wahnsinnig verwegenen Versuch, ein Ablernest ansjnnchmen. erblindet und schließlich an einer Wunde zu Grunde gebt. die ein Adler ihm geschlagen. An sich isr dieser Vorwnrs des Romans psychologisch gerade nickt sehr interessant. Aber der Autor bat es verstanden, das Hanpt- ihema mit einer Fülle von fesselnden Nebenumständcn zu umgeben und mit den Schicksalen einer Anzahl von andern Personen zu verweben, so daß die Spannung des Lesers bis zum Schlüsse lebendig erhalten wird. Da sind es zunächst die Kinder des Grafen: der blasirte, schließlich an seiner Spielwnth zu Grunde gehende Offizier Graf Robert; der liebenswürdige, aber über alles Maß leichtsinnige Graf Willy, der beim Kamircr- femterln vom Mutsturz betroffen wird und stirbt; der rcchtS- gclcbrtc Graf Tassilo, die Idealfigur des Romans, der natürlich ant GebnrtSadel nicht viel hält und eine Opern-Diva hciralhet; dann die Tockter des Grafen, Kitty, die sich in einen jungen Maler verliebt, der zuiällig der illegitime Sohn ihrer Gcnver- naine und eines gepriesenen Malers ist, dessen Lebensweisheit mit dem irdischen Leben alles anS sein läßt; dann eine Anzahl von braven und bösen Jägern und Mädels, thcilweise etwas sentimcmal aufgeputzt — wie man sieht, eine bunte, gemischte Gesellschaft. Bedeutende Joccn wird man in dem Roman vergeblich suchen; aber die schon erwähnten Vorzüge lebendiger Schilderung und reicher Handlung und das Wehen gesunder Bcrgluft — aus die Bcrgwclt versteht sich Ganghoser ja ganz eminent — machen den Roman zu einer spannenden Lectüre. Das Wesen des Erfinders. Eine Erklärung der scköp'cr- ischen GeisicStbätigkeit an Beispielen planmäßiger Aufstellung und Lösung erfinderischer Aufgaben. Von Emil Cnpitaine, Eivilingenienr. Leipzig, Gnstap Fock. U. Unter Auswand ansehnlicher wissenschaftlicher Miltck verfolgt der Verfasser den Zweck, dem in den meisten Fällen eingebildeten Erfindergcnie, das selbst in den gcringiügigsten Patcitten eine besondere Begabung wittert, den NunbuS zu ncbmcn und das Erfinden nicht als ein angeborenes Talent, sondern als etwas Erlernbares nachzuweisen. Von der Voraussetzung ausgehend, daß wirklich ursprünglich Neues dank der, 24 Jahrtausende alten schöpferischen Thätigkeit des menschlichen Geistes zu den Ausnahmefällen zu rechnen sei, wird in einer mehrere Abschnitte umfassenden tbcoretisch-pbilosopbische» Studie die Möglichkeit vor Augen geführt, im planmäßigen Schaffen dieselben Ziele zu erreichen, für die beispielsweise Harrig das aller Gesetzmäßigkeit spottende Erfinden voraussetzt. Je umfangreicher die Kenntniß der Mittel und Wege, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Beste für den jeweiligen Zweck zu finden, wobei naturgemäß die Beweglichkeit der inneren Denkthätigkeit bestimmend für Umfang, Schnelligkeit und Sicherheit dcS Auffindens ist. In dem zweiten, praktischen Theil werden an einigen Beispielen planmäßig durchgeführte Erfindungen erläutert; er bietet selbst demjenigen, der au die Behauptungen deS Autors nicht glaubt, des Interessanten genug. Eine gewisse Individualität wird dem Künstler eingeräumt, der nicht erst versucht, um eine Wirkung zu erreichen, sondern die Menschen mit seiner Kunst, so wie er will, zu beherrschen trachtet. Achnlichcs wird mit Bezug auf den Politiker entwickelt. Einen Seitcnbicb erhält der Mediziner, der auf Pro- bircn angewiesen sei. Daß die Kenntniß auf zwei an sich getrennten Gebieten die Erfindungen begünstigt, steht außer Frage; sie wird z. B. vorausgesetzt bei Erfindung der gleichfalls ausgeführten Apparate zur graphischen Feststellung der Vorgänge an verschiedenen Stellen eines zu untersuchenden menschlichen Körpers. Gestreift wird auch das Problem des lenkbaren Luftschiffes. Daß dasselbe sehr wohl lösbar ist, und zwar durch Combination und Vervollkommnung bekannter technischer Mittel, ist eine unbestreitbare Thatsache. Daß aber die Lösung in oer einen oder der anderen Weise trotz zahlreicher Versuche ernster Männer bisher nicht erfolgt ist, dürfte vielleicht als Beweis dafür dienen, daß es Ausnahmen gibt, bei denen selbst planmäßiges Erfinden versagt. Ucbcrhaupt lehnt sich das letztere sehr an diejenige Thätigkeit an, welche der Fachmann mit Con- struiren bezeichnet. Für eine Patentirnng würde die Grenze zwischen beiden Gebieten noch mehr verwischt werden, als sie es jetzt schon ist, ja, die patentfähige Erfindung wird erst aus einer höheren stufe geistiger Thätigkeit vom reinen Zusammenbauen abzweigen, als man unter Belastung von Ersiudcrtaleiiten anzunehmen geneigt ist. _ Das Deutschthnm im Donaureiche. Von Dr. G. Schultheiß. Berlin, Verlag von M. Priber. Geheftet (8 Bogen) 1 M. LI. Das Schriftchen, aus der Feder eines der besten Kenner der südosteuropäffchen Verhältnisse, wird in allen Kreisen, die sich für die Frage interessiern, große Beachtung finden. Auf Grund reichen Thatsachenmaterials werden die Gefahren für das deutsche Element schlagend dargcthan, aber auch der Weg bezeichnet zur Aenderung der Lage, zur Erlösung von dem Druck, welcher auf den Deutschen in allen Ländern des Donau- rcickcs lastet. Sprache und Urtheil, wenn auch scharf, sind ernst und maßvoll. Bayerische Zeitschrift für Realschulwesen. Redigirt von Wilh. Vogt, München. M. Rieger'sche Univ.- Buchhandlung, München. ^ Das 5. Heft des Bandes III (N. F.) enthält u. A.: Hertel E., Das Transscendentale in N. Wagner's Dichtungen; Kleiber H., Ueber Liniengcomctrie u. linearen Complex; Falch E., Die Schulreformbewcgung in Bayern und im Reich. — Recensionen. _ Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1893. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände ä M. 5.40). — Freiburg im Brcisgan. Herder'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhanoel. Inhalt des l. Heftes: Ziele und Grenzen der staatlichen Wirlhschaftspolitik. I. (H. Pesch 8. 9.) -- Der heilige Bonifaz, UnivcrsnätSprofessor zu Paris, Domscholaster zu Köln, Bischof von Lausanne, Weihbischof in Brabant und den Niederlanden. I. (D. Rattinger 8. I.) — Die neueste Energetik und die chemische Willensfreiheit. (L. Dresse! 8. 7.) — Die arabische Dichtung im Reiche der Chalifen. (A. Baumgartncr 3. 7.) — Das Meeresleuchten und seine Ursachen. I. (E. Wasmniin 8. 7.) — Wie entstand „Des Knaben Wunderhorn"? (W. Kreiten 8. I.) — Recensionen: 1. UeviuZ'tou, Luxlioau kallaoiss, 2. Vaug'lian, M,s wag' ot rouniou ok Oliristsuäom, 3. 8mitb, Deasons pro roseetuiA Hutzlioau Dreiers (A. Lehmkuhl 8. ,7.); Sauren, Die Lauretanische Litanei (G. M. Drevcs 8. 7.); Wilpert, Draotio Pauls (I. Braun 8. 7.); Schwering, Zur Geschichte des niederländischen und spanischen Dramas in Deutschland (A. Banmgartner 8. 7.); Weber, Herbstblätter (W. Kreiten 8. 7.). -- Empfe hlenS werthe Schriften. — Miscellen: Leo Tolstois neuestes Evangelium; „Wissenschaftliche" Bericht- crnattung im „Theologischen Jahresbericht"; DaS Nom der Päpste das Rom der Welt. Kirchenmusikalische Vierteljabrs-Schrift. Herausgegeben vom Salzburger Diöcesan - Eäcilien - Verein. X. Jabrgang 1895. Verlag von M. Mlttermüller in Salzburg. Inhalt des 2. Heftes: Ueber GesangSschnlen (Fortsetzung). — WaS ist die Andacht, und in welchem Verhältnisse stehen zu ihr die Wirkungen der Musik? Die Kunst, die englische Sprache in kürzester Zeit u nd in Bezug auf Verst ä ndn iß, Co ii Vers ation u nd S ch ris t s p ra ch e d urch S elbstil nterricht s i ch anzueignen. Von R. Clairbrook. 5. Anst. gebd. 2 Mark. Verlag von A. Hartleben, Wien. Bei Bearbeitung dcS in fünfter Auflage vorliegenden Werkes war des Verfassers vorzüglichstes Streben dahin gerichtet, den Freunden der englischen Sprache ein Handbuch zu liefern, welches sich als ein verläßlicher und zeitsparender Führer in das Gebäude jener Weltsprache empfehlen dürste. Die Aussprache wird hier gleichwie in bewährten größeren Grammatiken vollständig gelehrt, und zwar nach dein altbewährten System des verewigten Professors der englischen Spräche Charles Gaulis Clairinoni. welches System nicht nur m zuverlässigster W-'ise die allgemeinen Regel» lehrt, sondern auch das einfachste mid doch zugleich schlagfertigste Rüstzeug gegen die vielen vorkommenden Ansnabmen gewährt. Wird das hier gewonnene Material durch die Redensarten und Gespräche dcS praktischen Theiles so viel als möglich ergänzt, so wird endlich dem Lernenden in der bcigegebcnen und mit einem vollständigen Wörter- bnche versehenen Chrestomathie ein willkommener Schlüssel zu dem reichen Schatze der englischen Literatur geboten werden. Und so ist denn hiermit ein Werk geschaffen, dessen Brauchbarkeit dem Freunde der englischen Sprache gegenüber sich in befriedigender Weise bewährt, eine Thatsache, welche die innerhalb kurzer Zeit erschienenen fünf Auflagen dieses cm- psehlenswcrthen Buches verbürgen. Dc u tsch e R un d schci u fürGeographie unb S ta t i st ik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr.'Umlauft. XVIII. Jahrgang 1896. (A. Hartlebcns Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte L 85 Pf. Präiiliiucration incl. Franco-Zu- scndung 10 M.) Auch das eben erschienene dritte Heft des XVIII. Jahrganges zeichnet sich durch einen reichen, interessanten Inhalt aus, den wir hier im AuSzuge wiedergeben: Das Klima Ost» Asiciis in wcltwirthschaiilicher und sanitärer Beziehung. Von Wilb. Krebs. (Mit 1 K.wte.) — London. Von Rudolf Schück in London. (Mit 1 Illustration.) — Der Kreis Surgut in West-Sibirien. Von Peter von Stenin in St. Petersburg. (Mit 2 Illustrationen.) — Neueste Polarrcise». Von Dr. Gustav v. Hayek. — Astronomische und phvsikalische Geographie. Die Wunder eines Sicbenzöllcrs. — Politische Geographie und Statistik. Ergebnisse der Berufs- und Kcwerbe-ählnng in Preußen. Von A. Tromnali. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Mit I Porirät: L. v. Lüczy. — Geographische Nckrologie. Todesfälle. Mit 1 Portrait: Moriz Willkomm. — Kleine Mittheilungen aus allen Erdlbeilen. — Geographische und verwandte Vereine. — Vom Büchcrtisch. Eingegangene Bücher, Karten rc. (Mit 2 Illustrationen.) — Kartcn- beilage: Vertheilung der Niederschlüge in China in den einzelnen Jahren 1835—1693 zur Darstellung der Wettervcrlegnng. O Die Nedaction deö Historischen Jahrbuches der Görres-Gesellschaft erfuhr mit dem neuen Jahre eine Veränderung. Die Herausgabe dieser Zeitschrift ist jetzt in verantwortlicher Weise dem kgl. Sccretär am k. Geheim. Staatsarchive in Münckcn Dr. Jos. Weiß übertragen, welcher das Jahrbuch unter Mitwirkung der bisherigen 3 Redacteure Pros. Grauert (München), Pastor (Innsbruck) und Schnitter (Frci- bnrg) und mit Beihilfe des Assistenten an der Münchener Hof- und Staatsbibliothek Dr. Kampers redigiren wird. Veranlw. Redacteur: Ad. HaaS in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Gral-Herr in Augsburg. Gedanken über Wissenschaft und Christenthum. L In der 253. Beilage der „Allgem. Zeitung" (2. Nov. 1895 Nr. 30L) berichtet ein „Spectator" über seine Eindrücke öom letzten Katholikentag. Dom politischen Inhalt des Artikels völlig absehend, wollen wir hier nur einen Passus herausgreifen, der das Verhältniß von Wissenschaft und Christenthum beleuchten will. Der Verfasser sagt nämlich anläßlich der Besprechung der Rede des Herrn Professors Grauert: „Wenn man sx xrolosso von Katholicismus und Wissenschaft spricht, so sollte man meines Ermessens doch einmal tiefer in den Gegenstand hineinsteigen und klar darlegen, wie jetzt thatsächlich die Lage ist und um was es sich zwischen Christenthum und Wissenschaft handelt. Die exakten Wissenschaften glauben die vollkommene Gesetzmäßigkeit alles Geschehenden und alles uns in der Natur entgegentretenden Lebens erwiesen zu haben; die historische Kritik leugnet, daß, soweit die Thatsachen der Weltgeschichte controllirbar sind, dieser Annahme widersprochen werden könne. Dieser Weltanschauung, welche keinen Platz für übernatürliche Vorgänge läßt, steht der christliche Glaube schnurstracks entgegen. Wie die Sachen gegenwärtig liegen, ist an einen objektiven Ausgleich der beiden Standpunkte vorläufig nicht zu denken. Der Ausgleich existirt nur individuell in Gott sei Dank zahlreichen Individuen, denen die inneren Lebenserfahrungen und die nicht wegzu- disputirenden Thatsachen des Gemüthes diese Harmoni- sirung gewonnen haben: für alle, die es trifft, ein unsagbarer Segen, aber mehr eine Gnade, denn ein Verdienst. Der Allgemeinheit wird dieses Glück erst auf dem Wege eines langen und schmerzlichen Prozesses wieder zugeführt werden können und es kaun erst eintreten, wenn in einem ungeheuren Maßstabe die Menschheit abermals die Einsicht gewonnen haben wird, daß sie aus und in sich selbst nicht zu ihrem Ziele kommen kaun." Der Verfasser zählt zwar offenbar selbst unter die, denen die erwähnte Gnade zu theil geworden ist, und wenn er aus seinen Prämissen die Consequenz zieht, daß die Forschenden und Strebenden unter redlicher Anerkennung ihrer Arbeit einander ruhig und liebevoll ertragen sollen, so können wir ihm hierin nur freudigen Herzens beistimmen. Aber seine Darstellung des Verhältnisses hat doch soviel Bedenkliches an sich, daß sie nicht unwidersprochen bleiben darf. Wenn wir ihm folgen, dann haben wir innerhalb der wissenschaftlich gebildeten Welt zwei Gruppen: solche, die wissen und nicht glauben, und solche, die wissen und dennoch glauben, aber nicht weil sie auf dem Wege wissenschaftlichen Denkens zur Erkenntniß gelangt sind, daß natürliche Wissenschaft und übernatürlicher Glaube neben einander Platz haben und sich eher fordern als ausschließen, sondern weil sie rein subjektiv durch gewisse innere Lebenserfahrungen und gedrängt durch ein von der Wissenschaft unbefriedigt gelassenes Gemüth dahin gekommen sind, im positiven Christenthum Trost zu suchen und so den ihnen vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gleichfalls unversöhnlichen Gegensatz in ihrem Herzen zu verschließen und mit Anstand zu ertragen. Bei diesem Standpunkt ist also — die übernatürliche Theologie ausgenommen — für eine christliche Wissenschaft, insbesondere für eine christliche Philosophie und Apologetik, kein Raum mehr. Höchstens von der Thatsache des Gewissens, des natürlichen Scligkeitstriebes u. s. w. — denn das meint der Spectator offenbar mit der inneren Lebenserfahrung — kaun auf das Dasein Gottes geschlossen werden. Und doch sagt der Apostel Paulus im Römerbriefe (1, 20): Invisidiliu anim ixsins a, ereutnrg. ruuircli per eu Huua tucta, snnt, intellsetu coirsxioiuntur; sswxitsrna. guocius sius virtus at cüvinitus, itu ut oint inexousamles. Der Ausgleich des heutigen Gegensatzes zwischen Wissenschaft und Christenthum gehört also nicht bloß in das stille Herzenskämmerlein, sondern auch vor das Forum der mit natürlichen Principien operircuden Wissenschaft, und ihn vorbereiten und verwirklichen zu helfen, ist eine Ehrensache des christlichen Gelehrten. Versuchen wir es einmal von diesem Standpunkte aus „tiefer in den Gegenstand hineinzusteigen und das Verhältniß von Christenthum und Wissenschaft darzulegen." Da müssen wir vor allem bestreiten, daß eine Weltanschauung, welche die sicheren Ergebnisse der exakten Wissenschaften acceptiren will, dem christlichen Glauben schnurstracks entgegenstehen müsse. Gott ist die ewige Wahrheit, weil er das absolute Sein ist. Wie er die Dinge denkt und erkennt, so sind sie. Unsere Natur ist nach Gottes Bild und Gleichniß geschaffen, daher haben wir analog die Möglichkeit einer wahren Erkenntniß, d. h. der Inhalt unserer Begriffe ist logisch identisch mit dem Wesen des Bcgriffsobjectes und somit schließlich mit der nrbildlichen Idee Gottes. Wir erkennen die Dinge, wie sie sind. Nach dem Willen des Schöpfers haben wir nicht bloß die Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen, sondern auch den Trieb, sie zu suchen. Dieser Erkenntnißdrang äußert sich in der wissenschaftlichen Forschung. Jede Wahrheit also, die wir auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung gewinnen, bedeutet eine Uebereinstimmung unserer Vernunsterkenntniß mit dem göttlichen Erkennen. Insoweit also die Früchte unserer Bemühungen wirklich erkannte Wahrheiten sind, kann keine dieser Wahrheiten einer anderen widersprechen, ebensowenig als es in dem absoluten Urgrund alles Seins und aller Wahrheit einen Widerspruch geben kann. Die exakten Wissenschaften haben als hauptsächliches Erkenntnißprincip die sinnliche Wahrnehmung, und ihre Objecte sind die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung bezw. die Veränderungen an denselben. Innerhalb dieses ihres Forschungsgebietes nun können sie allerdings auf etwas Uebernatürliches nicht kommen und brauchen und sollen es auch gar nicht. Aber ebensowenig sagt dem Astronomen oder Physiker irgend eine seiner Berechnungen oder eines seiner Instrumente, daß sein Endergebniß auch das letzte und oberste Princip sei, daß eS über dem Natürlichen, das er erkannt, nichts Uebernatürliches gebe, und über dem Gesetze, das er entdeckt, kein Gesetzgeber stehe. Sobald er dieses behaupten will, verläßt er sein Gebiet, und fein Urtheil verliert den Anspruch auf jene besondere Werthschätzung, die man ihm dort schuldet, wo er als Fachmann auftritt. — Insofern also die Resultate der exakten Wissenschaften wirklich wahr sind, braucht dem gläubigen Christen nicht davor zu bangen; sie können seinen Glauben nur stützen, nicht untergraben. Wo aber solche wahre Ergebnisse mit der christlichen Offenbarung in Widerspruch zu stehen scheinen, da ist es eine heilige und schöne Pflicht des christlichen Gelehrten, solch scheinbare 26 Gegensätze zu versöhnen und viele, alle mit dem befreienden Geschenke (ok. Joh. 8, 32) neuer Wahrheit und Erkenntniß zu beglücken. Wenn die katholische Wissenschaft diese Ehrenpflicht getreu erfüllt, dann wird, wie es immer geschehen, die wissenschaftliche Thätigkeit auch in breiteren Volksschichten ihre Neflexerscheinungen hervorrufen, und der Allgemeinheit wird auch ohne schmerzlichen und langwierigen Prozeß das Glück zutheil werden, die Früchte der profanen Forschung zu genießen und ohne Widerspruch damit jene höhere Erkenntniß zu verbinden, die uns Demjenigen näher bringt, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Die nicht wissenschaftlichen Kreise sollen solchen Männern, die diesem idealen Versöhnungswerke ihre Kraft weihen, Vertrauen, Dankbarkeit und christliche Liebe entgegenbringen. Katholische Männer der Wissenschaft aber in möglichst großer Zahl sollen in friedlich ernster Thätigkeit und besonnenem Eifer auf dem Gebiete der Theologie, wie der Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaft arbeiten und bedenken, daß sie der guten Sache dann den besten Dienst erweisen, wenn sie ohne Tendenz in ruhigster Objektivität die Wahrheit suchen. Unbewiesenen Hypothesen gegenüber werden sie freilich vorsichtig sein müssen, und immer werden die Worte des weisen Sirach (37; 19, 20) gelten, mit denen wir vom „Spectator" Abschied nehmen wollen: Anima viri srmoti eurmtinb sliguniräo vers, Herum sextenr ciraunasxsetatores, seäontaZ in ax- aalso acl sxaLuIanclnin. M in lim oinnidns äaxrs- vnre iHtissirnnin, nb äirigab in veritata vinrn tnuva. Znm Jubiläum des „größten" Erziehers. Die „moderne" Pädagogik feierte vor Kurzem wieder einmal einen Ehren- und Jubeltag, das 150. Geburtsfest des Schweizers Joh. Heinr. Pestalozzi. In politischen Blättern und der pädagogischen Fachpresse, in Vortrügen und Broschüren, ja sogar durch theatralische Vorstellungen und Stiftungen wurde dieses Fest gefeiert. Grund also genug, um auf den Jubilar in Kürze zurückzukommen. Wir wären übrigens schon vor der Feier auf diesen Schulmann zu sprechen gekommen, glaubten aber warten zu sollen, bis der Festjubel etwas verrauscht sei. Es ist nämlich gar zu interessant und lehrreich, zu sehen, wie sich die Leute, denen die Gottesverehrung zu altmodisch vorkommt, nun an den Menschen klammern und diesen vergöttern, um wieder einmal für kurze Zeit in Vegisteruug zu machen. Der Ton der Festartikel, deren uns eine respektable Reihe unter die Augen kam, war in dem bekannten überschwänglichen Stile gehalten. Wenn jemand nicht gerade besonders bewandert wäre auf dem Gebiete der Erziehungsgeschichte, er Hütte aus diesen Jubiläums- betrachtungen schließen müssen: vor Pestalozzi war auf dem Felde der Erziehung und des Unterrichtes überall tiefe Nacht und Finsterniß; dieser steckte der Menschheit das Licht auf, und seitdem ist in dieser Beziehung alles auf's Herrlichste bestellt. Das ist denn doch nicht bloß übertrieben und höchst unhistorisch, sondern geradezu lächerlich. Vor einigen Jahren (1890), als man Diesterweg's 100. Geburtstag feierte, war dieser der Größte, der Vater der modernen Volksschule, der Schöpfer der neueren Pädagogik, obwohl — nach dem Urtheile kompetenter Leute! — dessen Erziehungssystem sinnlos in sich selbst, unsittlich für den einzelnen Menschen und darum heillos für das gesammte Menschengeschlecht ist; obwohl — oder vielleicht auch weil? — es dessen eifrigstes Bestreben war, das Christenthum aus den Schulen zu entfernen. Und wenn einmal der alte Dittes in Wien seine Streitaxt für immer begraben muß, so wird man, dessen sind wir sicher, diesen als den Helden des Jahrhunderts preisen. Ist das nicht sonderbar? Im höchsten Grade, aber es ist eben der Fluch derjenigen Weltanschauung, die sich auf dem Flugsands der öffentlichen Meinung aufbauen will. Wir sind nun durchaus nicht so einseitig und fanatisch, nur die Männer der eigenen Confession zu schützen, wie man im jenseitigen Lager vielleicht glauben machen möchte und dabei stets selbst diesem Fehler anheimfällt. O nein; auch wir wissen Pestalozzi in seiner ganzen Bedeutung zu schätzen; aber wir wollen die Sache nehmen, wie sie liegt, da uns die geschichtliche Wahrheit über alles geht. Alle und auch wir, die wir uns schon oft mit Pestalozzi beschäftigt haben, müssen denselben bewundern ob seiner Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, seines Fleißes und seiner Demuth; auch wir re- spektiren die Tiefe seines Geistes, die Reinheit seines Willens und die Stärke seiner Liebe. Und was speziell die Schule, resp. die Methode des Unterrichtes betrifft, so wissen auch wir es in vollem Maße zu schätzen, die Anschauung als das Grundprincip alles Unterrichtes bezeichnet zu haben. Aber, so müssen wir denn doch fragen, sind jene Tugenden so rar, so selten anzutreffen, daß man aus denselben nun bei Pestalozzi ein solches Wesen machen muß? Wir wollen nicht etwa reden von den tausend Missionären, die mindestens so viel gethan haben und noch thun, oder ähnlichen Glaubenshelden. Nein, so weit wollen wir gar nicht schweifen. Wir möchten auf dem engern Erziehungsgebiete bleiben und nur auf einen hinweisen, auf Don Bosco. Den kennt freilich die liberale Presse nicht, weil er eine Blüthe aus katholischem Garten ist. Wir wollen derselben verrathen, daß uns das Wirken dieses schlichten Italieners denn doch noch mehr imponirt, als das Pestalozzi's. Vielleicht ist dieser kurze Hinweis im Stande, daß unsere Gegner sich auch einmal diesen Helden mit vorurtheilsfreien Blicken anschauen. Don Bosco baute auf den unerschütterlichen Fels des christlichen Glaubens; daher seine staunen- erregenden Erziehungsresultate; daher die Thatsache, daß er sich nicht so oft enttäuscht sah, wie der gute Schweizer. Am Ende interessirt man sich „drüben" auch einmal für das Urtheil eines Mannes, der wohl kein eigentlicher Pädagoge war, dem aber niemand Uukenntniß oder Parteilichkeit zum Vorwürfe machen wird. Der Protestant und Schriftsteller Wolfgang Menzel sagt in seiner Selbstbiographie von Pestalozzi, den auch er besuchte: „Der edle Mensch wurde hier von einer falschen und übertriebenen Vorstellung, die er sich von einer Menschheitsreform durch Erziehung gemacht hatte, und durch den Egoismus seiner Schüler in offenbare Thorheit, Schmach und Unglück fortgerissen. Als er später bankerott wurde, hat er noch die Irrthümer seines Lebens eingesehen und offen bekannt, insbesondere aber den Irrthum, daß er in seinem Erziehungssysteme nicht genug auf die Religion geachtet habe. Diese seine letzte Beichte macht ihm die größte Ehre." („Denkwürdigkeiten", x. 167.) Uebrigens gibt man gegnerischerfeits ja zum Theil L7 selbst zu, baß Pestalozzi so Manches abging, was Man an einer bedeutenden Persönlichkeit nicht vermissen möchte. Es ist doch, um nur eines Zu erwähnen, nicht gerade eine Empfehlung, wenn jemand zuerst Theolog, dann Jurist, hierauf Nationalökonom und zuletzt Pädagog werden will. Von einem solchen Manne muß man doch sagen, daß es in seinem Kopfe nicht ganz klar aussehen dürfte. Kein Wunder denn auch, daß sich bei ihm Enttäuschung an Enttäuschung reihte. Was das eigentliche Unter nichts gebiet anbelangt, so hat Pestalozzi, wie schon gesagt, die Anschauung mit Recht als das Fundament eines vernünftigen Unterrichtes betont. Aber werden das nicht vor ihm viele andere still in xraxi geübt haben? Und ist man seitdem nicht ins andere Extrem verfallen, dem auch schon sein Meister nicht zu entgehen vermochte: hatte jene didaktische Proklamation nicht so viele Uebertreibungen zur Folge, vor denen die pädagogische Presse heute wieder warnen Zu müssen glaubt? Um es zum Schluß kurz zusammenzufassen: Pestalozzi verdient mit Recht die Achtung jedes Mannes; an seinem Beispiele werden sich viele erwärmen können, die es mit Kindern zu thun haben. Aber es gibt so viele andere Persönlichkeiten, die nach der wirklich idealen Seite dem edlen Schweizer ähnlich, ja völlig gleich sind, ohne jedoch mit seinen vielen Fehlern behaftet zu sein. Ein Künstler ans dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. Unter den bayerischen Gebieten war der Chiemgan von den Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges verschont geblieben, denn die Wogen des Kampfes waren nur bis an den Jnn gebrandet. Aber die vielen zur Führung der großen Sache nothwendigen Contribuiionen und mehr noch die im Gefolge des Krieges auftretende Pestilenz hatten auch diesem Landstrich seinen Antheil an dem Jammer der Zeit zugemessen. Nach rühm- und ehrenvoll ausgefochtenem Streite richtete der Große Kurfürst sein Land zur alten Kraft empor, und im Glücke des Friedens schloß er das väterliche Auge. In diese Zeit führt uns die Betrachtung eines Künstlerlebens, das, im Chiemgau begonnen, mit der Heimath durch die Bande des BlnteS und werkthäiiger Liebe verbunden blieb und hier den Segen dankbarer Erinnerung genießt. Die Schulkinder des Filialdorfes Kammer der Pfarrei Otting kennen alle den Künstler, denn sein Bild als das des Stifters der Schule ziert das Klassenzimmer. Balthasar Permoser* *) lebt im Gedächtnisse der Gaugenossen als ein Meister in mehreren Künsten und Fertigkeiten. Ihnen ist er nicht bloß der große Bildhauer, der er war, sondern auch Maler, und sein Oelbild in Kammer wird hier seiner Hand zugeschrieben. Die Lnndleute halten ihn für den Fertiger einer sinnreich einfach hergestellten Uhr in einem Bauernhause von Fritzenweng. Einzelne kleine Elfenbeinschnitzereien im Privatbesitz, die als Pcrmoser gelten, deuten auf die steten Beziehungen, die den Künstler mit Elternhaus und Heimathgau verbunden hielten. Weniger aber als Bild und Name sind die Umstünde seines ') Vergl. den Aussah über P. vcn Gallcricinspcktor Gast. Müller im Dresdener Anzeiger 1885, Nr. 145, in erweiterter ^onn abgedruckt. in „Vergessene und bcilbverqesseue Dresdener Künstler des vorigen Jahrhunderts" von Gustav Otto Müller, Inspektor der Kgl. Gemäldcgallcrie. Dresden, Wilhelm Hofs- mann. 1895. Lebens und Wirkens in feiner Heimath bekannt. Seinen Landsleuten im Chiemgan sei also dieser Lebensabriß vor allen gewidmet. Im August des Jahres 1651 wurde „in dem Churbayerischen Dorf Kammer, Gerichts Trauenstein, dem Ehrbaren Christian Permoßer, Nenmayerbauern all- dort, und Anna, dessen cheweib", ein Knabe geboren, der am 13. des genannten Monats,") wahrscheinlich noch an seinem Geburtstage, „von dem Wohlehrwürdigen Herrn Johann Voller, damaligen Cooperatorn zu Otting und Cammer Christ-cathol. Gebrauch nach getauffet und von dem Ehrsamen Balthasar Mur, Bauersmann zu Alterfing aus dem hl. Tauff gehoben wurde." ^) Balthasar Murr, dessen Nachkommen noch heute in Alterfing wohnen, hat wohl nicht geträumt, daß dieses Pathenkind einst als „Bill Ehrngeachter und Kunstreicher Herr" in die Paläste reicher, mächtiger Fürsten berufen werden sollte. Aber das Bauernbüblein offenbarte schon frühzeitig sein Talent. Von Giotto. dem Vater der italienischen Malerei, wird die anmuihige Geschichte erzählt, daß er als Hirtenknabe den Künstler in sich gefunden und das Glück gehabt habe, von Meister Cimabus in dem Augenblick überrascht zu werden, da er eben seine Schäflein und die Landschaft mit Kohle auf einen Stein oder, nach einer anderen Fassung, in Sand gezeichnet hatte. Aehnliches berichtet die Tradition von zwei bayerischen Künstlern: von Balthasar Permoser und von dem etwas später lebenden Haidhauser Simon Träger. Während Balthasar angesichts der blauen Berge und des silbernen Sees auf der herbstlichen Weide die Kühe des Vaters hütete, vertrieb er sich die Zeit damit, daß er „auf seine Hirtenstäbe oder in anderes schlechtes Holz Köpfe, Thiere und sonstige Figuren schnitzte". Dieses Talent zur Plastik war so augenscheinlich, daß sein Vater ihm bei dem Dorfgenossen und Handwerksmaler Gnckcnbieler**) (Guggen- bichler) das Zeichnen lernen ließ und ihn dann um das Jahr 1663 in die nüchstgelegcne Kunststadt, nach Salzburg, zn Bildhauer Weißenkirchner°) (oder Weißkirchner) in die Lehre gab. Lesen und Schreiben hatte der Jüngling, wenigstens nach dem Zeugnisse des Malers Franz Christoph Jcmncck in Wien/) nicht gelernt. Bei Weißen- kirchner, der auf dem Erics in Salzburg wohnte, verbrachte Permoser seine Lehr- und wahrscheinlich einen Theil der Gesellenzeit. Von seiner Geschicklichkeit zeugten unter anderen zwei Heiligenstatnen in der Frcmzis- 2) »13. .-tuAiist 1651 baptmavlt lloaunss Lol i Laltlnw- sarum ül. IsA. (llrristiani Xuinavr st Lnnas uxoris. 8ns- osptor knit. Lalttzassar ölnr äs ^.ItorüuZ.- Aus dcn Matrikeln mitgetheilt vom gcgcnw. Koopcrator in Otting n. Kammer Hrn. Gottsr. Zicgler. Hiernach sind die irrthümlicben Angaben bei Müller 1. o, und in der Grabinschrift zu berichtigen. Vergl. die Inschrift an der Apollostatne im Albcrtinnm. °) Tanfzcugniß des Pfarrers Johann Georg Nnggenthalcr von Otting vom 4. April 1769, in der „Neuen Bibtiotbek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste" IX. Bd. S. 218. Dyck, Leipzig 1769. *) „Magazin der Sächsischen Geschichte" I. Theil, DreSden 1784. S. 149. Nach gütiger Mittheilung des H*«. Direktors Dr. Pctter in Salzburg war dies Wolsgang Weißenkirchner, der käwn 187? zugleich mit seinem Vater, dem Maler und Weinzaslgeber auf der Gstötten Wilhelm Weitzenkircbncr (und seinem jüngeren Bruder Vincciiz), das Bürgerrecht erhalten hatte. Woli's Wohnhaus auf dem Erics trägt jetzt die Nr. 31. Sein Solm Bildhauer Mathias Wilhelm Wcitzenkirchner hcirathete 1707 und starb 1727. Drüse von und an Christian Ludwig von Hagedorn, herausgegeben von Torkel Baden, Leipzig, Weidmann 1797. S. 210/11. 28 kanerkirche und eine Anzahl Statuen und Bildwerke für das Schloß Mirabcll. Leider war diesen, wie manch anderem seiner Werke, keine lange Dauer beschicken: sie gingen durch den großen Brand zu Grunde, der 1818 Mirabell zerstörte. Es kamen die Wanderjahre. Permoser ging zunächst nach Wien zu Meister Knacker (Knnker); in welchem Jahre ist ungewiß, vielleicht 1670. Nur kurze Zeit scheint Permosers Aufenthalt in der Kaiserstadt gewährt zu haben; dann folgte der junge Mann der Sehnsucht des Künsilerherzens, das klassische Land der Schönheit und der Kunst zu schauen. Er genoß die Pracht der reichen, noch meerbe- herrschenden Laguneustadt und erfaßte die doppelte Herrlichkeit der ewigen, einzigen Noma. Dauernd aber fesselte ihn das schöne Florenz, wo der vorletzte Medici, Cosimo III., Großherzog von Toskana, bald sein Gönner wurde. Hier, in der Heimath der Renaissancekunst, fand der Künstler gewiß entscheidende Anregungen für fein künftiges Schaffen. Er athmete die reine und liebliche Luft, der der alte Vasari zuschrieb, daß sie ungewöhnlich zarte und sinnige Geister erzeuge. 14 Jahre — nach allgemeiner Annahme (1671—1665?) — weilte und wirkte Balthasar auf italischem Boden. Hochgeschätzt am Hofe des stolzen Mediceers schuf er für diesen viele Arbeiten in Elfenbein und vor allem kleine Basreliefs. Für das Hauptportal der Theatinerklosterkirche meißelte er „zwei sehr schöne Statuen", allegorische Figuren, und für eine Nische der Fa^ade die Statue des hl. Kajetan. Wieviele und welche Bildwerke er in dieser langen Zeit sonst geschaffen, darüber fehlen die erwünschten Nachrichten. Sicher ist: sein Ruf drang über die Alpen nach Deutschland. Friedrich I. von Preußen, ehr- und prachtlicbend, legte einen besonderen Stolz darein, Freund und Förderer der Künste und Wissenschaften zu heißen. Der Stifter der Universität Halle war auch der Gründer der Berliner Akademie der Künste. Er berief Andreas Schlnter als Hosoildhaner nach Berlin. Um die Wende des Jahrhunderts folgte auch Balthasar Permoser?) dem Rufe dieses Fürsten. Hagedorn^) allerdings und nach ihm Gustav Müller 2) behaupten, Permoser habe die Berliner Aufträge von Dresden aus ausgeführt, wohin er schon unter Johann Georg III. (1680—1691) gekommen sei. Durch das sichere Datum einiger Dresdener Werke (1685 Saturn, 1700 und 1704 Lichtenburger Grabmal, 1707 großes Pferd) gewinnt diese Annahme hohe Wahrscheinlichkeit, wenigstens ist erwiesen, daß Permoser nicht erst seit 1710 für den Dresdener Hof gearbeitet hat. — In den Garten des von Schlüter eben fertig gestellten Schlosses Charlottenburg und in den fürstlich reußischen Garten lieferte Balthasar eine Reihe von Werken, die später zu Grunde gingen oder wenigstens verschollen sind: >o für Charlottenburg einen bogenschnitzenden Amor und das Kind Herkules als Schlangenwürger, beide aus Marmor; für den reußischen Garten eine Gruppe: Adam und Eva. In der 1730 infolge Blitzschlags abgebrannten ) „Er kani unter Friedrich I. nach Berlin." Nachrichten von Künstlern und Kunst-Sachen. Leipzia, Johann Paul Krauß 1769. Erster Tbeil. S. 68. 8) l-sttrs ü uu Lmatenr äs ta ksiutnrs avso äss bioiair- cissemsnts Listorignos ste. Drssäs, E. 0. IValtiier 1755. x. 334. Die gleiche Behauptung im Magazin der Sächsischen Geschichte. I. Theil. S. 148. .") G. Müller, Vergessene Künstler u. s. w. S. 9. Peterskirche zu Berlin standen zwei Werke Permosers, die durch das Feuer zerstört wurden: die marmorne Kanzel") und das allegorische Epitaphium des Medailleurs und Münzstempelschneiders Raimund Faltz (1658—1703). Dieses allgemein als hervorragend schön geschilderte Grabmal (Kupferstich von Sam. Blesendorf) hat Friedrich Nicolai gemeint, wenn er in einem Briefe an Christian Ludwig von Hagedorn") fälschlich von einem Epitaph des Malers Elzheimer in der Petrikirche spricht, einem „großen Werk", das die vier Haupttugenden in Alabaster vorgestellt habe. Es stellte nicht die vier Kardinaltngenden dar, sondern die drei göttlichen und die Geduld: die allegorischen Gestalten des Glaubens mit dem Kreuze, der Liebe mit einem Kinde auf dem Arm, der Hoffnung mit gefalteten Händen, auf einem Anker sitzend, und der Geduld mit einem Lämmchen im Schoße, das 1758, als Nicolai das Denkmal sah, allein noch übrig war. Seine zweite Heimath und schließlich die Stätte seiner Ruhe fand Balthasar Permoser in Dresden, wohin ihn der kurfürstliche Hof von Sachsen berief.") Permoser kam nach Dresden gerade zu Beginn der Jahrzehnte, die in der politischen Geschichte des Landes, noch mehr aber in der Geschichte der deutschen Kunst als die Glanzzeit des „deutschen Florenz" bekannt sind. Kurfürst Friedrich August I., der Starke, (1691—1733) wurde 1697 als August II. König von Polen. Der ebenso schöne, als kräftige und geniale Fürst hatte als Prinz die Heiterkeit des südlichen Lebens und die elegante Festespracht des französischen Hofes lieben gelernt. Auch für ihn wurde Ludwig der XIV. in seiner imponirenden Erscheinung und im überwältigenden Glänze seines Königthums das hohe Ideal des Lebens. Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Gartenkunst, Oper und Schauspiel sollten zusammenwirken, eine der neue» Krone würdige KönigSstadt zu schaffen. So wurde Dresden der Sitz eines der prunk- und geschmackvollsten Höfe, eine Stätte mannigfaltiger und glänzender Kunstübung im Barock- und Nokokostil. Das ganze Leben war ein heiteres Götterfest, das der König gab, als Leiter, Dichter und Darsteller. Bis auf die Kostüme entwarf er die Programme seiner Feste, die den Inhalt so vieler Kunstwerke, den Charakter der Bauten und der Plastik erklären. Der majestätische, von August theilwetse selbstständig mit entworfene Bau des Zwingers, „festfreudig, von höchster Eleganz, königlich", ist ein Sinnbild des Herrschers, eine Verkörperung seines Hofes. Die Schätze des Grünen Gewölbes nennen seinen Namen, in seinem Dienste stand ein Pöppelmann als Baumeister, ein Louis Silvestre als Maler, ein Dinglinger als Juwelier, ein Mercier als Teppichweber, und als „Khönigl. Pohl. und Chur- sächsischer Hoff-Bildthauer" Balthasar Permoser. Das erste Dresdener Werk unseres Meisters ist Nachr. v. Künstlern u. Knnst-Sachcn 1768. I. Tbeil. S. 44. Neue Nachrichten von Künstlern nnd Kunst-Sachen, Dresven n. Leipzig bey I. G. I. Brcitkopi 1766. S. 5. Briefe von u. an C. L. Hagedorn, S. 253. Müller, l. e. S. 9 u. 10. Zu dieser Berufung erzählt daö Magazin der Sächsischen Geschichte, I. Theil 1764, S. 150, folgende Anekdote: „Der Herz. v. Florenz rüste ibn mit einem Gehalt von 1000 Thlr. an seinen Hof; aber AuaustuS' Gnade war ihm lieber, die er durch folgenden Sieg befestigt hatte. Es kamen zwei Franzosen und erboten sich mit ihm zu einem Wettstreite. Der König befahl Probefiguren zu machen; es geschah mit einer jungen Weibl. nnd der Sieg schwankte ungewiß: Balthasar verlangte eine alte ' Frau, und nun mußten sie ihn für ihren Sieger erkennen." Nach den bisherigen Feststellungen der „fliegende Saturn". Zum Andenken an den großen Brand in Altdresden 1685 ließ der Erbauer eines Hauses am Eingang der Augustusbrücke von Permoser aus ausgekragten Quadern an der scharfen Ecke einen geflügelten Saturn meißeln, von schönen, dem Raum angepaßten Verhältnissen, in doppelter Mannesgröße weit aus der Hausfront hervorragend und vom ersten Obergeschoß bis zum Dachrand reichend. Der Gott der Zeit hielt in der Rechten die Sanduhr hoch über sein bärtiges, langlockiges, oben aber kahles Haupt, und in der Linken, wett weg- gestreckt, die Sense, deren Schneide über seinem eigenen Nacken stand. Um die Lenden und Schenkel der sonst nackten Figur schlang sich fliegendes Gewand. Das Bild wurde 1788, 1830/31 und 1870 restaurirt. Es war ein vielbesprochenes Dresdener Wahrzeichen und wurde vom Volk der Tod genannt und mit allerlei Sagen umwoben. An dem Saturnhause soll das Feuer, das damals in wenigen Stunden fast ganz Altdresden (die jetzige Neustadt) zerstörte, still gestanden und deßhalb das Bild angebracht worden sein. Das Haus wurde nach dem Bilde „die Zeit" genannt und wich im Jahre 1874 dem Hotel Kaiserhof. Der Saturn verschwand unter einem verschlagenen Bogen der Elbbrücke, wo die Bruchstücke noch achtlos umherliegen;*^) Kopf und Sense sollen in Privatbesitz gekommen sein. Bei seinem Herrn stand der Künstler in hoher Gunst. Der König-Churfürst ließ ihm im alten Reit- haüse am Zwinger eine Werkstätte anweisen und ertheilte ihm manch ehrenvollen Auftrag. So sandte er ihn 1717 mit seinem Schüler und Gehilfen Paul Egell nach Salzburg, um Marmor zur Ausschmückung einiger Zimmer im Schlosse auszusuchen. Graf Flemming versah ihn zu dieser Reise mit einem Empfehlungsbrief an Fürstbischof Franz Anton von Harrach. Ein Jahr später hatte er für die Königliche Loge und für das Proscenium des neuen Opernhauses (1849 von den Insurgenten verbrannt) 6 Statuen und 2 Hermen zu fertigen, wozu er sich zwei Tannen aus dem Tharandter Walde auswählte.^) Bereits in das Jahr 1707 fällt die „von Sr. KLiügl. Majestät in Pohlen und Churfürst!. Durchlaucht zu Sachsen nilergnädigst verordnete Arbeit eines großen Pferdes, wozu er sich im Moritzburger Walde eine starke Eiche, zwei mittelmäßige Buchen und eine Linde aussuchte.'") Für Paläste und Gürten fertigte der Künstler eine große Zahl von Statuen. So arbeitete er 1715 und 1716 aus sächsischem Marmor die Figuren der Venus, des Apollo und der Minerva für die Nischen des Grottensaals im Zwingerpavillon (jetzt mineralogisches Museum). Apollo und Minerva standen bis vor kurzem an ihrer alten Stelle (durch Draperien verdeckt), sind aber jetzt auf der Treppe zum Lichthof des AlbertinumS. Venus ist von ihrem mit vier Delphinen geschmückten Postament*") verschwunden. Die Apollostatue trägt die *°) Briefl. Mittbeilung des Herrn Moritz Lauster. — Abbildung des Hauses und des Saturn in der „Festschrift des Hauses Canzlcr" (Hotel Kaiserhos), Dresden 1895. „Die vier Sklaven im großen Opcrnbanse, welche die Königlichen Logen irngen, waren, obwohl nur von Hol?, allgemein ^meisterhaft gemacht. Solche sind bei der von Bibiena — 1755 — vorgenommenen Veränderung dieses Opernhauses weggenommen — und verloren — worden." Nachrichten von Künstlern lind Kunst-Sachen 1763. S. 69 n. 70. M.mazin der Sächsischen Geschichte. Erster Theil 1784. S. 148. ' ") G. Müller, i. o. S. 14, 10. *°) Bergl. übrigens Müller I. o. S. 11. Inschrift: Istst. FvF. Kövi§ in kolk. unä Osturk. 2 u Luvst, stach auo äsn stissiZsu stanäwarinor vsrlsrtiASii lasssu äursst Laltstasar ksrwossv von 8a!?pur§. dats Zsmaestt ostns hlustsr in ssinsn 64igschon äastr 1715. Unter dem Minervabilde steht: L. ?. stats §s- masstt In ssiirsn 65i§8ch6n äastr 1716. Ein anderes Werk Permosers krönt den Mittelpavillou des Zwingers: der die Himmelskugel tragende Hercules. Gesicht und Körpermuskeln zeigen die Schwere der Last, die durch Unterschieben der Keule zwischen Kugel und Schulter weniger drückend empfunden werden soll. Auf der Unterlagplatte dieses Hercules steht des Meisters Monogramm: L. ?.") Gustav Müller hält auch die Nischenfiguren des Zwingerthorthurms: Ceres, Pomona, Bacchus und Vulcan für Permoser'sche Arbeiten, weil sie mit den Elfenbeinfigürchen des Künstlers im Braunschweiger Museum große Ähnlichkeit zeigen,*") ferner den Tambourinschläger im Garten einer Villa der Emser Allee in Blasewitz.") Auf Entwürfe von Permoser führt G. Müller vier Satyrnkaryatiden an den vier Rundgalerien des Zwingers zurück, die im 7jährigen Kriege von preußischen Schildwachen muthwillig zerstört wurden?") (Fortsetzung folgt.) Die Gründer des Hauses Bourbon-France. Von Charles Satnt Paul. (Fortsetzung.) II. Ludwig I. der Große. Dieser Fürst erhielt seinen Beinamen „der Große* theils mit Rücksicht auf die bedeutenden Leistungen, durch welche er sich im Staatsleben, von den Königen mit den wichtigsten und schwierigsten Missionen betraut, auszeichnete. wie auch in Folge der ihm verliehenen hohen Würden und der Vermehrung seines Besitzes, welche der Ausdruck des königlichen Dankes waren und das Hans Bourbon zu der bedeutendsten Stellung im französischen Reiche erhoben. Ehe wir auf letztere näher eingehen, wollen wir kurz die seiner Erhebung vorhergehenden biographischen Daten von Wichtigkeit in Betracht ziehen?*) Nachdem er im Alter von 17 Jahren (1297) vom König Philipp dem Schönen zu Cowpisgne in Gegenwart der Groß- vasallen und des Hofes vor Beginn des Feldzuges gegen Guy de Dampierre, den Grafen von Flandern und von Namur, zum Ritter geschlagen worden war, zeichnete er sich in der diesem Gegner gelieferten Schlacht von Furnes aus und trat auch in der später folgenden, für die Franzosen so unglücklichen Schlacht von Courtray (am 11. Juli 1302) durch seine große Geistesgegenwart und Festigkeit hervor, mit welcher er, den Nachtrab befehligend, die Neste der Urmee sammelte und für einen geordneten Rückzug sorgte. In dem zwei Jahre später gegen Flandern gelieferten Treffen von Mous-en-Puelle (13. August 1304) bewahrte er den König vor der Gefangenschaft. Die '*) Aus d. Thorpavillon gegenüber stand bis zum Brand von 1849 ein Atlas mit kupstrner Himinelökugel. Diesen stellte man beim Wiederaufbau nicht wieder her, sondern meißelte einen zweiten Herkules, nachdem man den Permoser'schcn znm Muster in GyvS abgeformt hatte. Dieser Ehpsabgnß steht jetzt im Albertimun. Müller I. e. S. 11. iciüm S. 44. ,> iclow S. 88. ! 2 )) Die Biographie dieses Fürsten in -Lllior, ^neien i Lonrbannai8 I, 437-473- ist zu berichtigen durch fta Zlurs, > Tom. II. (die Notizen des Grasen von Eoultrait) xa§. 16—32. 30 Flamläuder waren damals ins französische Lager eingedrungen und bereits beim Königszelte, so daß Philipp in ihre Gewalt gerathen wäre, znmal die Mehrzahl seiner Ritter bereits geflohen war, wenn nicht plötzlich Ludwig mit seinen Truppen herbeigeeilt wäre. Im Jahre 1309, nicht wie Du Cange und andere Historiker behaupten, im Jahre 1312, wurde der Fürst an Stelle des verstorbenen Grafen Johann von Dreux mit der Wurde des „Ostaradrier clo Trance" bekleidet, einer der vier höchsten Würden der Krone, deren Inhaber das Recht hatten, den Erlaß des Königs zu unterschreiben und dem Gerichte der Pairs beizuwohnen. Nachdem im Jahre 1308 zu Boulogne die Hochzeit der Tochter Philipps des Schönen, Jsabella, mit dem Könige von England, Eduard II., stattgefunden hatte, wurde er mit seinem Bruder Johann und dem Grafen von Valois beauftragt, die junge Königin nach England zu führen und deren Krönung in Westminster beizuwohnen. Der Friedens- und Bündnißvertrag, welcher im Jahre 1310 zwischen dem Kaiser Heinrich VII. und dem Könige Philipp dem Schönen abgeschlossen wurde und den er mit seinem Vater und dem Könige von Navarra unterzeichnete, soll insbesondere infolge seiner Bemühungen veranlaßt worden sein. Der Fürst erbte im selben Jahre das Bourbonnais und nahm im folgenden Maria von Hainaut zur Gattin. Dieselbe war die Tochter Johanns II., Grafen von Hainaut, Holland und Zeland. Ludwig hatte kurz vorher einen Streit zwischen ihrem Bruder Wilhelm und Robert von Böthune, Grafen von Flandern, der die Suzerünetät über die Grafschaft Zeland, die Wilhelm von Guy de Niche- bourg erworben hatte, reklamirte, beigelegt, indem er den Grafen von Hainaut veranlaßte, Robert, der sein (Ludwigs) Verwandter war, zu huldigen. Auf dem Concil von Vienne, während dessen er auch der Sitzung beiwohnte, in welcher Clemens V. die Auflösung des Templerordens verfügte, wurde er mit der Leitung des beschlossenen Krenzzuges betraut und begab sich sodann im Jahre 1314 mit seinem Bruder Johann nach Lyon, dem Versammlungsort der Kreuzfahrer; wegen der geringen Theilnahme konnte er aber den von ihm so begeistert gefaßten Entschluß nicht ausführen. Erst in diesem Jahre kam er wieder in das Bourbonnais, nahm Besitz von seinen väterlichen und mütterlichen Gütern und leistete in Souvigny dem Prior Etienne II. den usuellen Eid, die Rechte des Klosters und der Stadt Souvigny zu wahren. Der diesbezügliche Akt ist am 17. August des Jahres 1314 gezeichnet und im „'ksiasnnrus 8zst- vinjaosnsis" vorhanden gewesen.^) BemcrkenSwerth ist noch, baß unter Ludwig der Grund zu ferneren Streitigkeiten hinsichtlich des Münzrechtcs zwischen den Fürsten von Bourbon und den Mönchen von Souvigny, welch letztere alte Ansprüche aus dasselbe in dem Bourbonnais besaßen, gehoben wurde. Es wurden nämlich unter Philippe- le-Long energische Versuche gemacht, das Mnnzrecht einer großen Zahl von Baronen, Bischöfen und Klöstern zu beseitigen. Dasselbe war vielfach derart zu Fälschungen mißbraucht worden, daß die Münzen nur mehr Nominalwerth hatten und es schwierig war, sie in Circulation zu halten. Um diese Zustände zu bessern, machte man den Herren, die man ibres Rechtes nicht ganz berauben wollte noch konnte, den Vorschlag, ihnen eine Entschädigung für dasselbe zu bieten. Ludwig war der erste, welcher demselben folgte. Er trat dem Könige das Münzrecbt in ver Grafschaft Clermont und im Bourbonnais für 15,000 LivreS ab. Es scheint, daß er mit den Mönchen von Souvigny, denen er in diesem Rechte nur associirt war, zuvor unterhandelte, da doch deren Ansprüche nicht ignorirt werden konnten; jedoch kann man Urkunden, die hierüber Auskunft geben könnten, nicht finden. Nachdem er im Jahre 1315 den Aufstand des Adels, der seine alten Privilegien wieder erlangen wollte, gemeinsam mit dem Grafen von Valois im Auftrage des Königs durch das Zugeständniß der Prärogative, die der Adel zur Zeit der Regierung des heiligen Ludwig hatte, unterdrückt, kam er nach dem 1316 erfolgten Tode des Königs Louis-le-Hutin energisch dem Regenten Phtlippe- le-Long, dessen Bruder, gegen die Opposition, an deren Spitze der Herzog von Burgund, der Onkel der jungen Prinzessin Johanna, der Graf von Valois, der Onkel des Regenten, und der Graf von La Marche, sein Bruder, standen, zu Hilfe und war einer von denen, die besonders in der Versammlung vom 2. Januar 1317 dem Princip des saltschen Gesetzes den Sieg verschafften. Er hat offenbar wiederholt feilten Wunsch, das Kreuzzugsprojekt zu verwirklichen, geäußert und den König dadurch veranlaßt, ihn zur Leitung eines solchen ans- zuersehen. Es geschah dies am 13. September 1318, wie es in der in Longchamps gegebenen Ernennungsurkunde heißt,^) „nicht nur in Anbetracht seines hohen Adels, sondern mit Hinsicht auf seine Macht, seinen Werth, seine Klugheit und Weisheit." Daß er auch dieses zweitem«! an der Ausführung seines Vorhabens durch die Theilnahmslosigkeit des Adels und durch persönliche Verhältnisse gehindert wurde, hat ihn schmerzlich berührt. Letztere bestanden darin, daß er mit dem Grafen von Auvergne und mehreren anderen Herren seiner Verwandten Mahaut, der Gräfin von Artois und Tochter Roberts II., der in der Schlacht von Courtray gefallen war, zu Hilfe eilen mußte, da derselben ihr Neffe, gleichfalls Robert genannt, den Besitz der Graf- schaft Artois streitig machte. Die Gräfin wurde wieder in ihre Rechte eingesetzt, zur selben Zeit, als ein Erlaß der Patrskammer die Ansprüche des Neffen zurückwies. Ludwtg konnte seine Sehnsucht nach dem heiligen Lande und nach einer Herrschaft in demselben jedoch nicht unterdrücken und dachte immer wieder an sein Vorhaben, obwohl er auch in all' den langwierigen Kämpfen mit Flandern, die sich bis zum Friedensschlüsse von Paris am 5. Mai 1320 hinzogen, thätig war. Die Idee nahm ihn so gefangen, daß er schließlich, da er nicht selbst fortziehen konnte, von Eudcs von Burgund den Titel eines Königs von Theffalonien sich erwarb. Dieser hatte Ansprüche auf Morea durch das Testament seines Bruders Ludwig erhalten. Er fand aber, daß die Eroberung des Landes, auf welches überdies noch die Wittwe seines Bruders, Mahaut von Hainaut, ihre Rechte geltend zu machen suchte, zu schwierig war, und zog es deßhalb vor, das Fürstenthum und das Königreich Theffalonien an Ludwig von Clermont und seine Erben um 40,000 Livres (etwa 700,000 Franken) durch einen Vertrag vom 14. April 1320 abzutreten.^) Jedoch ereiferten ihn die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellten, immer mehr. Später, im Jahre 1332, schwur er auf eine Reliquie des heiligen Kreuzes, nicht mehr in Paris einzuziehen, bis er seinen Plan verwirklicht hätte; mußte sich aber, da er einsah, daß ihm sein Antheil an den Staatsgeschäften es unmöglich machte, den Eid zu halten, von Johann XXII. von demselben entbinden lassen. Um eine Stütze für die Durchsetzung seiner Pläne im Oriente zu haben, verband er 22) litres äs In Lkuii-on vncale äs Bourbon pur UuiUurä- LrSbolles^I. 259). ") Liehe auch: Oueunge, IliLtotrs äs Oonstuntiuopls eous lss Braueuis, liv. 8. zwei seiner Töchter mit Fürsten daselbst, nämlich Beatrix mit Philipp von Tarent und Rumänien, und Marie mit dem Thronfolger des Königreiches Cypern. Als nun am 1. Oktober 1333 Philipp von Valois mit den Königen von Böhmen, Navarra und Aragon das Kreuz nahm, war natürlich Ludwig der erste, der sich anschloß. Jedoch wurde erst drei Jahre später, während eines Aufenthaltes Philipps am Hofe Benedikts XII. in Avignon, ernstlich an die Ausführung des Beschlusses gedacht. Es kam damals auch der König von Serbien an den Hof des Papstes und bat um Hilfe gegen die vordringenden Türken. Der Papst predigte selbst am Charfreitag den Kreuzzug, und sein Wort zündete derart, daß man überall Anstalten zu demselben machte, dessen Führung der König selbst übernehmen wollte. Bekanntlich nöthigte aber das Auftreten Eduards III. von England Philipp vor allem zur Vertheidigung gegen diesen Gegner, und so konnte der Wunsch unseres Fürsten, der übrigens seinen Einfluß für die Versöhnung geltend machte, aber auch auf dem Congresse von Arras im Jahre 1341 nur die Verlängerung des Waffenstillstandes um 2 Jahre erlangen konnte, abermals nicht befriedigt werden. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. * Die Jllustrirte Zeit. So betitelt sich eine neue Zeitschrift im Verlag von L. Weber in Düsseldorf. Preis 2 Mark per Vierteljahr. Sie erscheint alle 14 Tage, ist vornehm ausgestattet und gibt sich als „Rundschau für die christliche Welt". Sie will die brennenden Fragen der Gegenwart in den Kreis der Erörterung zieben, und zwar politische, sociale, gewerbliche, wissenschaftliche und technische Fragen, und daneben auch das Untcrhaltungsbedürfniß Pflegen. Es bandelt sich also um ein Mittelding zwischen einer politischen Zeitung und den illustrirtcn Nntcrbaltnngs-Zeitschriften. Die Idee ist nicht übel, aber fraglich ist uns, ob bei der Fülle von katholischen Zeitungen und katholischen Unterhaltnngsschriften, die gegenüber der liberalen literarischen Prodnction ohnehin zum Theil einen schweren Existenzkampf führen, eine weitere Vermehrung der Concurrenz im katholischen Lager besonders Vortheilhaft ist für die Sache selbst. Nun darüber wird der Erfolg des neuen Unternehmens selbst am besten richten. Die vorliegende erste Nummer enthält n. 2l. folgende Aufsähe: „Lernen unsere Kinder zu viel oder zu wenig?" „Die Jubilare deS Eentrnms" (mit vortrefflichen Porträts), „Eine wiedererstandene Cultur- stätte" (die Prämonstratenser-Abtei Krechtstcden), „Der biblische Joseph und die Denkmäler des Pharaonenlandes", eine „Politische Rundschau", eine große Zahl von Notizen aus verschiedenen Gebieten und den Ansang eines Romanes „Heimathlos" von Hekt. Malot, u. s. w. NepetitionSbüchlein zur Wiederholung des Nothwendigsten aus dem Katechismus rc. EinBeitrag znrKatechismusfrage. (Drei Bändchen zusammengebunden 60 Ps. Köscl, Kempten.) * Hierüber schreibt uns ein langjähriger erfahrener Katechet aus dem -Oberland: Das Rcpetitionsbücblein hat mir mit seinem I. Bändchen gar frolie Hoffnungen auf einen guten, bedeutenden Fortschritt in der Lösung der brennend gewordenen KatechismnSfrage erweckt — mit seinem dritten, vor uns liegenden Bändchen hat es diese frohen Hoffnungen vollauf bestätigt. Das Büchlein ist mehr geworden, als was sein Name besagt: es dürfte kühnlich als die Grundlage eines Schul- und Volks- KatcchiSmnS bezeichnet werden, wie man ihn braucht und wie man ihn seit Jahrzehnten sucht. Ich will nicht sagen, daß das Ziel schon erreicht worden, aber das Bücklein ist demselben nahe gekommen. Dasselbe folgt im Allgemeinen und in den einzelnen Abschnitten dem Gang des Deharbe'schen Katechismus. Das Repetitionsbüchlein dürfte in seinem Großdrücke so ziemlich alles das enthalten, was die Kinder zu wissen nothwendig haben und dies in einer Sprache, wie der Schulmann sie spricht, einfach, unmittelbar, concret, Abstraktionen, wo nur immer möglich, vermeidend. Auf diese Weise würde von vorneherein die harte unnöthig Zeit raubende, nur zu oft erfolglos bleibende Arbeit der Worterklärung, großentheils Hinwegfallen. Daß ein solches Neli- gionsbüchlein auch ohne Katecheten in Nothfällen zum Selbstunterricht Dienste leisten kann, ist ein für unsere Verhältnisse nicht zu unterschätzender Vortheil. Durch Wegfall vieler Worterklärnngen fände der Katechet die Zeit zu so manch' anderer praktisch religiöser Unterweisung der Jugend, und im Besondern die nöthige Zeit, um den Einfluß der göttlichen Wahrheit auf Verstand, Gemüth, Wille und Leben des Kindes im Unterricht zu fördern. Anleitung und Anregung dazu gibt ihm der Kleindruck im Repetitionsbüchlein. Derselbe könnte, weil nicht zum Auswendiglernen bestimmt, aber die Vorbereitung des Katecheten ganz bedeutend erleichternd, ohne Schaden, ja mit Nutzen durch weitere kurze Andeutungen, namentlich Hinweise auf die biblische Geschichte, noch vermehrt werden. Wir rufen jedem Katecheten, doppelt dem Anfänger das „tolle, lege" zu. Das Büchlein thut bei jedem Katechismus dankenswerthe Dienste, um sich in Auswahl des Denkstoffes zu beschränken und überschaulich in verständlicher Form die einzelnen NeligionSwahrhciten dem Verstand und dem Herzen des Kindes nahe zu bringen. Von Interesse mag die Notiz erscheinen, daß gleichzeitig auch in Amerika eine Rcformbewegung in der Katechismusfrage in Fluß gerathen und einen neuen, äußerst beachtenswertben approbirten Katechismus von W. Färber, Vfarrer in St. Louis, zu Tage gefördert hat. Ein Vergleich desselben mit dem obengcnannten Büchlein dürfte von besonderem Werthe sein, denn nirgends mehr als hier gilt — die Verfasser des NepetitionSbüchleinS sind davon überzeugt — nsitis viribus! Für eine Neuauflage empfiehlt sich für den Großdruck eine noch größere, wenigstens fettere Schrift, damit derselbe vom Lesestoff für das Auge des Lesenden deutlich sich abhebe. Schließlich Allen die zur Herausgabe des Büchleins mitgeholfen, ein wohlverdientes Oratnlor Sagen, Gebräuche und Sprich Wörter des Allgäns. Von Dr. K. Reiser. Verlag von Kösel in Kempten. Preis des Heftes 1 Mark. * Das vorliegende 4. Heft dieser verdienstvollen Arbeit bringt eine reiche Fülle von Material und bietet vielfach ein lustiges Lesen über Hexen und Trndcn, Zauberei und Schwarzkünstler, dann Natnrmythcn und Sceensagen, Sagen über versunkene Schlösser und Dörfer. Zahlreiche Illustrationen schmücken das Heft. _ Ta usen d Jahre Bayerns unter Scheyern-Witt els- back>, 895-1895. Erinnerungen an Fürsten, Land und Leute von Jgnaz Ricdle, Pfarrer in Endorf, Mitglied des historischen Vereines von Oberbayern. Frcising, Dr. Franz Paul Datier er. Preis 50 Pfg. * Herr Pfarrer Ricdle hat sich eine ebenso patriotische als dankbare Aufgabe gestellt. Er führt uns in seinem Buche die Geschichte Bayerns in zusammenhängender knapper Fassung vor und widmet den Episoden, die ein besonderes Interesse verdienen, besondere Beachtung. Zum tansendjäbrigcn Regier- unasjubilänm des Hauses Scheyern-Wittelsbach hätte keine passendere Gabe erscheinen können. Es ist die Entwicklung des Hauses WittelSbach in außerordentlich übersichtlicher unv verständlicher Form bebandelt, mit peinlicher Genauigkeit und leicht faßlich für Schüler sind die verschiedenen Teilungen und Kriege der WittclSbacher unter sich, die Machtstellung der Wittelöbachcr in allen Zeiten, die finanzielle Lage des Hauses und des Landes, kurz Alles zusammengestellt, was ein Bayer von der Geschichte seines Landes und seiner Dynastie wissen muß. Als Anhang ist eine Geschichte des Hochstifts Freisinz beigebeben. _ Grill, Handbuch des bayer. Staatsbürgers. Verlag der C. H. Bcck'schcn Buchbandlung in München. * Von diesem trefflichen Werk, das in 10 Lieferungen s 80 Pfg. vollendet sein wird, liegt nun bereits die 7. und 8. Lieferung vor. Sie umfassen n. Ä. sociale Materien (Vcrehe- lichnngswescn, Armenpflege, Kranken-, Unfall-, Alters- und Invalidenversicherung), sodann die Verwaltung aus dem Gebiet des wirthscbafil. Lebens (Handels- und Gcwerbekanuner, Zollgesetzgebung und Handelsverträge des deutschen NeicbeS. das Bankwesen, Maß- und Gcwicbtswesen, bayer. Verkehrswesen). Die Darstellung und Anordnung ist überall klar und geeignet, den nicht juristisch gebildeten Staatsbürger in gemeinverständlicher Weise mit den wichtigsten Zweigen des Reichsund Staatswesenö und der Verwaltung desselben vertraut zu machen. 32 Erinnerung an meine Jugend, ein Geleit- und Gcdeuk- buck für unsere Kinder. Von Adolf Müller, Stadt- kaplan in Augsburg. Regenöbnrg bei H. votier. Ein ganz eigenartiges Buch, in welchem ein guter Gedanke sinnig ansgefükrt wird: cS soll die Memorabilien des Kindes in Wort und Bild festhalten: Gebunstag und Geburtshaus, Taufe und Täufer, Firmung, Palhcn, Vater und Mutter, Gc- sckwistcr und nähere Verwandte, Schulzeit. Lehrer, Katecheten, Pfarrer, erste Beicht und Conrmuiiion. Wenn Eltern sich das Buch anschaffen und zu gegebenen Zeiten in die vorgesehenen Umrahmungen die betreffenden Photographiern einkleben, sowie die einschlägigen Daten einschreiben, kommt für das Kind ein durch das ganze Leben werthvollcs Andenken zu Stande. Das Buch wird in prachtvollem Einbande geboten. K. Deutscher Hausbesitzer-Kalender für 1896. Im Auftrage des CcntralvcrbandcS der HauS- und städt. Grundbesitzer-Vereine. Von Nechtöanwalt Dr. GünSburg. Berlin, Verlag von N. Kühn, Leipzigerstr. 115. * Der Zweck des Kalenders erhellt aus seinem speziellen Titel. Es finden sich darin zahlreiche praktische Abhandlungen und Informationen, die, soweit sie auf reichörechtlimer Basis beruhen, auch für die süddeutschen Interessenten von Bedeutung sind. Die Ausstattung ist gut und gefällig. „Die heilige Familie." Monatschrift für die christliche Familie, insbesondere für die Mitglieder des allgemeinen frommen Vereins der christlichen Familien zu Ehren der hl. Familie von Nazaretb. Herausgegeben von mehreren Welt- und Ordenspricstern. Jährlich 12 Hefte, 16 — 32 Seiten stark, mit Illustrationen. Preis M. 1.—, mit Post direkt M. 1.10. Durch mehrere bischöfliche Empfehlungen ausgezeichnet. Verlag von Dr. Franz Paul Dattcrer in Freising (Bayern). IV. Jahrgang, Heft 1 soeben erschienen und enthält: Neujahr-Gedicht. Ueber die gute Meinung. Zur Geschichte der häuslichen Gesellschaft. Zum Namen Jesu-Fest. Etwas aus Japan. Frevel und Strafe. Die Anbetung der bl. drei Könige mit Bild. Die Mutter des HI. Franz von Salcs. Das ehrliche Mädchen. Eine schöne Antwort im Munde eines Kindes. Allerlei. Ablaßtage. — Abonnements bei allen Buchhandlungen, Postanstalten und unseren Agenten. Die Afrika-Zeitschrift „Kreuz und Schwert", hcrausg. von W. Helmes in Münster, hat auch in ihrem abgeschlossenen III. Jahrgang an Verbreitung und Wirkung wieder zugenommen und es auf 12.000 Abnehmer gebracht; und die Gaben, welche sie für afrikanische MissionSzwecke seither einsammeln und abliefern konnte, belaufen sich bereits aus 30,000 M. Möge sie auch im neuen Jahrgange weitere Tausende von Abnehmern wie an frommen Gaben gewinnen! Der sehr niedrige Preis bleibt 75 Pf. für daö Halbjahr, 90 Pf. bei portofreier Zusendung. Das 1. Heft des neuen Jahrgangs zeigt eine angenehme Verbesserung. Es bringt noch mehr Text als bisher und 2 schöne Vollbilder. Außer den amtlichen Veröffentlichungen des Asrika-Vcreins fanden wir darin Originalbriefe von Missionären auS Afrika, Togo, Kamerun, vom Sambesi und aus dem Kaffernlande, alle sehr unterhaltend. Bei der Firma Eberle L Rickenbach in Einsiedeln (Schweiz) und St. Ludwig (Elsaß) erscheint eine „Katholische Zehnpfcnnig-Bibliothck", welche sehr viele gute Erzählungen von hervorragenden katholischen Schriftstellern enthält. Es sind hübsche, gebundene Heftchen, welche um den fabelhaft billigen Preis von 10 Pfennig per Nummer zu haben sind, so daß man für 10 Mark eine ganze Bibliothek von 100 Nummern erhält. Jede Nummer hat 64 Seiten. Miscellen. 6. (Eine statistische Berichtigung.) Ueber die katholische Mission in China ging unlängst ein irrtbümlicher Bericht durch die Presse, welchen die „kath. Missionen" Nr. 12 richtig stellen. — Mit Berufung auf daß Zeugniß des Protestanten vr. G. E. Morrison wurde im Bericht ein Vergleich zwischen der katholischen und der protestantischen Mission ausgeführt, der glänzend zu Gunsten der ersteren ausfiel. Dabei gab aber Morrison die Zahl der Katholiken Chinas offenbar Viel zu hoch an. Er sagt, daß allein „die Jesuiten jährlich über 4000 bekehrten und China 1,200,000 Katholiken zähle. Thatsächlich ist die Zahl der eingebornen Katboliten nach den Ilis- sionss datiiolieas 1895 (Propagandaberichk) bloß 581,775. Vielleicht hat der wohlmeinende Reisende irrrbümlich die Katbo- likenzabl der indochinesischen Millionen Hmienndicnü (1895: 769 660) dazu gerechnet, waö eine Gesammtzahl von 1,351,435 ergäbe. Aehnlich dürste die Schätzung des deutschen Reisenden v. Hesse-Wartegg auf 1,072,818 zu erklären uns zu corrigiren sein. Was sonst Herr Morrison über die Unfruchtbarkeit der protestantischen Propaganda sagt, fechten wir nicht an. 0. (Das Vordringen des Islam in Vortu giesisch- Ost-Afrika.) Nach der Schätzung eines mit den Verhältnissen sehr gut bekannten Correspondemen der „katholischen Missionen" wohnen allein in der Jnsclstadt Mozainbique gegenwärtig schon über 5000 sogenannte MonhöS, d. h. znm Islam bekehrte Neger, ca. 2000 eigentliche MonroS (Mauren), ca. 1000 indiiche Baui- anen, ca. 1000 andere heidnische Jndier und vielleicht 1000 europäische oder goancsische Christen. Der Handel ruht fast ganz in der Hand der Mohammedaner und Banianen, und der reichste Mann der Stadt soll ein Baniane sein. Sobald die neu angekommenen Schwarzen einige Wochen in der Stadt sind, siebt man sie bereits im weißen arabischen Hemde und mit Turban auf dem Kopfe cinherstolziren. Sie sind im Dienste eines Moölini, d. b. sie sind Molwö geworden. AIs solche dürfen sie freilich nickt die Moscheen der eigentlichen Moslemin betreten, allein ant Ponta-da-Jlha stehen zahlreiche Scrohbautcn, die als Moscheen dienen und wo fanatische Denvi'cke und MaraSnts den Koran lehren. lind was hier im Kleinen geschieht, wiederholt sich aus dem Festland längs der Küste überall ini Große». Wie traurig muß dies ein katholisches Herz berühren! Am Schluß des mohammedanischen Ramadan, am Osterfeste der Moslemin, sab unser Gewährsmann, wie die Blechmusik der portugiesischen Lreola ü'artss s okücüos sich dazu bergab, in voller Iluisorm bei der lärmenden Prozession der MonroS und Mondes mitzuwirken — und dies für lumpige 14 Mark! Daß die Gesetze gegen den Sklavenhandel bei solchen Zuständen im portugiesischen Gebiete vielfach nur auf dem Papiere bleiben, ist klar. Armes Portugal, wie hast du deine glanzvolle Vergangenheit vergessen! ä. 6. (Bcuroner Benediktiner in Südamerika und Entdeckung eines KirckensckatzcS.) Durch die kirchemeiudliche Regierung Brasiliens in den lctzren Decennien wurde die (im Jahre 1827 vereinigte) Benediktincr-Congregation in Brasilien zum Aussterben vernrtbeilt. Im Jahre 1883 zählte die Congregation neck 37 Mönche in 7 Abteien und 4 Primaten. Die endlich erfolgte Trennung von Kirche und Staat — so verwerflich sie auch an sich ist — ermöglichte die Neubclebuug dieser Congregation. Nach dem weilen Plane des Papstes Leo XIII. soll der alte, in den laugen Kämpfen und Leiden sehr geschwächte Stamm dieses Ordens durch einen frischen, kräftigen Sprößling neu verjüngt werden; und zur Lösung dieser Ausgabe wurden Mönche aus dem berühmten Benediktiner- Kloster Beuron berufen. Am 17. August l. Iß. trafen die Berufenen — 15 an oer Zahl — in Pernambuco ein (4 Profeß- paircs, 2 Brüder-Novizen, 7 Laienbruder, 2 Ponulanten). Von hier aus ging der Zug durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft nack Olinda — dem Ziclorie. Olinva, dessen Name aus dem entzückten Ausruf „O Linda!" sO Schöne!) entstanden sein soll, hat seine frühere Größe und Bedeutung verloren und hat nur noch 2000 Einwohner. Es liegt malerisch an einem Hügel-Gelände, von dessen unterm Abhang die Abtei beruiedcr- grnßt. Die neuen Apostel wurden von den versammelten brasilianischen Aebten herzlich empfangen, und der greise Abt von Olinda weinte Freudenthräncn. Feierlich wurden die Bcuroner Mönche in die öde Klosterkirche geleitet. Als sie dann ihr neues Heim in Augenschein nahmen, erkannten sie mit freudiger Genugthuung, daß wenigstens der äußere Anblick ein großartiger war und gegen alle Erwartung keine Spur des Verfalles zeigte. Die ersten Tage schon brachten den neuen Kloster-Insassen eine große und freudige Überraschung. Als sie hinter dem Hochaltare Jagd auf die vielen Fledermäuse machten, fanden sie ein geheimes Versteck. Sie erbrachen ein Tbürchen, das in eine Mauervertiefung führte. Hier lag — welch' ein Erstaunen — der Kirchen schätz: eine große Anzahl von Kelchen und Ciborien, eine große Monstranz mit kostbaren Steinen, das Kreuz eines Abtes, Platten und Känncken, ein Dutzend ungeheuer großer Lampen rc. rc. — alles aus reinstem massivem Silber. Der Generalabt wußte zwar, daß ein Schatz vorhanden, hatte jedoch denselben nie gesebcn. Wie lange schon mag der Kirchenschatz in seinen alten Kisten gelegen haben? Vcrantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. 8 . 31 . IM. 1896 . Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, nnd seine Stellung znr Reformation. L. X. Es war am 12. April des Jahres 1517, als der Bischossstuhl des hl. Ulrich zu Augsburg durch den Tod Heinrichs von Lichtenau verwaist wurde.* *) Schon am 5. Juli desselben Jahres empfing dessen Nachfolger Christoph von Stadion zu Dillingen die bischöfliche Weihe?) Sein Regierungsantritt fällt also zusammen mit dem Auftreten jenes Augustinermönches von Witten- berg, der durch die 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 gegen die Ablaßpredigten des Dominikaners „Johann Tctzel" an der Allerheiligenkirche zu Wittenberg anschlug, den Kampf gegen Papstthum und Kirche ankündigte. Es war dies Martin Luther, Professor der Theologie an der Universität Wittenberg, der so die nächste Veranlassung zu der großen Neligionsbewegung des 16. Jahrhunderts in Deutschland gab, die sich nicht nur auf ihr Entstehungsgebiet beschränkte, sondern immer weiter und weiter um sich griff und sich bald auch über einen großen Theil des südlichen Deutschlands erstreckte. Natürlich blieb auch das Bisihum Augsburg nicht verschont, war ja Luther selbst im Jahre 1518 auf dem Reichstage zu Augsburg anwesend, ^) und sehr bald wurde auch der neue Bischof Christoph von Stadion mit in die Bewegung hineingezogen. Das Verhalten der Geistlichen zu der neuen Lehre war ein sehr verschiedenes, und es gab leider nicht wenige, die dieselbe bereitwillig aufnahmen. Namentlich war es der niedere Klerus, der Luthers Worten ein geneigtes Ohr schenkte, und gerade ausgesprungenen Mönchen verdankte die neue Lehre die weiteste Verbreitung. Aber auch unter der höheren Geistlichkeit fanden sich welche, die sich von der althergebrachten katholischen Kirche lossagten. Ich will nur erinnern an den Hochmeister des deutschen Ordens Albrecht von Brandenburg, der sich von Luther bereden ließ, das ihm unterstellte Ordensland Preußen in ein weltliches Herzogthum umzuwandeln, mit dem er sich dann 1525 vom Polenkönig belehnen ließ. Im darauffolgenden Jahre vcrheirathete er sich mit einer schwedischen Prinzessin?) Doch wie dieser fahnenflüchtige Kirchenfürst wagten es nicht alle, sich offen von der katholischen Kirche zu trennen, und es gab manche, die zwar in ihrer Gesinnung ganz und gar Lutheraner waren, die jedoch äußerlich bei der alten Kirche blieben, indem sie durch offenen Uebertritt zu Luthers Lehre ihr Einkommen und ihre Macht zu verlieren fürchteten. So war der Cardinal Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz, der mehr humanistisch als theologisch gebildet und mehr weltlich denn geistlich gesinnt war, wenigstens anfangs Luthers Lehre sehr zugethan?) Ebenso find die Urtheile ') Geschichte der Bischöfe von Augsburg von Placidus Braun, 3. Band (Augsburg 1814): Seite 174. 2) Ebd. S. 186. °) Ebd. S. 206. *) Jausien, Geschichte des deutschen Volkes, 3. Vd. (Frei- burg i. Br. 1883): Seite 73 f.; 76. °) Diese Ansicht vertritt Jakob Map: „Der Kurfürst, Cardinal und Erzbischof Albrecht von Mainz und Magdeburg". 2 Bände, München 1865. — Dagegen sucht H. Grcdp nachzuweisen, daß derselbe insbesondere als „feststehend in seinem katholischen Glauben und als ein steter Gegner der Empörung gegen die althergebrachte kirchliche und staatliche Ordnung erschien" (Cardinal-Erzbischof Albrecht II. von Brandenburg in seinem Verhältniß zu den GlaubenSneucrungen, Mainz 1891: Vorrede Seite IV). über Christoph von Stadion sehr verschieden, und manche lauten für ihn ziemlich ungünstig. Im Nachfolgenden will ich nun die Fragen zu lösen versuchen: Welche Stellung nahm Christoph zur neuen Lehre? War er in seiner Gesinnung Katholik oder hing er der Lehre Luthers an? Christoph von Stadion stammt aus der schwäbischen Adelsfamilie von Stadion, wurde 1478 wahrscheinlich zu< Schelklingen in Württemberg geboren, bezog 1490 die Universität Tübingen, wo er 1491 Baccalaureus, 1494 Magister wurde, ging einige Jahre später zum Studium des geistlichen Rechtes nach Bologna, erwarb sich hier den Doktorgrad und kehrte, reich an Bildung und Kenntnissen, im Jahre 1500 nach Deutschland zurück. Er widmete sich dem geistlichen Staude, wurde bald bischöflicher geistlicher Rath zu Augsburg, 1507 Domherr, dann Official, 1515 Domdekan daselbst und erhielt den Rang eines kaiserlichen Rathes. Der altersschwache Bischof Heinrich von Lichtenau wählte bald darauf mit Zustimmung des Domkapitels den Domdekan von Stadion zum Coadjutor, und als solcher wurde er von Papst Leo X. mit dem Rechte der Nachfolge bestätigt. Nach dem Tode seines Bischofs nahm er sodann Besitz vom bischöflichen Stuhle zu Augsburg?) Man begrüßte den hochbegabten, gelehrten, klugen, milden und eifrigen Mann mit freudigen Hoffnungen als Bischof, und sein erstes Auftreten war auch ganz geeignet, dieselben zu rechtfertigen. Schon auf den 1. Oktober 1517 berief er die Geistlichkeit seines Bis- thums zu einer Synode nach Dillingen, bet welcher er persönlich eine geistreiche Rede voll christlich frommer Gesinnung und apostolischen Eifers hielt?) Besonders mahnte er in dieser Rede seinen Klerus zu Tugend und Demuth, er belehrte denselben, wie er das Fasten, das Beten, den Gottesdienst n. dgl. zu verrichten habe, und forderte ihn zu einem reinen und festen Glauben auf. Der neue Bischof tadelte aber zugleich auch mit scharfen Worten die Schwelgerei und den Luxus der höheren Geistlichkeit und warnte seinen Klerus vor solch unwürdigem Lebenswandel?) Wie diese Rede, so bezweckten auch die Dekrete, die auf dieser Synode verkündet wurden, hauptsächlich Abstellung von Mißbräuchen und Hebung der Kirchenzucht. Im Anschluß an die Synode ordnete der Bischof auch eine Visitation der Diöcesc an, um die mehrfach tiefgesunkcnen Zustände derselben zu bessern und das religiöse und sittliche Leben zu heben. Dieses wichtige Amt übertrug er den einsichtsvollsten °) Stcichele in „Allgemeine deutsche Biographie" 4. Band (Leipzig 4876): S. 224. ') Ob die Rede bei Beginn oder am Schluß der Synode gehalten wurde, darüber gehen die Berichte auseinander. Braun, Gesch. d. Bisch. v. Augsb. III. 167, setzt sie an den Ansang der Synode, Strichele dagegen, ferner Haas (Wetzcr und Welle, Kirchenlexikon: Christoph von Stadion, I. Band sFreiburg 1947) Seite 145) setzen sie an den Schluß. Letzterer meint, es widerspreche der Schluß der Rede der Ansicht Brauns. — Ltvinor, Vota ssleota bloelesiao LnZnatanas (Vntz'U8tao Vinäs- liooram LIO60I,XXXV) xa.K. 56: In boo Lznoäo ipss Obristopborns Oratoria innnoro tunotns ost; Anmerkung: lüpiloAo aolliAitur, suvssgusntoin oratäcmew all üuew Lxuoeil taisso babitaiu. °) Braun, Geschichte d. Bisch. v. Augsb. III. 187-189 (theils Inhaltsangabe, theils wörtliche Citate der Rede in deutscher U.-bcrsetzung; wortwörtlich: Steiuer, Leta, Zelsota, xsL- 53-70). ^ / 34 und tugendhaftesten Männern, unter ihnen Johann Altensteig.o) Mit den besten Absichten hatte also Christoph von Stadion fein verantwortungsvolles Amt angetreten, und unverkennbar ist sein Streben, seine Diözese ganz nach den Grundsätzen der katholischen Kirche zu regieren. Dem Eifer, den der Bischof aus der ersten von ihm gehaltenen Synode für die katholische Sache zu Tage gelegt, entspricht auch die entschieden schroffe Stellung, mit der er anfangs gegen die neue Glanbensrichtung, die sich sehr bald auch in seinem Bisthum bemerkbar machte, auftrat.^) Zeuge davon ist sein Verfahren gegen Caspar Aquila, Pfarrer zu Jengen. Derselbe hatte sich schon vor Luthers Auftreten, im Jahre 1516, mit einer Wittwe verhcirathet und begrüßte in Folge dessen freudigst Luthers Lehre, in der er sein Verfahren gerechtfertigt fand. Er las fleißig Luthers Schriften und begann ganz offen im Sinne der Neuerung zu predigen. Wegen Bruchs des Cölibates und Verbreitung ketzerischer Lehren wurde er, als der Bischof davon gehört hatte, nach einigen vorausgegangenen fruchtlosen Ermahnungen auf einen Karren geschmiedet und nach Dillingen gebracht, wo er in strenger Kerkerhaft ein halbes Jahr lang gefangen gehalten wurde. Da aber Aquila ein nicht unbedeutender Mann und aus einer sehr angesehenen Familie Augsburgs war, erregte dieses Verfahren großes Aufsehen; dennoch ließ sich der Bischof trotz vieler Fürbitten nicht milder stimmen. Der Gefangene blieb in Hast, bis ihn des Kaisers eigene Schwester, die Königin von Dänemark, losbat, und auch da ließ ihn der Bischof nur ungern frei und mit dem ausdrücklichen Befehl, binnen weniger Stunden die Diözese mit Zurncklassuug all feiner Habe zu verlassen. Ja, es hieß sogar, Aquila hätte am nächsten Tage hingerichtet werden sollen.") Ein anderes Beispiel davon, mit welcher Strenge Christoph gegen sittenlose und unbrauchbare Kleriker verfuhr, ist der Abt Franz von Donauwörth, der, ohne sich im mindesten um die religiösen Dinge zu kümmern, mit seinen Blutsverwandten, seinen Freunden und andern „losen Leuten" sorglos dahinschmanste und schwelgte, zur Strafe hiefür aber zu lebenslänglichem Gefängniß veruriheilt worden war.") Ebenso wurde Kaspar Haslach, der erste Jklhaber der 1522 in Dillingcn errichteten Predigerstclle, im Jult 1522 vor die bischöfliche Kurie geladen, um sich wegen einiger allzufreien Aeußerungen und wegen seiner Sympathie für Luthers Meinungen zu verantworten. Doch fand man keinen Grund, mit Strafe gegen Haslach vorzugehen.") Wir ersehen aus diesen drei Beispielen, wie energisch Christoph von Stadion sich dem Eindringen der neuen Lehre in den Weg stellte und wie sehr er auf die Sitten- reinheit seines Klerus bedacht war. Allerdings meint Zapf, ein eifriger Vertheidiger Luthers ") und ein Feind der entschiedenen Vertreter der katholischen Lehre,") der Bischof sei „von seiner Klerisei" zu derartigen „nicht rühmlichen Handlungen aufgehetzt worden". Derselbe schreibt auch von dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1518, auf welchem eine Unterredung zwischen dem Kar- ") Braun, III. 199. ") Allgemeine deuische Biographie, IV. 221. ") Zapf. Christopb von Stadion, Bischof von Augsburg (Zürich 1799), Seite 15 s. ") Geschichte des Klosters zum Heil. Kreutz in Donauwörth von Cölestin KönigSdorfer (Donaawörtb 1825) 2. Vd-, S. 1 f. ") Akten des bischöflichen Archivs Augsburg. ") Vgl. Zapf, Chr. v. St., Seite 10, 14 u. a. '°) Bgl. ebd. S. 16. 71 u. a. dinal Cajetan, dem päpstlichen Legaten, und Luther stattfand, über Christoph von Stadion, wie folgt: „Wie sich der Bischof von Stadion bet dieser merkwürdigen und wichtigen Begebenheit benommen, ob er sich mit Lnthern ebenfalls unterredet, davon schweigt die Geschichte; es ist aber zu vermuthen, daß er dabei ein aufmerksamer Zuhörer war. .... Sicher hätte er mehr verstanden, als der päpstliche Legat Cajetan verstanden hatte."") Zapf glaubt also, schon im Jahre 1518 in Christoph von Stadion eine für Luther günstige Stimmung suchen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) Ein Künstler aus dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. (Fortsetzung.) Der „Große Garten" in Dresden enthielt eine Reihe von Statuen des Meisters, die zu Grunde gingen, entweder in Folge der heftigen Beschießung durch die Preußen 1760, die 400 Häuser zerstörte, oder in Folge Zertrümmerung durch die Kroaten. Nicht abzuweisen ist auch die Annahme Gottschalk's,") „Friedrich der Große habe viele dieser Statuen nach Berlin bringen lassen, wo sie vielleicht noch sind." Unter den verschollenen Gartenfiguren befand sich ein einen Fisch haltender Mohr aus schwarzem Marmor mit weißen Adern, der als ganz vorzügliches Werk bewundert wurde, und eine Mohrin mit ihrem Kinde.^) An den Mohrenbildern waren die Augen mit weißem Marmor eingesetzt. Permoser imitirte hier wahrscheinlich die Negergiganten des Melchior Barthel (ff zu Dresden 1672) am Pesaro- grab der Frari in Venedig. Den „Großen Garten" zierten auch die von Zeitgenossen besonders gerühmten Werke: die „Mildthätigkeit", auch „Mütterliche Liebe" benannt, und die Gruppe: „Maleret und Bildhauerkunst, die sich umarmen."^) Wie dem siebenjährigen, fiel auch den Franzosenkriegen manches Bildwerk des Künstlers zum Opfer; so sollen zwei vortreffliche Statuen im Kretzschmar'schen Garten vor Neustadt, Ceres und Merkur, von den Franzosen 1813 zertrümmert worden fein.^) Zwei andere Marmorbilder: Saturn und Venus mit Cupido, in Lebensgröße, die 1785 noch im Ertel'schen Garten der Friedrichstädter Allee standen, sind seit Ende deS vorigen Jahrhunderts verschwunden?") In Leipzig (in Vorgärten der Dorotheenstraße) stehen von zwölf Sandsteinfiguren aus der Hand Permosers noch vier: Jupiter, Juno, Mars und Venus, „halb kolossalisch". Sie gehörten in einen auf Befehl Augusts des Starken (durch O. - L. - Baumeister Schatz) für die Gattin des Leipziger Senators Andr. Appel in Fächerform angelegten Lustgarten^) und sind nach dem Geschmack der Zeit in heftig bewegten Stellungen ausgeführt. Nur die Statue des Mars zeigt eine -°) Ebd. S. 12. E») Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste von I. S. Ersetz und I. G. Eruber, Leipzig, Brockhaus 1842. 4°. 3. Sektion. 17. Lh. S. 149. Hagedorn: bldaire. brat. p. 330. 2 °) Hagecorn I. o. x. 330/1. Nachrichten von Künstlern u. Kunst-Sachen. I. Theil. S. 69. Magazin der Sächsischen Geschichte. I. Theil. S. 149. M. B. Linveiu, Geschichte der Haupt- und Nes.-Stadt Dresden. DreSden, N. Kuntze, 1862. II, 282. Magazin der Seichs. Geschichte, 1785. II. Theil. S. 655. G. Müller I. o. S. 19. 2 °) Später Rcichcls Garten, vor unz. 55 Jahren überbaut. 35 gewisse Ruhe. Geharnischt und den einem Wolfskopf ähnlich gestalteten Helm auf dem Haupte, steht er mit gespreizten Beinen da, ein Bild der selbstbewußten Kraft und Widerstandsfähigkeit.^) Wie in Florenz, waren in Deutschland Permosers kleine Elfenbeinarbeiten hoch geschätzt. Ludwig v. Hagedorn besaß ein Basrelief, das in Elfenbein die Fabel des Merkur und des Argus darstellte?") Das Traunsteiner Museum bewahrte bis vor Kurzem 2 kleine Basreliefs, von denen eines das Brustbild Augusts II., das andere Adam und Eva nach dem Falle zeigt. Die Größe der doppelten Sünde, der eigenen Lust und der Verführung erkennend, legt Eva begütigend Haupt und Hand auf die Schulter des schmerzlich sich abwendenden Gatten, als wolle sie nach dem Verlust der göttlichen Liebe wenigstens die des Mannes sich bewahren. Beide Reliefs stammen aus einem Baucrnhause von Kammer, wo ihr ideeller Werth für den Ort nicht erkannt worden war. — Von den im Grünen Gewölbe zu Dresden aufbewahrten Elfenbeinschnitzereien Permosers sagt G. Müller, daß sie eine ausgebildete Technik, sowie Beherrschung der Formen und des Materiales zeigen, und verweist besonders auf „die Gruppe der Omphale und des Herkules,""") „die vier Jahreszeiten,"") den „blitzschlendernden Jupiter auf dem Adler"^) (Aufsatz zu einer mit Schildkrot eingelegten silbernen Säule) und ein „schreitendes Pferd", in dem er das Modell des für König August gefertigten lebensgroßen Pferdes vermuthet. Bemerkenswerth ist hier ferner der „Bogenschnitzende Amor"?") Zwei reizende Elfenbeinstatuetien von Permoser, Ceres und Flora mit je einem Kindengel, birgt das herzogliche Museum zu Braunschweig. Die Figur der Flora ist bezeichnet mit Laltlursar karmossr in. v. die der Ceres mit L. I?. in. v. I?. 1695. Zu Monumentalwcrken wurde die Kunst des Meisters mehrfach in Anspruch genommen. Ein solches ist vor allem die Apotheose des Prinzen Eugen von Savoyen, eine Gruppe, die Balthasar als angehender Siebziger (1718—1721) im Auftrage des Wiener Hofes geschaffen hat. Das Denkmal ist in weißem Maxener"") Marmor aus einem einzigen 80 Zentner schweren Block gearbeitet und wurde Anfang Oktober 1721 nach Wien gesandt und im Garten des von Prinz Eugen erbauten Belvedere aufgestellt. Gegenwärtig steht die Gruppe im Karyatidensanl des Erdgeschosses des Kaiserlichen oberen Belvedere, wohin sie zum Schutze gegen Verwitterung gebracht wurdet) Prinz Eugen ist in der mauierirten Vorliebe jener Zeit für allegorische Umrahmung dargestellt, als werde er von den Genien der Wahrheit (mit einer Sonne) und ^1 Gustav Müller I. o. S. 10. "") Magazin der Stichs. Geschichte. I. Theil, 1784. S. 149: „Argos u. Mercnr, fast ganze Figuren, sehr schön geschnitzt." "°) Elscnbeinzimmer des Grünen Gewölles Ar. 41 u. 42. 2 °) Ebendorr Ar. 45. 40, 48, 49. "j) Ebcndort Nr. 840. . ö") Nr. 334. — Kaufmann Tloinas Richter ,'n Leipzig besaß nin 1785 „viele in Elfenbein gesehnüne Figuren von Ballbasar". Mag. der Sachs. Geschick». II, v55. DaS Maxen des „Finkenfangö". "1 Hagerern sah die Gruppe, die er ein Meisterwerk nennt, in der Ecke eines Hoseo von eure! Weiubn.tenstande 'Nil oer- dcckt, und er dachte an Eicero ror dein Grabe oes A: er,miede". Lelaira. Irrst. p. 333. — Meyers Cocon sanone! xckon, 4. t-llisl., XII, 850 nennt als jetzigen Standort die K.ulch.rmenknche m Wien: eine solche befiehl dort nicht. des Ruhmes emporgehoben und in der Erhebung von einer Schaar Kinderengel umflogen, die die Symbole seines Sieges: die Keule des Herkules und das Löwenfell, tragen und ihn stützend umschweben. Der Held, in reicher Ritterrüstung und mit Allonge-Perrücke, deckt mit der linken Hand die Oeffmrng der von Fama geblasenen Tuba, zum Zeichen der Bescheidenheit, mit dem linken Fuße aber tritt er auf einen nackten Mann, der wie ein Wurm sich windet und das schmerzzerriffene Gesicht auf den Gewaltigen richtet. Die Ueberlieferung erzählt, der getretene Mann sei Permoser selbst;"") mit dieser Stellung habe er andeuten wollen, daß er gegen seinen Willen, gleichsam mit Fußtritten, zu dieser Arbeit gezwungen worden sei. Der Sache entsprechend wird die Annahme sein, daß die Figur des unterliegenden Mannes den besiegten Feind, zunächst den Türken, bedenre, was keineswegs ausschließt, daß hier der Künstler mit irgendwelchem Nebengedanken sein eigenes Bild angebracht hat. Der röthliche Marmorsockel trägt die goldene Inschrift:"") I?. Lugenirw Luffuuct. ob keüömont. kiinosxs Nuroffio 8girrt. Kur. Voll. Lyrres Curoli VI Kur;. Lb 8. It. I. 8upi'6mrrs lixeroiturrur Orrx Inviatissimus. (F. Eugen, Prinz von Savoyen und Piemont, Markgraf von Snluzzo, Ritter des Güldenen Vlieses, Kaiser Karls VI. und des Hl. Römischen Reiches, oberster, nie besiegter Heercsführcr.) Nach P. Fuhrmann"^) hätte Permoser für daS kühne, technisch virtuose Werk 20,000 Thaler erhallen(?). Aus den Bildhauer Joseph Winterhalter (geb. 1702 im Schwarzwald), der bei der Aufstellung des Bildes zugegen war, machte die malerische Wirkung der Gruppe einen solchen Eindruck, daß er zu Permoser nach Dresden ging und dort die Technik des Meisters ins Einzelne kennen zu lernen sich bemühte."") Eine im Einzelnen veränderte Kopie der Eugen- gruppe fertigte Permoser in pirnaischcm Sandstein auf Bestellung seines Herrn, des KöuigS und Churfürsten. Der Hauptfigur der Gruppe gab er die Züge Augusts des Starken; die Putten ließ er weg, der getretene Mann "") Sein Porträt hat dcr Künstler nach schöner, alter Sitte an mehreren seiner Werke angebracht. So soll die Büste eines Greises, der zur Gruppe der „sich umarmenden Malerei und Bildbauerei" gehörte, daS Sclbstporträt Baltbaiars gewesen sein. (Hagedorn, Helaire. Inst. 331.) Und das „Magazin d. Sachs. Geschichte" bemerkt zu dem von Bernigroth gestochenen Bild deS Künstlers: „Er selbst arbeitete seinen Kops ähnlich in Stein, so wie er noch (1734) im Gärtner'schcn Hause auf dem Altan vor dcr Judcnsetmle steht (I. Th. S. 150). Es wird hier die in demselben Buch an gleicher Stelle (S. 149) erwähnte steinerne Gruppe gemeint sein, die über dem Portal d:S Gärtncr'fchen Hauses hinter der Frauenkirche angebracht war und „die Unwissende so gern znm Denkmal der wiereranicrftandcnen Goldschatz e d s f ra n machten". -°) Die Kunsthandlung Czihak'S Nachfolger, Wien, Graben 22, bat aus Veranlassung deS Vers. dieses Auss. Photographen des Denkmals hergestellt. (Quarts. 1 fl.) "') Hislor. Beschreibung rc. dcr Residenzstadt Wien, 1770, III. Theil. E. 35. -^) I>r. Albert Jlg, Auisatz über P. in den Mittheilungen der K. K. Cemral-Conintzssion zur Erforschung und Erhaltung der Knust- und bistori'chcn Denkmale IV. Jahrgang. Wien, Gereld 1878. n. EXVII. Vergl. mi: Winlcrhalter's Aufenthalt in DreSocil die Reise Rapbacl TonucrS zu.gleichem Zweck. Biellcietr bezicht sich die Notiz nur aus einen der beide» Künstler. 36 stellt einen kahl geschorenen Türken vor. Bis 1839 stand dieses Werk im Parke des Rittergutes Oberlichienau bei Pulsnitz und wurde dann vom Besitzer dem Staate geschenkt und im „Großen Garten" bei Pavillon R aufgestellt. Eine weitere Kopie deS Denkmals in Elfenbein befand sich mit einer Büste aus grauem Marmor: „Die Verzweiflung", im vorigen Jahrhundert in Zemisch's Kunstkabinet in Leipzig.^) Das größte Monnmsntalwerk Permofers steht jetzt im Dome zu Freiberg in Sachsen: das früher in Lichlen- burg bei Prettin befindliche Grabmal zweier Fürstinnen: der Wittwe des Kurfürsten Johann Georg III., Anna Sophia, Prinzessin von Dänemark, Mutter Augusts II., und ihrer Schwester Wilhelmine Ernestine, Wittwe des Kurfürsten Karl von der Pfalz, die 1706 starb und 1811, nach Transferirung des Denkmals, hier beigesetzt wurde. Die Schwestern ließen sich ihr Grabmal noch bei Lebzeiten in der Schloßkapelle zu Lichtenburg aufrichten. Neben der Thüre der offenen, die zwei Särge bergenden Grabkammer steht links Charitas, rechts Abundantia. Charitas trägt ein Kind auf dem Arm, ein anderes, weinendes, führt sie an der Hand. Abundantia, auf ein Füllhorn gestützt, hält zwei Kronen. Auf dem Sims des Thürstnrzes sitzen „die Neue", ein heulendes altes Weib, und „die Religion" mit Kreuz, Kelch und Hostie. Ueber ihnen wölbt sich ein Bogen, auf dem ein mit Schlangen umwundener Kindengcl den Süudenfall und ein zweiter mit Buch und Tuba das Weltgericht bedeuten. Ein sich höher spannender Bogen trägt als Schlußstein eine Krone, unter der ein Seraph und das Doppelwappen der Fürstinnen eingefügt sind, daneben Tod und Auferstehung, von zwei Putte» shmbolisirt. Unterhalb der Abundantia steht in den Stein eingegraben: Lo.ltlia.snr Lerinosar von 8 ult 2 pur§ links Zowrrolit in ckalir 1703 und 4?") Ueber dem Grabe des Meisters auf dem katholischen Ariedhof erhebt sich eine herrliche Gruppe aus seiner Hand: die Kreuzabnahme (oder besser: Vorbereitung zur Abnahme) in weißem Sandstein mit fast lebensgroßen Figuren (?/, Lebensgr.).") Das Antlitz des verschiedenen Erlösers ist zwar von dem entsetzlichen Schmerze durchfurcht, doch ist ein süßer Friede darüber ausgebreitet, der mit allem Leid versöhnt. „In der Auffassung deS Gekreuzigten", sagt Paul Schumann, „fällt uns ein grausamer Zug auf: die Arme sind derart gebogen, daß die Hände mit den innern Flüchen nach oben auf der Oberfläche des Querbalkens liegen, und so sind sie angenagelt. Durch diese Anordnung wird der Oberkörper in gewaltsamer Weise ewporgepreßt, Brust- und Bauchmuskeln treten in scharfer, schmerzlicher Anspannung hervor. Im Gegensatz zu dieser unser ganzes Innere erregenden Auffassung steht das Antlitz des edlen Dulders: er hat ausgelitten; über den Schmerz in den Zügen hat sich ein unendlich wohlthuender Friede gelagert, der jenes unbehagliche Gefühl sanft löst. Im Kopfe Christi hat Per- moser sicherlich etwas gegeben, das über die gemeine barocke Auffassung hinausgeht. Der Gesichtsausdruck der lebenden Gestalten ist roher als der Christi." Zur Rechten wird die in Ohnmacht sinkende Mutter Gottes von dem aufwärts blickenden Joseph von Arimathia leicht 2 °) G. Müller I. o. S. 21 crwäbnt auch eine monumentale (lebensgroße) Marmorbüste des HcrzogS Anton Ulrich (1704 biS 1714), die sich im Brannschwciger Museum befindet. ") G. Müller I. o. 19. ") Abbildung in Lützvw's Zeitschrift für bildende Knust. 24. Bd. S. 187. gestützt; zur Linken steht Johannes im Anblicke des geliebten Todten versunken, mit der Rechten daS Leichentuch um die Hüften des Erlösers emporschlingend; am Fuße des Kreuzes, den Stamm umklammernd, kniet Maria Magdnlena. Eine Leiter ist rückwärts an das Kreuz gelehnt. „Die Gruppe ist geschickt und zwanglos angeordnet. Echt barock ist das malerisch gelegte Gewand, das den Hintergrund für den Gekreuzigten bildet: die Rückseite des rein malerisch gedachten Werkes bietet nichts als eine durch das Leichentuch und den Felsen hergestellte ziemlich gerade Fläche, auf der sich die Grabinschrift befindet."") Die Gruppe, die mit der Zeit sehr ruinös geworben war, wurde im Jahre 1888 auf Veranlassung der Dresdener Kunstgenossenschaft durch den Professor der K. Kunstgewerbschule Bildhauer Hugo Spieler in Dresden, unter Beihilfe des Steinbildhauers Schurig, in der glücklichsten Weise restamirt. Se. Kgl. Hoheit Prinz-Regent Luitpold von Bayern, Kaiser Friedrich, Kaiser Franz Joseph, sowie König Albert von Sachsen spendeten namhafte Beitrüge zur Wiederherstellung des Denkmals. Am Allerheiligentage des Jahres 1888 schmückte bereits das auferstandene Werk die Ruhestätte des Meisters. Sein Grabmal ist nicht das einzige religiöse Werk des Künstlers. Eine große Zahl Krnzifixbilder sind aus seiner Werkstätte hervorgegangen. Die Dresdener Elfenbeinausstellung (Oktober bis Dezember 1892) wies zwei Meisterwerke allerersten Ranges von Permoser auf. Das eine ist ein Kruzifix aus Elfenbein, das der St. Jakobsgemeinde zu Freiberg in Sachsen gehört. „Es zeigt eine seltene Milde in der Auffassung, verbunden mit staunenswerther Beherrschung der menschlichen Formen und natürlich auch der technischen Behandlung."") „Der Kopf ist meisterhaft im Ausdruck, der Haarwurf geradezu unübertrefflich."") Das andere ist eine Elfenbeingruppe von größerem Umfange im Besitz der Nathsbibliothek in Leipzig (Vorstand: Dr. Gustav Wustmann). Der gekreuzigte Heiland ist von einem mächtigen Strahlennimbus (vergoldete Bronze) und von Engelsköpfchen umgeben. Das braune Holzkreuz steht auf einer Kugel aus glänzend polirtem Kupfer, und hier sind die Paradicscsschlange, Tod und Teufel und Reue(?) (ein nacktes Weib mit Scorpion) sowie Kindergruppen zur Personifikation der Wollust und der Hoffart angebracht: alle Figuren von packendem Ausdruck und virtuoser Technik in Elfenbein geschnitzt.") Ein „vortreffliches Bild" war die um das Jahr 1725 dem Sohne seines Lehrmeisters Weißenkirchner geschenkte, ungefähr 5 Schuh hohe Statue des gegeißelten Heilandes an der Martersäule,") „von fleischfarbenem und roth gesprenktem Untersperger Marmor so künstlich verfertigt, daß es das feinste Auge tauschet," oder wie die Quelle dieses Urtheils vorsichtiger sagt: „daß es fast das schärfste Auge tauscht."") Aufsah von vr. Paul Schumann in Dresden in Lützvw'S Zeitschrift für bildende Kunst. 24. Bd., 1889, S. 187. Herrn vr. Schumann ist Verfasser vorliegenden Aussatzes für seine bricfl. Mittheilungen und Ueberscndung des Dresdener Anzeigers Jahrg. 1885 sehr verpflichtet. ") Aufsatz von Karl Berling in der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" 1893, S. 490. mit Abbildung des Kruzifixes. ") Müller l. v. S. 20. ") Genaue Beschreibung der Gruppe bei Müller I. o. S. 20 n. 21. o°) Müller I. o. S. 13 meint, P. habe das Bild bei seinem letzten Besuch in Salzburg 1725 gefertigt. ") F. I. Lipvwöky, Bayerisches Küiistlerlcxikon 1810, 37 z ' Ä In der katholischen Hofkirche zu Dresden ist die irr Holz geschnitzte Kanzel ein Werk Permosers im üppigsten Barockstil. Sie stand früher in der kathol. Hofkapelle und wurde 1849 renovirt. Die vier Evangelisten auf Wolken sitzend sind von ihren Symbolen begleitet, von denen der Löwe des hl. Markus auffällt, der sich die linke Pranke leckt. Zwischen den Evangelisten sind Kinderengcl mit den Marterwerkzeugen des Leidens Christi angebracht. Den unteren Abschluß der Kanzel bildet die Statue des Gethsemane-Engels Chamuel. Der Schalldeckel hatte vie Form einer riesigen Königskrone, er wurde bei der Uebertragung durch den jetzigen ersetzt. In derselben Hofkirche befindet sich ein Doos Homo und ein Johannes der Täufer aus der Hand Permosers. Sein letztes Werk ist die liebliche, trefflich aufgebaute Altargruppe von Hubertusburg,") dem durch den Abschluß des 7jährigen Krieges bekannten sächsischen Jagdschlösse. Als der Bau des Schlosses s. Z. soweit gediehen war, daß der Kronprinz Friedrich August und seine Gemahlin Maria Josepha von Oesterreich es beziehen konnten, erhielt Permoser den königlichen Auftrag, für den Hochaltar der Schloßkapelle eine große Marmorgruppe zu schaffen. Das Modell der Gruppe war bereits in ganzer Größe in Gyps abgeformt: da überraschte den Meister der Tod! Die Ausführung in Marmor »lochte man wohl niemand Anderem anvertrauen, und so begnügte man sich, das Modell mit weißer Oel- farbe anzustreichen und ihm durch Ucberziehen mit glänzendem Firniß daS Aussehen von Marmor zu geben. Die jungfräuliche Mutter Gottes von wunderbarer Schönheit blickt vom Throne hernieder, auf ihrem Schoße steht das liebliche Christuskind und neigt sich zu einem heiligen Priester mit Lilien auf dem Evangelienbuch (Franz Taver S), der in seliger Verzückung ihm entgegen- schaut. Einen glücklichen Gegensatz zur Erregung dieses Heiligen bildet rechts der in stilles Sinnen versunkene hl. Joseph, auf seinen vergoldeten Stab gestützt. Die edle Gewandung bringt die Formen der Körper zu richtiger Geltung: ein seltener Vorzug bei einem Bildner der Barockzeit. — Am Orgelchor sind die 4 Evangelisten mit ihren Attributen in starkem Relief von Permoser gearbeitet. Gustav Müller erwähnt außerdem noch die Halbfigur eines Weltheilaudes und eine Statue der Himmelskönigin, deren Haupt ein Sternenkranz umrahmt und die den Fuß auf das grämliche Gesicht des Halbmondes gesetzt hält. Mit den Arbeiten Permosers für Hubertusburg war sein Leben und Wirken, mit ihnen sei diese Aufzählung seiner Werke abgeschlossen.^) (Schluß folgt.) Der heil. Thomas nnd die kathol. Wissenschaft. Von Pros. Dr. L. Haas in Passan. (Vergl. Beilage 1895, Nr. 22, 23, 34, 35.) Ein Freund regen wissenschaftlichen Wetteifers, bin ich ein Feind aller Polemik, die ja in der Regel unfruchtbar ist. Ich beabsichtigte daher mit den Artikeln in Nr. 22 u. 23 der Beilage 1895 nichts weniger als II. Bd., S. 164, und Neue Bibliothek der schönen Wissci (Haften nnd srepe» Knuste. IX. Bd.. S. 219. ") G. Müller I. o. 13. ^),Gottschalk behauptet ohne Nachweis in der Euchklopädi ??? Grsch u. Grober, daß auch in Stuttgart und in Baurze sich Pcriuoicr'sche Werke befänden. eine Polemik. Trotzdem sehe ich mich gezwungen, auf das „offene Wort" des ?. Josephus a Leoniffa in Nr. 34 u. 35 einiges zu erwidern. Daß es fo spät geschieht, ist nicht eine Schuld von mir. Da ich mich unter keinen Umständen auf eine weitere Polemik einlasse — ich brauche meine Zeit und Kraft in den nächsten Monaten vollständig zu Berufsarbeiten —, so werde ich mich möglichst, sachlich halten und Persönliches nur noth- gedrungen berühren. Ich werde daher auch meine persönliche Anschauung in der Streitfrage selbst so wenig als möglich hervortreten lassen. 1. Zu den Anhängern der Lehre des hl. ThomaS Müssen wir wohl alle jene (katholischen) Gelehrten rechnen, welche aufrichtig und in redlicher Absicht ihre Anschauungen in den Werken desselben begründet finden. Selbst wenn sie irren sollten, kann man ihnen diesen Titel nicht ohne weiters versagen. Wird der Ausdruck „Thomist" nicht in diesem allgemeinen Sinne, sondern im Sinne einer bestimmten Schule (der Dominikaner) genommen, so sind beide Ausdrücke nicht identisch, und hat nicht jeder, wag er noch so redlich ein Anhänger des hl. Thomas sein wollen, das Recht, sich „Thomist" zu nennen. Aber auch die „Thomisten" haben vorläufig nicht ohne weiters das Recht, sich als die alleinigen Anhänger des hl. Thomas hinzustellen, so daß der Hinweis auf die Lehre des hl. Thomas gleichbedeutend mit dem Hinweis auf die der Thomisten wäre. 2. In wissenschaftlichen Fragen ist die Abweichung von der traditionellen Interpretation nicht ohne weiters ein Verbrechen, sondern die grundlose, muth- willige Abweichung von derselben. Ein strenges Festhalten ist nur am Platze, wo es sich um feststehende, sichere Principien handelt. Nun hat Molina gerade neue Principien aufgestellt. Die Sache geht daher auf eine principielle Auseinandersetzung hinaus. Enthalten nun die Principien der Thomisten und die des Molina keinen Widerspruch in sich, stehen sie anderseits nicht in einem nachweisbaren Widerspruch mit der hl. Schrift und der Lehre der Kirche, vertritt endlich, wie über jeden Zweifel erhaben ist, der hl. Thomas die Lehre der Kirche, dann scheint doch die Möglichkeit eines Ausgleichs nicht von vorneherein eine bloße Illusion zu sein. Freilich wird sie eine solche faktisch, wenn sie von irgend einer Seite schroff abgewiesen wird. 3. Daß Molina Gegner fand, ist sehr natürlich. Sie sind auch dem hl. Thomas nicht ganz erspart geblieben. Daß diese Gegner sich in sehr kräftigen Ausdrücken bewegten, ist ihrer Zeit zu gute zu rechnen. Daß auch neuere, z. B. Schneider, sich ziemlich stark ausdrücken, ist zwar nicht ganz zu billigen, aber erklärlich. Eine durchschlagende Widerlegung haben Molina's Principien nicht gefunden, sie haben sich gehalten und im Laufe der Zeit soviele Anhänger gewonnen, daß die Molinisteu gegenwärtig „in Deutschland-Oesterreich die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften auf katholischer Seite mit Beschlag belegt haben". Der MolinismuS ist nicht einmal auf Deutschland-Oesterreich beschränkt. Diese nicht hinwegzuleugncnde Thatsache gibt doch auch zu denken. Sie kann jedenfalls nicht als Beweis feiner Falschheit gelten, mag man sonst über ihn denken, wie man es, por seinem wissenschaftlichen Gewissen nur immer verantworten kann. 4. Die physische Vorherbewegung (pras- 38 Ilwtlo xlrMaa) führt uns auf das Gebiet der Interpretation des hl. Thomas. Da behaupten die „Neu- molinisten" allerdings, der hl. Thomas lehre nicht die xrnarnotio wenigstens nicht die der Thomisten. Wenn die „Neumolinisieu" beschuldigt werden, daß sie nur die berühmten Namen der Kritiker in die Waagschale werfen, so machen es die Thomisten nicht wesentlich besser. Soviel glaube ich als völlig Unparteiischer (das bin ich im vollsten Sinne) sagen zu müssen. Daß nicht alle Jesuiten als Violinisten zu bezeichnen sind, ist sicher; gegenwärtig aber huldigt sicherlich die übergroße Mehrzahl derselben und ebenso die übergroße Mehrzahl ihrer unmittelbaren oder mittelbaren Schüler dem Molinismus. Nun will ich hier einmal mit meiner persönlichen Anschauung heraustreten und offen bekennen, daß die krasiuotio xlrxsieg. mir nicht als Princip gilt. Das entsprechende Princip ist für mich: „Keine Potenz geht aus sich in den Akt über." Daraus folgt eine kraaraotio xlrzcsioa. Sie ist unabweisbar; es handelt sich nur darum, sie richtig zu erklären. 5. Nicht zu billigen sind alle jene Versuche, welche darauf hinausgehen, zu beweisen, daß der hl. Thomas selbst Thomist gewesen sein muß, weil sie dem Fehler des Zuvielbeweisens verfallen. Der einfache, klare Nachweis, daß eine Lehre mit der des hl. Thomas übereinstimmt, hat mehr Werth. Nach den Thomisten war der „Thomismus" schon vor dem hl. Thomas das officiclle Lehrsystem des Dominikanerordens und seiner Schule. „Aus dieser Schule ging Thomas als deren größtes Licht hervor, und nach ihm hieß sie dann die thomist- ische Schule." Als Dominikaner mußte also der hl. Thomas „Thomist" sein. „Nach und vor Thomas aber liegt die autoritativ im Bereiche der Schule entscheidende Lehrgewalt nicht in den stummen Büchern, welche Thomas geschrieben, sondern im Beschlusse des Ordensgeneralkapitels, ähnlich etwa wie nicht in der stummen Bibel allein die Richtschnur des geoffenbarten Glaubens liegt, sondern in der Tradition, d. h. in der obersten Lehrgewalt der Kirche." Darnach sieht über den Schriften des hl. Thomas eine höhere Autori'.ät, die aber nur für den Dominikanerorden gilt; wird allgemeine Geltung für sie beansprucht, dann folgt, daß wir die Principien des hl. Thomas nicht bei diesem selbst, sondern im Lehrsystem des Dominikanerordens oder bei den Thomisten zu suchen haben, konsequent ergibt sich, daß Papst Leo XIII. nicht auf die Principien des hl. Thomas, sondern auf die der Thomisten hätte zurückweisen sollen. Die Autorität des Ordcus- generalkapitels der Dominikaner gilt aber für jeden außerhalb des Ordens Stehenden nur insoweit, als sie hinreichende Gründe für sich hat. Es hat jedermann das Recht, von ihrer Entscheidung auf die Schriften des hl. Thomas zurückzugehen und seine Zustimmung oder Nicht- zustimmung von der aus diesen Schriften sich ergebenden Begründung abhängig zu machen. Der allerdings mit großer Vorsicht angezogene Vergleich ist in zweifacher Hinsicht ein unglücklicher: Die Lehrgewalt der Kirche ist auch in der Auslegung der hl. Schrift unfehlbar, das Generalkapitel der Dominikaner ist eS nicht hinsichtlich der Schriften des hl. Thomas und auch nicht bezüglich der Reinhaltung der entsprechenden Tradition; die hl. Schrift enthält nicht die ganze Offenbarung: sollen etwa gar auch die Schriften des hl. Thomas nicht den ganzen Thomismus enthalten und etwas unter Umständen als thomistisch hinzunehmen sein, was sich gar nicht im hl. Thomas findet? Oder sollen die Thomisten allein zu einer Weiterentwicklung der Lehre des Heiligen berechtigt und befähigt sein? Als Muster eines Ordensmannes hat sich der hl. Thomas gewiß nicht von einer eidlich ihm seitens des Ordens auferlegten Verpflichtung entfernt. Aber das schließt nicht aus, daß er in seinen Schriften Gesichtspunkte eröffnet, die einer Weiterbildung nicht nur werth sind, sondern sie geradezu fordern; er wäre sonst nicht der universale Geist gewesen, der er wirklich war. 6. Zu meiner Aufforderung, eine Versöhnung anzustreben, bemerkt k. Josephus, daß „wohl schwerlich jemand im Ernste daran denken wird, beide Ansichten zu versöhnen". Soll das heißen: So wie sie liegen, sollen sie versöhnt werden, und wird mir allein etwa eine solche Ansicht zugeschrieben, so muß ich ernstltchst protestircn. Das erste Erforderniß ist doch, sich eine Sache, über die man schreiben will, genau anzusehen. Ich habe ausdrücklich von einem „Ausgleich der verschiedenen Meinungen über diese hinaus" gesprochen. Ueber die Möglichkeit eines solchen f. oben Nr. 2. — Höchst unglücklich ist der weitere Satz: „Eine von beiden (Ansichten) ist wahr, die andere falsch." Beide Ansichten stehen sich nicht wie contradiktorische, sondern wie konträre Urtheile gegenüber. Also können nicht beide wahr, wohl aber beide falsch sein. Es ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß beide Wahres und Falsches enthalten. Beide Ansichten werden in der katholischen Wissenschaft vertreten. Ist eine nothwendig falsch (und welche das ist, deuten die Thomisten nicht unklar an), dann wird sozusagen unter den Augen der Kirche Falsches gelehrt, und zwar in ziemlich weitem Umfange. Eine Entscheidung ist bis jetzt nicht getroffen; zur Zeit ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß dieselbe einmal auch gegen die Thomisten ausfalle, und wenn ihre Lehre mit der des hl. Thomas identisch sein muß, auch gegen diesen. Die letztere Möglichkeit per- horrescire ich durchaus und möchte nicht entfernt eine Behauptung aufstellen, die auf sie anklingt. — Die Frage über den Störenfried gehört meiner Anschauung nach ganz anderswohin als in wissenschaftliche Erörterungen. 7. Gegen die „Nsumolinisten" wird Nom gegenüber ex 8ileirtio argumentirt. Daß ihre Lehre eine Entwicklung und Vervollkommnung, ein Fortschritt der Lehre des hl. Thomas fei, davon finde sich nirgends „ein Sterbenswörtlein" in den betreffenden Erlassen des hl. Vaters. Es findet sich aber auch nicht ein Sterbenswörtlein vom Gegentheil. Zudem war gerade auf dieser Seite der Eifer im Herausgeben von Schriften im Geiste, nach den Principien des hl. Thomas (acl meutern, 86- cuuclnm xrinoipia ciivi llromae) ein so reger, daß eine Ermunterung, eine Steigerung dieses Eifers das überflüssigste von der Welt gewesen wäre. Die betreffende Lehre wird weiterhin unmittelbar unter den Augen des hl. Vaters vorgetragen. Argumente ax eileutio haben keinen Werth nach einem bekannten Sprichworts. Mit dem „Zurück zu den Principien des hl. Thomas!" ist unmittelbar weder die Verurtheilung aller anderen Principien, noch viel weniger die jener Principien gegeben, die von denen der Thomisten abweichen und trotzdem auf den hl. Thomas zurückgeführt werden. Es sei hier constatirt, baß erst in neuester Zeit wissenschaftliche Bestrebungen von Seiten Roms Anerkennung erfuhren, die nicht auf den Principien des hl. Thomas beruhen. — Die Erlasse deS hl. Vaters Leo XIII. lauten bis jetzt ziemlich reservirt und gehen über die Aufmunterung zum Studium der Schriften des hl. Thomas und der seiner besten Kommentatoren, zum Klarlegen der reinen Lehre des Heiligen nicht hinaus. Eine direkte Approbation des Inhaltes einer Schrift habe ich bis jetzt nirgends gefunden, auch nicht in den von k. Josephus angeführten Citaten. Der hl. Vater sagt von der Dominikanerfamilie: huas sumirro Iroo rnagistro (hl. Thomas) zurs gu säurn suo Zloriatur. Bloß z'rrrs oder suo z'urs wäre mehr. Auf die Ueber- tragung der Herausgabe der Werke des hl. Thomas an die Dominikaner ist kein besonderes Gewicht zu legen; es geben ja auch die Franziskaner die Werke ihres Ordensgenossen Bonaventura heraus. Das Gegentheil wäre geradezu beschämend für den Dominikanerorden gewesen. Daß die den beiden Summen beizudruckenden Kommentare aus der Thomistenschule stammen, hat kein größeres Gewicht. Eine Approbation derselben liegt darin noch nicht. In dem Schreiben an den Herausgeber der Hsvus Mioraisto ist zunächst das »Zeuns travbntionis" (Methode) anerkannt. Der hl. Vater ist bis jetzt nach keiner Seite hin engagirt (um diesen Ausdruck zu gebrauchen). 8. Daß bis Thomisten einander selbst Anerkennung spenden und gegenseitig ihre Werke empfehlen, ist natürlich und sogar erfreulich; es wäre doch schrecklich, wenn auch da Uneinigkeit herrschte. Irgend ein Beweis kann von diesem Umstände nicht hergenommen werden, auch nicht dafür, wo die wahre Lehre des hl. Thomas zu finden ist. Sonst wäre das Beweisen unter Umständen doch gar zu leicht. Den Schriften der Thomisten über den hl. Thomas kann eine noch größere Anzahl auf Seiten der Jesuiten gegenüber gestellt werden, die den ersteren an Güte nicht nachstehen. — Wie mir übrigens scheinen will, wollen oder wollten die Thomisten die Empfehlung der Principien des hl. Thomas durch Papst Leo XIII. bcnützen, die maßgebende Stellung, welche die Jesuiten in der letzten Zeit in der katholischen Wissenschaft besonders Deutschlands und Oesterreichs einnahmen, zu brechen. Ich habe für meine Person gegen einen solchen Versuch schon darum nichts einzuwenden, weil ich mich freue, wenn es mir möglich ist, Dinge, mit denen ich mich nicht eingehender beschäftigen kann, von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachtet zu sehen. Es täuscht mich wohl der Schein; aber mag die Sache wie immer sich verhalten, einen friedlichen Wetteifer ziehe ich unter allen Umstärwen vor. Zudem werden die Thomisten schwerlich durchgingen, so lauge sie das Lehrsystem des Dominikanerordens ohne weiters mit der Lehre des hl. Thomas ideutificiren, also für die wahre Auffassung der Lehre desselben auf die Beschlüsse des Ordensgeneralkapitels recurriren. Innerhalb eines Ordens hat eine solche Geschlossenheit jedenfalls ihr Gutes, auf weitere Kreise wird sie versagen. DaS ist ja das große Geheimniß der sich überall praktisch zeigenden Jesuiten, daß sie Freiheit zu gestatten wissen, ohne die Einheit zu verlieren. Vorläufig wollen wir es mit Zigliara halten, daß wir in rein wissenschaftlichen Fragen nicht der Autorität, sondern den klaren Gründen weichen; daß wir die Wahrheit begrüßen und nehmen, wo wir sie hinreichend begründet finden, und den Irrthum überall und in jeder Form bekämpfen. Unwillkürlich fällt mir zum Schlüsse ein Ausspruch Caramuels (si 1682) ein, den ich jüngst irgendwo gelesen: tzulä csnssain äs Iris ssn- tsntüs (Lsisntig, rneäia sto.) inHuiris. Lt Mig, sunrurs sinesrus snrn, rssxonäsv, raifti nullum xlaosrs, st sxistinao, ant uäftus Irrtors veritatsin, ant ulirmäs pstenäum. (Ursol. lunä. Q. XXIV. kruneok. 1651.) Miurchnev anthropologische Gesellschaft. Die Sitzung am 21. Januar war wohl eine der besuchtesten seit dem Bestehen der Gesellschaft. Die Ursache lag in dem Vortrage des Herrn Pros. Grätz über die von Röntgen entdeckten X-Strahlen. Zuvor sprach Herr Pros. M. Büchner über Anatomie und Aesthetik der Japaner. Während ein Theil unserer Kunst durch die Kenntniß der japanischen Malerei neue Anregung erhalten hat, wie z. B. die Blumenmalerei, steht die Darstellung des menschlichen Körpers aus einer sehr niedrigen Siuse. Wenn einige Götterbilder nicht gar so häßlich sind, so ist dies sremdcm Einfluß zuzuschreiben. Der Japaner stellt nie einen weiblichen Körper dar um seiner selbst willen, nur als Genrebild, die weibliche Schönheit schätzt er nur in reiche», prunkvollen Kleidern. Die männlichen Aktbrlder finden sich nur bei der Darstellung der Ringkämpfer. Es sind dies fette Gestalten. Die Japaner haben nicht daran gedacht, daß der menschliche Körper als Ideal dargestellt werden könnte. Die Anatomie stand bis in die Neuzeit aus einer sehr niedrigen Stufe. Erst im Jahre 18ö9 fand die erste Sektion auf japanischem Gebiete statt. Das medizinische Hauptwerk stammt aus dem Jahre 350 v. Chr. und behandelt die fieberhaften Krankheiten, das über die nicht fieberhaften Krankheiten ist etwas jünger, stand aber deßhalb auch nicht so sehr im Ansehen. Auf dem Theater will der Japaner grausame Scenen sehen, in voller Natürlichkeit. Die japanische Kunst zeigt rassinirte Eeschicklich- kcit, Sucht nach Reizen, aber die Ruhe und Befriedigung, welche wahre Kunst bewirkt, fehlt. Die eigentliche klassische Kunst kennen wir sehr wenig, das was wir kennen ist für die Masse' bestimmt. Immerhin hält die japanische Malerei einen Vergleich mit den Erzeugnissen unserer modernen Kunst aus. Die Schönheit der antiken Kunst fehlt in Japan vollständig. Hierauf empfahl der Vorsitzende Herr Pros. I. Ranke die iicncrschienenc Zeitschrift „Centralblatt sür Anthropologie" von vr. Lnichan und ließ das erste Heft circnliren. Nach einer kleinen Pause begann Herr Pros. Grätz seinen Vertrag über Röntgens Entdeckung. Der elektrische Strom geht durch Körper, aber nicht durch Lust. Erst im Jahre 1359 fand man, daß er durch lustverdünnten Raum geht (Geißler'sche Röhren). Je nachdem ein GaS in der Röhre sich befindet, erscheint daS Licht in andrer Farbe. In der Nähe der einen Elektrode, der sogen. Kathode, befindet sich ein dunkler Raum. In Röhren mit sehr verdünnter Luft (Hittorf'sche oder Brookes'sche Röhren) leuchtet nur mehr die Kathode, der übrige Raum ist dunkel. Dagegen erscheint auf der der Kathode entgegengesetzten Wand des Glases eine grüne Lichterscheinung, das ElaS phoöphvreöcirt. Diese Phos- phorescenz ist bedingt durch die Absorption der sog. Kathodeu- strciblcn. Diese haben folgende Eigenschaften. Sie gehen von der Kathode zur direkt gegenüberliegenden Glaswand, wobei cü gleicbgiltig ist, wo die andere Elektrode sich befindet. Durch einen Magneten werden die Katbodenstrahlcn abgelenkt, bewegliche Körper werden durch dieselben in Bewegung gesetzt. DaS GlaS ist für die Kathodenstrahlcn undurchlässig. Hcrß bewies, daß die Katbodenstrahlcn unabhängig sind von der Richtung des elektrischen Stromes. Er fand, daß die Kathodenstrahlcn durch Metalle hindurchgehen, dagegen von durchsichtigen Körpern absorbirt werden. Lenard verschloß eine Ocffnung des Glases mit Aluminium und fand, daß die Kathodenstrahlcn durch dieses Metall in die Luft hinausgehen, wo sie nichr erzeugt werden können, daß sie auch hier PhosphoreSccuz erzeugen, wenn auch nur in geringer Entfernung (1—2 om), daß die Kathoden auS verschiedenen Strahlen zusammengesetzt sind. die durch den Magnet verschieden ablenkbar sind. Soweit reichten unsere Kenntnisse bis vor einigen Wochen. Da fand Röntgen, daß Strahlen auch ohne Aluminiumsciistcr durch daö GlaS der Röhre gehen und chemisch wirke». Diese Slrablen (X-Strahlen) gehen durch alle Körper, nur die Dichte bestmiint die Größe der Durchlässigkeit. Blei ist sehr wenig durchlässig. Eine Brechung der X-Strahlen durch den Magnet sinder nicht statt, auch keine Jnterfercuzerscheiuuugcu. Auf einer Photographischen Platte erscheinen die weniger durchlässigen Gegenstände als Schattenbilder. Ob die X-Strahlen und KatboLenstraLlen wirklich verschieden sind, steht noch nicht ganz fest, da die Eigenschaft der X-Strahlen, durch den Magnet nicht abgelenkt zu werden, beide» 40 Kathodcnsirahlen bei gewöhnlichem Luftdruck noch nicht untersucht werden konnte. Die X-Ztrahlen haben entweder eine sehr große oder eine sehr kleine Wellenlänge, das letztere scheint das Wahrscheinlichere. Die Experimente, die der Redner während deö Vertrages machte, trugen wesentlich zum Verständnisse des Gesagten bei. Besonders interessant waren aber das Phoro- graphircn eines Geldbeutels und die Vorführung anderer mittels des Nöntgcn'schen Verfahrens gewonnener Photographien. Zwischen die Hittorf'sche NLbre und eine gewöhnliche, mit schwarzem Papier umhüllte photograpbische Platte wurde ein Geldbeutel mit 3 Geldstücken gelegt. Während der lederne Theil des Beutels nur in schwachen Umrissen erkennbar war, traten Metallbügel und Geldstücke im Innern ganz deutlich hervor. Sehr schön erschienen auch die Knochen einer Hand, sogar der Unterschied zwischen dem porösen und compaktcn Theil der Knochen ließ sich erkennen. Herr Pros. Ranke dankte den beiden Herren Vortragenden und sprach seine Freude darüber aus, daß in München die anthropologische Gesellschaft die erste war. welcher die neue Erfindung in so klarer Form vorgeführt wurde. ... Dr. L. Neceusioueu und Notizen. Martin Greif'S „Gesammelte Werke". Leipzig, Ame- langS Verlag. I. Band: Gedichte. 1895. vr.6-.Ll. Als Ausgabe letzter Hand hat sich der berühmte Dichter diese Gesammtgabe seiner Werke gedacht, die soeben erscheinen. So, wie er sich hier offenbart, will er künftig von der Litcraturgeschichte verstanden und beurtheilt sein. Bisher erschien der I. Band, die Gedichte enthaltend. Der Lyriker Greis steht endlich auf einer Warte, die ihm ernstlich nicht mehr von Neid und Mißgunst bestricken werden kann. Er darf als der universellste deutsche Lyriker der nachgcetheschen Zeit gelten. Daß er beginnt, Gemeingut des deutschen Volkes zu werden, dafür zeugt eben das Erscheinen dieser sechsten Auflage seiner Gedichte! Die sechste Auflage, und doch nicht bloß eine — Auflage. Das zweischneidige Wort „verbessert" ist hier am rechten Ort. Greif gibt vielfach ausgerciste Aenderungen früherer Lesarten, oft klein erscheinend und doch bedeutsam: eine Selbstkritik edelster Art. Der Leser staunt, nun erden Ertrag eines so gefühlsgehaltigen Poetenlebeus vor sich sieht, über die Unbegrcuztheit der Stoffwabl, die Universalität der Gedanken und die — Eigenart in Form und Ausdruck. Immer deutlicher tritt die Lyrik Greifs unbewußt in die geistige Sphäre eines Goethe — damit ist genug gesagt. Die lebendige Anschaulichkeit und die Naturbcseelung hat seit Goethe wohl kein Poet mehr so getroffen und empfunden, wie Martin Greif. — Die vorliegende Ausgabe, die auch in billigen Lieferungen erschienen ist, muß aber auch als vermehrte gelten, wenn gleichwohl der Dichter trotz seiner Schüchternheit wohl noch manches Gedicht hätte beisteuern können, das sein neueres Schaffen kennzeichnet. Indessen ist Greis bei aller Fruchtbarkeit wählerisch: was er als xosmata, uova bietet, ist klassisch schön, wie die „Andacht im Walde" und daö Idyll „Der Main und die OclSnitz". Fragt man nach seinem Glauben — und jeder Dichter ist im Grund religiös, sonst ist ereilt Schmierfink! — so gehört er zu den geweihten Sängern, die für alles Höbe und Heilige erglühen, wo sie es finden. Den Gott, der seine Liebe offenbart, weiß der Dichter in der Erscheinung Jesu ebenso gegenwärtig, wie in der erhabenen Stimmung der Natur. Greif ist ein christlicher Poet durch und durch, bei dem unser Herrgott freilich nicht erst seit den Tagen des Christenthums lebt, sondern auch unerkannt im Leben der Verwelk gewaltet hat. Und Greif ist ein bayerischdeutscher Dichter, ein echter Germane. Es ist ein großes Verdienst, das sich der noble Verlag erwirbt, indem er einen solchen Meister der Dichtkunst populär zu machen bestrebt ist. Die Ausgabe, von der ein II. Band den Dramatiker uns zeigt, ist mustergültig. _ „Jnstruktionsbuch für die dem bayer. Landesverband angeschlossenen DarlehenSkassen- vereiue," bearbeitet von I. Stau dinger, k. Pfarrer und E. Bischofs, Direktor der bayer. Ccnlral-Dar- lcheuskassc. München 1896. Verlag des bayer. Landesverbandes. Preis 3 M. lH Der auf VIII und 383 Seiten gr. 8° sich darbietende Inhalt dieses soeben erschienenen Buches besieht in einer klaren und bündigen, stets durch ausgefüllte Formulare zur concrcten Anschauung gebrachten Instruktion über all das, was bei Gründung, Geschästs- und Rechnungsführung bayer. Raiff- eiseu'scher Darlehenskassenvereine und deren Verkehr mit dem Landesverbände, den Kreis- und BczirkSverbänden, sowie der Ccntral-DarlcbenSkasse zu beachten ist. Das Buch zerfällt in fünf Theile. Der l. Tbeck handelt vom bayer. Landesverband lanvwiribsckastl. Darlehenskassenvereine; der II. von der daher. Ccutral-Darlehenokassc,- der III. über laudwirthschaftl. Dar- lcbenSkasscnvereine nach Naiffeisen'schen Grundsätzen; der IV. enthält die einschlägigen Gesetze und Entschließungen der Staats- reaiernug; der V. bringt Statuten-Emwürfe und Sonstiges. Besonders ist auch der Bildung von Verkaufsgcnossenschaften sowie der Errichtung und Verwaltung von Lagerhäusern, diesem für die Landwirthe und den rentablen Absatz ihrer Produkte so wichtigen Mittel, ausführliche Besprechung gewidmet. Als prakt. Eommcutar sind die Statuten der Verkaufsgeuossenschaft Trost- hcrg abgedruckt. Wir empfehlen das vorliegende Jnstruktionsbuch allen bayer. Raiffeiseuvereinen zur Anschaffung. Es wird denselben die besten Dienste leisten, nicht bloß als offiziöse Darlegung der Ziele und Einrichtung des bayer. Landesverbandes, sondern auch als praktisches Hilfs» und Nachscklagebuch in zahlreichen Fällen, wo sie. wie besonders im ersten Stadium des Werdens und der Consolidirung, Aufschluß suche». Sie werde» diesen sicher stets finden; denn die Bersasser, welche hinreichend bekannt sind, haben den Lanvwirthen, ihren Mitbürgern, in dem Buche das Resultat vicljäbriger, in rastloser praktischer Arbeit gewonnener Erfahrungen dargeboten. Ein ausführliches Sachregister erleichtert die Benützung des Werkes. Die Ausstattung ist fein, der Preis sehr mäßig. Das Jnstruktionsbuch verdient die Anerkennung des ganzen derzeit schwer ringenden bayerischen Bauernstandes, es ist eine patriotische That. Theologisch - praktiscbe Monatsschrift. Ceutral-Organ der katholischen Geistlichkeit BayernS. Passau. Abt'sche Buchhandlung. ^ Dem Forschuugsgeiste des 19. Jahrhunderts rühmt man nach, daß ihm die Selbstgenügsamkeit früherer Zeit und die Zufriedenheit mit dem Hergebrachten fremd geworden sei. Er ist aus allen Gebieten der menschlichen Erkenntniß mit fieberhafter Hast vorwärts gedrungen, und die Erfolge seiner nie rastenden Thätigkeit liegen in den schätzbarsten Resultaten vor uns. Hinter diesem nur auf das lebhafteste zu begrüßenden Streben der Profanwissenschnft ist die theologische Forschung nicht zurückgeblieben, Vor uns liegt daS 2. Heft deö 6. Bandes der Passnuer theologis ch-prakti sehen Monatss christ» welche uns sprechenden Beweis davon ablegt. Diese Zeitschrift hält im Wettlausc um möglichst zutreffende Erforschung der Dinge außer und über uns gleichen Schritt mit der sogenannten exakten Forschung, und es ist ibr ernst, nicht zurückzustehen in der Aufhellung des Geistes. Wir Katholiken in Bayern dürfe» stolz sein auf ein solches Preßerzeuguiß. Die Errungenschaften spekulativen Denkens vergangener Jahrbundertc, die geschichtliche Gestaltung deö Reiches Gottes aus Erden im Verlaufe derselben, die praktischen Forderungen einer methodisch angelegten Seelsorgenlcitung und die Erfolge derselben, endlich die rechtlichen Beziehungen nud Verhältnisse der Kirche treten unö hier in abwecbSlnngSvollein Bilde mit logischer Schärfe, populärer Darstellungsweise und wohlthuender Kürze und Genauigkeit vor Augen, daß auch der verwöhnte Geschmack Befriedigung findet. Es ist kein Zweig des theologischen Wissens, welcher liier nicht gestreift, unter dem einen oder andern Gesichtspunkte betrachtet und beleuchtet ist. Der Geistliche, welcher sich diese schöne Zeitschrift einmal zum Begleiter gewählt, wird sie unserer Ueberzeugung nach niemals mehr anS seiner Nähe weisen. Es sind die hervorragendsten Namen der bayerischen Gelehrtenwelt, welche ihre Feder in den Dienst derselben gestellt. Wer sollte nicht erfreut sein, wenn er die schwierigsten Fälle anS der Verwaltung des Pfarramtes, die dem Seelsorger manchmal schlaflose Nächte bereiten können, hier mit Sicherheit gelöst findet? Möge diese Zeitschrift in keiner Seelsorgerbibliotbek fehlen und möge durch fleißiges Abonnement seitens der Geistlichkeit die Redaktion eine Ermunterung finden, auf dem bisherigen mit so viel Glück betretenen Wege muthig weiterzuschreiten! Fünf kürzlich in der „Nation" erschienene Artikel des Hrn. Jnstizraths M. Lcby (Berlin) über den Entwurf des Bürgerlichen GcsetzeSbuäiS für das Deutsche Reich sind in einer Separatausgabe (3^/g Druckbogen) erschienen. Preis 1 Mark. Da die Arbeit des Herrn Levy den wesentlichsten Inhalt des neuen Gesetzbuchs unter specieller Berücksichtigung der Abweichungen vom bestehenden Recht in höchst übersichtlicher Weise zur Darstellung bringt, so eignet sich die Broschüre vorzüglich zur Einführung in die wichtige gesetzgeberische Materie. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Jusiituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 7. Fevr. 1896. Gedanke» über Wissenschaft und Christenthum will uns in Nr. 4 der Beilage ein Kritiker des „Spectators" der „Allg. Ztg." bieten. Er bietet aber bloß Gedanken über die Objektivität des Erkennens und einige wohlgemeinte Ermahnungen an die Gelehrten. Von einer Widerlegung des „Spectators" aber ist keine Rede, und der eigentliche Kern der Sache ist gar nicht erfaßt. Es handelt sich nicht darum, ob Denken und Sein übereinstimmt, sondern darum, ob etwas Uebernatür- liches, Göttliches, Wunderbares in der Natur und Geschichte objektiv sicher und unanfechtbar festzustellen sei. Diese Frage wird in der Apologetik behandelt, und zwar so weit es sich um die natürliche Offenbarung Gottes handelt, unter den Gottesbeweisen, soweit es sich um die geschichtliche oder positive Offenbarung Gottes handelt, in den Capiteln über die Offenbarung und die Wunder im allgemeinen, sodann über die Offenbarung des alten und neuen Testaments im besondern. Sowohl in der einen als in der andern Hinsicht ist bekannt, daß die Beweise von Gottes Dasein und Erscheinen in der Natur und Geschichte es zu keiner vollen Stringenz und Evidenz bringen. Wohl spricht das vatikanische Concil von einer Erkennbarkeit Gottes, nicht aber von sicherer Beweisbarkeit. Alle Bemühungen der Apologeten, Gottes Offenbarung zu beweisen, haben es nie bis zu einem Erkenntnißzwang, bis zu einer innern Nöthigung gebracht; die Glaubenswahrheiten wurden nicht als allgemein gültig und nothwendig in dem Sinne erwiesen, wie es philosophische und metaphysische Grundbegriffe sein müssen, und es ist allerdings nicht zu verwundern, daß die exakten und kritischen Wissenschaften, die nur mit sicher Beweisbarem operiren, Thatsachen aus dem Wege gehen, die nach ihrer Ansicht Sachen bloßen Meinens oder Glaubens sind. Man muß ihnen zugeben, daß der Glaube auf dem Gebiet des Erkennens nicht allein auszumachen ist, denn der Glaube ist ebensosehr Sache des Willens, oder wie man heute sagt, des Gemüthes, wie des Intellektes, anderseits aber ist jenen Wissenschaften, der Natur- und Geschichtswissenschaft, nahezulegen, daß ihre vorgebliche Exaktheit und kritische Stringenz eben doch oft bloß eine vorgebliche und vermeintliche ist. Schon die Naturwissenschaften leben von einer Menge Hypothesen (Aether- und Atomtheorie), noch unsicherer aber ist die historische Kritik, worüber ein Aufsatz über Ranke in den Histor. polit. Blättern ausführlicher handeln wird. Ohne Meinen, Vermuthen, Schließen geht es in der Geschichte nicht ab; schon die Grundlage, das Vertrauen auf die Quellen, auf die Berichterstatter und Zeugen einer historischen Thatsache ist eben ein Glauben, ein Glauben, der zwar nicht ganz gleichartig, aber ähnlich dem religiösen Glauben, der Hingabe an kirchliche und geschichtliche Autoritäten ist. Ein subjektiver Faktor bleibt überall, namentlich bei der Geschichte, übrig; wie wäre denn sonst die ganz verschiedenartige, ja entgegengesetzte Auffassung geschichtlicher Erscheinungen möglich? Daß auch beim Glauben ein subjektiver Faktor constatirt werden muß, darf uns daher nicht erschrecken. Dieser subjektive Faktor ist das Gefühl für das Unendliche, Ewige, das Streben nach dem höchsten bleibenden Gute, nach der Vollkommenheit und Seligkeit, das sich in der Idee GotteS ausspricht. Ohne diese Idee ist kein Gottesbeweis möglich, unrichtig ist es nur, diese Idee als angeboren zu betrachten, wie der Ontologismus, oder als bloß ererbt oder überliefert, wie der Traditionalismus, oder von einer unmittelbaren Offenbarung Gottes im Gemüthe zu sprechen, wie der pantheistische Ontologismus. Man kann ein ganz guter Katholik sein — der Verfasser könnte sehr hochgestellte kirchliche Personen nennen — und doch Kants Kritik der Gottes beweise mit Kühn in soweit gelten lassen, als sie das unmittelbare Gottesbewußtsein nicht anfechten. Der Verfasser selbst geht zwar noch weiter und glaubt, der Kausalitätsbeweis sei sicher genug, um eine w-it« gehende objective Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen, aber vollendet kann dieser Beweis nur vermittelst der ursprünglichen Gottesidee werden. Noch wichtiger sind indessen die Beweise für die Offenbarung im Allgemeinen und im Besonderen. Sie und nicht so fast die Gottesbeweise hat der Spectator im Auge, wenn er davon spricht, daß alles zuletzt auf innere Erlebnisse, Erfahrungen und Thatsachen des Gemüthes hinauskommt. In der That, wer in sich und seinem Schicksale kein Wunder erlebt hat, wird schwerlich an Wunder glauben. Solche Wunder zu erleben und zu erfahren, ist aber nicht so schwer, als es bei einem Blick in die weite Welt den Anschein hat, das ist jedem möglich, der läutern Sinnes, empfänglich für höhere Anregung und dankbar für die Vorsehung ist. Das ist zuletzt eine moralische Frage, mag man sagen was man will; denn sonst wäre es unwahr, daß Gott jedem seine hinreichende Gnade schickt. In diesem Punkte steckt auch die eigentliche Unentschieden- heit und Zweideutigkeit des Spectators, die sein Kritiker wohl fühlte, aber nicht herausfand. Nach ihm könnte es scheinen, als sei es bloßer Zufall, ein unverdientes Geschenk, daß Gott seine Gnade einem erzeige; Gott aber offenbart sich jedem und gibt jedem die Möglichkeit, gerecht zu sein, der bereit ist, mitzuwirken: das ist eine Lehre, die nicht blos dem Molinismus, sondern überhaupt der katholischen Kirche eigen ist. Es kommt zuletzt auf den Willen oder darauf hinaus, daß einer seine Seele und sein Herz für die höhere Welt offen hält, daß einer, eingedenk seiner Schwäche und Endlichkeit, seiner Beschränktheit und Hilflosigkeit, seine Hand und sein Auge zu den höheren Machten emporhebt, die sein Schicksal gestalten. Man muß ebenso dankbar für erwiesene Gnaden, als für die geschichtliche Offenbarung, wie ehrfurchtsvoll für die christlichen Vorbilder und christlichen Autoritäten sein. Nun hat aber gerade der Zeitgeist die entgegengesetzten Tugenden gezeitigt, die Undankbarkeit, Ehrfurchtlosigkeit und Rücksichtslosigkeit, und daher ist der große Abfall vom Christenthum leicht zu erklären. Seinen Gipfelpunkt fand der Zeitgeist in Nietzsche, der die Rücksichtslosigkeit, die Gefühllosigkeit, den Egoismus und die Bosheit verherrlicht und als Grundlage der Moral hinstellt, und er hat sich selbst mit Recht Antichrist genannt. Ich habe in den Histor. polit. Blättern (116. Band) ausführlich über Nietzsche berichtet und verweise hierauf. Es ist also, ich wiederhole, eine moralische Frage, auf die es im Streit zwischen Glauben und Unglauben ankommt. Das wußte man freilich schon lange, und man hat von gläubiger Seite nicht unterlassen, bei den Heroen des Unglaubens nach allerlei moralischen Flecken und Gebrechen zu spüren, man hat sich dabei aber oft lächerlich und kleinlich gemacht, und die Gegner hatten leichtes 42 Spiel, mit ihren Splitterrichtern fertig zu werden. Denn jene Apologeten glaubten ihr Ziel nicht erreicht zu haben, wenn sie nicht den Vorwarf grober Unsittlichkeit aus einzelnen Vorkommnissen Herausgestalten konnten. Oder wenn die Apologeten gar in den Ton von Moralpredigern fielen, so waren die Gegner gleich bereit zu sagen, sie wüßten nichts anderes, als die Entscheidung theoretischer Fragen einem ins Gewissen zu schieben. Die Gegner wiesen immer schadenfroh darauf hin, wie ihre Helden ehrliche und brave Menschen waren, wahre Heilige wie Spinoza, edel wie Schleiermacher und Strauß, brave Familienvater und rastlose Arbeiter wie Renan, daß die Apologeten an Sittlichkeit weit hinter diesen bösen Freigeistern zurückbleiben. Und in der That kann das wohl der Fall sein, der Apologet kann äußerlich betrachtet in der sittlichen Schätzung der Menschen hinter einem Freigeist zurückstehen, aber dann ist sicher auch das Bewußtsein seiner Gebrechlichkeit, Hilflosigkeit und Beschränktheit viel großer, und während der Freigeist sich stolz auf einsame Höhe stellt und sich in seinem Glänze berauscht, wird jener demüthig sein Haupt neigen und seine Sündhaftigkeit bekennen. Der Wissensstolz und die Selbstgefälligkeit ist eine viel größere Sünde als die Schwäche, und der Heiland hat wohl den Sündern, nicht aber den Pharisäern verziehen. Der Spectator hat also unrecht, wenn er das Auge vor den erwähnten Thatsachen verschließt — er muß es ja verschließen, weil er, nun einmal in die Gesellschaft von Freigeistern gerathen, doch nicht unhöflich sein kann —, aber recht hat er, wenn er behauptet, es komme zuletzt auf innere Erfahrungen an. Ob es Wunder gibt, und ob die Bibel Gottes Offenbarung enthält, das kann nur bis zu einem gewissen Grade objectiv ausgemacht werden. Die Apologetik kann z. B. die Echtheit der hl. Schrift erweisen und einen hohen Grad von Evidenz erreichen, aber ein subjectiver Factor bleibt besonders bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit der historischen Zeugen. Die zeugenkritische Untersuchung muß bestimmte Voraussetzungen über die einem Zeugen nothwendige geistige und sittliche Beschaffenheit machen. Es muß feststehen, daß religiöse Stimmung und Erhebung mit der klaren Erkenntniß subjectiver Thatsachen vereinbar und der Ruhe des Sinnes und Klarheit des Urtheils nicht hinderlich sei, daß religiöser Enthusiasmus, religiöse Be- geisterungundErleuchtungnichtnothwendigjeneschwärmerisch schwüle Atmosphäre erzeugt, in welcher die concreten Gestalten und Geschehnisse der Wirklichkeit nebelhaft zerfließen. Viel wichtiger indessen als diese Voraussetzung, welche selbst wieder in allgemeinem Ansichten über Religion und die durch sie geschaffene normale und abnormale Stimmung wurzelt, ist der historische Nachweis, daß die Zeugen der Offcnbarungsthatsachen sich durch ihren Wandel und ihr Wirken als Männer bewähren, denen wir uns geistig hingeben, denen wir glauben und vertrauen dürfen. Freilich, was sie sahen und hörten, das waren vorübergehende Erscheinungen und flüchtige Worte. Um für alle Menschen eine Geltung zu beanspruchen, scheinen diese Thatsachen und Worte wegen ihrer räumlichen und zeitlichen Beschränktheit unfähig zu sein. Deßhalb verlangt Hartmann von den Offenbarungsthatsachen, daß sie sich jedem Menschengeiste speciell enthüllen. Erst so sollen sie sich zum Rang von allgemeingültigen Vernunftswahr- heiten erheben. Indessen erhalten diese Thatsachen und Wahrheiten eine gewisse räumliche und zeitliche Allgegen- Wrt und deßhalb Allgemeingültigkeit durch die lebendige. überall hinbringende Ueberlieferung der Kirche, in welcher ein Zeuge an Stelle des andern tritt und deßhalb selbst Zeuge wird. Die Kirche, in welcher der gleiche hl. Geist wie vor Jahrhunderten lebt, versetzt uns über die Schranken der Zeit hinüber in die Gegenwart der Ereignisse, welche die Grundlage des Glaubens sind. Das heute noch rr- fahrbare Wirken der kirchlichen Organe gewährleistet uns die Wahrheit und den Werth der uns schriftlich bekannt werdenden Anfänge, die Göttlichkeit ihres Ursprungs und Ausgangs. Durch ihre Vermittlung werden wir selbst Augenzeugen der Ereignisse und vermögen wir weiter zu zeugen. Wenn wir von der Glaubwürdigkeit der biblischen Schriftsteller fest überzeugt sind, werden wir auch ihren Wundererzählungen gerne Gehör schenken, mögen sie noch so sehr unsere Fassungskraft übersteigen. Gerade je größer ein Wunder ist, je außerordentlicher, unglaubhafter und räthselhafter, um so größer ist das Staunen vor der in ihm sich offenbarenden Gottesgewali. Wer an einen Gott glaubt, der wird auch Wunder nicht ablehnen können, mag ihm auch nie in seinem Leben ein wirkliches Wunder, ein Durchbrechen der Naturgesetze, vorgekommen sein. Denn er wird sich sagen, daß seine beschränkte Erfahrung nicht ausreicht, eine solche Möglichkeit zu verneinen. Eine fortgesetzte Reihe von Erfahrungen gleicher Art gibt allerdings einen Jndnctions- beweis, aber eine Iuduction hat nie den Werth eines Syllogismus. Man hat allerdings aus dem Begriff des Naturgesetzes die Unmöglichkeit eines Wunders deducireu wollen, allein man hat nicht beachtet, daß das Wunder gar nicht das Naturgesetz aufheben will. Gott benützt im Wunder die Naturkräfte und -gesetze, um eine höhere oder entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen, ähnlich wie der Mensch täglich dem Walten des einen Naturgesetzes ein anderes entgegensetzt und die Wirkung des Wassers z. B. durch Dämme, Schiffe, Feuer aufhebt. Gott kann dies aber viel rascher und stärker ohne viele Vermittlungen thun, das Brod vermehren, ohne zu säen und zu ernten, den menschlichen Körper gegen Feuer und Fall stärken, die erloschene Lebenskraft ohne Arzneien wieder erwecken. Am schnellsten fertig sind jene Gegner der Offen- barung, welche überhaupt die Möglichkeit leugnen, daß Gott in anderer als der gewöhnlichen gesetzlichen und naturgemäßen Weise wirkt. Ein Heraustreten Gottes aus dieser Ordnung und eine Offenbarung an einem bestimmten Punkte des Raumes und der Zeit sei durch den Begriff eines unendlichen, über Zeit und Raum erhabenen Wesens, welches über jede beschränkte Erscheinung hinausgeht, und durch den Begriff göttlicher Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit, welche keine einzelne Person und Zeit bevorzugen könne, ausgeschlossen. In der That vermag keine irdisch beschränkte Erscheinung Gottes Wesen zum vollen Ausdruck zu bringen, und die geschichtliche Bevorzugung einzelner Völker und Menschen bietet zumal nach der streng prädestinatianischen Ansicht erhebliche Schwierigkeiten. Allein abgesehen von anderen Gründen würde man Gefahr laufen, Gottes Freiheit, seine Liebe und sein lebendiges Wirken gegen eine starre Gesetzlichkeit aufopfern zu müssen, wollte man jede besondere Einwirkung auf die Natur und den Geist des Menschen leugnen. Dadurch würde nicht nur jede religiöse Mannigfaltigkeit und die Individualität des religiösen Lebens zur Unmöglichkeit, sondern man müßte auch die Ueberweltlich- keit, das Fürsichsein und das Eigenleben Gottes leugnen, und wirklich haben auch alle Gegner der Offenbarung einen mehr oder weniger pautheistischen Gottesbegriff gehabt. O. Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Fortsetzung.) L. H.*) Grund zu der Annahme, daß Christoph von Stadion schon frühzeitig für Luther günstig gestimmt war, könnte allerdings die Berufung des Ockolampadius zum Domprediger in Augsburg geben. Ockolampadius war zwar, als er im Jahre 1518, nachdem er kurz vorher in der Theologie den Doktorgrad erlangt hatte, diese Stelle annahm, noch katholisch, aber er begann in Augsburg, wo er Luther persönlich kennen gelernt hatie, zu schwanken. Er schrieb gegen Eck und trat mit Luther und Melanchthon in Briefwechsel??) Nach Zapf hätte er schon als Domprediger von Augsburg sehr stark gegen die Mißbrauche der Kirche und den ehelosen Stand der Geistlichen geeifert und die öffentliche Beicht eingeführt, wodurch er sich viele Feinde auf den Hals gezogen, so daß er um seine Entlassung nachgesucht habe. Demun- geachtet habe ihn der Bischof nicht gehen lassen wollen, da er ihm, obgleich er ziemlich evangelisch predigte, sehr lieb gewesen sei, aber durch öfteres Zureden habe er ihn endlich entlassen im April 1520?") Einige Jahre später nun tritt er in Basel als der Hauptreformator dieser Stadt auf. Hier ertrotzte er vom Rathe 1527 durch Zusammenrottung und Bildersturm freie Religionsübung, hier verheirathete er sich 1528, und 1529 unterdrückte er hier den alten Cultus völlig, vertrieb die Ordensleute und führte die Alleinherrschaft des Zwinglianismus durch?") Nachfolger des Ockolampadius auf der Domkanzel zu Augsburg wurde Urbanus Nhegins, der ebenso verdächtig war wie Oekolampad, und deßhalb schon 1521 wieder entlassen ward. Er kehrte jedoch, vom Rathe zurückberufen, im Jahre 1525 wieder nach Augsburg zurück und war nun ein entschiedener Vertreter des Lntherthums. Er war in Augsburg unter den ersten, die das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalten und ohne vorhergehende Ohrenbeicht spendeten, er hielt 1526 eine feierliche, starkbesuchte Hochzeit?") er war überhaupt einer der ersten Reformatoren Augsburgs, und deßhalb liegt wohl die Vermuthung nahe, daß er schon im Jahre 1520 wenigstens der Gesinnung nach Lutheraner gewesen sei, und Noth nennt ihn schon in dieser Zeit einen «viel gefährlicheren Neuerer" als Ockolampadius war?*) Durch Berufung solcher Männer zu seinen Dompredigern lädt Christoph von Stadion allerdings den Verdacht auf sich, als ob auch er selbst im Geheimen Lutheraner gewesen wäre und als ob er diese Männer berufen hätte in der Absicht, durch dieselben die neue Lehre in seinem BiSthum verbreiten zu lassen. Zapf natürlich, der den Bischof schon von Anfang an auf die lutherische Seite zieht, faßt solche Daten bereitwilligst *) Die Signatur X. in Nr. 5 war irrthümlich. D. R. Wetzcr und Weite, Kircheulexikon. IX. Bd. 2. A. (Frei- bnrg im Breisgau, 1895); Seite 702 f. ") Zapf, Cbr. v. Stadion 11. Hciele, Concilieugcschichte, fortges. von Cardinal Hergen- röther, IX. Band (Frciburg i. B., 1890) S. 651. -°) Braun. Gesch. d. Bisch.- V. Slugsb. III. 238 f. ?') Neioriuationsgcjchichtc Augsburgs (Münchm, 1881)' Seite 61. als Beweismaterial für seine Ansicht auf. Doch läßt sich oie Berufung jener beiden Männer, die für die katholische Kirche Gefahr zu bringen drohten, nach meiner Ansicht wohl erklären aus der großen Vorliebe, die von Stadion für die Humanisten hegte. Außerdem waren dieselben bei ihrer Berufung auf die Augsburger Domkanzel noch auf Seite der katholischen Kirche, und der Bischof wird wohl von ihrer reformatorischen Gesinnung kaum etwas gewußt haben. Beweise für diese meine Meinung finden sich bei Veith und bei Noth. Ersterer berichtet nämlich, daß der Bischof ein sehr großer Gönner der Humanisten gewesen sei und daß er den Oekolampad, der außer Deutsch auch Latein und Griechisch verstand, und den Nhegius, der Doktor der Theologie, kaiserlicher Orator und xoöta, lauraatus war, eben wegen seirr.c Vorliebe für die Humanisten, „mit großer Gunst überhäuft und eine Zeit lang sogar ihre Dienste in der Kirche benützt habe," setzt jedoch ausdrücklich hinzu: „ämrr in orblaocloxa ticls ststsrunb? so lange sie den rechten Glauben bekannten?") Ebenso spricht auch Noth für die gute Absicht des Bischofs bei der Berufung jener beiden Humanisten nach Augsburg, wenn er schreibt: „Während der Bischof einen ihm gefährlich scheinenden Neuerer — nämlich Oekolampad — in die Fremde trieb, rief er ahnungslos einen andern, viel gefährlicheren in die Stadt — UrbanuS Nhegius, wobei sich Stadion wieder durch seine Vorliebe für humanistische Studien leiten ließ."?') Braun sagt von Nhegius, daß derselbe keineswegs den „christlich gesinnten Bischof befriedigte, sondern vielmehr den guten Absichten desselben entgegenarbeitete." "^) Den Ockolampadius nennt Erasmus von Rotterdam noch 1518 xlarrs uaonaolrus und supörstitwirs suiovaolestus. Derselbe hatte damals gewiß noch nicht die Absicht, sich gegen die katholische Kirche aufzulehnen. Davon zeugt die Übersetzung einer Rede des heiligen Gregor von Nazianz, die voll ist von herrlichen Schilderungen eines gottgeweihten Lebens und durch die er eine Tochter Peutingers zum Eintritt in ein Kloster zu bewegen suchte. Ja, sogar er selbst trat im April 1520 in das Brigitten- kloster zu Altomünster, um vor der Gefahr, seinen Glauben zu verlieren, zu flüchten, und ob dieses Schrittes mußte er oft den Spott der Anhänger Luthers hinnehmen. Er wendete sich erst, als er 1522 das Kloster wieder verließ, mehr und mehr den Neuerern zu?") Man kann also Christoph nicht den Vorwurf machen, er habe absichtlich solche Prediger berufen, die die Verbreitung des Lntherthums förderten. Außer den angeführten Zeugnissen sprechen auch verschiedene Thatsachen für die wahrhaft katholische Gesinnung des Bischofs. Im Jahre 1520 versammelte er, als er merkte, daß nach der berühmten Leipziger Disputation zwischen dem Professor und Prokanzler der Universität Jngolstadt Dr. Johann Eck und Luther die Gegensätze immer schärfer wurden, zu Dillingen eine Synode, auf welcher neben den Aebten und Prälaten 160 Pfarrer erschienen. Es wurde hier, um dem Ein- ^) Libliotdees. ^utzustauo, Llydodsties. (LnAUStas Vin- äsliens 2lv60I,XXXVI1I). Llpdabstuin IV. pa§. 62 s.: Ut- tsrsrnm st littsrntornm lauter ina.xiinn8; Kino kaetum, nt loannem Oeeolainiiailimn st post dune Crbrnnin KbsAiam, änin in ortdocloxa üäo srstorunt, inntto kavors proseentns st rttiguanäo tsu>Voris spstio soruin oxera aä saeras eon- eiones Usus 8it. 23) Rtt'oriuationSzesch. Augsburgs Seite 61 f. -*) Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 210. 22) Wetzer u. Weite, Kircheulexikon. 1X2. 703. 44 dringen der immer weiter um sich greifenden neuen Lehre einen Damm entgegenzusetzen, Luthers Schriften zu lesen verboten, den Priestern ward die Ehe aufs strengste untersagt und das Concubinat mit kanonischen Strafen belegt?") Ein anderer Beweis sind das schon oben erwähnte Vorgehen gegen Aquila, die Bestrafung des Abtes Franz von Donauwörth und die Untersuchung gegen den Prediger Kaspar Haslach. Wäre die Gesinnung des Bischofs wirklich dem Lutherthum zugeneigt gewesen, so würde er kaum durch solche Exempel andere vor dem Uebertritt zu demselben zurückgeschreckt haben. Was die Verbreitung der von Eck in Nom 1520 erwirkten Bannbulle betrifft, die Luthers Hauptlehrsätze als ketzerisch verurthcilte und ihn mit der Excommuni- kation bedrohte, falls er nicht innerhalb 60 Tagen widerriefe, so gehen die Berichte hierüber auseinander. Während die einen behaupten, Christoph habe die Bulle bereitwilligst verbreitet, nachdem er dazu von Eck den Auftrag erhalten,^) meinen andere, er habe sie ungern und erst nach vielem Drängen und Mahnen von Seite Ecks publizirt?") Es ist wahr, als Christoph die Bulle von Eck bekommen hatte, schickte er dieselbe wieder an den Usberbringer nach Deutschland zurück, stellte aber, wie Braun mittheilt, Eck zugleich ein Mandat zu, das ihn bei der Verbreitung der Bulle im Bisthum Augsburg empfehlen sollte, weil Christoph eben weinte, Eck werde die Bulle selbst veröffentlichen. Daraufhin schrieb jedoch Professor Eck dem Bischof zurück, er sei vorn Papst beauftragt, die Bischöfe, nicht aber deren Untergebene zur Publizirung der Bulle zu requiriren. Nun ließ Stadion die Bulle „ungesäumt" drucken und nebst einem am 8. Mai 1520 zu Dillingen ausgefertigten Mandat an die Geistlichkeit seiner Diözese ergehen und befahl derselben „unter dem Gehorsam und den in der Bulle angedrohten Strafen dieselbe auf den Kanzeln der Kirchen und Klöster, und wo, wann und so oft es von Nöthen sein würde, zu veröffentlichen und die Gläubigen zu ermähnen, daß sie sich der in der Bulle angezeigten Irrthümer und Lehre des Martin Luther und der Vertheidigung, Verbreitung und schriftlichen Bekanntmachung derselben gänzlich zu enthalten habe; auch nicht die einige irreführende Sätze Luthers aufstellenden Bücher, Predigten, Schriften, Zettel gutheißen, drucken, verkaufen, bekannt machen und heimlich oder öffentlich in'Schutz nehuien, oder aufbewahren und verbergen, sondern vielmehr nach der Publikation der Bulle den Vorständen und Dekanen zum Verbrennen überliefern sollten"?") Druffel sagt dagegen in seinem Vortrag: „Ueber die Aufnahme der Bulle Lxurgs Oominv": „Der Augsburger Bischof erhob erstlich Gegenvorstellung bei Eck und ließ dann nach einer zweiten Aufforderung desselben ein Mandat, welches die Veröffentlichung der Bulle anordnete, verfassen und drucken; einstweilen aber Braun, Gesch. d. Bisch. v. Augsb. III. 20? s. -') Braun, lll. 209. - Vcith, Libl. ä.u§. IV. 56. — Kirchcnlexikon. X. 326. -°) Allgemeine deutsche Biographie. IV. 224. — Zapf, Chr. V. St., Scae 20. — Vortrag von Druffel (Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen und historischen Klasse ver k. bayer. Akademie der Wissenschaften zu München, Jahrgang 1880) Seite 573. -°) Braun. Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 208. — Veith, 8ibl. ^UA. iV. 56: tllonnit guam impensiosimo wauäato opiscoxali anno 1520 eäito et Luilao Imonw X. aäversus I/Utlieri äootrinam s> so xromulZatas praomisso. — Das Mandat findet sich gedruckt bei Veith, Libl. L.NA. IV. xas-. 56 bis SS, Zapf, Chr. v. St. Beilage II. Seite 136 f. blieb dasselbe noch liegen, wenn der Bischof freilich, wie wir sehen, auch bereit war, dasselbe wirklich in die Welt zu schicken, falls sich die Verhältnisse nicht ändern sollten. Ausdrücklich aber gibt der Bischof zu erkennen, daß er der lästigen Angelegenheit gern ausgewichen wäre, indessen Rücksichten nehmen zu müssen glaubte auf die Nachtheile, welche dadurch ihm und seinem Bisthum hätten erwachsen können.""") Nach meiner Ansicht nun läßt sich mit den Gegenvorstellungen, die der Bischof Eck gemacht haben soll, daS Mandat nicht gut vereinigen, das nach Braun Christoph an Eck zur Verbreitung der Bulle übersendet hat. Ferner geht aus dem Mandat vom 8. November 1620 hervor, wie genau und strikte er die Verbote der Bulle durchgeführt wissen wollte und wie sehr er die allseitige Verbreitung derselben in seinem Bisthum anbefahl. Wenn er schließlich auch mit der Verbreitung der Bulle etwas gezögert, so hat er es sicher nicht gethan, um durch Nichtverbreitung der Bulle der Lehre Luthers Vorschub zu leisten, sondern er richtete sich wahrscheinlich nach den andern Bischöfen, die der Meinung waren, durch die Verbreitung der Bulle werde Luther eher abgestoßen als zur Rückkehr zur alten Kirche und zum Widerruf bewogen. Immerhin war Stadion unter den ersten Bischöfen, die die Bulle in ihren Diözesen veröffentlichten. Ich glaube nicht, daß dieser Punkt einen Beweis bietet für das Hinneigen Christophs zur neuen Lehre. (Fortsetzung folgt.) Ein Künstler aus dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. (Fortsetzung statt Schluß.) Balthasar Permoser war einer der originellsten Plastiker der Barockzeit in Deutschland, ein Künstler des Barockstils, dem die Kunstgeschichte einen ehrenvollen Platz nicht versagen darf. Schon die Zeitgenossen erkannten seine Bedeutung, und nichts beweist besser das Ansehen, in dem er bei der künstlerischen Mitwelt stand, als die Reise, die der Wiener Bildhauer Naphael Donner nach Sachsen zu dem Zwecke unternahm, den berühmten Meister und seine Werke kennen zu lernen?") „Eigenartig feurig und voll barocker Einfälle, wie sie feinen Zeitgenossen gefielen, beherrschte Balihasar Permoser überdies Technik und Stoff in hervorragender Weise. Daß er auch über die Aeußerlichkeiten des Barockstils hinauszugehen vermochte, zeigt das im Ausdruck wie in der Gewandung fast edelschön zu nennende Hochaltarbild zu Hubertusburg." "1) Sein eigentliches Element war der Sandstein und der Marmor, aber auch in Elfenbein schuf er, wie wir gesehen, herrliche Arbeiten. Während späterhin und noch heute die Ablehnung dieses Materials seitens der Künstler, den Rückgang der künstlerischen Elfenbeinschnitzerei verschuldet hat. haben damals die großen Meister sich solcher Arbeiten nicht geschämt und diese Kunstart zur Blüthe gebracht. Auch Fürsten, wie Maximilian I. und Max Emanucl von Bayern, haben die Elfenbeinschnitzerei ausgeübt. Es war zur Mode geworden, derartige Kunstgegenstände, vor allem Kruzifixe aus Elfenbein, zu besitzen. In letzteren kam das Streben der damaligen Künstler nach anatomisch möglichst getreuer Darstellung des menschlichen Leibes zur vollen Geltung: die naturwahre Darstellung der zum Tode 2 °) Siehe Anmerkung 28. °°) Hagedorn, üolairoisssinsnts 332. Paul Schumann in Lützew's Zeitschr. l. o 45 krampfhaft gefesselten und verzerrten Glieder war hier beabsichtigt und erreicht. Für die Kruzifixbilder gilt wohl in erster Linie das oft wiederholte Urtheil über Permoser, daß er gerne fein anatomisches Wissen zur Schau getragen habe?«) Unser patriotisches Interesse an dem Künstler Bal- thasar Permoser wird erhöht durch das freundliche Licht, in dem er uns als Mensch und Christ erscheint. Er war ein frommer, freundlicher, fröhlicher Mann, eine gerade, ehrliche Natur, ein wohlwollender Charakter, der gerne half, wo er konnte: ein würdiger Repräsentant des Alibayernthums. Seinem geordneten Leben verdankte er ein hohes und kräftiges Alter mit ungeschmälerter Rüstigkeit bis ans Ende. Machte er doch als Greis noch große, damals so beschwerliche Reisen, so als 67jähriger nach Salzburg in dem obenerwähnten Auftrage seines Herrn; ja mit 74 Jahren noch unternahm er eine Fußretse nach Rom, auf der er zum letzten Mal in fein geliebtes Salzburg und gewiß auch in sein Heimathdörfchen kam. Permoser war unvermählt geblieben?«) und dieser Stand erlaubte ihm die ungestörte Pflege unschuldiger, kleiner Eigenthümlichkeiten, die ihn seinerzeit als Sonderling erscheinen liehen und die seine Biographen gewissenhaft überliefert haben. So habe er bei Niemand speisen mögen, habe nie einen Stock getragen und habe sich im Gegensatz zur herrschenden Mode, der „bedrängten Zeiten" wegen, wie er vorgab, einen ansehnlichen Bart wachsen lassen, gleich seinem Zeitgenossen und Mitbürger, dem Miniaturmaler Gabriel Donath in Dresden. (Lange Bärte trugen damals nur die Juden, weßhalb dem Donath oft „Mauschel" nachgerufen und faules Obst, einmal sogar ein Ziegelstein nachgeworfen wurde.) Zur Vertheidigung der Bärte, an denen also „der Spott sehr stark zupfte", soll Permoser ein „Traktätchen" geschrieben oder veranlaßt haben, daS den stolzen Titel führt: „Der ohne Ursach verworffeue und dahero von Rechtswegen aufs den Thron der Ehren wiederum erhobene Barth. Beh jetzigen ohnbärtigen Zeiten sonder alle Furcht zu männigliches Wohl und Vergnügen ausgefertigt vor und von Laltiin8ar I^srnrosorn Königl. Pohl. und Churfürst!. Süchß. bestallen Hosf-Bildhauern. Ans Kosten guter Freunde zum Druck gebracht durch U. Larloabirun Lolrönlonrb." Frankfurt a. M. __1714.6b) „Seine Stärke war Anatomie und leideuschaftl. Ausdruck." Magazin der Sachs. Gcich. I, 150. °^) Ein eigenes Hans mit Grund und Boden kann er nicht leicht gehabt haben, da im damaligen Dresden allen Nicht- proiestanten die Erwerbung von Grundbesitz versagt war. Ueber die schwierigen consessioncllen Verbältnisse in DreSden zu Per- moierS Zeit vcrgl. Lindau M. B., Geschickte der Haupt- und Ncsioenzstadt DreSden. Dresden, Nnd. Kuntze, 1862. II. Bd. S. 269. 273, 282. „Er hieß gemcinigl. nur Balthasar mit dem Barte. Weil der wundert. Mann ans Singularität einen Viertel langen Bart trug." Magazin d. Sackn Gcsch. I. Theil, S. 150. Dasselbe Magazin II. Theil, S. 656 spricht von einem Freunde PcrmoserS, dem Btaler Balthasar, der nach des Freundes Tode ihm zu Liebe einen ebenso langen Bart getragen habe. Verwechselung mit Donath? °°) Herr Dr. Heuer in Frankfurt forschte auf meine Bitte «ach dem Büchlein, aber ohne Ersolg. K. Heinrich von Heknecken behauptet?«) die „etwaS satirische" Schrift sei von Hofrath und Ceremonienmeister Ulrich von König dem Künstler zu Gefallen und Ehren geschrieben worden. Wichtig an dem Büchlein ist, daß dem Titelblatt das Btldniß des Künstlers, ein Stich von Moriz Bodenehr, beigegeben wurde. Als weitere Sonderbarkeit wurde dem Meister die Thatsache angerechnet, daß er bei gesunden Tagen seinen Leichenstein gemeißelt habe?^) Da aber Permoser auf feinem Grabe das sinnige Bild der Kreuzabnahme aufrichten und seine christliche Hoffnung mit eigener Hand bezeugen wollte, konnte er wohl nicht warten, bis die letzte Krankheit seinen Arm gelähmt hätte. Wunderlich allerdings und unheimlich erschien manchem des Künstlers Einfall, sich bei Lebzeiten seinen Sarg machen zu lassen, den er dann mit einem in Holz geschnittenen Todten- kopf versah. Wie jeder Künstler, war auch Balthasar Permoser stolz auf die Erzeugnisse seiner Kunst. Wir erinnern an seine an einem Künstler sehr löbliche Gewohnheit, seine Werke deutlich und ausführlich zu bezeichnen. Von dem verlangten Preise ließ er sich nichts abhandeln und abfeilschen?«) Wurde der bedungene Preis nicht bezahlt, so behielt er das Werk zurück oder zerstörte es gar. So zerschlug er — wenn die Erzählung richtig ist — im gekränkten Ehrgefühl ein in Elfenbein geschnitztes Bild- niß einer hohen Dame, weil deren Gemahl die ausbe- dungene Summe nicht voll bezahlen wollte. Hagedorn erzählt, daß auch die geringste an seinen Werken geübte Kritik ihn derart „wild machen" und erzürnen konnte, daß er oft, ohne auf irgend welche Vorstellungen zu hören, seine Schöpfungen zertrümmerte; ein Grund mehr, fügt Hagedorn bei, warum man so wenig von seinen Werken steht. Einen anderen Beleg seines Selbstgefühls und zugleich des ihm anhaftenden Eigensinns bietet ein interessanter Ausspruch Balthasars. Permoser war ein aufrichtiger Bewunderer des Schwedenkönigs Karl XII., des Wittelsbachers, jenes wagemuthigen Drauflosgehers, der mit 18 Jahren schon Sieger über Dänemark und Rußland war, der August den Starken aus Polen vertrieb, der dann, im Unglück so groß wie im Glück, gleich einem Meteor, noch im Schimmer der Jugend unterging (1718). Permoser sprach gern von den Thaten dieses Helden. Einmal meinte nun ein Gegner des Schwedenkönigs, Permoser möchte doch das Standbild seines Helden meißeln. Balthasar antwortete: „Oh, ja, recht gern, wenn er nur nicht so eigensinnig wäre und mir stände!" AIs nun jener entgcgnete, daß „beide mit einander aufheben könnten" (d. h. daß beide den gleichen Starrsinn hätten), versetzte Balthasar: „Allerdings, denn er ist König, und ich bin Künstler." Die Zeit dieses Ausspruches mag in die Jahre 1706—7 zu fetzen sein, als Karl den Kurfürsten von Sachsen und König von Polen, August II.. zum Frieden von Altranstädt gezwungen hatte. (Schluß folgt.) °°) Nachrichten v. Künstlern n. Kunst-Sachen. I, 70. Hier und im Magazin der Sachs. Gcich. I, 150 ist ein Kupferstich vou Bernigerolb, Periuviers Bilvniß 1732, erwähnt. ") Vcrgl. Ersck u. Gruber l. v. und den hieraus geschöpften Aussatz in der Wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung, 1831. Nr. 75. S. 417. 6°) I» Bezug auf die Eugengruppe sagt Hagedorn, nachdem er Permosers Widerwillen gegen das Abhandeln erwähnt hat: »On assürs quäl auroft repris eette Heils Ltatue, eil ea eür ste ls lllaitro.« blelaireissemonts Hist. x. 331. 46 Die Gründer des Hauses Bourbon-France. Von Charles Saint Paul. (Schluß.) Ludwig war schon früher, als nach der Thronbesteigung Carls des Schönen der Krieg zwischen Frankreich und England ausgebrochen war, mit Charles von Valois vorn Könige in die Guyenne gesandt worden, um daselbst die Uebergrisfe der Engländer zurückzuweisen. Er eroberte damals das Agsnois, während Valois den Nest der Guyenne, mit Ausnahme Bordeaux's, einnahm; bekanntlich wurde aber in dem nachfolgenden Vertrage nur das Agsnois an Frankreich abgetreten, während die Engländer eine Entschädigung von 50,000 Livrss Sterlings zahlen mußten. Während der Streitigkeiten ferner, die dadurch entstanden, daß Eduard III. sich weigerte, sich als IIowras-IiAS des Königs von Frankreich zu erkennen, bewerkstelligte er, von demselben mit mehreren andern Herren und Bischöfen nach England gesandt, daß Eduard diese Huldigung für das Herzogthum Aquitanien und die Grafschaften von Ponthieu und Montreuil (in Akten, zu Eltham am 30. März 1331 abgefaßt) leistete. Charles-le-Bel war in Clermont geboren und wollte gerne die Grafschaft Clermont in seinem Besitz- haben. Er legte deßhalb seinem Cousin nahe, ihm dieselbe für die Grafschaft La Marche, die nach dem Tode Hugos XIII. von Lufignan im Jahre 1303 mit der Krone vereinigt worden war, zu überlassen, indem er ihm zugleich die Erhebung des Bourbonnais zur Dnchs-Pairie in Aussicht stellte. Neben der Grafschaft La Marche sollten auch noch die Burgen von Jssoudun im Berry, von Saint-Pierre-le-Monstier im Nivernais und von Mont- ferrand in der Auvergne das Eigenthum Ludwigs werden. Die Grafschaft wurde ferner gleichfalls zur Pairie erhoben. Die beiden Urkunden der für den Fürsten so vortheilhaften und ehrenden Bestimmung und Erhebung sind am 14. (?) Dezember 1327 im Louvre gezeichnet, und es werden in denselben die Verdienste Ludwigs hervorgehoben. Sie sind in dem Werke Coisfier-Demorets über die Genealogie des Hauses Bourbon, in dem Werke Alliers „^nsisn Lourffannais" (I, 455) und den »Mtrss äs 1» waison Ouoals äs Lourdou" (x>a§. 320) zu finden. Indem Ludwig den Titel eines Herzogs von Bourbon annahm, bewahrte er das Wappen Frankreichs mit Hinsicht auf seine königliche Abstammung. Die Graf- schaft Clermont kam im Jahre 1329, zur Pairie erhoben, wieder in seinen Besitz zurück, während die Graf- schaft La Marche ihm forterhalten blieb, da der König sich gegen ihn, der ihm kurz zuvor das Leben gerettet, dankbar erweisen wollte; der Herzog konnte demnach drei Pairs in seiner Familie zählen, ein Privilegium, welches er einzig besaß und welches sein Haus über alle andern in Frankreich erhob. Die Rettung des Königs hatte Ludwig während des wiederausbrechenden Krieges mit Flandern vollzogen. Philipp von Valois war mit den Königen von Böhmen und Navarra, den Herzögen von Burgund, Bourbon und der Bretagne nach dem Kriegsschauplätze geeilt, wo sich das Volksheer unter Führung Colin Zonnekins begeistert vertheidigte und durch die Sorglosigkeit der französischen Truppen, welche glaubten, es leicht überwältigen zu können, in den Stand gesetzt wurde, in die Nähe des französischen Lagers zu gelangen und einen Angriff zum großen Schaden der Gegner zu bewerkstelligen. ZonnckinS kam an der Spitze einer Schaar bis zum Königszelte, und der König hatte kaum wehr Zeit, die Rüstung anzulegen; er widerstand aber mit den Herren in seiner Nähe den Eindringlingen, bis der Herzog von Bourbon, der auf die Nothlage aufmerksam geworden war, herbeieilte, die Feinde vertrieb und niederhieb und so die Gefahr beseitigte, worauf er mit der Reiterei die festgeschlosseue Schlachtreihe deS Volksheeres durchbrach und den Franzosen den Sieg vom 23. August 1328 sicherte, welcher die Unterwerfung der Aufständischen zur Folge hatte. Die Nachkommenschaft Ludwigs war so zahlreich daß eine Festigung des nengegrüudeten Hauses sicher erschien. Von seiner Gemahlin, die 1354 starb und in der Franziskanerkirche von Champaigue, deren Wohlthäterin sie war, begraben wurde, hatte er 8 Kinder, von denen zwei sehr früh starben. Diese hießen Jacques (-f 1318) und Philippe. Man kennt nur ihre Namen durch ihr Grabmal in der Franziskanerkirche von Chamvaigne. Die andern Söhne und Töchter waren: I. Pierre, der Thronfolger, der 1313 geboren wurde. Er zeichnete sich in den folgenden Kriegen gegen die Engländer aus, vermittelte vielfach die Verträge mit denselben und siel nach einem thatenreichen Leben in der Schlacht von Poitiers. Er hatte seine Cousine, Jsabella von Valois, die Tochter von Charles de Valois, geheirathet. II. Jacques, Graf von La Marche. Er wurde wegen seiner Tapferkeit von seinen Zeitgenossen „die Blume der Ritterschaft" genannt, nahm an den Kämpfen in der Bretagne und Normandie theil und rettete in der Schlacht von Crscy (1346), in welcher er verwundet wurde, Philipp von Valois das Leben. Im Jahre 1349 wurde er zum Generalkapitün der Languedoc, im Jahre 1354 zum Connetable ernannt. Er wurde in der Schlacht von Poitiers gefangen genommen, nach dem Vertrage von Bretigny aber wieder frei gelassen, und starb im Jahre 1362 an den Wunden, die er im Treffen von Brignats bei Lyon erhalten hatte. Von ihm stammt die Linie Bourbon-Vendvme. III. Jeanne, die älteste der Töchter Ludwigs, wurde im Jahre 1311 geboren und vermählte sich im Jahre 1318 mit Guigucs VII., Grafen von Forez. Sie verwaltete Forez für ihren Sohn Johann und starb im Jahre 1403 im Schlosse Clepps; ihr Grab war in der Franziskanerkirche von Montbrison. Durch ihre Nichte Anna, die Dauphins von Auvergne, die an ihren Neffen, Ludwig II. von Bourbon, vermählt war, kam das Forez in den Besitz des Hauses Bourbon, nach dem Tode des Grafen Johann, mit dem der Mannesstamm des Hauses Forez erlosch. IV. Margaretha, die zweite Tochter, heirathete im Jahre 1320 Johann von Seuly, aus einer der ältesten Familien des Berry, die bereits mit dem Hause Bourbon-Dampierre durch Heirath verbunden war. Ihr zweiter Gatte war Hutin de Vermeilles, ein pikardischer Edelmann und Kämmerer des Königs, der sich im Jahre 1356 bei der Vertheidigung von Bourges gegen den Prinzen von Wales auszeichnete. Sie starb im Jahre 1362. V. Beatrix, die dritte Tochter, wurde im Jahre 1334 die Gattin von Johann von Luxemburg, dem Könige von Böhmen und Polen, der im Jahre 1346 in der Schlacht von Crscy für Frankreich kämpfend starb. Sie war im Jahre 1321 mit Philipp von Sicilien, dem Fürsten von Tarent und von Achaia, verlobt worden. Das Ehebündniß wurde aber nicht geschlossen. Der zweite Gatte Beatricens war der Herr Endes von Grancey in Burgund. Sie behielt aber immer am französischen Hofe die Ehren einer Königin. Aus ihrer Ehe mit dem Könige von Böhmen stammte ein Sohn, Wenzeslaus, für den Kaiser Carl IV. das Herzogthum Luxemburg errichtete. Sie starb am 25. Dezember 1383 und wurde in der Jakobinerkirche zu Paris begraben. VI. Marie, die vierte Tochter, heirathete im Jahre 1809 Gut) de Lusignan, den Fürsten von Galiläa, den ältesten Sohn Hugo's IV., Königs von Cypern. Ein zweites Ehebündniß schloß diese Fürstin nach dem Tode ihres Gatten mit Robert von Sicilien, dem Fürsten von Achaia und Tarent und Titularkaiser von Constantinopel, welcher ihr nach seinem Tode im Jahre 1364 den größten Theil seiner Besitzungen in Griechenland und Sicilien hinterließ. Sie starb im Jahre 1387 tu Neapel, wo sie in der Kirche der heiligen Clara begraben wurde, und fetzte vor ihrem Tode, da sie keine Kinder hatte, ihren Neffen, Ludwig II., den dritten Herzog von Bourbon, »u ihrem Universalerben ein?^) Ludwig der Große starb zu Paris in den letzten Tagen des Januar 1342, im Alter von 62 Jahren, betrauert vom Könige, der seine großen Verdienste um Frankreich und sein Herrscherhaus zu würdigen wußte, und wurde an der Seite seines Vaters in der Jakobinerkirche beigesetzt. Es war ihm bestimmt, durch seine Tüchtigkeit und die Gunst der Verhältnisse das Haus Vourbon-France, dessen Gründung mit ihm vollendet wurde, zu einem der mächtigsten zu machen und ihm dauerndes Gedeihen ,u sichern. Recensionen und Notizen. Brockhaus' Konversationslexikon. Verlag von F. A. Brockbaus in Leipzig. * Die neue 14. Ausgabe dieses bedeutenden lilerarischcn Werkes ist mit dein 16. Band glücklich vollendet worden und hat damit ein lOOjährigcs Jubiläum erreicht. Es marschirt jetzt an der Spitze der lexikographischen Literatur, sowohl was Umfang als ihpographiiche Ausstattung betrifft, und enthält über 126.000 Artikel, 10,000 Abbildungen und 130 Tafeln im Buntdruck, abgesehen von den 300 Karten und Plänen, die dem Werke beigcgcben sind. Die Fülle und Mannigfaltigkeit des Stoffes, welchen über 400 Mitarbeiter verarbeitet haben, ist in der That riesig. Man wird wohl nur in sehr seltenen Fällen, ohne Aufschluß zu erhalten, das Lexikon zur Hand nehmen. Ueber die Beschaffenheit der Länder, Gebirge, Tbäler, Steppen ». s. w. geben die ausgezeichneten Karten, besonders die trefflichen Gebirgskarten, über die der Städte die Pläne und deren Beschreibungen Auskunft; der Techniker findet in allen Zweigen seines Gebietes gute Artikel und sachgemäß angefertigte Maschinen- dilder, der Baumeister die neuesten Constructiouen. der Chemiker »nd Mediciucr Auskunft über alle Fragen ihrer Wissenschaft. Der Landwirth lernt die neuesten Maschinen und Muster-Einrichtungen kennen und der Gewerbetreibende jedes Faches die Erfindungen, die ihm in Dampf und Elektricität zn Hülse kommen. Auch der Kunst ist größte Aufmerksamkeit gewidmet, Neben diesen Kindern hinterließ Ludwig auch einen außerehelichen Sohn, Johann von Bourbon, der sich mit Agnes de Cbailleu, der Dame von Crozet im BourbonnaiS, vermählte, die ihm einen Sohn Namens Wilhelm gebar. Er starb im Jahre 1375 und wurde in Souvigny begraben, k. Anselm, der Autor des Werkes »Zweien Bourdonnais« und andere Autoren haben den Irrthum begangen, denselben mit Gny de Bourbon, dem Herrn von Classy und La Ferts-Cbauberon, zu verwechseln,^der aus einer ander» Familie stammte, und Johann als Sohn von Pierre I., Herzog von Bourbon, anzuführen. Siehe über die Nachkommenschaft Ludwigs die aufklärenden Anmerkungen Stcyert's in La Mure's Ilistoirs clss Duos äs Bourbon. (II. 24—32.) in Buntdruck, Bilder» und einem trefflich geschriebenen Texte. Ueber alle militärischen Fragen gibt das große Werk ebenso sachgemäße Belebrung, wie über die Marine, über Handel und Wandel, wie über den Weltverkehr. Fleißig ist die Länder- und Gcschichtökunde gearbeitet. In den wirthschaftlichen und politischen Fragen tritt das Bestreben nach Unparteilichkeit hervor, die aber natürlich, wie das in der Natur der menschlichen Dinge liegt, nicht durchaus erreicht werden kann. Da wo sich's um positiv-christliche und kirchliche Anschauung oder deren Gegentheil bandelt, macht sich leider durchwegs die liberalistische Auffassung geltend. Und das ist für uns die Schattenseite an dem sonst so bedeutenden Werke, das ein Zeugniß großer Schaffenskraft und unternehmenden Geistes ist. 6uw talis sis, utinam nootsrossss — möchten wir rufen, d. h. hätten wir doch einmal ein auf positiv-christlichem und katholischem Boden stehendes gleichartiges Werk, das sich mit dem „Brockhaus" messen -Löunte. Das wird aber auf absehbare Zeiten ein frommer Wunsch bleiben und wir also genöthigt sein, zn Brcckhans u. A. zu greisen. Der Preis des Lexikons stellt sich für die 16 Bände auf 160 M., scheinbar hoch, aber angesichts der Unsumme von Arbeit und Leistung, die in dem Werke steckt, doch überaus billig. Es mag noch erwähnt sein, daß die Verlagsfirma elegante Regale für das Lexikon herstellen ließ, welche einen hübschen Wandschmuck bilden uns in Eichen- oder Nußbaumholz in langer oder hoher Form zu 30 bezw. 36 M. zu beziehen sind. Anton Weber, Vortrüge und Ansprachen. Ne* gensburg, Habbel, 1895. 109 S., Preis 75 Ps. Sieben Vortrüge und Ansprachen und zwar vier Reden größeren Umfanges und drei Anreden im ernst-heiteren Kreise von Studenten, Arbeitern rc. bietet uns in vorliegender Schrift der aus andern literarischeu Arbeiten wohlbekannte, geist- und gcmülhvolle Lhcealvrosessor Dr. Weber. Die vier Vortrüge/ behandelnd 1) Die Druckkunst, 2) Römische Katakomben. 3) Moderne bildende Kunst, 4) Ludwig den Großen, sind Essais von hervorragender Bedeutung in Bezug auf historische, religiöse, kunstsinnige und politische Weltanschauung. Der erste Vertrag erörtert die Ansänge, den Verlauf, die Entwickelung der Buchdruckerkunst — angefangen von Gutenberg bis zur Jetztzeit, ein Bild voll dramatischer Momente, geschichtlicher Belehrung, praktischer und idealer Gesichtspunkte. Bei dem bevorstehenden Jubiläum des öOOjäbrigcn Geburtstages EutenbcrgS wird dieser Vertrag manchen Rednern, welche bei der Feier eine Ansprache zu halten haben, sehr willkommen sein. Der zweite Vortrug führt uns in die römischen Katakomben, behandelnd die Entstehung, Anlage, Geschichte, Verwendung, Inschriften, bildliche Darstellungen rc. der Katakomben. Da wir selbst das Glück hatten, in die Katakomben niederzusteigen und dieselben mit einem kundigen Führer, Monsignor de Waal, kreuz und quer zn durchwandern, so müssen wir sagen, daß die Darstellung Dr. Webers eine ebenso lehrreiche als gründliche ist. Auch die neuesten Forschungen (stehe S. 49—51) sind in Betracht gezogen. Wir stehen nicht an, zn sagen, ein jeder Besucher der Katakomben thäte gut, wenn er Dr. Webers Abhandlung studirt hätte; sie würde ihm ein so gründlicher und belehrender Behelf sein, daß er beim Betreten der Katakomben, wo die verschiedensten Eindrücke aus ihn einstürmen, nicht wie ein Neuling und verwirrt diese Stätten durchwandern, sondern im Verein mit den Erklärungen des Führers ein volles, klares Bild all dieser neuen, geheimnißvollen Dinge erhalten würde. Aber auch derjenige, dem es nickt gestattet ist, diese heiligen Stätten persönlich zu schauen, wird vr. Webers Darstellung der Katakomben mit hohem Interesse lesen. Der dritte Vortrag bespricht zunächst die Münchner Kunstausstellung v. I. 1888. Anknüpfend an die daselbst ausgestellten Werke, ergeht sich dann der Autor über die moderne bildende Kunst. Er bespricht die neuen Malwciscn: Impressionismus und Freilichtmalerei sowie Tendenzmalerei rc., und polemisirt gegen die in der Neuzeit so sehr cultivirte Manier der Nudi- tätcumalerei, beweisend, daß die wahre Kunst dieser Unsitte durchaus abhold ist. Im weiteren werden besprochen die positiven und negativen Resultate der gegenwärtigen Historien- und religiösen Malerei u. s. w. Der Vortrag schließt mit einem Appell, daß die ewigen Grundsätze des Christenthums nicht nur die socialen Verhältnisse durchgingen, sondern auch den Bildwerken ihr Gepräge ausdrücken möchten. Der vierte Vortrag ist gewidmet der Kunsttbätigkeit Ludwigs I. des „Großen", wie ihn der Autor feiert. ES wird hier geschildert, welch hoben Dienst der König leistete seinem Lande und der Kunst selbst, da er der begeisterte und hochherzige Mäcenas derselben wurdep eö werden vorgeführt die großartiger Schöpfungen der Architektur, welche dem König ihre Existenz verdanken, ferner wie 48 er jeden Zweig der Kunst förderte und zur Blüthe brachte. Es ist ein herrliches Lebensbild, das der Autor darbietet und in welchem er den König preist als „trefflichen LandeSvntcr, starken Schirmherrn der Religion, weisen Pfleger der Wissenschaft und verständigen Erneuerer der Kunst". An diese vier Vortrage größeren Umfangs schließen sich noch drei Ansprachen, gehalten in studentischen Festversammlungen und beim Besuche eines Gcsellenvereins. Von Herzen kommend und zu Herzen gehend, sind diese Ansprachen ein Weckruf zu idealem Streben, zu Religion und Tugend. Ernste Gedanken, gekleidet in gemütbvolle Worte, sind sie geeignet, die jugendlichen Herzen mit behrcr Begeisterung zu erfüllen. Wir können demnach vr. Webers Schrift bestens empfehlen. H- L. K.LeMaire, Katholische Kirchengeschichte. München, Oldenburg, 1895. IV und 144 Seiten, geb. 1,75 M. In vorliegender Arbeit hat sich Seminarpräfekt Le Maire das Ziel gesteckt, ein leicht verständliches, nicht umfangreiches Lehrbuch der Kirchengeschichte herzustellen. Es ist dieses ihm auch gelungen. In gedrängter, dabei fließender Sprache bat er die erbebenden und betrübenden Erscheinungen im Reiche Christi auf Erden dargestellt und dabei auf die Culturgeschichte entsprechende Rücksicht genommen. Randbemerkungen bilden Marksteine und unterstützen das Gedächtniß des Lernenden. Man sieht es dem Buche an, daß langjähriger Unterricht und vielfache Erfahrung dem ReligivnSlebrer die Feder geführt haben. Liebe zur Sache und zur Kirche leuchtet aus jeder Seite uns entgegen. Obwohl das Buch „zunächst für die oberen Kurse der Lehrerbildungsanstalten und der Realschulen" bestimmt ist, so kann es auch von andern, namentlich als Nachschlagebuch zur raschen Orientirung, mit Vortheil benutzt werden. — Mit der Eintheilung des Stoffes in zwölf Zeiträume bin iä> jedoch nicht einverstanden. Kleinere Versehen wird eine neue Auflage beseitigen. Möge das treffliche Buch diese bald erleben! Negensburg. A. Weber. Repertorium der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebner'schen Buchhandlung in Ulm. (Preis 5 Mark 40 Pfg. für 12 Monatshefte.) Das 1. Heft des 50. Bandes enthält u. And.: Schulrath Friedrich Polack. Ein Lebensbild. Von Ernst Schreck. — Die verschiedenen Ansichten über das Wesen der Seele. Eine psychologische Studie von L. E. Seidel. — Socialistische und ethische Erziehung oder Social- und Jndividualpädagogik. Von Alex. Schultz. — Für und wider die Zahlbilder. Von I. Grab. Danner, Wachet über Gottes Kinder! Ein Büchlein über katholische Kindererziehung. 3. Auflage. Martins- bühel, Verein katholischer Kindersrcunde. Preis geb. 40 Pfg. o Eine ganz gediegene, praktische Anleitung zur Kindererziehung! Der Inhalt ist aus den besten katholischen Schriften über Pädagogik entnommen, übersichtlich geordnet und in anziehender, packender Form dargestellt. Wir wünschen das Büchlein in die Hand jedes Katecheten, jedes Predigers, jedes Seelsorgers und aller christlichen Eltern. „Stadt Gottes.* Jllustr. Zeitschrift für das kathol. Volk. Missionsdruckerei in Stchl, postlagernd Kaldenkirchen (Nhcinb.). Preis franco 3 M. pr. Jahr. 12 Hefte. Die uns vorliegenden zwei ersten Hefte des neuen Jahrgangs der illustrirtcn Monatsschrift „Stadt Gottes" lassen ihr unablässiges Streben nach Fortschritt deutlich erkennen und bieten einen mannigfaltigen Inhalt: längere und kürzere Erzählungen von vortrefflicher Richtung. Biographien von Männern des Tages (z. B. Fürst Ferdinand, Louis Pastcur und die Schutzimpfung gegen die Tollwnth); Schilderungen (z, B. von München, namentlich in kunstgeschichtlicher Beziehung); Berichte und Schilderungen aus den Missionen; belehrende Artikel n, s. w. Ucbcrdies enthält jedes dieser Hefte auf 40 S. groß 4° über 30 Bilder. Der Ertrag dieses schonen Blattes wird dem Werke der Heidenmission zugewendet. Dr. H. Cardauns, „Die Märchen Clemens Brentano' s". Comm.-Verlag von I. P. Bachc m in Köln. * Diese Schrift bildet die dritte Veremsgabe pro 1895 seitens 0er GörreSge feilsch äst. Mit großer Akribie und sicherem Urtheil führt der Verfasser die Entstehung und Quellen der Märchen, die uns Brentano erzählt bat, vor und verbilft, soweit das möglich war, durch seine sorgfältigen Untersuchungen in dankenSwerther Weise zum Verständniß und zu einer objectiven Würdigung dieser literarischcn Erzeugnisse Brcntano's, welche seither von den widersprechendsten kritischen Urtheilen betroffen worden sind. Mayer Otto, Deutsches Verwaltnngsrecht. I. Baiw. Leipzig, Duncker L Humblot. IX und 482 S. 11 M. VI. Äbth. I. Band des Binding'schen Handbuches der deutschen Rechtswissenschaft. -co- Von allen bisher erschienenen Bänden dieser Sammlung wird vorliegender sicher den meisten Beifall bei den Praktikern finden. Würde das Werk unter einem Pseudonym erschienen sein, so würde man den Alltor für einen mitten in der Praxis siebenden, erfahrungsreichen Verwciltnngsbeamten mit umfassendem Wissen auf dem Gebiete des Verwaltungs- und des Civilrechts halten. Der Autor hat allem Anscheine nach vor Beginn seines Werkes die gesummte verwaltnngsrcchtliche Spruch- praxis Deutschlands und insonderheit Bayerns eingebend durcharbeitet, da Satz für Satz soweit nothwendig und möglich aus obcrstrichtcrliche Entscheidungen Bezug genommen ist. Dieselben sind durchaus in die Anmerkungen verwiesen und geben in Kürze den Thatbestand und juristischen Kern der Entscheidung, woran sich dann in vielen Fällen eine kurze, treffende und von umfassender Litcraturkenntniß zeugende Kritik an schließt. Ebenso setzt sich der Verfasser in den Anmerkungen auch mit der Ansicht anderer Autoren über diese oder jene Frage auseinander, und zwar in ebenso klarer als kurzer Art. Ein bninoristischcr, ein sarkastischer Ausruf, eine kurze, boshafte Frage präzisiren seinen Standpunkt und weisen auf die schwache Stelle der angegriffenen Entscheidung oder Ansicht hin (ok. die Anmerkungen auf S. 345, 353, 403, 453 rc. rc.). Außerdem aber enthalten diese Anmerkungen auch die Ansicht des Verfassers über eine Reihe von Controverscn auf dem ganzen Gebiete jder Rechtswissenschaft (ok. die ebenso kurze als treffende Behandlung der Frage, ob die Krone ein Recht auf Erlaß von Steuern habe, S. 430). Leider leidet aber unter dem Bestreben, sich kurz zu fassen, öfters die Klarheit bei Wiedergabe des Inhalts von Entscheidungen (ok. S. 250 Anm. 2!). Die Behandlung von „Polizeistrafe, polizeiliche Zwangsvollstreckung, unmittelbarer Zwang und Zwang durch Gewaltanwendung" (8 22 mit 25) muß entschieden die bisher beste genannt werden. Die hier an einzelnen Entscheidungen geübte Kritik und die von dem Verfasser aufgestellten Gesichtspunkte und Grundsätze verdienen die höchste Beachtung. Praktikern und Studircnden wird das Mayer'sche Werk den größten Nutzen bieten, besonders wenn einmal das für den Praktiker unentbehrliche Register erschienen ist. Der I. Band behandelt außer dem allgemeinen Theil noch die Lehre von der Polizei- und Finanzgewalt. Heft 6 des Deutschen Hausschatzes führt den prächtigen Roman von Melati von Java: Prada, einen der besten, die von der beliebten Zeitschrift je veröffentlicht worden sind, zu Ende und bringt die Fortsetzung des Romans: Die Jagd auf den Millionendicb von Karl May. Außerdem enthält das Heft die ausgezeichnete Novelle: Wimpics Soldat. Von den zahlreichen belehrend-unterhaltenden Artikeln nennen wir nur die Biographie des hervorragenden Gelehrten k. Franz Ehrle, die Schilderung der Landsknechte von Jos. Weiß, die Biographie des hochseligcn Kardinals Paulus Melchers, das reizende Wanderbild von Anton Ender: Im kleinsten Fürstenthum Europas, Zum Kapitel der Bergkrankheit von Paul Friedrich u. s. w. Auf die zahlreichen kleinen Artikel können wir nur hindeuten. Der Jllustrations- schmuck ist wieder reich und schön. Katechetische Blätter. Zeitschrift für NeligionSlehrer. Zugleich Corrcspondenzblatt des Canisius-Karechcten- Vereins. Herausgegeben u. redigiert von Pfarrer Frz. Walk, Bcnefiziat zu Gaimersheim (Oberbayern). Kempten, Verlag der Jos. Kösel'scbcn Buchhandlung. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2,40. 21. Band 12. Heft enthält u. A.: Schriftgemäße Erklärung deö Evangeliums für den 3. Sonntag nach Erscheinung. — Die katechetische Definition der Sünde. — Die confcssionellen Unterscheidungslehren im Jugend- und Volksuntcrricht u. s. w. Verantw. Redacteur: Ad. HgaS in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 14. Febr. 1896. Monumentale und religiöse Knust. So hat denn der neue Justizpalast auch seinen äußeren „künstlerischen Schmuck". Aber was für einen! Es ist nur gut, daß unsere Landboten keinen Pfennig dafür speciell bewilligt haben. In diesem Falle würden sie jetzt, nachdem der Schmuck fertig, noch viel mehr gescholten werden, als dies vorher in Folge der Nicht- bewillignng geschehen ist. Er ist auch sowohl in ästhetischer wie in ideeller'oder pädagogischer Beziehung nichts mehr als unnütz und nichtsnutzig — wenn man ganz davon absehen will. daß er den Künstlern einmal wieder Gelegenheit zur Bethätigung ihres Könnens und zum Verdienste gegeben. — Nichts Altgermanisch-Nationales, wie Professor Scpp es wünschte, aber auch absolut nichts Christlich-Deutsches, keine Spur eines religiösen Symbols, als wenn die Justiz mit der Religion nichts zu thun hätte! Statt des von Constantin auf die Tempel und Paläste erhobenen Kreuzes ist die Krone oes Ganzen die Kugel, das Symbol des Freimaurerthnms, das Zeichen pantheistischer oder deistischer Weltanschauung. Wenn man sich schon der öffentlichen Aussprache eines christlichgermanischen Gedankens schämt und scheut, warum hat man denn nicht z. B. den weisesten der Richter, den jüdischen König Salomon, dessen bekanntes Urtheil doch am klarsten das Princip: „trat justütia, pareat rnunclus!" illustrirt, oder den klugen Daniel Urtheil sprechend, oder den ersten Gerichtsvollstrccker, den deutschen Patron St. Michael, angebracht, wenn man den ersten Richter auf Erden, Gott Vater im Paradiese, oder den letzten Weltenrichter, dem der Vater das Gericht übergeben, darzustellen sich nicht getraute. In der That! Von keinem Gesichtspunkte aus finden wir das abgenutzte alte heidnische Göttergesindel mit seiner dem Mann aus dem Volke absolut unverständlichen Symbolik als krönenden Schmuck eines deutschen Justizpalastes in christlicher Zeitrechnung berechtigt! — Nur Lalthasar Schmitt's gewaltige nackte „Justitia" mit dem gezückten Schwerte läßt allenfalls ahnen, daß es sich da drinnen auch um einen in's Fletsch gehenden Schnitt handeln kann. Doch wie lange wird es dauern, bis dieses schöne Weib sammt seinen Kollegen und Kolleginnen unter der Ungunst des bayerischen Himmels Schönheit und Gestalt verloren haben wird. — Doch gehen wir zu einem andern Monumentalbau über. Das neue Münchener Naihhaus zeigt außen wenigstens ein Kunstwerk specifisch christlich-religiösen Charakters. Es ist der Drachentödter St. Georg, das in Erz gegossene Standbild am Eck des Marienplatzes und der Dienerstraße, ein Werk von vollendeter Durchbildung des Akademieprofessors SyriuS Eberle in München. Es gleicht ganz einer der ins Große übertragenen schlanken Goldschmiedstatuettcn dieses Heiligen aus spätgothischer Zeit. Eine durch und durch adelige, echt mittelalterliche Nittergestalt, von schön gezeichneten Linien und strammer statuarischer Haltung, sticht der Drachentödter mit vornehmer und zugleich energischer Grandezza den geschickt bewegten, echt Dürer'schen Tatzelwurm zu seinen Füßen nieder. Dieser vornehme, ritterliche Charakter des christlichen Helden kommt auch in dem edlen, scharf geschnittenen Antlitz mit dem energischen Auge und der kühn geschwungenen Nase zum vorherrschenden Ausdruck. Diese Statue ist unter verschiedenen hervorragenden Standbildern weltlichen Charakters das einzige religiöse Kunstwerk, welches dem Meister, dem eine „Schule" talentvoller und ideal angelegter Jünger der christlichen Knust die Grundlage ihrer künstlerischen Bildung verdankt, für die Oeffentlichkeit zu schaffen vergönnt war; — auch ein Trost für die vielfach in ähnlicher Lage befindlichen Schüler! Nun ist auch für einen weitern, mehr in die Augen fallenden Schmuck des Marienplatzes vom Münchcnew- Magistrate Sorge getragen. In einer von diesem ausgeschriebenen, reich beschickten Concurrenz trug der Historienmaler Hugo Huber in München den Sieg davon, und wird derselbe im nächsten Sommer den obern Theil der nach dem Marienplatze schauenden Mauer des alten Nath- hausthurmcs mit zwei ebenso charakteristischen wie bedeutsamen Figurenbilonissen bemalen. Es sind dies die katrona, Luvarlao, die Madonna mit dem göttlichen Kinde, und der Schutzheilige der Erzdiözese München, St. Bcnno, welche in mehr als doppelter Lebensgröße rechts und links der Uhr auf gothischer Kreuzblume, die ein Münchener Kindl umschließt, zu stehen kommen. Sowohl in ideeller als malerischer Beziehung wird das nunmehr auf Grund der endgiltig approbirten Farbenskizze Hubers dnrchgedruugene Projekt vor den anfänglich beabsichtigten Bildnissen der jüngst verstorbenen Bürger- ,,Meister den Vorzug verdienen. Und nachdem für dieses Werk die Summe von 12,000 Mark angesetzt wurde, so wird, dessen sind wir überzeugt, der ungcmein leistungsfähige durchgebildete Künstler den schönen Nathhausplatz, und damit die Stadt München, um einen bedeutsamen monumentalen Schmuck bereichern. Noch aus einer andern von der kgl. Regierung aus» geschriebenen Concurrenz ging Herr Hugo Huber zugleich mit dem Maler Joseph Huber als erster Preisträger hervor. Beide haben die im vorigen Jahrhunderte vom Historienmaler Johann Huber ausgemalte Ncuaissauce- Kirche in Obermedlingen je mit einem kolossalen Deckengemälde in der Größe von 9/6 Meter auszustatten. Die für beide Werke bestimmkeu Kostensummen von zusammen 12,000 Mark scheinen uns im Verhältniß z. den Bezahlungen anderweitiger bisheriger Auftrüge vo Seite des Ministeriums ziemlich „preiswürdig". Da Bild Hugo Hubers wird die Verkündigung Mariens jenes von Joseph Huber die Aufopferung Jesu im Temp darstellen. Des letzter» flotter und geschickter Farbenskizze kam die Verwerthung der gegebenen mächtigen Architektur des Tempelbaues als natürlichen Hintergrundes der Gruppen zur Ausfüllung der unverhältniß- mäßig großen Bildfläche sehr zu statten. Ersterer wußte in seiner harmonisch schwungvollen und warmfarbigen Komposition, nach dem Vorbilde älterer Meister, das Transcendentale mit dem historisch Realen verbindend, durch volle Ausbildung des gedanklichen Inhalts den gewaltigen Höhenraum des Bildes auf geistreiche Weise zu beleben. — Der zweite Preis wurde Herrn Gebhard Fugel, einem der leistungsfähigsten der jüngeren Historienmaler, für seine beiden, mit den obigen an genialer Conception wetteifernden, größern Bildskizzen von frischer charakteristischer Farbengebung zuerkannt. Auch ihn leitete bei der Darstellung der Verkündigung die fast gleiche künstlerische wie gedankliche Auffassung mit dem Vorigen. Während der Erzengel Gabriel, mit der Lilie in der Hand, im faltenreichen Gewands vor der in den Bet« mantcl eingehüllten Madonna niederschwebt, setzen andere der himmlischen Geister gleichsam die der Menschheit den größten Segen aus der Höhe dringende lebendige Himmelsleiter fort bis hinauf zum Throne Gottes des Vaters, der seine Friedensboten zn der Gebenedeiten unter den Weibern sendet, indem die verklärenden Lichtstrahlen des hl. Geistes die unten sich abspielende bedeutsame weltgeschichtliche Scene beleuchten. Während Hugo Huber auch die ältern Stile, den romanischen und gothischen, wie den der Renaissance und des Zopfes, mit einer seltenen Meisterschaft freier und origineller Verwerthung beherrscht, wie seine reichhaltige Mappe und herrliche Cartons zu Glasgemälden zeigen, geht das konsequente Streben Fugels offenbar dahin, aus den Fesseln der Schule, d. i. jeder bloß traditionell- conventioncllen Beschränktheit, sich vollständig loszulösen, um mit allen Mitteln der Errungenschaften moderner Kunst die möglichst harmonische Verschmelzung ansprechender realistischer Wahrheit mit der Tiefe des Gedankens und der Empfindung als sein höchstes Künstlerziel zu erreichen. Dies beweist auch wieder sein neuestes großes Altarbild (für Tillingen). Es zeigt den heiligen Sebastian, der, ein schöner kräftiger Jüngling, nach Lockerung der Fesseln am Baume niedergesunken ist. Ihm zur Seite erscheint eine prächtige schlanke Frauen- gestalt, die Römerin Irene, die, im Begriffe das Werk der heilenden Samariterin zu beginnen, noch einmal mit gespannter Aufmerksamkeit die dämmerige Umgegend mustert. Die Lampe in ihrer Hand beleuchtet mit stimmugsvollem Lichteffekt die einsame, mit religiöser Poesie behandelte Scene. — Ein anderes Werk, eine große, ganz wie ein modernes Gallcricbild mit aller Feinheit charakteristischer Raturstimmung ausgemalte Skizze zu einem Deckengemälde — die fast schon als fertiges Bild erscheint — zeigt den Apostel Petrus mit erhabenem Pathos den gedrängten Volksschaaren von der Treppe des Abendmahlhauses aus seine erste Predigt haltend. (Siehe Katharina von Emmerich!) — Daß Fuge! aber auch mit der modernen Technik und der realistisch wahren Formbehandlung echt historisch-monumentale Gesammtauffassung bei gewissenhafter Treue im geschichtlich formalen Detail zu verbinden weiß, das zeigen neuerdings die im letzten Sommer begonnenen Freskogewälde in der Kirche auf dem St. Gebhardsberg bei Bregcnz („Die Ankunft des hl. Geb- hard mit Schiff in Konstanz" und „Die Grundsteinlegung des Klosters Petershausen bei Konstanz"), weihe- und stimmungsvoll gemalte religiöse Geschichtsbilder, denen der Stilist Hans Martin, der mit dem Maler Pacher auch kürzlich die Stadtpfarrkirche in Bregenz effektvoll ausmalte, seine stilechten, farbenfrischen Dekorationen hinzufügte. — Ein wahres Kleinod der religiösen Kunst hat soeben der weit über Baherns Grenzen bekannte Historienmaler Martin Feuerstein in München, einer der fruchtbarsten und bedeutendsten Meister der zeitgenössischen Künstlerschaft, vollendet. Es ist das aus einer mittleren Haupt- und 8, erstere einschließenden, kleinern Nebendarstellnngen bestehende Altarbild des hl. Antonius in der Münchener St. Annakirche, welches an der Hand der Legende die Wunderthaten dieses Heiligen der Franziskanergenossenschaft schildert. Es ist von einer geistigen Tiefe und Frische seelischer Empfindung belebt, durch welche es nebst der feinen charakteristischen Farbengebung, der historischmonumentalen und doch natürlich-freien Komposition an die besten italienischen Nenaissaucebilder erinnert. Besonders die Gestalt des Heiligen selbst ist von sprechender und charaktervoller, der religiös-poetischen Natur desselben sehr entsprechender Auffassung. So besonders in feiner sinnigen „Fischpredigi", seiner begeisterten „ersten Predigt". Das letztere, sowie die „Heilung des reuigen Sohnes, der die Mutter getreten und sich darob den Fuß abgehackt", sowie das Todtcnbild des Heiligen werden dieser Tage in den Nahmen des Altars gesetzt. Das letztere zeigt den im Tode Verklärten auf dem Todtcnbette, bei dem zwei betende Mönche die Nachtwache halten, während zwei Engel mit der abgcschicdenenen Seele wie in einer lichten Mandarin zum Himmel schweben. Es erscheint wie eine lyrisch-elegische Dichtung in Farben, voll religiöser Poesie und Weihe, wohl eine der kleinern und einfachsten Darstellungen, aber sicher eine der in sich vollendetsten und ansprechendsten, die Feuerstein geschaffen hat. — Zu bedauern ist, daß diese Perle, geschaffen mit Liebe und Begeisterung zur Erbauung und Erhebung eines christlichen Gemüthes, wie kaum ein zweites unter allen bis jetzt in der Annakirche angebrachten Kunstwerken, die zum Theil zu diesem passen wie die Faust auf's Auge, in der dämmerigen Nacht der Altarnifche einer an sich schon dunklen Kirche seinem eigentlichen Zwecke als christliche Kunstschöpfung fast gänzlich entzogen werden soll. — Auch die hl. Geistkirche in München erhält nun zu den bereits vorhandenen Glasgemälden nach den Cartons von Feuerstein „Die hl. Familie" und „Nosen- wunder der hl. Elisabeth" auch das Bild der „Verklärung der hl. Walburga". Diese drei im modificirten Zopfstil ausgeführten Gemälde sind von einem Schwünge der Komposition und ästhetisch feiner Zeichnung, welche sie in rein künstlerischer Beziehung noch über die Antoniusbilder erheben. Zum Schlüsse geben wir noch unserer — und vieler Anderer — Freude Ausdruck, daß Herr Feuerstein es über sich vermocht hat, den ehrenden Ruf zu einer Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künste endgiltig abzulehnen, um in München auch fürder verbleiben zu können. Festing. Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Fortsetzung.) L. R. Auch dem Papste Leo X. war der Eifer des Bischofs von Augsburg für die Erhaltung der katholischen Religion in seinem Bisthum nicht unbekannt geblieben. Am 25. Februar 1521 erhielt nämlich Christoph vom hl. Vater ein Schreiben, in welchem ihm derselbe „im Namen Gottes für seine unermüdete und kluge Verwendung dankte und ihn ermähnte, auch in Zukunft die Vertheidigung des katholischen Glaubens und des apostolischen Stuhles zu führen, denen, die zurückkehren, Verzeihung zu ertheilen, diejenigen aber, welche hartnäckig in der Bosheit verharrten, von der Gemeinde abzuschneiden, damit sie nicht durch ihre Ansteckung noch größeren Schaden verursachten. Dadurch werde er sich bei Gott Gnade, bei allen guten Menschen Ruhm und bet ihm Dank verdienen."^) In diesem Schreiben dürfte doch wohl kein in schönen Worten versteckter Tadel, keine Aufforderung an den Bischof zu größerem Eifer in der katholischen Sache, zu suchen sein, wie es geschehen ist?^) zumal wir ja gesehen haben, wie sehr er sich bisher die Bewahrung -») Braun, Eesch. d. Bisch. v. Aug§b. III. 210 f. Allgemeine deutsche Biographie. IV. 22-1 der Reinheit der katholischen Lehre halte angelegen sein lassen. Es ist dies Schreiben vielmehr eine dem Bischof vom Papste gezollte Anerkennung seines redlichen Bemühens, die Ausbreitung des Lutherthuws möglichst hintanzuhalten. Am 27. März desselben Jahres schickte der Papst an Stadion ein zweites Schreiben, in welchem er demselben seine besondere Zufriedenheit darüber ausdrückt, „daß es den Bischof schmerze, daß ein Prediger Luthers Irrthümer in feinem Dome predige und vertheidige, und daß der Bischof bereit sei, denselben zu bestrafen und zu entfernen".^) Der hier gemeinte Prediger ist Urbanus Nhegius, und so ist also dieses päpstliche Schreiben auch ein Beleg für die Behauptung Veiths, der Bischof habe dessen Dienste nur so lange gebraucht, säum in ortsiocloxa, kicks steint". In demselben Jahre (1521) fand auch der Reichstag zu Worms statt, auf welchem sich Luther über seine herausgegebenen Bücher und Schriften und über die darin enthaltenen Lehren vor dem Kaiser und vor den Fürsten Zu verantworten hatte.Auf diesem Reichstage erschien auch unser Bischof Christoph von Stadion. Er trat in der Sache Luthers mit Ruhe und Mäßigung auf und zeigte Scheu vor übereilten und rechtsverletzen- den Schritten. Als nämlich der Kaiser, aufgebracht über die Hartnäckigkeit Luthers, womit dieser seine Lehre vertheidigte, demselben bedeutete, er habe Worms zu verlassen, da war Christoph mit unter jener Commission, welche von Karl V. noch fünf Tage Aufschub erwirkte und unterdessen Luther zur Nachgiebigkeit zu bewegen suchte. Allerdings erreichte die Commission ihren Zweck nicht, und nach fünf Tagen mußte Luther Worms verlassen.^) Doch auch jetzt noch bestand Stadion mit dem Churfürsten von der Pfalz darauf, daß Luther Treue gehalten werden müsse und daß man ihm das versprochene Geleit nicht entziehen dürfet) welches er denn auch noch auf 21 Tage erhielt, aber unter der Bedingung, unterwegs weder zu predigen, noch das Volk zu versammeln oder Schriften zu veröffentlichen.^) Christoph äußerte sich auch, daß man Luther wenigstens anhören Müsse und ihn nicht so „obenhin" verdammen dürfet) Diese milde Stimmung Christophs gegen Luther zu Worms stimmt nun allerdings nicht ganz mit der Strenge, die er bisher gegen die neue Lehre gezeigt hatte, überein, und man muß auf die Vermuthung kommen, Luther habe auf ihn einen guten Eindruck gemacht. In dieser Meinung wird man noch bestärkt, wenn man bei No!h liest, daß der Bischof gerade unmittelbar nach seiner Rückkehr von Worms ungemein tolerant erschienen sei?o) Ebenso rühmt Eberlin von Günzburg in „Der frommen Pfaffen Trost" seine milde Gesinnung gegen die Lehrer heilsamer Schrift, gegen den christlichen Doktor Speiser, gegen die beiden edlen Bruder Adelmaun und einige Prediger der bischöflichen Stadt Dillingen.") Auch theilt Eberlin mit, der Bischof soll sich geäußert haben: „Ihm sei, wie ihm wolle, so sind die Lutherischen jedenfalls weniger sträflich in ihrem Wandel, als die andern, von denen viele Schlemmer -) Braun, III. 211. Jansscn, Gcsch. des deutschen Volkes. 2. Bd., S. 154. Gcsch. Karts V. von Hermann Banmgartcn (Stuttgart, 1885); 1. Bd., S. 473 f. — Jausten, Gescü. d. deutsch. Volkes. II. 165 f. — Heselc, Eoncilieiigcsch. IX. 238. oo) Zapi, Cbr. v. Stadien. Seite 26. --) Bcmmgartm. Kart V. I. 474. - Jansscn, II. 167. 0 °) Zapf, Ehr. v. Stadion. S. 26. o°) Rnvnuationsgesch. Augsburgs. S 83. ") „Johann Eberlin von Günzburg" von Max Nadlkofcr (Nördlingcn, 1887). S. 67. sind."") Des Bischofs Toleranz geht ferner aus folgender Stelle aus den „trostlosen Pfaffen" von Eberlin Herbor: „Wie ich selbst gesehen habe zu Dillingen in Wolf Hafens Haus, des Secretani Episcopi Augustensis, liest derselbe seinem Hausgesinde tagtäglich aus der Bibel vor."") Diese Zeugnisse bestätigen es allerdings, daß Christoph von Stadion aus Worms eine günstige Meinung über Luther nach Hause gebracht hat, jedoch kann man nicht behaupten, daß er etwas gethan Hütte, was auf eine protestantische Gesinnung schließen ließe; denn ein gegebenes Wort muß man auch dem Feinde gegenüber halten, und wenn er darauf drang, Luther anzuhören, so glaubte er eben, man könne eine Sache, über die man nicht auch den Gegner bis zu Ende gehört, nicht beurtheilen. Er that daher nur, was recht und billig war. Zudem war ihm daran gelegen, eine Einigung mit Luther herbeizuführen, damit sich die Gegensätze nicht noch mehr vergrößerten. Welches Verstauen übrigens Papst Hadrian IV. auf unfern Bischof setzte, bezeugt ein Schreiben an denselben vom 1. Dezember 1522; in demselben heißt es unter anderem: „Da Deine Fraternität, wie allgemein bekannt, vor vielen andern Prälaten und Fürsten unseres Deutschlands sieb muthig und eifrig den schädlichen, den so schön angelegten Weinberg des Herrn in unserm Vaterland so gräulich verwüstenden Füchsen, nämlich den neuen Jrrlehrcrn oder vielmehr den Erneuerern der alten und schon öfters von der Kirche verdammten Irrlehren, sich entgcgengestcmmt hat. so wollten wir nickt umer- lasscn, an sie besonders zn schreiben und sie wegen ihrer vortrefflichen Lugenden und ihrem brennenden Eifer für das Hans des Herrn und die heilige Religion zn rühmen; alSdaun sie zu ermähnen, daß sie dies heilige Unternehmen Mischen möge, sowie sie von sich selbst, von ibrcin Gewissen, ihrer Würde, Tugend und Geburt, und in Hinsicht auf die Ehre Gottes angespornt werden, mit Hilfe Gottes alles zn thun, alle Mühe und alles Ansehen bei deni Convent (nämlich aus dem Reichstage zu Nürnberg 1523) und ihren Freunden zu verwenden, damit die Sache GottcS nicht, wie bisher, ganz nachlässig, sondern, wie es die Wichtigkeit derselben erfordert, mit größtem Eiter und Fleiße einmal möchte behandelt werden, und die Fürsten aus diesem Convent unter sick solche Mittel ergreifen möchten, wodurch die lutherische Wuth, bevor sie die ganze Nation vergiftet, möchte eingedämmt und gänzlich vernichtet werden. Wird dieser innerliche Krieg, welchen die Mächte der Finsterniß mit unserer Nation nicht vermitteln körperlicher, sondern geistiger Waffen führen, gelegt sein, so wird man sodann viel leichter den gottlosen Angriffen der grausamen Türken widcrstebcn können. Weil unS auch ihre Klugheit, Bescheidenheit und Eifer bewußt ist, so ermähnen wir sie, uns alle ibr bekannt sein sollenden Anschläge, die lutherische Sekte aus deu Herzen unserer Deutschen herauszureißen, sobald möglich, schriftlich mittheilen zu wollen. Eure Fraternität werden durch dieß einen für ihre Würde und für die Religion ihrer Voreltern rühmlichen, uns und allen Christen sehr löblichen und angcuebmen Dienst leisten, und ihr eine Krone für den Himmel flechten."^) Würde eins Kunde von etwaigen protestantisch scheinenden Ansichten Christoph von Stadions nach Rom gedrungen sein, was jedenfalls auch geschehen wäre, wenn solche bei ihm zu Tags getreten wären, dann würde der Papst kaum einen Brief so voller Anerkennung und voll Vertrauens au ihn gerichtet haben. Der Bischof von Augsburg rechtfertigte aber auch das in ihn gesetzte Vertrauen, indem er sich auf dem Reichstag zu Nürnberg 1523 mit allen Kräften für die katholische Sache verwendete,") was sogar Zapf erwähnt,") wenn er ") Ebd. S. 67. Ebd. S. 63. — Roth, Nescrniatioiisgcsch. Augsburgs. Seite 89 f. So die Uebcrsetznng bei Braun. III. 215—217. ") Ebd. S. 217. ") Zapf, Chr. v. Stadion. S. 32. 52 auch an der Aufrichtigkeit dieser Gesinnung wegen des Verhaltens Christophs auf dem Reichstag zu Worms bezweifelt. Christophs Schuld war es sicherlich nicht, daß das Resultat dieses Reichstages nicht so günstig ausfiel, als es der Papst gehofft hatte. Unser Bischof konnte zwar trotz seines Religionseifers im Ganzen nicht viel ausrichten, er war aber bemüht, in seiner Diözese und vornehmlich in seiner Ka- rhedralstadt das entglimmende Feuer vor dem gänzlichen Ausbruch womöglich niederzuhalten.") Als sich z. B. im Jahre 1522 ein Karmelitermönch zu St. Anna in Augsburg erdreistete, die neue Lehre öffentlich von der Kanzel dem Volke vorzutragen, ließ ihm Christoph durch seine Vorgesetzten das Predigen verbieten; und obgleich der Magistrat dagegen Vorstellungen machte, blieb er doch bei seinem gerechten Entschluß") Als auch in Memmingen einige Neuerer offen aus der Kanzel Luthers Lehre zu verkünden wagten, da ermähnte Christoph in Güte und Milde, um richt etwa durch Härte abzustoßen, den Memminger Stadimagistrat, dies nicht zu dulden.") Das Schreiben, das er am 19. Juli 1523 nach Memmingen abgehen ließ, ist uns auch deßhalb interessant, weil er hier ein Urtheil über Luthers Lehre abgibt. ES heißt hier: „Wiewol der Luther und sein anhang anfangs von etlichen vcr kirchendicner mißpreuchen und andern» vil christenlicher vnd gueter leren geschrieben, so haben sy doch darunder so vil be- truglicheS giffteS eingemischt, daraus bisher kain besscrung oder inerung göitlichS lobs, sonnder nicht anders, dann hinlessigkeit, leichtvertiakcit vnd crgernus gegen Gott und der Welt erwachsen vnd groölich zu besorgen ist, wa Gott der Herr nit mit sondern gnaden sehen, das daraus nicht anders dann gantz vcrfiiren vnd verderben der seelcn, leib, crcn vnd gut erfolgen werden: dann so man nicht mcr »echten, beichten, bethen, mcsshörcn, die muetcr Cristi und ander lieb heiligen nicht mer in Gott cren vnd vmb ir fürbitt gegen Gott anruffen, sonder der menniglich nach seinem freyen willen vnd zu heben zeittcn die bisher verholten ipeiß nach sciin gcvallen vnd Wollust niesten vnd anders mcr thun soll vnd möcht, wie dann die Lutherischen gar vbel davon schreiben vnd leren, so würd dadurch nicht allein der gantz cristenlich glaub und gaistliche oberkeit vertrackt, sonnder auch dem weltlichen regiment aller gehorsam entzogen, zueletst groß Pluetvergießen daraus erwachsen vnd alles Wesen zu Nichten werden." Daran schließt sich dann noch eine ernstliche Mahnung an den Stadtmagistrat, er solle „im Gehorsam bleiben nnd auch die seinen darzu getreulich ziehen und weisen, und sonderlich bey denjencn, die so fälschliche, betrügliche, lutherische ler angenommen und andere darin» heimlich oder öffentlich zu unterweisen unterstanden haben oder noch thun würden, ernstlich fürkommen und abstellen und nicht länger zusehen.'"") Außerdem ordnete der Bischof für Memmingen Prozessionen an, was er zugleich auch an andern Orten seines Bisthums that?°) Aber so sehr sich Christoph auch bemühte, seine Gläubigen der wahren katholischen Religion treu zu erhalten, so hatte er doch wenig Erfolg. Der Rath von Memmingen schenkte zwar seinen Worten Gehör und suchte seinen Anordnungen nachzukommen, aber er verfuhr so milde gegen die Neuerer, daß dieselben nicht zum Schweigen gebracht wurden. Die Veits,, Libl. ^.UK. IV. 56: Inciclit episcogatug Obristoxbori nostri in eliktieillirna, tsmgora, guibus Imtksro sna ckoAinata Sparkonto, Esrmania uuiversa inunwerabilibus tnrbis Znotuabat. II is stiaw ckiooossin ^.ngaistanam, imo ipsam urbem LuZustain invackentibus xro otticii oxiscoxalis rationo totis viribus obstitit Lxiscoxus noster, non sins suo- cossu, attamsu non onmi, guein szwrarö ei iiouisset. ") Braun. III. 213. ") Ebd. S. 219. "1 Braun, Gesch. d. Bisch. v. Augsb. III. 219 ff. °") Friedrich Doblcr, „Memmingen im Resormations- zeitalter" (Augsburg, 1877). Erster Theil, S. 32. - Braun, Reformation faßte in dieser Stadt immer festeren Bodens) Unter großem Beifall predigte Christoph Schappeler, Bene- fiziat an der Pfarrkirche zu St. Martin, gegen Messe und Heiligenverehrung und schimpfte weidlich über die katholischen Geistlichen;^) als ihn der Bischof 1524 nach Dillingen beschick» und ihn, da er nicht erschienen war, mit dem Banne belegte, trat der Rath für ihn ein. Er schickte zweimal seine Mitglieder Hans Keller und Bernhard Strigel zum Bischof. Umsonst aber stellten sie demselben vor, eine Verfolgung Schappelers werde einen Aufstand der Memminger Bürgerschaft entfachen; der Bischof blieb fest und erwiderte, wenn die Gemeinde sich empöre, werde er und der schwäbische Bund sie gehorsam machen. Da sich Schappeler nicht beugte und in seinem Beginnen fortfuhr, so blieb Christoph nichts übrig, als über ihn den Kirchenbann auszusprechen. Am 27. Februar 1524 wurde die Bannurkunde an der Martinskirche angeschlagen; aber die Stimmung der Bürgerschaft war derart, daß der Rath nicht wagen durfte, die Urkunde hängen zu lassen. Er begnügte sich jedoch nicht damit, dieselbe abzunehmen, sondern stellte sich nunmehr offen auf die Seite der Reformatoren, indem er behauptete, man müsse dem Worte Gottes mehr anhangen als des Bischofs Drohungen; und damit leugnete er thatsächlich die bischöfliche Autorität.^) (Fortsetzung folgt.) Ein Künstler aus dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. (Schluß.) Einen Einblick in die Gesinnung seines Herzens eröffnet uns der Künstler durch die Stiftung, die er 1692 zu Gunsten feines Heimathdorfes Kammer machte. In der Fremde ist ihm wohl der Werth eines geordneten Unterrichtes der Kinder recht vor die Seele getreten, denn er sandte 1000 Gulden — eine sehr hohe Summe für jene Zeit — an die Pfarrei Otting, damit, wie es im Stiftungsbriefe heißt, „die Jugend auf ewige Weltzeiten sowohl im Lesen, Schreiben und Rechnen, als auch anderen guten Sitten und christkatholischen Lehrstücken durch taugliche Schulhalter emsig unterwiesen werden solle". Von den Zinsen des Stiftungskapitals werden jetzt für arme Kinder Bücher und Schuhe angekauft. Im Klassenzimmer des Schnlhauses von Kammer hängt das in Oel gemalte Brustbild Balthasars/o) das 1840 auf Veranlassung und Kosten des Herrn Gerichts- arztes Dr. Hell von Traunstein renovirt wurde.o°) Es stellt den Künstler im Alter von ungefähr 55 Jahren dar. Die kleine, gewöhnliche Nase, die wulstigen Lippen, "') Doblcr, I. Thl., S. 32 ff. "") „Derselbe nannte seine geistlichen Gegner sogar auf der Kanzel elende, gottlose Pfaffen, Mistfinken, Kücken- nnd Suppen- prediger, nnd lobte Gott, daß die Laien beiderlei Geschlecktes gelehrter seien denn die Pfaffen und das Wort Gottes besser verkündigen könnten; kein Pfaff wisse, was Evangelium auf Deutsch heiße" (Dr. Franz Ludwig Banmann, Geschichte des Allgäuö fKempten. 1890) III. Bd.. S. 16). "") Ebd. S. 311. — Doblcr, Memmingen im Neform.- Zeitallcr. I. 39-41. "") G. Müller hält das Bild für Selbstportrait; die Annahme ist unbewiesen. °°) Vcrgl- den von -j- Benefiziat Bückele in Traunstein auf Grund der Neuen Bibliothek rc., der Hagedorn'schen Lelairoisso- inonts bist. und der Küustlerlexika von LipowSky und Nagler verfaßten Aufsatz über P. im Traunsteiner Wockenblatt 1856 Nr. 22 u. 23, den Verfasser vorliegenden Aufsatzes von Herrn LandgerichtSdircktor Otto Mahr in Traunstein zur Einsicht erhielt. 53 die stark gerötheten Wangen und die zusammengekniffenen Augenbrauen würden ihn unschön erscheinen lassen, wenn nicht das feurige, offene Auge, das reich wallende, an der Stirn ergraute Haar und der noch schwarze, volle Bart sein Aeußeres heben würden. Das Geburtshaus des Künstlers, „beim Nömayer oder Neumayer« (so hieß es noch 1856), heißt jetzt „beim Emmer" und ist nördlich von der Kirche, rechts zurückgelegen, das letzte Bauernhaus vor dem Gasthause des Dorfes. Balthasar, so hieß ihn gewöhnlich die Mitwelt/') starb in Dresden den 18. (?) Februar^) 1732 im Alter von 80 Jahren und 6 Monaten und wurde am 22. Februar auf dem Friedrichstädter Gottesacker im „Freudhof der Königin"^) begraben, dem Friedhofe, wo auch Karl Maria von Weber und Friedrich von Schlegel später zur Ruhe gebettet wurden. Ein Dresdener Ge- legcnheitspoet, Johann Gottlieb Kittel (Mikrander), fertigte bei Permosers Tod folgende als Grabschrift gedachte Zeilen: „Laltbssar liegt allhier, der kluge Bild Arbeiter, „Der dem Praxiteles und kbiäias nicht wich. „Sein Nahm ist weit berühmt, drumb brauchet er nichts weiter „AIS diesen Leichenstein zum Dcnckmahl über sich. „Denn wolle man Ihm gleich ein kostbahr Grabmahl bauen „So reißt es doch die Zeit durch Wind und Wetter ein, „Ein edles Marmorbild daß seine Hand gehauen, „Ist von ihm selbsten schon sein bester Grabe Stein." Die Verse mögen selbst jener anspruchslosen Zeit zu ärmlich erschienen sein, denn auf dem Monumente steht eine andere Grabschrift, welche lautet: Herr Laltlrasar Lsrmossr, ist gebohren zu Cammer, in Bayern 1650 d. 1 ^ug-usti: gestorben in Drcßde d. 20 Febr. 1732 Ruhet hier am Fuß des Creutzes welches er gebildet hat, seines Alters 81 Jahr 7 Mon. Diesen Meister in Bildhaucn kann nicht jeder sich getrauen gleich zu kommen an Ähnlichkeit, an Stellung, Stärke, Feinigkeit. Er gab alles dock kein Leben, das nur 607"1' kein Mensch kann geben. Seine Hand macht theur Marmlstcin, Wachs. Holt;, Metal u. Helfendem. Lebt jetzt mit 60VL durch sein Tugend die er liebte von der Jugend. Hier wird allzeit leben in Gunst und Hochachtung seine Kunst. Seinen verstorbenen Vetter zu Danck und Gedachtnüß hat dieses in Nahmen der Frenndschafft geschrieben ist. LI. Permosers Schüler.^) Die Buchstaben LI. N. bedeuten Michael Moscr, den Vetter, Schüler und Erben Balthasars. Er war geboren am 26. September 1698 als Sohn des Meisl- bauern von Selberting, Georg Moser, und seiner Ehefrau Barbara, geborenen Archer. Balthasar hatte ihn wie an Kindesstatt zu sich genommen, ihm die Bildhauerei gelehrt und fremde Sprachen lernen lassen. Zum eigentlichen Berufe wählte Moser das Gold- und Silberschmiedehandwerk, wobei ihm die Kenntnisse und Fertigkeiten, die er bei Permoser im Zeichnen, Modelltren und Elfenbeinschnitzen erworben hatte, trefflich zu statten kamen. Er ging — wahrscheinlich nach dem Tode seines väterlichen Freundes — nach England und erlangte dort °') »II 68t plus connu 80N8 son now äs Lateins.- Ilass- äorn, Lelairoisseinsnts bist. 333. Vergl. die Angabe der Grabschrift! Müller l. o. 15. °b) Maria Joseph« hatt- ihn für ihre katholische Hofdicner- schaft anlegen lassen. °') Vergl. Gustav Müller !. o. S. 21, 26, 13. großen Ruf als einer der besten Gold- und SilberschMkebe, Emailleure und Juwelenfaffer. Auch wurde er Haupt- lehrer an der von James Thornhill errichteten, von dessen Schwiegersohn William Hogarth fortgeführten Malerakademie. Bei Stiftung der Königlichen Akademie 1768 wurde er von König Georg III. zum Mitglied derselben ernannt. 1719 oder 50 stiftete Michael Moser seinem Vetter und Lehrer und dessen Base Elisabeth eine Jahrmesse in der Filialkirche zu Kammer und für sich selbst einen Jahrtag. Ort und Zeit seines Todes sind unbestimmt: er soll 1773 gestorben sein, wahrscheinlich in London. Ein drittes Glied dieser künstlerisch angelegten Bauernfamilie steht in den Blättern der Kunstgeschichte verzeichnet: die Tochter des Michael Moser, Maria Moser. Sie war eine vorzügliche Blumenmalerin und stand bei Hofe in großer Gunst. Von ihrem Talente zeugt die Thatsache, daß Marie Moser und Angelika Kausfmann die einzigen weiblichen Mitglieder blieben, die in den Listen der Königlichen Akademie in London aufgeführt sind. Marie Moser soll 1789 gestorben sein. Außer Michael Moser werden noch 5 Schüler Permosers genannt: Paul Heermann aus Weikmannsdorf bei Freiberg, Valentin Schwarzenberger aus Leipzig, Alfanz aus Wien, Paul Egell aus Mannheim und Louis Franaois Roubillac aus Lyon. Von Paul Heermann weist G. Müller nach, daß er kein Schüler Permosers war. Die Arbeiten Schwarzenbergers scheinen ganz, die von Alfanz zum größeren Theil verschollen zu sein. Paul Egell, geboren 1691, gestorben 10. Januar 1752, ließ sich dauernd im Pfalzbayerischen Mannheim nieder und lieferte für Kurfürst Karl Theodor eine Anzahl Statuen in den Garten von Schwetzingen. Ein schönes Grabmal von seiner Hand soll in Durlach sein. Der bedeutendste Schüler Balthasars war L. F. Noubillac, geboren um 1690, gest. 11. Januar 1762 in London. 1720 war er nach England gegangen, und hier schuf er eine große Zahl Denkmäler berühmter Persönlichkeiten für englische Kirchen. Seine Werke sind in der ausschweifendsten Manier des von ihm hochverehrten Bernini ausgeführt. Westminster Abbey bewahrt 7 große Arbeiten seiner Hand, darunter seine letzte: das Bild des Componisten Händel. Eine Statue Händels für den Londoner Vergnügungsplatz Vauxhall Garden war auch seine erste Arbeit auf englischem Boden gewesen und hatte seinen Ruf begründet. AIs Gehilfe "Permosers ist urkundlich beglaubigt Bildhauer Benjamin Thomae von Pesterwitz bei Planen (1682—1751). Auf Bitte und Empfehlung des mit königlichen Auftrügen überhäuften, alternden Meisters bewilligte König August unterm 21. Juli 1712, daß Benjamin Thomae mit einem festen Gehalt von 200 Thaler als Mitarbeiter Permosers in seinen Hofarbeiten bestellt werde. Die deutschen Kolonien in Sndrnßlnnd. Von I. E. Biller. Bis kurze Zeit vor meiner Abreise hatte ich kaum eine Ahnung, daß es im Süden von Rußland deutsche Ansiedlungen gebe, deren Bewohner trotz russischer Unter- thanenschast deutsche Sprache und deutsche Sitte so rein bewahrt haben. Man fühlt sich dort gleichsam in ein anderes Land versetzt, das die Heimath nur wenig vermissen läßt. Ja das Deutschthnm hat sich mit der Zeit 54 so stark entwickelt, daß die Russen schon die völlige Ger- ruanisirung des Südens befürchteten und darum auch bereits zv. russifiziren begannen. Und hier in Deutschland hat man nur spärliche Kunde von jenen Lands- lenten an den fernen Gestaden des Pontus, die immer noch mit Achtung und Liebe auf ihr ehemaliges Vaterland blicken. Es ist darum nur ein Akt landsmiinnischer Pietät, wenn ich darangehe, etwas Weniges über jenes Klein-Deutschland und die bestehenden Verhältnisse zu erzählen und so das öffentliche Interesse wieder einigermaßen auf sie hinzulenken. Die ersten Einwanderungen der Deutschen datiren schon aus dem Jahre 1763. Czar Peter der Große hatte, um auch im Süden das Meer zu gewinnen, fast beständigen Krieg gegen die dort ansässigen Türken und Tataren unterhalten, und es war ihm auch wirklich gelungen, das ganze südliche Steppengebiet am Schwarzen Meere zu erobern. Diese weiten, aber öden Lündereien wollte nun seine Nachfolgerin, die Kaiserin Katharina II., bevölkern und fruchtbar machen. In eigenen Manifesten lud sie zur Kolonisirung ein und versprach besonders den Deutschen große Privilegien und Vorrechte für den Fall dauernder Niederlassung. Noch im Jahre 1763 folgten Tausende von Deutschen dem Rufe der Kaiserin, und Negensburg wurde der Sammelpunkt für alle Auswanderer aus Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß, Tirol und der Schweiz. Die große Reise ging nun über Preußen nach Nordrußland, von wo sie erst im nächsten Jahre nach dem Süden weiter befördert wurden, entweder in die Wolgadistrikte — jetziges samarischeS Gouvernement — oder an die Ufer des Schwarzen und Asowschen Meeres, wo sie in dem sogenannten Neu-Nußland jetzt drei Gouvernements einnehmen: Cherson, Taurien und Jekaterinoslaw. Später wurde die Zahl der deutschen Ansiedler durch neue Zuzüge noch bedeutend vermehrt, da infolge der herrschenden religiösen Wirren manche in Deutschland zur Auswanderung sich veranlaßt sahen, so daß jetzt die deutschen Kolonien eine bunte Musterkarte von Volks- siammen und Konfessionen auszuweisen haben. Die Bedingungen, unter welchen die Deutschen in Rußland sich ansiedelten, waren, wenigstens von Seite der Regierung, sehr gute. Jeder der Kolonisten bekam 60 Deßjatin (L 3 Tagwerk) Boden zum Eigenthum, sowie den für den Anfang nöthigen Bedarf an Vieh und Fahrniß, und außerdem waren sie 10 Jahre lang von jeder Steuer frei. Die Privilegien aber, die ihnen ursprünglich verliehen worden waren, wurden leider noch während der Negierungszeit der Kaiserin Katharina wegen der Eifersucht der Russen zum großen Theile aufgehoben, so daß jetzt nicht mehr allzu viele davon in Geltung sind. Die Gegend, welche den Kolonisten zur neuen Heimath werden sollte, war freilich nichts weniger als einladend. Man stelle sich eine unendlich weite, wald- nnd wasserlose, etwas wellenförmige Ebene vor, welche mancherorts von eigenthümlichen Erdriffen, von den Ansiedlern „Ritsch" oder „Balken" genannt, durchzogen wird, und man wird ein ziemlich richtiges Bild jener südrnssischen Steppen gewonnen haben. Höchstens könnte man noch die eigenthümlichen, etwa einen Schuh hohen und 4—5 Schuh im Durchmesser haltenden, kreisrunden Hügelchen erwähnen, die man ziemlich zahlreich in der noch ursprünglichen Steppe findet, und für deren Vorhandensein die verschiedensten Vermuthungen bestehen. Gerade mit Hinweis auf diese sonderbaren Hügelchen fragte mich ein kleines Kolonistenmädchen, — eine sehr bezeichnende Illustration für die Einförmigkeit der Ebene — „ob es in Deutschland auch so hohe Bergs gebe". Im Frühjahr tritt regelmäßig die Regenzeit ein, und zwar mit einer Heftigkeit, die nur den Tropengegenden nachsteht, indem es 4—5 Wochen nach einander fast täglich regnet. Die Wege, denen jede Steinunterlage oder Beschotterung vollständig fehlt, bilden während dieser Zeit nur eine schwarze, schlammige Masse, die den Verkehr fast zur Unmöglichkeit macht. Der Pflanzen- wuchs der Steppe wird aber durch den Regen außerordentlich gefördert, und im Anfange des Sommers ist das Gras so hoch und so üppig, daß stellenweise sogar ein Reiter darin völlig verschwinden kann. Das Klima kann man im allgemeinen nicht anders als extrem nennen. Der Hochsommer ist gewöhnlich vollständig regcnlos und bringt eine solche Hitze, daß alle Vegetation auf der Steppe nach und nach völlig verdorrt, was den Reiz der Gegend wahrhaft nicht erhöht. Im Winter fegen eisige Schncestürme über die kahlen Flächen dahin, so daß 2- und 3fache Pelze vor Kälte oft kaum zu schützen vermögen. Und wehe dann dem Fuhrmann, der bei solchem Unwetter die Wege nicht genan kennt! Er kann Tage lang herumirren müssen, und auch Beispiele mit noch traurigerem Allsgange sind nicht selten. Trotz der nicht besonders günstigen örtlichen und klimatischen Verhältnisse und trotz der Schwierigkeiten und Entbehrungen, die man im Anfange so reichlich durchzukosten hatte, haben die Deutschen sich mit der Zeit einzurichten verstanden. Als ich auf meiner Reise durch verschiedene Russendörfer kam und hier sah, wie die armen Leute in kleinen, elenden Lehmhütten wohnen, die, fast regellos auf die glühende Steppe hingestellt, auch nicht eine Spur von Bequemlichkeit ausweisen, da fürchtete ich bereits, es möchte dieser Typus auch für die deutschen Dörfer maßgebend sein. Doch wie war ich angenehm enttäuscht, als ich die erste deutsche Niederlassung zu sehen bekam! Ein kleiner Wald tauchte vor meinen Blicken auf, und neben dem Wald ein Dorf, genau so lang wie der Wald selbst, so behaglich und so einladend, so nett und so reinlich, daß ich mir unwillkürlich sagen mußte: Mit solchen Dörfern braucht sich Deutschland nicht zu schämen. Man denke sich eine circa 33 rn breite und etwa 1600—1800 ra lange, schnurgerade Dorsstraße, rechts und links von Bäumen begrenzt, hinter welchen inmitten wohlgcpflegter Blumcngärtchen die Wohnhäuser sichtbar werden. Jeder Hof hat einen eigenen Eingang von der Straße her; das Hans ist auf 2 oder 3 Seiten von Obst- und anderen Bäumen dicht umgeben, die besonders gegen die Straße hin das Haus fast völlig verdecken. Dieses selbst ist aus Ziegelsteinen sehr massiv und zweckmäßig aufgeführt und besteht regelmäßig nur aus einem Erdgeschoß; „denn warum", so wurde mir auf meine diesbezügliche Frage geantwortet, „warum sollen wir in die Höhe bauen, wenn uns auf dem Boden Platz genug znr Verfügung steht". Und bei der hier gewöhnlich herrschenden großen Sommerhitze hat diese Banart auch ihre unleugbaren Vorzüge. In Bezug auf Eiutheilung der Räumlichkeiten ist fast ein Hans gebaut wie das andere, und der Salon, der nirgends fehlt, bildet gleichsam den Mittelpunkt des Ganzen. Einen sehr netten Anblick gewährt es, daß an fast 65 allen Häusern das Mauer- und Holzwerk Mit den buntesten Farben bemalt ist. Es mag das freilich etwas von den Nüssen herübergenommenes sein, doch das zeigt nur von dem praktischen Sinn der Kolonisten, die das Gute nehmen, wo sie es finden. Ein untrügliches Kennzeichen für die deutschen Dörfer ist, wie bereits erwähnt, das Vorhandensein eines Waldes; denn nirgends in der ganzen Steppengegend findet man einen solchen, als nur bei den deutschen Dörfern. Zwar ist er nicht groß, enthält nur Laubbäume, ist meist auch nicht gut gepflegt, besonders jetzt, da die deutsche Verwaltung aufgehoben ist: aber trotz alledem, er verleiht den deutschen Ansiedelungen in diesen Gegenden einen eigenen Reiz, und mir speziell erschien er immer als ein deutlicher Beweis von der unverfälscht deutschen Ge- sinnungsart der Kolonisten. Eine besondere Ueberraschung für den deutschen Reisenden liegt auch in den echt deutschen Namen, welche die Dörfer führen. Oder muß es nicht eigenthümlich wirken, wenn man mitten in Rußland plötzlich Ortschaften trifft wie: München, Leipzig, Landau, Bergthal, Ludwigsthal, Eichwald, Darmstadt, Lustdorf, Neukirchen, Marien- thal u. s. w.? Allerdings hat die Regierung jetzt russische Namen eingeführt und duldet im amtlichen Verkehr auch nur diese; aber die Deutschen unter sich gebrauchen immer nur die deutschen Namen, wie sie es von jeher gewohnt sind. Im Mariupoler Kreis, um auch diese Eigenheit zu erwähnen, werden die deutschen Dörfer meist nur nach Nummern bezeichnet, was sich für den ersten Augenblick recht sonderbar ausnimmt; doch daneben bestehen auch die deutschen Namen immer noch fort. Die Angehörigen der einzelnen deutschen Volksstämme — und fast alle sind hier vertreten, wie schon früher erwähnt wurde — wohnen regelmäßig in eigenen Dörfern beisammen. So ist es auch erklärlich, daß die einzelnen Dialekte sich in wunderbarer Reinheit fortgeerbt haben. Fast verblüffend wirkt es da, wenn man plötzlich von einem biederen Schwaben in seiner gemüthlichen Mundart angeredet wird, oder wenn man auf einmal einen Ostpreußen neben sich in dem breitesten Plattdeutsch seine Gedanken äußern hört. Neben vielen Russen- und Griechendörfern finden sich in der nächsten Umgegend der Kolonien auch mehrere Judendörfer. Ich erwähne dies darum, weil hier die Juden allgemein deutsch sprechen. Es ist das sogar ihre Geschäftssprache. Doch sprechen sie es mit jenem eigenthümlichen, spezifisch jüdischen Accrnt, den man in Deutschland fast nur mehr auf einer Lustspiclbühne zu hören bekommt. Ueberdies haben sie auch noch verschiedene andere Wörter, wie hebräische, russische u. s. w., aufgenommen, so daß es einem Deutschen außerordentlich schwer wird, sie zu verstehen. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. klnAiZtor dioralis. Theoretisch-praktische Anweisung zum Verständniß und Vertrag deß authentischen römischen Choralgesangeö, bearbeitet von Fr. T. Hadert. Elfte vermehrte und verbesserte Auflage. 1896, Rcgensburg, Pustet. Preis 1 M. 40 Ps. IV. Ein Buch, das innerhalb vcrhältnißmäßig kurzer Zeit V>e elfte Auflage erreicht bat und überdies; in das Englische, Französische, Italienische, Ungarische, Polnische und Spanische übersetzt worden ist, braucht keine Empfehlung, sondern nur eine Anzeige. Wissenschaft und Praxis haben längst ibr empfehlendes Urtheil gebrochen. Das ist beim lllagislar clloraUs der Fall. Man kann fast sagen: wo in der katholischen Welt ein Sänger- chor das 6raclnals Lomannm in der einen Hand hat, so hat er in der anderen den IlaZIstsr eboralis. Doch nun, wo eine neue Auflage in die Öffentlichkeit eingeführt werden soll, geziemt cS sich aufmerksam zu machen, daß in jedem Paragrapbe mannigfache Verbesserungen, nützliche Zusätze und zwcckoienliche neue Bemerkungen, welche sich auf geschichtliche, archäologische und liturgische Materien beziehen, eingefügt worden sind. Außerdem, wer sich seit ein paar Dezennien mit der Choral-Frage beschäftigt hat, weiß, wie schroff sich Wissenschaft und Amorität. Archäologie und Praxis, oicutuZ 8. EreZorii und cantns g-ro- Avrianns, die alten Nenmen-Locliees und die Lloäieaoa gegenüberstanden. Durch das päpstliche Brcve vom 7. Juli 1894 ist nunmebr die Frage im Sinne der Autorität und der liturgischen Einheit entschieden. Ueber alle diese Streitigkeiten bekommt der Leser des lllaAister oboralia authentische Aufschlüsse. Das Buch sei hicmit aus'» Beste empfohlen. Jesus Cbristns. Von ?. Didou, ans dem Predigerorden- Jllustrirte Prachtausgabe. Rcgensburg, 1895, Nationale Verlagsanstalt. Lieferung 5—10, ä M. 1.—. K Mit der 10. Lieferung liegt die neue Prachtausgabe des Didon'schcn Merkes vollendet vor. Wie die ersteren, sind auch die jetzigen Lieferungen ausgestattet mil künstlerisch ausgeführten Holzschnitten nach Gemälden der berühmtesten Meister (z. B. Rubens, Bernardino Lnino); auch enthalten sie ganz neue Ansichten aus dem heiligen Lande nach Originalaufnahmen der V?. Franziskaner in Jerusalem, sowie das Portrait des U. l?. Didon selber. Dem Inhalte nach stimmt die neue Ausgabe ganz mit der ersten. Verbesserungen fanden nur statt in Bezug auf den sprachlichen Ausdruck. Ü. Didon schreibt für Leser, deren Seele durch die großartige Gestalt des Gottmenschen gespeist sein will. Zwar verräth dem Kenner jede Seite die gründlichsten Studien; aber dennoch wendet sich der Verfasser nicht an solche, welche nicht anders als mit dem Sczicrmcsser der Kritik in der Hand ein Werk lesen. Der fromme und gelehrte Sohn des hl. DcminikuS glaubt nicht nur lebendigen Herzens an Jesum Ehristnm; er ist auch ganz innig davon durchdrungen, daß allein der mcnschgewordene Gottessohn, seine Persönlichkeit und Lehre das einzige Heilmittel ist für alle sittlichen, religiösen und socialen Schäden unserer Zeit. Die Uebersctzung ist des Originales durchaus würdig. — Papst Leo XIII. beehrte den Verfasser mit eigenem Anerkennungsschreiben. Den gebildeten christlichen Kreisen kann das Werk nicht warm genug empfohlen werden. Original-Einbanddcckcn sind von der Vcrlcigshandlnng zu beziehen. Die Wahrheit. Herausgeber: Philipp Wasserburg. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats. 30. Jahrgang. Verlag von .Rudolf Abt, München. Druck von H. Mühlberger in Augsburg. * Diese Zeitschrift ist die Fortsetzung dcS bisherigen „Kath. Bewegung", bietet aber in Ausstattung und Redaction ein ganz neues und, wie man sagen darf, sehr einnehmendes Bild. Der AboiinciuentSpreis ist per Jahr (24 Hefte) auf 8 M. gestellt (Einzclbefte kosten 50 Ps.). Es liegen bisher 3 Hefte vor, welche eine Reihe von meist recht interessanten Aufsätzen bieten. Dieselben stammen aus sehr tüchtigen Federn, und ist es ein besonderer Vorzug, daß in der Regel jeder Aufsatz ein in sich geschlossenes Ganze bietet. Wir erwähnen folgende: Der Meineid des hl. Jgncttins. Von Bernhard Dnhr. — Die christlichen Prinzipien in der agrarischen Bewegung. Don Dr. Gnst. Rnh- land. — Politik oder praküsche Arbeit? Von Dr. G. Heim. — Oeffemlichcs Arbeitsrecht und Lohnvertrag. Von l>r. G. Natzinger. — Christi. Heiligcnverehrnng und moderner Herocn- kult. — Die christl.-soc. Bewegung in Oesterreich. Von Trabcrt. — Die Erhöhung der Getrcideprcise und die Commnnatisirunz der Brodbäckerei. Von Frhrn. v. Weichs. — Cardinal Melchcrs v. — Unfruchtbarkeit der modernen Wissenschaft. — Die christl. Principien und der Bund der Landwirthe. Von vr. Pichlcr. Die Zchngcbote der Wasserkur. Verlag der Paradies- Druckerei und VcrlagScinstalt Passau. Preis 40 Pf^ geb. 80 Pf. * Dieses anläßlich der 5. Generalversammlung der Kneipp- vereinc im Auftrag mehrerer Vorstände von A. Colling, Vorsitzender dcS Kncipp-Vcrcins Passan, verfaßte Büchlein enthält zahlreiche Beweise für die Nolbwcndigkeit einer naturgemäßen Lebensweise und für die Wirksamkeit des Wasscrs auf den Organismus, so daß der Leser anS den in tO Abschnitten enthaltenen mehr als 400 Punkten großen Nutzen ziehen wird. 56 H: Religiöse Bilder. Gegenüber den noch immer stark verbreiteten durchaus unwürdigen Darstellungen von Heiligenbildern machen wir aufmerksam auf die wahrbaft schönen und erbaulichen Bilder auö dem photographisch- religiösen Kunstverlag Franz Böham, München, Landwehrstraße 32. Dieselben sind hergestellt in photo- graphischem Drucke nach Oelaemäldcn und Cartons der berühmtesten Meister neuerer Zeit. Die Sammlung umfaßt 240 Nummern, welche alle zu haben sind in Visit-, Cabinet- und Quart-Format, 80 Nummern auch in Großfolio. Neu erschienen sind 4, bei schöner Ausführung sehr preiswerthe, Serien ausgaben in Visit. Die Bilder der deutschen Ausgabe sind auf der Rückseite mit sinnreichen Gedichten von der rühmlichst bekannten Dichterin CordulaPeregrina versehen, wodurch dieselben unstreitig an Werth gewinnen. Muster von sämmtlichen Artikeln sowie Cataloge stehen auf Verlangen stets gratis und franko zu Diensten. Eine neue Art von Strahlen. Von Dr. W. Röntgen. Verlag der Stahel'schen VerlagShantlung in Würzburg. Preis 60 Pf. * Diese Broschüre enthält aus den Sitzungsberichten der Würzburger Physikalisch-medizinischen Gesellschaft den als vorläufige Mittheilung bezeichneten Vortrug Röntgcns über seine lyerkwürdige Entdeckung. Anleitung zur Ertheilung des Erstbcicht-Ilnter- richtes. Herausgegeben zum Besten deö Cassianeum in Donauwörth von Gg. Fröhlich. 3. Ausl. Douauwörth, Verlag von L. Aller. Preis 80 Ps. Unterricht für die Erstbeichtenden. Von Bcncfiziat Fröhlich in Schongau. 4. Anst. Preis 10 Ps. Verlag von L. Auer, Donauwörth. 2 Bei herannahender Osterzeit machen wir auf diese Schriften aufmerksam, deren wiederholte Auflage für ihre vielseitig anerkannte Brauchbarkeit spricht. Der Knnstge werbe-Gehilfe. (Organ der Vereinigung deutscher Knustgewerbegehilfen aller Branchen.) Verlag von E. Grobmann, Stuttgart. Preis Viertels. M. 2,5V. * Diese prächtig ausgestattete Zeitschrift erscheint in 20 Nummern jährlich und ist, abgesehen von ihrer Eigenschaft als Verbandsorgan, eine wahre Schatzkammer für Belehrung der Kunst- gcwerke-Jünger in allen Branchen, geboten in zahlreichen Aufsätzen hervorragender Autoren und bildlichen Mustern. Kirchcnmusilalische Vierteljahrsschrift. Herausgegeben vom Salzburger Diöcesan-Cäcilienverciu. Salzburg, Verlag von M. Mittermüiler. Heft 3 u. 4 des X. Jahrg. enthalten: Das liturgische Hochamt. (Forts.) — Ueber Gesangsschulen. (Forts.) — Zur Geschichte der musikalischen Notation. — Autoritative Stimmen Über Kirchenmusik. — Recensionen. — Notizen. OesterreichischcsLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschast in Wien, redigirt von Dr. Franz Schnüren. (Administration: Wien I.. Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 1 u. A.: Stöckl Albert, Lehrbuch der Apologetik. (Uuiv.-Prof. Dr. Gg. Rein hold, Wien.) (1.) — Knabcn- baucr I., Oommsntarius in svauA'ellum seo- Imcam. (Lhcol.- Prof. Dr. Jos. Schindler, Lcitmeritz.) (3.) — Cornill K. H., Der israelitische Prophctismus. (Univ.-Prof. Dr. Bh. Schäfer, Wien.) (4.) — Filkuka L., Die metaphysischen Grundlagen der Ethik bei Aristoteles. (Dr. O. Willmann, Pros. an der deutschen Universität Prag.) (6.) — Caspari Q, H. Lotze und die philosophische Aufgabe der Gegenwart. (Univ. Dr. C. Braig, Frciburg i. Br.) (7.) — Barras Paul, Memoiren, herausgegeben von Gg. Duruy. Bd. I, II. (Geb.-Nath Jos. Fuhr. v. Heifert, Wien.) (8.) — Die Jahrbücher der Jesuiten zu Schletistadt und Rufach 1615—1765. I. Herausgegeben von I. GSny. (Univ.-Prof. Dr. Jos. Hirn, Innsbruck.) (10.) — Geiger W. und E. Kühn, Grundriß der iranischen Philologie., .1, 1. (Univ.-Prof. Dr. I. Kirste, Eraz,)(11.) — Weise O., Unsere Muttersprache. (Univ.-Prof. Dr. I. E. Wackcrncll, Innsbruck.) (13.) — Erzgraeber Gg., Elemente der histor. Laut- und Formenlehre des Französischen. (Dr. I. u. Jarnik, Nrof. an der böhm. Univers. Prag.) (14.) — Hi llenbrand H., Erinnerungen aus meiner Nomfahrt. (Univ.-Prof. Dr. L. Pastor, Innsbruck.) (19.) — Wach Adf., Die Mündlichkcit im österreichischen Civilprozeß- Entwurf. (UniversitätS-Prof. Dr. E. Schrutka Edler von Nechtenstamm, Wien.) (21.) — Lombroso C., Die Anarchisten, eine crimiualpsychologische und sociologische Studie. (Univ.-Prof. Dr. Heinr. Lammasch, Wien.) (20.) — Tyn- dall I., Das Licht. (Uuiv.-Prof. Dr. I. M. Pernter, Innsbruck.) (23.) _ Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 2. Heftes 1896: Wie hat der katholische Klerus den modernen Zeitläuften gegenüber seine «Stellung aufzufassen? — Die Streitfrage über die Natur des Thierlebens und seines Prinzips. — Die theologische Literatur der griechischen Kirche rc. — Eine brüderliche Kirchenvisitation. — Die kirchlichen Vorschriften bezüglich der „Jabrtage" (Anniversarien). — Warum und wie soll der kathol. Kanzelredner die heil. Schrift studircn? — Eine Schwierigkeit bei Beurtheilung der Heb- ammeutaufe. — Wie oft sollen OrvcnSfrauen kommnniziren? — Darf das illegitime Kind einer protestantischen Mutter auf deren Verlangen katholisch getauft werden? — Kirchenparamente in einer ConcnrSmasse. — Aussetzung des Allcrbciligstcn im Cibcrium. — BeaLtenswertbe Kleinigkeiten. —" Neueste Entscheidungen der römischen Congrcgationen. — Novitätcuschau. Das heilige Land. Organ des Deutschen Vereins voin hl. Land. Neue Folge, 1. Jahrg., Heft 2: Cardinal Melcbers (Nekrolog). Vereinsmittbeilungen und Geschäftliches. Verehrung des HI. Stephanns in Jerusalem. Wört's Nciscbiichcr für den Orient. Der Berg S.on und die Stadt Davids. Topographie Jerusalems von Gucrin. ?. Knabcnbaucr über Emmaus. Die neuesten Ausgrabungen in Jerusalem u. s. w. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr. Fr. Umlauft. XVIII. Jahrg. 1896. (A. Hartlcben'S Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte zu 85 Pf.) Auch das eben erschienene fünfte Heft zeichnet sich durch einen reichen, interessanten Inhalt aus, den wir hier im Aus- zuge wiedergeben: Die AlandS-Jnseln. Von Anton Weis. (Mit 1 Karte und 3 Illustrationen.) — Neueste Polarreisen. Von Dr. Gustav von Hayck. (Schluß.) — Eine Woche in Ceylon. Von Direktor Dr. Gustav Radde in Tislis. (Forts.) — Simony's Dachsteinwcrk. (Mit 2 Illustrationen.) — Die Kometen des Jahres 1895. — Die cotonisatorische Bedeutung der sibirischen Eisenbahn. Das französische Guiana. — Berühmte Geographen Naturforscher u. Reisende. Mit 1 Porträt: Pros. Gust. Fritsch — Kartenbcilage: AlandS-Jnseln. Maßstab 1:400,000. Katechetische Blätter. Zeitschrift für Neligionslehrer Zugleich Correspoudenzblatt des Canisius-Kaiccheten- Vcrcins. HerauSgcgcben n. redigiert von Pfarrer Frz Walk, Bcnefiziat zu GaimerShcim (Obcrbayeru) Kenipccn, Verlag der Jos. Köscl'schen Buchhandlung. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2,40. 22. Jahrg., Hcst 1 enthält u. A.: Die Kni-beugung vor dem heil. Altarssakrament. Gemeinschaftliche Meßandacht für Kinder. Von hl. Lippen. Im Banne deö Tabernakels. Meß- erklärung u. s. w. In dem Aufsatz „Gedanken über Wissenschaft und Christenthum" in Nr. 6 hat man einen Widerspruch darin entdecken wollen, daß es das einemal beißt, man müsse Wunder erlebt haben, um daran zu glauben, das andcremal, man brauche kein Wunder im strengen Sinne erlebt zu haben, man brauche nur an einen lebendigen Gott zu glauben. Der Widerspruch ist nur scheinbar: das einemal sind Wunder im weitesten Sinne gemeint, Gnaden, Einsprcchungen, Erleuchtungen, natürliche Offenbarungen, die zu einem lebendigen Gottesbegriff überhaupt erst führen. Wer einen solchen lebendigen Gottesbegriff dann erworben hat, d. h. den Begriff eines GotteS, dessen Leben und Wirksamkeit er gleichsam schon erfahren hat, der wird selbstverständlich an dessen Wundcrkrast, m. a. W. an dessen lebendiger Wirksamkeit nicht zweifeln. DaS eine ist also die Voraussetzung des andern; die Deduktion seht die Induktion voraus. G. G. Berantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 21. Febr. 1896. Der dritte Band von Pastors Geschichte der Päpste. k. —n. Seit dem Jahre 1884, wo der erste Band von Pastors Geschichte der Päpste erschien, hat sich dieses Werk die steigende Anerkennung der gelehrten Welt und, wie die zweite Auflage des ersten und zweiten Bandes beweist, auch die Theilnahme eines größeren Leserkreises erworben. Der jetzt vorliegende dritte Band*) wird dieselbe sicherlich noch steigern. Er ist, wie die früheren, das Ergebniß eines staunenswerthen Fleißes, einer Gelehrsamkeit, die das gedruckte wie das »»gedruckte Material gleich vortrefflich beherrscht, und für die es kaum etwas Unbekanntes zu geben scheint. Man sollte glauben, daß über eine Periode, für welche eine Reihe bekannter Forscher wie Ranke, Gregorovius, Reumont, Brosch, Maulde - la - ClaviSre, Unarte, Thuasne, Delaborde, Luzio-Nenier u. v. a. die italienischen und auswärtigen Archive so vielfach durchforscht haben, kaum mehr Neues zu finden wäre: Pastor hat nicht nur aus dem von ihm zum ersten Mal benützten päpstlichen Geheimarchiv, sondern fast noch mehr aus den längst zugänglichen Archiven zu Mantua, Moden« und Mailand eine Fülle unge- druckter Dokumente von allerdings unterschiedlichem Werthe zusammengebracht. Ein Theil derselben ist dem Bande als Anhang beigegeben, ein andrer Theil einer besonderen Sammlung vorbehalten, deren baldiges Erscheinen sehr zu wünschen wäre. Der vorliegende Band umfaßt die Jahre 1484 bis 1513, die Pontifikate Jnnozenz' VIII., Alexanders VI., Pius' III. und Julius' II. Es ist in vieler Hinsicht keine erfreuliche Zeit für den Geschichtschreiber des Papstthums. Ueber seine Stellung zu Alexander VI. läßt Pastor schon in der Vorrede keinen Zweifel: „jeder Rettungsversuch Alexanders VI. erscheint fortan als aussichtslos", seiner Gesinnung gibt das als Motto vorangestellte Urtheil Leo's I. Ausdruck: „kstri äiguitas atiaur in inäiZllo Ueracis von äesioit„die Würde des heiligen Petrus geht auch in dem unwürdigen Nachfolger nicht verloren," was Pastor in dem Buche selbst dann näher ausführt. Wie in den früheren Bänden, baut Pastor auch hier seine Darstellung auf breiter kulturhistorischer Grundlage auf. Ein umfangreiches Einleitungskapitel führt die im ersten und zweiten Bande begonnene Scheidung zwischen wahrer und falscher, zwischen christlicher und heidnischer Renaissance für die letzten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts durch und fügt werthvolle Bemerkungen darüber hinzu, wie auch in dieser scheinbar so stark verweltlichten Gesellschaft ein fester Untergrund von Religiosität sich zeigt. Pastor malt nicht in großen Strichen, er liebt es wehr, aus tausend kleinen Steinen ein Mosaik zusammenzusetzen, das der Leser gleichsam vor sich entstehen sieht. Das Material ist ja fast überreich. Wir sehen in das Haus des einfachen Bürgers wie in den Palast der Medici, in Kirchen und Klöster, wissenschaftliche Zirkel und lüderliche Theateraufführungen. Die gewaltigen Gegensätze der Zeit verkörpern sich schließlich in zwei Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters. Mit Benutzung des päpstlichen Geheimarchivs und vieler anderer Archive bearbeitet von Dr. Ludwig Pastor. з. Bd. Geschichte der Päpste im Zeitalter der Renaissance von der Wahl Jnnozenz' VIII. bis zum Tode Julius' II. Erste и. zweite Aufl. Freiburg, Herder. LXII u. 886 S. 11 M. Mitgliedern desselben Gemeinwesens: dem Politiker Niccolo Macchiavelli und dem Bubprediger Girolamo Savonarola, von denen ein jeder auf seine Art seinen Namen der spätesten Nachwelt merkwürdig gemacht hat. Jnnocenz VIII. (1484—1432) war ein Gennese. Seine Wahl verdankte er dem Umstände, daß weder Rodrigo Borja noch Giuliano della Novere damals genug Stimmen erhalten konnten, um selbst Papst zu werden. Der Mangel an Entschlossenheit, der Jnnozenz anhaftete, verhinderte ihn, sich, etwa wie später Julius II., zum Herrn der Parteien zu machen. Colonna und Orsint setzten fast während seines ganzen Pontifikats den Kirchenstaat in Aufregung. Dazu kamen beständige auswärtige Verwickelungen, vor allem mit dem gewissenlosen Ferrante von Neapel. Für das Papstthum war es, zumal seit sich im Norden die kräftigen Dynastien der Sfoxza und Medici gebildet hatten, und seit Venedig immer eifriger danach strebte, seinen Besitz auf der torra, tirma. zu erweitern, eine Lebensfrage, seinen Einfluß auf den südlichen Theil der Halbinsel aufrecht zu erhalten. An den niemals ganz vergessenen und eben von dem Franzosenkönig Karl VIII. mit neuer Kraft aufgenommenen Ansprüchen der Anjous auf das Neapolitanische Königreich hätte eine geschickte Diplomatie ein starkes Pressionsmittel gegen die aragouesische Dynastie gehabt. Aber Jnnozenz verstand nicht, das zu benutzen; zwischen Freundschaft und Krieg mit Ferrante hin- und herschwankend, fand er, der 1489 Ferrante abgesetzt hatte, es am Ende seiner Regierung doch gerathen, die aragonesische Thronfolge in Neapel zu bestätigen und die Ansprüche Frankreichs abzuweisen. — Begreiflicher Weise hinderten solche Verwicklungen auch die Bestrebungen des Papstes zur Bekämpfung der Türken. Es war zwar ein gewisser Erfolg, daß er den zu den Nhodiserrittern geflüchteten Prinzen Dschem, einen Bruder des Sultans, in seine Gewalt bekam, aber der Türkcncongreß zu Rom vom Jahre 1490 erinnerte nur allzu lebhaft an die erfolglosen Verhandlungen zu Mantua von 1459, und selbst eine Feuernatur wie Raimund Peraudi begegnete in Deutschland vor allem bei seinen Geldforderungen dem entschiedensten Widerstände. Fiel auch 1492 das letzte Bollwerk der Muhamedaner in Spanien, Granada, in die Hände der Christen, so war es doch klar, daß der Sultan dauernd in den Kreis der europäischen Mächte eingetreten war. Die Zeit war nicht mehr fern, wo selbst die Päpste dies durch Verhandlungen mit ihm anerkennen mußten. Von den kirchlichen Maßnahmen Jnnozenz' VIII. ist eine der bekanntesten seine Hexenbulle vom 5. Dezember 1484. Pastor weist nach, daß die auf Gnmd derselben gegen den Papst gerichteten Angriffe sehr übertrieben sind, daß insbesondere von einer Begründung des ganzen Hexenprozesfes durch dieselbe keine Rede sein könne. Hat die Bulle, wie auch Pastor bemerkt, die Hexenverfolgnng theilweise befördert, so lag doch der wesentlichste Antrieb zu derselben in dem Zuge der Zeit zur Grausamkeit und Wildheit, der im 16. Jahrhundert so oft entsetzenerregend hervorbricht. Gegen die kirchlichen Mißstände geschah unter Jnnozenz VIII. leider nichts Durchgreifendes. Der päpstliche Hof selbst bot einen schlimmen Anblick, die Käuflichkeit der Aemter nahm zu, das Cardinalcollegium verweltlichte mehr und mehr, und eine Hauptrolle in 58 demselben spielte Nodrigo Borja, als Papst der Nachfolger Jnnozenz' VIII., Alexander VI. Auch Alexander VI. war nicht durch die Thüre in den Schafstall Petri gekommen, ebenso wie bei der Wahl seines Vorgängers sind auch bei ihm simoniflische Beeinflussungen sicher nachweisbar, und schon sein Vorleben als Cardinal war nicht geeignet, ihn streng denkenden Gemüthern zu empfehlen. Nichtsdestoweniger fehlten auch bei seinem Regierungsantritt hoffnungsvolle Stimmen nicht, zumal aus der Fremde, aus Deutschland, wo man die Dinge nicht so genau übersah. Gerade auf die Deutschen aber hat dann freilich das Rom Alexanders VI. einen tiefverlctzenden Eindruck gemacht, und in nicht wenigen haben die Erlebnisse des Jubiläumsjahres 1500, wo sich wiederum alle Welt in der Hauptstadt der Christenheit versammelte, schwere Zweifel und Gewiffenskämpfe geweckt. Der böse Geist der Regierung des Papstes ist sein Sohn Cesare Borja, ein Mann, in dem alle schlechten Eigenschaften der römischen Cäsaren wieder aufgelebt zu sein schienen. Die Chronik der Stadt Rom ist in diesen 11 Jahren angefüllt von Blut und Mord, und wenn auch von den gräßlichen Dingen, die noch Ranke in wenigen Zeilen zur Charakteristik der Borja-Herrschaft zusammengetragen hat, sich gar vieles als Erzeugniß der vergrößernden Fama erweist, so bleibt doch noch genug übrig, um Pastors eingangs erwähntes Urtheil über diesen Pontifikat zu rechtfertigen. Auch die Versuche einer Rettung der Lukrezia Borja, deren Bild Gregorovins mehr glänzend als treu gezeichnet hat, werden nun wohl verstummen müssen. Daß Cesare und Lukrezia in der Geschichte dieses Pontifikats eine so große Rolle spielen, zeigt eben, wie sehr der Papst von der Sorge für seine Familie beherrscht war. Auch für Alexander VI. ist in der äußeren Politik oas Verhältniß zu Neapel und zu Frankreich das wichtigste gewesen. Und in seinen Pontifikat fällt der Kriegszug Karls VIII., des neuen Cyrus, der nach den Scharmützeln der Condottieri-Kämpfe die Italiener zum ersten Male wieder den wirklichen Krieg kennen lehrte. Ferrante von Neapel war todt, Alexander blieb in den Bahnen seines Vorgängers, indem er Alfons II. dort anerkannte. Aber es war ein morscher Thron, den er stützte, und Giuliano della Novere ergriff die aussichtsvollere Partei, als er nach Frankreich floh. Fünf Monate später stand Karl VIII. in Rom, der Papst sah sich in der Engcls- burg eingeschlossen und zu einem demüthigenden Vertrage mit dem Sieger genöthigt, in dem er Neapel preisgab. Cesare Borja selbst sollte als Cardinallegat, in Wirklichkeit als Geisel, die Franzosen auf ihrem märchenhaft schnellen Siegeszug nach dem Königreich Neapel geleiten. Hier freilich wendete sich das französische Kriegsglück. Die heilige Liga vom März 1495 vereinigte Spanien, Oesterreich, Venedig und Mailand mit dem Papste gegen Karl VIII., nur mit Blühe konnte sich derselbe durch die Schlacht bei Fornuovo, die einer Niederlage gleichkam, den Rückzug nach Frankreich bahnen. — Mitte 1496 schien Italien für einen Augenblick von den Fremden befreit, da der Vorstoß Maximilians nach Oberitalien nur die Bedeutung einer Episode hatte, aber der Nachfolger Karls VIII., Ludwtg XII., nahm mit um so größerer Kraft dessen italienische Pläne wieder auf. Und diesmal fand es der Papst — nicht zum wenigsten auf Cesare Borja's Betreiben — gerathen, sich alsbald auf die Seite Frankreichs zu stellen. Die Venetianer wurden die Dritten im Bunde. Ludovico Moro aber bezahlte seine Gegenstellung mit dem Verluste von Mailand, 1499, der ein Jahr später durch die Schlacht bei Novara ein endgiltiger wurde. Die neapolitanische Beute konnten die Franzosen freilich nur erlangen, indem sie dieselbe mit den Spaniern theilten. Am 25. Juni 1501 billigte der Papst den Vertrag, in dem Ferdinand der Katholische sein eigenes Blut verrieth. Man versteht diese wie andere Ereignisse der Regierung Alexanders VI. erst recht, wenn man beachtet, wie wenig der Papst Herr im eigenen Hause war. Der Streit der Colonna und der Orsini ging auch in seinem Pontifikat weiter; bald die einen, bald die andern setzten sich gegen den Papst. Sein Versuch, die Orsini zu unterjochen (1496), endete mit der Niederlage bei Soriano. Glücklicher war dann sein Sohn Cesare, der es trefflich verstand, die Gegner gegen einander auszuspielen und sich in kurzer Zeit zum Herzog der Nomagna machte. Die Cardinalswürde hatte er bereits 1489 niedergelegt. Der weltliche Stand und der Herzogstitel paßten besser für diesen zum Kriegsmanne geborenen Borja, der alle Welt und schließlich Alexander selbst vor sich zittern machte. (Schluß folgt.) Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Fortsetzung.) H. k. Um einen Halt zu gewinnen, schloß sich Christoph im Jahre 1524 dem Bündnisse katholischer Fürsten zu Negensburg an, dessen Spitze scharf gegen die Neugläubigen gerichtet war. Man ward einig, der lutherischen Lehre so viel als möglich Einhalt zu thun, kein Landeskind auf die Universität Wittenberg zu schicken und diejenigen, welche trotz dieses Verbotes auf derselben studirten, weder zu einem geistlichen noch zu einem weltlichen Amte zuzulassen. Diese Beschlüsse machte der Bischof am 1. Oktober 1524 nebst den sehr nützlichen Verordnungen deS Cardinals Campegio, die sich auf die Kirchenzucht und besonders auf die Sitten der Geistlichen bezogen, vermittelst eines Mandates seinem Klerus bekannt.^) Trotz aller dieser Verordnungen konnte der Bischof in den Religiousangelegenheiten keine Wendung zum Bessern in seiner Diözese erzielen, die neue Lehre gewann immer festeren Boden. Wie sich der Memminger Magistrat nicht mehr um den Bischof kümmerte, so machte es auch der Augsburger, der auf Andringen der Neuerer im Jahre 1524 verschiedene katholische Kirchengebräuche, besonders aber das Fasten, abschaffte. Er duldete und unterstützte die abtrünnigen Mönche und Prediger, und durch diese wurde beim Pöbel ein fanatischer Eifer entzündet. Christoph mußte, um eine Stütze zu haben und um feinen Anordnungen Gehör zu verschaffen, seine Zuflucht zum schwäbischen Bund nehmen, der die Parteien durch eine Commission auszugleichen beschloß.^) Es konnte jedoch nichts die Verbreitung der Irrthümer Luthers verhindern. In Augsburg wurde das hl. Abendmahl unter beiden Gestalten ausgetheilt, die Karmeliten legten den Ordenshabit ab, Or. Frosch und Urban Nhegius vrr- heiratheten sich, ein gewisser Herbort hob die gestifteten Jahrtage auf. In Memmingen wurde seit 1527 das Fastengebot verachtet, mehrere Kirchen wurden von den Lutheranern verunehrt und die Katholiken verfolgt, einem ") Braun, IH. 229. - Hcfele. Conc.-Gesch., IX. 374 f. Braun, III. 236 f. katholischen Prediger Johann Mack verbot man das Betreten der Kanzel?") Christoph that, was er bei diesen Gewaltthätigkeiten und bei dem raschen Umsichgreifen des Lutherthums noch thun konnte; er erneuerte die Constitution des Legaten Campegio vorn Jahre 1624 und ließ sie in deutscher Sprache an seine Diözesanen geistlichen und weltlichen Standes ausgehen?^) Im Jahre 1628 ließ Ambras Blaurer in Memmiugen die Messe bis auf eine rechtmäßige Kirchenversammlung abschaffen und die Altäre in den Kirchen Zerstören. Sobald Stadion von der katholischen Geistlichkeit über diesen Vorfall Bericht erhalten hatte, ahndete er dieses widerrechtliche Verfahren und verwies es dem Magistrat auf's schärfste; er verlangte ernstlich, daß das Verbot aufgehoben und alles in den vorigen Stand gebracht werde?«) Im Jahre 1629 begab er sich auf den Reichstag zu Speyer,"") auf welchem hinsichtlich der Religion durch Stimmenmehrheit beschlossen wurde, „daß diejenigen, welche bisher bei dem Wormser Edikt geblieben waren, noch ferner dabei verharren, hingegen die, welche die lutherische Lehre angenommen hatten, sich aller Neuerungen enthalten, die dem Saerament des Altares entgegengesetzte Lehre nicht beibehalten und sie zu predigen und zu lehren nicht gestatten, die Messe nicht abthun, noch sie zu hören rc. verhindern sollten.""") Wie wir nun bisher die Haltung Christophs von Stadion den Neligionsncuernngen gegenüber verfolgt haben, so können wir nicht anders sagen, als: Der Bischof war bisher ein treuer Sohn der katholischen Kirche, der sie mit Wort und That vertheidigte, der durch Güte und Strenge, wie es eben die Umstände erforderten, diejenigen, die sich vorn verderblichen Einfluß der Irrlehren hinreißen ließen, auf den rechten Weg znrückzuleitcn suchte, der namentlich in seiner Diözese alle Vorkehrungen traf, um den Neuernngen den Eingang zu versperren und sie da, wo sie bereits eingedrungen waren, wieder zu unterdrücken. Im Jahre 1530 jedoch scheint, wie Zapf meint,eine Sinnesänderung bei dem Bischof eingetreten zu sein. Wollen wir im Folgenden sehen, in wie weit sich die Behauptung Zapf's bewahrheitet. Das Jahr 1530 war in Hinsicht auf die Religion eines der wichtigsten; denn es sollte auf einmal der Ne- ligionsspaltung ein Ende machen und die heilbringende Einigkeit herbeiführen« Karl V. veranstaltete einen Reichstag zu Augsburg, auf welchem alle Fürsten und Stünde erscheinen sollten. Am 15. Juni, dem Vorabend von Frohuleichnam, kam er selbst in die alte Reichsstadt. Er wurde von den Reichsfürsten vor der Stadt erwartet, vom Mainzer Primas mit einer Anrede begrübt und dann in glänzendem Zuge nebst seinem Bruder Ferdinand und dem ihn begleitenden Legaten Campegio zum Dom und dann Zu feinem Absteigequartier geleitet. Am nächsten Tage nahm der Kaiser mit allen Fürsten an der Frohn- leichnamsprozession theil, die seit einigen Jahren in Augsburg unterblieben war?^) Am 20. Juni wurde der Neichs- °°) Ebd. S. 238 f. °') Ebd. S. 245. -y Ebd. S. 248. °°) Voitli, Lid!. LIM. IV. 59: gnew consiiüs suis aäjuvit. °°) Broun, III. 249. Christoph von Stadion, S. 61. °°) Daennnsr, Llonuinsnta Vatieo.ua (Freibürg im Brcis- gau, 1861): ur. XXXIII. pag-. 39 f. — Baunigarten, Karl V., 3. Band, S. 28. Lag feierlich eröffnet, während man am 24. Juni mit den Verhandlungen der Neligionsstreitigkeiten begann. Cam- pegio hielt eine ausgezeichnete Rede über Beseitigung deS Zwiespaltes, in der sorgfältig jedes die Protestanten beleidigende Wort vermieden war. Am 25. Juni wurde sodann vor dem Kaiser und den Neichsständen auf der bischöflichen Pfalz die von Melanchthon verfaßte und von Luther gutgeheißene sogenannte AugSburger Confcssion abgelesen und dem Kaiser überreicht?") Hicbci war auch Christoph von Stadion gegenwärtig. An ihn hatte Papst Clemens VII., der auf seine Tugend und Frömmigkeit und die bisher gegen den päpstlichen Stuhl bezeigte Anhänglichkeit großes Vertrauen setzte, am 29. März 1530 geschrieben und ihn ermähnt, „daß er während des Neichsconventes die Vertheidigung der hl. Religion auf sich nehmen und den Legaten Lorenz Cam-- pegio mit seinem Rathe und seinem Ansehen unterstützen möchte, damit nach vernichteter Ketzerei der päpstliche Stuhl zum Besitze seiner Rechte und zu seiner vorigen Würde gelange." "^) Das Ansehen, das Christoph besaß, war in der That groß; dies beweist der Umstand, daß er am 15. August in den kleinen Ausschuß gewählt wurde, welcher mit der lutherischen Partei die Streitigkeiten ausgleichen und eine Einigung herbeiführen sollte."") Der Kaiser war nämlich mit der verlesenen AugSburger Konfession sehr unzufrieden, und er stellte sie den gelehrtesten Männern der kathol. Kirche zur Widerlegung zu und berathschlagte sich mit den katholischen Ständen, was zu thun fei. Von diesen riethen einige, wie namentlich Joachim von Brandenburg, Georg von Sachsen und die Theologen Eck und Faber, zur Strenge, während die meisten geistlichen Fürsten, unter ihnen auch Christoph, und des Kaisers Räthe sich zu friedlichen Maßregeln geneigt zeigten?") Da man lange Zeit kein Einvernehmen mit den Protestanten zu Stande brachte, schlugen dieselben vor, einen kleinen Aus- schuß von 14 Personen zu ernennen, was denn auch, wie oben erwähnt, am 15. August geschah. Was die Wirksamkeit Christophs auf dem Reichstage zu Augsburg betrifft, so lauten protestantische Berichte schon aus den ersten Tagen der Reichsversammlung dahin: „Der Bischof von Augsburg habe sich günstig über das vorgelesene Glaubensbekenntniß ausgesprochen und zeige sich mildgesinnt gegen die Bekenner desselben, wie überhaupt die Bischöfe eine versöhnlichere Stimmung darthäten, als die katholischen weltlichen Fürsten; er habe im Fürstenrathe ungeschcut erklärt, ,ehe er wollt, daß man unvertragen abscheiden sollte, wollt' er ehe die zwen Artikel von beder Gestalt des Sacramcnts und von der Priesterehe nachgeben, und ob es Noth wäre, noch mehr zu thun, sollte zur Erhaltung Friedens und Einigkeit auch nit erwindeist. Diese Rede hätten viele der Fürsten dem Bischof hoch verarget und gleichsam dafür achten wollen, als ob er auch lutherisch wäre."*") Auch dem °-) Janssen, Gcsch. d. deutschen Volkes. 3. Vd., S. 165 f. — Hefele, Conc.-Eesch. IX. 704 f. °*) Braun, Gesch. d. Buch. v. AugSb. III. 252. «°) Hefele, Conc.-Gescbichte IX. 716. — Braun, III. 253. — Veith, Libl. XuZ-. Xlpd. IV. 59 f.: XuZustano (so. vonvsntni aclluit Obr.) kennt 1530, in qno non solum nt Or- äinariue loei, seä ut äoetus eonstansqns vir ab Imperators Larolo V. ornn aliis Oatboliois sex äeloetus knit, gut onm totictsln Xeatliolicio äs inennäts Ooneoräias rationidus in» vioom oonsultarent. — Janssen, III. 176. °°) Hescle, Conc.-Gcsch. IX. 703. — Braun, III. 253. ") Allgemeine deutsche Biographie, IV. 226. — Zapf, Chr. v. Stadion. S. 74. 60 ebenfalls in Augsburg anwesenden Prediger von Saalfeld, jenem Caspar Aquila, mit dem er einst so strenge verfahren war, begegnete er nun mit Freundlichkeit. Daraus ist also schon ersichtlich, daß Christoph den neuen Lehren und ihren Anhängern gegenüber andere Ansichten bekommen habe. Auch scheute er sich nicht, Luthers Mahnbrief an den Erzbischof von Mainz öffentlich im Fürstenrath zu verlesen; ja in der Versammlung des Neligionsausschnffes vom 6. August mahnte Christoph so eindringlich zu Friede und Eintracht, daß es zu heftigen Auftritten zwischen ihm einerseits und dem Cardinal Matthäus Lang 6«) und dem Kurfürsten Joachim von Brandenburg andererseits kam, doch die mildern Stimmen, zu denen besonders auch die des Erzbischofs von Mainz zählte, wurden zurückgewiesen?") Einen Beweis für das ernstliche Eintreten Christophs für die Protestanten liefert auch der Brief, den Melanchthon an ihn schrieb, datirt vom 13. August, in welchem ihm derselbe seinen besonderen Dank ausdrückt für seine hohe Mäßigung und für seine Einsprache gegen Maßnahmen der Gewalt?") In einem Schreiben an Luther berichtet Melanchthon, daß sich der Bischof von Augsburg ganz ernstlich um sie annehme. ?') Der Legat des Papstes, Campegio, fügt einem Schreiben an den Staatssccretär Salviato über Christoph die Bemerkung bei, daß er einiges zu dessen Ungunsten gehört habe?") Hiemit ist also die Behauptung Zapfs, seit 1530 sei bei Stadion eine Sinnesänderung bemerkbar, erwiesen. Unleugbar war er auf dem Augsburger Reichstag gegen die Protestanten viel milder gestimmt als früher, ja er trat sogar zu ihren Gunsten auf. Wie läßt sich aber dieser Umschlag bei oem Manne, der bisher ein so eifriger Vertheidiger der alten katholischen Kirche war, erklären? Steichele gibt die Antwort: „Dem Gemüthe des Bischofs that es wehe, daß die religiöse und politische Zerrissenheit, die in das deutsche Reich eingedrungen war, immer weiter um sich zu greifen drohte, und deßhalb erschien ihn: jeder zulässige Weg Zur Ausgleichung willkommen"?") Es ist wahr, Christoph hatte ein weiches Gemüth und liebte den Frieden über alles, und deßhalb suchte er auf gütigem Wege die Einigung mit den Protestanten zu bewerkstelligen. Wir haben bei ihm diese Bemerkung schon gemacht auf dem Reichstage zu Worms und wiederum gegen den Memminger Magistrat, den er durch väterliche Ermahnungen zum Gehorsam gegen die katholische Kirche zurückzubringen suchte. Aber diese Charaktereigenschaft des Bischofs erklärt doch nicht ganz sein Verhalten auf dem Reichstage zu Augsburg. Während er vor demselben immer energisch protestirte, Derselbe hielt eine Einigung mit den Protestanten für unmöglich: „Der Cardinal Lang soll nach protestantischen Quellen zu Melanchthon erklärt haben: Zur Wiedervereinigung der Katholiken und Lutherischen gebe es nur vier Wege: Erstlich, das; wir Katholiken euch Lutherischen nachgeben — das wollen wir nicht; dann, daß ihr Lutherische uns weicht — das könnt ihr, wie ihr sagt, nicht thun; ferner, baß man beide Theile vermittle — das ist aber unmöglich; so bleibt demnach nichts übrig, als jeder Theil denke und trachte, wie er den andern aufhebe". (Willibald Hautbaler. 0. 8. L., Des Car- dinals und Erzbischofs MathäuS Lang Verhalten zur religiösen Bewegung seiner Zeit (1519-1540 (Wien, 1895) Seite 15). °°) Zapf, Seite 75. r°) Braun, III. 253; Zapf. Seite 78 und Beilage VII. Seite 149 f. 'j) Zapf. S. 73. E l-asinwor, Llou. Vat. xa§. 44: äs auo tuiio aliauiä -suustri auilio. ?°) Allgemeine deutsche Biographie IV. 224. wenn es sich um den Laienkelch oder um die Priestereh handelte, ist er jetzt bereit, diese Zugeständnisse den Protestanten einzuräumen und auch noch mehr, „wenn es von Nöthen wäre". Demselben Aquila, dem er einst so hart mitgespielt hatte wegen Bruches des Cölibats und wegen Verkündigung lutherischer Lehren, begegnet er auf einmal mit Freundlichkeit, und doch hat sich derselbe nicht bekehrt. Hier kann der Grund nicht allein in der Friedfertigkeit des Bischofs liegen, hier hatten jedenfalls noch andere Ursachen mitgewirkt, die eine Aenderung in der Gesinnung Christophs zur Folge hatten. (Fortsetzung folgt.) Der selige Luüpold zu Breitbrunn. Von k. Emmcrain Heindl 0. 8. L. Am östlichen Gestade des Ammersees, in einem Querthale des von Jnning bis zum Schlosse Ried längs des Sees sich erstreckenden Höhenzuges, liegt das 38 Anwesen zählende Dörfchen Breitbrunn, das wegen seiner unmuthigen Lage und der stärkenden Seebäder schon seit Jahren ein beliebter Sommeraufenthalt geworden ist. Einen Hauptanziehungspunkt für Naturfreunde bildet namentlich die kaum eine Viertelstunde nordöstlich vom Orte gelegene kahle, sanftgerundete Höhe. vom einge- bornen Volke noch immer der „Jaudesberg"') genannt, auf dem seit uralter Zeit an Ostern und Johanni (oder Peter und Paul) ein Feuer angezündet wird, um das dann die liebe Dorfjugend herumtanzt und sonst noch mancherlei Schabernack treibt?) Ueber den Berg selbst, der ohne Zweifel eine altheidnische Cultusstätte war, gehen im Volke unheimliche Sagen um, und er wird bei Nacht möglichst gemieden. Bei den Sommerfrischlern führt er den Namen „Königshöhe" oder „Königsberg", den er nach König Ludwig I. erhalten hat. Denn die Fernsicht, die man von seinem Gipfel") besonders über den Seespiegel und das Gebirge genießt, ist so bezaubernd, daß der König, als er i. I. 1836 mit seiner Gemahlin Therese im Bade zu Greifenberg weilte, gerne hieherkam und daselbst einen Aussichtsthurm errichten ließ, der aber jetzt verfallen ist. Ja er soll sich sogar mit dem Plane getragen haben, hier ein Schloß zu erbauen. Das später errichtete kleine Sommerhaus, worin eine Bank zum Ausruhen einlud, steht ebenfalls nicht mehr. Ein sehr hohes Alter scheint auch dem Dorfe Breit» brunn selbst zuzukommen, wie schon aus dem Umstände hervorgeht, daß es, obwohl bereits feit undenklichen Zeiten eine Quasifiltale, bis auf den heutigen Tag pfarrliche Rechte (mit Sanctissimum, eigener Sepultur u. s. w.) genießt. Wir möchten zwar nicht darauf schwören, was Or. A. Huber ^) meint, zu Breitbrunn sei nach Name und Lage des Ortes die ursprüngliche Tauf- kirche des Missionsbezirkes um den Wörth- und Pilsensee gewesen, worauf auch der Kirchenpatron (Johann d. T.) hindeute. Denn die Lage der jetzigen Kirche ist nicht gerade derart, daß diese zu einer Taufkirche, wozu bekanntlich ein womöglich stehendes Gewässer erforderlich Wohl verdorben aus „JudaZberg", weil hier am Char- samstag in dem vorher von Haus zu Haus erbettelten Holze „der Judas verbrannt wird". 2) Siebe vr. I. Scpp, Kirchengeschichte von Oberbayern (4: „Das Feuerhupfen und der Sonnwendtanz"). 2) Derselbe erhebt sich nach dem „Topographischen Atlas" 617,7 Meter über die Meercsfläche. *) Geschichte der Einführung des Christenthums in Südostdeutschland (III, 455). 61 war, geeignet gewesen wäre. Allerdings ist unser Ort, und zwar gerade in unmittelbarer Nähe der Kirche, sehr reich an Quellen und hat wohl davon — nicht, wie Huber meint, von einem ehemaligen Taufbrunnen — seinen Namen erhalten; man müßte denn annehmen, daß die Kirche ursprünglich unten am Gestade des Sees gestanden habe und erst später auf die Höhe transferirt worden sei. Aber daß Breitbrunn in ältester Zeit eine eigene Pfarrei gewesen sei, dürfte kaum einem Zweifel unterliegen. Urkundlich kommt unser Ort, wenn Freudensprung 5) Recht hat, zuerst unter Bischof Heinrich I. von Fretstng (reg. 1098—1137) vor, wo der Edle Kobalt äs kröittanxrullnnQ Zeuge einer Gutsschankung ans Freifinger Hochstift ist?) Jedenfalls aber gehört Msr- dnrärw äs Lraitdruiursn, um 1185 Ministerin! des Markgrafen Berthold von Andechs?) unserm Orte an. — Die Kirche von Breitbrunn, die uns für unsern Zweck zunächst interessirt, wird zuerst in der Chronik von Andechs vom Jahre 1755 (I, 52) erwähnt, wonach Graf Heinrich von Andechs ums Jahr 1225 seiner Schloßkapelle dortselbst unter anderen auch das Oollaturns" der Kirche in „Praibrunn" verleiht, welche nach einer Andeutung der Andechser Chronik von 1715 (S. 44) einstmals von den Grafen von Andechs gegründet und dotirt worden zu sein scheint. Das erwähnte Vermächtnitz des Grafen Heinrich war übrigens nicht von langer Dauer; nach dem Aussterben des Andechsergeschlechtes (1248) scheinen vielmehr die bayrischen Herzoge, denen die Güter der Andechser in Bayern zufielen, auch das Patronatsrecht der Kirche von Breitbrunn sich angeeignet zu haben. Denn am 2. August 1266 schenkt Herzog Ludwig der Strenge die Kirche zu Lraitdrunan sammt Kirchensatz und aller übrigen Zugehörde dem Kloster Liessen?) was Bischof Hartmann von Augsburg 1268 bestätigt?) Daraus geht hervor, daß die hiesige St. Johanneskirche damals eine Pfarrkirche war, welche das Kloster Liessen anfangs, gemäß einer von Bischof Hartmaun 1273 für alle ihm untergebenen Pfarreien erhaltenen Erlaubniß?") wohl durch einen hieher exponirten Conventualen versehen ließ, zumal es feit 1304 auch sonst bedeutende Besitzungen (3 Höfe) hier hatte.") Später aber wurde deren Pastoration einem weltlichen Pfarrer aus der Umgebung, und zwar zunächst ums Jahr 1415 jenem von Frieding, anvertraut; aus diesem Jahre liegt nämlich ein Vtkariats- entschetd des Ordinariats Augsburg vor, aus dem hervorgeht, daß die Kirche Breitbrunn keineswegs mit der Pfarrei Frieding unirt werde; sie war daher, wenn sie auch keinen eigenen Pfarrer mehr hatte, doch niemals eine eigentliche Filiale weder von Frieding noch von einer anderen Pfarrkirche, sondern wurde stets als eine eigene Kirche betrachtet, die der Propst von Liessen jedem beliebigen entsprechenden Nachbarpriester übergeben konnte. 1723 kam die Seelsorge von Breitbrunn provisorisch, 1738 aber definitiv an die Pfarrei Oberalting, bis durch Revers vom 7. Dezember 1760 Pfarrer Mathias Wid- man von Höchendorf dieselbe übernahm, bei welcher Pfarrei sie bis heute verblieben ist, wahrend das Präsentationsrecht bis zur Säcularisation dem Kloster Messen °) Ueber die Ortschaften des 1. Bds. der Meichelbcck'fchen Uistoria. VrisinAensis. ") Usielwtd. Liot. ikris. I, b, n. 1283 , b. -) 21. L. VII, 71. «) 21. L. VIII, 191. °) I^UA L Vroxderg', Lög'ssts, III. *°) 21. L. VIII, 192. '* *) LsAssta V; 21. L. VIII. 202. gehörte. Zur Kirche Breitbrunn waren schon seit alter Zeit noch die beiden Einöden Ellwang und Was ach zuständig?") Diese Vorbemerkungen sollen hauptsächlich dazu dienen, unser eigentliches Thema zu beleuchten und verständlicher zu machen. Die Kirche St. Johann in Breitbrunn, welche nach Dillitzer") im Jahre 1489 eingeweiht worden sein soll und außer einer alten Thurmglocke und einer am nördlichen Seitenaltar befindlichen, dem 16. Jahrhundert ungehörigen Holzfigur des hl. Nikolaus") nichts Interessantes bietet, erfreute sich nämlich einstmals längere Zeit hindurch eines hohen Ruhmes und bedeutenden Volkszulaufes wegen des angeblichen Grabes des seligen Luitpold, das sie in sich bergen sollte — und hicmit stehen wir beim eigentlichen Gegenstände unserer Abhandlung : welche Bewandtniß hat es mit diesem Seligen und mit seinem Grabe zu Breitbrunn? Nach den Andechser Chroniken von 1715 (S. 22) und 1755 (I, 33) war der selige Luitpold*") — auch Leupold, Liupold, Leopold, Leutgeb u. a. genannt — ein Sohn des Grafen Otto II. von Wolfratshausen (1' 1122 als Mönch zu Seeon) und seiner im Tode ihm bereits vorangegangenen Gemahlin Lauritta. Daß indessen diese Angabe mit Mißtrauen aufzunehmen ist, geht schon aus den offenbaren sonstigen Unrichtigkeiten hervor, die sie enthält; denn nach Oefele*") starb Otto erst 1127, während seine Gemahlin noch 1140 am Leben ist; auch hatte er keinen urkundlich nachweisbaren Sohn dieses Namens. Mehr Glauben verdienen daher die Dicssener historischen Nachrichten;") diese machen ihn zu einem Sohn des Grafen Otto I. von Wolfratshausen (j- 24. April 1122) und seiner Gemahlin Jusiitia, einer gebornen Gräfin von Wtttelsbach, welche am 30. Januar 1070 im Gerüche der Heiligkeit starb und in einer eigenen Kapelle in der Pfarrkirche zu Thanning bei Wolfratshausen begraben liegt?") Dall' Abaco, der*") unsern Seligen unter dem Namen „Luitpold" erwähnt, weiß von seiner Genealogie nur zu berichten, daß er „aus dem Geschlechte der Grafen von Diessen und Wolfratshausen" gewesen sei. Urkundlich läßt sich jedoch nur Folgendes feststellen: Allerdings hatte Otto I. (nach Oefele Otto II.) von Wolfratshausen (Gemahlin Justitia) einen Sohn Namens Liupold,"") der gegen 1102 lebte und am 19. Februar ca. 1127 starb. Doch wurde dieser nach dem ^acroloZiniu von Diessen in der dortigen Stiftskirche St. Stephan begraben; immerhin wäre es denkbar, daß sein (anfänglich zu Breitbrunn begrabener) Leichnam später cxhuwirt und ins gemeinsame Familiengrab nach Diessen transferirt worden sei. (Schluß folgt.) *") Schreiben des Propstes Berthold von Diessen v. I. 1757 (Kopie in der Pfarrregistratur zu Frieding). *o) Handschriftliche Beschreibung des Kapitels Oberalting v. I. 1890, Eigenthum dcS Kapitelarchivs. "I Bezold-Riehl, Kunstdenkmale d. Königreiches Bayern (I, 858). *°) Im Volksmunde hieß er auch der „heilige" Leupold. *°) Geschichte der Grafen von Andechs (S. 18 Nr. 17); wir richten uns nach der Zählunaswcise der Dicssener und Andechser Chronisten; bei Oeicle ist es Otto III. *') Nach Mittheilungen des ch H. H. Pfarrers Gschwind von Diessen (Stadlcr's Heiligcnlexikcu III, 956). *°) Vgl. Mayer-Wesiermay-r, Statist. Beschreibe des Erz- bisthumS Müuchen-Freising (III, 659 f.). In seiner in der k. Staatsbibliothek befindlichen handschriftlichen Chronik von Diessen v. I. 1776/77. "°) Oefele S. 18 Nr. 16. u. S. 117. 62 Die deutschen Kolonien in Südrrchllmd. Von I. E. Biller. (Fortsetzung.) Wenn man nach den Ursachen sich erkundigt, welche die Musterhafte Ordnung in den deutschen Dörfern geschaffen haben, so wird man fast regelmäßig auf frühere deutsche,.. Verwaltung hingewiesen. Für alle deutschen Kolonisten in ganz Rußland war nämlich anfangs eine eigene Verwaltung aufgestellt worden, in welcher die sogenannten Inspektoren vielleicht den wichtigsten Theil zu besorgen hatten, nämlich die Visitation der Dörfer u. a. Die Kolonisten wurden von ihnen, wie ich hörte und auch aus den alten Verordnungen ersehen konnte, fast wie Leibeigene behandelt, aber nur zu deren eigenem Wähle. Und es war auch eine eiserne Strenge nothwendig, um eine Gleichheitlichkeit zu erzielen in diesen Niederlassungen, deren Bewohner aus den verschiedensten Gauen Deutschlands sich zusammengefunden und welche die verschiedensten Sitten, Lcbensgewohnhciten und Ve- wirthschaftungsweisen mitgebracht hatten. Von der deutschen Verwaltung war die Anpflanzung von Wäldern befohlen und deren Instandhaltung überwacht; sie sah auch darauf, daß die Gärten gut gepflegt würden, daß überall Ordnung und Reinlichkeit herrsche, und ließ es sich auf alle mögliche Weise angelegen sein, den Gemeinstnn zu nähren und zu heben, kurz die Kolonisten wurden beständig überwacht und zur Arbeit angehalten. Der Paragraph 314 der alten Kolonialordnung lautete sogar: „Sobald die vorschriftsmäßige Zeit zum Ackerbau eintritt, haben die Schulzen bekannt zu machen, daß alle Einwohner früh morgens auf das Feld sich begeben und mit gehörigem Fleiß an die Arbeit gehen; die Aufsicht darüber führen die Zehntmänner." Einzelne Bauern, welche die Ackerbestellung nachlässig vornahmen, wurden eingesperrt und deren Felder auf ihre Kosten von andern bestellt. Doch die weise Strenge der Verwaltung brachte überraschende Erfolge. Die deutschen Kolonien galten bald als Muster von Schönheit und Ordnung, ja von den Russen wurden sie geradezu als landwirthschaftliche Musterschulen betrachtet. Und als man später daran ging, Judendörfer zu bilden und deren Bewohner zum Ackerbau anzuhalten, wurde sogar angeordnet, daß in jedem Judendorfe 4—6 deutsche Musterwirthe sich niederlassen sollten, damit die Juden die Bewirthschaftnngs- wcise bei ihnen erlernen könnten. Und wirklich findet man auch jetzt noch in jedem Judendorfe die vorgeschriebene Zahl Deutscher, deren Höfe sich durch reichere Baumanlagen, durch größere Ordnung und Wohlhabenheit in erfreulicher Weise von den übrigen Häusern unterscheiden. Seit etwa 20 Jahren ist die eigene deutsche Verwaltung aufgehoben und dafür überall die russische eingeführt. Es bedeutete das freilich einen Schaden für die Entwicklung der deutschen Kolonien, aber trotzdem wäre eL ungerecht, das System der jetzigen Dorf- und Wolost- verwaltung ein schlechtes nennen zu wollen. Ich bin im Gegentheil zur Ueberzeugung gekommen, daß die großartige Selbständigkeit, welche den Bauern in der Verwaltung eingeräumt ist, unserer oft nur allzu bureau- kratischen Verwaltung vorzuziehen sei; Mißbräuche sind freilich nicht ausgeschlossen. Aber wo in der Welt gibt es etwas, das nicht mißbraucht werden könnte? Der Vorstand jeder Dorfgemeinde heißt Schulze oder Starost, und es steht ihm eine große Machtbesugniß zur Seite. So hat er beispielsweise das Recht, ohne vorherigen Nichterspruch jemanden bis zu 24 Stunden einsperren zu lassen. Ein ganz außerordentliches und sehr wcrthvolles Recht besitzt ferner die Gemeinde darin, daß sie unverbesserliche Subjekte aus der Dorfgcmeinschaft ausschließen und durch Vermittlung des Gouverneurs nach Sibirien verbannen kann, eine Befugniß, von der auch zur rechten Zeit Gebrauch gemacht wird. Neben der Erledigung der gewöhnlichen Gemeindeangclegenheiten hat die Verwaltung auch den treffenden Steuersatz nach Maßgabe des überwiesenen Steuerquantnms für die einzelnen Gemeindemitglieder festzustellen, für die Eintreibung zu sorgen, ferner Schule und Lehrer zu unterhalten u. s. w. Eine sehr lobenswerthe Institution fand ich auch noch in der Einrichtung der Getreidespeicher; jeder Bauer ist verpflichtet, alle 2—3 Jahre das für seine ganze Bewirth- schaftung nöthige Samengetreide in den Dorfspeicher zu schaffen, um im Falle einer Mißernte wenigstens den vorräthigcn Samen zu besitzen. In den Händen der Gemeindeverwaltung ruht auch die niedere Polizeigcwalt. Von je 10 Bauern wird einer als Zehntmann (Dessatski) und von je 100 einer als Hundertmann (Ssotski) zum Polizeidienst ausgewählt. Von der Regierung werden nur die höheren Polizei- organe bestellt. Ucbrigens wird diese Dorf-Polizeigewalt im allgemeinen sehr „human" ausgeübt. So z. B. ist auch in Rußland die Erlaubniß zur Jagd von der Lösung einer Jagdkarte abhängig gemacht; mit einer solchen ausgerüstet, rann man jagen, wo und wann man will, und wer keine besitzt, kann gleichfalls pürschen, wo und wan» er will! Mehrere Gemeinden zusammen bilden eine sogenannte Wolost, die am besten mit unsern alten Landrichtereibezirken verglichen werden kann. Ein russischer Adeliger hat darüber in der Regel als Landvogt (Natschalik) die oberste Aussicht, die jedoch faktisch ohne größere praktische Bedeutung ist. Das eigentliche Oberhaupt der Wolostverwaltung ist der Oberschnlze oder Starfchina; Mitglieder sind alle Schulzen und die Abgeordneten von je 10 Bauernfamilieu. Die Wolost hat von den Dorfgemeinden die Steuern einzufordern und an den Staat abzuliefern, sie unterhält ferner ein eigenes Wolostgericht, dessen bäuerliche Richter bis zu 14 Tagen Haft und bis zu 40 Knutenhieben „verordnen" können; sie richtet auch gemeinschaftliche Schulen ein und verwaltet dieselben u. s. w., kurz, die Wolost ist nicht bloß die oberste autonome Landgemeine, sie ist auch die fast einzige Vermittlerin zwischen der Regierung und den Bauern. Auch viele sociale Einrichtungen haben in derselben ihren Sitz und ihre Verwaltung, so z. B. besteht eine Viehversicherung, eine Brandvcrsicherung (natürlich auf Gegenseitigkeit gegründet), eine Centralschule, deren Zöglings sich zu Schullehrern ausbilden können, eine Handwerkerschule, eine Baumschule rc. rc., lauter Dinge, die vielleicht mancher in Rußland nicht gesucht hätte. Den Hauptcrwerbszweig in jenen Niederlassungen bildet selbstverständlich der Getreidebau, wozu sich auch der schwarze, fruchtbare Boden außerordentlich gut eignet, indem er eine fast unerschöpfliche Keimkraft in sich birgt und vielleicht noch lange Jahre einer Düngung nicht bedürftig sein wird. Man versicherte mir, daß unter den jetzigen Verhältnissen eine Düngung für die Frucht sogar schädlich wäre, weil in heißen Sommern durch die dadurch bewirkte größere Erhitzung das keimende Getreide verbrennen, bet etwas feuchterem Wetter aber der Weizen Zn sehr in die Halme schießen würde. Neben dem Ackerbau wird auch Pferdezucht betrieben, und jeder Bauer hält sich eine ziemliche Anzahl, oft bis zu 30 und 40 Stück, die vom Dorfhirten, dem Tabuntfchik, Tag und Nacht auf der Steppe geweidet werden. Die Tabune kehrt nur darum jeden Tag ins Dorf zurück, damit sich der Besitzer seine Arbeitspferde für den folgenden Tag auswählen kann. Und es ist ein prächtiger Anblick, wenn die ganze Tabune, die oft herrliches Pferdsmaterial enthält, im schärfsten Galopp die lange Dorfstraße hinabrast. In ähnlicher Weise, wie die Pferde, wird auch das Rindvieh auf der Steppe tagsüber geweidet, während es nachts meist auf dem Hofe angepflockt wird. Zu Winterszeit ist es natürlich in Ställen untergebracht. Schweine züchtet der Deutsche fast ausschließlich nur zu seinem Bedarf, und jedes Jahr bei Eintritt des Winters beginnt die herkömmliche große Schlächterei, indem auf jedem Hofe 4—6 Schweine auf einmal geschlachtet, eingepökelt und geräuchert werden. Der Schinken reicht dann gewöhnlich für das ganze Jahr. Die Lcbensmittelpreise sind im Vergleich zu unseren Verhältnissen unerhört niedrig, was sich zur Genüge aus dem mangelhaften Absatz erklären läßt. Ein ca. dreiwöchentliches Kalb kostet nur einen Rubel (— 3,20 M.), ein Pfund Rindfleisch 10—16 Pf., ein Spanferkel 60 Pf. bis IM. — Die Dienstbotenlöhne dagegen sind sehr hoch; die Nachfrage ist eben groß und das Angebot gering. Meist halten sich die deutschen Kolonisten russische Knechte (großentheils aus der Poltawa stammend). Vor der allgemeinen Einführung der Getreidemähmaschinen, wie fast jeder Kolonist sie jetzt benützt, mußten die Bauern für einen Mäher 7 M. und darüber als Tageslohn bezahlen und das Essen noch eigens beschaffen. Als Brennmaterial wird ganz allgemein, wie im Oriente, so auch hier, der Viehmist verwendet, und besonders der Schafmist gilt als ganz vorzüglich. Da die Schafe des nachts über in großen Pferchen zusammengetrieben werden, bildet sich von dem Miste allmählig eine dicke Kruste, die von Zeit zu Zeit, wie Torf, in viereckigen Stücken ausgehoben und getrocknet wird. Die Vornehmeren und Reicheren gebrauchen freilich auch Steinkohlen, welche immerhin noch leichter zu haben sind, als das seltene Holz. Im Allgemeinen sind die deutschen Kolonisten wohlhabende, vielleicht sogar reiche Leute. Eine Wirthschaft umfaßt meist circa 180 Tagwerk Grundstücke. Doch wurden mir auch Beispiele berichtet von wahrhaft fürstlichen Besitzungen. Im Cherson'schen z. B. leben fünf Brüder; von den vier ältesten besitzt jeder ein eigenes Bauerngut von 6000 Tagwerk; außerdem haben sie gemeinsam ein Gut gepachtet, über welches der jüngste Bruder als Verwalter gesetzt ist, und das nicht weniger als 42,000 Tagwerk umfaßt. Darauf halten sie 25,000 Stück Schafe u. s. w. Ueberhaupt, wer fleißig, strebsam und einigermaßen intelligent ist, der kann es in Rußland leichter als irgend wo anders zu etwas bringen. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Wanderers Weisen. Gedichte von Leo Fischer ch. Cor- dicr, Heiligenstadt. Saionband mit Portrait des Verfassers. 3 M. I'. Leo Fächer ist das berechtigte Lob geworden, erhabene Gedankentiefe in prägnanter Kürze und klassischer Wärme und Klarheit meisterhaft in eine gefällige Form zu gießen und in harmonischer Abrundung der Verse musikalisch die Leser zu bestricken. Kein Zweifel, jeder vorurtheilslose Sammler des Ursprünglichen und Genialen in deutscher Lyrik müßte diese zarten Melodien und harmonischen Verögcfälle Leo, Fischers ganz besonders in Erwägung ziehen. Leo Fischer hat sich dem eisernen Zwange des Taktstocks allmählig entzogen, er hat sich aber nickt, gottlob nicht, cmancipirt von der hoben, klassischen Formenschönheit, mit der er von jeher seine Dichtungen so glanzvoll schmückte, er hat hier in „Wanderers Weisen" die Poesie mit der Form in innige Harmonie gebracht. Echte Poesie ist undefinirbar, und wenn Jemand aus den Dichtungen FiscbcrS „allgemeine Regeln für angehende Dichter" herauslesen wollte, so müßte er ihnen gleich das Büchlein hergeben mit den Worten: „hier; macht's nach!" „Die Kunst verlangt ein rein Gewissen." Ja, Fischers kindlich frommes Gemüth, sein ungetrübter Blick für alles Hohe und Hehre, seine innige Vertrautheit mit den Wundern und Schönheiten der weiten Gotteswclt und sein eigener künstlerischer Genius, das sind die Regeln, aus denen er sich seine Poesie construirt hatte, oder vielmehr, die ihn zuin ganzen Dichter machten. Freilich, nicht jeder wird ihm folgen, er sagt: Die Ideale, Sie werden nur Vom Muth errungen, Der niemals wankt; Es ist die schmale Und steile Spur Von Leid umschlungen, Vom Dorn umrankt. Wunderbar schöne StimmungSliedcr bieten UNS „Wanderers Weisen". Wenn die dunkle Nacht verdämmert und von ferne das Posthorn klingt, da steht lockend vor des Dichters Sinn das Wclschland, unv das Meer: O holdes Land Jtalia, So reich an Glück und Zier, Wer Dich gekannt. Wer einst Dich sah, Den treibt's zurück zu Dir! Die sanfte Ruhe und der süße Friede eines Frühlings» abends weht uns an, wenn wir das Büchlein dieses sinnigen Poeten durchblättern, und cS klingt beinahe wie ein Anachronismus in unsere realistische Zeit, dies sanfte Saitcnspiel einer gottgeweihten Harfe. Doch mit wahrem Herzcnsgenuß habe ich daS hübsch ausgestattete Büchlein durchgelescn, und ein solcher poetischer Anachronismus ist mir denn doch viel lieber, als all die Erzeugnisse eines übersättigten Realismus. Leser, nimm und lies, und es reut' Dich nit! SchererM., vr.jnr., RechtSanwalt. Die Entscheidungen! des Reichsgerichts und des bayer. obersten Landesgerichts zum gemeinen Recht. Leipzig. Otto Wigand. -oe- Der Verfasser bringt im Anschluß an die Paragraphen des I. Entwurfes des bürgerlichen Gesetzbuches einen kurzen AuSzug aus den jeweils diese Materie behandelnden Entscheidungen. Der Auszug ist wie bei den anderen vom gleichen Verfasser herausgegebenen Sammlungen zwar kurz, doch leidet keineswegs die Klarheit darunter, weil der Verkäster mit großem Geschick auS den langatbmigen Entscheidungen den juristischen Kern herauszuschälen verstanden bat. Da die Zusammenstellung außer den beiden oificiellcn EntscheidnngSsammlungen noch auö 16 weiteren Zeitschriften und Sammlungen Material benutzt bat, erreicht sie an Vollständigkeit den denkbar höchsten Grad. Nach Einiübrung des Bürgert. Gesetzbuches und gegenwärtig zum vergleichenden Studium wird vorliegendes Buch die besten Dienste leisten. Kuhlenbeck L., vr.jnr., Nechtsanw. DieRechtsprechnng des Reichsgerichts in Beziehung aus die wickiigstcn Begriffe und Institute des CivilrechtS in systematischer Folge dargestellt und kritisch besprochen. Berlin. W. Möscr. -06- Auf ungleich anderer Basis als das Scherer'ick: Werk ist vorliegendes aufgebaut. Der Vers. untersucht die Eiiisckeid- ungen des Reichsgerichts auf ihre juristische Haltbarkeit und gibt gleichzeitig an, in welcher Richtung seiner Ansicht nach eine Aenderung eintreten muß. Obwohl gerade bei einer solchen Darstellung die Gefahr nahe liegt, bewußt oder unbewußt „in der Hitze des Gefechts" manch' brauchbares Korn mir der Spreu auszuscheiden, müssen wir dem Vers. nachrühmen, daß er auf 64 Grund einer mehr als gewöhnlichen Kenntniß der Literatur, die umfassendes juristisches Wissen mit feinem juristischen Gefühl vereinigt, aus der Enncheidungen Menge nur herausgegriffen hat, was absolut unhaltbar in. Man hat beim Studium die'er Lieferung das wohlthuende Gefühl, daß nicht d>e Sucht zu kritischen, sondern das edle Bestreben, die Rechtsprechung in richtige Bahnen zu lenken, dem Verfasser die Feder in die Hand gedrückt hat. Wir können deßhalb daö Studium dieser kritischen Besprechungen Richtern wie Rechtsanwälten nicht warm genug empfehlen- _ Annegarns Weltgeschichte in acht Bänden. Neu bearbeitet und bis zur Gegenwart ergänzt von vr. Aug. Enck und vr. V. Huyökens. Siebente Auflage. — Münster i. W., Verlag von Theissing. „Wenn ein katholischer Historiker, wie der geniale JobauncS Janssen, von sich das Bekenntniß ablegt, daß AnnegarnS Weltgeschichte ihm die erste Anregung zum Studium der Geschichte gegeben habe, so ist dies die beste Empfehlung, die man einem Buche dieser Art mit auf den Weg geben konnte. In der That ist die lebensvolle Darstellung, die übersichtliche Anordnung deS Stoffes und die Auswahl dessen, was zum leichten und sicheren Verständniß der Thatsachen und der Zeitvcrbält- nisse führt, unübertroffen. Mit pietätvoller Hand, aber sicherem Blick und richtigem Verständniß ist die Aufgabe gelost, den wissenschaftlichen Erfordernissen gerecht zu werden, ohne die übrigen Vorzüge des Buches anzutasten.Hochwillkommen ist die Berücksichtigung der culturhistorifchen Momente, die in einem GeschichtSwerkc nickt fehlen dürfen." Die neue Auflage erscheint in halbmonatlichen Heften von 80 Seiten zum Preise von 50 Pt. pro Heft; das ganze Werk umfaßt deren 32 — wird also in ungefähr einem halben Jahre vollständig sein. 24 Hefte sind bereits erschienen. Reperrorenm der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebncr'schen Buchhandlung in Ulm. (Preis 5 Mark 40 Pfg. für 12 Monatshefte.) Das 3. Heft des 50. Jahrganges enthält u. A.: Was läßt sich zur Pflege einer gediegenen echt volksthümlichen Bildung in den Arbciterkreisen thun? Von Anton Mcndler, Lehrer in Tundorf (Oberbayern). — Die Kladde. Von vr. Frd. Horn, Neal-Oberlchrer in Mona. — Veranschaulichungsmittel beim ersten Rechcnuntcrricht. Von L. Hohmann, Rektor in Berlin. — Goethe in Straßburg. Von Jakob Esselborn, Lehrer in Ludwigöhascn a. Rh. — Grundriß der europäisch-abendländischen Musik. Von Troppmann, Lehrer a. D. in Tirschenreuth. — Die Frauensrage vor den Anthropologen. — Liebe und Brautstand im deutschen Volksglauben. U. f. w. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görrcsgescllschaft herausgegeben von vr. Sonst. Gutberlet. Verlag der Fuldaer Aktien- Druckcrei. IX. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. C. Gutberlet, Ist die Seele Thätigkeit oder Substanz? B. Paqus, Zur Lehre vom Gefühl. L. Schütz, Der Hypnotismus. I. Ucbinger, Die mathematischen Schriften des Nik. Cufauus (Fortsetzung). — II. Recensionen und Referate. A. Bullinger, Das Christenthum im Lichte der deutschen Philosophie, von P. Schanz. P. Natorp, Die Ethika des Demokritos, von Frhr. von Hertling. Al. Wernicke, Kant. . und kein Ende, von B. Adlhoch 0.8.L. Al. Wernicke, Kant-Studien, von demselben. I. Straub, Der teleolozijcke Gotteöbcweis und seine Gegner, von C. Gutberlet. L. Filkuka, Die metaphysischen Grundlagen der Ethik bei Aristoteles, von M. Kappes. M. Novaro, li ooneotto sti Inünito o U Probleme cosmolvAieo, v. B. Adlhoch 0. 8. v. Jg. Pctrone, Va käse recentissiwa, stelle Llosoüe stel stritt» in 6ermenie, von I. W. Aren hold. Nud. Eisler, Geschichte der Philosophie im Grundriß, von demselben. I. Möller, Jean Paul und seine Bedeutung für die Gegenwart, von A. Otten. I. Möller, Die Seelenlehre Jean Paul'ö, von demselben. — III. Zeitschriftenschau. — IV. Miscellen und Nachrichten. Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896. Heft I, Januar, vr. Albert Stöckl. — vr. Adolph Franz, Die kirchlichen Bruderschaften und, die protestantische Polemik. — Fr. Schneider, Theologisches zu Raffael. — Wie lange wird sick die Kirche der neuen Freiheit nock zu erfreuen haben? — A. Zimmermann 8. st., Ein irischer Richter über Irland. — Literatur: E. Le Camus, Leben unseres Herrn Jesus Christus. — vr. Paul Scbanz, Apologie des Christenthums. — Andreas Schill, Theologische Principienlehre. — vr. C. Gutberlet, Lehrbuch der Aplogetik. — Herm. Jos. Fugger-Glött, Kreuzfahrerblättcr u. s. w. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von vr. Ernst Coinnrer, o. ö. Professor an der Universität Breslau. Paderborn 1896. Ferdinand Schöningh. X. Band 3. Heft. Inhalt: I. Giovanni Battista Tornatore, 6. II. Portrait nach einer Photographie von Gregori in Piacenza. II. Selbst» er ursachnng Gottes? — Kennzeichnung und Beurtheilung einer These des Herrn Pros. vr. Schell. Von vr. B. Dörbolt, Dozent an der Akademie in Münster. III. Die Neu-Tho nisten. (8.) Von ?. Llaxe. Mreol. Gundisalv Fcldner, 0. vraest., Prior. IV. Zur neuesten philosophischen Literatur. (2.) Von Kanonikus vr. M. Gloßncr, Mitglied der röm. Akademie des hl. Thomas, in München. V. Die Grundprinzipien deö hl. Thomas von Aquin und der moderne Sozialismus. (7.) Die Gnade und die Freiheit. Von vr. C. M. Schneider, Pfarrer in FloiSdorf. U. s. w. Historisches Jahrbuch der GörreSgesellschaft. Kommissionsverlag von Herder rr. Cre., München. XVI. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: Aufsätze: Stiglmayr. Der Neuplatoniker Proclus als Vorlage des sogen. DionysiuS Arcopagita in der Lehre vorn Uebel. Merkte. Hercules Sevcroli und sein Tagebuch über daö Trienter Concil. Kleinere Beiträge: Pieper, Zur Frage über den Verbleib der Corm'pondcnz des Papstes Hadrian VI. Paulus, Zur Literatur über Luthers Lebensende. Unkel, Der erste Kölner Nuntiaiurstrcit und sein Einfluß auf die kirchlichen Nejormbestrcbnngen im Erz- bistbnm Köln um die Wende des 16. Jahrhunderts. — Recensionen und Referate: Württcmbergifche Geschichts- quellen (Banma n n). Stäbelin, Huldreich Zwingli (Büch i). Jnritsch, Geschichte der Babcnbcrger und ihrer Länder (Dö- berl). U. s. w. — Zeitschriftenschau. — Novitäten- schau. — Nachrichten. _ Zeitschrift des Kathol. Universitäts-Vereins von L-alzburg. Redigirt von Stadtpfarrer vr. Kalten- hauser. Druck von A. Pustet in Salzburg. Preis per Jahrg. (4 Hefte) 1 fl. ö. W. Das 1. Qnartalheft 1896 enthält u. A.: Welche Rechte werden Kirche und Staat der srcien kathol. Volksschule gegenüber beanspruchen? Der St. Pöltncr Katholikentag und die freie kath. Universität. Qnartalbericht m s. w. DaS Apostolat der christlichen Tochter oder „St. Angela-Blatt". Wien, I. Johannesgasse 8. Preis fl. 1.— per Jahr (per Post fl. 1.15, für Deutschland M. 2.50). Bei der gegenwärtigen Frauenbewegung verdient alle Beachtung die Monatsschrift „Apostolat der christlichen Tochter", welche seit sieben Jahren dahinstrebt, die katholischen Jungiraucn und Frauen zur Ausübung eines ihrem Geschlechte und Stande entsprechenden Apostolatcö anzueifcrn. ch Negensburg. Mit der Vollendung des großen Lebens Jesu von dem verstorbenen Pros. vr. I. Grimm hat die Pustct'sche VerlagShandlung Herrn Subregenö vr. Zahn in Würzburg betraut. Grimm selbst hat die Hälfte des noch ausstehenden 7. Bandes bearbeitet, so daß die Besitzer der ersten Bände in nicht allzulanger Zeit das Werk vollendet erhalten. Berichtigunng. Zu dem Scklußartikcl „Ein Künstler aus dem Chiemgan" ist berichtigend zu bemerken, daß die Zinsen der Pcrmoser'schen Sckulstiitung seit der Gründung einer eigenen Schule in Kammer (1853) zur Aufbesserung des Lehrcreinkommcns verwcnvet werden. Vcranttv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Ar. 9. 28. Mr. 1896. Der dritte Band von Pastors Geschichte der Päpste. (Schluß.) Für die Bekämpfung der Türken behielt Alexander so wenig Kraft und Mittel übrig; immerhin hat auch er eS nicht an Aufwendungen fehlen lassen, unter seinem Pontifikat ward von der vereinigten päpstlich-venetianischen Kreuzzugsflotte St. Maura, das alte Leukadia, erobert (1501), aber schon zwei Jahre darauf schloß Venedig fast ohne Gewinn Frieden, dem sich auch die andern Mächte wohl oder übel fügen mußten. Es läßt sich denken, daß auch die kirchliche Neform durch Alexander wenig gefördert wurde. Einmal schien er sich aufraffen zu wollen, als 1497 sein Lieblingssohn, der Herzog von Gandia, auf geheimnißvolle Weise, wahrscheinlich auf Anstiften der Orsini, ermordet wurde. Der Papst war aufs tiefste getroffen, er erkannte die Strafe Gottes. „Es ist unzweifelhaft, daß er sich in jenen trüben Sommertagen des JahreS 1497 ernstlich mit umfassenden Neformgedanken getragen hat." Zeugniß davon gibt der Entwurf einer großen Bulle, den Pastor zuerst in brauchbarer Weise aus dem vatikanischen Geheimarchiv veröffentlicht hat. Auf all die schlimmsten Schäden des damaligen Kirchenwesens ist hier die Hand gelegt, die Reformation sollte wirklich, wie es die Deutschen so oft gefordert hatten, „beim Haupte beginnen," — aber sie blieb Entwurf. „Die Reformsache ward zunächst hinausgeschoben, dann vergessen." Aber „trotz aller Mißstände ging die Kirchenregierung im wesentlichen ungestört ihren Gang, was sich freilich zum Theil nur durch die wunderbare Organisation der katholischen Kirche erklärt." Begannen ja unter Alexander VI. auch die folgenreichen Misstonen in der neuen Welt, und er ist es gewesen, der 1493 kraft päpstlicher Autorität die Grenzlinie zwischen den Rechtsansprüchen der Spanier und Portugiesen zog, eine That, aus der ihm nur Unverstand einen Vorwurf machen kann. Es ist ein tragisches Verhängniß, daß sich die päpstliche Autorität in Alexander VI. in einem Streite verkörperte, wo mehr als alles sittliche Reinheit hätte wirken können, in dem Streite mit Savonarola, und ein merkwürdiger Zufall war es auch, daß der Papst die Bulle, welche den Widerspenstigen excommunicirte, der so laut gegen das moderne Babylon gedonnert hatte, kaum einen Monat vor der Ermordung des Herzogs von Gandia erließ, die ihn zu ernster Einkehr in sich selbst veranlassen sollte. Aber auch die Bewunderer des kühnen Mönchs müssen zugeben, daß Savonarola sich selbst sein Grab gegraben hat. Alexander hatte lange Zeit — allerdings mehr mit der kühlen Ruhe eines Weltmannes als mit christlicher Geduld — die Schmähungen Savonarolas gegen ihn selbst ertragen, aber „ein Prophetenthum über der Hierarchie, wie es Savonarola in Anspruch nahm, durfte auch ein Alexander VI. nicht anerkennen", und das Verhalten Savonarolas nach der Excommunication und seine Theorie vom bedingten Gehorsam zeigten, daß er sich nicht mehr in die katholische Kirchenverfassung fügte. Gestürzt hat ihn dann schließlich dieselbe Macht, die ihn empor getragen hatte, das von ihm selbst fanatisirte Florentiner Volk. „Dem katholischen Dogma als solchem ist Savonarola in der Theorie stets treu geblieben; gleichwohl hat er mit seiner Leugnung der Strafgewalt des Heiligen Stuhles und seinen Concilsplünen, die im Fall des Gelingens zum Schisma führen mußten, praktisch unkirchliche Tendenzen vertreten. Zur Entschuldigung gereicht ihm gewiß, daß in Florenz wie in Rom, ja in ganz Italien vielfach sehr traurige sittliche Zustände herrschten, daß die Verwestlichung des Papstthums in Alexander VI. ihren Höhepunkt erreicht hatte. Allein in seinem glühenden Eifer für eine sittliche Erneuerung ließ sich Savonarola nicht bloß zu den maßlosesten Angriffen gegen hoch und nieder fortreißen, sondern er vergaß auch vollständig die Lehre der Kirche, daß das sündhafte, lasterhafte Leben der Obern, auch des Papstes, seine Jurisdiktion nicht zu erschüttern vermag. Er glaubte gewiß aufrichtig und ehrlich, ein gottgesandter Prophet zu sein, lieferte aber auch bald den Beweis, daß der Geist, der ihn trieb, nicht mehr von oben war; denn die Probe göttlicher Mission ist vor allem der demüthige Gehorsam gegen die vor. Gott gesetzte höchste Autorität. Dieser fehlte Savonarola vollständig." Alexander VI. starb am 18. August 1503, sicherlich nicht durch Gift, wie man freilich sogleich geargwöhnt und lange geglaubt hat, sondern an der Malaria. In der That wurde es mit seinem Tode besser in der Kirche. Die Hoffnungen freilich, die man auf Cardinal Piccolomini gesetzt hatte, der sich nach seinem Oheim Pins III. nannte, zerstörte nach kaum einem Monat der Tod. aber schon diese kurze Zeit hatte genügt, Cesare Borjas Tyrannis zu brechen, und daß sie so wenig wiederkehre, wie die Zeiten Alexanders VI. überhaupt, dafür sorgte Giuliano della Novere, der jetzt als Julius II. den päpstlichen Thron bestieg. Allerdings war auch Julius II. nicht ein Papst, wie ihn sich etwa Savonarola gedacht hätte. Er hatte wenig von einem Leo I., der die Hunnen durch Bitten aus dem Lande zu bringen suchte, weit mehr war er nach den Jnnozenzen der Stauferzeit und nach den streitbaren deutschen Kirchenfürsten des Mittelalters geartet, denen ein Panzer kein ungewohntes Kleidungsstück war. Das Beiwort, das er Michel-Angelo gab, „tsrristils", wendet Pastor auf ihn selbst an. Ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Mann, ein „Kraftmensch der italienischen Renaissance-Epoche" ist dieser Papst, der fast als Greis den Thron bestieg, in den 10 Jahren seiner Herrschaft, wenn nicht der Nestaurator der Kirche, so doch der Wiederherstelle! des Kirchenstaates geworden. Denn das trat als wesentlichster Unterschied gegen die Weise Alexanders VI. gleich am Anfang der Regierung des neuen Papstes hervor, daß der Nepotismus keine Stelle mehr an der Kurie fand. Cesare Borja verließ nach gütlichem Uebereinkommen Rom, um bald darauf in Spanien einen ehrlichen Soldatentod zu sterben. WaS er für sich erobert hatte, kam den Plänen Julius' II. zu gute, es war hohe Zeit, hier in der Nomagna dem Umsichgreifen der landgierigen Venetianer einen Damm entgegen zu setzen. In Venedig sah man mit Staunen und Unglauben den Drohungen des Papstes zu, und in der That dauerte es noch einige Zeit, bis Julius denselben Nachdruck geben konnte. Aber noch größere Verwunderung ergriff die Zeitgenossen, als nun Julius im Jahre 1506 selbst an der Spitze eines Heeres auszog, um die abtrünnigen Städte Perugia und Bologna der päpstlichen Herrschaft wieder zu unterwerfen, und als dieser Zug, wenigstens für den Augenblick, einen glänzenden Erfolg hatte. 66 Allerdings nur für einen Augenblick, denn Italien war damals mehr als je das Schachbrett der europäischen Politik, und Papst und Kirchenstaat schienen nur ein Stein in ihrem Spiele. Die Franzosen, zwar von den Spaniern aus Neapel herausgeworfen und Verbündete des Papstes auf seinem Zuge gegen Bologna, vereinigten sich doch wieder mit jenen in Gcgenstellung gegen Julius II. Von Deutschland drohte der Nömerzug Maximilians, der dem Papste durchaus nicht erwünscht war. Maximilian nun freilich begnügte sich mit dem Titel eines erwählten römischen Kaisers, und der Uebermuth der Venetianer führte selbst den Umschwung der politischen Lage zu Gunsten des Papstes herbei. Die Verbündeten von Cambrai ergriffen gegen Venedig die Waffen und der Papst als Genosse des Bundes bannte die Republik, die so vielfach in seine geistlichen und weltlichen Rechte eingegriffen hatte. Aber als nun nach der Niederlage Venedigs bei Agnadello (1509) Ludwig XII. und Maximilian an eine völlige Vernichtung der Republik dachten, da änderte sich der Sinn des PirpsteZ. Er schloß Frieden, und von jetzt an wird das Streben Julius' II, von dem großen Gedanken beherrscht, die „Fremden" aus Italien zu vertreiben. Aber die Verfolgung dieses Planes sollte dem Papst noch schwere Sorgen bringen. Aufs Neue sah man ihn 1510 zu Felde ziehen, diesmal gegen die Franzosen, mit denen es zum völligen Bruche gekommen war. Nach vorübergehenden Erfolgen ging Bologna verloren, krank und machtlos, aber ungebeugten Muthes, kehrte der Papst im Juni 1511 nach Rom zurück. Seine Lage schien um so gefährlicher, als es den Franzosen gelungen war, die alte Drohung einer jeden Opposition, die Concilsforderung zu verwirklichen. Ein Schisma im Cardinalscollegium entstand, die abtrünnigen Cardinäle beriefen eine Synode nach Pisa. Obgleich mehrfach schwer erkrankt, wußte der Papst doch all diesen Feinden zu begegnen. Gegen Frankreich gaben ihm in der „heiligen Liga" Spanien, Venedig und England den nöthigen Rückhalt, und gegen die abgefallenen Cardinäle hatte er schon zuvor den entscheidenden Schritt gethan, indem er selbst am 18. Juli 1511 ein allgemeines Concil nach Rom berief. Am 19. April 1512 sollte es im Lateran zusammentreten. Die Pisaner Synode kam nun freilich zu Stande, aber wie sehr hatten sich die Zeiten seit Konstanz und Basel verändert. Die Synode fand in Italien selbst gar wenig ehrliche Anhänger, noch weniger war Deutschland zu gewinnen. In diesen Augenblick fällt der phantastische Plan Kaiser Maximilians, für sich selbst die päpstliche Tiara zu erstreben — Pastor stellt sich gewiß mit Recht auf die Seite der Forscher, die in dem Projekte doch mehr als einen „Scherz" oder „diplomatische Scheinmanöver" sehen. Von den Gegnern des Papstes war Maximilian freilich der ungefährlichste. Aber auch der Stern der Franzosen neigte sich. Unmittelbar nach dem Siege, den sie am Ostersonntag 1512 bei Navenna über die päpstlich-venetianische Armee davongetragen hatten und der sie zu Herren der Lage zu machen schien, erfolgte der völlige Sturz ihrer Herrschaft in Italien, vor allem durch die Schweizer, „die Beschützer der Freiheit der Kirche," wie der dankbare Papst sie nannte. Der Lebensabend des Papstes ist umstrahlt von glänzenden Erfolgen. Ein Congreß zu Mautua ordnete die italienischen Verhältnisse sehr zu Gunsten des päpstlichen Stuhles, auch der Kaiser trat zu ihm, und vor dem Lateranconcil verging die Pisaner Synode. Der Papst konnte daran denken, gegen die pragmatische Sanktion der Franzosen, das wichtigste Ueberbleibsel der Basier Concilszeit, Stellung zu nehmen, vielleicht wäre er auch noch an die innere Reform der Kirche gegangen, deren Nothwendigkeit er sich nicht verhehlte. Am 21. Februar 1513 ereilte ihn der Tod. Er verließ die Kirche am Vorabend schwerer Stürme und er hat viel dazu beigetragen, daß sie dieselben überstand. „Wenn es auch zu viel behauptet ist, daß daS Papstthum ohne den weltlichen Besitz in diesen Stürmen untergegangen sein würde, so ist doch sicher, daß dasselbe ohne die feste Grundlage, welche die Neugrnndung des Kirchenstaats geschaffen, in ganz unabsehbare Bedrängnisse gerathen sein würde: vielleicht hätte es noch einmal in die Katakomben hinabsteigen müssen. Vor diesem Aeutzersten sind Welt und Kirche bewahrt worden durch den Heldenmuth und die Energie Julius' II., für welchen Michel-Angelo kein besseres Symbol zu finden wußte, als den kolossalen Moses." An den Stufen des päpstlichen Thrones steht seit Nicolans V. die Renaissancekunst. In dem Zeitalter der hier behandelten Päpste tritt sie in ihre glänzendste Periode ein. Es ist eine lange und glänzende Reihe von Kunstwerken, der Plastik und Architektur, die Pastor in seiner Einleitung auf sieben Seiten zusammenstellt. Sie umfaßt die Jahre 1401—1518, und alle diese Werke sind im Dienste der Kirche entstanden. — Jnnozenz VIII. war zu sehr durch Finanznoth und Kriegsläufte bedrängt, als daß er eine geregelte Kunstpflege hätte üben können. Dennoch sind an seinem Hofe zwei bedeutende Künstler beschäftigt, Pinturicchio und Mantegna. Pinturicchio war es dann auch, der unter Alexander VI. dessen Wohn- gemächer mit Fresken zierte, es ist das sogenannte Appartamento Borja, das, durch die Munifizenz des jetzigen Papstes erneuert und dem Besuche geöffnet, eine neue Sehenswürdigkeit des Vatikans bildet. Aber auch dies verschwindet vor dem Mäcenat Julius' II. mit seinen drei Künstlernamen Bramante, Michel-Angelo und Naffael. Den Künstlern wohlbekannt sind die genialen Entwürfe Bramante's zu einem neuen Pctcrsdom. Am 18. April 1506 wurde der Grundstein dazu gelegt, und noch heute darf man bedauern, daß eine spätere Zeit diese Pläne umgestaltet hat. Weltberühmt ist Bramantes Ausgestaltung des Belvedere, in dessen Statuenhof dann der Apollo und die 1506 neugefundene Laokoongruppe Aufstellung fanden, weltberühmt Michel-Angelo's Decken- fresken in der Sixtina, sein Entwurf für ein Grabmal Julius' II., als dessen Nest der berühmte Moses erhalten ist, weltbekannt die Ausmalung der Vatikanischen Stanzen durch Naffael. Ueber all diese Dinge gibt Pastor genaue, zum Theil durch neue archivalische Daten gestützte Nachweise. Auf seine neue Erklärung der „Disputa" sei hier ganz besonders hingewiesen. Auch wer das päpstliche Rom nur mit den Augen des Kunstfreundes betrachtet, wird so in diesem Bande seine Rechnung finden. Der nächste Band des Werkes wird uns in die Zeiten Lco's X. und der deutschen Kirchenreformation führen. Wir dürfen erwarten, daß Pastor hier mit gleicher Gründlichkeit auch die deutschen Zustände erörtern wird, welche zur Kirchentrennung führten, und die in dem vorliegenden Bande naturgemäß nur geringe Berücksichtigung fanden. Möge ihm Kraft und Frische zur Writcrsührung seines Werkes nicht fehlen. ?. ff—u. 67 Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung znr Reformation. (Fortsetzung.) H.. R. Christoph von Stadion war, wie wir schon oben gesehen, ein großer Verehrer der Humanisten. Seit dem Jahre 1528 nun war er mit dem bedeutendsten seiner Zeit, mit Erasmus von Rotterdam, in Verbindung getreten.^) Diesen bewunderte er sehr ob seiner bedeutenden humanistischen Kenntnisse und machte ihm auch reiche Geschenke. So übersandte er ihm im Jahre 1533 zwei Saumrosse, von welchen er sich eines auswählen sollte.^) Ja, er verehrte ihn so, daß er eine siebentägige, nicht gefahrlose Reise nach Freiburg i. Br. unternahm, um den Mann zu besuchen und ihn kennen Zu lernen, und auch diesmal beschenkte er ihn reichlich/*) Des Erasmus Bild soll man in allen Gemächern der bischöflichen Residenz zu Dillingen gesehen habend) Unter solchen Umständen wurden denn auch des Erasmus Ansichten über Religion und Reformation die Stadions und er ließ sich in seinem Thun sehr von ihm beeinflussen. Eras- muS aber war wohl ein guter Kenner der antiken Wissenschaften, aber nichts weniger als ein guter, überzeugungs- fester Katholik. Er hatte vielmehr sich schon bald nach dem ersten Auftreten Luthers beifällig über ihn ausgesprochen und schon im Jahre 1518 Luthers Ansichten in Wort und That vertheidigt, er stand mit Luther und mit Mclanchthon in freundschaftlichem Briefwechsel. Und als er sich um die Jahre 1523—1524 wieder von Luther und seinen Lehren zurückzog, that er dies nur, weil er einsah, welche Elemente durch die neue Lehre angezogen und welche Wirren durch dieselbe veranlaßt wurden, es war ihm um seinen guten Ruf und auch um die Gunst des Kaisers und anderer hochgestellter Persönlichkeiten zu thun; er trat äußerlich zur katholischen Kirche zurück, gab aber die reformatorischen Ansichten nicht auf, denn die neue Lehre gefiel ihm, aber die Personen mißfielen ihm.^) So kam es, daß er der Vater der Mittelpartet (wie ihn Pastor nennt) wurde, die eine Versöhnung anstrebte. Aber Erasmus, „dem der Begriff der Kirche gänzlich abhanden gekommen war", war mit seinen Anschauungen nicht im Stande, eine Vermittlung und Vergleichung der großen Gegensätze jener Zeit herbeizuführen. Sein Standpunkt war ein Pietismus feinerer Art, verbunden mit einer Art freidenkerischer Aufklärung; seine Dogmatik und Moral entsprachen ganz der theologischen Methode, welche im 18. Jahrhundert die „aufgeklärte" genannt wurde. Nach seinen Grundsätzen würde es eine streng wissenschaftliche Dogmatik überhaupt nicht mehr gegeben haben. Er wollte allerdings Erhaltung der Einheit der Kirche, Rückkehr zur apostolischen Kirche, allein die Summe des zu Glaubenden würde in dieser „einigen, apostolischen" Kirche des Erasmus nur sehr wenig Artikel ") Braun, Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 344. «) Ebd. S. 348. ") Veitb, Libl. Xnx. fllxb. IV. 63: kine (nämlich von dem Umstände, daß Christoph ein sehr großer Gönner der Hnm. war) kaetnm, nt lürasmo Uotteräamo non solum se beniAnissimum xraednerit, sei vtiam all oum vissuäum septsin äiernin itinsre b'ridurg'um xrokectus sit, atlsrsns seenin äuo xocnla rsKia enm 60 üorsnis anreis, äskerens insnner omnium kaoultatum suarum eowmunieusm. — Braun, III. 343. ") Allgemeine deutsche Biographie IV. 227. r°) 2. Döttinger, Reformation (Regensburg, 1846) I. Vd., Seite 3 ff., 8 f. und diese in möglichst unbestimmter Form umfaßt haben/°) Derartige Ansichten treten uns auch aus zwei Briefen entgegen, die Erasmus im Jahre 1530 an Christoph geschrieben hat.") Am 24. Juni 1530 meldet er: er bete täglich zu Gott, daß er den Kaiser und die Fürsten mit seinem Geiste erfüllen, ihnen zum Besten der Kirchs heilbringenden Rath ertheilen und durch die Macht und Frömmigkeit des Kaisers dieses unglückliche, alle menschliche Hilfe übersteigende Gewitter stillen möge."") In einem andern Schreiben vom 11. August äußert er sich etwas deutlicher: „Die drei von Dir angeführten Bedingungen können nach meinem Ermessen ohne Nachtheil der Religion zugelassen werden; ich glaube aber/ daß die Häupter der Sekte sich damit nicht begnüget werden. Ich weiß, daß Deine Erhabenheit bis Bisse? dieser Tollen und Starrköpfigen nicht zu fürchten hat/"-') Mit jenen drei Bedingungen sind aber die Zulassung des Laienkelches, die Gestaltung der Priesterehe und die Einführung der Muttersprache in die Liturgie gemeint. Und da diese Bedingungen dem Erasmus als zulässig erschienen, machte sich auch Christoph von Stadion kein Gewissen wehr daraus, für dieselben einzutreten. Er selbst schreibt an Nansca, Bischof von Wien, am 30. November 1537: Erasmus' Schriften seien ihm Führer geworden zur Erkenntniß evangelischer Lehre und christlichen Lebens;") er gesteht mit Erasmus, daß menschliche Satzungen sich der christlichen Religion beigemischt haben, und beklagt mit ihm, daß es Theologen und Neichsstände gebe, welche in Schriften von Lutheranern selbst dasjenige verwerfen, was mit dem Evangelium in Einklang stehe. Am 8. August 1533 tritt Christoph in einem Brief an seinen Freund EraSmus ebenfalls für seine Ansichten ein, wenn er schreibt: „Um die NeligionS- flreitigkeitsn durch die in Deinem Briefe erwähnten Mitte! beizulegen, steht nach meiner Ansicht nichts im Wege, als daß diejenigen, die sich mit dieser Angelegenheit befassen, nicht die Sache Gottes ihrem Vortheil nachsetzen."") Christoph hat sich also zu vertrauensvoll der Führung Erasmus von Rotterdam überlassen; er hat dessen Ansichten als die allein richtigen aufgenommen, und daher kommt seine Nachgiebigkeit gegen die Protestanten. Doch so sehr er bei jeder Gelegenheit daraufdrang, seine Ansicht durchzusetzen, und sich zu Gunsten jener drei Bedingungen verwendete, ins Praktische hat er diese seine An- Die kirchlichen ReunionSbestrebungen während der Regierung Karls V. von Dr. Ludwig Pastor (Freiüurg i. Br.. 1879) Seite 131. °°) Gesch. d. Bisch. v. AugSb. III. 257. °'),Zaps. Chr. v. Stadion. Beilage XXXI. Seite 247: tznotiäie arclentissime äeum comxreeor, ut sno sxiritn Oassaris öd xrineixium animis snZMrere rligmetur consiüa Reixuli. Oliristianas ss.lutm.rla>, xergus Oassaris summam xo- tentiam ot xoenitentiae purem xietatsm fatalem bans et bumanis xraesiäiis inseäadilem temxsstatem in trauguillum vertsre äiZuetur. Ebd. Beilage XXXIII. Seite 249: ll'res oonäitiones, guas recensss, moo inäieio nulla reliZstonis iaetnra eoneeäi xotsrunt, seä minims ereüo seetarum xiveeres illis kors contsntos. Ebd. Beilage XXVIII. S. 241: H guo non minimam ebristianitatis pvrtionem (si sattem in mv aligna rcslävt) ms aceexisse eonüteor. Is tnit, igui veram xivtaris ao reli- gionis viam äi§ito (ut ita loguar) äemonstravit. "*) Ebd. Beilage XXVII. S. 240: tzuo minus religionis äissiäinm üs meäiis, äs gnibus in tnis litteris faota est mentio, eomxonetnr, niliil aliuä viäetnr odstare meo inäioio, nist gnoll isti, gut Poe traotant, maxis axnnt xroxrium guam Del ne§otiuw. 68 ficht nie umgesetzt, wie viele Unannehmlichkeiten ihm namentlich von Seite des Augsburger Rathes vielleicht auch erspart geblieben wären, wenn er durch Stillschweigen dessen Thun und Treiben gleichsam gebilligt hätte. Aber das that er nicht. „Der Reichstagsabschied von Augsburg bildete für ihn die Norm des ferneren Verhaltens, er erwies sich fortan als treuen Bischof der alten Kirche, ohne jedoch früheren informatorischen Gedanken, deren Ausführung er dem Besten der Kirche für förderlich hielt, zu entsagen."««) Daß er sich wirklich d:n Neuerungen in seiner Diözese und namentlich in Augsburg auch fernerhin entgegensetzte, beweisen mehrere Thatsachen. Im Jahre 1533 reichte der Magistrat von Augsburg, begeistert von Luthers Lehre und voll Eifer für das allgemeine Bekenntniß derselben, an den Bischof und an das Domkapitel eine Schrift ein, die ganz widerrechtlich und sehr nachteilig für die Neligions- und Gewissensfreiheit war. Es heißt hier: „Hierum wir zu der Ehre Gottes, Beförderung der Wahrheit und Abstellung der Irrthum eilich Artikel zum kürzesten gestellt baben, darin» E. F. G. wir zn erkennen geben, was wir und die Unsern täglich von unsern Prädicanten durch die Schrift gelehrt werden, das sie in einem freyen Con- cilio mit biblischen Schriften zu erhalten verhoffen und getrauen, was wir auch täglich lesen und herzlich glauben, daß der Ehr Gottes abbrüchig, auch uns und Unsern im Gewissen beschwerlich und der Seligkeit gefährlich sey, das doch nicht destoweniger von E. F. G. oder ihren geistlichen Predigern allhier nncntsetzt geprediget, gelehrt und von ihren Geistlichen unerläßlich geübt wird." Die Artikel, die sodann in dem Schreiben aufgeführt sind, sind hauptsächlich folgende: Es sei wider die „offenbare Schrift", daß die „Steinhaufen sollen Kirchen oder Tempel Gottes und der Papst deren Haupt sein". Ferner wollen die Augsburger nichts wissen von der Hetligenverehrung, von der Ohrenbeicht, vom Fegfeuer und von den Seelenmessen, vom Opfer, von Prozessionen und päpstlichen Messen, von der Bilderverehrung und von Wallfahrten, von der „fremden Sprach" in der Liturgie, von den Klostergelübden und von andern Dingen, „dieweil solch alles und jedes dem Wort und der Ehre Gottes entgegen ist"?«) Auf diese Schrift hin gab der Bischof zur Antwort, er wolle alles thun, was zu Fried, Ruhe und Einigkeit diene. Doch es seien unter jenen Artikeln manche, die er nicht „aus eigener Vermessenheit" abstellen wolle, weil dieselben „als recht und christlich erkannt" und von allgemeinen Concilien approbirt worden seien. Auch dürfe er nicht mehr bewilligen, als was auf dem Reichstage zu Augsburg gewährt worden sei, zudem sich der Magistrat auf demselben erboten habe: „an der Meß, Beicht, noch sonst andern Ceremonien habe er von Alter bisher niemand geirrt oder davon gedrungen, also gedenke er auch fürder niemand davon zu dringen oder daran zu verhindern". „Daher möget ihr selbst ermessen," fährt der Bischof fort, „daß uns ganz verweißlich und beschwerlich, auch keineswegs thunlich, daß wir uns von aller gemeinen freyen christlichen Concilien Erkanntuis, von allen christlichen Nationen, ja der gemeinen ganzen christlichen Kirche absundern und wider unser eigen Gewissen handeln sollten; daraus uns nicht allein K. M. unsers allergnädigsten Herrn, auch anderer Fürsten Un° Allgemeine deutsche Biographie. IV. 225. «) Braun, Gesch. d. Bisch. v. AuM. III. 267-276. gnad und Feindschaft, Widerwillen und unserer Leibs und Güter Nachtheil, sondern auch zum höchsten Bedenken unsers Gewissens und Seelen Schaden erwachsen wurde"??) Diese Antwort des Bischofs ist ein klarer Beweis dafür, daß er sich den Beschlüssen des Reichstages zu Augsburg fügte und daß er den Augsburgern auch solche Dinge nicht erlaubte, die er den Protestanten einzuräumen für seine Person geneigt gewesen wäre. Daraus folgt dann aber auch, daß der Bischof sein persönliches Urtheil demjenigen der katholischen Kirche stets unterworfen hat. Im Jahre 1534 verlangte der Magistrat von Augsburg vom Bischof und von dem Domcapitel ein Neligions- gespräch. Doch der Bischof erklärte: „Ein Zusammentritt und eine Disputation sei unnöthig und ohne Nutzen; denn u) wäre keine Hoffnung zu einer Vergleichung denkbar und, wie es die Erfahrung lehre, nicht einmal von ihren Prädikanten es auf solche abgesehen; b) würden sie keinen Richter, der den Streit vergleiche, anerkennen wollen; o) würde bei unterbleibender und nicht zu erstreckender Vergleichung die Verwirrung unv Erbitterung noch viel bösartiger werden; ä) wären ja diese Differenzen schon lange durch die Concilien entschieden und dergleichen Privatvergleiche durch geistliche und kaiserliche Gesetze verboten worden; s) müßte es jedem Christen sehr schwer, ja auch unverantwortlich fallen, anf den Aussprnch von zwei oder vier Prädikanten seine Ehr, See! und Seligkeit zu setzen"?«) Am 1. August 1534 ließ der Rath ein Dekret wider die Katholiken und ihre Religionsübungen veröffentlichen. In demselben wird jedem das Predigen verboten, der nicht vom Rathe angestellt ist, alle Kirchen mit Ausnahme einiger weniger werden geschlossen, „damit die Ceremonien und vermeinten Gottesdienst, so bisher darinnen mißbraucht worden, fürohin vermieden und nicht mehr gehalten werden," den Klosterbcwohnern wird nahe gelegt, sie sollen sich aus den Klöstern entfernen, einem jeden wird bei Strafe an Gut, Ehren, Leib oder Leben untersagt, katholisch zu predigen oder auch solche Predigten nur anzuhören?«) Die Folge dieses Dekretes war, daß die Pfarr- und Frühmeßaltäre von allem entblößt und der zu Sanct Ulricb in eiserne Bande geschlagen, die übrigen Kirchen gesperrt und von den Mönchen von St. Anna die Klosterzellen verlassen wurden. Der Bischof konnte sich nicht anders helfen, als daß er sich beim Kaiser beschwerte. Er erwirkte wider die Stadt ein Mandat, in welchem dem Rath sein ungerechtes Verfahren wider die katholische Geistlichkeit verwiesen und von königlicher Macht wegen geboten ward, alles Verordnete abzuschaffen, das aus den katholischen Kirchen Weggenommene zurückzugeben und sich aller Neuerungen zu enthalten. Da jedoch dieses Mandat keinen Erfolg hatte, beklagte sich Christoph am 11. April 1535 beim schwäbischen Bunde auf dem Bundestag zu Lauingen und suchte bei den Bundesständen Hilfe. Doch auch dies führte zu keiner Besserung der religiösen Zustände in Augsburg. Der Magistrat berief Martin Buzer, ein „listiges Männleiu", auf die Kanzel in die St. Johanucskirche; ein Lutheraner, Johann Förster, wurde ebenfalls als Prediger in Augsburg angestellt?«) Aus all dem ist ersichtlich, daß Christoph wenigstens den guten Willen hatte, für die katholische Kirche zu ») Ebd. S. 277-280. . °°) Ebd. S. 284. «») Ebd. S. 200-296. 2 °) Ebb. S. 296—390. Wittinan», Augöburger „Reformator-»" 258 ff. 237 f. thun, was in seinen Kräften stand. Um noch größerem Uebel vorzubeugen und um seine Unterthanen davor zn bewahren, hielt er im Jahre 1536 eine Synode, deren Statuten jedoch nicht erhalten sind?!) (Schluß folgt.) Die stringente Kraft der Gottesbeweise. 8tr. In Nr. 6 der Beilage hat ein Mitarbeiter der Postzeitung unter der Aufschrift „Gedanken über Wissenschaft und Christenthum" eine Kritik über den ebenso betitelten Artikel eines anderen Correspondenten in Nr. 4 zum Besten gegeben und dabei verschiedene Sätze aufgestellt, die wir darin lieber nicht gelesen hätten. ES heißt dort unter ander«, „daß die Beweise von Gottes Dasein und Erscheinung in der Natur und Geschichte es zn keiner vollen Stringenz und Evidenz bringen"; dann wird weitergefahren: „Wohl spricht daS vatikanische Concil von einer Erkennbarkeit Gottes, nicht aber von einer sicheren Beweisbarkeit. Alle Bemühungen der Apologeten, Gottes Offenbarung zu beweisen, haben es nie bis zu einem Erkenntnißzwang, bis zu einer inneren Nöthigung gebracht. Die Glaubenswahrheiten wurden nicht als allgemein gültig und nothwendig in dem Sinne erwiesen, wie es philosophische und metaphysische Grundbegriffe sein müssen, und es ist allerdings nicht zu verwundern, daß die exakten und kritischen Wissenschaften, die nur (?) mit sicher Beweisbarem operiren, Thatsachen aus dem Wege gehen, die nach ihrer Ansicht Sachen bloßen Meinens oder Glaubens sind." In dieser Darstellung ist Wahres und Falsches und auch nicht Zusammengehöriges zusammengemengt, aber im allgemeinen bekommt man beim Durchlesen derselben den Eindruck, als ob eS mit der natürlichen und philosophischen Begründung des Gottes- und Christenglaubens gar kläglich bestellt sei, so daß man ihn mit guten Gründen als bloße subjektive Anschauung bei Seite schieben könne. Auf so schwachen Füßen steht nun aber glücklicherweise das Gottesreich noch nicht, und die hohlen und blinden Dunstgeschosss der modernen „Wissenschaft und Aufklärung" werden nimmer den Felsen der Kirche wankend machen. Auch heute noch behält der Satz seine Wahrheit: „Nur der Thor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott," und jene Geistesheroen sind nicht zu entschuldigen, welche in dem Wunderbar: des Universums den allmächtigen Baumeister nicht finden wollen. Freilich, wenn jene Tollhüusler von Philosophen recht hätten, welche ihre eigenen Grundsätze im praktischen Leben bei jedem Schritte, den sie machen, verleugnen müssen, welche nur das als real gelten lassen, was man greifen und wägen kann, oder gar in ihrem Hyperkriticismus alle objective Erkenntniß hinwcgdisputiren und schließlich beim vollen Nihilismus angelangen, wobei auch der Kritikus selbst in Dunst und Nebel aufgeht, da liegt es allerdings nahe, die unwägbare Voraussetzung aller Phänomene einfach zu negiren, obwohl andrerseits nicht zu ersehen ist, worauf sich denn das eine Welt scheinende Nichts stützen soll, wenn nicht ein erstes, höchstes Wesen oder Urphänomen ponirt wird. Aber was hat denn die Natur- forschung und exakte Wissenschaft entdeckt, wodurch Gott, die einzige Stütze aller Wahrheit und Wirklichkeit, überflüssig geworden wäre? Im Gegentheil, alles, was Astro- Veitii, Itibl. LIpb. IV. 66: sivs gnoä typis exeusLs nou i'usriiw, sivs guoä per bellieas illormu iemporuw iurdcrs mtenverint. nomie, Physik, Chemie, Pflanzen- und Tierkunde, Geologie und Physiologie u. s. w. zu Tage gefördert haben, ist im Grunde genommen nur ein großartiger Commentar zu dem Ausruf des Psalmisten: „Die Himmel verkünden die Ehre Gottes, und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament." Mit aller Entschiedenheit muß darum die Behauptung zurückgewiesen werden, als ob die herkömmlichen Beweise für das Dasein GotteS nicht vollkommen stichhaltig seien oder der vollen Stringenz und Evidenz entbehren. S o wahr das Causalitätsgesetz unumschränkte, ganz ausnahmslose Allgemeingiltigkeit im gesammten Reiche des Werdens uud Wirkens besitzt, so wahr und sicher eignet den auf dieses metaphysische Princip aufgebauten Gottesbeweisen die unerschütterlichste Gewißheit, welche weder durch kantische Antinomien noch durch minder berühmte Paralogismen wankend gemacht wird. Wie der Topf nicht ohne Töpfer, der Tisch nicht ohne Tischler entsteht, so ist Leben nicht vom Schlamme und die unendlich verwickelte Weltordnung und -Harmonie nicht durch Zufall aus dem Chaos erwachsen, abgesehen davon, daß auch der Weltstoff in keinem seiner Theile die Absolutheit und Allgenugsamkeit bekundet, welche gewisse „Denker" ihm vindiciren möchten. Ist etwa die Pracht eines herrlichen Frühlingsmorgens oder die Majestät des Sternen- himmels als Produkt der Evolution und zufälligen Anpassung begreiflicher, denn als Werk einer allmächtigen, allweisen Intelligenz? Soll der Schleim des Meeresgrundes der Vater des Menschengeistcs sein? Diese auf das Causalitätspriucip gründende Gewißheit und Evidenz ist es auch unzweifelhaft, die das Vati- canum andeutet mit den Worten: Li czuis Üixsrit, vaum uinrrn ei vermin, Lreatorein 6b Oowiirrun uostwum, per 6a, Huus flrota surrt, rratuirrli ratrvrirs luurins osrto oogrrosoi rrou xvsso, airatlrarrra sit. Es ist uns darum unerfindlich, wie der 6. 6-.-Cor- respondeut Zu dem Einfall kommt: „Wohl spricht das vatikanische Concil von einer Erkennbarkeit Gottes, nicht aber von einer Beweisbarkeit." Er behauptet zunächst mehr als zulässig ist; denn wenn von Erkennbarkeit im Gegensatz zur Beweisbarkeit die Rede ist, so kann nur etwas gemeint sein, was durch unmittelbare Perception evident ist; von Gott gibt es aber natürlicherweise nur ein durch Schlußfolgerung aus anderer'. Thatsachen und Wahrheiten vermitteltes Erkennen. Andrerseits aber wird ein solches angeblich direktes Ersassen Gottes als so minder- werthig taxirt, daß es weit hinter ein durch Beweis und Schluß gewonnenes zuverlässiges Wissen zurücktreten müßte. Das Vaticanum hat jedenfalls kein unmittelbares oder intuitives Schauen Gottes im Auge; es meint auch nicht ein Erfassen durch Abstraktion, wie wir die uns umgebende sinnliche Welt mit dem Verstände ergreifen; ebenso ist die von dem Urheber des besprochenen Artikels angedeutete innere Gotteserfahrung hier ausgeschlossen, welche nur bei besonders begnadigten Seelen vorkommt und nur snbjective Bedeutung hat; es bleibt demnach nur das durch Schlußfolgerung vermittelte Erkennen übrig, das allein in jenem aerto evZnosoi bezeichnet wird. Eben weil wir Gott nicht in seinem eigenen Sein, sondern in dem Resultate seiner schöpferischen Wirksamkeit als Urheber der vor uns ausgebreiteten Welt zu erreichen vermögen, ist unsere Gotteserkenntniß lückenhaft; wir sehen nicht sein Wesen, sondern können nur aus der Herrlichkeit seines Werkes und der ihm noth» wendig zukommenden Aseität seine Vollkommenheiten erschließen. Aus jeder Wirkung folgt ja mit Nothwendigkeit das Vorhandensein einer Ursache, deren Vollkommenheit mindestens der Größe der Wirkung entsprechen muß; denn wäre die Ursache geringer an Kraft als die Wirkung, so wäre dieses Mehr von Vollkommenheit in der Wirkung ursachlos, ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ist auch unsere Kunde von dem höchsten Wesen unvollkommen, ein Stückwerk, so ist doch das relativ Wenige, das wir von ihm wissen, ein vollkommen gesichertes Wissen. Kennen wir Gott in seinem Sein und seinen Eigenschaften auch nicht mit jener unmittelbaren Evidenz und Klarheit wie etwa den algebraischen Satz: 2X2 — 4, so erfreut sich diese Erkenntniß doch jener Zuverlässigkeit und Festigkeit, welche jeder Folgerung aus zweifellos sicheren Principien und Prämissen eigen ist um so mehr, weil wir nicht bloß auf dem einen oder anderen Wege zu Gott emporgelangen, sondern auf zahlreichen Bahnen dieses Ziel mit gleicher Sicherheit erreichen. Der Bau unserer Gotteskunde ruht auf festen Quadern, auf unerschütterlichen Fundamenten, während der Atheismus sein Haus nicht einmal auf Sand bauen kann. Ein überzeugter Atheist ist überhaupt eine Unmöglichkeit; wenn auch ein überkritischer Skeptiker die Behauptung aufstellt, die Argumente für Gottes Dasein scheinen ihm nicht vollständig zwingend zu sein, so kann doch kein Mensch je etwa ausrufen: „Ich weiß es und habe es gefunden, daß ein Gott nicht existirt." Was nun den Charakter der Gewißheit anlangt, auf welcher die Evidenz der Gottesbeweise ruht, so ist diese Gewißheit eine metaphysische, soweit sich diese Beweise wie der kosmologische und Leleologische auf das Causalitätsprincip stützen. Schließt man aber von der Thatsache der Wunder und der in Erfüllung gegangenen Weissagungen auf Gott, dem allein eine solche absolute Macht über Natur und Geschichte eignet, so hängt in diesem Falle die Zuverlässigkeit des Schlusses allerdings von der Glaubwürdigkeit und Sicherheit der Zeugen ab; die hier erreichbare Gewißheit ist eine moralische; aber welche moralische Gewißheit! Welches historische Ereignis; ist besser bezeugt als das Faktum der Wunder? Christus selbst hat unzählige Wunder gewirkt; dasselbe thaten die Apostel und Heiligen in der Kraft Gottes; zu allen Zeiten wurde daS Wirken und Leben besonders begnadigter Personen durch Wunder verherrlicht. Bei manchen dieser Wundervorgänge waren Hunderte und Tausende als Zeugen zugegen; manche von diesen Zeugen haben ihr Zeugniß mit ihrem Blute besiegelt. Welch eine Frivolität gehört demnach dazu, die Möglichkeit eines Wunders zu leugnen! Mit demselben Recht kann ich die ganze Weltgeschichte als Lüge zurückweisen. Steht etwa die Existenz eines Han- nibal oder Cäsar sicherer fest als das Leben und die Thaten des Gottessohnes? Daraus ergibt sich, was von einer Aeußerung zu halten ist wie: „Wer in sich und seinem Schicksale keine Wunder erlebt hat, wird schwerlich an Wunder glauben." Dieselbe Gewißheit wie der Thatsache der Wunder steht auch der Thatsache der Offenbarung Gottes überhaupt zur Seite; durch Wnn'oer hat sich die Kirche als Gottes Werk bekundet und bestätigt. Kein Ereigniß der alten und neueren Geschichte erfreut sich auch nach seiner kritisch-wissenschaftlichen Seite hin einer festeren Basis als die Stiftung und der Bestand der katholischen Kirche. WaS dann der 6. O.-Correspondent mit der „ursprünglichen Gottesidee" meint, ist uns gleichfalls ein schwieriges Räthsel. Eine angeborene Gottesidee gibt es nicht, weil überhaupt keine angeborenen Ideen existiren. Soll etwa diese Idee noch der Nachhall der Uroffenbarung oder der durch Tradition von Geschlecht zu Geschlecht übermittelte Gottesgcdanke sein? Wenn letzteres nicht gemeint ist, so kann diese Gottesidee jedenfalls nur das Produkt jenes jedermann so naheliegenden Gedankenganges sein, der in den Beweisen für das Dasein Gottes gewöhnlich eingeschlagen wird. Was liegt denn dem Menschen näher, als bet allem, was er sieht, nach der Ursache zu fragen? Warum sollte er also nicht auch nach der letzten und höchsten Ursache fragen? Jene Funktion aber, welche unser O. 6l.-Corrcspondent der ursprünglichen Gottesidee zuweist, hat dieselbe ganz gewiß nicht. Aber wie kommt es dann, höre ich mir entgegen- rufen, daß trotz dieser Stringenz der Eottesbeweise so- vicle an Gott und seiner Kirche irre werden? Solchen Fragcrn möchte ich zunächst mit einer Gegenfrage antworten: Warum haben die Jsraelitcn, obwohl sie so große Thaten und Wunder Gottes erlebt hatten, trotzdem das goldene Kalb angebetet? Welch ein Abgrund von Leichtsinn und Bosheit des menschlichen Herzens offenbart sich in diesem Vorgang! Uebrigcns kommen auch noch andere Atomente hier in Betracht. Obwohl im allgemeinen der Gottesgedanke jedem Menschen so nahe liegt und sich förmlich aufdrängt, so ist doch ein tieferes Eindringen in diese Gedaukengänge mit einiger Schwierigkeit verbunden und nicht jedermanns Sache. Sodann kann man die Menschen nicht zwingen, ihren Geist auf solche Probleme zu richten und darin zu vertiefen. Auch bei der Erkenntniß der Wahrheit wie bei der Bethätigung jeder anderen Fähigkeit muß der Wille dabei sein. Soll ich einen Gegenstand sehen, so muß ich das Auge öffnen und ihm meine Aufmerksamkeit zuwenden. Nun aber geschieht es bekanntlich leider nur zu häufig, daß der ganz in die Sinnenwclt und in das materielle Treiben verstrickte und versenkte Mensch für die Dinge über ihm kein Auge mehr hat, daß die Osterglocken der Gottesgedanken von dem Sturme und Geschrei gemeiner Leidenschaften gänzlich übertönt werden. Und wenn man auch nicht gerade immer annehmen darf, daß die ordinärsten Götzen wie Venus, Bacchus, das goldene Kalb den Weg zu Gott verlegt und den Ausblick nach der Höhe versperrt haben, wie oft ist es besonders bei Professoren und Gelehrten der Hochmuth, die Selbstvergötterung, der Hang zu schrankenloser Freiheit und Ungebundenheit im Denken und Handeln, welcher die Geistesklarheit trübt und die Welt in falscher Beleuchtung erscheinen läßt! Oft genug auch gesellt sich dann zur Sünde des Geistes die alles Hohe und Ideale verheerende Sünde des Fleisches und zieht mit Bleigewicht die Schwingen des Geistes von den lichten, erhabenen Gottesideen zur Gemeinheit nieder. Das mögen im allgemeinen die Hemmnisse sein, welche vielen den Ausblick zum Weltenschöpfer versperren oder widerwärtig erscheinen lassen; im einzelnen bei jedem Apostaten den Grad der Verschuldung festzustellen, ist Sache dessen, welcher Herzen und Nieren durchforscht. Jedenfalls aber werden dabei jene nicht am besten wegkommen, welche, nicht zufrieden mit der Oede und Verzweiflung im eigenen Herzen, dieses Gift auch in möglichst viele andere Seelen auszugießen bemüht sind. » » » * Wir haben vorstehenden Artikel vor der Drucklegung dem Verfasser des kritisirten Aufsatzes vorgelegt, welcher uns um Aufnahme des Folgenden ersucht: Erwiderung. Von der obigen Antikritik habe ich nur mit großem Bedauern Kenntniß genommen. Ich hätte nicht geglaubt, daß meine wohlgemeinten Ausführungen, die nur im Interesse der Wahrheit und wissenschaftlichen Objektivität geschrieben worden sind, so vielfachen Mißverständnissen begegnen würden. Es mag ja sein, daß ich selbst ein wenig daran schuld bin, da ich die Stringenz der Gottesbeweise mehr einschränkte oder einzuschränken schien, als es nach der Lage der Dinge und nach meiner eigenen Ueberzeugung nöthig ist; denn man ist der Wirkung seiner Worte nie sicher. Aber schon der Umstand, daß meine Bemerkungen in einem tadellos katholischen Blatte standen, hätten zu einer günstigen Deutung führen sollen. Wenn ich Aergerniß gegeben haben sollte, Hut es mir leid; ärgern wollte ich niemand, sondern bielmehr beruhigen und aufklären. Beruhigen über die Lage der Dinge, die nun einmal Gott zugelassen hat und die wir mit Eifern und Schimpfen nicht ändern; aufklären und auf jenen Standpunkt stellen, der uns allein vor Anfechtungen sicher stellt und eine sichere Operationsbasis für den Apologeten bildet. Gerade das geringgeschätzte subjective, geistige Gebiet, das man so leicht preisgibt, wollte ich als den sichersten Ausgangspunkt darstellen. Daß meine Absicht gänzlich verkannt wurde, nehme ich mit Beschämung wahr, denn ich bin auch hier nicht ohne Mitschuld, da meine Ausführungen zu knapp und nicht gegen alle Mißdeutungen gewahrt worden sind. Ich ergreife die Gelegenheit dieser Widerlegung, um in aller Kürze anzudeuten, wohin meine Gedanken zielen. Im Wesen der Sache bin ich ja mit St. einverstanden, er hätte sich die meisten seiner Einwendungen sparen können, wenn er ruhig meinen Satz erwogen hätte, worin es heißt, ich gehe weiter als Kühn und seine Anhänger, ich „halte den Kausalitätsbeweis für sicher genug, um eine weitgehende objective Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen", nur müsse dieser Beweis vermittelst der unmittelbaren Gottesidee vollendet, bzw. ergänzt werden. Dieser Satz hätte sich mit leichter Mühe weiter ausführen lassen, aber ich wollte mich möglichst kurz fassen, um so mehr als ich im nächsten Hefte der Histor.-poltt. Blatter mich aus Anlaß einer Recension darüber aussprechcn werde. Warum hat der Antikritiker diesen Satz ganz übersehen? Wäre St., oder um seinen geschmackvollen Ausdruck zu wiederholten, der 8t.-Correspondent fachlich und objectiv geblieben, dann hätte er mit mir streiten können über den Begriff und den Umfang der Stringenz oder auch darüber, ob den Gottesbewcisen aus der Natur oder aus dem Geiste mehr Tragweite zukomme. St. mußte doch merken, daß ich die Stringenz in dem Sinn verstehe, wie sie mathematischen Lehrsätzen oder wenigstens durch die Sinne constatirbaren Thatsachen eigen ist, und wenn ich diese Stringenz bei den Glaubenswahrheiten nicht sehe, so ist das gewiß kein Verbrechen, daß man sich darüber zu erregen braucht. Mag St. von sich auch sagen, er glaube nicht bloß, sondern er wisse, daß es einen Gott gibt und daß Christus Gottessohn fei, so sicher, als daß es einen Cäsar gab, mag für ihn Glauben und Wissen gleich bedeutend sein, so wird man sich darüber nur freuen. Aber dann soll er Gott dafür danken und jene, welche Gottes Dasein als eine Voraussetzung des Denkens oder als ein Postulat der Vernunft hinstellen, geschweige die von einer ursprünglichen Gottesidee reden, nicht mit den Atheisten in einen Topf werfen, da sie doch weiter davon entfernt sind als jene, die immer im Buch der Natur blättern müssen, um sich an Gott zu erinnern. Es gibt allerdings Grade in der Zuversicht- lichkeit und Gewißheit, die einen sind behutsamer und weniger kategorisch, als die andern, aber wenn ich in meinen Aussagen vorsichtig bin und von hoher Wahrscheinlichkeit oder von glaubhafter Sicherheit oder gar von innerer Evidenz rede, will ich damit die Wahrheit nicht leugnen, die ein anderer sicher weiß oder zu wissen meint. Herr St. scheint diese Unterschiede nicht zu kennen, sonst hätte er nicht den Schein erweckt, als ob ich die gottesleugnerische Wissenschaft in Schutz nehmen wollte. Er erweckt den Schein! ist eigentlich zu milde gesagt, denn er sagt klar und ausdrücklich, ich erwecke den Eindruck, als sei es mit der Begründung des Glaubens schlecht bestellt, so daß man ihn mit gutem Grunde als bloße subjective Anschauungen bei Seite sehen könne. Diese Aussage stützt St. auf einen aus dem Zusammenhang gerissenen und nicht einmal objectiv richtig wiedergegebenen Satz, der im folgenden Zusammenhang theils widerlegt, theils wenigstens stark eingeschränkt wird. Warum hat St. in diesem Satz wohl das klebrige, nicht aber den entscheidenden Beisatz „nach ihrer Ansicht" unterstrichen und warum fügt er bei „nur sicher Beweisbares" ein Fragezeichen bei, da ich doch selbst unmittelbar nach jenem Satz die Exaktheit der positiven und kritischen Wissenschaften anzweifle und mit einzelnen Beispielen widerlege? Einfach damit er leichten Herzens behaupten kann, in meinem Satze sei Wahres und Falsches gemischt. Freilich ist Falsches gemischt, aber das ist ganz deutlich als Ansicht der exakten und kritischen Wissenschaften hingestellt und gibt bloß das wieder, was der Spcktator viel kategorischer erklärt hatte. Man gewinnt übcrhanpc den Eindruck, Herr St. habe nur den ansgehobenen Satz richtig gelesen und erwogen, das klebrige aber dnrch- flogcn. Er sah nur noch, daß ich vou einer ursprünglichen Goltesidce spreche, aber meine Erklärung derselben cxistirt nicht sür ihm; auch der gesperrt gedruckte Satz: „wer ... keine Wunder erlebt hat rc. 7c." entging ihm nicht, aber ohne auf den nähern und entfernteren Zusammenhang zu achten, deutet er ihn im alleruugünstigsten Sinne und bringt beinahe das Gegentheil heraus von dem, was ich meine. Daß das Schwergewicht (flz) meiner Ausführungen den Beweis der übernatürlichen Offenbarungen betrifft, bemerkte er nicht oder wollte eS nicht bemerke», da er gleich im Eingang nur meine Anfechtung der Gotteöbemejsc unterstreicht und sich dadurch allerdings die Arbeit wesentlich erleichtert. Ich hatte aber schon bei meinen Bemerkungen über den GottesbcwciS weniger die Welinrsache im Auge, welche weniger Schwierigkeit macht und deren Be- sireiinng eine Dummheit ist, als vielmehr den Offenbarnngs- gotr, den lebendigen Gott im Auge. Das habe ich freilich nicht hervorgehoben, brauchte eS aber auch nicht, da es sich um die Ausstellungen des SpcktatorS der Allgemeinen Zeitung handelte, der nur nebensächlich an die GottcSbcweise gedacht haben kann. Allem nach hat St. dessen Ausstellungen gar nicht beachtet, sonst könnte er die Absicht meines Aussatzes nicht so gründlich mißverstehen. Wenn ich die Stringenz der Gottesbeweise bemängelte, so wollte ich damit die Sicherheit des Gottesglaubens nicht antasten, im Gegentheil. Der Gottesglaube ist doch etwas so natürliches, etwas gewissermaßen Angeborenes, daß derjenige, der dieses Bewußtsein auslöscht, allerdings ein Thor und mehr als ein Thor, ein Dummkopf wird. Es kann sich also nur darum handeln, wie man Gott auffaßt und wie und auf welchem Wege man einen festen Begriff gewinnt, und in dieser Richtung bin ich allerdings mit den traditionellen Beweisen und Begriffs» 72 bildungen nicht ganz zufrieden. Die Gottesbeweise aus der Natur in der üblichen Form haben ja innerhalb gewisser Grenzen einen hohen Werth, aber sie richten sich zunächst bloß gegen den nackten Atheismus, beweisen nur eine mehr oder weniger bewußte Weltursache, außer wenn man verstohlene Anlehen bei der Psychologie*) macht, nicht aber die selbst-wirkliche Geistesmacht, den persönlichen Gott, der auch die sittlich-geistige Welt erschaffen hat und in ihr nicht bloß erscheint, den Gott der Offenbarung, der Wunder, des Gebetes. Die ausgedehnte denkende Weltsubstanz Spinoza's wird sowenig überwunden, wie das zweckvoll schaffende Unbewußte Hartmanns, gar nicht zu reden von dem idealistischen Monismus, der mehr und mehr sich aller nichtkatholifchen Forscher bemächtigt. Dieser Monismus, der den meisten Apologeten noch unbekannt ist und den ich hier nicht in Kürze skizziren kann, ist viel verbreiteter und viel gefährlicher, als man sich denkt. Unser schwerster Feind, den wir immer im Auge haben müssen, ist weniger der dumme Atheismus und theoretische Materialismus — der ist denkenden Leuten (sogar Häckel) doch viel zu fad und geistlos —, der eigentliche Feind ist der schillernde, gleißende Monismus und an dem prallen, wie ich übrigens schon oft wiederholte, die meisten Geschosse wirkungslos ab, die nach der herkömmlichen Methode gegen die Gottesleugner abgefeuert werden. Auch die obigen Expcktorationen werden einem modernen Pantheisten wohl höchstens einiges Lächeln abnöthigen, denn sie gehen neben das Ziel. Der einzige Apologet, der diese Sachlage einsieht und den modernen Gegnern auch gewachsen ist, ist, wenn ich wich nicht täusche, Schell, dessen „Grundwahrheiten des Christenthums" ich Herrn St. sehr empfehle. (Schluß folgt.) Münchner Anthropologische Gesellschaft. 8. Donnerstag den 20. Fcbr. Abends 7'/, Uhr hielt die Anthropologische Gesellschaft mit der Geozrapdischen und Co- lonial-Gescllschaft im Chemischen Hörsaal eine gemeinschaftliche Sitzung ab, in der Herr Oskar Neumann „über seine Reisen in Ost- und Central-Asrika" sprach. Der Sitzung wohnten die Kgl. Hoheiten Prinzessin Thcrese, Prinz Ludwig und Prinz Leopold mit zwei Söhnen bei. Neumann begann seine Reise von Sansibar, ging zunächst westwärts nach Jrangi und machte von hier einen Abstecher in das Gebiet der Ussagara. Er war der erste Europäer, der den Gurui-Berg bestieg. Dann zog er nordwärts und kam nach vielen Strapazen und Kämpfen an den Viktoria-See nach Uganda, wo er einige Zeit zum Zwecke wissenschaftlicher Excursioncn verweilte. Von da kehrte er auf dem gewöhnlichen Karawauenweg an die Küste zurück. Er war fast zwei Jahre uuterwcgs u»d bat eine große Sammlung von Thieren, darunter viele neue Arten, mitgebracht. Freitag den 21. Februar. Die gewöhnliche MouatSsitzung im KunstgewerbehauS eröffnete der Vorsitzende Pros. Dr. I. Ranke mit dem Danke an das Kgl. Ministerium des Acußeren, welches den wissenschaftlichen Expeditionen in ferne Länder großes Interesse entgegenbringt. Kaum war nämlich aus Südamerika die Nachricht angelangt, daß die von Herrn Dr. Herrmann Meyer aus Leipzig ausgerüstete Expedition zur Erforschung der »och unbekannten Quellflüsse des Schingu auf der Hochebene von Matto Grosso, an welcher sich auch Dr. Karl Rauke aus München, der Sohn des Vorsitzenden der Gesellschaft, bethciligt» von Indianern überfallen worden sei, als das Kgl. Ministerium aus eigener Initiative sofort an Ort und Stelle Erkundiaungcn einzog. Aus der eingehenden Nachricht des Konsuls in S. Ca- tharina ersieht man, daß die Expedition von Blumeuau in den Urwald des Staates S. Catharina vorgedrungen war und dort von den Bugre-Jndianern nachts überfallen wurde. Der Ucber- 7 --- *) Vgl. Güttler, Wissen und Glauben S. 73. fall verlief ohne jeden Schaden. Die Expedition ging heute bereits wieder nach Nio Grande ab. Dann dankte der Vorsitzende noch im Namen der Gesellschaft Herrn Lieutenant Storch, welcher eine Anzahl von Schädeln von Pare-Negern und Massai dem anthropologischen Institute zum Geschenke machte. Hierauf ertheilte er Herrn Gebeimratb l)r. v. Christ das Wort zu seinem Vortrage mit dem Titel: „Ueber die geschlechtlichen Verhältnisse im Alterthumme bei Griechen und Römern", woran sich eine kurze Diskussion schloß. Recensionen und Notizen. Das glänzend ausgestattete 7. Heft des Deutschen HauS- schatzeS bringt eine reizende Novelle von L. v. Neidegg: Ein Gegenüber, beginnt eine packende Erzählung von M. Herbert mit dem charakteristischen Titel: Die Rache der Jugend und bietet außerdem die wirklich humorvolle Humoreske: Felddienst bei Nacht von Joh. Roesberg. Der Roman von Karl May: Die Jagd aus den Millionendieb wird fortgesetzt. Von den belehrenden Artikeln des Heftes heben wir die folgenden hervor: Ein Besuch aus der Mccrc-burg von Max Kraß, die kleinen Religionen von Paris von Dr. I. M. Höhler, der dritte Band der Pastorschen Papstgcschichte von Karl Hoebcr, der Bund Tirols mit dem göttlichen Herzen Jesu von Franz Peters, das Ohr und der Gehörsinn von Jos. Dackweiler, Aushebung der Undurchsicktigkeit? (Die Entdeckung des Nontgen'schm Lichtes.) Die zahlreichen kleineren Artikel und Notizen zu erwähnen, verbietet uns der Raum. Studien undMitthcilungen aus dem Bencdictiner- und Cistcrcieuser-Orden. XVI. Jahrgang 1895. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca. 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Naigcrn bei Brunn (Oesterreich). JuhaltS-Verzeichniß des IV. Hefteö 1895. Abhandlungen: Leistle, Dr. David (Dillingcn): Wissenschaftliche und künstlerische Strcbiamkeit im Sr. Magnusstiste zu Füssen (II.) Wintera, 8. Laur. (0. 6. 8. Brauuau): Eine Stätte alter Bcuediktiuercultur (Kloster Säzava in Böhmen). Ncnz, G. A. (Regensburg): Beiträge zur Geschichte der Scboltcnabtci St. Jacob und des Priorates Weih St. Peter (0. 8. 8.) in RegcnSburg. (IV.) Vielhaber, 8. Gottfried (Orä. l?raem., Scklägl): Eine Admontcr Rotel vom Jahre 1390. Lerlisre, 8. UrLmar (0. 8. 8. MaredsouS): VisitationSreccsse des Bcncdiktinerklosterö St. Trond a. d. I. 1252 und Statuten des CarvinalS Hugo von St. Sabina. Grilln berger, vr. Otto (0. 6ist., Wtlhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser- Ordcns (VI.) — Mittheilungen: Weikert, v. Thomas Ag. (0. 8. 8. von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreise (I.) Breitschopf, 8. Robert (0. 8. 8., Altenburg): Zur Wahl Caspar Hofmanns zum Abte von Melk (1587). Ptaine, I. Beda (0. 8. 8., Silos): Os 1'anthsnticits äs la, wission äs 8. Llaur eu Kranes. W. I., 8. (0. 8. 8. von Ad.): Zur Geschichte der Bücherccnsur in Oesterreich. Breitschopf, Ueber das Formulare bei der Abtweibe. Endl» 8. Friedrich (0. 8. 8., Altenburg): Paul Troger. ein Künstler der Barockzeit. (II.) Clauß, Jos. M. B. (Herbitzhcim): Beiträge zur Bau und Kunstgeschichte der Klöster (III.) — Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur u. s. w. Literarischcr Haudweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Or. Franz HülSkamp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1895. Nr. 22. Inhalt. Der III. Band von Pastor'S Papstgeschichte (Wurm). — Weitere kritische Referate über Heben streit und Kerschbaumer Fastenpredigten (Dcppe), Röhricht Rsg-ests. Lsgni Ilisrosolz-ivitani und Röhricht Die Deutschen im hl. Lande (Ehrhard), Brümmer Lexikon der deutschen Dichter, K. Fischer Kritische Strcifzüge und Ioft es Der Rattenfänger von Hamcln (HülSkamp), 8 urcs 111-iks ok 6arä. LlanninA (BelleSheim), W. Bäuinker Deutsches gcistl. Liederbuch des 15. Jahrh. (Kreiten), Sandberg er Orlando di Lasso 3. Theil (Bäumker), Krebs Passionsblumen u. St. Joscpbsbüchlein (Deppe). — 23 Notizen über Sckanz Alter des Menschengeschlechts, F. Schöningh'- schc Novitäten und verschiedene andere Nova (HülSkamp). — Zeitschristen-Jnhalt und Novitäten-Verzeichniß. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, und seine Stellung zur Reformation. (Schluß.) L. R. Ein sehr merkwürdiges und trauriges Jahr, in welchem die katholische Religion, wie es schien, aus Augsburg für immer auswandern sollte, war das Jahr 1537. Am 18. Januar hatte der Rath dem Bischof und Domcapitel eine Schrift zugestellt des Inhalts, daß die Messe und der katholische Gottesdienst, weil er erschrecklich sei gegen Gott, in der Stadt abgeschafft worden und niemand unter Strafe weder Messen noch Ceremonien mehr halten dürfe. Die Geistlichkeit wurde der bürgerlichen Obrigkeit unterworfen, alle Heiligenbilder aus den Kirchen fortgeschafft; der Klerus sollte sich den Gesetzen der Stadtobrigkcit fügen oder Augsburg verlassen. Wer sich dieser „christlichen, friedlichen und billigen Erkenntniß" nicht unterwerfen wolle, solle längstens binnen acht Tagen die Stadt mit Hab und Gut verlassen; wer aber dawider irgendwie schreibe, rede oder handle, er sei hohen oder niedern Standes, Geistlicher oder Weltlicher, der solle an Ehre, Leib und Gut ernstlich bestraft werden??) Dieses traurige Schicksal berichtete Stadion dem Papste Paul III. und bat ihn, er möchte ihm und seinem vertriebenen Klerus wenigstens Worte des Trostes schicken. Auch dem König Ferdinand schilderte er dieses empörende Unternehmen des Augsburger Senates??) Die Folge davon war, daß sich dieser zu rechtfertigen suchte und über die Geistlichen mit gemeinen Schmähungen und groben Verleumdungen herfiel?^) Daraufhin setzten der Bischof und das Domcapitel am 26. Februar dem Kaiser und den Ständen des Reiches die Vorgänge in einer in ruhigem und würdigem Ton abgefaßten Schrift auseinander. „Obwohl sich der Rath", heißt es darin, „auf dem Augsburger Reichstag ausdrücklich dazu verpflichtet habe, niemand vom katholischen Glauben zu drängen oder dessen Ausübung zu verhindern, so habe er doch den katholischen Gottesdienst abgeschafft und die Kirchen geplündert, die Bilder verwüstet, die Monumente und Grabmäler zerstört. Zur Rechtfertigung seines Verfahrens bringe der Rath die Beschuldigung vor, die Geistlichen seien Anbeter der Heiligen und Bilder, was jedoch widersinnig sei; denn niemand sei so thöricht, die Heiligen anzubeten, als ob sie die rechten Gnadenspender wären. Das jedoch hielten sie nicht für Unrecht, die Bilder der lieben Heiligen zu einer Erinnerung der christlichen Exempel, die sie uns vorgetragen haben, vorzustellen." Auf ähnliche ruhige Weise widerlegte der Bischof alle Beschuldigungen, die der Rath gegen den Klerus beim König vorgebracht. Nebenbei bestritt er aber auch den Augsburgern das Recht, vor der Entscheidung eines allgemeinen Concils die hl. Messe abzuschaffen oder sie auch nur in Sprache und Kleidung zu ändern, das heilige Abendmahl unter °2) Jansscn, Eesch. d. deutsch. Volkes. III. 338. - Braun, III. 302-305. -?) Braun, HI. 307 f. „Die katholische Geistlichkeit habe durch ausgebreitete falsche Gerüchte unter der Bürgerschaft Unruhe gestiftet, den Kaiser und einige Fürsten wider die Stadt übel berichtet, durch ihren unsittlichen Wandel den gemeinen Mann mir geärgert, die von den Kaisern und Königen erworbenen Freiheiten mißbraucht und derselben sich unwürdig gemacht, nbcrdicß der Stadt schon von vielen hundert Jahren her viele Widerwärtig- beiden Gestalten auszutheilen, es den Kranken überhaupt zu enthalten, und anderes??) Alle diese Argumente liefern den Beweis für die Richtigkeit der Behauptung Steichele's: „Der Ncichstags- abschied von Augsburg bildete für den Bischof die Norm des ferneren Verhaltens;" der Bischof ist nicht geneigt, dem Augsburger Rathe nachzugeben, nicht einmal in den Punkten, die er selbst als zulässig erachtet. Deßhalb möchte ich nicht ganz dem Urtheile Zapfs beistimmen: „Aus jenen Schreiben kann erkannt und der Beweis gezogen werden, daß der Bischof blos durch zeitliche Absichten, aber nicht aus Ueberzeugung, vom Bekenntniß der evangelischen Religion abgehalten und von seinem Kapitel zu dergleichen Unternehmungen gegen die Evangelischen angetrieben worden sei." ??) Denn der Bischof tritt nicht nur gegen die Punkte auf, die seine und des Domcapitels Rechte beeinträchtigen, was er übrigens der katholischen Kirche und seinem Domcapitel schuldig war, sondern er wendet sich auch gegen die Punkte, die seine Rechte nicht berührten, die sich aber gegen die althergebrachten Gebräuche der katholischen Kirche richteten, und vertheidigt dieselben ebenso wie jene. Nicht einmal daS räumt er den Augsburgern ein, was nach seiner Ueberzeugung zulässig gewesen wäre, eben weil es die katholische Kirche nicht gestattet hatte. Hütte der Bischof heimlich zur evangelischen Kirche gehalten, dann hätte er sich die Vertheidigung der katholischen nicht so sehr angelegen sein lassen, er hätte sich der Einführung des Lutherthums nicht so entschieden in den Weg gestellt. Ein günstiges Zeugniß über Christoph von Stadion stellt auch der päpstliche Nuntius Vergerio, den Papst Paul III. dem Bischof eigens in einem Schreiben empfohlen hatte, aus. So schreibt er am 16. Mai 1535 an den Geheimsccretür des Papstes Nicalcati, Christoph von Stadion sei ein guter Prälat nud Fürst; er werde ihn um seine Ansicht befragen, wie er sich gegen die meist protestantische und zwinglianische Umgebung desselben verhalten solle?^) Und über die Meinung Christophs über das abzuhaltende Concil berichtet der Nuntius aui 20. Mai 1535 an den König Ferdinand: „Der Bischof von Augsburg erschien mir als ein überaus kluger Mann und geübt im Handeln; derselbe glaubt, man dürfe das Concil nicht in einer deutschen Stadt abhalten, ebensowenig, als man Laien znr Abstimmung beiziehen solle, was allerdings der Wunsch der lutherischen Fürsten sei; denn in Folge der allzuweiten Verbreitung des Protestantismus hätte man einen Ueberfall des Volkes zu erwarten. Nur wenn der Papst zuvor einige augenscheinliche Mißbräuche in der katholischen Kirche abstellen wollte, dürfte man es wagen, das Concil in eine deutsche Stadt zu berufen." Darin stimmte ihm auch der Nuntius bei, der selbst vor Kurzem dem Papste diesen Rath gegeben hatte. Doch in einigen Punkten ging der Bischof zu weit, wie z. B. mit dem Vorschlag, der Papst solle den Laienkelch gewähren, die Fasten mildern und die Verbote unter Todsünde einschränken; denn soweit gehen keilen zugezogen und babe sich bedeutende Eingriffe in die Rechte derselben erlaubt". (Braun, III. 310). °b) Janssen, Gcsch. d. d. Volkes III. 339 f. — Brau», III. 3t1-327. °°) Zopf. Chr. v. St. S. 9l. Nuntiaturberichte auö Deutschland. I. Mth., k. Band, bearbeitet von Walter FriedenSburg (Gotha, 1892) Seite 38A ur. 151. 74 die Befugnisse des Papstes nicht, diese Punkte könnte nur ein Concil zugestehen. „Doch", entschuldigt ihn Vergerio, „ich glaube, daß der Bischof von heiligem Eifer dazu bewogen werde, weil ich sah, daß er sicherlich sehr für diese Angelegenheit begeistert war." Das Zeugniß Vergerio's ist nun allerdings nicht allzu beweiskräftig, da derselbe später selbst zum Protestantismus übertrat. Aber damals war er noch katholisch und kämpfte noch für die katholischen Interessen, und insofern können wir aus seinem Zeugniß entnehmen, daß auch Stadion ernstlich für das Wohl der alten Kirche eintrat und daß er mit jenen Zugeständnissen, von denen er freilich seit 1530 trotz ihrer Verwerflichkeit nicht mehr abstand, nur das Beste derselben im Auge hatte, in der Hoffnung, durch dieselben die Protestanten zur katholischen Religion zurückführen und so Friede und Einigkeit herbeiführen zu können. Sicherlich spricht auch sein Rath, das Concil nicht in einer deutschen Stadt abzuhalten, für ihn; denn wäre er protestantisch gesinnt gewesen, so hätte cS ihm ja erwünscht sein müssen, daß Luther den Sieg davontrage; und dies wäre in einer deutschen Stadt, wo die Protestanten ihren Einfluß auf das Concil hätten ausüben können, leichter möglich gewesen als anderSwo. Auch verwarf Christoph die Abstimmung der Laien beim Concil und nahm so dem Protestantismus einen großen Theil von Stimmen weg. Bedeutend ungünstiger jedoch lauten andere Berichte über Stadion, und nach diesen könnte man wirklich glauben, er sei durch und durch Anhänger Luthers gewesen. Er scheint nämlich bei jeder passenden Gelegenheit feine uns wohlbekannten Anträge zur Ausgleichung der Uneinigkeiten in Deutschland vorgebracht zu haben und für dieselben energisch eingetreten zn sein. Namentlich scheint er den Abendwahlkelch, die Priesterehe und die Muttersprache in der Liturgie verlangt zu haben, und diese Forderungen sind in der That dazu angethan, den Verdacht zu erregen, Christoph sei wirklich ein Begünstiger der Neuerer und ein Anhänger des Protestantismus wenigstens der Gesinnung nach gewesen. Die ungünstigen Berichte aber hierüber fallen um so schwerer ins Gewicht, als sie von tadellos katholischen Männern, von den ersten Vertheidigern der katholischen Kirche geschrieben sind. So äußert sich Held, Neichsvicekanzler und kaiserlicher Orator, im Jahre 1539 über Christoph, daß er sehr von Eras- mus angesteckt sei, namentlich im Punkte der Priester- ehe.^) Dasselbe beklagt auch Dr. Johann Eck in einem Briefe an Aleander mit den Worten: „Ich bedaure, daß der ausgezeichnete Fürst so viel in den Schriften des Erasmus gelesen hat, aus welchen man zwar großen sprachlichen Nutzen ziehen kann, die aber sehr verderblich für ein christliches Leben sind." Noch ungünstiger sind die Aussagen der päpstlichen Legaten über Stadion. In einem Berichte Morone's an den Cardinal Farnese vom 2. Juni 1540 heißt es: „Der Augsburger Bischof wird mehr als Lutheraner, denn als Katholik angesehen. Offen sagt er, man solle die Communion unter beiden Gestalten, die Priesterehe, die Abhaltung des Gottesdienstes in der gewöhnlichen, nämlich in der deutschen Sprache zugeben, obschon ich dieses gegen die Auctorität Ebb. 393 nr. 153. Nuntiaturberichte aus Deutschland, I. Abth., IV. Bd., pax. 389: susxieor, esso sxisooxuw LuAnstannm iokeotuw ab Lraswo, prassortim sugsr uuxtiis gaeer-lot.am. Ebd. xag. 582: voleo, oxtimnm xrinoigem (so. op. LvA.) tauta logässs ir> Lrnsmo, gnia, ex esus scrixEs xotost guw reäirs eisgautior Untz'ua, ssä uou wslior vita. des Apostolischen Stuhles und des Concils erklärte." E) In einem andern Schreiben vom 27. Juni 1540 meint Marone, man könne den Bischof unter diejenigen zählen, die sich offen Lutheraner nennen können. Und Servilst geht in einem Briefe an Farnese vom August 1540 noch weiter und behauptet, Christoph sei noch schlimmer als ein Lutheraner?°°) Es ist nun nicht zu leugnen, baß Christoph von Stadion in seinen Zugeständnissen zu weit ging, und der Umstand, daß er immer wieder für dieselben eintrat, mußte bei jenen Männern den begründeten Verdacht erregen, er sei selbst überzeugter Protestant. Doch wenn man sein sonstiges Verhalten betrachtet, dann muß man von ihm sagen, er war Katholik und ging in seinen Zugeständnissen nur deßhalb so weit, weil er glaubte, eins Einigung sei nur mehr auf diesem Wege möglich. Allerdings ist ein anderer Grund, warum er daran festhielt, auch der Umstand, daß er jene Ansichten von Erasmus überkommen hat; doch ist er deßhalb noch nicht ausgesprochener, überzeugter Anhänger der neuen Lehre. Uebrigens gesteht Marone selbst in einem Berichte an Farnese zu, daß sein Urtheil über den Bischof von Augsburg ein zu strenges gewesen sei. Er schreibt im Jahre 1542: „Der Bischof von Augsburg ist ein Mann von guten Geistesanlagen, mit reicher Erfahrung und mit mehr Gelehrsamkeit, als gewöhnlich bei den deutschen Bischöfen und Fürsten gefunden wird. Er hat sich bei mir entschuldigt, daß er von manchen und vielleicht auch in Nom für einen Lutheraner gehalten werde, was jedoch nicht der Fall sei, wenn es auch den Anschein gehabt habe; was er gethan, habe er nur um des Friedens willen für sein Vaterland gethan; er sei der Ansicht, der Verlust an Seelen wäre ein kleinerer, wenn man den Lutheranern in einigen Punkten, wie in der Ausspendung der Com- munion unter beiden Gestalten, nachsehen würde. Anders könne man das Volk nicht im Gehorsam erhalten.'"^) Wie wir soeben gesehen, ist es nicht gar leicht, Christoph von Stadion richtig zu beurtheilen; doch protestantisch gesinnt war er nach meiner auf Grund der vorausgehenden Darstellung gewonnenen Ansicht nicht, wenn ich ihn auch nicht einen stets entschiedenen Sohn der katholischen Kirche nennen möchte. Jedenfalls ist sein Anschluß, sein Vertrauen auf den freidenkerischen Eras- mus von Rotterdam zu tadeln; denn feit er sich an diesen Humanisten angeschlossen hatte, zeigte er auch seine große Nachgiebigkeit gegen die Protestanten, die auf ihn den Verdacht zog, als wäre er ihr Gesinnungsgenosse. Seit er sich des Erasmus Ansichten angeeignet, gehört er zu jener Mittelharter, die immer noch hoffte, eine Einigung mit den Protestanten herbeiführen zu können. Und an diesem Gedanken hielt er sich fest, da er seiner fried- Nuntiaturbericht Giovanni Morones vom deutschen KonigShosc 1539—1540, bearbeitet von Dr. Franz Dittrich. herausgegeben von der GörreSgesellschaft (Paderborn, 1892): 134, nr. 69. l") Ebd. xag. 177, nr. 96. Ebd. pax. 195, Beil. I: xiü ebs Imtbsrauo. lEinmor, Llau. Vat. nr. 06XXX1I, xag. 402: N vosoovo e buowo öi brisn ingsgno, äi inolta, esxerienM st il piü äotto ebs Äa tra i vssoovi xrineipi äi Cermania. 8. 8ignoris. elogo ibtta uns. exonsirtions ebs ä'o.Ionni ed korsö 8, Kowa si» teunto xsr Imtberano, il ods cüos non sussrs, bsnobs 8in stato öi Miors xsr Irr xaes äsila sua xatria, sd I>or ininors ästrimsnto äoli' anims ki äovessu eonosäsrs gualobs 6088 n Imtksrani onms ssssiniill eausa 1a eom- inunions snb ntragno, ssuna ta gnals von si possono oon- iLllors xoxnli in oküoio. 75 liebenden Natur am meisten entsprach. Bei dieser Partei der sogenannten Vermitilnngsthcologcn blieb er bis zu seinem Tode,^) der am 14. April 1543 zu Nürnberg erfolgte, als er auf dem dortigen Reichstage sich befand.^) Die Protestanten wußten diese seine Stellung zu würdigen und hielten sich an ihm fest, weil sie hoffen konnten, von ihm und seinen Gesinnungsgenossen die weitesten Zugeständnisse zu erhalten. Bucer meldet dem Landgrafen Philipp von Hessen noch im Januar 1540, daß der Bischof von Augsburg zu jenen geistlichen Fürsten zähle, welche zu einer Bergleichung geneigt seien.^) Daher kommt es, daß protestantischen Autoren Christoph von Stadion so sehr wegen seiner Friedensliebe und Nachgiebigkeit loben. Aber wie oft er auch darauf drang, daß den Lutheranern die weitesten Zugeständnisse gemacht würden, so erfüllte er doch immer treu seine Pflichten als katholischer Bischof und wich nie von dem erlaubten Wege ab. so daß man wohl mit Recht behaupten kann, Stadion blieb der katholischen Kirche treu bis zu seinem Tode. Die stringmLe Kraft der GotLesbeweise. Erwiderung. (Schluß.) Vielleicht wird St. einwenden, es handle sich nicht um die Bildung des Gottesbegriffes, sondern um die Stringenz des Gottesbeweises, aber er wird selbst wissen, wie enge das Daß und das Was bei Gott zusammenhängt. Essenz und Existenz fällt zusammen. Wenn ich daher, kein in jeder Hinsicht vollkommenes Wesen, Gott nicht bloß als Schöpfer der Natur, sondern als Herr des Geisterreichcs und der sittlichen Weltordnung, als den persönlichen Gott, mit dem man im Gebet verkehrt, Nachweisen kann, so ist der Gottcsbeweis mindestens in dem Sinne, wie ich ihn im Auge hatte, unvollständig und ermangelt der vollen Stringenz. Das ist keine Verschiebung des Streitpunktes. Verschoben hat St. die ganze Frage. Ich hatte die Erscheinung Gottes in der Natur und Geschichte zusammengefaßt, als ich die stringenie Beweisbarkeit dieser Erscheinung anfocht, St. aber sieht von der Geschichte und der geistig-sitttlichen Welt ab. Das Unglaublichste an Mißverstäudniß wird geleistet, wenn St. allen Ernstes die Sache so darstellt, als ob ich der angeführten Bestimmung des vatikanischen Concils über die natürliche Gotteserkenntniß meine angebliche Ansicht von der unmittelbaren Gotteskenntniß unterschiebe. Nicht bloß habe ich selbst die Annahme einer unmittelbaren Gotteserkenntniß, oder wie St. mit dem scholastischen Ausdruck sagt, einer unmittelbaren Perception deutlich abgewiesen, sondern es lag mir auch der Gedanke vollständig ferne, dem vatikanischen Concil ontologistische Anwandlungen zuzutrauen. Ein solcher Ignorant bin ich denn doch nicht, um die Absicht und Meinung des Concils so gründlich mißzuverstehen. Wenn ich die Erkennbarkeit der Beweisbarkeit entgegenstellte, so sah ich allerdings in der Erkennbarkeit ein weniger, aber „gering taxirt", wie St. meint, habe ich sie deßwegen nicht. Oder sollte daraus, daß ich leugne, man könne den Glauben stricte beweisen, folgen, ich taxire ihn gering? "°) Jansscn, III. 333. "°) Braun. III. 350. — Zapf, Chr. v. Stadion. S. 94. '") Briefwechsel Landgraf Philipps des Großmüthigen von Hessen mit Bucer. herausgegeben vcn Max Lenz; I. Theil (Leipzig, 1880) i>a§. 129, ur. 43. Gerade dasjenige, was man nach Ueberwindung vieler Zweifel uns Kämpfe sich endlich errungen hat, den Glauben und die Gnade, wird man um so höher schätzen, je weniger diese Güicr sich ohne weiteres von selbst verstehen. Wäre der Glaube so selbstverständlich, dann wäre er kein Verdienst mehr. Damit will ich nicht bestreiten, daß den Glaubens- wahrhciten, angefangen von Gottes Dasein bis zur Göttlichkeit der Kirche, ein hoher Grad von Evidenz eigen ist; nach der Ansicht vieler Dogmatiker sogar der höchstmögliche Grad, der alle andern Wahrscheinlichkeiten übertrifft, — es hat mich gewundert, daß St. nicht diese Evidenz gegen mich ins Feld führte. Aber diese Evidenz ist eine innere, geistige, sie ist, wenn ich mir den kühnen Ausdruck erlauben darf, eine subjcctive Gewißheit. Der Ausdruck „subjektiv" hat für viele einen schrecklichen Klang: was subjcctiv ist, scheint Herrn St. und andern unsicher und werthlos zu sein. Darum meint er wohl auch, ich taxire die Erkennbarkeit Gottes aus dem Geiste gering, weil die Erkenntniß Gottes nach meiner Ansicht subjcctiv sei, ja ich lasse den Christenglauben überhaupt bei Seite schieben, weil er eine bloße subjcctive Anschauung fei. Hier liegt allerdings der große Differenzpuukt zwischen St. und mir, und ich muß daher schon näher auf ihn eingehen. ES ist auch der Punkt, den mein angefochtener Aussatz zumeist im Auge hatte. Ich wollte das innere, wenn man will das subjective Kriterium ins Licht setzen. Um das dort Gesagte nun weiter zu ergänzen und gegen die aufgetauchten Mißverständnisse sicher zu stellen, muß ich etwas weiter ausholen und zwar in einem zweiten mehr sachlichen Artikel, der auch auf die Wunderfrage näher eingehen wird. Zunächst nur noch ein paar Kleinigkeietn. St., meint, ein Idealist stehe eigentlich mit sich selbst immer im Widerspruch, da er im Leben die Theorie verleugnen müsse. Aber so einfach ist die Sache doch nicht; das was man so gewöhnlich „Leben" oder noch kräftiger „praktisches Leben" nennt, bildet keinen Gegengrund sowenig, wie der „gemeine Menschenverstand". Der kommt bei jeder erkenntnißtheoretischen Studie gleich in Verwirrung. Der Vorwurf der Tollheit oder Narrheit vollends ist doch zu kategorisch. Wie leicht kann der „kritische Idealismus" den Spieß umdrehen und den „Dogmatismus" aus's Korn nehmen, ohne daß er deßhalb ungläubig zu fein brauchte, — hat St. das „Lob der Narrheit" von dem gläubigen ErasmuS noch nicht gelesen? Es gibt viele gläubige Idealisten, es sei nur der Oratorianer Malebranche und Berkeley genannt. Selbst Fenelon war angesteckt vom cartesianischen Idealismus. Vermuthlich hält St. alle Idealisten, vor allem den Hauptvertreter Kant, für Atheisten, da er sie alle unter die Thoren rechnet, die die hl. Schrift meint. War denn Kant ein Atheist? Oder war es Jacnht Hermes, Kühn? Daß St. in seinem Schlußpassus nur das wiederholt und nicht einmal vollständig wiederholt, was ich schon gesagt hatte — denn ich habe auf das wichtige Nietzsche-Symptom hingewiesen —, ist wohl aus einem Erinnerungsmangel zu erklären. Aber gefreut hat'S mich, daß er doch trotz seiner metaphysischen Sicherheit zur Moral seine Zuflucht nehmen mußte, um die Gottesleugnung zu erklären. Damit gibt er indirekt selbst zu, daß der Metaphysische Beweis in seinem Sinne nicht ganz ausreiche und daß mgn den Gott der Moral darüber 76 hinaus suchen mutz. Bei dem Schlußsatz habe ich mich vergeblich besonne», wer wohl so teuflisch sein könnte, daß er mit der Oede und Verzweiflung seines Herzens andere anstecken wollte; ich bezweifle, ob das auch nur Schopenhauer oder Voltaire beabsichtigte. Oder dachte St. an den Bibelspruch: „Wer die Erkenntnis; mehrt, der mehrt die Pein." Jede neue Erkenntniß bringt in die Seele neben dem Gefühl der Befriedigung eine gewisse Unruhe, reizt die Neugier weiter und der Zweifel ist der Schatten des ErkennenS. Daher ist vielen nichts unsympathischer, als eine neue Idee. Es sind jene, die längst abgeschlossen haben und gewissermaßen in ihrem Erkenntniß- kreis erstarrt sind. 6. 0. Der selige Luitpold zu Vreitvrmm. Von k. Emmeram Heindl 0. 8. L. (Schluß.) Ueber des Seligen Leben wissen die Andcchser und Diessencr Chronisten nur sehr Spärliches zu berichten. Nachdem die Andcchser Chronik von 1715 einen Leopold unter den Kindern Otto's II. von Wolfratshausen aufgeführt, fährt sie fort: „Vermuthlich aber ist dieser Leopold jener gewesen, welcher anjetzo Leupold insgemein genennet wird, und in freiwilliger Armuth, auch großer Frombkeit gelebt"; die Chronik von 1755 weiß noch, daß er viele heilige Orte besuchte und verehrte und zuletzt als Pilgrim nach Ellwang unweit der Burg Andechs kam. Dali' Abaco weiß von diesen Pilgerfahrten nichts, dagegen berichtet er, daß „Luitpold den Stand eines Eremiten erwählte und feine Klause zu Ellwangen, einem kleinen Dörflein unweit vom Ammersee, aufschlug und ein heiligmüßiges Leben da vollführte". Heiligmäßig, wie sein Leben, war auch sein Sterben, indem er laut Chronik von 1715 „endlich zu Ellwang unweit Andex in einem Vaurenhauß^) seinen seligen Geist aufgeben und zu Baybrnnn, wohin ihn wundcrthätiger Weiß^) zwei Ochsen geführt, begraben worden; allwo er noch biß heutigen Tag mit Wunderzeichen leuchtet". Etwas umständlicher erzählt fein Begräbniß Dall' Abaco im Jahre 1776 mit folgenden Worten: „Man findet von ihm aufgezeichnet, daß er nach seinem Tode, sowie er es bei Lebszeiten verlanget, auf einen gemeinen Karren von einem Paar Ochsen bespannet gelegt werden sollte, wie dann sein Leichnam ohne Lcit und Fuhrmann nach Braitbrunn gebracht und allda begraben wurde; leuchtet mit Zeichen und Gutthaten". Während es uach den Andcchser Chroniken den Anschein gewinnen könnte, als sei unser Selige am Ende seiner Pilgerfahrten nur zufällig zu Ellwang verschieden, erfahren wir also durch den Diessener Chronisten, daß er vielmehr längere Zeit vor seinem Hinscheiden als Klausner daselbst zugebracht habe. 23) Nun noch einiges Aktenmäßige über sein Grab „In einer schlechten Vaucrnhütte" sagt die Chronik von 1755. 22 ) „Zn allgemeiner Verwunderung" sagt die Chronik von 1755; einen Sterbetag oder -Datum findet man nirgends angegeben, auch nicht, wann sein Gedächtniß etwa zu feiern wäre. 22 ) Ein ganz ähnliche Legende lebt bekanntlich im Volk über den sel. Willibold, Grafen von Calw, dessen Leib zu Vertheiln in Württemberg ruht. Auch an den sel. Heinrich möchte ich erinnern, der nach der Legende, dem Geschlechte der Grafen von Andechs entsprossen, im 12. Jahrhundert als Einsiedler am Südcnde des Würmsccö lebte und der Wallfahrt St. Heinrich ihre» Ursprung gab; vergl. hiezu die Chronik von Beuerberg und dessen Verehrung beim Volke. Dillitzer ^) hat hierüber Folgendes: „In der Kirche zu Breitbrunn war früher ein Grab berühmt, welches dem seligen Luitpold (Leopold) angehören sollte, der der Sage nach ein frommer Pilger aus dem Geschlechte der Grafen von Andechs gewesen sein soll. Die vom heiligen Berg zurückkehrenden Wallfahrer nahmen häufig Erde von diesem Grabe mit sich nach Hause. 1740 wurde auf eingeholte Ordinariatsbewilligung im Beisein des Blaflus Marx, Pfarrers in Utting, als bischöflicher Commissür, des Georg Faber, Pfarrers zu Oberalting, und Petrus Ferrerius aus dem Kloster Polling als päpstlichen Notarius das Grab eröffnet, durchsucht und nichts gefunden; deßhalb wieder zugeworfen, womit sein Nuhm ein Ende hatte." Dieser Bericht ist zwar im Wesentlichen, doch nicht in allen Einzelheiten richtig; das Protokoll über die Eröffnung und Untersuchung des Grabes des seligen „Leypold" befindet sich im Höchendorfer Pfarrarchiv, und wir geben nachstehend seinen Hauptinhalt: „I. G. Faber, Pfarrer in Alting, ließ nach eingeholter Ordinariatsbewilligung in Gegenwart einer kirchlichen Commission das Grab des (dem Volksglauben nach heiligen) Leypold in Bayr- prun^b) am 4. August 1739 eröffnen und untersuchen. Diese Commission bestand aus dem Pfarrer Blastus Marx von Utting als vom Ordinariat delegirten Com- missär, dem apostolischen Notar Peter Forer Gries, Ca- noniker von Polling, und den beiden Zeugen Ferdinand Kellerzhofer, Dekan in Liessen, und Eusebius Amort, Dekan in Polling. Nach der Versicherung mehrerer Ortsbewohner wurde das Grab des seligen Leypold schon seit mehr als 50 Jahren vom Volk verehrt und Erde davon mit nach Hause genommen. Ueber dem in der Mitte des Kirchenschiffes befindlichen Grab war ein hölzernes, mit Sanderde gefülltes Monument errichtet mit der Inschrift: ,8. 1680*. Es wurden einige Neste von Gebeinen gefunden." Allem Anscheine uach war Pfarrer Faber von Oberalting, welchem Breitbrunn kurz vorher (1736) zur Pastoration übergeben worden war, die Seele dieses ganzen Vorgehens, welchem jedoch erst die Krone aufgesetzt wurde durch einen Erlaß des Patrimonialgerichtes Seefeld an das Pfarramt Höchendorf vom 2. Dezember 1826, worin angeordnet wurde, daß das Grab eingefüllt und dem Kirchenpflaster gleichgemacht werden solle, da die alte Volkssage durch eine Commission vor mehreren Jahren als unbegründet erwiesen worden sei. — Was eS nun mit dem seligen Luitpold und seinem Grabe in Wirklichkeit auf sich habe, scheint mir nichtsdestoweniger damit noch keineswegs außer allen Zweifel gesetzt und wird sich bei dem Mangel von authentischen Nachrichten aus älterer Zeit auch kaum jemals aufhellen lassen. Von wem rührten die gefundenen Gebeine her, und wo kamen sie hin? Darüber schweigt sich das Protokoll vollkommen aus. War das Ganze ein plump angelegter Schwindel? Aber wann, wie und durch wen hätte ein S. 24 ff. im karinwoao boiono; Uaäerns IH, 143; Iwitnvi, Uwtor. VV6Z8okont. I, 163; Sulzbachcr Kalender 1873, S. 49; Vsatrisck, Geschichte von Beuerberg. S. 77; Graf, Cbronik von SeeShaupt, S. 56 ff. — Im Leben der Heiligen finden wir auch fönst öfter die Erscheinung, daß Thiere ihnen Dienste leisten, so beim hl- Corbinian, der hl. Ecnovesa, der sel. Edigna u. a, >") Dillitzer Josef, der die bereits erwähnte Beschreibung des Capitels Oberalting hinterließ, starb am 13. Januar 1802 als Dekan und Pfarrer von Frieding. °2) Ungenaue Schreibweise statt Brayörunn (— Breit- bruun). solcher unter den Augen des Stiftes Diessen wohl in Scene gesetzt werden könnend Bemerkenswerth ist es immerhin, daß die Chronisten von Andechs und Diessen hierüber einhellig berichten, indem sie sich auf ihnen vorliegende ältere Aufzeichnungen berufen und 1715 sowie noch 1776 von „Wunderzeichen und Gutthaten" reden, durch die das Grab des Seligen geleuchtet habe. Auch ist nicht außer Acht zu lassen, daß wohl schon um jene Zeit, da die ebenerwähnte Untersuchungscommission zu Breitbrunn ihres Amtes waltete, jener berüchtigte, allen derartigen Aeußerungen der Volksandacht feindselige, einer falschen, rationalistischen Aufklärung huldigende Zeitgeist, selbst bis in die geistlichen Kreise hinein, sich zu regen begann, der den Greueln der Säkularisation den Weg bereitete. Schon oben haben wir übrigens die Vermuthung ausgesprochen, daß der ursprünglich in Breitbrunn beigesetzte Leib deS sei. Luitpold später exhumirt und in das Familiengrab nach Diessen übertragen oder auch bei einem feindlichen Einfalle^) zerstört worden sein könne. In der Ueberlieferung der Breitbrunner mag sich dann noch immer die Erinnerung von seinem Grabe daselbst erhalten haben, mit dessen Verehrung man fortgefahren, auch als sein Leichnam nicht wehr darin war. Immerhin bleibt es auffallend, daß noch heute die Breitbrunner es sich durchaus nicht nehmen lassen wollen, daß ihr Kirchlein einst wirklich den Leib des seligen Luitpold besessen habe; aber um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als der Zudrang zum Grabe enorme Dimensionen angenommen, hätten zwei Domherren von Augsburg den Leib des Seligen mit sich nach Augsburg fortgenommen; dortselbst sei er schön neugefaßt und an eine Kirche^) geschenkt worden, in der er sich noch befinde. Alle nach- herigen Bemühungen der Gemeinde, den hl. Leib wieder zurückzuerlangen, seien vergeblich gewesen. Soviel konnten wir aus den uns zu Gebote stehenden Quellen — vielleicht wäre in der kgl. Staatsbibliothek und den Archiven der Hauptstadt noch mehr zu finden — über den seligen Luitpold und sein Grab eruiren. Wir hoffen, damit einen bescheidenen Beitrag zur „Davaria saneta" geliefert zu haben, der um so eher auch ein allgemeineres Interesse beanspruchen dürfte, als unseres Wissens S. K. H. unser erhabener Prinzregent diesen Seligen als seinen Namenspatron verehrt. Die deutschen Kolonien in Siidrußland. Von I. E. Biller. (Schluß.) Bezüglich der Schule steht es in den deutschen Dörfern im allgemeinen gut, wenngleich fast während des ganzen Hochsommers der Unterricht eingestellt ist. In der neueren Zeit muß in den Schulen auch Russisch gelehrt werden, was früher nicht der Fall war. Und auch jetzt kann man noch manche Leute treffen, die fast kein Wort Russisch verstehen. Die katholischen Lehrer rekrutiren sich zu einem großen Theil aus denjenigen Zöglingen des bischöflichen Seminars in Saratow, welche nach Zurücklegung einiger Studienjahre sich nicht für den geistlichen Stand entscheiden konnten und darum aus dem Seminare wieder anstraten. Ein Geistlicher ver- °°) Etwa zur Zeit des SckwedeukriegeS; denn 1633 wurde daselbst vom Feinde auck ein Hof niedergebrannt. An welche? Dieser ganzen Ueberlieferung lkgt offenbar die Erinnerung an die bereits berichtete Untersuchung der kirchlichen Commission v. I. 1739 zu Grunde. sicherte mir, daß dieses sogar ein Glück für die Katholiken sei, weil sie dadurch entschieden katholische und auch unterrichtete Lehrer bekämen. Der Religion nach sind von den 945 deutschen Dörfern etwa 263 katholisch, so wenigstens finde ich im neuesten Odessaer Kalender „Hausfreund" angegeben. Die übrigen Dörfer sind weitaus zum größten Theil lutherisch; sodann finden sich auch viele Neformirte, Wiedertäufer, Mennoniten u. s. w. Die Katholiken stehen unter der Jurisdiktion des Tiraspoler Diöcesanbischofs, der aber nicht in seiner Titelstadt residiren darf, weil er hier wegen der größeren Nähe und der besseren Verkehrsbedingungen zu großen Einfluß auf die Katholiken gewinnen könnte, sondern in Saratow an der Wolga, schon nahe der sibirischen Grenze, seine Wohnung hat aufschlagen müssen. Die Zahl der gesammten deutschen Katholiken schätzt man auf ca. 225,000. Die Diöcese, welche zweimal so groß ist wie ganz Deutschland, zählt nur 158 Geistliche. Bei solchen Umständen ist es leicht erklärlich, daß die Pastoration theilweise eine ungeheuer schwierige ist. In die etwas entlegeneren Kolonieen kommt vielleicht alle 20 Jahre einmal ein Bischof zur Spendung der heiligen Firmung. Vermehrt werden die Schwierigkeiten der Seelsorge noch durch die bereits angedeutete mißgünstige Haltung der russischen Regierung. Zwar werden hier die Katholiken nicht so schlimm behandelt wie ihre Glaubensbrüder in Polen, einerseits, weil man doch die den deutschen Ansiedlern ertheilten Privilegien noch etwas respektiren will, und andrerseits, weil auch jene politischen Beweggründe hier nicht so sehr mitspielen, wie gegenüber den unglücklichen Polen. Aber es steht trotzdem noch traurig genug aus. In einem katholischen Dorfe sah ich eine alte, elende Banernhütte, die den dortigen Katholiken als Kirche dienen mußte: keine Sakristei, kein Thurm, keine Orgel, und das Innere bot in seiner grenzenlosen Armuth einen wahrhaft beweinenswerthen Anblick. Der Bau einer Kirche war den Katholiken direkt verboten worden; man kam nun um die Erlaubniß ein, wenigstens die äußerst baufällige Hütte etwas ausbessern zu dürfen, aber auch das wurde strengstens verboten, ja man kündigte sogar die Aufhebung der Pfarrei an; nun letzteres unterblieb vorläufig, und Dank der „Umsicht" der russischen Polizei konnte man doch im geheimen die größten Schäden der „Kirche" wieder ausbessern; doch ist die Pfarrei keinen Tag vor der Aufhebung sicher. Und warum das alles: weil man es versäumt hatte, dem maßgebenden russischen Bischof einige Tausend Rubel „zur besseren Würdigung der Sachlage" zu schicken. Ein weiteres Beispiel russischer Toleranz! In Odessa waren die Katholiken mit dem Bau einer schönen neuen Kirche beschäftigt, deren Thurm nach dem angefertigten Plane sogar höher werden sollte, als jener der russischen Kathedrale war. Und was geschah? Es wurde den Katholiken rundweg untersagt, den Thurm auszubauen. Es darf eben nichts Höheres geben, als die russische Ssobor I Die katholischen Geistlichen sind keinen Tag ihrer Freiheit sicher. Es sind schon oft Fälle vorgekommen, daß einer angeklagt wurde, er habe einen Russen Beichte gehört, oder er habe irgend einer katholischen Person, welche russische Kindererziehung versprochen hat, die Absolution verweigert, oder er habe gegen den Bau einer russischen Kirche agitirt u. s. w. Die Folge einer solchen. Anklage ist Bestrafung ohne vorhergehende Untersuchung, vielleicht sogar Verbannung nach Sibirien. Doch muß man den katholischen Geistlichen das Zeugniß ausstellen, daß sie im allgemeinen trotz all dieser so ungünstigen Verhältnisse mit Klugheit und Eifer ihre seelsorglichen Pflichten erfüllen. Die katholische Bevölkerung selbst ist sehr religiös gesinnt und besucht ziemlich fleißig den sonntäglichen Gottesdienst, der nach lateinischem Ritus abgehalten wird. Gepredigt wird in den deutschen Kirchen nur in deutscher Sprache, und auch die Kirchenlieder sind deutsch. Der Unterhalt des Pfarrers ruht vollständig auf den Schultern seiner Pfarrkinder. Nur in den älteren Pfarreien besitzt der Pfarrer noch Regierungsland; das ist aber auch das Einzige, was der Staat in dieser Beziehung leistet, oder besser, geleistet hat. Die Lebensweise der deutschen Ansiedler kann im allgemeinen nichts weniger als dürftig genannt werden. Ja ich muß gestehen, daß ich während meines dortigen Aufenthaltes eine Küche kennen gelernt habe, welche sich stolz mit unsern besten messen kann. Gewöhnliche Bauern sind hier oftmals ein Frühstück gewohnt, wie man es bei uns nur in bestsituirten Kreisen findet: Thee oder Kaffee, Schinken, Butter, Honig, Eier, Käse und vielleicht auch noch Kaviar! Daß die russische Theemaschine, der berühmte Samowar, in jedem deutschen Hause zu dem unentbehrlichsten Hausrathe gehört, brauche ich bloß anzudeuten. Der Thee muß ja fast die Getränke ersetzen; denn in dieser Beziehung sieht es im allgemeinen nicht gut aus: Schnaps (l), einheimischer Wem, der sich allerdings ganz gut trinken läßt, und dann noch ein Getränk, zu dessen Bezeichnung man leider das ehrliche deutsche Wort Bier mißbraucht; denn meistentheilS sind die dortigen russischen Biere unter aller Kritik. Das Wirthshausleben, wie es bei uns in Deutschland sich findet, fehlt in den Kolonieen vollständig; eS gibt nur eine Schnapsschcnke, und wer dorthin geht, gilt schon als etwas anrüchig. Das gesellschaftliche Leben wird aber in der Weise gepflegt, daß man sich gegenseitig Besuche macht und beim dampfenden Samowar mit Spiel oder Musik sich gemüthlich unterhält. Es hat früher allerdings Zeiten gegeben, wo die Sitten der Kolonisten nicht die besten waren, wo über Trunksucht u. s. w. sehr geklagt wurde. Einen großen Theil der Schuld daran trugen leider die schlechten polnischen Geistlichen, die in der ersten Zeit die Seelsorge in den deutschen Kolonieen ausgeübt, aber nur wenig segensreich gewirkt haben. Jetzt ist es gottlob unter den Deutschen wieder etwas besser bestellt. Besonders zu rühmen ist ihre fast patriarchalische Gastfreundschaft wie überhaupt ihre Freigebigkeit. Auch bethätigen sie einen regen Ge- meingeist und sind im Unglück voll Aufopferung für einander. Die alte deutsche Gemüthlichkeit, jene herrliche Charaktereigenschaft, die man eben nur bei Deutschen findet, hat sich hier in seltener Reinheit erhalten. Bei dem großen Fleiße und der außerordentlichen Strebsamkeit der Kolonisten findet man gar nicht selten Leute unter ihnen, die über alles Wissenswerthe der Neuzeit ganz vorzüglich unterrichtet sind, und besonders von den politischen Vorgängen in Deutschland wissen sie viel, mehr sogar als von den Vorkommnissen in Rußland. Das ist freilich auch leicht erklärlich. Einerseits hält sich ein großer Theil der Kolonisten deutsche Zeitungen und Zeitschriften; besonders häufig traf ich den „Deutschen HaMchgtz". „Alte und neue Welt" u. s. w. Andrerseits aber bringt von allen russischen Vorgängen die inländische Presse nur das, was die Regierung zu erlauben für gut findet, während die ausländischen Blätter unbarmherzig mißhandelt werden. Es ist eigentlich urkomisch zu sehen, in welchem Zustande die ausländischen Zeitungen dort ankommen, wenn irgend ein „gefährlicher" Artikel über Rußland oder russische Verhältnisse darin zu finden ist. Von der vorsichtigen russischen Censurbehörde wird er ängstlich mit schwarzer Lackfarbe vollständig überstrichen und dann erst dem Abonnenten zugestellt. Sogar russische Zeitungen werden nachträglich manchmal noch mit solchen „Illustrationen" versehen. In politischer Beziehung sind die Kolonisten durchaus loyale Staatsbürger, und es ist ihnen noch nie eingefallen, gegen die russische Regierung irgendwie zu in» triguiren. Sie fühlen und betragen sich als russische Unterthanen, als „Nußländer",-und sind voll aufrichtiger Anhänglichkeit an das russische Herrscherhaus, wie sie es schon des öftern in ganz außerordentlicher Weise bewiesen haben. Aber wenn sie sich auch mit Stolz „Nußländer" nennen, als „Russen" wollen sie nicht gelten. Zwar kann man eigentlich nicht recht von einem gespannten Verhältniß zwischen Deutschen und Russen sprechen, aber doch betrachtet man im allgemeinen die Russen nicht als gleichstehend. Eine treffende Illustration dafür ist die fast allgemeine Sitte, die Kinder mit dem Rufe zu schrecken: „Der Rufs' kommt". Daß mehrere Nationalitäten in Rußland beisnmmen- wohnen, finden die Kolonisten übrigens selbstverständlich, ja so selbstverständlich, daß ich oft schon ganz verwundert gefragt wurde: „Ja, gibt es denn in Deutschland keine Russen und keine Nussendörfer?" Es dürfte zum Schlüsse nicht überflüssig sein, nach den Ursachen zu forschen, welche das deutsche Wesen in Südrußland fortdauernd so lebendig erhalten haben. Einen Grund fand ich in dem Verhalten der Russen, die nur mit Neid auf die ihnen überlegenen Deutschen blicken und ihnen dieses Gefühl manchmal auch ziemlich deutlich merken lassen. Das wirkt nun hinwiederum auf die Deutschen und veranlaßt sie dazu, sich enger an einander zu schließen, was das deutsche Bewußtsein selbstverständlich noch mehr stärkt. Der weitaus wichtigste Grund aber ist darin zu suchen, daß die russische Regierung eine Mischehe nur unter der Bedingung der schismatischen Kindererziehung gestattet. Dadurch werden die Deutschen, Katholiken wie Protestanten, gezwungen, immer wieder nur Deutsche zu heirathen, und das ist erfahrungsgemäß das beste Mittel, um deutsches Wesen und deutsche Sitte unversehrt zu bewahren. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, daß da, wo einmal russisches Blut in die Familien gedrungen ist das Deutsch- thum in einem gewaltigen Rückgang sich befindet; ich habe da einen ganz bestimmten Fall im Auge, wo das Einheirathen von Russinnen den Späheraugen der Regierung allerdings entgangen ist, und darum auch nicht russische Kindererziehung besteht; aber die deutsche Sprache ist doch fast völlig verschwunden: man spricht russisch, man lebt und trägt sich russisch. — Was also die intolerante Staatsiegierung angeordnet hat als Nusfifi- cirungsmittel, das dient nun gerade im Gegentheil dazu, die fremdländischen Unterthanen in heimathlich-nationaler Gesinnung zu erhalten. Damit glaube ich nun eine ziemlich vollständige Schilderung von dem Leben und Treiben unserer fernen Stammesbruder an den Ufern des koutus Luxiuus ge- gehen zu haben. Möge nur das Deutschtum dort sich forterhalten, und mögen die Deutschen durch ihr ganzes Leben und Wirken kräftig dazu beitragen, das Ansehen der deutschen Nation auch weiterhin im slavischen Osten zu verbreiten I Recensionen nnd Notizen. Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Wien. Alfred Holder, k. k. Hof- nnd Uni- versitäts-Buchhäudler. Heft 25—38 Böhmen und Heft 12—17 Ungarn. I,. Die vorliegenden Hefte über Bobinen befassen sich mit der Schilderung der romanischen, sodann mit der Entwickelung der gothischen Architektur in Böhmen; anschließend hieran behandelt Dr. Chytil die Schilderung der Architektur-Entwickelung Böhmens in der Renaissance und Neuzeit. Zahlreiche Ansichten romanischer und gothischer Bauwerke, sowie Abbildungen von hervorragenden Baulichkeiten der folgenden Kunstperioden erläutern den Text. Diesen Schilderungen reiht sich würdig eine sehr interessante Arbeit aus der Feder des Professors August Sedlazck in Labor an, welche sich mit der Darstellung und Schilderung der Burgen. Schlösser und Besten Böbmcns, von der heidnischen Zeit an bis zu unseren Lagen, beschäftigt. Zahlreiche Typen solcher Bauten, landschaftlich und architektonisch durchgeführt, erscheinen im Bilde als Begleiter dcö Textes. Die folgenden Hefte umfassen eine Schilderung von Plastik und Malerei vorn Mittelaltcr bis zur Neuzeit, sowie eine solche der Kunstindustrie und Landwirthschaft Böhmens. Der Beschreibung der forstwirtbschaftlichen Verhältnisse schließt sich sachgemäß jene der Jagd von der berufenen Feder des Obcrforstmeistcrö Karl Hcirowsky an. Hier ist eine Abblilduug zu erwähnen, welche des allgemeinsten Interesses sicher sein darf: „Aufbruch zur Jagd auf Schloß Frauenberg", und stammt dieses Bild aus jener Zeit, als weiland Kronprinz Erzherzog Rudolf sich in Böhmen aufhielt und an den großen Jagden iheilnahm. Die weiteren Aufsätze über Bergbau und Hüttenwesen beanspruche» ein hohes Interesse, führt ja die Geschichte des böhmischen Bergbaues zurück zu uralten Zeiten. Seit dem letzten Viertel des ersten Jahrtausends nach Christus ist das Bestehen des böhmischen Bergbaues historisch außer Zweifel gestellt. — Die Eingangs bezeichneten Hefte über Ungarn bringen die allgemeine und spezielle Darstellung der Comitate Eisenburg, Qedeuburg, Wicselburg und Raab. Neben zahlreichen Landscbafts- und Architekturbildcrn sind namentlich sehr interessant die Stadt- ansichten von Grau, sowie bildliche Darstellungen aus den weltberühmten Gestüten von KiSbör und Bäbolua. Namentlich die Abhandlung über die alte Bischossstadt Gran nnd deren Umgebung von Körösy ist sehr dcikcnreich. Im letzten Hefte beginnt eine sehr klar geschriebene Schilderung des Wcißenbiirgcr ComitateS aus der Feder des chcinatigen ungarischen Ministerpräsidenten Alexander Wekerle. Zahlreiche Illustrationen von Kunstschätzen aus Gran sowie Landschafts- und Städtebilder zieren die vorliegenden Hefte und lassen dieselben sich gleich werthvoll an die bereits erschienenen anschließen. Jahresbericht der Herder'schen Verlagsbuchhandlung für 1895. * Dieser Bericht gibt einen Einblick in die umfassende Vcr- lags-Thätigkeit, welche die vornehmste kathol. Verlagsbuchhandlung im Jahre 1895 entwickelt hat. Leider hat die berühmte Firma diesem Bericht einen Nekrolog beifügen müssen, welcher ihrem hochverdienten Theilhaber Frz. Jos. Huttcr gilt. Oettingische Negesten. 1. Heft: 1110 — 1279. Bearb. von Dr. Georg Grupp, fürstl. Oettingen-Wallcrstcin. Bibliothekar. Nördlingen, Ncischle. Kl. 4°. 52 Seiten, geh. M. 1,50. Dr. ck. IV. Ansätze und Vorarbeiten zu einem solchen Werke sind von öttingischcn GescbichtSfreundcn und Historikern freilich schon crlicheinale gemacht worden. Allein erst die löbl. That G. Grupp's bedeutet den rechten, praktischen nnd methodischen Versuch, der einerseits in weitere Kreise verläsnge Nachrichten über das öttingischc Land und sein Tynastengeschlectit bringen kann und anderseits die unentbehrliche Grundlage für eine so lange schon rückständige Geschichte deö Nicsgan's und des vttingische» Fürstenhauses zu bieten vermag. Und diese reiche Geschichte darf nicht ungeschrieben bleiben. Darum ist das Unternehmen Grupp's, mögen auch einzelne, vorn allgemein üblichen Editionsiystem abweichende Eigenarten dieser Veröffentlichung manchem Fachmanne nicht zusagen, ein sehr verdienstvolles Beginnen und sollte beschleunigt und gefördert werden. _ Leben des heiligen Fidelis von Sigmaringen von k. Ferdinand von Scala, Orü. 6ap. Mainz, Franz Kirchheim. Mit 20 Abbildungen. Gebd. 4 M.» brosch. 3 M. Ein wechsclvollcs, farbenreiches Bild, das uns auf diesen Blättern entworfen wird. — Im Jahre 1577 zu Sigmaringen geboren, bezog der Heilige, über dessen erste Jugendschicksale wenig bekannt ist, nach Beendigung seiner humanistischen und philosophischen Vorbildung die Universität Frciburg i. Br., um die Rechte zu studiren, begleitete dann mehrere adelige junge Leute auf einer sechsjährigen Reise in die bedeutendsten Städte Europas und kehrte 1610 reich an Kenntnissen in die Heimath zurück. Ein Jahr darauf erhielt er die Doctorwürde beider Rechte und trat ein in die Advokatur, in der er sich sowohl das Vertrauen der österreichischen Regierung, als auch den Ebrentitel eines Advokaten der Armen erwarb. Aber schon bald erging an ihn ein höherer Ruf; er ließ sich umnehmen in den Kapuzinerorden, in dem er als Prediger, Bcickcvatcr und Oberer an den verschiedensten Orten wirkte. Ein Muster der Armulb und Demuth, zog er mächtig durch seine Predigten an, wirkte Wunder von Bekehrungen, führte zahllose Calviuisicn zurück in den Schooß der Kirche und pflegte zur Zeit der Pest die Kranken mit einer Aufopferung, die ihm die allgemeinste Achtung gewann Als dann Oesterreich im Jahre 1621 das von Neligionsbaß und Partciwnth zerrissene Vcltlin und andere Theile von Graubünden besetzte, und der katholischen Religion dort wieder aufhelfen wollte, wurde Fidelis zum Präsekten der neu errichteten rhäiiscbcn Mission bestellt. Allein seine dornenvolle Thätigkeit dauerte nicht lange; kaum ein halbes Jahr hatte er gegen den Irrthum durch die Macht seines Wortes und seiucr katholischen Ueberzeugung gckänipst, da fiel er unter dc» Streichen fanatischer Calvinisten als Märtyrer auf dem Felde der Ehre. Benedikt XIV. nahm ihn auf in die Zahl der Heiligen. — Das ist in wenig Worten der Inhalt des reich illusirirten Buches, das LebcnSmlv dieses ächten Kapuziners mit seinem lieben, treuen Wesen; als eine herrliche Lichtgestalt hebt er sich ab von dem düsteren Hintergrund des 17. Jahr- bundertS. Die Schilderung, die der Verfasser bietet, ist frisch, lebendig, von reicher Poesie durchhaucht, dabei aber nach Quellen bearbeitet sorgfältig und genau. Keiner wird sie lese» ohne Genuß und Erbauung. „Freu' DichI" Eine Auswahl geistlicher Gesänge. Mit bischöflicher Gcucbmigung. 8° 156 Seiten. Selbstverlag bei I)r. M. Tratter, Benef. in Bozcn (Tirol). Preis Mk. 1.—. Zu beziehen durch die Buchhandlungen oder direkt vom Commissiousvcrlag Joh. Falk III. Söhne in Mainz. Der Inhalt dieses Werkes zeichnet sich durch große Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit aus, indem für Advent 13 Nummern, Weihnachtszeit 18, Namen Jesu 14, Fasten 28, Ostern 17, Bittwocke 6. Christi Himmelfahrt 6, Pfingsten 16, Dreifaltigkeit 6, Fronleichnam 24, Herz Jesu 6, Mutter GoiteS 46 rc. Vorhände» sind, wobei nur in wenigen Fällen dieselbe Melodie zu mcbr als cinem Liedcrtext gehört. ES begegnen unS vor allem jene ehrwürdigen Gesänge, an deren Kraft und Innigkeit sich schon vor'Jahrhunderteu unsere Vorfahren erbauten. „AnS praktischen Gründe» schien es dem Vcriasser aber nöthig, den kostbaren Perlen alter Dich-tkunst auch neue Lieder beizu- geben." In der Fassung des Textes wie der Melcdieen, welch letztere aus guten Gründen in Choralnotcnschrist aus Vierlimen- systcm wiedergegeben sind, ist mit peinlicher Sorgfalt verfahren worden. Musterhaft ist die Ausstattung, was Papier, Tcxt- und Notendruck betrifft, vortrefflich die Einrichtung, daß man bei keiner der 232 Nummern jemals das Blatt zu wenden braucht, also Text und Melodie immer aus Einer Fläche vor vor sich hat. Daß solches nicht aus Kosten der Handlichkeit erreicht wurde, sei noch besonders lobend bervorgehobeu, sowie auch, daß der Preis von 1 Mk. sehr niedrig ist. rv. Professor vi. Chr. Wilh. Hnfelands Makro- biotik oder Die Kunst, daö menschliche Leben zu verlängern, erschien jüngst in einer sehr gut ausgestatteten, von Dr. weil. Alfred Manry bearbeiteten Volksausgabe im Verlage von Hugo Steinitz in Berlin. Daö berühmte Buch des ehemaligen Leibarztes der preußischen Königsiamilie gibt die wesentlichsten Mittel an, die Gesundheit zu erhalten, die erschütterte herzustellen nnd Krankheiten zu beseitigen. Daß die 80 Rathschläge deS groben nnb berühmten Arztes, der selbst ein sehr hohes Alter erreichte, in tausend und abertausend Fällen die segensreichsten Früchte getragen haben, ist bekannt; eS thut sicherlich jedem bessere Dienste als die vielen Geheimmittcl, die jetzt angepriesen werden. Der Preis des 232 Seiten starken Buches ist außerordentlich billig, er beträgt 1 Mk. 50 Ps. Bibliothek der gestimmten Natnrhcilknnde. Bd. IX. Die Naturheil Methode bei Hämorrhoidal- lei den von Dr. Carl Reiß. Berlin, H. Steinitz Verlag. 1 Mk. Die Hämorrhcidcn, dieses verbreitetste und lästigste Uebel der Menschheit, welches meist hervorgerufen ist durch eine den natürlichen Erfordernissen des Körpers nicht entsprechende Lebensweise, können nicht anders beseitigt werden, als durch vernunftgemäße Lebensführung, durch ausgiebigste Verwendung der natürlichen Hcilfaktoren. Von dieser einzig richtigen Anschauung ausgehend ist der vorliegende Band geschrieben, der, was die erschöpfende Darstellung, die Eleganz der Diktion, die Klarheit des Stils anbelangt, vollkommen aus der Höhe der vorausgegangenen Bände steht und volle Beachtung verdient. .Katholische Flugschriften zur Wehr und Lehr." Preis pro Nummer 10 Pf. Verlag der „Germania" in Berlin. Nr. 95/96. Wilhelm Emanuel Frhr. v. Ketteler, der Lehrer und Vorkämpfer der katholisch-socialen Bestrebungen. Von Joh. Wenzel, Mitglied des Reichstages. — Nr. 97. Darwinismus und Socialdemokratie oder Haeckel und der Umsturz. — Nr. 98/99. Ein Blick in die Re- ductionen von Paraguay. — Nr. 100. Ketteler, Die wissenschaftliche Behandlung der socialen Frage. Von Joh. Wenzel. — Nr. 101. Warum ich katholisch geworden bin? Offener Brief des früheren lutherischen Pastors Jenseit an seine Freunde in der dänischen Landeskirche. — Alle Hcft- chcn, ausschließlich von anerkannt tüchtigen Verfassern geschrieben, verdienen die weiteste Verbreitung. Literarische Rundschau sür das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. 22. Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breisgau, Herder'fche Vcr- lagShaudluug. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 1: Neuere philosophische Literatur. (Draig.) — Bardenhewer, Der Name Maria. (Nottmanuer.) — Stiglmayr, Das Aufkommen der Pscudo-DionysifchcnSchriften rc. (Bardenhewer.) — Lingcns, Die innere Schönheit des Christenthums. (Schanz.) — Gutberlet, Lehrbuch der Apologetik. (Schill.) — Ldort, Lidliotlwoa llüomistiea. (Dörholt.) — Bürger, Unterweisungen über die christliche Vollkommenheit. (Pruner.) — Mayer, Die krokossio reli^iosa, im kanonischen, gemeinen und geltenden deutschen Neichsrcchte. (Kihn.) — Walter, Das Eigenthum nach der Lehre des hl. TbomaS rc. (Atzbcrger.) — kottliast, LibliotLeoa, Historie». meüii aevi. (Falk.) — Aus dem Leben Unserer Lieben Frau. (Krieg.) — Weiß-Kreiten, Ein moderner Todtcntanz. (Krieg.) — Verschiedene Ncproduc- tionen älterer Kunstschöpfungen. (Krieg.) — Zingcler-Laur, Die Bau- und Kunstdenkmälcr in den Hobcnzollcrnschen Landen. (Keppler.) — Sickenberger, Deutsche Geschichte sür Schule und Hans. (Macke.) — Wychgram, Schiller. (Egen.) — Nachrichten. — Büchcrtisch. _ Linzer theok.-praktische Quartalschrift. Jahrgang 1896. Expedition: Linz, Stiftcrsiraße Nr. 7. Hreiö pr. Jahr 7 M. Inhalt des 1. Heftes u. A.: Die Erneuerung der Gesellschaft. Von I?. A. M. Weiß 0. vr. — Praktische Bemerkungen über das Veichtvateramt und dessen Verwaltung. Von Dr. Jakob Schmitt, Domcapitular zu Freiburg (Baden). — Der Beruf zum Priesterthum. Von Professor Auzustin Lehm- kubl 8. i. in Exaeten (Holland). — Schrift und Schriftlescn. Von k. Hilarin 0. Lax., Lector in Freiburg (Schweiz). — Der Begriff des Gelübdes. Von vr. Ph. Huppert, Ncctor in BcnSheim (Hessen). — Die kirchlichen Benedictionen in ihren Wirkungen gegen Krankheiten. Von v. Ludwig Keller Orcl. List., Prior in Marienstatt (Nassau). — Das Geburtsjahr Jesu Christi. Von ?. Michael Hetze nancr 0. 6ax>., Lector der hl. Schrift in Innsbruck. — Das päpstliche Dccret -tzuem- aämoäum omuium« bezüglich der öfteren Commuuion. Von v. Max Hub er 8. I., PriesterhauS-Director in Klagensurt. — Waffen im Kampfe gegen den Socialismus. Von Joh. Lang- thaler, reg. Chorherr und StistSbosmeistcr in St. Florian. — Pastoral-Fragen und-Fälle, u. A.: Oeoasio proxima. Von v. Augustin Lebmkuhl 8. I. in Exaeten (Holland). Impeäi- insntmiu amsutiae oder erroris? Von vr. Heinrich Kihn, llniversitätSprofcssor in Würzburg (Bayern). Meßstipeudien. Von vr. Fr. A. G oepfert, Univ.-Prof. in Würzburg. Mißbrauch der Ecncralbeicht von Seite der weiblichen Pönitenten. Von vr. Jos. Nig lutsch, Professor in Tricnt (Tirol). Con- scssion der Kinder aus gemischten Ehen nach dem Tode des VaterS. Von Augustin Arndt 8. I., Pros. in Krakau. Wie kaun der Mechanismus beim äußeren Gottesdienste beseitigt werden. Von v. Bernb. Schmid 0.8. V. in Scbcyern (Bayern). — Literatur. — Entscheidungen und Bestimmungen der röm- Kongregationen. Zusammengestellt von v. Bruno AlberS 0. 8. v. in Beuron. — Neueste Bewilligungen oder Entscheidungen in Sacken der Ablässe. Von k. Franz Beriuger 8.1., Consnltor in Rom. — Kirchliche Zeitläufte. Von Professor Vr. M. Hiptmair in Linz. — Bericht über die Erfolge der kath. Missionen. Von Joh. G. Hub er, Siadtvfarrer in Schwaneu- stadt. — Geschichte des Lollexium Vermauioniu IIuvAarionm in Rom. Von Domcapitular vr. Mathias Höhler in Lim» bürg a. b. L. — Kurze Fragen und Mittheilungen. Die von vr. Karl Nuß herausgegebene illustrirte Wochen sehnst sür Vogelliebhaber, -Züchter und -Händler „Die gefiederte Welt" (Preis vierteljährlich IM. 50 Pf.) feiert in diesem Jahr das Fest ihres 25jährigcn Bestehens. Die erste Nummer des Jahrg. 1896 liegt vor uns und läßt ersehen, daß „Die gefiederte Welt" noch immer an der Spitze aller Fachbläiter marschirt. Diese Nummer 1 ist z. B. außer mit zwei Abbildungen im Text, bei vorzüglichster Ausstattung des Blattes selbst, noch mit eiueni Vollbild bedacht, auf welchem eine Gruppe einheimischer und eine solche fremdländischer Stubenvögcl in Schwarzdruck dargestellt ist. Eine Probcnummer des 1896er Jahrgangs versendet die Creutz'sche Verlagsbuchbandlung in Magdeburg auf Wunsch kostenlos und postfrci. Miscelle». 6 . (Der japanisch-chinesische Krieg und das Missionöwerk in China.) Man hat die Frage aufgeworfen, ob der vorbezeichncte Krieg sür daö MissionSwcrk in China von Nutzen sein werde. Manche haben gemeint, diese Frage bejahen zu dürfen. Der Missionär k. T. Garcia in Fokien verneint diese Frage. Vernehmen wir, wie derselbe von dieser Frage urtheilt. „ . . . Die Chinesen scheinen noch widcrhaariger geworden zu sein. Von Japan, dessen leitende Staatsmänner dem religiösen JndifferentismuS huldigen, ist in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Einige Hoffnung knüpfte sich an Frankreich, das entschlossen schien, für die katholische Religion in China volle Bewegungsfreiheit zu fordern. Allein die internationalen Fragen, welche der FricdenSvertrag von Simono-Saki heraufbeschwor, saugten seine Aufmerksamkeit völlig auf und bis jetzt ist noch nichts in der Sache geschehen. Ueberdics glaube ich, daß China trotz der harten Lektion, die es von Japan erhalten hat, der Aufnahme von europäischen Sitten und Ideen nach wie vor abgeneigt bleiben wird. Es leidet an einem Uebel, das zu alt ist, als daß es sobald gesunden könnte. Der Confucianismus, die Lehre Lao-tie's und deS Buddha haben den Chinesen in seiner religiösen Anschauung „stolz" verknöchern lassen, unv er will es gar nicht einsehen, daß er so dem Zustande der Unbeweglichkeit, der muiuien- artigen Vertrocknung und einer ewig unmündigen Kindheit verfallen ist. Was die natürlich-sittliche Veranlagung deS Chinesen angeht, so ist dieselbe zum Verwundern gut: arbeitsam, höflich, verständig und menschenfreundlich. Sie hoffen allein auf die Zeit, wo mit der Ankunft Kiun-tse'S die rechte Ordnung wieder hergestellt werden soll." — Kiun-tse bedeutet „Hirte und höchste Wahrheit" (der Hirte der höchsten Wahrheit). Man könnte mit v. Garcia der Vermuthung sein, Kiun-tse bedeute Christus. - 6. (Eine tröstliche Nachricht aus China.) Gegenüber der jüngsten Cbristeuverfolgung gereicht es den bedrängten Cbristcn zu nicht geringem Troste und erfüllt sie mit erhebender Hoffnung, daß der Kaiser von China einen Katholiken — Tsching-ta-jen — zum „bevollmächtigten chinesischen Gesandten" in Paris erhoben hat. Der Ernannte ist ein vortrefflicher Katholik. Seine Vorfahren wurden vor bereits 200 Jahren von den alten Jesuiten bekehrt. ES ist dieses in der Neuzeit das erste Mal, daß ein Katholik zu einem solch hohen Posten erhoben woroen. Eerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Jnstii'stö von Haas L Grabhcrr in Augsburg. ttl'. 11 13. Mär? 1896. 6 8 Adam Weishanpt. Von Adam Hirschmann. An den Gymnasialschulen der Jesuiten herrschte die lobenswerthe Sitte, das Schuljahr mit Aufführung eines lateinischen Theaterstückes feierlich zu schließen?) Demgemäß brachte das Gymnasium zu Jngolstadt 1755 ein Stück zur Darstellung, welches der Professor der Rhetorik Seidel aus der Gesellschaft Jesu verfaßt hatte. Es betitelt sich: La,varia, vstus st novn, und zielte darauf ab, Bayern zur Abwehr der eindringenden Freimaurerei aufzufordern. Der Mann der Loge tritt selbst auf. Mit den Worten, die zugleich feine Herkunft verrathen: Votrs trss linmdls ssrvitsnr, L-laäanis! bietet er dem jungen Bayern seine Dienste an. Dieses will wissen, was er, der Freimaurer, von Bayern denke? I'rg.uolis- raent, sums tatzon, saus ssraxlirasut erklärt er: Bayern hat viel Aberglauben, wenig Kunst und Wissenschaft. Die Menge Kirchen, voll Gold und Edelsteine, die Menge Popen und Oberpfasien, lauter Leute, die der Welt nichts nützen, das seien genug Beweise des Aberglaubens und seien der Schaden des Aerars. Darum soll das junge Bayern folgende Rathschläge befolgen: Mache die Kirchen zu Fabriken und Ställen, jage die Pfaffen fort, und nimm die nützlichen Leute auf, die ich dir vorstelle. Und das wären? Zuerst die Glaubensfreiheit. Sie ist die wahre Nationalökonomie. Denn von den verschiedenen Sekten wird die eine neue Handwerker, die andere geschicktere Künstler bringen, die eine den Handel fördern, die andere den Ackerbau, die dritte die Forste verbessern, die vierte die Viehzucht heben, die fünfte die Bergwerke ausbeuten. Zuletzt bringt der Jude Geld und kauft sich darum das Bürgerrecht. Laß jeden glauben, was er will, st unies euras, nt babeas civss, xsr guorum laborsm sis poisns st äivss! Als zweiten Gehilfen präsentirt der Freimaurer die Denkfreiheit. Katholische Luft, wie sie jetzt in Bayern wehe, tauge nicht für den Flor der Wissenschaft; im protestantischen Norden müsse man sich wahre Wissenschaft und Bildung holen: ImZstnni Latavorum est patria äoetorum; LlarburKi, cksnss, l-ixsias guasrenäao snnt ecisutjus. Kslwstmlü, Imnüini TubinZLS, Rsrolini Kalos aMä Laxonss tbi üant koimnes. Inbsrtas ssntisnäi tex xriwa S8t 8eisnäi. 8i jura. äat Lslig'io caxtiva Mimt ratio. Hai vinenlis Lomaais liZatur in8tar eanis nuuguam meutsw sii§it, nunguaw, 86 nil seirs, seit. Lehden in Holland ist die Vaterstadt der Gelehrten; zu Marburg, Jena, Leipzig muß man sich Wissenschaft holen; in Helmstädt, London, Tübingen, Berlin, zu Halle ') Die Studienordnung der Gesellschaft Jesu v. I. 1599 enthält hierüber folgende Vorschrift: Der Gegenstand der Tragödien und Komödien, die jedoch nur lateinisch sein und sehr selten ausgeführt werden sollen, sei ein heiliger und frommer; auch dürfen nur lateinische und anständige Zwischenspiele vorkommen; weibliche Rollen und Trachten sind ganz verboten. Pachtlcr, Ratio etuäiorum II, 273., bei den Sachsen werden die Menschen gebildet. Die Freiheit zu denken ist das erste Gesetz des Wissens; herrscht aber die Religion, so seufzt in Knechtschaft die Vernunft; wer wie ein Hund mit Ketten an Rom gefesselt ist, erhebt niemals den Geist, wird sich niemals bewußt, daß er eigentlich nichts weiß! So deklamirte in Jngolstadt 1755 der Freimaurer, welcher das junge Bayern zur Säkularisation der Kirchen- und Klostergüter, zur Duldung aller Konfessionen anspornte. In Gegenwart des Kurfürsten Maximilian III. (1745—1777) wurde das Drama Luvaria. vstus sb vova, einige Jahre später in Straubing noch einmal aufgeführt; zum Danke erhielt der Verfasser den gemessenen Befehl, Bayerns Boden innerhalb drei Tagen zu verlassen. Seidel hatte eben zu getrau nach dem Leben gezeichnet. Die Freimaurer am Hofe in München fühlten sich getroffen; zur Strafe mußte der kühne Jesuite über die Grenze ziehen! ?) Durch die Vermittelung eines eifrigen Schülers des ungläubigen Voltaire, des kurmainzischen Großhosmeisters Graf Stadion, war 1731 Adam Ick statt, welcher in Mainz, wo er das Jahr zuvor den Doktorgrad der Rechte erworben hatte, keine öffentlichen Vorlesungen hatte eröffnen dürfen, mit dem Prädikate eines Hofrathes als Professor des jrm xulüisunr iinx., des jus naturas st: Asntüuw und der institutionss irnxsrialss nach Würz- burg berufen worden. Zehn Jahre hatte Jckstatt diese Stelle inne, als er einen Ruf nach München erhielt, um den Kurprinzen Maximilian in das Staats-, Natur- und Völkerrecht einzuführen. Am 1. April 1741 trat der neue Prinzenerzieher sein Amt an. Gab es denn für diesen wichtigen Posten keinen einheimischen Gelehrten? Warum wurde dazu ein Ausländers auserlesen? Am 20. Januar 1745 starb Karl Albrecht, nachdem er drei Jahre lang die Schattenwürde eines deutschen Kaisers innegehabt hatte; Jckstatt's Schüler bestieg den Thron Bayerns. Am 22. August 1746 ernannte Maximilian III) Joseph seinen ehemaligen Hofmeister zum Direktor der Universität Jngolstadt, wo er zugleich als Lehrer des Pastoralbl. des BisthumS Eichstätt 1865 S. 203. Im Jahre 1799 gab ein Jlluminat Seidel's Arbeit heraus mit bissigen Bemerkungen gegen die Jesuiten. Neu abgedruckt mit Erläuterungen in Fr. v. VeSnard'S Literaturzeitung für die. kathol. Geistlichkeit, Septcinberhest 1832. Als eigene Broschüre erschienen in LandShut bei Jos. Thomann. b) Adam Jckstatt war am 6. Januar 1702 zu Vockenhausen unweit Königstcin im kurmainzischen Gebiete als Sohn eines Grobschmiedes geboren worden. Da ibm das Gewerbe des Vaters nicht zusagte, entwich er nach Mainz und erwarb sich daselbst durch sein einschmeichelndes Wesen und durch den Durst nach Kenntniß Freunde, die es ihm ermöglichten, das Gymnasium besuchen zu können. Doch unbekannt aus welchem Grunde verließ der junge Student gar bald Mainz und wanderte nach Paris; aber anstatt in den Hörsälcn berühmter Denker finden wir den achtzehnjährigen Jckstatt in der Kaserne als gemeinen Soldaten. Indessen vertauschte er baldigst den französischen Waffenrock mit dem kaiserlichen; ob er Frankreich mit einem ordentlichen Abschied verlassen oder ob er descrtirt ist, steht nicht fest. 1725 hörte er in Marburg den Philosophen Wolf, promovirtc 1727 zum Magister auf Grund der Dissertation : kbasnomsu siiiKnIars äs malo pomiksra. sins üoribus aä rations8 pb^sieas rsvoeatnm — Merkwürdige Erscheinung des blätterlosen Apfelbaumes nach den Gesetzen der Physik geprüft. Da Jckstatt als Dozent der Mathematik kein Kolleg zu Stande brachte, so hörte er bei Waldschmidt und Hombregh Vortrage über Rechtswissenschaft. Histor.-polit. Blätter Bd. 70 Seite 378. Natur- und Völkerrechtes, der Oekonomie- und Kameral- tvissenschaften die ganze juristische Fakultät in Händen hatte. Im Oktober trat Jckstatt sein Amt an, und seine erste That war, daß Heegius an die Regierung nach Straubing versetzt wurde, um für einen Günstling Platz zu machen, der in Würzburg sein Schüler gewesen, dermalen aber Repetitor des Rechtes an der fränkischen Hochschule und Bräutigam einer Nichte seiner Frau war: durch Dekret vom 14. Oktober 1746 wurde Johann Georg Weishaupt, geboren 1717 zu Brilon im preußischen Regierungsbezirke Arnsberg in Westfalen, als Professor der kaiserlichen Institutionen und des Kriminalrechtes mit 600 fl. Gehalt nach Jngolstadt berufen. (Mederer, ^irnul. inZolst. III, 227.) Um seine Vorlesungen beginnen zu können, mußte der Berufene erst selbst am 4. November 1746 in Jngolstadt zum Doktor beider Rechte promoviren! Am 6. Februar 1748 wurde dem Professor Weishaupt ein Söhnlein geboren, das in der hl. Taufe den Namen Joseph Johann Adam erhielt; Adam Jckstatt hielt das Kind über dem Taufbecken, als Stadtpfarrer Ferdinand Balthasar Ecker zur Sch. U. L. Frau in Jngolstadt das Wasser der Wiedergeburt abgoß. Diesem Pathenkinde Jckstatis sollen die nachfolgenden Zeilen gewidmet sein. Seine geistige Ausbildung erhielt Adam Weishaupt bei den Jesuiten seiner Vaterstadt, welche seit 1556 in Jngolstadt thätig waren. Im Nachtrag zur „Rechtfertigung meiner Absichten" (Frankfurt u. Leipzig 1787 S. 14—19) erzählt Weishaupt: „Ich kam als ein Knab mit achthalb Jahren das erstemal in die Schule. Es ist wahr, wir mußten unaufhörlich beichten und dem äußerlichen Gottesdienst beiwohnen und vorzüglich die Andachten zu ihren (der Jesuiten) Heiligen verrichten. Aber dies war auch alles: Sie wollten sich auf diese Art, nicht durch Gründe, sondern durch den äußerlichen Glanz, durch Gewohnheit und Fertigkeiten des jungen Kopfes so sehr bemeistern, daß er dereinst bei reiferen Jahren gar kein Bedürfniß nach höheren Gründen haben sollte. Unser einziger Unterricht war jeden Freitag, wo wir ein Stück aus unserem Canisius auswendig daherplappern mußten?) Wenn gegen Ende des Jahres die Prämien vertheilt wurden, so ward eine dergleichen Belohnung auch demjenigen zugedacht, welcher bei der vorgenommenen Prüfung die besten Beweise seines Unterrichts im Christenthum gegeben hatte. Und nun höre die Welt diese Beweise und sie sage, ob ich unrecht habe? — Wir mußten der Reihe nach, meistens nach alphabetischer Ordnung, an der Thür des Zimmers, in welchem sich drei von unseren Glaubens-Richtern versammelt hatten, warten, der erste nach gegebenen Zeichen ein- «) Aehnlich schreibt Cl. Th. P-rtheS in: Politische Zustände und Personen in Deutschland zur Zeit der französischen Revolution (Gotha 1862) I, 438 über Bayern: „Der Religionsunterricht bestand zum großen Tbeile in dem Auswendiglernen der Sätze des von dem Jesuiten Grätscher verfaßten Katechismus." Greifer oder Gretscher, wie Mederer schreibt, hat aber keinen Schulkatcchismus geschrieben. Die Studienordnnng der Gesellschaft Jesu v. 1599 schrieb den Professoren der niederen Klassen *or: „Die Jünglinge, die man der Gesellschaft Jesu zur Er- .iehung anvertraue hat, unterrichte der Lehrer so, daß sie zugleich mit den Wissenschaften besonders die eines Christen würdigen Sitten gewinnen. Er wache darüber, daß alle der Messe und Predigt beiwohnen; und zwar der Messe täglich, der Predigt aber an Festtagen. . . . Der christliche Unterricht soll besonders in den Klassen der Grammatik und, wenn nöthig, auch in andern Freitags oder Sonnabends auswendig gelernt und hergesagt werden. . . Er halte auch Freitags oder Sonnabends eine halbstündige fromme Exhorte oder Erklärung des Katechismus; er dringe vorzüglich aus tägliches Gebet, besonders auch zur täglichen Abbetung des Rosenkranzes oder der Tag- zeiten Mariä. . . Er empfehle sehr die geistliche Lesung, besonders aus dem Leben der Heiligen; er bemühe sich, daß Niemand die monatliche Beicht unterlasse. Pachtler I. v. II, 879-381. 6onk. II, 275 v. 21; II. 353 u. 6. treten und nicht eine Glaubenssrage, sondern ein Räthsel anS dem Canisius auflösen, z. B. wir sollten das Vaterunser rückwärts ohne Anstand auswendig hersagen. Wir sollten sagen, wie oft at, tu oder oum in dem ersten Haupt stück stehen, oder eö wurden uns 2 oder 3 Worte aufgegeben, wo wir sogleich fortfahren mußten, und dies so oft, als diese Worte in diesem Hauptstücke enthalten waren. Wenn einer nach dem andern diese Fragen vor diesem geheimen Religionsgericht beantwortet hatte, so kam der Präfckt an die Thüre und verlas die Namen derjenigen, welche die Frage errathen hatten. Diese blieben sodann und fingen unter sich ihren Wettstreit aus der Religion auf das Neue an, bis ein einziger Sieger blieb, und dieser allein wurde gekrönt. — Nun sage alle Welt, was sie von diesem Religionsunterricht hält? Diesen und keinen andern Unterricht (denn ihre Predigten waren nicht viel besser) erhielt ich bis in das 15. Jahr meines Lebens, wo ich das Gymnasium verließ und mit dem akademischen CursuS den Ansang machte. Ich bin auf diese Art, ich darf sagen, 29 Jahre alt geworden, ohne daß ich für die Wahrheit meiner Religion einen andern Beweis anführen konnte, als: so bin ich gelehrt worden; so sagt die Kirche; dieses Recht der Kirche ist in der hl. Schrift gegründet, und die Kirche hat das Recht, den zweifelhaften Sinn der Schrift zu bestimmen. Was soll, fährt Weishaupt fort, aus einem solchen Menschen werden, wenn er hinter andere Bücher geräth, wenn er mit Vernünftigen einen Umgang pflegt, wenn er aus der Schule mit einer so schwachen Gegenwehr und Vorbereitung in die Welt tritt... Ich glaube also mit Grund behaupten zu können, daß nicht ich, nickt der Jlluminatismus, sondern der fortdauernde schlechte Religionsunterricht und die Unwissenheit des größern Theils von dem katholischen Klerus, die Quelle dcS in diesem Lande (Bayern) herrschenden Unglaubens sei." Der junge Weishaupt, dessen Vater schon im September 1753 in Heiligenthal bei Würzburg, wo er in den Ferien weilte, im Alter von 36 Jahren starb (Mederer, Uniral. III, 256), lernte bei seinem Gönner und Pathen Jckstatt die neueste Literatur französischer Aufklärung kennen, und bald war ihm „der Name der Bibel ebenso unerträglich und lächerlich", als die Schriften des Cicero, gegen welche er bis in sein Alter tiefen Abscheu trug; er gelangte zu einem allgemeinen Skepticismus. Im Jahre 1764 promovirte er an der Hochschule zu Jngolstadt aus der gesammten Philosophie, 1768 aus dem Rechte, welches er sich zum Fachstudium erwählt hatte. Schon im Jahre 1772 wurde er außerordentlicher Professor der Rechtswissenschaft; als im folgenden Jahre die Jesuiten in Folge des päpstlichen Aufhebungsbreves vom 21. Juli 1773 ihre Lehrthätigkeit an der Jngol- städter Hochschule einstellen mußten, übernahm Weishaupt, wenn auch Laie, die Vorlesungen aus dem kanonischen Rechte, welche er 13 Jahre lang „nach der Lehre der gallikanischen Kirche" fortführte. (Kurze Rechtfertigung S. 25.) Mit Jckstatt's Hilfe fand er auch Zutritt zu der philosophischen Fakultät und las über Geschichte und Moralphilosophie in so „aufgeklärtem" Sinne, wie er ohne zu große Gefahr nur konnte. Dabei verschmähte es der ehrgeizige Professor nicht, in lieblosester Weise über seinen Gönner Jckstatt an Lori, den Mitdirektor der Universität, nach München zu berichten. (Allg. Ztg. 1874 Beilage Nr. 174; über Lori vergl. Westenrteder, Sämmtl. Werke, Kcmpten 1833, Bd. 14 S. 140—167.) Ueberall aber wähnte er den Einfluß der Exjesuiten als Hemmschuh seiner Bestrebungen zu verspüren; der Jesuitis- mus war der Popanz seiner Eitelkeit; ja er behauptete geradezu, die Jesuiten hätten sich gegen ihn, nachdem er Professor geworden, verschworen. (Pythagoras oder Betrachtungen über die geheime Welt und Negierungskunst von Adam Weishaupt, Frankfurt und Leipzig 1790, Seite 658.) Da kam, wie Weishaupt erzählt, im Jahre 1774 ein Protestant H. aus H. (vielleicht Hamburg) nach In- golstadt und unterhielt sich mit Weishaupt über dke Freimaurerei, deren Ziele und Bestrebungen. Hiedurch kam der Jngolstädter Universitätsprosessor auf den Gedanken, einen eigenen Orden zu gründen, um die Einwirkungen des Jesuiiismus zu paralysiren (Pythagoras S. 651). Abts Schrift vom Verdienste bestärkte ihn in seinem Vorhaben, so daß allgemeine Statuten entworfen wurden, deren Tendenz aus dem Namen „Statuten der Perfekii- bilisten" erhellte. „Diesen Namen, sagt Weishaupt, habe ich bloß aus der Ursache geändert, weil das Wort zu sonderbar klingt; indessen zeigt doch dieser Name, welche Absicht ich bei der Gründung der Gesellschaft hatte. Diese nahm mit dem 1. Mai 1776 ihren Anfang" ^) (Pyjha- goras S. 670). Der Zweck dieser geheimen Verbindung, welche Orden der Jlluminaten, Erleuchteten oder Bienenorden, Bienengesellschaft (Einige Originalschriften S. 320) benannt wurde, war: „dem Menschen die Vervollkommnung seines Verstandes und moralischen Charakters interessant zu machen, menschliche und gesellschaftliche Gesinnungen zu verbreiten, boshafte Absichten in der Welt zu hindern, der notleidenden und bedrängten Tugend gegen das Unrecht beizustehen, auf die Beförderung würdiger Männer zu gedenken und überhaupt die Mittel zur Erkenntniß und Wissenschaften zu erleichtern. Man versichert theuer und heilig, daß dieses der einzige und nicht colorirte Endzweck der Gesellschaft sei" (Einige Original- schriften S. 27). Ein andermal schreibt Weishaupt an Cato: „Ich schwöre zu Gott, daß ich nichts weiter suche, als meinen Zweck. Dieser ist für mich Hinterflucht und Zuflucht im Unglück, für die Welt aber Bildung guter Menschen, Verbreitung der Wissenschaften und Schwächung boshafter Absichten" (Ebend. S. 280.) Als letztes Ziel des Ordens betrachtete der Stifter die Aufgabe, alle Menschen zum Dienste der Natur hinzuführen (o'sst sn rarasnant toua 1s s storarnss au eults äs In naturs. VoilL 1s äsrnisr Hut äs nron ouvraZs. (Ebend. S. 237.) Am 10. März 1778 schrieb Weishaupt, der an den Statuten immer änderte, an Cato: „Unterdessen will ich ihnen doch ev äktail meine damaligen Gedanken schreiben, tllon bat est kairs valoir In raison. Als Nebenzweck betrachte ich unseren Schuh, Macht, sichern Nucken von UnMckSfällen, Erleichterung der Mittel zur Erkanntnuß und Wissenschaft zu gelangen. Am meisten suche ich diejenigen Wissenschaften zu betreiben, die auf unsere allgenuine oder Ordens Glückseligkeit oder auch Privatangelegenheiten Einfluß haben, und die entgegengesetzten aus dem Weg zu räumen. Sie können also wohl denken, daß wir es mit Pedantismo, mit öffentlichen Schulen. Erziehung, Intoleranz, Theologie und Staatsverfassung werden zu thun haben. Dazu kann ich die Leute nicht brauchen, wie sie sind, sondern ich muß mir sie erst bilden. Und jede vorhergehende Klasse muß die Prüfungsschule für die künftige sein... In der nächsten Klasse, dächte ich also, eine Art von gelehrter Akademie zu errichten: in solcher wird gearbeitet, an Cbaraktcren, historischen und lebenden, Studium der Alten, Beobachtungsgeist, Abhandlungen, Preisfragen, und in sxsois mache ick darinnen jeden zum Spion des andern und aller. Darauf werden die Fähigen zu den Mysterien herausgenommen, die in dieser Klasse etliche Grundsätze und Grundersordernisse zum menschlichen glückseligen Leben sind. Anbei wird gearbeitet an Erkenntniß und Ansreutung der Vorurtheile. Diese muß jeder anzeigen v. g. monatlich, welche er bei sich entdeckt? welches das herrschende ist? wie weit er in Bestreitung derselben gekommen ist rc. Dieses ist bei uns ebensoviel, was bei den Jesuiten die Beickt war. Aus diesen kann ich ersehen, welche geneigt sind, gewisse sonderbare Staatslehren, Weckers hinauf Neligionsmeinungen anzunehmen. °) Knöpf! er, Lehrbuch der Kirchengeschichte S. 616, hat somit unrecht, wenn er die Gründung des Illuminatenordens in das Jahr 1775 verlegt. Und am Ende folgt die totale Einsicht in die Politik und Maximen des Ordens. In diesem obersten Conseil werden die Projekte entworfen, wie den Feinden der Vernunft und Menschlichkeit nach und nach auf den Leib zu gehen sei; Wie die Sache unter den Ordens Mitgliedern einzuleiten, wem es anzuvertrauen? Wie ein jeder n, proxortions seiner Einsicht könne dazu gebraucht werden; ebenso werde ich es auch mit der Erziehung und andern: machen. . . Sie werden nach und nach eine eigene Moral, Erziehung. Statistik und Religion entstehen sehen." (Ebend. S. 215-217.) (Fortsetzung folgt.) k'i'aotio xariis. Eine wichtige Entdeckung aus den Katakomben. Besprochen von Dr. G. A. Müller. Wenn der geniale Schüler Battista de Nossis, Mon- fignor Josef Wilpert in Rom, unser deutscher Landsmann, ein neues Werk publizirt, so ist das allemal ein wichtiges Ereigniß. Wilpert scheint nun einmal Prä« desttnirt zu sein, auf der Arena der christlichen Alterthumswissenschaft die gewaltige Rolle eines glückbegünstig- ten, fügen wir aber auch bei, tiefgelehrten Entdeckers zu spielen. Wir verdanken ihm die Klarstellung der „Prinzipienfragen der christlichen Archäologie" gegenüber den destruktiven Theorieen moderner Skeptiker; wir verdanken ihm die erstmalige mustergültige Herausgabe eines „CycluS christologischer Gemälde aus der Katakombe der heiligen Petrus und Marcellinus; wir verdanken ihm eine ikono- graphische Studie über die Katakombengemälde und ihre > alten Copieen; wir verdanken ihm eine prächtige Mono- > graphie über „die gottgeweihten Jungfrauen in den ersten > Jahrhunderten der Kirche" — alles Arbeiten, die jegliche ! für sich eine neue Entdeckung bedeuten. ! Und nun überrascht die gesammte wissenschaftliche i Welt eine neue Arbeit, deren Inhalt der große Nosst vor seinem Tode als die „Krone der Ausgrabungen" bezeichnete. Wilpert hat in einer Dar- > stellung der ersten christlichen Kunstepoche die Wiedergabe der liturgischen Brodbrechung im eucharistischen Opfer entdeckt — und dieser unabsehbar wichtigen Entdeckung gilt die bei Herder erschienene herrliche Monographie pg,uis". (Preis M. 18.—.) Die Bedeutung dieser Entdeckung für die katholische Apologetik liegt auf der Hand: wir stehen vor einem un- widerleglichen monumentalen Beweis für den apostolischen Charakter der sogenannten „Messe", für den ur- christlichen Sinn der Eucharistie als Opfer, für die Wahrheit, daß das „Brodbrechen" nichts anderes als unser Meßopfer ist. Und dieser Beweis ist umso ver-< blüffender, als er bis fast in die Geburtstunde deS Christenthums hinaufreicht. Er widerlegt jeden nicht- katholischen Lchrbegriff über die Eucharistie in geschicht-, licher Beziehung und gibt den katholischen Kirchen deS Erdenrunds ein tesiiiaoniunr vsritutis. Man muß vorausschicken, daß die sogenannten Sakramentskapellen in den Katakomben des hl. Callistus, die jedem Nompilger bekannt sind, eine solch evivente Beweiskraft in ihren Malereien nicht besitzen, als jene ist, die Wilperts Entdeckung bietet. Dort konnte, wenn auch nur gezwungen, eine allegorisch-dogmatische Be-^ deutung noch angetastet werden: hier tritt die Allegorie mit der geschichtlichen Darstellung in engen Bund. Der Schauplatz der Entdeckung ist die wohlbekannte Katakombe der hl. Priscilla an der Via Salaria, die in das apostolische Zeitalter hinaufreicht, noch näher, die 84 darin befindliche architektonisch wie monumental wichtige „enxella, 6reou", eine Grabkammer, die eine kleine Basilika mit drei Nischen (einem Tonnengewölbe und zwei Abfiden) bildet und deren Bilderschmuck bis auf die poch nicht untersuchten Wand flächen über den Bögen archäologisch bekannt war. Hier setzte Wilperts Arbeit ein: und wie schwierig, ja gefährlich diese Arbeit war, wie sie an sich schon eine geniale That bedeutet, läßt uns der bescheidene Forscher ahnen. Das Resultat war aber auch des Schweißes werth: neben anderen Funden war die „Brodbrechung" entdeckt, deren Werth Wilpert kurz also bezeichnet: wir haben ein liturgisches Gemälde vor uns, das in der gesammten altchristlichen Kunst einzig in feiner Art dasteht. Wilpert gibt das Bild mit folgenden Worten wieder: Die Mahlgenossen, sechs an der Zahl, sind auf einem halbrunden Speisesopha (signaa, stibaüiuw, neLubi- torturo), welches etwas über dem Erdboden erhöht ist, gelagert. Der bärtige Mann dagegen, der das Brod bricht, sitzt auf einem niedrigen Gegenstand, der sich, weil nur oberflächlich angedeutet, nicht genauer bestimmen läßt. Er befindet sich am rechten Ende des Apeisesophas, also vor demjenigen, der den ersten Platz (in äextro cornu) einnimmt; er ist der Vorsitzende „yui xraosiäot", welcher den Sechs die Speise reichen wird. Als die Hauptperson wurde er von dem Maler dadurch ausgezeichnet, daß er allein den Bart trügt, was ihm ein gewisses Alter und eine gewisse Würde verleihen soll. Zu seinen Füßen steht zunächst der Kelch, dann die beiden Teller mit zwei Fischen und fünf Broden und zu äußerst auf beiden Seiten, links vier, rechts drei, bis an den Rand mit Brod gefüllte Körbe. Seine ganze Haltung beweist, daß er das Brod wirklich bricht und es nicht etwa bloß in die Höhe hebt, um es zu zeigen: die Arme sind nicht eingebogen, sondern nach vorn, fast wagsrecht, ausgestreckt; der Oberkörper ist gleichfalls nach vorn geneigt, nur der Kopf legt sich etwas zurück. Hierdurch hat der Künstler die ihm vorschwebende Idee, den Augenblick, den Akt der Brodbrechung darzustellen, in meisterhafter Weise zum Ausdruck gebracht. Es ist unschwer zu erkennen, daß hier eine Mischung mehrerer liturgischer und biblischer Momente vorliegt: wir finden das Speisewunder allegorisirt und das Wesen der Eucharistie dargestellt in Fisch, Brod und Wein; Wein und Brod sind nach der Konsekration der Fisch, d. i. Christus, der Herr; aber wir Haben auch eine der allerwichtigsten liturgischen Handlungen vor uns, die Brechung des Brodes durch den celebrirenden Bischof, der den Gläubigen die Com- Munion zu spenden im Begriffe steht. Wir stehen hier nicht vor einer bloßen Nummer pon Gemälden, die uns hin und wieder das unchrist- liche Liebesmahl, die Agape, darstellen. Hier sagen Ms die Gläubigen, die Brode, die cucharistische Vase, ^ie Fische und vorab der mit Aplomb gekennzeichnete Celebrant etwas anderes: wir werden ^Mitten in die Opferhandlung hinein versetzt, wir sehen die Liturgie der Messe. Diesem Beweismoment gibt Wilpert natürlich entsprechenden Ausdruck. Gleichwohl möchte ich noch ein Anderes betonen, was nicht minder wichtig erscheint: ich erblicke in der von Wilpert entdeckten xavis" den evidentesten Monumentalbeweis für den geschichtlichen Urcharakter deS besonderen Prtesterthums, des oräc» sxeoiulis, und in dieser Richtung liegt für mich die wirkliche, großartige Bedeutung der Entdeckung, die dazu angethan ist, die — Wissenden im Glauben zu stärken! Johann Carl August Lewald. Biographie zu seinem 25. Todestag (10. März) von A. G. Der schriftstellerisch ungemein thätige Lewald, der auch in unserem engeren Vaterlande eine Rolle spielte, wurde geboren am 14. Oktober 1792 in der preußischen Stadt Königsberg als der Sohn eines vermöglichen Kaufmanns. Da sein Vater bald mit Tod abging, mußte er zu seinem größten Leidwesen seine Studien, die er am Gymnasium seiner Vaterstadt betrieb, verlassen und gegen seinen Willen an die Stelle des verstorbenen Vaters im elterlichen Hause als Kaufmann eintreten, nachdem er vorher noch im Handelsfach sich etwas ausgebildet hatte. Er fand aber an dem Kaufmannsfach so wenig Gefallen, daß er kränkelte; die Liebe zum Studium war stärker, als die Liebe zur Fortführung des elterlichen Geschäftes, er kehrte wieder zu dem unfreiwillig verlassenen Studium zurück und warf sich in erster Linie auf die Erlernung der modernen Sprachen. Später wollte er die Kunst zu seinem Lebensberuf erwählen und zu diesem Zweck, da ihm reiche Mittel zu Gebote standen, eine Studienreise nach Italien antreten, um dort, wie jeder Kunstjünger, sich auszubilden, als der ansprechende Krieg mit Frankreich ihm einen Strich durch die wohlüberlegte Rechnung machte. Kein junger Mann blieb ja damals zu Hanse, als es galt, das Vaterland zu retten vor dem Korsen und korsischer Unterdrückung; sie schaarten sich zusammen als freiwillige, als fliegende Korps, und was sie geleistet, ist mit glänzenden Buchstaben in das Buch der deutschen Geschichte eingetragen zu ihrem unvergeßlichen Ruhme. Auch Lewald schloß sich den Freiwilligen an, mußte aber zu seinem größten Bedauern bald seinen Abschied nehmen, und zwar wegen Kränklichkeit. Nach Erlangung seiner Gesundheit hatte er im Auftrag eines Verwandten eine Geschäftsreise nach Warschau zu machen, wo ihn der russische General von Rosen kennen lernte, mit dem er auf seine Bitten hin als Sekretär seiner Kanzlei den Feldzug nach Frankreich mitmachte, also doch Soldat, wenn auch nicht mit dem Gewehr, so doch mit der Feder. Nach Beendigung des Feldzuges machte er Reisen fast durch ganz Deutschland, hielt sich nirgends längere Zeit auf, bis er endlich Holtei und Schall kennen lernte, auf deren Veranlassung hin sich Lewald der Bühne zuwandte. Nach einem kurzen Aufenthalt in der österreichischen Hauptstadt ging er nach Mähren, trat einerseits als Schauspieler auf, andererseits war er gegen vier Jahre als Theaterdichter thätig, ohne indeß in dieser Zeit besonders Bemerkenswerthes zu schaffen. Bekanntlich haben die Schauspieler in der Regel keine bleibende Stätte, weil sie eine solche nur in einzelnen Fällen wünschen, sie wollen reisen und ihr Licht bald da, bald dort leuchten oder auch nicht leuchten lassen. Lewald ging es auch so. Bald finden wir ihn als Sekretär beim berühmten Direktor Carl in Wien, dann als Regisseur des Stadttheaters in Nürnberg und hier zugleich als zeitweiligen Redacteur des „Nürnberger Korrespondenten". Früher hatte er als Dichter unter dem Namen Kurt Waller in die „Augsburger Abendzeitung", in ein Breslauer Blatt und tn das „Jahrbuch deutscher Nach» spiele" von Holtet geschrieben, in Wrnberg aber verfaßte er sein erstes größeres Werk, seine „Geschichte der Musik" im Jahre 1826 und begann damit zugleich die Schriftstellerlaufbahn. Kurze Zeit war Lewald Direktor des Theaters in Bamberg, dann vier Jahre Theaterdichter und Inspektor in Hamburg, in welcher Zeit er fünf Bände Novellen schrieb. DaS Theaterleben wollte ihm nicht recht behagen, er fühlte sich als Schriftsteller, und um ganz diesem Fach sich widmen zu können, übersiedelte er nach Paris, wo er bleiben wollte. Doch eine stärkere Gewalt vertrieb ihn aus der Seinestadt bereits nach neun Monaten, nämlich die Cholera, und er übersiedelte nach der Geburtsstadt seiner Frau, nach München, wo alsbald fünf Bände Novellen entstanden, von denen einer wegen des sonderbaren Titels erwähnt sei: „Gadsalünah, Erinnerungen aus Hamburg". Aber auch in München hielt es den Zugvogel nicht lange, nach nur drei Jahren ging er nach Stuttgart und gründete die Zeitschrift „Europa, Chronik der gebildeten Welt," mit der er später nach Karlsruhe übersiedelte und die er während zwölf Jahren redigirte, noch welchen sie Gustav Kühne übernahm. Trotz des etwas pompösen Titels scheint er mit der Chronik nicht die besten Geschäfte gemacht zu haben, und er schrieb deßwegen in dieser Zeit seine Erinnerungen aus dem Leben unter dem Titel „Aquarellen", „Neue Aquarellen aus dem Leben" und „Ein Menschenleben", welche nicht weniger als siebzehn Bände umfassen, gewiß ein Beweis von großer Emsigkeit und großem Fleiß; allein ob hier nicht die Wahrheit desealten Satzes anzuwenden ist: „allzuviel ist ungesund", ist denn doch eine andere Frage, die wir nicht verneinen möchten. In den folgenden Jahren machte Lewald mehrfache Reisen, so an den Bodensee, nach Tirol, an den Rhein, zu dem Zwecke, um Land und Leute und deren Sitten und Charakter in der Nähe kennen zu lernen, in sich aufzunehmen und sie in weiteren, mitunter interessanten Werken der Mit- und Nachwelt zu überliefern. Wie ungemein thätig er schriftstellerisch war, beweist sicher der Umstand, daß in den nächsten elf Jahren nicht weniger als vierzig Bände Novellen, Neiseschilderungen und Theater- erinnerungen im Buchhandel von ihm erschienen, mitunter natürlich auch Minderwerthiges, bisweilen auch unter bizarrem Titel, wie „Mörder und Gespenster" rc. Nachdem er die Redaktion der „Europa" niedergelegt hatte, zog er nach Wien und von dort nach Frankfurt a. M., wo er während der Revolutionszeit lebte. Ruhe fand er wiederum anf vierzehn Jahre in Stuttgart als Regisseur der Oper und des Hoftheaters, zugleich als Redacteur der konservativen „Deutschen Chronik". Im Jahre 1860 trat er in München zur katholischen Kirche über, und wir brauchen gar nicht weitere Worte zu verlieren, wenn wir behaupten, daß dieser Schritt von bekannter Seite ihm Feinde über Feinde zuzog. Was er bisher geleistet, war selbstverständlich in den Augen dieser Menschenkinder wie gar nichts. Lewald aber ließ sich durch nichts aus dem Geleise bringen, er widmete jetzt seine Feder ganz und gar Schriften, die rein katholischen Charakter an sich tragen und wovon erwähnt sein sollen seine „Clarinette", „Anna" und „Moderne Familiengeschichten". Viel Interessantes bieten auch seine „Letzten Fahrten", feine, wenn wir nicht irren, letzte Publikation. Nachdem er pensionirt war, zog er nach Baden-Baden, von da nach München, wo er am 10. März 1871 sein reichbewegtes irdisches Dasein beschloß im 79. Jahre seines Lebens. Die Thümmelei in der „schönen" Literatur. Ein gutes Wort zur rechten Zeit ist nach der hl. Schrift gleich goldenen Aepfeln auf silbernen Schalen. Ein gutes Buch, das zur rechten Zeit seine Stimme erhebt, ist erst recht dieses ehrenvollen Vergleichs würdig, und so etwas Zeitgemäßes im strengsten Sinne des Wortes ist eine Schrift von Heinrich Keiter, dem trefflichen Redacteur des Deutschen Hansschatzes, der mit einer unermüdlichen Wachsamkeit die moderne Literatur in ihren guten und schlechten Werken verfolgt.*) Wenn Herr v. Eynern und andere Thümmelfreunde im preußischen Abgcordnetenhause ihre langathmige Beredsamkeit einsetzen, um die Katholiken als die Trüber des konfessionellen Friedenswässerchens hinzustellen, so deckt dieses Schriftchen einen Riesensumpf von protestantisch-jüdischen Verleumdungen gegen die katholische Kirche auf, der bisher in dieser gründlichen und umfassenden Weise noch nicht beleuchtet worden ist. Mit Recht sagt Keiter, die Wirksamkeit der sog. populär-wissenschaftlichen Broschüren," der politischen Tagesblätter und der Reden der Hetzapostel sei nicht so eindringlich und nachhaltig, als das Brunnen» gift, das durch die Kanäle der schönen Literatur, der Unterhaltungsliteratur, der Romane und Theaterstücke in alle Schichten und Kreise der Gesellschaft geleitet wird. Er findet die Ursache der konfessionellen Verbissenheit auf protestantischer Seite zum weitaus größten Theil in der Unterhaltungsliteratur, und er gibt zum Beweise dessen eine reichhaltige und höchst interessante Uebersicht über den confes» schnellen Gehalt der schönwissenschaftlichen Literatur. Damit man nicht die „Hitze des Culturkampfs" zur Entschuldigung heranziehen kann, hat Keiter fast nur Werke herangezogen, die nach 1880 erschienen sind. Das Verzeichniß der benutzten Werke zählt 800 Nummern; es sind dabei Schriftsteller betheiligt, die als große Geister ersten Ranges gelten: Paul Heyse und der jüngst gefeierte Jubilar Konrad Ferdinand Meyer, Franzos, Frenzel, Jensen, Hopfen, Voß rc. Sie alle arbeiten in ihren „Kunstwerken" an der confessionellen Brunnenvergiftung mit, indem sie von der katholischen Kirche, den Oberhirten, den Geistlichen und Ordenslenten ein gehässiges Zerrbild entwerfen. Die culturkämpferischen Schwadroneurs bedecken die gröbsten und perfidesten Hetzereien von protestantischer Seite mit dem Mantel der Liebe, aber jedes kräftige Wörtlein, das ein Katholik in der Nothwehr riskirt, brandmarken sie als einen himmelschreienden Fricdens- bruch. In ähnlicher Weise hantirt die „ästhetische Kritik", mit doppeltem Maß. Wenn Conrad von Bolanden in einem Roman einen defensiven Vorstoß gegen ein protestantisches oder liberales „Ideal" macht, dann werden die Mücken geseiht und die Frösche zu Ochsen aufgeblasen. Aber wenn von der Gegenseite das tollste und widerwärtigste Zeug über den Katholicismus zusammengeschrieben wird, dann werden Kameele verschluckt. Die niedere Kritik, sagt Keiter treffend, lobt ohne Einschränkung; die höhere aber hebt, wenn die Sache gar zu arg ist, gegenüber „kleinen Mängeln" die „gesunde Tendenz" hervor, die über alles andere hinwegsehen lasse. Ebenso richtig ist die Bemerkung Keiter's, daß die liberale Kritik alsbald gegen den „Tendenzroman" wettert, wenn in einer Erzählung der katholische Verfasser ein Kreuzzeichen machen oder ein Ave beten läßt; aber Romane mit der leiden- ) Consessionelle Brunncnvcrgiftimg. des Jahrhunderts. Regcnsburg u. Leipzig Keiter. 120 S. 8°. Preis 1,20 M Die wahre Schmach Verlag von Heinr. 86 schriftliche» Tendenz der Verunglimpfung des Heiligen werden als Kunstwerke anerkannt. Ein Kritiker, der eine Ausnahme bildet, sagte in Westermann's Monatsheften: „die Mehrzahl der protestantischen Bearbeiter der Neformationszeit halte zu sehr an den einseitig überkommenen Ueberlieferungen fest und gebe mehr schattenhafte Gebilde statt wirklichen Lebens; die katholischen Romanschriftsteller mochten diesen Trugbildern ihre Auffassung dichterisch entgegenstellen." Dieser Rathschlag erinnert uns daran, daß das GeschichtSwerk Janssen'S eine fürchterliche Fluth von Schmähungen und sogen. Widerlegungen entfesselt, aber doch einen bedeutenden Eindruck auf das Gedanken- und Empfindungsleben der Gegner gemacht hat. Wodurch wurde dieser Erfolg herbeigeführt? Gerade durch diejenige Eigenschaft der Janssen'schen Geschichtschreibung, welche die Vertreter der „modernen" Manier der Geschichtschreibung ihm zum schweren Mangel anrechnen wollten. Janssen hätte nach diesen Ausführungen raisonniren, Philosophiren und überhaupt das Material in seinem Geiste verarbeiten und ein künstlerisches Gesammtbild der Zeit „schaffen" sollen. Statt des Oelgemäldes aus „freier Hand" lieferte Janssen ein Mosaikbild, aus lauter echten Steinchen zusammengefügt, eine einwandfreie Zusammenstellung von Zeugnissen unter möglichster Vermeidung aller subjektiven Zuthaten. Das frappirte. Hätte aber Janssen mit der vereinigten Phantasie und Denkkraft sämmtlicher Berliner Geschichtsbaumeister ein wahres Meisterwerk der historifch- polttisch-poetischen Darstellungsknnst geschaffen, so würde man das Buch als Ausgeburt eines fanatischen Gehirns einfach zu den Acten geschrieben haben. Wenn wir die katholische Weltauffassung dichterisch darstellen, so ist daS ein Vortheil für unsere Gesinnungsgenossen; aber eine Wirkung auf die Gegner darf man sich nur von packenden Thatsachen und durchschlagenden Gründen versprechen. Nur mit solchen wuchtigen und scharfen Waffen kann man in dem Wall der Vorurtheile eine Bresche legen. Wenn dieser Wall erst gebrochen ist, können auch die Musen des erobernden Kreuzes vorwärts. Wie der dicke Wall der Vorurtheile und der Abneigung entstehen mußte, zeigt uns die reichhaltige Sammlung von Schmutzproben, die Herr Keiter aus 300 Werken antikatholischer Schriftsteller veranstaltet hat. Er gibt eine systematische Zusammenstellung gemäß den Rubriken: 1) Wesen und Geschichte der Kirche, 2) Papst und Bischöfe, 3) Jesuiten, 4) andere Mönche und Nonnen, 5) Seel- sorggeistlichkeit — so daß man in jedem Kapitel all' das theils lächerliche, theils entsetzliche Zeug, was die Herren und Damen über den betreffenden Punkt znsammen- gedichtet haben, übersichtlich vereinigt findet. Es ist geradezu unglaublich, was die „berühmtesten Schriftsteller" sich da zu leisten erlauben. Wir können hier nur auf ein paar „Kleinigkeiten" kurz hinweisen. Hans Hopfen, der Vielgepriesene, läßt einen „bildungsfeindlichen" Tiroler Pfarrer mittels einer Morphiumspritze von einem schwer leidenden Kranken ein Testament erpressen, das zum Bau eines Hochaltars dient. Derselbe Hopfen läßt in einem andern Kunstwerk einen Benediktiner auf — Maskenbälle gehen. Felix Dahn läßt in seinem Roman „Julian" den Papst Liberius sagen, die Vernunft sei eine Buhle des Satans, — was Luther bekanntlich wirklich gesagt hat. Karl Frenzel verkündet durch einen Helden, der ihm als Sprachrohr dient, daß noch jeder Papst das Geschöpf einer Frau gewesen sei, wenn auch nicht immer in bösem Sinne. M. G. Conrad, einer vom jüngsten Deutschland, läßt die katholischen Geistlichen „insonderheit bei feierlichen Cultushandlungen die Gläubigen mit balletmäßigen Evolutionen regaliren". Paul Heyse, der große Heyse, schreibt in „Ueber Land und Meer", die „Langeweile" sei eines der geheimen Kunstmittel Wagners, wodurch das Schmachten nach sinnlicher Beglückung gesteigert werde; etwas Aehnliches habe man nur in dem dumpfen Hinbrüten während der katholischen Messe. „Diese mystische Langeweile ist ein unentbehrliches Ingrediens der höchsten Kunst- und Neligionsübung." Ein Roman der Gräfin Luckner durste der Erbprinzesfiv zu Schaumburg-Lippe gewidmet werden; darin wird ein Erbfräulein narkottsirt, in ein Jesuitenkloster gebracht, dann als geisteskrank in einem Nonnenkloster eingesperrt; um die Entführung zu verschleiern, beerdigen die Jesuiten einen leeren Sarg. In der „Deutschen Revue" von Friedrich Fleischer, die wissenschaftliche Größen zu Mitarbeitern hat, erschien ein geradezu toller Roman mit einem jesuitischen Erbschleicher, der Hypnotismus und Geburtshilfe betreibt, um Kinder zu vertauschen, damit eine Majoratsherrschaft bei der katholischen Linie bleibt. Schämen sich denn die Leute gar nicht mehr über solche hirnverbrannte Dinge? Revoltiren die Nachbarn und die Leser dieser „Dichter" nicht? Nein; sie sind an die Ausfülle gegen Kirche und Geistlichkeit offenbar so sehr gewöhnt, daß sie es als den ordnungsmäßigen Beruf der Päpste, Cardinäle, Bischöfe, Jesuiten, Tiroler Pfarrer rc betrachten, sich von tollen Dichtern begeifern zu lassen Die Politiker derselben Sorte sind bekanntlich der Meinung daß es der Beruf der Jesuiten und ihrer Verwandten ist, ausgewiesen zu werden, und der übrigen Mönche und Nonnen, unter Polizeiaufsicht zu stehen. Die Einen fragen nicht mehr nach der Wahrheit, die Andern nicht nach der Gerechtigkeit. Es muß so sein! ^ Aus der systematischen Zusammenstellung Keiters ersieht man so recht, wie sich durch das Hand in Hand- Arbeiten der culturkämpferischen „Dichter" feste Typen für die einzelnen Klassen der Welt- und Ordensgeistlichkeit — vom Papste bis zum Nönnlein — herausgebildet haben. Der Jesuit z. B. ist mager, fein, intrigant; der andere Mönch ist fett, plump, gewaltthätig. Durch die fortgesetzte Lektüre derartiger gleichgestimmter Schriften und durch den Anblick von Schauspielen oder Bildwerken derselben Tendenz setzt sich dieser erdichtete Typus in der Vorstellung der Leser so fest, daß sie ihn ohne allen Zweifel für wirklich halten. Eine auffallende Erscheinung ist, daß die weiblichen Federhelden zu den rücksichtslosesten (nicht selten auch zu den schamlosesten) der konfessionellen Hetzdichter gehören. Zu ihrer Entschuldigung kann man vielleicht annehmen, daß diese weiblichen Schmntzschreiber weniger erfinden, als nachempfinden, d. h. durch die Lectüre der vorhergegangenen Gift-Romane selber durch und durch vergiftet worden sind. Leider ist ja das weibliche Gemüth, wenn es des Schutzes der religiösen Ueberzeugung und Uebung verlustig geworden, noch weniger „seuchenfest" als daS männliche. Was soll aus dem Denken und Empfinden der Mädchen und Frauen werden, die Tag für Tag die Geschichten von blutigen Päpsten und Cardinälen, schleichenden Jesuiten, liederlichen Mönchen und Nonnen:c.' lesen? Und diese Weiblichkeit lehrt die nächste Generation!! In der That, Herr Keiter hat eine Schmach und^ eine Gefahr des Jahrhunderts gekennzeichnet, die auch von den positiven Evangelischen beachtet werden 87 vruß. Denn Christenthum und Religion selbst werden damit untergraben. Gedichte von Max Crone.*) Vor mir liegt ein Bündchen Gedichte, die nicht aus der Feder eines schwärmenden, jugendtrunkenen Gemüthes geflossen, die nicht die empfindsam-melancholischen Saiten eines weiblichen Herzens verrathen, die nicht aus der Brust eines liederreichen Barden gedrungen, die aber einen Vorzug haben, um derentwillen sie viele andere weit überragen: die Lieder des protestantischen Pfarrers von Niedercggenen zeigen von einem tiefgläubigen, kindlich frommen Gemüthe, wie uns selten ein solches auf protestantischer Seite in neuerer Zeit begegnet. Unbedenklich könnte man solche Poesie als eines Überzeugungstreuen katholischen Herzens durchaus würdig hinnehmen; und dieses Lob sprechen wir hier um so lieber und rückhaltSloser aus, da wir an warm empfundenen, glaubenSvollen Dichtungen wahrlich keine Ueberproduction haben. Gehen wir nun ein wenig die Gedichte von Max Crone durch nach der Einthcilung, die vom Verfasser selbst getroffen. An erster Stelle stehen die durchaus religiösen Gedichte mit der Aufschrift „Gott und Welt". Dem „Glauben" gehört sein erstes Lied, zum Zeichen, wie tief der Verfasser von der Ueberzeugung durchdrungen, daß ohne Glauben einfach jedes übernatürliche Leben undenkbar ist: „Glaube!" heißt des Herrn Gebot, Kommst nicht d'ran vorbei, Und es macht von Sund' und Tod Glaube nur Dich frei. „Verstand und Glaube" nennt der Verfasser ein anderes Sonett, durch welches er der rationalistischen Lebensauffassung durchaus das Wort entzieht. Ergreifend sind die Lieder, die die Mahnung an ein unbedingtes Gottvertrauen enthalten, denn daraus allein, aus der vertrauenden und gläubigen Hingabe an Gott und seine Gnade erwächst der schönste Friede. Hier nennen wir besonders „Gottvertrauen", „Ermunterung", „Souncublick", „Der feste Punkt" nnd andere. Tief rühren die Gedichte vom „Leben und Sterben" und „Glück"; in letzterem zeigt der Verfasser dem nach Glück ringenden Menschenherzen das einzige Ziel, das befriedigt und wahres Glück bringt: das »Luranm ooräa« ist's, wonach die Menschen streben sollen. Auswärts die Herzen! Aufwärts zu Gott! Hinauf, hinauf! Die Klimax von Strophe zu Strophe ist hier meisterhaft durchgeführt und gelungen. Eine scharfe Mahnung vor Religions- spöttcrei und atheistischem Protzenthum läßt der Dichter an den Leser ergehen in „Hüte Dich!" In drei resp. vier schönen Gesängen läßt er die drei Hauptfeste des christlichen Kirchenjahres, „Weihnacht" („Neujahr"), „Ostern", „Pfingsten" vor dem Auge des Lesers vorüberzieben, in welchen Gedichten die wunderbare Harmonie zwischen Natur- und Fcstcharaktcr besonders trefflich geschildert wird. So zeigt unö der Verfasser in seinem ersten Licdercyclus die Quintessenz seines ganzen inneren, religiösen Lebens und begeistert den Leser zu gleicher Glaubenswärme und religiöser Ueberzeugung. Unwillkürlich wird man da an zwei andere frommgläubigc, protestantische Dichter erinnert: an Emanucl Gcibcl und Julius Sturm. Die innigen Lieder von Sturm „Nimm Christum in Dein Lebenssckiff", „Es ist für Dich noch eine Ruh' vorbanden", oder von Geibel „Gebet" und ,fO Du, vor dem die Stürme schweigen", athmen sie nicht die gleiche, von wahrem Glauben getragene Herzensfreudigkeit und ruhige Ueberzeugung? Diesen religiösen Liedern läßt der Verfasser die Naturlieder folgen, von denen einige ganz anerkcnneuswerth sind, z. B. „Im März", „Herbstblumen", „Sichere Hoffnung". Die Parallele zwischen Natur- und Menschenleben ist oft gut angebracht. Ein anderer Cyclus folgt: die Balladen. Und in der That, auch hier kann man dem Verfasser ein besonderes Geschick und Talent nicht absprechen, wenn man auch bei einigen fast unwillkürlich an bekannte Stoffe erinnert wird; hierher gehörten vor allen „Das silberne Kegelspiel", obwohl die Idee gut durchgeführt; ferner „Der Liebenbach". Die gelungenste von allen dürste wohl „Der wilde Junker von Vollmarstein" sein, die ergreifendste „Der Todten Warnruf". Eine Hungersnoth bringt Elend und Unzufriedenheit in's Land. Einigen Malcontenten in der Stadt gelingt es, die Menge aufzureizen 2 ) Im Verlage der Carl Winter'schen Univ.-Buchhandlung in Heidelberg. Preis brosch. M. 3,5V. und anzutreiben, sich an die Schätze des Bischofs zu machen, dieselben zu rauben und so ihrer Noth abzuhelfen. Die Volksmenge ist erregt und durch kein warnendes Wort zurückzuhalten. Ungehemmt geht ihr Zug zum Dom, wo eben der Bischof seinen Functionen obliegt. Die tolle Menge ist unbändig und läßt sich weder durch die Heiligkeit des Ortes, noch auch durch die milden Worte des Bischofs hemmen. Nicht einmal der heilige Leib des Heilandes, von den Händen des Bischofs gehalten, vermag die Wuth der Tempelschänder zu wandeln. Da wirst sich der Bischof auf die Stufen des Altares hin und schreit laut um Erbarmen für die Rasenden. Die Todten sollen auS ihren Grüften erstehen und denselben entgegentreten. Aus allen Todtengrüften kommt's hervor; Schaudern erfaßt die Menge. Vergessen ist Zorn. Haß und Greuel. Der Friede kehrt wieder, die barmherzige Milde der Reichen bringt Ruhe und Versöhnung in die Herzen der Elenden und Armen. Dies der kurze Inhalt dieser herrlichen Ballade. Noch zwei andere verdienen unbedingt hervorgehoben zu werden, „Die drei Kreuze" mit dem erschütternden Inhalte: Mord zeugt wieder Mord, der Fluch der bösen That, die fortzeugend stets BöseS muß gebären. Endlich noch eine der schönsten Balladen, „Die Macht deS Glaubens", die den Volkston ziemlich trifft, wenn sie auch inhaltlich zu den bekannteren Stoffen gerechnet werden muß; werden wir denn nicht unwillkürlich an den „Mönch von Hcistcrbach" erinnert? Dann läßt der Verfasser einige Gedichte vorüberziehen mit der Aufschrist „Anekdotenhaft". Und in der That, der Verfasser zeigt, daß er auch zu humorvollen Gedichten nicht wenig Geschick hat. Besonders erwähnt zu werden verdienen die von köstlichem Humor getragenen Gedichte „Die Regentage", „Ein guter Handel", „Eine, die sich durchbeißt". Der den Kindern eigenthümliche naiv-ergötzende GcsprächSton wird am besten angeschlagen in „Kinder-Logik" und „WaS hülfe es dem Menschen?" Nun zu einem anderen größeren Liederkranz „Sie und ich", enthaltend eine stattliche Anzahl von Minncliedern, die, weit entfernt von stürmischer Jugendleidcnschaft, in ruhigem, oft sogar getragenem Tone die tief empfundenen Gcfüble eines liebenden Mcnschenherzens in sanfter Harmonie ausgingen lassen. Freilich zieht sich hie und da ein Ton der Wehmuth durch die Lieder, der aber, weil eben wahr empfunden, nur um so tiefer den Leser ergreift und ihn die Wahrheit fühlen läßt, daß die irdische Liebe als reizendste Blume, die der Herr in unser Dasei» gesetzt, eben auch die schärfsten Dornen hat, die ein menschliches Herz treffen können. Der Schmerz der Trennung, die Sehnsucht nach dem fernen Lieb beim Abcnddämmcrfchein, die Macht der Liebe, der reiche Trost, den wahre Liebe zu spenden weiß, mit einem Worte die verschiedensten Hcrzeusempfinduugen schildert der Dichter in warmer, klarer, oft ergreifender, oft kunstvoller Weise und Gestaltung. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. I. Wenzel, Wilhelm Emanuel Frhr. von Ketteler. Nr. 95/96 und Nr. 190 der „Katholischen Flugschriften zur Wehr und Lehr." Verlag der Germania 1895. Herr von Eynern, der unermüdliche Culturkämpfer, bat jüngst in einer Neichstagörcde. allerdings sehr gegen seine Intention, eifrig Propaganda für die Germania-Broschüren gemacht. Wir wünschten sehr, daß der Titel, welchen er ihnen gegeben, „die grünen Hefte", beibehalten werde; er stellt sie damit neben die „gelben Hefte", die Historisch-Politischen Blätter; und wir geben ihm recht; sie sind in der periodischen Literatur ebenfalls eine Art von Großmacht geworden, geeignet, Vor- urtheile gegen die katholische Kirche zu zerstreuen und Geschichts- lügcu zurückzuweisen. Im 7. Jahrgang bis zur Nr. 103 gediehen, haben sie alle ein aktuelles Interesse. Die oben genannten sind veranlaßt durch das kecke Wort, welches Liebknecht einst dem Reichstag zurief, daß vor dem Auftreten der socialdemokratischen Bewegung Niemand die sociale Frage studirt, sich Niemand um die Arbeiter gekümmert habe. Dem entgegen weist Wenzel nach, wie ein einzelner Mann, W. E. Freiherr von Ketteler, für die Lösung der socialen Frage thätig war, längst bevor dieselbe theoretisch und kritisch besprochen wurde. Er zeigt, wie Ketteler als Kaplan und als Laudpfarrcr i» seinem eng bcgränzteu Wirkungskreise, als Propst bei St. Hedwig und später als Bischof von Mainz in weitestem Kren- Anstalten inö Leben rief, welche socialen Bedürfnissen in wirksamster Weise entsprachen, und, was den im behäbigsten Wobl» 88 stand, wenn nicht sogar in üppigem Reichthum lebenden Führern des Socialismus nicht scharf genug ins Gesicht gesagt werden kann, wie der Kaplan, der Pfarrer und der Bischof sein Vermögen und sein regelmäßiges Einkommen bis zur Erschöpfung seiner Kasse seinen Anstalten opferte. — Die zweite Broschüre zeigt in 14 Abtheilungen, wie Ketteler die wissenschaftliche Seite der socialen Frage beherrschte, welche Mittel er empfahl, um zu sicheren praktischen Resultaten zu gelangen. Die gcsammte internationale Socialdemokratie hat mit all ihren Rodomontaden noch nicht den zehnten Theil an klaren Principien, festen Zielpunkten und zweckmäßigen Mitteln aufgestellt, wie der eine Bischof Ketteler. Eine größere Anerkennung kann ihm nicht zu Theil werden, als wie Leo XIII., der sociale Papst, sie ausgesprochen, da er über Ketteler äußerte: „DaS war mein großer Vorgänger". Wir können diese, wie alle übrigen Germania-Broschüren für Vereine, als Leitfaden zu Vortrügen und dcrgl. nicht dringend genug empfehlen. Die einzelne Broschüre kostet nur 10 Pf. Poestion I. C., Die Kunst, die schwedische Sprache durch Selbstunterricht zu erlernen. 8°, VIII -j-183 SS. 2 M. geb. Wien-Leipzig, A. Hartleben. 1894. X Die stattliche Reihe von Grammatiken in Hartlebcns „Kunst der Polyglotte" umfaßt Bündchen von sehr verschiedenem Werthe: ganz unbrauchbare und fehlervolle (z. B. Hebräisch), annehmbar gute, und (trotz des begrenzten Raumes) auch ganz vorzügliche. Vorliegende Bearbeitung des „Schwedischen" ist nicht nur der beste Bestandtheil der Sammlung, sondern eines der besten schwedischen Lehrbücher überhaupt; ja es reicht weit über die Elemente hinaus und verdient sogar den Namen „wissenschaftlich", so eingehend ist namentlich Aussprache und Lautlehre behandelt. Volles Lob müssen wir der streng systematischen und erschöpfenden Anordnung der Formenlehre spenden, ein Vorzug, den die sogen, „praktischen" Grammatiken so selten ausweisen, entweder, um vor den Denkfaulen den Verdacht der Pedanterie zu vermeiden oder — was wahrscheinlicher — weil die Verfasser zu unbeholfen sind, um sich logisch-grammatisch ausdrücken zu können. Übersetzungsübungen enthält das Büchlein nicht, sie sind auch entbehrlich; man kann dafür nützlicher irgend eine Zeitung in die Hand nehmen; dagegen ist dem theoretischen Theile eine Blumenlese von Texten nebst Wörterbuch angefügt. Es ist merkwürdig, daß bei uns in Deutschland, wo'so viel fremde Sprachen betrieben werden und der neugierige Einfall oft auf die entlegensten Sprachgebiete abzielt, doch dem Schwedischen so wenig Beachtung geschenkt wird; und ist doch diese kraftvolle Sprache nach Longfellow »t>1rs wusiean ok tüs soanälnavian lanKuaAss-, für uns Deutsche aber mehr als das, nämlich der älteste lebende Repräsentant der germanischen Sprachfamilie überhaupt, ein Vorzug, der dem sprachwissenschaftlich Gebildeten vor allem hoch stehen muß. Zu S. VI ist nachzutragen, daß die beiden besten Wörterbücher von Hoppe (Deutsch-schwedisch 1886, Schwedisch-deutsch 1893, Stock- holm) und Schultheß (Lvensü - kräusle und Ikrausle- sveusle, Stockholm, M. 18) nunmehr vollständig vorliegen. Das Buch könnte allen Grammatikschrcibern ein heilsames Vorbild klarer grammatischer Darstellung sein und zeigt, wie man auch auf engem Raum den Gegenstand, sofern man ihn nur selbst beherrscht, übersichtlich, richtig und genügend behandeln kann; aber freilich unserm unvernünftigen „Publikum" werden die wortreichen, zerfahrenen und doch so mangelhaften Eintrickterungs- niethoden mit ihren lächerlichen Regeln und sinnlosen UcbnngS- sätzen und der jedem Finden des Suchenden spottenden Unordnung immer lieber sein! Dies kleine und doch so reichhaltige Lehrbuch können wir allen Freunden der schwedischen Sprache angelegentlich empfehlen. Wären ihm nur die anderen Theile der «Kunst der Polyglotte" gleich eder wenigstens ähnlich! Der Rattenfänger von Hameln. Ein Beitrag zur Sagenkunde. Nebst Mittheilungen über einen gefälschten Rattenfänger-Roman von Pros. Dr. Franz I oft es. Bonn, Haustein. 1698. 6°. 52 S. Mk. 1.—. — 2 . Die bekannte Sage hat nach dem Ergebniß vorl. Untersuchung ihren Keim in der bildlichen Darstellung der Schlacht bei Scdemünde (1259). Dieses Bild in einem Fenster der Marktkirche stellte den Anführer der gegen den Bischof von Minden ausziehenden Kriegerschaar in sehr satten, bunten Farben dar, so daß er den späteren Geschlechtern als Pfeifer und ihm gegenüber die jugendliche Kriegerschaar als Kinder- Gerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag schaar vorkam. Die historische Erinnerung verdunkelte sich, die Sage spann darüber ihr Gewebe, drang nach auswärts, verschmolz daselbst mit einer Thier-Malediktionsgcschichte und Tänzersage, ward dann im XVI. Jahrhundert von dem bekannten Gegner der Hexcnprozesse, Dr. Joh. Weicr, in seinem Werke „vo prasstiZiis äaemonum" schriftlich fixirt, und diese Darstellung trug zuletzt in Hameln selbst über die einheimische Auffassung den Sieg davon. — Veranlaßt zu der scharfsinnigen Untersuchung wurde der Verfasser, Universitätsprofessor in Frei- burg i. d. Sckw., durch eine pikante Entdeckung. Der Frei- burger Universitätsbibliothek ist im Jahre 1891 eine Handschrift von einem ungenannten Absender als Geschenk zugeschickt worden, welche eine Geschichte obiger Sage enthält und sich ins Jahr 1640 zurückvalirt. Jostcs weist nun mit belustigender Evidenz nach, daß diese Handschrift eine von einem Gelehrten unserer Tage mit großem Fleiß und Wissen verfertigte — Fälschung ist! Und zwar fällt ihre Entstehung in die Zeit zwischen 1888 und 1890. Im letzteren Jahre wurve sie sogar gedruckt, aber nicht ausgegeben. In demselben Jahre spielte auch der bekannte Lutherbuchprozeß in Münster!! Das Märzheft „Alte und Neue Welt", das soeben erschienen ist, bringt neue interessante Erzählungen und Aufsätze. Der Roman „Die Tochter des Intendanten" gelangt zum befriedigenden Abschluß und ein neuer kriminalistischer Roman „Das japanische Schränkchen" von M. Carruthers beginnt. Seitdem es dem bedeutendsten russischen Romanschriftsteller, Fedor Dostojewskh gelungen ist, auch diese Art des Romans in den Bereich künstlerischer Gestaltung zu erbeben, hat sich der Werth der Kriminalerzählung in der öffentlichen Schätzung bedeutend gehoben. Die vorliegende ist bei aller Klarheit der Anlage spannend, was man von den meisten derartigen Romanen nickt sagen kann. Die fesselnd geschriebenen und prächtig illnstrirten Reiseerlebnisse „Selbanver durch Armenien" von I)r. Paul Müller-Simonis schließen in diesem Hefte ab und bringen am Ende das Bildniß des Autors. Der Aufsatz „Die Behandlung der Geistesgestörten im Laufe der Zeiten" von Leop. M. El. Stoff ist nicht minder zeitgemäß als der erstere. Wie anders wird man auch in diesem Punkte die Gegenwart beurtheilen, wenn man die Vergangenheit kennt. „Aus dem Leben eines Märtyrers der Commune" von Amara George-Kaufmann gibt uns anläßlich der 25. Wicderkebr des Todestages des Erzbischofs von Paris nach zeitgenössischen Aufzeichnungen eine ergreifende Episode aus dem Leben Msgr. Darboys, die man mit größter Befriedigung liest. Den neuen Cardinälen von Salzburg und Lembcrg, sowie dem jüngst verstorbenen, um die bad- ischen Kirchenverhältnisse hochverdienten bischöflichen Berather Dr, Heinr. MaaS sind kleinere Artikel gewidmet. Der bild- mäßige Heftschmuck ist fein und geschmackvoll, die typographische Ausstattung musterhaft. Zuverlässiger Führer zur Auswahl cinwands- freier Jugendschriftcn unter besonderer Berücksichtigung der Knaben- und Mädchenschule Eltern und Lehrern gewidmet von C. Ommerborn, Rector in Charlottenburg. 1895. Verlag von Franz Kirchheim in Mainz. Mit vorliegender Schrift hat der bekannte Autor der katholischen Schul Welt einen wesentlichen Dienst geleistet. Bekanntlich wurde noch auf dem Katholikentage in München der Frage der Jugendlektüre eine besondere Sorgfalt gewidmet. Ommerborn's Führer durch die Hochflutb der Jugcndschristen unterscheidet sich nun vor andern Verzeichnissen vor allem dadurch, daß er zum ersten Male eine strenge Sichtung der Knaben- und Mädchenlcktüre vornimmt, und daß er ausschließlich solche Bücher empfiehlt, die man mit gutem Gewissen der Jugend in die Hand gehen kann. Dem Vcrzcichniß vorausgehende Winke für Schule und Haus erhöhen den Werth der mühsamen, aber auch dafür um so werthvolleren Arbeit. Die Billigkeit der Schrift, welche in zwei Ausgaben: H.. Ausgabe für Knaben (Preis 50 Pf.), 8. für Mädchen (Preis 50 Pf.), erschienen ist, ermöglichtes jedem, sich bei Einkäufen von Büchern mit einem zuverlässigen Rathgeber zu versehen» des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ! öip. 12- 20. Mär; 1896. Adam Weishaupt. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Die Allegorie, in welche nach Weishaupts Brief vorn 6. April 1779 die Mysterien und höhere Grade eingekleidet werden sollten, „ist der Fenerdienst und die ganze Philosophie Zoroasters oder der alten Parfen: daher heißt auch der Orden in weiteren Graden der Feuerdienst, Feuerorden, Parsenorden, das ist etwas über alle Erwartung prächtiges. . . . Zum Feuerdienst kömmt kein Lta-bono (Novize), sondern nur solche, die viele Vorurtheile gebeichtet haben, und sich dadurch ziemlich gereinigt". (Ebcnd. S. 330.) Zum Dienste der Mysterien beabsichtigte der Ordensstifter einen Feuertempel, in welchem nur Mitglieder Zutritt und Wohnung haben sollten, zu errichten, der „auf allen Ecken und Stellen elektrisch gemacht werde, wo immer die Inrtianäi (Aufzunehmenden) hingestellt werden". (Ebend. S. 244.) Deßhalb wurde das Studium der Elektricität warm empfohlen, denn Weishaupt dachte schon 1778 daran, das alte System der Guebrrs und Parsen wieder aufzuwärmen. (Ebend. S. 230.) „Der Endzweck des Ordens ist also, daß es Licht werde, und wir sind Streiter gegen Finsterniß; dieses ist der Feuerdienst", bemerkte Weishaupt. (Ebend. S. 331.) Zur Durchführung dieser Pläne sollte der Geheim- bund des Jngolftädter Kanonisten nachstehende Klassen und Grade haben: Erste Klasse Minervaleu mit der Unterabtheilung in Novizen, Minerva!, und Mnsrvalis Illnwinatus oder Illurninatus rninor. „Am liebsten hat man Junge von 18 — 30 Jahren, reiche, wiffens- begierige, gutherzige, folgsame, standhafte und beharrliche Leute", hieß eS in der Instruktion für die Aufzunehmenden. (Einige Originalschr. S. 55.) „In Auswahl der Leute, schrieb Weishaupt an Marius, bitte ich auch auf schöne Leute, ootarw xarilzus, zu sehen." (Ebend. S. 237.) 6) Die Handlung der Aufnahme geschah entweder an einem abgelegenen dunklen Orte oder bei Nachtszeit in einem stillen Zimmer, zu einer Zeit, wo der Mond am Himmel stand. Niemand war hiebet gegenwärtig, als der Einzuweihende und derjenige, welcher ihn aufnahm. Nach verschiedenen Fragen und Antworten setzte der Ordens- delegirte dem Novizen den Dolch auf die Brust: „Sollst Du Verräther oder Meineidiger werden, so sehe hier in diesem Degen alle und jede von der Gesellschaft gegen Dich in Waffen. Glaube nicht sicher zu sein, wo Du auch immer hinfliehest." Nunmehr schwor jener mit über den Kops gehaltener flacher Hand: „Ich gelobe auch ewiges Stillschweigen in unverbrüchlicher Treue und Gehorsam allen Obern und Satzungen des Ordens. Ich thue auch hier treuliche Verzicht auf meine Privaieinsicht und Eigensinn, wie auch auf allen meinen eingeschränkten Gebrauch meiner Kräfte und Fähigkeiten." (Ebend. S. 70—76.) Geheimniß und Stillschweigen betrachtete Weishaupt als die Seele seines Ordens; ohne Noth °) Aebnlich lautet die Forderung an Ajax: „Macht euch hinter Oavaliors, ibr Leute! ich glaube zwei liefern zu können, und Domherrn noch dazu. Wenn mir meine Absicht mit den Domkapiteln gelingt, so haben wir grobe Schritte gethan. Suchet junge schon geschickte Leute und keine solche rohe Kerls. Unsere Leute müssen einnehmend, unternehmend, intrigunnt und geschickt sein. Besonders die ersten... Uobilos, xotontss, äivttes, äootos gnaerito." (Einige Originalschr. S. 175.) sollten auch Ordensgcnossen gegenüber nicht die geringsten Umstände Mitgetheilt werden. (Ebend. S. 17, 42, 325.) Ebenso mußte unbedingter Gehorsam, selbst zu unanständigen, ungerechten Sachen, angelobt werden. (Ebend. S. 85, 92, 103.) Die zweite Klaffe theilte sich nach dem System der Freimaurer in Lehrling, Geselle und Meister, während die dritte die Mysterienklasse mit dem Illuminatns major oder schottischen Novizen und dem lilumiiratus cliriZaiw oder schottischen Nitter bildete. „Taugt der Mann zu nichts besserem, so bleibt er schottischer Ritter. Ist er ein besonders fleißiger Sammler, Beobachter, Arbeiter, so wird er Priester. Diese Priester sind die Vorsteher der gesammelten wissenschaftlichen Schätze in Klaffen nach ihren Fächern vertheilt. Sind unter ihnen höhere, spekulativische Köpfe, so werden dieselben Nagt. Diese sammeln und bringen die höheren philosophischen Systeme in Ordnung und bearbeiten eine Volks-Neligion, welche der Orden demnächsten der Welt geben will. Sollten sich diese höheren Genies auch zur Regierung der Welt schicken, so werden sie Regenten." (Nachtrag von weiteren Originalschriften II, 3 -15.) Ueber den Priestergrad und dessen rationalistische Schrifterklärung äußert sich der Stifter: „Ich glaube uuu beinahe selbst, daß, so wie ich es erkläre es wirklich die geheime Lehre Christi war, die Freiheit auf diese Art unter den Juden einzuführen: ich glaube selbst, daß die Freimaurerei verborgenes Christenthum ist, wenigstens passet meine Erklärung der Hieroglyphen vollkommen dahin,') und ant diese Art, wie ich das Cbristcnthm» erkläre, darf sich kein Mensch schämen, ein Christ zu sein; denn ick lasse den Namen und snbstituire ihm die Vernunft. ES ist doch wirklich keine kleine Sache, eine neue Religion, Staats- vcrsassnng und Erklärungen der so dunklen Hieroglyphen in einen Grad so passend zusammen zu drängen. Man sollte glauben, fügt Weisdaupt in eitler Selbstgefälligkeit bei. es wäre das größte: und doch hab ich noch drei größere, ungleich wichtigere Grade für die höheren Mysterien schon da liegen. Diese behalte ich aber für mich, und ertheile sie bloß allein beuo moritis, es mögen solche Arevpageten sein oder nicht." (Nachtrag 1,63.) Ein anderes Mal meldet Weishaupt: „Sie können nicht glauben, wie unser Priester-Grad bei den Leuten Auf- und Ansehen weckt. DaS wunderbarste ist daß große protestantische und rcformirte Theologen, die von Orden sind, noch dazu glauben, der darin ertheilte RcligionS unterricht enthalte den wahren und ächten Geist und Sinn der christlichen Religion. O Menschen l zu was kann man euch bereden: hätte nicht geglaubt, daß ick noch ein neuer Glaubens stifter werden sollte." (Ebend. I, 76 ) In der Anrede an die Illurainatos äiriZontos bezeichnete Weishaupt die geheimen Verbindungen als die „geheimen Weisheitsschulen, die Archive ver Natur und der menschlichen Rechte: durch sie wird der Mensch von feinem Falle sich erholen, Fürsten und Nationen werden ohne Gewaltthätigkeit von der Erde verschwinden, das Menschengeschlecht wird der- ') „Der Hanptgegenstand der manrcrischen Allegorie und. Hieroglyphen ist der Tod HieramS. Wer ist also dieser Hieram? Hier sage ick nun: Hieram ist Christus und beweise mein Assertum aus folgende Art: 1) Aus dem Namen selbst; denn erkläre ich so: 8. -- 8io 1. " llosns 8. — est R. — rssnrZsns L.. — a. Ll. — mortnis. Hier ist schon viel zum vorhinein gewonnen, obwohl ich selbst über diese Explikation im Grunde lachen muß." Diese Aeußerung ist für den Charakter Weishaupts sehr bezeichnend. (Nachtrag H. 122-123.) 90 einst eine Familie und die Welt der Aufenthalt vernünftiger Menschen werden. Die Moral allein wird diese Veränderungen unmerkbar herbeiführen. Jeder Hausvater wird dereinst, wie vordem Abraham und die Patriarchen, der Priester und der unumschränkte Herr seiner Familie und die Vernunft das alleinige Gesetzbuch der Menschen sein. Dieses ist eines unserer großen Geheimnisse." (Nachtrag II, 80. Die neuesten Arbeiten des Spartakus 1794, II. Abth. S. 44.)«) Die Aufnahme der Priester und Regenten in ihre Grade erfolgte unter pompösen Feierlichkeiten, welche vielfach den Ceremonien der katholischen Kirche bei Ertheilung der höheren Weihen nachgeäfft waren. „Die Regenten sollen die Kunst studiren zu herrschen, ohne das Ansehen davon zu haben. Wo man in der Regierung eines Landes die Hand hat, da stelle man sich, als wenn man gerade am wenigsten vermöchte, so wird uns nicht entgegen gearbeitet; und wo man nichts durchsetze» kann, da scheine man alles zu können, damit man gefürchtet, gesucht und dadurch verstärkt werde." (Gemeinste Heuchelei!) „Eine unserer vornehmsten Sorgen muß auch sein, unter dem Volke sklavische Fürsten-Verehrung nicht zu hoch steigen zu lassen. Durch diese knechtischen Schmeicheleien werden diese mchrentheils sehr mittelmäßigen schwachen Menschen noch immer mehr verdorben: man rede und schreibe von ihnen, wie man von anderen Männern spricht, damit sie wissen lernen, daß sie Menschen sind, wie wir andere, und daß sie nur conventionelle Herren sind." „Wenn es darauf ankommt, einem von unseren verdienstvollen Leuten empor zu helfen, so soll man alles in Bewegung setzen, ihm Ruf zu machen." „Militärschulen, Akademieen, Duchdruckereien, Buchladen, Domkapitel und alles, was Einfluß auf Bildung und Regierung hat, muß nie aus den Augen gelassen werden, und die Regenten sollen unaufhörlich Pläne entwerfen, wie man es anfangen könne, über dieselben Gewalt zu bekommen." „Können es die Regenten dahin bringen, daß Klöster, besonders die mit Bettelmönchen besetzt sind, eingezogen und ihre Güter zu unseren Endzwecken, z. B. zur Unterhaltung tüchtiger Erzieher für das Landvolk, verwendet werden, so werden den Obern dergleichen Vorschläge willkommen sein." „Durch Weiber wirkt man oft in der Welt am mehrsten; bei diesen sich einschmeicheln, sie zu gewinnen suchen, sei eines unserer feinsten Studien. Mehr oder weniger werden sie alle durch Eitelkeit, Neugierde, Sinnlichkeit und Hang zur Abwechselung geleitet. Hieraus ziehe man Nutzen für die gute Sache! Dies Geschlecht hat einen großen Theil der Welt in feinen Händen."«) °) Unterm 9. Juni 1782 schreibt Weishaupt an Cato: „Der Grad, wovon ich die zwei letzten Bogen begehrt habe, ist ist der bei CelsnS und MarinS mit 100 Schlössern verwahrte Grad vom patriarchalischen Leben." (Nachtrag I, 41.) Bei Anwerbungen sollten jedoch die deistischcn Tendenzen des Ordens möglichst zurückgedrängt bleiben. So heißt es in dem Briese vom 17. März 1778 über MarinS: „Aber von Religions- absichtcn muß er noch verschont werden. Sein Magen ist noch nicht gänzlich eingerichtet, diese starke Speise zu verdauen." (Einige Originalschr. S. 223.) Mahomet (Baron Schröcken- stein zu Eichstätt) ertheilt den Rath: „Seien Sie ja im Briefwechsel mit Zcno behutsam; er sagte mir, daß er mit dem Manne, der an der Unsterblichkeit der Seele zweifelt, nicht unter einem Dache wohnen wolle, und wenn der Orden je bei Gliedern solche Zweifel erregen konnte, so wollte er gegen Ihn wie gegen Jesuiten arbeiten." (Nachtrag I, 164.) Vcrgl. ebendas. I, 205 Über Verbreitung des Deismus. ") Zur Errichtung eines Weiberordcns machte Zwack ent- „Auch das gemeine Volk muß aller Orten für den Orden gewonnen werden. Dies geschieht am besten durch Einfluß auf die Schulen." (Neueste Arbeiten II, 156—167.) Das waren die Grundsätze, nach denen die Welt von Jngolstadt aus sollte reformirt werden; aber Weis- hanpt scheint selbst mit diesen Graden noch nicht zufrieden gewesen zu sein. In einem Briefe vom 22. Februar, wahrscheinlich aus dem Jahre 1782, au Cato gesteht Weishaupt: „Wenn sie hier (in Jngolstadt) bei mir wären, so würde ich ihnen meinen Grad ohne Anstand ertheilen. — Aber aus Handen gebe ich diesen Grad nicht, er ist gar zu wichtig, er ist der Schlüssel der alten sowohl als neuen Geschichte, zur Religion und zu jeder Staatsverfassung in der Welt." (Nachtrag I, 71.) Unterm 3. Februar 1783 schreibt Weishaupt abermals an Cato, nachdem er sich über den Priestergrad des Philo und den „elenden" schottischen Nittergrad und über den „ebenso elenden Negentengrad" bitter ausgelassen hat: „Aber über diesen hinaus habe ich noch vier Grade schon componirt, wo gegen den schlechtesten der Priestergrad Kinderspiel sein soll; doch theile ich sie Niemand mit, bis ich sehe, wie die Sache geht und wer es verdient: lasse mir auch nichts darin corrigiren." (Ebend. I, 9b.) Weishaupt änderte und feilte immer an den Graden seines Ordens. _(Fortsetzung folgt.) Die Organisation der Gesellschaft.* *) Eine Skizze. I. d. Innerhalb der Menschheit, innerhalb jeder Nation unterscheidet man drei Generalinstitutionen: Gesellschaft, Kirche und Staat. Das einzelne Individuum ist ein Glied jeder dieser drei großen Institutionen; eine bestimmende oder amtliche Stellung innerhalb derselben nimmt jedoch stets nur eine Minorität der Menschheit ein. sprechende Vorschläge. „Der Nutzen müßte sein, dem wahren Orden Geld zu liefern, sichere geheime Nachrichten zu erlangen, Schutz zu bekommen und den Charakteren der wohllüstigen F. M. Genüge zu leisten." Der Weiberorden sollte in die Klasse der Tugcndbaften und der Ausschweifenden eingetheilt werden. (Einige Originalschr. S. 5—6.) In einem monatlichen Provinzialberichte meldet MinoS (RcichSkammergerichts- assessor von Dictsurt in Wetzlar): „Der weitere Vorschlag des Herkules, eine Minervalsckule für Mägdgens anzulegen, verdient «alle mögliche Aufmerksamkeit. Ich habe eben denselben Gedanken schon lange gehabt und Philoni einmal eröffnet. Die Weiber haben zuviel Einfluß auf die Männer, als daß man es hoffen könnte, die Welt zu bessern, wenn sie nicht gebessert sind. . . . Herkules schlägt Ptolomai Lagi (v. Niedesels, Kammcrgerichts- assessors) Frau vor. und ich habe nichts dagegen: ich schlage meine 4 Stieftöchter dazu mit vor; sie sind gute Mägdgens und besonders die älteste ein sehr gutes Mägdzen von 24 Jahren, die sehr viel Belesenhcit hat, über alle Vorurtheile hinweg ist, über die Religion wie ich denkt, alle weibliche Arbeit, Oekonomie und Küche versteht, französisch, italienisch spricht. . . . Diese meine Stieftöchter haben viele Bekanntschaft mit jungen Mädchens ihees Alters, und es wäre bald eine Societät unter Direktion Ptolomai Lagi Gemahlin eingerichtet." (Nachtrag I, 169-172.) *) Das täglich stärker hervortretende Bestreben der BcrufS- stände, sich behufs Geltendmachung ihrer Interessen zu vereinigen, die Neubildung von bäuerlichen Genossenschaften und die Forderung und der Ruf einzelner Stände, besonders des Handwerks, nach einer corporativen Neuorganisation veranlaßt uns, in einer kleinen Skizze die Organisation der Gesellschaft darzulegen und das Prinzip der organischen gesellschaftlichen Gliederung den Gegnern gegenüber zu vertheidigen. Wenn wir auch damit nur oft Gesagtes wiederholen, so halten wir eine solche Wiederholung, der Wichtigkeit der Sache wegen, nicht für überflüssig. 91 Jede einzelne dieser großen menschlichen Institutionen muß, um lebensfähig zu sein und um ihre Aufgabe erfüllen zu können, eine klare und natürliche Gliederung, eine einheitliche und feste Organisation ausweisen. Diese Organisation ist deutlich bei der Kirche und ist deutlich beim Staate sichtbar. Ohne diese feste, gesetz- und naturgemäße Organisation wäre die Existenz von Kirche und Staat undenkbar, ohne diese Organisation würden sie überhaupt nicht vorhanden fein. Auflösung ist Sterben, und die Auflösung der kirchlichen und staatlichen Organisation wäre gleichbedeutend mit dem Ende der beiden Gewalten. Was für Kirche und Staat gilt, das gilt auch für die Gesellschaft. Auch die Gesellschaft muß, um bestehen zu können, eine ihrer Natur entsprechende Organisation ausweisen; denn ein Haufe gleichartiger und zusammenhangloser Individuen stellt keinen Organismus und damit auch keine Gesellschaft vor. Und darum war, gleich Kirche und Staat, auch einst die Gesellschaft or- ganistrt und in Stände gegliedert. Die organisirte Gesellschaft ist eine Schöpfung des Christenthums; vor Christus gab es keine Gesellschaft. Und in den herrlichsten Epochen christlicher Geschichte erhob sich auch der Bau der Gesellschaft am schönsten und lebenskräftigsten. Erst die französische Revolution hat in ihrem hohlen Gleichheitstaumel den organischen Bau der alten Gesellschaft zerschlagen, die Gesellschaft aufgelöst. Die Wahu- sinnsnacht vom 4. August 1789 war die Todesstunde der Gesellschaft. Fortan gab es keine Stände, keine Berufsklassen, keine Genossenschaften mehr, sondern nur Menschenatome, gleichwertige Nummern und Zahlen. Jeder gesellschaftliche Organismus hatte aufgehört. Ist eine Einrichtung vernichtet, so wird eine andere um so mächtiger. Die Zerstörung der alten Gesellschaft erzeugte den Cäsarismus und den omnipotenten Staat, welcher durch seine Schul- und Ehegesetzgebung bis in das Heiligtum der Familie und des Gewissens hineingreift; sie erzeugte die Uebermacht der vielfach zur herzlosen Bureaukratie verknöcherten Beamtenschaft; sie erzeugte den Kampf der durch keine gesellschaftliche Ordnung mehr gebundenen wirtschaftlichen Mächte, den Kampf des Starken gegen den Schwachen, des Kapitals gegen die Arbeit. Soll die Gesellschaft wieder erstehen, soll daS gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder geordnet werden, so muß auch wieder eine der Zeitlage entsprechende Organisation der Gesellschaft geschaffen werden, eine Organisation, welche sich auf der natürlichen Grundlage der Berufsklassen aufbaut. Die gegenwärtige Jnteressenbewegung und die Bildung von Interessengruppen, die Hervorkehrung des Standesinteresses bei manchen der alten Parteien zeigen das dunkle und instinktive Ringen der Volksmassen nach einer auf natürlichen wirtschaftlichen und beruflichen Gesetzen und Bedingungen wieder aufzubauenden Gesellschaft. Diese bis jetzt unbestimmte und tastende Bewegung in richtige Bahnen zu lenken, muß für die Gegenwart eine der ersten und wichtigsten socialen Sorgen und Aufgaben bilden. II. Die liberalen Gegner einer nach Berufsständen einzurichtenden Organisation der Gesellschaft kommen stets mit der banalen und hundertmal widerlegten Phrase und Behauptung, man wolle veraltete mittelalterliche Institutionen wieder aus der Rumpelkammer hervorholen. Mit Nichten! Wir wollen nicht Institutionen einer bestimmten geschichtlichen Epoche, sondern Institutionen, welche in der Natur der Menschheit begründet sind. Wir sind, wenn wir auch die günstigen wirthschaftlichen Verhältnisse des Mittelalters anerkennen, keine Kinder des Mittelalters, sondern Kinder unserer Zeit. Wir sind keine Kinder der Vergangenheit, das ist der (wirthschaftliche) Liberalismus, der seit dem Jahre 1789 oder dem Jahre 1848 nichts gelernt und nichts vergessen hat. Wir stehen nicht auf den in der Schulstube ausgebrüteten Doktrinen eines bestimmten Zeitabschnittes, sondern auf den Forderungen des Lebens. Wir wollen Einrichtungen schaffen, die dem Leben und dem Wesen der Menschheit entsprechen und aus ihnen hervorgehen, und wir wollen die Menschheit nicht in künstliche, der subjektiven Laune entsprungene Schemata einzwängen. Das überlassen wir den modernen Doktrinären und ihrem Anhange. Was wir mit dem Mittelalter gemein haben, das ist die organische Auffassung der Gesellschaft im Gegensatze zu der «touristischen und mechanischen des Liberalismus. Wir wollen den natürlichen, im Volke liegenden Bestrebungen nach einer Organisation oder organischen Gliederung zur gesunden Entwicklung verhelfen, und wir wollen nicht dieser naturgemäßen Entwicklung widerstreben und uns nicht damit begnügen, die zufammenhangslosen Glieder unserer sogenannten Gesellschaft gezählt und numerirt zu haben. Diese mechanische und mathematische Behandlung der Gesellschaft von Seite des Liberalismus und des modernen Staates ist ebenso oberflächlich und unnatürlich wie die bekannte Schrift Sieyös' über den dritten Stand, welche man, wie k. Weiß sagt, als das Eröffnungsprogramm der Revolution und als den Todtenschein der Gesellschaft bezeichnen kann. »Ihre ganze Weisheit umfaßt nur die zwei Sätze, daß der französische Staat etwa aus 26,200,000 Menschenatomen bestehe, und daß 25,000,000 um 125 mal mehr als 200,000 (des Klerus und Adels) seien, folglich letztere kein Recht haben, als eigener Stand zu bestehen." (?. Weiß, Apologie. IV. Bd.) Die Menschen sind keine Atome und keine Nummern. So wenig als zwei Menschen geistig und physisch gleich sind, so wenig als die Lebensweise und die Beschäftigung gleich sind, ebensowenig können die Menschen in ein gleichförmig eingetheiltes, schablonenhaftes System eingegliedert werden. Das wäre der Tod und eine todte Schablone, Mensch und Menschheit aber bedeuten Leben. Dem Leben müssen wir unsere Einrichtungen ablauschen. „Das Wesen und der Vorzug einer socialen Politik ... ist es," schreibt Niehl, „daß sie die Lehre aus dem Leben entwickelt, und nicht umgekehrt das Leben aus der Lehre." Nicht leblose Schablonen, sondern einen lebendigen, d. i. dem Leben entsprungenen Organismus wollen und erstreben wir. III. Wie soll nun dieser Organismus beschaffen, wie soll die Gesellschaft gegliedert sein? „Es ist zu erstreben," sagte Dr. Frhr. von Schorlemer-Alst auf dem Katholikentag zu Köln, „eine Organisation der Gesellschaft nach Berufsstünden auf christlicher Grundlage in einer den gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhältnissen der Gegenwart angepaßten Form." Diese Organisation muß dem Doppelcharakter des Menschen entsprechen. Denn „der Mensch ist seiner Natur nach selbständig und 92 ein Gesellschaftswesen, und eine Organisation, die von Dauer sein soll, muß diesem Doppelcharakier der menschlichen Natur entsprechen." Diese nach den Berufsstünden eingerichtete Organi» sation muß vor allem scharf zwischen Groß- und Kleinbetrieb unterscheiden, denn die Interessen der beiden stehen sich vielfach diametral gegenüber. Ebenso hat sich dieselbe in eine Hauptorganisation und in eine Unterorganisation oder Untereintheilung zu scheiden. Als große oder Hauptklassen haben wir: die Laudwirthschaft, die Industrie, das Handwerk, den Kaufmanns- und Handelsstand und vielleicht noch den Stand der im Verkehrswesen Beschäftigten. Gelehrte, Beamte u. s. w. können vorerst in diese gesellschaftliche Organisation nicht einbezogen werden, da sie heute in ihrem Berufe mehr ein Glied des Staates als der Gesellschaft sind. Diese vorgenannten Hauptberufsstände theilen sich sodann in die einzelnen fachlichen Genossenschaften oder Corporationen. Die corporative Organisation muß im Handwerk, in der Industrie und im Handel (Groß- und Kleinhandel) durchgeführt werden. Für die Bauernschaft wären räumlich abgegrenzte Genossenschaften einzurichten. In der Spccialisirung der Berufe und Geschäfte darf man indeß nicht zu weit gehen. Die neu- gebildeten Corporationen sollen mit den Rechten juristischer Personen ausgestattet sein, d. h. bewegliches und unbewegliches Vermögen erwerben und verwalten dürfen; sie sollen ferner disciplinäre Befugnisse über ihre Mitglieder haben und schiedsrichterliche Funktionen ausüben dürfen; mit einem Worte: jede Corporation soll in ihrem Bereiche eine vollkommen autonome Körperschaft unter dem Schutze des Staates bilden. Diese Organisation, in den Erundzügen gleich, wird in der inneren Ausgestaltung nach den verschiedenen Ländern verschieden sein und sich der Natur der jeweiligen Verhältnisse anpassen müssen. Das ist, in großen Zügen gezeichnet, die zu schaffende Organisation der Gesellschaft. Ohne Organisation kann keine größere Summe von Menschen auf die Dauer bestehen, ohne Organisation kann man von einer Gesellschaft im eigentlichen Sinne nicht sprechen; ohne Organisation gleicht dieselbe einer Heerde Thiere, in welcher jedes seinem eigenen egoistischen Triebe folgt und die nur die Hand eines starken Treibers zusammenhalten kann. „Ein freies Volk (d. i. ein social aufgelöstes) braucht eine große Polizei." Vus soll! Wehe dem, der allein steht! Die strirrgellte Kraft der Gottesbeweise nocheinmal. Dr. 8tr. In Nr. 9 der Beilage zur Augsburger Postzettung vom 28. Februar hat Herr 6. O. auf meine gegen eine frühere Publikation des angedeuteten Korrespondenten gerichteten Einwendungen eine Erwiderung veröffentlicht. Ich könnte nun wohl die Sache auf sich beruhen und das Urtheil darüber der vergleichenden Lektüre unparteiischer Leser überlassen, um so mehr, da ich keineswegs zu den polemischen und streitlustigen Naturen zu gehören glaube und die Feder nur auf dringendes Bitten eines guten Freundes ergriffen habe, der wie auch andere mir bekannte und befreundete Leser der Postzeitung an den beanstandeten Stellen Anstoß nahm. Auch darüber könnte ich das Urtheil ruhig den geehrten Lesern anheimstellen, ob ich bei meiner Entgegnung mich objektiv und fachlich ausgedrückt oder etwa subjektiver Empfindlichkeit und Animosität Raum gegeben habe, ohne von der sicher hochehrenwerthen Persönlichkeit meines Gegners auch nur die leiseste Ahnung zu haben. Weil aber die Sache zu wichtig ist und weil Herr 6. 6-. neben verschiedenen unrichtigen Auffassungen in seiner Erwiderung gerade das, was ich in meinem Artikel entschieden zurückweisen zu müssen glaubte, neuerdings zu vertreten unternimmt — mich auch mit dem zu befassen, was in seiner Einsendung in Ordnung war, lag für mich kein Grund vor —, so muß ich leider nochmal die Leser mit einigen Worten behelligen, hoffe aber dann nicht weiter mehr zu einer Replik genöthigt zu werden. Zunächst möchte ich bemerken, daß mir nichts fernec lag, als etwa den Verfasser jener Metakritik in Nr. 6 mit den Atheisten in einen Topf zu werfen; im Gegentheil bin ich fest überzeugt, daß wir praktisch in Sachen der Religion denselben Standpunkt einnehmen, aber soviel glaube ich allerdings auch bereits herausgefunden zu haben, daß wir auf theoretisch-philosophischem Boden uns kaum je verständigen werden. Darum wird es auch am besten sein, den Streit möglichst bald abzubrechen. Was nun die Ausstellungen betrifft, welche Herr O. 6l. an meiner „Antikritik" zu machen findet, so muß ich es mir bei der eigenartigen Schreibweise meines Opponenten leider versagen, eine vollständige Behandlung der gemachten Vorhaltungen zu bieten, und mich auf das Allernothwendigste beschränken. Zur Klärung der Situation sei dann vorausgeschickt, daß ich an der citirten Stelle diejenigen Worte unterstrich, an denen ich zumeist Anstoß nahm; wie sollte ich aber damit an eine Irreführung der Leser gedacht haben? An den unterstrichenen Worten haben aber gewiß auch Hunderte anderer Leser gleichfalls Anstand genommen. Dann handelt es sich hier nicht um bloße „Mißverständnisse"; was der „Spektator" in der Allgemeinen Zeitung in der Sache geschrieben hat, das kenne ich allerdings nicht; das hat aber mit unserer Diskussion gar nichts zu thun; worauf es hier ankommt, das ist das Faktum, daß Herr 0-. 6-. in dem fraglichen Artikel sich über die apologetisch so unendlich wichtigen prusamstula. üäai in einer Weise geäußert hat, welche Widerspruch finden mußte. Hier liegt der Schwerpunkt des Konfliktes. Daß unser Opponent thatsächlich einen solchen Sinn in den citirten Passus hineinlegen wollte, wie ich und andere ihn auffaßten, bestätigen seine erneuten Bemängelungen der Stringenz der Gottesbeweise in der Erwiderung selbst. Oder sollen etwa solche unbestimmte Erklärungen, wie: „ich gehe weiter als Kühn und seine Anhänger, ich .halte den Kausalitätsbeweis für sicher genug, um eine weitgehende objektive Beweisbarkeit Gottes zu ermöglichen"', das Gegentheil meiner Behauptung erhärten? Wir möchten es noch einmal betonen: die Gottesbeweise, soweit sie sich ausschließlich auf das Kausalitätsgesetz stützen, erfreuen sich jener vollen Gewißheit und Evidenz, welche überhaupt den Folgerungen aus unmittelbar sicheren Principien eignet. Wenn Herr 6. stringente Gewißheit nur den unmittelbar evidenten metaphysischen und mathematischen Grundgesetzen zugesteht, dann sinken auch die meisten Resultate der verschiedenen Wissensgebiete zur Bedeutung unsicherer Wahrscheinlichkeitsrechnungen herab; denn dort ist das Meiste nicht unmittelbar gewiß, sondern das Ergebniß von Schlüssen und oft eines sehr weitläufigen Diskursus. Im Sinne unseres Opponenten besäße z. B. auch der pythagoräische Lehrsatz nicht den Charakter einer absolut 93 feststehenden Wahrheit. Herr O. 6t. will nur jene Sätze als stringent gewiß gelten lassen, welche unsere Zustimmung erzwingen. Ja, wenn sich Vernunft und Einsicht erzwingen ließen l Wohl ist der Intellekt keine freiwirkende Kraft, und insofern ist es eigentlich unsinnig, von einer Freiheit der Wissenschaft zu reden; aber ist auch der Verstand in Bezug auf den aotus xaroextionis nicht frei, so hat doch der Wille den aetus axercitii in seiner Gewalt. Der Verstand sollte eigentlich immer Führer sein und dem blinden Willen mit seinem Lichte vorangehen, aber wie oft wird hier der Sehende von dem Blinden geführt! Welchen Irrweg und welchen Abgrund gibt es noch, in welchen nicht schon der arme Intellekt von einem durch Leidenschaften und Vorurtheile präokkupirten Willen gezerrt worden ist! Herr 6. O. nenne uns einmal gefälligst auch nur eine einzige absolut feststehende und evidente metaphysische Grundwahrheit, die nicht schon angefochten worden wäre, und das nicht etwa von Idioten, sondern sogar von Geistestitanen. Wird doch schon längst von den „Denkern" selbst die Allgemeingiltigkeit des Kausalitätsgesetzes geleugnet. Ja, sogar das Princip des Widerspruches soll durch eine Ueberleitung der contradiktorischen Gegensätze zu einer höheren Einheit aufgehoben werden. Kurz, der Zwang kann in der Zeit der „freien Wissenschaft" kein zuverlässiges Kriterium für Stringenz und Gewißheit bilden. Heutzutage ist es schon richtiger, in solchen Fragen an den vorurtheilssreten gesunden Menschenverstand zu appelliren, als sich von Atheisten und Pantheisten mit Nebeldunst und Seifenblasen im- poniren zu lassen. Ob sie dann über unsere Naivität mitleidig lächeln oder sich teuflisch ärgern, das kann uns höchst gleichgilttg sein, gewinnen lassen sich solche Leute auch durch die Genialität eines Schell schwerlich; man kann eben Atheismus und Pantheismus durch keine Argumente „überwinden", wenn sie nicht zur gesunden Vernunft heimkehren wollen. Wohl müssen wir mit den Verirrten Mitleid haben, aber einem eingebildeten Wissenschaftsdünkel zu Liebe sich selbst den festen Boden unter den Füßen wegziehen zu lassen und den Tanz über Abgründe und die Luftfahrten eines zügellosen Subjektivismus mitmachen zu wollen, das wäre nicht mehr Mitleid, sondern Selbstmord. Was dann die Behauptung anlangt, die GotteS- beweise müßten „vermittels der unmittelbaren Gottesidee vollendet bezw. ergänzt werden, so muß ich Herrn l). O. schon gestehen, daß ich leider nicht so glücklich bin, eine solche unmittelbare Gottesidee zu kennen. Soll damit etwa die bei allen Völkern aller Zeiten zu Tage tretende Ueberzeugung von der Existenz Gottes gemeint sein? Diese Ueberzeugung hat aber jedenfalls ihren Grund nicht in einer fertig angeborenen Idee, sondern erklärt sich theils aus der Leichtigkeit, mit welcher auch der schlichteste Bauernverstand von der Welt und ihrer Einrichtung auf ihren Schöpfer und Herrn schließt, theils aus einer besonderen Führung und Leitung der Vorsehung, deren sich jeder Mensch und jedes Volk erfreut. Aber das letztere Moment muß bei unserer Diskussion außer Betracht bleiben. Oder soll mit dieser unmittelbaren Gottesidee gar nach alten Mustern von einer jedenfalls recht unvollkommenen Vorstellung des höchsten Wesens feine Existenz erschlossen werden? Aber der saltv iuor- tala vom idealen ins reale Gebiet ist bis zur Stunde noch kein gangbarer Weg geworden. Es ist übrigens unrichtig, daß ich den Passus von der „ursprünglichen Gottesidee" übersehen habe, wie Ohponent wir vorwirft. Ich habe ja ausdrücklich erklärt, daß ich mit einer solchen nichts zu machen wüßte und mir nicht denken könne, waS darunter zu verstehen sei. Wenn ich mit den vorgebrachten Vermuthungen nirgends das Rechte getroffen habe, so bin ich für eine Belehrung sehr dankbar, wenn sie nicht etwa so ausfällt, daß ich sie nicht acceptiren kann. Soll etwa diese Idee ein Ausfluß jenes „geringgeschätzten subjektiven, geistigen Gebietes" darstellen, „das man so leicht preisgibt" ? Das geistige Gebiet preiszugeben, fällt uns gewiß nicht ein; aber dieser Ausdruck „fubjektiv" macht uns die Sache sehr verdächtig. Die subjektivistische Philosophasterei schon seit Cartefius und noch mehr seit Kant hat all den intellektuellen Jammer zur Folge gehabt, in welchem noch immer die außerkirchliche zünftige Spekulation an den Hochschulen befangen ist, und dieser Subjektivismus oder größere oder geringere Concessionen an ihn sollen etwa wieder Rettung bringen? Wir möchten also mehr das geistige Gebiet als objektive Thatsache betont wissen. Auch wir finden in dem durch Denken und Wollen sich bekundenden Wesen des Menschengeistes ein Faktum, das mit unweigerlicher Gewißheit auf einen überweltlichen, persönlichen Urheber und Schöpfer hinweist. Wie will der Atheismus und der nicht minder einfältige Pantheismus z. B. die Thatsache des Erkennens, die ideale Vereinigung von Subjekt und Objekt erklären, da doch beide substantiell nichts mit einander gemein haben? Gerade bei dieser wunderbar harmonischen Zusammenordnung von ganz heterogenen Dingen fällt uns ein schöner Satz von Professor Schell ein, den er in seiner Dogmatik vorbringt: „Die Beziehungen sind Spuren der Gottheit." Uebrigens möchten wir dem hochgelehrten und genialen Herrn nicht auf allen seinen, manchmal auch sehr gewagten Bahnen folgen, aber hinsichtlich der Gottesbeweise und ihrer Gewißheit steht derselbe jedenfalls auf unserer Seite. Wenn Herr 6-. O. meint, ich habe alle Ursache Gott zu danken, daß ich mich einer solchen Glaubens- ficherheit erfreue, so hat er recht, und ich bin bemüht, täglich Gott dafür zu preisen, daß Er mich so gnädig bisher auf der Bahn der Wahrheit geführt und geleitet hat. Aber auch an dieser Stelle spukt in der gebrachten Erwiderung wieder eine Verwechslung. ES handelt sich für uns hier nicht um den dogmatischen Lehrinhalt des Christenthums, nicht um die übernatürlichen Glaubeus- wahrheiten; auch nicht um den Glauben dreht sich die Frage, sondern um die natürliche Voraussetzung des Glaubens. Soll Jemand für das Christenthum gewonnen werden, so muß vor allem für ihn feststehen, daß es einen Gott gibt, daß er sich geoffenbart und die Kirche gegründet hat. Müßten wir diese Grundvoraussetzungen auch mit dem Glauben allein erfassen, dann wäre der Vorwurf von Köhlerglauben und Unvernunft berechtigt, mit dem unsere Gegner so freigebig sind. Aber das Dasein Gottes können wir in Wahrheit wissen, es ist und bleibt eine unabweisbare Forderung einer vernünftigen Weltbetrachtung. Wie soll ich nun mit einer solchen Auffassung der Sachs Wissen und Glauben verwechselt oder identificirt haben? Nicht weniger merkwürdig muthet mich das Kompliment des Herrn Opponenten an, als ob ich die Gewißheit und ihre verschiedenen Grade von der Wahrscheinlichkeit nicht zu unterscheiden vermöge. Von einer bloßen Wahrscheinlichkeit hätte das vatikanische Concil nimmer den Ausdruck eerto aoZnoscü gebrauchen können. Uebrigens erfreut sich natürlich diese Gotteserkenntniß ihrer stringenten Sicherheit nicht wegen der angedeuteten autoritativen Erklärung, sondern umgekehrt fußt diese Erklärung selbst auf dem schon an sich sicheren Thatbestand, und es galt nur, diesen Thatbestand gegen allen- fallsige Versuche eines sich geistreich dünkenden Skepticismus oder gegen Muthwillen im Gewände der Gelehrsamkeit ein- für alle- mal nachdrücklich zu constatiren. Mögen deßhalb auch Millionen moderner Geistesheroen uns den Weg zur causa eausarum mit Irrlichtern und Sophismen zu verlegen suchen, der gesunde Menschenverstand wird dennoch stets unbeirrt durch solche Blendwerke von den irdischen Spuren und Abbildern zur großen Geistersonne aufsteigen. Das beigefügte Fragezeichen wird gewiß jeder verständige Leser richtig aufgefaßt und nicht als eine von meiner Seite gegen Herrn 6-. (1. gerichtete Finte angesehen haben. Wenn ich von einer Vermengung von Wahrem und Falschem und Nichizusammengehörigem sprach, so waren damit ganz andere Dinge gemeint: zunächst die Zusammenstellung von Dasein und Erscheinen. Von einer Erscheinung Gottes in der Welt kann nicht die Rede sein; solche Weisheit überlassen wir dem Pantheismus. Dann wird wieder das Faktum der Offenbarung mit den christlichen Lehren und Wahrheiten zusammengeworfen. Daß Christus lebte und Wunder wirkte, steht in der That für mich und hoffentlich auch für die Mehrzahl der Katholiken als historisches Ercigniß mindestens ebenso fest, als Leben und Thaten eines Hannibal, eines Angustus. Aus der Art des Auftretens und Wirkens Jesu aber folgt seine Gottsssohnschaft und die Göttlichkeit seiner Stiftung, der Kirche, jedenfalls mit nicht geringerer Gewißheit, als jene ist, welche die moderne Gelehrsamkeit für Tausende ihrer Errungenschaften mit Recht in Anspruch nimmt. Nun dürfte Herr 6. wohl auch die Art meiner Unterstreichung in dem vorgeführten Citate begreiflich finden. Daß ich auch den einzelnen übernatürlichen Glaubenswahrheiten wissenschaftliche Evidenz beilegen wollte, eine solche Naivität wird mein Herr Opponent mir doch nicht zugetraut haben. Wenn schließlich Herr 6-. meint, die traditionellen Gottesbeweise seien am Ende wohl gut gegen den Atheismus, taugten aber nichts gegen den Pantheismus, so finde ich darin nur eine weitere Bestätigung meiner gleich anfangs angedeuteten Vermuthung, daß mein Herr Opponent und meine Wenigkeit uns auf philosophischem Gebiete nie zusammenfinden werden. Für mich aber und jene Leute, welche meinen spekulativen Standpunkt theilen, ist der Pantheismus um kein Haar gescheiter als der Atheismus, er ist ja nur ein etwas poetisch herausgeputzter Atheismus, und gegen ihn bieten die herkömmlichen Gottesbeweise resp. die Principien, auf welchen diese basiren, vollkommen ausreichende Waffen; freilich, durch solche Argumente jemand zu belehren und zu gewinnen, der sich nicht belehren lassen will, das würde auch einem Engel vom Himmel nimmer gelingen. Was Herr 6-. 6l. in der Fortsetzung seiner Erwiderung in Nr. 10 der Beilage gegen mich ins Feld führt, bringt zunächst die bereits angedeutete Vermuthung zur vollen Ueberzeugung, daß wir beide uns in philosophischen Fragen nimmer verständigen werden. Da das hier Vorgebrachte zum großen Theile schon in meinen vorausgehenden Darlegungen berührt wurde, so kann ich mich jetzt kurz fassen. Was die Bildung des Gottes- Legriffes anlangt, so ergibt sich derselbe eben aus der natürlichen Erkenntniß Gottes als der ersten und obersten Ursache des Alls, einer Ursache, der gerade deßhalb, weil sie xrinaa. oausa, ist, die Aseität eignen muß. Aus dieser Aseität folgt dann Gottes Unendlichkeit. Der so gewonnene Gottesbegriff wird nun allerdings durch die Offenbarung wesentlich vollkommener ausgestaltet, aber daraus folgt keineswegs, daß die Erkenntniß Gottes auS der Weltbetrachtung — die Geisterwelt natürlich inbe- griffen, soweit sie dem Menschenverstände zugänglich ist — für sich der vollen Stringenz und Evidenz entbehre. Mein verehrter Gegner scheint mir hier wieder vollkommene Erkenntniß mit voller Stringenz zu confundiren. Eine Erkenntniß kann inhaltlich sehr mangelhaft sein und dabei doch vollkommene Gewißheit besitzen. Was wissen wir z. B. über das Wesen der Elektricität? und doch ist die Thatsache selbst absolut sicher. Sodann kann ich es gewiß getrost dem besonnenen Urtheile gütiger Leser überlassen, zu entscheiden, ob dadurch, daß ich die Ursache der Gottesleugnung hauptsächlich in moralischen Defekten finde, die metaphysische Gewißheit und Evidenz der natürlichen Gotteserkenntniß auch nur die geringste Schmälerung erfahre. Soll man die Wahrheit erkennen, so muß man freilich sie auch erkennen wollen und sich der Mühe des erforderlichen Denkprozesses unterziehen. Wenn aber jemand sich an einer unbequemen Wahrheit ohne Kenntnißnahme scheu vorbeidrückt, so folgt daraus nicht, daß die Wahrheit an sich der nöthigen Sicherheit und Evidenz ermangle. Also auch ohne Anleihe bei der Moral bleibt für uns und andere Leute die volle, wenn auch mittelbare Stringenz oder Gewißheit der natürlichen Gotteserkenntniß bestehen. * Erwiderung. Eine Reihe von Vorwürfen hätte mir 8t. sicherlich erspart, wenn ich noch rechtzeitig den angekündigten zweiten Artikel Hütte erscheinen lassen können; so muß ich auf die Gefahr hin, nicht verstanden und ins Unrecht gesetzt zu werden, mich möglichst kurz fassen, um eine endlose Streiterei zu vermeiden. Ich bin ohnehin in einer ungünstigen Lage, da meine größere Zurückhaltung und Vorsicht leicht den Schein des Skepticismus erweckt. Mag 8t. Recht haben, für den Gottesbegriff in seinem Sinn als Voraussetzung der Religion stringente Beweisbarkeit, eine syllogistische Stringenz anzunehmen — ich lehne diese Art Stringenz nicht ab —, so ist mir ihre Annahme leider unmöglich für den erweiterten Gottesbeweis, wie ich ihn im Auge hatte. Wenigstens traue ich mir einen solchen Nachweis nicht zu; einer, der alles beweisen kann, bringt's vielleicht fertig. Wohl halte ich fest an einer mittelbaren Erfahrung Gottes im Geiste und an einer Erscheinung Gottes in der Natur, im Geiste und in der Geschichte, ohne daß ich dem Pantheismus, Mysticismus oder Subjektivismus im üblen Sinne zu verfallen fürchte. Wäre letzteres unausweichlich, dann waren nicht allein die Mystiker, sondern war der hl. Paulus selbst ein Pantheist und Subjektivist, da er vom Sichtbarwerden Gottes in den Crea» turen (Röm. I, 19 ff.) und vom Beweis des Geistes und der Kraft spricht <1. Cor. 2). Wirkungen und Spuren Gottes sind fühl- und sichtbar in der Natur, aber vor allem in der geistigen und geschichtlichen Welt, die uns erst den persönlichen Gott und den Gott der Liebe offenbart; die Seele selbst ist ja ein Hauch Gottes! Solche Spuren liegen vor 1) in der allen Menschen an- geborenen Ahnung des Unendlichen, im Streben nach dem Höchsten, das sich in der „ursprünglichen Gottesidee« ausspricht^), 2) im Gewissen und seinen Einsprech- ungen, 3) in der religiösen Gnade. Aber gerade je höher wir steigen, je näher wir dem Person-. lichenGotte derLiebe kommen, desto schwerer wird die Beweisbarkeit. Die Seelenregungen sind dunkel und schwer faßbar, aber gerade um so werthvoller. Dunkel sind namentlich die Wege der Gnade, von der alles abhängt. — Mag nun 8t. wieder behaupten, hier sei Nichtzusammengehöriges vermischt und verwechselt, — warum ging er dann selbst darauf ein? — ich hatte es nun aber einmal verbunden, und zwar gerade um den Pantheismus zu überwinden. Leider kann ich mich nicht weiter darüber verbreiten. Ich füge nur noch ein Paar Leitsätze aus dem angekündigten zweiten Artikel an, den ich vorläufig zurückhalte, weil die Redaktion eine endlose Debatte fürchtet. DaS Christenthum stellt die höchste absolute Erscheinung Gottes dar. Die durch das Christenthum gegebene Gnade, Bekehrung, Heiligung und Erleuchtung ist das Urwunder, dem alle andern Wunder untergeordnet sind. Hierin, nicht in äußeren Wunderberichten, liegt der Beweis des Geistes und der Kraft, aus den auch Christus selbst anspielt (Joh. 7, 17, v. 8 u. 14). Wer dieses Wunder nicht erlebt hat, wird äußern Wundererzählungen schwerlich Glauben schenken, wenn er nicht ganz naiven Sinnes ist. Denn von Wundern erzählen auch andere Religionen, Wunder wirkt auch der Antichrist: wer aber soll unterscheiden, als der Geist, mit dem daS Geistige erkannt wird (1. Cor. 2, 23) und der Zeugniß gibt, daß wir durch das Christenthum Kinder GctteS geworden sind (Nöm. 8, 16). Sehr belehrend war es, daß gleichzeitig mit dem Angriff von 8t. anderwärts mein „fanatischer Ultramontauismus" der jliberalen Inquisition deiiuucirt wurde und ich gar als „verbissener Socialdemokrat« ausmarschircn mußte. Wem kann's hegte Jemand recht machen, gui viam ventatis ologit? I)r. 6. 6. * * Wir glauben hiemit die Dtscussion über dieses Hherua schließen zu dürfen. D. Red. Gedichte von Max Crorre. (Schluß.) In dein letzterwähnten ChcluS finden sich auch des Ver- fässcrs beste Sonette. Es ist wirklich schwer, aus diesem Neigen von Liedern die Auswahl cer besten zu treffen. Doch hören wir den Dichter selbst. In „Liebe und Leid" singt er: Wir wisscn'S auch: nur bitterwcnig Zeit Bleibt für das Glück auf unsern Erdcnwegen. Doch was ist Glück? DaS ist der alte Streit. DeS Menschen Gluck, cS ist im Leid gelegen, Und Liebe ist vereint getragnes Leid. So wandelt sich der Fluch in eitel Segen. Die kräftige Ermunterung zum Vertrauen in „Weine nicht!« Sollst muthig vorwärts in die Zukunft schauen» Nickt wie ein Feigling zage vor ihr beben; O hadrc nicht, fleh' du um Gottverlrauen, ES wird dir deine Kräfte wiedergeben. Schuf denn der Vater uns zu Tod und Grauen? Nein, für ein immerwährend selig Leben! Wo der. Cultus des „Ich", dort keine wahre Liebe; denn in „Der Liebe Prüfstein« heißt es: Der Liebe Prüfstein ist Selbstlosigkeit. Denkst du an dich, gleich kommt dein Herz in Streit, Es will die Eifersucht sich in dich senken, *) Diese Idee hatte ich ganz deutlich erklärt, anstatt dieß aber nachzulesen, wiederholt 8t. alle möglichen Vermuthungen, die er schon einmal angestellt. Gibt es für ihn überhaupt nichts Apriorisches, auch keine angeborenen Principien und Anlagen? Dein bess'reS JA, dein Liebstes, in dir kränken, Und statt des Glücks bringt dir die Liebe Leid. In „Was die Liebe vermag« wird der „Eigengier«, dem Eigenwillen durch die Liebe der Krieg erklärt. Weiter sagt der Dichter in „Die Liebe und das liebe Ich« Mein Kind, und eh' in Liebe sich Ein Menschcnpaar zusammenschließt, Zu brechen sind zwei trotz'ge Ich, Bis eins, ein heilig Ich, erspricßt. Von den größeren sind hervorzuheben „Glosse«, das reimlose Gedicht „Traum und Wahrheit" und „LiebeSbande" mit dem Schluß: Das Liebesband, das unser Herrgott geknüpft, reicht über alle Ewigkeit. Blättern wir weiter, so kommen wir zu den „Vermischten Gedichten«, unter welchen man einige Bergmanns- und Knappen- lieder nicht unerwähnt lassen darf; so „Glückauf zum neuen Jahrl«, „Das Bergmannslied«, dessen letzte Strophe wir uns herzusetzen nicht versagen können: Und weil ich nun ein Bergmann bin Und von so edlem Stand, So geb' ich ganz auch Herz und Sinn In meines Gottes Hand. Und mit Gebet fahr' ich zur Schicht Und mit Gebet herauf, Mein treuer Gott, dick lass' ich nicht, Hinauf zu dir! — Glückauf! Welch kräftiges Gottvcrtrauen spricht sich in diesen Zeilen aus; jenes unverwüstliche Vertrauen, das gerade den Bergmann vor allen besonders erhebt. Das schöne Gedicht „Glcich- niß« mit der ernsten Mahnung, „still in sich selber zu gehen, will man es im Leben dazu bringen, auf wackeren Füßen zu stehen;« „mit Gott und sich selber zurechtzukommen« bringt Ruhe und Glück. Wer könnte bann das ebenso wahre als ernste Gedicht „Aus Wiedersehen!« mit Stillschweigen übergehen. Das Lied „Im Glück« zeigt anschaulich die Wahrheit vom beständigen Wechsel zwischen Lust und Leid im menschlichen Leben. Dann die „Osterklänge", die auch daS »erbittertste Herz aus dem TodcSbann zu locken verstehen. Im Anschluß an diese Gruppe finden sich die „Sinnsprnche", worunter einige ganz kernige Sentenzen und Lebensregeln an- geführt sind. Wollen wir einige folgen lassen: Getrost im Leide still zu halten Erlernt sich nur durch Händefalten. Oder das „Ich" der ärgste Feind — der beste Freund. Ein anderes heißt: Thu', was du sollst, in dieser Zeit, So wirkst du sür die Ewigkeit. Ein andermal sagt er: Wiewohl an Kirchen und Kapelle» keine Noth, wiewohl Gottes Wort aus tausend Quellen lebendig strömt, findet man doch auf Erden so selten einen wahren, echten Christen. Wie wahr ist folgendes: Ist ein Nechenexempel der Lebenslauf» Dann ist das Sterben die Probe darauf. Und so folgen noch viele kleinere oder größere Sentenzen oder Geistesblitze, die in bündiger Form oft die ernstesten Gedanken nahelegen. An den Schluß der Gedichtsammlung setzt der Verfasser einige Gelegenheitsgedichte, von denen das erste „Zum sünfunddreißigsten Geburtstag des Kaisers« dem Patriotismus des Verfassers schönen Ausdruck verleiht. Die übrigen können wir übergehen. Was nun die Form anbelangt, in welche der Verfasser seine Lieder kleidet, so begegnet und fast am häufigsten der vierfübige Iambus mit Reimpaaren oder gekreuzten Reimen; auch umschlossene Reime (a a b « o b) finden sich. Einmal finden wir den fünffüßigen Iambus (Blankvers). Von trochä- ischen Versen haben wir meistens den fünffüßigen, hie und da auch den schleppenden achtfnßigen Trochäus. Einige kleinere Gedichte sind in Distichen abgefaßt. Unser Verfasser liebt eS nicht, künstliche Formen in Verwendung zu bringen; er bleibt bei den einfachen, schlichten Gattungen und ergreift den Leser vielleicht gerade durch die eckte deutsche Weise, durch die einfache Form. Doch eines müssen wir unserem Dichter zugestehen; Er ist ein Meister des Sonetts, das er denn auch häufig und in ganz ungesuchter, ungekünstelter Weise anwendet. WaS 96 die Reinheit der Reime anbelangt, so kann man auch bei auf- meiksamer Lectüre nur wenige unreine Reime finden. Der Verfasser ist gewiß auch in dieser Hinsicht recht ancrkcnuens- werth, indem uns gerade in der jüngsten Poesie so viele Produkte mit Gezwungcnhcitcn und Härten im Reime begegnen. Wir können unö am Schlüsse kurz fassen: Der Eindruck, den Crone'S Gedichte sowohl im Einzelnen als auch in der Gesammtheit machen, ist ein recht guter und befriedigender. Wir haben einen Dichter vor uns, der sowohl durch Inhalt als auch Form seiner Gedichte viele andere Poeten in den Hintergrund drängt und hinter sich zurückläßt. Wir können daher äuck Crone'S Gedichte jedem auf's wärmste empfehlen, der in unserer so liederreichen und poesievollen Zeit sich noch einen Geschmack für etwas Besseres als Alltagöproduct gewahrt hat. Salzburg. Oswald Flock«. Recensionen und Notizen. Der weiße Sonntag. Belehrungen und Gebete für Erst- communicanten und die gcsammte Jugend, welche würdig und mit Nutzen communiciren will. Mit einer Beigabe: Unterricht und Gebete für Firmlinge und Gesinnte. Von Pfarrer F. X. Fecht. 34. Aufl. Donauwörth» Druck und Verlag der Buchhandlung L. Aucr. O Das obige Büchlein zielt nicht bloß auf eine momentan^ Erregung frommbegeisterter Gefühle beim Empfange der ersten hl. Communion, nein, es verdient mit vollem Recht den Namen eines „geistlichen Excrcierbüchleinö" für's Leben. Es lehrt den göttlichen Kindcrfreund, der sich keinem Lebensalter so gerne naht, wie den kindlichen Seelen, nicht nur lieben, sondern Jbm dienen in gewissenhafter Nachfolge, — Ihm daS ganze Leben weihen. Dieses goldene Büchlein ist wie wenig andere dazu angethan, wahre Christen zu bilden. Nicht umsonst wurde es durch die Empfehlung dreier Bischöfe unter die erstcommuni- circnde Jugend eingeführt. Stets sich wiederholende Auflagen rechtfertigen glänzend diese Empfehlung. Charfreitagsbüchlein für Jung und Alt. Von A. Häuser, bischöfl. geistl. Rath. 3. Auflage. Mit Genehmigung des bischöfl. Ordinariates Augsburg. Preis 15 Pfge. L.. Der Charfreitag, der Gedächinißtag der tiefsten Erden- trauer, wird unter dem katholischen Volke oft mit nicht vollkommenem Verständniß begangen. Das vorliegende Büchlein lehrt das große Geheimniß dieses Tages ersassen im Geiste der Kirche, welche gerade den heil. Charfreitag mit den schönsten, sinnigsten und bedeutungsvollsten Ceremonien und Uebungen ausgestattet bat. Möge dieses unentbehrliche, so außerordentlich billige Handbüchlein für die Charwoche die weiteste Verbreitung finden! Die heilige Stunde zur Verehrung der Todesangst Jesu und zur Sühne für die Sünden der Nacht. Von Alois Hacker, Pfarrer in Kleinaitingcn. Mit oberhirtlichcr Druckbewilligung. A. Das kleine empfehlcnswerthe Broschürchen unterstützt in erbaulichster Weise den frommen Brauch, die zwölfte Stunde der Nacht von Gründonnerstag auf Charfreitag in Betrachtung der Todesangst Jesu betend, sühnend und mit Ihm leidend zuzubringen. K i r ch c n m u s i k a l i s ch e S I a h r b u ch 1896. Von Dr. H a b e r l. Pustet, Negensburg. Preis 2 Mark. >V. Um den literarischen Werth des Jahrbuches zu würdigen und dadurch dasselbe zu empfehlen, genügt es, den Inhalt vorzuführen. Auf 28 Noten-Seiken bringt es Vittoria's kuori Uobraeornm, 4 stimmig, Chorantworten zur Passion nach Matthäus, 4 stimmig, 0 vomins llssu Oliristo, 6 stimmig, Ineigit vamontatio für 2 Alt, Bariton und Baß, für die Char- woche. 110 Seiten sind Abhandlungen und Aufsätzen gewidmet: Kirchenmusikalischc Jahreschronik, Archivalische Excerpte über die Hoskapelle in München (K. Walter), Ein deutsches Missale aus dem Jahre 1529 (R. v. Liliencrcn), Ueber Kataloge von Musikbibliotheken (Haberl), Katalog der Maricnbibliothek zu Elbing, Rhythmische Gliederung des Chorals (Gietmann 8. .7.), DaS vom deutschen Gesang begleitete Hochamt (Langer). Eine bio-bibliographische Studie über Vittoria (Haberl), Die Neumen- forschung (k. Kornmüller). Daran reihen sich 10 größere und kleinere Referate und Anzeigen über neueste kirchenmusikalische Erscheinungen in deutscher, französischer, englischer und italienischer Sprache. Und das Alles um 2 Mark! Wer sich für die Geschichte und Aesthetik der Kirchenmusik interessirt, dein kann das Jahrbuch nicht genug empfohlen werden. Das um so mehr, als das Jahrbuch daö einzige deutsche Organ wissenschaftlicher Behandlung der Kirchenmusik ist. Mir scheint es daher eine Art Ehrenpflicht zu sein, dasselbe durch Abnahme zu unterstützen. DaS Kreuz. Sechs Fastenprcdigtcn von vr. Anton Kerfch- baumer. Brixe» 1896. Preis brosch. 64 Pf. V. Daö alte Kreuz, das schwere Kreuz, das blutige Kreuz, daö heilige Kreuz, das starke Kreuz und das triumphirende Kreuz — das ist der Inhalt des nur zwei Bogen umfassenden Schriftchens. Scheinbar ist das Thema mehr als eingehend behandelt; aber die Lehre vom Kreuz ist ein Geheimniß, das wohl von den verschiedensten Seiten anS betrachtet, aber nie erschöpft werden kann. Die reichliche Benützung des alten und neuen Testamentes, einfache, populäre und gleichwohl der Würde des Wortes Gottes entsprechende Darstellung sind besondere Vorzüge dieser Predigten, wcßhalb sie die gleiche Empfehlung verdienen, wie die von demselben Verfasser schon früher erschienenen Sonn- und FesttagSprcdigte». Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Na ich, 12 Hefte, M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896. Heft III, März. vr. Selbst, Die Bibelwissenschaft dcö Protestantismus im Kampfe gegen das Alte Testament. — vr. L. Bendix, Die Deutsche NcchtLeinheit. — vr. Franz Zigon, Die wirksame Bewegung Gottes und die Freibeit des Menschen. — Der dritte Band der Geschichte der Päpste von L. Pastor. — vr. G. Natzinger, Lorch und Passau. — Literatur: Lic. Joseph Bautz, Grundzüge der katholischen Dozmatik. — Wilhelm Bäumker, Ein deutsches geistliches Liederbuch. — Pbomas O'Cormau, ^.msriean Öliured Ilistorz'. — Vr. G. Natzinger, Die VolkSwirrhschaft in ihren sittlichen Grundlagen. — Franz Laver Kraus, Geschickte der christlichen Kunst. — vr. Georg Hagemann, Logik und Noctik. — k. Ferdinand della Scala, Der heil. FideliS von Sigmaringcn. — Johannes Weißbrodt, Fastcnpredigtcn- Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XI. Jahrgang. Heft 12 L 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Mit dem nun vorliegenden 12. Hefte ist jetzt abermals ein Jahrgang der heimischen Familienzeitsckrist vollendet. Dieselbe bringt eine kleinere Novelle „Die alte Lampe" von Elisabeth Saint-Louiö und beherzigenswerthe Worte „Für stille Taae und Stunden" von A. v. Liebcnau; du Nords „Die französischen Canadier" und Kujawas Humoreske „Die Ochsenzunge" finden befriedigenden Abschluß. Franz Peters schildert uns endlich in fesselnder Weise den Dichter Leo Fischer." Möge die Monatschrift in alle kathol. Kreise dringen und immer mehr Freunde und Abonnenten finden! Die katholischen Missionen. Jllustrirte Monatschrift. Jahrgang 1895. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 Z. W. — Frciburg im Breisgan. Hcrder'sche Verlags- handlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 3: Die blutigen Vorgänge in Armenien. — Aus dem Leben und Wirken eines verbannten sibirischen Priesters. — Eine bischöfliche Hirtcnreise in Norwegen. (Schluß.) — Nachrichten aus den Missionen: Balkan (Augustinermisston in Bulgarien); Syrien (Unruhen); Philippinen (Bencdiktinermission); Acguatorial-Afrika (Uganda); Ostafrika (Süd-Sansibar); Südafrika (Mission am Ober-Sambesi); Nordamerika (Standing Rock' Reservation); Oceanien (Cook-Jnjeln); Aus verschiedenen Missionen. — Misccllcn. — Beilage für die Jugend: Der Zug nach Nicaragua. (Fortsetzung.)— Diese Nummer enthält 9 Illustrationen. Vcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. »I,-. IS. ie 27. Wir? I«. k. Wilhelm Kreitcn. Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel. So vieles schon hat man über den Aufschwung unserer katholischen Literatur geschrieben und gesprochen, und da ist es wohl auch angebracht, einmal desjenigen Mannes zu gedenken, der nicht zum wenigsten zu diesem Aufschwünge beigetragen hat. Es ist das der Jesuiten Pater Wilhelm Kreiten. Um jedoch die Verdienste dieses Mannes ganz und voll würdigen zu können, ist eS nothwendig, vorher eine kurze Rückschau zu halten auf den Stand, den die Literatur zu jener Zeit einnahm, da k. Kreiten zum ersten Male eingriff und durch seine literarischen Arbeiten bahnbrechend wirkte. Wie eine prächtige Rakete war zu Beginn unseres Jahrhunderts die Romantik zum nächtlichen Himmel emporgestiegen. Von allen wurde sie begeistert und bewundernd begrüßt. Doch nur kurze Zeit erleuchtete ihr funkelnder Glanz die nächtliche Gegend, dann zerplatzte sie in tausend bunte Sterne, die anseinanderstobeu und — erloschen. Hervorgegangen war die Romantik aus der Unbe- friedigtheit des deutschen Gemüthes. Sowohl die, wenn auch formvollendete Klassicität Goethes, die sich lediglich an die Natur anlehnte, als auch der Idealismus Schillers, dem die höhere Weihe fehlte, ließen in dem Herzen des Deutschen das Gefühl einer gewissen Leere zurück. Leider entsprach das Leben der gebildeten Deutschen in jener Zeit im Allgemeinen nicht mehr der christlichen Weltauffassung; aber man fühlte weithin doch, daß es ein höheres Drittes geben muffe, in dem sich die Gegensätze zwischen dem Realismus Goethes und Schillers Idealismus harmonisch ergänzten und vereinigten. In diesem Gefühle, und diese Idee allmählig erfassend, erklärte sich die junge Generation in jugendlicher, feuriger Begeisterung zu Rittern des Christenthums wider den herrschenden Rationalismus. Freilich äußerte sich dies Bestreben zunächst, da die Jünger ihre Milch an einer anderen Brust getrunken und in einer ganz anderen Luft aufgewachsen waren, als ein unsicheres Suchen und Herumtappen einer sich selbst kaum verständlichen Sehnsucht. Immerhin war es eine wunderbare Zeit, da die Romantik ihr melodienreichcs Lied an- hub, da die Natur ihr uraltes Märchen wieder zu erzählen begann und an den verfallenen Burgen und Kirchen mit dem immergrünenden Epheu die Sagen und Geschichten emporrankten, die Glocken wie von selbst anschlugen und die Wipfel sich rauschend neigten, als ginge der Herr durch die weite Stille, und als müsse der Mensch ob all des Glanzes niedersinken. Es war, als erinnere sich das altgcwordene Geschlecht plötzlich wieder seiner schöneren Jugendzeit, und eine tiefe Erschütterung ging durch alle Gemüther, da Schclling, Steffens, Görres, Novalis, die Schlegel und Tieck ihr Tagewerk begannen. Indeß die wenigsten von ihnen hielten auch späterhin noch den Curs ein, den sie von Anfang genommen. Die meisten Vertreter der Romantik vermochten nicht, den Subjectivismus des Protestantismus zu überwinden, den sie mit der Muttermilch eingesogen. Die Poesie hatte sie vor das im Waldesdicktcht versteckte und längst vergessene Hetligthum hingeführt und vor die mit grünem Epheu überrankten Thore der katholischen Kirche; doch ihre Absicht war nicht kindlich rein genug, als daß ihnen der Spruch geoffenbart worden wäre, auf den hin sich diese Thore öffnen sollten. Nur wenigen war es mit Friedrich von Schlegel vergönnt, auch in das Innere dieses Heiligthums einzutreten, um sich dort in die unendliche Schönheit des Allerhöchsten zu versenken; die anderen begnügten sich. statt ein Glied der lebendigen sichtbaren Kirche zu werden, mit einer manchmal pantheistischen, in träumerischem Halbdunkel schwebenden Symbolik dieser Kirche. Und so wurde naturgemäß der Katholicismus der Romantiker zu dem, für was ihn später auch Tieck zu seiner Rechtfertigung ausgab, zu einer bloßen Staffage ihrer poetischen Gefühle. Lange konnte dieser Zustand nicht andauern. Heine war der Erste, welcher Reißaus nahm. Er war es welcher das vauvs gui xaut! in die Massen warf, mik zweischneidiger Ironie an dem in der eigenen Phantasterei stecken gebliebenen „Munitionskarren" der Romantik rasch die letzten Gurten und Stränge durchschnitt und dann mit Sattel und Zeug zu dem schon lange schadenfroh gegenüber lauernden Heidenthume überging. Eine ganze Freischaar romantischer Trainkuechte, Nachzügler und Marodeurs, ja Alles, was inzwischen am Glauben Schiffbruch gelitten, folgte seinem willkommenen Signalrufe ebenso frech, nur mit weniger Geist und Witz. Mit einem Schlage hatte nun die specifisch änlich ri st liche Poesie fast das ganze Feld erobert. Was kurz vorher doch wenigstens noch scheinbar geehrt und verherrlicht worden war, das war jetzt auf der ganzen Linie in den Koth getreten. Der Geist eines Byron rauschte nunmehr durch den deutschen Dichterwald. Aber zur Ehre der Deutschen sei's gesagt, zu jenem dämonischen Hasse dieses unglücklichen Britten gegen Gott und alles Göttliche brachten sie es meist doch nicht, wenn sie auch die innere Oede und Zerrissenheit mit ihm theilten. Man muß die ganze Trostlosigkeit der Lage kennen, die zu jener Zeit herrschte, da das „JungeDeutschland" tonangebend geworden war, um den lauten Jubel begreifen zu können, mit dem die „Amaranth" von Nedwitz begrüßt wurde. Im Grunde genommen krankte doch auch diese Dichtung an Hyperromantik. Aber es waren wenigstens katholische Ideen, welche da auftraten. Und wenn diese auch noch in einer gewissen Verschwommenheit und manchmal in ungesunder pietistischer Sentimentalität erschienen, so setzte man doch große Hoffnungen auf des kühnen Dichters Jugend, der es sich zur Lebensaufgabe gestellt zu haben schien, den Kampf mit dem herrschenden modernen Heidenthume aufzunehmen. Leider ist uns das formgewandte Talent Nedwitz' verloren gegangen. Seine Verschwommenheit und sein krankhafter Pietismus wurden ihm selbst eine Schlinge zum Falle. Pantheismus und nackter Materialismus waren die Systeme, in deren Dienste seit den vierziger Jahren durch drei volle Decennien die deutsche Dichtung vorherrschend stand. Von katholischer Seite geschah dem gegenüber wenig, oft soviel wie gar nichts. Die Ungunst der Verhältnisse, die Allmacht der liberalen Tagespresse, kurz, Alles hatte sich verbunden, jedes aufstrebende katholische Talent entweder todtzufchweigen oder positiv zu bekämpfen. Nur so ist es erklärlich, wie man vielfach katholischerseits allmählig dazu kommen konnte, ein gewisses Vorurtheil gegen jegliche Art von Literatur zu fassen. Man war gar oft geneigt, die gegenMrtige. V e,r- L8 Irrung der Poesie mit ihrem Wesen zu verwechseln. Und man dachte nicht daran, daß diese formvollendeten krystallenen Schalen erst dann ihren wahren Werth erhielten, wenn der echte, reine, goldene Lebenswein in sie gegossen wird, und daß die Poesie, getragen und durchdrungen von einer großartigen Weltanschauung, wie das Christenthum sie bietet, ungleich mehr Gutes stiften werde, als sie im andern Falle Unheil anrichtet. Das war ungefähr die trostlose Lage und Stimmung in jener Zeit, da k. Kreiten auf der literarischen Arena erschien und seine volle Kraft sammt seinem reichen, ausgedehnten Wissen in den Dienst einer katholischen Poesie stellte. In einer ereignißvollen, gährenden Zeit, am 22. Juni 1847, zu Gängelt in der Nheinprovinz geboren, besuchte k. Kreiten zunächst die Bürgerschule und trat dann schon mit 16 Jahren zu Münster in den Orden der Gesellschaft Jesu ein. Hier vollendete er seine klassischen Studien und ging 1867 zum Studium der Philosophie nach Maria-Laach, woran sich ein zweijähriger Aufenthalt zu Amiens in Frankreich anschloß. Im Jahre 1870 kehrte er nach Münster zurück und hörte auf der dortigen Akademie ein Jahr lang Geschichte und Aesthetik. Hier verkehrte er besonders viel mit dem ausgezeichneten Aesthetiker, dem erblindeten Professor Schlüter. Als er hierauf in Folge des Jesuitengesetzes im Dezember 1872 die Heimath verlassen mußte, wurde er nach Aix in Südfrankrcich gesandt, wo er 1873 die Priesterweihe empfing.'"" 1874 — 75 absolvirte er zu Castres bei Toulouse sein drittes Probejahr und ward dann als Seelsorger und Lehrer am Kollegium nach Lyon und 1876 als Mitredacteur der „Stimmen aus Maria-Laach" nach Schloß Tervueren bei Brüssel geschickt. In dieser Eigenschaft lebt er seit 1878 zu Kirchrath in Holland. Das ist in Kürze der Lebensgang k. KreitenS. Seine Hauptschaffenszeit beginnt mit dem Jahre 1876, von jener Zeit an, da er zum Mitredacteur der Laacher Stimmen ernannt worden war. Ueber die Bedeutung dieser Zeitschrift brauche ich an dieser Stelle wohl nichts mehr zu sagen. Es ist ja ausgemacht, daß die aus ihrem Vaterlands vertriebenen Jesuiten gerade durch diese Blätter einen großen Einfluß auf die Hebung der katholischen Wissenschaft und Literatur in Deutschland und auch auf die Richtung der Geister ausgeübt haben. Obgleich sehr leidend und oft wochenlang an das Krankenlager gefesselt, entwickelte k. Kreiten doch eine ungemeine Rührigkeit. Vor Allem beschäftigten ihn literarische und literarhistorische Arbeiten, die er in den Laacher Stimmen veröffentlichte. Hier hatte er bald die Rolle eines Vertheidigers, bald die eines Angreifers zu übernehmen: immer aber bewährte er sich als einen gerechten, scharfsinnigen und geistreichen Kritiker. Eine kurze Uebersicht über die Aufsätze, die er seit 1874 in der genannten Zeitschrift veröffentlichte, mag einen Begriff geben, von dem Willensstärken Bienenfleiße und der Vielseitigkeit k. Kreitens. Jahrgang 1674 Die FrohnlcichnamSspiele des KönigS Rens. „ 1875 Felibre und Felibrige. Studien über die proveiixalische Literatur der Gegenwart. „ 1876 Jacques Cretincau-Joly. „ 1877 George Sand. Eine literarhistorische Skizze. „ 1877/78 Fernan Caballero. „ 1878 Friedrich August von Klinkowström. , „ Soldat und Christ. » , Vier ungedruckte Briefe von Clemens Brentano. Jahrgang 1879 Dreizehnlinden. „ 1880 Aus einem alten Stammbuch. „ 1889/31 Clemens Brentano'S Chronika eines fahrenden Sckülcrs im ersten Entwurf. „ 1881/32 Dichterklänge aus Wcstphalcn. „ 1882 Zur Entstellung deö Exercitienbüchleins. „ „ Der Singschwan. „ 1882/83 Weibnachtcn in der Provence. , 1883 Eugene Tue oder Professor der Kirchen- gcschichte? „ „ Louis Venillot. „ „ Annette von Drostc-Hülöhosfs literarischer Entwickelungsgang. „ 1684/65 Molisre. Eine Episode aus Bischof LaurentS Leben. Der neueste Neligionsstifter und sein Evangelium. Die Rudhard-Sagc. Ist Voltaires Glaubenöbekenntniß vom Jahre 1769 „gefälscht" und ein „Muster psäjfischer Jntriguenkunst" ? Ncrto. Eine provengalische Dichtung. Zu spät erkannt. Der Tod BaldurS. Ist Voltaire todt? Randglossen zu preisgekrönten und nicht preisgekrönten Gedichten der Gegenwart. Dahnö neueste Erzählungen. Säculäquat oder statuarisch. Ein seltsamer Roman. Wie man „Probleme" löst, von denen man nichts versteht, oder „Dahiel, der Convcrtit". Ein Roman. Zwei neue erzählende Gedichte: I. Unterm Krummstab, II. Jörg von Falkenstein. Ein Wort über „Jesus Romane". Die Fahne deS gebildeten Oesterrcichcrthums? Ungedruckte Briefe von Joseph v. Eichcn- dorff und Karl Ernst Jacke an Lebrccht Dreves. Es geht lustig weiter! (Besprechung eines Enstav-Adolph-Festspiels von Haiser.) Dichterisches aus Amerika. Wie man Wörterbücher schreibt. Der heil. AloysiuS und sein Mahnwort an unsere Zeit. (Zur Fcstfeier des 21. Juni 1891.) Zwei neue christologische Gedichte. Blasinö Pascal. Ein Charakterbild. Die Provinzialbriefe Pascalö. Pascals letzte Jahre. Die Lieder des Mirza-Schasfy. Felix Dahn's neuester Roman „Julian der Abtrünnige". Bedenkt man, daß Vieles hiervon, ja vielleicht das Meiste auf dem Krankenlager entstand, dann kann man nicht genug die hingebende Liebe und die Akribie bewundern, mit der all diese gehaltvollen Aufsätze geschrieben sind. Dazu ist der Stil k. Kreitens klar und durchsichtig und gewandt, so daß selbst die Gegner niemals diesem ihr Lob vorenthalten konnten. An dieser Stelle möchten wir auch darauf hinweisen, daß wohl recht viele Freunde k. Kreitens ihm zu großem Danke verpflichtet sein würden, falls er all diese Aufsätze in einem eigenen Buche sammeln und herausgeben wollte. Viele kleinere Recensionen und Besprechungen, in denen der Kritiker die bemerkenswerthesten katholischen Novitäten des literarischen Marktes notirte und re- gistrirte, mußten wir natürlich in dem vorstehenden Register übergehen. Außerdem aber betheiligte sich k. Kreiten noch an der Abfassung einer Biographie und Charakteristik Brentanos, gab die nachgelassenen Gedichte und Novellen seines Freundes und Ordensbruders Diel heraus. 1885 § 1886 1663 1889 1839/9L 1890 1891 1892 1893 1894 99 veranstaltete eine Sammlung der Gedichte unserer größten deutschen Dichterin, der Annette v. Droste-Hülshoff, deren echte, reine Katholicität er protestantischen Literarhistorikern gegenüber in seinen „Studien" nachwies; schrieb ein Leben Voltaires und MoliereS und übersetzte endlich den Liedercyklus „Bethlehem" deS proven?alischen Troubadours Abbs Lambert. Das ist in großen Zügen die Wirksamkeit des Kritikers und Literarhistorikers k. Kreiten. So gedrängt auch diese Notizen sind, so wird doch Jedermann zugestehen müssen, daß ein solches Wirken und Schaffen nicht ohne Einfluß auf die gleichzeitig erst im Entstehen begriffene katholische Literatur sein konnte. Adam Weishaupt. Von Adam Hirschmann. (Fortsetzung.) Um nun die deistischen, antimonarchischen Grundideen des Jngolstädter Geheimbundes, welche nach Knigge's eigenem Urtheil „für die Welt wahrhaftig gefährlich waren", durchzuführen, forderte der Stifter von seinen Anhängern blinden Gehorsam, vollständige Unterwürfigkeit gegen unbekannte Obere. (Einige Originalschriften S. 28, 40, 300.) „Höhere Grade, heißt es in den Maximen für den Negentengrad (Neueste Arbeiten II, 166), müssen den untern allezeit verschwiegen bleiben. Man ist geneigter von Personen, die man nicht kennt, Befehle anzunehmen, als von Bekannten, an denen man uach und nach allerlei Mängel wahrnimmt. Man kann auch die Untergebenen besser beobachten, und diese werden sich besser und vorsichtiger betragen, wenn sie immer von Ausschern umringt zu sein glauben, und solange gut handeln, bis ihnen die Tugend zur Gewohnheit wird." Der Orden forderte eine totale Unterwürfigkeit in Rücksicht auf Ordens-Angelegenheiten. „Die Mitglieder haben die Kunst zu erlernen, sich zu verstellen, andere zu beobachten und auszuforschen." „Stillschweigen ist das größte Gesetz, deßwegen ist es nicht erlaubt, auch gegen vermeinte Ordensbrüder von dem Orden, von seiner Aufnahme zu reden." Die Gesellschaft sollte so verborgen als möglich bleiben, damit nicht die ganze Gesellschaft auf einmal verrathen werden konnte und damit die obern Knigge sagt: „Wenn ich die Entstehungsgeschichte, ihre wahrhaftig für die Welt gefährlichen, von mir in allen Heften moderirten Grundsätze gewissen Männern vorlegen wollte — wer würde bleiben? Was ist der Priestergrad gegen ihre Mittel zu guten Zwecken, gegen die unverzeihlichen Unbilligkeiten gegen Walter, Leveling u. s. w.?" (Nachtrag I, 124.) Das allgem. Handbuch der Freimaurerei, Leipzig 1865, sagt II, 14: „Denn so edel die Absichten des Stifters waren, so verkehrt waren die Mittel, mit welchen diese in das Leben gesetzt werden sollten." Um die „edlen Absichten" WeiöhauptS zu erhärten, beruft sich das Handbuch aus die Stelle in Pythagoras S. 35, wo WeiS- baupt sagt: „Was ist größer als die Kunst, sclbstdenkcnde Menschen aus allen Welttheilen, von allen Ständen und Religionen, unbeschadet ihrer Denkfrciheit, trotz aller so verschiedenen Meinungen und Leidem chasten, durch ein gegebenes höheres Interesse, in ein einziges Band dauerhaft zu vereinigen, sie dafür glühend und aus den Grad empfänglich zu machen, daß sie in der größten Entfernung als gegenwärtig, in der Unterordnung als Gleiche, daß Viele wie ein einziges Handeln und Begehren und aus eigenem Antriebe, aus wahrer Ueberzeugung von selbst thun, waS kein öffentlicher Zwang, seit Welt und Menschen sind. bewirken kann? — Die Gesellschaft, welche dieses leistet, und diese ganz allein, ist das Meisterstück der menschlichen Vernunft; .in ibr und durch sie bat die Ne- gicrungSkunst ihre höchste Vollkommenheit erreicht." Allem Wcisbauvt spricht hier ganz allgemein; und die Gcscbichie seines eigenen Ordens beweist, daß diese Gründung nicht das Meisterstück der menschlichen Vernunft war. verborgenen Glieder die unteren um so bester beobachten konnten. (Einige Originalschr. S. 40—43.) Ja, Weishaupt scheute auch vor wissentlichem Betrüge nicht zurück, wenn es das Interesse seines GcheimbundeS erheischte: „So, wie er sie betrogen hat, schreibt ir über Ajax (Hofkammerrath Mässenhauser) nach München, so betrügen sie ihn ebenfalls." (Ebendas. S. 198; vergl. S. 326.) Den Vorgesetzten mußten alle Vierteljahre genaue Berichte — tzuibrm lioot genannt — von den Untergebenen eingereicht werden, welche dann dem General deS Ordens vorgelegt wurden. In Folge dieser Ueberwachung nach Art der Geheimpolizei konnte Weishaupt 1779 über Eichstätt berichten: „Da kenne ich Leute, die mir nicht einmal von Person bekannt sind, so genau, als wenn ich täglich mit ihnen umginge." (Ebendas. S. 334.) Die Eichstätter waren aber auch sehr naiv; sie leben und sterben darauf, sagt Weishaupt, die Sache sei so alt als Methusalem! (Ebendas. S. 202.) Wirklich einsichtsvolle, denkende Männer wurden indessen durch die Heimlichkeit vorn Eintritts in den Orden abgehalten; so äußerte Lamezan: Er könne sich nicht entschließen, in eine Gesellschaft zu treten, deren Obere und Mitglieder ihm gänzlich unbekannt seien und die gleichwohl Gehorsam von ihm fordern und ihm neue Verbindlichkeiten auflegen wollen. Dann sei es ihm auffallend und bedenklich, daß heimliche Aufseher angeordnet seien, die über die Sitten und Aufführung anderer Mitglieder Acht haben sollen. Sowohl mit der Erfahrung als auch besonders aus den Jesuiten-") und Mönchsschnlen wäre ihm erinnerlich, daß dadurch keine wahrhaften und tugendhaften Menschen gebildet, sondern meistens nur Scheinheilige und Heuchler gezogen würden. (Nachtrag I, 176.) Um die Geheimnißthuerei zu steigern und sich vor Entdeckung zu schützen, führte Weishaupt eine eigene Ordensgeographie ein. So nannte er Bayern Achaja, Schwaben Pannonien, Franken Jllyrikum, Oesterreich Aegypten; München hieß Athen, Freising Theben, Eichstätt Erzerum, Bamberg Antiochia, Nürnberg Nicora, Landshut Delphi, Jngolstadt Eleusis ober auch Ephesus; Würzburg Karthago, Erlangen Sagunth. Die Zeitrechnung war den Persern entlehnt; die Zahlen dienten als eigene Ordens-Chiffre; 12 bedeutete a und bildete den Schlüssel. Die Mitglieder selbst erhielten eigene Namen, welche MeistentheilS der griechischen oder römischen Geschichte entnommen waren. So nannte sich Weishaupt sehr bezeichnend Spartakus (Vergl. Histor.-polit. Blätter 1891 Bd. 107 S. 124—135); der kurfürstliche Hofkammcr- rath Mässenhauser hieß Ajax; Professor Bader Celsus; Bassus Baron von Sanderstorf führte den Namen Han- nibal; Buecher, Pfarrer von Englbrechtsmünster, wurde Ulrich von Hütten genannt;^) Repetitor Duschel von Jngolstadt Deucalcon; Dosch, Stiftspfarrer zu Strau- bing, Lucianus; Fischer, ehemaliger Stadtoberrichter zu Jngolstadt, Menippus; der Benediktinermönch Finner Mnsonius; Gerstner, Stadtschreiber zu Eichstätt, Ottin;- Pfarrcr Gerhardinger Plato; ein Kanoniker zu Eichstätt bei St. Walburg hieß Moyses; ein anderer unbenannter Priester Eichstätts Tasso; Häffelin, Vicepräsident deS ") Die Studienordnung von 1599 kennt keine geheimen Aufseher. Pachtlcr II. 366 nr. 37, 394 ur. 36, 458 ur. 7. '-) Umcrni 13. August 1783 schreibt Marius (Hcrtel) an Hannioal (Baron Bassus zu Sandersdorf): „Ich muß schließen, weil wir den Ulrich von HuUen stants xeäs zum Gr. Jllum. befördern müssen." (Nachtrag v. Originalschr. I, 141.) geistlichen Rathes, Philobiblius; Hohenadel, Kloster- richter zu Steingaden, Pisistratus; der Benediktinermönch k. Placidus Herler im Kloster heil. Kreuz zu Donauwörth wurde Viucentius Garaffa benannt, wahrend Dompropst Kobenzl zu Eichstätt Arminius hieß. Bene- fiziat Lanz trug den Namen Sokrates; Lang, kapitlischer Beamter in Eichstätt, jenen von Tamerlan; der Hofrath Baron MontgelaS hieß Musäus; Michl, Priester und Hofmeister beim Baron Weiden zu Freising, Solon; Graf Pappenheim, Stadthalter zu Jngolstadt, Alexander; die beiden Pettenkofer wurden Pylades und Orestes benannt ; Graf Preysing in Moos Pelopitas; Graf Seinsheim, Oberlandes-Negierungs-Viceprüsident, Alfred; Sauer, Kanzler zu St. Emmeran, hieß Attila; Speer, geheimer Kabinetskanzlist beim Bischöfe zu NegenSburg, Argus; Sedlmaher, Pfarrer zu Biburg, Cäsar d'Avalos; Graf Spauer, Domherr zu Salzburg, Diogenes; Socher, Pfarrer von Haching, Hermes; Kanonikus von Schneid in Straubing Horatius; Trexel,") Weltpriester und Schuldirekior in Jngolstadt, Pythagoras; Winterhalter, Physikus zu Landsberg, Democedes; Zwack, Regierungsrath in Landshut, Cato; der Pfarrer zu Windisch- Eschenbach, dessen bürgerlicher Name in der Liste nicht genannt ist, hieß Demetrius Valerius; von Löwenthall, Kanzler zu Amberg, Ephorus; Baron Egcker zu Amberg, Negierungsrath, Periklcs; Pfarrer Niedermayer zu Williug Suetonius u. s. w. (Hist.-pol. Blätter 1883 Bd. 103 S. 926—941.) Fragen wir nunmehr nach der Ausbreitung des Ordens, so war die Mitgliederzahl anfänglich eine sehr beschränkte; im Jahre 1778 belief sich dieselbe auf 40 Köpfe. (Einige Originalschr. S. 297.) In Eichstätt hatte Weishaupt selbst im September 1776 Boden zu gewinnen versucht; als erster wurde Lang unter dem Ordensnamen Tamerlan im Dezember 1776 aufgenommen; im Laufe des nächsten Jahres folgten noch einige Neuwerbungen, so daß Weishaupt unterm 13. März 1778 berichten konnte: „In Eychstätt werden sie die wenigsten kennen. Genug 2. 12. 13. 6 (d. h. Lang) unter dem Namen Tamerlan dirigirt und seinem Eifer habe ich zu danken Odin (Gerstner), Tasso, Osiris (Barth), Lukullus (Klug), Sesostris und Moyses (Starkes Derselbe wurde 1802 Professor an der Universität Lands- hnt, 1618 Pfarrer in Viechtach. Von ihm liegt oaS Stamm- bucbblatt vor: „Welches ist die Religion eines Menschen oder Volkes ohne Aufklärung? Nichts weiter als Gedächtnißwerk, als Cäremoiüeuwerk, als Heuchlerdienst, als Selbstbetrug. Die niedrigsten Begriffe von der Gottheit und ebenso niedriges, knechtisches, kindisches Verhalten gegen dieselbe, die abergläubigsten Vorstellungen von der Wunderkraft gewisser Worte (Trexel meinte wohl die Consccrationöworte) und feierlichen Gebräuche und Außenhandlungcn, und ein ganz blindes Vertrauen auf diese Worte und Gebräuche und Handlungen, ängstliche Ge- wisscnbastigkeit in glcichgiltigen und roher Leichtsinn in den wichtigsten Dingen, sklavische Furcht und eitle Hoffnung. Eifer ohne Verstand, Glaube ohne Tugend, Frömmigkeit ohne Menschenliebe, strenge Beobachtung willkürlicher Vorschriften und Gebote und gemeinschädliche Entbindung von den unablässigsten Pflichten! And welches ist die Religion des aufgeklärten Mannes und eines Volkes, wo man das Licht nicht scheut, wo man ihm den Zugang zu dem Verstände des Menschen gerne öffnet? Das Gegentheil von jenem." > Lxmlio!: vises saxoro et lastari. Jngolstadt, den 9. Junius 1785. . Dehnliche Anschauungen hegte Wolfgang Hobmann, Priester bei den Bartholomäern in Jngolstadt, der 1808 als k. b. Obcr- Schul- und Studicnrath das Elemcntarschulwescn des ganzen Königreichs Bayern in die Hände bekam. Past.-Bl. des Bislh. Eichstätt 1865, 211. mann). Sind diese nicht gute Progressen?" (Ebend. S. 221.) In einem anderen Briefe, datirt aus Erzerum den 25. Merdedmeh 1148 (Eichstätt den 25. August 1778), bemerkt er: „Ich wünsche, daß in Athen (München) mit so vielem Eifer und Fortgang gearbeitet werde, als es in hiesiger Gegend geschieht. Dieser Tagen wird von Tamerlan ein allhiesiger Domherr B. v. 17 — (Ried- heim?) engagirt werden.^) Und ich habe auch vor kurzem wiederum einen angetroffen, der an Eifer und Arbeitsamkeit Tamerlan übertrifft. Hier ist es den Leuten wirklich Ernst. Ihre Genauigkeit in Befolgung ihrer neuen Pflichten ist äußerst und sie lassen sich sozusagen maschinenmäßig dirigiren. Mit den Freisingern bin ich nicht zufrieden." (Ebend. S. 257.) Die Eichstätter Loge hieß zu den Plejaden (ebend. S. 311 )^) und war im jetzigen bischöflichen Palais rückwärts eingerichtet. In München konnten im Jahre 1778 zwei Convente und zwei Logen eingerichtet werden. (Ebend. S. 219.) Nach den Angaben Schreibers (Geschichte Bayerns II, 245) lebten damals (1778) in München allein über 300 Jlluminaten aus allen Beamtenzweigen, sowie der höheren und niederen Geistlichkeit, darunter der Vicepräfident des „Geistlichen Rathes" Häffelin, welche ihre Loge in einer Ecke der Hackergasse hatten. In Rücksicht auf die von Dr. Max Lingg in den Historisch-politischen Blättern Bd. 103 mitgetheilte Liste der Mitglieder vor 1782 dürfte jedoch diese Zahl zu hoch gegriffen sein, da sich daselbst nur 227 Namen verzeichnet finden, welche aber nicht ausschließlich auf München entfallen. Weishaupt selbst schreibt unterm 2. September 1778 von Eichstätt nach München: „Denn waren in dem elenden Erzerum 8 bis 10 tüchtige Personen aufzutreiben, warum sollte es in dem weitläufigen Athen ebenfalls nicht geschehen können?" (Einige Originalschr. S. 263.) Freilich waren nicht immer die besten Männer Anhänger des Jngolstüdter Geheimbundes. So jammert Weishaupt über München: „Urtheilen Sie weiter, wenn ein solcher Mann, wie Markus, erführe, wie elend es in Athen (München) aussieht: welchen Auswurf von unmoralischen Menschen, von Hurern, Lügnern, Schulden- wachern, Großsprechern und eitlen Narren Sie unter sich haben? wenn er das alles sähe, was glauben Sie, daß der Mann denken würde?" Ja, Weishaupt steht nicht an, den harten Ausdruck zu gebrauchen: „Diese Lumperleute find ohnehin nicht zu erhalten; sind keiner Disciplin fähig, versprechen und zahlen nicht, wie es ihre Ausstände beweisen." (Nachtrag von Originalschr. I, 42—44.) Unterm 12. Februar 1781 beklagt sich der Stifter dem Cato (Zwack, Regierungsrath in Landshut) gegenüber in einem vertraulichen Briefe: „Der Zustand ihrer Provinz ist erbärmlich, so elend, daß ihm nicht mehr zu helfen ist. . . . Wenn Philo (Knigge) das alles erführe, so ging er den Augenblick zurück, er, der in dem Orden auch nach der Entdeckung nichts als Ordnung, Schönheit und das vortrefflichste Gebäude zu finden glaubt. Nicht nur ihre Provinz, auch alle, die unter dem Direktorio der athenienser Areopagiten stehen, sind elend, verwahrlost." (Einige Originalschr. S. 867—368.) Noch schlimmer stand es in Freistng: «Von Theben, schreibt Weishaupt, höre ich fatale Nachrichten, sie haben das Skandal der ganzen Stadt, den liederlichen Schulden- ") Sich, Die Bischöfe und ReichSsürsten von Eichstätt II, 690. >°) Saö. I. °. II. 686. II. 659. 101 wacher Propertius") in die Loge aufgenommen, der nun das ganze Personal von Athen (München), Theben (Frei» sing) und Erzerum (Etchstätt) aller Orten austrompet: auch soll D — — ein schlechter Mensch sein. Sokrates (Benefiziat Lanz), der ein Kapital-Mann wäre, ist beständig besoffen, AugustuS (Graf Königsfeld, Domherr zu Freising) in dem übelsten Ruf, und' Alcibiades (Hoheneichner, Hofrath zu Freising) setzt sich den ganzen Tag vor die Gastwirthin hin und seufzet und schmachtet; Tiberius (Merz aus Naumburg) hat in Corinth (Regensburg) des Democedes (Winterhalter, Arzt in Landsberg) Schwester nothzüchtigen wollen und der Mann kam dazu. Um des Himmels willen, was sind das für Areopagiten l" Am Schlüsse fügt der Stifter noch die Klage bei: „O Areopagiten, Areopagiten! hätte ich, wenn es Möglich gewesen wäre, gar keine oder doch wenigstens thätigere und folgsamere dazu gemacht." (Nachtrag von Originnlschr. I, 39—40.) Uebrigens hatte Weishaupt, der mit nebelhaften Ideen und knabenhaften Einfällen die Sitten der Welt verbessern wollte, keinen Grund, mit pharisäischem Hochmuths auf die Ausschreitungen seiner Ordensbruder herabzusehen; er selbst war am wenigsten tadelfrei, wie wir später noch hören werden. Eine sehr mißliche Sache für den jungen Geheim- bund waren die finanziellen Schwierigkeiten. Jeder Kandidat sollte vor seiner Aufnahme einen Geldbeitrag leisten: Leute von Vermögen eine Karolin (11 fl.), weniger Reiche einen Dukaten, geringere nach Belieben. (Einige Ori- ginalschr. S. 36.) Aber gar manche Ordensmitglieder dachten an ihr Privatinteresse. So klagt Weishaupt in einem Briefe an Cato aus dem Jahre 1778: „Wenn Ihnen der Abzug für Korrespondenzen erlaubt ist, so gilt dem Scipio (von Berger, Nevifions-Nath), Marius (Benefiziat Hertcl in München), Tiberius (Merz aus Naumburg), Alcibiades (Hoheneichner, Hofrath zu Freising), Solon (Mohl, Priester und Hofmeister beim Baron Melden zu Freising) und mir ein gleiches. Mich kostet die Ordenscorrespondenz jährlich über 30 fl.") Verrathet dieß wieder neuerdings Ihre Absicht, den Orden nur zu Ihrem Privatvortheil zu gebrauchen. Ich bin bereit, mein Hab und Gut für das Beste der Gesellschaft abzuziehen. Und Sie nehmen bei dem ersten Erlag von 17 fl. über 11 fl. hinweg; ist das socialisch? Was läßt sich da hoffen? Mir möchte das Herz bluten, wenn ich an einem Theil gar soviel Eigennutz und sowenig Liebe für's Ganze sehe. . . . Von was werden wir nunmehr die Jnsignien, Wappen u. s. w. bezahlen? Weil ich sehe, daß man mit unserem Gelde so umgeht, so kann man mir ja nicht verdenken, wenn ich von Erzerum (Eichstätt) keinen Beitrag nach Athen (München) machen lasse. Diese Oekonomie gefüllt mir nicht, und ich habe Sorge, wir gerathen auch noch durch Administration unserer Kassa in Schand und Spott." (Einige Originalschr. S. 295.) Jene, welche nicht im Stande waren, eine Geldeinlage zu machen, sollten kleine, der Zeit entsprechende satirische Aufsätze und Gedichte liefern, welche zum Drucke befördert werden könnten, um „etwas Geld daraus zu lösen. Denn nur für die Kassa gesorgt, das ist das -°) Nach Hist.-pol. Bl. Bd. 103 S. 930 u. 940 war Pro- pertiuS mit dem bürgerlichen Namen: Franz, Wachs- Hof- und Ehrghrts.-Sckret. zu Hanau. Weishaupt scheint auch die amtliche Postfreiheit für seine Zwecke benutzt zu haben. So fragt er am Schlüsse eines BriefeS nach München vom Jahre 1778: „In wiefern kann die Post- freiheit des Cato noch benutzt werden." (Einige Originalschr. S. 263.) erste; sobald ich weiß, daß schon eine Einlage und wie viel geschehen, so folgt meine Karolin auch." (Ebend. S. 319.) Wirklich sehr vorsichtig und schlau gehandelt von Weishaupt! Er empfahl den Schriftstellern: „eine Parodie von den Lamentationen Jeremiä. Ein Klage» lied in poetischer Prosa über den Zustand von Baiern in dem Geschmack von Thomsons Britania oder Uoungs Nachtgedanken, v. g. Lavaria,. Hier müßte Baiern redend eingeführt werden. Oder auch Prophezeiungen im orientalischen Stil. Satyrische Schriften, die nicht zu sehr in das pasquillenmäßige verfallen. Ich für meinen Theil, gesteht der Ordensstifter im Briefe vom 4. April 1779, will die Parodie von den Lamentationen Jeremiä übernehmen. Schickt sich gut auf die Zeit" (ebendaf. S. 323), aber schlecht für einen gebildeten Mann! Um die Kassa auf besseren Fuß zu stellen, faßte Weishaupt ein andermal den Plan, in alle Genueser Lotto die nämliche Nummer zu setzen, und zwar zu gleicher Zeit. (Ebend. S. 250.) Ein weiterer Rathschlag ging dahin, Lesebücher, Romane, Komödien sammeln zu lassen. Weishaupt war bereit, auch von seinen Büchern einen großen Beitrag herzugeben; „ich habe ausspekulirt, schreibt er an Ajax (Hofkammerrath Mässenhauser zun.), daß sie für uns eine Finanzquelle werden." (Ebend. S. 177.) Aengstlich war hierin der Ordensstifter durchaus nicht. So schrieb er am 6. April 1779: „Marius (Benefiziat Hertel) hat noch etwas davon (von Handschriften) aus der Hofbibliothek, er soll es uns mittheilen, und soll sich durchaus keinen camuri oonseisntiaa (Gewissensbedenken) machen; denn nur was Schaden bringt, ist Sünde; und wenn der Nutzen größer wird als der Schaden, so wird es gar zur Tugend. (Saubere Moral!) Bei uns nützen sie gewiß mehr, als wenn sie hundert Jahre in ihrem Orte eingesperrt stehen. Tiberius (Merz aus Naumburg) hat die im beiliegenden Katalog aufgeschriebenen Bücher alle in der Karmelitenbibliothek zu Navcnsburg erobert. Was thun die Kerls mit diesen Büchern? . . Den überschicktcn Vücherkatalog senden Sie auch dem Tiberius; denn er ist vielleicht im Stande, auf seinen Feldzügen in den schwäbischen Bibliotheken manchen zu erhäschen. "^) (Ebend. S. 330.) (Fortsetzung folgt.) Em Blatt aus der belgischen KircherrgeschichLe. H,. N. Bei der neuen Diözesaneintheilung der Niederlande unter Philipp II. im Jahre 1559 wurde Gent, die Hauptstadt Ostflanderns, Bischofssitz und bekam in der Person des hochgefeierten Exegeten Jansenius — nicht zu verwechseln mit dem berüchtigten Jansenius von Apern, nach welchem die Sekte der Jansenisten ihren Namen erhielt — seinen ersten Bischof. Einer seiner bedeutendsten Kircheufnrsten ist zweifellos der dem französischen Hochadel entsprossene Mauritius Johannes Magdalena de Broglie. Bereits unter dem 17. November 1805 Bischof von Acqui in Piemont geworden, wurde er von Papst Pius VII. unter dem 3. August 1807 auf den belgischen Bischofsstuhl zu Gent transferirt. Fast 14 Jahre war er der geistliche Oberhirte dieser volkreichen, gut kathol» ischen Diözese, hatte aber während genannter Zeit einen fast beständigen Kampf für die Rechte der Kirche zuerst Hohencicher hat sich erboten, zu unserer Gewcin-Dibliothek nach München zu saniineln und er wird insbesondere aus der domkapitliichen zu Freising sehr wichtige Beiträge liefern. (Einige Originalschr. S. 242.) gegen die StaatSomnipotenz Napoleons I., dann gegen die Eingriffe der holländischen Regierung unter dem Dränier Wilhelm I. in das innerste religiöse Leben der Kirche zn führen. Den größten Theil seiner bischöflichen Amtsthätigkeit brachte er in der Verbannung zu. Welch bewunderungswürdigen Eifer dieser edle Kirchenfürst während seiner 14jährigen Regierung (3. Aug. 1807 bis 20. Juli 1821) in der Vertheidigung der Rechte der Kirche entfaltet, waS er im rechtmäßigen Kampf mit der alles erdrückenden Staatsallmacht Napoleons I. und dem katho- likcnfeindlichen Geiste der protestantischen Regierung Wilhelms 1. von Holland erduldet, soll in Nachstehendem dem freundlichen Leser als eine traurige Episode der belgischen Kirchengeschichte im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts vor Augen geführt werden. Schon im Jahre 1809 hatte der Fürstbischof von Gent, Broglie, die Unzufriedenheit des Kaisers Napoleon erregt. Ein offizieller Bericht deS Cultusministers an den Bischof that letzterem kund, der Kaiser sei unzufrieden ob der geringen Aufmerksamkeit, welche der Bischof seiner Person schenke. Er bringe zu viel Vertrauen einem seiner Generalvtkare, der nicht geeignet sei, die Gemüther für die Regierung zu stimmen, entgegen. Die Folge dieser ministeriellen Rüge war, daß der Bischof diesen dem Kaiser nicht genehmen General- vikar entlassen mußte. Ein Jahr später wurde Broglie zum Mitgliede der sogenannten „Ehrenlegion- ernannt, weigerte sich jedoch, den damit verbundenen Eid zu leisten, weil derselbe gegen Recht und Gerechtigkeit verstoße. Er entwickelte diese Weigerung in einer eigenen Denkschrift an den Minister. Als ihn bald nachher Napoleon zornig hierüber zur Rede stellte, erklärte der Bischof freimüthig : man könne nicht von ihm etwas verlangen, was mit seinem Gewissen im Widerspruch stünde. Doch all das waren nur leichte Vorpostengefechte. Der Hauptkampf begann im Jahre 1811. Napoleon hatte für dieses Jahr ein Nationalconcil nach Paris zusammenberufen. Unter andern ließ er den dort versammelten Bischöfen die Frage vorlegen, ob das Naiionalconcilium befugt sei, über die kanonische Einsetzung der Bischöfe zu beschließen, ohne die vorherige Dazwischenkunft des Papstes in den Fällen, wo das Concordat als abgeschafft erklärt wäre. Die Mehrzahl der Concilsväter entschied sich, den kirchlichen Satzungen entsprechend, für die Nichtbcfugniß und ließ am 10. Juli (1811) durch eine Commission, deren Mitglied der Bischof von Gent war, dem Kaiser die ablehnende Antwort zukommen. Der fein gesponnene Plan Napoleons, selbstthätig, d. i. ohne die Zuhilfenahme des Papstes, die Bischofsstühle seines Reiches nach seinem eigensten Belieben zu besetzen, war damit gründlich zu nichte gemacht, sein Zorn aber auch auf's heftigste erregt. Noch am selben Abend erschien das von ihm unterzeichnete Dekret der Concilsauflösung. In der darauffolgenden Nacht vom 10. auf den 11. Juli wurden drei Bischöfe, Msgr. de Broglie von Gent, Mfgr. Hirn von Tournay und Msgr. de Boulogne von Trotzes, aus den Betten geholt und mit den Theologen der zwei erstgenannten Bischöfe, den Herren Van de Vclde und Duvivier, in den Kerker zu Vincennes geworfen; denn diese drei Bischöfe galten dem Kaiser als die Verführer der Uebrigen, und darum sollten sie vor allem erfahren, was es heiße, den Plänen des gewaltigen Kaisers entgegenzutreten. Weder List noch Gewalt wurde gespart, um die Bischöfe zur Abdankung zu bewegen und nachgiebigere Persönlichkeiten an ihre Stelle zu bringen. Man rang zwar ein vom 22. November 1811 datirtes Versprechen, sich nicht mehr in die Regierung ihrer Diözesen einmischen zu wollen, den drei Bischöfen ab, doch das genügte Napoleon nicht. Er wollte eine bestimmtere Abdankungs- Urkunde. So wurde denn mit der größten Härte besonders gegen den Bischof de Broglie vorgegangen. Man schleppte ihn in den verschiedensten Kerkern und Verbannungsorten herum, bis er schließlich nach Dijon gebracht wurde. Hier verlangte der Unterpräfect geradezu unter Todesdrohungen die Abdankung. Erschöpft durch Krankheit und Entbehrungen aller Art, unterschrieb endlich Broglie am 8. Juli 1813 nach achtstündigem, heißem Kampfe mit sich selbst die vorgelegte Erklärung; aber alsbald ergriffen ihn die größten Gewissensbisse ob dieses Wankelmuthcs, und er gab in einem Schreiben an den heiligen Vater und in einem Hirtenbriefe an seine Diö- zesanen seiner Neue hierüber den edelsten und offenherzigsten Ausdruck. Als man ihm daher am 30. November 1813 eiue neue, noch eingehendere Verzichtleistnng abverlangte, widerstand er trotz aller Drohungen auf'S unerschütterlichste. Während man den Bischof in seinen Gefängnissen mit der Unterschreibung der Abdankungsurkunde quälte und peinigte, ging man in Gent gegen den seinem Bischöfe treu gebliebenen Klerus und die Alumnen des Priesterseminars zu Gent mit ähnlicher Rücksichtslosigkeit und Gewaltthätigkeit vor. Sofort nach der Gefangensetzung des Bischofes zu Paris in der vorhin erwähnten Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1811 wurden im bischöflichen Palaste zu Gent die strengsten Untersuchungen vorgenommen, die Papiere des Bischofes confiscirt und dessen Sekretär verhaftet. Die Regierung erklärte das Bisthum als rechtmäßig erledigt und befahl dem Domkapitel die Ernennung von Kapitularvikaren. Die durch diese Re- gierungsmaßregel angestiftete Verwirrung in der Gcnter Diärese eingehender zu schildern, würde zu weit führen; ich erwähne darum sofort jene Thatsache, daß Napoleon im April des Jahres 1813 einen Domherrn von Dijon, de la Brue de Saint-Bauzille zum Bischof von Gent ernannte. Durch diesen kirchlich ungesetzlichen Akt hatte Napoleon das Schisma in die Gcnter Diözese hineingetragen ; doch, wie es sich alsbald zeigte, mit sehr geringem Erfolge. Von den 1200 Priestern des Bis» thums ergriffen höchstens 30 die Partei des Staats- bischofeS. Die Alumnen deS Priesterseminars verweigerten gleichfalls dessen Anerkennung und blieben den feierlichen Gottesdiensten in der Domkirche, welchen der NegierungS- bischof beiwohnte, aus freiem Antriebe fern. Auch das Volk stand treu zu seinem rechtmäßigen Oberhirten. Als am 15. August, zugleich Napoleonstag, die feierliche Prozession in Anwesenheit des Staatsbischofes im Freien stattfand, nahmen außer demselben und seinem Sekretär nur 10 Geistliche theil, nämlich seine 4 Wähler, 3 Pfarrer und 3 andere Priester. Die Alumnen und die Bruderschaften blieben dieser Prozession ostentativ fern. Ueber die widerspenstigen Pfarrer wurde nun vom kaiserlichen Vikariate die Suspension verhängt. Ein Gerichtsbote überbrachte die Sentenz, sie wurde an den Kirchenthüren angeschlagen; darnach hatten sich die Schuldigen sofort aller Funktionen zu enthalten und durften nirgends im Bereiche der Diözese Messe lesen. Daß der Suspension von einer solch unkirchlichen Behörde seitens des seinem rechtmäßigen, in der Verbannung lebenden Bischöfe treu ergebenen Klerus keine Kraft beigemessen wurde, war selbstverständlich. War man ja doch bereits so weit ge- 103 kommen, nicht bloß auf die Befehle deS kaiserlichen Vi- kariates nicht mehr zu achten, sondern dieselben geradezu mit Spott zu erwidern. So hatte z. B. der Pfarrer von Moen die Ernennung zu einer Pfarrei höheren Ranges erhalten. Er sandte das Dekret sofort wieder zurück, nachdem er vorher unter dasselbe die bezeichnenden Worte des 49. Psalmes geschrieben: „Narr aeoipiuw äs äorno tun vitulo8, lie^u.6 äs grsgidus tuig lüroo8." „Von Deinem Hause nehme ich keine Kälber an, und die Böcke Deiner Heerde kannst Du selbst behalten." Besonders schwer mußten für ihre Ergebenheit an ihren verbannten Bischof die Alumnen oder Priesteramtskandidaten leiden. Nach der mißglückten Prozession am Napoleonstage (15. August) ließ der Departementspräfect durch ein Circular die Alumnen auf den 18. August Vormittags 10 Uhr inS ehemalige Kapuzinerkloster zu Gent vorladen. Sämmtliche Erschienene, 77 an der Zahl, blieben dem Versprechen, das sie sich einige Wochen vorher gegeben hatten, „lieber das Leben zu lassen, als gegen ihr Gewissen zu handeln", unerschütterlich treu. Zwei von ihnen, vornehmen Familien angehörig, ließ der Präfect zuerst in die Uniform der kaiserlichen Ehreu- garde stecken, und als sie auch jetzt noch die Anerkennung des Staatsbischofes verweigerten, ihnen die glänzende Uniform vom Leibe reißen und sie ins Zwangsarbeitsthaus (Rasxliuis) sperren. Weitere vier, die als Nädels- iführer galten, schleppte man sofort tns Gefängniß; alle Äbrigen, auch diejenigen, welche auf die Vorladung im Kapuzinerkloster nicht erschienen waren, im Ganzen ungefähr 150, wurden der Strafkolonne in der Festung Wesel am Rhein zugetheilt. Dort langten diese jungen, lüberzeugungstreuen Männer im September 1813 an. WaS sie von da ab während eines Zeitraumes von 8 Monaten und 8 Tagen zu erdulden hatten, erinnert geradezu an die Leiden christlicher Märtyrer. Krankheit und Tod lichteten ihre Schaar in der Weise, daß von den 150, die Wesel betreten, am 8. Mai 1814 nur mehr 38 die Festung verließen. Erschütternd ist die Schilderung, welche einer von ihnen über das Militär- lazareth, in dem er eine Zeit lang krank lag, entwirft. „In dem Saale, in dem ich wich befand, fand man jeden Morgen 3, 4, zuweilen sogar 7 Leichen. Die einen waren in ihrem Bette gestorben, die andern, während sie sich zur Mulde (welche die Entleerungen aufzunehmen hatte) schleppten. Wieder andere, indem sie über den Rand in die Mulde glitten. Die Wärter waren meistens gottlose und jeglichen Gefühles bare Menschen. Ein junger Mann von etwa 24 Jahren, Festungsgefangener, bekam die Ruhr. Vollständig erschöpft und eher einem Skelette als einem lebenden Wesen gleichend, befand er sich schon seit einigen Tagen in einem solchen Zustande der Schwäche, daß es ihm nicht mehr möglich war, seinen Strohsack zu verlassen, und er deßhalb in Blut und Unrath schwamm. Da packten ihn die Wärter, schleppten ihn unter die Wasserpumpe, legten ihn auf den Boden und reinigten den Halbtodten mit Besen. Des andern Tages war er eine Leiche. Triftige Gründe liegen zu der Annahme vor, Herr Silos (einer von den Alumnen) sei auf dem Sterbebette von den Wärtern erstickt worden. Die Herren Van den Daele, De Keyzer und Gonthyu hat man in daS „Todtenloch" geworfen, noch ehe sie den letzten Seufzer ausgehaucht. . . . De Keyzer lag schon zwischen den Leichen. Da bemerkte ein Seminarist noch ein Lebenszeichen an ihm; auf's Bett zurückgebracht, starb er erst nach einigen Stunden." So viel des Leides und des Jackuiers hatte Napoleon durch seinen Despotismus über die Diözese Gent gebracht, und das nur deßhalb, well sein Bischof, sein Klerus und sein Volk den Gesetzen der Kirche treu geblieben. Doch für daS schwer bedrängte BiSthum kam wenigstens auf kurze Zeit die Erlösung. Die verbündeten Fürsten hatten den Despoten Europas überwunden. Kirche und Völker athmeten neu auf. Münchner anthropologische Gesellschaft. L. Am 13. März hielt die Münchner anthropologische Ger sellschaft ihre Monatssitzung im Festsaale der k. Akademie der Wissenschaften ab, wozu auch die Dameu der Mitglieder einge- laven waren. Nach der Proklamirung von zwei neuen Mitgliedern theilte der Vorsitzende Pros. I. Ranke eine Einladung der geographischen Gesellschaft zu dem Vortrage des Herrn kgl. Raths Fr. Martin über „Indische Städtebilder" mit. Zugleich lädt die geographische Gesellschaft die anthropologische definitiv zu allen ihren Vortrügen ein. Hierauf kam ein Schreiben von Pros. E. Sclenka zur Verlesung, in welchem mir einem Gruß das Bedauern zum Ausdrucke gebracht wurde, daß er durch seine plötzliche Erkrankung verhindert ist, den projekiirten Vertrag zu halten. Für ihn ist im letzten Augenblick Pros. Dr. Furiwäugler eingetreten mit einem Vortrage über „Die Völker des äaäischen Meeres in der mykenischen Epoche". Aus dieser Zeit haben wir zweierlei Quellen: die Ausgrabungen in Griechenland und Aegypten und die Nachrichten der Aegyptcr über kriegerische Einfälle von Secvölkern. Beide Quellen ergänzen sich. Die ägyptischen Inschriften aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts v. Chr. erzählen von Völkern, Kephto genannt, welche den ägyptischen Herrschern Gesäße aus ihrer Heimath zum Geschenke machten. Der Sitz dieser Kephto dürfte auf Kreta zu suchen sein. Ihre Cultur stimmt ganz überein mit der Blüthezeit der mykenischen Periode. Zum ersten Mal werden See- völker erwähnt als Verbündete der Hethiter gegen Ramses II. Unter andern werden auch Jawana aufgezählt, welche wohl identisch sind mit den Jonicrn. Zum zweiten Male verbündeten sich Scevölker mit den Libyern gegen Mcrenptah. Hier werden Völkernamen genannt, welche auf die Achäer (Akaiwascha) und Sardinier (Schardana) hindeuten. Ein dritter Einfall barbarischer Völker wird erwähnt von Nordcstcn, welche nach der Unterwerfung der Hethiter zu Wasser und zu Lande gegen die Aegypter zogen. Die auf den Darstellungen der Kämpfe vorkommenden Krieger weisen in ihrer Tracht und ihrem Typus aus die Völker des ägäischeu Meeres in der mykenischen Epoche. Die Schilderungen in der Jlias mögen sich theilweise auf Erlebnisse in diesen Kriegen gründen. Nach diesen Kämpfen beginnt der Verfall der mykenischen Cultur. Der Vortragende weist darauf hin, daß wohl auch die Philister hellenischen Ursprungs sind. Die Gestalt und das Auftreten des Niesen Goliath erinnern ganz an die homerischen Helden. Den lehrreichen Vertrag illustrirtc Pros. Furiwäugler durch eine große Reihe von Lichtbildern, durch welche den Anwesenden die reiche mhkcmsche Cultur und deren Wechselbeziehung zur ägyptischen klar vor Augen trat. Pros. Ranke dankte im Namen der Gesellschaft für den interessanten und lehrreiche» Vertrag. Recensionen und Notizen. Homilien über die festtäglichen Evangelien deS Kirchenjahres von Alois Welcher, bischöfl. Wallfahrtsdirektor. Keuchten, Kösel 1695. I-. Wer den Verfasser, der vor einigen Jahren aus dem Zeitlichen geschieden ist, gekannt hat, weiß, welch einfacher, bescheidener und eifriger Priester er war. So, wie seine Person, waren auch seine Predigten, von welchen ein Theil hier gegeben wird. Beim Lesen derselben wird man erinnert an das Wort des hl. Paulus: Meine Reden und Predigten bestanden nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisungen deS Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Weisheit der Menschen, sondern auf Gottes Kraft beruhe. 1. Kor. 2, 4. 5. Die Homilien über die sonntäglichen Evangelien sind schon früher erschienen und vom literarischcn Handweiser günstig rccensirt worden. Die FesttagSbcmilien verdienen wohl dieselbe Kritik. Fern von aller Effekthascherei, geben sie das Wort Gottes einfach und klar mit unzesuchten Anwendungen aus das tägliche Leben und dürsten gerade deßhalb nicht ohne Segen bleiben. 104 I. v. Massow, Dorotheenkörblein. Aus der Zeitschrift „vt 0 MNS 8 unum". Herausgegeben von I. Beer, Priester der Diöcesc Negcusburg. Augsburg, Mich. Seitz. D Julie v. Massow ist die Gründerin des bekannten Psalmcnbundes der Katholiken und Protestanten zu gemeinsamem Gebete vereinigt, um für die Christenheit die Einheit im Glauben voni Himmel zn erflehen. Der irenische Geist, der diesen Gedanken eingegeben, weht uns auch aus vorliegenden Blättern entgegen, welche „Beiträge zur NennionSfrage" liefern wollen. Der Duft reiner Gottes- und Menschenliebe, die klassische Bildung, wie sie nur einer Frau von Massow eigen ist, die Eleganz der Sprache, alles wirkt zusammen, um den Leser zu fesseln. Möge das „Dorotheenkörblein" dazu beitragen, der LiebliugSidec Lco's XIII. neue Freunde und Förderer zu schaffen! k. Bernard M. Spörr: Lebensbilder aus dem Servitenorden. III. Bd., 656 Seiten. JnnSbruck, Marianische Vcrcinsbnchhandlung. 1894. -s- Schön schreibt vr. Stamminger in der vramwnia saneta: „An welchem Orte das Kreuz aufgerichtet wird, sehen wir eö bald darauf von einem dovvclten Kranze umschlungen: der eine ist gewunven aus den Passionsblumen des MariyriumS, der andere aus den Lilien der Jungfräulichkeit. Wenn der Kranz der Märtyrer leuchtender ist, so erscheint jener der Jungfräulichkeit um so lieblicher. Sie sind die erste Blüthe des Menschengeschlechtes, jene Blüthe, die noch ihren Thautropfcn trägt, in welchem nur der Glanz der aufgehenden Sonne sich abspiegelt, , die noch keine rauhe Hand gestreift, kein Erdenstanb beschmutzt ' hat — eine reizende Blüthe, deren süßen Wohlgcruch nicht selten selbst der Verworfene bewundert." Dieses gilt auch vom Servitenorden. Kaum hatten der hl. Philipp Benizins und seine Genossen angefangen, die Verehrung der schmerzhaften Mutter zu predigen, als sich auch eine Schaar frommer Frauen ihnen anschloß und so der Orden der Servitinnen entstand. Als Stiftern: des 2. Ordens der Servitinnen wird allgemein die hl. Jnliana Falconieri, die Braut des hl. Sakramentes, wie sie Svörr nennt, verehrt. Daher beginnt der Verfasser seinen III. Band mit der Lebcnsgeschichte der hl. Jnliana. 32 Lebensbilder von seligen oder ehrwürdigen Servitinnen folgen. Jeder Biographie ist ein Lehrstück oder eine kleine Betrachtung über eine Glaubens- oder Sittenwahrbeit beigegeben. Das Buch ist mit Liebe und Begeisterung einfach, aber herzlich geschrieben, nur manchmal etwas zu breit. Die Ausstattung ist eine vorzügliche. Die Vignetten lassen zwar an Feinheit der Ausführung einiges zu wünschen übrig; um so schöner, seiner, zarter sind die zahlreichen Darstellungen der im Buche besprochenen Servitinnen. Die den betreffenden Bildern beigegebcnen Sprüche sind vorzüglich ausgewählt. Das Buch bietet eine gute und empfehlenswcrthe Lektüre. brauoouia saora, Geschichte und Beschreibung deS BisthumS Würz bürg. Liefg. 2, I—VI, 260. Von Dr. Amrbein. Wnrzbnrg, Bücher. 1696. Preis br. 2 M. 60 Pf. 6. Endlich einmal hat das von Dr. Stamminger 1869 begonnene Werk der Geschichte und Beschreibung des BisthumS Würzburg die längst ersehnte Fortsetzung erhalten. Herr Aug. Amrhein, Dr. xbil,, Pfarrer in Roßbrunn, hat sich der mühe- sainen Arbeit unterzogen, die in vielen Archiven, Registraturen und Bibliotheken verborgenen Schätze zu heben. Geschickte und geschichtliche Studien gelten so ziemlich unbestritten als Zeichen menschlicher Cultur, und die Historiker wurden stets als Repräsentanten derselben hochgehalten. Die allgemeine Geschichte aber baut sich auf der Lokalgeschichte auf. Eine vollständige Würdigung der ersteren ist aber ohne letztere nicht möglich. Dazu soll aber das vorliegende Werk behilflich sein, indem es uns die Geschichte der einzelnen Pfarreien und der dazu gehörigen Orte vorführt. Allerdings wird es dabei nicht möglich sein, großartige Geschichtsbilder zu entwerfen — das ist auch nicht sein Zweck; eö soll nur ein Sammelwerk sein, aus dessen Mosaikarbcit später das Bild der ganzen Diöccse sich herausbilden wird. Für den gediegenen Inhalt des Werkes spricht der rühmlichst bekannte Name des Verfassers. Außerdem hat daS Werk auch einen eminenten praktischen Werth. Die Vergangenheit ist der Spiegel der Zukunft. Pflege der Geschichte der Heimath, dcö Vaterlandes ist heute das Schlagwort, weil man davon ausgeht, daß mit der Kenntniß der Geschichte des Vaterlandes auch die Liebe zu demselben wächst. Vorliegende Lieferung enthält vom Kapitel Lengfurt die Geschichte der Pfarreien: Böttigheim, Eisingen, Erlenbach, Helmstadt und Hcttstadt. Wir hegen den Wunsch: möge einerseits die Fortsetzung des mit so viel Schwierigkeiten verbundenen Werkes nicht so lange auf sich warten lassen, andrerseits das Werk gefördert werden durch Abonnement — hier gilt einer für Alle und alle für den Einzelnen —, sodann auch durch Mit-, beziehungsweise Vorarbeit hiczu! Der Inhalt des Werkes ist reich, und man nimmt mit Freuden Kenntniß von dessen Inhalt. Dolls, le^o! Stammbaum und Ausbreitung der Germanen. Von Dr. Ludw. Wilser. Bonn, Homstein. 1895. gr. 8° 59 S. M. 1,20. — 2 . Die etwas ungleiche Schrift besteht aus früheren Aufsätzen des Verfassers (in den Rhein. Geschichtsblättern 1,4 und der Alemannia XXIII, 1) über die Franken, Hessen, Schwaben, Alemannen, Thüringer, Bayern und Sachsen, und neuen Untersuchungen über die Kimbern, Teutonen, Dänen, Frisen, Burgunder, Wandalen und Goten. Nach der Auffassung Wilscrs sind an Stelle der alten Stämme der Marscr, Semnonen, Sueben und Lygier als ihre Fortsetze! die Stämme der Franken, Alemannen, Schwaben und Bayern getreten. Dagegen läßt sich mancherlei einwenden. Besonders was er gegen Baumann sagt, scheint uns auf schwachen Füßen zu stehen. Die Urheimath der Arier erblickt Wilser in Skandinavien. StaatSlexikon. Herausgegeben im Auftrage der GvrreS- Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland durch Dr. Adolf Bruder. — Erscheint in Heften von 5 Bogen Lex.-8°, oder in Bänden von je etwa 50 Bogen, bezw. in Halbbänden von etwa 25 Bogen. Preis für das Heft Mk. 1.50, für den Halbband Mk. 7.50, für den Band Mk. 15. - Verlag von Herder in Freibnrg. Das soeben ausgegebene 39. Heft enthält u. a. folgende Artikel: Schwurgerichte (Nintelen); Scerccht (Schaffeld); Selbst- mord und Selbstverstümmelung (Stöckl); Seminarien (Hipler); Serbien (Pöppelmann); Siam (Pöppelmann); Sittenpolizei (Pjctschka); Sittlichkeit, Verbrechet» gegen die (Stieve); Sklaverei (Stöckl); Smith, Adam (Bach); Socialdemokratie (Brüll); Socialismus (Kämpfe); Socialpolitik (Brüll); SonntaaSfeier (Stieve); Souveränität, staatsrechtliche (noch ohne Schluß). Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 3. Heftes1896: Anregung und Anleitung für geistliche Herren zu wissenschaftlichen Beobachtungen in der Gegend ihres Aufenthaltes und auf Reisen. — Der Schauplatz der Siiufluth. — Vater Raiffeiscn. — Bemerkungen über das Beichtsizill mit Bezug auf die modernen Einwendungen gegen dasselbe. — Die Mcßstipcnbien in Bayern keine Stolgebühren! — Dienstbotenscelsorgc. — Schulprüfung und Erstcommnnion. — Nordamerika und die KatechiSmuSfragc. — Soll der Prediger die Cbristgläubigcn von der Kanzel mit „Ihr" oder „Sie" anreden? — DaS Abziehen des McßweineS mittels Gummischlanch. — Meßweinprobe. — Verstöße gegen die Dogmatik in gemeinsamen Volksgebeten. — Auferlegung der Buße vor der dazu gehörigen Beicht. — Beachtenöwerthe Kleinigkeiten. — Neueste Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novstätenschau. AnnegarnS Weltgeschichte in acht Bänden. Neu bearbeitet und bis zur Gegenwart ergänzt von vr. Aug. Enck und vr. V. Huyskens. Siebente Auflage. — Münster i. W., Verlag von Theissing. Annegarns Weltgeschichte war von jeher ein Lieblingsbuch für Volk und Jugend. Die neue Ausgabe hat die Fortschritte der geschichtlichen Wissenschaft sorgfältig benutzt, mehrere Abschnitte sind umgearbeitet oder vollständig neu bearbeitet, dabei ist aber in der Darstellung jene Frische und Anschaulichkeit bewahrt, welche das Werk zu einer so anziehenden Lektüre jür Jung und Alt machte. Die neue Auflage erscheint in halbmonatlichen Heften von 80 Seiten zum Preise von 50 Pf. pro Heft; das ganze Werk umfaßt deren 32, von denen bereits 26 fertig vorliegen — wird also in ungefähr 4 Monaten vollständig sein. Lcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg' M'. 14 3. Aprtt 1696. Peter von Heß. Ein kurzes Gedenkblatt zu seinem 25jährigen Todestag (4. April) von A. G. Obgleich Hetz von den Nheinlanden stammt, darf man ihn doch als eigensten Laudsmann betrachten, denn in Bayern lebte er die größte Zeit seines Lebens, für Bayern hat er seine allermeisten Kunstwerke geschaffen, in Bayerns Erde ruhen seine irdischen Ueberreste, so daß er wohl würdig ist, daß seiner bei seinem 25 jährigen Todestag kurz gedacht wird. Wir lehnen uns bei den folgenden Zeilen an die Abhandlung deS Kunstkritikers Pecht an, welcher dieselbe in der „Allgemeinen deutschen Biographie" veröffentlicht hat, einmal weil die Quellen ungemein rar sind und weil wir nichts Besseres zu finden vermochten, als eben diese Abhandlung. Peter Heß wurde geboren am 29. Juli 1792 in der alten Kunststadt Düsseldorf und ist einer der Begründer der seinerzeitigen modernen Münchner Schule, vielleicht der erste, bedeutendste Realist derselben. Sich anlehnend an die niederländische Schule, vor allem aber an die Natur selbst, versuchte er eine neue Kunstrichtung zn schaffen, freilich versuchte er es oft mit gleichsam ge- waltthätigen Mitteln, so daß viele Versuche fehlschlugen oder wenigstens nicht so gelangen, wie es die Kunst verlangt und wie er wohl selbst wollte. Deßwegen aber ist doch nicht zu leugnen, daß er unter den Schlachten- und Genremalern stets einen hervorragenden Platz einnimmt und einnehmen wird. Geboren als Sohn des Hofkupferstechers und Akademieprofessors Christian Heß, genoß er im Vaterhause den ersten Zeichenunterricht und machte hierin in Bälde die besten Fortschritte. Nachdem im Jahre 1806 die Akademie nach München übersiedelte, folgte auch er dorthin. Ein großer Freund der Natur, abgeschlossen von der Welt für sich lebend und wirkend, wollte er gleich von Anfang an seine eigenen Wege gehen, sich um keine Schule kümmernd. Seine Haupifreude war das Betrachten und Studiren des Volkslebens, besonders aber des Soldaten- lebcnS, und hiezu hatte er Gelegenheit in Hülle und Fülle sowohl in Düsseldorf gehabt, als auch in der bayerischen Hauptstadt, wir dürfen ja bloß an Wallenstein erinnern. Unter denen, welche wir als seine Vorgänger betrachten können, ist Kobell wohl der bedeutendste, aber bald überflügelte Heß alle und zeichnete sich trotz seiner Jugend derart aus, daß er den Feldzug gegen Frankreich in den Jahren 1813—1815 im Hauptquartier des Fürsten Wrede mitmachen durfte. Hier entstand als erstes großes Schlachtenbild das der Schlacht von Arcis sur Aube, das aber noch ziemlich zu wünschen übrig ließ an eigentlicher Frische und lebenswahrer Darstellung, während seine Militärischen Genrebilder aus jener Zeit dagegen schon den Meister verrathen. Im Jahre 1818 ging er nach dem Beispiele aller Künstler nach Italien, wo er seinen Aufenthalt auf das fleißigste ausnützte und mehrere prächtige Bilder mit in die Heimath brachte. Berühmt ist besonders aus damaliger Zeit sein „Morgen in Partenkirchen", welches Werk die vorzügliche Wirkung ausübte, daß von dieser Zeit an das bayerische Hochland und Tirol mit ihrer Bevölkerung ein Hauptstoff für die deutschen Maler wurden und, dürfen wir beisetzen, bis zum heutigen Tage geblieben sind. Eines seiner berühmtesten Bilder, das „österreichische Lager", entstand im Jahre 1822. Hier sind alle Volksstämme des weiten Kaiserreichs auf das prägnanteste charakterisirt, eine Kunst, die so selten zu finden ist, bei Heb aber deßwegen nicht überraschen kann, weil er allen Nationalitäten kühl gegenüberstand, keine bevorzugte, keine vernachlässigte, sondern sie allein vom Standpunkt des Künstlers aus betrachtete und auf diese Weise auf die Leinwand knnst- und naturgerecht hinzauberte; der Patriot verschwand hinter dem Künstler. Die Anordnung auf den großen Bildern, die damals entstanden und für den Schlachten- saal der Münchner Residenz bestimmt waren, ist ungemein klar, die einzelnen Figuren ganz und gar charakteristisch, trotz der Größe mancher Bilder ist nie ein Huül pro cjuo zu entdecken, nur Eines ist vielleicht auszusetzen, daß er das Kleinste ebenso pedantisch ausführlich acccntuirte, wie das Größte und Bedeutendste; dies aber lag ganz und gar in seinem Künstler-Charakter. Für den Grafen Schönborn malte er damals „die Grundsteinlegung zur Constitutionssäule". Im Jahre 1833 wurde Heß die Ehre zu Theil, im Gefolge des Königs Otto nach Griechenland reisen zu dürfen, wo er sieben Jahre lang wirkte. Sein erstes Bild war der „Einzug König Otto's in Nauplia an der Spitze der bayerischen Truppen" und der enthusiastische Empfang der Bevölkerung. Es dürfte dieses Bild sein vorzüglichstes sein; größere Naiurwahrheit, bessere Anordnung des Ganzen sowohl als des Einzelnen ist wohl auf keinem zweiten besser und mehr zu finden. „Ja sogar", sagt Pecht ausdrücklich, „übt diese Schöpfung heute noch großen Reiz aus, daß man jetzt sogleich sieht, was man damals freilich übersah, daß so heterogene Bestandtheile wie dies hochbegabte Volk und die nicht eben elastische bayerische Bureaukratie unmöglich auf die Dauer sich vertragen konnten." Als Pendant zu diesem Bilde entstand „Der Empfang des Königs in Athen am Thesens- tempel mit der Aussicht auf die Akropolis", ebenfalls ein hervorragendes Werk, wenn es auch nicht dem vorher- genannten in allweg gleichkommt. Den Schluß machte eine Schilderung des ganzen griechischen Freiheitskamvfes in vierzig Kompositionen, die in den Arkaden des Hofgartens in München ul trsseo ausgeführt wurden, ebenfalls Bilder, die großes dramatisches Leben zeigen. Im Auftrage des Kaisers Nikolaus von Rußland begann er eine Reihe von Bildern — acht große Schlachtcn- bilder und eine Anzahl kleinerer —, welche ihn in der Zeit von 1839, wo er nach Petersburg reiste und die betreffenden Schlachtfelder besuchte, beschäftigten bis zum Jahre 1855. Diese Bilder, sowie die unmittelbar folgenden der Schlachten von Austcrlitz und Leipzig, zeigen zwar noch die alte gute Disposition, wohl auch noch bessere koloristische Stimmung wie früher, erreichen aber den Werth seiner früheren großen Werke nicht, wohl deßwegen, weil er, wie Pecht sagt, immer seltener mehr die Natur zu Rathe zog. „Der Schilderung eines Napoleon oder auch nur sonst hochstehender Männer ist hier Heß nicht mehr gewachsen, er sieht sie mit den Augen eines ledernen Philisters." Die nächsten fünfzehn Jahre seines Lebens schuf er Werke von Bedeutung nicht mehr, die Wärme der Begeisterung für Kunst und Leben ließ nach, und am 4. April 1871 nahm ihm der Tod im 79. Lebensjahre den Pinsel aus der müden Hand. Wir schließen mit den Worten Pecht's: „Seine früheren Schöpfungen sind 106 sehr bedeutend und werden immer einen höchst ehrenvollen Platz in der gesummten Produktion dieser Periode einnehmen, schon weil sie einen Respekt vor der Natur, ein liebevolles Eingehen auf sie zeigen, die man bei der damaligen deutschen Historienmalerei schmerzlich genug vermisst, nicht minder, weil sie uns eine Zeit und Verhältnisse von der deutschen Seite her kennen lehren, die wir sonst nur durch die Brille der Franzosen betrachten könnten, die sie allerdings ausführlich und ruhmredig genug in ihrem Sinne geschildert." Adam Weishaupt. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Umfassendere Ausbreitung und stärkere Mitgliederzahl gewann der neue Bund der Jlluminaten erst durch die Verbindung mit der Freimaurerei, welche durch den schon genannten Knigge herbeigeführt wurde. Freiherr Adolf v. Knigge aus Bredenbeck in Hannover (16. Oktober 1752 — 6. Mai 1796) war schon mit 20 Jahren in Kassel Freimaurer geworden, und besaß Geist und Talent, aber kein Vermögen. Wie Stark angibt (Triumph der Philosophie, Landshut 1834 S. 327), hatte er sich in Frankfurt heimlich in die katholische Kirche aufnehmen lassen; als jedoch das Projekt, um dessentwillen er dem Lutherthume abgeschworen hatte, scheiterte, wandte er derselben alsbald wieder den Rücken. Nach Kluckhohn war Knigge ein jugendlicher Schwärmer mit einem leichten Auslug von Schwindel, an Welt- und Menschenkenntniß Weishaupt weit überlegen, an brennendem Ehrgeiz ihm vielleicht gleich, jedenfalls aber offener, weniger ränkevoll und liebcnswerther. (Beilage z. Augsb. Allg. Zeitung 1874 Nr. 179.) In den Briefen Weishaupts, welcher 1777 zu München in die Loge der strikten Observanz aufgenommen worden war (Nachtrag zur Rechtfertigung meiner Absichten S. 43), wird des hannoveranischen Edelmannes unter dem Ordensnamen Philo zuerst gedacht am 25. Februar 1780 (Einige Originalschr. S. 353); Philo selbst bemerkt, daß er im Juli 1780 zu Frankfurt a. M. durch den Marquis v. Costanza (mit dem Geheimnamen Dio- medes, ehemaliger Hofkammerrath) für die Schöpfung des Jngolstädter Professors gewonnen worden sei (Philo's Endlose Erklärung S. 32 ).^) Dieser selbst schickte im November 1780 einen Brief an Knigge, um ihn für seine Ideen zu begeistern. Denn in Folge der herrischen, aber fehlerhaft geschriebenen Briefe der Münchener Loge „Karl Theodor vom guten Rath", welcher Professor Bader als '°) Unterm 16. Febr. 1732 schreibt Weishaupt: Diomedes ist also in Athen (München). Dieser Mann bat grobe Verdienste um den Orden; denn er hat den Philo angeworben und folglich durch ihn die herrlichen Männer, die unter dessen Direktion stehen. . . . Ich gestehe cS gerne ein, daß im Orden ungleich bessere und gröbere Gelehrte sind als ich: aber das getraue ich mir zu behaupten, daß keiner von allen, auch nicht einmal Philo, so sehr die Kunst verstehe, die kleinsten Umstände zu nützen, und die Mangel und Gebrechen einer derlei künstlichen Maschine zu übersehen. Man glaubt daher oft, viele meiner Einfälle und Forderungen seien Eigensinn und Eigendünkel. (Nachtrag v. Originalschr. I, 33.) Das bekannteste Werk Knigge's ist seine Schrift: „Ueber den Unigang mit Menschen" (Hannover 1788), das nach Kurz, Geschichte der deutschen Literatur, 8. Aufl. III, 710-11, aus tiefer Menschen- kenntniß und tiefer Beobachtung hervorgegangen ist, wie es denn seinerzeit ein „Gesetzbuch der praktischen Lebensweisheit" genannt wurde. Man würde es jedoch besser als eine Anweisung zur Lebensklugheit bezeichnen können, weil ein fester moralischer Standpunkt vermißt wird. Meister vom Stuhle vorstand, war Knigge's erste Zuneigung sehr erkaltet. Das folgende Jahr (1781) kam er selbst nach Bayern und fand in München begeisterte Aufnahme. Doch sah er sich in seinen Erwartungen hinsichtlich des Geheimbundes getäuscht; zwischen ihm und Weishaupt trat gar bald eine eifersüchtige Spannung ein, die in offene Feindschaft überging. Doch hören wir Knigge selbst: „Als Spartakus anfing, mit mir zu correspondiren, da malte er mir den Orden als ein völlig ausgearbeitetes, tief durchdachtes, weit ausgebreitetes System ab und ermunterte mich, aller Orten erwachsene, angesehene, schon gebildete, gelehrte Männer anzuwerben. Es war natürlich, daß diese Männer nicht nur geschwinder befördert werden wollten, sondern daß ich auch die Direktion ohne Nachtheil meiner Gesundheit und meines Geldbeutels nicht lange allein führen konnte. Die Sache griff so geschwind um sich. daß ich endlich 500 Menschen zu behandeln bekam?°) Um nun Mittclobere ansetzen zu können, bat ich um die nöthigen Instruktionen, mit einem Worte, um höhere Grade, und nun machte mich Spartakus (Weishaupt) auf einmal zum Areopagiten und entdeckte, daß alle übrigen Grade nicht fertig wären. Dieß schreckte mich nicht ab, nur bat ich dringend darum, eine gewisse Anzahl Grade, die zur Direktion nothwendig wären, auszuarbeiten und versprach unterdessen alle meine Leute zwei Jahre lang hintanzuhalten. Darauf schrieb er mir: ich solle alles nach Belieben machen, und soviel Areopagiten aufnehmen, als mir beliebte. Ich nahm aber niemand zum Areopagiten auf, hielt durch unerhörte Schwänke und Wendungen die ältesten, klügsten Männer auf, setzte alles ins Feuer, untergrub die strikte Observanz, arbeitete mit Hintansetzung aller meiner häuslichen und anderer theils wichtigen, theils einträglichen Geschäfte 16 Stunden täglich für den Orden; nahm, um allem in diesen Gegenden so gewöhnlichen Verdachte des Eigennutzes auszuweichen, von niemand Geld, gab jährlich 250 fl. Porto auS, ließ mich zu allem brauchen, schrieb gegen Jesuiten und Rosenkreuzer, die mich nie beleidigt haben, mich aber jetzt verfolgen, und arbeitete unterdessen die unteren Klassen aus. Darauf ließ man mich zu Ihnen, meine besten Bruder! (nach München) reisen?') woselbst ich soviel Freundschaft und Güte genossen habe. Dort nun wurden die Grade bis zum Schottischen Rittergrad festgesetzt. Ich kam zurück und führte dies in meinen Provinzen ein und legte Versammlungen und Logen an. Nun aber wurde die Maschine sür meine Schultern zu schwer. Deßsalls bat ich um Festsetzung höherer Direktionsgrade, nemlich a) einen kleinen Priestergrad zur scientifischen Direktion und b) einen kleinen Ncgcntcngrad zur politischen. Alsdann dachte ich, können wir die sogen, größeren Mysterien noch immer sür uns behalten, uns dahinter verstecken und das ganze Gebäude anderen Händen überliefern. Wir sehen, wie diese das Ding dirigircn, bleiben im Hinterhalt und arbeiten nach Muße die höheren Mysterien aus. . . . Unterdessen fing Spartakus an in mich zu dringen, ich soll nach Edessa (Frankfurt) eine rechte Force vom Orden legen. Ich stellte ihm vor, daß daselbst die Leute zu wenig Bedürfniß hätten, zu faul, zu wobllüstig, zu reich, zu republikanisch wären; aber da half nichts. Er erinnerte mich so oft, daß ich endlich alles versuchte. Ich fing nach der Reihe mit 10—12 Leuten an, deren keiner ganz eingeschlagen ist, und da nun diese Leute unter 500 treuen Untergebenen nicht eingeschlagen waren, und viel andere kleine zufällige Umstände machten dann, daß er anfing, mich für einen höchst übereilten mittelmäßigen Menschen zu halten. Er correspondirte hinter meinem Nucken mit meinen Untergebenen.^) Ich habe Briefe von ihm gelesen, darin» er 2") Weishaupt bemerkt hiegegen: „Philo sagt freilich, daß er mir 500 Menschen geliefert: aber 1) sind es nicht so viele. 2) sind seine Provinzen in einer Verwirrung, daß ich mir nicht zu helfen weiß. Nachdem er sich mit allen Leuten abgeworfen, sein Kredit und Vertrauen verloren, so soll ich nun wieder so die Sache in Gang bringen. Philo ist gut zum Anwerben; aber hat die Geduld nicht, um Leute zu erhalten, prüft sie nicht genau: daher muß ich von all den Leuten wohl die Hälfte laufen lassen. . . Beinahe überall sieht es aus, wie in Edessa (Frankfurt), wo selbst nach Philo's Anordnung 4 einzige sich gerettet haben, worunter doch die meisten von Philo engagirt worden." (Nachtrag v. Originalschr. I, 69.) 2') Nachtrag v. Originalschr. I, 147. Denselben Vorwurs erhob Weishaupt: „Philo habe ich 107 mit jenen Leuten, die ich aufgenommen, über mich wie über einen Novizen raisonirte. . . . Ich arbeitete den Presbyter und PriuccpS aus und zwar nach folgenden Grundsätzen: Jesus bat keine neue Religion einführen, sondern nur die natürliche Religion und die Vernunft in ihre alten Neckte einsetzen wollen. ... So war der geheime Sinn seiner Lehre: allgemeine Freiheit und Gleichheit unter den Menschen wieder ohne alle Revolution einzuführen. Es lassen sich alle Stellen der Bibel darauf anwenden und erklären und dadurch hört aller Zank unter den Sekten auf, wenn jeder einen vernünftigen Sinn in der Lehre Jesu findet (eS sei nun wahr oder nicht)!! . . . Alle frcimaurerischcn Hieroglyphen lassen sich auf diesen Zweck erklären. Spartakus hat sehr viel gute Data dazu gc- gesammclt, ich habe daS mcinige hinzugethan und so habe ich die beiden Grade verfertiget und darin» lauter Ceremonien aus den ersten Gemeinen genommen. Da nun hier die Leute sehen, daß wir die einzigen ächten wahren Christen sind, so dürfen wir dagegen ein Wort mehr gegen Pfaffen und Fürsten reden, doch habe ich dieß so gethan, daß ich Päbste (oho!) und Könige nach vorhergegangener Prüfung in diese Grade aufnehmen wollte. Nachdem der Presbyter und PriucepS fertig waren, schickte ich das Concept an Spartakus mit der Bitte, eS an alle Areo- pagitcn herumzuseudcn; ich bekam aber in langer Zeit keine Antwort, meine Papiere nicht zurück. . . . Endlich schrieb nur Spartakus, Mahomct (Baron Schröckenstein in Eichstätt) habe zwar manches zu erinnern, doch wolle er schon sorgen, daß die Grade also angenommen würden. Da ich nun Eile bade, so solle ich die Grade nur nach meiner Art austheilen. Auf einmal schickte mir Mahomet nicht etwa Anmerkungen zu diesen Graden, sondern ganz verändertes verstümmeltes Zeug. Man verlangte, ick sollte meine (an die Ordcuömitgliedcr vertheilten) Hefte zurückfordern und als ich mich weigerte, bestand wenigstens Spartakus darauf, alle Abschriften selbst zu revidircn, den Leuten zu sagen, es hätten sich unächte Zusätze cingeschlichcn, um dadurch mich zum Lügner zu machen. Obgleich ich nun gewiß nickt hcrrschsnchtig bin, so konnte ich doch eine solche Beschimpfung nicht ertragen, und da Spartakus noch dazu grob wird, so sehe ick gar nicht ein, warum ick mich von einem Professor in Jn- golstadt wie ein Student soll behandeln lassen. Also habe ich ihm allen Gehorsam ausgcküudigt." (Nachtrag v. Origiualschr. I. 100-107.) Weishaupt schob die Schuld auf den Eigensinn deö Freiherrn von Knigge. So schreibt er unterm 28. Jan. 1783 an Caio: „Hier folgt abermal ein insolenter Brief von Philo: lesen sie, wie er groß spricht und alle Welt trotzen kann. Das konnte doch Cäsar (Baron Slreitt, Haupiniann unter den Trabanten) und Alexander (Graf Pappenheim) nicht. . . Kurz — ich schreibe nicht mehr an ihn, das ist das Beßte. Es hilft auch nichts, denn er ist unbeugsam und gute Worte kann ich ihm nicht geben, weil er sodann noch unvorsichtiger und insolenter wird. Lrgo tnoodo, um so mehr, als er sich meine Correspondenz verketten." (Nachtrag v. Originalschr. I, 92.) Unterm 7. Februar 1783 äußert sich Weishaupt: „Philo steckt voll solcher Narrheiten (über die äußeren Abzeichen der Priester), welche seinen kleinen Geist verrathen. . . . Wenn Philo sich selbst wieder, wie vordem, an mich wendet, und sein Unrecht erkennt, so werde ich mit ihm wieder der alte sein, aber suchen werde ich ihn auf keine Art: ich muß ihm beweisen, daß er mir nicht wesentlich ist, daß er dadurch, daß er beim Orden ist, nicht mir, sondern der Menschheit dient, daß ich nichts von ihm habe, ich auch durch ihn um nichts klüger geworden bin und daß er durch seinen Umgang und Korrespondenz mit mir keinen Schaden gehabt. Man muß seine ihm und uns so schädliche Eitelkeit nicht ernähren; im Verdacht, daß er hinter unser arbeitet und etwas anders errichtet; denn alle, an die er sonst geschrieben, klagen, daß sie gar nichts von ihm hören: nehmen sie sich also mit ihm in Acht, cö muß sich bald zeigen. Aber da darf er trübe anfstehcu, wenn er mir Herr werden will." (Nachtrag v. Originalschr. I, 81.) eben weck er gebetten sein will, muß vian ihn nicht bitten; ich am allerwenigsten, denn mich yat er schlecht behandelt. .. . Mit dem allen werde ich ihm das Zeugniß allzeit geben, daß er durch Anwerbung wichtiger Leute um den Orden große Verdienste hat; aber außerdem hat er mir wenig genutzt, hat mir oft manches verdorben, die Einheit meines Planes durch elende Einschaltungen von unbedeutenden Graden sehr stark verdorben; ich hab ihm gewiß lang nachgegeben, aber nunmehr» macht er es zu arg." (Nachtrag v. Originalschr. I, 95.) Knigge seinerseits charakterisirt die Herrschsucht deS mißtrauischen Ordensstifters folgendermaßen: „Ein Orden, der auf diese Art die Menschen mißbraucht und tyramüsirt, als Spartakus die Absicht hat, der würde die armen Menschen in ein ärgeres Joch bringen, als die Jesuiten. Ich habe mich zu einer Maschine der Tyrannei brauchen lasten; alle sollen es wissen, daß auch ich betrogen worden und mit dem besten Herzen betrogen worden bin." (Ebendas. I, 117.) „Eine subalterne Rolle, betonte Knigge weiterhin, blinde Befehle von einem Jesuitengeneral anzunehmen, dazu bin ich nicht gemacht." (Ebendaselbst I, 125.) „Ich fange an zu argwöhnen — sollte selbst Spartakus ein verlarvter Jesuit sein — danu bin ich der Mann, der ihn zu Boden schlagen kann. — Gott! welch ein Mensch! — Wohin führen ihn seine unbändigen Leidenschaften? Hätte ich je den Mann einer solchen niedrigen und undankbaren Verfahrungsart fähig geglaubt! — Und unter seiner Fahne sollte ich für die Menschheit arbeiten, sie unter das Joch eines solchen Starrkopfes bringen! — Nimmermehr! lieber gar nichts gethan, und alles geschehene zerstört." (Ebendas. I, 129.) Der Riß zwischen Weishaupt und Knigge — welcher in den Logen zu Frankfurt und Wetzlar das eklektische System eingeführt und dem Jlluminaienthum Thür und Thor geöffnet hatte (Stark, 1. v. 330, Kluckhohn, Beil. zur Augsb. Allgem. Zeitung 1874 Nr. 185), so daß in Thüringen, in Niedersachsen sowie am Rhein Fürsten und Prinzen, Gelehrte und Dichter in wachsender Zahl dem Geheimbunde sich anschlössen, auch Göthe und Herder gehörten dazu — war zu tief, die Gegensätze zu groß, als daß durch die Vermittelung der Ordensbrüder ein dauernder Ausgleich hätte herbeigeführt werden können; um die Mitte des Jahres 1784 wurde der eifrige Hannoveraner, der selbst den Herzog Ferdinand von Braunschweig und den Prinzen Karl von Hesscn-Kasscl für den Illuminatenbund zu gewinnen wußte, mit einem Belobigungsdekret wegen geleisteter Dienste entlassen;^) doch wirkte derselbe auch fernerhin für die Verbreitung der deistischen Anschauungen des Jngolstädter Ordens, ebenso der als Uebersetzer englischer Schriften bekannte Bode und Wilhelm von dem Bussche, einer angesehenen hannoveranischeu Adelsfamilie entsprossen. (Stark 1. o. 332—333.) (Fortsetzung folgt.) "2) DaS Allgem. Handbuch der Freimaurerei H, 25 sagi hierüber: „Weishaupt, der mit seinen Ideen nie fertig werden konnte und der Hilfe eines organisatorischen Talentes bedurfte, war viclzusehr Pedant und ein zu nüchterner (?) Gelehrter (Weishaupt War ein großartiger Phrasenheld), um Geschmack a» dem vielen bunten Flitterwcrk zu finden, mit dem Knigge seine niedergelegten Gedanken ausgeputzt hatte. Sein Eigensinn und rechthaberisches Wesen traten erst dann auffallend hervor, als er zu fühlen begann, daß Knigge ibn in seinem eigene» Bunde überflügele. Weishaupt schadete sich um so mehr, je einseitiger und wankelmüthigcr er auftrat; da er kein Menschenkenner war. glaubte er jedem Schmeichler und zog ihn vor, »rührend er verdienstvolle Mitglieder zurückstieß." Ein Blatt ans der belgische» Kirchengeschichte. (Schluß.) (1. l)l. Am 24. Mai 1814 hielt der drei Jahre lang gefangene Papst Pins VII. seinen glorreichen Einzug in der Hauptstadt der Christenheit. An demselben Tage kehrte auch unter dem größten Jubel bon Klerus und Volk der verbannte Fürstbischof von Gent in sein treues Bisthum zurück. Indessen hatten die gegen Napoleon verbündeten siegreichen Fürsten den Entschluß gefaßt, das katholische Belgien mit dem größtentheils protestantischen Holland zu einem Königreiche der Niederlande unter dem -Dränier Wilhelm I. zu vereinigen. Alsbald sah sich oer Bischof von Gent wieder mitten im heißen Kampfe für die Rechte der Kirche. Es handelte sich um die vom .Könige am 24. August 1815 unterzeichnete Konstitution, die durch kgl. Verordnung von demselben Datum als Grundgesetz des neuen Königreiches ausgesprochen wurde. Sie erschien in verschiedenen Punkten den belgischen Bischöfen als unvereinbar mit den Grundsätzen der katholischen Religion und Kirche und mit der völlig freien -Ausübung ihres oberhirtlichen Amtes. Als die Einführung dieser Konstitution in Vorschlag gebracht wurde, war der erste Schritt der Bischöfe eine gemeinsame Adresse (datirt vom 28. Jult 1815) an den König, in welcher sie denselben auf die kirchenfeindlichen Bestimmungen des neuen Verfassungsgesetzes ehrfurchtsvollst aufmerksam zu machen sich gestatteten und die unterthänigst dringendste Bitte an ihn richteten, „er möge die unterzeichneten Bischöfe nicht in die harte Nothwendigkeit versetzen, bei Erfüllung ihrer Pflichten in einen scheinbaren Widerstand gegen den Staat treten zu müssen, und gegen die Maßregeln, welche seine Majestät zur Aufrechthaltung der Konstitution in ihren Sprengeln nehmen dürften. Der zweite Schritt der vereinten Bischöfe, de Broglie an der Spitze, war der Erlaß einer Pastoralinstruktion vom 2. August an ihre Diözesanen, welche dieselben über die Tragweite all jener Artikel des einzuführenden Ver- sassungsgesetzes, die der Religion und den Kirchengesetzen widerstrebten, belehrte. Schließlich gaben die Bischöfe noch ein theologisches Gutachten („flnFeirrsirt äoatrinal") über den vorgeschriebenen Verfassungseid heraus. In demselben wurde den Katholiken des Landes die Un- schwörvnrkeit des Eides hinsichtlich jener Artikel der Konstitution, die mit dem Gewissen des Katholiken in Widerspruch stünden, dargethan. Es wurde demnach nur ein bedingter Eid auf die Verfassung als kirchlich erlaubt erklärt. Um jedoch in ihrem Widerstände gegen die Konstitution sicher zu gehen, sandte der Fürstbischof von Gent die soeben erwähnten drei Schriftstücke an den hl. Vater irach Rom. Pins VII. setzte zur Untersuchung der in denselben enthaltenen Klagepunkte eine eigene Kongregation von Cardinülen nieder. Nach fünfmonatlicher Prüfung überreichte am 16. Mai 1816 der Kardinal- Staatssekretär dem in Rom residirenden niederländischen Minister eine officielle Note des Inhaltes, „das neue Fundamental-Gesetz enthalte Irrthümer, die gegen die Grundsätze der katholischen Religion streiten; der Widerstand der Bischöfe könne mit Recht nicht getadelt werden, und man könne keinen Eid, dessen Ablegung gegen das Gewissen sei, verlangen". Bereits fünf Tage früher, am 11. Mai, hatte der hl. Vater dem Bischöfe von Gent in einem Breve seine Zufriedenheit über dessen Verhalten in dieser heiklen Angelegenheit ausgesprochen. „Wir glauben nicht," heißt es in diesem Breve, „daß es nöthig sei, Dich und die übrigen Bischöfe ihrer Provinzen über die Pflichten, welche Euch die Ausübung Eures Hirtenamtes bei solchen Umstünden vorschreibt, zu unterrichten; denn wir sehen vollkommen ein, mit welchem Eifer Ihr (Du und die übrigen Bischöfe) für die Sache Gottes und feiner Kirche wachet." Die pflichtmäßige Belehrung, welche die Bischöfe Belgiens durch die Pastoralinstruktion ihren Diözesanen über die Konstitution zukommen ließen, wurde die Losung von Unterdrückungen und Gewaltthätigkeiten jeglicher Art. „Meine Pastoralinstruktion". schreibt Bischof de Broglie in seiner 1819 veröffentlichten „Raolainntioiri'asxeetneusö", „welche acht Tage nach der Eröffnung der Notabeln*) erschien, war eine der ersten Veranlassungen, um gegen Religion, Kirche und Geistlichkeit zu Felde zu ziehen. Polizeiagenten, mit Aufträgen der höheren Behörden versehen, nahmen einige Tage nachher alle bei meinem Buchdrucker noch vorfindlichen Exemplare dieser Instruktion hinweg. Man stellte bei allen Buchdruckern meiner Diözese die strengsten Haussuchungen an, um die noch übrigen Exemplare einzuziehen. Die Polizeiagenten untersagten allen Pfarrern, welche noch kein Exemplar erhalten hatten, dessen Inhalt ihren Pfarrgemeinden bekannt zu machen, obschon ich letzteres der Geistlichkeit als Bischof in meiner Gerichtsbarkeit zur besonderen Pflicht gemacht hatte. Ich legte darüber meine Beschwerdeführung zu den Füßen des Thrones nieder, jedoch ohne Erfolg." Fragen wir, welche Artikel der vielerwähnten Konstitution von den Bischöfen Belgiens als unvereinbar mit den katholischen Grundsätzen erklärt wurden, so waren es insbesondere jene, welche die Freiheit aller religiösen Meinungen in Belgien garantirten und die katholische Kirche auf das Niveau der Sekten heruntersetzten, dem Könige das Recht zuerkannten, darüber zu wachen, daß alle Konfessionen in den Schranken des Gehorsams gegen die Gesetze des Staates bleiben, den Landesbischöfen das Recht, den christlichen Unterricht zu leiten und die Direktion darüber zu führen, absprachen und die ganze Leitung des Unterrichiswesens dem protestantischen Staatsoberhaupte übertrugen. Die Bischöfe erblickten in diesen Verfassungsartikeln mit Recht eine Vernichtung ihrer bischöflichen Gerechtsamen und eine prekäre und illusorische Freiheit für die katholische Religion, welche bis dahin die alleiuherrschende in Belgien gewesen war. Sie erklärten darum in der „Pastoralinstruktion" und in dem „Theologischen Gutachten" über den vorgeschriebenen Con- stitutionseid, „daß die Gläubigen den Eid nicht in der Art leisten könnten, die ganze Constitution zu befolgen und aufrecht zu erhalten, ohne auf irgend eine Art oder unter irgend einem Vorwand davon abzuweichen, und ebensowenig einzuwilligen, daß davon abgewichen würde." Sie gingen hiebet von dem theologisch unanfechtbaren Grundsätze aus: Der Eid darf nichts enthalten, was der Religion, wozu sich der Eidleistende bekennt, und den Gesetzen der Kirche, welche er anzuerkennen verpflichtet ist, widerstreitet. Als die Regierung, auf die Constitution sich stützend, die Erziehung des Klerus in ihre Gewalt zu bekommen versuchte, zu diesem Zwecke alle Diözesan-Scminarien *) Die Notabeln hatten über die Einführung der Konstitution abzustimmen. Von 1603 zur Abstimmung berufenen Notabeln eiklärten sich 796 gegen, 527 für dieselbe und 280 stimmten gar nicht. Auf der Liste der Notabeln war von der gesammten katholischen Geistlichkeit Belgiens nicht ein einziger ausgenommen. 109 schloß und allen Theologen an dem neubegründeten, sogenannten philosophischen Kollegium zu Löwen ihre Studien zu machen gebot, da richtete der gewissenhafte Fürstbischof von Gent, von sämmtlichen niederländischen Bischöfen unterstützt, eine zwar der Form nach milde, aber dem Inhalte nach entschiedene Vorstellung an die Regierung. Diese hielt nun den Zeitpunkt für gekommen, sich dieses eifrigen, ihr immer mehr lästig werdenden Kirchenfürsten zu entledigen. Er wurde von der Regierung vor das Assisengericht von Brüssel gezogen und sechs Anklagcpunkte gegen ihn formulirt. Dieselben waren: 1) das von ihm und den Bischöfen von Namür und Tournay herausgegebene und von den Kapitular- vikaren von Mecheln und Lüttich mitunterzeichnete theologische Gutachten, welches dem Könige selbst überreicht und der verfassungsmäßigen Preßfreiheit gemäß öffentlich gedruckt und versendet wurde; 2) die Erklärung über den nur unter Bedingungen und Modifikationen zu leistenden Constitutionseid; 3) die fast von allen geistlichen Behörden Belgiens an den hl. Stuhl ergangenen Anfragen wegen Auslegung jener Kirchengesetze, in welchen das feierliche Gebet für Nichtkatholiken verboten zu sein scheint; 4) die Bekanntmachung der päpstlichen Bullen, Dispeusationen und andere rein geistliche Angelegenheiten betreffend; 5) die fortgesetzte Korrespondenz mit dem Papste über kirchliche Verhältnisse und Geschäfte; 6) eine Bekanntmachung von Ablaßbreven. Als dem Bischöfe seitens des obersten Gerichtshofes ver Anklageakt unter dem 9. Oktober 1817 zugestellt wurde, sandte er einen schriftlichen Protest ein. Derselbe motivirte in gedrängter Kürze sein wirkliches, den Gesetzen der Kirche entsprechendes Verhalten in den sechs Anklagepunkten. Die Protestation wurde dem Generalprokurator des Königs in Brüssel zugestellt; doch er behandelte dieselbe als ein „Aufruhrslibcll". Gegen den Bischof wurde der Haftbefehl erlassen. Durch Flucht nach Frankreich, von wo aus er gegen solch ungesetzliches Benehmen Protest erhob, entzog sich oe Broglie der Verhaftung. Inzwischen sprach der Nssisenhos zu Brüssel sein schmachvolles Urtheil über den muthvollen Kirchenfürsten. Es ist vom 8. November 1817 datirt und lautete auf Absetzung und Deportation aus dem Lande. Unter Trommel- schlag wurde die Coninmacial-, Absctzungs- und Depor- tationssenteuz gegen einen katholischen Bischof in einem ganz katholischen Lande an einem Sonntage publicirt und auf dem Schandpfahle in Mitte zweier wegen Diebstahls an den Pranger gestellten ehrlosen Menschen angeheftet. So verfuhr die damalige Regierung der Niederlande mit einem Bischöfe, der nur seine Amtspflichten erfüllt, der stets im Verein mit den übrigen Ordinariaten Belgiens und im Einverständnisse mit dem Oberhaupte der Kirche gehandelt, der aber freilich wegen seiner theologischen Kenntnisse, seiner unermüdeten Hirtenthätigkeit und seines festen, unerschütterlichen Sinnes, den er schon Napoleon I. gegenüber bewiesen, den Feinden der katholischen Religion unsagbar verhaßt war. Von Frankreich aus richtete der verbannte Bischof Gents an die zum Cvngresse versammelten Fürsten, den Kaiser von Oesterreich, den Kaiser von Rußland und den König von Preußen, eine vortreffliche Denkschrift, welche in getreuer, freimüthiger Darstellung die Verfolgung gegen die katholische Religion und ihre Diener im Königreich der Niederlande schilderte und deren Schutz und Hilfe erbat. Im darauffolgenden Jahre 1819 ließ de Broglie dieselbe unter dem Titel „Usolawution rssxsotususs" im Drucke erscheinen. Doch in den Niederlanden wurde trotz der daselbst bestehenden allgemeinen Preßfreiheit deren Drucklegung strengstens verboten ; in Frankreich hingegen nahm man keinen Anstand, den, Druck und zwar in einer königlichen Druckerei, öffentlich zu erlauben. Die protestantische niederländische Regierung begnügte sich nicht damit, den edlen muthvollen Bischof zu ächten und seinen Namen an den Schandpfahl zu heften, sie ließ ihren Ingrimm auch an seinen Generalvikaren und seinem Sekretäre aus. Als dieselben im Namen ihres des Landes verwiesenen rechtmäßigen Bischofes die geistliche Gerichtsbarkeit in der Diözese ausüben wollten, wurden sie verhaftet. Monatelang ließ man sie ohne Verhör und ohne Rechtshilfe im Kerker schmachten, trotzdem daß das damalige, in den Niederlanden geltende Recht die schleunigste Untersuchung und Erledigung aller Jnguisitionsfälle vorschrieb. Endlich „unter dem 10. Mai 1821", so berichtet das französische Journal ^rui üs Ig, RsUZioir st äu (Nr. 712 Seite 119), „erschienen die beiden Generalvikare und der Sekretär des Bisthums Gent vor dem Assisenhofe zu Brüssel. Die ersten Sitzungen wurden geheim bei verschlossenen Thüren gehalten." Erst fünf Tage später wurden sie in öffentliche Sitzungen umgewandelt. Vergeblich bemühten sich jedoch das kalvinische Ministerium und der Staatsanwalt Herr Sprüht, die Angeklagten eines Verbrechens gegen die Regierung zu beschuldigen, um dadurch gegen sie das Napoleonische Strafgesetzbuch anwenden zu können. Die Vertheidiger der Generalvikare und des bischöflichen Sekretärs wußten ihre Sache zu gut zu führen. Sie wiesen insbesondere darauf hin, daß es ein großer Mißgriff der Regierung wäre, wenn sie, um ein katholisches Volk zu gewinnen, demselben in allen seinen, auch billigsten Wünschen, in seinen wichtigsten religiösen Angelegenheiten, in Gewisscnssachen und GlaubenSgcgen- ständen widerspreche, die Priester unaufhörlich beunruhige und mit dem Umstürze aller katholischen Institutionen und alles, was dem Volke heilig und ehrwürdig sei, drohe. Endlich am 25. Mai erfolgte die Urtheils- verkündignng des obersten Gerichtshofes. Sie lautete auf Freisprechung. Ein Ausbruch des Jubels und Beifalles erfolgte bei Verlesung des Erkenntnisses. Alles drängte sich herbei, um den drei freigesprochenen ehrwürdigen Priestern Glück zu wünschen. Das ganze katholische Belgien empfand ob dieses gerechten Urtheils die lebhafteste Freude. Indessen nahte auch für den verbannten Fürstbischof die Stunde der Erlösung, allerdings nicht in dem Sinne, daß er wieder zu seiner treuen Heerde zurückkehren durste, wohl aber in einem höheren Sinne. Er sollte eingehen in jenes Land, von dem es in der „Geheimen Offenbarung" des hl. Johannes (21, 4) heißt: „Und Gott wird abwischen alle Thränen von ihren Augen; der Tod wird nicht mehr sein; noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen." Fast vier Jahre seit seiner ungerechten Verurtheilung durch den Assisenhof in Brüssel lebte der Bischof von Gent in der Verbannung in Frankreich. Die meisten Nachrichten aus seiner Diözese waren für den scelcn- eifrigcn Bischof von sehr trarrriger Natur. Einer seiner Gencralvikare wurde gleich ihm verbannt, die zwei andern nebst seinem Sekretär vor Gericht gezogen — ihre Freisprechung haben wir vorhin vernommen —. 110 einige Domherren aus dem Kapitel verstoßen, mehreren Pfarrern daS Pfrünl einkommen gesperrt, eine strenge Untersuchung gegen seine Geistlichkeit verhängt, arme Mönche und Nonnen in ihren friedlichen Klöstern beunruhiget. Alles das wirkte auf seine durch frühere harte Prüfungen bereits erschütterte Gesundheit nachtheilig ein. Im Juni des Jahres 1821 wurde er zur Zeit seines Aufenthaltes in Paris von einer Krankheit befallen, deren tödtlichen Charakter er alsbald fühlte. Am 25. genannten Monats ließ er sich vom Pfarrer von St. Sulpice die hl. Sterbsakramente reichen. Von da ab sprach er nur mehr von göttlichen Dingen. Für einen jeden, der ihn auf seinem Schmerzenslager besuchte, war er ein Gegenstand der Erbauung. Freitag den 20. Juli 1 Uhr morgens hauchte er in einem Alter von 54 Jahren 10 Monaten seine edle Seele aus. Mit ihm war ein Kirchenfürst aus diesem Leben geschieden, auf den voll und ganz das Wort des königlichen Sängers anwendbar ist: „Tolus äoruus tuae comsäit, ine" (der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt). Außer seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an die Kirche, seinem standhaften Eintreten für ihre Rechte und seinem ausdauernden Muthe in allen über ihn hereinstürmenden Widerwärtigkeiten wurden ihm von seinen Zeitgenossen insbesondere Geradheit des Charakters und kindliche Frömmigkeit nachgerühmt. Bei den treuen Katholiken der Diözese Gent, ja ganz Belgiens, steht heutigen Tages noch sein Name im gesegnetsten Andenken. k. Wilhelm Kreisen. Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel. (Fortsetzung.) k. Kreiten's Aufsätze bildeten nicht bloß werthvolle Beiträge zur Literaturgeschichte, sondern, was ungleich mehr Bedeutung hat, sie erweckten in den weitesten katholischen Kreisen wieder mehr und mehr das richtige Interesse für Literatur und Poesie. War so ?. Kreiten bestrebt, der antichristlichen Kritik eine christliche gegenüberzusitzen, so that er andererseits zugleich durch seine Arbeiten dar, wie eine reine, edle Dichtkunst ein mächtiges Mittel ist, um das Gemüth und durch dieses das ganze geistige Wesen des Menschen zu läutern, zu wecken und zu veredeln. Und so kann man in der That k. Kreiten mit vollem Rechte einen Mitbegründer unserer heutigen katholischen Poesie und Literatur nennen. Nun ist aber k. Kreiten nicht bloß Kritiker und Historiker, er ist auch selbst ein großes, gottbegnadetes lyrisches Talent. Er beschenkte uns mit einem wundervollen Strauße von Blüthen, die er „den Weg entlang" gepflückt.*) Die „Widmung" dazu schrieb er an einem Allerseelen-Abend, und in seiner tiefmelancholischen Art fühlt sich da der leidende Dichter selber nahe „der stillen Friedensstadt der grünen Hügel". Wegmüd' und wund zuckt oft der Fuß. Gott Dank! schon winkt mit trautem Gruß Die stille FriedenSstadt der grünen Hügel. Am Thore seh' ich den Richter steh'», Der Rechnung heischt von meinem Geb'n, Seit kühn ich fortgestürmt mit verhängtem Zügel, Voll Hoffnung, einst im Jugenddrang, ViS stiller ward des Mannes Gang ,_Den Weg entlang. — *) Wilhelm Kreiten 8. Den Weg entlang. Gedichte. Drifte vermeh rte Auflage der „Heimathweise» aus der Fremde". Von diesem Gedanken des einstigen und vielleicht schon nahen Tages der Rechenschaft beseelt, lenkt der Dichter „rückwärts seiner Seele Schritte". Der Kindheit sinnend Spiel, der Jugend unverstandenes Hoffen, das zieht wie trauter Abendglockenklang durch seine Seele wieder. Doch dann, wie schreckt ihn auf der grause „Hammerschlag, der ihm die Mutter sargte". Durch Schmerz gereift hört er des Heilands »Vom, sscfuörs ws!" (komm', folge mir nach!) und freudig folgt er seinem Banner „durch Nacht und Fährniß trotz Todesdroh'n und Lockgesang". So naht dem Ziele sich die Bahn; Längst Viele, Viele mir voran Heimgingen, die mir treue Weggeiellen. Sie winken mir: nur Muth, nur Muth! Der Herr ist gutem Willen gut, Ihm sollst anheim du all dein Fürchten stellen, Zn ihm trieb doch dein tiefster Drang, Wie oft auch Schwäche dich bezwäng Den Weg entlang. — So will ich geh'n und ihm vertrau'» Den dunklen Schritt durch Todesgrau'n, Das er für mich am Kreuze wollt' besiegen . . . Ihr Freunde, die des Wegs noch geht, Nehmt, daß ihr meiner im Gebet Fromm denket, werd' ich selbst im Grabe liegen. Die Lieder, oft voll trübem Klang, Voll hcit'rcm oft, wie ich sie sang Den Weg entlang. — Der „trübe" ernste Klang herrscht vor in seinen schönen Liedern, k. Kreiten ist eben eine sinnende, nach dem einzigen wahren Gute sich sehnende Natur, die sich immer bewußt bleibt, wie sie hier auf Erden nur „den Weg entlang" zum ewigen Ziele schreitet. Heitere und in leichtem Spiele dahinhüpfende Melodiken klangen kaum von seiner Harfe. Deren Melodieen glichen vielmehr dem ernsten, tiefen, mahnenden Geläute der Ossanna vom Münsterthurme. k. Kreiten theilte seine Gedichtsammlung in fünf Bücher. Den Anfang bildet daS umfangreichste derselben, „das Buch der Andacht". Hat sich im fünften Buche, dem „Buche der Sprüche", Dichter und Kritiker in glücklichster Weise verbunden, und kommt im dritten, dem „Buche des Menschenlebens", in vollem Maße das durchgebildete und formgewandte lyrische Talent des Dichters zur Geltnng, so offenbart sich hier im ersten Buche das ganze schöne, nur nach dem Himmel sich sehnende Herz I>. Kreitens. Die innigsten, weihevollsten Gefühle und Gedanken weiß er in schlichtester Weise, aber gerade deßhalb so ergreifend und erhebend wiederzugeben. Man könnte es ein Trostbüchlein im Leiden nennen. Geduld in Leiden und Schmerz, eine allein an Gott sich anklammernde Liebe und ein heißes Verlangen nach dem, der allein des Herzens Sehnsucht zu stillen vermag, das sind die Grundsaiten des kindlich frommen Gemüthes unseres Dichters. Eine Probe aus all' dem Schönen mag genügen, dieses Urtheil zu erhärten. Es ist das Fragen einer gott- geliebten Seele: Einmal, einmal nur umfangen. Herz an Herz, o könnt' ich Dich, Aller Himmel Glnthverlangen: Jesus Heiland, liebst Du mich? Einmal, einmal möcht' ich schauen In die GottcSaugcu, Dir Alle tiefste Furcht vertrauen, Die nicht lassen will von mir. Mit einem Titclbilde von Ed. v. Steinle. Paderbörn. Ferd. Schöningh. Preis acbd. 6 M. 560 S. 1891. Ach nur eine kurze Frage, Ach ein einzig kleines Wort: Wird die Lieb', die ich Dir trage, Währen bis zum Grabe fort? Werd' iH, wie der Sturm mag treiben, Lassen nie von Dir, wein Lickt? Werd' ich immer treu Dir bleiben? Herr, Du weißt es, schweige nicht! Sage ja! und laß mich wandern Tausend Jahr' im Elend noch. Will nicht schauen auf die Andern, Jauchzend tragen jedes Joch. Ew'ger Treue Gnade senke, Allerbarmer, in die Brust, Daß ich nie vom Pfade lenke, Deiner treuen Huld bewußt. Sagten wir oben, im dritten Buche käme besonders das ganze lyrische Talent des Dichters zur vollen Entfaltung, so wollten wir damit durchaus nicht behaupten, daß dieses in den andern sich verleugne und am wenigsten im zweiten, dem „Buche der Natur". Im Gegentheil, diese sinnige, lebenSwarme, Alles, auch das scheinbar Geringfügigste wahrnehmende Auffassung, wie sie dem echten Naturdichter eigen ist, finden wir in diesem Büchlein vertreten. Hören wir nur einmal, wie der Dichter so prägnant und doch so gefühlvoll den „fremden Frühling" malt: Funkelnd auf dem fremden Land Friihlingshimmel blauet, Lraumgcweckt die Felsenwand Grüßend um sich schauet. Fremde Blumen seh'n mir sacht Fragend in die Augen — Wollten sie mit ihrer Pracht D'rauS die Thränen saugen? Duftumhaucht im Thals steh'n Weiße Mandelbäume, Meereslüste d'rnbcr weh'n, Kühl wie Morgenträume. Stille I welch ein Lied erklingt Dort so hcimatheigen? Waudermüd' die Schwalbe singt In des Oelbaums Zweigen. Weht nur weiter warmen Hauch, ^Linde Lenzeslüfte, Weckt im Land der Heimath auch Sang und Blumendüste. Fort zum Haus am Haidegrund, Möglcin, wollt euch schwingen Und von mir zu jeder Stund' Tausend Grüße bringen. - Freilich schwirrt die Luft voll „Frühlingslieder", doch dieses ist keines von den landläufigen. Schon die Person des Dichters selber, die da mitten drin steht und dem die fremden Blumen so facht und fragend in die Augen sehen, gibt dem Ganzen ein individuelles, eigenthümliches Gepräge und erweckt unsere innigste Theilnahme. Ist doch der Frühling, den hier der Dichter besingt, ein — „fremder", und ist er doch selber aus dem „Haus am Haidegrund", für das er den Vöglein seine Grüße aufträgt — verwiesen und verbannt! Ebenso bietet das folgende Gedicht, „Der Lenz", eine eigene, frische, gemüthvolle Auffassung. Als „holder Blüthenknab'" zieht er ins Land und läutet dem Winter „hinunter ins grüne Grab". Alles sprießt und sproßt, wo er geschritten. Dann kommt die Königin Nose, Hält große Blumcuschau Uno feiert Spiel und Tourniere Des Nachts aus der Waloeöau. Inzwischen hat Lenz, der Knappe, Auch Rüstung angelegt, Schwertblüthe und Eisenblume Und Rittersporn er trägt. Dann kommt Prinz Sommer geritten Und rennt den Frühling an. Daß er zwischen Gras und Blume» Sinkt sterbend aus den Plan. Dem Sieger reicht die Nose Zum Bunde dann stolz die Hand — Und es jubelt, leuchtet und glühet Ihr Brautlauf durch das Land. Nur einsam still eine Jungfrau Im weißen Schleier steht; ES wacht beim Grabe des Frühlings Die Lilie im treuen Gebet. DaS eigene Todesahnen gab dem Dichter wohl auch das kurze, aber tief gefühlte Gedicht „DaS Förstermal" ein: Da drauß' im Walde stehen der schlanken Eichen so viel, Deö Frühlings Säusclwchen treibt in den Kronen Spiel. Die schwellen, knospen und grünen im goldenen Maienstrahl, WaS kümmert die stolzen Hünen am Stamme das kleine Mal? Das hat der Förster gehauen mit seinem Gürtclbeil» Von fern ist's kaum zu schauen, ein Jahr — dann ist es heil! Ein Jahr? — du arme Eiche erlebst nicht so ferne Zeit! Dich hat mit jenem Streiche der Förster dem Tode geweiht. Bald werden die Hauer kommen und spähen nach jenem Mal, Da kann kein Knospen frommen, dich fället der Aexte Strahl. Dann wieder diese herrlichen, stimmungsvollen Abendbilder! Zu dem Besten in unserer gesäumten deutschen Lyrik zählen wohl Lieder wie das folgende: Auf Waldeswipscln funkelt Der Sonnen Flammenpracht, Vom Berg im Osten dunkelt Die weite stille Nacht. O sag'! zu dieser Stunde Was engt die arme Brust, Daß ich dasteh' im Grunde Und klage von Verlust? Mich zieht's mit StrahlenhänböN Fort in die Muth hinein, Ich kann den Blick nicht wenden Vom milden Abendschein. ES ist, als müßt' ich bluten Mein Herz am Himmel seh'n Und mit den Abendgluthcn Auf ewig untergeh'n. (Schluß folgt.) Recensionen nnd Notizen. Förster I. M-, „Das gottselige München". 6tBogen 8° mit circa 140 Illustrationen. (III Theile, stark brosch. M. 7.-.) * Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die kirchlich-historische Literatur in neuerer Zeit immer mehr aufblüht, da hierin der beste Beweis für die Antheilnahmc des Volkes liegt. Das vorliegende Buch hat die geschichtliche Beschreibung aller Kirchen und Klöster, welche München je besessen hat, zum Gegenstände. Da der Verfasser aber in den meisten Fällen auch die Bau- geschichte, die Beschreibung der Altäre (selbst aus früheren Zeiten), der Glocken, der etwa bestehenden Bruderschaften bringt und verschiedentlich interessante Charakterzüge einsticht (wie z. B. daß bei Aufhebung des früheren Kapuzinerklosters in München Polizeidiener, nachts durch Fanghnnde verstärkt, vor demselben Wache hielten, damit keine Verschleppung erfolge; daß die Mitglieder unseres erhabenen RegcntenbauseS fleißige Kirchenbesncher sind u. s. w.), ist das Buch außerordentlich wcrth- voll und kann jeder katholischen Familie, namentlich der k. D. Geistlichkeit, bestens empfohlen werden. Neben dem Bezug in 3 Theilen ist auch ciu solcher in (64) Heften L 10 Pf. durch jede Buchhandlung oder direkt beim,Herausgeber (München, 112 Wörthstraße 18 a), in dessen Selbstverlag dciS Buch erschienen ist, gegeben. Zn ganz besonderer Empfehlung dürste dem Buche dienen, daß der Magistrat München für sämmtliche Schul- bibliothcken, die Lehrer-, Magistrats- und VolkSbibliothck je ein Exemplar dieses Buches anschaffte, ebenso die Rektorate der Müuckcner Mittelschulen jeweils mehrere Exemplare desselben beschafften. * Schnlchan Nrnch. Am 15. April d. I. erscheint im Verlag der Mechitaristcu-Bnchdrnckcrei in Wien (VII, 2 Mechi- taristengasse t)!r. 4) „Schnlchan Aruch, Die vier jüdischen Gesetzbücher" übersetzt von Heinrich C. F. Löwe sou. 2. Anflöge, 2 Bände, gr. 8°, cn. 75—80 Bogen. — Die Löwe'sche Ucber- sctznng besteht schon seit 1840, die aber nur sehr schwer mehr anizntreiben ist. Da sich Lome sclavisch an das Original hielt, wurde seine Uebcrsetznng holprig und an mancher Stelle fast unverständlich. Die NcuauSgabe ändert an der Uebersetzung nichts Wesentliches, will sie aber in einem lesbaren Deutsch geben. Solange keine authentische Uebcrsetznng des Schnlckan Aruch cxistirt, wird diese Uebersetzung, die hinsichtlich der ersten 160 Paragraphen des Buches OrachChajim mit der Uebersetzung PavlyS verglichen und übereinstimmend befunden wurde, mit voller Beruhigung benutzt werden können. Die neue Auflage des Werkes, das antiquarisch kaum um 100 M. zu erhalten ist, kostet im SnbscriptionSweg 10 M., nach dem 15. April beträgt der Bnchhändlcrpreis 15 M. Bestellungen zum Subscriptions- preiS sind bis 15. April an den oben genannten Verlag zu richten. Die Schädelstätte oder Golgatha. Eine Hochschule christlicher Tugend und Vollkommenheit. Von ?. F. Peters, 0. ss. Q. Mainz, Kirchheim. 1896. Preis M. 1,80. Der hochwürdige Verfasser hat sich in diesem Buche, ähnlich wie in dem „Oclgartcn Gcthsemane" und dem „Ricbtcrstuhl", zur Aufgabe gemacht, über christliche Tugenden, in denen der Erlöser insbesondere bei seinem Lcidcnsgange zur Kreuzigung und bei dieser selbst uns ein so ergreifendes Beispiel war, abzuhandeln und den Gläubigen zu empfehlen, sie zur Bethätigung der Liebe Christi anzuregen. Die Diktion ist fließend, lebhaft und beredt, und getragen von tüchtiger Kenntniß der Wege Gottes im inneren Leben. »Die katholische Familie". Verlag der B. Schmid'schcn Verlagsbuchhandlung in Augsburg. Von G. P. Lauten- schlager redigirt. * Diese Familien-Wochenschrift, welche sich sehr warmer Empfehlung der geistlichen Obrigkeit erfreut, bietet allen einzelnen Familienmitglicdcrn viel Nützliches und zugleich gute Unterhaltung. Sie kostet vierteljährig nur 50 Pfge. und verdient, recht weite Verbreitung zu finden. Alte und Neue Welt. Das Qsierheft der „Alten und Neuen Welt", das 7. dieses Jahrganges, enthält nicht weniger als süuf größere erzählende Beiträge. Wohl selten wird ein Familicnblatt, das sich auch die Belehrung seiner Leser zur Aufgabe macht, mehr bieten. Außer dem effektvollen Schluß des Romans „Das japanische Schräukchen" erwähnen wir die an der Spitze des Heftes stehende musikgeschichtliche Novelle „Emanucl Astorga" von A. Schuppe; die spannende Erzählung „Ein Sonderling" von Hermann Hirschfcld und die mit geradezu Jean Paul'schem Humor gewürzte Humoreske „Dr. Labsals Brautsabrt" von Ncinfried, ein Autor, welchem wir hier zum ersten Male begegnen, und zu dem wir der „Alten und Neuen Welt" Glück wünschen. Ist es ja doch leider Thatsache, daß die meisten unserer heutigen sogen. Humoresken nicht anderes als bessere Schwänke genannt werden müssen. Hier sehen wir uns wieder einmal zum Zeugen eines höchst einfachen Vorganges gemacht, der durch humorvolle Charakteristik ebensowohl unser herzliches Lachen, als auch unsere Shmpathie erregt. Unter den belehrenden Aufsätzen nimmt die Würdigung PcsialozziS, von Schuirath Fr. Wilh. Bürgcl, den ersten Rang ein. Wir sind im voraus überzeugt, daß dieser rühmenswerthc Aufsatz insbesondere in der Lehrerwelt Dank und Beifall ernten wird. Ueber die neue Nöutgen'schc Entdeckung gibt ein klarer, mit instruktiven Illustrationen geschmückter Beitrag auS der Feder von U. F. Kinvler, 0. 8. L., populärwissenschaftliche Belehrung. Als Streiflichter auf die Geschichte der türkischen Vorherrschaft in Europa kaun die geschichtliche Abhandlung „Zwei Grober- , ringen KoustautinvpelS" von Dr. Dcutschmann akiuellcö Juier- > esse beanspruchen. In das Gebiet der Naturgeschichte gehört der Aufsatz „Ueber den Schlaf der Säuzcthicre und Bögel" von E. Rüdiger, in das der Naturiabel das reizvolle Märchen „Ein Besuch beim Osterhasen" von Th. Bertholt». Die veilchenblaue Ausstattung des Umschlags und die Illustrationen sind ebenso geschmackvoll als eigenartig. Engclmann, Dr., II. Staatsanwalt. Die rechtlichen Verhältnisse der unehelichen Kinder nach bayerischem Landrecht. Gcbd. 3 M. 250 Seiten. München, I. Schweißer (Jos. Eichbichler). -os- Der Verfasser behandelt im ersten Drittel seines Buches nach einer rcchtShistorischen Einleitung die rechtlichen Verhältnisse der unehelichen Kinder nach gemeinem Recht, auf Seite 95 bis 220 nach dem bayerischen Landrecht, und zum Schlüsse bringt er einen Abdruck der diesbezüglichen Bestimmungen deS bürgerlichen Gesetzbuches. Soweit der Verfasser diese äußerst schwierige Materie behandelt hat, ist dies durchweg mit großer juristischer Schärfe und Klarheit geschehen, leider bat er sich aber zu oft ein Halt zugerufen, weil die Frage nicht streng zum Thema gehört oder zu weit führen würde. Bei einer so sehr umstrittenen Materie, wie die vorliegende, wäre eS unserer Ansicht nach nur von Vortheil, wenn man alle Streitfragen, die sich um den Begriff außerehelich gruppircn — und deren sind es bekanntlich eine schwere Menge — hereingezogen hätte; daß dies nicht geschehen, bedauern wir mit Rücksicht auf die sonstige Trefflichkeit des Gebotenen und auf die praktische Verwendbarkeit des Buches selbst. Gehet zum heil. Antouius! Von U. Nrscuinö Dossier, 0. 8. Ikr. Würzburg, Göbcl, 1896. Gebunden in Ganzlcinwand 75 Pfennig. G Eine Lebenoskizzc des großen Heiligen von Padua und die üblichen Andachtsübungcn zu demselben! St. Antoniuö ist einer jener Heiligen, die zu den Lieblingen des christlichen Volkes zählen. „Der heilige Antouius ist nicht blos der Heilige von Padua, er ist der Heilige der ganzen Welt", sagte unlängst Papst Leo XIII. Ein Ordensbruder, ein Mitglied der bayerischen Frauziskaucrproviuz vom heil. AutouinS, will in vorliegendem Büchlein das Leben dcö Heiligen weiteren Kreisen bekannt machen und zugleich dessen Verehrung fördern. Der Verfasser weiß die Feder zn führen; präzis im Gedanken, gewandt in der Form, ist er Meister in edler Popularität. Wir können das Büchlein bestens empfehlen. ___ Silbernagl. Dr. Jsidor, o. ö. Professor des KircbenrechtS und der Kirchengeschichte an der Universität zu München, Lehrbuch des katholische» Kircheurechts zugleich mit Rücksicht auf das im jetzigen Deutschen Reiche geltende StaatSkirchenrccht. 3. Auflage. NcgcnSburg, Nationale VerlagSaustalt. M. 8. -w- Silbcrnagl's Kircheurccht, aus dem Bedürfniß nach einem gut geschriebenen, nicht zu umfangreichen Lehrbuche heraus entstanden, bewahrt auch in seiner neuen Auflage noch den Charakter deS Lehrbuchs, indem es bestrebt ist, in großen Zügen dem Leser und insonderheit dem Theologen ein klares Bild dieser Materie zu geben. Wenn der Verfasser dabei von Auflage zu Auflage in steigendem Maße die einschlägige Literatur und Rechtsprechung berücksichtigt hat, so werden ihm dafür nicht nur die Theologen, sondern auch die Juristen dankbar sein, die sich in vielen Fällen auö dem Lehrbuche recht guten Rath für die Praxis holen können. Der heilige Joseph, als Vorbild und Schutzpatron der christlichen Ehemänner. Ein Lehr-, Gebet- und Er- bauungöbuch. Von Joh. Völkl, Stistspropst in Jnnichen. Innsbruck, Vereinöbuchhandluug. Preis gebd. M. 2. §. Der nun in Gott ruhende, hochwürdige Verfasser dieses Buches ist bereits seit langem durch sein berühmtes, in allen Ländern deutscher Zunge viel und gerne gelesenes „Anna-Buch" bestens bekannt. Wie dieses in der Frauen-, so hat sein „Josephi-Buch" in der Männerwelt einen sehr guten Klang, was schon aus dem Umstände ersichtlich ist, daß abermals eine Neubearbeitung desselben nothwendig wurde. Das Buch verdient wegen des praktischen Inhaltes und der leichtverständlichen Schreibart allen Ehemännern bestens empfohlen zu werden. Es wird gewiß großen Nutzen stiften. Verantlv. Redacteur: Lid. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabbcrr in Augsburg. t^. 15 10. Aprlk 1896. Streifzüge durch die social politische Literatur des Mittclalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Strohmeyer, Benefiziat in Oberstdorf. Bekanntlich gilt es bei den meisten neuen Staatslchrern als unumstößliches Dogma, daß dem Mittelalter eine wirklich politische Forschung fehle. Sie sagen, diejenigen Schriftsteller jenes Zeitalters, welche sich mit staats- und socialphtlosophischen Fragen beschäftigen, begnügen sich mit nur akademischen, durchaus nicht wissenschaftlich selbst- ständigen Erörterungen; die ganze Politik jener Zeit bestände nur aus Kommentaren und Wiederholungen des Aristoteles. Insoweit diese Behauptung allgemein ist und sich auf alle politischen Schriftsteller und Arbeiten des Mittelalters bezieht, entspricht sie der Wahrheit nicht, wie ein Gang durch die socialpolitische Literatur des Mittelalters beweist. Die Bücher „äs rsZivaiirs xrinoixura" von Thomas von Aquin und ,1)6 nionnrosiia,« von Dante Alighieri, um nur diese Beispiele anzuführen, beweisen das Gegentheil. Die mittelalterliche Staats- und Gcsellschaftsphilo- fophie baut sich auf einer doppelten Grundlage auf, auf der griechisch-römischen Anschauung vom Staat, dessen Begriff und Zweck, und auf der Lehre des hl. Augustinus vom Verhältniß des irdischen zum überirdischen Leben. Indem das Mittelalter die Augustinische Doktrin bei der Bildung seines Staats- und Gesellschaftsbegriffs mitberücksichtigte und dieselbe zur dominirenden Geltung kommen ließ, hat dieser Begriff christliches Gepräge erhalten. Diesen Einfluß der Augustinischen Lehre auf die politische Denkweise des Mittelalters will dagegen Robert Mohl nicht gelten lassen. Er schreibt in einem seiner berühmtesten Werke*): „Ganz verkehrt ist es, diese Staatsphtlosophie anknüpfen zu wollen an die Schrift des hl. Augustinus äs oivituts Osi, indem dessen Gottesreich das ewige, das weltliche aber das des Bösen ist, so daß der spätere theokratische Gedanke des christlichen römischen Reichs eher als ein Gegensatz als eine Folge der Lehre des Kirchenvaters erscheint." Es ist unschwer zu erkennen, wie der berühmte Staatslehrer zu seiner Ansicht kam: er hat eben diesen Einfluß der Augustinischen Lehre auf die mittelalterliche Politik zu allgemein aufgefaßt. Das Buch äs civitats Osi betrachtet das Gottesreich als das ewige im Gegensatz zum Reiche des Bösen, zum weltlichen, ganz airsoluts. Dieselbe Anschauung sucht nun das Mittelalter rslativs in die weltliche Politik hineinzubringen, insofern als die geistliche Macht des Papstes von der weltlichen des Kaisers unterschieden wird, und je nach der entgegengesetzten Behauptung entweder die eine oder die andere die Oberhand beansprucht. Ohne in Abrede zu stellen, daß die griechisch-römische Philosophie, namentlich Aristoteles und auch Cicero und Seneca, in der mittelalterlichen Politik eine bedeutende Rolle spielt, dürfen wir auf der andern Seite auch den Einfluß des hl. Augustinus und der hl. Schriften und des Bosthius nicht verkennen und unterschätzen. Daraus aber zu folgern, daß keine Spur von Selbsiständigkeit vorhanden sei, wäre falsch. „Den eigentlichen Haupt- ') Robert Mohl, Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften I. Bd. S, 225. gedanken dieser Zeit, der der griechischen Anschauung geradeswegs entgegen war, hat sie sich nicht aus Aristoteles geholt; der war ihr durch die christliche Idee gegeben und entwickelte sich ganz selb st ständig und im inneren Zusammenhang."") Ehe wir nun unseren Spaziergang durch die Halle der socialpolitischen Denkmäler des Mittelalters antreten, müssen wir zwei auffallende Thatsachen registriren, nämlich 1) daß das Mittelalter so arm ist au politischen Literaturprodukten trotz seiner staunenswerthen Kenntnisse auf fast allen Wissensgebieten, und 2) daß selbst bet jenen Philosophen, Theologen und Schriftstellern, die sich noch mit Socialpolitik beschäftigen, die Politik doch eine mehr untergeordnete, secundäre Rolle spielt. Es sind dies Erscheinungen, die auf eine gewisse Abneigung des Mittelalters gegen die Politik schließen lassen, und müssen dieselben um so mehr auffallen, als die Erörterungen, welche die Gesellschaft angehen, immer auch die Denker jeder Zeit auf's tiefste beschäftigt haben. Welche Culturperiode weist nicht ihre politischen Denkmäler auf? Die Arier hatten die Vedischcn Hymnen, die Brahmanische Cultur das Gesetzbuch von Manu, die Perser das Buch Zendavesta von Zoroaster, die Aegypter ihr Todtenbuch. Und welcher Hauptphilosoph unter den Griechen hat sich nicht mit Staats-, Social- oder Rechtsphilosophie beschäftigt? Es genügt, auf Plato und Aristoteles hinzuweisen. Plato versuchte eine idealpolitische, auf die Gerechtigkeit gegründete Verfassung zu entwerfen. Aristoteles hatte mit der Untersuchung von 158 demokratischen, oligarchischen, aristokratischen und tyrannischen Verfassungen sich vorbereitet, um seine eigenen politischen Gedanken darzulegen. Leider sind diese Aristotelischen Untersuchungen bis auf die neuer- dins wieder aufgefundene verloren gegangen. Die Römer endlich beherrschen noch heutzutage die Welt mit ihren mannigfachen Gesetzen und ihren Nechtsanschauungen. Einer solchen Reichhaltigkeit der socialpolitischen Literatur in andern Culturperioden gegenüber muß die Armuth an derselben im Mittelnlter im höchsten Grade auffallen. Wir haben bis zum 8. Jahrhundert nur folgende Denkmäler: das Buch „äs sivitats Ost" vom hl. Augustinus, welches auf das ganze Mittclalter eingewirkt hat, dann die 22 „Oapita, aänrcmitoria, aä äustinianuin I." des Agapetus Diaconus, ferner die „Oaxita, sxstortaticmuw. aä I^soiisrn stMuur" deL Kaisers Basilius Macedo, dann die „lloaär-l« des Theophylactus, endlich die Schrift „ilpo; -röv eöeov MOV 'RtukEv'/' über die Verwaltung des Kaiserthums von Constantinus Porphyrogennetus?) Die einzigen politischen Denkmäler vom 8. bis gegen das 13. Jahrhundert sind die Kapitularien Karls des Großen und seiner Nachfolger, die päpstlichen Bullen und Kirchenrechtssammlungen, von denen die berühmteste das sogenannte Vsorstmva Oratirmi ist, dessen Vollendung- eine Arbeit von 80 Jahren kostete. Den Grund dieser seltsamen Erscheinung müssen wir 2 ) Förster, „Die Staatslehre des MittclalterS" in der Allgemeinen Monatsschrift für Wissensch. u. Literatur S. 834 Jnhrg. 1853. °) Diese und die nachfolgenden literaturhistorischen Notizen sind entnommen dem Buche dcS Johannes Schön „über die politische Literatur des Mittelalters" (äs titsratura politie» weitn aevi) 1833. 114 vorzüglich in der Völkerwanderung suchen, durch welche die Frucht der Erforschungen von zahlreichen Denkern viele Jahrhunderte abhanden gekommen, namentlich fast alles, was die Politik als solche anbelangt, verloren gegangen ist. Es bleiben, außer einigen Ueber- reflen der lateinischen Literatur, nur die Erinnerung an die Vergangenheit und in den Werken der apostolischen Vater wenige Bruchstücke, in vielfach fehlerhaften Aus- zügen und theils unterschobenen Aufsätzen. Und dann ist wohl zu erwägen, daß sich damals weder Philosophen noch Theologen um Socialfragen bekümmert haben, selbst Abülard nicht, von dem man es doch am ehesten hätte erwarten können. Lange Zeit hat man, einer Benedictin- tschen Tradition folgend, geglaubt, es sei auf der berühmten Hofschule „Lastolu kulatinaR eine Professur für Politik errichtet gewesen, indem einer der dortigen Lehrer, Mannon, zur Zeit Ludwigs deS Stammlers (877 — 879) Plato's Politik und IwZes erläutert habe. Die neuesten historischen Forschungen haben aber ergeben, daß Liese Nachricht unhaltbar ist. Erst der welthistorische Kampf zwischen dem Papstthum und dem deutschen Kaiserthum, vom Pontifikate Gregors VII. (1073) an, gab die natürliche Anregung, nm die Recht h ire beider Mächte, der geistlichen und weltlichen, und den Ursprung der Gewalt überhaupt zu erforschen. (Fortsetzung folgt.) Johannes Nas, Franziskaner und Weihbischof. Wie rar gerecht der Vorwnrf ist, daß die Lehre rer ivgcuannten Reformatoren zum großen Theile deßwegen so günstige Aufnahme und so schnelle und weite Verbreitung gefunden habe, weil es von Seite des Welt- und OrdensOerus aus Mangel an Wissenschaft und Eifer an kräftiger Opposition gefehlt habe, zeigt die lange Reihe jener Männer, welche, ausgezeichnet durch wissenschaftliche Bilning und tiefe Frömmigkeit, nach allen Kräften dem Vordringen der neuen Lehre einen Damm entgcgenzusetz suchten. Ohne daß in Abrede gestellt werden soll, baß namentlich in der ersten Zeit manche überrascht wurden oder sich anlocken ließen, so zeigt doch die Geschichte, wie ungerecht ein solcher Vorwurf ist, wenn er allgemein gegen den damaligen Klerus oder gegen die religiösen Orden erhoben wird. Unter denen, welchen die Vertheidigung der katholischen Lehre am Herzen lag und die für dieselbe mit allem Eifer eintraten, ist nicht der geringsten einer der Konvertit und spätere Ordensmann und Weihbischof Johannes Nas, von dessen Leben eine kurze Schilderung hiemit gegeben werden soll.*) Johannes Nas war zu Eltmann in Unterfranken geboren am 19. März 1634; sein Großvater gleichen Namens war viele Jahre Aeltester im Rathe der Stadt gewesen. Sein Vater hieß Valentin, die Mutter Magda- lena, geb. Schumann. Der Knabe wurde anfangs mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, bis er in seinem zwölften Jahre nach dem nahen Bamberg gebracht wurde, um das Schneiderhandwerk zu erlernen. Nach beendigter Lehrzeit begab er sich auf die Wanderschaft und arbeitete in mehreren bayerischen Städten, so in Nürnberg, Negens- *) Um viele Citationen zu vermeiden, seien die Quellen hier genannt: Schöps, U. Joh. Nasus; die neu herausgegebene 6brouwa Urov. 8. Iwoxoläi und Janssen, des. Bd. V u. VI; endlich auch Glaßberger, Otirouioa. bürg, Augsburg und München. So werthvoll einerseits diese Reisen für den jungen Schneidergesellen waren hinsichtlich seiner gewerblichen Fortbildung, so gefahrvoll wurden sie ihm anderseits für seinen Glauben; denn obwohl er von katholischen Eltern stammte und auch selbst im katholischen Glauben erzogen war, wandte er sich auf seiner Wanderschaft der Lehre der lutherischen Prüdikanten zu, und zwar mit einem wahren Feuereifer. Er besuchte ihre Gottesdienste, hörte ihre Predigten und verkehrte viel mit ihnen. Ihre Lehre begeisterte ihn, und er bekennt später selbst, daß er mit Lust und Liebe protestantische Lieder gesungen, und erinnert sich auch wohl, wie die Lutherischen „ihre Offenmeß damals auf's schein- barlichst gehalten". Die unausgesetzten Schmähreden gegen die katholische Kirche machten auf das Gemüth des Nas einen überaus tiefen Eindruck, wie aus seinen späteren Schriften hervorgeht. „Zu Nürnberg, Regensburg und Augsburg habe ich, schrieb er später, dem vermeinten Wort Gottes hungrig angehangen wie nach- folgends in Luthers Büchern." An manchen Sonntagen habe er vier ganze Predigten gehört und das Lied „Erhalt' un§, Herr, bei deinem Wort, und steur' des Papfls und Türken Mord" so stark gesungen als einer im Haufen. Die Schmähungen gegen Papst und Kirche erfüllten ihn schließlich mit solchem Haß, daß er nach seinem eigenen Geständniß ohne weiteres nach Steinen s gesucht hätte, wenn ihm nach einer solchen Predigt ein ; katholischer Priester oder Bischof begegnet wäre. (Schöpf 73.) Die verführerischen Beispiele, die gegen die Kirche gerichteten Bilder und Reden brachten ihn zuletzt so weit, daß er mit wahrer Wollust die rasendsten Schmähschriften las und sich nebenbei noch der damals grassierenden Art des Aberglaubens, nämlich der Sterndeuterei, ergab. So war er seinem Glauben ganz entfremdet, ja vollständig abtrünnig geworden und schien für die katholische Kirche für immer verloren. Da ging 1552 plötzlich eine völlig überraschende Veränderung in ihm vor. Der Zufall spielte ihm in München das goldene Büchlein von der Nachfolge Christi in die Hände, sein Herz öffnete sich der göttlichen Gnade, er schloß sich wieder der katholischen Kirche an und kehrte sogar der Welt den Rücken, indem er im nämlichen Jahre 1552 zu München um Aufnahme in den Franziskanerorden nachsuchte, welche ihm auch gewährt wurde. Am 5. August 1553 legte er alsdann nach bestandenem Noviziat die feierlichen Ordeusgelübde ab. Anfangs übte er im Kloster noch sein Handwerk, indem er in der Schneiderei beschäftigt wurde, worüber seine nachhertgen Gegner, so insbesondere Fischart, Ni- grinus und Osiander, ihre groben Späße nicht sparten, während er dasselbe immer in Ehren hielt, so daß er, zum Wethbischof von Vrixen ernannt, die Scheere in sein bischöfliches Wappen aufnahm. Aber nun erwachte in dem jungen Franziskanerlaienbruder ein gewaltiger Wissensdrang, er begann auf eigene Faust die lateinische Grammatik zu erlernen. In stiller Nacht, während alles im Kloster schlief, studirte er bei einer Lampe, die auf einem der Klostergänge brannte, die Anfangsgründe der lateinischen Sprache. Diese Lampe war vor einem Muttergottesbilde angebracht, und Maria bewies sich ihm als gütige Helferin, wie seine überraschenden Fortschritte nachgehends zeigten. Dieses nämliche Marienbild ist eS auch, welches gegenwärtig in überaus großer Verehrung steht. Obwohl an sich ganz anspruchslos, wurde es zuerst der Gegenstand der Verehrung im Kloster, da ja alle Mitbrüder davon überzeugt waren, daß Maria an Bruder Nas ein Werk der Barmherzigkeit gethan, der vor demselben soviel betete und studirte. Nachdem aber das alte Franziskanerkloster in Jngolstadt aufgehoben wurde, brachte man dasselbe in die jetzige Franziskanerkirche, in der es den Altar des hl. Augustinus ziert, und ist es zugleich das Titularbild des großen, überall verbreiteten sogen. Lngolstädter Meßbandes geworden. Nas konnte nach Erlernung der Grammatik bald zur Lektüre der Klassiker übergehen und gab, als er sich seinen Obern offenbarte, ihnen zum größten Erstaunen solche Beweise selbsterworbener Kenntnisse, daß er von ihnen für würdig und fähig befunden wurde, in die Zahl der Kleriker aufgenommen zu werden, und schon im Herbste 1557 empfing er in Freistng die Priesterweihe. Seit 1559 verweilte er wieder in Jngolstadt, und zwar als Hörer an der Universität, welche damals der Mittelpunkt katholischer Wissenschaft und Polemik im südlichen Deutschland war; er beschäftigte sich vorzugsweise mit dem Studium der hl. Schrift und der Väter und erlernte noch nachträglich die griechische und hebräische Sprache. In seinen Schriften nennt er die Professoren Staphylus, Eisengrein, Frank — sämmtliche Convertiten — mit besonderem Dank als seine Lehrer und Freunde. Am 14. September 1560 wurde er auf dem Ordenskapitel zu Sefflingen zum Conventprediger in Jngolstadt ernannt, was ihn jedoch nicht hinderte, seine Studien eifrigst fortzusetzen und unter- Leitung der Jesuiten sich in Disputationen zu üben. k. Johannes wurde bald ein berühmter Prediger. Seine Reden erweisen ihn als einen Mann von großer Sprachgewalt und volksthümlicher Beredsamkeit, der aus dem Born des Volkes schöpfte, wenn auch seine Redeweise der Jetztzeit nicht mehr zusagt. Der unerschrockene Muth und die volkstümliche Kraft seiner inhaltreichen Reden thaten mächtige Wirkung nicht nur bei den Katholiken, sondern auch den Lutherischen; die neue Lehre war bereits bis fast an die Thore Jngolstadts vorgedrungen. Und nicht bloß auf der Kanzel seiner Klosterkirche trat er gegen dieselbe auf, sondern er predigte auf seinen Sammelreisen, die er als Sohn des hl. Franziskns unternahm, um den Lebensunterhalt durch Almosen zu erhalten, auch auf dem Lande gegen dieselbe, wobei er manche betrübende Erfahrungen über das Glück des bethörten Volkes „unter dem reinen, unverfälschten Wort" zu machen Gelegenheit hatte. In dem Maße seiner Erfolge stiegen aber auch die heimlichen Ränke und Verfolgungen wie auch die offenen Verunglimpfungen, und er wurde mit Titeln wie „Schneiderknecht" u. a. belegt; wenn er sogar von Meuchelmörderischen Anschlägen gegen sein Leben erzählt, so darf man dies bei der zügellosen Parteiwuth jener Zeit durchaus nicht für Uebertreibung halten; um so einen „tollen Mönch" aus dem Wege zu räumen, war in der That jedes Mittel recht. Durch seine Predigten wurde er überall bekannt, und der Cardinal Bischof Otto von Augsburg lud den Franziskaner zur Provinzialsynode nach Dillingen ein, wo ihn wiederum der Bischof von Würzbnrg kennen lernte, der ihn zu einer Missionsreise nach Franken bewog. ?. Nas erzählt selbst, welche Freude er empfunden, als er am 29. Juni 1569 auf dem Frauenberge zu Würzburg die hl. Messe las und predigte. Bei einem Besuche in seiner Heimath, den er bei dieser Gelegenheit Wachte, erlebte er den Schmerz, das Lutherthum inzwischen dort eingerisscn zu sehen. Schon vorher hatte er übrigens in Ulm, Bruck und München längere Zeit als Missionär gewirkt und zu diesem Zwecke auch ein eigenes katholisches Handbüchlein drucken lassen. Doch noch bekannter wie als Prediger ist ?. Johannes als Polemiker. Als solcher aufzutreten war ursprünglich keineswegs seine Absicht gewesen. „Ich wollte wohl am liebsten, äußerte er sich, einfältiglich das Volk den katholischen Glauben zu jeder Zeit gelehrt haben auf dem Predigtstuhl und im Jugendunterricht und ihm gedient haben im Beichtstuhl und in den Siechhäusern, aber die unzähligen, unsäglichen Lästerschriftcn der Pcädi- kanten haben mich in's Feld geführt, und ich muß mich nun mit ihnen hauen und fechten mit gleichen Waffen und ihnen die Sprache reden, so sie selbst führen, da sie doch keine andere verstehen und hören wollen." „Freudig zu Muthe" war es ihm als Streitschriftstcller keineswegs. „Welcher Leser wird frömmer, wenn er anderer Leute Büberei gleich wohl und oft liest und hört?" „Aber was soll man machen, wenn, man mög' wohl sagen Tag um Tag immer neue Famos- und Lästerbücher erscheinen und unsere Widersacher gleich wie Wölfe in die katholische Hürde dringen und den Weinberg des Herrn verwüsten, alle Zucht und Ehrbarkeit zu Nichte machen", „unfläthigste Phrases am liebsten gebrauchen, unzüchtige Bilder, Gemälde ausstreuen, sollte man da geruhig bleiben können und nicht den Wölfen wehren?" Jcmssen 364 ff. (Schluß folgt.) Adam Weishanpt. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Am 11. Juli 1773 hatte sich Adam v. Weishanpt in Eichstätt mit Afra Sausenhofcr, Tochter des fürst- bischöflichen Kastners und Hofkammerrathes Sausenhofcr, vermählt;^) doch schon am 8. Februar 1780 wurde diese Verbindung durch den Tod der Frau gelöst, welche seit 1777 krank darniedergelegen.^) Zur Besorgung der ^) Maria Afra Johanna Walburga Sausenhofcr war am 3. August 1716 zu Wolferstadt (in der Nahe von Wemdinz) geboren, wo der Vater domkapitlischer Kastner (granariusl war. Er scheint gegen daö Jahr 1760 nach Eichstätt versetzt worden zu sein, woselbst ihm am 22. Mai 1766 eine Tochter Maria geboren wnrde. In Wolferstadt war ihm am 7. Nov. 1747 ein Sohn geschenkt worden: Wolfgang Damianus Karpophorus JoscphuS, welcher in den geistlichen Stand eintrat und mir Erlaubniß des Pfarrers von Sk. Moritz in Jngolstadt die Kopulation seiner Schwester Afra mit Weishanpt vornahm. Später wnrde er Pfarrer in Kirchanhausen bei Bcilngries und starb am 12. Januar 1801 in Eichstätt. Der Hoikastncr Wolfgang Willibald Jakob Sansenhoser selbst war geboren den 7. Juli 1718 und starb in Eichstätt am 17. Nov. 1792, nachdem er, wie seine Grabschrist an der westlichen Wand der Gottesacker- kapelle daselbst besagt, dem hohen Stifte über 47 Jahre getreue Dienste geleistet. Öb Wolfgang Sansenhoser und sein Sobn Wolfgang Nahmnnd, geb. zu Wolferstadt den 23. Juli 1754. gest. in Eichstätt am 9. Nov. 1801 als Hoch-Biscböfl. Eichst. Hof- und Rcgicrnngsrath, dann Lchcnpropst, dem Illuminatenorden angclwrt babcn, ist nicht zu erweisen. I» Innsbruck (SamoS) suchte Hanmbal (Baron Bassns) Professor 8 — — , künftigen Schwager deß Spartakus, iür die Jllnininatcn zu gewinnen. (Nachtrag v. Originalschr. I, 136.) 2 °) Die Mutter Weishanpt'S, Anna Katharina Apollonia, eine Tochter des Vogtes Valentin Kicsner des wnrzburgischen Julinöspitales zu Hciligentbal, starb 1783. (Nachtrag von Originalschr. S. 21.) Dieselbe hatte sich am 6. Oktober 1746 mit Johann Georg Weishanpt vermählt. Nach freundlicher Mittheilung des hochw. Herrn Pfarrers Fuchs zu Schwamcld „ist in der Filialkirche zu Heiligenthal der Grabstein des Joh. Georg Weishanpt noch gut erhalten. Die Inschrift lautet: Lnno Oowtlli 1753 äts 20. LextLiybrrs tu Domino obüt xras- 116 häuslichen Geschäfte wurde die Schwester herbeigerufen, welcher auf Drängen der kranken Gattin Weishaupt im Oktober 1779 versprach, seinerseits nach Kräften bestrebt zu sein, die Erlaubniß zur Heirath zu erwirken. „Selbst den Tag vor ihrem Tod habe ich dieses Versprechen wiederholt, bestätigt Weishaupt. Sie war darüber ruhig und starb, und meine Schwägerin blieb bei mir, um meine Wirthschaft zu führen." (Kurze Rechtfertigung meiner Absichten 1787 S. 56.) Nachdem die Trauerzeit vorüber war, ersuchte Weishaupt feinen geistlichen Schwager, er möchte durch die Franziskaner in Nenburg sich in Rom erkundigen lassen, welche Hoffnung er hatte, sein Versprechen zu erfüllen. Die Antwort war nicht besonders günstig. Dann wandte sich Weishaupt durch seinen Schwager (jedenfalls Wolfgang Sansenhofer), welcher sich in Wien befand, an die dortige Nuntiatur. Doch die Sache ging nicht vorwärts. „Und schon damals im Jahr 1782 versicherten mich viele angesehene Männer, erzählt Weishaupt, welche die prux in onrino besser verstanden, daß eine Schwängerung das kräftigste Beförderungsmittel bei ähnlichen Gesuchen sei." (Kurze Rechtfertigung S. 58.) Das bischöfliche Ehegericht in Eichstätt, dem die Dispense- angclegenheit nunmehr übertragen wurde, erholte sich daS Gutachten der theologischen Fakultät in Jngolstadt, welche am 3. Februar 1783 auf Antrag Fröhlichs zu Gunsten des Petenten sich aussprach. Ueber Wien ging dann die Sache nach Rom. Nach einer ziemlichen Zwischenzeit kam desselben Weges die Nachricht, daß man von Seiten des Vikariats (Eichstätt) unterlassen habe, die nöthigen Produkte beizulegen, und daß überhaupt das Vorschreiben nicht in der nöthigen Form abgefaßt sei. Weishaupt erhielt zwar die noch abgängigen Produkte, indessen war seine Schwägerin schon gegen das Ende des dritten Monats in ihrer Schwangerschaft vorgerückt. (Kurze Rechtfertigung S. 61.) Der Ordensstifter kam nun in eine sehr ungemüthltche Lage und schob alle Schuld auf den Eichstätter Generalvikar Martin Lehenbauer, der durch „Anempfehlung der Jesuiten sein abgesagtester Feind" war. (Kurze Rechtfertigung S. 59.) Aber als Professor des kanonischen Rechtes hätte Weishaupt doch wenigstens wissen müssen, daß er sein Dispensgesuch bei nodilis magmitieus ao oonsultissiunw D. Isannes OeorZius IVsisImupi, utri. g. j. äostor, sereuissimi üueis ao sieotoris ilavuiias oonsiliarius aotualis, juiiicii provinoiaiis oassarsi Hirscbbei-F assossor, in aiwa ob oisotor. univsrsit. luZolstallt imi>. p. p. Institut. praxeos orim. st bist. juris Professor pubiicus st orüinarius nso von p. 1. Lsetor waAnilieus, oui maostissiiua ejus uxor Latimrina nata Xissnsr tristo boo eoujuAaiis piotatis st amoris posuit monumentnm. Lax vivis, reguiss clskunotis. Unmittelbar an der Grabstätte Joh. G. Weishaupt's befindet sich jene seines Schwiegervaters Joh. Valentin Kiesner, mit der Antichrist: ^»no 1746 eiis 8. Xovembris circa borain XI msriä. omnibns inoribnmiorum saoramsntis watnro prasmunitus pis in Domino obiit praenobiiis st strsnnnns D. Isannss Valsntiuus Liosner, gui in bospitali luliano annos 12 oklieial. st kao in sacra vaiis per 28 annos praeksoruram sollioits st üüeiiter ... aetaris snae 65 aun. Heiligenthal war von 1234—1561 eine Cistcrzicnscrinnen- Abtei; im letztgenannten Jahre wurde dieselbe ausgelöst und deren Güter 1577 mit dem ncnerrichteten JnliuSspitale zu Würzburg vereinigt, welche bis 1789 von einem juliusspital- ischen Vogte verwaltet wurden.. Bis 1789 gehörte Heiligcnthal zur Psarrei Wipfcld, nunmehr zu Schwanfeld. DaS Schiff dcr gothischen Kirche zu Heiligenthal dient dermalen als Scheune, dcr Chor wird als Kapelle benutzt; die Güter gehören dem Protest. Fürsten Leiningen in Amorbach." H. Pfarrer Fuchs unseren besten Dankt dem zuständigen Bischöfe von Eichstätt in Vorlage zu bringen habe. Ucbrigens scheint Weishaupt in seiner Nechtfertigungsschrift vor dem großen Publikum nicht ganz aufrichtig gesprochen zu haben. Denn wenn er schon 1779 seiner Schwägerin die Heirath in Aussicht gestellt hat, warum wollte er doch Zwack's Schwager- werden? In einem Briefe an Cato (Rcgieruugsrath Zwack in Landshut) wahrscheinlich aus dem Jahre 1782 bemerkt der Ordensgründer: „Noch eines! wäre es ihnen wohl recht, wenn ich dereinst ihr Schwager würde? Wenn es ihnen recht ist, wenn es unbeschadet meiner Ehrlichkeit geschehen kann, wie die Hoffnung dazu anscheint, so hoffe ich, soll es auch geschehen, aber schweigen sie dermal noch." (Nachtrag von Originalschr. I, 77.) Im Briefe an Marius (Benefiziat Hertel in München) gesteht er: „Und nun im engsten Vertrauen eine Angelegenheit meines Herzens, die mir alle Ruhe raubt, mich zu allein unfähig macht und mich bis zur Verzweiflung treibt. Ich stehe in Gefahr, meine Ehre und Reputation, durch welche ich auf unsere Leute so vieles vermochte, zu verlieren. Denken sie, meine 18. 1V. 5. 21. 12. 6. 8. 17. 4. 13. ist 18. 10. 5. 21. 12. 13. 6. 8. 17. (d. h. meine Schwägerin ist schwanger). Ich habe diese zu diesem Ende nach Athen (München) zu Euriphon geschickt, um die Heirats-Liccnz und Promotoralicn nach Rom zu sollicilieren. Sie sehen, wie viel daran liegt, daß sie reussiren und keine Zeit versäumt werde: jede Minute ist theuer. Aber, wenn nun die Diipensation nicht erfolgt, was mache ich sodann? wie ersetze ich dieses einer Person, der ich alles schuldig bin? Wir haben schon verschiedenes tentirt, um das 3. 4. 13. 9. — 12. 11. 24. 20. 19. 17. 8. 4. 11. 8. 13. (Kind abzutreiben). 2 °) Sie selbst war zu allen entschlossen. Aber Enripbon ist zu timid und doch sehe ich beinahe kein anderes Ex- pedicnS. Wenn ich des Stillschweigens des Celsus (Professor und LcibmediknS Baadcr) versichert wäre, dcr könnte mir wohl helfen und hat es mir auch schon vor 3 Jabrcn versprochen. Reden Sie mit ibme, wenn Sie glauben, was hier zu thun sei? Caro mag ich nicht gerne etwas davon wissen lassen, weil es sonst seine ganze Freundschaft erfährt. Wenn Sie mir aus dieser Verlegenheit helfen, so geben Sie mir Leben, Ehre, Ruhe und Macht zu wirken wieder. Wo nicht, so sage ich Ihnen, 2 °) Zur Entschuldigung und Beschönigung dieses Verbrechens beruft sich Weishaupt auf das „Ansehen und die so bernffene Moral der Jesuiten" (Kurze Rechtfertigung S. 52), indem er in der Anmerkung kühn behauptet: „Hundert Zeugnisse könnte ich anführen, wenn cS nöthig wäre. was diese frommen Väter, welche in Bahern so sehr für Sitten. Tugend und Religion besorgt sind, über diesen Gegenstand öffentlich gelehrt und geschrieben haben. Wir wollen einen einzigen hören. Dieser ist der k. Morinus und dieser schreibt in seiner tboolvAia spsouiativa st woraii M 3 1'r. 25. üs matrimonio Disp. 8. 8sst. 5 u. 63, 64, 66, 67 und beruft sich Nr. 75 auf andere Väter feines Ordens, einen Navarra, Banne;, Henriguez, Sä, Castro Palolo, Sanchez." ES gab nun wohl einen gelehrten Theologen mit Rauten Johann MorinuS, gest. 16. Febr. 1659 in Paris, aber dieser war Oratoriancr (K.-L. VIII, 1917); einen Jesuiten Worin, der das von Weishaupt citirte Werk geschrieben, konnte ich weder bei Sommervogel, Libliotkegus äs ia oompaZnis äs Issus t. V p. 1323 — 26, nock bei Hurter, Xomsuol. I, 480, noch in Zedlers Uuivcrsal- lcxikon Bd. 21, noch bei Jöckier (Gclchrtenlexckon) und Adeluug finden. Entweder hat Weishaupt sich im Namen geirrt, oder er hat aus einem anderen Autor bona tiüs das Citat herüber- genommcn, oder er bat absichtlich den Oratoriancr Morin, der übrigens kein Moralwerk geschrieben, in einen Jesuiten umgewandelt. Eine Entschuldigung kann ich nicht treffen. Auch Navarra und Banne; waren keine Jesuiten, sondern Dominikaner; der Jesuit Castro Palolo hieß Castro Palao (K.-L. II, 2035). Daß ?. Girard, Rektor des'Collcgiums zu Toulouse, in Behandlung der hysterischen Maria Kalb. Cardicre als Ge- wissensführcr zu leichtgläubig war, läßt sich nicht bestreiten; daß er aber Abortivmittel angewendet habe, wie Weishaupt behauptet, ist durch das freisprechende Urtheil des Gerichtshofes zu Aix (Oktober 1731) widerlegt. S. Critische Jesuiler-Geschichte, Frankfurt u. Maynz 1765, S. 53 u. 561. Duhr, Jesuitenfabeln S. 495. 117 ich wage einen desperaten Streich?') denn ich will und kann meine Ehre nicht verlieren. Ich weiß nickt, welcher Teufel mich irre geführt, mich. der ich allzeit in diesem Falle die äußerste Behutsamkeit angewandt. Noch bis bero ist alles still. Niemand weiß etwas als Sie und Euripbon. Noch wär eS Zeit etwas zu unternehmen, denn cS ist erst im 4tcn Monate und noch dazu, was das ärgste ist, ist dieser Fall sogar kriminalisch. Und eben dieses macht den äußersten Effort und die verwegenste Entschließung nothwendig." (Nachtrag von Originalschr. I, 14-17.) Wer ist nun dieser Euriphon, welcher dem Jngol- städter Professor, der die Aechtheit und Wahrheit vorstehenden Briefes anerkannt hat (Kurze Rechtfertigung S. 51), die Heirathslicenz in Rom erwirken sollte? Nach der Jlluminatenliste in den Hist.-pol. Bl. Bd. 103 S. 938 war Euriphon, mit dem bürgerlichen Namen Kanzler, Arzt in München, welcher wohl zu den Freunden Häffelins, des Vicepräsidenten des churfürstlichen geistlichen Rathes, gezählt haben mochte. Denn der Stadtpfarrer von St. Moritz in Jngolstadt, Joh. Paul Baur, berichtet am 19. Dez. 1783 dem Gencralvikare nach Eichstätt: „Der ärgste Feind vom Papste, der Weis- hanpt, ist sehr glücklich; denn seine Fräulein ist glücklich zu Sandersdorf entbunden worden^) und die päpstliche Dispensation, bewirket durch Häfelin und Steigenberger (Kanonikus deS Stiftes Polling) et yuiäsiu sud ab odrextitia, ist auch angekommen. Zweifelsohne wird es ein Bischof inspiciren dürfen; das gu8 eowinuira wird doch der Papst dem Häfelin^) zu lieh nicht aufheben." (Past.-Bl. des Bisth. Eichstätt 1865, 215.) Wenige Tage darnach, am 21. Dez. 1783, feierte Weishanpt zu Sandersdorf auf dem Schlosse des Baron Bassus seine Vermählung mit Maria Anna Sausenhofer unter Assistenz des Stadipfarrers Wibmer von Jngol- l stadt: Nom hatte im ersten Grade der Schwägerschaft, Eichstätt von der geschlossenen Zeit und dem dreimaligen Aufgebote Dispense ertheilt. Damit war für den welt- erneuenden Ordenssiifter eine schwere Krisis überstanden; in den Kreisen der Jlluminaten scheint man dem hochfahrenden Professor und strengen Sittenrichter diese Verdemüthigung wohl gegönnt zu haben. Wenigstens bemerkt Manns (Hertel) in einem Briefe vom 3. Nov. Weishanpt trug sich damals ernstlich mit Selbstmord- qcdaukeu. (Ewige Originalschr. S. 383.) : '°) Nach dem Geburtsregister der oberen Stadipsarrei in , Jngolstadt ist dieses Datum nickt richtig. Diesem zniolgc wurde am 30. Januar 1784 dem Adam Weisbaupr und seiner Ehefrau Maria Anna, geb. Sausenhvier, ein Solm geboren, welcher in der Taufe den Namen Wilhelm Damianus erdielt. °°) Ueber den ehrgeizigen Häffelin, als Jllnminat küilo bidlins benannt, entwirft der Geucralvikar von Eichstätt im Jahre 1788 an den hl. Stubl eine sehr ungünstige Schilderung; er wird genannt: vir notas totsrrimao tnm ob Illuminatisinnm tnm vitas rationsm, astutiseiiuus Ii^gocrita et mlnlator vakerrimns; vor Jahren habe er mir allen Kräften die Errichtung eines ErzbistbumS in München versucht, um selbst mit Dieser neuen Stelle bedacht zu werden Er schmeichle dem Nuntius in München in der ekelhaftesten Weise, durch ihn sei er Titnlarbischof von Cberionncs geworden. Auch Stadtpiarrcr Baur kennt die Pläne der Jlluminaten bezüglich der Errichtung neuer Bischofsstühle in Bayern; er schreibt: „Wenn Gott nickt bald seiner Kirche zu Hilfe kommt, so scheint eo, als wollte Gott das Licht des wahren Glaubens unserm Batcrlande entziehen, wozu der (obere Stadtpfarrcr) Wibmer Alles beitragen wird. Nur Geduld I Er und Weishanpt schmieden schon an vielen Projekten, daß in München ein Bischof und anderer Orten Weibbiscköfe verordnet werden. Wibmer soll Bn'ckof von Jngolstadt werden. Hernach webe der Religion!" (Past.-Bl. I. o. p. 215.) Eine Biographie Häffelins, der das bayerische Konkordat abschloß und hiefür zum Kardinalat erhoben werden mußte, findet sich Binder, ConversationSlexikon V, 17, fehlt aber anffallcndcrwcise im neuen Kirchenlexikon von Hergenröther- Kaulen Bd. V. 1783 an Cato (Zwack): „Spartakus ist heute nach Ephesus (Jngolstadt) gereiset; seine dicke Schwägerin ließ er aber zurück. Auf das neue Jahr hofft er mit einem, — der Königen und Fürsten vorgehen soll, — erfreuet zu werden. Der Papst wird also doch Respekt haben und ihn vor der Zeit legitimiren." (Einige Originalschr. S. 387.) Doch über Weishaupt zog sich gar bald ein neues folgenschweres Gewitter zusammen. Dem geheimen Sekretär der Herzogin Maria Anna von Bayern, Joseph Utz- schneider, wurde, wie Schreiber (Gesch. Bayerns II, 246) berichtet, von dem Jlluminaten Marquis von Costanza, Hofkammerrath, zugemuthet, angeblich um dessen Ergebenheit gegen den Orden zu prüfen, jene Briefe auszuliefern, welche König Friedrich II. von Preußen und Minister Graf Herzberg an die Herzogin hinsichtlich des Tauschprojektes des Kurfürsten Karl Theodor, Bayern gegen die österreichischen Niederlande an Oesterreich abzutreten, geschrieben hatten. Bei Joseph II. hofften die bayerischen Jlluminaten Befriedigung all' ihrer Wünsche zu finden; darum wohl die geheime Sehnsucht, österreichische Unterthanen zu werden. Doch Utzschneider weigerte sich, diesem Ansinnen nachzukommen, und schied aus dem Orden. Friedrich II. erfuhr seinerseits durch die Freimaurer, welche Anforderungen an Utzschneider gestellt worden seien, und machte im Februar 1785 die Herzogin Maria Anna auf das staatsgefährliche Treiben der Jlluminaten aufmerksam. Nun entdeckte der Sekretär das ganze Geheimniß des Ordens?") Schon durch die Streitigkeiten zwischen Weishaupt und Knigge waren dunkle Gerüchte über die neue Ordensstiftung in die Ocffentltchkett gedrungen. Einzelne Mitglieder, wie Abbs Cossandey, Nenner, Professor Grünberger, Hofkriegsrathssekretär Zaupser, waren mit Utzschneider Anfang Dezember 1783 ausgetreten. Am 22. Juni 1764 erließ die kurfürstliche Regierung in München eine Verordnung, wornach alle geheimen Gesellschaften verboten wurden. Die Jlluminaten, vertrauend auf den Einfluß zahlreicher Beamten, welche dem Geheimbunde angehörten, gehorchten scheinbar, setzten aber im Geheimen an anderen Orten ihre Thätigkeit wieder fort. Noch am 4. August 1784 stellte der Jurist Alois Bauer in Jngolstadt dem Baron Fraueuberg einen Revers aus, seine Aufnahme in eine geheime Gesellschaft betreffend, wornach er als ehrlicher Mann versprach, „gegen keinen auch vertrautesten Freund und Anverwandten auf keine mögliche Weise, weder durch Worte, Zeichen, Blicke u. s. w., jemal das geringste zu offenbaren, es mag nun solche Aufnahme zu Stande kommen oder nicht, um so mehr als der Aufnehmer versicherte, daß in dieser Gesellschaft nichts wider den Staat, die Religion und die guten Sitten unternommen werde." (Nachtrag von Originalschr. I, 231.) Der Landschaftsvicekanzler von Kern, als Jlluminat Lykurgns benannt, schickt seiner Rechnung über die zwei letzten Quartale des Jahres 1784 die Bemerkung voraus: „Warum für diese zwei Quartale keine förmliche Rechnung abgelegt werden kann, ist aus der Lage der Umstände von selbst bekannt. Da sich nemlich schon von Anfang des Juli her ein Theil der ehemaligen Minerval- -°) Stark (Triumph der Philosophie S. 337 A. 1) stellt die Thätigkeit Friedrichs II. gegen die Jlluminatcn in Abrede; ihre eigene Unvorsichtigkeit, wodurch daö Publikum gereizt ward, wird in der Schrift: Große Absichten des Ordens der Jlluiui- naten, S. 37, als die wahre Ursache angegeben. Kluckhohn (AugSb. Allg. Zeitung 1874 Beil. 185) hält an der Ansicht Schreibers fest. 118 versawmlustg unter dem Super, des Jll. Musäus (Hofrath MoutgelaS, später Siaatsminister) in den engen freundschaftlichen Zirkel des Demonax (Schieß!, Pfister- meister) zurückgezogen hat" . . . Darum erbittet er sich „von Seite erl. Oberer eine gefällignamentliche Weisung über das dermalige Personale unter der Leitung des Demonax, um hienach sich richten und die allenfallsigen Ausstände rechnungsformig vortragen zu können." (Nachtrag v. Originalschr. I, 234—236.) Auch in Korinth (Negensburg) wurden vorn 1. Sept. bis 31. Dez. 1784 an monatlichen Beiträgen 15 fl. 15 kr. eingenommen. (Ebendas. I, 239.) Der Quästor Armidorus (Lieutenant Eval) legte Rechnung ab über die Einnahmen und Ausgaben bei der Minervalversammlung zu Nemea ^) unter dem Superiorate des Sulla (Baron Meggenhofen) vor» 1. Januar bis 28. Februar 1785. (Ebend. I, 245.) Da erfolgte am 2. März 1785 ein namentliches Verbot der Freimaurerei und des Illuminatenordens seitens des Kurfürsten Karl Theodor, welcher durch eine Denkschrift Utzschneiders über die Ziele und die Ausbreitung des Jugolstädter Geheimbundes aufgeklärt worden war??) Wie benahm sich Weishaupt in dieser kritischen Periode? Noch im Februar 1783 trug er sich mit dem naiven Gedanken, dem Kurfürsten durch eine Deputation das Protektorat der B— eklektischen Loge antragen zu lassen, um sich recht fest zu setzen, wie er wähnte. (Nachtrag v. Originalschr. I, 98.) Freilich sollte der Landesherr nicht alles erfahren, was in den Statuten der einzelnen Grade enthalten war; so sollte gemäß Anweisung des Ordensstifters vom 2. Februar 1785 beim Illunnnutrw Nujor der Satz gestrichen werden: „Pfaffen und böse Fürsten stehen uns im Wege." Vom Illuminatus äiriAens (Negentengrad) sollten nur die Ceremonien der Aufnahme und Weishaupts Anrede hiebet übergeben werden; vom Priestergrad gar nichts, als die ilwtruotio in soiantitiaw, Unterricht über die Pflege der Wissenschaft; aber, fügte der betrügerische Ordensgeneral ernst bei, wohl durchgegangen, damit sie keine beziehende (anzügliche) Stelle enthalte. Wenn Sie, instruirie er weiterhin die Depu- tirten der Münchener Loge, die Instruktion von dem Priestergrad mit übergeben, so sorgen Sie bei der Instruktion im historischen Fach, daß keine Stelle darin, welche das Archiv-Bestehlen bestätigt. (Nachtrag von Originalschr. I, 227; Einige Originalschr. S. 330.) Diese Rathschläge des Jugolstädter Professors, welcher durch seinen Geheimbund die Menschheit sittlich heben wollte, find doch ganz genau nach dem Recepte formulirt: Der Zweck heiligt die Mittel, wie auch Knigge richtig s') Nach den Namen der Bruder und Novizen eine Loge zu München. 2-) Das Kircheiilexikon VI, 716 hat irrthüinlicher Weise daS Jahr 1736 angenommen. Kurz (Litcraturacsch. III, 4), welcher vom Jesuiten- und seinem Gegenstücke, dem Illuminatenorden ganz wunderliche Anschauungen zu Markte trägt: „Dieser (nämlich der Jugolstädter Geheimbund) nahm rasch zu, aber er konnte den geheimen Umtrieben der Jesuiten nicht widerstehen, die in ihm den gefährlichsten Feind schon darum erkannten, weil er sich, was sein Hauptfehler war, ihrer eigenen Mittel bediente," läßt denselben schon im Jahre 1784 durch den Kurfürsten von Bayern aufgehoben werden, „der auch den edlen WeiShaupt absetzte und verbannte". Anfänglich war über Weishaupt nicht die Strafe der Verbannung ausgesprochen worden, sondern er ging freiwillig auS Bayern fort und erklärte selbst: „Ich habe im Sinne, auch unter den vortheil- haftestcn Bedingungen nie wieder zurückzukehren." (Einige Originalschr. S. 40ö.) erkannte, wenn er bemerkt: Was ist der Priestergrad gegen ihre Mittel zu guten Zwecken? (Nachtrag von Originalschr. I, 124.) Den Jesuiten warf Weishaupt höhnend laxe Moral vor, die seinige war jedoch die laxeste! Inzwischen fürchtete er schon, daß die kurfürstliche Regierung eine Untersuchung einleiten könnte. In diesem Falle sollten die Häupter des Bundes auf Einzelheiten sich nicht einlassen, sondern die Erklärung abgeben, daß sie nur dem Kurfürsten selbst die nöthigen Eröffnungen machen würden. Diesem soll man sodann die zwei Grade von den höchsten Mysterien zu lesen geben. Auf diese Weise hoffte Weishaupt für seine Sache eine günstige, unerwartete Wendung zu erzielen, wie er von Jngolstadt aus am 18. Dez. 1784 schrieb. Unterm 2. Febr. 1785 ertheilte er den Rath: „Wenn Personal-Inquisitionen vorkommen, so lassen sie sich in Personalverbrechen auf eine Verantwortung ein; soviel aber die Grade und die innere Verfassung des Ordens, hiemtt Nealia betrifft, so provociren sie darauf, daß sie solche Niemand als Sr. Durchlaucht in höchst eigener Person eröffnen würden und diesem sagen sie ungescheut, dieser Orden sei ein Landesprodukt und ich der Verfasser; dann wird die Rede schon an mich kommen." (Nachtrag v. Originalschr. 1, 226.) Wirklich kam schon wenige Tage hernach die Rede an Weishaupt: am 11. Februar 1785 wurde er seiner Lehrtätigkeit an der Universität Jngolstadt enthoben, nachdem er kurz zuvor auf Betreiben Lipperts vor versammeltem Senate wegen des Antrages: für die Universitätsbibliothek Pierre Bayle's Werk Oiotionnairs stistMiqns ob eritiqua und das Werk des Richard Simon (Prantl, Gesch. der Univ. Jngolstadt I, 641) anzuschaffen, das tridentinische Glaubensbekenntnis hatte erneuern müssen, und bis zu einer anderweitigen Verwendung von Schluß des Schuljahres ab mit 400 fl. pensionirt. Da er jedoch eine Personal-Untersuchung nicht ohne Grund fürchtete, indem er schon früher den Gedanken ausgesprochen hatte, daß er sich „durch all' sein Wohlwollen, Denken und Arbeiten zum Lohn einen Galgen baue" (Nachtrag v. Originalschr. I, 52), daß er „dereinst durch die Unvorsichtigkeit seiner Leute den Kops verlieren könnte" (ebendas. I, 89), so schlug er die Pension aus und bat um seinen Abschied. Diesen erhielt er durch kurfürstliches Neskript vom 19. Februar 1785, worin er ein „hochmüthiger und renommirter Logen- meister" genannt wurde. (Stark, Triumph d. Philosophie S. 339.) Der vaterländische Boden scheint dem schuldbewußten Ordensstifter zu heiß geworden zu sein; denn schon am 25. Februar 1785 schrieb er von Nürnberg aus an Zwack, die Worte Cicero's von Catilina auf sich beziehend: Lxesssit, eruxit, avusib — Auf und davon ist er! Mit Schulden war Weishaupt aus Jngolstadt entflohen und bat daher den genannten Ordensgenossen seiner Frau, welche mit den Kindern noch bis Ende April dortselbst bleiben sollte, etwas Geld aus der Logen- kasse zu überschicken. Von Nürnberg aus besuchte der Flüchtling Erlangen, Altdorf und gedachte mit Eintritt gelinderer Witterung weiter zu reisen. (Einige Originalschriften S. 403.) An Herzog Ernst von Gotha, Br. „Timoleon", fand er gar bald einen wohlwollenden Gönner und Beschützer, an dessen Hofe er fortab lebte, ausgezeichnet durch den Hofrathstitel. (Schluß folgt.) k. Wilhelm Kreiten. Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel. (Schluß.) Wie wiederholt angedeutet, enthält das dritte Büchlein: „Buch des Menschenlebens", das Beste aus des Dichters Mappe. Den Anfang bildet in finniger Weise das nicht nur gut erfundene, sondern auch muster- giltig durchgeführte Gedicht „Das Glück". Es schildert in packender, dramatischer Weise das Jagen und Haschen und Drangen der Menschen nach „Glück". Doch wie bald zerfließen in Nichts die Phantome, denen sie nachgeeilt: Und weiter und weiter und nie zurück, Das war wobt Gluth und Leben, Das war wohl Wechsel — doch ach, das Glück, Das Glück wollt' sich nicht geben! Nur oft zur Nacht Zieht mich mit Macht Die Blume blau in's ferne Land — Bis ich erwacht Mit Thränen schau'» daß ich verbannt! Glauben und Kinderunschuld warfen sie über Bord, and erst wenn sie den Abgrund vor sich gähnen sehen, »ann seufzen sie auf: Wie find' ich den Weg, der rückwärts lenkt Boin falschen Glücke zum Friesen? Wer ist, der mir wieder die Blume schenkt, Die tollen Wahns ich gemieden! Nur ost zur Nacht Zieht mich mit Macht Die Blume blau in'S ferne Land — Bis ich erwacht Mit Thränen schau, daß ich verbannt! Doch das wahre Glück bringt nach all' den Ver- irrungen erst wieder die Taube der Buße: O blaue Blume im fernen Land, O Kindcrunschulv und -Glaube! Du hast mir doch einen Boten gesandt — Mich grüßt mit dein Oelzweig die Taube. Die ost zur Nacht Mich lockt mit Macht Hinüber in des Friedcnö Land, Und eh' ich's dacht' Die Zeit vergeht, daß ich verbannt! Es würde zu weit führen, wollten wir viele der auserlesenen Blumen und Blüthen erwähnen, die uns der Dichter in seinen Strauß gebunden. Man nehme selbst das Buch zur Hand und lese und empfinde mit dem Dichter. Sicherlich wird der Leser schöne Stunden Mit ihm verleben! Nur ein Gedicht, oder vielmehr einen Liedercyclus können wir nicht unerwähnt lassen, bildet er doch die kostbarste Perle des ganzen Buches. „Der Mutter Tod" ist die Ucberschrift einer Reihe tiefempfundener, echter lyrischer Edelsteine. Der Mai war wieder gekommen Mit Lied und Blüt'henstrauß» Hat Einkehr nicht genommen In meines Vaters Haus. Die Fichte klagend rauschte, Die vor dem Fenster stand, Und schaute still und traurig In's frühlingSfrohe Land. Ich faß in stiller Kammer Beim kranken Müttcrlcin, Unnennbar tiefe Wehmnth Schlich mir in's Herz hinein. Sie schlummert' im alten Sessel, So bleich, so abgehärmt, Ihre weißen lieben Hände An meiner Stirn' ich wärmt'. Da draußen sang es und klang eS Voll seliger Maienlust — Ach Gott, war das ein Winter In meiner jungen Brust! In seiner Trauer eilte er hinaus in den Wald, der Mutter Liebltngsblumen zu pflücken. Doch jedes Maiglöckchen, das er brach, das sprach so viel vorn Scheiden, und auf jedes fiel eine Thräne und glänzte da gleich Thautröpfchen. Es war am heil'gen Pfingsttag Und letzten Mai dazu — Da meine einzige Mutter Einging zur ewigen Ruh', llll Da konnt' ich wild nur weinen Die armen Augen roth — Da lief ich, und da rief ich: „Die Mutter todt! ach, tobt!" Dann die ergreifende Schilderung: Auf der Bahre lag sie schweigend, Hörte unsern Ruf nicht mehr — Schlief und schwieg — ob wir UNS neigend Sie liebkosten noch so sehr. Durften einmal sie noch sehen, Da sie schon im Sarge lag — „Kinder! müßt hinaus nun gehen!" Schluchzend bald der Vater sprach. Der Tischler kam, und jeder Hammerschlag trieb einen Nagel in des Dichters eignes Herz, daß nimmermehr die Wunden mögen vernarben. Sie haben sie fortgetragen, Sie drangen in's Haus hinein, Sie hörten nicht auf mein Klagen, Als wär' sie nicht mehr «rein. Die Glocken so herzlos klangen, Als sollt' es Ostern sein. Und doch zu Grab sie sangen Der einzigen Mutter mein. Sie warfen mir Erde d'rüber. Ein Kreuz ward aufgesteckt — Ich hätte den Sarg wohl lieber Mit meinem Leibe bedeckt. Die Sonne sah ich prangen, Die Blumen blühten so schön. Die Vögel so lustig sangen: Als wäre nichts gescheh'n! Und mir doch lag im Grabe Ein enger dunkler Sarg, Der meine reichste Habe, Das Herz der Mutter barg. Da ward ihm das Herz zum Brechen schwer uu. trauervoll. Von Zimmer lief er zu Zimmer, doch überall war's öde, es fehlte etwas — das Mutterherz. Wie beneidet er das arme Bettelkind, das seine blinde Mutter führt. Jst's arm auch an Lab' und Gut. hat's doch noch eine Mutter. Und nun der Schluß dieser wehmnthdurchtränkten Gedichte, die in ihrer einfachen, ungekünstelten Form unser Herz doch so gewaltig ergreifen! Er ist des Dichters würdig. Wohl ist Melancholie ein Grundzug von Kreitens Charakter, aber sie ist geadelt durch ein gläubiges, gottergebenes Gemüth und darum himmelweit verschieden von dem Weltschmerz unserer modernen Pessimisten. Seine Trauer ist darum auch nicht jene wild zerrissene, in sich selbst aufgelöste, wie man sie jetzt oft auf den Gräbern unserer modernen Friedhöfe symbolisirt findet — eine Trauer, die nur erdwärts ihre Blicke senkt und keine Hoffnung kennt. Der christliche Trauer- schmerz jedoch, so gewaltig er auch das Herz zusammenpressen mag, er trägt gleichwohl den Stempel himmlischex 120 Ergebung, und der geistige Blick wird nicht umflort don der Erdenhaftigkeit unserer menschlichen Natur, sondern bleibt aufwärts zu den Sternen gerichtet. Und so klingen auch diese trauernden Lieder nicht mit der grellen Dissonanz der Hoffnungslosigkeit aus, sondern am Schluß schwingt auch der Dichter sich zum Gedanken der Unsterblichkeit und des Wiedersehens auf. Seit ich zu Grabe Dir, o Muiter, gab Geleit Vor langer, trüber Zeit, Klingt stets in meiner Seele nach das Wort „Unsterblichkeit!" Wir müssen Beide aufersteh'», In Himmelsauen selig wallen. — Ich werk' Dich einstens wiederseh'n, Wenn Lebenshauch am großen Tag in's Grab wird niederweh'» Und auflebt, was im Staub zerfallen. Und wär' kein ewig Leben mehr, Wie könnt' ein Muttcrberz denn brechen? Es setzte sich dem Tode kühn zur Wehr, Gab' er nickt schmeichelnd das Versprechen Von ew'ger Liebe Wonnemeer! Aus dem „Buch der Geschichten" erwähnen wir besonders die naiv innige „Legende von der heiligen Cücilia" und das bewegt dramatisch durchgeführte Gedicht „Priestertod". Wie der Dichter auch den Volkston zu treffen weiß, mag die Ballade „Geistergruß" illustriren: Zu Magdeburg im Graben Die Trommel ward gerührt, Zum frühen Tod sie haben Den Deserteur geführt. Und fern im Heimaththale Bei Wetterwilder Nacht Klopft's heimlich an das Fenster, Wo noch die Mutter wacht. Sie kennt wohl gleich die Stimme, Doch klingt der Gruß so hohl — Sie weiß nicht, war's „Willkommen!" War'S gar ein „Lebewohl!" Rasch reißt sie auf das Fenster: „Mein Sohn, mein jüngstes Kind!" „Still, Mutter, sprich doch leiser, Sonst hört's der falsche Wind." „Und bist Du nickt gekommen Auf Urlaub, liebster Sohn?" „Still, still, ein ew'ger Urlaub Ward mir als Erdenlohn I" „Wie werden all' sich freuen Die Brüder und Schwestern Dein . . „Laß, Mutter, laß die Leute, Denk' Du der Seele mein!" Und zittern nicht die Scheiben, Dröhnt's nicht wie Schuß auf Schuß? Fühlt's nicht die arme Mutter Wie kalten Geistcrkuß? Sie breitet aus die Arme, Sie ruft umsonst ihr Kind, Sie steht allein am Fenster, Und klagend geht der Wind. Und bald mit schwarzem Siegel Ein Brief ward wohl gebracht, Da wußte die arme Mutter, Wer sie gegrüßt zur Nacht. Es ist eine Eigenthümlichkeit, aber auch ein hoher Vorzug der Kreiten'schen Gedichte, daß sie sich nur schwer bruchstückweise anführen lassen. Alles ist da so prägnant, alles so wohlbegründet und eilt in so rascher, fester Folge dem pointirten Schlüsse zu, daß nirgends das Blätterwerk der Form den festen Stamm des Gedankens zu überwuchern vermag. Kretten ist eben zugleich auch ein großer Kritiker, der zuerst an sich selbst die sorgfältigste Feile legt. Also nochmals: tolls st Isgs! Und da die Verlagshandlung dem Werke eine so schöne Ausstattung gegeben, können wir es wärmstens auch für den Geschenktisch empfehlen. Wir brauchen unsere Kinder nicht mehr an der Form der inhaltsleeren „Modedichter" L In, Baumbach w. sich bilden zu lassen, das haben wir alles vortrefflicher bet unseren katholischen Dichtern und Schriftstellern, die obendrein Gesundes für Herz und Gemüth bieten. Ziehen wir nun einen Schluß aus dem oben Gesagten, so ergibt sich, daß k. Kreiten nicht nur einer unserer ersten und geschultesten Kritiker und Literarhistoriker ist, sondern daß ihm auch ein vornehmer Platz in den Reihen unserer deutschen Lyriker gebührt. Strebt die katholische Dichtung unter solchen Sternen und Zeichen vorwärts, dann wird es ihr sicher beschießen sein, noch vor Schluß des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige Werk erheblich weiter zu führen, das zu Beginn des Jahrhunderts die Romantik vergeblich begonnen hatte — nämlich den Dom der christlichen Dichtung. Recensionen und Notizen. Iloblosss oblixs, Worte an den Adel deutscher Nation- Verlag von Borgmeycr in Hannover. 72 Seiten Oct. Preis 1 M. Diese Schrift zeichnet sich aus durch hohen sittlichen Ernst der Weltanschauung eines überzeugten Katholiken, so daß man bei dem scharfen Gepräge der Ansichten des Verfassers seinen Antisemitismus gerne mit in den Kauf nimmt, zumal er aus edler Gesinnung entspringt. Am sympathischsten berührt den Katholiken die ideale Auffassung des Christenthums und die Begeisterung für sittliche Ideale. Streng auf dem Boden des historischen Rechtes stehend, verurtbeilt der Autor die italienische und deutsche Politik des Fürsten Bismarck als eine revolutionäre und betont das Recht der Monarchie von Gottes Gnaden. Den religiösen, politischen und wirthschaftlichcn Liberalismus verurthcilt er mit scharfer Logik, wobei ihm interessantes geschichtliches und literariickes Material zu Gebote steht. Die christliche Ehe und das christliche Familienleben sind Dinge, welche er scharf betont. Mit den Waffen feiner Ironie und treffenden Witzes geht er den Mißsländen zu Leibe, welche in den Reihen deS Adels zu Tage treten: Verschwendung, Luxus, Verweichlichung, Sport, Gigerlthum, Schulden und die Beziehungen zu der jüdischen Finanz, sowie Duell und F-reimaurer- thum. Wenn der Geist des Autors überall in dem deutschen Adel lebendig wird, dann kann man mit Recht von den Edelsten der Nation reden, und das wcrkthätige Volk würde in dem nationalen Adel eine kräftige Stütze finden. Die Lectürc dieser Schrift kann nicht nur dem Adel, sondern allen Ständen empfohlen werden. Mette nleiter Bernhard, Llissa in bonorow 8s. Nominis L. lllarias V., für Sopran, Alt, Tenor und Baß, Op. 46, Düsseldorf bei Schwärm, Preis 1 M. 20 Pf., 1 Stimme 29 Pf. Vorliegende Messe weist alle Eigenarten der bisherigen Werke des verdienten Kirchencomponisten in Melodieführung und Harmonisirung auf, nur ist sie in der Struktur noch einfacher gehalten, als alle früheren. Vollständig homophon mit eingestreuten, Abwechslung bringenden zweistimmigen Sätzen componirt, bietet sie für eine gute Aufführung von Seite eines mittelguten Chores nicht die geringste Schwierigkeit. Da man auch auf dcni Lande und unter den einfachsten Verhältnissen würdige, correcte kirchliche Kompositionen nothwendig hat und hier nicht alles der subjektiven Willkür überlassen kann, so wird man dem fruchtbaren Autor für sein Op. 46, welches sich für bescheidene Kreise vollständig eignet, dankbar sein müssen, v. vr Kerantw, Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 16 Nen6 Descartes. (Nach 300 Jahren.) 8. „Von Jugend auf bin ich für die Wissenschaft erzogen worden. Man sagte mir, durch sie könne man eine klare und sichere Erkenntniß von allem erlangen, was für das Leben von Werth ist, und so war ich vom sehnlichsten Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen. Als ich nun den ganzen Studiengang beendet hatte und mich, wie es Sitte war, zu den „Gelehrten" hätte rechnen dürfen, da war ich ganz anderer Meinung geworden! Zweifel und Irrthümer umgaben mich, und nur das eine schien mir bei all meiner Lernbegierde immer klarer und klarer geworden zu sein, nämlich daß ich nichts weiß. Und doch besuchte ich eine der hervorragendsten Schulen in ganz Europa, wo es, wenn überhaupt irgendwo in der Welt, gelehrte Männer geben mußte!" So schrieb Rens Descartes, als er die Schule verließ, jener Mann, den man als den Begründer der neueren Philosophie ausgibt. Ist es nicht ein werthvolles, ein äußerst bezeichnendes Geständniß, das er in jenen Worten niedergelegt hat? Man sagt, der alte Sokrates habe eine fast gleichlautende Aeußerung gethan, und nun bedenke man, daß dieser im Heidenthum, in der vorchristlichen Zeit lebte, Cartesius aber im 19. Jahrhundert nach Christus lehrte. Man wird hier den Gedanken nicht los, daß in obigem Bekenntniß sozusagen eine Charakteristik der ganzen „neueren Philosophie", der „modernen Weltanschauung" enthalten ist, die ja nach dem Ausspruche eines französischen Schriftstellers den „Durst der Menschheit" nichts weniger als gelöscht hat. Das Cartesius-Jubiläum zwingt uns förmlich, den Mann und sein Werk wenigstens im Hauptpunkt etwas zu besehen, da er bet der Betrachtung der „Geschichte des modernen Gedankens" nicht umgangen werden darf. Zunächst einige biographische Notizen. Rens Descartes („LsiZnenr äu ksrrcm") erblickte das Licht der Welt am 31. März 1596 zu La Haye (Touraine), wohin seine Mutter sich vor der Pest geflüchtet hatte. Sein Vater, welcher Parlamentsrath der Bretagne zu Nennes war, gehörte einem der ältesten Adelsgeschlechter der Provinz an. Der Knabe war von schwächlicher Körperconstitution, zeigte aber schon in frühester Jugend hohe Geistesgaben. Ein ungewöhnlicher Wissensdurst und Forschungsdrang beseelte ihn, und man nannte ihn schon damals den „kleinen Philosophen". Die erste öffentliche Schule, die er besuchte, war das Jesuiten-Colleg zu La Fläche. Hier wurde der Grund gelegt zu dem festen, unerschütterlichen Glauben, den er sein ganzes Leben hindurch bewahrte und in all seinen Schriften manifestirte. Mit großem Eifer folgte er dem Unterrichte der gelehrten Ordensmänner, die er nicht selten durch die Schärfe und Selbständigkeit feines Urtheils in Erstaunen setzte. Unter den Wissenschaften, die seinem hohen Geiste im Ganzen keine Befriedigung gewähren konnten, sagte ihm die Mathematik am meisten zu; sie verdankt ja gerade Cartesius eine wichtige Errungenschaft: die analytische Geometrie, und schon im Jahre 1618 veröffentlichte er eine mathematische Abhandlung über die Musik. Auf die Lehrjahre folgten die Wan verjähre. Wir finden ihn in Paris, hierauf in Holland, in Deutschland, in Böhmen und Ungarn, theils Zerstreuung suchend, theils Kriegsdienste leistend, theils um Beobachtungen und Studien zu machen. Nach diesem unsteten Treiben wollte er sich in Haag niederlassen, um sich ganz und ungestört den Wissenschaften, insbesondere seinem Lieblingsfache, hinzugeben. Allein alles war noch in ihm in Gährung; ein zweiter Faust, greift er bald zu dieser, bald zu jener Beschäftigung, nirgends Befriedigung und Ruhe findend. Weitere und größere Reisen folgten, um sich dann abermals und endgiltig in die Einsamkeit zurückzuziehen. Seine Ideen hatten sich inzwischen bedeutend geklärt, und bald hatte er das richtige Fach gefunden; 1629 erschien der erste Entwurf seines philosophischen Systems. Da er sich gar nicht blicken ließ und von ihm bekannt wurde, daß er an einer ganz neuen Begründung der Wissenschaften arbeite, so umgab seine Person bald ein eigenartiger Nimbus, was dem stillen Denker nichts weniger als angenehm war. In rascher Aufeinanderfolge erschienen nun aus Cartesius' Feder eine Reihe von Schriften, sämmtliche philosophischen Inhaltes, welche allenthalben großes Aufsehen erregten, viele Anhänger fanden, aber auch manchen Gegner in die Schranken riefen. Auch die Königin Christine von Schweden interessirte sich sehr für den großen Mann, und es gelang ihr durch einen Gesandten, Descartes an den schwedischen Hof nach Stockholm zu ziehen. Früher ein großer Freund eines langen Schlafes, erschien er nun jeden Morgen um 5 Uhr in der Bibliothek der Königin, um diese in der Weltweisheit zu unterrichten. Diese ungewohnte Anstrengung, die ganz veränderte Lebensweise sowie das rauhe nordische Klima waren seiner Gesundheit nicht zuträglich. Nach einigen Monaten erkrankte er, und schon am 11. Februar 1650 erlag er seinen Leiden. Gleich Kant war er unverheirathet. Als die wichtigste und interessanteste Schrift Cartesius' gelten seine „Betrachtungen", 1641 erschienen. Das Ringen eines großen Geistes nach Wahrheit, nach tieferer und sicherer Erkenntniß tritt uns darin in einer so lebendigen, unmittelbaren Weise entgegen, daß diese Empfindungen sich jedem Leser mittheilen. Wir lernen die Macht des alles zerstörenden Zweifels kennen, der so oft unsere Kräfte lähmt, aber auch den Menfchengeist in seiner Energie, in seinem Selbsterhaltungstriebe, wie er mit immer neuer Kraft angreift, bis ihn das beseligende Gefühl der Sicherheit erfüllt. Formell betrachtet, zeigen Descartes' Schriften noch deutlich die Spuren der Scholastik, obwohl der Ausblick in eine neue Zeit mit neuen Begriffen und Zielen unschwer zu erkennen ist. Cartesius wird oft als der Begründer der neueren Philosophie bezeichnet. Er hat den neueren Idealismus eingeleitet, indem er den alleinigen Gewißheitsgrund in das Selbstbewußtsein des Geistes legte: 6o§itc>, sr§o sum! kann als das Grundprinzip seines philosophischen Lehrgebäudes betrachtet werden. Dem Geiste legt er angeborne Ideen bei, und das Kriterium der Wahrheit setzt er in die Klarheit des Erkennens. Descartes und seine Schüler fassen die Metaphysik wohl auch noch als die Wissenschaft des Ucberstnnlichen auf, verließen aber die bisherige analytische Methode und gingen von der uns ureigenen Idee oder vom unmittelbaren Schauen Gottes aus. 122 Unsere Seele ist Cartesius eine denkende Substanz, die allster aller Beziehung zum leiblichen Organismus steht; das Gedächtniß und die Jdeenassociation erklärt er mechanisch durch die Strömungen der von ihm angenommenen materiellen Lebensgeister. Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe ist ersichtlich, daß der Weise von Haag in vielen wesentlichen Punkten mit der bisherigen Anschauungsweise und auch Forschungsmethode brach und ein Gebiet freilegte, auf welchem nach ihm so viele ihr Geistesrößlein tummelten, bekanntlich nicht zum Wohle der nach Wahrheit lechzenden Menschheit. Seine idealistische Philosophie nahm bald ihren Weg durch die Niederlande nach Deutschland, wo sie sich zunächst mehr als Schulweisheit, dann aber als Lcbensmacht entfaltete. Hier brachte sie ihr größtes Licht hervor in Jmmanuel Kant, der mit dem Gedanken endigte: Veit rnstil, ovanirr steter! Adam Weishaupt. Von Adam Hirschmann. (Schluß.) Die kurfürstliche Regierung in München gewann jedoch vollen Einblick in die deistischen und republikanischen Tendenzen des Illuminatenbundes erst durch die Papiere des katholischen Priesters Lanz (Br. Sokrates), welcher, im Begriffe nach Schlesien zu reisen, um dort für den Jngolstädter Orden Propaganda zu machen, in Negcnsbnrg vom Blitze erschlagen worden war. Man fand bei ihm eine Anweisung der Ordensoberen, welche zur Entdeckung mehrerer angesehener Mitglieder führte und eine verschärfte Untersuchung und Bestrafung im Gefolge hatte. In Sandersdorf bei dem Freiherr» von Bassus und in Landshut bei dem Negiernngsraihe Zwack gelangten die geheimen Korrespondenzen und die Original- schriften der Hauptführer in den Besitz der batzerischen Regierung: 11. und 12. Oktober 1786. Diese liest wohl zur eigenen Rechtfertigung ihrer rücksichtslosen Kabinetsjustiz, welche seit dem 16. August 1785 über Bauern hereingebrochen war, die entdeckten Briefschaften und Aktenstücke durch den Druck veröffentlichen, „um das in- und ausländische Publikum von dem offenbaren Ungrund, womit die Jlluminaten noch immer über ungerechte Gewalt und Verfolgung in Bayern schreien, desto mehr zu überzeugen und selbes sowohl vor dieser epidemischen Sekte als all andern dergleichen verbotenen Winkelgesellschaften zn warnen, worin man nur Leichtgläubige zu betrügen, Geld zu schneuzen und statt der vorgespiegelten Wahrheitsanfklär- und Sitten- verbesserung diese vielmehr im Grund zu verderben und jene gänzlich zu unterdrücken oder zu verfälschen bemühet ist." (Vorrede der Regierung, München den 26. März 1787, zu: Einige Originalschriften des Illuminatenordens.) In dieser ersten Sammlung fanden jene Stücke Aufnahme, welche in Landshut bei dem Negiernngsraihe Zwack 1766 entdeckt worden waren, während die Ergebnisse der Haussuchung in Sandcrsdorf in dem „Nachtrag von weiteren Originalschriften", 2 Abtheilungen (München 1787), der Oeffentlichkeit übergeben wurden. Wie verhielt sich nun Weishanpt gegenüber diesen Publikationen? Gab er deren Authenticität zu oder erklärte er die veröffcnlichten Aktenstücke und Briefe für falsch und unterschoben? Im Jahre 1787 veröffentlichte Weishaupt ein kleines Werkchen, betitelt: Einleitung zu meiner Apologie (Frank' fürt und Leipzig); daselbst bemerkt er: „daß er von einigen dieser Schriften, insbesondere von allen diesen so verdächtigen geheimen Mitteln, der Vergiftung u. s. w. in seinem ganzen Leben weder etwas gehört noch gesehen habe, noch viel weniger, daß ihm ein einziger Fall bekannt wäre, wo irgend einer von seiner Bekanntschaft nur gedacht hätte, solche anzurathen, mitzutheilen oder einigen Gebrauch zu machen." (S. 7.) Er könnte zwar gegen die von der Regierung in München bekannt gegebenen Schriften den Einwand erheben, daß dieselben in Abwesenheit der Interessenten ohne die erforderlichen Gerichtszeugen abgenommen, weder ihm noch einem anderen Verfasser zur Anerkennung vorgelegt worden seien, aber die Güte seiner Sache mache es überflüssig, sich solcher unnöthigen Ausflüchte und Verzögerungen zu bedienen; darum gesteht er: „Ich erkenne also die von meiner Hand geschrieben sein sollenden Briefe und Aktenstücke idlL. in der Hauptsache schon dermalen, ohne sie gesehen zu haben, unbedingt als ächt an.-" (S. 9.) Auch den schon oben besprochenen Brief, worin er der Blutschande und der attentirten Abtreibung des Fötus beschuldigt wird, erkennt er als ächt und der Hauptsache nach als wahr an. (Kurze Rechtfertigung meiner Absichten S. 51.) Aber mit diesem Zugeständnisse war eine Recht» fertigung seiner Pläne und Ideen hinsichtlich der Reform von Kirche und Staat durch den Illuminatenorden zur Unmöglichkeit geworden; die hierauf bezüglichen Schriften, wie Apologie der Jlluminaten, das verbesserte System der Jlluminaten, Kurze Rechtfertigung meiner Absichten, Nachtrag zur Rechtfertigung meiner Absichten, Pythagoras oder Betrachtungen über die geheime Welt- und Ne- gierungskuust?b) können nur als sophistische Beschönigungsversuche gelten, welche vor der Wahrheit nicht bestehen. Ob ihm das Anerbieten, in München vor einem unparteiischen Gerichte zu erscheinen, wirklich Ernst war (Einleitung zu meiner Apologie S. 23), können wir im Hinblick auf die brieflichen Aeußerungen an Zwack (25. Febr. 1785) kaum bejahen. Durch die Aechtheit der Origiualpapierc ist aber Weishaupt und seine Schöpfung Moralisch vernichtet. (Augsb. Allgem. Zeitung 1674 Beil. Nr. 185.) Am 16. Februar 1799 starb, vom Schlage gerührt, Kurfürst Karl Theodor, dessen Maitressenwirthschaft den fruchtbaren Nährboden für die Umsturzideen der Jllumi- natenpartei gebildet hatte. In der Regierung Bayerns folgte ihm Herzog Maximilian Joseph von Pfalz-Zwei- brücken, dessen Bruder Karl II. August einst den flüchtigen Jlluminaten Minister Graf von Seinsheim und Hofrath von Montgelas eine Zufluchtsstätte in der Pfalz gewährt hatte. Nach dem Ableben dieses Gönners 1795 war Montgelas' in die Dienste Maximilians getreten, der ihn auch mit sich nach München nahm 1799. Dort nun wurde derselbe gar bald die Seele der neuen Regierung. Als Jlluminat, sagt Perthes (Politische Zustünde I, 451), hatte Montgelas Bayern 1785 verlassen müssen, als Minister kehrte er 1799 zurück und fand dieselbe Ordnung der Dinge vor, die ihn einst vertrieben hatte. Der Kurfürst vertraute seinem Minister unbedingt, und der 2°) Die Apologie des Mißvergnügens und Uebels (Frankfurt und Leipzig 1787) widmete Weishaupt: „Dem Freund seines Herzens dem Hochwürdigen Hcchgcbohrnen Franz des H. R. N. Grafen von Starbemberg des hohen Dcmstifts zu Eychstädt Domicellaren als ein Denkmal seiner innigsten Verehrung und Freundschaft." Minister verkannte so wenig die Gewalt, welche er über den Kurfürsten übte, als er irgend einen Zweifel in die eigene Befähigung zum großen Staatsmann setzte. Wohl im Vertrauen auf diese politische Wandelung in Bayern erließ Weishaupt von Gotha aus am 22. April 1799 im Neichsanzeiger (26. April 1799 Nr. 95 S. 1101 —1104) seine „Endliche Erklärung": „Ich habe bisher, heißt es daselbst, in der festen Ueberzeugung, als ob alle weiteren Vertheidigungen in Rücksicht meiner überflüssig sein würden, gutmüthig dahingelebt. ... Ich werde aber durch widrige Folgen gewahr, daß ich mich in meiner Erwartung mehr als jemals getäuscht habe. Ich bin es daher müde, fernerhin in dieser zweideutigen Gestalt zu erscheinen; denn ich glaube etwas besseres als Verachtung oder Mitleid zu verdienen. Ich bin es aber auch ebenso müde, Vertheidigungen zu schreiben; denn ich habe erfahren, daß sie entweder gar nicht gelesen oder sehr bald vergessen werden. Ich bin Vater einer zahlreichen Familie; durch mich sind viele schuldlose Menschen in widrige Umstände versetzt; mehr als eine Regierung ist bei dieser Veranlassung beunruhigt und durch Furcht und Besorgnisse aller Art zu strengen Maßregeln gereizt worden. Ich bitte um gerichtliche Untersuchung und Entscheidung dieser Sache. ... Im Angestchte der Gesetze und vor den Augen eines unbefangenen Richters getraue ich mir zu beweisen, daß in dieser Sache nur Mißverstand oder Verleumdung herrschen. Ich werde beweisen, daß ich Niemanden hintergangen habe, daß diese Verbindung nicht allein nicht gefährlich, sondern von allen übrigen bei weitem die unschädlichste, daß sie sogar trotz alles widrigen Scheines groß und erhaben ist, daß keine Schule für Selbst- und Menschenkenntniß gefunden werden dürfte, welche ihr gleichkomme. . . . Wer anders das in dieser Sache klassische Buch, welches den wahren Geist meines Systems unverkennbar darlegt, das Buch, ohne welches unmöglich ein entscheidendes Urtheil über mich so wenig als über meine Sache gefällt werden kann, ich wahrsage, meinen Pytha- goras — nur den letzten Abschnitt desselben, ja wer nur S. 442—447 gelesen hat, der muß, wenn er sich nicht Verdrehung und Verleumdung zum Gesetze gemacht und nur einiges Gefühl für Sittlichkeit hat, sehr bald einsehen, daß ich bei diesem Schritte nur gewinnen und in keinem Falle verlieren kann. . . Von Bayern ist die Verleumdung ausgegangen; es ist also billig, daß sie in Bayern erprobt oder meine tief verwundete Ehre wieder hergestellt werde." Weishaupt erhofft darum von dem neuen Kurfürsten Gerechtigkeit zu erhalten. Schließlich sagt er: „Ich erkläre hicmit feierlich vor den Augen von ganz Deutschland, daß ich in Betreff meiner, soviel diese Angelegenheit betrifft, jeden Nichterstuhl als kompetent erkenne. Ich werde mich aber in keinem Falle zu einer außergerichtlichen Vertheidigung in Zukunft verstehen, wenn diese Mittel ungenützt bleiben und die Anfälle meiner Gegner fortgesetzt werden sollten." Aber weder Maximilian Joseph noch sein Sohn Ludwig I. konnten zu einer Begnadigung Weishaupts veranlaßt werden. Nach den „Gesammelten Blättern" (München 1868 S. 19) soll König Ludwig I., auf einer Reise von dem späteren Bischöfe Georg v. Oettl "') Georg Loren; Oettl, geb. am Oettlgut zu Gängham, Pfarrer Palling, am 26. Januar 1794, 18i7 ordinirt, wurde auf Empfehlung Sailers am 20. Dezbr. 1820 zum Neligions- lchrer der Prinzen und Prinzessinnen des Kronprinzen, nach- von Eichstätt begleitet, in Gotha mit dem ehemaliger Professor aus Jngolstadt zusammengetroffen sein. Der selbe habe den Bayernfürstcn um einen Beitrag zur Erbauung einer katholischen Kirche in Gotha angefleht (6000 fl.), um für die Verirrungen seines Lebens einige Genugthuung zu leisten. Trotz eifrigen Nachforschens ist es mir nicht gelungen, einen glaubwürdigen Beleg für die berührten Angaben der „Gesammelten Blätter" zu entdecken. Nach den freundlichen Mittheilungen des dermaligen katholischen Pfarrers in Gotha, Diöcese Paderborn, Herrn Schnettler, dem hicfür der gebührende Dank ausgesprochen sei, wurde die dortige katholische Gemeinde im Jahre 1812 wieder in's Leben gerufen, nachdem sie in den Stürmen der Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts erloschen war. Weishaupt scheint nun seinen Einfluß zu Gunsten der neuen Seelsorgsstation geltend gemacht zu haben, da heute noch in Gotha die Erinnerung fortlebt, dieselbe sei von Jlluminaten gestiftet worden. Im Jahre 1829 wurde für die katholische Gemeinde zu Gotha im Königreiche Bayern eine allgemeine Kirckencollccte bewilligt, welche die Summe von 6975 fl. 4*/z kr. ergab. In dem einschlägigen amtlichen Aktenmnterial findet sich nun zwar kein Hinweis auf die Thätigkeit Weishaupts, aber als geborner Bayer dürfte er doch die Anregung zu diesem Schritte gegeben haben, da ja die sonstigen Mitglieder der katholischen Gemeinde mit der bayerischen Regierung in keinerlei Beziehung und Verbindung gestanden; die in Bayern bewilligte Sammlung war nämlich die erste für den katholischen Kirchcuban in Gotha, andere Staaten genehmigten später derartige Collccten. Am 18. November 1830 starb hochbelagt Hofrath Adam Weishaupt in Gotha, ausgesöhnt mit der kathol. Kirche, welcher er einst als junger Professor Tod und Vernichtung geschworen. Am 21. November wurden di- irdischen Ueberreste der geweihten Erde übergeben. 1748—18301 Welch eine inhaltsvolle, sturmbewegte Zeit! Weishaupt, in den Schulen der Jesuiten zu Jngolstadt erzogen, sah den Fall dieses Ordens und freute sich darob; er gründete einen Gehcimbund, welcher als Gegenstück der Schöpfung des spanischen Officiers der Welt Aufklärung und reine Sittlichkeit bringen sollte; aber die hohen Ziele des ehrgeizigen Professors wurden nicht erreicht; er selbst mußte seinem Vaterlands den Rücken kehren und das harte Brod der Verbannung essen. Er sah aber auch die politischen und religiösen Umwälzungen der französischen Revolution, deren Grundgedanken ihn so sympathisch berührt hatten; er sah, wie Napoleon, der Günstling der Revolution, die Völkerkarte Europa's rücksichtslos zerschnitt, wie er den Nationen Gesetze diktirte. Weishaupt erblickte von der Ferne die Ruinen, die seine Schüler und Anhänger, mit Montgelas an der Spitze, maligcn KönigS Ludwig l., in WUrzvurg ernannt. 1825 zog er mit Ludwig an den Hof nach München, wurde, als seine Aufgabe eines Netigionslebrers vollenoct war, 1829 Kanonikus am Metropolitankapitel München-Frcisinz, 1832 Dechant desselben Kapitels. Am 7. Febr. 1817 ward Oettl als Bischof von Eichstätt in München consccrirt und starb am 6. Febr. 1866. Nach freundlicher Mittbcilunz von hochgeschätzter Seite sei einstmals zu Oettl, als er noch in München weilte, ein altes kleines Herrchen gekommen und habe ihm in längerer Unterredung auseinandergesetzt, er habe viel Unheil im früheren Leben gestiftet und möchte daS, wenn möglich, wieder gut machen. Erst im Verlaufe des Gespräches habe sich der Fremde als Weishaupt zu erkennen gegeben. Im Jahre 1851 bewilligte der hochherzige König Ludwig I. für Gotha die Summe von 1300 fl. im katholischen Bayern aufthürmten, als Klöster und Stifte mit vandaliscker Wuth der Auflösung und Zerstörung preisgegeben wurden; er mochte das Wehen des tviedererwachten christlich-germanischen VolkSgeistes fühlen, als auf Leipzigs grünem Plane des stolzen Korsen Ueber- muth gebrochen ward, als in der hl. Allianz die Grundsätze des Evangeliums zur Richtschnur der politischen Freiheit und Rechte der Völker proklamirt wurden. Unter diesem Eindrucke erwachte wohl auch wieder in dem Herzen des gestürzten Jlluminatengenerals die Erinnerung an den Glauben seiner Kindheit, und als Greis suchte er die Fehltritte des wild überschäumenden Mannes zu sühnen, indem er für jene Kirche eintrat, welche durch Revolution und Säkularisation zwar geschwächt, aber nicht vernichtet werden konnte. Das katholische Bayern, dem gemäß den Bestrebungen der Jlluminateupartei das heiligste Erbgut seiner Läter — der Glaube der Vorzeit — entrissen werden sollte, übte die süße Rache der Liebe und half in Gotha dem greisen Weishaupt ein katholisches Gotteshaus erbauen. Möge dasselbe ein Wahrzeichen sein für den Sieg der katholischen Wahrheit über Irrthum und Lüge! * -d » Berichtigung und Ergänzung. In Beilage Nr. 14 Seite 106 ist zu lesen: Endliche Erklärung Pbilo'S. start: Endlose. — Zu Anm. 26 Seite 116 Nr. 15 harte Titl. Herr vr. Morgott, Domkapitular in Eich- stätt, die Eure, den Verfasser auf den Jesuiten Job. MariuuS, Professor zu Alcala, gest. 1725, aufmerksam zu machen, dessen Werk HieoloAia sxseulativa st moralis durch Dekret vom 5. Juli 1728 und 18. Juli 1729 auf den Index gesetzt worden ist. (Inklex librorum probibitornm, Romav 1881 x. 208, Lurtor, nomeirolator II/ 976, Reusch, Der Index II, 1, 514). Vielleicht hatte Weishaupt diesen Marinas im Auge. k. Johannes Nas, Franziskaner und Weihbischof. (Schluß.) H Den eigentlichen Anstoß zur Polemik des k. Johannes gab die in den Jahren 1562 und 1564 von Hieronymus Rauscher, Hofprediger des Pfalzgrafen zu Neuburg, herausgegebene und dem Herzog Christoph gewidmete Schrift: „Hundert auserwählte, große, unverschämte, feiste, wohlgemästete, erstunkene Papistische Lügen." Rauscher hatte aus verschiedenen Büchern allerlei Legenden und Wundergeschichten zusammengetragen und auf solcher Grundlage und unter dem erwähnten geschmacklosen Titel das ganze Papstthum als Abgötterei dargestellt mit Ausdrücken, die unter halbwegs gebildeten oder auch nur anständigen Menschen nicht wiederzugeben sind. In diesem Buche überhäuft dieser Hofprediger auch besonders den hl. Franziskus mit Schmach. Als Franziskus gestorben, „sei Fastnacht in der Hölle gewesen, Beelzebub und Lucifer und feine Gesellen haben ihn mit großen Ehren empfangen und als einen treuen Diener in ihr Reich aufgenommen und obenan gesetzt" u. s. w.; ebenso gebraucht er von der Kirche Ausdrücke wie „babylonische Hure", „Teufelsbraut" u. ähnl. ?. Johannes sehte dieser wüthenden Schmähschrift die erste feiner berühmten Centurien entgegen: „Das antipapistisch Eins und Hundert auserlesener gewisser evangelischer Wahrheit, bei welcher als bei den Früchten der Baum, die reine Lehr soll und muß erkannt werden", zu Jngolstadt 1565 ohne Angabe seines Namens. ES entwickelte sich ein heftiger Federkrieg, in dessen Verlauf er die zweite Centurie: „Das andere Hundert der evangelischen Wahrheit", erscheinen ließ (1567) und so biS 1570 noch drei weitere Centurien veröffentlichte, welche insgesammt die Lehren und Thaten der reformatorischen Häupter in derb sarkastischer Weise kritisiren, zum Theil auch gegen Zeitgenossen persönlich gerichtet sind, wie insbesondere gegen Heßhus, Andreas, Spangenberg und Ostander. Alle diese gaben wieder heftige Gegenschriften heraus, zudem fielen auch Nigrinus und der wegen seiner Satiren in der Literaturgeschichte bekannte Fischart über Nas her, und je erbitterter die neuen Angriffe wurden, desto berber wurde auch er in seinen Antworten. Wie er in seinen Werken gegen die neue Lehre auftrat mit einem Eifer, daß die Annalen der Universität Jngolstadt ihm das Prädikat geben: „magiius vsrta sinnig lurarosis niastix ab LLlnsmatiooruin voxutor", indem er besonders auf die schlimmen Früchte hinwies, die aus derselben hervorgingen (z. B. im xras- luäiurn in Oenturirrs stoininuin sola, 6äs xaräitoruin d. i. Newer Zeiten Vorgang, Jngolstadt 1588), so trat er auch damals schon für die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes ein; in einer zu Jngolstadt gedruckten Predigt über das hl. Sakrament „wider alle Sakraments- schwörmer" findet er die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes in dem Gebete Christi Luc. 22 begründet, was er auch auf des hl. Petrus Glauben allein anwendet. Eine andere krankhafte Erscheinung der damaligen Zeit bekämpfte er gleichfalls, nämlich den Glauben an den Einfluß der Gestirne auf die Geschicke des Menschen, welcher sogar Eingang in das gewöhnliche Volk, in die Bürger- und Bauernhäuser gefunden hatte durch die Kalender und Planetenbücher, welche zu der am meisten verbreiteten Volksliterntur gehörten und zur Abwendung von drohenden Uebeln aus dem Stand der Gestirne alle möglichen abergläubischen Regeln und Vorschriften für Haus und Hof, Gesundheit und Leben ertheilten. Gegen diesen unsinnigen Aberglauben trat er auf in seinem kstiloZeussiug kraotica, kraotieurum, d. i. eine gewisse Vorsagung auf viel zukünftiger Jahr, darin man allerlei Freyd und Leydt aus den seltsamen Aspekten kurz und lustig beschrieben liest (Jngolstadt 1571). Auch gegen die herrschende Teufelssucht und Teufelsfurcht trat er auf. „Innerhalb wenig Jahren, schrieb er 1588, sein viel teuflische Bücher ausgangen, die in Teufels Namen beschrieben, in's Teufels Namen gedruckt, in's Teufels Namen gekauft und gelesen und für große Kunst beschreit worden und sind ihre Meister nicht unter den geringsten Wortsknechten berühmt worden." Er führte ganze Alphabete von ausgegangenen Teufelsbüchern an und fuhr fort: „Die alten frommen Christen haben ihren Kindern den Bösen mit seinen greulichen, teuflischen Ab- namen nicht nennen lassen, ja wol dabei zu fluchen wai niemand gestattet, wie der weise Mann sagt: So der böse Mann dem Teufel flucht, verflucht er seine eigene Seele. Diese jetzige Welt predigt und schreibt Bücher in's Teufels Namen." Die Katholiken dürften auf diesem Gebiete nicht folgen. (LnZalus der Warnungsengel. 1588.) Doch wenden wir uns zu den weiteren Lebensschicksalen des k. Johannes. Es ist schon erwähnt worden, wie er 1560 auf dem Provinzialkapitel zu Sefflingen als Prediger in Jngolstadt aufgestellt wurde. 1566 kam er in gleicher Eigenschaft nach Straubing, und 1569 wurde er auf dem Kapitel zu Jngolstadt in diese letztere Stadt zurückberufen und zum Guardian des 125 Klosters und zugleich zum Custos erwählt, nachdem er schon 1563 und 1566 auf den Kapiteln zu Sefflingen und München als Definitor gegenwärtig gewesen war; 1571 ging er zum Generalkapitel nach Rom, wohin sein Ruf ihm schon vorangeeilt war, so daß Papst Pius V. selbst sein Zuhörer war, der ihm auch den Titel oou- oiouutor axostolious verlieh. Erzherzog Ferdinand von Tirol setzte es durch, daß 8 . Johannes ihm als Hofprediger überlassen wurde, und er ging als solcher nach Innsbruck 1572. Auch von dieser Stadt aus unternahm der unermüdliche Mann noch zwei Missionsreisen nach Augsburg, wie er auch in Tirol selbst mit der vielfältig verbreiteten Häresie, namentlich der Wiedertäufer, zu kämpfen hatte. Der Ordensgeneral 8 . Christoph g, Oaxits loutiuiu (Otisöoutaiuos) ernannte ihn zum Commissär für die Ordensprovinzen Straßburg, Oesterreich und Böhmen, und als solcher führte er 1574 die Brüder seiner heimathlichen (Straßburger) Provinz in den Convent Innsbruck ein, wo früher die Franziskaner der venetianischen Provinz gewesen, bei dessen Besetzung sie aber aus Mangel an deutschen Priestern mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Er bemühte sich auch zwei andere Klöster Tirols, nämlich Schwaz und Bozen, mit Straßburg noch zu vereinigen, stieß aber dabei auf Widerspruch bei seinen eigenen Mttbrüdern, wie Glaß- berger andeutet; besonders war dies der Fall auf dem Kapitel zu München 1574, wo der Beschluß gefaßt wurde, daß diese beiden letzten Klöster wieder von der Straßburger Provinz getrennt werden sollten, nachdem sie auf kurze Zeit dazu gehört hatten. Papst Gregor XIII. ernannte k. Johannes 1578 zum Commissär über alle seraphischen Klöster in den Landen des Erzherzogs ^ Ferdinand. Da die Straßburger Provinz sich gegen die Aufnahme der Tiroler Klöster geweigert hatte, wurde aus denselben eine eigene Provinz gebildet (16. April 1580), und von dem Ernennungsrechte bei der Errichtung einer solchen Gebrauch machend, ernannte unterm 18. April 1580 der Ordensgeneral k. Franz Gonzaga als ersten Provinziell der neuen xrovineia 8 . Deoxoläi den k. Heinrich Sedulius, und unter den vier ernannten Definitoren war k. Nas, so daß er nunmehr als zur Tiroler Provinz gehörend erscheint. War auf diese Weise der verdiente Mann zu hohen Aemtern in seinem Orden gelangt, so war ihm eine noch höhere Würde beschicken. Am 19. Mai 1580 ernannte ihn der Papst zum Bischof von Vcllin und zum Weihbischof von Brixen, und wurde er am 18. September von Johann Thomas von Spanr, Fürstbischof von Brixen, consccrirt. Als ein demüthiger Mann schämte er sich auch in seiner neuen Stellung seines Ursprunges nicht und nahm, wie schon erwähnt, die Scheere in sein bischöfliches Wappen auf. Seine "einfache Lebensweise, die er als Franziskaner geführt, gab er niemals auf, und ebenso lag er seinem missionarischen Berufe mit immer gleichem Eifer ob, wenn auch die Kräfte nach und nach abnahmen. Als Weihbischof consecrirte er am 8 . Mai 1582 eine Kapelle in Schwaz, am 5. August 1583 die Kapelle auf dem Gottesacker der Clarissinnen in Brixen zugleich mit dem Altare in fion. 8 . Ornats et 8 . V. N. aä utvos, am 8 . September die sogenannte silberne Kapelle in der k. k. Hofburg in Innsbruck, welche einer Vergrößerung unterzogen worden war; am 14. September 1586 eine Kirche bei Mtls, am 4. September 1587 den Altar im Kapitelsaale zu Innsbruck, am 11. September die Kirche in Schloß Sigmundslust bet Vomp, 1589 die Klosterkirche in Passau. In wie gboßer Ächtung er immerfort in Nom stand, erhellt aus einem Briefe des Cardinals Alexandrinus, der ihn im Auftrage des Papstes im Juli 1584 nach Nom berief, in welchem eS heißt: „üb autsrn saäera Hmxlituäo Dun eommoäius iter eontresrs xossit, iussn Luas 83 .u 6 tita.tis statira illi psrsol- vsutur 100 uummi anrät st Drbsra äoiuosxs in- gressa teumLnissime sxoixistur, c^ueiuuclinoäuin suarnin virtutum rasrita postulnrs viäsutur st iQulti laborss xsr Ost eoolosiam in rslellsnäis IiLsrstieoruw. äogruatidus susesxti. Osrto untern seiat Uruxlituäo Pua, ssss die esse in wLAua sx- sxsotLtions." Im Mai 1590 vom Erzherzog Ferdinand zum Landtag nach Innsbruck berufen, starb er unerwartet daselbst im Kloster schon am 16. Mai, von aetats louAasvns ssä ladoribus et viZtlits Iraetus, wie die Ordenschronik sagt. Der Erzherzog ließ seinem Freunde ein Monument setzen, dessen Inschrift lautet: kms. ia Odristo kraesnl so Doruiuus krater llodannes Xasus, Orä. Dr. Niu. äs Ofissrvautia, Lellinensts Lpisoopus, Drixiususis 8 u§r 3 A 3 ueus, Ooneionator axostolious et Lersntsstwt krtneipis Dsräiuanäi, Lnstrtas ^rodiänois /tnlions, IleltZtonis catdoltcus xro- puAuator ooustLutissimus et daeretieormn dostis aoerriinns snd doa saxo in Domino ^ntesott. Nortons 16. ciie Nuti anno salutis dumnnue 1590, aetutts vero suae 57., ^nem Deus Opttmus Nuximus Sun in Odristo miseriooräiL äignetur. In der Sakristei der Hofkirche in Innsbruck, die zugleich den Franziskanern zum Gottesdienste überlassen und allen Touristen bekannt ist wegen des Denkmals Kaiser Maximilians, befindet sich ein Glasschrank, in welchem ein Ornat desselben und zugleich ein von ihm selbst noch geschriebenes Büchlein als Erinnerung aufbewahrt wird. Schöpf gibt ein Verzeichniß der Schriften des ?. Johannes und zählt deren 39 auf, während die Chronik der xroviuoia 8 . Dsopolüi deren 45 anführt. Es sind darunter treffliche Neben und Predigtwerke, aber das polemische Element überwiegt. Mit dem größten Nachdruck hat er bis zuletzt insbesondere gegen die Lehre vom Alleinglauben gekämpft. Schließen wir die Lebensskizze dieses berühmten und verdienten Mannes mit einem Urtheil, welches die Histor.-Polit. Blätter über ihn abgeben (Band 46, Seite 546): „Dem heutigen Geschmacke können die Nas'schen Streitschriften freilich nicht mehr zusagen; eines aber läßt sich ihnen nicht absprechen, sie belegen alle die Behauptungen mit Stellen aus den reformatorischen Schriften selber, und sie beweisen hierin eine so ungcmeine Bclesenheit und Der- lässigkeit, daß sie heute noch einen sehr schätzbaren Behelf abgeben können." Streifzüa.e durch die socialpolitische Literatur des Mittelalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Strobmcyer, Bcncftziat in Oberst: erf. (Fortsetzung.) Derjenige, der die Reihe der socialpolitischen Schriftsteller im Miitelalter eröffnet, ist Johannes von Salisbury (gestorben 1180). Sein Hanptwerk ist der in 8 Bücher abgetheilte „kolvoraticus sirs äs vu§is euiialiuin st vestiZüs püilosopfioruw.") Namentlich *) ck. Ferdinand Walter, Notnrrccht u. Politik im Lichte der Gegenwart, 8 519 S. 402. 1571. 126 im 4., 8. und 6. Buch werden politische Fragen behandelt. Nach ihm erhalten die Könige ihre Würde und Macht von den Priestern; die Kirche, welche ihnen diese gegeben, kann sie ihnen auch wieder nehmen. Wenn sie tyranniflren oder ihre Herrschaft durch Gewalt erlangt haben, darf man nicht nur, sondern muß sogar, weil es gerecht und billig wäre, sie todten. Das ist so ungefähr sein Gedankengang: „Zlsätuiu äs ruauu Leolssiss sssixib prinesxs. Lst ergo xiiuosxs 8sssräotü csuiäsru rüiiÜ8tsr st gui 8 s. (worum, ostisiorum iUsm xsrtsm sxsrssb ^uss ssssräotii ursniffus viästur iuäigus. korro äs rstious juris sjus est uolls eusu3 68t vells st sjn3 S3t snlsrs cstii äs jnrs eou- Isrrs xvtest.Pxrannuw. ossiäsrs uou uroäo lioitum 68t, 8sä ae^uuin st snstum? °) Bemerkenswerth ist seine Theorie vom Tyrannenmord, die später noch wiederholt wurde, besonders von dem Jesuiten Mariana, dem Lehrer Philipps III. von Spanien (1598—1621), in dessen Buch „äs rsgs". Sie ist uns ein Beweis, daß das antike, »»christliche Element in der mittelalterlichen Politik noch nicht ganz überwunden ist. Was im allgemeinen die Bedeutung des Johannes von Salssbrry anlangt, so hat er durch seine im kol^- orstieua entwickelten socialpolitischen Grundsätze auf die nachfolgenden Denker einen bleibenden Einfluß ausgeübt, wenn auch die Spuren desselben nicht immer ganz sichtbar sind. 6) Gleichzeitig widmete ein Mönch von der Abte! zu Fleury, Hugo von Sancta Maria, dem König Heinrich I. von England (1160—1135) seinen „Irss- tutu8 äs rsgis xotsatsts st sacsräotsli äignitats." Darin behandelt der gelehrte Mönch eingehend die Theorie des Tyrannenmords, kommt aber auf Grund seiner Voraussetzungen auf die gegentheilige Behauptung, er spricht mit Entschiedenheit die sittliche Verwerflichkeit aus. Seine Deduktionen sind folgende: Die königliche Macht stammt von Gott; aktiver Widerstand ist darum unerlaubt; nur Gebete um Abwendung ihrer Tyrannei sind erlaubt, und jeder, der ihren Sturz veranlaßt oder unterstützt, sei er auch Bischof, macht sich göttlicher und menschlicher Majestütsbeleidigung schuldig. Auch des berühmten „Kommentators" der Aristotelischen Schriften sei hier gedacht, des Spaniers Averross (1126—1198). Derselbe hat nicht nur die Aristotelische Politik erläutert, sondern auch eine Paraphrase über Plato's Republik verfaßt, worin er seine eigenen politischen Ansichten mittheilt?) Diese Paraphrase hat der Jude Mantinus vom Arabischen in's Lateinische übersetzt und dem Papst Paul III. gewidmet?) Den bisher genannten Schriftstellern ist eS nicht gelungen, den Boden zu finden, auf dem sich die christliche und antikheidnische Socialphilosophie ausgleichen und harmonisch verschmelzen ließe. Es lassen sich deutlich im Mittelalter zwet Richtungen unterscheiden. Der einen gehören diejenigen Schriftsteller an, welche die Rechte der Kirche vertheidigen, der andern die Vertreter der Unabhängigkeit der weltlichen von der geistlichen Macht. Einen bemerkenswerthen Umschwung erhalten endlich die socialpolitischen Studien um die Mitte des 13. °) kolxerations IV, 3 ff. u. III. °) Ferdinand Walter, Naturr. u. Politik S. 403. ') Kirchenlcxikon von Wetzer und Weite, alte Auflage l. Bd. S. 421. b) ok. Johannes Schon, äs literatura xolitioa meäii aevi. Jahrhunderts: Wilhelm von Mörbeka (gestorben ca. 1300) entdeckt und übersetzt auf Wunsch des heil. Thomas von Aquin die Politik deS Aristoteles,") wie er überhaupt fast sämmtliche Werke des Stagiriten in's Lateinische übersetzt hat. Diese Uebersetzung der Aristotelischen Politik ist von tiefeinschneidender und grundlegender Bedeutung für die spätere Zeit geworden, und es läßt sich denken, daß eine Menge von Commentaren dieses Werk untersucht und betrachtet haben. Die meisten Verdienste um das Studium und die Verbreitung der Schriften des großen Stagiriten und seiner politischen im besondern, die durch direkte Uebersetzung aus dem Griechischen im Abendland bekannt wurden, haben sich die Scholastiker erworben?") Namentlich war es Thomas von Aquin, der seinen Erläuterungen der Logik, Metaphysik, Ethik, der natur» philosophischen Schriften des Aristoteles und der Schrift „äs 63.U8IS", welche die Scholastiker ebenfalls dem Aristoteles zugeschrieben haben, jetzt auch eine Interpretation seiner Politik folgen ließ. Dieser Tho- mistische Commentar der Aristotelischen Politik ist ganz eminent und von besonderem Werthe, weil hier die reine Stimme der natürlichen Vernunft, nicht die Stimme der Offenbarung zum Ausdruck kommt, und übertrifft jedenfalls den seines Lehrers, des hl. Albertus Magnus (1193—1280), der aus späterer Zeit stammt.") Diesen Commentar hat der hl. vostor anFslieus erst in den letzten Jahren seines Lebens begonnen und darum auch nicht selbst vollenden können; vielmehr hat nach dem übereinstimmenden Urtheil der Biographen Peter de Alvernia, ein Schüler des hl. Lehrers, die Thomistischen Commentare mit Benützung der hinterlassenen Manuskripte des hl. Thomas fortgesetzt und vollendet, wobei er nicht bloß die Lehre, sondern auch Stil und Methode deS Heiligen auf's beste und genaueste getroffen hat. Um dieselbe Zeit, in welcher die Erläuterungen zur Politik des Aristoteles erschienen, also etwa um 1266, am Abende seines Lebens, arbeitete Thomas auch an "dem Traktat „äs rsAimius prinoixuia sä rsgom 6^xri". Ob der „englische Lehrer" das Werk noch selbst vollendet hat, ob insbesondere auch die zwei letzten Bücher, das 3. und 4., dem Heiligen zugeschrieben werden dürfen, darüber streiten sich die Gelehrten. Jedenfalls ist sicher, daß die in der Abhandlung vorgetragene Lehre sowohl mit den andern Werken des Heiligen als namentlich mit seinen Commentaren zur Politik des Aristoteles übereinstimmt, und ich denke, daraus darf man doch auf seine geistige Urheberschaft auch der letzten zwei Bücher des Traktates schließen, wenn auch die verworrene Disposition der Materie, die zahlreichen Wiederholungen, die darin vorkommen, und anderes auf einen verschiedenen Urheber hinweisen. Der Heilige hat eben keine Zeit mehr gefunden, die schon gesammelten Materialien auch für das 3. und 4. Buch zu sichten und geordnet zusammenzustellen, aber vorbereitet ") ok. Kirchenlcxikon I. Bd., Jourdain, -reeberebos ort- tignos....« deutsch von Ad. Steche. *°) ok. Kirchenlcxikon I. Bd., ebenso Ueberweg, Grundriß der Gesch. d. Philoj. II. Bd. S. 820. 1886. Stockt, Gesch. d. Pbilos. ") ok. baS herrliche Sckriftchcn: „Die socialistische Staats- idce beleuchtet durch Thomas von Aquin" von vr. Ceslans Schneider. 1694. Paderborn, worin dieser Commentar kritisch beleuchtet wird gegen die Socialisten. 127 E: ' hat er wahrscheinlich auch diese Bücher, und ein unbekannter Fortsetzer hat dann die hinterlassenen Manuskripte benutzt und die Vorbereitungen nach eigenem Belieben geordnet und vielleicht auch manches eingeschoben. Das scheint die natürlichste Lösung einer Frage zu sein, über welche schon so viel von spitzfindigen Kritikern geschrieben worden ist. Bei dem Ansehen, welches Thomas von Aqutn in der wissenschaftlichen Welt von jeher genossen hat, ist es erklärlich, daß auch dieses letzte Werk seines Geistes einen nachhaltigen Einfluß auf das Mittelalter und auch auf die nächsten Jahrhunderte ausgeübt und alle Diejenigen in Erstaunen gesetzt hat, welche die politischen Anschauungen des Mittelalters studirt haben. Dieses Schriftchen vertritt den Höhepunkt der mittelalterlichen Staats- und Gesellschaftswissenschaft, insofern hier ein Ausgleich zu Stande kommt zwischen dem christlichen und antiken Element, wobei dieses als Substrat dient, auf dem sich jenes siegreich erhebt. Wir gehen darum nicht zu weit, wenn wir dieses Werk die centrale Zusammenfassung der Social- politik der Kirche nennen. Walters schreibt darüber: „Das ganze Werk zeichnet sich durch Reichhaltigkeit, Scharfsinn, Selbstständigkeit des Urtheils und durch die ausgebreitetste Kenntniß der alten Schriftsteller und der heiligen wie der Profan-Geschichte aus." (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Brnstatris prrstornlis äs Laornm sutis inxtcr prc>- batissimos anetorss nä nsum tlrooloZorum IV. aunr st olsri in enrn. nnrmarnw eoneinnatns 8, k. Uilnrio g. Lsxtsn, Orä. Onpus. 6um npprobnticms Uoversuä. spiss. Iriäsnt. st Lupsrioimn Orärnis. Llozznntias, ! Von der neuen Zeitschrift „Charitas" (für die Werke > der Nächstenliebe im katholischer. Deutschland. — Verlag von ! Herder zu Freiburg im Breisgau. Preis 3 Mark jährlich) sind - bis jetzt drei Monatsnummern erschienen, welche außerordcnilich reichhaltig und belehrend sind und durch ihren Inhalt das Unternehmen jedem Katholiken, der sich für Wokltbätigkeits- bestrebungen interessirt. vorzüglich empfehlen. Beiträge haben bis jetzt geliefert die Professoren Dr. Hitze und Dr. Keppler, die Landcsrätbe Brandts und Scbmedding, k. Cyprian 0. 6ap., Domkapitular Woker, Direktor Müller u. a. Kein charstativer Verein, keine Ordensniederlassnng oder Erziehungsanstalt sollte cö unterlassen» diese wichtige Zeitschrift zu halten. »Die Wahrheit." Herausgegeben von Ph. Wasserburg. Verlag von Nud. Abt in München. (Erscheint monatlich zweimal. Abonnementspreis pr. Jahr 8 M.; Einzelhefte 50 Pf.) Heft 6 enthält: Das Centrum und die Organisation der Katholiken Deutschlands in Vergangenheit und Zukunft. Von A. v. HohenfelS.StaatSkirchcnthum. Von Sincerus. — Die Wahrheit in der Geschichte. Von vr. H. Meurer. — Die Nöntgen'schen Strahlen und die Photographie des Unsichtbaren. Von vr. H. Putz. — Heilige Erinnerungen in Rom. Von vr. N. Klinisch. — Ueber die Inquisition. Von Finsterling. — Aus unserer Mappe. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XI. Jahrg. Heft 10/11 L 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Die beiden vorliegenden Hefte präsentsten das heimische Gepräge. Vor Allein wird sich jeder Abonnent der „Warte" freuen, das wohlgctroffene neueste Porträt des Salzburger Metropoliten Cardinal-Fürsterzbischof vr. Johannes Haller zu erhalten; hochinteressant sind ferner die „Erinnerungen an Frau Maria Napp", bekannt als Verfasserin des herrlichen Buches „Magdcllcnens Erinnerungen" unter dem Pseudonym I. M. Parr, sowie die Aufsätze „Weissagungen des hl. Malachias" von Fr. Tezclin und „Die französischen Canadier" von Wilhelm du Nord. Als Erzähler finden sich Melati von Java verdeutscht durch L. von Heemstede, Cl. Borges, I. T. Kujawa und vr. Wittmann, als Poeren Chr. Aufschnaiter, C. Achleitncr, Marie Scbauscrt, A. Dreyer, Friedrich Fuuder u. a. Der Bilder- schmuck ist schön und gut gewählt. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. 22. Jabrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Brcisgau, Herder'icbe Ver- lagshandluug. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 3: Die katholische Literatur Englands im Jahre 1895. (Bellesbeim.) — 6onsssn, Lpoealz-psia 8 lobannis Lxootoli versio sadidioa. (Scbnlie.) — Klcbba, Anthropologie deS bl. Jrenäus. (Pcrcrs.)— Bernoulli, Der Scbriitstellerkatalog des HierouymuS. (Bardenkcwcr.) — Bernoulli, HieronymnS und Gcnnadius da viris instwtribug. (Bardenhcwer.) — Clausen, Papst Honorius III. (Wurm.) — Schneider, Die Sittlichkeit im Lickte der Darwin'scbcn Entwickelungslehre. (Keppler.) — Didio, Die moderne Moral und ihre Grundprincipicn. (Keppler.) - — Baumgariner, Die Erkenntnißlebre des Wilhelm von An- vergne. (Back.) — Doccor, Die Philosophie deS Josef (Jbn) Zaddik. (Bach.) — Hübschmann, Armenische Grammatik. (Vetter.) — Norrenberg-Macke, Allgemeine Literaturgeschichte. (Helling- haus.) — Ratzinger. Die Volkswirtbschast in ihren sittlichen Grundlagen. (Brüll.) — Widmann. vr. Johannes Bumüllers Lehrbuch der Weltgeschichte. (Hauthaler.) — Vadlaebo, Xtlas daswqus, Ilsttoiro et VSoZrapüio. (Wittmann.) — Ilodinson, Mio Lritisü vlsst. (Zimmcrmann.) — Mitius, Ein Familien- bild aus der PriScillakatakombe. (Künstle.) — Tsrcy, Die Hand- zeichnungen des Hans Baldung gen. Grien. — Ommor, v'amitiS. (Krieg.) - Meister, Erinnerungen an Johannes Janssen. (Widmann.) — Nissen, Heinrich Heine's Familienleben. (Egeii.) — Nachrichten. — Büchertisch. Linzer theol.-praktiscbe Quartalschrift. Jahrgang 1896. Expedition: Linz. Stifterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 2. HefteS: Gesellschaftslchre und canon- ischeS Neckt. Ein Antrittsvorlesung. Von Pros. k. Albert M. Weiß 0. vr. in Freiburg (Schweiz). — AuSzüge aus Ammiauus Marcellinus, welche für die Kircbengeschichte und Apologetik von Bedeutung sind. I. Sein Bericht über Julians des Apostaten Tempelban in Jerusalem. Von Professor vr. Chr. Lingen in Düsseldorf. — Der Begriff des Gelübdes. Von vr. Ph. Huppert, Rektor in Bensbeim (Hessen). — Gemeinschaftliche Schulmeßandachten im Allgemeinen. Von S. Degenbeck Pfarrer in Neichcnball (Bayern). — Eine Schulmeßandacht der Kinder im Besonderen. Von Pros. vr. Rudolf Hittmair in Linz. — Ueber die diminutiv dsneLeii durch Perionallasten. Von G. Romig, Seminarpräfect in Burghausen (Bayern).— Der Gesang bei der feierlichen Liturgie. VIII. Die Bedeutung der Orgel beim Gottesdienste und die wichtigsten kirchlichen Vorschriften über den Gebrauch derselben. Von Pfarrer Sauter, Präses des bohenzollern'schen B-zirks-Cäcilienvcreines. — Dein Andenken des großen Symbolikers. Von Jos. Kreschnicka, ReligionS-Professor in Horn (N.-Oe.). — Die Bergpredigt nach Matthäus (Cap. 5, 6, 7). Von Sl. Niesterer, Pfarrer in Müllen (Baden). — Waffen im Kampfe gegen den Socialismus. Von Joh. Langthaler, reg. Chorherr und Stistshof- meister in St. Florian (O.-Oe.). — Pastoral-Fragen und -Fälle. U. s. w. Bei der Redaction eingelaufene Bücher und Schriften. Ihre Kreuzersonate. Aus dem Tagebncke der Mdme. Posdnidschew. — Die Naturheilmethode bei Fettleibigkeit und Verfettungskrankheiten (Bd. X der Bibl. der ges. Natnrheilkunde) von vr. mod. Karl Reiß. — Ischias (Hüftweh), Wesen, Entstehung und Heilung von vr. Paul Bcrger. Verlag von Hugo Steinitz, Berlin 81V., Charlottcnstr. 2. Die Cisterzicnser-Abtei Klosterlangheim mit den Wallfahrtsorten Vierzehnheiligen und Marien- weiher mit drei Holzschnitten. Von vr. I. Baier, Würzburg, Andreas Göbel, 1896. 8°. 48 S. Preis 50 Pf. Heilige Kreuzwegandackt (Franziskanertcxt). Mit oberhirtlicker Genehmigung. Würzburg, Andreas Göbel's Verlagsbuchhandlung. Preis 10 Pf. Vcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 1 ^. 17 24, ApM 1696. Carl Lebrecht Jmmermann. Zu seinem hundertsten Geburtstag (24. April) von A. G. Carl Lebrecht Jmmermann stammte aus einer Familie, die weder zu den reichen noch zu den armen zählte, den mittleren Schichten der Gesellschaft war er entsprossen, konnte aber auf eine lange Reihe von Ahnen blicken, die mitunter eine ziemlich bedeutende Rolle gespielt hatten. Er wurde am 24. April 1796 in Magdeburg geboren als der Sohn des Kriegs- und Domänenraths Carl Lebrecht Jmmermann, der in seinem Hause ungemein streng war, während die Mutter sich durch „Grundgüte" auszeichnete. Streng wurde der Sohn mit seinen andern fünf Geschwistern vom Vater herangezogen und selbst unterrichtet in Rechnen, Geographie und Geschichte, bis er in das Kloster Unserer Lieben Frau zur weiteren Fortbildung aufgenommen wurde. Er war ein talentirter und sehr fleißiger Knabe, verfiel aber bald in eine geradezu krankhafte Lesewuth, mit welcher er alle Bücher ergriff, die ihm in die Hände kamen, und von denen viele ihrem Inhalte nach für ihn absolut nicht taugten. „Reisebeschreibungen, Romane, Schauspiele wurden verschlungen" und, fügen wir bei, konnten nicht verdaut werden. Dazu kam der Drang, Dunkles und Geheimniß- volleS zu erforschen, hiemit Zurückgezogenhett in stille Winkel, für einen Menschen im Alter Jmmermanns, wie für alle in diesem Alter, ein großes Uebel, das nichts Gutes zeitigen kann. Trotzdem vernachlässigte er die eigentlichen Schulaufgaben nicht und erhielt stets gute Zeugnisse. Ostern 1813 bezog er die Universität Halle, um sich, gleich dem Vater, der Jurisprudenz zu widmen. Neben den juridischen Fächern belegte er auch philologische, deßgleichen Aesthetik und Kunstgeschichte und deutsche Literatur, und schwänzte keines — weißer Rabe unter den Universitätsstudenten! wenn es buchstäblich wahr ist. Leider konnte er seine Studien nicht in Ruhe fortsetzen und vollenden, die Kämpfe um das Sein oder Nichtsein Deutschlands machten ihm einen Strich durch seine Rechnung, wie abertausend jungen begeisterten deutschen Männern und Studenten. Im Hochsommer 1813 zog Napoleon durch Halle, hob die Universität auf, und die Studierenden zerstreuten sich, die rümal'riäerioiÄllü. stand verlassen und leer. Kurze Zeit verweilte Jmmermann im Vaterhaus, nach der Schlacht bei Leipzig aber meldete er sich als Freiwilliger und wurde in daS erste Jägerdetachement des Leib-Jnfanterte-RegimentS aufgenommen. Doch zog er nicht in's Feld, denn ein Nervenfieber brachte ihn an den Rand des Grabes, und er erreichte seine Abtheilung erst nach Beendigung des Feldzuges. Auf dem Rückzug traf ihn die Trauernachricht, daß sein geliebter Vater am Charsreitag des Jahres 1814 gestorben sei. 1814/15 widmete er sich wieder den Studien, als ein neuer Aufruf des Königs an die Freiwilligen erging, und nun ging es an die französische Grenze; unter dem Donner der Geschütze von Ligny lernte Jmmermann das Bild der Schlachten kennen. Er wurde nach Beendigung des Feldzugs als Offizier entlassen und kehrte zu den Studien nach Halle zurück, wo er sich jetzt der Theologie widmen wollte, doch trat als Hinderniß die Unkenntniß des Hebräischen in den Weg, so daß er bei der Jurisprudenz blieb. Eine Episode aus der damaligen Studienzeit verdient sicher der Erwähnung, da sie von großem Muth zeigt und ebenso großer Offenheit. In Halle existirte eine Verbindung Namens „Teu- tonia", die sehr ausartete. So wurde ein armer Student, der sich nicht schlug, auf das gröbste mißhandelt; Jmmermann verfaßte eine Erklärung, mit vielen Unterschriften wurde dieselbe angeschlagen, der Verfasser aber war kaum mehr seines Lebens sicher. „Teutonia" trieb das Unwesen weiter. Da reiste Jmmermann mit zwei Com- militonen nach Berlin; er erhielt zwar keine Audienz beim König, doch wurde ein Schriftstück gnädig angenommen und erhielt Jmmermann schriftliches großes Lob seitens des Monarchen, dessen Schreiben schloß: „Ihr guter Sinn für Ordnung und Gesetzmäßigkeit hat meinen ganzen Beifall." Unmittelbar darauf wurde die Teutonia aufgehoben, die „Sulphuristen", wie mau die Unterzeichner spottweife nannte, hatten gesiegt. Neben seinen Studien warf sich Jmmermann um diese Zeit zum ersten Male auf das Dichten, es entstanden mehrere Gelegenheitsgedichte, welche aber ohne literarischen Werth waren, dagegen zeigt er darin schon eine gewisse glühende Phantasie. Im Anfang des Jahres 1818 machte er in Halberstadt sein erstes juristisches Examen und wurde Auscultator beim Kreisgericht in Aschersleben; dann kam er nach Magdeburg und Münster, wo er zuerst ganz allein für sich lebte und sein erstes Drama „Roland" schrieb nebst mehreren Gedichten. Es folgte das Trauerspiel „Edwin", das zu schnell ausgearbeitet wurde und deßhalb auch viele Mängel zeigt, obwohl ihm schön poetische Gedanken nicht abzusprechen sind. Eine Recension seiner Arbeiten aus damaliger Zeit sagt u. a.: „Gedankenreich ist seine Welt, kräftig, kühn, nicht hohle Worte und Phrasen spricht er aus. Seine Dichtungen sind Bekenntnisse seiner Seele, doch fehlt dem stolzen Bau noch seine Vollendung." In diese Zeit fällt sein Verhältniß zu Elise von Lützow-Ahlefeldt, das wir, weil es sich in gleicher Weise bei den sogenannten Schöngeistern mu- tatis mutuiräis wiederholt hat und wiederholt, wohl mit allem Recht übergehen können, ohne daß diese Ueber- gehuug uns ein Leser übel nehmen wird, da unsere Beilage für pikante Liebesabenteuer gewiß nicht redigirt wird. Jmmermann wurde träumerisch und dichtete träumerisch nahezu Verse, die sich reimten auf „Herz" und „Schmerz". Doch ermannte er sich bald wieder und warf sich auf Lustspiele und Tragödien zu einer Zeit, wo er nach Magdeburg versetzt wurde, wohin er 1824 ging, nachdem er den Seinen noch einen Besuch abgestattet hatte, da er mit kindlicher und brüderlicher Liebe an der Mutter und an den Geschwistern hing, die damals vorübergehend in Oschersleben sich befanden. Die Vaterstadt war ihm ziemlich fremd geworden, bald war er aber wegen seines scharfen Verstandes beliebt geworden, sein klares, wenn auch scharfes Urtheil imponirte. Die dichterische Ader stockte eine Zeit lang, bis Heinrich Heine ihn besuchte und das Blut in derselben wieder in Wallung brachte, ohne daß er Bedeutendes damals schuf. Er mußie sich auch dem Studium damals widmen, sein letztes Examen stand bevor, das er denn auch mit gutem Erfolg bestand. Es erschien das Drama „Hofer", mitunter ebenso getadelt als gelobt, ein Stück, durch welches auch Göthe auf den Verfasser aufmerksam wurde. König sagt über „Hofer": „Nicht befriedigte das Trauerspiel in Tirol, das in Andreas Hofers Geschichte allerhand Wunder- 130 bareS — Träume, Engelerschetnungen — hineinmischt". ! In Düsseldorf wurde fleißig weitergearbeitet, soweit nicht die ihm nachziehende „Freundin" Gräfin Ahlefeldt ihn daran hinderte. Sein erstes Musenkind war das Lustspiel „Die Verkleidungen",' das der Verfasser aber für sich höher schätzte, als es in That und Wahrheit zu schätzen ist; das Stück wurde auch, soweit bekannt, nur allein in Hamburg aufgeführt. Es folgte „Friedrich der Zweite", dessen Composition aber wiederum ziemlich bedeutende Mängel zeigt; trotzdem erlebte es Aufführungen an bedeutenden Theatern Deutschlands zum größten Stolze des Verfassers. In dieser Zeit war es, als gegen Jmmermann der Dichter Graf Platen in die Schranken trat, und zwar unbarmherzig, so daß er sogar den Namen des Gegners in Nimmermann umsetzte. Er wählte im „Romantischen OcdipuS" sich Jmmermann zur Zielscheibe, in dessen Person er zugleich die gesammten Verirrungen der Romantik verhöhnen wollte. Veranlassung gab ihm dazu ein boshaftes Penion, das Jmmermann in Heine's Reise- bildern" gegen Platens „Gaselen" losgelassen hatte: „Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von SchiraS stehlen, Essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Gaselcn."^) Die scharfe Antwort auf den auch nicht zarten Angriff war der Held des „Romantischen Oedipus", der „schwulst - einpöklerische Musensohn", der Romantiker „Nimmermann", von dem es unter anderm heißt: „— gesalbt zum Stellvertreter hab' ich Dich Der ganzen tollen Dicbterlinasgenossenschast. Die auf dem Hackbrett Fieberträume phantasirt Und unsere deutsche Hcldensprache ganz entweiht." Das Ganze ist geistreich durchgeführt, die Form ist vollendet, aber die persönliche große Abneigung und das übermüthige Gebühren Platens berühren ungemein peinlich. Zur Ehre Jmmermanns, der natürlich auch wieder nach Platen schoß, muß gesagt werden, daß er Platen später alles verzieh und ihm als Dichter stets Anerkennung zollte. So sagte er, als er Platens Tod erfuhr: „Der Graf von Platen kommt in die Walhalla, und er gehört auch hinein trotz aller seiner Thorheiten und Mißgriffe". Die beiden Hanptgegenschriften gegen Platen: „Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Kavalier" und „Tulifäntchen", wurden weder von Platen noch vom Publikum beachtet, da sie wett über das Ziel hinausschössen und so in erster Linie ihren eigentlichen Zweck verfehlten. (Schluß folgt.) FimrischL Studenten in Jesuitencollegien.* *) Von Dr. P. Wittmann in München. Die Verdienste, welche sich die „Gesellschaft Jesu" um Wiederbelebung katholischen Geistes bei germanischen und romanischen Nationen erwarb, sind unbestritten. Selbst Protestanten und Ungläubige gestehen zu, daß die Jünger Loyola's insbesondere auf dem Gebiet der Erziehung Großartiges geleistet haben. Ihre pädagogische Thätigkeit beschränkte sich auch keineswegs auf rein ka'"*) Die Gaselen sind eine aus dem Persischen stammende Dichtungform, die bei manchem damaligen Dichter sehr beliebt war. *) In der Hauptsache Auszug aus dem also (Om Lnslls stlläoramls oto.) betitelten, zunächst in -HiZtorialliiwu Lrdisto- H., dann auch im Sonderdruck (1890) erschienenen Abhandlung des Historikers K. G. Lcinberg, die ihrer Sprache halber uur wenige Leser in Deutschland gefunden haben dürfte. tholische Gebiete, sondern bezweckte zugleich die von der kirchlichen Einheit Getrennten wiederzugewinnen. Zu diesem Behufe gründeten sie zunächst in Rom die sogenannten „National-Collegien", d. h. Lehranstalten, worin begabte Jünglinge verschiedener Zungen Unterricht im Glauben und Wissen erhielten, um später in ihre Hei- math zurückgesendet und dort zur Wiederherstellung des Katholicismus verwandt zu werden. Die erste Schöpfung dieser Art, zugleich Muster aller späteren, war das Ool- laginin Osriauiuauia zu NoM. Mit König Johanns III. Regierungsantritt begann in der schwedischen Reformarionsgeschichte eine rückläufige Bewegung. Durch Studium der Schriften der Kirchen- väter gelangte er zur Ansicht, daß sich Verfassung, Lehre und Gebräuche der schwedischen Kirche am besten mit Rücksicht aus jene alten Quellenschriften regeln ließen. Dieser Umstand erweckte bei seiner Umgebung, soweit sie zum Katholicismus hinneigte, zumal er mit einer Prinzessin dieses Bekenntnisses verheirathet war, Hoffnung, die schwedische Nation wieder für das Papstthum gewinnen zu können. Katholische Autoritäten, welchen hierüber Mittheilung zu Ohren kam, versäumten nicht, die scheinbar günstige Gelegenheit zu benützen, um der katholischen Kirche ein bedeutendes, aber bereits als verloren betrachtetes Gebiet wieder zurückzuerobern. Die Verbindungen der Königin Katharina, der Gemahlin Johanns, mit ihrem Heimathlande Polen bildeten eine natürliche Brücke, auf der der Katholicismus neuerdings in Schweden einzudringen suchte. Da die Ausführung des Planes gewandten und erfahrenen Patres der Gesellschaft Jesu anvertraut wurde, darf man sich nicht wundern, wenn die katholische Propaganda mehrere Jahre lang mit vielem Erfolg arbeitete. Ihre Thätigkeit begann Anfang der Siebenziger - Jahre des 16. Jahrhunderts, und drei Ausländer spielten Hiebei eine besonders einflußreiche Rolle. Vor Allen verdient der warme Jesuiienfreund StanislauS Hosius (ch 1579) Erwähnung, der erst Bischof von Ermeland, dann 1561 Cardinal geworden war. Ob seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit hochgepriesen, hatte dieser Prälat auf's Eifrigste für Wiederherstellung der römischen Kirche in dem von reformatorischen Ansichten berührten Polen gearbeitet. Er war auch der Erste, welcher Jesuiten nach diesem Reiche und nach Preußen rief. Schon im Jahre 1557 dachte er daran, in seinem Stift ein Jefuitencolleg zu errichten, und einige Jahre später (1565) hatte er die Genugthuung, seinen Plan durch Stiftung des CollegS und Seminars in Braunsberg — einer zwischen Danzig und Königsberg gelegenen Stadt — verwirklicht zu sehen. Er benützte seine vertraute Stellung zum Jagellonischen Königshauss, unterhielt von 1572 ab fleißigen Briefwechsel mit der schwedischen Königin Katharina und leitete auch die Verhandlungen zwischen ihr und dem römischen Stuhle ein. In einem vom 24. Januar 1574 datirten Briefe theilte er der Königin mit, der Papst wünsche, es möchten sechs junge schwedische Adelige nach Rom gesandt werden, um dort eine wahrhaft christliche Erziehung zu empfangen. Ein zweiter, im Hinblick auf seine katholisirenden Bestrebungen üemerkenswerther, wenn auch späterhin in Schweden sehr verhaßter Mann war der Norweger Lau- rentius Nicolat. Während seiner Reisen im Auslande — er soll in Löwen, Douay und Köln studirt haben — wurde er für die Kirche und Gesellschaft Jesu gewonnen. Da er der 131 schwedischen Sprache kundig war, sandte ihn der Jesuiten- general auf Befehl des Papstes nach Stockholm, woselbst er im Frühjahre 1576 ankam, um „der Königin als Tröster zu dienen und in vorsichtiger Weise dem katholischen Bekenntnisse den Pfad zu bahnen". Im Anfang gelang es Nicolai das Vertrauen der lutherischen Prediger zu gewinnen, welche, bestochen von seinem Wissen und seiner Herrschaft über die lateinische Sprache, ihn als Rektor des Gymnasiums vorschlugen, daS König Johann statt der Akademie zu Upsala im früheren Franziskanerkloster auf Riddarholmen einzurichten gedachte. Er ließ dort junge Geistliche und Candidaten zusammenbringen, welche theilweise freien Unterhalt genossen, theilweise auf andere Art unterstützt wurden. Kirche wie Conventsgebäude wurden für die neue Schöpfung adaptirt; Laurentius aber erhielt die Weisung, im Colleg Theologie zu lehren und in der Kirche zu predigen. Derselbe begann seine Thätigkeit mit großem Beifall, zog übrigens bald den Verdacht der eifrigen Lutheraner auf sich. Doch gelang es ihm, sich beim König in Gunst zu setzen, und schon ein Jahr nach seiner Ankunft durfte er sich rühmen, 30 Bekehrungen erzielt zu haben. Um eine größere Anzahl passender Arbeiter für das anscheinend dankbare Ackerfeld zu gewinnen, schickte er im Sommer 1577 sechs junge Schweden an das OolleAium Oorinarnoum nach Rom, damit sie dort Zu Priestern ausgebildet würden. König Johann selbst gab das Reisegeld. Durch allerhand Vermittlungsvorschläge, deren Unvereinbarkeit mit den Ansichten NomS sich später herausstellte, suchte Laurentius der kirchlichen Wiedervereinigung vorzuarbeiten. Er wußte dem Monarchen solches Vertrauen zu dem regierenden Papste Gregor XIII. einzuflößen, daß Johann um Entsendung eines Mannes bat, mit dem er persönlich unterhandeln könne. Im Jesuiten Antonio Possevino fand sich die geeignete Person. Nach seinem Erscheinen in Schweden trat „Klosterlasse", wie Nicolai benannt wurde, in den Hintergrund, fiel sogar allmählig beim König in Ungnade. Im Jahre 1580 verließ er in Gesellschaft PosscvinoS Schweden für immer. Zuerst als Lehrer in Braunsberg angestellt, treffen wir ihn 1586 zu Prag; hochbetagt starb er zu Wilna (1622). Antonio Possevino, geboren zu Mantua 1534, gestorben 1611, hatte seine Studien in Rom vollendet und sich 1559 dem Jesuitenorden angeschlossen. Nachdem er mehrere wichtige Aufträge zur Zufriedenheit der Oberen erledigt und sich dabei durch Gelehrsamkeit und Redegewandtheit ausgezeichnet, erhielt er den Auftrag, Schweden zu bereisen und König Johann zum Ueber- tritt zu bewegen. Ende 1577 in Stockholm angelangt, wußte er den Fürsten durch umfassendes Wissen wie scharfsinnige Dialektik derart für sich einzunehmen und zu überzeugen, daß er in einer Stunde der Begeisterung vor dem päpstlichen Gesandten Generalbeichte ablegte, von ihm die Lossprcchung und die Kommunion nach katholischem RituS empfing. Dies geschah im Mai 1578?) Die Bedeutung, welche Possevino dieser Handlung beilegte, die er als Beweis des endgültigen Ueber- trittS des Königs zur katholischen Kirche auffaßte, wurde ') Vergl. die ausführliche Schilderung des Vorgangs bei Thciner „Schweben und seine Slcttung znm hl. Stuhle" I, S. 485 ss. jedoch bald durch das eigensinnige Festhalten des Letzter« an den von ihm für Wiedervereinigung der schwedischen und römischen Kirche aufgestellten Bedingungen, als Laienkelch, Priesterehe, Beseitigung des Weihwassers und anderer Ceremonien, wesentlich reducirt. Da Possevino unter solchen Umständen am Erfolge seiner Sendung verzweifelte, verließ er bald darauf (Ende Mai 1578) Schweden. Eine schwedische Kronyacht beförderte ihn nach Danzig. Von dort reiste er über Braunsberg nach Rom. Ihm folgten fünf für das Kollegium darnramourn bestimmte junge Schweden. Ueber seine Erfahrungen an den Papst berichtend, äußerte sich Possevino zugleich über die Art, wie die Missionstbätigkeit im Norden am besten Fortgang nehmen dürfte. Als Hauptmittel brachte er Einrichtung von Unterrichtsanstalten für die schwedische Jugend in Vorschlag. Da sich das 6oIIe§ium Oorinamoum zu sehr entfernt erwies, empfahl Possevino Erweiterung der Jesuitencollcgien in Braunsberg und Olmütz. Ersteres schien noch geeigneter, weil es in der Nähe der damals von Schweden und Finnen zahlreich besuchten Stadt Danzig lag; nur an zweiter Stelle sollte der mährische Bischofssitz in Betracht gezogen werden. PosscvinoS Vorschläge fanden Billigung und Ausführung, und unterm 10. Dezember erhielten die genannten Stifte im Namen des Papstes neue Satzungen. Da, wie bereits erwähnt, König Johann auf seinen Unionsbedingungen beharrte, der römische Stuhl aber die meisten derselben ablehnte, so wurde ersterer allmählig lauer in seinem Streben, die Verbindung mit Rom wiederherzustellen. Noch einmal jedoch sollte ein letzter Versuch gemacht werden, den Monarchen umzustimmen,- und Possevino wurde neuerdings nach Schweden entsandt. Im Juli 1579 dort angelangt, erkannte der Nuntius bald, daß seine Mühe vergeblich sei. Er blieb dieß- mal mehr als ein Jahr im Lande, theils um die Con- vertiten im Glauben zu festigen, theils auch, um die größtmögliche Zahl schwedischer Jünglinge für Jesuitenseminare zu gewinnen und hiedurch die katholische Propaganda für die Zukunft sicher zu stellen. Der blühende Zustand dieser Anstalten veranlaßte viele Schweden, ihre Söhne denselben anzuvertrauen. So brachte schon der Herbst l579 die stattliche Anzahl von zwanzig jungen Leuten. Die Nonnen des Klosters Wadstena, „des verschlossenen Gartens im Walde der Ketzerei", der einen Gegenstand besonderer Sorge für Possevino bildete, wurden von ihm veranlaßt, vier bis sechs junge, fromme Adelige zum Eintritt in's Braunsberg'sche Seminar zu bewegen. Allmählig wurden immer mehr entsandt, so daß einschließlich der früher nach Rom Abgegangenen von Possevino fünfzig Jünglinge theils ausgeschickt, theils fortgeführt wurden. Bei seiner zweiten Abreise von Schweden im August 1580 führte er dexen fünfzehn mit sich. Viele von ihnen kamen wegen Krankheit oder anderen Ursachen bald wieder nach Hause. Andere folgten später nach und fügten sich willig in die mittlerweile eingetretenen Verhältnisse. Manche kehrten niemals zurück, indem sie entweder während ihrer Studienzeit den heimathlichen Verhältnissen fremd geworden waren oder auch trotz aller Sehnsucht durch äußere Umstünde sich daran verhindert sahen. (Fortsetzung folgt.) 132 Streifzüne durch die sockalpolitische Literatur des Mittelalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Schluß.) Bekanntlich hat der protestantische Professor Dr. v. Jhcring, einer der scharfsinnigsten Nechtsgelehrten, in seinem Buche „Der Zweck im Recht" zum Text der II. Auflage einen Nachtrag gemacht, worin er sagt, er hätte vielleicht sein ganzes Buch nicht geschrieben, wenn er gewußt hätte, daß die Grundgedanken desselben sich schon beim hl. Thomas in vollendeter Klarheit und prägnantester Fassung ausgesprochen finden. Das gilt aber besonders von dem Buche „äs rsZiroins prinoixuva". Er tadelt dann bitter die modernen Philosophen und protestantischen Theologen, die es versäumt hätten, die großartigen Gedanken dieses Mannes sich zu Nutzen zu machen. „Staunend, sagt er, frage ich mich: wie war es möglich, daß solche Wahrheiten, nachdem sie einmal ausgesprochen waren, bei unserer protestantischen Wissenschaft so gänzlich in Vergessenheit gerathen konnten? Welch Irrwege hätte sie sich ersparen können, wenn sie dieselben beherzigt hätte I" Indeß so ganz unschuldig ist Herr von Jhering doch nicht. Den Vorwurf der Unkenntniß kann er nicht gänzlich von sich abweisen. Oder sollte es ihm auch entgangen sein, was Karl von Kaltenborn schon 1848 mit Bezugnahme auf das Schriftchen „äs reZiiriins prillvixuur" geschrieben hat? Derselbe^ schreibt darüber: „Am vollständigsten und mit dem meisten Scheine (?) einer selbst- ständigen wissenschaftlichen Entscheidung finden sich die mittelalterlichen Nechtsansichlen bei dem berühmten Scholastiker und Heiligen Thomas von Aquino entwickelt," und sagt weiterhin, daß Thomas „der Hauptrepräsentant der mittelalterlichen Doktrin vom Rechte zu nennen" sei. Wir können hier zwei Bemerkungen nicht unterdrücken. Es ist merkwürdig, daß die genannte Schrift des hl. Thomas von vielen Schriftstellern über die mittelalterliche Philosophie nicht nur vernachlässigt, sondern nicht einmal erwähnt wird. Wir haben Tenne- mann's „Geschichte der Philosophie" vor uns, in welcher die Socialpolitik des Heiligen mir keinem Worte erwähnt wird. Auch in Stöckl's „Lehrbuch der Geschichte der Philosophie" 3. Auflage haben wir nichts darüber gefunden. Noch merkwürdiger ist, daß unsere Socialpolitiker so wenig auf diese wichtige Schrift zurückgreifen, und doch könnte, wenn auch nicht alle politischen Ansichten des hl. Thomas unserer Zeit entsprechen, die Gesellschaft Heilmittel für ihre Uebel auch heutzutage in mancher Hinsicht daraus schöpfen. Die allerwichtigsten Probleme, nach deren Lösung noch heute die Gesellschaft fortwährend strebt, hat der hl. Doktor in scharfsinniger und präciser Weise hier in den Nahmen seiner Betrachtungen gezogen. Die natürliche Neigung des Menschen zur Gesellschaft (orl «vllpmno; c-ruo-l noXlrlxäv ^cüov, Lviwul sooiuls), die Natur, Entstehung und Formen der Gewalt, die menschliche Freiheit und Gleichheit, die Pflichten der Negierenden und Unterthanen, Familie, Stadt und Staat, Religion, Handel, Kunst und Heer, kurz, das compli- ctrte Problem des gesellschaftlichen Lebens wird hier einer tiefen Kritik unterworfen ") „Die Vorläufer des Hugo Grotius auf dem Gebiete des zus naturas st Asutiuw sowie der Politik im Reformations- zeitalter" S. 43. und nach den Grundsätzen der natürlichen Vernunft und des Christenthums erklärt. Auch andere Fragen praktischer Natur, die noch jetzt von lebendigem Interesse sind, werden hier eingehend behandelt, wie die Fragen über Besteuerung, über die Ausgaben für militärische Zwecke, über die königlichen Einkünfte, über die Nothwendigkeit einer eigenen Münze im Staat, um den Geldverlust durch Wechsel zu vermeiden u. s. w. Man sieht, Probleme kommen in diesem Werke zur Erörterung, die von außerordentlicher Wichtigkeit sind, und darum können wir unsere Abhandlung nicht beschließen, ohne dieses Buch der sorgfältigsten Beachtung und dem ernstlichen Studium eines jeden Philosophen und Socialpolitikers empfohlen zu haben.") Das kann nur von Vortheil sein für die Lösung der schweren Social- probleme der Gegenwart. Es hat sicherlich keine Zeit mehr ein Wort deS Friedens nothwendiger als die jetzige, die durch die gefährlichsten und drohendsten Leidenschaften entzündet ist. Nun vermag aber die Philosophie ohne Religion dieses Wort nicht auszusprechen. Wie weit hat es denn die Philosophie gebracht, seitdem sie emancipirt ist von ihrem Centrum, von Religion und Wahrheit, seitdem der Kriti- cismus des Königsberger Philosophen den letzten Stein weghob vom Gebäude der philosophischen Wahrheit? Bis zur barsten Negation, bis zur tollsten Verzweiflungs- philosophke des „Unbewußten", die sich sozusagen selbst zum Besten hält. Wie soll eine solche Philosophie noch die sittliche Kraft zu siegreicher Initiative haben? Selbst Lange, der Geschichtschreiber des Materialismus, erwartet den Sieg „unter dem Banner einer großen Idee". Darum können wir dem Christenthum das Prognostikon stellen: es wird noch einmal die Gesellschaft von ihren Uebeln heilen und vor dem Zusammensturz retten und so einen großartigen Triumph feiern in der Inauguration einer neuen Zukunft. Der christliche Socialismus,^) durch welchen in der unauflöslichen Ungleichheit der Stände alle Menschen Brüder sind und sich als solche fühlen, — das ist die einzige und wahre „xactio loeäoris" der Zukunft! Zur baldigen Erreichung dieses Ziels wird auch die Ausbreitung der Kenntniß der socialpolitischen Grundsätze des gewaltigen mittelalterlichen Denkers einen werthvollen Beitrag liefern können. Vor Vierzehnhundert Jahren. Das katholische Frankreich begeht in diesem Jahre eine außerordentliche Gedächtnisfeier, darum hat ihm das Oberhaupt der Kirche auch eine außerordentliche kirchliche Begünstigung erwiesen, einen nationalen Jubelablaß, also einen Ablaß mit jenen Facultäten und Privilegien, wie sie sonst nur mit dem für die ganze Kirche ausgeschriebenen ") EmpfehlcnSwerth ist außer dem schon genannten Buche des vr. Schneider (ot. oben) zu diesem Zwecke das Buch des Dr. I. I. Baumann: „Die Staatslehre des hl. Thomas von Aquino, des größten Theologen und Philosophen der katholischen Kirche. Ein Beitrag zur Frage zwischen Staat und Kirche." Leipzig 1873. Das, was man nach dem Titel vermuthen möchte, nämlich eine historisch-kritische Untersuchung der Tbomistiichen Socialpolitik, fehlt freilich; indeß ist auch die einfache Ueber- setzung aus dem I. lid. von »äs rsKim. xrim;,- und von 4 Kapiteln des II. lib. nebst Ergänzungen aus >vo rs§iwms äuäasorum«, aus dein Commcntar zu Aristoteles' Politik, aus der -Summ» tbeol.« und aus der »Lumma »ävsrsus Asutilss« durchaus nicht wcrtbloS. '°) ek. Hitze Franz. Quintessenz der socialen Frage, Paderborn 1880. Jubiläum verbunden sind. Cardinal Langcnieux, der Erzbischof von Reims, hat den Heiligen Vater in einem eigenen Schreiben um diese Gnade gebeten, und der Papst hat diese Bitte in einem ausführlichen Antwortschreiben gewährt. Im Eingänge dieses Briefes gibt Leo XIII. den Gegenstand der Feier klar und präcis an: es ist die Taufe Chlodwig's, KönigS der salischen Franken, die am Weihnachtsfeste des JahreS 496 zu Reims durch den heiligen Nemigius, Bischof dieser Stadt, vorgenommen wurde. Es ist gut, ausdrücklich festzustellen, wer Chlodwig gewesen, und wer seine Leute gewesen. Denn bei den Franzosen ist noch immer die sonderbare Auffassung nicht ausgestorben, Chlodwig als König von Frankreich, die Merovinger als eine französische Dynastie und die Franken als Franzosen hinzustellen, trotzdem ernste französische Historiker, wie namentlich Augustin Thterry, dies längst als aller Geschichte widersprechend aufgezeigt haben. Von Frankreich und Franzosen kann unter Chlodwig keine Rede sein, weil es damals weder ein Frankreich noch Franzosen gab. Als die Franken im letzten Drittel des fünften Jahrhunderts in Gallien einfielen, war dieses von den Gallo-Nomanen, den romanisirten Galliern, bewohnt.' Es befanden sich nun zwei ganz verschiedene Bevölkerungselemente im Lande: die unterjochten römischen Protz inzialen, die längst christlich waren, und bei denen die Kirche seit Jahrhunderten blühte; dann die herrschenden Franken, einer der germanischen Hauptstämme, die noch im Heidenthum verharrten. Diese beiden Elemente standen einander schroff gegenüber, und so lange die Eroberer das Christenthum nicht angenommen hatten, konnte von einer Mischung und Amalgamirung der beiden Völker keine Rede sein. Erst nach der Christianifirung der Franken erfolgte, und zwar sehr allmählig, der Proceß der Verschmelzung der Germanen mit den Romanen, als dessen Resultat das Volk der Franzosen zu betrachten ist. Diese erscheinen erst um die Mitte des neunten Jahrhunderts als fertige Nation, und die gelegentlich des Vertrages von Verdun (842) abgelegten, von Neidhart aufgezeichneten sogenannten Straßburger Eide sind der älteste bekannte Text in französischer Sprache. Indem aber Chlodwig und mit ihm sein Volk die Taufe annahmen, legten sie den Grund und erfüllten die unerläßliche Vorbedingung zu ihrer nachherigen Verbindung mit den Gallo-Nomanen und zur Entstehung der französischen Nation und des französischen Staatswesens. Und hierin liegt eben die Bedeutung der Taufe Chlodwigs für Frankreich selbst: sie war der Keim seiner späteren Existenz. Verweilen wir noch einen Augenblick bei Chlodwig selbst. Als der König zur Taufe herantrat, richtete Remigius an ihn die ernsten Worte: „Beuge sanft- müthig Deinen Nacken, Sikamber (so wurden die salischen Franken genannt); bete an, was Du verbrannt hast, verbrenne, was Du angebetet hast" (Nitia äsxons calla, Licaralrer, aävra Hnoä ivcenäisti, incsnäs, tzuoä aäorasti); damit war die völlige Aenderung der Sinnes- und Handlungsweise angedeutet, die das Christenthum fordert. Damit war es freilich bei Chlodwig lange nicht so bestellt, wie es hätte fein sollen. Indessen darf man deßwegen seine Bekehrung nicht als unaufrichtig betrachten, dem stehen zu viele Thatsachen gegenüber, namentlich die, daß er das Christenthum, von dem er nach dem Ausdrucke Gregor's von Tours irdischen Ruhm und ewige Seligkeit (sasculi gloriava athus coalcstig regn! xg.tria.ni) erwartete, kräftig schützte und begünstigte und in ihm die ersprießlichste Grundlage für das Wohl seines Reiches erkannte, und daß er seiner Gemahlin Clotilde mit unverbrüchlicher Treue ergeben blieb. Es kämpften aber bei Chlodwig wie bei seinen Nachfolgern und dem christlich gewordenen Volke der Franken überhaupt noch lange zwei Strömungen mit einander: die alte heidnischnationale mit ihren Mißbrauchen und lasterhaften Gewohnheiten und die neue christliche mit ihren strengen sittlichen Anforderungen und ihrer reformatorischen Thätigkeit. Doch Chlodwigs Bekehrung geht in ihrer Tragweite über Frankreich weit hinaus: sie ist ein wahrhaft großes, welthistorisches, epochales Ereigniß. Einmal wurde dadurch das erste principiell und in jeder Beziehung christliche Staatswesen hergestellt, was das weströmische Reich selbst nach Constantin nicht im vollen Sinne gewesen. Sodann war damit das erste katholische, rechtgläubige Staatswesen geschaffen. Arianisch waren die Ostgothen in Italien, arianisch die Westgothen in Spanten und Südfrankreich, arianisch die Burgunden, arianisch die Wandalen; die oströmischen Kaiser, wie gerade Zeno, waren von der Häresie beeinflußt. Da trat Chlodwig auf als der einzige katholische Herrscher, damit war dem Arianismus der Todesstoß versetzt. Der Häresie fehlt aber stets die innere Segensfülle, welcher einzig und allein die heilsamen Wirkungen des Christenthums entspringen, und gerade die Geschichte des Arianismus beweist, daß auch damals nur die katholische Kirche jene Segensfülle zu bieten vermochte, und daß der durch sie gegebene Zusammenhang mit Rom hiebet die erste Rolle spielte. Darum erschien den Zeitgenossen die Taufe Chlodwigs als eine so hochwichtige und bedeutungsvolle Thatsache. Papst Anastasius II. schrieb in der Freude seines Herzens an den neubekchrten König: „Erfreue, ruhmreicher, erlauchter Sohn, Deine Mutter und fei ihr ein eiserner Pfeiler. Denn die Liebe ist bei Vielen im Erkalten, und durch die Arglist der Schlechten wird das Schifftet» der Kirche von wilder Wege hin- und her- geworfen, von schäumender Brandung gepeitscht. Doch Wir hoffen wider alles Hoffen und preisen den Herrn, der Dich der Macht der Finsterniß entrissen und der Kirche einen so gewaltigen Fürsten geschenkt hat, auf daß er sie schütze- und gegen die Ruchlosen den Helm des Heiles ergreife." Diese Bedeutung der katholischen Taufe des Frankenkönigs läßt es auch begreiflich erscheinen, daß man den Titel „Allerchristlichster König" (Ksx OlristianiZsimus) bis auf Chlodwig zurückgeführt hat. Indeß läßt sich nur nachweisen, daß die französischen Karolinger von den Päpsten öfter mit diesem Titel beehrt wurden, daß derselbe später allgemein erblich, im fünfzehnten Jahrhundert von Papst Pius ll. als herkömmlicher Titel der französischen Könige anerkannt, von Paul II. endlich ihnen förmlich verliehen wurde. Die Bekehrung der Franken zur katholischen Kirche hatte zunächst auch den Uebertritt der von Chlodwig besiegten Alamannen zur Folge. Weiterhin aber wurde durch die Ausdehnung der fränkischen Herrschaft über das westliche und südliche Deutschland überhaupt die christliche Missionirung der germanischen Stämme mächtig gefördert, wie denn namentlich dem heiligen BonifatiuS seine enge Verbindung mit dem fränkischen Hofe eine sehr willkommene Unterstützung bei seinem großen Werke bot. 134 Freilich fällt das tzäüpiverdienst in dieser Beziehung nicht den Merovingern zu, sondern jenem Geschlechte, dessen Hauptvertreter zuerst als thatsächliche Regenten, dann als Könige auch dem Namen nach über das Frankenreich herrschten, und das nach seinem vorzüglichsten Mitgliede das Karolingische genannt wird. Die Karolinger waren es auch, die in der Person Pipin's und Karls des Groben als Werkzeuge der Vorsehung den Päpsten jene territoriale Selbständigkeit sicherten, welche die materielle Basis ihrer effcctiven Freiheit und Unabhängigkeit in der Ausübung ihres Amtes ist. Vielleicht nie kam das Verhältniß zwischen Lueerclotium und Imperium seinem Ideale näher als unter den ersten Karolingern, namentlich unter Karl dem Großen. Nur nebenbei sei darauf hingewiesen» daß die Gründung des christlichen FrankenreicheL nicht bloß in religiöser, sondern auch in nationaler und politischer Beziehung von großer Wichtigkeit war. Aus dem Frankenreiche löste sich später das Deutsche Reich los, die fränkische Größe ward die Grundlage zur deutschen Größe. Auch nachdem die Westfranken zu Franzosen, das westfränkische Reich zu Frankreich geworden war, gab es Zeiten, wo Frankreichs Herrscher und Volk sich hohe Verdienste um die Sache der katholischen Kirche und Religion erwarben und den Titeln „Allerchristlichster König" und „erstgeborene Tochter der Kirche" Ehre machten. Es sei nur erinnert an Ludwig den Heiligen und an die Kreuzzüge. ES kamen freilich auch immer wieder andere Zeiten, wo eS anders zuging und aussah. Doch ist hier nicht der Ort zu Recriminationen. Auch heutzutage, mitten unter den Bedrängnissen einer gottentfremdeten Herrschaft, behaupten die Katholiken Frankreichs einen Ehrenplatz unter den katholischen Nationen, und insbesondere das französische MisfionSwesen muß als das erste der Welt anerkannt werden. Was sonst den französischen Katholiken obliegt und noththut, sagt das päpstliche Schreiben an Cardinal Langsnieux deutlich genug. Wir schließen mit k. Florian Rieß' Worten in den „Stimmen aus Maria-Laach" (II. Band): „Mit dem Eintritts eines Volkes in die katholische Kirche verhält eS sich ganz ähnlich wie mit der Bekehrung des Einzelnen: es wird ein neuer höchster Zielpunkt gewonnen, von welchem allmählig das ganze Verhalten geregelt und harmonisch gestimmt wird; eS wird ein Gesetz angenommen, von dessen treuer Erfüllung Wohl und Wehe abhängt. Eine viele Jahrhunderte zählende Geschichte hat den Act Chlodwig's bestätigt; die katholische Kirche hat die Franken und ihren Zweig, die Deutschen, mit ihrem Geiste durchdrungen; die Willigkeit, womit sich unsere Vorfahren diesem höheren Zuge ergaben, hat sie zu dem gemacht, als was wir sie in den folgenden Jahrhunderten bewundern. Sie bildeten ein eminent katholisches Volk, das war die Wurzel ihrer Größe; von ihrer Treue gegen diesen Geist . . . hing auch ihre nationale Wohlfahrt ab." Einige Konzertbesprechnngen. L. Paris, im April 1896. ES fügt sich feit Jahren, daß ich um die Zeit der Vollendung meiner Winteraufgabe, d. t. wenn das eigene Konzert vorüber ist und die Karwochenaufführungen wenigstens secnuiäum ymä in's Reine gearbeitet sind, nach Nürnberg und nach München fahre, um dort zu hören, W lernen, zu vergleichen und Anregungen zu empfangen. Ist der Ostertag vorüber, so eile ich hieher, nicht blos, aber doch auch um wenigstens noch einige Wellen der hiesigen Konzertfluth zu erhäschen. Was ich meist noch erreiche, ist das eine oder andere Konzert im großen Trocadsro-Saale. Es sei mir gestattet, über das Gehörte mich ein bischen vernehmen zu lassen — zunächst über das Konzert, das der Verein für klassische Chormusik unter der Leitung des Herrn Kapellmeisters Ringler am Passtonssonntag im Rathhaussaale in Nürnberg gab: Judas Makkabäus, Oratorium in 3 Theilen von G. F. Händel. Ein Segment aus den Befreiungskämpfen des israelitischen Volkes. Man weiß, wie sehr populär solche Stosse bei den Engländern zur Zeit Händels waren: die Engländer exemplifizirten ja daraus mit Vorliebe auf ihre eigenen religiösen wirklichen oder vermeintlichen Befreiungskriege: „der Mann voll Muth und Geist, der uns're Bande kühn zerreißt", ja das war damals der populäre Mann in England! Indeß Gott ist ein Gott nicht blos der anglikanischen Protestanten, sondern der ganzen Welt, und so wäre es gewiß verfehlt in den religiösen Befreiungskriegen der alten Juden blos Typen für die Engländer zu sehen. So wie aber diese Typen allgemeine, d. h. katholische, und ich darf sagen sogar spezifisch katholische Bedeutung haben, so auch ihre Verwendung und Behandlung im Händel'schen Oratorium. Mag hundertmal der protestantische Gottesdienst Veranlassung gegeben haben zu der Ausgestaltung unseres Oratoriums, mögen hundertmal „protestantische" Choral- melodien von den Komponisten citirt und verwendet sein, wie z. B. von Bach in seinem Magnificat die Melodie „Meine Seele preiset den Herrn" *) — die Veranlassung allein stempelt das Werk, zumal ein Vokalwerk, noch lange nicht zu einem confessionell bestimmten, noch weniger vermag dies ein Citat, sowenig als etwa der Ohreubart den fränkischen Bauern zum Lutheraner macht. Sondern wenn ein Text, ich will speziell beim Oratorium bleiben, wenn ein Oratoriums stoff aus der hl. Schrift richtig aufgefaßt ist, so betrachtet meines Erachtens der Katholik — immer die Möglichkeit konfessionellen Unterschiedes in der Musik vorausgesetzt — diese Musik mit Recht als katholisch. Ich halte es nicht für unangezeigt, auch einmal darüber zu reden, da gewisse Leute gar zu leichthin von dem protestantischen „Dettinger 1s vaum" Händels, von dem protestantischen Ua§niücub S. Backs u. s. w. sprechen. Viel fruchtbarer als der Streit um katholische oder protestantische Musik ist gerade angesichts des Händel'schen Judas Makkabäus und der in München aufgeführten Bach-- sehen MatthäuZpassion, von der später die Rede sein soll, eine andere Frage: welche Musik ist populär, welche ist aristokratisch? Man sollte meinen: da Händel nie, wenigstens in seinen bedeutendsten mir bekannten Werken nie (ob die „Choralmelodie" in „JudaS Makkabäus": „wir opfern Gott, und Gott allein" eine Ausnahme macht, oder ob sie von Händel selbst erfunden ist, weiß ich nicht; jedenfalls ist sie L la cllorals) Volksgesänge, Choräle citirt, so wäre er der unpopuläre, der hocharistokratische Komponist, der thnrmhoch über dem Volke und seinem musikalischen Fühlen und Begehren stünde. Umgekehrt S. Bach, der immer und überall wieder Choräle citirt und verarbeitet, er müßte der wahrhaft populäre Komponist sein. Und doch scheint mir gerade das Um- >) Die übrigens, wenn sie denn durchaus als Musik, alö Melodie confessignell sein muß, garnicht protestantisch ist, sondern uralt katholisch: der ehrwürdige ll?ouus xeresriuusl gekehrte der Fall zu sein, Händel hat ja keine Volksgesänge citirt, das ist wahr, aber er hat Volksgesänge gemacht: seine Chöre in allen großen Werken, im „Messias", im «1s vauna" (z. B. das gewaltige „Heilig", der Aufmarsch der einzelnen Chöre von Heiligen rc.), im Judas Makkabüus z. B. „Wir weih'n dem Edlen Klag' und Schmerz", „Du Gott, dem Erd' und Himmel schweigt", „Fall ward sein Loos", „Seht, er kommt mit Preis gekrönt", das alles sind Volks- gesünge, d. h. Gesänge so, wie das Volk singt. Aeußer- lich weist schon die vorwiegend homophone Behandlung der Singstimmrn auf den volksthümlichen Charakter dieser Gesänge hin. Dagegen ist Seb. Bach trotz seiner unzähligen Choralmelodieen durchaus nicht volkstümlich in unserem Sinne des Wortes, nicht wegen seiner Choralmelodieen, sondern wegen ihrer Verwendung und Verarbeitung, die sehr gelehrt und oft genug sehr complizirt ist. HändelS selbsterfundene Melodiken find populär, die populären Choralmelodieen haben in Bach c'ne sehr aristokratische Be- und Verarbeitung gefunden. Und selbst in seinen Arien scheint mir Händel viel mehr als Bach einen populären Zug bewahrt zu haben. „Arg dogmatisch", habe ich vor Jahren, ich glaube im „Sammler", von dem Duett „Ostrists Liaison" in Bachs Hoher Messe gelesen. Um bei diesem Ausdrucke zu bleiben: oaatsris xg-ribus dürfte Händel gegen Bach ein „kleiner Katechismus für das Volk" sein gegenüber einem sublimen Lehrbuch der Dogmatik. Aber eines muß von Händel und Bach und den Klassikern gemeinsam, namentlich gegenüber manchen „Modernsten" hervorgehoben werden: ihnen genügten in Chor und Arie und Orchestersatz feste, bestehende, gesetzmäßige Formen, um darin ihre ganze Fantasie und ihr ganzes Herz niederzulegen, während es bei vielen Modernsten Mode geworden ist, die Form zu zerreißen, form- und regellos und dadurch auch oft genug ! unfaßbar zu werden — einem „Einfalle", einem „Herzens- drange" znlieb; und wenn es nur immer wenigstens auch große Gedanken, bedeutende Herzensergüsse wären! Die möchten wohl solche Revolutionen entschuldigen, meinetwegen sogar rechtfertigen; „der Meister kann die Form zerbrechen"-wie aber, wenn die Meisterschaft gesucht wird gerade in der Zerbrechung der Form? Dort heißt es, ich kann die Form zerbrechen, weil ich Meister bin; hier: ich bin Meister, weil ich die Form zerbrechen kann! Aha! In Bezug auf die Form nun find die Chöre in „Judas Makkabüus" geradezu musterhaft; man sehe sich beispielshalber die schöne Disposition an in den Chören „Wohlan, wir folgen gern", „Du Held, du Held, o mach' uns frei", „Hör' uns, o Herr", „Fall ward sein Loos"! In diesen stehenden Formen — wie viel Fantasie, wie reiches Gemüthsleben! Und damit komme ich zu einem Kapitel, daS eigentlich für sich allein eine Betrachtung werth ist: zur Händel'schen Textauffassung. Händel, der Situationsmaler — was stand ihm htefür zur Verfügung? Vor allem, soweit die Musik Deklamation und Architektonik ist, prägnante Rhythmen und Akzente; soweit sie Melodie ist, charakteristische Intervalle; sofern sie aus Harmonien besteht, der Wechsel der Tonarten; soweit sie aus verschiedenartigen Singsttmmen besteht, Trennung und Mischung der Singstimmen; soweit sie endlich instrumental ist, die zweckmäßige Verwerthung der Instrumente. Das scheinen Binsenwahrheiten zu sein, die hier aufzutischen ganz unnöthig sei — und doch war's nicht immer so, wie bei Händel Bei Palestrina z. B. stehen Rhythmen und Akzente vör alleut im Dienst^ der Contrapunktik; auch die melodischen Schritte sind bestimmt und begrenzt durch die Regeln der Polyphonie. Und wenn bet Palestrina das L^ris düster dorisch gehalten ist, so halten sich Lllorig,, Oreäo, Lanetus in derselben (Moll-)Tonart; was für einen Umschwung in der Stimmung führt im „Judas Makkabüus" nur daS Recitativ „Nicht ganz umsonst" mit der folgenden Arie „Fromme Thränen" herbei! Die von der Natur selbst gemachte Beschränkung in der Verwendnng der Hörner und namentlich der Trompeten in jener Zeit wäre für sich allein schon ein Grund gewesen für gewisse Stimmungen und Situationen gewisse Tonarten für charakteristisch zu halten. DaS alles war früher anders und ist auch jetzt wieder anders geworden, nachdem allen Blasinstrumenten die ganze chromatische Skala aufgethan ist. Mehr gemeinsam mit früherer oder spaterer Musik als das Gesagte ist der Händel'schen Periode die Wahl der Taktart (z. B. „Blas't die Trommet"), die Wahl steigender oder fallender Jntervallschritte für die Wörter „steigen" und „fallen", z. B. „du sinkest, armes Israel, tief herab"; das Verweilen der Musik bei einem Begriffe, einem Worte, ja einer einzigen Silbe, um sie gehörig zu illustriren, z. B. den „Arm" in der Arie: „Wie eitel ist", in der Arie „Durch Wunderthaten errettet euer Gott" die beiden Begriffe „Wunderthaten" und „errettet". Bei Palestrina und Orlando finden wir diesem verwandte Züge: in seinen Lamentationen umkleidet Palestrina, wie auch schon die Choralmelodte solches andeutet, die hebräischen Namen Aleph, Beth rc., die doch eigentlich recht wenig zu bedeuten haben, mit herrlichen musikalischen Nahmen; bei Orlando macht eS mir oft Vergnügen, zu sehen, wie er in seinen Credos, in seinen Magnificats die Wörter „rssurrsetionsni", rc. schüttelt und beutelt, und sogar mit bloßen Vokalen sein rhythmisches Spiel treibt (ich erinnere an „visidiltuin" in seiner Ntssa „(jusl äorma"). Ein Hauptdarstellungsmittel ist endlich auch der dynamische Gegensatz: eine klassisch schöne Stelle in dieser Hinsicht ist im „Judas Makkabüus": „wir folgen dir zum Siege", dann nach einer Pause das Piano: „wär's zum Fall". Solche Stellen sind und bleiben wahr, und deßhalb altern sie auch nicht. Aber all das Gesagte enthüllt uns das Geheimniß der Kunst noch nicht; Akzente, Gegensätze, Periodenbau — heute habe ich ein französisches Kirchengesangbuch durchgeblättert; da finde ich all diese Griffe verwerthet; und doch kommen die besten Lieder über steifleinenen Klassizismus nicht hinaus; das Geheimniß besteht darin, daß jedes Mittel zur rechten Zeit und im entsprechenden Grade angewendet wird. Ja, es ist nicht anders, und wenn man über dieses Bekenntniß auch hundertmal lachen mag: nicht neue Mittel sind's, die das Genie kennzeichnen, sondern die rechte Anwendung der Mittel; aber mit der Sonde eines Chirurgen läßt sich das Genie nicht finden. Was nun die Wirkung betrifft, die Händel im „Judas Makkabüus" erreicht, so reichen die Chöre an die Herrlichkeit und den Glanz etwa des Dettinger 1s vöum oder auch des „Messias" nicht recht hinan; auch die Regie in Nürnberg hat das gefühlt und deßhalb an Stelle des kleinen Schlußchores das „Halleluja" aus dem „Messias" gesetzt; ob das nicht über das Ziel hinausgeschossen war, möchte ich nicht entscheiden. Freilich ist eine Vergleichung mit dem großen Oeura deßhalb 136 nicht recht angezeigt, weil die Situation in „Judas Makkabäus" sich viel mehr verändert; eher dürfte eine Vergleichung mit dem „Messias" zutreffen, wenn nicht die Person des „Messias" so unendlich hoch über dem „Judas Makkabäus" stünde. Eine Hauptmacht des „Judas Makkabäus" liegt in den Arien, wohingegen das genannte Osunr ganz wenig Arien hat. Aber innerlich ist „Judas Makkabäus", besonders seine Chorpartien, viel mehr als andere Werke Händels; wer die Musik zum Texte betrachtet, dem wird die Wahrheit und Tiefe derselben immer mehr aufgehen und wohlthun. Die Aufführung im Nathhaussaale in Nürnberg! Ich habe schon vor einigen Jahren in diesen Blättern gesagt, daß ich den Nathhaussaal nicht für sehr geeignet halte zum Konzertlokal. Häufige Konzertbesuche haben mich in dieser Meinung bestärkt: eS klingt etwas trocken. Aber groß und geräumig ist das Lokal; und sehr lobens- werth ist, daß die Nürnberger für ihre Aufführung jedesmal eine Orgel aufstellen lassen; die große Frequenz der Konzerte mag ja das ermöglichen. Der Chor zählt etwa 300 Köpfe; aber man kann kaum beweisen, daß die Wirkung von 300 Sängern doppelt so groß ist, als die von 150 Sängern, selbst wenn man dieselbe QualitätsEinheit zu Grunde legt. Trügt mich meine Beobachtung nicht, so bliebe mancher Sänger und manche Sängerin besser weg und machte dem Orchester Platz; denn das ist immer ein Vortheil, wenn Chor und Orchester beisammen vor dem Dirigenten aufgestellt sind. In München sind übrigens der Statisten unter den Sängern viel mehr als in Nürnberg. Aber das muß man den Singenden in Nürnberg — und das sind weit mehr als die „manchen" anderen — nachsagen: tüchtig und fleißig sind sie, und wackere Stimmführer haben sie; der Chorklang im „Judas Makkabäus" war schön, die Textaussprache musterhaft. Das Orchester spielte sauber und korrekt zusammen. Die Verwendung von 2 Flügelhörnern (oder Pistons?) anstatt der Waldhörner beim Zwischenspiele zum „Chor der Jünglinge" wird wohl ihren guten Grund haben, den Namentlich wir Provinzler zu würdigen wissen. Bei den heutigen Trompeten für Händel'sche Sachen widert mich immer der kurze, kindische Stakkatoton an; das sollte viel länger, tubenmäßiger klingen. Der Organist hat bet aller Fertigkeit manches gesündiget, indem er zu viel begleitete und zu stark begleitete; das lautete oft aufdringlich. Ich erinnere nur an Eines: im Allegro der Ouvertüre haben die Streicher ein Sechzehntelmotiv auf demselben Tone. Hält nun das Orgelprinzipal diesen Ton zu gleicher Zeit aus, so ist die Arbeit der Streicher paralysirt und damit das Thema verwischt. Die Solisten hatten alle große Vorzüge, und große Nachtheile, für welche letztere sie freilich zum Theile nicht verantwortlich gemacht werden können. Frau Meta Hieber - München vereinigt in der tiefern und mittleren Lage mit feiner Schulung eine gute, wohlklingende Stimme; die Auffassung war sehr gut. Leider aber fehlt der Stimme die entsprechende Höhe: was über das gewöhnliche Sopran-1? hinaufgeht, ist nur auf künstlichem Wege zu erreichen. Die Altistin Frau Schmid-Allizar hat viel Pathos, eignet sich für Händel'sche Recitative, in den Arien sollte sie nicht soviel tremoliren! Herrn Krämer hat der Dirigent einigemal arg mitgespielt: die Arie „Wie eitel ist" wurde zu rasch begonnen, der Sänger konnte sein Figurenwerk und seine Stimme nicht gehörig entfalten. Noch schlimmer war dies bei der früheren , Arie „Bewaffne dich mit Muth". Recht frisch und entsprechend lebhaft war dagegen die Trompetenarie: „Blas't die Trompet'". Herr Wunderlich, der Bassist, dessen Vortrug uns immer so innerlich und contemplativ ernst an» murhet — schade, daß er soviel mit Heiserkeit zu kämpfen hat; vielleicht sollte er sich besser schonen. Nun endlich auch der Dirigent des Ganzen, Herr Kapellmeister Ningler! Früher, bei modernen Werken, kam es uns immer vor, als nehme er die Tempi — viel zu langsam; namentlich schien uns das in der „Schöpfung" und im „Paulus" der Fall zu sein; — war ihm von anderer Seite das bedeutet worden? oder war es das Bestreben, um jeden Preis bis zum Abgang des nächsten Zuges fertig zu werden? Diesmal waren seine Tempi ungewöhnlich flott, manchmal nur zu gehetzt; Pausen zwischen den einzelnen Sätzen existirten kaum, nur aitnoo» suffito! Das Eine wie das Andere schadet der Klarheit und trübt den Genuß; und genau das Nichtige zu finden, ist für den Dirigenten im betreffenden Augenblick oft so schwer! Wir wären gewiß falsch verstanden, wenn man aus dem Vorstehenden schlösse, wir hätten bloß zu tadeln. Nein, gewiß nicht. Aber man schreibt viele so einseitig lobende und nur lobende Konzertberichte, die gar kein Interesse haben, weil daraus niemand etwas lernen kann. Ich habe mich angesichts der Thatsachen und der Leistungsfähigkeit eines Chores — ich gehöre ja auch ein bischen zu der Zunft der Chorregenten und konnte an mir und am eigenen Chöre manche Erfahrungen machen — ich habe mich schon oft gefragt: Ist es überhaupt möglich, ein Oratorium, eine Masse von Chören, von Arien so einzustudiren und bei der Aufführung so wiederzugeben, daß man sich nicht stellenweise im bloß conventionellen taktfesten und treffsicheren Abwickeln bewegt? Wie lange müßten da die Vorbereitungen brauchen für den Dirigenten wie für die Ausführenden? Ich meine, unsere Kunst darf sich freuen, ein Konzertinstitut von der Größe und Güte des Nürnberger Chorvereins überhaupt zu besitzen. Das darf uns aber nicht abhalten bei aller Verehrung und Hochachtung gegen dasselbe auch gelegentlich auf dessen „Menschlichkeit" hinzuweisen. (Fortsetzung folgt.) Literarilches. Katechetischer Unterricht über die Firmung. Verlag von Wort in Würzburg. Preis 30 Pf. Es läßt sich kaum in Abrede stellen, daß die Wichtigkeit und hohe Bedeutung der hl. Firmung vielfach nicht recht erkannt und gewürdigt wird. Ein Grund hiefür liegt in dem betreffenden Unterrichte. Wie dürftig und trocken ist unter Anderem, was unsere Katechismen über die bl. Firmung enthalten! Die Hauptsache liegt darum in der mündlichen Erklärung durch den Katecheten. Aber diese Erklärung mag noch so umfassend und erschöpfend sein, sie wird bei den Firmlingen sich gar leicht verflüchtigen, weil so viele Umstände zusammenwirken, um sie zu zerstreuen. So fällt der Firmungsunterricht meistens in die Zeit der Schulprüfungen; dazu kommt die Wahl der Firmpathcn, der Gedanke an die Firmungsgeschenke, die Aussicht auf die Reise zum Firmungsorte und noch manches Andere. Viele Katecheten werden darum schon gewünscht haben, es möchte den Firmlingen ein Büchlein in die Hand gegeben werden, welches einen erschöpfenden und dem kindlichen Verstände angepaßten Firmungöunterricht enthält. Ein solches Büchlein hat Herr Dr. Frank erscheinen lassen, das in jeder Hinsicht entspricht. Möchte nur dieses schöne Büchlein in die Hände aller Firmlinge, und dadurch auch in die einzelnen Familien kommen, damit auch die Erwachsenen zum Nachdenken über die Firmung und zur Benützung der Firmgnade angeregt werden. Zach, ehem. Domprediger und Katechet. Leranlw. Redacteur: Ad. Haaö in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Abschließende Untersuchungen über die 12 Artikel von 1525. Mit steigendem Interesse hat sich in den letzten Jahrzehnten die geschichtliche Forschung mit dem groben Bauernaufstände von 1525 beschäftigt. Ganz natürlich; denn wenn überhaupt diese Bewegung als unmittelbare, gewaltsam hervorbrechende und weit um sich greifende Aeußerung der Volksstimmung, wie sie die Geschichte nur selten zu verzeichnen hat, der historischen B-trachtnng der Merkwürdigen Punkte genug bietet, so mußte doch vor Allem eine selbst nach nationaler Einigung und socialer Gesundung ringende Zeit dem Studium dieser Volkserhebung besonderen Reiz abgewinnen. Denn bet aller Unklarheit über die zureichenden Mittel und die rechten Wege lagen doch ähnliche Tendenzen der seit 1517 anschwellenden Volksbewegung, die in den Ideen von 1525 ihren Höhepunkt erreichte, zu Grunde. Die Bauernartikel brachten diese Ideen zur Aussprache; „sie erfüllten und entflammten die deutsche Nation 1525 ebenso wie die ,Erklärung der Menschenrechte' 264 Jahre später das französische Volk". Wie sich unter jenen Ideen die des „göttlichen Rechtes" als die wirksamste erwies, so waren unter den verschiedenen Baucrn- programmen die sogenannten zwölf Artikel, welche dem „göttlichen Recht" den entschiedensten Ausdruck verliehen, die weitest verbreiteten. In ganz Oberdeutschland gelangten sie zur Annahme. Ueber dieses bedeutungsvolle Programm erhalten wir soeben eine Monographie aus der Feder Baumanns unter dem Titel: „Die zwölf Artikel der oberfchwäbischen Bauern 1525?") Soweit Oberschwaben d. i. das Land zwischen Donau, Lech und dem Hochgebirge und Bodensee in Betracht kommt, ist ohne Zweifel Dr. Franz Ludwig Banmann der verdienteste Forscher und gründlichste Kenner des Bauernkrieges. Schon vor 25 Jahren führte er sich als Achtung gebietender Forscher auf diesem Felde in die Oeffentltchkeit ein mit der Dissertation: „Die ober- schwäbischen Bauern im März 1525 und die zwölf Artikel", eine Untersuchung, welche in wichtigen Fragen auf neue Bahnen lenkte und von keinem Historiker des Bauernkrieges ungestraft außer Acht gelassen werden konnte. In den Jahren 1876 und 1877 sodann folgten zwei höchst verdienstliche Publikationen, welche das umfangreiche, in bayerischen, Württembergischen und badischen Archiven und Bibliotheken zerstreute, ungedruckte Material für Oberschwaben in mustergiltiger Weise der wissenschaftlichen Forschung zugänglich machten. Es sind die als 129. Band der „Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart" herausgegebene Sammlung von „Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs in Oberschwaben" und das bei Herder in Freiburg verlegte Werk: „Akten zur Geschichte des deutschen Bauernkrieges aus Oberschwaben". An der Hand dieses Matertales hat Baumann ein lebensvolles Bild des Bauernkrieges im Allgäu entworfen und dem dritten Bande seiner trefflichen „Geschichte des Allgäus" einverleibt. Die neuesten Untersuchungen Baumanns beschränken sich auf den Ursprung der „zwölf Artikel", dieses berühmtesten aller Bauernprogramme. Es war jedoch im Interesse der vollständigen Erschöpfung der Frage geboten, auf die ganze Bewegung in Oberschwaben von Ende ') Kempten, Kösel 1896. IV u. 169 S. 1523 an bis zum kriegerischen Eingreifen des schwäbischen Bundes einzugehen. Insofern bietet das Buch mehr, als der Titel auf den ersten Blick besagt^ es ist eine Geschichte des Bauernaufstandes in Obcrschwaben bis März 1525. Eine gedrängte Uebersicht unter Betonung der von Banmann eudgiltig festgestellten Ergebnisse mag manchem Leser erwünscht sein. Im Allgäu machte die Kemptuer Landschaft oen Anfang mit der Erhebung; im Februar 1525 stelle- sie sich auf den Boden des „göttlichen Rechtes". Gleichzeitig suchte sie durch Ueberrcdung und Drohung, bald auch durch Anwendung von Zmangsmaßregeln den Anschluß der übrigen Allgäuer herbeizuführen. In /.rstannlich kurzer Frist gelang das Werk der Einigung; eine Versammlung zu Oberdorf am 24. Februar gab dem „Allgäuer Bund" das Dasein, eine zweite zu Leubas drei Tage später oie Organisation und einheitliche Leitung. Die Artikel des Allgäuer Bundes lassen deutlich erkennen, daß das „göttliche Recht" d. i. das „Princip, daß alle Verhältnisse, seien sie politischer, socialer oder religiöser Natur, nach Vorschrift des Evangeliums als der einzigen und ausschließlichen Quelle und Norm alles Rechtes geordnet werden müssen", das LebcuLelement der Bewegung ist. — Am Vodensce war es der Pfarrer zu Esseratsweiler, welcher das zündende Wort vom göttlichen Recht unter die Massen warf. Eine Versammlung zu Nappers- weil in der zweiten Hälfte des Februar bekannte sich zu diesem Standpunkte. Bald trat die ganze Gegend um den Bodcnsee bei. — An der Spitze des größten unter den drei oberschwäbischen Hansen, des Bnltringer Haufens, welcher die Hochebene südlich der Donau von der Herrschaft Meßkirch (jetzt zu Baden gehörig) bis an den Lech umfaßte, erscheint seit Anfang Februar 1525 als Führer ein Hufschmied von Sulmingen, welchem es gelingt, am 27. Februar seine Anhänger für das göttliche Recht zu gewinnen. In die Dienste dieses Haufens trat kurze Zeit darnach als Feldschreiber der Memminger Kürschner Sebastian Lotzer, ein begeisterter Anhänger des „Evangeliums". Von Lotzer geleitet, beantragte der Baltringer Haufe eine Vereinigung der drei schwäbischen Sonderbünde. Auf einem gemeinsamen Tage der Bundesausschüsse zu Memmingen am 6. März brachte er den von Lotzer redigirten Entwurf einer Bundesordnung ein, welcher in dritter Fassung am folgenden Tage die Zustimmung der Allgäuer und Seebauern erlangte. Gemeinsame Artikel für diese „christliche Vereinigung" wurden der Versammlung wohl vorgelegt, kamen aber noch nicht zur Annahme, weil sie erst den einzelnen Gemeinden vorgetragen werden sollten. Durch nachdrncksame Agitation war es soweit gekommen, daß mit Ausnahme weniger Orte alles Land zwischen Donau, Lech und Bodensee dem Aufruhr verfallen war, als am 14. März der zweite Rauern- tag in Memmingen zusammentrat. Die Aufgabe desselben war vor Allem die endgiltige Annahme eines Programmes, welches die gemeinsamen Forderungen zusammenfaßte. Es sind die berühmten zwölf Artikel, welche die Versammlung vom 14. März zum Programm 2) A. Stern, Ueber die zwölf Artikel der Bauern und einige andere Aktenstücke aus der Bewegung von 1525. Leipzig» 1868. K. Lehnert, Studien z. Gesch. d. zwölf Art. von 1525. Halle. 1894. 138 der oberschwäbischen Bauernschaft erhob. Daß diese zwölf Artikel wirklich das Programm der „christlichen Vereinigung" sind, daß sie auch inhaltlich als deren Eigenthum betrachtet werden müssen, das; sie die von Lotzer redigirte Eingabe der Memminger Bauern vom 24. Februar als Vorlage benutzen und das umgekehrte Verhältniß nicht statthaben kann, wird gegen Stern und Lehnert^) mit schlagenden Gründen nachgewiesen. Redaktor der Artikel war Lotzer, dem Schappelcr, der Memminger Prediger, „bei der Ausgestaltung des Textes und der Auswahl der zum Beweise seiner Schriftgemäß- heit beizusetzenden Bibelstcllen sein Wissen zur Vcrsttgung gestellt hat". Als Richter, welche die Uebereinstimmung der Banernfordcrnngen mit dem Evangelium prüfen sollten, benannte das zweite Memminger Bauernparlawent die hervorragendsten 'Reformatoren und daneben einige den Bauern persönlich bekannte Prädikanten in Oberschwaben. Artikel, Bnndesordnung und Nichterliste wurden sofort in Druck gegeben, nicht zu Agitationszwecken, sondern als Nechtfcrtignngsschriften, um dem beharrlichen und unheimlichen Schweigen des schwäbischen Bundes gegenüber an die öffentliche Meinung Berufung zu ergreifen. Aus diesem Zwecke erklärt sich theilweise die in den Artikeln zu Tage tretende Mäßigung. Die protestantische Geschichtsforschung beruft sich gern auf diese Mäßigung, um darzuthun, daß die Artikel „ein Programm der Reform, nicht eines der Revolution" seien; „wer sie verkündigte, wollte nicht Bürgerkrieg, sondern Versöhnung" ^). Allein bei den Bauern „stimmen Wort und That nicht; ihre Schriften und Programme athmen Frieden und Ruhe, ihre Handlungen sind rücksichtslos und gewaltthätig". Der Haß gegen die bisher allein berechtigten Stände und gegen die altgläubige Geistlichkeit, dazu die Lust an Gewaltthaten waren Leidenschaften, welche zu zügeln die Führer keine Macht besaßen. Es hätte somit die in den zwölf Artikeln angekündigte Neugestaltung der Dinge nie friedlich vor sich gehen können, ganz abgesehen davon, daß die Herrschaften nicht geneigt waren, ihre zumeist wohlerworbenen Rechte friedlich tönenden Programmen zu liebe preiszugeben. Nachdem in der zweiten Memminger Tagsatzung die Bauernbewegnng ihren Höhepunkt erreicht hatte, kam es denn auch alsbald von Seite der Bauern zu neuen Gewaltthätigkeiten, welche den schwäbischen Bund der Mühe überhoben, die unterdessen geschickt eingeleiteten Verhandlungen zum Abschlüsse zu bringen: das Bundesheer, nach der glücklichen Altion gegen Herzog Ulrich von Württemberg frei geworden, stand zur Niederwerfung des Aufruhres bereit. Daß bei der ganzen Bewegung das „göttliche Recht" einen maßgebenden Faktor bildet, tritt in Ban- manns Untersuchung klar zu Tage. War es bei den mittelalterlichen Ausständen, weil man bei Einzeln- beschwerdcn stehen blieb, im schlimmsten Falle zur Erhebung einer einzelnen Landschaft gekommen, so konnte jetzt unter der Losung des göttlichen Rechtes die Einigung weiter Kreise von Unzufriedenen-stattfinden; es ließen sich ja alle Einzeluforderungen unter dieser gemeinsamen Forderung zusammenfassen. Hatte man früher — soweit nicht der Einfluß husitischer Lehren sich geltend machte — die historisch und rechtlich gefestigten Verhältnisse respektirt und lediglich die Rückkehr zu älteren Nechtszuständeu gegenüber der Verschlimmerung der Lage in den letzten °) G. Egclhaaf, Deutsche Geschichte im sechzehnten Jahrhundert. I, 576. Jahrzehnten angestrebt, so trat jetzt in dem göttlichen Recht ein Princip mit dem Anspruch hervor, Maßstab und Grundlage einer völlig neuen, allein berechtigten Ordnung der Dinge zu sein. Es ist klar, daß solche grundstürzende Forderungen dem äußersten Widerstände der berechtigten Klassen begegnen mußten. Mit Recht hat daher Janssen^) betont, daß die sociale Revolution den Charakter der Allgemeinheit und der unmenschlichen Furchtbarkeit erst aus den durch die religiösen Wirren geschaffenen oder entwickelten Zustünden erhielt. „Die Vorspiegelung falscher Freiheit, gesteht der Nördlinger Reformator Billicanus, hat die Bauern verlockt, und jene haben das Feldgeschrei erhoben, welche durch ihr verfälschtes Gotteswort die Einfalt der Menschen bethörten." Die „zwölf Artikel" Bauwanns weisen die bekannten Vorzüge seiner schriftstellerischen Thätigkeit auf: völlige Beherrschung des Stoffes, die sich im Herausgreifen der springenden Punkte der Entwicklung unter Beiseitestellnng bedeutungsloser Fragen geltend macht, Klarheit in der Anordnung und logische Schärfe in der Beweisführung, fesselnde Darstellung und eine geschickte Combtnations» gäbe, welche hier namentlich in der chronologischen Ein- reihung von undatirten oder falsch datirten Schriftstücken glücklich zur Anwendung kommt. Möge es dem verdienten Gelehrten beschicken sein, den Zug ins Große, der seinen Detailforschungen unverkennbar eigen ist, dereinst an einem großen Stoff in Wirksamkeit treten zu lassen. Dr. A. Schröder. Carl LcLrerht Jmmernumn. Zu seinem hundertsten Geburtstag (24. April) von A. G. (Schluß.) Gewaltsam riß die Julirevolutton 1830 Jmmermann aus der befriedigenden Stimmung heraus, sein Freund Beer hatte ihm die Katastrophe in der Hauptstadt Frankreichs in mehreren Briefen auf das lebhafteste geschildert, und in tiefer Erregung hatte er die Briefe beantwortet, er fürchtet Krieg und den Ausbruch der Revolution selbst im lieben Vaterland. Seine Jugendbegeisterung galt der Befreiung des Vaterlandes vom Joche der Fremdherrschaft, und nun wähnte er wiederum, daß die alte traurige Zeit anbreche, was ihn mit Schmerz erfüllte. Friedrich Wilhelm III., König von Preußen, unter dessen Regierung sein bisheriges Leben verfloß, starb, und er widmete ihm ein Gedicht, dessen Schluß lautet: „Friedrich Wilbelm wallet Hinab zu den Vatern, Seine ruhige Gruft Wird umgießen ein Licht, d'rüi die Falschheit bliubet, D'rin der Redliche lieset nrälteste Gebote, Dem Kinde klar." Trotz der politischen Aufregung fand sich Jmmermann bald selbst wieder und arbeitete an seinem Drama „Alexis", das zu seinen bedeutendsten Schöpfungen gehört, an dem er selbst nie sein Interesse verlor. Es war eine große Aufgabe, die Politik mit der Liebe in Einklang zu bringen, die düstersten Seiten neben den größten Eemüths-Empfindungen zu schildern; ob es ihm gelungen, wie er selbst glaubte, dürfte füglich doch noch etwas H Gcsch. d. deutschen Volkes 11°, 4t0. °) Nach dem Citate und der llebersebung bei Döllinger, I Reformation 1, 149. L3ö fraglich erscheinen. Eines aber ist sicher, das Stück zeugt von großer Fülle und Kraft und ist mitunter spannend geschrieben, obwohl es auch, wie bei Jmmermann gebräuchlich, Bizarres enthält. Cotta verweigerte den Druck deS Alexis, sandte ihn zurück, weil die belletristische Literatur zur Zeit so sehr daniederliege, daß er den Verlag eines solchen Dramas nicht wagen möge, weß- wegcn der Dichter sich an eine Umarbeitung machte. Er hatte auf Alexis aber auch finanzielle Hoffnungen gesetzt, da er sich öfters und besonders damals in Geldklemme befand. Sie schlugen fehl, als er zum Glück durch den Tod einer entfernten Verwandten eine kleine Erbschaft machte, die ihn wieder über Wasser hielt. Die damals in Deutschland grassirende Cholera legte auf einige Zeit das Arbeiten des Dichters brach, eine Reise aber nach der Heimath und andere Städte brachte wieder neuen Muth und neue Schaffenskraft, obgleich dieselben durch Todes- gedanken sehr beeinträchtigt wurden. Er glaubte nämlich bald sterben zu müssen und sieht sein baldiges Ende als Strafe manches Leichtsinnes an. Darum ist es auch ganz und gar unbegreiflich, daß trotz dieser Gedanken, trotz innerer Vorwürfe damals das Gedicht „Merlin" entstand, welcher nach der Sage der Sohn des Teufels ist, der sich durch diesen die ihm durch den Sohn Gottes entrissene Welt wieder erobern will. Jmmermann sagt über den Teufel selbst, um nur Einen Satz anzuführen: „er war mir nie das Ungeheuer, vielmehr ging er mir mit Nothwendigkeit aus Gottes Wesen hervor, der Teufel war mir der in der Mannigfaltigkeit geoffenbarte Gott, der durch diesen Akt sich selbst in seiner Einheit verloren hatte." Laxienti saiissiins! Das ganze Gedicht ist durch spätere Erklärungen des Verfertigcrs stets noch geheimnißvoller geworden und dunkler, ein Beweis, daß von Anfang an ihm Klarheit fehlte mehr als je. Zur Todtenfeier Göthes, welcher im März 1832 starb, wurde Jmmermann aufgefordert vom Direktor des Düsseldorfer Theaters, einen Epilog zu dichten, welcher der Aufführung Clavigo's angefügt werden sollte. Er kam dem Auftrag nach, und der Epilog gefiel. Die Schlußworte mögen hier ein Plätzchen finden: „So lcuLt' uns denn voran, verklärte Kraft, DeS deutschen Volkes hehrer geist'ger Held, Zins lichten Wolken schwebend, fort und fort, Und schirme das durch dich befreite Wort!" Im Jahre 1832 übernahm der Dichter die Leiiung des neuen Theaters in Düsseldorf, auf welchem nur Mustervorstellnngen aufgeführt werden sollten — auch einige Stücke von ihm selbst gingen über die Bühne — und es gelang ihm, in Folge des Dürerfestes den Com- ponistcn Mendelssohn, an dem er mit schwärmerischer Begeisterung hing, auf mehrere Jahre für Düsseldorf zu gewinnen, wenn letzterer auch nicht die Stelle eines Kapellmeisters für das Theater selbst annahm; nebenher gab der Dichter Vorlesungen über dramatische Gedichte, ein Beweis, daß er seine Zeit fleißig ausfüllte. Da die finanziellen Verhältnisse sich immer besser gestalteten, so konnte er einen lange gehegten Lieblings- plan ausführen, nämlich eine größere Reise machen. Er durchwanderte Süddentschland, Tirol, Oesterreich, Böhmen, Holland, dann Norddentschlaud, wo er sich besonders in Berlin aufhielt. Ueber die Theater in letzterer Stadt fällte er das Urtheil: „es steht hier schlimmer als schlecht". Auf diesen Reisen traf er mit hervorragenden Männern seiner Zeit zusammen, z. B. mit Humboldt, Schleier- macher, Chcmiisso, v. Eichendorff u. a. Am meisten befriedigte ihn letztgenannter Dichter; mit Chamisso hatte er ein Rededuell, das ziemlich heftig gewesen sein soll, über Voesie und Literatur. Nach der Rückkehr aus Holland widmete er sich wieder nahezu ganz der Leitung des Theaters in Düsseldorf, das er auf eine ziemlich bedeutende Höhe brachte. Aber ein großer Schmerz sollte ihm nicht erspart bleiben, daß nämlich Mendelssohn, der ihm überall mit Rath und That beistand, Düsseldorf verließ. Deßglcichen machten ihm Streitigkeiten mit Grabbe große Sorgen, obwohl er von der Herbeiführung derselben nicht freizusprechen ist. Sein „altes Herz wurde zu damaliger Zeit mit angenehmer Würde erfüllt durch die Bekanntschaft mit einer schönen, liebenswürdigen Frau", wie überhaupt der alte kurze Satz vü est In kemino? von Zeit zn Zeit eine Rolle im Leben Jmmermcmns spielte. Durch stetes Dichten, durch stete Aufführungen auf dem Theater hatte er, wie nicht anders zu erwarten war, die Liebe zu seinem Berufe, dem Justtzdienst, fast verloren, immer wurde wieder um Urlaub eingegeben, endlich „mußte ich zurück". Mit welchen Gefühlen er „zurückkehrte, geht aus dem Satz seines Tagebuches hervor, den er aus die Kunde des Todes Plateus schrieb: „ich wollte, Plntcn säße im Landgericht und ich läge bei Syrncus begraben". „Ueber die Zukunft habe ich gar keine Pläne und Entschlüsse, kann sie auch nicht haben, da meine Armuth mir die Nothwendigkeit auferlegt, in dem juristischen Loch: einen Schritt nach dem andern weiter zu setzen." Freilich, Theaterdirekior, ungebundenes, freies Leben und Justiz- beamter, trockenes Amt, reimt sich sehr schlecht zusammen! 1836 erschien sein Roman „Die Epigonen.", in göthischem Stil und gothischem Muster gehalten, eine neue Auflage des Wilhelm Meister, in der die Frauen nach verschiedenen Seiten hin eine Hauptrolle spielen. Ein moderner Roman, aber mitunter verschwommen; „wir sind, um mit einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen (Nachgeborene) und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschast anzukleben pflegt". König sagt über diesen Roman: „Der Kamps der neuen Zeit mit der alten, der weniger zu einem Siege, als zu kühler Ergebung führt, findet seinen lehrhaften Ausdruck in zahlreich eingestreuten Gesprächen und Bemerkungen über sittliche, sociale, ökonomische, liiernrischc und politisch: Zustünde, die oft die Handlung in störender Weise hemmen." Bedeutender war Jmruernramis zweiter Roman oder „eine Geschichte in Arabesken", wie er ihn nannt:: „Müuchhansen"; mitunter sehr satirisch geschrieben, bildet dieser Roman ein Zerrbild aus dem Leben des heruntergekommenen Adels. Was demstlbcn aber seine größte Bedeutung verleiht, ist eine wunderhübsche, urwüchsig- frische Dorfgeschichte, die er hincingewcbt hat, nämlich „Der Oberhos", unter diesem Titel später besonders herausgegeben. Die Charaktere sind meisterhaft gezeichnet, und wird dieses Oberhosidtzll für alle Zeiten ein poetisch wie cnltnrhistorisch gleich bedeutendes Erzeugnis; unserer Literatur sein und bleiben, während Müuchhauseu in dem Maße an Werth verliert, als die Geschichte wegen ihrer zahlreichen Beziehungen auf längstvcrgessene Zustände und Personen immer unverständlicher werden muß. Um die Zeit, da dieses bedeutendste Werk vollendet wurde, hatte der Dichter selbst auch noch im vorgerückten Alter — er zahlt: schon 42 Jahre — ein lang ersehntes Liebesglück gesunden. Durch die Verchelichnng mit einer Enkelin deS Kanzlers Niemeyer löste er das schon erwähnte Verhältniß zu der geschiedenen Gemahlin des Generals von Lützow, des Führers der bekannten Freischaar, das ihn viele Jahre in unnatürliche Fesseln geschlagen hatte. Er ist wieder ganz Feuer und Flamme und singt: „Gestorben war das Herz und lag im Grabe! ^7 Dein Zauber weckt eS wieder auf, der holde, Es klopfet, fühlet neuen Lebens Gabe, Sein erster Laut ist: Tristan und Isolde!" und' „Es hätte stets in mir geruht Und wäre wohl mit mir vermodert, Deck) plötzlich fühl' ich Jugendmuth Und bin von Jugeudgluth durchlodcrt." Er sühlt sich ungemcin glücklich, neubelebt nach langer Zeit, doch sollte es nicht lange dauern, dieses Erdenglück, er konnte nicht einmal mehr sein Gedicht „den ersten Laut: Tristan und Isolde" vollenden. Körperliche Leiden stellten sich ein, auch sein Gemüth wurde sehr erschüttert auf die Nachricht von dem Tode des Königs Friedrich Wilhelm. „Weil ich so ernst geworden, darf ich scherzen, Weil ich so heiter, darf das Roß der Musen Mich tragen durch die Wilduiß grimmster Schmerzen, Denn alles kaun und darf ein freier Busen." Das ist der Schluß des Terzinengesanges, deS SchwanengesangcS Jmmermanns. Starke nervöse Fieber stellten sich ein, rasende Kopfschmerzen quälten den Kranken, welcher am 25. August 1840 zu Düsseldorf seinen Geist aufgab, noch nicht 44 Jahre alt, eine Frau mit 20 Jahren und ein kaum zur Welt gekommenes Kind als Wittwe und Waise hinterlassend. Sein früher Tod erregte schmerzliche Sensation in der ganzen literarischen Welt. Jmmerwann war von starker, kräftiger Statur, stets sorgfältig gekleidet, aber weit entfernt geckenhaft zu sein, seine breite Stirne zeigte Nutze und Hoheit, seine Züge waren liebenswürdig und heiter, konventionelle Formen waren ihm nahezu fremd, die Magdeburger etwas harte Aussprache behielt er zeitlebens bei. Er besaß ein warmes Gemüth, ein starkes Herz und war besonders freigebig gegenüber der Noth und dem Elend der Mitmenschen. Mitunter erregbar, wenn man ihm zu nahe trat, verzieh er schnell und gern. Obwohl er Minderwertiges geschaffen — er schuf eben fast zu viel — er hat seine Talente doch auch recht gut benutzt und wird in unserer Literatur- geschichte stets einen gut klingenden Rainen einnehmen. Finnische Studenten in JesmLencollegien. Von Dr. P. Wittmann in München. (Fortsetzung.) Auf Possevino's Anregung ließ der Papst die Col- legien in Brannsberg und Olmütz entsprechend erweitern und wies zum Unterhalt der Schüler und Lehrer eine bestimmte jährliche Summe an. Die Gesammtzahl der Zöglinge sollte 100 nicht übersteigen, davon auf jede Anstalt die Hälfte entfallen. Beide Seminarien erhielten durch Cardinal Ptolemäus von Como die nämlichen Satzungen. Sie erschienen am 10. Dezember 1578, wie bereits oben erwähnt, in lateinischer Fassung unter dem Titel: „Ilntio et le^os OieZorü XIII. ?ont. blux. nornina xrownlgataa in lunäutions Söininuiivrum Olornuoi in Nova,via, st LrunsdöiAns in krussin." Ihr Inhalt war folgender:") 1- D ie Zöglinge sollen von verschiedenen Ländern, nament- 2 ) Auch abgedruckt in deutscher (Übersetzung bei Theiner a. a. O. S. 535 ff. lich Schweden, Götaland, Wendeulanb, Norwegen, Dänemark, Pommern. Preußen, Livland. Moskau, Rußland, Lithauen und Ungarn ausgenommen werden, um als Arbeiter in diesen großen Weingärten mit Gottes Hilfe den Glauben und die Frömmigkeit der Vater wiederherzustellen. Auch vorn höheren Norden, ebenso aus Sachsen können hoffnungsvolle Knaben ausgenommen werden. 2. Für Anleitung zur Frömmigkeit und zu den Studien sollen hier dieselben Gesetze, wie in anderen päpstlichen Seminarien, gelten. 3. Die Schüler der Anstalten sollen Alles: Speise, Kleider, Wohnung und Unterricht, kostenfrei erhalten. 4. Was vom Jahresetat übrig bleibt, soll entweder zur Vermehrung deS Schülerstatus oder zu Buchankäufen oder zur Bestreitung der Heimfahrt der Jungen verwendet werden. 5. Ebenso soll aus diesen Erübriguugen Possevino für sich, die seinen und alle die. welche er in Schweden zu unterhalten hat, bis sie außer Landes geschickt werden, Zuschuß bekommen. 6 . Die Zahl der Schüler und Lehrer in beiden Anstalten soll zusammen 100 betragen. 7. Auch jene Zöglinge, welche sich ihre Kleidung selbst beschaffen können, sollen sich gleicher Tracht wie die übrigen bedienen, um das sie umschlingende Freundschaftsband desto mehr zu festigen und sich ebenso in Demuth, wie im katholischen und kirchlichen Geiste auszubilden. 8 . Jeder kann sich seinen Lebensberuf nach freiem Ermessen wählen. 9. Deßhalb sollen die Schüler auch nicht auf ihr Gewissen verpflichtet werden, sich später dem Klerikerstande zuzuwenden oder priesterlichen Habit anzulegen, vielmehr steht es Jedem frei, nach Belieben das Eine oder Andere zu thun. 10. Für den Personaletat der Seminarien sind pro Jahr 2400 Zechiuen ausgesetzt, die quartaliter zur Auszahlung kommen. 11. Jedes Semester soll dem Papste gegenüber Abrechnung gepflogen werden. 12. Beim Unterricht sind die Anschauungen und Bedürfnisse der Völker in'S Auge zu fassen, unter denen einst die Schüler wirken müssen. 13. Deßhalb bedürfen auch nicht Alle einen vollen Lehr- kurs in Philosophie und scholastischer Theologie. Die älteren Zöglinge, welche zugleich Beweise aufrichtiger Frömmigkeit gegeben haben, können auch in einer fremden Sprache, z. B. der griechischen oder lateinischen, Unterricht erhalten. 14. Bekehrte Juden-Jünglinge von hervorragender geistiger Begabung und bewährter Tugend sollen in das Ncophhtcn- collcgium nach Nom gesendet werden. 15. Die Lehrgegenstände sind: der römische Katechismus, die Art und Weise der Sakramcntspendung, Casnistik und Polemik, bczw. Apologetik. 16. Ist dieser Grund gelegt, so sollen jene, von denen man Festigkeit im Glauben erwarten darf, in ihre Heimath geschickt werden oder auch, falls es der Rektor für gut hält, ini Missionsdienste zur Verwendung kommen, damit neue Zöglinge Ausnahme finden können. 17. Nach Ablauf einer gewissen Zeit sollen die Seminaristen sich verpflichten, hinfort nicht nur der katholischen Lehre treu zu bleiben, sondern auch alle bisher erlaufenen Kosten zu ersetzen, soserne sie sich ein schwereres Vergehen zu Schulden kommen ließen oder als Nerräther und Ketzer entlarvt würden. Auf diese Weise ist Verführung und Betrug von Seite der Sektircr hintanzuhalten. 18. Wünschenswert!) erscheint auch, daß, um solchen Fällen vorzubeugen, von einem Dritten Bürgschaft für sie geleistet werde. 19. Zöglinge von nördlicheren Gegenden, wie Schweden, Götaland, Finland, die wegen Nähe ihres Vaterlandes der Gefahr ausgesetzt sind, abzufallen oder heimgcrnfen zu werden, foll man nach Olmütz tranSferireu, einem Ort, der sich durch größere Entlegenheit und Sicherheit empfiehlt. 20. In jedem Seminar soll ein Verzeichnis) hinterlicgcn, in welchem Tauf- und Gcschlechtsuamen sowie sonstige die Schüler betreffende Umstände angegeben sind. Alljährlich ist Sr. Heiligkeit hievou Abschrift vorzulegen, damit Selbe zu ersehen vermögen, wieviele Katholiken, deren sich der bl. apostolische Stuhl zur Verbreitung des Glaubens bedienen kann, in jeder Provinz leben. 21. Die Rektoren dieser Anstalten sollen überdies jährlich eine Liste jener Zöglinge einschicken, welche zur Wirksamkeit im Weinberg des Herrn besonders tauglich scheinen, auch darüber berichten, waö jeder derselben durch Gottes Gnade ausgerichtet. 22. Im klebrigen soll man sich nach den Regeln richten, die bereits im OolleZstuw 6 ermamcuw zu Nom und anderen 141 päpstlichen Seminarien Geltung besitzen, auch die Nationak- eigenthümlichkeiten der verschiedenen Völker gebührend berücksichtigen. Außerdem wurde für die Collegien verordnet, daß die Zöglinge fleißig zum Gebet angehalten und auf größtmögliche Einigkeit unter den Angehörigen der einzelnen Stämme hingewirkt werden solle, daß sich dieselben in Liebeswerken, Krankenbesuch rc., übten. Ihr Bett sollte eine Strohmatratze bilden, die Kost einfach sein. Die ökonomische Stellung des Braunsberger Seminars verbesserte sich nachmals durch eine bedeutende Schankung, da Königin Katharina von Schweden (j-1583) der Lehranstalt 10,600 Thaler testamentarisch überwies. Man kaufte für diese Summe Güter in Preußen an, welche jährlich 900 fl. abwarfen. In der Folge wurden hievon mehrere schwedische Studenten unterhalten, (k'and, „viss. äs stuäiosis Lveois in söwiuariis llesulturum versus stirem seouli XVI, xag. 2; vergl. Theiner a. a. O. II, S. 19 ff.) Bezüglich des in Braunsberg eingehaltenen Lehrganges kann man sich aus der bei V/ervinZ „Xouung LiZismunä ooli Louung 6ar1 IX. äes Historien" II, S. 191 f. aufgenommenen eigenhändig verfaßten Schilderung des Johannes Messenius über seine Studien in Braunsberg belehren, wo er im Oktober 1595 als 16 jähriger Jüngling Aufnahme fand, nachdem er zuvor in der Heimath sich entsprechend vorbereitet hatte. Nach Ablauf von sieben Wochen übersiedelte er bereits an das kgl. Seminar, dessen erste Klasse wie in anderen Jssuiten- schulen hier „Kuäimeutum" hieß. Alljährlich um Michaelis erfolgte Vorrücken in die höheren Klassen: Ornmmatioa, Lzuitnxis, koösis, bis er 1599 in die Rhetorik avancirte. Dort verbrachte er zwei Jahre und begann dann mit dem Studium der Philosophie. Außer den speciell für Nordländer bestimmten katholischen Seminarien zu Braunsberg und Olmütz wurde auch das 1569 in Wilna gegründete Jesuitencolleg von mehreren Schweden und Finnen besucht. * » * Nach dieser Auseinandersetzung über Entstehung und Organisation der fraglichen Lehranstalten wollen wir auf Grund der im schwedischen Neichsarchive wie in der Universitätsbibliothek Upsala vorhandenen Quellen über die Finnen berichten, welche zeitweilig Jesnitencollegien angehörten. Einen werthvollen Behelf für diese Schilderung bildeten die von weiland Lektor vr. L. 6. ^.Isthmst dem Neichsarchiv überlassenen Notizen und Abschriften mit dem Titel: „Nancliingai' röruiräs äsn lcatolstca, nensttioireu i LvoriZs nnäor llolmmr III.s reger-lir»-." Ein beträchtlicher Theil dieser Notizen sind übrigens aus Drucken und Handschriften der Bibliothek Upsala entnommen, au welche König Gustav II. Adolf die ganze Bibliothek des katholischen Kollegiums in Braunsberg schenkte, als er 1626 die Stadt einnahm und die Jesuiten vertrieb. Unter dieser Bücherei verdienen die Matrikeln über Braunsberger Studierende besondere Aufmerksamkeit. Als zweite Hauptquelle erwies sich das in veu Jahren 1838/39 von Augustin Theiner herausgegebene, wiederholt angezogene Werk: „Schweden und seine Stellung zum heil. Stuhl unter Johann III., Sigis- mund III. und Karl IX." (Fortsetzung folgt.) ') S. über ihn Schück, -Lvensk Interatm-Ilistoria« I. S. 422 ff. u. a. a. O. Prähistorisches aus Schwaben. -ö- Der historische Verein für Schwaben nnd Neuburg hat jüngst ein sehr wcrtbvolles Stück seinen Sammlungen einverleibt, nämlich ein vollständig erhaltenes Bronzeschwert von 75 am Länge mit gegossenem Griffe und breiter, wulstartiger Klingenrippe, aufgefunden im Februar 1895 bei Stcckheim in der Wertach von Bürgermeister Schöner in Stockheim. Es scheint nicht zweifelhaft zu sein, daß dieses Schwert auS einem der Grabhügel stamme, welche sich in großer Zahl zu beiden Seiten der Wertach von Pforzen abwärts hinziehen. Da jedoch diese Gruppen von Hügelgräbern noch nicht systematisch durchforscht und daher hinsichtlich der Zeit ihrer Anlage dermalen nicht bestimmbar sind, so ist man bei Beurtheilung des beiläufigen Alters dieses Schwertes lediglich aus die Formen desselben angewiesen. Diese Formen nun sind so charakteristisch, daß sich das Schwert sofort als Vertreter jenes in Süddeutsch- land, besonders in Bayern relativ häufig nachweisbaren Typus zu erkennen gibt, welchen der bekannte Prähistoriker Dr. Jul. Nane in München alö Typus L bezeichnet. In der Gestaltung des Griffes und der Klinge nnd selbst in den Ornamenten zeigt das Stcckheimer Schwert die größte Ähnlichkeit mit den von Nane in St. Andrä und am Nicgsee (Oberbayer») gefundenen und in dem Werke „Die Bronzezeit in Oberbaycrn" S. 92—94 und Tafel XV eingehend beschriebenen nnd im Detail abgebildeten Schwertern. Da nun die beiden cbcngenanntcil Schwerter aus Gräbern erhoben wurden, welche sich durch ihren übrigen Inhalt als dem Ende der jüngeren Bronzezeit angehörig erwiesen, so ist damit auch für den Stockheimer Fund eine beiläufige Zeltgrenze gegeben, unter welche er nicht herab- gerückt werden darf, nämlich die zweite Periode der jüngeren Bronzezeit, welche nach Naue's Berechnung um 1050-900 oder 950 vor Christus anzusetzen ist. — In den Sammlungen des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg war die für Bayern typische Form des BronzeschwcrtcS bisher nur durch ein bei Gablingen gefundenes Bruchstück vertreten. Mit lebhafter Freude und Dankbarkeit wurde es daher von Seite deS Vereins aufgenommen, daß eine hohe Ministerialentschlicßung vom 1. März d. I. die Ucberlassnng deS Stockheimer FundcS an den Verein genehmigte. Um den ansehnlichen, aus Grund fachmännischer Schätzung festgestellten Preis von 509 Mark kaufte nun der Verein das Schwert vom Finder für die prähistorische Sammlung, deren hervorragende Zierde es jetzt bildet. Recensionen und Notizen. Consessionelle Brunnen Vergiftung. Die wahre Schmach des Jahrhunderts- Von Heinrich Kciter, Redacteur des Hausschatzes. Ncgcnsburg und Leipzig, Verlag von Heiur. Keitcr. Preis M. 1,20. III. Der originelle Titel dieses in seiner Art wohl einzig dastehenden Buches deckt sich völlig mit dessen Inhalt; dieser selbst aber dürste epochemachend wirken, sallS er den weiten und allgemeinen Leserkreis findet, den er verdient. Der von dem rühmlich bekannten Autor inS Auge gefaßte und -- dein Stoff gegenüber — mit Heroismus durchgeführte Zweck ist ein resormatorisch idealer: die in der scbönwissenschastlicheu Literatur, diesem Haupikanal des geistigen VcrkehrSzcbictcs, von protestantischer und israelitischer Seite ausgekramten Begriffsverwirrungen nnd Böswilligkeiten bcz. der kathol. Kirche festzunageln; die daselbst systematisch ins Werk gesetzte und — als unter dem Deckmantel der Dichtung — besonders eindrucksvolle con fessionclle Verhetzung bloßzulegcn; den braven Katholiken vor Hypertoleranz. den ehrlichen Gegner vor ungerechtem Urtheil zu warnen; durch dies alles aber den confcssionellen Frieden, dieses hohe und heilige Gut, anzubahnen und zu wahren. — AuS guten Gründen hat der Verfasser nur aus solchen Werken, die nach 1880 erschienen sind, sein überwältigendes BeweiSmatcrial zusammengestellt; dieses aber gruppirt sich hauptsächlich um Namen allerersten Ranges. In den sechs Kapiteln des BnchcS (1. Standpunkt und Zweck; 2. Wesen und Geschichte der Kirche; 3. Papstthum und Papst, Cardinälc und Bischöfe; 4. Der Orden der Gesellschaft Jesu; 5. Mönche und Nonnen; 6. Die Seclforg-Gcistlich- kcit) beweist Keiter, wie die Hunderte protestantischer nnd israelitischer Tcndenzschriftstcstcr, denen nur der eine Konrad von Bolandcn gegenübersteht, aus Unwissenheit, Voreingenommenheit nnd Haß daS hehre Bild der katholischen Kirche verunglimpfen, die Geschichte verzerren, das Papstthum und dessen Träger nach den berühmten Mustern der Magdeburger Ceuturiatcren verdächtigen und verläumden, den Orden der 142 Gesellschaft Jesu mit Koth beweisen, den Klosterzcdanken und seine Vertreter frivol verhöhnen, die Wcltpricstcr als sittlich Verkommene brandmarken. Und während er solche stetige Verletzung der Elementar-Negeln deö WohlanstandeS, der Sitte und der Schamhaitigkcit aufdeckt, bewahrt der edel- und feinsinnige Verfasser stets die ihm eigene vornehme Objectivitäk, kennzeichnet er unentwegt den hohen sittlichen Standpunkt, von dem anö jeder, der Gott, die hl. Kirche und die Bruder liebt, dem Irrthum Einhalt gebieten soll, je nach den ihm verliehenen Gaben. Dreimal hoch die Eisenbahn! Eine Erzählung für die reifere Jugend und das Volk von Florian Wengeu- mayr. Katholische Jugcndbibliothek. 11. Vändche». Kempten, Kösel 1886. c. Der durch seine Erzählungen für die Jugend und das Volk bereits in weiteren Kreisen bekannte Verfasser beschenkt uns in vorliegender Schrift mit einem neuen Produkte seiner fruchtbaren Muse. Er stellt sich in der Vorrede alö ein großer Freund des Reifens vor, der der Eisenbahn und allen, die zum sicheren und schnellen Betrieb derselben mitwirken, großen Dank schulde. In der Erzählung selbst schildert er das Leben, Sorgen und Mühen eines pflichttreuen, kernbraven Bahnwärters, der sich mit seinem fleißigen Weibe und seinen zahlreichen Kindern recht und schlecht durchkämpft und schließlich das Opfer seines Diensteifers wird. in liebender Hingabe sür den Sohn seines Vorgesetzten, des Expeditorö, dessen zänkische, neiderfüllte Frau ihm wie ihrem Manne schon sovicle bittere Stunden bereitet hat. Obwohl durch den frühen Verlust des Gatten und Vaters aufs schmerzlichste heimgesucht, arbeitet sich die wackere Wittwe mit ihrer Familie dennoch durch, ihr Nettester ist als Techniker beim Bau der Gotthardbahn angestellt, was dem Verfasser Gelegenheit gibt, nnS in anschaulicher Weise mit dem Betriebe eines so gewaltigen Unternehmens bekannt zu machen. Die Erzählung ist in warmem Tone gehalten, und ihr Grundgedanke: wer gewissenhaft das Seine thut, den wird Gott nicht verlassen, kann namentlich in unseren Tagen nur aufmunternd und scgcnstistend auf Volk und Jugend wirken. Krick L. H., Handbuch der Verwaltung des kathol. Pfarramtes i. e. S.. mit Rücksicht aus die im Königreiche Bayern geltenden kirchlichen und staatlichen Bestimmungen. Passau, N. Abt 1895. 735 S. i>. Die beste Empfehlung, die diesem Werke mit auf den Weg gegeben werden kann, ist wohl die, daß man in Wahrheit von ihm sagen kann: eS ist aus der Praxis sür die Praxis geschrieben. Wenn der Herr Verfasser in der Vorrede die Hoffnung anSspricht, daß er seinen Herren AmtSbrüdern, besonders den jüngern, durch Herausgabe eines solchen Handbuches einen erwünschten Dienst leisten werde, so sind wir überzeugt, daß sich dieselbe vollauf erfüllen und das Buch den Herren Seelsorgern bald ein geradezu unentbehrlicher Berather geworden sein wird für alle jene pfarrnmtlichcn Geschäfte, welche eine schriftliche und akienmäßige Behandlung erfordern. Vorliegendes Werk macht uns in seinem ersten Theile mit der formellen Behandlung der pfarramtlichen Geschäfte vertraur, den: GeschäftS- siil, den verschiedenen Arten der amtlichen Geschäftsaufsätze, der Form des Geschäftsverkehrs mit den verschiedenen Behörden, Behandlung der Akten, Post-, Telegraphen- und Gebührenordnung, sodann mit den vorzüglichsten Rechtsgeschäften, den VcrwaltungS- und VcrwaltungSrechtssachcn, der hypothekarischen Sicherung der Forderungen, Verfolgung privatrechtlicher Forderungen, Amortisation verlorener Wcrtbpapicre. Der zweite Theil ist der materiellen Behandlung der pfarramtlichen Geschäfte gewidmet und bespricht u. a. die Handhabung der Kirchenzuckt und -Polizei, Verwaltung des Gottesdienstes, Lehramtes, Spendunz der hl. Sakramente, wobei insbesondere die religiöse Kindererziehung zu eingehender Darstellung kommt. Treffliche Dienste dürfte der dritte Theil namentlich der jüngeren Geistlichkeit leisten durch die reichhaltige Sammlung von Formularien und Mustern für den schriftlichen Verkehr in allen nur erdenklichen amtlichen und Rechtsgeschäften. Ein sorgfältig gearbeitetes Register erleichtert den praktischen Gebrauch des dankenswerthcn BuchcS. 1. Notizen zur Geschichte von Eberfing. 16 Seiten. 2. Der Weiler Dictclhofcn. 21 S. 3. Altcr- tbnmliches von Oderding. 12 Seiten. 4. St. Jörgen und St. IaiS am Peißcnbcrg. 11 S. 5. Das Kirchlein in Graslä. 10 S. 6r. So lauten die Titel der 5 historischen Abhandlungen, tyslche mit Ausnahme von Nr. 2 im Jahre 1885 im Weilhcimcr Tagblatt erschienen und nun hübsch brofchirt in Separatabzügen vorliegen. Sie haben sämmtliche den bochw. Herrn gcistl. Rath Schmidtner in Weilheim zum Verfasser und damit auch Anspruch auf historischen Werth. Geradezu stauncuSwerth ist der Fleiß deö um die Geschichte des Kapitels Weilheim so hoch verdienten Jubilarpricsters, der, hochbctagt und in erster Linie Seelsorger, jedes Jahr nnS mit einer Anzahl neuer Studien erfreut. ES wäre gewiß nur eine Ehrenschuld, wenn der mit dem Ehrenkreuz geschmückte Herr Verfasser zur Anerkennung seiner großen Verdienste um die vaterländische Geschichte zum vootor I,. o. promovirt würde. Freilich mag er unbekannt sein in der hohen Gelehrtenwclt, da er seine Studien nur im Weil- hcimer Tagblatte und nicht in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichte. Und doch beruht die ganze Geschichtswissenschaft auf lokalgcschichtlichcn Arbeiten, wie der stolze Palast aus einzelnen Ziegelsteinen besteht. Martin Greifs Gesammelte Werke. II. Bd.: Dramen Erster Theil. Leipzig, C. F. Amclangs Verlag. Wir haben bereits dem ersten Band dieser trefflichen Gc- sammtansgabe das Zeugniß mitgegeben, daö unser Empfinden dem großen nationalen Dichter ausstellt. Nun löst den voll- werthigen Lyriker Greif der vollwcrthige Dramatiker, zunächst mit seinem älteren Schaffen, mit den Dramen Ccrsiz Ulseldt, Nero, Marine» Falieri, Prinz Eugen, Franccsca da Nimini und Liebe über Altes, ab, die alle auch in der billigen Lieferungsausgabe zu beziehen find. Es wäre die Pflicht unserer deutschen Bühnen, eine Ehrenpflicht vorab der bayerischen, einem so lange verkannten edlen Dichter wie Martin Greif endlich ausgiebige Genugthuung zu gewahren; das ist die einzige entsprechende Kritik von Dramen, die tief im Menschheitswcscn schöpfen und die Probe auf ihre Wirksamkeit zum Theil schon glänzend bestanden habe». Greif erweist sich auch in den Dramen stets als einen Dichter, der auf dem Boden christlicher Weltanschauung steht: sein gewaltiger „Nero", auch geschichtlich und archäologisch betrachtet ein Meisterwerk, endigt aus in den begeisterten und begeisternden Glauben: „Erbarme Gott sich Dein: die Liebe herrscht!" Wir freuen nnS auf den dritten Band, der die nationalen Dramen bringen wird. Dr. 6. L. ÜI. Tbumb Alb.. Handbuch der neugriechischen Volkssprache: Grammatik, Texte, Glossar. 8". XVI-s-2-40 SS. Straßburg, K. I. Trübncr 1895. M. 6.00. ll. An neugriechischen Grammatiken ist kein Mangel; meist aber behandeln sie nur die Litcratursprache, welche mit der alt- griechischen fast zusammenfällt, und wenn die Volkssprache Berücksichtigung findet, geschieht eö nicht in sclbststäudigcr Weise, sondern nur nebenbei als Anhang oder in dürftigen Bemerkungen. Beide Sprachgestalkcn gleichmäßig zu behandeln ist noch am besten dein Buche von Miiiotakis, sowie der neuesten Grammatik von PetrariS (Heidelberg, Groos) gelungen. Für denjenigen, der nur ein biScbcn Sprachsinn hat, ist es meist unerträglich. die unbeholfenen Redewendungen, die geschwätzige Unzulänglichkeit der philologisch ungeschickten Verfasser von sogenannten „praktischen" Grammatiken zu kosten. Da ist Thumbs Buch eine wahre Wohlthat. Er hat zum ersten Mal die neugriechische Volkssprache systematisch und wissenschaftlich zu sclbst- ständigcr Darstellung gebracht, also von der künstlichen Literatursprache losgetrennt und in ihrer eigenen Beleuchtung, nack ihren eigenen Gesetzen betrachtet und das ist eine höchst Verdienstreiche That. Vieles, waß man da und dort in Lehrbüchern zerstreut und am unrechten Platze lesen kann, hat der Verfasser wohlgeordnet zusammengestellt. Daö ganze Buch durchzieht der Gedanke, gleichartige Spracherschcinungcn in Gcsammtrcgeln zusammenzubringen und die Ucbersichtlichkeit, die dadurch entsteht, sticht überaus vorthcilhaft ab von der Zerfahrenheit der „praktischen" Lehrbücher, die meist darin eine große Virtuosität besitzen, Zusammengehöriges auseinander zu reißen. ThumbS Lehrbuch darf sich der Beachtung jedes denkenden Sprachbcflissenen versichert halten. Dem theoretischen Theile folgt eine reichhaltige Auswahl aus der griechischen Nolkslitcratur und ein genaues Wörterverzeichnis;. Die Ausstattung ist ganz vorzüglich. Wenn der Sinn für solide, philologische Behandlung der Grammatik gleichen Schritt hält mit dem Interesse, das man gegenwärtig dem Gricchenvolk und seiner Sprache entgegenbringt, dann wird dem vorzüglichen, in seiner Art einzigen Lehrbuch von Thnmb bald eine neue Auslage nöthig werden. Wir zweifeln nicht, daß Jedem, der dies Buch durchstudirt, derselbe freudige Genuß erwächst, den uuö die Durchsicht dieses ausgezeichneten Werkes gewährte. 143 Morawsky S., Echo der russischen Umgangssprache, mit Specialwörterbuch von H. Sack. 8°. 120 -tz- 72 SS. Leipzig, Rud. Giegler. M. 3,60. Noch haben wir die Zeit nicht ganz überwunden, da man geneigt ist, einen Jeden, der Russisch studirt, mit theil- nehmendem Achselzucken als Sonderling zu betrachten. Ja selbst „gebildet" sein wollende Leute sind vielfach so unverständig. die russische Sprache für das rohe Idiom eines halb barbarischen Volkes zu halten, nicht werth Zeit und Mühe darauf zu verschwenden. Das ist ein großer Irrthum. Ist schon die Literatur dieses Volkes weit reicher, alö mancher westeuropäische Hochträber nur ahnt, so zeigt besonders die Sprache einen edlen, krystallenen Bau und einen Formenreichtbum, der sich getrost neben den klassischen und germanischen Sprachen sehen lassen kann, abgesehen davon, daß das Studium des Russischen auch von Tag zu Tag an praktischer Bedeutung gewinnt. Sind die Elemente der Grammatik, etwa nach dem vortrefflichen Lehrbuch von Moser (Hannover. Habn, M. 5,50 mit Schlüssel) überwunden, so eignet sich zur Einführung in die Umgangssprache kaum ein anderes HilsSmittel besser, als obiges „Echo", daS eine Reihe von wirklich dem Leben entnommenen Gesprächen in zusammenhängender Unterhaltung bietet. Der Text ist mit Acccntzeichcn versehen, was bei der schwierigen, beweglichen Betonung im Russischen für Anfänger absolut nothwendig ist, aber in vielen Büchern (z. B. in dem dickleibigen Conversationsbuch von Fuchs-Stuttgart, Reff) unbegreiflicher Weise vernachlässigt wird. Gieglers Echo-Ausgaben ziehen wir allen ähnlichen Arbeiten vor, da sie durch den Mangel einer nebenstehenden Uebcrsetzung den Schüler zur Selbstthätigkeit zwingen und ihm doch durch das genaue Wörterbuch alle etwaigen Schwierigkeiten lösen. Allen Sprachbcflissenen empfehlen wir also dieses russische „Echo" ebenso nachdrücklich, wie die früher erschienenen, darunter besonders das neugriechische, spanische, italienische und französische. Die Ausstattung ist sehr sauber und der Preis nicht zu hoch. Unterweisungen über die christliche Verkommenheit. Von ?. Bürger. Priester der Gesellschaft Jesu. Freibnrg, Herder. Ungcb. 4 M. 60 Ps., geb. 6 M. I-. An aScetischen Schriften, Büchern, wie Traktätlein von minderer Qualität ist unsere Zeit wahrhaftig nicht arm; um so freudiger begrüßen wir ein Werk, wie vorgenanntes, das auf einer gesunden Dogmatik süßt. Eine AScetik, der nicht daS christliche Dogma zu Grunde gelegt ist, hat keine Bedeutung. — Verfasser schließt sich wohl in seiner Darstellung der christlichen Vollkommenbeir au die Lebre des hl. Thomas an; aber er befolgt auch dabei — die Unterweisungen sind hervorgegangen aus Verträgen, die er bei verschiedenen Gelegenheiten hielt — das Wort des göttlichen Heilands, daß jeder Lehrer einem Hans- vater gleichen soll, der aus seinem Schatze altes und neues hervorbringt. (Matth. 13,52.) Nach der Darstellung des übernatürlichen Lebens und seiner Vollkommenheit in der Welt wie im Ordensstande werden die beiden Grundbedingungen und Hauptmittel für die christliche Vollkommenheit, Gnade und Wille einerseits, Gebet und Selbstverleugnung andererseits, behandelt, und hieran reibt sich der Unterricht über die göttlichen Tugenden und die sogenannten Kardinaltugenden. Die Früchte des Strebens nach Vollkommenheit, Gerechtigkeit, Friede, Freude, bilden den Schluß der Unterweisungen. Wir zweifeln nicht, daß daS Werk gar manchen Priestern und Ordensleutcn, welchen die Leitung geistlicher Personen obliegt, sehr willkommen sein wird. _ Das soeben erschienene Maiheft von „Alte und Neue Welt" beginnt einen neuen in England spielenden Original- Nsoman „Als die Rosen wieder blühten" von der bestbekannten Schriftstellerin Josephiue Flach; enthält eine ausgezeichnete Novelle „Letzte Bilanz" von Ad. Jos. Küppers, dem Dichter der „Edeltrude"; eine reizende Erzählung „Oberon u. Titania" von Fr. v. Minra; und eine ergreifende kleine novellistische Skizze „Abendläuten" von A. Wcnk. Der unterhaltende Theil ist also so reich und dabei so gediegen, wie es der anspruchsvollste Leser nicht besser wünschen mag. An Studien und Schilderungen begegnen wir einem Aufsatz über „DaS Mahdireich im Sudan. Seine Entstehung und sein Fortbestand," von Karl Muth; einer in den Kreisen der Vogel- freunde sicher gut aufgenommenen Abhandlung über die Ablichtung der Stubcnvögel von Walter Kleeberg; und einem mit Ortginal-Tuschzeichnungen geschmückten Aufsatz über das kaiserliche Lustschloß Schönbrunn von E. v. Dombrowski. Dem herrlichen Bildniß der edlen Vittoria Colouna von dem französischen Maler Lefövre ist ein Charakterbild der Freundin Michelangelos von Ncdeatis beigegeben. Dein neuerwählten Stistsabte von Maria Einsiedeln, ?. Kolumban Brugger, 0. 8. v., widmet k. Raymuud Netzhammer einen biographischen Artikel, der von dem wissenschaftlichen Streben unserer Ordensleute lautes Zeugniß gibt und speciell in der Person des neuen Abtes uns mit einer Mönchsgestalt des ausgehenden Jahrhunderts bekannt macht, der gegenüber das dumme Geschwätz unserer Gegner von der „scholastischen Nückständigkeit" der wissenschaftlichen Bestrebungen der Ordenöleute wie wesenloser Rauch aufgeht. Kurz dies Machest, in dem selbstverständlich zur Freude jedes katholischen Herzens auch der Maieuköuigin in Wort und Bild der schuldige Tribut gezollt wird, bietet wiederum eine Fülle sittenreiner Unterhaltung, gediegener Belehrung und wirklicher Erbauung, so daß wir nur wünschen mögen, jeder christliche, für das Wohl seiner ihm anvertrauten Familienglieder bedachte Vater würde die kleine monatliche Ausgabe von 50 Pfg. (25 Kreuzern, 60 Cts.) nicht scheuen und die stattlichen Hefte zur Familienlektüre halten. Die Kunst aus unsern Fehlern Nutzen zu ziehen. Nach dem heil. Franz von Sales. Von I?. Joseph Tissot, Gencraloberer der Missionäre vom heil. Franz v. Sales. Mit vielen Empfehlungen kirchlicher Würdenträger. Mainz. Kirchheim, 1896. 8. (XV u. 18? S.) M. 1,-. geb. M. 1,50. k. Tissot, der Verfasser dieses Büchleins, hat sich treulich an die Lehren des unvergleichlichen ascetischcu Führers, des hl. Franz v. Sales gehalten. Der Verfasser lenkt die Aufmerksamkeit hin auf einen höchst wichtigen und leider allzuwcnig beachteten Punkt des christlichen Lebens. Wer nach einem begangenen Fehler nur einige Zeilen dieses WerkchenS betrachtet, der findet darin mit Gottes Gnade eine Stütze, sich wieder zu erheben. _ Archiv für christliche Kunst. Jahrg. 1896,'Nr. 1—4. Dctzel, Die alten Wandgemälde im Chöre der Pfarrkirche zu Ehestesten. Frühgoihischer Bildercyklus aus oem Leben Mariens und der Passion Christi. — Schön Th., Zur Ban- geschichte der Karthause Güterstein. —Bach M., Ueber Künstler- inschriften an Altarwerken. Hält gegenüber BuSl die Existenz eines Bildhauers Schramm für uuerwiesen und die Inschrift, auf welche sich die gcgcntheilige Ansicht stützt, für apokryph, weil sie gegen die spatmitlelaltcrlichc Sitte die Namen zweier verschiedener Künstler (eines Bildschnitzers und eines Malers) mittheile. — Nueß. Die Baugeschichte der Klosterkirche von Schusscnried. Romanische Anlage, gothische Zubauten, Ausschmückung in Rokoko durch Joh. Zick, Hofmaler in München, 1745. — Pfeiffer Dr. B„ ein berühmter Niederländer in Württemberg. Die von Caspar de Crayer genialten Altarbilder zu Wolfegg, Uutercsscndorf und Amberg (i. d. Oberpfalz) sind zurückzuführen auf Bestellung durch Max Willib. Truchseß von Walbburg und seine Gemahlin, eine geborne von Arenberg, deren Haus in Brüssel rcsidirte. — Die neue Kirche in Lauterbach. Ein dreischiffigcr romanischer Bau mit Raum für 2500 Personen; Kosten 109.000 M. — Die kirchliche Kunst in ihren Beziehungen zum geistlichen Schauspiel. Beachtcns- werthe Besprechung über vr. P. Webers bekannte Studie: Geistliches Schauspiel und kirchliche Kunst in ihrem Verhältniß erläutert au einer Ikonographie der Kirche und Synagoge. — Bach M., Mittelalterliche Holzskulpturcn anö Oberschwaben im bayerischen Nationalmuseum. Besprechung von drei gothischen Figuren. _ 6 aoremoniale für Priester, Leviten u. Ministranten zu den gewöhnlichen liturgischen Diensten von vr. Andr. Schmid, Direktor des Gcorgianums in München, o. ö. Uuiversitätsprosessor, erzbischöfl. geistl. Rath. Kempte», Kösel 1896. V. Schon vor vielen Jahren ließ der Verfasser für seine Alumnen ein autographirtes Büchlein erscheinen, welches die Dienste der wiuistri saeri ziemlich eingehend behandelt. Hier haben wir nun dieses bescheidene Schristchen bedeutend erweitert und mit Illustrationen versehen vor uns. Schon der Name des Verfassers bürgt dafür, daß wir mit diesem Buche einen verlässigcn Wegweiser im bl. Dienste am Altare erhalten, der jedem jüngeren und älteren Priester aufS Wärmste empfohlen werden kann. Abgesehen von der Genauigkeit, mit welcher die Rubriken der hl. Kirche dargestellt werden, gibt der Veiiasser soviele praktische Winke, selbst für scheinbar unbedeutende Dinge (z. B. x. 240), daß jeder Liturge ihm nur dankbar sein kann. Auffallend finden wir, daß der Verfasser das Tragen des Birrets bei Exorcismen als unstatthaft hinstellt, während doch 144 Thalhofer in seinem Handbuch der Liturgik (1883 I. p. 627) ausdrücklich schreibt: „Auch bei den Exorcismen zur Wasserweihe bedeckt der Priester gleich dem Bischof süglich daS Haupt, entblößt kS aber bei der folgenden Oration." Die afrikanischen Missionen sind eine höchst wichtige Sache, welche den deutschen Katholiken ebenso sehr am Herzen liegen muß, wie daS Wiederaufblühen deö GlaubenslebeuS im Mutterlande. Da wir nun einmal in Afrika Kolonien besitzen, ist es auch unsere Pflicht, zu sorgen, daß dort, im schwarzen Deutschland, der katholische Glaube ausgebreitet werde. Den Eifer der deutschen Katholiken für das so eminent wichtige Werk der Christianisiruug und Civilisation des dunklen Erdtheils anzuregen und stets wach und opfer- tmllig zu erhalten, ist der löbliche Zweck, den die illustrirte Afrika-Missious-Zeitschrift „Gott will es!", das oificielle Organ des Asrika-Vereins deutscher Katholiken (Verlag von A. Niffarth in M.-Gladbach), verfolgt. Die sehr interessante, gediegene und mit prächtigen Bildern aus Afrika geschmückte Zeitschrift sei deshalb allen Katholiken bestens empfohlen. Preis Pro Halbjahr (6 Hefte ü 32 Seiten) Mark 1.-. Katholische Warte. XII. Jahrg. Illustrirte Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. Preis pro Heft 15 kr. (25 Pf.) Zum zwölften Male tritt die heimische Zeitschrift ihre Fahrt in die Welt an und zeigt bereits im I. Hefte, daß Verlag und Redaction bestrebt sind, das Familienblatt immer besser zu gestalten. Unter den Mitarbeitern finden sich Namen von gutem Klang, wie: Josef Seebcr, Joscfiue Flach, Antonie Haupt, Franz Alfred Muth, k. Pl. Theiler, H. S- Nehm, vr. H. L-am- son, M. A. Zaubzer n. a. Treffliche Bilder zieren das Heft und ist eS gewiß verdient, wenn das salzburaische Diöcesan- Verordnungsblatt 1896 Nr. II der „Kathol. Warte" die empfehlenden Worte widmet: „Der Inhalt der 11 Jahrgänge ist durchwegs vom katholische» Geiste durchweht und kann die Zeitschrift sowohl dem Inhalte wie der Ausstattung nach für christliche Familien bestens empfohlen werden. Der hochw. Klerus möge nicht ermangeln, diese gediegene und dazu wahrhaft billige Zeitschrift christlichen Familien zu empfehlen." Möchte diese oberhirtliche Anerkennung nicht ungehört verhallen! Nepertorium der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebner'schen Buchhandlung in Ulm- (Preis 5 Mark 10 Pfg. für 12 Monatshefte.) Das 6. Heft des 50. Jahrganges enthält u. A.: Ueber die Faulheit. Ein psychologischer Versuch von Dr. Karl Andrea. (Schluß.) — Der Königbauer'schc Rcformvorschlag im Lichte der rcvolutionistischen Pädagogik. Von K. Otto. — Erwiderung auf die Kritik Otto'ö. Von I. Königbauer, kgl. Seminar- inspektor in Lauingen. — Weltsprachen. Von K. A. Geil, Lehrer in Großrohrhcim (Hessen). — Joseph Fischer, k. Seminar- lehrer in Lauingen ch. Vorbeugungs- und Verhaltungsmaßregeln bei Diphtheritis von Dr. wecl. Ad. Thiele, Kappcl- Cbemnitz. Verlag Scitz L Schauer, München. Preis 50 Pfg. Der Verfasser erhielt nach Veröffentlichung eines Theiles dieser Schrift von Seiten zahlreicher Behörden und Aerzte Zuschritten, auf Grund deren er sich entschloß, seine einfachen, erprobten Maßregeln zur Verhütung der mörderischen Krankheit in Broschürcnform herauszugeben. Neues Handbüchlein für tägliche Besucher des Aller heiligsten. Von dem Verfasser der L.vis spiritnels. (Ä. von Hoffclizc.) 4. Auflage. Mit bischöfl. Approbation. Mainz, Kirchhcim, 1896. 8. (VIII u. 328 S.) 90 Pr., geb. M. 1,20 u. M. 1,80. Das vorliegende Büchlein enthält zweimal 33 Besuche des hl. Sakramentes, welche der geistvollen Verfasserin Gelegenheit geben, die unermeßliche Liebe Christi in diesem Geheimnisse nach allen Seiten bin im hellsten Lichte leuchten zu lassen. Das in edelster Sprache geschriebene und höchst gelungene ins Deutsche übersetzte Büchlein lehnt sich genau an die Besuch- nngen deö hl. Alphons an. Von dem beliebten illustrirtcn Familienblatt „Die katholische Welt" gingen uns Heft 4, 5 und 6 zu. Sie enthalten u. And. eine ausführliche Biographie deö hochfeligcn CardinalS Welchers, Aufsätze über Armenien und Transvaal mit zahlreichen sehr schönen Abbildungen. Auch den Humoresken ist ein weiter Spielraum angewiesen. Die zahlreichen illustrirlen Humoresken sind allerliebst, während die weiblichen Handarbeiten in jedem Hefte durch eine Fülle geschmackvoller Muster stets neue Anregung erhalten, und die Beilage „Der Hausfreund" zahlreiche praktische Recepte für alle Bedürfnisse des täglichen Lebens bringt. — Probehefte versendet gratis und srauco die Verlagshandlung A. Niffarth, M.Gladbach. Kunst-Stil-Unterscheidung. 2. Auflage. München 1896, G. Franz'sche Hofbuchhaudlung. M. 1,20. Wer ohne Studium — in wenigen Stunden die Grundzüge aller wichtigen Stilartcn (voin alt-ägyptischen Stile bis zur Gegenwart) kennen und unterscheiden lernen will, dem sei die oben genannte, von dem Kunstmaler und Bildhauer Haus Sebastian Schneid verfaßte und mit 200 instructiven Illustrationen ausgestattete Broschüre, wärmstenS empfohlen. Vorzügliche Gutachten namhafter Künstler und Kuustzeit- schriftcn bürgen für die Trefflichkeit des Werkchens. Die heilige Familie. Jeden Monat 1 Heft, 16—32 S- starr, mit Bildern. Preis jährlich M. 1,—, mit Zusendung der einzelnen Hefte durch die Post M. 1,40. IV. Jahrgang. Verlag und Erpcditiou der Monatschrift „Die hl. Familie" in Freising. Inhalt des 3. HcfteS: Gruß an Nazareth. St. Joseph und die hl. Kommunion. Kinder, ehret und liebet eure Eltern! Vom Trinken und Fasten. KoSciusto und der Sattler. Die Zuchtruthc. Da hat Gott gerichtet. AuS Münchberg. Dasaläs 6., Oomxenäio äs Ksogralia. 8° xx. VlII -j- 270 oon 60 grab VribnrZ'o äs Itrisg-. Herder 1895. 3.— Fr Die vortreffliche Herder'sche Verlagsbuchhandlung in Frei- burg (BreiSgau) macht sich auch um Verbreitung guter spanischer Litteratur hervorragend verdient. Ihren zahlreichen Publiationen dieser Sparte hat sie neuerdings ein mit dem Bildniß des Christoph Columbus geschmücktes, sehr brauchbares Handbuch der Geographie beigesellt, welches selbst denen, die kein- sachliche Erweiterung ihrer Kenntnisse daraus zu entnehmen gedenken, immerhin eine willkommene Uebung in spanischer Lektüre bieten kann. Die Ausstattung ist bei sehr billigem Preise ganz vorzüglich, auch die 60 Abbildungen und 4 Landkärtchen sind hübsch und sauber ausgeführt. Amerika ist in dein schmucken, ansprechenden Büchlein selbstverständlich besonders berücksichtigt, und siebt auch an erster Stelle nach der Einleitung (S. 1—2ö). welche in kurzen Zügen das Wichtigste aus der'physikalischen Geographie bringt. Liebhabern der wohllautenden spanischen Sprache können wir das Werkchen zur leichten und angenehmen Lektüre nur empfehlen. „Kreuz und Schwert" im Kampfe gegen Sklaverei und Heidcnthum. Missions- und Unterhaltungsblatt für daS kath. Volk. (Münster i. W., Walter Helmes. Preis im Jnlaude u. Oesterreich Halbjährlich 75 Pf. per Post u. Buchhandel, 90 Pf. portofrei; im AuSlande 1,20 M.) Diese Zeitschrift ist seit Januar von 12,000 auf 20,000 Exemplare gestiegen, gewiß ein Zeichen, daß sie den Wünschen der Leser gerecht wird. Inhalt deö Märzheftes: Gottes Segen. — Anfänge der Sambesi-Mission im 16. Jahrhundert (Fortsetzung). — Plaudereien aus Kamerun. — Aus der Mission in der deutschen Südscc. — Von Sansibar zum Kilimaudscharo (Fortsetzung). — Wie die Neger telegraphiren. — Brief eines jungen deutschen Arztes aus dem Kaplande. — Die Tochter deS Sklavenhändlers von Sansibar (Fortsetzung). — Kleine Nachrichten. — Afrika-Verein deutscher Katholiken. — Quittungen über eingegangene Gaben. — Sprachrohr. — Büchcrschau. — Illustrationen: Negerdors am Matschame. — Krieger vo» Matschame. i —- Veranttv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabherr in Augsburg. ttl'. 19 8. Wi 1896. Johann Adam Möhler. Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen Geburtstag (6. Mai) von A. G. Motto: „Ist nur einmal die Kirche befestigt und in recht weilen Kreisen eingedrungen, dann kann die Monarchie nicht sinken." Möhler. „Uemmissö g'uvat.", die Erinnerung ist von Nutzen, die Erinnerung sowohl an große Begebenheiten der Vorzeit, als auch an große Männer. Das laufende Jahr beweist klar und deutlich, daß der Deutsche sich gern und freudig an große Begebenheiten erinnert, wurden ja in den Blättern aller Parteien und aller Schattirungen die Kriegsthaten vor 25 Jahren wieder aufgefrischt, mitunter sogar nach unserer unmaßgeblichen Ansicht breiter und weitschweifiger, als nöthig gewesen wäre. An dem Andenken großer Männer der Vergangenheit frischt sich der Geist auf, und abgesehen davon, verlangt es die Dankbarkeit der Nachwelt, sich ihrer stets zu erinnern, denn sie haben nicht nur gearbeitet und gewirkt für ihre Zeit, für die Mitwelt, sondern auch für die Nachwelt. Die Wahrheit dieser kurzen Worte vorausgesetzt, und niemand wird sie in Zweifel ziehen, bedarf es des weiteren sicher keines Beweises, daß der Mann, dem wir nachstehende Zeilen widmen wollen» Johann Adam Möhler, der Regenerator neuen christlichen Lebens und Wirkens, der Regenerator der christlichen Wissenschaft, ganz und gar würdig ist, in seinem Andenken aufgefrischt zu werden, zumal er ja gerade in Süddeutschlaud, speciell in der Hauptstadt Bayerns, wirkte und lebte und leider allzu früh mit Tod abging. Verkannt oft im Leben, wurde er, wie so viele, erst dann recht erkannt und gefeiert, als der Todesengel an ihn herantrat, erst dann, als der Todesengel ihm die Augen zum zeitlich steten Schlummer schloß. Die Wiege von Johann Adam Möhler stand in dem wunderschönen, rebenumkränzten Orte Jgersheim bei Mergentheim in Württemberg, wo er am 6. Mai 1796 das Licht der Welt erblickte als der Sohn eines ver- möglichen Wirthes, der zugleich auch Ortsvorstand der Gemeinde war. Der Knabe, aufgeweckt und talentirt, wollte studiren, wozu dem Vater auch gute Bekannte riethen, letzterer aber wollte aus einem sehr primitiven Grunde nicht darauf eingehen. Er betrieb nämlich auch eine Bäckerei, zu welchem Geschäfte der junge Sohn sehr bald herbeigezogen wurde und dasselbe auch aus dem Fundament verstand. „Wer soll denn dann die guten Brödchen backen, wenn du studirst?" lautete der Einwand des Vaters; der Sohn aber machte dem Vater einen genialen Vorschlag, indem er erklärte, er werde so bald aufstehen, daß er zuerst noch backen und dann als Student nach Mergentheim gehen könne Tag für Tag. Dies zog, Möhler war Brödchenbäcker und Student in Mergentheim. Obwohl auf diese Weise etwas spät zum Studiren gekommen, machte er in Folge seiner Talente derartige gute und zugleich schnelle Fortschritte, daß er im Jahre 1813, im achtzehnten seines Lebens, schon an das kgl. Lyceum zu Ellwangen übertreten konnte, wo er trotz Ueberspringens einer Klasse in den meisten Fächern den ersten Platz behauptete, nur in der griechischen Sprache den vierten, freilich eine natnrnothwendige Folge des schnellen Durchgangs durch die niederen Klassen. Zwei Jahre studirte er in Ellwangen Theologie und kam im Jahre 1817, als die Anstalt von Ellwangen nach Tübingen verlegt wurde, nach der letzten Universitätsstadt. Die Theologie wurde damals noch etwas lax betrieben, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn gemeldet wird, daß Möhler kraft seiner tiefen Anlagen und seines ein- und durchdringenden Geistes die Docenten des öfteren interpcllirte. Das studentische Leben wurde nach den Berichten der Zeitgenossen damals auch jedenfalls zu bunt getrieben, auch von den Stndirenden der Theologie, so daß man recht oft den theologischen Geist nicht einmal mit der Laterne des Diogenes zu finden vermochte. Oft kam es über diese herrschenden Zustände zwischen Möhler und seinen Mitfreunden zu heftigen Auseinandersetzungen, denn Möhler war und blieb streng in seinen Sitten, wie er denn auch in Tübingen von den drei Studien- und Sitienpreisen stets den ersten erhielt. Im Spätjahr 1818 kam Möhler in das Klerikal- seminar zu Noitenburg. Klerikales Leben war damals auch hier noch nicht besonders entwickelt, das Brevier wurde deutsch vorgelesen, die Meditationen waren Privat- sache, das theologische Studium trieb jeder gerade nach seinem Geschmack, im nahen Baden entstand der Cölibats- streit, der feine trüben Schatten weithin, auch in das Seminar zu Noitenburg, warf, wo pro und contra de- battirt wurde; kurz, der Alumne mußte stark sein, um nicht nach verschiedenen Seiten hin zu straucheln oder gar zu fallen; Möhler blieb stark und wurde im September des folgenden Jahres mit noch acht Alumnen durch den Generalvikar v. Keller zum Priester geweiht. In der praktischen Seelsorge wirkte der neue Priester nur ein Jahr, nämlich als HilfSpriester in Weilderstadt bei Stuttgart und in dem Oberamtsstädtchen Niedltngen an der Donau. Sein Principal in letzterem Stndichen stellte ihm betreffs seines Lebens und Wirkens ein glänzendes Zeugniß aus. Es wird darin gerühmt sein heiliger Ernst in allen seinen Verrichtungen, sein stets würdiges Benehmen, wodurch er die Liebe und Verehrung der ganzen Gemeinde, insbesondere der kleinen Schüler, deren Katechet er war, in ausgezeichneter Weise sich erwarb. Seine Predigten waren stets gemüthvoll, sein Wesen ganz und gar demüthig. Im Oktober 1820 kam er als Präparand in das Mit dem Wilhelmsstift verbundene Vorbereitungsinstitut zum Gymuasial-Lehramte nach Tübingen und war dort als solcher und als Repetent zwei Jahre. Er widmete sich hauptsächlich mit größtem Eifer und Erfolge dem Studium der altklasstschen Sprachen und dem der Literatur, während er als Repetent sehr fleißig Nepetitionen anstellte und die Disputationen mit größtem Geschick leitete. Nachdem im Jahre 1822 Professor Dresch einen Ruf nach Landshut angenommen hatte und dadurch der Lehr- stuhl der Kirchengeschichte an der katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen frei geworden war, wurde der junge Repetent Möhler nach dem Antrag der Fakultät als Privatdocent mit einem Gehalt von 800 Gulden am 8. September zu dessen Nachfolger ernannt. Zugleich wurde gewünscht und gewährt, daß er noch vor dem Antritt seines Amtes eine ltterarische Reise mit Staatsunterstützung antrete. Sofort reiste er ab und besuchte der Reihe nach die berühmtesten Universitäten siowohl in Nord- als Süddeutschland, Göttingen, Berlin, Laudshut, Prag, Wien u. a., und lernte dabei sowohl die damaligen Celebritäten dieser Hochschulen, als auch den Stand der Wissenschaft in der Nähe kennen. Mit manchem Professor blieb er die Zeit seines Lebens in stetem Briefwechsel. Zurückgekehrt nach Tübingen, begann er seine Vorlesungen im Sommersemester 1823 über Kirchengeschichte, Patrologie und zum Theil auch über Kirchenrccht. Die größere Erstlingsschrift, die er herausgab, ist „die Einheit in der Kirche, oder das Princip des Katholicismus". Die Schrift kennzeichnet sowohl den großen Geist, als das tiefe Gemüth ihres Verfassers, obwohl manches in derselben enthalten ist, was er selbst später nicht mehr billigte. Er schrieb in dieser Beziehung an seinen Freund Joseph Lipp, den nachherigen Bischof von Rottenburg: „Ich werde ungern daran erinnert, eS ist die Arbeit einer begeisterten Jugend, die es mit Gott, Kirche und Welt redlich meinte, aber Manches, waS darin steht, könnte ich jetzt nicht mehr vertreten; es ist nicht alles gehörig verdaut und bündig dargestellt." Die kirchliche Wissenschaft war auf ihn jetzt aufmerksam geworden, es folgten Berufungen nach Frei- burg, Breslau, für den jugendlichen Gelehrten sehr verlockend, er schlug sie aus, blieb in Tübingen, wo er bald zum außerordentlichen beziehungsweise ordentlichen Professor der Theologie vorrückte. Die preußische Regierung wollte Möhler in Bonn haben, und er war nicht abgeneigt, diesem Rufe zu folgen. Der damalige Erzbischof von Köln, Graf Spiegel, aber verhinderte die Berufung beziehungsweise die Annahme derselben durch Möhler. Hermes hatte nämlich mehrere Sätze in der genannten Schrift Mahlers „Die Einheit in der Kirche" als nicht kirchlich bezeichnet. Der Erzbischof verlangte nun die Zurücknahme dieser Schrift, Möhler aber verweigerte jeden förmlichen Widerruf und blieb, wo er war. Dieses Vorgehen und Verlangen des Erzbischofs muß jedem sonderbar erscheinen. Wollte er katholischer sein, als Möhler? oder wollte er Möhler nicht, weil am Ende er katholischer war, als der Erzbischof mitsammt Hermes? Daß letzterer die Verstöße gegen die Kirche in der Schrift Möhlers fand, beweist einfach die uralte Wahrheit des Satzes: „Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken im eigenen Auge aber siehst du nicht". Wir haben keine Kirchengeschichte der damaligen Zeit zu schreiben und bemerken aä stoo nur das Eine, daß ja Hermes stlbst den bekannten Satz aufstellte: „xar iirtalleetum rrä ücieiu", mit welchem Erfolg, ist jedem bekannt. Und kannte denn der Erzbischof das alsbald folgende Werk Möhlers nicht: „Athanasius der Große und die Kirche seiner Zeit" ?, kannte er nicht dessen epochemachendes Werk „Symbolik", das doch alle Zweifel an der ächt kirchlichen Gesinnung Möhlers verscheuchen mußte? Kurz, wir glauben, der Erzbischof wollte den für seine Kirche begeisterten jungen Theologen nicht, vielleicht, weil ihn eben Hermes nicht wollte, und für Möhler selbst war dies recht gut, der Himmel fügte es wohl so, denn er wäre mitten in Streitigkeiten hinein versetzt worden, die seiner Natur absolut nicht gepaßt hätten, die aber auch für seinen Gesundheitszustand, der nie der beste war, sicher sehr schädlich gewesen wären. Später, um dies sofort hier noch anzufügen, bot ihm die preußische Regierung eine Domherrnstelle in Köln an und zugleich, wenn er es wünsche, eine Professur, aber er schlug auch diesen glänzenden Ruf aus. Es würde unsere Aufgabe weit übersteigen, wenn wir die vielen kleineren Werke und Schriften Möhlers aufzählen und einer Kritik unterziehen wollten, die sehr vielen Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften anführen würden, allein der eben genannten beiden Werke muß auch hier Erwähnung geschehen. In seinem „Athanasius" ist ein ungemein großer Reichthum dogmatischer, kirchen- historischer und patristischer Forschungen niedergelegt, und gerade diese Arbeit hat Möhler zu seinem größten Werke den Impuls gegeben, zu seiner „Symbolik oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten nach ihren öffentlichen Bekenninißschriften". Er erblickte nämlich die Kirche seiner Tage dem Protestantismus gegenüber ganz in der gleichen Lage, wie die katholische Kirche des vierten Jahrhunderts dem Arianismus gegenüber. Nach langem Quellenstudium, nachdem er längere Zeit Vortrüge über diesen weitverzweigten Gegenstand gehalten, erschien die Schrift im Jahre 1832 und erlebte in den nächsten Jahren sofort mehrere Auflagen. Alzog sagt in seiner Kirchengeschichte hierüber: „Die Symbolik wirkte gleich einem elektrischen Schlag auf die Gemüther. Dieses Buch hat das katholische Glanbenssystem vergleichungsweise mit dem des Lutherthums und der reformatorischen Kirche in so gediegener und anziehender Weise dargestellt, daß die protestantischen Theologen alsbald den seitherigen Standpunkt vornehmen Jgnorirens katholischer Schriften verließen, zu zahlreichen Kritiken sich anschickten, ja an vielen Universitäten Vorlesungen über jene hielten, natürlich um das unliebsame Werk zu widerlegen." Die treffende Inschrift auf dem Grabe des allzufrüh in München verstorbenen Verfassers: „votansor üäai, iitsrarura äsous, eoolösias solaruen", verkündet nachfolgenden Geschlechtern fein hohes Verdienst um die katholische Kirche, besonders in Deutschland. Döllinger urtheilt über die „Symbolik" u. a. folgendermaßen: „Es ist das beste Buch in dieser Art, und in gewissem Sinne noch immer einzig. Seit dem Erscheinen der Symbolik von Möhler haben wir erst eine Wissenschaft der Symbolik und haben ein klassisches Buch über dieselbe. Wir haben kein protestantisches Buch, welches verdiente, als Settenstück zum Möhler- schen Werke genannt zu werden. Meine Vortrüge sollen u. a. dazu dienen, das Verständniß des Möhler'schen Werkes klar zu machen, oder auf manches hinzuweisen, was in demselben Übergängen oder nicht gehörig hervorgehoben ist." (Schluß folgt.) Die Entstehung der Kaiserchnmik. L. 8. Die sogenannte Kaiserchronik oder oronioa, wie sie sich selbst nennt — der Name Kaiserchronik rührt von Docen (1807) her — ist das erste Geschichtswerk in deutscher Sprache und nimmt daher zunächst das Interesse des Geschichtsforschers in Anspruch. Aber auch der Literarhistoriker hat Ursache, sich mit ihr eingehend zu beschäftigen, da sie eines der frühesten und obendrein umfangreichsten Erzeugnisse der mittelhochdeutschen Literaturperiode ist — sie umfaßt, die späteren Fortsetzungen nicht miteingerechnet, 17,283 Verszeilen — und wegen ihres reichen Sagen- inhalts zu den beliebtesten Unterhaltungsbüchern des Mittelalters gehörte, wie aus der großen Zahl der erhaltenen Handschriften (circa 30) und den mehrfachen Ueberarbeitungen in Vers und Prosa hervorgeht. Zudem wurde sie wegen ihrer Tendenz zum Moralisiren sogar den deutschen Nechtsbüchern, welche unter dem Namen Sachsenspiegel und Schwabenspiegel bekannt find, als 147 Einleitung und Sittenspiegel für Richter und Könige vorangeschickt. Umsomehr muß es auffallen, daß mau erst im Jahre 1849 daran dachte, diese Neimchronik dem deutschen Publikum durch Druck zugänglich zu machen. Freilich erschienen wie zur Entschädigung zu gleicher Zeit zwei Ausgaben, die beide in ihrer Art vortrefflich sind, nämlich: 1. die Ausgabe des (oom Wartburgfeste her bekannten) Jahnschülers Hans Ferdinand Maßmann *), der seiner Publikation die Heidelberger Handschrift saeo. XIII zu Grunde legte; - 2. die Ausgabe von Josef Diemer (Wien), der im Jahre 1841 eine wichtige Handschrift im Stift Voran in Steiermark entdeckt hatte (die außer der Kaiserchronik noch einige bis dahin unbekannte deutsche Gedichte des 11. und 12. Jahrhunderts enthielt) und ihr als der ältesten (saso. XII) den Vorzug gab. In neuester Zeit endlich hat Edward Schröder (Nou. Oerra. List. Deutsche Chroniken I. Bd. Hannover 1892) nicht nur einen geläuterten Text geliefert, sondern auch in einer gediegenen Einleitung neues Material zur Aufhellung der Entstehungsgeschichte der Kaiserchronik zu Tage gefördert, ohne jedoch die Frage über die Person des Autors zum völligen Abschluß zu bringen. Um die Bedeutung des genannten Reimwerkes zu ermessen, müssen wir einen Blick auf die litterarischen Zustünde im 10. und 11. Jahrhundert werfen. Nach dem kräftigen Anlauf, den die deutsche Dichtung tm Zeitalter der Karolinger genommen hatte, trat unter der Regierung der sächsischen und salischen Könige plötzlich ein Rückschlag ein. Zwar war es auch jetzt noch der Klerus, aus dem sich fast ausschließlich die Dichter re- krutirten, aber er bediente sich seit dem 10. Jahrhundert nicht mehr der deutschen, sondern der ihm geläufigeren lateinischen Sprache, welche in jener Zeit die alleinige Schrift- und Gelehrtensprache war. Demzufolge prüsen- tirte sich schon damals, wie später im Zeitalter der Humanisten, nicht nur das Heldenepos und das Kirchenlied, sondern auch die Lyrik und Spruchdichtung, ja sogar das Drama und die Thiermäre mit ihrem satirischen Beigeschmack in diesem fremdartigen Gewände, ohne daß sich jedoch die deutsche Denkart der Dichter verläugnete. Man denke nur an den oiannkortm des Ekkehard von St. Gallen, den Iluvälisbus des Frou- mund von Tegernsee, das lateinische Nibelungenlied des Priesters Konrad (aus Passau), die Sequenzen des Notker Balbulus, die xrovsrffia und den tstwaloZus des Kanzlers Wipo, die sariuing. Lurana,, die Dramen der Nonne Hrotswitha von Gandersheim und ihr carinsii äs Zsstis Oääonis, das oarmsii äs dsllo Laxornoo, die sogen, esdasis caxtivi u. a. m. Ihren Höhepunkt erreichte diese lateinische Dichtung in den Huiriiuäia, des Dichters Metellus von Tegernsee (um 1160), die an Formvollendung hinter den Werken der Neulateiner nicht zurückstehen (Nachahmung sämmtlicher Metren des Horaz und der Lusolioa, des Vergil), dem InZurinus des Mönches Guntherus von Pairis im Elsaß (einem Heldengedicht über die Thaten Barbarossa's in Italien in 6 tausend antik gebauten Hexametern) aus dem Jahre 1187, und dem Imäus äs aävsntu Lntsobristi, einem Drama, das kurz vor dem Aufbruche Barbarossa's nach dem gelobten Lande (1189) ') Quedlinburg u. Leipzig. 2 Bde. Text; ein dritter Band, der einen ungcmcin reichhaltigen Commentar bietet, erschien ebenda 1854. im Kloster Tegernsee (von dem Scholastikus WerinherS) gedichtet und aufgeführt wurde. Merkwürdiger Weise waren es nun aber die Wallfahrten nach dem Grabe Christi und die Kreuzzüge, welche eine Rückkehr zur volksthümlichen Dichtung bewirkten. Insbesondere ist eine Pilgerfahrt vom Jahre 1064/65 für die deutsche Literaturgeschichte epochemachend geworden, da die Entstehung des ersten Liedes in mittelhochdeutscher Sprache, von dem wir Kunde haben, damit zusammenhängt. Im Jahre 1065 trat nämlich der ziemlich seltene Fall ein, daß Ostern auf den 27. März traf, d. h. mit dem Kalendertag der rssurrsotio 6llristi zusammenfiel. Daher machte sich um Martini 1064 eine ungewöhnlich große Schaar von Pilgern aus Deutschland auf, um den jüngsten Tag im gelobten Lande zu erwarten. Nach der geringsten Schätzung belief sich die Menge auf 7000, nach andern sogar auf 12,000 Mann. An der Spitze derselben standen der Erzbischof Sigfried von Mainz, die Bischöfe Wilhelm von Utrecht, Otto von Negensburg und Günther von Bamberg. Von dem letzteren nun, der durch seine Hünengestalt die Bewunderung der Griechen und der Araber erregte, aber schon am 23. Juli 1065 auf der Rückreise zu Oedenburg in Ungarn starb, wird uns folgendes berichtet: „Der gute Bischof Günther von Babenberg, Der hieß machen ein viel gut Werk. Er hieß da seine Pfaffen Ein gut Lied machen. Eines Liedes sie begunden (begannen), Want (Da) sie die Buch künden (kannten). Ezzo?) begunde schreiben (dichten), Wille 2) fand die Weise (Melodie). Da er die Weise da gewann, Da eilten sie sich alle münchcn" (Mönche zu werden). *) Das in diesen Versen angedeutete Gedicht des Scho- lasticus Ezzo (der noch heute erhaltene sogen. Ezzoleich) war in deutscher Sprache abgefaßt und handelte von den Wundern Christi. Es genügt, als Probe die Schlußstrophe desselben anzuführen: „Unsre Erlösung ist gethan! Des loben wir Gott Vater all' Und loben des auch seinen Sohlt, kro nobia orueiüxum. Der dir Mensche wollte sein. Unser Urtheil (Gericht) das ist sein. Das dritte, der heilige Athem (Geist), Der soll uns auch (be)gnaden. Wir glauben, daß die Namen drei Eine wahre Gottheit sei. Also (salls) uns findet der Tod, So wird unS gelobnet. Da (wo) wir den Leib nahmen Dahin wieder (zurück) sollen wir. Amen." Damit war der Bann gebrochen, der bis dahin die deutsche Dichtung einem Dornröschen gleich in Schlaf befangen hielt, und wie bei einem Morgenconcert der Vögel erst einer zu singen anhebt, allmählig aber immer mehr einstimmen, bis ein mächtiger Chorus erschallt, in den sich zuletzt auch der freche Spatz einmischt, so begann es sich jetzt auch im deutschen Dichterhain zu regen. Gerade in der oben angeführten Vorauer Handschrift ist uns eine Reihe solcher Gesänge aus der zweiten Hälfte deS 11. Jahrhunderts und dem Anfang des 12. Jahrhunderts überliefert, deren Stoff meist aus der Bibel genommen 2) Ein Domherr aus Bamberg, der Bischof Günther auf seiner Reise nach Palästina begleitet hatte. °) Abt von Kl. Micbclsberg bei Bamberg 1032—1085. ") Des besseren Verständnisses halber haben wir die mittelhochdeutschen Verse hier und im Folgenden etwas mvdermsirt« 148 ist, so z. B. eine Genesis, eine Bearbeitung der biblischen Geschichte bis zum Falle von Jericho, ein Lob Salomonis, die drei Jünglinge im Feuerofen, eine Judith, ein Loblied auf Johannes Baptist», ein Loblied auf den heiligen Geist und die Siebenzahl (von Priester Arnold), eine Luwwa tiisoloZius, ein Lied „Die Wahrheit" betitelt u. a. m. (S. Mnllenhoff und SÄerer Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII.—XII. Jahrhundert 3. Ausg. von E. Steinmeyer, Berlin 1892). Die erste größere Dichtung historischen Inhalts aber, von der wir wissen, ist das Annolied, d. i. ein Loblied auf Erzbischof Anno von Köln (gest. 1075), welches zu Zeiten des Abtes Kuno von Siegberg (1105—1126) von einem Mönche dieses (von Anno im Jahre 1064 gestifteten) Klosters, der die im Jahre 1105 erschienene vitu ^nuonis benutzte, verfaßt wurde. Eine längere Stelle dieses Liedes läßt keinen Zweifel darüber, daß der Autor desselben von Geburt ein Bayer war. Denn man höre nur, was er über die Bayern sagt (V. 293 f.): „Da sich Bayernland wider ihn (Cäsar) vermaß, Die märe (berühmte) Regensburg er besaß (belagerte). Da raub er inne Helme und Brünne (Panzer), Manchen Held guotcn, Die der Burg Humen (hüteten). Welche Knechte (Tapfere) da waren, Das ist in heidnischen Büchern kund. Da liest man -uorieus ausis- DaS (be)demct „ein Scbwerr bayrisch"; Want (denn) sie wollten wissen, Daß keine besser bissen, Die man dicke (oft) durch den Helm schlug. Dem Volk was je (immer) diese Stärke gut (eigen). Ihr Geschleckt kam dahin vor Zeilen Von Nrmenic der kehren, Wo Noe aus der Arche ging. Da er den Oelzwcig von der Taube empfing. Ihr Zeichen noch die Arche hat Auf den Bergen Ararat. Man lagt, daß in dieser Gegend noch sind Die da deutsch sprechen Gegen Judicu hin viel ferne. Bayern fuhren je (immer) zum Kampfe gerne Den Sieg, den Cäsar an ihnen gewann Mit Blut mußte er ihn (ent)gelten." So konnte nur ein Mann sprechen, der mit der bayerischen Stammsage auf's innigste vertraut war. Da nun aber außer Abt Kuno selbst, der aus Regensburg stammte, kaum ein geborner Bayer im Kloster Siegberg lebte, so wird man wohl ihn als den Dichter des Anno- licdes anzusehen haben ^), zumal der Umstand, daß diese Dichtung in Regensburg bereits um's Jahr 1130 bekannt war (s. u.), in diesem Falle eine leichte Erklärung findet, weil eben dieser Kuno im Jahre 1126 Bischof von Regensburg wurde. Derselben Nachricht, daß die Bayern aus Armenien gekommen seien, begegnen wir in der der Zeit nach zu- uächststehenden deutschen Bearbeitung des Nolandsliedes, s. V. 7787 f. (Worte Karls d. Gr.): „NaimeS °) der Weigand (Kämpe) Der zieret wohl Bciycrlaud. Gott (ge)ruhte mich noch zu bedenken, Er sandte mir ihn zum Kämpen °) Vgl. LeherS Bayerland Jahrg. 169l S. 106 f. Wahrscheinlich rührt auch die lateinische vita Lmwiiis von Kuuo her, denn in dieser werden ebenso wie im Annoliede hcivnische Autoren (Sallust) citirt. ») Wie S. Niezler (Sitzungöber. d. b. Akab. d. W. 1892) nachgewiesen hat. ist unter NaimeS jener unglückselige Griso, der Sohn der bayerischen Swanhilde, zu verstehen, der nach dem Tode Odiles Anspruch aus das bayerische Herzogthum erhob Bon den getreuen Armenien geboren. Die Bayern hab' ich selbst erkoren Zu förderlicher (außerordentlicher) Kncchtheite (Tapferkeit). Zwanzigtausend er leite (führte) Mit ihren scharfen Schwerten Solln sie den Sieg an ihnen (den Sarazenen) erhärten. Sie kaufen ihn viel sehr (theuer) Kühner Volk ward nimmermehr." Also derselbe Preis der Tapferkeit der Bayern, wie im Annolied. Aber noch mehr! Auch das wunderbare Schwert, das Neuntes führt, ist in Bayern und zwar in Regensburg geschmiedet, s. V. 1597 f. „Naimes der Bayern Weigand Führte es von Bayern. Die Urkunde (Beweis) will ich euch zeigen: Der Schmied hieß Madelger. Dasselbe Sckwcrt worchte (fertigte) er In der Stadt zu Regensburg Es ward märe (berühmt) und gut." Durch diesen Lokalpatriotismus verräth der Dichter, daß er in Regensburg schrieb, auch wenn es niemals gelingen sollte, einen Waffenschmied des Namens Madelger aus Regensburger Urkunden nachzuweisen. Auf dieselbe Gegend werden wir verwiesen, wenn er V. 846 einen Markgraf Thiepolt aufführt, wobei der zeitgenössische Leser an den mächtigen Markgraf Diepold II. von Cham und Bohburg (j- 1146) gemahnt wurde, der seinen gleichnamigen Sohn mit einer Schwester Heinrichs des Stolzen, dem das Rolandslied gewidmet ist, vermählte. In gleicher Weise wird man bei dem Namen Napoto V. 7766 an den gleichzeitigen Napoto von Niedenburg erinnert, der ebenso wie die in V. 127 und 4924 aufgeführten Edelsitze Moringen und Dachsbnrg in Regensburger Urkunden aus der Zeit des Bischofs Kuno vorkommt (s. Ried I n. 198 und o. 201)?) (Fortsetzung folgt.) Finnische Studenten in Jesuitencollegien. Von Dr. P. Wittmann in Müncher, (Fortsetzung.) Nach den bezeichneten Gewährsmännern haben tm Ganzen dreizehn Finnen an Jesuitencollegien studirt: 8 1 . In einem wahrscheinlich aus dem OoUsZIum 66ro§oriu3 Olomontis, ^iiilmulensis, ruuwrum 22, Ilnmuinsts.. Vonit 24. lun. 1578, Kuuumist». viseossit 8. LlkO 1583 Olmutium. Ikuit äeiuäs luckimugistor in IVauckolis,,- Es läßt sich daraus entnehmen, daß der Genannte zu jenen ersten sechs Jünglingen zählte, welche im Jahre 1577 von Klosterlasse (l-nureutius XorvaZus) in's OoUsgiura OarmLniauiu uach Rom gesandt wurden, und daß er dortselbst in einem Alter von 22 Jahren anlangte. Wahrscheinlich gehörte er zuvor dem von Klosterlasse geleiteten Colleg auf Niddar- (damals Gra- munke-) Holmen an. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Rom siedelte er in's Olmützer Jesuitencolleg über und wurde später Lehrer tm Mecklenburgischen. 8 2 . Olaus (Marci) Sundergelt scheint von deutscher Herkunft zu sein. Sein Vater MarcuS lebte ') Vgl. Zeitschrift für deutsches Mcrthmn.27 Bde- Berlin 1883 S. 70 f. Edw. Schröder „Die Heimath des deutschen Nolandslicds." 149 Anfang der dreißiger Jahre des 16. Jahrhunderts als Schiffer zu Stockholm. Um 1550 findet man ihn in Ulfsby; vier Jahre später war er Untervogt in Helstng- fors. Zwischen 1559—1566 läßt er sich in Björneborg nachweisen. Seine Frau hieß Karin. Der circa 1551 geborne Sohn OlauS wurde lutherischer Prediger und ein erbitterter Feind der katholischen Kirche. Doch änderte er bald seine Anficht und fand 28 Jahre alt Aufnahme im Colleg zu Olmütz, wo er den 12. Oktober 1579 als „Physiker« inscribirt wurde. Nach Abschluß seiner philosophischen Studien wünschte er Theologie zu hören, was jedoch damals in Olmütz Umstände halber nicht möglich war. Dagegen erhielt er den Auftrag, eine finnische Grammatik abzufassen, damit der römische Katechismus tn seine Muttersprache übersetzt werden könne, während sein Studiengenosse, der vier Jahre ältere Schwede Petrus Cuprimontanus, mit Revision einer schwedischen Grammatik betraut wurde, die Possevino in Schweden ausarbeiten ließ (vergl. H. 0-. rüst „LnleekiünZku- om 6Q svenslr Lprairlära uiräor 16. seklst" in „Ilistoriskt Liblio- tlwlr» VI. Seite 258—269). Im Oktober 1560 von der Schule freigesprochen („mors ^.caäcvrico cslckrata 68b clcposrtüo" berichtet darüber die „Natricula ^.caäcnaias Olmucsirsis") erhielt Sundergclt bald auch die Würde eines BaccalaureuS der Philosophie und begab sich dann (1584) ins Kollegium zu Braunsberg, wo damals außer ihm noch drei Finnen und eine Anzahl Schweden lebten. Im Jahre 1590 kehrte er in sein Vaterland zurück. Später erscheint er als Pfarrer von Alt-Pernau (Livland). Von dort hat er unterm 15. Juni 1596 einem aus Schweden vertriebenen Katholiken, Magister Samuel Holger, einen Reisepaß ausgestellt, dessen Original im finnischen Staatsarchive hinterliegt?) Sundergelts spätere Lebensumstände sind z. Z. unbekannt. 8 3 - ValentinusThomä, aus Finland, trat am 20. Juni 1580 in's Kollegium zu Braunsberg ein, bezog sodann (10. März 1587) die Akademie Wilna, begab sich nachmals an den polnischen Hof und wurde dort des Königs Panegyriker. Schon frühzeitig bewies er dichterisches Talent. Dafür zeugt das lateinische Trauercarmen, welches er anläßlich des Todes der Königin Katharina von Schweden (16. Sept. 1583) als Beitrag zu eine: Sammlung „Lxicsäia" rc. lieferte. Auch in griechischer Verskirnst versuchte er sich (TeirZströlli „Oiss. cio viri8 in I'einria xcritia lit- teraruw. graccarnna claris" pa§. 6). In der Folge (1589) bot ihm die Anwesenheit König Sigismunds III. zu Wilna Gelegenheit, in die Harfe zu greifen. Er besang den Fürsten in lateinischer wie finnischer Sprache ^) und scheint sich hiedurch den Weg nach oben gebahnt zu haben. 8 4-7. Wie die „Natricula oirurium aluranoruin ab armo Oomini 1578 ustzue aä annum 1798" berichtet, wurden zu Braunsberg auch drei Finnen mit dem Geschlechtsnamen Jussoila, offenbar Brüder, aufgenommen, nämlich ein Michael, Joseph und Lorenz. Der erstgenannte starb bereits als Zögling in der An*) Leinbcrg gibt den Wortlaut desselben nach einer Abschrift des „Schwedischen ReichSarchivcS« a. a. O. S. 21 fs. 6) Beide Gedichte sind abgedruckt bei Leinberg a. a. O S. 24 u. 25. statt, während den beiden anderen längere Wirksamkeit beschieden war. Die in der „Matrikel« enthaltenen Angaben über diese Personen lauten: „Mcbael llussoila, 15. bloveinbris 1559. Luccus. 18. Rovcrabris 1582 xic mortuus in Sduinario; l-aurentius llussoila, 25. AxiMs 1586. Luecus; äiscessib Varsaviam 1588, ibi. 18), sah man damals eine himmelweite Kluft; jetzt ist das anders geworden; wir finden bei Beethoven und Haydn gerne die verwandten Züge heraus, das was sie einiget viel wehr und viel leichter als das was sie trennt. — Krach- und Kraftstellen, frappante Wendungen, auf die hin manchmal ein „Stil" behauptet wird, vermögen für sich allein nicht ein Werk dauernd im Ansehen eines Kunstwerkes zu halten, also sollten sie überhaupt bei der Prüfung einer Komposition auf ihren Kunstwerth viel weniger ins Gewicht fallen. „Als ich Kind war, redete ich wie ein Kind", dachte, fühlte, urtheilte ich wie ein Kind; jawohl, das Kind fürchtet sich, namentlich die ersten Male, vor dem Donner und beurtheilt das Gewitter bloß nach der Stärke und der Zahl der Donner- schläge; der Mann läßt sich vorn Donner viel weniger imponiren. Und was dem Kinde ein schreckliches Wetter war, der Mann hält — — das musikalische Gewitter in der Pastoralsymphonie Beethovens schon für sehr zahm, vorausgesetzt, daß ein Hektor Berlioz'scher Donnerkeil die Einheit ist, nach der die Stärke des Gewitters gemessen wird. Es kommen ja in dem Beethoven'schen Quartette harmonische Fortschrcitungen, deren Erklärung man in Fuxens 6rucku8 aä ka-rnussum vergeblich suchen wird. Aber uns fallen sie nur mehr auf, wenn wir uns ox x>rots38o damit befassen, beim bloßen flüchtigen Anhören kaum. Und dann Philosophiren wir über die alten Regeln, um die neuen Formen uns aus ihnen zu erklären und zurechtzulegen. Was dagegen den künstlerischen Werth eines Werkes betrifft, so möge es mir gestattet sein, in einer gewiß sehr freien Uebersetznng eines alten Kirchenvaters^) ein Kriterium anzugeben. uumcius oomponera äieinin3; nnäo aoinp08itoi'68 luti 6ZuIo3 voaalnrw: komponire» heißt bilden oder gestalten; wer aber bloß in Dr.. hantirt, heißt ein-"ich wage es nicht, *1 8. 6rs§., Horn. 23 in blvangelis,; zu lesen im römischen Breviere am-Ostermontag. Ich weiß recht gut, daß dort das Wort nicht auf die Musik und die musikalischen Komponisten gemünzt ist t das dreiste Wort in anständiger Gesellschaft auszusprechen. Was nun die „Gestaltung" betrifft, so ist Mendelssohns und Beethovens Quartett geradezu musterhaft zu nennen. Gewiß nicht mit Unrecht nennt Ambras irgendwo^) Mendelssohns Werke geschliffene Krystallgefäße mit goldenem Rande. Und um ein bischen bei dem Bilde von dem Krystall zu bleiben: das Beethoven'sche Quartett ist ein krystallenes Prisma, durch das der Genius seines Urhebers durchstrahlt in allerhand Farben und Brechungen; aber es sind lauter streng logische, exakt ausge- «essene, feingeschliffene Figuren, die unser Herz erfreuen, wie uns ein schön geformter menschlicher Leib erfreut, den wir — merkwürdig genug — vorab mit einem mathematischen, verstandesmäßigeu Worte belobigen: pro- portionirt; geradeso wie wir für gewisse andere Dinge, die aus Gründen unsere Bewunderung, aber nicht unser Wohlgefallen erwerben, wiederum eine sehr mathematische Bezeichnung haben: excentrisch. — Das dritte in jener Soiree vorgetragene Quartett war von Tschaikowsky, in es-moll. Ich kannte eS bisher nicht. Das ist eine fremdländische Arbeit, düster und trübe, immer Moll und kunesire. Es ist schwer auf das erstmalige Anhören hin ein Urtheil über ein solches Werk abzugeben, ein Urtheil, das nicht ungerecht ist. Aber wenn ich mich über den Eindruck aussprcchen darf, den es auf mich gemacht, so kann ich ihn zusammenfassen, indem ich von dem bekannten Horazischen Worte ausgehe: „Norr 8ati8 est, reetg. 6880 xoarautg,; äuleia, 8unio." Und dieses äuloo ist es, das mir an dem Werke zu fehlen scheint; nichts als Klage und Migräne und Weh an allen Gliedern, kaum einmal das Zeichen eines Erlösten, der sich seines Daseins freuen kann. Da lobe ich mir die russischen Quartette Beethovens: das ist ein Nussenthum, das uns zusagt; freilich ist's ein Ausländer, der sie gemacht; aber warum soll uns nicht eine Gegend, im Gemälde vorgestellt, manchmal besser gefallen, als wenn wir uns in deren leibhaftiger Wirklichkeit befinden? Ich war froh, als das Gejammer zu Ende war. Aber vielleicht bin ich ungerecht, vielleicht kommt das den Landsleuten Tschaikowsky's ganz anders vor, und es ist mein Fehler, wenn ich den Slaven mit deutschem Maßstab messe. Ich sehe schon, bis ich dazu komme, von Pariser Konzerten zu sprechen, geht es mir gerade wie im Heimath- lande: in Paris bespreche ich deutsche Konzerte; bis ich zur Besprechung des Trakaderokonzertes komme, bin ich wieder zu Hause. Also Fortsetzung vom deutschen Boden aus. Das spezifische Gewicht und seine Bedeutung für die Molekulartheorie. * *) 8. 8. In dieser Broschüre, welche bereits vor Jahresfrist erschienen ist, wird zum erstenmale der Versuch gemacht, den Unterschied zwischen spezifischem Gewicht und Dichtigkeit, zwei Begriffen, die schon ost miteinander verwechselt worden sind, genauer festzustellen. Der Gcdankengang des Verfassers ist ungefähr folgender: I. Die Erfahrung lehrt, daß die (absoluten) Gewichte der einfachen Gase den Atomgewichten derselben proportional sind. Nimmt man daher das spezifische Gewicht des Wasserstoffs — 1 an. so fallen die spezifischen Gewichte der einsachen Gase mit den Atomgewichten derselben zusammen. Was die zusammengesetzten Gase anlangt, so erhellt aus °) Bunte Blätter, über Hektor Bcrlioz. *) Druck von I. und K. Mahr in Stadtamhof (bei Ne- genöburg). 152 Wägungeu, baß das spezifische Gewicht der Säuren, Basen, Alkohole, Aetbcr den halben, das der Salze dagegen den vierten Theil der Snnnne der Atomgewichte der verbundenen Elemente ausmacht.**) II. Anders verhält cS sich mit der Dichtigkeit der Gase. Berücksichtigen wir nämlich den bekannten Sah von Avogadro, wonach alle Gase bei gleicher Temperatur und gleichem Druck glcichvicle Moleküle enthalten, so ergibt sich, daß sie unter gleichen Umständen die gleiche Dichtigkeit besitzen. Wir können daher die Dichtigkeit eines beliebigen Gases bei 4" 0 und 1 Atmosphärcndruck als Einheit (— 1) annehmen. Da nun aber alle festen und flüssigen Körper nur mehr oder minder stark verdichtete Gase oder Dämpfe vorstellen, so erhalten wir die Dichtigkeit derselben, wenn wir das Gewicht eines festen oder flüssigen Körpers von bestimmter Ausdehnung durch das Gewicht, welches ein gleichgroßes Volumen dieses Körpers im Gaszustande bei gleicher Temperatur und gleichem Druck besitzt,***) dividiren. Einige Beispiele mögen dies erläutern: 1 . Das Gewicht eines Kubikdccimeters Wasserdampf beträgt bei 4°6 und dem Druck einer Atmosphäre 0,793 Gramm. Das Gewicht eines Kubikdecimctcrs (— Liters) tropfbar flüssigen Wassers beträgt bei derselben Temperatur 1000 Gramm. Also v. -- -- 1261 d. h. das tropsbarflüssige Wasser besitzt eine 1261 mal größere Dichtigkeit als der Wasserdampf oder irgend ein anderes Gas unter denselben Umständen hat. 2. Das Gewicht eines Kubikdccimeters Salmiakgas beträgt bei 4°0 und dem Druck einer Atmosphäre 1,178 Gramm. Daö Gewicht eines Kubikdecimctcrs festen Salmiaks beträgt bei gleicher Temperatur 1450 Gramm. Also v-, - — 1230 d. b. der feste Salmiak ist 1230 mal so dicht als der gasförmige. 3. Das Gewicht eines Kubikdecimctcrs Quccksilberdampf beträgt bei 4° 6 und dem Druck einer Atmosphäre 17,6 Gramm. DaS Gewicht eines KnbikdecimeterS metallischen Quecksilbers beträgt bei derselben Temperatur 13570 Gramm. Also v« — --- 769 d. h. die Dichtigkeit des metallischen Quecksilbers ist nur etwa 2/5 mal so groß als die des tropfbai flüssigen Wassers und des festen Salmiaks. Stellen wir nach dieser Methode die Wichtigkeiten der einfachen festen Körper zusammen, so ergibt sich, daß der Diamant die größte (— 3330), das Rubidium die geringste (— 202) Dichtigkeit hat und daß die Dichtigkeitsgrade der Metalle ibren Härtegraden, wie sie Ostwald in seinem Lehrbuch der allgemeinen Chemie Bd. I Leipzig 1885 S. 603 angibt, entsprechen. Damit ist die Richtigkeit des Satzes bewiesen, da es kaum einem Zweifel unterliegt, daß die Härte eines Metalls durch seine Dichtigkeit bedingt ist. Eine beigcgebene Tafel gibt ein Bild von der Gruppirnng und Zusammensetzung der Moleküle der einfachen Elemente, Säuren, Salze, wie sie aus dein Obeugesagten resultirl. Recensionen nnd Notizen. ckuuKinaiill Lern., In 8 titutiouö 8 tlwolo°'ias ckoZmaticao speoialis: Nraetatua cks Vratia. 8 °. xp. VI -s- 312. Uatish-onao, Vr. vustst 1896. (VI.) öl. 3,00. S. Die dogmatischen Abhandlungen des der Wissenschaft und namentlich dem Lehrstuhl allzufrüh entrissenen Löweuer Professors Bernhard Jungmann erfreuen sich wegen ihrer Prunklosen und klaren Darstellung mit Recht großer Beliebtheit, trotzdem sie in einer Sprache verfaßt sind, die der jungen Theo- **) Das spezifische Gewicht der atmosphärischen Luft ist I, 293125:0,0896 — 14,4356. Verdoppelt man diese Zahl, so erhält man den Faktor 28,87, mit dem Lothar Meyer das auf die atmosphärische Luft bezogene spezifische Gewicht der Gase multiplicirte, um ihr Molekulargewicht zu finden. ***) Da ein Kubikdecimeter Wasserstoffgas bei 4"0 und 1 Atmospbärendruck 0,0883 Gramm wiegt, so hat man nach II. L 0,0683 mit dem Atomgewicht eines einfachen und dem Molekulargewicht (-- spezifischen Gewicht) eines zusammengesetzten Körpers zu mnltipliciren, um das Gewicht eines gleichen Volumens dieses Körpers im Gaszustände bei gleicher Temperatur und gleichem Druck zu erhalten. logengeneration unbeschadet des neunjährigen GymnasialbrilleS leider eine „fremde" zu sein pflegt. Zum sechsten Mal macht jetzt schon der -Vraetatus äs vratia- seinen Gang zu den Schülern der heiligen Göttesgelebrtheit und erläßt uns damit als überflüssig, ihm ein empfehlendes Geleitwort mit auf den Weg zu geben; seine eigenen Vorzüge liegen so auf der Hand, daß er sich, wie früher so diesmal, durch diese selber am wirksamsten wird einführen können. Die übersichtliche Anordnung, die Befreiung von jedem entbehrlichen Citatcnballast macht JungmannS Handbücher zu Lern- und Wiederholungsmittcln ersten Ranges. _ Die Lauretanische Litanei nach Ursprung, Geschichte und Inhalt von Jos. Sauren, Rektor am St. Maricuhospital zu Köln. 78 S. 5 Bg. Kemptcn, Kösel. V. Vor mehreren Jahren noch bestand die Ansicht, daß der Ursprung der lauretanischen Litanei in's fünfte Jahrhundert hinaufreiche, und auch der Verfasser vorliegender Schrift hat dieser Anschauung früher gehuldigt. - Jetzt widerlegt er diese Meinung in ziemlich ausführlicher Weise. Die Autoren, welche für die Widerlegung sprechen, werden nicht bloß citirt, sondern wörtlich angeführt. Auch die auf die Litanei bezüglichen Dekrete sind dem Wortlaut nach im Anhang wiedergegeben. — Die Erklärung des Inhalts der Litanei ist bündig und zutreffend. Daran reiht sich bei jedem Titel eine kurze dogmatische Begründung, wie auch die Angabe jener Väter und Lehrer, welche der allcrseligsten Jungfrau dieselben oder rast dieselben Ehrennamen gegeben haben. Kürze und doch Gründlichkeit, das ist der Hauptvorzug dieser Schrift, welcher derselben auch manche Freunde unter den Theologen erwerben dürste. Heft 10 des Deutschen Hansschatzes, der, wie wir zu unserer Freude hören, im neuen Jahrgang wieder einige tausend Abonnenten gewonnen hat, bringt die Fortsetzung der prächtigen Erzählung von M. Ludolsf-Huyn: Die kleine Landgräfin, sowie der Nciseiomanö von Karl May: Die Jagd auf den Millionenvieb, dann die tief ergreifende Novelle einer hochgestellten Dame: Ein ewiges Geheimniß, die den tragischen Tod dcö Königs Ludwig II. von Bayern behandelt. Daran reibt sich wie immer eine reiche Auswahl von '' unterhaltenden und belehrenden Artikeln aus allen Gebieten der , Wissenschaft. Wir heben nur die folgenden hervor: Die « kleinen Religionen von Paris von Dr. I. M. Höhler, ! Das Chinin von vr. A. Schmid, Abessinien, ein Blick j auf Land und Leute, Wozu die Chemie gut ist, von A. ; Weber, Das Rad als Symbol, von Dr. Dreibach. Außer- i dem enthält das Heft, wie jedes der beliebten Zeitschrift, eine ! außerordentliche Fülle von interessanten kleinen Beitraget' Die j Illustrationen sind sehr geschmackvoll und zahlreich. s OesterreichischesLitcraturblatt, herausgegebue von , der Leo-Gesellschaft in Wien. redigirt von Dr. Franz s Schnürer. (Administration: Wien I., Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 6 : Holz hey K., Die Inspiration der bl. Schrift in der Anschauung des MittclalterS. (Univ.-Prof. Dr. Bernhard Schäfer, Wien.) (161.) -- Weiß Joh., Die musikalischen Jnstrnm.mc in den hl. Schriften des A. T. (Studiendirektor Mszr. Dr. A. Fischer-Colbrie, Wien.) (163.) — Leit- schnb Fr.. Katalog der Handschriften der kgl. Bibliothek zu Bambcrg. I.: Bibelhaudschrikten. (Ist Jld. Veit h, Prag-Emaus.) (165.) — Gebbardt Br., Die Aravamina. der Deutschen Nation gegen den röm. Host (Pros. L. Wintern, Vraunau i. B.) (165.) — Holzmann H., Theolog. Jahresbericht. XIV. Bd.: 1894. (—au.) (165.) — Romstöck F. S., Personalstatistik u. Bibliographie des bisch. Lyceums in Eicbstätt. (165.) — Nippel d Frdr., Die jesuitischen Schriftsteller der Gegenwart in Deutschland. (166.) — Haas G. E., Der Geist der Antike. (Dr. A. Fischer-C olbr ie.) (166.) - Otten Al., Einleitung in die Geschichte der Philosophie. Die Gottesidee, die leitende Idee der Entwicklung der griech. Philosophie. (Ders.) (166.) — Huber Scb., Die Glückseligkeitslehre des Aristoteles und hl. Thomas v. A. (Dr. C. Ludewig, Preßburg.) (168.)— Berliner A-, Geschichte der Juden in Rom. (Univ.-Prof. vr. L. Pastor, Innsbruck.) (169.) — Maag Rud., Daö Habsburgische Urbar I. (Pros. Max Straganz, Hall i. T.) (170.) — Mayer Gust., Lassalle als Socialökonom. (vr. Fricdr. Frhr. zu Weichs-Glonn, Innsbruck.) (181.) — Dubois F., Die anarchistische Gefahr. (S—g.) (184.) — Voigt A., Excursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen, (vr. R. v. Kralik, Wien.) (185.) — HrabLkI., Praktische Hilfstabellen für logarithmischc und andere Zahlenrechuungen. (g—r.) (185.) «» Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas k Grabherr in Augsburg- Nk-.ro 15. Mas 1896. Johann Adam Mähler. Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen Geburtstag (6. Mai) von A. G. (Schluß.)*) Mähler stand jetzt auf der Hohe seines Ruhmes, Kirchenfürsten, Gelehrte — selbst Protestanten — waren einig über seinen Nuhm. Freilich erschienen, wie dies als selbstverständlich vorausgesehen werden mußte, bald auch kleinere und größere Streitschriften gegen die Symbolik seitens der Protestanten, doch sei es mit Freude erwähnt, allermeist in ganz anständigem Tone gehalten, nicht in's Blinde hineinschreiend, krakehlend und schimpfend, wie dies in unserer Zeit mitunter sehr oft der Fall ist. Auf eine Gegenschrift sei hingewiesen aus dem Grunde, weil Möhler durch dieselbe zu einer zweiten Schrift dieses Inhalts veranlaßt wurde. Es ist die Schrift des Professors Dr. Baur in Tübingen mit dem Titel: „Der Gegensatz des Katholicismus und Protestantismus nach den Principien und Hauptdogmen der beiden Lehrbegriffe mit besonderer Rücksicht auf Möhler's Symbolik." Möhler erwiderte auf diese Schrift mit seinen „Neuen Untersuchungen der Lehrgegensätze zwischen den Katholiken und Protestanten :c." Es ist dieses Werk eine Bereicherung der Symbolik, würdevoll sind die wissenschaftlichen und persönlichen Angriffe des Gegners zurückgewiesen. Die Biographie, welche seiner Symbolik vorgedruckt ist, sagt: „Von dieser Zeit an änderte sich die Stellung Möhlers an der Universität Tübingen. Es hatte den Anschein, daß man mit wissenschaftlichen Argumenten die Blöße nicht genug verdecken zu können meinte, und glaubte sich bemüßigt, eine Polemik zu ergreifen, welche ihm den längeren Aufenthalt in Tübingen verleidete und den Wunsch in ihm erzeugte, einen andern ruhigeren Ort für seine Lehrthütigkeit aufzusuchen." Einen solchen fand er durch das Entgegenkommen Döllingers an der Ludwig- Maximilians-Universität zu München, wohin er durch König Ludwig I. von Bayern berufen wurde. Einen gleichzeitigen Versuch Preußens, Möhler für Bonn zu gewinnen, wies dieser, mißstimmt durch frühere Erfahrungen, kurzerhand zurück. So übersiedelte Möhler im Frühjahr 1835 nach München, von seinen Freunden und den Studireuden freudig empfangen. Er hielt exegetische Vorlesungen, dann las er Kirchengeschichte und Patrologie, und fühlte sich, wie aus Briefen hervorgeht, glücklich und zufrieden in seinem neuen Vaterlande. Leider sollte das Glück nur ganz kurz dauern. Nie recht gesund, wurde er zu allem hin im Anfang des Wintersemesters von einem Cholera-Anfall betroffen, später zwei Monate lang von der Grippe, so daß er auf den Rath der Aerzte nach eingetretener Besserung nach Meran ging, um seine zerrüttete Gesundheit herzustellen, von wo er auch anscheinend neugestärkt an seinen Wirkungskreis zurückkehrte. Gesund sollte der junge Gelehrte nicht mehr werden, die Lungenschwindsucht hatte ihn erfaßt und hielt ihn fest mit eisernen Krallen. Auch sein Gemüth litt in Folge der bekannten Ereignisse in Köln und der gewaltthätigen Hinwegführung *) Betreffs einiger unrichtiger Angaben im ersten Artikel vgl. Kuöpfler, Jobann Adam Möhler, ein Gedenkblatt zu dessen hundertstem Geburtstag. (Mit einem Bilde MöhlcrS.) München, 1896. Wirwerden auf diese Schuitzurückkommrn. D. N. des Erzbischofs Droste-Vischering. Noch einmal wollte die preußische Regierung ihn an eine Universität berufen, Möhler nahm wieder nicht an — es war auch zu spät. König Ludwig, Bayerns erhabener Fürst, würdigte die Verdienste des Gelehrten des oftern, so besonders auch am Neujahrstag 1838 durch Verleihung des Verdienstordens vom hl. Michael. Am 8. Januar des genannten Jahres raffte sich Möhler noch einmal auf, begann seine Vorlesungen auf'S neue, schrieb noch einen Aufsatz über „die neue Bekämpfung der katholischen Kirche" unter schweren Leiden — es war seine letzte geistreiche Arbeit, sein Körper war siech geworden, das Klima setzte ihm bedeutend zu. Da gab der König ihm einen neuen Beweis seiner Huld und Gnade, er wollte das theure Leben seinem Lande und der Kirche erhalten und war der festen Meinung, ein milderes Klima werde Möhler stärken, weßhalb er ihm die erledigte Domdecanstelle in Würzburg alsbald nach dem Tode des seitherigen Inhabers verlieh. Möhler war über diesen Beweis zarter Aufmerksamkeit und Fürsorge seines Monarchen tief und innigst gerührt und schrieb nach dem Nekrolog seines Schülers und Kollegen Kühn an einen seiner Freunde am 25. März vom Krankenbett aus folgendes: „Die Gnade meines KonigS hat mich vor wenigen Tagen zum Domdechant in Würzburg ernannt. Der König hat mich in ganz besondere Affection genommen, wie es scheint, denn sobald der Tod meines Vorgängers ihm bekannt war, gedachte er meiner, weil ich mich in dem besseren Klima am Main und ohne die Last öffentlicher Vortrage am besten erholen könne, woran ihm gelegen sei. Daher wußte ich von der ganzen Sache nichts, bis man mich nach bereits unterzeichnetem Dekrete durch eine Botschaft au§ dem Ministerium des Innern wohl nur zum Schein noch fragen ließ, ob ich die Stelle auch annehmen würde.* So gut gemeint und so ehrenvoll diese Berufung war, so hat sie sicher Möhler nicht mit ganz ungemischter Freude aufnehmen können. Er erfaßte ja sein Lehramt, zu dem ihn der Himmel berufen, für welches Gott ihn mit so reichlichen Talenten ausgestattet hatte, in dem er bisher so herrliche Erfolge erzielte, mit einer Liebe und einer Begeisterung, wie selten ein Zweiter, die Trennung von diesem seinem Amte mußte also ihn sicher auch wehmüthig stimmen. Er ahnte aber noch mehr als dies. Nach Kühn äußerte er einem Freunde gegenüber, der ihn zur neuen Würde beglückwünschte, merkwürdiger Weise Folgendes: Er habe oft in der Geschichte die Bemerkung gemacht, daß Gott Personen, die er im Leben oft begnadigt hatte, am Ende, zur Trennung von dieser Welt, noch mit dem Schimmer einer zeitlichen Würde über- kleidet habe. Er könne es, ohne undankbar zu sein, nicht verhehlen, daß Gott ihn mit vielen Gnaden überhäuft habe, aber nun möge wohl auch an ihm sich jenes Vorzeichen erwahren. Seine Ahnung wurde leider nur allzubald zur vollsten Wahrheit. Katarrh und Heiserkeit nahmen zu, die Fieber zehrten die letzten schwachen Kräfte auf, in der Charwoche empfing er die heiligen Sterbsakramente und ordnete seine zeitlichen Angelegenheiten. Am Gründonnerstag dem 12. April entschlief er ruhig im Herrn im Beisein seines Beichtvaters Dr. Alois Büchner, der nicht von seiner Seite wich. Kurz vor seinem Tode sagte er, vom Schlummer erwachend: „Ach! jetzt hab' ich's gesehen, jetzt weiß ich's, jetzt wollte ich ein BuÄ 154 schreiben, das wüßte ein Buch werden; aber jetzt ist's vorbei!" Es war vorbei, viel zu früh nach menschlicher Meinung, denn Möhler hatte das zweiundvierzigste Jahr noch nicht zurückgelegt; jung an Jahren, reich an Verdiensten starb er und wurde am Charsamstag dem 14. April bestattet, tief betrauert von seinem König und beweint von feinen vielen Freunden. Im Jahre 1842 wurde ihm auf seinem Grabe ein sehr schönes Denkmal errichtet, ein Werk des Meisters Josef Entres in München; der Magistrat der Stadt München schenkte den Grabplatz der theologischen Fakultät. Die Grabschrift lautet folgendermaßen: lloboiinso Läoimis Llillilor. 8Z. Ilisologlos voetor. st. llrokossor. I?: 0: in Ilnivorsitato I'neding-onsi. er. Llonoosvm. 6oM: 6o.tcksär: IViroebm'A: Oocanns. vLsig'ii: Oräiiu 8t,: illiodool: zwo. mvritis. lllgues. diatns . Ig'orgbsmii. in IVnertonrberg'L. xoiäio . dlon. lllojas . 1796. Vskeusor. lkiäsi. Illtorornm . Vsens . bloelosios Lolnmen. Obiit. Ilonnobii. priäis. Iclns. Lxril. 1838. Noch sei bemerkt, daß in der neuen Kirche seines Geburtsortes dem frommen, gelehrten Sohne ein Denkmal errichtet wurde. Sofort nach dem Tode erschienen sehr viele, edel gehaltene Nekrologe von Freunden und Bekannten in Zeitungen sowohl, als in Zeitschriften. So sagt u. a. ein am Tage nach der Beerdigung des Seligen erschienener Nekrolog in der „Allg. Zig.": „Möhler erwarb sich in kurzer Zeit allgemeine Liebe und Verehrung; über den hohen Werth dieses Mannes war nur Eine Stimme. Tausende in Deutschland, ja in Europa, werden den Verlust eines solchen Mannes als einen unersetzlichen fühlen. Durch seine Werke steht sein Ruf als der eines der ersten ka- iholischen Theologen neuerer Zeit fest gegründet. Gewiß ist, daß die große, fieberhafte Aufregung, in welche ihn die kirchlichen Ereignisse der neuesten Zeit und ihre so tief greifenden Folgen versetzten, wesentlich — auch nach der Erklärung der Aerzte — mit zu seinem Tode beitrugen." Der protestantische Dekan Kling in Marbach sagt in der Nealencyklopädie für protestantische Theologie von Herzog über den Verblichenen u. a.: „Möhler war ein Epoche machender Geist und ein hellscheinendcs Licht in der römisch-katholischen Kirche unserer Tage, und auch die evangelische Kirche, von der er vieles empfangen hat, hat ihm einerseits viele Anregung und Belehrung zu verdankn, sowohl unmittelbar als mittelbar." Der Biograph lobt sodann seine „aufrichtige Frömmigkeit, seinen hohen änlichen Ernst, sein zartes und feines Gemüth, seinen klaren, ausgezeichnet gebildeten Geist, seine feste und entschiedene Persönlichkeit" und schließt mit folgenden schönen Worten: „Wir aber, in fester Zuversicht, daß er jetzt in hrllrm Lichte schaut, was ihm hienieden dunkel geblieben, preisen ihn selig, daß er überwunden hat und, dem Kampf entrückt, des Friedens genießt, den seine Seele liebte und suchte." Garns schließt sein Werk übe» Möhler mit folgenden Worten: „Was Papst Gregor XVI. in seiner Allocution vom 21. November 1845 über den Tod des Clemens August, Erzbischof von Köln, sagte, das dürfen wir auch zum Theil auf seinen Vorläufer (Möhler) beziehen: „Kraut illustris st slarus luit in tsrris, sis st in ovslis, orriu oranilru8 iis, rsui nci justitirrrrr erudiunt wnltos, cfnrrsi stelln. tulZsat in xsrxstrurs rrstsrnitatss." Nur Einer wagte es, einen Stein aus Möhler zu werfen in seinen „Erinnerungen an Möhler", so dgß selbst ein Recensent in der „Allg. Ztg." gesteht, daß ihn diese Erinnerungen „angewidert haben, und zwar gründlich", und dieser Eine ist Dr. David Friedrich Strauß. Der Name genügt vollauf, um die Gesinnung zu erkennen! Vgl. hierüber Knöpfler, a. a. O. S. 94. Der selige Möhler war groß von Statur, aber schmächtig und zart gebaut; seine äußere Haltung stets edel, voll Würde und Anstand; seine Gesichtsbildung fein, regelmäßig und einnehmend; in seinem großen dunklen Auge ein sanftes Feuer, welches über das sonst leidend blasse Antlitz eine unbeschreibliche Anmuth ausgoß. Wie seine Körpercomplexion, so war auch seine Stimme zart und schwach, aber wohlklingend, sein Accent rein, ohne das Widerliche einer besondern Mundart. Wer ihn daher auch nur das erstemal gesehen, fühlte den angenehmsten Eindruck seiner Erscheinung. Er redete in der Regel wenig, aber was er sprach, war tief gedacht, der Ausdruck nicht gekünstelt, aber gewählt. Möhler war ein frommer Priester, sein Wandel stets tadel- und fleckenlos, aufgebaut auf die Grundtugend der Demuth. Ueber die Gelehrsamkeit Möhlers braucht weiter kein Wort mehr geschrieben zu werden, es gebührt ihm unstreitig ein Platz unter den Gelehrten ersten Ranges seiner Zeit, die Lehrgabe war ihm im vorzüglichsten Grade eigen, er hielt seine Vortrage in der Regel alle frei in einfacher Sprache. Wir schließen mit den schönen Worten, die einer seiner Schüler, Josef Heß in München, ihm nachgerufen: „Wer fühlt nickt die Seele sick erheben, Wenn ihm die Brust vom beil'gen Dränge schwoll, Wenn ihm der Mund von krastcrfülltcm Leben Aus reinster Tiefe strömend übergärst? Wer je au solchem Borne sich crguickct, Der ging gestärkt im Herzen und beglücket, Den trieb es immer wieder, und er ging Zum Quell, wo er den ersten Trost empfing. Und wenn der süße Wohllaut seiner Rede L>anit zitternd in die tiefste Seele klang, Wenn Gottes Geist um seine Züge wehte Und feinen wunderbaren Blick vurckdrang: — Wer kann es sagen, was in jenen Stunden Mit ihm ein Jeder selig mitemvfundcn; Was jeden wieder im geraden Flug Zur Höhe seiner Christenwürde trug?" Pfülf, 8. Cardinal von Geiste!. Aus seinem handschriftlichen Nachlaß geschildert.*) Aus der Pfalz. Spät schreibe ich über Pater Otto Pfülfs „Cardinal von Geissel", aber ich schreibe. Hätte ich dem Reize des pfälzischen Nationaljtolzes nachgegeben, so würde ich das Werk unseres Spcyerer Jesuiten über unsern größten Pfälzer Landsmann von vornherein schon der ganzen Welt empfohlen haben, nicht bloß zum Lesen, sondern auch zum Anschaffen, denn man muß die Bücher seiner Freunde, pflegte unser seliger Molitor zu sagen, nicht bewundern, sondern kaufen. Nachdem ich nun das Werk über Geissel kenne und zahlreiche Beurtheilungen desselben gelesen und gehört habe, kann ich es auch in der „Postzeitung" mit um so besserem Rechte zum Kaufe empfehlen. Wir wollen nicht darüber streiten, ob die zwei Bände eine biographische Documentensamm- lung genannt werden müssen, oder eine documentarischc Biographie; wir wollen uns vielmehr mit einem der gelehrtesten, aus den Zeiten Geissels noch überlebenden Theologen darüber freuen, daß wir eine solche Darstellung des Lebens und Wirkens unseres großen Cardinals über- *) Frciburg, Herder. 2 Bände ö. 9 M., geb. M. 11,50. 155 Haupt besitzen. Alle Urtheile sind darüber einig, daß dieses Werk die Schranken einer Biographie weit überschreitet und ein gutes Stück neuester Kirchengeschichte Deutschlands bietet. Wer die gegenwärtige Lage des Katholizismus in unserem Vaterlands aus ihren Ursachen verstehen lernen und mit gutem Erfolge für die Zukunft der deutschen Kirche fortwirken möchte, sollte Pfülfs Leben des Cardinals studiren und benutzen. Es ist ein Buch zur Belehrung für Könige, Staatsmänner und Kirchen- fürsten, wie auch eine Fundgrube für katholische Redner und Publicisten. Aber auch die beschaulichem Leser, die sich bloß persönlich unterrichten und erbauen, die Leid und Freud' des kirchlichen Lebens mitmachen wollen, können aus Psülfs „Cardinal v. Geissel" bestimmter und genauer sich darüber aufklären, wofür sie bangen und hoffen, wofür sie in ihrem engern Kreise wirken und in ihrem stillen Kämmerlein beten sollen. Mit Bewunderung sehen wir da, wie unter dem Fortwirken ererbter Frömmigkeit durch jene von Colmar und Liebermann erworbene wissenschaftliche und kirchentreue Richtung, besonders aber durch die Anhänglichkeit an den päpstlichen Stuhl, aus dem frohgeselligen poetischen Pfälzer ein Bischof wurde, dessen Beredsamkeit an Bossuet, dessen Herrschergeist an seinen Vorgänger, den großen Anno, und dessen neubelebendes Wirken an den Apostel Deutschlands erinnert. Es ist kein schön'rer Anblick in der Welt, Als einen Fürsten seh'n, der klug regiert. Geissel hatte bereits in der Kirchen- und Schul- verwaltung mit dem weltlichen wie auch geistlichen Bureaukratismus amtlich und publicistisch so viel gckämpft, daß er selber, zum Negieren berufen, nicht bloß klug, sondern apostolisch regiert hat, mit Geduld, mit Beharrlichkeit, mit Eifer, mit Liebe. So gelang es ihm, ohne der Sache zu vergeben, mit Leuten der verschiedenartigsten Richtung wenn nicht gerade immer gut, so wenigstens doch nicht schlecht zu stehen und durch Schwierigkeiten hindurchzukommcn, die man für unüberwindlich halten mußte. Die Freundschaft des Königs Ludwig I. und seines Ministers Abel hatte schon in der Pfalz dem Bischof Geissel ein über die Schranken des Bureaukratismus Hinausgreifendes Wirken ermöglicht. Die bis zur Vertraulichkeit gehende Zuneigung des geistvollen Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, welchem Geissel durch König Ludwig empfohlen war, half ihm durch ihr fast in jedem Anliegen gewährtes Entgegenkommen gegenüber dem Mißtrauen der rheinischen Bevölkerung, gegenüber den sectirerischen Umtrieben des Hermesianismus und Nongeanismus und im Kampfe gegen die mit allen katholikenfeindlichen Bestrebungen einverstandene Pietistische preußische Bureaukratie. So sehen wir denn unsern Geissel zuerst das Vertrauen des alten Erzbischofcs Clemens August und bald auch das seiner Diöcesanen gewinnen, den Ausbau des Kölner Domes betreiben, die Hermesianer unschädlich machen, sein Domcapitel erneuern, das Vereinswcsen befördern, dem Ron- geanismus entgegentreten, mit Leuten wie Eichmann, Eichhorn, Bodclschwingh, Bunsen sich hcrumquälen, die ganze Diöcesanverwaltung neu organisiren, die Verfassung vom 5. Dezember 1848 schleunigst ausnützen, mit den katholischen Volksvertretern in den Provinzialtagen, im Landtage und im Frankfurter Parlamente in lebendige Beziehung treten, die preußischen und deutschen Bischöfe um sich und um den hl. Stuhl einigen (Würzburger Versammlung) und dadurch auch das katholische Volk durch ganz Deutschland fester um seine Hirten schaaren, Knabenseminare zu Neuß und Münstereifel gründen, den wich tigsten Verein unter allen, den Geselleuvereiu, pflegen, durch großartige Kirchenfeste dem religiösen Leben begeisterten Aufschwung geben, zahlreiche Klöster und Ordenshäuser errichten, für das Recht der Kirche auf die Schulen eintreten, die katholische Wissenschaft und Presse begünstigen, den Kircheugesang heben, die christliche Kunst auf jede Weise unterstützen, zahllose kleine und große Quälereien von Seiten der preußischen Bureaukratie aushalten, ein Provinzialconcil berufen, persönlich nach Rom zum hl. Vater reisen und sonst nach allen Seiten innerhalb und sogar außerhalb Deutschlands seinen Einfluß geltend machen. Die Kirchengeschichte von ganz Deutschland hatte sich an seine Person geknüpft. Der Papst schaute mit Stolz und Anerkennung auf den Erzbischof des deutschen Rom und verlieh ihm 1880 den Car- dinalspurpur. Der König Friedrich Wilhelm IV. gratu- lirte ihm mit den Worten: „Der Gedanke, die Besten der deutschen Kirche (Geissel und Diepenbrock) mit dem römischen Purpur zu bekleiden, ist Pins'IX., des durch Trübsal Verherrlichten würdig," und verlieh ihm 1885 den Schwarzen Avlerordeu. Auf dem Todesbette noch empfing Geissel die Nachricht, daß unter Zustimmung Napoleons III. eine starke Partei unter den Cardinälen ihn zum Nachfolger Pius' IX. ausersehen habe. Er sollte der „kommenden Heimsuchung", die er vorausgeahnt hatte, enthoben werden. Noch auf dem Krönungsfeste in Königsberg von Wilhelm I. und der Königin Augusta auffallend ausgezeichnet und vom alten Wrangel wegen seiner kühnen Worte gegen die Schändlichkeiten Piemonts mit einem Händedruck begrüßt, konnte er sich einer unheilvollen Vorahnung nicht erwehren. „Ich beginne zu fürchten, sagte er zu seinem Weihbischof, wenn ich sehe, was Alles in Deutschland zur Stärkung des Glaubens geschehen ist und geschieht. Solche Wunder und Zeichen deuten auf kommende Heimsuchung." Sechs Jahre vor dieser Heimsuchung ward er selber in gnaden- vollster Weise heimgesucht am 8. September 1864. Die Entstehung der Kaiserchronik. (Fortsetzung.) 8. 8. Wie nun, wenn der Dichter des Nolands- lieds, der sich als Pfaffen Konrad bezeichnet, mit dem erwähnten Bischof Kuno von Negensburg, den wir schon als Dichter des Auuolieds kennen gelernt haben, identisch wäre? In der That läßt sich manches zu Gunsten unserer Hypothese anführen. Denn 1. ist Kuno nur eine geläufige Abkürzung für Konrad; 2. steht von Bischof Kuno fest, daß er vor seiner Ankunft in Negensburg als Lehrer an der Hochschule zu Paris thätig war; er war mithin der französischen Sprache ohne Zweifel soweit mächtig, daß er eine französische Dichtung in's Lateinische übertragen konnte, um sie dann auf Befehl der bayerischen Herzogin in deutsche Verse zu bringen; 3. fällt die Dichtung in die Zeit seines Pontifikats, denn sie kann wegen der Verse 9024 und 9025 „Des (be)gchrte die edle Herzogin (— Gertrud, Tochter König LolharS) Eines reichen Königs Barn (Kind)" nur zwischen dem 29. Mai 1127 (an welchem Tage die Vermählung Heinrichs des Stolzen mit Gertrud stattfand) und dem 4. Juni 1133 (an welchem Tage König Lothar in Rom die Kaiserkrone empfing) entstanden sein. Nach Kuno's Tod aber (er starb am 19. Mai 1132) trat eine Zeit heftiger Kämpfe zwischen dem bayrischen Herzog und Kuno's Nachfolger Heinrich, Graf von Wolfratshausen, ein, welche einer solchen Dichtung nicht förderlich war. Demnach werden wir die Entstehung derselben wohl noch vor Kuno's Tod (um's Jahr 1130) anzusetzen haben. Für Kuno b) spricht auch die Anspielung auf den Markgraf Diepold, da letzterer der Gönner seines Freundes Gerwig war — der Kuno von Siegberg nach Negens- burg begleitet hatte — und diesen bei der Gründung deS Klosters Waldsassen kräftigst unterstützte (1130). Endlich fehlt es dem deutschen Nolandslied nicht an Anklängen an das Annolied. In V. 7979—81 kehren die Verse des Annolieds 443—446 fast wörtlich wieder. Der Ausdruck insr-Zurta (für Welt) findet sich Nolandslied V. 2942, der Ausdruck volarvia (für Schlacht) ebenda V. 699, 2073, 3847; vgl. auch noch V. 4370 mit Annolied V. 455 und 456. Aber auch die Kaiserchronik ist, wie längst H. Wclzhofer (Untersuchungen über die deutsche Kaiserchronik des 12. Jahrhunderts, München 1874) und W. v. Giese- brecht (Geschichte der deutschen Kaiserzeit 4. Bd. Braunschweig 1875 S. 399 f.) dargethan haben, in Negens- burg gedichtet. Die Anhaltspunkte, welche wir hiefür besitzen, sind folgende (s. E. Schröder a. a. O. Einleitung: „Die Kaiserchronik eines Negeusburger Geistlichen" S. 46 f.): 1. Keine Stadt ist darin so häufig genannt als Negensburg. Schon zu Anfang des Werks wird es als Gründung des Kaisers Tiberius aufgeführt, von dem eS den Namen Tiburnia habe, s. V. 683 f.r „Da er (Tiberiuö) die Heiden alle bezwäng, Da fuhr er in deutsches Land. Er kam zu einem Wasser, heißet Donau. Da griff er wohl zum Bau, Eine Stadt baute er da, Geheißen Tiburnia, Nun heißet sie aber NatiSbona." °) 2. An anderer Stelle wird Negensburg kurzweg als die „Hauptstadt" bezeichnet, wie außerdem nur noch Nom, s. V. 16822 und 14327. 3. Mit Vorliebe gedenkt der Autor der Einfälle der Ungarn und Böhmen/") durch welche auch Bayerns Hauptstadt bedroht war, und der in Negensburg abgehaltenen Hoftage. 4. Vers 7044 macht er einen Burggraf Wirnt °) Dr. Wilhelm Wald („Ueber Konrad, den Dichter des deutschen Nolanvslicdes", Programm des Gymnasiums zu WandSbeck 1879) denkt an Abt Konrad von Tegernsee (1131-55). °) Diese Nachricht taucht zuerst in der Nranslalio s. vio- nxsü trsoxagitae (Llon. 6orm. biet. 88. IX z>. 353) und in emer ebenfalls ,m 11. Jaln hundert gefälschten Urkunde des Klosters St. Emmeram in RcgenSburg aus (s. F. Jänner, Geschichte der Bischöfe von R. I S. 117: »iuxta muros eivitatns 'Izchuiinae, gnas a I'z'dsrio Oaesaro LuAuslo aoäiüeata. est, guas moüo vuloo axgellata e3t UkK'anioxureb-) und dürfte außerhalb Negensbnrgs nur geringe Verbreitung gesunden haben, vgl. noch die Annalen des Negeusburger Kanonikus Hugo von Lcrchcnfcld z. I. 783: »kriiuum apuci LeZsinoiiolim, guas et Latisbona. äioitur sl Liatosxolis st Iinbripolis et Niburnia, Iraereais b'olieiana. äsvinoiturr, und vita Lltwanni oap. 28. ") Bei einem derselben läßt er den Böbmcnkönig bis Sallern bei Negensburg vordringen, s. V. 7034. Im Uebrigen ist er über Böbmen gut unterrichtet und kennt sogar den Titel der böhmischen Großen (Suppane). Er bezeichnet den Böbmer- wald einfach als den „Wald" und ist aus das Volk der Böhmen als Nachbar schlecht zu sprechen > namhaft, wobei er offenbar einen Burggraf von Negensburg im Auge hat. 5. Bet der Schilderung der Heldenthaten, welche Heinrich der Stolze auf dem zweiten italienischen Feldzug König Lothars vollbrachte (1137), weiß er von einer kühnen List der „Abensäre" zu berichten, unter welchen nur die Abensberger verstanden sein können (sie verkleideten sich als Wallfahrer, verbargen aber Schwerter unter dem Pilgergewand und überrumpelten auf diese Weise das Kloster Montecassino). Endlich hebt er mit auffallender Betonung hervor, daß Graf Friedrich von Falkenstein (-Bogen), der Ne- gensburger Domvogt, im Jahre 1128 den Prätendent Konrad nach Italien begleitet und Bischof Heinrich von Negensburg im Jahre 1138 im Bunde mit dem Böhmen die Wahl dieses Konrad — der „ehe wider dem Reiche was" — zum deutschen Könige den Welsen zum Leide durchgesetzt habe. Alles dies beweist, daß der Verfasser der Kaiser- chronik mit den Negensburger Verhältnissen wohlvertraut und ein eifriger Anhänger der wclfischen Sache war, weshalb er auch dem Herzoge Heinrich d. St. und dessen Schwiegereltern Lothar und Nichenza, deren Negenten- tugenden er in den wärmsten Worten preist (V. 17169 f.), ein Gebet in's Grab nachsendet. Damit gibt er sich zugleich als Zeitgenossen dieser Fürsten zu erkennen, und wenn er daher einige Zeilen später (V. 17283) nach Erwähnung der Kreuzzugspredigt des hl. Bernhard zu Spcyer, welche Konrad bestimmte, das Kreuz zu nehmen (27. Dezember 1146), mitten im Satze abbricht, so liegt die Vermuthung nahe, daß ihn der Tod bei der Arbeit überrascht habe." ") Wie dem auch sei, jedenfalls sind die letzten tausend Verse nicht vor dem Jahre 1147 gedichtet (schon V. 16253 wird K. Heinrich II. als Heiliger angerufen, die Kanoni- sation Heinrichs II. erfolgte aber erst durch Bulle deS Papstes Eugen III. vom 14. März 1146). Andrerseits unterliegt es keinem Zweifel, daß der Verfasser noch zu Lebzeiten Konrads III. (gest. 15. Februar 1152) sein Werk abschloß, denn wie sollten wir es sonst erklären, daß er weder Heinrichs des Löwen, noch Friedrich Barba- roffa's mit einer Silbe gedenkt! Wahrscheinlich hatte er, als er die Schlußverse schrieb, sogar noch keine Ahnung von dem schlimmen Ausgang des zweiten Kreuzzugs, denn andernfalls würde er wohl kaum die Predigt des heil. Bernhard, der nach demselben mit Vorwürfen überschüttet wurde, als „süße Lehre" bezeichnet haben. Es dürfte daher das Jahr 1149 als spätester Termin der Vollendung des Werkes zu betrachten sein. Hier aber erhebt sich eine neue Frage: Wer ist der Verfasser der Kaiser- chronik? Die Antwort lautet: Ohne Zweifel ein Mönch von St. Emmeram in Negensburg, und zwar aus folgenden Gründen: n) Nur einem St. Emmeramer Mönche konnte eS beifallen, bei der Erwähnung des Kaisers Arnulf in anachronistischer Weise die Emmeramslegende einzuschalten (V. 15556 f>), da nur ein Mönch dieses Klosters darauf Werth legen mochte, daß Kaiser Arnulf das Stift St. Emmeram vor Zeiten reich bedachte (Ooäax aursus, usäiLuIa turritu). b) Gerade in der Bibliothek von St. Emmeram ") Erst hundert Jahre später wurde die Dichtung in Nc- gcnöburg fortgesetzt (bis auf den Tod Friedrichs II.), und eine einzige Handschrift führt die Geschichte bis in's Jahr 1274 (um 1281). waren sLon frühzeitig (schon im 10. Jahrh.) mehrere jener Werke vorhanden, welche der Dichter der Kaiser» chronik in ausgedehnter Weise benutzte (s. d. Bücher» katalog, welchen Abt Namwold, der Zeitgenosse des heil. Wolfgang, anfertigen ließ, bei Jänner a. a. O. I. S. 417 f.), nämlich: 1. lüiiri II s. Lilvestri — Silvesterlegende (heute oliv. 14540 der Münchener Staatsbibliothek Lw. K 43 vadr. 3. IX toi. 177 8H.: Lotus 8. Lilvsslri exissoxi urbis Komas; vgl. ebenda olm. 14704 — Km. (188 8. XI toi. 101 8^.: Vita et aotus 8. Lilvostri urstis Komas spiseoxi). 2. Kistsr I Olsmsntis — die sog. roooZnitiovss Olsmsvtis in zehn Büchern (heute «Im. 14253 d. M. St.-B. Km. 0 72 mstr. 8. IX toi. 5 8st.).^^) 3. Ein Kasmonals — Heiligenlegende (heute oliv. 14418 d. M. St.-B. Lm. L 41 ivlir. 8. IX). 4. Oesta Xaroli I. — Llonaestus LanZallsvsis. 5. I-ibsr vliroviooruiv — Kisron^mi (Lussbii) olirovioov. Der ersten Handschrift hat der Dichter außer der Legende der Siebenschläfer (toi. 226 8y.: Os8ta saoo- torniv VII riormisntium stui iv Lplioso äormiunt --- V. 6417—6442, V. 13491—13642) die Episode über Silvester V. 7806—10613, der zweiten Handschrift die Episode von Faustintan V. 1219 - 4038, also beiden zusammen den Stoff zu 5800 Versen entnommen. Dem Passionale entlehnte er die Legendendes SixtuS, FelicissimuS und Agapitus (s. tol. 37 sst. Do xassiovo 8Lvotvrurv Lixti, Ksliewmmi, L^axiti), des Laurentius (tol. 38 8H. Ks passious sanoti Kaursntii), des Hippo- lytus (tol. 41 8°) -Xcmnug Ligisirnrucls oob Lon. 6arl IX. bistorler« II. S. 117-18, 134-190. Vollstreckung, indem ihm bei lebendigem Leibe der Büttel das Herz aus der Brust riß und vor den Mund warf. Sterbend soll er noch durch den Ruf „Jesus, Maria" seinen katholischen Glauben bekannt haben. In seinem „Lobgesang auf katholische Märtyrer" äußert sich Messenius (Leoncl. 111. IX. xass. 56) hierüber folgendermaßen: »Uormngns primus ketrns Xrioius, tzuä Ouiuxianus mortuus in üäs Lostusguo ülazorum üäslis, 8s morisr guo^us oonütstur; Perro rossotum xeetus is iuschcit, 6nm Nktrs llssum suavitsr iuvoeat; vuin 6oräs privutus, suprswam Marteret ex aaimo gaerstam. Die Palmskiöld'sche Sammlung der Universitätsbibliothek zu Upsala") enthält folgende auf Petrosa bezügliche Notiz: »Detrue Hoinaiiovits, HeZi8 6aroli noni aä Oaesarera Uu-Iolluiu I-e§atu8, laetionis I'olouieas convictus, corairr orc1ini5u8 OsreffroZius, lrorrenäo uüksetue 8uxx1ioio. tzui anto martern 86 eatlrolieum 6886 xulum 60 irt 68 tatus, xro 8ui UvAmuti8U8- 86rtiori6 ta.irta.8 xrocluxit ratioirse, ut äootor Ic>1rarrii68 Unumanirus xostrirliü illas xro Loireioire retutare rvZaretur." Es wäre sehr zu wünschen, daß Nachforschungen in den schwedischen und polnischen Archiven gepflogen würden, um darüber Klarheit zu schaffen, ob Erici thatsächlich sich in Conspirationen gegen seinen Landesherrn eingelassen habe, oder ob er lediglich als Opfer seiner Glaubenstreue unter dem Vorwand des Verraths den Martertod für Christus und seine Kirche erlitten hat. 8 13 - Der letzte jener finnischen Jünglinge und Männer, welche in auswärtigen Jesuitencollegien studirten und dadurch veranlaßt wurden, mehr oder minder vollkommen zum Katholicismus überzugehen, war ein Sohn des protestantischen Bischofs von Abo, Erich Erici Sorolainen. Zum Unterschied von feinem Vater nannte sich derselbe Lrieue lH> 06 U 8 i 8 flunior oder auch Lrierm Urioi Uffosiwm. Bei seiner Geburt") bekleidete der Vater wahrscheinlich die Stelle eines Rektors in Gefle. Die Mutter, deren Familienname nicht feststeht, dürfte eine Schwester der Gattin des (prot.) Dompropstes von Vestcras gewesen sein. Sie war 1607 bereits unter den Todten. Eine Schwester Erikssons hieß Birgitta. Nachdem derselbe (vermuthlich) die Schule zu Abo mit bestem Erfolg besucht hatte, begab er sich zunächst nach Schweden zu dem obengenannten Dompropst von Vesteras, Salomon Birgeri Wallcnsis, und knüpfte dort mit dessen Tochter Anna ein Liebesverhältniß an, das nicht gerade platonisch gewesen oder wenigstens geblieben zu sein scheint. Im Uebrigen war er darauf bedacht, sich einflußreiche Beziehungen zu schaffen. Im Jahre 1600 bezog er die Universität Rostock, später wohl auch Jcsuiten- schulen und ging dann nach Krakau, wo er den Kaplan des Königs Sigmund, den durch seine „Viti8 Hgui- lonia," bekannten Johann Vastovius kennen lernte. Nach erfolgten: Ucbertritt zur katholischen Kirche verweilte er zwei volle Jahre im OolleZium Oermuuioum. Seine Hoffnung, vom Vater Geld zur Heimreise zu bekommen, schlug fehl, zumal der junge Mann sich zum Schrecken feiner Eltern die Priesterweihe ertheilen ließ. So mußte -°) X. XIII. venealoA. 8v. 6otb. Pom. XUV. Lit. R. kars III. S. 185. ») Circa 1580 (?). er für's Erste noch in der Stadt am Tiber verweilen. Später soll er sich über Deutschland nach Polen begeben haben. Die Heimath sah er niemals wieder; wahrscheinlich zu seinem Glück, denn wie leicht hätte ihn das traurige Schicksal anderer Convertiten treffen können, von denen die schwedische Regierung die Wohlfahrt des Reichs und der lutherischen Kirche gefährdet erachtete. Katholische Sympathien zu hegen, war damals im Wasa- reiche ebenso hoffnungslos wie gefährlich. Aus gleichem Grunde stockte bald der Zugang von Schweden und Finnen zu den jesuitischen Lehranstalten und hörte allgemach ganz auf. Es beweist dies ein Vraunsberger Visitationsprotokoll vorn Jahre 1741. Die Frage: „tznurs ox rsZais et xrovinoiis, xro c;uil>us 68b tacta l'unduckio, non 8U8oixig.ntur juvon68?" wurde folgendermaßen beantwortet: „Lt hniäein Hnod Lvetiana, Ltotlrinin, Vundulinw, HorvoZium, Oaniarn attinot, luorunt primitrm udmissi juvenös Iruinrn irationaur ^uairr xluriini, nb eonstab ox raabrioula. ulunrnornur U8<^no ad lanaxora (tai'oti Lveoi, LiZlsrnnndo III. rsZi ?o1onia,6 rofföllis, yni ex odio contra, trnno regoin conoexto duv8 sx Lveois, ^ni in ulnnrnatn lusrant, czuusi onnr rege kolonia.6 oons^irnssent, orndelissiino snxxlioio nü'ecit, xroinnlgnta. insnxsr lege, N6 nlluL xost trac Kvecoruin alurnna-tnin Lrun8derg6N86rn ingrediatur, ant aliffi apnd de8uitN8 Student, snii a,inis8ion6 donornin suaec^ue lraeredi- tnti8 nunc;narn ndeunda.6, xo3t osnod dscretuin rnrns ex Luevia. et Ootffiu Iino venit, nrodo ssverioridus legrffus in 60 regno nd lavorern Iiaereseos tubri- cutis,^) piano nullu3.") Neceusiouen und Notizen. Heinrich Naspe. Drama in 4 Auszügen von Dr. Franz K lasen. Zweite, neu bearbeitete Auflage. München, Lentncr. 1896. VI, 111 S. M. 1.50. -v- Es ist unbestreitbar ein erfreuliches Zeichen, daß Klasens „H. Naspe" in Jabressrist bereits neu aufgelegt werden mußte. Ueber die erste Auflage babcn wir in Nr. 1 der Beilage vorn 4. Januar 1895 ausführlich berichtet. Wir können heute darum Inhalt und Geist des Dramas als bekannt voraussetzen und wollen nur auf das ueu Bearbeitete hinweisen. Das Stück hat in seiner zweiten Auflage eine thatsächliche Verbesserung erfahren, es hat bedeutend gewonnen. Nicht nur in formaler Hinsicht, in Sprache und Metrik, sondern auch im inneren Organismus. Vers und Ausdruck sind gefeilt worden, wie ein Vergleich der beiden Auflagen leicht ergibt. Der dramatische Ausbau ist fester gefügt, die Struktur straffer geworden, vieles tritt plastischer heraus. Die erste Scene des II. Aktes zeigt eine völlig umgemodelte Gestalt, und, waS wir bei unserer citirtcn Besprechung glaubten ehedem aussetzen zu müssen, den Mangel an Entwicklung und Erklärung im Charakter NaSpcS, daö ist behoben Worden. Ebenso kommt der inneren Geschlossenheit des Ganzen es sehr zu statten, daß der III. Akt jetzt mit dem titanen- trotzigen Selbstgespräche NaspeS schließt und nicht mehr mit der süßen Abschiedsaric der Elisabeth: „Ich wollt' nach Ungarn gehen." Elisabeth bleibt überhaupt da, Naspe läßt sie (IV. 1) einkerkern, und am Schlüsse des Dramas erscheint sie versöhnlich nochmals an der Leiche ihres Uebelthäters. Die Geister- crscheinungcn in IV, 3 der alten Auflage sind weggelassen, dasür führt der Dichter den jüngeren Bruder Konrad zu einem psychologisch wichtigen Gespräche mit Heinrich Naspe ein. Ucberhanpt haben die neuen Zuthaten und die Streichungen und Kürzungen den Helden sowohl wie die Hauptpersonen des Stückes uns menschlich näher gerückt. Bei einer Vühneuauffübrung würde der Dichter ganz gewiß sich auch noch zum Weglassen der Ansprache Elisabeths an den Geist ihres Gemahls bekehren (vgl. unsere Gründe in der angeführten Besprechung). Einer solchen ") sind jetzt abgeschafft und bestehen katholische Gemeinden in Stockholm, Göteborg, Malmö, Gefle; auch im finnischen Abo cxistirt wieder eine katholische Gemeinde. *°) Aufzeichnungen AhlqufftS im Schwcd. NeichSarchiv. Ausführung aber und nicht minder einer verbreiteten Lektüre des „Heinrich NaSpe" möchten wir hiemit angelegentlichst daS Wort reden. _ Veronika. Schauspiel in 3 Aufzügen von Emilie NingS- eis. Vierte, verbesserte Auflage. Freiburg, Herder. 1895. 8°. 91 S. M. 1,40. -o- Die Lektüre dieses ergreifenden und erhebenden Schauspiels erweckt im Leser das lebhafte Gefühl des Schmerzes über den großen Verlust, welchen mit dem Hingänge von Emilie Ringseis am 4. Febr. 1895 die Dichtkunst, namentlich für unS Katholiken erlitten hat. Die Persönlichkeit der Verblichenen, speciell ihre literarische Bedeutung, ist damals in Nr. 9 und 10 der Beilage von feinsinniger Hand in einem verständnißvollen Bilde uns vorgeführt worden. Wir dürfen darum von einer besonderen Würdigung des Schauspiels „Veronika" absehen, dessen Kenntniß ohnehin bei einem Kreise katholischer Literaturfreunde vorausgesetzt werden kann und das mit seinem 1. Erscheinen 1854 bezw. der Jnscenirung im Museum zu München 1857 den Dichterruhm von Emilie Ningseis begründet hat. Heute liegt es in 4. verbesserter Auflage vor. Freilich moderne Theatergänger wird das Stück nicht befriedigen, und auch dem „Sebastian" würden sich die Pforten des k. Nesidenztbeaters zu München nicht mehr öffnen wie anno 1863. Heute lädt man dort Madame Judic zu Gast, und die jetzt beliebte Dramatik hat zum Zweck nicht nach der Auffassung eines Aristoteles die Reinigung von Leidenschaften, sondern die Erregung derselben. Das göttliche Drama von Joh. Gruber. Paderborn, Schöningh. 1896. kl. 8°. 44 S. M. 0,80. -e- Der verstorbene F. W. Weber hat dem Verfasser auf die Lektüre dcS Büchleins hin einige liebenswürdige Zeilen geschrieben, die zur Empfehlung vorausgedruckt sind. Die Dichtung, in 1 Prolog, 3 Theilen und 1 Epilog, bietet thatsächlich „in edler Form edle Gedanken". Allein das Drama der Welt bezw. der Kirche Gottes vom Engelsturz angefangen in etwa 120 sechsseitigen Strophen reimloser spanischer Trochäen vorzuführen, ist doch ein grandioser Vorwurs, der ein Genie fordert. Verskünste aber wie die folgenden erzeugen da wenn auch unfreiwillige Komik vom Genre des sel. Herrn von Miris: S. 35: „Manichäer, Pelagianer, Methodisten, Puritaner, Nestorianer, Janscnisten, Zwinglianer, Calvinisten, Panthcisten, Philosophen, Socialisten, Theologen, Anarchisten, Materielle Wiedertäufer, Rationelle Forscher der Natur, Waldenser, Herrenhuter, Albingenscr ... u. s. w. Manassewitsch B., Die Kunst, die arabische Sprache durch Selbstunterricht zu erlernen. II.Aufl. 8°. VIII-s-186 SS. 1895. M. 2 geb. Seidel A., Praktisches Lehrbuch der arabischen Umgangssprache syrischen Dialektes. 8°, VIII 190 SS. 1895. M. 2 gbd. Wien-Leipzig, A. Hartlcben. Hartmann M., Arabischer Sprachführer: ConverfationS- wörterbuch für Reife und Haus. 32°, XII -s- 313 SS. M. 5 geb. Wien-Leipzig, Bibliogr. Institut. 1895. (II.) Harkouollo los., I>6 ckraFoiuan arabs: 6uicko pratiguo cks I'arabs parls. 12°, pp. XVI -s- 354. Ir. 5 rel. Lsv routli, Iiibrairio catholiguo. 1894. k Mit dem wachsenden Interesse, das der Orient in Anspruch nimmt, mehrt sich auch die Zahl derer täglich, welche sich an das Studium dcS Arabische» heranwagen, wie auch die Hilfsmittel immer reichlicher werden, welche uns die Kenntniß einer der allerschwierigstcn Sprachen zuführen wollen. Leider steht der Werth dieser Bücher in keinem Verhältniß zu ihrer Menge. In Hartlcbenö „Kunst der Polyglotte" war die arabische Grammatik von Manasscwitsch schon die schlechteste mit Auszeichnung : sie wimmelte von Fehlern und bewies in jeder Zeile, daß ihr Verfasser seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Nach seinem Tode hat sich vr. Bohatta des Buches erbarmt und war — wie er allzu mild urtheilend sagt -- „redlich bemüht, die zahlreichen Druckfehler und sonstigen Irrthümer, die sich in das Werk eingeichlichen hatten, zu verbcsscn". Er hat neue Beispiele hinzugefügt, die Orthographie in der Transscription einheitlich durchgeführt und die Vulgärsprache mehr berücksichtigt. Daß er sich WahrmundS Lehrbuch zum Muster genommen, konnte nur zum Vortheil gereichen. So ist auS. 160 einem gänzlich werthloscn und geradezu irreführenden Buch ein zwar sehr dürftiger, aber doch nicht unbrauchbarer Leitfaden für die allererste Bekanntschaft mit dem Arabischen geworden; die Ausstattung ist vorzüglich, der arabische Druck klar und deutlich. — DaS Lehrbuch von Seidel behandelt nur den syrischen Dialekt, und zwar nur in TranSscriptions-Text, gegen den sich Einwendungen machen ließen. Die arabischen Lesestücke sind mit einer zum Rückübersetzen eingerichteten Uebersetzung versehen, was wir nur billigen können, denn mit Uebungen, die keine Controle geben und vor Fehlern nicht sicher bewahren, ist für das Selbststudium nichts gedient. Wer aus dem Bücke etwa erst die Elemente des Arabischen lernen wollte, würde sich gründlich enttäuscht finden. Die Beispiele, wie auch der Wortlaut der Regeln (z. B. über die Femininbildung) würde ihm ganz unverständlich sein, ja geradezu verkehrte Begriffe beibringen. Für den aber. der die Elemente der arabischen Grammatik schon überwunden hat, ist das Buch von Seidel sehr lehrreich, beton» derö aber überaus brauchbar zur Vorbereitung für das Verständniß der Sprachführer von Hartmann und Harfonchc. worauf Seidel ja ausdrücklich Bezug nimmt. Leser, die wissen, wie unbeständig und regellos die Aussprache der arabischen Umgangssprache ist, werden sich nicht wundern, wenn Seidels Angaben von denen anderer Autoren (z. B. Wabrmund) ganz bedeutend abweichen. — Der Sprachführer von Hartmann, für Anfänger ein Buch mit sieben Siegeln, ist für den Kenner des Schriftarabischcn ein vorzüglicher, unentbehrlicher Reisebegleiter, der in seiner neuen Auflage an Knappheit und Deutlichkeit bedeutend gewonnen hat. — Auch das Büchlein von Harfoucke, Professor an der Jesuitenunivcrsität in Beiruth, kann dringend empfohlen werden. Es ist wieder ein neues Glied in der Reihe der billigen und trefflichen Lehrbücher, durch welche sich die Druckerei der Jesuiten um Verbreitung der Kenntnisse in arabischer Sprache und Literatur verdient zu machen nicht müde wird. ^ 8ssburA Rr., ckosspd Hageln: 8esnss äs !a vis ck'un Zravä artists, traäuib xar .1. äs Rostmx. 8" x. 240. 'i'ours, L. lllams, 1895. (V.) Rr. 2,00 rsl. LssdurA Rr., ^ nsvslönö: koräitotta Lanleovits. 8°x.II-s- 496. Luäaxost, Na^el, 1895. ü. 2,00. a Für höhere und niedere Töchter, deren erste Pflicht es sein muß, französisch zu plappern, dürste es interessant sein, zu erfahren, daß Franz Hackers (Franz von Seeburg) rührende und gemüthöticfe Erzählung „Joseph Haydn" in einer sehr schon ausgestatteten und auch recht hübsch illustrirten französischen Ausgabe vorliegt; man begreift nur nicht, wie es möglich ist, ein solches Buch gebunden um den Preis von 2 Franken zu liefern; die deutsche Ausgabe (2. Aufl. Regensburg, Pustet. 16°, 440 SS.) kostet mehr als das Doppelte, ohne Bilder zu enthalten. — Desselben Verfassers „Marienkind" ist von einem »lllaA^ar omber- auf die Puszta verpflanzt worden, ohne dadurch ein naturkräftigereS Gebilde geworden zu sein, nur den Namen mußte es ändern in »Nsvslönö« (Erzieherin), vermuthlich weil die ungarische Sprache kein passendes Wort hat für diese Kindschaft, die sich bei uns zu Lande weichherzige fromme Seelen in besonderem Maße zulegen. Die deutsche Ausgabe des „Marienkind" liegt bereits zum siebenten Mal (16°, 546 SS. Rcgensburg, Pustet. 1895. M. 4,70 gcbd.) vor — ein Beweis für die Beliebtheit thräncnscliger Lectüre. Rituals Lomauuw Rauli V. p. w. z'nssu säitnm st a Reneäioto XIV. auotum st oastiAatum oui novissima. aeoeäit Lsnsäivtionum st Instrustionuru apxenäix 4° xp. VIII -s- 228 -s- 148. Ratisbonas, Rr. Rüstet 1895 (V) 21. 6,00. S. Diese tadellos ausgestattete Quartausgabe des »Rituals Romanum- wird auch die strengsten Anforderungen befriedigen; sie ist zum Kirchengebrauch vorzüglich geeignet, und es wäre nur zu wünschen, daß man bei uns zu Lande endlich einmal energisch den Diöcesanritualien entsage; solange das nicht der Fall ist, können wir mit einem -Rituals Romanum- auch nichts anfangen. Was hilft es, die herrlichsten Bücher zu drucken, Vorschriften zu machen, sie immer neu einzuschärfen, Commentare zu schreiben u. s. w., wenn der Sinn für die uralten Kirchen- gebräuche^ unter der Ueberwucherung „volksthümlicher" Andachten täglich mehr und mehr verloren geht und der Kirchen- vorstand in diesen Dingen so ziemlich thun darf, was ihm seine Laune eingibt. Möchten namentlich die berufenen Wächter Sions angesichts dieser prächtigen Ausgabe des »Rituals Romanum- gute Vorsätze fassen und sich einmal zu Thaten aufraffen, um der heillosen Zerfahrenheit ein Ende zu machen'. Raussou 01a, LloervöMl: Novells. 12", 13588. Lrsslau, 8. 8eliottlänäer, 1895. 21. 0,75; Asb. 1.00.' « Ola Hausson hecht der nordische Schriftsteller, der einmal — leider allerdings im Namen von vielen Tausenden seiner Zeit — unumwunden das hündische Geständnis niedergeschrieben: „Ich habe kein anderes Interesse mehr, als das Geschlechtslebe zu studiren und zu genießen." Ist dieser Qla Haussen mit dem Verfasser obiger Novelle etwa identisch? Die „Meeivögcl" lassen das nicht erreichen, sie sind ganz anständig. Aber wer weiß? So ein „Moderner" ist manchmal gedeimnißvolll Vielleicht soll der Held der Erzäblung bereits das impotente Stadium beginnender Gehirnerweichung in Folge übermäßigen „SmdircnS" vorführen? Die in mäßig gutem Deutsch geschriebene, wirklich äußerst flache Geschichte ist kurz diese: Ein abgelebter, abgehaufter Herr Tuveson lernt irgendwo in der Sommerfrische ein gelangweiltes Fräulein Berg kennen, sie stehen in Briefwechsel einen Winter über, treffen sich dann wieder auf Verabredung zur Badekur im Norden, treiben dann in wunderlicher Laune ein kleines Geduldspiel zwischen gegenseitigem Ausweichen und Annähern, bis sie nach 134 Seiten entdecken, daß sie sich lieben, aber kein Geld haben, um zu heirathen. Wozu auch das? „Frei wie die Meervögel und arm wie die Meervögel und stolz wie die Meer- vögcl, so wollen wir lebe», so lange der Schatz vorhält, den wir gefunden haben." Man sieht — die Sacke ist höchst nichtssagend und geistesarm. Man könnte glauben, das Buch wäre etwa für Bahnhofcolportage gerade gut genug, um damit ein Stündchen todt zu schlagen und es dann wegzuwerfen. Es muß aber doch Leute geben, die anderer Ansicht sind, denn an den Schaufenstern sehen wir das Heftchen mit der Aufschrif „Novität ersten Ranges", und die Verlagshandlung veröffentlicht in der Sammlung „Unterwegs und Daheim", der das Buch angehört, nur „die bervorragendsten Neuheiten auf dem Gebiete der schöntu isseuschaftlicheu Literatur von den beliebtesten Erzählern der Gegenwart". Wir danken für solche traurige „Perlen", wie diese „Meervögel" sind! von Berlepsch: Roman-Bibliothek. Jeder Band in roth Leinwand geb. M. 1,50. Verlag von I. Habbel, RegcnSburg. K Jahrzehnte lang versorgte Frau v. Berlepsch die Tages» presse mit ihren gewandten Uebertragungcn amerikanischer Romane, welche rasch ein ungemcin zahlreiches und dankbares Publikum fanden. Die gut lesbaren Uebcrsetzungen betrafen sämmtlich solche Romane, welche mit einer sehr spannenden, allerdings stets sensationell ausgeputzten Handlung eine vortreffliche, hin und wieder sogar ungewöhnlich gute Cbarakter- zeichnung verbanden Und dabei hatten sie noch den, bei spannenden Romanen nicht immer zu findenden großen Vorzug, daß sie auch der reiferen Jugend in die Hände gegeben werden konnten. Kein Wunder, wenn jeder dieser Romane durch Dutzende von Zeitungen ging! Frau v. Berlepsch bat nun den glücklichen Gedanken gehabt, jene Romane in eine Romanbibliothek zu vereinigen, und sie hat einen Verleger gefunden, der den Plan in zweckentsprechender Weise und, was sehr wichtig ist, zu sehr mäßigem Preise ausführen wird. Der erste Band bringt gleich einen Roman, „Um Ihretwillen", der als Typus dieser Art von Uuterhaltungölcktürc dienen kann. Die Handlung ist sehr verwickelt und im hohen Grade ungewöhnlich. Eine ebenso interessante Lektüre bieten die folgenden Bände. Band 2: Regina; Band 3: In Ebbe und Fluth; Band 4: Eines Weibes Martyrium. Unter Syrlngen; Band 5: Dem Irrlicht gefolgt; Band 6: Geheimmßooll. Der billige Preis (1,50 M. im hübschen Callico-Einband) ermöglicht auch den Unbemittelten die Anschaffung dieser empsehlenswerthen Romane. Literarischcr Handweiser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr. Franz Hülskamp in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1696. Nr. 1. Inhalt. Kritische Referate über Sträter ErlösungSlehre des hl. Athanasius (Ehrhard), Weihbischof Katschthaler Predigten und Welcher Homilien (Deppe), Rouäinlron Os l» Valiäits äss orälnations unAlieanss und Rliss Oalsnäar ot Rntriss in Ichs kaxa.1 RsZistsr» (Bellesheim), Hansjakob Der schwarze Berthold und v. Romocki Geschichte der Explosivstoffe (Al- Wurm), Beissel Fra Giov. Angclico da Fiesole (Seb. Hubcr). — 20 Notizen über -h Vering'ö Leben und Schriften (HülS- kamp), den Karthäuser Dionysius Nickel (Paulus), die 2. Aufl. Von Pottbast's Ribl. Nist. meä. asvi und verschiedene andere Nova (Hülskamp). — Novitäten-Verzeichniß. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg- Ein Gederrkblatt zu Möhlers hnttdertjähri^em Wiegenfest. Kein langes Erdenwallen war Mähler beschieden, und doch hat die kurze Spanne Zeit, die ihm in Tübingen und München zu wirken gegönnt war, genügt, um sein Andenken unauslöschlich in die Herzen seiner Freunde wie seiner Gegner einzugraben und ihm die bewundernde Verehrung der einen, die Anerkennung und respektvolle Achtung der andern zu sichern. Was sonst so selten beobachtet wird, erstaunt gewahren wir es bet ihm, daß nämlich Männer der verschiedensten Richtungen in seinem Lobe sich gleichsam zu überbieten streben. Sein erster Biograph Neithmayr, der ihm im Leben befreundet gewesen war, urtheilt: „Als Gelehrter wie als genialer Denker glänzt er unter den ersten kirchlichen Schriftstellern seiner Zeit." Döllinger, der Möhlers Berufung nach München durchsetzte und ihm bis zu seinem Tode nahestand, bezeugt, daß „alle Stimmfähigen in Europa (Möhler) das Zeugniß gaben, daß er der erste unter den lebenden Theologen seiner Kirche sei". I. Friedrich nennt Möhler „den Stolz der deutschen Kirche", vor dessen hohem Geiste, warmer Religiosität und demüthiger, bescheidener Art noch heute jeder, der seiner Persönlichkeit näher trete, verehrungsvoll sich beugen müsse. Der Protestant Kling, der Möhler „in der Zeit seines frischesten Strebens kennen gelernt und über 1^2 Jahre vertraulichen Umgang mit ihm gepflogen", bezeichnet ihn als „einen Epoche machenden Geist und ein hellscheinendes Licht in der römisch-katholischen Kirche unserer Tage" und sagt: „Seine aufrichtige Frömmigkeit, sein hoher sittlicher Ernst, sein zartes und feines Gemüth, sein klarer, durch klassische Studien wie durch tiefes Eindringen in das christliche Alterthum vielseitig und in ausgezeichnetem Grade gebildeter Geist, seine ganze, ebenso milde wie feste und entschiedene Persönlichkeit mußte ihm in und außer seiner Kirche Hochachtung und Vertrauen in seltenem Maße gewinnen; und schon die äußere seelenvolle Erscheinung, das edle Angesicht, das ernst und doch freundlich blickende Auge, die ganze würdige Gestalt des Mannes hatte etwas Anziehendes und zugleich Jmponirendes." Und bei der Bewunderung ließ man es nicht sein Bewenden haben, hüben und drüben glaubte man auf ihn Anspruch erheben zu können. Die Protestanten machten geltend, von ihnen habe Möhler vieles empfangen, mehr als wohl von katholischer Seite zugestanden werde; und auch anderwärts versuchte man, ihn als einen Gesinnungsgenossen darzuthun, der mit der Richtung nicht einverstanden gewesen sei, welche die katholische Kirche in neuester Zeit genommen habe. Schon begann eine Art Legendenbildung ihr wirres Schlinggewächse um das edle Bild zu ranken, dessen Züge mehr und mehr verwischend und entstellend. Da war cS ein verdienstlicher und glücklicher Gedanke des zweiten Nachfolgers Möhlers auf dem Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Münchener Universität, des Professors Dr. Knöpfler, zu dessen hundertjährigem Geburtstage auf Grund sorgfältiger Studien und selbstständiger Forschungen sein Leben und Wirken nochmals zur Darstellung zu bringen,*) wobei es ihm gelang, so manches zu be*) Johann Adam Möhler. Ein Gebenkblatt zu dessen hundertstem Geburtstag von AloiS Knöpfler, Doctor der Theologie und Philosophie, o. v. Professor der Kirchengeschichte richtigen und klarzustellen, was bisher fast traditionell von dem einen dem andern nacherzählt worden war. So wird gewöhnlich angenommen, Möhler habe am dreijährigen Lycealkurs zu Ellwangen den zweiten übersprungen; die theologischen Studien seien dort ganz rationalistisch betrieben worden, und da das Ellwanger Bier zu jener Zeit trefflich war, so seien die Wirthshäuser von Studenten regelmäßig und stark besetzt gewesen. Knöpfler weist das Unrichtige und Uebertriebene dieser Angaben nach; das Lyceum war in seinem philologisch-philosophischen Theil nicht drei-, sondern zweijährig, wcßhalb Möhler nichts überspringen konnte, da er 1813 hier ein- und 1815 zum Studium der Theologie übertrat, und dieses wurde, wenn es sich auch dem Geiste jener Zeit naturgemäß nicht entziehen konnte, keineswegs so leicht betrieben, gerade in der Dogmatik war der tüchtigste Lehrer thätig, und was das Kneipen anlangt, so wird auf die Thatsache verwiesen, daß das Ellwanger Lyceum zu Möhlers Zeit ganze 22 Studenten zählte, so daß es schon deßhalb nicht sehr wahrscheinlich klingt, daß die Wirthshäuser von ihnen regelmäßig und stark besetzt gewesen seien. Im Herbst 1817 wurde die Ellwanger theologische Akademie nach Tübingen verlegt, Möhler übersiedelte daher mit seinen Genossen an die dortige Universität, wo sie im Wilhelmsstift unentgeltlich Verpflegung fanden; am 1. November 1818 traten sie zur unmittelbaren Vorbereitung auf das Priesterthnm in's Seminar zu Rottenburg ein. Auch hier soll nun ein ganz unkirchlicher Geist geherrscht haben; als die Alumnen im Juli 1819, bereits zu Diakonen geweiht, den Antrag Rotte cks in der badischeu Kammer für Aufhebung des Cölibats gelesen hätten, sollen sie einen lauten Jubel erhoben haben, worüber der fromme Repetent die Hände über dem Kopfe zusammenschlug. Dem gegenüber macht Knöpfler aufmerksam, daß die Alumnen zu Rottenburg im Juli 1819 ganz unmöglich in lauten Jubel über einen Antrag ans- brecheu konnten, der vom 20. April 1828 datirt ist! Mit welcher Vorsicht da die andern derartigen Mittheilungen, wie sie über Möhlers Bildungsgang gerne aufgetischt wurden, aufzunehmen sind, liegt auf der Hand. Am 18. September 1819 zum Priester geweiht, kam Möhler nun als Vikar nach Weilderstadt und Niedlingen a. D.; sein Prinzipal an letzterem Orte, Dekan Ströbele, konnte ihm über sein Wirken ein glänzendes Zeugniß ausstellen. Doch schon am 31. Oktober 1820 wurde er nach Tübingen einberufen, um sich auf das Gymnasiallehramt vorzubereiten; bald darauf wurde er zum Repetenten für Kirchengeschichte ernannt. Mit vollstem Rechte hebt Knöpfler bei dieser Gelegenheit hervor, wie Württemberg zur Heranbildung tüchtiger Lehrkräfte über treffliche Einrichtungen verfügt, von denen nur zu wünschen wäre, daß sie anderswo zur Nachahmung dienten; möglich wären sie bei nur einigem guten Willen, und gewiß auch für Lehrende und Lernende von reichstem Gewinne. 1822 wurde Möhler znm Docenten der Kirchengeschichte befördert, zuvor sollte er jedoch eine wissenschaftliche Reise mit Staatsunterstützung machen; i« September reiste er über Würzburg nach Bamberg, an der Universität München. Mit einem Bildnisse Möhlers. München, 1896. I. I. Lentner (E. Stahl jnn.). 6", IX und 149 S. Preis M. 2.S0. besuchte die Universitäten Jena, Leipzig, Halle, Göttingen, Berlin, Breslau, Prag, Wien und Lands Hut, und kehrte im April 1823 über München nach Tübingen wieder zurück, voll reicher Erfahrungen und fruchtbarer Anregungen, um im Sommersemester 1823 seine Vorlesungen zu beginnen. Wenn nun später behauptet wurde, Mähler habe zur Zeit seiner ersten schriftstellerischen und akademischen Thätigkeit noch nicht völlig mit dem positiven Glauben harmonirt, noch habe die Kirche die Liebe seines Herzens nicht von Grund aus gewonnen gehabt, so ist Knöpfler gleichfalls beizupflichten, wenn er diese Darstellung verwirft und darauf hinweist, wie Möhler nach allen positiven Zeugnissen von Haus aus eine tief religiöse, Überzeugungstreue, gläubige Natur war, für die eS keine Aenderung der Gesinnung, sondern nur der Erkenntniß geben konnte; und wahrlich, wer sich mit Möhlers Schriften auch nur einigermaßen vertraut gemacht hat, der wird sich dem Eindrucke nicht verschließen können, daß ihm hier eine religiöse Begeisterung, eine so innige Liebe zur Kirche und ihren Institutionen entgegentritt, wie sie nur aus dem tiefsten Born eines kindlich frommen Herzens quellen, nimmermehr aber als das mühselige Produkt langer, nüchterner Verstandesarbeit, die doch ewig vom Zweifel angefressen bleibt, erworben werden kaun. Auf Kuöpflers Schilderung Möhlers als Gründers der historischen Schule näher einzugehen, müssen wir uns, so schwer uns dies auch ankommt, leider versagen; dagegen sei besonders hervorgehoben der Abschnitt „Der theologische Forscher", worin gewissen Tendenzen und Bestrebungen gegenüber Möhlers Stellung zum Primat ins rechte Licht gesetzt wird; wohl hat derselbe früher das Episkopalsystem möglichst schroff zu vertreten gesucht; aber bei näherer Prüfung kam er bald zur Ansicht, daß sowohl das schroffe Episkopal-, wie das extreme Papal- system in ihrer Einseitigkeit unhaltbar seien. Vielverhandelt wurde auch Möhlers Beurtheilung der Gesellschaft Jesu; auch hier haben wir uns nicht zu überzeugen vermocht, daß er einen incorrecten Standpunkt eingenommen, glauben vielmehr, daß er ihr gegenüber die richtige Linie zwischen rückhaltlosem Lob und unverdientem Tadel nicht überschritten habe. Mit seiner berühmtesten und verdienstvollsten Schrift, der Symbolik, und deren Vertheidigung gegen die Entgegnung Baur's stand Möhler im Zenith seines Ruhmes; von da an neigte der Stern seines Lebens merklich dem Untergänge zu. Nicht als ob seine geistigen Kräfte nachgelassen hätten; schien er ja doch, in den leistungsfähigsten Mannesjahren an einen neuen, aussichtsreichen Wirkungskreis berufen, die reifsten Früchte seines gottbegnadeten Geistes erst noch bringen zu sollen. Aber der zarte, schwächliche Körper hielt nicht aus, auch die Erholung in den weicheren Lüsten des sonnigen Südens brachte nur momentane Erleichterung, keine Genesung, und so siechte er langsam dahin; am Charsamstag dem 14. April 1838 bettete man ihn, der in wenig Jahren einen großen Lauf vollendet, zur letzten Ruhe. Wir müssen Knöpfler aufrichtig dankbar sein, daß er dem Andenken seines Vorgängers und Landsmanu.es dieses schöne Gedenkblatt gewidmet hat. Innige Pietät und Verehrung für den allzufrüh Entschlafenen hat ihm Hiebei unverkennbar den Griffel geführt, und es ist ihm auch vollauf gelungen, den äußern Lebensgang, wie das innere geistige Streben und Weben, Ringen und Schaffen, die ganze lautere, makellose, herzgewinnende Persönlichkeit dieses außerordentlichen Mannes in so anschaulicher und fesselnder Weise zu schildern, daß wir immer wieder gerne zu dem Schriftchen greifen.. Dasselbe gehört auch keineswegs der Gattung der raschverwehenden Fest- und Tagesliteratur an, sondern ist von bleibendem Werthe, nicht bloß wegen der mannigfachen Correcturen und Berichtigungen, die es an früheren Möhlerbiographien übt, sondern insbesondere auch deßhalb, weil es eine so sorgfältige Zusammenstellung aller aus Möhler's Feder geflossenen Schriften, Aufsätze, Abhandlungen und Besprechungen bietet, wie sie in solcher Vollständigkeit nirgends zu finden war. Aber noch aus einem andern Grunde verdient Knöpfler's Schrift weiteste Beachtung. „Begeisterte Verehrung und Dankbarkeit", schreibt er in der Vorrede, „hat bereits an der Geburtsstütte, wie über dem Grabe des gefeierten Lehrers Denkmale aus Stein errichtet; könnte dessen hundertster Geburtstag nicht Anregung werden, an der Stätte seines letzten Wirkens ein noch schöneres, vielleicht auch dauerhafteres, gewiß aber dem Geiste Möhlers mehr entsprechendes Denkmal zu errichten: ein Stipendium zur Heranbildung tüchtiger katholischer Theologen? Hiezu soll der Reinertrag dieser Schrift den ersten Baustein liefern, welchem die Verehrer des um die Kirche Christi so hochverdienten Mannes ihre Dankesgaben beilegen mögen." Wir glauben diesen Worten nichts beifügen zu sollen und schließen mit dem einen lebhaften Wunsch», daß Knöpflers Schrift im katholischen Klerus, namentlich auch unter den Theologiestudirenden, recht viele Leser finden möge! Dr. I. S. Beattts Adalbertns ein Graf Zollern-Hohenberg-Haigerloch, Mönch, Priester und Prior in der niederbayerischen Benediktinerabtet Oberaltaich 1261 — 1311 von I. N. Seefried. Leatus Oouksssor Läalbertus ex Lnsvia cls 9?erritorio Oonetkntienei §ainilik>. Ocnnitnin äe HaMLr'Ioeb xroAenio militari oxortus. (Vita, Läaldsrti eax>. I.) In dem Aussatze „Die Könige von Preußen und die Fürsten von Hohenzollern sind Abenberg - Zollern, nicht Zollern-Abenberg" habe ich die Vermuthung ausgesprochen, Elisabet, die Gemahlin Friedrichs I. von Zollern oder mit dem Löwen, sei als die Schwester Alberts II. von Hohen- berg und als Tante des Benediktiner-Priors von Oberaltaich, Alberts Grafen von Haigerloch, anzusehen, welcher 1239 (nicht 1229 nach Schmid) geboren und am 26. November 1311 (nicht 1316) in Oberaltaich gestorben ist. Meine Begründung für diese Annahme stützte sich auf den Umstand, daß Friedrich II. oder der Erlauchte am 12. Januar 1271 den Grafen Albert II. von Hohen- berg avrmoulus d. h. Oheim oder Mutterbruder genannt hat, wozu ich noch bemerkte, daß die Darstellung vr. Ludwig Schmids über den in Oberaltaich als selig verehrten Hohenberger Grafen nicht genüge, auch manches Unwahre enthalte, weßhalb ich auf den Prior Albert (Adelbert) von Haigerloch später speziell zurückkommen werde?) i) Beilage zur Augsb. Postzeitung 1894 Nr. 25 S. 198; Separatcibdruck S. 16 A. 34. Diesem Versprechen nachkommend, will ich an der Hand der besten, aus Oberaltaich stammenden Vita, des Priors Albert, Grafen von Haigerloch. zeigen, wie weit in chronologischer und sachlicher Beziehung die Angaben unseres Gegners von der glaubwürdig hinterlegten geschichtlichen Wahrheit abliegen und entfernt sind?) I. Geburt, Eintritt in das Benediktinerstift Oberaltaich und Ableben des Grafen Adal- bert (Albert) von Haigerloch. Wenn man auf der bayerischen Ostbahn von Strau- bing, der einstigen Residenz niederbaycrischer Herzoge ^) aus dem Hause Wittelsbach, gegen Plattling (Pledelingen im Nibelungenliede) nach Passau herabsähet, sieht man, sobald die Doppelthürme von s. Peter zu Straubing (^uAustavis) verschwunden sind, links jenseits der Donau fast am Fuße des Bogenberges die doppelthürmige einstige Abtei-, jetzt Pfarrkirche von Oberaltaich herüber- leuchten, jedoch hinter dunklen Fichten- und Tannenwäldern bald wieder verschwinden. Das Benediktinerkloster 8. Peter daselbst, welches im Jahre 1731 das 1000jährige Jubiläum seines Bestandes gefeiert hattet und am Anfange unseres Jahrhunderts mit der Namensschwester Niederaltaich unterhalb Deggen- dorfs der Säkularisation zum Opfer gefallen ist, soll im Jahre 731 von dem agitolfingischen Herzoge Odilo unter Beihilfe des Abtes Pirminius von Neichenau im Bodensee erstmals errichtet und besieoelt worden sein.^) Allein Herzog Odilo kam erst nach dem Ableben Herzog Hugberts am 1. November 736 zur Regierung, und die alte Eiche am Donanstrome war ohne Zweifel schon eine Cultus- und Opferstätte des keltischen Heidenthums, und sind daselbst wohl Menschenopfer dargebracht worden, ehe römische und christliche Cultur, von ver Beste und dem Bischofssitze ^uZustanis (Straubing) ausgehend, die Zelle s. Peter bet der alten Eiche und zahlreiche andere Zellen des bayerischen Waldes und Vorwaldes gegründet hat. Auch der Agilolsinger Herzog Theodo I. wird als Gründer von Oberaltaich bezeichnet, und wenn der heil. Nupert, wie ich früher ausgeführt habe?) in Straubing wirklich seine dritte bischöfliche Kirche in Bayern in der Mitte des 6. Jahrhunderts aufgerichtet hm, um das Heidenthum der zurückgewanderten Bajonren zu bekämpfen, dann ist Oberaltaich, welches den gleichen Patron mit der bischöflichen Kirche zu t1ugu8taiu8 (8. Peter) hat, nicht erst im Jahre 731, sondern ebenfalls schon in der Mitte des 6. Jahrhunderts entstanden und 731 unter °) Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg von Dr. Ludwig Schmid. Stuttgart, 1862, Gebrüder Schcillin, S. 17 und 327. 2) straubing ist das keltische Sorvioäurum der Ga- bula LsutinAsrlan»,, UnAUstis des Itinorarii Lutomni und Lug'nstaiiiL der ReicbSnoiiz. Siehe A. 0. H Vgl. des Priors Aemilian Hemmauer historischen Entwurf, auch Chronik genannt, aus dein Jahre 1731, gedruckt zu Siranbing bei Cassian Betz (nack Adalbert Ebner wohl erst 1732, siehe Sanunclblätter zur Geschichte der Stadt Straubing von Ed. Wimmer, k. Hauptinaun, S. 591). °) Chronik I. o. S. 18. Hlmns kirmiuius sx ^n§ia ... iu8i§ns praotsr alia in viosessi Lattavisnsi eosuobium Lltaoba, Inksrius ttiotnm . . eouäictit . . atia, guogus Oosnobia in oocksm Ouoatn.. .kirmiuii Xnsxioiis xartim sunt instructa, partim rskormata st re- staurata vüleliest Llt-Hsba Lnxsrins sto. o) Die ece.tesia Lugustaua, zu s. Peter in Straubing, Separatabdruck der Nttcukofer'schen Buchhandlung daselbst 1893 aus dem Uuterhaltungsblatte zum Straubinger Tagblatt 1892 Nr. 46-52 und 1893 Nr. 1-3. Karl dem Hammer und dem Herzoge Hugbert (nicht Odilo) in Bayern von Neichenau aus nur neu besiedelt worden. Nach der Zerstörung des Klosters durch die Ungarn im Jahre 907 (nl. 904) lag dasselbe in Asche, bis es 1102 von Friedrich, Grafen von Bogen, dem Vogte der bischöflichen Kirche von Ncgensburg, wieder hergestellt worden ist. Woher jedoch der erste Abt des damals restaurirten Klosters Namens Egino berufen wurde, war im Jahre 1731 noch nicht ermittelt und ist bis jetzt unermittelt geblieben?) In diesem wiederhergestellten Kloster hat unter dem 16. Abte Poppo (1160—1182), einem Schüler des berühmten Abtes Hermann von Niederaltaich?) der jugendliche Graf Albert von Haigerloch im Jahre 1261 Aufnahme gefunden, °) und ist das Leben dieses hochgebornen, frommen und demüthigen Benediktiners, verfaßt von dem gleichnamigen Prior Albert zu Oberaltaich, der Nachwelt in zwei Editionen bekannt und zugänglich gemacht worden. Eine sehr alte Abschrift der Oberaltaicher Vita tMorti besaß das Kloster 3. Emmeram in Negensburg?") welche k. Bernhard Pez für das Original gehalten zu haben scheint und in seinem Mw8anru8 ^liacclotormri novi88imu8 Pom. I o x. 535—554 zum Abdruck gebracht hat?') Die 1721 edirte Emmcramer Abschrift schließt mit Lax. 34 ab, während die Melker Abschrift, die Pez von dem Prior ?. Paulus auf dem Bogenberge zum Geschenk erhalten hatte, wie die Oberaltaicher Vita in eux. 35 den Epilog und am Schlüsse die Beglaubigung durch Abt Dominikus II. (erwählt 1721) enthält, daß die Abschrift sx antoZi-axlro genommen worden ist??) Die jüngere Veröffentlichung der Vita durch den Druck unter Abt Dominikus II. und Prior Aemilian Hemmauer von Oberaltaich zum tausendjährigen Bestände des Klosters daselbst 1731 hat folgende Ueberschrift: Vita Lsati ^Ibarti, Älonaesti Olwraltaelrsiwm, aerixta ab Tlllierto, sjrwclsm LIona8tarii 0. 8. ?. L. in Lojaria kriors. Lruta sx 6oä. lVl. 8. Obsraltaosteimi et oollata oniri 6oä. N. 8. Impsrialis Nona.8tsrii 8. Lrnmorami katiadonao, und entnehmen wir dieser Vita?2) welche der 3. Emmeramer vorzuziehen ist, die nachstehenden theils chronologischen, theils thatsächlichen Berichtigungen älterer und neuerer Schriftsteller, insbesondere aber Dr. Schmids in Tübingen, des Geschichtschreibers der Grafen von Zollern-Hohenberg. Nach Schmid, welcher die Ausgabe der Vita des k. Bernhard Pez aus 8. Emmeram benützt hat,") soll Abt Poppo den Grafen Albert von Haygerloch 1251 im Alter von 22 Jahren aufgenommen haben, während r) Chronik von Hemmauer S. 120 n. 122. b) Chronik S. 173. Povpo war ein Mann, Gott und den Menschen angenehm. Ein Eiferer der klösterlichen Disciplin. Ll. 6. 88. XVII. 402. S. A. 16! Vita. Llbsrti oax. 1. -°) OIm. der k. Hos- und Staatsbibliothek Nr. 14673 nach ?. GallnS in Metten. ") Augsburg und Grätz 1721. vissertatio Isagoxiea xaZ'. lOXXXIX stsi is (Ooäsx hlmmsramsnsis) auto- Kraplius viclsrstur, onm reeenstori tamen axo§rs,Mo Obsraltalieiwi, guoä ab L. L. st 01. V. Lanlo, Loolssias LvAsnborASllsis kriors, üono aceeximus, eoukorrs non praetermisimns. ker I. o. x. 554. Chronik HeminauerS S. 585. Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg 1862 S. 327 A. 1. Schmid liest mit Pez RaAgsrlo; Hemmauer richtig LrH'Lsrloell I. v. S. 588. unsere Quelle aus Oberaltaich sagt, die Aufnahme habe anno Douiini 12 61 astabia 1xsiu8 ^.Istsrti viZssiwo sssnnclo stattgefunden. Die Ausgaben von Pez und Hemmauer differiren Demnach bezüglich des Jahres der Aufnahme Alberts in Oberaltaich um volle 10 Jahre, wahrend sie im Alter und der Art der Aufnahme genau übereinstimmen. Allein schon Pez hat zu „anno Doiaini luilssiiao äu- csntWirno . XXI die übereinstimmende Angabe haben, Albert entschlief im Herrn anno Ooinini inilosiino trsosntssiino nnäsoiino ssxto Oalonstas veeoinbris, nachdem er 50 Jahre daS Priesterthum unter dem Joche des Evangeliums und der Ordensregel lobenswerth verwaltet hatte. Die bestimmte Angabe, daß Albert 50 Jahre Laoeräos in Oberaltaich gewesen und am 26. November l311 verstorben ist, hätte den Abschreiber der Emmeramer Vita, welcher als Todestag den 27. November angegeben hat, und Dr. Schund in Tübingen überzeugen können, daß ihre Angaben und Annahmen, Graf Albert von Haigerloch sei schon 1251 zu Oberaltaich in den Benediktinerorden getreten, unrichtig sind, weil vom Sterbejahre 1311 fünfzig Jahre zurück- gerechnet stch das Jahr 1261 als Eintrittsjahr mit Nothwendigkeit ergibt. Einen zwe ien, nicht unbedeutenden chronologischen Fehler hat sich Schmid dadurch zu Schulden kommen lassen, daß er die nicht quellenmäßige Behauptung aufgestellt hat"): „unter außerordentlichen Umständen sei auch sein (Alberts) Abscheiden, das er vorausgesagt, am 27. November des Jahres 1316 vor sich gegangen." Schmid hat ohne Zweifel „rallssirao troosutssimo anäseiiao Huinto" in folgender Weise zusammengelesen: 1300 -j- 11 -j- 5 — 1316, während nur 1311 zusammengelesen werden darf und das c^uinto (aeiliost äis) zu 6a1enäa8 Vooaial>rl8 bezogen werden muß. Die Emmeramer Vita Tlllisrti hat das Todesjahr und den Todestag Alberts angegeben, wie folgt: „äornaivit in Domino anno niilemino troosotssirao unäeoirno yuinto 6aloncia8 Dsesmstris"; und daß die Zahl Huinto zu 6a1onäa,8 Doosnidrm gelesen werden muß, beweist die Thatsache, daß eine jüngere Hand als Sterbetag am Rande den 27. November notirt hat. Die Oberaltaicher Vita und die Bogen - Altaich - Melker Abschrift lesen richtiger soxto (äis) anto Oalsnäas Ds- asmdrj8, und hat Pez diese richtige Zeitbestimmung in seine Ausgabe herübergenommen und daS cjuinto rliminirt?b) Daß aber Graf Albert am 2 6., nicht 27. November 1311 im Herrn entschlafen ist, dafür spricht nicht nur das Xoorologium Oboraltavenss, sondern auch die Inschrift auf AlbertL Scpulchralmonument in der Klosterkirche zu Oberaltaich aus dem Jahre 1395. -°) kor I. o. oap. HI p. 540. >°) LI. S. 88. XVII, 402. Loäew anno (1260) äowinus Lopxo, monnolins -4Itakeusi8, ölig-stur tu abbatew 8uxorior1s LItalie, vir maguo xrnüontio st religiouis. ") Geschichte der Grafen von Hohenberg 1662 S. 328. Bemerkt ist zum angeblichen Sterbejahre 1316: «Nach Angabe dtS Lbronieon äo üueibus Lavarias 1311." ") I. v. eax. XXI x. 518. Das Necrologium des Stiftes Oberaltaich, welches im Jahre 1342 angefangen und fortgesetzt worden ist/o) hat, wie wir mit Sicherheit annehmen dürfen, aus einer früheren Aufzeichnung folgenden Eintrag herübergenommen: VI. stal. Doo. H1bsrtu8 Drssst. st Nou. Xoster oli. xis rasmorias aü. äom. Neosxi. und aus dem noch erhaltenen, sehr schönen Grabsteine Alberts aus Untersberger Marmor^) geht in Uebereinstimmung mit den Lebensbeschreibungen unzweifelhaft und unwiderleglich hervor, daß derselbe am 26. November 1311 im Herrn selig entschlafen ist, nicht am 27. November 1316. Die Sepulchralinschrift lautet nach einer genauen Abschrift, welche ich der gütigen Hand des quiescirten 82jährigen Herrn Lehrers Cajetan Schwert! in Oberaltaich verdanke, wie folgt: 1- LXXO . DXI. U.660.XI.VI. LD . DL6LLRI8.0 . DDVI-. kIL . ÜILLlOIIIL . A?II. LI. LI0X^6D°. DVD. DOOI. xroourats. äüo. xstro. aliats. soulptus. 68t. Iap>i8. i3ts. rao.cooo.vs". d. h. Unno clomini 1311 86xto (anto) Xalenäas Ds- osraliris odiit trater ä.Il>srtu8 xis moiaorio xrssstitsr st raouaoliu8 Irujus looi. Im Jahre des Herrn 1311 am 26. November starb Bruder Albert seligen Angedenkens, Priester und Mönch dahier. Auf Veranlassung des Herrn Abtes Petrus^) ist das Steindcnkmal errichtet worden 1395. Wenn nun Prior Aemilian Hemmauer 1731 schreibt^): „iVrmo 1261 nahm Abt Poppo den seligen Beichtiger (Bekenner) Albert einen Grafen von Hayger- loch seines Alters im 22. Jahr allhier in das Kloster auf und machet ihn nach vollendetem Probierjahr Profeß", und etwas später ergänzend hinzufügt^): „1311 den 26. November ist in Gott selig entschlafen unser Albertus", so kann man als feststehend und ausgemacht betrachten, daß Graf Albert von Haigerloch, geboren 12 39 (nicht 1229 nach Schmid), im Jahre 1261 (nicht 1251) ins Kloster trat, 1262 eingekleidet wurde, 50 Jahre dem Mönchsorden 8. Benedikts angehörte und im Alter von 72 Jahren^) am 26. (nicht 27.) November 1311 (nicht 1316) zu Oberaltaich gestorben ist. Hält man diese chronologisch richtigen Daten fest, dann wird man auch in genealogischer Beziehung zu Resultaten gelangen, welche stch mit den Annahmen Schunds nicht vereinigen lassen. (Fortsetzung folgt.) ") Lloii. Loioa XII p. 293. Xeorolognim anno 1342 ineboatum ot Lueesssivs oorstinuatuw. 2 °) Siehe Facsimile in der Beilage 2 zum Scparatabdrucke. Das Monument ist nach Herrn Lehrer Schwerst mit Nahme 2,37 m lang, 1,18 w breit und 1,35 m hoch. Es ist von Holz, die Decke von rothem Marmor, die Rahme von Messing. Petrus von Urscnböckh (Urscnbach) aus einem guten, alten bayerischen Torniergeschlechte war der 26. Abt zu Oberaltaich (1379-1403). --) Chronik S. 175. -») l. o. S. 198. ") Dr. Schmid sagt in seinem oft citirten Werke S. 328 A. 1: «er muß jedenfalls ein sehr hohes Alter erreicht haben". 16 ? Die Entstehung der Kaiserchronik. (Schluß.) 8. 8. Sehen wir uns nun aber in St. Emmeram nach einer Persönlichkeit um, die zur Abfassung eines so bedeutenden Werkes geeignet gewesen sein dürfte, so erheben sich große Schwierigkeiten. Denn gerade in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts herrschte in diesem Kloster eine arge Verwirrung, indem Bischof Heinrich I. von Negensburg bei seinem Regierungsantritt den Abt Pabo von St. Emmeram entsetzte, weil dieser ihm keinen Beistand gegen den Bayernherzog, den Weifen Heinrich den Stolzen, leisten wollte. Erst im Jahre 1141 erlangte Pabo, der die Hülfe des Papstes Jnnozenz II. angerufen hatte, seine Restitution, doch schied er bald darauf, am 27. Juni 1143, aus dem Leben. Sein Nachfolger in der Abtwürde wurde — da es im eigenen Kloster an einer tauglichen Person gefehlt zu haben scheint — Mönch Berthold aus Adwont, welches Stift unter Abt Gottfried (1137—1165) eine hohe Blüthe erreichte, so daß nicht weniger als dreizehn Aebte während seiner Negierungszeit aus diesem Konvente berufen wurden. Merkwürdiger Weise starb Berthold schon um's Jahr 1149, also in derselben Zeit, in welche wir den Tod des Dichters der Kaiserchronik fetzten (s. Quellen und Erörterungen zur bayrischen und deutschen Geschichte I. S. 88 Urkunde u. 187 aus dem Jahre 1150, in der Adalbert von Admont bereits als Bertholds Nachfolger aufgeführt wird. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß Abt Berthold der gesuchte Autor ist. Auf jeden Fall war der Dichter ein guter Bayer, denn er zeigt sich in der bayrischen Stammsage wohl bewandert (Vers 297 f.): „Die Schwaben, rieihcn Julio (Cäsar) Er kehrte auf die Bayern Wo viel mancher Degen (Held) inne saß Dcemnnd ibr Herzog was Sein Bruder hieß Ingram") Viel schier (bald) besandte» sie ibre Man (Mannen) Ihnen kam an der Stund (sofort) Viel mancher Held jung Mit Halsberg und mit Brünne Sie wehrten sich mit Grimme Sie fochten mit ihm einen VolkökaiM Weder vorher noch seitdem Fiel nie so mancher Held gut Oder es lügen die heidnischen Bücher. O wie gute Knechte (Kämpen) die Bayern waren Das ist in den heidnischen Büchern kund" rc.'°) Noch deutlicher erhellt seine bayrische Abkunft aus der berühmten Erzählung von Scverus und Adelger?°) ") Ein Ingram erscheint auch im deutschen Nolandslied V. 850; vgl. Llon. Lote. VIII S. 42t (Ingram von Hart- kirchen), S. 422 (Ingram von Picsenkam); Edm. Oercle, Gesch. d. Gr. v. Andechs S. 167 U. 379 (Ingram von Sachsenkam). ") Im Folgenden wird mit säst denselben Versen wie im Annolied der Herkunft der Bayern aus Armenien gedacht, vgl. dazu vita. Lltmanni aap. 28 (versaßt nn Kloster Götweih bald nach 1125): »Laavari traäuntur ox Lrmonia oriunäi-, und die jüngere Fassung der Tcgernseer QuirinuSlcgende (nach 1164): »Uorieorum (d. i. der Bayern) in Ultimo orients circa ar- rueniam vel iuüiam nsgus Iwüis manct vrisso«. 2 °) Aehnlichcs berichtet die jüngere Fassung der Tcgernseer QuirinuSlcgende in dem Abschnitt -äs kiorieorum ori§ms st äucatu«, der auch in die sogen, kunäatio mouasterii DeZern- sssusis (bei ksr Miss. onocäot. III, 3 S. 492 f.) überging, Von dem Baycrnherzog Theodo (welcher an die Stelle des Ost- gothcn Thcooorich bei Fredegar Chronik III, 9 und Aimoin von Fleury List. Vraneor. I, 10 getreten ist), nur daß in der eingeschalteten Thicrsabel der Bär als König der Thiers die Rolle des Gärtners in der Kaiserchronik übernommen hat, was V. 6622—7135 (513 Verse), welche geradezu ein Loblied auf die Treue und die Tapferkeit des Bayernvolkes ist, vgl. V. 6770 f. (Worte des Bayernherzogs Adelger): „Auch ist unsre Gewohnheit daheim Was einem geschieht zu Leide Das müssen wir allesammt dulden Wie wir her sind kommen Er sei arm oder reich Das tragen wir alle gleich Unsre Sitte ist also." VerS 7125 f. ruft der — von den Bayern geschlagene — römische Kaiser Severus verzweifelnd aus: „Nom, dich hat Bayerland Geschändet also sehr Nun will ich auch nicht leben mehr." Triumphirend dagegen stößt Adelger seine Lanze beim Haselbrunnen bei Brixen in die Erde und ruft V. 7133 f.: „Das Land hab ich gewonnen Den Bayern zu Ehren Die Mark diene ihnen immermchrl* Wir ersehen hieraus, zu welcher Blüthe die deutsche Dichtung im 12. Jahrhundert gerade bei den Bayern gedieh. ^) Aber wir sind mit der Aufzählung ihrer poetischen Leistungen noch lange nicht zu Ende. Auch das Lied vorn Herzog Ernst — den die Sage zu einem Bnyernherzog macht — ist noch vor dem Jahre 1186 in Bayern, und zwar in Kloster Tegernsee, wo eben um diese Zeit Werinher ein Marienleben dichtete, entstanden. Dies geht deutlich aus einem Briefe hervor, ven Graf Berthold III. von Andechs (gest. 1188) an Abt Nupert von Tegernsee (gest. 1186) richtete (s. Las Isiem Änaoäot. VI, 2 S. 13: „conLsäus railü lisiellum tsutoniouw. cls sisiMASu Lrneston, äouso velocirw soridulur miiii, guo xarsci'ijfto coirtinuo rsmittstur tiki"). Gleiches läßt sich von dem Epos König Rother vermuthen, denn es wird darin neben Hadamar von Liessen und Amalger und Wolfrat von Tengling ein Herzog Verchter von Meran als „Held von Meran" aufgeführt, zu dem offenbar der Vogt von Tegernsee, Berthold IV., Herzog von Meranien (gest. 1204), als Vorbild diente. Besonders aber war die Kudrunsage in der Umgebung von Tegernsee heimisch, und eS darf uns daher nicht Wunder nehmen, wenn.Herwig, der Freund des Ortwin, das Tegernseer Wappen (die Seeblätter) in seiner Fahne führt??) Beherzigen wir außerdem, daß Wolfram von Eschen» bach sich einen Bayer nennt (Parcival III, 153), daß Walther von der Vogelwude im bayrischen Norital (um Sterzing) angesessen war, daß der Kürenberger bei Linz, Heinrich von Ofterdingen bei Wels, der Tannhäuser in der Nähe von Traunstein seinen Wohnsitz hatte (s. M. Fürst „Zur Heimathsfrage Tannhäusers" im Sammler Nr. 58 und 59 des Jahrg. 1891), so gelangen wir zu auf eine ältere Form der Sage schließen läßt, vergl. die vlla blatbilüis des Donizo V. 250— 272 (aus d. I. 1114). 2') Auch der um dieselbe Zeit gedichtete Tuudalus rührr von einem Ncgensburgcr Geistlichen (Namens Albero) her. Im 13. Jabrhundert verfaßte der Minorit Lamprecht in Negensburg die „Tochter von Sion" und ein gereimtes Leben des hl. Franziskus. ^) Schon im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht, einer Umdichlung der Alexandreis des Franzosen Aibcrich von Besan;oii, die ebenfalls im 12. Jahrhundert in Bayern entstanden ist (s. die Ausgabe von K. Kinzel, Halle a: S. 1884, Vorrede S. 63) und im Ausdruck an das deutsche Nolandslied und die Kaiserchronik anklingt, ist der Kudrunsage deutlich gedacht, s. Vers 1321 f. in der Voran» Handschrift. 166 dem überraschenden Ergebniß, daß die Bayern im 12. und 13. Jahrhundert auf dem Gebiete der Literatur der tonangebende Stamm in Deutschland waren. In der That gehört die Mehrzahl der Epiker und Minnesänger der mittelhochdeutschen Literaturpertode durch Geburt dem Bayernvolke an, zu dem ja auch die Oeiterreicher ihrer Abstammung nach zählen, und nicht der schwäbische, sondern der bayrische Dialekt war es, der im Zeitalter der Hohenstaufen die Sprache des Hofes und der höfischen Dichtung wurde. Erst in unserem Jahrhundert hat man es gewagt, die Fähigkeiten des Bayernstawmes in Abrede zu stellen, und mit einer gewissen Absicht die Meinung zu verbreiten gesucht, als ob derselbe mit den übrigen deutschen Stämmen nicht gleichen Schritt zu halten vermöchte.^) Ja es kam so weit, daß die gebornen Bayern mit den Brosamen, die von ihrem eignen Tische fielen, vorlieb nehmen mußten! Ein Blick auf die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volkes lehrt aber, daß die meisten Erfindungen im Süden und nicht im Norden Deutschlands gemacht wurden^) und daß der Bayernstamm allen übrigen deutschen Stämmen auf dem Gebiete der Künste und deS Kunstgewerbes zu allen Zeiten überlegen war, dank der reicheren Phantasie und der größeren Tiefe des Gemüths, die er besitzt und die eben nur die Folge eines reineren Blutes sind. Denn es ist doch noch ein Unterschied zwischen einem Volke, das wie das der Bayern seit der Völkerwanderung in dem nach ihm benannten Lande wohnt und seine Individualität trotz Beimischung fremder Elemente im großen Ganzen bis heute bewahrt hat, und einer Mischrace von Kolonisten aus aller Herren Ländern, die erst seit dem 12. und 13. Jahrhundert in erobertes wendisches und preußisches Gebiet eingedrungen sind. Hoffen wir, daß es dem gesunden Sinne unseres Bayernvolkes gelingen werde, jenem Nihilismus, Skepticismus und Pessimismus, der sich in neuerer Zeit auf dem Gebiete der Wissenschaft wie der Dichtung gerade von Berlin aus in widerlicher Weise breit macht, einen kräftigen Damm entgegenzusetzen! Münchner anthropologische Gesellschaft. Freitag den 8. Mal 1896. Der Vorsitzende Pros. I. Nanke refcrirt über die in der AuSschußsitzmig crsolgte Recknungsablage und beantragt für den Schatzmeister Herrn Oberlebrer Weis- man» Decharge. Zugleich dankt er im Namen der Gesellschaft Herrn Wciömann sür seine 25jährige wirksame Thätigkeit im Interesse der Gesellschaft und fordert die Anwesenden auf, durch Schon im 8. Jahrhundert hat unser engeres Vaterland Geschichtschreiber, wie Arbeo und die Nonne von Heidcnheim, auszuweisen. Ebenso gingen die Bayern im 15. und 16. Jahr- hunocrt auf diesem Gebiete allen voran; vgl. das Lob, welches Lcibniz dem Bayern Aventin spendet. Bekanntlich haben die Berliner das Pulver nicht erfunden. sondern ein Schwabe war es, der zuerst das Recept zur Bereitung desselben in Deutschland bekannt machte (der Dominikaner Albertus Magnus, ein geborner Graf von Bollstädt bei Lauingen, in seiner Schrift äs wiradilidus wunäi, die von Einigen auch dem Engländer Noger Baco zugeschrieben wird), und ein andrer Schwabe (der Franziskaner Berthold Schwarz auö Frciburg i. Br.) hat das erste Geschütz in Deutschland gefertigt. Ueber die Erfindungen der Bayern vgl. Seb. Güntbner: Geschichte der litcrar. Anstalten in Bayern, München 1810, 2 Bde.; ein dritter Band, München 1815, führt den Titel: Was hat Bayern sür Wissenschaften und Künste gethan; Cl. AI. Baader: Das gelehrte Bayern, 1. Bd., Nürnberg und Sulzbach 1604,- Lexikon verstorbener bayrischer Schriftsteller des 18. und 19. Jahrb., 2 Bde., Augsburg und Leipzig 1824—25; Plcickbard Stumpft' Denkwürdige Bayern, München 1865. Erheben von den Sitzen Herrn Oberlehrer Weismann zu ehren. (ES geschieht.) Zur Neuwahl des Vorstandes werden die bisherigen Mitglieder vorgeschlagen, die auch gewählt werden. Der Vorsitzende dankt den Rednern des vorigen Jahres und begrüßt als Gast den Lanvtagsabgcordneten Frickbinger von Nördlingcn. Hierauf sprach Proi. Dr. S. Günther über den gegenwärtigen Stand unseres Wissens über die Eskimo-Nasse. Die Eskimos bewohnen ein Gebiet von 700 geogr. Meilen (etwa Lissabon bis Ural) mit großer Einförmigkeit der Fauna und Flora. Auch die Menschen sind sich ziemlich gleich hinsichtlich der somalischen Eigenschaften, der Sprache und der LebenSgewohn- beilen. Wenn auch Gleichförmigkeit auf einem der erwähnten Gebiete für sich allein nicht beweisend ist, so dürfte doch auch aus die Gleichförmigkeit in allen drei Gebieten ein Gewicht zu legen sein. Hinsichtlich der Abstammung der Eskimos cxistircn drei Hypothesen. Die eine läßt die Eskimos von den alten PalävlNbikern, also Von Europäern abstammen; die zweite leitet sie von den amerikanischen Indianern her; die dritte endlich läßt sie von Asien herüberwandern. Die erste Hypothese stützt sich Darauf, daß die Eskimos noch dieselben LebcnSgewohn- hciten hätten, wie die Paläolitbiker. Es ist aber Thatsache, daß unter ähnlichen Verhältnissen Menschen bei größter Entfernung ihr Leben sich in ähnlicher Weise einrichten. Außerdem cxistirte die Landverbindung zwischen Amerika und Europa nur in einer sehr frühen Erdperiode. Bis jetzt reicht aber der Mensch auf Grund der wisseniebaftlichcn Untersuchungen nicht übers Diluvium hinaus. Die Ansicht ist also unbewiesen und unbeweisbar und muß durch eine Fülle neuer Hypotbcscn gestützt werden. Gegen die zweite Hypothese ist zu sagen: Die Gründe, welche ihre Anhänger daiür anführen, sind nickt zwingend, außerdem spricht dagegen, daß die Indianer den Schlitten nickt kennen und den Hund ats Ziigthier. Daß die Eskimos das Rennthier nicht haben, liegt an dem Mangel der geringen Existenzmittcl dieser Tbiere. Der geringe Graswuchs, oe» sie in Asien noch zur Verfügung haben, genügt. Die größte Wahrscheinlichkeit besitzt die dritte Hypothese von der asiatischen Herkunft der ESkimoS. Dafür sprechen die somatischcn Eigenschaften: das Schlitzauge mit der Mongolem'alte, die zumeist gelbliche Hautfarbe, die vorspringenden Backenknochen, der ganze mongoloide Sckädclbau. Auch in der Spräche läßt sich eine gewisse Nebn- lickkeit mit den Ostasiaten nachweisen. Wir hätten dann hier eine große arktische Völkerwanderung zu denen in den Tropen und im gemäßigten Klima. Die Ursache der Völkcrverichiebung ist zu suchen in dem raschen Verbrauche der spärlich vorhandenen Lcbensmittcl. Die westlichsten Ek-kimoS, welche am längsten in ein und demselben Gebiete geblieben sind, baden Vieles von jenen angenommen, mit denen sie in Verkehr traten, während die östlichen die ESkimo-Eigenschaslen reiner sich bewahrten. Die Rickknng der Wanderung läßt sich leicht verfolgen an den Ucberblcibieln der Eskimo-Niederlassungen: zerbrochene Gerüche. Knochcnnberreste und die in eigembüinlichen Ringen gelagerten Steine, welche einst znm Beschweren des Scmmerzeltes dienten. Der Weg ging am nördlichen Saum des amerikanischen Comments entlang, von wo auf die benachbarten Inselgruppen Abstecher unternommen wurden. Erwa am 79. bis 80? ieyten sie nach Grönland über und zogen bicr an der Westküste herunter, um allmählig auch die Ostküste zu bevölkern. An der Westküste kämpften sie im 12. Jahrhundert siegreich gegen die dort seßhaften Normannen, welche bereits gegen das 14. Jahrhundert theilweise durch Krankheit und durch den Mangel an frischem Nachschübe, theelweise aber wohl auch durch die Eskimos vernichtet wurden. Ein Tbeil ist vielleicht in den Eskmios aufgegangen. An der Discuision betheiligten sich Pros. Dr. Kühn und der Vortragende. Hierauf reserirte Dr. C. Nöse über seine Untersuchungen an Rekruten über den Einfluß der Gesichtssinn auf die Zahnververbniß. Bei den Rekruten deS oberdayeriichen und niedre bayerischen Bezirkes zeigte sich, daß die Langgesickter schlechtere Zabne hatten, als die Brcitgcsichter. Der Grund dürste darin gesucht werden, daß bei ersteren die Zähne enger aneinander gereiht sind, so daß die Reinigung erschwert ist. und daß die KaunmSkulatur schwächer entwickelt ist. Von Einfluß ist auch der Genuß von schwarzem Broo. In Gegenden, wo hauptsächlich Schwarzbrod gegessen wird, wie im bayerischen Wald, finden sich die besten Zähne. Redner meint, das käme daher, weil die Uebcrreste des schweren schwarzen Brodes viel lästiger sind und deßhalb viel eher aus den Zwischcnräumen zwischen drn Zähnen entfernt werden. Pros. Lindemann weist auf ähnliche Verhältnisse in Ostpreußen hin. Pros. Dr. Kuh» macht Mittheilungen über die Fakire. Die in der Literatur vorkommende» Berichte über das Lebcndigbcgraben der Fakire beziehen sich wahrscheinlich auf eine einzige Person, welche in den Jahren 1828—183? daraus ein Geschäft machte. 167 Bei diesem Experiment handelt eS sich um einen kataleptischen oder vielleicht auch nur narkotischen (mit Haschisch hervorgerufenen) Schlaf, während dessen die Lebensfunktionen stark herabgesetzt sind. Luft kann bei allen derartigen Experimenten zutreten, wenn auch in geringem Matze. Es ist mehr oder weniger eine Hungerkur. Die Vorbereitungen, die in den Berichten erwähnt werden, sind auf eine Täuschung des Publikums berechnet. Pros. vr, Nüdinger erinnert gerave hinsichtlich der Täuschung an den Fakir, der sich vor einiger Zeit in München produzirte. Da er in Zunge und Backen präformirte Kanäle hatte, konnte er leicht ohne Blutung eine Nadel bindurch- stecken u. s. w. Ueber künstliche Herabsetzung der Pulstbätig- keit berichten russische Aerzte bei Rekruten, welche vom Militärdienst frei werden wollten. Der Vorsitzende erinnert daran, dah man durch Athembcwegungen bei verschlossenem Mund und Nase eine ähnliche Wirkung erzielt. Damit schloß die Sitzung. Recensionen und Notizen. Die centrale Leitung der Freimaurerei und ihr derzeitiges Oberhaupt. Auszug aus dem französischen Werke: „Erinnerungen eines Drciunddreißigsten. Adriano Lemmi, oberstes Haupt der Freimaurerei. Von Domenico Margiotta." Verlag von Ferd. Schöningh in Paderborn. Preis 1 M. ?. Seit dein Erscheinen des Werkes von Eckert am Anfang der fünfziger Jahre sind in immer rascherem Laufe eine Reihe hervorragender Arbeiten über die Freimaurerei, wie die von DcScbamp und Claudia Janet, von Pachtler 8. ll., Leo Taxil, De la Rine, dem Bischöfe Mcurin und anderen, geschrieben worden. Aber keines dieser Werke hat solch wichtige Enthüllungen über diesen merkwürdigen Bund, dem sovicle politische Morde, selbst Fürstenmorde, zur Last gelegt werden, über seine Organisation und seine Endziele gebracht, wie die Schrift Mar- giotta'S. Man ersieht aus diesem Bücke, wie die Freimaurerei, die das Volk glauben macht, daß sie keine politischen, sondern nur Zwecke der Wohlthätigkeit und des Friedens verfolge, systematisch vorgeht, die christliche Weltorduung zu zerstören, den christlichen Glauben auszurotten und an dessen Stelle den Satauscult zu setzen. Das Buch zeigt ferner, wie das neue, so unglückliche Italien entstanden, wie sein armes Volk mittels eines falschen Patriotismus betrogen wurde, wie die nationale Einheit für die treibenden Kräite nur Vorwand und Mittel war zur Bekämpfung des Stellvertreters Christi und wie die ganze Revolution nur ein Werk der Freimaurerei war. Die Schrift ist um so interessanter, als gerade heutzutage in den meisten Culturstaaten und namentlich bei uns die Trennung von Kirche und Staat, Staatsmvuopol des Unterrichts, konfessionsloser Staat und konfessionslose Schule, Verwestlichung der Ebc, Civilehe, Civilbegräbmß, Feuerbestattung und all die schrankenlosen, den Wohlstand deS Volkes untergrabenden Freiheiten, die stets von der Loge gepflegt und als Postulate aufgestellt wurden, mehr und mehr an Boden gewinnen, als gerade heutzutage der Freimaurerorden die Zeit für gekommen erachtet hak, an die Ocfsentlichkcit zu treten, wie er sich ja ostentativ als den Beherrscher Frankreichs im Besitze der Präsidentschaft, des Ministeriums und der Majorität des Parlaments dem In- und AuSlaude vorgestellt hat, als gerade heutzutage die Freimaurerei bereit ist, in den offenen Kamps mit der christlichen Weltordnung einzutreten. Der billige Preis dieser nicht genug zu empfehlenden Schrift ermöglicht es, daß sie in die weitesten Kreise dringe. Arnold, Hugo. Unter General von der Tann. Fcld- zugserinnerungen 1870/71. Zweites Bändchen: Der Feldzug an der Loire. Vor Paris. Heimmarsch und Einzug in München. München, C. H. Beck. 1896. (268 S.) L. Vor Weihnachten 1895 habe ich in diesen Blättern auf das erste Bändchen der vorgenannten Arbeit eines verdienten Militärschriststellers aufmerksam gemacht. Jetzt liegt auch das Scklutzbändchen dieser Arbeit vor, das ich den Lesern dieser Blätter ebenso empfehlen kann, wie daö erste. Die Vorzüge deö ersten Bündchens sind auch dem zweiten in hohem Matze eigen: Klarheit der Darstellung, NechtSsinn, der auch dem Feinde Anerkennung widerfahren läßt und die Fehler im eigenen Lager nicht vertuscht, Liebe zu den Kameraden und zum Vaterlande und gesunder Humor. Die Darstellung der im zweiten Bündchen besprochenen Ereignisse während des furchtbaren Winterfeldzugs an der Loire war keine leichte Aufgabe, denn diese scheinbar wirren Märsche dem Leser in ihrem Zusammenhange klar zu machen, erfordert besonderes Talent. Gerade diese Aufgabe aber hat Arnold vortrefflich gelöst; wer seiner Darstellung dieses Winterfeldzugs an der Hand einer Karte des Landes zwischen Paris und der Loire folgt, wird die Operationen der deutschen Heere in der Beauce und am Perche verstehen und mit Bewunderung und Stolz die Großthaten des ersten bayerischen Armeekorps in diesen Landen vernehmen. Zu bedauern ist es, daß Arnold seine Erlebnisse vor Pariö zur Zeit der Commune nickt eingehender erzählt; er handelte also, um seine Arbeit nicht zu sehr anschwellen zu lassen. Ich glaube aber nickt, daß seine Leser unzufrieden wären, wenn er diesen Erlebnissen einige Bogen mehr gewidmet hätte; er schreibt ja so anziehend, daß man am Schlüsse seines Werkes geradezu bedauert, schon am Ende zu sein. Interessant ist Arnolds Beurtheilung des Bischofs Dupanloup, den er mit Döllingcr vergleicht; ob dieselbe aber allgemeinen Anklang finden wird, möchte ick anzweifeln. Auch seine Bemerkung über den Fanatismus der Priestex in OrleanS wird kaum unbeanstandet bleiben; warum sollten nickt auch diese Patrioten gewesen sein? Möge Arnold's Büchlein nach Verdienst weite Verbreitung und Anerkennung finden! Eugen Ankelcn, Markus Heller. Eine Malergeschichte. München. Verlag von Seitz und Schauer. 126 Seiten. Preis M. 1,50. Dr. Eine Malergcschickte — von einem feinsinnigen Malet geschrieben, der über allem Realismus des Lebens die leuchtenden Ideale des Herzens hocbbält. Die Novelle, ein Stück gewaltigen Seelen- und LiebcSlcbens eines ringenden Künstlers in intimen Strichen zeicknenv, ist hock erhaben über der beliebten Dutzendwaare des Alltags — sie ist Herzblut eines echten Menschen unserer Zeit. Ankclen, der prächtige Feuilletonist und hochgebildete Künstler, bat eine überaus edle Sprache. Ihm ist ferner die große Kunst eigen, lebenswahre, typische und dabei doch außergewöhnliche Charaktere darzustellen: die beiden Mädchengcstalien, Mathilde und Hedwig, sind Schöpfungen von majestätischer, raffinirter Wahrheit. Ich will nicht mehr verrathen. Ich habe seit Jahren kein solches Buch mehr gelesen. Bei aller Ungeschminkthcit ist es decent, echt künstlerisch. Markus Heller ist ein gutes Buch. Ludwig K., Die Schulregcln der.hebräischen Grammatik nach den Ergebnissen der neueren Sprachwissenschaft zum Mcmoriren und Nepetiren. 8°, SS. VI -s- 78. Gießen, I. Nicker. 1895. M. 2,00 geb. Vosen - Kaulen, Kurze Anleitung zum Erlernen der hebräischen Sprache. 8°, SS. IV -s- 149. Freiburg i. Br., Herder, 1895. (XVII.) M. 1,30. L Trotz des Ucbcrflusses an hebräischen Grammatiken für den Unterricht an Mittelschulen und trotz des unübertrefflichen Lehrbuches von Strack erscheinen fortwährend neue Bücher dieser Art, als ob die Verfasser gar nicht wüßten, daß der moderne Durchschnitts-Gymnasiast im Allgemeinen jeder Geistesthätigkeit abhold ist und kaum das schleckst genug lernt, wozu er gezwungen ist, geschweige denn etwas, dessen Inangriffnahme Ernst und ideales Interesse voraussetzt. Da helfen auch die besten Lehrmittel nichts. — Die „Schulregcln" können auch neben Strack sehr gut Verwendung finden; die eigenthümliche Austastung, die klare Airordnung des Stoffes, das Altlehnen an die grundlegende, alte Traditionen über den Haufen werfende Grammatik von Stade machen das Büchlein auch noch für den interessant, der es nicht mehr nöthig hat, gerade grammatischeRegeln daraus zu lernen. Bedenken gegen die Einführung des Buches an Mittelschulen veranlassen uns nur einige Bemerkungen des Verfassers, worin er in gar zu großem Vertrauen auf die „Ergebnisse" der Bibelkritik die Berichte unseres Offcnbarungs-Codex anzweifelt. Solche Dinge hätte er besser für sich behalten: für unreife Schüler passen sie nicht. Sonst ist das Buch alles Lobes werth; es läßt bekannte Dinge unter neuen, wissenschaftlichen Gesichtspunkten hervortrercn und verräth auf jeder Seite den gründlichen Kenner und tüchtigen Lehrer. — Auch über Voscns „Anleitung" sind unS schon günstige Recensionen zu Gesicht gekommen. Nur die Gedankenlosigkeit und der verführerische, billige Preis konnte diese unbrauchbare und jetzt gänzlich wertblose „Anleitung" zur erstaunlichen Höhe von 17 Auflagen bringen. Es wäre besser, dieses Lehrbuch endlich einmal der verdienten Vergessenheit anheimfallen und von der Bildfläche verschwinden zu lassen, anstatt einem unserer besten Gelehrten, Dr. Kaulen, die undankbare Last aufzubürden, ein Opus stets neu herauszugeben, an dem jede Liebesmühe verschwendet ist und das in der Gestalt, wie eS ist, kaum je so verbessert werden kaun, daß es sich neben anderen Lehrbüchern wenigstens mit Anstand sehen lassen darf. Aus Einzelnes können wir nicht eingehen, wir müßten die meisten 168 Paragraphen verurteilen, da sie nicht im Stande sind, Zweifel zu lösen, sondern nur zu erzeugen. Soll aber der Lebrer Alles leisten, wozu dann ein Buch? Schließlich haben wir die bescheidene Ansicht: Blau begnüge sich stillschweigend mit Strack, solang unsere katholische Literatur nichts Ebenbürtiges an die Seite stellen kann! „Das mathematische Pensum des humanistischen Gymnasiums und der Realschule. Eine übersichtliche Zusammenstellung des Wichtigen zur Wiederholung und zugleich zur Vorbereitung auf daS Schlußexamcn sowie aus das Einjährig - Freiwilligen - Examen" ist Heuer zum erstenmal erschienen und ist enthüllen im Bayerischen Studie lila len der 1895/96 (Verlag von C. Gerber in München), der um 75 Ps. bei allen Buchhandlungen erhältlich ist. Es ist das ein praktischer Führer, namentlich für Absolventen, der sie durch die Fülle des Durchgenommencn leitet und zu ersolgreicher Nepetition sich eignet. Miscellen. 8. (Eine sehr denkwürdige Begebenheit aus dem Leben Pius' IX.), welche bisher nur wenigen bekannt sein dürite, finden wir in dem soeben erschienenen neuesten Hefte des „Natclisfian". der Zeitschrist von Natclisfe College. Dort bringt nämlich in seiner Biographie des sel. Nectors und Präsidenten L. Hirst sein Biograph I?. Emery folgenden Tagcbuchs- Eintrag k. Hirst's (vom 3. Febr.) aus der Zeit seines Aufenthaltes in Rom — einige Monate nach der Schlacht von Meutana. „Wie mir Msgr. Talbot, Graf Viliers und W. Wells erzählen, wurde am letzten Freitag ein Meuchelmord- versuch auf Papst Pius IX. gemacht. Ein Italiener, welchem der Papst Privataudienz gewährte, zog plötzlich einen Revolver aus der Brusttasche. Der bl. Vater sagte: .Schießen Sie nur auf mich, ich bin ganz bereit'. Daraufhin stürzte der Mann ohnmächtig vor den Füßen des Papstes zu Boden. Man fand bei ihm zwei sechsläufige Revolver und einen Dolch." — Nicht weniger dürfte der folgende, gleichfalls nicht allgemein bekannte historische Zwischenfall aus dem nämlichen römischen Tagebuch ?. Hirst's interessiren, welches Aufschluß gibt, warum Napoleon III-, welcher bald nach der Schlacht von Mentana seine Truppen von Rom zurückgezogen hatte, sie nicht lange darnach wieder zurückbeorderte: Der hl. Vater erzählte dieser Tage dem RcdemptorislenpaterX. Folgendes: „Nachdem die Caserne Serrestori in die Luft gesprengt war, sei General Kanzler zu ibm gekommen und habe erklärt, daß er sich keine 24 Stunden mehr haltet! könne. Darauf habe er — der Papst — sich gegen ein Madonnabild gewendet und geklagt: O Madonna, hast du mich denn in diesen Nöthen verlassen? Darauf habe er auf ein Blatt Papier ein Telegramm an den Nuntius Chigi in Paris geschrieben und dasselbe unterzeichnet PiusIX. P ap st. In dein Telegramm stand: der Nuntius solle das päpstliche Wappen herunternehmen, seinen Paß verlangen und unverzüglich zu ihm kommen. Der Nuntius theilte dies sofort dem Minister de Moussier mit. .Warten Sie ein Bißchen', sagte Moussier, .bis ich's dem Kaiser sage'. Der Kaiser berief einen Natb, bei dem die Kaiserin, de Moussier, Lavalctte, Nouher (?) uno ein Admiral N. zugegen waren. Der Nuusius gewährte dem Rathe eine Stunde Zeit, nach deren Ablauf aber mau zu keinem Resultate kam. Darauf erklärte de Moussier: .Wenn der Nuntius Paris verläßt, so verlieren Sie in 24 Stunden Ihre Krone'. Darauf der Kaiser ganz bestürzt: .Aber jetzt ist cS zu spät'. .Nein', sagte der Admiral, .meine Schiffe liegen bereit, und in 3 oder 4 Tagen kann ich eine Brigade in Civita Vccchia landen'. Darauf ergingen sogleich per Telegramm die nöthigen Ordres." „Sehen Sie", sagte der Papst, „wenn ich selbst etwas in die Hand nehme, wie eö dann gleich geht — ganz anders, als wenn ich die Sache den Händen der Diplomatie überlasse." Ein 8 Tage vorher gemachter Eintrag des Tagebuches lautet: „Msgr. Talbot erzählt uns, daß man unter dem Vatican ein Faß Pulver gefunden hat. Sechs weitere dort gelegte Pulverfässer — was man sicher weiß - hat man noch nicht gefunden. In der Stadt Rom selbst hat man eine Liste von 9000 Geächteten entdeckt sammt einer Guillotine." Die sehr zahlreichen Tagebücher des vorigen Herbst verstorbenen Nectors und Präsidenten ?. Hirst umfassen einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren. Bei seinen nahen Beziehungen zu den höchsten und berühmtesten Persönlichkeiten geistlichen und weltlichen Standes in ganz Europa sind dieselben eine reiche Fundgrube des Interessanten und Belehrenden. 8» (Feierst Hochamt in den Katakomben von St. Callixt in Rom.) Einem Briefe des L. PiuS M. Stcinherr (aus der Gesellschaft des göttlichen HeilanoeS) an seine Familie in Lindau entnehmen wir Folgendes: Am Samstag vor dem weißen Sonntag ward uns eine nicht gcrmge Freude zu theil. Au diesem Tage zog ich um 5 Uhr morgens mit zwei Patres, zwei Leviten, unserm Gesaugschore und mit etwa 40 unserer Oblaten, d. h. jener Mitglieder, welche »och niedere Studien betreiben, hinaus vor die hl. Stadt nach der via L.ppia antigua, der alten Appischcn Straße. Während die meisten Römer noch der Ruhe pflegten, ginge» wir schweigend, von herrlichem Wetter begünstigt und dem Gesänge der lieben Vögelein erfreut, die großcntheils noch geräuschlosen Wege entlang, jeder seiner Betrachtung sich hingebend, wozu die Erinnerung an die Vergangenheit und au die Cbristenhelden, welche einst dieselben Wege gewandelt, Stoff genug darbieten konnte. Um Uhr bei den Trappistenpatres angelangt, welchen die Obhut der Katakomben von St. CallixtuS anvertraut ist, wurden wir freundlichst empfangen, und in möglichster Stille ward alles zur bevorstehenden Feier Erforderliche zugerichtet. Verschiedene Kerzen werden angezündet, ein Zeichen gegeben, und alle. einer nach dem andern,^ steigen hinab in die Gruftgänge der ersten Christen, um gleich diesen ebendaselbst dem hl. Opfer beizuwohnen. Bald sind wir in der Kapelle der hl. Cäcilia, wo der freundliche Trappislenpater Paul schon das Nöthige in Bereitschaft gebracht hat. Unsere Leute vertheilen sich so gut als möglich in dem engen Raume, der theilweise durch eine Oeffnung von oben her (Imesruarinin) Licht und Luft erkält, theilweise durch Kerzenlicht erhellt werden muß. Der aus mehreren unserer stuck. pdil. und tlwol. gebildete Chor nimmt beim Eingang Ssilluug, während ich mit den Leviten die hl. Gewänder anlege. ES beginnt das feierliche Amt pro 8abdato in LIbis. Der Chor bringt eine 4stimmige Messe von Aug. Wiltbergcr zum Vertrag, daS Lrscko singt er olroralitsr. Beim Otkortorinm: Lsgina eoeli laetars (Freue Dich, 0 Himmelskönigin) von Lolli, dessen jubelndes Alleluja in den weithin verlaufenden Katakomben eigenthümlich verhallt und nebst den andern ergreifenden Eriuuerungen dieser merkwürdigen Orte daS Christenherz am'S Tiesste bewegt, bei der hl. Wandlung beseelt uuö der Wunsch, jene Gluth von GottcSlicbe möchte uns durchziehen, welche unsere Vorfahren zu so heldenmüthigen Thaten befähigte. Bei der hl. Commuuion singt der Diacon feierlich das tlonütsor, und etwa 30 unserer Studenten empfangen den Leib des Hcrrn. Das Hochamt naht seinem Ende, und so hören wir in diesem Jahre nach dem Its lftissa ost das letzte doppelte Ostcr-Alleluja an einem jener Orte singen, wo unter ganz andern Umständen und Verhältnissen unsere Vorfahren zur Zeit der Verfolgung dem hl. Opfer beiwohnten. — Nach Beendigung des Amtcs lasen l?. AihanasiuS Funke aus Essen a. Ruhr und k. Epiphanias Dcibele, ein Württemberger, in Katakomben-Kapellen stille hl. Messe. Nach Einuahme eines einfachen Frühstücks auf einer Wiese über den Katakomben traten wir unter Anführung und Belehrung seitens des hockn). L. Paul einen Nuudgang durch dieselben an, beginnend bei der Gruft des Papst-Martyrers Cornelius, und kamen nach verschiedenen Kreuz- und Qucrgäugen wieder zur Cäcilieu-Kapclle. Während dessen sangen mir wechselweise die Allerbcil-gcu-Litauei, lateinisch und einige Psalmen, bei einigen Haltssillen trug der Chor seine Weisen vor, und zwar daö bereits einmal gesungene Log-ina, Oooli von Lotti, ein 4stimmiges I-anckato vominum, Gott grüße Dich, von Mücke und die Papsthymue von Billigmann, welche auf Verlangen noch zwenual wiederholt werden mußte, bei welcher Gelegenheit Hochrufe in deutscher Sprache auf den bl. Vater ausgebracht wurden. Auch daS deutsche „Großer Gott, wir loben Dich" kam an die Reihe. Zum letztenmal unsern Blick auf diese ehrwürdigen Stätten werfend, verließen wir dieselben, nicht ohne die Aufmunterung mitzunehmen, gleich den alten Streitern Christi alle Leiden, Sorgen und Kümmernisse dieses Lebens auö Liebe zum Hcrrn in Geduld und Ergebung zu tragen bis zum Abend unseres Lebens, nach welchem wir einzugehen hoffen in den Frieden, welcher den Dahingeschiedenen manchmal auf den alten Grabsteinen gewünscht wird: Vivas in Laos, oder vivas in 8piritu 8anotc>, lebe in Frieden, lebe im hl. Geiste. Auf die Oberfläche der Erde zurückgekehrt, sang der Chor noch: „Felsenkreuz" von Kreutzer und „Still ruht die Erde" (Sabbathfcier) von Abt. Nach herzlichem Dank verabschiedeten wir uns von den guten Trappistenvätcrn und machten uns auf, den Rückmarsch anzutreten, unter dem- , selben die in den verflossenen Stunden gewonnenen Eindrücke j gegenseitig austauschend. Leranttv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. ÜZi'. L2. 29. Mlll 1896. Lpiesälum in kun6?6 kupsrti 8ö6unäi rmMäissillli 8edM6 Lbbstis. Olarorrun si, klrosds xatsr, ts kunsra tan^untz, Uns n§s eum oitstnrÄ, sum onriuinidus Innsstis, InLultus tristis. 1^. III. oI>3. 139) hätten welche aufgezeichnet. Alle diese Fälle seien aber nicht so recht ausgemittelt und rund und klar mit Fernhaltung aller Täuschung dargestellt, daß man auf sie ein irgend verläßliches Urtheil begründe» könnte. Dies gilt wohl auch von dem Vorgänge, der in dem Akte der Inquisition von Carcassone vom Jahre 1328 gegen den Karmeliten Petrus Nikordi erzählt ist, und den Döllinger in der Pariser Bibliothek für Görres cxcerpirte. Zur Erläuterung des Bilderzaubers bemerkt derselbe: „Das Bild soll eine Art von Spiegel sein, der die bösartige Intention wie in einem Brennpunkte sammelt und sie dann auf das Vorgestellte selbst in ganzer Verderblichkeit hinüberleitet. Der Grundgedanke ist also der eines Apparates, in dem die dämonischen Influenzen sich einigen; etwa wie das magnetische Baquet die somnambulistischen Einflüsse concentrircn und weiter leiten sollte. Wie aber dies auf gewiesenem Wege zu allerlei Arten von CharlataniSm hingeführt, so war auch durch diese dämonischen Kondensatoren der Weg zu jeder Art des Betrugs und der Selbsttäuschung angebahnt." Es dürfte vielleicht von Interesse sein, nach dieser Erklärung auch einige auf den Bilderzauber bezügliche Stellen aus den Schriften des Arztes Paracelsus, der bekanntlich als Occultist in neuerer Zeit wieder vielfach genannt wird, folgen zu lassen. Man kann dieselben wohl als einen Beweis dafür betrachten, daß er die mystischen Fragen ebenso zu erklären versuchte, wie unsere modernen Hypnotiseure, Magnetiseure und Suggestionisten. Wir finden insbesondere in seinem Werke „Oo eirts 8p>irituum" (über das Wesen der Geister) eine Besprechung des Bilderzaubers. Er schließt ausdrücklich eine dämonische „Wirkung oder Inspiration" aus und äußert sich folgendermaßen: „Ihr wisset, daß nach dem Willen eines Geistes, der sich im Streit mit einem andern Geist befindet/ wenn man ein Wachsbild mit Erde und Steinen bedeckt, der, den es vorstellen soll, unruhig wird. Schmerz empfindet und nicht gekeilt wird. ehe das Bild wieder ausgcgraben ist; wenn dies geschehen, ist er von seinen A engsten befreit. Dann sollt Ihr auch daran denken, daß, wenn man diesem Bilde ein Bein bricht, der Mensch, den cS darstellt, diesen Bruch suhlt; dasselbe gilt auch von den Stichen und ähnlichen Verletzungen, die dem Bilde beigebracht werden. (Cap. VII.) Es ist möglich, daß mein Geist einer andern Person eine Verletzung wie die von einem Schwerte beibringt, ohne Beihilfe des Körpers, durch mein glühendes Verlangen. Es kann auch noch geschehen, daß ich durch meinen Willen den Geist meines Gegners in einem Bilde festhalte und baß ich so dazu komme, diesen Gegner mißgestaltet oder lahm zu machen, — nach meinem Belieben, durch das Mittel des Wachses. . . . Ihr müßt es für gewiß halten, daß der Willensakt von großer Wichtigkeit in der Medizin, und ebenso, daß einer, der sich Uebles wünscht, alles Uebel fühlen kann, das er will, da die Verwünschung im Gebiete des Geistes ist; ebenso kann es geschehen, daß in Folge der Verwünschungen durch Bilder Krankheiten wie Fieber, Epilepsie, Apoplexie und andere ähnliche erzeugt werden, wenn die nöthigen Vorbereitungen getroffen sind. (Cap. 8.) Wenn man an eine Wand das Bild eines Menschen malt, so ist es gewiß, daß alle Schläge und Verletzungen, die man diesem Bilde beibringt, von dem, welchem das Bild gleicht, empfunden werden. Das rührt davon her, daß der Geist dieses Menschen durch den Willen eines andern Geistes in diese Figur hineinversetzt wird... So wird auch dieser Mensch jede Züchtigung erleiden, die Ihr wollt, wenn Ihr sie dem Bilde zufügt, da Euer Geist den des andern in diese Figur gebannt hat, so daß 173 er Euck> Unterthan geworden ist und gezwungen, alles zu dulden, was Ihr wollt." (Cap. IX.) So Paracelsns, der in letzterer Zeit wieder so häufig citirte Vorgänger der modernen Hypnotiseure und Psychotherapeuten. Alan konnte annehmen, daß die zahlreichen Fernwirkungscyperimente der letzteren die Aufmerksamkeit schließlich auch noch auf die Frage nach der Möglichkeit der früher so häufig berichteten Bezauberung aus der Ferne hinlenken würden. Dies geschah auch wirklich in jüngster Zeit. Die Bilderznuberei sollte am Ende des 19. Jahrhunderts gelegentlich der Versuche eines bekannten Pariser Hypnotiseurs näher erörtert werden. Dieselben und ihre Folgen, welche einen Einblick in das Treiben moderner Mystiker und „Occultisten" bieten, dürften von größerem Interesse sein, wenn sie auch in mancher Hinsicht bedenklich erscheinen müssen, und wir wollen deßhalb, zumal sie in Deutschland noch weniger bekannt sind, im Weiteren näher hierauf eingehen. (Fortsetzung folgt.) Beatus Adalöertus ein Graf Z o l leru -H o h e n b er g-Haigerloch, Mönch, Priester und Prior in der niederbayerischen Benediktinerabtei Oberaltaich 1261 — 1311 von I. N. Secfried. (Fortsetzung.) II. Einige Züge aus dem Leben des sel. Grafen Albert. Sein Biograph. Schmid hat sich in seinem neueren Werke über Albert Grafen von Hohcnberg-Notenburg-Haygerloch, den Sänger und Helden, -5) und in der neuesten Schrift „Die Grafen von Hohenberg zollerischen Stammes und das Minnesänger- Denkmal auf der Weilerburg" einfach auf seine früheren Angaben über den Prior Albert aus dem Jahre 1862 bezogen, ohne etwas Neues beizubringen oder die früheren irrigen Aufstellungen zu berichtigen; ich sehe mich deßhalb veranlaßt, einige Unebenheiten und schiefe Anschauungen desselben richtig zu stellen. Schmid hat den Autor der Vita ^Istsrti nicht selten mißverstanden. „Seinem Beichtvater, sagt er, beichtete er siebenmal und noch öfters des Tages", während es in cap. VI der Vita^) bloß heißt: „cnii (IlarinviZo) iubsrclum LLptiss vel pstrriss uno couütostatar lsto." Das „bisweilen" (intsrelnw) läßt Schmid weg, und auch darüber ist Stillschweigen beobachtet, daß es sich hier kaum um einen zu häufigen Gebrauch des Sakraments der Buße handelt, sondern etwa nur um die öftere Einholung des Rathes des vorn Abte speciell gewährten Beichtvaters von Seite des hier, wie mir scheint, zu überängstlich dargestellten Grafen. Hier ist wohl im Auge zu behalten, daß Alberts Biograph die Vita desselben erst 1339, sohin 28 Jahre nach dessen Heimgang, geschrieben und nur dasjenige berichtet hat, was ihm zuverlässige Zeitgenossen des seligen Grafen erzählt haben. Die fragliche Stelle in cap. VI der Vita ist schon frühzeitig mißverstanden und übertrieben dargestellt worden, wie namentlich von dem 2 °) Ein Cyclus von cultnrhistor. Bildern aus dem 13. Jahrhundert. Stuttgart 1879, Cotta. 2 °) Tübingen bei Franz Fncö 1892. --) Chronik Vita ä. p. 593.- I'er Vita II. p. 541/2. Schweizer Gabriel Bucelin.^) Wäre Graf Albert wirklich ein so scrupulöser Mann gewesen, wie er von Bucelin und Schmid dargestellt wird, so hätte er sich kaum zum Novizenmeister des Klosters geeigenschaftet und wäre vom Abte Poppo sicher niemals hiezu und zum Pfarrer und Prior bestellt worden. „Sein Nachtlager soll er nach Schmid ^) nahe bei dk Klosterkirche an einem schmutzigen Platze aufgeschlagen haben"; das Original aber bezw. die Originalabschrift und die Ausgaben von s. Emmeram und Oberaltaich sprechen in cap. VI nur davon, daß Albert wegen der häufigen Nachtwachen seine Lagerstätte nicht mehr im Dormitori'nm (dem gemeinschaftlichen Schlafsaale) haben wollte, sondern neben der Kirche iu locv Leistest stumist ct äespeeto, um unbemerkt und ohne Störung der übrigen Conventualen zur Kirche gelangen zu können. Weder stuwists noch elespeetus kann und darf mit schmutzig übertragen werden, es gestattet eine solche Uebersetzung schon die unmittelbare Nähe der Kirche und der gewöhnliche Anstand nicht, auf welchen wohl auch der gräfliche Conventuale Anspruch machen konnte und Anspruch gemacht haben wird. Prior Aemilian Hemmauer sagt in der Chronik Seite 551 über die fragliche Stelle der Vita: „Albertus habe wegen seines Eifers im Gebete nahe bei der Sakristei-Thüre ein Cellulein für sich zu errichten Erlaubniß erbeten, damit er desto freieren Zugang in die Kirche, zum hochwürdigen Gute hatte, bei welchem er sich mehr als in seiner Zelle aufgehalten." Vollständig verschwiegen hat Dr. Schmid jene merkwürdige Stelle der Vita, in welcher der Mönch gewordene Edelmann als fleißiger und überaus scharfsinniger Verbesserer und Erklärer dunkler Stellen der Oberaltaich- ischen Bücherei (Bibliothek) gerühmt wird.^°) „Von irdischen Gegenständen, sagt sein Biograph, besaß er nur Federn und einen Stift von Schmelzglasfarbe wegen Besserung und Erklärung von Schriftwerken, worin er überaus scharfsinnig gewesen, wie aus mehreren Büchern unserer Kirche erhellt." Auf die Frage, warum er sich um Bücher von so geringem Werthe kümmere und sie so eifrig und mühesam verbessere und mit Glossen versehe, antwortete er^): „es wird die Zeit kommen, da diese und andere kleine Werke unserer Kirche mit Vorliebe werden begehrt und verlangt werden." Wir könnten noch manches Mißverständniß und manche Unterlassungssünde anführen, wollen uns jedoch möglichst beschränken und unter Uebergehung der vielen wundersamen Vorkommnisse im Leben Adalberts und am Grabe desselben nur bemerken, daß unser Ocdensmann dem Lobe der Menschen sich stets zu entziehen wußte und °°) Den. läßt den Grafen Albert et sexies septiesvs soll xinries in äie xeoeatilla oonke88ario per 8aer am enteis in äetegers eonkessiouem. Vergl. Hcminanerö Chronik S. 198. 2") Vita. cap. VI OL.. x. 592; §. (ker) p. 542. Vropter erebras ergo vigilias leotulnin suum nou alias amplius in clormitorio babero volnit nisi prope Leelvsiam in looo soiiioet llumili st äespeeto, unäs silenter.. aä eocie- siaur ambularet. 2 °) Vita eap. VII Chronik xag 593. Xiliil terrenarnm rermn liabnit nisi pennas et eneaustnin prop ter oorreetionew librornm et glossationem, in XVI I. o. Iliraeula sanetum uou laeinut sei ostsustuut. Ein anderes sind Wunder, die ich mit eigenen Augen selie und selbst zu prüfen Gelegenheit habe; ein anderes sind Wunder, von denen ich nur historisch weiß, daß sie andere wollen gesehen und geprüft haben. (Lessing über den Beweis des Geistes und der Kraft 1777.) ^) Vita cap. XIV, Chronik I. o. S. 598; 4?ex I. o. pa§. 545 n. 546. ?°) I. o. eap. XIV. (Zuain antsm dass 8na verba vora tueriut, sxpsrti 8NMN3 plus guam XI, aunis st gnotistiauis tribnlationibno sxporimur. Die Nltaich-Bogen-Melkcr Abschrift (bei Pez I. e.) hat ssxaZüuta (IX) auuis; es dürfte jedoch hier nur ein Schreibfehler vorliegen. weil die DruckauSgabcn der Vira nach Heimnancr und Pez übereinstimmend gnastraginta aunis ausweisen. Ueber den neugewählten Abt Konrad 141. hat sich weder der Biograph Alberts, noch Hemmauer günstig geäußert. Der letztere sagt von ihm ??): „was von unserem Ocmraäo, welcher OaxLlianus betitlet worden (warum? wird nirgends gefunden), zu halten, lassen wir willig anderen auf der Waagschale der Vernunft zu erwägen über, wir inzwischen halten unsere Meinung in susxsnso." Ob demnach den herzoglichen Hof zu Straubing, welcher mit der Grafschaft Bogen 1242 die Vogtei über Oberaltaich geerbt hatte, politische oder vogteiliche Erwägungen veranlaßt haben, den Hofkaplan Konrad etwa gegen den Prior Albert von Hohenberg-Haigerloch zu protegiren, müssen wir in Ermanglung positiver Nachrichten dahingestellt sein lassen; gewiß dagegen ist es, daß die Vita, Hldsrti erst 40 Jahre nach der von den bayerischen Herzogen wahrscheinlich beeinflußten Wahl von 1297 und 27—28 Jahre nach dem Ableben Alberts verfaßt und zunächst nicht von den Siebten Heinrich III. (1316—1330) oder Ulrich III. (1330—1338), sondern von dem Benediktiner Gebhard zu s. Emmeram in Ne- gensburg veranlaßt worden ist.??) Mit Recht hat sich deßhalb Prior Albert 1338/39 entschuldigt, daß er die Biographie zu schreiben verschoben und bis jetzt verzögert habe, weil er sich zur Abfassung derselben für unwürdig und ungeeignet gehalten habe??) „Ihr sollt aber wissen, fügt er seinem Briefe an Gebhard bei, daß ich den Mann Gottes niemals gesehen, sondern dessen Leben geschrieben habe, wie ich es von meinen Aelteren (Mit- brüdern), seinen Zeitgenossen, vernommen, von Herrn Hartwig nämlich, der mehr als 20 Jahre (sohin von 1290—1311) sein Beichtvater gewesen??) von Herrn Chuorad, genannt Cantor, und Herrn Ehunrad von Dingolfing, sowie von Herrn Bernhard (Pez Wernhard) mit dem Beinamen Gundakher und von anderen glaubwürdigen Personen, von denen viele noch am Leben sind und deren Namen ich nicht anzuführen brauche, da die älteren Mitglieder eueres Klosters (s. Emmeram) und des Klosters Niederaltaich, sowie der Klöster Neichenbach und Metten") und viele Bruder anderer Kirchen, auch Mönche vom Prediger- und Minoriten-Orden seine Heiligkeit und sein bewundernswerthes Leben mit den Söhnen unserer Kirche gleichmäßig bezeugen und hoch in Ehre» halten." Dreihundert und sechzig Jahre nach dem Biographen Albert hat Prior ?. Matthäus Huefnagl von Oberaltaich in seinem Leben Alberti in deutscher Sprache den Beichtvater Alberts, den 78jährigen ?. Hartwig, für den Autor der lateinisch geschriebenen Vita ^) Chronik S. 189 u. 190. Von 118 Religiösen waren im Jahre 1300 die meisten von adeliger Abkunft. I. e. S. 54 (meistens alle. sagt Hemmauer). 2 °) Vcrgl. Ipistola Llberti 1?riori8 Obsraltaebensis ack Csbliarstum Ooeuobitam lümmsramsussin äs Vita L. Ll- berti ssu Hstalberti. Chronik Hemmaucrs p. 585; De 2 1. o. p. 537 u. 538. 2 °) I e. Dis tnli ot usgus imno protraxi, iustiFuum ms st minus icloneuw sousistsraus. ") I. o. gni ejus Oouksssor plus guam 20 auuis luit und Prolog: Dominos autem Ilarluvious 8suioruostsr, vir plusguam ssptuaZuuta auuorum ooto, gui L. H.4- berti Loulsssor plus guam 20 aunis luit, Ori- xinoin, Oouvsrsiousm st vitam eum pluribns mira- oulis Djus miiii listoliter suaravit, pstsus a ms^ saopius, nt seksstnlis auuotarsm. Chronik x. 588;^ Pez I. o. p. 533 u. 539. ") Beuediktiucrabteicn, beide 1803 aufgehoben, Metten von König Ludwig I. 1830 als Priorat und 1840 als Abtei wieder ins Leben gerufen. 175 ausgegeben^) und dieselbe als Simplex, nncla et trivialis qualifizirt, während Biograph Albert Herrn Hartwig nur als ersten Gewährsmann bezeichnet hat und es sehr zweifelhaft erscheint, ob Huefnagl am Ende des 16. Jahrhunderts mit seiner sehr zweideutigen Darstellungsweise Besseres zu leisten im Stande gewesen wäre. Von dem Autor der Vita, ^Idorti wissen wir leider z. Z. nur anzugeben, daß er den Grafen persönlich nicht gekannt hat, mithin erst nach dem Tode desselben (1311) nach Oberaltaich gekommen ist, hier 1338/39 die Vita als Prior geschrieben und sich dadurch kein geringes Verdienst um die Geschichte der Grafen von Zollern-Hohen- berg-Haigerloch erworben hat. „Horr est kriorum momorirr" sagt Hcmmauer unter scherzweiser Bezugnahme auf den Prediger 6 . 1 v. 11; bloß ihre Namen findet mau in Llortilogio (Chronik S. 38). (Fortsetzung folgt.) Berichtigung« Statt xroenrats in Zeile 5 der Mouumcntinschrist (Beil. Nr. 21 S. 164) ist zu lesen xroourato d. h. xroourants. Recensionen und Notizen. Foseplii Dossier gnornlam Lxiseopi 8. LipxolM lusti' tutiouos LatrolvAias, gnas deuno roeonsnit, auxit, sdidit Lsrnardna .InnKmann. Domi II xars altern. Ooniponts 1896, Dolle. Laueil. 8" La§. X, 712. Lrot. Ll. 5.40. ch: Dein verdienten Professor der KirLcngeschichte und Patrologie an der katholischen Universität Löwen Bernardus Jungmann war es nicht mehr vergönnt, die Herausgabe der Institutionss LatroloZiao des Bischofs von St. Pötten, Joseph Fehler, Hochselig, zu vollenden. Der Tod überraschte ihn mitten in der Arbeit gegen Ende der Schluß-Abtheilung. Daher die beinahe 4jährige Verzögerung im Erscheinen derselben. Endlich liegt denn das Werk vollendet vor. Und wir müssen gestehen, der neue Fehler steht durchaus aus der Höbe der Zeit. Die reichen Forschungen auf dem Gebiete der Näterknnde seit dem Erscheinen der ersten Allsgabe vor fast 50 Jahren sind durchweg wohl verwerthet. Einzelne Particen wurden neu aufgenommen. Vorliegende Abtheilung beginnt im 7. Kapitel mit der Darstellung jener Vater und Kirchenschriftstellcr, welche die Irrthümer des NestoriuS bekämpften. Unter diesen ragt vor Allem hervor der hl. Cy rill»s von Alcxandricn. Außerdem zeichneten sich aucb aus der hl. Cölestinuö, Papst, der hl. ProkluS, Bischof von Konstantmopcl, und insbesondere unter den asketischen Schriftstellern der hl. NiluS und hl. Jsidor von Pelnsium. Das 8. Kapitel ist eingetheilt in 5 Sectionen. Unter den Bekämpfern der Monophpsiten ist der bedeutendste der hl. Papst Leo der Große; unter den sehr berühmten Predigern des 5. Jahrhunderts ragen besonders hervor der hl. PetruöChrhsologus und der hl. Maxi m u s, Bischöfe. Gegen die Semipelagianer wandte sich besonders der h l. ProSper von Aqnitanien. Im 6. Jahrh, waren besonders ausgezeichnet der hl. FulgeutiuS, Bischof von Nuspe, der hl. CäsariuS, Bischof von Alles, der hl. Grege rius, Bischof von Tours, und der bl. Abt JoanneS Klimakuö. Den würdigen Schluß bildet der hl. Papst GrcgoriuS der Große. Verdienterweise findet er eingehende Berücksichtigung (S. 551—611). Nur hätten wir gewünscht, seine Bedeutung als Kirchenlehrer wäre noch mehr betont worden, wie dies nachdrücklich thut Schneider in den „Thomas- blättern" (2. Bd. S. 289 ff., S. 321 ff.. S. 353 sf.) und mit ^) Gedruckt in der churfürstlichcn Hauptstadt Straubing bei Johann Chrhsostomo Haan 1699 S. 5 u. 6. L§o voro ad woum Lartavionm rodso, oujus Verba. ita. sonant. ") In lilisllo, gnom ds vita, ei wiraoulis 8. ^.1- bsrtj lintz'ua vornaenla, sod stxlo admodnm xerplsxo edidit 8traubinK'ao apuck Olrrzwost;. Laan anno 1699. Huefnagl nennt Albert den seeligen, nicht heiligen Grafen. Adalbcrt Ebner hat den Titel der Schrift Huefnagls mitgetheilt in den Sammclblättcrn zur Geschichte der Stadt Straubing Nr. 123 S. 490. eingehenden Belegstellen in seinen verschiedenen Werken, insbesondere in „Wissen Gottes" (4 Bde., NegenSburg, Mauz), nachweist. St. Grcgorius ist für die Kenntniß der Theologie der Vater von noch größerem Nutzen wie AugnstinuS. Er hat eben Angustinus'Weisheit bereits in sich ausgenommen. Er erklärt die Glaubenswahrheiten mit den gleichen Ausdrücken, wie Augustinus. Was bei diesem jedoch als Most der Forschung gewissermaßen noch gährt und schäumt, ist bei Grcgorius tiefes, aber ruhiges und bis auf den Grund klares Wasser. Spielend gleichsam überwindet er die Schwierigkeiten; ja seine Diction fließt so leicht faßlich dahin, daß eö fast den Eindruck macht, als gebe es in der Theologie keine Schwierigkeiten mehr. — Ein zum besseren Verständniß der einzelnen Zeitabschnitte gewiß nutzbringender Beitrag sind die bei den Hauplvätern beigcgebencn Proben ihrer Lehre. Der Appendix bringt die Syrischen Kirchenschriftstellcr aus dem 5. und 6. Jahrh., sowie die Armenischen Väter und Kirchenschriflstcller von Bekehrung dieses Volkes an bis in das 6. Jahrh., von letzteren besonders den hl. Grcgorius Illuminator, Bischof von Cäsarea in Kappadozien, den hl. Jsaak, Patriarchen von Armenien, mit dem Beinamen des Großen, und den hl. Mesropes, zubc- nannt Mastosins. Die Darstellung der Päpste bis einschließlich Gregoriuö d. Er. in der 5. Sectiou bewegte Professor der Patrologie in Löwen Ad. Hcbbelynck, die des Appendix Pros. T. I. Lauch an derselben kath. Universität. Die Addenda auf S. 670 bringen den Literatur-Nachtrag zu Dom. II, p. 1, 8 155 „Lriseillianus". Der genaue Personal- und Neal- Jndcx ist eine recht willkommene Beigabe znr Erleichterung des Gebrauchs der hiemit vollendeten trefflichen Patrologie. Die Verlagsbuchhandlung sorgte ihrerseits auch für würdige äußere Ausstattung. Dogmatische Theologie von Dr. Heinrich, fortgiführt durch Dr. Gut beriet. VII. Bd. S. LXXIX, 846. Mainz 1896, Kirchheim. M. 12.-. chp Nach geradezu 9 Jahren — der 6. Bb. erschien 1837 — liegt endlich der 7. Bd. der Dogmatik des unvergeßlichen Domdekans Heinrich vor. Der Tod überraschte ihn mitten in der Arbeit, mit der Behandlung der unbefleckten Empfängnis;. Professor Gutbcrlet von Fulda hat eS übernommen, das große Werk im Geiste des verewigten Verfassers fortzusetzen. Seine Arbeit nun beginnt mit der mittelalterlichen Controvcrsc über die unbefleckte Empfängnis. Der Fortsetze!.' ist bestrebt, treu den Fußstapfen Heinrichs folgend, in streng' kirchlichem Sinne und insbesondere nach Anleitung des heil. Thomas die Glaubenslehre zur Darstellung zu bringen. Letzteres hindert ihn jedoch nicht, in einzelnen Punkten von der Lehre deö heil. Thomas abzuweichen. Ob dadurch die Dogmatik wirklich eine Fortentwickclung erfahren hat, dürfte, wenigstens von thomist- ischcr Seite, stark in Frage gestellt werden, und wird dies von eigentlichen Fachzeitschriften auch näher zu beleuchten sein. UebrigenS sind dergleichen Abweichungen geradezu gefordert durch den, allerdings ganz kirchlichen, molinistischcn Standpunkt des Fortsetzers, und waren deßhalb auch vorauszusehen. Bei Auseinandersetzungen mit einzelnen Dogmatikern oder mit einer ganzen Richtung bcmübt sich der Fortsetze! möglichst der Sachlichkeit nno Ruhe. Gegebenen Ortes werden auch Angriffe andersgläubiger Theologen gebührend zurückgewiesen; so z. B. Harnack's heftiger AuSfall gegen die katholische Genugthuungs- Ichre. Im Unterschied von Heinrich nimmt Gntberlet in den Text selbst längere Stellen der hl. Schrift oder aus den Werken des hl. Thomas von Aguin aus; ob dadurch die Darstellung gewonnen, überlassen wir dein Urtheile des Lesers selber. — Der Betrachtung des JnkarnationS- und Erlösungödogma's gehen im 1. Kapitel voraus Untersuchungen über die Wichtigkeit und den Charakter dieser Dogmen und über den ewigen göttlichen Nathschlnß und die zeitliche Vorbereitung der Menschwerdung und Erlösung. Der Gott-Mensch Jesus Christus ist Gegenstand des 2. Kapitels. Der Reihe nach ist da Rede: von der göttlichen Natur und Persönlichkeit Christi; von seiner menschlichen Natur an sich (daran schließt sich die Mariologic); von der Vereinigung beider Naturen in der Person des Wortes (hypostalische Union) und ihren Folgerungen für den ganzen Christus. Das 3. Kapitel behandelt dann die Vorzüge der menschlichen Natur des Gottessohnes als solcher und das 4. Kapitel die Erlösung. Dem Umfange nach stillen die Vorfragen ein Drittel des Bandes, die sogenannte Christclogie die Hälfte, die Soteriolozie nur ein Sechstel, wohl nicht im richtigen Verhältnisse. Allen wird eine sehr willkommene Beigabe sein: Porträt und Lebensskizzc deö Verfassers selig 176 Die substantielle Form mid der Begriff der Seele bei Aristoteles. Von Dr. E. Nolfcs. Padcrborn 1896, Fcrd. Schöningh. 8". S. IV, 141. P: Der als eifriger AristotclcS-Forschcr wobl bekanntc Verfasser schenkt nnS mit dem vorliegenden 3. ErgäuzungSheste des Ccmmcr'schcn Jahrbuchs sür Philosophie und spekulative Theologie einen neuen wcrthvollcn Bci:rag zur Aristoteles-Literatur. Die Arbeit bildet eine Ergänzung zweier andern Abhandlungen über Fragen der aristotelischen Psychologie; die eine über die Unsterblichkeit der Seele bei Aristoteles (Commcr, Jahrbuch 1894/95, Heft 2 und 3), die andere über die vorgebliche Prä- existenz des Geistes bei Aristoteles (Philos. Jahrbuch, Fulda 1895, Heft 1 und 3). In unserer Schrist handelt es sich um Wisscnsgcgcnstände, welche unsere ganze Theilnahme in Anspruch nebmen. Die Vereinigung der Seele mit dem Leibe ist ein Problem, das von jeher die denkenden Geister wie kaum ein zweites beschäftigt hat. Der Begriff der substantiellen Form, in welchen Aristoteles das Verhältnis der Seele zum Leibe fasst, führt seinerseits auf die fundamentalsten Fragen der Naturphilosophie. Für das Verständniß seines Scelenbegriffs weist nnS Aristoteles selbst auf seine Lehre von Materie und Form. Darum wird diese, oder vielmehr die Lehre von der snbstantialcn Form und die von der Materie nur soweit es das Verständniß der Form verlangt, im ersten Theil der Schrift erörtert. Zunächst kommt der Sinn und die Bedeutung, dann die Begründung der Lehre betreffs der unorganischen, wie der organischen Wesen. In diesem Theile werden zu dem Ende übersetzt und erklärt das 1. Buch der Physik und der Ansang des 2.. sowie die beiden Bücher vom Entstehen und Vergehen. Im zweiten Theile wird der Begriff der Seele nach den i beiden ersten Kapiteln des 2. Buches von der Seele entwickelt > und begründet. Die Schwierigkeiten gegen den Formcharakter der menschlichen Seele werden im Sinne der Scholastiker und insbesondere dcS bl. Tbomas von Aquin gelöst. Mit vollem ! Rechte betont der Verfasser immer wieder, trotz aller etwaigen s philologischen Mängcl, die h o he Phil os oph ische Bedeutung der Aristoteles-Commentare des Aguinateu. Auch auf unserer Seite verdienten sie noch weit mehr geschätzt und verwerthet zu werden. Bei größerer Berücksichtigung dieser Leistungen wäre sicher der Fleiß und Scharfsinn mancher neuerer Forscher zu weit reicheren Ergebnissen gelangt und manches Mißverstäudniß vermieden worden. — Der Fluß der Darstellung gewinnt durch die Verweisung der Anmerkungen an den Schluß dcS Heftes. Der Preis ist M. 3,20, für die Abonnenten des Jahrbuchs M. 2,20. 6oät8 X. (o. ss. II.), Leopnli vivauti in xortraotanäa gnaosttouo äs coiutitions ozMeum. 8° pp. IV -j- 336. Lruxellio, vsselös ob Vrcnnver. 1695. (II.) S Dies Buch, in einem Zeitraum von wenigen Wochen bereits in zweiter, bedeutend vermehrter und verbesserter Ausgabe gedruckt, bandelt von den „Klippen", die bei Erörterung der socialen Frage unserer Tage zu vermeiden sind. Die höchst lehrreiche und praktische Schrift kann Jedem, der gezwungen ist, daS Getriebe des socialen Lebens in den Krciö seiner Studien oder seiner Thätigkeit zu ziehen, als ein unentbehrlicher und sicherer Führer auf so schlüpfrigem Boden dienen; sie ersetzt geradezu ganze Bibliotheken. Möchten sich die goldenen Worte des Verfassers namentlich die jungen Theologen gehörig anschauen, um sie vor der Gefahr zu bewahren, zu glauben, man könne ausgerüstet mit flüchtigen socialen Studien und heiß- sporuigen Sermonen die ausgerenkten Thore zum Völkerglück wieder in die Angeln heben! Solche Mißgriffe, die nur zum Spott herausfordern, rächen sich bitter und bringen der eigenen Sache den größten Schaden; ihnen soll das vorliegende Buch wirksam vorbeugen, indem cS vorzüglich die schöne und so wenig geübte Tugend der Prüfung und der weisen Mäßigung eindringlich aus Herz legt. Die päpstlichen Aktenstücke sind bis auf die neueste Zeit dem Werke zu Grunde gelegt und theit- weisc vollständig einverleibt. Der Stil des Buches weist ein schlichtes, aber gutes, angenehm lesbares Latein auf. Die lateinische Sprache sollte Sprach- der Wissenschaft bleiben oder vielmehr in ihr altes Recht wieder voll eingesetzt werden: hat sie ja doch die Feuerprobe bestanden; keine andere Sprache eignet sich dazu besser, und gerade diese „Leopnli" liefern den erneuten Beweis, daß selbst die modernsten Fragen in einem sehr gefälligen lateinischen Gewände geboten werden können, was freilich diejenigen in Abrede stellen, die selbst das Idiom nicht genügend beherrschen und ihm darum so gern eine Unfähigkeit , vorwerfen, die nur ihnen allein zur Last fällt. Der Verfasser der > „Soopuli" handhabt die lateinische Sprache mit größer Leichtigkeit und Gewandtheit und hat uns schon deswegen eine genußreiche Lektüre geboten. Die typographische Ausstattung des Buches läßt nichts zu wünschen übrig. Möchten dieser neuen Auflage noch weitere, immer aus dein Höhepunkt der Wissenschaft stehende folgen und eifrige Leser finden l Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von Dr. Ernst Coinmcr, o. ö. Professor an der Universität BreSlau. Paderboru, Fcrd. Schöningh, 1896. X. Jahrgang. K Inhalt des 4. Heftes: I. Wege, Abwege, Irrwege. Principielle Bemerkungen zur neuesten philosophicgeschicht- lichcn Lireratur. Von ? Thomas M. Wchofcr, Orä. Lraeii., Dr. plstl., Professor am CoUegium 8. Thomas eis Urbs in Nom. II. Bemerkungen zu dem Aufsätze von Professor vr. L. Schütz: „Der hl. Thomas von Aguin und sein Verständniß dcS Griechischen." Von Dr. Eugen Nolfes, Ncctor in Frauenweiler. III. Apologetische Tendenzen und Richtnngcn. 8.Der göttliche Ursprung des Christenthums und der Evangelien. Bon Kanonikus vr. Mich. Gloßner in München, Mitglied der römischen Akademie des heil. Thomas. IV. Zur mittelalterlichen Coutrovcrse über die unbefleckte Empfäng- ni ß. Von l>r. Bernhard Dörbolt, Docent an der Akademie in Münster. V. Die Neu-Thomisten. 9. Das Wissen Gottes mit Bezug auf daS Zukünftige. Von k. Llas;. Tlrsol. Guudisalv Feldner, Orcl. krasä., Prior in Lcmberg. VI. P r o- babilistische Beweisführung. Von U. I. L. Jausen, 6. 88. Reck., Professor in Wittem (Holland). VII. Litcrar- ische Berichte. Vom Herausgeber. VIII. Zcitschriften- schau. IX. Neue Bücher und deren Besprechungen. — Mitte Juli beginnt der XI. Jahrgang; vierteljährlich ein Heft von 8 Bogen. Der Preis des Jahrgangs 9 Mark. Abonnements übernehmen alle Buchhandlungen. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom CharitaS- Comits zu Freiburg im BrciSgau. Erster Jahrgang: 1896. Erscheint 16 Seiten stark je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. Abonnemcntspreis jährlich M. 3.— Freiburg im Breisgau. Herdcr'sche VcrlagSbandlung. Inhalt von Nr. 5: Armengesctz und christlich: Wohlthätigkeit.—Bilder aus der Hamburger Cbolcrazcit.—Wohnungsnot!) und Vincentiusvercinc. — Männer und Frauen derCharitas. (7. Msgr. Jos. Weis, ein wahrer Vater der Dienstmädchen. II. sSchluß.) 8. Maria Pelletier, Stickerin der Congregation vom guten Hirten. I.) — Ueber Central-Heizuug für Krankenhäuser. — Au die katholischen Frauen der Vincenz- und Elisabcthcn- vereine. — Zum Kampf gegen den Alkohol. (1. Die katholischen Bestrebungen.)—Kleinere Mittheilungen, Fragckasten,Briefkasten. Modern, wie daS Gelb der diesjährigen Sommertoiletten. im freundlichen ginsicrfarbigen Umschlage, langt soeben das Juniheft der „Alten und Neuen Welt" auf unserm Redactionstisch an. ES segelt unter guter Flagge. Ein herrliches Bilvniß des Dichterfürsten Shakespeare zureden Umschlag. Außer dem Schluß des Romans von Josephs»- Flach „AlS die Rosen wieder blühten" sind an neuen Erzählungen darin enthalten: „Vom Verlornen Bruder" von L. Martenscn und „Briefe einer Emancipirten" von Reinsried. Der Urgewalt des echten, befreienden Humors und der ätzenden Satire in der Reinfriedschen Humoreske wird sich kein Leser entziehen können. Dem Zeitereignis) der Zarenkrönung ist ein sehr frischer Artikel über Moskau von N. Elsner gewidmet. Maximilian Schmidt gibt an der Hand reichen JllustrationSmatcrials eine ausgezeichnete Schilderung der bayerischen Volkstrachten. Von der lieblichen Ophelia aus Shakespeares Hamlet handelt ein geistvoller, tiefempfundener Aussatz Fritz Lienhards. Zur Kennzeichnung der Reichhaltigkeit dcS HeftcS nennen wir noch die Antsätze: „Das Mahdireich im Sudan. Seine Entstehung und sein Fortbestand." Von Karl Muth. „Die Darstellung der Apostel in der christlichen Kunst." Von vr. Drcibach. „Mäuse- ncster." Von E. Rüdiger. „Die Erforschung des Himmels." Von K. M. „Die Ausgewiesene." Ein Märchen von der Liebe. Von A. Bauer. Hierzu kommen ein Eommnnionlied mit Noten, die beliebte Frauen- u. Kiuderbcilage, die zeitgeschichtliche Rundschau, eine Anzahl kleinerer Artikel, Gedichte und Mittheilungen. Verantw. Redacteur) Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kln. 23. Mge zur ßilgsömger WKlilg. « Lia NarrevKviliM kap8t Lev'8 XM. ^äiulpioi clmsliLnvl'um elegis. tlb vuno, Virgo xotöns, viotrioss ts auspics palwas Llaiori xleetro eoueinuissL iuvat. — kor to NÄMMo almas vietvria uuneia paais klus LLinol aä votoros risit araica xatrss. Oallia, tu to8ti8: metuouäuo arto waligna Vis iukornu tibi struxerat iusiäias. Lu^us, vlira virtuto, siäs splenässasrö visa, Ilou priseum misers iam äsous sxueras! Immuncka lats orroruiu vitiigus saatslias Illuvio, gouto8 äöpopulauts tuas. L6kult ab Virgo: meritis, piaiats voreuäuw kiuibus llisxauis aävocat ipsa Virum; Oui rossas blanäo ouiu truäorot ors aoronas, Haso, ait, daso 6a1Iis arvaa salutis oruut. Ilisco armis pugnas ooourit 6usmanius Iisros, Ilao arto ouisus olara tropasa tulit. Oooubuoro llostss; rursumyus eüulsit avita kulellrior iu Oallis oanäiäioi'^us üäos. — 1o8tor ot loniis guas csruis «Rellinaäas" uuäis, ^.ttouito guvuäam Zesta uiri puZna mari. Ltuut ox aävsrso iustruotas lougo orämo puxpss, lu sasva Lräosouut praslia iam rusro. Iltra^uo fort aoivs signum; krroo oolo8to Runas tristo raiuax illa bioornis liabsb. Ilt rauoo 8ouuoro tulias, oouourritur; iuZous 6outiuuo aä ouoli tollitur astra traZor. Lsra touaut, rodoat Iitu8, mioat iZuibus asi^uor; Iwxaviüi dao illao äaut torg, iussa äuoo3. Ooukruotv lutors et remis uou uns, äolriseit dlavis et imrneusi ZurZitis iwa xetit. laotata kvrrisono inorZuntur eorpora xouto, Iluwano sxuinsns unäs oruore rudot. ^noexs stat fortuns: pari virtuto xersota, Line inäo eventu puZus itersts pari. Iambus iterum tentsnäs aoios, oum porcita 5at0 Rssoio Mv olsssis kuroics, sollioito. kulss repento motu, reluZit xroäuoors puZNLM, Lt c^uainvis rnulto milito prsovsliäu. Loäoro viss looo, et soso, inirabilo äiotu! Ultra 6kristisäuiu äeäore in arditrium. InZeminst tuuo viotor io, uomon^us Ll^RILD, Lonolamst rosonis unäic^ue litoribus: Oonolsraant xopuli portoutum, Virgiuis a-Imse kstrstum äis boUixotoutis oxo; kornuliäso iviprimis, i^uois miruru ox kosto triuwplruw kutiäioa oäixit praosoius ore ?IV8. Inäo <^uios ot psx Duroxso aclserts ruonti, Inäs stotit xutriao Iloligionis Iioiws. LinZuIs tzuiä inomoroin? rnsM sore xoronnia, Virga Lxlouäiää, virtutis staut monumonts tuao. — Rune yuoHuo Lliristiadiiw xiotas clo msrmorotewplum konoro katrousi iu litore äoproperst. Rio VirZo tomxluiu tonest Regina,, tuinonti Rio praeoinota rosis imporot ipsa raari. * * Vorstehendes Gedicht hat uns Herr geistl. Rath I. Hecher, Hofprediger und Kanonikus in München, in freier Übersetzung also wiedergegeben: Der Helferin der Christen. DaS höchste Preislied soll Dir nun erklingen, O Jungfrau, unerreicht an Huld und Macht, Ob all des Ruhmes, den Du halfst erringen Der Christenheit in mancher heißen Schlacht; Auf Dein Geheiß erhob die Adlerschwingen Gar oft glorreicher Sieg und hat gebracht Den Vatern einst ersehnte FriedenSknnde: Du hattest ihn gesandt zur rechten Stunde! Du, Frankreich, tritt als Zeuge in die Schranken? Es schmiedete der Hölle Nachtgewalt Zu Deinem Unheil schreckliche Gedanken. Du, einst der Glaubenstugend Hort und Halt, Du solltest schmuckberaubt zum Grabe wanken; Es schien Dein Volk im Wahn sich zu verbluten, Zu enden in der Sünde schmutzigen Fluthen. Doch sich, die Jungfrau half! Aus Spaniens Gauen Rief sie herbei den hocherlauchten Mann, Der mit dem Rosenkränze voll Vertrauen Zu brechen kam des Unheils wilden Bann; Und seine Waffe schuf den Feinden Grauen, Der fromme Held den schönsten Sieg gewann. Und prächtiger als je in Frankreichs Grenzen Sah er des Glaubens lichte Banner glänzen! Und sind nicht Zeugen auch die Echinaden, Umspült von Joniens inselreiche« Meer, Drauf sich der Seeschlacht Wettersturm entladen, Da sich gemessen einst der Christen Heer Mit dem der Gläubigen des Omejjaden? Von Schiffen.war kein Raum der Fluthen leer: Dort weh'n Maria's Fahnen von den Masten, Und hier des Halbmonds grause Hörner glasten. Es ruft zum Kampfe der Drometten Dröhnen, Und bis zum Himmel donnert das Geschütz; Die Ufer hallen wieder, und es stöhnen Die Wasser, drüber zuckt der Schüsse Blitz, Dazwischen die Commandorufe tönen; Die Nuderknechte stürzen hier vom Sitz, Dort zieht die See geborstne Schiffe nieder Und treibt in blutigem Schaum der Todten Glieder. Noch schwankt der Sieg; es halten sich die Waage Erfolg und Muth, auf jeder Seite gleich; Doch plötzlich jetzt, als wie mit einem Schlage Kehrt sich zur Flucht der Türke schreckensbleich Und überläßt, trotz aller Stärke zage, Dem Christenheere Beute überreich Und nun erhebt das Jauchzen sich der Sjeger, Die Jungfrau preisen laut der Jungfrau KrieMh 178 Und ihres Jubels Schall tönt weit und weiter, DaS Ufer hallt davon, und rings im Kreis Erheben alle Völker siegesheiter Sich zu der Gottesmutter Lob und Preis, Vor allen Nom, wo schon der Kirche Leiter Zum voraus seh erblüh'» des Sieges Reis, Wo Pins schon das Wunder hat verkündet, Das in der „Kriegesmächtigen" Hilfe gründet. Seither nun ruhet vor des Halbmonds Dräuen Europa in des Friedens fich'rem Hort, Es kann des heimischen Glaubens sich erfreuen. Soll mehr verkünden noch des Sängers Wort? Nein, Jungfrau, Deiner Hilfe Mäler reihen Allum sich durch die Welt wohl fort und fort, Und eher wird das Erz wie Sand zerstieben, Eh' Dir versagt die Christenheit ihr Lieben. Auch jetzt erbau'n Dir fromme Christenhände Ein Marwortempelhaus auf Patras' Grund; Dort sei Du Königin, und milde spende Von Deiner Gnadenfülle Stund' um Stund'; Begränzt mit Rosen schirme die Gelände, Und Ruh' gebiete siegreich stets Dein Mund, Wenn sturmgepeitscht die Mccreswogen schwellen: Du sprichst ein Wort, und stille ruh'n die Wellen! Der Bilderzaulier und die modernen Zauberer in Frankreich. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) II. Die modernen Zauberer in Frankreich.*) Die Pariser Gesellschaft für physiologische Psychologie beauftragte mit Fortsetzung der Studien über Hypno- ttsmus und verwandte Phänomene, die von der berühmten Londoner „Society for Psychical Research" eingeleitet wurden, eine Commission, die aus den Herren Sully- Prndhomme von der französischen Akademie, G. Ballet, Professor an der medizinischen Facultät in Paris, Beannis, Professor der Medizin in Nancy, Charles Nichet, Professor der Medizin in Paris, Oberstlieutenant Albert de Rochas, Administrator der polytechnischen Schule, und Marillier, Professor an der Leola lsiraticfuo äss Kautos Ltuäes, bestand. Von den Forschungen dieser Herren erregten nun besonders die des Obersten de Rochas großes Aufsehen. Sie schienen in gewisser Hinsicht die Behauptungen des bekannten Experimentators Baron Neichcnbach bezüglich eines von ihm entdeckten verbindenden Fluidums, das er „Od" nannte, zu bestätigen. Dieselben wurden bekanntlich bisher vielfach bestritten. Rochas bemerkte, wie er behauptet, daß Personen in der Hypnose die Berührungen der sie umgebenden Luft empfanden, wie wenn sie selbst berührt worden wären. Er nahm an, daß diese Beobachtung auf Ausstrahlungen eines flnidischen Stoffes während der Hypnose zurückzuführen wäre, und nannte diesen nach Neichen- bach „Od". ') Zum Schlüsse des ersten Artikels ist noch folgende Note nachzutragen: „Eine genauere Behandlung des Themas hat Rochas in seiner Schrift »lUlünvoütemont- (Paris, Chamucl 1895) geliefert. Die Experimente sind im Allgemeinen auch in der Studie „Auslösung der Sensibilität und Bilderzauber" von Thomassin in den «Psychischen Studien" (Juli und August MS) besprochen. Er will nun ferner entdeckt haben, daß dieses „Od" von Flüssigkeiten nicht nur aufgehalten, sondern auch aufgesaugt werde. Wenn er z. B. ein Glas Wasser in die Nähe des Körpers der Versuchsperson hielt, so sbe- mcrkte dieselbe Berührungen der Luft hinter dem Glase nicht mehr, jedoch empfand sie jede Berührung des Wassers. Je weiter man das Glas von der Versuchsperson entfernte, desto schwächer wurde die Empfindlichkeit seines Inhaltes. Die Berührung desselben empfand die Hypnotisirte aber immer an der Körperstelle, die mit dem Orte, an welchem der Experimentator das Glas in das den Körper umgebende Fluidum gebracht hatte, in einer Linie war. Rochas erinnerte sich nun an die Berichte über den Bilderzauber. Er machte, wie er behauptet, um sie zu prüfen, scherzweise eine Wachspuppe und hielt sie eine Zeit lang in die Nähe der Hypnotisirten. Sodann stach er sie mit Nadeln. Und nun soll wirklich die Versuchsperson Schmerz gefühlt haben. Er schnitt ihr ferner einmal während der Hypnose Haare ab und knetete dieselben in den Kopf der Wachsfigur ein. Einer der anwesenden Herren, Mitarbeiter der Zeitschrift „KoZmos", verbarg letztere an einem Orte, wo weder Rochas noch die Versuchsperson sie sehen konnte. Diese wurde geweckt und unterhielt sich eine Zeit lang mit den Anwesenden. Plötzlich griff sie an ihren Kopf und fragte, wer sie an den Haaren gezogen habe. Es stellte sich heraus, daß in demselben Momente die verborgene Puppe an den Haaren gezogen worden war. Rochas machte sodann auch noch einen Versuch mit dem weichen Bromgelatineüberzng einer Photographischen Platte. Er hielt dieselbe in die Nähe der Hypnotisirten, brachte sie dann in den Apparat und nahm ein Bild auf. Seiner Behauptung zufolge empfand die Versuchsperson, falls dieses an irgend einem Punkte berührt wurde, abermals genau an dem diesem entsprechenden Körpertheile Schmerz. Dieses Experiment soll auch einige Tage später mit dem gleichen Bilde gelungen sein. Einmal stach Rochas heftig mit der Nadel in die rechte Hand deS Bildes, worauf die Hypnotisirte laut aufschrie und, als sie erweckt wurde, sich auf ihrer Hand rothe Male zeigten. Diese Experimente, die meist in Gegenwart einiger Herren von der polytechnischen Schule und einiger Vertreter der Presse stattfanden, wurden selbstverständlich lebhaft erörtert. Man wußte nicht, wie man sich derartige Behauptungen des bekannten Experimentators erklären sollte. In Brüssel wurden die Versuche von Herrn von Arsac wiederholt, der darüber im Journal „Paris- Bruxelles" berichtete. Dieser behauptete jedoch, ebenso wie später ein Dr. Hart, dessen Experimente übrigens von mehreren Psychologen als unwissenschaftlich bezeichnet wurden, 2) daß alles nur durch Suggestion zu erklären sei. Er habe gefunden, daß die Versuchsperson immer nur dann Schmerz empfand, wenn der Hypnotiseur in das Bild stach. Wenn andere Personen die Versuche vornahmen, so war äußerst selten ein Erfolg zu verzeichnen, niemals aber, wenn dieselben die Nadel ins Bild einstachen, ohne dabei den Zweck, die Ucbertragung der Schmerzen, zu kennen. Rochas erwiderte auf diese Behauptungen, es würde -) Z. B. in einer Schrift: »vs l'Uxpßrimoneatiou äous I'Iktuäo äs l'II^Motiswo ä xrogos «los xrstsuäuss ex- Iwrieiiees äs oontrots üs Ll. Hark äs Lonärss- von Görard Eneausse. >.' . . ' . 179 durch solche Beobachtungen nur die Nothwendigkeit des „Rapportes", der psychomaguetischen Beziehung zwischen Hypnotistrtem und Hypnotiseur, erwiesen, man könne daraus aber keineswegs folgern, daß sie nur auf Suggestion oder Gedankenübertragung zurückzuführen seien. Ihm selbst sei niemals ein Experiment der Gedankenübertragung geglückt. Die Versuchsperson habe nie wissen können, wohin er stach, und doch den Schmerz an der Körperstelle gefühlt, die der Stelle des Bildes, in die gestochen wurde, entsprach. Es ist im Allgemeinen zu dieser Frage zu bemerken, daß die Experimente des Obersten Rochas viele Aehnlich- keit mit denen haben, die Dr. Luys, Mitglied der französischen Akademie und Chef der Salpotriöre, sowie Dr. Garard Encausse, Chef des hypnotherapeutischen Laboratoriums der CharitZ anstellten?) Aus denselben könnte die Folgerung gezogen werden, daß eine magnetische Uebertragung nicht nur von Schmerzgefühlen, sondern auch von Ideen ohne Verbal- oder Mentalsuggestion möglich ist. So wurde z. B. von den genannten Experimentatoren einem Hypnotisirten ein magnetisirter Eiscnreif auf den Kopf gesetzt, den vorher ein an Verfolgungswahn Leidender getragen hatte, was er nicht wußte. Obwohl er nun bis zu diesem Augenblicke ganz glücklich und vernünftig zu sein schien, wurde er plötzlich traurig und ängstlich und schrie, er werde verfolgt und gequält; kaum aber war ihm der Eiscnreif abgenommen, so wurde er wieder vollkommen ruhig. In diesem Falle kann wohl keine Suggestion stattgefunden haben. Es wird sich also eher durch eine Kraft erklären lassen, die wir noch nicht genügend kennen. Bei Rochas' Experimenten nun ist allerdings die suggestive Beeinflussung nicht ganz ausgeschlossen. Da aber die Suggestion allein nicht zur Erklärung ausreichte, wie aus den Berichten ersichtlich ist/) war es für ihn naheliegend, die Verbindung durch die „psychomagnetische Kraft" anzunehmen?) (Fortsetzung folgt.) ') l>u transksrt L ätstanes L l'aiäo äos oouronnss aimaiitees gar Oörarcl Lneausss. bw eoUaboratiou avev ls Dr. IniZ's. ?aris, 1893. Rochas will ferner noch beobachtet haben, baß nach dem Erwachen der Hypnotisirten auch meist das „sensible Ob" aus der Flüssigkeit oder aus dein Stoffe, von dein es aufgesogen war, entschwand. Einigemale soll es ihm allerdings gelungen sein, dasselbe längere Zeit hindurch aufzubewahren. So hatte er. wie er in seiner Schrift »I/blnvorrtsinsnt« (Paris, Chamuel) bemerkt, einmal eine starke Lösung von untcrschwefligsaurcm Natron „empfindlich gemacht", indem er sie in die Nähe der Hand einer Hypnotisirten hielt. Diese wurde wieder geweckt. Kurze Zeit darauf machte sich ein Gehilfe, ohne ihr Wissen, daran, die Flüssigkeit zu krystallisiren. Kaum war dies geschehen, so zog sich der Arm der Versuchsperson zusammen, und sie erlitt heftige Schmerzen. Etwa zwöls Tage darauf nahm Nochas die krystallisirtc Flüssigkeit wieder und stieß mit einem Messer in dieselbe. Die Frau, mit der er die früheren Experimente vorgenommen hatte, befand sich im Nebenzimmer und unterhielt sich dort, ohne zu wissen, was geschah, mit einigen Personen. Da schrie sie plötzlich laut auf und fiel in Ohn- nacht. sie sagte später, sie habe den Messerstich gefühlt, und bestimmte den Experimentator, das Experiment nie mehr zu wiederholen- Baron Dr. du Prek, der bekannte deutsche Vorkämpfer des OccultismuS und Spiritismus bat in der Zeitschrift „Sphinx" (1893) eine längere Abhandlung über diese „Psychomagnetische Kraft" publizirt, in welcher er umfassendes Material aus der Geschichte des Hypnotismns und Magnetismus sammelte, um dieselbe nachzuweisen und ihre Eigenschaften genauer festzustellen. St. Zenv. (Schluß.) In der That finden wir die Zenoburg als Residenz der Landesfürsten urkundlich wiederholt beglaubigt. Vorzüglich war es König Heinrich von Böhmen, der sie zu seinem Lieblingsaufenthalte machte. Zwei seiner Kinder, Luiipold und Adelheid, fanden in der Kapelle 1341—1359 ihr Begräbniß. Im Jahre 1347 wurde diese Burg von König Karl von Böhmen aus Rache gegen die Gräfin Margarethe Maultasch beranut und verbrannt; im Jahre 1486 aber die Ruine dem Bertholt» Feierabend mit der Verbindlichkeit, sie wieder aufzubauen, zum Lehen verliehen. Der Aufbau unterblieb, so daß von der einst so berühmten Burg heute nichts mehr übrig, als die Thürme und Capelle. Zenoburgs Ruinen gehören derzeit der Familie von Braitenberg in Bozen, welche wenigstens die Kapelle vor gänzlichem Verfalle zu bewahren sucht. Eingehend findet sich dieselbe beschrieben und abgebildet (Portale) bei Atz, Kunstgeschichte Tirols, Bozen 1885, sowie in dessen „Kunstfreund von Tirol" 8. Jahrgang 1892, Nr. 7 u. 8. a Inwieweit eine andere uralte Schloßkapelle, nämlich St. Zeno auf Reifeustein, beim Uebergcmge über den Jaufen von Sterzing (dem römischen Vipitcnum) aus, oder das eine und andere St. Zcnno-Kirchlein im Vintsch- gau (Naturns, Burgcis, Täufers), ferner zu Servaus im Oberinnthale zu St. Corbinian in Bezug steht, mag dahingestellt bleiben. Auffallend an diesen ist, daß sie zumeist an römischen Straßenzügen und ehemaligen römischen Kastellen sich finden. In Freising selbst sind noch heutigen Tages St. Zeno nebst St. Valentin aus der Zeit Corbinians her Patrone des dortigen Domes. Gleich Corbinian ließ sich dessen zweiter Nachfolger auf dem bischöflichen Stuhle in Frcising, Josef (749 — 764), die Ausbreitung des St. Zeno-Cultes angelegen sein. Aus diesem Grunde — da über seine Herkunft nichts Näheres bekannt ist — wurde er hin und wieder für einen Veroneser oder Etschländer gehalten. Ihm verdankt die St. Zeno-Kirche in Jsen ihre Be- gründung und Ausstattung, in dieser seiner Lieblingsstiftung liegt er auch begraben. Ueber das seltsame romanische Portal mit seinen hochinteressanten Scnlpturen hat seinerzeit Dr. I. Sighart (Mittelalterliche Kunst in der Erzdiözese München-Frcising) eingehend berichtet. Das Tympauon zeigt Christum als Weltrichter mit aufgeschlagenem Buche in der Linken, unter seinen Füßen Schlange und Basilisk. DaS Münster selbst, in verkleinertem Maßstabe ein Nachbild des Domes zu Freising, ist eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit hochliegendem Chöre und drei Abfiden, einer Krypta, deren Gewölbe auf zwölf stumpfen Würfclsäulen ruhen. Um die Erbauung desselben erwarb sich der zweite Augustiner-Chorherren-Propst Ulrich (1180 bis circa 1210) unsterbliche Verdienste. Das Stift konnte noch vom 31. August bis 15. September 1760 das tausendjährige Jubiläum seines Bestehens feiern und bei diesem Anlasse auf gloriose Namen sich berufen, die zum Stifte in innigster Beziehung gestanden. So sollen hier nicht nur der spätere Erzbtschof Arno von Salzburg und ebenso die aus Schwindkirchen gebürtigen Bischöfe von Vizenza Andreas (st circa 820) und Franko (st circa 848) ihre Bildung erhalten haben, sondern auch die heilige Chunigundis einige Zeit in Jsen sich aufgehalten haben. Unter den Pröpsten stiegen sechs (Gerald, Konrad II., Johann Grünwalder, SixtuS von Tannenberg, Leo Lösch 180 und Ludwig Josef von Weiden) zu Bischöfen von Freising empor; auch Kardinäle, wie Melchior Klcscl und Ernst Albert Graf von Harrach, hatten die Propstei Jsen inne. Unter dem Propste Damian Hugo Graf von Lehrbach (1793—1802) und dem Dechant Andreas Göttner wurde das Collegiatstift Jsen, aus 9 Kanonikern bestehend, aufgelöst, das Vermögen eingezogen, die Kirche zur Pfarrkirche bestimmt. Ein herrlich gearbeiteter rothmarmorner Taufstein, eine reiche Anzahl alter Grabsteine, worunter besonders der des Bischofes Josef, im Jahre 1473 durch den Decan Christian Stark gesetzt, sowie ein Oelberg sind die einzigen Reliquien aus der Glanzzeit des Stiftes von hohem künstlerischen Interesse, die sich erhalten haben. Vieles wurde bei der Säcularisation verschleudert, ein silbernes Standbild des Stiftspatrones St. Zeno kam erst vor Kurzem um hohen Preis in das Germanische Museum zu Nürnberg. Das ehrwürdigste und berühmteste, dem hl. Zeno auf bayrischem Boden geweihte Baudenkmal indeß befindet sich zu Reichenhall. Es verdankt sein Entstehen Kaiser Karl dem Großen und fand an Kaiser Friedrich Rothbart einen eifrigen Gönner und Wohlthäter. Gleich St. Corbinian war auch Kaiser Karl während seines längeren Aufenthaltes in Südtirol und der Lombardei Zeuge des großen Ansehens und der innigen Verehrung gewesen, die der Heilige in jenen Gegenden genoß. Bei seinem Kriegszuge durch das Rendenathal, aus dem Sulzberg kommend, hatte er nach Einnahme und Zerstörung einer Bergveste in Pelug bereits dem hl. Zeno ein Gotteshaus gebaut. Nun verhalf er auch den Bewohnern Neichenhalls zu einem solchen. Während seines Aufenthaltes daselbst im Jahre 803 fand wieder eine jener Ucberschwemmungen der Saale statt, unter denen die Stadt so häufig zu leiden hatte. Nun sollte durch Errichtung eines Tempels zu Ehren St. Zenos, des bekannten Patrones in Wassernöthen, künftigen Gefahren vorgebeugt werden. Im Jahre 1095 veranlaßte der Erzbischof Thiemo von Salzburg die Priester an dieser Kirche zu einem gemeinschaftlichen Leben unter einem Vorstände. Sein Nachfolger, Erzbischof Konrad von Abcnsberg, ein großer Eiferer für Klosterdisciplin, begründete sodann 1120 das Augustiner-Chorherrenstift, welches bis zum Jahre 1802 bestand. Lanzo wird als erster Propst genannt. Aus jener Zeit stammt noch das gegenwärtig arg lückenhafte, löwengeschmückte, romanische Portal, mit dem Bilde der Gottesmutter und zweier Bischöfe im Tym- panon. Beim großen Stadtbrande 1512 sank auch das ehrwürdige Münster von St. Zeno in Asche; aber der thatkräftige Propst Wolfgang Lueger (1515—1526) ging muthig an den Wiederaufbau. Die noch gegenwärtig stehende 300 Fuß lange und 90 Fuß breite, 6000 Personen fassende Kirche ist sein Werk. Anstatt der bisherigen flachen Holzdecke erhielt dieselbe ein Gewölbe und M besondere Zierden die rothmarmorne Kanzel mit den Symbolen der vier Evangelisten, den Taufstein mit den Meliefbildern der 12 Apostel, sowie das herrliche gothische Morgestühl von Eichenholz. Auch ließ er in der Vorfalle die zwei riesigen Steintafcln mit der Vatexunser- -Md Decalog-Jnschrift herstellen. Besondere Beachtung verdient der Kreuzgang von St. Zeno. Außer den zierlich gekuppelten Säulen mit .seltsam geformten Kapitalen enthält derselbe eine große Anzahl hochinteressanter Grabsteine aus dem 13. und 14- Jahrhundert und das Neliefhjld von Kaiser BgM- rossa. Unter Propst Bernhard Elixhauser (1782 erwählt) fand auch dieses allehrwürdige Stift 1802 seine gewaltsame Auflösung, doch wurde nach einigen Jahrzehnten dem drohenden gänzlichen Verfalle der Stifts- gebäulichkeiten dadurch vorgebeugt, daß sie wieder in geistliche Hände kamen, indem am 5. Juni 1853 die englischen Fräulein davon Besitz ergriffen. Mit großem Kostenaufwande wurden die Bauschüden allenthalben, soweit es noch möglich war, reparirt und auch das Gotteshaus einer Erneuerung unterzogen, so daß St. Zeno nach wie vor seine Anziehungskraft ausübt, wenn auch vieles durch die Barbarei Anfang dieses Jahrhunderts unwiederbringlich verloren ist. Beatus Adalbertus ein Graf Zolle rn-Hohenberg-Haigerl och, Mönch, Priester und Prior in der niederbayerischen Benediktinerabtei Oberaltaich 1261 — 1311 von I. N. Seefried. (Fortsetzung.) Hl. Graf Alberts Verehrung im Kloster Oberaltaich nach seinem Tode. Dr. Schund in Tübingen hat die Verehrung, welche der selige Graf Albert von Zollern-Haigerloch, den er den Heiligen mit Pez hat und als Sohn deS Grafen Albert I. von Notenburg ausgegeben hat, in Oberaltaich genossen, nicht weiter verfolgt,") weßhalb wir das Fehlende kurz nachtragen wollen. Der im Jahre 1297 zum Abt von Oberaltaich gewählte Konrad III. war im Jahre 1311 nach seiner im gleichen Jahre erfolgten Resignation am 28. Dezember gestorben und vom Bischöfe Konrad zu Negensburg Heinrich II., Propst zu Ninchnach und Profeß von Nieder- altaich, per Compromissum") an dessen Stelle zum Abt ernannt und am Feste des hl. Apostels Iambus (25. Juli) in Negensburg confirmirt und benedicirt w orden. Als nun am 26. November 1311 Graf Albert heimgegangen war und die Brüder über den Ort seiner Beerdigung verschiedener Ansicht waren, hatte einer derselben (Hartwig) eine Erscheinung, welche sagte, die Leiche des Seligen müsse neben dem Altare des heiligen Bartholomäus auf der Südseite der Kirche beerdigt werden, woselbst Gott zur Kundgabe seiner Heiligkeit vielfältig Wunder wirken werde.") Diese Angabe und Ansicht drang im Hinblick auf eine dem Abte selbst zu Theil gewordene Vision (Sonnenkugelerscheinung am Begräbnißplatze) durch und veranlaßte Heinrich II., den seligen Albertus neben dem Bartholomüus- Altare, welcher auch hl. Kreuzaltar genannt wird, zu bestatten.") ") Geschichte der Grafen von Zvllern - Hohenbcrg S. 17 und 327. ") Die Chronik bemerkt hiezu S. 194 u. 195. Ein ganzer Convent, in dessen Gewalt eö stand, sich einen Abt seines Gefallens zu wählen, übertrug diese Befngniß freiwillig dem Bischöfe Konrad von Lnppnrg durch ein öffentlich gefertigtes Instrument. Vita cap. XXII. ubi Daus all llsclaranllam osus oanetitatsm mnttixliearo vult, llsvots xetentibus wirasuta, quae vivens et Immanam tauäem kuA'iens xauea kscit- ") Vita i. o. Lbbas praelliotas . 16. '°) Beilage zur Augsb. Postzeitung 1861 Nr. 33 u. 1894 Nr. 25; Separatabdruck S. 15. °°) Obronio. Ilslvst. I, 141- °>) t. o. I. 183. 190 wenn er von drei Gemahlinnen Rudolfs von Habsburg gesprochen hat; in dem Familiennamen der ersten Gemahlin, Gertrauds, aber, die er eine Freburg-Hochenberg nannte, hat er sich ohne Zweifel geirrt?") Wenn nun auch nach dem Stande neuerer Forschung zugegeben werden muß, daß die größere Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß die Königinnen Gertraud und Anna nur als eine Person aufzufassen sind, so ist doch der wirkliche Thatbestand auch jetzt noch nicht zweifellos festgestellt, und scheint mir insbesondere der Umstand der Beachtung werth zu sein, daß Tschudi den Vater Anna's nicht Burkard, sondern Albert genannt hat. Da wir als Vater des Priors Albert zu Oberaltaich Albert II. postu- lirt haben und postuliren mußten, so könnte dieser der Chronologie zufolge wohl auch der Vater Anna'S gewesen sein. Ich habe wiederholt auf die Urkunde vom 12. Januar 1271 hingewiesen?") in welcher ein Graf Albert von Hohenberg von Friedrich dem Erlauchten, Grafen von Abenberg-Zollern, uvrmouluo d. h. Mutterbruder (Oheim) genannt worden ist. Nun sollen aber der Vater des Priors Adalbert Albert (II.) und seine Gemahlin schon vor dem Eintritt des Sohnes ins Kloster gestorben sein. Ware dieses wirklich der Fall gewesen (die Vita. ^Ilisrti enthält, wie schon gesagt, hierüber nichts Bestimmtes), dann wäre in der Urkunde vom 12. Januar 1271 nicht unser Albert II , sondern Albert III., Burkards III. Sohn, gemeint, und avunoulus hätte hier thatsächlich nicht die ursprüngliche Bedeutung von Oheim oder Mutterbruder, sondern nur diejenige einer durch eine Frau vermittelten ziemlich nahen Anverwandtschaft, in welchem Sinne das Wort im Mittelalter ebenfalls gebraucht worden ist. Albert III. (bei Schmid II.) und Friedrich der Erlauchte waren Geschwisterkinder, avrmculuo würde demnach in der betreffenden Urkunde in diesem Sinne zu erklären sein. Elisabet, die Gemahlin Friedrichs mit dem Löwen, hat vr. Schmid "*) unter Vorsehung eines Fragezeichens mit dem Edelherrn Berthold von Blankenstein vermählt, womit wir uns aus mehrfachen, theilweise schon bekannt gegebenen Gründen nicht einverstanden erklären können. Ebenso wenig wie die Gemahlin Werts II. dem Namen und Geschlechte nach bisher bekannt geworden, läßt sich Name und Geschlecht der Gemahlin Burkards II., der Mutter Burkards III., Werts II., Diepolds, Bertholds von Mühlhausen und Elisabets, näher nachweisen. Der in der gräflichen Familie ungewöhnliche Name Diepold ist wohl aus der Verwandtschaft und dem Geschlechte der Mutter Diepolds herübergenommen worden, allein Diepolde hat es in gar vielen Grafen- geschlechtcrn (Dilltngen, Lechsgemünd - Graisbach, Markgrafen von Cham-Vohburg u. s. w.) gegeben. Schmid hat es für sehr wahrscheinlich gehalten, daß Burkards II. Gemahlin dem Hause der Grafen von Aichclberg, O.-A. Kirchheim, angehört habe; in seiner ersten Stammtafel des Grafenhauses Zollern-Hohenberg hat er jedoch hiezu Mit Recht ein Fragezeichen gesetzt?") Ich habe die heftigen Fehden, welche in der zweiten "") Vcrgl. Gertrud-Anna, Gemahlin Rudolfs von Habs- ßurg. von Dr. NemigiuS Meyer. Beiträge zur vaterländischen Geschichte V. Bd. Basel 1851. S. 177 insbes. 181. Siebe A. 78 l "*) Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg 1862 S. 334 und I. Stammtafel derselben. «-) i. o. S. 12. Hälfte des 13. Jahrhunderts zwischen den Grafen von Abenberg-Zollern und Zollern-Hohenberg wegen Haigerlochs entstanden sind, mit der Verschwägerung dieser Geschlechter und mit dem Eintritt des Grafen Albert von Haigerloch in den Benediktinerorden in Verbindung gebracht. Ueber den Kampf der Streitstheile nun bei Haigerloch am Feste Allerheiligen (1. Nov.) 1267 haben uns die Sindelfingcr Annalen ziemlich verlässige Kunde überliefert. Dieselben notirten zu diesem Jahre:"") 1267. §rs.vis xugva, tuib LMä HaiZerlooli in tssto oinmurn sunetorura intsr comitss äs 2oIrs at äs HodsnbsrZ. Dbi ooines äo 2oIrs xotsntsr triunixsta-vit? Die Annalen von s. Georg im Schwarzwald lassen den Kampf zwischen Friedrich Graf von Zollern und dem Grafen Albert von Hohinlo (richtig Hohinberg) stattfinden, den Grafen Albert Sieger bleiben und viele Gefangene machen?') Der hier genannte Graf Albert von Hohinberg ist ohne Zweifel Graf Burkards III. Sohn Albert III. (Schmid II.), und Friedrich Graf von Zollern kann nur Friedrich der Erlauchte sein, der Sohn Friedrichs mit dem Löwen und ElisabetS von Hohenberg. Dw NonuwsntuOsrinanius haben hiezu bemerkt:^) „Friedrich ist nachher von Kaiser Rudolf zum Burggrafen von Nürnberg ernannt worden," eine Behauptung, die entschieden als unrichtig bezeichnet werden muß. Zwischen Friedrich dem Erlauchten, vermählt mit Elisabet von Hohenberg, und dem gleichzeitigen Friedrich II., Burggrafen von Nürnberg, dem Gemahl der Herzogin Elisabet von Meran, muß genau unterschieden werden; man kann und darf sie nicht mit einander verwechseln. In den achtziger Jahren des 13. Jahrhunderts entstanden neue Streitigkeiten und Kämpfe zwischen Abenberg-Zollern und Zollern-Hohenberg, veranlaßt vielleicht, durch das Ableben der Königin Anna 1281 oder jener Anna, welche im nämlichen Jahre auf Hohenberg ledig gestorben sein soll"") und eher eine Tochter Werts II. als III. dieses Namens gewesen sein dürfte. Am 23. Oktober 1286 hatte nämlich Graf Burkard (IV.) mit dem Grafen Friedrich bei Balingen einen Conflikt. Auf Seite des Grafen Burkard und des Grafen Albert von Hohinberg, der damals vor Stuttgart lag, sind viele gefangen genommen und geiödtet worden?") Auf dem Tage zu Ulm am 10. November 1286 wurden sodann zur Beilegung des Krieges zwischen dem von Zolre und seine kint ainhalp und grave Albrecht anderhalp Maßregeln getroffen und als Obmänner des SchiedL- gerichteS der Burggraf von Nürnberg und der Graf von Oettingen aufgestellt, welche eine Sühne und einen dauerhaften Frieden herstellen sollten;"') aber erst Kaiser Rudolf ist es zu Weihnachten 1286 in Hoheu- »") U. 0. 88. XVII. 301. LI. S, 88. XVII. 298. 1267 .. Loäsm anno kaeta 68t puAna intsr sowitem kriäsrioum äs 2olrs st ooinitom ^Ibortnm äo IloliinbsrK st ooinss Ltbertns mnltos oaxtivanäo triuinxbavit. Für Llbsrtnm äo bobinto ist Loodiu- bor§ berichtigt 1. o. A. a. °°) I. o. A. 14 gni xostsa a Rnäolto oaesaro bni'Agravinz Xorimborgensis rsnuntiatus sst. Ll. °°) Geschichte der Grafen von Zollern-Hohenberg 1862 S. 117 (Schmid nach Memminger O--A--Beschreibung vo» Notcnburg S. 14). -°) Ll. O. 88. XVII, 304. Schmid, Geschichte der Grasen von Zollern-Hohenberg 191 berg und Rotweil gelungen, die Eintracht zwischen Graf Albert und den Grafen von Zollern wieder herzustellen. Auffallend ist es, daß für die gräfliche Familie Zollern-Hohenberg der Benediktiner-Prior Adalbert exnl geblieben ist. Weder Albert, Rudolfs Sohn, welcher Bischof von Freising (1349 —1359) geworden war,^) noch spätere Mitglieder dieses seit seiner Verbindung mit Rudolf von Habsburg illustren Hauses scheinen sich um die Beatifikation ihres Stammesgliedes gekümmert zu haben. Deßungeachtet hat an der Zoller'schen Abkunft des seligen Adalbert bisher Niemand gezweifelt. Sein Angedenken haben die Besten der Söhne des hl. Benedikt in Oberaltaich hoch gefeiert und in Ehren gehalten, und wird dasselbe in Bayern (Adalbert ist ja durch Naturalisation Bayer geworden) gesegnet bleiben, solange die Kirche zu s. Peter in Oberaltaich an den Bestand des alten, berühmten Klosters erinnert. Dieses Kloster ist schon zweimal, ja dreimal verlassen bezw. zerstört worden, es wurde aber immer wieder Hergestellt. Das erstemal vom Abte Pirminius unter dem Agilolfinger-Herzoge Hugbert (nicht Odilo) 731, das zweitemal von den überaus mächtigen Grafen von Bogens) zunächst von Iriäarions aävooatno aeolasias klatrs- bvQMsig. Dieser Friedrich war seinem Wappen zufolge ein Graf von Vormbach (Lambach-Wels-Vormbach), und Hie Vögte der bischöflichen Kirche von Bamberg, die Ahnen der Grafen von Abenberg, scheinen seit Lhiemo I. der nämlichen Abstammung gewesen zu sein, wie wir anderwärts bereits angemerkt habend) In dieser Richtung muß weiter geforscht werden, und wäre nur zu wünschen, daß in Bayern wieder Genealogen auftreten, wie wir sie an Moritz zu Ensdorf (Wittelsbacher Stiftung) und an ?. Hermann Sch ollin er von Oberaltaich,°°) dem Akademiker und Redacteur der Non. Loiaa, gehabt haben vor und zur Zeit der Klosteraufhebung des 19. Jahrhunderts. Auf Aventin, welcher nach seinem Kalender am 30. Juni und 5. Oktober 1517 in Oberaltaich gewesen ist, und auf Bayerns alte Grafschaften des Ritters Karl Heinrich v.,Lang kann man sich nicht verlassen. Wie wir gesehen haben, war der selige Prior Adalbert von Oberaltaich ein Geschwisterkind der Gräfin Gertrud von Hohenberg, der Gemahlin Kaiser Rudolfs von Habsburg, mit welcher dieser jene Mechtilde erzeugte, welche die dritte Gemahlin des Bayernherzogs Ludwig des Strengen und die Mutter des Pfalzgrafen Rudolf, des Stammvaters des regierenden Hauses Wiitelsbach, und des Kaisers Ludwig des Bayers geworden ist. Wenn unsere Aufgabe hier nur eine beschränkte war, fo glauben wir doch die Erinnerung an eine berühmte Culturstätte Bayerns geweckt und an dem Benediktiner- Prior Adalbert, welcher als Muster eines Ordensmannes °2) Ll. 6. 88. XVII, 305. ämts nativitatem vomini rsx Kuäoltus venit. vodinberZ st Lotwils. Idiäsm kestum vats.1so8l6bra.vit. OomitsmL.1b6rtnmeteowitss äs 2o11srs rssovoiliavit. Llsivlislbsek Historik vrisinA. tom. II x. 151. Schmid I. o. S. 205-224. Ueber die Grafen von Bogen ist zu vergleichen v. Bcne- dikt Braunmüller (jetzt Abt in Metten) 17. Jahrb. d. hist. B. sich Niedcrbayern S. 144 u. 18. Bd. S. 87. °°) Siehe 54. Bericht d. hist. Ver. zu Bamberg 1892 „die Grafen von Bergthcim" Beil. II, 3 A. 1. °°) Scholliner, geb. 1722 zu Altomünster (Aichach), legte 1733 zu Oberaltaich Profcß ab, wurde 1745 Doktor der Theologie, 1772 Prior und Vicar auf dem Bogenberge. Derselbe lehrte seit 1773 Dogmatik an der Universität Jngvlstadt und starb 1795. in Armuth, Entsagung und Gehorsam gelten kann und auch als Kritiker Anerkennung gefunden hat?') gezeigt zu haben, wie die genealogische Darstellung in der Schmid'schen I. Stammtafel der Zollern-Hohenberg aus der Vita lläalbarti theilweise berichtigt werden kann"») und berichtigt werden muß. Passau, am 25. Februar 1896. Berichtigung. In Beilage Nr. 23 ist bei BeatuS AdalbcrtuS Seite 180 Zeile 3 nach Pez das Wort „hat" zu streichen und dafür das ausgelassene „genannt" zu setzen. Münchner anthropologische Gesellschaft. Freitag den 29. Mai 1896. Der Vorsitzende Professor vr. I. Ranke gibt die Einladung der Nürnberger naiur- bistorischen Gesellschaft zum Besuch ihrer prähistorischen Ausstellung bekannt und knüpft daran die Hoffnung, daß möglichst viele Mitglieder dieser Einladung Folge leisten möchten. Hierauf wird der bisherige Ausschuß per Acclamation wiedergewählt. Das Wort erhält hierauf Pros. vr. E. Selenka zu seinem Vortrage: „Die Sprache des menschlichen Angesichts." Nicht aus der Form, nicht aus dem Schnitt des Gesichts können wir aus die Seelcnstimmung und Gemüthsbewegungen schließen. Die Nassen- und Nationaliypen sind verschieden, die Mimik aber ist bei allen Völkern gleich. Von den vier Arten, um anderen etwas mitzutheilen: Tastsprache, Geberdensprache. Lantfprache und Mimik, soll die letztere behandelt werden. Die Gesichts- zügc werden durch den Zug von Muskeln verändert, wodurch Hautfalten entstehen. Wird der Mensch durch Bilder überrascht oder ist er besonders aufmerksam auf etwas, so werden die Augen weit geöffnet, die Stirn in horizontale Falten gelegt; dazu kommt oft noch der offenstehende Mund, weil man in der Uebcrraschung vergißt, den Mund zu schließen, wie es sich ziemlich drastisch bei Untersuchungen von Kindern beobachten läßt. Die Mimik ist dieselbe, ob Sinneseindrücke oder seelische Erregungen dieselbe bedingen. Wir mimen in derselben Weise, ob uns liebliche, süße Gedanken beschäftigen, oder ob wir etwas SüßeS genießen, ähnlich wie wir abstrakte Begriffe aus dem Sinnlichwahrnchmbarcn hernehmen, weil alle unsere Vorstellungen von uns vergegenständlicht werden. Die Mimik hat den Zweck, die Vorstellungen intensiver zu machen (adjutorische Züge). Wir mimen aber auch, um uns gegenseitig zu verständigen (demonstrative Züge). Die Angesichtssprache ist wort- ärmer als die Lantsprachc; während aber letztere erfunden ist, ist erstere in der natürlichen sinnlichen Mimik gegeben. Die Mimik ist die einzig natürliche Sprache. Sie ist aber auch viel aufrichtiger, weil wir, gute Schauspieler ausgenommen, nicht selbst controliren können. Zu den schon erwähnten horizontalen Stirnfalten kommen senkrechte durch Zusammenziehen dcrBraucn- muskeln, sie entstehen bei dem Bestreben, daö Licht abzublenden; zugleich wird die Lidspalte verengert, es entstehen im äußeren Augenwinkel die sog. Gänsefüßchen, die Oberlippe wird paisiv gehoben, die Zähne kommen zum Vorschein. Es zeigt diese Grimasse Unbehagen an, es ist der verdrossene Zug. Der Vortragende skizzirt dann noch die Mimik der MundmnSkulatnr. Bei süßen Empfindungen preßt man die Lippen leicht aufeinander, bei bittern zieht man Oberlippe und Nase etwas in die Höhe; will man etwas prüfen, so schiebt man die ganze Lippenpartie vor. Beim bissigen Zug pressen wir die Zähne und Lippen aufeinander. Die gleichen Züge treten bei entsprechenden Gemüthsbewegungen auf. Es ist nicht möglich in dem kurzen Rahmen eines Referats die vielen interessanten und geistreichen Details zu bringen, die durch eine Menge von Abbildungen trefflich illustrirt wurden. Zum Schlüsse wies der Vortragende noch aus den Vergleich mit außereuropäischen Völkern und Affen bin. Bei allen Menschen zeigt sich dieselbe Mimik. Wie die Affen keine Lautsprache haben, so haben sie auch keine Angesichtssprache. Erst mit der Begrisfsbildung kann der Wunsch entstehen, sich gegenseitig durch mimische Züge verständlich zu machen. Die derben GesichtSmuskcln der Affen haben sich daher auch nicht feiner differentirt. An der Diskussion betheiligten sich Oberstabsarzt I. Cl. Segge! und Selenka. Nachdem der Vorsitzende dem Vortragenden gedankt hatte, erhielt das Wort Pros. vr. Kühn zu einigen Mittheilungen über die Fakire in Budapest. Nach den vorliegenden Mittheilungen des ") Vergl. Anm. 30 oben! °°) Siehe Beilage 1 des Separatabdruckö. 192 Herrn Pros. von Török hören die LebcnSfunktionen nicht aus, sondern werden nur herabgesetzt, der Sarg wird nicht verschlossen. Kühn und Pros. Nüdinger weisen die Ansicht, daß eS sich hier um eine mystische Kraft der Seele bandle, entschieden zurück. Der Vorsitzende dankt nochmals den Rednern des Abends und schließt für Heuer die Vortragsabende. Recensionen und Notizen. Frox 1996. rHx „'Larcar" 1996. 8° x. 490. är. 4.—. a. Unter der Kalenderliteratur, mit der wir bei jedem Jahreswechsel überschwemmt werden, nimmt auch ein uns zugegangener „Jllustrirter Volkskalender auj'S Jahr 1896" in griechischer Sprache einen ehrenvollen Platz ein. Er nennt sich und wird (Heuer im zweiten Jahrgang) von den ausgezeichneten Philologen und Schriftstellern Drosinis und KasdoniS herausgegeben; hergestellt ist derselbe in der Druckerei der Zeitung ,/Dort'a", eines sehr empschlenswerthen, ganz aus der Höhe der Zeitforderungen siebenden Blattes, dessen Mitarbeiter die bedeutendsten Schriftsteller Griechenlands sind. Nicht schleckt sind die Bilder des Kalenders (Landschaften, Porträte), besonders aber ist sein Lese-Inhalt ein so reicher, daß ihn der Besitzer wohl noch auch für spätere Jahre aufzuheben der Mühe Werth finden wird: Wir finden außer den Zeittabellcn darin Astronomisches, Geschichtliches, Politisches, Erzählungen und Gedichte, sogar eine ganze Komödie in der Volkssprache. Der bunte Wechsel des Gegenstandes wie des Stiles macht die Lektüre sehr unterhaltend und anregend, besonders für die stu- dirende Jugend, welche hier ein paar Mark besser anwenden könnte, als mit manch anderer unvernünftiger Ausgabe. Man bezieht das Buch (gegen 3 M. 40 Pf.) am einfachsten durch die Buchhandlung von M. Spirgatis in Leipzig. Nationale Wohnungsreform. Von PaulLechler und Albert Schäffle, K. K. Minister a. D. Verlag von Ernst Hofmann u. Co. in Berlin 8^V. 48. Preis 1 M. Die vorliegende Schrift beschreibt in fesselnder Weise und mit klaren Zügen einen Weg zur Lösung der Wohnungsfrage. Sie beginnt mit einer Schilderung der Wohnungsnoth und ihrer Gefahren, bespricht im Einzelnen die bisherigen Versuche und kommt dann in logischer Gedankenfolge darauf, daß bei der weiten Ausdehnung der Wohnungönoth nur mit Antheil- nahme des Staates eine durchgreifende Abhilfe geschaffen werden könne. Die folgenden Capitel enthalten einen genau durchdachten und unschwer ausführbaren Plan. Der Vorschlag geht davon aus, daß eine nationale Wohnungsreform für den Staat keinerlei nennenSwcrthe Opfer erheische, daß nur der Staat seinen Credit einzusetzen habe, um, ohne Belastung der Steuerzahler, eine Organisation durchzuführen, welche die brennendste aller socialen Fragen in wirthschaftlicher und moralischer Beziehung zu lösen im Stande sei. Die treffliche Schrift ist durch den Anhang aus der Feder eines unserer bedeutendsten VolkSwirtbschaftS- und StaatSkenner, des bekannten Ministers a. D. Dr. Albert Schäffle bereichert, der die Lcchlcr'schen Ausführungen „nicht blos als kerngesund, sondern als den einzig praktisch zielführlichen Weg zur Lösung der Wohnungsfrage im großen Stil" bezeichnet. Cochem, k. Martin von, Orä. 6ap. Herziges Büchlein oder herzliche Anmuthungcn, Betrachtungen und Gebete. Nach der Originalausgabe aus dem Jahre 1699 hergestellt durch ?. Bcnedikt von Calcar, Orit. 6ap. 7. Auflage^ Mit kirchlicher Approbation. 16. (XVIH und 248 L>.) geh. 90 Pfg., gebunden in Halbleinwand 1 M. 20 Pf. Mainz. Franz Kirchheim. 1996. Aus der großen Zahl der vortrefflichen Werke des sei. ?. Martin von Cochem aus dem Kapuzinerorden bietet f k. Bcnedikt von Calcar allen Christen das vorliegende, bis vor wenigen Jahren völlig unbekannte Original-Büchlein dar, welches er unter dem Titel „Herziges Büchlein" im Jahre 1699 niedergeschrieben, und der Acbtissin des adeligen Stiftes Oehren gewidmet hat. Beim Lesen dieses Büchleins steigt vor unserem Geiste auf das Bild des in das innerliche Gebet versenkten hciligmäßigen Paters, und wunderbar ergreift uns die Lebendigkeit seines Glaubens, die Festigkeit seines Vertrauens, die Gluth seiner Liebe zu Gott. Wohl weicht seine Betrachtungsweise von der gewöhnlichen ab. Wer sie aber eine Zeit lang übt, wird bald erkennen, wie sehr k. Martin von Cochem die wahren Bedürfnisse des menschlichen Herzens verstanden und die denselben entsprechende Betrachtungsweise gefunden, selbst geübt und gelehrt hat. Einführung in die Musik von Adolph Pochhammer. Preis gebunden Mk. 1.—. (Verlag des „Musikführer", H. Bechhold. Frankfurt a. M.) Ein prächtiges Büchlein liegt vor uns, ein Werk, das alles enthält, was der Musikfreund von der Musik wissen sollte: die Hauptpunkte der Musikgeschichte, die Elemente der praktischen und theoretischen Musik, die Musik-Instrumente und ihre Anwendung. Wer hat nicht schon vergeblich Erklärung von Begriffen wie Tonic«, Dominante, Contrapunkt, Orgelpunkt, Suite, Fuge und vielen anderen Kunstausdrücken gesucht? sie sind alle in einer auch für den weniger musikalisch Gebildeten faßlichen Weise erklärt. Zum Schluß enthält das Werk, das sich durch Klarheit der Darstellung auszeichnet, noch ein vollständiges musikalisches Lexikon. Das Büchlein ist recht hübsch ausgestattet und außerordentlich billig. „Wie kommt man mit Wenigem aus?" so betitelt sich eine kleine instruktive Schrift von Julie Navit eine praktische Anleitung zur häuslichen Geldwirihschaft und Buchführung. (Verlag von Lipsius L Tischer in Kiel; Preis 50 Pfg., bei 10 Exemplaren 30 Pfg.) Die Verfasserin ist seit Jahren die Leiterin einer städtischen HauShaltungSschule und theilt aus ihrer reichen Erfahrung auf 61 Seiten das Wesentlichste der Hauswirthschaft mit. Das Büchlein enthält einen Voranschlag für ein Einkommen von 2000 Mark und 900 Mark für einen anfangenden Hausstand, sowie die Beschaffung einer Aussteuer für die erste Einrichtung zu 3000 Mark, ferner Voranschläge für alleinstehende Personen, für Dienstboten und endlich die Einrichtung für eine geregelte Buchführung. Sehr werthvoll, geradezu mustergiltig, sind die in einem Anhang hergegebenen Muster für Aussteuern zu 3000 Mark und 800 Mark, sowie die Anlage eines vom Hausherrn zu führenden Hauptbuches und eines von der Hausfrau geführten Wirthschaftöbuckes. Mrscellen. (Ueber die socialpolitische Thätigkeit der „katholischen Kirche") äußert sich in Conrad's „Jahrbüchern sür Nationalökonomie und Statistik" der protestantische Breslauer Professor Eliesier folgendermaßen: „Die Stellung, welche der deutsche Katholizismus der Arbeiterfrage gegenüber eingenommen hat, ist eine entschieden achtunggebietende, ist eine solche, die ihm meines Dafürhaltens eine weitere Entwickelung für die Zukunft sichert. Die Centrumspartei ist zur Zeit weit niehr eine sociale, als eine kirchliche Partei. Durch die Fürsorge, die sie den arbeitenden Classen schenkt, gewinnt sie die Stimmen der niederen BevölkerungSschickten. Das Hauptmittel dazu ist zweifellos die vortrefflich organisirte Seel sorge. Denn Thatsache ist, daß der Kaplau der einzige ist, der Herz zum Herzen mit dem Arbeiter redet, Frau und Kindern Rath ertheilt, sie im Unglück aufrichtet, ihnen Segen, Trost und Almosen spendet. Ihm ist keine Stube zu eng, kein Arbeiter zu arm, kein Stolz hält ihn ab, selbst mit einem hcrabgekom- mcnen Manne zu reden. Nicht auf dem kalten, dogmatischen Wege, sondern durch werkthätige Liebe wird das Volk im Glauben erhalten und dazu bekehrt. . . . Der Kaplan in den katholischen Gebietstheilen hat in vielen Fällen Unterricht in den socialen und wirthschafllichen Fragen erhalten, und steht, weil er die Wünsche und Bedürfnisse des Arbeiterstandes kennt, demselben um Erhebliches näher, als andere. Haben doch mehrere katholische Geistliche speciell Nationalökonomie studiren müssen; einzelne sind auf Reisen in Jndustriebczirke geschickt, nur um dort die Lage der arbeitenden Classen an Ort und Stelle aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Von allem dem ist bei uns (Protestanten) keine Rede. . . . Die mächtige sociale Bewegung unserer Zeit ist nicht ein Paroxismus, der vorübergehen wird, sondern bekundet einen Fortschritt in der Entwickelung des VölkerlebcnS. Aufgabe der Kirche ist es. sich mit dieser Bewegung zu verständigen. Die Zeit wird dann lehren, ob sich auch heute noch jene viclverheißendcn Worte um das Kreuz bewahrheiten werden: „In diesem Zeichen ist der Sieg!" Veranttv. Redacteur; Air. Haas in Augsburg. 77- Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabbcrr in Augsburg. 1 ^. 25 Keiliige zm Augsbmger Weitung. 19. IM 1896. Stecken in den Bodenzinsen ehemalige Staatssteuern ? ES ist ebenso unrichtig, die Bodenzinse einseitig auS öffentlichrechtlichen Gründen als Steuern, wie einseitig aus privatrechtlichen Titeln zu erklären. Das Mittelalter kennt fdie moderne Unterscheidung zwischen dem öffentlichen und privaten Rechte gar nicht; diese Unterscheidung wurde, nachdem das Regalwesen und der Aemterkauf verschwunden war, eigentlich erst recht durchgeführt feit dem Untergänge des PatrimonialstaateS in der französischen Revolution. Man braucht bloß daran zu denken, wie in dem Negalwesen sich die öffentlichrechtliche Leistung, die Fürsorge für Wege, Forste, Bergwerke und Münze verschmolz mit dem privatrechtlichen, finanziellen Gesichtspunkte im Mittelalter —kannte aber wohl dieUnter- scheidungvon landesherrlichen u. grundherrlichen, von außerordentlichen und ordentlichen Lasten. Am meisten gleichen unsern Steuern die landesherrlichen, außerordentlichen Abgaben, die auf den Landtagen von Ständeversammlungen beschlossen wurden und in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters zu regelmäßigen ständischen Einrichtungen führten. Man hieß sie auxilin, iirr- xo8ition68, 6xaetion68, petitiou63, äswanclaa, Beden, Steuer (8tiura, otsuru), oolleatas, xisoarino u. s. f. Aber so heißen auch Abgaben, die nicht ständisch genehmigt waren, und grundherrliche Auflagen. Der hl. Engelbert, Bischof von Köln, machte z. B. solche Auflagen, um das Land zu befestigen und den Landfrieden herzustellen. (Böhmer, Iout68 II, 302.) Auch die Kreuzzugssteuern, die auf Concilien beschlossen wurden und auf jeden Haushalt je nach dem Einkommen umgelegt wurden, können hteher bezogen werden (vgl. das Buch von Gottlob, Die päpstlichen Kreuzzugssteuern des 13. Jahrhunderts). Am frühesten und deutlichsten kommen Steuern in unserm Sinne in Städten vor als Schoß und Schätzung (vgl. Lang, Hist. Entwicklung der teutschen Steuerverfasiungen S. 102, 122, 162; Baumann, Gesch. d. Allgäu's II, 357), im 15. Jahrhundert auch auf dem Lande (Lang S. 100, Baumann II, 655). Außer Zweifel steht der Steuercharakter des „gemeinen Pfennig", den das Reich im 15. Jahrhundert erhob. Im Uebrigen wurden aber die außerordentlichen Abgaben bald zu regelmäßigen, und bei der Tendenz des Mittelalters, alles zu immobilisiren, wurden sie auf Grund und Boden fixirt. Maurer zählt in seiner Geschichte der Fronhöfe (III, 336) eine lange Reihe solcher fixirter Beden auf (vergl. Baumann a. a. O. 358). Wie leicht entschwand nun bei einem solchen Proceß der ursprüngliche Grund der Abgabe dem Bewußtsein? Wie schwer es ist, den ursprünglichen Grund solcher Grundlasten und Bodenzinsc zu bestimmen, das zeigt am besten der in allen Städten vorkommende Boden- oder Wurt- zins (c6N8io arealch). In vielen Fällen ist ganz sicher der Bodenzins als eine landesherrliche, vogteilichc Leistung zu betrachten, so z. B. in Frciburg, wo der Herzog von Zähringcn bei Ertheilung des Stadtrcchtcs von einem Wohnplatz von 100 Fuß Länge und 50 Fuß Breite je einen Schilling verlangte. Aber vielfach wurden auch in feste Geldzinse die Naturalleistungen der hofhörigeu Handwerker verwandelt, so in Augsburg (vgl. Erupp, Culturgeschichte d. Mittelalters II, 343). Ob freilich der Grundzins von 4 Pf., der in Augsburg von jedes; Hof bezahlt werden muß, aus einem privatrechtlichen (Hofhörigkcits-) Verhältniß oder aus einem öffentlichen zu erklären sei, darüber wird man verschiedener Ansicht sein können (vgl. D. Städtechroniken 4, p. XXII). Nach der ältern Arnold'schen Ansicht wären fast alle Zinsleistungen aus der ursprünglichen Hofhörigkeit der Handwerker zu erklären. Die neueren Forscher aber schränken das sehr ein und erklären die meisten Bodenzinse aus der Schutzhörigkeit und Schutzvogtei. Die Vogtei war aber sicher etwas staatliches, der Vogt hatte, allerdings in sehr wechselnden Verhältnissen, den Heer- und Gerichtsbann. Die Klostervögte z. B. hatten die Klöster und ihre Hintersassen in dem ihnen gebührenden Maße militärisch zu vertreten, sowie den Blmbann über ihre Hintersassen auszuüben. Dafür hatten sie unter anderm das Quartierrecht und verschiedene Naturalleistungen. Letztere wurden dann vielfach in ständige Abgaben verwandelt, die, wie Maurer sagt, „auch dann noch entrichtet werden mußten, als die alten Amtsrcisen weggefallen und an die Stelle der alten Gerichte neue getreten waren und daher kein Richter mehr kam, um eine Atzung oder Beherbergung in Anspruch zu nehmen" (a. a. O. 442). Im Dorf Löpsingen im Ries war das Domkapitel in Augsburg Grundherr; Vögte aber mit der hohen und niedern Gerichtsbarkeit die Grafen von Oettingen. Als Vögte hatten sie nun nach einem Vertrag von 1238 das „sogenannte Vogtrccht", nämlich 1 Malter Roggen und 1 Malter Haber von jeder Manse, von dem Maierhof 65 Malter Dinkels, Roggens und Habers, sowie das Quartierrecht (ulksrZuriu), welches die Grafen in der Zeit, wenn er im Gerichte gen. „Dinch" den Vorsitz führt, ohne Beschwerde fordern können (ooruav .... eou- tentu8 6886 äsdst iurs cpuoä clioitur voAStralit.... stiaur aldersarüs töinpors illc» Huuirclo promäst in iuäieio Huocl vulZuritsr clieitur cliuosi). Später hatten die Grafen auch das Besthaupt, obwohl sie nicht Grundherren waren. Die Dienste für die gcrichtsvogieitiche Leistung der Grafen waren also der Hauptsache nach von Anfang an auf den Boden fixirt, und was es nicht war, konnte es zum wenigsten werden. Die weitere Geschichte dieser Vogteiabgabe ist mir nicht bekannt, aber sicherlich wurde sie wie ein anderer Bodenzins behandelt, verkauft, vertheilt und vertauscht. Wurden doch selbst ausgesprochene Steuern so verhandelt (Banmann II, 358), Baurechte, ja sogar die Gerichtsbarkeit selbst wurde als ein Anw-r»,:, des Bodens behandelt, verkauft und vertheilt! Aus der Schutzvogtei oder Schutzhörigkeit hat man nun die gesummte Feudalisirung des Bodens erklärt. Das mag übertrieben sein, aber alle Historiker stimmen darin überein, daß die ursprünglich freien Bauern sich in der karolingischcn Zeit massenhaft in die Hörigkeit begaben, um der Militärpflicht zu entgehen. Gegen gewisse Leistungen übernahmen die Grafen und ihre Dicnstmannen (Ritter) die Heerbannpflichten ihrer Hintersassen und der Hintersassen der Klöster, deren Vögte sie waren. Und mit dem Heerbann war der Gerichtsbann verknüpft und wurde je nach der Stellung der Herrschaft die niedere oder höhere, die grundherrliche oder landesherrliche Gerichtsbarkeit geübt. Die Hörigen hatten daher unter regelmäßigen Verhältnissen für Heer und Gericht nichts weiter zu bezahlen, als die gewöhnlichen Fronen und Zinse zu leisten. Es gab weder ein Heeresbudget noch einen Jnstizetat. Die Ritter, die an allen Orten saßen, 194 waren die geborenen Berufssoldaten, und sie übten als regelmäßige Inhaber der niedern Gerichtsbarkeit auch die Polizei. In Preußen ist es noch vor wenigen Jahrzehnten so gewesen. Auch für die Straßen hatte entweder der Grundherr, oder der Landesherr, oder der König zu sorgen, wenn ihm auch nicht verwehrt war, einen Straßenzoll und ein Brückengeld zu erheben. Das Straßenwesen galt wie das Geleitsrccht als ein Ausfluß der Gerichtsbarkeit (Maurer, Fronhöfe IV, 155); es war nur ein Regale. Ebensowenig wie einen Straßenetat gab es einen Schul- und Kirchen- emt. Die Kirche wurde wie die Schule, soweit von einer solchen die Rede sein kann, vom Zehnten unterhalten, und für die Armen war ein volles Viertel des Zehnten (guarta, panxorunr) ausgesetzt. Leider aber gaben meistens die Patrone den Zehnten sich angeeignet und nur den Klein- und Bluizehnten der Kirche gelassen. Der ursprüngliche Grund und Zweck der Bodenlasten entschwand dem Bewußtsein schon im Mittelalter, als die Landesherren anfingen, der grundherrlichen Zersplitterung entgegenzuarbeiten (Lamprecht, Deutsches Wirth- schaftslebcn I, 1251 sf.). Das landesherrliche Söldner- lhum machte die Ritterschaft mehr und mehr überflüssig, und je mehr der moderne Staat sich in diesen Territorien entwickelte, desto mehr ging das Nitterthum zurück und verloren auch Stifte und Klöster mehr und mehr an ihrer Selbstständigkeit. Dennoch blieben die alten Lasten und als die Reichsunmittelbaren mediatisirt waren, wäre es eine Ungerechtigkeit gewesen, diese Lasten einfach als ursprüngliche Steuern nach französischem Muster zu streichen, da ihre dermaligen Inhaber sie als privat- rechtliche Titel ererbt und erworben hatten. Ging ja alles so kraus untereinander, daß, wie Vicomte d'Avcnel in seiner Geschichte des Grundetgenthums erzählt, viele Adelige selbst als Besitzer verpflichteter Grundstücke durch die Lastenabschüitelung gewannen. Die Bedeutung und der Zusammenhang der Grundlasten war deßhalb nicht mehr erkennbar, als dieselben 1848 theilweise abgelöst, theilweise aufgehoben wurden. Daher sprechen die Motive des Ablösungsgesetzes, obwohl es bei manchen entschädigungslos aufgehobenen Lasten ganz nahe gelegen hätte, nicht von dem ursprünglich öffentlichrechtlichen oder steuerarttgen Charakter, sondern nur von der Gehässigkeit, Unwirthschaftlichkeit und dem geringen Ertrage der aufgehobenen Losten. Aber ganz vergessen war der Zusammenhang und die ursprüngliche Bedeutung auch wieder nicht, so wies z. B. der Abgeordnete Dr. Edel (9. Mai 1848) mit Recht darauf hin, daß die gutsherrliche Gerichtsbarkeit entschädigungslos aufgehoben werden dürfe, weil die Gerichtsbarkeit ursprünglich nicht lazu bestimmt gewesen sei, einen Verwögensvortheil abzuwerfen. „Die Gerichtsherren waren die Vorsitzer ihrer Insassen, sie waren Vorsteher des Gerichts, das aus der Mitte der Grundholden hervorging." Die Gerichtssporteln und Taxen der Patrimonialgerichte, sagte ein anderer, seien deßhalb so stark gewachsen, weil die Beamten ihren Gehalt daraus bezogen. Gerichtsbeamte wurden aber erst «it dem Aufkommen des römischen Rechtes aufgestellt. Die ursprünglichen Gerichtskosten steckten irgendwo anders, und es war eine leicht begreifliche Täuschung, daß man das Gerichthalten als eine Art Ehrenpflicht des adeligen Herrn hielt, wie man es heutzutage noch in England auffaßt. Wenn man die Fronen ohne Entschädigung aufhob, so geschah das ziemlich Principlos, wie es auch manche Abgeordnete hervorheben, um so principlofer, als seit Jahrhunderten, besonders stark aber unmittelbar vor 1848, Fronen auf Wunsch der Verpflichteten in Geld fixirt worden waren. Der Grund jener Aufhebung war auch keineswegs ihr Zusammenhang mit der Schutzhörig- keit und Vogtei oder ihr mehr persönlicher, weniger dinglicher Charakter. Oberjustizprokurator Wiest wies zwar in einer Schrift „Aufhebung der Zehenten, Leibeigen- schaftsgefälle, Fronen rc." (Ulm 1833) auf die Thatsache hin, daß die meisten Fronen derjenige von mehreren Gutsherren eines Ortes erhoben, der eine Gerichtsbarkeit befaß oder besitzt, und wollte daraus den öffentlichrechtlichen Charakter der Fronen beweisen. Allein damit schoß er über das Ziel hinaus. Die neuere Forschung erklärt die Fronen grvßtentheils aus der gehöferschaft- lichen Bewirthschaftung der gutsherrlichen Neubrüche (Veunden) und aus andern privatrechtlichen Verhältnissen. Wie mit den Fronen, verhält es sich mit der Leibeigenschaft. Wiest rechtfertigt ihre unentgeltliche Aufhebung damit, daß auch die Last des Schutzes der Leibeigenen und damit das öffentlichrechtliche Verhältniß des Leibherrn wegfiel, und führt die Thatsache an, daß ein Standesherr die Leibeigenschaftsgefälle unter der allgemeinen Nechnungsrubrik als „obrigkeitliche Gefalle" aufführte (a. a. O. S. 110). Wenn aber je etwas privatrechtlich war, so war es die Leibeigenschaft, die doch etwas ganz anderes bedeutete, als die Schutzhörigkeit der Zinsleute. In der finanzhistorischen Erklärung der Grundlasten tastete man in Folge mangelnder Vorarbeiten und Quellen unsicher hin und her und kehrte bald die eine, bald die andere Seite heraus, je nachdem man sie brauchte. Erzählt doch Wiest S. 165, der (würt- tembergischc) Staat habe 1819 den Mediatisirten gegenüber die Schutz- und Schirmgelder als öffentlichrechtliche sich angeeignet, nunmehr aber (1833) bezeichne er sie als privatrechtliche, die im zehnfachen Betrag abzulösen seien! Doch waren dies Ausnahmen; im Allgemeinen hatte man keine andere Wahl, als alle Feudallasten in privatrechtlichem Sinne zu fassen, die Zehnten, Handlöhne (Mutationsgebühren), wie die Fronen, und so geht es auch heute nicht, einen andern Maßstab an die Bodenzinse anzulegen, als damals. Immerhin ist aber die Prophezeiung des Dekans Pflaum (8. Mai 1848) interessant, daß die Ablösung der Grundlasten den Bauern so wenig Vortheil wie den französischen Bauern bringe, die dem nachrevolutionüren Staat wehr Steuern haben zahlen müssen, als sie den Erundherren und Landesherren zusammen haben je bezahlen Müssen! WaS auf der einen Seite wegfalle, komme auf der andern Seite herein (Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten 1848, III. Band, 323). Durch die ganze Rede klingt so etwas wie von einer Doppelbesteuerung, von der wir in letzter Zeit so viel hörten. „Nodl63S6 odliAö! Worte an den Adel deutscher Nation!" Mit diesem Titel erschien im laufenden Jahre bei Otto Borgmeyer in Hannover eine zeitgemäße Besprechung der Ade-lSfrage, die bekanntlich sehr ungleicher Beurtheilung begegnet. Von Seite der demokratischen Parteien als entbehrliches mittelalterliches Requisit aufgefaßt, erzeugt anderseits die Antwort auf die Frage: was Adel sei — Erröthen und Beschämung! Darf man nicht aussprechen. 195 das; es in Wahrheit nur eine richtige, ganz correcte Auffassung dessen gebe, was in wohlgeordneten, monarchischen Staatswesen Bedeutung und Bestimmung des Adels sei? Die Lösung findet sich in der Aufgabe, welche das Christenthum der ganzen Gesellschaft, an deren Spitze dem Adel, zutheilt! Das Christenthum als Werk der gottmenschlichen Majestät Jesu Christi erscheint als das höchste adelige Institut, die christlichen Völker demgemäß als der Adel der Menschheit auf Erden! Steht dieses fest, daß eine göttliche Lehre die Menschen zuhöchst zu veredeln befähigt sei — so ist hiemit die Berechtigung des Blutadels innerhalb der christlichen Gesellschaft nicht preisgegeben. Das Christenthum anerkennt den Blutadel. Beweis hiefür findet sich in dem Evangelium nach dem heiligen Matthäus (1,1—16), enthaltend das Stammbuch Jesu Christi, in welchem dargethan ist, daß der hl. Josef, der Pflegvater Christi, von königlichem Geblüts war. Diese Beweisführung mit all' den Namen der Vor- und Urvater läßt erkennen, daß dem hl. Joseph vor Gott in Folge seiner Abstammung eine höhere Würde zukomme, sonst wäre eben dieses Namens-Negister nicht unter den Gottes» Worten der hl. Schrift zu finden. Da nun Gott der Herr den Blntadel gelten läßt, so müßte es für Christen zweifellose Verpflichtung sein, ein Gleiches zu thun. Diese gläubigen Christen gegenüber gestellte, wohlbegründete Forderung wurde seitens der Aufklärung 1789 in Frankreich und 1848 in Deutschland als unberechtigte, freiheits- und volksfeindliche Prä- tension zurückgewiesen — eine Censur, die nicht überraschen kann! Denn wo Gott und sein Evangelium nicht gilt — wie sollten da seine Vasallen noch Geltung finden! In diesen Augen erschien es als weltbefreiende, fortschrittliche Geistesthat, die Adels-Nechte als antiquirt zu verwerfen! Das Nivellement machte eitle Anstrengungen, alles auf „eine" Höhe zu bringen, als ob auf solchem Wege der Gewalt die dekretirte Gleichheit der Menschen zur ernst zu nehmenden Thatsache gemacht werden könne! Hat denn der Schöpfer Gleichheit gewollt? Die ganze Schöpfung in allen Theilen, vom leblosen Stein bis zum Meisterwerke des Schöpfers: bis zum göttlich beseelten, vernunftbegabten Menschen, ruft: nein! Die ganze Schöpfung ist ein Protest gegen die Gleichheits- Jdee der Gottesleugner! Eben die Ungleichheit ist das Gesetz; Steine, Metalle, Blumen, Bäume, Früchte, Thiere bezeigen eine Variation und Gradation von weniger edlen zu edleren und edelsten Arten und Gattungen. Vergleicht man die Typen der Menschen-Rassen, so kann die Priorität der kaukasischen Nasse nicht zweifelhaft sein. Gesichtsbildung und geistiger Ausdruck stellen die Weißen hoch über die andern Völker-Typen! Wo ist Gleichheit? Sie wohnt in den Träumen alter und neuer Kommunisten! Ungleich ist Körper-Gestalt und Kraft, ungleich find Geistesgaben, Talente, Gemüths-Eigenschaften, — wo ist Gleichheit? Gibt es Steigerungen in Bezug auf das Angeborne im innern Menschen nach der Seite des Geistes und Gemüthes hin — warum sollte die Hülle nicht Unterschiede ausweisen dürfen? „Blut ist ein besonderer Saft" — sagt Goethe im Faust. Ist das der Fall, so ist Genealogie und Adels-Generation nicht zu verwerfen^ nicht zu verspotten^ Mit dteicm Hinweis auf die Berechtigung des BlUt- adels soll nicht die Bedeutung des Herzens- und Geistes- Adels herabgesetzt werden. Feststehend bleibt für daS Christenthum, daß, abgesehen vom Blute, nur jene Seele vor Gott als hochadelig gelten könne, welche der Aufnahme in den Himmel gewürdigt wird. Mitglieder des Blutadels, welche, beherrscht von niedern Gewalten, dieses ewigen Glückes selbst sich beraubten, haben, ihre Bedeutung verkennend, ihre Bestimmung verfehlend, sich tief herabgewürdigt zur Personifikation aller Niedrigkeit, Schändlichkeit und Verächtlichkeit — zum Feinde der höchsten Majestät Gottes! Adel verpflichtet! „Xosilesss osiliZs" bezieht sich zunächst auf das Verhältniß des Vasallen zum göttlichen Dienst- und Kriegsherrn — vor dem alle nur Diener sind! Ist dieses Dienstverhältniß ein der Vorschrift entsprechendes, normales — so wird mit zwingender Logik die Stellung zum irdischen Dienst- und Kriegsherrn nothwendig auch eine correcte, iä est gottgewollte sein! Mit dieser getreuen, unerschütterlich beharrlichen Stellung gegenüber „Altar und Thron", wie sie auf vielen Blättern der Adelsg. schichte verzeichnet sich findet — ist in aller Kürze und Klarheit Bedeutung und Bestimmung, ist die von Gott gesetzte Aufgabe des Adels dargelegt! Die Bedeutung des katholischen Adels für die katholische Kirche erweist die große Zahl seiner Mitglieder, welchen die Ehre des Altars zu Theil geworden. Oder erscheint der unvergeßliche Kaiser Karl der Große nicht als Vorbild wahrer Herrschergröße von Gottes Gnaden? Ebenso Ludwig IX. von Frankreich als Muster eines weisen und gerechten Regenten! Stellt sich im Bilde der hl. Elisabeth von Ungarn nicht das Ideal wahrer, christlicher Nächstenliebe, höchsten Opfergeistes dar? Darf der Adel nicht mit begründetem Selbstgefühl auf die beiden Adelssprossen Albertus Magnus und Thomas von Aquin und andere als auf Gelehrte ersten Ranges blicken? Die Heiligen-Legenden geben Zeugniß von vielen hochwürdigen und ehrwürdigen Persönlichkeiten beider Geschlechter aus dem Adelsstande, welche, der Kirche zur Zierde dienen, als Höchstes es erkannten, für Gottes Ehre sich opfernd zu wirken, nach den Worten des heiligen Frauziskus von Assisi (1182 — 1226): „DaS ist die wahre Ehre, daß man alle Ehre dem Herrn gebe und ihm getreu diene!" Auf eine ansehnliche Reihe würdiger Gottesdiener, die aus seinen Reihen hervorgingen, ist somit der Adel zu blicken berechtigt. Dem Allerhöchsten, dem Herrn der Welten, von dem Alles ist, in Treue vorerst zu dienen, galt von Alters her als Adelsverpflichtung, als hochadelige Gesinnung! Das Verlassen dieser Tradition führte auf Abwege, deren Erkenntniß in den Herzen der traditionell-getreuen nur Schmerz und Trauer wirken kann. Es ist schmerzend, bekennen zu müssen, daß die empfindlichsten Wunden dem Adel vom Adel zugefügt worden. Die tödtlichste Wunde wurde dem Adel geschlagen mit Nobilitirung des Geldes, mit Schaffung des Geldadels — ein Faustschlag in'S Angesicht des alten, christlich-getreuen Adels! Trotz dieser so sehr zu beklagenden, traurigen Ver- irrung wird es wohl statthaft sein, aufzustellen, daß der Glaube des Volkes an die Adelswährung der neugeschaffenen Plutokratie auch heute noch mit vielen zweifelnden Fragezeichen umhegt erscheint. Daraus dürfte hervorgehen: wie wenig zulässig es gewesen, das Ansehen einüs adeligen Namens von einer wohlabgezählten Portion 194 waren die geborenen Berufssoldaten, und sie übten als regelmäßige Inhaber der niedern Gerichtsbarkeit auch die Polizei. In Preußen ist es noch vor wenigen Jahrzehnten so gewesen. Auch für die Straßen hatte entweder der Grundherr, oder der Landesherr, oder der König zu sorgen, wenn ihm auch nicht verwehrt war, einen Straßenzoll und ein Brückengeld zu erheben. Das Straßenwesen galt wie das Geleitsrecht als ein Ausfluß der Gerichtsbarkeit (Maurer, Fronhöfe IV, 155); es war nur ein Regale. Ebensowenig wie einen Straßenetat gab es einen Schul- und Kirchen- erat. Die Kirche wurde wie die Schule, soweit von einer solchen die Rede sein kann, vom Zehnten unterhalten, und für die Armen war ein volles Viertel des Zehnten (Hrrarta, xnnxsrunr) ausgesetzt. Leider aber gaben meistens die Patrone den Zehnten sich angeeignet und nur den Klein- und Blutzehnien der Kirche gelassen. Der ursprüngliche Grund und Zweck der Bodenlasten entschwand dem Bewußtsein schon im Mittelalter, als die Landesherren anfingen, der grnndherrlichen Zersplitterung entgegenzuarbeiten (Lamprecht, Deutsches Wirth- schaftslebcn I, 1251 sf.). Das landesherrliche Söldner- lhum machte die Ritterschaft mehr und mehr überflüssig, und je mehr der moderne Staat sich in diesen Territorien entwickelte, desto mehr ging das Nitterthum zurück und verloren auch Stifte und Klöster mehr und mehr an ihrer Selbstständigkeit. Dennoch blieben die alten Lasten und als die Reichsunmittelbaren mediatisirt waren, wäre es eine Ungerechtigkeit gewesen, diese Lasten einfach als ursprüngliche Steuern nach französischem Muster zu streichen, da ihre dermaligen Inhaber sie als privatrechtliche Titel ererbt und erworben hatten. Ging ja alles so kraus untereinander, daß, wie Vicomte d'Avenel in seiner Geschichte des Grundeigenthums erzählt, viele Adelige selbst als Besitzer verpflichteter Grundstücke durch die Lastenabschüttelung gewannen. Die Bedeutung und der Zusammenhang der Grundlasten war deßhalb nicht mehr erkennbar, als dieselben 1848 theilweise abgelöst, theilweise aufgehoben wurden. Daher sprechen die Motive des Ablösungsgesetzes, obwohl es bei manchen entschädigungslos aufgehobenen Lasten ganz nahe gelegen hätte, nicht von dem ursprünglich öffentlichrechtlichen oder steuerartigen Charakter, sondern nur von der Gehässigkeit, Unwirthschaftlichkeit und dem geringen Ertrage der aufgehobenen Lasten. Aber ganz vergessen war der Zusammenhang und die ursprüngliche Bedeutung auch wieder nicht, so wies z. B. der Abgeordnete Dr. Edel (9. Mai 1848) mit Recht darauf hin, daß die zutsherrliche Gerichtsbarkeit entschädigungslos aufgehoben werden dürfe, weil die Gerichtsbarkeit ursprünglich nicht dazu bestimmt gewesen sei, einen Vermögensvortheil abzuwerfen. „Die Gerichtsherren waren die Vorsitzer ihrer Insassen, sie waren Vorsteher des Gerichts, das aus der Mitte der Grundholden hervorging." Die Gerichtssporteln und Taxen der Pajrimonialgerichte, sagte ein anderer, seien deßhalb so stark gewachsen, weil die Beamten ihren Gehalt daraus bezogen. Gerichtsbeamte wurden aber erst «it dem Aufkommen des römischen Rechtes aufgestellt. Die ursprünglichen Gerichtskosten steckten irgendwo anders, und es war eine leicht begreifliche Täuschung, daß man das Eerichthalten als eine Art Ehrenpflicht des adeligen Herrn hielt, wie man es heutzutage noch in England auffaßt. Wenn man die Fronen ohne Entschädigung aufhob, so geschah das ziemlich Principlos. wie es auch manche Abgeordnete hervorheben, um so principloser. als seit Jahrhunderten, besonders stark aber unmittelbar vor 1848, Fronen auf Wunsch der Verpflichteten in Geld fixirt worden waren. Der Grund jener Aufhebung war auch keineswegs ihr Zusammenhang mit der Schutzhörigkeit und Vogtei oder ihr mehr persönlicher, weniger dinglicher Charakter. Oberjustizprokurator Wiest wies zwar in einer Schrift „Aufhebung der Zshenten, Leibcigen- schaftsgefälle, Fronen rc." (Ulm 1833) auf die Thatsache hin, daß die meisten Fronen derjenige von mehreren Gutsherren eines Ortes erhoben, der eine Gerichtsbarkeit besaß oder besitzt, und wollte daraus den öffentlichrechtlichen Charakter der Fronen beweisen. Allein damit schoß er über das Ziel hinaus. Die neuere Forschung erklärt die Fronen größtentheils aus der gehöferschaft- lichen Bewirthschaftung der gutsherrlichen Neubrüchc (Beunden) und aus andern privatrechtlichen Verhältnissen. Wie mit den Fronen, verhält es sich mit der Leibeigenschaft. Wiest rechtfertigt ihre unentgeltliche Aufhebung damit, daß auch die Last des Schutzes der Leibeigenen und damit das öffentlichrechtliche Verhältniß des Leibherrn wegfiel, und führt die Thatsache an, daß ein StandeSherr die Leibeigenschaftsgefälle unter der allgemeinen Nechnungsrubrik als „obrigkeitliche Gefalle" ausführte (a. a. O. S. 110). Wenn aber je etwas privatrechtlich war, so war es die Leibeigenschaft, die doch etwas ganz anderes bedeutete, als die Schutzhörigkeit der Zinsleute. In der finanzhistorischen Erklärung der Grundlasten tastete man in Folge mangelnder Vorarbeiten und Quellen unsicher hin und her und kehrte bald die eine, bald die andere Seite heraus, je nachdem man sie brauchte. Erzählt doch Wiest S. 165, der (würt- tembergische) Staat habe 1819 den Mediatisirten gegenüber die Schutz- und Schirmgelder als öffentlichrechtliche sich angeeignet, nunmehr aber (1833) bezeichne er sie als privatrechtliche, die im zehnfachen Betrag abzulösen seien! Doch waren dies Ausnahmen; im Allgemeinen hatte man keine andere Wahl, als alle Feudallasten in privatrechtlichcm Sinne zu fassen, die Zehnten, Handlöhne (Mutationsgebühren), wie die Fronen, und so geht es auch heute nicht, einen andern Maßstab an die Bodenzinse anzulegen, als damals. Immerhin ist aber die Prophezeiung des Dekans Pflaum (8. Mai 1848) interessant, daß die Ablösung der Grundlasten den Bauern so wenig Vortheil wie den französischen Bauern bringe, die dem nachrevolutionären Staat mehr Steuern haben zahlen müssen, als sie den Grundherrcn und Landesherren zusammen haben je bezahlen Müssen! WaS auf der einen Seite wegfalle, komme auf der andern Seite herein (Verhandlungen der Kammer der Abgeordneten 1848, III. Band, 323). Durch die ganze Rede klingt so etwas wie von einer Doppelbesteuerung, von der wir in letzter Zeit so viel hörten. „I§odl6886 odllAö! Worte an den Adel deutscher Nation!" Mit diesem Titel erschien im laufenden Jahre bei Otto Borgmeycr in Hannover eine zeitgemäße Besprechung der Ade-lsfrage, die bekanntlich sehr ungleicher Beurtheilung begegnet. Von Seite der demokratischen Parteien als entbehrliches mittelalterliches Requisit aufgefaßt, erzeugt anderseits die Antwort auf die Frage: was Adel sei — Erröthen und Beschämung! Darf man nicht aussprechen« 195 das; es in Wahrheit nur eine richtige, ganz correcte Auffassung dessen gebe, was in wohlgeordneten, monarchischen Staatswesen Bedeutung und Bestimmung des Adels sei? Die Lösung findet sich in der Aufgabe, welche das Christenthum der ganzen Gesellschaft, an deren Spitze dem Adel, zutheilt! Das Christenthum als Werk der gottmenschlichen Majestät Jesu Christi erscheint als das höchste adelige Institut, die christlichen Völker demgemäß als der Adel der Menschheit auf Erden! Steht dieses fest, daß eine göttliche Lehre die Menschen zuhöchst zu veredeln befähigt sei — so ist hiemit die Berechtigung des Blutadels innerhalb der christlichen Gesellschaft nicht preisgegeben. Das Christenthum anerkennt den Blutadel. Beweis hiefür findet sich in dem Evangelium nach dem heiligen Matthäus (1,1—16), enthaltend das Stammbuch Jesu Christi, in welchem dargethan ist, daß der hl. Josef, der Pflegvater Christi, von königlichem Geblüts war. Diese Beweisführung mit all' den Namen der Vor- und Urvater läßt erkennen, daß dem hl. Joseph vor Gott in Folge seiner Abstammung eine höhere Würde zukomme, sonst wäre eben dieses Namens-Negister nicht unter den Gottcs- Worten der hl. Schrift zu finden. Da nun Gott der Herr den Blntadel gelten läßt, so müßte es für Christen zweifellose Verpflichtung sein, ein Gleiches zu thun. Diese gläubigen Christen gegenüber gestellte, wohlbcgründete Forderung wurde seitens der Aufklärung 1789 in Frankreich und 1848 in Deutschland als unberechtigte, freiheits- und volksfeindliche Prä- tension zurückgewiesen — eine Censur, die nicht überraschen kann! Denn wo Gott und sein Evangelium nicht gilt — wie sollten da feine Vasallen noch Geltung finden! In diesen Augen erschien es als weltbefreiende, fortschrittliche Geistesthat, die Adels-Nechte als antiquirt zu verwerfen! Das Nivellement machte eitle Anstrengungen, alles auf „eine" Höhe zu bringen, als ob auf solchem Wege der Gewalt die dekretirte Gleichheit der Menschen zur ernst zu nehmenden Thatsache gemacht werden könne! Hat denn der Schöpfer Gleichheit gewollt? Die ganze Schöpfung in allen Theilen, vom leblosen Stein bis zum Meisterwerke des Schöpfers: bis zum göttlich beseelten, vernunftbegabten Menschen, ruft: nein! Die ganze Schöpfung ist ein Protest gegen die Gleichheits- Jvee der Gottesleugner! Eben die Ungleichheit ist das Gesetz; Steine, Metalle, Blumen, Bäume, Früchte, Thiere bezeigen eine Variation und Gradation von weniger edlen zu edleren und edelsten Arten und Gattungen. Vergleicht man die Typen der Menschen-Nassen, so kann die Priorität der kaukasischen Nasse nicht zweifelhaft sein. Gesichtsbildung und geistiger Ausdruck stellen die Weißen hoch über die andern Völker-Typen! Wo ist Gleichheit? Sie wohnt in den Träumen alter und neuer Communisten! Ungleich ist Körper-Gestalt und Kraft, ungleich sind Geistesgaben, Talente, Gemüths-Eigenschaften, — wo ist Gleichheit? Gibt es Steigerungen in Bezug auf das Angeborne im innern Menschen nach der Seite des Geistes und Gemüthes hin — warum sollte die Hülle nicht Unterschiede ausweisen dürfen? „Blut ist ein besonderer Saft" — sagt Goethe im Faust. Ist das der Fall, so ist Genealogie und Adels-Generation nicht zu verwerfen^ nicht zu verspotten^ Mit diesem Hinweis auf die Berechtigung des Blut- adels soll nicht die Bedeutung des Herzens- und Geistes- Adels herabgesetzt werden. Feststehend bleibt für daS Christenthum, daß, abgesehen vom Blute, nur jene Seele vor Gott als hochadelig gelten könne, welche der Aufnahme in den Himmel gewürdigt wird. Mitglieder des Blutadels, welche, beherrscht von niedern Gewalten, dieses ewigen Glückes selbst sich beraubten, haben, ihre Bedeutung verkennend, ihre Bestimmung verfehlend, sich tief herabgewürdigt zur Personifikation aller Niedrigkeit, Schändlichkeit und Verüchtlichkeit — zum Feinde der höchsten Majestät Gottes! Adel verpflichtet! „Xolsissss osiliZs" bezieht sich zunächst auf das Verhältniß des Vasallen zum göttlichen Dienst- und Kriegsherrn — vor dem alle nur Diener sind! Ist dieses Dienstverhältniß ein der Vorschrift entsprechendes, normales — so wird mit zwingender Logik die Stellung zum irdischen Dienst- und Kriegsherrn nothwendig auch eine correcte, iä est gottgewollte sein! Mit dieser getreuen, unerschütterlich beharrlichen Stellung gegenüber „Altar und Thron", wie sie auf vielen Blättern der Adelsg. schichte verzeichnet sich findet — ist in aller Kürze und Klarheit Bedeutung und Bestimmung, ist die von Gott gesetzte Aufgabe des Adels dargelegt! Die Bedeutung des katholischen Adels für die katholische Kirche erweist die große Zahl seiner Mitglieder, welchen die Ehre des Altars zu Theil geworden. Oder erscheint der unvergeßliche Kaiser Karl der Große nicht als Vorbild wahrer Herrschergröße von Gottes Gnaden? Ebenso Ludwig IX. von Frankreich als Muster eines weisen und gerechten Regenten! Stellt sich im Bilds der hl. Elisabeth von Ungarn nicht das Ideal wahrer, christlicher Nächstenliebe, höchsten Opfergeistes dar? Darf der Adel nicht mit begründetem Selbstgefühl auf die beiden Adelssprossen Albertus Magnus und Thomas von Aquin und andere als auf Gelehrte ersten Ranges blicken? Die Heiligen-Legenden geben Zeugniß von vielen hochwürdigen und ehrwürdigen Persönlichkeiten beider Geschlechter aus dem Adelsstande, welche, der Kirche zur Zierde dienen, als Höchstes es erkannten, für Gottes Ehre sich opfernd zu wirken, nach den Worten des heiligen Franziskus von Assisi (1182 — 1226): „Das ist die wahre Ehre, daß man alle Ehre dem Herrn gebe und ihm getreu diene!" Auf eine ansehnliche Reihe würdiger Goitesdiener, die aus seinen Reihen hervorgingen, ist somit der Adel zu blicken berechtigt. Dem Allerhöchsten, dem Herrn der Welten, von dem Alles ist, in Treue vorerst zu dienen, galt von Alters her als Adelsverpflichtung, als hochadelige Gesinnung! Das Verlassen dieser Tradition führte auf Abwege, deren Erkenntniß in den Herzen der traditionell-getreuen nur Schmerz und Trauer wirken kann. Es ist schmerzend, bekennen zu müssen, daß die empfindlichsten Wunden dem Adel vom Adel zugefügt worden. Die tödtlichste Wunde wurde dem Adel geschlagen mit Nobilitirung des Geldes, mit Schaffung des Geldadels — ein Faustschlag in'S Angesicht des alten, christlich-getreuen Adels! Trotz dieser so sehr zu beklagenden, traurigen Ver- irrung wird es wohl statthaft sein, aufzustellen, daß der Glaube des Volkes an die Adelswährung der neugeschaffenen Plutokratie auch heute noch mit vielen zweifelndes Fragezeichen umhegt erscheint. Daraus dürfte hervorgehen: wie wenig zulässig es gewesen, das Ansehen einüß adeligen Namens von einer wohlgbgezählten Portio» 1S6 Metall oder Papier-Stücken abhängig machen zu wollen — sowie auch die belehrende Thatsache, daß daS Volk nicht einen Namen respektirt, ist der Träger des Namens nicht achtbar, insbesondere nicht in seinem Verhältniß Gott gegenüber! Muß es nicht ausgesprochen werden, daß, wie schon bemerkt, Adel nur im Christenthum, weil seine Lehre göttlich — daß demnach Alles, was außer diesem Bereich als adelig sich geberden möchte, als fragewürdig bezeichnet werden muß! Die neugeschaffene Plutokratie hat den Adel herabgewürdigt, Geldsucht erweckt, Geldstolz genährt, falsche Ehrbegriffe zur Geltung gebracht. Das bekannte Wort: „Mein Geld ist meine Ehre" — erscheint als Etikette einer Adelsgesinnung, die dem Worte unseres göttlichen Heilands, daß man nicht zwei Herren (Gott und dem Mammon) zugleich dienen könne, direkt als Widerspruch entgegensteht! Dieses Wort von der Geldehre illustrirt zur Genüge die äeeacleirca, bet welcher der moderne und modern denkende Adel angekommen! „Mein Geld ist meine Ehre!" ES leuchtet ein, daß diese Spezialität von Adclsgesinnung als Produkt der seichtesten aller Lehren, der materialistischen, sich darstellt, daß der Verachtung göttlicher Wahrheit die Anbetung des Stoffes folgen mußte! So hoch als wahrer Gottesdienst über schmählichen Götzendienst sich erhebt — so hoch erhebt sich der in Wort und That christliche Adel über den Krämergeist der Habsucht, angethan mit glänzendem Adels- Wavpen und umgeben von imitirten adeligen Allüren! Difficile cst satiram von scrikere. Das Bewahren der Nahe bei solchen Erörterungen ist leichter angerathen als selbst bethätigt! Alles, was sich als Zerrbild darstellt, ruft die Kritik heraus. Wer mit ganzer Seele für Christus ist, kann doch nicht „das" als Adel gelten lassen, was gegen Christus ist! Darf man nicht annehmen, daß alle andern Adelspatente, die mit dem Schwert, mit der Feder, mit dem Pinsel, Meißel u. s. w. erworben wurden, allgemein einer mehr ernst zu nehmenden Achtung begegnen werden? Dem Blut- und Verdienst-Adel — jedem gebührt seine Stelle! Der Adel als conservatives Element xar cxcsllence ist von der Monarchie nicht zu trennen und die Monarchie nicht vom Adel! Demnach hat der Adel Anspxuch als nächstberechtigte Umgebung des Thrones das Vertrauen der Mächtigen von Gottes Gnaden zu finden. Der Adel sollte erscheinen als lebender Zeuge und ehrwürdiger Träger der geschichtlichen Ueberlieferungen eines Volkes! Graf Josef de Maistre (1755—1821), der bekannte Vertheidiger der Legitimität, sagt: „So lange eine „reine", die Lehrsätze des National - Glaubens bis zur Begeisterung festhaltende Aristokratie den Thron umgibt, steht er unerschütterlich — selbst wenn Schwäche oder Irrthum ihn einnehmen! — Mit diesen Worten ist die Bedeutung eines gläubigen, kirchentreuen Adels für den Halt des Thrones auf das Klarste und Schärfste gekennzeichnet! Die Schaffung der Plutokratie hatte und hat zur Folge: die in der Brochure „Noblesse vbliZe" besprochene und verurtheilte Annäherung an den Geist der kaute Lnancs, Betheiligung an Börsenspiel, Gründergeschäften u. s. w., alles Dinge, die altadeligen Principien widersprechen, als deren völlige Verläugnung die Verachtung deS christlichen Taufscheines — „des höchsten Adrlsbricfes" — und EtMhlijng einer geldrejchen, jüdischen Braut sich darstellt! Hiemit ist daS traurige Bild der äöcaäencs des christlichen Adels vollendet, die Tradition des altadeligen christlichen Geistes verächtlich bei Seite geworfen! Darf man sich wundern, wenn solcher Adel in den Augen des christlichen Volkes ohne Ansehen erscheint? So geartete Edelleute empfangen, was sie verdienen: Mißachtung! Diese gänzlich irdischem Tand und Genuß zugewendete Richtung erscheint für das christliche Volk als Bild der Warnung. Die Bedeutung solcher Adels - Elemente für die christliche Kirche ist gleich null; auch von einem Glänze, den sie dem auf christlichem Boden stehenden Throne leihen könnten, kann nicht wohl Rede sein! Nach beiden Seiten sind sie ihrer, von Gott zugetheilten Mission untreu geworden! Im Interesse des correct gebliebenen Adels wäre ihre Ausschließung dringend erwünscht. Diese Ausstoßung kann nicht erfolgen, da die Feinde des christlichen Adels die Aufhebung der Adelsgerichte durchzusetzen wußten! Was wir heute haben, ist ein Adel, der vollständig geplündert, schutzlos dasteht — ohne Fähigkeit soweit es vonnöthen zu seinen ehrwürdigen Traditionen zurückgeführt zu werden! Früher galt der Adelige als Mann von Ehre, daher die Siegelmäßigkeit. Welchen Sinn soll ein Wappen haben, wird es nicht respektirt? Das Wort eines penfionirten Offiziers gilt nicht als glaubwürdig — sei er von Adel oder nicht; er muß Zeugen ausweisen, daß er noch lebe — bei Erreichung der Quittungsbögen! Der adelige Pensionist gilt nicht als glaubwürdig, trotzdem ist er einem Ehrengericht unterstellt I Wessen Wort man nicht Glauben schenkt, der hat keine Ehre! Tiefer herabgewürdigt und in seiner Ehre angezweifelt ist der Adel wohl noch niemals gewesen; er erscheint dem pessimistischen Geist des Rechnungswesens ausgeliefert. Wie kann der Adel aufstehen von seinem Falle, das Ansehen und die Liebe des christlichen Volkes wiedergewinnend? Nur eines kann helfen: ernste und volle Rückkehr zur altehrwürdigen, christlichen Tradition, zum Geist der Vorväter, der Urväter; Religion allein kann den Adel wieder auf das Niveau erheben, das nach Gottes Willen ihm gebührt! Die weitere Bedingung der Wisdererhebung des AdelS als eines christlichen Ehrenstandes, auf welchen die Augen des christlichen Volkes gerichtet sind, ist Wiedereinführung von Ehrengerichten für den Adel! Jedes Offizierscorps, sogar jeder Verein nimmt für sich das Recht in Anspruch: unpassende, unwürdige Mitglieder auszuschließen; wie sollte ganz allein dem Adel dieses Recht nicht zustehen dürfen? Soll er das wieder werden und bedeuten, was er in der Monarchie bedeuten soll: eine Schutzwache edler, treuanhänglicher Gesinnung gegenüber Altar und Thron — so erscheint die Controlle eines Ehrengerichtes unumgänglich nothwendig. Diesem muß nach Sanktion des Regenten Macht zukommen: das Ansehen des christlichen Adels compromittirende Mitglieder auszuschließen und von solchen Beschlüssen der Oeffent- lichkeit Kenntniß zu geben! Die Mitglieder einer geschlossenen Adelsgenossenschaft, welche jeder Zeit und aller Orten Gott dem Herrn unerschrocken die Ehre geben, die dem Herrn gebührt, und als treueste Söhne der Dynastie und dem Vaterlande zugethan sind — dürfen sich überzeugt halten, der Achtung und Liebe des christlichen Volkes wieder zu begegnen. Wollte man sich nicht entschließen, einem Theil des in seiner Gesinnung alterirten Adels zur bedürftigen Auf- 1S7 erstehung zu verhelfen — so wäre gänzliche Aufhebung vorzuziehen; besser kein Adel als ein Adel, der für die Nation nicht das bedeutet, was er bedeuten soll! Armuth und Arbeit schänden nicht; beide sind vielmehr der wahren christlichen Gesinnung und Lebensweise förderlich. Die Trennung des Adels-Begriffes vom Geldgewicht, Prunk, Pomp, Glanz und Schimmer, von Bequemlichkeit, Modeland, Sportspielerei usw. wäre die Voraussetzung zur Rückkehr zu den altehrwürdigen christlichen Adelstraditionen; siegreich muß die Erkenntniß die heutigen Geschlechter wieder durch- dringen, daß unser göttlicher Heiland Jesus Christus in Wahrheit der Musteredelmann und daß eine Vereinigung von Gottesehrung mit Pflege religiöser Wissenschaftlichkeit und religiöser Kunst, mit musterhafter Gesinnungstreue der Kirche und dem Throne gegenüber das wahre Anrecht ertheile, seinen Namen ehrenvoll eingetragen zu sehen in das Adels-Negisterl Hat das Leben durch den wiederauferstandenen christlichen Adel an Vertiefung gewonnen, so wird von diesem, zum christlichen Vorbild berufenen Stande eine für das Gute förderliche, heilsame Wirkung ausgehen auf die breiten Schichten des Volkes, die nach Oben blicken sollen; es wird sich in christlichem Sinne eine Erneuerung des Volksgeistes vollziehen! Die Broschüre: ^odlssss osiliZe, deren Darlegungen wohl in der Hauptsache jeder christliche Edelmann unterschreiben wird, wenn auch der da und dort angeschlagene Ton als zu sehr aggressiv der christlichen Liebe vergißt — schließt mit dem Kapitel: Der Zweikampf! Schreiber dieser Zeilen bekundet sein Einverständniß mit diesen Aufstellungen, erinnert an die jüngst gefaßten Beschlüsse des norddeutschen Adclstages in dieser Frage und ladet alle hierüber ernstlich und gründlich Nachdenkenden ein, von einer gründlichen Studie Einblick nehmen zu wollen, des Titels: „Das Duell im Lichte der Vernunft". (Stimmen aus Maria-Laach, Katholische Blätter — Jahrgang 1894. 4. Heft. Herder's Ver- lagshandlnug.) Das fünfte göttliche Gebot, die weltliche Gesetzgebung und die Erkenntniß der Thorheit, die darin sich findet, daß ein Beleidigter dadurch Ehre und Gerechtigkeit wieder gewinne, wird er vom Beleidiger verletzt oder getodtet — das Alles sollte vernünftigen und gewissenhaften Männern das Unstatthafte, Widersinnige und Frevelnde Gott gegenüber mit aller Schärfe erkennen lassen. ÜInZna ssd veritus et praevalakit! Ein deutscher Edelmann. Der Bilderzauber und die modernen Zauberer in Frankreich. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Gua'üa fährt in seinem Brief an den Redacteur des „Gil BlaS" fort: „Nach diesen Andeutungen kehren wir zu dem zurück, was mich nunmehr persönlich angeht! Ich hatte zuerst die Absicht, das Schweigen der Verachtung zu wahren. Ich habe es bis zum heutigen Tage beobachtet, — vollständig; die paar Zeilen zur Berichtigung im „Figaro" gehen von dessen Direction aus, nicht von mir. Herr Jules Avis macht sich also einer Pcrfidie schuldig, wenn er bemerkt, daß die so sarb- lose Antwort des Herrn Stanislas de Guaita im „Figaro" nicht dazu geeignet sei, seine Freunde zufrieden zu stellen. Man verlangt von mir „mit viel Geschrei" Erklärungen. In einem solchen Falle werden dieselben am besten auf einem Kampsplatzc im Freien gegeben. Das ist wenigstens meine Ansicht! Aber an wen mich halten? An Herrn HuysmanSl Jedem Herrn alle Ehre! An Herrn HuysmanS, der in seinem Roman »LL-Las« und seit der Publikation dieses Buches sich unaufhörlich zum Centralccho dieser Verleumdungen gemacht hat, — an Herrn HuysmanS, der erlaubte, daß man die närrischen Briefe veröffentlichte, in denen Herr Boullan mich als seinen Verfolger bezeichnet; an Herrn Huhsmans, dessen in einem Morgenblntte veröffentlichte Berichtigung in gewisser Hinsicht die Verleumdungen mehr bestätigt als abschwächt. Also an Herrn HuySmans, ohne Zögern i . Sodann an Herrn Jules Bois, der mich dreimal im „Gil Blas" angegriffen hat. Ich habe deßhalb meine Zeugen an diese beiden letzteren geschickt. Das ist es, Herr Redacteur, was ich den Lesern bcS „Gil Blas" wissen lassen wollte. Wenn ich gerade dieses Organ zur Antwort wählte, so geschah es deßhalb, weil Herr Jules Bois mich in demselben mit unglaublicher Erbitterung verfolgt hat. Genehmigen Sie, Herr Redacteur, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Achtung. Stanislas de Guaita." Auf diesen langen Brief hat nun Herr Jules Bois mit einem kürzeren geantwortet, in dem unter anderm gesagt wird: „Er fängt sich in den Schlingen, die er stellt, und der schwarze Magier beschreibt seine eigenen Maleficien, wie einer, der von der Sache weiß, er bewundert sich wegen seiner Zaubereien. Lassen wir ihm seinen Stolz; lassen wir ihm dieses Vergnügen der Neclame, das ihm die Berufung auf sein Buch macht, das so unbekannt und doch so anziehend ist, da der beste Theil desselben in lateinischer Sprache geschrieben ist. Wenn es sich jedoch darum handelt, sich gegen den Verdacht des Satanismus zu vertheidigen, weicht Herr von Guaita aus und versucht eine Abschweifung. Er wechselt das Terrain; er geht von der Diskussion ab; er läßt die Feder fallen und ergreift den Degen, — dessen er sich sicherer glaubt! Gut, da er von Perfidie spricht, kann ich ihm laut antworten, daß, da ich ihn offen angriff und aufrecht erhalte, daß er mit unversöhnlichem Hasse diesen Greis verfolgte, der nun nicht mehr ist, ich auch jetzt vor ihm, SianiSlas de Guaita, mit derselben ruhigen Kühnheit auf dem Kampfplätze stehen werde. Man verleumdet nicht, Herr von Guaita, wenn man einen Todten vertheidigt und wenn man eine Idee schützt. Sie. ja Sie richten, verdammen. Sie vollziehen Ihr eigenes Urtheil! Ihr Tribunal ist nur eine schlechte Posse. Und da Sie sich als Magier erklären, will ich Ihnen das Beispiel Ihrer Meister, unserer Meister, des JesuS, Buddha, PythagoraS, Plato, So- kratcö vor Augen fübrcn, die nur zu sterben und zu verzeihen wußten. Und nun Friede für Boullani Daß er in Zukunft ruhig schlafe! M. Stanislas de Guaita weiß wohl, daß wir keine Politiker sind, daß wir gegen ihn keinen Krieg mit geriug- wcrthigen Schriftstücken mehr beginnen. Empsangen Sie u. s. w. Jules Bois." Am Abend nach der Publikation dieses sonderbaren Schriftstückes wurde die Sache plötzlich beendet durch die zwei folgenden Protokolle: 14. Januar 1893. Durch die Artikel, welche Zerr Jules Bois im „Gil Blas" vom 9., 11. und 13. Januar 1893 veröffentlichte, sah sich Herr von Guaita veranlaßt, die Herren Barrtzs und Emile Michclet zu bitten, von Herrn Jules BoiS eine Erklärung oder eine Genugthuung mit den Waffen zu verlangen, der seimricits diese Herren mit den Herren Jules Gusrin und Charles Couiba in Beziehung setzte. Die Zeugen des Herrn JuleS Bois haben erklärt, daß ihr Freund nur eine Kritik esoterischer und philosophischer Art gegen Herrn de Guaita vorbringen wollte, daß aber dieselbe den Charakter des Herrn de Guaita, eines vollkommenen Ebrcnmannes, nicht angriff und sich in keiner Weise auf denselben beziehen konnte. Nach diesen Erklärungen haben die vier Zeugen einstimmig anerkannt, daß kein Grund zu einer Begegnung vorhanden fei. Für Herrn de Guaita: Für Herrn Jnleö Bois: Em ile M i chclct. Charles Couiba. Maurice BarröS. Jules Gusrin. 168 Nach der Veröffentlichung der Interviews des Herrn I. K. HuysmauS im Gil Blas vom 9., 11. und 13. Januar durch Herrn Jules Bois und eines BricfeS des Herrn HuysmauS im „Echo de PariS" vom 13. Januar 1893 bat Herr von Gualta die Herren Manrice BarrsS und Emile Wickelet gebeten, von Herrn Huysmans Aufklärungen zu verlangen, der diese Herren m Verbindung mit den Herren Orsat und Gustave GuicheS setzte. Die Herren Orsat und Gustave GuicheS haben den Herren Barrss und Emile Wickelet erklärt, daß .Herr HuySmauS keineswegs die Artikel des Herrn Bois als persönliche Ansichten vertheidigen wollte. ÜebervicS beeilt sich Herr I. K. HuySmaus, nachdem er von dem Briefe, der von Herrn von Gualta in der Nummer deS „Gil Blas" vom 15. Januar 1893 publicirt wurde, Kenntniß genommen, zu erklären, daß er in keiner Weise zögert, Herrn de Gualta als vollständig unbetheiligt an den Thatsachen, welche die Polemik über den Tod dcö Herrn Boullan motivirtcn, zu betrachten. Herr I. K. HuySmans fügt auch noch bei, daß er niemals daran gedacht hat, dem Herrn von Gualta den Charakter eines vollkommenen Ehrenmannes zu bcstreitcn. Für Herrn de Gualta: Für Herrn I. K. Huysmans: Manrice Barrös. A. Orsat. Emile Michelet. Gustave GuicheS. Damit war die Beschuldigung von dem Nosenkrcuzer in einer allerdings befremdenden Weise wieder abgewälzt, und die Frage, ob in der Gegenwart noch Zauberer existirten, wurde eine Zeit lang in der Presse nicht weiter erörtert. Jedoch wollten Jules Bois und seine Gesinnungsgenossen keineswegs auf die Dauer auf die Klarlegung ihrer Anschauungen verzichten. Vielmehr war man bemüht, neues Material für die Geschichte der modernen Zauberei zu sammeln. JuleS Bois veröffentlichte sodann im Jahre 1894 eine Reihe von Artikeln im „8uxx>Is- naant lüttsrairs" des „Figaro", die sich auf mystische Gegenstände und auf die Zauberei bezogen; sie ermöglichen einen interessanten Einblick in die mystische Bewegung der Gegenwart und in alle Absurditäten, die in modernen spiritistischen und occultistischen Kreisen pro- ducirt werden. Vor Kurzem ließ er auch ein größeres Werk, betitelt „I^s 8g,tain8ms et ls-Uagsis", erscheinen, zu dem Huysmans eine Vorrede schrieb, und das trotz mancher Extravaganzen zur Klarlegung des modernen Satanismus und jener modernen Mystik, die an die Dämonologie unseres Görres erinnert, immerhin Wesentliches beitragen kann. Dieser Autor war übrigens nicht der Einzige, der in jüngster Zeit diese dunklen Gebiete beleuchtete. „Die Franzosen beschäftigen sich", um die Worte des bekannten Herausgebers der „Lsvisvv ok Hsvisrv^ und der spiritualistischen Zeitschrift „Borderland" zu gebrauchen, „gegenwärtig sehr viel mit dem Teufel; es scheint dies die letzte Mode von Paris (!) zu sein." So hat auch Bataille ein umfangreiches, leider gleichfalls durch viele Phantastereien in seinem Werthe beeinträchtigtes Buch „1.6 Oiusils au XIX Liöels" publicirt, in dem er vor allem Beweise für den Teufelsdienst in gewissen Freimaurerlogen zu erbringen sucht. Auch ein früherer Martinist, nebenbei Stifter der neuen gnostischen Kirche in Frankreich, JuleS Doinel, der kürzlich zum Katholizismus zurückkehrte, hat eine Publikation, betitelt „Imsitsr ciß^asyus* herausgegeben. In derselben beschuldigte er die Nosenkrcuzer und Martinisten, Teufelsdiener und Zauberer zu sein; zur Gründung seiner gnostischen Kirche vermuthet er durch dämonische Einflüsse geführt worden zu sein. Papus (Dr. Gsrard Encausse), der Präsident der Pariser „6roups Notsrivsus", Mitglied des obersten Rathes des Martinisten- und Nosen- kreuzerordens, der von diesem Autor als „1s äämon kaxus" gebrandmarkt wurde, hat sich veranlaßt gefühlt, in einer Schrift „1.6 viaffls st l'Oeoultisws. üs- xonLo aux kuffiieations Latanistes" (karw. lüflainusl. 1896) auf diese Anschuldigungen zu erwidern und die Lehre der Martinisten über Gott und Teufel näher zu erörtern. Die modernen Rosenkreuzer aber hatten schon früher, nachdem ihr Fürst Zum erstenmale der Zauberet beschuldigt worden, in dem „ ^Ima-naslr ä'rm LIaZists", ausdrücklich als einen der Zwecke ihres Bundes angeführt, „die schwarzen Magier an allen Orten und zu jeder Zeit zu bekämpfen und zu vernichten". Es ist wohl noch eine längere Coutroverse zu erwarten, ehe das Wahre von dem Falschen und Phantastischen in allen diesen Behauptungen geschieden ist. Alan wird übrigens im Allgemeinen mit Spannung dem Fortschritte einer Bewegung entgegensehen, deren Entfaltung am Ende eines vollständig dem Materialismus ergebenen Jahrhunderts man wohl nicht für möglich gehalten hätte. Jahresbericht des Historischen Vereins Dillingen. (VIII. Jahrgang 1895. Mit 5 Tafeln Abbildungen und 2 Plänen. 205 Seiten, gr. 8°.) R. 13. Der bistoriscke Verein Dillingen versendete vor kurzem feinen 8. Jahresbericht. Obwohl der Inhalt überwiegend in Quellcupublikativnen und wissenschaftlichen Abhandlungen besieht, ist noch immer der Titel Jahresbericht beibehalten; richtiger wäre wobl Jahrbuch oder Zeitschrift. An der Spitze der „Quellenmäßigen Beiträge" berichtet Pros. vr. Speckt über die Privilegien der ehemaligen Universität Dillingen. Derselbe bringt unter den -blisesllanea- auck eine Notiz über die für verloren gehaltenen Matrikel der Universität Dillingen, die auf der dortigen Bibliothek vor einiger Zeit gefunden wurden; leider sind die von 1607—1774 reichenven Verzeichnisse nicht vollständig. Von Dr. Sp-cht, der sich schon in früheren Jahresberichten mit der Dillinger Universität beschäftigt hat (vgl. V, 135; VI. 116; VII, 56). ist vielleicht die Ausführung des von ihm (V, 140) ausgesprochenen Wunsches nach einer Gesammidarstellnng der Geschichte der ehemaligen Universität zit erwarten. — Der bischöfliche Archivar Dr. Schröder veröffentlicht das Protokoll in der Untersuchung gegen Mag. Kasvar Haslach, Prediger in Dillingen, wegen Verdachtes der Häresie (1522). Darnach sind die Angaben von Keim (Reform, der Reichsstadt Ulm) und Rohling (Die Reichsstadt Memmingcn in der Zeit der cvang. Vollsbeivegnng) über einen durch Kerkerhaft erzwungenen Widerruf HaSlacks falsch. — AnS der Handschrift 12 der Dillinger «studienbibliothck liefert I. Fille einen Beitrag zur Netormationsgeschichte Augsburgs. — A. Wagner schreibt über den Augustincrpater Kaspar Amman in Launigen, einen bedeutenden Hebraisten der Huuiauisteuzcit (ff 1524). Unter den llliseelianea publicirt Wagner eine Liste der Prioren deS Launiger Augnstiner- kl öfters bis 1540, nachdem schon Dekan Schild im vorigen Jahresberichte die Ncihcnsolge der dortigen Prioren seit Wiedereinführung des Ordens 1656—1802 und ebenso den Personalstand des Klosters unmittelbar vor der Säcnlarisation veröffentlicht hat (VII, 121 ff.). Aus die Reformation des Laninger Konvents durch Herzog Ludwig von Nicderbayern beziehen sich drei von Dr. Schlecht aus dem Laninger Stadtarchiv zum Abdruck gebrachte Briese aus den Jahren 1472—1476. — Eine quellenmäßige Darstellung der durch den Nuntius Felician Ninguarda 0. 8. I). am 26. Februar 1583 vorgenommenen Untersuchung der drei bl. Hostien in Andechs gibt Pros. vr. Schlecht. Die Entscheidung des Nuntius, welche mit einer ausführlichen theologischen Begründung verscben ist und auf die im Laufe der Verhandlungen vorgebrachten Schwierigkeiten eingeht und sie zurückweist, lautet: HUI sess innovanäum. Diese Entscheidung scheint in Nom bestätigt worden zu sein. ^ Der zweite Theil handelt über die im Jahre 1595 vorgenommenen Ausgrabungen, ein Arbeitsfeld, auf welchem der Verein wie in früheren so auch in diesem Jahre Großes geleistet hat. Es wird hier berichtet über die Ausgrabungen bei Zöschingen, die Hügelgräber bei Kicklingcn, überTöPscr- stempel von Faimingen und Schretzheim, die Ausgrabungen bei Faimingen und über das Reibengräberfcld bei Schretzheim, welch letzteres, nach dem Urtheile des Direktors Lindenschmit am römisch-germanischen Centralmuieum 199 in Mainz, als eines der reichsten unter den in letzter Zeit aufgedeckten Gräberfeldern der sränkisch-alamanischen Zeit bezeichnet werden kann. Bisher wurden dort 185 Gräber geöffnet. An das genannte Museum wurden, wie in früheren Jahren, die den Gräbern entnommenen theilwcise sehr werthvollen Fund- gegenstände zur Eonservirung gesendet. Die besser erhaltenen Schädel und Skclettreste übermittelte der Verein dem General- conservatorium der vrähistorischen Sammlungen des Staates in München zum Zwecke anthropologischer Untersuchungen. Einige Messungsresultate, die Pros. Dr. Johannes Ranke vorgenommen, werden mitgetheilt. Die am Schlüsse des Jahresberichtes beigefügten 5 Tafeln mit recht gut gelungenen Abbildungen der bedeutendsten Fundgegenstände und die 2 Pläne der Fundorte gehören zu diesem Tbeile. An dritter Stelle werben üliaoollLnss. veröffentlicht, die größtentheils schon oben berührt worden sind. Der Vcrwaltungsbericht gibt eine kurze Geschichte des VcreinSjabrcs. Vereinsvcrsammlungcn mit Vortrügen wurden 9 abgehalten. Die Mitgliedcrzahl beträgt einschließlich der auswärtigen Mitglieder 240, Protektor des Vereins ist Fürst Albert von Tburn und Taxis, erster Vorstand Professor Dr. Schlecht. Der Verein steht mit 39 anderen Vereinen und Instituten im Tauschverkehr. Museu in, M ü n z sa m in lu n g und Bibliothek ersubren nenncnswerthe Bereicherung. Die Einnahmen betrugen 1898,75 M., die Ausgaben 1469,49 M. ,)Der Jahresbericht liefert den Beweis, daß der historische VeÄin Dilliugcn auf allen seinen SchaffenSgcbieteu Erfolge erzielt hat, die alle Anerkennung verdienen. In den beiden letzten Jahresberichten sind mehrfach Quellen- publikationen und Abhandlungen veröffentlicht worden, die über He Gkcnzen der Lokalgeschichtc hiuanSgrcisen. Vielleicht darf aus diesem Umstände der Schluß gezogen werden, daß der Verein neben der Lokalforschung auch die Erforschung der Diö- cesangeschichte zu berücksichtigen gewillt ist. So würde in gewissem Sinne das „Archiv für die Geschichte des Bis- thums Augsburg" wieder ausleben, waS gewiß in weiten Kreisen mit Freuden begrüßt würde. Recensionen und Notizen. Hundertvierzig merkwürdige und ergreifende Beispiele von Helden und Märtyrern der Keuschheit aus allen Jahrhunderten. Ein Spiegel für Ledige und Vcrheirathete. Gesammelt und herausgegeben von Vr. Joseph Anton Keller, Pfarrer in Gottcnhcim bei Frciburg. Mit einem Stablstichc. Mainz, Franz Kirchheim, 1896. Preis 1,50 M. — Ein uraltes Sprichwort sagt: „Worte bewege», Beispiele aber reißen hin." Diese Worte werden sicherlich mit Gottes Gnade bei vielen Lesern vorliegender Heldeugcschichten wahr Werden, zumal sie so herrliche Vorbilder aus den verschiedensten Lebensvcrbältuisse» und Ständen uns vor Augen halten. Es ist somit diese Schrift wie wenige andere in besonderem Grade geeignet, großen Segen zu stiften. Diese Versicherung darf der geschätzte Herausgeber, der unS nur durch mühsames, Jahre langes Sammeln diese Schrisr bieten konnte, getrost hinnehmen. Könnten wir diese Schrift doch allen Jünglingen und Jungfrauen in die Hand geben! Sie enthält auch 12 Seiten Belehrungen über Schönheit, Werth, Nutzen und Lohn dcS keuschen Lebens. Lebensbilder katholischer Erzieher, herausgegeben von vr. W. E. Hubert. Mit kirchlicher Approbation. Verlag von Franz Kirchheim in Mainz. 1896. V. Bäudchen: Bernhard Heinrich Overberg, der Lehrer deL Münster- landes. Von Al. Knöppel, Hauptlehrcr in Nheydt. Preis 1,60 M. * DaS neueste „Lebensbild katholischer Erzieher" schildert uns einen Deutschen, den ehrwürdigen Overberg, als Lehrer, pädagogischer Schriftsteller und Priester gleich ausgezeichnet. Der Verfasser hat es verstanden, das Wesen und Wirken dieses Mannes, der zu den edelsten Persönlichkeiten dcS XIX. Jahrhunderts zählt, in einer Weise darzustellen, welche das Herz erfreut und von selbst den Lehrer zur Nachahmung einladet. Insbesondere wird kein Lehrer, kein Geistlicher diese Lektüre ohne merklichen Nutzen aus der Hand legen. Theo logisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 6. HeftcS 1696: Wer hat die Vollmacht, bist iü^ das sogenaMe fabbatinische Privileg vorgeschrieb enen Werke umzuändern? — DaS Dogma vom Ablasse. — Ueber die Wicdertaufe nach griechischem Ritus. — Etwas über die Reue, namentlich in ihrer Anwendung auf die praktische Seel- sorge. — Ueber die Verpflichtung der Pfründcbcsitzer zur Leistung von Gemeindedicnstcn im rechtsrheinischen Bayern. — Das St. Franz Rcgis-Werk. — Die Zweiteilung des Breviergcbetes in das Nacht- und Tagosficium. — Nachlese zur Frage, wie oft Ordensfraucn communiciren sollen. — Randglossen über Jugend- bibliotheken, insbesondere an unseren Mittelschulen. — Begräbnis und Requiem. (Kirchenmusflalische McditationSpunkte.) — Anspruch aus Stolgebübren bei Verbringung der Leiche eines während zufälligen Aufenthaltes in einer fremden Pfarrei Verstorbenen in seine Domizilspfarrei. — Offener Brief an einen Primizianten. — Vollkommene Ablässe von mehreren hundert Jahren. — Die vollkommene Neue als Predigtthema. — Preisausschreiben, die Beichtstuhlsrage bctr. — Bezeichnung der Zahlen in Zeugnissen mit Buchstaben. — Die Richtung der Leichen im Grabe. — Taubstummer Firmling ohne Firmungsuntcrricht. — Kann der Tauspathe ohne besonderen Grund zugleich der Firmpathe deS nämlichen Kindes sein? — Beachtenswcrthe Kleinigkeiten. — Neueste Entscheidungen der römischen Congregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätenschau. Der Lebensversicherungsvertrag. Falsche Angaben und Verschweigungen beim Abschlüsse desselben. Volkswirth- schastliche und nioraliheologische Untersuchungen von vr. Philipp Huppert. Mainz, Kirchheim. 1896. Preis 3.- M. k. Heinrich Pesch, 8. §., schreibt im „Katholik" zu diesem Werke: Die Schrift zählt zu den gediegensten Publikationen der letzten Zeit. Der Verf. behandelt den Stoff mit großem Scharfsinn, gestützt auf eine genaue Kenntniß der moraltheologischen Principien und der allgemeinen volkSwirlhschastlichen, wie der speciellen versicherungspolitischen und vcrsicherungstechnischen Literatur. Die neue Zeit weist zwar eine ziemliche Anzahl vortrefflicher Hand- und Lehrbücher der katholischen Moraltheologie auf. Eines aber vermissen wir in allen. Die vielfach verschlungenen Beziehungen deS modernen Verkehrslebens haben bisher noch keine allseitig genügende moralistische Würdigung gefunden. Um io freudiger wird es die katholische Wissenschaft begrüßen müssen, daß hier ein Mann, der sich der Löiung der überaus schwierigen Aufgabe durchaus gewachsen erweist, zunächst für einen Theil des Versicherungswesens die entscheidenden moraltheologischen Sätze in klarer, leicht verständlicher und überzeugender Beweisführung entwickelt bat. Dies ist umsomehr anzuerkennen, als bislang die weltliche Gesetzgebung eine specielle Regelung deS Versicherungswesens »ach rechtlichen und volks- wirthjchaftlichcn Gesichtspunkten versäumt hat. Die dürftigen Bestimmungen des italienischen Handelsgesetzbuches kommen kaum in Betracht. ES blieb somit der Verf. vorzugsweise auf die selbstständige Ausnützung der naturrcchtlicheu und allgemeinen moraltheologischen Principien bei Beurtheilung des zu behandelnden Stoffes beschränkt. — Wir erlauben uns, den dringenden Wunsch auSzusprecheu, vr. Huppert möge auf dem betretenen Wege fortfahren und allmälig den traetataw äs jnrs st justitia zu einer den modernen Verhältnissen entsprechenden Wirthschafte- und Verkchrsmoral fortbilden. Es dürfte unseres Erachtens der nach dieser Richtung hin der Entwicklung fähigen und bedürftigen Moraltheologie in der Gegenwart kaum ein größerer Dienst erwiesen werden können. Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hosrath, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 146—153. Graz und Leipzig 1896. Verlags-Buchhandlung „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 65 Psg. Mit Lieferung 153 ist der XIX. Band dieses Werkes abgeschlossen. der die Zeit von 1795—1799 umfaßt und seinem wcchselrcichc» Inhalt nach uns die Theilung Polens, die Ansänge und der Sturz des DirectorinmS, die Kriege in Italien und Deutschland und den Feldzug nach Aegypten vor Augen führt. Man athmet förmlich auf. daß die grauenvolle und bluttriefende Geschichte der französischen Revolution nun ein Ende genommen, aber auch die in diesem Bande geschilderten Ereignisse sind großenthcilS unerquicklich. Zuerst sehen wir, wie daS unglückliche Polen durch seinen inneren Zwiespalt und durch die Einmischung fremder Mächte seinem II,Hergänge entgegengeht und aus der Reihe der sclbstständigcn Nationen gestrichen wird. Sodann kommt der große Krieg, den während der Regierung deS Direcioriums die französische Republik unter ihrem geMley und vom KrieMlüch begünstigten Feldherrn 200 pcapolesn mit Europa führte; eine Zeit glänzender Siege, tapferer Heere und großer Feldherren. Die-Leiden der Volker durch die französische Naubfucht und BcsrciungSheuchelci sind unsäglich. Aber schmerzlich erst ist die deutsche Geschichte jener Tage und die Erinnerung an die Menge kleiner Fürsten, die stets das Gegentheil thaten, was der Kaiser wollte, der sechs Jahre hindurch das Blut seiner Tapfern und das Vermögen seines Volkes geopfert hatte, um das Reich zusammenzuhalten, und zuletzt, als er im Unglück Frieden schließen mußte, noch den Vorwarf erhielt, er habe das Reich verrathen. Aebischer, k. H., 0. 8. 8, Gedanken zur würdigen Feier der heiligen Messe. 8°. (VIII u. 159 S.) 1,60 M. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Franz Kirchheim, 1896. * Zur Lebenöordnung des hl. Franz von Sales gehörte es, eine kleine Sammlung von Gedanken und Erwägungen zur Vorbereitung auf das heilige Meßopfer anzulegen, um damit auf dem Wege nach der Kirche und bis zum Altare seinen Geist zu beschäftigen. Dasselbe beabsichtigt k. Aebischer durch vorliegende Zusammenstellung von 70 kurzen, aber ergreifenden Gedanken und Zügen, welche vornehmlich der hl. Schrift und dem Leben der Heiligen mit sorgfältiger Auswahl entlehnt sind. Mit Freuden begrüßen wir diesen dritten Beitrag des Ver- assers „zur praktischen Theologie", von welchem gewiß mancher Priester zu seinem nicht geringen Nutzen Gebrauch machen wird Studien und Mittheilungen aus dem Venedictincr- nnd Cist ercienser-Orden. XVII. Jahrgang 1896. Preis pr. Jahrg. (1 Hefte ca. 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Raigcru bei Brünn (Oesterreich). Jnhalts-Verzeichniß des I. Heftes 1896. Abhandlungen: Hafner, Otto (Tübingen): Verbrüderungs- vcrirag zwischen Hirsau, St. Blasicn und Muri, 0. 8. 8. Ein Beitrag zur Consraternitätsfrage im Mittelaltcr. Leistle. Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Streb- samkcit im St. Magnusstifte zu Füssen. (III.) Renz, G. A. (Regcnsburg): Beiträge zur Geschichte der Schottcnabtci St. Jacob und des Priorates Weih St. Peter (0.8. 8.) in RcgenS- burg. (V.) Grillnberger, Dr. Otto (0. Oist., Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser- OrdenS (VII.) Villems, Ü. Oabrisl (0.8.8. LklÜAbsm): 8obolas Vsneäiotinas sivs: Os Loisntiis, oysra Llonacboruw Oräinis 8. vsneäioti auetis, sxonltis, proxaZntis st ooussr- vatis; Vibri quatner a. v. Oäous Oambisr monaolro Ltlü- Ksnisnsis Zlonasterii Oräinis sjusäsm 8. veneäioti. (I.) — Mittheilungen: Haluza, Fr. Tcszelin (0. 6ist. Heiligenkreuz): Ein Rückblick auf die große Pest in Oesterreich und auf gleicbzeitige Vorkommnisse in Heiligcnkreuz und Umgebung. Nach dem Berichte eines Zeitgenossen. Endl, 8. Friedrich (0. 8. 8., Altcnburg): Paul Troger, ein Künstler der Barockzeit. (III.) Plattncr, 8. MauruS (0.8.8. M.-Laach): Die Benediction der Aebte betreffend. Kinn äst, 8. Florian (0. 8. 8. Admont): Veränderungen im Personalstande des Bene- dictincr- und Cistercienser-Ordeus im I. 1894. Hammerle, Alois Jos. (Salzburg): Original-Bericht über die Eröffnung der ersten Hohen-Schule in Salzburg i. I. 1617. Wcikert, v. Thomas Aq. (0. 8. 8. von St. Mcinrad, Am.): Meine Orieiitreise (II.). E. P. A. (Montecassino): v. Michael Angelas Celcsia, 0. 8. 8., Cardinal-Erzbischof von Palermo. Einige Worte über dessen Leben undSchriftcn.(I.) —Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur.(8XV.) — Literar. Referate. — Literar. Notizen. — Nekrologe. Nekrologische Notizen. — Beilage. Literarischcr Haudwciser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. vr. Franz HülSkamp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. p. Jahr. 1696. Nr. 4. Inhalt. Knabenbau er'S Commeutar zum Lukas-Evangcliuni (Müller-BrcSlau). — Weitere kritische Referate über Wchofer Das Lehrbuch der Metaphysik für Kaiser Joseph II. von 8. Frantz (Stölzle), Kröll Sionsroseu, Zollner-Ziegler-Brunner GelegenhcitS- predigtcn und Geyer Perikopenbuch (Deppe), Heimbuch er Orden und Congrcgationen und MiugcS Franziskaner in Bayern (H. Weber), Üsrvisou Mio Isis ok8uts (Bellesheim), Keysscr Veröffentlichungen der Stadtbibliotbck in Köln (K. Keller), Wctzel Pbrafen, Scklagwörter und Daheim (Deppe), Manna der Jugend, Zürcher Dem Himmel zu, Bischof Egger Der christliche Vater, Effinger Leidensstuude des Christen, Furrer AudachtSbüchlein, Leöker Nachfolge Christi und Gott mein Trost (Rolfus). — 10 Notizen überSchlei- niger-Nacke Grundzüge der Beredsamkeit, Ebner Zur Geschickte und Kunstgeschichte des Missale Nomanum und verschiedene andere Nova (HülSkamp). — Novitäten-Ver» zeichniß. Litterarische Rundschau für daS katholische Deutschland. Herausgegeben von vr. G. Hoberg, Professor an der Universität Frciburg i. Br. 22. Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Brcisgau, Hcrder'scke Vcr- lagShaudlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 6: Neuere katholische Dichtungen, (von Heemstede.) — 6s lZLÜAnao vsnslon, 8«s tzninrs vivisions äsa 8aints LvaiiAiles. (Belser.) — Holzhey, Der ncuentdeckte Oo6ex 8zmus 8inaitieus. (Bardenhewer.) — 8. ^ursli Lu§nstini tznasstionnm in vsxtatsuebum libri VII, L6- notationum in lob über unns. (Weymau.) — Ousutbsr, vxistulas imperatorum yontiücnm aliornm inäs ab a. 6608XVII usqns a6 a. V8III ckatas. (Weyman.) — Xnöll, 8. Lursli LuZustini eonksssionnw libri brsäeoim. (Weyman.) — Kuöpfler, Lehrbuch der Kirchengeschickte. (Werner.) — Kirsch, Die Finanzverwaltuug des Cardiualcollcgiumö im XIII. und XIV. Jahrhundert. (Wurm.) — Knöpfler, Johann Adam Mähler. (Kepplcr.) — Harms-Wiese, Naturphilosophie. (Bäum- ker.) — TwardowSki, Idee und Perccpiion. (Bäumkcr.) — TwardowSki, Zur Lehre von Jnhali und Gegenstand der Vorstellungen. (Bäumkcr.) — Zur bäuerlichen Glaubens- und Sittenlcbre. — Weber, Geschichte der sittlich-religiösen uno socialen Entwicklung Deutschlands in den letzten 35 Jahre». (Franz.) — Lorcnz, Genealogisches Handbuch der europäischen Staateugcschichte. (Albert.) — v. Walderdorff, Ncgeusburg in seiner Vergangenheit und Gegenwart. (Scpp.) — Böge, Rasfacl und Donatcllo. (v. Tsrcy.) — Brüll, Chronik der Stadt Düren. (Koch.) — Kaufmann, Andreas Müller. (Braig.) — Nachrichten. — Vüchcrtisch. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwiikung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Pros. vr. Fr. Umlauft. XVIII. Jahrgang 1896. (A. Hartlcbcn's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte z» 85 Pf. Präuumeration incl. Franco-Zu- sendung 10 M.) . Daö 7. Heft zeichnet sich durch einen reiche», interessanten Inhalt aus, den wir hier im Auszuge wiedergeben: Zur Statistik Niedcrläudisch-Ost-JndienS. Von H. Zoudcrvan in Bergen- op-Zoom. — Die Alauds-Jufelu. Von Anton Weis. (Schluß.) — Von Algier nach Tonking. (An Bord eines französischen Kriegsschiffes.) Aon Theodor Habichcr. (Mit 3 Illustrationen.) — Astronomische und physikalische Geographie. Schiaparelli über den gegenwärtigen Stand der astronomischen Forschung des Mars. A. Heini über die Gletsckerlawiue au der Altelö. — Politische Geographie und Statistik. Der Grenzstreit zwischen England und Venezuela. — Volkszählung im Deutschen Reich. — Kartenbcilagc: Die Grenzlinie zwischen Bririfch- Guyana und Venezuela. Nach I. G. Bartholomew und dem „GlobuS". Maßstab 1:7,500,000. Historisches Jahr buch der Gör resgcsell schuft. Kommissionsverlag von Herder u. Cie., München. XVII. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: Aufsätze: ArenS, Claudia», Christ oder Heide. Finke, Die kirckenpolitische Thätigkeit des bl. Viucenz Ferrcr. I. Paulus, Der Dominikaner Johann Fabcr und fein Gutachten über Luther. — Kleinere Beiträge: Saner- land u. Schmilz, Zu Eubel: daß Jtiucrar der Päpste zur Zeit des großen Schismas. Wacker, Neucntdeckte Briese Da- vontS an Napoleon I. — Recensionen und Referate: B au mann, Geschickte des Allgäns (Schröder). Janssen, Geschickte des deutschen Volkes seit dem Auögang dcS Mittel- alters Bd. VII, VIII(Sckmid). vavisss sb Lo.mbauck, bistoirsgönsials6nIV.siselsäuosjours D. IV, V (Zimmer» mann). — Zeitschriftenschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. Berichtigung. In Bcatns AdalberiuS der Beilage Nr. 24 ist S. 169 > Abs. 1 statt nur nun und S. 190 Zeile 3 statt Freburg ! Frobcrg zu lesen. Pe.raiitlv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von HaaZ L Erabherr in Augsburg. tti-. 26 26. IllNi 1896. Jules Simon. 8. Am 8. Juni dieses Jahres starb Jules Simon, dessen Tod für Frankreich „ein Nationalunglück" genannt wurde. Gewiß, als Staatsmann und Minister, als Gelehrter und Schriftsteller muß er eine ganz bedeutende Persönlichkeit gewesen sein, die um so mehr eine bemerkliche Lücke hinterlassen wird, als bei unsern westlichen Nachbarn die Hohlköpfigkeit und Großsprecherei so gern auf den öffentlichen Thron sich zu erschwingen versteht. Man darf wohl annehmen, daß das Bild der vielseitigen Thätigkeit dieses Mannes dem französischen Volke recht oft wird vorgehalten werden, wie man ja auch in Deutschland diesen Verlust „eines der größten seiner Söhne" vollauf zu würdigen versteht. Des Kaisers Telegramm beweist genug. Was uns an diesem Manne der Kraft und That am meisten interessirt, ist seine mehrmalige Thätigkeit als Minister, speciell des Unterrichts. Es ist dies ja jenes Gebiet, auf dem „das Chaos der Meinungen" größer ist als irgendwo, und wir Deutsche sind nun einmal nicht von dem Fehler zu heilen, beständig über die Vogesen zu sehen. In der That ist auch die heutige Gestaltung des französischen Unterrichtswesens für uns so lehrreich, daß es nützlich erscheint, bei dem Tode des Mannes, der hier so viel gethan, einen Blick in dasselbe zu thun. „Das Volk, das die besten Schulen hat," sagte Simon einmal, „ist das erste Volk, oder wenn es das nicht heute ist, wird eS dies morgen sein." Der Satz enthält ja eine Uebertreibung, aber er charakterisirt seinen Autor. „Alles, was auf religiösem und politischem Gebiete sich in der Mitte bewegt, ist absurd und muß für nichts geachtet werden. Nur Sie — die Katholisch-Conserva- tiven — und wir — die Freidenker — die wir an den beiden Extremen stehen, haben eine Existenzberechtigung. Sie, weil sie die Affirmation sind, wir, weil wir die Negation sind. Wir leugnen alles, was Sie behaupten; wir wollen alles zerstören, was Sie erhalten wollen. Aber die Welt ist nicht groß genug, um uns Beide zu tragen; entweder werden wir Sie oder Sie uns vernichten!" Diese Worte, welche der berüchtigte Paul Bert im Jahre 1881 im französischen Parlamente sprach, können als das Signalement der Culturströmungen gelten, wie wir es in so vielen Ländern, besonders aber in Frankreich, unschwer erkennen. Vielleicht aber auf keinem Gebiete mehr als dem der Erziehung und ves Unterrichts treffen sie so zu. Es wäre eine überaus dankbare und lehrreiche Studie, die Bilder zu betrachten, wie sie der Schulkampf überm Nheine seit der Revolution zu Tage förderte, von den „großen Ideen des Jahres 1789" bis herab auf die Tage Jules Simons. Dieser Mann selbst ist alt genug geworden, um zu erfahren, daß die grauen Theorien des Liberalismus gerade auf dem Schulgebiete nicht das Ar» kanum sind, das die sociale Frage löst, und wenn wir von ihm lesen, daß seine letzte That sogar die Bekämpfung des Atheismus war, so möchten wir nur wünschen, daß bei seinen geschäftigen Kollegen sich diese nnere Metamorphose früher vollzieht. Vor uns liegt eine Schrift „Erziehung und Unterricht", einen Band der „Bibliothek der socialen und politischen Wissenschaften Frankreichs" bildend. Bet aller Dürre der Behandlung des Stoffes ist es unS gleichwohl möglich, einen Einblick in die französischen Schulzustände zu gewinnen. Namentlich gilt dies von der Epoche, in welcher Jules Simon in erster Linie die Hand im Spiele hatte. „Was fehlt denn an der Erziehung", heißt es da bei einem Ausblicke in die Zukunft, „auf welche die Nation so große Kosten verwendet? Es ist das gemeinsame Streben nach einem gemeinsamen Ziele und dazu die feste Einigkeit der Franzosen." Dieser Klageruf läßt sich nur voll und ganz verstehen, wenn wir uns an die oben citirten Bert'schen Kammerworte erinnern. „Wenn sie — eben die so schwer vermißte Einigkeit — von allen erstrebt und herbeigeführt wird, so hat sie zur Folge die Einsetzung eines Ministeriums und eines Rathes der nationalen Erziehung, welchen eS obliegt, eine Einheit der Bestrebungen herzustellen, welche der Einheit der Bestrebungen und der Herzen entspricht. Aber was werden die Grundlagen derselben sein. Ohne Zweifel wird sie gegenseitige Nachgiebigkeit bedingen, welche jedoch um so leichter ist, als sie nicht nothwendigerweise das Aufgeben irgend einer Doctrin, irgend eines ernsten und starken Glaubens erfordert." Auf diesen naiv-optimistischen Wunsch folgt ein hochpolitischer Erguß, der zu werthvoll ist, als daß er übersehen werde. „Und außerdem erscheint es uns ebenso unzweifelhaft, sowohl daß es nicht absolut nothwendig, als daß es nicht unmöglich ist, alle Franzosen zu einigen. Noch niemals haben wir eine furchtbarere Zukunft vor uns gehabt. Ein Sturmwind des Hasses durchbraust ganz Europa. Deutsche, Italiener, Engländer, sogar Ungarn und Belgier verabscheuen Frankreich und würden es gern verschwinden sehen." In welcher Verfassung Jules Simon das Land zurückgelassen, erhellt aus folgender Betrachtung, die zugleich auch wieder einen treffenden Beleg für französische Seichtheit und Oberflächlichkeit bildet. „Während heutzutage die Lösung der politischen Fragen durch das allgemeine Stimmrecht erfolgt, und während unsere Con- stitution von 1875, welche schon länger gedauert hat als irgend eine, die ihr voranging, ein Kompromiß zwischen den Parteien war — warum sollten wir nicht auch in Bezug auf die Erziehung ebenso verfahren? Behauptet ihr, die Wahrheit und die ganze Wahrheit zu besitzen, so werden wir euch an die Demuth erinnern, welche der menschlichen Schwachheit zukommt. Die Freidenker, Republikaner oder Socialisten, welche sich auf die Wissenschaft und die wissenschaftliche Philosophie berufen, wissen, wie viel ihnen noch fehlt, um auf alle jene Fragen antworten zu können, die wir uns stellen. Die Protestanten und Jsraeliten haben zu viel Intoleranz erduldet, um nicht zu begreifen, wie schädlich dieselbe ist, und die Katholiken mögen sich fragen, ob sie ein Frankreich haben wollen, das Spanien ähnlich ist. Sie mögen bedenken, daß alle Konflikte zwischen Wissenschaft und Religion der Achtung und dem Fortschritt beider geschadet haben. Sie mögen die Stelle wieder lesen, wo das Evangelium Demuth und Liebe empfiehlt; sie mögen sich daran erinnern, daß der Papst ihnen geboten habe, sich an die Republik anzuschließen. Und könnten nicht selbst diejenigen, welche im Grunde ihres Herzens Le- gitimisten, Orleanisten und Bonapartisten sind, ebenso , wie zu der Zeit, wo man sie von Gott allein — vso 202 rognanto — geführt glaubte, ihren Theil dazu beitragen, das Dasein des Vaterlandes zu sichern, das ihre Vorfahren zu sehr geliebt haben?" Es ist doch merkwürdig: bei der mit so großem Pomp in Nizza vollzogenen Denkmalsenthülluug am 4. März dieses Jahres sprach Präsident Faure das große Wort gelassen aus: „Die Daten der französischen Geschichte sind die der Menschheit!" Glaubt man sich hier nicht in die Tage des „Sonnenkönigs" zurückversetzt? Und doch, welch ein Jammerbild in Wirklichkeit! Jules Simon hat, mit den Tröstungen der Religion gestärkt, „das Chaos" verlassen. Jedenfalls war er zu besserer Einsicht gekommen, als sein im November vorigen Jahres verstorbener Freund Barthölemy St.-Hilaire, der das vage Princip vertheidigte: „Ich glaube an das Gute!" Möge man in Paris recht oft das Siegel der alten Sorbonne beschauen, das ein vom Himmel auf die Erde herabgereichtes Buch darstellt! Z«r neuesten Calderon-Literatnr.*) Von K. L. Wie wir früher schon in diesen Blättern mittheilten, hat Herr Ghmuasialprofessor Konrad Pasch in Salzburg es sich zur Aufgabe gestellt, eine Reihe solcher Dramen des spanischen Dichterfürsten in's Deutsche zu übersetzen, welche bisher einer Uebertragung in unsere Sprache entbehrten. Die ganze Collection wird sieben Bündchen mit je zwei Stücken umfassen. Im vorigen Jahre erschienen das vierte und fünfte Bündchen mit zusammen vier Dramen. Das erste derselben führt den Titel: Glaube Du nicht stets das Schlimmere! (dlo siowxra lo xsor es eisrto). Dem pessimistischen spanischen Sprichworts „Llomxro es vierto ei peor," „Immer ist das Schlimmere sicher" stellt Calderon obigen vertrauensvollen Gedanken entgegen. Dieses Drama wurde bereits zweimal in's Französische übersetzt, von Damas Hinard und von Latour, in's Englische von Digby, und noch bei Lebzeiten Calderons kam es in einer Nachahmung vom Lustspieldichter Scarron auf die französische Bühne. Es zeigt einige Verwandtschaft mit Calderons Navanus äs Lbril ^ Llaxo (Morgen des April und Mai), doch steht der sittliche Gehalt der Hauptpersonen in M siaruxrs u. s. w. höher. Die Handlung hat einen raschen Verlauf; nirgends Stillstand, nirgends unnöthige Unterbrechung. Das Stück stammt aus der besten Zeit des Dichters; gedruckt wurde es zuerst im Jahre 1652. Das nächste Drama: „Morgen kommt ein anderer Tag" (lilaüana, sarg, otro äia), nennt der so strenge Beurtheiler der Calderon'schen Dichtungen, Moriz Napp, das zweitbeste Konversationsstück, *) und den Schluß desselben hält er geradezu für genial. Ebenso rühmend urtheilt über dieses Stück ein anderer hervorragender, angesehener Calderonforscher, Valentin Schmidt?) *) Ausgewählte Schauspiele des Don Pedro Calderon be jla Barca. Zum ersten Mal aus dem Spanischen übersetzt und mit Erläuterungen versehen von Professor K. Pasch. Freiburg im Breisgau, 1895. Herder'sche Verlagshandlung. Viertes und fünftes Bündchen ü 1 M. 80 Pf. Beide Bündchen vereinigt als II. Band 3 M. 60 Pf. Gebunden in Leinwand mit Goldpressung 5 M. 20 Pf. Das erste ist anerkanntermaßen „Die Dame Kobold" (la äama cluouüo). 2 ) Schmidt, Friedr. Wilhelm Valentin, die Schauspiele Calderons u. s. w. Elbcrfeld, N. L. Friderichs, 1857. Immer Mch zu den besten Werken über Calderon gehörig. Glanzstellen in diesem Drama sind der herrliche Monolog des zweiten Aktes, wo Beatriz ihrem gepreßten Herzen Luft macht: V abora, gus mi kortuus. vs tau äoabooda, borrasea l ! . Da nun nach so großem Sturme Glücklich ich erreicht den Hafen usw. Ferner die Scene, in welcher Fernando das HauS der Beatriz betritt, sie ihn als Lebensretter und schließlich als Bräutigam erkennt. Endlich die herrlichen Gleichnisse im dritten Akt, da Beatriz den Fernando über seinen Irrthum aufzuklären sucht. Es ist eine jener reizenden Stellen, wie sie bei Calderon öfter vorkommen und seine große Kunst wie seine vortreffliche Beobachtung der Natur zeigen. Drei Gleichnisse, Naturbilder, werden in drei Decimen uns vorgeführt. Die vierte Decime faßt zusammen. Zur Probe möge diese Stelle hier folgen: Ist doch nichts so hell und klar AIS des Wassers holder Schein; Dennoch täuscht die Fluth so rein In dem feuchten Grund fürwahr! Manches Beispiel beut sich dar; Seht ein Ruder: wenn sicb's bricht In der Woge klar und licht. Wird entstellt cS durch die Welle. Trügt nun der Krystall, der helle, Sagt mir, was betrügt dann nicht? Strahlt doch nichts in solchem Schimmer Wie die Sonne klar nnd rein; Dennoch täuscht ihr goldner Schein ,Mns mit ihrem Funkeln immer: Bald erscheint wie Schnee ihr Flimmer, Bald wie Purpur, da ihr Licht /Sich in bunte Farben bricht iJn den Strahlen, die sie sendet. Trügt der Lichtglanz, den sie spendet, Sagt mir, was betrügt dann nicht? Ist doch nichts so wohlbekannt, Als der Himmel, der dort blaut: Er ist nur ein Gegenstand Für das Auge: niemand fand. Daß die Farbe dem entspricht, WaS dort schimmert blau und licht. !Jst die Wahrheit da entstellt, -- Und betrügt das Himmelszelt, Sagt mir, was betrügt dann nicht? Nun so seid auf Eurer Hut: Und bevor Ihr glaubt die Kunde, Dien' als Beispiel Euch zur Stunde: Himmel, Sonne. Wasserfluth. Drum prüft, ob auf Wahrheit ruht Dieser Anschein,- macht Euch Pein Jetzt der trügerische Schein, Wollet heute ihn verschmähen; Denn um klarer es zu sehen, Wird ein Tag auch morgen seilst Die Abfassungszeit dieser Dichtung, welche sonst noch in keine andere Sprache übersetzt wurde, fällt in das Jahr 1634, wie man schließt aus der Erwähnung des Todes des Herzogs von Lerma. Den Titel des dritten Dramas Ll aleaiäs ät si naisrao übersetzt Herr Pasch: „Sein eigener Kerkermeister", nach dem Vorgänge des französischen Ueber- fetzers Damas Hinard (l/,o geolier äo soi-mains) und des italienischen Uebersetzsrs Monti (I! oaraoriors c!i sc stssso), wenn auch diese Uebersetzung nicht ganz zu-, treffend ist; denn alaa-icls, ein arabisches Wort, bedeute! eigentlich Festungscommandant, Kastellan oder Burgvogst Allerdings liegt auch einem solchen die Aufsicht ob über die Staatsgefangenen. Der Inhalt des Stückes ließ indessen keinen andern Titel zu, schon wegen der metrischen Uebechtzung.^ Daß. das DrgUa seiner gaWN Ansage. 203 und Verwicklung nach als ein vortreffliches Bühnenstück angezogen hat, und daß es noch jetzt auf Erfolg rechnen könnte, beweist der Umstand, daß es in's Französische und Italienische übersetzt wurde; daß eine Nachahmung hievon-durch Paul Scarron im Jahre 1655 auf die französische Bühne kam unter dem Titel: Os Auräisn äs soi-msrns, und zwei Jahre später eine von Theodor Corneille, die sehr gut aufgenommen wurde, unter dem Titel: I^s geölisr äs soi-msins. Ebenso beifällige Aufnahme fand auf der Bühne Italiens eine Nachdichtung, betitelt: ^rlsosiino Lnto xrinsixs. Nach Corneilles Uebersetzung wurde unser Drama auch in's Holländische übertragen und hieß hier: Os oprüsnsr van sied 2 s 1 vsn. Aber auch in Deutschland, und zwar in Hamburg, wo schon frühzeitig Calderon'sche Schauspiele nach dem Holländischen oder Französischen, jedoch als Singspiele, aufgeführt wurden, kam neben andern auch unser Stück unter dem Titel „Sein selbst Gefangener" im Jahre 1680 (nach dem Französischen) von Mntheson, componirt von Frank, zur Aufführung. Der bereits genannte Calderonforscher Valentin Schmidt spricht sein Lob vor allem darüber aus, daß das Verhältniß der beiden im Drama auftretenden Nebenbuhlerinnen besonders wahr und ergreifend geschildert sei. Die einander feindlichen Geschlechter, welche einer Verbindung Federico's mit Margarita im Wege sind, erinnern theilweise an Shakespeares Romeo und Julie; der Umstand, daß der Prinz verkleidet um Margarita wirbt, an die Gudrun. Dies, sowie die gelungene Schilderung des Turniers verleihen dem Drama einen recht romantischen Charakter und vermehren seine Wirkung. Der französische Uebersetzer Damas Hinard sagt: O'sst uns eomsäis, oü äoininsnb uvunt tont, sonnns äuns HuslHusg xiösss äs Lfialcsspsurs, l'iMaZination st 1a. tantaisis, st hui sestaxxs connns elles L 1a. olassiüoation äs visillss posti) und auf die Schmalkaldener Artikel (Abth. II, Art. II) °) berufen, aber schriftsgemäß ist diese Art von Confirmanden- uuterricht sicherlich nicht, wie schon Jansscn gegen Ebrard nachgewiesen hat (Janssen, „An meine Kritiker" S. 32 bis 33). Was nun die Dcccnz der heidnischen Reliquien betrifft, so hätte Berg gar leicht im Octavins des Mi- uucius Felix (Kap. 22 u. 28), in der Mahnrede an die Griechen des Clemens von Alexandrien (Kap. 2), im Goitesstaate des hl. Augustinus (1. VI o. 7, 9) die völlige Haltlosigkeit seiner unbesonnenen Behauptung erkennen können. (Vergl. Döllinger, „Judenihum und Heideu- thum" S. 151, 153, 168, 179, 400, 509.) Aber der Haß gegen die katholische Kirche trübt den historischen Blick. sagt: „cö ist jedoch überaus schwer, den wirklichen historischen Kern, der sicher darin verborgen liegt, überzeugend herauszuschälen", aus den Index gesetzt worden seien. Berg scheint diese Anincrknng nur geschrieben zu haben, um vor der katholischen Geschichtsschreibung, speziell vor Janssen, warnen zu können. Doch welch' protestantischer Historiker bat über Luther so offen und rückhaltSloS geschrieben, wie z. B. Pastor über Alexander VI. im III. Bd. seiner PapstgeschiLtc? ") In der Apologie der Augustana heißt es Art. XXI: „Auch so predigen ihre (der Katholiken) Gelehrten unverschämt, daß jeder untern Heiligen ein sonderliche Gabe könne geben, als S. Anna behüt für Armuth, S. Sebaftiannö snr die Pestilenz, S. Balten für die fallende Seuche, den bl. Ritter S. Jörgen haben die Reiter angeritten für Stich und Schoß und allerlei Fahr zu behüten und daö alles iin Grunde >st von Heiden herkommen." (Müller, Die symbolischen Bücher, 7. Auflage, Seite 228.) 5) Anrufung der Heiligen, heißt cS in den Schmalkaldener Artikeln, ist auch der cndcchrisilichcn Mißbrauchen einer und streitet wider den ersten gaanptartikcl und tilget die Erkenntniß Christi, ist auch nicht geboten noch gerathen, hat auch kein Exempel der Schrift. (Müller, I. o. 305.) Ueber die Nc- liquicnverebrung. worin „w manche ösfcnilichc Lügen und Narrcnwcrk erfunden", drücken sich die schmalkaldener Art kel noch schärfer aus (Müller. I. o. SOI). Ein Mann nach dem Herzen des Oberpsarrers von Phritz ist unzweifelhaft Armand Dnbourdicu, dessen Veranlassung und Beweggründe zur Abfassung einer heftigen Streitschrift gegen die Thebäcr mit behaglicher Breite erzählt werden, obwohl dieselben mit dem eigentlichen Thema in sehr losem Zusammenhange stehen. (Seite 32—34.) Wenn auch manche Behauptungen dcS kalvinischen Predigers vor einer ruhigen Forschung nicht Stand halten, wenn auch gar manches bestrittea wird, was unbestreitbar ist, wie Berg zugesteht, so kann ihm „gleichwohl dankbare Anerkennung nicht versagt werden. Er hat immerhin den Finger schonungslos aus manche Wunde des Katholizismus gelegt und den Nimbus, den dieser um sich zu verbreiten sucht, für den, der sehen kann und will, zerrissen." (S. 37.) Nun, diese Phrase ist belanglos; denn der Katholizismus besteht nicht in der Festfeicr zu Ehren der the- bäischen Soldaten Solnior, Advcntor und Octavius, welche Turin als Sladtpatrone verehrt, besteht auch nicht in den schwülstigen, dem Stile des 17. Jahrhunderts entsprechenden Lobreden eines Jesuiten auf die genannten Soldaten. Trotz der Kritik Dnbourdicus °) ist der Katholizismus bis auf den heutigen Tag nicht untergegangen, ja es hat den Anschein, als habe sich sein Nimbus allenthalben sogar gesteigert. (Schluß folgt.! Ueber Glasmalerei im Fraukenlande nnd die GlaSgemälde der St. Jakvbskirche zu RoLleu- lmrg o. d. Tauber. Von Dr. H. Oidimcinn in Limttch (Rheinland). Es ist eine ausfallende und befremdende Thatsache, daß in den Kirchen des Frankenlandcs einer der schönsten Zweige mittelalterlicher Kunst, die Glasmalerei, so wenige oder vielmehr gar keine Werke hinterlassen hat; heute wenigstens weisen die Krcnzgänge nnd Kapellen, die Kirchen und Dome keine alten Glasgemülde mehr auf; grell und kalt beleuchtet das helle Tageslicht die weißen, mit Gold verzierten Stuckornamcntc der Gotteshäuser in der alt- ehrwürdigen Bischofsstadt Würzburg; die mit einfach blankem Glase geschlossenen Fensteröffnungen starren uns als kahle Löcher aus der Architektur entgegen, ohne irgendwelchen vermittelnden Ucbergang, ein Vermächtniß der „Aufklärung" im 17. nnd 18. Jahrhundert. Ob es wohl immer so gewesen ist? — Das ist kaum anzunehmen; denn es wäre geradezu unbegreiflich, daß am HauptLirknngsplatze eines Tillmann Nicmcnschneidsr, dieses großen, vielbewnndertcn Meisters fränkischer Kunst, daß in der Residenzstadt der knnst- nnd prachilicbenden Würzburger Fürstbischöfe dieser herrliche Zweig mittelalterlicher Kunst so stiefmütterlich behandelt, ja sogar gänzlich vernachlässigt worden sein soll. Es ist undenkbar, daß die Baumeister der Dorne zu Bamberg und zu Würzburg auf dieses unentbehrliche Schmuckmittel der Architektur sollten verzichtet haben. Einzelne Nachrichten bestätigen denn auch, daß es ehedem anders gewesen ist. So wurde um das Jahr 1400 die romanische Kirche St. Burkard im Mainviertel zu Würzburg mit Glas» <9 Die Angabe BcvgS, baß Dubcurdicn 1731 (S. 32) geboren sei, kann unmöglich richtig sein, da derselbe schon 1691 im Gckolgc dcS Herzogö v. Schombcrg nach Tnrin gekommen nnd die kritische Untersuchung über den hl. Mauritius und seine Genossen schon 1705 (wie Berg S. 31 Anm. 4 selbst angibt) im Buchhandel erschienen ist. 212 fenstern versehen. Schon im Jahre 1331 wurde das Douistift verfenstert, die Fenster der beiden Abseiten mit Maßwerk verziert und GlaZgemäldr in dieselben eingesetzt. Im Jahre 1456 wurden die Glasmalereien der Marienkapelle, jener in schönen schlanken Verhältnissen gebauten Hallenkirche, von den Bleideckern gereinigt. Nm 1423 lebte in Würzbnrg ein Glasmaler Hanns Trust. Wie in anderen Städten, so hatte sich auch in Würzbnrg eine eigene Zunft der Glaser und Maler gebildet, welcher schon 1444 vom Rath eine neue Zunftordnung vorgeschrieben wurde. I Niedermähe! führt noch mehrere Einzelheiten an; so wurde noch 1467 für das venedische^) Glas zu den drei Fenstern der Chriacus- Knpelle am grünen Markt zu Würzburg 3 Gulden bezahlt. Um 1470 malte Konrad Lukas aus Breslau auf Tafeln, in Glas und auf Pergament, während sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts bei Kuutz Wylandt, dem Glaser alter Art, mehrere Meister ausbildeten. Noch während des ganzen 16. Jahrhunderts und in den ersten Jahren des 17. finden wir in Würzburg Glasmaler; selbst noch zur Zeit des großen Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn waren in Würzburg verschiedene Meister thätig; leider war die schöne Kunst damals schon dem Werfall nahe, sonst würde jener hochherzige Kirchenfürst sicherlich in den Kirchen seines Sprengels für ihre Verbreitung gesorgt haben. Fürstbischof Julius hatte so viele Kirchen ausgestattet, daß man ihm nachsagte, es gäbe keine Kirche im Frankenlande, der er nicht das Gepräge seiner Bauart aufgedrückt hätte; er hätte einen Würzburger Stil gemacht?) Im Jahre 1470 erhielt die St. Lucas-Brnderschaft, die vereinigte Zunft der Maler, Glaser und Schnitzer, vom Rath eine neue Satzung. Das letzte Würzburger Zunftbuch wurde 1534 angelegt. Am Stephanstag 1534, da Meister Hanns Stang und Jörg Niemenschneider „geschworene Meister des Maler-, Glaser- und Schnitzerhandwerks der Lukasbruderschaft" waren, wurde beschlossen, die Ordnungen aus den „alten Büchern und Kästen" zusammenzubringen und neuerdings „aus beweglichen Ursachen" niederschreiben zu lassen. Bei Entstehung der Bruderschaft galten, wie auch anderwärts, die Glaser als den Malern durchaus ebenbürtige Künstler, als Glasmaler; im 16. Jahrhundert jedoch wurde auch in Würzburg zwischen Glaser und Glasmaler unterschieden, weß- halb die letzteren „Flosor uust molar" genannt werden. Technisch interessant ist folgende Vorschrift der Würzburger Zunst: „Itom Dia sollorvllonir Iistrirolloiio mit rnviiaolrom pleif. anst llestor scitto vereint aino stir III cll. ärmst mit solellem so! ein stoster meisten äie ankeift ven- LorZen, vnst verstelln stas stas llle^ nit gerindert rvenclt stau rvie üen gellnanell snnst gestalt rvnnät als clemmaell er solollen lon als III eil. mit got vnä er vercliemen vrmst nemen des rviss sicll ein fester meisten 2gv stalten.") H Nicdcrmaycr, A., Kunstgeschichte der Stadt Wirz- burg. 1860. 2 ) Venedisch Glas galt für das beste, daher u. a. die Bestimmung in dem Statut der Stadt Krakan: Xegmer 2 »! vorarbeiten settglas vor svueäiseb glas bei einem i-bunt ivacbs Kusse 26 oü't ber bsgriün rvirt. 2) Niedermähen, a. a. O.: »Dass ever sein ^ug auk Xirebon rvenüt, Das Drankenlanä vor andern kennt. Die scböne Dacb, blaun, Bbürn neu Teigen bald rvas IVürtsburgiseb sex.« *) Vgl. Niedennayer a. a. O. , Also beiderseitige Verzinnung wurde verlangt sowie ! kräftiges Blei. Sonst findet man mittelalterliche Fenster vielfach ohne Verzinnung; wohl die meisten sind einfach an den Knotenpunkten des Bleinetzes verlöthet. Die Zunftordnungen geben überhaupt bezüglich der Technik bemerkenswerthe Aufschlüsse; so belehrt uns das Buch der Malerzeche zu Prag, daß die Bleimühle schon vor dem Jahre 1527 in Gebrauch war, und nicht erst Ende des 16. Jahrhunderts in Aufnahme kam, wie allgemein angenommen wurde. Das Buch der Malerzeche spricht ausdrücklich von gezogenem Blei, nicht von gegossenem,°) Manche merkwürdige Vorschriften findet man in den Zunftsatzungen der verschiedenen Städte, welche auf die Güte vieler alten Arbeiten, auf die Haltbarkeit ihres angeblichen Schwarzloth ein recht schiefes Licht werfen. Einzelne Vertrüge aus dem 14. und 15. Jahrhundert, in welchen bei Bestellung von Glasgemälden ausdrücklich verlangt wurde, daß mit einbrenn baren Farben gemalt werden müsse, haben vielleicht Veranlassung zu diesen Bestimmungen gegeben. So finden wir u. a. in dem Statut der Krakauer Zunft Strafbestimmnngen gegen diejenigen, welche die Farben nicht einbrennen und andere Kniffe gebrauchen?) Verfasser dieses hatte mehrfach Gelegenheit, an alten Denkmälern sich von der zuweilen vorkommenden mangelhaften Haltbarkeit der alten Farbe zu überzeugen, zuletzt noch an Fenstertheilen aus St. Sebald zu Nürnberg. Auf Grund einer eingehenden Unterhaltung mit dem Chemiker und Apotheker Th. Wcigle über die sehr starke Patina auf den dortigen Fenstern sandte derselbe dem. Verfasser folgendes Gutachten: „Nürnberg, den 16. Dezbr. 1893. Wie ich Ihnen gegenüber bei Ihrem Hiersein äußerte, war auf chemischem Wege noch nachzuweisen, ob die auf dem fraglichen Glase befindlichen schwarzen Streifen aus Kienruß und einer Klebemasse bestehen, oder ob dieselben aus schwarzem Glase (Schwarzloth) bestanden. Wie ich Ihnen bereits mittheilte, ist das Glas, aus dem die Fenster der Sebalduskirche bestehen, ziemlich kalkhaltig. Durch die namentlich bei der Hopfenschwefelung in Masse produzirte schwefelige Säure, die ja bald in Schwefelsäure übergeht, bildet sich auf dem Glase ein dichter Ueberzug von Calciumsulfat (Patina). Bringt man nun das Glas in eine Lösung von Kaliumcarbonat, so bildet sich Calciumcarbonat, das mittels einer 6 °/gigen Essigsäure leicht entfernt werden kann. *) Des Buch der Melcrzcche in Prag enthält Seite 1LL in tschechischer Spreche folgende Bestimmung: „Item Beschluß im Betreff dcS gezogenen BleieS. Es ist ein Beschluß der ganzen Zeche zu Staude gekommen; da häufig Schwierigkeiten im Betreff des gezogenen Bleies vorgekommen sind, so heben sie darauf bestimmt, daß sie das nach ihren Privilegien zu thun die Macht haben und selber verkaufen können jedermann, den Einheimischen oder den Bewohnern dieser Stadt, die Juden ausgenommen. Die zu diesem Handwerk kein Recht haben und wer diesen Beschluß übertritt und anders handelt, Hai 2 Schock Meißnisch Strasc ohne alle Gnade zu erlegen. Geschehen im Jahre 1527, am Tags der Heiligen Simon und Juda." Das Buch der Malerzeche in Prag. Herausgcgcb. v. Pros. Dr. M. Paugerl u. Pros. Dr. A. Weltmann. Wien, 1873. Wilh. Branmüller. S. 84. «) Vgl. A. Esseuwein, Die mittelalterlichen Kuustdcnkmale ber Stadt Krakan. Leipzig, F. A. BrockhauS, 1869. Beilage XII, S. XXI. Statut der Maler und ihrer Zunftvcrwandten aus Baltasar Behem's Ooäex Illetorum statuta (Del. 266). »)Vir Ilotbmann üer Ltaä Orokorv bekennen mit äissm briste äas rvir neiniicb vn äew äors tarvsenä tirbunäsrt und xm uervntcmAssten der am äonrstags noeb bartiwlomsi be- Zere unä manche bete unser moler Leo. L:e. Nach vcr- 213 Auf diese Art und Weise gelingt es, die Fenster wieder ganz rein zu bekommen. Bei der oben erwähnten Behandlung des Glases Mit Kalinmcarbonat zeigte sich bei längerer Einwirkung des letzteren, daß die schwarzen Theile des Glases (Konturen und Schattirung) nach und nach verschwanden. Bei weiterer Untersuchung stellte sich nun heraus, daß die schwarze Farbe kein Glasfluß (Schwarzloth) war, sondern daß dieselbe aus Kienruß und Leinölfirniß bestand. Es mag dies als Beweis gelten, daß es auch die Alten nicht verschmähten, aus Ersparnißrücksichten Täuschungen zu begehen." Nähere Betrachtungen anzuknüpfen und Vergleiche zu ziehen, würde uns heute zu weit führen. Im Jahre 1571 noch wurden für die Würzburger Zunft Bestimmungen über die Anfertigung der Meisterstücke erlassen. Von allen Werken dieser alten Meister des Frankenlandes ist nichts erhalten geblieben. Vieles mag der „Aufklärung" der vergangenen Jahrhunderte zum Opfer gefallen sein, vieles wird auch der Bauern- und der Schwedenkrieg vernichtet haben. Noch heute hört man in der dortigen Gegend die bezeichnenden Verse: „Die SLweden sind kommen, Hab'n alles mitg'nommen, Hab'n d'Fenster neig'schlag'n, Hab'ns Blei davontrag'n, Hab'n Kugeln d'raus gössen Und d'Bauern erschossen." Heute ist das Würzburger nud Bamberger Land arm au Denkmälern unserer schönen Kunst. Dies zeigte recht auffallend die „fränkische Ausstellung von Alterthümern in Kunst und Knnstgewerbe" in Würzburg, welche in ihren für eine derartige Kunstsammlung vorzüglich geeigneten Ausstellungsräumen so viel des Interessanten und Schönen bot, aber nur einige wenige Erzeugnisse spätmittclalterlicher Glasmalerei auszuweisen hatte. (Fortsetzung folgt.) Was ist Instinkt? Von H. von Nemagen. (Schluß.) Dazu kommt noch anderes. Wir nehmen eine Reihe von Lebenserscheinungen bei den Thieren wahr, welche uns zwingen, ein ganz eigenthümliches Maß der Seelenthätig- kett anzunehmen, ja, die geradezu über unser Fassungsvermögen hinausgehen. Ich nahm einst eine meinem Freunde gehörige Brieftaube an einem Tage, wo dichter Nebel über Berlin gelagert war, zur Mittagszeit mit mir in einen weit entlegenen Stadttheil, um sie dort fliegen zu lassen. Wir hatten unsere Uhren übereinstimmend gestellt. Ich band der Taube einen Zettel an den Fuß mit der Notiz: Punkt ein Uhr. Um diese Zeit sollte ich sie, der Verabredung gemäß, loslassen. Nach zwei Minuten fünfzehn Sekunden kam sie vor ihrem Schlage an. Wie konnte das Thierchen sich in dem Häusermeer, wie konnte schiedencn anderen allgemeinen Vorschriften: Von lleu Klarern: ^Velck gla^er otk §Ias malst null llas nickt )n elom lsevr zmkrsnnet eins )'s teste ller Mlls ii,j ( 3 ) g-r, Kusse seev Karussell 20 ker keZritkeu rvirt null rvorlls zmanllt okr llrsze mal lle§riüsu lleu rat wau uns rotknumueu oü'su- karn. dlz'manät 2al mit krots aller mit rvackss lockor verkleben kvz? ij ( 2 ) uknut rvaeks Kusse snnller man ?al arbeitn mit crin null mit bls^ null sust als reckt ist.« es sich in dem Nebel, durch den man nicht hundert Schritte weit sehen konnte, orientiren? Man wird sagen: wer kann wissen, wie oft diese Taube schon über der Stadt hin und her geflogen war! Wohlaw; wenn aber die Brieftauben in ihrem Käfig im verschlossenen Eisenbahnwaggon, Tag und Nacht unterwegs, von Berlin nach Aachen gebracht werden und dort, sobald sie freigegeben sind, völlig orientirt sind, nach welcher Richtung ihre Heimath liegt; wenn sie nur in einigen schnellen Kurven sich in hohe Luftschichten erheben, um darauf mit der mehr als doppelten Schnelligkeit eines Eisenbahnzuges direct heimwärts zu eilen, wie dann ? Freilich kann der Anatom uns durch Vergleichung des Knochenbaues und dcS Muskelapparates dieses Vogels mit anderen seine besondere Begabung für schnelles Fliegen augenscheinlich beweisen; aber wo ist denn der Magnet verborgen, der diese unerklärte Thatsache begreiflich macht, den unauslöschlichen Zug zur Heimath; wo ist der Kompaß, der die untrügliche Sicherheit verschafft, die Heimath aufzufinden? Oder sollte wirklich die Taube von Aachen bis Berlin sehen können? Würde nicht diese enorme Gabe des Fernsehens noch räthselhafter sein, als der Heimaths- sinn selber? Uebrigens berechne ich, daß, wäre die Erdoberfläche eine gleichmäßige Kugelfläche, eine Erhebung von 30/4 Meilen nöthig sein würde, um von Aachen aus das achtzig Meilen entfernte Berlin am Horizont auftauchen zu sehen. Aber nur der Kondor kann zu einer Höhe von nahezu einer Meile sich erheben. Dazu kommt noch, daß das Thierchen seinen Flug bei trüber wie klarer Luft gleich sicher ausführt. Hier stehen wir also vor einer Erscheinung, die über unsern Horizont hinausgeht. Unsere Seele ist eben mit keiner analogen Kraft begabt, von der wir auf die Kraft des Heimathfinnes bei den Thieren schließen könnten. Wir stehen hier, wie bei dem Heimaths- und Wandersinn so vieler Thiere überhaupt, vor einem schöpferischen Original, das wir vernünftigerweise nur als die Gabe eines bewußten Gebers anzuerkennen haben. Nicht weniger als das eben beleuchtete Beispiel tragen die sogenannten Verirrnngen des Instinkts das Gepräge des Wunderbaren. Bekanntlich ist die Königin im Bienenstock das einzige Wesen, welches jene Eier legen kann, aus denen Arbeitsbienen entstehen. Zwar können auch gewöhnliche Arbeitsbienen Eier legen, und auch aus diesen entstehen — wunderbar genug ohne Paarung — lebendige Wesen; aber diese sind ohne jedwede Ausnahme Männchen, sogenannte Drohnen, die wohl fressen, aber nicht arbeiten können. Nun wird ein Volk seiner Königin und zugleich der Möglichkeit beraubt, sich eine neue zu erbrüten. Beides kann leicht geschehen, und geschieht oft genug. Was erfolgt nun? Es geht eine ganze Reihe von Arbeitsbienen daran, möglich viele Eier zu legen. ES treibt sie der Instinkt, den Stock vor dem AnSsterben zu retten; aber e§ ist ein verirrter Instinkt; denn durch die Erzeugung einer Unzahl von Drohnen geht der Stock um so sicherer seinem Ruin entgegen. Nun kommt im August die Zeit, wo die weiselrichtigen Völker ihre Drohnen tödten. Unser Stock aber tödtet keine; im Gegentheil, die wenigen Arbeitsbienen, die noch vorhanden sind, fliegen sich fast zu Tode, um ihren Drohnen das nöthige Futter herbeizuschaffen. Es treibt sie abermals der Instinkt, diejenigen am Leben zu erhalten, welche zur Paarung dienen sollen für die Königin, die nach ihrer Meinung (daß ich so sage) doch noch irgendwoher kommen könnte. Es liegt anf der Hand, daß an dieses Beispiel 214 zehnmal mehr Fragen geknüpft werden könnten, als der gründlichste Kenner des Biencnlebens beantworten kann. Uns ist es für jetzt nnr um ein Beispiel zu thun, das uns schlagend zeigt, wir haben eS bei den verschiedensten Thiergattnngen mit instinktiven Kräften zu thun, die uns zu der Annahme einer besonderen seelischen Begabung der Thiere unweigerlich zwingen. Um nun das Wesen dieser besondern Begabung richtig zu erkennen, überblicken wir kurz daZ ganze Gebiet der seelischen Thätigkeit. Nach drei Seiten äußert sich die Wirksamkeit der menschlichen Seele, nämlich als Denk-, Gefühls- und Begehrungsvermögen, und diese drei Kräfte haben im Thiere in gewissen Schranken ihre Analogien, und gerade auf diese Schranken kommt es an. Kann dein Hund denken? Diese hochinteressante Frage tritt oft an uns heran. Sie muß durchaus verneint werden, und in dem engeren Sinne des Wortes „denken" mit vollem Rechte. Allein der Begriff „denken" umfaßt vielerlei: Gedächtniß, Phantasie, Verstand und Vernunft. Die unterste dieser vier Stufen, das Gedächtniß, kommt dem Thiere zu, und zwar in einem beschränkten Maße, nämlich als Gedächtniß mechanischer Bewegungen. Das beweist schon jener Hund, der, als er einmal die Pforte zu offnen durch Zufall gelernt hatte, sie ferner zu offnen wußte. Herr Z. verkaufte ein Pferd. Jahre und Tage vergingen; er hatte längst seinen Fuchs vergessen. Da fährt eines Tages der Käufer am Gutshofe vorüber, und ehe er sich's versieht, ist der Fuchs durch das Thor auf den Hof getrabt. „War das nicht unser alter Fuchs?" fragte der Herr den Kutscher. „Ja wohl", sagt der, „er muß unsern Hafer noch nicht vergessen haben." „Wie lauge ist es denn her, daß er nicht mehr auf dem Hof war?" „Das muß ja wohl schon an die zehn Jahre sein," lautete die Antwort. Auch das historische Wiehern des Pferdes, das dem Darms, det HystaSpes Sohn, die persische Königskrone einbrachte, war Sache des Gedächtnisses. Aber kann dein Hund fühlen? will ich nun einmal fragen. „Ohne Zweifel," entgeguet jeder, der einen Hund besitzt. Aber was kann er denn fühlen? Schläge thun ihm weh, und Liebkosungen thun ihm wohl, mit andern Worten: das Thier empfindet sinnlichen Schmerz und sinnliche Lust. Damit ist aber auch sein Gefühlsvermögen zu Ende. Diese Gesühlsthätigkeit bezeichnet abermals die unterste Stufe einer Leiter, auf der wir höher hinauf Gefühle für das Schöne und Häßliche, für das Wahre und Unwahre, für Recht und Unrecht, Pflichtgefühl und — je mehr diese alle abgestumpft sind — Selbstgefühl finden, die sämmtlich nur dem Menschen eignen. Aber endlich: kann dein Hund etwas begehren? Die Frage ist fast lächerlich. Begehrt er denn nicht Futter und, wenn er angelegt wird, Freiheit? Wohl. aber damit ist die Frage noch nicht beantwortet. Denn Begehrungsvermögen ist Trieb, dann Willkür und zuletzt freier Wille; und wiederum kommt die unterste Stufe von diesen dreien den; Thiere zu. Es regt sich in ihm der Trieb zur Fortpflanzung, und dieser geht auf die Erhaltung des Individuums. Nun sind wir offenbar dem Begriff des Instinkts nahe, denn alles, was wir so nennen, dient diesen beiden Zwecken: der Sclbsterhaltuug und der Erhaltung der Gattung. Der Instinkt erscheint recht eigentlich als die Kraft, die in dem Kampf um das Dasein auch dem schwächsten Geschöpf die Existenz sichert, indem sie ein Gegengewicht bildet gegen die Uebermacht der sinnlichen Triebe. So ist er denn im Grunde ein angeborenes AhiinngsverMögen für das zur Selbsterhaltung Dienliche. Dieses Ahnnngsvermögen ist im Thier weit entwickelter und reger als bei uns Menschen. Und das hat seinen Grund. Auch in uns gibt es instinktive Ahnungen; aber der Instinkt unserer Seele wird durch das Ueberwiegen der Entwicklung des Erkenutuißvermögens von Hause aus weniger geweckt, durch das Urtheilen aus Gründen überall zurückgedrängt, zumal aber durch die Entscheidung unseres Willens durchweg geradezu aufgehoben. Beim Thiere dagegen, durch alle diese Faktoren unbeeinflußt, entfaltet er sich frei und wirkt frei; das Thier findet ohne Erfahrung, ohne Schlüsse, ohne Wahl die seinem Zweck dienenden Mitte! und Wege. Dennoch ist etwas dem thierischen Instinkt Achn- liches in unserer Seele vorhanden, ich meine die Antipathien und Sympathien. Vermöge dieser unwillkürlichen Zu- und Abneigungen ahnen auch wir Gutes und Böses, das sich uns naht, ohne uns der Gründe dieser Ahnungen bewußt zu werden. Hieraus erklären sich zwei Thatsachen. Einmal die, daß auf niederen Stufen der geistigen Entwicklung, wie bei Ungebildeten und bei Kindern, der Instinkt stärker ist, als bei geistig entwickelten Menschen. Es gilt auch hier das inhaltsreiche Wort: „Was kein Verstand dcr Ncrstäiidiacn ficht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth." Sodann, daß das vollkommenste Maß des Instinktes gerade der Thierwclt gegeben ist, weil er in ihrem Seelenleben die Ueberlegnng und den Willen gewissermaßen ersetzen soll. Cuvier,' dcr von den Darwinisten verspottete Forscher, sieht offenbar zehnmal schärfer, als seine von Vorurteilen geblendeten Gegner, wenn er sagt: „Die Thiere werden beim Instinkt gleichsam von einer angeborenen Idee als einem Traum verfolgt. DaZ, was diesen Traum erregt, kaun nur die nach vernünftigen Gesetzen wirkende, organisirende Kraft, die Endursache des Geschöpfes selbst sein." Gewiß, nur nicht occasioualistisch, in jedem einzelnen Falle, sondern wie Professor Wigand sagt: „So gewiß, wie in der Natur alles göttliche That ist, so gewiß geht in der Natur alles natürlich her. Gott hat durch freie That die Gesetze so gesetzt, daß in dem gesetzmäßigen Verlauf gerade sein Wille sich verwirkliche."*) Man könnte auch sagen: Gott hat beim Akte dcr Schöpfung jede Thiergattung mit dem ihr eigenthümlichen Instinkte als einer originalen, bleibenden Mitgift begabt. Da nun aber in der Thierwclt für den Zweck der Erhaltung der Gattung die Erhaltung des weiblichen Jn- ! dividuums von größerer Wichtigkeit ist, als die des männlichen, und die Erhaltung der Gattung wenigstens die eine Seite, wie wir sahen, des Zweckes alles Instinktes ist, so scheint es, als ob durchweg in dcr Thierwelt der Instinkt des Weibchens lebhafter und feiner ist, als der des Männchens. Ganz ausfallend ist diese Erscheinung bei den Bienen. Während die Drohne überwiegend „dick, dumm und gefräßig" erscheint, zeigt sich die Königin, um das mindeste zu sagen, graziös in ihren Bewegungen, schüchtern und scheu vor jeder Beobachtung, waS aber die Existenz des Volkes betrifft, vielfach so klug und berechnend, daß es nicht mehr bloß wunderbar, sondern geradezu erstaunlich ist. Um nur eines cmzn- *) Zntfragcn dcS christlichen VvlkcS. Bd. III, 5 und 6. 215 führen, so sind, wenn der Nachschwarm auswandert, oft zehn und mehr reife Königinnen in ihren Zellen. Jede hat Mit ihren scharfen Schneidezangen den Deckel so abgeschnitten, daß er wie an einem kleinen Scharnier hängt, jede hält den Deckel von innen zu. Jetzt kommt es auf den Moment an, wo die bisherige Königin den Stock verläßt. Die nun zuerst aus ihrer Zelle stürzt, ist die neue Herrscherin. Sie eilt sofort in fliegender Eile durch die Gassen ihres Reiches, und wehe einer Nebenbuhlerin! Sie würde sofort erstochen werden. Sie findet aber höchst selten eine; denn jene andern, die den entscheidenden Moment versäumt haben, bleiben ganz still in ihren Zellen; sie halten den Deckel von innen Zu und stecken nur dann und wann den Säugrüssel aus der Spalte hervor, woraus sie sofort von den Arbeitsbienen vermittelst des Rüssels mit Honig gespeist werden. Sie warten aus den Abzug eines neuen Nachschwarms, um dann den günstigen Moment besser wahrzunehmen. Welch eine Rivalität, welch eine Vorsicht! Ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, daß auch bei andern Thierartcn das Weibchen ausgesprochene instruktive Vorzüge vor dem Männchen hat. Die Kenner der Pferde und der Jagdhunde werden dies bestätigen. Das steht jedenfalls fest, daß überall bei der Fürsorge für die Jungen das Weibchen dem Männchen in jeder Hinsicht es weit zuvorthut. Der Fuchs wenigstens, der sonst doch so scharfen Instinkt hat, bekümmert sich absolut gar nicht um seine Familie, sondern überläßt Pflege und Schutz gänzlich der Füchsin, die ihrerseits allerdings das kaum Begreifliche leistet. Würde es nun irgend einen Werth haben, die Instinkte der Thiere als Anfänge oder Keime der analogen geistigen Fähigkeiten deS Menschen anzusehen? Bekanntlich hat dies Darwin gethan in der Absicht, zu zeigen, daß schließlich die Fähigkeiten der Mcnschenssele sich durch eine allmählich gewordene Steigerung des thierischen Instinkts herausgebildet haben. Dieser Grundfehler führt aber schließlich zu jenem drastischen Unsinn, den Wigand verspottet, wenn er sagt: „Die Menschen bauen Wiegen, die Bienen bauen auch Wiegen; die Weiselwiegen der Bienen werden gelegentlich zu Vorrathskammern benutzt; auch die Kindcrwtegcn können gelegentlich als Vorratskammern dienen; folglich — wird Hnckcl sagen — ist der Mensch nur eine Art vollkommener Biene." Nein, Taube und Thauwurm, Fuchs und Fisch, Infusorium und Mensch sind „ein jegliches in seiner Art" originale Schöpfungen eines und desselben Gottes, der eine jede Gattung mit ihren ihnen eigenthümlichen Gaben ausgestattet hat. Wir reden wohl von einer Thierseele, und thun es auf Grund gewisser analoger Erscheinungen des thierischen LebenöprincipS mit der menschlichen Seele. Aber wer kann es sagen, ob nicht der ganze Begriff der Thiersccle ein irriger, ob nicht die Seele des Thieres eine von dem menschlichen Lebensprincip doch gründlich verschiedene Schöpfung ist, sowie, trotz vieler Achnlichkeit :in Lampenlicht verschieden ist vom Licht der Sonne. Jedenfalls stellt das Wort der hl. Schrift, Pred. 3, 21, wie es auch verstanden werde, einen „himmelweiten" Unterschied fest zwischen Menschen- und Thierseels, und spricht der letzteren die Fortdauer ab. Erkennen wir stets nur die unendliche Mannigfaltigkeit und Fülle der Schöpfungen Gottes an, so haben wir das wahre Ziel vernünftiger Naimbetrachtnng erreicht. Recensionen und Notizen. * Erbauungsliteratur: Nazareth, Audachtsbuch für christliche Mütter, die sich eine glückliche Entbindung erbitten wollen. Von Pfarrer D. I. Faustmann. Verlag der F. X. Buchcr'schcn Verlagsbuchliandlung. 5. Auflage. Preis 75 Pf., gebd. 1 M. —Jesus, Bräutigam reiner Seelen. Lehr-und Gebetbuch für Jungfrauen, die in der Welt oder im Kloster leben. Von Pfarrer vr. I. A. Keller. Verlag der Alsousus- Buchhaudlung in Münster in Westfalen. Preis geb. M. 1,30' bis 4,50. — Kleines Ablaß buch. Auszug äuS ?. Fr. Beringcr's „Die Ablässe, ihr Wesen und Gebrauch" von I. Hilgers, Priester der Gesellschaft Jesu. Verlag von Fcrd. Schöuingh in Paderborn. Preis 3 M. (Zur Belehrung und zum Gebrauch sehr nützlich.) — Gehet zum hl. AntoniuS. Gebet- und Erbauungsbüchlcin für die Verehrer des hl. Antonius nebst einer Lcbciisskizze von ?. Arsenius Dotzler, Franziskaner- Priester. Verlag von A. Eöbel in Würzburg. 172 S, Preis 50 Pf., geb. 75 u. 90 Pf. Grnndzüge der Philosophie. Von Dr. Braig. Verlag von Herder in Freiburg. s der stattlichen Zahl von Lehrbüchern der Philosophie fürStudirende tritt die Edition des Herrn Dr. Braig, welcher als Vertreter der kathol. Philosophie an der Universität Fret- burg i. B. wirkt. Das ganze Werk soll aus 10 Theilen bestehen, und in den nächsten 3 Jahren vollendet sein; sie werden Pro- pädeutik, Logik, Noötik, Ontologie, Physik, Psychologie, Psyche- physik, Ethik, Aesthetik, Theologie (d. h. Neligiousphilosophie) behandeln. Die Logik ist bereits erschienen (gr. 8° VIII, 141S. Preis 2 M.). Das Buch weist eine für den Zweck als Lehrbuch sehr geeignete Anordnung des Stosses auf und wird hic- durch, sowie durch seine Präcision und Klarheit der Darstellung sich ohne Zweifel viele Freunde crweebcn. Nirschl, I)r. Joseph, Domdechant in Würzburg. Das Grab der heiligen Jungfrau Maria. Eine historischkritische Studie. Mit 3 Abbildungen, gr. 8°. (XII u. 118 S,) 1,80 M. Mainz, Franz Kirchheim, 1896. b Nach alter Tradition ist die sel. Jungfrau Maria in Jerusalem begraben worden. Nach einer andern Meinung, welche die fromme Anna Katharina Emmerich in ihrem Leben Mariä vorträgt, wäre das Grab der Gottesmutter auf einem Berge bei EphesuS zu suchen, wo in neuester Zeit Nachgrabungen und Forschungen angestellt wurden. Die Ilnhaltbarkcit dieser Meinung weist der gelehrte Verfasser mit durchschlagenden Gründen nach. In Betreff der frommen Dulderin von Dülmen wird ausgeführt, daß ihre Betrachtungen historische Nichtigkeit weder beanspruchen wollen, noch können. Nach diesem polemischen Theil wird unter Herbciziehnng aller zugänglichen Zeugnisse der positive Beweis für das Grab Mariä in Jerusalem mit einer Schärfe und Sicherheit erbracht, welcher wohl zur definitiven Erledigung dieser Streitfrage genügen dürfte. Heft 13 des Deutschen Hausschatzes führt die ergreifende Erzählung von Helene Erhardt: Verschiedene Wege, zu Ende und beginnt den meisterhaften Noman von Melati von Java: Das Düberlh-Geheimniß, der ebenso sehr wie Prada allgemein fesseln wird. Der Noman von Karl May: Die Jagd anfdcnMillionendieb, findet seine Fortsetzung. Außerdem enthält das Heft die fesselnde kleine Erzählung von Flodatto: In GotteS Hand. Von dcnArtikcln erwähnen wir namentlich den Besuch in Krupps Etablissements von Karl Kollback, der nmsomehr iutcr- essiren wird, als nur sehr wenigen vergönnt ist, Einblick in das großartige Werk zu erhalten; dann den sehr lehrreichen Aufsatz über die Lebensdauer des Menschen von vr. A. Kellner, die inhaltreiche Erörterung über das bulgarische Schisma von Otto von Schaching und die humorvolle Schilderung der Hofnarren von M. Schüler. Von der Anführung der zahlreichen kleinen Beiträge müssen wir absehen. Die Illustrationen sind zahlreich und geschmackvoll. Litterarischer Hanbwciser, begründet, herausgegeben und redigirt von Msgr. Dr, Franz Hnlskamp i» Munster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochgnart für 4 M. P. Jahr. 1896. Nr. 5. Inhalt. Kritische Rcferare über: Haiuvol lles controeens didlignsg üs8 xroilicateurs (Dcppe), Fonrer Korca'S Märtyrer und Missionäre und Nenmann Leo Dupout (Dcppe), Acz. Müller DaS Marterthnm der thcbäischen Jungsraucn (Steffens), v. Posson-IVosierstzl, 216 I)s trlkn8 opiaeopia 8I08vio. I'rimis und vs Lka§. Lstamo. vrernmwi (Wurm), Erb Das LUcstcr Nheinan und die helvct. N-volution (G. Meier), Finke Laiuprc.cht über die kirchlichen »nd kirchcnpolitischcn Verhältnisse zu Ende des MittclaltcrS (Sl. Pieper), Pknroan-Van gll.r 8t. voruarüin äs 8ionna (Paulus), Pfister Der Dom zu Bambcrg (Hcimbucher), I. Wein Die musikal. Instrumente in den Büchern deS Alten Testamentes (W. Däumkcr), H. Pcsch Grundwahrheiten der christlichen Gesellschastölchre (Huppcrt). — 13 Notizen über Adoli Arudcr'S Leben und Schriften, Braig'S Grundzüge der Philosophie, Atzbcrgcr's Geschichte der voruicäuischen Eschatologie und verschiedene andere neue Erscheinungen (Hüls- kamp). — Novitätcn-Ncrzcichniß. Der Katholik. Ncdigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte, At. 12. Mainz, Kirchhcim. Inhalt von 1896. Heft VI, Juni. DaS Beichtgeheimnis vor Gericht. — vr. Selbst, Die Bibclwissenschaft des Protestantismus im Kampfe gegen das Alte Testament. — vr. L. Bendix, Die Deutsche Ncchtseinheit. — v. Kcnrad Eubcl, Der hl. Pbilipp von Zell im BiSthnur Speycr. — Zwei Kundgebungen in Sachen der christlich-socialen Geistlichen. — Literatur: 3. Xuakenkauar, 8. 3., Oom- montarins in guatnor s. oranZolia Oomiui hl. 3. OK. — Va vraueo ekrötleuno clans 1'kistoiro.— vr. Alois Knöpf ler, Johann Adam Mähler. — Vr. äs vummelauer, 3. ll., hloelitationum et contomplationum punota s. I§natii elo voz-wla. — Miscelle: Zur religiösen Stellung Albrechts V. von Bayern. Historisches I a h r b u ch der G ör r es g esel l s ch äst. CommissionSvcrlag von Herder u. Cic., München. XVII. Jahrgang. 2. Heft. Inhalt: Aufsähe: Helmolt, Die Entwickelung der Grenzlinie aus dem Ercnzsaume im alten Deutschland. Lang, Passauer Annalen. Forschungen zur Passauer Geschichtsschreibung im Mittclaltcr. Meister, Zur Kenntniß des venetianischcn Chiffrewesens. — Kleine Beiträge: v. Funk, Die Zeit des ooäsx vossanonsis. Falk, Zur Geschichte der öffentlichen Vüchcrsaiumlungcn Deutschlands im 15. Jahrhundert. — Recensionen und Referate: Mirbt, Quellen zur Geschichte des Papst thumS (G ic tl). v. Zallinger, Das Verfahren gegen die landschädlichcn Leute in Süddcntschland (Beyerle). Oeniklo-Okatolain, Okartniarinm vni- rorsitatis varisisnsis III — ^.netarinm I (Ortercr). — Zeitschriftcnschau. — N o v i t ätc ns ch au. — Nachrichten: Neue Unternehmungen. — KantauSgabc der preuß. Akademie. — Funde. — Archivalicnaustausch zwischen Bayern und Oesterreich-Ungarn. — Bayer. Gruppe der Gesellschaft für deutsche Literatur und Schulgcschichtc. — Preiöerlhcilungcn und Prcisausschrciben. — Vierter internationaler wissenschaftlicher Katholikencougrcß. — Streitfrage über den Ursprung deS siebenjährigen KrjegeS. — Nekrol. Notizen. — Erwiderung Sepx- Grupp. Miscelten. ll. O. (Kirchlicher Auflösungsprozeß in Lnthcr- anismuS.) Msgr. Falliza, apostol. Vikar von Norwegen, berichtet in Nr. 0 „Die kathol. Missionen" (Juni-Hcst) von cincni „neuen, außerordentlichen Zeichen der Zeit auf protestantischem Gebiete". Der hervorragendste lutherische Dogmatiker NorwcgcuS, vr. Krogh-Touniug, der einen sehr großen Anhang im Klerus der StaatSkirche besitzt, veröffentlicht eben im „Morgenblatt" (Christiania), dem Hauptorgan der lutherischen, orthodoxen, conservativen Partei, eine Reihe von Artikeln unter dem Titel „Der kirchliche Auflösungsprozeß rc." In diesen Artikeln weist er nach, daß der Protestantismus, speciell der Lutheranismus, in Auflösung begriffen ist, weil er die apostolische Succession verloren, die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes leugnet, die Bibel allein als ElaubcnSnorm aufstellt und so Glaubens- und Sittcnlehre, Guadenmittcl und Organisation der Kirche selbst der persönlichen Auffassung und Deutungswillkür des Einzelnen preisgibt. In einen: seiner letzten Artikel sagt er ohne Vorbehalt: „Es gibt faktisch keiiw größere Kirchenabtheilung mehr, welche positiv und bekenntnißmäßig den ganzen, unverkürzten Christenglauben bewahrt hätte, außer der katholischen Kirche." Msgr. Falliza weist nun darauf hin, daß diese Thesen im lukhcr. Norwegen öffentlich aufgestellt werden von einem luthcr. Theologen, ohne daß irgend Jemand seine Stimme dagegen erhebt; ebenso wie erst neulich constatirt werden konnte, daß kein einziger norwegischer, lutherischer Theologe gegen die These desselben Verfassers Einspruch erhob, nach welcher die Lutheraner durch eine „stille Reformation" die wesentliche Lehre der Reformatoren ausgegeben und zu der Gnadenlehre der katholischen Kirche zurückgekehrt sind. Im Gegentheil — auch andere lutherische Theologen, z. B. Bröchln ann, sind seither in ihren Schriften mit derselben Entschiedenheit für die katholische Gnadenlehre eingetreten. ll. 6. (Der Ukercwe-Archipcl auf dem Victoria- Nyanza-Sce.) Vor einiger Zeit haben wir Näheres über den Sessc-Archipcl im Norden deS Nyauza mitgetheilt. Im Machest der „Katholischen Missionen" berichtet der Missionär v. Brard Näheres über die bisher noch gar wenig bekannten Ukerewe-Juseln im Süden bezw. Osten dieses großen Sce'S. Die Jnselreihe setzt sich zusammen aus etwa zwanzig bewohnten Eilanden. Die Hauptinscln sind: Ukcrewe mit 50,000 (!) Einwohnern, Ukara mit 10,000, Jrugwa 4000, Bwiro 2000, Naufuba ebenfalls mit 2000 Einwohnern. Die andern Inseln sind auch stark bevölkert, so das; vie Ge- sammtzahl der Bewohner dieses Archipels 150,000 beträgt. Die Eingeborenen theilen sich in die Stämme und Basita und Baruri; Völkcrstämme, welche in Sitte und Cultur den Ba- L-ukuma nahe stehen. Vier kleine Könige, vom Häuptling Lukonge erst vertrieben, von den Dcurschcn aber wieder eingesetzt. theilen sich in die Herrschait dieses JnsclrcichcS im „Meere deS süßen Wasserö". WaS nun daS ChristianisirungSwerk dieses Archipels betrifft, so ist sein Erstehen der göttlichen Fügung zu verdanken. Vor 3 Jahren wollte ein junger Mann aus dem Heidenthum zum Mohammcdanismns übergehen und sich deßhalb zu Arabern in den Unterricht begeben. Die Vorsehung führte seine Barke nach Bnkuiubi (der Hauplstation der kath. Mission). Er entschloß sich, erst die katholische Religion kennen zu lernen. Dieselbe gefiel ihn: derart, daß er nicbls mehr vom Islam wissen wollte. Nach einem Katechumenar von 3 Jahren erhielt er die heilige Taufe. Im Jahre 1L92 wurde er Katcchist auf der Insel Ukcrewe und ist beute Vorsteher eines Christen- dorfcS von 290 Einwohnen:. Ende des Jahres 1895 befanden sich auf dem Ukcrewe-'Archipel 600 Katecbumcncn; 4 Kapellen — für dieses Land „monumentale Bauten" — erheben sich über die elenden Hütten. Wenn keine äußeren Schwierigkeiten eintreten, wird sich daS Christenthum auch auf Ukcrewe — gleichwie cS auf Sesse der Fall — folgcrcich entwickeln. ll. 0. (Die Armenier in Rußland.) Bekanntlich sind die Armenier ein geistig hochbegabtes Volk — und sind für daS Lanv, in welchem sie nicht geknechtet, gerade kein Unglück; das beweisen sie in russisch Armenien — in Kaukasicn. Nach russischen Berichten kommt Kautasicn durch die Armenier immer mehr empor. DaS Land ist sehr fruchtbar, jedoch schlecht bestellt. Für einen geringen Preis erwerben die Armenier Grund und Boden und gelangen rasch zu Reichthum und Macht, so daß der beste Theil des Landes, sowie Handel und Industrie immer mehr ausschließlich in ihre Hände kommen. Sie halten fest zusammen und arbeiten sich gegenseitig in die Hand, was um so leichter geschehen kann, da sie zahlreiche und wichtige Aemter inne dabei:. Sollen doch nach der „Nowoje Wrcmja" in den kaiserlichen Finanzen 38 °/„, in der Gcrichtö- ve: Wallung 40 °/o, in den StaatS-Domänen 50 und inr Ministerium des Innern sogar 70 °/o der AmtSstellen mit Armeniern besetzt sei::(!). ll. 6. (Rühmliches Urtheil eines protestantischen Geistlichen über die katholische Mission in Nordamerika.) Ein höherer Geistlicher der englischen Hochkirche — Reynolds Hole— vav. 8. — schreibt in seinem unlängst erschienenen Ncisebuche über die Vereinigten Staaten in Bezug auf die Mission und die Katholiken: „Ich bewundere aufrichtig ihren begeisterten Eifer, durch den Amerika (Bereinigte Staaten) mehr als 10,000 Kirchen und mehr als 6 Millionen Gläubige auszuweisen hat. Nicht bloß sind ihre Kirchcnbautcn die schönsten — keine Kirche in New-Uork kann sich mit der St. Patricks- Kathedrale vergleichen —, sondern sie werden auch zu gotteS- dienstlichcn Zwecken mehr besucht, als andere Plätze der Gottes- vcrcbrung. Obgleich schon drei amerikanische (anglikanische) Bischöfe in den Ncucugland - Staaten an der Arbeit waren, bevor der erste römische Bischof John (Carrol) auftrat, hat doch die katholische Kirche zehnmal mehr Fortschritte ge- gemacht, als die unsrige. Dieses Ergebniß ist die Frucht langer, mühevoller und geeinigter Arbeit und jener edcl- mülhigen Opfer an Zeit und Geld, Zie selten ohne Erfolg bleiben." ^A-Igtlilv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg. kip. 28 10. M 1896. Friedrich Nietzsche. Ein Antichrist der Gegenwart. Von Joseph Popp. „Er wird Reden gegen den Allerhöchsten c>us- stotzen, und die Heiligen des Allerhöchsten aufreiben, und wird meinen, Zeit und Gesetz ändern zu können: sie werden in seine Hand gegeben werden bis auf eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit. Und das Gericht wird sich setzen, damit die Gewalt ihm genommen, zerschlagen und vollends vernichtet werde." Dan. VII. 25. Diese großartige Vision des Propheten Daniel, in welcher er den Antichrist in seinem vorübergehenden Sieg und dauernden Untergang schaut, paßt ganz genau auf den Modephilosophen der Gegenwart, auf Friedrich Nietzsche, der als letztes Werk einen „Antichrist" veröffentlicht, sich selber also nannte und in diesem Namen sich rühmte. Er meinte. Alles ändern zu können; eine „Umwerthung sämmtlicher Werthe" war sein titanenhaftes Unterfangen — mancher hat sich in seine Kreise locken lassen, immer mehr folgen; Nietzsche selber liegt mit gebrochenen Schwingen auf der Erde — er ist seit sieben Jahren wahnsinnig. Ob Nietzsche zum Antichrist überhaupt wird, ist nicht deutbar; sein Geist aber ist der Geist des Antichrist: leidenschaftlichster Gotteshaß klingt aus dieser mänadischcn Seele in hundert Tönen. Man kann Nietzsche unter den verschiedensten Gesichtspunkten betrachten, wie denn auch eine fast unübersehbare Hochfluth von Artikeln, Essays, Studien, Broschüren und Büchern sich des Mannes bemächtigt, um dessen Einfluß auf die Gegenwart zu schildern. Wir betrachten das Individuum Nietzsche psychologischpsychiatrisch, weil seine Ideen ihren Untergrund nicht in objectiv Gegebenem, sondern in den persönlichen Empfindungen und Anschauungen einer krankhaften Natur haben; auch erweitert sich dadurch unsere Nietzsche-Studie mühelos zu einer cultur-psychologischen Skizze des modernen Geisteslebens, dessen concreteste Erscheinung unser Philosoph ist. Nietzsche's Person und Art, seine Ideen und deren Einfluß auf die Gegenwart sollen im Folgenden skizzirt werden. I. Fr. Nietzsche's Person und Art. . Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde geboren am 15. Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen. Sein Vater war streng lutherischer Pfarrer. — Für einen Culturpsychologen ohne Arbeit wäre es ein interessanter Stoff, festzustellen, warum soviele Freigeister aus den Pasioren- häusern Deutschlands hervorgegangen sind. — Seine Schulbildung empfing der Knabe in Schulpforta und ging dann als Student der klassischen Philologie nach Bonn, wo der berühmte Nitschl als Lehrer wirkte. Dieser gewann den jungen Nietzsche bald lieb als den geistvollsten aller seiner bisherigen zahlreichen Schüler. Als der Lehrer nach Leipzig übersiedelte, folgte ihm sein treuer Jünger nach. Dort lernte Nietzsche den Com- ponisten Wagner und dessen Musik kennen, für die er bald im hellsten Enthusiasmus schwärmte; selber ein guter Musiker, war die Art dieser Tonkunst für den jungen Mann mit dem gährenden Herzen eine freudige Gelegenheit, sich auszuschwelgen. Daher seine Aeußerung: „Ich wüßte nicht, auf welchem Wege ich je des reinsten sonnenhellen Glückes theilhaftig geworden wäre, als durch Wagners Musik." Im Jahre 1869 wurde der junge Philologe, ohne seine Studien mit der obligaten Promotion abgeschlossen zu haben, auf Empfehlung RitschlL nach Basel als Uni- versitätsprofessor berufen; die ^.Iwu irratar von Leipzig gab dem Scheidenden das Diplom eines Ehrendoktors als Geleitbrief mit. Zehn Jahre wirkte Nietzsche dort als begeisterter und begeisternder Lehrer der antiken Sprachen und Cultur, bis er 1879 wegen hochgradigen Nervenleidens der vorher schon öfters unterbrochenen Lehrthätigkeit für immer entsagte. Nun beginnt des unglücklichen Mannes ruheloses Wanderleben, das ihn als „eosouns tu§itivu8" durch die Schweiz nach Tirol und Oberitalien trieb; überall suchte er an den stillsten und heilkräftigsten Plätzen Genesung seines furchtbaren Kopfleidens, das ihm wie sein Schatten folgte. Da brach in Turin 1889, als eine Erlösung, der Wahnsinn über den Müde-Gehctzten herein. — Welch schauerliches Geschick für einen so hoch gespannten und mächtigen Geist; ein Menetekel jedem, der in titanenhaftem Streben Gott und der Natur trotzen will! Ganz im Gegensatz zu diesem grandiosen Kampfe mit einem erdrückenden Leiden steht der äußere Mensch Nietzsche, wie ihn seine Freundin, Frau Lou Andreas/) schildert: „Etwas Verborgenes, die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit — das war der erste, starke Eindruck, durch den Nietzsche's Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen Beschauer bot sich nichts Auffallendes; der mittelgroße Mann in seiner überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen Haar, konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen Mundliuien werden durch einen vornübergekämmten großen Schuurr- bart fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei er sich ein wenig in den Schultern wiegte; man konnte sich schwer diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen — sie trug das Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinseins". — Ein Bild Nietzsche's mit ähnlichen Zügen ist gegenwärtig im Glaspalast in München ausgestellt. Er selbst war für sein Aeußcres trotz feiner schlechten Augen nicht blind. Den Materialismus Nietzsche's wie seine Selbstgefälligkeit charakterisirt der Ausspruch über seine kleinen und fein modcllirten Ohren, von denen er sagte, sie seien die „wahren Ohren für Unerhörtes" (Zarathustra I, 25); ähnlich bezeichnete er seine zart- und edelgeformten Hände als Zeichen seines Geistes. „Es gibt Menschen, welche auf unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten (— als ob die Hände keine Verräther wären! — An einem Mann, noch dazu an einem Philosophen, finden wir dergleichen Aeußerungen läppisch; sie machen schon einer Frau keine Ehre. UebrigenS war Nietzsche der auserlesene Liebling der Damen, wie er denn auch ganz unter weiblichem Einfluß aufgewachsen ist. Auf eine so AndrcaS-SalcmL, Lou: Friedrich Nietzsche in seinen Werke». -) Jenseits von Gut und Böse 283. 218 sensitive Natur wie Nietzsche blieb dies gewiß nicht ohne Einfluß; es ist deßhalb ganz berechtigt, von einem „Fcmininismus" Nietzsche's zu reden, wenn auch seine Anhänger sich dagegen wehren. Gerade die Art von Nietzsche's Denken ist für diese Auffassung beweisend; er dachte Alles aus dem Herzen und durch das Herz, wenn wir so sagen dürfen. Seine Gedanken sind so regellos, so tief leidenschaftlich, so ganz und gar individuell! Ein Gedanke, der ihm einmal klar geworden, wurde zu einem Stück von Nietzsche's „Ich", und das Lossagen davon durch eine spätere, andere Erkenntniß war ihm immer ein Sterben. Es schreitet deßhalb mit dem wachsenden Anarchismus seiner Erkenntniß auch sein körperliches Leiden vorwärts, bis auf dem Höhepunkt des Schaffens, bei den gigantischsten Plänen, „der Umwerthung sämmtlicher Werthe", der Wahnsinn über den unseligen Denker hereinbricht. Auch das Gcmüthsleben Nietzsche's gleicht mehr jenem des Weibes als eines Mannes, noch dazu eines solchen, der als „größter Denker" gefeiert wird: Seine Begeisterung wie sein Haß geht leicht in's Ungemessene, seine Laune ist unberechenbar, seine Eitelkeit maßlos, und alle seine Leidenschaften haben etwas Abgründiges. Aus einem schwärmerischen Verehrer Wagners, dem er ein „sonnenhelles Glück" dankte, wird er der grimmigste Hasser dieser Musik; er nennt nun die Sympathie dafür eine seiner „Krankheiten". Aehnlich macht es Nietzsche mit Schopenhauer, Paul Rse und der ganzen modernen Cultur. Diese Schwankungen lassen sich nicht mehr durch einfache Meinung-änderungen erklären, sie sind die Anzeichen einer äußeren Ursache, eines krankhaften Zustandes. Damit kommen wir auf die viel und heiß umstrittene Frage nach den Entwicklungsstufen in Nietzsche's Denken. Frau Lou Andreas, deren Nietzsche-Biographie sich der weitesten Leserkreise und so ziemlich aller Sympathien außer denjenigen der Nietzsche-Narren und -Fanatiker erfreut, nimmt drei Perioden an: die erste steht unter dem künstlerischen Einflüsse Wagners und der Philosophie Schopenhauers; die zweite gilt dem Positivismus in der Zubereitung des P. Nse; die dritte ist die Originalzeit, in welcher Nietzsche, frei von allem fremden Einfluß, der Welt die Offenbarungen seines irrlichtelirenden Genius schenkte. Andere wollen Nietzsche von Anfang an als selbstständigen Denker aufgefaßt wissen, der im „Zarathustra" den harmonischen Abschluß seiner Weltanschauung gegeben; wieder andere meinen wieder anders. Nietzsche selbst möchte seine früheren Schriften mit den zuletzt erschienenen Werken durch eigens hiefür gekünstelte Vorreden zu, einem Ganzen verbinden — doch: man merkt die Absicht und wird verstimmt. Wir nehmen, nach reiflicher Uebcrlegung und auf Grund des Studiums der Personalakten Nietzsche's, zwei klar zu Tage tretende Schaffensperioden an; die Opposition der Nietzsche-Anbeter genirt uns dabei um so weniger, als wir Aeußerungen des Meisters selber für unsere Auffassung citiren können. Nietzsche hatte eine Zeit geistiger und physischer Gesundheit und eine Periode des schwersten Nervenleidens, das sein Denken unverkennbar, ja wesentlich beeinflußt hat. Nietzsche (Gesammt-Ausgabe seiner Werke Bd. IX, 474, 455) gesteht, daß der um Neujahr 1876 erfolgende Zusammenbrach seiner Gesundheit allen seinen Lebensplänen eine andere Richtung gab; zwei Jahre vorher, als die ersten Spuren jenes Uebels erkennbar wurden, schreibt er:^) „In mir gährt jetzt sehr Vieles und mitunter sehr Extremes und sehr Gewagtes? Diese „extremen" und „gewagten" Ansichten lassen sich anfangs nur vereinzelt constatiren; mit der zunehmenden Krankheit Nietzsche's werden sie häufiger, bis sie vom Jahre 1876 an in zusammenhängender Form auftreten. Erst von da an wird Nietzsche Philosoph, und zwar jener Philosoph, dessen antimetaphysischer und antimoralischer Radikalismus allmählig zu einer wahren Anarchie des Denkens wie Physisch zum Wahnsinn führte. — Wir bezeichnen damit das Hauptwerk Nietzsche's, um dessent- willen ihm jetzt Tausende principienloser, unreifer Leute bacchantisch zujauchzen, nicht als eine That des Wahnsinnes, aber als die Folge hochgradiger Nervosität, als etwas durch und durch Krankhaftes. Nietzsche hat diesen Grundzug seines späteren Wesens selber geahnt, wenn er ihn auch anders erklärte; er hat sich davor gefürchtet, aber ihn nicht verhindern können. In der „Genealogie der Moral" (131, 153) schreibt er: „Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, der spürt fast überall, wohin er heute auch nur tritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhausluft. / Wahrscheinlich sind auch wir noch die Opfer, die Beute, die Kranken des Zeitgeschmackes und Zeitgeistes, so sehr wir uns auch als dessen Verächter fühlen, — wahrscheinlich inficirt er auch uns noch." Diese Auffassung von Nietzsche's geistigem Schaffen deutet auch überzeugend seine früheren Aeußerungen des Radikalismus, welche seine Freunde als Anzeichen des in Nietzsche schon von Anbeginn vorhandenen Systemes auslegen wollen. Nietzsche ist eine bewegliche, unersättliche Natur mit einem dämonischen Herrschertrieb; dennoch wäre er nicht so abstrus geworden, wenn nicht Krankheit ihn beeinflußt Hütte. Wer einmal Nervenleiden!» war, der weiß aus eigener bitterster Erfahrung, wie da Gedanken und Empfindungen in uns wachwerden, vor denen wir uns in gesunden Zeiten entsetzten. Nietzsche aber hatte ein entsetzliches Nervenleiden, das ihn oft dem Tode nahgebracht. Dazu kommt noch, daß Nietzsche nicht nur am Glauben, sondern auch an der ganzen modernen Cultur verzweifelte und deßhalb in seiner physischen Einsamkeit auch geistig ganz allein stand; zwar ein Genie, aber ein krankes und irregeleitetes. So allein erklären sich auch alle Widersprüche dieses Denkers, die systematische Geister mit Befremden oder Widerwillen erfüllen: der ewige Wechsel seiner Gesichtspunkte, die Unfähigkeit, einen festen Grundstock von Erkenntnissen als sicheres Fundament seiner Weltanschauung festzulegen, die seltsame Mischung von poetischem Mysticismus und hartem Jntellectualismus („Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich euch: werdet hart." Zarath. 3. Theil), die eigenthümlichen Aeußerungen seiner selbstherrlichen Laune und ästhetischen Genußsucht, wie die ergreifenden Schilderungen kranker Seelen. Diesen irren und wirren Seelenzustand, seinen Seelenzustand, hat Nietzsche in dem „Don Juan der Erkenntniß" ergreifend geschildert (Morgenröthe 327): „Er hat Geist, Kitzel und Genuß an Jagd und Intriguen der Erkenntniß — bis an die höchsten und fernsten Sterne der Erkenntniß hinauf! —Bis ihm zuletzt nichts 2 ) Elisabeth Förster-Nietzsche: Das Leben Fr. Nietz'che's. I. Band, 219 mehr zu erjagen übrig bleibt, als das absolut Wehthuende der Erkenntniß, gleich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle — es ist die letzte Erkenntniß, die ihn verführt. Vielleicht, daß auch sie ihn enttäuscht, wie alles Erkannte! Und dann müßte er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniß, die ihm nie mehr zu Theil wird! — Denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen keinen Bissen mehr zu reichen." Klingt das nicht wie der letzte Verzweiflungsschrei eines in der Wüste verlassen Sterbenden? Solche Zustände hat nur ein körperlich und geistig leidender Mensch; Nietzsche ist deßhalb gerade in seinem eigentlichen Lebenswerke mehr psychiatrisch als psychologisch zu betrachten. Max Nordau, der geistesprickelnde Schriftsteller des ästhetischen Materialismus, hat dies bereits gethan in seinem Buch „Die Entartung". Haben wir auch das „Problem Nietzsche" mit unserer Auffassung nicht gelöst, so haben wir es doch begreiflicher gemacht: die Nietzsche-Anbeter freilich werden es uns nur durch ein Anathem lohnen. Weigand hat in seiner geistvollen Studie (Fr. Nietzsche. Ein psychologischer Versuch) dem Philosophen zu viel Ehre angethan; denn Nietzsche kann vom künstlerischen Standpunkt allein nicht begriffen werden. Im klebrigen ist das Buch die beste Deutung von Nictzsche's complicirter Persönlichkeit. Uns ist der bedauernswerths Mann ein Bild des modernen Menschen in seinen schließlichen Errungenschaften: die maßlose Selbstverherrlichung und Zügel- losigkcit führt Physisch zu« Wahnsinn, geistig zur Anarchie alles Denkens. Daher auch die Begeisterung aller „Modernen" für Nictzsche's Geistcsart! Am System Nietzsche ist nur der sich immer deutlicher entwickelnde Wahnsinn System, sonst nichts; an diesem Resultat ändern alle Nietzsche-Biographien und Biographen nichts, weil des Unseligen Geisteswerk zu laut und unwiderleglich das Brandmal eines Jrrgeistes an sich trügt. Gottfried Wilhelm Leibniz. ff. 8. Wie oft hört man heutigen Tages nicht den Gedanken anssprccheu, daß die sog. Reformation den Hauptanstoß zur Entfaltung des menschlichen Geistes, zur Hebung von Kunst und Wissenschaft, überhaupt zur heutigen Cultur gegeben habe. Bei Janssen kann man nachlesen, was von diesem protestantischen Axiom zu halten ist. Man kennt eben die alten Griechen und Römer besser, als das Mitielalter. Was nun die Erfahrungswissenschaften anbelangt, so haben dieselben einmal mit der Theologie blutwenig zu thun, und dann waren übrigens Schießpulvsr und Compaß, Magnetnadel und Buchdrncker- knnst, das entdeckte Amerika und noch tausend andere Dinge schon lange da, als Dr. Martinus mit dem Hammer an die Wittenberger Schloßkirche klopfte. Wie steht es aber mit dem idealen Streben der Wissenschaft? Hier wäre es am besten, unsere Gegner würden davon gar nicht reden. Fast zwei Jahrhunderte lang brachte der Protestantismus hier Bleibendes und Schätzbares gar nichts zu Stande. Der erste nun, der da genannt werden kann und muß, ist G ottfricd Wilhelm L e i b n i z. Der 250. Geburtstag dieses Mannes — geb. am b. Juli 1646 — wird von der Presse aller, nicht nur katholikenfreundlicher Schattirungen benutzt, allerhand historische Betrachtungen anzustellen. Es ist richtig, weil bewiesene historische Thatsache: Leibniz ist der glänzendste Repräsentant deutscher Universalität und Tiefe im 17. Jahrhundert, ein Polyhistor im vollsten Sinne des Wortes, „eine lebendige Akademie", wie Friedrich II. ihn nannte. Unsere heutigen Berühmtheiten aus der Gelehrienrepublik sind durchweg Spezialisten; in früherer Zeit aber gab es Köpfe, die in allem zu Hause waren, in Theologie und Philosophie, in Staatswissenschaft und Politik, in Naturkunde und Kunstproblemen Bescheid wußten. Der größten einer war Leibniz. Man könnte ihn vielleicht den protestantischen Thomas von Aquin nennen; wir bitten aber, dieses „könnte" sehr zu betonen, denn was er dem Protestantismus verdankte und was er diesem für die Folgezeit wurde, das eben wollen wir kurz betrachten. „Wenn die Billigkeit erheischt, daß man die Personen schont, so erheischt doch die Frömmigkeit, daß man die Gefährlichkeit der Lehren zeigt; und gefährlich sind jene Lehren, welche gegen die Vorsehung eines allwissenden und allgercchten Gottes und gegen die persönliche Unsterblichkeit der Seele ankämpfen, um von anderen der Sitte und der Gesellschaft verderblichen Meinungen gar nicht zu sprechen." So schrieb Leibniz im Jahre 1704 in seinem reifsten philosophischen Werke: „Houvmmx essais sur l'airtLuäeuiout siumaiu". Was würde der Mann sagen, wenn er unsere heutige Zeitlage in Augenschein nähme, jene Cultur, auf die man doch ge- wisserseits mit so großem Stolze hinzuweisen beliebt?! — Schon in seinen ersten philosophischen Schriften zieht er gegen die seichte Freigeisterei loS und sucht die kirchlichen Lehren auch durch wissenschaftliche Beweisgründe sicher zu stellen. Er verfaßt eine Schrift gegen den Atheismus, eine solche zur Vertheidigung des Dreieinig. keitsgeheimnisses, und später sucht er die Gegenwart Christi im Altarssakrament zu beweisen. Um dieselbe Zeit schreibt er, daß er sein irdisches Leben anwenden wolle, um sich des zukünftigen zu versichern, und daß diese Sorge um seine Seele die vornehmste Ursache seines Philosophircns sei. Er kämpft namentlich gegen Peter Bayle, jenen noch lange nicht genug gewürdigten Franzosen, bei dem auch unser „großer" Lessing in die Schule ging. Den Verheerungen, die der Protestantismus auf allen Gebieten angerichtet hatte, mit Freimuth und Offenheit entgegenzutreten, das war eine Hauptaufgabe seines Lebens. Eben das macht uns Leibniz groß, daß er sich von dem traditionellen Haß gegen alles Katholische lossagte und sogar die Wiedervereinigung mit der alten Kirche anstrebte. Man will es Leibniz zum Vorwürfe machen, daß er bei seinen philosophischen Untersuchungen sich nicht ausschließlich auf das reine Denken stellte, wie etwa Spinoza und Kant, sondern so viel mit Dingen aus der katholischen Vorzeit liebäugelte. Ganz sicher hatte Leibniz eine höhere Meinung von der edlen Gottesgabe Vernunft, als etwa Martin Luther; aber daß man mit diesem Vermögen allein nicht landen könne, das konnte dem scharfsinnigen Kopfe nicht entgehen. Da kommt nun der famose Buddhist Arthur Schopenhauer und will in Leibnizens Ruhm einen Beweis dafür erblichen, „daß das Absurde am leichtesten in der Welt Glück macht"! Der „Frankforter" fand gewiß in seinem trostlosen Pessimismus nicht das, was Leibniz bei der göttlichen Osfen- 220 barung entdeckte; er hätte am wenigsten Ursache, seinem Philosophenneide Luft zu machen. Er gehört zu jener Klasse von Leuten, die unser Leibniz selbst also schildert: „Mit großer Rednergabe sprachen sie von der Erhabenheit und den sittlichsnden Wirkungen der Wissenschaft, und beschimpften sich dabei oft gegenseitig so, daß man hätte glauben können, man wäre unter einer aufgeregten Menge auf der Gasse." Die Betrachtung Leibnizens in theologischer und philosophischer Hinsicht drängt jedem den Gedanken auf: Nicht weiter auf der verwegenen Bahn! Zurück zum Alten und Guten! Möge man an seinem Jubiläumstage aus ihm machen, was man will, der moderne Protestantismus hat am wenigsten Ursache, sich seiner zu freuen. Die Formel, in die man Leibniz' Streben bringen könnte, müßte allein heißen: Das objective, historisch gewordene Christenthum, nicht subjektive, flug- sandartige Ansichten können die Menschheit retten! Die religiösen Orden und ihre Geschichte. l>. Von jeher haben es die „Kinder der Welt", die in ihrer Art meist klüger sind als die „Kinder des Lichtes", richtig erkannt, daß der Kirche durch Bekämpfung der religiösen Orden, sicher aber durch deren Unterdrückung der schwerste Schlag versetzt werden kann. Wirkt doch das Beispiel freiwilliger Entsagung erhebend auf Weltklerus und Laienthum, ebenso aber auch der Mangel eines solchen Vorbildes lockernd auf die priesterliche Disziplin und lähmend auf die Bethätigung des Glaubens unter dem Volke. Auch in der Gegenwart ist der Sturm auf die Orden allenthalben in vollem Gange, in Frankreich wie in Deutschland gehört die „Ordensfrage" noch nicht zu den beigelegten: dort sucht man ihnen die Lebensbedingungen zu entziehen, hier erringen sie sich erst mühsam und allmählig wider die eingewurzelten Vorurtheile ihre frühere wahlberechtigte Existenz, und noch immer ist dem unvergleichlichen, dem segensreichsten und anerkannter Weise auf der Höhe der Wissenschaft stehenden Orden, der Gesellschaft Jesu, kein Platz auf deutscher Erde gegönnt. Selbst in gut katholisch sein wollenden Kreisen herrscht über Orden und Ordensleben oft ein solcher Wirrwarr anerzogener oder durch Nomanlektüre eingesogener, verschrobener Ansichten, daß es kein Luxus ist, wenn der fruchtbare Schriftsteller L. v. Hammerstein >) aus der Gesellschaft Jesu im 65. Ergänzungshefte der hochgeschätzten „Stimmen aus Maria-Laach" das katholische Ordenswesen vom apologetischen Standpunkt aus einer eingehenden Besprechung unterzieht. Die Methode, welche auch den übrigen Schriften des beliebten Verfassers einen so außerordentlichen Erfolg verschafft hat, ist auch hier eingehalten: das Thema bewegt sich theils in Brief-, theils in Gesprächsform, vermeidet jede lehrhafte Trockenheit, geht dabei freilich nicht sonderlich tief, erfaßt aber desto wirksamer das Gemüth auch des widerhaarigen Lesers. Unter Beibringung reichen statistischen Materials erreicht das frisch geschriebene Buch seinen Zweck vollauf, das katholische Ordenswesen unserm Verständniß näher zu bringen, seine hohe sociale Bedeutung zu zeigen und die Unhaltbarkeit der gegen dasselbe erhobenen Beschuldigungen darzuthun. Der Verfasser zeigt uns trefflich den wahren Werth jener schreckhaften Schlagwörter von der „todten Hand", vom „unbedingten Gehorsam", von der trüben „Vereinsamung", der ungesunden „Weltflucht" und der „Vaterlandslosigkeit" der Klosterleute. Ein Blick anf die Missionen in und außer Lande, sowie auf die vorzüglichen Leistungen der Orden im Schulwesen genügt, um uns auch zu überzeugen, daß die Orden höchst zeitgemäß sind. „Das Ordenswesen, sagt der Verfasser geradezu, ist die Blüthe des Katholicismus, des Christenthums". Den Culturpankern milderer oder wilderer Tonart ist Hammerstcins Buch dringend zu empfehlen, aber auch bei Katholiken wird es die Verehrung, die das Volk mit Recht seinen Ordensmännern oft in so rührender Weise entgegenbringt, rechtfertigen und vermehren. Die beste Apologetik deS Ordenswesens ist jedenfalls dessen Geschichte. Mit Freuden begrüßen wir ein kürzlich erschienenes Werk des unermüdlich thätigen Bamberger Lycealprofessors Or. Max Heimbucher^), das uns in übersichtlicher Weise die Geschichte der katholischen Orden und Kongregationen in wissenschaftlicher Darstellung vorführt. Die Geschichte, sie allein gibt uns ja den richtigen und zuverlässigen Maßstab der Beurtheilung, sie bewahrt uns ebenso vor übertriebener, leichtblütiger Bewunderung wie vor überlegener Geringschätzung; sie läßt die Thatsachen sprechen, die uns Schritt für Schritt erinnern, daß auch innerhalb der Klostermauern die Menschen Menschen bleiben und ihre Leidenschaften durch Schleier und Kutten durchbrechen können, daß aber auch die Klöster Culturstätten allerersten Ranges sind, mit denen sich keine andere menschliche Civilisationsarbeit, sei es mit dem Schwert oder dem Pflug oder der Feder, auch nur im entferntesten wessen kann. Das treffliche Werk bildet den 10. Band der theologischen „wissenschaftlichen Handbibliothek" ; für jetzt liegt der erste Theil vor, ein zweiter Band, der in Bälde folgen soll, wird das Werk zum Abschluß bringen. Die Einleitung (S. 1—30) ist vornehmlich kirchenrechtlicher Natur und handelt vom Begriff eines Ordens, von der Einthcilung der Orden, vom Ursprung des Ordenslebens, von der Würdigung des Ordenswesens und endlich von der Literatur über Orden und Kongregationen. Da man im Juden- und Heidenthum, im Islam und besonders bei den Buddhisten Erscheinungen findet, die dem Mönchthum der christlichen Kirche ähnlich sind, so hat man von «katholischer Seite, wie zu erwarten, mit Vergnügen diese Aehnlichkeit nicht nur ganz besonders betont, sondern sogar einen inneren Zusammenhang (z. B. mit dem Buddhismus) construirt, um vor allem das katholische Ordensleben als unbiblischen, trüben und unnatürlichen Asketismus darzustellen und herabzusetzen. Daß man da weit neben das Ziel geschossen, sieht jeder, der offene Augen hat, um in der hl. Schrift die drastischen Warnungen vor „Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens", vor der „Welt, die im Argen liegt" u. s. w. zu lesen; das dürfte wahrlich genügen, um den Drang erklären zu können, die „Welt und ihre Lust" zu fliehen, in abgeschiedener Entsagung sein Heil besser und sicherer „in Furcht und Zittern" zu wirken. Daß die Vergleiche mit dem anßerchristlichen, theilweise (wie in Tibet) hochentwickelten, ernsten Asketenthum von großem Interesse sind, soll damit nicht geleugnet werden; die von Heimbncher angeführte Literatur dient vortrefflich zur Einführung in das Studium derartiger Fragen. Der erste Abschnitt des Werkes handelt nun von den Anfängen ') Hammerstein L. v. (s. 1.), Das katholische -Ordens- 00^°' ^ ^ SS- Freibnrg i. B., Herder, 1896. 2) Heimbncher Max, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche. I. Bd. 8°, X -s- 531 SS- M. 6,00; geb. M. 7,M. Padcrborn. Schvaiiigh, 1896. 221 des Ordenslebens bis ciuf den hl. Benedikt, nnd da ist es zunächst der Orient, von dem das Möuchthum ausgegangen und wo es überaus mächtig herangewachsen ist nnd mitunter bedeutend in die Kirchen- und Dogmengeschichte eingegriffen hat. Besonders zu nennen sind die ägyptischen Asketen und die heute noch bestehenden Ba- silianer; unter den großen Männern leuchten aber besonders hervor Paulus der Einsiedler, Antonins der Große und Basilius. Die Anfänge des abendländischen Mönch- thums hob der hl. Benedikt zu ungeahnter Blüthe und Bedeutung empor. Von dem Benediktinerorden und den übrigen Genossenschaften auf Grundlage der Benediktinerregel (Camaldulenser, Vallombrosaner, Grammontenser, Ctstercieuser, Trappisten, Karthäuser u. s. w.) handelt Heimbucher im zweiten Abschnitt, den der billig denkende Leser mit andächtiger Verehrung und Dankbarkeit lesen wird, denn hier haben wir ein Stück Culturgeschichte vor uns: keine andere kirchliche Institution ist für uns so segensreich geworden, wie der Benediktinerordcn, dessen Verdienste um Cultur und Wissenschaft gar nicht genug gepriesen werden können; heute noch zehren wir von dem Wirken dieser großen Pioniere der Civilisation. (S. 237 Z. 26 ist Bartolocci zu lesen!) Es folgt nun der dritte Abschnitt, welcher dem Franziskanerorden und seinen Abzweigungen gewidmet ist; auch die wichtigsten Lebensbeschreibungen des hl. Franziskus sind angeführt, darunter das neueste, herrliche und genußreiche Buch des Protestanten Sabatier. Der vierte Abschnitt gehört dem Augustinerorden in seinen vielfachen Gliederungen: Chorherren und Chorfraucn, Prämonstratenser, Trinitarier, Augustiner-Eremiten, No- laskcr, Servilen, Pauliner, Alexianer, Hicronymiten, Jesuaten, Barmherzige Brüder, Brigittinnen und Nrsu- linerinnen, Salesianerinnen s tutti gnanti. Der fünfte und letzte Abschnitt dieses ersten Bandes handelt vom Dominikanerorden. Die immens reichen Quellenangaben verrathen eine ganz ungewöhnlich umfassende Literaturkenntniß ; daneben finden wir aber bei dem Verfasser ein außerordentliches Gruppirungsgeschick, das Alles aus den rechten Platz zu setzen weiß, auf eben den, wo es der Leser sucht; diese wohlthuende Eigenschaft eines historischen Schriftstellers scheint selbstverständlich, ist jedoch in Wirklichkeit nicht gar zu häufig. Und welch unsägliche Geduld gehört dazu, das Quellenmaterial herbeizuschaffen! Wie viele Folianten mußten nachgeschlagen, wie viele mangelhafte Angaben mühsam ergänzt, wie viele Privatbriefe um Aufschluß an OrdenSlcute geschrieben werden! Ein Blick auf den bibliographischen Theil des Werkes wird das zu würdigen wissen. Was planvolle, übersichtliche Darstellung betrifft, kann diese Ordensgeschichte als Muster dienen und macht sie zu einem vorzüglichen, nicht leicht versagenden Nach- schlagebuch, das in unserer theologischen Literatur eine schon längst empfundene Lücke ausfüllt. Dasselbe wird dem praktischen Seelsorger, dem Theologen, wie dem Studireuden ein unentbehrliches Orientiruugsmittel sein theils zur näheren Belehrung über bekannte Orden, theils zur Auffindung von längst verschollenen religiösen Genossenschaften, deren Namen oft nicht einmal Mehr bekannt sind. So darf der Verfasser mit Befriedigung sein Werk betrachten, das in dem Rahmen, den er sich selbst gesteckt, das Mögliche geleistet hat und wohl auch unter den strengsten Kritikern keinen Bemängler finden wird; von besonderem Interesse wird der Schlußband werden, da er. neben dem Carmelitenorden und den neueren kleinen Kongregationen den Jesuitenorden eüst halten wird, dessen eminent fruchtbare wissenschaftliche Thätigkeit wir in einer reichen Bibliographie wiederge» spiegelt finden werden. Damit wird Heimbuchers Ordeus- geschjchtc, ein Werk beharrlichsten Fleißes, abgeschlossen als wahres „stanäarä stovst" den Bestandtheil einer jeden theologischen Bibliothek bilden; das hoffen wir nicht bloß, dessen sind wir gewiß. Privatinteresse und Gemeinwohl. Eine wirthschaftliche Studie. (Fortsetzung.) III. Von der Bedeutung des Waldes für das Gemeinwohl kommen wir zu dem Verhältnisse des übrigen Grund und Bodens zum Privatinteresse und zum allgemein--» Wohl, und damit zur Landwirthschaft. Grund und Boden läßt sich von dem Bebauer desselben nicht trennen; der ächte Bauer und die ächte Bauernschaft ist mit Grund und Boden gleichsam verwachsen. Der ächte Bauer betrachtet sein Besitzthum nicht als ein privates Ausbeutungs- und Spekulationsobject, sondern als einen ehrwürdigen Familicnbesitz, zu seiner und seiner Familie dauernder Existenz und dauerndem Wohlbefinden gegründet. Der wahre Bauer veräußert den von seinen Ahnen ererbten Besitz nur in der äußersten Zwangslage, und es ist daher Aufgabe der Gesetzgebung, die willkürliche und spekulative Veräußeruuv der bäuerlichen Güter in jeder Weise zu erschweren. Der bäuerliche Besitz darf niemals vom Standpunkte des freien Individuums und des Kapitals aus betrachtet werden. Die Individuen, die Personen wechseln, Grund und Boden mit dem Familienstamme bleiben. Der bäuerliche Besitz muß mehr Familienbesitz als persönlicher Besitz sein. Mit dieser Auffassung des Bauerngutes als eines untheilbaren Familienbesitzes hängt auch eine Einrichtung zusammen, welche vielfach als eine der höchsten socialen Ungerechtigkeiten betrachtet wird, welche aber trotz alledem in hohem Grade das allgemeine Wohl der Bauernschaft bedingt, und die auch so recht das Verhältniß vom Privatinteresse zum Gemeinwohl beleuchtet: das Recht der Primogenitur. Statt eigener Ausführungen wollen wir hier einen Abschnitt aus einem höchst bcachteuswerthery in den „Stimmen aus Maria-Laach" erschienenen Aufsatz, „Pflichten und Schranken des Eigenthums" von H. Pesch 8. st., rcproduziren. Der gelehrte Verfasser schreibt im Jahrgang 1895 6. Heft: „Bei manchen Völkern, z. B. den Israeliten, den Deutschen im Mittelalter, bestand der gesetzliche Brauch, den Erstgebornen gewisse Privilegien binsichtlich der Erbfolge zu gewähren. Die französische Revolution räumte principiell mit dem Rechte der Erstgeburt auf. „Voraussetzung für die Berechtigung einer solchen Einrichtung bleibt jedenfalls, daß in gebührender, der Billigkeit entsprechender Weise für Erziehung und Unterhalt der übrigen Kinder genügende Fürsorge getroffen sei. „Ist diese Bedingung erfüllt, so sprechen in der That gewichtige Gründe für das Recht der Primogenitur. „Bei gleicher Theilung nämlich wird unmöglich der Familie jene wirthschaftliche Stellung gewahrt bleiben können, welche für ihre bürgerliche und politische Stellung die unentbehrliche Grundlage bildet. Alle Vortheile, die au? einer gewissen Stabilität, der leitenden preise für W das Gemeinwesen erwachsen, würden also in Wegsall kommen. „Aber nicht bloß für die leitenden Kreise, auch für das gewöhnliche Bauerngut empfiehlt sich in gewissem Umfange die Primogenitur oder das ,Anerberecht', wie es das im April 1894 dem deutschen Reichstage vorgelegte ,Heimstättengesetz' im Interesse der Landwirthschaft forderte. Die Heimstätte ist unthcilbar und durch Erbgang im Falle des Vorhandenseins mehrerer Erben nur auf einen derselben, den Anerben, übertragbar. Bezüglich der Veräußerung, namentlich aber der Verschuldung (die Hälfte des Werthes als Verschuldungsgrenze, Verschuldung nur in amortisirbaren Renten oder Annuitäten zulässig), werden gewisse Schranken errichtet. Die Heimstätte gewährt dem Bauernstande größere Festigkeit und wirksamern Schutz gegen die Uebermacht des mobilen Kapitals. Ueberdies beruht die Forderung nach Errichtung von Heimstätten auf dem durchaus richtigen Princip, daß Eigenthum an Grund und Boden vornehmlich in der Rücksicht auf die Familie seine natur- rechtliche Begründung besitzt. „Die Erfahrungen, welche Frankreich mit der gleichen Theilung gemacht hat, lehren sodann, daß dieses System die Gefahr der V olksverminderung im Gefolge hat. Die Eltern fürchten eine zahlreiche Nachkommenschaft, auf welche sich ihr Vermögen nur in geringen Portionen vertheilen würde. „Mag ferner auch die Lage deS einzelnen nachgc- borncn Kindes für den Augenblick als eine bessere erscheinen, wenn es seinen Kopftheil an dem elterlichen Nachlasse erhält, der Vortheil ist auf die Dauer geringer, als man bei oberflächlicher Betrachtung glauben Möchte. Zunächst für die Nachkommenschaft in ihrer Gesammtheit. Nach drei oder vier Generationen werden die meisten Familienglieder der Dürftigkeit anheimgefallen sein. Auch das einzelne nachgeborne Kind verliert jenen mächtigen Rückhalt an der Familie in Zeiten der Noth und in den mannigfachen Wechsel- füllen des Lebens. Werden speciell die Töchter, wo das System der Primogenitur herrscht, von der Erbschaft ausgelassen, so finden sie zum Theil einen Ersatz in dem Vermögen ihres Gatten, das eben durch jenes System eine Steigerung erfährt. Ueberdies hindert diese Erbfolge ein Vorherrschen des finanziellen Elementes beim Abschluß der Ehe. Die Gattin wird ihrer persönlichen Eigenschaften wegen gesucht, geschätzt, geliebt. Die Ehe bewahrt ihren hohen sittlichen Charakter, während sie heute vielfach zum Handelsgeschäft degradirt ist. „Die Feindschaft gegen alle Primogeniturrechte, Stammgütcr, Heimstätten u. dgl. entspringt dem individualistischen Liberalismus, der sich hier wieder als Engel des Lichtes aufspielt, von der ,natürlichen Billigkeit', von den ,Gefahren der Concentration des Besitzes' u. dgl. gar lieblich zu reden weiß. In der That aber bildet ein richtig durchgeführtes Primogeniturshstem einen festen Damm gegen die furchtbarste aller Coucenira- tionsarten, die kapitalistische, welche der Liberalismus uns gebracht hat." Es gibt wenig kurzsichtigere Auffassungen als die vielfach vertretene Anschauung, die gleiche Erbiheilung an Grund und Boden fei ein selbstverständlicher Akt socialer Gerechtigkeit und bedinge das künftige Wohlergehen der Erben. Das Umgekehrte ist, wie I>. H. Pesch 8. ll. ausführt, die Regel. Grund und Boden ist dem Menschen nicht gegeben, daß er ihn nach persönlicher Willkür zerstückle, sondern daß er ihn für Familie und Gesellschaft bebaue. Damit wollen wir indeß dem Großgrundbesitz in keiner Weise das Wort reden. (Schluß folgt.) Zur Manritiusfrage. Von Adam Hirschmann, Piarrer in Schönseld. (Schluß.) Was nun den Gang der historisch-kritischen Untersuchung bei Berg anbelangt, so berichtet er S. 15—2? den Thatbestand nach den Angaben des Eucherius; daran reiht sich der erweiterte Bericht eines ungenannten Mönches aus Agaunum, gegen 520 verfaßt (S. 23—24), welches die Episode des hl. Mauritius mit dem Bagaudenauf- stande in Verbindung bringt, während Eucherius die Zeit der Vernichtung der christlichen Thebäer unbestimmt läßt. Sehr ausfallend hat uns die Frage Bergs geschienen: Warum haben sich die Thebäer, wenn sie wirklich so zahlreich waren (S. 26), nicht mit den Waffen in der Hand gewehrt gegen den Blutbefehl des rohen Maximian? Mit gleichem Rechte könnte man fragen: Warum haben sich die äußerst zahlreichen Christen am Hofe Diokletians nicht mit bewaffneter Faust der Exekution der Verfolgungsedikte entgegengestellt? Das christliche Gewissen gestattet eben in beiden Fällen keinen aktiven Widerstand. Dann werden die Angriffe der Magdeburger Centuria- toren, Spanhsims, Dubourdieus gegen die eucherianische Passion, das Schweigen des SulpiciuS Scverus, des Laktantius (hier hätte die Ansicht Brandt's, daß der Verfasser des Buches Os inortibns psrsaoutornin nicht Laktantius, sondern ein nikomedischer Nhetor oder Advokat gewesen sei — Sitzungsberichte der Wiener Akademie, phil.-histor. Kl. 6XXV, 1891; Neue Jahrbücher für Philol. u. Pädagog. Bd. 147 s1893j, 121, 203 —berücksichtiget werden sollen) und des Eusebius besprochen. Aber wenn auch diese Historiker schweigen, so erhebt sich doch als „gewichtige, unverdächtige, ob auch stumme Zeugin die zu Ehren der Märtyrer in Agaunum zwischen 350 — 390 erbaute Basilika (S. 39). Auch Viktor von Marseille, wo Maximian am 18. Juli 303 von Afrika zurückkehrend landet, ist ein gewichtiger Zeuge für di Wahrheit des eucherianischen Berichtes (S. 42). So ha sich denn, faßt Berg (S. 44) die gewonnenen Resultat der Untersuchung zusammen, bisher nur ein zweifache) als unzweifelhaft ergeben: erstens, daß etwa in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts in Agaunum eins Kirche, bald auch ein Kloster des hl. Mauritius bestand, daß seit dem 5. Jahrhundert Pilger dahin wallfahrietcn und der Cult der Märtyrer zu wachsender Blüthe gedieh, und zweitens, daß die Geschichte ihres Martyriums nicht unmittelbar, nachdem sie geschehen, von Augen- oder Ohrenzeugen, sondern zum ersten Male fast 150 Jahre später berichtet wird. Nun hätte man erwarten sollen, daß Berg seine Abhandlung schließe mit dem Endurtheile, ob die vorgebrachten schriftlichen und monumentalen Zeugnisse genügen zur historischen Glaubwürdigkeit der Tradition, oder ob der Bericht des Erzbischofes Eucherius von Lyon in das Reich der Fabel zu verweisen sei. Statt dessen aber nimmt der Verfasser den Faden von neuem auf; so wirft er die Fragen auf: Gab es damals eine thermische Legion? War dieselbe aus christlichen Soldaten, ganz oder überwiegend, zusammengesetzt? Gehörte siezn den Gardetruppen? Wurde sie zur Verfolgung von Christen gebraucht? Wurde sie wegen Nichtantheilnahme an heidnischen Opserfesten bestraft und vollständig aufgerieben? Da es thöricht von Maximian gewesen wäre, eine ganze Legion, mochte sie auch nur 1000 Mann zählen, zu vernichten, so ließ er die christlichen Oberoffiziere hinrichten und vielleicht auch die Legion deci- miren; dann löste er sie auf und steckte die Soldaten in größeren und kleineren Abtheilungen in andere Legionen und Garnisonen (S. 62). Aber für diese Annahme Bergs fehlen in dem Berichte des Eucherius jegliche Stützpunkte; die Glaubwürdigkeit dieser ältesten Passion des hl. Mauritius und seiner Genossen schmilzt auf ein Minimum herab. DaS Ercigniß selbst wird auf den 22. September 302 verlegt (S. 68). Ueberblicken wir noch einmal die kirchengeschichtliche Studie des Oberpfarrers von Pyritz über den hl. Mauritius und die thebäische Legion, so müssen wir sagen: der Arbeit fehlt die logische Aneinanderreihung der einschlägigen Materien. All die Fragen nach S. 46 über die Existenz einer christlichen Legion aus Thebüern zusammengesetzt, über die Ursache der Decimirung und schließlichen Vernichtung derselben, über die Zeit dieses Vorkommnisses hätten schon im Anschlüsse an die Untersuchungen über die Legionsverhältnisse zur Zeit des Kaisers Diokletian (S. 26), über den Bagaudenaufstand (S. 27) in Behandlung gezogen werden sollen. Am Schlüsse vermißt man ein cudgiltiges Urtheil. Die Hauptfrage über das Martyrium des hl. Mauritius und seiner Genossen bildet immer die Untersuchung über die Echtheit des Berichtes von Eucherius. Ist dieser als echt und glaubwürdig anerkannt, so ist er nach den Regeln der historischen Kritik zu erläutern. Auch Wotke, der neueste Herausgeber der sämmtlichen Werke des Erzbischofes von Lyon, hat die Autorschaft des Eucherius an der Passion der agaunensischen Märtyrer nicht in Abrede gestellt (volles, I-. Luoliarii Inr§ännensi3 op>. omnia, in vol. XXXI p. 163—173 des 6ori)U8 Vorixb. eeales. tat. cci. Vinäoston. ^.ea- üainiaa 1804), wenn er auch es für wahrscheinlich erachtet, daß Eucherius eine ältere schriftliche Vorlage überarbeitet habe, die er von dem Bischöfe von Genf erhalten haben mochte (I. v. p. XXII). Wird aber die Glaubwürdigkeit des eucherianischen Berichtes in Abrede gestellt, so erhebt sich sofort die andere Frage: Wie entstand in dem Engpässe zu Agauuum die Verehrung the- bäischer Soldaten? Wie gelangten die äußerst zahlreichen körperlichen Ucberreste in jenes abgelegene Walliser Alpen- thal? Wie erhob sich schon gegen 350 n. Chr. über den Reliquien der Thebüer eine Kirche, der gar bald ein Kloster folgte? Wie konnte eine solche ausgebildete Tradition sich an Ort und Stelle erhalten, wenn sie grundlos gewesen? Darum gibt es nur eine doppelte Wahl: Entweder wird die eucherianische Recension als historisch glaubwürdig angenommen und erklärt, oder die ersten Bischöfe des Walliserlandes, Jsaak von Genf, Theodor von Mariigny, waren Betrüger, welche den frommen und gelehrten Erzbischof von Lyon in die Irre führten. Ist dieser Vorwurf gegen hochverdiente Männer historisch berechtigt, sittlich erlaubt? Gewiß nicht. Darum ist das Martyrium des hl. Mauritius und seiner Genossen geschichtlich festzuhalten. Recensionen und Notizen. o Jungst erschien im Verlage der kaiserlichen und königlichen Hoshuchhandlnng von Leo Wort i» Würzhurg in zweiter. neugcarkeitetcr Auflage ein Commentar zum Buche Judith und in Verbindung damit ein zum ersten Male veröffentlichter Cowmentar zu der Erzählung von Bel undDrache von Dr. Anton Scholz, Professor an der k. Universität daselbst. Der Verfasser trägt den in der Encyklica »krovulon- rissimus Dons- ausgesprochenen kirchlichen Grundsätzen in jeder Beziehung Rechnung; seine beiden Commentare sind nach allen Regeln der biblischen AuslegungSkunde und Kritik bearbeitet und verdienen so in Wirklichkeit in weiteren Kreisen bekannt und den Liebhabern wissenschaftlicher Bibel-Erklärung empfohlen zu werden. Dem Buche ist, S. III—XV, eine schneidige und einschneidende Vorrede vorangestellt, in welcher der Verfasser seine kritisch-exegetischen Grundsätze und Resultate als mit dem obengenanntcn päpstlichen Rundschreiben vom 18. Nov. 1893 vollkommen übereinstimmend darlegt, die Vorurthcile gegen seine Erklärung und prophetische (apokalyptische) Auffassung der alttcst. Bücher Tobias, Esther und Judith als unbegründet erweist und die Einwände seiner Gegner einer vernichtenden Kritik unterstellt. Der Vorrede folgt, S. XVI—XL, zunächst die Einleitung zum Commentare zu Judith. Dieselbe gibt Aufschluß über den Inhalt des Buches nach dem griech. Texte, über die kritische Beschaffenheit und das Verhältniß der verschiedenen griechischen und lateinischen Textcszcugen, über die beiden in hebräischer Sprache geschriebenen Midraschim, über die besondere Geschichte des Textes, über die im Buche vorkommenden Namen, über den prophetischen (apokalyptischen) Sinn, über den durch die Geschichte des Textes beeinflußten Stil und die Sprache des BnchcS und endlich über dessen Berührungen mit dem Neuen Testament. Der Commentar zu Judith selbst, welcher der höchst instructiven Einleitung, S. 2—196, unmittelbar sich anschließt» ist ein beredtes Zeugniß von eminenter Begabung und besonderer Geschicklichkeit, die von der wirklichen AuSlcgung geforderte Kritik in unvergleichlicher Weise zu üben. Dabei aber wird das Eine Ziel einer jeden Erklärung, den wahren Sinn des Buches aus diesem selbst d. h. im vorliegenden Falle aus den so verschiedenartig überlieferten Texten aufzufinden, keinen Augenblick außer Acht gelassen. Auch merkt man an dem Gange der fortschreitenden Erklärung, daß cS dem Erklärer allen Ernstes nur darum zu thun ist, das Buch in Wirklichkeit zu erklären. Der nun folgende Commentar, S. 197—233, zu der Erzählung über Bel und Drache ist nach denselben kritischen und exegetischen Grundsätzen gearbeitet und verfolgt in derselben consequenten Weise sein Ziel wie der zum Buche Judith. Den ersten Anhang bilden, S. II —OXXIII, verschiedene Textcszcugen zum Buche Judith, welche in ihrem überlieferten Umfange in griech., latein. Sprache oder in deutscher Ucbersetznng in vier Colnmncn nebeneinander abgedruckt sind, und zwar enthält Columne I den Sixtinischen Text, Col. II den Codex 71, Paris. I, Col. III die Vulgata und Col. IV den großen hebräischen Midrasch in deutscher Ucbcrsctznug. Diesen merkwürdigen Texten zu Judith folgen, S. 6XXIV—6XXXI, die griechischen Texte des Theodotion und der Septuaginta zu der Erzählung über Bel und Drache. Als zweiter Anhang ist, S. 6XXXV—OL, als Vertreter der vulgata antigua der lat. Lost. kaoluanns abgedruckt und die deutsche Ucbersetznng des kleinen hebräischen Midrasch zum Buche Judith beigefügt. Diese Beigaben der Texte ermöglichen es, daß der Leser, wenn er will, durch bloßen Augenschein ihr eigenartiges Verhältniß zu einander hinsichtlich des Umfangs und der nicht seltenen Abweichungen kennen lerne und verfolge. Die Sorgfalt aber, mit welcher der Commeniar im Ganzen gedruckt ist, und die saubere Form, in welcher er sich rcpräscntirt, deuten äußerlich schon die Noblesse und Accuratesse an, mit welcher er vom unermüdlich schassenden Autor ausgearbeitet wurde. -ü- Vor Kurzem erschien das 42. Heft der Augsburger BisthumSgcschichte. Mancher Abonnent mag bei der Durchsicht desselben etwas enttäuscht gewesen sein, da es sich nicht als FortsetzungS-, sondern als NachtragSheft erwies. Dasselbe enthält nämlich nicht, wie zu erwarten war, die Einleitung zur Beschreibung des Kapitels Kausbeurcn, sondern die Register zu Bd. 2 u. 3 des genannten Werkes. ES ist aber einleuchtend, daß in erster Linie für Herrn I)r. Schröder, den Fortsetze! des Stcichcle'schcn Werkes, Register zu den früheren Bänden unumgänglich nothwendig sind, nur fortwährendes, zeitraubendes und vielleicht doch rcsultatloseS Suchen nach etwaigen früheren Angaben über Personen, Orte und Ereignisse, die erst jetzt zur genaueren Darstellung gelangen, zu vermeiden. Die sorgfältig gearbeiteten Register ermöglichen ihm ein rasches und genaues Ausfiudcn der von seinem Vorgänger gewonnenen ForschungS- resultatc auch dann, wenn dieselben zerstreut in den einzelnen Bänden sich vorfinden sollten. Ebenso sind aber auch für den Leser und Benutzer deö Werkes Register von unschätzbare!», Werthe. Herr Archivrath vr. Banmann in München schrieb in dieser Hinsicht nach Erscheinen des mit Register ausgegebenen 5. Bandes in den Historisch-politischen Blättern (Bd. 116, S. 440): „Schröder ließ sich die große Mühe nicht verdrießen, dem 5. Bande ein genaues sorgfältiges Register beizugcben, und verheißt auch zu den früheren Bänden solche nachzuliefern. Damit verdient er ganz besonderen Dank, denn solche Werke sollten nie und nimmer ohne Register ausgegeben werden. Erst durch Register werden große Werke eigentlich zugänglich; deßhalb sollte kein umfangreicheres Buch ohne Register gedruckt werden. Es ist beinahe eine Rücksichtslosigkeit den Benutzern gegenüber, Werke von mehreren Bänden ohne Register erscheinen zu lassen. Daß diese Unterlassungssünde trotzdem immer wieder begangen wird, hängt mit der überaus großen und noch dazu eintönigen Mühe, ein gutes Register herzustellen, unläugbar zusammen ; um so mehr Lob schulden die Leser und Bcnützer einem Autor, der dieser Pflicht gewissenhaft nachkommt." Das noch ausstehende Register zum 4. Bande wird jedenfalls im nächsten Hefte zugleich mit der Einleitung zur Beschreibung des Kapitels Kausbeuren erscheinen. -s- Bürgerliches Gesetzbuch. Eine corrccte und handliche Text-Ausgabe des Bürgerlichen Gesetzbuches (mit Register) zu dem sehr billigen Preis von 2 M. 50 Pf. für das 40 Bogen starke gebundene Exemplar kündigt der C. H. Bcck'sche Verlag in München als demnächst erscheinend an. Für denselben Verlag ist auch eine Ausgabe mit Anmerkungen in Vorbereitung, bearbeitet von den RegierungSräthcn im K. B. StaatSministerinm der Justiz Henle und Schneider, in Verbindung mit Universitätsprofcssor Otto Fischer in Breslan. ; Diese Ausgabe soll ebenfalls alsbald nach der Verkündigung dcö Gesetzbuchs im Neichsgcsetzblatt in 1 Band complct und gebunden erscheinen und nicht mehr als ca. 6 M. 50 Ps. kosten. Apologie des Christenthums. Von Or. Hettinger. 7. Aufl. Verlag von Herder in Frciburg. * Von dieser Lieferungsausgabe des berühmten Werkes, welches von dem Straßbnrger Professor der Theologie, Dr. Engen Müller, herausgegeben wird, liegen bis jetzt 8 Lieferungen vor, das 8. Heft beschließt die Serie der 18 Vortrüge mit dem Vertrag über die Person Jesu Christi und eröffnet die weitere Serie von Vortragen mit dem ersten, der sich „Grund- und Aufriß" betitelt und über Geist und Kraft, die Frage der Menschheit und die Antwort der Menschheit, die Vorsehung, Dualismus, Pantheismus, Princip der christlichen Sitte u. a. m. handelt. Tiefe der Gedanken und Schönheit der Sprache zeichnen Hettingers Apologie, die in keiner gebildeten katholischen Familie fehlen sollte, in hohem Maße aus. Der Herausgeber hat seinerseits in den „Bemerkungen" zu den einzelnen Vortrügen trefflich für jene Ergänzungen gesorgt, welche das Werk auf die Höhe des heutigen Standes wissenschaftlicher Forschung stellen. P. Hermann Korn 0. 8. b'r., Seraphischer Stcrnen- himmcl, d. i. Lebensbeschreibung der Heiligen, Seligen und anderer Mitglieder des III. Ordens vom hl. Fran- ziskus, welche im Ruf der Heiligkeit verschieden. Neu bearbeitet und herausgegeben von vr. Engelbert Hosele, Priester der Diöcese Nottenburg, päpstlicher Hausprälat. Vollständig in 20 Lieferungen ü 40 Pf. Negcnöburg, Nationale Verlagsanstalt. 1896. * Der Seraphische Sternhimmel, eine Legende für alle in Kloster und Welt, besonders für die Mitglieder des III. Ordens und die es werden wollen, erscheint erstmals illustrirt und enthält gegen 200 Abbildungen, darunter 12 prächtige Farbendruckbilder. Besonders anziehend sind für uns die schwäbischen, bayerischen und überhaupt deutschen Heiligen und Seligen des dritten Ordens, daher sind auch vom Herausgeber Lebensbeschreibungen solcher theils neu eingeschaltet, theils ergänzt und erweitert worden. Der „Sternenhimmel" enthält für jeden MvnatStag das Lebensbild einer heiligen oder seeligen Person und daran anschließend eine Betrachtung, und ist geeignet, im Geiste des hl. FranziSkus viel Gutes zu wirken. Liiizcr thcol.-praktische Qnartalsckrift. Jahrgang 1896. Expedition: Linz, Stisterstraße Nr. 7. Preis pr. Jahr 7 M. Inhalt des 3. Heftes: Ein Vierteljahrhundert nach dem Jahre 1870. Von Pros. ?. Albert M. Weiß 0. kr. in Freiburg (Schweiz). — Die Erhaltung und Verwaltung des kirchlichen Immobiliarbesitzes. Von Domcapitular vr. Mathias Hohler in Limbnrg an der Lahn. — Zur Lösung des apo- calyptifchen Räthsels. Von Universitäts-Profcssor Dr. Bernhard Schäfer in Wien. — Wer hat von den Socialdemokraten Rettung zu hoffen? Von Victor Cathrein 8. I. im Jgnatius- Collcg bei Valkenburg (Holland). — Das Mcnsnrunwesen an den modernen Universitäten. (Ein Beitrag zur Behandlung dieser Frage im Religionsunterrichte an Gymnasien.) Von I. B. May, Pfarrer in Hambach. — Die Bergpredigt nach Matthäus (Cap. 5, 6, 7). Von A. Riesterer, Pfarrer in Müllen (Baden). — Der hl. FranciScus von Assist und die Wissenschaft. Von ?. Joseph a Leonissa 0. Oap. in Neu- Oetting (Bayern). — Bilder aus der Seclsorge. Gezeichnet von Mathias Rupertsbergcr, Pfarrer in Niederrana (Nieder- österreich). — Ueber Hauschroniken. Von I. M. — Waffen im Kampfe gegen den Socialismus. Dargereicht von Ich. Lang- tbaler, reg. Chorherr und Stiftshosmeister in St. Florian (O.-Oe.). — Pastoral-Fragen und -Fälle: 1) Durch kleine Diebstähle zu einer erheblichen Summe. Von Pros. Augustin Lehmku hl 8. ck. in Exaetcn (Holland). 2) Die kirchlichen Ehe- gesetze und die Nichtchristen. Von vr. Fr. A. Goepsert, Uni- versitäts Professor in Würzburg (Bayern). 3) Ein treuloser Bräutigam bestraft. Von M. H. 4) Kanu das Testament eines Selbstmörders, betreffend ein Messen-Stiftuugslcgat, cxeguirt werden? Von Dr. Ant. Brychta, Domcapitular in König- grätz (Böhmen). U. s. w. Nepertorinm der Pädagogik. Herausgegeben von Oberlehrer I. B. Schubert. Verlag der I. Ebner'schen Bucbbandlung in Ulm. (Preis 5 Mark 40 Psg. für 12 Monatshefte.) Das 9. Heft des SO. Jahrganges enthält u. A. einen Gc- denkartikel über Joach. Heim. Campe, Aufsätze über die Lehrer- gestalten der Jean Paul'schcn Muse, über Entwicklungsgeschichte deS deutschen LehrerstandcS seit 1800 u. a. m. Katech etische Blätter. Zeitschrift für NeligionÄchrcr. Zugleich Corrcspondenzblatt des Canisius-Katcchetcn- Nercins. Herausgegeben u. redigiert von Pfarrer Frz. Walk, Bcnesiziat zu GaimcrSheim (Oberbayern). Keuchten, Verlag der Jos. Kösel'schcn Buchhandlung. Preis pro Jahrgang (12 Hefte) M. 2,40. Das 6. Heft des 22. Jahrg. enthält u. A. den Abschluß von „Die sociale Bedeutung des Religionsunterrichtes in der Volksschule" von Lehrer H. Aals, einen Artikel zur Katechismusfrage in Bayern u. A. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görrcsgescllschaft herausgegeben von Dr. Const. Gntberlet. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerei. IX. Jahrgang. 1. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. V. Cathrein 8. ck., Worin besteht daS Wesen des sittlich Guten und dcö sitttlich Bösen? L. Schütz, Der HhpnotiSmns. (Forts.) C. Gut- bcrlct, Ist die Seele Thätigkeit oder Substanz? (Schluß.) B. Paquö, Zur Lehre vom Gefühl. (Forts.). — II. Recensionen u. Referate. Oursns plftlosopliieus: 0. trieft, DoZica, u. Ontologie!.; II. Heran, llliilosopliia natnralis, von I. W- Aren hold. Beiträge zur Geschickte der Philosophie des M.-A.: M. Baumgartner, Die Erkenutnißlchre des Wilb. v. Auvcrgne; M. Doktor, Die Philosophie deS Josef (ibn) Zaddik, von I. A. Endres. L. Loireeo, I-'iüea ün pllßuomöns, v. F. T. Pfeifer. I. Müller, Das Wesen deS HumorS, von C. Gntberlet. P. Schanz, Apologie des Christenthums (2. Auflage) I., von A. Ottcn. A. Stöckl, Lehrbuch der Apologetik, v. demselben. G. Louis, Thomas Morus und seine Utopia, von B. Adlhoch 0. 8. B. — A. Nossig, Ueber die bestimmende Ursache dcö Pbilosophirens, V. demselben. Pbvzl-Lrülll, I-a. xliiloeoMs üs lacodi, von A. Ottcn. L. lll. Oinmor, I/amitiS, von C. Gut- berlet. T. Pesch 8. I., Christliche Lebensphilofophie, von I. D. Schmitt. — III. Zcitschriftcnschau. — IV. No- vitätenschau. — Miscellen und Nachrichten. Berichtigung. In dem Artikel der letzten „Beilage" Nr. 27, „Privat- interesse und Gemeinwohl", hat sich Spalte 1 Absatz 2 Zeile 8 von oben durch Auslassung von 2 Worten ein siunstörender Fehler eingcschlickcn. ES muß nämlich statt „die einseitige Förderung dcö Wohlbefindens der Gesellschaft" heißen: „die einseitige Förderung des Privatinterefses das Wohlbefinden der Gesellschaft" n. s. w. Verautw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. «Vl-. 29 17. Juli 1896. Friedrich Nietzsche. Ein Antichrist der Gegenwart. Von Joseph Popp. II. Fr. Nietzsche's Ideen. Wir haben in Nietzsche's Geistesleben zwei Perioden angenomuien, eine der Gesundheit und eine der Krankheit. Wir haben diese Auffassung psychologisch zu begründen gesucht und wollen sie jetzt noch durch eine Gegenüberstellung ihrer schriftstellerischen Ergebnisse erweitern und festigen. In der Zeit seiner körperlichen und geistigen Frische sind Nietzsche's Vorbilder und Lehrer Schopenhauer als Philosoph, Wagner als Künstler; beide bewundert er blind und versucht auf Grund von deren Welt- und Kunstanschauung die altgriechisch- Cultur, die nach echter Philolvgenart sein Höchstes ist, zu begreifen und zu erklären — Nietzsche geht ganz in dieser antiken Geistes- wclt auf, die er sich noch dazu nicht objectiv, sondern subjeciiv anschaut, d. h. nicht wie sie war, sondern wie er sich dieselbe träumte und wünschte. Daher auch dieser Ekel au der modernen Cultur, deren vernichtender Kritiker er geworden ist. „Die Geburt der Tragödie" und die vier sog. „Unzeitgemäßen Betrachtungen" sind das Produkt jener Geistesrichtung. „Die Geburt der Tragödie" ist ein genialer, wenn auch mißglückte- Versuch, die griechische Tragödie aus dem Wesen des blühenden hellenischen Volksthumes zu erklären. Nietzsche hat mit diesem Jugendwerk einen neuen Weg zur Welt der Griechen gefunden und zeigt sich gerade hierin in seiner glänzendsten Eigenschaft als feinsinniger Culiurpsychologe, zu dessen klassischer Vollendung er freilich zu viel Dichter war. Noch mehr als durch diese Schrift verstieß Nietzsche durch seine „unzeitgemäßen Betrachtungen" gegen die öffentliche Meinung. „Unzeitgemäß, das heißt gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden Zeit" will er darin wirken. Die vier Bände dieser Betrachtungen handeln über: „David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller." — „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben." — „Schopenhauer als Erzieher." — „Richard Wagner in Bayreuth." Die verdienstvollste Arbeit Nietzsche's ist ohne Zweifel jene über Strauß, welchen Nietzsche bis zur Vernichtung bekämpft; vor allem kritisirt er dessen vielgelesenstes Buch „Der alte und neue Glaube". Mit schonungsloser Satire werden alle Schwächen des Werkes behandelt und das Ganze stilistisch, logisch, in Bezug auf wissenschaftliche Methode und Haltbarkeit der Resultate an den Pranger gestellt. Strauß' ganzes System reißt Nietzsche wie ein Kartenhaus nieder, und der gepriesene Theologen-Apostat erscheint am Schluß als ein erbärmlicher Stümper: Strauß kein ernster Forscher, kein klassischer Schriftsteller, kein bahnbrechender Geist, als der er bis dahin gegolten, sondern ein Lobredner der trivialsten Alltäglichkeit, ein epigonenhafter Nachbeter, ein moderner „Bildungsphilister", welcher nicht im Faust'schen, nicht einmal im Lesflng'schen Suchen nach Wahrheit seine Aufgabe sieht, sondern der in dem schamlosen Philisteropümismus, in dem behäbigen, bequemen Festhalten des von den großen Männern der Vergangenheit gefundenen Culturideals seine Befriedigung findet und anderen anpreist. Die zweite Betrachtung geht der historischen Bildung der Gegenwart zu Leibe; Nietzsche sieht darin ein „Zuviel" und damit eine Gefahr für daS Geistes-Leben. Die dritte „Unzeitgemäße" behandelt Schopenhauer. Wer in dieser Schrift eines enthusiasmirten Schüler- eine gründliche Belehrung und Aufklärung über die Bedeutung des Meisters, seine Weltanschauung, seine historische Stellung, ja über seine eigentliche Wirkung als Erzieher wünscht, wird überrascht, wird enttäuscht sein. Aus den Weihrauchwolken, die vor dem Antlitz des Gefeierten aufqnalmen, blicken uns zuweilen die Züge — Nietzsche's entgegen; es ist nicht der Schopenhauer der Wirklichkeit, der uns hier geschildert wird, sondern jener, welchen der schwärmerische Jünger sich vorstellt. Die Arbeit über Wagner preist in überschwäng- lichster Weise dessen Musik, gehört aber nach dem Urtheil der Kenner zum Tiefsten und Besten, was seit Liszts epochemachenden Aufsätzen über diese Kunst geschrieben wurde. In den „unzeitgemäßen Betrachtungen" tritt Nietzsche als begeisterter Freund der griechischen Cultur gegen unsere moderne Cultur aus, die er bis in ihre innersten Herzens- günge kennt, bloßlegt und preisgibt. — Da tritt mit ! cm Hereinbräche seines schweren physischen Leidens auch der Umschwung im Geistesleben ein. Das erste Werk dicstr zweiten, philosophischen Periode ist Voltaire gcwidm und trägt den bezeichnenden Titel „Morgenröthe" mit dem Zusatz: „Gedanken über die moralischen Vor- urthcile". Voltaire, der Freigeist pur sxealleiros und Patriarch des Atheismus, ist der rechte Patron für c ne Philosophie, welche gegen alle bisherigen Weliansch. >?- ungen Sturm läuft und ihr Programm also entwickelt: - „Wir wollen nicht wieder zurück in das, was uns alS überlebt und morsch gilt, in irgend etwas „Unglaubwürdiges", heiße es nun Gott, Tugend, Wahrheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe; wir gestatten uns keine Lüge,>- brücken zu den alten Idealen, wir sind von Grund aus allem feind, was in uns vermitteln und mischen möchte, feind jeder jetztigen Art Glauben und Christlichkeit, feind dem Halb und Halben aller Romantik und Vaterländerei feind auch der Artisten-Genüßlichkeit, Artisten-Gewiffen- losigkeit, welche uns überreden möchte, da anzubeten, wo wir nicht mehr glauben, feind kurzum dem ganzen europäischen Femininismus (oder Idealismus, wenn man's lieber hört), der ewig hinanzieht und ewig gerade damit herunterbringt: allein als Menschen dieses Gewissens fühlen wir uns noch verwandt mit der deutschen Necht- schaffenheit und Frömmigkeit von Jahrtausenden, wenn auch als deren fragwürdigste und letzte Abkömmlinge, wir Jmmoralisten, wir Gottlosen von heute, ja sogar im gewissen Verstaube als deren Erben, als Vollstrecker ihres innersten Willens, eines pessimistischen Willens, wie gesagt, der sich nicht davor fürchtet, sich selbst zu verneinen, weil er mit Lust verneint. In uns vollzieht sich — gesetzt, daß ihr eine Form > wollt — die Selbstaushebung der Moral." Umsturz aller Begriffe und Principien ist der Grundgedanke in diesen sonst so verworrenen Aeußerungen. Merkwürdig ist auch, daß Nietzsche für das Tohuwabohu seiner Ideen den Aphorismus wählte und in ihm alle seine philosophischen Werke geschrieben hat. Da» ') Dorr, S. d. Die Morgenröthe. 226 durch gewinnt jedes seiner Bücher einen Lexikon-Charakter; man kann da über alles Erdenkliche Aufschluß erhalten, ober nichts Ganzes, Zusammenhängendes, Fertiges. Die Anhänger Nieysche's preisen diese schriftstellerische Farm als „eine Farm der Ewigkeit"; und Nietzsche selbst schreibt in seinem letzten Werke „Die Götzendämmerung" : „Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der Ewigkeit; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sogen, was jeder Andere in einem Buche sagt,- was jeder Andere in einem Buche nicht sagt." Und doch hat NietzUe hierin nur aus der Noth eine Tugend gemacht; seine Krankheit erlaubte ihm keine andauernde zusammenhängende Arbeitsweise; darum wählte er diese lose Form, zugleich als passendstes Charakteristicum seiner zerrissenen und verschrobenen Ideenwelt. Wir müssen übrigens zugestehen, daß wir in diesen Aphorismen eine stilistische Meisterschaft ohnegleichen anerkennen; Nietzsche hat eine Sprache, die für alle menschlichen Verhältnisse Worte findet, und oft so treffende, plastische, erschöpfende, wie sie nur ein Sprachgenie gestalten kann. Daß der Inhalt dieser bewunderungswürdigen Form unter den verworrenen Begriffen leidet, ist klar, aber noch kein Grund, auch der Form als solcher die Anerkennung zu versagen. Man muß Nietzsches Stilregeln gelesen haben, um zu erfahren, welcher Meister er auf diesem Gebiete war, in Theorie und Praxis. — Darin beruht ja auch Zum großen Theil seine Gefährlichkeit. Ein System kennt Nietzsche nicht; darum ist es so schwer, seine Gedankenwelt anderen zu vergegenwärtigen; man muß die Hauptgedanken erst mühsam aus diesem Urwald von Hunderten und taufenden Aphorismen zusammensuchen. Nietzsche ist auch hierin Anarchist! System zu haben, schein: ihm Schwindel. In der „Götzendämmerung" (S. 5) sagt er: „Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Wege. Der Wille zum System ist ein Mangel an Nechtschaffenheit." Seit Hegel gab es kein eigentliches philosophisches System mehr, und dieses ist so abstrus, daß ein gesunder Mensch davon verwirrt, ein kranker aber zum Narren wird. Nun kommt Nietzsche und erklärt jedes System-Wollen schon als unrecht; er gibt sich selber. Infolge dessen haben wir zwei Erscheinungsformen der Philosophie Nietzsche's; die eine ist klar, die andere meist unverständlich. Wo Nietzsche in seinem Stolz und Haß über andere herfällt, ist er klar, sehr klar und dabei meistentheils grob, unsäglich grob; wo er etwas Eigenes, Positives, Philosophisches sagen soll, regnet es Wiver- sprüche, Absurditäten und Lästerungen. Der Grundgedanke Nietzsche's ist der Wahlspruch des berüchtigten Mörderordens der Assafsinen, auf den die Kreuzfahrer im Mittelalter stießen; dieser „Freigeisterorden pur oxasilauos" hatte die Devise: „Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt."^) Es ist das eine Weltanschauung in der Westentasche. Für die Logik gilt: „Nichts ist wahr"; für die Erkcnntnißtheorie, die Psychologie und Metaphysik: „Nichts ist wahr"; der Ethik bleibt: „Alles ist erlaubt". Wie vollständig, umfassend und erschöpfend diese Antworten sind, wie ganz frei vom Ballast der Terminologie, der Distinktionen und Subtilitäten! Dem entsprechend ist Nietzsche ein philosophischer Anarchist; er stellt Alles auf den Kopf und gibt es so Genealogie der Moral. S. 166—170. als alleinige Wahrheit aus; er macht auch nicht den Versuch einer Begründung. Soweit unter den angedeuteten Umständen von einer Philosophie geredet werden kann, ist Nietzsche's Philosophie Moral- und Geschichtsphilosophic. Ihre Leitgedanken möchten folgende sein: Die Cultur entsteht dadurch, daß der physisch Stärkere (die „blonde Bestie der Urzeit", das „prachtvoll schweifende Naubthier") den Schwächeren unterdrück: und vergewaltigt. Die Moralität der menschlichen Handlungen ist so, wie sich diese Handlungen zur Förderung oder Hinderung dieser Cultur verhallen. Es gibt deßhalb zwei Arten von Moral: „H.errn- Moral" und „Sklaven-Moral". Das Herrenrecht und Herrscherrecht des Stärkeren und Alles, was dessen Ausübung theoretisch und praktisch fördert, ist gut, edel, vornehm, weil es die Cultur hebt. Was sie verneint, beschränkt, hindert, jedes bindende Gesetz, jede Zügelung der Selbstsucht ist böse, niedrig, gemein. Das ist der Kern der „Herren-Moral", welche „Jenseits von Gut und Böse" im bisherigen Sinn ist. Seit Jahrhunderten herrscht aber in der Cultur- welt die „Sklaven-Moral", nämlich die Moral des Christenthums. Sie hat wie die Begriffe von Gut und Böse, so auch in der letzten Wurzel den Begriff der Cultur gefälscht und hat mit ihrer Fälschung einen die Welt beherrschenden Erfolg erzielt. Die „Herrcn-Mora!" gerieth so vollständig in Vergessenheit, daß sie am Ausgang des 19. Jahrhunderts durch Nietzsche erst wieder entdeckt werden mußte. Was der mächtige, vornehme, freie Geist thut, ist gut; er thut aber, was er will. Das „Heerden-Vieh" — das sind alle nichtstarken Geister — meint freilich, seine Tugenden seien gut. Der Gegensatz zwischen dieser Herren- und Sklaven- Moral tritt uns in Beispielen am klarsten entgegen. Nach der Sklaven-Moral nennt man gut und edel: Demuth und Nächstenliebe etwa, Barmherzigkeit, Milde, Geduld. Vom Standpunkte der Herren-Moral sind dies lauter knechtische Niedrigkeiten, vollkommene Entartung der prachtvollen, blonden Bestie. Sie zu üben, ist Ohnmacht und Gemeinheit; sie trotz allen voranleuchtenden Beispielen vom Gegentheil immer noch bewundern und preisen, ist das zweifellose Zeichen culturcllen Niederganges, der Däcadence. Und deßhalb ist die moderne Cultur werth in Trümmer zu gehen, weil sie immer noch ganz unheilbar durchseucht ist von Nachwirkungen der Sklaven-Moral. Immer noch haben Ansehen die „alten Tafeln" mit den Satzungen theistischer und christlicher Moral. Neuer Tafeln bedarf es! „Brüder, zerbrecht mir die alten Tafeln" lehrt darum Zarathustra. Auf den neuen aber stehe nichts von den alten Chimären wie Gottesgesctz und Nächstenliebe; Freiheit nur und wiederum Freiheit! Keine Schranke verbietenden Gesetzes! Nichts ist verboten — alles ist erlaubt! Was die alten Tafeln Todsünden nannten, Habsucht, Herrschsucht, Haß, Grausamkeit, heißt auf den neuen Männerwürde und Geistesfreiheit. Der Mensch dieser neuen Freiheit ist der „Uebermensch"; bis jetzt gibt es erst einen: Zarathustra-Nictzsche! — Um diesen Menschen, zu dem die gegenwärtige Menschheit nur >,eine Brücke", ein Uebergang ist, zu züchten, muß eine „Umwerthung sämmtlicher Werthe" geschaffen werden. Das war denn auch Nietzsche's letzter titanischer Plan; er brachte es aber nur bis zum Entwurf, dann befreite ihn und die Menschheit von diesem Unmenschlichkeits-Jdeal der Wahnsinn. 227 Weil Nictzsche's Plänen das Christenthum diametral entgegenstand, so höhnte und haßte er es in noch nie dagewesener Art. Selbst der Patriarch des Unglaubens, der frivole Voltaire, muß da schweigen. Nietzsche stellt die Wirkungen des Christenthums auf eine Stufe mit der Alkoholvergiftung und Syphilis; er nennt es die größte aller Korruptionen; er preist sich selber als den Antichrist. Die ganze Weltanschauung Nictzsche's ist der extremste Individualismus, noch dazu einer kranken Persönlichkeit. Nietzsche hegte schon frühzeitig den Wahn einer Größe, die außer allem Verhältniß steht zu dem, was er thatsächlich geleistet. Er hielt sich zuletzt — nach Lou Andreas — „für daS Medium, durch welches die Ewigkeit aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewußt wird, — für den fleischgewordcnen Menschhetts- genius selbst, in dem die Vergangenheit der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst/") Er fühlte sich aber auch als den durch und durch kranken Menschen der modernen Ueber-Cultur; darum kann seinem Werke nur eine symptomatische Bedeutung zukommen. Es bedarf auch keiner Widerlegung, weil es sich selber widerlegt, so gründlich, wie es kein Fremder thun kann. Wir con- statiren es lediglich als ein interessantes culturpsycholog- isches Phänomen der Gegenwart — mehr nicht! (Schluß folgt.) Privatirrteresse und Gemeinwohl. Eine wirthf christliche Studie. (Schluß.) IV. Nachdem wir das Verhältniß von Privatinteresse und Gemeinwohl mit Rücksicht auf Grund und Boden und dessen Bewirthschaftung betrachtet haben, wollen wir das Verhältniß der beiden socialen Faktoren in Beziehung auf Vereinigungen von Menschen, in Beziehung auf Korporationen oder Genossenschaften untersuchen. Wir unterscheiden ein individuelles oder privates Interesse und ein corporatives Berufs- oder Standesinteresse. Das individuelle Interesse und die freie gesetzlich gestattete und geförderte Verfolgung dieses Interesses, das ist die wirthschastliche Freiheit, mit welcher uns der Liberalismus „beglückt" hat. Der Individualismus, d. h. die Auffassung der menschlichen Gesellschaft als einer gleichartigen Masse zusammcnhangsloser und im Kampfe um das Dasein gleichberechtigter Einzelwesen, gehört zu den Grundlagen des liberalen Systems. Nicht die Familie bildet nach der liberalen Theorie daS Fundament der Gesellschaft, sondern reine Personen oder Nechtssubjecte, die weder Mann noch Frau sind. Der Unterschied der Geschlechter und deren Ergebniß, die Familie, existiren in der künstlichen und mechanischen Auffassung des Liberalismus nicht; alle Menschenwesen werden theoretisch und schematisch als gleich angenommen, mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet. Es gibt keine Fnmilicninteressen, keine Interessen der Stände, die in gewissem Sinne nur eine Vereinigung von Familien sind, sondern nur ein individuelles, egoistisches Interesse. Dieses vow Familienverbande und von seinem Stande losgelöste und allein und selbstständig dastehende Individuum hat auch selbst und mittelst eigener Kraft seine ") Genealogie der Moral. t59 f. ?) Genealogie der Moral. 121—153. Interessen im wirthschaftlichen Leben geltend zu machen. Es ist ihm volle Freiheit im Erwerbsleben gegeben, es sind ihm keine einengenden Schranken gezogen, es wird ihm nicht der überwachende Schutz der Genossenschaft oder des Staates zu theil. Frei und ungebunden sind alle Berufe und deren Vertreter, frei wie die Vogel in der Luft. Frei und schutzlos! — Welche Folgen diese liberale Freiheit gezeitigt, das empfinden heute alle ar. bettenden Stände. Die sociale Frage und sociale Lage ist in erster Linie eine Folge der in den Wehen der französischen Revolution geborenen wirthschaftlichen Freiheiten. Das Ergebniß dieser individuellen Freiheit predigt die Verschuldung des festen Besitzes, die Verarmung des Mittelstandes und die Uebermacht des alles beherrschenden Kapitals. Unter dieser Freiheit seufzt der Lohnsklave an der Maschine, dieser vor hundert Jahren erklungcne Ruf nach wirihschastlicher Freiheit findet heute sein Echo in dem Schmerzensschrei des ausgewuchcrten Volkes. Die freie Verfolgung des Privat- interesses hat den Untergang des Gemeinwohls erzeugt. An die Stelle des rücksichtslosen Interesses des einzelnen Individuums soll das geregelte Interesse der organisirten Berufsklassen treten. Das durch eine naturgemäße Organisation und durch gesetzlichen Schutz bedingte Gcsammtwohl des einzelnen arbeitenden Standes garantirt gleichzeitig das Wohl jedes Individuums desselben. Um zu diesem wirthschaftlichen und socialen Wohlbefinden wieder zu gelangen, müssen wir allerdings erst die aufgelöste Gesellschaft berufs- ständisch organisiren. Nehmen wir als Beispiel den Handwerkerstand Der Handwerkerstand hat seit Jahrzehnten die „Segnungen" der Gewerbefreiheit gekostet; der einzelne Handwerksmeister konnte sein privates Interesse ungehindert geltend machen. Und die Folge? Verarmung und Rückgang des Standes, Zuchtlosigkeit bei Lehrlingen und Gesellen, Verschwinden des ehemaligen Ansehens des Meisters, mangelhafte Ausbildung und Pfuscharbeit! Das Handwerk, dieser liberalen „Segnungen" satt, will heute sich wieder corporntiv organisiren und das Standesinteresse, d. i. das allgemeine Wohl des Standes über die freie und rücksichtslose Verfolgung des privaten Interesses stellen. Hier haben wir den deutlichen Beweis, daß die freie Verfolgung des Privatinteresses erst das Gemeinwohl und als weitere Folge das Interesse und Wohl der Privaten selbst untergräbt, während umgekehrt das durch eine natürliche Organisation und durch den Schutz und die Schranke des Gesetzes geschaffene Gemeinwohl die Voraussetzung und Grundlage des Wohles jedes einzelnen Standcsgenosscn ist. Der Handwerkerstand beginnt sich zu organisiren; er will das Wohl und das Ansehen des gavM Standes über persönliche Willkür und persönlichen Egoismus stellen. Die anderen Stände beginnen, langsam aber deutlich, diesem Beispiele zu folgen, und eS gilt, diese noch tastende Bewegung in richtige Bahnen zu leiten. Das Wohl des Standes über die wirthschastliche Freiheit des Einzelnen! wird allgemeine Losung. Das Wohl all dieser Stände bedingt das Wohl der Gesellschaft und damit auch das Wohl und die innere Stärke des Staates. Wenn wieder einmal ganz die Anschauung lebendig geworden ist, daß im wirthschaftlichen Leben nicht persönliche Freiheit und persönlich-egoistisches Interesse, son- 228 dern der seiner natürlichen Bestimmung zurückgegebene Grund und Boden, die gesellschaftliche Ordnung und die gesellschaftliche Solidarität das Fundament des allgemeinen materiellen Wohles sind, dann und erst dann werden auch für unser arbeitendes, christliches Volk wieder schönere und bessere Tage erblühen. Ueber Glasmalerei im Frankenlande und die Glas-gemälde der St. Jakobskirche zn Rothen- bnrg o. d. Tauber. Von Dr. H. Oidtmann in Linnich (Rheinland). (Fortsetzung.) st. Außer 6, mit Wappen von Domherren versehenen, nach Art der Schwcizerwappen ausgeführten, kleinen Feldern, welche in dem unteren Ausstellungsraum, in den Fenstern der Scpulturkapelle eingesetzt sind, waren noch einige „Glasscheiben", abgesehen von einer Madonna, meist Wappen aus dem Ende des 16. und aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, an den Fenstern der verschiedenen Ausstellungsräume angebracht: zum großen Theil mittelmäßige Arbeiten dieser späten Periode der Glasmalerei. Ein hervorragendes Stück befand sich unter denselben nicht. Auch das Scheibchcn Nr. 832 des Katalogs: „Symbol des Evangelisten Lukas; einst im Besitz der Lukasgilde der Maler, Glaser u. s. w., sehr alt, Besitzer der histor. Verein Würzburg", verdient die obendrein etwas sehr ungenaue und unbestimmte Bezeichnung „sehr alt" doch wohl kaum. Abgesehen von dem vorhandenen Silbergelb, einer erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erfundenen und anfangs noch recht selten und spärlich in Anwendung kommenden Malfarbe, abgesehen auch von der gothischen Minuskelschrift, verweisen die Stilisirung des angebrachten Blattornaments, ferner die Ausführung grau in grau auf eine viel spätere Zeit, wohl frühestens auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Hätte noch die Sammlung des Freiherrn v. Bibra auf Schloß Schwebhcim bestanden, dann würde diese Abtheilung der fränkischen Ausstellung sicherlich ein anderes Bild geboten haben. Leider ist aber die bedeutende Sammlung alter Glasmalereien, welche der Freiherr von Bibra besaß, im Anfange der fünfziger Jahre durch ihn gegen Pergamentmalereien vertauscht worden. So ging eine Sammlung verloren, welche schon Bessert in seinem vorzüglichen Werke über die Glasmalerei als eine der besten erwähnt, die ihm bekannt waren, und deren reichen, alle Perioden und jede Art unserer Kunst umfassenden Schatz er als ausgezeichnete Quelle für das Studium der Geschichte der Glasmalerei bezeichnet. Nach der Bavaria?) und nach Sighart sollen sich noch in vielen kleineren Kirchen und Sammlungen des Frankenlandes alte Glasmalereien befinden, so unter anderem auf der Karlsburg, deren Ruine kaum noch die Fensteröffnungen erkennen läßt, also sicherlich keine Glasgemälde mehr bergen kann. Auch die von denselben Werken angeführten Sammlungen des historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg im kgl. Residenzschlosse zu Würzburg bieten nichts Bedeutendes in ihrer Glasgemäldesammlung; einige ovale Scheiben sind noch ') Bavaria, Landes- und Volkskunde des Kgr. Bayern. 5 Bde. 1860—1867. °) Sigbart, Dr. I., Geschichte der bildenden Künste im Königreich Bayern von den Anfängen bis znr Gegenwart. München, 1863. weniger als mittelmäßig; ein kleines Wappen, schwarz und grau, ist ziemlich gut durchgeführt, während eine runde Scheibe, aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, gänzlich mit undurchsichtigem Email bemalt, ein recht krasses Beispiel aus der Zeit des Verfalles unserer Kunst darbietet. Kunstgeschichtlich interessant sind zwei für die erste Hälfte unseres Jahrhunderts gut durchgeführte Flügel mit den Darstellungen einer betenden Maria und eines auferstandenen, segnenden Christus. Das zu diesen Flügeln gehörige Maßwerk zeigt Vögcl, Früchte und Blumen, gelb in schwarz, sowie den hl. Geist in gelbem Glorienschein auf blauer Wolke. Dieses Fenster ist einer der ersten größeren Versuche des um die Wiederaufnahme oder vielmehr um die Verbreitung der Glasmalerei so hochverdienten Ernst Freiherrn v. Bibra und deßhalb kunstgeschichtlich interessant. Die Ausführung ist für die damalige Zeit gut zu nennen; die farbigen Gläser, zum Theil mit Schwarzloth damascirt, sind scbön und kräftig in der Farbe; die Schattirnng ist in Schraffir- manier durchgeführt, das Glas selbst ist schön durchsichtig und klar gelassen, nur die Fleischtheile und das weiße Kopftuch der hl. Maria sind matt überzogen. Einige Fehler in der Technik verrathen den Versuch des Anfängers, so vor allem die ungeschickte Anbringung der Bleie, welche besonders an der Fahne, an dem Glorienschein und an einem Stücke des Stabes auffällt: an einer Seite Bleiruthe, an der andern viel zu dünner und schwacher Kontur; weßhalb man die Stücke nicht ganz ausgeschnitten hat, ist heute unverständlich. Die Konturen sind überhaupt zu schmal, zu dünn aufgetragen, etwas ängstlich angebracht. Diese Mängel des Gemäldes sollen aber keineswegs das Verdienst des kunstsinnigen Freiherrn herabsetzen; diese Fehler liegen eben an den damaligen Verhältnissen. Die Arbeiten jener Zeit waren eben noch die Lehrlingsarbeiten der wiedcranflebenden Glasmalerei. Das Verdienst des kunstliebenden und kunstfertigen Freiherrn, in dieser Zeit unter Anleitung des Nürnberger Glasmalers M. Trost thatkräftig an der Verbreitung der edlen Kunst mitgearbeitet zu haben, wird sein Andenken in der Geschichte der Glasmalerei unvergeßlich machen. Von den in den oben angeführten Werken angegebenen Glasmalereien in Ochsenfnrt, Apostel in der Michelskapelle, ist nichts mehr vorhanden; auch in Heidingsfeld, wo sich alte Glasgemülde befinden sollen, ist nichts erhalten. Von sämmtlichen Kirchen des Frankenlandes bieten nur noch zwei Kirchen Reste von Glasmalereien, nämlich die gothische Kirche zu Mariasondheim bei Arnstein und die gothische Pfarrkirche zu Münnerstadt. In ersterer haben sich in zwei Fenstern mehrere Rosenkranzdarstellungen erhalten. In letzterer zeigen die Chorfenster Scenen aus dem Leben des Heilandes und Einzelfiguren. Die Fenster, heute willkürlich zusammengesetzt, mögen wohl früher ein farbenprächtiger Schmuck der Kirche gewesen sein. Ueber den früheren Zustand weiß auch das von LotzO) angeführte „Unterfränkische Archiv, Band 7" nichts Näheres anzugeben. Auch die Wappenscheiben und Fragmente in den Fenstern der 1834 restaurirten Burgkapelle auf der Altenburg bei Bamberg sind ohne besondere Bedeutung. ! Lotz spricht noch von spätgothischen Glasmalereien im Chor der Wallfahrtskapclle St. Johannes auf dem H Lotz, Dr. W-, Kunsitopographie Deutschlands; 2 Bde., 1862 u. 1863. Kirchberg bei Volkach, welche einen Christus am Kreuz, Maria, Johannes, Maria und Stifter darstellen, ferner von Glasmalereien in der sogenannten gothischen Kapelle in Greifenstein bei Bamberg. Die ersteren standen in der Kirche Naria intsr vitsg auf dem Kirchberg, wo sie Theile der Chorfenster ausfüllten, im Jahre 1880 aber bei der Renovation der Kirche durch neue Glas- gemälde ersetzt wurden. Die alten Fenster stehen in Volkach zum Verkauf. Letztere bestehen aus Wappen und den Evangclistenbildern. Ein erfreulicheres Bild bietet die St. Jakobskirche im benachbarten Nothenburg ob der Tauber. Möge auch der nicht kunstverständige Besucher dieser ehemaligen freien Reichsstadt unter dem Eindruck, welchen das reizende Tauberthal sowie der mittelalterliche Charakter der Stadt mit ihren alten Mauern, mit ihren zahlreichen Thürmen und Thürmchen, mit ihren malerischen Thoren, mit ihren Erkern und Giebeln auf ihn ausübt, nicht die Kunstschätze übersehen, welche die stattliche, gothische St. Zakobskirche in sich birgt; es ist fast ein Wunder zu nennen, daß sich dieselben gerade in dem harjgeprüften Nothenburg trotz all den Stürmen der Zeit erhalten haben. Dem Hauptaltar Friedrich Herlen's aus dem Jahre 1466, sowie den beiden Seitenaltären Tillmaun Niemen- schneider's kann man die drei großen Glassenster des Ost-Chors würdig zur Seite stellen. Es ist unbegreiflich, daß diese Fenster in den bisher erschienenen Werken über die Glasmalerei nicht besser hervorgehoben wurden; manche andere, in Wirklichkeit nicht mehr vorhandene Denkmäler findet man als noch bestehend beschrieben, und diese wirklich großartigen Kunstwerke müssen sich im günstigsten Fall mit einer bloßen Erwähnung begnügen. Die genaue Besichtigung und eingehende Würdigung dieser Prachtleistungen mittelalterlicher Meister kann nicht genug empfohlen werden. Vielen Besuchern mag die Pracht dieser färben- und figurenrcichen Glasmalereien entgangen sein, da wegen des zu starken Vordcrlichtcs — die übrigen Fenster sind nur mit weißen Bntzen ausgefüllt — die Fenster gegen Mittag vollständig ihre leuchtende Farben- wirkung verlieren. Um so großartiger, ja geradezu überwältigend ist ihr Farbenspiel in den frühen Morgenstunden. Nach vorhandenen Resten in dem Maßwerk zweier weiterer Chorfenster ist wohl zu schließen, daß ursprünglich alle Fenster, wenigstens die Chorfenster, mit Glasmalerei versehen waren; auch zeigt das Fenster an der Epistelseite einzelne Theile, welche vielleicht früher in einem anderen Fenster gestanden haben. Die Technik und die Ausarbeitung der Fenster, wenigstens des mittleren und desjenigen der Evangelieuseite, entsprechen den Arbeiten aus dem Ende des 14. Jahrhunderts; so vermissen wir auch noch die Anwendung des Silbergelb; nur an den kleinen Engeln im zweiten Medaillon des rechten (vom Beschauer aus linken) Fensters (Evangelien- seite) scheinen Spuren von Silbergelb angebracht zu sein; vielfach findet man die Haare eingebleit. In der Anordnung, in der Komposition sind die Fenster sehr verschieden; es besteht nicht der geringste Zusammenhang, nicht die geringste Ähnlichkeit, nicht einmal in der Farben- stimmung. Hier und da, besonders an dem Fenster der Epistelseite, begegnen uns Versuche besserer Modellirung und perspektivischer Darstellung. Die eingebleiten Buchstaben erinnern neben einigen anderen Einzelheiten an die Fenster von St. Martha in Nürnberg; die Fenster könntest tvM derselben Werkstätte entstammen; ob aus Nürnberg? Oder vielleicht aus Nothenburg selbst, wo die Dominikaner die Künste pflegten? Treffen wir doch hier in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Martin Schwarz, welchem auch der Schwanenordensaltar zu Ans- bach zugeschrieben wurde. Das Fenster der Epistclseitr scheint, wie schon oben angedeutet, jünger zu sein; mehrere Reparaturen an diesem Fenster fallen unangenehm auf. Die St. Jakobskirche wurde 1373—1453 gebaut» der Ostchor ist der älteste Theil; der Westchor wurde erst 1453—1471 gebaut; Verwechselung beider Choranlagen hat wohl zur falschen Datirung der Fenster verleitet. Das dreitheilige Fenster der Evangelicnscite, welches leider schon sehr früh am Morgen die richtige Beleuchtung verliert, enthält in seinen unteren Feldern unter einer einfachen, in den Seitenfeldern weißen, im Mittelfeld kräftig gelben Architektur den englischen Gruß; in den Mittel- feldern auf grünem und braun-violettem, durch weiße Nosettchen unterbrochenem Hintergründe die heilige Maria, rechts (vom Fenster aus) den Erzengel Gabriel mit einem Buche, welches in gothischen Minuskeln die Worte: „avs Urri'ia, gratirr pisna ävinimrs tsourrr" enthält; links die Gestalt des hl. Joseph; der Hintergrund der Seiten- theile zeigt ein blau und rothes, durch zwischengesetzte weiße Nosettchen belebtes Muster. Ueber der Figur des HI. Joseph sehen wir Gott Vater, welcher durch ein großes Rohr den HI. Geist und seinen eingebornen Sohn zur hl. Maria hinabsendet; Gott Sohn ist dargestellt als nacktes Kindlein mit dem Kreuze auf der Schulter. Ueber dem Erzengel Gabriel ist die Gestalt des hl. Johannes mit einem Buche angebracht, aus dessen Blättern die Worts stehen: „st vsrduva oaro taetuva sst". In diesen Feldern besteht der Hintergrund aus abwechselnd grünen und blau-violetten Rauten. Hinter den Architekturen blauer Grund, in der Mitte einfach gewischt, in den Seitenfeldern mit Blattmuster versehen. Ueber der Architektur ein Teppich aus hellblauen und dunkelblauen Quadern, auf den Ecken dieser Quadern kleine, rothe Nosettchen. Fünf große, durch Ornament mit einander verbundene Medaillons nehmen die obern 30 Felder des Fensters ein; unten die Anbetung der hl. drei Könige, dann die Auferstehung Christi, die Himmelfahrt des Heilandes, die Sendung des hl. Geistes und der Tod der bl. Maria auf abwechselnd blauem oder grünem Hintergrund: auch die Einfassungen der Medaillons wechseln, bei dem einen breiter gelber Streifen und weißer Perlstreifen, bei dem anderen umgekehrt. Der Teppich, auf welchem die Medaillons aufliegen, ist in den seitlichen Feldern rothgrün mit weißen Nosettchen, in der Mitte roth-hellblau mit weißen oder gelblichen Nosettchen. Jedes Medaillon nimmt 6 Felder ein, wird also nicht nur durch das Quereisen, sondern auch durch die Steinpfosten durchschnitten; die Medaillons selbst, wie auch die einzelnen Gestalten der Gruppen sind sehr geschickt in den gegebenen Raum eingepaßt. DaS ganze Fenster zeigt sehr gute, harmonische Wirkung; „weiß" ist mit Vorsicht angewandt; die Arbeit ist streng mnsivisch. Auffallend ist die Aufhellung des Roth beim Gewände der hl. Maria in der unteren Gruppe; noch stärker tritt diese Abtönung bei einem Krieger im II. Medaillon hervor; vielleicht spätere Reparaturen. (Schlug solzt.) Mein Abschied von den Ptolemiiern. Ein X-Strahl durch die Wiener Clique. Von L. Unser 6n äs sieels hat vier Ereignisse zu nennen, welche der Archäologie und Kunst Funde dargebracht haben, die in ihrer überraschenden Bedeutung unserem Zeitalter den Namen des goldenen der Alterthumsfunde aufdrücken: das Sammelgrab der Oberpriester des Amon; die Wandgemälde des äornns Vstiiornrn (ausu nnovs.) in Pompeji; der Papyrus Rainer und die hellenistischen Bildnisse aus dem Fajjüm. Von dem letzten dieser Funde, von den antiken Porträts, wollen wir hiemir Abschied nehmen, bevor sie, von Museen und Kunstfreunden einzeln angekauft, in alle Welt vertragen werden. Das Auseinanderreißen dieser Sammlung, die nur in ihrer Vollzahl ungetrübten und nachhaltigen tiefen Einblick in die Kunstcpoche der alexandrinischen Schule gemährt, ist ein unverzeihliches Vergehen gegen den künstlerischen Fortschritt unserer Zeit und ein Beispiel gröbsten Undankes gegen jenen opfermuthigen und genialen Mann, der diesen einzigen Bildersund dem Wüstensande von Nubajjat entnommen; gegen Theodor Graf in Wien. Für den Ankauf seines Papyrusfundes fand sich glücklicherweise ein — wenn auch nicht ganz selbstloser — Fürsprecher bei dem kunstkiebenden Erzherzog Rainer; dem Bilderschatz antiker Porträts scheint ein solcher Stern nicht leuchten zu wollen. Blasirt sehen Mäcene, die ! Tausende für Rennpferde zur Verfügung haben» und Fachgelehrte zu, wie ein Stück ums andere der unersetzlich wrrthvollen Sammlung nach allen Weltgegenden vertragen wird; sie beten den Schatz an, aber keiner aus ihnen rührt sich, ihn in seiner Gesammtheit zu Ehren der Culturstaaten zu erwerben und zu halten; schnöde glänzt der Mammon im Säckel, und die gelahrten Herren in Wien schreiben nur, um sich im Abglanz der Selbstüberschätzung zu sonnen, statt auszurufen: Halt, dieser Schatz muß ein Ganzes bleiben! Du hoher 2 :^-Staat, als dessen Kunst-Kustoden du mich angestellt, mußt ihn erwerben! Aber es rührt sich kein braver Mann, denn in Wien — und vielleicht auch anderswo — ist Alles Clique. Wer nicht Mitglied der „Concordia* ist, wird nie seine Werke würdig besprochen sehen; wer nicht Mitglied der „Akademie der Wissenschaften" ist, kaun noch so viel wissen und entdecken, er wird dem Hungerkünstler den Vorrang lassen müssen; wer nicht Mitglied der „freiwilligen Rettungsgesellschaft" ist, darf keinen seiner Nebenmenschen ungestraft retten u. s. w. Ueber das Wiener Cliqucwesen bringt die „Neue Revue", die sich ehrlich bemüht, den socialen Wiener Augiasstall zu säubern, einen geharnischten Artikel *) Adamkiewicz' über seine Erlebnisse an der Albert'schen Klinik. Hoffentlich wird sich bald eine ebenso geist- und kraftvolle Feder finden, die sich über die Wiener Kunst-Clique ausläßt; es wäre herzlichst zu wünschen. Diese Clique hat es aum auf dem Gewissen, daß Graf's Porträt-Schatz nicht als Ganzes erworben wird; von Wien erworben wird, wo er nun zum letzten Mal ausgestellt ist. Wir können den oberen Zehntausend ein gebietendes Wort mit Hoffnung auf Erfolg leider nicht zurufen, aber es soll nicht unversucht bleiben, die berufenen und doch so lethargischen Kreise aufzurütteln. Ueber den Werth der hellenistischen Porträts noch Neue Revue. VII. Jahrgang. 3. Juni 1696. Nr. 23, ein Wort zu schreiben, nachdem ein Georg Ebers alles gesagt, was nur scharfsinnigstem Forschergeist zu untersuchen und zu würdigen bestimmt war, hieße Eulen nach Athen tragen, und eines so billigen Geflügclhandels wollen wir uns nicht schuldig machen. Ebers' Abhandlung^) hatte eine ganze Literatur von Essays in feuilletonistischer Form im Gefolge gehabt, die — wie ja oft in solchen Fällen — theils liebevolle Plagiate der Arbeit EberS' waren, theils dos maßgebende Urtheil des Acgyptologen bestätigten und ihrer Begeisterung in Dithyramben Luft machten. Hat doch die ganze kunstgebildete Welt nur eine Stimme des Entzückens über den Fund Graf's geäußert, und selbst jene Kritik, die ein scharfes Benagen harmlosem Genießen vorzieht, mußte sich zuletzt mit stiller Resignation zufrieden geben. Das Nesums aller Urtheile über die hellenistischen Porträts ergibt die Wahrscheinlichkeit, oder — sagen wir kühn — die Thatsache, daß Graf — wöge dieser selbst darüber zweifeln! — der glückliche Entdecker der Grabstätte und der Porträts der Ptolemäcr ist l Solche Bilder konnten nur von ersten alexandrinischen Künstlern gemalt worden sein, und solche Künstler konnten in jener Zeit nur von Königen berufen und — bezahlt worden fein. Solch hohritsvollen Blick konnte nur ein Lagide haben. Und zum ganzen Ausdruck der würdevollen Erscheinung der größeren Hälfte der Porträts gesellt sich der überzeugende Umstand, daß die Brust und das Haar der Männer und Frauen mit den Abzeichen der königlichen Würde geziert ist. Und wenn diese Porträts nicht jene der Ptolemäer sind, welche Heimgegangenen sollen sie sonst vorstellen? Vielleicht sind es — Kur in der Kalauer-Manier dcS Kunstkritikers, dem wir den Schluß unserer Betrachtung widmen wollen, zu vermuthen — die sprechenden Photographien von Mitgliedern der alexandrinischen Feuerwehr oder des Radfahrer-Vereines in Fajjum? Wenn man diesen herrlichen Werken en- kaustischer Malerei in das lebenswarrue Antlitz schaut, da ist es nicht zu kühn, zu behaupten: Nr. 4 ist daS Porträt des Lagos (Soter I.), Nr. 22 jenes Phila- delphos' I., Nr. 61 jenes Eucrgetes' II., und Nr. 12 ist daS LnIaLS der Kleopatra, deren bekanntes Profil aus Münzen in überzeugender Treue für den Bildsund spricht. Und so kann man an der Hand der alten Schriftsteller in jedem der Bilder oen Lagiden errathen. Bei unserer kühnen Behauptung thut uns nur der erwähnte Kunstkritiker leid, der sofort ins Tintenzeng stürzen wird, um zu beweisen, daß unsere Bilder nicht jene der Ptolemäer sind, denn unser Kritiker glaubt an die Existenz eines Alexander erst, wenn er ihm persönlich vorgestellt wird! Wenn es die p. t. Zunftgelehrten einmal soweit gebracht haben werden, mehr zu schauen als zu zweifeln, werden sie, wie der lustige Scholz sagte, immerhin noch nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden. EZ muß aber auch Käuze geben, die selbst dann leugnen, wenn sie von der Wahrheit einer Sache überzeugt sind, denn jeder blamirt sich, so gut er kann. So lange der Spruch: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellanfabrik" das Urtheil der akademischen Gelehrsamkeit im Zaume hält, wird sich die Archäologie nie zu höchsten Erfolgen entwickeln können und zum Schaden des zu bildenden Volkes ein ewiges Versuchskaninchen bleiben. Zum ersten Mal war Graf's Sammlung im Jahre *) Antike Porträts. Die hellenistischen Bildnisse aus dem Fajjum untersucht und gewürdigt von Georg Ebers. Verlag vo» Wilhelm Engelmami. Leipzig, 1893. L31 1890 in Wien ausgestellt, nachdem sie ihre Fahrt von Kunststadt zu Kunststadt zurückgelegt; nun nach fünf Jahren ist sie ebendort zum letzten Mal als Ganzes zu sehen. Wie damals, bildet sie auch heute den Gesprächsstoff aller Kunstfreunde und Fachleute, und die Tagesblätter füllen ihre Spalten statt mit socialem Hetzsaft mit dem friedlichen Atrament der Belehrung. Wieder Pilgern sie alle, die Akademie-Professoren, die Blaustrümpfe, die Maler und Bildhauer und Kunstdilettanten zum Kolowratring Nr. 7, um zu bewundern und den vollen, von zweifelnder Kritik nunmehr unbe- nagten Eindruck der Kunstschätze cinzusaugen; sie haben sich im Zeitraume von mehr als einer Olympiade zu verständiger Kunstanschauung dieser Porträts vorbereiten können, und auch jene Wenigen, die damals leichthin zweifelten, haben sich bekehrt wieder eingestellt. Und zu diesen Bekehrten gehört nun endlich auch Dr. Jlg, der Skeptiker und Versuchs-Archäolog, den der böse Wiener Volksmund den Blechdirektor nennt, weil er Kustos einer Waffensammlung ist und oft auch Blech urtheilt. Wir schätzen Herrn Jlg als gewandten und witzigen Journalisten, aber als crnstzunehmender Archäologe und Kunstreferent kommt er uns zu lustig vor; als letzteren hat ihn erst neulich Ernst Stöhr in der Deutschen Zeitung „niedcrgebögelt" I Und als Archäolog ist er uns Oester- reichern in schlimmer Erinnerung, als er den Theseus aus den Tempel eskamotiren und leider auch amputiren ließ und an den Erzbildsäulen in der Hofkirche zu Innsbruck naive Glanzwichsversuche anstellte. Seit diesen Thaten scheint Herr Jlg vorsichtig geworden zu sein, und wir freuen uns, daß er nun nach fünf Jahren auch zu den insichgegangenen Bewunderern der hellenistischen Porträts gehört. Damals war er sehr bös darüber, daß Künstler allerersten Ranges die antiken Porträts in eine Reihe mit den besten Bildern moderner Meister stellen, und heute findet er sogar in den Todtenmasken von Balansnrah, die diesmal zugleich mit den Todtenpertrüts ausgestellt sind, Züge „welche an jene von unseren heut noch begegnenden reizvollen Jüdinnen erinnern". Diese Ähnlichkeit findet Jlg erst heute an den Todtenmasken heraus — wo sie gar nicht vorhanden ist — und er hätte sie vor fünf Jahren weit eher in den Zügen der ägyptisch-griechischen Todten Porträts herausfinden können. Wer reitet so spät durch Nachl und Wind? Aber ganz verwinden kann es der witzige Journalist nicht, daß seine vor fünf Jahren gewagte Ansicht über den Werth der Todtenbilder ganz und gar ignorirt wurde; er benützt die Neuausstcllung und schlägt nochmals aus, wie der kritische Pegasus vor dem Verenden, und findet die Echtheit der Todtenmasken bedenklich. Das ist eine sehr bequeme Manier: wenn man an einem Funde mit bestem und schlechtestem Willen nichts deuteln kann, so erklärt man ihn einfach für unecht. Herr Jlg leitet sein Gutachten mit einem Hieb auf das „Dilettanten- geschwntz" ein, das sein Veto vor fünf Jabren ganz unbeachtet ließ; wärmt einen Brief A. v. Werners auf und legt dann los: „Wenn die strenge archäologische Untersuchung die ganze Sache (die Todtenmasken von Balansnrah) ohne alles Bedenken und Zweifel anerkennen sollte, wie wir hoffen, so wären diese farbigen Gesichtsmasken ein großartig interessanter Fund." Diesen gewagten Spruch Jlgs möge Herr Graf, der uns auf eindringliche Bitte seine Duplik übergeben — diese Wiener Geschichte der Bilder ist es wohl werth durch den Druck festgehalten ZU werden —- selbst am Schlüsse unserer Betrachtung widerlegen; wir wollen nur einige Worte über den genannten Brief A. v. Werners sagen. A. v. Werner! haha! der famose Humorist und unerreichte Illustrator Scheffels, dem der Schalk im Nacken sitzt, hat ein Gutachten über die hellenistischen Porträts abgegeben, und Herr Jlg hat es für bare Münze genommen! A. v. Werner, der witzsprühende Zeichner des KaterS Hiddigeigei, und — ein Urtheil über antike Porträts! wie reimt sich das zusamm'l Herr Jlg hat sich offenbar an die unrichtige Adresse gewendet, und A. v. Werner mag, als er den Brief Jlgs mit der Bitte um sein Gutachten bekam, wie der selige Kater meditirt haben: Hiddigeigei spricht, der Kater: „Sonderbar verkehrte Wett. Der in einer Zeit voll Hader Dies Floitiren noch gefällt . . . Kosmisch ungeheure Fragen Stürmen auf den Denker ein, Kein Orakel weiß zu sagen, Welche Lösung mag gedeih'n." Und die Lösung bestand darin, daß A. v. Werner als gebildeter und stets liebenswürdiger Mann antwortete, jedoch erklärte, „nicht sachverständig" zu sein. Warum sich Herr Jlg trotzdem auf den Brief Werners beruft, ist uns ebenso unverständlich wie die Reclame über Wasmuth's Hühneraugenringe in der Uhr. (Schluß folgt.) Historische Commission bei der k. bayer. Akademie der Wissenschaften. (Bericht deS Sekretariats über die 37. Plenarver- sammlung der historischen Commission.) Seit der letzten Plenarversammlung im Juni 1335 sind folgende Publikationen durch die Commission erfolgt: 1. Allgemeine deutsche Biographie. Band XXXIX, Lieferung 4, 5. Band XI,. Band XII, Lieferung 1. 2. Chroniken der deutschen Städte. Band XXIV. Band III der niederrkeinischen und westfälischen Städte: Soest, Duisburg. 3. Deutsche NeichStazSakte» unter Kaiser Karl V. Band II. 4. Briefe und Aktcu zur Geschichte des 16. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht aus Bayerns Fürstenhaus. Band IV. Die Hansarecesse sind dem Abschluß nahe. Der Herausgeber Dr. Koppmann, hat den Druck des 8. Bandes bis S. 368 gefördert und denkt im Herbst des gegenwärtigen Jahrs ihn zu Ende zu fuhren. Die Chroniken der deutschen Städte, unter der Leitung des Geheimen NathS von Hegel, sind bei ihrem 25. Band, dem 5. Band der Chroniken der Stadt Augsburg, bearbeitet von vr. Friedrich Roth, angelangt, dessen Text bereits fertig gedruckt ist. Nacb Hinzufügung des Glossars und des Registers wird er demnächst erscheinen. Er enthält die „Chronik neuer Geschichten" von Wilhelm Rcm, 1512—1527, nebst fünf Beilagen, unter welchen besonders bemerkenswerth ist die Relation über den Reichstag von Augsburg 1530 aus der Chronik von Langenmantel. AIS 26. Band ist ein zweiter Band der Magdeburger Chroniken in Aussicht genommen, deren erster Band, der siebente der ganzen Reihe, die Magdeburger L:chöffenchronik, bearbeitet von Jan icke, enthält. Für den zweiten Band ist die hochdeutsche Fortsetzung dieser Chronik bis 1566 und die Chronik des Georg Butz 1467—1551 bestimmt. Die Bearbeitung hat vr. Drtt- mar, Stadtarchivar von Magdeburg, übernommen. Ferner wird vr. Koppmann, sobald er die nöthige Muße gewinnt, an die Bearbeitung des zweiten Bandes für Lübeck gehen. Die Jahrbücher des deutschen Reichs haben eine sehr empfindliche Einbuße erlitten durch den am 10. Februar 1396 erfolgten Tod unseres Mitarbeiters, des Geheimen Hof- raths Winke lmann. Er war bis zu seinem Tod mit dem zweiten Band der Jahrbücher des ReichS unter Kaiser Friedrich II. beschäftigt. Das Manuskript für die Jahre 1223—1233 liegt druckfertig vor und soll demnächst als zweiter Band veröffentlicht werden. Zur Fortsetzung und Vollendung des Werkes. 232 für welche der Verfasser durch die Neubearbeitung der Böhmcr- scken Regelten die Grundlage geschaffen hat, ist bisbew ncch kein Gelehrter bereit gesunden worden. Für die Jahrbücher des Reichs unter Otto II. und Otto III. hat Dr. Ublirz die Sammlung und Sichtung des gesammten Quellensloffs beendigt und wird jetzt an die Ausarbeitung gehen. Die Arbeit für die Jahrbücher unter Heinrich IV. und HeinrichV. hat Professor Meyer von Knonau wieder ausgenommen und wird, wenn auch neuerdings durch die Geschäfte dcS NcctcratS der Züricher Hochschule behindert, nach Möglichkeit den dritten Band des Werkes fördern. Die Geschichte der Wissenschaften in Deutschland hat in diesem Jahre einen erfreulichen Fortschritt zu verzeichnen. Von den drei noch immer ausständigen Werken ist eines, die Geschichte der Geologie und Paläontologie vcm Geheimen Ratb von Zittel, dem Abschluß nahe gerückc. Das druckscrtige Manuskript reicht bis 1820, die Vollendung des Ganzen glaubt der Verfasser für den Mai 1807 in Aussicht stellen zu dürfen. Die Allgemeine deutsche Biographie, unter der Leitung des Freiherrn von Lilicucron und des Geheimen Raths Wegele, nimmt ihren regelmäßigen Fortgang. Der Sckluß des 41. Bandes ist bald nach Ablauf des Geschäftsjahrs (1. Juli) zu erwarten. Die Redaction beschäftigt sich bereits mit den Vorbereitung für die NachtragSbände sowie für das allgemeine NamenSregister zum ganzen Werk. Die ReichStagsakten der älteren Serie, unter Leitung des Professors Quidde, sind endlich zum Beginn der Drucklegung eines neuen Bandes gelangt, nämlich des von Dr. Beckmann bearbeiteten elften Bandes, der den Schluß der Regierung Sigmunds, die Zeit nach der Kaifcrkrönung, enthalten soll. Dr. Beckmann hat nach der vorigen Plcnar- versammlung noch das Venetianische Staatsarchiv besucht, dort die Arbeit für die Jahre 1433 — 1439 abgeschlossen, dann nach seiner Rückkehr die Fertigstellung deS Manuskripts unternommen, eine Arbeit, die längere Zeit in Anspruch nahm, als im vorigen Jahr vorausgesehen war, indem die Behandlung deS spröden Materials der kirchenpolitischen Verbandlungen nnd die Anordnung der für den Zusammenhang unentbehrlichen Akten, die sich in den Rahmen der ReichStagsakten nickt reckt fügen wollten, große Schwierigkeiten verursachte. Ende April wurde das Manuskript der ersten großen Haupiabtheilung „Entwicklung der Kirchenfrage von Sigmunds Kaiserkiönnng bis zum Reichstag von Basel Juni bis Oktober 1433" dem Druck übergeben. Im Fortgang deS Drucks, der keine Unterbrechung erfahren soll, wird sich deutlicher herausstellen, ob eS zweckmäßig sei, vie letzten Reichstage Sigmunds als einen besonderen zwölften Band abzutrennen. Der zehnte Band, die Nomzugszeit umfassend, von Dr. Herre bearbeitet wird voraussichtlich noch vor Erscheinen des elften Bandes drnckfertig werden. Dr. Herre hat im vorigen Sommer zuerst zur Unterstützung Dr. Beckmanns in Venedig, dann in Mailand gearbeitet, darauf die Bearbeitung der Con- cilSakten für seinen Land durch Benützung der Pariser Handschriften, die nach München gesandt worden sind, abgeschlossen und neben der Bearbeitung der Texte seine weit ausgreifenden Untersuchungen über die Vorgeschichte des Romzugö dermaßen gefördert, daß die Einleitung im Sommer druckfertig werden wird, die Vollendung des ganzen Bandes aber bis zur nächsten Plenarvenammlnng in Aussicht gestellt werden kann. In München wurden außer den Pariser Handschriften auch noch solche aus den Bibliotheken zu Wien, Trier, Wvlsenbüttel und München, Archivalicn von Nördlingen, Würzburg und München benutzt. Hervorzuheben ist die Ausbeute, welche daö für die ReichStagsakten bisher noch nicht benutzte Geheime Hausarchiv zu München gewährt hat. Nothwendig wird für Band 10 noch eine Nachlese an Ort und Stelle in Wien, vielleicht auch in DreSden sein. Für die Reichstagsakten der jüngeren Serie war wie bisher Dr. Wrcde mit Unterstützung von Seiten deS Dr. Bernays thätig. Der zweite Band der ReichStagsakten unter Kaiser Karl V. ist der Plenarvcrsammlung überreicht worden. Neben dem Druck desselben hat die Redaction des dritten Bandes begonnen, dessen Material im wesentlichen vorliegt. Derselbe wird die Ansänge des NegimentS und den ersten Reichstag zu Nürnberg März und April 1522, den Städtetag zu Eßlingen voni Juni 1522, den zweiten Reichstag zu Nürnberg November 1522 bis Februar 1523, den neben diesem Reichstag hergebenden Städtetag und womöglich auch noch den Städtetag zu Speyer vom März 1523, der eine unmittelbare Folge deS Reichstags ist, umfassen. Der erste Reichstag von Nürnberg gestattet eine knappe Behandlung. Die Städtetage hereinzuziehen ist unerläßlich, da es sich aus ihnen ganz vorwiegend um die gemeinsame Stellung der Stävte zu den gefaßten oder zu fassenden Neichtagsbcschlüsscn handelt; übrigens ist daS für sie vorhandene Material gering, mit Ausnahme des Tags von Speyer. Den breitesten Platz im dritten Band wird der zweite Reichstag von Nürnberg einnehmen. Da über diesen viel weniger veröffentlicht ist als über den Wormser Reichstag, wird der dritte Band mehr Neues bringen können, als der zweite. Aus dem, was bisher noch gänzlich unbekannt war, mag hervorgehoben werden ein ausführliches, aus der Mainzer Kanzlei stammendes Protokoll über die erste Hälfte deS Reichstags, und eine ausführliche Gegenschrift der Erz- bischöfe und Bischöfe gegen die Gravamina. (Schluß folgt.) Recensionen nnd Notizen. Im Verlage der F. I. Ebenhöcb'schen Buchhandlung (Heinr. Korb) in Linz a. d. D. erschien soeben: Eben hoch, Dr. Alfred, ReichSraths-Abgeordneter, Wände runaen durch die Gesellschaftspolitik. 8°. 280 S. Pr. brosch.fl. 1.80-M. 3.20. Dieses mit Spannung erwartete zeitgemäße Werk enthält folgende Capitel: 1) Ursprung und Ende; 2) Die Gesellschaft; 3) Die Staatsgewalt; 4) Die Menschcnrechte; 5) Bilder aus vergangener Zeit; 6) Am Ende des 19. Jahrhunderts; 7) Die Arbeitcrschntz-Gcsetzgebung Oesterreichs; 8) Rück- und Ausblick. Im erste» Capitel schildert der Verfasser daS Weltall und den Menschen. Das zweite Capitel entrollt ein Bild der menschlichen Gesellschaft, bewein die sociale Natur des Menschen, verbreitet sich über das Wesen nnd die Bedeutung der sccialen Frage und bespricht die Institution der Ehe und Familie. Das dritte Capitel bandelt vom Ursprünge der Staatsgewalt, deren verschiedenen Formen und insbesondere vom ständischen Staate und vom heurigen ConstitutioiialiSmus. Im vierten Capitel werden die wahren Menschenrechte geschildert. Das fünfte Capitel führt uns in die Zeilen dcS Mittelaltcrs zurück. DaS sechste Capitel gibt ein Bild des heutigen Zustandes der Gesellschaft. Das siebente Capitel gibt den Wortlaut der österreichischen Arbeiterschutzgesetze und reiht daran die neuesten Daten, wie sie in den Berichten der Gewcrbe-Jn- spectoren u. s. w. officicll niedergelegt sind. Das letzteCapitel gibt einen kurzen Rück- und Ausblick. — Das Buch dürfte, insbesondere da es nickt im Stile eines LcbrbucheS, sondern populär gehalten ist, ein willkommenes Hilfsbuch sein für Alle, welche in die Lage kommen, in politischen Vereinen u. s. w. die sociale Frage mit Allem, was d'rum und d'ran hängt, zu besprechen. Jbo, Küchen-Poesie. Kocbrccepte in Versen. Preis M. 150. Augsburg, Lampart u. Comp. ». Vor uns liegt ein kleines, nett ausgestattetes Büchlein. Es betitelt sich „Kücken-Poesie". In viele» munteren Versen bietet es Anleitung zur Herstellung unserer Leibgerichte. Jedenfalls ist es ein guter Gedanke, all die Kücken-Prosa mit dem anmuthigen Mantel der Poesie zu umkleiden, und vielleicht gelingt es auch noch, manchen jungen Damen, die vor der Küche und allem, was damit zusammenhängt, zurückschaudern, durch diese sinnige Art ihren Schrecken zu benehmen, wofür vielleicht später mancher Ehemann dem Autor Dank wissen wird. R. „WasjederWählerwissen soll!" Unter diesem Titel hat der bekannte Arbcitcr-Nedncr vom letzten Münchner Katholikentag, Herr Carl Schirmer, Schlosser, eine Zusammenstellung der wichtigsten Bestimmungen über Reichstags-, Landtags-, Gemeinde- und GewerbegericktSwablen mit einem Anhang: das Versammlungs- und Vercinsrccbt, Plakate, Flugschriften, Geld- sammlungen betreffend, im Selbstverläge (Adalbertstr. 19) erscheinen lassen. Das dankenswerthc Schriftchen bringt in gemeinverständlicher Sprache unter Benützung amtlicher Quellen Alles, was thatsächlich jeder Wähler wissen sollte, und kostet nur 20 Pfg. _ Bimetallistische Monatsschrift. Berlin, Verlag von Herm. Walter. Preis per Jahr (12 Hefte) 10 Mark; einzeln 1 Mark. II. Jahrg. 1. Heft enthält u. A.: Zur Lage. — Die Hauptversammlung der französischen Bimetallistenliga. — Wichtige Aeußerungen, die Währungsfrage betr. — Die Währungsfrage und die Vereinigten Staaten. Vetantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von HqaS L Grabherr in Augsburg. Nf. 30 24. Illli 1896. Friedrich Nietzsche. Ein Antichrist der Gegenwart. Von Joseph Popp. (Schluß.) III. Fr. Nietzsche und die moderne Cultur. Fr. Nietzsche ist für unsere Cultur symptomatisch, in seiner Person und seiner Lehre. Er ist der moderne Mensch mit all seinem Wissensballast und seinem Bildungs- ekel; er ist der konsequente Freigeist und Atheist, wie er kommen mußte. Weigand, selbst ein Moderner, schildert Nietzsche als den modernen Menschen also: „Aus diesem hochgespannten Geiste reden die geheimsten modernen Wünsche und Begierden ihre bezauberndste Sprache; in seinen Ausbrüchen finden wir Alles, was die widerspruchsvolle moderne Seele peinigt und beglückt: Kraft, Adel, Fülle, Harmonie, dichterische Anschauung und historischen Scharfblick, Zorn, Haß, Empörung, Bosheit, Naivität, Schalkhaftigkeit, Größenwahn, poetischen Tieffinn, sublimirteste Genußsucht; hier ward der Geist der Vergangenheit Mensch und — glaubt die Sprache der Zukunft zu reden." Ebenso unersättlich Nietzsche's theoretische, geistige Genußsucht, ebenso abgründig ist des modernen Menschen Verlangen nach Abwechslung, nach etwas Neuem, noch nie Dagewesenen, der Durst nach „noch nicht ausge- trunkenen Möglichkeiten". Weil aber dieses Sehnen des Menschen-Herzens nach dem Höchsten, Unendlichen hienieden mit natürlichen Mitteln nicht gestillt werden kann, daher dieser Ueberdruß trotz alles Raffinements des Genteßens, trotz aller Genußfülle, trotz aller Gaben einer hochentwickelten Cultur! Gerade dieses Hangen und Bangen zwischen Freud' und Leid hat Nietzsche in seiner „Gefahr der Glücklichsten" lebensvoll gezeichnet. „Feinen Sinn und einen feinen Geschmack haben; an das Ausgesuchteste und Allerbeste des Geistes wie an die rechte und nächste Kost gewöhnt sein; einer starken, kühnen, verborgenen Seele genießen; mit ruhigem Auge durch's Leben gehen, immer zum Aeußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren, Menschen und Göttern; auf jede heitere Musik hin- horchen, als ob dort wohl tapfere Männer, Soldaten, Seefahrer sich eine kurze Rast und Lust machen, und im tiefsten Genusse des Augenblickes überwältigt werden von Thränen und von der ganzen purpurnen Schwermuth des Glücklichen: wer möchte nicht, daß das Alles gerade sein Besitz, sein Zustand wäre!" Diese Predigt über das Glück des Genießenden, über die Herrschaft aller Instinkte und Leidenschaften ist das Evangelium des modernen Menschen; darum wird Nietzsche vor alle« von der Jugend als Messias einer neuen Zeit gefeiert. Die moderne Kunst und Literatur läßt sich von seinen Ideen befruchten und will damit das Ihrige thun, um den „Uebermenschen" baldmöglichst verwirklicht zu sehen. Solches ist charakteristisch für das Erlösungsbedürfniß der durch die heutige Cultur Blafirten, wie auch für ihre Blindheit. Die Uebermenschlichkeits - Lehre eines Wahnsinnigen, der an sich selber tausendfach das Elend eines von den alten Menschheitsbahnen abgewichenen Denkers erfahren, wird das Muster einer neuen Glückseligkeitstheorie — und Christus, der als wahrer „Uebermensch" durch sein Leben uns gelehrt, wie wir an seiner göttlichen Natur theilhaben können, Christus wird als Feind der wahren Menschen-Veredelung gebrandmarkt. Daß die barocken, ja wahnwitzigen Ideen eine» Nietzsche Anhänger finden, daß sie eine ganze Literatur hervorgerufen, daß in jeder Zeitschrift, jedem bedeutenderen Roman, im Salon wie in öffentlichen Versammlungen Schlagworte aus Nietzsche sich finden und hören lassen, zeigt die grenzenlose Zerfahrenheit der Zeit, zeigt die große Masse derjenigen, die einer einheitlichen, auch nur natürlichen Weltanschauung entbehren; sonst würden sich nicht soviele von den Taschenspieler-Kunststücken eines Sophisten wie Nietzsche täuschen lassen. Nietzsche gesteht einmal ausdrücklich, daß seine Bücher bloß von seinen „Ueberwindungen reden"; er will sich also damit den tollen Wust seiner Gedanken und Gefühle vom Herzen schreiben; er will durch ihre Entledigung genesen — übrigens ein altes Recept seit Göthe —. Und nun fällt die moderne Culturmenschheit über diesen Abfall und Auswurf her, wie die Geier über das Aas. Es erinnert diese Art lebhaft an die Zeit der römischen Schlemmerei, wo man gewisse Fische nur dann wollte, wenn sie in der Nähe der Cloaken gefangen wurden. Es zeigt dieses Anklammern an Nietzsche, den Einen und Einzigen, das nicht auszurottende Bedürfniß nach Autorität; man will, ohne es einzugestehen, jemand, auf den man sich berufen kann. Nun Nietzsche als großer Geist die unumschränkte Herrschaft der Triebe verkündet, nun er jede moralische That leugnet, die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers gesehen wissen will, glaubt man beruhigt sein zu können. Jetzt sind selbst neronische Gelüste und das Waten im Schmutze gerechtfertigt; nun hat die brüchige Seele doch den zweifelhaften Trost, daß am Ende auch die bedenklichsten Ausschreitungen in irgend einer Weise dem Leben zu Gute kommen müssen; nun mag sich sogar der eifrigste Catilinarter der Großstädte, dieser Cloaken der späteren Civilisationen, für einen Schaffenden halten und sich des cynischen Muthes rühmen, Mit dem er seinen auseinandergehenden Trieben folgt. Nietzsche's Verherrlichung der weltgeschichtlichen Ungeheuer, sein Schwärmen für die „starken Naturen" der Verbrecher sind das Gegenstück zu jener anderen modernen Lehre, daß der Verbrecher ein Kranker ist; die eine Auffassung entschuldigt die Schlechtigkeit, die andere verherrlicht sie. Ist das nicht ganz der passende Boden für die Dynamitarden und Petroleure; ist solche Lehre nicht Lebensweisheit für die Lebemänner, die nun ihre Liederlichkeit mit einer gewissen philosophischen Begründung genießen können? Der moderne Mensch hat in Nietzsche fein Vorbild in Theorie und Praxis; aber auch die moderne Wissenschaft und Philosophie hat in ihm ihren konsequentesten Lehrer gefunden. Freigeisterei und Atheismus, das ist die Signatur der Geisteswelt unseres Jahrhunderts. Soweit ist das freie Denken gekommen, daß jeder Einzelne auf Grund einer guten Geistesanlage sich zum Meister aller Anderen erkoren glaubt und im Ton des Gottgesandten redet, b) Hegel versicherte: „Ich möchte mit Christus sagen: ich lehre die Wahrheit, ich bin die Wahrheit;" Fichte °) ek. Limbourg, Zur Charakteristik der modernen Kant- Strömung. Jnnsbr. Zeitschr. 1893 S. 312 ff. 234 hielt die Verkündigung seiner Lehre für „die Ausgießung des hl. Geistes über alles Fleisch"; Kant meinte, sein System sei für alle zukünftigen Zeitalter zu den höchsten Zwecken der Menschheit unentbehrlich; Schopenhauer betheuerte: „Ich habe den Schleier tiefer gelüftet, als irgend ein Sterblicher vor mir." Diese maßlose Eitelkeit und Selbstvergötterung treibt Nietzsche auf die Spitze; er rühmt") sich: „Ich habe den Deutschen die tiefsten Bücher gegeben, die sie überhaupt haben; Grund genug, daß dieselben kein Wort davon verstehen." „Mein Zarathustra ist das tiefste Buch der Menschheit." Die Unverständlichkeit ist auch eine wesentliche Eigenschaft unserer großen Geister, und Nietzsche ist als der größte auch der unverständlichste, ein moderner Heraklit. Seine Tiefe besteht im „Ahnenmachen". Nietzsche hat diese Art Tiefe selber also verspottet: „Wer uns ahnen macht, macht uns tief. Entschließen wir uns, meine Herren: ... wir wollen sie ahnen machen. So viel vermögen wir noch! Was das Ahnenmachen betrifft, so nimmt hier unser Begriff „Stil" seinen Ausgangspunkt. Vor allem kein Gedanke! Nichts ist compromittirender, als ein Gedanke! Sondern der Zustand vor dem Gedanken, das Gedränge der noch nicht geborenen Gedanken, das Versprechen zukünftiger Gedanken, die Welt, wie sie war, bevor Gott sie schuf, — eine Nekrudescenz des Chaos . . . Chaos macht ahnen." Dennoch kennt Nietzsche nur die Tiefe der Verwirrung; bei ihm sind die Begriffe in völliger Auflösung. „Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt." — So mußte es kommen, nachdem man die menschliche Vernunft nur auf sich selber gestellt, nachdem man sie frei gemacht von allen Denkgesetzen. Es müssen dann aber auch jene, welche zu solcher That beigetragen, darunter leiden, wie die Revoluttonsmänner von eben dieser Revolution verschlungen wurden: Nietzsche nennt den kritischen Kant den „verwachsensten Verstandeskrüppel"; Strauß, den Befreier der modernen Welt vom Glauben, heißt er den „Vildungsphilister"; Schopenhauer, der Vater des Pessimismus, ist ihm ein „psychologischer Falschmünzer". Sogar allgemein anerkannte Koryphäen werden ihres Lorbeers beraubt: Sokrates wird zum „Hanswursten" degradirt, Plato ist langweilig; und so bekommt jeder sein Urtheil — eine Beleidigung. Wir sehen in Nietzsche die Toleranz des Freigeistes; sie ist zwar in ihrem Wesen nie anders gewesen, Nietzsche ist nur die Frucht der früheren Blüthen. Ganz so wie in der Selbstüberhebung, dem schließ- lichen Nihilismus des Denkens und dem Haß gegen Andersdenkende ist Nietzsche auch im Atheismus der vorläufige und wohl kaum zu übertreffende Höhepunkt des modernen Unglaubens. Haben die vorausgehenden Denker und Philosophen mit allen möglichen Mitteln das Dasein Gottes untergraben, so findet Nietzsche den traurigen Muth, diese That als eine erlösende zu feiern. Er rüst der modernen Welt die schauerlichen Worte zu: „Wohin ist Gott? Ich will es Euch sagen! Wir haben ihn gelobtet! — Ihr und ich! Wir alle find seine Mörder! -Hören wir noch nichts vom Lärm der Todten- gräber, welche Gott begraben? — auch Götter verwesen; Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! — Ist nicht die Größe dieser That zu groß .für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, «M nur ihrer würdig zu erscheinen?" Die berufenen Pfleger und Hüter der heutigen Cultur, die liberalen Professoren, wenden sich nun freilich voll Entrüstung gegen Nietzsche oder ignoriren ihn ganz. Einer, Dr. Stein, hat sogar ein ganzes Buch geschrieben „über die Gefahren von Nietzsche's Weltanschauung"; aber der Herr Professor hat eben damit den Beweis erbracht, daß Nietzsche ganz Fleisch von feinem Fleisch und Geist von seinem Geist, nur konsequenter, verwilderter ist. Da nützt alles Abschütteln und Ableugnen nichts; nicht darum handelt es sich, ob die modernen Cultur- apostel Nietzsche beistimmen und ihn verherrlichen, sondern das ist der Kernpunkt: Nietzsche hat nur auf dem vorhandenen Material weitergebaut; er hatte den Geist und die Kühnheit, anS voller Seele ein Moderner zu sein. Ihr müßt ihn also nicht völlig verleugnen! Ihr lehret freie Wissenschaft, ihr fordert freies Denken. Damit habt ihr die Geister gerufen, uns, die unabhängigen Geister, welche kein Blatt vor den Mund nehmen, welche über den „blassen Atheismus" der unfreien Geister, „die noch an die Wahrheit glauben", weit hinaus sind; uns, die „Erkennenden von heute", „die Europäer von übermorgen", die „Gottlosen und Antimetaphysiker", die mit der Freiheit Ernst machen und Freiheit des Geistes nirgends fanden, als in der Losung: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt." Nietzsche ist nur in dem „Milieu" der Gegenwart möglich, welche in ihrem gottentfremdeien Streben, die dem Menschen gesetzten Grenzen zu überschreiten, körperlich nervös, ja wahnsinnig, und geistig anarchistisch wird. Für alle besonnenen Zuschauer hat der Nietzsche- Cultus nur eine rein symptomatische Bedeutung, ist aber als solche nicht zu unterschätzen. ' Wir sehen auch in Nietzsche's prometheischew Streben das Schicksal der von Gott losgetrennten Vernunft verkörpert: ein Fiasko, ein Bankerott, um so unheilbarer, je weiter die Entfernung des bankerotten Geschöpfes vom unendlichen reichen Schöpfer. Jetzt schon leiden solche „freie Geister" die ärgsten Tantalusqualen, die sie vor sich selber erschauern machen und ihnen einen Klageruf auspressen, wie den folgenden: „Halb ist mein Leben um, Der Zeiger rückt, die Seele schaudert Dir! Lang schweift sie schon herum Und sucht und findet nicht — und sie zaudert hier? Halb ist dein Leben um: Schmerz war's und Irrthum, Stund' um Stund' dahier'. Was suchst du noch? Warum?- Dieß eben such' ich — Grund und Grund dafür!" Ja, uns selber find wir ein unlösbares Räthsel ohne den Glauben; wie wollen wir also Anderer Wesen deuten? Nietzsche hat dies geahnt und einmal auch ausgesprochen: „So beginnt nun der Lauf und wird fortgesetzt — bis wohin? Wenn Alles durchlaufen ist — wohin läuft man alsdann? Wenn alle CombinationsMöglichkeiten erschöpft wären — was folgte dann noch? Wie? Mühte man nicht wieder beim Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben?" O, wir Seligen hienieden schon, die wir als sicherste und beglückendste Erkenntniß, als Trost und Frieden unseres Lebens besitzen, was den Kindern dieser Welt kaum in der Ahnung gehört! Die Wahrheit und die Freiheit! „Die Wahrheit wird euch frei machen," dieses tiefsinnige Wort der hl. Schrift, es könnte als Mahnung und Drohung über Nietzsche's Leben und Lehre, über die Geistesgeschichte der Gegenwart geschrieben werden. /) Fall Wagner S. 48. Wer sich von der Wahrheit entfernt, begibt sich in die Sklaverei, und jede Freiheit ohne Wahrheit ist nur ein Schall, ein Rauch, ist nur morZaira,, über deren Betrachtung uns schon der Staub der modernen Geisteswüste um die Sinne fliegt. Nietzsche und Christus t — Christ und Antichrist! Welch ein Unterschied; ein Himmel und eine Hölle liegt zwischen Beiden. Wir können ruhig die Welt ihre Feste feiern und hernach ihre Todten begraben lassen; auch ein Nietzsche ist nur Werkzeug Gottes, der unselige Zeuge eines gott- entfremdeten und darum unglücklichen Menschenlebens. Ueber Glasmalerei im Frankenlande und die Glasgemälde der St. Jakobskirche zu Notheu- bnrg o. d. Tauber. Von vr. H. Oidtmann in Linnich (Rheinland). (Schluß.) Das vierteilige Mittelfenster, durch Quereisen in mehr als 50 Felder eingetheilt, ist geradezu überwältigend in seiner leuchtenden Farbenpracht; Noth, Blau, Gelb, Grün und „Weiß" vereinigen sich mit vielen Mitteltönen zu einer wunderbaren Farbenstimmung von seltener Harmonie; es fällt dem entzückten Auge schwer, von dem herrlichen Gesammteindruck sich loszureißen und an die Beachtung der Einzelheiten heranzugehen. Das Nothen- burger Mittelchorfenster muß seines Gleichen suchen; schön durchsichtig und klar gehalten, hat dasselbe den richtigen Glascharakter. „Es ist ein großartiger, gleichsam gold- durchwirkter, mit Perlen und Edelsteinen reich geschmückter Teppich, der uns in dieser spätmittelalterlichen Arbeit entgegentritt." * 0 ) Leider verschwindet das farbenprächtige Bild schon gegen Mittag, und eine graue, nur hier und da eine Farbe durchtastende Fläche starrt uns kalt entgegen. Die außen um das Fenster laufende Bordüre enthält auf die Geburt Christi bezügliche Stellen aus der heiligen Schrift; die einzelnen Buchstaben sind in dem rothen Grund des Frieses eingebleit. Der Teppich der beiden Mittleren Reihen, auf welchem die Medaillons aufliegen, ist roth und blau mit zwischengebleiten gelblichen Rosettchen; die ihn begleitende Bordüre besteht (von außen nach innen) aus einem gelblichen Perlstreifen und einem rothen Bande, auf welchem grünlich-weiße Blumen mit gelben Stengeln sich emporranken; die Medaillons, lang gestreckte, verschwommene Vierpäste, haben abwechselnd verschiedenfarbige, damascirte Hintergründe; die Fleisch- theile der Figuren sind aus weißem, gelblichem oder blaß- röthlichem Glase geschnitten. Das Fenster beginnt unten mit einem kleinen Steinmaßwerke, unter welchem wir in den äußeren Feldern einen knieenden Ritter und das Wappen derer von Lösch sehen; die mittleren Felder zeigen die Gestalten der hl. Elisabeth") und des hl. Jakobus. Von diesem unteren Maßwerk setzen sich die Pfosten des Fensters ununterbrochen bis zum oberen Steinwer! fort; die beiden mittleren Reihen des Fensters enthalten in jedem Felde ein Medaillon; zunächst sehen wir die Symbole der Evangelisten, dann, über diesen, geschickt auf beide Medaillons vertheilt, den englischen Gruß. Die vierte Reihe enthält die Hirten von Bethlehem und die Heimsuchung, die ") Detzel H., Eine Kunstreise durch das Frankenland. Würzburg, 1885. Kolb H., Glasmalereien des Mittelalters und der Renaissance, Stuttgart 1834, bringt eine farbige Abbildung des Feldes mit der hl. Elisabeth. fünfte in beiden Medaillons die Geburt Christi, die sechste Reihe die Anbetung der heiligen drei Könige. Ueber diesen die Flucht nach Aegypten und die Taufe Christi, weiter das heilige Abendmahl und Christus am Kreuz; hieran schließen sich der Verrath des JudaS und Christus vor Pilatus, Christus am Oelberg und die Grablegung, Christus in der Vorhölle und die Auferstehung des Heilandes. Wo eine Darstellung auf beide Medaillons vertheilt ist, ist die Gruppirung geschickt angelegt. Nach der falschen Reihenfolge der Medaillons zu schließen, find dieselben später gelegentlich einer Restauration planlos eingesetzt worden. In den äußeren Seitenfeldern finden wir unter farbenprächtigen Baldachinen und Architekturen die Darstellungen von zwölf Propheten mit Spruchbändern; auch hier begegnet uns sowohl in den Hintergründen und Architekturen, als auch in den Gewändern der Figuren ein großartiger Farbenreichthum und geschmackvolle Abwechselung in der Zeichnung. Die Medaillons der mittleren Reihen sind allerdings im Verhältniß Zum Maßstab des Fensters etwas klein; hierin erinnern sie etwas an die Fenster der Ste.-Chapelle zu Paris; aber die einzige Farbenwirkung dieses Kunstwerks läßt über alles Andere hinwegsehen. Das dreitheilige Fenster der Epistelseite zeigt wieder eine ganz andere Anordnung und eine ganz andere Behandlung; es ist jedenfalls jünger, als die beiden anderen Fenster. Die unteren Felder rechts und links werden durch die Figuren der heiligen Apostel Petrus und Jakobus ausgefüllt, welche in ihrer ganzen Auffassung und Behandlung mehr zum Mittelfenster passen, jedoch keinesfalls zu den übrigen späteren Theilen des Fensters, in welchem sie heute stehen. Auch bei diesen Figuren finden wir die eingebleite Schrift. Der Engel in dem mittleren unteren Feld mit dem Wappen der Stadt Nothenburg verräth auch schon ohne die ausdrückliche Angabe „Re- staurirt 1856" die mangelhafte Arbeit der damaligen Zeit. Die nächsten neun Felder bilden eine Abtheilung für sich. In der Mitte sehen wir Christus am Kreuz, umgeben von vier Engeln; zwei tragen zur Seitenwunde des Heilandes kleine Kindergestalten, welche nach der Auffassung Detzels Seelen darstellen sollen. Am Fuße des Kreuzesstamwes „sieht man stehend und sitzend die sündige Menschheit, welche um des Blutes Christi willen um Vergebung fleht und auf welche dieses von seinen Füßen herabfließt." Aus der rechten Hand des Gekreuzigten fließt Blut in den Kelch, welchen ein Priester beim Meßopfer am Altare in die Höhe hält; hinter dem Altar zwei Männer. Engel tragen auch dieser Wunde die Kindlein zu. Aus der linken Handwunde fließt das Blut auf ein Kind, welches ein Priester über den Tauf- stein hält; daneben eine männliche und eine weibliche Gestalt, wohl die Tauspathen. Nach oben findet die ganze Darstellung ihren Ab' schluß in einem doppelten Rundbogen, in welchem sich eine Darstellung des Fegfeuers befindet; Engel löschen an einer Seite das Feuer und tragen an der anderen arme Seelen auf ihren Armen heraus. Ueber dieser herrlichen, großartig gedachten Darstellung finden wir in ganz anderer, nicht minder sinnreicher Anordnung die Darstellung des heiligen Meßopfers. Im mittleren Felde bringt der Priester das unblutige heilige Opfer dar; links kniet ein betender Mann, hinter ihm zwei Engel; rechts will sich ein Mann vom hl. Opfer abwenden, wtxtz. 236 jedoch von einem Engel zurückgeholten. Detzel vermuthet hierin die Darstellung von Glaube und Unglaube. Ueber dem Altar sitzt oben in der Mitte der Heiland in großer Gestalt, drei Seelen in Kindergestalt auf seinem Schoße haltend; links bringen Engel ihm wettere Seelen zu, rechts knteen drei Heilige; über diesen seitlichen Darstellungen knieen die Donatoren, begleitet von einem Engel. Die nächsten neun Felder bringen das Vorbild des HI. Abendmahls, den Mannarcgen; Engel werfen die Brode und Bretzeln in lebhaft bewegter Darstellung auf die unten sitzenden und stehenden Juden. Die weiteren Felder zeigen den segnenden Christus mit der Weltkugel, zu beiden Seiten einen Engel und über dieser Darstellung auf rothem Grunde den Propheten Malachias mit einem Spruchband. Der obere Theil dieses Fensters ist, wie man auf den ersten Blick sieht, renovirt. Wie schon oben bemerkt wurde, deuten Compofition, Zeichnung und Technik auf eine etwas spätere Ausführungszeit hin; in der Farbcnstimmung herrscht das Grün etwas stark vor. In diesem Fenster besitzen wir eine schöne Darstellung des Erlösuvgswerkes, eine recht sinnige Verbindung des unblutigen Meßopfers mit dem blutigen Opfer des Gottessohnes. Die drei Fenster bilden einen kostbaren Schmuck der herrlichen Kirche; nur ungern trennt sich das Auge des bewundernden Beschauers von diesen farbenprächtigen Werken. Nebenbei sei hier noch kurz auf die aus dem Ende des XIV. Jahrhunderts stammenden Glasgemälde der im Jahre 1384 gebauten Herrgottskirche im nahen Creglingen hingewiesen. Eine nähere Beschreibung derselben vielleicht später unter Württemberg. In der Schwanenordenskapelle, dem im Jahre 1528 vollendeten Chöre der St. Gumbertus - Stiftskirche zu Ansbach befinden sich in vier Fenstern im Ganzen 2V Felder zerstreut erhalten, außerdem noch 5 kleinere Wappen. Die Felder sind leider fast alle beschädigt; sie stellen einige Madonnen, Crucifixe, Heilige, Personen aus der markgrüflich hohenzollernschen Familie und einige größere Wappen dar; die bei Graf Stillsried^) abge- oildeten markgröflichen Porträts sind nur sehr schwer wiederzukennen; theilweise find sie nur in Bruchstücken erhalten. Der knieende Ritter rechts mit der schwarzweißen Fahne, in burggräflichen Farben (roth und gelb) gekleidet, ist Markgraf Casimir; im Mittelfenster sehen wir Georg den Frommen, ebenfalls mit einer schwnrz- anßen Fahne; das dritte Bild zeigt den Markgrafen Gumbert; der Kopf fehlt, während von der Markgräfin Susanna, der Gemahlin Castmirs, einer bayerischen Prinzessin, nur noch das Brustbild zu sehen ist. Mehrere Felder sind zart und sorgfältig durchgearbeitet, besonders eine hl. Dreifaltigkeit und eine Selbdritt. Es ist bedauerlich, daß diese Reste alter Glasmalerei in der Schwanenordenskapelle sich in einem so schlechten Zustande befinden. Auch das früher an Glasgemälden reiche Kloster Heilsbronn bei Ansbach hat heute in seinem Hauptchorfenster nur noch einige spärliche Reste alter Glasmalerei erhalten, aber nur so spärliche Reste, daß man sie in dem 1876 mit den technischen Mitteln der damaligen Zeit restaurirten Fenster kaum zu erkennen vermag. Es war ursprünglich ein Votivgemälde für den 1297 ge- ") Alterthümer und Kunstdenkmale des Erlauchten Hauses Hohenzvllttn. . storbenen Burggrafen Friedrich III. Die Reste dieses Fensters waren die einzigen alten Glasmalereien, welche bei der Aufhebung des Klosters nicht entfernt wurden; aus dieser Zeit finden wir folgende Notiz: „Am rothen Fenster hinter den oberen Altar im mittleren Fenster sind die Bildnus Burggrafs zu Nürnberg, so zu Kaiser Rudolfs Zeiten gelebt, und über ihm der Zollcrische Schild und Namen Fridericus, gegenüber aber seiner beiden Gemahlinnen Bildnus, über denen auch der Zollerische Schild mit diesen Worten: Dürre Donnnae DurAgravIae." Es ist unter den Glasgemälden der Kirche das einzige, welches man im zerstörungslustigen 18. Jahrhundert der Aufbewahrung werth erachtete; man nahm es bei der damaligen verunglückten Restauration der Kirche heraus, verwahrte es sorgfältig und setzte es dann wieder ein. Auch die 16 von Abt Petrus Wegel in den Jahren 1466 — 1472 angeschafften Glasgemälde des Kreuzganges mit Darstellungen aus dem Leben des hl. Bernhard waren bei der Aufhebung des Klosters noch unversehrt in Heilsbronn, kamen aber mit noch zwei anderen Fenstern 1774 nach Ansbach laut folgenden Liefer- und Empfangsbescheinigungen : „Aum Iioostlürstliesteii Drmarat Oaol3- staost werclen rmnrit äie aus clsr kiesiZen Xirests genommenen gemalten Venster au 18 I'lügeln üdsr- sauclt. üailsstrcmu, am 28.1)63.1774. «I. ll. VVsinstarck, Verwalter." — „Die Dinlieleruug 3um Dauamt ke- sosteint, Ouelöstaeli, am 29.1)63.1774. 6.IV Xnoll."") Wohin die Fenster von dort aus gerathen sind, ist nicht bekannt; man hat nichts mehr davon gesehen noch gehört. Uebrigens finden wir die Anbringung der Lebensgeschichte des hl. Bernhard in den Kreuzgängen mehrerer Cistercienserklöster, so auch in Altenberg bei Köln. Diese Bilder wurden leider 1824 in Köln verkauft. In der Klosterkirche selbst waren nur die hintersten Fenster des östlichen Chors mit Glasmalereien geschmückt. Ueber dieselben wissen wir nicht mehr, als oben über das Hohenzollernfenster berichtet wurde. Und auch dieses Fenster war 1770 in großer Gefahr. Zeugniß für das rücksichtslose Verfahren in der damaligen Zeit gibt die auf Vorschlag wegen Erleuchtung der an den sogenannten neuen Chor anstoßenden Sakristei der neuen evangelischn Kirche erfolgte Resolution vom 7. Dezbr. 1770: „Die Haupt Musterung in der Sacristeh Verursachet das mittlere lange gemahlte Fenster im Chor. Und da diesse Mahlerey bis oben hinauf, wo ein Burggräfltch Monument stehet, leediglich keine figuren Vorstellet, sondern blos gefärbte Scheuben sind, so wäre der Vorschlag, dieses gemahlte Fenster bis zum Monumente herauszubrechen und dagegen mit neuen Taffeln zu Versehen." ^) Wie schon oben bemerkt wurde, find die alten Neste so geringe, daß man kaum noch von einem alten Fenster sprechen kann. In den obersten Feldern sehen wir in langgestreckten Medaillons eine kleine Kreuzigung, links Zuerst abgebildet von M. Sylvester Schmidt in einem Programm vom Jahre 1701; hierauf von Hocker im Hecks- bronner Antiguitätenschatz S. 3 und nach letzterem von Klingsohr S. 27. Ferner in „Alterthümer und Kunstdenkmale des Erlauchten Hauses Hvhenzollern" von Graf R. Stillsried, Heft I. eine farbige Abbildung. Eine Abbildung des Erneuerungsentwurfes bei Dr. H. Oidtmann, Technik der Glasmalerei. Seite 38. Geschichte von Kloster Heilsbronn von der Urzeit bis zur Neuzeit, von Georg Muck; 3 Bände, Nördlingen 1679. Bd. III, S. 201 u. 266. *°) Vcrgl. Stillsried a. a. O. bei der Beschreibung der ! Münstttkffche^ 237 die knieende Gestalt des 1297 verstorbenen Burggrafen Friedrich III. von Hohenzollern, rechts die knieende« Figuren seiner Gemahlinnen Elisabeth und Helena. Das Fenster entspricht keineswegs den Erwartungen, welche einzelne Schilderungen dieser „figuralen Malereien" erwecken müssen. In den meisten Werken über Glasmalerei wird von den Fenstern zu Heilsbronn gesprochen, eine unliebsame Ungenauigkeitfür den wißbegierigen Leser. Glücklicherweise bieten die übrigen Kunsidenkmäler der Klosterkirche dem Besucher reichlichen Ersatz für diese Enttäuschung. Wie wir sehen, hat das Frankenland, abgesehen von Rokhenburg, nur wenige Denkmäler alter Glasmalerei auszuweisen, eine wahre Fundgrube dagegen für daS Studium alter Glasgemälde bietet Nürnberg in feinen vielen Kirchen und Kapellen; wie tn der Glasgemäldesammlung des Germanischen Museums, so finden wir auch in den Kirchen fast alle Perioden vom 14. Jahrhundert an vertreten. Hierüber vielleicht ein anderes Mall Mein Abschied von den Ptolemäern. Ein X-Strahl durch die Wiener Clique. Von L. (Schluß.) In seinem Exposä („Presse" vom 20. März d. I.) will Herr Jlg seinen Fehler gut machen und behauptet, daß die „aus Thon modellirten und bemalten Porträt b ästen gleichfalls (wie die Porträts auf den Holztafeln) an den Mumien als getreue Konterfeis der darin Bestatteten angebracht waren. „Wir können diesen Büsten keinen Geschmack abgewinnen und muthen ihnen auch keinen besonderen Kunstwerth bet, aber für „getreue Konterfeis" der Bestatteten kann sie nicht einmal ein Zimmermaler halten; selbst der selige Meister Fludribus in Scheffels „Trompeter", der für sieben Schilling den Quadratfuß malte, hätte über die „getreuen Konterfeis" gelächelt. So hat Herr Jlg das getreue Konterfei dort, wo es thatsächlich zu finden war, übersehen und macht seine epochale Entdeckung am unrechten Platz und zu unrechter Zeit! Diese böse Verwechslung erinnert uns an die lustige Scene in Nestroy's „Schlimme Buben", wo die Taferlschüler auf Anregung eines aus ihrer Mitte die Frage- und Antwortzettel verwechseln, die ihnen vom vorsichtigen Schullehrer vor der Prüfung durch den Schulinspektor in die Kappe gelegt wurden. Wir sind am Schlüsse unseres AbschtedsworteS von den Ptolemäern und reproduciren hier den Brief, resp. die Duplik Theodor Graf's auf die Behauptungen Jlg's, da „Die Presse" der Erwiderung des Entdeckers der Bilder und Büsten nicht Raum gegeben. Es ist nicht edelsinnig, daß „Die Presse" nur Verdächtigungen ihrer Mitarbeiter aufnimmt, die Entgegnungen der Angegriffenen jedoch abweist. Herr Jlg kann leicht den Achilles spielen, wenn ihm die Redaction seines Leibblattes den Papierkorbdeckel als Schild vorhält! Herrn Graf's Antwort ist ernst gehalten, ohne Kalauer, wie wir'S nur von den Auslassungen des übermüthigen Feuilletonisten der „Presse" gewohnt sind, der in einer ernstseinsollenden Kritik mit Worten und Ausdrücken herumwirft, die sich nur in '") Uebngeiis sei schon hier bemerkt, daß derartige Unge- nauigkeiten sich in vielen Werken über GlaSmälerci recht unangenehm anhäufen und wiederholen. einem Referat in der „Juxzeitung vom Gschnasabend* schicken. Indem wir den Brief Herrn Graf's und die Antwort der „Presse" wiedergeben, glauben wir, obwohl schon mehr als drei Monate verflossen sind — solange wurde Graf mit Aufnahme seiner Erwiderung hingehalten, deren Veröffentlichung er nach so langer Zeit mit Unrecht für ganz illusorisch hielt —, doch nicht mit dem „Senf nach dem Essen zu kommen", da es sich um eine gerechte Sache handelt, die von der Wiener Clique vertuscht werden wollte! Herrn Graf's Erwiderung lautet: „Erst dieser Tage auf einen in der Abend-Presse vom 20. März erschienenen, mit „Jlg" unterfertigten Aufsatz über meine Ausstellung antiker Porträts und griechisch-römischer Porträt-Büsten und -Masken aufmerksam gemacht, ersuche ich die löbliche Redaction der Presse um Berichtigung mehrerer darin vorkommender Irrthümer. Es ist nicht richtig, daß der genannte Verfasser in meinem Ausstellungs-Local am Kolowratring Nr. 7 die 100 Porträts, die vor 5 Jahren im Künstlerhaus ausgestellt waren, jetzig „vollzählig" wiedersah, weil seitdem, wie auch aus dem Katalog ersichtlich, 25 dieser Bilder an öffentliche Sammlungen (an die kgl. Neue Pinakothek in München, die Museen in Dresden, Kopenhagen, Boston und Philadelphia) und an verschiedene Privat - Galerien verkauft und abgeliefert worden sind. .Bevor er eine so bestimmte Mittheilung machte, hätte er doch wohl die kleine Mühe nicht scheuen sollen, sich über die wahre Zahl der jetzt ausgestellten Bilder zu unterrichten. Wenn der Verfasser des erwähnten Aufsatzes die Aussprüche der größten Maler unserer Zeit über den hohen Kunstwerth dieser unserer antiken Porträts als „Dilettantcngefchwätz" bezeichnet, so trifft er dadurch Männer wie Lenbach, Menzel, Knnus, Gabriel Max, Defregger, Kaulbach, O. Piltz, Wauters, Jan Weth, Passini und Meissonier, die einen solchen Vorwurf gewiß nicht verdienen. Von einem Knaus wurden sogar einzelne dieser enkaustischen Bildnisse, die der Verfasser des erwähnten Artikels als Machwerke von „Provinzhandwerkern" jener Zeit bezeichnet, copirt, und Professor von Lenbach schreibt darüber an einen Kunstfreund: „Sie wissen, wie enthusiastisch beim ersten Anblick der griechisch-ägyptischen Porträtsammlung, dieser für uns ganz neuen Welt, ich bei Bild für Bild gewesen, welche Freude über die naive Auffassung, über die Schönheit deS Tones, über die interessante, ganz verloren gegangene Technik ich geäußert habe. Ich habe die Sammlung dann hier oftmals und neulich wieder in Berlin gesehen und jedesmal denselben erhebenden Eindruck gehabt. Muß es doch zu den Wundern der Welt gezählt werden, daß so viele Porträts aus der antiken Zeit, so frisch wie heute entstanden, gefunden und uns zugänglich gemacht worden sind. Für mich war der Einblick in den Gang einer so geschmackvollen längst vergangenen Zeit ein großes Er- eigniß und eine Quelle von Anregung. Ich wünsche von Herzen, daß diese merkwürdige Galerie des Herrn Graf Deutschland erhalten bleibt."^) „Was nun die Zweifel anbelangt, die der Verfasser ') Jlg: »Hier (Kolowratring Nr. 7) begegnet uns die ganze Galerie dieser merkwürdigen MnmienporträtS wieder, bei 100 Nummern, über die wir uns hier nicht abermals auslasten können." (Wir wissen warum! X. 8.) Dieses Urtheil des ersten Porträtistcn Deutschlands, ja der Welt. über die hellenistischen Porträts wird Herrn Jlg wohl total zudecken! X 8. 338 des kritischen Artikels über die Echtheit der bemalten Büsten und Masken durchblicken läßt, so möge er sich darüber bei dem k. k. Museum für Kunst und Industrie, der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien, dem British Museum in London, dem Llussnin ol Ime Lrts in Boston, dem Museum der Universität von Pennsylvania, die alle aus meiner Collection eine Reihe solcher erwarben, erkundigen, ob sie die ihnen von mir gelieferten polychromirten Büsten und Masken für echt oder unecht halten. „Der Verfasser jenes Artikels sei daran erinnert, daß sich im Museum ägyptischer Alterthümer in Gizeh bei Kairo eine recht bedeutende Sammlung solcher bemalier Büsten und Masken aus der gleichen Fundstätte Bcilan- surah befindet, deren Echtheit vor der Aufstellung festgestellt wurde. «Wer die assyrisch-babylonischen Steinsarkophage im Louvre in Paris, welche die Züge der Verstorbenen in Puppenkopfgröße zeigen, kennt, dem wird die Kleinheit einiger dieser Porträt-Masken gewiß nicht befremdlich erscheinen und keinen Anlaß zu Zweifeln geben. „Die alten Aegypter und auch die späteren griechischen und römischen Bewohner des Nilthales, die den Todten-Cultus der ersteren annahmen, waren zweifellos der Ansicht, daß der Ka, d. i. der Geist oder Genius des Verstorbenen seine sorglich aufbewahrte irdische Hülle, mit der sich auch die äußere Erscheinungsform des Entschlafenen erhielt, auch dann leicht wiederfände, wenn der Kopf nicht die volle Lebensgröße zeigte. Dafür sprechen auch die von mir ausgestellten gemalten Porträts, die vielfach unter Lebensgröße ausgeführt wurden." Diese durch ihre Ruhe und Sachkenntniß ausgezeichnete Erwiderung wollte Theodor Graf in die „Presse" lancireu; aber der Herausgeber dieses Blattes anwortete dem Rechtsfreunde des Angegriffenen: „Der von Ihnen (Graf) eingesandte Artikel enthalte bis auf einen einzigen Punkt, nämlich, daß die Porträts, die Sie gegenwärtig ausstellen, dieselben seien, welche Sie vor fünf Jahren im Künstlerhause exponirt haben, im Uebrigen lediglich einen Gegenartikel über die Kritik des Herrn vr. Albert Jlg. Trotzdem sei er bereit, Ihren Artikel unter der Spitzmarke,Eingesendet' zu bringen, wenn Sie denselben derart umarbeiten, daß ihm jede Spitze gegen den Verfasser des erschienenen Artikels fehlt." Zuletzt versucht es noch der Herausgeber der „Presse", den Nechtsfreund Graf's mit einigen nebensächlichen Für und Wider zu beschwichtigen. Uns ist die fascinirend naive Forderung der Angreifer, der Erwiderung Graf's müsse „jede Spitze gegen den Verfasser" (Jlg) fehlen, genug, um gegen diese Unfehlbarkeits-Erklärung eines Kritikers energisch zu Protestiren! Der Mitarbeiter der „Presse" darf lustig mit Steinen werfen, darf aber dafür nur mit Watte behandelt werden! Wir überlassen die Kritik einer solchen Kampfesweise den Lesern; mögen sie ihr vernichtendes Urtheil über dieses beispiellose Stück Wiener Clique-Wesen fällen. Uns war es darum zu thun, beizutragen, daß derlei Wirthschaft durch Veröffentlichung die verdiente Rüge erhalte. Wenn mir Herr Jlg, der als flotter und witz- reicher Fabulist in der „Wiener Mode" und im Feuilleton Jlg: Wie nun aber die plastischen Köpfe an den Mumien, noch dazu die ganz kleinen, angebracht waren, ist mir unverständlich^ ' anderer Blätter gern gelesen wird, das Privilegium zum Kunstkritiker abgesprochen, so möge er sich kein graues Haar wachsen lassen; man kann ein Fachmann in Beurtheilung von Etsenblcchrüstungen sein, braucht aber deßwegen nicht auch über antike Bildwerke urtheilen zu können, die auf Sykomorenholz gemalt sind. Huoä bans noimuäuirr! Historische Commission bei der k. bayer. Akademie der Wissenschaften. (Bericht des Sekretariats über die 37. Plenarver» sammlung der historischen Commission.) (Schluß.) Die ältere Pfälzische Abtheilung der WittelS- bacher-Correspondenzeu, die am dritten Band der Briefe des Pfalzgrafen Johann Casimir steht, hat von dein Herausgeber, Professor von Bezold, nicht nach Wunsch gefördert werden können, da er durch unerwartete Einberufung zur Theilnahme am philologischen Staatsexamen verhindert wurde, die sür die vorigen Herbstferien beabsichtigte größere archi- valische Reise auszuführen. Während der beiden Semester und der Osterferien mußte er sich darauf beschränken, theils in München, theils in Erlangen einige Archivalien des allgemeinen Ncichsarchivs und des Staatsarchivs, ferner Akten des Straßburger Stadtarchivs, Schlobitteuer Archivalien und Khevenhillersche Depeschen aus dem Germanischen Museum zu bcnützen. Die ältere Bayerische Abtheilung der WittclS- bacher-Correspondenzcn, unter Leitung deö Professors Lassen, hat die von Druffel'schcn Briefe und Akten zur Geschichte des 16. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf Bayerns Fürstenhaus in den von dem Urheber geplanten Grenzen zu Ende geführt. Der vierte Band, bearbeitet von Dr. Brandt, wird in den nächsten Tagen ausgegeben werden. Er umfaßt die Jahre 1553—1555. Die wichtigsten der in ihm enthaltenen Aktenstücke zur Geschichte des Neligionsfriedens sollen in einer zum Gebrauch der historischen Uebungen geeigneten Separatausgabe veröffentlicht werden. Auch der Druck der Beiträge zur Geschichte Herzog Albrechts V. und des Lands» berger Bundes, bearbeitet von Dr. Götz, hat begonnen. Da Dr. Götz, der unterdeß Privatdocent an der Universität Leipzig geworden ist, im Winter Urlaub nehmen und sich in München ganz der Bearbeitung des Manuskripts für den Druck widmen wird, so ist zu hoffen, daß dieser Band der nächsten Plenar» Versammlung fertig vorgelegt werden kann. Damit werden die Aufgaben dieser Abtheilung der Wittclsbacher-Correjpondcnzen vorläufig erledigt sein. Die jüngere Bayerische und Pfälzische Abtheilung der Wittelsbacher-Correspondenzen, die Brief« und Akten zur Geschichte des dreißigjährigen Kriegs, unter Leitung des Professors Stieve, ist in erfreulichem Wachsthum» so des Umfangs ihrer Forschungen wie der Zahl ihrer Mitarbeiter, begriffen. Leider ist Professor Stieve durch Krankheit im vergangenen Jahre verhindert worden und wird durch eine andere wissenschaftliche Aufgabe auch im nächsten Jahre verhindert werden, seine langjährigen Arbeiten für die Zeit von 1608—1610 durch die Drucklegung des 7. und 8. Bandes zu beendigen. Anderseits ist es ihm möglich gewesen, für die Zwecke der Abtheilung einen vorbereitenden Besuch der Archive zu Zerbst, Weimar und Würzburg auszuführen. Seine alten Mitarbeiter, Dr. Chrou st und Dr. May r» Deisinger, haben, der erstere zunächst für die Jahre 1611 bis 1613, der andere sür die Jahre 1618 bis 1620, weiter gearbeitet. Dr. Eh roust hat die protestantische Correspondenz des hiesigen Staatsarchivs durchgesehen und hierdurch mit den Münchner Akten für die bezeichneten Jahre nahezu abgeschlossen. Daneben beschäftigten ihn die Schlobitteuer Papiere, deren Ueber- senbung wir dem überaus gütigen Entgegenkommen des Grafen Richard zu Dohna-Schlobitten auch während des verflossenen Jahres zu danken hatten, unter welchen zwei von Abraham von Dohna geschriebenen Bänden Brandenburger Ge- heimrathSprotokolle für 1611 —1618 eine hervorragende Bedeutung zukommt; ferner Anhaltische Akten, deren Ucbcrsendung aus dem Zerbster Archiv die herzogliche Regierung gestattet hat. Außerdem beendigte er in sechSwöchentlichcm Aufenthalt zu Wien seine dortigen Arbeiten im Ministerium des Innern und im Staatsarchiv. Das Ergebniß seiner jetzt abgeschlossenen Wiener Reisen ist die erschöpfende Aufhellung der kaiserlichen und der Kurmainzcr Neichspoliiik in jenen Jahren.' Unter manchen überraschenden Aufschlüssen mag die Enthüllung der eigentlichen Ziele des Passaucr Kriegsvolks erwähnt werden- vr. Chroust wird nun den Rest der Anhaltischen Papiere, dann die Dresdner und Jnnsbrucker Akten vornehmen. Schließlich darf hier darauf hingewiesen werden, daß vr. Chroust in diesem Jahr ein umfangreiches satirisches Gedicht des Grafen Abraham von Dohna über den Reichstag von 1613 veröffentlicht hat. vr. Mayr-Deisinger fuhr fort, die Dresdner Akten, insbesondere die Lebzelter'schcn Berichte, zu bearbeiten, und hofft damit gegen Ende des Jahrs fertig zu werden. Daneben werden die Anhaltischen Akten zu durchforschen sein. Ein Wiener Aufenthalt von acht Wochen ergab überraschend reiche Ausbeute. Im Staatsarchiv fanden sich in der Sammlung Bohemica, die ein früherer Forscher nur oberflächlich benutzt hatte, unter andern höchst wcrthvollen Briefen auch Theile der nach der Schlacht am Weißen Berg erbeuteten „Heidelberger Akten" mit der Corrcspondcnz Friedrichs V. und seiner Staatsmänner und Generale. Ferner bot das Hoskammerarchiv, welches ein anderer Verstorbener Forscher auch nur höchst flüchtig benutzt hatte, in sechs mächtigen Fascikeln einen tiefen Einblick in die traurige Finanzlage des Kaisers. In der Hosbibliothek fanden sich handschriftliche Denkwürdigkeiten, die wahrscheinlich von Martiniz herrühren. Ferner erhielt vr. Mahr durch die Vermittlung des Professors Mencik aus dem Archiv der Grasen Harrach zwei Bände eigenhändiger Aufzeichnungen des Grafen 'Karl von Harrach über die Geheimrathssitzungen am Wiener Hof, mit Briefen Bucquoys und anderer Feldherren u. a. m. Eine nochmalige Reise vr. Mahrs nach Wien wird erforderlich sein. Zwei andere junge Gelehrte, vr. Altmann und vr. Hopfen, sind als Mitarbeiter des Professors Stieve eingetreten, ohne Besoldung und in einem freieren Verhältniß, in der Art, daß sie verwandte Ziele unabhängig verfolgen und für die Förderung, welche ihnen der Anschluß an die Commission im In- und Ausland gewährt, sich verpflichten, ihre Auszüge und Abschriften der Commission zu überweisen, vr. Altinann hat zum Gegenstand seiner Studien die auswärtige Politik BahernS in den Jahren 1627 — 1630 gewählt. Nachdem er schon früher in derselben Richtung thätig gewesen war, hat er im letzten Jahr in Dresden, Prag, Wien, Innsbruck gearbeitet, und wird nun fortfahren, hier die Münchner und die aus deutschen Archiven hierher geschickten Akten zu durchforschen. vr. Hopfen bat sich die Aufgabe gestellt, die deutsche Politik Spaniens in den Jahren 1621—1634 zu ergründen, und ist zu diesem Zweck im letzten Jahr in SimancaS und Madrid, dann in Paris, weiter in London, Brüssel und im Haag gewesen. Ihm ist gelungen, die in SimancaS, Madrid, Brüssel und London zerstreuten wöchentlichen Berichte der spanischen Botschafter am kaiserliche» Hof aus den Jahren 1621—1634 fast vollzählig zu sammeln. Ferner fand er die meisten Instruktionen für die bezeichneten Botschafter. Außerdem konnte er die Berichte an den König über die Verhandlungen des Staatsraths und die Korrespondenzen der spanischen Regierung mit dem Brüsseler Hof und den italienischen Statthaltern ausbeuten. Ueber die gleichzeitigen Verhandlungen mit England in der Piälzer Frage und über das Verhältniß zu Frankreich gaben ihm die Berichte der französischen und der englischen Gesandten am spanischen Hof Ausschluß. Den glücklichen Erfolg, den er namentlich in Spanien selbst hatte, verdankt er der hilfreichen Unterstützung des Minister-Präsidenten Cänovas del Castillo und zahlreicher anderer spanischer und deutscher Gönner. Recensionen nnd Notizen. Psychologie und Philosophie. Ein Wort zur Verständigung von vr. C. Güttler, Privatdocent. München. Verlag von Piloty und Loehle. " Bekanntlich findet Heuer in München ein Psychologischer Congreß statt, für welchen ein überaus großes Arbeitsprogramm festgestellt und durch zahlreiche publicistische Avis die öffentliche Aufmerksamkeit beansprucht wurde. Die oben erwähnte Broschüre vr. Güttlcrs ist an sich und angesichts jenes Congrcsses sehr dankenSwerth. Die Psychologie im Sinne der modernen Psychologen hat die alten Bahnen verlassen; sie ist eine Wissenschaft geworden, in welcher schon das — Experiment Trumpf ist; sie ist wesentlich physiologische Psychologie und Psycho-Physik und „kommt ohne Laboratorium und Apparate nicht vorwärts". Die Vorstellung der älteren Psychologie von einer „substantia. oogitans per ss oxistous'; ist für diese moderne „Psychologie" nicht vorhanden; für die Gewinnung einer Weltauffassung ist sie selbstverständlich ohne Werth, und wo ihre Adepten an dieses Ziel überhaupt noch herantreten, wandeln sie die ausgefahrencn Geleise des Materialismus. Der Autor unserer Broschüre, welcher das höbe Interesse anerkennt, das der modernen „Psychologie" zukommt, gliedert seine Darlegung nach drei Gesichtspunkten: 1. welche Aufgaben stellt sich die heutige Psychologie, und wie sucht sie dieselben zu lösen; 2. welche wissenschaftliche Definition kommt der Psychologie zu; 3. welches ist ihr Verhältniß zur Philosophie, und welchen Platz nimmt sie als Lehrfach ein? Seine Erörterung dieser Punkte ist fesselnd und anregend und scheint uns sehr geeignet, für eine „reinliche Scheidung" der Disciplinen Grund zu legen und der philosophischen Psychologie gegenüber der im Laboratorium arbeitenden — die rsets als ein Zweig der Naturwissenschaften zu betrachten wäre — die ihr gebührende Stellung zu sichern. Möge die Arbeit vr. Güttlcrs Beachtung bei den Sachverständigen finden, aber auch von Jenen gelesen werden, welche von der „Umwerthung" der rationalen Psychologie zur physiologischen und Psycho-Physik noch wenig Kenntniß haben! Edmund Behringer, Ein Erbenwallen. Aschaffenburg Verlag der C. Krebs'schen Buchhandlung (E. Kriegenherdt) Preis 3.60 M. v Der Name Behringer ist neben dem Verfasser von Dreizehnlinden in der von christlichem Geiste getragenen poetischen Literatur unserer Zeit schon längst rühmlichst bekannt. An die früher veröffentlichten Gaben seiner Muse, „Das Felsenkreuz", „Die Apostel des Herrn", „Der Königin des hl. Rosenkranzes", „DaS Vaterunser", reiht sich in würdiger Weise das oben angeführte Werk an und wird, mit dem wohlgelungcnen Bilde des Verfassers ausgestattet, ganz besonders -den zahlreichen Freunden und Bekannten des gotrbcgnadcten, großen Sängers hochwillkommen sein. In diesem „Erdenwallcn" wird dem Leser in einem reizenden Cyklus von Bildern und Szenen das ganze, reiche Dichtcrlebcn Behrinzers vorgeführt, der herrliche Maienmorgen seiner Kindheit, seine sonnigen, sangesfrohcn JünglingS- und Studienjabrc, nnd so geht es fort bis zum Höhepunkte und zur poetischen Vollkraft und Reife seiner dichterischen Entwicklung. So singt er bald mit lyrischer Innigkeit, bald mit epischer Fülle von allem Hohen und Edlen, was Menschenbrnst bewegt, von Freiheit und Mannesmuih, von Gottesminne und Nächstenliebe, von Heimath und Vaterland. Sein liederliches „Erdenwallcn" ist fortgeführt bis zur Gegenwart, wo wir ihn zusehen meinen, wie er durch die Wälder und Höhen des Spessarts wandert und dort in den Hütten der Armuth Trost und Segen verbreitet. Denn wie sein ganzes Leben, so sind auch diese Gesänge nicht bloß von dem Hauche gotiinnigster Frömmigkeit durchweht, sondern auch von jener herzlichen, opferwilligen An- theilnahmc mit allem fremden Weh nnd Leid, die nichts für sich sucht, sondern in allem Thun und Streben nur das Wohl der Mitmenschen im Ange hat. Ist doch der volle Ertrag aller Dichtungen BehringerS der Förderung und Erziehung der armen Spessartwaisen gewidmet, ein Umstand, der gewiß jede weitere Empfehlung überflüssig macht. Der Marienbote. Jllnstrirte Monatsschrift für Marien- kiuder und Töchter katholischer Familien. Verlag von Carl Aug. Seyfricd u. Comp., München, bl. Die Feinde des Christenthums haben eine reiche Literatur in's Leben gerufen, welche die weibliche Jugend dem positiven Glauben entfremden und von der althergebrachten frommen, tugendlichen Sitte emancipiren soll. Wir haben dem eine verhältnißmäßig spärliche katholische Mädchenliteratur gegenüberzustellen und gar Weniges, was sich mit dem blühenden Stile, den interessanten Zusammenstellungen und den sonstigen formellen Vorzügen gegnerischer Erzeugnisse messen könnte. Deßwegen ist cS ungemein dankenSwerth, daß es eine hervorragende Kraft unternommen, der katholischen Mädchenwelt Monatblätter zu widmen, welche an Gediegenheit des Inhalts und streng kirchlicher Tendenz auf unantastbarer Höhe stehen und zugleich durch formvollendete Sprache und wohlbercchnete Abwechslung zwischen Unterhaltung und Belehrung den Ansprüchen einer feinen wie praktischen Mädchen-Erziehung in gleich ersprießlicher Weise entgegenkommen. Eben dieser Doppel- vorzug, der Pflege des Idealen und Praktischen, tiefer Frömmigkeit und werkthätiger Nächstenliebe — das Emporziehen des weiblichen Gemüthes zum Himmel und das sinnige Herabsteigen in die Gebiete alltäglicher Pflichterfüllung — dieser Geist der Maria und Martha, welcher die stattliche Reihe der uns nun vorliegenden Blätter durchzieht, ist es, der uns dieselben ganz befondcrs rjchmenswerth macht. Der Marjenbote wird daS 840 zuweilen in tiefem Schlummer liegende Pflichtbewußtsein unserer jungen Dämchen wecken, die Verschrobenheiten moderner Bildung bekämpfen, der Vergnügungssucht, dem Luxus, der weiblichen Eitelkeit den Geist der Entsagung, der Einfachheit und der Demutb entgegensetzen — den Maricnkindern wird er die Segensbotschast der Himmelskönigin verkünden, und allenthalben wird er ihr neue Töchter zuführen. Welche katholischen Eltern und Erzieherinnen dürften also wohl dem Marienboten ihre Thüre verschließen? _ Sophie von Künsberg, Marienleben. 8°. 32 S. Negensburg, Nat. Verlagshandlung (G. I. Manz) 1896. 7r. In „tiefem Waldcsfrieden ein schlichtes Muttcrgotles- bild" am Stamme einer Linde hat sich die Verfasserin erwählt, um dasselbe nach dem Laufe der marianischcn Festzeiten mit sinnigen Blumen der Poesie zu schmücken. Das lauschige, zur stillen Andacht stimmende Plätzchen an der „Maricnlinde" wird uns im ersten hübschen Gedicht geschildert. Nun folgen die Maricntage des Kirchenjahres; ein paar Einleitungsstrophen Versetzen uns in eine wahr empfundene Naturbetrachtung, um dann in weiteren Versen das betreffende Festgeheimniß damit in Zusammenhang zu bringen. Wir treffen in den kurzen und formell abgerundeten Gedichtchen keine erkünstelte Gedankentiefe, sondern den Erguß einer schlichten, aufrichtigen Andacht verbunden mit der Gabe poetischen Natursinnes. Der Uebelstand des einerlei Versmaßes, den sovicle derartige Versuche haben, ist sehr glücklich vermieden, und erfreuen wir uns einer Abwechslung in der Metrik, welche die lieblichen Strophen nie langweilig und langathmig macht. Bei der Fülle religiöser Poesien ist das Unternehmen der Verfasserin immer ein Waguiß gewesen, aber wir sind der Ansicht, daß sich ihre Gabe auch neben den besten Erzeugnissen dieser Gattung mit Ehren sehen lassen kann. Von absonderlichen Wortbildungen, sowie von trivialen Phrasen sind die 32 Seiten frei, auch merkt man den Zeilen eine gewissenhafte Feilung an. Das sehr hübsch ausgestattete Büchlein verdient gewiß empfohlen zu werden sowohl Wegen seines eigenen Werthes, wie auch wegen deS guten Zweckes, nämlich zum Besten der Afrika-Missionen. Meschler M. (s-9.), Die Gabe des bl. Pfingstfestes. Betrachtungen über den hl. Geist. 8", VIII -s- 518 S. Freiburg i. Br., Herder 1896 (III.) M. 3,50; gebd. M. 5.00. s. Die in kurzer Zeit nöthig gewordene dritte Auflage dieser Betrachtungen beweist zur Genüge, daß sie einem Bedürfniß entgegengekommen sind. In der That ist die Literatur über diesen Gegenstand äußerst spärlich; gut aber ist es, unserm Volk, das die dritte Person der hl. Trinität in der Andacht über Gebühr zurücksetzt, auch den hl. Geist und den Glauben an ihn, der das Leben der Gnade auswirkt, zuni Bewußtsein zu bringen. Das geschieht durch k. Meschler anerkannter Weise in vorzüglicher Form. Man kann für das Buch also nur dankbar sein. Warum gründen wir katholische Arbeiterv ereine? Von I. Eckard, Präses des katholischen Arbeitervereins in Stuttgart. Stuttgart 1896. Buchdruckerei der Act.-Ges. „Deutsches Volksblatt". Preis 20 Pfg. R. Herr Redakteur und Laudtagsabgeordnetcr Eckard, der in Württemberg unermüdlich thätig ist für Gründung katholischer Arbeitervereine, weist in dieser kleinen Broschüre, in welcher die innerste Ueberzeugung des Verfassers und dessen Begeisterung für die Sache der katholischen Arbeitervereine zu beredtem Ausdruck kommt, die Nothwendigkeit dieser Vereine nach. Die Broschüre ist in erster Linie nicht an die Arbeiter gerichtet, obwohl auch diese über Zweck und Organisation der katholischen Arbeitervereine aus ihr sehr vieles entnehmen können, sie wendet sich vielmehr an alle jene — Geistliche wie Laien — die vermöge ihrer socialen Stellung berufen sind, die Gründung eines katholischen Arbeitervereins zu veranlassen, einen solchen Verein zu leiten oder irgendwie zu unterstützen. Wir können die Broschüre aufs wärmste empfehlen und wünschen, daß sie eine gute Aufnahme und weite Verbreitung finden möge. „Die Wahrheit." Herausgegeben von Ph. Wasserburg. Verlag von Rud. Abt in München. (Erscheint monatlich zweimal. AbonnemeutSpreis pr. Jahr 8 M.; Einzel- hefte 50 Ps.) * Von dieser Halbmonatsschrift liegen uns die ersten 12 Hefte vor, welche im Ganzen und Großen die Erwartungen rechtfertigen, welche an die Gründung dieses litcrarischen Unter» nebmens seitens der Leser geknüpft wurden. Eine Reihe vortrefflicher Aufsähe behandeln theils aktuelle Fragen der Tagesgeschichte, theils allgemeine Themen aus den Gebieten der Geschichte, Socialwissenschast, der Kunst u. s. w., und zwar derart, daß die betr. Aufsätze in jedem Hefte ein abgeschlossenes Ganzes bilde». Der Aufgabe der Zeitschrift entsprechend, tragen die Abhandlungen vielfach apologetischen Charakter, wodurch diese Zeitschrift zu einer Quelle der Belehrung und zu einem Arsenal für die Discussion mit Gegnern sich gestaltet. Sink auch, wie natürlich, nicht alle Abhandlungen von gleichem Werth und Interesse, so darf man doch das Unternehmen, das von einer tüchtigen Redaction Zeugniß gibt. auf's beste empfehlen. Sehr lobenswerth ist auch die gute Ausstattung und das gut gewählte Format der Hefte. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 7. HefteS 1896: Jakob Greiser als Apologet der Gesellschaft Jesu. — Vollständigkeit der Beicht bezüglich der vergessenen, nachher wieder erinnerlichen Sünden. — Ueber das Wallfahrten und die Verhütung der dabei unterlaufenden Ucbelstände. — Lehrreiches vom „Moraluntcrricht" in der französischen Volksschule. — Rechtliche Natur des sogen. Pfarrgeldes und Einfluß des Religionsbekenntnisses aus die Pflicht zu dessen Entrichtung. — Verweigerung des elterlichen Consenses zur Verebelichung. — Die Erziehungsfehler, welche die Ursache der Nervosität sind. — Sind schwach begabte Kinder, sobald sie das gehörige Alter erreicht haben, zur ersten bl. Beichte zuzulassen? — Pflicht der Gemeinden zu Scbulhausl anten. — Das Werk vom Brode des hl. Antonius, eine „sociale Andacht". — Mehrere Aemter äs Lsgniom an einem Tage in der nämlichen .Kirche. — Appellation von der geistlichen an die weltliche Regierung in Vcrwaltungssachen. — Beachtenswcrthe Kleinigkeiten. — Neueste Entscheidungen der römischen Congre- gationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätcnschau. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1896. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.10). — Freiburg im Breisgau. Herder'sche Verlagshaudluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 6. Heftes: Die Naturgesetze der culturellen Entwicklung und die Volkswirthschaft. I. (H. Pesch 8. 9.) — Herbarts Ansichten über Religion. (A. Schwabe 8. 9.) — Die historische Vorlage zu Shakespeares Falstaff. (O. Pfüls 8. .1.) — Das Hexenwesen in Dänemark. I. (-s- W. PlenkerS 8. 9.) — Des hl. Ambrosius Lied vom Hahnenschrei. (G. M. DrcveS 8. 9.) — Recensionen: Gutbcrlet, Der Mensch. Sein Ursprung und seine Entwicklung (E Wasmaun 8. 9.); Brandts, Die katholischen Wohlthätigkeits-Anstalten und -Vereine (H. Pesch 8. I.); Uam^, Oalsris illnstrss äs la DompaZnis äs 9ssvs (St. Beissel 8.9.) -- Empfehlenöwerthe Schriften. — Miscellen: Zum Jubiläum der Dublin Lovlorv; ZolaS Buch über Rom; Die Universitäten Italiens. Charitas. Zeitschrist für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom Charitas- Comits zu Freiburg i. Br. Erster Jahrg. 1896. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. AbonnementsprciS jährlich 3 Mark. — Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Nr. 7 enthält u. A.: Die Liebesthätigkeii der Cistercienser im Mittelalter. — Wie kann das Vermögen von Wohlthätig- keitsanstalten, Vereinen und Kongregationen am besten sicher gestellt werden? II. (Schluß.) — Ueber das Sammeln von Briefmarken u. dgl. im Dienste der christlichen Charitas. — Kleine Mittel zur Verbesserung der Armenwohnungen. — Der Orden und die Genossenschaften der Barmherzigen Brüder. I. — Zum Kampf gegen den Alkohol. (2. Die nichtkatholischcn Bestrebungen.) — Marianischer Mädchenschutzverein. — Die Bekämpfung des Concubinats zu München. — Eine Haushaltungsschule für Bauernt ächter. — Katholische Trinkerheilanstalt in der Centralschweiz. Peranffv, Redacteur.: Ad, Haas in WMurg..—D.ruck u, Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Heine als „Genosse"! vr. 8t. Die deutschen Socialdemokraten, welche 1891 dem internationalen Bergarbettercongreß in Paris anwohnten, legten auf Heine'S Grab einen Kranz nieder mit der Widmung: „Die Bergarbeiter ihrem Bruder Heinrich Heine". — Socialdemokratische Lesevereine werden „Heine" getauft. — Sein „Eiapopeia": „Verschleimn«! soll nicht der faule Bauch» Was lleitzige Hände erwarben. Es wächst hieniedcn Brod genug Für alle Menschenkinder, Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust Und Zuckererbsen nicht minder", das sich in sämmtlichen socialistischen Liederbüchern findet, scheint ihn auch wirklich als einen Freund socialistischer Tendenzen zu beweisen. Aber Heine in der That ein „Bruder" der Arbeiter? Ein „Genosse" rußiger, derber Gesellen? Ein Freund comwuuistischer Tendenzen? Wer nur dessen Schriften etwas mehr als flüchtig gelesen hat, muß dazu staunend den Kopf schütteln. Heine war im Gegensatz zu Börne eine „aristokratische" Natur. Er fühlte sich auch am wohlsten in Aristokratenkreisen. Schon als Student verkehrte er fast ausschließlich theils in den Salons der Rahe! Levin, wo außer der Elite der Schriftstellerwelt auch hohe Aristokraten, wie Prinz Louis Ferdinand, die Herren v. Brinkmann u. a., sich trafen, theils im gleichfeinen Zirkel der Elise von Hohenhausen. In den Bädern von Norderney, Lucca, Cauterets war er ständiger Gast der auserlesensten Kreise. In München (1827) lebte er „im Foyer der Noblesse", liebte „die liebenswürdigsten Aristokratinnen" und sah sich selbst von „Prinzessinnen des kgl. Hofes" verzogen. In Paris war er oftgesehener Gast der ersten Salons, so bei Caroline Zaubert, bei der Fürstin Belgiojoso, von Comtessen und Fürstinnen umschwärmt. Kein Wunder, daß er die Gesellschaft der deutschen Emigranten, die ihm „mit ihrem beständigen Kannegießern" zuwider waren, mied. Heine taugt auch keineswegs zum „Märtyrer der Entbehrung". Mit der jährlichen Rente von 4000 Fr., die ihm sein Onkel Salomon, der reichste Mann in Hamburg, ausgesetzt hatte, kam er nicht aus; er bewirkte deren Erhöhung auf 4800 Fr.; daneben hatte er eine beiläufige Jahreseinnahme von 3000 Fr.; ferner erhielt er von der französischen Regierung das jährliche „Almosen" von 4800 Fr. — trotzdem litt der Dichter an ständigen Finanznöthen, freilich leicht erklärlich, wenn man dessen Gourmandise und Leichtlebigkeit kennt. Nun freilich, was Singer und Lassalle erlaubt ist, kann man auch Heine zusehen! Aber wenden wir uns seinen politischen Ansichten zu! Nicht oft genug kann er betonen — ob nun aus Ueberzeugung oder nicht, gehört nicht hieher — er sei „Monarchist". „Ich bin bei Gott kein Republikaner; ich weiß, wenn die Republikaner siegen, so schneiden sie mir die Kehle ab" — ein Ausspruch, der Börne zu einem leidenschaftlichen Angriff auf Heine reizt. Heine haßt, verabscheut jeden „Umsturz", seit er „die heidnische Wildheit entzügelter Bolksmassen in der Nähe betrachtete". Der Dichter ist Samt - Simonist. Aber wie sein Meister, sucht er Abhilfe von Seiten der „Gebildeten", es bangt ihm, daß der „Mob" diese Lehren aufgreift. „Die zerstörenden Doctrinen haben in Frankreich zu sehr die unteren Klaffen ergriffen — eS handelt sich nicht mehr um Gleichheit der Rechte, sondern um Gleichheit des Genusses auf dieser Erde, und es gibt in Paris etwa 400,000 rohe Fäuste, welche nur des Losungswortes harren, um die Idee der absoluten Gleichheit -u verwirklichen, die in ihren rohen Köpfen brütet." Ihm ist vom Standpunkte des Culturmenschen aus angst vor den radicalcn Zielen des CommunismuS. „Meine Scheu vor dem letzteren hat wahrlich nichts gemein mit der Furcht des Glückspilzes, der für seine Kapitalien zittert . . . nein, mich beklemmt vielmehr die geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsere ganze moderne Civilisation, die mühselige Errungenschaft so vieler Jahrhunderte, . . . durch den Sieg des CommunismuS bedroht sehen. . . . Wir können uns nimmermehr verhehlen, wessen wir uns zu gewärtigen haben, sobald die große rohe Masse, welche die einen das Volk, die andern den Pöbel nennen, ... zur wirklichen Herrschaft käme. Ganz besonders empfindet der Dichter ein unheimliches Grauen vor dem Regierungsantritte dieses täppischen Souveräns. Wir wollen gern für das Volk uns opfern ..., aber die reinliche, sensitive Natur des Dichters sträubt sich gegen jede persönlich nahe Berührung mit dem Volke, und noch mehr schrecken wir zusammen bei dem Gedanken an seine Liebkosungen, vor denen uns Gott bewahre!" Die große Masse ist ihm „stupid". „Seine Majestät das Volk ... ist nicht sehr intelligent; es ist . . . fast so bestialisch dumm, wie seine Günstlinge." Der Atheismus ist ihm verekelt, seitdem er „merkte, daß die rohe Plebs, der Janhagel, ebenfalls dieselben Themata zu discutiren begann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Thranlampen leuchteten, als ich sah, daß Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergssprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen — als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken —: da gingen mir plötzlich die Augen auf, und was ich nicht durch meinen Verstand begriffen hatte, das begriff ich jetzt durch den Geruchssinn, durch das Mißbehagen des Ekels, und mit meinem Atheismus hatte es Gottlob! ein Ende." D'rum empfand er auch eine „unbezwingbare Aversion vor der Annäherung des famosen Weitling", des communistischen Schneidergesellen. „Der liebe Gott hat mir gewiß alle meine alten Frevel von Herzen verziehen, wenn er die Demüthigung in Anschlag brachte, die ich bei jenem Handwerksgruß des ungläubigen Knoten- thums . . . empfand." „Was meinen Stolz am meisten verletzte, war der gänzliche Mangel au Respekt, den der Bursche an den Tag legte, als er mit mir sprach ..." — Und einen, der also spricht, nennt man „Genossen" N In Paris wohnte er einmal — und nicht wieder — einer Volksversammlung mit Borne bei. Man lese diese Schilderung, und der letzte Zweifel wird verschwinden: „Denkt Euch meinen Schreck, als ich in Paris der . . . Volksversammlung beiwohnte, fand ich sämmtliche Vaterlandsretter mit Tabakspfeifen im Maule, und der ganze Saal war so erfüllt von schlechtem Knasterqualm, daß er mir gleich auf die Brust schlug und es miz 242 platterdings unmöglich gewesen wäre, ein Wort zu reden." „Ich merkte überhaupt, daß die deutsche Tribunal- carriöre nicht eben mit Nosen und am allerwenigsten mit reinlichen Nosen bedeckt. So z. B. mußt du allen diesen Zuhörern ,lieben Brudern und Gevattern' recht derb die Hand drücken. Es ist vielleicht metaphorisch gemeint, wenn Borne behauptet: im Fall ihm ein König die Hand gedrückt, würde er sie nachher in'S Feuer halten, um sie zu reinigen; eS ist aber durchaus nicht bildlich, sondern ganz buchstäblich gemeint, daß ich, wenn mir das Volk die Hand gedrückt, sie nachher waschen werde. — Man muß .... das Volk mit eigenen Augen gesehen, mit eigener Nase gerochen haben. . . ." Im Gegensatz zu der rohen Masse ist ihm die „Elite der Nation, die auf den Universitäten .... die feinste Ausbildung erlangt hat". Kann ein „Bourgeois" anders sprechen? Dies wird genügen, um hinlänglich erwiesen zu haben, daß Heine als „Genosse" eine Lächerlichkeit in sich begreift, daß, wenn nicht vollständige Unkenntniß seiner Schriften oder absichtliches Vertuschen, nichts den „ungezogenen Liebling der Grazien" den Socialdemokraten, auch nur im entferntesten, zugesellen kann. Die Bibel in der Volksschule. 8. Aus Schwaben. Die Lehre der Protestanten, daß die Bibel die alleinige Norm des christlichen Glaubens und Lebens sei und daß ihr Verständniß der nämliche hl. Geist, der sie eingegeben, jedem heilsbegierigen Leser erschließe, hat naturgemäß dazu geführt, die Bibel zum Lesebuch der Volksschule zu machen. Lange war sie neben Katechismus und Gesangbuch fast daS einzige Schulbuch. Es fehlte nicht an solchen, welche die Realien nur im biblischen Nahmen betreiben und die Rechenexempel aus der Bibel nehmen wollten. Dabei kam es vor, daß die Bibel mehrmals von vorn nach hinten und von hinten nach vorn ohne Wahl durchgelesen wurde, also wohl auch die Volkszählung des 4. Buches Mosts und die Geschlechtsregister der Chronik (I), wobei die hl. Stoffe von den stotternden und hinkenden Lesebengeln verhunzt wurden. (Polack, Brosamen I, S. 80.) Dies ist nun freilich unter der Bewegung der modernen Pädagogik wesentlich anders geworden. Die Bibel hat aufgehört, das einzige Schulbuch der Protestanten zu sein. Diese haben, wie die Katholiken, ihre Lesebücher rc. rc. und bei uns sogar eine „Biblische Geschichte" von Buch- rucker. Daneben ist die Bibel doch noch als Schulbuch der Volksschule geblieben. In Bayern ordnet eine Cultus-Ministerial-Entschließung vom Jahre 1883 an, daß im 6. und 7. Jahrgang der protestantischen Schulen während des ganzen Jahres neben den für den Religionsunterricht bestimmten Wochenstunden eine weitere zum Bibellesen verwendet werde. Für Schwaben enthält eine Megierungs-Entschließung vom 9. April 1885 den Leseplan für beide Jahrgänge. Außer etwa 24 Psalmen ist der bezeichnete Lesestoff durchaus dem Neuen Testament entnommen.*) *) Wie es scheint, haben die Protestanten in den unge- theilten Schulen unseres Kreises für Religion in der Oberklaffe sechs Wochenstunden, während die Katholiken vielfach nur Vier Wochenstunden haben. Für letztere bestimmt eine Rggs.» Mfchl. v. 14. Sept. 18SS, daß die durch das Regulativ an- Obwohl der Lesestoff aus den Psalmen und dem Neuen Testament genommen ist, und der in der biblischen Geschichte enthaltene Geschichtsstoff als nahezu ausreichend bezeichnet wird, ist doch bisher, soviel bekannt, die volle oder ganze Bibel, wie sie Luthers Uebersetzung enthält, im Gebrauch geblieben, und die ernsten Bedenken haben bisher keine Beachtung gefunden. Diese Bedenken beziehen sich sowohl auf die sittlichen Gefahren, welche manche Stellen und Partien für die heranwachsende Jugend enthalten, als auf das schwierige Verständniß vieler Partien. Der bereits erwähnte Polack bemerkt darüber: „Manche leugnen zwar die sittliche Gefahr, die in der Lektüre dieser Stellen liegt. Ich weiß aus Erfahrung, daß sie vorhanden ist. Und die Erfahrung ist die höchste Instanz. In meiner Dorfschule kannten die meisten älteren Kinder die betreffenden anstößigen Stellen, lasen sie fleißig und machten ihre zweideutigen, ja zotigen Bemerkungen darüber. Einzelne ältere Schlingel vermachten die Kenntniß und das Verständniß dieser Stellen immer der nachfolgenden Schulgeneration. Ich weiß noch sehr genau, daß mir des Schulmeisters eigener Sohn die Stellen heimlich zeigte und Glossen dazu machte, die ich als neunjähriger Bursche nicht verstand und die mir doch ein eigenthümliches Gefühl erregten. Erst ziemlich spät ist mir das Verständniß dieser Stellen aufgegangen, und doch habe ich sie vorher mit einem unerklärbaren Gefühl daheim immer wieder gelesen." Gewiß muß der kgl. preuß. Kreis-Schultnspektor hierin als verlässiger Gewährsmann gelten. Die hl. Urkunde hat zumal in den Geschichtsbüchern des Alten Testamentes einen Realismus, welchen die heranwachsende Jugend im Allgemeinen nicht ertragen kann. Man denke nur an Erzählungen, wie sie Gen. 19, 34, 39 bietet. Dazu gehören einige Bestimmungen der bürgerlichen Gesetze 2 Mos. 21 ff. Auch in den Büchern der Richter, Ruth, Samuels und der Könige fehlt es nicht an bedenklichen Stellen und Partien. Es gehört doch ein sonderbarer pädagogischer Standpunkt dazu, der heranwachsenden Jugend diese Schilderungen von der düstern Nachtseite des menschlichen Sünden- elends als Schulbuch in die Hand zu geben! — Wer sagt denn dem Protestanten, daß gerade die bei ihm re- cipirten Bücher die Regel und Richtschnur des Glaubens bieten und daß jeder alle kennen und lesen muß? — St. Paulus sagt: „Ich konnte nicht mit euch reden als mit geistlichen, sondern als mit fleischlichen, wie mit jungen Kindern in Christo; Milch habe ich euch zu trinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht" (1 Kor. 3, 1). Dieser Rücksicht entsprechen auch manche Partien der Lehrbücher und der Propheten nicht. WaS soll es für einen 12jährigen Schüler, wenn eS Spricht». 5,18.19 heißt — ich führe den Text Luthers an: „Dein Born sei gesegnet, und freue dich des Weibes deiner Jugend — sie ist lieblich wie eine Hindin und holdselig wie ein Reh." — Beim Hohenlied hat schon die alte jüdische Kirche ebenso wie die christliche den buchstäblichen Sinn für die Schale und den höhern geistlichen Sinn als den Kern bezeichnet. Zu dieser geistigen Beziehung vorzudringen, gehört eine gewisse Reife, die bet Leuten der Volksschule kaum anzunehmen ist. Selbst von den Briefen Pault sagt die hl. Schrift, daß darin manches schwer verständlich geblich frei werdenden Wochenstunden zu gleichen Theilen für den Sprach- und Rcchenunterricht verwendet werden! In diesem Punkte besteht ylfg. eine auffallend« Disparität! - 243 ist, welches ununterrichtete und leichtfertige Menschen zu ihrem eigenen Verderben mißdeuten (2. Petr. 3, 16). Zwar kann ein besonnener und gläubiger Pädagoge nicht mit allem einverstanden sein, was der sogenannte Deutsche Lehrertag schon beschlossen hat. Wenn sich aber derselbe so entschieden gegen den Gebrauch der Vollbibel in der Volksschule ausspricht, so kann man ihm darin nur zustimmen. In dieser Richtung haben die Protestanten, die sich so gern mit den Katholiken beschäftigen, eine Aufgabe, die immer dringender wird und die vom Standpunkt der Theologie wie der Pädagogik gestellt werden muß. Es ist merkwürdig, daß die Menschen gerade auf dem Gebiete der Jugendbildung so selten die goldene Mitte finden und sich so sehr in Extremen bewegen. Während der Protestant schon dem Werktagsschüler die Vollbibel als eine Art Zaubermittel in die Hand drückt, geschieht katholischerseits in der Heranziehung der Bibel vielfach zu wenig. Einige Lesestücke — darunter einige Psalmen — sollte schon die Volksschule in einer Beigabe zur biblischen Geschichte bieten. Statt dessen werden oft die Bibeltexte des Katechismus zu wenig beachtet! — In den Mittelschulen sollte neben den Katechismen und Handbüchern Lesung ausgewählter Stücke aus der hl. Schrift mit leichtfaßlicher Erklärung nirgends fehlen. DaS halte ich für eine wichtige Forderung. Die christliche Topographie und die Mystik. Von Dr. Gustav A. Müller. Eine Aufsehen erregende Kunde durcheilte jüngst die christliche Welt: man habe bei EphesuS das Wohn» und Sterbehaus der allerseligsten Jungfrau Maria entdeckt.*) Bereits zogen fromme Schaaren nach der kunnZiL OaxouU genannten Bergödung; Bischöfe besuchten die ehrwürdige Stätte; es hieß, Papst Leo XIII. habe seinem besonderen Interesse für die Untersuchung des Platzes Ausdruck gegeben. Die Entdeckung nahm immer bestimmtere Fassung an; zuletzt fand man noch Neste von Kreuzwegstationen, die sich Maria im Andenken an das Leiden ihres göttlichen Sohnes errichtet haben sollte. Grund für alle diese Annahmen: eine schwache und schwankende Tradition, der willkürlich gedeutete Name Oaxonli" — Wohnung der Allheiligen — und die Autorität der gottseligen Augustinernonne Katharina Emmerich, jener stigmatisierten Visionärin, die uns merkwürdige Betrachtungen über das Leben Jesu und Mariü, in fremder Aufzeichnung freilich, hinterlassen hat. Es ist ein Beweis für den Ernst katholischer Wissenschaft, daß sofort die archäologische und topographische Forschung ein Wort zu dieser auffallenden Entdeckung sprachen. Dies Wort ist durchaus negativ, ablehnend, ja energisch widersprechend ausgefallen. Insonderheit hat jüngst der hochgelehrte Domdekan von Würzburg, Dr. Nirschl, in einer glänzenden, die katholische Wissenschaft hoch ehrenden Studie über das Grab der hl. Maria (Mainz, Fr. Kirchheim) den Beweis angetreten, daß EphesuS nicht im geringsten Anspruch auf die Ehre haben kann, die Mutter des Herrn beherbergt zu haben, daß die nett entdeckte Stätte zu einem profanen Gym- nasion gehörte, daß die Visionen der Katharina Emmerich im thatsächlichen Gebiet vielfach irren, und daß *) Siehe den einschlägigen Aussatz in Nr. 52 >cö Untcr- haltungSblattes 1695. D. Ncv. > andererseits die uralte christliche Tradition, wonach Maria in Jerusalem wohnte, auf Sion starb und bei Gethsemane begraben ward, unantastbar sei! Der Beweis ist exegetisch, historisch, archäologisch, topographisch mit überwältigender Sicherheit geführt. Ich will ihn hier nicht ausschreiben und empfehle allen gebildeten Katholiken — auch unsern Gegnern — diese Glanzleistung eines pxiester- lichen Forschers in aufrichtiger Bewunderung. NirschlS Studie bedeutet aber auch eine — wissenschaftliche That! Leider war diese That nöthig. ES wird hier ein „Halt" zugerufen jenen gutmüthig gläubigen Forschern, die den verbindlichen dogmatischen Glauben mit „frommen Meinungen" verwechseln, kritiklos jede Sage für echt annehmen und gar beginnen, die Mystik religiöser Visionen in die reale Arbeit natürlicher Forschung hereinzuziehen, zum Schaden der Wissenschaft. Nirschl beugt sich wie wir vor der rein religiösen, sittlichen, transcendentalen Bedeutung visionärer Erscheinungen, er verehrt wie wir die gott- geliebten Seelen, denen mystisch enthüllt wird, was uns verborgen bleibt — aber er zeigt die Gefahr, in die wir durch einen naiven Mysticismus in der Wissenschaft gerathen — die Gefahr der Lächerlichkeit und des Betruges! Ein hartes Wort — gewiß l Aber es ist berechtigt, wenn wir auf verschiedene Vorkommnisse der jüngsten Zeit blicken, die wenig erfreulich waren. Weniger wollen wir tadeln, wenn fromme Palästinapilger in ihren Neiseschilderungen Bezug nehmen auf die Angaben visionärer Frauen: die Pilgerfahrt ist ein religiöses Unternehmen und mag der Mystik als eines Erbauungsmittels wohl gedenken. Schlimm war es aber, als ein sonst tüchtiger Palüstino- loge und biblischer Topograph, ein Rottenburger Domherr, vor wenigen Jahren die heilige Topographie des Orients, die Landkarte des christologischen Palästinas nach den Angaben der sei. Katharina Emmerich — vervollständigte. Wesentliche topographische Streitfragen entschied der gelehrte Autor nach den Visionen der Nonne von Dülmenl Schon principiell besteht kein elementarer Zusammenhang zwischen Geschichte und — Vision. Zudem, wo hört in Visionen das — subjecttve Moment auf? Dann — das Thatsächliche. Die allerschwersten, bedenklichsten, ja geradezu horrendesten Irrthümer und Ungeheuerlichkeiten weist NirschlS Analyse der Gesichte Katharina's auf: handgreifliche Unrichtigkeiten. Nun wissen wir Alle und weiß ich aus meiner Handschriften- sammlnng ganz besonders, daß Clemens Brentano, der Schreiber der Visionen, eine überwuchernde Phantasie besaß und dieser oft wehrlos unterworfen war: ein edler Mensch und unfaßbarer Schwärmer. Was mag von den Einzelheiten der Visionen alles auf sein — gewiß ehrlich gemeintes — Conto zu setzen sein? Er selbst verwahrt sich gegen den Anspruch auf — geschichtliche Wahrheit! Und die Forschung sollte trotzdem pietätvoll seine Niederschrift als Offenbarung betrachten?! Nein — die Erhabenheit der Visionen ü la. Emmerich liegt auf einem andern als wissenschaftlichen Gebiete. Trotzdem würden wir niemals läugnen, daß visionäre Förderung der wissenschaftlichen Forschung möglich sei. Damit würde ich das unmittelbare Eingreifen Gottes in die Weltgeschicke läugnen. Im Gegentheil — ich glaube an die Möglichkeit autoritativer Visionen von realem Werth. Ich glaube — ohne sie zu erklären. Der heilige Papst Damafus hat — dies ist Thatsache — auf Grund eines TraumgestchteS 244 das Grab Und die Reliquien der hl. Cäcilia neben der Papstkrhpta in den Katakomben des hl. Callistus entdeckt.*) Der „NomamZiims" in den Vereinigten Staaten. Von Charles Saint-Paul. Das Gedeihen der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten von Nordamerika veranlaßt die verschiedenen Gegner deS Papstthums daselbst zu fortgesetzten Angriffen, die nur ihre Ignoranz und Böswilligkeit beweisen. Vor einiger Zeit hat sich eine Vereinigung gebildet, die ausschließlich den Zweck verfolgt, den „drohenden Nomanismus" in Amerika zu bekämpfen. Es ist dies die sogenannte kroteotüvs Lssooikrtion", wie schon der Name sagt, ein Schutz- und Trutzbündniß gegen das Papstthum. Dieselbe geht in ihren Publikationen mit wüthenden Angriffen gegen die katholische Kirche vor. Mit welchen Waffen sie kämpft, wird besonders aus einer Publikation ihres Präsidenten, I. H. Traynor, betitelt Nsnave ok Ilornuvism" ersichtlich, die auch in der Xortd-^rnarioan ksvisv, der bekannten amerikanischen Monatsschrift (August 1895), erschien. Seinen längeren Ausführungen seien im Folgenden einige Hauptpunkte zur Charakteristik dieser Bestrebungen entnommen. Der Autor geht von der Thatsache aus, daß in den letzten Jahren wiederholt von einem liberalen Katholizismus in den Vereinigten Staaten gesprochen wurde, und sucht zu erweisen, daß derselbe nicht cxistiren könne. Der Unterschied, den die „liberalen Katholiken" angeblich selbst zwischen sich und den „Ultramontanen" ziehen, soll darin bestehen, daß sie sich damit begnügen wollen, dem herrschenden Papst Obedienz zu leisten, wenn er von Zeit zu Zeit Vorschriften für die Kirche erläßt, während der „Mramontane" die Principien der „Paparchie" überhaupt anerkenne, sowohl mit Bezug auf die weltliche wie geistige Suprematie des Papstes. Eigentlich könnten aber diese liberalen Katholiken sich in keiner Weise von den Ultramontanen unterscheiden, wenn sie nicht aus der päpstlichen Kirche ausgeschlossen werden wollten, da ja alle Gläubigen der letzteren ihre Canones und die Aussprüche der Päpste, die, sx oa- tdeära erlassen, auf dogmatischem oder moralischem Gebiete Geltung haben, annehmen muffen. Uebrigens lasse sich auch aus den Aussprüchen angeblich liberaler amerikanischer Kirchenfürsten folgern, daß trotz aller diplomatischen Klugheit das Papstthum dieselben Ziele in Amerika verfolge, wie in Europa, dieselbe Gefahr für die staatliche Freiheit und das staatliche Gedeihen daselbst bilde. Zum Beweise seiner Behauptungen muß dem Autor der Erzbischof von Saint-Paul, John Jreland, dienen, der als „der liberalste und loyalste aller Katholiken in den Vereinigten Staaten" hingestellt wird?) *) Interessant ist, daß unser Zeitgenosse Dr. Heinrich Schliemann, der Entdecker Troja's. es sich nicht nehmen ließ, das Grab Agamenmons in Mykenä auf Grund eines höchst merkwürdigen Traumes gefunden zu haben. , ') Die Ausführungen des Präsidenten der amerikanischen kroteotive Lssooiation über den liberalen Katholizismus stehen übrigens, wie hier noch bemerkt sein möge, in Widerspruch mit hen Anschauungen anderer „Antiromanisten", die so gerne von einem kommenden Schisma zwischen liberalen und ultramontanen Katholiken in Amerika sprechen. Besonders dürfte Zola in dieser .Hinsicht in Betracht kommen, der in einem vom Figaro dublierten Artikel »I/Oxxortrwismö äo I,ßon XIII« unter andern» klM Anschauung Ausdruck gibt, daß in nicht allzuserner Zeit Derselbe habe in einer Rede, die er in Boston am 28. April 1895 hielt, behauptet: „Nächst Gott kommt das Vaterland, der Patriotismus nächst der Religion. Es wird gesagt: Vox poxuli, vox Der. Diese Worte sind wahr, wenn die Nation oder der Staat in dem Kreise der Machtvollkommenheit sich bewegt, die ihnen von dem höchsten Meister übertragen ist." „Da aber", so folgert Traynor, „die päpstliche Hierarchie den Anspruch erhebt, der einzige Interpret der Aeußerungen des höchsten Meisters zu sein, so folgt daraus nothwendig, daß der Papst der legitime Definitor der Grenzen des Staatsgebietes ist." Jreland habe übrigens mit seinen Worten eigentlich nur früher aufgestellte Sätze, wie sie aus der Bulle „IInum Lnnotam" und dem Shllabus geschlossen werden können, in milderer Form wiederholt. Diese Folgerungen des fanatischen Antiromanisten aus dem zutreffenden Hinweise eines Kirchenfürsten auf die nothwendige Hebung des religiösen Bewußtseins im Volke im allgemeinen werden übrigens an Absurdität durch einige seiner folgenden Behauptungen noch über- troffen. Die Gründe der Zurückhaltung deS „liberalen Katholiken", der nicht anerkennen will, was der Papst nur aus diplomatischer Klugheit für Amerika noch nicht bestimmt hat oder waS hervorragende Prälaten nur in vorsichtiger Sprache ausgedrückt haben, werden, wie der Autor erklärt, bei einem Vergleiche der amerikanischen Constitution mit dem kanonischen Recht und den Ency- lliken der päpstlichen Herrscher ersichtlich. Diese seien unversöhnlich, wenn man nicht die Vereinigten Staaten als Provinz der päpstlichen Kirche betrachten wolle, eine Stellung, die ihnen eigentlich bereits vom Papstthum zugewiesen sei. Auf die hierarchische Obergewalt sei auch in dem apostolischen Schreiben hingedeutet, das am 6. Januar 1895 von Leo XIII. an die Bischöfe und Erzbischöfe von Nordamerika gesandt wurde und in dem gesagt werde: „Genau zu der Epoche, da die amerikanischen Colo- nien, nachdem sie mit katholischer Hilfe Freiheit und Unabhängigkeit erlangt, zu einer konstitutionellen Republik reiften, wurde die kirchliche Hierarchie glücklich unter Euch errichtet, und zu derselben Zeit, da die Volksstimme den großen Washington an die Spitze der Republik stellte, wurde der erste Bischof durch apostolische Autorität über die amerikanische Kirche gesetzt." Es gehört in der That die fanatische Blindheit und Böswilligkeit eines wüthenden Papstfeindes dazu, um in diesen Worten ein Argument für päpstliches Streben nach Oberherrschaft in weltlicher und geistlicher Hinsicht in den Vereinigten Staaten zu finden. Das erwähnte Sendschreiben wird übrigens von unserm Autor zu seiner Beweisführung noch weiter be- nützt. So meint er z. B., daß indirekt in demselben ganz ähnliche Principien zum Ausdrucke gebracht würden, wie in einigen Bullen Gregors XVI. und PiuS' IX. Wenn diese Päpste die Preßfreiheit anathewatisirten, so thue der gegenwärtige Papst das gleiche, wenn er die Journalisten ermähne, die Religion zum Führer zu nehmen und niemals die Handlungen und Beschlüsse der Bischöfe abfällig zu kritistren, da den Bischöfen in ihrer hohen autoritativen Stellung gehorcht werden müsse. — Diesem in Amerika ein Schisma, wahrscheinlich mit Msgr. Jreland an der Spitze, eintreten werbe, daß Leo XIII. dieses befürchte (I) und deßhalb mit seinen Zugeständnissen für die amerikanischen Bischöfe und Gläubigen sich so willfährig erweise. (!) 245 Schlüsse aus eine« Mahnung für katholische Journalisten stehen ebenbürtig die Erörterungen zur Seite, zu denen er andere Stellen desselben Rundschreibens benützt. Leo XIII. sagt in demselben unter anderm: „Deßhalb wünschen wir sehnlich, daß die Wahrheit sich immer mehr und tiefer dem Geiste der Katholiken einpräge, daß sie nicht besser ihre eigenen individuellen Interessen und das Allgemeinwohl sichern können, als indem sie der Kirche sich von Herzen unterwerfen und gehorchen.- Bezüglich der Unterwerfung unter den Staat bemerkt er: „In ähnlicher Weise sollen auch die Priester fortwährend das Volk auf die Beschlüsse des dritten Concils von Baltimore aufmerksam machen, speciell auf die, welche die Observanz der gerechten Gesetze und Institutionen der Republik einschärfen." Traynor findet in der ersten Stelle nur einen Beweis für die indirekten Bemühungen zur Ausdehnung der päpstlichen Herrschaft, und bemerkt zu der zweiten Mahnung, daß in derselben der Nachdruck auf der Beifügung „gerecht" liege, insofern der Papst eS sich vorbehalten habe, zu entscheiden, welche Gesetze und Institutionen gerecht seien, und die Katholiken nur zur Befolgung derjenigen anhalte, die er als solche erklärt habe. Es ist wohl kaum nöthig, darauf hinzuweisen, wie aus diesen Worten nur die wohlmeinende Absicht des Papstes, die Anerkennung der bestehenden Verhältnisse unter Wahrung der Nothwendigen Rücksicht auf eventuelle Besserung herrschender Mißstände in moralischer Beziehung erhellt, und wie nur Gehässigkeit dieselben derart deuten kann, wie Traynor es thut. „Wenn Leo XIII. und seine Stellvertreter in den Vereinigten Staaten, so äußert sich dieser weiterhin, dieselben Ziele in der Gegenwart anstreben, wie die frühere» Päpste, so hüllen sie sich klug in den Mantel der amerikanischen Freiheit und mildern ihre Sprache mit dem Oel der Diplomatie. Wenn PiuS IX. oder Gregor XVI. ihre Kundgebungen an das amerikanische Volk heutzutage richten würden, so gäben sie nur dem Satiriker Stoff; aber Leo XIII. macht substantiell dieselben Behauptungen, nur in feinerer, milderer Sprache, und diese werden dann stillschweigend oder mit offener Billigung von einem großen Theile der Presse und des Volkes der Vereinigten Staaten angenommen." ES ist dies wohl nur ein Beweis dafür, daß vorurtheilslose Kreise die weisen Kundgebungen des gegenwärtigen Papstes immer noch zu würdigen wissen. Besondere Aufmerksamkeit widmet Traynor noch den Bestrebungen des Papstes in der Arbeiterfrage. Er versucht, so meint er, deren Organisation unter die Herrschaft der Kirche zu bringen, um die Macht in der kommerziellen und Arbeiterwelt sich zu sichern, wie er überhaupt in alle Sphären deS bürgerlichen Lebens eingreifen und auf die politische Gestaltung einwirken wolle. Wie die Hierarchie darauf hinarbeitet, das bewiesen Aeußerungen von Bischöfen und Priestern bei den amerikanischen Wahlen. Der Präsident der kro- teotivs L88ooiatioll" hat diesbezüglich ein genaues Sündenregister zusammengestellt. So wurden, wie er behauptet, die Wahlen in New-Bork und in andern großen Städten von der Priesterschaft beeinflußt, die unter die Hauptfaktoren der amerikanischen Politik gerechnet werden will. Bei den Munictpalwahlen in New« Bork im Herbst 1895 haben die Priester der Erzdiöcese New-Aork die Pfarrkinder von der Kanzel informirt, wie sie zu wählen hätten. Der Bischof von Stoux-Falls und ein großer Theil Wer Priester huben öffentlich die Pfarrkinder zur Wahl beeinflußt. Der Erzbischof Jxekand hat Ende Mai 1895 „in nicht mißzuverstehenden Worten über die Silberfrage gesprochen". Wer die Zustände bet amerikanischen Wahlen kennt, der wird über diese Sünden- aufstellung nur lächeln können, und der Einsichtsvolle wag einen wachsenden Einfluß der religiösen Elemente auf dieselben herbeiwünschen. „Die zahlreichen speciellen Privilegien von Seite der Staatsregierung", deren sich gegenwärtig die katholische Kirche, z. B. mit Bezug auf die Heidenmissionen, erfreut und «die keine andere Religionsgesellschaft in den Vereinigten Staaten in diesem Maße genießt", si^d dem wüthenden Antiromanisten ein Dorn im Auge; sie sind nach seiner Ansicht ein Beweis dafür, welche Vortheile „die lokale und nationale politische Organisation" dem Papstthum in Amerika bereits gebracht hat. Er bemerkt hiezu noch am Schlüsse seiner Ausführungen: „Was also die offene Herrschsucht und Arroganz Gregors XVI. und PiuS' IX. in den Vereinigten Staaten nicht durchsetzen konnte, hat die höhere Diplomatie Leo's XIII. und seiner amerikanischen Prälaten theilweise gesichert, das Prä- dominiren der päpstlichen Kirche als Sekte, ihre Machtstellung als politische Körperschaft. Wenn dieselbe in der Schulangelegenheit die Oberhand bekäme, so wäre die Perverfion der amerikanischen Constitution, bis sie den päpstlichen Dogmen confokm wäre, nur eine Frage der Zeit, und von der Republik, wie sie von den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung geschaffen wurde, würde nur mehr die historische Erinnerung fortleben. Die Paparchie sucht in der neuen Welt die Macht zu erneuern, welche ihr in der alten geraubt wurde. Während sie in Europa Könige und Concilien als ihre Werkzeuge gebrauchte, adaptirt sie sich amerikanischen Verhältnissen und mischt sich in alle Elemente des öffentlichen Lebens ein, die zu ihrer Macht beitragen." In den Vereinigten Staaten ist bekanntlich allen Reltgionsgcsellschaften vollkommene Freiheit der Entfaltung ihres Einflusses nach ihrem inneren Werthe gegeben worden. Nur war in dem Lande der Sekten, ehe „die zahlreichen Privilegien" für die katholische Kirche existirten, ehe die Wirksamkeit der Katholiken die Intoleranz der Gegner mehr zum Schweigen brachte, dem „AntiromaniSmus" durch die bestehenden Verhältnisse schon ein Vorzug vor dem Papstthums verliehen. — Die „prädominirende Stellung" der Kirche hängt daher eben mit ihrem inneren Werthe zusammen; der vorurtheils freie Kenner der amerikanischen Verhältnisse wird nicht behaupten können, daß das Oel der Diplomatie das kirchliche Wachsthum gefördert hat. Allerdings konnte dem toleranten und weisen Verhalten deS gegenwärtigen Papstes, der seiner Achtung der bestehenden Verhältnisse in der amerikanischen Republik und seinen Anschauungen über dieselben vom christlichen Standpunkte wiederholt Ausdruck verliehen hat, sympathische Anerkennung auch in «katholischen Kreisen nicht versagt werden. Was die „Perverston" der amerikanischen Gesetze anbelangt, so würde wohl dem Wunsche nicht nur der Katholiken, sondern auch vieler Akatholtken entsprochen, wenn den vielen Mängeln und ungesunden Verhältnissen, die dem amerikanischen Leben bei dem herrschenden Materialismus noch anhaften, durch den ethischen Einfluß der Kirche immer mehr entgegengewirkt werden könnte, den sie auch ausüben kann, ohne die Vereinigten Staaten als ihre »Provinz" nach der beliebten Auffassung zu be» trgMy; Nachdem aber bMts in der Gegenwart die 246 katholische Kirche i» der neuen Welt wunderbar rasch sich entfaltet hat, dürste zu hoffen sein, daß die einigen „liberalen" und ultramontauen Katholiken ihren Anschauungen in der Zukunft noch trotz aller kroieotive Ls8oois.tions den Sieg verschaffen werden. Dr. Ratzinger's „Volkswirthschaft in ihren sittlichen Grundlagen". sH In der Beilage der „AugSb. Postztg." ist die zweite Auflage dieses Werkes des Abg. Dr. Ratzinger schon anerkennend besprochen worven. Heute soll constatirt werden, daß das Werk eine außerordentlich günstige Aufnahme gefunden hat. Wir heben aus den Recensionen einige heraus. Dr. Schaffte, der bekannte Sociologe, spricht sich in der Tübinger „Zeitschrift für die gesammte StaatSwisscnschaft" (2. Heft 1896) also auS: „Auch diese neue Auflage des BucheS, welches theoretisch tief fundirt ist, ins volle Menschenleben der gegenwärtigen Gesellschaft rückhaltlos hinemzreist und in jeder Zeile Charakter und Uebcrlegung atbmet, wird nicht verfehlen, in der katholischen Welt eine große Wirkung auszuüben. Es ist auch sür Protestanten in hohem Grade lesenSwerth; wir stellen dasselbe als nationalökonomische und alö politische, namentlich social- und kirchenpolilische Leistung über daS Werk PörinS, des bekannten kathol. Nationalökonomen der Universität Löwen. Bibliographisch ist auf den Anhang besonders aufmerksam zu machen." ?. Heinrich Pesch äußert sich im Mainzer „Katholik" (Märzheft 1896) wie folgt: „Ratzinger's Werk besonders zu empfehlen, ist eigentlich kaum mehr nöthig. Der Name des Verfassers hat in der wissenschaftlichen Welt einen so guten Klang, daß man im vorhinein überzeugt sein dürfte, auch diese zweite Auflage der „Volkswirthschaft" werde allen gerechten Erwartungen vollauf entsprechen. Es ist kein systematisches Lehrbuch der Nationalökonomie, das Ratzinger uns bietet. Vielmehr bandelt es sich um eine Reihe trefflich durchgeführter Essays über die wichtigsten Seiten und Fragen dcS volkSwirthschaft- lichen Lebens: über Wirthschaft und Sittlichkeit, Armuth und Reichthum, Eigenthum und Communisiuus, Arbeit und Kapital, Wucher und Zins, socialpolitische Theorie und Praxis, Cultur und Civilisation. Die Darstellung ist stets interessant, zuweilen klassisch schön. Eine echt religiöse Auffassung, innige Liebe zu Jesus Christus und der hl. katholischen Kirche, verbunden mit wissenschaftlicher Tiefe und ausgebreiteter Kenntniß der einschlägigen Literatur, zeichnen den Verfasser aus und verleihen seinem Werke in hohem Maße die Fähigkeit, Verstand und Herz dcS Lesers in gleicher Weise zu befriedigen. Ganz besonders eignet sich das Buch auch sür diejenigen, welche in öffentlichen Vortrügen volkswirthschaftliche und socialpolitische Stoffe zu behandeln haken. Wir finden hier eine durchgängig zuverlässige Entwicklung der principiellen Wahrheiten, herrliche Citate, insbesondere aus den Kirchcn- vätern, eine reiche Auswahl von Details aus dem praktischen Leben, packende Ideen und Schlagwörter, alles in schöner und anziehender Form." Nachdem ?. Heinrich Pesch einige wenige abweichende Meinungen in Dctailfragcn begründet hatte, schließt er: „Auf weitere Ausstellungen verzichten wir um so lieber, als die zahlreichen großen Vorzüge des Werkes für die wenigen Mangel reichlich entschädigen." Die »Sociologie catkoliqus« (Montpellier, Nr. 50, Aprilheft 1896) widmet dem Werke Ratzinzers eine ganz eingebende Besprechung von 8 Seiten, von denen die beiden letzten allein dein Kapitel der Wuchcrfrage gewidmet sind, das Dr. Ratzinger eingehend behandelt, wobei der Recensent der Freiheit des Zinsfußes im Gegensatz zu vr. Ratzinger bekämpft. Die Recension faßt ihre Auffassung allgemein dahin zusammen, daß vr. Ratzinger sich in allen Gebieten der politischen Oekonomic auSkennt, die er behandelt, möge er nun sich auf die hl. Schrift und die Kirchenvätcr oder. Kanzclrcdncr und kirchliche Schriftsteller der Gegenwart beziehen, oder auf die Schriften der Ockonomistcn aller Schulen in Frankreich, England und Deutschland. Seine Ausführungen seien klar. genau und logisch. Man empfinde ein Gefühl des Glückes bei der Lectüre eines so echt christlichen Werkes. Die „Oesterreich. Zeitschrift für Verwaltung" (Wien, Nr. 23 vom 4. Juni) bringt ebenfalls eine ausführliche Recension, welche auf den ganzen Stoff des Buches eingeht und LlMondey das Kapitel der Agrarfrage näher behandelt. Das allgemeine Urtheil der Zeitschrift lautet: „Der Verfasser, denen Uebcrlcgenheit und Sicherheit in der Darstellung A. Schaffte anläßlich der Besprechung der vor anderthalb Jahrzehnten erschienenen ersten Auflage des Werkes seinem umfassenden wirth- schaftSgcschichtlichcn Gesichtskreise zuschreibt, bietet uns in der vorliegenden zweiten Auflage wieder jene Fülle von Ideen, jene fesselnde, von einer Beherrschung der gesammten staatSwissen- schaftlichen Literatur zeugende Schilderung der wirthschaftlichen, socialen und sittlichen Zustände, jene treffende und schneidige Kritik herrschender nationalökonomiscbcr Lehrmeinungen, welche wir schon beim ersten Erscheinen des BucheS bewundert haben. Man braucht Ratzinger's Schlußfolgerungen nicht immer für zwingend zu halten, man braucht aber auch insbesondere nicht durchaus auf dem Boden seiner Weltanschauung zu stehen; dennoch wird dieses hervorragende Buch keiner aus der Hand . legen, ohne durch seine anregende Schilderung und durch seine ehrliche UebcrzcuguugStrcue erquickt, durch seinen großen Gedankengang und seinen Matcrialienschatz wesentlich belehrt worden zu sein." Recensionen und Notizen. Apologie des Christenthums von Albert Maria Weiß, 0. kr. 3. Auflage. 4. Band. Freiburg 1898, Herder. Wie die 2. Auflage vorliegenden Bandes, so erscheint auch die 3. Auflage in zwei Theilen, aber bedeutend (um 140 Seiten) vermehrt. Darum stieg auch selbstverständlich der Preis; derselbe ist 1 Mark höber als in 2. Auflage und beträgt M. 8.— ; gebunden in Halbsranz M. 11.20. Allerorts im ganzen Bande zeigt sich die bessernde Hand; so hat z. B. die Uebersichtlichkeit nicht wenig durch häufigere Absätze (Alineas) gewonnen; besonders aber finden wir die erste Abtheilung: „DaS öffentliche Leben unter dem Einflüsse der modernen Ideen", Vortheilhaft umgeändert. Ganz neu ist der Anhang: 2 Verträge auf dem socialen KurS in Wien am 3. August 1894: I. Individuum und Gesellschaft; II. Wesen und Zweck des menschlichen Gesellschastölcbens; in denselben werden die allgemeinen Begriffe der Gcscllfchaftslchre in 24 Thesen behandelt. Um die Lehre von der Gesellschaft zu fassen, müssen wir unS eben zwei Dinge klar machen: .1) Was versteht man unter dem Begriffe Gesellschaft? 2) Wie haben wir uns daS Verhältniß des Einzelnen zur Gesellschaft zu denken ? AuS praktischen Gründen zum leichteren Verständnisse beantwortet der Verf.isser zuerst die zweite Frage. DaS neue Vorwort ist geschrieben auf Neujahr 1896 und ist beim überaus ernsten Zeitcharaktcr auch sehr ernst gehalten. Mit vollem Rechte weist der Verfasser auf das erhabene, wahrhaft katholische, das ist allumfassende Beispiel des PapsteS Leo XIII., der allen ohne Ausnahme als einzige Richtschnur das ewige, unveränderliche Gesetz Gottes vorhält. Nach diesem müssen und wollen auch wir als treue Kinder der Kirche in unserer ernsten Lage handeln. DaS Vorwort schließt mit den tief bcherzigenöwerlhcn Worten: „Darauf kommt alles an, daß das Gesetz Gottes richtig verstanden und mit Selbstverleugnung erfüllt werde. Möge Gott allen, die in dieser schweren Stunde durch Wort oder That auf die Welt wirken müssen, möge er allen die Gnade geben, nichts suchend, nichts fürchtend, mit Muth und Geduld, kein Opfer verweigernd, auch nicht daS ihrer selbst, die göttliche Wahrheit hochzuhalten nach dem Beispiele dessen, der, seiner vergessend, verfolgt und verleumdet, daS Kreuz bestieg und damit sein Wort besiegelte: Mich dauert das arme Volk." Der IV. Band ist unter dem Titel „L-ociale Frage und sociale Ordnung oder Handbuch der Gesellschafts-" lehre" zum gleichen Preise auch separat erschienen. EbnerAd., Quellen und Forschungen zurGeschichte und Kunstgeschichte des Uissale Lomanum im Mittelalter. 8°, XII -j- 488 SS- Freiburg i. Br., Herder, 1896. M. 10,00; geb. M. 12.00. S Adalbert Ebner, Domvikar und Professor am crzbischöf« lichen Lyceum in Eicbflätt, gehört zu unseren besten jüngeren Theologen der historisch-kritischen Richtung. Vorliegender Band enthält hochinteressante und werthvolle Forschungsergebnisse, die der Verfasser als »sxolia itiueris italici- in die Heimach gebracht hat und welche seiner scharfen Beobachtungsgabe, wie seinem Sammelfleiße alle Ehre machen. Der kulturgeschichtlich wie kunstgeichichtiich bedeutsame Inhalt deS BucheS, daS von der Hcrder'schcn Buchhandlung in gewohnter Mustcrgiltigkeit ausgestattet ist, wird durch ein Titelbild und 30 meist Phototypische Tcxtbildcr erläutert. Zuerst (S. 3—295) kommt eine Beschreibung der vom Verfasser auf zwei Reisen untersuchten Sakramental» und Miffalhandschriften auS italienischen Biblia- 247 theken, bann folgen (S. L96---356) eiiiuubdreißig bisher unge- drucktc Texte aus alten Meßordnungen, Calendaricn u. s. w. nach Handschriften aus Florenz, Lucca, Mailand, Monte Cassino, Neapel, Padua, Venedig und Rom. Diesen beiden Theilen schließen sich vorzügliche Abhandlungen an über verschiedene Fragen zur Entwicklung der Liturgie. Das Buch gibt uns einen genußreichen Einblick in das künstlerische Streben, sowie in den kirchlichen Sinn des vielverlästerten MittelaltcrS, das unserm staunenden Auge immer größer erscheint, je mehr es durch die Forschung erschlossen wird. Möge uns darum der Verfasser bald wieder mit einer Gabe ähnlicher Studien beschenken! _ Ungedrucktes aus dem Göthekreise. Mit vielen Facsimiles. Herausgegeben von Dr. Gustav Ad. Müller. München, 1396. Verlag von Seitz und Schauer. Preis M. 8.—. V/. Eine Reihe bisher eingedruckter Briefe und sonstiger Handschriften Götbc'S und ihm freundschaftlich oder literarifch nahcgestandcucr Persönlichkeiten. Die in treuen Facsimiles wiedergesehenen Litcrärurkunden geben so manches neue Interessante für Literalurgeschichte, Gesellschaft und Politik der Göthe- periodc. Reizend ist das bisher ungedruckte Hochzeitsgcdicht von Jakob Michael Reinhold Lenz. Das Bück. allen Literatur- und Gölbesreundcn bestens zu empfehlen, ist bei der sorgfältigen Herstellung der Facsimiles (darunter auch Lavaters Selbstporträt) nicht zu theuer im Preise. k. Gg. Freund. 0. 8. 8. K., Die Opfer des Erlösers. Den Menschen zur Mahnung und zum Troste. WarnS- dori, Ambros Opih. 15 kr. A 'I'olls et IsAö. Nimm und lieS. DaS^gilt so recht von k. Freunds neuester Broschüre. Kraft- und gemüthvoll führt der bekannte populäre Kanzelrcdner und Volköschriftsteller in dieser Broschüre, das Leiden Christi als Untergrund nehmend, den Leser, den Armen wie den Reichen, den Hochgestellten wie den Niederen durch die verschiedensten Lebenslagen und das Ge- Wirre bunter Tagesfragen. Dabei weist der bochwürdige Verfasser in ergreifenden Tönen zur Mahnung und zum Troste auf den sterbenden Mittler, den göttlichen Heiland, der für uns ein siebenfaches Opfer gebracht hat: das Opfer seiner Freunde, das der zeitlichen Güter, der Gesundheit, der Ehre, des Trostes, endlich das große Opfer seiner Mutter und seines Lebens. Ueberzcugend und klar ist die Sprache und ungcmein eindrucksvoll und gedankenreich der Inhalt. Das alte Göthe-Wort bewahrheitet sich auch an diesem so zeitgemäßen Schriftchen wieder: „Greis' inö volle Leben, wo du es packst, ist es interessant." Dieö ist sein bester Reisepaß. Streitfragen aus dem bayer. VolkSschulrechte. Von Dr. zur. Jos. Elbert. Verlag von Boch und Englert in Frankfurt a. M. K Diese „verwaltungsrecktlicke Studie" ist eine tüchtige, kleißige Arbeit. Neben einer kurzen Skizze über die Entwicklung des Volksschulwesens seit Karl dem Großen und speciell in Kurbayern, ferner einer gedrängten Darstellung über die „Entwicklung der Deckung des SchulbedarfS" gibt der Verfasser eine kritische Untersuchung über „die Träger deS Schulauf- wandcs" und verbreitet sich hier insbesondere über die Streitfrage. ob bei Sprcngelschulen der Sckulsprcngel, d. h. die zu einem Schulsprcngel vereinigten Theile politischer Gemeinden oder letztere selbst als solche für die Aufbringung des Bedarfes für die Sprengelschulen verpflichtet sind; im ersteren Falle Würden mir die eingeschulten Gemeindeglieder zur Bedarfdeckung herangezogen werden können; im letzter» die bctr. politischen Gemeinden als solche. Die erstere Ansicht ist zur Zeit die herrschende, und ist auch von, VerwaltungSgcrichtshof adoptirt. Im Gegensatze biezu und in Uebereinstimmung mit Professor v. Seydcl (Blätter für adm. Praxis Bd. 38 S. 81—86 und Bayer. Staatsrecht Bd. 6 S. 452) entscheidet sich unser Verfasser für die gegentheilige Ansicht und bringt für diese so erhebliche Argumente bei, daß seine Beweisführung als eine durchaus stringente erscheint. Ebenso interessant und unseres Erachtens meist zutreffend sind von dem Autor eine Reihe von anderen Streitfragen behandelt, z. B. ob Art. 2 Abs. 4 deS SchulbedarssgesetzeS vom 10. Nov. 1861 eine Beschränkung der freien OrganisationSbefugniß der Regierung bei Schulcrrichtungen lnvolvirt oder nicht; ferner die Frage über die Bedeutung der Schulsassionen als RechtStitel. wobei der Verfasser einen mittleren Standpunkt zwischen einem Plenarcrkenntniß des Ver- waltungsgerichtShofes und der gegentheiligen Ansicht Professor v. Setzdels einnimmt, m s. tv. Der letzte Abschnitt der Untersuchungen ist der „Ausbringung des SchulauswandeS" gewidmet, auf welchem Gebiete namentlich Art. 5 des Umlagengesctzes von 1819 und Art. 206 Abs. 2 Ziff. 3 der Gemeindeordnung von 1869 (welche die Nicktverpflichtung für Deckung der Bedürfnisse von Kirchen und Schulen einer Religionspartei, zu der der Umlagepflichtige nickt gehört) gegenüber dem Princip des Art. 1. deS SckulbedarfSgesetzes manche kontroversen hervorgerufen hat. Wir können die Arbeit Dr. Elberts Allen empfehlen, die für diese Fragen irgend Interesse haben oder durch ihren Beruf dem Schulwesen mehr oder weniger nahe stehen. Für eine etwaige Neuauflage dürste sich eine sorgsältigere Corrcctur empfehlen. Der Weg zum innern Frieden. Vonk. v. Lehen 8. 7. AuS dem Französischen übersetzt von k. I. Drucker 8. 1. 14. u. 15. Auflage. Verlag von Herder, Frciburg. Preis geb. 3 M. Dieses Lehr- und Erbauungsbuch wurde schon bei früheren Auflagen rühmend besprochen. In der That gekört das Weilchen zu den besten Erzeugnissen der asketischen Literatur und zu den reinsten und reichsten Quellen inneren FriedenS, die uns auserlesene Geisteslehrer erschlossen. Die fort und fort nöthig gewordenen Auflagen — die Anerkennung sowohl von Seite bedeutender Theologen als von Taufenden heilöbedürftiger Seelen haben dieses Urtheil bestätigt. Kleines Ablatzbnch. Auszug aus k. Franz BeringerS größerem Werke „Die Ablässe, ihr Wesen und ihr Gebrauch". Von Joseph HilgerS, Priester der Gesellschaft Jesu. Mit Approbation der hl. Ablaßcongregation. Paderborn, Verlag von Ferdinand Schöningh, 1896. Preis brosch. 3 M. Ll. ES entspricht einem allgemeinen Bedürfnisse, daß ein so schwieriger Stoff, der sogar von Manchen im eigenen Lager nicht vollkommen beherrscht wird, in faßlicher Form und kleinerem Umfang dem katholischen Volke näher gerückt wurde. DaS praktische, inhaltreiche Buch führt beinahe alle Ablaßbewilligungen an, welche das diesbezügliche größere Werk enthält und ist zugleich durch seine trefflichen Belehrungen und Erklärungen Ablaßkatechismus und durch den GebetS-Anhang Ablaßgebetbuch. _ Myrrhengärtlein des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi von k. Martin von Cochem, Orä. 6ap. Herausgegeben von K. Gratian von Linden. Orck. vap. Münster i. W., Verlag der AlphonsuS-Buchhand- lung (A. Ostendorf). » k. Cochem's Schriften sind seit langen Jahren im kath. Volke mit Vorliebe gelesen. Als besonders ansprechend dürfen wir aber die vorliegenden kurzen Betrachtungen über daS Leiden Christi bezeichnen, welche recht heilsame Tröpflein auö dem Leidenskelche Jesu zu kosten geben. Wunderbares Leben des hl. StaniSlaus Kostka 8. 7. Nach authentischen Daten bearbeitet von Matthäus Grub er. 8. 7. Frciburg i. Br. Geb. 1 M. » Dieser erbaulichen und interessanten Lebensbeschreibung eines der liebenswürdigsten Heiligen wünschen wir eine recht Weite Verbreitung unter unserer männlichen Jugend. Die Biographie des hl. Stanislaus Kostka prägt am meisten gerade jene Tugenden aus, die unsere Zeit am wenigsten besitzt. Taschenkalender für die studirende Jugend 1897- Vcrlag von L. Auer, Donauwörth. Preis 40 Pf. * In gewohnter hübscher Ausstattung liegt uns als erster Ankömmling der Kalenderliteratur für 1897 obiger Studentenkalender vor. Sein Kalendarium erstreckt sich vom Scpt. 1896 bis incl. August 1897 für die süddeutschen und vom April 1897 bis incl. März 1898 für die norddeutschen Anstalten. Er enthält außerdem entsprechende Tabellen für den Schülergebrauch (Meine Lehrer, meine Mitschüler, Stundenplan, Scriptions- notenlabcllen u. s. w.), Notizenblättcr mit hübschen Sinn- sprüchen und mehrere gediegene Aufsätze biographischen, historischen und religiösen Inhalts. Wir können den Kalender nur bestens empfehlen. dl Als einer der ersten Kalender für 1897 erscheint der Kalender Unserer Lieben Frau von Afrika. Derselbe bildet das Augusthest der Zeitschrift „Kreuz und Schwert" (Münster i. W., halbjährlich 75 Pf.) und ist für 15 Pf. käuflich. Sein Zweck ist Hebung des Interesses für die katholischen Missionen in unseren Kolonien, und dsiür eignet sich. der. recht 248 lesenslverthe Inhalt sehr gut. Dke Illustrationen sind vortrefflich, der Druck ist recht leserlich. Wer sich für die Missionen inter- essirt, erhält Partien mit bedeutendem Rabatt. Päpstliches Rundschreiben über die Einheit der Kirche. * Eine Ausgabe deS lateinischen Textes mit einer offiziellen deutschen Uebersctzung dieser hochwichtigen Encyklica ist in Herder's Verlagsbuchhandlung (Frciburg i. Br.) erschienen. Preis 80 Pf. Studien undMit theil» ngen aus dem Benedictiner- und Cistercienser-Orden. XVII.Jahrgang 1896. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte ca, 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genannter Zeitschrift im Stift Raigern bei Brunn (Oesterreich). JnhaltS-Verzeichniß deS 2. Heftes 1896. Abhandlungen: Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strcbsamkeit im St. Magnusstifte zu Füssen. (IV.) Renz, G. A. (Rcgenöburg): Beiträge zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Prioratcs Weih St. Peter (0. 8.8.) in Regent-burg. (VI.) Vlillsms, v. Oabriel (0.8.8. LküiZchsin): 8edolas 8eneäiotinas sivs: vö 8eisntiis, opera Llonaedorum Oräinis 8.veneäioti, anetis, ex- onltis, xroxaZatis st oonssrvatis; Vibri gnatnor a. v. Oäons Oambisr wonaodo LküiZsuisnsis Llonastsrii Oräinis ejusäom 8. 8sneäieti. (II.) — Grillnberger, Dr. Otto (0. Oist., Wilhcring): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser-OrdenS. (VIII.) Schneider Ed. (Luxemburg): Johannes Beitels (O.8.8.), Abt von Münster und Echtcrnach. (I.) — Mittheilungen: Monte Cassino (Gedicht). Endl, 8. Friedrich (0. 8. 8., Altcnburg): Paul Trogcr, ein Künstler der Barockzeit. (Schluß.) Hölzer Odilo (0. 8. 8., Melk): Eine Wiener Schulrede aus dem Jahre 1432. Weikcrt, v. Thomas Aq. (0. 8. 8. von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreisc (III.). E. P. A. (Montecassino): v. Michael AngeluS Cclcsia, 0. 8. 8., Cardinal-Erzbischof von Palermo. Einige Worte über dessen Leben und Schriften. (Schluß.) — Neueste Benediktiner- und Cistercienser-Literatur. (VXVI.) — Literarische Referate. — Literarische Notizen. — Ordensgeschichtliche Rundschau. — Nekrolog: Benedikt Niedermähe«:. — Nekrologische Notizen. — Beilage. _ Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görresgesellschaft herausgegeben von Dr. Sonst. Gutberle t. Verlag der Fuldaer Aktien- Druckerei. IX. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. Al. v. Schmib, Das Eausalitätsproblcm. B. Adlhoch 0. 8.8., Der Gottesbeweis des hl. Anselm. (Fortsetzung.) B. Paqus, Zur Lehre voin Gefühl. (Schluß.) — M. Kohlhofer, Zur Controversc über bewußte und unbewußte psychische Akte. — II. Recensionen und Referate. C. Braun 8. 7., Ueber KoSmogonic von« Standpunkte christlicher Wissenschaft, von C. Gutbcrlet. Onrsus pdilosoxkions: (5.) V. Cathrein, 8dilosoxdia mo- ralis (sä. 2.); (6.) 8lisoloAia natualis, von I. W. Arcn- hold. A. Stöhr. Die Vieldeutigkeit des Urtheils, von C. Gutberlet. C. Sickenberger, Ueber die sog. Quantität des Urtheils, von demselben. H. Schwarz, Die Umwälzung der Wahrnchmungshhpothescn durch die mechanische Methode, von Al. v. Schinid. I. Schütz, Der Darwinismus und die Ergebnisse der Naturforschung, von P. Schanz. M. Gloßner, Der Gottesbegriff in der neueren und neuesten Philosophie, von demselben. G. Thiele, Die Philosophie deS Selbstbewußtseins und der Glaube an Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, von C. Gutberlet. Ll. vs Vlulk, vtuäss snr Henri äs Oanä, von I. D. Schmitt. — III. Zeitschriften» schau. — IV. Miscellen und Nachrichten. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XII. Jahrg. Heft 2/3 ü 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.60 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. Mit den nun vorliegenden Heften zeigt die Monatschrift, daß dieselbe in ihrem Programme nicht zuviel versprochen hat, denn beide Hefte sind textlich wie illustrativ sehr reich ausgestattet. Oesterreich. Leser werden Freude haben an Franz Peters Schilderungen „Aus BozcnS Umgebung", an dein Gedcnkblatt „Tirols Herz Jesu-Bund", vor allem aber an dein prächtigen Convertitenbildc „Corduka Wöblcr". Von Erzählern sind nebe» Josefine Flachs und Gerhard Schnorrcnbergs größeren Novellen Frau Anna Esser mit einer reizenden Erzählung „Eine Tbat der Liebe", Carl Achleitncr mit einer ergreifenden Dorfgeschichte „Geopfert" vertreten. Deutsche Leser wird die biographische Skizze „Dr. M. F. Koruin, Bischof von Trier" intcrcjsiren. Außer verschiedenen anderen geschichtlichen, natur- und kulturgeschichtlichen Essays, darunter 8. I. Bergmanns hübsche Plauderei über „Moderne Reclame", finden sich sodann poetische Gaben von A. E. Markl, 8. Ambros Schupp, Carl Land- steiner, Gertrud Mara, Jda v. Lißberg, Th. Singolt, A. Esser, F. L. Binhack. u. a. Literatur, BuntcS. Hauöwirthschaft usw. usw. Möge die billige, hübsche Zeitschrift immer mehr verdiente Beachtung und Würdigung finden I Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor au der Universität Frciburg i. Br. 22. Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Frciburg im Brciögau, Herder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Nr. 7 enthält u. A.: Neuere katholische Dichtungen, (von Heemstcde.) — Veckenstedt, Das Paradies und die Bäume des Paradieses rc. (Schanz.) — Bougaud von Arenberg, Christenthum und Gegenwart. (Ahbergcr.) — Zicgler, Geschichte der Pädagogik. (Egen.) — Klopp, Der dreißigjährige Krieg bis zum Tode Gustav Adolfs 1632. (Alb. Weiß.) — Cornelius, Maria Stuart. Königin von Schottland. (Jos. Weiß.) — Domanig, Der Tiroler Frciheitskampf. (Jos. Weiß.) — Seeber, SpingeL (Jos. Weiß.) U. s. w. OesterreichischcsLiteraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redigirt von vr. Franz Schnürer. (Administration: Wien I.. Annagasse 9.) Nr. 13 enthält u. A.: Englert W. Ph-, Von der Gnade Christi. (Spiritualdirector vr. C. Weiß. Wien.) — Herr mann Fz., Das Buch des Propheten Jesaia. (Theol.-Prof. Othm. Mussil, Brünn.) — Kunze Joh.. MarcuS Eremita, ein neuer Zeuge für das altkirchliche Tausbekenntniß. (Pros. vr. Cöl. Wolfsgrube«:, Wien.) — Sendschreiben eines katholischen an einen orthodoxen Theologen. (Studiendircctor vr. A. Fischer- Colbrie, Wien.) — Ostwald W-. Die Ueberwindung des Wissenschaftlichen Materialismus, (vr. Nich. v. Kralik, Wien.) — Schlichter I., Der Begriff der Seele und der empirischen Psychologie. (Pros. vr. I. Cl. Kreibig, Wien.) — Juritsch Gg-, Geschichte der Babenberger und ihrer Länder (976 —1246). (vr. Alb. Starzer, Archivs« deS n.-ö. Statth.-ArchivS, Wien.) — Klopp Onno, Der drnßigjährige Krieg bis zum Tode Gustav Adolfs 1632. III, 2. (Geh. Rath Jos. Frhr. v. Helfert, Wien.) — Bäumker W., Ein deutsches geistliches Liederbuch mit Melodien aus dem XV. Jahrh. (vr. Nick. v. Kralik, Wien.) — Richter E., Ueber einen histor. Atlas der österr. Alpenländcr. (vr. Ant. Mell, Adjunct am steierm. Landesarchiv, Eraz.) — Behrens H., Anleitung zur mikrochemischen Analyse, (vr. Hs. Malfatti, Privatdocent an der Universität Innsbruck.) _ „Das hl. Land." Organ des Deutschen Vereins vom hl. Land. Comm.-Verlag von I. P. Bachen«, Köln. Das 4. Heft des 40. Jahrgangs enthält u. A.: Die Verehrung deS ersten Märtyrers, des hl. Stephanus, zu Jerusalem. (Von Patriarchal-Sccretär Heidct. Fortsetzung.) — Die äußere Feier der Sonn- und Feiertage im Oriente. — Europäische Besitzergreifung vom Nachlaß der Kreuzzüge in Palästina. (Von Pros. vr. I. N. Sepp in München.) — Die Äechtheit der hl. Orte. — Deutsche Pilgerfahrt zum hl. Lande 1896. — Von der Wirksamkeit deS deutschen Hospizes in Kaifa. — Vereins- Nachrichten. _ Der Katholik. Redigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte. M. 12. Mainz. Kirchhcim. Inhalt von 1696. Heft VII, Juli. vr. Paul Schanz, Der Consecrations- momcnt in der hl. Messe. — vr. Jos. Nirschl, Der Briefwechsel des Königs Abgar von Edessa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgarfrage. — vr. L. Bendix, Die Deutsche Ncchts- einheit. — Literatur: vr. 8strns LiniK, Iraotarns äs g-ratia äiviua.— 7sän lllioliel ^.lkrsä Va.oa.nt, Vtnäss tirsolo^ignss snr los eonstitutions äu Oonoils äu Vatiean. W. Färber, Katechismus für die kath. Pfarrschulen der Vereinigten Staaten. --- Al. Knöppel, Bernhard Heinrich Overberg. ' Verantw. Redacteur: A.d. Lass in Augsburg,^- Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. - l^° 32 7. Ang. 1896. Wagner und Liszt. Von Chnrles Soint-Paul. Das religiöse Gefühl in dem Werke Richard Wagners ist in letzterer Zeit ein Gegenstand eingehender Erörterungen geworden. Anlaß hiezu hat wohl insbesondere das bedeutende Werk des Abbe Marcel Hsbert über dieses Thema gegeben, das vor Kurzem auch in deutscher Uebersetzung (bei August Schupp in München) erschienen ist und viele neue Lichtpunkte zur Beurtheilung des Wesens des großen Meisters und seiner künstlerischen Thätigkeit geboten hat. Die sachverständige Erforschung und ruhige Beurtheilung seines Verhältnisses zur Religion, welche dieser Autor von seinem Standpunkte aus vornimmt, steht im Gegensatze zu den vielfach widersinnigen und entstellenden Behauptungen, die hierüber von Vertretern einer Richtung aufgestellt worden, welcher der Sieg des Christenthums über das Heidenthum in deutschen Landen ein Gräuel ist und die daher einem Künstler nie verzeihen können, der nach Verwerthung der heidnischen Mythologie in die christliche Legende sich vertieft, dem Geiste des Christenthums sich genähert hat. Wir meinen die modernen germanischen Uebermenschen, die Anhänger des „großen Philosophen Nietzsche". Wie weit dieselben in Absurditäten und Blasphemien gehen können, dürfte ganz besonders aus einer „zeitgemäßen Betrachtung" erhellen, die ein solcher Uebermensch vor Kurzem in der bekannten deutsch- reformerischen antisemitischen Monatsschrift „Das 20. Jahrhundert" hat erscheinen lassen. In derselben, betitelt „Wagner und Liszt", wird das Verhältniß der beiden Künstler mit Bezug auf die ,Bekehrung WagnerS zum katholischen MystizismuS", sowie das Verhältniß deutscher Kunst zum Christenthums in einer Weise besprochen, die zur Entgegnung herausfordert, obschon man eigentlich von Wiedergabe mancher der gemeinen Blasphemien des Autors abstehen möchte. Der Verfasser beginnt seine Erörterungen mit einer Parallele zwischen Nietzsche und Wagner und weist auf den zwischen Nietzscheanern und Wagnerianern, „dem Heerdenvieh unter den Anhängern Nietzsche's", wie er sie geschmackvoll bezeichnet, eingetretenen Zwiespalt hin. Nietzsche, so meint er, sei seinem eigenen Wesen treu geblieben, während Richard Wagner, nachdem er in seiner Götterdämmerung den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens erreichte, den Parsifal schuf, dieses von katholischem MystizismuS und christlicher Entsagung erfüllte Grab seines einstigen Uebermenschenthnms. Die kraftvollen Rhythmen der Trauermusik zum Tode Siegfrieds wären der würdige Abschluß der Künstlerlaufbahn Wagners gewesen, nicht die weibisch-weichlichen Accorde des Parsifal, dieses unsäglich schmerzlichen Bildes des Entsagens und Leidens, dieser Prozession zum Kreuze. In der Vollkraft seiner Jahre, als einen Uebermenschen an Kampf und Leiden, habe Nietzsche sein entsetzliches Geschick getroffen, doch Richard Wagner, der sich in der Zeit der größten Noth im Exile nicht zum Glauben bekehren ließ, — er sei ein frommer Christ geworden, als er seine kühnsten Künstlerträume erfüllt sah, als das Olympia deutscher Kunst auf dem Hügel bei Bayrcuth in prangender Schönheit stand. „Dann wankte er, von seinen! Beichtvater (I I) Franz Liszt geleitet, dem Golgatha des reinen Deutschtums (!), dem katholischen MystizismuS zu. Wahrlich, ein trauriges Bild!" Der Autor bemüht sich nach solchen einleitenden Worten, die wir später noch kennzeichnen werden, die Vorzüglichkeit des „germanisch-heidnischen" Schaffens Wagners noch genauer zu erörtern. Er findet, daß im Ringe der Nibelungen der Mythos des germanischen Volkes von dem gewaltigen Künstler in einem künstlerischen Weltbilde von seltener Plastik und Großartigkeit der Conception dargestellt und die heidnisch - germanische Darstellung klar und deutlich zum Ausdrucke gebracht wurde. In der Natur das Walten und Weben der Götter zu sehen, die den alten Germanen nur Ver- geistigung der Naturkräfte waren, das sei deutsche Weltanschauung. „Aus diesem innigen Leben in der Natur, aus dieser Harmonie mit der Natur entstand das hohe deutsche Sittlichkeitsgefühl, das „deutsche Gewissen". Denn wer ein Leben mit und in der Natur führt, kann sich gegen kein ewiges Sittengesetz vergehen, weil alles Natürliche auch sittlich gut ist(I) Wie großartig schildert da Richard Wagner in der Walküre die liebende Vereinigung von Bruder und Schwester, Siegmunb und Sieglinden. Ja, diese Geschwisterehe ist sittlich, denn des Walvaters Blut, das sich in diesen beiden Geschwistern theilte, es strebt wieder nach Vereinigung. Und nur aus solcher Liebesumarmung des wildverzweifelten Zwillingspaares konnte Siegfried, der hehrste Held der Welt, entstehen. Die Natur feiert in der wonnig-schmerzlichen Maiennacht, da Siegmund Sieglinde zu sich auf das Lager zieht, den gewaltigen Triumph über das menschliche Gesetz, wie es von Fricka gehütet wirb. Die germanische Weltanschauung liegt eben „jenseits von Gut und Böse", und die Worte Zarathustra's: „Brüder, w:rdc: hart!" sind von dem großen Philosophen in erster Linie den Deutschen zugerufen worden, die in ihrem Humanitätsdusel ihr Nationalgefühl zuerst vergaßen."(I) Man wird wohl mit Befremden solche Worte lesem die als Beweise dafür dienen können, daß gewisse Vertreter des modernen „Deutschthums" und seines wahnsinnigen Apostels thatsächlich bei den Folgerungen bleiben, welche Cultur und sittliche Begriffe, die hehre Schöpfung dcS Christenthums, in ihrer Nealisirung vernichten würden. Der Kritiker kaun sich nicht enthalten, von seinem Standpunkte aus auch einige allgemeinere wüthende Ausfälle gegen die Chrisiianistrung der Deutschen und die Kirche zu machen. Durch die Chrislianisirung der Deutschen entstand seiner Behauptung nach im deutschen Wesen ein Zwiespalt, an dem das deutsche Volk bis zum heutigen Tage krankt. Ein unauflöslicher Widerspruch bestehe eben zwischen Christenthum und wahrem Deutschthum, ja reinster Menschlichkeit überhaupt. „Wir müssen uns darüber klar werden, daß ohne das Christenthum unser Volk zu einer ebenso großen, wahrscheinlich noch größeren Blüthezeit seiner nationalen Eigenart wie das griechische emporgestiegen wäre. Doch die heiligen Wotans-Eichen wurden von der Hand christlicher Priester gefällt, aus ihrem Holze Kirchen gebaut, von den Thürmen erklangen die Glocken, die den deutschen Göttern zu Grabe, dem gekreuzigten „Messias" aber zur Auferstehung läuteten; 4500 Sachsen wurden auf Befehl Karls des Großen an einem Tage geschlachtet, weil sie sich nicht taufen ließen, Hunderttausende von Deutschen fielen in Italien dem Wahne der Wiedererrichtung des alten römischen Reiches, den die Päpste den deutschen Königen einimpften, zum Opfer, ungezählte Schaaren deutscher Mannen mußte» 250 bet den Kreuzigen zu Grunde gehen, und der 30jährige Krieg machte anS Deutschland.eine Wüste. Durch diesen unseligen Krieg, an dem nur das Papstthum schuld war, wurde der deutschen Sittlichkeit, der deutschen Weltanschauung die Todeswunde versetzt. Der westfälische Friede eröffnete der französischen Unmoral, die damals die Allongcperrücke aufhalte, Thür und Thor, und sie hielt bald ihren trinniphirenden Einzug in die deutschen Fürstenhäuser. Und schon früher hat Martin Luther, als er gegen das Cälibat predigte, auf die Unsiiilichkeit der katholischen Geistlichen hingewiesen, die die Verneinung des Willens als unnatürlich nicht zu Stande brachten und, weil sie nicht heirathen dürften, allzu un- genirt die Worte Luthers: ,Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang' befolgten rc. rc." — Man möchte, wenn man derartiges liest, fast glauben, daß gewisse Nietzscheschüler bereits den Meister übertreffen. Der deutsche „Uebermensch" bespricht sodann des längeren die Entdeckung, daß Wagner in seinem Wesen als Mensch und Künstler manchen undeutschcn Zug hatte, daß Namentlich eine orientalische Weichlichkeit immer stärker zum Ausdrucke kam, je älter er wurde, „was die Herren Wagnerianer nicht einsehen wollen". Seine Ausführungen gipfeln im folgenden Satze: Wie in der Seele Tannhüusers „reines Dcutschthum" mit „romanischer Sinnlichkeit" im heftigsten Kampfe liegt, so befehdeten sich in Wagners Wesen auch das deutsche Empfinden und die moderne „französisch-orientalische Sinnlichkeit", und wie licbcstolle Weiber im späten Alter oft Betschwestern werden, so schuf der alt gewordene Meister den Parsifal, jenes den Stempel kindischer Greisenhaftigkeit tragende undeutsche Werk, das Nietzsche mit folgenden köstlichen (?) Versen commentirt: Ist das noch deutsch? Aus deutschen, Heizen kam dies schwule Kreischen? Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-zerfleischen? Deutsch ist dies Priesterhändespreizen, Dieö wcibranchdüstelnde Sinncrcizen, Und deutsch dies Stürzen, Necken, Taumeln, Dies zuckersüße Limbamboumeln, Dies Nonnenängeln, Avcglockenbimmeln, Dies ganze falsch verzückte Hiinmelübcrhiuimeln? Ist das noch deutsch? Erwägt! Noch sieht ihr an der Pforte! Denn, was ihr hört, ist Nom, — Nom'S Glaube obne Worte! ES ist unmöglich, hier alle die halbverrückten Phrasen und gemeinen Bemerkungen gebührend zu kennzeichnen, mit denen der Verfasser seiner Entrüstung über die Umwandlung in Wagners Wesen Ausdruck zu geben sucht. Er meint z. B., — um nur das als Probe anzuführen, — daß Wagner beinahe 60 Jahre nach dem Ideale gerungen, dem deutschen Volke ein deutsches Kunstwerk, ein nationales Theater, wie das im alten Athen, zu schaffen, „um dann im wahrsten Sinne des Wortes zum Kreuze zu kriechen", oder daß er sich im letzten Jahrzehnte seines Lebens von dem zum Grabe geleiten ließ, der am Kreuze starb, und daß so der Parsifal entstanden sei, „dieses Glaubensbekenntniß eines der größten deutschen Geister, der dadurch dem deutschen Volke die Schmach eines künstlerischen Canossas nicht ersparte". Die Ursache von all' dem ist nun nach der Anschauung des forschenden Nictzscheaners nicht nur in dem nndeutschen Element, das Wagners „reines deutsches Wesen" trübte, zu suchen, sondern auch in dem Einflüsse LiSzt'S und dessen ganzer Sippe, „dieses ungarischen Klaviervirtuosen", der keine Spur deutscher Art in seinem Charakter wie in seinen Compositionen Zeige, dieses „Typus der modernen kosmopolitischen Virtuosen, der mit feiner Kunst in aller Herren Länder Hausiren geht". Zum Beweise dafür, daß Liszt es war, der Wagner schließlich zum Christcnthume bekehrte und den „Parsifal" aus der Taufe hob, beruft er sich hauptsächlich auf den Briefwechsel zwischen den beiden Künstlern, dem er folgende Stellen entnimmt: Wagner an Liszt: „Ich wollte, wir beide machten uns denn von hier strikte auf, um in die weite Welt zu gehen! Lass' doch auch Du diese deutschen Philister und Juden! Hast Du etwas anderes um Dich? Nimm noch Jesuiten mit dazu, da bist Du gewiß fertig! Philister, Juden und Jesuiten, — das ist's, aber reine Menschen." Darauf die „im echtesten Hospredigertone gehaltene" Antwort Liszt's: „Deine Briefe sind traurig — und Dein Leben noch trauriger! Du willst in die weite Welt hinaus, leben, genießen, schwelgen. Ach! wie herzlich gönnte ich es Dirl Aber fühlst Du es denn nicht, daß der Stachel und die Wunde, die Du im Herzen trügst. Dir nirgends verheilen werden und nie und nimmer zu heilen sind? — Deine Größe macht auch Dein Elend! Beide sind unzertrennlich von einander und müssen Dich quälen und martern, .... bis Du sie nicht beide, im Glauben hinsinkend, aufgehen läßt! Lass' zu dem Glauben Dich bekehren! Es gibt ein Glück . . . und dieses ist das einzige, das wahre, das ewige! Ich kann Dir es nicht predigen, nicht cxpliziren. Zu Gott will ich aber beten, daß er mächtig Dein Herz erleuchte durch seine Gnade und durch seine Liebe. Magst Du dieses Gefühl noch so bitter verhöhnen. Ich kann nicht ablassen, darin das einzige Heil zu ersehen und zn ersehnen. Durch Christus, durch das in Gott resignirte Leiden wird uns Rettung und Erlösung." Diesen Brief nennt der Nietzscheanrr ein werthvolles Aktenstück für seine Ansicht, daß in erster Linie Liszt daran schuld war, daß Wagner am Abende seines Lebens von der germanischen Weltanschauung sich abwandte, um tm „Parsifal" „dem katholischen Mysticismus, der Welt- flucht, der Verneinung jedes thatkräftigen Schaffens" sich in die Arme zu werfen, und zwar „mit der ganzen plumpen Ehrlichkeit eines Deutschen, der sich in ein Ideal verbissen hat". Dabei findet er aber selbst später, daß die Antwort Wagners auf diesen Brief LiSzt's auch skeptisch und ironisch genug gewesen ist, und daß derselbe beweise, wie wenig Verständniß Liszt für Wagner als Dichter und Philosoph hatte, da es ja lächerlich erscheinen müsse, daß Liszt, als eben Wagner in der Schöpfung seines anti- christlichen heidnisch-germanischen „Ringes der Nibelungen" lebt und webt, mit der Kirchenfahne anrückt. Wie kann er also diesen Briefwechsel als werthbolleZ Argument für die Behauptung ausgeben, daß Liszt die „Bekehrung" seines Freundes gelungen sei! Später wieder spricht er davon, daß erst die enge Berührung mit dem Katholizismus, die seine Berufung an den katholischen bayerischen Königshof mit sich brachte, das weichliche und genußsüchtige Leben, das er seit seiner Verheirathung mit Liszt's Tochter führte, das stets Zusammensein mit seinem katholischen Schwiegervater die Veranlassung zur Aenderung der Weltanschauung WagnerS gewesen sei.*) Selbstverständlich wird Niemand einen ge- *) Die große Sachkenntnis; beS Autors wird auch durch folgende Aeußerung erwiesen: „So lange Wagner LiSzt. nicht kannte, war er deutsch in seiner Kunst und deutsch in seinem wissen Einfluß des großen Meisters auf seinen suchenden Freund bestreiken wollen. Jedoch sollte man, wenn man diesem nachforschen will, in der Beweisführung logischer zu Werke gehen und nicht die absurdesten Folgerungen mit den gemeinsten und tollsten Beschimpfungen des Andenkens großer Männer verbinden, wie es unser „Kritiker" thut. - - Wir müssen, um die Unrichtigkeit der Behauptungen desselben zu beleuchten, noch einige Thatsachen in Betracht ziehen, die geeignet sind, die Entstehung des letzten Kunstwerkes Wagners und dessen Verhältniß zu seiner angeblichen „Bekehrung" genauer erkennen zu lassen. (Schluß folgt.) Die Griefe des seligen Petrus Camslns. Von Adam Hirschmann. Am 21. Dezember 1897 vollenden sich drei Jahrhunderte, seit der erste deutsche Jesuit Petrus Canisius zu Freiburg in der Schweiz der Zeitlichkeit entrückt worden ist. Allenthalben rüstet man sich, die Wiederkehr dieses TageS würdig zu begehen; der internationale Congrcß der Katholiken soll in den Augusttagen des kommenden Jahres am Grabe des Seligen tagen, der mit Recht der zweite Bonitatius, der Apostel der Deutschen, genannt wird. Daher kann es nur freudig begrüßt werden, wenn endlich einmal die Briefe dieses seeleneisrigen Priesters und Gelehrten gesammelt und der Oeffentlichkeit übergeben werden. Dieser Mühe hat sich ein Ordensgenosse des Seligen, Otto Braunsberger, rühmlichst bekannt durch seine Studien über die Entstehung und erste Entwicklung der Katechismen des Petrus Canisius (Herder, Freiburg 1893; XII, 187), mit ebensoviel Liebe als Eifer und Geschick unterzogen.*) Vor uns liegt der I. Band, die Jahre 1541 — 1556 umfassend. Der Inhalt ist reich und abwechslungsvoll, die Sprache klar und einfach. Wir sehen, abgesehen von einigen Familienbriefen, die Entwickelung der Gesellschaft Jesu in Deutschland an unserem geistigen Auge vorüberziehen, wir lernen die Schwierigkeiten kennen, mit denen die junge Pflanzung in Köln (S. 103 — 113) gegen die NenerungSsucht des heirathslustigen Erzbtschofes Hermann von Wird zu kämpfen hatte. Daß die Kölner Kirche die Wirren jener verhängnißvollen Periode glücklich überstanden hat, verdankt sie außer ihre« tüchtigen Klerus unter Groppers Führung (S. 145) dem energischen Eingreifen des Petrus Canisius, der nach den Niederlanden, nach Ulm eilte, um das Absetzungsdekrct des Papstes gegen Hermann zur Durchführung zu bringen (S. 199). Vorübergehend weilte Canisius in Trient, in Bologna, um mit Snlmeron und Laynez an den Concilsarbeitcn thcilzunehmen (1547); Charakter. Daß „JcsuS von Nazareth" dramatisches Fragment blieb, war nur die Folge der gesunden germanischen Wcltan- schaunng Wagners." Er meint offenbar, „JcsuS von Nazareth" hätte Wagner in die Wege der Orthodoxie geleitet. Nun ist aber der Entwurf diesc-Z Werkes eigentlich nur aus einer revolutionären Stimmung hervorgegangen und politisch und religiös revolutionär gehalten. ES geht aus demselben überdies hervor, daß Wagner zu damaliger Zeit durch begelianisch: Ideen beeinflußt war. Was ferner Wagner von der Ausführung zurückhielt, war nichr die „gesunde germanische Weltanschauung", sondern, wie er selbst sagt, die erkannte Unmöglichkeit der öffentlichen Aufführung und die „widerspruchsvolle Natur des Stoffes". Er war offenbar mit der Behandlung des Themas später selbst nicht mehr zufrieden. ') Lsatä stetri tlanisii, 8. >7. onistulao et aota. OolloZid et aclnotatiollidus illustravib Otto Lro.nusdsrn'or. h'ridnrLÜ LnsZovms. Ilsräsi 1896. 816. im Herbste 1547 zieht ihn der heil. Orbensstlfier nach Nom, um den ersten deutschen Jesuiten so recht einzuweihen und zu befestigen in dem Geiste, auf welchem Jgnatius das Gebäude aufgeführt wissen wollte. Herrlich, voll überquellender Gefühle des Dankes gegen Gott, sind die Briefe unseres Seligen über die «seelische Schulung, welche er vom hl. Jgnatius empfing: Gehorsam und Demuth sind die Fundamente des Ordens (S. 247). Der Gehorsam führte den Sohn der rheinischen Tiefebene hinab nach Mesfina in Sizilien, wo die Jesuiten in der Schule, auf der Kanzel, in der Christenlehre, im Beichtstühle an der Nesorm des Volkes arbeiteten. Freudig berichtet Canisius nach Köln an Leou- hard Kessel, wie die sizilianische Jugend so eifrig zu den hl. Sakramenten gehe, wie sie gerne am Unterrichte sich betheilige (S. 284). Seinen lieben Karthäusern im deutschen Rom gibt er von Mesfina aus 1549 Nachricht über die Missionen seiner Gesellschaft in Nubien, am Congo, in Abessinien, und fordert dieselben auf, mit ihm zu beten für die Einheit der Kirche, ut üat unum ovils 8ul> unius xastoris tuZurio (p. 294). Am 13. November 1549 sehen wir den gehorsamen Ordensmann einziehen in die Mauern Jngolstadis. Wie hatte sich in dieser Universitätsstadt, welche durch Eck einen Weltruf erlangt hatte, das kirchliche Leben entwickelt und sich den Stürmen der lutherischen Neuerungen gegenüber bewährt? Traurig, sehr traurig sah es damals nach den Briefen des Canisius in der gefeierten Hochburg des Katholizismus aus. Nicht mit Geld sind die Leute zu bewegen, in bis hl. Messe zu gehen; selbst an hohen Festtagen wird nur eine frostige Predigt gehalten; vom Fasten ist gar keine Rede (S. 306—314); das Niederkniecn bei dem Gebete, bei der hl. Communion gilt fast als eine Schande (S. 395), äußerst selten geht man zu den Sakramenten. Wo liegt der Grund dieses „Todcsschlafes, der alles bedeckt" (381)? In der ganz und gar unzureichenden Vorbildung der Geistlichen; selbst die unfähigsten Köpfe werden ordiniri, weil der Priestermangel zu groß ist (S. 393). Daher kommt denn auch die tiefe Abneigung gegen den geistlichen Stand und Beruf: am allerwenigsten wollen die Deutschen vom Ordensleben etwas hören. Zwei Feinde drohen die katholische Kirche in Deutschland zu vernichten: das Lutherthnm und der Islam (S. 381). An der Universität sind die Juristen tonangebend, welche mit dem Lutherthum liebäugeln; Theologen finden sich selten: möchten doch wenigstens 4 — 5 Kandidaten anS unseren Vorlesungen, die möglichst einfach, ferne von allen sublimen Spekulationen zu halten sind, einigen Nutzen schöpfen! klagt Canisius. (S. 307.) Trotz dieser ruincnhaften Zustände verzagte der OrdenZmann nicht. Er predigte, katechisirte, hörte Beichte, besuchte die Kranken und Gefangenen, hielt unentgeltlich Vorlesungen an der Hochschule: durch diese apostolischs Thätigkeit gewann Canisius die Herzen der Jugolstädter, so daß er später selbst berichten konnte: nunmehr harren die Zuhörer seiner Predigten selbst bei der strengsten Winterkälte geduldig aus (S. 395). Groß war die Trauer und der Schmerz, als am 28. Februar 1552 der sceleneifrige Jesuit von Jugolstadt'S Hochschule und Bürgerschaft Abschied nahm, um nach Wien sich zu begeben. Hier, in der Hauptstadt Oesterreichs, und im Lande selbst zeigte sich daS religiöse Leben in noch düstererer Gestalt, als in Bayern: fast bis in die Hofburg des Königs Ferdinand I. war die Häresie gedrungen 852 Der Priestermangel in Vorderösterreich hatte die bedenklichsten Früchte sittlicher Fäulniß gezeitiget; die Türkengefahr lahmte jeglichen Aufschwung (S. 420 — 424). Daher Arbeit über Arbeit in der Seelsorgs für den unermüdlichen Prediger und Beichtvater. In Wien widmete sich Canisius seit 1552 der Ausarbeitung eines Werkes, das ihn so recht zum geistigen Mittelpunkt der katholischen Restauration machte: wir meinen den Katechismus, welcher 1555 vorerst ohne Namen des Verfassers erschienen ist (S. 537). Von Wien eilte Canisius nach Prag, um im Lande des Hus ein Colleg einzurichten (S. 545). Die Mittheilungen über die böhmischen Zustände sind wohl für den Historiker interessant, für den Katholiken jedoch nicht erfreulich (S. 553). Doch mitten in seinen Arbeiten in Wien und Prag vergißt Canisius des Bayernlandes nicht; er correspondirt unablässig mit WIguleus Hundt, Heinrich Schweicker, mit dem hl. Jgnatius, um all die Schwierigkeiten wegzuräumen, welche sich der Errichtung eines Jesuitencollegs in Jngolstadt entgegenstellten: die bayerische Regierung wünschte gar sehr die Jesuiten, aber nicht so, wie Jgnatius seinen Orden mit päpstlicher Gut- heißung eingerichtet hatte, sondern wie sich die herzoglichen Räthe denselben dachten: als Mittelding zwischen Staatsbeamten und kirchlichen Personen (S. 425, 563, 566, 570—572, 576—578). Canisius kam selbst von Prag nach Jngolstadt im Oktober 1555, um persönlich die Unterhandlungen an Ort und Stelle zu leiten (S. 587, 590), und seiner Umsicht und Geduld gelang eS. die Zustimmung des hl. Jgnatius zu dem Plane des Herzogs Albrecht V. zu erlangen. Am 7. Juli 1556 gelangten 18 Jesuiten nach Jngolstadt, und wenige Tage darnach, am 31. Juli 1556, starb der Ordensstifter: Jngolstadt ist sein Benjamin geworden. Noch am 22. Juli ließ der hl. Jgnatius durch seinen Geheimsekretär Johannes de Polanco an Canisius, den er am 7. Juni 1556 zum ersten Provinziell für Oberdeutschland bestellt hatte (S. 622), schreiben. Damit schließt die Briefsamm- lung des I. Bandes, dem noch verschiedene rnonuEntu cunisiunu (652—766) über des Seligen Thätigkeit und Beziehungen zu Mainz, Köln, Trient, Bologna, Jngolstadt, Wien und Prag bcigegeben sind. Die Lektüre der mit flaunensweriheni Fleiße allenthalben aufgesuchten und mit reichhaltigen Noten versehenen Briese des seligen Petrus Canisius war für den Referenten ein geistiger Hochgenuß: welch ein Unterschied zwischen den Briefen Luthers (man verzeihe diese Zusammenstellung) und jenen des ersten deutschen Jesuiten! Während der abtrünnige Mönch von Wiitenberg, zerfallen mit Gott und sich selbst, fast nur Worte des Hohnes, des Spottes, der tiefsten Verachtung gegen Papst und Kaiser, Priester und Mönche, gegen seine Widersacher im eigenen Lager ausstößt, überall den Teufel als Ursache des allgemeinen sittlichen Verfalles trotz des neuen Evangeliums wittert, kommt aus der Feder des Jesuiten kein liebloses, kein hartes, wenn auch berechtigtes Urtheil über den unglücklichen Apostaten: er beklagt die traurigen Zustände Deutschlands, aber er flucht nicht, sondern er betet, fordert feine Ordensgenossen und Freunde zum Gebete für das zerrissene Vaterland auf; ja er ist sogar bereit, für Christus sein Blut zu vergießen (S. 604). Für die Wahrheit und das Vaterland scheut er in Christus keine Gefahr (S. 543); denn Canisius ist, wie aus seinen AufzeiAnungen (55—59) erhellt, zeitlebens ein getreuer Ver'ehrev' des göttlichen Herzens Jesu gewesen. Wenn wir nach drei Jahrhunderten noch seufzen unter den Folgen der Glaubensspaltung, so zeigen uns die Briefe des seligen Canisius die Mittel und die Wege, durch welche die von Leo XIII. so sehnlichst begrüßte Einheit herbeigeführt werden kann: Gebet und selbstlose Arbeit im Weinberge des Herrn. Wir schließen mit dem Gedanken, den unser Seliger zum Weihnachtsfeste des Jahres 1555 seinem Gönner Heinrich Schweicker in München übermittelte: Hanasoanciurn äst xrorsns: von lert iioa-ta, illg, xuiria sorcisb veisris stoininm: vasoitur Lüristus, ut renusoeocii raunäo sit uutflor 6t 6UN8U (x. 589). I. H. Pestalozzi. 3. 8. Zu Beginn dieses Jahres wurde das Jubiläum „des größten Pädagogen" Joh. Heinrich Pestalozzi in der ganzen Welt auf's Feierlichste begangen. Es schien, als ob mit dem Wirken dieses Mannes Erziehung und Unterricht erstmals die richtige Würdigung erfuhren, als ob Elternhaus und Volksschule keinen größeren Wohlthäter auszuweisen hätten. Auf Lehrerversammlungen und geistlichen Konferenzen wurde Leben und Schassen jenes Schweizers der Betrachtung und Beherzigung empfohlen, sein Bild unserer ideallosen und selbstsüchtigen Zeit als vollkommenstes Muster hingestellt. Noch aus der letzten allgemeinen deutschen Lehrerversammlung zu Pfingsten in Hamburg waren diese überschwänglichen Töne zu hören, und unsere liberale pädagogische Welt wird sich auch fernerhin nicht von ihrem Idol abbringen lassen. ES gibt Leute, die sind nun einmal nicht zu belehren und zu bekehren, weil sie eben einfach nicht wollen; sie haben sich in einen Personencult verrannt, ohne den ihr „System" nicht lebensfähig ist, ohne den sie keine Begeisterung und keinen — Fanatismus zu erregen im Stande sind. Wenn mir jemand auf stichhaltige, vernünftige' Gründe hin, d. h. quellenmäßig klar und überzeugend, nachweisen kann, daß ich mich bezüglich einer Persönlichkeit und ihres weltgeschichtlichen Werthes geirrt, sie bedeutend überschätzt habe, ja — so weh mir dies auch thun mag! — mir sogar zeigt, daß jener Mann etwa nur die Rolle einer tendenziösen Parade- figur zu spielen berufen war, so werde ich sofort dankbarst meine historische Anschauung jenes Helden berichtigen und ihm in meiner Erinnerung jenen Platz anweisen, der für diejenigen bestimmt ist, die sich auf Kosten anderer eine Ruhmesleiter bauten und sich mit fremden Federn schmückten. Und ein solcher Mann war Joh. Heinr. Pestalozzi I Dies für jeden, der sehen kann und will, überzeugend nachgewiesen zu haben, ist das Verdienst eines gewissen I)r. Joh. Schweudimann in Noihenburg (Luzern). Derselbe hat vor einem Vierteljahre eine Schrift veröffentlicht — „Pestalozzi im Lichte der Wahrheit", 3. Auflage, Luzern, Räber u. Comp. — über welche die radikale Presse, namentlich der Schweiz, unaufhörlich loszieht, ohne aber bis jetzt das kleinste Detail widerlegen zu können. Die alte Geschichte: man schimpft und poltert und fällt in pöbelhafter Weise über den Verfasser her, während man doch im Grunde über den und die erzürnt sein sollte, welche die öffentliche Meinung so schändlich hinter's Licht zu führen suchten. Einleitend charakterisirt Schwendimann die Zeit, in der Pestalozzi aus die Weltbühne trat; es war eine Epoche des reinsten Nationalismus und „dex Seher 253 von Starts" wie geschaffen, ihr die Krone aufzusetzen. In den besseren Kreisen, denen ja auch Pestalozzi entstammte, lag Nousseau's Naturevangelium auf dem Tische. Man lebte parisermäßig. Das Wort „Natur" führten die sogenannten gebildeten Stände stetsfort im Munde. Es wurden Nobinsonaden aufgeführt und die Herrlichkeiten des Landlebens besprochen und genossen. Jetzt hatten zudem die feineren Städter den Vortheil, daß sie ihr Leben nicht bloß im Winter auf Parkettböden, sondern auch im Sommer auf dem Lande noch durchtriebener fortsetzen konnten. Mit Hirtinnen und Stallmägden konnte auch ein Gebildeter verkehren, ohne sich das Mindeste zu vergeben, denn auch diese sannen in den Gedanken der Philosophen und redeten die Sprache der Encyklopädisten. Und auf dem Lande? Schwendi- mann, der Cnlturhistoriker, verwahrt sich entschieden dagegen, daß damals das Bauernvol? in unsäglichem Elend und in höchster Unwissenheit gelegen habe, das einen Pestalozzi als „Retter" gebraucht hätte. Es herrschte im Gegentheil Wohlstand, und das Schulwesen war ein gehobenes. Der schwärmerische Experimentator wurde von dem Landvolkc mit Mißtrauen und Argwohn beobachtet, und für seine Anstalten mußte er seine Zöglinge bisweilen aus der Ferne kommen lassen. Verfolgen wir den „Niesenpädagogen" etwas näher auf seinen einzelnen Stationen! Klare Einsicht und festes Wollen wurden dem Knaben nicht eingepflanzt, ; und sein in sich gekehrtes, schwärmerisches Wesen con- trastirte zeitlebens mit der Weither Wirklichkeit. Von einem maßlosen Ehrgeiz besessen, kriiisirt er schon seine „unerträglich dummen" Lehrer und trögt sich mit der fixen Idee, ein zweiter Messias zu werden. In seinem „religiösen Katzenjammer" — eigenes Geständnißl — kam ihm nun Nousseau's „Emil" wie gerufen. Sein Kopf war ihm nun erst recht verdreht. Er studirt — Theologie und macht schon ein Examen als Pastor, i Doch bald vertauscht er das „reine Wort" mit dem voraus zuri8, um auch diesem nach kurzer Zeit valeb zn sagen. Das Herz dominirt über den Kopf, und er fängt eine warme Liebschaft an. Da „sie" viel Geld hat, verlangt sie auch von „ihm", daß er sich nach einer entsprechenden Existenz umsehe. Von andern ermuntert, wirft sich nun der theologische Jurist auf die Landwirthschaft. 15,000 fl., damals eine gewaltige. - Summe, steckt er in den Boden, der aber wenig hergeben will. Er baut sich ein „reizendes" Landhaus auf den „Ncuhof", in dem er die Schweine im zweiten Stocke unterbringen will. Anfangs treibt er Krappcultur, später operirt er mit spanischem Rindvieh. Da seine zukünftigen vermögenden Schwiegereltern nicht mit ihm zufrieden sind, so „holt" er seine Anna „ohne Abschied und Dank" vom Hause weg. Nun versucht's der Neuhöfler mit der Baumwollspinnerei; es fehlt ihm aber die Ordnung, Klugheit und Geduld. Man spricht von der Einziehung des ihm vorgeschossenen Geldes, und die Leute der Umgegend machen allerlei Bemerkungen über den sonderbaren Landwirth und seine religiös-politischen Ansichten. Da, in dieser heillosen Verwirrung, geschieht nun etwas, wovon so mancher „Eingeweihte" ein Lied singen kann, was aber den „Profanen" ein Räthsel war und blieb: die Loge wirft sich für Pestalozzi in'S Zeug; sie hat schon längst ein Auge auf den „geeigneten" Mann, und ihren thätigen Agenten ist es ein leichtes, den schwärmerischen Faselhans für den heiligen Bund zu ge- wiMen.'' Pestalozzi «weist sich als höchst würdiger Bruder, der zuletzt das Haupt des helvetischen Orbtits wird. Die Dreipunkte-Brüder hinter sich: so konnte sein Ruhm, fein Weltruf nicht ausbleiben! Er verläßt den Pflug und macht sich auf Anrathen der Loge an die — Erziehung der Jugend, jenes Gebiet, das die „königliche Kunst" ja mit Vorliebe an sich zu reiben pflegt. — Wie viel ist über den „Vater der Waisen zu Staus" nun geschrieben worden! Um demselben einen gehörigen Nimbus zn verschaffen, war es nun vor allen Dingen nöthig, von Land und Leuten um Stans die gräßlichsten Bilder zu malen, Bilder, welche die elendesten Londoner Quartiere in Schatten stellen. Das haben nun Pestalozzi's Biographen bis auf den heutigen Tag pflichtschuldigst gethan. Sie wußten wohl nicht, daß er sein Material für Cultnrexperimente von weit her holen mußte! Sie ließen ihn als ehrwürdigen Patriarchen unter dem Bettelvolke wandeln, ihn, der nie einen Schritt in die Hütten der Armuth gethan! Und in den Zeiten seines persönlichen Elendes schüttelt er den Staub von den zerrissenen Schnallschuhen und macht Reisen nach Deutschland, um in der Bekanntschaft mit Göthe, Wieland u. s. w. seinen Gram zu vergessen. Pestalozzi verspürt nun den Drang, seinen Gefühlen in öffentlichen Schriften Luft zu machen. Der Schriftsteller versteht wohl gut zu erzählen und den Dialog zu handhaben, aber eine solide Bildung geht ihm ab, und wenn die französischen Vorlagen und seine geistreiche Frau nicht gewesen wären, wer weiß, was er zu Tage gefördert! Da brach die Revolution, mit welcher der wässerige Demokrat schon längst sympathisirte, über die Schweiz und Stans herein. Pestalozzi bietet in einer Schrift sofort dem Bürgerministerium seine Dienste an, ein Aktenstück, das, nachdem es von den vielen orthographischen und Jnterpunktionsfehlern gereinigt, vom berühmten Zschokke im Satzbau geordnet worden war, auf Staatskosten gedruckt wurde. Noch wehr; man gründete, um auf die Stimmung der Kantone einzuwirken, das „Helvetische Volksblatt", das aber unter Pestalozzi's Leitung nach kurzer Zeit Fiasco machte. Die geschäftigen Biographen schildern Pestalozzi's Wirken zu Stans als dessen Glanzperiode. Wie aber lag die Sache in Wirklichkeit? Die Leute waren von der Ankunft des „vaterlandslosen Freiheitsschwärmers" nichts weniger als erbaut; der „Halbnarr" und „Eindringling" mit seinen Naturfchilderungen und seiner Vernunftreligion wurde den katholischen Nidwaldenern, deren Väter unmittelbar vorher für ihren Glauben und ihre Freiheit in den Tod gegangen waren, gerade vor die Nase gesetzt. Als er mit dem Einzug der Truppen in Staus das ehemalige St. Clara-Kloster verließ, trauerten nur die Jlluminaten. — Nun ging's nach Bnrgdorf, der „Heldenzeit seines pädagogischen Strebens und Thuns", wie Blochmann bemerkt. Auch hier wurde Pestalozzi immer unbeliebter; sogar Minister Ncngger sah sich trotz anderweitiger Fürsprache genöthigt, ihm den Posten eines Vorstehers abzunehmen. Die moralischen Schläge, die er erhielt, suchte der „humane" Mann den Kindern redlich heimzuzahlen. „Er prügelte", wie Pfarrer Businger in einem amtlichen Schreiben berichtete, „sehr viel". Als er es nicht mehr aushalten zu können glaubt, geht er in's Bad und verlebt fröhliche Tage. , Pestalozzi's letzte Station war Iverdon. „In Werden Erzieher der Menschheit, Mensch, Christ und Bürger, Alles für Andere, für sich nichts", sieht anf 254 dein dortigen Denkmal. Hören wir den schweizerischen Geschichtschreiber und Zeitgenossen Pestalozzi'L, Monnard: „Die Behörden von Burgdorf hatten damals nicht gewagt, dem Pestalozzi auch nur eine Primärschule anzuvertrauen. Auch hätte dieser Mann die Vergleichung mit dem allergewöhnlichsten Bewerber nicht aushalten können." Pestalozzi that sich etwas Zwang an und übernahm eine Stelle. Die Hintersassen waren aber mit der an ihren Kindern probirten „neuen Lehre" nicht zufrieden. Ihr energischer Protest hatte zur Folge, daß der „Niesenpüdagoge" versetzt wurde. Pestalozzi erhielt eine Lehrstelle an einer der untern Schulen der Oberstadt. Im waadtländischen Schlosse zu Iverdon nun spielten sich allerhand „Merkwürdigkeiten" ab. Bekanntlich hatte hier Pestalozzi die Mitarbeiter Jos. Schwill und Joh. Niederer. Ersterer war ein tüchtiger, praktischer Schulmann, letzterer ein philosophischer Schwärmer. Diese zwei Männer aber, insbesondere Schund, verdienen den Ruhm, den heute „Vater Pestalozzi" einerntet. Schund war „eine ungeheure Kraft", wie ihn Pestalozzi vorzustellen pflegte, durch dessen zielbewußtes, thatkräftiges Eingreifen die Iverdoner Anstalt europäischen Ruf erhielt. Doch, wer nennt heute diesen Mann? Sein Lehrgeschick und namentlich auch seine positiven religiösen Anschauungen brachten ihm Haß und Mißgunst in einem Maße ein, daß er nach Wien zog, von wo aus er Pestalozzi anzugreifen für nothwendig hielt. Die daraufhin nach Averdon abgesandten Experten konnten kein günstiges Urtheil über die „Weltanstalt" abgeben. Pestalozzi war gänzlich regierungsunfähig, wie Schnyder von Wartensee, der bekannte Componist, der an Pesta- lozzi's Anstalt Musikunterricht ertheilte, schreibt. Die ! Disciplin des Hauses war geradezu schauderhaft; das i kollegiale Einvernehmen unter den Lehrern mehr als ! traurig. Pastor Niederer hielt es sogar für nöthig, den j „Erzieher der Menschheit" ^öffentlich von der Kanzel — Pfingsten 1817 — als „den Verruchter all des Guten" bloßzustcllen. Der „sanfte" Pestalozzi fiel dem Angreifer „mit Löwenstimme" in's Wort, ließ aber die Sache sonst auf sich beruhen. Er wird wohl gewußt haben, warum! 1825 sank die berühmte Anstalt als existenzunfähig in Trümmer. Schließen wir! Aus diesen kurzen Andeutungen ist zu erkennen, welche Verdienste sich Pestalozzi um die Menschheit erworben. Wir wissen nun, was wir vom „Schöpfer der modernen Schule" zu halten haben. Mögen eS auch die jungen Leute in den Seminarien erfahren! Voritas liberabit vos! Universitäten und Studenten in Rußland. Von Theodor Hermann Lange. , (Nachdruck voi«n) Ueber die Zustände an den russischen Hochschulen ist man in Deutschland meist schlecht oder mindestens sehr mangelhaft unterrichtet, und man bringt den akademischen Verhältnissen im Zarenreiche nur ein geringes Interesse entgegen. Eine Ausnahme in letzterer Hinsicht bildet die Universität Dorpat, deren Umwandlung aus einer deutschen Lehranstalt in ein russisch-slavisches Institut in den letzten Jahren in Deutschland bekanntlich mit großer Aufmcrk- famkeit verfolgt wurde. Keine der zehn russischen Hochschulen kaun aus ein hohes Alter zurückblicken. Die älteste ist die Moskauer Universität, welche im Jahre 1755 von der Kaiserin Elisabeth Petrowna (1741—1762) begründet wurde, die jüngste die Universität in Tomsk (Sibirien), welche seit sieben Jahren besteht. Die meisten Universitäten wurden erst in diesem Jahrhundert ins Leben gerufen. Die Ein- theilung in vier Fakultäten (Theologie, Jura, Medizin und Philosophie) ist in Rußland unbekannt. Eine philosophische Fakultät gibt es nicht, aber eine theologische, juristische, medizinische, philologische, mathematische und naturwissenschaftliche Fakultät. Meist sind aber für die Theologen der orthodoxen Kirche besondere Akademien (Priesterseminare) errichtet, welche mit der eigentlichen Universität in keiner Verbindung stehen. DaS bedeutendste katholische Priester-seminar befindet sich in Petersburg und steht unter außerordentlich strenger Aufsicht der Regierung. Früher befanden sich übrigens in Russisch-Polen eine Reihe katholischer Priesterseminare, welche bis auf einige wenige in den letzten Jahrzehnten von der Regierung geschlossen worden sind. Die Schließung dieser katholischen Prtesterseminare bildet ein sehr dunkles Blatt in der neuesten Geschichte Rußlands. Diele Universitäten haben nicht sämmtliche Fakultäten. So hatte die Universität Odessa bis jetzt noch keine medizinische Fakultät und erhält sie erst im Laufe dieses Jahres, Tomsk hat keine juristische, philologische und naturwissenschaftliche; vie Petersburger Universität hat keine eigentliche medizinische Fakultät. Dafür gibt eS aber in Petersburg eine eigene medizinische Akademie usw. Ebenso existiren für die russischen Universitäten keine einheitlichen Ausnahmebestimmungen (JmmatrikulationZ- rcglements). Sogenannten Hörern (Hospitanten), sowie Ausländern kann nur infolge besonderer Erlaubniß des Ministers für Volksaufklärung der Zutritt zu den Vorlesungen gestattet werden. Die Rektoren haben in dieser Hinsicht niemals das entscheidende Wort zu sprechen. Was sonst noch die Ausnahmebestimmungen anbelangt, so bestehen hinsichtlich der Immatrikulation von jüdischen Studenten an sämmtlichen Universitäten ganz besondere Vorschriften. An der Petersburger Universität werden durchschnittlich nur fünf Prozent jüdischer Studenten zugelassen, im Technischen Institut in Petersburg nur ein Prozent Juden und in der Ingenieurschule (für Brücken- und Eisenbahnbau) gar keine Juden. In Odessa, Warschau und Tomsk werden augenblicklich zehn Prozent Juden zugelassen, aber auch nur solche, welche mindestens mit der Note 4 („ziemlich gut") vo« Gymnasium kommen. Hin und wieder wird aber doch der Prozentsatz der bei den Universitäten zulässigen jüdischen Studenten überschritten, und zwar, wenn deren Angehörige persönlich bei dem Minister in Petersburg vorstellig werden. Dazu genügt allerdings nicht eine einzige Audienz, sondern die Bittsteller müssen sich Monate hindurch jede Woche beim Minister melden lassen. Auch Katholiken werden bei ihrer Immatrikulation hin und wieder Schwierigkeiten bereitet. ^ Ein mir bekannter polnischer Rittergutsbesitzer bei Warschau, der früher in Sibirien als Verschickter gelebt hatte, wollte zwei Söhne Medizin studiren lassen. Sie wurden weder in Warschau noch an einer andern Universität immatriknlirt. Da bestach der Vater, wie er mir selbst einmal gestand, einen Ministerin!-Sekretär mit 1000 Rubeln. Daraufhin wurden die jungen Leute in Moskau irymatrikulirt. Dieser Fall dürfte übrigens nicht vereinzelt dastehen. Juristen, Medizinern und Philologen polnischer Nationalität (Katholiken) wird es übrigens bei der Jrnmatrikulation an der Warschauer Universität neuerdings regelmäßig mitgetheilt, daß sie niemals auf eine staatliche Anstellung innerhalb der polnischen Gouvernements zu rechnen haben. Neflektiren sie nach Absolvirung ihrer Studien auf derartige Posten, so können ihnen diese nur im Innern oder im Osten Rußlands verliehen werden. An den russischen Hochschulen gibt es keine Semester, sondern nur Jahreskurse, wofür in allen Fakultäten und an allen Universitäten je 100 Rubel Collegiengelder zu zahlen sind. Für die Immatrikulation hat man nur 25 Kopeken (52 Pf.) zu entrichten. Juristen, Philologen, Mathematiker und Naturwissenschaftler haben je vier Jahreskurse zu absolviren, also vier Jahre zu studiren. Mediziner jedoch müssen 5*/z Jahre studiren. Bei Schluß jedes Jnhreskurscs finden Prüfungen statt. Länger als zwei Jahre wird kein Student in einem Kurse geduldet. Hat er die Prüfung bei Jahresschluß dann nicht bestanden, so erfolgt seine Verweisung von der Universität. Jeder Kursus hat seine bestimmten Vorlesungen, an diesen muß der Student theilnehmen. Eine Wahl hinsichtlich der Vorlesungen, wie beispielsweise in Deutschland, Oesterreich usw., gibt es auf den russischen Universitäten nicht. Natürlich kann ein Student auch ganz ruhig einmal ein paar Kollegien „schwänzen", danach fragt niemand. Er kann auch eine Viertel- oder halbe Stunde zu spät inL Colleg kommen, deßwegen wird er nicht zur Rede gestellt. Die Hauptsache ist nur, daß er bei Jahresschluß die Prüfung besteht, wobei allerdings auf manchen Universitäten die Polen (Katholiken) gegenüber den National- russen insofern benachtheiligt sind, als man den eigentlichen Russen die mündlichen Examina wesentlich erleichtert und den Katholiken erschwert. Vereinzelt kommen auch hier Bestechungen vor, wie sie an manchen Gymnasien leider nichts seltenes sind, wo die Vater die Aufnahme ihrer Söhne von den Gymnasialdirektoren um 300—500 Rubel erkaufen müssen. Juristen und Philologen, welche der russischen SaatS- kirche angehören, erhalten nach bestandener Prüfung sofort Staatsanstellungen, Katholiken seltener. Es vergeht immer eine Reihe von Jahren, ehe man Katholiken staatliche Stellungen gibt. In Petersburg werden Katholiken immer noch am ersten angestellt. Die polnischen Gelehrten, welche die akademische Laufbahn einschlagen, haben immer nur Aussicht auf Anstellung bezw. Beförderung, wenn sie sich nach dem äußersten Osten versetzen lassen. An der Universität in Tomsk in Sibirien sind zwei polnische Professoren angestellt. Die russischen Studenten müssen, sobald sie das Universitätsgebäude betreten, in Uniform erscheinen. Auf der Straße zeigen sie sich gelegentlich auch in Civil. Bei feierlichen Anlässen kommt zu der Uniform noch der Degen. Die Universitätsprofessoren sind ebenfalls an ihrer Kleidung kenntlich: einem dunkelblauen Frack mit gelben Knöpfen, auf denen der russische Adler angebracht ist. In eorxors erscheinen die Studenten niemals auf der Straße oder im Universitätsgebäude. Rotten sie sich einmal zusammen, so werden sie gewöhnlich sehr rasch durch Kosaken mit der Kugelpeitsche auseinandergetrieben, sofort relegirt und der Polizei oder den Gerichten zur Bestrafung überwiesen. Meist erfolgen die studentischen Zusammenrottungen, um gegen mißliebige Professoren und Rektoren zu demonstriren. ^Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Cattaneo C. Ambr. (s. 1.), Geistliche Vertrages frei nach dem Italienischen von Höhl er. 8°. '3 Bde. (S. VIII -t- 603; 568; 592). Ncgensbnrg. Fr. Pustet 1896. M. 9,20. Fritz Ludw. (s. 6arm.), Daö Okkioinm LIarinnnm karvum oder die kleinen Marianischen Tagzeiten in homiletischen Vortragen erläutert. 8", 2 Bde. 1S. IV -j- 503; 644). Ncgensbnrg, Fr. Pustet 1895. M. 6,00. s Unsere asketische Literatur leidet an bedenklicher Hypertrophie; daß da in jedem neuen Buche so ziemlich dasselbe zu finden ist, was der Leser bereits aus früheren Werken kennt, kann nicht Wunder nehmen. Die beiden obigen Erscheinungen bieten eine auerkennenswcrthe Ausnahme. Cattaneo illustrirt die moralischen Ermahnungen durch eine große Menge von Histörchen, deren Glaubwürdigkeit freilich dahingestellt sein mag, die aber immerhin dem Buche den Stempel einer kurzweiligen Unterhaltung aufdrücken. Auch ist die genaue Anführung der verwendeten Bibelstellen zu loben. Sicherlich hatte der Ueüer- setzer, der seine Ausgabe vortrefflich gelöst bat, die wohlmeinendste Absicht, die Erbauungsliteratur nicht bloß zu vermehren, sondern auch zu bereichern. — Ein Buch tieferer Art ist deS k. Fritz Erklärung des Oküeiuw LIarianum, schätzbarer schon deßhalb, weil es den liturgischen Text zum Grunde hat, mit dem die vom bl. Geist geleitete Kirche die Gottesmutter preist; freilich ist heut zu Tage leider vielfach Uebung, sich am allerwenigsten an die kirchlichen GebetSsormulare zu halten und lieber zu allen anderen selbstersundencn Surrogaten zu greifen. AuS diesem Grunde ist das Unternehmen des L. Fritz, dem wir bereits eine ähnliche Bearbeitung des Todtcn-Officium verdanken, schon im vorhinein mit Genugthuung zu begrüßen, besonders aber verdient die Art und Weise, wie er es durchgeführt hat, unser volles Lob. Hier herrscht die verständige Nüchternheit der Kirche, ohne daß jenes undefinirbare und den Meisten unentbehrliche Ding „Gefühl" ganz verdrängt wäre. Schrift- und Väterstellen finden ausgiebige Verwendung, mit frommen Anekdoten und unglaublichen Wundergcschichtcn, womit man so oft etwas Besseres ersetzen will, sind wir glücklich verschont. Möchte daS sinnige und schöne Buch allen, die freiwillig eher Standes wegen sich mit dem Oküoium xarvum L. Ll. V. beschäftigen» ein Begleiter und Führer werden, um immer tiefer in den Sinn der hl. Texte einzudringen. Auch der „Marien-Prediger" oder, wie es das höchst geschmackvoll auch gibt, der „Hcrz- Maria-Prediger" wird bei ?. Fritz sehr brauchbare Gedanken finden, wie das Buch ja auch dem Bedürfniß des Predigers sein Entstehen verdankt. Der Verfasse: des Werkes, Senior der bayerischen Carmeliten, ein unermüdlicher Prediger, ist leider am 22. Juni d. Jö. im Kloster zu Straubing, 84 Jahre alt, gestorben. ck. Der auf dem Gebiete der schwedischen Literatur und Geschichte wohl bewanderte 1. Rath am k. allgemeinen Neichs- archive Dr. Pins Wittmann bietet in seiner neuesten Publikation: „Kurzer Abriß der schwedischen Geschichte. BreSlau, Köbner 1896," dem gebildeten deutschen Publikum eine auf den neuesten Forschungen beruhende Geschichte Schwedens. Dieselbe, in ihrem ersten Theil zwar übersichtlich, aber etwas knapp gehalten, wird vom 17. Jahrhundert an eingehender behandelt, unter besonderer Berücksichtigung der WittelSbacher auf dem schwedischen Throne. Zahlreiche Litcraturangaben geben auch demjenigen, der sich mit dem einen oder andern Abschnitte der Geschichte jenes Landes näher befassen will, praktische Winke. Wer die Wohlthat eines gut angelegten Registers zu würdigen versteht, wird dem Autor Dank wissen, daß er auch diese Mühe nicht gescheut. Der Verfasser erhielt für die Vorlage deS Schriftchens aus der Geheimkanzlei S. K. H. des Prinz- Regenten und von S. K. H. Herzog Karl Theodor anerkennende Dankschreiben. Die heil. Schrift im Predigtamt von I. Sigmunb. * Diese „Monatsschrift für Priester" von Jos. Sigmund, Pfarrer in St. Jodok (Tirol), verfolgt den Zweck 1) zu zeigen, wie die hl. Schrift besonders von alten Meistern auf der Kanzel behandelt wurde, und deren Verwendung im Predigt- amte zu fördern; 2) das Volk an der Hand des Kirchenjahres gründlich zu unterrichten, auch in apologetischen Materien; 3) die Wahl des Themas zu erleichtern und die Predigten nach einem bestimmten Plan einzurichten. — Die Schrift erscheint circa am 20. eines jeden Monats und enthält jedesmal je zwei Predigt-Skizzen für jeden Sonn- und Festtag des 256 nächstfolgenden Monats. Ferner enthält jedes Heft einen Anhang mit praktischen Uebungen über die Verwerthung der hl. Schrift im Predigtamte, vorzüglich aus alten, berühmten Predigern genommen. Der Hochwürdigste Fürsterzbischof von Salzburg, sowie die Hcchwürdigsten Fürstbischöfe von Brixcn und Tricnt haben den Zweck dieser Monatsschrift sehr belobt und das erste Heft warm empfohlen. So schreibt unter auderm der Hcchwürdigste Fürstbischof von Trient: „Das erste Heft befriedigt sehr und enthält vorzügliche Betrachtungen . . . Ihre Skizzen entsprechen jedenfalls den Ermahnungen des bl. Vaterö in der Euchclika Lo Ltuüio s. Lerip- turas vom 18. Nov. 1893 und super saera praeclications vvin 31. Juli 1894." — Zu abonuircn am besten bei der bcchw. Redaction der »Luolraristia« in Feldkirch (oder einfach: „Pelikan" Feldkirch, Vorarlberg) oder auch beim fürstbischöfl. Pfarramt St. Jodok, Vrennerbahn. Preis für diesen Jahrgang 2 fl. oder 3 M. 40 Pf. (Bei größerer Betheiligung wird der Preis künftig herabgesetzt.) _ Unsere eßbaren Pilze (Schwämme). Von Joh. Alfr. Ul sanier, Hauptlchrcr. Mit 5 Tafeln in Farben- lichtdruck. (Kempten, Jos. Köscl'fche Buchhandlung. Preis broch. M. 1,40, in Halblcinwand gebd. M. 1,60.) Der durch seine frühern Schriften, namentlich durch seine vorzügliche und weit verbreitete „Hausapotheke" vorthcilbast bekannte Verfasser gibt in diesem Schriftchen eine einfache und ganz leicht verständliche Anleitung, die besten und häufiger vorkommenden eßbaren Pilze, sowie deren Verwendung in überraschend kurzer Zeit kennen zu lernen. Das Schriftchen basirt auf persönlicher Erfahrung, sorgfältiger Beobachtung und genauer Prüfung und wurden dabei auch die Rathschläge anderer erfahrener Pilzkenner bestens berücksichtigt. In fünf vorzüglich ausgeführten Farbculichtdrucktafeln enthält das Werkchen eine illustrative Veranschaulichung der beschriebenen Pilze, welche das Büchlein erst recht praktisch brauchbar macht. Der ungewöhnlich billige Preis sichert dem durchaus empfehleuSwerthen Büchlein weiteste Verbreitung. _ Pädagogische Vorträge und Abhandlungen. Herausgegeben von I. Pötsch. Verlag der I. Köfcl'schen Buchhandlung in Kempten. Die Hefte 16 und 17 bringen treffliche Abhandlungen und zwar das 16. Heft einen Aufsatz des Hrn. Domcapitulars Professor vr. Stockt über „Kirche und Schule während und unmittelbar nach der NesormationSzeit" mit einer kurzen LebcnS- skizze des inzwischen verlebten Verfassers vom Herausgeber; das 17. Heft enthält eine „Beleuchtung von DittcS' Werken", von I. E. Weis, Priester der Diöcese Eickstätt; mit einen: Anhang „Etwas über Hrn. Dr. DitteS selbst" vom Herausgeber. Erbauungsliteratur. „Die Opfer des ErlöserS." Von k. Gg. Freund, 0. 8s. II. Verlag von Opitz in Warnsdorf (Böhmen). Enthält auf 112 Seiten eine Reihe von Betrachtungen, anknüpfend an die Opfer, welche Jesus bringt, und bietet frommen Seelen eine erbauliche Lesung. Zeitschrift des Historischen Vereins fürSchwaben und Neuburg. XXII. Jahrgang. Preis im Buchhandel 6 Mk. CommissiouSverlag der I. A. Schlvsser- sckcn Buchhandlung in Augsburg. Inhalt: 1. Zur Vor- und Frühgeschichte des Lechrainö. Von Franz Weber, Qbcramtsrichtcr a. D. 2. Die poetischen und historischen Schriften eines Angöburgcr Bürgers an der Ercnzschcide des 16. und 17. Jahrhunderts. Von Max Nadl- kofer. 3. Markwart von Naudcck, Bischof von Augsburg und Patriarch von Aquileja. Von Dr. Fr. T. Glasschröder. 4. Die Kirche der Heiligen Ulrich und Afra zu Augsburg. Beitrag zu ihrer Geschichte hauptsächlich während der romanischen Kunstperiode. Von Pros. vr. I. A. Eudres. 5. Beschreibung der Nömerstraste von Augsburg nach Krumbach. Vertrag, gehalten in der Abcndversammlung des historischen VcrcinS vom 6. März 1896. Von I. Schuster, k. Major a. D. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8°. Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 8. Heftes 1896: Jakob Greiser als Apologet der Gesellschaft Jesu. — Freiheit in der Wahl deS Beichtvaters namentlich bezüglich der Ordensfrauen. — Die Bestimmungen über das Jrrenwesen in Bayern. — Die Hysterie. — DaS Laicnkatcchetenihum und die missio eanonica,. — PastorclleS von der Reise. — Concurrcnzpflicht der Filialistcn. — „Auf den Markt!" Neue Anforderungen an die Seelforge.— Drei Vorschläge über Verwendung der Pricsterbibliotheken nach dem Heimgang ihres Inhabers. — Verhalten deS Seelsorgers gegen weltliche Vereine. — Textvariante im Llissals äskunetoruiri. — Galanterie gegen Schulmädchen in amtlichen Bekanntmachungen. — Das wörtliche Citiren socialdemokratischer Gotteslästerungen in katholischen VcreinSvcrsammlungen. — Bcachtens- wcrthe Kleinigkeiten. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Entscheidungen der obersten Gerichtshöfe. — Novitätenschau. Liter arisch er Handwciscr, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. Dr. Franz HülSkamp in Münster. 24 Nrn. ä 2 Bogen Hochquart für 4 M. P. Jahr. 1896. Nr. 7 u. 8. Inhalt. Kritische Referate über Schrader Kcilinscbriftliche Bibliothek (Kaulen), Minies Lota, Ooneilii 6onstaneiensis (Wurm). Ltsplisn Uistorz- ok tlis 8cottisli Olinrck (Bcllcsheim), Zaubzsr Betrachtungen über das Hohe Lied (Lierücimer), ölrrurz- drog-auess et I,S§eiicles cln mog'sn-ÜAo (Kampers), Briefe hervorragender Zeitgenossen an Franz Lisch (Bäumker), Dcvas Grundsätze der Volkswirthschaftslehre (Fr. Walter), Effinger Nachfolge Maria, Jox Wundcrthätige Medaille und Kerngebctc für Kranke nach Liguori und Cochem (Deppe), Keiter Confessiouelle Brunnenvergiftung, Kürschner Literaturkalender und Kürschner L-taatShand- buch für 1896 (HülSkamp). — 15 Notizen über AertnyS und Gaudö Moralfystem deS hl. Alphons (Deppe), Xillos Xaleinlarium bleelosias oriontalis od oeeütoutalis und verschiedene andere Nova (HülSkamp). - Novitätenschau und Zeitschciften-Juhalt. OestcrreichischesLitcraturblatt, herausgegeben von der Leo-Gesellschaft in Wien, redizirt von vr. Franz Schnürer. (Administration: Wien I., Anuagasse 9.) Nr. 15 enthält u. A.: Mauser I. A., kossibilitas xraemotionis pdz'sieao Dliomistioas in actibus lideris uatnralibuZ. (Spiritual- director Dr. C. Weiß, Wien.) — Ernst Jof., Die Lehre des bl. Paschasius Nadbertus von der Eucharisiie. (Pros. Dr. Cöl. Wolfögruber, Wien.) — Bcissel St., Die Verehrung 1l. L. Frau in Deutschland während deS MittelalterS. — Nehmke Joh., Lehrbuch der allgemeinen Psychologie, (vr. Nud. Hornich, Wien.) — Krampe W., Die italienischen Humanisten und ihre Wirksamkeit für die Wiederbelebung gymnastischer Pädagogik. — Andreae K., Zur inneren Entwicklungsgeschichte der deutschen Lehrerbilduugs-Austaltcii. — Schnitze Sigmar, Der Zeitgeist der modernen Literatur Europa'S. (Dr. Nich. v. Kralik, Wien.) - Bötticker Fr. v., Malcrwcrke des XIX. Jahrhunderts. t.Bd. (Dr. Th. v.Frimmel, Wien.) —Ott Emil, Kirchliche GcrichtSbaikeit. (lluiv.-Prof. Dr. Frz. Lauriu, Wien.) — Ortloff Hm., Staats- und Gcscllfchafts-Vertretung im Strafverfahren. (Ders.) — Vesaniö Sot., Ueber das Verhältniß der Vermehrung der Zinscapital-Juhabcr und der ZinL- capitalicn. (Thcol.-Prof. Fricdr. Piffl, Klosterneuburg.) — F öpp l A.. Einführung in die Maxwell'schc Theorie der Elektricität. (Pros. vr. A. Lanner, Salzburg.) — Darwinismus und Socialdemokratie oder Häckel und der Umsturz. (Pros. Dr. O. Hermann, Bibliothekar an der k. Bibliothek, Berlin.) U. s. w „Die katholische Welt." Jahrg. 1896. (Jährl. 12 Heft- ü 40 Pf. - 50 Cts.) Heft 9 u. 10 enthalten u. A.: Käthe und Kathiuka. Eine VolkScrzählung aus der Oberpfalz. Von Jos. Baier- lein. (Fortsetzung.) — Fürstin Marie Luise von Bulgarien. — Raffael. Kunsthistorische Skizze von J. Werne. — U. L. Frau vorn Berge Karmel. Von I. Ming. — Die Halligeu. — Nosiue vom Scherben Hof. Eine Geschickte aus dem Volksleben. Von August Butscher (Forts.) — Maria Magdalc na. — Die Jubelfeier des Landes Tirol. Von ik. Leitgeb, 6. 88. R. — Zwischen den Aehrcn. Ein Julibild. Von Theodor Berthold. — Der Tro llhätta-Fall. —Die Zarenkröuung in Moskau. — Getrennt im Leben — im Tode vereint. Novells aus dem Englischen. Von Odo Dowod. U. s. w. — Mit zusammen 83 Illustrationen. Die Erzählungen sind sehr gediegen. Probehefte versendet die Vcrlagöhaudlung A. Nif- farth, M.-Gladbach. Verauttv. Redacteur.: Ad. Haas in Augsburg..— Druck u. Vcrlaa des Lit. Instituts von Hao§ L tzsrabberr in Augsburg, Ein neues Lehrbuch der Volkswirthschaft?) I?. II. Die jüngste aller großen Wissenschaften, die Nationalökonomie, entstanden in der Zeit des beginnenden SubjectivismuS und des Verdrängens fast aller sittlichen und religiösen Grundsätze aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Leben, konnte naturgemäß nicht sofort und auch nicht nach kurzen Dccennien mit einem erprobten und brauchbaren Systeme vor die Schule und die Oeffent- lichkeit treten. Es bedurfte mehr als eines Jahrhunderts des Kampfes der widersprechendsten Meinungen, selbst unter katholischen Sociologen, bis man endlich in den allerwesentlichsten Grundzügen und in den allgemeinen Erfahrungen eine gewisse Uebereinstimmung erzielte. In Deutschland speciell hat die socialreformatorische Thätigkeit des Centrums nicht zuletzt dazu beigetragen, eine Annäherung der socialpolitischen Anschauungen, vor allem in christlichen Kreisen, herbeizuführen. Damit machte sich aber auch der Mangel eines eigentlichen, die nationalökonomische Wissenschaft auf positiv-christlichen, ethischen Grundsätzen umfassend behandelnden Lehrbuches immer fühlbarer.* **) Diesem Mangel will ein vor kurzer Zeit erschienenes Werk eines englischen Nationalökonomen abhelfen. Es ist das Buch von Charles S. Devas, „Grundsätze der Volkswirthschaftslehre", von welchem nunmehr eine treffliche deutsche Uebersetzung und Bearbeitung aus der Feder Dr. Walter Kämpfe's vorliegt. Das Werk, von einem Engländer für Engländer geschrieben, wurde von Dr. Kämpfe (Salzburg), der durch verschiedene tüchtige Arbeiten auf focialpolitischem Gebiete hiezu bestens legitimirt war, in einem ziemlich bedeutenden Umfange einer Umarbeitung unterzogen. Es wurden die nur für England Interesse besitzenden Stellen gestrichen, dagegen vieles einverleibt, was für deutsche und österreichische Leser von Wichtigkeit ist; zugleich wurde auch auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der übrigen Culturstaaten gebührend Rücksicht genommen. Die von dem Uebersetzer dem Buche neu einverleibten Stellen sind durch ein „Verzeichniß der Zusätze deS Ucbersetzers" kenntlich gemacht. Die „Volkswirthschaftslehre" von Devas - Kämpfe ergeht sich nicht in langen Abhandlungen und geistreichen Versuchen zur Lösung verwickelter wirthschaftlicher Probleme, sie versucht nicht, wie die Doktrinäre der sogen, klassischen Nationalökonomie, durch die Brille vorgefaßter Ideen das wirthschaftliche Leben zu beurtheilen und eS auf denselben aufzubauen, sie rechnet mit den Thatsachen und mit den Erscheinungen des wirthschaftlichen Lebens. Das Werk will nicht in erster Linie ein Lehrbuch wirthschaftlicher Theorien, sondern ein Lehrbuch des wirthschaftlichen Lebens sein. Das ist die Voraussetzung, mit welcher die Lektüre des Werkes begonnen werden muß. Eine geistreiche Erforschung wirthschaftlicher Räthsel wollten und konnten der Verfasser und Grundsätze der Volkswirthschaftölehre. Von Charles S. Devas. Examinator der politischen Oekonomik an der kvnigl. Universität von Irland. Uebersetzt und bearbeitet von Dr. Walter Kämpfe. Frciburg, Herdcr'sche Verlagshandlung. Preis 7 M. **) Dr. Natzingcr's ausgezeichnetes Werk „Die Volkswirthschaft in ihren sittlichen Grundlagen" ist kein Lehrbuch der Nationalökonomie und soll es nach der Absicht des Verfassers jedenfalls auch nicht sein. Uebersetzer, nach dem Zwecks, welchem das Buch dienen will, nicht liefern. Das ganze Werk ist in vier Theile oder Bücher gegliedert und stellt in dieser seiner Eintheilung einen natürlichen Aufbau der nationalökonomischen Wissenschaft und ihrer Faktoren dar. Das erste Buch behandelt die Produktion und Consumtion und bespricht die grundlegenden Begriffe der Volkswirthschaftslehre, die produktiven Eigenschaften der Erde und des Menschen, die Arbeitsorganisation, das Familienleben, die Güter- Produktion und Consumtion. Das zweite Buch ist „Der Güteraustausch" betitelt. Es bespricht den Güteraustausch im Allgemeinen, die freie und nichtfreie Preisbildung, den internationalen Handelsverkehr, das Geld und den Credit. DaS dritte Buch erörtert die Vertheilung der Güter. Es werden darin der Unternehmergewinn, der Zins und die Arbeitslöhne, sodann das Verhältniß von Reichthum und Armuth, die Berechtigung des Reichthums und die verschiedenen socialen Organisationen und Ordnungen besprochen und endlich am Schlüsse die verschiedenen Versuche zur Lösung wirthschaftlicher Schwierigkeiten vorgeführt. Das vierte und letzte Buch ist unter der Ueberschrift „Nachträge" der Oekonomik des Staates, d. i. vorzugsweise der Finanzwissenschaft gewidmet. Das vorletzte Kapitel behandelt die „Aufgabe und Methode der politischen Oekonomik", das letzte, vom Uebersetzer bedeutend erweiterte Kapitel gibt eine gedrängte Uebersicht über die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft. Man ersieht aus vorstehender Zusammenstellung, welch gewaltiges Gebiet der Verfasser in seiner Volkswirthschaftslehre dem Leser vorführt. Kaum eine Seite des wirthschaftlichen Lebens ist in derselben unberücksichtigt gelassen. Daß an einzelnen Stellen, trotz der Elimination des nur für englische Verhältnisse Giltigen, die Anschauung des Engländers noch etwas durchklingt, kann nicht überraschen. Es würde zu weit führen, alle einzelnen Partien deS Werkes zu besprechen, und wir begnügen uns hier damit, einzelne Punkte herauszugreifen. Vor allem ist es ein Vorzug desselben, daß der Verfasser gleich am Eingänge mit festen Begriffen an den Leser herantritt und dieselben kurz definirt. Diese volkswirthschaftlichen Begriffe sind, mit gutem Grunde, nicht zu enge umschrieben; denn einerseits sind ja viele Begriffsbestimmungen und tarwini tsasinioi einer steten Veränderung unterworfen, anderseits ist über manche derselben überhaupt keine Einigkeit zu erzielen. Etwas zu weit scheint uns indeß der Begriff „Kapital? gefaßt zu sein. Sehr schlagend werden einzelne Irrthümer der älteren und neueren Nationalökonomen widerlegt. In den Kapiteln über „Produktion" z. B. wird von Devas, bei Besprechung der „Gesetze" von der abnehmenden und von der wachsenden Erträglichkeit, mit klaren Gründen dem Optimismus von der steten und uneingeschränkten Vermehrung des Prodnktionsertrages widersprochen. Ebenso klar und treffend werden bei allen zur Aufzählung kommenden Errungenschaften der „technischen Revolution" neben den Licht- auch die Schattenseiten hervorgehoben: der Untergang der Kleinmeister, die viel zu wenig beachtete Abschwendung der Wälder, die Uebel- stände der großen BepLlkMngsceniren usw. Aehnlich 258 werden bet Besprechung des Gewerbes und der Land- wirthschaft sowohl die Schäden des Zwergbetriebes als auch der großen Unternehmungen, der übermäßigen Zerstücklung wie der Latifnndienbildung berücksichtigt und — damit Zusammenhängend — in dem Abschnitte über das Familienleben die Eigenart und die Vortheile des Wirthschaftsbetriebes durch die sogen. Stammfamilie in instruktiver Weise hervorgehoben. Der Frage und Gefahr der drohenden Ueber- völkerung wird eine besonders ausführliche Erörterung zu theil, und wir haben gerade diese ernste Frage noch selten so eingehend und ruhig behandelt gesehen, wie in dem vorliegenden Werke von Devas-Käwpfe. Wenn der oder die Verfasser auch die Gefahren der kommenden Uebervölkcrung nicht in zu düsteren Farben malen, so erkennen sie diese Gefahren doch vollkommen an und verfallen nicht in den bedauerlichen Optimismus mancher volkswirthschaftlicher Schriftsteller, die im Hinblick auf die drohende Calamität fatalistisch allein auf die göttliche Vorsehung vertrauen. — Eine ebenso eingehende und gewissenhafte Erörterung wie die Uebervölkerungsfrage findet die Wohnungsfrage. Das zweite Buch, „Der Güteraustausch", beschäftigt sich hauptsächlich mit praktischen Fragen. Die Vortheile des Handels werden gebührend hervorgehoben, jedoch nicht überschätzt. Denn „das Glück des Landes läßt sich nicht nach der Höhe der Export- und Import- ziffern bemessen". Sehr eingehend sind die Ausführungen über die Preisbildung, welche zu den besten Partien des Buches zählen. Devas bestreitet u. a>, daß ein vom Marktpreis ganz verschiedener, sogen, natürlicher Werth und Preis anzunehmen sei. Der einzige — zwar nicht vollkommene, aber immerhin einzige — Werthmesser ist der (Markt-)Preis. Aus den Ausführungen über das Geld und Münz- wesen wollen wir nur hervorheben, daß der Verfasser für eine einheitliche Währung, bezw. Goldwährung, eintritt. Fast noch ausführlicher wie die Preisbildung ist der Credit behandelt, wohl in der richtigen Erwägung, daß auf dem Credite unser ganzes modern-wirthschaftliches Leben beruht. Sehr einfach ist die Seite 258 vom Verfasser gegebene Definition des Credits als „die Bewilligung des Aufschubs von Zahlungen". Die Vortheile des Wechsels und die Bedenken gegen denselben, d. i. vornehmlich die Ausdehnung der Wcchselfähigkeit auf nicht kaufmännisch Gebildete, werden richtig vorgeführt. Das Bankwesen ist klar behandelt; sehr praktisch ist die Uebersicht über die Notenbanken der einzelnen Staaten. Vom eigentlichen Bankwesen ist die Börse zu unterscheiden, die mit ersterem nicht identisch ist, sondern nur einen Theil desselben bildet. Die Gefahren des Börsen- treibens (Handel mit Scheinwerihen und werthlosen Papieren, Ausbeutung Unerfahrener) werden im Einzelnen aufgezählt, doch dürften die Ausführungen des englischen Nationalökonomen über die Termingeschäfte in Deutschland nicht in jedem Punkte Zustimmung finden. Praktisch und brauchbar sind die Vorschläge zur Bekämpfung des Wuchers. Ein besonders erfolgreiches Mittel gegen die Auswucherung und Verschuldung des Bauernstandes bildet die Heimstätte. Für die ärmeren Volksklassen sind die Konsum vereine ein Mittel zur Förderung des Wohlstandes, da dieselben vor allem der Unsitte, die Bedürfnisse auf Borg einzukaufen, entgegenwirken. Leider Hat der Verfasser unterhassen, die. aus diesen Vereinen > für den seßhaften Kaufmanns- und Gewerbcstand hervorgehenden Schädigungen zu beleuchten. Im dritten Buch, „Die Vertheilung der Güter", unterscheidet Devas drei Einnahmequellen: Lohn, Zins und Unternehmergewinn. Der Grundrente wird, im Gegensatz zu anderen Nationalökonomen, kein besonderer Platz unter den Einnahmequellen angewiesen, da sie von den vorgenannten in keinem wesentlichen Punkte verschieden ist. Ferner wird in diesem Buche vom Verfasser noch eine ganze Anzahl von Theorien der modernen und liberalen Volks- wirthschaftler in schlagender Weise widerlegt und ver- urtheilt; so z. B. die Theorie von der „Gleichheit der Gewinne", von der „Gleichheit der Löhne", von der Durchführung eines „Minimallohnes" usw. Das Kapitel über den Zins ist sehr instruktiv, ohne sich in die Fragen über die Erlaubtheit oder Nicht- erlanbtheit des Zinses u. a. besonders zu vertiefen. DaS Gleiche gilt von der Abhandlung über die Arbeitslöhne. Nach dem Verfasser ist ein fortgesetztes Sinken des Zinsfußes, falls keine politischen Katastrophen eintreten, wahrscheinlich. Mit den die Überschriften „Die Reichen und die Armen" und „Die Berechtigung des Reichthums" tragenden Abschnitten können wir uns, so viel Vollberechtigtes und Wahres dieselben enthalten, nicht ganz einverstanden erklären. Uns wäre es viel lieber gewesen, wenn DevaS, statt die Nothwendigkeit von Reichthum und (weitverzweigter) Armuth so ausführlich hervorzuheben, mehr die Nothwendigkeit eines weitverbreiteten Mittelstandes betont hätte. Der englische Verfasser scheint uns auch das bekannte Werk von A. Smith über den Reichthum etwas zu milde zu beurtheilen und wir vermuthen, daß ihm bei Abfassung seiner Volkswirthschaftslehre die englischen Zustände zu sehr vor dem Auge gestanden haben. Ucbrigens scheint Devas den Begriff der „Armuth" etwas weit gefaßt zu haben. Bei den Besprechungen der socialen Organisationsformen, deren der Verfasser fünf unterscheidet, hätten wir eine etwas hervorragendere Würdigung und Beachtung der genossenschaftlichen Form der Social- ordnung gewünscht. Die genossenschaftliche oder cor- porative Organisation der Gesellschaft ist nun einmal eine der ersten — wenn nicht überhaupt die erste — Aufgaben der heutigen Socialreform; ohne diese Organisation ist unseres Erachtens eine befriedigende Lösung der socialen Frage undenkbar; ohne die Organisation der Berufsstände ist besonders die Gefahr vorhanden, daß die Socialreform immer mehr auf jenes Gebiet gedrängt wird, welches man als „Staatssocialismus" zu bezeichnen pflegt, und daß somit das Hauptergebniß dieser Reform in einer neuen Vergrößerung der großen burcau- kratischen Macht besteht. Es wird daher das achte Kapitel dieses Buches, richtiger: die darin zu Tage tretenden Anschauungen, einen conservativen deutschen oder österreichischen Socialpolitiker kaum befriedigen. DevaS scheint auch kein besonders begeisterter Anhänger der obligatorischen Innungen zu sein; er hält die Frage, ob obligatorische Genossenschaften oder freie, von relativ untergeordneter Bedeutung (Seite 393). Zu optimistisch sind endlich seine Ausführungen über die Vortheile der Aktiengesellschaften. Das folgende Kapitel des dritten Buches erörtert die „ungeregelten socialen Beziehungen" und wirft interessante Streiflichter auf die englischen Ver- 259 hältnisse, besonders in Mitte des Jahrhunderts. Ein ferneres Kapitel, „Die Regelung socialer Verhältnisse durch Intervention des Staates", stellt eine übersichtliche und sehr brauchbare Zusammenstellung der in den verschiedenen Culturstaaten bestehenden Gewerbe- und Arbeiterschutzgesetzs dar, während im letzten Kapitel des Buches ein Ueberblick über die verschiedenen trügerischen Lösungen wirthschaftlicher Schwierigkeiten geboten wird. Es ist darin vor allem der Socialismus besprochen. Im Nachtrage des Werkes werden, wie bereits erwähnt, die Finanz wirthschaft des Staates und die Aufgabe und das Wesen der politischen Oekonomik abgehandelt. DaS Nachtrags-Buch und das ganze Werk schließen mit einer gedrängten Uebersicht über die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft ab. Aus den Ausführungen des Verfassers und tteber- setzers über die Oekonomik des Staates möchten wir noch den die Einkommensteuer behandelnden Passus hervorheben. Wird diese Steuer doch gerade zur Zeit von einzelnen Parteien als die allein gerechte verfochten und soll ferner dieselbe in Oesterreich allgemein zur Einführung kommen. Auf das Verlangen, die Gesammt- summe der Staatsausgaben und sogar die Ausgaben der Lokalverwaltungen durch die Einkommensteuer aufzubringen, läßt sich, wie der Verfasser anführt, nur eine Antwort ertheilen, die sich in das Schlagwort zusammenfassen läßt: Iwpot unicjus (Seite 459). Das heutige wirthschaftliche Leben ist so complizirt und so vielfältig, daß eine Steuer nirgends und niemals ausreichen wird, um eine richtige und gerechte Besteuerung zu ergeben. Von diesen verwickelten wirthschaftlichcn Verhältnissen haben die Anhänger der ausschließlichen Einkommensteuer, deren Führer sich fast nur aus Theoretikern und Stubengelehrten zusammensetzen, kaum eine Ahnung. Wir schließen hiemit unsere Andeutungen über den reichen Inhalt der Volkswirthschaftslehre von Devas- Kümpfe. Sollen wir den wesentlichsten Vorzug des Buches kurz hervorheben, so müssen wir mit dem Ueber- setzer sagen: »die entschiedene Betonung der Volkswirthschaftslehre als einer ethischen Wissenschaft, als eines Zweiges der Moralphilosophie." Dazu kommt, daß sich der englische Nationalökonom überall als ein logischer Denker und nüchterner Praktiker erweist, welcher bei allen wirthschaft- lichen Erscheinungen gewissenhaft die Licht- und Schattenseiten abwägt, der nicht von einem fictiven, sondern von einem wirklichen Menschen ausgeht, welcher nicht mit Phrasen und vorgefaßten Meinungen, sondern mit Grundsätzen und Thatsachen operirt. Das Buch von DevaS- Kämpfe mag hiedurch für manchen Leser nicht genug des Interessanten bieten, allein gerade das müssen wir als einen besonderen Vorzug eines objektiven und brauchbaren Lehrbuches betrachten. Die Sprache des Werkes hat nicht die Eleganz derjenigen vr. Ratzinger's. Aber sie „zeichnet sich", wie es im Vorworte des UebersetzerS mit Recht heißt, „durch Klarheit der Begriffe, durch Kürze und Bündigkeit in einem Maße aus, daß es von allen, die sich dem Studium der Volkswirthschaftslehre zuwenden, mit großem Vortheil gelesen werden wird und für diejenigen, welche sich über die wichtigen, unsere Zeit so mächtig bewegenden Probleme nicht aus Zeitungs- und Zeitschriften- artikeln, sondern auf Grund eines umfassendem und tiefern Einblicks in diese verwickelten Fragen ein reifes Urtheil bilden wollen, einen trefflichen Führer bietet." Wagner und Liszt. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Chamberlain hat in seinem bekannten Werke über Richard Wagner die Behauptung aufgestellt: „Es ist nicht mehr Christenthum in „Parsifal" als Heidenthum in „Tristan"." Er wurde zu derselben durch die Thatsache veranlaßt, daß beide Werke zu gleicher Zeit entstanden find und Wagner abwechselnd an denselben arbeitete. Eine gewisse besondere Hinneigung des Meisters zu den christlichen Ideen im allgemeinen ist jedoch nicht zu verneinen. Aber Wagner hat schon sogleich nach der kritischen Periode von 1848—49 diese kundgegeben, ohne durch die angeblichen Suggestionen seines „Beichtvaters" Liszt besonders beeinflußt zu werden. Im Jahre 1850 behauptete er, daß das Kunstwerk die lebendig dargestellte Religion sei. Allerdings war der religiöse Begriff damals für den Künstler noch unbestimmt. In der Schrift „Ueber Staat und Religion" macht sich, wie Hebert sagt, eine gerechtere Art und Weise, das Christenthum zu beurtheilen, geltend, vertiefter und, vernünftiger als die frühere Anschauung Wagners. Er hat dieselbe 1864, da er auch die erste Skizze zum Parsifal verfaßte, geschrieben. Der erwähnte Autor meint jedoch, damals habe die religiöse Auffassung Wagners noch einen rein negativen Charakter gehabt, die Nothwendigkeit der Entsagung habe seinen Geist damals insbesondere beschäftigt. Dagegen hat seine religiöse Anschauung einen positiven Charakter angenommen, als er über „Kunst und Religion" schrieb und den Gedanken der „Wiedergeburt", der „Erlösung" zum Ausdrucke brachte, die Pflicht der Entsagung ergänzt und vollendet fand durch die Pflicht des thätigen Mitleids und der aufopfernden Mildthätigkeit. Diese Schrift ist 1880 entstanden, da der Text zum Parsifal bereits vollendet war und Wagner die Musik dazu componirte. Bemerkenswerth ist übrigens noch nach diesen Klarlegungen, daß Wagner schon im Jahre 1868 in einer Unterredung mit Villiers de L'Jsle-Adam, der ihn frug, ob er nicht die religiöse Idee lediglich um ihrer scenischen Effekte willen benutze, äußerte:*) „Aber wenn ich nicht in meiner Seele das Licht und die Liebe des christlichen Glaubens, von dem Sie sprechen, lebendig empfände, so würden meine Werke, die diesen Glauben bezeugen, meine Werke, in denen ich meinen Geist und meinen Lebensgang niedergelegt habe, Werke eines Lügners, eines Affen sein.Der wahre Künstler also, der, welcher schafft, vereint und verklärt, bedarf der beiden unlösbaren Gaben: Wissenschaft und Glauben. Da Sie mich fragen, so vernehmen Sie, daß ich vor allen Dingen Christ bin und daß alles, was Sie in meinem Werke ergreift, im Princip nur daraus allein eingegeben und geschaffen worden ist." Dem ist nun wieder entgegenzuhalten, daß der Begriff „Christ" für Wagner wohl nie an ein Glaubens- bekenntniß gebunden war. Neben dem „Parsifal" entwarf er im Frühjahr 1866 auch noch ein buddhistisches Drama „Die Sieger", in welchem Ananda, der Held der Entsagung der Liebe, der „absolut Reine" erscheint. Er hatte sich damals, also zu einer Zeit, da er angeblich bereits von seinem „Beichtvater" zum katholischen Mysti- *) Hebert, xx. 121 sg. 260 zisums „bekehrt- worden war, im Geiste mehr dem Buddhismus zugewandt. Es muß nach allen diesen Betrachtungen als absurd erscheinen, von der Wirkung eines „bekehrenden" Einflusses Liszt's zu sprechen. Der, welcher den „idealen Gehalt" des Christenthums zu erfassen und dichterisch wieder zu gestalten suchte, hat niemals einer Konfession sich anschließen wollen. So ist auch immer eine gewisse Verschiedenheit in der Denkart zwischen den beiden großen Meistern geblieben. Die Freundschaft zwischen Liszt und Wagner ist nach der Ansicht des Niktzscheaners vielleicht das größte Unglück für die deutsche Kunst gewesen. In seiner Charakteristik Liszt's, dem das Verständniß für nietzsche- anische Ideen fehlte, ist er bemüht, sowohl den Menschen wie den Künstler auf die niedrigste Weise zu schmähen. „Man betrachte", so schreibt er, „nur Liszt als schaffenden Tondichter, und man wird zu der Erkenntniß kommen, daß er auch als solcher Virtuose geblieben ist. Als Symphoniker hat er keine neuen Wege eingeschlagen, den» die symphonischen Dichtungen kann man unmöglich als einen Fortschritt bezeichnen. . . . Alle Schöpfungen Liszt's sind von einem undeutschen internationalen Geiste erfüllt, einer jeden tiefen Stimmung bar, und in ihrer Zerfahrenheit entbehren sie der einheitlichen Durchführung. Schwüle, krankhafte Sinnlichkeit, musikalischer Masochismus und Sardiswns(sic!), triviale Melodien, oft wahre Gassenhauer, zerhackte Harmonien und instrumentale Effektstückchen, das sind die charakteristischen Merkmale der Compositionen des Ungarn Liszt, dessen Umgangssprache die französische war und den uns die Herren Wagnerianer als einen deutschen Tondichter aufhalsen wollen." An anderer Stelle bemerkt der deutsch-reformerische blasphemische Kritiker: „Seine Compositionen sind ein Gemisch von sinnlichster Ekstase und ödester Langeweile." Liszt sei, so meint der Lästerer, nach außen hin der denkbar frömmste Katholik gewesen, habe jeden Tag die Messe gehört, in verzücktester Ekstase vor dem Kruzifix stundenlang gebetet, in seinen Compositionen aber seiner Sinnlichkeit freien Lauf gelassen; das „Ewig-Weibliche" habe für den greisen Liszt ebensoviel Reiz gehabt, wie für den jungen Klaviervirtuosen, der es in jungen Jahren ziemlich bunt getrieben habe rc. Von welcher hohen Sittlichkeit erfüllt stehe da die Gestalt des Germanen Wagner vor uns, aus dessen Leben wir von keiner Liebcsaffaire, in dem gewissen bedenklichen Pariser Geschmacke, wüßten. „Der Bayreuther Meister war eben eine offene, ehrliche Natur und kein Heuchler." Es ist nicht zu verwundern, daß ein Kritiker wie unser Autor schließlich auch noch der Meinung Ausdruck gibt, daß Liszt's Begeisterung für Wagner wenig uneigennützig gewesen sei, da das Licht, das Wagner's Genius in unserer Zeit über alle Welt verbreite, auch einen Abglanz auf Franz Liszt werfe und unsere Wagnerianer begeistert rufen: „Wagner ist Wagner, und Liszt ist sein Prophet." (l) Den bisherigen Schmähungen und widersinnigen Behauptungen des modernen „Uebermenschen" schließt sich ebenbürtig sein Urtheil über Bayreuth an: „So schwebt denn Liszt's Geist über Bayreuth, und ein kunterbuntes Modepublikum strömt stets bei den Festspielen zusammen, um der Heilslehre des modernen Theaterchristenthums zu lauschen. So haben wir Deutsche statt des erhofften nationalen Theaters eine internationale Modeheilstätte für weltflüchtige, ausgelebte Lebemänner, emancipirte UmerikgMiynen. v errlM Engländer und aste Betschwestern erhalten! Und an allem ist das Propheten- thum Liszt's schuld." Bezeichnend und für alle Nietzscheaner und Deutschreformer erhebend sind noch die Hoffnungen, die der große Kritiker am Schlüsse seiner Leistung ausdrückt: „Die deutsche Kunst, deren gewaltiger Herzensschlag auch in Wagner's Brust gepocht, als er seinen „Ring der Nibelungen" oder „Die Meistersinger von Nürnberg" schuf, wendete sich ab von diesem Treiben und schreitet ihrer Entwicklung entgegen, in ihrer erhabenen, schlichten Einfachheit. — Durch Wagner aber führt der Weg der deutschen Kunst zu noch idealeren Zielen, in ihrer steten Reinigung von fremden Schlacken, und wenn das deutsche Volk durch eine nationale Wiedergeburt sich zur herrlichsten Blüthe seiner nationalen Eigenart auf allen Gebieten deS menschlichen Lebens entfaltet haben wird, dann wird es auch erlöst sein von „Parstfal", dem heiligen Gral und von den „Wagnerianern"." Solche Vorkämpfer „nationaler Wiedergeburt" wie dieser Kritiker müssen die nationalen Reformideen in ihrem Werthe für christliche Kreise sehr zweifelhaft („zweifelhaft" ist uns an diesem deutsch-nationalen Reformschwindel überhaupt nichts mehr. D. N.) erscheinen lassen. Die Erlösung vom Christenthum, die Wiedergeburt des Heidenthums, die sie so offen und blasphcmisch verlangen, werden sie so bald nicht erreichen. Zu ihrer Entrüstung wird unser nationales Leben und unsere Kunst vielmehr eher der christlichen Veredlung zugeführt werden, die bedeutende Männer nach ihrer Erleuchtung anstrebten. Und die „heiligen Wotanseichen" des entarteten modernen Deutschthums, dieser modernen „Uebermenschen", werden wohl in dieser neuen Siegesära des Christenthums wieder gefällt werden, und dann wird „wahrste Menschlichkeit" und „allgemeinste Menschenliebe", die sie in ihrer Ver- irrung im Heidenthume suchen, überall triumphiren. Ein LiteratiirLild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. I. Umschau. „Es geht ein Trauerlied von Land zu Land, von Mund zu Mund: Wir haben keine Ideale mehrl" So schrieb vor etwa anderthalb Jahrzehnten der geistreiche Prälat Hettinger in die Welt hinaus. Seitdem sind wir näher gerückt der Neige des Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das groß wie keines ist, eines Jahrhunderts, das gleich dem stolzen Münster, das mit seinem schlanken gothischen Bau in schwindelnde Höhe sich hebt und das bescheidene Kirchlein verschwinden macht, so die vorausgegangenen Jahrhunderte überragt, eines Jahrhunderts, wo im Gegensatze zu den früheren, die vorwiegend in Stahl und Eisen geklirrt, der Geisterkampf in hellen Flammen lodert, wo in kreischendem Papiergeräusch blendende Geistesblitze die Welt durchzucken, eines Jahrhunderts, wo die Schlagwörter von Welt-Fortschritt, Welt-Verbesserung und Welt-Beglückung die Reihen der seltsam zusammengewürfelten Menschheit mit Windeseile durchlaufen, eines Jahrhunderts, dem die Kunst eigen ist, die weite Kluft vom Höchsten bis zum Niedrigsten zu überbrücken! In nie geahntem Aufschwünge haben die Wissenschaften, vorab die Naturwissenschaften, sich Bahn gebrochen durch den dunklen Schacht der Weltschöpfung; rastlos, ruhelos wetteifern Geister wie Stahl, Seelen wie Feuer in Ergründung der Naturgesetze selbst, mit. Hintansetzung ihrer Gesundheit, mit Aufbietung unsäglichen Fleißes und Scharfsinnes. Das ist ein Ringen und Forschen, ein Suchen und Streben, bis Sichtbares, Tastbares und Meßbares das Ergebniß erfolgreichen Be- trachtens wird. Um uns zu überzeugen, genügt es, einen Blick zu werfen in die Laboratorien der Chemie, Botanik und Mineralogie, in die Institute für Physik und Hygiene, in die Anatomien, die Amphitheatern vergleichbar sind. Unsere Bewunderung aber erreicht den Gipfelpunkt, wenn wir hinaufsteigen zu dem stillen Gelehrten, der über den andern Menschen thront, der in nächtlicher Stille, wenn längst unter ihm seine Mitmenschen schlummernd in Träumen sich wiegen, mit dem Aufwande aller nur erdenklichen Anstrengung den Sternenhimmel zu entschleiern sucht. Lobredner haben dar neunzehnte Jahrhundert das des Dampfes genannt. Dieser ehrende Beiname besagt heute, an der Wende deS Jahrhunderts, bereits zu wenig. Elektrizität ist heute die Zauberkraft, ist heute die Herrscherin der Welt. Wagenzüge, die eine halbe Welt mit sich zu führen scheinen, kommen angefahren, wie von unsichtbaren Händen gezogen. Fürwahr, ein goldenes Zeitalter verspricht anzubrechen. Der Norden, der einst so glühend nach den italienischen Gartengefilden, wo rauschend die Pinie sich neigt, sich sehnte, schafft heute im kühlenden Kastanienhain sich selbst Italiens Hesperidengarten. In lieblichen Sommernächten, wenn die Feste der lebenslustigen Menschen rauschen, wenn froh die Herzen schwelgen, glitzert's und funkelt's bei elektrischem Lichtglanz durch das üppig grüne Laubwerk hindurch in feenhafter Südlandspracht, gleich als sollte nun auch der Norden werden „. . . dos Land, wo die Citronen blübn. Im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht!" Da wandelt nicht mehr allein die schwarzgelockte Südländerin mit den feurig glühenden Augen, hier ergeht sich auch die flachszöpfige Blondine mit zwei schönen blauen Augen in schwärmerischer Lust. Wir halten inne und fragen uns sinnend: „Wo sind die Ideale? Sind sie denn zerronnen in uferlosen Sand?" Wahrlich, wir möchten dies glauben. Denn nicht der reine Fortschritt ist's, der Künste und Wissenschaften beseelt; zeitlicher Gewinn, eitler Ruhm und blasser Neid schaut aus allem heraus — den Wissenschaften unserer Tage ist der Geist tiefinnigen Glaubens abhanden gekommen, die Ergebnisse ihrer jahrlangen Forschungen legen sie nicht als Weihegeschenke auf den Altar des Allerhöchsten, sie wollen nur theilnehmen an den großen Gedanken des Jahrhunderts. Das ist nicht klingendes Wortspiel, das ist die nackte Wirklichkeit. „Wir haben keine Ideale mehr!" Sollte dieses Wort denn wirklich auch im Lande der Dichter und Denker wahr geworden sein? Sind die Musen an Deutschlands Fluren vorübergegangen, ohne aus dem Füllhorn ihrer schönen Gaben Germaniens Söhnen das Edelste und Erhabenste mitzutheilen? Wir haben Gottlob noch Ideale, vor allem die Ideale der Poesie, die wie die heilige Tempelflamme der Best« nie erlischt. „Singe, wem Gesang gegeben In dem deutschen Dichterwald l Das ist Freude, das ist Leben, Wenn's aus allen Zweigen schallt«" hat der Minnesänger des neunzehnten Jahrhunderts in hie deutschen Gaue laut und hell hineingesungen. Freudigen Widerhall hat er da und dorten gefunden, und treue Jünger folgen wohlgewuth Meister Uhland's Spur. Sich durch das Schlingkraut rationalistischer Wüste durchzu- hauen, ist den Romantikern nicht gelungen; sie kämpften für einen Glauben, dem sie im Herzen nicht zugethan sein durften. Eichendorff sagt: „Der Inhalt der Romantik war wesentlich katholisch, das denkwürdige Zeichen eines fast bewußtlos hervorbrechenden Heimweh's des Protestantismus nach der Kirche." Uhland steht an der Wetterscheide der Romantik und der neuesten Zeit. Er und Eichendorff, der letzte Ritter der Romantik, warfen der hoffärtigen Kunstpoesie den zierlich gefalteten Mantel ab und wischten ihr die Schminke vom Gesichte. Eine wackere Schaar ist ihnen nachgefolgt; hiezu zählen fast alle katholischen Dichter nach ihm. Freilich ist eS ein hartes und mühevolles Ringen für sie, aufzukommen neben jenen Zunftgenossen, die durch daS schillernde Feuerwerk des Witzes wie durch die glatte und verlockende Anmuth der Liebespoesie bis ins innerste Mark der Seele hinein Verderben anrichten, deren Urheber der ungezogene Zögling der Grazien — Heine ist. Man braucht eben nicht ein Pedant der Sittlichkeit oder ein Pietist zu sein, um Heine zu bezichtigen, er habe die liederlichste Dirnenpoesie volks- thümlich und hoffähig gemacht, weßhalb er ja auch der Liebling der Lebewelt und nicht am wenigsten der leichtlebigen Damenwelt geworden ist. Wie viele Hunderte von Sammlungen solcher und ähnlicher Gedichte sind seither gedruckt worden? Allerliebste kleine Büchlein sind es, die der geschniegelte Stutzer in der Westentasche und der blondzöpfige Backfisch in feinem Muff trägt. Was Wunder, wenn man noch vor zwanzig Jahren selbst in Kreisen der Katholiken nur mit verächtlichem Achselzucken von einer katholischen poetischen Literatur sprach? Ja, es hat vor uns Zeiten gegeben, wo ein katholischer Dichter ein rnra avis war. Gott sei Dank, es ist um vieles besser geworden. Die Zeiten der Noth und Bedrängniß haben katholisches Bewußtsein wachgeweckt. Damit ist auch zugleich ein Geistesfrühling über die katholische Literatur Deutschlands gekommen. Jener Hauch des Idealen, der auS dem Verständnisse alles Edlen und Schönen hervorgeht, hat manche Blumenkuospe wach geküßt. Soll ich nennen die Namen eines Sängers der „Amaranth", eines Dichters von „Dreizehnlinden" und deren Genossen? Nein, sie sind zu bekannt, als daß sie der katholischen Leserwelt nochmals eigens vorgestellt werden müßten. Wir wollen heute einen Lustgang machen in den deutschen Dichterwald, der jetzt noch grünend steht. Der Abtheilung der zeitgenössischen katholischen Dichter werden wir unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. Von den einzelnen Gruppen, die nach den Schlagwörtern Lyrik, Epos und Drama sich sondern, wollen wir die klangvollsten Sänger namhaft machen. II. Die zeitgenössischen katholischen Dichter Deutschlands. 1 . In der Lyrik geht der Gegenstand der Dichtung in der eigensten Herzensempfindung auf. Der Dichter redet hier allein, indem er nur den Widerhall gibt, den ein Ereigniß, welcher Art nur immer es sein mag, in seinem Herzen geweckt hat. DaS Lied ist der überschwellende Erguß der Seele, die ihr namenloses Sehnen und Em- Pfinden nur in sangbarer Weise befriedigen kann., isn? 262 sagbar sind die Gefühle, denen ein Lied entquillt. Wir haben schon der Aufführung einer Tonschöpfung beigewohnt. Wenn Sopran und Alt wie leichtes Gewölle über dem Ganzen schwebt, weitet eine überschwengliche Fülle von Empfindungen und Gefühlen die Menfchen- brnst. So ähnlich ungefähr sind die Vorgänge im Sänger- busen, wenn ein Lied im Entstehen begriffen ist. Das Herz, sei es nun voll von Freud' oder Leid, findet Stillung im Liede. Als vor fünfundzwanzig Jahren der Herr der Heerscharen unsere Heere von Sieg zu Sieg auf Frankreichs sonnendurchglühten Fluren geleitete, bis endlich das stolze Babel an der Seine in der eisernen Umarmung der deutschen Krieger lag, als Siegesjubel von Deutschlands Söhnen in die geliebte Heimath drang und hoch die Wogen nationaler Begeisterung und Freude flutheten, da war des Siegesjubelgefangs kein Ende mehr: aus allen Gauen, vom hohen Fels zum weiten Meer, erscholl daS hohe Lied von Friede, Sieg und Einigkeit aus dem Munde berühmt gewordener Dichter, deren nicht weniger als fünfundzwanzig zu nennen wären, und zwar Namen von gutem Klang. Der äußere Krieg war inzwischen dem inneren gewichen. Unter den neugeeinten deutschen Stämmen tobte der Kampf um das heiligste Gut. Wieder wurden Siege erfochten, diesmal von Deutschen gegen Deutsche, Deutschlands Katholiken haben nach schwankendem Geisterkampfe gesiegt. Auch da hat es nicht an Sängern gefehlt; sangesfrohe deutsche Katholiken haben aufgemuntert und begeistert zum Kampfe für die höchsten Güter, sie haben aber auch gejubelt und gejauchzt, froh des errungenen Sieges. Von da ab ist es freier, lebendiger und fröhlicher geworden unter den katholischen Dichtern Deutschlands. Ein würdiger Sohn der pocsiereichen heiteren Rhein- lande ist der Jesuitenpater Wilhelm Kreiten (geb. am 22. Juni 1847 zu Gängelt i. d. Rheinprovinz). In einer ereignißvollen und gährenden Zeit ist er auf der literarischen Arena erschienen. Als gediegener Literaturkenner und Biograph wie als begabter Dichter hat er nicht am wenigsten zum Aufschwünge der katholischen Literatur beigetragen, wovon die „Stimmen aus Maria- Laach" beredtes Zeugniß geben. Kreiten gehört zu den Mitbegründern unserer heutigen katholischen Poesie und Literatur. Einen lieblich duftenden Blumenstrauß, „Den Weg entlang", hat er uns gepflückt. Freilich schwirrt heutzutage die Lust voll „Frühlingslieder", aber wenn Kreiten zu singen anhebt, ist es nicht minderwsrthiges poetisches Lallen — da ist alles Poesie. Stille Wehmuth ist der vorherrschende Ton seiner Dichtung, doch ist es nicht der zerrissene Weltschmerz eines Byron, Hölderlin oder Lenau, denn hier ist Wehmuth geadelt durch ein gläubiges Gemüth. Selbst durch seine Frühlingsgedichte tönt die melancholische Stimmung durch, die wohl daher rührt, baß er häufig aus Krankenbett gefesselt ist, darum es auch oft wie Todesahnen durch seine Gedichte zieht. So klingt „Der Lenz" aus: Nur einsam still eine Jungfrau Im weißen Schleier steht; Es wacht beim Grabe des Frühlings Die Lilie im treuen Gebet. Die Gedichtsammlung „Den Weg entlang" ist eine kostbare Perle, ein reicher Schatz tiefer Lieder, die mit ihren lieblichen innigen Klängen sich in die Seele einschmeicheln. (Fortsetzung kolat.1 Universitäten und Studenten in Rußland. Von Theodor Hermann Lange. (Nachdruck vikbolen.I (Schluß.) Die Universitätsrcktoren werden von der Regierung ernannt und bekleiden das Rektorat oft viele Jahre hintereinander, bis sie entweder in eine höhere Stellung berufen oder peusionirt werden. Ein Verkehr zwischen Studenten und Professoren findet außerhalb der Hör- säle kaum statt. Zu den Bällen und Festlichkeiten in den Familien der Professoren werden die Studenten, abgesehen von den Söhnen eines Ministers, eines hohen Offiziers usw., nicht geladen. Für gewöhnliche Sterbliche, vor allem für arme Studenten, sind die russischen Professoren ganz unzugänglich. Oeffentliche Studentenver- sammlungen, Commerse und dergleichen, welche von Nni- versitütsprofefforcn besucht werden konnten, sind in Rußland verboten. Die großen Sommerfericn währen an den russischen Hochschulen vom 15. Juni bis 15. August, die Oster- und Weihnachtsferien je 3 Wochen. Das fröhliche und heitere studentische Leben, wie in Deutschland, Wien usw., ist in Rußland gänzlich unbekannt. Verbindungen oder Vereine zu wissenschaftlichen oder geselligen Zwecken sind nicht gestattet. Dafür gibt es desto mehr geheime Verbindungen mit ausgesprochen politischem Charakter. Die früher in Dorpat nach Art der deutschen Verbindungen bestehenden Studentenvereine sind von der Regierung größtenthcils aufgehoben worden, thcilweise haben sie sich selbst aufgelöst. Dafür herrscht aber in den geheimen studentischen Cirkeln und Vereinen ein desto regeres Leben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlich nicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor Allem mit der socialen Frage und socialem Problement und leider auch viel mit socialistischen und nihilistischen Principien. Natürlich spürt die Polizei diesen geheimen Cirkeln eifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingt es ihr auch, die Mitglieder einer solchen Vereinigung zu verhaften. Eins akademische Gerichtsbarkeit gibt es in Rußland nicht und somit auch keinen „Carcer". Die einzige Strafe, welche die Universität verhängen kann, ist die Relegation. Nur Polizei und Gerichte verurtheilen die politisch oder sonstwie compromittirten Studenten, und zwar entweder zu Gefängniß, Zwangsarbeit oder Verbannung nach Sibirien. Im Allgemeinen sind die russischen Studenten arme Teufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen und höheren Beamten, höheren Offizieren, Großindustriellen usw. verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg und Moskau bestreiten viele Studenten alle ihre Ausgaben mit 20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Student in Toms! schrieb mir vor mehreren Monaten, daß dort zahlreiche Studenten für die volle Pension monatlich nur 15 Rubel (etwa 32 M.) zahlen, Heizung und Beleuchtung einbegriffen. Die wohlhabenden Studenten in Tomsk zahlen etwa 30—35 Rubel für die Pension. In dem in Toms! erscheinenden „L1bir8!ei ^Vzostiritr" finde ich öfters Anzeigen, worin Studenten sich zur Ertheilung von Privatunterricht, zur Buchführung bei Kaufleuten, zu Ueber- setzungen usw. anbieten. In Tomsk gehen Studenten mit Erlaubniß ihrer Professoren bis zu neun Monaten in „Condition", d. h. sie nehmen für diese Zeit Stellung als Hauslehrer an und arbeiten für sich weiter. Nur ein bis zwei Monate vor den Prüfungen müssen sie pünktlich wieder eintreffen. Natürlich ertheilen auch zahlreiche 263 Studenten an GyANasiasien oder sonstige Schüler Unterricht. Viele Studenten leben fast ausschließlich von privaten oder staatlichen Stipendien, welche besonders die Moskauer Universität in großer Anzahl zu vergeben hat. Die staatlichen Stipendien erhalten fast ausschließlich Nationalrussen, während Katholiken äußerst selten damit bedacht werden. Die Universttätsgebäude ähneln im Aeußern wie im Innern den deutschen und österreichischen. Die Hörsäle sind meist amphitheatralisch gebaut. Studentenduelle sind sehr selten. In Warschau kommen sie beispielsweise niemals vor, vereinzelt noch in Petersburg und Moskau, wo es Studenten vom Militäradel gibt, d. h. Offizierssöhne. Fechtunterricht können die Studenten nehmen, aber es lernen verhältnißmäßig wenige „pauken". Die Militärverhältnisse der russischen Studenten sind ganz eigenartig. Das Institut der Einjahrig-Freiwilligen gibt es in Rußland nicht. Der aktive Dienst beträgt bei den Landtruppen fünf bis sechs Jahre. Ein junger Mann, welcher eine Universität absolvirt hat, befindet sich jedoch nur sechs Monate im aktiven Dienste. Hat er sich gut geführt, so wird er nach drei Monaten Offizier (je nach Wunsch in der Linie oder Reserve, aber nicht in der Garde). Gymnasialabiturieuten dienen ebenfalls nur sechs Monate aktiv. Im Ganzen und Großen geht es in den Auditorien der russischen Universitäten nicht viel anders als in den oberen Klassen der Gymnasien zu, nur mit dem Unterschiede, daß die Professoren die Studenten bereits als Erwachsene behandeln und das; der einzelne Student, wenn er schließlich einige Tage „bummeln" will, auch ruhig aus den Vorlesungen wegbleiben kann, ohne sich, wie schon erwähnt, entschuldigen zu müssen. Die meisten indeß arbeiten Tag und Nacht, um die Prüfungen beim Jahreskursus bestehen zu können. Der Erundzug im Wesen des russischen Studenten ist ein ernster, verschlossener, der sich bei manchen Individuen bis zur Askese und zum Fanatismus steigert. Die größere Hälfte „büffelt" ununterbrochen, nur um so rasch wie möglich die Examina hinter sich zu haben und eine Staatsanstellung zu erlangen — meist ein sehr bescheidenes, aber sicheres Brodplützchen — die kleinere Hälfte der Studenten huldigt leider revolutionären Tendenzen. Sorge und Noth sind aber bei den meisten die ständigen Begleiter nicht bloß durch die akademischen Jahre, sondern oft noch lange im bürgerlichen Leben. Nur wenigen lacht die Sonne des Erfolges und des Glückes, und nur zu viele finden in den Gewölben irgend einer Citadelle, zwischen den feuchten Mauern eines niedrigen Gefängnisses, auf den Schneeseldcrn oder gar in den Bergwerken Sibiriens einen frühen Tod. Aber keinem von all' den ehemaligen russischen Studenten, gleichviel, ob sie es spater zum berühmten Professor, zum Geheimrath, Gouverneur oder gar zum Minister gebracht haben, ober ob sie nur einfache Beamte, Aerzte, Lehrer usw. geworden sind, — erscheinen in seinem Alter die akademischen Jahre in rosiger Verklärung. Ein jeder ist froh, wenn die Universitäts« jähre vorüber sind und er in das bürgerliche Leben hinübcrtreten kann. Es wird zwar auf den russischen Universitäten vielerlei gelehrt und fleißig gearbeitet — wozu schon die jährlichen Kursexamina Zwingen — aber selbstlose Begeisterung für wahre Wissenschaft und Kunst, für alle edlen und idealen Bestrebungen vermögen die russischen Universitätsprofessoren nur ganz vereinzelt in die Herzen ihrer Hörer zu legen. Die Regierung deS Zaren will ihre Beamten, Richter, Lehrer usw. nur im russisch-orthodoxen Sinne erziehen lassen, sich also Werkzeuge schaffen, die alles das, was nicht russisch-orthodox ist, mindestens mit Mißtrauen ansehen und in den meisten Fällen mit Fanatismus bekämpfen. Recensionen nnd Notizen. Leben der heiligen Jungfrau Maria. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustincrin des Klosters Agnetcnberg zu Dnlmen (ch 9. Fcbr. 1824). Aufgeschrieben von Clemens Brentano. Neue Stereotvp-Ausgabe mit vielen Abbildungen. Regensbnrg, Nationale Verlagsanstalt (früher G. I. Manz) 1895. lll. Mag man den demüthigen Anschauungen der frommen Seherin Katharina Emmerich beipflichten, welche ihren Gesichten nur den Werth andächtiger Betrachtungen beimaß, — oder will man dem wunderbaren Cyklus von geschichtlichen Bildern, welche diese heiligmäßige Seele geschaut und beschrieben, den übernatürlichen, visionären Charakter nicht absprechen, — darin müssen die verschiedensten Kritiker übereinstimmen, daß diese Betrachtungen oder Gesichte den unbefangenen Leser in hohem Grade erbauen und ein christliches Gemüth zu höherer GlaubcnSinnigkeit entflammen. Also das wird jedenfalls mit ungctheilter Anerkennung zugegeben, daß das vorliegende Buch zu den Letrachtnngsbüchcrn allerersten Ranges über das Leben der allerseligstcn Jungfrau Maria gehört. Wir sehen hier die Königin aller Heiligen nicht in jener unnahbaren Glorie, die unser Auge verwirrt nnd blendet, sondern wir schauen sie so leibhaftig schlicht und einfach in dem düstern Erdenthale wallen, daß sie nicht nur unserem kindlichen Vertrauen, sondern auch unserer Nachahmung alö sozusagen greifbar plastisches Beispiel ganz besonders nahe gerückt wird. Diese deiaillirte, lebensvolle und lebenswahre Darstellung, deren historische nnd örtliche Genauigkeit sich fast immer bestätigt findet, verleiht der Erzählung einen solchen Reiz, daß selbst abgesagte Feinde asketischer Literatur diesem Buche Interesse abgewinnen — was wir mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatten. Der große, kräftige Druck, der hübsche Bilderschmnck unterstützen das Werkchen in seinem Berufe, in weitere Kreise fromme Erbauung zu tragen. Briefe des hl. Kirchenlehrers Alsons Maria Von Liguori, Stifters der Congregation des allcrbeiligstcn Erlösers. 3 Bände. Regensburg 1893/94, Nationale Verlagsanstalt. Preis pro Band M. 8.—. K Unlieb verspätet bringen wir hiermit die Anzeige vorliegender Briefe. Das italienische Original erschien als Fest: schrift zur ersten Säcularfcier des Todestages des hl. Kirchenlehrers i. I. 1887 von einem Pater derselben Congregation. Eine wohlgelungenc französische Uebersctznng besorgte k. Dn- mortier, 6. 8s. L. Dem Original, wie der französischen Ueber- setznng, steht durchaus würdig zur Seite die von mehreren deutschen Redemptoristen-Patres veranstaltete deutsche Ucber- setzung. Der Gesammtinhalt dieser Briese liefert uns das gc- trcuene und vollendetste Bild des hl. Alfonsus. In diesem schriftlichen 50jährigen Verkehre deck: der Heilige so recht auf das Innerste seiner Seele, wie er sie von Natur empfangen und mittels der Gnade zum genauesten Abbilde des göttlichen Meisters vervollkommnet hat. Als Stifter einer OrdenS-Con- gregation, als em in Wort und That mächtiger Missionär, als erfahrener und erleuchteter Seelcnführcr, als Muster cincS Bischofs, als Schriftsteller von wunderbarer Fruchtbarkeit, stand der hl. AlsonsuS in Beziehung zu den verschiedensten Persönlich» kkitcm stieß er aus die größten Schwierigkeiten und mußte er Geschäfte und Fragen jeder Art behandeln. Seine lang- Laufbahn spiegelt sich gewissermaßen in ihrem ganzen Umfange in dieser Korrespondenz ab. Bald wendet sich der Heilige an seine Religiösen, sie anzueiscrn, zu leiten und zu trösten. Bald zeigt er heilsbegierigen Seelen den einfachsten und sichersten Weg zur Vollkommenheit; bald wendet er sich als Bischof an seinen Klerus, an die weltliche Gewalt, an die Kirchenfürsten; bald behandelt er als Theologe mannigfache Fragen, anscheinend theoretische Ccniroverspunkte, in Wahrheit aber von größtem Nutzen; bald endlich besorgt er als Schriftsteller die Herausgabe seiner zahlreichen Werke. Aber überall ist die inbrünstigste Liebe zu den Seelen für unsern Heiligen das innerste Element, welches seinen ganzen Briefwechsel und jeden seiner einzelnen Theile 264 belebt. Immer, in jeder Lage, gegen jede Person, zeigt er sich in bewunderungswürdiger Weise als der vor allem von Seelen- eifer entflammte Apostel. Der erste Theil (1. und 2. Band) umfaßt die allgemeine Korrespondenz: Briefe von verschiedenem Inhalte und verschiedener Wichtigkeit an die Mitglieder der Kongregation sowie an Auswärtige jeder Classe und jeden Standes, an Vornehme, Geringe, Verwandte, Freunde usw. Der zweite Theil (3. Band) bringt die spezielle Korrespondenz: und zwar zunächst wissenschaftliche Briefe, welche sich auf die Werke des hl. Kirchenlehrers beziehen, auf ihre Herausgabe, auf den Zweck, die Art und Weise und Zeit ihrer Abfassung, auf die Erklärung, die Entwicklung und Begründung seines Moralsystems usw.; ferner die Pastoralschreiben, welche irgendwie die Pflichten deö SeelsorgeramteS betreffen, sei es nun hinsichtlich der Verwaltung der Diözese oder der Predigt des göttlichen Wortes. Dahin gehören die Verfügungen, Verordnungen und Dekrete, welche er als Bischof für den Klerus und das Volk erließ, die Berichte an die heilige Kongregation, die Briefe zur Vertheidigung der Rechte seiner Kirche oder zur guten Verwaltung der Diözese, und endlich zwei Unterweisungen über die Art und Weise, mit Erfolg die heiligen Missionen und die geistlichen Uebungen für den Klerus zu halten. Der Ueber- sichtlichkeit wegen sind alle Briefe sowohl des ersten als zweiten Theiles chronologisch geordnet. Jedem Bande ist das Inhalts- verzeichniß der in demselben enthaltenen Briefe beigcgeben. Ein vollständiges alphabetisches Generalregister der bcmerkenswertbestcn Gegenstände am Schlüsse des dritten Bandes erleichtert den Gebrauch des ganzen Werkes, insbesondere daö Nachschlagen bestimmter Punkte, über welche sich der Heilige mehrmals ausgesprochen hat. Dem innern Werthe des Werkes entspricht durchaus die äußere Ausstattung, und ist deßhalb zur wärmsten Empfehlung nichts weiter beizufügen. Dr. Ludwig Hoffmann. „Das Recht des Adels und der Fideicommisse in Bayern." München, 1896. I. Schweißer (Jos. Cichbicblcr). 8°. Eleg. gebd. mit stilgem. Dcckcnpreffung u. Nachschnitt Preis M- 5,—, hocheleg. mit Goldschn. Preis M. 6,—. Dr. Hoffmann's Arbeit ist nicht bloß, wie auS dem Titel vermuthet werden möchte, den adeligen Fidcicommißbesitzern gewidmet, sondern thatsächlich ein Nechtshandbuch des gestimmten bayerischen Adels, welches in gedrängter, aber gleichwohl erschöpfender Darstellung eine Uebersicht über alle Rechtsverhältnisse der Adeligen Bayerns gewährt. In kurzen, lichten Umrissen gibt der Verfasser den Begriff und die Geschichte des Hohen und niederen Adels, erörtert dessen Arten (Ahnen- (alter), Ur- und Brief-, Erbadel), dessen Erwerb — durch Geburt, Heirath und Verleihung — und dessen Verlust in Folge Verheirathung und Verzichts, schildert die Standesrechte, insbesondere das Recht der HauSvcrfassung des hohen, die Rechtsgrundsätze in Bezug auf die Ebenbürtigkeit des ersteren (standesherrlichen) wie des niederen AdelS. Ein Kapitel ist dem Adelszeichen (Familiennamen, Prädikat und Wappen), ein weiteres den Vorrechten kraft Satzung oder Rechtsgeschäft (statutarischer oder rcchtsgcschäftlicber Abhängigmachung des Erwerbes bestimmter Rechte, wie Zulassung zur Mitgliedschaft adeliger Institute, zu Würden, Pfründen, Stipendien rc., Erb- folgebcfähigung in gewisse Güter vcm Besitzer des Adels überhaupt oder eines besonders gearteten Adels) gewidmet. In der folgenden Darstellung deS Adels und seiner Verhältnisse in Bayern kommen die Kronämter, die Standesherren, ihre Rechte, Ehrenvvrzüge und Auszeichnungen unter stetem Hinweis auf die einschlägigen Normen des bayer. öffentlichen Rechtes eingehend zur Besprechung, dann die Reichsritterschaft und der Landcsadcl. Von allgemeiner Bedeutung für sämmtliche Klassen deS Adels sind die Bemerkungen über das ReichShcroldamt und dessen Wirkungskreis, Adclsinatrikcl, Ahnenprobe, Wappen- prüfung, adelige Stiftungen, Siegelmäßigkeit, Orden und Auszeichnungen. Den I. Theil des Buches „die Lehre vom Fideicommisse im allgemeinen und in Bayern insbesondere" vervollständigt als dritter Theil ein Abdruck des VII. Verfassungs- cdiktcs mit Hinweis auf die Parallelstellen deö preußischen Land- rechtS und von zahlreichen erläuternden Noten begleitet, ferner der erste Anhang: die Instruktion über die Behandlung der Fvmilienfideicommisft von, 3. März 1857. Den zweiten Anhang bildet ein interessanter NcchtSfall, ein Prozeß, in dem es sich um die Stammzuts- bezw. Familienfidcicommißeigenschaft einer Familie deö vormaligen unmittelbaren Reichsadels handelt und der bis zu einem gewissen Maße als Einführung in die praktische Anwendung des FideicommißrcchtcS dienen kann. — Das Buch, 255 Seiten Octav, ist gemäß seiner Bestimmung, weniger dem geschäftlichen Handgebrauch in den Bureaux, als den Privatbibliotheken und Büchertischen des höheren und niederen AdelS zunächst in Bayern zu dienen, höchst elegant und vornehm ausgestattet und zur bequemen Benützung mit einem sorgfältig gearbeiteten Sachregister versehen, der Preis ein im Verhältnisse zur Ausstattung sehr mäßiger. V/r. Die glückliche Ehe. Lehr-und Gebetbüchlein für Erwachsene» welche in den Stand der Ehe zu treten gedenken, sowie im besonderen für Braut- und Eheleute, von Anton Häuser, Priester der Diöcese Augsburg. Mit ober- hirtlichcr Approbation. 6. Verb. Auflage des Trauungs- Andeukens. Donauwörth 1896. Druck und Verlag von L. Auer. * Kein Buch wird mehr zur geistigen und leiblichen Wohlfahrt eines Volkes beitragen, als dasjenige, welches auf die Heilighaltung der Ehe, des Familienlebens und eine wahrhaft christliche Kinder-Erziehung wirkt. Das vorliegende Lehr- und Gebetbücklein wird dieser Aufgabe in unübertroffener Weise gerecht. Könnten wir dasselbe in allen christlichen Familien einführen und ihm dort bereitwillige Herzen erschließen — es erwüchse ein starkes Geschlecht, das aus eigener Kraft den gordischen Knoten der socialen Frage löste und alle anderen Welt» verbcsserungSmittel überflüssig machte. Müller Gust. Ad,, Christus bei JosephuS Flavius, eine kritische Untersuchung. 8°, 60 S. Innsbruck, Wagner 1895 (II). S Die weltberühmte Stelle in den „Lntiguitatss (18, 3)" des JosephuS Flavius, welche sein Urtheil über Christus enthält und — weil sie so gar nicht nach dem Wunsch deS „aus- crwählten Volkes" lautet — so hartnäckig als unecht angefeindet wird, ist hier einer fleißigen historisch-philologischen Kritik unterzogen. Wer sich über die vielunistrilteuen Worte kurz. eingehend und genau belehren will, dem kann vorliegende Schrift bestens empfohlen werden, mit der fast gleichzeitig eine andere (Bole Fr., Flavius JosephuS über Christus und die Christen. 8°, VIII -s- 72 S. Brixcn, Wcger 1896. M. 1,50) erschienen ist, welche denselben Gegenstand behandelt. Die Erziehung der Kinder. Rathschläge für katholische Eltern von P. F. Peters, Priester der Kongregation des Allerh. Erlösers. 2. Auflage. Mit kirchlicher Gut- heißung. Mainz, 1896. Kirchheim. 16. (VIII und 136 S.) 75 Pf. Der inzwischen leider verstorbene Herr Verfasser hat durch 35 Jahre als Missionar an Hunderten Plätzen, in Städten und Dörfern gewirkt. Das Werkchen ist in einem, dem einfacheren Sinne leicht zugänglichen Stile abgefaßt, aus der Praxis herausgewachsen und hat sich bei seinem ersten Erscheinen schon — die erste Auflage war rasch vergriffen — viele Freunde erworben. Wir können unsere katholischen Eltern nur dringend auf daS billige Büchlein zum Wohle ihrer Kinder aufmerksam machen! Die Perle der Tugenden. Gedenkblätter für die christliche Jugend von k. Adolf von Doß 8. ll. Mit bischöfl. Approbation. 7. Auflage. Mainz, 1896. Kirchheim.' 18. (160 S.) gebd. M. 1,20. Die beste Empfehlung für diese „Gedenkblätter für die christliche Jugend" ist der Name des Verfassers, eines wahren Jugendfreundes, und die Zahl der Auflagen, welche dieses Schristchen bereits erlebt hat. „Die Perle der Tugenden" ist die Reinheit. Deren Vorzüge, die Mittel zu ihrer Bewahrung und ihre herrlichen Früchte werden in 38 kurzen Kapiteln lebhaft geschildert und durch ebenso viele gewählte Erzählungen erläutert. L. v. Doß war im Leben der erklärte Liebling der studirenden Jugend; sie hat er auch vornehmlich bei Abfassung dieser „Gedenkblätter" im Auge gehabt. Wer sie einem Jüngling zum Geschenke macht, stiftet sicher viel Gutes. j »Für unsere Kleinen." Jllustr. Monatsschrift für Kinder i von 4—10 Jahren. HerauSgeg. von G. Chr. Dieffen» I bach. Verlag von F. A. Perthes. g Vom 12. Jahrgang liegen uns die Hefte 7—10 vor. Die I Zeitschrift ist sehr nett ausgestattet und dem kindlichen Auf- » fassungSvermögen gut angepaßt._, ÄMlltlv. Nchacteur.: Ad. Haas in Angöbnrg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. ttl-. 34 21. Aug. 1896. Der dritte internationale Congres; für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. Ehe wir näher auf die Verhandlungen des III. internationalen Kongresses für Psychologie, der vom 4. bis 7. August in der süddeutschen Metropolis eine große Zahl hervorragender Gelehrter des In- und Auslandes vereinigte, eingehen, müssen wir einige Worte über die psychologischen Kongresse im Allgemeinen sagen. Der erste internationale Kongreß für „physiologische Psychologie" fand im Jahre 1889 während der Weltausstellung in Paris unter -der Leitung des Pros. Ribot statt. Veranlassung zu demselben, für dessen Organisation insbesondere Pros. Charles Nichet thätig war, gab das Zusammenwirken der „psychologischen Gesellschaften", die sich in den Hauptstädten verschiedener Länder zum Studium der hypnotischen Erscheinungen und der „telepathischen Hallucinationen" gebildet hatten. Er war also vorzugsweise einem engeren Gebiete der Experimentalpsychologie gewidmet. Den zweiten Kongreß, der in London im Jahre 1892 zusammentrat, hatte man einen solchen „für experimentelle Psychologie" genannt; jedoch wurde schon während desselben ein weiterer Kreis psychologischer Materien behandelt. Auf diesen folgte während der Weltausstellung in Chicago ein „internationaler Psychikercongreß", der wieder ausschließlich der Experimentalpsychologie gewidmet war und während dessen sogar einige Redner spiritistische Fragen schüchtern zu behandeln wagten. Derselbe hatte aber selbstverständlich ein anderes Organisationscomitä als die beiden ersten Kongresse und wurde von ihren Leitern nicht in Betracht gezogen. Letztere hatten vielmehr beschlossen, die folgende Psychologenversammlung im August 1896 unter dem Vorsitze des Pros. Dr. Stumpf in München stattfinden zu lassen. Mit der Durchführung der Organisation war Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing betraut worden, dem hicmit eine kaum zu überwältigende Aufgabe zugefallen war. Denn es bildete sich die Absicht, diesmal das ganze Gebiet der Psychologie zu berücksichtigen. Man theilte dasselbe in mehrere Sektionen, im ganzen fünf, von denen die erste Anatomie und Physiologie des Gehirns, Physiologie und Psychologie der Sinne, Psychophysik, die zweite Psychologie des normalen Individuums, die dritte Psychopathologie und criminelle Psychologie, die vierte Psychologie des Schlafes, Traumes, der hypnotischen und verwandter Erscheinungen, die fünfte endlich vergleichende und pädagogische Psychologie umfaßte. Man hatte für jede dieser Sektionen, neben den allgemeinen, 30—35 Vortrüge in Aussicht gestellt. Man kann deßhalb wohl, wie Pros. Stumpf in der Eröffnungsrede zum Kongresse, von beängstigender Mannigfaltigkeit von Vortrügen sprechen. Es war vorauszusehen, daß hiedurch die Folgen der Ueberbürdung sich zeigen mußten. Eine Vertiefung in die einzelnen Themata war wohl nicht immer möglich; man mußte suchen, möglichst rasch zu Ende zu kommen. Unserer Ansicht nach würde der Werth solcher Kongresse jedenfalls erhöht werden, wenn man nur das Allerwichtigste und actuell Hervortretende auf den Einzelgebieten zum Gegenstand der Vortrüge machen würde. Gehen wir nun auf die Arbeiten des Kongresses näher ein! Bemerkenswerth war in der ersten Sitzung desselben nach der erwähnten Eröffnungsrede, in welcher Pros. Stumpf die Fortschritte und Aufgaben der Psychologie zu kennzeichnen suchte, die Aeußerung des Kultusministers Ritter v. Landmann, der, auf den Werth internationaler wissenschaftlicher Kongresse im allgemeinen und des eröffneten Kongresses im besondern hinweisend, die Hoffnung aussprach, „daß die psychologischen Kongresse dazu beitragen würden, die große Gefahr, welche dem öffentlichen Leben der Kulturvölker aus gewissen psychologischen Theorien erwachsen könnte, zu beseitigen", und seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß diese Kongresse den alten Glauben an die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen nicht erschüttern, sondern befestigen werden. Sehr befremdend mußten nach diesem Wunsche die Behauptungen des Pros. Dr. Franz v. Liszt (Halle a. S.) über „die criminelle Zurechnungsfähigkeit" wirken. Er sprach die Ansicht auS, daß die Zurcchnungsfähigkeit nur gefaßt werden könne als normale (nicht freie) Bestimmbarkeit durch Motive und durch geistige Reife bedingt sei; die Strafe also als Motivsetzung, Abschreckung erscheine. „Die überlieferten und heute noch herrschenden ethischen Werthurtheile, denen eine vorsichtige Kriminalpolitik Rechnung tragen muß(I), auch wenn sie wissenschaftlich sie als Vorurtheile verwirft, verlangen eine Bestrafung, nicht bloß die Unschädlichmachung, des (eigentlich unzurechnungsfähigen) Gewohnheitsverbrechers; sie verlangen strenge Sondcrung des Zuchthauses von den Anstalten für gemeingefährliche unheilbare Geisteskranke." — Die Aeußerung derartiger Anschauungen war wohl nicht geeignet, die Sympathien gewisser Kreise für vie Leistungen des Kongresses zu erhöhen. Was die sonstigen allgemeinen Vortrüge anbelangt, so erscheint es uns, da wir viele wichtige Themata, die in den Sektionssitzungen erörtert wurden, zu behandeln haben, unmöglich, in gleicher Weise den Inhalt sämmtlicher zu berücksichtigen. Aus der ersten allgemeinen Sitzung ist noch der Vortrag des berühmten Pariser Psychologen Charles Nichet „8ur 1g, äoulour" zu erwähnen, der, das Thema zunächst vom physiologischen Standpunkte aus betrachtend, am Schlüsse seiner geistvollen Klarlegungen im Schmerze ein höchst zweckmäßiges Mittel findet, welches das Verhalten der Individuen der äußeren Welt gegenüber regelt, sie vor weiterer Schädigung bewahrt und sie zu höherer Entwicklung emporführt. In der zweiten allgemeinen Sitzung war besonders der Vortrag des Prof. Dr. Paul Flechsig aus Leipzig „über die Associationsceutren", der zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Psychologen und Physiologen führte, von Interesse?) Nach kurzer Klarlegung der Entwicklung der Lehre von der Lokalisation der seelischen Vorgänge in der Hirnrinde bezeichnete er seine Methode *) Hier sei noch des Vortrages des Pros. G. Sergi aus Rom über das Thema »vov's la, socls clölls Lmomoui?- (Wo ist der Sitz der Gefühlserregungen?) gedacht. Redner legte dem Kongresse das Ergebniß seiner Forschungen dar, das er in einem größeren Werke: »Ooloro o kiaosro. Ltoris, naturals äei sonti- monti. Llilano 189-1- veröffentlicht hat. Das Centrnm deS Gefühlslebens ist seiner Ansicht nach nicht das Gehirn im engeren Sinne, in dem sich die Pbänomene des Bewußtseins abspielen, sondern das verlängerte Rückenmark. Der Sitz der Gefüblscrregnngen aber ist peripberisch (tsoris, xeriksiiea äells omomoui); sie entstehen durch Veränderungen im Blutlaus, i» der Ernährung, Athmung und Ausscheidung. 266 als die anatomisch-entwicklungSgeschichtliche im Gegensatze zur klinisch-pathologischen; sie hat den Zweck, die Leitungs- bahnen, welche zu verschiedener Zeit in der Großhirnrinde entstehen, festzustellen und in ihrem Wachsthum zu verfolgen. Durch seine Beobachtungen wurde er zu der Annahme geführt, daß es die Sinnesleitungen sind, die allen andern vorhergehen, die centripetalen Nervenleit- ungen, welche die Sinnesorgane und die empfindlichen Organe des Körperinnern mit der Großhirnrinde verknüpfen. Faßt man, wie er weiter erklärt, die Entwicklung der Sinnesleitungen näher ins Auge, so ergibt sich, daß keineswegs alle Sinnesorgane gleichzeitig mit der Großhirnrinde in Verbindung treten. Es besteht vielmehr eine Reihenfolge dergestalt, daß zuerst die Leitungen der Körpergefühle einschließlich des Tastsinnes zur Großhirnrinde vordringen, annähernd gleichzeitig die für den Geruch, erheblich später die Sehleitung und zuletzt die Hörleiiung. An der Hand dieser cntwicklungsgeschicht- lichcn Differenzirung lassen sich folgende Fundamentalsätze forruuliren bezüglich Umfang und Anordnung der „corticalen Sinncscentren" der Sinnessphären in der Großhirnrinde: 1) Dieselben nehmen beim Menschen nur einen Theil, etwa ein Drittel, der Großhirnrinde ein. 2) Sie stellen nicht insgesammt ein Continuum dar, sondern sind von einander durch Nindenbezirke getrennt, in welche weder sensible, noch motorische Leitungen eintreten. 3) Sie bilden vier distinkte Bezirke von verschiedener Größe; am weitesten ausgedehnt ist das Ninden- centrum der Hinteren Wurzeln des Rückenmarkes, am kleinsten die Nicchsphäre. Die Sinncscentren sind vermuthlich ausnahmslos gemischt sensorisch-motorische Bezirke; das Tonangebende in jedem Centrum ist aber die eintretende Sinnesleitung, welche auf psychisch-reflektorischem Wege die Bewegungsbahnen innervirt. Betrachtet man das Gehirn des Nen- gebornen näher, so ergibt sich, daß die einzelnen Sinnes- sphären untereinander fast vollständig leitender Verbindungen entbehren. Verfolgt man aber die Entwicklung der Leitungsbahnen der Großhirnrinde weiter, so findet man, daß schon im zweiten Lebcnsmonat zahlreiche markhaltige Faserzüge sichtbar zu werden beginnen, die von den Sinncscentren aus hereinwachsen in die Restgebiete und in deren Rinde verschwinden. Es handelt sich um Leitungsbahnen, welche man seit Mcynert als Associationssysteme bezeichnete, also Leitungen, welche verschiedene Abschnitte der Großhirnrinde mit einander verknüpfen, die Thätigkeit der nervösen Elemente verschiedener Nindenbezirke associiren. Mit dem weiteren Wachsthum des Neugebornen strömen Millionen und aber Millionen solcher Assoctationsfasern in den Zwischenstücken zusammen, und zwar gehen sie zunächst überwiegend hervor aus den Sinnessphären und deren nächster Umgebung. Jedes Sinnescentrum wird Zum Ausgangspunkt unzähliger Associationssysteme, welche in die Zwischenstücke einstrahlen, so daß sich in den Windungen der letzteren Associationssysteme begegnen, welche aus verschiedenen Sinncscentren hervorgehen. Mit Rücksicht auf diese anatomischen Thatsachen empfiehlt es sich, den Zwischenstücken die Bezeichnung „Associationscentren" beizulegen. Dieselben verknüpfen also die Sinnessphären untereinander. Das, was wir Denken nennen, beginnt erst mit der Association der Thätigkeit verschiedener Sinnesorgane. Wird schon hiedurch wahrscheinlich gemacht, daß den Associativnscentren gegenüber den Sinnessphären eine ,hiMe geistige Bedeutung zukommt, so sprechen hiefür auch die Entwicklungsgeschichte, die vergleichende Anatomie und Pathologie. Die entwicklungsgeschichtliche Untersuchung läßt eine Dreitheilung der Associationscentren erkennen. Indem es keinerlei Beweise dafür gibt, daß die Verletzung dieser Centren die Sinneswahrnehrriungen im engeren Sinne beeinträchtigt, können diese Centren nur an Wahrnehmungen im weiteren Sinne bctheiligt sein, indem sie zu den reinen Sinneseindrücken die Erinnerungsbilder hinzufügen. Die einzelnen Sinncscentren mit ihren Asfociations- fasern sind wirkliche „Seelenorgane", offenbar ganz im Sinne der von Dr. Hirth aufgestellten Grundgedächtnisse; die Associntionscentren vermitteln die Coagitation dieser Einzelorgane, die Zusammenfassung zu „Merksystemen". Nach dem Vortrag entspann sich eine sehr erregte Debatte, an der die Professoren Lipps, Stumpf, Ebbinghaus, Dechterew und Forel sich betheiligten. Professor Lipps konnte sich keineswegs mit den Ausführungen der Vortragenden in allen Punkten einverstanden erklären und äußerte sich gegen gewisse Eingriffe der Physiologen ins psychologische Gebiet. Insbesondere Dechterew schien von der Vorzüglichkeit und Unfehlbarkeit der physiologischen Behauptungen überzeugt zu sein. Man sprach den Wunsch aus, daß die Debatte nach einem Vortrage des Pros. L. Edinger (Frankfurt a. M.) über das Thema „Kann die Psychologie aus dem heutigen Stande der Hirnanatomie Nutzen ziehen?" fortgesetzt würde. Derselbe fand in dem Cyclus der Sektion II statt. Jedoch schien man keine rechte Lust zur Erneuerung des Streites mehr zu haben. Edinger sprach vom Entwicklnngsstandpunkte aus. Er meinte, daß die Psychologen zu unverrückt ihr Auge nur nach dem Großhirn und seinen Funktionen gerichtet und es vielfach versäumt haben, Kenntniß zu nehmen von den langsam sich sammelnden Studien über den Bau der tiefsten Nervencentren. Das Genetische in den höchsten seelischen Prozessen sei deßhalb ganz ungenügend studirt. Edinger warnt im allgemeinen vor voreiligen Anwendungen anatomischer Dinge auf psychologische Verhältnisse, ist aber der Ueberzeugung, daß anatomische Studien, richtig gewürdigt, heute schon Nutzen bringen können. Namentlich gelte das für die vergleichende Seelenlehre, die heute noch ganz im Anfange des Erkennens stehe. Aus dem differentcn Gehirnbau der verschiedenen Thiere ergeben sich ganz bestimmte Fragestellungen für die objektive Beobachtung ihres seelischen Verhaltens. Mangels solcher exakter Fragestellung sei bisher ein Beobachtungsmaterial zu Tage gefördert worden, das, obgleich sehr groß, nicht ausreiche, auch nur eine einzige der zahlreichen Aufgaben zu lösen, die sich demjenigen sofort ergeben, welcher die Hiruanatomie kennt. (Forts, folgt.) Ueber Marienkirchen im Mitttelalter. Von Architekt Franz Jacob Schmitt in München. Der Kirchenpatron war im ganzen Mittelalter von bestimmendem Einflüsse bei der Aufstellung des Bauprogrammes für neu zu errichtende Gotteshäuser. So beobachten wir bei allen Marienkirchen das Bestreben nach der denkbar höchsten Kunstentfaltung, und dies gilt vornehmlich für die äußere'Erscheinung; bald genügte weder in Deutschland noch in Frankreich nebst ihren Nachbarländern ein Thurm, wie wir ihn bei der gothischen Liebfrauenkirche zu Trier noch ausgeführt sehen, die meisten Marienkirchen erhielten bereits vorher und namentlich von da ab zwei, drei und mehr Thürme. Während man sich in Paris bei der Kathedrale Notre-Dame auf zwei mächtige Westthürme beschränkte, besaß die Kathedrale Notre-Dame zu Amiens außer den beiden Westthürmen ehedem auch noch einen Vierungsthurm aus Stein mit Holzhelm, und nach dessen Untergänge wurde zu spätgothischer Zeit das bis heute dauernde schöne, aus Holz mit Bleibcdeckung hergestellte Centralthürmchen errichtet. Die Notre - Dame geweihten Domkirchen von Laon und Nheims sind auf je sieben Thürme angelegt, dabei erscheinen außer dem Vierungsthurme an den Fronten der Westseite und beiden Querschiffarmen je zwei Thürme. Auch die Kathedrale von ChartreS ist eine Marienkirche, wie die zu Rouen; erstere besitzt sieben, letztere gar elf Steinthürme. Im Norden Frankreichs finden wir noch eine Episcopalktrche Notre-Dame in Noyon, sie hat zwei WestfcMden - Thürme und planmäßig zwei Chorthürme, welche jedoch unausgeführt geblieben sind. Die Tochterkirche von Noyon ist der Liebfrauen-Dom von Tournay (Dooruick), denn erst im Jahre 1135 erhielt diese Stadt ihren eigenen Bischof, das Gotteshaus wurde hier mit nicht weniger als fünf Thürmen geschmückt. Wenden wir uns nunmehr zur Betrachtung der Sanct Maria geweihten Episcopalkirchen in Deutschland, so möge mit Konstanz am Bodensee begonnen werden, und hier sind planmäßig ein ehedem extstirender Vierungsthurm aus Stein und zwei Westthürme; in Basel am Nheine finden wir beim Mariendome gleichfalls zwei Westfa^adenthürme, und liegt es nahe, an einen ursprünglich geplanten Vierungsthurm zu denken, da die technische Möglichkeit durch die kräftigen vier Mittelpfeiler erwiesen ist. Nhein- abwärts bemerken wir beim Liebfrauen-Münster in Straß- burg den Vierungs-Kuppelthurm und noch zwei weitere mächtige Westthürme. Der Kaiserdom der nächsten rheinischen Bischofsstadt Speyer ist wiederum Unserer lieben Frau geweiht, das berühmte romanische Baudenkmal besaß im ganzen Mittelalter vier Steinthürme quadratischen Grundrisses und weiter noch zwei achteckige Kuppelthürme. Der Sanct Marien-Dom in Hildesheim hat zwei Westthürme, der zu Eichstätt zwei Ostthnrme, der zu Augsburg wiederum zwei, und zwar außerhalb der Seitenschiffe romanischen Stiles stehende, Thürme von quadratischem Grundrisse. In Negensburg ist der Dom zu Ehren Sanct Mariä und des hl. Petrus geweiht, hier war außer den zwei mächtigen Westthürmen noch ein Viernngs-Kuppcl- thurm, ganz wie beim nahen Dome zu Passau heute noch aus gothischer Bauzeit existirend, planmäßig vorgesehen. Die Marienkirche zu Wiener-Neustadt mit ihren beiden Westthürmen diente vom Jahre 1469 bis 1785 als Kathedrale, auch der Sanct Marien-Dom zu Freising besitzt feine zwei auf quadratischer Grundfläche erbauten Westfront-Thürme. Bei der Sanct Maria von Papst Gregor X. in Gegenwart Kaiser Rudolfs von Habsburg zu Lausanne im Jahre 1275 geweihten Kathedrale sind planmäßig fünf Stein-Thürme vorgesehen. Verlassen wir die Schweiz und begeben uns nach Italien, so findet sich bei „Santa Maria del Flore" in Florenz außer dem berühmten Glockenthurme Giotto's auch noch die riesige Kuppel erbaut, um die Bedeutung dieses Marien-Domes vor aller Welt auszudrücken. Der Mailänder Dom ist „Mariä Geburt" geweiht und besitzt den hochragenden achtseitigen Centralthurm sowie ringsum lauter Strebepfeiler, welche geradezu als kleine Thürmchen behandelt wurden. Santa Maria maggiore „zum Schnee" hat als eine der vier Patriarchal-Kirchen der ewigen Stadt ihren alten Glocken- thurm sowie zwei hohe Kuppeln. Unter den vielen Benediktiner-Klosterkirchen zu Sanct Maria soll hier an erster Stelle die allseitig bekannte Abtei am Laacher See, deren Gotteshaus mit zwei viereckigen und zwei kreisrunden sowie zwei Kuppelthürmen geschmückt ist, Erwähnung finden; die Abteikirche zu Murrhart in Württemberg erscheint mit zwei Ostthürmen, Liebfrauen in Halberstadt mit ursprünglich zwei Westthürmen, welchen später noch zwei Ostthürme hinzugefügt worden sind. Die nächst Halberstadt gelegene Abteikirche in Huyseburg besitzt zwei Westthürme, die zu Memleben zwei viereckige Westthürme und noch einen Vierungsthurm, auch hat die Marienklosterkirche in Altenbnrg zwei Westfatzadenthürme, die sogenannten „rothen Spitzen". In Köln sind bei Maria im Kapital zwei Westthürme planmäßig vorgesehen und sicher ursprünglich auch noch ein Vierungsthurm beabsichtigt gewesen. Zwei Thürme finden wir auch beim Frauenmünster in Zürich, und auf Sicilien erscheint in Monreale die ehrwürdige Abteikirche Santa Maria nuova mit einem Vierungsthurme und zwei quadratischen Westfront-Thürmen. „ Bei den meist in größeren Städten entstandenen Collegiat-Stiftskirchen zu Sanct Maria lag es nahe, mit den Episkopalkirchen an reicher Ausbildung zu wetteifern. Beginnen wir mit dem Münster zu Freiburg im Breisgau, welches ursprünglich auf zwei Ostthürme und einen achteckigen Kuppelthurm romanischen Stiles angelegt wurde und das um die Mitte des XIII. Jahrhunderts seinem gothischen dreischifsigen Langhause den einzig schönen Wcstthurm vorgebaut erhielt. In der Zeit von 1529 bis 1676 war diese Freiburger Collegiatkirche die Kathedrale des Bischofes und Hochstiftes Basel. Am Nheine abwärts sehen wir zu Worms die Liebfrauenkirche gothischen Stiles mit zwei ganz in Stein ausgeführten Westthürmen. Die von Mainzer Erzbischöfen in Erfurt errichtete, „Dom" genannte Stiftskirche zu Unserer lieben Frau besaß anfänglich zwei Ostthürme romanischen Stiles, denen man mitteninne den dritten Thurm in gothischer Zeit hinzufügte. Wetzlar an der Lahn war bereits in romanischer Stilperiode auf zwei Westthürme angelegt, auch die Gothik behielt dieses Bauprogramm bei, doch sollten es zwei weit mächtigere Westfrontthürme werden, wovon aber nur der südliche in seinem quadratischen Untertheile zur wirklichen Ausführung gelangt ist; zwei weitere, kleinere Thürme schmücken den südlichen Kreuzesarm dieser ehemaligen Stiftskirche. Die mit drei Westthürmen versehene Collegiatkirche der Stadt Ansbach erhielt ihre erste Weihung zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria im Jahre 1065, der Hochaltar trug stets ihren Namen, während das Gotteshaus selbst vom Tage der Heiligsprechung des AnSbacher Stadtheiligen Gumpert 1195 auch dessen Namen erhielt und heute noch trägt. In Sachsen steht man an dem „Dom" genannten Sanct Marien-Stifte zu Freiberg zwei Westthürme, zu Lippstadt in Westfalen aber zwei Ostthürme. Der Münster zu Aachen, der heiligen Gottesmutter geweiht, hat seine Kuppel und zwei runde Thürme an der Eingangsfeite. In Belgien erscheint Antwerpen mit seiner „Dom" genannten Marien - Stiftskirche als eine Bauanlage mit zwei mächtigen Westthürmen und einem Vierungsthurme, sowie Hny bei Lüttich mit einem Westthnrme und zwei weiteren Thürmen beim Ostchore. In Frankreich sei Notre-Dame in Mantes als eine Collegiatkirche mit zwei Westf-Mden-Thürmen angeführt. ^ Unter den PräMünstraicnser-Chorherreu-StiftMrchen 268 zu Sanct Maria ist zunächst die im frühgothischen Stile erbaute zu Kaiserslautern in der Nheinpfalz mit einem Ost- und zwei Westthürmen namhaft zu machen, dann am Niederrhein das Gotteshaus der Abtei Knechtsteden mit seinen drei Steinthürmen, weiter die Abteikirche Arnstein an der Lahn mit ihren vier Thürmen, ferner Veßera in der Diöcese Würzburg mit zwei Westthürmen, endlich Jerichow mit seinem westlichen Thurmpaare. Von den der heiligen Jungfrau Maria geweihten Angustiner-Chorherren-Stiftskirchen führen wir Pfaffen- Schwabenheim in Nheinhcssen mit zwei runden Chor- thürmen an, weiter die Abteikirche zu Schiffcnberg bei Gießen, welche außer zwei Westthürmen auch noch einen steinernen Vterungsthurm besitzt, sowie die „Sandkirche" genannte zu Breslau in Schlesien mit zwei Westthürmen. Im Voigtlande stehen zu Lausnitz heute noch die Ruinen einer Augustinerinnen-Abteikirche Mariastein, welche sich ehedem des Schmuckes zweier Westfntzaden - Thürme erfreute. Auch die Jesuiten gaben zu Köln am Nheine ihrer von 1621 bis 1629 errichteten Collegiatskirche »Mariä Himmelfahrt" zwei hohe Steinthürme an der Eingangsseite; in Venedig wurde Santa Maria della Salute als Seminarkirche mit einem Glockenthurme und zwei Kuppeln durch Longhena von 1630 bis 1656 erbaut. Die hochinteressante Wallfahrtskirche Sanct Maria aus dem Harlunger Berge bei Brandenburg an der Havel, welche leider im Jahre 1722 zerstört worden ist, besaß, nach dem auf uns gekommenen Modelle, vier Eck- thürme über quadratischem Grundrisse. Die Kirche der Propstei Maria-Kulm, ein bei Eger in Böhmen gelegener vielbesuchter Wallfahrtsort, besitzt dreiThürme, und Maria- Zell in Kärnten hat gar vier Thürme, wovon der eine noch dem Gotteshanse der Mittelalterzeit angehört. Zwei Westfagaden-Thürme schmücken die Wallfahrtskirche Notre- Dame de l'Epine in der Champagne. Nunmehr kommen wir zur Betrachtung der Sanct Maria geweihten Pfarrkirchen, und auch hier zeigt sich das Bestreben, den Außenbau mit zwei und mehr Thürmen hervorragend auszuzeichnen. Im ehemaligen Herzogthume Burgund erscheint zu Dijon Notre-Dame mit zwei Fatzadenthürmen und einem steinernen Central- thurme; in Chalon sur Marne besitzt die Pfarrkirche Notre-Dame zwei Ost- und zwei Westthürme, und zu Melun im Departement Seine et Marne hat die Liebfrauenkirche wiederum ein Thurmpaar. In Italien wurde zu Sän Germano von der berühmten Benediktiner-Abtei Monte Cassino die Kirche „Santa Maria delle cinque torre" mit fünf Thürmen geschmückt, in Genua baute man „Santa Maria di Carignano" zu Ehren „der Himmelfahrt Mariä" mit einer Kuppel und zwei Thürmen. Die Hafenstadt Barcelona errichtete in der Zeit von 1328 bis 1483 die Kirche „Santa Maria del mar" mit zwei Westfront-Thürmen. In Brüssel wurde „Notre-Dame de la Chapelle" mit einem West- und einem Vierungsthurme zur Ausführung gebracht, in Dinant bei Namur beobachten wir wieder zwei Westfatzaden-Thürme. Am Nheine erscheint zu Köln Maria-Lyskirchen mit zwei Ostthürmen, in Koblenz hat die Liebfrauen- oder obere Pfarrkirche zwei viereckige Westthürme, und Andernach besitzt einen der Gottesmutter und Sanct Genovefa geweihten Bau mit gar vier Steinthürmen.; Frankfurt am Main hatte seine Sanct Maria und Sanct Georg geweihte untere Pfarrkirche mit zwei achteckigen HPMruren romanischen Stiles, als ihr nun im Jahre 1297 Reliquien des hl. Leonhard zukamen, so wurde dieser Namen angenommen. Die drei- schisfige Marien-Pfarrkirche zu Geisenheim im Nheingau hat ihre zwei Westthürme, während die der „Heimsuchung Mariä" geweihte Stadipfarrkirche zu Wuchsen am Berge sich auf stolzer Höhe mit zwei Ostthürmen über quadrat» ischen Grundrissen präsentirt. In Villingen in Baden hat die „Münster" genannte; Unserer lieben Frau und Johannes dem Täufer geweihte Stadtpfarrkirche zwei oben achteckige Ostthürme, die schöne gothische Marienkirche zu Neutlingen in Württemberg besitzt zwei Ost- und einen Westthurm von der Breite des Mittelschiffes. Der Lieb- frauen-Münster zu Ulm an der Donau hat neben zwei neuerdings ausgebauten Ostthürmen seinen riesigen West- Prachtthurm gothischen Stiles. Donauabwärts finden wir zu Jngolstadt die obere Stadtpfarrkirche zu Sanct Maria mit zwei übereck stehenden Westthürmen, und die Marienkirche des uralten Bischofssitzes Passau hat gleichfalls zwei Westfagadenthürme. Die als Pfarre errichtete Frauenkirche zu München besaß schon in ihrer ersten Ausführung romanischen Stiles zwei Westthürme, der Meister der Gothik hat dies Motiv auch beim Neubane von 1468 bis 1488 festgehalten. In Prag ist die Haupt-Pfarrkirche der Altstadt „Mariä Himmelfahrt" am Tayn mit zwei stattlichen viereckigen Westthürmen ausgezeichnet, und auch der Marienkirche zu Krakau wurde die ganz gleiche Schmuckanlage verliehen. In Schlesien sehen wir zu Liegnitz die Frauenkirche mit zwei Westthürmen, wovon jedoch nur der eine zur wirklichen Ausführung gelangt ist; die Marien- oder Oberktrche zu Frankfurt an der Oder hat planmäßig zwei Westthürme, davon ist der südliche im Jahre 1826 eingestürzt. In Wittenberg an der Elbe wurden um 1412 die zwei Westthürme der Pfarrkirche Sanct Maria erbaut; in Luckau bei Jüterbog hat die Stadtkirche zu Sanct Maria und Nicolaus zwei viereckige Thürme, ebenso ist es bei der Marienkirche in Griwma; zu Arnstadt in Thüringen hat die Liebfrauenkirche einen Ost- und zwei Westthürme; in gleichem wurden im Jahre 1490 zu Meiningen Doppelthürme an der Westfront der Sanct Marien-Stadtpfarrkirche errichtet. In Aken bei Anhalt-Dessau besitzt die Liebfrauenkirche zwei oben achteckige Thürme; die Marienkirche zu Heiligenstadt im Eichsfelde weist zwei Westthürme auf und Mühlhausen in Thüringen zwei kleine West- und einen Hauptthurm bei seiner oberen Sanct Marien-Pfarrkirche. Die heutige Marktkirche zu Sanct Maria in Halle an der Saale hat zwei östliche und zwei westliche, also vier Thürme; in ähnlich großartiger Weise finden wir die werthvolle Marienkirche zu Gelnhansen in Hessen durch den Schmuck dreier Thürme und eines Kuppelthnrmes ausgezeichnet. Königshöfen auf der Heide in der Diöcese Eichstätt besitzt eine Marienkirche mit Doppelthürmen vom Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Die neue Pfarrkirche, genannt „zur schönen Maria", in Regensburg hat zu beiden Seiten des Chores Thürme, während das Langhaus unausgeführt geblieben ist. Chammünster hat seine Marienkirche mit der Zierde zweier romanischer Ostthürmc. Notenburg bei Cassel in Hessen ist im Besitze einer Sanct Maria und Elisabeth geweihten Kirche, welche an der Westseite Doppelthürme hat. Die Liebfrauen-Pfarrktrche zu Friedberg in der Weiterem des Großherzogthnms Hessen besitzt zwei Westfagaden-Thürme; Soest in Westfalen bei seiner Sanct Marien-Kirche zur Wiese zwei überaus stattliche WestthürKe, welche nach Soller's Entwurf erst in unseren Tagen iA Hochbaue vollendet worden sind. Die große Marienkirche in Lippstadt hat einen Thurm vor der Westseite und zwei Thürme an der Ostseite der Kreuzesarme; Sanct Maria in Stendal erscheint mit zwei viereckigen Westthürmen; die Hauptkirche Sanct Maria zu Rostock hat drei mit einander verbundene Westthürme, und in Anklam sind bei der Marienkirche zwei Vorderfa?aden-Thürme projectirt gewesen, davon ist aber nur der eine zur wirklichen Ausführung gelangt. Kolberg hat eine Marienkirche mit einem größeren Nord- und zwei niedrigen Westthürmen, während Prenzlau sich auf Doppelthürme an der Westfront beschränkte; das gleiche Motiv finden wir an den Marienkirchen der beiden Hansestädte Bremen und Lübeck, hier in machtvollster Weise derart durchgeführt, daß die zweithürmige bischöfliche Domkirche der Stadt völlig in Schatten gestellt worden ist. Gerade diese Lübecker, als dreischiffige Basilika mit hochragendem Mittelschiffe, Chorumgange und Kapellenkranze zur Ausführung gekommene Marien-Pfarr- kirche beweist die von uns angenommene Thatsache, daß man im Mittelaller dem für das Gotteshaus gewählten Kirchenpatrone beim Vauprogramme vollste Berücksichtigung schenkte und daß beim Aeußeren aller Sanct Maria geweihten Monumentalbauten der größte Reichthum angestrebt worden ist, welches Ziel man durch mehrthürmige Anlagen zu erreichen suchte. Beiträge zur Entzifferung der mosaischen Schöpfmrgsurkunde. Von Joh. Bumüller, Kaplan in Holzheim. Mit folgenden Zeilen ist keineswegs eine erschöpfende Behandlung des ersten Kapitels der Genesis bezweckt. ES sollen nur einige Streiflichter auf die Hauptfragen geworfen werden, die sich dem Leser des mosaischen Schöpfungsberichtes aufdrängen. Bon wem stammt der Schöpfungsbericht? Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Menschen erst zur Zeit des Moses über die Weltschöpfung unterrichtet worden sind; de. Bericht dürfte der Hauptsache nach auf das erste Mcnschenpaar zurückzuführen sein. Dagegen hat diese uralte, wahrscheinlich mündliche Ueberlieferung von Seiten des Moses offenbar eine gewisse Bearbeitung erfahren. Denn neben dem allgemeinen Zwecke des Berichtes, der in der schriftlichen Niederlegung Sicherung des Glaubens an Jahve, den Schöpfer Himmels und der Erde, besteht, läßt sich unschwer noch eine besondere von Moses bei Abfassung des Berichtes verfolgte Tendenz erkennen. Dieselbe besteht in dem Bestreben, das aus- erwählte Volk vor dem ägyptischen Götzendienste zu bewahren. Wohl jedem, der die mosaische Schöpfnngs- urkunde liest, fällt der ausführliche Bericht des vierten Tages über Erschaffung und Zweck der Sonne sowie der übrigen Gestirne des Himmels auf. Es liegt nahe, darin eine Warnung vor der Verehrung der ägyptischen Lichtgottheiten, besonders des Sonnengottes Na zu erblicken. Beim fünften Tagewerk werden außer jedem Wesen im Wasser, das da lebt und sich bewegt, ausdrücklich, und zwar den andern vorangesetzt, die tliaumiwr genannt, „Meerungeheuer", wie gewöhnlich übersetzt wird. Dieses Wort kommt von tlrairan, sich dehnen, strecken, bedeutet also ursprünglich das lang gedehnte, gestreckte Thier. Hier liegt nun der Gedanke au das Krokodil, welches von den Aegyptern als heilig verehrt wurde, sehr nahe, und dies um so mehr, da bei Ezechiel 29, 3 mit obigem Namen das Krokodil bezeichnet wird. Wenn endlich beim sechsten Tage gerade das bslrsraast, das größere, viersilbige zahme Vieh hervorgehoben wird, wer denkt da nicht an die ägyptische Verehrung der heiligen Aptsstiere, vor welcher zu warnen Moses allen Grund hatte, wie die Anbetung des goldenen Kalbes am Berge Sinai beweist? Der Bericht wendet sich also in auffälliger Weise gegen die in der ägyptischen Religion heimische Verehrung der Lichtgottheiten, der heiligen Krokodile und Apisstiere. Dies ist zugleich ein Beweis, daß die Genesis das von ihr in Anspruch genommene Alter besitzt und von Moses verfaßt ist. Liegt aber so nicht der Verdacht nahe, der Schöpfungsbericht sei nicht eine auf die Urzeit der Menschheit zurückzudatirende Offenbarung, sondern ein von Moses verfaßtes, auf poetische Phantasien oder auf seine Kenntniß der ägyptischen Wissenschaft gründendes religiöses Tendenzwerk, so etwa ein unter die pyramidenbaueuden Juden vertheiltes Traktätchen? Allein poetische Phantasien werden unerbittlich zurückgewiesen von der eklatanten Uebereinstimmung zwischen Schöpfungsbericht und Wissenschaft. Der Bericht ist aber auch nicht eine Privatarbeit des in aller Wissenschaft der Aegypter unterrichteten Moses. Denn daß die Aegypter in Folge wissenschaftlicher Forschungen von all den hier einschlägigen Dingen etwas gewußt hätten, ist weder denkbar, noch läßt sich hiefür auch nur die Spur eines Beweises aus ihren hinterlassenen literarischen Urkunden beibringen. Wie sind nun der Schöpfungsbericht und näherhin seine sechs Tage aufzufassen? Hierüber sind schon verschiedene Theorien aufgestellt worden, von denen sich nicht alle einer gar zu großen Wissenschaftlichkeit rühmen können. Theils sind sie Phantafiestücke, wie die Restitutionstheorie, theils gehören die sie vertheidigenden Elaborate zur wissenschaftlichen Schundliteratur. Es sind nur zwei Theorien, welche rücksichtlich ihres wissenschaftlichen Werthes und der Zahl ihrer Anhänger von größerer Bedeutung sind, nämlich die ideale Theorie, welche die in der Genesis vorliegende Aufeinanderfolge der einzelnen Schöpfungstage aufgibt und deren richtige Gruppirung den Naturwissenschaften überläßt, und die concordistische Theorie, welche an jener Aufeinanderfolge festhält und betreffs derselben eine Uebereinstimmung zwischen Bibel und Naturwisscnschaft lehrt. Nachdem sich manche mit vorschneller Unverständigkeit aufgestellte Behauptungen, um nicht zu sagen Träumereien einiger Concordisten nicht aufrecht erhalten ließen, hat die ideale Theorie speziell in theologischen Kreisen immer mehr Anhang gewonnen. Es ist auch verführerisch, wie sich bei ihr alle Schwierigkeiten im Handumdrehen heben! Allein jeder, der auch nur einige naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzt, kann sich durch eine solch oberflächliche Beseitigung der Schwierigkeiten nicht befriedigt fühlen. Denn einem unbefangenen Urtheile wird die im Schöpfungs- berichte gegebene Aufeinanderfolge der Tage gerade als daS Hauptmoment erscheinen. Die chronologische Aufeinanderfolge dürfen wir nur dann fallen lassen, wenn unumstößliche Ergebnisse der Naturwissenschaft dies verlangen, was durchaus nicht der Fall ist. Die Anhänger der idealen Theorie erblicken in dieser fälschlichen Weise ein Hinterpförtchen, durch welches sie unbemerkt den Angriffen einer in den Dienst des Unglaubens gestellten Naturwissenschaft entschlüpfen zu können glauben. Doch wer sich aus dem Kampf zu drücken versucht, verzichtet schon im vorhinein auf den Sieg, und dies dürfen wir, wenn es sich um die Aukiorität der Bibel handelt, am allerwenigsten thun. Wir werden daher unbedingt an 270 der im biblischen Berichte enthaltenen chronologischen Reihenfolge festhalten, da diese mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen sehr wohl in Einklang zu bringen ist. Daß man dabei die sechs „Tage" nicht als Tage ü. 24 Stunden aufzufassen hat, ist eine bereits entschiedene Frage. Dagegen ist die Erklärung des Umstandes, daß Moses diese sechs Schöpfungs- und Entwicklungsakte gerade mit dem Ausdrucke „Tag" bezeichnet, noch eine schwankende. Die einfachste Annahme ist wohl, Gott habe demjenigen, welchem die erste Kenntniß von der Wcltschöpfung zu Theil wurde, die sechs Hauptschöpfungsund EntwicklungSakte in sechs verschiedenen Visionen vorgeführt, zugleich die Institution des auf sechs Wochentage folgenden Sabbates festgesetzt und dieser durch die Haupt- Schöpfungsakte ihre höhere Begründung gegeben. In Folge dieser Anknüpfung an unsere Tage ging dann in der Ueberlieferung der Ausdruck „Tag" auf die Schöpfungsakte und Entwicklungsperioden selbst über. Dieser populäre Ausdruck wurde nun auch von Moses adoptirt, der den wahren Sinn desselben sehr wohl gekannt haben kann. Wie dem übrigens sei, so viel ist sicher, daß wir hier auf Grund der naturwissenschaftlichen Ergebnisse von der buchstäblichen Ausdrucksweise abweichen müssen. Denn an Tagen L 24 Stunden festzuhalten, ist den Anhängern einer gewissen Theorie nur dadurch möglich, daß sie von der erhabenen Allmacht Gottes ein komisches Zerrbild entwerfen und dabei die naturwissenschaftlichen Ergebnisse und Theorien in einer Weise bekämpfen, welche nur dazu geeignet ist, die gläubige Wissenschaft in Mißcredit zu bringen. Wenn wir uns nun die einzelnen Tage des Schöpfungsberichtes kurz näher ansehen, so werden wir erkennen, wie es gar nicht nothwendig ist, vor der Naturwissenschnft die Flinte ins Korn zu werfen. Dabei müssen wir uns aber auch vor zu weit gehenden Ansprüchen hüten, in jedem Falle nämlich sagen zu können: „So sagt die Bibel, so lehren die naturwissenschaftlichen Ergebnisse; beide decken sich vollständig." Denn von den hier einschlägigen naturwissenschaftlichen Fragen sind noch nicht alle endgiltig gelöst, und manche dürften vergebens einer solchen Lösung harren. Am ersten Tage hat Gott das Licht erschaffen. Hier handelt es sich nicht etwa um die Erschaffung der Sonne, also um die Entstehung des Lichtes für die Erde, sondern um einen universellen Vorgang, der eine zweifache Deutung zuläßt. Die in Finsterniß gehüllte Urmaterie, aus welcher sich die gesammte Sternenwelt entwickeln sollte, ging nämlich in Folge von Verdichtung, Bewegung, Erwärmung, chemischen Verbindungen, elektrischen Vorgängen oder anderen natürlichen Erscheinungen nach und nach in leuchtenden Zustand über. Eine andere Erklärung wäre die, daß durch den Ausdruck: „Gott sprach: Es werde Licht!" die Erschaffung einer leuchtenden, gasförmigen Urmaterie ausgesprochen ist, wobei allerdings bei der in Vers 2 genannten, über dem Abgrund schwebenden Finsterniß eine nicht recht motivirte Anticipatton späterer, dem vierten Tage vorangehender Zustände der Erde angenommen werden müßte. Dies alles sind natürlich reine Hypothesen, da wir über den Urzustand der Materie noch vollständig im Unklaren sind; eS ist ja möglich, daß die Materie sich ursprünglich in einem uns ganz unbekannten Zustande befand. Daher können wir einstweilen den ersten biblischen Schöpfungstag auf Grund der Naturwissenschaften ebensowenig mit Sicherheit erklären, als diese einen begründeten Einwnrf gegen denselben erheben können. (Fortsetzung folgt.) Ein LiLeraLk'.rLild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. (Fortsetzung.) „Was aus einem Kloster kommt, gehört auch meistens nur für Klöster." Dieser engherzige Ausspruch eines großen Herder erleidet beträchtliche Einbuße, wenn ich mit voller Berechtigung wieder einen Klostermann, dazu noch einen Jesuiten, als großen lyrischen Dichter vorführe, den Pater Fritz Esser (in Kopenhagen). Seiner wundersamen Dichtung „Blüthen der Marienminne" zollt der protestantische Pfarrer N. Weitbrecht lobende Anerkennung mit Worten, die freilich seinen Standpunkt nicht völlig verleugnen: „Eine besondere Vorliebe können wir dl^en Marienliedern eines Jesuiten nicht entgegenbringen; aber das soll unser Urtheil nicht beeinflussen. Auf was es ankommt, ist doch in erster Linie die poetische Bewältigung des Stoffes, und diese ist Esser im ganzen gelungen. Seine Gedichte sind von einer bemerkens- werthen Vielseitigkeit in Verwerthung des einförmigen (?) Stoffes; und auch hier zeigt sich, wie viele Register ein Dichter besitzt, selbst wenn es sich immer um einen Grundton handelt, sobald seine Seele, nicht bloß sein Kopf oder seine Feder, von etwas ergriffen ist." Der Recensent sagt dann dem Buche „Auflage um Auflage" voraus und äußert weiterhin: aus Esser's „Marien- minne" werde noch „manch sangbares Lied durch das katholische Deutschland tönen". Der protestantische Recensent scheint sich denn auch wirklich als guter Prophet zu bewähren, denn nach kurzer Zeit schon wurde eine zweite Auflage nöthig, und auch Componisten suchen an den poesievollen Liedern ihr Talent zu erproben. „Wer ein Liedlein weiß zu singen, So ein Licdlcin frisch und bcitcr, O! der laß es sroh erklingen Und wer'S hört, der sing' es weiter!" Der Dichter, der uns mit diesen leichten und gefälligen Versen alsogleich gefangen nimmt, ist abermals ein Jesuit, k. Ambras Schupp (in Porto Alegre, Brasilien). Man ist vielleicht versucht, zu glauben, diese Dichter sängen nur von Gott, vom Himmel und den Engeln, aber das ist weit gefehlt, gar finnig schlingen sie in ihre Lieder Blumen hinein, die auch die lustigen Weltkinder sich gerne an den Busen stecken. Gleich Uhland und Weber singen sie „von allem Hohen, was Menschenbrust durchbebt, von allem Süßen, was Menschenherz erhebt". Ein echtes Kind der rothen Erde, anmuthend wie eine Blüthe westfälischer Heide ist die Dichterin Ferdinande Freiin von Bracke!, die Tochter eines der angesehensten Geschlechter des Landes, derer auf Welda. (Die Dichterin ist geboren a« 24. Nov. 1835.) Als die beliebteste Novellistin und Roman- dichterin der Gegenwart ist sie berühmt geworden. Wie die Zahl der Auflagen genügend darthut, kann man ihre Romane zweimal und öfters lesen, eS sei hier nur erinnert an die schöne „Daniella" und an „Die Tochter des Kunstreiters" mit ihrem Frühlingshauch und Veilchen- duft. Ferdinande Freiin von Bracke! ist eine dichtende Frauengestalt gleich Annette von Droste-Hülshosi und Emilie Ringseis nach den Worten der heiligen Schrift: „Kraft und Huld sind ihr Gewand, ihr Mund öffnet sich der Weisheit, und das Gesetz der Milde schwebt auf ihren Lippen." „Schiller's Mondschein-Amalien und Limonaden-Luisen, diese Kunstfiguren kennt Bracke! nicht", meint Alfred Muth mit reizendem Humor. Eine Wald- 271 drossel, singt sie im Schatten der Heidelinde mit einem überreichen Herzen, aber männlichem Geiste. Im Frühling, wenn der Himmel sich klärt und die Sonne das bleiche Leichentuch des Winters von Dächern und Flüssen hebt, fängt sie frohgemuth zu singen an: Böget singen, neues Leben, Frisches Grün an Blatt und Baum: Für die Böget neue Lieder, Für das Herz ein neuer Traum! Dann folgt wieder ein Lied von Nosengehegen, fröhlichem Spiel und blumiger Heide, von Maiabendroth und Nachtigallcnlauten. Kriege und Siege des Vaterlandes haben ihr auch vaterländische Weisen entlockt. In der Epik erkennen wir ihr den Preis zu; die Lieblichkeit ihrer Legenden ist wunderbar. Form und Inhalt sind knapp, zuweilen sprunghaft, oft ganz nach Art des Volksliedes. Alles zeigt Reichthum der Sprache, Fülle der Gedanken, Alles ist fein und erlesen, so daß wir glauben möchten, auch hier gelte, was der Altmeister Goethe artig vorn holden Geschlechte preist: „Willst du genau erfahren was sich ziemt» So frage nur bei edlen Frauen an!" Eine mehrfach hervorgetrctene, voriheilhaft bekannte Dichterin ist Thekla Schneider, eine gemüthvolle, liebenswürdige Schwäbin (geb. 1854 zu Navensburg, lebt jetzt in Friedrichshafen). Unter die Dichterinnen hat sie sich eingereiht durch ihre „Wellen vom Bodensee". Von ihnen sagt Brugier: Unwillkürlich wird man beim Lesen derselben an das Lob erinnert, das Platen den Poesien der schwäbischen Schule mit den Worten spendete: „Von Stuttgart her dringt ein gemüthlicher Ton zart fühlender, heimlicher Lieder." Ja, so ein Gedichtchen, wie „Prälat und Opernsängerin", ist ein zu köstlich Ding schwäbischen Humors, als daß es an dieser Stelle dem freundlichen Lescpublikum vorenthalten werden dürfte. Manche schöne Leserin wird wie stolz ihr hübsches Köpfchen in den weißen Nacken werfen, wenn sie die gefeierte Sängerin vom greisen Prälaten beschämt und besiegt sehen muß. Ein romantisches Begebniß nämlich, das der rühmlichst bekannte Dichter Karl Gerok zu Stuttgart gehabt haben soll, hat Thekla Schneider in neckische Reime gebracht. Auf dem Philosophcnpfade kommt sinnend der Prälat, indeß eine bekannte Stuttgarter Sängerin auf dem Seitenwege dahcrschreitet. Plötzlich fing es an zu tröpfeln, es regnet stärker, und der Herr Prälat tritt herbei, die Sängerin zu beschirmen. Keines kennt das andere. Sie wandeln in freundlichem Gespräch vor der Dame Haus, und dort rückt der Herr Prälat mit der Farbe heraus: .... „Dorf ich'S wagen. Nach dem Namen Sie zu fragen?" Und das rasche Musenlind Schnell auf Antwort sich besinnt: „Aus der Frage kann ich i'ch'n, Dah sie nie zur Oper geh'«; Als die erste Sängerin Jedermann bekannt ich bin. Nun ist's wohl an mir, zu fragen, Und ich bitte Sie zu sagen. Wer mir unterm Schirm soeben Gütig daö Geleit gegeben?-* „AuS der Frage kann ich seh'n, Daß Sie nie zur Kirche geh'n; Alle Frommen kennen mich, Denn der Herr Prälat bin ich!" Das ist eine farbenprächtige Blüthe schwäbischer Gemüthlichkeit, dieses reizende Gedichtchen! Auch in der Epik versuchte sie sich mit Glück. Ihre epische Dichtung „Aus alten Tagen" ist ein gar ansprechendes, sinnig ge- müthvolles Werk. „Es ist" — wie ein Landsmann der Dichterin sagt — „ein duftiger, zarter Traum aus dem Herzensleben des vielbesungenen Konradin, was die Dichterin uns bietet, geträumt auf der heimathlichen Erde." (Brugier.) „Frau Wendelgard" ist ein romantisches Epos, das an die Schlacht auf dem Lechfelde anknüpft. Die Dichterin verfügt darin über einen reichen poetischen Bilderschmuck, spricht wie die liebenswürdige Luise Hensel in fromminniger, keuschminniger Weise zum Herzen, kurz ihre Muse zieren alle jene Eigenschaften, die ihre Dichtung jeder christlichen Familie, besonders Frauen und Mädchen, lieb und werth machen müssen. Eine eigenartige, leider seit Jahren erblindete Dichterin ist Margaretha Mirbach (geboren am 5. August 1852 zu Königswinter a. Nh.). Als eine Tochter des Rheins, in dessen grünen Fluthen die Sage rauscht, ist sie eine entzückende Märchendichterin. Ihre Lieder und Gedichte sind überaus zart und wohlthuend, so tief sprudelnd und unendlich erquickend, sie legen uns den Schlüssel zu einem reichen und edlen Herzen in die Hand, kindliche Unschuld und fromme Sehnsucht fließen zur Grundstimmung in einander, darüber lacht gleich ; heiterem Sonnenschein am blauen Himmel allerliebster Frohsinn, der nicht selten die Dichterin als rheinländische Schelmin verräth. Mit feinem Scherz, mit einem Witz, in Seidenfaden ausgesponnen, neckt sie den Leser, wobei, wie ein altes gutes Wort sagt, einem das Herz im l Leibe lacht. ! Ein Schüler Simrock's ist der in der Literatnrkunde ! weithin bekannte Dr. Wilhelm Reuter, Seminar- ^ lehrer zu Münstermaifeld, Nheinprovinz. In „Palmen ^ und Oliven", „Sang und Sage", „Garben und Farben" / quillt zumeist freudehell der Dichterquell. Reuter ist ein r bemerkenswerthes Talent auch auf dem Gebiete der Bal- ' lade und Romanze. „Was ein Waldbruder sang" sind Perlen didaktischer Poesie. Wie kalter Schauer überläuft es vielleicht manchen West- und Südländer, wenn ich in die Reihe unserer zeitgenössischen Dichter einen Ostpreußen eintreten lasse: Julius Pohl (geb. am 13. Juli 1830 zu Frauen- ! bürg), jetzt Domherr in seiner Vaterstadt, Ermlands bischöflicher Residenz, die so idyllisch gelegen ist „an des * Haffes Saum, wo Wellen rauschen in den Traum". I Werke, die den Dichter mit einem Schlage den besten Sängern unseres Jahrhunderts an die Seite stellen, sind „Jubelgold" und „Bernsteinperlen". „Jubelgold", Kränze um die Tiara, ist ein Weihegeschenk zum goldenen Bischofsjubiläum unseres glorreich regierenden Papstes Leo XIII.; in wenigen Wochen schon wurde eine zweite Auflage nothwendig. Wenn „Jubelgold" mehr ein Preisgesang auf die himmlische Heimath ist, so sind „Bernsteinperlen" ein Preislied auf das irdische Vaterland; nach neuester Ausgabe zerfällt das Buch, dessen Widmung der deutsche Kaiser huldvollst entgegengenommen hat, in die zwei Haupttheile: „Vaterland und Königshaus" und „Mein Ermland". Das tönt markig und kräftig, wenn er die Saiten anschlägt: „Dem Kaiser unentwegt das Seine, Doch auch das Seine Gott dem Herrn: So reih'n zum innigen Vereine Sich alle deutschen Stämme gern! Das walte Gott, du Volk von Brüdern, Dann ist dein gold'ner Morgen da! Dann jubelt in den schönsten Liedern Die Welt dir Preis, Germania!" Von unserem Dichter sagt Peter Walde, selbst ein Muscnsohn, in einer biographischen Skizze: „Ja, ein Dichter, wie Julius Pohl, muß mit der Zeit ein Liebling unseres Volkes werden." Er vergleicht ihn mit Uhland, mit dem er echte deutsche Gemüthstiefe, mit Nückert, mit dem er eine erstaunliche Versgewandtheit gemein habe. „Wo man singt, dort laß Dich ruhig nieder!" so sang einer aus dem vorigen Jahrhundert. Fürwahr, noch lange möchten wir weilen in dem melodienreichen Wäldchen, das wie eine liebliche Oase aus der drückenden Hitze des Weltlebens, dem Rasseln der Maschinen und dem Klingeln des Mammons frisch und kräftig sich hervorhebt. Aber einen darf ich nicht vergessen, der wirklich Dichter von Gottes Gnaden ist, Leo van Heem siede, der Zeit und Geld durch Leitung der „Dichterstimmen der Gegenwart" der Hebung und Förderung der katholischen Poesie opferwillig widmet. Hcemstede ist eine weit umfassende Dichternatur, er ist Lyriker, Epiker und Dramatiker mit gleich durchschlagendem Erfolg, wie wir uns noch später überzeugen werden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Das Marienbild in den ersten drei Jahrhunderten. Eine Studie von OSkar Blank. Mainz, Kirchheim. 91 Seiten. — Garucci hat in seiner Ltoria clell' arts oriskiana, not xrimi otto seeoli (krato 1872—1880) fast alle alten Marienbilder veröffentlicht, jedoch nicht immer genau und mit nur beschreibendem Text. Kraus hat in seinem Koma sottsrranea, die Forschungsresultate Nossi's mitgetheilt. Lehn er: Die Marien- vcrchrung in den ersten Jahrhunderten, 2. Auflage, Stuttgart 1886; Liell: Die Darstellungen der allerscligsten Jungfrau und Gottcsgebärcrin Maria auf Kunsidenkmälcrn der Katakomben, Frciburg 1387; ferner Wilpert: Ein Cyklus christo- logischer Gemälde aus der Katakombe der hl. Petrus und Marccllinus, Frciburg 1891, haben den Gegenstand, letztere zwei besonders die Orantenfrage eingehend behandelt. Auf protestantischer Seite haben Schul tze uud Hase »clever sich mit den Marienbildern beschäftigt. Die vorliegende Broschüre will „an der Hand der gesicherten Ergebnisse der bisherigen archäologisch-monumentalen Forschungen mit möglichster Sorgfalt und historischer Objektivität die Frage nach dein Marienbild der ersten drei Jahrhunderte einer etwas eingehenderen Prüfung unterwerfen". Demnach zerfällt die Arbeit jn drei Abschnitte: 1) das Marienbild in den ersten drei Jahrhunderten in archäologischer, 2) in dogmengeschichtlichcr und 8) in kunst- geschichtlicher Hinsicht. Die Darstellung ist klar und ruhig und zeugt von hervorragenden Kenntnissen, die Beweisführung ist gut, und der unbefangene Leser wird feinem Schlußwort voll und ganz beistimmen: „Ein neuer Beweis für die Wahrheit unserer hl. Religion ist uns geworden. Wir haben gesehen, wie nichtig der Ruf der Gegner ist, welche einen völligen Contrast zwischen dem llrchristcnthum und dem „modernen Nomanismuö" durch die Katakomben bezeugt wissen wollten. Auf Maria, welche die kath. Kirche als ihre mächtige Schirmherrin von jeher angerufen und vercbrt hat, haben auch die Christen der ersten Jahrhunderte ihr Vertrauen gesetzt. Schon damals hat die Erfüllung des prophetischen Wortes begonnen: „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter!" Haber! Fr. T., Kirchcnmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1696. Regensburg, Fr. Pustet, 1896. 8". xp. Vl -s- 25 -j- 132. M. 2,00. z- Das „Kirchenmusikalische Jahrbuch" versteht es, alljährlich Neues, Anregendes und Interessantes zu bieten: Keiner, der auf diesem Gebiete sich umsieht, wird es entbehren können. AuS der gewandten Feder Waltcr's stammt die Jahreschronik (Okt. 1891—95). Haberl gibt sehr praktische Winke für Anfertigung von Musikbibliothcks-Catalogen. Uebcrraschend und hochinteressant ist ein Artikel „Rhythmische Gliederung deö > Chcrals" von dem Jesuiten Gictmann auf Grundlage der An- > ficht seines OrdeuSgcnossen DechsvreuS, welcher die.Behauptung aufstellt, der Cboral sei anfänglich im Takte gesungen worden, eine Ansicht, welche unserer bisherigen Meinung widerspricht und ganz neu ist. Man wird mit berechtigter Ncngiersc das Buch des gelehrten Jesuiten erwarten, in dem er seine Ausstellung zu beweisen sucht. Gelingt ihm das, so bedeutet seine Entdeckung geradezu einen Markstein in der Musikgeschichte. Wichtige Aufschlüsse bringt Haberl über den großen Tomas Luis de Victoria. Kleinere Notizen und Referate beschließen den staunenswcrth reichhaltige» Jahrgang, dem als musikalisches Angebinde einige Charwochen-Texte, von LuiS de Victoria herrlich in Musik gesetzt, mitgegeben sind. * Von einem Priester der Diöcese Eichstätt ist unlängst bei Ludwig Au er in Donauwörth ein sogen. „Schutzengel- brief" erschienen. Dieses kleine Heftchcn behandelt, wie schon der Titel sagt: „Mahnruf an alle Katholiken zum fleißigen Besuche deS sonntäglichen Psarr- gotteSdienstes", ein überaus zeitgemäßes Thema. Jn schlichten, aber eindringlichen Worten spricht dieses Bricfchen von der Bedeutung, von den Gnaden und Segnungen des PfarrgotteSdiensteS für diejenigen, welche eifrig und wohlvor- bercitet bei demselben erscheinen, aber auch von der schweren Verantwortung und den schlimmen Folgen für solche Katholiken, welche durch eigene Schuld ferne bleiben. Allen Herren Katecheten, sowie insbesondere den L-eelsorgcrn in Diaspora- Gemeinden dürfte die Verbreitung dieses Briefleins recht gute Dienste leisten, zumal der Preis hiefür ganz niedrig gestellt ist. DaS einzelne Exemplar kostet nur 5 Pfennige uud ist in der Michael Seitz'schen Buchhandlung in Augsburg zu haben. Die katholischen Missionen. Jlluflrirte Mouatschrift Jahrgang 1896. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Brcisgau. Herdcr'sche VerlagS- handlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 8: Die Kapuzincrmission unter den Aurakanern in Chile. (Schluß.) — Die im Jahre 1895 verstorbenen MissionSbischöfe. (Schluß.) — Die Mandschurei und ihre Missionäre. (Föns.) — Nachrichten aus den Missionen: Türkei (Die katholische Kirche auf Kreta); China (Deutsche Offiziere; Li-bung-lfchang in Schanghai): Vorderindien (Puna; Bombay; Ceylon, das päpstliche Seminar); Dcutsch-Ostafrika(Kilima-Ndscharo); Aequatorial-Asrika(Sturm auf dem Nyanza); Nordamerika (Jndianerschulen); Brasilien (Pallottinermission); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Diese Nummer enthält 9 Illustrationen und eine Kartenskizze. _ Kontrovers-Katechismus, kurze Begründung deS kathol. Glaubens und Widerlegung der gewöhnlichsten Einwände. Von L. v. Hammerstein, 8. ll. Verlag der Pauliuuö- Druckerei in Trier. Preis 50 Vfg. Vorliegende Schrift bezweckt, Nicht-Kathcliken mit dein kath. Glauben und besonders mit jenen Dunklen bekannt zu machen, welche für Andersgläubige von größerem Interesse sind. Von den 3 Abschnitten handelt der erste über die Religion im Allgemeinen, und es kommen hier besonders die GotieSbeweise, die Gleichgültigkeit gegen jedes religiöse Bekenntniß und der Religionswechsel treffend zur Sprache. Der zweite Abschnitt beweist die Gottheit Christi und damit die Göttlichkeit des Christenthums als einer geoffenbarten Religion. Im 3. Abschnitt vom Katholicismus werden die immer neu aufgworfcnen Fragen von der alleinseligmachenden Kirche, vom Glaubenszwang, Bibelverbot, Heiligenanbetung, Neliquienverchrung, Ohrenbeicht u. s. w. beantwortet. Die Darstellung zeigt alle Vorzüge der v. Hammerstein'fchen Bücher: einen sehr reichhaltigen, aber sicher und scharf in gefällige Theile zerlegten Stoff; eine klare, bestimmte Ausdrucksweise; Furchtlosigkeit in Hervorhebung und Beantwortung mancher tief einschneidenden Frage und schließlich eine eigenartige, interessante Auffassung. ES sei hiemit Jedem, der für religiöse Fragen sich intcrefsirt — und das sollten eigentlich Alle — angelegentlich empfohlen. _ Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäu'S Von Dr. K. Reiser. Verlag der Köscl'schen Buchhandlung in Kempten. Von diesem Werke liegt UNS das 6. Heft vor, das sich mit den Geistcr-Sagcn im Allgäu beschäftigt und eine reiche Zahl! von Abbildungen von Orten, Kirchen, Schlössern rc. rc. bietet.' Unter den vielen mitgetheilten Mythen finden sich manche recht anmuthige. PuMV. MMur: Ad. HM in AULÄM'g.re- Druck ».Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Markwart von Randeck, Bischof von Augsburg (1348 - 1365 ). Ueber den obigen Bischof hat der kgl. Archivsekretär Dr. Glasschröder im historischen Verein für Schwaben und Neuburg im 15. und 22. Band der Zeitschrift 1888 und 1896 zwei äußerst gediegene Arbeiten veröffentlicht und Urkunden in Negesten im 20. Bande abdrucken lassen. Besondere Aufmerksamkeit hat er neben der Bis- thumsthätigkeit Markwarts dessen allgemein geschichtlicher Stellung und Bedeutung gewidmet, besonders seiner Thätigkeit in dem Streite zwischen Ludwig dem Bayern und den Päpsten zu Avignon und als Neichsverweser in Italien 1355. Er stützt sich dabei auf ein ausgedehntes Urkundenmaterial aus allen möglichen Archiven und Veröffentlichungen, namentlich auf neue italienische und römische Forschungen; ein Material, welches der Verfasser mit Bienenfleiß zusammengetragen und mit viel Geschick zu lesbaren Abhandlungen verarbeitet hat. Wer die Schwierigkeit zu würdigen weiß, die der spröde Akten- stoff, lose Notizen und »«zusammenhängende Urkunden einer zusammenfassenden Bearbeitung entgegenstellen, der wird dem Verfasser doppelt Dank wissen, daß er seinen Stoff so geschickt angeordnet und des Bischofs Thätigkeit in einfach schöner und objectiv ruhiger Weise geschildert hat.*) Markwart, geb. 1296, stammt aus dem schwäbischen Nittergeschlechte derer von Neidlingen, der Dienstmannen der Herzoge von Teck, die sich in drei Linien: die Neid- linger, Lichtenecker und Nandecker, theilten. Das Geschlecht erscheint häufig unter den Kanonikern zu Augsburg, und so war eS auch ein Oheim, Konrad von Randeck, später Custos der Domkirche, der den jungen Markwart nach Augsburg zog und dort erziehen ließ. An der Domschule genoß Markwart eines guten und klassischen Unterrichtes, wie aus den zahlreichen Citaten aus Klassikern, die der nachmalige Bischof in seinen Reden anzubringen liebte, zu schließen ist. In Bologna setzte er seine Studien fort, wurde durch daS Vertrauen seiner Landsleute 1322 zum Schaffner (proaurator) der deutschen Nation ernannt und erwarb sich die Würde eines Licentiaten des kanonischen Rechtes. Er bildete sich aber auch in der feinen Rittersitte und dem Waffenhandwerke aus. Nach seiner Rückkehr in die Heimath erhielt er, ohne die höheren Weihen empfangen zu haben, 1328 die Pfarrei Möhringen in Baden, wurde 1331 Subdiakon und Kanonikus zu Augsburg und lehrte als solcher das kanonische Recht den Domicellaren des Hochstiftes. Bald lenkte er die Aufmerksamkeit des Kaisers Ludwig des Bayern auf sich und wurde von ihm 1335 auserseheu, mit zwei andern rechtskundigen Klerikern die kaiserlichen Gesandten Grafen Ludwig den Aeltern und Jüngern von Oettingen (VIII und IX) an den päpstlichen Hof nach Avignon zu begleiten. Dort hat er vor Papst Benedikt XII. am 9. Oktober eine berühmte Rede gehalten, die in Niezlers vatikanischen Aktenstücken abgedruckt ist. Glasschröder gibt eine ausführliche Analyse (s. e. XV S. 27). Die Sprache ist hier sehr demüthig, und die Versicherung der Reue und des sehnlichen Wunsches nach Aussöhnung kehrt immer wieder. Der Papst war dem Redner auch sehr gewogen Die letzte Arbeit GlasschrvderS 1896 ist auch separat zu haben und wird den Lesern der Augsb. Postztg. angelegentlichst empfohlen. und ernannte ihn 1336 zum Dompropst von Bamberg. Als er aber 1343 von einem Theil des Bauiberger Kapitels zum Bischof erwählt wurde, bestätigte ihn der strengere Nachfolger Bencdikts, Clemens VI., nicht und ernannte 1344 Friedrich v. Hohenlohe zum Bischof. Und doch war Markwart kein blinder Anhänger Ludwigs; er ließ der Kurie volle Gerechtigkeit zu Theil werden. Er denkt genau wie Bonifaz VIII.: Die geistliche und weltliche Gewalt verhalten sich wie Sonne und Mond, Gold und Blei; aber auch die weltliche Gewalt sei eine göttliche Einrichtung, und Ludwig sei rechtmäßig (aunonioa) gewählt worden. Die geistliche Gewalt solle dafür sorgen, daß die weltliche Achtung und Gehorsam finde, der Kaiser bedürfe den Arm der Kirche, um mit den Bösen der Welt aufzuräumen. Die Maßlosigkeiten vieler Anhänger Ludwigs billigte er nicht, ebensowenig die früheren Ausschreitungen des Kaisers selbst. Als daher 1447 Ludwig gestorben war, konnte er, ohne treubrüchig zu werden, dem „Pfaffenkönig" Karl IV. huldigen. Er wurde auch gleich von letzterem zu einer Sendung nach Avignon verwendet, um vom Papste die Befreiung der Anhänger Ludwigs von den kirchlichen Censuren zu erwirken. Markwart erlangte dies nicht nur, sondern auch das volle Vertrauen des Papstes, der ihn im Mai 1348 zum Bischof von Augsburg ernannte; obwohl der Anhänger Ludwigs des Bayern, Bischof Heinrich von Schöneck, noch lebte und selbst von Kaiser Karl IV. begünstigt wurde. Es dauerte aber fast ein Jahr, bis ihn die Augsburger Bürgerschaft festen Fuß fassen ließ, und erst 6. Januar 1350 kam zwischen dem Randecker und Schönecker durch Vermittlung der Grafen Ludwig und Friedrich von Oettingen (Vertreter des Schöneckers) und des Dompropsts Eberhard von Tumnau (Vertreter Markwarts) ein Vergleich zu Stande. Darnach versprach Markwart dem Schönecker gegen dessen Verzicht, einen Bisthumstitel zu gewinnen, die Burg Zusamegg auf Lebenszeit zu überlassen und ein Jahrgeld von 400 Pfund Heller zu bezahlen, sowie eine Domherrnpfründe. Unter Heinrich von Schöneck war das Bisthum arg verwahrlost worden, viele Güter und Rechte waren verloren gegangen und Schulden aus Schulden gehäuft. Markwart konnte nicht einmal die „Kanzleisporteln"*) von 800 Eoldgulden an die Kurie bezahlen und wurde, da er den Termin immer weiter hinausschob, excommunicirt und empfing wider Wissen als Excommunicirter die Priester- und Bischofsweihe, letztere am Osterfeste 1354 in der Klosterkirche zu Kaisheim. 1355 und 56 konnte er endlich seinen Verpflichtungen nachkommen. Der Kaiser half ihm die verwirrten Finanzen verbessern, ließ die Judenschulden uach(I), gestattete, daß er die vom Reich verpfändeten augsbnrgischen Güter und Rechte wieder einlöse, und gewährte 1356 eine neue Münzstätte, nachdem die alte an die Bürgerschaft verloren war. Mit der Bürgerschaft gerieth der Bischof öfters in Streit wegen der Gerichtsbarkeit und des Steuerrechtes, besonders wegen einer Getränksteuer (Ungeld). Gegen adelige Raubritter ging er strenge vor und brach schon 1349 die zwei Burgen Mindelberg und Brenz. Sehr zahlreich sind die Erwerbungen, die durch ihn geschahen. Glasschröder führt sie ! *) So nennt Glaöschröder die Schuld; wäre es Vielleicht- ' nicht richtiger „Annaten" zu jagen,? 274 in gedrängter Zusammenfassung auf und bietet in nachfolgenden Ncgesten genauere Angaben. Ueber den weltlichen Geschäften vernachlässigte Mark- wart nicht den geistlichen Zustand der Diöcese, ordnete sogleich eine Visitation an, erließ Verordnungen zur Wahrung des ciseorurn olsriorüs, sorgte für genügenden Unterhalt der Pfarrer und trat gegen jede Verschleuderung von Kloster- und Stistsgut ein (S. 53). Da er oft abwesend war, setzte er einen Generalvikar ein, damit die Verwaltung nicht Noth leide. Interessant ist die Verordnung über die geistliche Tracht. Die Aermcl des Unterkleides sollten nicht um mehr als Handbreite über den Ellbogen, die Aermel des Oberkleides aber nur bis zum Ellbogen reichen. Die Geistlichen sollten ferner den Gürtel über dem Oberkleide nicht ablegen, keine in die Augen fallende Waffen oder Schwerter tragen und sich der „zerschnittenen" Schuhe, wie sie die Laien tragen, sowie der Kukulle nicht mißbräuchlich bedienen. Zur Zeit des Gottesdienstes solle endlich kein Geistlicher ohne Röchet die Kirche, der er angehöre, oder ms Kloster, dem er vorstehe, betreten. Indessen vermochte den kräftigen Mann die stille Diöcesanarbeit nicht ausschließlich zu fesseln und zu beschäftigen; sein Geist, der zwischen dem Papstthum und dem Kaiserthum hin- und herzufliegen gewohnt war, strebte nach weiterem. Er war 1355/56 Neichsverweser in Italien — über diese Zeit bringt Glasschröder äußerst interessante Mittheilungen — und ließ seine Hand kräftig fühlen. 1365 wurde er zur wichtigen Stelle eines Patriarchen von Aquileja erhoben — die Patriarchen von Aquileja haben eine Zeit lang sogar Rom Trotz geboten. Die Aqnilejercpoche (1365—1381) hat Glasschröder nicht behandelt, sie ist in kurzen Umrissen geschildert im Artikel der Allg. deutschen Biographie XX, 410 über ihn. Hier heißt es, man gewinne eine günstige Vorstellung von Markwarts Umsicht und Tüchtigkeit, wenn man sehe, wie -r als Ausländer den unbotmäßigen Vasallen Friauls Gehorsam abnöthigte und zwischen den Carraresen zu Padua und den Venetianern sich zu halten wußte. Ein unvergängliches Denkmal setzte sich Markwart durch die Codisicirung des Friaul'schen Rechtes in den Lonstitutiones xatria.6 lorogutiensis, das er schon 1366 dem Stände- parlament vorlegte. Alles in allem gewährt das Leben Markwarts das Bild eines ungemein kräftigen, eifrigen und klugen Regenten mitten in den trüben Zeiten des 14. Jahrhunderts. Zwar fehlt ihm der spezifisch geistliche Charakter, und die Welt der aufkeimenden Mystik lag ihm sicherlich ferne. Er hielt nicht auf geistliche Correctheit, aber sein Maßstab war ihm das kanonische Recht. Er ging von juristischen Gesichtspunkten aus, war gewandt in diplomatischen Formen und ließ sich auch von dem camsralistisch-finanziellen Zuge der Zeit, der seit dem Ende deS 13. Jahrhunderts in allen Herrscherfiguren zu bemerken ist, nicht unwesentlich bestimmen. Das Rechnungswesen spielt eine große Rolle in seinem Leben. Deßwegen war er aber noch kein Bureaukrat; der kriegerische Zug ist stärker, als selbst beim Kaiser Karl IV. Er war ein tüchtiger Kriegsmann und blieb Tage lang im Harnisch. Mit besondern: Vergnügen hat er die stolzen italienischen Städte gedemüthigt, Pisa 1355, dem er 13,000 Goldgulden auflegte, Florenz 1368 und zwang es zur Bezahlung von 50,000 Goldgulden an Kaiser Karl, und endlich hat er in der großen Coalition gegen Venedig 1379 Belluno gedemüthigt und Trieft den Venetianern entrissen. Noch vor Schluß des Venetianischen Krieges starb er in dem für die damalige« Zeiten sehr hohen Alter von 85 Jahren. vr. G. Grupp. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Dem vulgären anatomischen Materialismus trat später Professor H. Obersteiner (Wien) in seinen Erörterungen über „Die materiellen Grundlagen des Bewußtseins" (Sektion I.) entgegen. Man könne zwar, so führte er aus, nicht anzweifeln, daß in der inneren Organisation des Nervensystems gewisse Bedingungen gegeben sind, welche das Zustandekommen jener Vorgänge ermöglichen, die man als „bewußte" zu bezeichnen Pflegt. Es sei aber doch noch keineswegs erwiesen, daß diese in dem anatomischen Bau des Gehirns gelegenen Bedingungen auch nur annähernd genügen, uns die Bewußtseinsakte verständlich zu machen. Man sei sehr gerne geneigt, auf Grund sehr schwankender Hypothesen Theorien über die seelischen Prozesse aufzustellen, die sich anscheinend auf anatomische Thatsachen stützen, einer strengeren Kritik aber doch nicht Stand halten können. Selbst das Dogma, daß die Hirnrinde Sitz des Bewußtseins sei, ist durchaus nicht fest fundirt; es gebe sogar manche dieser Anschauung eher widersprechende Erscheinungen. Noch weniger unanfechtbar seien jene Thatsachen, die speciell einzelne Theile der Hirnrinde, z. B. die Rinde des Stirnlappens, als „Sitz der Intelligenz" auffassen lassen wollen. Wenn man in jüngster Zeit Bewegungen an den Nervenzellen oder Gliederfasern zu einer Erklärung der verschiedenen Vorgänge und Zustände des Bewußtseins herangezogen habe, so fehlten für die Berechtigung einer solchen Annahme auch schon die sicheren Beobachtungen. Die Associationsbahnen zwischen den einzelnen Ntndenstellen können und werden bei der psychischen Thätigkeit jedenfalls in Aktion treten, aber als bloße Leitungsbahnen nicht den Ausgangspunkt oder das Centrum darstellen. Wir seien nicht im Stande, in unseren jetzigen anatomischen Kenntnissen die genügenden Grundlagen für das Verständniß der seelischen Vorgänge zu finden. Einen eifrigen Vorkämpfer fand Darwin's Lehre in Pros. W. Preyer (Wiesbaden), der in seinem längeren Vortrage über „Die Psychologie des Kindes" es bedauerte, daß, während auf beinahe allen Gebieten der Biologie die von Darwin gefundene und zuerst erprobte genetische Methode mit großem Erfolge angewendet wird, die Psychologie, wenigstens in Deutschland, also in ihrer Heimath, bis jetzt durch dieses neue mächtige Forschungsmittel im Allgemeinen fast gar nicht und im Einzelnen nur hie und da, man könnte sagen sporadisch, gefördert worden. — In dem Begriffe der Entwicklung liege immer die generelle und individuelle Entwicklung. Daß diese letztere eine abgekürzte und oft durch Anpassung wesentlich modifizirte Wiederholung der Stammesentwicklung sei, werde sür die Gestaltung der Organismen nicht mehr bezweifelt. Für die Psyche ist es nach seinen Beobachtungen an Kindern und jungen Thieren nicht minder gewiß. Daher sei die Psychologie des Kindes und die vergleichende Psychologie von der größten Wichtigkeit für die Erkenntniß der ganzen psychischen Organisation des Menschen und werde es bleiben. Die geistige Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes finde sich abgekürzt im Kinde wieder. Redner schloß diese seine Ergänzungen 275 des Darwinistischen Evangeliums mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß sie dazu beitragen würden, in Deutschland zur gründlichen wissenschaftlichen, d. h. natürlich physiologisch-psychologischen Untersuchung des kleinen Kindes anzuregen. Eine Fülle von neuen Thatsachen sei hiernach zu entdecken, die theoretisch sehr weit reichen und praktisch neue Hilfsmittel zur Förderung der Menschwerdung des Kindes in Aussicht stellen Energischen Widerspruch fanden gewisse Behauptungen des Dr. O. Näcke, Oberarztes an der Irrenanstalt HnbcrtuSbrrrg bei Leipzig, der „Ueber Criminalpsychologie" (Sektion III.) sprach. Er will als Vergleichs- und Ausgangspunkt der criminalpsychologischcn Erörterungen die untere Volksschicht, die Matrix der meisten Necidivisten, betrachten. Er ist der Ansicht, daß im untersten Volke im Ganzen schon die Sinnesempfindung, die Ncceptions- organe, ebenso die Denkoperationen, die „persönliche Gleichung", endlich auch die sogenannten Charaktereigenschaften, welche in letzter Instanz auf Gefühlsbetonung, Affekten beruhen, stumpfer sind, als in den oberen Schichten. Dies müsse natürlich bei den Verbrechern auch der Fall sein, nur daß hier diese oder jene Componente schärfer hervortritt, bedingt durch das endogene Moment, den stärkeren „Keim zum Bösen", durch das ungünstige Milieu, die größere Trunksucht rc., wodurch besonders die Faulheit, Lügenhaftigkeit, ethische Stumpfheit rc. großgezogen werde; secundär werde dann Weiteres durch daS Zusammenleben mit andern Verbrechern hinzugefügt, was eine gewisse Klassenähnlichkeit verleihe. Trotz alledem könne aber Specifisches hierin kaum gefunden werden. Es handle sich nur um graduelle Unterschiede von der untersten Volksseele, genau so, wie es keinen eigentlichen anatomischen Verbrechertypus gibt, sondern nur gewisse Abnormitäten, die schon bei Normalen vorkommen, sich gehäufter bei Verbrechern vorfinden, und dies zwar als Ausdruck des endogenen Moments, das das sociale meist an Wichtigkeit übertreffe, wie er jetzt glaube. Wenn also die meisten Autoren scharf ausgeprägte psychologische Züge bei den Verbrechern finden wollen, die den Ausdruck „Criminalpsychologie" rechtfertigen, so kommt dies, wie er vermuthet, daher, daß 1) alle Kategorien von Verbrechern in Betracht gezogen wurden, — oft durchaus heterogene Elemente, — 2) die vielen darunter befindlichen Geisteskranken, Epileptiker, Schwachsinnigen nicht ausgeschlossen wurden, und endlich 3) weil die Psyche der untersten Volksschicht zu wenig Berücksichtigung fand. In der auf den Vortrag folgenden Debatte traten verschiedene Fachmänner dieser Kennzeichnung der „untersten Volksseele" energisch entgegen und wiesen darauf hin, wie einseitig und unrichtig es sei, gerade bei den jetzt zu Tage tretenden Verhältnissen die intelligenteren und „besseren" Kreise criminalpsychologisch auszunehmen. Speciell opponirte auch Dr. I. Jäger, prot. Pfarrer und Strafanstaltsgeistlicher (Ebrach), auf Grund seiner eigenen Erfahrungen. Derselbe hielt selbst einen interessanten Vortrag über Willensanomalien, in welchem er deren 2) Eine eingebende Besprechung der Vortrüge der dritten allgemeinen Sitzung würde zu weit führen. In derselben behandelte Pros. Franz Brentano (Wien) die Lehre von der Empfindung, speziell dcn Jntcnsitätsstrcit, Pros. TH.Lipps(München) den Begriff des Unbewußten in der Psychologie, des realen, von dem unmittelbar Erlebten unabhängigen Ich, und Pros. H. Ebbinghaus (Brcölau) erstattete über eine neue Methode zur Prüfung geistiger Fähigkeiten und ihre Anwendung bei Schulkindern Bericht, i Genese, die Abulie, ihr Verhältniß zu den Depresfions- zustünden, die Hhperbulie, ihr Verhältniß zu den Exal- taiionszuständen und die Dysbulie, ihr Verhältniß zu der Criminalität einerseits und zur „rnoral insanitzc» andererseits in Betracht zog. Mit Rücksicht auf die Prognose und Therapie der Dysbulie empfiehlt er das Zusammenwirken der betheiligtcn Faktoren, Kirche, Schule, Staat, der öffentlichen und privaten Wohlthätigkeit zur Bekämpfung der Ursachen, der Prostitution, des Bettels, der Vagabondage, des Alkoholismus. Wir glauben, daß aus den zahlreichen Vortrügen der Sektion III besonders noch der des vr. Franz C. Müller (München) „Ueber den Selbstmord und seine Beziehungen zum Alkoholismus" Interesse bietet. Redner constatirte eine ständige Zunahme des Selbstmordes, die nur in den letzten Jahren einer Stagnation Platz gemacht habe. Neben Noth, Krankheit und Sorge müsse auch der Alkoholismus als eine der Ursachen des Selbstmordes erscheinen. Es sei durch die Statistik bewiesen, daß auch dieser progressiv wächst. Namentlich in solchen Ländern, in welchen dem Ausschank keine gesetzlichen Schwierigkeiten bereitet werden, ist der Consum an Wein, Bier und Schnaps gestiegen. Da das Bier nicht weniger schädlich wirke, als der Schnaps, der Alkohol nicht allein in concentrirter, sondern auch in verdünnter Form de- struirend auf Gehirn und Körper wirke, sei es falsch, den Bierimport oder die Bierproduktion zu begünstigen. In denjenigen Ländern, welche durch eine weise Gesetzgebung dem Consum einen Riegel vorgeschoben haben (Norwegen), ist nicht nur der Verbrauch in auffallender Weise gesunken, auch die Menge der Selbstmordfälle hat sich deutlich vermindert. Redner empfiehlt energisches Zusammenwirken gegen das „Völkergift" des Alkoholismus. Die ersten Vortrüge der Sektion IV waren der Psychologie des Schlafes und Traumes gewidmet. Zuerst sprach vr. Santa de Sanctis, Adjunkt der psychiatrischen Klinik der k. Universität Rom und Docent der Psychiatrie, über „Träume und Gemüthsbewegungen" (LoZniot Lwo- moni). Er zog einige interessante Folgerungen aus eigenen Forschungen hinsichtlich der Einwirkung der Gemüthsbewegungen auf das Traumleben, z. B. daß Gemüthsbewegungen, die eine allzu intensive organische Störung oder einen übermäßigen Kräfteverbrauch verursachten, auf den Schlaf nur sehr schwierig und sehr langsam einwirken; er nimmt die Existenz eines emotionellen Gedächtnisses an, welches unterschieden und, bis zu einem gewissen Punkte, unabhängig von dem „intellektuellen" Gedächtnisse ist. Pros. Dr. Mourlh Bold von der Universität Christiania sprach über „Einige Experimente über Gesichtsbilder im Traume". Er behandelte seine Versuche zur Bestimmung der Wirkung, welche die Abends beim Einschlafen gehabten Gesichtsbilder auf das Traumleben der kommenden Nacht ausüben. Er hat diese Experimente während der letzten 7 Jahre periodenweise und gruppenweise mit verschiedenen Personen ausgeführt, indem er den wahrscheinlichen Erfolg im voraus verheimlichte. Unmittelbar vor dem Einschlafen ließ er einen kleinen, gefärbten, plastischen Gegenstand oder eine kleine Figur, die er eben aus einem Packete herausgenommen und die deßhalb einige Ueberraschung bewirkten, bestimmt und deutlich fixiren. Am folgenden Tage ließ er sich Bericht erstatten. Die wichtigsten Erfolge der im Ganzen etwa 300 betragenden Einzelversuche waren folgende Feststellungen: 1) daß Form, Farbe und Größe des Wer- suchsgegenstandes sehr selten alle unverändert wiederkehren; 2) daß Form und Große sich zuweilen von der Farbe und häufig unter sich trennen, beide sich ändern oder verschwinden. Interessant sind auch seine Beobachtungen hinsichtlich der Farben gewesen; wir können jedoch hier auf dieselben nicht eingehen. Von praktischer Bedeutung war der folgende Vortrag von E. Nömer (Heidelberg) „Ueber einige Beziehungen zwischen Schlaf und geistigen Thätigkeiten." Redner berichtete über Experimente, die er im psychologischen Laboratorium der Heidelberger psychiatrischen Klinik angestellt hat, um die psychische Leistungsfähigkeit 1) zu verschiedener Zeit nach dem normalen Schlafe und 2) nach Morgens und Abends abgekürztem Schlafe zu untersuchen. Dabei diente ihm als Methode 1) das Auswendiglernen einstelliger Zahlen in Reihen von je zwölf, 2) das Addiren einstelliger Zahlen, 3) die Messung von Wahlreaktionen und 4) von Associntionsreaktionen. Die Hauptpunkte seiner Resultate erwiesen nun Folgendes: I. Der Zustand kurz nach dem Aufstehen nach normalem Schlafe besteht in einer mehr oder weniger großen Müdigkeit. II. Kürzen Personen, die ihre größte Schlaftiefe erst gegen Ende der Nacht erreichen, ihren Schlaf Abends ab, so wird dadurch meist die Leistungsfähigkeit am folgenden Morgen so gut wie gar nicht beeinträchtigt, weil sich der so abgekürzte Schlaf entsprechend mehr vertieft. Kürzen diese Personen aber den Schlaf Morgens ab, so resultirt ein Zustand der Ermüdung. III. Bei Individuen, deren größte Schlaftiefe sehr bald nach dem Einschlafen erreicht ist, wird nach Abends abgekürztem Schlafe die Leistungsfähigkeit am folgenden Morgen nur wenig oder gar nicht beeinträchtigt, da sich der abgekürzte Schlaf ebenfalls meist vertieft. Noch geringer ist bei diesen Individuen die Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit nach Morgens abgekürztem Schlafe. In keinem von beiden Fallen ergaben bei ihnen die vorliegenden Versuche eine deutliche Ermüdung nach abgekürztem Schlafe, sondern nur eine gewisse Müdigkeit mit Symptomen, auf die Redner in seinen Erörterungen wiederholt hinzuweisen Gelegenheit fand. Er hält den principiellen Unterschied zwischen Müdigkeit und Ermüdung als das wichtigste Ergebniß der Versuche. Besonders macht er noch auf die Bedeutung seiner Resultate für die Schulhygiene aufmerksam; es dürste seiner Ansicht zufolge hier besonders bcachienswerth sein die Ermüdung nach Morgens abgekürztem Schlafe bei Individuen, die ihre größte Schlaftiefe erst gegen das Ende ihres Schlafes erlangen, sowie die größere Ermüdbarkeit für schwerere und die geringere Uebungssähigkeit auch für leichtere geistige Arbeit in der Müdigkeit nach normalem Schlafe. — Wie werden sich unsere Jungen, die meist ihre größte Schlaftiefe erst gegen das Ende ihres Schlafes zu erlangen scheinen, freuen, wenn diese bedeutungsvollen Resultate in den Erziehungsanstalten berücksichtigt werden! Professor Ottomar Nosenbach von der Universität Breslau hielt einen längeren Vortrag über den „Mechanismus des Schlafes", in welchem er auch in längeren Erörterungen über den hypnotischen Schlaf sich verbreitete. Nicht zustimmen können wir seiner Behauptung, daß im hypnotischen Schlafe nicht nur keine bewußte Vorstellung stattfinden kann, sondern auch die wichtigen körperl. Transformations- resp. Negenerationsprocesse, die den normalen Schlaf charakterisiern, nicht stattfinden können, „weil die Hypnose ja gerade nur die Oberflächenspannungen, die den KKrtzzr von den Massen der Außenwelt isoliren, — ihn sich als Einheit der Masse bethätigen lassen, — besonders begünstigt und sie nicht, wie der Schlaf, zu Gunsten der inneren Arbeit, des stärkeren Betriebes der kleinsten Maschinen (Energeten) aufhebt". Es haben doch die bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete der Hypnose darauf hingewiesen, daß in derselben vielfach ein erhöhtes Transformations- und Negenerationsvermögen sich zeigt. Brmerkenswerth war auch der Vortrag des Münchener Arztes Dr. Billinger über „Die niederen Körpertemperaturen im Winterschlaf und ihr Verhältniß zur Infektion". Er will die Frage beantworten, ob, angenommen, daß die Temperatursteigerung im Fieber ein antibakterieller Faktor ist (den Bacillen verderblich ist), und ebenso die Temperaturerniedrigung, es möglich ist, die Körpertemperatur bedeutend zu erniedrigen, ohne daß das Leben dabei gefährdet wird. Er bespricht einige Thatsachen, die als Beweis dafür gelten können, daß dies unter Umständen möglich ist, unter andern auch die Wirkung des hypnotischen Einflusses in dieser Hinsicht, der sich z. B. im Fakirschlaf und bei Versuchen von Krafft-Ebing (35°), von Maras und Hellich (32°) gezeigt hat. Er meinte, daß dieser sich unter Umständen therapeutisch verwerthen lassen könnte, zumal wenn die Garantie des Nutzens eines derartigen Experimentes gegeben werden könnte. Er kam nun auf den Winterschlaf der Thiere zu sprechen und bemerkte, wie in demselben ein Zustand erkenntlich ist, in dem sich diese niederen Körpertemperaturen von selbst einstellen. Seine Versuche an Winterschlafenden Thieren jedoch, wie an Haselmäusen und Murmelthieren, mit Milzbrand-, Rotz- und Tuberkelbacillen haben negativen Erfolg gehabt, nur ein Versuch mit einem Bakteriengift (Tetanusgift) hatte bis zu einem gewissen Grade positiven Erfolg. (Fortsetzung folgt.) Beiträge zur Entzifferung der mosaischen Schvpfungsurklmde. Von Joh. Bumüller, Kaplan in Holzheim. (Fortsetzung.) Der zweite Tag schildert die Sonderung der Gewässer über und unter dem Firmament. Mit der Lichtentwicklung im Universum ist dessen beginnende Entwicklung selbst angedeutet, so daß der erste Tag die erste Entwicklung aller Welten in sich schließt. Diese weiter zu verfolgen, hat aber für den Zweck der hl. «Lehnst keinen Werth, weßhalb der Bericht nun auf den Wohnort des Menschen übergeht. Aber ist hier nicht ein großer, unmotivirter Sprung: am ersten Tag die in Entwicklung übergehende Urmaterie, aus welcher sich einst auch die Erde bilden soll, am zweiten Tage bereits die von einer festen Kruste umzogene Erde mit Meer und Wolken? Nein; denn in Wirklichkeit ist hier eine schöne Eintheilung der Entwicklungsphasen der Erde. Am ersten Tage nämlich führt uns der Bericht die Erde in ihrem feurig-glühenden Zustande vor Augen, am zweiten Tage stellt er jenen großen Wendepunkt in der Entwicklung der Erde fest, da sich der feurige Ball in Folge von Abkühlung mit einer festen Kruste umgab, auf der sich nun jenes die Erde aufbauende und umbildende Element, das Wasser, niederschlagen und so in den anfangs in Dampfform den Erdball umgebenden Wassermassen die Scheidung derselben zwischen Gewässern oberhalb und unterhalb der Ausdehnung, zwischen Meer und Wolkenbildung, stattfinden konnte. Wir sehen,, in dieser Hinsicht findet auch 277 der erste Tag seine Erklärung und Bestätigung durch die Naturwissenschaft; der zweite Tag stimmt mit der von der Naturwissenschaft geforderten Entwicklung der Erde ganz überein. Am dritten Tage sondert sich nun das Festland vom Meere ab, die ersten Continente resp. Inseln treten hervor. Wie die Schale eines aus» trocknenden Apfels, in Folge Klcinerwerdens der Fleisch» Masse, Runzeln bildet, ähnlich ungefähr trat bet der Erde in Folge der durch die Abkühlung bedingten Zusammen- ziehung des Erdkernes eine Zusammenziehung und Falten- bildung der Erdrinde ein. Anfangs waren die Faltungen und Stauchungen zu unbedeutend, als daß sie den Spiegel des Urozeans erreicht hätten. Als sich aber der feuerflüsstge Erdkern immer mehr abkühlte und zusammenzog, so mußte auch die nachsinkende Erdrinde immer mehr sich zusammenziehen und mußte das Zuviel ihrer Oberfläche nach oben entweichen, d. h. die Faltungen nahmen an Höhe zu, bis sie schließlich den Spiegel des Urozeans zu überragen begannen: erstes Auftauchen oes Festlandes. Auch das Wasser arbeitete bei Bildung desselben mit, doch in mehr untergeordneter Weise. Wir können also bis jetzt noch nicht das geringste Bedürfniß verspüren, die chronologische Reihenfolge der Bibel fallen zu lassen. Der dritte Schöpfungstag berichtet uns ferner noch von der Entstehung der ersten Organismen, der Pflanzen. Hier gäbe es zwei wichtige Fragen zu besprechen, die wir nur kurz berühren können. Erstens einmal: sind pflanzliche Organismen wirklich vor den ersten thierischen entstanden? Die Paläontologie kann nach den bisherigen Funden weder einen strikten empirischen Beweis dafür noch dagegen erbringen. In den ältesten Schichten, dem unteren Kambrium, finden wir Thiere in überwiegender Zahl. Allerdings gibt es auch unterkambrische sogenannte Fukoidensandsteinc, welche nur Pflanzcnreste enthalten sollten. Allein diese angeblichen Fossilien werden jetzt mit Recht als Abdrücke von Thierspuren, zufällig entstandene Vertiefungen und Rinnen, nach Koken auch manche als zufällige, durch die Bewegung von harten Fukoidenstengeln auf dem Meeresboden entstandene Eindrücke angesehen. Doch von diesen kam- brischen Schichten dürfen wir auch gar nicht erwarten, daß in ihnen Pflanzen allein enthalten sind, denn die ersten und ältesten Organismen waren zweifellos in Folge ihrer zarten Struktur gar nicht versteincrungsfähig, und schon deßhalb dürfte es — neben anderen Gründen — einem stichhaltigen Zweifel nicht unterliegen, daß die erste Entwicklung der Organismen noch weit hinter dem Kambrium zurückliegt. Mehr theoretische Erwägungen dagegen führen uns mit größerer Bestimmtheit zu der biblischen Behauptung von der Priorität der ersten pflanzlichen Organismen. Senft schreibt in seinem Handbuch oer Geologie Seite 785, daß Pflanzen die ersten Organismen sein mußten, da sie, um die Existenz thierischer Organismen zu ermöglichen, das Wasser von den vem Thierleben schädlichen Substanzen wie von löslichen Mineralsalzen und besonders von der Kohlensäure, die sie einathmen, befreien und dasselbe zugleich mit dem für die Thiere unumgänglich nothwendigen Sauerstoff, den sie ausathmen, zu versorgen hatten. — Außerdem neigt man immer mehr der Ansicht zu, daß in den Anthraziten, Graphiten u. s. w. der vorkambrischen Schichten Ueberreste organischer Wesen zu erblicken seien. So sagt z. B. Senft in seinem citirten Werke S. 755: „Wenn man bedenkt, daß noch gegenwärtig der abgestorbene Pflanzenkörper durch den Verkohlungsprozeß nach und nach in Torf, Braunkohle, Steinkohle und Anthrazit umgewandelt wird, wie sich in den ersten Stadien dieses Prozesses viel Kohlenwasserstoff-Verbindungen (Asphalt und Bitumen) entwickeln, welche von den sie umgebenden schlammigen oder doch weichen und noch durchdringbaren Gesteinsablagerungen in der nächsten Umgebung der verkohlenden Pflanzenmaffen aufgesogen werden, — und dann im zweiten Stadium des Verkohlungsprozesses eine fast nur noch aus Kohlenstoff bestehende Kohlensubstanz, — der Anthrazit, — übrig bleibt; wenn man ferner bedenkt, daß — wie man in jeder Gasfabrik beobachten kann, — wenn eine bitumenreiche Kohle unter Luftabschluß stark erhitzt wird, nicht nur ihr ganzer Gehalt von Bitumen, sondern auch ein Theil ihres Kohlenstoffes sich verflüchtigt, welcher sich dann beim Eindringen in kältere Räume als Graphit wieder absetzt; wenn man ferner berücksichtigt, daß selbst in heißen Quellen (— z. B. in den 36 Grat warmen Quellen von Bormio —) noch gegenwärtig Gallert? algen in großer Ueppigkeit wuchern, und daß dann dieselben nach ihrem Absterben einen bitumenreichen, kein« Spur von organischer Struktur mehr zeigenden Kohlenschlamm entwickeln (— wie dieses auch der Fall ist mit dem auf den Grunde von tiefen, stehenden Gewässern verkohlenden Algen, welche bekanntlich den feinsten Pech- und Baggertorf liefern —), — wenn man dieses alles ins Auge saßt, so gelangt man freilich zu der Ansicht, daß all der Graphit und Anthrazit, sowie auch das Bitumen im Urgneis, Urkalkstein und Magneteisenerz Produkte der Verkohlung von Gallertalgen sind, welche sich schon kurze Zeit nach der Entwicklung der eben genannten Urgesteine auf dem Grunde des warmen Ozeans entwickelt und sich bei ihrer Verkohlung unter dem vollen Verluste ihrer ganzen organischen Struktur in reine Kohle umgewandelt haben. Vielleicht ließe sich dann durch diese Ansicht auch der Reichthum von Schwefelerzen in der Urgneisformation ^klären; denn diese konnten sich am ersten entwickeln aus der Einwirkung des sich bei der Verkohlung dieser Algen reichlich erzeugenden Schwefelwasserstoffes auf die damals im Ur- ozeane noch vorhandenen Metallsalze." Hiemit können wir sagen: die Naturwissenschaft macht die von der Bibel behauptete Priorität der Pflanzen sehr wahrscheinlich, kann sie jedenfalls nicht widerlegen. (Schluß folgt.) Ein Literaturbild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. (Forrsetzung.) Ein erlauchtes Glied des bayerischen Königshauses Wittelsbach ist es, das sich zur Ehre anrechnet, eine Zunftgenossin Deutschlands katholischen Sängerbundes zu sein. Es ist das die hochedle Spanierin Prinzessin Ludwig Ferdinand. Den Lesern vom „Deutschen Hausschatz" glaube ich entgegenzukommen, wenn ich ihnen meine Ahnung verrathe, daß wir die Verfasserin der blüthenduftigen, so unendlich wehmuthvollen „König- Ludwig-Novelle" „Ein ewiges Geheimniß" in dieser hohen Dame vermuthen dürfen. (Hausschatz Heft 10.) Viele Sänger hätte ich noch zu nennen, die bekannt geworden sind und, falls dem nicht so ist, verdienen, bekannt zu werden. Namen, wie: Happe, Freeriks, Jüngst, Jseke, Singolt in München, Herbert (Frau Therese Keiter), Eichert, Alinda Jakoby, Cordula Pere- grina, Eggert, Hermann Schilling, F. I. Holly, Eschel- 278 'L»-. bach, Zlatnik, sind würdig, der deutschen Leserwelt empfohlen zu werden. Manche von ihnen werden uns auf dem Felde der epischen Dichtung wieder begegnen. Und was singen denn unsere Dichter und Dichterinnen im deutschen Dichterwald? Lieder und Gesänge in jed- mögltchem Rhythmus, in allen Tonarten, doch nicht im leichtfertigen Tone der blassen Sinnlichkeit. „Was nicht gut ist, kann nicht schön sein", das ist ihr oberster Grundsatz. Sie singen von Liebe, die den Frühling des Lebens als schöne Zugabe begleitet, vom blühenden Lenz, vom reifenden Sommer, vom stürmischen Herbst, vom kalten Winter, dann wieder vom deutschen Wald mit seiner grünen Herrlichkeit, seinem goldigen Grün und heitern Vogelfang, wieder dann von einem Silberquell, von herrlichen Thälern, wo die bunteste Blumenwelt mit würzigem Hauch die Luft durchduftet, die nach der idealen Anschauungsweise der Dichter von engelholden Wesen bebaut zu sein scheinen — o, das klingt wie Abendglocken- klingen über stille Sommerlandschaft hin. Aber wie im Chamounythal die Wasserfalle in einer Symphonie zu- sammenrauschen, darein der Lawinen Donner sich mischt, so tönen die Lieder und Klänge wuchtig und kernig in einander. Hier ist das deutsche Lied nicht zur lüsternen Sirene geworden, das deutsche edle Mädchen nicht zur welschen Dirne, die junge Herzen schrullenhaft, übellaunig und griesgrämig macht, hier ist die Muse angethan mit wunderbarer Größe, Würde und Erhabenheit, die mit herzbeglückendem Genuß die schöne Seele labt. Denn dem reinen Künstler wohnt auch der Funke der höheren Weihe der Kunst inne, und seine keuschen Ideale sind Glaube, Liebe, Vaterland. 2 . In der lyrischen Dichtung haben als leuchtende Vorbilder Uhland und Eichendorff den Ton angegeben. Nedwitz' „Amaranth" und Scheffel's „Trompeter von Säkkingen" haben den epischen Dichtern ihre Wege vorgezeichnet, ohne deßwegen in ihnen blinde Nachahmer zu finden. Weber und Brill ruhen nun längst unterm kühlen Nasen, aber Genossen von ihnen weilen noch unter uns. „Daß Behringer nicht schon einen Namen hat, wie der Dichter von ,Dreizehnlinden*, ist nicht seine, das ist die Schuld eines Jahrhunderts, das für religiöse Epen im Stile des Mittelalters wenig Sinn mehr hat," sagt Keiter sehr bezeichnend für unsere Zeit vom bayerischschwäbischen Dichter (geb. 1828 zu Babenhausen, nun Eymnasialrector in Aschaffenburg). Großes Aufsehen hat er erregt mit der epischen Dichtung „Die Apostel des Herrn". Schönheit der Sprache, Tiefe der Gedanken reichen sich die Hand, die Dichtung zu einer der bedeutendsten unserer Tage zu stempeln. Frühere Werke, „Das Morgenopfer" und „Das Felsenkreuz", haben dem Verehrungswerthen Dichter viele Freunde zugeführt. Ein idyllenreiches Epos ist „Das Felsenkreuz", dessen Handlung in der Zeit der Ungarnkriege spielt, dessen Schauplatz ins oberschwäbische Allgäu verlegt ist. „Die Königin des Rosenkranzes" und „Das Vater unser" mit einem Reichthum religiös erbaulicher Gedanken zeigen uns Behringer als formvollendeten Lyriker. Er auch ist der Dichter, der uns ermöglicht hat, den Liedesweisen des Sängers auf dem Felsen Petri zu lauschen, indem er die Gedichte unseres heiligen Vaters Leo mit dichterischem Geschicke verdeutscht hat. „Wie eine Frühlingslerche hat sich aufgeschwungen, um in hellen, frischen Tönen Lieder göttlicher Minne zu singen, vr. Friedrich Wilhelm Helle (geboren am 28. Oktober in Böckenförde bei Lippstadt). Sein gewaltiges Epos „Jesus Messias" ist gedichtet mit dem hohen Gedankenfluge und Schwünge eines Klopstock, von dessen Messtade seine Dichtung nur dadurch sich unterscheidet, daß sie wirklich ein Epos nach den Ueberlieferungen der heiligen Schrift ist. Ein geheimnißvoller Zauber liegt in dem Gedicht, der uns mächtig ergreift, ja es wird uns versichert, daß Leser, deren sittliche Stützen wankend geworden, wieder aufgerichtet wurden. Ferner hat Helle sich als katholischer Dichter einen Namen gemacht durch das Epos „Golgatha und Oelberg" und „Kalanyas Völkersang", das ein mittelafrikanischer Schöpfungsmythus ist. Daneben ist Helle Lyriker i« Tone der Romantik in seinem Epos „Marienleben" und in der Gedichtsammlung „Marienpreis"." Eine poetische Kraft von bedeutender Begabung ist in Josef Albert Schäle hervorgetreten durch die epische Dichtung „Staufenlied", worin sich vor uns ein großartiges Welt- und Culturgemälde entwickelt, belebt von warmer Liebe zur katholischen Kirche wie zum deutschen Vaterlande. Der Held des Liedes ist eigentlich der alte Barbarossa, der fesselnde Mittelpunkt aber die liebliche und heidenmäßige Landgräfin von Thüringen, die heilige Elisabeth. Eine der schönsten Gestalten der Weltgeschichte, den letzten Sprossen des großen Hohcnstaufengeschlechtes, wählte die Westfalin Antonie Jüngst (geb. am 13. Juli 1843 zu Werne a. d. Lippe, jetzt iu Münster) zur epischen Behandlung in »Konradin". Statt jedes weiteren Urtheils lassen wir Rudolf Gottschall reden, der in den tonangebenden „Blättern für litterarische Unterhaltung" schreibt: „In den zwanzig Gesängen des ,Konradin* hat der Dichter ein wirkliches Epos von präciser und conciser Gliederung des Aufbaues und von bedeutendem Inhalt geschaffen; das Gedicht darf dem Besten beigezählt werden, das die epische Produktion in Deutschland letzthin hervorgebracht hat." Gleich den übrigen Landsmänninen macht die Dichterin unter den deutschen Frauen, die der Feder ihre Thätigkeit leihen, eine rühmliche Ausnahme von der» bekannten Flüchtigkeiten schriftstellernder Damen. Recht anschaulich spricht sie zum Gemüthe, wie gebildete Frauen das ja oft besser können, als Männer. Der nordisch- germanischen Göttersage entnommen ist „Der Tod Baldurs". Eine hochpoetische Schilderung aus der Zeit der Kreuzzüge ist „Unterm Krummstab", ein Sang aus alter Zeit. Einen Cyklus von Gedichten bietet uns Jüngst durch ihre elf poetischen Betrachtungen über das Gebet des Herrn: „Das Vater unser". Im Jahre 1895 hat sie uns mit einer Sammlung ihrer Lieder und Gedichte beschenkt unter dem Titel „Leben und Weben". „Die Schöpferin des ,Konradin*", so läßt sich darüber F. Hülskamp im ,Literarischen Handweiser* (1894 Nr. 607/8) vernehmen, „hat zweifellos ein großes episches Talent, .... aber seit den lyrischen Einlagen des ,Konradin* ist mir's schon nicht mehr zweifelhaft gewesen, daß ihre eigentliche Kraft und Stärke doch in der Lyrik liege, und die vorliegende lyrische Gedichtsammlung bestätigt das durchaus." Den Lesern der „Kölnischen VolkSzeitung" ist die Dichterin auch als vortreffliche No- vellistin bekannt. Die katholische Gruppe in der neuesten deutschen Literatur zählt einen Dichter mehr in Eduard Eggert, Oberjustizrath in Stuttgart (geb. am 13. Januar 1852 zu Ludwigsburg). Sein Name bedeutet vollwerthiges Dichtergold, der auch in jenen Kreisen, wo man gegen alles, was nur katholisch gefärbt ist, sich abschließt, gehört werden muß. Eng verschwistert mit Redwitz' „Amaranth" und Weber'L „Dreizehnlinden" ist sein episches Gedicht „Der Bauernjörg", ein Sang aus Oberschwaben. Der Held ist Georg Truchseß von Waldburg, der im Bauernkriege neben Georg von Frundsberg eine der ritterlichsten Erscheinungen jener Zeit ist. Gewaltig ist der Stoff, greuelvoll sind die Thaten, die der Bauernkrieg geboren, aber Eggert hat nur Erhebendes und Erfreuliches aus dem furchtbar Argen herausgegriffen, eingedenk des großen Dichterwortes: „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst." Wolfram von Eschenbach und UHIand sind seine Vorbilder. Wohl mag dem feineren Leser recht eigenartig, wenn nicht abstoßend, eine Scene mit Maler Jeggle und seiner unseligen Tochter vorkommen, doch „was seltsam ist, das duonket guot," hat schon der alte Freidank gesagt. „Wo die Meisterwerke der Poesie des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts aufgezählt werden, wird künftighin ,Der letzte Prophet* mit au erster Stelle genannt werden müssen," so schrieb in der „Kölnischen Volkszeitung" der Recensent über Eggert's neuesten Sang. Der Mittelpunkt in den 11 Gesängen ist Johannes der Täufer von seinem ersten Erscheinen in der Wüste bis zu seiner Hinrichtung. Der Vorläufer des Heilandes ist die Seele des Ganzen. Die lüsterne und rachsüchtige Ehebrecherin Herodias mit ihrem unsauberen Anhang nimmt darin die zweite Stelle ein. „Der letzte Prophet" ist nichts weniger als Tendenz- poesie, alles Frömmelnde liegt ferne. Nur gereifteren Lesern sagt die Dichtung zu. Mit vollendeter Steuerfertigkeit ist Eggert über die Klippe hinweggekommen, an der wohl mancher nichtchristliche Dichter gescheitert wäre; die üppige Herodias und ihre reizende Tänzerin hätten für manchen ein verführerisches Weib werden mögen. „Der letzte Prophet" ist gedichtet mit der farbenprächtigen Gluth morgenlündischer Phantasie, aber die bilderreiche Sprache enthält echtes deutsches Mark — das Epos ist deutsche Urwnldpoesie. Möge das herrliche Dichtertalent im Neckarthal noch lange, lange blühen! In Karl Macke (Linz a. Rh.) ist ein neuer katholischer Dichter erstanden, der den kühnen Wurf gewagt, den Auszug der Jsraeliten aus Egypten und ihre Schicksale in der Wüste zu besingen in seinem Wüsten- fang „Vom Nil zum Nebo". Eine Zierde der katholischen poetischen Literatur deutscher Sprache ist auch der Tiroler Josef Seeber (geb. 1856 zu Bruneck, nun in Brixen), der mit seinem epischen Gedicht „Der ewige Jude" ein Meisterwerk von Hoher Bedeutung und edelster Form geschaffen hat. Seeber, ,der in den schönsten Mannesjahren steht, verspricht uns wohl noch manche poetische Gabe. Was christlicher Frohsinn für üppige Blüthen treibt, zeigt in köstlichster Weise „Gottfried, der Student", ein moralisch-akademisches Epos nach alten Handschriften zusammengestellt von einem Verfasser, der sich unter dem Namen Emmanuel Bim st ein verbirgt. Zwerchfellerschütternd ist es, zu lesen, wie der fidele Bruder Studio die Schwierigkeiten der Quarta überwindet, wie er die Flegeleien der Tertia absolvirt, wie er glücklich die Sekunda erreicht, wo der Professor „höflich nun Sie Faulpelz sprechen muß". Tabak und Lagerbier, Solo, Skat und Schafskopp macht ihm viel zu thun; und als stattlicher Primaner scheitert er glücklich an den Klippen der ^ Liebe. Die Lachmuskeln kommen beim Leser vollauf in ! Thätigkeit; die komische Kraft der Dichtung reicht an die Jobftade heran, nur daß wir mit den zweideutigen Zoten der Kortum'schen Muse verschont bleiben. Eine liebliche Waldidylle mit frischem, würzigem deutschen Tannenduft, belebt von lustigen Vogelstimmen und träumerischen Mädchenliedern, ist „Gleichen", ein Sang aus der Zeit der Freiheitskriege von Th. Herold, das Jünglingen und Jungfrauen mit jugendlich schwärmerischen Gemüthern wie auch den ernsteren Lesern so lieb und vertraut werden wird, wie den Kindern die Märchengestalten. So zeitigt die katholische Poesie auch auf dem Gebiete der epischen Kunst immer mehr duftende Blumen, als wollte sie Ersatz bieten für die Giftpilze, die iA weiteren Bereiche der Literatur so üppig wuchern. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. k. ?. Lernarelini a kioonio Orä. Oax. eoneionaboris, emsritl s. BbsolvAias xrots88oris, antigui xroviueias karisi- snsis äoünitoris Mixlsx Lxpositio dsati kauli Lxostoli Dpistolas sä Romanos all usum stuäiosorum 3 . Hievt, st saosräotuM in vinea Oowiui laborantium smsnclreta ei aneta xsr ?. Niodaslsm Uetxsnansr Orä. Oax. venixonts, l'xxis st sumxtidns sooistatis Llarlanas, MKlllue 603. -- Bernhardin von Peguiny in der Picardie (1633 bis 1709) veröffentlichte 1703 ein Priplsx expositio blvLNAkIioinm. Dieselbe fand den Beifall des Papstes Clemens XI., welcher ihn denn auch ermunterte, ein ähnliches Buch über die Briefe deS hl. Paulus zu verfassen. Diese Arbeit erschien erst 1726; also 17 Jahre nach seinem Tode. Der triplsx exxositio bietet zuerst eine Lnalxsis, gna tsxtus Lpostollei viel» st oonnexiv äeolaratnrdann eine Paraphrase, gua msns ^xostoli drsvitsr exxonltur st vlars, und endlich einen ausführlichen Commentar mit vielen moralischen und asketischen Anwendungen. Es ist also mehr ein erbaulicher als ein wissenschaftlicher Commentar. Als solcher ist auch die vorliegende Arbeit, welche sich mit der Verbesserung und Erweiterung der triplex expositio üpistolas aä Lomanos befaßt, zu betrachten. Hetzcnauer verbessert Ungenaues; macht Zusätze, welche der Fortschritt der biblischen Studien erfordert. Zuerst gibt er den griechischen Text sowohl, wie den Vulgaiatcxt. Dem Kommentar sind kritische und philologische Bemerkungen hergegeben, wo cS nöthig schien. Hetzenaner fügt zum Gebrauche fürPrediger zahlreiche L-tellcn ausdenSchristen des hl. Bonaventura und des hl. Thomas bei. blt gnia mnltis animarnin pastoribns totnm psrlsAsrs sommsntarium im- xossibils srit, unionigns operi inäiosm aäiunZam speciellem, in gusin rss maZis notabilss rstsrsutnr. Dieser Index ist dankenöwerth und verdient Nachahmung. Das Latein ist klar und fließend, die Darstellung allerdings etwas breit, bei einiger Beschränkung hätte sich das Buch um '/, Theil verringern lassen. Da das Buch vornehmlich praktischen und aScetischen Zwecken dient, so wird man nicht die strengsten wissenschaftlichen Anforderungen an die exegetische Methode sowohl als an die einzelnen Aufstellungen stellen dürfen. Holzhey C., Der neu entdeckte Ooäex 8^rns Linaiticns, untersucht; mit einem vollständigen Verzeichniß der Varianten des Ooclsx Linaitiens und Ourstonianus. 8", 59 -s- 39 München, Lcntner 1896. M. 5,00. 'S Zwei gelehrte Damen, die Schwestern Smith Lewis und Gibson, haben im Jahre 1892 im Katharinenkloster aus dem Sinai ein syrisches Evangclicnpalimpsest aufgefunden, das zwei Jahre später veröffentlicht wurde und den Gelehrten Veranlassung gegeben hat, die Frage nach dem Verhältniß der syrischen Bibelübersetzungen zu einander von neuem zu untersuchen. Diesem Zwecke dient auch vorliegende, mit philologischer Gewissenhaftigkeit geleistete Arbeit. Das Ergebniß der Untersuchung, das wohl allgemeine Anerkennung finden dürfte, ist dieses: daß der Ooäsx Lzwns Liuellticus und der Ouretonianns zwei Recensionen eines und desselben Textes seien, wobei der ersterwähnte der ältere ist. Die Peichitta, die bis 1858 für die älteste syrische Uebersctzung galt, ist demnach eine um 400 entstandene Umarbeitung älterer syrischer Uebnlragungen, während der ncnentdeckte Codex gegen Ende dcö 2. Jahrhunderts entstanden sein dürste, also von großem Werthe ist. Druck urzh 280 Ausstattung der überaus klar geschriebenen, lebrreichen Schrift ist ganz vorzüglich; die prachtvollen syrischen Typen entstammen der jetzt an erster Stelle stehenden orientalischen Druckerei von Drugulin in Leipzig. Handbüchlein für Priester in Sachen des dritten Ordens des hl. Franziskus. Zusammengestellt von k. Bernard, Orä. Oap. Mit Erlaubniß des bischvfl. Ordinariates Mainz und der OrdcnSobcren. Mainz, Franz Kirchhcim, 1896. 18 (VIII u. 136 S.) 60 Pfg., gebd. 80 Pfg. Vorliegendes Büchlein aus der Feder des redegewandten bekannten Predigers ist für die Priester bestimmt, welche entweder die unmittelbare Leitung einer Ordensgemeinde übernommen haben oder sonst häufig in die Lage kommen, Tertiariern die geistlichen Güter des 3. Ordens vermitteln zu müssen. Denselben wird daS Büchlein willkommen sein, da die meisten Regelbüchlein nur für Mitglieder bestimmt sind und darum über diejenigen Angelegenheiten, welche für den Priester besonders wichtig sind, entweder gar keine oder nur unvollständige Angaben machen. Umsomehr aber ist auf einen Erfolg des außerordentlich billigen Büchleins zu hoffen, da dasselbe alle neuesten Entscheidungen der 8. 6. lustulA. enthält und eine kurze Zu- s ammenstellung der wichtigsten Bestimmungen des 3. Ordens von manchem Priester als dringendes Bedürfniß häufig empfunden wurde. _ DaS Beichtgebeimniß vor Gericht. Von einem Juristen. Mainz, 1896, Kirchheim. gr. 8. (36 S.) 10 Pf. Wie behandelt die moderne Gesetzgebung uM Rechtsprechung Deutschlands und der bedeutsamsten Staaten Europa's daS Beichtgebeimniß vor Gericht? Diese Frage löst hier ein hochangeschener praktischer Jurist unter kritischer Vorlage der einschlägigen Gesetze und gerichtlichen Entscheidungen. Diese Schrift ist ebenso für Juristen wie für Geistliche bestimmt Für die letzteren ist es eintretenden Falles von hoher Bedeutung, die Vorrechte, welche ihnen auf diesem Gebiete in den verschiedenen Ländern eingeräumt sind, genau zu kennen, um sich und andere vor Nachtheil und Schaden zu wahren. Letzteren Zweck bat der Verfasser in seiner vortrefflichen Studie offenbar vor Augen gehabt und sein Ziel vollkommen erreicht. Daß er uniwthige Polemik gänzlich ausgeschlossen hat, ist nur zu begrüßen. _ Grundzüge der christlichen Apologetik von Dr. Jos. Bautz, o. ö. Professor der Theologie an der kgl. Aca- demie zu Münster i. W. 2. verbesserte Auflage. Mit Genehmigung des bischöflichen Ordinariats von Mainz. Mainz, Franz Kirchhcim, 1896. gr. 8. (VIII u. 1ö9 S.) Mark 2.-. Das deii- Gesammtstoff der Apologetik umfassende Werk, ursprünglich für Lehrzwecke bestimmt, ist nach Inhalt und Form besonders auch für weitere Leserkreise, namentlich für gebildete Laien, geeignet. Denn es behandelt aus verhältnißmäßig engem Raum zahlreiche und wichtige, Christenthum und Kirche betreffende Fragen, ermöglicht im gegebenen Falle schnelle und bequeme Orientirung und setzt so den Leser in den Stand, nicht bloß sich selbst, sondern insbesondere auch andern gegenüber von der unantastbaren und unerschütterlichen Wahrheit des christlichen und katholischen Standpunktes mit Gründen der Vernunft und Wissenschaft allseitig und erfolgreich Rechenschaft zu geben. Und gerade an gebildete, gläubige Laien tritt die Zeit eben mit vielfachen Anforderungen, oft Herausforderungen heran. So findet die gebildete Männerwelt in diesem „Grundriß" ein vortreffliches apologetisches „Vademecum". Einst und jetzt! Sociale PassionSbilber und ihr Widerschein. Von k. Nector Georg Freund, 6. 8o. R. 2. Aufl. 52 S. 6°. Preis 30 Pf. Diese Vortrüge erschienen nach kaum drei Monaten bereits in 2. Auflage. Verlag der Alphonsus - Buchhandlung in Münster in Wcstphalen. Der durch seine populären Schriften bestbekannle Ne- demptoristen-Nector von Prag schildert hier die verschiedensten Vorgänge des Leidens und Sterbens unseres Erlösers und zieht dabei die herrlichsten Parallelen zwischen der damaligen und unserer Zeit. Schonungslos geißelt?. Freund den Mammons- dicnst der Gegenwart und warnt eindringlich vor dem schrecklichen Gift Geist und Herz verderbender Lektüre. Wiederum enthüllt uns der Verfasser die bunten Erscheinungen des Zeitgeistes, begeistert zu religiösem Muth und Entschiedenheit oder mahnt ernst und liebemild zur Heilighaltuug des Familienlebens und entlarvt das dunkle Treiben moderner Volksver- sührer. Mit dem Triumphe des bl. Kreuzes schließt die herrliche Schrift. Bisheriger Absatz 8000 Exemplare. „Fabiola." Religiöses Schauspiel nach Wiseman's gleich, namigem Roman bearbeitet von M. L. v. B. Mainz. 1896, Kirchheim. 8. (60 S.) 60 Pf. „Der Geiger von Gmünd." Schauspiel in 3 Auszüge» nach dem gleichnamigen Gedicht von I. Kcrncr frei bearbeitet von Aloysia M. Mainz, 1896, Kirchheim. 8 (42 S.) 50 Pf. Die beiden dramatischen Spiele behandeln bekannte Stoffe. Wer kennt nickt Cardinal Wiseman's herrlichen Roman und die fromme Legende von der hl. Cäcilia, die dem vor ihrer Statue knieenden Geiger zur Linderung seiner Noth den goldenen Scknh zuwirft? Beide Stücke haben sich bei Aufführungen bestens bewährt und sind allen katholischen Vereinen, Instituten rc. sowohl wegen ihres trefflichen Inhalts als auch der theatralischen Wirkung bei leichier Jnscenirung bestens zu empfehlen. Das junge Mädchen ini Verkehr mit der Welt. Fingerzeige und Rathschläge von L. F. PeterS, Priester der Kongregation des Allerbeiligsten Erlösers. Dritte Auflage. Mit kirchlicher Approbation. Mainz, Kirch- bcim, 1896. 12. (IV u. 168 S.), in Leinen gebunden Mark 1,20. Wi- vielen und großen Gefahren ist das junge Mädchen in der Well ausgesetzt! Diese Gefahren deckt in obigem Büchlein ein erfahrener Seclemührcr auf und gibt die Schutzmittel dagegen an. Zu diesen Gefahren zählt auch die Standeswahl. Deßhalb werden ausführlich der Ehestand, daS Leben im Kloster und das jungfräuliche Leben in der Welt behandelt und über diese drei Stände beherzigcnswerthe Belehrungen und Rathschläge ertheilt, von deren Befolgung für manches Mädchen das ganze Lebensglück abhängt. Im Verlage der Jos. Kösel'schcn Buchhandlung in Kcmptcn erschien soeben ein neues Werk des berühmten Prälaten Kneipp, betitelt: Ocsfentliche Vortrüge, gehalten vor seinen Kurgästen in der Wandelbahn in Wörishofcn. III. Band. Die Vortrüge der Jahre 1890 und 1891. Nach stenographischen Aufzeichnungen bearbeitet und herausgegeben von Prio: §r. Bonifaz Neile, Sekretär des Herrn Prälaten Kneipp, und H. Hartmann. Mit einem Titelbilde. (M. 2,60.) Wie die beiden ersten Bände, so enthält auch dieser neue Band der gesammelten Vorträge eine reiche Fülle von praktischen GesundheitSregeln und unzählige auS langjähriger Beobachtung hervorgegangenc, praktisch wohlerprobte Bemerkungen über die Wasserheilmethode und naturgemäße Lebensweise. Ein sehr ausführliches Register erhöht den praktischen Weith dieses neuen Werkes, daS den Anhängern der Kneippkurmcthode sehr willkommen sein wird. Der Schmied von Neumarkt. Die bekannte Wochenschrift „Das Bayerland" von Heinrich Leher weckt in ihren Centenar - Erinnerungen von 1796 die Erinnerung an einen oberpfälzischen Wiukilried, an den tapfern Hufschmied Jung aus Neumarkt i./O. Am Morgen des 23. August versuchten die Oestcrreicker in Neumarkt einzudringen, welches oie Franzosen besetzt hielten. Das obere Tbor war mit Eisenwerk und Gebälk verrammelt und die französischen Chasseure hatten' dasselbe vom Ratbhaus aus unter Feuer genommen. Da trat der Thorschmied Jung mitten unter dem Kugelregen aus seiner Schmiede hervor, schaffte mit wuchtigen Hieben das Gebälk und Eisenwerk weg und ließ die Oesterrcichcr herein. Die Redaction des „Bayerland" hat umfassende Nachforschungen angestellt, ob noch Nachkommen des tapferen Mannes existiren und ob das Grab desselben erhalten sei. Das Ergebniß derselben war, daß das Grab auf dem Kirchhofe in Neumarkt nicht mehr zu finden sei, dagegen ist an seinem Sterbehause eine eigene Tafel mit folgender Inschrift angebracht: „SterbchauS des ThorschmiedeS Veit Joseph Jung, welcher in dem Kriegsjahre 1796 durch Muth und Entschlossenheit bei Oeffnung des oberen Stadtthores sich um die Stadt Neumarkt verdient gemacht." Ferner wurde con- statirt, daß noch drei Urenkel Jung's leben: der Schneidermeister Xaver Jung in Deckung i./O., der Hafnermeister Michael Jung in München und der Schuhnzacher Joseph Jung in Fürth. Verantlv. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. 17 Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kp. 36 4. §ept. 1896. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Es folgte nun eine Reihe höchst interessanter Vortrage über das Gebiet der suggestiven und hypnotischen Therapie, welche vielfach von großer Wichtigkeit zur Aufklärung verschiedener Fragen sein dürften. So berichtete der berühmte Psychotherapeut, Dr. Otto G. Wetterstrand aus Stockholm über seine Versuche mit künstlicher Verlängerung des Schlafes, besonders bet der Behandlung der Hysterie. Er meint, daß man bei der Behandlung vieler Krankheiten bisher zu viel Gewicht auf die Suggestion und zu wenig auf den Schlaf selbst gelegt habe. Je tiefer der Schlaf ist, desto besser wirkt er auch seiner Ansicht nach ohne jede verbale Suggestion. In den Formen der Hysterie, welche vornehmlich durch psychische Störungen charakterifirt werden, wirkt seiner Behauptung nach der tiefe Schlaf auf eine außerordentlich wohlthuende Weise, und je länger dieser ungestört währen kann, d. h. wenn er während mehrerer Tage oder Wochen ununterbrochen anhält, möglichst ohne daß der Schlafende geweckt wird, desto besser wird die Wirkung sein. Die längste Zeit, welche Wetterstrand für den künstlich verlängerten Schlaf angewandt hat, ist etwas über 6 Wochen gewesen. Der Somnambulismus ist dabei, wie er glaubt, durchaus nicht nothwendig, obgleich besonders Vortheilhaft. Jedoch muß der Schlafende immer im Rapport mit einer ihm sympathischen Person stehen. Dr. Wetterstrand besprach eingehend einige von ihm geheilte Fälle schwerster Hysterie und ermähnt alle Aerzte, welche mit solchen zu thun haben, seine Methode zu versuchen. — Auf diese Erörterungen folgte eine rege Debatte, an welcher sich mehrere Aerzte, unter andern Dr. Großmann und Dr. Bonjour betheiligten. Ersterer meinte, der verlängerte Schlaf sei wohl in den allerseltensten Fällen möglich und sprach im allgemeinen der Suggestionstherapie das Wort, da Vorstellungskrankheiten am besten durch psychischsuggestive Schulung, welche zum Zwecke die Anleitung zur Bildung richtiger Vorstellungen habe, durch Beeinflussung ideoplastischen Vermögens geheilt würden. Dr. Bonjour dagegen trat für Wetterstand ein und erzählte einige seiner Erfahrungen, die für die Methode des ersteren sprechen. — Wir erwähnen gleich hier den Vor- trag dieses offenbar auf dem Gebiete der Suggestionstherapie sehr erfolgreich wirkenden Lausanner Arztes über „Drsnvss nonvsllss äs l'inüusnss äu ps^slÜHns sur l'vrZallisins«, in welchem er einige Fälle aus seiner Praxis zum besten gab, die so recht den Einfluß der Suggestion auf den Organismus beweisen, z. B. die Beseitigung von Warzen (I) durch dieselbe. Wir machen alle unglücklichen Menschenkinder, deren Schönheit durch solche beeinträchtigt sein sollte, besonders hierauf aufmerksam. Der bekannte Arzt an der Salpstriäre in Paris, Dr. August Voisin, sprach über seine Experimente in einem Vortrage, betitelt „silruitsrusiib äs ssrtainss torinss ä'alisnution insntuls pur tu sugAssticm Er unterscheidet, mit Bezug auf die Möglichkeit der Heilung, die verschiedenen Arten des Irrsinns, die durch die Hallucinationen, den Verfolgungswahn, die Selbstmordideen und sonstigen verschiedensten Wahnideen, die Perversion der Instinkte und den moralischen Wahnsinn charakteristisch sind von der allgemeinen Paralyse und den apoplektischen Krankheiten. Bei ersteren ist die Hypnose therapeutisch verwendbar, bei letzteren erfolglos. Es wurden ferner noch verschiedene andere Vortrüge über den therapeutischen Werth des Suggestionismns und HypnotismuS gehalten. Dr. Heinrich Stadelmann (Saal a. d. Saale, Bayern) lieferte einen Beitrag „zur Therapie der durch Vorstellung entstandenen Krankheiten", indem er unter anderm auch die Vergessenheitssuggestion, die psychologisch einer negativen Hallucination im Bereiche des Selbstbewußtseins gleichkommend, das occasionelle ursächliche Moment der Erkrankung beseitigt und so die Heilung bedingt, näher erörterte. In einem Vortrage „Ueber das Verhältniß der psychischen Behandlung im Wachzustände zur hypnotischen Therapie" gab Dr. Ewald Hecker (Wiesbaden) eine Uebersicht über die verschiedenen psychischen Behandlungsmethoden, die sich von einander lediglich durch die verschiedene Art unterscheiden, wie die Hemmung und Ausschaltung der gegen die Heilsuggestion gerichteten Gegenvorstellungen zu Stande kommt. Er zählt unter denselben auch „Fanatisches Vertrauen" mit Hinweis auf „Religiöse Wunder" und „Wunderdoktoren" auf und meint, daß es in diesem Falle die Hcilungs- vorstcllung selbst sei, die, von der gewaltigen Kraft des Fanatismus getragen, jeden auf ihrem Wege liegenden Widerspruch schon im Keime erstickt und die Gedanken alle nach einer Richtung lenkt. Ein genaueres Studium des Kapitels der „Religiösen Wunder" würde ihn vielleicht zu der Ansicht führen, daß die so beliebte, moderne Erklärung durch Autosuggestion denn doch nicht als zureichend betrachtet werden kann. — Die hypnotische Therapie zeigt nun, wie er des weiteren klarlegte, in den verschiedenen Phasen der Hypnose nacheinander den WirknngS- modus der verschiedenen andern Methoden. Zur praktischen Verwerthung bedient man sich am Vortheilhaftesten einer Combination der verschiedenen Methoden, je nach der Individualität der Patienten und des Krankheitsfalles. Einer der bedeutendsten hypnotischen Praktiker unter den Mitgliedern des Congresscs scheint uns Dr. I. Miln- Brauswcll aus London zu sein, der in mehreren Vortrügen sehr wichtige Themata erörterte und wiederholt an den Debatten sich betheiligtc. In seinem Vortrage „Lasss illustratives ob tlrs wsäioa-l auä surgisul valns ob sixxuotis treatinsut" (Fälle, welche Ven medicinischen und chirurgischen Werth hypnotischer Behandlung darthun) gab er einen Bericht über eine Reihe von Operationen, die ihm unter hypnotischer Anästhesie gelungen sind, und sonstige erfolgreiche hypnotische Behandlung, indem er zugleich die Vortheile und Nachtheile derselben klarlegte. Bedeutungsvoll war auch sein zweiter Vortrng über den sogenannten Automatismus Hypnotisirter (Ou tsis sc>- callsä autowatisin ob tlio li^puotiseä susifset). Er wies in demselben den Widerstand nach, den Somnambule gegen Suggestionen, und zwar auch gegen crimiuelle Suggestionen zeigen, indem er insbesondere einige Fälle aus seiner eigenen Praxis erörterte, und stellte abschließend die Frage, ob man bei derartigen Thatsachen noch von Automatismus sprechen könne. Ein wichtiges Thema behandelte Dr. Charles Lloyd Tuckeh (London), der über den Werth des HypnotismuS für die Heilung des chronischen Alkoholismus sprach. Er wurde, wie er sagt, durch die Resultate, die er in Dr. LiebeaultS Klinik in Nanctz, im Jyhre 1888 beob- 282 achten konnte, bewogen, HypnotismuS in seiner Londoner Praxis anzuwenden, und versuchte nun auch die Menge von Gewohnheitstrinkern unter seinen Patienten auf hypnotischen! und suggestivem Wege zu heilen. Jedoch entsprachen seine Erfolge nicht seiner Erwartung. Dieselben waren nur dann von Dauer, wenn der Patient wenigstens mit seinem guten Willen die Behandlung unterstützte. Trotzdem hofft er, daß die Suggestion, in Verbindung mit sonstigen Heilsmitteln, in Zukunft als ein wichtiger Heilungsfaktor für Gewohnheitstrinker betrachtet werden würde. (2) Wir hätten noch verschiedene hochinteressante Vortrage eingehender zu besprechen, in welchen hervorragende Gelehrte einzelne Punkte ihrer Forschungen dem Congresse vorlegten. Jedoch gebietet uns die Fülle des Materiales, uns möglichst kurz zu fassen. Dr. Falk-Schupp (Bad Soden) sucht das Problem der suggestiven Anästhesie, vielfach im Gegensatz zu der Nancyer Schule, zu beleuchten. Zur Erzeugung der suggestiven Anästhesie empfiehlt er die „egoistische Methode", einleitbar durch Narcotica und durch Rnpidothmung. Dieselbe entspricht seiner Ansicht nach den Anforderungen allgemeiner Verwendbarkeit, erfordert kurze Zeit und ist gefahrlos. Dr. Erocq fils, der Chefredacteur deS „Journal äs uLuroIoZia stästi^pnoloZis" erklärte in längerem Vortrage den Zustand der Sensibilität und der intellektuellen Funkionen bei den Hypnotisirten. Wir entnehmen demselben vorerst die Unterscheidung zwischen somnambulen und süvmarribuloidcn Zuständen mit Bezug auf die Aufhebung der Schmerzgefühle. Der Nachweis, daß in den ersten Stadien der Hypnose das Schmerzgefühl theilweise noch ^xtstiren kann, dürfte vielleicht auch auf die viclnmstrittene Selbsthypnotisirung des indischen Jogi während des Kongresses Licht warfen. Bei ihm war, wie wir uns selbst überzeugten, manchmal die Anästhesie nicht vollkommen und man sprach deßhalb schon von Simulation, während die Annahme, daß bei ihm nur ein sownambuloider Zustand (unvollständige Hypnose) eintrete, eine Erklärung ,eicht ermöglich! hat. — Durch Suggestion kann, wie der Redner des Weiteren ausführte, die Sensibilität verschiedenartig modificirt, vermehrt oder vermindert werden. Was die intellektuellen Funktionen anbelangt, so beantwortet er die Frage, ob daS Gedächtniß an die intra- hypnotischen Vorgänge nach der Hypnose noch existire, mit Bezug auf obige Unterscheidung zwischen somnambul.nden und somnambulen Zuständen; nach ersteren tritt die Erinnerung ein, nach letzteren meist nicht. Durch Suggestion während der Hypnose kann das Gedächtniß bedeutend gesteigert, dagegen wohl kaum heraögeschwächt werden. Trotz Verbotes des Hypnotiseurs kann in gewissen Fällen eine Versuchsperson sich im Wach- oder Schlaszustandc an die Vorgänge während der Hypnose erinnern, was in medizinisch-juristischer Hinsicht von großer Wichtigkeit ist. — In der Hypnose ruhen, falls keine Suggestion angewandt wird, angeblich, nach der Meinung des Redners, die intellektuellen Fähigkeiten. Daß diese Ansicht falsch ist, geht aus den Beobachtungen vieler der neueren Forscher hervor; im Gegentheile zeigt sich vielfach Erhöhung des Intellekts, worauf ja auch das intrahypnotische Phänomen der siainvo^anss hindeutet. Merkwürdig sind die Behauptungen, die Dr. Paul Sollier (Paris) in seinem Vortrage über Sensibilität und Persönlichkeit (Lsrwibiiits ab ksrsvnalits) aufstellte. Er geht von der Annahme aus, daß Störungen der Sensibilität auch Störungen der „Persönlichkeit" hervorrufen, während auf diese wieder sämmtliche Formen der Geisteskrankheiten zurückzuführen sind. Man könne experimentell die „Persönlichkeit" verändern, indem man den Zustand der Sensibilität einer Versuchsperson verändert. Er habe auf dem Medicinercongreß in Rom i. I. 1894 gezeigt, daß die Hysteriker mit totaler Anästhesie nur „Vigilam- bule" wären, die man erwecken müßte, um sie zu heilen. Dieses Erwecken führe eine Rückkehr der Sensibilität herbei und zugleich komme die Versuchsperson in den Persönlichkeitszustand zurück, in dem sie war, als die Anästhesie eintrat. Sie glaubt, daß sie so alt sei, als sie damals war. In dem Maße, in dem die Sensibilität wiederkehrt, modificirt sich die „Persönlichkeit" der Versuchsperson und sie macht wieder alle Phasen ihrer Existenz durch, in denen man sie zurückhalten kaun, wenn man die Rückkehr der Sensibilität suspendirt. So habe er eine Versuchsperson willkürlich in die Zustände ihrer „früheren Persönlichkeit" zurückführen können, indem er die allgemeine Sensibilität modifictrte. Er gedenkt über diese seine Beobachtungen demnächst ein größeres Werk zu publiciren. Man wird durch diese Behauptungen an die bekannten vielumstrittenen Experimente Krafft-Ebings erinnert. In der letzten allgemeinen Sitzung des CongresseS hielt Dr. Pierre Janet (Paris) einen Vortrag über den somnambulen Einfluß und die Nothwendigkeit der Leitung (I/müusnss somnambulikzus st Is bssoin äs äirseticm). Wir wollen das Hauptsächlichste der Ausführungen dieses Forschers hier an dieser Stelle kurz wiedergeben. Er weist darauf hin, wie schwierig es erscheinen müsse, die psychologischen höheren Phänomene und besonders die socialen Gefühle experimentell zu studiren. Es sei jedoch nachweisbar, daß man in gewissen Fällen künstlich solche Gefühle hervorrufen und die Bedingungen ihrer Entwicklung erforschen könne. Man könne dies z. B. thun, indem man den Einfluß des Hypnotiseurs auf die Versuchspersonen selbst während der Zeit zwischen den somnambulen Zuständen in Betracht zieht. Derselbe sei früher unter dem Namen „Magnetischer Rapport" bekannt gewesen. Dieser verlängere sich speciell bei den Hysterischen für einige Zeit nach der Hypnose. Der Zeitraum, der zwei aufeinander folgende Hypnosen trenne, könne, wie er erklärt, in zwei Theile zerlegt werden. Im ersten derselben ist die Versuchsperson wesentlich bester und fühlt sich intelligenter, glücklicher, thatkräftiger; sie denkt wenig an den Hypnotiseur, den sie nicht nöthig hat. Im zweiten, der Periode des somnambulen Leidens, wird sie wieder von verschiedenartigen nervösen Anfällen gequält, verliert ihre intellektuellen und moralischen Kräfte, verfällt in einen Zustand psychischer Depression und empfindet ein immer mehr wachsendes Verlangen nach ihrem Hypnotiseur, das sich oft leidenschaftlich äußert. — Ist die Dauer des Einflusses sehr kurz, so müssen die Kranken sehr oft eingeschläfert werden und ihre Behandlung wird sehr schwierig. Kann man aber die Perioden des Einflusses verlängern, besonders die erste derselben, so kann man durch eine Art Erziehung zur vollständigen Heilung der Kranken gelangen. Merkwürdig ist die Art, in welcher sich die Gefühle der Kranken für den Hypnotiseur äußerten, nämlich theils als leidenschaftliche Liebe, theils als abergläubische Furcht, Verehrung oder Eifersucht. Einige derselben nehmen leicht den domintrenden Einfluß an, andere sind im beständigen Kampfe gegen denselben. Der suggestiv eingegebene Gedanke des Hypnotiseurs 283 wirkt während der Periode des Einflusses beständig kn der Versuchsperson, ihr Handeln leitend, fort, woraus Janct gewisse Hallucinationen, Ausführung posthypnot- ischcr Suggestionen, automatisches Schreiben und Hellsehen zu erklären versucht. Dieser Einfluß zeigt sich aber nicht nur bei Schwerkranken, sondern auch bei leichteren Patienten, z. B. bei solchen, die an Zweifelsucht, Un- entschlosseuheii leiden, ohne daß ein eigentlich hypnotischer Zustand vorhanden wäre oder der Gedanke des Hypnotiseurs im Subliminalbewußtsein fortwirken könnte. Man müsse deßhalb als allgemeinen Grund dieses Einflusses die Schwäche des Willens aller dieser Kranken annehmen, die es nöthig haben, daß man für sie entscheide und handle. Die Schwäche der Fähigkeit zur Synthese mache gewisse Personen notwendigerweise abhängig von anderen; sie können nicht allein leben, sie müssen gehorchen. Das Studium des somnambulen Einflusses ermöglicht uns, so schloß der Redner, alle diese socialen Gefühle, welche zwischen den Menschen zusammenhängende Gruppen und hierarchische Beziehungen bilden, besser zu begreifen. (?) — Kurz sei noch ein Fall erwähnt, den Dr. Janet in Verbindung mit Dr. Raymond dem Congresse zur Kenntniß brachte. Es handelt sich angeblich um „systematisirte hysterische Contracturbei einer Extatischen" (Lcmtraoturs sMewatisäs alias uns extati^ns ( 310 !). Diese „Klinische Beobachtung* soll uns ein neues Beispiel für den Einfluß des Gedankens auf den Körper geben. ES handle sich um eine Frau, 42 Jahre alt, die seit mehr als 2 Jahren eine eigenartige Contractur beider Beine habe. Sie geht deßhalb beständig auf den Zehen, wie eine Tänzerin. Merkwürdig sei, daß dieses Phänomen mit einer Idee zusammenhänge. Sie leide nämlich als Hysterische an religiösem Wahnsinn, habe wahre Anfälle von Extase und glaube, beständig zum Himmel empor- znschweben. „Mein Körper wird erhoben," sagt sie, „er und ich muß mich bemühen, um noch die Erde mit den Zehenspitzen zu berühren." Es wäre interessant, Näheres über diesen Fall zu erfahren. (Schluß folgt.) Beiträge znr Entzifferung der mosaischen Schöpsungsurkunde. Von Joh. Du müller, Kaplan in Holzheim. (Schluß.) Die zweite Frage wäre, wie Moses so allgemein und ausschließlich am dritten Tage von der Erschaffung der Pflanzenwelt, und später analog von den Wasser- und Landthieren sprechen kann, da doch nur die Uranfänge der Pflanzen- und Thierwclt zeitlich getrennt sind, die Entstehung weitaus der meisten beiderseitigen Arten aber gleichzeitig ist. Diese Ausdrucksweise deS MoseS findet ihre volle Berechtigung und einfachste Erklärung, wenn wir — ohne dabei andere Erklärungen als unberechtigt hinstellen zu wollen — mit den meisten Naturforschern einen genetischen Zusammenhang der Pflanzen unter sich, eine Descendenz annehmen. Aber geht es denn an, sich zu einer — natürlich nicht zu der unter Führung Häckels zu Unsinn und Unwissenschaft- lichkeit ausgewachsenen darwinistischen — Descendenztheorie zu bekennen? Da diese Frage schon an sich, wie auch für die Auslegung des Schöpfungsberichtes wichtig ist, so seien mir einige andeutende Worte hierüber gestattet. Daß es überhaupt eine Entwicklung in der organischen Welt gäbe, leugnen heutzutage nur mehr wenige, und kaum mit stichhaltigen Gründen; wie diese Entwicklung vor sich ging und wie weit sie sich erstreckt hat, ist eine noch ungelöste Frage. Daß die Erde während ihrer Entwicklung nicht immer von den heute lebenden Pflanzen und Thieren bevölkert war, daß diese vielmehr in den verschiedenen Epochen verschieden waren und von den ersten Epochen bis zur Jetztzeit von den niederen Gattungen zu den höheren allmählig aufgestiegen sind, dies sind geologische Thatsachen, die von niemand geleugnet werden können. Den Versuch, aus dem Umstände, daß die Art und Weise der Entwicklung noch nicht mit Bestimmtheit eruirt werden konnte, auf die Nichicxistenz dieser selbst schließen zu wollen, können wir ruhig aä acta. legen. Dagegen sagen die Gegner jeglicher Descendenz: allerdings hat bei Pflanzen und Thieren die Höhe einer Organisation mit dem Alter der Erde zugenommen, aber wir haben es hier nicht mit einer wirklichen, auf Grund eines natürlichen Gesetzes stattfindenden Entwicklung, nicht mit einem genetischen Zusammenhang der Organismen zu thun, wir dürfen nicht sagen: xosd Iioe, ergo xrvxtsr stoo, sondern Gott hat immer wieder, je nach den Forderungen der klimatischen Verhältnisse und dergleichen neue Pflanzen und Thiere erschaffen. Allein diese Behauptung hinkt auf beiden Füßen ganz bedeutend, sowohl auf dem naturwissenschaftlichen, als auch auf dem theologischen. Es ist in einer empirischen Wissenschaft unerhört, ohne zwingenden Grund auf die natürliche Erklärung einer sich darbietenden Erscheinung zu verzichten. Wenn eS schon in der Exegese als Grundsatz gilt, bei Erklärung der in der hl. Schrift erzählten Ereignisse solange an natürlichen Gründen und Ursachen festzuhalten, bis wir gezwungen sind, zum Wunder, zu einem außerordentlichen Eingreifen Gottes unsere Zuflucht zu nehmen, so muß es noch viel mehr in der Naturwissenschaft als oberster Grundsatz gelten, naturwissenschaftliche Thatsachen solange naturwissenschaftlich zu erklären, bis wir schlechterdings gezwungen sind, ein außerordentliches Eingreifen des Schöpfers anzunehmen. Der einzige zwingende Grund wäre aber hier, eine vorgefaßte Meinung. Man entgegnet uns: Die unzähligen Neuschöpfungen waren schon im Schöpfungs- plan aufgezeichnet und deßhalb kein außerordentliches Eingreifen Gottes. Allein gibt es dann überhaupt noch ein außerordentliches Eingreifen Gottes? Dann find eben alle Wunder schon von Ewigkeit her in den Schöpfungs- und Negierungsplan der Welt aufgenommen. Nicht minder schlecht bestellt scheint die theologische Begründung jener Theorie von der Erschaffung der einzelnen Species. Mit der Allmacht Gottes läßt sie sich schließlich vereinigen, aber wohl nur auf Grund einer sehr rohen Auffassung derselben. Denn für die Handlungen Gottes ist nicht seine Allmacht bestimmend, sondern seine unendliche Weisheit. Ob nun ein Werk, bei welchem Gott bei jeder Aenderung der äußeren Verhältnisse immer wieder neue Pflanzen und Thiere erschaffen mußte, weil die alten nichts mehr taugten, ob ein Werk, das so wenigem Stande war, sich aus den von Gott ihm eingepflanzten Gesetzen und Kräften zu der von Anfang an bestimmten Gestalt zu entwickeln, daß Gott unzählige Male eingreifen mußte, gerade besonders geeignet wäre, die Weisheit Gottes zu verkünden, dürfte doch mehr als fraglich sein. Die Idee der Einzel- schöpfung aller Species birgt eine gewisse Unvollkommen- heit in sich, die mit unseren Begriffen von der unendlichen Weisheit Gottes^ nicht recht vereinbar fein will. 284 Weiln wir überhaupt gewisse ausgestorbene Thierformen betrachten, bei denen, wie z. B. bei manchen Dinosauriern der Kreidezeit, die Nothwendigkeit des Aussterbens aus dem ganzen Bau hervorgeht, so sind uns solche Formen zwar erklärlich bei einer natürlichen, auch in Unzweck- mäßigkeiten und Degeneration ausartenden Entwicklung, die Theorie von der Einzelschöpfung der Species aber stempelt solche Formen zu nichts anderem als zu Irwus Del, wie einst in ähnlicher Weise im Mittelalter diese Thierreste als 1u8us nuturcrs angesehen wurden. Dagegen glaube ich, daß der Mensch aus den geschaffenen Dingen nicht leichter die unendliche Weisheit des Schöpfers erkennen kann, als wenn er all die Arten der Pflanzen und Thiere von den Tagen des Urmeers an bis zur Jetztzeit verfolgt und betrachtet, wie dies alles sich in geordneter Reihenfolge und doch in buntester Mannigfaltigkeit nach gcheimnißvollen, von Gott in die Natur gelegten Gesetzen entwickelt hat. Ja ich möchte behaupten, diese Entwicklung der organischen Welt von ihren Uranfängen an bis zu ihrer jetzigen Gestaltung nach natürlichen Gesetzen ist der evidenteste Beweis für einen allweisen und allmächtigen Schöpfer, der sicherste kosmo- logische Gottesbcweis, der uns zeigt, daß die Welt von einem denkenden, ordnenden Geist angelegt sein muß. Der Annahme einer gewissen Descendenz kann also weder die naturwissenschaftliche noch die theologische Berechtigung abgesprochen werden und wir dürfen und müssen sie deshalb bei Erklärung des Schöpfungsberichtes in Betracht ziehen. Wenn also die Pflanzen genetisch unter einander zusammenhängen, dann ist mit dem ersten pflanzlichen Organismus die ganze Pflanzenwelt geschaffen worden und eS ist klar, wie der biblische Bericht die Entstehung der pflanzlichen Organismen so scharf von derjenigen der thierischen trennen und in einen eigenen Schöpfungstag zusammenfassen konnte. Von diesem Standpunkt aus findet der Bericht des Moses in dieser Frage die einfachste, mit der Wissenschaft am besten harmonierende Erklärung. Der vierte Tag berichtet vorn Erscheinen der Sonne, des Mondes und der Sterne am Himmel. Nachdem der Urozean sich niedergeschlagen hatte, war die Erde anfangs noch von einer dichten Dunst- und Nebelhülle umgeben. Denn nicht alle Wasserdünste, welche den allmählig mit einer festen Kruste sich überziehenden Erdball umgaben, haben sich auf einmal zum Nrmeer niedergeschlagen. Die Erde war ferner noch wärmer, daher die Verdunstung der niedergeschlagenen Wassermassen eine ungleich größere, die Tendenz der Wasserdünste zum Niederschlag in Folge der gleichmäßigen Wärme eine ungleich geringere als heutzutage. Durch diese dichte Dnnstschichte konnte nun die Sonne nicht durchdrungen, nur ein ganz schwaches, die Existenz der niedersten Organismen bedingendes Dämmerlicht ruhte über dem Ozean und den sich erhebenden Kontinenten. Mit der Zeit aber schlug sich immer mehr Wasserdunst nieder, bis schließlich die Sonne ihr lebenspendendes Licht ungehindert über die Erde ausziehen und das Dunkel der Nacht vom Mond und den Gestirnen erhellt werden konnte. Moses hat allerdings diesen Tag zum Zwecke der Warnung der Juden vor Verehrung des Sonnengottes und anderer Lichtgottheiten so ausführlich dargestellt, derselbe ist aber nicht nur deßhalb in den biblischen Bericht aufgenommen worden. Denn jene Zeit, da das lebenerweckende Licht der Sonne zum ersten Male auf die Erde dringen konnte und so besonders für die phanerogamen Pflanzen und die höheren Thiere wohl eine der wichtigsten Existenzbedingungen brachte, diese Zeit war so wichtig, wie die Erschaffung der ersten Organismen selbst. Der fünfte Tag berichtet von der Erschaffung der Wasserthiere und der geflügelten Thiere, der sechste von den landbewohnenden. Fische fanden wir schon seit den filmischen Zeiten; überhaupt sind die Wasserthiere sicher vor den Landthieren erschienen. Wenn man die Zeit der größten Ausbreitung der hier in Betracht kommenden Thiere ins Auge faßt, so stimmt die von der Bibel angegebene Aufeinanderfolge mit der Paläontologischen überein. Die Wasserthiere sind seit den ältesten Zeiten des Kambriums bis zur Kreidezeit vorherrschend. Sie finden im Jura in den Plesiosauren und Ichthyosauren ihre mächtigste Ausdehnung; hier lassen sich auch die ersten Vogelreste nachweisen. In der darauffolgenden Kreidezeit werden landbewohnende Reptilien, nämlich die Dinosaurier, Mode, während in dem sich daran anknüpfenden Tertiär die landbewohnenden Säugethiere ihre Blüthezeit erreichen. Diese Reihenfolge wird nur dadurch scheinbar gestört, daß sich schon vor den ersten Vogelfunden in der Trias die ersten Säugethiere nachweisen lassen. Bei den äußerst spärlichen Vogelresten — woraus hervorgeht, daß die zur Erhaltung der Vogelskelette erforderlichen Bedingungen sehr ungünstige sind — wäre dies schon an sich belanglos und verliert jede Bedeutung, wenn man bedenkt, daß der fünfte Tag nicht bloß von den Vögeln, sondern überhaupt von den fliegenden Thieren berichtet. Insekten aber wurden schon im Silur nachgewiesen, also längst vor der Trias. Zuletzt erst erscheint der Mensch. Die Paläontologie lehrt dasselbe. Hier spricht die hl. Schrift deutlich von einem eigentlichen Schöpfungsakt. Dies war auch zu erwarten, denn jetzt tritt in die Natur ein anderes Princip ein: sie tritt in Verbindung mit dem Geistigen, mit einer unsterblichen Seele. Das hieraus hervorgehende Geschöpf ist nicht mehr identisch mit der bisherigen Schöpfung, denn in ihm ist ein Bindeglied geschaffen zwischen der körperlichen Natur und der geistigen Welt. Allerdings ist schon von gläubiger Seite behauptet worden, der biblische Bericht stehe der Annahme nicht im Wege, daß der menschliche Leib aus dem thierischen sich entwickelt habe und daß diesem Leibe dann durch einen schöpferischen Akt Gottes eine menschliche Seele eingehaucht worden sei. Aber abgesehen davon, daß eine sehr große Weitherzig- keit dazu gehört, um den biblischen Bericht damit nicht in Widerspruch zu finden, scheint es mir ganz undenkbar und widersinnig, daß einem schon bestehenden organischen Wesen ein neues, wesentlich anderes Lebensprincip mitgetheilt worden wäre. Aus demselben Grunde scheint auch der Uebergang eines pflanzlichen Organismus in einen noch so niedrigen thierischen unmöglich, mindestens äußerst unwahrscheinlich zu sein. Gegen die Abstammung des menschlichen Leibes vom thierischen sprechen übrigens auch gewichtige naturwissenschaftliche Gründe, deren nähere Darlegung aber zu weit führen würde. Lassen wir die einzelnen „Tage" nochmals kurz an uns vorbeiziehen: Am ersten Tag der gasförmig-glühende und feuer-flüssige Zustand der Erde; am zweiten Tag die Erstarrung der Oberfläche zu einer Erdrinde und der darauffolgende Niederschlag der Wassermassen, dieses Lebens- elementes für die ersten Organismen; am dritten Tage die beginnende Erhebung des trockenen Landes, einer Lebensbedingung für die meisten der kommenden höheren Organismen, dann die ersten, und zwar pflanzlichen 285 Organismen; am vierten Tag das die anfängliche Dunst» hülle durchbrechende Licht der Sonne, welches eine höhere Lebensentfaltung auf der Erde ermöglichte; am fünften Tage die ersten Wasserthiere und die geflügelten Thiere; am sechsten die landbewohnenden Thiere und zuletzt der Mensch. Wer kann da leugnen, daß tm Schöpfungsberichte gerade die wichtigsten Momente der Entwicklung und Bevölkerung der Erde angeführt sind, und zwar unter Einhaltung der richtigen Reihenfolge S Ein Literntnrbild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Führ. (Schluß.) 3. Bon jeher fand unter einem Culturvolke neben Lyrik und Epos auch das Drama eifrigste Pflege. „In keinem Lande, unter keinem Volke vermochte die Bühne vollständiger die eigentliche kulturhistorische Aufgabe zu erfüllen, als unter den Deutschen," so hat sich ein Gelehrter ausgesprochen. Stellen wir daneben eine Bühnen- charakteristik aus dem Jahre 1836, die folgendermaßen lautet: „In allen oder doch in den meisten unserer neuen Lustspiele weht kein anderer Odem, als der einer anekelnden Sinnlichkeit und Beschönigung des Lasters. Was ist der größere Theil unserer Lustspiele anders, als ein Unterricht für Mädchen, wie man den Geliebten überlistet, für die Töchter, wie sie die Mutter hinter's Licht führen sollen, für Söhne und Neffen, wie man dem Vater und Onkel Geld und Willen auszupft, und für die Gattinnen, wie man den Ehemännern den Argwohn lebendig ausschncidet?" So hat damals der Jude Saphir geschrieben; was müßte er heute von unsern Bühnen schreibend Die Bühne sollte die Zuschauer erheben zu allem Hohen und Edlen, dafür wird sie vielfach zum schalen Gemeinplatz des Lasters; Sinnenlust, Lüsternheit, oft Liederlichkeit sind die treuen Verbündeten der Bühne. Selbstverständlich ist hiemit auch schon genugsam angedeutet, daß Geisteskinder eines katholischen Dramatikers auf einer größeren Bühne das Lampenlicht noch nicht erblickt haben und es kaum in fernster Zukunft je erblicken werden. Diese trostlose Aussicht gerade ist'S, die alle Schaffenskraft auf dramatischem Plane kalholischer- seits erschlaffen läßt. Demgemäß sind hier, an dieser Stelle, nur wenige Namen zu verzeichnen, und mir demnach gestattet, mich kurz zu fassen. Der Jesuit Alexander Baumgartner, der seine umfassende Thätigkeit literaturgeschichtlichen Arbeiten widmet, hat sich im Drama versucht in „Calderon", das ein poesicvolles Festspiel ist. Berlichingen's Dramen werden Lesedramen bleiben. Einen guten Klang auf dem Gebiete des höheren Drama'S hat der Herausgeber der „Dichterstimmen" Leo Tepe van Heemstede. In den Dramen „Ma- thusala", „Arnold von Brescia" und in der Tragödie „Boleslaus" hat uns der Dichter prächtige Blüthen seiner reichen Begabung geboten. In „Boleslaus" zieht ein mächtiges Stück Geschichte an uns vorüber. In der tiefen Auffassung und künstlerischen Zeichnung der Charaktere ist Heemstede Grillparzer vergleichbar; Frauen- herzen weiß er nach Shakespeare zu bilden. Aus dem Französischen hat er das preisgekrönte Drama „Afrika" verdeutscht, das, angeregt durch ein Preisausschreiben des hochseligen Afrika-Apostels Cardinal Lavigerie, Professor Descamps geschaffen, und dem dafür der ausgesetzte Preis von 10,000 FcS. zuerkannt wurde. In verschiedenen Vereinen, die allein in rühriger Weise katholische Bühnendichtung lebendig machen, ist „Afrika" zur Aufführung gelangt bei stürmischem Beifall und durchschlagendem Erfolg. Die Besucher der diesjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands werden Gelegenheit bekommen, das Drama in Scene gehen zu sehen, denn so sei es, wie verlautet, vom Festausschuß in Dortmund geplant. Zu den geweihten Sängern, die für alles Hohe und Heilige erglühen, gehört der große Lyriker und Dramatiker Martin Greif (geb. 1839 zu Spcyer, lebt jetzt in München). „Die lebendige Anschaulichkeit hat seit Goethe wohl kein Poet mehr so getroffen und empfunden, wie Martin Greif," sagt der Recensent. Greif ist ein bayerisch-deutscher Dichter, ein echter Germane. Gegenwärtig wird eine Gesammtausgabe von Greif's Werken veranstaltet; zwei Bände find bereits an die Oeffentlichkeit gelangt. „Es wäre die Pflicht unserer deutschen Bühnen", fährt derselbe Recensent fort, „eine Ehrenpflicht vorab der bayerischen, einem so lange verkannten edlen Dichter wie Martin Greif endlich ausgiebige Genugthuung zu gewähren." In weiten Kreisen hat Sensation gemacht das dramatische Stück „Kaiser Maximilian von Mexiko". Der jugendliche Verfasser ist Ferdinand Wildermann aus Münster. Ein historisches Schauspiel von ihm ist „Der König der Wiedertäufer". Der junge begabte Dichter berechtigt zu großen Hoffnungen. Ein schönes Dichtertalent hat der Allgütige dem bayerischen Landsmann Hüttinger verliehen. Sein Erstlingswerk „Hans Dollinger" hat allenthalben günstige Aufnahme gefunden und anerkennende Besprechung sein Trauerspiel „Tasstlo II.", das namentlich ein bayerisches Herz hoch befriedigen muß. Mögen seiner Muse, die er in den Dienst der Religion, Sittlichkeit und Vaterlandsliebe gestellt hat, viele, recht viele Jahre beschicken sein! III. Winke für den katholischen Familienlesettsch. Das ist im engen Nahmen ein Bild von unserer zeitgenössischen katholischen Dichtung. Hienach ist der katholischen Literatur der Weg angebahnt, auf dem deutschen Parnaß den Platz zu erobern, der ihr gebührt. Nicht weniger als zweihundert katholische Dichtungen sind in den letzten zehn Jahren auf dem deutschen Bücherplan erschienen. Was die katholischen Dichter hindert, sich in literarischen Kreisen breit zu machen, das ist die Voreingenommenheit, mit der ihre Werke von nichtkatholischer Seite abgeurtheilt werden. Rudolf Gottschall stellt in der Vorrede zur fünften Auflage seines Werkes: „Die deutsche National-Literatur des neunzehnten Jahrhunderts" den löblichen Grundsatz auf: „Das Auslässen und Ueber- gehen von Autoren, die irgend ein Publikum haben, ist immer ein Akt kritischer Anmaßung, wenn es nicht eine Folge der Nachlässigkeit und Trägheit ist." Aber leider hat diesen Ausspruch niemand weniger zur Wahrheit gemacht, als der Urheber selbst. In dem angeführten Werke übergeht Gottschall „Dreizehnlinden" vollständig, wiewohl diese zur Zeit der Abfassung seiner Literaturgeschichte schon die siebzehnte Auflage zählten. Findet einmal eine katholische Dichtung in der Literaturgeschichte Aufnahme, so geschieht dies in den meisten Fällen mit einer Befangenheit, die deutlich durchblicken läßt, daß der fremde Kritiker wie der Blinde von der Farbe spricht. Derartige Verunglimpfung unserer besten Dichter, sollte uns gewaltig entrüsten und in Harnisch bringen. Aber weit gefehlt! Auf der letztjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu München mußte bittere Klage erhoben werden wegen zu lässiger Unterstützung unserer katholischen Literatur. Mit warmer Begeisterung hat damals (2. geschlossene Generalversammlung. 27. Aug.) Nector vr. Huppert zum Kreuzzuge für die katholische Literatur gepredigt. Die trefflichen und praktischen Vorschläge, die Dr. Huppert im Namen seiner Gesinnungsgenossen gegeben hat, verdienen wieder aufgefrischt zu werden. Da hieß es: Erstens: „Jeder katholische Mann und jede katholische Frau sollen . sämmtliche Unterhaltungslektüre in der Familie gewissenhaft überwachen und in erster Linie nur katholische Bücher und Zeitschriften anschaffen." Zweitens: „Die Vorsteher der katholischen Knaben- und Mädchen-Institute sowie die Neligionslshrer an höheren Lehranstalten sollen die ihnen anvertrauten Schüler und Schülerinnen über die katholische wie nicht- katholische Literatur eingehend belehren." Drittens: „Jeder Katholik soll innerhalb seines Kreises für die Verbreitung katholischer Literatur eintreten." Wenn Mann und Jüngling, Frau und Jungfrau, Univerfitütsstudent und Gymnasiast mit echt katholischer Hingebung und Treue an der Verbreitung der katholischen Literatur mitwirken, jedes in seiner Weise, dann ist uns Hoffnung gelassen, die katholische Literatur werde einen erstaunlichen Aufschwung nehmen, und dann ist ihr die Möglichkeit gegeben, einer wahren Blüthcperiode entgegenzugehen. Darum auf! „Alle Mann an Bord!" Die mächtige Kerntruppe dieses literarischen Kreuzzuges aber bilden die Geistlichen. Hören wir nur, was dem schon genannten Dr. Huppert ein Freund, der Laie ist, im Vertrauen sagte: „Wenn die Herren Geistlichen wüßten, wie dankbar in vielen Familien jeder Fingerzeig von ihnen nach eine« Buch oder einer Zeitschrift befolgt wird, würden sie weit mehr in dieser Richtung wirken und dadurch sich und anderen viel unangenehme Erfahrungen ersparen." Manch gefährliches Buch hält seinen Einzug selbst in ein gut katholisches Haus, „als ob wir gar nichts Gutes hätten". In häuslicher Musestunde vertändelt die junge Mutter im nardenduftigen Gemache ihre Zeit mit der leidenschaftschmeichelnden, weltschmerzsüßlichen und zerfahrenen Liebespoeste Heine's und seiner Schule, und läßt bewußt oder unbewußt auch ihr liebes Töchterlein vom Gifte naschen. Ein Mutterherz vor Zersetzung und Entsittlichung zu bewahren, die Engelscelc in einem schönen Kinde rein und ungetrübt dem Himmel zu erhalten — die leichtgeschürzte Valandinen-Mode aus dem christlichen Hause zu verbannen, wahrlich, das wäre ein erhabenes Apostolat für den Geistlichen, das er üben kann im Verkehre mit den Eltern und beim Unterrichte der Kinder, indem er angelegentlichst dafür Sorge trägt, daß gediegene Bücher und Zeitschriften auf den Familienlesetisch zu liegen kommen. „Man muß das Publikum mit der Nase auf die Bücher stoßen," pflegte der selige Janssen zu sagen. Dies gilt vornehmlich dem katholischen Publikum, was Unter- haltungslektüre anbelangt. „Alte und neue Welt" oder „Deutscher Hausschatz" sollte sich in jeder besseren katholischen Familie vorfinden, und last not laust die „Dichterstimmen der Gegenwart" sollten in jedem Falle nebenbei' noch aebalten werden, was der jährliche Abonnements- PreiS von nur 4 M. 50 Pf. recht leicht ermöglicht. Die „Dichterstimmen" bilden das poetische Organ für das katholische Deutschland in monatlichem Erscheinen; unter der fürtrefflichen und fachmännischen Leitung des berühmt gewordenen Dichters Leo Tepe van Heemstede haben sie die Kritik der Presse durchgehend sehr gut bestanden. Litcrarische Größen rühmen das anerkcnnenswerthe Streben deS katholischen Musenalmanachs, der mir dem nunmehrigen zehnten Jahrgange nun auch wohl die Feuertaufe erhalten haben wird. Ohne gerade selbst schriftstellerisch thätig oder gar Dichter zu sein, findet in den „Dichterstimmen" ein Jeder nach seinem Geschmack eine schöngeistige Auslese in gebundener und ungebundener Sprache. Durchaus nicht unscheinbar sind die einzelnen Hefte, zumal mit dem neuesten Jahrgang ihr Umfang sich verdoppelt, Inhalt und Form sich vervollkommnet hat. Darin findet der Leser, was am Ende für viele die Hauptsache, für alle aber gewiß ein literarischer Handweiser ist, einen kleinen Literaturkalender in jeder Nummer verzeichnet, der alle neuen dichterischen Werke, katholische wie nichtkatholifche, schöngeistiger Literatur genau angezeigt, dem einen das Wort redet, vor dem andern warnt. Die besten katholischen Dichter der Jetztzeit bis herab zum jüngsten Lauten- Wäger geben sich hier ein Stelldichein, um mit rein gestimmter Harfe zu singen von Frauentugend, Männer- würde, von Liebe und Vaterland. Wie wohl und erquickend ist es, diesen lieblichen Klängen im weltverlorenen Dichterhaine sein Ohr zu leihen, wenn ringsum in der wirr bewegten Gcisterströmung der Welt das Gezänke der Parteien und der wilde Lärm der hastigen Glücksjagd tobt! An der Hand der „Dichterstimmen" werden wir auch zur Ueberzeugung kommen, daß die katholische poetische Literatur keineswegs mehr das Aschenbrödel ist, das an der Pforte der großen Literatur vergeblich um Einlaß klopft. Lieder, Romanzen, Balladen und Kantaten, Hymnen und dramatische Bilder, fein erdachte Novellen, zauberumwobene Sagen heben uns aus dem Alltagsleben in freudige Sonntagsstimmung. Möge der frühlings- frische Morgen in der katholischen Poesie in unabsehbare Zukunft hinein Sonntag feiern zur Veredelung, zur Begeisterung deutscher Herzen! Möge er mit seinem lieblichen Festgeläute die Nacht trüben Weltschmerzes bannen, und viele, recht viele laden in den herrlichen Tempel frischgläubiger, lenzesfroher Poesie, aus der wie linder Frühlingsodem jenes hehre Ideal uns entgegenweht, daS der Seele Flügel leiht! Dieses Vertrauen beläßt uns die goldene Hoffnung auf Verwirklichung dessen, was der edle Geibel mit ahnendem Geiste von „Gründeutschland" sang: „Mag die Welt vom Einfach-Schönen Sich für kurze Zeit entwöhnen. Nicht gclingt'S ihr auf die Dauer Schnöder Unnatur zu srvhnen." „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Httnsjakob." 8t. Wir stehen in der allgemeinen Ferienzeit. Die Schulen, die Universität, die Gerichtssäle, sie alle sind geschlossen. Jeder, der an diesen Stätten gewirkt, sehnt sich hinaus in die freie Gottesnatur, uni Mühe und Widerwärtigkeiten zu vergessen und den alten Menschen durch die ewig junge Natur mit ihren irischen Wäldern und luftigen Höhen wiederum zu verjüngen und zu neuer Arbeit zu kräftigen. Doch Nicht an jedem Tage weist Gott dem Touristen, den er „in die. 287 weite Welt geschickt, seine Wunder," manchmal und Heuer leider allzuoft hüllt er sie ein in Nebel und Regen. Jeder, der oben im Gebirge schon regnerische Tage verlebte, weiß, wie sehr da oft der ganze Humor und alle Wanderlust zu schwinden droht. Darum versieht sich der vorsichtige Tourist gerne mit einer herzerfrischenden Reiselektüre. Zu diesem Zwecke eignen sich ganz vorzüglich für Jedermann die prächtigen Erzeugnisse der Muse des badischen Stadtpfarrers Dr. Heinrich HanSjakob. In manchem aber, der früher als frischer Student mit leichtem Gepäcke und sorglosem Herzen die schöne Ferienzeit über seiner Wanderlust folgte, schlägt das Wort Fericnreise nur mehr trübe Saiten an, denn es gibt für ihn keine Ferien mehr. Puter diese rechne ich nicht zuletzt den — Landpfarrer. Wie sehr wäre so einem Landpfarrer, der das ganze Jahr über in seinem oft recht armseligen Pfarrhause sitzt und jedes gebildeten "Umganges und geistig anregenden Verkehres entbehrt, wie sehr Wäre ihm eine Fericnreise zu gönnen! Doch woher einen Stellvertreter nehmen, da die geistliche Bebörde sich nicht darum kümmert? Wenn wenigstens die Bination von Seite der Nachbarpfarrer gestattet würde, so wäre leicht auch für den Land- chfarrer ein Urlaub von 2 bis 3 Wochen zu schaffen, allein dcr- üartige Aushilfe wird dermalen gar nicht mehr gestattet. Geistige Erholung und Auffrischung des G-müthslebeus ,«kraucht der Landpfarrer so gut, wie jeder andere; wiffenschaft- Pche und ascetijche Lectüre allein reichen nicht hin. „Von Vfarrherrn selber gingen dunkle Sagen, „Daß sie als Waldbrcvier dich bei sich tragen." sagt Scheffel im poetischen Vorwort zur 2. Auflage seines „Trompeters". Als ein solches Waldbrevier, als lieben Begleiter auf einsamen Wegen, als aufheiternde und belebende Pektüre für den stillen Pfarrhof, als thcilwciscn Ersatz für die schwer vermißte Fericnreise begrüßen wir freudig die Schriften Hansjakob's. Doch >hio nlxer ost, Iruno tn, Romane, caveto«, denkt Vielleicht da ein Nicht-Geistlicher. Erschrick nicht; Hansjakob's Schriften, obschon zum größten Theile im Dorspfarrhofe Hagnau Nm Bodensee geschrieben, riechen nicht nach „finsterem Pfarr- hose" und „schwarzer Couleur"; jeder, wess' Standes und Behufes. welcher religiösen oder politischen Anschauung auch immer er sei, und nicht zuletzt der Mann aus dem Volke wird seine helle Freude an diesen Schriften haben, wofern er nur das (Gefühl für echte Volkspocsie, — wenn auch in ungebundener Sprache, — und für lebenSwarme, kernige Lektüre in sich trägt. Der Genuß des Lesers wird nicht gestört, auch wenn er gerade dieser oder jener Anschauung HauSjakob'S nicht zustimmen kann. ^diesbezüglich schreibt ein Recensent im (Protestant.) „Kireben- Freund" (Basel): „Ich ziehe Hansjakob Rosegger und ähnlichen weit vor. Zwar ist in seinem Wesen vieles, was einem tvidcrstrebt, katholischer Geistlicher u. f. w. u. f. w. kommt auch in seine» Schriften eine oft seltsame Mischung von hübschen Gedanken, originellen Ideen, feinen Beobachtungen und zweifelhaften Einfällen heraus, ich lese sie meistens unter heftigem ALidcrspruch, aber leidenschaftlich gern." Es ist überhaupt eine äußerst seltene und bei den Schriften eines kathol. Geistlichen wohl noch nie dagewesene Erscheinung, daß politisch und religiös Gleich-, wie Andersgesinnte ini Lobe übereinstimmen. Der „Badische Beobachter", erstes Centrumsblatt Badens, das ,-Deutsche Volksblatt", führendes Ceutrumsorgan Württembergs, die „Kölnische Volkszeitunz", die „Niederrhcin. Volkszeitung", ^Schlestsche VolkSzeitung", „Freie Stimme" u. a., so gut wie die liberalen Journale: „Schwäbischer Merkur", „Karlsruher Zeitung", „Skraßburger Post", die demokratische „Frankfurter Zeitung" u. a., dann die Zeitschriften und Litcraturblätter: -jLitcrarischer Handweiser" Münster 1896 Sir. 631/632, die „Kath. Warte", die „Akademischen Monatsblätter", „Schweizer literar. Monatsrundschau", „Internationale Literaturberichte", „Deutsche Revue" Stuttgart, Fcbr. 1896, „Jllustrirte Zeitung" Leipzig 1895 Sir. 2739, „Universum" Drcöden 1896 11. Heft, „DaS Land" Berlin 1896 Nr. 8 u. a. überhäuften Hansjakob'S Schriften mit den höchsten Lobsprüchcu. Was ist es denn nun, das Hansjakob's Werke so anziehend macht? Der Verfasser schöpft nicht auS vergilbten, staubigen Folianten der Bibliotheken, obgleich er zur rechten Zeit auch interessante geschichtliche Details einstießen läßt, er betritt nicht die ausgetretenen Pfade der Roman- und Novellenschriftsteller, alles an ihm ist durchaus originell. Der Born, aus dem er schöpft, ist theils das eigene Leben, zum größten Theil aber das Leben des kernigen, von keiner Uebercultur beleckten und verdorbenen Volkes aus dem badischen Schwarzwald. wie es noch in der jüngsten Vergangenheit war. Hansjakob ist der Sohn dicsiö Volkes, auö seinem eigensten Blute enMoffey pulsirt in ihm das Leben dieses Volkes mit seinen Tugenden und, wie er selbst gesteht, auch Schwächen. Von Jugend auf hat er mit diesem Volke gelebt und gefühlt, und als gereifter Mann bis in die Gegenwart herein seine Musestunden bei ihm verbracht; bis in ihr Innerstes hinein hat er mit einer nur ihm eigenen Schärfe die Volksseele belauscht. Daher erklärt sich die Natürlichkeit und Originalität, die wahre Poesie und ganze Ge- fühlstiefe, das urwüchsige Leben und die hcrzerfreuende Frische in diesen Schriften. Sie find ein werthvoller Beitrag zur „Culturgeschichtc eines zwar kleinen, aber interessanten Gebietes des deutschen Vaterlandes" und in dieser Beziehung von bleibendem Werthe; ja der Werth und die Bedeutung solch kerniger Volksgestalten, schriftlich fixirt, wird sich stets erhöhen, je ärmer allenthalben durch den sogen. Culturfortschritt auch das gewöhnliche Volk an derartigen Volkstypen wird. Zu diesem hohen Vorzüge kommt hinzu die große Unbefangenheit und Offenherzigkeit, die Aufrichtigkeit und manchmal etwas derbe Geradheit des Verfassers, die ihn offen hcraus- plaudern läßt, was andere verhüllen. Mit Recht hat man ihn in dieser Beziehung mit Abraham a Santa Clara verglichen. Ueberall hat der Leser den Eindruck der strengsten subjectiven Wahrheit und Wahrhaftigkeit, da wird nichts vertuscht oder beschönigt, weder nach oben noch nach unten werden Complimcnte gemacht. Was Hansjakob nach einem interessanten Zusammentreffen mit dem geistvollen Satyriker Sebastian Brunncr in Wien von diesem als Schriftsteller rühmte, gilt auch ganz von ihm selbst: „S. Brunncr gehört zu den immer rarer werdenden Männern, die ,von der Leber weg' reden und in allem das ,Kind beim rechten Namen' nennen, ob dieser Name gefällt oder mißfällt, beliebt macht oder nicht. Es gibt in unseren Tagen immer mehr Zuckerwassermenschcn und Simsentänzer in allen Ständen, so daß cS einem ordentlich wohl thut, neben diesen Legionen auch wieder ganze Männer zu finden, Männer, die nur darnach streben, die Wahrheit zu sagen, die ganze volle Wahrheit, Männer, die, wie Seb. Brunncr einmal so schön sagt, mit dem Schwerte und nicht mit dem Zopfe dreinschlazen." (Dürre Blätter II. Bd. 272.) Ja, das gerade ist es, was uns an HanSjakob so wohl gefällt, und was ihn über Tausende von Schriftstellern und Skribenten so unendlich hoch erhebt, daß er nirgends zu schmeicheln und auf sein eigenes Interesse Rücksicht zu nehmen sucht, sondern frei und frank „von der Leber weg" redet. Wißt ihr selber nichts zu reden. Nun, so laßt doch andre sprechen, Denn der Muth dünkt nur der Feigheit Ein zu strafendes Verbrechen. (Seb. Brunncr.) Für die Darstellung des aus dem Volksleben gegriffener Stoffes kann eS nur von Vortheil sein, daß Hansjakob absticht- lich in der Form allen gelehrten und künstlichen Apparat vermeidet und verschmäht; einfach und schlicht, wie die unverfälschte Denk- und Redeart des Volkes, ist seine Diktion. „Wie ein alter, einsamer Bergfink, auf einem stillen Tanuenas sitzend, sein Lied componirt und singt, wie es ihm aus der Kehl- dringt, ohne sich zu kümmern, ob es der Harnwnielehrc odc: dem Contrapunkt entspricht, so erzähle ich meine .Geschichten'.' (Leutnant v. HaSle.) Man hat eö ihm von Seite der Recensenten zum Vorwürfe gemacht (okr. „Daucrnblut" Vorwort), daß er „schlecht componire und allerlei untereinander erzähle". Mit vollem Rechte cntgegnet Hansjakob: „Haben denn dieß Herren noch nie einen Mann aus dem Volke erzählen Hörens Der nimmt, wenn ihm im Anschluß an das, was er erzählt, eine andere Person in dem Sinn kommt, auch diese vor und erzählt zwischen hinein auch von ihr. So erzählt der Bauer.... so erzähle auch ich. Und paßt diese Art nicht gerade für Geschichten aus dem Volke? Muß denn alles erzählt werden, wie cs in den Büchern über Grammatik und Rhetorik in Schulen gelehrt wird. Ich will nichts wissen, nicht einmal, wenn ich predige, von der grauen Theorie, sondern gehe überall dem Leben und der Praxis nach." Die hauptsächlich hier in Betracht gezogenen SLriften Hansjakob's erscheinen im Verlage von Georg Weiß in Heidelberg, die Ausstattung sowie die eigenen Eiubauddecken sind geschmackvoll. Von einigen Werken: „Aus meiner Jugendzeit", „AuS meiner Studienzeit", „Dürre Blätter", „Schneebällen", „Wilde Kirschen" erscheint gegenwärtig eine Volksausgabe in circa 50 Lieferungen » 30 Ps. So viel im Allgemeinen. Zur Würdigung wenigsten einzelner Werke Hansjakob's übergehend, wird cS uns schwer, aus der Fülle des Schönen das Schönste hervorzuheben. (Fortsetzung folM Recensionen und Notizen. DaS Lied der drei Jünglinge (Dan. 3, 56—88). Dargelegt nach seiner kanonischen Geltung, seinem Inhalt und seiner liturgischen Bedeutung v. Karl Lä in Hierin eher. kgl. Gymn.-Professor. Ncgensburg, Nationale VcrlagSanstalt (Mauz). Approb. 102 S. M. 1.00. Das ist eine ganz solide und tüchtige Arbeit, welche wir mit hohem Gennße durchgeblättert haben. Weit entfernt, nur daS Resultat religiösen Empfindens zu sein. beruht diese Erklärung des -Lsneclioito- auf fester wissenschaftlicher Grundlage, und verräth schon der erste Theil des WerkchenS den gründlichen Kenner des historisch-exegetischen Materials. Bei der Erklärung der einzelnen Verse finden wir eine Summe von großen und tiefen Gedanken aufgespeichert, deren Bedeutung weit hinausgeht über den Werth einer augenblicklichen an- muthigen Gefühlserhebung. Die von gläubigem Geiste durchleuchteten Resultate der Naiurwissenschaft, sowie die dogmatisch und historisch begründeten Bestimmungen theologischer Ausdrücke geben der Erklärung der einzelnen Verse zugleich Kraft und Weihe. Was die liturgische Verwerthung betrifft, so ist nur auf die Verwendung des Liedes bei den I-anäes der Sonn- uns Festtage Rücksicht genommen und vermißt man die Deutung ded Lobgesanges zum Zweck des priesterlichen Dankgcbetcs nach der Celebration der HI. Messe. Das könnte als ein Mangel, als ein pinirr äesiäerinw für eine zweite Auflage angesehen werden. Allein wir glauben, daß das bereits Gebotene, mit Geist und Herz erfaßt, an sich schon reichen und überreichen Stoff für die Danksagung deS Opferpriestcrö bietet. Gerade der dritte Theil — Verwendung des Loneäicito an Sonn- und Festtagen — bringt so Schönes über die Wechselwirkungen von Natur- und Gnadenlcben und über die Verklärung der Geschöpfe, daß ein frommes und denkendes Gemütb gar leicht die Beziehungen finden wird, die zwischen dem hl. Opfer uuv dem Canticum bestehen, um die Harfe deS Herzens zum vollen Tönen zu bringen. Kein Priester wird es bereuen, sich dieses Werkchen angeschafft zu haben, denn keiner wird es ohne reiche und tiefe Anregung aus der Hand legen. Dem Verfasser aber ein „Glück auf!" sür weitere ähnliche Studien! Augsburg. Max Steigenberger. Das Leben Jesu nach den 4 Evangelien dargestellt von Dr. Joseph Grimm. II. Band: Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu 1. Band, 2. Auflage, Regcnsburg, Pustet 1893, Seiten 747; III. Band des ganzen Werkes: Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu 2. Band, 2. Auflage, Regensburg, Pustet 1895, Seiten 655. Geschichte des Leidens Jesu nach den 4 Evangelien 1. Band, des ganzen Werkes 6. Band. Regensburg, Puffet 1894, Seiten 671. — Es ist zwar an „Leben Jesu" kein Mangel: Schcgg und Sepp in Deutschland, Fornari in Italien, Le Camus in Frankreich, Coleridge in England haben die Geschichte Jesu zum Gegenstand ihrer Studien gemacht und uns mit mehr oder weniger gehaltvollen Arbeiten hierüber beschenkt. Die Palme unter den Leben Jesu gebührt jedenfalls dem Leben Jesu des leider zu früh Heimgegangenen Gelehrten Joseph Grimm. Bis jetzt sind 6 Bände erschienen, bei der Vcrurtheilung Jesu zum Kreuzestod bricht das Werk ab. Wie man Hort, war jedoch der Schlußband beim Tode deS Verfassers soweit gediehen, daß das Werk nicht ein Torso bleiben muß. Der 1. und 2. Band (2. und 3. Band deö ganzen Werkes) haben bereits eine 2. Auflage erlebt und sind vom Verfasser durchgesehen und verbessert worden. Keppler rühmt an Grimm: exegetische Genauigkeit. gemüthstiefcs Eingehen in den Text der Schrist und contemplative Versenkung in die hl. Geheimnisse. Lst gnos laustes aststistisss aliguist, stseerpisse est. (Llaximus bom. 59.) Zum Schlüsse noch die Bemerkung, daß sämmtliche deutsche „Leben Jesu", welche von katholischer Seite verfaßt wurden, auf bayrischem Boden entstanden. Familie Lngmüller. Erzählung von Arth. Achleitrier. Dessau, Dünnhaupt, 1896. 8°. 162 S. M. 2. L/Z Eine tiesergrcifende Geschichte, wie sie im Leben nicht so ganz unmöglich ist. Allein der Dichter, der sie ersann, hat es bei einer einfachen Erzählung nicht bewenden lassen. Er legte es mit Anwendung gewaltsamer Scenen und effecthascher- ischer Motive darauf an, eine aufdringliche Tendenzschrift gegen „GcschäftSkatholiziSmus", Auswüchse des Wahlfahrten- Wesens, Härten des HcimatbSrechtes und was er sonst noch auf dem Herzen hat, bis zur äußersten Spitze durchzuarbeiten. Das ist ihm allerdings gelungen, freilich mit schwerer Versündigung an der Wahrheit und an der Kunst. Die Erzählung könnte ganz passend in der „Gartenlaube" der Sicbzigerjahre gestanden haben. In den guten Klang, den im allgemeinen sonst der Name deS Autors durch seine „G'schichtcln" auch in katholischen Kreisen besitzt, bringt die „Familie Lugmüller" einen bösen Mißten. Wiederum liegt mit dem soeben erschienenen 12. Hefte von „Alte und Neue Welt" ein Jahrgang (30.) abgeschlossen vor uns, und wir müssen gestehen, daß er vom ersten bis zum letzten Heft in Text und Bildcrschmuck geradezu musterhaft und unübertroffen dasteht. Das letzte Heft schließt den stattlichen Band von 768 Seiten mit 476 Kunstblättern und Illustrationen würdig ab. In diesem einen Jahre brachte die Zeitschrift nicht weniger als 38 große Romane, Novellen, Dorf- geichfchtcn und Humoresken; 7 große, reich illustrirte Reise« bcschrcibungen und Schilderungen aus der Länder- und Völkerkunde. 55 populäre Aufsätze aus den verschiedensten Wissensgebieten und viele kleinere und größere sonstige Artikel, Gedichte, Plaudereien u. s. w. Das 12. Heft zeichnet sich durch drei besonders fesselnde erzählende Beiträge aus. Die meisten Artikel sind illustrirt. Der übrige Bildschmuck ist reich und musterhaft. Möchte die „Alte unv Neue Welt" mit dem neuen Jahrgang doch in recht vielen Familien Eingang finden. Ein Versuch wird niemanden gereuen. Für 50 Pieunig mehr zu bieten, ist unmöglich. Die christliche Jungfrau in ihrem Tngcndschmucke. Von ?. Mathias von BremsÄcid, Priester aus dem Kapnzinerorden. Mit kirchlicher Approbation. Dritte Auflage. Mainz. 1894. Fr. Kirchheim. 6. (103 S.) in Leinwand qcbd. 60 Pf. Ein goldenes Büchlein, dessen Lehren and dem Leben geschöpft sind und von einem sür den Tugendschmnck der Jungfrau begeisterten Herzen kommen und deßhalb wieder den Weg zum Herzen finden. „Nimm und licö!" möchte ich jeder christlichen Jnügsrau zurufen, „und du wirst es nicht ohne großen Nutzen thun." In dem Verlage von Franz Kirchheim in Mainz gelangen demnächst zwei bedeutende Werke zur Ausgabe. Bei dem Interesse, das durch die bekannten Wirren in Klein-Asicn für Armenien erweckt ist, wird das neue Werk: „Vom Kaukasus zum Persischen Meerbusen durch Armenien, Kurdistan und Mesopotanicn" von Dr.Paul Müller-SimoniS, voraussichtlich mit großem Beifall begrüßt werden, zumal bis jetzt über jene Gegenden in deutscher Sprache ein ähnliches Werk nicht vorliegt. Der Bearbeiter hat eine Uebersicht über die orientalischen Kirchen und die armenischen Gräucl bis auf die neueste Zeit beigegcben. DaS Werk wird mit gegen 100 Text-Illustrationen, einer Heliogravüre, sechs Lichtdrnckvilocrn (durchweg Oriqinalaufnahmcn des- Verfassers) und einer Karte in elegantem Original-Einband gegen 10 Mk. kosten. Der hochinteressante Inhalt und die splendide typographische Ausstattung werden das Werk namentlich auch zum Geschcnkwerk eignen. — Ein anderes gleichfalls künstlerisch, überhaupt prächtig auSgestatlets, illustrirteS Werk desselben Verlags, das Mitte September zur Ausgabe gelangen soll. betitelt sich: „Westlich! oder Reise nach dem fernen Westen Nordamerikas". (In reichem Original-Einband ca. 7 Mark. — Der Verfasser Dr. Otto Zardctti, Titnlar-Erzbischof von Mozissus, zuletzt Erzbischof in Bukarest (ein Deutsch-Schweizer), war wie kaum ein Anderer zur Abfassung dieses Buckes berufen, da er jahrelang als Professor, dann als Bischof von St. Cloud in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gewirkt hat. Das Werk bringt ohne selbstverständlich seinem eigentlichen Zwecke, der Schilderung von Land und Leute untreu zu werden, interessante Streiflichter auf die kirchlichen und religiösen Verhältnisse Nordamerikas. Besonders wird auch den Leser der brillante Stil des Verfassers fesseln. Nach Vollendung der beiden Werke werden wir eingehend daraus zurückkommen. Berichtigung. In dem Artikel über Bischof Markwart (Nr. 34 S. 274 Zeile 17 v. u.) muß es heißen: „er hielt wohl auf geistliche Corrcctheit, aber sein Maßstab war daS kanonische Recht." Verqntw. Redacteur: Ad. Hggö in BuMnrg. — Hruck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabhcrr in Augsburg. ttn. 37. Wage M Dlgsöurger Weitung, u. E Die Lehmn'sche Weissagung und ihr alter Vertheidiger Wilhelm Meinhold. Von Dr. Franz Kampers. Dem Uebereifer der Gegner der „Echtheit" des Lehnin'schen VaticiniumS ist es zuzuschreiben, daß die, man dars schon sagen, leidige Frage immer wieder zur Debatte gestellt wird. Schon Max Nuge (Bemerkungen zu dem Vntieiiiimii I^stinnsnso. Progr. des Berlin. Gymn. z. grauen Kloster. 1889.) geißelte diesen Uebereifer, der haltlose Hypothesen über den muthmaßlichen Autor und über die Abfassungszeit der Fälschung zu begründen suchte und dadurch den Freunden des Vati- ciniums Wasser auf ihre Mühle lieferte. Von einem einzigen Gesichtspunkte aus kann das immerhin durch seine Geschichte interessante Schriftstück allein richtig gewürdigt und ganz verstanden werden, nämlich von dem der quellenkritischcn Analyse. Nur im Rahmen der übrigen mittelalterlichen apokryphen Verheißungen von dem großen Wcltmonarchen und dem heiligen Papste der Endzeit lösen sich überraschend einfach die Räthsel, welche die Weissagung stellt. Darüber gedenke ich mich demnächst in selbststündiger Monographie zu verbreiten; hier genüge ein Hinweis daraus, wie schwach der alte, nunmehr wiedererstandene*) Kämpe für die „Echtheit" des I^lminönsö, Wilhelm Meinhold, seinen Beweis stützt. Der größte Theil seines jetzt in 2. Auflage vorliegenden Buches bietet eine Apologie der Weissagungen überhaupt; nur 35 Seiten befassen sich mit der Frage der „Echtheit" — von der nachfolgenden Erklärung der einzelnen Verse, welche zumal in ihrer Schlußpartie als reines Phantaficprodukt gerade geeignet ist, den ernsten Leser von der „Unechtheit" der nicht mehr ein- getroffenen Weissagung zu überzeugen, kann hier abgesehen werden. Gleich zu Anfang des Kapitels über das Alter der Lehnin'schen Prophetie hat Meinhold eine arge Textentstellung der 1. Auflage berichtigt. Ursprünglich sagte er: „Im Jahre 1722 ließ Schulz die Weissagung in seinem ,gelahrten Preußen' abdrucken und erzählt II, S. 289: sie sei aus dem Mannscript des verstorbenen Bürgermeisters von der Linde in Danzig genommen, dem ein vornehmer Freund in Berlin einst die Erlaubniß gegeben, das in Lehnin aufgefundene Original zu copiren." Faktisch steht aber an der citirten Stelle (vergl. Nuge a. a. O. S. 22): „Von diesem großmächtigen Hause soll in Lehnin eine Prophezeyung sein gefunden worden, welche mir, da ich in Berlin ge- lebet, ein vornehmer Freund abschreiben lassen. Ich will dieselbe aus dem Msc., welches nach meinem Wissen bisher nicht gedruckt gewesen, dem geneigten Leser mittheilen." Von dem Bürgermeister und von dem Original kein Wort! Jetzt ist (vom Herausgeber?) die Stelle ziemlich correct angemerkt; nur wird aus „vornehmer Freund" „von hoher Hand" gemacht. Verfasser wendet sich darnach der Behauptung der Gegner zu, daß vor 1692 der Weissagung nirgendwo Erwähnung gethan wird, und zieht als Hauptstütze eine angeblich im Jahre 1620 gedruckte Prophezeiung eines Hainno Flörcken heran, in welcher Stellen aus *) Die Lchnin'iche Weissagung gegen alle,, auch die neuesten Einwürfe vertheidigt, zum erstenmal metrisch übersetzt und comlncutirt von Wilhelm Meinhold. Ilus'ö neue herausgegeben von Paul Majunke. Negensburg, Nationale BerlagS- anstalt. 1896. einer Lehnin'schen Weissagung aufgeführt werden. Dieser Druck ist aber nicht aufzutreiben, ja nicht einmal irgendwo in den bibliographischen Hilfsmitteln vermerkt; dazu stimmen die Sätze, welche mitgetheilt werden, absolut nicht mit dem Inhalt unserer metrischen Prophetie. Die Druckschrift beweist demnach — ihre Echtheit, die ich nicht für unmöglich halte, vorausgesetzt — nur, daß in Lehnin eine einem Mönche Hermann zugeschriebene Weissagung umlief, die aber mit der unsrigen gar nichts zu thun hat; darüber helfen alle Jnterpretationsversuche nicht weg. Selbst wenn eine Nachricht von unserem metrischen Vaticinium existirte, so könnte diese die Annahme späterer Erweiterungen nicht eo ipso beseitigen. Uebrigens ist die Sebaldusprophetie nicht, wie Meinhold annimmt, als Quelle Flörckens anzusehen; abgesehen davon, daß sie mit Carions Weissagung sich noch viel enger als äußerlich verwandt darstellt, läßt sich in ihr eine in das dreizehnte Jahrhundert hinaufreichende Friedrichprophetie nachweisen, die uns zu ganz entgegengesetzten Schlüssen bezüglich des I-estiünönss nöthigen wird. Warum verschweigt übrigens der Herausgeber, daß der überhaupt nicht genannte Hilgenfeld noch eine dritte Lehnin'schc Weissagung citirt, die ebenfalls als Frucht joachimitischer Spekulationen unser Interesse verdient? Die Angabe über Oelvens weiterhin erwähntes Prognostikon, daß ein Hohenzoller Kaiser werden würde, und über seine Aufforderung an das deutsche Volk zur entsprechenden That, „damit das 200jährige Vaticinium in Erfüllung gehe," kaun ich leider momentan nicht controlliren; nach Hilgenfclds Bemerkungen darüber muß ich aber annehmen, daß diese Notiz mit der Lehnin'schen Weissagung gar nichts zu thun hat. Meine Annahme geht dahin, daß Oelven sich hier nur auf die vielleicht auf Mclanchthons Freund, Canon, zurückgehende Pro- phetic bezicht, die auch Lcutinger kannte, nach welcher ein Brandenburgischer Kurfürst seine Hand nach dem Kaiserdiadem ausstrecken würde. Recht unglücklich ist weiterhin die Stütze des Beweises gewählt, daß bereits im Jahre 1599 im Kloster Benediktbeuern eine Travestie unserer Prophetie verfaßt sei. Die Angaben hierüber entbehren jeder Zuverlässigkeit und haben schon deßhalb keine Beweiskraft. Die Stütze bricht aber in sich selbst zusammen, wenn man bedenkt, daß die Travestie sich auf Ereignisse um die Wende dieses Jahrhunderts bezieht; also auch diese Travestie vom Jahre 1599 müßte demnach von Gott iuspirirt sein! Daß es im 13. und 14. Jahrhundert in Lehnin Mönche des Namens Hermann gab, steht fest, aber der von Meinhold als muthmaßlicher Verfasser angeführte Mönch hat urkundlich nachweisbar nicht Hermann, sondern Heinrich geheißen. Die noch verbleibenden allzu windigen weiteren Argumente für die Echtheit hat mein die Echtheit vertheidigender Vorgänger in diesen Blättern (Beil. 1895 Nr. 40 sf.) bereits zurückgewiesen, auf dessen sachliche Ausführungen hier verwiesen sein möge; nur eines möchte ich noch hier berühren. Wenn der Jencnser Katalog der Lchniner Bibliothek auch ein nproZuostiooli tuturi 86Luü" anmerkt, so beweist das nichts für die „Echtheit". Einmal wäre es geradezu auffällig, wenn eine Bibliothek eines Cistercicnserklosters nicht derartige Verheißungen enthalten hätte; denn gerade dieser Orden hat diese apokryphe Literatur überaus gepflegt und verbleitet, nyd jeder Kenner der Mittel» 280 alterlichen Prophctie wird aus einer solchen Notiz keine Rückschlüsse auf unser Vaticininm machen. Sodann aber, glaubt denn der Herausgeber wirklich, daß die Lehniner Mönche aus einer so bestimmt stets eintreffenden Weissagung kein Kapital geschlagen hätten, daß sie unbekannt geblieben wäre? Ziehen wir das Facit, so ergibt sich mit absoluter Sicherheit, daß die Existenz unserer Weissagung vor den letzten Dezennien des 17. Jahrhunderts nicht nachweisbar ist. Dieses Moment füllt um so schwerer in'S Gewicht, wenn man berücksichtigt, mit welcher Leichtigkeit sich im Mittelalter apokryphe Weissagungen verbreiteten und mit welcher Zähigkeit sie festgehalten wurden. Das Vati- cinium ist wie die fast gleichzeitige Weissagung des Bartholomäus Holzhäuser — daS wird die Quellenkritik ergeben — eine späte Frucht der spiritualistischen Lehre des Abtes Joachim von Fiore und seiner Schule. Die Kirche zum heiligen Geist in München. Von Franz Jacob Schinitt, Architekt in München. Karl der Große ließ sein Münster in Aachen als gewölbte Achtecks-Basilika mit einem löeckigen Umgänge - - Ausführung bringen, ebenso befahl Kaiser Ludwig Lcr Bayer um 1327 den Neubau der Heiliggeist-Kirche in München mit einem gewölbten Chorhaupte herzustellen, der Mittelraum desselben sollte mit fünf Seiten des regelmäßigen Achteckes und der Umgang mit neun Seiten des Sechzchneckcs geschlossen werden. In unserem Aufsätze der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 352 vom 20. Dezember 1895 über den 12eckigen Centralbau der Sanct Marienkirche zu Ettal wurde die Vorliebe Kaiser Ludwigs des Bayern für eigenartige Architektur nachzuweisen versucht, durch die Münchener Heiliggeist-Kirche möge das Bild vervollständigt werden. Den Ausführungen des Herrn Stadtpfarrers Adalbert Huhn in seiner verdienstvollen, 1891 erschienenen »Geschichte des Spitales, der Kirche und der Pfarrei zum heiligen Geist in München" pflichten wir namentlich darin bei, daß die im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts durch den Orden der Bruder vom heiligen. Geiste beim Hospitale errichtete einfache Kirche während des großen Stadtbrandes 1327 unterging und einen vollständigen Neubau nothwendig machte. Das nunmehr aufgestellte Bauprogramm verlangte eine Hallenkirche mit Chorumgang und nach innen gezogene Strebepfeiler, um dadurch architektonisch i sixirte Plätze für das Aufstellen der Altäre des Gotteshauses Zu gewinnen, also der ganz gleiche Gesichtspunkt, wie beim kaiserlichen Bauprogramme der Bcnediktiner- Abieikirche zu Sanct Maria in Ettal. Erinnert man sich, daß die damals in Freising, Salzburg, Negensburg, Passau, Eichstätt, Bamberg und Würzburg bestandenen Episkopal-Kirchcn nur einschiffige Choranlagen besaßen, o steigert dies die künstlerische That, welche Heiliggeist ,n München vom Jahre 1327 ab verwirklicht hat, noch sehr bedeutend. — Das Königliche National-Museum in München besitzt ein von Jacob Sandtuer gefertigtes Stadtmodcll von 1572, und da sieht man Heiliggeist als drcischissige Hallenkirche mit Chorumgang derart dargestellt, daß dem Mittelschiffe ein steiles Satteldach und eine ringsum laufende Dachtraufe gegeben war, während die Abseiten mit ihren steilen Pultdächern bis zu dieser Dachtraufe hinauf steigen; somit bleibt, ganz wie bei der Frauenkirche Münchens, nur ein schmaler Mauerstreifen vom Hochschiffe sichtbar. Diese Construktion der Heilig- geist-Kirche erklärt sich einfach aus dem bei den Dach- uugen zur Verwendung gekommenen Zicgelmateriale und muß beim Stande der Technik im vierzehnten Jahrhunderte als rationell anerkannt werden. Dem Con- strukteur des Werkes ergaben sich hierbei ganz von selbst Zwei Kämpferhöhen, der untere Kämpfer für die Abseiten- Scheidcbogen und Gewölbe, dann der ungefähr zwei Meter höher befindliche obere Kämpfer für die Gewölbe des Mittelschiffes. Diese zwei Kämpfer bei Hallenkirchen sind nichts Seltenes, und möge hier nur an die Stiftskirche in Stuttgart, an den Sanct Stefans-Dom in Wien und die von 1425 — 1439 erbaute Liebfrauenkirche in Jngolstadt erinnert werden. Die älteste bekannte Hallenkirche in den deutschen Ländern südlich der Donau ist die dreischisfigc Sanct Peters-Pfarrkirche spätromanischen Stiles in Augsburg, während der gothische Stil als erste Werke die von Kaiser Ludwig dem Bayern errichtete Marienkirche in Eital und die gleichzeitig in München von ihm erbaute Heilig- geist-Kirche brachte. Ettal ist eine symmetrisch zwei- schisfige Zwölfccks-Hallenkirche, das Münchener Gotteshaus eine dreischiffige Langhaus-Anlage, und zwar genau in der heiligen Linie von West nach Ost ausgeführt. Der in den Jahren 1724—1730 bewirkte Umbau der Heiliggeist» Kirche hat leider so übercuis gründlich mit den mittelalterlichen Kunstformen aufgeräumt, daß wir diese heute nur noch aus dem unverändert gebliebenen Grundplane und den Hauptdispositionen des Ganzen zu erkennen vermögen. Unter Betastung der sämmtlichen äußeren Strebepfeiler von siebenzig Centimeter Breite bei fünfzig Centi- meter Tiefe, der Mittelschiffbreite von 8,40 Meter in den Pfeilerachsen gemessen und der lichten Langhausbreite von 20,80 Meter bestand die hauptsächlichste Veränderung darin, daß man den unteren Kämpfer der Abseiten aufhob, die auf Hausteinrippen hergestellten Kreuzgewölbe der Seitenschiffe einschlug und die heute noch vorhandenen rippenlosen Gewölbe in der Höhe des ursprünglichen Kämpfers der Mittelschiffgewölbe zur Ausführung brachte. Den spitzbogigen Fenstern nahm man ihr aus Sandsteinen hergestellt gewesenes Stab- und Maßwerk und beließ zur einfachen weißen Verglasung nur ein schlichtes Schmiede-Eisenwerk, wie cL im achtzehnten Jahrhunderte bei allen Barockkirchen angebracht wurde. Ueber den unteren Langfenstern wurden sodann noch kleine Nosenfenster ausgeführt, damit auch die obere Deckenregion der nöthigen Beleuchtung nicht entbehrte. Nachdem die beiden Seitenschiffe und der Chorumgang mit ihren Dachkränzen bis zur Höhe des Mauerwerkcs bom ursprünglichen Mittelschiffe hinauf geführt waren, lag es nahe, ein mächtiges, ziegelbedecktcs Satteldach über den drei Schiffen herzustellen, welche Veränderung in ästhetischer Hinsicht nur als Nachtheil für das bis dahin ehrwürdige Gotteshaus bezeichnet werden muß. Im Mittelalter besaß die Heiliggeist-Kirche einen an der Westseite außerhalb des südlichen Nebenschiffes aufgeführten Steinthurm, der, ähnlich dem heute noch bei der Münchener Sanct Salvator-Kirche befindlichen Thurme, quadratische Untergeschosse und darüber zwei im Achtort construirte Obergeschosse nebst achteckiger Pyramide von Holz mit Ziegelbedachung besaß. Wegen Banfülligkeit soll das Abtragen dieses Glockenthurmes in späterer Zeit nöthig geworden sein, und erst der Umbau von 1724 bis 1730 brachte Heiliggeist den heute noch existircnden hochschlanken, viereckigen Pfarrthurm, und zwar vor dem Mittelfelde des Chorumganges, wo er das ehedem hier vorhandene Hauptfenster der Kirche unschicklich verdeckt 291 und auch dem Stadtbilde Münchens nicht zur Zierde gereicht. Welche Form die inneren freistehenden Stützpfeiler im Mittelalterbaue gehabt, läßt sich heute schwer feststellen, wo um den inneren quadratischen Kern von siebenzig Centimeter Seite je vier Pilaster mit achtzehn Centimeter Ausladung angebracht wurden und alles unter dickem Verputze nebst weißer Tünche steckt. Auch das ganze Acußere ist durch Verputz und Anstrich des monumentalen Charakters beraubt, den man heute noch beim unverhüllt gebliebenen Backstein-Rohbau sowohl der Frauenkirche wie der Sanct Salvatorkirche in München wahrnimmt, was jeden Freund der vaterländischen Kunst- denkmäler so überaus wohlthuend berührt. Wie die Sauet Marienkirche Ettals in ihren Haupt-Strukturtheileu ein Quadersteinbau gewesen, so dürfen wir wohl ebenso für die in demselben vierzehnten Jahrhunderte entstandene Heiliggeist-Kirche den Sandstein annnehmen, welcher ja auch bei der Sanct LaurentiuS-Kapelle im alten Hofe reichlichste Verwendung gefunden, wie die im Bayerischen Nationalmuseum vorhandenen Baureste und das merkwürdige Relief mit Kaiser Ludwig und seiner zweiten, ihm 1323 vermählten Gattin, Margaretha von Holland, darthun. Der mit Kaiser Ludwigs des Bayern Unterstützung vollführte Neubau der Heiliggeist-Kirche Münchens wirkte durch die Eigenart feiner Grundrißbildung anregend, und da finden wir zunächst die Bischofsstadt Bamberg, wo man die obere Pfarrkirche zu Unser Lieben Frauen in der Zeit von 1327 —1387 im ausgedehnten Chöre als Basilika mit fünf Seiten des Achteckes im Mittelschiffe schloß und den Umgang aus neun Seiten des Sechzehneckes mit nach innen gezogenen Strebepfeilern zur Ausführung gebracht hat. Aus dieser Beschreibung erhellt, daß der innere und äußere Schluß des Sanctuariums vollständig mit dem der Heiliggeist-Kirche zu München übereinstimmt, wir haben den nämlichen Grundriß, nur der Aufbau ist verschieden, in Bamberg eine Basilika und in München eine Hallenkirche. Der Vamberger Chorumgang hat die fünf quadratischen Joche und die vier dreieckigen Joche ganz wie Münchens Heiliggeist-Kirche; fragen wir hicfür nach einem Vorbilde der frühgothischen Baukunst, so sei die Sanct Julius-Domkirche zu Le Mans im Departement Sarthe in ihrem äußeren Chorumgange aus dem dreizehnten Jahrhunderte angeführt, eine fünfschisfige basili- kale Anlage, auch hier wechseln quadratische mit dreieckigen Jochen ab. Wie Heiliggcist in München im Laufs des vierzehnten Jahrhunderts als dreischisfige Hallenkirche mit Chorumgang erbaut wurde, so hat man auch von 1398 ab in Heidelberg am Neckar die der dortigen Universität als Gotteshaus und Bibliothek dienende Heiliggeist-Kirche in ganz gleicher Anlage zur Ausführung gebracht, hier tragen hochschlanke Sandstein-Säulen den aus fünf Seiten des Achteckes hergestellten Jnnenraum und den ebenso gestalteten gewölbten Chorumgang. Im fünfzehnten Jahrhundert entstand auch in Landshut ein Gotteshaus zum heiligen Geist, wie in München und Heidelberg eine dreischisfige gewölbte Hallenkirche mit Chorumgang, der Jnnenraum ist hier mit zwei Seiten des regelmäßigen Sechseckes und der äußere Umgang mit fünf Seiten des Zwölfeckes geschlossen. Wer Kaiser Ludwig vem Bayern und den von ihm berufenen tüchtigen Künstlern ganz gerecht werden will, der muß auch alle die Baudenkmäler in den Kreis der Betrachtung ziehen, welche Dank seiner Anregung entstanden und die ein glückliches Schicksal in der ursprünglichen Formengebung erhalten hat, was leider weder in Etta! bei der dortigen Marienkirche, noch bei Heiliggeist in München der Fall ist, wie ebenda des Kaisers schöne Hofkapelle zu Sanct Laurentius im Jahre 1816 unverantwortlicher Weise zerstört worden ist. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Trotzdem man occultisttsche Themata aus dem Programm des Congresses möglichst aussondern wollte, hat man doch einem angemeldeten Vortrage über die Medien von Th. Flournoy (Genf), betitelt „^uelgues istits ci'imaZinuticm vubliuriualö diea las urscliuras", in Folge seines etwas skeptischen Charakters Aufnahme gewährt. Derselbe ist der Ansicht, daß die erstaunliche schöpferische Einbildungskraft bei gewissen Medien psychologisch deren Annahme rechtfertigen könne, das; sie Werkzeuge fremder Einwirkung sind. Diese subliminale Thätigkeit könne sich derart ausdehnen, daß sie in keiner Weise der Neflexionsarbeit und compositioncllen Thätigkeit des Denkers oder Romanciers nachstehe. So hat Flournoy Z. B. gegenwärtig Gelegenheit, eine junge Frau zu beobachten, die seit einem Jahre von Zeit zu Zeit philosophische Fragmente dictirt, die voll von gelehrten Ausdrücken sind, welche sie nicht kennt und auch nicht kennen kann; diese Fragmente, die ihr im Wachzustands scheinbar eingegeben werden, verketten sich derart, daß sie ein metaphysisches Werk bilden, dessen Ideen die Dame wohl kaum aus anderer Quelle geschöpft haben kann. Flournoy hat auch, wie er behauptet, bei andern Medien viele Fälle beobachtet, die gleichfalls eine konstruktive subliminale Imagination von erstaunlicher Ueberfülle kundgeben. Diese schöpferische Originalität, die mit der automatischen Negularität der gewöhnlichen hysterischen Vorfälle contrastirt, erfordert, wie er glaubt, daß man die Medien in eine eigene psychologische Klaffe einreiht, obgleich sie im höchsten Grade die permanente und vollständige „Spaltung der Persönlichkeit" ausweisen, in der Pierre Janet den essentiellen Zug der Hysterie im Allgemeinen erkennt. Ins Gebiet des Spiritismus (Geisterphotographien!) scheint auch die Mittheilung des Dr. Hipp. Baraduc (Paris) über die fluidische Atmosphäre des Menschen (st,'Ltnro- tiuiäiHus äs l'lroniE) hineinzureichen. Er behauptet, durch Versuche erwiesen zu haben, daß die Photographische Platte durch den Menschen ohne Contact, ohne Sonnenlicht, Elektricität, Objectiv, durch seine eigene persönliche Vibration, durch das, was man sein Lebenslicht, das Licht feiner lebenden Seele nennen könne, beeindruckt werden kann. Er besitze 200 Clichäs, die durch diese Vibrationen in der Dunkelheit beeindruckt worden seien. Seine Ausführungen sollten noch genauer geprüft werden. Was das noch immer vielumstrittene Gebiet deS Gedankenlesens anbelangt, so haben mehrere hervorragende Fachmänner während des Congresses ihre Forschungen auf demselben klargelegt. Bemerkenswerth war der Vortrag, den Professor Sommer (Gießen) über „Eine graphische Methode des Gedankenlesens" hielt. Dieselbe wird durch einen von ihm sehr sinnreich construirten Apparat (Psychograph) ermöglicht. Da daS 292 Gedankenlesen auf der Wahrnehmung feiner Ausdrucksbewegungen beruhe, ergebe sich für die exakte Wissenschaft die Aufgabe, diese Ausdrucksbewcgungen sichtbar und meßbar zu machen. Die Hände des lebenden Menschen machten ohne Betheiligung des Bewußtseins eine Menge solcher Ausdrucksbewegungen, und die Analyse dieser Bewegungen müsse eine dreidimensionale in Bezug auf Druck, Stoß und seitliche Schwankung sein. Die Uebertragung dieser Bewegungen (nach unten und oben, rechts und links, vorn und zurück) geschehe am besten durch Hebel auf eine rotirende Trommel. Nach diesem Princip hat nun Sommer seinen Apparat construirt, mit dem sich eine Menge feiner Ausdrucksbewegungen sichtbar machen lassen. Hiemit, so meint er, sei der Anfang eines experimentcllen Studiums des Gedankenlesens gegeben. Natürlich kann der Apparat für die Fälle, in denen es sich um Gedankenlesen aus der Entfernung handeln soll, keine Erklärung bieten. Don Wichtigkeit zur Klärung der Frage sind jedenfalls auch die Experimente, welche Dr. Liöbault von Nancy berichtet. Er hat seine Beobachtungen über Mentalsuggestion an derselben Versuchsperson so angestellt, daß er verschiedene Zeitintervalle zwischen die einzelnen Experimente setzte. Sie haben insbesondere Bezug auf Bewegungssuggestionen und solche des Gesichtssinnes, die er entweder im Wachzustands oder im Schlaft der Versuchsperson beibrachte; im letzteren Falle wurden sie posthypnotifch rcalisirt. Er wollte noch keine voreiligen Conclusionen aus seinen Beobachtungen ziehen. Ganz besonders ist noch auf einen Vortrag des berühmten experimentalpsychologischen Forschers Professor Sidgwick aus Cambridge (England) hinzuweisen, welcher eine Klarlegung von „Lxxkrimviits in Involuutar^ 'VVIüsxsrinA anci tlrsir LsurwA vn allegacl ca.863 ok PllorrZtll - Prrmsftroiaee" (Experimente über unwillkürliches Flüstern und seine Bedeutung für die angeblichen Fälle von Gedankenübertragung) zum Thema gewählt hatte. In einem Artikel der Wundt'schen „Philosophischen Studien" von Lehmann und Hansen in Kopenhagen war auf Experimente bezüglich des „unwillkürlichen Flüsterns" hingewiesen und der Versuch gemacht worden, hiedurch einzelne Fälle der Gedankenübertragung, die in den der „Lochet^ lorI^cluLuI Ii,686arolr" in London berichtet wurden, zu erklären. Diese Erklärung, so meint Pros. Sidgwick, sei nicht neu, sie sei schon in demselben Organ besprochen worden. Unmöglich könne dieselbe übrigens auf die Experimente angewandt werden, in welchen der Agent und Percipient in verschiedenen Zimmern, durch größere Entfernung und geschlossene Thüre von einander getrennt, sich befanden und die Stellung des Percipienten im Zimmer wiederholt absichtlich gewechselt wurde. Wir kommen nun noch auf einen hochinteressanten Vortrag der Gattin des Professors Sidgwick über „Eine statistische Untersuchung bezüglich der Hallucinationen von gesunden Personen im Wachzustände" (On a staiistÜLai into Lsnsor^ HuUueinationZ axxvriönoeci ndils kUvaüa x>LN30N3 in ordinär^ Uealtst) zu sprechen. ^ Im Jahre 1892 erstattete Professor Sidgwick auf dem zweiten internationalen Congreß einen provisorischen Bericht, aber damals war keine Zeit vorhanden, das ganze Material vollständig zu prüfen. Ein vollständiger /Bericht (ca. 400 Seiten stgrk) wurde später, im Jahre 1894, von der kor k^effioal H63oarost (im Uart XXVI Vol. X) ihrer „I'roosedinZ^' pnblicirt. Mrs. Sidgwick beschränkt sich darauf, einige Richtigstellungen desselben vorzunehmen und dann die Frage, ob wirklich Telepathie (Telenergie, Fernwirken) als Ursache der Hallucinationen anzunehmen sei, näher zu erörtern. Die Untersuchung hat, wie wir aus ihren Ausführungen entnehmen, das Resultat ergeben, daß 17,000 Personen antworteten, von denen je eine von 10 erklärte, daß sie glaube, eine „Hallucination" (bei einem Dritt- theil der Fälle mehr als eine) des Gesichtes, Gefühls oder Gehörs im Wachzustände und ohne irgend welche krankhafte Veranlagung zu Hallucinationen gehabt zu haben. Die Antworten bezogen sich aber nur auf Hallucinationen, an die man sich noch erinnern konnte; eine Prüfung der Daten erwies, daß viele vergessen worden sein mußten. Eine Prüfung der Fülle, die aus dem letzten Jahre resp. Vierteljahre und Monate berichtet wurden, ließ darauf schließen, daß, um auf die Gesammtzahl der VisionShallucinationeu zu kommen, man die berichtete Zahl mit einer zwischen 4 und 6'/z liegenden multipliziren müsse. Die Evidenz für Telepathie, die durch die Untersuchung gegeben wird, hängt von der Coincidenz der Hallucinationen mit äußeren Ereignissen, die offenbar mit ihnen zusammenhängen, ab. Solche Koincidenzen müssen, so meint Mrs. Sidgwick, manchmal zufällig sein, und die Frage, welche die statistische Untersuchung beantworten sollte, ist deßhalb: Gibt es mehr Koincidenzen mit sicherer Evidenz, als solche, bei denen der Zufall eine Rolle gespielt haben könnte? Zur Beantwortung soll eine bestimmte Art von Coincidenz ausgewählt werden, deren Wahrscheinlichkeit calcnlirt werden kann. Die offenbar am besten geeignete ist das Eintreten des Todes einer Person an dem Tage, an welchem eine Erscheinung derselben gesehen wurde. Wie man dem Sterblichkeitsverhältniß entnehmen kann, ist die Möglichkeit, daß eine Person an einem bestimmten Tage sterben kann, 1 zu 19,000. Das also ist auch die Ziffer für die Möglichkeit, daß sie an dem Tage sterben kann, an welchem ihre Erscheinung gesehen wird, wenn kein Kausalzusammenhang zwischen den beiden Ereignissen besteht. Es wird dabei das allgemeine Sterblichkeitsverhältniß in Betracht gezogen, da das Alter der Personen, die in Betracht kommen, zur Zeit des Todes ähnlich dem bei der Bevölkerung im allgemeinen ist. Wenn man aber die Zahl der Erscheinungen lebender Personen in der Statistik mit OVz für die eventuell vergessenen Fälle multiplizirt und mit der gewonnenen Zahl dann die Zahl derer vergleicht, die an dem Todestage sich ereigneten, — angenommen, daß letztere niemals vergessen werden, — so kann man die Folgerung ziehen, daß ein Fall von Coincidenz auf 65 trifft, was 292 mal der wahrscheinlichsten Zahl gleichkommt. Die Zahl der Koincidenzen kann deßhalb nicht durch Zufall erklärt werden, und da in einem Dritttheil der Fülle der Percipient die Krankheit der Sterbenden nicht kannte und in einem andern Dritttheil nicht in Angst war, kann man auch folgern, daß diese Koincidenz nicht dadurch erklärt werden kann, daß der Geist des Percipienten besonders mit dem Agenten sich beschäftigte. Selbst in den Fällen, in denen Angst vorhanden war oder vorhanden gewesen sein konnte, macht es die Dauer derselben, verglichen mit der Kürze des Zeitraumes zwischen der Hallucination und dem Tode, unmöglich, alle Coinci- denzsälle der Angst allein zuzuschreiben. Mrs. Sidgwick 293 glaubt deßhalb, daß die statistische Untersuchung die Hypothese der Telepathie nahelege. Einen Gegner fand Mrs. Sidgwick in Dr. I> Bayer- Sjögren, Docent der Philosophie an der Universität Up- sala. Derselbe suchte in einem Vortrage verschiedene Gründe darzulegen, um die Frage, ob es möglich sei, durch eine internationale Hallucinationsstatistik einen Beweis für die Existenz telepathischer Einwirkungen zu erbringen, negativ zu beantworten. In der darauffolgenden Debatte trat ihm besonders Pros. Charles Richet entgegen, der für die Wahrscheinlichkeit der Telepathie sprach, die Vorzüge der Untersuchung der Londoner Forscher hervorhob und darauf hinwies, wie nur einige in jeder Hinsicht unanfechtbare Fälle zu dem Schlüsse auf Telepathie berechtigen könnten. Es war in der That von Interesse, die Debatte über dieses den Materialisten so peinliche Thema verfolgen zu können. Schließlich sei noch auf den Vortrag des Professors Or. Ferd. Lentner (Innsbruck) über „die strafgesetzlichen Bestimmungen zur Abwehr mißbräuchlicher Eingriffe in das Seelenleben" hingewiesen. Derselbe gab eine Uebersicht über die Gesetzgebung gegen Magnetismus und Hypno- tismus in Oesterreich, kennzeichnete besonders die Bestimmungen, die in den Jahren 1794 und 1845 erlassen wurden, und erörterte, wie dieselben erst im Jahre 1880 nach dem Streite um das Auftreten Hansens in Wien wieder in Erinnerung kamen. Er wies auf den bekannten Fall Salomon in neuester Zeit hin, um die straf- gesctzlichen Bestimmungen, Prohibitionsverordnuugen gegen die Hypnose, den neuesten „hypnotischen Paragraphen" zu rechtfertigen. Die Bestimmungen über die ärztliche Aufsicht bei jeder Hypnose gaben zu einer energischen Debatte Anlaß, in welcher mehrere anwesende Fachmänner gegen dieselbe Protest erhoben und den Wunsch äußerten, daß die bisherigen Bestimmungen, die nur gegen die mißbräuchliche Anwendung der Hypnose im allgemeinen wie gegen Kurpfuscherei gerichtet seien, in Kraft bleiben sollten. Ein französischer Arzt äußerte sich übrigens auch noch zu Gunsten der nicht approbirten Hypnotiseure, da dieselben mitunter bedeutendere Kenntniß des hypnotischen Gebietes besäßen, als die Aerzte. Es seien nun noch einige Vortrage aus der Sektion V (Vergleichende und pädagogische Psychologie) hervorgehoben. Dr. Eduard Westermark (Helsingfors, Finnland) sprach über „Normative und psychologische Ethik" vom skeptischen Standpunkte aus. Diejenigen, welche die Ethik als eine Normwissenschaft betrachten, so erklärte er im Verlaufe seiner Ausführungen, fetzen voraus, daß ein oberstes Moralprincip existirt. In diesem Punkte stimmen die theologische Ethik, der Jntuittonismus, der egoistische Hedonismus und der Militarismus mit einander überein. Die theologischen Moralphilosophen finden dieses erste Princip in einer Urkunde gegeben, welche der göttlichen Autorität zugeschrieben wird; diejenigen aber, welche die Ethik auf natürliche — keine übernatürliche — Grundlage basirt wissen wollen, müssen Geschichte und Ethnographie, Gesetzbücher und religiöse Urkunden, Poesie und Kunst, sowie auch ihre eigenen Nechtsbegriffe und diejenigen der Zeitgenossen auf's Genaueste durchforschen, um die Einsicht zu erwerben, welche Grundeigenschaft dem sittlichen Bewußtsein als solchem, unabhängig von zufälligen Umstünden, wie Nasse, Geschlecht, Bildungsstufe, zukommen mag. Wenn dabei ein überall wiederkehrendes Sittengesetz angetroffen wird, so mag man diesem dieselbe objective Gilligkeit zuschreiben, welche den Satzungen der Logik auf Grund ihrer Selbstevidenz zukommt; wenn nicht, so muß die Hoffnung auf den Aufbau einer ethischen Normwissenschaft aufgegeben werden (l). Allerdings seien die Pfleger der Ethik nicht mit solcher Sorg- fälttgkeit zu Werke gegangen, und es sei trotz der Mannigfaltigkeit der Moralsysteme noch keine ethische Theorie aufgestellt worden, die auf einer genügend umfassenden Unterlage von Thatsachen geruht hätte; selbst die Möglichkeit einer normativen Wissenschaft sei noch immer unbewiesen. Der Referent ist nun, wie er erörterte, seit mehreren Jahren damit beschäftigt, zu erforschen, was Menschen von verschiedenen Nassen zu verschiedenen Zeiten für sittlich und unsittlich gehalten haben, um dadurch womöglich eine generelle Auffassung von dem Ursprung und der Natur des sittlichen Bewußtseins zu gewinnen. Die Ab- schließung seiner Untersuchung wird zwar noch einige Jahre in Anspruch nehmen, jedoch glaubt er jetzt schon die Behauptung riSkiren zu können, daß die Uebereinstimmung zwischen den Nechtsbegriffen der verschiedenen Individuen und Völker hauptsächlich nur formeller Natur ist und darum nicht zum obersten Princip einer normativen Ethik geeignet. Er verzweifelt jedoch nicht an der Zukunft der Ethik, weil er als ihre erste Aufgabe betrachtet, nicht die Gesetzgebung für das menschliche Handeln, sondern das Herausfinden der Gesetze, denen die ethische Abschätzung der Handlungen thatsächlich folgt, also nicht eine Normwissenschaft, sondern eine psychologische Disciplin zu sein, deren Untersuchungsobject das sittliche Bewußtsein in seinem ganzen Umfange ist. Der wissenschaftliche Werth dieser psychologischen Ethik werde nicht dadurch bestimmt, ob ihre Resultate eine ethische Normwissenschaft ermöglichen oder nicht; sie mache sich ganz unabhängig von der Frage, ob es überhaupt etwas ob- jectivMttliches gibt. — Die „Ethische Gesellschaft" wird wohl nicht versäumen, diesem ethischen Forscher eine besondere Auszeichnung für seine ihr so sympathischen Aeußerungen zukommen zu lassen. Bemerkenswerthes dürfte der Inhalt des Vortrnges «Ueber die psychologische Bildung des Pädagogen" von Dr. C. Andreü (Kaiserslautern) bieten. Es handelt sich, so führte derselbe in längerer Rede aus, für den Pädagogen nicht um psychologisches Wissen an sich, sondern um psychologische Bildung. Aber der Weg zu dieser führe nur durch jenes, und je schwieriger sich die praktische Anwendung gestalte, um so weniger lasse sich jene theoretische Unterlage entbehren, welche nur eine solide Beschäftigung mit der Wissenschaft gewährt. Was den Erwerb der geforderten Bildung anbelangt, so sei Folgendes in Betracht zu ziehen. Je mehr der Unterricht in den Mittelschulen pädagogisch wird, um so mehr gestaltet er sich von selbst zu einer Art von psychologischer Vorbereitung, zu welcher insbesondere auch die Lektüre der Klassiker unter Leitung eines psychologisch durchgebildeten Lehrers einen bemerkenswerthen Beitrag liefern werde. Für den Pädagogen gehöre sodann ein Cursus in der Psychologie, Vertrautheit mit verschiedenen vom Redner genauer gekennzeichneten Gebieten zur berufsmäßigen Ausrüstung. So wenig aber der Mediziner ohne klinische Demonstrationen und Versuche auszukommen vermag, so unmöglich sei die Ausbildung des Pädagogen ohne die Beihilfe eines mit einer Schule verbundenen Seminars. Hier erst finde er ein Feld für methodische Beobachtung und damit Gelegenheit, die mannigfachen theoretischen Kenntnisse Praktisch Mssig zu machen. Erst wenn. alle? pädagogische Thun und Lassen psychologisch begründet werde, wenn die Individuen in ihrer Eigenart, mit ihren Fehlern und Gebrechen, ihren wechselnden Interessen, in ihrem moralischen Gesammthabitus Veranlassung zu psychologischen Ueberlegungen geben — wird das psychologische Wissen allmählig zur psychologischen Bildung führen. Wenn nur in der Praxis die Vorschläge ohne Schwierigkeit, auch von Seite gewisser pädagogischer Kreise, durchgeführt werden können und alle daS gleiche Verlangen nach dieser psychologischen Vertiefung kundgeben (l). Kurz erwähnen wir die Vortrüge von W. Preyer (Wiesbaden) und Rector Chr. Ufer (Altenburg) über Graphologie. Ersterer, der Verfasser der bekannten im Vorjahre erschienenen Schrift „Psychologie des Schreibens", hielt einen Vortrag über „die Individualität in der Handschrift". Die Thatsache, daß durch die Analyse einer charakteristischen Handschrift manche psychische Eigenthümlichkeit erkannt werden kann, steht, wie er ausführte, fest. Die inconstanten „Stimwuugsmerkmale" der Handschrift erfordern umfassendere statistische Vergleiche, als die „Dauermerkmale". Die Veränderungen der Handschrift eines und desselben Menschen je nach dem Lebensalter konnte Redner für vier bis sechs Jahrzehnte in Briefen nachweisen und fand sie übereinstimmend mit Veränderungen der psychischen Individualität. Um zu erforschen, ob durch mangelhafte Beherrschung der Hand und des ArmeS die Handschrift bezüglich der allein psychologisch in Betracht kommenden Merkmale, also in ihrem Wesen verändert werde, stellte Preyer Vergleiche zwischen den Buchstaben der an Schreibkrampf Leidenden und ihren Schriftzeichen nach ihrer Heilung an. Er fand, daß die individuellen Charaktereigenschaften in der Schrift solcher Leidender stets erkennbar blieben. Da die Heilung nach der Methode des Specialisten Wolfs, aus dessen Sammlung die Proben Prcyers stammen, in einigen Wochen erfolgt, glaubt Professor Preyer, daß die Störungen der Schreibbewegung während des Krampfes nicht vom Gehirn ausgehen, sondern peripherisch sind. — Der Vortrag Ufers lieferte in gewisser Hinsicht eine Ergänzung und Berichtigung der Erörterungen des Vorredners. Er wies nach, daß, obwohl die Schrift der Schulkinder nach Preyer zu den künstlichen Handschriften gehört, sich doch nach seiner Beobachtung die Ansätze zu fast allen graphologisch wichtigen Unterscheidungsmerkmalen in derselben zeigen und in nicht wenigen Fällen bereits stark ausgebildet sind. Abschließend wollen wir noch auf die Behandlung der Frage über den Werth des Hypnotismus und der Suggestion als pädagogische Hilfsmittel hinweisen. Fachmänner, wie Dr. Bsrillon, Dlrsstsur äs In Dovus äs l'liz'pnotisino (Paris), und Dr. Arie de Jong (Haag, Holland), hatten hierüber dem Congresse interessantes Material vorgelegt. Von der Ansicht ausgehend, daß die Suggestion im Allgemeinen der bedeutendste Faktor in der Erziehung des Individuums sei und Perversitäten in dem Charakter des Individuums in jenen Fällen, wo moralische Idiotie (?) ausgeschlossen werden kann, Folgen von unmoralischen Suggestionen oder von ungenügenden moralischen Suggestionen sind(?), will man Suggestionen im hypnotischen Zustand als Mittel von unschätzbarem Werth für die Pädagogen hinstellen. Dr. Arie de Jong meint, daß in vielen Fällen dieselben durch sie im Stande seien, die schon zu Stande gekommenen Perversitäten des Charakters zu verbessern und die Weiterentwicklung derselben zu verhüten. Selbst bei bestehender gülsrul In- SLlritF« (!) könne durch die Suggestion im hypnotischen Zustande ein hemmender Einfluß auf die perversen Neigungen und Handlungen ausgeübt werden. Bei derartiger Bedeutung der hypnotischen Suggestion muß man sich wirklich wundern, weßhalb in Bildungs- und Corrections- anstalten noch so wenig Hypnotiseure angestellt sind, und muß mit Gespanntheit der pädagogischen Entwicklung nach Einführung dieses so erfolgreichen Erziehungsmittels entgegensehen. Man wird finden, daß nicht alle während des Con- gresseS geäußerten Ansichten allgemeine Billigung finden können und vielleicht auch über den Werth der Bemühungen einzelner Mitglieder die Ansichten verschieden sein können. Im allgemeinen wird man aber nicht ohne Interesse den Arbeiten des nächsten Kongresses, der im Jahre 1900 in Paris abgehalten werden soll, entgegensehen, der vielleicht in mancher Hinsicht Verbesserungen einiger angedeuteter Mißstände versuchen wird. „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Hanöjarvo." (Fortsetzung.) P. 8t. Indem wir zur Würdigung zunächst derjenigen Werke HanSjakobs übergehen, die gegenwärtig in Volksausgabe erscheinen, wird eS uns schwer, aus der reichen Fülle deS Schönen das Schönste auszuwählen. Beginnen wir mit dem Werke „Aus meiner Jugendzeit" (Volksausgabe zugleich III. Auflage) mit dem schönen Motto von Nückcrl: AnS der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar; O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was einst mein war! „Das irdische Paradies des Menschen ist die erste Jugendzeit, das Eden, in welchem die Kindheit ihre „Augenblicke Gottes" feiert, die Heimath. Lue ist das Heiligrhum, auf dessen Boden daö Kinderherz die seligsten Stunden gelebt und geträumt hat." Dies Paradies stand unserem verehrten Sclbstbicgraphcn in dem badischen Städtchen Hasläch (HaSlc), im schönen Kinzigthale. Die seligsten Stunden und unschuldigen Freuden deS Kindes im Eltcrnbause und bei de» Verwandten, bei Freunden und Kameraden, bei Spiel und Fest, in Flur und Wald schildert nnS Hansjakob in seiner sinnigen und eckt dichterischen Weise. Zuerst gedenkt er liebevoll derer, die den meisten Einfluß auf seine Jugenderziehung hatten. Dankbar und gerührten Herzens erinnert er sich der Wohlthaten, die seine Eltern ihm erwiesen. In den Kinderhimmel gehört unbedingt eine Großmutter hinein, die als „Trösterin der Betrübten" und „Zuflucht der kleinen Sünder und Sünderinnen" wie eine versöhnende Macht zwischen Eltern und Kindern steht. Der Großmutter mit ihrem coternm oonsso: „Büble, sei an brav", daö zwar das Herz des kleinen Hansjakob nicht so tief bewegte, wie der Anblick deS grcßmütter- lichen „Schnitztroges" mit gedörrten Achseln und Zwetschgen und Pflaumen, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Mit dankbarer Ehrfurcht und Liebe gedenkt Hansjakob der „Lencbas", des sichtbaren Schutzengels seiner Kindbett, die wie ci» Magnet den Kleinen anzog und in höchst pädagogischer Form die ersten Begriffe von Gott ihm beibrachte, indem sie an den Blumen des Feldes die Güte und Allmacht Gottes ibm zeigte. „Diese Lehre der LenebaS hat in mir fester daS Goticöbcwnßtsein erhalten, als später alle philosophischen Beweise sür daS Dasein EottcS zusammen", gesteht Hansjakob. In kindlicher Begeisterung schildert Hanssakob die Freuden des KindcS an verschiedenen kirchlichen Festen, und wir erwachsene Leser werden selber mir Hansjalov wieder jung und freuen uns mit der jubelnden Kindcrschaar am Umzüge der bl. drei Könige mit dem Stern, von den Kleinen gespielt, an der herrlichen L-chil- dcrnng der Krippchcn in der Wcihnachtteit. am Frühliiigsseste der Kleinen, dem „Storchentage", am köstlich geschilderten Ehrgeiz der Knaben am Palimomttage uns an der Kräuterweihe, wo jeder den höchsten Palnicnbüschel. den blühendsten Kräuter- büschel haben wollte. Manchmal kam eS in edlem Wettstreite zur förmlichen Paluicnscblacht, so energisch wehrte sich jeder Palmträgcr für die nach der Höhe bemessene Ehre seiner Palmen usw. usw. Doch auch der Ernst des Lebens schaut schon ein BiSchen hinein in den lustigen Kindcrhimmel. Ein Knabe gar viel lernen muß, Bis aus ihm wird ein vominus. (Boznmil Goltz.) Wie humoristisch schildert Hanöjakob den ersten Eintritt des Knaben in die Arena der Bildung: „Schon Wochen vorder hat die Mutter ihm die ersten Waffen des Geistes gekauft: eine Schiefertafel, einen Sckwamm und ein gemaltes Federrohr für den Griffel. Mit ziemlichem Verdacht und einigem süßsaurem Lächeln betrachtet der zukünftige Staatsbürger dieses Geräth. Kommt aber der Tag und die Stunde, da der Delinquent dcS lieben ScbulzwangeS vorgeführt werden soll, so rinnt die erste herbe SchmcrzenSihräne des Lebens über die Wangen. Der Kindergenius wcini; er weint, weil er seine bisher volle Herrschaft theilen muß mit dem deutschen Schulmeister. Der Knabe verschmäht die dargereichten Waffen und wird trotzig, so daß schließlich nichts anderes übrig bleibt, als daß die Mutter das Schulzcug in eine Hand nimmt, mit der anderen den weinenden Erdcnsohn erfaßt und ihn seinem Schicksale entgegenführt." Manch Ernstes und Launiges lassen wir unangcsührt und begleiten den jungen Erdcnpilger zur Kirche. Nach dem Worte similis bimili tzauäod wird manch ein Leser, auch von den Alten, am jungen Hanöjakob Trost und Freude haben. Ein Unterlehrcr in Haöle examinirte einmal einen achtjährigen Schüler auf sokratisch-hcuristischc Lchrweiie über die nothwendige Ausstattung des Kindes in der Kirche. So fragte er, auch nickt sehr geistreich: „WaS hast du, wenn du in der Kirche bist?" Der Lehrer erwartete die Antwort: „Ein Gebetbuch." Der Knabe aber sagte frischweg: „Langeweile." HanSjakob sagt: „Diese Worte entsprechen ganz den Erfahrungen meiner Jugendzeit", und tadelt im Anschluß daran mit Neckt die lange Dauer des Sonntaggotl-.'SdicnsteS vieler geistlicher Herren. „Je länger die Vrcdigt. um so kürzer der Erfolg." Mit wundervollem Humor und lustigster Schalkhaftigkeit geißelt Hansjakob die Thorheiten der 1846er Revolution, die in seine Kinderzeit hineinfiel. In den lebhaftesten Farben schildert Hanöjakob. wie alles vom Geiste der Revolution wie hypnotisirt war. Männlcin und Weiblein, Kinder und Greise, alles schwärmte in Haste für Freiheit und Gleichheit, für Demokratie und Umsturz, für Volksbewaffnung und Volksjustiz. Männiglick ließ sich einen Dollbart wachsen ä la Heckcr, dem RechtSanwalt und Haupt: ädelSsührcr der badifchcn Revolution; man trug Hüte ä la Hecker und Hahnenfedern darauf, so daß bald lein Hahn seines schönen Gefieders mehr sicher war. Weiber wurden zu „Hyänen" und verlangten jedem „Feinde des Vaterlandes" auf einem „Strohschneidstuhl" den HalS abzuschneiden. Jungfrauen schwuren, nur einen solchen zu bei- rathen, der für die Freiheit die Waffen getragen usw. usw. Die Schulkinder erhielten vom Lehrer schwarz-roth-goldene Cocarden, die sie am unvermeidlichen Hcckerhute trugen, und sangen vor dem Schulunterricht: „Hecker, Striwe, Zih und Blum" (Führer der Revolution in Baden), „Kommt und bringt die Preußen um!" Die Knaben übten sich im Kampfe, wundervolle Schilderung der Knabenschlackt bei Schnellingcn, wo unser Hansjakob als Fähnrich das schwarz-rotb-goldene Banner, als die Phalanx der HaSlacber Knaben z» wanken begann, vor Schmach und Schande rettete, indem er sammt der Ebrengarde der Fahne in einen Schweinstall kroch. Ein folgendes Kapitel erzählt in liebenswürdigster Offenheit die inuihwilligen Streiche Hansjakobs. In all diesem und andern', mannigfaltigen Stoff sind gar manche ernste Wahrheiten eingesteckten für Erzieher, Eltern, Lehrer und Geistliche, über den Umgang der .Kinder mit den Dienstboten, über wahren und'falschen Humanismus, über das richtige Verhältniß des Menschen zu den Thieren usw. Ich schließe mit den Worten: „Willst du wieder ein Kind werden im Geiste und in der Erinnerung, wenigstens für kurze Zeit, und an kindlich reinen Freuden dich laben, dann nimm und lies." „Ist die Kindheit", so schreibt Fritz Reuter in den Erinnerungen an seine Vaterstadt Stavenbagen, „ein fröhliches, liebliches Wellengcwimmel, von GotieS Sonne vergoldet, so ist die Erinnerung daran der glänzendste Streif, den das durch die Nackt fortarbcitendc Schiff in seiner Fahrt zurückläßt." Dieses Werk Hansjakobs ist ganz vorzüglich für Scküler- und Jugcndbibliotheken wie geschaffen. Nichts darin beleidigt den kindlichen Sinn; es ist aus der Seele des Kindes heraus- gedackr und gefühlt und geschrieben. Wie in einem reichhaltigen, in den glänzendsten Farben strahlenden Bilderbuche sind mit lebhaftester Phantasie und in anschaulichster Klarheit die Tage der Kindheit uns vor Augen geführt. Wenn wir bei Hansjakob in der Kirche und in der Vorbereitung auf den „größten Tag" im Kindcsleben, den ersten weißen Sonntag, etwas die Innerlichkeit vermissen, so scheint das weniger auf sein eigenes, alS auf das Conto seiner Katecheten geschrieben werden zu müssen, von denen er sagte, daß sie in der L-chule nicht vielen Verkehr mit ihnen hatten. Als Fortsetzung des Buches „Aus meiner Kindheit" bietet sich uns die Schrift „AnS meiner Studienzeit" dar, 1894 in II. Auflage und demnächst in III. Auflage in der Volksausgabe erscheinend. Jahr und Tag lag sie druckfcrtig im Schreibtische Hansjakobs, allein es bedurfte deS wiederholten Drängens guter Freunde, bis Hausjakob sich zur Veröffentlichung entschloß. Den Grund des Zögcrns gab Hanöjakob selbst an: Wenn wir älter geworden, dann verfällt unser Leben dem Urtheile unsrer Mitmenschen. Da aber darf man auf alles andere eher hoffen, als auf Schonung. So wurde denn auch dieser Schrift eine ganz entgegengesetzte Beurtheilung zu Tbeil. Ein basischer Philologe nennt sie eines der schlechtesten Bücher unserer Zeit, warum? wird der freundliche Leser aus unserem nachfolgenden Referate über einige Collcgcn, vielleicht ihn selbst, erschließen können. Ein anderer Referent aber schreibt: „Die Schrifr ist eine von denen, die mir ganze Bibliotheken aufwiegen, weil sie ursprüngliche Offenbarung eigenen, echten Seelenlebens sind. Mit einer Offenheit, die sich nur eine kerngesunde und edle Persönlichkeit erlauben kaun, erzählt da der Priester seine BildungSgeschichte." Recensionen und Notizen. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theo logie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von vr. Ernst Commer, o. ö. Professor an der Universität Brcslau. Padcrborn, Ferd. Schöningh, 1896. XI. Band. 1. Heft. A Inhalt: I. Das Porträt Savonarolas von Fra Bartolommeo. Phototypie. II. Handschreiben Sr. Eminenz des hochwürdigsten Herrn Cardinal-Fürstbischos K opp an den Herausgeber. Facsimile. III. Ein Dccennium des Jahrbuchs. Rückblick und Orientirung. Von KanonicnS Dr. Mich. Gloßncr in München. IV. Die Schrift von Görard de Fracbct -Vitas L'ratrnm 0. ?.«, eine noch unbenutzte Quelle zur Philosophiegeschichte des 13. Jahrhunderts. Von l)r. Thomas M. Wchofer» Orcl. kraeä., Professor am Oollogstum 8. Thomas äs Eros in Rom. V. Die Grenzen der Staaisgewalt, mit besonderer Rücksicht auf das staatliche Strafrecht. Von Dr. Nahmund Zastiera, Orll. Lraeä. in Wien. VI. Die unbefleckte Empfäugniß der Gottesmutter und der hl. Thomas. Forts. Von L. Jos. a. L., Orcl. 6ap. VII. Die Neu-Thomisicn. Von ?. lllaK. Idsol. Gundisalv Fcldncr, Orcl. kraeü., Prior in Lembcrg. VIII. Giro- lamo Savonarola. Vom Herausgeber. IX. Litcrarische Besprechungen rc. rc. Kiesel und Krystall. Gedichte von Anton Müller (Bruder Willram). 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Brixen, kathol. Preßvercin. 1896. 8°. 180 S. M. 1,80. ES ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Sammlung nach Jahresfrist schon die 2. Auflage erlebt. Der Verfasser, ein tiroler Weltpriester, ist ein echter Dichter vom Hochwuchs der Erlesenen, der uns zeigt, daß dem Vaterlande eines Walter von der Vogelweide bis heute die Musen und Charitinnen bold- gesinnt geblieben sind. Manch harter Kiesel vom steinigen Pfad des Erdenwallers, manch schimmernder Krystall, darin deS Himmels Bläue sich spiegelt! Frischer Waldesdnst, wie ihn der Bergwind traumschwer daberträgt: mögen an den kernigen Liedern dieser reingestimmten Harfe die Leser so erquicklich sich laben, wie wir es gethan haben! Dummermuth, k. 0. krasä.: voksnsio äootrinas 8. Thomas Lquinatis äs xraemotious xhg-sioa, sen resxonsio aä ?. Trius 8. I. karisiis, 1895, Iwthellisux. chj: Wem eS wirklich Ernst ist, Klarheit über die wahre Lehre des Aqninaten zu bekommen, den verweisen wir, außer dem gründlichen Artikel „Ncu-Thomisten" im Commer- schen Jahrbuch Bd. VIII, IX, X, XI, auf das vorliegende Werk deS Dominikaner-Paters Dnmmermuth. ES bringt den deutlichen Beweis, daß St. Thomas die Lehre des Molina kannte, aber en tjchieden verwarf. Vielleicht dürften manchen auch die Worte eines Besseren belehren, welche Papst Pins VIL, 296 nach Erneuerung der Gesellschaft Jesu zu deren damaligem Generalprokurator sprach: „Lasset aus euren Schulen die ssisndia. msäia. fort; sie dient euch zu nichts als zu unnützem Zank und Streit. Wie viele Feinde habt ihr euch gemacht durch diese Fragen! Aber die ältern eurer Patres haben einen Kops, welcher härter ist, als dieses Holz;" und dabei schlug der Papst dreimal auf den Tisch. Dies zur kurzen Anzeige! Albertus a Lulsano (o. oap.), Institntionss rlisoloxias äo§matiens speoialis, recoZnilas ex parts oorreetas meliori äispositions aäoruatas a. Oottkrieä a Oraun. 8° 3 voll. xx. XVI -j- 870: X -f- 900; XII -j- 1032. L1. 34,00. Osniponts, Pibrsria eatliol. sooistatis. 1893-96. s Opus sruäitionis Plenum nune voluwins tertio väito ambitu iuteZMM reääitum atgns inäies Generals leeturorum usui bans aoeowmoäatum est. l)s iis, guas eoutinst libsr, plura, uon äiosmns, oum lanäss, guibus plane äiZnus ssd, zam saepius in Iroo kolio eautaverimus. Pomus xriinus eoin- prelisnäit traetatus äs äeo in ss ipso speotato, äo äeo creatore et reäswptors; tomus sscnnäus traetatus äs äeo sanetilieators (äs §ratia Obristi, äs sacrainsutis in §ensrs, äs baptiswo, eonürmations et ss. sueüaristia); towus tsrtius traetatus ultsrlorss äs äeo sanetilieators, seil. äs posni- tentia, äs sxtrema unetione, äo oräins et matriinonio, nse- non traetatum äs äeo eonsummators. Läitor Ooäokreäus, gui in barbaris äieenäi non lauäabiliter usgus aä tinein perssvsrans sess -Oottkrieä- appsüat, et saesräotidus eurem anlmarum aAsntibus st tlieologlas stuäiosis eertum ao äis- sertum eo^nitlonis munsrisgus äucem praebuit. Gedichte aus Adolf Kolpings Rheinischen Volks- bstättern. Verlag von Beruh. Wehberg in Osnabrück. Preis 2 Mark. — Die vorliegende Sammlung Kolping'scker Gedichte wird vor Allen den zahlreichen Verehrern des unvergeßlichen Schöpfers der Institution der kath. Gesellenvcreine willkommen sein. Aber auch andere werden sich an diesen poetischen Blüthen einer edlen Seele erfreuen. Schlichte herzinnige Frömmigkeit, köstliches Gott- vertrauen und Geistcsdemutb spricht überall aus diesen Dichtungen, die von einem nicht gewöhnlichen poetischen Talent Zeugniß geben. Hier nur eine Probe: Der liebe Gott, er sorgt für Dich, Für alle Menschen väterlich; Wie ost ist es nicht schon geschehen, Daß Einer ganz verzagend stand. Der bald beschämt sich mußt' gestehen, Daß Gott das all' vorausgesehen Und — längst zum Guten es gewandt! Drum nicht verzweifeln, nicht verzagen» Der Gott, der sprach: Es werde Licht! Der es nach jeder Nacht läßt tagen. Dein Vater, — er verläßt Dich nicht. Pros. A. L. Hickmann's geographisch-statistischer Taschen- Atlas des Deutschen Reichs. Erster Theil. Preis geb. 2 M. Verlag von G. Frcytag und Berndt in Wien. K. II. Genanntes Wcrkchen kaun nicht genug empfohlen werden — es ist etwas ganz Originelles. Im Gegensatz zu allen anderen Atlanten berücksichtigt es jenes Moment, welches nahezu alles Wissen für den menschlichen Geist erst wirklich wcrthvoll macht und für die Objecte des Wissens unser Interesse in vorzüglicher Weise anregt: wir meinen das vergleichende Moment. Diesem letzteren Gesichtspunkte folgend, geht das Werkchcn auch über die Grenzen seines nächsten Gebietes, der Geographie, hinaus und erweitert sich zu einem allgemein statistischen Atlas, indem eS auch aus sonstigen Gebieten des Wissens abstrakte Größenbegriffe der Statistik in coucreter Form veranschaulicht. Das Werkchsn enthält u. A. vergleichende graphische Darstellungen der BcvölkcrungSzisfcrn der deutschen Staaten und der wichtigsten deutschen Städte, deren ConfessicnSverhältnisse, der Flußlängen und Stromgebiete, der wichtigsten Berghöhcn, der Höhen (über dem Meeresspiegel), der Flächeninhalte und der Tiefen der meisten Land- seen, der Massen einzelner Bergbauprodncte, der Vertheilung und Verwerthung der Bodenfläche, des Erntecrtragö in den einzelnen Produkten, der jährlichen Staatsausgaben und-Einnahmen des NcichS, der Truppenstärke der BunbeSstaatcn (mit Berücksichtigung der Waffengattungen) rc. rc.; schließlich erwähnen wir noch die Bildnisse sämmtlicher Kaiser von Karl dem Großen an, sowie die zeichnerischen Vcramchaulichungcn der wichtigsten Stammtafeln, die Städte- und Ländcrwappen und zu guter Letzt noch eine sehr interessante geologische Karte Deutschlands. Leitfaden der allgemeinen Weltgeschichte. Vouvr.H. Rolfuö. Verlag der Herdcr'schcn Verlagsbuchhandlung in Freiburg. — Von diesem Leitfaden liegt nunmehr die zweite Abtheilung« „Mittlere Zeit" (Preis 140 M.)> und die „Neue Zeit" (Preis 2 M.) und damit die 4. Auflage vollendet vor. Der Leit- faden ist durch Anmerkungen ergänzt und erläutert und für den Gebrauch in erweiterten Schulanstalten und zum Selbstunterricht bestimmt. Für diesen Zweck ist er durchaus entsprechend, immer vorausgesetzt, daß er eben nnr ein „Leitfaden" sein will, der natürlich in vielen Stücken der Erweiterung durch daS Wort des Lehrers bezw. durch die Lcctüre größerer Werke bedarf. Daß der Leitfaden bereits in vierter Auflage erscheine» konnte, ist ein Zeugniß für seine Brauchbarkeit. Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Wien. Alfred Hölder, k. k. Hof- urrd Universitäts-Buchhändler. Heft 244—228. I«. Die vorbezeichneten Hefte umfassen den Schluß beS 4. Bandes Ungarn, beenden den Band Böhmen und enthalten das erst- bis zehnte Heft der Abtheilung Mähren und Schlesien. Im vorletzten Hefte des Bandes Ungarn beendet der gewesene ungarische Ministerpräsident Alexander Wekerle seine hochinteressante Schilderung über das Wcißcnburger Comitat, und bildet eine eingehende Schilderung des Plattensees aus der Feder Karl Eölvös' den Schluß des Bandes. Die beiden Böhmen behandelnden Hefte enthalten einen sehr beachtcns- werthen Artikel über die hier zum erstenmale dargelegten Beziehungen Wallenstein's zur VclkSwirthschaft, welche den großen Feldherrn zugleich als weitblickenden Nationalökonomien und als den Vater des heute so hoch entwickelten volkSwirthschaftlichen Lebens in Böhmen erkennen lassen, auch die glanzvolle Ne- gierungszeit Maria Theresia's zeigt sich beeinflussend in den Ergebnissen auf volkswirthschaftlichem Gebiete. Ein farbiges Co- stümbild in chromo-zinkographischer sehr gelungener Ausführung, Egerländer und Egerläiwerin sowie Brannauerin darstellend, ist dem letzten Hefte von Böhmen beiacgcbcn. Die bis jetzt vorliegenden 10 H-fte von Mähren und Schlesien behandeln die Schätze der Natur und Kunst, welche die beiden hochentwickelten Kronländer ausweisen, und schildern ihre culturclle Entwicklung, das Volksleben und den Fortschritt auf geistigem und volkö- wirthschaftlickem Gebiete. Die Schilderung der landschaftlichen Eigenthümlichkeiten und Schönheiten wird durch zahlreiche anregende und mit künstlerischem Auge erfaßte Illustrationen vervollständigt. Licht oder Irrlicht? Gemeinverständliche Antwort auf die Frage: Warum bin ich Katholik? Von l>. Andreas Hamerle, 6. 88. L., Ncctor des Rcdcmptoristen-Col- Icgiums in HernalS. 8°. 148 S. Preis 1 M. Verlag der Älphoiisuö-Buchhandlung in Münster i. W. DaS Endziel unserer Lebensrcisc ist nicht der GrabcShügel. Es liegt unendlich ferner, weit über die höchsten Berg- hinaus. Und nur einen Weg gibt es, der sicher und unfehlbar dahin führt. Es ist derjenige, den Christus unS gebahnt hat und den wir einzig und allein in der katholischen Kirche gewiesen finden. Dies zu zeigen, ist der Zweck dcö vorliegenden BnchcS. — ES ist ein Versuch, in einfacher und populärer Weise die Wahrheit und Göttlichkeit unserer hl. Religion darzulegen. Wer in Folge unklarer Anschauungen, oder bcklagcnswerther Verirrungen des Herzens, oder ungünstiger Einflüsse von außen schwankend und unsicher ist in den höchsten Lebensfragen, dem sollen diese Verträge behilflich sein, Klarheit und festen Halt zu gewinnen und ihn mit dem Muthe der Ueberzeugung für daS Leben zu waffnen. Möchte sich der Herzenswunsch des Verfassers erfüllen, daß glanbcnSschwachcn Lesern dieses BnchcS die feste Ueberzeugung von der Göttlichkeit und dem Glücke des hl. Glaubens zu Theil werde, damit sie mit dem hl. Paulus > in jeder Lebenslage ausrufen können: >Leio oui ersäiäi — Ich weiß, wem ich geglaubt!" Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg.Druck u.' Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. kk. 38 >Mge zm Aligskurger Weitung, u. §eyt. 1896. Jhering und St. Thomas. In Nr. 185 der Postzeitung kam unter der Ueber- schüft „Dr. Kerschensteiner" folgende Legende vor — ich kann die Geschichte leider nicht anders bezeichnen — der wahre Sachverhalt hat sich zu einer wahren Legende aus- gesponnen; es geschah natürlich wie bei allen Legenden- bildungen ohne Absicht, und will ich damit dem betreffenden Correspondenten keinen Vorwurf machen, er schrieb sicherlich dorrn ircis: „Vor einigen Jahren gab ein deutscher Universitätsprofessor ein Buch heraus. Durch Papst Leo auf den hl. Tbomas von Aguin aufmerksam gemacht, nabm der deutsche Professor des 19. Jahrhunderts auch die Bücher des Thomas zur Hand. Bald sagte er seinen Schülern klipp und klapp: Hätte ick die Werke deS hl. Thomas zuvor gekannt, so hätte ich mein Buch nichl edirt, denn in dessen Werken sei schon enthalten, was ich geschrieben." In dieser Behauptung ist jeder Satz unrichtig. Gemeint ist der vor einigen Jahren (1892) verstorbene Rechtslehrer Jhering und sein Buch „Zweck im Recht". Ich will ganz davon absehen, daß die Erzählung in den Zusammenhang gar nicht hineingehört, in dem sie steht, wo von der Naturauffassung des Mittelalters die Rede ist. Rechtsphilosophie und Naturphilosophie ist zweierlei, in der Rechtsphilosophie konnten die Alten wohl schärfer sehen als in der Naturphilosophie, für welche die Voraussetzung, ein großes Naturwissen und ein großes Natur- beobachten, fehlte. Daher kann man von rechtsphilo- sophischen Kenntnissen nicht auf den Stand der Naturphilosophie schließen. Allein auch abgesehen davon ist es 1) unrichtig, daß Jhering durch Papst Leo auf den hl. Thomas aufmerksam gemacht wurde, das that der Missionspfarrer Ho hoff brieflich und in einer Recension des Literarischen HandweiserS (1886); 2) Jhering hat nicht selbst den hl. Thomas gelesen, er hat vielmehr sein Urtheil gegründet auf die Sätze, die ihm Hohoff vorlegte, Sätze, die unter verschiedenen Variationen immer wieder den gleichen Gedanken wiederholen, daß um des Zweckes willen alle rechtlichen Einrichtungen da sind. Der Vergleich, den Jhering auf Grund dieser Sätze zwischen der alten und neuen Philosophie zieht, kommt allerdings auf eine vollständige Verwerfung der neueren Philosophie hinaus; aber deßwegen hat er doch 3) nicht erklärt, er hätte sein Buch nicht zu schreiben brauchen, er hat deßwegen in seinem Buche, das in wiederholten Auflagen erschien, nichts geändert; er hätte auch höchstens die philosophische Einleitung umändern können. Sonst aber befaßt sich sein Werk mit dem concreten Nachweis, wie der Zweck die einzelnen Nechtsinstitute Hervortrieb, im zweiten Band, wie der Zweck selbst in scheinbar bedeutungslosen Anstands- und Höflichkcitsformen zu erkennen ist. Ich habe schon früher in den Historisch-politischen Blättern davor gewarnt, aus den Aeußerungen JheringZ zu viel Schlüsse zu ziehen, da er die neuere Philosophie, über die er sein Verdammungsurtheil anssprach, nur sehr ungenügend, eigentlich kaum kennt und, wie aus seinen Aussagen zu schließen, nur aus seiner Studentenzeit dunkle Reminiscenzen an den Hegel'schen Wirrwarr im Kopfe hatte. Hegel hat allerdings die neuere Philosophie in den Augen aller vernünftig denkenden und exakt forschenden Gelehrten compromittirt. Die Hegel'sche Philosophie war ein neuer Nomiunlismus, der nur mit Begriffen spielte. Wenn man aber mit Recht verlangt, daß man die Scholastik nicht nach dem spätmittelalterlichen Nominalismus beurtheile, so kann man verlangen, daß man die neuere Philosophie auch nicht nach Hegel oder Schelling ausschließlich beurtheile. Gerade Jhering selbst hätte in seiner nächsten Nähe Gelegenheit gehabt, eine andere Philosophie kennen zu lernen, die Philosophie Lotze's, seines Universitätscollegen, die sich bestrebte, die besten Errungenschaften der Tradition und der xlnlo- soxlrig, xsrorriris mit den Ergebnissen der exakten Wissenschaften zu verbinden, und sich dabei auf Leibniz stützte. Ferner hätte er an der Rechtsphilosophie Trendelenburgs, die sich ganz auf aristotelische Grundlage aufbaute, eine treffliche Vorarbeit gehabt. Trendelenburg war einer der ersten, die eine Rückkehr zu Aristoteles, zu einer einfacheren und schlichteren Philosophie verlangten und aristotelische Gedanken mit viel Geist und Scharfsinn entwickelten und neueren Philosophen, auch dem besonnenen Herbart, gegenüberstellten; er that das zu einer Zeit, da selbst katholische Theologen wie Staudenmaier und Kühn sich noch mit Kant, Hegel und Schleiermacher herumschlugen und ihre Sprache und Dialektik benutzten. Auch blieb Trendelenburg nicht in Abstraktionen hängen, er ging selbst mehr ein aus juristische Einzelheiten, als der Jurist und Führer der Conservativen Stahl, und hat die rechtsphilosophischen Principien immer klar und con- cret veranschaulicht. Allein Jhering hat keine Vorarbeiten benützt, er hat einfach auf eigene Faust philo- sophirt. Das bedauern selbst seine Fachgenoffen und erblicken im größten Theil seines Buches nur eine Kraftvergeudung?) Ob ihm nun, wenn er überhaupt Vorarbeiten gesucht hätte, eine Rechtsphilosophie sseunäuin priiroixstn äivr Mrorrino, etwa Taparelli, Liberatvre oder Ziglinra, mehr imponirt hätte, als Trendelenburg, möchte ich bezweifeln. Denn sein Ausgangs- und Standpunkt war ein ganz anderer, er war nicht nur unphilosophisch, sondern hätte auch jede Anknüpfung an theologische Gedanken, die Begründung des Rechtes in Gott, von Anfang an verabscheut. Wohl machte auf ihn die starke Betonung des Zweckes bei St. Thomas einen großen Eindruck aus Gründen, die wir noch kennen lernen. Im klebrigen aber stellt er sich aus den plattesten, den utili- taristischen Standpunkt, geht vom Egoismus aus, der beim Menschen wie beim Thier der gleiche ist, und legt den Darwinismus zu Grunde. Es war ein Standpunkt, wie ihn ein moderner Naturforscher oder ein praktischer Engländer nicht „realistischer" hätte wählen können. Nichtsdestoweniger ist es aber interessant, wie er dennoch zum Zweck durchdrängt und das gesäumte Recht als eine umfassende Teleologie darstellt, die sich aber auf der andern Seite als ein gewaltiger Mechanismus enthüllt. Der Egoismus des Einzelnen wird überwunden von dem Egoismus der Gesellschaft und wird zu einer Art Altruismus umgebogen. Freilich zu Grund geht der Egoismus des Einzelnen nicht, er wird bloß durch den Gesellschaftszweck (Selbsterhaltung der Gesellschaft) unschädlich gemacht, und das Recht stellt sich so dar als eine Vermittlung des EinzelegoiSmns mit dem Egoismus der Gesellschaft (der Gattung, deS Staates). Das erste ist die rechtliche Selbstbehauptung des Einzelnen, seiner Person, seines Vermögens, seiner Familie. Daneben *) Allg. Ztg. 1892 Beil. Nr. 278. 298 muß sich aber auch die Gesellschaft erhalten, die Gesellschaft seht aber ihre Zwecke auf mechanischem Wege durch ein umfassendes Lohn- und Strafsystem durch. Von einem höheren Zwecke und einer höheren Grundlage des Rechtes in Gott ist bei Jhering keine Rede. Das Individuum hat keine höhere Bestimmung, in welchem seine Rechte und Pflichten begründet liegen. Jhering kennt nicht einmal die höhere Natur, das Göttliche und Unendliche in ihm, das Gewissen oder den kategorischen Imperativ. Die Rechte und Pflichten erhalten ihre Sanktion nur durch die Gesellschaft! Wie bei allen Moralphilosophen, die vom Christenthum absehen, ist bei Jhering die Gesellschaft der Moloch, dem das höhere Thier, genannt Mensch, geopfert wird, um als etwas Besseres wiederaufzustehen. Es sind die gleichen schroffen Gegensätze: hier der Mensch mit seinen bestialischen Instinkten und dort der Tyrann Gesellschaft oder richtiger der Staat; nur verhüllt Jhering diese beiden rohen Extreme durch seine glänzende Darstellung und seine geistreichen Bemerkungen, die aber alle mehr kors ä'osuvrs sind. Das Merkwürdigste ist dabei, daß er meint, er habe zuerst energisch den Individualismus durch seine Socialethik überwunden, den bisherigen Ethikern den Vorwurf macht, sie seien zu individualistisch, und meint, erst eigentlich der Socialismus habe auf jene Einseitigkeit aufmerksam gemacht. Als ob es nie einen Fichte und Hegel gegeben hätte, die das Individuum vollständig dem Staate opferten! Dagegen bleibt seine Socialethik weit zurück, er bleibt im Individualismus trotz allem tief stecken, denn er ist allzusehr Romanist und durchdrungen vom EinzelegoiswuS des römischen Rechts, als daß er nur gesellschaftliche Pflichten anerkännte; er opfert gelegentlich auch dem Individuum, vertheidigt z. B. den clolus Konus, das Recht der wirth- schaftlich Stärkeren und Konti xossiäontos, das Recht der Gläubiger und den Kampf ums Recht.*) Das Recht entspringt nach ihm aus der Gewalt und stellt sich als eine Art Selbstbeschränkung oder Disciplin der Gewalt dar. Ganz im altrömischen Sinn erscheint das Eigenthum (äonnnimn), die okliZatio und xutria xotsstus als Gewaltrecht. Der Proceß selbst, die Lotto, ist nur eine geregelte Selbsthilfe. Das römische Recht, von dem Jhering ausgeht, war allerdings nur dazu da, einige Mächtige im ruhigen Besitz ihrer Machtmittel zu sichern und Sklaven, wie Kinder, Schuldner und Pächter in ihren Dienst, zu ihrem äc>- wiuiunr zu zwingen. Von einer socialen Auffassung ist keine Rede. Recht und Sittlichkeit ist für Jhering etwas Positives, Conventionelles, historisch Gewordenes, er kennt kein Naturrecht und keine ewige Moral. Nicht einmal im Sinne der historischen Rechtsschule erkennt er in ihnen natürliche organische Gebilde, sondern absichtliche Erzeugnisse, die allerdings durch die Lebensbedürfnisse motivirt sind. Die Lebensbedürfnisse ändern sich aber, und so ändert sich auch Recht und Sittlichkeit. Die Lebensbedürfnisse des Einzelnen und der Gesellschaft sind die Zwecke, die dem Recht zu Grunde liegen. Jhecing's principielle Anschauungen sind also so ziemlich das gerade Gegentheil der christlichen Ncchts- und Sittlichkeitsbegriffe, und man wird daher begreiflich finden, wenn ich oben bezweifelte, daß ihm das Studium .scholastischer Philosophie besonders gefallen hätte. Eine solche Nadicalcur ist für moderne Geister nicht wohl angezeigt und jedenfalls kein so sicheres Mittel, wie es *) Mehr darüber i. in des Unterzeichneten Werk „System -d.,Welch. d. tLuttur" lk 7Z.s< Viele meinen. Man täuscht sich häufig über die Wirkungen, welche die scholastische Philosophie auf die moderne Welt ausüben würde, wenn sie ihr nur näher treten wollte. Trotz aller Bemühungen sind bis jetzt die großen Wirkungen ausgeblieben. Warum haben aber doch die Aussprüche des hl. Thomas über den Zweck im Recht auf Jhering so tiefen Eindruck gemacht? Jhering war einerseits ein Gegner jeder an Hegel erinnernden Bcgriffslogik, ein Gegner der Puchta'schen Anschauung, als ob die Nechtsbegriffe sich nach immanenter Consequenz aus und durch sich selbst einwickelt hätten; er wies hingegen mit Recht auf das Leben und seine Bedürfnisse hin, er war aber andererseits auch ein Gegner der historischen Rechtsschule und ihrer romantischen Phantasie über die Geburt des Rechts aus dem dunkeln Schooße des mystischen Ncchtsgefühles. Auch ihr gegenüber betonte er mit Recht das Zweckvolle des Rechts — soweit kann man wohl mit ihm einverstanden sein —, aber, wie es gewöhnlich geht, die Gegnerschaft gegen die historisch-organische Auffassung trieb ihn immer weiter. Das Nechtsgefühl war für ihn schon deßhalb unbrauchbar, weil er ein wesentliches Moment, nicht nur ein nothwendiges Merkmal, sondern gewissermaßen das Wesen des Rechts in seiner Erzwingbarkeit, in dem Zwange erblickte, womit der Staat die Normen des menschlichen Verkehrs und Zusammenlebens durchführt. Diese Zwangsnormen müssen aber mit Bewußtsein und Absicht festgestellt werden, und so ist Jhering das Recht nichts Künstlerisches, sondern etwas Künstliches, eine bewußte Schöpfung der Staatsgewalt. Nicht aus der still wirkenden Macht der Gewohnheit, sondern im Anschluß an die concreten, bestimmt faßbaren Bewegungen und Zustände des gewöhnlichen Lebens wird nach ihm das Recht gestaltet. In diesem Sinne war ihm die klare Anschauung der Scholastik, welche noch nichts wußte von organischer Bildung und unbewußtem Schaffen, sondern geneigt war, alles — Sprache, Recht und Religion — aus. bestimmten Absichten zu erklären, viel sympathischer als die romanische Stimmung. Die Scholastik lebte noch im antiken Gesichtskreis, sie erklärte den Staat aus einem Vertrage, und das positive Recht galt ihr als etwas Conventionelles wie die Sprache als eine willkürliche Schöpfung. Ueber diese Anschauung sind wir aber, wenigstens was Sprache, Sitte und Religion anbelangt, weit hinaus. Selbst Neuscholastiker, wie Gutberlet, erklären die Sprache nicht mehr als ein künstliches, conventionelles Gebilde. Noch viel weniger wird es jemand einfallen, die Religionen als Trug und Erfindungen hinzustellen, wie es früher geschah. Das Recht und der Staat sind nun allerdings diesen Culturelementen nicht ganz gleichzustellen; hier spielt die Absicht und das Bewußtsein viel deutlicher mit, aber man wird auch heute kaum mehr von einem Gesellschaftsvertrag ausgehen dürfen. Gewiß hat hier alles seinen Sinn und seine Bedeutung, die Familien- und Eigenthumsverhältnisse, wie die Staatsform, aber eine directe Absicht ist um so weniger zu erkennen, je weiter diese Formen zurückreichen. Je älter das Recht z. B. ist, desto stärker ist das symbolisch-künstlerische Element, desto mehr ist es verwachsen mit der Sitte, und es wird schwer, den Sinn immer herauszufinden — man lese z. B. die Nechts- alterthümer von Grimm. Jedenfalls ist viel überflüssig und verdunkelt eher den rechtlichen Vorgang, als es ihn verdeutlicht. Auch das römische Recht hat viel solche Elemente, obwohl es viel stärker, als ein anderes Recht, von Anfang an den nackten Gedanken betont, Elemente, die einem dunklen Gefühle, aber keiner klaren Absicht entsprangen. Daher haben auch die Fachgenossen Jhering vorgeworfen, daß er für die Nechtsentstehnng viel zu wenig das Rechtsgefühl, viel zu viel den Verstand in Anspruch nehme. Das Nechtsgefühl — das ist freilich auch wieder ein Begriff, welchen die Scholastik nicht kennt. In der Form des Rechtsgefühles hat sich die romantische Anschauung von der organischen Nechtsent- stehung niedergeschlagen, und hat sich diese Anschauung, wenn auch modificirt und beschränkt, als eine bleibende Errungenschaft bewährt. Daß diese Anschauung mit einer christlichen Philosophie unvereinbar wäre, sehe ich nicht ein. Dr. G. Grupp. Zurethmmgsfcihigkeit und Strafrecht. 8. M „Endlich aber hoffe ich, daß die psychologischen Congresse dazu beitragen werden, die große Gefahr, welche dem öffentlichen Leben der Culturvölker aus gewissen psychologischen Theorien erwachsen könnte, zu beseitigen, und bin der Ueberzeugung, daß diese Congresse den alten Glauben an die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen nicht erschüttern, sondern befestigen werden." Mit diesen Worten begrüßte Cultusminister Ritter v. Landmann den III. Internationalen Congreß für Psychologie bei seiner Eröffnung Anfang August in München. Die liberalen Blätter ermangelten nicht, ihm diese Bemerkungen zu verübeln, als habe er dadurch einen Druck auf die Meinungsäußerungen und Beschlüsse der Theilnehmer ausüben wollen, und sprachen ihre Hoffnung wie ihre Befriedigung aus, daß dieselben ohne Einfluß auf die wissenschaftlichen Ergebnisse und auf den Verlauf der Verhandlungen bleiben möchten, bezw. geblieben sind. Darin erhielten sie allerdings auch Recht. Wir brauchen zum Beweise nur den zweiten Vortrag hervorzuheben, welchen der Hallenser Professor der Jurisprudenz Dr. v. Liszt über „Die strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit" gehalten hat. Dieser Vortrag ist charakteristisch für den dermaligen Stand der Straf- rechtswissenschaft und bei der umfangreichen lehramtlichen und schriftstellerischen Thätigkeit, sowie bet dem weit über Deutschlands Grenzen hinausreichendeu Ansehen v. Liszt'S, bedeutend genug, um ihn an dieser Stelle einer Würdigung zu unterziehen. Sticht als ob v. Liszt auf dem Congresse etwas Neues gesagt hätte, was etwa noch nicht bekannt gewesen wäre. Derselbe hat seine Theorien in seinem Lehrbuch des deutschen Strafrechts und in den Mittheilungen der internationalen criminalistischen Vereinigung wiederholt dargelegt. Erst vor wenigen Monaten haben diese Theorien auch eine gründliche Kritik und Zurückweisung seitens des bekannten Jesuiten V. Cathrein im 4. u. 5. Heft der „Laacher Stimmen" erfahren. Allein, wie gerade aus diesem Aufsätze zu erkennen ist, scheint v. Liszt neuerdings einen konsequenten Schritt weiter gethan zu haben auf dem von ihm betretenen Wege des Determinismus. Auf dem Boden des Determinismus nämlich fußt die von Liszt und seiner weitverzweigten Schule gelehrte Theorie von Verbrechen und Strafe. Um freilich den Standpunkt dieser Theorie völlig kennen zu lernen, müssen wir über den Inhalt des eingangs erwähnten Vortrages etwas hinausgehen und auch feine übrigen Schriften etwas in Betracht ziehen. Denn die Frage der „Zurechnungsfähigkeit" bildet einen Theil der Frage nach der Schuld, und diese wiederum gehört wesentlich zu dem einen Grundbegriff deS Strafrechts, dem Verbrechen, während der Begriff der Strafe den zweiten Grundbegriff bildet. Wir halten uns bei unserer Untersuchung zum Theil an die erwähnte treffliche Arbeit Cathrein's. Nach Cesare Lombroso und dessen Schule gibt es fünf Haupttypen von Verbrechern: 1) der geborne Verbrecher, 2) der Verbrecher aus Wahnsinn, 3) der Verbrecher aus Leidenschaft, 4) der Gelegenheits- und 5) der Gewohnheitsverbrecher. Diese Lehre vom „Ver- brechcrtypus" ist nun heute von der Mehrzahl der Kriminalisten und Criminalanthropologen als unhaltbar und unwissenschaftlich zurückgewiesen worden. Erst jüngst, auf dem zu gleicher Zeit mit dem Psychologen-Congreß tagenden Congreß der Anthropologen in Speyer, hat Pros. Virchow die Lombroso'sche Lehre gründlich vernichtet und dieselbe direct als eine bloße Caricatur der Wissenschaft bezeichnet. Gleichwohl stimmt in einem Punkte die v. Liszt'sche Verbrechenstheorie mit Lombroso überein, nämlich darin, daß sie die Willensfreiheit des Menschen verwirft und den „empirischen" Menschen zur Grundlage ihrer Studien nimmt. Man pflegt die v. Liszt'sche Auffassung als die „sociologische" oder „criminalpolitische" Auffassung deS Verbrechens zu bezeichnen. Nach v. Liszt ist das Verbrechen die nothwendige Resultante des Zusammenwirkens verschiedener natürlicher Faktoren: der Eigenart des Verbrechers im Bünde mit den Einwirkungen der ihn umgebenden Gesellschaft, v. Liszt sagt deßhalb: „Der Verbrecher ist für uns Menschen unbedingt und uneingeschränkt unfrei; sein Verbrechen die nothwendige, unvermeidliche Wirkung der gegebenen Bedingungen. Für das Strafrecht gibt es keine andere Grundlage als den Determinismus." Der Grund, aus welchem v. Liszt die Willensfreiheit des Menschen leugnet, ist die Annahme, das Causalitäts- princip sei mit der Freiheit unvereinbar. Diese Meinung führt Cathrein auf eine unrichtige Auffassung des Cau- salitätsgesetzeS zurück. Denn dieses Gesetz behaupte nur, jede Wirkung verlange nothwendig eine Ursache, nicht aber jede Wirkung verlange eine nothwendige oder nothwendig wirkende Ursache. Liszt behauptet serner: „Das Strafrecht hat es mit dem empirischen Menschen zu thun, und dieser ist unbedingt unfrei, bestimmt durch Vorstellungen (Motive), mithin dem Causal- gesetz unterworfen." Es läßt sich nicht leugnen, baß die Beweggründe Einfluß auf den Willen üben. Aber keineswegs nöthigen die Beweggründe den Willen. Trotz der Beweggründe bleibt der Wille frei. Selbstverständlich kann vom deterministischen Standpunkte v. Liszt'S aus von Schuld und Vergeltung nicht mehr gesprochen werden, wenigstens nicht im hergebrachten Sinn. Was v. Liszt unter Schuld versteht, ist nicht die freiwillige Uebertretuug eines Gesetzes, sondern „Schuld ist Verantwortlichkeit für den durch willkürliche Körperbewegung verursachten Erfolg". „Schuldfähigkeit ist die Fähigkeit, für eine rechtswidrige Handlung verantwortlich zu sein." „Voraussetzung für die strafrechtliche Verantwortlichkeit und mithin Inhalt der Zurechnungsfähigkeit ist nicht eine dem Causalgesetz entrückte Willensfreiheit, sondern nur die der Regel gemäße Bestimmbarkeit des Willens durch Vorstellungen überhaupt, durch die unser gesammteS Ver- 600 halten regelnden allgemeinen Vorstellungen der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts, der Klugheit insbesondere." Damit kommen wir zu dem mehrerwähnten Congreß- thema Liszt's über die strafrechtliche Zurcchnuugsfühig- keit. „Zurechnungsfähigkeit ist die Fähigkeit, strafrechtlich erhebliche Handlungen vorzunehmen." „Inhaltlich bedeutet sie denjenigen Scelcnzustand des Thäters, der nach unserer Nechtsüberzeugnng im Augenblicke der That gegeben sein muß, damit Bestrafung eintreten kann. Wie muß dieser Scelenzustand beschaffen sein?" Dies ist das Problem, welches v. Liszt behandelte. Zuerst beschäftigt er sich nun mit dem Standpunkt der Gesetzgebungen, welche er in drei Gruppen theilt. Die älteste von ihnen geht nach v. Liszt von der Willensfreiheit aus und stützt die Annahme der Zurechnungsfähigkeit auf die „freie Willensbestimmung", sei es allein, sei es in Verbindung mit einem intellektuellen Moment. Die zweite Gruppe bestimmt die Zurechnungsfähigkeit als „die zur Erkenntniß der Strafbarkeit erforderliche Urtheilskraft". Die dritte endlich verzichtet auf jede positive Begriffsbestimmung und beschränkt sich darauf, die Umstände aufzuzählen, durch deren Vorliegen die strafrechtliche Verantwortlichkeit ausgeschlossen wird. Das Reichsstrafgesetzbuch gehört zur ersten Gruppe, nur bezüglich der Taubstummen und Jugendlichen bildet die zur Erkenntniß der Strafbarkeit erforderliche Einsicht das Merkmal der Zurechnungsfähigkeit. Nach diesen Darlegungen kommt Liszt in seinem Vortrage zur Kritik und zu seinen Vorschlägen. „Die Gleichstellung der Zurechnungsfähigkeit mit der freien Willensbestimmung," sagt er, „gibt zu den bedenklichsten Mißverständnissen Anlaß. Der Wortlaut weist mit aller Deutlichkeit auf die Wahlfreiheit des Indeterminismus. Damit ist als Voraussetzung für Schuld und Strafe eine Willensentscheidung hingestellt, die — mag sie völlig motivlos sein, mag sie unter den auftauchenden Vorstellungen in freier Wahl die eine oder die andere zum Motiv erheben — stets außerhalb des Causalgesetzes steht." Wir haben schon oben darauf hingewiesen, daß diese Auffassung in einer unrichtigen Anschauung des Causalitätsgesetzes ihre Wurzel hat. v. Liszt sagt nun weiter: „Es ist klar, daß durch eine solche Bestimmung dem Strafrecht die unverrückbare Grundlage entzogen, daß es hinabgezogen wird in den uralten Streit der philosophischen Systeme, daß durch sie aber zugleich Richter wie Sachverständige, die, von deterministischer Anschauung getragen, an die Beurtheilung des Einzelfalles herantreten, in die völlige Unmöglichkeit sachgemäßer Entscheidung versetzt werden." .... „Das Strafrecht muß dem uuaustragbaren Streit über die Willensfreiheit entrückt werden. Die „freie Willensbestimmung' muß fallen." Also, das Strafrecht darf sich nicht danach fragen, ob der Thäter unter der Wirkung der freien Willcnsbestimmung gehandelt hat oder nicht, „es muß eine gesetzliche Fassung für den Begriff der Zurechnungsfähigkeit gefunden werden, welche weder deterministisch noch indeterministisch ist!" Das nennt dann v. Liszt eine „Vertiefung" des Schuldbcgriffs. Wir meinen, eine solche Fassung sei schlechterdings unmöglich, wenn anders sie überhaupt einen klaren und unzweideutigen Sinn haben soll. Entweder geht man vom Determinismus aus, dann muß nothwendig auch die Definition der Zurechnungsfähigkeit eine deterministische Färbung haben, oder man stellt sich auf den Standpunkt des Jndeter« miniSmus, dann muß sich diese Auffassung in der Begriffsbestimmung von Schuld und Zurechnungsfähigkeit zu erkennen geben. Eine Unterbringung beider Anscban- ungen in einer Definition scheint uns sowenig mögccch, als zugleich Determinist und Jndeterminist sein. Auf einer gesetzlichen Fassung des Begriffs der Zurechnungsfähigkeit, welcher nicht den einen oder den anderen Grundgedanken zum Ausdruck bringt, läßt sich kein wissenschaftliches System des Strafrechts aufbauen. Die Anschauung über Verbrechen, Schuld und Verantwortlichkeit bildet doch die unentbehrliche Grundlage hiefür, und je nachdem der Mensch als frei oder als determinirt angesehen wird, wird auch das ganze System einen anderen Aufbau erhalten, Einen solchen Aufbau aber construiren wollen ohne eine Grundanscbnuung zum Ausgangspunkt zu nehmen, dünkt uns gleich, ein Haus bauen wollen ohne Grundmauer! v. Liszt kommt sodann dazu, die Zurechnungsfühig- keit zu bestimmen als die normale Bestimmbarkeit durch Motive. „Frei im Sinn des Gesetzes und daher verantwortlich ist der erwachsene Mensch, soweit nicht Geisteskrankheit oder Bewußtseinsstörung seine Freiheit aufheben, indem sie seine Reaktion auf Reize zu einer anormalen gestalten." „An Stelle der Worte Freie Willensbcstimmung' setzen wir den Ausdruck .normale Willensbestimmun gst" Mit Recht hält Cathrein dem entgegen, daß man dann auch den Irrsinnigen und Schwachsinnigen, ja sogar den Thieren Zurechnungsfähigkeit zuerkennen muß. Denn auch die Irren ließen sich vielfach durch Motive und namentlich durch Strafandrohung bestimmen. Man brauche ihnen nur für ein bestimmtes Benehmen jedesmal ein bestimmtes Uebel zuzufügen, dann würden sie dasselbe, wenigstens in sehr vielen Fällen, unterlassen. Auch bei den Thieren sei es ähnlich. v. Liszt muß aber von dieser Auffassung der strafrechtlichen Zurechnungsfähigkeit als der normalen Bestimmung durch Motive eine Ausnahme zulassen. Diese Auffassung, sagt er, sei völlig ausreichend, soweit es sich »m Abschrcckungs- oder Besserungsstrafe handelt, sie versage aber da, wo unausrottbarer Hang zum Verbrechen (bei dem unverbesserlichen Gewohnheitsverbrecher) eine Sicherungsstrafe erfordert. „Denn deren Aufgabe ist Unschädlichmachung des Verbrechers, nicht Motivsetzung; die normale Motivirbarkeit des Thäters kann ihr daher an sich glcichgiltig sein." „Der Gewohnheitsverbrecher reagirt völlig anders auf Reize wie der Durchschnittsmensch. Der ehrliche Determinist*) müßte ihm die Willensfreiheit absprechen. Mangelt dem Gewohnheitsverbrecher aber die Zurechnungsfähigkeit, so kann er nicht gestraft werden. Nicht Strafe, auch nicht Sicherungs- strase, sondern nur Unschädlichmachung als Verwaltuugs- maßregel ist gegen ihn möglich." Mit andern Worten: „Der Gewohnheitsverbrecher ist dem gemeingefährlichen Geisteskranken gleichzustellen." Und v. Liszt scheint es sicher, „daß die Zukunft uns diese Lösung bringen wird." Aus dieser Konsequenz, die v. LiSzt hiermit gezogen hat, läßt sich erkennen, daß er nunmehr auch in diesem Punkte mit den Anschauungen eines andern Anhängers der sociologischen Schule, dem Professor v. Lilienthal, völlig übereinstimmt, welche letzterer bereits im Jahre 1890 *) Wir entnahmen den Vertrag von v. Liszt den Nummern 361 und 362 der „M. N. N." vom 6. August l. Js., wo eS hier „Jndeterminist" heißt, was offenbar nach dem ganzen Inhalt „Determinist" heißen muß und u. E. nur ein Druckfehler sein kann. 301 auf dem II. Ccmgreß der internationalen kriminalistischen Vereinigung zu Bern kundgegeben hat. Der Gewohnheitsverbrecher ist also hicnach als ein anormaler, moralisch kranker Mensch anzusehen. Wenn nun der Verbrecher überbaupt unbedingt unfrei handelte bei Begehung der Strafthat, wenn der Gewohnheitsverbrecher insbesondere in einem Zustand von Geisteskrankheit sich befindet, so kann selbstredend von einer eigentlichen Vergeltung nicht mehr die Rede sein. Die Strafe ist dann nicht mehr Sühne für eine begangene Strashandlung, sondern nur mehr Schutz- maßregel gegen zukünftige Verbrechen. (Schluß folgt.) Alexander der Große in der persischen nnd arabischen Literatur. Von G. G. Wenn man je von einer historisch bedeutsamen Persönlichkeit sagen kann, sie habe sich durch ihr Auftreten und ihre Thaten einen unsterblichen Namen erworben, so kann man es von Alexander dem Großen. Sein Erscheinen als jugendlicher Welteroberer, seine Züge an die Grenzen der damals bekannten Welt und sein tragisches Ende ließen bei den mit ihm in Berührung gekommenen Völkern einen mächtigen Eindruck zurück, der sich nie ganz verwischte. Zwar mochten es anfangs wohl Haß und Groll gewesen sein, die sich mit der Erinnerung an ihn verbanden, Haß und Groll gegen den Stürzer einheimischer Dynastien, gegen den Zerstörer vaterländischer Sitten und 'Gebräuche. Aber sie machten unter dem Einflüsse der wohlthätigen Wirkungen der von Alexander verbreiteten griechischen Cultur bald der Bewunderung des Helden Platz, dem keine Macht der Erde zu widerstehen, dessen Weltreich ohne ihn nach seinem Tode kaum einen Tag zu bestehen vermocht hatte — der Bewunderung, ! die bald, die historische Wirklichkeit immer mehr ab- s streifend, die Geschichte Alexanders in das Reich des Sagenhaften und Abenteuerlichen hinüberspiclte. Gerade dieses Moment der Erinnerung an Alexander den Großen konnte sich auf dem Boden des an Märchenbildung so produktiven Orients auf das reichlichste entfalten, und dies um so mehr, als Alexander sich selbst einen übernatürlichen Ursprung beilegte, seine Persönlichkeit mehr und mehr in die Ferne rückte und der lebendige Verkehr mit den östlichen Ländern, namentlich mit dem von jeher sagenumwobenen Indien, von welchem schon Alexanders Begleiter die wunderbarsten Dinge zu erzählen wußten, mit der Zeit aufhörte. Es entstanden förmliche Romane, die sich zu Volksbüchern ausgestalteten, und von denen der fälschlich dem Knllisthcnes (Begleiter des Alexander) beigelegte, der sogenannte Pseudokallistheues, Z wahrscheinlich der älteste ist. Dieser wurde im Mittelaltcr von abend- und morgenländischcn Schriftstellern fleißig benutzt, und erinnere ich hinsichtlich des Abendlandes nur an das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht, eine deutsche Bearbeitung des französischen Gedichtes Alberichs von Besantzon. Wenn nun auch durch diese mittelalterlichen Dichtungen viele Wundergeschichten über Alexander, wie sie aus dem Morgenlande stammen, bekannt sein mögen, so mag es doch nicht des Interesses entbehren, über die Behandlung Alexanders in der orientalischen Literatur ') Hrsg. v. Karl Müller in seiner Ausgabe des Arrian, Varia 1846 .... selbst — und hier kommt vorzugsweise die persische und arabische in Betracht — Näheres zu vernehmen. Ich sage aber: in der orientalischen Literatur, nicht: in der orientalischen Volkssage; denn wiewohl die „Alexandergeschichten" Volksbücher geworden sind, so kann man doch nicht von einer Alexandersage im eigentlichen Sinne reden; denn dieselben waren und blieben immerhin nur literarische Produkte. Volks- thümliche Ueberlieferung fehlt Hiebei sowohl den orientalischen Historikern, wie den Dichtern; alles geht auf gelehrte Mittheilungen und eigene Erdichtungen hinaus. Demnach sollen im Folgenden einerseits die Bearbeiter der Alcxanderhistorie in Persien und Arabien und ihre Stellung zu derselben namhaft gemacht, andererseits der Inhalt derselben in ihren Hauptzügen skizzirt werden. I Ein Ueberblick über die Alcxanderliteratur bei den Persern und den Arabern läßt erkennen, daß bei diesen die Geschichte Alexanders und seine Person vorzugsweise in der Historiographie, bei jenen vorzugsweise in der Poesie ihre Darstellung fanden. Außerdem thut auch der Koran desselben Erwähnung. Vorbilder der arabischen Geschichtschreiber, wenigstens s der älteren, waren die altpersifchen, oder besser die sas- >, sanidischen. Diese hatten von Alexander dem Großen ^ nur Erinnerungen des Hasses und des Abscheues bewahrt, betrachteten ihn als blutdürstigen Eroberer, als Zerstörer ihres Reiches, als Vernichter ihrer heiligen Bücher und ihrer Cultusstätteu, und stellten ihn mit dem Teufelsfürsten Bewarasp und mit dem Urfeinde Irans, Frasjak, auf eine Stufe. So kommt es auch, daß wir aus Persien nur dürftige Spuren vormoslimischer historischer Aufzeichnungen über Alexander überkommen haben. Verbot doch den Priestern — denn diese sind vorzugsweise auch die Geschichtschreiber Aliperstens — der Nationalstolz. durch ausführliche Beschreibung von Alexanders Thaten ihre eigene Schmach zu erzählen, und wo in den priesterlichen Schriften und in den kurz vor dem Untergänge des sassanidischen Reiches gemachten historischen Aufzeichnungen Alexander Erwähnung findet, geschieht es in einem sehr bitteren Tone. Die ihm manchmal gegebene Bezeichnung „Römer" kennzeichnet die Abneigung der Historiker gegen ihn; denn dann ist er der Vertreter des dem Perserrciche feindlichen NLmerreichs. Trotz ihrer moslimischen Religion schrieben dann mit derselben Antipathie wie die Perser, aber mit mehr Ausführlichkeit und mit Herbeiziehung der in Kleinasien und Syrien verbreiteten „Geschichten" auch arabische Schriftsteller über Alexander in ihren Chroniken, welche Art der Geschichtschreibung besonders unter den Chalifen der Abbasidendynastie gepflegt wurde. In ihnen mischen sich sagenhafte, historische und geographische Elemente in buntem Durcheinander (die sogen. Hadithform)?) Diese Chronisten folgen in der Alexandergeschichte (wie in der übrigen Geschichte Irans) der persischen Ueberlieferung. Keiner ist jedoch vollständig. Die bedeutendsten hieher gehörigen sind: ') „Bei ihrer Leidenschaft für das Außerordentliche, Wunderbare, die sich in keiner geschichtlichen Darstellung verleugnet, ihrer blinden Verehrung der Fürsten, ihrem gänzlichen Mangel an der Gabe und dem Willen, die Ursachen der Ereignisse aufzusuchen, konnten die Orientalen keine Geschichtschreiber im höhern Sinne des Wortes haben." Cäsar Cantu, Allgemein« Weltgeschichte, nach der 7. Originalausgabe bearbeitet von Dr. Arühl. 6. Bd. S. 479. 302 Tabari (lebte 839—921), welcher in einer, bis zum Jahre 302 d. H. (— 914 n. Chr.) reichenden Weltchronik verschiedene Berichte über Alexander zusammenstellt, nicht ohne allerlei Widersprüche und Wiederholungen. Hauptquelle ist ihm hier Hischam Jbn Muhammed (gest. 820 ca.), einer der eifrigsten und gelehrtesten Logographen (bekannt durch seine Ueberlieferung und Bearbeitung der von Jbn Jshak sgest. 768) verfaßten Lebensgeschichte Mohammeds). Jakubi schrieb (um 680 oder 890) ein „Buch der Länder" °) und eine Geschichte^) bis zum Chalifat des Mutamid (869) mit schiitischer Tendenz. Abu Hanifa ad Dinavari (gest. 895/6), dessen „Buch der langen Geschichten" °) eines der frühesten uns erhaltenen größeren arabischen Geschichtswerke ist und die Omajadenzeit und die Geschichte der drei Abbasiden bis Al Mutassim in aphoristischer Weise behandelt. Jbn al Fakih al Hamadani (um 900), Verfasser eines geographisch-belletristischen Werkes. , Eutychius, auch unter seinem arabischen Namen Said Jbn Batrik bekannt, 934—950 melchitischer Patriarch von Alexandrien, gibt eine ziemlich ausführliche, sich größtentheils mit der der moslimischen Chronisten deckende Darstellung der Geschichte Alexanders?) Masudt (geb. um 900 zu Bagdad, gest. 957 zu Kairo). Eine Fundgrube für die Culturgeschichte des Orients sind seine muruäs „Goldene Wiesen" ?) (Aus- zug aus seinem umfassenderen Werke aestdar u1-26inan, „Nachrichten der Zeit"). Wo er von den griechischen Fürsten spricht, erzählt er Alexanders Abstammung und Thaten in Uebereinstimmung mit dem übrigen Oriente. Harns« von Jzfahan (gest. 987), Verfasser der universalhistorischen „Aussagen" oder „Geschichten" (Annalen) b), ausgezeichnet durch seine hervorragende Kenntniß von Perfiens Sagen, der streng historischen Anforderungen immerhin mehr entsprach als seine Vorgänger. (Mit ihm begann man bereits die hergebrachte Hadith- form der Darstellung aufzugeben.) Zu erwähnen sind noch von den jüngeren wos- limischen Chronisten: das persische Geschichtswerk Lluä- sostmil attavarioli (gsschr. 1126), auf Hamsa, Firdufi (s. unten) und einem unbekannten Alexanderbuche beruhend; Jakut (gest. 1229), von griechischer Abkunft, Verfasser zweier großer geographischer Wörterbücher ^), und der christliche Araber Jbn Amid (gest. 1273), der vielfach dem griechischen Romane folgt. Mit diesem griechischen Alexanderromane waren auch die Perser mit der Zeit bekannt geworden durch eine in der letzten Zeit der Sassanidenherrschaft geschehene Uebersetzung des Pseudo- kallisthenes in das Pehlewi (alte Sprache Westpersiens, aus persischen und semitischen Elementen gemischt), welche Pehlewi-Uebersetzung später in's Syrische übertragen wurde. (Fortsetzung folgt.) °) Hrsg. u. mit einer Einleitung versehen von de Goeje in der »Bibliotlieoa xeoxrapdorum arabieorum«. 6 Bde. Leyden 1870-1889. *) HrLg. v. HoutSma, 2 Bde., Leyden 1883. °) HrSg. v. Wladimir Girgaß, Leyden 1883. b) Besonders berühmt war er auch wegen seiner medizinischen Kenntnisse. — In arabischer Sprache schrieb er Annalen von Erschaffung der Welt bis zum Jahre 910 und eine Geschichte Siziliens von der Zeit der Sarazcnenlicrrschaft an. Arab. u. franz. brög. v. Barbier de Meynard u. Pavct de Courtaillc, Paris 1881—1865, 4 Bde. °) Lnualinm iibri X, arab. und latcin. von Goitwald, Leipzig 1844—48. Hrög. v. Wüstenseld, Leipzig 1866—70, 6 Bde. Recensionen und Notizen. k. Ein philologisches Unicum. Der ungarische Univcrsitätsprofcssor Sigmund Simonyi, Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften, ist der Verfasser eines dickleibigen (VIII -j- 456 S.), von der Akademie preisgekrönten Buches (gr. 8°), das in Budapest im Verlage der Franklin« Gcsellschast um theueren Preis (4 fl.) vor einigen Wochen erschienen ist und neben einem ungarischen Titel (Xsmok si maZ-z-ar 82 ülä 8 ok . . .) auch einen deutschen führt, den wir, um zu zeigen, was uns in dem Buche versprochen wird, ganz hersetzen; er heißt: „Deutsche und ungarische Redensarten, von der ungarischen Akademie der Wissenschaften mit dem Marczi- bäny-Prciö gekrönte Arbeit; ein Hilssbuch zum Uebersetzen auS dem Deutschen und zur Ergänzung der deutsch-ungarischen Wörterbücher, aus den besten ungarischen Quellen bearbeitet." Das Buch enthält eine Auslese von Phrasen, lexikalisch (nach dem deutschen Alphabet) geordnet, jedoch ganz planlos, auf's Geratbewohl gesammelt; oft fehlen unter einem Stichwort die alltäglichen Redensarten, sprichwörtliche Wendungen u. s. w., während seltene, zufällig und in gar nicht eigenartiger Verbindung vorkommende lang und breit angeführt werden. Die „Quellen" sind wirklich aus das denkbar bescheidenste Maß beschränkt. Doch, wir wollen lieber einen competcnten Kritiker vernehmen, Professor Arpad v. Török in Budapest, den'Verfasser der „Ungarischen Sprachforschungen" (Budapest 1883), welcher, der deutschen wie der ungarischen Sprache gleich vollkommen mächtig, daö erwähnte Bück in einer eigenen Broschüre (Budapest, Patria-Druckerei, 1896, 50 kr., 16 S. in 8°) bespricht, die den Titel führt „Ein preisgekröntes Unicum" und daS Motto „Wir brauchen die frische Luft der Kritik" (BiSmarck). Die Sprache, die da Török führt, ist wahrlich gar nicht fein, aber vollauf verdient; nur ein flüchtiger Blick in Simonyi's Machwerk genügt, um zu begreifen, daß in einem solchen Fall der Zorn dem Recensenten die Feder führen muß. Vor allem ist der Umfang des Buches, womit sich der Verfasser den Anschein der Gelehrsamkeit und Bclesenhcit geben will, durch ganz «»nöthige Wiederholungen erreicht worden, die des Lesers Geduld auf eine harte Probe stellen. Auf die zahlreichen Sprachschnitzer und Ungereimtheiten im ungarischen Text läßt sich der Recensent mit Rücksicht auf deutsche Leser gar nicht ein; dagegen führt er auf 10 Seiten eine stattliche Liste der greulichsten deutschen Sprachfehler au, die sich nach unserer Durchsicht noch ganz erheblich vermehren ließe, und beweist, daß der Verfasser des „preisgekrönten Unicum" nicht einmal die Elemente der deutschen Sprache versteht. Ein sauberes „Hilssbuch zum Ucber- setzen", in dem es von Fehlern nur so wimmelt! Nicht zu stark ist es, was v. Török am Schlüsse des Sündenregisters sagt: „Ich bin zu Ende. — Die preisgekrönte Arbeit hat sich, wie der Leser sieht, als ein Schund- und Schandweik ohne Gleichen entpuppt.-" Es läßt sich gar nicht bezweifeln: „das preisgekrönte Unicum ist ein unbrauchbares Sammelsurium; die darin in Menge vorkommenden, zum Theil geradezu fabelhaften Verstöße gegen die Rechtschreibung und die Sprachlehre stempeln dasselbe zu einem Machwerke, das nicht seines Gleichen hat." Empörend ist nur dabei der Gedanke, wie Manche durch ein solches Buch nicht nur um ihr gutes Geld betrogen, sondern auch wissenschaftlich irregeleitet werden; die Wißbegierde des strebenden Menschen ist denn doch zu achttmgs- würdig, um sich derartig mißhandeln lassen zu müssen. Was soll man aber von einer Akademie sagen, die ein solches „Sckmnd- und Schandwerk" mit einem Preise krönen konnte? Professor Török aber hat, der Wahrheit dienend, nur eine edle Tbat vollbracht, wenn er das Unglücks-Buch gebührend beleuchtet hat, denn auch das ist Pflicht und Verdienst der Kritik, solchen Erzeugnissen die Larve angemaßten Werthes erbarmungslos herunter zu reißen. Simonyi will auch ein „Wörterbuch" erscheinen lassen, wie er in der ungarischen Vorrede bemerkt. Auch daS wird sicherlich ein -Unicum 8ui xensri3« werden! Eine „Ungarische Grammatik" (Budapest 1879-80) besitzen wir bereits von ihm; ihr gebührt, sagt Arpad von Török mit Recht „das rare Verdienst, die so vernünftig gebaute, wie Krystall so durchsichtige, kunstvoll wie von einer Meisterhand gegliederte, bis in ihre kleinsten Bestandtheile so verständliche ungarische Sprache zur verworrensten, unbegreiflichsten, widersinnigsten, unnatürlichsten auf Gottes Erdboden gemacht zu haben!" Nun, d» haben wir trotz H. Schuchardt's Recension („Littcrar. Central« blatt 1895 Nr. 51) auch auf Simonyi's neue historisch-kritische Grammatik (Mristeg maxz-ar nzwlvtan türtsnslmi alapvll: I. Linear dang'tcm es rrlalrtan. 1896. 8°, pp. 734. ü. 6) gar kein rechtes Vcnrauen und wird dem großen „Sprachgelehrten" auch an dem »UsLieon Uu§uas üuuMteas asvl aukilluivris« (1891—93), das er gemeinsam mit Gabriel SzarvaS herausgegeben, wob! kein übergroßes Verdienst zukommen, sofern eS besser ist, als seine übrigen Leistungen. Die Millcnniumsfcicr der ungarischen Nation, welche Tausende nach der prächtigen Donanstadt Budapest ziebt, mag vielleicht auch manchem Deutschen, der sich dortselbst fremd und verlassen gefühlt, Veranlassung geben, sich mit der magyarischen Sprache vertrauter zu machen. Wehe, wenn ihm solche „Hilfsmittel" in die Hand gerathen! _ Die Verlobte. Jungen Mädchen, besonders den lieben Bräuten gewidmet von Emmy Giebrl. 2. vermehrte Auflage. Slultgart, Noth, 1896. 8°, VI, 101 S. drosch. M. 1,00; Damast, Eoldschn. M. 1,80. Die köstliche Gabe bedarf nicht erst vieler Worte zur Einführung. Der Name der rühmlichst bekannten Verfasserin bürgt für den ausgezeichneten Gehalt der feinfühligen Belehrungen und Zuspräche, welche in der wohlthuenden Sprache «irrer mütterlichen Freundin hier der Braut uns Herz gelegt Werden. Hoch hinaus. Eine sociale Erzählung von M. Lebmann. Rcgensburg, Pustet, 1895. 8°. VI, 188 S. M. 0,80. Es ist ein braves Büchlein, nur leider in einem gar lehrhasien, trockenen Ton geschrieben und ohne sesselnde Momente, so daß eS, was die „Mache" betrifft, mit manchen Produkten aus dem gegnerischen Lager einen Vergleich schwer verträgt. Die Didaktik wirkt zu aufdringlich. L-ie könnte sich aber einschmeicheln im Gewände einer esfectvollen, flotten Sprache und auf dem Boden einer bewegten und spannenden Handlung. Das verstehen die Gegner vielfach vorzüglich. A. Kaunengieser. Juden und Katholiken in Oesterreich-Ungarn. Aus dem Französischen. 8°-Format. 203 S. Trier, Verlag der Paulinus-Druckerei, 1896. Preis brosck. M. 2,50. Das Werk besieht aus zwei Hanpttbeilen, wovon jeder wieder in zwei Theile mit mehreren Kapiteln zergliedert ist Der erste Haupttheil schildert den Ursprung des Antisemitismus in Oesterreich und das Leben und Wirken des um die katbol. Sache in Oesterreich sehr verdienten Sebastian Brunner. Dann bespricht der Verfasser die Thätigkeit und das Verhalten der Juden und Ebristcn in Wien. Durch den Handel, die Industrie und Geldaristokratie bekamen erstere die Herrschaft über das Kapital und übten einen verderbenden Emfluß durch die sich zum größten Theil in ihren Händen befindende Presse und die Universität. Als Gründer, Beförderer und Werkzeuge des AntiklerikaliSmus sind alle antireligiöse Gesetze in Oesterreich ihnen zuzuschreiben. Dieß erregte die Abneigung des Volkes gegen sie um io mehr, als der Hof sich vor aller Augen auf ihre L-cite stellte, wodurch das Volk trotz seiner verschiedenen Siege bei den Wahlen keine Berücksichtigung fand. — Der 2. Hanpttbeil handelt über die Juden und die Kämpfe zur Einführung der Civilehe in Ungarn, sowie auch über das erste Culturkampfsjabr. Besonders anerkennend wird in dem Werke das Verhalten der meisten Bischöfe und hervorragender Laien geschildert, doch ebenso findet die Gleichgültigkeit und das Liebäugeln Einzelner mit der Regierung die verdient: Würdigung. Hält die jetzt in Oesterreich-Ungarn herrschende Stimmung noch länger an, so wird die Herrschaft der Juden bald der Auflösung entgegengehen. Dieß geht ganz besonders hervor aus den Schilderungen der letzten Begebenheiten in Wien, die in dem französischen Urtexte fehlen, jedoch in der Einleitung der Uebersetzung enthalten sind. Außerdem enthält die Einteilung die hervorragendsten Reden Luegers als Führer der Christlich- Socialen. Uebung der christlichen Vollkommenheit von Alvbons Nodriguez, Priester der Gesellschaft Jesu. Neu übersetzt von Christoph Kleyboldt, Priester der Diöceie Münster. 3 Bände. Fünfte Auflage. Mainz, Kirchbeim. gr. 8. (XVIII u. 1363 S.). M. 10.80, für 3 Bände gebd. M. 15.00. Der berühmte Theologe Suarez nennt den Verfasser obigen Werkes „einen großen Lehrer und Meister des geistlichen Lebens", und in der Gesellschaft Jesu besteht für die Novizen die Vorschrift, aus dem klassischen Buche des k. Nodrigucz täglich ihre geistliche Lesung zu wählen. Nach einer Erklärung des Bischofs v. Kette ler vom Jahre 1854 genießt dasselbe „bei allen Lehrern des geistlichen Lebens im Umfange der ganzen katholischen Kirche ein so unbestrittenes Ansehen und hat zur Förderung frommer, nach Vollkommenheit strebender Seelen schon so unaussprechlich Vstles geleistet, daß es einer Approbation durch einen einzelnen Bischof nicht mehr bedarf." Er begnügt sich daher, die Klchboldt'sche Ueüer- setzuna zu approbiren und „den Gebrauch dieses Werkes allen nach Heiligung ihrer Seelen verlangenden katholischen Christen, namentlich allen Priestern, angelegentlich zu empfehlen." Seitdem hat diese Uebersetzung durchschnittlich alle acht Jahre eine neue Auflage erlebt. Diese Thatsachen sprechen laut genug für die Bortrcfflichkeit des Werkes und der Kleybcldt'jchen Uebersetzung. 170 merkwürdige Geschichten von der Macht der Fürbitte des heiligen Joseph. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Joseph Anton Keller, Pfarrer in Gottenbeim. Fünfte durchgesehene Auflage. 8. (XX u. 356 S.). Mainz, 1396, Kirchheim. Preis geheftet M- 2,40, gebd. M. 3,40. Dieses liebe Josephsbüchlein hat in 1l Jahren fünf starke Auflagen erlebt. Wenn irgend etwas die Andacht zum heiligen Joseph beleben kann, so ist es der Einfluß, den diese Geschichten ausüben. Die Andacht zum hl. Joseph ist ja so wunderbar in neuerer Zeit verbreitet und vertieft worden, daß eine besondere göttliche Fügung unverkennbar ist, und seine Ehre zu befördern, kann nur zur Ehre eines jeden Priesters und Christen gereichen. Mögen deßhalb die „170 Josephsgeschichten", die schon viel Gutes gestifter haben, auch in der vorliegenden neuen verbesserten Auflage recht viel gelesen und beherzigt werden. St. Joseph wird auch uns nicht vergessen, wenn wir seine Ebre zu befördern suchen. Fugger-Glött. k. Hermann Jos., 8. ist, Stimmungsbilder. Nach der Natur gezeichnet. (Kreuzfahrer- Lieder. Neue Folge.) 8. (XVII u. 131 S.) Mainz 1896, Franz Kirchheim. Geh. 2 M., gebd. 3 M. Eine in sich gefestigte Natur, die genau den Weg kennt, den sie zu gehen hat, aber in völliger Toleranz andere den ihren gehen läßt; ein über kleinliche Plagen erhabener Charakter spricht aus jedem Gedicht der kleinen Sammlung. Mit wahrem Genuß haben wir alle diese Gesänge in uns aufgenommen, deren Töne wie auS einem weltfernen umfriedeten Idyll zu uns hcrübertönen. Was der Dichter zu sagen hat, findet seinen vollen, niemals wirkungslosen Ausdruck; der Versbau ist so harmonisch, der Klang der Verse so wohllautend, daß wir bei einigen Gedichten der Versuchung nicht widerstehen konnten, sie laut vorzulesen- Ausgewählte Volkserzählungen von A. Kolping, weil. Domvikar, Gründer und Präses des katholischen Gesellcnvereins. Regensburg, Nationale Verlagöanstalt. 7 Bände. Preis 7 M. Kclping, der hochverdiente Volksschriftsteller, soll wieder aus der Ecke hervorgezogen, sollte wieder mehr gelesen werden! Nickt bloß die männliche und weibliche Jugend, anck die Erwachsenen, die Lehrer und Professoren, besonders die Geistlichen können aus ihm Nutzen ziehen. Kolping war ein Volksschriftsteller, und von ihm lernt man, wie man zum Volke spricht und zum Einzelnen aus dem Volke, wenn er mit einem Anliegen an uns herankommt. Da hat nun die Nationale Vcrlagsanstalt in NegenSburg eine 7 Bände umfassende billige Ausgabe veranstaltet; während die Originalausgabe von Kolpiug's Erzählungen 5 Bände zusammen 13,30 M. kostet, ist der Preis dieses neuen Unternehmens fast um die Hälfte billiger, broschirt 7 M.. elegant und dauerhaft gebunden 9,10 M., und verdient auch hinsichtlich des handlichen Formats und der sauberen Ausstattung (starkes gutes Papier und gefälliger Druck) allen Coucurrcnzausgabcn vorgezogen zu werden. Wir empfehle» diese Ausgabe dem Klerus und katholischen Bibliotheken angelegentlichst. Seit 1. September erscheint im Verlage des Herausgebers vr. G. A. Müller, Archäologen und L-chriftstellers (München, Khidlerstraße 12), ein neues Organ sür christliche Altcrthumsknndc unter dem Titel: „Jllustrirtes Central- blatt für die christliche Altert bnmskunde", welches den Zweck verfolgt, die Ergebnisse der Altcrthumsforscbung dem gebildeten Publikum, besonders dein bochw. Klerus, sowie allen sich für Altertbumskunde, namentlich die christliche, Jnrcrcssirendcn zur Kenntniß zu bringen. Und schon sind dem kaum begonnenen Werke aus maßgebenden Kreisen, n. a. seitens hcchwürdigster Herren Bischöfe, Anerkennungsschreiben zeige- 304 gangen, wie auch Unterstützungen in Form von Abonnements. Der Preis pro 15 Nummern jährlich — 5 Mark — dürfte gewiß die Anschaffung der Zeitschrift erleichtern. Möge deni Werke baldigst eine gröbere Leserschast vergönnt sein! — Die erste Nummer hat folgenden Inhalt: Wo ist daö Grab der heiligen Jungfrau Maria? — Frühchristliches von Achmim in Obcräghpten.— Altchristliche Spuren auf dein römischen Forum: Der Titusbogen in Rom und die Prophezeiung Christi. — Die Palmescl (mit zwei Abbildungen). — Eine Figur vom Münster in Strabbnrg (mit Abbildung). — Ausgrabungsberichte aus Palästina und Rom. — Zur Darstellung St. GcorgS (mit Abbildung). — Bücherschau. — Personalia. — Anzeigen.- Probenummern stehen den Interessenten gerne gratis zu Diensten! Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1896. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände L M. 5.40). — Frciburg im Brcisgan. Herder'sche VcrlagShandluug. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 7. HefteS: Das neue Bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches und seine bürgerliche Eheschließung. (A. Lehmkuhl 8. 9.) — Hundert Jahre Polarforschung. I. (I. Schwarz 8. 9.) — Die Naturgesetze der culturellen Entwicklung und die VolkSwirthschast. II. (Schluß.) (H. Pesch 8. 9.) — Das Hexenwesen in Dänemark. II. ('s W. PleukerS 8. 9.) — Die Kircheubauten Englands im 11. und 12. Jahrhundert. I. (I. Braun 8. 9.) — Recensionen: Grupp, Culturgeschichte des Mittelaltcrs (St. Beissel 8. 9.); korst, Va kaenlts äo Misoloxsto äs karis ot soa vootsnrs(O. Pfülf 8. 9.); Jakobsen- Nolaud, Reise in die Inselwelt des BandameereS (I. Schwarz 8. 9.); Erwin, Bertran de Born (W. Kreiten 8. 9.) -- Em- pfchlcnswerthe Schriften. — Miöccllen: Das La- barum; Nietzsche'sche Geistesblitze; Die confiscirtcn Kirchengülcr in Italien. _ „Die Wahrheit." Herausgeber: Philipp Laicus. Erscheint monatlich 2 mal. AbonnementSpreis für den Band (12 Hefte) 4 M. Einzelpreis für das Heft 50 Pf. München, Verlag von Rudolf Abt, 1896. Inhalt deö Heftes 16: Die Generalversammlung der Katholiken.Deutschlands. Von Philipp Laicus. — Der christliche Communismuö in der Welt und in den Klöstern unter den letzten Merowingern und den Karolingern (600—911). Von Dr. Cigoi. — Oesterreichisch-sächsische Erinnerungen. Von Con- stautin Vcrax. — Der Kamps der Kirche für die Heiligkeit der Ehe, besonders für deren Unaufloölichkeit. Von L. Wassermann. — Die Kirchengerichte des neunzehnten Jahrhunderts. Von Dr. H. Rody. — Plaudereien. Von Herbipolcnsis. — Aus unserer Mappe. _ Heft 17 des Deutschen Hausschatzes enthält den Schluß des spannenden Romans von Melati von Java: DaS Dyberli-Geheimniß. Die Lösung des Confliktes, der sich gar bedrohlich zuzuspitzen schien, wird allgemein befriedigen. Die zweite Novelle betitelt sich: Die zerbrochene Vase, aus dem Holländischen deS C. Tcrburcb, und erzählt in wahrhaft ergreifender Weise die tragisch endende Geschichte eines jungen Ehepaares. Als dritter novellistischer Beitrag erscheint die vorzügliche Humoreske: Lambert Hendersons Mahlzeit, die wohl niemand ohne eine wohlthätige Erschütterung des Zwerchfelles lesen wird. So kommen die drei Novellen einer jeden Gcmüthsstimmung entgegen. Von den belehrenden Artikeln heben wir die folgenden besonders hervor. H. Kerner, dessen landschaftliche Schilderungen längst bekannt und geschätzt sind, beschreibt in sehr anziehender Weise seine Wanderungen durch die Dolomiten, reicher und schöner Bilderschmuck ergänzt die beredten Worte deö Verfassers. I. K. Lejcune, einer unserer geistreichsten Feuilletonisten, plaudert über daS sociale Drama Henrik Ibsens und orientirt in fesselnder Darstellung über die Weltanschauung des norwegischen Dichters. Flodatto gibt reizende Genrebilder aus dem Kleinleben der Natur, die er mit Unglückliche Zufälle und tragisches Ende betitelt hat. Die baheriscbe Landesausstellung, die augenblicklich die Augen Deutschlands aus sich zieht, findet eine eingehende Würdigung in Wort und Bild. Dr. A. Schmid lieferte den interessanten Artikel: Wie wirft man sein überschüssiges Fett ab, der allen Dicken hochwillkommen sein wird. An diese längeren Artikel reihen sich wie in jedem Heft zahlreiche kleine. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Frciburg i. Br. 22. Jabrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Frciburg im Breisgau, Herder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 8: Neuere katholische Dichtungen, (von Heemstcde.) — Lloroati, IIn kalimpsosto ^.mdrosiauo eloi 8almi vsapli. (Euringcr.) — Beissel, Die Verehrung U. L. Frau in Deutschland während des Mittelalters. (Pieper.) — v. Heliert, Gregor XVI. und Pius IX. (Knöpfler.) — Iwsetrs, Va 8aints v^liso. (Funk.) — Lainvel, kos oontroseiw vibli- gues äss xreäicateurs. (Kepplcr.) — Braig, Vom Denken. (Bäumker.) — Rcicbling, Ausgewählte Pädagogische Schriften deö Desidcrius Eraömns. (Metzger.) — Kayser, Johannes Ludo- vicus Vives' pädagogische Schriften. (Metzger.) — Strack, Abriß deS Biblischen Aramäisch. (Fell.) — Marti, Kurzgefaßte Grammatik der Biblisch-Aramäischen Sprache rc. (Fell.) — Leckler. Nationale Wohnungsreform. (Brüll.) — Finke, Die kircheupolitischen und kirchlichen Verhältnisse zu Ende des Mittel- alterö nach der Darstellung K. Lamprcchts. (Wurm.) — vurrorvs, Mio Ilistorzr ok tüo koreigm volley ok öreat Lritain. (Zim- mcrmann.) — Jostes, Meister Eckhart und seine Jünger. (Schönbach.) — Wolff-Jung, Die Baudenkmäler in Frankfurt am Main. (Zingelcr.) — Heindl, Der heilige Berg Andcchs rc. (Schlecht.) — Schönbach, Walthcr von der Vogelweide. (Herter.) — Schindler, Jahrbuch der Leo-Gesellschaft für das Jahr 1896. (Helsert.) — Cardauns, Die Märchen Clemens Brentano's. (Hellinghaus.) — Herbert, Aphorismen. (Reinhardt.) — Nachrichten. — Büchertisch. Charitas. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom Charitaö- Comito zu Frciburg i. Br. Erster Jahrg. 1896. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. AbonnememsprciS jährlich 3 Mark. — Frciburg i. Br- Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 8: Der mittelalterliche Hospital-Orden des Heiligen Geistes. (I. Ursprung und Verbreitung deS Heilig- Geist-OrdenS.) — Männer und Frauen der Charitas. (9. Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr v. Kettstcr.) — Armuth und Charitas in Frankreich. — Deutsche Klöster der Genossenschaft Unserer Frau von der Liebe des guten Hirten. I. — Die erziehliche Aufgabe des St. Vinceuz-VcreinS. — Der Orden und die Genossenschaften der Barmherzigen Brüder. II. (3. Die OrdcnSprovinzen deutscher Zunge. — 4. Die Congrcgation der Barmherzigen Brüder.) — Eine prakuschc Einrichtung der Würzburger Vincenz-Conferenzen. — Der Centralverein der vamss ?rotsotrios8 in Toulouse. — Kleinere Mittheilungen. (Der Verein zur Erziehung und Pflege kaiboliichcr Idioten aus der Nheinprovinz. — Die Patronagen in Lüttich (Belgien). — Das sociale Wirken der katholischen Kirche in Oesterreich. — Katholische Trinker-Heilanstalten in Deutschland. — Die Verwendung der Röntgenstrahlen für die innere Medizin. — Frage» kästen, Zusendungen an die Redaction. Der Katholik. Zeitschrift für kathol. Wissenschaft und kirchliches Leben. Unter Mitwirkung der Professoren des Biscköfl. Seminars in Mainz und Bischof!. Lyceums in Eickstätt herausgegeben von Dr. Joh. Michael Raich in Mainz. Mainz. Verlag von Frz. Kirchheim. Inhalt des AugustbeftcS: Der Briefwechsel des Königs Abgar von Edcssa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgarfrage. Von vr. Joseph Nirschl. — Der Consekrationsmoment in der hl. Messe. Von vr. Paul Schanz. — Die deutsche Rechtscinheit- Von vr. L. Bendix. — Das Kircbcnlexikon. — Literatur: Die Gabe des hl. Pfingstsestes. Von M. Meschler. — DieStndicn- ordnung der Gesellschaft Jesu. Von Bernhard Dnhr 8. 9. — Das Grab der hl. Jungfrau Maria. Von Or. Jos. Nirschl. — Die Orden und Congregationcn der katholischen Kirche. Von vr. Max Heimbucher. — GörreS. Von I. N. Sepp. — 45 Bcirachiungen über daö „Hohe Lied". Von Marie Anna Zaubzer. — 8. Lpiscoxoruw ot Rogmlarlum voerstum. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u, Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Nr. 39 25. §ept. 1896. * Die Streitfrage über die Giltigkeit der anglikanischen Ordinationen hat nunmehr (wie schon kurz erwähnt) eine apostolische Entscheidung gefunden, und zwar in negativem Sinne. Bei der Wichtigkeit dieser Entscheidung theilen wir den Wortlaut derselben, die sich der Form nach als päpstliche Bulle darstellt, nachfolgend in der Uebersetzung des Wiener „Vaterland" mit: Apostolisches Schreiben Seiner Heiligkeit Leo's XIII., durch die göttliche Vorsehung Papstes, über die anglicnnischen Grdinationen. Leo, Bischof, Diener der Diener Gottes. Zum immerwährenden Gedächtnisse. Keinen geringen Theil der Sorge und Liebe, vermöge welcher Wir „den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus Christus" (Hebr. 13, 20) Unserem Amte gemäß, unter dem Antriebe seiner Gnade, nachzubilden und nachzuahmen Uns bestreben, widmen Wir der hochedlen englischen Nation. Insbesondere gibt Zeugniß von Unserer Zuneigung zu ihr das Schreiben, das Wir im vorigen Jahre eigens gerichtet haben „an die Engländer, die das Reich Christi in der Einheit des Glaubens suchen", in welchem Wir sowohl die einstige Verbindung dieses Volkes mit der Mutterkirche in Erinnerung brachten, als auch dessen glückliche Wiedervereinigung durch Weckung des Gebetseisers in den Gemüthern zu beschleunigen suchten. Und auch, als Wir vor nicht langer Zeit in einem allgemeinen Schreiben über die Einheit der Kirche ausführlich zu handeln erachteten, hatten Wir nicht an letzter Stelle England im Auge, indem Uns die Hoffnung schimmerte, es konnten Unsere Ausführungen sowohl den Katholiken Festigung, als auch den Dissidenten heilsame Erleuchtung bringen. Und man muß gestehen, daß Unser freimüthiges, durch keine menschliche Rücksicht veranlaßtes Auftreten von den Engländern wohlwollend aufgenommen worden ist, was deren edle Gesinnung wie die Heilsbegierde Vieler gleichermaßen bekundet. — Jetzt aber haben Wir in derselben Absicht beschlossen, Uns mit einer Angelegenheit von nicht geringerer Wichtigkeit zu befassen, die mit demselben Gegenstände und mit Unseren Wünschen in Zusammenhang steht. Da nämlich in England nach dessen Abfall vom Mittelpunkte der christlichen Einheit ein völlig neuer Ritus chet Ertheilung der Weihen unter König Eduard VI. amtlich eingeführt wurde, so ging längst die allgemeine Ansicht dahin, daß das wirkliche Sacrament der Weihe, wie Christus es eingesetzt, und gleichzeitig die hierarchische Nachfolge dadurch aufgehört habe, und die Acte und die beständige Disciplin der Kirche haben diese Ansicht mehr als einmal bestätigt. Doch in der neuesten Zeit und besonders in den letzten Jahren entstand eine kontroverse darüber, ob die nach dem Eduardianischen Ritus vollzogenen Ordinationen des Wesens und der Wirkungen eines Sacramentes theilhaft seien, indem nicht nur einige anglikanische Schriftsteller, sondern auch einige wenige katholische, besonders nicht- englische, sich in bejahendem Sinne oder doch zweifelnd aussprachen. Die Einen leitete Hiebei die Hoheit des christlichen Priesterthnms, die sie wünschen ließ, daß die Ihrigen dessen doppelter Gewalt über den Leib Christi nicht entbehrten; die Anderen bewog hiezu die Absicht, jenen die Rückkehr zur Einheit einigermaßen zu erleichtern; beide Theile aber scheinen überzeugt zu sein, es wäre nicht unzeitgemäß, in Anbetracht der so weit gediehenen diesbezüglichen Forschungen und der nun aufgefundenen und der Vergessenheit entrissenen literarischen Denkmäler, wenn die Angelegenheit durch Unsere Autorität neuerlich zur Behandlung käme. Wir aber, jene Rathschläge und Wünsche keineswegs hintansetzend und vornehmlich der Stimme der apostolischen Liebe folgend, erachteten, nichts unversucht zu lassen, was irgendwie beizutragen schien, Schaden von den Seelen abzuwenden oder deren Nutzen zu fördern. So ließen Wir Uns denn herbei, die Wiederaufnahme der Angelegenheit zu gestatten, auf daß durch Anwendung der größten Sorgfalt bei der abermaligen Untersuchung in Hinkunft auch jeder Schein eines Zweifels entfernt werde. Aus diesem Grunde beauftragten Wir mehrere durch Gelehrsamkeit hervorragende Männer, deren Meinungsverschiedenheiten in der Sache bekannt waren, die Gründe ihrer Ansicht schriftlich aufzuzeichnen; Wir beriefen sodann dieselben zu Uns und hießen sie, ihre Schriften einander mitzutheilen und alles noch weiter bezüglich des Gegenstandes Wissenswerthe zu erforschen und zu erwägen. Auch wurde von Uns dafür gesorgt, daß es ihnen freistand, die nöthigen Urkunden in den vatikanischen Archiven, soweit sie bekannt waren, einzusehen, soweit unbekannt, auszubeuten; ebenso sollten ihnen alle derartigen bei der „Suprema" genannten Kongregation*) verwahrten Acten und nicht minder die bis dahin von den Gelehrten beider Richtungen veröffentlichten Arbeiten zu Gebote stehen. Nachdem sie mit all diesen Hilfsmitteln ausgestattet waren, hießen Wir sie zu besonderen Conferenzen zusammentreten, deren zwölf gehalten wurden unter dem Vorsitze eines von Uns selbst bezeichneten Cardinals der heiligen römischen Kirche, wobei Jedem volle Redefreiheit gewährt war. Schließlich ließen Wir die Acten dieser Conferenzen sammt allen übrigen Documentcn Unseren ehrw. Brüdern, den Kardinälen der genannten Kongregation ausfolgen, deren jeder nach Erwägung der Angelegenheit und nach deren Verhandlung in Unserer Gegenwart seine Meinung zu sagen hatte. Nach Festsetzung dieses Verfahrens war es jedoch angezeigt, zur endgiltigen Beurtheilung der Angelegenheit nicht eher zu schreiten, als bis auf das Genaueste erforscht wäre, wie weit sie schon gediehen nach den Vorschriften des apostolischen Stuhles und nach der herrschend gewordenen Gewohnheit, deren Anfänge und Bedeutung zu untersuchen sicher von großer Wichtigkeit war. Darum wurden zunächst die vorzüglichsten Documente herangezogen, in denen Unsere Vorfahren auf Bitten der Königin Maria der Wiedervereinigung der englischen Kirche eine besondere Sorgfalt zuwandten. Julius III. bestimmte nämlich den durch vielfache Vorzüge ausgezeichneten Cardinal Neginald Pole, einen Engländer, als Legaten n lnters zu diesem Werke, „als seinen Engel des Friedens und der Liebe", und ertheilte ihm außerordentliche Vollmachten und Verhaltungsregeln (im Monat August 1553 mittelst der Bullen „8i nllo uvHnam tampors" und »kost vuotius Xolffs" und anderwärts), *) Die Inquisition, 306 die dann Paulus IV. bestätigte und näher erklärte. Um die richtige Bedeutung der erwähnten Documente festzustellen, muß rnan von dem grundlegenden Satze ausgehen, daß deren Bestimmung, keine abstracto, sondern eine durchaus mit dem bestimmten Zweck zusammenhängende und besondere war. Denn da die dem apostolischen Legaten von jenen Päpsten verliehenen Vollmachten nur England und den dortigen Zustand der Religion betrafen, so konnten sich auch die von denselben Päpsten demselben Legaten auf dessen Bitten ertheilten Ver- haltungsregeln keineswegs auf die Bezeichnung der Erfordernisse zur Giltigkeit der heiligen Weihen im Allgemeinen beziehen, sondern muhten speciell Vorsorge treffen bezüglich der Weihen in jenem Königreiche, je nach Er- forderniß der auseinandergesetzten Umstände. Dies geht auch, abgesehen von der Natur und Beschaffenheit jener Documente, daraus hervor, daß es doch seltsam gewesen wäre, über die Erfordernisse zum Weihefacrament einen Legaten gleichsam belehren zu wollen, noch dazu einen Mann, dessen Gelehrsamkeit auch auf dem Trienter Concil zn Tage getreten war. Wenn man dies festhält, wird unschwer klar, warum in dem am 8. März 1554 abgefaßten Schreiben Julius III. an den apostolischen Legaten zuerst eigens Erwähnung geschieht Derjenigen, die, „ordentlich und rechtmäßig geweiht", in ihren Weihen zu belassen seien, dann Derjenigen, die, „zu den heiligen Weihen nicht befördert", doch „wenn sie würdig und tauglich befunden würden, befördert werden" können. Denn es wird ausdrücklich und bestimmt eine doppelte Classe von Leuten unterschieden, die in der That verschieden war: einerseits Jene, die die heilige Weihe wirklich empfangen hatten, und zwar entweder vor dem Abfalle Heinrich's, oder wenn nachher und von häretischen oder schismatischen Ausspendern, so doch nach dem gewöhnlichen katholischen Ritus, andererseits die nach Eduard's Ordinate Geweihten, die darum zu den Weihen „befördert werden" konnten, weil sie eine ungiltige Weihe empfangen hatten. Daß dies die Absicht des Papstes gewesen, bestätigt in vortrefflicher Weise das Schreiben desselben Legaten vom 29. Jänner 1555, in welchem er feine Vollmachten auf den Bischof von Norwich überträgt. Weiter ist hauptsächlich zu beachten, was das erwähnte Schreiben Julius' III. enthält über den freien Gebrauch der päpstlichen Vollmachten auch zu Gunsten Derjenigen, denen die Weihe „minder ordnungsmäßig und nicht mit Beobachtung der gewöhnlichen Form der Kirche" ertheilt worden war; durch diese Ausdrucksweise wurden ohne Zweifel die nach dem Eduardianischen Ritus geweihten bezeichnet; denn außer dieser und der katholischen Form gab es damals keine in England. Dies wird noch klarer durch die Beachtung der Gesandtschaft, die das Königspaar Philipp und Maria auf Anrathen des Kardinals Pols im Monat Februar 1555 an den Papst schickte. Die königlichen Gesandten, drei „sehr hervorragende und mit jeglicher Tugend begabte" Männer, unter ihnen Thomas Thirlby, Bischof von Ely, hatten die Absicht, den Papst über den Zustand der Religion in jenem Königreiche des Näheren zu unterrichten und insbesondere ihn zu bitten, die Verfügungen und Leistungen des Legaten zur Versöhnung des Königreiches mit der Kirche zu genehmigen und zu bestätigen; zu diesem Zwecke wurden alle nöthigen schriftlichen Belege und die die Sache zunächst betreffenden Theile des neuen Ordinales mitgebracht. Paul IV. nun empfing die Gesandtschaft in glänzendster Weise und erließ nach „genauer Untersuchung" der Belege durch einige Cardinäle und „nach gepflogener reiflicher Erwägung" am 20. Juni desselben Jahres die Bulle „kraeolaru earismrrri". In dieser wird den Verfügungen Pole's volle Billigung und Bestätigung gewährt und über die Weihen also vorgeschrieben: . . . „Diejenigen, welche zu den kirchlichen Weihen . . . von einem anderen als einem ordnungs- nnd rechtmäßig geweihten Bischof befördert worden sind, sollen verhalten werden, diese Weihen . . . neuerdings zu empfangen." Welches aber solche „nicht ordnungs- und rechtmäßig geweihte Bischöfe" wären, hatten schon die erwähnten Documente und die zu diesem Zwecke vom Legaten angewendeten Documente genugsam angegeben: jene nämlich, die zum Episkopat, wie Andere zu den anderen Weihen, befördert worden waren, „ohne Beobachtung der gewöhnlichen Form und Intention der Kirche", wie der Legat selbst an den Bischof von Norwich schrieb. Das waren aber eben keine anderen, als die nach dem neuen Ritus geweihten, welch letztere die dazu bestimmten Cardinäle genau geprüft hatten. Auch darf eine zur Sache gehörende Stelle aus demselben Schreiben des Papstes nicht Übergängen werden, wo nebst anderen einer Dispens Bedürfenden Jene aufgezählt werden, welche „sowohl Weihen wie kirchliche Beneficien nichtigerweise und nur thatsächlich erlangt haben", denn Weihen „nichtigerweise" empfangen haben, ist so viel wie durch einen nichtigen und wirkungslosen Act, nämlich ungültig, wie die Bedeutung des Wortes und der Sprachgebrauch andeuten, besonders da von den Weihen dasselbe gesagt wird, was von den „kirchlichen Beneficien", die nach den bestimmten Anordnungen der heiligen Canones offenbar ungiltig, weil mit einem verungiltigenden Fehler behaftet, verliehen worden waren. Dazu kommt, daß, da Einige im Zweifel waren, welche Bischöfe wirklich im Sinne des Papstes für „ordnungs- und rechtmäßig geweiht" gehalten werden könnten, dieser nicht lange danach, am 30. Oktober, ein anderes Schreiben in Form eines Breve erließ, in welchem er sagt: „Indem Wir einen derartigen Zweifel beheben und für die Gewtssensruhe derjenigen, die während des Schismas zu den Weihen befördert worden waren, durch deutlicheren Ausdruck Unserer Absicht und Meinung als in Unserem obigen Schreiben entsprechend sorgen wollen, daß nur diejenigen Bischöfe und Erzbischöfe, die in der Form der Kirche geweiht worden, nicht ordnungs- und rechtmäßig geweiht genannt werden können." Hätte diese Erklärung nicht eigens die gegenwärtige englische Angelegenheit, das heißt das Eduardianische Ordinate, betroffen, so hätte der Papst durch sein neues Schreiben wahrlich genug gethan, um den „Zweifel zu beheben" oder „für die Gewissensruhe zu sorgen". Uebrigens hat auch der Legat die Actenstücke und Aufträge des apostolischen Stuhles nicht anders aufgefaßt und ihnen genau und gewissenhaft gehorcht, und dasselbe geschah seitens der Königin Maria und der Uebrigen, die sich mit ihr bemühten, die katholische Religion und deren Einrichtungen in den früheren Stand zu setzen. (Schluß folgt.) Zurechnungsfähigkeit und Strafrecht. (Schluß.) H. M Die Folgen der Anschauungen der Liszt'schen Schule auf die Wirksamkeit der Gesetze und Strafen find unabsehbar. Gesetz und Strafe beruhen nach denselben auf dem alleinigen Willen des Staates, die Leugnung 307 der Willensfreiheit schließt eine Vergeltung im Jenseits aus. Der Verbrecher sieht iw Staat nur eine ihm an physischer Macht überlegene Organisation. Er hat nur das eine Interesse, sich nicht „erwischen" zu lassen. Und wird er erwischt, so wird er sagen: „Der Mensch ist unbedingt unfrei; wie kann ich also gestraft werden. Nicht meine Schuld ist es, sondern die Schuld der Gesellschaft, meines natürlichen und socialen Milieu u. a." So müssen wir Cathrein vollkommen beistimmen, wenn er sagt: „Die neue criminalistische Schule untergräbt die Grundlagen der Gesellschaft." Daß ihre Tendenzen mit den Lehren des Christenthums im krassesten Widerspruch stehen, bedarf gar keiner weiteren Erörterung. Denn ist der Mensch nicht frei, konnte er auch nicht sündigen und brauchte auch keine Erlösung. Damit ist aber die Basis des Christenthums erschüttert. Schon dieser eine Grund genügte für uns, um diese Theorien von Anfang an abzulehnen. Allein es ist nicht der einzige, wie wir noch später des Näheren erörtern werden. Die hervorragenden Vertreter dieser Schule freilich, die wohlbestallten Herren Professoren an deutschen Universitäten, würden sich feierlichst dagegen verwahren, wollte man ihnen sagen, ihre Lehre erschüttere den Bestand von Staat und Gesellschaft und führe konsequenter Weise zu allen den Forderungen, welche die Socialisten schon vom heutigen Staat erheben, und damit zum Socialismus selbst. Wir brauchen aber zum Beweis für diese Behauptung bloß auf zwei Erscheinungen der jüngsten Zeit in der socialdemokratischen Presse hinzuweisen. Es ist dies einmal ein Leitartikel „Zurechnungsfähigkeit und Strafe" im „Vorwärts" vom 16. Juli l. Js. Nr. 164, sodann ein Aufsatz von dem italienischen Professor Enrico Ferri:,, kriminelle Anthropologie und Socialismus", jüngst erschienen in der „Neuen Zeit." Der Artikel des „Vorwärts" beginnt: „Die Entwicklung des Socialismus von Utopistischen ZukunftS- pläncn zur Wissenschaft beruht auf der Auffassung des individuellen Menschen und der menschlichen Gesellschaft als determinirt d. h. nothwendig bestimmt durch Ursachen und Wirkungen, wie die umgebende Natur. Alle Naturwisssnschaft ist begrifflich an dieses Gesetz gebunden, während die Theologie und die von ihr abhängigen oder ihr verwandten Moral- und Rechtsvorschriften den Menschen außerhalb des natürlichen Zusammenhangs stellen und seine Handlungen nicht auffassen als nothwendige Wirkungen gegebener Ursachen, sondern als Erscheinungen einer vermeintlichen Willensfreiheit oder sittlichen Freiheit, die demselben Menschen ermöglichen könnte unter denselben Umstünden nach Willkür verschiedenes, ja entgegengesetztes zu thun." Wir fragen, ist diese Wahl dem Menschen, natürlich dem geistig gesunden und reisen, wirklich nicht möglich? Dagegen spricht die Erfahrung eines jeden Menschen an sich selbst. Bei jeder wichtigen Handlung fragt man sich, soll ich so oder anders handeln, und dann treten alle möglichen Beweggründe für und gegen vor die Seele; .... aber ist die Entscheidung, die wir schließlich treffen, wirklich eine durch die Mehrzahl und Stärke der Beweggründe einer Richtung nothwendig bedingte? Und dies müßte doch nach den Deterministen der Fall sein. „Vicieo rnaliorn prolwyns, ciöteriorcr Laynor." Würden wir stets unbedingt den Beweggründen folgen, so würden wir niemals in den Conflikt, mit uns selbst kommen und niemals ein Schlechteres wählen, wo wir das Bessere erkennen. Ja, selbst wenn uns die Beweggründe zu einem Thun bewogen haben, steht es nicht noch im Augenblick der That frei, von der Ausführung abzustehen? Stets bleiben wir uns bewußt, daß wir eine Hand» lung thun oder lassen können, daß es in unserem freien Willen liegt, so oder anders zu handeln. Das ist eine unbestreitbare Erfahrungsthatsache. Darum geben wir dem „Vorwärts" recht, wenn er weiterfährt: „Von dieser Grundvorstellung hängt, wie der Begriff der Sünde als Auflehnung gegen Gottes Gebot, auch der Begriff der Strafthat ab als Auflehnung gegen die Rechtsnormen nebst den dazu gehörigen ewigen und zeitlichen Vergeltungsübeln, und die herrschende Theologie und JuriS' prudenz klammern sich noch heute daran fest." Theologie und Jurisprudenz werden stets daran festhalten und festhalten müssen; denn sie würden mit der Leugnung der Willensfreiheit ihre Grundlage aufgeben und sich selbst den Todesstoß versetzen. Wir wissen freilich, daß beide im „Zukunftsstaate" nicht mehr nöthig sein werden und daß es heute schon eine der wichtigsten Aufgaben der Socialdemokratie ist, ihr Ansehen zu untergraben und beim Volke zu erschüttern. Dagegen aber ist Verwahrung einzulegen, wenn der Vorwärts im obigen Zusammenhange behauptet, daß die erwähnte Grundvorstellung von allen großen Denkern, seitdem sich die Philosophie des Problems bewußt geworden ist, verworfen worden sei. Wir könnten dem Vorwärts mindestens ebensoviele und ebcnso- große Denker entgegenhalten, die diese Grundvorstellung mit aller Kraft vertheidigen. Doch es sollte hier nur auf den inneren geistigen Zusammenhang hingewiesen werden, der nach den angeführten Sätzen unleugbar zwischen den wissenschaftlichen Grundanschauungen des Socialismus und des liberalen deutschen Professorenthums besteht. Es ist zu interessant, zu verfolgen, wie beide auf den gleichen Wegen wandeln, so sehr sie sich immer wieder dagegen verwahren, daß zwischen ihnen eine geistige Verwandtschaft bestehe. Wir haben oben gesagt, die Theorien der sociologischen Schule gefährden den Bestand der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Auch Professor Enrico Ferri gibt uns hiefür in der „Neuen Zeit" die nöthigen Aufschlüsse: „Der Socialismus behauptet, daß das Verbrechen nur die Folge des Elends (des socialen Factors) ist. Die kriminelle Anthropologie vertheidigt die Ansicht, daß die Verbrecher Merkmale btopsychischer Abnormität — atavistischer und pathologischer Natur — ausweisen — und daß man sich ohne diese Abnormität ihr gesellschaftliches Thun nicht erklären kann. ... Beide Auffassungen entsprechen nicht in dieser äußerst einfachen Formulirung der vollen, äußerst complicirten Wirklichkeit der crimi- nellen Erscheinungen." Nach näherer Ausführung dieses Gedankens kommt Ferri zu der Definition: „Der Verbrechen ist nicht eine ausschließlich biologische Erscheinung, vielmehr die Resultante des Zusammenwirkens dreier verschiedener natürlicher Facioren: der körperlich-geistigen Beschaffenheit des Individuums, des natürlichen und des socialen Milieu." Auch der Eintheilung der Verbrecher in fünf Haupttypeu schließt sich Ferri an. Was jedoch den Gewohnheitsverbrecher anlangt, kommt er zu einer der v. LiSzt'schen entgegengesetzten Meinung. Der Gewohnheitsverbrecher ist ihm „offenbar fast ausschließlich das Producl des socialen Milieu". „In einer socialistischen Gesellschaftsordnung, in der nicht bloß das Elend beseitigt wkdsWdM Mch d^r uchdMe KaMjdy 308 Menschen unter einander um die Existenz, werden dir Gewohnheitsverbrecher zusammen mit den socialen Ungerechtigkeiten und den gesetzlichen Absurditäten verschwinden. Denn diese Absurditäten und Ungerechtigkeiten sind gegenwärtig mehr oder weniger in allen Ländern die unsichtbaren Quellen der genannten Verbrechen." v. Liszt sieht die Gewohnheitsverbrecher als gemeingefährliche Geisteskranke an, Ferri als Producte des socialen Milieu. Wer von beiden hat nun recht? „Das wesentliche Ergebniß der kriminellen Anthropologie," so sagt Ferri an einer andern Stelle, „nämlich, daß der Verbrecher eine anormale oder degenerirte Individualität ist, muß bezüglich des Charakters des Strafrechts einen entschiedenen Umschwung herbeiführen. Es muß aus einer gesellschaftlichen Funktion der Rache und der Unterdrückung zu einer Funktion bloßer socialer Vertheidigung werden." Auch v. Liszt verwirft den Charakter des heutigen Strafrechts. Der Vergeltnngsbegriff muß fallen, die Strafe ist nur ein Akt der Präventivpolizei, sie muß den Verbrecher hindern, die Strafgesetze von neuem zu verletzen. Für den Gewohnheitsverbrecher aber gibt es überhaupt keine Strafe, sondern nur Sicherheitsmaßregeln. Wir brauchen wohl keine weiteren Stellen mehr beizubringen, um den Standpunkt der beiden Schulen, der sociologischen und der socialistischen, zu illustriern. Die vorgeführten Stellen bieten hinlänglich Material, die Anschauungen beider zu vergleichen. Nur auf einen Unterschied dürfen wir noch hinweisen. Wenn der Verbrecher unfrei ist, wenn der Gewohnheitsverbrecher geisteskrank ist, wenn alle Verbrecher anormale oder degenerirte Individuen sind, ist es ein Unrecht, sie strafen zu wollen. Darum verlangen die Socialisten in logischer Consequenz der von ihnen verfochtenen Theorie Abschaffung der Strafe als Strafe, Schließung der Zuchthäuser und Gefängnisse und Verwahrungs- und Heilanstalten für alle Verbrecher. Das Gleiche müßte doch wohl auch v. Liszt zum mindesten für die „geisteskranken" Gewohnheitsverbrecher verlangen. Denn kann es ein größeres Unrecht geben, als einen Geisteskranken wie einen Verbrecher zu behandeln? Müßte nicht v. Liszt mit der ganzen Wucht seiner Autorität auftreten und für die Unglücklichen seine Stimme erheben, welchen ein so schweres Unrecht geschieht, für die Gewohnheitsverbrecher, die ihm als geisteskrank erscheinen? Ist nicht jede neue Verurtheilung eines rückfälligen Diebes, Räubers, Kupplers und anderen Gewohnheitsverbrechers ein niemals wieder gutzumachendes Unrecht, das der Staat und seine Beamten begehen und für das jene mitverantwortlich sind, welche trotz ihrer „besseren" Erkenntniß der Strafbarkeit der Verbrecher und trotz ihrer gewichtigen Stimme nicht alles aufbieten, um einen Umschwung in der Gesetzgebung beizuführen? Es ist eine eigenartige Entschuldigung, wenn v. Liszt die Lösung des Strafrechtsproblems nach seiner Ueberzeugung für heute und für absehbare Zeit noch nicht empfehlen will: „Die überlieferten und heute noch herrschenden ethischen Werthurtheile, denen eine vorsichtige Criminal- politik Rechnung tragen muß, auch wenn sie wissenschaftlich sie als Vorurtheile verwirft, verlangen eine Bestrafung, nicht bloß die Unschädlichmachung des Gewohnheitsverbrechers; sie verlangen strenge Sonderung des Zuchthauses von den Anstalten für gemeingefährliche unheilbare Geisteskranke." Also nur weil die heutigen ethischen Werthurtheile eine Bestrafung verlangen! Aber wird dadurch für jene, -tvMx W iW diese Gischt WerthMeile erWen wissen, aus dem Unrecht, das diese Werthnrtheile durch Bestrafung der Gewohnheitsverbrecher begehen, ein Recht? Ist es nicht unmoralisch und unsittlich, deswegen von seiner besseren Erkenntniß abzulassen und selbst an der Bethätigung des Unrechts mitzuwirken? Doch wir vergessen, auch „unmoralisch", „unsittlich" „Unrecht" sind Begriffe, die zu den überlieferten ethischen Werthurtheilen gehören, welche die Criminalpolitik wissenschaftlich als Vorurtheile verwirft! Damit können wir füglich unsere Betrachtungen schließen. Wir haben am Eingang die Worte v. Land- manns wiedergegeben und später behauptet, die Lehren des Determinismus und der von ihm ausgehenden sociologischen Schule seien geeignet, die Grundlagen der heutigen Gesellschaftsordnung zu erschüttern. Wir wollen nicht nochmals darauf eingehen, daß sie jedenfalls mit dem Christenthum im schärfsten Widerspruch stehen. Wir wollen zum Schlüsse nur noch einige Sätze aus dem andern Lager wiedergeben, wie sie in den beiden erwähnten Artikeln zu lesen sind. So schreibt der „Vorwärts", nachdem er in dem cilirten Artikel über Verurteilungen geisteskranker Personen zu Gefäugnißstrafen und deren irreuärztliche Behandlung gesprochen: „Der Entwicklungsprozeß" (bezüglich der Behandlung Geisteskranker) „ist vorbildlich für das Strafrecht, und mit jedem Fortschritt in der irrenärztlichen Erkenntniß, mit der unaufhaltsam vorrückenden Einengung der verbrecherischen Zurechnungsfühigkeit und der Strafmarter durch Anerkennung immer zahlreicherer geistiger Zwangszustände vollzieht sich im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft selbst ein mächtiger Vorstoß gegen die Strafknechtschaft." Dann aber wird jene bekannte Stelle citirt, welche Heine 1831 über die damals aufkommenden Zellengefängnisse schrieb: „Diese Burgverließe des neuen Bürgerritterthums wird einst das Volk ebenso muthwillig niederreißen wie die Bastille. So furchtbar und düster dieselben von außen gewesen sein mögen, so waren sie doch gewiß nur ein heiterer Kiosk im Vergleich mit jenen kleinen schweigenden amerikanischen Hollen, die nur ein blödsinniger Pietist ersinnen und nur ein herzloser Krämer, der für sein Eigenthum zittert, billigen konnte." „Die Zeit naht heran", so fügt der Vorwärts diesen Worten bei, „in der sich seine Prophezeiung erfüllen wird." Ganz ähnlich lauten die Worte Ferri's. Anknüpfend an eine Bemerkung von Michelet: „Die Rechtspflege und die Naturwissenschaft muß in eins zusammenfallen, daß die Rechtspflege eine Heilkunde wird, welche sich auf die Ergebnisse der Psycho- und Physiologie stützt", fährt Ferri weiter: „Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, ist es sinnfällig, daß die Ergebnisse der criminellenAnthropologie auf dem Gebiete der socialen Vertheidigung gegen Individuen, welche den Mitmenschen gefährlich sind, die Evolution der Gesellschaft zu einer socialistischen Ordnung der Dinge vorbereiten." An einer andern Stelle aber heißt es: „Ich habe immer gefunden, daß das Studium der criminellen Anthropologie ebenso wie das der biologischen und socialen Evolution eine treffliche Vorbereitung für das Erfassen der socialistischen Theorien für jeden bildet, der logisch zu Ende denken will, ohne sich auf halbem Wege durch persönliche Vorurtheile der wissenschaftlichen Orthodoxie oder Heterodoxie festhalten zu lassen." ^ Fassen wir nun dys Ergebniß dieser kritischen Be- 309 trachtung zusammen, so kommen wir zu dem Ergebniß: Die neue sociologische oder criminalpolitische Schule unter der Führung v. Liszt's geht von demselben Ausgangspunkte wie der Socialismus aus, nämlich von dem Determinismus. Ziel und Zweck beider ist eine vollständige oder wenigstens eine sehr weitgehende Subsumirung des Verbrechers unter die Geisteskranken, und nur praktische Erwägungen sind es, welche die erstere verhindern, die letzten Konsequenzen ihrer Lehren zu ziehen. Ihrer Idee nach aber und ihrem Kernpunkte nach sind sie beide geeignet, einen der wesentlichsten Grundpfeiler unserer heutigen Gesellschaftsordnung ins Wanken zu bringen, nämlich die Verantwortlichkeit des Menschen für sein sociales Thun, auf welcher allein sich die derzeitige Organisation des StaateS und der Gesellschaft vernunftgemäß gründen kann. Und aus diesem Ergebnisse erkennen wir nur allzu deutlich, wie berechtigt und treffend die einlcitungsweise wiedergesehenen Worte des Cultusministers gewesen sind. „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Hluisjakob." (Schluß.) I?. 8t. Hansjakob wurde von seinem Vater, der Bäcker war, zuerst in der Backstube beschäftigt, allein sein Geist strebte nach Höherem, er wollte studiren. Hätte er geahnt, wie dornenvoll die Studienlaufbahn in der ersten Zeit ihm werden sollte, er wäre sicher beim Bäckerhandwerk geblieben. Das Dictum des alten Horaz: t)ui stallet oxtatara oarsa coatingsrs mstaw, Llulta rulit, t'eeitgae xaer, sullavit et aloit; ging buchstäblich an unserem guten Hansjakob in Erfüllung. Der Schullehrer, über das Talent seines früheren Schülers befragt, gab die lakonische Antwort: „Hansjakob ist zu dumm zum Studiren." Doch der Caplan sah tiefer und erbarmte sich des Knaben und gab ihm in Jahresfrist den Vorbereitungsunterricht zur Aufnahme in die tzuarta. Damals begann man noch nach der natürlichen Ordnung der Dinge die Gymnasialclassen zu zählen von xriuru bis ssxta, so daß haarig, also die vierte Classe war; jetzt zählt man, wenigstens in Preußen und Baden, und wohin sonst noch der Segen des preußischen Lichtes der Bildung gedrungen ist, vvH ssxta, anfangend zur xrima, beginnt mit der sechsten und hört auf mit der ersten Classe; wahrscheinlich um gleich von vorneherein eine Vorahnung der Verkehrtheiten moderner Pädagogik zu gewähren. Wie es bei der kurzen Vorbereitungszeit nicht anders möglich war, zeigte sich bald, daß unser Gymnasiast in allen Fächern, das Latein ausgenommen, weit hinter seinen Mitschülern zurück war. Dazu kam eine ganze Reihe von neuen Fächern, für Hansjakob lauter spanische Dörfer. Anstatt daß seine Professoren am Gymnasium in Rastatt den jungen Menschen bei seiner schweren Arbeitslast in richtig pädagogischer Weise aufgemuntert hätten, vexirten sie ihn in unerträglichster Art. Man muß die Schilderung der nun beginnenden Leidenszeit bei Hansjakob selber lesen, um zu sehen, wie manchen Lehrern auch die einfachsten Principien einer vernünftigen Pädagogik völlig abgehen. Schon in der ersten Woche sprach der Lehrer in der französischen Sprache über seinen Schüler das große Wort gelassen aus: „Geh' wieder heim, mit Dir ist's nichts," und fügte über den weinenden Knaben unter dem Hohngelächter seiner jüngeren und kleineren Mit« schüler das salomonische (?) Urtheil hinzu: „Geh' Du lieber in ein Kloster Und bet' 3000 kater noster. Du alter Haslacher, Du!" Noch schlimmer behandelte ihn ein anderer Professor' der ein wahrer Tyrann in der Schule war und durch seine Mißhandlung manchen Schüler verzweiflungsvoll von Schule und Studium Hinwegtrieb. „Wie ein Tar» tarenhänptling unter seine Feinde, so stürmte er jeweils in das Klassenzimmer, wo wir alle, sammt und sonders, ihn erwarteten, wie wenn er käme, um unser Todesurtheil zu fällen. Auf seine Stunden hatten wir eine Angst, als ob ein Henker käme, um uns zur Folterbank zu führen. Einer von uns, jetzt badischer Medicinal- rath, ein ebenso fleißiger, als begabter Schüler, bekam vor Acngsten jeweils das „Herzwasser" und mußte das Zimmer verlassen. Er erhielt deßhalb später den Cerevis- Namen ,Wässerle"' usw. usw. Hansjakob aber haßte er geradezu und malträtirte ihn auf jede Weise. Zu all diesem Elend in der Classe kam, um das Maß voll zu machen, noch ein namenloses Heimweh hinzu. „Von Schwierigkeiten aller Art umgeben, in ein förmliches Chaos ganz fremder Lehrgegenstände eingetaucht, von einzelnen Lehrern malträtirt, von anderen verspottet, von den Mitschülern verlacht, zu all dem von namenlosem Heimweh geplagt, erfuhr ich zum erstenmale jene Lage, wo die Menschenseele nur noch Einen Wunsch hat: nicht mehr zu cxistiren," schreibt Hansjakob in bitterer Erinnerung. Das Schlußresultat dieses Jahres lautete: „Rcpetiren", wozu der humane (!) Klassenlehrer für den niedergeschmetterten Knaben noch die höhnischen Worte hinzufügte: „Hansjakob, Du kannst das Studiren aufgeben, sonst mußt Du noch heirathen auf dem Lyceum, so alt wirst Du." Kein Unglück kommt allein; tiefstes Weh im Herzen, findet der Arme, in die Ferien heimgekehrt, seinen Vater auf den Tod krank. Die höchst traurigen Ferien werden in der Backstube verbracht, und Hansjakob wäre am liebsten ganz in derselben verblieben, wenn der Stolz es ihm erlaubt hätte. Unsere moderne Jugend greift in solch verzweifelter Lage zur Pistole oder ertränkt ihren Gram im Wasser. Daran dachte unser Gymnasiast nicht; sein von Natur aus ihm innewohnender Haslacher Humor entwickelte sich im Elend zum Galgenhumor. Hansjakob greift zum Bierglase. Er gründet in Rastatt mit Schicksalsgenossen einen Kneip-Verein, aber nicht zum Rückenguß und Wassertreten, und wenn sie am Morgen in der Classe geweint, am Abend suchen sie ihr Elend im Biergenuß und Cigarrendampf und bei fröhlichem Rundgesange zu vergessen. „Und des Weltalls Kummer und Sorgen, Die gingen an ihnen vorbei." Außer diesem Lethetrinken wurde unserem Schüler noch ein besserer Trost zu theil. Der Rector, ebenfalls ein strenger Lehrer, daher von seinen Schülern „Etzel" genannt, aber auch ein feiner classischer Philologe und tiefer Menschenkenner, durchschaute die geistige Befähigung HanSjakob's und wurde nun sein Beschützer. „Der Junge", äußerte er, „hat entschieden Talent, und wenn es auch erst später sich entwickelt." Er hatte richtig taxirt; von Jahr zu Jahr erwachte der Geist HanSjakob's mehr und mehr, und wir sehen ihn in den obersten Classen stets unter den ersten Schülern sitzen. 1859 ab» solvirte er das Gymnasium als dritter unter 15 M» itürienten, wurde bei der Schlußfeier öffentlich belobt und erhielt im Maturitütszeugniß die ehrende Anerkennung sehr guter, zu der Hoffnung auf besten Erfolg im akademischen Studium berechtigender Talente. Er führt das alles in seiner „Studienzeit" an zum Beweise dafür, wie verkehrt es sei, über einen Schüler nach den ersten Leistungen gleich den Stab zu brechen. Dieser Fingerzeig dürfte auch in der Gegenwart, besonders bei der Aufnahmsprüfung von Landkindern an das Gymnasium, etwas mehr berücksichtigt werden. Vor mir liegt der mittclfränkische Volksschullehrplan und zugleich eine Sammlung von „Prüfungsaufgaben, gegeben bei der Aufnahme in die erste Gymnasialclasse an den bayerischen Gymnasien" in der Zeit von 1882 bis 1894. Ein Schüler, der die 3. Classe der Volksschule mit Erfolg absolvirt hat, soll nach dem organischen Zusammenhange des Schulwesens in Bayern fähig sein, die Aufnahmsprüfung in die 1. Lateinclaffe zu bestehen. Wenn ich aber die oben ciiirten Prüfungsanfgaben mit den im Volksschullehrplan an die 3. Classe gestellten Anforderungen vergleiche, so springt in die Augen, daß kaum der allerbeste Schüler einer Stadtschule, wo jeder Lehrer nur einen Jahrgang unterrichtet, im Stande ist, ohne Privatunterricht den Anforderungen in Orthographie und Rechnen Genüge zu leisten. Ein Schüler der Landschule ist auch mit dem 10. und 11. Lebensjahr noch nicht fähig, ohne gründlichen Privatunterricht dieses Examen in die 1. Lateinclasse zu bestehen. Um nur Ein Beispiel anzuführen: Wie soll ein Kind mit neun Jahren im Stande sein, folgende Rechenaufgabe, die 1892 bei der Aufnahmsprüfung irgendwo gegeben wurde, zu verstehen und zu lösen: „Von welcher Zahl ist der 8. Theil um 7643 kleiner als 9630?« Der Erfolg solch rigoroser Anforderungen wird einfach der sein, daß die Kinder vom Lande vom Studium immer mehr abgeschreckt werden gegenüber den Kindern in Städten mit ihrem besseren Volksschulunterricht. Ob aber das ein Nutzen ist für Kirche und Staat, wenn die Gebildeten mehr und mehr aus dem Stadtvolk sich rekrutiren, das ist doch mehr als zweifelhaft. Tüchtigere körperliche und geistige Veranlagung findet sich sicher auf dem Lande, als in vielen städtischen Kreisen. Kehren wir zu Hansjakob zurück. Mit der geistigen Entwicklung hielt gleichen Stand die Entwicklung des „flotten Studenten". In der Fertigkeit im Trinken und Rauchen zählt er unter die ersten seiner Genossen, im „Caeco"-Spiele ist er gewandt, im „Kegeln" ausgezeichnet, im Turnen ein Meister, selbst im Rapier- und Floretsechtcn ist er geübt und auch des edlen Waidwerks kundig. Nur im Tanzen war er ein Stümper. Kein Wunder, daß seine Kameraden ihn als „forschen Burschen" zum Kneippräsidenten ernennen. Das Wort Gymnasialcorps Markomannia will ich nur nennen, um den Philologen, so einer etwa diese Zeilen liest, einen heiligen Schrecken vor dem „verkommenen" Hansjakob einzuflößen. Wenn jetzt eine solche Verbindung entdeckt wird, berichten alle Zeitungen davon, wie von einem staatsrettenden Ereigniss. Hansjakob berichtet darüber und besonders über die Mitglieder der Markomannia in Rastatt höchst interessante Dinge, die ich aber nicht verrathen will. Nur noch eine Frage mag berührt werden. Wie stand es mit der Religion der Gymnasiasten? „Die ersten Jünglingsjahre verwischten die formellen Begriffe des christlichen Glaubens ziemlich vollständig, so daß ich auf die Universität kam als Theologe, ohne mehr zu wissen, wieviele Sakramente und Gebote die Kirche habe," gesteht Hansjakob, wobei wir indessen den Verdacht nicht unterdrücken können, daß er hier zu sehr inS Schwarze gemalt hat; das Gebet aber hat er nie ganz unterlassen. Leider lag die Ursache dieser traurigen religiösen Unwissenheit hauptsächlich im erhaltenen Religionsunterricht. Das am Obcrgymnasium eingeführte Handbuch der Glaubenslehre von Stadlbaur war „durch seine namenlose Abstrusität, feine Unklarheit und wüstensand- ähnliche Oede geradezu angethan, die Religion zu ent» leiden". Der Neligionslehrer hatte weder „soviel Energie, das Machwerk aus der Schule zu verbannen, noch Geist genug, um Leben in die Kirchhofsöde zu bringen". Leider trifft ähnliches für spätere Zeiten auch noch zu. Die Lehrbuchfrage dürfte nach dem Urtheile hervorragender Katecheten durch dieNeltgionshandbücher für Gymnasien von Dr. Dreher, früher lange Jahre NeligionS- professor am Gymnasium in Sigmaringen, nunmehr Domherr in Freiburg in Baden und Vorstand der „Sapienz" zur akademischen Weiterbildung von Geistlichen Deutschlands, — zu einer glücklichen Lösung gebracht sein. Möchte nur auch für die Volksschule bald eine Katechismus-Verbesserung erfolgen, denn Hansjakob hat wohl nicht unrecht, wenn er den Deharbe'schen Katechismus als ein wahres Meisterstück entsetzlicher Trockenheit und Abstraktheit bezeichnet! Wie kam nun Hansjakob trotz dieser religiösen Verfassung dazu, Theologie zu studiren, denn als Theologen begegnen wir ihm wieder an der Universität in Freiburg und im dortigen erzbischöflichen Convicte? Die Gründe gibt nur seine Autobiographie an, sie sind durchaus keine entehrenden für ihn, insbesondere war alle Heuchelei ihm völlig fremd. Mit seltener Offenheit gestand er dem damaligen Convictsdircctor und späteren Erzbisthumsver- wcser Kübel seinen ganzen religiösen Zustand ein, der ihn für diese Offenheit mit seinem besonderen Vertrauen beehrte. Innere und äußere Versuchungen, die ihn vom Studium der Theologie wieder abwendig machen wollten, überwand er glücklich, bis endlich die Vorlesungen über Dogmatik die innere Freude am erwählten Berufsstudium in ihm weckten. Dies Geständniß hat in uns, da wir noch in den 80er Jahren bei demselben Professor Wörter Dcgmati? hörten, allerdings Staunen erregt, denn die Af zwei kurze akademische Semester mir in Summa kaum 7 — 8 Monaten beschränkten dogmatischen Vorlesungen in Freiburg hätten in uns derartigen Eindruck kaum hervorgerufen. Hiemit soll indessen dem früheren Lehrer kein Vorwurf gemacht sein, es mag ihm unangenehm genug sein, eine solch umfangreiche Disciplin bis auf den heutigen Tag in so engem Rahmen dociren zu müssen. Einen kleinen Seitenhieb Hansjakob's auf die scholastische Methode im Gegensatze zu Wörter's Methode der Tübinger Schule (Kühn) wird man ihm gerne nachsehen, wenn man weiß, daß in Freiburg absolut keine Gelegenheit war, die Scholastik kennen zu lernen. Wir gestehen gerne, daß die dogmatischen Vorlesungen des anerkannt hervorragenden Thomisten Professors und Dom- dekans Dr. Morgott in Eichstätt auf uns einen viel tieferen Eindruck machten, als die Dr. Wörter's. Aehn- lich ist auch die bei einem katholischen Geistlichen merkwürdige Erscheinung zu erklären, daß Hansjakob in philosophischen Fragen sich oft auf Schopenhauer beruft. Was ihn zu diesem Philosophen hinzog, ist offenbar dessen im Princip himmelweit verschiedener Pessimismus, der in Hansjakob verwandte Saiten erklingen ließ. Eine systematische Philosophie auf Grundlage der großen mittelalterlichen Aristoteliker, wie sie in Bayern jeder Theologe studirt, kennen zu lernen, hatte er auf der Universität so wenig Gelegenheit, als wir 23 Jahre spater. Was man aus der neueren Philosophie an der Universität hörte, blieb von uns unphilosophischen Hörern meist unverstanden, wohl zu unserm Glücke, denn wer weiß, welche Förderung (!) unser theologischer Beruf durch die moderne Philosophie erfahren hätte, wenn unser Geist in alle ihre Jrrgänge eingeführt worden wäre, ohne daß echt philosophische Schulung uns den Ausweg aus dem Labyrinthe gewiesen hätte. Im Herbste 1803 gelangte Hansjakob an das Ziel seiner Studien und erhielt im einsamen Priesterscminar der Diöcese Frciburg, in St. Peter auf dem Schwarz- wald, die hl. Weihen. Neben seinen theologischen Studien hatte er auf der Universität mit Eifer Philologie studirt, Mit so glücklichem Erfolge, daß er als Ncupriester schon im November 1863 das philologische Staats- und Professoratsexamen in Karlsruhe als 4. unter 12 Kandidaten, im lateinischen Stile der erste von den zwölfen, bestand. Das eine kurze Inhaltsübersicht über die fragliche Schrift Hansjakob's. Eine ganze Reihe heiterster Episoden aus dem Studentenleben beleben die Erzählung, bei passender Gelegenheit finden sich ernste pädagogische und philosophische Betrachtungen, sowie sehr beachtens- werthe Notizen für Seminarvorsiände eingewobeu usw. Außer den schon erwähnten eigenthümlichen Ansichten über scholastische Theologie und Philosophie kann besonders die geschilderte Entwickelung seines Kneip- genie's die negative Kritik herausfordern. Schneidige Temperenzler werden mit Abscheu sich davon abwenden, gestrenge Philister und Moralisten werden über derartige Reminiscenzen eines kath. Geistlichen kurzerhand den Stab brechen, wir selbst wollen urtheilen nach dem Worte: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein auf ihn." Keinen Stein aber erhebe, wer vom 12. Jahre an im Seminar aufgewachsen ist; wo keine Gelegenheit zum Gegentheil, soll man nicht so viel von Tugend reden. Keinen Stein werfe, wer noch als Pfarrer in der Dorfkneipe bei Bier und Spie! zu sitzen beliebt; Hansjakob hat in jugendlicher Begeisterung gehandelt, nach dem Studentenlied: „Laßt Bacchus und Gambrinus leben!" als Geistlicher aber hat er das Wirthshaus und seit vielen Jahren auch den Biergenuß ganz gemieden, das Rauchen hat er schon als Theologe aufgegeben. Vergessen wir dann nie die Ursache, die den Gymnasiasten zum Becher greifen ließ, und wir werden unsere Steine nach einer anderen Seite werfen. Bei alledem möchten wir aber das schöne Buch, dessen Lektüre uns ungemein angezogen hat, der Jugend an unseren Mittelschulen nicht in die Hände geben, denn — vitirnrrr in vetiturn; wenn das Verbotene im Glänze des glücklichsten studentischen Humors von einem kathol. Geistlichen geschildert wird, möchte das doppelt verführerisch wirken. Akademiker aber werden an dem strebsamen Universitätsstudenten Hansjakob ein schönes Beispiel treuer Pflichterfüllung vor Augen haben und zugleich wegen der echt deutschen „Burschikosttät", wie sie zuvor an ihm sich gezeigt, das Vorbild um so lieber gewinnen Und wir alte Philister werden ohne ollen Schaden, aber mit vielem Genuß und in angenehmster Erinnerung an manche „fidele" Stunde der schönen Univcrsitätsjahre die Reminiscenzen Hansjakob's lesen und ihm für dieselben dankbar fein, eingedenk des Wortes von Goethe: „Ich halte den, der seine eigene Biographie schreibt, für den höflichsten aller Menschen." Alexander der Große in der persischen und arabischen Literatur. Von G. G. (Fortsetzung.) Der erste Mohammedanische Schriftsteller, der die Alcxandersage (im uneigentlichen Sinne!) in seiner ganzen Ausführlichkeit behandelte, ist der Homer des Orients, Nbul Käser» Mansur, mehr bekannt unter seinem Beinamen Firdusi, d. i. der „Paradiesische". — Im Jahre 940 zu Schadab, einem Dorfe in Khorassan, geboren, begann er in seinem 36. Lebensjahre sein Schahname („Königsbuch", „Heldenbuch"), das Nationalepos von Iran, und zog die Aufmerksamkeit des Schah Mahmud I. aus der Dynastie der Gasanviden auf sich, von dessen Regierung an die Blütheperiode der persischen Literatur datirt. Proben von Firdufi's Heldengedicht entzückten den Schah, einen persischen Mäcenas, so, daß er den Dichter sofort mit der Ehrenstelle des „Dichter- königs", einer dem persischen Reiche eigenthümlichen, von eben diesem Mahmud eingeführten Hofcharge, auszeichnete und ihm für jedes Tausend Veit (Doppelverse) 1000 Gulden in Gold versprach. Diese erhielt aber Firdusi, so erzählt die Ueberlieferung, nach Beendigung seines 60,000 Doppelverse umfassenden Schahname in Silber statt in Gold ausbezahlt, infolge der Intriguen seiner Neider. In seinem Dichterstolze wies er das Angebotene zurück und entfloh in seine Heimath, wo er bald darauf starb, 1020. — „Hat Firdusi auch in dem Epos Jussuf und Suleika, welches er der die Geschichte Josephs und des Weibes Potiphars erzählenden 12. Sure nachbildete, dem Islam seinen Tribut dargebracht . . . ., so loderte doch mit un- geschwächter Kraft das Feuer des ParsiSmus in seiner Seele; in seiner Begeisterung für das sittliche Ideal des Zoroasterthums und für die heroische Vergangenheit seines Volkes war er ein glühender Ormuzdverehrer, und niemand war mehr geeignet, der epische Sänger Irans zu werden, als er." *°) Das Schahname") umfaßt die Zeit von dem persischen Alterthum bis znm Untergänge der Sassanidcn, d. i. bis zur Eroberung Perstens durch die Araber (636), also einen Zeitraum von ungefähr 2000 Jahren, und zerfällt in zwei Theile, von denen der zweite die in freier Dichtung sagenhaft ausgestattete Geschichte Alexanders desGroßen enthält. Ist es auch sicher, daß Firdusi für den älteren (ersten) Theil seines Werkes aus echt persischen Quellen geschöpft habe, so ist dieses doch für den jüngeren (zweiten) Theil desselben, somit auch für die Darstellung der Alexandersage, nicht unwahrscheinlich. Nach ihm finden in dem weltbezwingen- den Jskander (orientalische Benennung Alexanders) die uralten, rastlosen, auf Blutrache sich gründenden Bruder- r°) Dr- P. Norrcnberg, Allgemeine Geschichte der Literatur. Münster 1882. Bd. I. S. 56. ") Jn's Deutsche übertragen von A. F. v. Schock: „Helden* sagen des Firdusi", Berlin 1851, „Epische Dichtungen FirdusiS", cbd. 1855, 2 Bde., beide zusammen als „Heldensagen von Jir- dust", 3. Aufl.. Stutigart 1877, 3 Bde. 312 kämpfe der iranischen Mhthenhelben ihre Lösung. Davor ist Jskander dem Dichter, seiner Begeisterung für Alt- persien entsprechend, nur der rücksichtslose Eroberer und der Unterdrücker der vaterländischen Religion und Sitte.^) Im diametralen Gegensatze zu Firdusi steht sowohl in seiner ganzen Anschauungsweise, wie insonderheit in Bezug auf unsern Gegenstand der Meister der persischen Romantik, der hochberühmtc Nisami,''eigentlich Abu Mohammed Ben Jussuf Scheich Nisameddin, gest. 1180. Er hat mit den altiranischeu Traditionen und dem Par- fismus gänzlich gebrochen und huldigt voll und ganz dem arabisch-islamitisch-indischen Zeitgeiste, was besonders der zunächst auf religiösen Ueberlieferungen des Islams beruhende zweite Theil seines „Alexanderbuches" kundgibt, in welchem er im Gegensatze zum ersten Theile, wo er Alexander als Kriegshelden und Weisen besingt, deu Propheten Alexander schildert. Der Dichter rechnet es seinem Helden zum großen Verdienste an, daß er als Anhänger der „Religion Abrahams" die persischen Tempel zerstört, die Priesterschaft ausrottet und die heiligen Bücher und Feuerstätten vernichtet. Außer einem lyrischen Werke, einem Divan (Sammlung lyrischer Gedichte) von etwa 20,000 Versen, hinterließ er fünf unter dem Gesawmititel Pendsch-Kendsch, „die fünf Schätze", oder Chamsse, „Fünfer", bekannte Epopöen, die vornehmlich seinen Ruhm begründeten. Das zweite davon ist das schon erwähnte „Alexanderbnch", Jskandername, das im Oriente großen Ruf genießt. Es umfaßt alle vom Dichter auffindbaren Elemente der orientalischen Alexandersage und ist das einzige Werk Nisami's, in dem er ein wirkliches Heldengedicht schaffen wollte.^) Denn die übrigen bilden den Uebergang vom nationalen Heldenlied zur romantischen Epik.") Nachbildungen dieses Chamsse machten im 15. Jahrhundert Mewlana Dschami und Hatifi, welcher aber die schon ausgenützte Alexandersage durch ein Ttmurname ersetzte. Von den Dichtern ist noch zu erwähnen Moslicheddin Saadi (geb. 1175 f1184S^ zu Schiras, gest. 1263), berühmt als Didaktiker, namentlich als Verfasser des in lieblicher Abwechslung von Prosa und Poesie geschriebenen Gulistan, d. i. „Rosengarten" ^), und des rein poetischen Bostan, d. i. „Frucht-" oder „Lustgarten", zweier Musterbücher orientalischer Weisheits- und Sittenlehre?°) Im Gulistan geschieht auch Alexanders des Großen Erwähnung. Der Araber Sururi schrieb zu letzterem Werke einen Commentar"), in welchem er Saadi's An- ") Vergl. Dr. Fr. Spiegel „Die Alexandersage bei den Orientalen". Leipzig 1851. S. 13 ff. *') Ein äußeres Zeichen hicfür ist schon die Anwendung des Metrum Mutakarib, das zum versno beroieus geworden ist. ") Vergl. Dr. Wilhelm Bacher, Nizami's Leben und Werke und der zweite Theil dcS Nizami'schen AlexanderbncheS. Leipzig 1871. ") HrSg. mit Glossar v. Johnson, London 1877; deutsch von Ch. H. Graf, Leipzig 1816, und v. Nesselmaun. Berlin 1861. ") „Gulistan bildet neben dem Koran noch heutigen TagS die vornehmste Grundlage des persischen Unterrichts, dessen schlüpfrige Erzählungen und moralische Epigramme der persische Lehrer seinen Schülern mit dem Baculus auf die Fußsohlen einzublcicn pflegt." Norrenberg, a. a. O. S. 62. — Saadi'ö Ehasclcn beißen die Orientalen das „Salzfaß der Dichter". ") Einen Auszug dieses noch unedirtcn Commentars enthält „Caspari, Grammatik der arabischen Sprache", Leipzig 1866, im Anhange, woraus die später in Uebcrsctzung anzu- führcndcn Stellen entnommen sind. gaben über Alexander weiter ausführte, früheren Schriftstellern nacherzählend. Es erübrigt uns noch, den Koran anzuführen. Derselbe zählt Alexander unter den vormohammedanischen Prophetengestalten auf, deren Auftreten der arabische Ne- ligionsstifter zum Beweise dafür dienen läßt, daß Gott kein Zeitalter ohne Vertreter seiner Wahrheit gelassen habe?b) Nach ihm ist er ein Gottesheld, der auf seinen Zügen vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergänge auf Geheiß Allahs die sündigen Völker straft und zum Islam bekehrt. Diese Korangeschichte, welche in ausführlicher Weise nur den eisernen.Wallbau gegen die nordischen Barbarenvölker Gog und Magog erzählt (siehe unten), schmückten die Koranerklärer, welche zugleich Vermittler der Sunna (Tradition), d. i. der Aussprüche Mohammeds und der ältesten Jmame, waren, weiter aus, vielfach ebenso wie Mohammed selbst, einer syrischen Lesart des Alcxanderromans folgend. Der Umstand, daß im Koran Alexander der Große nicht mit seinem üblichen orientalischen Namen Jskander, sondern mit seinem Beinamen vsrr-I-HLrnairi, d. i. „Zweigehörnter", genannt ist, wozu noch das Mißbehagen mancher islamitischer Gelehrten an dieser Glorificirung eines heidnischen Königs kam, veranlaßte schon einige arabische Schriftsteller, die Identität dieses „Zweigehörnten" mit dem geschichtlichen Alexander zu leugnen, und sie trennten entweder den Welteroberer Alexander von Macedonien von dem Propheten Dsul-karnain, oder nahmen zwei Alexander an, von denen der zweite, der Prophet, auch den Beinamen Dsul-karnain führe. Es läßt sich ja wohl denken, daß Moslime, die aus wirklichen Geschichtswerken Näheres über Alexander den Großen vernommen hatten, in Zweifel gcriethen, ob denn wirklich der „Zweigehörnte" des Korans derselbe sei, wie jener macedonische Heide. Uebrigens gab es auch europäische Gelehrte, welche die Identität bestritten.^) Da es jetzt aber sicher ist, daß Mohammed die ganze im Koran enthaltene Erzählung auf mündlichem Wege ^°) aus christlich-syrischen Alexanderlegenden erhalten hat, wie noch andere „Heiligen"geschichten (z. B. die von den Siebenschläfern), und da gerade diese Erzählung in der syrischen Gestalt Jskander Dsul-karnain zum Helden hat, so kann man ohne Bedenken den „Zweigehörnten" des Korans mit dem Alexander der Geschichte, bezw. des Romans oder der Legende identificiren.^) (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Schweizerische Literarische Monats - Rundschau. I. Jahrgang. Erscheint zu Anfang jeden Monats. Abonncmentsprcis 2 Mark. Verlag von Hans von Matt, Buchhandlung und Antiquariat in Staus, k. Dieses neue Unternehmen erfreut sich der Mitarbeit der gcsammten katholischen Gclehrtenwclt der deutschen Schweiz und besonders der jungen katholischen Hochschule zu Frciburg i. Schw. Der reiche gediegene Inhalt, die durchaus unabhängige Haltung, der frische, schneidige Ton, sowie der äußerst billige Preis dürften eine weitere Ausbreitung auch außerhalb der Schweiz gerechtfertigt und wüuschcuswcrth erscheinen lassen. Dr. Hubert Grimme, Mohammed, II. Theil. Münster i. W. 1695. S. 79. ") So Spiegel, a. a. O. S. 57 ff. 2 °) Nach der Ueberlieferung soll ja der Prophet bei seiner Handelsreise nach Syrien mit Christen in nähere Berührung gekommen sein, so mit dem Mönch Nestor oder Bahlra. der dem jungen Handelsmanne seine zukünftige Prophetcnwürde vorausgesagt habe. -') Vergl. Dr. Gramme, a. a. O. S. 33 u. 97. NLldcke, Beiträge zur Geschichte dcö Alcxanderromans. Wien 1890. S. 32. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg. wl'. 40 2. Ott. 1896. * Die Streitfrage über die Giltigkeit der anglikanischen Ordinationeu. (Schluß.) Das apostolische Schreiben lautet weiter: Die von Uns angerufene Autorität Julius' III. und Paulus' IV. zeigt deutlich den Anfang jenes Verfahrens, das schon seit mehr als drei Jahrhunderten beständig beobachtet wurde, daß nämlich die Ordinationen nach Eduardianischem Ritus für null und nichtig gehalten wurden, und zu diesem Verfahren liefern in vollstem Maße Belege die Ordinationen, die, auch in der Stadt Rom, oft und bedingungslos nach katholischem Ritus wiederholt wurden. — Der Beobachtung dieses Verfahrens wohnt eine zweckentsprechende Bedeutung inne. Denn wenn irgendwie Zweifel übrig blieben, in welchem Sinne obige päpstliche Urkunden zu verstehen seien, so gilt mit Recht der Grundsatz: „Die Gewohnheit ist die beste Auslcgerin der Gesetze." Weil es aber in der Kirche stets als fest und sicher galt, daß das Sacrament der Weihe nicht wiederholt werden dürfe, so konnte es unter keiner Bedingung geschehen, daß der apostolische Stuhl eine solche Gewohnheit stillschweigend zuließ und duldete. Er hat sie aber nicht nur geduldet, sondern auch selbst gebilligt und gutgeheißen, sobald in dieser Angelegenheit eine besondere Thatsache zur Beurtheilung gelängte. Wir führen zwei solche Thatsachen an von den vielen, die zeitweise vor die Inquisition gebracht wurden, die eine aus dem Jahre 1684, einen französischen Calviner, die andere aus dem Jahre 1704, Johann Clemens Gordon betreffend, die beide ihre Weihen nach dem Eduardianischen Ritual empfangen hatten. Bei dem ersteren gaben nach genauer Untersuchung nicht wenige Consultoren ihre Antworten, die man Vota nennt, schriftlich, und alle übrigen stimmten mit ihnen „für die Ungültigkeit der Ordination"; nur mit Rücksicht auf die Frage der Opportunität erachteten die Cardinäle zu antworten: „Aufgeschoben." Doch wurden dieselben Acten wieder hervorgesucht und erwogen bet dem zweiten Factum; es wurden neue Vota der Consultoren eingeholt, hervorragende Doctoren der Sorbonne und in Douai befragt, und keine Mittel scharfsinniger Klugheit unversucht gelassen, um zu einer vollkommenen Erkenntniß der Sache zu gelangen. Und hier ist zu bemerken, daß, obwohl sowohl Gordon selbst, den der Fall betraf, als auch einige Consultoren unter den Gründen für die Nichtigkeit auch die angebliche Ordination Parker's angeführt hatten, doch dieser Grund, wie die durchaus glaubwürdigen Documeute bewiesen, ganz bei Seite gelassen und kein anderer Grund angegeben wurde, als der Mangel der Form und der Intention. Um über diese Form ein vollkommeneres und sichereres Urtheil zu gewinnen, wurde ein Exemplar des anglicanischen Ordinale herbeigeschafft und wurden mit diesem die verschiedenen Ordinationsformen der orientalischen und occidentalischen Riten verglichen. Dann entschied, nachdem die betreffenden Kardinäle ihr einstimmiges Votum abgegeben, Clemens XI. selbst am 17. April 1704: „Johannes Clemens Gordon werde vollständig und bedingungslos zu allen Weihen, auch den höheren und namentlich zum Presbytcrat, ordinirt und empfange, wofern er nicht gesinnt ist, früher das Sacrament der Firmung." Diese Entscheidung entnimmt, was wohl zu beachten ist, dem Mangel der Darreichung der Instrumente keinerlei Begründung; denn dann wäre wie gewöhnlich die Wiederholung der Ordination »sud coiräiticms" angeordnet worden. Noch mehr aber ist zu beachten, daß diese Entscheidung des Papstes alle anglicanischen Ordinationen im Allgemeinen betrifft. Denn obschon sie ein specielles Factum betrifft, so ist sie doch nicht aus einem speciellen Grunde hervorgegangen, sondern aus einem Fehler in der Form, mit welchem Fehler alle jene Ordinationen in gleicher Weise behaftet sind, so daß, so oft nachher in ähnlicher Angelegenheit zu entscheiden war, das Teeret Clemens' XI. zur Anwendung kam. In Anbetracht dessen sieht Jedermann, daß die in unserer Zeit wieder aufgetauchte Controverse durch das Urtheil des apostolischen Stuhles längst entschieden ist, und es mag aus nicht genügender Kenntniß der Docu- mente geschehen sein, daß mancher katholische Schriftsteller sich für befugt hielt, darüber frei zu discutiren. Weil Uns aber, wie Wir im Eingänge gesagt, nichts wichtiger und erwünschter ist, als den redlich gesinnten Menschen mit größter Nachsicht und Liebe nützen zu können, so haben Wir abermals die aews^.schsL Untersuchung d-s gnzlstü'usschm Ordinale, auf welches Alles ankommt, angeordnet. Beim Ritus der AuSspendung jedes Sacramentes unterscheidet man mit Recht den ccremonicllen und essentiellen Theil, welch letzteren man Materie und Form zu nennen pflegt. Alle wissen, daß die Sakramente des neuen Bundes als wahrnehmbare und die unsichtbare Gnade wirkende Zeichen sowohl die Gnad- bezeichnen müssen, die sie wirken, als auch diejenigen bewirken müssen, die sie bezeichnen. Obwohl diese Bezeichnung in dem ganzen wesentlichen Ritus, der Materie und der Form, vorhanden sein muß, so gehört sie doch hauptsächlich der Form an, da die Materie an und für sich der nicht determinirte Theil ist, der eben durch jene de- terminirt wird. Dies tritt beim Sacrament der Weihe noch mehr hervor, da dessen Materie, so weit sie hier in Betracht kommt, die Auslegung der Hände ist; diese aber bedeutet für sich nichts Bestimmtes und wird bei einigen Weihen ebenso angewendet wie bei der Firmung. — Nun aber bedeuten die Worte, die bis vor Kurzem von den Anglicanern für die eigenthümliche Form der Priesterweihe gehalten wurden, nämlich: „Empfang'den heiligen Geist", sicherlich keineswegs ausdrücklich die Weihe des Priesterthums oder seine Gnade und Gewalt, die hauptsächlich darin besteht, „den wahren Leib und das wahre Blut des Herrn zu consccriren" (Concil von Trient, 23. Sitz., „über das Sacr. der Weihe", Can. 1), in jenem Opfer, das nicht eine „bloße Erinnerung an das am Kreuze vollbrachte Opfer" (Concil von Trient, 22. Sitz., „über das Meßopfer", Can. 3) ist. Diese Form wurde zwar später durch die Worte vermehrt: „Zum Amte und Werke eines Priesters"; doch dies beweist nur, daß die Anglikaner selbst eingesehen haben, daß jene erste Form mangelhaft und untauglich gewesen. Könnte aber auch dieser Zusatz der Form eine rechtmäßige Bedeutung verleihen, so ist er zu spät eingeführt worden, erst ein Jahrhunder: nach Annahme der Eduardianischen Ordinale, als es nach Erlöschen der Hierarchie keine Weihe- gewalt mehr gab. Auch andere nenestens angezogene Gebete desselben Ordinales können die Sache nicht besser machen. Denn, um Anderes zu übergehen, waS jeptz 314 Gebete als ungenügend erweist, sei statt aller um der eine Grund angeführt, daß aus ihnen Alles entfernt ist, was ini katholischen Ritus so klar Würde und Amt des Priesterihums bezeichnet. Es kann also für das Sacra- ment eine Form nicht Passen und hinreichen, die gerade das verschweigt, was sie recht eigentlich ausdrücken sollte. Mit der bischöflichen Cvnsccration steht es ebenso. Denn nicht nur wurden der Formel „Empfang' den heiligen Geist" erst später die Worte „zum Amt und Werk eines Bischofs" hinzugefügt, sondern diese sind auch, wie Wir alsbald zeigen werden, anders zu beurtheilen, als im katholischen Ritus. Es nützt auch nichts, sich auf das Eingnngsgebet „Allmächtiger Gott" zu berufen, da aus diesem gleichfalls die Worte entfernt sind, welche das „oberste Pricsterthnm" aussprechen. ES ist hier nicht der Ort, zu erforschen, ob der Episkopat die Ergänzung des Priesterthums oder eine von diesem verschiedene Weihe sei, oder ob er, wie man sich ausdrückt, „sprungweise", nämlich einem Nichtpricster ertheilt, Geltung habe oder nicht. Aber jedenfalls gehört er nach der Einsetzung Christi dazu und ist das Priesterthum auf der obersten Stufe und wird darum bei den heiligen Vatern und in unserem Ritus das „oberste Priesterthum, der Inbegriff h-'liaen Dienstes" genannt. Daraus folgt, daß, weil das Weihesacramenr üüd daZ wahr? Priesterthum Christi aus dem anglikanischen Ritus gänzlich ausgemerzt ist und darum bei der bischöflichen Consecration nach diesem Ritus auf keine Weise ein Priesterthum verliehen wird, auch auf keine Weise ein Episkopat wirklich und giltig verliehen werden kann, uwsoweniger, weil es zu den ersten Obliegenheiten des Episkopats gehört, Priester zu weihen zum Dienste der heiligen Eucharistie und des heiligen Opfers. Zur richtigen und vollständigen Beurtheilüng^des anglicanischen Ordinate gelangt man aber, abgesehen von den obigen Bemerkungen über einzelne Abschnitte desselben, erst, wenn man wohl in Betracht zieht, unter welchen Umständen es zustande gekommen und eingeführt worden ist. Es wäre zu weitläufig und ist auch nicht nothwendig, auf die Einzelheiten einzugehen; denn die Geschichte jener Zeit sagt es laut genug, von welcher Gesinnung die Urheber des Ordinate gegen die katholische Kirche beseelt waren, wen sie sich aus den irrgläubigen Secten als Förderer herbeiriefen, worauf sie eS schließlich abgesehen hatten. Gar wohl wissend, welch enger Zusammenhang zwischen Glaube und Cultus, zwischen dem „Gesetze des Glaubens und dem Gesetze des Gebetes" besteht, verunstalteten sie die Liturgie unter dem Scheine der Wiederherstellung ihrer ursprünglichen Gestalt auf vielerlei Weise nach den Irrthümern der Neuerer. Darum kommt im ganzen Ordinate nicht nur keine ausdrückliche Erwähnung des Opfers der Consecration, des Priesterthums, der Gewalt zu consccriren und zu opfern vor, sondern eS wurden auch, wie wir oben angedeutet, alle derartigen Spuren, die in den nicht völlig verworfenen Gebeten des katholischen NituS übrig waren, absichtlich herausgenommen und entfernt. So ergibt sich von selbst Charakter und Geist des Ordinale. Da es nun ob dieses ihm ursprünglich anhaftenden Fehlers nie und nimmer zur Ertheilung der Weihen verwendbar war, so konnte es dies auch im Laufe der Zeit, weil es ja dasselbe blieb, nicht werden. Vergebens hat man sich bet Carl I. bemüht, durch Zusätze zum Ordinale etwas von Opfer und Priesterthum einzufügen; vergebens auch strengt sich neuester Zeit ein nicht sehr großer Theil der Anglicaner an, dem Ordinale einen gesunden und richtigen Sinn unterzulegen. Vergeblich, sagen Wir, waren und sind derartige Versuche, und zwar auch aus dem Grunde, weil, wenn auch einige Worte im englischen Ordinale, wie es heute vorliegt, zweideutig sind, sie doch nicht denselben Sinn haben können, wie im katholischen NituS. Denn ist einmal, wie wir gesehen, der NituS in einer Weise geändert, daß dadurch das Sacramcnt der Weihe geleugnet oder gefälscht wird und der Begriff der Con- secration und des Opfers gänzlich verschwindet, so wird bedeutungslos die Formel: „Empfang' den heiligen Geist", welcher Geist doch mit der Gnade des Sacramentes der Seele eingegossen wird; ebenso bedeutungslos sind dann die Worte: „zum Amt und Werk eines Priesters" oder „eines Bischofs" und ähnliche, die eben nur Worts sind ohne die Sache, die Christus eingesetzt hat. — Die Kraft dieses Beweises erkennen selbst die meisten Anglicaner und halten es in genauer Auslegung des Ordinale Denjenigen entgegen, die, dasselbe in neuer Weise inter- preiireud, in eitler Hoffnung den nach ihm ertheilten Weihen einen ihnen nicht zukommenden Werth und Kraft andichten. Durch dieselbe Beweisführung fällt auch die Behauptung Derjenigen zusammen, die da meinen, als rechtmäßige Form der Weihe könne daS Gebet genügen: „Allmächtiger Gott, Spender aller Güter", das im Eingänge der rituellen Handlung steht, das allerdings vielleicht genügen könnte in einem von der Kirche gebilligten katholischen Ritus. — Mit diesem Mangel in der Form hängt eben innig zusammen der Mangel in der Intention, die beim Sakramente ebenso nothwendig ist. Ueber die Absicht oder Meinung, soweit sie etwas Inneres ist, urtheilt die Kirche nicht, allein soweit sie sich nach außen kundgibt, muß sie darüber urtheilen. Wenn nun Jemand bei der Verwaltung und Ausspendung eines Sacramentes die gehörige Materie und Form ernst und ordnungsmäßig angewendet hat, so wird selbstverständlich angenommen, daß er dasselbe thun wollte, was die Kirche thut. Auf diesem Grundsätze beruht die Lehre, es sei auch das ein wahrhaftes Sakrament, welches von einem Häretiker oder Ungetauften, wenn nur nach katholischem Ritus, gespendet worden ist. Wird hingegen der Ritus geändert, in der offenkundigen Absicht, einen anderen, von der Kirche nicht angenommenen einzuführen und das zu verdrängen, was die Kirche thut, und was nach der Einsetzung Christi zum Wesen des Sacramentes gehört, dann ist klar, daß nicht nur die zum Sakramente erforderliche Intention fehlt, sondern daß eine dem Sacramente entgegengesetzte und widerstreitende Intention vorhanden ist. All dieses erwogen Wir lange und gründlich bet Uns und mit Unseren ehrw. Brudern, den Cardinülen der Inquisition, die Wir zu einer eigenen Sitzung in Unserer Gegenwart beriefen, auf Donnerstag den 16. Juli, Fest der seligsten Jungfrau vorn Berge Carmel, dieses Jahres. Dieselben erklärten einstimmig, die vorliegende Angelegenheit sei längst vorn apostolischen Stuhle vollkommen entschieden, durch die neuerdings angestellte Untersuchung fei es aber um so glänzender ins Licht getreten, mit welchem Anfwande von Gerechtigkeit und Weisheit derselbe die ganze Sache zu Ende geführt habe. Indessen hielten wir es für das Beste, die Entscheidung zu verschieben, um noch wehr zu erwägen, ob es angemessen und nützlich sei, dieselbe Sache nochmals durch Unsere Autorität zu entscheiden, und um eine reichlichere Fülle himmlischer Erleuchtung zu erflehen. — Indem Wir dann 315 in Betracht zogen, daß dieser Punkt der Disciplin, obwohl bereits dem Rechte gemäß entschieden, von Einigen aus was immer für einem Grunde zum Gegenstände einer Controverse gemacht worden, und daß daraus für nicht Wenige, die dort das Sacrament und die Wirkungen der Weihe zu finden glauben, wo sie keineswegs sind, gefährlicher Irrthum fließen könnte, haben Wir im Herrn erachtet, Unsere Entscheidung zu erlassen. Indem Wir daher allen Bestimmungen der Päpste, Unserer Vorgänger, in dieser Angelegenheit allseitig zustimmen und dieselben vollinhaltlich bestätigen und gewissermaßen durch Unsere Autorität erneuern, sprechen Wir auS eigenem Antriebe und in sicherer Kenntniß aus und erklären, daß die nach anglikanischem Ritus vorgenommenen Ordinationen ganz und gar vngiltig und nichtig gewesen sind und noch sind. Es blieb noch übrig, daß, wie Wir im Namen und ,n der Gesinnung des „großen Hirten" die ganz sichere Wahrheit in einer so wichtigen Sache aufzuzeigen unternommen haben, in demselben Namen und Geiste Uns an Jene wenden, welche die Wohlthaten der Weihen und der Hierarchie aufrichtig wünschen und anstreben. Bis jetzt vielleicht, obschon eifrig nach christlicher Tugend trachtend, gewissenhaft in der göttlichen Schrift forschend, ihre frommen Gebete verdoppelnd, zögerten sie doch unschlüssig und ängstlich bet der Stimme Christi, die sie längst in ihrenl Innersten ruft. Nun sehen sie wohl, wohin er sie in seiner Güte einladet, und wo er sie haben will. Wenn sie zu seiner einzigen Hürde zurückkehren, dann werden sie wahrhaft die gesuchten Wohlthaten und die daraus sich ergebenden Heilsmittel erlangen, zu deren Ausspenderin er die Kirche gemacht hat, gleichsam als beständige Hüterin und Verwalterin feiner Erlösung unter den Völkern. Dann werden sie wahrhaft „Wasser schöpfen in Freude aus den Quellen des Heilands", seinen wunderbaren Sacramenten, durch welche die gläubigen Seelen nach wahrhafter Nachlassuug ihrer Sünden in die Freundschaft Gottes wiederaufgenommen, mit dem Himmelsbrode genährt und gestärkt und mit den kräftigsten Hilfsmitteln zur Erlangung des ewigen Lebens versehen werden. Möge sie, wenn sie wahrhaft nach diesen Gütern dürsten, „der Gott des Friedens, der Gott alles Trostes" voll Güte ihrer theilhaftig wachen! — Unsere Mahnung und Unsere Wünsche gehen aber in größerem Maße Jene an, die in ihren Gemeinschaften als Neligionsdicner gelten. Mögen sie als Männer, die schon von amts- wegen durch Gelehrsamkeit und Ansehen hervorragen, denen gewiß die Ehre Gottes und das Heil der Seelen am Herzen liegt, vor Allem bereitwillig Gott, der sie ruft, folgen und gehorchen und so ein glänzendes Beispiel geben! Die Mutter Kirche wird sie sicherlich freudig aufnehmen und mit aller Güte und Fürsorge umfassen, da sie ja große Seelenkrast und Edelmuih durch herbe und harte Schwierigkeiten in ihren Schooß zurückgeführt hat. Es läßt sich nicht aussprechen, welches Lob eben ob ihrer Tugendkcaft ihrer wartet bei den Brüdern in der ganzen katholischen Welt, welche Hoffnung und welches Vertrauen einst vor Christus beim Gerichte, welcher Lohn in seinem himmlischen Reiche! Wir werden nicht ablassen, ihre Versöhnung mit der Kirche auf alle mögliche Weise zu fördern, denn an ihr können sich, was wir lcbbaft wünschen, sowohl Einzelne als ganze Stände und Classen ein nacb- ahmungswertheS Beispiel nehmen. Inzwischen bitten und beschwören Wir Alle um der Barmherzigkeit Gottes willen, daß sie den offenkundigen Lauf der göttlichen Wahrheit und Gnade in Treue zu fördern sich bestreben. Wir bestimmen, daß gegenwärtiges Schreiben und Alles, was darin enthalten ist, niemals ob des Fehler- der Subrcption oder Obreption oder wegen Mangel- Unserer Intention oder wegen irgend eines andere» Mangels bekämpft oder angestritten werden kann, sondern stets giltig und in Kraft bleibt und von Allen, was immer für eines Grades oder Ranges, unverletzlich gerichtlich und außergerichtlich beobachtet werden muß, und erklären für null und nichtig, was immer dagegen von irgend Jemandem, unter was immer für einer Autorität oder Vorwand, wissentlich oder unwissentlich unternommen werden wöge, ohne daß irgend etwas dagegen aufkommen soll. Wir wollen aber, daß den Exemplaren diese- Schreibens, auch den gedruckten, falls sie von einem Notar unterzeichnet und mit dem Siegel eines kirchlichen Würdenträgers versehen sind, derselbe Glaube beigcmessen werde, der der Kundgebung Unseres Willens beigcmessen würde, wenn gegenwärtiges Schreiben vorgewiesen würde. Gegeben zu Rom bei St. Peter, im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1896, am 13. September, im neunzehnten Jahre Unseres Pontificats. A. Card. Bianchi, C. Card. de Ruggtero. Prodatarius. Vidimirt von der Curie aus. I. De Aguila Visconti. Ort des Bleisiegels. Regtstrirt im Secreiartat der Breven. I. Cugnoni. Alexander der Große in der persischen nnd arabischen Literatur. Von G. G. (Fortsetzung.) II. Es ist schon mehrfach erwähnt worden, daß Alexander der Große in der morgenländischen Literatur den Beinamen Dsul-karnain führe, d. i. Besitzer zweier Hörner, Zwci- gehörnter, Doppelgehörnter. Erörterungen darüber, woher diese sonderbare Benennung komme, finden sich in vielen arabischen Prosawerken und auch bei Nisami in der Einleitung zum zweiten Theile seines Jskandername. Eine Zusammenstellung der landläufigen Erklärungen jenes Namens, welche von den verschiedenen Bedeutungen des Wortes Wru abgeleitet sind, gibt auch der schon genannte Com- mentar des Sururi zu Saadi'S „Rosengarten" und sagt, die einzelnen Ansichten auf ihren Werth abschätzend: „Der Beiname Doppelgehörnter ist Alexander gegeben worden, weil er über die Welt auf ihren beiden Seiten geherrscht hat, d. i. über das Morgen- und das Abendland; oder weil er einst geträumt hatte, er ergreife die beiden am Morgen zuerst sichtbaren Sonnenstrahlen (aaruaiir discii-sobsEi); oder weil er Zwei Locken hatte und die Haarlocke auch gärn genannt wird; oder weil zu seinen Lebzeiten zwei Menschenalter aus starben — hingegen heißt es auch, er sei kurzlebig gewesen, was nicht wahr ist; oder weil ihm die äußere und die innere Wissenschaft gegeben war; oder weil er eindrang in daL Licht uns in die Finsterniß — aber der Gebrauch von inruaiir für die beiden Wissenschaften und für das Licht 316 und die Finsternis; ist eine unwahrscheinliche Uebertragung (Metapher); und was das betrifft, daß gesagt wird, (er heiße Dsul-karnain,) weil er über Persien und Nom (das römische Reich) geherrscht habe, so ist dies nicht zutreffend, denn er beherrschte das bewohnte Viertel. Ferner wird gesagt: weil er auf seinem Haupte gleichsam zwei Hörner hatte — doch haben wir dieses in den Büchern der Chronik nicht gefunden; ferner, weil er von edler Geburt sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits gewesen sei — jedoch der Gebrauch von e Excursionen. Redner erörterte, wie im Unterrichte der hoheru schulen die Technik überall die ihr gebührende Berücksichtigung finden könne. Die physikalischen Lehrbücher geben in Bezug am die technische Anwendung der Physik viel zu wenig. Für die Lehrer fehlt es ganz an einem übersichtlichen Werke über dies: Anwendung, nur einzelne Sondergebietc der Physik sind in diesem Sinne bearbeitet. Dahingegen gibt es eine ganze Anzahl guter Lehrbücher der chemischen Technologie, die der Lehrer sehr wohl zu seiner eigenen Ausbildung benutzen kann. Vortragender ging nun auf die technischen Ausflüge ein, welche am Dcrotheen- städtischcn Realgymnasium zu Berlin regelmässig unternommen werden. Eine wesentliche Stütze dieser Ausflüge ist die Einrichtung, daß die betreffenden Stunden als Pflichtsiundcn gerechnet werden. Für die richtige Verwerthung der Ausflüge ist freilich ein Lehrer nöthig, der die betr. Jndnstriecn nicht nur theoretisch, sondern auch aus eigener Anschauung kennt. 24. Sept. Einen für das gcsammte Um'allvcrsichcnmgSwesen bedeutsamen Vertrag hielt SanüäiSrath vr. Thie in (Cottbus) in der Abtheilung ffir Unfallheilkunde über N ückenma rks-Er- krankiiiigcii nach Verletzungen. Es ist noch nicht lange her, daß man eigentlich nur eine einzige Nückenmarks-Erkrankung kannte, die Tabes oder RückenmarkSdarrc. Vortragender sprach 319 zunächst über Entstehung der Takes; er glaubt nicht, daß sie durch eine Verletzung allein hervorgerufen werden kann. Langsam sich entwickelnd und schleichend verlautend, kann sie Jahrzehnte laug dem Kranken wie dem Arzte verborgen bleiben, dann aber durch eine Verletzung, meist einen Kncchcnbruch der Glied- maßen, plötzlich zum Ausbruche kommen. Vortragender stellte verschiedene Kranke vor, an denen er seine Beobachtungen und Anschauungen erörterte. Der Unfall beschleunigt eben nur den Verlauf der längst vorhandenen Krankheit; er ist aber nicht ihre Ursache. Zum Glück für derartig Betroffene hat sich bei uns eine Auslegung des Unfallgesetzes eingebürgert, die schon die bioße durch den Unfall verursachte Verschlimmerung eines Vorhaurenen Leidens unter den Sckutz des Gesetzes stellt. In der an den reichhaltigen Vortrag sich knüpfenden Erörterung sprach vr. Bnm (Wien) über die Bedeutung der Initial-Behandlung für das Schicksal der Unfall-Verletzten. Auch dieser Redner ist durch seine Erfahrungen in den österreichischen Unsallgesetzen zu den Forderungen gelangt, welche die deutschen Aerzte schon wiederholt aufgestellt haben, nämlich: 1) Die Behandlung der Unfall-Verletzicn sollte vom Beginn an, d. h. unmittelbar nach dein Unfälle, in die Hände eines in der Unfallheilkunde geschickten und erfahrenen Arztes gelegt werden. 8) Zu diesem Zwecke sollte in allen, die Unfallversicherung der Arbeiter gesetzlich regelnden Staaren den für die Uniall-Rente aufkommenden Körperschaften die Möglichkeit gewahrt sein, jederzeit auf das Heilverfahren einzuwirken, bezw. es durch von ihnen bestimmte Aerzte vornehmen zu lassen. 3) Als dringend nothwendig ist zu bezeichnen, daß die inedicinischen Facultäten der Unfallheilkunde jene Beachtung zuwenden, welche der praktischen Bedeutung dieses Zweiges entspricht, und für den Unterricht und die Ausbildung der Studirendcu in der Untersuchung und Begutachtung, sowie in der Behandlung der Unfallverletzten Vorsorge treffen. ' Privai-Docillt Kaufmann (Zürich) sprach über Zug- und Druckkraft der Hand. Gr zeigt: einen DYnamo- nretcr, der den Druck oder Zug der Hand aus einen Zeiger überträgt, der auf einem Zifferblatte die ausgeübte Kraft sehr genau in Kilogrammen anzeigt. Simulanten verrathen sich sehr fbald durch einander widersprechende Zahlen, wenn der Versuch 'snehrfacb wiederholt wird, während man bei ehrlichen Kranken eine genaue Zahlenreihe über den etwa vorhandenen Verlust an motorischer Kraft erhält. Dabei hat sich die Thatsache herausgestellt, daß die Handarbeiter bei einmaligem Drucke eine geringere Kraftentwickelung zeigen, als Leute sogenannter besserer Stände. Die Druckkraft letzterer läßt aber sehr bald nach, während der Arbeiter größere Ausdauer zeigt. ' ' Dr. Schulze, leitender Arzt des Krankenhauses zu Duisburg, zeigte und erläuterte Schiencn-Apparate mit Extcnsivnö- Vorrichtung für Armbrüche. Dr. Dittmer (Hannover) behandelte in längerm Vortrage die Frage, ob es zur Zeit zweckmäßig sei, Arbciter-Nachweis- stätten für Rcconvalescenten einzurichten. Die Frage sei zu Verneinen, aber die Aerzte sollten bemüht sein, zur Verbreitung her Kenntniß der allgemeinen Arbciter-NachweiSstättcn, wie solche sich vorzüglich in Baden bewähren, unter Arbeitgebern und Arbeitern beizutragen. In einer gemeinschaftlichen Sitzung der Abtheilungen für Mathematik, Phhsik, Jnstrumentenkunde und für mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht fprachProf. Dr. Schwalbe Merlin) über die Vorbildung der Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaft an den höheren Schulen den Forderungen der heutigen Zeit gegenüber. Anknüpfend an die englischen Naturforscher-Versammlungen, welche Fragen des Unterrichts und der Erziehung seit langen Jahren mit Sorgfalt erörtern, begründete Vortragender die Forderung, daß auch die deutschen Naturforscher-Versammlungen sich dieser Fragen mehr alö bisher annehmen möchten. Eine brennende derartige Frage sei die Vorbildung unserer Gymnasial- und Realscbul-Lchrer in Mathematik und Naturwissenschaft. Thatsächlich weise diese Vorbildung zahlreiche Lücken auf. Die Fertigkeit im Zeichnen und damit auch das Verständniß für Zeichnungen sei meist wenig entwickelt; einzelne Zweige der Mathematik, z. B. die darstellende Geometrie, finde man vernachlässigt, die Anschauung in zahlreichen wichtigen Zweigen der Naiurwissenschast mangelhaft. Die Universität viele eben zu wenig Gelegenheit zur Ausbildung in allcdcm. Wir litten noch immer unter der Einseitigkeit der vorwiegend sprachlichen Bildungstendenz, gegen die in England schon die Naturforscher-Versammlung zu Abcrdceu einen geharnischten Protest erlassen habe. Unsere Lehrer selbst haben den Uebelstand sehr wohl erkannt und auf ihrer Elbcrfelder Versammlung zur Erörterung gestellt. Direkter Holzmüller» der dortige Referent, Habs bemängelt, baß der mathematische Unterricht auf den böhern Schulen und Universitäten zu abstrakt, ohne Rücksicht auf die großartige Entwickelung der Technik, ge- bandhabt werde. DaS müsse geändert weroen: pflichtmäßige Vorlesungen in der darstellenden Geometrie an den Universitäten und Aufnahme dieses Gegenstandes in die Prüfungs- Ordming, Vorlesungen über Ingenieur-Mathematik an den technischen Hochschule», pflichtmäßige Vorlesungen über elementare Mathematik und Mechanik an jeder Universität. Vortragender selbst, der damals Corrcscrciit war, batte demgegenüber oavor gewarnt, die böhern Schulen zu Fachschulen werden zu lassen. Einivrcchcnde Forderungen, wie der Jngcnienrbcruf, könne ja schließlich jeder andere Beruf auch stelln,. Die Schule müsse eben die A l lgcm ein - B il düng sausta l t bleiben. Dem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage folgte eine längere Eiörtcriing. in der vielfach »och über die Forderungen des Redners hinausgegangen, anderseits aber auch mitgetheilt wurde, daß manche Universitäten schon beginnen, sich obigen Forderungen anzubequemen. 25. Sept. Die zweite allgemeine Sitzung, mit welcher die Versammlung ihren officiellen Abschluß erreichte, begann heute früh 9 Uhr. Ihr voraus ging eine kurze GeschäftSsitzung. Zum Versammlungsorte für nächstes Jahr wurde Braunschweig gewählt; Vorsitzender wird Hosrath Pros. v. Lang (Wien), zweiter Vorsitzender Pros. Waldeyer (Berlin), dritter Pros. Neumayer (Hamburg). Der Kassenbericht stellte das Vermögen der Gesellschaft auf 74,000 M. fest; dazu kommt das der Gesellschaft zugefallene Trcnkel'schc Vermächtnis) von 94,000 M., über dessen Verwendung ein von Virchow vorgelegtes Statut die nöthigen Bestimmungen enthält. Geheimrath Waldeycr begründete einen Vorschlag, der dazu beitragen soll, dem Ueberhandnehmen vcr wissenschaftlichen Congresse zu steuern. Danach soll die Naturforscher-Versammlung nur alle zwei Jahre tagen, dafür aber müßten die naturwissenschaftlichen und mediciiüschen Sonder- Eongrcsse in den betreffenden Jahren wegfallen bezw. nur im Zusammenhange mit der Naturforscher-Versammlung alö deren Abtheilungen tagen. Der Vorschlag soll in Erwägung gezogen werden. In der allgemeinen Sitzung berichtet Pros. Dyck (München) über die Londoner Verhandlungen, betreffend den internationalen naturwissenschaftlichen Katalog. Die Noyal Society gibt ein Verzeichnis der sämmtlichen Veröffentlichungen aus naturwissenschaftlichem Gebiete heraus; der stetig wachsende Umfang dieser Arbeit hat sie nun veranlaßt, Schritte zu thun, um die Gelehrten der übrigen Culturstaaten zu der Arbeit mit heranzuziehen, und cS hat deßhalb vor Kurzem in Lonson eine Gelehrien-Coiifercnz stattgefunden. Die Beschlüsse dieser Confereuz gehen dahin, daß vom Jahre 1900 ab die gemeinsame Arbeit unternommen werden soll. Jedes Land sammelt die Erscheinungen des eigenen Gebietes, sendet sie, nach verabredetem Schema bearbeitet, nach London, und dort findet die Gcsammtbearbeitung statt. Sie erfolgt für englisches Geld und in einem von England zu erbauenden Hause, aber dafür in englischer Sprache. Der Katalog wird so eingerichtet, daß nicht nur jede einzelne Naiurwissenschast — Botanik, Mineralogie, Chemie, Astronomie usw. —, sondern selbst jeder einigermaßen sclbstständige Zweig der einzelnen Wissenschaften für sich im Buchhandel zu haben ist. Damit wird die umfänglichste Benutzung und weiteste Verbreitung deö Riesenwerkes möglich werde». Pros. Max Vcrworn (Jena) hielt einen Vortrag über Erregung und Lähmung, wobei er u. ci. auch aus die Hypnose zn sprechen kam, deren Verständniß durch das Studium der wechselnden Erregnngs- und Lähmungs-Znstände eine Förderung zu erhoffen habe. Charakteristisch für den hypnotischen Zustand ist einerseits das Fehlen der WillenS-Jmpulse, anderseits das Vorhandensein einer häufig übcrsehcncn, ziemlich starken tonischen Zusammcnziehung fast aller KörpermnSkeln, die dem hypnotisieren Thiere oder Menschen den Ausdruck der plötzlichen Erstarrung (Katalepsie) verleiht. Die bekannte Thatsache, daß starke Erregung einer Stell- deö Central-Ncrvensystems unter Umständen in gewissen Nachbargebietcn eine Hemmung erzeugt, ist besonders geeignet, über das Zustandekommen der Hypnose Licht zu verbreiten. Weiter sprach vr. Ernst Below (Berlin) über die praktischen Ziele der Tropcn-Hygicne, Ziele, die übrigens noch ziemlich unpraktisch aussehen und in dem phantastischen Prostete eines hygienischen Weltparlamcntcs ihren Schlußstein finden. 320 Gcheimrcith Pros. Carl Weigert (Frankfurt) verbreitete sich über neue Fragestellungen in der pathologischen Anatomie, ein Vertrag, dessen fachwissenscvastliche Feinheiten einer populären Berichterstattung noch ungünstiger sind, als die übrigen Vortrage des Congresses. Die Sitzung wurde alödann unter den üblichen Förmlichkeiten geschlossen, und damit hatte der csficielle Theil der 68. Naturforscher-Versammlung sein Ende erreicht. Recensionen nnd Notizen. Beissel Stepb. (s. I.), Die Verehrung U. L. Frau in Deutschland während des Mittelalterö. 8°, VI -s- 154 SS. Freiburg i. Br., Herder 1896. M. 2.00. s Die Verehrung der Gottesmutter ist so alt, wie die katholische Kirche, denn sie ist im Evangelium selbst begründet. Und wer etwa meinte, die Gegenwart leiste etwa in diesem Punkte gar zu Uebersckwängliches, der kaun durch einen Blick in vorliegendes kirchcn- Wie cultui geschichtlich sehr interessantes, auf genauestem Quellenstudium beruhendes Werk gründlich eines Besseren belehrt werden. Dem Geschmacke bleibt es immerhin aubeimgestcllt, einzelnen Aeußerungen und Neußerlickkeiten der mittelalterlichen Marienverehrnng den Beifall zu versagen, aber auch die moderne Art deö Cultus trägt Manches an sich, das gegen Ernst nnd Würde verstößt. Daß der mittelalterliche Mariencult auch manche zarte, ja unvergleichliche Blütbe der Poesie gezeitigt hat, ist allbekannt und bringt uns auch k. Beissel in gebührende Erinnerung. Das reich beigebrachte Quellen- material zeigt uns den deutschen Charakter von der schönen Eigenschaft der Gemüthstiefe. Die treffliche, historische Arbeit verdient von allen Gebildeten, vorab aber von dem Lesepöbel, der über Alles urtheilt, ohne es zu kennen, genauestens gewürdigt zu werden. _ Predigten und kurze Ansprachen von Dr. Johannes Katsckthaler, Wcihbischos von Salzburg. X. Bdch.t JesuS, unser Erlöser. Salzburg, Mittermüller. 2 M. Die nunmehr in 10 Bündchen erschienenen Predigten des hochwürdigsteu Herrn W.chbischofs von Salzburg sind wohl die gediegenste Leistung, welche seit dem Erscheinen deS Eber- hard'schen Werkes auf homiletischem Gebiete der Ocsfentlichkeit übergeben worden ist, und verdient darum die ganz besondere Beachtung des Seelsorgsklerus. DaS vorliegende 10. Bündchen behandelt in 8 Vortrügen, welche im Jahre 1895 im Dome zu Salzburg gehalten worden sind, die Fragen: Wovon hat JesuS uns erlöst? wodurch hat er uns erlöst? Daran reiht sich die Schilderung des übergroßen Reichthums der Erlösung, sowie die Darlegung der Bedingungen zur Theilnahme an der Erlösung. Der ganze Prcdigt-Cyclns findet seinen würdigen Abschluß in einer tiefergreifenden Betrachtung über Oelberg und Calvarienbcrg. Ein reiches Material ist hier geboten in einer lichtvollen, klaren Darstellung, welche die Anpassung auch für einfachere Verhältnisse leicht ermöglicht; das Ganze durchzieht zugleich ein so glaubcnsiunigcr, warmer Ton, der die Wirkung aus das Herz nicht Verfehlt. Jedenfalls ist das Studium solch eines einzelnen Bündchens der Katschthaler'scheu Sammlung für eine gediegene Fortbildung des Predigers ungleich wirksamer, als so mancher Jahrgang einer homiletischen Zeitschrift. Brüder, seid nüchtern und wachet! Zeitgemäße FrenndcSworte an reich und arm von k. Gratian von Linden, Orcl. 6ap. Paderborn, Schöniugh. oy. Der Alkoholmißbrauch ist der Krebsschaden, der am Wohlstände, an der Gesundheit, an der sittlichen nnd religiösen Lebenskraft des Volkes zehrt. Zu einem guten Theile wird darum die Lösung der socialen Frage auch die Aufgabe haben, das christl. Volk zur Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Sparsamkeit anzuleiten. Einen äußerst daukeuswertben Beitrag lüczu liefert das durch und durch praktische und Interesse weckende Schriftchen deS bereits rühmlich bekannten Verfassers. In ebenso ernsten als Wahren nnd überzeugenden Worten wird im ersten Theile die Uninüßigkeit als eine gefährliche Wunde unserer Zeit gekennzeichnet. Dem Urtheile deö göttlichen Wortes, der Kirchenlehrer und der Vernunft über die maßlose Genußsucht schließt sich die Lehre der Erfahrung aller Zeiten an; dieser letztere Abschnitt führt durch das bcigegcbcnc statistische Material eine so l>credte, überzeugende Sprache, daß ihr gegenüber jede Ausflucht unmöglich erscheint. Im zweiten Theile werden die Mittel gezeigt, durch welche die so verderbliche Leidenscb.ait Heilung finden kann. Von den unersetzbaren Mitteln ausgebend, welche - Migiiiw. Redacteur: der Glaube und die Gnadenmittel der Kirche bieten, nimmt der Verfasser Anlaß, über -Organisation, Zweck und Thätigkeit des deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke Aufschlüsse zu geben und ungerechte An- femdung dieses Vereins zurückzuweisen. Den Schluß bildet eine Aufzählung von Getränken, welche nicht bloß dem Durst- gefühle Genüge leisten, sondern zugleich jenen Reiz ersetzen, der dem Trinker die Alkobolgetränke so unentbehrlich macht. Wir wünschen dieses Schriftchen in die Hände reckt vieler Leier. Ist es ja Pflicht eines jeden Standes, jeder Confeistou und jeden Geschlecktes, sich an der Bekämpfung dieses Lasters zu betbeiligcn. Insbesondere wird aber der priesterlicke Stand aus dem Schriftchen nicht nur reiche Anregung zu opferwilliger Liebe schöpfen, sondern auch erprobte Mittel darin finden, um an diesem großen und edlen Werke mit Erfolg mitzuarbeiten. HeilgerSJ., Die Gründung der afrikanischen Mission durch den ehrw. U. Lib ermann: Anweisungen und Belehrungen für seine Missionäre, nach seinen Briefen dargestellt. Paderborn, F. Schöningh, 1896. 8°, VIII u. 259 SS. M. 3,00. S k. Libermann, der Stifter der Congregation „vom bl. Geiste" ist eine äußerst sympathische, Wahl hast apostolische Priestergestalt. Briese geben stets einen tieferen, unverfälschteren Einblick in das Geistesleben eines Mannes, als etwa andere literariscke Arbeiten; da zeigt er sich im wahren Lichte und offenbart er sein Herz, um so mehr, wenn er nickt ahnt, daß die Nachwelt, was er geickrieben, einmal auch gedruckt lesen könnte. Libermann's Briefwechsel offenbart einen durchaus vornehmen, von heiligster Begeisterung durchglühten Charakter, dessen wohlthuende Innerlichkeit auch den Leser zu erwärmen im Stande ist. Heckgers gibt auS der Sammlung der Briefe eine Auswahl in deutscher Sprache; vorliegendes Buch bildet den dritten Band dieser Auswahl (Bd. 1 n. II erschien.::: 1893) und schildert die Bemühungen deö eifrigen Paters für die Misston in Afrika mit dessen eigenen Worten. Niemand wird diese Briefsammlunz aus der Hand legen, ohne erbaut und innerlich gebobcn zu sein. Ziele und Wesen der Freimaurerei. Eine Studie von Franz Ewald. Verlag von Rudolf Abt in München Preis 50 Pf. In den letzten Jabren, besonders seit dem Erscheinen der bedeutungsvollen Eucyklika Leo'S XIII., den Enthüllungen Taxils u. a., lenkten sich daS Augenmerk und daS Interesse der christlichen, katholischen Kreise in höherem und ausgedehnterem Maße auf die Freimaurerei. Eine ganze Anzahl, zum Theil dick- bändiger Werke erschien auf dem Büchermärkte. Auch die oben genannte Broschüre von Ewald verdient Beachtung und Verbreitung. In einer kurzen und übersichtlichen Darstellung und in effektvoller Schreibweise zeigt uns der Verfasser das Wesen und die Ziele der geheimen Großmacht auf socialem, politischem, sittlichem und religiösem Gebiete, Ziele, die im SatanSculte ihren deutlichsten und blaSphemischen Ausdruck finden. Alle die vielen Belege sind auS Zeitschriften und Werken der Freimaurerei, welche dem Verfasser in außerordentlich reichem Maße zur Verfügung zu stehen scheinen, entnommen; die Freimaurerei wird mit ihren eigenen Waffen bekämpft. Die kleine Schrift hat für alle Interesse, insbesondere aber für jene Glieder des Klerus nnd der Laienwelt, welchen die Zeit zum Studium größerer Werke über die Freimaurerei mangelt. Stimmen vom Berge Karin el. Monatsschrift für das katholische Volk. Herausgegeben von Fr. Scrapion a. S. Andrea Corsini. Graz, 1896. Verlag des Karmeliten- conventes. Inhalt deS soeben erschienenen Heftes: Maria, Himmelskönigin. (Gedicht.) — Die Bitte eines Missionärs. — Ist der Ausdruck: Der Mensch solle Gott die Ihm „gebührende" Ehre erweisen, vollkommen entsprechend nnd sachgemäß? — Mailand. Verein zum gnadenreichen Jesnkiudlciu von Prag. — Gottheit Christi. — Tirol. Herz-Jesu-Bund. — Die heilige Eommnuion. Sprüche nnd Beispiele. — Maipredigten. Das Präger Jesulein. — Bekehrungen. — Gebets-Erhörnngen. — Maria, Unsere Liebe Frau von Czeustochau oder Frevel nnd Strafe, Verehrung und Lohn. — Q-Lensnachrichten. — Der Dritte Orden. — Die heilige Theresia. — Protestantismus. — Die erste katholische Prozession in London. — Opfergaben. — Corrcspo ndcnz. — GebctS-Jntentioneu. _ Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag deö Nr. 41. 9. Mt. 1886. N Professor Dr. Anton Walter 7. * Am 1. Oktober starb zu Neichenhall, wo er vergeblich Gesundung gesucht, Herr Professor Dr. Walter von Landshut. Dem vortrefflichen Manne, dem auch dir Augsburger Postzeitung manchen schätzbaren litterarischen Beitrag zu danken hatte, widmet ein Freund in der „Landshuter Zeitung" folgenden ehrenden Nachruf: „I-udoreinns!" »Laßt uns arbeiten!" So klang es, mit großer Begeisterung gesprochen, vor zwei Jahren in Regensburg durch die weiten Hallen des Erhardihauses aus Anlaß der Generalversammlung des Cäcilienvereines. Zur Zeit heißer Arbeitstage wurden diese Worte der Aufforderung gesprochen von einem Manne, von einem Priester, dessen Leben mit den Schweißtropfen der Arbeit angefüllt war. Ein unfreundlicher Herbsttag hat dieses Leben nun ausgelöscht; der 1. Oktober hat uns den Mann der Arbeit, Herrn geistlichen Rath und Professor Dr. Anton Walter, in noch guten Jahren, im 52. Lebensjahre, hinweggenommen. Das in regster Thätigkeit sich entfaltende Priester- leben, die allgemeine, von allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung gezollte Verehrung, die hohe Werthschätzung, die der Dahingeschiedene nicht bloß innerhalb der Erz» diöcese München - Freising, sondern auch außerhalb derselben, außerhalb der Grenzen Bayerns genossen, bestimmen, an seinem Sarge ein bescheidenes Stränßchen pietätsooller Erinnerung niederzulegen. Eine weite, in den Furchen reichgefegnete ArbeitS- strecke hat der Heimgegangene zurückgelegt, der Priester des Herrn, der edle Menschenfreund, der Diener des Heiligthums. „Der edle Menschenfreund", wie der Pädagog Bischof Dupanloup von Orleans schreibt, »ist der Priester, der verständig unterrichtet und weise erzieht". Professor Dr. Walter, der mehrere Jahre an der Lehrerbildungsanstalt in Freising und 14 Jahre am hiesigen Gymnasium wirkte, trug in sich den Geist und das Herz des edlen Menschenfreundes. Ausgestattet mit reichen GeisteSgaben, mit einem seltenen Wissen, mit einem hervorragenden Gedächtniß, war er im Stande, seinen wichtigen Beruf voll und ganz auszufüllen. Zeugniß von seiner Bildung liefert besonders die im Jahre 1893 edirte Schrift »Der Religionsunterricht an den humanistischen Gymnasien, Beitrag zur Didaktik und Methodik desselben", eine Schrift, die freilich auch manche Kritik hervorgerufen, die ihn jedoch nicht beleidigte, „aus der er zu lernen suchte". Großes Gewicht legte Dr. Walter auf den apologetischen Theil dcL Religionsunterrichtes in der Oberklasse; er suchte seinen Zweck zu erreichen durch besondere, aus dem Pensum herausgehobene, in einem „Hilfsbüchlein" niedergelegte Thesen. Durch die ihm ganz eigene Lchr- gabe wußte er auch seine Schüler sich eigen zu machen. Wie er nun auf den Verstand der Schüler einzuwirken suchte, so strebte er, in seiner Herzensgüte, sich denselben mitzutheilen und sie für ideale Bestrebungen empfänglich zu machen. Im „Trauner", einem populären Schriftchen, reicht er der studirenden Jugend eine Gabe, durch die er sie vor den sittlichen Verirrungen mit aller Wärme und Klugheit zu bewahren sucht. Durch den feinen Takt und das sprechende Wohlwollen, das sein Privatverkehr verrieth, wußte er so manchen Studirendeu von dem Abgrund zurückzuhalten. Das Ansehen, das er in seiner früheren Wirksamkeit als Präfect im erzbischöfl. Knabenseminnr in Freifing in hohem Grade besessen, steigerte sich beim Neligionslehrcr am Gymnasium zum autoritativen Einfluß. Kein Wunder, wenn im Lehrerrath das Wort des Neligionslehrers seine besondere Geltung gefunden, wenn der Ncctor und die Collegen das wohlwollende Wort des erfahrenen Lehrers zu würdigen wußten. Eine solche einflußreiche und verdienstvolle Thätigkeit auf dem Gebiete des Unterrichtes und der Erziehung blieb nun auch dem Blick des Oberhirten nicht verborgen. Es war hier eine allgemeine Kundgebung der Freude, als die Nachricht anlangte, daß »zum Christkind" Dr. Walter zum erzbischöfl. geistl. Rath ernannt worden. Ein reiches Arbeitsfeld bewältigte dieser Dienst des Menschenfreundes. Wie rege mochte sich nun die Arbeit im Dienste des Heiligthums gestalten! I)r. Walter stellte seine Feder, seine gesummte verfügbare Zeit in den Dienst des Heiligthums, der hl. Liturgie. Mir Recht konnte er einem Gratulanten bei seinem 25jährigen Pnesterjnbiläum. zurufen: „Gottlob, 25 Jahre konnte ich nngeschwücht meine Kräfte in den Dienst der Liturgie stellen!" Die Llnsiaa, snora, die hl. Musik, war die hl. Muse, die ihn entzückte, welcher er diente mit der ganzen Juteusivität seines Wirkens. Ein Benroner Benediktiner erkannte ihm den Namen eines liturgischen Schriftstellers zu. Der würdevolle, kirchliche Gesang, der sich innerhalb der von der Kirche gezogenen Grenzen bewegt, war das Ideal, für das er lebte. Mit großer Begeisterung vermochte er darum in seiner Studie über Gregor den Großen in den Historischpolitischen Blättern dem Begründer de§ Gregorianischen Gesanges einen würdigen Tribut zu zollen. Für dieses ideale Streben war es nun von großer Bedeutung, daß durch den Aufenthalt in LandShnt Dr. Walter mit dem Gründer und GeneralprüseS der Cäcilien- vereine deutscher Zunge, mit dem Canonicus Dr. Witt, in einen innigen Freundschaftsvcrkehr getreten. Der Wetteifer Beider in der Arbeit an dem gemeinsamen großen Ziel war gleichsam zu einem Unisono geworden, in welchem Dr. Witt sein I'orto, I)r. Walter mehr sein ?iano hervortreten ließ. Die Bedeutung und die Schöpfung des Meisters Witt ward von seinem Freunde in einer Biographie in einer geradezu classischen Weise gewürdigt. Abt Jldefons Schober von Sekkau nennt diese eine Mosaikarbeit. Zur Erreichung seines Zieles ist er in einen immer mehr sich erweiternden Kreis von Freunden, den Koryphäen der kirchlichen Musik, getreten. Einen theilnehmenden, innigen Freund nannte er I»r. Haberl, den verdienstvollen Director der RcgenSburger Musikschule und Forscher der Medicäa. Die Beuronischen Klöster mit ihren KunstschSpfungen zogen ihn mächtig an. k. Ambros Kienle, unerschöpflich in seiner Geschichte der Musik, muß dazu auch das Seinige beigetragen haben. Ein großes Verdienst erwarb sich I)r. Walter durch die Zusammenstellung des Jahresberichtes über die Thätigkeit des Cäcilicnvereins in dessen Jahrbuch. Nur sein großer Bienenfleiß, den die Liebe zur hl. Sache hervorgebracht, konnte das gehäufte Material beherrschen; sein klarer Kopf suchte stets eine interessante Uebersicht und nach Kräften ein objectives Urtheil zu verschaffen. In verschiedenen kirchenmusikalischen^ Zeitschriften 322 zeigte sich seine äußerst gewandte Feder. Es konnte darum nicht befremden, daß ihn die theologische Facultät der Universität Freiburg im Breisgau zum Doctor der Theologie erkoren in Anbetracht der Leistungen auf kirchen- musikalischcm liturgischem Gebiete. Und wie er eiferte mit seinem ganzen Können für den hl. Cult, so wirkte er für die Ehre der Kirche, die den hl. Cult auf's getreueste bewahrt. Wie war er doch so sehr erfreut, als sein ehemaliger Zögling, Beichtvater Modlmayr von Frauen- chicmsee, den von ihm componirten Festhymuus an die Kirche Christi zusandte; er lobte die jugendliche Kraft, die sich dem Preis der Kirche gewidmet. In lebhaftester Erinnerung ist noch jene Meisterrede (in der Jos. Thomann'schen Buchhandlung s. Z. im Druck erschienen), die er vor drei Jahren im Nathhaus- saale in Landshut aus Anlaß des 50jnhrigen Bischofsjubiläums dem Träger der Tiara gewidmet. Das allgemeine Urtheil rühmte die großartige Anlage und Begeisterung der Rede, die Eleganz und Kraft der Sprache. Und diese Liebe zur hl. Kirche, die aus allen seinen Kundgebungen gesprochen, war nicht gesucht, sie lag tief eingegraben in seinem Herzen. Fürwahr, ein solches Wirken war das Tagewerk im Weinberge des Herrn, die Arbeit beS Menschenfreundes, des Dieners im Heiligthum. Sollte es nun möglich sein, daß diese „unermüdctc Hand« so rasch im guten Manncs- alter ermüde? Zum allgemeinen Bedauern mußte man sehen, daß mitten im Sommer für diesen Mann der Arbeit es plötzlich Herbst geworden; das fahle Herbstlaub hat das Gepräge seinen Zügen verliehen. Der körperliche Verfall kam fast rapid; dazu gesellte sich auffallend zuletzt eine gewisse seelische Depression. Zum Schluß wollte er sich noch laben und Nutze finden in dem lieblichen Neichenhall, wo er ständig seine Ferienrnhe gesucht. Und er fand dieses Thal, um nach einem schweren Leidcns- lager für immer auszuruhen. Auf Wiedersehen! Ihm, dem edlen Menschenfreunde, dem begeisterten Diener des HeiliglhumS, sei mit dem letzten Gruß dieses Strüußchen geweiht. Ilave pia anima! Ueber die Entstehung, Anlage und Bedeutung der römischen Grenzmark in Deutschland. -o- Die römische Kaiscrzeit wird gewöhnlich als eine Epoche angesehen, in welcher die Schlechtigkeit der Sitten, die Liederlichkeit der Negenten und die Kraftlosigkeit des Volkes geradezu sprichwörtliche Bedeutung erlangten. Allein diese Annahme beruht nur zu oft auf einer allzu einseitigen, engherzigen Betrachtung der damaligen Verhältnisse. Freilich, wenn wir die tiefe Verkommenheit Noms, die gemeinen, schmachvollen Hof- und Palast- intriguen, die blutigen Handlungen eines „Cäsaren- wahnsinncs" als römische Geschichte erachten, dann wird die obige Anschauung allerdings gerechtfertigt. Aber „die Geschichte der Stadt Nom hat sich zu der der Welt des Mittelmeeres erweitert", sagt Mommsen treffend.*) Staat gleicht jetzt einem gewaltigen Baume, um dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm mächtige Ncbentricbe rings emporstreben." Hier dürfte der Schlüssel liegen zu einer günstigeren Beurtheilung jener Zeit. Auch damals ist groß Gedachtes und weithin Wirkendes geschaffen worden. Doch wir haben es nicht im Innern des Reiches und in Nom, sondern in der „Peripherie" ?) zu suchen, nach welcher sich gleichsam der Glanz und die Herrlichkeit zu verschieben scheinen. Ja in den Provinzen mit ihren vielfach trefflichen, staatlich-culturellen Einrichtungen finden wir ein gutes Stück wirklicher Arbeit jener Epoche, das zu verachten uns die christliche Hochachtung vor dem Nächsten verbietet. Ein nicht unbedeutendes Objekt dieser Energie im Kaiserreiche, wenn ich so sagen darf, bildete unter anderem auch die Herstellung jener gewaltigen Grcnzanlagen, wie solche in Englands) an der untern Donau/) auch in Afrika und Aegypten entstanden sind. Dort nämlich, wo keine Meeresküste, kein mächtiger Strom, wie Donau, Rhein, Euphrat, Tigris, einen würdigen, sicheren NeichSabschlnß bildeten, baute sich der Römer entsprechende künstliche Demarkationslinien, die sogenannten „linrites", ein Wort, das sowohl die Grenze schlechthin, als auch den Grenzkörper, das Scheidungs- mittel bezeichnet. Als das ausgezeichnetste Werk der römischen Thätigkeit in dieser Beziehung aber gilt mit Recht „die römische Grenzmark" in Deutschland, oder der Innres Ii1ra6treo-ll?ra.nsrIr6nunu8, der heutzutage so vieles Interesse erregt, weßhalb wir den augenblicklichen Stand der Frage wohl auch einmal in diesen Blättern erörtern zu dürfen glauben. Was die Limesliteratur zunächst betrifft, so findet dieselbe bei den alten Schriftstellern nur sehr spärliche Quellen, so bei Tacitus, Spartianus, FrontinuS, gelangte aber besonders in dem letzten Jahrhundert durch gründliche Forschungen zu einer ausgezeichneten Entwicklung. Aus der Unmasse von Schriften über die Grenzmark wollen wir dem Folgenden zunächst j,ene von Büchner, Maier, v. Hundt, Platzer, Mutzel, James Iatcs, v. Co- hausen, Mommsen, Ohlenschlager und Marggraff, sowie die Limcsblätter und die Berichte der Neichslimescom- missioi/) zu Grunde legen. Suchen wir nun zunächst über die I. Zeitsrage einigermaßen klar zu werden, welche allerdings als der unsicherste Punkt der gesammten Limesforschung betrachtet werden dürfte. Schon Drusus, der bekanntlich im Jahre 15 vor Christus neben seinem Bruder Tiberins Rätien und Vindelizien (die nördliche, mittlere Alpenlandschaft nebst Südbaycrn) erobert hatte, dann in den Jahren 12 —9 vor Christus vier Felvzüge gegen das nördliche Germanien unternahm, scheint nach der Befestigung des linken Rhein- ufers durch Mainz (^loZuntiaeuin), Coblenz (6oir- sirrsntes), Köln (Oolouiu rVgri^pina), Kanten (Custia. vstsi-u) auch auf dem rechten Ufer in dem durch den kriegslustigen Stamm der Chattcn sehr gefährlichen Winkel ') Mommsen: Römische Geschichte. V. Bond: Einleitung. P HodriouSwoll zwischen Corlisle und Newcostle o» Thue, aus. einer Mauer mit vorliegendem Graben und Wolle beliebend; weiter nördlich davon zwischen GlaSgow und Edinburgh liegt ein zweiter von Antoninus Pius hergestellter Woll mit Groben. «) Der TrojanSwall in der Dobrudscha zwischen Tschcrna- wodo und dem schwarzen Meere. P Dieselbe besteht seit 1892 und hat ihren Sitz in Heidelberg. Die Ausführung der Pläne und Arbeiten geschieht durch zwei Dirigenten, denen die einzelnen Strcckencommissäre unterstehen. ') Mommsen: Römische Geschichte. V. Bond: Einleitung. 623 zwischen Rhein und Main eine bestimmte Sperrlinie angelegt zu haben. Wenigstens schreibt uns Tacitus?) daß GermanicuS auf seinem zweiten Zuge gegen die Chatten bereits auf den Trümmern einer von seinem Vater, also von Drusus, errichteten „Schutzwehr", „suxsr vsstigiis xiuesiäü xatsrni", weiterbaut, was sich mit dem oben Gesagten gut vereinen läßt. Inzwischen war auch die südliche Grenze bis an die Donau vorgeschoben worden. Tiberius setzte jedenfalls nach dem Tode seines Bruders diese Anlagen fort, welche wohl in einer Kette von hölzernen Signalstationen bestanden, hie und da verstärkt durch kleinere Castelle. Vielleicht sind viele der sogenannten Begleithügel am rheinischen Limes, welche auf Grund der sorgfältigen den definitiven Grenzabschluß zwischen Rhein and Main. Diese Thatsache wird uns besonders durch Frontinus gesichert, der als Zeitgenosse Domitians volles Vertrauen verdient und in seinem Werke 8trat6Ziriaticc>n I, III, 10 berichtet, daß Oussur vowrtianus ^uZustus eine Grenz- wehr 120 Meilen weit anlegte, um sich so von dem lästigen Guerrillakrieg der Germanen zu befreien, welche von ihren „Waldthälern" und Schlupfwinkeln aus die Römer beunruhigten?) Was ist dies anders als die Erbauung des Rhein« limes von Rheinbrohl aus durch den Taunus um die sogenannte Wetterau bis nach Großkrotzenburg? Sogar die Ausdehnung von 120 römischen Meilen, etwa 177 lrm, zeigt, wie Mommsen bemerkt, keine starke Differenz mit ^ ... > ^i.. > / Forschungen Jakobt's und Loeschke'S sich als ehemalige Holzthürme, als erste demonstrative Grenzlinie darstellten, in diese Zeit zu setzen, .. Nach der Schlacht im Teutoburger Walde (9 nach Christus) gingen für die Römer diese Punkte zwischen Rhein und Main jedenfalls eine Zeit lang verloren. Doch bald, besonders nach den allerdings zweifelhaften Siegen deS GermanicuS, scheinen die zähen Eroberer wieder festen Fuß gefaßt zu haben, vor allem in der unteren Mainebene, wozu wohl die Gegend von Wiesbaden (a^uas Lluttiaeao) mit ihren heißen Quellen und sonstigen Annehmlichkeiten vielfache Anregung gab. Nach dem Erlöschen des julischen Hauses war es namentlich der thatkräftige Vespasian, welcher die alten Grenzen nicht nur wieder herstellte, wo es noch nicht geschehen, sondern auch hinausschob. Sein Sohn Domitian bewerkstelligte schon im Jahre 83 nach Christus nach einem Feldzuge gegen die Chatten spaeitus Lnnnlss. I, 56. der wirklichen Länge dieser Linie, wie sie durch v. Co- hausen ermittelt wurde, ist aber „viel zu klein, um auf die Verbindungslinie von da bis nach Negensburg be« zogen werden zu können." ^) Für die endgültige und technisch vollkommene Vollendung dieser Anlage spricht noch besonders eine zweite Stelle des Frontinus, wo er davon spricht, daß Domitianus nach dem Chattenkriege im Lande der Ubier (?) Castelle mit Wällen anlegte?) - Schon früher war das sogenannte Dekumatenland (sZri äsouvautas), hauptsächlich das heutige Neckargebiet, an Rom gekommen, da bereits im Jahre 6 n. Chr. diese D -Iwpsrntor Oneonr Dow. Lngnstns, emn Osrmoni mors sno s snttibns st obseuris Intsdrio snbinüs iwpnZnarent, tutuw^ns rsg'rsssuw in proknnän silvarum bnberent, liwi- tibns per OXX willia, xossnnm netto non wntnvit tnntnw otntuw belli seil snbieoit äitioni snns bostes, guorum reknKin nnünvsrnt.» Drontin. 8trnteKwnt. I, III, 10. > °) Mommscn: Nöm. Geschichte. V. Bd. S. 136. v) >Omn in üuibns 6ubioinm (Dbiormn?) enstslln xoneret pro krnetibus toeoruw, gnns vnllo cowprsbenäedat. - Lrrnte^m. II, XI, 7. 324 Gegend von den Markomannen geräumt wurde und von „gallischen Abenteurern", wie sie Tacitus nennt, coloni- sirt worden war. Auch hier scheinen die Flavier, wahrscheinlich wiederum Domitian, eine bestimmte Grenzlinie geschaffen zu haben, vielleicht in der Mömling- oder Odenwaldlinie, welche von Wörth am Main ausging, ihre Fortsetzung in der Neckarlinie fand und aus Holzthürmen und kleineren Castellen bestand, ohne Wall und Graben. Selbstverständlich behielt man diese Linien noch bei, auch als der eigentliche Limes erbaut war, die Castelle wurden später verstärkt, die Holzthürme durch steinerne ersetzt, so daß oft diese Werke wegen ihrer solideren Bauart für späteren Datums gehalten werden, welche Annahme von Hettner, Dirigent der Neichslimcscommission, auf Grund der neuesten Untersuchungen widerlegt wird?") Mommsen führt Tacitus als Zeugen für diese Grenz- verschiebung an und meint hier die bekannte Stelle der Germania, in der unser römischer Gewährsmann bemerkt, daß die sogenannten deknmatischen Landstriche nach dem Baue eines Grenzwalles und nach Verschiebung der Posten linaits aoto xraasiäiis xronwtis Vorland des Reiches sinns imxsrii und Theil einer Provinz wurden.") Da die Germania, wie allgemein angenommen wird, im Jahre 98 n. Chr. vollendet wurde, so dürfte der Zeitpunkt für die obige Grenzverlegung kurz vor 98 wohl unter der Regierung des Domitian zu suchen sein. Was Tacitus eigentlich mit liraits aoto meint, dürfte nicht recht klar sein; denn wir haben hier nur an die Mömling-Neckarlinie zu denken, deren Stationen noch keine fortlaufende Verbindung durch Wall oder Graben besaßen; ebenso wenig kann hier von dem eigentlichen Limes, der sicher späteren Datums ist, die Rede sein. Vielleicht ließen sich einfach lirnits aoto und xras- siäiis xromotis als zwei analoge Begriffe fassen, durch welche diese Grenzregulirung deutlich zum Aus- drucke kommen soll. Höchstens könnte man noch an die jedenfalls nicht viel später erfolgte und aus einem einfachen Grübchen bestehende Grenzmarkirung denken. Doch ist der Abstand ein ziemlich bedeutender zwischen der älteren Castelllinie am Neckar und dem Grenzgräbchen, welches, wo es überhaupt noch auffindbar ist, meist in unmittelbarer Nähe des eigentlichen Pfahles oder Limes constatirt wurde. Wohl wurde auch hiemit bereits das an das Land der Hermunduren grenzende Gebiet nördlich von der Donau von Weltenburg über Gunzenhausen nach Lorch zum römischen Reiche gezogen, jedenfalls mit dem Baue der Straße begonnen, welche von Passau über Negens- burg, Eining, Jrnsing und weiter in das Dekumaten- land führt, insoweit Hiebei nicht alte keltische Wege benutzt werden konnten, und diese Route mit Befestigungen gedeckt. Ich möchte hier nur der Vermuthung Ohlen- schlagers beipflichten — der allerdings nur in sehr vorsichtiger Weise es nicht für unmöglich, ja sogar für wahrscheinlich hält, daß die Lagerkette Jrnsing, Kösching, Pfünz, Weißenburg, Theilenhofen, Hammerschmiede älteren Datums ist als das Grenzvallum oder die Tcufelsmauer — und diese Castelle als zunächst zu dieser Straße gehörig betrachten.^) ") Hettner: „Bericht über die Erforschung bcö Limes." Vertrag vorn 26. Sept. 1895. ") tHoriuania. 0. 29. Ohlenschlazer: „Die römische Grenzmark in Bayern." Seite 83. Wenigstens bestand diese Linie bereits unter Trojan nach einem in Weißenburg gefundenen Steine, der auf das Jahr 107 weist, auch beansprucht das Castell Weißenburg selbst auf Grund seiner mehr quadratischen (also älteren) Anlage ein höheres Alter, was auch von dem Archäologen Hettner angeführt wird, obwohl derselbe kurz vorher das gleichzeitige Entstehen der Teufelsmauer und der hinter ihr liegenden Lager verficht. Noch immer bestand außer der oben behandelten Strecke zwischen Rheinbrohl und Großkrotzenburg a. M der eigentliche Limes, die Mauer oder der Wall, nicht Wann dieses Werk zur Ausführung gelangte, dürfte nur sehr schwer zu beantworten sein, und bildet diese Frage wohl den wundesten Punkt in der ganzen Limes- forschung. Selbst Mommsen, der große Historiker, erlaubt sich hierüber kein entscheidendes Urtheil. Genanntes Problem wurde besonders verwickelt durch die Entdeckung des vorhin erwähnten sogenannten Grübchens, welches jetzt an vielen Orten stets in der Nähe des Limes aufgefunden wurde und nun hier der Uebersicht halber im Zusammenhange betrachtet werden möge. Schon Pfarrer Mayer besprach vor ungefähr 80 Jahren in seiner „Reise auf der Teufelsmauer" dieses Grübchen im Hienheimer Forste, und wurde dasselbe vom Rheins bis an die Donau zunächst durch die Herren Wolff, Soldan, Jakobi, dann von den meisten Herren Streckencommissüren constatirt. Die ersten und schönsten Resultate wurden im Taunus und in der Rheinprovinz erzielt, und besteht dort das Grübchen nach dem Berichte des Baumeisters Jakobi *b) in einer äußerlich unsichtbaren, etwa 20 römische Fuß von dem zeitlich jüngeren Limeswall abstehenden Vertiefung, die nach verschiedenen Arten ausgesteint und wieder zugeschüttet worden ist. Auf dem Boden des Grübchens liegen nämlich entweder in regelmäßigen Zwischenräumen größere Steine, oder die Steine liegen hart nebeneinander, oder endlich die ganze Vertiefung war mit Steinbrocken ausgefüllt. Nebenher finden sich noch die der römischen Grenzmarkirung eigenthümlichen Beimischungen, wie Scherben, Ziegel, Kieselsteine, Nägel, Holzkohle und Asche. Etwas anders verhält es sich mit dieser Erscheinung auf der Strecke zwischen Main und Donau. Auch hier wurde das Grübchen meistens gefunden, jedoch nicht als absichtlich verdeckt, sondern offen. Bei diesen Untersuchungen erfolgte nun zunächst durch Herrn Kohl die epochemachende Entdeckung von Pallisaden» reihen, eine Thatsache, welche auch bald von den Herren Dr. Eidam und Gutsbesitzer Winkclmann bestätigt werden konute. Es bestehen diese Pallisaden aus Baumstämmen von etwa 40 cnr Dicke, sind besonders an sumpfigen Stellen gut erhalten und mochten vielleicht 2—3 rn über den Boden hervorgeragt haben. Pfarrer Mayer hat also für seine Behaupmng eine glänzende Bestätigung gefunden, indem bereits er angenommen hatte, daß einst in dem Grübchen Pallisaden standen. Nur eine einzige Stelle wurde nachgewiesen in der Nähe von Gunzen- hausen, wo die Pfähle in einer eigenen, zweiten Vertiefung eingesetzt waren.") Aber Herr Hettner dürfte ") Limesblatt Nr. 7, S. 60. ") U-bngeiiS wurde in jener Gegend durch Herrn Dr. Eidam sogar eine dritte Rinne aufgedeckt in jüngster Zeit. 325 Recht haben, wenn er glaubt, daß eS sich hier lediglich um eine „lokale Correctnr" handele.^) Auch das müssen wir zugeben, daß nicht überall die Pallisaden zu finden sind, aber es werden dies doch mehr oder weniger Ausnahmen und wiederum dem Ermessen der betreffenden Beamten zuzuschreiben sein. Das Grübchen mit seinem Pfahlzaune scheint also, wie bereits Ohlenschlager meint, das Ueberbleibsel der ersten vorläufigen Abgrenzung zu sein;*°) der hölzerne und solide Zaun verlieh überdies den meisten Stellen eine gewisse Festigkeit gegenüber unbedeutenderen Annäherungsversuchen. Wann ist nun diese Grenzvermarkung in das Leben getreten, oder zunächst: ist sie mit einem Schlage und gleichzeitig entstanden? So sehr ich gewissermaßen vom idealen Standpunkte aus diese letztere Frage bejahen möchte, da ja erst durch eine solche im Zusammenhang geschaffene, kühn vom Rhein bis an die Donau führende Tracirung diese Vermarkung die gehörige Bedeutung bekommen und einzelne unterbrochene Strecken wenig Zweck besitzen konnten, so sprechen doch auch wichtige Gründe dafür, daß wenigstens das Grübchen zwischen Rhein und Main früher angelegt wurde, als jenes zwischen Main und Donau, einerseits weil die rheinischen Bauten fast insgesammt früheren Datums sind, andererseits weil sich das dortige Grübchen auch in seiner Anlage wesentlich von dem übrigen Theil unterscheidet. Was den eigentlichen Zeitpunkt der Entstehung betrifft, so dürfte nunmehr die Ansicht Mommsens") und Jakobi's nichtig geworden sein. Beide glaubten nämlich, das Grübchen und der Limes seien gleichzeitige Werke, und finden so die Erklärung zu welcher eigentlich nicht Grenze, sondern Grenz!örper, Abgrenzungsweg, bezeichnet, indem diese Straße nach ihrer Meinung durch die Versteinung oder Verpfählung auf der einen und durch den Limes auf der anderen Seite bestimmt war. An manchen Orten konnte sogar diese Einrichtung ganz gut bestanden haben. Allein wollte man diese Annahme für die Allgemeinheit gelten lassen, so wäre vor allem nothwendig, daß besagtes Grübchen stets parallel und in gleichem Abstände zu dem Walle oder der Mauer einher- liefe, waS aber bei weitem nicht der Fall ist. So wurde von Herrn Strcckcncommissär Gutsbesitzer Winkelmann nachgewiesen, daß z. B. bei Altdorf und Pfahldorf in Bayern die Grenzvermarkung sich sogar 7—10 in hinter der Teufclsmauer befindet. Auch bei Gunzenhausen wird das Grübchen mit seinen Pallisaden mehrfach von dem Pfahle geschnitten, ebenso in der Rheinproviuz. Die Grenzfurche, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, mit ihren Pfählen ist also sicher früheren Datums als die Limesmnuer und wurde bei Erbauung der letzteren meistens außer Dienst gestellt. Ich möchte bei dieser Frage auf die schon viel besprochene Stelle des Spartianus aufmerksam machen in seiner vita. Haclriaui (Leben Hadrians),^) worin er uns ") Heliner: „Bericht über die Erf. d. Limes." Vertrag vom 26. Sevt. 1895. Ohlenschlager: „Die römische Grenzmark in Bayern." ") Vergl. Hettner: „Bericht über die Cri. d. LimeS". und Mommsen: „Römische Geschichte", Bd. V, Cap. IV, S. 111 Anmerk. Lelins Lpartiimns: Vita. Haäriani, 6. 12: >ker ea tsmxora st alias kregusnter in plurimis weis in gnibus barbari von ünininibns seä liinitibns (livikluntnr stixitibus Wagnis in moäum mni-alis seyis innäatis, iaetis atgus eon- nsxis. barbaros sevaravir.« versichert, daß der Kaiser in jener Zeit (etwa 124 n. Chr. Geb.) in den meisten Gegenden, wo die Barbaren durch keine natürlichen Grenzen geschieden waren, dieselben dadurch abgegrenzt habe, daß er große Pfähle in den Boden treiben und sie unter sich verbinden ließ, so daß sie das Aussehen einer Mauerhecke hatten. Es stimmt merkwürdiger Weise diese Stelle mit den Resultaten der neuesten Forschungen aber auch auf das genaueste überein. Ließen wir aber dieses Werk erst von Hadrian geschehen, so müssen wir die Entstehungszeit des eigentlichen Limes ziemlich weit hinausschieben und dem Kaiser Trojan, der nach der gewöhnlichen, allerdings man darf sagen ganz unbegründeten Annahme als Erbauer der Strecke Miltenberg-Lorch oder sogar Lorch-Hienheim gilt, keinen Antheil an dieser Befestigung gewähren In der That dürfte die Behauptung, daß Trojan den Limes erbaute, geradezu aus der Luft gegriffen sein; auch das älteste Zeugniß, welches bei Oehringen gefunden wurde, stammt erst aus dem Jahre 169 n. Chr., da bereits Mark Aurel regierte. Mommsen will sogar Hadrian vom eigentlichen Baue des Walles ausgeschlossen wissen, findet es aber dem Berichte des Spartianus zufolge für wahrscheinlich, daß dieser Kaiser eine „künstliche Sperrung" ") angebracht habe durch Verhaue. Daß solche Verhaue wirklich bestanden, ist jetzt durch die oben besprochenen Pallisaden des Grenzgräbchens evident geworden. Wenn wir auch diese Anlage in ihrem ganzen Umfange nicht dem Hadrian zuschreiben wollen, so werden wir uns doch stets hüten müssen, die Entstehungszeit der Teufelsmauer oder des Pfahles zu frühe anzusetzen, da diesem Werke jedenfalls die oben beschriebene Grenzfurche mit abwechselnden Pfahlhecken voranging. Der einfachste Ausweg dürfte der sein, daß wir eine stetige, successive Entwicklung der ge- sammten römischen Grenzmark annehmen, abgesehen wiederum von der öfters erwähnten, bereits unter Domitian vollendeten Rhcinstrecke, und zwar so, daß zunächst von den Flaviern eine Castell- und Straßenlinie geschaffen wurde von Wörth am Maine den Neckar entlang bis an die Nems über Pföring an die Donau» der nachher eine endgültige Vermarkung der Grenze durch das bekannte Grübchen folgte, welches später oder auch an manchen Orten gleichzeitig stellenweise eine Art Befestigung aus Pallisaden erhielt, und daß dann schließlich wahrscheinlich noch unter Hadrian mit dem Baue der Mauer oder des Dammes begonnen ward, ein Werk, das jcdochosicherlich erst unter den späteren Kaisern seine Vervollkommnung und Vollendung fand. Durch diese stetige, langsame Entwicklung der römischen Grenzbefestigung, welche nicht daS Verdienst eines einzigen ist, sondern einer Reihe von Regenten, dürfte sich auch die Thatsache erklären lassen, daß die späteren römischen Geschichtsschreiber uns fast gar keine Nachricht bieten über diese Bauten in Deutschland. Hätte hier irgend ein Kaiser einmal einen ganz besonders großen Schritt gethan, so würden sich das die kaiserlichen „Hof- bistoriker", wenn ich so sagen darf, wie Gallican, Tre- bellius Pollio, FlaviuS Vopiskus, Lawpridtus und Cavitolinus, für ihr Hanvwerk nicht haben entgehen lassen, und Hütte z. B. Hadrianus den Limes gebaut. 'v) Mommien: „Römische Geschichte." V. Bd., Cap. 4, Seite 141. 326 so würde uns Spartianus die Geschichte lang und breit erzählen. Ich habe bei den letzteren Punkten, besonders bei der Besprechung des Grabens, absichtlich länger verweilt, weil gerade dieser Theil jetzt das Object der eifrigsten Untersuchungen ist. (Fortsetzung folgt.) Alexander der Große in der persischen und arabischen Literatur. Von G. G. (Schluß.) Um dieselben Zeit regierte im „Westen" (Spanien, Andalusien) eine weise Königin, QuidLfa (nach einigen NuMbe von Berdaa), welche schon viel von Alexander gehört hatte und sein Bildniß zu besitzen wünschte. Sie schickte einen Maler nach Aegypten, wo sich Alexander aufhielt, und ließ ihn heimlich Porträtiren. Inzwischen hatte aber auch Alexander von der Königin gehört und suchte sich ihr Land zu unterwerfen oder tributpflichtig zu machen. Da er dies durch friedliche Unterhandlungen nicht erreichen konnte, brach er selbst gegen Westen auf, erstürmte die Burg eines Vasallen der Königin Kidafa und erschlug ihn. Dann tauschte er in einem Divan seine Stellung mit der seines Vezirs, und der Vezir mußte, als Alexander verkleidet, den Schwiegersohn des erschlagenen Vasallen und feine Gemahlin, eine Tochter der Kidafa, zum Tode verurtheilen. Alexander aber bat um das Leben der Beiden, der verkappte Vezir schenkte ihnen das Leben und schickte sie mit Alexander als Gesandten an den Hof der Königin. Diese aber erkannte ihn, da sie im Besitze seines Bildnisses war, entdeckte jedoch ihr Geheimniß erst, als sie mit Alexander allein war, und nur ihm allein. Sie versprach ihm, das Geheimniß für sich zu behalten und ihn unversehrt zu seinem Heere zurückkehren zu lassen, falls er sie und ihre Unterthanen nicht weiter behelligte, und warnte ihn nur vor ihrem Sohne Tinos, der voll des bittersten Hasses gegen ihn sei, zumal als Eidam des ermordeten Für von Indien. In einer Versammlung der Großen des Reiches, in welcher der angebliche Gesandte die Forderungen seines Herrn auseinandersetzte, kam er mit Tinos in heftigen Wortwechsel, welcher beinahe zum blutigen ! Kampfe geführt hätte, wenn nicht der Gesandte dem , Tinos versprochen hätte, den Alexander selbst in seine ' Hände zu liefern. Nun wurde er zu seinem Heere zurück- geleiiet, und als TinoS, dort angekommen, den, Alexander in seine Gewalt zu bekommen hoffte, reichte ihm dieser die Hand mit dem Bedeuten, hiemit lege er die Hand Alexanders in die seiniae. Tinos ging verblüfft von dgnnen. Auf dem Meere zog er weiter, dem Untergänge der Sonne zu. An das Ende der Welt gelangt, fand er den warmen Quell, welcher aus dem Ocean hervorsprudelt § (vergl. Koran Sure 18, 84: „Als er den Miedergang der Sonne erreichte, fand er sie in einer warmen Quelle voll schwarzen Schlammes untergehen"). Mach dem Rathe der Weisen unterließ er das Befahren ^deS Oceans, weil sein Wasser schwer wie Quecksilber sei, ein Ungeheuer berge, dessen Blick jeden Menschen tödte, und an seiner Küste zahlreiche Steine seien, welche unwiderstehlich Lachen erregten und den Tod verursachten. Krotzdem ließ er eine Ladung solcher Steine von Leuten Mit verbundenen Augen holen und mitsammt einer Menge gelben Sandes, an Farbe und Entzündlichkeit gleich Schwefel, mitnehmen, womit er später in einer Oase eine Burg aufzuführen befahl, „welche schon viele Reisende vermöge der Wirkung des Steines und des Sandes ums Leben brachte". Auf seinen weiteren Zügen durch die Länder der Erde, auf welchen das Heer äußerst viel zu leiden hatte von Ungeheuern, Drachen, Schlangen, von Feuer und Schnee, in Wüsteneien und steinigen Gebirgen, gelangte Jskander zu den Schwarzen von Habesch, welche das Heer mit Steinen angriffen, zu den Weichfüßigen, welche dem Heere auf den Knien entgegenrutschten und es ebenfalls mit Steinen bewarfen, zu den Brahmanen und Gymnosophen Indiens, und zur Stadt der Frauen. Die letztere bestand aus unzähligen Straßen, in jeder derselben wohnten 1000 Jungfrauen; ein Mädchen, das sich verheirathen wollte, mußte auswandern. Weiterhin kam Jskander zu den Wundergärten von Jram. Sie waren mit goldenen Bäumen bepflanzt, welche goldene Früchte und Juwelen trugen, die Teiche wimmelten von Fischen von reinem Onyx. Mitten im Garten stand ein Palast von gleicher Pracht. Ohne das geringste von den Schätzen mitzunehmen, verließ Alexander daS Wunderland. (Gewöhnlich verlegt man Jram nach Afrika.) Auch die Quellen des Nils suchte Alexander auf. Sie liegen auf einem steilen, abschüssigen Berge, dessen Farbe grünem Glase gleicht und von dem der Nilstrom herabfließt. Da die hinaufgeschickten Leute nicht mehr zurückkamen, beauftragte Jskander einen Mann, ebenfalls den Gipfel des Berges zu besteigen, das Gesehene auf einen Zettel zu schreiben und denselben feinem, mit ihm bis zum Fuße des Berges gehenden und dort wartenden Sohne zuzuwerfen. Dieser kehrte ohne den Vater zurück, jedoch mit der gewünschten Beschreibung. Auf einem schmalen, schlüpfrigen Pfade gelangte man nämlich zur Spitze des geheimnißvollen Berges, auf welcher auf der einen Seite höllenschaurige Wüstenei, auf der andern paradiesische Gärten sich befanden, welche jeden Ankommenden durch ihre Zauberpracht bannten und ihm alle Lust zur Rückkehr nahmen. Ohne dem Heere etwas von der verlockenden Schilderung mitzutheilen, eilte Alexander weiter. Auf seinem Zuge durch den „Süden" fand er das Diamantenthal, das von einer Menge großer Diamanten erglänzte, aber auch voll von Schlangen war. Er ließ das zerstückelte Fleisch geschlachteter Schafe in das Thal hinabwerfen, die Diamanten blieben an dem Fleische haften, und Raubvögeln, welche die Stücke zusammenrafften, wurde die kostbare Beute abgejagt. Fast in allen orientalischen Gestalten der Alexanderhistorie (auch in den abendländischen) wird die Geschichte von der Reise Alexanders in das Reich der Finsterniß und zum Quell des Lebens berichtet, jedoch mit mancherlei Variationen. In dieses Land dringt nie ein Sonnenstrahl; wer von jener Quelle trinkt, bleibt unsterblich. Alexanders Begleiter und Führer dorthin ist der Prophet Chidr (Chifr). ^) Sururi's Kommentar zu Saadi'S Chidr ist eine bei den arabischen und persischen Schriftstellern viel genannte und verschieden gedeutete Erscheinung. Nach den einen ist er ein sagenhafter Feldherr eines alten persischen Herrschers, nach andern der Prophet Ellas, nach andern der „ewige Jude". Als solcher scheint er in folgender Erzählung gemeint zu sein, da er vorn Lebensquell trinkt und sich so unsterblich macht. (Vcrgl. Rückertö Gedicht: „Chidr, Gulistan erzählt die Reise folgendermaßen: „Als der Zweigehörnte der Finsterniß nahe gekommen war und trotz des Abrathens der ihn begleitenden Weisen beschlossen hatte, hineinzugehen, sprach er zu den Männern der Erkenntniß: Welche Lastthiere sehen am schärfsten? Sie antworteten: Die Pferde. — Welche Pferde sind am scharfsehendsten? Die dunkelbraunen Stuten, die noch nicht geworfen haben. — Da wühlte er von den dunkelbraunen Pferden 6000 dunkle Stutenfüllen aus, wählte ferner 6000 verständige und erfahrene Männer aus und stellte über je 1000 Mann einen Anführer aus der Zahl der Weisen. Aber den Chtdr stellte er über die 2000 Mann seines Vortrabs. Dann befahl er dem übrigen Theil des Heeres, sich zu lagern und Zelte aufzuschlagen, und sie thaten es. Und er verbot ihnen, sich zu trennen, bis er zurückkäme. Da sprach zu ihm Chidr: O König I siehe, wir werden in die Finsterniß hineingehen, aber einander nicht sehen können. Was sollen wir thun, wenn wir irre gehen? Da reichte ihm der Zweigehörnte eine rothe VenuSmuschel und sprach zu ihm: Wenn ihr fehlgehet, so wirf diese auf den Boden, und wenn sie, auf die Erde geworfen, laut ertönt, so gehet ihrem Tone nach. Nun zog Chidr inmitten seiner zwei Abtheilungen weiter, bis er zum Thale gelangte, in welchem die Quelle war, und als er etwas sehr süßes roch, kam ihm der Gedanke, daß die Quelle wohl in diesem Thale sein könnte. Daher warf er jene Muschel in's Thal hinab, und sie ertönte laut. Chidr stieg hinab und fand den Quell, und sah weißes Wasser, weißer als Milch und süßer als Honig und angenehmer an Geruch als Moschus. Er trank davon, wusch sich, bestieg sein Pferd und kehrte zurück zu seinen Gefährten. Jskander aber erreichte und fand das Thal nicht." Vielmehr irrte er rathloS in der Finsterniß umher, kam zu vier auf Säulen sitzenden Vögeln, mit denen er sich in verschiedene Klagcgespräche einließ. Eine unbekannte Stimme rief aus der Dunkelheit, daß es sowohl denjenigen, welcher von den am Wege liegenden Steinen welche mitnehme, später reuen würde, als auch denjenigen, der es unterlasse. Einige Soldaten nahmen solche Steine, andere nicht. Als sie aber aus der Finsterniß herausgekommen waren, zeigte es sich, daß die mitgenommenen Steine kostbare Edelsteine, Hyazinthen und Chrysolithen, waren. Da ergriff in der That alle Neue, diejenigen, welche zu wenig, und die, welche gar nichts mitgenommen hatten. Nirgends fehlt bei den mohammedanischen Autoren die Geschichte vom Baue des eisernen Walles, den Alexander in einem Bergthore zum Schutze gegen die Näuberstämmc Nordasiens errichtete, welche gewöhnlich unter den Namen Gog und Magog („Jadschudsch und Madschudsch") zusammengefaßt werden, und mag dies wohl darauf beruhen, daß auch der Koran dieselbe ausführlich erzählt. Sure 18, 93 ff. heißt es: „Dsulkaruain verfolgte seinen Weg weiter von Süden nach Norden, bis er zu den beiden Bergen kam, unter denen er ein Volk fand, das kaum verstand, was er sagte. Und sie sagten: O Dsulkarnain, in der That, Gog und Magog verwüsten das Land. Sollen wir dir Tribut zahlen unter der Bedingung, daß du einen Damm zwischen uns und ihnen erbauest? Er antwortete: Die Macht, mit der mich mein Herr versehen hat, ist besser als euer Tribut; aber helft mir kräftig und ich will einen festen der ewige Jude".) Dem persischen Dichter Nisami ist Chisr das, was dem klassischen Dichter die Muse, und die Dichtkunst Wird von ihm als Lebenswasser, dem Chisr vorsteht, dargestellt. Wall setzen zwischen euch und zwischen ihnen. Bringt mir Eisen in großen Stücken, bis es den Platz zwischen diesen beiden Bergen ausfüllt. Und er sagte zu den Arbeitern: Blast mit euern Blasbälgen, bis das Eisen roth wird wie Feuer. Und er sagte ferner: Bringt mir geschmolzenes Erz, damit ich es darauf gieße. Deßwegen, als dieser Wall vollendet war, konnten ihn Gog und Magog nicht ersteigen, noch auch durchgraben. Und er sagte: Dies ist eine Gnade meines Herrn, aber wenn die Weissagung meines Herrn erfüllt werden wird, dann wird er diesen Damm zu Staub machen. Die Vorher- sagung meines Herrn ist wahrhaftig." Die hier genannte Weissagung ist die, daß die Barmherzigkeit Gottes den erbauten Niegel bis zum Erscheinen des großen Gerichtstages stehen läßt. Firdust beschreibt Gog und Magog als zwei Ungeheuer, die in ihren eigenen Ohren schlafen. Nach andern sind es Türken, Skythen, Tataren oder Chinesen. Auch Tibet erobert Alexander und kommt von da nach China. Um den Fagfur von China zur Unterwerfung zu bewegen, erscheint er, wie vor Darms und der Königin Kidafa, als sein eigener Gesandter, indem er einen seiner Vczire, Namens Fitaus, seine Stelle einnehmen und Alexander sich nennen läßt, er selbst aber als Vezir Fitaus zum Könige geht. Nachdem er dem Fagfur daS Schicksal des Darius und des Für von Indien erzählt und die Macht Alexanders geschildert hat, erkennt dieser den Alexander als seinen Oberherrn an und bewilligt ihm einen jähilichen Tribut aus den Früchten des Landes. Auch schenkt er dem Alexander seine eigene Krone, kostbare Pelze, chinesische Seide, indische und chinesische Waffenrüstungen, Gold und Silber, Moschus und Samba. In China findet Alexander einen von Nymphen bewohnten See, welche die Nacht mit Singen und Spielen am Ufer zubringen.^) Nachdem Alexander alle Dinge vom Untergänge der Sonne bis zu ihrem Aufgange erreicht, alle Völker der Erde besucht, alle Länder sich unterworfen, zahlreiche, nach seinem Namen benannte Städte erbaut und an den äußersten Punkten seines Zuges als Wahrzeichen („Talisma") eherne Standbilder (Roß mit Reiter) mit der Inschrift „Ueber mich hinaus kann niemand kommen" errichtet hatte, erhielt er vom Himmel den Befehl, umzukehren, da er bald sterben würde. In den Berichten über die Zeit, den Ort und die näheren Umstünde seines Todes gehen die persischen und arabischen Schriftsteller sehr weit auseinander. Nach der allgemeinsten Ansicht aber starb er in Mesopotamien oder in Alexandrien. In letzterer Stadt wurde er in einem goldenen, mit Edelsteinen reich verzierten und mit Honig und Aloe ausgefüllten Sarge begraben. Wie schon erwähnt, läßt Nisami Alexander noch eine zweite Reise durch die Länder der Erde unternehmen, nämlich als Prophet. Nach der Rückkehr von der ersten Reise verbrachte Jskander die Zeit mit gelehrten Gesprächen und Lösung philosophischer Streitfragen mit den sieben Weisen an seinem Hose: Aristoteles, Hermes, Plato, Thales, Porphyrius, Sokrates, Apollonius von Tyana, und gelangte auf den Stufen der Erkenntniß bis zu den Grenzen menschlicher Einsicht. Eines Tages brachte ihm ein Engel vom Himmel die Botschaft, daß Allah ihn zum Propheten auserkoren '°) Nach Spiegel, a. a. O. S. 58. °°) Die Erzählung hat Aehnlichkeit mit Plinius VI, 97 und XXXI, 35. 328 habe, und daß er die Welt dem rechten Glauben erobern und überall Sittlichkeit und Gottesverehrung verbreiten solle. Zugleich wurden ihm himmlische Hilfsmittel, namentlich die Sprachengabe, verheißen. Außer mehreren selbst erdichteten Abenteuern erzählt Nisami sodann auch von anderen Autoren (für die erste und einzige Reise Alexanders) berichtete und im Vorstehenden genannte Erzählungen. Recensionen und Notizen. Die Jos. Kösel'sche Buchhandlung in Kcmpten beginnt soeben ein neues literarischeS Unternehmen, das in erster Linie Seitens des kath. Klerus die grösste Beachtung verdient, das aber auch der kathol. Laicnwett nicht warm genug cmpioblen werden kann. Von der rühmlichst bekannten „Bibliothek der Kirchenvater", Auswahl der vorzüglichsten parristischen Werke in deutscher Ucbcrsetzung, herausgegeben unter der Oberleitung von dem leider inzwischen verstorbenen Dr. Val. Thalhofe r, veranstaltet die Firma eine Neue Subscription in einer Band- Ausgabe, die cS Jedermann ermöglichen und erleichtern soll, dieses einzigartige patristischc Sammelwerk auf einfache und bequeme Weise anzuschaffen. Die kathol. Literatur wird wenige Unternehmungen ausweisen, welche an Umfang und Bedeutung der „Bibliothek der Kirchenvater" gleichkommen. Zwei päpstliche Anerkennungsschreiben, biscböfl. Empfehlungen des gesummten hochw. Episkopates von Deutschland, Oesterreich und der Schweiz und die gesammte kathol. Fachpresse haben aus den hohen Werth dieser altchristlichen Klassiker-Bibliothen hingewiesen. Auch in protestantischen Kreisen, wo ein derartiges Werk gänzlich sehlt, wird die „Bibliothek der Kirchenvater" entsprechend gewürdigt, und einzelne Schriften werden gerade von dieser Seite besonders bevorzugt. Seit Beginn der ersten Subscription sind nahezu dreißig Jahre verflossen, und es ist inzwischen eine ganz neue Generation herangewachsen. Die Verlagshandlung verdient daher volle Anerkennung, daß sie durch Eröffnung der Neuen Subscription auch den jüngeren Geistlichen Gelegenheit gibt, das Sammelwerk anzuschaffen, das in jeder theologischen Bibliothek zu finden sein soll. Naturgemäß bietet die Neue Subscription auf das abgeschlossen vorliegende Werk viele Vorzüge vor der ersten Subscription, wo daS Unternehmen erst begonnen und noch Niemand den genauen Umfang der Sammlung vorauSbestimmcn konnte. Die Neue Subscription erscheint in 80 Bänden, eine dankenSwerthe Neuerung, do dadurch ein viel rascherer Abschluß gesichert ist. Jede Woche soll ein Band ausgegeben werden, so daß die Subscribcnte nach etwa 1'/, Jahren im Besitze der ganzen Sammlung sein werden. Der Bezug des Werkes in kürzeren Terminen oder vollständig auf einmal steht selbstverständlich Jedem frei und gelten für letzteren Fall ermäßigte Preise. Die drei letzten Bände werden jedem Abonnenten gratis geliefert. Im Uebrigcn gibt über die Art und Weise der Subscription, über die Bezugsbedingungen rc. ein „kurzer Berichts (32 Seiten) sowie ein „ausführlicher Bericht" (112 Seiten) ausreichende Auskunft. Der erstere kann gratis, der letztere für den Preis von 20 Pf. durch jede Buchhandlung oder direkt von der Verlagsbuchhandlung bezogen werden. Als eine sehr angenehme Neuerung begrüßen wir es a-ch, daß nunmehr auch jeder einzelne Kirchenvater sowie jeder einzelne Band ohne Erhöhung des PreiseS apart abgegeben lv rd. Wer z. B. lediglich sich für die Schriften des heiligen Augustinus oder ChrhsostomuS rc. interessirt, kann nunmehr ohne Preiserhöhung die betreffenden Bände einzeln beziehen, Was namentlich allen Jenen willkommen sein wird, welchen rotz der jetzt gebotenen großen Erleichterungen doch noch die lnscbaffung des ganzen Sammelwerkes zu kostspielig ist. Wir schließen, indem wir nochmals die Verlagsbuchhandlung zu dem großartigen Unternehmen beglückwünschen und der Neuen Sub- scripiion die gleiche Verbreitung und Anerkennung wünschen, die erfreulicher Weise das Unternehmen schon von allem Anfange an gesunden hat. /S. Im 32. Jahresberichte des naturwissenschaftlichen Vereins für Schwaben und Neuburg (Augsburg 1898) findet sich eine höchst interessante gcogiiostische Arbeit: „Beiträge zur Kenntniß der tertiären und quartä reu Ablagerungen in Bayerisch-Schwabcn" von Fritz Nühl in Jssing, die namentlich in paläontologischer Beziehung in hohem Grade nicht nur die Aufmerksamkeit der bezüglichen Fachgelehrten, sondern auch der gebildeten Laien auf sich lenken wird. Der dem geistlichen Stande angehörende Herr Verfasser, der seit Jahrzehnten theils unter Leitung hervorragender Geologen und Paläontologen, theils allein seine diesbezüglichen Forschungen in dem ausgedehnten Gebiete von den Alpen bis zum Jura und von der Jller bis zum Ammersee mit unermüdlichem Eifer betreibt, hat die bei seinen geognostiscben Untersuchungen erhaltenen faunistischcn und floristischen Petrefaktenfunde sorgfältig gesammelt, bestimmt, nach den verschiedenen Profilen ausgeschieden geordnet in einer sehenswerthen Privatsammlung untergebracht und in der erwähnten Arbeit die geoznostischcn Gliederungen des Gebietes mit allen in denselben aufgefundenen Einschlüssen zu einem übersichtlichen Gesammtschichtcnbilde vereiniget. Die Arbeit behandelt in 10 Kapiteln: Den Flysch und die eingelagerten Nummulitenschichten. — DaS oligocäne Molassemccr, die bayerischen Pechkohlen und die Cyrenenscbichtcn. — Die untermiocäne, gelbgrane Blättermolassc, die Nngulosa- und Crepidostomakalke. — Das mittelmiocäne oder Ncogcnmeer. — Die brackischen Kirchbcrgerscbichten oder der Kirchbcrger Schlier. — Die graue Günzburgcr Molasse. — Die gelbe Molasse oder die oberen Ablagerungen des Obermiocäns. — Die pliocänen Ablagerungen. — Die Glacialablagcrungen. — Das Postglaciale. — In vorurteilsfreier Weise hat der Herr Verfasser durchweg die geognostische Beschaffenheit des durchforschten Gebietes aufgefaßt und die Ergebnisse der Untersuchung, gestützt auf ein reichliches Einschlußmaterial, in objectiver Form dargestellt. Bescheiden und gut motivirt vertritt er seine hier und dort von den bisher geltenden Anschauungen abweichende Meinung, be- nützt mit großer Gewandtheit und gründlicher Stoffbeherrschung die von bewährten Autoren in ihren bezüglichen Werken geschaffene Basis für den weiteren Ausbau der gcognosiiscben LagerungSvcrhältnisse unseres Alpenvorlandes, und hat damit einen hochachtbaren Beitrag zur Vervcllständigung der Geognosie unseres engeren Vaterlandes geliefert. DidioC., Die moderne Moral und ihre Grund- principien kritisch beleuchtet. 8°, VIII -j- 103 Seiten. Straß-burg, B. Herder, 1896. M. 2,00. s Die „Straßbnrger Theologischen Studien", herausgegeben von Alb. Ehrhard und Eug. Müller, haben sich in der katholischen Gclchrtenwelt einen guten Klang erworben durch die kritische, wissenschaftlich-nüchterne Haltung ihrer Beiträge. Mit vorliegendem Bündchen, das seinen Vorgängern in keiner Weise nachsteht, sind die „Studien" zum 3. Heft des II. Bandes gediehen. Im ersten Kapitel bespricht Didio das sittliche Problem in der gegenwärtigen Zeit, die das traurige Bild einer Auflösung aller sittlichen Begriffe darbietet. Der folgende Abschnitt macht den EudämoniSmus und Militarismus zum Gegenstand der Erörterung. Daran schließt sich ein Kapitel über den französischen Positivismus und den Darwinismus. Besonders interessant ist das vierte Kapitel, welches das Moralprincip des Culturfortschrittes behandelt. Nickt minder belehrend sind die beiden noch folgenden Abschnitte über Kants Ethik und den Pessimismus. Die letzten Zeilen der lesenswertben Schrift gehen auch mit der „deutschen Gesellschaft für ethische Cultur" ins Gericht und fällen ein Urtheil, dem jeder besonnen denkende Leser nur zustimmen kann. Theologisch-Praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 8". Preis ganzjährig 5 Mk. Inhalt des 9. Heftes 1696: Die Hospize an den Alpenpässen. — Kloster VormbaS. — Ueber Predigten für Gebildete. — PastorcllcS von der Reise. — Competcnz bei Veränderungen von Kirchengemeinden. — Soll man in Predigten gegen die Mode eifern? — Kann ein offenkundiger Renegat und Todsündcr kirchlich getraut werden? — Der Klerus und die Jnteressenkämpfe auf dem Lande. — Die religiösen Standesvereine und ihre Bedeutung für die Gegenwart. — Mehr Beachtung der Armenscclsorge, besonders der verwahrlosten Kinder. — Beleidigungen von Seite der Pfarrkinder. — Wer ist verpflichtet, bczw. berechtigt, die Rogationsmesse zu lesen? — Be- achtenswerthe Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Congregationen. — Literarische Novi- tätenschau. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 42 16. Giri- 189k Miß Diana Vanczhan in ihrer wirklichen Gestalt.*) Der antt-freimaurerische Kongreß zu Trient hat namentlich durch einen seltsamen Zwischenfall Aussehen erregt. Während alle Besucher desselben vollkommen einig waren über den Satz, daß die Freimaurerei aus religiösen und politischen Gründen durchaus verwerflich und mit allen erlaubten Mitteln zu bekämpfen sei, erhob sich ein, von der einen Seite mit förmlicher Erbitterung geführter Streit über die Frage: Wie steht's mit „Miß Diana Vaughan"? Dieser Streit steht in engerm Zusammenhang mit Erörterungen, welche im August und September lebhaft die katholische Presse Deutschlands beschäftigten. Ein Mitglied der Gesellschaft Jesu, als ausgezeichneter Kenner der freimaurerischen Literatur bekannt, hatte nachdrücklich vor den „Enthüllungen" gewarnt, welche eine angebliche Miß Diana Baughan, ehemalige „Palla- distin" und „Luciferanerin", Verehrerin des „guten Gottes" Lucifer im Gegensatz zu dem „adonaistischen" Christengott, in französischen Büchern und Zeitschriften zum Besten gegeben hatte. Es war eine alte Geschichte, deren Anfänge mehrere Jahre zurückliegen und die in Frankreich schon viel Staub aufgewirbelt hatte. Man konnte sie in Deutschland ignoriren, so lange der Schwindel nicht die Grenze überschritt. Aber als ein pseudonymer Dr. Michael Germanus (angeblich ein Geistlicher in Wien, nach anderer Version in München) die französischen Publicationen — ohne irgendwie eine kritische Untersuchung oder Prüfung anzustellen! — zu einer deutschen Flugschrift verarbeitete (Die Geheimnisse der Hölle, oder: Miß Diana Vaughan, ihre Bedeutung und ihre Enthüllungen über die Freimaurerei, den Cultus und die Erscheinungen des Teufels in den palladistischen Triangeln), als Hr. Künzle, der in Feldkirch (Vorarlberg) wohnende geistliche General- Director des Eucharistischen Bundes, dieses Machwerk in Tausenden von Exemplaren drucken ließ und in seiner religiösen Monatsschrift „Pelikan" dafür Neclams machte, da hörte das Gewährenlassen auf. Es kann ernsten Katholiken nicht gleichgültig sein, ob in weitem Volkskreisen, und zwar unter geistlicher Autorität, der wahnwitzigste Aberglaube verbreitet wird, beispielsweise das von „Diana Vaughan" veröffentlichte „Document" des Teufels Bitrn, laut welchem die Freimaurerin Sophia Walter am 29. September 1896 in Jerusalem die Großmutter des Antichrist zur Welt bringen sollte — ein Ereigniß, über dessen Verlauf leider nichts Näheres bekannt geworden ist, vermuthlich, weil die Freimaurer dasselbe sorgfältig mit dem Schleier des tiefsten Geheimnisses umgeben haben. Jetzt lag die Gefahr der Volksvergiftung auch in Deutschland nahe — der Münchener Lourdes-Kalender für 1897 bringt schon einen naiven Artikel: „Die Palladistin Diana Vaughan durch eine Heilung in Lourdes bekehrt", und der Einspruch wurde zur strengen Pflicht. Die deutsche katholische Presse hat diese Pflicht mit vollster Einmüthigkeit erfüllt. Ausnahmslos hat sie die Vaughan'schen „Enthüllungen" als kolossale Mystifikation behandelt und ist dabei von deutsch-österreichischen Blättern kräftig unterstützt worden. Angesichts des Gesagten erscheint es kaum nöthig, daß wir die öffentlich gestellten Fragen („Wo ist die angebliche Miß Vaughan geboren? Sie wird doch in keinem wilden Lande zur Welt gekommen sein, wo es kein Civilstands-Negister gibt. Wer waren ihre Eltern? Diese kann man doch unbedenklich nennen. Und vor allem: Wo ist Miß Vaughan' zur katholischen Kirche übergetreten? Bor welchem Geistlichen hat sie ihre Irrthümer abgeschworen? Von welchem Geistlichen ist sie getauft worden? In welcher Kirche hat sie ihre erste hl. Kommunion empfangen?") noch einmal wiederholen. Bis heute ist von Seiten der Parteigänger der angeblichen Miß darauf keine irgendwie genügende Antwort gegeben worden; die Fragen werden auch niemals beantwortet werden, weil eben eine „Miß Diana Vaughan" nicht existirt. Deutsche Geistliche, Msgr. vr. Gratzfeld, der Vertreter des Herrn Cardinal-ErzbischofS von Köln, und Msgr. vr. Baum garten aus Nom, waren es auch, welche in Trient die Ehre des Katholicismus wahrten. Ihre Erkundigungen nach dem Geburtsschein der Miß, nach den näheren Umständen ihrer Bekehrung usw. wurden von einigen französischen Kongreßmitgliedern mit nichtssagenden Ausflüchten oder geradezu kindlichen „Beweisen" beantwortet — wir erinnern an die Visitenkarte, welche die Existenz der Miß beweisen sollte —, und mancher Anwesende, der als Gläubiger gekommen war, ist sehr nachdenklich fortgegangen. Der Kongreß als solcher schob die Sache unter den Tisch: er verwies die Frage an ein Comiiö. Diesem Comits Material zu bieten, ist der nächste Zweck der folgenden Zeilen. Mit dogmatischen Fragen werden dieselben sich in keiner Weise beschäftigen; es liegt nicht der mindeste Grund vor, der Entlarvung eines systematischen, auf Geldmacherei und Discreditirung des Katholicismus berechneten groben Schwindels einen so ernsten Hintergrund zu geben. Der Fehler bei der bisherigen Behandlung der Vanghan-Frage liegt hauptsächlich in dem Umstände, daß man die geheimnißvolle Persönlichkeit und ihre angeblichen Schriften zu sehr für sich behandelte. Betrachtet man sie im Zusammenhang mit ältern „anti-freimaurerischen" Schriften, so tritt sogar für den bescheiden veranlagten Kritiker die Thatsache der Fälschung zweifellos hervor. Den Schlüssel bietet vor allem dus Buch 1-6 älaß 1s au XIX. siöels, pa,r 1s äooteur Lutuills. (Oellioraraa st ürigust, kario DieLieferungs- Ausgabe dieses Werkes erschien während der Jahre 1893 und 1894. Die Buch-Ausgabe umfaßt zwei schwere Bände, jeder von fast 1000 Seiten, mit Hunderten von Bildern großentheils blödsinnigen Charakters. Vielleicht niemals sind an die menschliche Leichtgläubigkeit solche Zumuthungen gestellt worden. ES ist eine Sammlung von Teufels- und sonstigen Spukgeschichten, so phantastisch, vielseitig, in ihrer Art auch so originell, daß die Matadore der Hexen-Literatur des 17. Jahrhunderts beschämt davor die Segel streichen müssen. Ihre kümmerlichen Darstellungen, in denen sich Hexenritt, Blocksberg-Scenen, Stigma, gewürzt mit Ob- fcönitüten, bis zur Ermüdung und zum Ekel wiederholen, sind die reine Stümperei neben diesen „Erzählungen eines Zeugen", der überall dabei gewesen sein will und — das muß man ihm lassen — auch zu erzählen weiß. In die Empörung, welche die Lectüre erregen muß, mischt sich *) Aus der „Kölnischen Volkszeitung". 330 auch für den ernstesten Leser manchmal ein Lächeln, Man lese zum Beispiel „die curiose Geschichte Wladimir's" (II, 7 ff.), deren Held sich in dritter Ehe mit einer „Geistcrfrau" vermählt, die in einer tadlo-FiAoZus wohnt! Auf dem dazu gehörigen Bildchen sitzt der Getstertisch in Kranz und Schleier neben dem Bräutigam, und die Hochzecks-Gesellschaft stößt mit Sectgläsern an auf das Wohl des Brautpaares! An anderer Stelle (I, 619) erfahren wir, daß ein Geistertisch sich plötzlich „in ein häßliches Krokodil mit Flügeln verwandelte. Das Erstaunen stieg auf den Wipfel, als das Krokodil sich dem Clavicr näherte, es öffnete und eine Melodie mit den seltsamsten Noten spielte. Während des Spiels warf das Krokodil der Herrin des Hauses ausdrucksvolle Blicke zu, welche diese, wie man sich denken kann, in eine sehr peinliche Stimmung versetzten." (Genaue Nachbildungen dieser beiden Bilder werden wir in den nächsten Tagen zum Abdruck bringen.) Eine Perle in seiner Art ist auch das große Capitel (I, 481 sf.) „Die geheimen Werkstätten und das Laboratorium Gibraltars". Da erzählt „Or. Bataille" im flottesten Neportersttl, wie er sich in eigener Person in das Innere des Gibraltarfelsens begibt und dort die Höhlen besucht, in denen Menschen und Dämonen mit Wissen der englischen Regierung die Requisite des Satansdienstes und die exquisitesten Gifte fabriciren. Tubalcain begrüßt ihn in feierlicher Rede (S. 533), zuerst „in ausgezeichnetem Französisch", am Schluß aber spricht er — Volapük, die „kürzlich erfundene Sprache, welche von dem Otto LiooelöiHuö angenommen worden ist." Beim Abschied aber „überreichte mir der Dircctor des occultist- ischen Laboratoriums ein einfaches kleines Fläschchen, das kaum einige CentilitreS faßte; es enthielt einen Stoff, mit dem man in einer Zweimillionenstadt wie Paris eine mörderischere Cholera als die Hamburger von 1892 hervorrufen könnte. Andern Tags habe ich daS verfluchte Ding in's Meer geworfen." Diese und noch unzählige andere Sachen erzählt „Or. Bataille", ohne mit einer Wimper zu zucken, und der feierlichste Ernst durchweht auch seine Vorrede: Wie sein kranker Freund Carbuccia, von Reue über seine satanistische Vergangenheit ergriffen, ihm seine Sünden beichtet und ihn in den Stand setzt, sich in die geheimsten Logen einzuschlcichcn und als Augen- und Ohren-Zeuge „die lucifcrianische Freimaurerei" zu entlarven. Jetzt ist Carbuccia ein frommer Christ und lebt in tiefer Verborgenheit — seinen Aufenthaltsort darf der discrcte Dr. Bataille natürlich nicht verrathen, eben so wenig wie heute Herr Leo Taxi! verrathen darf, wo die unauffindbare Miß Vaughan vor der Rache der Freimaurer sich verbirgt. Man sollte es für unmöglich halten, daß vernünftige Leute auf ein solches Buch hereinfielen, und eine Reihe katholischer Blätter Frankreichs, so der Monde, die Vvrito und die Scmaine religiense von Cambrai haben es denn auch von Anfang an als „Roman, illustrirtes Feuilleton" usw. behandelt. Aber das tolle Buch hatte manche Eigenschaften, die nur zu sehr geeignet waren, harmlose Seelen auf den Leim zu führen. Es war glänzend geschrieben, verrieth die Kenntniß einer ausgedehnten Fachliteratur, flocht bekannte Wahrheit und neue Dichtung rasfinirt zu einem kaum entwirrbaren Knäuel zusammen — und triefte von Frömmigkeit. So wurde es möglich, daß die Macher sich auf eine Menge von Zustimmungserklärungeu auch aus geistlichen Kreisen Frankreichs berufen und eine Reclame des Verlegers das Urtheil des guten alten Canonicus Muskel citiren konnte: „Lebhaft und leidenschaftlich angegriffen, bleibt das Werk des Or. Bataille intact und geht triumphirend aus dem Widerspruch hervor. Es ist eine furchtbare, aber wahrhaftige Enthüllung des Cultus und der Werke Satans in der ganzen Welt in unserer Zeit" (Revue cath. de Coutances 29. März 1895). Wer ist nun „Dr. Bataille", dessen anonyme Autorität hinreichte, um weitern, auch gebildeten Kreisen Frankreichs den «nassesten Aberglauben mundgerecht zu machen und dem oder den Verfassern des Oiablo au 19. siöolo riesige Summen in die Tasche zu treiben? Einer von diesen Verfassern ist längst bekannt, wenn auch nicht allgemein. Im Vorwort führt sich „Or. Bataille" als Schiffsarzt der Messageries Maritimes ein, als welcher er 1880 die Bekanntschaft des reuigen Carbuccia gemacht haben will. Dieser Schiffsarzt — denn das ist er wirklich gewesen — ist Herr Or. Charles Hacks, ein Pariser Arzt, der kürzlich bei der Enthüllung ! der Schwindel-Affaire der „Seherin der Nue Paradis" in Paris oft erwähnt wurde. Die Revue Maxonnique hat den Namen genannt, das Londoner Tablct noch ganz kürzlich ebenfalls, und in Paris weiß es eine Menge Leute, auch der Abbe de Bcssonieö, der in Tricnt so eifrig als Kämpe der Diana Vaughan auftrat. Ernsthaft bestricken worden ist unseres Wissens seine Betheiligung niemals. Ist er ein Betrogener? Nein. Dafür ist er zu gcscheidt, und man braucht nur einige Seiten der zweifellos von ihm geschriebenen Einleitung gelesen zu haben, um den Gedanken fallen zu lassen. Gläubige Seelen aber machen wir zum Uebeifluß aufmerksam auf ein Buch, das eben derselbe Or. Hacks ganz kurz vor dem Erscheinen des Oialcks unter seinem wirklichen Namen geschrieben hat: (Marios Ilaolrs, Oe Oosto. (1892, I'aris. Narpon 8e Olammarion.) Man lese dort den Abschnitt Oo Oosto icköratihno, los roli§ions Mr lours Zostos (S. 111 ff.) mit seinen Ausfühumgen über die Person Christi und daS Christenthum — fast auf jeder Seite die rücksichtslose Sprache des erklärten Freidenkers ohne eine Spur von Glaubens-Ueberzengnng. Das ist derselbe Mann, der kurz darauf als Or. Bataille ein von Verbeugungen vor dem Papste und frommen Redewendungen überfließendes Buch mit der Beschreibung eröffnet, wie er einem reuigen Luciferianer die Laien- bcichte abnimmt und diese Beichte zum Ausgangspunkte nimmt, um in einem Roman ü lu JuleS Vcrne den „Lucifcriancrn" zum Besten der Kirche bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel nachzuforschen! Wir sagen damit nicht, daß Or. Hacks das ganze Buch geschrieben hat, sind vielmehr vom Gegentheil überzeugt. Manche Partien sind ihm mehr oder minder sicher zuzuweisen, in denen der weitgereiste Mann, der Mcdi- ciner und Kenner des modernen spiritistischen Treibens zu Tage tritt. Andere Capitel verrathen schon durch den Stil eine andere Feder. Das Buch war ein C o m- pagniegrschüft, berechnet auf die menschliche Dummheit, ausgehend von dem Gedanken: Wir wollen doch einmal sehen, wieviel wir unsern lieben Landslenten vormachen können, ohne daß sie den Braten riechen; damit verdienen wir ein schönes Stück Geld, und wenn dabei möglichst viele xrotros hereinfallen, so ist das ein angenehmer Nebenerfolg. In Frankreich ist die Specu- lation leider in weitem Umfange geglückt. In Deutschland hat freilich unseres Wissens nur Or. Germanus. 331 der Theologe des Pelikan-Verlags, den ausgezeichneten Dr. Bataille mit gebührender Hochachtung citirt (Die Geheimnisse der Halle S. 14). Der Charakter des „Dr. Bataille" dürfte damit genügend aufgeklärt sein. Wir hätten uns nicht so lange mit seinem Buche beschäftigt, wäre er nicht der Erfinder der „Miß Diana Van ghan" oder mindestens der Arrangeur der ganzen mit ihr getriebenen Komödie, der Geschäftsführer der Barnumiade, die man mit ihre« Namen geschmückt hat. Auf das schärfste muß betont werden, daß „Dr. Bataille" diese Heldin schon im Sommer 1893, also lange Zeit vor ihrem angeblichen Austritt aus der Freimaurerei oder gar vor ihrer „Bekehrung", auf der Bühne erscheinen läßt: zum Theil dieselben Märchen, die der gläubige Dr. GermanuS aus ihren Memoiren citirt, kann man schon bei Bataille I. 709 ff. lesen, in einer Lieferung, die im Juli oder August 1893 erschien, ihre Einführung in den „Pal» ladismuS", daneben auch den geistreichen Schlachtbcricht ihres Specialteufels Asmodäns, bei einem Kampf zwischen Engeln und Teufeln habe er dem Löwen des hl. Markus den Schwanz abgehauen — Herr Dr. Bataille hat die Güte zu erklären, hier habe Asmodäus gelogen — und die schreckliche Geschichte vom Herrn Bordone, dem Asmodäus den Hals herumdreht, weil er gegen Diana in- triguirt; zu seinem Glück dreht ihm die gutmüthige Diana nach „20 oder 21 Tagen" den Kopf wieder richtig herum. Man beachte, daß einige Jahre später die „Memoiren Diana'S" den Bericht des Dr. Bataille im wesentlichen „bestätigt" haben, daß sie ihn noch 1896 in ihrem „Bs 33 ^ 6risxi" bestätigend citirt — damit weiß man eigentlich genug, wenigstens könnte man genug wissen. Im 2. Bande (II, 847) wird dann daS Thema Diana Vaughan weiter gesponnen, mit welcher „Dr. Bataille" „lange Unterhaltungen gehabt" hat. Es hat keinen Zweck, auf die ganze Kette wunderbarer Dinge einzugehen, die er von Diana Vaughan zu melden weiß. Die Hauptsache ist, daß er die „Luciferianerin" als eine im Herzensgrund ganz prächtige Dame schildert, die in ihrer „Blindheit" leider auf verkehrten Wegen wandelt. Ihre spätere „Bekehrung" wird offenbar systematisch vorbereitet. Namentlich wird hier (848) schon ihre „angemessene Bewunderung für Jeanne d'Arc" hervorgehoben, die später als Brücke für ihre „Bekehrung" herhalten muß. Auch sei erwähnt, daß ihre Todfeindin Sophia Wälder, die schon genannte „Urgroßmütter des Anti- ChristS", und der famose Teufel Bitru schon bei Bataille eine große Rolle spielen. Kurz, in seinen Umrissen erscheint bei Bataille schon der ganze Humbug, der später unter dem Namen „Miß Diana Vaughan" aufgeführt worden ist. Dasselbe Handwerk wurde betrieben in den beiden Monatsschriften, die „Dr. Bataille" zur Neclame für den Oialols au 19. siöols herausgab, im Lnllstill lnonsusl (1893) und in der Bsvus Neusuells (seit Anfang 1894), zu deren gegenwärtigen „Mitarbeiterinnen" bekanntlich auch „Diana Vaughan" gehört. Im Bulletin vo« Oktober 1893 wird ein (natürlich gefälschter) Brief von ihr veröffentlicht, in dem sie sich über ihr elendes Porträt im Vialols (I, 705) beklagt. Die erste Nummer der ksvns (im Titel ausdrücklich als 6owplsmsnt äs 1a publi- vation Bs Olaläs au 19. siövls bezeichnet) enthält einen ellenlangen Bericht des Ooinmavclsur I?isrrv Bantisr, zitirt aus dem Loks äs Itoms, über seine Zusammenkunft mit Diana in Paris, die ihm der liebenswürdige Dr. Bataille vermittelt. Ich kann das Citat nicht prüfen und muß es dahingestellt fein lassen, ob der ganze Bericht gefälscht ist, oder ob Dr. Bataille sich den Scherz gemacht hat, irgend ein Pariser Frauenzimmer diese Rolle der Diana Vaughan spielen zu lasten. So viel ist sicher, daß auch auS diese« Bericht wieder zum Greifen deutlich der übermüthige Humbug zu Tage tritt, der uns im Oiadls aus allen Ecken angrinst. Man lese nur ein paar Sätze aus der Schilderung des Dejeuners, mit dem Diana Hrn. Lautier erfreut: „Als man uns den Kaffee fervirt hatte, ließ Miß Vaughan Liqucur bringen; sie verlangte Fine Champagne und Chartreuse. Ein brmerkenS- werthes Detail: sie rührte diesen Liqucur nicht an und machte sich sogar den Spaß, ihn uns anzubieten, wie ein Kind, das eine kleine Bosheit begehen will; sie selbst aber trank ganz alten Cognac. Die Feindschaft gegen die Kirche, bis zur Enthaltung vo« Liqucur der Carthäuser getrieben, das ist bezeichnend! Wir merkten es und lachten. Da sagte die Luciferianerin: Ein adonaitischer Liquenr, das ist nichts für mich." AIs ich das laS, glaubte ich beinahe, „Ör. Bataille" lachen zu hören. Nachde« der oder die Fälscher die Probe darauf gemacht hatten, daß sie selbst für die ausgelassensten Tollheiten noch Gläubige fanden, glaubten sie sich natürlich alles gestatten zu dürfen. Im Bulletin vom April 1894 wird in Fettdruck mitgetheilt: Diana habe ihre Entlassung aus der Freimaurerei genommen, Documente von der größten Wichtigkeit würden jetzt bekannt werden. Der Nest ist bekannt: „Dr. Bataille" verschwand in der Versenkung, als neues Gestirn stieg auf „Miß Diana Vaughan", die „unabhängige Palladistin", die »Bekehrte", die „Heilige", wie ein geistlicher Landsmann des „Dr. Bataille" sie in Trient genannt hat, und schrieb „Enthüllungen", daß die Balken krachten. Sie gründet das Ballaäiuin rsAsnsrs als würdiges Seitenstück zum Bullstin und zur Ravus Llsususlle, sie beglückt letzteres mit ihrer Feder und zankt sich neuerdings dort in massiven Ausdrücken mit Domenico Margiotta über die Frage herum, ob sie existire oder nicht. Seit Juli v. I. hält sie die Welt mit ihren Memoiren zu« Besten, und die Krone des Ganzen bildet 1-s 33 türlsxl, beginnend mit dem Prachtsatz: „Die Zahl drei spielt im Leben Crispi's eine gewisse Rolle. Er ist Trigamist. Er ist in Italien der Mann des Dreibundes. Außerdem ist er schon zwei Mal gestorben und wird demgemäß ohne alle Frage zu« dritten Mal sterben", gipfelnd in dem „Document" von der Großmutter des Antichrists. Zur Ergänzung und „Bestätigung" dient noch ein ganzer Pack sonstiger ^anti- freimaurerischer" Literatur, der Bnoiksr äsmasqus von dem angeblichen bekehrten Freimaurer Doinel alias Jean Kostka alias Kostka de Borgia; der ^ntiwaaoii; 1a IHans-matzoiiQsris äsrnasHnss, die Bivista anti- rnassonioa; Domenico Margiotta usw. usw. Der eine mehr, der andere weniger, Betrogene oder Betrüger, weben sie alle mit an den Maschen des Netzes, welches ein Pariser Geschäfts-Consortium zuerst im viabls an 19. siösle der Leichtgläubigkeit nur zu weiter Kreise über den Kopf warf. Immer wieder muß ja betont werden, daß dieser zweifellos erdichtete Roman bereits alle Elemente der spätern „anti-freimaurerischen" Literatur enthält, die palladistischen Triangel, das Freimaurer-Papstthum, sowie die Geschichten von Pike und Lemmi nicht ausgeschlossen. Daß an dieser spätern Entwickelung vr. Hacks noch betheiligt ist, glaube ich nicht. Die Rsvus auii- 332 matzvimiqns meinte neulich, er habe sich zurückgezogen und das weitere der Madame Leo Taxil überlassen, die jetzt unter dem Namen Diana Vaughan schreibe. Ersteres wird richtig sein; mit dem zweiten thut die Revue der Madame Taxil wohl zu viel Ehre an. Sie mag etwas mitarbeiten, aber für gewöhnlich dürste „Miß Diana Vaughan" — Hosen tragen. Es ist wohl einer der kleinen Scherze des Dr. Bataille, wenn er (I, 720) mittheilt, „Frl. Vaughan trage gern Männerkleider" — das kann man ihm glauben. Man erkundige sich bei Hrn. Leo Taxil selbst, der in seinen früheren Bekenntnissen so anschaulich beschreibt, wie meisterlich er als Freimaurer zu fälschen verstand, der in der ersten Nummer der Revue Neneuelle so warm und herzlich für seinen „Freund" Dr. Bataille eintritt, der neulich in Trient als begeisterter Kämpe der unauffindbaren Miß auftrat und die Zweifler mit Schimpfereien und albernen „Beweisen" überschüttete, bei Leo Taxil, der die Mitglieder des Congresses so gemüthlich vor sich selbst warnte, da man eines bekehrten Freimaurers vor seinem seligen Ende niemals sicher sein könne. Die Parteigänger der Miß auf dem Trienier Con- greß zeigten sich ängstlich besorgt um das theuere Leben der schätzbaren Dame, die seit ihrer „Bekehrung" spurlos verschwunden ist, natürlich aus Angst vor den Freimaurern. Das stimmt schlecht zu ihrem kühnen, entschlossenen Charakter, wie ihn ihr Intimus vr. Bataille uns schildert. Was könnte ihr auch die Flucht vor den Freimaurern helfen? Der Rache ihres Leibteufcls As- modäus könnte sie doch nicht entgehen, der ihr ebenso gut den Hals herumdrehen kann, wie einst ihrem Widersacher Bordone. Es stimmt auch schlecht zu dem Helden- thum der Zwillingsbrüder Leo Taxil und Dr. Bataille, die sich bei all' ihren „Enthüllungen" keinen Pfifferling um Dolch und Gift gekümmert haben, nicht einmal um Tubalcain und den ersten Dircctor des luciferianischen Laboratoriums im Felsen Gibraltar. Sie haben's auch nicht nöthig. Wahrlich, wenn Bataille und Vaughan nicht schon da wären, die Freimaurer müßten sie erfinden, denn sie leisten ihnen mehr als ein halbes Dutzend Großoriente zusammengenommen. Man weiß unter diesen Umständen nicht, ob man lachen oder sich ärgern soll, wenn die Vaughanisten der katholischen Presse Deutschlands „Begünstigung der Freimaurerei" vorwerfen, weil sie von dem Verstände, welchen der liebe Gott den Menschen gab, bessern Gebrauch gemacht hat, als andere Leute. Jeder, der mitschreibt an dieser supsrstitiösen Literatur und mithilft an ihrer Verbreitung, jeder, der einen Finger rührt zur Vertheidigung jener findigen Pariser Literaten, welche den Aberglauben des 19. Jahrhunderts in Kassenscheine umsetzen, unterstützt bewußt oder unbewußt das freimaurerische Anti-Kirchenthum. Denn was ist die Wirkung dieses durch Betrüger von langer Hand vorbereiteten und durch Betrogene fortgesetzten Fcldzuges? Verbreitung von groben Lügen und Schwindeleien unter der Maske der Frömmigkeit; viele Katholiken, auch Geistliche, in Narrheiten verstrickt, während sie wahrlich ernstere Arbeit zu thun hätten; die Köpfe verwirrt; ehrwürdige Dinge, wie eucharistische Bewegung und geistliche Mystik, bis zur Unertrüglichkeit verquickt mit den abgeschmacktesten Münchhauseniaden; die Kirche lächerlich gemacht in einer Reihe ihrer Diener; der ernsthafte Kampf gegen die Freimaurerei behindert und compro- mittirt durch ein reguläres WindMhletigefecht — was kann ein waschechter Freimaurer mehr verlangen? Starke Worte, wird man vielleicht sagen, aber eS ist Zeit, daß sie gesprochen und beachtet werden, wenn die Kirche namentlich in Frankreich und Italien dem Schicksal entgehen soll, nicht nur nach außen compro- mittirt zu werden, sondern auch innerlich schweren Schaden zu leiden. Das Ende des 19. Jahrhunderts steht bei all' feiner „Aufklärung" unter dem Zeichen des Aberglaubens. In den verschiedensten Formen erhebt er sein Haupt, unter der Maske der Frömmigkeit wie unter dem Banner des FreidenkcrthumS, als kirchlich gefärbte Wundersucht oder kindische Prophezeiung wie als occultistischer Spuk. Bald muß der Herr Bischof von Regensburg verlogenen Kindern daS Handwerk legen, die das Volk durch „Erscheinungen" verführen, bald muß die weltliche Behörde sich um die fliegenden Erdapfel von Resau bekümmern; heute hält ein spiritistischer Club seine „Säancen", morgen muß der NeichS-Anzeiger vor dem neuesten Weltuntergangsgefasel warnen, und eben geht wieder in Berlin das Gerücht um, daß die „weiße Dame" im königlichen Schlosse spuke. Eine Fluth des Aberglaubens orängt heran, in letzter Zeit namentlich von jenseits der französischen Grenze, ein Aberglauben, kein Atom weniger albern und auf die Dauer auch gefährlich, wie die schlimmsten Orgien des Hexeuwahns im 17. Jahrhundert. In der Zurückdämmung dieser trüben Fluth von unserm Vaterlande darf man in erster Linie auf den deutschen Episkopat rechnen, denn „die Kirche ist die geschworene Feindin des Aberglaubens; und sie allein vermag ihn in wirksamer Weise zu' bekämpfen" (Bischof Simar, Der Aberglaube S. 52). Aber es ist hohe Zeit, denn auch in der deutschen VolkLliteratur religiöser Färbung — auch in Kalendern und Zeitschriften, wobei wir durchaus nicht bloß an den Pelikan denken — machen sich schon seit Jahren Erscheinungen bemerkbar, die zu denken geben. Die kirchlichen Autoritäten werden — das ist unsere Ueberzeugung — auf diesem Gebiete prüfen, warnen und nöthigensalls mit voller Entschiedenheit einschreiten, nach ihrem guten Recht und ihrer strengen Pflicht, in die That übersetzend die Worte, in welche vor 20 Jahren der jetzige hochw. Hr. Bischof von Pader- born die kirchlichen Grundsätze zusammenfaßte (Simar a. a. O. 55): „Die Kirche hat für jenes ganze Gebiet des Ueber- natürlichen ihren Gliedern als sichern Führer und untrüglichen Maßstab das apostolische Wort allzeit dargeboten: „Glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott." (Joh. 4, 1). Sie verlangt nicht nur die strengste und gewissenhafteste Beweisführung für die Thatsächlichkett angeblicher übernatürlicher Vorkommnisse, sondern auch eine ebenso strenge, allen Ansprüchen der Vernunft und des Glaubens genügende Feststellung ihres übernatürlichen Charakters. Nur wenn diesen beiden Forderungen vollkommen genügt ist, gestartet sie den Gläubigen, dieselben als göttliche Thaten oder Zulassungen zu verehren, ohne sie jeooch zum Gegen- stanoe ihres allgemeinen und für alle ihre Glieder pflicht- mäßigen Glaubens zu erheben. Diese Grundsätze hat die Kirche immer geltend gemacht. Eben weil es sich bei dem Uebernatürlichen um außerordemliche Werke oder Zulassungen Gottes handelt, kann sie eS nicht 333 dulden, daß durch Leichtgläubigkeit, durch Selbsttäuschung oder Trug die Majestät Gottes und Seine Weltregierung verunehrt, oder ihr eigener Glaube an dieselbe, wenn auch nur scheinbar, in den Augen der ungläubigen Welt compromittirt werde." Propstei «nd Pfarrei Litzlohe.*) Es war ein Herzenswunsch des Frankfurter Historikers Fr. Böhmer, daß sich die katholische Geistlichkeit vor allem mit der Geschichte besassen möge, da ja in der Kenntniß der Vergangenheit die sicherste Waffe zur Vertheidigung gegen die böswilligen Angriffe der Gegenwart gegeben sei. Unter diesem Gesichtspunkte begrüßen wir jede Pfarr- geschichte als werthvollen Beitrag zu einer Diöcesan- geschichte, weil nur auf dem Untergründe der einzelnen Pfarreien eine vollständige Darstellung des kirchlichen Lebens in der Vorzeit erzielt werden kann. Pfarrer Lehmeier hat sich der dankenswerthen Mühe unterzogen, den Spuren der Entwicklung seiner Pfarrei Litzlohe bei Neumarkt in der Oberpfalz bis in die entlegenste Periode nachzugehen. Er erzählt uns, daß Litzlohe von 700 bis 1537 eine Propstei des Benediktinerstiftes St. Emmeran in Negensburg gewesen sei: gewiß ein anregendes Thema. Leider fließen die Quellen zur Erhärtung feiner Thesis sehr spärlich; wird ja doch Lucilinaha d. h. kleines Wasser erst im Jahre 1031 in einem Nenteuverzeichnisse von St. Emmeran genannt. Was der Verfasser über das Alter Litzlohe'S, das er bis in die Zeiten des heil. Nupertus Hinaufrücken möchte, vorbringt, geht über den Grad bloßer Vermuthung nicht hinaus. Daß der heil. Nupertus erst 696 nach Bayern gekommen sei, behaupten zwar Mabillon und Hansiz nebst zahlreichen neueren Forschern, wozu wir indessen Preger, der ein Lehrbuch der bayerischen Geschichte, und Vogel, der 1855 eine Hciligenlegende geschrieben hat, nicht zu rechnen vermögen; aber gegen diese chronologische Annahme spricht mit aller Entschiedenheit die sogen. Salzburger Ueberlieferung, welche sich stützt auf die erste authentische Lebensbeschreibung des Apostels der Bayern. (Anthaller, Geschichte der Rupertusfrage, S. 149; Seefried, Die eealasia, katana und das Zeitalter des heil. Nupertus, Beilage der Angsb. Postztg. 1892; Histor.-Pol. Blätter Bd. 109 S. 573.) Ebenso bcstritten ist das Zeitalter des heil. Emmeran selbst. (Kirchenlcxikon von Hergcn- röther-Kaulen IV, 450.) Mit höchster Wahrscheinlichkeit darf jedoch dem heil. Nupertus die Priorität zugesprochen werden; denn er kam zu einer Zeit nach Bayern, als Herzog Thcodo und seine Großen noch Heiden waren und erst durch die Predigt des eifrigen Glaubensboten für das Christenthum gewonnen wurden (Kleimayrn, Juvavia, Anhang II; Kcinz, inäiaulus ^rnouis p. 27). Die zeitgeschichtliche Einreihung Nuperts wird wesentlich erschwert durch die Unsicherheit der Geschlcchtsabfolge der agilolfingischen Herzoge (Niezler, Bayer. Geschickte I, 78). Demnach steht das Alter Litzlohe'S aus dem beiläufig angenommenen Jahre 700 auf sehr schwachen Füßen. Das; Litzlohe wenigstens rm 12, Jahrhunderte bis zum Jahre 1333 eine förmliche Propstei der reichbegabten Abtei St. Emmeran in Regensburg gewesen sei (S. 51), ist urkundlich sehr schwach belegt. Nur ein einziger *) Von Jakob Lehmeier, Kammcrer und Pfarrer. Druck der I. M. Lögl'scbcn Buchdrucker« in Neumarkt i. Q. 1896. M7 S. Preis 2 M. Name aus dem Jahre 1262 kann aufgeführt werden. Leider hat Lehmeier die Originalquellen Llonura. Doiou oder Mresaurus rwsoä. uoviss. von Pez nicht citirt; die Angaben der Bavaria oder auch Löwenthals sind oftmals nicht recht zuverlässig. Daß von 1333 an der jeweilige Pfarrer von Litzlohe, welcher dem Weltpriesterstande entnommen wurde, den Ehrentitel „Propst" (S. 8) geführt habe, klingt sehr unwahrscheinlich. Denn die Bezeichnung: Propst, xwaaiwsitus findet sich naturgemäß nur an Dom- oder Collegiatkirchen, wo mehrere Geistliche in gewisser Unterordnung angestellt waren. Die bloßen Ehrenbenennungen, wie Propst, Geistlicher Rath, bei Seelsorgsgeistlichen gehören erst der Etiquette einer späteren Periode an. Litzlohe verehrt seit unvordenklichen Zeiten den König Oswald von Nordhumbrien, welcher am 5. August 642 auf dem Maserfelde im Kampfe gegen Penda, den Fürsten der heidnischen Mercier, gefallen ist, als Kirchenpatron. Wenn man von den Pfarreien, welche dem hl. Martin von Tours, dem hl. Remigius von Reims usw. geweiht sind, auf fränkische Colonisation zurückschließt (Grupp, Culturgeschichte des Mittelalters I, 196), so deutet der Name Oswald sicherlich auf schottischen Ursprung hin. Beda berichtet nun in seiner englischen Kirchengeschichte (Iiistoria, seolesiustiaa Zentis ^nglorurn oä. Holäar lili. III, o. 3) ausdrücklich, daß Oswald, welcher in langjähriger Verbannung durch schottische Priester für die Lehre des Kreuzes war gewonnen worden, nach Antritt der Regierung über die Anglen Priester aus Schott- land sich erbeten habe, um dem Heidenthume den Todesstoß zu versetzen. Bei der bekannten Wanderlust der irisch-schottischen Mönchs (Grupp, t. o. I, 182) ist wohl anzunehmen, daß einzelne auf ihren Missionsreisen auch in die waldreiche Gegend von Litzlohe gekommen seien und zu Ehren ihres hochgefciertrn königlichen Märtyrers, dessen Beda nur mit den höchsten Lobeserhebungen, wie i-6x eliristiaiussimus (II, 5), gedenkt, ein Kirchlein erbaut haben. Der Name Oswalds war nicht bloß in England wohl geehrt, sondern sein Ruhm drang auch über das Meer nach Irland und Deutschland, erzählt schon Beda (1. o. III, 13).*) Wäre Litzlohe von Mönchen des Stiftes St. Emmeran zu Negensburg christianisirt worden, so hätten dieselben sicherlich ihren eigenen Patron auch zum Schutzhcrrn der Kirche in der neuen Besiedelung erwählt. Daß die irisch-schottischen Mönche dem Benediktiner- orden angehört haben, wie Lehmeier S. 3 und öfter behauptet, dürfte sich kaum festhalten lassen. Allerdings gab es seit der Entsendung des hl. Abtes Augustin durch Papst Gregor den Großen 596 Benediktiner in der Hcptarchie, aber die wanderlustigen Söhne Irlands und Schottlands befolgten als Priester und Mönche die Regel des hl. Patrick und des hl. Columba. Gerade gegen das ') Ueber Schottenspitäler in Frankreich spricht sich Kanon 40 der Synode von Meaux 846 sehr lobend aus und fordert deren Wiederherstellung (Hefele, Conciliengesch. IV. 115; Past.- Bl Eiwsiätt VIII, 90). Das S. 3 erwähnre Dorf mit einer Sr. Oswaidkircbe beiß! dermalen: Unrerickwaningen bei Wasscr- trndingen. Im Martyrologium von Ado wird Oswald noch nicht crwäbnt (eä. OeorAi, Hamas 1744 x. 379), dagegen bei Lebner: Mittclalterl. Kirchenfeste und Katendarien, oft, z. B. S. 82, 112, 135. 154,164; auch fehlt er im üamberger Missale aus dem Anfange des 11. Jahrh., das Sauerland im Hestor. Jahrh, der Görresgesellsch. Bd. VIII, 475—487 (1837) herausgegeben bar. Im Jahre 789 erhielt das Kloster Herford in Westfalen „des bl. Oöwclldi Heiligthnm". Kirchenlex. IX, 1145. Lt. ^UL. II, 83. öagtrende Leben der Schottenmönche war die Verpflichtung der Benediktinerregel gerichtet, immer im gleichen Kloster zu bleiben. (Grupp, I. o. I, 183; Kirchenlex. III, 673.) Wie aus Beda ersichtlich ist, unterschieden sich die irischschottischen Mönche und Priester außer Abweichungen in Tonsur und Kleidung hauptsächlich durch die Zeit der Osterfeier von den römischen Benediktinern (I. a. III, 25). Daß gerade Messer das Vaterland des hl. Bonifatius und des HI. Willibald gewesen sei, läßt sich weder aus den Briefen des Apostels der Deutschen, noch aus deu Aufzeichnungen des Mainzer Priesters Willibald, noch aus den Nachrichten der Nonne von Heidcnheim erweisen. Zu S. 21 sei bemerkt, die Nonnen von Engelthal befolgten nicht die Regel des hl. Dominikus, sondern jene des hl. Augustinus (Falckenstein, tlutic;. NoräA. II, 332; Suttner, Schematismus für das Jahr 1480 x. 87). Im Jahre 1537 vertauschte der Fürstabt Leonhard von St. Emmeran die Besitzungen in Litzlohe an den Pfalzgrafen Friedrich II., welcher auf den nahegelegenen Schlössern Heimburg und Deinschwang gerne verweilte, gegen die Hofmark Kager. Unter dem Scepter der Kurpfalz machte Litzlohe alle die religiösen Wandlungen der jeweiligen Herrscher durch, welche zwischen Lutherthum°) und Kalvinismus stets schwankten, bis endlich durch Maximilian von Bayern 1625 der katholische Gottesdienst wiederhergestellt wurde. Der dreißigjährige Krieg, der österreichische Erbfolgekrieg brachten unsägliches Elend über die Pfarrei. Die Angabe (S. 89), daß 1691 Weihbischof Adam Nieberlein von Eichstätt am Sonntag nach Jakobi die Liebfrauenkirche in dem Filialdorfe Trautmannshofen eingeweiht habe, ist unrichtig, da derselbe erst am 29. April 1708 zum Bischof consecrirt worden ist; vor ihm bekleidete Christoph Nink von Balderstein die Würde eines Suffraganbischofes (Strauß, Viri ingiAnes L^ststtsiwas p. 348). Einige gar zu kräftige Ausdrücke S. 74, 76 wären besser unterblieben; der Satz S. 92 vom Schutze des hl. Michael über den Markt Lauterhofen klingt wie Spott; auch haben sich vielfache Wiederholungen eingeschlichen, woran allerdings die Anlage des Werkes Mitursache ist. Unseres Er- achtens hätte die Darstellung der Profangeschichte sehr eingeschränkt werden sollen; denn gar viele Grafen und Herzoge, deren Namen und Hauptaktionen erwähnt werden, standen zu Litzlohe in einem sehr losen Verhältnisse. Erwärmt und gehoben wird der Leser durch die großartige Opferwilltgkeit der Kirchengemeinde Litzlohe, welche, 750 Seelen zählend, von 1877 bis 1896 die Summe von 10,987 M. zur Nestaurirung der Pfarrkirche durch freiwillige Beiträge aufgebracht, und durch den unverdrossenen Eifer des Herrn Expositus Färber, welcher behufs stilgerechter Erneuerung der Ftlial- und Wallfahrtskirche zu Trautmannshofen die hohe Summe von mehr als 25,000 M. zusammengetragen hat! Gewiß, eine solche Freigebigkeit der Geber und eine derartige selbstlose Hingabe des Sammlers verdienen alle Anerkennung. Wir schließen unsere Besprechung über Lehmeiers Buch mit dem Wunsche, daß der Pfarrgeschichte von Litzlohe bald andere nachfolgen mögen; denn gerade durch die Kenntniß der Vergangenheit wird in den Pfarr- angehörigen selbst die Liebe zur Mutterkirche geweckt und befördert. Schönfeld. Hirschmann. ') Ob Butzcr wirklich den Kindern der Obcrpfalz zu Gesichte gekommen sei und der Schreckruf: Der Außer kommt! (S. 63) daher datire, erscheint sehr fraglich (Kirchenlex. II» 16Z7). Die Jahresmappe der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. Von I. P. Endlich ist die Jahresmappr, welche die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst herausgibt, erschienen. Diese Verzögerung zwingt allein schon zu einem strengeren Maßstab; denn braucht gut Ding Weile, so hat es dieser Leistung an der Zeit gewiß nicht gefehlt. Die Mappe ist aber auch bereits die vierte ihrer Art und konnte deßhalb an den Erfahrungen ihrer Schwestern sich bilden. Ueberdies dient sie einer herrlichguten Fahne und muß sich in Anbetracht dessen auch eine strengere Kritik gefallen lassen. Für die christliche Kunst ist nur das Beste gut genug! Die heurige Mappe als Ganzes ist an Qualität und Quantität ein Fortschritt; i« Einzelnen kann man anderer Meinung sein. Zunächst soll diese Publikation der Welt künden, daß es noch christliche Kunst und Künstler gibt. ES ist ihr gelungen! Dann soll sie eben durch diese That künstlerisches Verständniß und damit Verlangen nach künstlerischer Arbeit wecken. Endlich will sie allen Freunden der hl. Kunst ein Dankeszeichen für ihre Theilnahme an den Bestrebungen der christlichen Künstler bieten — und eS ist ein edles, werthvolles Vergißmeinnicht geworden! Die Mappe umfaßt 12 Foliotafeln in Kupferdruck und Photothpie, 20 Abbildungen im Text nebst einem Geleitwort und Erläuterungen zu den Bildern und deren Meistern von Pfarrer Festing. Festing ist gewiß der geeignete Mentor auf dem Gebiete der christlichen Kunst und ein verdienter Vorkämpfer derselben; aber gerade deßhalb sind wir ihm ein wenig gram, daß er so karg war an wirklich einführenden und erläuternden Worten. Es handelt sich in einer derartigen Mappe, die von den Gegnern todtgeschwiegen und von den Leuten im eigenen Lager vielfach noch verkannt wird, doch vor Allem darum, daß immer wieder auf die Principien der heutigen christlichen Kunst hingewiesen und sie an den vorliegenden Bildern erläutert werden. Die beschreibenden Bildertexte L la Familienblätter, die meist nichts anderes sind, als eine schwerverdauliche Sauce über einen sonst guten Brocken, können die Ideen der Gesellschaft für christliche Kunst nicht gerade Vortheilhaft verbreiten. Es sollen diese Erläuterungen eine künstlerisch empfundene und ästhetisch sichere Erklärung des Gedankens und seiner Durchführung fein, wobei in vergleichender Weise auch auf die alte Kunst zurückgegriffen werden könnte. So hätten z. B. die Propheten von Samberger eine interessante Parallele mit den Aposteln von Albrecht Dürer zugelassen. Man hätte zeigen können, wie in beiden Fällen die monumentale Größe der dargestellten Persönlichkeiten im Gesichte con- centrirt erscheint, und wie alles Andere dagegen verschwindet. In keinem feiner Werke hat sich Dürer eine solche, fast übermenschliche Gewalt angethan, wie in der Behandlung des Gewändes dieser vier Gottgefandten. Gerade von diesem Punkte aus konnte dem Laien die tiefe Auffassung SambergerS klar gemacht werden, der sonst immer dunkel und schwer verständlich bleibt. Der in Kunstdingen weniger Unterrichtete wird sich an der Gewandung der Propheten stoßen; sie wird ihm zu nonchalant sein, so daß er darüber ganz die gewaltige Kraft 335 dieser Augen, die Beredsamkeit dieses Mundes, die Ausdauer solcher Stirnen übersehen zu müssen glaubt. Ja, es werden sicher auch Heuer wieder Stimmen laut gegen die Samberger'sche Kunst, die in der Mappe nur einen begeisterten Verherrlichet:, aber keinen Deuter gefunden hat. Die Bilder und Statuen der verschiedenen Stilarten hätten in ihrer Anpassung und Nachempfindung klarer gewacht werden sollen; bei Kolmsperger z. B. wäre eine passende Gelegenheit gewesen, dieses Künstlers vorzügliche Kenntniß des Barockstiles an den vorhandenen Beilagen zu erläutern. Die Notizen über die persönlichen Verhältnisse der Künstler interesfiren uns bei einem Dürer, Nasfael, Michelangelo u. dgl., nicht aber bei werdenden oder weniger originellen Künstlern; bei historischen, aber nicht bei mitlebenden Größen. Solange die christliche Kunst dieser Gesellschaft immer noch Mißdeutungen bei Zeitschriften, welche selber christliche Kunst pflegen, ausgesetzt ist, muß der Schriftsteller dieser Schaar wehr apologetisch und klärend wirken und das Lob der eigenen Leute, oft selbst berechtigtes, in den Hintergrund stellen. Hat doch die Zeitschrift von Schnüttgen über die Mappe des Vorjahres gesagt: „Die einzelnen Schöpfungen sind mehr beschrieben und verherrlicht, als kritisirt." Die allzu häufige Betonung des Monumentalen in den einzelnen Kunstwerken schien uns auch zu weit zu gehen; denn manchmal wird es wirklich schwer, diese Eigenschaft zu entdecken; anderseits möchten wir seit der Schrift Walter Crane's über das Dekorative in der Kunst gerade die christliche Kunst davon profitiren lassen. Nicht verschwiegen soll sein, daß der schwierig zu schreibende Text von einer warmen Begeisterung und gründlichen Kunstkenntniß zeigt; allein gerade deßhalb hätten wir mehr von diesen guten Sachen gewünscht. Was die Auswahl der Bilder betrifft, so können wir über diese nicht urtheilen, da wir ja die Art und Zahl der auszuwählenden Werke nicht kennen; jedenfalls aber hat die Jury in dem Vorliegenden gut gewählt. Es ist diesmal auch die metallische Kunst vertreten, welche bisher gefehlt. Der Altaraufsatz des Hauptaltares der Bcnnokirche in München nebst den Leuchtern und dem Mcßkreuz sind prächtige Werke der Meisterwcrkstätte von Rudolf Harrach. Gern verzichtet hätten wir dagegen auf den Altar-Entwurf von Schnell. Er enthält gar nichts Originelles und eröffnet die Gefahr, daß in Zukunft noch mehr von der gleichen Kunst in die Mappe aufgenommen werden soll. Die einzelnen Blätter sind gut reproduzirt; besonders hervorgehoben sei außer dem schon Genannten eine harmonische Ansicht der St. Bennokirche, die freilich auch von außen die schönsten Formen und die einladendste Ansicht zeigt. Am Inneren ließe sich Manches aussetzen, das zu einem praktischen und künstlerisch abgeklärten Gotteshaus fehlt. Der Marienaltar von Schmitt ist in seinem Haupttheil, der Madonna mit dem Kinde, vorzüglich; über die Wirkung der bemalten Reliefs kann man wohl verschiedener Meinung sein. Die Reliefs am Wilhelmsaltar hat Albertsdorfer streng im Geiste des Stiles geschaffen, uns dünkt: fast etwas zu streng. Wir möchten von dem trefflichen Künstler einmal Selbstständiges sehen. Das Schreinrelief zu einem Herz-Jesu-Altar von Buscher erinnert an gute spätgothische Muster; es ist von. eigenartiger Auffassung, in der Compofition fein gegliedert, beinahe zu ausgezirkelt, aber lebenswahr im Einzelnen. Die Statuen des hl. Bischofes Martin und hl. Jakobus d. Aelt. von Bradl sind ergreifend im Ausdruck und von einer meisterlichen Einfachheit der Durchführung; die Haltung zeichnet sehr zart das Ehrwürdige des Alters dieser Beiden, ohne an seine Gebrechlichkeit empfindlich zu mahnen. Von den Gemälden ist das auffälligste eine Madonna von Schuster-Woldan; diese Reproduktion, deren Original wir nicht kennen, muthct uns beinahe wie ein Feuerbach an, dessen Größe aber nicht in der Darstellung Mariens liegt. Schuster hat ein unleugbar bedeutendes Talent; will er es aber in den Dienst der christlichen Kunst stellen, so male er vorher eine gottvertrauende oder betende Mutter, eine gläubige Familie, und dann erst versuche er eS mit dem Ideal aller Mütter, mit Maria! Die übrigen Bildwerke vertreten bekanntere Namen und können, auch weil die Werke theilweise nicht mehr neu sind, Übergängen werden. Sinnig und mahnend schmückt den Einband der Mappe eine Abbildung der Loalasia, von Busch, allen Besuchern des Münchner Katholikentages gewiß noch in Erinnerung. Diese majestätische Frau mit dem feinen Zug des Schmerzes, sie ist ja die Verkörperung der ecalssia. railitans, hat auch die junge christliche Kunst unter ihren Schutz genommen und schon manchem Strebenden aus der begeisterungsfreudigen Künstlerschaar den Weihekuß gegeben. Sie hat die keimende Kunst in ihrem Dienst geschaut wie deren höchste Blüthe; sie gibt auch einem neuen Samen die Kraft und Blüthe des alten! Möchten Alle, deren Mittel es erlauben, und vor allem Jene, welche ihr hl. Beruf in das Gotteshaus an besondere Stelle gefetzt, dafür sorgen, daß die Wohnung des Herrn Zeuge der christlichen Kunst werde, nicht aber ihrer Surrogate! — Der Herr gibt uns auch nicht Steine statt Brod! Gerade die heurige Mappe zeigt, welch stattliche Schaar wahrhaft echter Künstler in christlichem Geiste wir besitzen. Gebt ihnen große Auftrüge, sorgt durch Beitritt in die Gesellschaft (Anmeldung bei Herder in München) für Hebung ihrer Mittel, und bald soll die katholische Welt erfahren, daß auch der Künstler wächst mit seinen höheren Zwecken. Necensionen und Notizen. Die göttliche Wahrheit des Christenthums. In 4 Büchern. 1. Buch: Gott uns Geist. II. Beweisführung. Von vr. Her in au Schell, Professor der Apologetik an der Universität Würzburg. 8", S. XII, 726. Paderborn 1896, Schöningh. Preis 9 M. A: Der zweite Theil des ersten Buches der SchclI'schen Apologie des Christentbnmö liegt hicmit vor. Der erste Theil beantwortet die erforderlichen Grundfragen, insbesondere über das Verhäüniß von Glauben und Wissen, Religion und Verminst, Erkenntniß und Willen, Kausatgesetz und Uriächlich- keit, Goltesbegriff und Gottesglanben, und zwar des Gottes, welcher ist die reinste und vollkommenste, weil selbstständigsie Pcrsönlichkeir. Die Beweisführung im einzelnen (II. Theil) gehl zuerst von den allgemeinen Eigenschaften der Dinge und des Wcltganzen aus und begründet so die kosmo- logische Gotleserkenntniß. Diese umreißt den Con- tingenzbeweis auS der Zufälligkeit der Welt, den Kau- salitäkSbewciS aus dem ursächlichen Wirken der Dinge, den Nom alogischen Beweis anS der Gesetzmäßigkeit der Well und den Theologischen auS deren Zielstrebigkeit. Deutlich ergibt sich aus jedem dieser Beweise die Persönlichkeit dcö überweltlichen Gottes. Die psychologische Gotteserkenntniß gründet sich auf die Vorzüge des Seelenlebens und des menschlichen Geistes, dessen Beweis die nothwendige 336 Grundlage bildet für die psychologischen GoiteSbcwelse. Die Innenwelt der Seele führt mit Sicherheit zur Annahm- Gottes als desjenigen Wesens, welches die allein hinreichende Ursache der geistigen Thätigkeiten und daS allein hinreichende Zielgut der geistigen Anlage ist. Vom bedingten Bewußtsein der menschlichen Seele schließt der Ideologische GotteSbcweis auf das absolute, sclbstbestimmtc, schöpferische Bewußtsein, auf Gott. Der Noetische GotteSbcweis geht auS von der Erkenntniß des menschlichen Geistes, welche durch Uebereinstimmung mit der thatsächlichen Wirklichkeit zur Wahrheit gelangt, und schließt von hier aus die unbedingte Erkenntniß der ewigen Wahrheit in Gott selber. Der Ethische Gottesbeweis schließt von der bedingten, heteronomen Sittlichkeit, wie sie sich im menschlichen Willen kundgibt, auf die absolute Freiheit und autonome Heiligkeit. Der Religiöse GotteSbcweis geht aus von dem Gegensatze zwischen Verdienst und Schicksal, zwischen Sittlichkeit und Seligkeit, welcher wirklich in der Welt besieht; von der Unfähigkeit des Menschen, daS Ideal der Gerechtigkeit durch den Ausgleich zwischen innerem Werth und äußerem Schicksal zu erfüllen, und schließt davon auf Gott als jene ewige Macht, welche in absoluter Gerechtigkeit daS Gute allenthalben würdigt, unterstützt und einstens in angemessener Seligkeit vollendet. Gelegentlich der einzelnen Gotlcsbeweise finden der Materialismus, Pantheismus, Pessimismus und ihre verschiedenen Unterarten eingehendste Widerlegung. Des weiteren rechtfertigt sich der Verfasser auch gegen den seinem GotteS- begriffe der Selb st Ursache katholischerseits gemachten Vor- wnrs des innern Widerspruchs und der pantheistijchen Entwicklung (S. 126—144). Der drcieinigc Gottcsbegrifs deS selbst- ursächlichen Geisteslebens ist ihm der vollkommene Erklärungsgrund der Welt und aller Gegensätze wahre Vwiöhnung: Leben, Licht, Liebe! Damit ist die unermeßliche Ewigkeit mit fruchtbarem Leben ausgefüllt; damit aber auch der Welt das strahlende Urbild der freien Arbeit und reinen Thätigkeit gezeigt, durch welche allein sie zu ihrer Vollendung und Beselignng emporsteigen kann. Arbeit und Liebe sind die zwei großen Ideale, von welchen die Lösung der socialen Frage zu allen Zeiten abhängt. Sind beide von göttlichem Adel, wie der drei- einige GottcSbegrisf bezeugt, so sind Arbeit und Liebe auch auf Erden der einzig mögliche Weg zu wahrem Leben, zu wahrer Seligkeit und Vollendung. Grundzüge der Metaphysik im Geiste deS heiligen Thomas von Aguin. Unter Zugrundelegung der Vorlesungen von Dr. M. Schneid, bischöfl. Lhcemns- rector in Eichstätt, herausgegeben von Dr. Jos. Sachs, Professor am kgl. Lyceum in Negensburg. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage, gr. 8, S. VIII, 253. Padcrborn 1896, Schöniugh. Preis 3 M. U Achnlich den Grundzügen der Apologetik und Dogmatik von Bautz liegen uns hier die Grundzüge der Metaphysik (Ontologie, Kosmologie. Anthropologie, Natürliche Theologie) vor, und zwar in zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage. Die erste Auflage wurde als Manuscript gedruckt und diente als Vorlage bei philosophischen Repetitiouen. Bei der neuen Auflage wurde neben dem Zwecke einer Vorlage beim Unterrichte zugleich dem Privatgebrauch mehr Rechnung getragen. Der Herausgeber ist Schüler des sei. Regens Schneid und tritt ganz in dessen Fußstapfen, Darum versteht eS sich auch ganz von selbst, daß die Grundzüge wirklich im Geiste des hl. Thomas von Aguin gehalten sind. Pietätvoll werden sie dem Andenken Schneids gewidmet. Sie zeichnen sich durch Klarheit und UebersichtliLkeit aus und erfüllen durchaus den vorgesetzten Zweck. Was uns nicht gefallen will und was wir für eine neue Auflage geändert wünschten, ist zunächst der lang- athmige Titel, dann die Bezeichnung „Anthropologie" statt der althergebrachten „Psychologie"; abgesehen davon, daß man gewöhnlich Anthropologie als die naturwissenschaftliche Lehre vom Menschen faßt. Bei der metaphysischen Psychologie sollen die Vermögen und Thätigkeiten der Seele aus ihrem Wesen verstanden werden; deßhalb wäre dies voraus zu behandeln. In der Ontologie fehlen die Vollkommenheiten des SeinS: Einfachheit und^Zusammensetzung, Unendlichkeit und Endlichkeit, Nothwendigkeit und Contingenz, Unveränderlichkeit und Veränderlichkeit, Möglichkeit und Unmöglichkeit. Statt „Gleichung" (S. 20) hieße cS wobl besser „Gleichheit" oder „Gleichförmigkeit", statt „komplett" (S. 33, 73 und öfter) „komplet". Bei der grundlegenden Wichtigkeit der Unterscheidung von Wesen und Dasein in den endlichen Dingen wäre ein bündiger Hinweis auf die Unzuträglichkeit der gegen die Lehre des hl. Thomas (S. 16) gebrachten Einwände am Platze. Diese beruhen nämlich ausnahmslos auf einer Verwechslung der Begriffe „Wesen" und „Dasein", im letzten Grunde auf mangelhafter Analyse des Seinsbegrisses (vgl. Commer, System der Philosophie, 1. Buch, 3. Kap., 8 3, 12; Astiara, Ontoloxia, D II, 6.1, L. VI (12); lädorators, OntoloZia, 6.1, III, n. 16, I; Commer, Jahrbuch. Bd. II ff.). _ Hilfsbuch zum Unterrichte in der biblischen Geschichte. Für Seminaristen und Lehrer bearbeitet von C. Hoffmann, Seminar- und Neligionslchrer. Habel- sckwerdt, Franke's Buchhandlung. Preis brvsch. 2,40 M., geb. 2,80 M. 05. Vorstehendes HilfSbuch will den Lehrer resp. Katecheten in die Lage versetzen, bei seiner jedesmaligen Vorbereitung auf den Unterricht in der biblischen Geschichte in verhältnißmäßig kurzer Zeit sich alles das anzueignen, was sür schulgerechte Bc- banvlung einer biblischen Geschichte noibwendig ist, ohne etwas Wesentliches dabei zu übersehen. So sehr zu wünschen ist, daß der mnstergiltige Commentar zur hl. Geschichte von Knecht, oder das jüngst erschienene Handbuch von Dr. Beck sich in der Hand eines jeden Lehrers und Katccbetcn befinde, so bleibt doch außer Zweifel, daß im Sckiulleben Umstände eintreten können, welche die Lektionsverbercitnng n»b einem der erwähnten ausführlicheren Commentare erschweren oder unmöglich machen. Für solche Fälle wird unser Hilfsbuch unbedingt gute Dienste leisten. Dasselbe schließt sich zunächst an Schuster-Mey an, ist aber auch sür jede andere biblische Geschichte verwerthbar. Jede Lektion zerfällt in Vorbereitung, welche den Zusammenhang der Geschichte mit dem Vorausgehenden kurz vermittelt, Erzählung, wobei die Gliederungspuukte in Stich- worten gegeben werden, Erklärung dessen, was in sprachlicher und sachlicher Beziehung eines Aufschlusses bedarf, und Auslegung, welche die in der Geschichte enthaltenen Lehren darbietet mit Hinweisung aus den Deharbe'schen Katechismus; eine Nutzanwendung auf das christliche Leben, insbesondere auf das Leben der Kinder schließt die Lektion ab. Durch Ver- schiedenbeit des Drucks ist rasche Orientirnng über die Hauptpunkte sehr erleichtert. Unter der Einschränkung, daß durch dieses Hilfsbuch die bewährten umfangreicheren Kommentare keineswegs erseht werden wollen, kann dasselbe für den diesbezüglichen Unterricht in der Volks- und wohl auch in den unteren Stufen der Mittelschulen unbedingt empfohlen werden. Historisches I a h r b u ch der G ö r r es gesel ls ch aft. Kommissionsverlag von Herder u. Cie., München. XVII. Jahrgang. 3. Heft. Inhalt: Aufsätze: Mahr, Znr Geschichte der ältere» christlichen Kirche von Malta. Widcmann. Die Passauer Annalen. — Kleine Beiträge: Jansen, War das Herzog- thum Lothringen im M.-A. NeicbSleh» ? I 0 cichiins 0 hn, Zu Gregor Heimburg. v. Funk, Rcnchlins Aufenthalt im Kloster Denkcndorf. — Recensionen und Referate: Gothein, Jgnatius von Loyola und die Gegenreformation (Paulus). Reinhardt, Di- Correspondenz v. Als. n, Girol. Casati mit Leopold V. von Oesterreich (Pieper). LonIIot, I?o3prit pndl. u. Iss promisr. aunecs (Tbijm). Darmstädtcr, Das Neichsgut in der Lombardei (Meister). Neuere kirchen- rcchtliche Literatur (Gietl). — Zeitfchriftenschau. — Novitätenschau. — Nachrichten. Oauels Linus igiturl Licdersammlung sür Schüler höherer Lehranstalten von E. Kosteiff. 6- (VII. u. 151 S.) Mainz. Kirchheim. 1896. In Wachstuchband gebunden 1,20 Mark. Alle Herren, welche mit der Erziehung der kathol. Jugend zu thun haben, wissen, welche Menge von CommerS- und anderen Liederbüchern in die Hände ocr Schüler höherer Lehranstalten kommt, ihnen aber nur für Glaube und Sitte Gefahr bringt. Es wird deßhalb von allen Interessenten freudig begrüßt werden, hier eine Sammlung zu finden, die ohne Bedenken der stndirenden Jugend empfohlen werden kann. Jugendlichem Frohsinn und Heiterkeit ist bei der Zusammenstellung der 165 Lieder, die unter der Leitung des Rectors eines bischöflichen KnabenconvictS besorgt wurde, weitgehendste Rechnung getragen. Format und Einband des ansehnlichen, preiswürdigen Büchleins sind so eingerichtet, daß es zu gemeinschaftlichem AuS finge bequem mitgenommen werden kann. Für letzteren Zweck sind auch 14 religiöse Lieder beigefügt, die beim Besuch von hl. Orten gesungen werden können. H. von Haas L Erabherr in Augsburg. l Berantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts Heber die Entstehung, Anlage und Bedeutung der römischen Grenzmark in Deutschland. (Fortsetzung.) II. Anlage des Limes. -o- Nachdem wir nun so die verschiedenen Anlagen ihrer Aufeinanderfolge nach betrachtet haben, ist es angezeigt, dieselben d. h. vor allem den eigentlichen Limes nun auch in seinem Zuge und in seiner Beschaffenheit etwas näher kennen zu lernen. Die Teufelsmauer beginnt also unweit Hienheim an der Donau, überschreitet bei Kipfenberg die Altmühl, zieht unter einigen stumpfen Winkeln nach Gunzenhausen, durchquert nochmals das Altmühlthal, wendet sich dann nach Südwcsten, geht über die Sulzach, die Wörnitz, die Jagst und den Kocher, durch das Nemsthal bis nach Lorch. Hier stößt fast senkrecht an die bisherige Strecke, welche auch den Namen rötischer Limes trägt, der sogenannte obergermanische Grenzwall an, läuft schnurgerade etwa 92 stw weit bis nach dem Wallfahrtsorte Walldürn, von dort unter mehreren kantigen Biegungen nach Miltenberg am Maine. Früher, ja eS ist noch gar nicht so lange her, war man der Ansicht, daß der Wall bei Freudenberg über den Main und durch den Sprssart gehe. Allein von Miltenberg bis Großkrotzenburg bildet der Main selbst die Grenze, der Wall fehlt, und es finden sich aus der linken Stromseite nur Thürme und Castelle, welche meistens gegenüberliegende Thäler beherrschen, wie dieses die Ausgrabungen des Herrn Con- rady gnr Genüge bewiesen. Bei Großkrotzenburg, dem Fundorte einer Menge von römischen Alterthümern, stand eine steinerne römische Brücke über dem Maine. Wie eine große Bastion drängt sich nun auf der anderen Seite der Pfahl in das Land der Ehalten ein, um uach einem großen Bogen bei Nheinbrohl am Nheiue zu endigen. Mit Ausnahme der älteren Rhein- und Taunus- linie, welche dem VolkSstamme der Chatten gegenüber einen mehr feindseligen Charakter trügt und sich den Bodem^rhältnissen möglichst anpaßt, setzt die übrige Strecke kühn über Berge, Füsse und Schluchten, liebt gerade und kurze Linien, die nur in großen Abständen durch stumpfe Winkel unterbrochen werden. Der Pfahl rcpräsentirt sich gegenwärtig an den Stellen seiner besten Couservirung als niedriger, aber sehr breiter Erd- oder Steindamm. Der Graben ist größtentheils ausgefüllt. Die Cultur und der Ackerbau haben schlimm mit der Anlage gehaust, und dichter Wald war bis jetzt der beste Schutz. In Manchen Gegenden, besonders bei Thalübergängen, verliert sich jede Spur von ihm; doch sind dies meistens nur kleinere Strecken und fallen für die Gesammtforschung weniger in das Gewicht. Der ober-germanische Grenzschutz hat ungefähr eine Längs von 368 lew, der Attische von 174 kin. Was den Namen Teufelsmauer betrifft, so läßt sich dieser leicht in der naiven Anschauung des Landvolkes erklären, welches das ungeheure Wer? sich nicht aus natürlichen Kräften entstanden denken konnte. Für die Namen Pfohl, Pfahl, Pfahlhein, Pfahl- ranken gibt eS verschiedene Deutungen. So erblickt Morrmsen darin ein einfaches Lehnwort, das lateinische Vnllnm, v. Cohausen denkt an Grenzpfähle, Schlag- bäume an Durchgängen, wahrscheinlich um ja nicht Pfahl mit den fabelhaften Pallisaden in Zusammenhang zu bringen. Nachdem aber jetzt die vielgesuchten Holzreste glücklich an's Tageslicht befördert worden sind, dürfte der gewöhnlichen Erklärung auch nicht mehr viel im Wege stehen. Ich benutzte bisher meistens für den limes linötierm den Namen Teufelsmauer, für den übrigen Theil der Grenzmark die Bezeichnungen Wall oder Damm, da dies der Wirklichkeit mehr entspricht. Denn in der That besteht der obergermanische Limes zwischen Lorch und Nheinbrohl in einem Walle mit einem davorliegenden Graben, während wir auf der rätischen Strecke zwischen L o r ch und Hieritz e im eine Mauer vorfinden. Das Profil des obergermanischen Limes läßt sich in Folge der vielfachen Zerstörungen nur schwer bestimmen, doch dürfte man auf Grund der neuesten Untersuchungen eine Höhe von 2,50 bis 3 wr annehmen. Der Kamm des scheint ziemlich schmal gewesen zu sein und konnte folglich, wie vielfach behauptet ward, schwerlich Pallisaden getragen haben. Ebenso fehlte dem Walle eine Berme oder Wallgang. Die dem Nomer zugekehrte Seite war naturgemäß sanft ansteigend im Gegensatze zu der in'L Feindesland schauenden steileren Außenböfchung. Zum Baus ist nur Erde verwendet. Auf der germanischen Seite lief vor dem Walle ein Graben her, dessen Tiefe mit der Höhe des Dammes ungefähr convenireu mußte, da sicherlich das Material des letzteren aus dem ersteren geschöpft wurde. Mit diesem Graben dürfen wir jedoch nicht das obenerwähnte Grenzgräbchen mit seinen Pallisaden verwechseln, welches in einiger Entfernung meistens vor dem eigentlichen Wallgraben sich vorfindet. Den rätischen Grenzschutz dagegen von Lorch bis nach Hienheim bildete eine wirkliche Steinmauer, deren Höhe etwas über 2 in, und deren Breite ungefähr 1 m betrug. Diese Bauart war jedenfalls bedingt durch die felsige Zurabodenformatiou, in der besonders die Aus- hebung eines Grabens erheblich; Schwierigkeiten verursacht hätte. Wohl aber waren die überall sich vorfindenden und leicht verwendbaren Kalkstücke für eine Maueranlage geeignet. Die Mauer ist natürlich nach fast 1700 Jahren nur sehr schwer jetzt als solche noch zu erkennen (am besten noch in Württemberg bei Ell- wangen) und ist meist zu einem regellosen Stcindamme ! zusammengesunken. Schon Büchner hatte diese einstige Anlage richtig erkannt, wenn er sagt: „Daß sie (die Mauer) gemauert und die Steine mit einer Art von Mörtel Zn- sammengelittet waren, davon kann sich ein jeder, welcher diesen Grund untersucht, überzeugen," Dagegen vestreitcn Pfarrer Mayer und nach ihm der Engländer James Natcs^) die Existenz einer Mauer, vor allem einer gs- mörtelten, und nehmen nur einen etwas regelrecht aufgeschichteten Steindamm an. Allein spätere, genau: N rch- forschnngen, unter anderen auch durch Ohlerrschtager, "°) „Reise aus der Tcuselsiuaner" Z 22, 5 (R-g-» mrg 1St8). ") Jahrbuch des historischen Vereins für Schwaben unk» Neuburg. Jcchrg. XXIII. haben die Mauer erwiesen, welche vielfach sogar reichlich durch Mörtel verbunden war. Die wenigen Aenderungen von dieser allgemeinen Anlage sind durch die abweichenden lokalen Bodenverhältnisse leicht zu erklären. Von eigentlichen Eingängen oder Ausgängen hat man, abgesehen von Wnsserdurchlässen, bis jetzt nur einen einzigen in der Nähe von Dalkingen entdecken können, weil wohl gerade solche Stellen, wie auch Ohlenschlager sagt, „am frühesten und am meisten der Zerstörung preisgegeben waren". An Fluß- und Thalübergängen nahm man früher meistens Lücken im LimeS an. Allein in neuester Zeit wurde sowohl bei Gv.nzcnhavscn durch Herrn Dr. Eidam, sowie vor Kurzem bei Kipfenberg durch Herrn Gutsbesitzer Winkelmann eine Verpfählung entdeckt, welche an Stelle der Mauer durch das Thal geht. Auch Neste von hölzernen Stegen sowie gepflasterte Furten durch daS Flußbett sind bereits nachgewiesen.^) Längs der ganzen Anlage lief nach allgemeiner Annahme ein breiter, abgeholzter Streifen Landes, welcher freien Ausblick gewährte und einen heranschleichenden Feind leicht entdecken ließ. Thürme und Wachthäuser. In steter Begleitung des Pfahles, namentlich aber auf günstiger gelegenen, wichtigeren Punkten finden wir die sogenannten Wachtthürme, ^xeonta." „dni'Zi". Sie dürsten durchschnittlich 400 — 800 m, also auf Signalweite, von einander entfernt sein und waren in Näticn in die Mauer selbst eingebaut, wahrend wir sie sonst hinter dem Damme treffen. Von ihrer einstigen Gestalt läßt sich anßer dem meist rechteckigen Grundrisse nur Weniges bestimmt erkennen. Einigen Aufschluß dürften uns jedoch, wie bereits James Iates erwähnt, die Abbildungen ähnlicher Bauten auf der Trajanssäule in Nom geben. Es finden sich an diesem Monumente nämlich Thürme, welche mit den unsrigen in engster Beziehung stehen. Die eine Abtheilung zeigt zwei Stockwerke, um das obere läuft eine Gallerte, auf welcher eine brennende Fackel angebracht ist, die uns deutlich die Verwendung dieser Bauten zum Signaldienst erklärt. Die Bedachung ist pyramidenförmig, die Mauern bestehen aus Steinen, das Ganze ist von einer Verpfählung umgeben. Die anderen Gebäude sind einstöckig, sonst den vorigen ähnlich und charakterisiern sich besonders durch das Fehlen der Gallerie als gewöhnliche Wachthäuser. An solche Anlagen haben wir wohl bei unseren Limesthürmen zu denken. Der Raum mochte etwa für 2 — 3 Mann hinreichen, welche sich jedenfalls in der schon von Vegetius^) angegebenen Weise „bei Nacht durch Feuer, bei Tag durch Rauch" mit ihren Kameraden verständigten. Die Thürme besaßen, wie wir aus ihren Fundamenten schließen müssen, nur leichtes Mauerwcrk und eine bemeutsprechende, vielleicht 6—7 m betragende Höhe. Die Steiubauten scheinen in der ersten Zeit meistens durch hölzerne vertreten gewesen zu sein. In größeren Entfernungen, besonders an gefährlicheren Stellen des LimeS, zeigen sich öfters etwas stärkere Umwallungen, welche Ohlenschlager mit dem passenden Namen „Feldwachen" bezeichnet. -) Vergl. Marggraff: „Die römische Reichsgrenzc." ^) Vergl. Vegetiuö: -ve rs wiltrari.« 1, III. 0. ä. Die Castelle oder Lager. Den eigentlichen Stütz- und Haltepunkt des Limes bilden jedoch erst seine Castelle, besser gesagt castra, feste Plätze, welche das Land beherrschten und als Kasernen für die Truppen dienten. Von Lorch bis an den Rhein liegen die Grenzlager fast alle unmittelbar am Limes, während sie in Nätirn oft, wie Psünz und andere, ziemlich weit hinter der Mauer sich befinden. v. Cohausen^) hatte daher nicht ganz Unrecht, wenn er vor etwa 10 Jahren sagte, daß in Nätien die Lager überhaupt fehlen, wahrscheinlich „in Folge der schon in Tacitus erwähnten freundschaftlichen Beziehungen zu dem dortigen Grenzvolke der Hermunduren! In der That gehört meiner Ansicht nach die Castelllinie Jrnsing, Pföring, Kösching, Pfünz, Weißenburg usw. zunächst zu der in dieser Richtung führenden Straße. Lassen wir allerdings die Entstehung dieser Plätze mit der des Limes zusammenfallen, so wird die richtige Erklärung dieser Abstände Schwierigkeiten haben. Ohlenschlager führt zwei Gründe für diese Dislokation an, einmal weil das Terrain am eigentlichen Limesznge für die Anlage einer Straße und somit auch für Castelle ungünstig war, oder weil die dortigen Truppen auch an der Donau von Hienheim abwärts verwendet werden sollten. Doch findet es Ohlenschlager auch für nicht unmöglich, ja sogar für wahrscheinlich, „daß die Lagerkette hinter dem Vallum älter ist, als die künstliche Grenze, daß die Lager da aufgeschlagen wurden, wo die Verbindung günstig war, und daß bei späterer Feststellung und Anlage der Grenze die bereits vorhandenen Lager aufzugeben nicht für gut befunden wurde, weil die Verbindung am Limes schwierig und zu oft unterbrochen gewesen wäre". Diese letztere Annahme dürfte ganz besonderen Glauben verdienen, zumal sie, wie wir oben sahen, auch mit der Zeitfrage auf's beste harmonirt. Unter den im Ganzen etwa auf 60 sich belaufenden Limcscastellen möchte ich neben den bereits erwähnten nur noch auf die bekannteren hinweisen, wie Lorch, Murrhardt, Oehringen, Miltenberg, Trennfurt, Sroß- krotzenburg, Butzbach, Saalburg und Ntcdcrbiebcr. Der Römer unterschied zwischen eastra äinrnu: leichter gebauten Marsch-, Sommer- oder NebungSlagern und den castru Stativ», welche eine sorgfältigere Befestigung erhielten. Zur Anlage wühlte man günstig und höher gelegene Punkte, doch nicht wie der Raubritter im Mittclalter steile Felsenkuppen, was der römischen Kriegskunst widerspricht, die sich weniger in Defensive verhält. Dabei hatte man, wie uns der römische Militärschriftsicller Vegetins wiederholt berichtet, das zu beachten, daß eine nie »erstechende gesunde und nahe Quelle vorhanden sei, das; im Winter das Futter und das Holz nicht ausgehe, daß der Ort nicht Ueberschwemmnngen ausgesetzt sei und daß er nicht durch eine höher gelegene Umgebung beherrscht und gefährdet weröc?°) v. Cobanscn: „Der römische Erenzwall". Oblcnschlagcr: „Die römische Grenzmark in Bayern." Seite 82. 2 °) Oavenänm, ne per nestaiem, ant mordosa in proximo, ant snlndris aqna. sie longins: Iiiews ns pabrilatio äerit nrw lig'nnin ns sndtitis tsmpsstatibns enmpns soleat iunmtari . . . . uv ex snperioribns weis misse, ab bostibns in omn tela pervenient. Vegetlus: v. r. m. Itl 6. 8. 339 ^czüglich des Grundrisses einer solchen Verschanzung müssen wir uns vor dem bekannten Fehler in acht nehmen, nämlich nach eine« bestimmten Schema alles übrige zu beurtheilen. So sagt schon Vcgetius: „Den lokalen Verhältnissen entsprechend, wird man dem Lager entweder eine quadratische, runde, dreieckige oder längliche Form geben; doch hält man die (Lager) für schöner, deren Länge die Breite um ein Drittel übertrifft."^) Doch dürfen wir es mit den Theorien des Vege'-ius nicht zu ernst nehmen, andererseits sie aber auch rächt, wie es von Cohausen thut, für „nie befolgte Kathederweisheit" erachten. Droysen^) nimmt mit Recht an, daß in Rom allgemeine Normen, reglementarische Vorschriften über die Einrichtung eines Lagers erlassen waren, damit bei Beziehung desselben zur Vermeidung von Unordnung und Zeitverlust jeder sofort darin Bescheid wußte. Ein solches 6u8trum war gewöhnlich in rechteckiger Form angelegt, während ältere Bauten, wie z. B. Wiesbaden, mehr quadratische Umrisse zeigen. Die eigentlichen aa8tru 8tutivu waren alle mit einer Mauer umgeben, welcher auf der Innenseite eine starke Ervanschüttung vorliegt, der sogenannte Wallgang. Die Mauer war mit den für das Schleudern von Geschossen praktischen Zinnen versehen und ungefähr so hoch, daß ein Mann, der sich hinter der Zinne befand, vollkommene Deckung hatte. Die Höhe der Mauer, von der Grabenkrone an gerechnet, dürfte man nach neuesten Angaben und Forschungen im allgemeinen auf 3 m schützen?") Der Graben vor der Mauer entsprach ungefähr dieser Höhe und war oft noch durch einen zweiten verstärkt. Von einer Verpfählung hat man bis jetzt noch nichts entdecken können. An den Ein- und Ausgängen war natürlich keine Vertiefung vorhanden. Unter diesen vier Thoren lag die portu xiaatoi-ia, stets dem Feinde zugekehrt, ihr gegenüber die xortu äeouinuuu. Auf den Flanken des Rechteckes befanden sich die Prinzipalthore oder die xorba. prinvipalw ciextra. und die xortu xrincixulia 8int8tru. Diese beiden letzteren waren gewöhnlich durch einen mittleren Pfeiler in zwei Eingänge getheilt, dienten der Besatzung als Nnsfalls- wege und waren nicht gerade in der Mitte, sondern gewöhnlich mehr in der Nähe der portu pruatoria, angebracht. Alle Thore aber waren mit Thürmen bewehrt, die hinsichtlich ihrer Gestalt wohl den oben besprochenen Signalthürmen ähnelten. Oberhalb des Einganges prangte, wie vielfache Funde zeigen, oft eine Inschrift in den bekannten Majuskeln, großen Buchstaben, die aus Bronzeblech geschnitten und vergoldet waren. Auch die Castellecken waren durch Thürme befestigt und der besseren Vertheidigung halber stark abgerundet?*) Außerdem finden sich mitunter auch sonst in die Mauer eingebaute Thürme. Die zwei Seitenthore sind durch die via. xrinoixmiis Die Stelle beißt wörtlich: »Leo neoessitato loei vol gnackraka., vol rotuncka, vol trtg'oinr, vol oblonZa. eastra oou- sritues.kamen xnlobriora oreckuutnr, gnidus Ultra lakitnckispatinm tortia xars lonKituütuis aäckitur. -°) „Röm. Greazwall" S. 335. 2 °) „Die Polhbianische Lagerordnnng" S. 35. Castell Saalburg bei Homburg i. T. Bekanntlich kann eine scharfe Maucrccke nur unvollkommen durch Sckleudcru und Schießen gedeckt werden, bietet aber dem Feinde etnen um so günstigeren Angriffspunkt. oder Hauptstraße, die beiden anderen durch die via. xraa- toria mit einander verbunden. Rings um das Lager geht die via angularis. Man unterscheidet gewöhnlich zwischen einem Vorder-, Mittel- und Hinterlager. Der erste Theil war schon zu Polybius' Zeilen mit den Zelten und Lehmbüten des regulären Militärs besetzt, der mittlere enthält das ?raa- toriuni, das Bureau des Commandanten mit dem sa- calluw, dem Aufbewahrungsorte der Feldzeichen. Rechts davon (wenn wir die porta xraetoria als Ausgangspunkt nehmen) befand sich gewöhnlich das Quästorium, links das Forum, ein freier Platz für Versammlungen und Ansprachen. Hier war ferner meistens der Ort für die Wohnungen der Tribunen und sonstigen höheren Offiziere, für Magazine und Einrichtungen zu kriegerischen Uebungen, das Nücklager bot wohl auch einigen kleineren Abtheilungen Unterkunft und enthielt vornehmlich die Werkstätten, Brunnen, Bäder und heizbaren Räume. Die letzteren sind sehr interessant und einer genaueren Betrachtung würdig: Der Boden des betreffenden Zimmers, welcher aus Steinplatten besteht, ruht auf regelmäßig geordneten Säulchen oder Pfciler- chen; auch die Wände sind von Canälen oder Kacheln durchzogen. Sollte nun der Raum geheizt werden, so zündete man in einem eigenen, mit den Canälen in Verbindung stehenden Kämmerchen ein Kohlenseuer an, die heiße Luft strich durch die Pfeiler und Kacheln und erwärmte so rasch den umschlossenen Raum. Von diesen unterirdischen oder Hypokaustenheizungen sind jedoch die oft damit verwechselten Bäder (dalirsa.) zu unterscheiden, welche nur ein Kaltwasscrbecken und eine Schwitzkammer besaßen, dagegen schon aus technischen Gründen nicht mit Warmwasserbassins versehen werden konnten. Was den Rauminhalt der Castells betrifft, so mochte derselbe durchschnittlich im Mobilfalle für 500 Mann ausreichen, während natürlich für gewöhnlich die Besatzung viel geringer war. In Zahlen ausgedrückt, steigt die Größe der Ausdehnung von 6000 ) Röm. GesS. Bd. V, S. 143. Vita. Haäriaui 6. 11. °') Diese Ansicht wird besonders durch v. Cohausen stark Vertreten. by Büchner: Reise auf der Teufelsmauer. Z 22. versahen und ablösten. Diese letzteren endlich hatten ihre bestimmten Strecken zu begehen und zu überwachen. Einen solchen armen railss limitaneus (Grenzsoldat) haben wir uns etwa unter dem Helden des bekannten Scheffel-Liedes vorzustellen: „Ein Nömer stand in finstrer Nacht am deutschen Grenzwall Posten." Spürte nun dieser Wächter etwas Verdächtiges, so stellte er sich hoffentlich meist nicht so langweilig an wie der obige, „blies sein Horn" zur rechten Zeit, rief seine Wachtkameraden, gab seine Feuerstgnale, und „die Co- horte" aus dem nächsten Castell „erschien" dann wohl auch nicht zu spät „am Platze". Man sieht, „dem Andränge größerer Leermassen" konnte der Limes, wie Graf Hundt richtig bei der Beschreibung der Teufclsmauer bemerkt, „keinen bedeutenden Widerstand entgegenstellen". — „Wohl aber" kann man „aus den Resten eine Verthetdiguugslinie zum Schutze von Colonien erkennen, vollkommen ausreichend, mit ihrer Besatzungsmannschaft gegen den Uebermuth Einzelner und räuberische Anfälle kleinerer Wanderhorden Sicherheit zu gewähren."^) Bei größerer Gefahr jedoch war dadurch wenigstens einer unvorbereiteten Ueberrumplung vorgesorgt, und konnten sich die schwächeren Abtheilungen auf die stärkeren zurückziehen, bis man so gemeinsam den feindlichen Anprall auszuhalten im Stande war. Das Grenzmilitär rekruttrte sich meistens aus älteren, emeritirten römisch-germanischen Kriegern. Sie hatten Familie, trieben Ackerbau und besaßen als Lohn für ihren Dienst Ländereien vom Staate. Ueber die Zahl dieser Truppen lassen sich keine sicheren Angaben machen, v. Cohausen nimmt durchschnittlich für ein Castell 720, Mommsen gegen 500 Mann Besatzung an, dies jedoch in Kriegszeit oder noch besser im Belagerungsfalle. Für gewöhnlich brauchte wohl eine Garnison nur so stark zu sein, um die nöthigen Sicherheitswachen und Vorposten stellen zu können. Mommsen schätzt die rätische Grenzarmee im höchsten Falle auf 10,000 Mann,") der übrige Theil dürfte demnach nicht ganz zweimal so stark gewesen sein. Nicht eingerechnet sind jedoch dabei die Reservetruppen in den großen Standlagern innerhalb der Provinz, wie Regensburg, Faimingen, Augsburg, Straßburg, Mainz usw. Unter der Obhut der römischen Grenzmark blühte bald eine gewisse Cultur auf, aus den Castellnieder- lassungen erwuchsen kleine und große Städte, Handel und Verkehr nahmen einen mächtigen Aufschwung, die Herrlichkeit des Reiches schien fast in die Provinzen wandern zu wollen. Doch alles umsonst l Das Riesenwerk sollte keine lange Dauer besitzen. Das Nömerreich mit all seinen großartigen Leistungen diente nur dazu, dem Christenthums die Wege zu ebnen. Ein ungeschwächter jugend- kräftiger Stamm sollte über den Trümmern des morschen Baues neue Staaten gründen und die Lehren des Heiles empfangen. Bald ergriffen die Markomannen, welche etwa im heutigen Böhmen ihre Wohnsitze hatten, im Verein mit mehreren anderen Stämmen an der Donau die Offensive gegen Rom, durchbrachen die Grenzmark und drangen zweimal bis Aquilcja in Italien vor. Nur mit Auf- °°) Graf Hundt: Bericht über eine Begehung der Teufelsmauer. S. 15. ") Mommsen: Röm. Gesch. Bd. V, S. 143. (Anmerk.) 346 bietung aller seiner Kräfte vermochte Mark Aurel in drei Fcldzügen (von 166—175 und 178—180) diesen gewaltigen Anprall zurückzuweisen. Um diese Zeit gründen sich bereits die für das römische Reich so verhängnisvollen germanischen Völkervereine. Schon Caracalla kämpft gegen die Allcmannen, welche später, im Jahre 233, die Bollwerke nördlich von der Donau größtentheils zerstören und siegreich in Nütien einfallen. Alexander Severus, der aus Pcrsien herbeieilte, sowie sein Thronräuber Maximin können den Verlust nur theilweise wieder gut machen. Unter den Wirren der sogenannten Zeit der 30 Tyrannen ging sogar das Land links des Rheines verloren. Seit Ende des 3. Jahrhunderts bilden wiederum Rhein und Donau die Reichsgrenzen, und selbst der glückliche Feldzug des Kaisers Probus im Jahre 277 scheint wenig Erfolg gehabt zu haben. Nur Rätien, südlich von der Donau, hielt sich noch länger. Aber auch hier hatte sich „das ganze Leben und Treiben auf einige befestigte Orte concentrirt", welche endlich mit dem Sturze des römischen Kaisertums durch die Schaaren des Odoaker auch ihre Thore öffneten?') Schon bet den ersten Einfällen scheinen die Germanen mit den römischen Grenzbefestigungen ordentlich aufgeräumt zu haben, wie die überall reichlich entdeckten Aschen- und Kohlenreste z. B. uns zeigen; was sie aber nicht thaten, das brachte der Zahn der Zeit in 1600 Jahren zu Stande: der Landmann suchte den Lehmdamm abzutragen und anderweitig zu benutzen, man verflachte die umgestürzte Mauer zu einem Fahrwege, und aus den Steintrümmern der Thürme und Castelle baute man Straßen und ähnliche Anlagen! So ist es gekommen, daß in unserer Zeit die Arbeiten des Forschers oft mit vieler Mühe und mit nicht geringem Aufwande verknüpft sind. Mit Freude ist daher die Thatsache zu begrüßen, daß seit einigen Jahren vom Staate selbst dafür gesorgt wird, daß auch nicht die letzten Reste dieses gewaltigen Werkes spurlos von der Erde verschwinden. Rede des Herrn Pfarrers A. Schwarz in Ottenbach (Württemberg) gehqlten aus dem Ersten Internationalen Antiireimanrer-Congreß in Tricnt am 28. Sept. 1696. Euere Eminenz! Hochwürdigste Herren Bischöfe! Erlauchte Herren! Hochansehnliche Versammlung! Gestatten Sie auch einem Vertreter deutscher Zunge in dieser hehren Versammlung einige Worte über den hochwichtigen Gegenstand, zu dessen internationaler Berathung wir uns in dieser geschichtlich so berühmten Stadt vereinigt haben. Mit Rücksicht auf die eng bemessene Zeit lassen Sie mich gleich in weäias res eintreten und, wenn auch nicht ausschließlich, doch auptsächlicb das Ziel und Streben der deutschen Freimaurerei ,um Gegenstand meiner Ausführungen machen. Vergegenwärtigen wir uns vor allem die Thatsache, daß die Freimaurerei ein Weltbund und für die Menschheit das werden und sein will, was unsre Kirche auf Grund göttlicher Bestimmung ist, nämlich katholisch d. h. allgemein, die ganze Erde umspannend. Finde!, wohl der angesehenste, fruchtbarste und einer der gelehrtesten Logenschriftsteller Deutschlands, spricht diese Wahrheit an zahllosen Stellen, z. B. in seiner Schrift „Geist und Form der Freimaurerei", offen in den Worten aus: „Der Maurerbund soll ein Menschheitsbund sein, der sein einigendes Gezelt wölbt über die Verschiedenheit der Racen, ") Köstler: „Die Römer in Rätien". Artikelserie V in Heft 6 d. Jahrg. 1896 der Zeitschrift „Das Baycrland". Nationalitäten und Konfessionen." Und: „Dieser Bund der Bünde umsaßt die ganz- Menschheit." „Als Maurer sind wir nickt Deutsche, sondern Menschen; als Maurer sind wir nicht Staatsbürger, sondern Weltbürger." Ja, Findet nennt sogar die Freimaurerei in seinem Buch „Die mooerne Weltanschauung" wörtlich „den wahren, innerlichen und freien Katholicismus" gegenüber unserer hl. Kirche, die er als den falschen, aus äußere Auctorität gegründeten, mechanischen und cultnrwidrigen Katholicismus bezeichnet, der ein Zerrbild des Göttlichen sei." Also der von Christus gegründeten Weltkirche will die Loge eine andere gegenüber stellen, ihren freimaurcriscben Weltbund. Schon hier klingt somit etwas von dein Rufe durch: Hie Christus, hie Antichrist, hie katholische Kirche, hie Loge! Der Großmeister Bruder Settegast aber sagt: „Vollendet wird der Bau der Freimaurerei dann erst dastehen, wenn er den ganzen Erdkreis umspannt." Und: „Wir sahen . . . daß die Freimaurerei den Plan verfolgt, alle guten Menschen einem Weltreich unterzuordnen, in dem die Humanität als Herrscherin thront." Da legt sich wie von selbst die Frage nahe: Was soll nun aber das einigende Band, den geistigen Inhalt dieses neuen frei- maurerii'chcn Weltbundes ausmachen, zu welcher Religion wird er sich bekennen? zum Christenthum, als zu der geoffenbarten Religion, oder zur bloßen Vernunftrcligion, zu jener, die als Motto murmelt: „Wir glauben all' an einen Gott: Christ, Jud' und Heid' und Horrentott"? Damit stehen wir vor der wichtigen Frage: Wie stellt sich die Loge, die Freimaurerei zum Christenthum? Um diese ebenso objectiv als gründlich beantworten zu können, müssen wir nach jenem Worte suchen, das kurz und treffend den ganzen Bekenntniß- und Strebeinhalt der Loge zum Ausdruck bringt. Es ist das sreimaurcrische Schlag- und Stichwort „Humanität", ein Wort, das heutzutage auf so vielen Lippen sitzt. Von diesem Schlagwort wimmeln die Werke und Schriften der berufensten Vertreter des Bundes. So sagt Finde!: Das Ideal der Humanität theoretisch zu erzeugen und im Leben praktisch zu verwirklichen, ist unicre wahre und denkbar höchste Aufgabe. Wie oft spricht nicht Finde! von dieser Humanität! Wie oft redet nicht der als freimaurerisLer Schriftsteller und Logcnbeamtcr bekannte Professor und Geh. Regierungsrath Seitegast von ihr! So sagt letzterer z. B.: Die Loge ist eine Schule der Sittlichkeit und die Freimaurerei eine Gemeinschaft, welche die Humanität zur Herrscherin aus Erden einsetzen will. Was hat nun aber diese vielgenannte und vielgepriesene Humanität im Munde der Loge für eine Bedeutung? Diese sreimaurcrische Humanität bedeutet das „Reinmenschliche" unter Verläugnung alles Göttlichen im christlichen Sinne und im schneidigen Gegensatz zu demselben. Diese frcimaurerische Humanität macht die Menschheit unabhängig von Gott, löst sie los von jeder übernatürlichen Gewalt, stellt die Menschheit ganz auf sich selbst und trennt sie damit von jeder Offenbarung, von allem Christenthum. welch beide die Loge grundsätzlich verwirft. Also auf Grund ibreö HumanitätSprincipcs, ihres rein- menschlichen, alles Ucbernatllrliche und Göttliche im christlichen Sinne verwerfenden Standpunktes ist die Freimaurerei eine Läugnerin jeder Offenbarung Gottes, eine Vcrwerferin und Gegnerin des Christenthums. Diese schwerwiegende Beschuldigung muß bewiesen werden. Lassen wir diesen Beweis jene führen, welche theils als Mitglieder und Kenner der Loge, theils als ihre gefeierten Geschichtsschreiber und Schriftsteller das auj's genaueste wissen müssen. Ich will in dieser bedeutsamen Frage zunächst den angesehenen Freimaurer und im Studium des Logenwesens ergrauten Geschichtsschreiber, der als eine der ersten Auctoritg^n anerkannt ist, zum Wort kommen lassen. ES ist der bereits citirte Finde!. Er, der als das Orakel der deutschen Freimaurerei bezeichnet werden kann, spricht sich hierüber mit einer Grundsätzlichkeit und Offenheit aus, die deutlicher nicht sein könnte. In seiner „Modernen Weltanschauung" sagt er z. B.: An die Stelle der Offenbarung (Gottes) tritt die Vernunft und an Stelle der unfehlbaren Kirche oder Bibel das logische Denken. (S. 60.) Weiter: Das alte und das neue Testament sind für die moderne Weltanschauung, die Sittenlehre ausgenommen, überwundene Standpunkte, so gut wie die VedaS und der Koran. Er verwirft S. 49 die Erschaffung der Welt durch Gott, lehrt die Ewigkeit der Materie, er polemisirt gegen das Gebet im christlichen Lünne (S. 42, 43, 55), bezeichnet das Christenthum als ein menschliches Werk, verwirft den Sünden- fall, die Erbsünde, die Erlösung (57), nennt solch christliche Lehren Wahn und Irrthum und ruft, um seine ganze Feindseligkeit gegen jedes Christenthum zusammenzufassen, pathetisch aus: „Sagen wir es offen, meine Brüder, der Maurerbund sei keine christliche Union, kein Nblagcrnngsort sür die überwundene 347 theologische Phrase, sondern ein weltbürgerlickicS Institut, der Tempel der allgemeinen Menschenliebe und des freien Geistes." Sehen Sie hier ein gewaltiges Stück sreimaurcriscbcr, vielgepriesener Humanität. Ja, dieses sreimaurerische Humanitäts- princip mit seinem grundsätzlich christcnfeindlichen Charakter ist cS, das Finde! an einer andern Stell? ausrufen läßt: „Religiöse „Ketzerei" war somit von jeher der charakteristische Grundzug des Maurerthums. Auch in der heutigen Forni und Verfassung tritt es (das Maurertlmm), wenn auch unausgesprochen, den Prätensioncn der Kirche entgegen. Denn, fährt er fort, eine Anstalt (nämlich die Freimaurerei), welche daS Lichtsuchen gebietet, anerkennt keine göttlich geoffenbarte, für alle Zeiten feststehende Wahrheit." Diese Humanität ist eS. welche nicht nur Finde!, sondern die ganze Freimaurerei zur Gegnerin des Christenthums macht. Denn wie Finde! so denken und sage» alle wahren Freimaurer, alle, welche nicht bloß äußerlich mitthun, sondern den Geist der Loge erfaßt haben. Dieses Humanitätsprincip erklärt uns der deutsche Frciniaurer Gcttbold Salomon in seinen Stimmen aus Osten mit den Worten: „Eine christliche Freimaurerei wäre der entschiedenste Widerspruch, ein eckiger Zirkel, ein rundes Winkelmaß", erklärt uns der deutsche Freimaurer Stilting, der in der Freimaurerzeitung „Bauhütte" bekennt, daß die Logen seit ihrer Gründung die Trägerinnen und Verbreiterinnen des Naturalismus oder der sogenannten Vernunftreligion waren, also jener Religion, welche jede Offenbarung und damit den Höhepunkt aller Offenbarung, das Christenthum, verwirft, erklärt uns der deutsche Freimaurer Jochinus Müller, der in seinem Werke „Kirchenresorm" unheimlich offen eingesteht: „Ein freies, wahres Hcidcntbum steht unö näher, als ein engherziges Christenthum." Was unter diesem freimaurerischen Humanitätsprincip zu verstehen, wie sehr cS die gründliche Läug- nung alles Christlichen in sich begreift, daö lehrt uns die „Bauhütte", jene deutsche Freimaurcrzeitung, die sich „Organ sür die Gcsammtintercsstn der Freimaurerei" nennt, also gewiß alö Sprachrohr dcS freimaurerischen Geistes angesehen werden darf. Sie bringt ungescheut die Rede des Freimaurers Br.'. Schulze über die Unsterblichkeit und den Glauben. Darin heißt es: Unsere errungene Vervollkommnung lebt durch die geistige Nachlassenschast, durch die Kindererziehung oder das gute Lebens- bcispiel in unsern Mitmenschen, ja bei großen Menschen in künftigen Geschlechtern fort. Dies ist die, unserem Verstände erfaßbare, vernunftgemäß e Unsterblichkeit. Zur Erfüllung dieser Lebensaufgabe bedürfen wir weder der Versprechung himmlischer Freuden, noch der Drohung mit Höllenqualen, wir erkennen einfach in dieser Aufgabe unsere Pflicht. Nicht ein Wiedersehen im Jenseits soll uns trösten .Erst wenn wir unS von jedem Phantasiegcbilde frei machen, weroen wir unsere Lebcnsauigabc recht erkennen. Wäre uns zu ihrer Erfüllung etwas UebernatürlickeS nöthig, gewiß würde es uns von der allgütigen Natur (I) verliehen worden sein. Da uns aber von ihr der Blick über unser irdisches Dasein hinaus verschlossen wurde, so bleibt jedes Glaubensdogma, also auch das an die Unsterblichkeit, ein unnatürlicher Uebergriff, eine Anmaßung und Auflehnung gegen die Schöpfung, die uns alles Ucbernatürliche ... zu unserem Besten vorenthielt." — Gewiß ein unheimlicher und vielsagender Commcnlar zu dem Begriff freimaurerischer „Humanität", die ein Jenseits, die Unsterblichkeit der Seele, jedes Glaubcnsdogma, kurz „alles Uebernatürliche" rundweg verwirft. Gegenüber solchen offenen zahlreichen Geständnisse» einzelner Freimaurcrauctoritäten wie eines der ersten Freimaurcrorganc hilft alles Läugncn nichts, ist es sogar geradezu lächerlich, wenn der eine oder andere Freimaurer der niederen Grade noch von sein christlichen Wesen der Loge rührselig zu erzählen weiß. Den Geist und daö Wesen einer Partei erkennt und beurtheilt man mit Fug und Recht nach den Aeußerungen ihrer Anhänger, chrer Schriften und Organe. Das gilt und galt überall, muß also auch bei der Freimaurerei gelten — trotz ungeschickter Läugnungövcrsuche. Fügen wir, um alle diese Läugnungsversuchc unmöglich zu machen, ein Bekenntniß der Gesammtircimaurerci an, ein Bekenntniß eines Wcltfrcimanrcrcongresscs im Jahre 1869 zu Neapel. Nicht wcniaer als 700 Freimaurer, und zwar als Vertreter der Logen Europas. Nord- und Südamerikas, Asiens und Afrikas haben dieses Bekenntniß in der Forni eines Beschlusses abgelegt, der so recht zeigt, wohin das „Humanitäts- idcal" der Loge zielt, worin ihre vielgepriesene „Humanität" besteht. Dieser Beschluß lautet nach der „Dublin Rebielv" Juli 1884 S. 148 ff.: „Die Unterzeichneten, alö Abgeordnete der verschiedenen Nationen dercivilisirten Welt, proclamiren die Freiheit der Vernunft gegenüber der religiösen Auctorität; die Unabhängigkeit des Menschen gegenüber dem Despotismus von Kircke und Staat; die Freiheit der Erziehung gegenüber dem klerikalen Unterrichte, indem sie keine anderen Grundlagen für den menschlichen Glauben anerkenne» als die Wissenschaft; sie proclamiren die Frci- beit des Menschen und die Nothwendigkeit, alle officicllen Kirchen abzuschaffen; — das Weib muß von den Fesseln, womit es Kirche und Gesetzgebung bisher an der vollen Entwicklung gehindert haben, befreit werden; die Moral muß von jeder Dazwischenkunft der Religion vollständig unabhängig sein." In diesem radikalen Beschluß hat der Freimanrerwolf den Schafspelz gründlich abgeworfen und präscntirt sich als das, was er im innersten Grunde seines Wesens und Geistes immer ist, als haßerfüllt gegen jedes positive Christenthum, an dessen Stelle er die Vernunft, die Wissenschaft und die Unabhängigkeit der Moral von jeglicher Religion setzt, also jenes „Humanitäts- ideal" ausstellt, daS im satten Unglauben endet. Solch hochosficiellcn Aeußerungen gegenüber weiß man nur zu gut, was die Worte bedeuten sollen, welche das deutsche Freimaurerorgan „Die Bauhütte" 1879 S. 75 niederschrieb: Die Freimaurerei sei „das ursprüngliche, reine oder biblische Christenthum, das in den kirchlichen Satzungen verloren ging". Es mag ja sein, daß ein einzelner Freimaurer die eine oder andere christliche Wahrheit noch festhält, ja sogar ein gläubiger Christ sein will — die Freimaurerei als solche, in ihrem Princip, ist vollständig unchristlick, geborene Feindin jeder geoffenbarten Religion und alles Uebernatürlichen. Sie ist und will nach ihren eigenen Programmsägcn und oftmaligem Bckenntniß an die Stelle der Offenbarung die Vernunft, an die Stelle drS Glaubens die Wissenschaft und an die Stelle des christlichen MoralgcsctzcS die sogenannte „unabhängige Moral" setzen. Hicmit aber ist ihr Abfall vom Christenthum und dessen Verwerfung documenlirt. Die Freimaurerei bleibt aber auf Grund ihres Humanitätsprincipes, das eine unumschränkte Denk- und Gewissensfreiheit verkündet, bei der Läugnung des Uebernatürlichen und des Christenthumes nicht stehen, sondern schreitet in ihren ächten Vertretern weiter bis zur Läugnung eines persönlichen, über den Menschen als Richter und Vergeltcr stehenden GotteS. Die tiefer eingeweihten Freimaurer — ich meine also nicht jene, die bloß mitzablcn und milfestcn, sondern die fortgeschrittenen und maßgebenden derselben, und auf diese kommt es vor allem und hauptsächlich an, diese also bekennen sich zu jenem pauiheistisch- naturalistischcn Gottcsglanbcn, der unter Gott nichts anderes versieht, als die in der Welt wirkenden Naturkräftc, Naturgesetze, und erkennen und verehren im Menschen, als der Krone der Schöpfung, die höchste Erscheinung des Göttlichen. Ein solcher Gottesglaubc und GotteSbegriff kommt aber praktisch der Läugnung eines persönlichen Gottes, kommt dem Atheismus gleich. Um zu täuschen spricht die Loge ost vom Göttlichen, versteht aber darunter zumeist entweder einen Gott. der weder Schöpfer noch Richter ist, oder überhaupt nur die Naturkräste und den vergötterten Menschen, daö Reiumcnschlichc. Deßhalb protcstireu aufrichtige, cvnscqucntc Freimaurer gegen daö von der Loge viel gebrauchte und viel mißbrauchte Wort: ^Deltcn- baumeister und Allmächtiger Baumeister aller Welten. Finde! will. man soll den Weltenbaumcister einfach fallen lassen. Denn dieses „Symbol" sei als freimaurcrisches völlig unhaltbar. Die Anrufung des großen Baumeisters in den Logen habe nämlich fast durchweg die Bedeutung eincö Lückenbüßers. — Der Freimaurer Dr. Treut owSki, Mitglied der deutschen Loge, schreibt in der „Bauhütte" 1865 unbeanstandet: Ihr (der Freimaurerei) Weltenbaumcister ist und bleibt daS Wesen, welches man verstehen kann, wie man will — welches ebenso ein Christ, ein Jude, ein Muhamcdancr, ein Heide... ja sogar ein Atheist ...anerkennen niuß. Und die Freimaurcrzeitung von 1874 schreibt: Atheisten aus Grundsatz . . . können zugleich die ebrenwcrthcsten Menschen und die würdigsten Maurer sein. Noch offener predigen die französischen und italienischen Freimaurer den nackten Unglauben, welche, wie ;. B. das französische Logenblatt De proArös vom 6. Juli 1874, die Auffassung der christlichen Gorresidce geradezu als unsittlich bezeichnen. (Fortsetzung folgt.) 348 Recensionen nnd Notizen. Die Freundinnen und andere Erzählungen für junge Mädchen. Von Anna Benfoy-schuppe. Negcns- bnrg, Nationale VcrlagSanstalt. Preis gebd. 4 M., in Goldschn. 4 M. 50 Psg. Cordelia's Geheimniß. Novellen für junge Mädchen. Von Rcdeatis. RcgenSburg. Nationale Verlagsanstalt. Preis gebd. 4 M., in Goldschn. 4 M. 50 Pfg. n Ueber diese neue, elegant ausgestattete und von den beliebtesten modernen Erzählern verfaßte Collection illustrirter Jngendschriften äußert siL der k. k. Professor I. Repiifch in Wien folgendermaßen: Daß heutzutage das Viel lesen geradezu ein Bedürfniß ist, wird wohl von niemand ernstlich gcläugnet werden können; große Schichten des Volkes, die vor 30 und 40 Jahren nur, wie man zu sagen pflegt, alle heiligen Zeiten einmal — irgend ein Buch in die Hand nahmen, befassen sich jetzt gar eifrig mit der Lektüre, die einen zu ihrem größten Nutzen, die anderen zu ihrem größten Schaden, je nachdem die literarischcn Erzeugnisse, die der Zufall ihnen in die Hände spielt, in gutem, reinem, moralischem, oder in schlechtem, schmutzigem, irreligiösem Sinne geschrieben sind. Ist die gute Lektüre für die Menschheit ein Hauptansporn zu edlem Thun und Lassen, so ist die schlechte, die unmoralische, die nur auf die Sinnlichkeit berechnete, eines der ärgsten Gifte, die der armen, viclgeplagten, von so vielen Seiten betbörten Menschheit gereicht werden können. Zum Glück, Gott sei es gedankt, haben wir ausgezeichnete VerlagSfirmen genug, welche weit entfernt sind, das Böse, das Schlechte, das Unmoralische zu cultiviren- um es dann den Leuten unter verschiedenen mehr oder weniger „ziehenden" und verlockenden Titeln, oft um schweres Geld, aufzuhalsen; wir haben VerlagSsirmcn, die es 'sich znr besonderen Ehre anrechnen, dem Volke in seinen breitesten Schichten nur von echt religiösem, von echt moralischem Geiste durchwehte Lektüre zu bieten und es auf diese gar nicht genug zu lobende und anzuerkennende Art und Weise geistig und moralisch im wahrsten Sinne des Wortes zu heben und zu bilden. Und zu diesen hochehrcnwerthcn Firmen gehört auch die „Nationale VcrlagSanstalt" (früher G. I. Manz) in Regcnsburg, die soeben wieder eine Anzahl interessanter Werke herausgegeben hat, die man mit größter Beruhigung aus jeden Familicntisch legen, in jede gute Bibliothek aufnehmen und sowohl dem Alter, als auch der Jugend in die Hand geben kann. Praits äu äroit naturel Idsorigus st uxpligus par Danoroäs Lottrs, krokesssur anx Vasultss oattrolignes eis Lilie. Uario, Laross. Eine Recension mit der Aufstellung einer handgreiflichen „Wahrheit" beginnen, ist mißlich, und doch läßt es sich bei der Besprechung des vorliegenden Buches nickt wohl vermeiden. ES gibt eben derartige „Wahrheiten", die als solche, leider, lange noch nicht allgemein genug anerkannt und beachtet sind, und so müssen wir denn vor Allem den verderblichen Einfluß betonen, den Hugo Grotins auf die Behandlung des Naiurrechtcs ausgeübt hat. Besorgt über die in seiner Zeit immer heftiger werdenden Angriffe gegen das Christenthum, suchte er daß Recht vor Gefahren zu sichern, indem er es von seiner übernatürlichen Grundlage loslöste und es auf einer in der Natur des Menschen begründeten Basis neu aufrichtete. So gut die Absicht, so verhängnisvoll die Folgen. Man darf mit Recht sagen, daß der ganze moderne liberale Staatsbegrisf, und mit ihm der aus diesem entsprungene Socialismus, im Keime in dem Werke Grotius' enthalten sind. Stahl konnte mit voller Berechtigung GrotiuS als den „ersten und schon vollständigen Begründer einer Richtung, die in ihrer Folgerichtigkeit mit der Zerstörung der Sitte und des Rechts endet", bezeichnen. Was sich seit diesem AuSspruche Stahl's ereignet hat, muß auch den Kurzsichtigsten belehren. Liegt nun aber die Wurzel des Uebels in dem Brücke mit der christlichen Rechtsauffassung des MittclalterS, so mutz daS Heil in einem Wiederbeleben desselben zu suchen und zu finden sein. Und von diesem Gesichtspunkte vor Allem begrüßen wir mit Freude das Naturrecht Professor Rothe'S. Der vorliegende dritte Band behandelt das Familien- und Erbrecht mit besonderer Betonung der Er- ziehungösragen. während der 1893 erschienene zweite Band das Eherccht umfaßt. Wie immer zeigt sich Rothe als tiefblickender Philosoph, als scharfdcnkender Jurist und, was mehr ist, als «in achter, frommer, gläubiger Christ. Wir können diesem trefflichen Buche nur die weiteste Verbreitung wünschen, denn wenn unsere Gesellschaft gerettet werden soll, so mutz mit der un- heilschwercn Geistcsrichtnng gebrochen werden, die uns dem drohenden Verderben entgegenführt. Und Klarheit in die Geister zu bringen, dazu ist Nothe's Buch vortrefflich geeignet. Zum Schlüsse nur noch die Bemerkung, datz dieses elegant und fließend geschriebene Werk nicht zu den trockenen, nur für den Fachmann genießbaren Büchern gehört, sondern von jedem, der für die Bedürfnisse unserer Zeit Sinn und Verstänvniß hat, mit Vergnügen und Nutzen gelesen werden wird. Insbesondere wäre dasselbe den Herren Parlamentariern warm zu empfehlen: es sollte aber auch in keiner Redactions-Bibliothek fehlen. L. L. Ave Maria. Ein Waldkapellenstrauß von Gust. Adolf Müller. München, Seitz u. Schauer. 1896. kl. 8°. 64 S. M. 2. In einer Sammlung kurzer Lieder läßt der Dichter die Scclennoth eines wcltmüdcn Wanderers ausströmen vor dcnr gnadenreichen Bilde der Oonsolatrix aktlietoruw. Nur einige dieser Lieder haben was wirklich Ergreifendes. Im allgemeinen aber leiden sie an einer gewissen Einförmigkeit in Folge der steten Wiederkehr der Sclbsivorwürfe. sie gleichen sich zu sehr, und sowaS stumpft das Zutrauen und die Stimmung des il Lesers nach und nach ab. Das sind rein künstlerische Gebrechen, und zwar speciell nach unserem Empfinden. Wir sind indeß überzeugt, daß das Büchlein, zumal da es bei hochfeiner innerer und äußerer Ausstattung spottbillig genannt werden muß, ein beliebtes Geschcnkwerk werden wird. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte, M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896, Heft IX. September. Dr. Jos. Nirschl, Der Briefwechsel des KönigS Abgar von Edcssa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgarfrage. — De Waal, Der Name Maria auf altchristlichen Inschriften. — l>r. N. Paulus, Die angebliche Lehre, Christus sei nur für die Erbsünde gestorben. — ?. Jos. Henninger 0. 8. L. — Dr. Seidcnbergcr, Ein hervorragender Gelehrter unserer Tage und sein neuestes Werk. — Literatur: OsorAso Oogmu, Luärs kerats, ?aul Labrs, Ls Vatioan, los kaxss st la Civilisation, lo Oonvsrnsiuenb äs I'Lxliss. -- L. ?. Lseanusd, Llontaiswdsrt. — Nikolaus Schleiniger, Grundzüge der Beredsamkeit. — Dr. Simon Widmann, vr. Joh. Bumüller's Lehrbuch der Weltgeschichte. — H.. XanusiiZisssr, ckuiks st Catliolignss sn Lartrieirs- HonAris. — Dr. H. Brück, Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland im 19. Jahrhundert. — Schreiben des Hochw. Herrn Nuntius Petrus Franziskus Meglia an den Hochw. Herrn Erzbischof Paulus Melchers in Köln. — Dr. G. Natzinger, Lorch und Passau (Nachtrag). Litcrarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freiburg i. Br. 22. Jabrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Freiburg im Breiszau, Hcrder'sche Verlagshandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 9: Daschean, Armenische Texte zur Apostcllehre. (Vetter.) — Schall, Die Staatsverfassnng der Juden rc. (Ad. Schulte.) — Xabsr, Liavü llosopki Opera omnia. (Arens.) — Balbus, Das Verhältniß Justins des Märtyrers zu unsern synoptischen Evangelien. (Hoberg.) — 8olrrsvel, Listoirs äu ssmiuairo äs LruFss. (PlenkcrS.) — Stöckl, Lehrbuch der Apologetik. (Schanz.) — Atzberger, Geschichte der christlichen Eschatologie. (Röeler.) — Matthias, Praktische Pädagogik für höhere Lehranstalten. (Egen.) — Ziegler, Der deutsche Student am Ende des 19. Jahrhunderts. (Orterer.) — Muß-Arnolt, Assyrisch-englisch-deutsches Handwörterbuch. (Dornstettcr.) — Llsmoirss äu gchusral (st» äs 8ainti-OInrmans. (Al. Schulte.) — Wirz, Quellen znr Schweizer Geschichte. XVI. Bd. (Ebses.) — Aus den Briefen des Grafen Prokesch von Osten. (Franz.) — Schund, Cäremoniale für Priester, Leviten nnd Ministranten rc. (Ebner.) — Hilgers, Kleines Ablaßbuch. (Pruner.) — ä'rl.älismar, Xouvells säu- cation äs la ksmms äaus iss olasses eultivsss. (Kcppler.) — Spillmann, Die Sklaven des Sultans. (Seeber.) — Thamm, Am Herdfeucr. (Seeber.) — Börsch, Wieland, der Schmied. (Seber.) — Nachrichten. — Büchertisch. Verantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 48 . 28. M. 1896. August Graf v. Platen. Zu seinem 100 jährigen Geburtstag (24. Oktober 1796 gewidmet von 2l. G. (Schluß.) Wenn wir Nückert mit seinen „Gaselen" über Platen stellen und stellen müssen, so steht Platen im Sonett obenan, sowohl was die Reinheit der Form, als die Vielseitigkeit und Tiefe des Inhalts betrifft. Martin Opitz war der erste, welcher diese Art von Dichtung in die deutsche Literatur einführte, Bürger und Schlegel haben sie vervollkommnet, auch Göthe hat sie, obwohl erst spät, gepflegt. Platen eröffnete seine Sonette mit dem Motto: „Was stets und aller Orten sich ewig jung erweist, Ist in gebiindncn Worten ein ungebnndner Geist." Und dieser „ungebundne Geist" tritt gar oft in diesen feinen Dichtungen uns entgegen, er fällt her über die geschwätzigen Krittler, über den Pöbel, den man fröhnen soll: „Weil meine Muse nicht reu wilden Trieben Der Menge stöhnt in diesen wirren Tagen. So bat sie früh gelernt dem Ruhm entsagen Und ist in ihrer Stille gern geblieben." Abstoßend wirkt auf den Leser das Selbstlob, Kit dem sich Platen bewuchert an mehreren Stellen, zum Beispiel: „Lustspiele sind und Märchen mir gelungen In einem Stil, den Keiner nberirvffen" — oder „Der ich der Ode zweiten Preis errungen." Der Inhalt dieser Lobsprüche ist einmal sehr zweifelhaft wahr, und wenn er wahr wäre, so gilt auch für den Dichter der alte Satz: Eigenlob riecht nicht gut! Sonette richtete Platen u. a. auch an Göthe, Nückert, Schlegel und an feinen Lehrer Schelling, woraus wir fol- gende,Zeilen entnehmen wollen: „Wie sah man uns an deinem Munde hangen Und lauschen Jeglichen auf seinem Sitze, Da deines Geistes ungeheure Blitze Wie Schlag aus Schlag in nnj're Seele drangen." Seine schönsten Sonette sind zusammengefaßt unter der Ueberschrift „Venedig"; dieselben sind, das ist nicht zu läugnen, tief poetisch. Kirchen und Paläste, die prächtige Natur ziehen vorüber am Auge des Lesers, nicht weniger eindringlich wird vorgeführt die entschwundene Herrlichkeit der Stadt Venedig. Die kunst- geschichtlichen Sonette nehmen unter den genannten wiederum den ersten Platz ein. Bevor wir mit dem eurriculuru vitas des Dichters fortfahren, wöge es gestattet sein, sofort an dieser Stelle noch kurz seine Oden und Hymnen zu betrachten, während wir Platen als Dramatiker dann an den Schluß setzen. Es ist hier nicht Raum gegeben zu einer Untersuchung, ob unsere Dichter die Berechtigung haben, das alte Metrum auf ihre Erzeugnisse anzuwenden; manche glaubten, nur mit letzterem gut operiren zu können, und diesen Glauben halten wir allerdings für verfehlt. Wenn früher viele Dichter sich das alte Metrum angeeignet haben, so ist dies mehr ihre Geschmaüsache gewesen, als die des lesenden Publikums im Allgemeinen, dies dürfte fast feststehen. Wenn es dem einen oder andern, so auch Platen, bei derartigen Musenkindcrn nicht darauf ankam, ob „ein Fuß zu klein war oder zu groß", so beweist dies, daß die deutsche Sprache eben sich in das „Metermaß" der lateinischen, griechischen rc. nicht einzwängen läßt oder nur mit Schmerzen, wie ein großer Fuß in einen zu kleinen Stiefel. Von den Oden Malens heben wir hervor die an „König Ludwig", worin er allerdings zeigt, daß ihm reiche Begabung für diese Strophen- gattung innewohnt; der edle König wird als begeisterter Kunstkenner und Unterstützer der ächten Kunst trefflich geschildert. Edel, freimüthig und von glühendem Patriotismus durchzogen ist die Ode an „Franz den Zweiten von Oesterreich". Er ruft darin aus: „Gib deinem Deutschland wieder ein deutsches Herz, dann wird es auch wieder frohlockend seinen alten Kaiser aufnehmen." Recht schön und edel gehalten ist auch die Ode „Florenz", nicht weniger die der „ewigen Roma" gewidmete. Die „Hymnen" unseres Dichters können wir seinen „Schwanengesang" nennen, sie gehören nämlich der letzten Periode seines jugendlichen Lebens an. Wenn Gödeke über dieselben sagt: „noch majestätischer als die Oden wüthen uns die Hymnen an, die uns große Bilder und Sprüche in einer Sprache vorführen, welche wie ein breiter prächtiger Strom an uns vorüberraufcht", wenn also Gödeke und auch andere die Hymnen als den Gipfel poetischer Vollendung bezeichnen, so ist eS doch fraglich, ob sie das wirklich sind. Es wird den Hymnen die täuschende Ähnlichkeit in der Nachbildung Pindars nachgerühmt, aber diese Nachbildung stoßt in der deutschen Sprache auf sehr große, man kann sagen auf unüberwindliche Schwierigkeiten, wie schon Horaz vor der Nach- eiferung Pindars gewarnt hat, von den deutschen Dichtern drhgleichen auch u. a. besonders Geibrl. Platens Hymnen enthalten mitunter sehr schwerfällige Metaphern, das Metrum ist oft erkünstelt, was der Dichter selbst fühlte. Damit darf nicht auf die Seite gestellt werden, daß manche Hymnen ächten poetischen Geist aushauchen, besonders diejenigen, welche der Natur, in erster Linie derjenigen Italiens gewidmet find, nicht zu vergessen diejenige auf den „Tod des Kaisers" und die im Jahre 1835 an die Bruder Frizzoni gerichtete. Schildern wir nun weiter in kurzen Zügen den oben abgebrochenen Lebcnslauf des Dichters! Im Jahre 1824 machte er eine Reise in die Schweiz und nach Venedig. Hier hielt es ihn so sehr zurück, daß er seinen Urlaub überschritt und hiefür später einige Wochen strengen Arrests in Nürnberg erhielt. In Italien war er am glücklichsten, wie er auch an Schwab schrieb: „In Italien gedenke ich mein Leben zu beschließen, und wenn ich mich dahin betteln müßte, denn nur dort hoffe ich meine Kunst zur Vollkommenheit zu bringen, wenn dieses Wort nicht ein Frevel ist. Aus der bildenden Kunst ziehe ich die größten Belehrungen." König Ludwig bewilligte Urlaub, von Cotta kam ein anständiges Honorar, und am 3. September 1826 ging's wieder von Erlangen aus nach Italien. Vor seiner Abreise nach Italien fang er: „O wohl mir, daß in ferne Regionen Ich flüchten darf, an einem fremden Strande Darf athmen unlcr gütigeren Zonen! Wo mir zerrissen sind die letzten Bande. Wo Hag und Undank edle Lücke lohnen Wie bin ich satt von meinem Vaterlands!" Zuerst weilte er in Florenz, dann in Nom, immer schaffend, immer thätig. Sein leidender Gesundheitszustand trieb ihn nach Neapel, wo es mit demselben wieder besser ging; „hier ist heilsame Luft, unwandelbarer Hinuml, ringsum ElysiuN" schrieb er au Schwab. Hier befreundete 350 «2 er sich mit August Kopisch aus BreSlau, der auch wegen seines leidenden Zustandes nach Neapel gekommen war; hier traf ihn auch die Kunde von dem Vorgehen seiner Gegner, besonders von Carl Jmmermann, und dies veranlaßte ihn zu dichterischen Gegendemonstrationen, die feinem körperlichen Zustande absolut nicht dienlich waren. Seit Ende des Jahres 1827 war Platen wieder in Nom und sollt« Anfang deS nächsten Jahres auf Veranlassung des Kronprinzen nach Berlin kommen und für das hohe Honorar von 2500 Thalern jährlich eine Zeitschrift über die Bühne herausgeben — Platen schlug den Antrag rundweg ab. Er durchzog Norditalien: „Kein Bleiben vergönnt des Geschicks Beschluß mir: Zwar freiwillig und doch ein Gezwungener muß ich, Muß dich wieder verlassen, Genua, blühende Stabil" Im Jahre 1828 wurde der Dichter durch die Gnade deS Königs Ludwig Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften, wodurch er auch eine ziemlich unabhängige Existenz erhielt, — immerhin sehr zu begrüßen, obwohl seine physischen Bedürfnisse stets geringe waren. Von 1830—1832 finden wir Platen wieder in Neapel, wo er besonders historischen Studien oblag; im letztgenannten Jahre kehrte er nach Deutschland zurück — sein Vater war gestorben — und brachte den Winter still und einsam in München zu, ging ein Jahr darauf nach Venedig zurück, worauf er 1834 wieder nach Deutschland heimkehrte, um eS noch einmal, und zwar zum letztenmal, mit Italien zu vertauschen — Juni 1834, — wo er seinen Aufenthalt nach Gebrauch von Seebädern in Florenz nahm. Obwohl er bedeutend krank war und seine Freunde ihn kaum mehr kannten, dichtete er frischer denn je, wir können sagen nulla äis8 8M6 lineu! Die Furcht vor der Cholera trieb ihn im September 1835 nach Sicilien, wo er in Palermo sechs Wochen verweilte und Seebäder nahm. Am 24. Oktober, seinem 39sten Geburtstag, ging er nach SyrakuS, um dort den Winter über zu verweilen. Am 11. November schrieb er noch einen seine Gesundheit betreffenden hoffnungsvollen Brief an die Mutter, bald aber befiel ihn starkes Fieber; aus Furcht vor der Cholera griff er zu verkehrten Mitteln, und zwar ganz freiwillig, und am 5. Dezember Nachmittags 3 Uhr beschloß er sein jugendliches Leben. Unter überaus kleiner Begleitung wurde der Fremde in der Nähe der Stadt beerdigt ohne Sang und ohne Klang. ES bleibt unb noch übrig, ein paar Worte über die dramatischen Werke des Dichters beizufügen, und nehmen wir des Raumes halber nur einige wenige heraus. Betreffend die dramatischen Werke können des Dichters eigene Worte auf ihn angewendet werden: „viel zu früh bin ich in die Zeit mit Ton und Klang getreten". In einer seiner ersten dramatischen Dichtungen, „Der gläserne Pantoffel" (einer Verschmelzung der Märchen von Aschenbrödel und Dornröschen), schloß er sich der romantischen Schule an, wurde davon aber durch die Schicksalstragödien derselben bald ganz abwendig gemacht und machte schon in seinem Lustspiel „Der Schatz des Nhampsiuit" dagegen Front. Was hier aber nur gelegentlich hervortrat, wurde zur ausgeprägten Satire in seinen zwei dem Aristophanes nachgebildeten Komödien: „Die verhängniß- volle Gabel" und „Der romantische Oedipus". Das letztgenannte Lustspiel richtet sich gegen die Romantik überhaupt, während das erste nur einen Auswuchs versähen, wie er in den sogenannten Schicksalstragödicn rchräscntirt ist, züchtiget. Maien erkennt die Gehaltlosigkeit der herrschenden Richtung und sucht nach Abhilfe; dies thut er theils durch Verspottung der Verkehrtheiten, theils durch eigene Versuche. Aber er ist, dramatisch genommen, kein eigentlich schaffender Geist, er will Neues schaffen, er will eine neue Kunstperiode hervorrufen, er wendet all' seinen großen Fleiß auf. Etwas Neues auf dramatischem Gebiet, das zugleich ein Kunstwerk, schuf Platen nicht, der eigentlich schaffende Dichtergeist fehlte ihm hier, wenn er ihn auch noch so betonte. Selbst sein Drama „Die Liga von Cambray" ist, obwohl er es selbst als das beste erklärt, in der Charakterzeichnung etwas schwach. Platen war nicht im Stande, wie Fallerslebeu sagt, einen Charakter festzuhalten und durchzuführen Mochte er deßhalb in seiner „Grabschrift" auch rühmen dürfen: „Lustspiele sind and Märchen mir gelungen In einem Stil, den Keiner übertreffen," wir und auch er haben dadurch blutwenig gewonnen. Als literarische Curiosa liest man heute noch die zwei polemischen Komödien, die andern dramatischen Stücke sind verschwunden von der Bühne des Lebens. Und dann der so sehr unerquickliche Streit, der in Folge der Komödien mit Jmmermann und andern entstand, er hat zum Ruhm des Dichters nicht beigetragen — die eigentliche Bedeutung Platens und seiner Gegner lag auf anderem Gebiete, wie oben bemerkt, weßwcgen es auch wohl nicht nothwendig ist, weitere seiner dramatischen Werke in unsere Arbeit hereinzuziehen und in das richtige Licht zu setzen. Carl Gödeke sagt u. a. über Platen und seine Werke: „Der Dichter hat sowohl in seinen jugendlichen als späteren Werken ein ernstes Studium und eine große Würde des Charakters bewahrt; seine Poesien tragen zu allen Zeiten die Spur des unverdrossenen StrebenS nach Vollendung, das Gepräge innerer Lust und Heiterkeit. Die Stufe der Bildung und des Talentes, welche der Dichter, wo er auch immer als Mensch geirrt haben mag, einnimmt, ist nicht geringer und nicht niedriger, als irgend eine, auf welcher deutsche Kraft, Würde und Ehre stehen. Die Worte, welche der Derwisch in den Abbassiden von sich spricht, wenden wir als die kürzeste Bezeichnung des Platen'schen Bildungsganges auf den Dichter an: „Thätigkeit unter MensLen Liebt' ich cbimilS; aber mein Gedanke Wuchs in nur von Jahr zu Jabr, bis endlich Dieser Schatz allein mir ganz genügte." Jakob Grimm endlich sagt über Platens Sprache: „Es hat mir bei Lesung von Platens Gedichten beständig den angenehmsten Eindruck hinterlassen, zu sehen, wie er auf Reinheit und Frische des deutschen Ausdrucks sorgsam hält. Seine Reime sind fast ohne Tadel und stechen Vortheilhaft ab von der Freiheit und Nachlässigkeit, die sich Schiller, zum Theil auch Göthe zu Schulden kommen lassen. Denn selbst diese Autoritäten dürfen ein feines Ohr nicht bestechen, es bezeichnet vielmehr die laxe metrische Ausbildung ihrer Zeit, daß sie oft fehlerhaft gereimt und scandirt haben. Niickerts Sprache ist blühender und gezierter als Platens, aber nicht so rein, auch nicht so ergreifend. Dagegen scheint mir Platen hin und wieder an das Kalte und Marmorne zu streifen. Das Schicksal hat diesem edlen Dichter nicht vergönnt, seine Poesie mit einem großen Werke, wornach er rang und strebte, zu versiegeln, das würde Licht und Glanz auf seine frühere Laufbahn zurückgeworfen haben." Der ewige Jude. (Schluß.) Eine neue Gestalt, „Petrus", tritt im Folgenden auf. In orientalischem Haremsleben erhält der Antichrist die Botschaft, daß der gefangene Papst seines Urtheils harre. Mit großen Sprüchen tritt er dem Märtyrer entgegen: „Ich brauch' das Opfer nicht, ich will Gehorsam." »Zum Frieden kam ich nickt, ich bring' das Schwert." „Und wer mir widersteht, der wird zermalmt." „Ich bin die Wahrheit; mein ist die Gewalt." Würdig des Königs ist sein Kanzler, der abtrünnige Bischof — Oorruxtio oxtirai, passiw»! — Der zweite Petrus soll den Tod des ersten sterben: „An's Kreuz mit dem Verruchten l" Als schlimmste Strafe gibt Solar den Gefangenen in die Hände des Apostaten Teitan. Als Seber dichtete, gab's noch ein Nachbild des traurigen Clerikers weniger als heute — und doch wie psychologisch ist sein Kanzler! Das Urtheil des Königs entfacht neuerdings den Grimm Ahasvers, denn er glaubt entschieden mehr Anrecht auf den Papst zu haben, den er gefangen, als der weibische Bischof. Im achten Gesänge Die Gefangenen finden wir ein Bindeglied für das Folgende. Teitan führt den vom Pöbel verhöhnten Papst auS dem Palaste, da naht sich ihm der unglückliche Bräutigam Sara's und will ihm den Dolch in's Herz bohren. Umsonst! Nach berühmten Mustern trägt der Kanzler Schuppenpanzer, und der arme Jude wird von der Menge ermordet. DaS Gedränge benützen die Kreuzritter zur Befreiung deS Papstes. Neue Wuth Ahasvers über Teitan, der die kostbare Beute verliert! Mit dem falschen Kossof an der Spitze, der ja als „Verfolgter" die Katakomben kennen lernte, stürmt er dorthin und macht kostbaren Fang: Henoch und EliaS nebst 12 Kreuzrittern. Kossof geht hiebet zu Grunde. Als Blutzeugen erblicken wir nun die Gefangenen. Der Hauptplatz Jerusalems ist die Gerichts- stätte, und Scenen, wie sie die Mariyrerakten schildern, finden statt. „Drei Tage noch", ruft erst Ellas, dann Henoch dem neuen Antiochus zu, „drei Tage noch, dann wehe dir und denen, die dir folgen." Dann werden die zwei an's Kreuz geheftet, von wo aus sie die Martern der Mitgefangenen schauen müssen. Zuletzt verheißt der König für den kommenden Tag das Fest der Tempelweihe und mit infernalem Höhne die Ehrung des sieg- gekrönten Ahasver. Das von Propheten Daniel gewcissagte Unheil erreicht seinen Höhepunkt im Greuel der Verwüstung. Ahasver lebt noch immer im Wahne, der neue Prachtbau des Tempels soll Jehovah dienen, das Reich des Messias zur Herrschaft gelangen, der Akum soll der Fußschemel des Juden werden. Mit der irrsinnigen Tochter seines Freundes findet er sich zum Feste ein, königliche Ehren für sich und sein Volk zu holen und den Kanzler in den Schatten zu stellen. Solar heißt ihn zur Rechten sitzen, dann erhebt er sich unter lautlosem Schweigen der ungezählten Menge und spricht: „ES gibt nur einen Gott, und der bin ich." Auf hohem Altare steht sein Bild in düsterer Majestät, stolz aufgerichtet, feuerüberfluthet, und unheimlich klingt es von des Bildes Lippen: „Ich bin dein Gott, du sollst vor mir allein Anbetend knie'n, mir dienen und gehorchen." Schauerliche Enttäuschung Ahasvers, des zelotischm Juden! Besinnungslos vor Zorn schreit er den König an und wirft ihm falsches Spiel vor. Solar verlacht ihn höhnisch und straft ihn, der verwünscht, dies Elend schauen zu müssen, vermöge diabolischer Macht mit Blindheit der Augen. Der Kanzler aber beugt das Knie und ruft: „Gereckt ist dein Gericht, o Herr und Gott! So mögen alle Feinde deines Namens, Und die nur halb und lau dir dienen wollen, Die volle Schale deines Zornes trinken!" Elfter Gesang: Auf Irrwegen. Niedergeschmettert ziehen die getreuen Juden von der Tempelweihe in ihre Häuser; sie sehen sich derselben Verfolgung ausgesetzt wie die Christen. Sara irrt mit dem geblendeten Greise in's Gebirge und kommt zufällig in die Nähe des Bergschlosscs, wo sie einst Teitan aufnahm. Bei dessen Anblick erwacht mit erneuter Kraft der Wahn in ihr; laut aufjubelnd springt sie vom Felsen weit in'S Leere und zerschellt in der Liefe. Der führerlose Ahasver strauchelt und klemmt den Fuß zwischen Felsen, wo er verzweifelnd und Alles verfluchend lange liegt, bis ihn Christen finden und pflegen. Im zwölften Gesänge Der Kranke erfährt dek Blinde vom Papste, der nun sein Pfleger geworden, das Schicksal der Gott getreuen Juden: sie starben als Märtyrer oder sie flohen. Voll Sterbenssehnsucht versucht Ahasver alle Mittel, die Christen zum Morde seiner Person zu reizen — vergebens! Aber eine andere Wendung tritt ein: die unerschöpfliche Feindes- und Nächstenliebe des Papstes beginnt allmählig das Eis vom Herzen des Juden zu schmelzen, es folgt Die Umkehr. Im Traumgesichte der Nacht erscheint Christus dem Ahasver und gibt ihm das Augenlicht wieder, dem Papste aber erscheint zu gleicher Zeit Elias und zeigt ihm eine Höhle im Gebirge, wo einst der Prophet die Bundeslade verborgen. Zu ihr führt Petrus den Juden, und angesichts derselben tauft er ihn. „Im Kreise kniete» um die Bundcslade Die Kreuzesritter betend, froh erregt; In vielen Augen perlten helle Zähren." Dann nahm der Papst des Aaron Stab von dem hl. Schreine und gab ihn dem Getauften: „Sich', das Reis Durchgingt ein neues Leben, Zweige sprossen, Und zarte Blätter brechen schon hervor: Jetzt steht der Stab in Blüthe, süßer Dust Erfüllt die Kammer und das Herz der Männer." Das Erdbeben. Schon am dritten Tage stehen die Kreuze mit den gemordeten Patriarchen auf dem Markte zu Jerusalem; das Fallbeil arbeitet unaufhörlich an der Tödtung der Gott getreuen Juden, und eben naht wieder eine Schaar neuer Opfer, da plötzlich grollt unheimlicher Donner aus der Tiefe. Alle Schrecken eines Erdbebens treten ein, und eine Stimme von Oben ruft den todten Patriarchen zu: „Erwacht zum Leben, ihr getreuen Zeugen, Und steigt vom Kreuz der Schmach zu mir empor. Die Stunde meiner Rache naht heran!" Ahasver fühlt nun die Stunde gekommen, wo er wirklich der Führer seiner Brüder werden soll, wo er ihre nun erweichten Herzen dem wahren Messias zuwenden kann. Auf der Suche nach den Resten seines Volkes findet er auch Teitan, sterbend im Schutts begraben. Noch einmal faßt der alte Haß den ganzen Mann, da blickt er himmelan und beginnt „aus Schutt und Trümmern Den argen Feind mit letzter Kraft zu graben." 352 Doch vergeblich! Teitan stirbt den grausigen Tod des Verdammten. Die Handlung schreitet nun rasch dem Ende entgegen. Als Paulus zeigt sich im fünfzehnten Gesänge der bekehrte AhaZver. Im Gesteine einer uralten Wasserleitung verborgen findet er seine ehemaligen Glaubensgenossen, denen er sich als Christ vorstellt und Christum predigt. Mit ihnen zieht er auf den Marktplatz, und auch hier verkündigt er der gottlosen Menge die heilige Wahrheit. Die Massen theilen sich bereits, und Rufe erschallen: Hie Christus, hie Sotsr! Da pflanzt die Kunde sich von Mund zu Munde: „Der König kommt." Auch ihm tritt der neue Apostel kühn entgegen, und um der verblendeten Menge die Augen zu öffnen, fordert er vom Messias die Probe, gleich den zwei Gekreuzigten zum Himmel emporzusteigen. Sotär nimmt an; es kommt Das Gericht. Auf der Höhe des Oelberges thront der König in düstrer Majestät, umgeben von den Großen seines Reiches, in seiner Hand das goldgetriebene Scepter, ein dreifach Diadem auf seinem Haupt. Anbetend wirft der Großvezier sich nieder, aus goldnem Becken steigt der Duft des Weihrauchs! Unabsehbar um Sotsrs grünes Banner gesammelt dehnen sich zu seiner Linken die Schaaren, die seinen Namen auf der Stirne tragen. Zu seiner Rechten harrt in Angst und Zweifel um Ahasver gedrängt das Volk der Juden und hoffnungsfroh um's Kreuz geschaart das kleine Häuflein Christen. „Da hüllt der Berg sich ein in Qualm und Rauch .. i; Und sichtbar hebt Sctsr In Kraft des Dämons, der sein Herz besitzt, Vor aller Augen langsam sich zum Himmel." Der König siegt, ein Jubelschrei der Seinen antwortet, die Juden sind verwirrt, aber vertrauend hebt das Auge der Christen sich zum Kreuze und betet in heißem Flehen zu Gott. Mit ihnen betet Ahasver, ein zweiter Moses, die Hände hebend. Da kommt das Gericht Gottes — in grandiosen Strichen gemalt! Sotar stürzt und findet das Ende TeitanS, und mit ihm all die Seinen. Friede nennt sich der letzte Gesang. Wie ein Regenbogen nach dem Sturme lächelt er milde und tröstend und bringt uns Friedensbilder von apokalyptischer Schönheit. Vom Tempelberge leuchtet das Kreuz, die Buudcslade steht als Hochaltar der Erde und vor ihm der Papst, der das hl. Opfer feiert. Eine unsagbar erhabene Feier! Das Herz voll Seligkeit kniet auch AhaSver, das Haupt gesenkt, zum Fuße des Kreuzes! Der Papst segnet die Gemeinde, und Alle erheben sich, nur nicht Ahasver, der Alte. „Sein Herz ist still, der müde Pilger schläft, Und sel'gcr Friede ruht auf seinem Antlitz." — So schließt das Epos vom ewigen Juden. Wir haben hier nur auf die markantesten Vorzüge des Gedichtes aufmerksam gemacht, dürfen aber die Feder nicht niederlegen, ohne zu erwähnen die prächtigen Naturbilder, die Seber bietet. Fast jeder Gesang wird mit einem derartigen höchst originellen Kabinetsstücke eröffnet. Mit Fug und Recht glauben wir der Dichtung noch viele Auflagen prophezeien zu dürfen, denn sie ist eine von jenen, nach welchen man immer gerne wieder greift. Die glückliche Wahl des Sujets und die tiefe, noch glücklichere Auffassung desselben sichern dem Werke, dessen Ladenpreis nur 2 Mark beträgt, für lange Zeiten mehr als einen Achtungserfolg. Die kirchliche Union in England hat jetzt, wo der Papst die anglikanischen Weihen neuerdings für ungültig erklärte, nach der Seite der Gesammtheit selbstverständlich nicht mehr diejenigen Aussichten, von denen bis vor kurzem viele Anglicaner selbst nicht ungern sprachen. Diese Anglicaner haben sich in eine falsche Sicherheit gewiegt, indem sie einem übertriebenen Optimismus huldigten, und heute wollen sie nicht diesem, sondern dem HI. Stuhl die Schuld an ihrer Enttäuschung aufbürden. Selbst ein Organ, wie der Guardian, der Wortführer der sogenannten Sacer- dotal-Partet, die, wie schon ihr Name besagt, ein ganz besonders hohes Gewicht auf die „Kontinuität" der anglikanischen Weihen auch nach der Reformation legt, fällt aus der früher von ihm beobachteten sympathischen Rolle und gibt mit schlecht verhehlter Bitterkeit seinen Gefühlen Ausdruck. Das Blatt gibt wohl zu, daß eine ehrliche Anstrengung gemacht worden sei, bessere Beziehungen zwischen den beiden Kirchen herzustellen; wenn nun aber das Scheitern dieser Bemühungen Anlaß zu aufrichtigem Bedauern gebe, so ist das Blatt doch überzeugt, daß man auf seiner Seite in jeder Beziehung Recht habe, dankbar dafür zu sein, daß eben dieses Scheitern nicht von Angehörigen seiner Partei veranlaßt worden. „Unser Gewissen ist rein, und wir können das Endergebniß ruhigen Blutes ansehen." Das „sacerdotale" Blatt bezeichnet dann die päpstliche Entscheidung als ein Unrecht und gibt seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß die päpstliche Bulle wahrscheinlich eine von „ihren Urhebern" kaum vorausgesehene Wirkung haben werde, nämlich die, daß sie ein Band festern und aufrichtigern Zusammenhaltens zwischen den einzelnen Gliedern der Kirche herstelle, deren geistliche Diener die Bulle in ihrem Werthe herabsetze! Eine solche Erklärung ist eine offenkundige Unfreundlichkeit, die Proklamation des selbstgerechten Beharrens auf sich selbst und die Umkehr von der bisher betretenen Bahn des Entgegenkommens. Man darf aber wohl erwarten, daß diese Bahn bald wieder aufgesucht wird, wenn der Augenblick des ersten Affects vorüber ist, denn ein so lebhaftes Herzensbedürfniß nach Einigung, wie es so lange in der Sacerdotal-Partei bestand, läßt sich nun doch nicht so einfach vergewaltigen. Vom zielbewußten protestantischen Standpunkte aus behandelt das Blatt Rock die päpstliche Entscheidung. Dasselbe ist mit dem Papste völlig einig in der Sache, denn es hat unentwegt daran festgehalten, daß in der Reformation die Behörden der „Kirche Englands" über- legtester und entscheidender Weise mit Rom gebrochen, seine Lehre über Priesterthum und Episkopat verworfen und deßhalb auch nicht im entferntesten die Absicht gehabt, bei der Weihe das 8g,L6iclotiuru zu verleihen. Das ist selbstredend nicht die Auffassung der Church Times, des Hauptkirchenblatts der anglikanischen Hochkirche. Dieses hält nach wie vor an der Gültigkeit der anglikanischen Weihen fest und möchte auch heute noch (nachdem doch der Papst gesprochen) behaupten, daß viele katholische Geistliche dasselbe thäten, ein Verfahren, das sich nicht rechtfertigen läßt, aber doch auch eine gewisse erfreuliche Seite hat, indem es zeigt, welchen Werth man nach wie vor thatsächlich auf dieser Seite auf katholisches Urtheil legt. Ausdrücklich eingestehen mag man das ja nicht. Die Sacerdotal-Partei wird nach der Church Times jetzt einsehen, daß ihr Platz pflichtmüßig in der Kirche Englands sei. Die päpstliche Entscheidung werde Alois Probst. 353 nur Schaden thun, jedoch nicht der Kirche Englands, , sondern der Kirche Roms und der Sache der Wieder- ; Vereinigung. Und nun wendet die Church Times sich von der katholischen Kirche ab: wie der Apostel Paulus sich von den unfreundlichen Juden zu den Heiden wandte, will sie zu den orthodoxen Russen gehen — eine Drohung, an welcher mehr daS Gemüth als der Verstand Antheil hat. Denn ob man bei Pobedonoszeff in der Weihen- Angelegenheit jenes gewünschte Entgegenkommen finden, ob man überhaupt in England eine solche Annäherung populär machen könnte, ist sehr fraglich — ganz abgesehen von den gegenwärtigen Zeitläuften, wo England und Rußland möglichst scharfe politische Gegensätze darstellen und der Versuch einer Annäherung der beiden Staaiskirchen in ein gar schiefes Licht kommen müßte. Indem daS Daily Chroniclc behauptet, die letzte und endgültige Entscheidung des Papstes gebe nicht eigentlich die ursprüngliche Meinung Leo's XIII. wieder, sondern zeige, daß der Papst der Ansicht des englischen und irischen römisch-katholischen Klerus sich angeschlossen, so gibt das Blatt damit der Angelegenheit eine falsche, bedenkliche Beleuchtung. Schon früher ist von nichtkatholischer Seite gesagt worden, daß der englisch-irische Klerus in der Entscheidung einen „Triumph" sehe; ebenso unrichtig und unbedacht dazu — wie eS auf protestantischer Seite wohl berechnet war — bringen französische katholische Blätter eine sogenannte römische Correspondenz — dieselbe ist in der Kölnischen Volkszeitung schon hie und da charakterisirt worden —, in welcher die Behauptung ausgesprochen wird, der katholische Episkopat und die katholische Meinung Englands hätt« die päpstliche Entscheidung mit „tiefer Begeisterung" aufgenommen. Letztere wäre gax nicht am Platze gewesen und hätte, wenn sie überhaupt Thatsache gewesen, vor allem auf der soeben stattgehabten Jahres - Versammlung der katholischen Wahr- Hetts-Gesellschaft zu Hanley hervortreten müssen. Dort aber war man von Siegesgefühl weit entfernt und bekundete nur Mitgefühl, wie es auch die unvermeidliche Lage erheischt. Cardinal Vaughan behandelte auf genannter Versammlung die Weihenfrage und die päpstliche Entscheidung und brachte letztere durch Mittheilung eines hochinteressanten, neuen päpstlichen Documents unter einen neuen, bei den Herzenseigenschaften Leo's XIII. aber nicht ganz unerwarteten Gesichtspunkt. Der Cardinal ging aus von vier Haupteinwürfen, die von anglikanischer Seite gegen die Aufforderung Leo's XIII. zum Wiederanschluß an die katholische Kirche geltend gemacht werden. Sie wenden sich gegen die Suprematie des Papstes in der Kirche, welche die Anglicaner aus der Ausdehnung der bürgerlichen und zeitlichen Gewalt, welche die Päpste im kaiserlichen Rom erlangten, herleiten wollen. Diese Suprematie macht die in den Augen der Anglicaner hochwichtige „Entwickelungstheorie" unmöglich, die aber selbstverständlich auf dem Offenbarungsgebiete keine Geltung haben kann und darf, während der natürliche Fortschritt der Zeit allerdings eine naturgemäße Ausdehnung und Entwickelung der päpstlichen Suprematie in der Welt zur Folge haben mußte. Seltsam muihet an, den freiheitlichen Jnstinct der Engländer in einen Gegensatz zu der angeblich despotischen und willkürlichen Gewalt des Papstes, wie sie die Encyklica Lutis coAuiturn darstelle, gebracht zu sehen. Damit hängt denn auch der vierte Einwarf zusammen, daß man seine Seele keiner weltlichen Gewalt unterstellen solle, was unter dem Gesichtspunkte der Entstehung der englischen Reformation eine grausame Selbstverhöhnung in aller Form ist. Zur Weihenfrage selbst übergehend, erinnert Cardinal Vaughan daran, „einige unserer anglikanischen Freunde" hätten gesagt, ihnen so die apostolische Nachfolge und Gültigkeit der Weihen absprechen, heiße, soweit sie in Betracht kämen, der Einigung der Christenheit die Thüre verschließen. Der Cardinal schreibt solche Klage der augenblicklichen Erregung und Enttäuschung zu und betont, daß die Weihenfrage für die Wiedervereinigung gar keine Rolle spielen könne, wie daS ähnlich schon früher die Catholie Times ausgeführt hatte, indem sie die Frage als nebensächlich im Vergleich zu der Anerkennung der dem Papste in der Kirche zukommenden Stellung bezeichnete. Mit aller Einfachheit und Schärfe des Gedankens legt Cardinal Vaughan dann den unabhängigen Angli- canern die Entscheidung nahe, ob sie jetzt noch Vertrauen in ein sakramentales System setzen können, welches von der katholischen Kirche als nicht vorhanden bezeichnet worden, Vertrauen in die angebliche Transsubstantiation, in die Vergebung der Sünden durch die Beichte, welche in Wirklichkeit nicht existiren. Wie die absprechende päpstliche Entscheidung ein besonderes Gewicht erhält durch die aller Welt bekannte väterlich freundliche Gesinnung Leo's XIII. für alle Christen, katholische und nichtkaiholische, ist schon hervorgehoben worden. Ein neues, oben angedeutetes, päpstliches Document gibt erneute Kunde von dieser Gesinnung. Das Schreiben Leo's XIII. an Cardinal Vaughan — denn um ein solches handelt es sich — faßt die anglikanische Conversions-Frnge vom praktischen Standpunkte aus an und umgeht gleichzeitig in einfachster Weise die Gefahr des Vorwurfes von Proselytenmacherei, mit dem man ja auf protestantischer Seite nicht hinter dem Berge halten wird. Leo XIII. weist in seine« Schreiben auf die bedrängte Lage hin, in welche zur katholischen Kirche übergetretene anglikanische Clergymen oft gerathen. Nach ihrem Uebertritt gerathen sie vielfach unmittelbar in'S Elend, da sie für sich und ihre oft große Familie keiner Unterhalt finden. „Durch Geburt, Erziehung und Lebens weise sind sie auf solch' ungeheure Opfer nicht vorbereitet und wenn diese Entbehrungen sich noch zu dem Schmer gebrochener Freundschaften und gesellschaftlicher Ausstoßung gesellen, so braucht man nicht überrascht zu sein, wenn einzelne ihren Muth schwinden fühlen." Ein Uebertritt unter solch' drohenden Umständen wird vom Papste als ein Act deS Heroismus bezeichnet, vor dem Leute mit geringerer sittlicher Kraft zurückschrecken können bis zv einem Augenblick, wo es zu spät ist. Um nun denen, die den ernsten Schritt gethan oder zu thun gedenken, zu Hülfe zu kommen, macht Leo XIII. den englischen Bischöfen einen Vorschlag, der sich auf die glückliche Thatsache stützt, daß es unter den englischen Katholiken viele mit irdischen Gütern gesegnete und freigebige Männer und Frauen gibt; aber der Papst sagt ausdrücklich: „Unsere Absicht ist nicht, ihnen (den Con- vertiten) eine höhere oder auch nur gleiche Stellung wie die aufgegebene zu verschaffen, sie würden noch Entbehrungen auf sich zu nehmen haben." Aber wenigstens sollen die Betreffenden nach dem Wunsche des Papstes für die ersten Jahre der dringendsten Noth enthoben fein, bis es ihnen gelingt, sich selbstständig auf anständige Weise durchzuschlagen. Die englischen Bischöfe sind auf diese Anregung des 354 Papstes sofort eingegangen und haben zu ihrer Verwirklichung die nöthigen Maßregeln getroffen. Es wird sich in absehbarer Zeit ja auch nur um den Ueber- tritt Einzelner handeln; den Uebcrtritt in Massen bezeichnet Cardinal Vanghan selbst als „Traum". Denen, die von einer Propaganda überhaupt nichts wissen wollen und fragen, warum die Bischöfe sich nicht auf ihre Schäf- lein beschränken, antwortet Cardinal Vanghan mit dem den Kölner Katholiken wohlbekannten Worte: caritas vsi rir§6t no8, und fugt mit englischer Deutlichkeit hinzu: „Wir werden nicht ermüden, so lange es sich darum handelt, dem englischen Volke sein kostbares Erb- thcil zu sichern, das Erbthcil, um das es betrogen worden ist durch die Begehrlichkeit und den Ehrgeiz der Fürsten, die knechtische Gesinnung und Habsucht des Adels, und die Schwäche der Bischöfe jener Zeit." (Köln. Volksztg.) Rede des Herrn Pfarrers A. Schwarz in OttenLnch (Württemberg) gehalten aus dem Ersten JntcruationalenAutisreimaurer-Congreß in Triezn am 28. Sept. 1896. (Fortsetzung.) Aber das Humanitätsprincip der Loge hat folgenrthwcndig noch eine andere Seite. Es schließt nicht nur die Läugnung deS Christenthums und alles Ucbernatürlichen und in seinen Consequcnzen cincS persönlichen Gottes in sich, sondern folgerichtig auch die Läugnung deS Auctoritätspriucipes d. h. einer von Gott gesetzten und Gott verantwortlichen obrigkeitlichen Gewalt. Diese Läugnung des AucwritätspriucipeS versteht und ergibt sich aus dem freüuaurcriichen Humanitätsprincip von selbst. Denn, wird der persönliche Gott gcläugnct und der Mensch, das Reimncnschliche zum Göttlichen, zum Höchsten erhoben, dann ist auch nicht mebr Gott die Quelle und Richtschnur aller Gewalt und alles Rechtes, sondern der Mensch. Dann ist jede menschliche Gewalt losgelöst von einer Verantwortung gegen Gott und die obrigkeitliche Gewalt nur noch Organ deS menschlichen Willeno. des VolkswillcnS, der sich keinem Höheren, sondern nur sich selbst noch verantwortlich fühlt. L>o wird der Mensch sein eigener, höchster Herr. Damit ist aber der persönlichen Willkür, der völligen Anarchie in Familie und Staat Thür und Thor geöffnet. Die heutige Zeit, die für solche Lehren, für die Verwerfung der Auctorität, nur zu febr empfänglich ist, beweist das unheimlich. Aus dieser Bekämpfung deS Auctoritätspriucipes machen conscguent und offen denkende Freimaurer kein Geheimniß. Findel sagt mit Fontaues: „Jeder Freimaurer, der nicht mit geistiger Blindheit geschlagen ist, wird aus den fortgesetzten Angriffen auf unseren Bund und seine Einrichtungen unschwer herausfinden, worauf unsere ernste und ausdauernde Arbeit gerichtet sein muß, nlämlich auf die Zertrümmerung des kirchlichen Auctoritätspriucipes, wie es sich in der Erziehung und Schulung unseres Volkes zur Stunde noch geltend macht." (Finde!, Die moderne Weltanschauung und die Freimaurerei S. 150) Die „Bauhütte", das deutsche Frcimaurcrorgan, 1885 S. 138 schreibt: „Das Ende einer jeden Auctorität ist eben immer klerikal, da diese sich gar so leicht und gar so gern selbst als die Stellvertretung einer allerhöchsten Auctorität darstellt. (Hoffentlich.) Jeder Autoritätsglauben führt unausweichlich zum Klerikalen und unzertrennlich davon zum Ueber- sinnlicheu und Mystischen, zum Unwahren (II)." Diese Sätze sind so deutlich und bezeichnend, daß es fast überflüssig ist, der in ihren Aeußerungen viel zahmeren und vorsichtigeren deutschen Freimaurerei gegenüber noch diesbezügliche Enthüllungen der rücksichtsloser und radikaler redenden außerdcutschen Schurzfell- brüder anzuführen. Wir wollen aber zum Zweck der gründlicheren „Beleuchtung" des so vielgepriesenen Logeubuudes, dieser „L-tützc der Autorität" (I), doch noch dem italienischen Großmeister Pirro Aporti das Wort leihen. Der sprach in einer Rede zu Mailand 1886 (ctr. Hildebrand Gerber Die Freimaurerei S. 37 2. Anst.): „Die alte Gesellschaft hatte folgende Angeln, in denen sie sich drehte: Alta»- und Thron, Feudalität und väterliche Gewalt, und alle diese ihre Grundlagen faßten sich zusammen im AuctoritätSprincip. Mit einem Worte: mau diScutirte nickt, man gehorchte. Und dies ließ sich bei dem in knechtischem Sinne erhaltenen verdummten Volke, mit Hilfe einiger Prediger und einiger drohender Gendarmen, die man ihnen an die Seite gab, leicht erreichen. Die neueren wissenschaftlichen Erfindungen, von der Buckdruckerknnst bis auf das elektrische Lichts!!), haben diese Grundlagen erschüttert» wenn nicht gar zum Einsturz gekrackt. An Stelle des Ge- horchens ist man jetzt überall bestrebt, das selbstständige Denken zu setzen. „Entmannung" — das ist die einzige zutreffende Bezeichnung für die religiöse Erziehung, welche die männliche Kraft deS Denkens verkümmert und unterdrückt, um an deren Vlah die Eunuchenfäbigkcit deS Glaubens auszubilden. Diese fluchwürdige Kastriruug (Entmannung) des menschlichen Denkvermögens ist in der That, wenn nickt der Endzweck, so sicher, um wenig zu sagen, das nothwendige Ergebniß aller (kirchlich) organisirten Religionen. Letzteren die Erziehung des Menschen anvertrauen, kommt auf dasselbe hinaus, als ihr das entscheidendste Mittel in die Hand zu geben, um zu bewirken, daß der Mensch nicht denken lernt, um ihn zum Kadavergehorsam zu bringen." Pirro Aporti empfiehlt am Schlüsse feiner Rede als Haupt- Mittel, um das AuctoritätSprincip zu Fall zu bringen, die Verweltlichnng der Erziehung: „Gebet euren Kindern eine gründliche, kühne, bürgerliche, eine weltliche Erziehung. . . . Erziehet andere und erziehet euch selbst: das muß unser Schlachtruf gegen den KlcrikaliSmus sein." Wer diese Enthüllungen über die Stellung der Loge zur Auctorität vernommen, dem legt sich unwillkürlich die Frage nahe: Wie stellt sich aber die Löge — bei solcher Haltung gegenüber dem AuctoritätSprincip — zum Königthum, zur Monarchie? Die Antwort hierauf ist schon indirect enthalten in dem Bekenntniß der Freimaurerei zum HumauitätS- princip. Dieses fuhrt nämlich — folgerichtig durchgeführt — mit Nothwendigkeit zur Beseitigung der Monarchie und zur Einführung der Republik. Denn wenn man auf Grund vcr „Humanität" das Neinmenschliche zum Quellpunkt aller Gewalt und alles Rechtes macht, und wenn man damit jede, von Gott auf Menschen stellveriretenv übertragene Gewalt verwirft, für deren rechte und gerechte Ausübung der Mensch Gott Verantwortung schuldet, dann sind alle Menschen hinsichtlich ihrer politischen und bürgerlichen Stellung gleichberechtigt, soweit nicht hervorragende persönliche Beschaffenheit oder der Wille aller» der Volkswille, es anders bestimmt. Mit diesem Aufhören der Standes- und Nanguntersckiede aber fehlt dann vor allem dem Königthum von GoiteS Gnaden der Existenzgrund, und die Devise der französiscke» Revolution wird auch fotgenothwendig die Devise der Loge, wie es auch thatsächlich und erwciöbar der Fall ist. Nachstehende, hochbedeutsame Grundsätze, welche der wiederholt citirte Freimaurer Findel in folgenden, Antonio Franchi entlehnten Worten ausspricht, bekunden das sehr deutlich: „Es waren die Ideen der Freiheit und Gerechtigkeit, der Gleichheit und Brüderlichkeit, der Association und Solidarität unter allen Menschen, Ideen, welche in der That nach einem veredelten Volksbewußtsein zielten,... Ideen, deren Folge die Achtung der Menschenwürde . . . deren Schlußstein die Menschcnrcchte waren. Diese Gefühle und Grundsätze treu zu bewahren, sie zu verbreiten, sie von Geschlecht zu Geschleckt, von Land zu Land zu überliefern in Gestalt eines religiösen Cultus und Symbolismus, das war die Mission der Maurerei, die sie in dieser Periode erfüllt hat. . . Sie waren das Wort, und dieses ist in der französischen Revolution zu Fleisch geworden, und durch diese sind die maurerischeu Grundsätze das Bewußtsein der gebildeten Völker und daS Glauben sbekenntuiß jedes freien Menschen geworden." (Geschickte der Freimaurerei I. S. 159.) In seinem Ducke: Grundsätze der Freimaurerei S. 139 schreibt derselbe Finde! trotz aller sonst von deutschen Maurern beobachteten Zurückhaltung: „Auch hat noch niemand gesagt, daß der Cultus des Humanen im Geheimniß der Loge in keiner Weise gegen bestehende kirchliche und politische Verhältnisse gerichtet sei. ... So lange die Menschheit ihre Bestimmung noch nicht erreicht hat und nicht eine Hcerde unter einem Hirten (freimaurerische Universalrcpublik!) ist, muß die Freimaurerei mit innerer Nothwendigkeit gegen alles W esenswidrige (in ihrem Sinne natürlich verstanden), Unvernünftige, Schlechte, Unfreie und Unharmonische reagiren." Wie sehr überhaupt die Republik, näherbin Weltrepublik, das Ideal und Ziel der Loge ist. dem sie unverdrossen zusteuert, das beweisen die zahlreichen, unzweideutigsten Aussprüche der verschiedensten, angesehenen Freimaurer. hDieselben 355 sind gesammelt i» der Broschüre: Freimaurerei und Socialdemokratie, Süddeutsche Verlagshandlung fD. OckS), Stuttgart, Seite 99 —128.) Daß mit diesen republikanischen und socialistischen Ideen der Loge daS Königthum, die Monarchie, sich nicht mehr vereinigen läßt, ist naturnothwendigc Folge. Offene Freimaurer, welche die Maske der Eeheimthuerei längst abgeworfen, bekennen das so unumwunden, daß man aus dem Staunen nicht herauskommt, wenn man sehen muß, wie es Träger von Königskronen gibt, welche nach solchen Geständnissen der Loge noch ihre Sympathien bekunden. Geschieht das, weil den Herrschern systematisch alles verborgen gehalten wird, was ihnen die wahren Ziele der Loge zur Kenntniß brächte, oder geschieht es bereits aus Furcht vor dem alles beherrschenden, bis in die höchsten Regionen durchgesickertcn und Einfluß übenden Geiste der Loge? Doch hören wir diese anti- inouarchuchen, köuigsthumfcindlichen Geständnisse der Bruder im Schurzfell. Der bayerische Gesandte von Olry, längere Zeit Mitglied der Berncr Loge, sagt in seiner Selbstbiographie: „Die Logen bilden einen geheimen Staat im Staate, bestimmt, die Regierungen entweder zu beherrschen oder zu untergraben und durch Logenmitgliedcr zu ersetzen." — Der Großsecretär der österreichischen Großloge, Uuiversitätsprofessor Zllois Hoffmann, äußert sich in seiner „Aktcumäßigen Darstellung rc.": „Der Zweck des Freimaurcrbundes ist die Verwerfung aller Religion und Entthronung aller Monarchen." — Der von Freimaurern redigirte „Sieclc" mackt bei Betrachtung der gewaltsamen Hiuwcguahme Roms anno 1871 folgendes weittragende Gesländniß: „Weil in einer nahen oder fernen Zukunft alle Throne stürzen müssen, so muß in der pro- videutiellen Ordnung, wie unsere Gegner sagen würden, zuerst die Stütze für die übrigen Throne verschwinden. Darum rüttelt die. italienische Monarchie den hl. Stuhl um, auf welchem die übrigen Throne aufgerichtet sind. . . . Dieser Thron muß also unwiderruflich fallen, damit um die Reihe alle anderen fallen können, damit das System der vereinigten Staaten Europas unter republikanischer Fahne dem alten und abgelebten monarchischen Systeme folgen könne." Das höchst bedeutsame Memorandum des ehemaligen preußischen Ministers v. Haugwitz, gewesenen Provinzialgroßmcistcrs der Loge, an den Monarchcucougreß in Verona, dessen Enthüllungen die Kaiser Franz von Oesterreich und Nikolaus von Rußland gegen die Freimaurerei sebr bcdcnküch machten, sei bloß angezogen und noch bemerkt, daß es gerade die Nevolutions- pläne der Loge waren, welche den Minister zum AuStritt aus derselben bewogen. Dieses Memorandum eines preußischen Münsters und FrennanrcrS — dieses ernste: ab nnno roges intellig'ito, dürften die Herrscher und Fürsten der Erde sich immer wieder vor die Seele führen, namentlich in einer Zeit, welche um die Tbrouc so unheimlich mit Dynamitbomben spielt und gegen Regenten den verbrecherischen Mordstahl schleift. Da ist es wohl von Interesse, die neueste Aeußerung des ehemaligen sranzösischcn Gesandten beim hl. Stuhle, Marquis de Gabriac. zu vernehmen, die er jüngst im „Eorresponvent" gethan bat anläßlich der Worte, die Papst Leo XIII. unlängst über die Freimaurerei an die Fürsten und Völker richtete. Sie lauten: „Die strengen Worte Leo'S XIII. werden gerechtfertigt durch die täglichen Ereignisse. Ob die Freimaurerei wirklich die Mutter derAnarckie ist, daraufkommt es wenig an: aus jeden Fall aber in die Ver w andts chaft sebr nahe n n d n n l ä u g- bar. Die nämlichen Grundsätze, nur etwas verheimlicht unter einer weniger brutalen Form, wcrvcn nothwendigerwcisc die Völker zu den nämlichen Conscquenzcn führen. Die besten und mit der größten Bebarrlickkeit angewandten Gesetze zum Schutze der allgemeinen Sicherheit können auf die Dauer nichts ausrichten gegen die verrückte» Lehren dieser beiden Sekten, die auf den nämlichen nur allzu bekannten Satz hinauslaufen: „Weder Gott »och Meister!"" („Teutsche Reicks- zeitung", August 1894.) Fügen wir noch nachstehende, geradezu unheimliche Frci- maurcrbekenntnissc an: „Die Republik steh: über allen Königskronen, über allen Verfassungen; sie ist das Gesetz der Gesetze" (vbaino (I'union 1886 p. 107), und: „Ein wahrer Freimaurer kann nicht Monarchist sein; Freimaurer undMonarchi st sind ; ivci mit einander unverträgliche Dinge" (ÜIs- moramlnm du 8»pr. tloiw. clo kranee Nr. 97, 1887, okr. Hilv. Gerber: Die Freimaurerei p. 83). Sage man nicht: Ja das sind eben Aeußerungen der viel radic.stercn Freimaurer Italiens und Frankreichs, mit welchen die Deutschen in keiner näheren Beziehung stehen. Dem ist aber ganz entschieden entgegenzuhalten einmal, daß, wie gleich anfangs nachgewiesen wurde, die Freimaurerei ein ausgesprochener Welt- und Mcnschheitsbund ist, so daß eS schon in seinem Wesen liegt, die ganze Menschheit in seine „Brudcrkette" zu schließen, mit seinem Geiste zu erfüllen. Obwohl sodann die deutsche Freimaurerei — selbst in ihren eingewcihtcrcn Mitgliedern — aus naheliegenden Gründen einer viel größeren Zurückhaltung und viel größeren Mäßigung in ihren Ausdrücken sich befleißt, als die radicalen, revolutionären französischen, italienischen und belgischen Freimaurerbelden, so kann nicht gcläugnet werden, daß die deutsche Freimaurerei im Großen und Ganzen keinen wesentlich andern Geist hat, als die Freimaurerei eben- genannter Länder. Daö beweisen unläugbar und deutlich genug die fortdauernden, oft dickfreundschaftlicken Beziehungen zu denselben. So haben z. B. die drei großen Berliner Großlogen den Freimaurer-Großmeister und Revolutionär Lemmi zu ihrem FreundsckaftSbürgen beim Großoricnt in Rom erwählt, wohlverstanden jenen Lemmi, der sich selber rühmt, ein begeisterter „Nachahmer und Schüler Mazzini's und Garibaldi's, Gefährte und Freund der wenigen Theilnehmer an unseren großen Revolutionen" zu sein. Meine Herren, wenn ein solches Frenndschaftsverhältniß mit einem ausländischen Revolutionär ein katholischer Priester oder gar Ordenömann einginge, nicht wahr—welch einen Zeitungssturm, einen ZeitungSoikan würde das nicht entfesseln und welche Vorwürfe über Vaterlandsfeindschaft unserer Kirche würde es da nicht hageldicht regnen. Weil es aber Brüder im Schurzfell gethan, war's recht und gut und schwieg man darüber in eisigem Schweigen. Derselbe Großmeister und Revolutionär Lemmi schrieb, laut dem italienischen hochofficiellen Frcimaurerorgan „Nivista Massoneria", am 3. Mai 1889 an den Großorient von Frankreich: Die italienischen Freimaurer fordern, indem sie die Feier der französischen Revolution mit der Brunoseier verbinden, die französischen Brüder auf, alles Mißtrauen und alle Eifersucht aufzugeben, auf daß beide Völker nach Auötilgung jeder Spur politischen und religiösen Despotismus auf den Trümmern der alten Welt die ersehnte Aera der Brüderlichkeit, der Gleichheit, der Wissenschaft, der Freiheit und des Friedens vorbereiten und beschleunigen mögen." Bei diesem Giordauo Bruno-Fest mit seinem ausgeprägt ckristenfeindlichen und revolutionären Charakter war aber, wie Großmeister vr. Settegast in der Bauhütte 1889 mit Stolz hervorhob, die deutsche Freimaurerei ebenfalls vertreten. Endlich hat man noch nie von einem Protest, der schon aus Patriotismus bückst angezeigt gewesen wäre, also man hat noch nie von einem Protest deutscher Großlogen gelesen gegen die geradezu hochrevolutionären Bestrebungen des italienischen Großorients oder gar von einem Abbruch der Freundschaftsbeziehungen zu demselben in Folge dieser revolutionären Tendenzen. Hochanfchnliche Versammlung! Man wollte die deutschen Katholiken schon wiederholt als Feinde des Dreibundes hinstellen. Es wäre viel besser, anstatt dieser Unwahrheit daran zu denken, daß die italienische Freimaurerei eine geborene Feindin des Dreibundes ist, welch letzteren sie als unnatürliche Bastardallianz bezeichnet, an dessen stelle sie — ich citire wörtlich — „eine hl. Allianz freier Völker erstrebt, welche den drei Despoten im Norden (wie sich das officiclle schon citirte italienische Logcn- organ ausdrückt) das Gesetz der Freiheit und des Fortschritts zu dictircn bätte." Und mit einer solchen revolutionären Freimaurerei unterhalten deutsche Logen frenndschastliche Beziehungen und gelten dennoch als die Träger und Förderer der Ordnung und des monarchischen Gedankens und gcriren sich noch als solche. Nickt wenige Freimaurer der gewöhnlichen Art und der niederen Grabe werden biegegen Protest erbeben und mit gutem Gewissen versichern, von alledcm sei ihnen nichts bekannt. Aber gerade dieser ihr Protest bestätigt eben nur, daß sie vom eingeweihten Freimaurcrthum und dessen eigentlichem Geist und Wesen so gut wie nichts wissen und zu den Eß-, Spiel- und Formsrcimaurcrn gehören und die NaSgcsübrten sind, von denen selbst die Frcimaurerzeitung „Bauhütte" klagt und spottet, daß eS in Deutschland zwar viele „Logenbrüder", aber nur wenige wahre „Freimaurer" gebe. Die „Eß-, Spiel- und Form-Freimaurer" bilden, sagt dasselbe Logenblait, die große Mehrbeit („Bauhütte" 1991). Unter 3000 Suchenden seien keine 200 rechte Leute („Bauhütte" 1880). Diesen Vorwarf, für den wir der „Bauhütte" sehr dankbar sind, sollen sich jene Maurer zu Herzen nehmen, welche, vom wahren Wesen der Loge nichts wissend, gleich Zeter und Mcrdio schreien und mit „Verleumdung" um sich werfen, wenn an der Hand von Bekenntnissen eingeweihter Freimaurer die christenfcindlichen und staatSgefährlieben Tendenzen der höheren Logcngrade anö Tageslicht gebracht werden. Solchen muß man als den Mitgliedern der nicecreu (blauen) Freimaurerei (drei ersten Grade) immer wieder vor die Leele führen, was der Bruder der Loche,rade, der Amerikaner Pike, über die Freimaurerei des englischen Ritus sagt: „Die blaue Freimaurerei ist absolut lade und inhaltslos. . . . Die wirklich Eingeweihten können über solche Nassührung der (blauen Freimaurer-) Masse nur lächeln" (ekr. Gerber). (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Soeben beginnt bei I. Schweißer (Jos. Eichbichlcr) in München zu erscheinen: „Handbuch für die rechtsrheinischen bayerischen Gemeindebehörden und Gemeindcbürgcr von Rechtsanwalt Carl Pohl, rechtökund. Bürgermeister a. D. in München." Ein Fachmann, welche? Gelegenheit hatte, von dem Werke in seiner Entstehung nähere Einsicht zu nehmen, schreibt uns: Endlich einmal ein Hand- und Nachschlagcbuch für alle Fragen des bayer. Verfassungö- und VerwaltungSrechteS, welches sich weder in eine für die Praxis unbeherrschbare Breite verliert, noch auf bloßen CitatenhinweiS beschränkt. Das Pohl'sche Werk wird nicht bloß den Gemeindebehörden und Gcmeindcbürgern, sondern auch DistriktSpvlizeibehördcn und allen, die sich mit Verfassungs- und Vrrwaltnngssragcn zu befassen haben, ebenso willkommen sei» als gute Dienste leisten, da es nicht bloß den Wortlaut der Gesetze und VollzugSverordnungen usw. bringt, die für Gemeinde und Bürger wichtig, sondern auch eine kurze systematische Darstellung jeder Materie mit den einschlägigen Entschließungen, gcrichtlischcn und vcrwaltungSrcchtlichen Entscheidungen und der bezüglichen Literatur gibt. Die letzteren Citate beschränken sich nicht auf Angabe der Quelle, sondern führen je nach Bedarf das Wichtigste des Inhaltes in kurzen Sätzen oder bezeichnenden Schlagworten an. Das hat bisher in der Vcrwaltuugsliteratur gefehlt. Für denjenigen, welchem eS in der Praxis an Zeit mangelt, sich in breitspurigen Abhandlungen und auf der Zusammenlese nach viel verstreutem Materiale zu verlieren, und ebenso für den, welchem ein zureichendes Quelleumatcrial überhaupt nicht zugänglich, wird Pobl'S Handbuch, das alle Gebiete des Verfassungs- und Ver- waltungsrcchtö umfaßt, eine Bibliothek ersetzen. Die Sittlichkeit im Lichte der Darwinschen Entwicklungslehre. Von Prälat vr Wilh. Schneider, Dompropst und Professor der Theologie zu Paderborn. Schöningh, Paderborn 1895. L>. 200. M. 3.60. Während Kant — trotz der Annahme einer principiellen Selbstständigkeit der Ethik — wenigstens die Vollendung der Sittlichkeit in der Religion zugegeben hat, geht die moderne sogenannte unabhängige, rcligionö- und glaubenslose Moral viel weiter. Sie stellt sich wesentlich auf den Standpunkt der dar- winistiichen Dcscendcnzlchre, indem sie eine natürliche Entwicklung des MenschcnwescuS aus dem Thiere zu Grunde legt. Darnach ist oaS Gewissen nicht mehr die Stimme Gottes, sondern die stimme der bloß natürlichen Vernunft, insofern der Mensch sich allmählig entwickle und die Begriffe von nützlich und schädlich finde. Die Gebote, welche das Gewissen aufstellt, seien nicht Gebote einer höheren Autorität, sondern die Menschen haben sich selbst Gebote gegeben. Diese Lehre von der unabhängigen Moral hat bereits der Socialismus in die großen Massen geworfen und (durch Bcbel) oaS Axiom aufgestellt: „Sittlichkeit und Moral haben mit der Religion nichts zuthun", und die nach englifch-amcrikaniichem Muster auch in Deutschland gebildete und immer mehr sich verbreitende „Gesellschaft für ethische Cultur" verfolgt den ausgesprochenen Zweck, die Menschen unabhängig von Gott und Religion „sittlich zu heben". Gegen diese gewaltige Strömung der Zeit haben ka- tholischerscits Männer wie Stein, Weiß, Th. Meyer, V. Cathrciu, Gutbrrlet u. a. mit durchschlagenden Argumenten angekämpft. Mit Freuden begrüßen wir auch den Wasfcngang W. Schneiders, zumal er wie in der von ihm verfaßten VereinSschrift der Görres- gel'iLschaft „Allgemeinheit und Einheit des sittlichen Bewußtseins" (Bachem-Köln 1895, S. 122, M. 2,25), so in der vorliegenden schönen Monographie der Sache bis auf den tiefsten Grund nachgeht. In durchaus sachlicher und ruhiger Form weist er Darwins oberste Sittenrichtschnur („Die Wohlfahrt der Mcuschenganung") als völlig ungenügend nach. verweist die Ansicht (um nicht zu sagen die fixe Idee) von dem „angeblich vorsittlichen Menschen" mit Neckn in das Reich der Fabel, gibt eine gesunde Kritik über Darwins Muthmaßungen von der Entstehung und Entwicklung rer Sittlichkeit, unterzieht die LebcnSanschauungcn und LebeuSrezeln des Darwinschen Menschen einer objectiven Prüfung und geht mit den neuesten Scuutzrcdncrn und Vertheidigern der darwinistisckcn Sittenlebre (Gnsi. Jäger, Hugo Spitzer, H. E. Ziegler, H. Mnnstcrbcrg, H. Sctregast, G.v. Gizycki und Fr. Nietzsche) in gerechter Weise inö Gericht. In allseitiger und erschöpfender Weise und dazu in durchaus verständlicher Sprache hat Schneider den überaus zeitgemäßen Gegenstand behandelt, bezw. die Irrthümer der darwinistischen modernen Ethik widerlegt. Der Verfasser verdient in erster Linie den vollen Dank des Seelsvrgsllerus, weil er demselben ein so gediegenes und leicht vcrwerihbareö Material für die gegenwärtigen Zeitkämpse geboten hat. Auch der gebildete Laie wird sich an der vortrefflichen Monographie bestens orientircn. Sie sei deßhalb wärmstens empfohlen! Tübingen. H.. Li. Eine Orientrcise. geschildert von Heinrich Himmel» k. k. Major. Wocrl's Reisebibliothek, 3. Auflage, eleg. gebd. 3 M. —8. Der Verfasser ist ein weitgereister Mann und hat sich durch seine Neisebeschreibungcn schon seit langem einen bedeutenden Namen erworben. — 1884 bereiste er Aegypten, Palästina, die Türkei und Griechenland. Seine Neiseschilder- ungen erschienen damals einzeln im „Wiener Vaterland" und fanden eine so günstige Aufnahme, daß ein Separatabdrnck in einem eigenen Werke nöthig war. Dasselbe, i» einer Auflage von 10.000 Exemplaren, war aber bald vergriffen; der ersten Auflage folgte eine zweite, der zweiten nunmehr eine dritte. Diese uns vorliegende Auflage enthält nicht weniger als 104 Illustrationen, eine große Ansicht von Jerusalem und zwei Landkarten, die eine von der europäischen Türkei, die andere von Aegypten und Palästina. — Mit vieler Abwechslung schildert der Verfasser, ein guter Katholik, Land und Leute, Sitten und Gebräuche. Beim Lesen des BucheS fühlt man — und das hat der Verfasser in seiner Vorrede als Wunsch ausgedrückt — in Wahrheit „den beseligenden Zauber, dessen unerschöpfliche Quelle das goldene Morgenland, die Heimath unseres Glaubens ist". — Der billige Preis des Buches, 3 Mark, ist geradezu staunenswert!). Damit ist auch Minderbemittelten Gelegenheit zur Anschaffung desselben gegeben. Allen, die sich für den Orient interessiren, ist das Buch nur zu empfehlen, und dürfte selbes namentlich auf dem literarischen WcihnachtSmarkte einen großen Absatz finden. Lotteler ob la. gnostion ouvriers aveo nus introänetion kistorigns sur Is monvemsnt social eatdoiigus. Lar 12 äo Lirarck, äocteur cn clroit. Loruc, L. 4. W^ss, imxrimerir-öckitcur. * Dr. v. Girard hat die interessante Ausgabe, auS den verschiedenen Schriften Kettelers dessen System über die Arbeiterfrage zu construiren, sich gestellt und verbindet damit gleichzeitig die gewiß ancrkenncnöwertbe Arbeit, die wichtigeren Stellen der einschlägigen Werke Kettelers ins Französische zu übersetzen und so dem Nachbarvolke zugänglich zu machen. Auf 344 Druckseiten entledigt er sich dieser Aufgabe mit Geschick und bleibt seinem im Vorworte ausgesprochenen Vorsätze, nur Kettcler selbst sprechen zu lassen und sich jeder Kritik zu enthalten, sorgfältig treu. Das Buch ist besonders Jenen zu empfehlen, welche nicht die nöthige freie Zeit haben, um sämmtliche Werke Kettelers selbst zu studircn (im Buche sind deren 71 angeführt). Der Ladenpreis für das Buch ist 4 M. Erst! ommuni kanten - Unterricht. Den Kommunion- kinder» gewidmet von M. A. Berningcr, Pfarrer und Scbulinsp-ktor. Mit oberbirtlichcr Approbation. 12°, S. 64. Wnrzburg 1896, Göbel. Pr. geb. 25 Pf. H- Der Unterricht schließt sich genau an den Katechismus an und bringt eine möglichst vollständige, aber faßliche Unterweisung über das allerhciligste AltarSsakramcnt, zugleich auch eine Anleitung zu dessen eifriger und andächtiger Verehrung für das ganze künftige Leben. Verantw. Redacteur: Ad. HaaSin Augsburg. — Druck «.Verlag des Lir. Instituts von Haas cr Lege auswerfen, und wäre die Lege so patriotisch und monarchisch gesinnt, dann käme eS der Socialdemokratie sicherlich nicht tu den Sinn. für dieselbe eine Lanze zu brechen. Was aber die Stellungnahme deutscher und anderer Fürsten für die Loge betrifft, so lassen Sie mich kurz nur noch sagen, die Loge legte es daraus an, womöglich gekrönte Häupter in ihren Bund zu ziehen, obwohl, wie wir bereits aus Freimaurermund gekört: „Freimaurer und Monarchist zwei mit einauoer unverträgliche Dinge sind "und „die Repnblik über allen Königskronen steht und daS Gesetz der Gesetze ist". Durch dieses Herbeiziehen gekrönter Häupicr aber, die grundsätzlich niemals in die wahren Ziele der Loge eingeführt werden, beabsichtigt die Loge in kluger Berechnung allen und jeden Verdacht von ihren, der Kirche und dem monarchischen Staate gefährlichen Bestrebungen abzulenken und um so unschuldiger und gerechtfertigter dazustehen. Aber von dieser Ausnahme gekrönter Häupter in die Loge ist in letzterer Zeit die Freimaurerei mehr abgekommen. Die letzten gekrönten Hohenzollcrn, die ihr angehörten, waren Kaiser Wilhelm I. und sein Sohn Kaiser Friedrich III. Aber gerade Wilhelm I., Kaiser von Deutschland (1863 bis 1883), lochte nach seinem Eintritt in die Loge durch Uebernahme des Protektorats und Einführung vieler regierungstreuen Beamten einen Einfluß auf die Freimaurerei zu gewinnen, um letztere in ihrem staat-gesähiticken Charakter zu überwachen und desselben nach Kräften zu entkleiden. Darum dachte er sich die Loge als ein christliches Institut, wie seine in Solingen im Jahre 1853 gehaltene Rede bekundet, in welcher er sagte: „Die Freimaurerei ist ein auf Religiosität gegründetes, ein christliches Institut. Diese AnfsassungSweise spreche ich überall, in jedem maurerischen Kreise und heute auch hier aus, hoffend, daß die Bruder im Geiste deS Christenthums und somit auch im Geiste der Freimaurerei denken und handeln, leben und wirken und dadurch dem Institut den weitesten und segensreichsten Raum gewinnen helfen." In dieser Hinsicht ließ aber die Loge ihren „hochwürdigcn Protektor und allerdurchlauchtigstcn Bruder" reden, ohne dessen gutgemeinte Mahnungen sich zur Richtschnur zu nehmen. DaS verbot der Loge ihre principielle Gegnerschaft zum Christenthum durchaus, welche Gegnerschaft zum sehr fühlbaren Ausdruck kam in der Jnscenirung deS unseligen „Cnlturkampfes". Weil Kaiser Wilhelm aber dar srcimaurerische Humanitätsprincip in Religion und Politik nicht anerkannte und, des CulturkampieS später satt, dem Volke die Religion erhalten wissen wollte, begannen die ^grundsätzlichen" Freimaurer in ihm mehr und mehr einen lästigen „Hemmschuh" zu erblicken und die „christ- .iche Unterströmnng", welche Kaiser Wilhelm in die Loge zu bringen und in ihr zu fördern suchte, energisch zu bekämpfen (s. Baubütte 1879, 1883, 1885). Der Freimaurer Karl Schulz trat sogar in offener Rede anläßlich deS GcburtSsestcS des Kaisers (1883) dessen früher ausgesprochenen Wünschen entgegen in den scharf gemünzten Worten: „Glauben Sie ja nicht, der Freimaurerbund sei eine christliche Institution." Als solches Institut hatte nämlich Kaiser Wilhelm D als Kronprinz die Loge bezeichnet, wie wir oben vernommen. Nach dem Tode des Kaisers aber schrieben französische Logenbrüdcr, die immer offener und kühner sich gerircn als die zahmeren Schurzfell- brüder in Deutschland: „Wilhelm I. hat sich niemals durch ernstliche Erfüllung seiner maurerischen Pflichten ausgezeichnet, aber er dielt eS nichtsdestoweniger für Vortheil- haft, persönlich an der Spitze einer in der Welt so weitverbreiteten Institution zu bleiben." (Lullotin inaxonnigns Nr. 102 x. 131, otr. Gerber „Die Freimaurerei".) Kaiser Wilhelm II. (15. Juni 1888) ist der erste aus dem Hohenzollernhanse, welcher in die Freimaurerei sich nicht aufnehmen ließ, eine Thatsache, über welche die zahmen Logenbruder trauern, die grundsätzlichen aber sich freuen, weil sie damit einen Herzenswunsch erfüllt sehen — das Bcfrcitsein von hoher Protektion, durch welche die grundsätzlichen Logenbruder sich in ihrer eigentlichen Maurerarbeit eingeengt fühlen. Als daher mit Kaiser Friedrich III. „der letzte Protektor der Königlichen Kunst aus dem Hohenzollcrnstammc zur dunklen (Todes-) Kammer hinabging" (Banhütte 1888), von den osficicllen Berliner Logen aber eine Erneuerung dieses Protektorates angestrebt wurde, erhoben sich hiegegen ganz energisch die grundsätzlichen Freimaurer. „Es ist ja fraglich," schrieb die „Bauhütte", „ob die fürstlichen Protektorate überhaupt ein Segen sind. Wenn sie dem Einfluß von Intriguen ausgesetzt sind, bringen sie das Gegentheil von Segen, deßhalb wäre Klarheit über die jetzigen Verhältnisse sehr erwünscht: sie könnle vielleicht dazu sichren, daß die o-cbuincht mancher Kreise nach Protektoraten sich merklich abkühlen ließe uns wenigstens ein fester Stamm den Muto bekäme, auf eigene Beine sich zu stellen," welch' letzteres durch Scttegast und seine Anhänger uuumebr geschehen ist. Und au einer anderen bcmcrkcnSwerthe» Stelle sagt die „Bauhütte": „Im allgemeinen sprechen gewichtigere Gründe gegen die fürstlichen Protckwrate, als iür dieselben." Mit gcwobntcr Offenheit äußerte sich anläßlich des NichtbeitrittS Kaiser Wilhelms II. zur Loge das schon früher citirte Pariser Bulletin magonuigns (okr. Gerber „Die Freimaurerei") in den srbr deutlichen Worten: „Wir stauben, die deutschen Freimaurer können sich nur Glück dazu wünschen, daß Friedrich III. seinen Sohn nickt in den Bun» aufnehmen ließ, und sie müssen sich durch die Abneigung, welche letzterer gegen die Freimaurerei zu hegen scheint, sebr geeint füdlcn. Denn eS iü einem Herrscher, trotz all' seines guten Willens — er müßte denn abdanken — einfackhin unmöglich, die Grundsätze der Freimaurerei (die auch »ach Finde! in der französischen Revolution Fleisch annahmen) mit der ganz eigenthümlichen Meral der StaarSraison, diesem transscendenten Gesetze, in welchem die Fürsten zum voraus die Absolution von allen Verbrechen finden, zu vereinbaren. Friedrich III. wäre dies anck nicht gelungen trotz des Liberalismus, den man ihm nachsagte, trotz seines philosophischen (d. b. frei- uiaurerisch-vemokralischen) Geistes und seines wohlwollenden Charakters. Sein Sohn aber wäre dem Frciinanrerbnnde nie in anderer Absicht beigetretcn, alt um denselben zu knebeln oder von seiner Ausgabe abzudrängen." — Und an einer anderen Stelle schreibt dasselbe Blatt: „. . . Die Freimaurer werden sich nicht einschüchtern lassen. Weil der Kaiser (Wilhelm II.) sich nicht einweihen lassen will, werden sie das Volk einweihen und wenn das Kaiserreich sie verfolgt, werden sie zurNcpublikübergchen (okr. Gerber „Die Freimaurerei"). Als sodann am 13. Februar 1889 Prinz Friedrich Leopold „mit allerhöchster Genehmigung" der Log- beitrat, den osficicllen Brüdcrn zur Freude, den „grundsätzlichen" und fortgeschrittenen zum Leide, schrieb die >01>»ine cl'nnion«: „. . . Nach dem Vorstehenden wird man es begreiflich finden, daß wir uns enthalten, die Berliner Freimaurer zu der neuen Erwerbung, die sie gemacht haben, zu beglückwünschen. Wir halten dafür, daß sie in großer Kntmüthigkeit den Wolf in den Schafstall eingeführt haben." Dock genug und mebr als genug. Wollen Sie sich mit diesem so knapp als möglich gehaltenen Bild der Freimaurerei, das noch mn vieles und sehr interessantes erweitert werden könnte, begnügen. Sie haben nnn einigermaßen wenigstens einen Einblick in den tieferen Geist und dar wabre Wesen der Log- thun können an der Hand deS angehäuften Materials auS Frcimanrermund selbst. Sie haben sich einen Begriff zu bilden vermocht von jener vielgepriesenen Freimaurcrhnmanität. Diese Freimaurerhnmanität bekommt unter allen christlichen Konfessionen niemand empfindlicher und nachdrücklicher zu fühlen, als die katholische Kirche, gegen welche die Loge nach wiederholtem eigenen Geständniß vor allem die Wucht und Spitze ihres Angriffes und ihres Hasses kehrt. Im Namen dieser „Humanität", dieser „Naturrcligion", dieser „Rcin- mcnschlichkcit" fordert und strebt die Loge allüberall an, wo sie eS irgendwie vermag, die Lahmlegung der Kirche, die Unterbindung ihrer Lebensadern, die Entchristlichung der Massen. Im Namen dieser „Humanität", dieser principiellen Gegnerschaft gegen jedes Christenthum und vor allen, gegen die kath. Kirche schwärmte und schwärmt der Freimanrerbund für den Kulturkampf, trat und tritt er ein für die Civilche, erhob und erhebt er sich gegen die Orden, protestirt er gegen christliche Schulen, ist eines seiner höchsten Ideale die religionS- und konfessionslose Schule, die er, wo immer seine Macht ausreicht, mit allen Mitteln einführt, wie in Frankreich, Italien, Belgien uiw., bringt er Schulgesetze, wie das Zedlitz'sLe, welche der Kirche auch nur ein minimalstes Recht in der Schnlfrage einräumen wollen, zu Falle, beraubt er trotz Protest der Aerzte und medizinischer Aiiktoritäten sowohl wie der armen Kranken die Spitäler in Paris der Pflege durch barmherzige Schwestern. All diese Vergewaltigungen an den heiligsten Rechten aber verübt die Loge im Namen der — „Humanität", d. h. im Namen ihres grundsätzlichen AntichristcnthumS, ihres Hasses gegen alles Uebcrnatürliche. — Ja die Loge, die Freimaurerei ist das große, gewaltige Triebrad der heutigen Zeit im Kampfe gegen das Cbristcnthum im allgemeinen und im Kampfe auf Leben und Tod gegen die katholische Kirche im besondern, welch letztere die Loge unter allen Confeisionen als jenen Factor erklärt, der allein noch zu fürchten sei. In diesem Nicscnkampf des Frei- 363 maurer-WeltbnndeS gegen die katholische Weltkirche sucht die Loge alle möglichen Factorcn in ihren Dienst zu stellen, sich zu ihren Bundesgenossen zu machen: Literatur und Kunst. Theater und Presse, Gesetzgebung und Erziehung, öffentliche Meinung und Bildung. Angesichts dieser greifbaren Thatsachen ist cö nothwendig, ist cö hl. Pflicht, daß wir alle, die wir nicht zum Weltbund der Loge, sondern zum Gottesbau der katholischen Weltkirche gehören, uns enge und enger zusammenschaare» und Schulter an Schulter stehen wie eine festgehämmcrte Mauer, in der Hand jene Fahne, auf die wir uns cingeschworcn seit wir leben und auf der die Worte prangen: Orocto in unrein sanotam catdoli- oam ob axostolioam eedesiam. Und noch eines ist nothwendig. Wir muffen nämlich dem vorzüglich organisirten Gegner — der Freimaurerei — durch eine womöglich noch vorzüglicher organisirtc, internationale Gegenorganisation entgegentreten. Diese Gegcnorganisation aber sollte ihr Centrum iin katholischen Wcltccntrum, in der ewigen Koma haben und von dort aus über den ganzen katholischen Erdkreis ihre wohlgeordneten Fäden spannen, hinaus und hinein in die einzelnen Länder und Diöcejcn. Das gäbe System, Ordnung, Leben, Halt und Rückhalt. Durch eine solche Organisation werden wir den Sieg beschleunigen, der kraft göttlichen Wortes unserer heil. Kirche verheißen und verpfändet ist, über deren bräuilicher Stirne auch inmitten des augenblicklich tobenden Kampfes die Flammenworte prangen: Tu so kotrus, 6t super staue petrain aecliüeasto eoelosiam moaw, 6t xortas iukeri non prasvalestuut aclvorsns oaw. Recensionen nnd Notizen. kraueonia saera. Geschichte und Beschreibung des BiSthums Würzburg. Begonnen von Dr. I. B. Sta mming er, fortgesetzt von l)r. A. Amrhein, Pfarrer in Roßbrunn. DaS Kapitel Lcngfurt. 2. Abth. v. Herausgeber. Würzburg, Fr. X. Buckier'iche Verlagshandlung, 1696. S. 200—468 nebst Jnhalts-Vcrzcichniß. Preis M. 3,20. §. In rascher Aufeinanderfolge erschien die 2. Abtheilung für das Kapitel Lengfurt von der mit Freuden begrüßten Publikation der Geschichte des Bisthums Würzburg. Für alle, die ihre Heimath lieben und sich gerne mit geschichtlichen Studien befassen, wird dies Werk ein wabrcr Genuß sein. Mit Talent und Geschick, aber auch mit großer Ausdauer hat der Verfasser aus den besten Quellen unermüdlich zusammengetragen, aber auch klar, gründlich und bündig verwerthet, was von Interesse ist von den Kirchen, Pfarreien, Filialen, Schulen nnd sonstigen Verhältnissen der 14 Pzarrcicn des Dekanates Leugsurt. Topographie, Statistik, Orts- und Stiftungrgcschichte, Reckte und Pflichten werden eingehend behandelt. Ein sehr genaues Register erhöht den Werth des ganzen Bandes (1. und 2. Abth.). Es ist dies ein Werk, das in keiner Pfarrcibibliolbek fehlen darf und auch auf Kosten der Kirchcnstiftung beschafft werden kann. Die Fortsetzung des Werkes läßt nicht lange auf sich warten, da bereits für ein weiteres Capitel (Mcllrich- stadt) das Material schon bearbeitet ist. Die Frauen in der Heilkunde. Ein Beitrag zurFraucn- sragc von vr. msll. B. Langer. Wiesbaden, H. Lytzen- kirchen, 1894. 27 S. M. 0,60. In der zur Zeit so viel verhandelten Fraucnfrage spielt die „Acrzün", speciell die „Frauenärztin" eine wichtige Rolle. Unter der diesbezüglichen, enorm angewachsenen Literatur verdient das- vorliegend: Schristckeu Beachtung und Anerkennung wegen der klaren und sachlich ruhigen Behandlung seines Gegenstandes. Den ersten Grund, warum die Frau von dem Studium der Medicin und dem ärztlichen Berufe ausgeschlossen bleiben soll, sieht Langer in der Unzweckmäßigkeil der Zulassung schlechthin, denn der Bcrui ist zur Zeil übcriültt. Das medicinischc Studium sowie die spätere Praxis stellen 'vdann die größten Anforderungen an Nerven und physische Kraft. Diese Schwierigkeiten aber zu überwinden nnd dann in der Ausübung des Berlins wirklich und concnrrcnziähig neben dem Manne zu bestehen, könnte der weiblichen Natur mir m Ausnabmesällen gelingen. Ein kürzlich erschienener Detanaidberiebi der mcdicin- ischcn Facnltät in Genf über das Meoicmstndium ter dortigen Studciilinncn lautet denn auch für die Allgenieisbeir ganz außerordentlich imaünstig. Geeignete Erwerbszw-'ige für die Frauentbätigkeil erkennr der Verfasser mii Neet". m dem Berns der Krankenpflege, wo immer aroße Nachfrage na«> weiblichen Kräften herrscht, in oem dem ärztlichen Berns nahestehenden Hebammen stand, der sich leider noch mmer aus den untersten Ständen rckrntirt und dem „einige Procent Beimischung besseren socialen Blutes sehr noth thäte" (S. 24), sowie in der Heranziehung weiblicher Gehilfinnen sür den Apothekerberuf. Möchten die Vorkämpfer der Frauen- frage hier die Hebel ansetzen! Tübingen. L. Dulcamara. Harmlose und unmaßgebliche Gedanken über Gott nnd die Welt, Religion und Philosophie, Kunst lind Wissenschaft, Gesellschaft und Politik und vieles Andere, von Paul Garin. Ncgenslmrg, Wnnderlina, 1896. 8°. 325 S. Stellenweise eine sehr anlegende und fesselnde Lektüre. Allein vvr lauter Bemühen, ja etwas recht Geistreiches und AparteS zu sagen, sagr der vielbelcsene Plauderer nicht selten etwas recht Alltägliches und Affckiirtes. ES steht keine markante Individualität hinter diesen Ccw.serien, ihnen mangelt der sichere Boden einer einheitlichen, harmonischen Weltanschauung obne Schwanken. Darum meinen wir noch nicht, daß die „süß-bitteren" Gedanken unter die Schablone von Schlagwörtern L la. „Liberalismus", „Idealismus" passen sollten. Allein durch ein solches systemloses Ab und Auf und Hin und Her von „unmaßgeblichen" und ausgeklügelten Ideen und abgerissenen Naisonnements sich durchzulcsen, gewährt keinen ruhigen, künstlerischen Genuß und hinterläßt keinen conccntrirten Eindruck. Dazu kommt noch, daß diese „Gedanken" nicht immer ganz „harmlos" und unanfechtbar sind. Geschickte der Franziskaner in Bayern, nach gedruckten und eingedruckten Quellen bearbeitet von k. Parthenius Minges. München, Lenin er (Stahl suii.). Lcx.-8°. XV. 302 S. M. 5.00. Der Verfasser ist sichtlich vorn Streben nach Obj.ctivi- tät uns Aufrichtigkeit geleite:. Daö stattliche Material für seine Geschichte — 1. von der Ankunft der ersten Franziskaner in Bayern bis zur Einführung der ersten Reform; 2. von der ersten Reform bis zur zweiten Rciorm; von der zweiten Ncscrm bis zur Gegenwart — hat er mit lobenswertbestem Fleiße allerorts zusammengesucht, gewissenhaft und im ganzen stilistisch recht geschickt verarbeitet. Schade nur, daß die mittelalterliche Zeit gar so kurz abgethan wird! Und da hätte es gar viel zu sagen gegeben, so daß der hier zugewiesen: Raum entschieden nickt in dem gebührendeil Verhältniß steht zur Bedemmig und Größe seiner Zeit. Wer für diese Zeil in oem vorliegenden Buche eine gründliche und ausgiebige Belehrung sucht, wird nicht immer ganz befriedigt werden. Der Nachdruck der Darstellung lieg: mehr auf der Neuzeit, die sehr eingehend und interessant behandelt ist. Aus Einzelheiten des BuchcS einzugehen, speciell zu berichtigen, wo der Vcisasser öfter auf die primären Quellen hätte zurückgreiscn sollen, vazu ist hier nickt der Ort. Das thut auch keinen wesentlichen Eintrag den: Ge- sammtuntcruehmen, welches als ein verdienstliches und gelungenes bezeichnet werden muß. Verfasser hat dies sein historisches Erstlingswerk seinem ehemaligen Lektor, Magister nnd Provinziell gewidmet, dem Hochwürdizsten Herrn Bischof von Augsburg. Von der protestantischen Theologie zum katholischen Priestcrthum. Von einem Priester der Tiö- ccse Würzbura. Ersurt, Brodmaim, 1896. 56 Seiten. Preis 0.60 M. In der von Herrn Donicapittllar Dr. tBeol. Scltinann tu VreStau trefflich redigirteu katholischen Monatsschrift Cd omuss nimm erschien im Lause der letzlcn Monate eine Reihe von Aufsätzen, welche allseitige Beachtung landen und nun. zur Broschüre vereinigt, noch mehr Aufmerksamkeit erregen dürften. Der Verfasser ba: die Geschickte seiner inncren Kämpfe und äußeren Führungen dem öffentlichen Urtheil unterbreitet, einmal weil es nicht zu den gewöhnlichen Fällen gehört, daß gerade ein protestantischer Theologe den Weg zur katholischen Kircke findet, und dann in der richtigen Ueberzeugung, daß der Leser in diesem Lebensgange manches Lehrreiche und Erbauliche finden werde, das ihn mi: Freude erfüllt über die wundervollen Wege der Gnade, die dock alle, so verschieden sie sein mögen, zu dem eine» Ziele führen. Gerade in einer Zeit, in welcher die Pastoren des „Evangelischen BnndcS" die gehässige Kampsweile der wäteren Jabrzehnle des 16. Jahrhunderts wieder aufgenommen haben nnd das protestantische Volk zur Feindseligkeit gegen die katholischen Mitcbristen aufzureizen suchen, ist es sehr angemessen, daß ein evangelischer Theologe vssent/H 364 Zeugniß ablegt von seinen früheren Vorurtheilcn und Jrr- tbnmern und seinem jetzigen Glücke im Schooße der wahren Kirche. Solch; C»nv-!sionSschriften sollten noch häufiger verfaßt und im Volke verbreitet werden. Sie sind dem Nicht- katholiken Wegweiser zur Wahrheit, dem Katholiken Beweise für die Echtheit seines Glaubens. Dr. Max Oberdreyer. Die Cisterzienser-Abtei Klosterlaugheim mit den Wallfahrtsorten Vierzehnhciligen unk Marien Weiber mit drei Holzschnitten. Von Dr. I. Baier. Würzburg, Ansr. Göbel', 1896. 8^. 49 S. Preis 50 Pf. Unter geschickter und trefflicher Benutzung und Fassung der ziemlich ergiebigen Quellen ist dieses Büchlein entstanden, welches uns die berühmte Klosterabtei ObersrankcnS, Laugheim, und die vielbesuchten Wallfahrtskirchen Vierzehn-heiligen und Marienweiher in sehr interessanter Weise eingehend schildert. Tausende und Abertausende besuchen diese beiden so schön gelegenen Wallfahrtsorte jährlich; für sie wie für viele andere Geschichtssreundc, welche eine dem Volke verständliche Darstellung wünschen, ist dieses Büchlein ganz speciell geschrieben und dürfte den Wallfahrern wie den Besuchern und Bewohnern jener paradiesischen Gegend einerseits ein; gediegene Vorbereitung zum Besuche der freundlichen Gnadenorte abgeben, andcrscit- einc liebliche Erinnerung an den geschehenen Besuch, um durch Nachlesung da- aufgenommene Bild sich noch tiefer einzuprägen. ES ist Pflicht der Katholiken Ober- wie Unterfrankens, sich mit der Geschichte der genannten drei Gnadenorte dieser ihrer engeren Hcimath bekannt zu machen. Die Lektüre wird Jedem Freude bereiten. Ausstattung sehr nett; Preis außerordentlich billig. Ausgewählte Volkserzählungen von N. Kolping, weil. Domvikar, Gründer und Präses des katholischen G-sellcnvercinS. NegcnSbnrg, Nationale VerlagSanstalt. 8°. Band 4—7 (Schlußband). Preis des Bandes M. 1,— broschiert, M. 1,30 gebunden. WaS uns an den Kolping'schen Erzählungen am meisten gefällt, ist der Umstand, daß sie so recht aus dem täglichen Leben gegriffen und warm und volkSthümlich geschrieben sind, und ohne Bedenken der reiferen Jugend in die Hand gegeben werden können. Wir führen den Inhalt der einzelnen Bände nur kurz an: IV. Band: Peter, der Schmied. — Unterhaltungen über daö Familienleben (Vater Johannes). — Waller, der Porzellanhändler. — TomS (aus dem Leben eines Bildschnitzers). V. Band: WaS Gott thut, ist wohlgethan. — Kindersinn u.Goltcsscgen. — Paul Werner. - Ein Spielchen. VI. Band: Andres, der Nachtwächter. — Gebet, und eS wird Euch gegeben werden. — Belohnte Wohlthätigkeit. — Zwei Nachbarn. — Tod eines Bettlers. VII. Band: Hcimath und Fremde. — Schuld, Strafe und Versöhnung. — (Schlußband.) Untreue schlägt den eigenen Urheber. — Du sollst nicht stehlen. In diesen Erzählungen tritt uns der ganze Kolping entgegen; seine scharfe Beobachtung des Volkes und dessen Anschauungsweise, seine Hoch- schätzung des Volkes und dcS guten KcrnS, der in demselben steckt, der Verwüstungen, welche Unglaube und Sittcnlostgkeit. falsche Aufklärung und Eitelkeit im Leben des Menschen anrichten, des Glücks der einfachen Sitten mid der religiösen Gepflogenheiten. Eigenartig, aber stets fesselnd ist die Art und Weise, wie Kolping znm Volke redet. Wie könnte man also unserem Volke in Stadt und Land eine bessere Lektüre in die Hand geben, als diese Erzählungen! ES ist daher einfaches Pflichtbewußtsein, wenn wir diese Erzählungen auf daS wärmste empfehlen, und zwar nicht nur den Gcscllenvereinen, sondern auch allen braven Familien, nicht bloß im Nheinlande, dessen ländliche Verhältnisse in ihnen meist so packend geschildert sind, sondern auch in ganz Deutschland. Kurzgefaßte theoretisch-praktische Grammatik der lateinischen Kirchensprache. Zum Gebrauche für Lehrer-Seminarien, Klostcrschnlen, Choralschulcn u. dgl., sowie zum Selbstunterricht von Lcop. Math. El. Stoff, Dechant und kgl. Kreis schulinspector in Kassel, gr. 8°. (XII u. 266 S.) Mainz, 1696, Kirchheim. Preis geh. 2.50 M., gebd. 3 M, DaS Buch ist ganz auS der Praxis herausgewachsen. Der Verfasser hatte sich in einer rheinischen Choralschnle den Lehrstoff zurechtgelegt und nach den gemachten Erfahrungen stetig praktischer und methodischer gestaltet. Damals handelte es sich darum, die Schüler so auszubilden, daß sie den lateinischen Chsrtext verstehen und erklären konnicn. Die allgemeine Klage, daß ein brauchbares Handbuch zum Unterrichte in der lateinischen Kirchensprache nicht existire, führte den Verfasser zu dem Entschlüsse, diese Arbeit zu erweitern. I» 3 Theilen: Formenlehre, Syntax oder Satzlehre und Lcscübungen, löst der Verfasser seine Ausgabe cinf'S praktischste. Die Stoffliche Gram- marik beschränkt sich nicht auf eine lose Zusammenstellung der Eigenthümlichkeiten der Kirchensprache, sondern sie baut sich systematisch auf den: Boden der klassischen Sprache auf, so jedoch, daß jene Eigenthümlichkeiten als solche betont werden und der Schüler durch die UebungSstücke in den Geist und die Ausdrucksweise der kirchlichen Sprach: eingeführt wird. Kurze Anleitung zur Erlernung des „Vertrages". Verlag der „Neichspost", Wien, VIII, Strozzigassc 4l. 6. Dieses 22 Seiten umfassende Schriftchen (Preis 10 kr., franco per Post 12 kr.) dürste namentlich jüngeren Männern, die gute Redner werden wollen, ersprießliche Dienste leisten, da eS in gedrängter Kürze eine streng sachliche, von einem alten PraktikuS stammende Anleitung zur Erlernung des „Bortragcs" gibt. Die Broschüre behandeli zunächst die Hanvtcrfordernisse der guten Deklamation (Deutlichkeit, Mannigfaltigkeit, Lebhaftigkeit, Natürlichkeit), gibt allgemeine Winke für die Action (Haltung des Körpers, die Bewegung des Kopfes, der Arme und Hände, Micncnspiel) und geht dann näher aus die oft veniilirte Frage ein: ob eS besser sei, eine Rede wörtlich auswendig zu lernen und dann sie wortgetreu zu halten, oder bloß den Stoff fleißig zu überdenken und nur den Gedankengang der Rede und die berv»rrageudsten Stellen sich zu merken, dann aber ant dem Stegreis zu sprechen. Der Schluß lautet: Allen jungen Rednern ist dringend zu empfehlen, daß sie mehrere Jahre lang — mindesten» sechs Jahre — ihre Vortrage sowohl schriftlich vollständig aurarbeiten, als auch wörtlich auswendig lernen und vortrage». Diesen Ausführungen schließen sich Winke für -in leichtere- Memorircn, rür den Nedeentwurf (Disposition) rc. an. Wir können diese Schrift nur bestens empfehlen. Theologisch-praktische Monatsschrift. Monatlich erscheint 1 Heft in der Stärke von 5 Bg. od. 80 S. gr. 3°. Preis ganzjährig 5 Mark. Verlag von Gg. Kleiter, Paffan. Inhalt des 11. Heftes 1896: St. Thiemo, Erz- bischos von Salzburg und Kreuzfahrer. — Kloster Vormbach. — Der Kampf der Kirche gegen die Freimaurerei. — Familien- oder Seminar-Erziehung? — Welche Mahnung soll in unseren Predigten am öftesten wiederkehren? — Einige Zweifel über Ablässe. — Der Klerus und der Lehrerstand. — WaS spricht der Oatsehismns roisaini, über die einzelnen Sakramente zum Katecheten? — Die Bittprozessioncu am MarkuS-Tage und den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt. — Eingehende Belehrung über Mcßweinprcbcn. — BeachtenSwcrthe Kleinigkeiten. — Neueste Erlasse und Entscheidungen der römischen Kongregationen. — Erlasse der obersten Verwaltungsstellen und Ent- zchcidungen der obersten Gerichtshöfe. — Litcrarische Novi- tätenschan. Literarischer Hand weis er, begründet, herausgegeben und rcdigirt von Msgr. vr. Franz HülSkamP in Münster. 24 Nrn. L 2 Bogen Hochqnart für 4 M. p. Jahr. 1896. Nr. 12. Inhalt. Zum hundertsten Geburtstage AnnettenS von Droste-HülSüoff, I. Artikel (Arcns). — Weitere kritische Referate über VVIiite Listen/ oktbe ^Varkare ok Leioncs anst Theolog/(A. Zimmermann), Aich Heilige Familie von Nazarct und Steigenberger Früchte des PriesterthumS (Deppe), Nilner Lnel ok reliAious vontro- vers/, .4.1 lies 8t. Peter und -Illieg 8es ok 8t. Peter (BelleSheim), Gsny Jahrbücher der Jesuiten zu Schlettstadt und Rniach II. (Paulus), Bertram Bischöfe von HildcSheim (Grasn), Nnrxh/ Onr LIart/rs und Lee 1/ Oentenar/ Osledrations in Lla/nooth OolleZs (BelleSheim), Brosch Geschichte Englands IX. und Na via/ Listen/ ok tlis Ilnitsä Stetes Luv/ 1775—1893 (Zimmermann), Hofcle LourdeS- bncklcin, P. Eugen ins Präger Jesulein u. Kieffer Gnadcn- schätze der Messe (Deppe). — 24 Notizen über verschiedene Nova (HülSkamP). — Novitäten-Verzeichniß. Lcrantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg. Leo Taxil*) hat nun auch gesprochen! Ein voller Monat ist vergangen, seitdem man ihn auf dem antifreimaurerischen Congreß zu Trient wegen des Vaughan-Schwindels ins Verhör nahm; seitdem hat man ihm in allen europäischen Sprachen Dinge gesagt, die direct an seine „Ehre" gingen. Er aber schwieg. Jetzt endlich findet er sich bemüßigt, im Univers in einem vorn 28. Oktober datirten Schreiben sich zu vertheidigen. Umfang und Inhalt des Schreibens stehen in umgekehrtem Verhältniß. Wortreiche Versicherungen, daß jeder Pfennig, der bei den Schriften der „Miß Vaughan" verdient wird, Zu guten Zwecken verwendet werde, Polemik gegen ein englisches Buch und gegen das Freimaurerblatt „Alpina", allerhand beweislose Behauptungen, und zur Sache — im wesentlichen nichts. Hier aus dem endlosen Gerede diejenigen Sätze, die allenfalls in Betracht kommen könnten. Die Directorcn der guten Werke, welche von der unbedingten Uneigennützigkcit (der Miß Vaughon) Nutzen gezogen haben, werden darüber Zeugniß ablegen können bei der römischen Commission, welche der Tricnter Congreß eingesetzt hat, um sich über die dreifache Frage ihrer Existenz, der Aufrichtigkeit ihrer Bekehrung und der Anlhcntie der von ihr veröffentlichten Documentc auszusprechen. Die Freunde der Convertitin erwarten mit dem größten Vertrauen daö Urtheil der römischen Commission. Diese allein hat die Besugniß, über die Thatsachen zu urtheilen und sich auszusprechen; denn cö gibt bestimmte Zeugen, welche Zeugniß ablegen können und ablegen, welche aber, aus besondern Gründen, nicht in derLage sind, ihreNamen an dicOeffcnt- lichkeit kommen zu lassen(I). Sie werden dann sehr erstaunt sein zu erfahren, daß Miß Vaughan bereits mehrere Jabre vor der Zeit gesehen wurde und bekannt war, als ihr Name im „Teufel im 19. Jahrhundert" gedruckt wurde. (Folgt eine absolut gleichgültige Polemik gegen die kölnische Nolkszciiung und Lr. .'. Finde!.) „Geben wir der Sache auf den Grund," schreiben Sie über ihren gestrigen Artikel. Der Grund der ganzen gegenwärtigen Polemik ist iolgcnde Hypothese: Ich bin es, der alles organisirt hat und alles leitet, um mich herum eine Anzahl von Mitschuldigen und Betrogenen; der ganze Palladismus soll ein Erzeugnis meiner fruchtbaren Einbildungskraft sein; das Freimaurer-Papstthum Pike's und feiner Nachfolger ist lediglich eine Fabel; die Hoch-Freimaurerei oder der oberste Ritus, die geheimen Logen, in denen man den OccnltismuS treibt, wo man die Hostien profanirt, der Satans-Cult in den Triangeln, alles das existirt nicht. In England ist ein Buch von einem Herrn Whaire erschienen, der alles das behauptet. Sehr schön; aber wie entstand dieses Buch? Miß Vaughan hatte sich mit dem Erzbischof von Edinburgh in Beziehung gesetzt und die Schlupfwinkel der lucifcrianischen Rosenkrcnzer der Diöcese enthüllt; eine von Herrn Consiline, dem Advokaten des ErzbiSthums, geleitete Umersuchung hat festgestellt, vaß alles von der Convertitin Behauptete absolut genau war; der Haupt-Geheimtempcl lag zwei Schritte vom erzbischöflichen Palais. Der Erzbischoi von Edinburg hat Miß Vaugban seinen Segen geschickt. Andererseits waren die Roscnkrcuzer von England unv Schottland wüthend, was leicht zu begreifen ist. Das Buch Whaite's folgte sofort auf die Einhüllungen der angeblich erfundenen Ex-Frei- manrerin. Und wer ist Herr Whaite? Der englische Neber- setzcr des Rituals der hohen Magie, von Eliphas Levi, zum Gebrauch der Rosenkrcnzer von Großbritannien. Besonders in Erstaunen setzt mich der Umstand, daß die *) Wir reproduciren diese Ausführungen der „Köln. Volkszeitung". um unsre Leser über den Stand der Kontroverse auf dem Laufenden zu erhalten. Daß dem Leo Taxil mit dem größten Mißtrauen zu begegnen ist, unterliegt wohl keinem Zweifel. Andrerseits wäre eS sicher unrichtig, wenn man Alles a. priori als falsch verwerfen wollte, was über den OccultiSmus, PalladiSnius und sonstigen Geheimcult der Logen geschrieben worden ist. D. Red. unerhörten Erklärungen des Dr. HackS mit ihrer handgreiflich übertriebenen Anmerkung Ihnen nicht in einer ganz andern, als der von Ihnen beliebten, Richtung zu denken geben. Sie erblicken darin ganz einfach einen »Ilondlarel kaussuut oomxgAuio ä sog eompöros«. Vielleicht wird die römische Com- Mission darin etwas anderes finden, jedenfalls können Sie versichert sein, daß wir ihr erbauliche Dmge schicken werden. An diese zuständige Commission halten wir unS; sie wird prüfen, was man von den heutigen Erklärungen des Dr. HackS festhalten muß, und in welchem Umfang es festzuhalten ist- Die meisten alten Freunde kannten sein bedauerliches (d. h. absolut ungläubiges) Capitel über den -Costa llisratigue-, und er schien es damals zu bedauern (bekanntlich ist das Buch Cs Costo 1892 erschienen, unmittelbar bevor „vr. Bataille" den Unfug mit dem „Teufel im 19. Jahrhundert" begann), aber wir waren alle sehr erstaunt, durch den UniverS zu erfahren, — allerdings folgt der Uiuvers dabei der Kölnischen Volkszeitung und dem Nouvclliste du Nord — vr. Hacks sei allezeit „ein activer Freidenker" gewesen, er sei „Verfasser mehrerer Werke von ausgeprägtem Anti-KlerikalismuS". (Die Kölnische Vvlkszeitung hat ausschließlich von feinem Buch Vs Costo gesprochen, das an „ausgeprägtem Anti-KlerikaliSmns" nickts zu wünschen übrig läßt.) Der Nouvclliste du Nord hätte doch eine Freidenker-Gesellschaft nennen sollen, die meinen alten Freund zu ihren Mitgliedern zählte, und einige anti-klericale Werke, die ihn zum Verfasser oder wenigstens zum Mitarbeiter haben. Ich verkenne nicht den Ernst deS hauptsächlich gegen mich gerichteten Angriffs. Ich weiß, daß ein Konvertit bis zu seinem Tode verdächtigt werden kann. und die Kränkungen, mit denen Ihr Blatt mich überschüttet, erscheinen mir als eine Prüfung, die ich tausendfach durch meine traurige Vergangenheit verdient habe. Ich verlange nicht Ihre Achtung, wodl aber Ihre und Ihrer Leser Gebete; ich bedarf derselben sehr in dieser Prüfung. So Herr Taxil, unschuldig und fromm wie er ist. Wir haben seine Erklärung mehr als einmal gelesen, und sind enttäuscht. Wir hätten von dem mit allen Hunden gehetzten Manne mehr erwartet, als einen Schwall von Redensarten und unbewiesenen Behauptungen. Seine räthselhafte „Miß Vaughan" schwebt noch immer genau so in der Luft wie früher, an den höchst unbequemen Geständnissen seines Freundes Hacks drückt er sich leise vorbei, und dann schiebt er die ganze Geschichte auf die lange Bank der römischen Commission, die nach seinem Wunsch mit Zeugen arbeiten soll, deren Namen der Oeffentlichkeit verborgen bleiben. In seinen Bemerkungen zu der Taxil'schen Erklärung fragt Eugen Tavernier neugierig, wer denn eigentlich zu dieser Commission gehöre, fürchtet, sie werde zu einer gründlichen Prüfung der ganzen Vaughan - Literatur ein oder zwei Jahre nöthig haben, und verlangt von dem Mandatar (Leo Taxil) und dem Verleger (Pierrct) der Vaughan'schen Schriften genaue Rechnungslegung über die Verwendung der aus ihnen vereinnahmten Summen. Wir unserseits möchten schon heute einige Gründe vorbringen, weßhalb wir von den beweislosen Betheuernngen des Herrn Taxil kein Wort glauben. Wir werden dabei erheblich präciser sein als der wortreiche Vertheidiger der Miß, deren Geburt, Lebensumstände und Aufenthaltsort noch immer in tiefes Dunkel gehüllt sind. Vor seiner „Bekehrung" ist Herr Gabriel Jogand- Pagss alias Leo Taxil ein Fälscher von Beruf gewesen. Zeuge ist er selbst in den „Bekenntnissen eines ehemaligen Freidenkers" (wir citiren nach der deutschen Ausgabe, Freiburg und Paderborn 1888). Dort erzählt er u. a. folgende Stücklein, die in die achtziger Jahre (frühestens ganz kurz vorher) fallen. 1. Er veranstaltet eine neue Ausgabe der gefälschten „Werke des Pfarrers Meslier". erkennt die FällÄuna 366 bei der Correctur des ersten Bandes und hat trotzdem „die Lüge Voltaire's weiter ausgesponuen". (S. 182 bis 186.) 2. Zu dem infamen Schandroman 1^68 amours ssorstsv äs kis IX. hat er „wirklich die Idee geliefert, wenn ich ihn auch nicht selbst verfaßte. Wir unterschoben das Werk einem Geheimen Kämmerer Sr. Heiligkeit. Ich selbst schrieb einen Brief des angeblichen Kämmerers, welcher als Vorrede herauskam. Die Grundidee stammt von mir. Der ganze Schmutz der lügnerischen Anekdoten, welche der Verfasser ausspann, wurde von mir gesammelt und mitgetheilt" (189 ff.). Dieses saubere Compagnie-Geschäft, welches an die unter dem Namen Dr. Bataille vereinigten Compagnons deS viabls rm XIX. 81661s erinnert, spielt 1881. 3. Er erfand (202) eine apokryphe (päpstliche) Ex- comwunications-Bulle, die er aus Sterne's Trtstan Shandy abschrieb, es ist dieselbe schmutzige Fälschung, auf die noch vor einigen Jahren ein deutsches socialistisches Blatt hineinfiel. 4. Eine kolossale „Mystifikation" hat er sich gegenüber dem Pariser ultra-socialistischen Blatt „La Bataille" (nomsn st oinsu?) gestattet, für das er, als „einer der Privatsccretäre in der erzbischöflichen Kanzlei von Paris", „alle Intriguen enthüllte, welche im erzbischöflichen Palaste gesponnen werden". Der Streich gelang, und „auf dem Bureau des ,Anti-Clsrical' (den er redtgirte) lachte man sich jedesmal krumm, wenn ich wieder einen mit Jean Sierre gezeichneten Brief auf die Post gab" (203 ff.). Weitere „schamlose Mystificationen". die er mit andern ausheckte, zählt er S. 217 auf. Auch hier verfehlt er nicht beizufügen: „Man lachte sich buchstäblich krumm. Die Verfasser hatten die größte Freude darüber, daß sie dem Publikum solche Bären aufbanden, und sagten lachend: Nur zul Die menschliche Dummheit hat keine Grenzen." Der Verdacht liegt nahe, daß dieser selbe Taxil auch nach seiner „Bekehrung" Gelegenheiten fand und schuf, um sich wieder einmal „krumm zu lachen". Die Einzelheiten, mit denen er seine „Bekehrung" erzählt, sind nichts weniger als geeignet, eine innere Umwandlung dieses Fälschers von Profession glaubhaft zu machen. Sie soll erfolgt sein, während er — mit der Fälschung der Acten des Processes gegen Jeanne d'Arc beschäftigt war, urplötzlich, am 23. April 1885. Schleunigst am nächsten Morgen geht er beichten, bekommt aber wegen eines Reservatfalles nicht die Absolution, die ihm vielmehr erst Anfang September zu Theil wird. Erst am 23. Juli, also nach genau einem Vierteljahr, stellt er sich auf der Redaction des Univers als Bekehrter vor. In der Zwischenzeit reicht er (27. April) seine Entlassung als Sccretär der anti-klerikalen Liga ein, macht aber ganz andere Gründe geltend und erklärt sich bereit, „die laufenden Geschäfte, wie bisher, bis zu seiner Ersetzung zu erledigen", geht auch Ende Mai noch als Abgeordneter zum anti-klerikalen Congreß nach Rom l Trotz allem Geschwätz, mit welchem er diesen Schritt zu entschuldigen versucht, wird man das Erscheinen des reuigen Schäfleins in der römischen Wolfshöhle einigermaßen befremdlich finden (S. 298 ff.). Am 16. Mai 1885 veröffentlicht der reuige Leo Taxil einen Abschieds-Artikel in seiner „Nspubligue Auti- Clsricale" (S. 305), in welchem von seiner „Bekehrung" noch keine Rede ist. Wohl aber verwahrt er sich entrüstet gegen die Behauptung, er sei „pornographischer Schriftsteller, da man in keinem einzigen meiner Werke auch nur einen Satz unsittlichen Inhalts ausfindig machen könne". Da sagt der geistige Urheber der t1wonr8 8sorst63, der (S. 201) bekennt, er habe eine „Schandschrift" 1^63 Iüvrs8 Lsorsts äs8 Lsminuirss herausgegeben! Indessen haben wir diese vor 1885 liegenden Dinge nicht nöthig, um Leo Taxil als Pornographen zu bezeichnen. Vor uns liegt die zweite Auflage seines scheußlichen Buches I,u 6orruiition tin-äs-sisols, erschienen 1894, zu einer Zeit, als Diana Vaughan bereits durch „Or. Bataille" introductrt und die förmliche Jnscenirung des Vaughan-Schwindels in voller Vorbereitung war. Hier werden — natürlich ausschließlich zu streng „moralischen" Zwecken und mit einem großen Aufwand von sittlicher Entrüstung — die Geheimnisse der Pariser Bordelle im allgemeinen und der widernatürlichen Unzucht im besondern mit einer Sachkenntniß und einer liebevollen Vertiefung in den stinkenden Stoff geschildert, daß das Buch einen Ehrenplatz in der internationale« Abtritts - Literatur beanspruchen darf. Wenn der Ekel, welchen ein selbst flüchtiger Blick in diese Kloake hervorruft, überhaupt noch einer Steigerung fähig wäre, so würde dies der Umstand zu Wege bringen, daß Taxil sich in frommen Redensarten ergeht und nicht verfehlt, dem hl. Vater seine Verbeugung zu machen. Man kann der Brüsseler radicalen Reforme nur recht geben, wenn sie ihm neulich anläßlich seines Auftretens beim Trienter Congreß das Prädicat ertheilte: „Leo Taxil, dieser schlecht abgeputzte Freimaurer, welcher der infamste anti-klerikale Schriftsteller war und nach seiner ,Bekehrung' gewisse pornographische Ausgeburten in Weihwasser badete." Nebenbei bemerkt, verrathen auch die sogen. Memoiren der Miß Vaughan das Bestreben, durch Nuditätsscenen und obscöne Anspielungen die Oede der unsäglich kindischen „Enthüllungen" und des „frommen" Gefasels zu beleben. Der Unterschied ist freilich vorhanden, daß das „Weihwasser" hier stromweise fließt. Wer hiernach über die „Vertrauenswürdigkeit" Leo Taxil's noch nicht ganz aufgeklärt sein sollte, dem müssen die letzten Zweifel angesichts seines Verhältnisses zu „vr. Bataille" schwinden. Wir wissen nicht, ob es nach den Geständnissen des Du. Charles Hacks — wir wiederholen, daß wir diesen für eine Nebenperson bei der Fabrication des Oialils au XlX. sissis halten — noch einen halbwegs vernünftigen Menschen gibt, der an diese „Erzählungen eines Zeugen" glaubt. Mit unbedingter Sicherheit ist ja festgestellt, daß der erklärte Freigeist und fanatische Kirchenhasser Hacks an diesem Teufelsroman mitarbeitete, und daß er sich als „Dr. Bataille" feiern ließ. Die vortrefflichen Aufsätze, die in den letzten Tagen Eugen Tavernier im Pariser „Univcrs" der wettern Entlarvung des „I)r. Bataille" widmete, haben noch einige bezeichnende Einzelheiten beigebracht. „Am 5. Mai 1893 hielt I)r. Hacks im Saale der Socists Bibliographique einen Vortrag, in welchem er feine Reisen und seinen Forschungszug durch die teuflischen Riten schilderte. An diesem Abend bildeten Or. Hacks und Dr. Bataille nur eine einzige untheilbare Person. Und Dr. Hacks entwarf, unter dem Namen des Dr. Bataille, das ganze Programm der Enthüllungen, das sich während mehrerer Jahre entwickeln sollte" (UniverS, 27. Oktober 1896). Drei Tage später gräbt Tavernier (Univers von» 30. Oktober) die prächtige Annonce aus, die im Angnst 1894 aus einem der Liefsrungshcfte des Oiaffls prangte. 367 Herr Dr. HockS, „ehemaliger Arzt der Gesellschaft Nss- suZsries maritimes" — so führt sich bekanntlich auch „Dr. Bataille" im ersten Satz der Vorrede zum Oiadls ein — empfiehlt sich zu ärztlichen Konsultationen und bemerkt zum Schluß: „Besondere Preise und Bedingungen für die Herren Geistlichen sowie für die religiösen Kongregationen und Genossenschaften". Ein sehr frommer Mann, wie man sieht, und als solcher hat er sich auch in seiner Zeitschrift „Der Arzt der christlichen Familie" gegeben — schade, daß diese Frömmigkeit ihn nicht hinderte, sowohl vorher als nachher als Freigeist und Voltaireaner aufzutreten. Herr Hacks - Bataille, über den man jetzt wohl die Acten schließen kann, ist aber der Busenfreund — Leo Taxil's. Wer es nicht ohnehin wußte, kann es schwarz auf weiß in Nr. 1 der üevrm mansualls (Januar 1894) lesen, der zur Neclame für den Oiublo gegründeten, von „Dr. Bataille" geleiteten tollen Monatsschrift. Dort bricht Taxil (mit Namcnsunterschrift) in 14 enggedruckten Spalten eine Lanze für den wegen seines viabls angegriffenen vr. Bataille: „Ich konnte es nicht ablehnen, an der Seite meines Freundes zu kämpfen. Bataille ist ein alter Jugend-Kamerad von mir, dessen Ehrenhaftigkeit ich stets geliebt, dessen ritterlichen Charakter ich stets bewundert habe. Ueber ihn habe ich in meinen Bekenntnissen eines ehemaligen Freidenkers geschrieben" — folgt eine Erzählung, wie nobel während seiner Verbannung in Genf „sein Freund H., heute einer der bedeutendsten Aerzte von Marseille," sich gegen ihn benommen habe. Dann fügt er bei, dieser brave H., der später der weltberühmte Dr. Bataille geworden sei, habe immer versucht, ihn auf den rechten Weg zu bringen und habe nie an seiner Bekehrung verzweifelt! Weiter schildert er des Langen und Breiten, wie er von den Verlegern des Oialols gebeten worden sei, ein Auge auf die Veröffentlichung dieses Teufelsromans zu haben, wie er sich mit Bataille-Hacks besprochen und ihm weitere Informationen verschafft habe; er sei nicht Mitarbeiter im eigentlichen Sinne gewesen; eS habe „eine freundschaftliche Ueberwachung in theologischer Hinsicht und bezüglich der speciell freimaurerischen Thatsachen" stattgefunden; aber das Buch des Dr. Ba- taills sei dessen „absolut persönliches" Werk. Merkwürdig: Dr. Hacks hat bekanntlich 1896 die Ehre, Dr. Bataille zu sein, in den bestimmtesten Wendungen abgelehnt, während sein Freund Taxil 1894 das schnurgerade Gegentheil versichert hat. Es ist traurig, wenn zwei so intime Freunde in solcher Weise einander Lügen strafen. Die volle Complicität Taxil's mit vr. Hacks- Bataille, seine Mitverautwortlichkeir für den unter dem Namen Bataille verübten groben Schwindel ist damit zur Evidenz bewiesen. Zum Ucbcrfluß hat kürzlich Herr Pierre Lautier, der leichtgläubigsten und urtheilslosesten einer in dieser tollen Geschichte, ausgeplaudert, bei seiner famosen Zusammenkunft mit „Diana Vanghan" im Pariser Hotel Mirabeau, bei welcher der gefällige Dr. Bataille die Honneurs machte, sei auch Leo Taxil dabeigewesen! So Herr Lautier im Röster de Marie; ich finde das Citat, an dessen Richtigkeit ich zu zweifeln keinen Grund habe, im Mailänder Offervatore Cattolico vom 14./15. Oktober. Also bei dieser grotesken Komödie I)r. Bataille und Leo Taxil Arm in Arm! Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Ein Fälscher von Beruf, ein Pornograph, der Herzensfreund des entlarvten Dr. Bataille und Mitarbeiter a« Oiulilö, ist heute der Kämpe der unauffindbaren „Miß Vaughan". Einer der Verfasser oder Mitarbeiter des Buches, in dem die Miß zuerst an die Wand gemalt und ihr Auftreten systematisch vorbereitet wurde, hat jetzt die Kutte abgeworfen und steht wieder vor aller Welt da als der Freidenker, der er immer gewesen ist; aber sein „Jugendkamerad" Taxil pilgert nach Trient, schimpft und schwört, und vergißt dabei die Antwort auf die allereinfachsten Fragen, durch deren Beantwortung er die Existenz der Miß beweisen soll. Einem italienischen Erzbischof hat er, wie uns aus Rom mitgetheilt wird, „auf'S Crucifix" zugeschworen, die Sache sei richtig. Gelegentlich sitzt er auch in Trient mit Herrn Künzle beim Bier und fordert namens der durch die „Geheimnisse der Hölle" in ihren Autorrechten beeinträchtigten „Miß Vaughan" von ihm eine kleine Entschädigung von 20,000 Fcs. Nun, das ist nicht einmal soviel, als Herr Margiotta für die große Gunst verlangt hat, seine „Enthüllungen" in'S Deutsche übersetzen zu dürfen, nämlich 50,000 FcS. Den Verblendeten, die ihn in Trient mii einem Hoch begrüßten, hat er in seiner frivolen Manier eine Lection gegeben mit der bekannten Warnung, man möge mit dem Beifall bis zu seinem Tode warten. Wir sind — so schließt die Köln. Volksztg. ihre Ausführungen — so frei, diese Mahnung zu befolgen und bei unserer Meinung zu bleiben, daß Taxil in Trient gethan hat, was er so viele Jahre gepflegt und gethan: er hat gelogen, und heute lügt er weiter. * » * Leo Taxil weigert sich, wie vorauszusehen war, der Aufforderung des Univers Folge zu geben, den Nachweis für die nach seiner Angabe nur zu wohlthätigen Zwecken geschehene Verwendung der Honorare aus den „Enthüllungen" der „Miß Vaughan" zu liefern. Selbstredend! Seine eigenen Taschen werden schon nicht wider ihn zeugen. Wir würden uns höchstens gewundert haben, wenn er seine Behauptung irgendwie bewiesen hätte. In seiner neuesten Nummer übernimmt der Univers aus dem „Nouvelliste de Lyon" einen Bericht, in welchem von einer zweiten Zusammenkunft zweier Ungenannter mit der der „Miß Vaughan" die Rede ist. Die eine hat, wie bekannt, in Paris mit dem unglaublich leichtgläubigen Herrn Lautier stattgefunden, die zweite in Ville- franche. Das Lyoner Blatt glaubt nicht an die Existenz der Vaughan: Da wir den Geschäftsgeist derjenigen kennen, die sie patronisinen, kamen wir zu dem sehr natürlichen Schlosse, daß, wenn die Miß existirt hätte, ihre Barnums nicht verfehlt haben würden, sie bei Gelegenheit mit der dicken Trommel gegen gutes Eintrittsgeld zu zeigen. Wir kennen indeß Leute, deren Ungläubigkeit nicht von diesem Argument befriedigt wurde und welche Leo Taxil und seinen anonymen Cumpan, den Dr. Bataille, baten, die Pricsterin des Palladisninö sehen zu dürfen. Sie erhielten zur Antwort, daß sie dieselbe sehen würden. Die erste Scene dieser Komödie spielte in Paris, die zweite vor drei Monaten in Billefranche. Also zwei Persönlichkeiten, die wir nickt näher bezeichnen, deren Namen aber einige katholische Kollegen in Paris angeben könnten, sprachen den Wunsch aus, Diana Vaughan zu sehen. Da sie nickt in der Hauptstadt wohne, sagte Leo Taxil, müsse schon eine kleine Reise gemacht werden, und die Neugierigen waren damit einverstanden. Das Stelldichein wurde in Wllefranche nach Tag und Stunde festgesetzt. Warum gerade Villefrancke? Wer die Vergangenheit Leo Taxil's kennt, wird diese Frage leickt beantworten können. Also um die bestimmte Zeit warteten die beiden Ungläubigen in einem Gasthofszimmer zu Villcfranche auf die geheimnißvolle Lucifcrianerin. Die Tbüre öffnet sich, und zwei feingekleidete Damen treten ein. Die eine jung, hübsch, von fremdartiger Schönheit, die andere reifern Alters, ihre Hüterin. Nach der gegenseitigen Vorstellung plauderte man von Freimaurerei, PalladismuS, Alles ging anfangs wie am Schnürchen. Wenn auch nicht ganz klar, stimmten doch die Aeußerungen derjenigen, die sich Diana Daugban nannte, mit den Einhüllungen der Zcbnpfcnnips-Brofchürcn übcrein. Aber nach und nach gericth die Unterhaltung aus dem Geleise, die Rede nahm eine seltsame Form an, und der Accent, anfangs englisch, wurde Platt, während gleichzeitig die falsche Palladisti», offenbar müde von der eingelernten Lection und von der Rolle, die man sie spielen ließ, sich andern Gegenständen zuwandte, die, wenn auch an sich luciferianisch, doch nicht mehr dem Charakter entsprachen, den die Erfinder der Diana Vaughan verliehen hatten. Die beiden Persönlichkeiten saßen aber in der Falle und waren düpirt. Vollständig erbaut nahmen sie den nächsten Rückzug nach Paris. Die zwei .... Frauenspersonen aber kehrten wieder auf die Trottoirs von Lyon zurück, von wo sie gekommen waren. Mehr sagen wir nicht, um nicht einen unserer Pariser Kollegen zu berauben, der recht erbauliche Einzelheiten über die erstaunliche Myslification der Taxil und Consorten besitzt und dieselben sicherlich auch veröffentlichen will zur Erbauung allzu leichtgläubiger Seelen. * 4 - 4 - Leo Taxil hat neuerlich ein zweites langes Schreiben an den Univers gerichtet, welches hauptsächlich Anklagen gegen den Dr. Hacks enthält. Der Univers charakterisiert denjenigen Theil dieses Schreibens, welchen er nicht für nöthig hält abzudrucken, mit der Bemerkung, es sei Taxil's Art, jedesmal, wenn man ihn nach den Beweisen für eine Behauptung frage, mit zehn neuen Behauptungen zu kommen, deren jede beweisbednrftig sei. Leo Taxil beschuldigt den Dr. Hacks, sich für 100,000 Francs an die Freimaurer verkauft zu haben(l). Das ist, sagt der Univers, ein nettes Sümmchen. Bisher wußte man noch nicht, daß die Freimaurer so gut bezahlen. Vielleicht haben sie eine Anleihe bei der palla- distischen Kasse gemacht. In dem langen Schreiben Taxit's wird dann ausgeführt, daß Dr. Hacks keineswegs in irgend einem seiner Schreiben der neuesten Zeit sage, daß irgend eine der von ihm gebrachten „Enthüllungen" in 1,6 viabls falsch sei; dieses Werk enthalte denn auch keine Täuschung; ein großer Theil der darin enthaltenen wunderbaren Thatsachen sei von Abonnenten mitgetheilt und erhärtet; die von Dr. Hacks persönlich erzählten Thatsachen seien von Missionaren bestätigt. „Was einzig mit Gewißheit aus den Briefen des Or. Hacks hervorgeht, ist, daß er mit seinen alten Freunden bricht." Leo Taxil nennt die Erklärungen in diesen Briefen, zumal in seinem Schreiben an die Kölnische Volkszeitung, „unerwartet" und „von unerhörter Gottlosigkeit", nachdem „Hunderte von Priestern" diesen „Unglückseligen" als einen „ausgezeichneten Christen" gekannt hätten. Seine alten Freunde hätten nach seinen Erklärungen sich gefragt, ob er nicht plötzlich irre geworden sei. „Es wäre hundertmal besser, daß wir vor einem Wahnsimus-Anfalle (statt vor solchem Sturze) ständen". Dr. Hacks habe sich dem Freunde (für 100,000 Frcs.l) hingegeben, um „Spaltung unter den Vertheidigern der Kirche hervorzurufen, die onti-freimaurerische Bewegung zu stören, im Augenblicke, wo der Trienter Cougreß den Grund gelegt hat zur Organisation des Widerstandes". Die Miß Vaughan anlangend sagt Taxil, dieselbe werde der römischen Commission (die Namen der Mitglieder nennt Taxil noch immer nicht, nur nennt er den bekannten VorbereitungsAusschuß des Trienter Congresses (ihre Buchhändler- rechnungen vorlegen; auch werde die Entscheidung dieser Commission vor Jahresschluß erfolgen. Der Univers begleitet diese „Explicationen" Leo Taxil's mit spöttischen Bemerkungen. Dieselben zielten nur dahin, die Sachlage zu verwirren und Zeit zu gewinnen. Wir finden, daß Taxil nur sein Lügenhandwerk mit unverminderter Dreistigkeit fortsetzt, indem er jetzt sein Erstaunen und seinen Schmerz darüber kundgibt, daß sein „Busenfreund" Dr. HackS mit einem Mal wieder aufgehört habe, „guter Christ" zu sein. Niemand weiß besser, wie Leo Taxil, daß Ör. Hacks nie etwas anders war, als radicaler Freigeist und Voltaireauer, der nur als „Or. Bataille", d. h. als Mitverfasser des Uiaftls au XIX siöels bei leichtgläubigen französischen und italienischen Katholiken zeitweise als neues Kirchenlicht gegolten, diese Rolle, weil sie seinen Zwecken diente, sich hat gefallen lassen und heuchlerisch mitgespielt hat. Leo Taxil weiß das, wie gesagt, ganz genau, da er selbst hinter demselben Ofen gesessen hat, nur daß er versuchte, die Rolle als „Bekehrter" und Anti-Freimaurer noch etwas weiter zu spielen, während Dr. Hacks sich wieder so gibt, wie er immer war und insbesondere in seinem 1894 er» erschienenen Buche 1,6 6) BartelS a. a. O. 277. *) Bartels a. a. O. 414. „Die Entwicklungslehre, die Theorie der Vererbung und Dclastung, die Zurückversetzung des ganzen Menschen in die Natur, die Erklärung dcö Gewissens als eines Instinktes, als des Anpassungsvermögens für die Bedürfnisse der Gesellschaft und die Erhaltung der Art, nöthigten sich der Analyse auf und zwangen nicht nur die Gelehrten, sondern alle Denkenden, die vitale Frage der Willcnsunfreiheit auf ihren praktischen Werth zu prüfen." L. Bleu „er hasset a. a. O. 245. der Modephilosophen Hegel und Feuerbach. Und was diese beiden Denker für daS „Junge Deutschland" waren, was für die „Sturm- und Drangperiode" auf sittlichem Gebiete Rousseau und auf dichterische« Shakespeare bedeutete, das gilt unseren Modernen Friedrich Nietzsche, und ihr literarischer Messias ist an Stelle des großen Briten der kleine Skandinavier Henrik Ibsen. Soweit kann man zwischen den neuen und alten Idealen und Idolen die Parallele ziehen. ES wird nicht leicht eine moderne Literatur geben, ob germanische, ob romanische, ob slavische, welche es vermocht hätte gegen den „Realismus" sich auf die Dauer abzuschließen. Ihr Quellengebiet hat diese Getstes- ftrömung da, wo auch der JndustrialiLmuS sich zuerst entwickelte, in England; als „natürliche Schule" lenkte sie zum erstenmale die Aufmerksamkeit der abendländischen Welt auf das russische Schriftthum und bei den Franzosen bahnte ihr den Weg Flaubert mit seiner „Madame Bovary". Das Streben nach Näturwahrheit erstreckte sich auch auf die Form der Darstellung. Kein Mensch bedient sich im Uwgangsgespräche langer Perioden, und darum nahm der Realismus auch die Vernichtung all der schleppfüßigen Satzungeheuer in seine Kriegsartikel auf. Den Beginn der neuen Dichtung bezeichnet in Deutschland das Erscheinen der lyrischen Anthologie „Moderne Dichtercharaktere" (1885). Von Berlin aus bildete sich bald cine Kolonie in Leipzig, wo sie in dem Verleger Friedrich das hatte, was Cotta einst den Klassikern gewesen. Der bedeutendste der Leipziger „Jüngstdeutschen" war Herw. Conradt (1- 1890 in Würzburg), „der Typus eines Stürmers und Drängers, dem keine Entwicklung beschicken ist." §) Ueber München brach im Januar 1891 die literarische Sintflut herein mit Tosen und Wettern. Eine Arche wurde gebaut für die zur Rettung Erkorenen, sie hieß sich „Gesellschaft für modernes Leben". Der Schlesier O. I. Bier bäum sagt dem historischen und orientalischen Seminar Valet, ihm war mit einem Male die leuchtende Erkenntniß aufgegangen von seinem einzigen Berufe für die Jüngerschaft Apolls. L. Scharf aus der Nheinpfalz und H. v. Gumppenberg aus Niederbayern ließen ihre juristischen Collegienhefte verstauben; Scharf sang in der Fränkischen Weinstube seine „Lieder eines Menschen", wozu der alte Hüsar Detlev Freiherr v. Liliencron?) den Kammerton angab, daß alle verstorbenen Faune und Satyrn stöhnend sich dreimal in ihren Gräbern umdrehten, während Gumppenberg traumverloren umherwandelte und im begnadeten Seherthum orakelte von Gesichten, „Offenbarungen" und „Testamenten", die er als „5. Prophet" jeweils schauen durfte in der 4. Dimension?) Flugs hing nun der Ostpreuße M. Halbe seinen neuen Doktorhut an den Nagel. WaS scheert' ihn Reich und Kaiserprunk und der Streit Friedrichs II. mit den Päpsten seiner Zeit? °) Auch er, des Gottes voll, griff zur Leier. Er lockte mit ihren wohllautenden Klängen den lauschen- Bartels a. a. O. 42l. *) Geboren 1844 in Kiel. 1894 erschienen seine Adjutanten- ritte. Die Decadcnce zeigt sieb bei ihm als posirtcs Natur- burschentbum mit einer cynischcn Sinnlichkeit. Er veröffentlichte sie ernsthaft in den „Neuesten Nachrichten". Seine tolle GcistcSgeschichte hat er jüngst in dem Roman „Der 5. Prophet" (Berlin, Ver. f. d. Schriftthum) beschrieben. ") Den Titel „Friedrich II. und der päpstliche Stuhl bis zur Kaiscrkrönmig" führte seine Dissertation (Berlin 1888). den Nachbar vom Nheinc, M. Schwann. den große» Historiker des Bayerlandes, den furchtbaren Janssen- tödter, i°) aus seiner dumpfen Studierstube. Und dem wiederum schloß auf seinem KriegZpfade als grimmer Waffenbruder ein ungetreuer Sohn Aeskulaps sich an, O. Panizza, welcher wollte, daß man Pastor, dem Schiller JanssenS, »den Schädel einschlage",") und erst recht half, den Münchener Parnaß zu einem veri- tabeln Fladen breitzutreten. Und alle diese und andere stürmende Titanen zog an sein Herz M. G. Conrad,") der Dramatiker, Lyriker, Novellist, Romancier, Pädagoge, Kritiker, Politiker — und nunmehr auch Parlamentarier — und er schirmte die junge Brüt mit „Hüterfittichrn" als ihr mächtiger Genius und Hierophant, ihr anderer »Zarathustra". »Vollbesitz ist uns die Erde, sie genügt uns auch ohne den jenseitigen Anhang, den himmlischen Nachtisch", das war seine Loosung (s. »Klerikale Schilderhebung"). „Das edle, vollmenschliche Gleichgewicht kann erst dann gefunden werden, wenn daS Fleisch d. i. die sinnliche Seite der Menschennatur aus dem Schmutz und Schutts der übernatürlichen Wähudogmen hervorgezogen und wieder in die natürliche Würde eingesetzt wird" (s. »Flammen"). Große rothe Plakate an allen Ecken und Enden Münchens riefen für die Winterabende Alt- und Jungmünchen in die Jsarlusi zu den Andachtsstunden der neuen Gemeinde, welche den Cult ihres Propheten Nietzsche mit korhbantischen Lärm daselbst zu feiern pflegte. Und ebenso wiederholte sich in anderen Städten, wo nur immer ein winziges Kaffeehaus oder eine behagliche Weißbierstube war, dNS nämliche lustige Bild von den großen Zukünftigen.") Es war die Zeit. da jede Woche eine neue Zeitschrift aus irgend einem „Neuland" der Modernen auftauchte, bald grasgrün, bald blutroth gekleidet, immer aber berufen, dem deutschen Volke den ersehnten Befreier nach langen, bangen Nächten zu bringen. Die Originalitätsjagd war allen gemeinsam. Anders schreiben wollten sie als die TageSdichter, und sie erfanden eine Prosa, wie sie ein athemloser Mensch herausstößt, mit einem Aufwand von Gedankenstrichen und Punkten, die ihre Hauptwirkung im Wiederholen von Worten und Sahtheilen und in abgebrochenen Construciionen suchte. Gewisse, gelinde noch als burschikos zu bezeichnende Sprachtrivialitäten und ein unverkennbares Behagen an unfläthigen Ausdrücken wurden beliebt, geradeso wie bei den „Stürmern und Drängern" des 18. und den „Jungdeutschen" des 19. Jahrhunderts. Ueber alles Maß und Geschmack lobten die Leute einander, tauschten sie gegenseitig UnsierblichkeitSpatente und machten sie ihre Widersacher schlecht. Es schien, als sollte von den Geboten der Klassiker nichts mehr Anerkennung verdienen als die Worte OrestS in Göthe's Jphigenie (III, 1): Und lass' dir rathen, habe Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; Komm', folge mir in's dunkle Reich hinab l" (Fortsetzung folgt.) '°) Er schrieb eine »großartige" Broschüre gegen Janssen. Seine bayer. Geschichte „Das neue Bayern", illustr., erschien in Lieserungenin der Süddeutschen Verlagsanstalt in Stuttgart. ") So drückte er sich in einer Kritik aus; ich glaube» es war in der „Gesellschaft". Seine nahen Beziehungen zum Staats- anwalt sind im übrigen bekannt. ") Geboren 1846 zu Gnodstadt in Franken; 1883 von Pariö zurückgekehrt, gründete er 1835 das Leibblatt des Sturmes und Dranges „Die Gesellschaft". ") Außer den älteren Dichtern E. v. Wildenbruch, W- Kirchbach, H. u. I. Hart und den oben schon genannten Dr. Albert Stöckl, Domr«pii»lar und Lyccal- Professor in Eichstätt?) IN Das kleine Pfarrdorf Möhren bei Treuchilingen gab im Mittelalter der Diöcese Eichstätt einen kraftvollen Bischof in der Person des Hildebrand von Mern 1261 bis 1279. Er nahm Theil an der 14. allgemeinen Synode, welche Papst Gregor X. im Jahre 1274 nach Lyon berufen hatte. Auch der hl. Thomas von Aquin war neben dem seraphischen Lehrmeister Bonaventura geladen, doch ereilte den Engel der Schule, wie die Nachwelt den Fürsten der Scholastiker mit Recht nannte, ein allzusrüher Tod auf dem Wege zu« Concile in Fossannova 1274. Um den Gründer und ersten Bischof seines Sprengels zu ehren, erbaute Hildebrand in Eichstätt im Anschlüsse an den Dom eine Grabkapelle, in welche er am 7. Juli 1269 in feierlicher Weise die Gebeine des hl. Willibald übertrug und späterhin zwei Präbenden für zwei Kapläne am St. Willibaldschore, wie die Grabkapelle benannt wurde, stiftete — 1276. Die Kanoniker, deren Zahl allmählig auf acht gestiegen war, sind der Säkularisation zu« Opfer gefallen, aber das imposante Bauwerk deS Westchores erinnert in verjüngter Fassung heute noch an den hochverdienten Htldebrand von Mern. Im 19. Jahrhunderte nun ist aus eben diesem Weltverlornen Dorfe als Sohn des dortigen Lehrers Stöckl ein Mann hervorgegangen, welcher den Faden philosophischer Forschung da wieder anknüpfen sollte, wo daS zweite Concil von Lyon ihn fallen gelassen, welcher die großen Summen des hl. Thomas dem Verständnisse einer durch Kant und Hegel, Schopenhauer und Hartwann irregeleiteten Welt wieder nahebringen sollte. War Albert Stöckl auch nicht Bischof von Eichstätt — für eine andere Diöcese war er einmal ernstlich in Aussicht genommen —, hat er auch kein Monumentalwerk auS Stein zu« ehrenden Gedächtnisse freudigen Schaffens aufgeführt, so hat er doch einen Wissensdom der solidesten Bauweise mit unsäglicher Mühe und unverdrossenem Eifer wieder ausgegraben aus dem berghohen Schutthaufen, den eine undankbare Nachwelt seit der Glaubensspaltung über dieses Meisterwerk philosophischen und theologischen Denkens des dreizehnten Jahrhunderts aufgethürmt hatte. Im Anschlüsse an den hl. Thomas ist Stöckl zum Restaurator einer principienfesten Philosophie geworden, wenn er auch in seinen zahlreichen Werken das historische Moment etwas vernachlässigte. Bei aller Anerkennung Münchnern waren dabei: K. Vleibtreu, der eine Programmschrift herausgab; A. Holz u. I. Schlaf, die Begründer deS extremen deutschen Naturalismus, die Revolutionäre K. Henckcll, M. R. v. Stern und I. H. Mackay (die 5 sind das, waö in der Malerei die Kohl-, Schweine- und Armclcnt-Maler sind); die beiden Juden K. Alberti (eigentlich Sittcnfeld) und H. Bahr, der die Bezeichnung „Die Moderne" (nach „Die Antike" gebildet) erfand und in seiner „Gut. Schule" ein Muster von Dekadcntenthum gab; der Schildcrer des Berliner (jnartier lutiu, O. E. Hartlcben; ferner: C. Flaischlen (der neue Pan-Nedacteur), G. Falke. W. Weigernd, G. Schaum- berg, I. Schaumberger, E. v. Wolzogen, O. Ernst, F. Dörmann, A. Sckinitzler. H. Tovote, K. Busse (geb. 1372), G. Hirschseld (geb. 1873). Von Frauen: N. Croissant-Rust; M. E. Delle Grazie; W- Jani- tschek; K. Schirmacker: B. v. Suttner; E.Noömcr (Frau Dr. Bernstein-München) u. And.. Mit Recht macht Bartels a. a. O- 461 aus das starke ostdeutsche bezw. ostelbische Contingetit unter den .Modernen" aufmerksam. *) Eine Lebensskizze, verfaßt von einem seiner Schüler. Mainz, Kirchbcim 1896 72 S. 372 blieb Stock! zeitlebens ein dcmüthiger Priester, ein. anspruchsloser Mann, der am Abende seines arbeitsamen Lebens all die Früchte seiner schriftstellerischen Thätigkeit jenem Hause hochherzig übergab, das sich zu einem zweiten, umfangreicheren Willibaldsstifte ausgestaltet hat — nämlich dem bischöflichen Dtöcesanseminare in Eichstütt. Zur Jahreswende des seligen Heimganges unseres Stockt hat nunmehr einer seiner zahlreichen Schüler einen frischen Kranz in Form einer kurzen Lebensbeschreibung auf sein Grab mit pietätsvoller Hand niedergelegt. Wir freuen uns, daß dem verdienten Gelehrten ein solch tüchtiger Biograph erstanden ist, der durchaus keinen Grund hatte, seinen Namen mit ziemlich durchsichtiger Anonymität zu verschleiern. Warum sollen denn nicht auch Pfarrer die literarische Arena beschielten? Mit einer Lebendigkeit, mit einer Frische, mit einer Wahrheitsliebe wird uns das Bild des verewigten Lehrers gezeichnet, daß wir am Schlüsse der fesselnden Lektüre gerne bekennen: Ja wahrlich, das ist Stockt, wie er leibte und lebte mit all seinen Vorzügen und Eigenthümlichkeiten, die ihn als Priester und Mensch zierten, die ihn als Professor und Gelehrten auszeichneten! Stöckl verstand es, die lebendige, vor Einseitigkeit und Pedcmtismus schützende Verbindung mit dem Volke aufrecht zu halten, er trat in Vereinen und Wahlversammlungen als Redner auf, schrieb neben streng wissenschaftlichen Werken klar durchdachte, principienfeste Leitartikel für Tagesblätter; trotz seiner Vorliebe für die akademische Lehrtätigkeit verschmähte er es nicht, mit liebevoller Hingabe in der Seelsorge als Prediger, als Beichtvater in Stadt und Land anszuhelfen; nach ernster Arbeit liebte er heiteren Frohsinn und schalkhaften Scherz; im Kreise von Mstbrüdcrn ahnte Niemand in Stöckl den Mann der Gelehrsamkeit. Nun ist er uns entrissen; aber sicherlich jeder Leser der angezeigten Lebenssktzze Stöckls wird sich an seinem Beispiele zu gleicher Berufstreue, zu ähnlicher unermüdlicher Thätigkeit angespornt und begeistert fühlen. Denn Stöckl glaubte nicht, daß durch nutzlose Klagen die Noth der Zeit gehoben werden könnte, sondern er arbeitete rastlos mit den Talenten, die Gott ihm anvertraut, um der christlichen Weltanschauung auf allen Gebieten eine Bahn zu brechen. Möge die junge Garde dem Rufe des verewigten Führers freudig Folge leisten! Ueber das Alter des babylonischen und des biblischen Sintflntberichtes. Von Joh. Bumüller, Stadt-Koplcm in Ncuburg a. D. Die verschiedenen Flutberichte, welche sich unter den Völkern finden, geben seit einer Reihe von Jahren Stoff zu wissenschaftlichen Untersuchungen über die Art der Flut und die Entstehungsweise dieser Berichte. Man ist dabei zu dem Resultat gekommen, daß Flutsagen zwar bei sehr vielen Völkern vorhanden sind, daß sie aber auch in weilen Gebieten gänzlich fehlen, so daß sich die Sintflut wahrscheinlich nicht auf alle Menschen, sondern nur auf einen Theil derselben erstreckt hat — eine Annahme, die noch durch verschiedene andere Gründe unterstützt wird. Auch ist kaum zu lnuguen, daß manche dieser Flutsagen aus biblischer Beeinflussung oder auf örtlichen Ereignissen gründen und mit Unrecht mit dem eigentlichen Sintflut- bericht in Verbindung gebracht worden sind. Dagegen offenbar zuweitgchend ist jene zur Zeit beliebte Ansicht, als wären alle Flutsagen auf einzelne örtliche Ereignisse, wie Durchbruch von Flüssen, Ecdbebenfluten, Sturmfluten, auf dem Festland sich vorfindende Versteinerungen von Mccrcsthieren zurückzuführen, so daß also den Flutsagen kein einzelnes historisches Ereigniß zu Grunde läge und sie eines wirklichen Zusammenhanges entbehrten. Diese Ansicht hat in neuerer Zeit in Franz v. Schwarz mit Recht einen Gegner gefunden, welcher in seinem Werke „Sintflut und Völkerwanderungen" unter anderem die Anficht begründet, daß die Sintflut eine große Katastrophe gewesen, auf welche die meisten Flutsagen zurückzuführen sind. Schwarz weist dabei auch darauf hin, daß, wenn einzelne örtliche Ereignisse im Stande wären, eine so allgemeine Sage hervorzurufen, vor allem Erdbebensagen hätten entstehen müssen, von welchen aber keine Spur vorhanden ist. Es ist nun für die positiv-christliche Anschauung und Bibelauslegung gewiß erfreulich, daß in weiteren — nicht bloß in theologischen — Kreisen die Auffassung der Sintflut als einer einen großen Theil des Menschengeschlechtes heimsuchenden Katastrophe anerkannt und so in den Flutbcrichten der Völker eine Bestätigung des biblischen Berichtes erblickt wird. Allein es wird jetzt versucht, den biblischen Bericht seiner Originalität zu entkleiden und die babylonische Flutsage als die älteste und ursprüngliche hinzustellen, aus welcher der biblische Bericht entlehnt wäre. Zweck und Konsequenz dieser Behauptung sind klar. So lesen wir z. B. im genannten Werke von Schwarz Seite 5: „. . . . ganz abgesehen davon, daß man in diesem Falle (nämlich bei der Ansicht von der Inspiration deS gesammten Inhaltes der Bibel) auch annehmen wüßte, daß auch die Keilinschriften vom heiligen Geiste diktirt worden seien, weil der biblische Bericht ganz offenbar nur eine Nachbildung des viel älteren keilinschriftlichen Sintflutberichtes ist. Allen aufgezählten Schwierigkeiten geht man aus dem Wege, wenn man, wie es wohl für jeden logisch Denkenden ausgemacht ist, annimmt, daß der biblische Bericht eben nichts weiter ist, als einer von den vielen über die Sintflut erhaltenen lokal gefärbten Sintflutberichten, dessen Einzelheiten ebenso wenig vernünftig zu erklären sind . . . ." Allein wie steht es denn mit dem Beweise für die Behauptung von der Priorität des babylonischen Berichtes. Andrer führt uns denselben in seinen „Flutsagen" S. 9 mit folgenden Worten an: „Eine Erzählung ist aus der andern geflossen. Nun ist durch das hohe Alter der babylonischen Erzählung, die mindestens schon 2000 Jahre v. Chr. schriftlich vorhanden war, eine Entlehnung von den Hebräern ausgeschlossen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, baß die Hebräer die Sage schon bei ihrer Auswanderung von Ur in Chaldäa mitgenommen oder erst während des Exils in Babylon kennen gelernt haben." Ich glaube, es ist nicht schwer, die ganze Willkürlich- keit und unwissenschaftliche Oberflächlichkeit eines solchen „Beweises" darzuthun. Der Kern der beiden Berichte ist übereinstimmend. Damit ist aber nicht die einzige Möglichkeit gegeben, daß der babylonische Bericht direkt aus dem jüdischen — oder umgekehrt — hervorgegangen ist. Beide Flutsagen können ja auch von einem gemeinschaftlichen Punkte ausgegangen sein, und es fragt sich nur, welcher Bericht mit der wirklichen Thatsache der Flut übereinstimmt und welcher die ursprüngliche Form durch Ausschmückungen und Zuthaten erweitert hat. Der erstere ist dann identisch mit dem Originalbericht, der zweite aber in seiner sich jetzt darbietenden Form der 673 jüngere. Diese Frage kann nur durch eine kritische Vergleichung der beiden Berichte entschieden werden. Es mag ja sein, daß die schriftliche Fixirung des babylonischen Berichtes eine ältere ist, als diejenige des biblischem Uebrigcns ist nicht außer Acht zu lassen, daß die den Bericht enthaltenden Keilschrifttafeln erst aus dem siebenten Jahrhundert v. Chr. stammen. „Ihr Text jedoch ist zweifellos viel älter und rührt aus einer spätestens 2000 o. Chr. abgefaßten Urkunde her." (Andrer S. 3.) Die Beurtheilung dieses „zweifellos" muß ich genauen Kennern der babylonischen Literalur und Sprache überlassen und einstweilen die Richtigkeit desselben annehmen. Allein wenn auch der biblische Bericht erst viel später schriftlich fixirt wurde, so wäre es gewiß ein ganz unbegründetes Vorgehen, die Zeit der schriftlichen Fixirung mit der Entstehung des Berichtes zu identifiziern. Ich halte vielmehr, besonders auf Grund der scheinbar unmotivirten Wiederholungen im biblischen Berichte, die Annahme für berechtigt, daß derselbe aus zwei verschiedenen, einander ergänzenden, schon längst vorher im jüdischen Volke extstirenden mündlichen oder schriftlichen Flutbcrichten zusammengesetzt ist. Ist dies richtig, so beweist es, daß der biblische Bericht einen viel älteren Ursprung hat als die Zeit seiner jetzigen schriftlichen Formirung; aber auch im andern Falle ist dies möglich und wahrscheinlich. Ich möchte den biblischen Flutbericht in folgende Abschnitte theilen: I. Abschnitt, onx. VI, 5—8; hier wird beschrieben, wie Gott angesichts der Bosheit der „Menschen aus Erden" beschlossen, dieselben zu vernichten. Noe aber findet Gnade vor dem Herrn. II. Abschnitt, VI, 9—22; Geschlecht Nocs; Wiederholung der Thatsache, daß die Menschen verderbt sind; Beschluß Gottes, sie zu vernichten, welchen er Noe mittheilt mit dem Auftrage, eine Arche zu bauen und auch von den Thieren je ein Paar mit sich zu nehmen. III. Abschnitt, onp.-VII, 1—5; Aufforderung Gottes an Noe, in die Arche zu gehen; Wiederholung des Auftrags, daß von den Thieren je ein Paar mitgenommen werden soll, mit der näheren Bestimmung, daß von den reinen d. h. opferfähigen Thieren je sieben Paare aufzunehmen sind. IV. Abschnitt, von errp. VII, L an, mit Ausnahme von cap. VIII, 20—22; Noe geht in die Arche; zweimalige Erzählung, daß von den Thieren je ein Paar mit hineinging; Verlauf der Flut; Bund des Herrn mit Noe und seinen Nachkommen, welcher schon im II. Abschnitt in AuSsicht gestellt worden war. Woher nun die vielen Wiederholungen? Dieselben lassen sich wohl am besten so erklären: Der I. und III. Abschnitt gehören zusammen und sind Theile eines Flutberichtcs, in welchem Gott stets mit dem Namen Jahvc bezeichnet wird. Um aber über die Arche näheren Aufschluß zu geben, so ist der Theil einer zweiten jüdischen Ueberlieferung, welche die erste theilweise ergänzt, als II. Abschnitt eingeschoben worden, und zwar unverkürzt, so daß sich in ihm Wiederholungen auS dem I. Abschnitte und dann im III. solche aus dem II. finden. In dieser zweiten Ueberlieferung ist der Name für Gott Elohim. Von enp. VII, 6 an wird dann der Name Elohim gebraucht, mit Ausnahme von VII, 16, wo sich beide Namen neben einander finden, und VIII, 20—21. Es ist also hier vorwiegend der zweite.Bericht gebraucht und der erste nur zu kleineren Ergänzungen benützt. Auch einige Wiederholungen weisen auf den Gebrauch des ersten hin, wenn nicht der zweite selbst wieder aus verschiedenen israelitischen Volksüber- lieferungen zusammengesetzt ist. Von diesen beiden Ueberlieferungen war vielleicht die erste im Besitze der Priester, resp. der Acltesten des Volkes, denn sie benützt den präciseren und heiligeren Namen Jahve, der von den Juden so hoch gehalten wurde, daß sie ihn, wenigstens in späteren Zeiten, gar nicht aussprachen. Diese Ansicht wird dadurch unterstützt, daß allein im dritten Abschnitte, wo eben der Name Jahve gebraucht wird, von den reinen Thieren, d. h. von den Opferthicren, die Rede ist, daß ferner VIII, 20—21, wo wir wieder den Namen Jahve antreffen, gerade von dem Opfer nach der Sintflut berichtet wird. Der heilige Name Jahve und die Beziehungen zum Opfer lassen daraus schließen, daß diese Ueberlieferung sich unter den Priestern fortgeerbt bar. In der zweiten Ueberlieferung wird dagegen der allgemeinere Name für Gott, nämlich Elohim, benützt, und in ihm ist nur von den Thieren überhaupt, nicht von den Opfer- thieren die Rede, waS im Gegensatz zur ersten auf Volks- überlicferung hinweist. So ist wohl anzunehmen, daß MoseS im Allgemeinen die unter dem Volk selbst kur- sirenden Ueberlieferungen benützte, diese aber vielleicht corrigirt und jedenfalls ergänzt hat durch die unter den Priestern und Aeltcsten fortgeerbte Ueberlieferung. (Schluß folgt.) - Upsala, Schwedens erste Universitätsstadt?) Von Or. P. Wittmnn». Nach einer von zahlreichen Schriftstellern des früheren Mittelalters überlieferten, in Chroniken und Volksliedern noch fortlebenden Sage soll die Wiege der germanischen Stämme in Skandinavien gestanden haben und. deren strahlenförmige Verbreitung über das europäische Festland durch wachsende VolkSmeng: hervorgerufen sein. Beweiskräftig hiefür scheint nicht allein der Umstand, daß die Macht der schwedischen Ober-Könige in einer nördlichen Provinz (Upland) wurzelte, sondern daß auch der Odinscnlt hier seinen Hanpisitz, seinen bedeutendsten Tempel hatte. Würde eine Einwanderung von Süden nach Norden erfolgt sein, so wäre diese Erscheinung kaum zu erklären. Ein abschließendes Urtheil läßt sich freilich deßhalb noch immer nicht fällen. Nur soviel steht fest, daß die sog. „Upsvear" schon im grauen Alterthume die herrschende Stellung einnahmen, ihre Haupistadt Aros oder Upsala aber lange Residenz der Fürsten und der wichtigste Platz des ganzen Reiches gewesen ist. Sie wird schon im neunten Jahrhundert erwähnt. Erik der Heilige erlitt daselbst unter den Schwertern heidnischer Feinde den Martertod (1160). Mit der Würde des Bischofs von Upsala war seit 1164 der Primat verknüpft. St. Eriks Gebeine zogen Schaaren von Wallfahrern an. Das Kirchengut mehrte sich; Macht und Reichthum des Stiftes wuchsen Zusehends. Unter solchen Verhältnissen begann man (1260) nach dem Plane des Franzosen Vonneuil den Bau der ehrwürdigen Kathedrale, die zwar im Laufe der Jahr- *) Von Schriften, welche ich zu dieser Skizze bcizog, seien hier genannt: 1) -LvoriZos bistoria kenn äldsia i n! till virrer äoK'nr.r 6 Bde. (1877 sf.) — 2) Stysfc, -8bnne!innv!on nnäsr nnionstidsn.- (!880.) — 3) Schück, -Lvcwdb lilre-ra- tnichisr.m'ia. (1890.) Band I. — 4) Warbera, -8vonsl. !it- tkratmliistoiia i .-aminnnclrnA.« (1888.) — ö) A nner stcbt, -Upsala universiters liistorla.- (1877.) — 6) Aiiucrstcdt, -Upsala nuiversiteisblbliotoles lüswria.- (1894.) — 7) Witt- in an n, „Würzburger Bücher in der schweb. Ilniv.-Bidlielhek zu Upsala." (1891) — 8) WiHinann, f.Jiibrer d. Schweden." (1893.) 374 Hunderte mehrfache Schäden erlitt, in jüngster Zeit aber nach Zetterwalls Plänen einer durchgreifenden Reparatur unterzogen wurde. Mit ihren steil emporstrebenden Thürmen, den massigen Strebepfeilern und schlanken Fialen bietet der Dom ein überwältigendes Bild. Auch daS Innere wirkt machtvoll auf den Beschauer: hohe und weite Gewölbe auf Säulenbündeln von grauem Sandstein, ein imposanter Hauvtaltar, Grabchöre mit Denkmälern hervorragender Männer; in der Sakristei zahlreiche Ueberreste der katholischen Vergangenheit. Die Reliquien des hl. Erik ruhen in silbernem, kunstvollem Schreine. Schon im 14. Jahrhundert war mit dem Domcapitel eine Schule verbunden, an der auch Laien Unterricht erhalten konnten. Bald trat man dem Gedanken näher, dieselbe zu einer »Universität zu erweitern. Doch blieben bezügliche Synodalbeschlüsse trotz warmer Unterstützung von Seiten der Könige, namentlich Christoph des Bayern, zunächst erfolglos. Erst dem gelehrten und eifrigen Bischof Ulfffon gelang es, seinem Vaterland die angestrebte eigene Hochschule zu verschaffen. Die betreffende Bulle deS Papstes SixtuS IV. vom 28. Februar 1477 erhielt unterm 2. Juli dess. Js. Bestätigung des damaligen NeichsvorsteherS Sten Sture. Am 7. Oktober wurden die Vorlesungen „Gott zu Lob, der Christenheit und dem Schwedenvolt zur Freude" eröffnet. Als Professoren fungirten zunächst die Kanoniker des Stifts, darunter der als GeschichtSschreiber bekannte ErtcuS Olai (-s- 1486). Das Birgittinerkloster Wad- stena lieferte gleichfalls Lehrkräfte; unter ihnen zeichnete sich k. Petrus als gründlicher Kenner der Mathematik und Astronomie aus. Indeß fehlten der jungen Anstalt genügende Dotation und paffende Räumlichkeiten. Auch scheinen nur zwei Fakultäten, die theologische und juristische, vorhanden gewesen zu sein. Man liest deßhalb nirgends etwas von Doctorpromotionen. Die schwedischen Jünglinge pflegten vielmehr wie ehedem, so auch jetzt ihre Studien an auswärtige» Akademien (Paris, Köln, Prag rc.) zum Abschluß zu bringen. Mit Bischof Ulsssons Tod war der vorläufige Untergang seiner Schöpfung besiegelt, zumal die damals eindringende Häresie die Scholastik aufs bitterste bekämpfte, Gustav I. Was« aber kein Verständniß für die Wissenschaft hatte. Seinen Bedarf an weltlichen Räthen wie an Prädikanten lutherischer Gesinnung deckten Witteuberg, Rostock, Greifswald. Erst Erik XIV. interessirte sich wieder für Upsala. Er suchte die Fakultäten herzustellen und schuf neue Lehrstühle. Laurentius Petrus Gothus, von den Zeitgenossen als »iostauratvr eollaxsas aca- äsmiav" gepriesen, unterstützte ihn bet Ausführung des Werkes. Leider äußerten die unter Johann III. entbrannten liturgischen Streitigkeiten neuerdings sehr schädlichen Einfluß auf die Entwicklung der Hochschule. Unter den Professoren herrschte Zwist und Uneinigkeit; selbst die Hörer pflegten dabei Partei zu ergreifen. Endlich kam es sogar zu blutigen Schlägereien. * * * Mit Gustav II. Adolf begann für die Universität Upsala eine neue, bessere Zeit. In Erkenntniß der hohen Bedeutung echt nationaler Ausbildung drang er darauf, daß auch der schwedischen Sprache Aufmerksamkeit und Pflege gewidmet werde. Er war es ferner, der durch Ueberweisung zahlreicher Höfe, Mühlen und Sägewerke in Upland und Westmanland der Hochschule dir ihr bisher mangelnde reale Grundlage verlieh und durch Privilegicnertheilung jeder Art ihr neue Mitglieder zuführte. Zu den theologischen Lehrstühlen traten bald mehrere neue für andere Disciplinen. Die durch Skytte und Oxenstjerna (1626) ausgearbeiteten Konstitutionen ermöglichten ein reicheres, wissenschaftlicheres Leben. Von den achtzehn Professoren waren hinfort zwei Juristen, zwei Mediziner, drei Mathematiker; letztere hatten zugleich Geometrie, Architektur nebst Fortifikation zu dociren. Philologie und Theologie wurden getrennt; der Lehrer des Hebräischen mußte in den vorderasiatischen Sprachen unterrichten. Außerdem gab eS Katheder für Geschichte, Staatswissenschaft und Poesie. Als Attribut der Hochschule entstanden eine akademische Druckerei und Buchhandlung, bald auch (13. April 1620) die jetzt so berühmte Bibliothek. Die Bücherei des ehemaligen Domeapitels, sowie der trotz aller Stürme der „Reformation" noch vorhandene Nest ehemaliger Klosterbibliotheken bildeten den Grundstock. Bedeutenden Zuwachs erhielt die Sammlung durch schenkungsweise Zu- Wendung von Kriegsbeute. So überließ ihr Gustav II. Adolf die Impressa und Manuskripte deS Jesuiten- collegiums Braunsberg und (1631) die bischöflich würz- burgische Hof- und Universitätsbibliothek, welche bei Erstürmung des Marienberges den Schweden in die Hände gefallen war. Eine sehr bedeutende Mehrung — darunter den cväex urZentsus, das einzige Denkmal altgothischer Sprache — konnte die Anstalt (1669) dank der patriotischen Gesinnung des Grafen MagnuS Gabriel de la Gardie verzeichnen. Der einzige Mißstand, welcher die gedeihliche Entwicklung hemmte, war Raummangel. Um diesem einigermaßen abzuhelfen, verfügte das Konsistorium die Versteigerung einer beträchtlichen Zahl mittelalterlicher Handschriften. Dieser Akt brutaler Ignoranz verursachte leider unersetzlichen Schaden und läßt es erklärlich scheinen, weß- halb nur Codices des Birgittinerklosters Wadstena sich in größerer Zahl (326) erhalten haben, die übrigen Konvente dagegen ausnehmend schwach vertreten sind. Auf Befehl Karls XIV. Johann entstand (1819 bis 1841) das Gebäude, in welchem die Schätze der Bibliothek gegenwärtig untergebracht sind. Nüchtern in der äußeren Form, schließt dasselbe hohe weite Säle ein und gestattet in all seinen Partien der Luft und dem Licht freien Zutritt. Die innere Ausstattung ist zweckentsprechend, theil- weise — namentlich im Lesezimmer — comfortabel, ja elegant. Der Leiter der Anstalt, Dr. Claes Annerstedt, auch als Historiker bedeutend, wirkt mit aufopferndem Fleiß für Vergrößerung, Katalogifirung und Nutzbarmachung derselben; sie zählt nunmehr circa 300,000 Bände nebst 8000 Handschriften und wird an Umfang nur von einer schwedischen Bücherei, der Riksbibliotek zu Stockholm, übertreffen. Um auf die Universität als solche zurückzukommen, so mußte sich dieselbe lange mit dem alterihümlichen Skyt- teanum und unschönen Gustaviannm begnügen. Desto großartiger ist der in den Jahren 1881 bis 1887 nach Plänen H. T. HolmgrenS ausgeführte Neubau. Im Renaissancestil gehalten, hat er eine Länge von 40 Meter bei 18 Meter Tiefe. Die Höhe beträgt 30 Meter. Als Material verwandte man Sandsteine und bunte Ziegel; die Fensterpfeiler bestehen aus geschliffenem Granit. Die prächtige Eingangshalle erhält ihre Beleuchtung von oben. Die Fliesen find aus Schiefermosaik zusammengesetzt, Treppen und Säulen aus grünem Marmor gefertigt. 37L An Annexen besitzt die Hochschule ein Krankenhaus, chemisches Laboratorium, Observatorium, sowie einen ausgedehnten botanischen Garten mit musterhaften Gewächshäusern. Unter den Professoren, welche im Laufe der letzten drei Jahrhunderte in Upsala wirkten, haben einige Weltruf erlangt. So zeichneten sich Messenius (157S bis 1636) und Olof Rudbeck (1630—1702) durch ungewöhnliche Vielseitigkeit aus. Geifer (1783 —1847) nimmt als Geschichtsfchreiber seines Volkes, Scheele als Naturforscher eine geachtete Stelle ein. Doch weit werden diese Männer überragt von einem Geistesriesen, dessen Name keinem Gebildeten fremd ist, von Karl Linus (1707—1778), dem Vater der Botanik, dem Schöpfer einer völlig neuen empirischen Wissenschaft. Die 122 akademischen Lehrer der Gegenwart reihen sich ihren Vorgängern würdig an. Die Anzahl der Studirenden belauft sich auf 1500, darunter beiläufig 30 Damen, meist Hörerinnen der philosophischen und medicinischen Disciplinen. * Der schwedische Student unterscheidet sich wesentlich von seinem deutschen College» — die Leicht- lebigkeit ausgenommen. Er betreibt zwar Gymnastik mit Leidenschaft, lernt auch meist fechten; doch find Mensuren unbekannt. Die bunte Vielfarbigkeit deutscher Corporationen sucht man in Upsala vergebens. Jeder akademische Bürger trägt vielmehr die gleiche Mütze: weiß mit breitem, blauem Samwtband und der National- kokarde. Auch gibt eS weder Burschenschaften noch Corps. ES rührt dies daher, daß die neu Jmwatrikulirten gehalten sind, bei ihrer „Nation" d. h. jenem Theile der Studentenschaft einzuspringen, dem ihre Landsleute im engsten Sinne des Wortes angehören. Diese „Landsmannschaften" haben die Rechte juristischer Personen und können mit Legaten bedacht werden. Sie stehen unter Leitung und Aufsicht von Professoren, besitzen ihre eigenen Häuser und bisweilen namhaftes Vermögen. Das Kapital der Gesammtheit beträgt 523,000 Kronen. Baden, Rudern, Schlittschuhlaufen, Spielen und Trinken bilden ein Hauptvergnügen der Jünger der Wissenschaft, die hier weniger dem Btergenuß huldigen, aber desto stärker in Konsumtion von Wein und Spiritussen sind. Gesang ist allenthalben beliebt und geübt; die Nationen setzen ihren Stolz darein, sich bei musikalischen Productionen zu überbieten. In Bezug auf Lage und Natur ist Upsala weit stiefmütterlicher bedacht, als die meisten deutschen Universitätsstädte. Die Umgegend bietet wenig Reiz; ein flaches, monotones, nur hin und wieder von kleineren Waldparzellen unterbrochenes Acker- und WieSgelände, vom trägen Fyris durchströmt, der unterhalb der Stadt, die er in zwei Hälften theilt, schiffbar wird und seine gelben Gewässer dem Mälarbecken zuführt. Sein linkes Ufer ist erst seit einigen Decennien stärker besiedelt. Da sehen wir den Bahnhof, die Tonhalle, das Schauspielhaus; die oben erwähnten Monumentalbauten: Dom, Universität, Bibliothek, Wasaschloß, liegen auf Hügeln, welche dem rechten Ufer entlang sich ausdehnen. Hier sind auch die Vergnügungsplätze Odinslund, Karlspark und Strömparterren zu suchen, von denen namentlich der letztgenannte stark besucht wird. An lohnenden Ausflügen fehlt es nicht. Dampfboote vermitteln den Verkehr mit dem an Naturschönheiten so reichen Mälarsee und seinen Küstenplätzen; mittelst der Bahn läßt sich die Rrfidcnz in 1*/z Stunden erreichen. Die Civilbevölkerung Upsala'S dürfte 20,000 Seelen kaum übersteigen. Industrie und Gewerbe halten sich in engen Schranken, auch der Handel zeigt kein rechtes Leben. Die meisten Bürger sind eben auf Professoren und Studenten angewiesen. Die »alwg. wnter", diese Schöpfung deL katholischen Mittelalters, verleiht der Stadt noch heute ihr Gedeihen und Gepräge; ohne die Universität müßte sie verkümmern. Recensionen und Notizen. Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. Herausgegeben von Professor vr. Ernst Comnrer in Breslau. Paderborn 1896. Schöningh. XI. Bd. 2. Heft. Inhalt: I. Die angebliche Mcumelhaftigkeit der aristotelstchen Gotteslehre. 1. Art. Von Rektor vr. Eugen Rolses. II. Des Kardinals P. PszmLny Physik. Von Kanonikus vr. M. Gloßner. III. Die Neu-Thomisten. (Fortsetzung.) Von k. Llsx. Itieol. Gundisalv Feldner. vrä. vrseä. IV. Die unbefleckte Empfängniß der Gottesmutter und der hl. Thomas. (Forts.) Von ?. Josephus a Leoniffa, 0. LI. Os.p- V. Zur Fixirung der Probabilis- musfragc. Von Professor I. L. Jansen, 0. 88. Iloä. VI. Die Grenzen der Staatsgewalt, mit besonderer Rücksicht auf das staatliche Strafrecht. (Forts.) Von Vr. jsr. Raymund Zastiera, Orä. krssä. VII. Die Grundprincipien des hl. Thomas von Aauin und der moderne Socialismus. (Forts.) 8. Die Kirche und die Freiheit. Von vr. C. M. Schneider. VIII. Der Herbartianismus und seine Vertheidigung durch O. Flügel. Eine Replik. Von vr. M. Gloßner. IX. 6 Litterarische Besprechungen u. s. w. 8. Ikomss st äoetrws prsemotionis pbMsss ssu rsspvnsio sä R. v. 8obnssmsnn 8. I. sliosgus äoetrinss sebolsv tbomietiess iwpugustorss ssetoro V.V. ^..Ll. vummsr- mot,b, Orä. krseä. cte. Vei. 8", pgg. IV, 759. vekensio Vootrivss 8. Iboioss Lg. äs prsemoticmv pbxsics ssu responsio sä R. k V. Urins 8. I. soetors k. V. LI. v online rmutd, 0. ?., 8. Ibeol. Llsx. et in Ooll. Vovsniensi sjusä. Oräinis 8tnä. lieg. Isr. 8°. xsx. VI, 43b. ätz Seit Erscheinen des berühmten päpstlichen Rundschreibens ,-Leterni vstris" vom 4. Aug. 1879 bemühen sich die Neu-Molinisten mit aller Gewalt, sich als die ge- treuesten Schüler des hl. Thomas von Äguin hinzustellen. Sie gehen sogar so weit, daß sie der Thomisten-Schule den Vorwurf machen, diese hätte in Bezug auf die Frage von der Mitwirkung Gottes auf die Thätiglest der Geschöpfe. besonders der freien, die Lehre des hl. Thomas ganz und gar verlassen, nur sie selber folgten darin allein der echten Lehre des Aqninaten. In vielerlei Zeitschriften, Broschüren und dgl. suchten sie dies nachzuweisen, und zwar derart, daß weniger genau unterrichtete Leser leicht rn die Irre geführt werden konnten. Unter diesen moli- nistischen Schriften nun sind die bedeutenderen ?. Schnee- mann's: „Oovtroversisrrnn äs äivinse grstiss tiberigus srbitrii concoräis initis st progressns", und I. Frins': „8. Ikaruse prssäeterminstionis pkvsicss sä omnew sotionsw erestsm sävsrssrius." Letzteres wurde, wie im Jahre 1894 in den Laacher Stimmen und in der Passauer Monatsschrift, noch jüngst in der Linzer Quartalschrift (Heft iv, S. 892 ff.) als ein hochbcdcntsames und für das Studium der behandelten Frage sehr maßgebendes bezeichnet und empfohlen, v. Frins schrieb fein Werk gegen k. Dummermutb, und zwar gegen dessen oben sub 1) angeführtes Werk, dasselbe zu entkräften. In diesem Werke hatte I. Tummermuth in eingehendster Weise die wahre Anschauung des hl. Thomas und der älteren wie neueren Thomisten in unserer Frage dargelegt und gründlich deren volle Uebereinstimmung nachgewiesen. Ein gewiß kompetenter Kritiker, Pros. Morgott in Eichstätt (früher selbst Molinist), spricht sich über dieses Werk im Literarischen Handweiser 1887 Nr. 424 f. eingehend aus und schließt mit folgenden Worten sein Referat: „v. Dummermuth's Werk überragt w eit alle anderen Schriften, welche seit dem Wiedcrcrwachen der tlwmistisch-molinistischen Kontroverse auf thomistischer Seite erschienen sind, und verdient vollauf in der speziellen Frage, welche es behandelt, den Ausführungen V. Schneemann's und seiner Meiuuugsfreundc gegenüber gehört zu werden. Der Verfasser verbindet mit einer gründlichen Kenntniß des h l. Thomas und seiner Schule eine sehr bedeutende spekulative Kraft und große dialektische Gewandtheit. Die Darstellung ist klar und frisch, die Sprache fließend und gewählt, die Polemik scharf und schlagend, aber durchweg objektiv und maßvoll — würdig des großen Meisters, dessen Erklärung und Vertheidigung sie gilt. Den bleibenden sachlichen Werth des Buches fassen wir in das empfehlende Urtheil der officiellen Ordenscensoren, das es an der Stirne trägt: ,,Vsram ac 8olidrun 8. Uromas ^uAvlici no8tri llraeceptorst doetrinam üdslitsr oxpro88am ndiqns rcperimus; atqno all vindicandam osuodom 8. voetoris 8cirolam a rocentiornm aKore88ionidu8 (opus) apprimo idonoum sudicavimas." Sechs volle Jahre nach Erscheinen dieses Dunnnermuth'schen Werkes, Anfang des Jahres 1893, ließ k. Frins sein oben genanntes Werk erscheinen als Vertheidigung Schneemann's, der im Jahre 1885 gestorben, gegen Dummer- muth. Die Darlegungen des Verfassers (Frins) werden vom Kritiker in der Linzer Quartalschrift angepriesen als ein hervorragender Beweis für seine umfassende Erudition und seinen großen Scharfsinn, der Inhalt des Buches als reich und durchaus solid, als nothwendiges Korrektiv des Dummermuth'schen (1) Werkes, als ein Werk ausgezeichnet durch Tiefe und Gründlichkeit in Erfassung der behandelten Frage, durch Reichhaltigkeit des erbrachten Matcriales und durch Scharfsinn und Gewandtheit in Führung der Polemik, in der vorwürfigen Frage von maßgebender Bedeutung und klassischem Werthe. Allerdings dürften wir der langen Zeit wegen, welche Frins zur Herstellung seiner Widerlegung brauchte, etwas recht Gediegenes erwarten. Aber wie wenig dies der Fall ist, zeigt die gebührende Beachtung, welche dem Buche seitens der Gegner geschenkt wurde. Gleich nach Erscheinen wurde die ganze Oberflächlichkeit des Buches, die Unkenntnis; des Verfassers mit der alten, aristotelisch- thomistischen Philosophie, seine vielen Textverdrehnngen u. Unwahrheiten in Darlegung der Lehre des hl. Thomas u. der Thomisten und dergleichen offen bloßgelcgt von der Revue Thomiste, sowie vom Commer'schen Jahrbuch (Artikel: ,Meu-Thomisten", welcher noch immer fortgesetzt wird). Nach kaum 2 Jahren gab i>. Dummermnth eingehende Antwort in dem sub 2) oben genannten und in Nr. 37 der Beilage kurz besprochenen Werke. Dasselbe zerfällt, wie das gegnerische Buch, in 7 8setiono8. Die 8oetio I a handelt von den Belobigungen, welche der Thomistenschule von den Päpsten zuerkannt wurden. Die Abschwächung und Entstellung derselben seitens der Gegner werden dabei trefflich beleuchtet. In der 8aetio II a wird der Frage- punkt auseinandergesetzt; insbesondere dabei sowohl die wahre (nicht unterschobene) Lehre der Thomisten dargelegt, wie die Meinung der unter sich durchaus uneinigen Moli- nisten. In der Leetio lila wird eingehendst gezeigt, daß der hl. Thomas an mehreren Stellen die praodotorminatio (xraemotio) plrz'eiea gelehrt, so 3. Bot. a 7; 1. g. 19, a. 3; g. 23, a. 1; q. 80, a 2; g. 83. a. I ad. 2 gt. 3; g. 105, a. 5; 1. 2. g. 10, a 4; 3 e 6. cp. 70, 88 — 94 incl.; 6omp. Ideolog. ep. 129; 3. ülal. a. 3; ü. Vor. a. 5, ad 1. dagegen die molinistische Meinung verworfen hat. Der Versass er geht dann dazu über, nachzuweisen, daß die Behauptung durchaus falsch sei, St. Thomas habe direkt (8eorio IVa) und indirekt (8sotio Va) die prasdotorminatio pilZ'mcades freien Willens geleugnet. Bei dieser Gelegenheit werden die von 9. Frins aus verschiedenen Stellen der Werke des Aquinaten vorgebrachten Zweifel gelöst, die gemachten Eimöürfe widerlegt, die falschen Auslegungen berichtigt. Leetio VI a bringt die Lehre der alten Thomistenschule in unserer Frage und den unzweideutigen Nachweis ihrer vollen Uebereinstimmung mit der Lehre der heutigen Thomisten. 8eotio VII a, behandelt Ursprung, Alter und Ursachen des Thomismus. Die immer wieder neu aufgetischte Fabel, Bannez sei der Erfinder der praomotio piiz-siea, und die neueren Thomisten müßten nur mehr Banncsiancr genannt werden, wird durch die Anssprüche i auch mancher alten Anhänger Molinas gründlich abge- > fertigt. Trotz aller phrasenhaften Anpreisungen des Frins'- schen Buches stehen wir nicht an, die Frage, ob St. Thomas die praemotio plrz-oioa gelehrt habe, von k. Dum- mermnth im bejahenden Sinne als unzweifelhaft gelöst zu betrachten. Mit vollem Rechte schreibt letzterer im Vorworte zu seiner Antwort auf V Frins: >liste st sicnti oportsd paoato st t.ranquillo animo oxpendi siugula qnas k. k. Vriii8 in 8>ro opsro oovK688it. Invsni autsm quasoumqns a ms in ro8po»8iono all V. 8o!insomann nllata suut, nou 8olmn 8olii1i88iinc> niti Inndamsuto, 8sd 6t Maxime eonürmari sx modo 8ingutari quo L. V Vrius dootrinam meam impuKiravst. Osinds in omnibns tsgtimonüs pogitivis 6t no^ntivi8, dirsotst st indirsotie a 11. katrs alleKatig, nso vorbulnm quidem doprslrsndi quod ZloliniZdia kavsat; contra, iinrnmsra ropsrii grins Zlolinistis pninm ndversantur. 8tnclluin msmn Isetori subsioio. Hand <1ubis meenw oonoludet, Dlro- mistns 6886, LMiuanos 8. lllromns disoipnloe, 6t vsros doetrinas TtnAslioi Ooctoris 8eetntors8, ut 608 8nnuni llontllioo8 vocant.; Llolinintas vsro 6886 mnnitsotos dootrinas 8. Mromne ndvor- snrios.- Das Urtheil der officiellen Ordenscensoren über diese Antwort lautet dahin; -Illud (opno) di»nnm plane z'udieavimue nr tzgiis urnndstnr, ntpots 8. Mromns eju8qus Lobolas doetriiias einosrs iokeren3, on8quas a persArinis rsoeu- tiorum qnorumdnm interprotationibu8 exrsAis vindieano.r — Professor Morgott sagt im oben bereits angeführten Heft IV der Linzer Quartalschrift S. 904: „Den seit Suarez oft erneuerten Versuch, den heil. Thomas zum Molinisten zu machen, halten mir, wie Molina selbst und seilte ersten Schüler: Kardinal Toletns, Percrius n. a., für ein vergebliches Bemühen." Sapienti ent! Der Odd-Fclloiv-Orden lind das Decret der Kongregation der Inquisition vom 20. August 1894. Von Hildebrand Gerber. 60 S. Preis 80 Pfg. Berlag der Germania, Berlin. Der Verfasser ist durch seine früheren Arbeiten „Sckwindlcr und Beschwindelte" und „Die Freimaurerei und die öffentliche Ordnung", sowie dadurch, daß er den ersten Anlaß gab zur Ansteckung des Margiotta-Vaughan-Sckwindcls, als gründlicher Kenner der Freimaurerei bei Feinden und Freunden derselben in den weitesten Kreisen bekannt. — In der obigen Schrift wird die Geschichte, Organisation und Statistik, Zweck, Bestrebungen und religiöser Standpunkt des Ood-Fcllow-OrdcnS auf Grund bester Quellen einer gründlichen objectiven Besprechung unterzogen. Auch die Tragweite der den Odd-Fellow-Orden betreffenden kirchlichen Bestimmungen wird erörtert. Neuere, auf Ammenmärchen beruhende, Angriffe französischer Antürcimaurcr aus den Orden werden zurückgewiesen. Die Schrift Gerbers überragt mit Hinsicht auf Genauigkeit und Reichhaltigkeit der in ihr gebotenen Aufschlüsse weit alle bisher herausgegebenen kleineren Schriften über denselben Gegenstand. Dieselbe kann daher nicht bloß den Katholiken, sondern auch Nicktkatholiken und selbst Freimaurern und Odo-Fellows aufs Angelegentlichste empfohlen werden. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1896. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände s M. 5.40). — Freiburg im BreiSgau. Herdcr'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 8. HeftcS: Die Einheit der Kirche nach dem päpstlichen Rundschreiben 8at.i8 ooßpntum vom 29. Juni 1896. (E. Lingcns 8. I.) — Die geistliche OrtSscbulaussicbt in Preußen. (V. Cathrcin 8. ck.) — Der Orden Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit. I. (C. A. Kneller 8. ck.) — Hundert Jahre Polarforschnng. II. (I. Sckwarz 8.1.) — Die Kirchenbauten Englands im 11. und 12. Jahrhundert. II. (I. Braun 8. ,1.) — Recensionen: Probst, Die abendländische Messe (St. Beiffel 3.1.); Kots. Oonoilii 6ou8tanoivn8i8. I. Bd. Herausg. von Finke (O. Pfülf 8.1.); Schüch-Grimmich, Handbuch der Pastoral-Lheologic (A. Lehmkuhl 8. I.); Spillmann. Ein Opfer des Beichtgeheimnisses (W. Krcitcn 8. ll.). -- Em- psehlenSwertbe Schriften. — Misccllen: DieKrönungs- scicr des Winterkönigs; Eine heilsame Ernüchterung des Göthe- CultuS in England; Die neue Kolonie für Epileptische im Staate New-Aork; Von Antwerpen nach Rom im Jahre 1653. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Ar-. 49 21. Ul>v. 1896. Henrik Ibsen, Gerhart Hanptmann, Hermann Sud ermann im Zusammenhalte mit der „modernen" Poesie und Ethik. (Vortrug, gehalten im katholischen Kasino zu München.) (Fortsetzung.) — 2 . Die wenigsten von den „Modernen" waren von geklärtem Wesen, ihre Leidenschaften schäumten noch. Sie sahen, welche Erfolge der Großmeister des Naturalismus, E. Zola, ^) errang, dem die Welt nicht viel mehr als ein unendliches Spital ist, worüber er in seinen Experimental- und Dtrnenromanen — „Nana" hat jetzt die 100. Auflage — gewissermaßen ein Protokoll aufnimmt. Getreu dem Darwinismus und feiner Lehre von der Vererbung und von der thierischen Herkunft des Menscken, stellte Zola es sich zur Aufgabe, in einem Romancyklus von 20 Bänden die thierischen Gräßlichkeiten, die im Menschen schlummern, die Verbrechenvererbung in einer Familie zu enthüllen. Für ihn gibt es nicht gut und bös, sondern nur nützlich und schädlich; alle Erscheinungen der Verthierung führt er auf einen einzigen Instinkt, den erotischen Mord- oder Zer- storungsinstinkt, zurück. Das Weib ist für Zola eine verderbliche, elementare Naturmacht, die dem Manne die Energie aus dem Willen zieht. Nur in der Arbeit findet die sieche Menschheit ihr Heilmittel, so erlöst auch Dr. Pascal die Familie Nougon-Marqnardt aus ihrer Verthierung; strenge Arbeit ist das einzige Mittel znm neuen Leben. Als ob nicht schon oft die größten Schurken die unverdrossensten Arbeiter gewesen wären! Als ob die blutigsten Tyrannen und Despoten sich nicht durch eine unermüdliche Arbeitskraft auszeichnen könnten, wie z. B. Navoleon I.! Unsere Jungdeutschen verkannten von vornherein den Unterschied zwischen dem germanischen und gallischen Volksgemüthe, als sie die Poesie ausschickten auf die Forschungsreise in die dumpfen Niederungen des Einzelnen und der Gesellschaft, in die Gaffen und Baracken, zu Dirnen und Verbrechern. Dem Germanen fehlt im normalen Zustande der Gefallen am Nervenkitzel, nicht umsonst haben die Deutschen die Worte Decadence, Hautgout und „Frivolität" erst entlehnen müssen aus dem Französischen! Die Meisten der Jüngstdeutschen meinten aber am besten zu thun, wenn sie mit lüsternem Behagen allerlei schmutzige und perverse Instinkte behandelten, mit denen wohl Arzt und Strafrichter, die Literatur jedoch nichts zu schaffen hat, wenn sie mit brutaler Offenheit das mit den Thieren Gemeinsame im menschlichen Liebesleben als das Wesentliche betonten und fast als das der Dichtung ") Wie die Beil. z. Allg. Ztg. 1898 Nr. 257 meldet, hat der Irrenarzt E. Toulouse, Chef der Klinik an der mediz. Fakuliät in Paris, es unternommen, an E. Zola eine medizinisch-psychologische Untersuchung über das Verhältniß zwischen geistiger Supenorirät und Neuropathie anzustellen. Zola ist darnach ein wirklicher Neuropath, der an einem auffallenden Mangel von Gedächtniß und literarischem Spürsinn leidet: ein Bruchstück einer eigenen Kritik v. I. 1876 schrieb er Sarcey oder Lemaitre zu, eines seiner Jugcnd- gedickste hielt er zuerst für ein Werk Musscts, ein Fragment von Pascal schrieb er Voltaire oder Diderot und ein Fragment aus Moliöre s „Geizigem" dem — Abbs Prob oft zu!! „ES geht hieraus jedenfalls daS eine hervor, daß Zola's literar. Bildung sehr unvollständig gewesen ist, was man aus seinen Werken schon oft vermuthet hatte." allein Würdige hinstellten. Sie litten an ihrer Vergangenheit, sie waren Dekadenten, „Verfallzeitler", von denen W. Weigand eine so treffliche Schilderung gibt: „Die historische Kritik hatte ihren Glauben an die Ewigkeit jener Denkmäler, denen ganze Geschlechter gesteigerte Verehrung weihten, zerstört oder geschwächt; so ward der Einzelne allmählig geneigt, jene schillernden Ereignisse deS Tages, die seine eigenen Neigungen rechtfertigen und seine Leiden beschönigen, als Werke von Bedeutung anzusehen und anzupreisen. . . . Der Verfallzeitler versteht es, seine Willensschwäche auf die geistreichste Weise zu verhüllen; er versucht es nicht einmal zu wollen; er ist im höchsten Grade wählerisch in seinen Geistesgenüssen und genießt zuletzt nur solche Werke, die schon Erzeugnisse eines Ausnahmezustandes sind, einer herbstlich-reifen Weltanschauung, eines Blickes für die Scheidegrenze zwischen Füulniß und strotzender Gesundheit. Er liebt die Werke, in denen die mannigfaltigsten Säfte und Düfte vermengt sind, die das Nahe und Ferne verschmelzen; er liebt vor allem die Kontraste gewaltsamer Art. ... Es liegt etwas Teuflisches in seinem Verneinen des Schaffens, in seinem ironischen Einsamkeitsgefühl des Verbannten, der auf kein Verständniß hoffen kann, noch hoffen will." Und gerade diese Leute haben den berechtigten Kern, den für mancherlei die neue Bewegung zweifellos enthielt, gar bald in gründlichen Verruf gebracht. Bezeichnend ist, daß daS 1. Sammelbnch der Münchner Modernen 1891 unter dem Titel „Modernes Leben" eröffnet wurde mit Vierbaums künstlerisch und sittlich gleich ordinärer „Waschermadlhistorie" in Briefenl! So wallte denn auch zu München der Modernen streitbare Schaar auf und ab, „in Lebensfluthen, im Thatcnsturm". Mein Gott, was haben sie sich alles geträumt! Durch Vortragsabende, durch Errichtung einer freien Bühne, durch Sonderausstellung moderner Kunstwerke und Herausgabe einer Zeitschrift sollte der moderne Geist im Volke verbreitet werden. Und heute? Als einmal der Frühling über's Land kam, als der Englische Garten sein junges Grün anlegte und am Gasteig dir Amseln ihre Kehlen zu üben begannen, da sprach kein Mensch mehr von „Freier Bühne" und „Freier Ausstellung", einzig den „Modernen Musenalmanach" und ein windiges Kunst- und Literatmblatt hatte die abgelaufene Hochfluth am Strande in München angeschwemmt. Doch nein! Die „Freie Bühne" lebt jetzt erst auf im „Deutschen Theater" ^), das als Titelvignette seiner Textbücher bezeichnenderweise den Faun sich erkoren hat, die grinsende Verkörperung sinnlicher Nohheit und lüsterner Begehrlichkeit; die „Freie Ausstellung" wird gepflegt von der Secession, und dem Evangelium des modernen Geistes suchen in Wort und Bild Verbreitung zu verschaffen „Die Jugend" und der „Simplictssirnus". Und auch die Jerichomauern der Repertoires der k. Theater, sie sind gefallen vor den Posannenstößen der sie umdrängenden Schwarmgeister. Auf der Bühne kamen die Modernen zu Wort, ihre führenden Geister wurden daselbst seßhaft und literarische Tagesgötzen. Richard Wagner, der Erfinder des musikalischen Dramas, wollte den Deutschen eine nationale Tragödie in Aussicht stellen, ein zweiter Aeschylus. Allein er nber- >°) Man vergleich- nur die obige Zusammenstellung der „Mcdermn" mit den Nomen, die im Repertoire des Deutschen Theaters vertreten sindt 378 sah den Unterschied zwischen seiner eigenen Musik, deren himmelstürmenden, alles vergewaltigenden Tomnussen und dem schüchternen Lallen einer unentwickelten Kunst. Er übersah, daß die sinnliche Knust die geistige stets todt wacht und schon im einfachsten Liede eine herrliche Melodie die Blößen der Poesie zudeckt. Er war auch der erste, welcher in den Gedankenkreis der modernen Philosophie trat, in den Bann der Verherrlichung des Willens und der Heiligsprechung der Kraft. Unsere Gegenwart beschäftigt sich ungcmein viel mit Sittenlchre, mit dem Gebiete der Ethik. Eine eigene „Gesellschaft für ethische Cultur" hat sich gebildet. Die Fragen nach dem Werth, der Bestimmung, der Richtung des Lebens, den Gesetzen unserer Handlungen und Beziehungen, sie stehen im Vordergründe des heutigen philosophischen Denkens, beinahe jede Nummer der philosophischen Zeitschriften bringt eine einschlägige Abhandlung. „Säkularisation" ist da ebenfalls das Losungswort. Wie man der Kirche das irdische Vermögen genommen hat, so möchte man auch unser Denken und Empfinden dem Bereiche der Kirche entziehen, so möchte man Moral und Religion trennen. DaS Endziel aller Richtungen, mögen sie auf dem Grnndprincip des persönlichen Vortheils oder des allgemeinen Nutzens oder des universellen Fortschrittes beruhen, es ist die Befreiung von der religiösen Moral. Einmal, indem man die Weltanschauung des Realismus ins sittliche Leben übersetzt und glaubt, es genüge den Menschen naturellcment seinen Leidenschaften zu überessen und man werde die Sittlichkeit von selbst entstehen sehen. Dann aber auch, indem man die Sittlichkeit als solche überhaupt verwirft, weil sie schädlich seil AIs Hauptvertreter dieser Richtung kann der in Berlin 1856 verstorbene Philosoph Kaspar Schmidt mit dem Schriftstellernamcn Max Stirner gelten, dessen Lehre sich dahin zusammenfassen läßt: „Alles, was der Mensch denkt, begehrt und vollbringt, ist recht und gut. Absolute Freiheit ist das höchste Gesetz." Ueber den Standpunkt Stirners, wie ihn vor allem die Schrift ,Der Einzige und sein Eigenthum* markirt, ist noch hinausgegangen jener gottlose Evangelist der Freigeisterei, der Modephilosoph der Gegenwart, dem Literatur, Kunst und Theater zu opfern pflegen: Fr. Nietzsche.^) Er ist der Philosoph des Realismus und Naturalismus, er ist der Philosoph des auf seine Beute gerichteten Willens. In seinen vielgclesenen Schriften feiert er die „Herrenmoral", d. i. das Recht des Stärkeren auf rücksichtslose Ausbeutung der Schwachen. Der Staat ist nach ihm durch „ein Nudel prachtvoller, nach Beute frei schweifender, blonder Bestien" entstanden, welche „in der Unschuld des NaubthiergewissenS" die Schwachen unterjocht haben. Die Schwachen sind dazu da, daß sich ihrer die Herren scrupelloS Zu ihrem eigenen Wähle bedienen. Die Tugenden der Uebermcnschcn sind Stolz, Muth, Freude, Todesverachtung, Härte und Grausamkeit. Die Unterworfenen machen aus ihrer Noth eine Tugend, aus Kleinlichkeit, Acngstlichkeit und Feigheit machen sie Entsagung, Selbstzucht und Demuth. Diese „Sklavenmoral" wu.de vom Christenthum auf den Thron gehoben. Und seitdem krankt die Menschheit an tausend Moralgesetzen, das Individuum ist geknechtet durch Demuth und Liebe und Pflicht. DuS Christenthum ist weiter nichts als eine feige Ruche der jüdischen Sklavenfeelen an ihren heidnischen Herren, und der Tod Jesu von Nazareth ist der I. Popp bat in der „Beilage" Nr. 28 — 30 eine ünSfl'chtliche Sl-zze-von ihm gegeben. Köder, um über den Sinn der Pflichtmoral zu tauschen. Mit der Moral des Christenthums, mit dem Autoritätsglauben der Wissenschaft muß aufgeräumt werden: ungezügelte Freiheit des großen Individuums, des „Herrenmenschen" ist zu erstreben: das Endziel der Entwicklung ist nur das Ich, das alles nach feinem Willen aus sich heraus vollzieht. Und dieser Philosoph, dem es als unanständig gilt, Christ zu sein, er ist der Prophet, auf dessen Worte die Modernen schwören, er ist ihnen „der Prometheus, der das Feuerlicht einer neuen Weltanschauung vom Himmel geholt". Citate und Mottos aus seinen Werken, Ideen aus seinem Anschammgskceis begegnen uns auf Schritt und Tritt in dem Schriflthum der Jüngstdeutschen, und ihre Prosaisten widmen ihm Essay um Essay?') Nur noch Einer ist, der sich mit Nietzsches Autorität in der Ethik der Modernen messen kann. Und das ist ihr literarischer Messias selbst, Henrik Ibsen, geb. 1828 zu Skien in Norwegen. Im hohen Norden sind eine Reihe bemerkenswerther moderner Schriftsteller entstanden: sie alle haben uns viel zu sagen, und sie wandeln alle ihre besonderen Wege. Sie rühren weniger unser Herz, als sie unsern V rstand anregen. Sie sind weniger impulsive Dichter, über die eS kommt wie ein Flügelschlag, der sie empor- und mitreißt, als grübelnde Denker, welche sich abquälen an der Lösung der Menschen- und Lebensräthsel. Sie sind mehr interessant als eigentlich gesund, und sie erwärmen uns nicht so sehr als sie uns interessiren. Zumeist sind sie Atheisten. Der Glaube ist ihnen der abzuschüttelnde Staub; darin herrscht eine beklagenswerthe Uebereinstimmung zwischen ihnen, kein einzigez>geht einen andern Weg. Gemeinsam ist ihnen der Kamps gegen die Lüge, nur daß sie dabei auch den Glauben einbegreifen. Die Führer sind Björnstjerne Björnson und Henrik Auf den 15. ds. fiel der 52. Geburtstag des Philosophen, der, geistig umnachtet, gepflegt von seiner greisen Mutter, der Pastorswutwe Nietzscbe, in Naninburg lebt. Man berichtet über seinen Zustand: Halbe Tage lang sitzt er in seinem Lehnstuhl im Zimmer oder auf der mit wildem Wein dicht bewachsenen Veranda, den Blick unbeweglich nach einem Punkte gerichtet, unbekümmert um alles, was um ihn her vorgeht. Im vorigen Jahre noch machte er oft Spazierfahrten mit seiner Mutter, jetzt sind auch diese unmöglich geworden, und die vier Wände seines Zimmers sind seine Welt. Im großen und ganzen dauert dieser Zustand nun schon Jahre lang an, nur unterbrochen durch Augenblicke, die man auch noch nicht einmal „lichte" Augenblicke nennen darf. Fast immer war es die Musik, selbst in der primitivsten Form, die ihn aus seinem dumpfen Brüten riß. Charakteristisch in dieser Beziehung ist ein Vorfall, der sich vor etwa vier Jabren abspielte. Eines Abends im Dämmerschein war Nietzsche auS seiner Wohnung verschwunden, niemand wußte, wohin. Nach längerem Suchen fand man ihn zwei Häuser von seiner Wohnung entfernt auf der Straße sieben, wo er andächtig einem Arbciterquartett lauschte, das einem Geburtstag feiernden Kollegen ein Ständchen brachte. Willenlos ließ er sich dann von seiner besorgten Mutter nach Hanse führen. Es liegt etwas ungemein Rührendes und doch wieder eins herbe Schickialöironie darin, den äußerlich fast noch bleibend aussehenden kräftigen Mann von der Sorge einer Frau abhängig zu sehen, den Mann, der in dem Weib ein mindenverthigcS Wesen, eine Art von HauSthier erblickt! Dieser feindselige Zug gegen das Weib prägt sich ja in allen seinen Schritten aus, und als einmal seine Mutter, stolz auf den Nubm ihres Sohnes, ihn fragte, welches seiner Werke er ihr zur Lektüre empfehlen könnte, antwortete er abweisend: „Nichts, meine Mutter, meine Werke sind für ein anderes Publikum geschrieben; höchstens .Schopenhauer als Erzieher' kann ein Weib versieben". Acußerlich kräftig und fast blühend, wie gesagt, sieht Nietzsche auch heute noch aus, und doch empfindet der schwergeprüfte Mann zu Zeiten auch körperliche Schmerzen, die ihn laut auischrcien lassen; unzarte Naturen sagen; „Das Wetter ändert sich, der Prosissor schreit." 379 Ibsen. Beide sehen wie der Nüsse Tolstoj in der Sinneulust die Quelle socialer Entartung, ohne deßhalb aber mit diesem zu einem überspannten Urmenschendasein zurückzuschreiten. Bei beiden ist das Weib der that- kräfüge Theil, die Triebfeder zum neuen, veredelten Zustand, der Mann ist der feige Träger und Vertheidiger verrotteter Gesellschastsinstitutionen. Der Mann ist ihnen der Urheber aller Entartung,^nicht das Weib, wie das die Franzosen lehren. Ibsen hat als wahrer Dichter begonnen. Dann warf er den Idealismus von sich und brachte in nackter Prosa der Menschheit ganzen Jammer auf die Bühne. Mit Nachdruck führte er das naturwissenschaftliche Element des Darwinismus in die Bühnendichtung ein. Sein Standpunkt ist akkurat der, welchen der 1893 in Rom verstorbene Professor Jak. Moleschott einnahm, daß der Mensch einfach das Additionsexempel sei von Eltern und Amme, von Art und Zeit, Luft und Wetter, Schall und Licht, Kost und Kleidung. Ibsens Stücke sind fast alle sogenannte Thesen stücke, d. h. sie sind componirt, um gewisse sittliche Anschauungen des Dichters zur Erörterung zu bringen, sie umkleiden irgend ein ethisches Problem. Er denkt dabei an einen bestimmten, einzelnen Menschen und richtet an die Gesellschaft die Frage, inwieweit dieser einzelne Mensch fein persönliches sittliches Ideal in der Gesellschaft verwirklichen könne. Demgemäß ist seine sittliche Forderung: Selbstständigteitl Das führt dazu, daß in der Ehe — und mit der Ehe beschäftigen sich „Nora", „Die Gespenster", „Die Frau vom Meere", „Hedda Gabler", „Klein Eyolf" — nach Ibsen die Frau nicht zurückgehalten werden darf durch einen Zwang, sei es vom Gesetze, sei eS von der Gesellschaft, sondern daß sie die Freiheit haben soll, von Gatten und Kindern wegzulaufen, sobald sie ihre Eigenart bedroht glaubt. Gerade in diesem ersten Bezirk des MenschcnreicheS, in der Ehe, da untersucht Ibsen mit Vorliebe den Niedergang der modernen Gesellschaft. Und da klagt er die Männer härter an als die Frauen. Anzuerkennen ist immerhin, daß Ibsen die Ehe geistiger auffaßt als Luther, dem sie nur als „weltliche Han- tirung" gilt. Auch führt er uns keine Ehebruchsscenen vor, dergleichen ist in die Vorgeschichte gelegt. Gewiß zeigt es von einer ernsten Auffassung, wenn er fordert, daß die Erschließenden sich kein Wort über ihr Vorleben verhehlen sollen. Er hält ein unsittliches Vorleben des Mannes durchaus nicht für etwas Erlaubtes oder gar Selbstverständliches. Freilich, die christlichen Anschauungen von der Unlösbarkeit der Ehe, der Vergeltung Gottes u. dgl. sind ihm „Gespenster". Er ist zweifelsohne ein Freund der immerwährenden ehelichen Verbindung, eines cdeln Gedankenlebens. Ein Leben aber ohne Einvernehmen in der Ehe ist ein Leben der Unwahrheit, und die rückhaltlose Wahrh eit ist daS Centrum der Jbsen'schen Ethik, in ihr beruht die Erlösung der Menschheit, wie sie Zola in der Arbeit sucht. „Freiheit und Wahrheit", sagt Ibsen, „sind die Stützen der Gesellschaft!" Entsprechend der naturwissenschaftlichen Grundlage, m welcher Ibsens Weltanschauung wurzelt, sind seine Personen nicht bloß mit einer cowplicirten Vorgeschichte, sondern auch mit ererbten, angestammten Krankheiten belastet, die ihre Willensfreiheit aufheben und ihnen die sittliche Verantwortung für ihre Handlungen abnehmen. Besonders in den Dramen „Rosmersholm", den „Gespenstern", „Hedda Gabler", „Baumeister Solneß" hat man nicht selten das Gefühl, als befände man sich in einer Nervenheilanstalt. Eine Person erscheint bis in die Mitte des Stückes ganz vernünftig, plötzlich jedoch grinst uns aus allen ihren Zügen der blanke Wahnsinn an; auch die Gesunden schleichen zwischen ihnen umher in einer nervösen Gespanntheit, die jeden Augenblick überschnappen kann. Die Personen kämpfen nickt mehr gegen ihr Schicksal, sie lassen sich einfach zermalmen. In den „Gespenstern" brütet der Ton dumpfer Verzweiflung: Frau Alving kann thun was sie will, ihr Sohn wird zur bestimmten Zeit wahnsinnig. Um die öde Trostlosigkeit dieses Totaleindrnckes noch zu steigern, gibt Ibsen noch gewisse scenische Vorschriften, wie z. B. in den „Gespenstern", wo es heißt: „Durch die Glaswände unterscheidet man eine düstere Fjordlandschaf!, welche durch gleichförmigen Regen verschleiert erscheint". Diesen Regen läßt Ibsen durch 2 Akte andauern, um im 3. Akte der Nacht Platz zu machen. Notabene ist es kein lebenswarwer Lenzregen, sondern ein todkaltsr Novewberregen, unter dem Mensch und Natur erschauern. Es ist freilich nicht immer leicht, aus einer Dichtung gerade das herauszusuchen, was sich mit Sicherheit als Ansicht des Dichters bezeichnen läßt, und nicht vielmehr als subjective Aeußerung der jeweils redenden, vom Dichter rein psychologisch aufgefaßten Personen. Wenn man aber aus allen Stücken Ibsens das Facit zieht, so erkennt man, daß er die Fähigkeit, noch mit unver- grübelten, hoffnungsvollen Sinnen Menschen und Dinge aufzufassen, einfach verloren hat. Es ist, als gösse er allen seinen Personen das Blei seines Pessimismus in die Glieder, und gerade durch ihn ist die trübselige, verbitterte Weltanschauung des Darwinismus und Pessimismus in die moderne deutsche Literatur autoritativ hineingetragen worden. Auch die Gottesidee, wenn anders wir in Ibsens Gedicht „Brand" eine Art Glaubensbekenntniß überhaupt suchen dürfen, steht bei Ibsen mehr und mehr mit der Vererbungslheorie in Zusammenhang: Gott ist ihm einzig nur der Gott der unbeugsamen Vergeltung und Rache, der noch die Kindeskinder heimsucht. „Eins ford're ich nur als mein: Platz, um ganz ich selbst zu sein. Dies zu heischen, ist gesetzlich, Daß mein Selbst sei unverletzlich, — Ganz ich selbst? Doch wie verbellt sich's Zum Ererbten? Und wie stellt sich'S, Denk' ick deS Geschlechtes Sünden?" (Fortsetzung folgt.) Ueber das Alter des babylonische» und des biblischen Sintflutberichtes. Von Joh. Bumüller, Stadt-Kaplan in Nenburg a. D. (Schluß.) Ist nun diese Ansicht von der Zusammensetzung deS biblischen Flutbcrichtes richtig, so beweist dieses, daß die schriftliche Fixirung des Berichtes mit dessen Entstehung nicht zusammenfällt, daß er sich vielmehr aus Ueberlieferungen zusammensetzt, welche den babylonischen Bericht an Alter weit übertreffen können. Ob sie ihn aber an Alter wirklich übertreffen, das können wir vorerst nur durch kritische Vergleich,ing dieser Berichte eruiren. Es folgt daher eine Gegenüberstellung der Hauptpunkte ihres Inhaltes. Art der Ueberlieferung der Berichte. Nach der babylonischen Erzählung, welche einen Theil eines Heldenepos ausmacht, kommt Gisdubar, um von einer Krankheit zu genesen, an das Gestade des Todtenflusses zu seinem Ahnen Schamaschnapitschtim, mit dem Beinamen AdrahasiS oder Hasisadra. Der letztere erzählt dort dem ersteren die Flut als selbst erlebtes Ereigniß. Der babylonische Bericht beginnt also mit einem Poetisch- Mythologischen Abenteuer, während der biblische Bericht sich als rein historische Erklärung ohne allen poetischen Beisatz einführt. Dieser Unterschied zieht sich durch den ganzen Bericht hin und zeigt sich besonders in der poetischen Ausführung der Einzelheiten. Der biblische Bericht ist allerdings auch breit, aber seine Breite beruht auf der wiederholten Erzählung derselben Thatsachen, was eben auf die Zusammensetzung des Berichtes zurückzuführen ist. Wenn man aber von diesen dadurch bedingten Wiederholungen absieht, so ist der biblische Bericht eine schlichte historische Erzählung ohne poetische Ausschmückungen, während die babylonische Dichtung in poetischer Weise beschreibt,, wie dunkles Gewölk vom Grund des Himmels sich erhebt, in dessen Mitte der Sturmgott seine Donner sprechen läßt. ... „Die Götter des großen unterirdischen Wassers bringen gewaltige Fluten herauf, die Erde lassen sie erzittern, des Sturm- gotts Wogenschwall steigt bis zum Himmel, alles Licht ward verwandelt in Finsterniß. Die Göttin Jstar schreit wie eine Gebärende und ruft: „So ist denn alles in Schlamm verwandelt, wie ich cs den Göttern prophezeit. Ich aber gebäre meine Menschen nicht dazu, daß sie wie Fischbrut das Meer erfüllen." Da weinten die Götter mit ihr über die Geister des großen unterirdischen Wassers.Ich aber durchfuhr das Meer, laut klagend, daß die Stätten der Menschen in Schlamm verwandelt waren, wie Baumstämme trieben die Leichen umher. Eine Lücke hatte ich geöffnet, und als ich das Licht des Tages erblickte, da zuckte ich weinend zusammen . . . Aehnlich würde auch heute noch ein Dichter die Sintflut beschreiben, wenn er den biblischen Bericht in poetisches Gewand kleiden wollte. Der babylonische Bericht enthält nur mythisch-abenteuerliches Beiwerk mit poetischer Bearbeitung der Ereignisse, der biblische Bericht ist ohne solches Beiwerk, einfach, schlicht, rein historisch referireud. Deßhalb ist vom Standpunkte der Kritik aus der biblische Bericht der ältere und enthält die Originalschilderung der Flut, wahrend in der babylonischen Tradition im Laufe der Zeit Erweiterungen hinzugekommen sind. Diese Annahme allein entspricht den Grundsätzen der Kritik, von denen freilich manche meinen, sie dürften nur gegen die Bibel angewendet werden. Ort der Flut. Im biblischen Bericht ist der Schauplatz der Flut nicht näher bestimmt; es wird von ihr betroffen: ka-aäain da-ares, der da vernichtet werden soll mcuü xone dn-rräamati. Lros und aclamast sind nun 1) — Iiurnu8, 2) — aZsr, 3) — tarra, roZio. Wie nun tarra. im Lateinischen sowohl Erde als Land bezeichnet, so auch ere? und aäamnlr im Hebräischen. Es kann also übersetzt werden, daß der Mensch auf Erden vom Angesichts der Erde vertilgt werden soll oder aber die Bewohner des Landes, jenes Landes nämlich, welches von Noe bewohnt, aber nicht naher bezeichnet wird. Die letztere Uebersctznng ist wohl als die richtige anzusehen. Zn der jüdischen Tradition ist also die Erinnerung an den Namen des Landes verschwunden, was auf das hohe Alter der Tradition hinweist, zugleich aber auch auf die Unversehrtheit derselben, während bei der Miauen babylonischen Ortsbcstimmuiia ein Zusammenwerfen späterer Ereignisse mit dem Flutberichte zu vermuthen ist. Hier wird nämlich als Ort der Flut die Stadt Surippak am Euphrat angegeben. Dies ist ein sehr verdächtiger Umstand, besonders wenn wir noch hinzunehmen Die Art der Entstehung. Die Flut wird nach dem babylonischen Berichte zurückgeführt auf Wirbelwind, Ueberströmen der Kanäle , Donner, gewaltige Fluten, welche die Götter des großen, unterirdischen Wassers herausbringen, Erdbeben. Hier ist offenbar eine mit Wirbelwind, Gewitter, durch Stauung der Flüsse er- folgtes Ueberströmen derselben verbundene Erdbebenflut beschrieben, welche vom Meere herkam, die Euphrat- niederungen überschwemmte und die Stadt Surippak zerstörte. Hier liegt nichts näher als die Vermuthung, daß die Originalüberlieferung später mit lokalen Naturereignissen, also mit einer Erdbeben- oder Sturmflut, zusammengeworfen wurde, sei es nun, daß diese Verschmelzung allmählig geschehen, oder daß der babylonische Dichter einfach bekannte Erscheinungen bcnützt hat, um die Einzelheiten der Sintflut näherhin auszumalen. Diese Ansicht wird dadurch unterstützt, daß es im babylonischen Bericht zuerst heißt, daß am siebenten Tage sich die Flut legte und das Meer in sein Bett sich zurückzog. Dann aber wird berichtet, wie Hasisadra das Meer durchführt: „Ueber die Länder, jetzt ein furchtbares Meer, fuhr ich dahin, da tauchte Land 12 Maß hoch aus. Nach dem Lande Nizir steuerte das Schiff. Der Berg des Landes Nizir hielt das Schiff fest." Wie wollte aber Hasisadra über die mit Meer bedeckten Länder-fahren, nachdem das Meer bereits in sein Bett zurückgetreten und Sturm und Flut aufgehört hatten? Dieses Fahren über die mit Meer bedeckten Länder weist auf den ursprünglichen, mit dem biblischen Berichte identischen Kern der Erzählung hin, welcher zu der erst später herangezogenen, aus Erfahrung bekannten Sturmflut nicht mehr paßt. Die Annahme einer in Babylon erfolgten lokalen Färbung des ursprünglichen Berichtes gewinnt endlich noch dadurch an Berechtigung, daß Franz v. Schwarz in seinem Buch „Sintflut und Völkerwanderungen" — wie er wenigstens meint — den „unumstößlichen Beweis" liefert, daß die Katastrophe, welche den Simflutsagen zu Grunde liegt, gar nicht am Euphrat, sondern in Ccntralasien, und zwar in Turkcstan, stattgefunden. Mir wollen kein vorschnelles Uriheil über die Beweisführung von Schwarz abgeben, sondern die definitive Stellungnahme maßgebender Kreise abwarten. Soviel aber ist jedenfalls sicher, daß v. Schwarz gewichtige Gründe für seine Ansicht und damit gegen die Verlegung der Sintflut an den Euphrat angeführt und dadurch unserer obigen Beurtheilung des babylonischen Berichtes eine bedeutende Stütze gegeben hat. Dagegen ist der biblische Bericht über die Entstehung der Sintflut frei von jeder lokalen Färbung. Die Flut wird hier aus Regen und das Aufbrechen der Brunnen der großen Tiefe (Abgrund, Flut, Meer) zurückgeführt. Diese allgemeine und Lheilweise unbestimmte Angabe deutet darauf hin, daß jeder Versuch, die in Folge der langen Zeit abgeblaßte Erinnerung durch lokale Ereignisse auszufüllen und auszuschmücken, peinlichst vermieden wurde. Dies alles zeigt, daß wir im biblischen Berichte das Original zu erblicken haben, welches in der babylonischen Tradition durch spätere, an örtliche Ereignisse sich anknüpfende Zuthaten gefälscht worden ist. Betheiligung göttlicher Kräfte an der Flut. Nach dem biblischen Bericht beschließt Jahve, die Bewohner des Landes wegen ihrer Sündhaftigkeit durch eine Flut zu vernichten. Jahve verkündet aber Noe ob seiner Frömmigkeit die Flut vorher und gebietet ihm eine Arche zu bauen, in welcher er gerettet werden soll. Nach der Flut verläßt Noe die Arche, bringt Gott von den reinen Thieren ein Dankopfer dar, und Gott verspricht, daß er kein solches Strafgericht mehr senden werde; er schließt einen Bund mit Noe und seinen Nachkommen (der eben in diesem Versprechen besteht), und Noe wird der Stammvater vieler Völker. Hier fehlt also wieder jede phantastische Ausschmückung, und der einfache Gottesbegriff ist vorhanden. Nach dem babylonischen Berichte nun trieb die Götter zur Anrichtung einer Flut ihr Herz an. Die Götter beschlossen eine solche: ihr Vater Amu, ihr Berather Bei, ihr Führer Ennuzi. Der Gott Ea aber verkündet Hasisadra den Beschluß der Götter. „Sie wollen vertilgen den Samen des Lebens; darum erhalte du am Leben und bringe hinauf Samen des Lebens von jeglicher Art auf das Schiff, das du erbauen sollst." Nach der Flut bringt Hasisadra gleichfalls ein Opfer dar und errichtet einen Altar auf dem Gipse! des Berges. Die Götter erscheinen nun in Folge des Opfers und gerathen in Streit über die Sintflut und ihre Folgen. Bel ist aufgebracht und will keine Seele entkommen lassen; er will auch die Geretteten vernichten. Ea beschwichtigt ihn und verlangt, daß keine Sintflut mehr stattfinde. Bel gibt sich zufrieden und erhebt den frommen und weisen Hasisadra unter die Götter. Hier zeigt sich ganz deutlich die spätere De- gcnerirung des ursprünglichen, in der Bibel enthaltenen Berichtes. Der einheitliche Gottesbegriff hat sich hier aufgelöst in polytheistische Anschauungen, welche, ausgehend vom Begriffe einer höheren göttlichen Kraft, diese besonders mit Anlehnung an die Naturereignisse in die verschiedensten Kräfte zerlegen, jeder derselben einen besonderen Namen und zuletzt ein eigenes persönliches Wesen unterschieben: also im biblischen Berichte Original, im babylonischen eine spätere Entwicklungsform des Berichtes im Sinne polytheistischer Ausartung. Mit diesem polytheistischen Moment sehen wir iw babylonischen Bericht zugleich eine herabwürdigende Vermenschlichung des Gottesbegriffes verbunden. Indem Ea Hasisadra die Flut verkündet, ist bereits ein Gegensatz zwischen ihm und den andern Göttern construtrt, der dann auch zum Ausbruche kommt und in Streit ausartet beim Opfer nach der Flut, wobei Bel schließlich von Ea beschwichtigt wird. Daß Gott die Schlechten bestraft, einige Gerechte aber rettet und dann verspricht, nicht wieder eine solche Flut zu senden, ist der zu Grunde liegende, verborgene Kern dieser Schilderung. Allein der Begriff von einem gerechten und zugleich barmherzigen Gott, der sich in diesem Gedanken ansspücht, ist dem babylonischen Berichte unbekannt. Als er abgefaßt wurde, hatte sich unter diesem Volke der reine Gottesbegriff längst zersetzt. Man suchte Erklärung dafür, daß einige Menschen der Flut entrinnen konnten, obwohl die Götter selbst die Flut angerichtet, und man kann sie nur in einer auf der Vermenschlichung des göttlichen Wesens basirenden Zwietracht finden. Das moralische Element, welches in der Bibel »«verhüllt in den Vordergrund gestellt wird, taucht im babylonischen Berichte erst am Schlüsse deutlicher wieder auf, aber in einer Weise, welche gleichfalls auf tiefen Verfall der Religion hinweist: der fromme Hasisadra wird unter die Götter erhoben. Hieraus geht wieder die spätere Abfassung der uns vorliegenden Form des babylonischen Berichtes und die Priorität der noch den ursprünglichen, reinen Gottesbegriff enthaltenden biblischen Tradition klar hervor. Allerdings wird vielfach behauptet, daß sich der monotheistische Gottesbegriff erst aus dem polytheistischen herauS- entwickelt habe. Allein dieser willkürlichen Theorie steht die Thatsache gegenüber, daß die Zahl der Götter bei den Völkern nie abgenommen, sondern zugenommen hat, daß sich ferner unter all dem Wust polytheistischer Fabeln nicht selten eine mehr oder minder erblaßte Erinnerung an ein höchstes Wesen findet. Es kann auch nicht behauptet werden, die Juden hätten den babylonischen Bericht nach ihrem Gottesbegriffe umgemodelt. Eine solche Entlehnung aus fremden Mythologien ist bei ihnen ganz undenkbar und durch 5>in einziges Beispiel erweisbar. Denn keine Mythologie eines andern Volkes dürfte so sehr aller fremden Einflüsi- bar erscheinen, wie die Geschichte des jüdischen Volkes. Dann haben die Juden ihre heiligen Bücher anf's allersorgfältigste vor jeder Fälschung bewahrt. Wenn sie von Zeit zu Zeit etwas aus fremden Religionen herübergenommen haben, so haben sie dies nie mit ihrem Gottesbegriff in Vereinigung zu bringen gesucht, sondern entweder den Glauben an ihren Gott aufgegeben oder diesen nur äußerlich und formell weiter bestehen lassen, ohne aber das eine mit dem andern zu vermischen. Wenn wir all diese Momente zusammenfassen, so erscheint als die einzig berechtigte Annahme, daß der biblische Bericht der ältere und mit dem Originalbericht jedenfalls inhaltlich identisch ist, daß dagegen der babylonische zwar aus derselben Quelle hervorgegangen, aber während der polytheistischen Ausartung der babylonischen Religion in diesem Sinne verändert, nach örtlichen Ereignissen wie Sturmfluten umgestaltet und mit poetischen Schilderungen und Ausschmückungen versehen ist. Er ist daher in seiner vorliegenden Gestalt viel jünger als die dem mosaischen Berichte zu Grunde liegenden U bcr- lieferungen. Ob er direct aus den im biblischen Bericht enthaltenen Traditionen geschöpft oder ob beide aus ein und demselben Originalbericht hervorgegangen, läßt sich nicht entscheiden. Für die letztere Annahme liegt eis stichhaltiger Grund kaum vor. Vor Jahrhunderten. Von A. Zottmann. Was in längst vergang'ncn Jahren Großes ist gcschch'n, Heute noch wir gern erfahren Und im Geiste wiederseh'n. In einer Zeit, welche gar oft ganz unsinnige und nichtssagende Jubiläen feiert, ist es gewiß am Platze, diesen unzähligen kleinlichen Erinnerungen gegenüber, wirklich bemerkenswerthe Ereignisse aufzufrischen und nichr merkwürdige hundertjährjge Gedenktage von solchen Personen und Ereignissen ohne jegliche Notiznuhme vorübergehen zu lassen, welche wohl werth sind in unserem Geiste neu aufzuleben. Da unser gegenwärtiges Jahr 1896 eine so stattliche Anzahl derartiger Tage, wie wenige andere, auszuweisen hat, so sei es gestattet, die bedeutenderen derselben in Kürze vorzuführen. 96. Der erste sechSnndneunziger Jahrgang unserer Zeitrechnung versetzt uns zurück in den von Gold und Marmor erstrahlenden, großartigen Kaiserpalast der römischen Imperatoren auf dem Palatin zu Rom. Eben wüthet ! die zweite große Christenverfolgung, und Kaiser Domitian, welcher 14 Jahre lang das Christenthum geschont hatte, schändet nun sein letztes Ncgicrungsjahr auch mit dieser Grausamkeit?) Es ist jene Verfolgung, welcher der berühmte Mitkonsu! und Verwandte deß Kaisers Flavius Clemens und dessen Gattin Domitilla, wahrscheinlich auch deren Kinder, ferner die Soldaten Nneus und Achilleus u. And. zum Opfer fielen. Auch die Marter des hl. Evangelisten Johannes, daß er in einen Kessel siedenden Oeles getaucht und, als er unversehrt blieb, nach Pathmos verbannt wurde, fällt in dieselbe, ebenso die Berufung und Vernehmung der leiblichen Verwandten deS göttlichen Heilandes, worüber uns HegesippuS folgenden interessanten Bericht gibt:?) „Zu damaliger Zeit waren noch aus der Verwandtschaft des Herrn die Enkel des Judas übrig, welcher dem Fleische nach Verwandter Jesu genannt wurde. Diese gaben sie an, daß sie aus dem Geschlechte Davids seien. Ein Evokaius führte sie daher zum Kaiser Doruitian. Denn dieser fürchtete die Erscheinung Christi ebenso wie Herodes. Er fragte sie, ob sie von David abstammten, und sie bestätigten es. Hierauf fragte er sie, wie viele Besitzungen sie hätten und wie groß ihr Vermögen sei. Beide antworteten, sie besäßen nur 9000 Denare, und hievon gehöre jedem die Hälfte. Allein, sagten sie, auch dieß hätten sie nicht in baarem Gelde, sondern in dem Werthe eines Feldes, daS nur in 99 Hufen bestände. Davon bezahlten sie die Abgaben und nährten sich selbst mit ihrer Hände Arbeit. Hierauf zeigten sie ihm ihre Hände und bewiesen durch die harte Haut und durch die Schwülen, die von der beständigen Arbeit sich gebildet hatten, daß sie selbst arbeiten. Ueber Christus und sein Reich befragt, von welcher Art es sei, und wo und wann es erscheinen würde, gaben sie die Antwort, es sei kein weltliches und irdisches, sondern ein himmlisches und englisches das in der Vollendung der Zeit erscheinen werde, dann, wenn er in Herrlichkeit kommen würde, zu richten die Lebendigen und die Todten und einem Jeden nach seinen Werken zu vergelten. Auf dieses hin verurtheilte sie Domitian nicht, sondern verachtete sie als ganz geringe Leute. Er ließ sie daher frei und befahl auch, die Verfolgung gegen die Kirche einzustellen." Domitian hatte nach diesem Vorgänge nicht mehr lange zu leben. Obwohl er in seinem Argwohn und Mißtrauen so weit ging, daß er die Wände in seinem Palast mit spiegelndem Leuchtstein belegen ließ, so daß er immer wahrnehmen konnte, wer sich hinter seinem Rücken befand und was da vorging, so war es doch Verschwörern gelungen, an ihn heranzukommen und in einem unbewachten Augenblick, während er ein ihm vorgehaltenes und vorgeblich sehr wichtiges Schriftstück las, ihm den Dolch in den Unterleib zu stoßen. Personen des kaiserlichen Hofgesindes waren die Thäter, als An- stifterin des Mordes wird seine eigene Gemahlin Do- mitia Longina bezeichnet, welche für ihr Leben fürchtete. ES war der 18. September 96, als der grausame Tyrann in seinem Blute zusammenbrach. Leichenträger der niedrigsten Volksklassen schassten den Todten auf ärmlicher Bahre nach einer Villa, wo Phyllis, seine Amme, die sterblichen Neste verbrannte.?) Auf Befehl des Senates wurden die ihm zu Lebzeiten gesetzten Inschriften und Bildsäulen mit seinen Ehrentiteln vernichtet, und da er keine Kinder hinterließ, gab ihm der Senat st EusebiuS. KirchengcsK. III, eap. 17 u 18. st Bei EusebiuS I. o. oaz>. 2V. st Lal. Ncumont, Gcsch. der «Stadt Nom I, 428 f. einen Nachfolger in der Person des auch die Christen wieder duldenden, mild regierenden Kaisers Nerva, von 96—98. „Mit ihm, sagt TacituS, begann ein glückliches Jahrhundert, welches zwei bis dahin unvereinbare Dinge mit einander verband, Principal und Freiheit." Zugleich begann mit seiner Regierung die größte und glänzendste Zeit für die Stadt Nom?) 196 und 296. Hundert Jahre nach dem Tode DomitianS und der zweiten großen Christenverfolgung finden wir als Bischof von Rom und Oberhaupt der Kirche den hl. Viktor verzeichnet, in dessen Thätigkeit, wie Schwegler bemerkt, bereits „alle Faktoren des Papstthums beisammen sind"?) An seine Regierung knüpft sich der berühmt gewordene Streit °) über die Zeit der Osterfestfeier zwischen Occident und Orient. In ersterem feierte man Ostern am Sonntag, im Orient aber, vorzüglich in Kleinasien, wurde es immer am 16. Nisan begangen, gleichgültig ob derselbe auf einen Sonntag oder Wochentag fiel; auch bezüglich der Fasten herrschte verschiedene Praxis: die einen ließen sie bis zum Auferstchungsfeste dauern, die andern beendeten sie bereits mit dem Todestage Christi. Viktor war nun bestrebt, möglichste Einheit in diesem Punkt in der Kirche herzustellen, und hielt um 196 eine Synode st, in welcher festgesetzt wurde, „daß daS Geheimniß der Auferstehung Christi an keinem andern als am Sonntag gefeiert werden und daß erst an diesem Tage das Oster- fasten beendet sein solle." Damit hatte Viktor einen wichtigen Schritt zur Herstellung in der Einheit der kirchlichen Festfeier, speciell deS Hauptfestes gethan. Die meisten schlössen sich denn auch der römischen Praxis an, nur der kleinastatische Bischof Polykrntes von Ephesus Machte mit seinen Bischöfen, auf die Ueberlieferung der Apostel Philippus und Jakobus sich stützend, verschiedene Einwendungen, und der Streit zog sich noch etwas in die Länge, bis im Jahre 325 auf dem Concil zu Nicäa die occidcutalische Anordnung allgemein und endgültig vorgeschrieben wurde. Das Jahr 296 bringt den Tod und die Beisetzung in den Callixiuskatakomben des hl. Papstes Casus?) Die über ihn cxistirenden Nachrichten werden stark angezweifelt. Er soll aus Dalmatien gebürtig und Neffe oder Großneffe des Kaisers Diokletian gewesen sein. Auf dessen Veranlassung erlitt er auch am 22. April des genannten Jahres das Martyrium, weil er nämlich seine Nichte, die hl. Susann«, eine gottgeweihte Jungfrau, in dem Vorsatz bestärkt hatte, in die ihr von Diokletian angetragene Verchelichung mit Galerius Maximianus nicht einzuwilligen?) Sein Nachfolger war im nämlichen Jahre der hl. Marcellinus. Diokletian verfolgte aber nicht nur die rechtgläubigen Christen, sondern er war überhaupt bestrebt, die Einheit der heidnischen Religion in seinem weiten Reiche aufrecht zu erhalten, oder vielmehr wieder herzustellen. Deßhalb wendete er sich besonders auch gegen den gefährlichen Manichäismus, welcher als ein Versuch erscheint, den persischen Dualismus von zwei ewigen gleichgeordneten Grundwefen und ihren Reichen, dem Gott des Lichtes st Ebenda 441. st Bei Hergenrötber, KirLengescb. I. xaA. 301. st Vgl. EusebiuS, Kirckengcsch. V, cap. 26-28. st labe, ItsA. koiitik. iisx. 4. st Luinart, Lot» Llartzeruni (RcgcuSburg, Mauz 1659) xa§. 631. st Kirckenlexikon, 2. Aufl., II, xa§. 1683. 383 und dem Gott der Finsterniß, mit einem gnostiscki gefaßten Christenthum zu einer Volksccligion zu vereinigen. Im Jahre 296 erließ er gegen diese Sekte, welche viel Schändliches enthalte, die Unzucht der Perser einführe und Unruhen erzeuge, ein strenges Edikt, welches die Häupter sammt allen ihren Gütern zu verbrennen, ihre Anhänger zu enthaupten und deren Güter zu confisciren befahl. Trotz dieser Strenge richtete die Staatsgewalt nichts aus und vermehrten sich die Manichäer, bis die Kirche ungehindert auf den Kampfplatz treten konnte und mit ihrer siegreichen Macht auch diese Irrlehre überwand?") 396. Dieses Jahr erinnert uns an ein wichtiges Ereigniß im Leben eines großen Heiligen und in der Geschichte der Kirche. Paulinus von Nola deutet es an, wenn er an Augustin gelegentlich seiner Bischofswahl schreibt: „Der Herr hat in seiner Güte sein Volk heimgesucht ... um die Hoffart der Sünder, der Donatisten und Manichäer zu zerschmettern". Augustin war am 15. November 354 zu Tagaste im nördlichen Afrika geboren, war in seiner Jugend 9 Jahre lang dem Manichäismus verfallen, ein dessen Lehren entsprechendes unglückliches Leben führend. Aber sein nach Wahrheit forschender Geist, das Gebet, die Thränen und Mahnungen einer hl. Mutter und vor Allem die rufende und leitende Gnade Gottes brachten ihn wieder auf den rechten Weg. 387 empfing er vom großen Ambrosius die hl. Taufe und zeichnete sich nun in jeder Beziehung, durch Wissenschaft und Heiligkeit aus. Bald zum Priester geweiht, wurde er im Jahre 395 vom gleisen Valerius zum Coadjutor angenommen und nach dessen Tod, im Jahre 396, zu dessen Nachfolger als Bischof von Hippo gewählt. Die Bedeutung dieses Ereignisses zeichnet schön die Gräfin Hahn-Hahn mit folgenden Worten: „Das christliche Afrika stand auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Augustin war die geistige Sonne, die alle Keime zur Blüthe brachte; heilige Bischöfe lehnten sich an ihn, fromme Priester blickten zu ihm empor, blühende Klöster gediehen unter seiner Fürsorge; zahlreiche Concilien, deren Seele er war, entwickelten und bestimmten Lehrfragen und stellten Ordnung und Zucht in der Kirche fest. Der Manichäismus, der Do- natismus, der Pelagianismus, drei furchtbare Häresien, waren zu Boden geschmettert. Unvcrtilgbar ist der Same des Drachen, und in immer neuen Unformen bildet ein Lucifer sich aus. Aber das ist eben die wunderbare Macht der Kirche, daß sie eben auch immer wieder einen Erzengel Michael erzeugt, der den Lucifer überwindet. Augustin war der St. Michael seiner Zeit."") (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Das Leben der Aller seligsten Jungfrau Maria, dem kathol. Volke dargestellt von k. Rohn er 0. 8. L. Vcnziger u. Comp. in Einsiedeln, 1895. In schönem Leinwandcinband mit Goldprcssung und Nothschiütt. Preis M. 2.50. k. Die Verehrung der allcrseligsten Jungfrau Maria kann nicht groß genug, nicht zu verbreitet sein. Die „Helferin der Christen" muß in der That beständig angerufen werden, soll die unheilvolle Zeit, die Thron und Altar zu stürzen droht, *°) Hergenröther, Kirchengesch., 3. Aufl., I, xaZ. 211 ff. u. 414 f. ") Vgl. Einleitung Augustins Ausgewählten Schriften (Kempter Ausg.). bald ein Ende nehmen. Leo XIII. ruft deßhalb unaufhörlich der Christenheit zu: „Empfehlet euch dem Schutze Mariens, nehmet zu ihr euere Zuflucht." Mit dem greisen Papste vereinen sich die Stimmen der Bischöfe und Priester, um daS ganz- Volk zu größerer und innigerer Verehrung der himmlischen Mutter zu führen. Maria wird aber erst dann gebührend verehrt werden, wenn ihr heiligstes Leben, ihr Schatz von Tugenden, ihre unermeßliche Liebe zu den Menschen mehr bekannt ist. Dieser Aufgabe hat sich ?. Rohncr. der verdiente Schriftsteller, unterzogen. In vorliegendem Büchlein bietet er dem kathol. Volke eine Lebensbeschreibung der lieben Gottesmutter, von ihrem Eintrilte in die Welt bis zu ihrer Krönung im Himmel. Die Sprache ist lcichtfaßlich, die Beispiele vortrefflich qcwäblt, und sind insbesondere alle Vorbilder des alten Bundes berücksichtigt. Der Werth dieses Büchleins wird erhöht durch 28 ganzseitige Bilder von Joseph Nstter von Führich. Approbationen von vielen Kirchenfürsten garantiren für die Gediegenheit dieser Arbeit. — Möge das Büchlein in recht viele, viele Hände frommer Christen kommen, insbesondere aber unter den Mitgliedern der Jungfrauen-Kongregationen große Verbreitung finden, damit Maria, die Königin der Heiligen, immer mehr geliebt, erkannt und verehrt werde und durw ihre mächtige Fürsprache uns helfe in allen zeitlichen und geistlichen Anliegen! Vier Bücher von der Nachfolge Christi von Tboma» von Kempen. Bcnziger u. Comp., Einsiedeln, 1894. 480 Seiten in Leinwand gebunden, Nothschnitt u. Gold- titel. M. 1,50. k. Kaiser Friedrich trug bekanntlich die Nachfolge Christi stets bei sich, und kein Tag verging, ohne daß er wenigstens ein Capitel in ihr gelesen. Der wunderbare Jnbalt dieses goldenen Büchleins verdient mit vollem Rechte in den Händen aller Menschen zu sein. Gibt es doch keine Lebenslage, in der unS die Nachfolge Christi nicht Rath und Trost gewähren würde. Gebildete und Ungebildete, Reiche und Arme, Jung und Alt sollen sich mit dieser Perle der Literatur bekannt machen! — Die Ausgabe III mit großem Druck aus Benzigcr's rühmlichst bekanntem Verlag ist wegen ihrer schönen Ausstattung besonders empfehlcnSwerth. Für Leute mit schwachen Augen kennen wir keine geeignetere Ausgabe, zumal sie init einem schönen Stahlstich geziert ist und die nothwendigsten Gebete enthält. Der billige Preis wird zur weitesten Verbreitung gewiß viel beitragen, und machen mir insbesondere die Herren Geistlichen auf dieses Büchlein aufmerksam, indem es alten Leuten, die am Besuche der Predigt verhindert sind, einen Ersatz bietet durch das Verzeichniß der geeigneten Capitel für die einzelnen Sonn- und Festtage. Je mehr die schlechte Lcctüre auch auf dem Lande verbreitet wird, desto mehr müssen wir für Verbreitung guter Literatur sorgen, und ein besseres und geeigneteres Buch als die Nachfolge Christi wird um diesen billigen Preis nicht gefunden. München. Seine geschichtliche, örtliche und monumentale Entwicklung unter den WittclSbachcrn. Von vr. I. Weiß. kgl. Sccrctär am Geh. Staatsarchiv. Verlag von A. Brnckmann, München. * Diese niit 66 Illustrationen und einem Doppelstadtplan ausgestattete Monographie bietet eine vortreffliche historische Darstellung des Werdeganges unserer daher. Metropole. Prägnante Schilderung, geschickte Vertbcilnng des Stoffes und sichtlich liebevolle Hingabe au dessen Bearbeitung zeichnen dieses Städtebuch aus. Selbstverständlich nimmt darin die Geschichte der alten und neuen Monumentalbauten und deren Schilderung einen entsprechenden Raum in Anspruch. — Den praktischen Werth des Buches erhobt im Anhang ein „Führer" unter dem Titel: „Rundgang durch die Stadt". Allen Freunden unseres schönen München können wir dieses „Städiebild", das weit über vielen andern derartigen Werkchen steht, nur bestens empfehlen. Sanct Paulus, der Heidenapostel. Nach neuen Quellen und archäologischen Forschungen dargestellt von?. Phili- bert Sceböck, 0. 8. §r., Lektor der Theologie. Pader- born, Schöningh, 1897. VII, 240 S. L.V. Der unermüdliche Tiroler Schriftsteller ist soeben mit einem Buche an die Oeffenilichkeit getreten, welches sicherlich bei Vielen hohes Interesse erwecken wird. Der hochw. Herr Verfasser meint in seiner Bescheidenheit, auf den Beifall der Theo- logicprofessoren nicht rechnen zu können, und hittet nur um milde Beurtheilung und eventuelle Belehrung. Er denkt sich als Leserkreis „studirende Theologen, in der praktischen Seel- 384 sorge stehende Priester und wissenschaftlich gebildete Laien". DaS Werk ist die woblgereiite Frucht langjähriger Studien, wobei dein Verfasser sein Aufenthalt in der ewigen Stadt sehr zu statten kam. Daö in 25 Kapueln entworfene Lebensbild des großen Heldenapostels wird in jedem Leier die Liebe und Begeisterung für St. Paulus erhöhen. Möge das herrliche Buch recht Viele Käufer finden! Der beste und kürzeste Weg zur Vollkommenheit. Von 8 . Nieremberg, 8 . I. Auö dem Spanischen übersetzt von 8 . I. Jausen, 8 . .7. Freiburg i. Br., Herder'iche Verlagsbuchhandlung. Preis M. 2,2V, gcbd. M. 2,80. i- Die „aöcetische Bibliothek" hat durch vorliegendes Werk eine wcrthvolle Bereicherung erfahren. Der Verfasser (1590 bis 1658) nimmt unter den ErbauungSschriftstellern der Gesellschaft Jesu eine hervorragende Stelle ein. In seinem „Weg zur Vollkommenheit" bat er die tiefsten und praktischsten Wahrheiten der Philosophie und Theologie klar und anschaulich mit einer Menge von passenden Bildern und Vergleichen dargestellt. Die christliche Vollkommenheit mit ihren zahlreichen Mitteln wird darin ganz auf die Hingabe und Vereinigung mit dem göttlichen Willen zurückgeführt. Einen Beweis für die Gediegenheit des Inhaltes geben die zahlreichen Ausgaben und Uebcrsctzungen in vlämischer, italienischer, französischer und lateinischer Sprache. Aus dem Lateinischen wurde das Werk ins Deutsche übertragen. Möge darum daö Büchlein, wie in früherer Zeit so auch jetzt, für OrdenSgcnossenfchaften und alle, die nach Vollkommenheit streben, mit Gottes Gnade reichen Segen stiften! Amaranth. Von Oscar von Redwitz. 41. Auflage. 8 ° (XXIV u. 300 S.) Mainz 1896, Franz Kircbheun. Preis geh. M. 3,60. In Salon-Callicoband M. 5,60. * Zu der herannahenden Weihnachtszeit möchten wir als Geschenkgabe, namentlich für die jüngere weibliche Generation, das Redwitz'sche Erstlingswerk in empfehlende Erinnerung bringen, das in den 50er Jahren bekanntlich bahnbrechend für die christliche Poesie gewirkt hat und heute in 41. Auflage vorliegt. Es ist ja richtig, daß das Jugendwerk N dwch' Vielen ^ romantisch erscheint aber gegenüber der jetzigen bhperrealistischcn Literatur mit ihrem Hautgout schadet es wahrlich nicht, wenn auch zu einer so überaus lieblichen Dichtung wie die „Amaranth" gegriffen wird, die an Reiz der Form und Sinnigkeit des Inhaltes zu dem Besten gehört, was in diesem Genre geschaffen wurde. Redwitz hat in diesem romantischen Epos nämlich nicht nur eine Saite angeschlagen, die stets in aller Herzen tausendfachen W:derhall findet, er hat dies auch in einer Form gethan, welche, im Einzelnen untadel- hafr und von hinreißender Schönheit und Bilderfülle, im Ganzen die gewöhnliche epische Einförmigkeit durchbricht und im wohlbedachten Maße der Mannigfaltigkeit Ruhe- und Einheitspunkte genug findet, um nicht zu ermüden und nicht zu zerstückelt. Dabei sind wie gelöste Körner einer Perlenschnur durch die ganze Dichtung die Lieder ausgestreut, welche unstreitig zu dem Innigsten und Scelenvollsten gehören, was die an herrlichen Liedern so reiche deutsche Lyrik hervorgebracht hat. Ueber die Tendenz des Epos die durch und durch christlich ist, ist natürlich hier kein Wort mehr zu verlieren. Die katholische Welt. Jllustrirtes Familienblatt mit den Beilagen „Der Hausfreund" und „Für fleißige Hände". Jeden Monat erscheint ein 80 Seiten starkes Heft mit einer Knnstbeilage und ca. 35 Illustrationen zuni Preise von 40 Pfg. Verlag von A. Rfffarth, M.-Gladbach. Inhalt von Heft 1 deS neuen Jahrganges (1697): Prinz Max von Sachsen — Priester. Dcö Goldeö und her Liebe Glück. Eine Herzensgeschichte von L. Niderberger. Fra G. Angelico da Ficfole. Kunsthist. Skizze von I. Ming (mit 18 Illustrationen). Daö kostbarste Erbe. Erzählung von Nedeatis. Panzerschutz der Landbefestigung e n. Von M. Buckwald (mit 4 Illustrationen). Künstler und Verbrecher. Roman von Th. H. Lange. Der unsolide Mann. Skizze von Margarethe Mirbach. Frühlingsblumen im Winter. Von Max HeSdörffir (mit 10Illustrationen). „Wer?" Erzählung von Hermann Hirschfeld. Graz. Von G. Stroriedl (mit 8 Illustrationen). Die Rückkehr des Nordpolfahrers Nansen. Studien undMittheilungen aus dem Benediktiner« und Cist ercienser-Orden. XVII. Jahrgang 1896. Preis pr. Jahrg. (4 Hefte cä. 40 Bogen) M. 8 — 4 fl. Nur zu beziehen durch die Administration genanurek Zeitschrift im Stift Raigern bei Brunn (Oesterreich). Jnhalts-Vcrzeichniß des 3. Heftes 1896. Abhandlungen: Veith JIdefonö (0. 8 . 8 . Eniaus): Die Martyrologien der Griechen. (I.) Leistle, Dr. David (Dillingen): Wissenschaftliche und künstlerische Strebsamkeit im St. Magnusstifte zu Füssen. (V.) Vkilloms, 8 . Oabriol (0. 8 . 8 ., LküiAirsin): 8 elwlak Lenoäiotinao, sivo: vo Loientüs, opera Lonaelwrum Oräinio 8 . Boneäioti, anotns, sxenltis, propagatis ot oonsorvatis,- labil gnatuor a. l). Oäons Oambior wonaobo AktliK'oniensis lllonastorii Orclinis ssrwäem 8 . Lsneäieti. (III.) — Renz, G. A. (Regeusburg): Beiträge zur Geschichte der Schottenabtei St. Jacob und des Primates Weih St. Peter (0. 8 . 8 .) in Rcgensburg. (VII.) Schneider Ed. (Luxemburg): Johannes Bertels (0. 8 . 8 ), Abt von Münster und Eckternach. (Schluß.) Grillnberger, vr. Otto (0. tlisr., Wilhering): Kleinere Quellen und Forschungen zur Geschichte des Cistercienser-OrdenS- (IX. Schluß.) — Mittheilungen: Steiner, Berchtold 8 . ( 7 -0. 8 . 8 ., Emsicdeln): Historisch- kritische Untersuchung über den Verfasser deS „Geistlichen Kampfes". Halnsa, Teszelin 8 . (0. Oiot. v. Heiligcukreuz): Notiz über Langhcims 0. 6 ist. Oonköckoration nnd die - 8 otnla- des AbteS Michael von Bantz, 0. 8 . 8 . Wcikert, 0. Tbomas Ag. (0. 8 . 8 . von St. Meinrad, Am.): Meine Orientreise. (IV.) Breitschopf, Robert 8 . (0. 8 . 8 ., Altenburg): Eine Handschrift auö dem Bcncdiktinerinnen-Kloster zu Göttwech. M. K. (0. 6 ist.): Ueber ein dem bl. Bernard zugeschriebenes Gedicht. Halnsa, T. (0. 6 ist.): Eine Bulle Benedicts XIV. an Abt Robert von Hciligenkreuz wegen Errichtung einer Bruderschaft deS heiligen Kreuzes. — Neueste Benediktiner- und Cistercienser - Literatur. ( 8 XVII.) — Literarische Referate. — Literarische Notizen. — Ordcnsge- schichtliche Rundschau. — Nekrologe. — Beilage. Philosophisches Jahrbuch. Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Görresgesellschaft hei ausgegeben von vr. Const. Gutberlct. Verlag der Fuldaer Akticn- Druckerei. IX. Jahrgang. 4. Heft. Inhalt: I. Abhandlungen. L. Schütz, Der Hyp- notismus (Fortsetzung). I. Uebinger, Die mathematischen Schriften des Nik. Cusanus (Fortsetzung). I. Bach, Zur Geschichte der Schätzung der lebenden Kräfte. I. Geyser, Die philosophischen Begriffe von Ruhe und Bewegung in der Körpcrwelt, entwickelt im Anschluß an die Versuche an der Alwood'fchen Fallmaschine. — II. Recensionen und Referate. Tb. Esser, 0. 8 ., Die Lehre des hl. Tbomas v. Aq. über die Möglichkeit einer anfangslosen Schöpfung, von B. Adlboch, 0. 8 . 8 . R. Wrzecionko, Das Wesen des Denkens, v. C. Gutbcrler. R. Weinmann, Die Lebre von den specifischen Sinncsenergien. von demselben. G. Martins, Beiträge zur Psychologie und Philosophie, von demselben. W Schneider, Das andere Leben, 4. Anfl., von demselben: — III. Zeitschriftenschau.IV. MiS- cellen und Nachrichten. Nekrolog über Albert Stöckl. CharitaS. Zeitschrift für die Werke der Nächstenliebe im katholischen Deutschland. Unter Mitwirkung von Fachmännern herausgegeben vom Charitas- Comitö zu Freiburg i. Dr. Erster Jahrg. 1896. Erscheint, 16 Seiten stark, je am 1. des Monats und kann durch die Post und den Buchhandel bezogen werden. Abonuementspreis jährlich 3 Mark. — Freiburg i. Br. Herder'sche Verlagshandlung. Inhalt von Nr. 10: Ein bischöfliches Wort über die christliche Charitas. — Die socialen Aufgaben der christlichen Cbaritas. I. — Zum Charitastage in Schwäbisch-Gmünd. — Bausteine zum internationalen katholischen Mädckenschntzverein. — Der Verein St. Marienhans zu Freiburg i. B. — Geisteskrankheit und Jrrenseelforge. — Die Anstalten der christlichen Wohlthätigkeit in Rom. II. — Die goldene Jubelfeier des St. Hedwig-KrankenhnuseS in Berlin. — Kleinere Mittheilungen. (Bettelei, Landstreicher« und Armenpflege. — Daö neue Heim für kaufmännische Gehilfinnen in Trier. — DaS Werk der Borromäerinnen in Nlcxandria.) — Fragekasten, Zusendungen an die Redaction. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. Hi'» 50. Ein Apostel der Charitas. 6. — Am 12. November nahm die Gruft des Schlosses Louville bei Chartres die irdische Hülle eines Mannes auf, über dessen frühen Hingang das ganze katholische Frankreich trauert. Msgr. d'Hu Ist, Hausprülat S. H.» Tttular-Generalvikar der Pariser Erzdiöcese, Rector der Katholischen Universität in Paris, Abgeordneter des Wahlkreises Brest, ist am 6. dS. in der Vollkraft des Lebens einem heimtückischen Uebel erlegen. Die Tragweite dieses Ereignisses läßt sich am besten aus den Worten des Heiligen Vaters erschließen, der beim Eintreffen der Trauerbotschaft ausrief: „Das ist ein Verlust, ein großer Verlust für die Kirche in Frankreich!" Die katholische Presse Frankreichs und Italiens schildert denn auch in langen Spalten den Edelmann durch Geburt und That. Auch uns demschen Katholiken kann die Skizze des Lebens und der Wirksamkeit eines der bedeutendsten Priester des französische» Klerus nur zur Erbauung und Ermunterung dienen. Wir entnehmen die folgenden Angaben hauptsächlich den ausführlichen Berichten der Pariser „Croix". Maurice Le Sage d'Hauteroche d'Hulst war geboren am 10. Oktober 1841 zu Paris. Mütterlicherseits gehörte er zur erlauchten Familie Grimoard du Roure, einer der ältesten der Cevennen, die schon vor einem halben Jahrtausend der Kirche den heilig- mäßigen Papst Urban V. geschenkt hatte. Seine Mutter war es auch, die dem kleinen Maurice die erste Verehrung für den vorletzten Papst von Avignon einflößte, was auf die ganze Lebensthätigkeit des Grafen d'Hulst bestimmend wirkte. Von einem Hauslehrer in den Anfangsgründen unterrichtet, bezog Maurice das Gymnasium St.-Stanislas zu Paris, wo er im Alter von 18 Jahren die klassischen Studien und exakten Wissenschaften mit Auszeichnung absolvirte. Geburt, Vermögen und Geistesgaben ließen ihm nun jede Laufbahn offen. Er aber hatte längst den besten Theil erwählt und trat darum ohne Zaudern ins Priesterseminar von St.-Sulpice ein. Nachdem er dort fünf Jahre lang Philosophie und Theologie studirt hatte, begab er sich auf zwei weitere Jahre nach Nom, um seine theologischen und besonders kirchenrechtlichen Kenntnisse zu vervollkommnen. Als Doctor der Theologie und des kanonischen Rechtes kehrte er 1865 in seine Vaterstadt zurück. Zum Priester geweiht, wirkte er Jahre lang als Vikar der Pfarrei St.-Ambroise, welcher damals der jetzige Erzüischof von Reims, Cardinal Langönieux, vorstand. Es liegt diese Pfarrei in einer der dichtbevölkertsten Arbeitervorstädte. Dem jungen Priester lag nur mehr -das geistige wie leibliche Wohl der armen Arbeiter am Herzen; um ihr Elend zu mildern, scheute er kein Opfer. Der folgende Zug laßt uns feinen Eifer erkennen, >öen keine Schwierigkeit abschrecken konnte. Um die Mittel zur Gründung eines Arbeiterheims auszubringen, ging er sammeln wie ein Klosterbruder. Eine reiche Dame, deren Adresse er erhalten, empfing ihn kalt, gab ihm 20 Fr. und verabschiedete ihn mit den wenig liebenswürdigen Worten: „Vielleicht handle ich aber verkehrt. Ich kenne Sie ja nicht; zwar tragen Sie das geistliche Gewand, aber es gibt so viele, die sich verkleiden!" Der Vikar ließ sich durch solche Auftritte nicht entmnrhigen und hatte in wenigen Tagen die nothwendigen Gelder beisammen. Im Jahre 1868 gründete er in der Nue de la Folie-Möricourt eine theoretisch-praktische Industrieschule, deren Einrichtung er aus eigenen Mitteln be- stritt; mit der Schule war ein Internat verbunden, das er mit Abbß Courtade leitete. Ein ehemaliger Zögling erzählt darüber im Univers: „Wir beteten unsern Director au. Er war wie ein Vater gegen uns. Stets heitep, hatte er bei einem reichen Schatz von Wissen auch die Gabe, uns durch seine anmuthige und belehrende Erzählungsart für alles zu interessircn. In der Freizeit betheiligte er sich an unsern Spielen. Seine Mildthätigkeit aber war unerschöpflich. Unsere größte Freude war es, ihn begleiten zu dürfen, wenn er die Armen besuchte; da nahm er gewöhnlich unser zwei bis drei mit und beauftragte uns, in der Folge seine Schützlinge zu überwachen und ihn über ihre Lage auf dem Laufenden zu erhalten." Im Jahre 1870 sollten ihn seine Zöglinge und Schutzbefohlenen aus kurze Zeit tirilieren. Nach der Kriegserklärung folgte er als Feldgeistlicher dem Coips des Marschalls Mac-Mahon und zeigte seinen Opiermuth bei Beaumont-Mouzon, BazeilleS und Sedan, wo er in Gefangenschaft gcrieth. Es gelang ihm aber, nach Brüssel zu entkommen, von wo er alsbald nach Paris eilte, um während der Belagerung seine Schule in ein Lazareth umzuwandeln. Von Abbä Courtade und acht Waisenknaben — die übrigen Zöglinge waren entlassen — unterstützt, pflegte er Tag und Nacht die Verwundeten, indem er weder Mühe noch Geld sparte und sich nur hie und da auf dem bloßen Boden kurze Rast gönnte. Nicht genug; nochmals drängte es ihn hinaus aufs Schlachtfeld. Er begleitete die Mobilgarden bei ihren verzweifelten Ausfällen aus der Hauptstadt und providirte die Sterbenden im Kugelregen von Cham- Pigny. Während der Schreckenstage der Commune war er mit doppeltem Eifer in der Pfarrei St.-Ambroise thätig, die ein Hauptherd des Aufstands geworden war. Am 23. Mai 1871, am Vorabend der Erschießung des Erzbischofcs Darboy, wäre er mit Abbe Conrtade beinahe den Nationalgardisten in die Hände gefallen. Gerade noch rechtzeitig gewarnt, flohen die beiden Priester in bürgerlicher Kleidung in ein Nachbarhaus, wo sie sich fünf Tage lang verborgen hielten, bis der Einzug Mac- Mahons ihnen die Freiheit wiedergab. Auch nachdem die Ordnung in Paris wiederhergestellt war, entfaltete der Vikar von St.-Ambroise die edelste Mildthätigkeit zur Linderung des durch die vorausgegangenen Mißverhältnisse gesteigerten Elends. Inzwischen hatte der neue Oberhirte von Paris. Msgr. Guibert, sich den früheren Pfarrer von St.- Ambroise, M. Laugöuienx, zum Generalvikar erkoren. Dieser säumte nicht, den Erzbischof auf den heroischen Opfermut!) und die seltenen Talente seines ehemaligen Vikars aufmerksam zu machen. Der Prälat berief deu Abbü d'Hulst zu sich und übertrug ihm nach und nach die verschiedensten Aemter, bis er ihn 1876 zum Titular- Gcneralvikar und Archidiakon von St.-Denis ernannte. Das Jahr vorher hatten sich 30 Bischöfe um Cardinal Guibert geschaart, um die Katholische Uni- versität (Institut OntkoliHue) in Paris zu gründen, und der Liebling des Cardinals war mit der Organisation des großen Werkes und der Bestellung des Lehr- personals betraut worden. Dabei traten erst die hervorragenden Eigenschaften d'HuIst's ins rechte Licht, und als es sich um die Wahl des Nectors handelte, dachten mehrere Bischöfe an ihn, .obwohl er kaum 35 Jahre zählte. Doch Cardinal Guibert wollte sich noch nicht von ihm trennen, und erst 1880 durfte der Archidiako» von St.-Denis der Nachfolger Conil'S werden. „Der junge Nector" — so äußert sich Cardinal Richard in einem Rundschreiben an die Pariser Pfarrgeistlichkeit — „hatte wunderbar begriffen, was der Kirche in unserm Jahrhundert noth thut. Das Vatikanische Concil hatte in dem grundlegenden Dekrete vom Glauben und vom Verhältnisse der Vernunft zur Offenbarung klar die Nothwendigkeit wissenschaftlicher Arbeit in unserer Zeit dargelegt, aber auch die Grenzen festgesetzt, innerhalb deren diese Arbeit sich vollziehen soll, nicht um die Freiheit des Menschengeistes in Fesseln zn schlagen, sondern um auf die Klippen hinzuweisen, wo ihr Irrthum drohen und Ohnmacht. Niemand war besser als Msgr. d'Hulst auf dieses Werk vorbereitet. Er hatte eine edle Leidenschaft zu wissenschaftlicher Arbeit. Sein herrlicher und thätiger Geist war für alle menschlichen Erkenntnisse empfänglich, ja ich möchte sagen, er erfuhr die Verlockungen der Wissenschaft, die denjenigen, welchem der Gehorsam des Glaubens fehlt, weit von der Wahrheit abziehen. Diesen Glaubensgehorsam besaß Msgr. d'Hulst, und darin besteht sein Ruhm: Verstand und Glaube waren bei ihm in lauterster Harmonie." Als Nector dockte Msgr. d'Hulst zunächst Philosophie. Des Liberalismus verdächtigt, suchte er sich nicht in Lärmartikeln zu rechtfertigen, sondern packte seine Kollegienhefte zusammen und reiste nach Rom, wo man seine Erörterungen gebilligt haben muß: denn 1881 kehrte er als Hausprälar Sr. Heiligkeit nach Paris zurück. Mitten in seiner wissenschaftlichen Thätigkeit blieb Msgr. d'Hulst der Apostel der Armen; ihnen sollte sein großes Vermögen gehören. Er selbst lebte in äußerst dürftigen Verhältnissen; der geringste Vikar machte mehr Aufwand, so daß die zahlreichen Besucher, die ihn um Rath und Hilfe angingen, nicht genug über die Sclbstentäußerung eines der reichsten und hochadeligsten Priester Frankreichs staunen konnten. Msgr. d'Hulst war die Seele aller Vereine und Unternehmungen zu Gunsten der Armen; ihre geistliche Leitung insbesondere war seine süßeste Mühewaltung, und sein Beichtstuhl war fast ausschließlich von Angehörigen der niedrigsten Volks- klasscn umlagert. Auf wissenschaftlichem Gebiete pflegte er in den letzten Jahren hauptsächlich die christliche Apologetik. Seiner Initiative ist großentheils auch der Erfolg der beiden ersten Internationalen wissenschaftlichen Katholiken-Congressc zu Paris 1888 und 1891 zuzuschreiben; auch an den Vorarbeiten des dritten Kongresses zu Brüssel 1894 nahm er theil.*) Msgr. d'Hulst sollte auf einen höher» Leuchter gestellt werden. Im Jahre 1891 wurde er vom Cardinal- Erzbischof Richard zum Nachfolger des k. Monsabw auf *) Der vierte Internat,'on. wisscmch. Katholcken-Congretz findet bekanntlich 1897 vom 9. bis 13. Anglist zu Freiburg i. d. Schweiz statt. Ueber 700 Mitglieder aus allen Ländern sind bereits angemeldet. Man hofft besonders aus Deutschland rege Antheilnahme. der Kanzel von Notre-Dame bestimmt. Vielfach war man überrascht, als es hieß, der Nector des Institut Oatkoliquo werde die Fastenpredigten halten; man hielt ihn für einen trockenen Philosophen, seine Beredsamkeit für zu akademisch. Als aber Msgr. d'Hulst am ersten Fastensonntag 1891 die Kanzel bestieg, war der weite Dom so gedrängt voll, wie an den schönsten Tagen des k. Monsabrä. Seine einfache, bündige Ausdrucksweise war für apologetische Kanzelvorträge wie geschaffen. Am 6. März 1892 wurde der Conferencier von Notre-Dame an Stelle Msgr. Freppel's zum Abgeordneten von Brest gewählt. Schon am 26. März gewann er dem Parlament durch seine meisterhafte Rede von der FrejheiL dcrKirche Bewunderung ab. Auch für die Beibehaltung des religiösen Eides vor Gericht trat er mit apostolischem Freimuth ein. Seine parlamentarische Hauptthätigkeit bewegte sich jedoch auf dem Gebiete des Unterrichts, weil er wie kein andrer wußte, daß die Zukunft dem gehört, der die Schule hat. Bei allen Kämpfen bewahrte er sein angeborenes ritterliches Wesen; persönliche Angriffe verachtend, war er nur darauf bedacht, dem Rechte und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Seine Kammerthätigkeit wurde denn auch am 7. ds. von dem radikalen Vorsitzenden Brisson äußerst rühmend hervorgehoben. So vielfach in Anspruch genommen, fand Msgr. d'Hulst noch inimer Zeit, über Askese, Philosophie und Apologetik zu schreiben; auch seine Predigten erschienen in mehreren Bänden. Zn diesem rastlosen Mühen schickte auch ihm der Herr ein Kreuz. Seit Jahren quälte ihn ein Nierenleiden, und vor wenigen Monaten erklärte er selbst einigen Freunden, daß seine Tage gezählt seien. Doch folgte er deren Rath und suchte Linderung in Biarritz. Ohne diese gefunden zu haben, kehrte er am 5. ds. nach Paris zurück. Das Leiden verschlimmerte sich mit rapider Schnelligkeit, und am 6. ds. empfing der Dulder die hl. Sterbsakra- mente; Cardinal Richard selbst spendete ihm die letzte Oelung. Am Abend desselben Tages gegen -11 Uhr hatte Msgr. d'Hulst ausgelitten. Aus seinem Testamente geht hervor, daß sein ungeheures Vermögen bereits in den Händen der Armen ist; nichts erübrigt mehr als das leere Schloß von Louvillc. Diese freiwillige Armuth sollte auch nach seinem Tode zum Ausdruck kommen; seinem Wunsche gemäß schmückte auch nicht ein Kranz die Bahre. Desto großartiger gestalteten sich aber am 10. ds. die für ihn in Notre-Dame abgehaltenen Obscquien; die Theilnahme von Klerus und Volk war eine ungeheure. Seine Leiche wurde, wie eingangs erwähnt, auf dem Stammschloß Louville beigesetzt. Beten auch wir für den Apostel der Armen und den Kämpen der hl. Kirche ein Ave, zu Gott flehend, er möge das katholische Frankreich durch Männer wie Msgr. d'Hulst recht bald den Händen der Ungläubigen entwinden. Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmmin, Her.manu Sridermamr im Zusammenhalte mit der „modernen" Poesie und Ethik. (Vortrug, gehalten im katholischen Kasino zn Müuchcn.) (Forisetznng.) — 2 . Individualismus, Pessimismus und Darwinismus, sie lasten wie ein Alp auf einem 387 guten Theil der Modernen Literatur. Ein schriftstellerischer Wortführer der Modernen, Edg. Steig er stellte als Programm auf: „Die menschlich- Gesellschaft und ihre Verhältnisse müssen in ihrer ganzen Breite vorgeführt, die geheimen Fäden, die sich von Vater auf Sohn und Enkel fortspinnen, überall aufgedeckt, und jede besondere Eigenart des Individuums muß als gesetzmäßiges Produkt bekannter Faktoren nachgewiesen werden. Eine solche Analyse hat Ähnlichkeit Mit der Thätigkeit eines Anatomen; der Wahrheitstrieb, der hier den Künstler beseelt, darf vor keiner Häßlichkeit und Verworfenheit, auf die er stößt/zurückschrecken. Und so wenig wie der Chirurg bei einer lebensgefährlichen Operation, darf der realistische Sittenschilderer sich von Mitleid und menschlicher Theilnahme hinreißen lassen. Die Gesellschaft ist das anatomische Präparat, das er secirt. Er will nicht strafen und bessern, er will nur die Wahrheit sagen, ob sie nun luftig oder traurig, angenehm oder peinlich sei." Bei den „geheimen Fäden" denken aber unsre Mo- oernen nur an die schlechten Eigenschaften, an Laster und Krankheiten, während im Leben glänzende Eigenschaften, Tugend und Gesundheit sich mindestens ebenso häufig vererben. Zudem ist das Wie der Vererbung selbst der Wissenschaft bis zur Stunde noch eine tarrn ineoZnita. Ein Psychiater sagt: „Wir wissen kaum annähernd, wer vererbt, nur ungenau und durchaus unzulänglich, was alles vererbt, und nur zum allergeringsten Theile endlich, wie vererbt wird." Mit einer solchen Theorie ist nicht mehr der Held die Hauptsache, sondern seine Umgebung, sein „Milieu", dem er nicht entrinnen kann. Und die Handlung steht sich abgelöst durch die Stimmung. Nach der „modernen" Lehre von der erblichen Belastung wird Einer Verbrecher, so wie ein Anderer kurzsichtig oder hinkend wird. Die Tragik des Wollen? verwandelt sich also in eine Tragik des Werdens und Vergehens. An Stelle der Schuld tritt jetzt wieder die Schickung, das Verhängniß, und damit nähert die naturalistische Bühnendichtung sich dem antiken Schicksalsdrama, oder wie es in Schillers Prolog zum „Wallenstein" heißt: „Sie sieht den Menschen in dcö Lebens Drang Und wälzt die größ're Hälfte seiner Schuld Den unglückseligen Gestirnen zu." „Fürwahr, ,es ist der Weg des Todes, den wir treten", wenn es nicht mehr Freiheit, sondern Nothwendigkeit ist, die das sittliche Handeln bestimmt, wenn das Schicksal, das einst die Götter verhängten, in Gestalt eines starren Naturgesetzes wiederkehrt, an dem der menschliche Wille hilflos strandet." ^°) Diese von Ibsen durch „Der Kampf um die neue Dichtung" (1889) S. 15. Verf. leitet jetzt das socialdemokratische Unterhaltuiigsblatt „Die Neue Welt" und wurde aus dem letzten Parteitag in Gotha von Liebknecht lebhaft bekämpft. Er berief sich auf Gerh. Haupt- mann alS den größten lebenden deutschen Dichter. Mit einem Anflug von Idealismus verstieg sich Liebknecht sogar bis ins klassische Alterthum und führte den Vater Homer inS Treffen, der gewisse heikle Scenen sich hinter einer Wolke abspielen lasse, während unsere Naturalisten umgekehrt daraus aus sind, dem Gemeinen und Häßlichen den Schleier fortzuziehen. Liebknecht hält Gerh. Hauptmann keineswegs für den größten Dichter der Gegenwart. Er meint, die von den krassen Naturalisten vorgebrachten Dinge mögen wohl natürlich sein, sie seien aber auch zugleich unanständig. (Sountagöblatt der „Germania" 1896 Nr. 44.) '°) Sadger a. a. O. 143. 2 °) Blcnnerhasset a. a. O. 245 f. „Sind die Drahtpuppen eines Kindertheaters interessant und vermag es uns die Herrschaft des Bealstungsmotives in Deutschland eingebürgerte Richtung, der Zug zum Pathologischen, wurde besonders drastisch ausgebildet von dem 1862 zu Salzbrunn in Schlesien geborenen Gerhärt Hauptmann. „Noch 10 Jahre solcher Poesie, und der Weg zu den kurulischen Stühlen der Dichtkunst wie der Literatur- kritik führt durch die Hörsäle der Nerveupathologie." Hauptmann, aus pietistischer Umgebung stammend (vgl. Hanneles Himmelfahrt), hat nicht umsonst, nachdem er Zögling der Breslauer Kunstakademie gewesen war (vergl. College Crampton), Naturwissenschaften studirt in Jena, und zwar unter Häckel! In seinen Erstlingsdrnmen „Vor Sonnenaufgang" 1889 (1890 in 5. Austage), wo der alte Bauer, der Stammvater des Geschlechtes, nur im Zustande viehischer Besoffenheit auf der Bühne erscheint als vcrthiertes Scheusal, vor dessen unzüchtigen Griffen sich die eigene Tochter nur mit Gewalt retten kann, und 1890 im „Friedcnsfest" bewegt Hauptmann sich mit Vorliebe auf dem Grenzsaum, der zwischen dem Gebiete des Seelenkenners und dem des Irrenarztes liegt. „Nervenpathologie ist der eigentliche Grund- und Eckpfeiler aller Hauptmann'schen Dichtung. Nervenpathologie findet sich im Drama ebensowohl wie im Epos und in den beiden Novellen; Nerveupathologie endlich ist jenes Motiv, das in den allermeisten Schöpfungen die Haupt-, nur in den „Webern" und im „Biberpelz" eine Nebenrolle spielt. ... In „Vor Sonnenaufgang" ist außer dem Alkoholismus, dem mit Hclenens Ausnahme die ganze Familie Krause mit Haut und Haar verfallen ist, noch der stotternde Idiot Wilhelm Kahl zu nennen. ... In den „Einsamen Menschen" ist Dr. Johannes Vockerat der gut gezeichnete Typus eines Neurasthenikers der allererbärmlichsten Sorte. . . . Sein Weib, die blutarme Käthe, ist eine echte Hysterien von der duldenden Gattung, mit Lach- und Weinkrämpfen, nervösem Herzklopfen und Fühllosigkeit in ganzen großen Körperpartien. . . In den „Webern" kreist die Schnapsflasche, und zwar nicht immer am Wirthshaustische allein. . . . Von einem der Weber wird erzählt, daß er bereits wahnsinnig geworden und den ganzen Tag über splitternackt am Bache siehe. . . In „College Crampton" wäre außer dem allezeit trunkoollen Titelhelden noch Professor Kircheisen anzuführen, der ein' höchst erregbarer Neurastheniker ist mit der Parästhsste des Ameisenlaufens im ganzen Körper. Die Fieberträume des „Hannele" gehören in das Gebiet der Amentia, der akuten hallnei- natorischen Verworrenheit, während der alte Pleschke ein Kretin ist mit allen körperlichen Degenerationswalen eines solchen. Im „Biberpelz" schließlich präsentirt sich ein Amtsbote mit einer „alkoholisch gefärbten" Nase. . . . Das weitaus ergiebigste Material aber findet der Nervenpathologe in der Novelle „Der Apostel" und im „Friedenssest"? 2 ) Die stoffliche Verirrung eines solchen dichterischen Schaffens vermag nichts besser zu zu rühren, wenn eine derselben unvorsichtigerweise in der Flamme dort an der Rampe verbrennt, während die anderen, an ihren Metallsädchen hängend, ihre Luftsprünge fortsetzen? Und wird die Tragödie auf den Brettern, die die Welt bedeuten, nicht auch zum Puppenspicl? Welche Zufälle der Heredität haben denn im Geschlechte Lears zusammengewirkt, um Cordelia zu einer Schwester AutigoneS zu adeln, und sind nicht etwa Rcgan und Gonril viel mehr alö ihr sanftes Opfer zu beklagen, weil ihnen Drachenblut in die Adern geträufelt, wurde?" -1) Sadger a. a. O. 143. dH Sadger a. a. -O. 143. 388 kennzeichnen, als die Thatsache, daß an den Personen der Dichtungen Ibsens und Haupimanns thatsächlich ein praktischer Psychiater klinische Beobachtungen angestellt hat. Dr. I. Sadger in Wien ist es. Er sagte treffend bei einer Untersuchung von Ibsens „Rosmers- holm":^) „DaS ältere Drama zeichnete den gesunden Menschen, wie er dachte und empfand, das moderne in seinen Helden wenigstens nur den kranken, nur Menschen mit einem zerrütteten Nervensystem, nur Leute, die von ihren Eltern her erblich belastet sind, deren Väter an chronischem Alkoholismus, an Syphilis des Gehirns, an Rückcnmarksschwindsucht, an Schlagfluß und dergleichen schönen Dingen litten und starben. Der Held der älteren Dichtkunst ist in der Regel der gesunde, höchst entwickelte Vollmensch, der Mensch, den eine gütige Natur mit blendenden Geistesgabcn, mit warmen Tönen der Empfindung, mit erlauchten Gedanken und adeligen Gefühlen ausgestattet. Das Beste, Edelste, Tiefstempfundene, was der Poet durch harte Arbeit mühsam in der eigenen Seele großgcbildet, das übertrug er sorgsam auf die Lieblingsgestalten seiner Phantasie, die er noch obendrein gern auf die Sonnenhöhen des Lebens erhob. ... Ein Drama alten Stiles werthen und verstehen zu können, vermochte ein jeder, der auch nur ein ganz geringes Quantum von psychologischem Wissen in sich trug, ein jeder, der es noch nicht verlernt hatte, rein menschlich und naturgemäß zu empfinden. Aber für die Gefühls- verwirrungs- und Scclenzerrüttungspoeste des modernen naturalistischen Dramas sind eingehende Spccialstudien über Nerven- und Gehirnpathologie fast schon unerläßlich geworden. . . . Eine ganze Sekte germanischer Schriftsteller, die hervorragendsten Träger der „freien Bühne" in Berlin, wieGerhartHauptmann, KonradAlberti, Karl Bleibtreu, Holz und Schlaf s trittst Hnnntj, befaßte sich mit der dramatischen Ausbeutung des Alkoholismus. . . . Eine ganze Dichtergilde lebt von der chronischen Versoffenheit ihrer dramatischen Helden! Jeder Rausch wurde gewissenhaft verzeichnet, keine sexuelle Regung uns erspart, jede unzüchtige Bewegung ficht- und greifbar auf die Bühne gestellt." Hauptmann kennt nur passive Tragik, er hat nur Sinn für stimmungsvolle Situation, das „Milieu" ist für ihn was für andere der Held. Wie auf Helene in „Vor Sonnenaufgang", auf Wilhelm im „FriedenSfest" und auf Johannes in den „Einsamen Menschen" die Umgebung, wie auf „Die Weber" die Noth und die Fabrikanten, und auf „Hannele" der rohe Vater, so drücken in Haupt- manus letztem Stücke aus dem Bauernkrieg „Florian Geyer" die Ritter auf die Bauern des 16. Jahrhunderts. Und alle seine Helden haben einmal einen Augenblick lang ihre Sonne: Helene an Loth, Wilhelm an Jda, Johannes an Anna Mahr, die Weber in ihrem Aufstand, Hannele in ihren Fiebertränmen von der Seligkeit und die Bauern in ihrer Erhebung. Diese Sonne geht dann wieder unaufhaltsam unter, die Dunkelheit und der Jammer wird dichter und aufdringlicher als vorher, und der Schluß wirft uns aus allen Träumen brutal in das Armenhaus der Wirklichkeit, in das trostlose Elend zurück. Nirgends verkündet Hauptmann dieses Leitmotiv aller seiner Ethik, diesen verzweifelten Pessimismus in einem ergreifenderen und prägnanteren Sinnbilde als in „Hanneles Himmelfahrt". Das Stück ist eine tendenziöse Allegorie von Hauptmanns Lebensauffassung ») A. a. O. 162. und mit Nichten ein naives Kinderspiel. Es kann nur im Rahmen der gesummten Dramatik des Dichters thatsächlich verstanden werden. (Fortsetzung folgt.) Vor Jahrhunderten. ' Von A. Zottmann. (Fortsetzung.) 496. Hocherfreuten Herzens schrieb der Papst Anastasius II. zu Beginn seines Pontifikates an den Frankenkönig Chlodwig: „Wir preisen uns glücklich darüber, daß der Anfang (deines Lebens) im christlichen Glauben mit dem Anfang unserer bischöflichen Amtsführung in die gleiche Zeit zusammentraf. Es kann nämlich der Stuhl des hl. Petrus bei einem Ereiguiß von so großer Bedeutsamkeit nur mit Trost erfüllt werden, da er nunmehr sieht, wie die Fülle der Völker mit beschleunigtem Schritte zu ihm herankommt und im Umlaufe der Zeiten das Netz sich füllt, das derjenige, der zugleich Menschensischer und seliger Schlüsselträger des himmlischen Jerusalems ist, in die Tiefe zu werfen beauftragt worden. Wir wollen das deiner Er- lauchtheit ... zu wissen thun, damit du, wenn du von dem Jubel des Vaters hörst, im Guten wachsen, unsere Freude zur Vollendung bringen und meine Krone werden mögest, deine Mutter aber, die Kirche, frohlocken könne über den Fortschritt eines so großen Königs, den sie erst in den jüngsten Tagen für Gott geboren hat. Sei also, ruhmvoller und erlauchter Sohn, das Wohlgefallen der Mutter und werde ihr zur ehernen Säule! . . ." ^) Es ist die Freude des Vaters über die erstgebonw Tochter der Kirche, über die Bekehrung des Franken- reiches, begonnen durch den Uebertriit des Königs Chlodwig I. zum Christenthum im Jahre 496. Chlodwig hatte eine christliche Gemahlin, die heilige Königin Chlotilde. Dieser war es trotz liebevoller Aufmunterungen nicht gelungen, den Gemahl zur Bekehrung zu bringen. Da geschah es, daß er 496 bei Tolpiakum (Zülpich?) im Kampfe gegen die Alemannen mit seinen Franken in große Noth gerieth. Jetzt flehte er — ein zweiter Konstantin, wie ihn Gregor von Tours nennt — thränenden Auges zum Himmel und gelobte, Christ zu werden, wenn er siege. Chlodwig siegte und hielt sein Versprechen. Von Bischof Nemigius, den die hocherfreute Königin herbeigerufen hatte, ließ er sich im Glauben unterrichten, nachdem auch das Volk sich bereit erklärt hatte, dem unsterblichen Gott zu folgen, den Nemigius predige. Noch am Weihnachtsfeste des nämlichen Jahres fand die feierliche Taufe in der prächtig geschmückten Nheimser Kirche statt. „Beuge dein Haupt, stolzer Srcamber," sprach Nemigius, als der König zum Taufbecken hintrat, „verehre, was du bisher verfolgt hast, und verfolge, was du bisher angebetet hast." Als der Priester mit dem Salböl nicht durch die dichtgedrängte Volksmenge herankommen konnte, soll eine schneeweiße Taube das Oelfläschchen im Schnabel und ein Engel ein mit Lilien gesticktes Banner herbeigebracht haben. Dieses Fläschchen soll die berühmte Liuxulla Illiameiwis gewesen sein, aus welcher seit 1179 die französischen Könige die Salbung empfingen; Lilien aber wurden seitdem ihr Wappenzeichen. Gleichzeitig mit Chlodwig empfingen noch 8000 seiner Franken die Taufe. An dem rohen Sicamber gewann die Kirche einen muthvollen Vertheidiger von ge- '2) Briefe der Papste (Kemptner AnSg.) VII, 559—560. 389 waltiger geistiger und physischer Kraft, und sein Uebertritt zum Christenthum hatte die weittragendsten Folgen.") Ein anderer Gedenktag dieses Jahres ist der Tod des berühmten Papstes Gelasius I., welcher ein ruhmreiches Andenken an seine oberhirtliche Thätigkeit in der Geschichte hinterließ. Er trat den Anmaßungen der Griechen gegenüber, erließ viele wichtige Dekrete, schrieb gegen Pela- gianer, Nestorianer und Monophysitcn, kämpfte gegen Habsucht und eiferte für kirchliche Einfachheit, ordnete den Meßcanon (das bekannte Laoramantariuw Oalasianuin), „schrieb einen Commentar zu den paulinischen Briefen, dichtete Hymnen, hielt Synoden, lehrte und mahnte, strafte und ordnete und hinterließ so das Beispiel eines frommen, gelehrten, eifrigen und tüchtigen Papstes und Priesters".") 596. Hatte das Jahr 496 für Frankreich das in Betreff seiner künftigen Gestaltung und Entwicklung denkwürdigste Ereigniß gebracht, so sollte das Jahr 596 ein solches für England bringen.") Der größte Mann seines Jahrhunderts, Gregor der Große, hatte schon längst den Plan zur Bekehrung der heidnischen Angelsachsen gefaßt. Auf dem Sklavenmarkte am Forum hatte er einst bildschöne Jünglinge mit gelocktem Haar und prächtigem Körperwuchs ausgestellt gesehen und sich nach ihrer Heimath erkundigt. Als er erfuhr, daß es Angelsachsen seien, bedauerte er mit tiefstem Mitleid, daß sie noch in das Heidenthum verstrickt wären, und war in seinem heiligen Eifer sofort entschlossen, selbst Britannien aufzusuchen, um das Evangelium dort zu verkünden. Aber das römische Volk ließ den berühmten und geehrten Mann nicht ziehen. Papst geworden, wendete Gregor sein Augenmerk wieder diesem früheren Plane zu und hatte alsbald in seinem Nachfolger im Benediktinerkloster am Cölius, nämlich im hl. Abt Augustin, den richtigen Mann zur Verwirklichung seines Lieblingsplanes gefunden. ES war im Jahre 596, als Augustin und seine 30 Genossen in Noni vor dem Papste knieten, seinen Segen zu empfangen, und dann mit seiner Mission, ihr liebgewonnenes Heim verlassend, wilden Völkern entgcgeuzogen. Unterwegs wurde ihnen ungcmein bange gemacht, daß sie nichts ausrichten werden und nur Grausamkeiten entgegengehen. Da sie deßhalb wieder zurückkehren wollten, schrieb ihnen der Papst einen herrlichen Brief, sie ermahnend, nur auszuhalten und um Gotteslohn und mit Gottvertrauen das Unternehmen fortzusetzen, denn es sei besser, ein gutes Werk gar nicht anzufangen, als das begonnene nicht zu vollenden.") Durch diese väterlichen Ermahnungen wieder ermuthigt, setzten sie ihre Reise fort und gelangten im Jahre darauf (597) an die Küste Englands, sofort die Predigt des Evangeliums beginnend. Und ihre Mühe und ihr Gehorsam war von den schönsten, von wunderbaren Erfolgen begleitet: nicht Einzelne bekehrten sich, sondern hundert, Tausende, ja viele Tausende, ganze Völkerstämme auf einmal; in kurzer Zeit war Britannien dem Reiche der Kirche einverleibt.") 696. Den beiden eben angeführten hocherfreulichen Jnbi- ") Kirchcnlcxikon III, pag-. 101 ff. und Jaffü I. e, 53—60. 6Ir. ebenda V, 228, Hcrcieinöihcr I. o. I, 549. Bollaudislcii, Lla.ji VI, 373 ff. '°) Gregors AuSgcw. Schriften (Kcmptncr Ausgabe) II, xag-. 329. ") BcnediktuSstimmcn 1880 xa§. 377 ff. läumserinnerüngen müssen wir eine überaus traurige folgen lassen. Wir haben gesehen, wie zur Zeit des hl. Augustin. zu Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts, das christliche Nordafrika in höchster Blüthe stand. Befaß es doch beim Tode dieses hl. Kirchenvaters in 6 Provinzen mehr als 600 christliche Bisthümer. Aber die hier im Jahre 428 auf Einladung des römischen Statthalters Bonifazius, welchen der hl. Augustin in einem seiner schönsten Briefe vergeblich davon abmahnte, eingefallenen Wandalen unter Geiserich richteten großes Unglück an, und die Katholiken wurden unterdrückt und verfolgt. Zwar machte der griechische Feldherr Belisar im 6. Jahrhundert dem Vandalcnreich ein Ende und konnte sich die Kirche wieder etwas erholen, aber im nächsten Jahrhundert erschien ein anderer, noch gefährlicherer Feind. Der Islam drang immer weiter und weiter in Afrika vor, im Jahre 696 wurde Carthago von. den Arabern eingenommen, und um die christliche Kirche war es in diesem Erdtheile geschehen: von der ganzen herrlichen Blüthe war nichts, von den vielen bischöflichen Stühlen war auf Jahrhunderte hinaus, ja fast bis auf unsere Zeit nicht ein einziger geblieben. Nur in einzelnen Kostenpunkten waren noch Spuren katholischer Religion.") 796. Dieses Jahr führt uns aus deutschen Boden, zum größten und ruhmreichsten deutschen Kaiser, Karl d. Gr. Er ist eben in den Krieg mit den Hunnen und Avarcn verwickelt, welcher im Jahre 796 seine Hauptentscheidung fand, indem der Chakan von seinen Unterthanen abgesetzt wurde, die Südslaven sich erhoben und Erich von Friaul in Verbindung mit dem Slavenfürsten Wonimir in das Land einfiel und nach heftigen Kämpfen das zwischen der Donau und Theiß gelegene Hauptbollwerk der Nation, den großen Ring, einnahmen, eine Vcrschanzung aus Baumstämmen und Mauerwerk. Die Schätze, die man hier fand, waren unermeßlich, so daß das Silber im ganzen Frankenreiche um ein Drittheil seines Werthes fiel.") Einhard berichtet von diesem Kriege Folgendes: ^") „Der größte von allen seitens des Königs geführten Kriegen (mit Ausnahme des Sachsenkrieges) folgte jenem slavischen, der nämlich gegen die Avaren und Hunnen, den er auch persönlich nachdrücklicher als die früheren und mit viel größeren Bütteln unternahm. . . Wie viele Schlachten darin geschlagen, wie viel Blut vergossen worden, davon gibt Kunde die völlige Entblößung Pannoniens von Einwohnern und die Verödung des Gebietes, in welchem die Residenz des Khans sich befand, so daß nicht einmal eine Spur mehr von menschlicher Ansicdlung dort zu finden ist. Der ganze hunnische Adel fand in diesem Kriege seinen Untergang, sein ganzer Ruhm sank dahin; alles baare Geld und die seit langer Zeit aufgehäuften Schätze wurden aus dem Lande geführt. Und andrerseits hat sich seit Menschengedenken gegen die Franken kein Kampf erhoben, durch den jene mehr bereichert und in ihren Machtmitteln verstärkt worden wären. Denn während sie bis dahin beinahe arm erschienen, fand man nun in der Residenz so viel Gold und Silber, wurde in den Schlachten so viele kostbare Beute davongetragen, daß man versucht wäre zu glauben: die Franken hätten den Hunnen mit Recht das abgenommen, was die Hunnen früher andern Völkern ungerechterwerse genommen." ") Kirchenlcx. I, 312 f. u. III. 218. Miß. Weltzesch. 3. A»fl. IV, x->§. 91. Lcöcn irarlö d. Er. 13. eazi. 300 Der grüße Kaiser fand für derartige reiche Schatze eine treffliche Verwendung, denn eben war — und damit kommen wir auf eine weitere für Deutschlands Kunstgeschichte sehr bemerkenswerthe Jubiläumserinnerung aus dem Jahre 790 — seine Hofkapelle in Aachen, der jetzt noch erhaltene älteste bedeutendere Kirchenbau auf deutschem Boden, vollendet?') Der berühmte Münster--) ist ein Centralbau, offenbar nach dem Vorbilde von S. Vitale in Ravenna. In der Umfassungsmauer ist er 10-, im Mittelbau Leckig angelegt mit Kuppel und zwei übereinander befindlichen, rings herumlaufenden Gallerten. Italienische Maler haben sie ausgeschmückt?") Von dem Glanz und dem in sie gelegten Reichthum erzählt wieder des Kaisers Biograph:^) „Die christliche Religion, mit der er von Kindheit auf erfüllt war, pflegte er mit hohem Ernst und mit der größten Frömmigkeit. Darum baute er die herrliche Kirche in Aachen und schmückte sie mit Gold und Silber und mit Leuchtern, sowie Gittern und Thüren aus festem Erz. Da er zu ihrem Bau Säulen und Marmor anderswo nicht beschaffen konnte, ließ er solche Dinge von Rom und Ravenna kommen. Unermüdlich besuchte er die Kirche . . und trug eifrig Sorge, daß Alles, was dort vorgenommen wurde, mit der größten Feierlichkeit geschah. . . An heiligen Gefäßen aus Gold und Silber, sowie an Priestergewändern ließ er hinreichenden Verrath anschaffen. . ." Endlich bringt dieses Jahr 796 noch die innige Verbindung Karls mit Papst Leo III., welch letzterer dem Kaiser die Schlüssel der Petersgruft schickte und ihn bat, Gesandte nach Rom zu beordern, um den Eid der Römer entgegenzunehmen?^) In Rom selbst ließ Leo III. ein prächtig geschmücktes Triklinium, einen Empfangsund Speisesaal für hohe Persönlichkeiten, vor allem wohl des Kaisers, Herrichten, in welchem das Verhältniß Karls als xatwioius der Kirche zum Papste zur Darstellung gebracht wurde. Wer heute in Rom über den Lateranplatz geht, bemerkt an der Seite der Kapelle der heiligen Stiege eine offene Hallennische, in welcher «an in Mosaik diese hochinteressanten und wichtigen Darstellungen sieht. Es ist eine getreue Copie dieser vor 1100 Jahren entstandenen Trikliniumsnische (Irieiiiüum I^6ouia,inrm)?°) (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Geschichte der bayerischen Birgittenklöster von G. Binder, Priester der Erzdiveese München - Freising. Preis ungcbd. 4 M. Verlag der I. I. Lentner'schen Buchhandlung (L. Stab! jnn.), München. 1. II. Ein Seelsorgspriester, ein Pfarrer der Erzdiöcese München-Freising, hat uns in dem angekündigten Werke die Frucht seiner langjährigen Studien vorgelegt. Wie sein erstes Werk: Geschickte der hl. Birgitta, so wird sicher auch dieses Werk mit Freude aufgenommen und mit Befriedigung gelesen werden. Eine Menge von Urkunden. Archivalien und Literalien ist in diesem Bücke zusammengestellt. Mühevoll mag die Arbeit gewesen sein, aber sie darf sich sehen lassen in der Literatur der Geschichte. Wie in einem Mosaikbilde sich Steinchen an Steinchcn reiht und keines fehlen darf, damit ein Kunstwerk 2') Im Laufe der Zeiten kamen allerdings verschiedene Anbauten dazu, bis das jetzige Münster entstand. 22 ) Vgl. den "Art. „Aachen" im Kirchen!. 1,1. Fäh läßt den Ban erst 790 begonnen werden; für jeden Fall ist er also ein Jubiläumskind. 22 ) Grundriß u. nähere Beschreibung siehe bei Fäh, Grundriß der Gesch. der bild. Künste per». 260. 2 ^) Einbard, I. o. 26 cp. 2") Jaffs, I. o. M». 216. 2 °) Beschreibung des TrikliniumS: Gsell-Fels, Nom u. die Camp. 3. Anst. !>!>§. 386 f. vollendet werde, so reiht sich-in dieser Geschickte der Birgiiten- klöster Jahr an Jahr und Ereignis; an Ereignis; in historischer Entwicklung, bis die ganze Geschichte des bat) rücken Birgitten- ÖrdenS meinem Entstehen, Blühcn und Vergehen sich vor unsern Augen entrollt. In Bayern bestanden drei Bwgitten- kiöiter: zu Gnadenberg in der Oberpfalz, zu Maihingcn in Schwaben und zu.Attvmüinter in Oberbayern. Die Spuren dieser Ordensniederlassuugen sind noch vorhanden, und der Konservator am bayerischen Nationalmnscnin in München, Herr Dr. Hager, hat die bcsondcrS'sür Architekten nno Kunstfreunde interessante Geschichte der Kloster;nine Gnadenberg in eingehender Weise als . Anhang znr Bindsr'ichen Geschichte beschrieben. Beim Lesen dieser OrdcnSschickjalc mutbet cS uns an, als ob längst vergangene Zeiten wieder ausS neue aufleben würden. Bayerische Fürsten aus dem Hause Wittelsbach aus dein Anfang des 15. Jahrhunderts als die Gründer des Klosters von Gnadenberg, dann Grafen von Oettingen und Wallerstein, Herren von Sandizcll, dann wieder reiche Patriziersainilicn von Nürnberg und Augsburg, wahrhaft beldenmüthig'e Äcbtissiimcn und gelehrte, fromme Mönche ziehen an unserm Geiste vorüber, und wir scheu sie, wie sie damals wirklich gelebt und gewirkt und gearbeitet haben. Der Verfasser schildert aber auch in interessanter Weise trübe Zeiten, die über die Klöster unv ihre Bewohner hingezogen sind: das Eindringen der neuen Lehre Luthers, die manche Mönche und Nonnen in sich einsogen und auch den gelehrten Oekolampadins veranlaßte, die stille Klosterzelle zu Nltomünster wieder zu verlassen, dann die Verwüstungen und Greuel der Klöster durch den 30jährigen Krieg, den Bauernkrieg, die spanischen und bayerischen Erbsolgekriege. Doch immer wieder erhoben sich die Kloster znr neuen Blüthe, bis die L-ä- kularisation am Anfange dieses Jahrhunderts ihren Untergang beschloß. Der Gnade eines WittelSbacher-Fürsten, König Ludwigs I., ist es zu verdanken, daß das alte Birgitlenkloster zu Altomünster, das einzige noch in Bayern, sich wieder re- generiren durfte, so daß bis zur Stunde dort fromm- Nonnen nach dem Geiste ihrer hl. OrdenSstisterin Birgitta leben und wirken dürfen; der männliche Zweig dieieS Ordens aber ist wohl aus immer aus Bayern verschwunden. Der historische Verein von Regensburg hat obiges Buch seinen Mitgliedern als Vereinsgabe pro 1896 gewidmet; das ist wohl auch der Grund, warum manche Partien desselben etwas kurz ausgefallen sind, es durfte eben die Arbeit nicht zu sehr ausgedehnt werden; das thut aber der Gediegenheit des Werkes keinen Eintrag. Alle Freunde vaterländischer Geschichte werden reichen Genuß darin finden. Die göttliche Wahrheit des Christenthums. In vier Bäckern von vr. Herman Schell, Professor der Apologetik an der Universität Würzbnrg- Erstes Buch: Gott und Geist. I. Grundfragen. 395 S. 8°. br. M. 5,00, geb. M. 6,00. Verlag von Find. Schöningh in Paderborn. Es ist freudig zu begrüßen, wenn katholische Gelehrte sich nicht nur darauf beschränken, der studircndcn Jugend in Lehrbüchern die philosophische Wissenschaft paragraphenmäßig vorzuschneiden, svndern auch die wichtigen principiellen Fragen der spekulativen Philosophie, welche gegenwärtig vielfach im Dienste des Pantheismus und Unglaubens steht, gründlich behandeln und für die Apologetik fruchtbar zu machen suchen. Zwar fehlt eS katbolischerscits nicht an philosophischen Werken, welche die Philosophie und Theologie der Vorzeit über diese wichtigen Probleme im Gewände der modernen Wissenschaft reproduciren, aber bei aller Verehrung für die große Vergangenheit muß cS gesagt werden, daß im Kämpfe mit der heutigen ungläubigen Wissenschaft durch das starre Festhalten an der alten ontolog- iscken Methode mit ihren formalen Distinktionc» und Snb- distinktionen nur der Gegensatz gesteigert wird. Der Verfasser des vorliegenden großangelegten Werkes hat bereits durch seine katholische Dogmatik gezeigt, daß er einer solchen Aufgabe vollauf gewachsen ist. Man kann in vielen Punkten anderer Ansicht sein und selbst an der ganzen Methode manches auszusetzen haben, aber man wird nicht bestreiken können, daß er in geistreicher und origineller Auffassung der schwierigen Gegenstände viele Theologen übertrifft. Seine streng wissenschaftliche Behandlung erschwert die Lektüre nicht wenig, aber er kann mit Recht erwidern, daß die strenge Wissenschaftlichkeit auch der Rücksicht auf einen weiteren Leserkreis nicht zum Opfer gebracht werden dürfe, weil sie ein unentbehrlicher Vorzug der apologetischen Darstellung sei. „Man muß sich nur unter der schützenden Hülle einer freien, ungezwungenen Darstellung dessen bewußt bleiben, daß die Schönheit niemals zum Ersatz der Stärke werden kann und darf, und daß die wahre Kraft nur in den 391 Gedanken, iiicbt in den Worten, auch nicht in der Anziehungskraft eines blühenden Lstils liegt." Der Inhalt des vorliegenden Bandes ist anS den Ueberickriften der iüuf Abhanvlungeu zu erkennen: Die Aufgabe der Apologetik und ibr wissenschaftliches Recht; Die Bedeutung deS GotteSbegrisfs iin Gottes- glaubeu; DaS Kausalgesctz und die seldinoirkliche Ursache; Das System der Eottcsbcwcise; Die Persönlichkeit GoiteS. Am wichtigsten sind die dritte und die fünfte Abhandlung, weil dieselben gegen die Haüpteiuwände der modernen Philosophie gerichtet sind. (schanz, Theol. Quartalschrift. 1896. Hest H) Ueber den Priest er stand. Vortrüge von Joh. Bapt. Lohma nn 8. R Mit kirchlicher Genehmigung. Padcr- born, 1896. Druck und Verlag der Juiifcrmann'schcn Buchhandlung (Albert Pape). 256 S- M. 2. Der durch seine ascctnchen Schriitcu,. besonders „die Betrachtungen auf alle Tage des Jahres für Priester und Laien" (in demselben Verlag bereits in 5. Aufl. erschienen), rühmlichst bekannte Verfasser übergibt hier seine in den Studienjahren 1870 bis 72 für die Marianiiche Sodalität der Akademiker zu Padcrborn, die alle Aspiranten des geistlichen Standes waren, gehaltenen Vortrüge rcvidirt und stellenweise erweitert der Ocffcutlichkeit. In 28 Nummern werden die erhabene Würde des PriestertbninS, speciell des Scelsorgeamtes, die priesterliche Heiligkeit hinsichtlich ihres Sinnes und ihrer Verpflichtung, die pflichtschuldige Heiligkeit des Ordinauden, die Berufung zum geistlichen Stande, die Gefahren des Priester- standeS sowie die vier niederen heiligen Weihen nebst ihrer Vorstufe. der Klerikaltonsur (speciell die Verpflichtung zum Tragen der Tonsur und der standesgemäßen Kleidung), unter steter Zugrundelegung der hl. Schrift und der kirchlichen Disciplinar- vorschrüten, namentlich der neueren und neuesten Zeit (Concilien von Baltimore, Prag, Gran, Köln, Utrecht), mit besonnener Ruhe und warmer Begeisterung für das priesterliche Amt behandelt. Das schöne Büchlein ist vor allem für die Candidaten des geistlichen Standes bestimmt, und wir wünschten nur. daß alle Zöglinge der Convictc und Seminarien dasselbe sich zum Gegenstand eingebender Lectüre und eindringlicher Be- herziguug wählten. Auch dem wirklichen Priester und Seelsorger kann es,»ur bestens empfohlen werden. Wir selbst hätten freilich gewünscht, vag neben „den Gefahren des Priester-standes" (S. 172—197) auch die großen Gnaden und Schutzmittel, die im geistlichen Stand als solchem gegeben sind, der studirendeu Jugend vorgeführt worden wären. Denn wie die Berufung zum geistlichen Staude in erster Linie ein Werk der göttlichen Gnade ist, so darf auch der Seelsorger in allen seinen Funktionen stets auf die Hilfe des „einzigen Hohenpriesters", des -pastor et episeopus a.nimarum< (1 Pctr. 2, 25. Vgl. 1 Petr. 5, 4. Hebr. 13, 20), mit unfehlbarein Vertrauen hoffen und bauen! D. L. L. Ein Opfer des Beichtgeheimnisses. Frei nach einer wabren Begebenheit erzählt von Joseph SPiIlmann, 8. ck. Frciburg i. Br., Hcrder'sckie Vcrlagshaudlg., 1896. 21. Das Ereigniß, welches der vorliegenden Erzählung zu Grunde liegt, hat sich in unseren Tagen zugetragen und wurde von der katholischen Presse vor einigen Jahren bekannt gemacht und erörtert. Da wir uns jener Mittheilungen der TagrS- blaltcr noch entsinnen, können wir constaijren, daß bei aller Freiheit der dichterischen Ausschmückung, welche der Autor sich vorbehielt, doch die hier vorgeführte Priesterliche Heldengestalt vollkommen der Wirklichkeit entspricht. Die Gewissenhaftigkeit des Beichtigers, welche hier zu einer dem AUtagsmenschen unverständlichen Treue und Subtilität gesteigert erscheint, ist keineswegs in zu grellen Farben dargestellt. Nein, in unserer Zeit —uns nicht allzuferne gerückt — iahen wir aus dem Schoße des Pricsterthums thatsächlich die Palme dcS BckeuncrS emporwachsen. Dieses Zeugniß, daß die Kirche ein Heldenthum an Charakteren erzeugt, wie keine andere Institution, hat ?. Svill- maiin der Welt neuerdings vor Augen gehalten. Er hat es in eine den weiteren Krciicn zugängliche Form gebracht, diese Form ausgestattet mit den Vorzügen einer plastischen, lebcnswarmen Schilderung innerer Vorgänge und der modernen, äußeren Parieiverhältiiisse — und hat den ganzen Zauber seines an- muthigen Stiles darüber ausgegasten. Die Erzählung biciet, abgrüben von ihrem Werth für die katholische Lesewelt, auch für Andersdenkende den Reiz einer auf öffentlichen Thatsachen beruhenden merkwürdigen Criimnal-Novellc. ?. Theophilus von Körte aus dem FranziSkaner- vrden. Ein Lebensbild von'!?. Arseniuö Dotzler. München, Schuh u. Camp. § DaS Lebensbild eines Reformators, aber eines bessern als es die kirchlichen Revolutionäre des 16. Jahrhunderts waren! V. TbeophiluS war ein OrdeuSmann, der ganz erfüllt war von dem Geiste deö hl. Frapziskus; er liebte die Armuth und Welt- eiitiaguiig, er weihte sich ganz seinem Gotte und dem Wohle stiiicr Mitmenschen. In diesem Sinne suchte er auch auf seine Mitbrüder einzuwirken und die ihm zugewiesenen Klöster zu resormireu. Die Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen halte, waren groß; aber das heroische Tugendbeispiel, das ergab, überwand dieselben. Der gute Same, den er ausstreute, fiel auf fruchtbares Erdreich und brachte huudertiältige Frucht. ?. Theophilus. ist im Januar heurigen JabreS von Papst Leo selig gesprochen worden. DaS von einem Ordensbruder desselben verfaßte Leben ist für das Volk bestimmt, dem entsprechend kurz angelegt und in einfacher, edier Sprache geschrieben. Blüthe u n d F r uckt. Erzählungen. — Herzenswünsche. Erzählungen, Von Rcdeatis. 2 Bände mit je 2 Abbildungen in Phorogravure. Regensburg, Nationale Ver- lagöaiistalt. gr. 8°. Preis brosL. ä M. 3,—; eleg. geb. ä, M. 4,— ; mit Goldschn. ä M. 4,50. 4. R. Rcdeatis, diese bereits in der ganzen gebildeten Welt allgemein bekannte und hochgeachtete Schriftstellerin, deren uncrmüdctcm, geistvollem Schassen daS Lestpnblikum in allen seinen Schichten schon so herrliche geistige Genüsse zn verdanken bat, überrascht uns abermals mit nicht weniger als zwei Bänden von Novellen; , der erste enthält: Blütbe und FruLt;— Schein und Sein (262 S.); der zweite: Herzenswünsche; Meine Geschichte; — Gertrud (263 S.), beide in schönem Großoeravsormat. Wir können diese zwei Bücher der berühmten Verfasserin dem deutschen Lesepnbliknm ausS wärmste und angelegentlichste zur Anschaffung anempfehlen. Es paßt diese Lectüre sowohl auf den Tisch des vornehmen Salons, als auch auf jenen der einfachen, bescheidenen Laudstube,- jeder Stand und jedes Alter wird diese Bücher wegen der in denselben vorkommenden überaus ergreifenden Situationen und rührend schönen Momente mit gespanntester Aufmerksamkeit lesen und gewiß vollends befriedigt wieder aus der Hans geben. Gern möchte der Gefertigte von den zwei Büchern, die man wohl mit Reckst als überaus zarte, als köstlich duftende Blüthen auf dem mächtigen Baume der deutschen Belletristik bezeichnen kaun, eine kurze Inhaltsangabe liefern, doch er müßte befürchten. dadurch das Interesse für dieselben abzuschwächen; gern überläßt er es daher den lieben Lesern und Leserinnen, sich an diesen herrlichen Lebensbildern voll und ganz zu erfreuen und durch deren weitere gütige Empfehlung i» den ihnen nahestehenden Kreiicn denselben noch recht viele gute Freunde zu gewinnen. Werke, wie die von Rcdeatis. sind eine Zierde jeder Bibliothek, ein Glück für jede Familie, sie sind Perlen in uiticrer schonen, stolzen, großartigen Literatur. Wir können daher nicht umhin, den herzlichen Wunsch auszulprcchen, es mö.tcn sich dafür auch recht viele Käufer finden, damit auf diese Art die Mühe und Arbeit der im Dienste der guten Sache, der wahren, echte» Bildung und Erziehung unseres Volkes, rastlos und Mit den größten Opfern thätigen VerlagS- firmn allgemein anerkannt und daiür wenigstens theilweise entschädigt und gelohnt erscheine. — Die Ausstattung der Bücher ist eine durchaus elegante, der Preis auffallend billig. Geschichten aus alter Zeit. (Meier Helmbrccht — Peter Buchwald, der Husit — Leben und Abenteuer des Sim- piiclus.) Für daS Volk und die reifere Jugend. Von Otto v, Schachtng. Mit 2 Bildern. Regensburg, Nationale Verlagsanstalt. gr. 8°. Preis broich. M. 3,—, eleg. gebd, M. 4,—. ll. R. Der Referent hält sich vollkommen überzeugt, daß dieics vornehm ausgestattete, durch und durch echt nationale und geistvoll geschriebene Werk in Kürze einen großen Leserkreis, namentlich in unserer, für Ideale begeisterten Jugend, sich erobern, daß es allgemeinen Beifall und uiigctheilte Anerkennung finden wird. Es ist diese Lectüre so reckt danach angethan, um den Leser stundenlang aufs augcucbmste zu unterhalte», ihn zu zerstreuen und zu erheitern; dieselbe ist ein echter Sorgenbrecher, denn wenn man in diese köstlichen Geschickten, Nitterkämpfe und Abenteuer sich vertieft, so wird man wenigstens aus einige Zeit über die Misvre und die Unannehmlichkeiten des Augenblicks glücklich hinweggetäuscht; mau hat da eine Zeit vorsieh, die einem völlig fremdartig erscheint in allen ihre» 392 Gewohnheiten, in ihren Bedürfnissen, in ihrer Beschäftigung Und in ihren Lebensamchaunngen, nnd hat man diese überaus spannenden nnd interessanten Situationen zuletzt glücklich hinter sich, so freut man sich unwillkürlich, dass dieics lauter teinpi passati sind und wir zu einer Zeit leben, in der nicht mehr das so gefürchtete „Reckt deö Stärkeren" die entscheidende Instanz bildet, sondern Reckt und Geictz sowohl den Starken als auch den Schwachen beschirmen und den geordneten Bestand der menschlichen Gesellschaft sickern. — DaS Buch verdient als Gelegenhcitsgcsckcnk ganz besonders für unsere liebe reifere Jugend die allgemeinste Verbreitung; eS ist so reckt geeignet, den biederen eckten deutschen Sinn zu Pflegen, zu kräftigen nnd zu erhalten. Baherntreue. Historische Erzählung aus dem 18. Jahrhundert. Für das Volk und die reifere Jugend von Otto v- Sckaching. Mit 2 Abbildungen in Photo- gravüren. NcgcnSbnrg. Nationale VcrlagSanstalt. gr. 8°. Preis brosch. M. 3,—; eleg. gebd. M. 4.—. r. Seit Hcrman von Sckmid in seinem „Jägerwirth von München oder die «Lendlinger Mordweihnackt" das in der Geschichte BaheruS so creignißsckwere Jahr 1705 znm Gegenstände belletristischer Darstellung gemacht hat, ist kein zweiter bayer. Schriftsteller demselben Sujet mit solcher Hingabe und solch lebhaftem patriotischen Empfinden gefolgt, wie Otto v. Sckaching in dem vorliegenden Bücke. Mit Reckt bemerkt der Verfasser in den einleitenden Worten, daß die Helden seiner Erzählung den gleichen Anspruch auf die Bewunderung der Nachwelt erheben dürfen wie ein Andreas Hofcr nnd die anderen Tiroler Frciheitshclden. In einer Zeit, die, wie die heutige, bald offen, bald geheim gegen Vaterland nnd Dynastie arbeitet, ist eS ein Verdienst, dem Volke nnd der Jugend ein Bück zu.geben, welches der Verherrlichung des Vaterlandes uns dem Rubine der Vorfahren gewidmet ist. Was der „Baherntreue" eine besondere Bedeutung verleiht, das ist die gewissenhafte Sorgfalt, womit die Thatsachen der Geschickte für den Gang der in drei Theile zerfallenden Erzählung herangezogen wurden. Wir sind sicher, daß das schöne Buch mit lebhaftem Beifalle aufgenommen wird. Nickt unerwähnt dürfen die prächtigen Abbildungen bleiben, welche von der Hand eines hervorragenden Münchener Künstlers gefertigt, zwei ergreifende Scenen aus der Erzählung schildern. Desfrcgger'scken Geist athmet geradezu das Bild: k. Haspicder vom Kloster Weyarn segnet dkd znm Kampfe ausziehenden Oberländer. Als „Weihnachtsgeschenk" wird Schachings „Bayerntrene" sicher vielen Herzen Freude bereiten. Die 43. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands bat folgenden Beschluß gesagt: „Die 43. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands bedauert, daß in katbol. Familien vielfach Bücher'und Zeitschriften Eingang finden, welche den Glauben und die gute Sitte gefährden; sie hält es für Gc- wissenSpflicht eines jeden Katholiken, diese schädliche Lectüre fernzuhalten . . , Im Sinne dieses Beschlusses ist ein Unternehmen des Verlages von F. W. Cordier in Heiligenstadt (EichSfcld) gehalten. ES nennt sich „Cordierö illustrirte Volköbibliolbek" und ist bestimmt, der Verbreitung jener oft so bedenklichen Hefte entgegenzuwirken, welche namentlich auch durch ihre äußere Ausstattung darauf berechnet sind, die Kauflust der heranwachsenden Jugend und des Volks zu erregen. ^ Die Ausstattung ist fesselnd, dabei geschmackvoll. Die im ersten Bündchen geborene Erzählung „Um eine Handbreit" ist von ergreifender Wirkung. Nicht bloß, daß die unseligen Folgen der Prozeßincht — überhaupt des nachbarlichen Streites — in einem erschütternden Bilde gezeichnet werden: daS rührende Wirken aufopfernder kindlicher Liebe bildet das versöhnende Gcgenbild. — DaS Unternehmen der „Cordier'scheu VolkS- bibliothck" cst jedenfalls sehr cmpfehlenSwerth. Der Preis Per Bündchen beträgt nur 50 Pf. „Kreuz und Schwert", Münster i. W. Inhalt des Oktoberhestes: AnS dem Innern Deutich-QstasrikaS. — Aus der Togo-Mission. — AnS der Benediktiner-Mission Lnkulcdi. — Aus der Mission der Vater vom hh. Herzen Jesu in Nen- Guinca. — Von Sansibar zum Kilimandscharo. (Fortsetzung.) -- Die Tochter des Sklavenhändlers von Sansibar. (Schluß.) — Gefahren im Missionsleben. — Kleine Nachrichten. — Ajrika- VereinS-Einnahmen. — Quittungen über die beim Herausgeber eingegangenen Gaben. — Sprachrohr. — Büchersckan. — Illustration: Elefanten im Uiwalm — Auf dem Umschlag: Aus Pins' IX. schweren Tagen. Historische Erzählung von A. de Lamothe. (Fortsetzung.) — (Halbjährlich 75 Psg., mit Porto 90 Pfg.) Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hofrath, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 154—161. Graz und Leipzig 1896. Verlags-Bucbhandlnng „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Psg. Mit dem nun erschienenen Bande XX dieses epochalen Werkes treten wir in unser Jahrhundert ein. Dieser Band umfaßt zwar nur sechs Jahre (1800-1806), aber es ist eine politisch bäckst interessante, gewaltig erregte Zeit. Die Revolution bar ihren Bändiger gefunden und Frankreich, das in Folge der Revolution in einer unsäglichen Verwirrung war, durch Bonaparte eine neue Verfassung erhalten. Mit welch' schöpferischer Kraft und organuatorischem Talente Bonaparte dabei zu Werke ging und die Umgestaltung Frankreichs vollführte, kann nur Bewunderung erregen, und die Verwaltung die er schuf, besitzt Frankreich heute noch. Aber Napoleon fand und suchte nicht seine Befriedigung darin, die inneren Zustände Frankreichs zu ordnen; von einem Manne, dei- die Beweglichkeit selber war, konnte man keine Nnbe erwarten, ibn beherrschten zu sehr zwei Leidenschaften: Ruhm und Krieg. Wir sehen, wie er sich aufmacht, um die Welt zu erobern und umzugestalten, wie er alte Tbrone stürzt und Siez an Sieg über die gefürcbtetsten Heere deS Festlandes an seine Fabuen heftet. Vermöge seimr Macht ist er gewissermaßen der Herrscher von ganz Europa, selbst Rußland steht unter seinem Einfluß, nur das meerumgürtete England hält stolz sein Banner und setzt der drohenden Weltherrschaft zähen und wüthigen Widerstand entgegen. Achtzig lehrreiche Geschickten sür Erstcommuni- kanten sür die Zeit vor und nach der ersten heiligen Commnnion. Nach den besten Quellen von vr. J os. Anton Keller, Pfarrer in Gottcnheim. Vierte vermehrte Auflage. Mit einem Stahlstiche. 8°. (XVI u. 238 S.) Mainz, 1896, Franz Kirchheim. Preis geh. 1,50 M., gebd. 2 M. Im Erstcommunion - Unterricht machen solche Geschichten einen ganz besonders tiefen Eindruck, bei denen es sich nicht bloß um den Inhalt, sondern auck um Erwccknng frommer und andächtiger Gefühle handelt. Dazu leistet dieses bei Seelsorgern und Katecheten, Eltern und Kindern so beliebte, weitverbreitete Büchlein nicht nur bei der Vorbereitung der Kinder zur ersten heiligen Commnnion ausgezeichnete Dienste, sondern eS belebt auch nach der ersten heiligen Commnnion den Eifer zum öfteren und würdigen Empfang derselben und zur gewissenhaften Benutzung der auS dem hl. Meßopfer uns zufließenden Gnadenschätze. Das Hotel Niorres. Eine Erzählung frei nach dem Französischen des Ernst Capcndu von H. von Vcltheim. Zweite Auflage. Zwei Bände. 8°. (415 u. 449 S.) Mainz, 1897, Franz Kirckhcim. Preis geh. M. 6,—. In 2 eleganten Callicobänden M- 8,—. ES ist eine überaus dunkle spannende Geschichte, die sich allmählig vor dem Auge des Lesers entrollt und befriedigend auslöst. Die Erzählung spielt in der Zeit unmittelbar vor der französischen Ncvolntion und bietet eine iu's Einzelne gehende getreue Schilderung der damaligen Zustände. Ein besonderes Interesse gewinnt die Erzählung dadurch, daß eine Reibe Persönlichkeiten. die später in der Revolution und im Kaiserthum eine Rolle spielten, in ihren ursprünglichen ganz anders gearteten Verhältnissen dem Leser vorgetübrr werden. Daß keine L-ilbc darin vorkommt, welche irgendwie das sittliche Gefühl zti verletzen geeignet wäre, versteht sich eigentlich von selbst, dürste aber doch bei der heutigen sogenannten „realistischen" Tendenz unserer Nomanliteratur besonders hervorgehoben zu werden verdienen. IV. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. 61 5. §e;. 1898. Geschichte der katholischen Kirche in Dentsch- land im neunzehnten Jahrhundert. Von Dr. Heinrich Brück?) Den ersten Bänden dieses verdienstvollen Werkes, welche in den Jahren 1887 und 1889 erschienen und von der Kritik sehr günstig aufgenommen wurden, reiht sich der dritte Band ebenbürtig an. In diesem behandelt der gelehrte Verfasser, Domcapitular und Professor Or. Brück in Mainz, dessen ausgezeichnetes „Lehrbuch der Kirchengeschichte" bereits die 6. Auflage und Uebersetzungen ins Englische, Französische und Italienische erlebte, die Zeit vom Jahre 1848 bis 1870 in fünf Abschnitten; sie tragen die Aufschriften: „Bekämpfung des Staatskirchenthums, der Kampf des falschen Liberalismus gegen die Kirche, die katholische Wissenschaft, der Kampf um die Schule, der religiöse Aufschwung." Im Nevolutionsjahre 1848 bewährte sich, so führt der erste Abschnitt aus, der katholische Klerus als treue Stütze staatlicher Ordnung. Ein Lichtpunkt im Gewirre der Zeit ward die Würzburger Bischofsversammlung. Wurde überall Freiheit für Versammlungen, Presse und Rede verlangt und auch erzielt, so konnte diese Freiheit der konservativsten Gesellschaft nicht verweigert werden, und der bureaukratische Zwang mußte nachlassen. In der That wurden der Kirche in manchen Staaten Erleichterungen zu theil: so in Oesterreich und Bayern, in welchen katholischen Ländern es freilich niemals auf eine Vernichtung der Kirche, sondern nur auf allzu ausgedehnte Bevormundung abgesehen war. Im Kaiserstaate kam nach eingehenden Berathungen das Concordat zu Stande, gegen welches sogar die ungarischen Bischöfe aus Furcht, ihre Privilegien zu verlieren, in kurzsichtiger Weise Verwahrung einlegten. Auch protestantische Staaten waren in der ersten Angst zur Nachgiebigkeit bereit. In Preußen zeigte man sich äußerlich nachgiebig und streute Sand in die Augen geschichtsunkundiger und leichtgläubiger Katholiken, bis „das Dach gewölbt war über das gemeinsame Reich". Der Klerus erhielt eine freiere Stellung, aber Parität und gerechte Behandlung der Katholiken waren unbekannte Begriffe; man handelte nach dem Befehle Friedrichs II., der die Verordnung erlassen hatte, kein Katholik dürfe eine öffentliche Stellung erhalten, welche über 300 Thaler einbringe. Der allgemeine Dispositionsfonds des Königs und selbst katholische Stiftungen wurden zur Förderung des Protestantismus verwendet. Besondere Bedrückungen erfuhr nach kurzer Pause die katholische Kirche in Baden. Heldenmüthig kämpfte der greise Erzbischof von Vicari. Eins Verständigung suchte der preußische Bundestaggesandts von Bismarck, „von gleichem Hasse gegen Oesterreich wie gegen die katholische Kirche erfüllt" (S. 125), zu verhindern. Das brüske Auftreten des Freiherr«, dessen Politik seiner Zeit Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser, mit „Politik eines Gymnasiasten" (Gerlach's Denkwürdigkeiten, II, 118) bezeichnete, setzt das Werk „Aus den Briefen des Grafen Prokesch von Osten" (Wien, 1896) in helle Beleuchtung. Auch in Nassau und Mecklenburg, wo der Konvertit Freiherr von der Kettenburg nicht einmal einen Hausgeistlichen halten durfte, war Bismarck der böse Dämon *) III. Band: Von der BischofSversammlung in Wnrzburg bis zum Anfang des sogen. Kulturkampfes 1870. Mainz, Kirch- heim, 1896- XIII u. 574 Seiten. 8 Mark. für die Katholiken. Gleiche Unduldsamkeit herrschte in Schleswig-Holstein und Braunschweig. Der zweite Abschnitt schildert in sehr dankensweriher Ausführlichkeit den Sturm wider das österreichische Concordat; einseitig wird es durch Kammer-Majoritäten gelöst, als der Protestant von Beust zum Unglücke der Habsburger-Monarchie seine frivole Rolle spielte. Auch die Conventionen des Papstes mit Württemberg und Baden fallen der protestantischen Intoleranz zum Opfer; äußerst wehmüthig berühren die Bedrückungen der Katholiken in letzterem Lande, das sich zum preußischen Vasallenstaate erniedrigt. Ein erfreuliches Bild bietet uns der dritte Abschnitt. Männer, -deren Namen noch in aller Munde, treten als Kämpen auf dem literarischen Felde auf. Reiche Blüthen guter und schöner Literatur sproßten am Baume der Kirche. Leider geriethen manche Gelehrte auf falsche Bahnen, so Döllinger, der schon im Streite zwischen dem Bischof von Speyer und der bayerischen Regierung um die Errichtung einer theologischen Fakultät in der rheinischen Bischofsstadt einen ungünstigen Einfluß ausübte, was jedoch Brück nicht erwähnt. Wieder trauriger gestalten sich für die Kirche die Kämpfe um die Schule, die im vierten Abschnitte dargestellt werden. Namentlich knirscht der ganze innere Mensch, wenn er das Benehmen der badischen Regierung liest; mit Hinterlist und Gewalt entzieht diese den Katholiken die heiligsten Rechte und protestantisirt katholisches Gut. Einen erhebenden Abschluß bildet der fünfte Abschnitt: er gibt ein farbenreiches Bild von dem überall und allseitig Früchte treibenden katholischen Leben. Alle diese Schilderungen beruhen auf fleißiger Benützung des überaus reichen Materials, namentlich der osficiellen Aktenstücke. Briefe und Memoiren geben öfters die leitenden Beweggründe der handelnden Personen. In glücklicher Weise ist Entsprechendes ausgewählt. Das Ganze klärt das richtige Urtheil des Theologen und die gewandte Anordnung des erfahrenen Historikers. Der Stil selbst ist fesselnd, ja häufig von dramatischer Lebendigkeit, indem wir Rede und Gegenrede vernehmen. Im Interesse einer Neuauflage möchte ich einige Versehen anmerken. Statt „Voralberg" (S. 214, 216, 336. 486) sollte es heißen „Vorarlberg". Auf S. 236 ist eine Stelle mitzver- ständlich: „Der Scbanplatz des unseligen Krieges vom Jahre 1866 war Deutschland und Italien. Er endete hier wie dort 'mir empfindlichen Niederlagen Oesterreichs." Es sollte „Verluste" lamen. Denn Custozza und Lissa sind leuchtende Punkte in der Kriegsgeschichte. S. 322 statt „Hetiinger (1890)" dafür „Hcttinger s-s 1890)". S. 325: „nach Verkündigung des Dogmas von der lehramttichcn Unfehlbarkeit des Papstes unterwarf sich Dieringer der Entscheidung der Kirche", genauer wäre es. wenn die Worte eingefügt würden: „nach einigem Zögern und Widerstreben". Platzmann war nickt Nector „der Kirche ölaria äst!' Huima", sondern deS Oampo sauto beim Vatikan. S- 451 (573): die adelige Familie schreckt sich „Stauffmberg", nicht „Stanfcnberg". S. 487 (489, 515): „Vincenz von Paulo"; dieser Heilige heitzt im Lateinischen allerdings r. P. Wittmann. 274 Seiten mit 4 Vollbildern und 12 Textillnstrationen. 2. Ausgabe. Müncken, I. Schweitzcr's Verlag (Jos. Eichbichler). Preis M. 2,50. I Wer interessirt sich nicht für die schone Schottenkönigin? In dem vorliegenden Buche wird unS nun eine auf dem Boden der neuesten Forschung stehende, objective, dabei populäre Biographie Maria Stuarts geboten. Die vom Reicksarchivrath Wittmann besorgte Uebcrsctznng ins Deutsche ist ein stilistisches Meisterwerk und macht die Lektüre dieses interessanten Buches z» einem wahren Genuß. Das Buch eignet sich als willkommenes Geschenk für jeden Gebildeten. Enchklica Leos XIII, über die Arbeiterfrage. Für oen Gebrauch des Arbeiters heransgcg. von I. Eckard, Präses des katbol. Arbeitervereines Stuttgart. Verlag „Deutsches Volksblatt" Stuttgart. S. 80. Preis hübsch brosch. 40 Pf. §. Ein herrliches Wcrkchen! Die Enchklica -Herum uo- varnm« ist hier in Abschnitte zerlegt, diese sind mit einer Ucber- sckrift und, wenn nöthig, mit einer Erklärung versehen. Wohl haben wir schon manche Ausgaben dieses Rundschreibens; aber ein besonderer Vortheil dieser Ausgabe scheint uns darin zu liegen, daß der Text der ganzen Enchklica enthalten ist und die einzelnen Abschnitte möglich klein sind. Mit einiger Belehrung ist es dem Arbeiter leicht, in den Geist der Enchklica cinzuvringln. Aber auch den Gebildeten können wir nicht dringend genug rathen, sich diesen „Katechismus der socialen Frage" anzuschaffen und zu studiren. Das Studium ist durch die Gliederung so erleichtert, daß man nicht ermüdet, wie es oft bei anderen Ausgaben ist. Ein Vorwort handelt über „die Pflicht, die Enchklica über die Arbeiterfrage zu popnlarisircn". Aus dem praktisch-socialen KnrS in Gmünd wurde das Wcrkchen von Seiten der hervorragendsten katholischen Sccialpoliiiker rühmend erwähnt. Man sieht an der ganzen Art der Abfassung, daß diese Schrift einem Bedürfniß entsprungen und aus der Prgxis eines Mannes hervorging; der schon Jahre lang in der Arbeiterbewegung steht. Darum: „Nimm und lies!" Bibel und Wissenschaft. Grundsätze und deren Anwendung aus die Probleme der biblischen Urgeschichte: Hexaümcron, S'.u'.fluth. Völkeriasel, Sprachverwirrung. Zugleich alS Antwort auf den Artikel: „Grundsätzliches zur karhol.' Schriftauslcgung" von Dr. Franz Kaulen im „Liierarischcn Haneweiscr" 1805, Nr. 4 u. 5. Von vr. Aemilian Schöpfer, Professor an der snrsi- bjschöfl. theolog Diöccsan-Lehranstalt in Brixen. Brixen, 1806. Verlag des Kalh.-pclit. PrcßvereineS. -I. Da vor zwei Jahren in diesen Blättern (Beilage zur Angdb. Postztg. 1804 Nr. 4 c-. 32) über die „Geschickte des alten Testaments" des Herrn Professors Schöpfer kurz berichtet wurde, sei lnemit auch auf das damit zusammenhängende neueste Werk desselben hingewiesen. Wie schon der Titel sagt, ist ooengeuauntc Schrift durch einen Artikel dcö Hru. Prälaten Kaulen veranlaßt und bezweckt, „zur Klärung der darin ausgeworfenen Controvcrsen einiges beezulragen". Nachdem iin 1. Theil der von Kaulen herausgehobene Streitpunkt festgestellt ist, werden in den folgenden Kapiteln die exegetischen Grundsätze an der Hand der päpstlichen Enchklica »?ro- v1(lLuti8LLiun°< entwickelt, sodann die Lehre der ist. Vater »ud Theologen, insbesondere des bl. Angusstn, sel. Albertus MagnnS, der HI, Bonaventura und Thomas v. Ag. und anderer 'angesehener Theologen und Exegesen weitläufiger dargestellt, auch das Dccrct des Tridcntiuuins über kathol. Schriftanölegunz näber beleuchtet. Ausführlich geht der Verfasser auch auf den Galilci-Lireit und seine Bedeutung für die Comroverie ein. — Der 2. Tbeil beschränkt sich im ullgemeinen uns den Nachweis, daß die ausgestellten Grundsätze, die bei den einzelnen Streit- viinkten (Hixamäöron usw.) angenommene Auslegung in jedem Falle erlauben, theilweise sogar fordern. Der Verfasser, „dessen kirchliche Treue und srommgläubige Gesinnung" auch seinem strengen Kritiker (Kaulen) „über jeden Zweifel erhöhen ist" verwahrt sich gegen den Vorwarf, als hätte er mit seiner freiere' Auffassung mancher Bibelstellen „den ersten Schritt zum Nationalismus gethan, gleichsam den Wegweiser dorthin aufgestellt". Er schließt mit den eines katholischen Excgctcn würdigen Worten: „Darum sollen alle, welche der Kirche als Schrisierllärer und. Apologeten zu dienen berufen sind, einig bleiben i» dein Vorsätze: unverbrüchlich festzuhalten an den Grundsätzen, welche die großen Lehrer der Vergangenheit und in Uebereinstimmung damit der bl. Vater Leo XIII. in seiner Enchklica -krovi- 1.) — Der Orden Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit. II. (Sckluß.) (C. A. Kncller, 8. 7) — Hundert Jabre Polar- forichung. III. (Schluß.) (I. Schwarz, 8. ,7.) — Das Hcxen- wei'en in Dänemark. III. (j- W. Plcnkers, 8. 7.) — F. W. Helles „JesusMessias". (W. Kreiten, 8.7.) — Recensionen: öornelz?, Oursus 8orixtnrao Laeras I (A. Lehinkubl, 8. ,7.); Bertram. Die Bischöfe von HildeSheim (St. Bcissel, 8. 7.); Duhr, Die Studienorvnung der Gesellschaft Jesu (Bibliothek der katbol. Pädagogik, IX. Bd.). (O. Pfülf, 8. 7.); Nassen, Heinrich Heine's Familienleben (W. Kreiten, 8.7.). -- Em- pi c hlenswer lhe Schristen. —MiScellen: Der Orden der „Odd-Fellows"; Sagen auö dem Orient über daö Kleid des Herrn,- Zur Kalenderkunde wilder Völker. Literarische Rundschau für das katholische Deutschland. Herausgegeben von Dr. G. Hoberg, Professor an der Universität Freibnrg i. Br. 22 Jahrg. 1896. 12 Nummern. M. 9. — Frciburg im Breisgau, Herder'sche Ver- lagsbandlung. — Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 11: Neuere Werke zur Geschichte dcS Sacramentars. (Plenkers.) — Seebcrg, Der Tod Christi rc. (Feiten.) — Xnabsuhausr, Dommsniarius in DvanAvIinra soeunäum Dnoam. (Schäfer.) — Pawlicki, Papst Honorius IV. (Baumgarten.) — Pinke, Lota Ooneilii Loustaneiensis. (Man- donnet.) — Fromme, Die spanische Nation und daö Kvnstaiizcr Concil. (Mandonnet.) — Gatrio, Die Abtei Murbach im Maß. (Müller.) — Hahn, Die Entstehung der Weltkörper. (Zauö.) — Willmaiin, Geschichte dcS Idealismus. (Braig.) — Huppert, Der LebcnSversickerungSvertraz. (Görres.) — Nirschl, Das Grab der heiligen Jungfrau Maria. (Bardcnhewcr.) — Nachrichten. — Büchertisch. Der Katholik. Nedigirt von Joh. Mich. Naich, 12 Hefte, M. 12. Mainz, Kirchheim. Inhalt von 1896, Heft XI. November. Carl Maria Kaufmann. Die Entwickelung und Bedeutung der Paxsormel nach den Scpulcral- inschriftcn. — Dr. Jos. Nirschl, Der Briefwechsel des Königs Abgar von Edessa mit Jesus in Jerusalem oder die Abgar- frage. — Dr. Höhler, Die Studienordnung der Gesellschaft Jesu. — F. Falk, Zur Biographie des Johannes von Lysura. — Literatur: Dr. tlwol. Adalbert Ebner, Quelle» und Forschungen zur Geschichte und Kunstgeschichte des. Llissals Ilowamnn im Mittclalker. Katholische Warte. Jllustr. Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. XII. Jahrg. Heft 6/7 ä 15 kr., 25 Pf. Jahresabonnement fl. 1.80 (M. 3.60). Verlag von A. Pustet in Salzburg. DaS 6. Heft, als Festheft dcS IV. allgem. österr. Katholikentages gedruckt, übertrifft in Bezug auf Inhalt und Ausstattung seine Vorgänger. An Erzählungen enthalten die zwei unS vorliegenden Hcfie: „Wie St. Andrei zu Salzburg entbalb der Brucken entstanden ist" von Hg. Meinbard, „Grandierö Sobn" von Herme Hirschfeld, „GroßmüiterchenS Mission" von Th. Singolt; ferner Gedichte von Ant. Pickler, Cbr. Nufscknaiter, Adolf Bekk. Jul. Pohl, H. Cornelius, Jos. Zimmcrmann rc. Außerdem finden wir Aufsätze von: Ludw. Heilmayr (Abcssinien), „Aus den, deutschen Rom" von H. v. Wörndlc. „Die EiS- nacktigall" von Friedrich Koch-Breuberg, „Erinnerungen an eine Romreise" von S. Haidacher. „Der Samson, ein Cultur- bild aus dem Salzb. Lungau" von G. Grubcr, „Marcus Sitticus" von Ludw. Heilmayr. „Cardinal Paul Melckers" von I. N. und „Redner des IV. allgem. österr. Katholikentages in Salzburg". Literatur, Kunst und Wissenschaft, Hauswesen, Buntes. Die „Kathol. Marie" sollte in keiner Familie fehlen. Mrantw. Nedücteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg.