Nl-. 2. 10. Jan. 1896. (5 Neovitalismns. Von Professor vr. L. Haas in Passau. (Schluß.) ES ist im Grunde gar nicht richtig, daß der Neo- vitalismus vom Weltganzen, überhaupt von einem com- plicirten Ganzen ausgeht. Will er ein solches durchforschen, muß er eS in seine Theile zerlegen. Er geht vom lebenden Protoplasma aus, also auch vom Kleinsten. Das nackte Protoplasmaklümpchen (etwa ein farbloses Blutkörperchen aus dem Blute eines Frosches) fängt, unter dem Mikroskop beobachtet, bei steigender Wärme an, seine Form zu verändern. Wie zarte Füß- chen tritt es an die Oberfläche hervor, und offenbar (ist es bewiesen?) mit diesen Füßcheu kriecht das Klümpchen auf der Glasplatte von Ort zu Ort. Mit zunehmender Wärme wird diese Bewegung lebhafter, bei einer bestimmten Temperaturgrenze werden die Ausläufer eingezogen, und die Bewegung hört auf. Aus diesem Verhalten soll sich ergeben, daß der Lebenssubstanz schon in ihren untersten Prägungen die Fähigkeit einer eigenartigen Verarbeitung äußerlich übertragener Kräfte zukommt, die uns als Selbstbestimmung (?) erscheint. Diese vitale Selbstbestimmung werde im Wesentlichen erreicht durch eine vorläufige Ueberführung der Kräfte, die von außen einwirken, in Spannkraft, und eS werde der Naturforschung voraussichtlich (?) gelingen, eine einleuchtende Physikalische Beschreibung der Veränderungen zu geben, die eine von außen kommende Anregung im Innern des Körpers durchmacht, bis sie in der Form einer scheinbar freiwilligen Bewegung wieder «ach außen tritt. In dieser Darstellung findet sich vor allem eine bedenkliche Lücke. Das beregte Protoplasmaklümpchen (Blutkörperchen) ist zwar organisirter Stoff, ist es aber aus dem lebenden Organismus herausgenommen noch als wirklich lebende Substanz zu betrachten? Dies kann nur der Fall sein, wenn man den lebenden Organismus aus einzelnen lebenden Organismen zusammengesetzt sein läßt. Wie steht es aber da mit dem diese zusammenhaltenden, or- ganisirenden Princip? Ein organisirter Stoff verhält sich jedenfalls anders der Wärme gegenüber, so lange die Nachwirkungen der organisirenden Kraft in ihm noch vorhanden sind, als wenn dies nicht mehr der Fall ist, ein grünes Blatt anders als ein dürres. Aber die Frage ist doch die, ob in dem abgebrochenen Blatte, in dem aus dem Blute herausgenommenen Protoplasma- körperchen die Lebenskraft als solche noch wirksam ist, ob man es also in dem angeführten Experimente noch mit der eigentlichen Lebenskraft, der organi- sirenden Kraft in ihrer wahren und eigentlich e n T h ä t i g k e t t zu thun hat. Kann das Experiment an einem und demselben Protoplasmaklümpchen wiederholt werden? So lange diese Fragen nicht gelöst sind, so lange können die angegebenen Erscheinungen ganz gut als physikalische gelten und müssen dann freilich eine physikalische Erklärung zulassen; man steht eben einfach nicht vor der eigentlichen Lebenskraft. Zudem ist es voreilig, aus dieser äußeren Aehnlich- keit, die sich in sehr bescheidenen Grenzen hält, auf die wesentliche Aehnlichkeit (oder Gleichheit) der Vorgänge in einem lebenden Organismus zu schließen. Ist aber das Verhalten eines wirklich lebenden Protoplasmakügelchens ein ganz anderes als das lebloser Körper, dann ist in ihm eine besondere Kraft wirksam. Will der Neovitalismns dieselbe physikalisch erklären, so unterscheidet er sich einerseits nicht principiell vom Mechanismus, anderseits vermag er den Unterschied zwischen der organischen und anorganischen Natur nicht zu erklären. Erklärt der von den Atomen ausgehende Mechanismus nicht die Einheit von Kraft und Materie und noch weniger die Erscheinungen des Lebens, so auch nicht der Neovitalismus: er setzt vielmehr von Anfang an durch einen kühnen Sprung über die Grenze zwischen Lebendem und Leblosem hinweg. Beide scheitern an demselben Punkte, an der Grenze zwischen der lebenden und leblosen Natur, nur langen sie von verschiedenen Seiten an dieser Grenze an. Wenn daher der Neovitalismus zu dem Resultat gelangen will, den Durchgang der äußeren Neizung durch unseren Körper von Station zu Station zu verfolgen, in das Nacheinander dieser Erscheinungen leitend und helfend — und zwar mit mathematischer Sicherheit — einzugreifen, so kommt er einerseits über das physikalische (leblose) Gebiet wieder nicht hinaus, anderseits vergißt er, daß wir in der höchsten Lebenserscheinung, in der geistigen Selbstbestimmung, von der äußeren Neizung thatsächlich unabhängig sind (auf diesem Gebiete hat das Gesetz der smateriellenj Aeguivalenz von Wirkung und Ursache keine Giltigkeit), während manche Lebensvorgänge unserer positiven Einwirkung entzogen sind. Wo bleibt da die mathematische Sicherheit? Nebenbei sei bemerkt, daß auch die zuversichtlichste Berufung auf eine in der Zukunft zu gewinnende Erkenntniß kein Recht zur Aufstellung auch nur einer Hypothese gibt: die zur Aufstellung einer Hypothese berechtigenden Erkenntnisse müssen wenigstens der Mehrzahl nach eher gewonnen sein als die Hypothese aufgestellt wird. Was weiterhin gesagt ist von den Errungenschaften des Lebens, von den Aeußerungen der vitalen Selbstbestimmung, die ihr muthmaßliches (sie) Ziel und Vorbild, den Stoff, der sich selbst bewegt, am nächsten streifen, so ist das zwar sehr geistreich, aber nicht klar ausgedrückt. Einheiten, die sich besonders schwer in Kraft und Stoff zerlegen lassen, werden wir geneigt sein, in höchster Vollkommenheit dem Ureinen als Eigenschaften beizulegen. Solche Einheiten sind Empfinden, Denken und Wollen, weil hier nachgiebiger Vorstellungsstoff und gestaltende Vorstellungskraft so innig verbunden sind, daß sie uns als ein Seelenvermögen entgegentreten. — Aber was ist denn Vorstellungsstoff? Ist es noch der grobsinnliche Stoff, den wir sonst Materie nennen? Allerdings sind Vorstellnngsstoff und Vorstellungskraft so innig vereinigt, daß letztere ohne ersteren nie in Wirksamkeit treten, sich nicht manifestiren kann. Aber ich denke, daS ist bei jeder Kraft der Fall: keine kann wirken ohne Wirkungsstoff. Wo wir überhaupt Kraft und Stoff zerlegen, da scheiden wir Stoffe mit ihren Kräften; unterscheiden können wir Kraft und Stoff überall. Wenn daS Selbstbewußtsein als Vorstellung (sie) über den Vorstellenden selbst für den höchsten Grad dieser innigen Durchdringung erklärt wird; wenn in ihm in den Augen der Menschen die Selbstbestimmung sich zur Freiheit adelt; wenn es als absolute Freiheit dem 10 Meinen mit Kraft und Stoff, das im Weltall sich von selbst bewegt, beigelegt wird; wenn es aber trotzdem nur als Begleiterscheinung (nicht, was es in der That ist, als Grundvoraussetzung) der (wahren) Selbstbestimmung gefaßt wird, so kommen wir zu der Sonderbarkeit, daß das Meine sich eher (wenigstens sachlich, wenn auch nicht zeitlich) absolut selbst bestimmte, als es sich selbst wußte. Wie da von einer absoluten Freiheit die Rede sein soll, ist unbegreiflich. Wir können uns die Sache nicht anders denken, als daß bas Meine sich bestimmte und dadurch sich erkannte, und sich daraufhin für frei hält, obwohl es doch nur erkennen kann, daß es selbst so sein muß, wie es sich ohne sein Wissen bestimmt hat. Wir kommen zur Moral des Neovitalismus. Das Mittel, dessen sich die Natur (das Ur-Eine?) bedient, um ihre Lebewesen auf immer höhere Stufen der Selbstbestimmung zu heben, weist über den Nahmen der individuellen Begrenzung hinaus. Dieses Mittel besteht nämlich darin, daß die Selbstbestimmung sich in den Dienst der Nächstenliebe stellt. Einer für Alle, und Alle für Einen! so lautet das Gebot, welches die Theile jedes lebenden Ganzen unter einander verbindet und die sogenannte „organische Einheit" derselben herstellt. — Wie ist denn im Neovitalismus, wo doch jede Bestimmung eine Folge der uranfänglichen Selbstbestimmung des Ur-Einen ist. überhaupt eine wahre Selbstbestimmung des Einzelnen noch möglich? Wie eine wahre Freiheit? Läßt sich das genannte Gebot auf den niedrigsten Stufen der thierischen Organismen, wo durch Theilung neue Individuen entstehen, überhaupt in der Pflanzenwelt vollständig durchführen? Es soll ein Naturgesetz und zugleich das vornehmste Gebot der Sittlichkeit sein! In gleicher Weise? Freilich, wenn Freiheit und Nächstenliebe Hand in Hand gehen, d. h. wenn die freien Wesen sich frei für ihre Mitwesen bestimmen, dann wird sicher ein hoher Grad der Vollkommenheit erreicht, aber nicht im Sinne des Neovitalismus. Wie Freiheit als Ziel und Nächstenliebe als Mittel zu diesem Ziele erklärt werden kann, ist auf den ersten Blick unverständlich, denn die Nächstenliebe ist ja eine Beschränkung, wenn auch eine Selbstbeschränkung der Freiheit. Man muß aber daran denken, daß im Sinne des Neovitalismus dadurch, daß alle Wesen sich um der andern willen bestimmen, diese Bestimmungen zuletzt aufgehen in der Selbstbestimmung des Ur-Einen, das insofern frei ist, als es sich sogar unabhängig von sich, weil seiner unbewußt, bestimmte. Freilich ist diese Freiheit keine wahre Freiheit. Es wird zuletzt sogar an das Bibelwort erinnert, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde erschaffen hat. Die neovitalistische Auffassung vorn Leben erinnere so unmittelbar an dieses Wort, daß es Gott absichtlich verleugnen hieße, wollte man achtlos an dieser Uebereinstimmung vorübergehen. — Wenn nur die geringste Uebereinstimmung vorhanden wäre! Im Neovitalismus sind doch alle lebenden Wesen nur immer unvollkommenere Wiederholungen des Ur-Einen oder gar Eigenschaften (vgl. oben) desselben. Dieses Ur-Eine aber ist sein Gott, den wir uns als höchstes Wesen in vollkommener Freiheit gegenüber denken sollen, das doch zugleich in der Natur und ihren gesetzmäßigen Erscheinungen aufgeht. Also ja keine Transscendenz! Da ist es freilich schwer, das muß man dem Neovitalismus zugestehen, zu einer einheitlichen Vorstellung von Gott zu gelangen. Eine solche Vorstellung im Sinne des Neovitalismus fordert das reinste oaoriüoinra intolloetus! Freilich soll die höchste Freiheit durch ein Naturgesetz, das der Nächstenliebe, erlangt werden! Aber dieses Gesetz war für die erste, sreieste Selbstbestimmung des Ur-Einen nicht vorhanden. Haben wir da vielleicht gar im Sinne des Neovitalismus anzunehmen, daß auch sein Gott die höchste Freiheit, also die höchste Vollkommenheit erst durch die Nächstenliebe erlangt, so daß wir im Grunde einen Gott zu denken hätten, der eigentlich noch nicht ist, sondern erst wird? Es würde zu weit führen, alle Anklänge an bereits vergangene philosophische Systeme aufzuzählen, die sich im Neovitalismus finden. Er ist eben eine monistische Weltanschauung, die sich principiell über die materialistische nicht erhebt. Aus seinen Jnconscquenzen und Widersprüchen kommt er nur dann heraus, wenn er im kleinsten wirklich lebenden Protaplasmakügclchen eine Kraft anerkennt, welche sich nirgends im Anorganischen findet, also auch nicht mit den gleichen Mitteln wie die anorganischen Kräfte erklärt werden kann, eine Kraft, welche die physikalischen und chemischen Kräfte zu einem bestimmten Ziele leitet, also über ihnen steht und insofern ihnen gegenüber Selbstständigkeit besitzt. Dabei ist weder ausgeschlossen noch thut es der Selbstständigkeit dieser Kraft einen Eintrag, daß sie für ihre Wirksamkeit Bedingungen voraussetzt, welche in der Wirksamkeit der sogenannten kosmischen Kräfte liegen. Sind diese Bedingungen gegeben, dann wirkt sie in ihrer Weise, nicht chemisch und physikalisch, sondern or- gantsirend. Wollen wir uns überhaupt über die verschiedenen Verbindungen von Kraft und Stoff, vom kleinsten Körperchen im Anorganischen angefangen bis hinauf zum höchsten Lebewesen auf Erden, dem Menschen, Klarheit verschaffen und uns dadurch eine genaue Scheidung ermöglichen zwischen dem Anorganischen und Organischen einerseits, zwischen dem Menschenleben und dem übrigen Naturleben anderseits, dann glaube ich, müssen wir vor allem klar zu werden suchen über das Wesen der Materie. Dieser Begriff scheint mir einer eingehenden Untersuchung werth und bedürftig. Professor Dr. Grimm si. * Das „Fränk. Volksblatt" bringt folgenden Nachruf: Einen schweren Verlust hat der erste Tag des Neuen Jahres der hiesigen theologischen Fakultät und mit ihr der katholischen Gelehrtenwelt Deutschlands gebracht. Am 1. Januar Nachmittags ftz4 Uhr verstarb nach kurzem Unwohlsein in Folge eines Schlaganfalles unerwartet schnell der ordentliche öffentliche Professor der neutesta- mentlichen Exegese Dr. Joseph Grimm, gleich ausgezeichnet als Gelehrter wie als Priester, ein Mann, in welchem tiefes, umfassendes Wissen sich mit seltener Frömmigkeit und Herzenseinfalt verbanden. Joseph Grimm wurde zu Freising geboren am 23. Januar 1827. Nachdem er seine Gymnasialstudien in Freising vollendet, in allen acht Klassen sich den ersten Platz und in der Reifeprüfung 1843 die erste Note erworben hatte, bezog er die Universität München, um da seinen philosophischen und theologischen Studien obzuliegen. Dort löste er die von der philosophischen Fakultät ge- 11 stellte Preisangabe: „Ueber den Geschichtschreiber Otto von Freising." Am 24. Juni 1850 wurde er Zum Priester geweiht und wirkte einige Zeit in der Seelsorge in München. Als Erstlingsfrucht seiner theologischen Studien erschien seine Doktordissertation: „Geschichte der Samariter mit besonderer Rücksicht auf Simon den Magier. München 1854." Daraufhin erfolgte am 20. Febr. 1856 seine Ernennung zum Lycealprofessor in Regensburg. Als solcher schrieb er im Jahre 1860 ein Programm über den des zweiten Thessalonicherbriefes, 1663 veröffentlichte er seine Schrift „Einheit des Lukasevangeli- ums", welcher 1868 sein großes Werk „Einheit der vier Evangelien" folgte, das seinen Namen weithin bekannt machte. Grimm hatte anfangs alt- und neutestamentliche Exegese zu vertreten, zog sich aber hierauf, als für ueu- testamsntliche Exegese eine Professur errichtet wurde, auf die alttestamentliche Exegese zurück, ohne die neutestament- lichen Studien zu vernachlässigen, was seine genannten Schriften aus jener Zeit beweisen. Im Jahre 1869 bekam er einen Ruf als Professor der neutestamentlichen Exegese an die Universität Prag, den er aber ablehnte. Der hochwürdigste Herr Bischof von Negerrsburg erkannte seine Verdienste dadurch an, daß er ihn zum geistlichen Rath ernannte. Inzwischen war auch in Würzburg eine Professur für neutestamentliche Exegese errichtet worden, welche zuerst Ov. Peter Schegg inne hatte. Nach dessen Berufung an die Münchener Universität richtete die theologische Fakultät Würzburg, welche damals, zur Zeit des beginnenden „Culturkampfes", der Sammelpunkt der Thcologiestudirenden aus ganz Deutschland geworden war, ihre Augen auf den gelehrten Lycealprofessor, der dann auch wirklich durch kgl. Dekret vom 4. August 1874 zum ordentlichen Professor der neutestamentlichen Exegese ernannt wurde. Mehr als 21 Jahre war Grimm hier eine Zierde des Katheders, der Freund und Liebling seiner Zuhörer, das Beispiel eines Priesters, der Wohlthäter der Armen. Zwar versuchte im Jahre 1886 nach dem Tode Schegg's die Münchener theologische Fakultät ihn für die dortige Hochschule zu gewinnen; aber den Bemühungen seiner Kollegen und insbesondere den dringenden Bitten seiner Zuhörer gelang es, ihn in Würzburg festzuhalten. Eiue begeisterte Huldigungsfeier der katholischen Studentenschaft und die Verleihung des St. Michaelsordens waren der Lohn für sein Verbleiben. Als Professor in Würzburg veröffentlichte er sein berühmtes Werk „Leben Jesu" in 5 Bänden, dessen erste Bände zum zweiten Male aufgelegt sind, während leider vom letzten Bande nur der erste Theil erschienen ist der zweite Theil erst vollendet werden sollte. Hoffentlich sind die Vorarbeiten soweit gediehen, daß das ganze Werk der Vollendung entgegcngeführt werden kann. Groß und allseitig war die Anerkennung, welche dieses Werk dem bescheidenen Gelehrten eintrug. Bei aller wissenschaftlichen Gründlichkeit der theologischen Forschung quillt die Darstellung aus einem gläubigen, frommen, betrachtenden Herzen, welche die Lektüre so angenehm und anregend für Geist und Gemüth, so fruchtbar für das praktische Leben, insbesondere für die Predigt, macht. Dies gilt vor allem vom letzierschienenen Theile, von der Leidensgeschichte, welche er mit der Innigkeit eines Lnkas, der Liebeswürme eines Johannes geschrieben hat. Nun ist die Feder seiner Hand entfallen; ehedem er die Leidensgeschichte vollenden und das verklärte Leben deS Heilandes schildern konnte, hat er sein eigenes Leiden vollendet und ist in das Land der Verklärung eingegangen. Wenige Tage genügten, um diese scheinbar noch unge- brachen« Lebenskraft aufzulösen. Am Vorabende vor Weihnachten befiel ihn ein Unwohlsein, das ihn nur mit Anstrengung das hl. Opfer an den beiden Weihnachtsfeiertagen feiern ließ. Von da an das Zimmer gefesselt, hatte er gleich seiner Umgebung kaum eine Ahnung des nahen Todes, und es traf ihn plötzlich und unerwartet am Neujahrstage, nachdem er noch am Vormittage zahlreiche Besuche empfangen hatte, ein Schlaganfall, welcher in wenigen Minuten seinem Leben ein Ende bereitete. Doch hatte er während seines Unwohlseins zweimal, so auch noch am Neujahrsmorgen, die hl. Sakramente empfangen. So starb er zwar plötzlich und unerwartet, aber nicht unvorbereitet; der fromme Priester, der sonst vor dem Tabernakel unserer Kirchen gekniet, stand vor seinem Erlöser, dessen Leben er mit solcher Liebe beschrieben, dessen Ehre er allein gesucht hatte. Möge er von dem Herrn. die Herrlichkeit als Lohn empfangen, weil er nie um andern Lohn gedient hat! k. I. k. Die Gründer des Hauses Bourbon-Frauce. Von Charles Saint Paul. Während die deutschen Historiker die neuere Geschichte der Bourbonen und die Einzelgestalten aus derselben vielfach eingehend behandelt haben, ist die Forschung in deren älterer Geschichte nur wenig berücksichtigt worden. Abgesehen davon, daß die auch für den französischen Forscher, — wovon sich der Autor folgender Studie selbst überzeugt hat, — mit vielen Schwierigkeiten verbundene Zusammenstellung der historischen Daten über das Haus, Bourbon-Ancien nicht vollzogen wurde, ist auch eine genauere Abhandlung über die Gründung des Hauses Bourbon-France und dessen Gründer noch nicht geliefert worden. Es soll nun im Folgenden speciell letztere Aufgabe gelöst werden, welche eher gelingen kann, da das Quellenmaterial für eine Studie über die Gründer des Hauses Bourbon-France zuverlässiger und leichter zu überblicken ist, als das für die frühesten Fürsten des Bourbonnais, über welche sich die widersprechendsten Angaben und Urkunden, die theilweise von einem Historiker, k. Andrö, gefälscht worden sein sollen,') finden. «« >) Der Verfasser des Werkes: I/Lneiou Uonrbonnois Mouline 1833), Allier, hat ebenso wie sein anonymer Hilfsarbeiter, der dasselbe nach seinem Tobe vollendete, einen Ersatz für die wichtige Urknndensammlung, das „Cartnlare" von Sou- vigny, in zwei Manuscripten gesucht. Daß erste derselben ist betitelt: -Uistoiro äes autiqnitss 146661,VI uatus ost Robertos, Mus Dnäovioi Rsxis, goem Dominos kbitixxos, ^rekispiseoxus I-itori- osnsis, baxtiravit.« <) Der Text der BelehnunzSurkunde, die aus dem Jabre 1269 stammt, lautet: -dions ä Robert, uostrs üts st ä Iss boirs äs son oorxs äonnons st assiZnoos . . . axrös nostrs äsoost ä tenir st xossssssr . . nostrs Okastst äs Otsrmont avso tootss lss apxarteuauoss, Orssi^ avso tootss Iss axxarts- nanoss st gustgoss untres obosss gos nous avous st xiosssssons en la Oomts äs Otsrmont, sn Dsorgostout, Llöri avso tootss Iss axxarrsiiancss st äswainos ... st tootss obosss äsvaut äites zmbit Robert st si boir tenront ä kö st eu bommazs ti^s äs nons, Rox äss Rraus — Des obosss tootss voiss gos lss Oowtes äs Otsrmont ont tsno ou äsvront tenir äs l'ovss- gus äs Lsaovais st äst abbs äs Laint-Dsnxs sont tonns taut ^eisux nostrs tioux oomms st boir kairs bomma§s ä I'svss- gos st o. I'abbs goi aront sts poor ts temps.- „Wir geben Robert, unserem Sohne, und seinen Erben unsere Burg von Clermont mit allem dazu gehörigen Besitze, Neuville cn Hues, la Forest und die andern dazu gehörigen Orte, Crecly und einiges andere, das wir in der Herrschaft Clermont und in Leurguetout besitzen, auch Msri mit allem davon Abhängigen — all' dieses soll dieser Robert und seine Erben von uns, dem Könige von Frankreich, zum Lehen haben. Sie sollen aber für alles, was die Grasen von Clermont vorn Bischöfe von Beau- vais und den Aebten von Saint-Dsnis gehabt haben, diesen huldigen." (Lrnssst, Ilsags äss tisks. tom. I. x. 458; ll'kau- mas äs la Tbaomasstüre, Oootüws äs Lsauvoisis, x. 356.) 13 Im Verhältnisse zu dem Erbe seiner späteren Gemahlin Beatrix war für Robert die Grafschaft Clermont ein geringer Besitz. Ludwig hatte ursprünglich seinen jüngsten Sohn mit der Tochter Margaretas von Burgund, die Vicomtesse von Limoges war, verbinden wollen. Dieselbe mußte aber später, als Philipp die am Hofe weilende Beatrix für seinen Bruder auserlesen hatte, zurücktreten?) Die Ehe zwischen Robert und Beatrix wurde zu Elermont, wahrscheinlich im Jahre 1276, geschlossen. Ein von k. Anselme") fälschlich citirtes Document hat bestimmt, die Hochzeit in die Mitte des Jahres 1272 zu verlegen, da in demselben gesagt wird, daß wegen der Vermählungsfeierlichkeiten das Pfingstparlament unterbleiben mußte, nach den Rsgistrss äss „Olim" dasselbe aber nur in diesem Jahre unterblieb. Jedoch weist Chazaud (OdronoloAis äss 8Irs8 äs Lourkon 239) nach, daß in dem von k. Anselme (Olim I. tot. 27 rsoto. toin. I. xaF. 154 äs I'säition äs N. LsuFnot) citirten Register gesagt wird: „L. v. käOOIuXII ° nso kuit xalla-insnturn in ksnttiscosti, proxtsr nuptias äomini kditippii titii äomini rsZis, taotas axuä Olnrnm-montsm? Die fragliche Hochzeit scheint nun - die Philipps III., des zweiten Sohnes des hl. Ludwig, > mit Jsabella von Aragon, die am 28. Mai 1262 gefeiert wurde, zu fein. Chazaud glaubt, daß die Hochzeit Roberts und Beatricens der Konfirmation ihres Verlobungsvertrages vom Juli 1276 durch Philipp III?) bald folgte. Der König erlas während des Hochzeitsfestes Beatrix, um ihren Gemahl mit der Ritterwürde auszuzeichnen. Dieselbe hatte er nach den Berichten Belleforest's (Lunalss äs Iranos) und Desormeaux's wohl verdient. Er zog mit 16 Jahren nach den Pyrenäen, um mit seinem Bruder Philipp den rebellischen Grafen von Foix, Noger Bernard, zu unterwerfen. Philipp wurde bald durch andere Angelegenheiten in's Innere zurückgerufen und soll seinem jungen Bruder, dessen Ritterlichkeit er bereits erprobt hatte, die weitere Verfolgung überlassen haben. Der Graf wurde bald auf seine Burg beschränkt und gezwungen, sich mit seiner Familie zu ergeben. Er wurde gefesselt nach Bcancaire gebracht und erhielt erst nach einem Jahre seine Freiheit und sein Lehen wieder?) Ein trauriges Ereigniß schwächte zeitlebens die vielversprechenden Eigenschaften unseres Fürsten. Während der Festlichkeiten, welche der junge Ritter gelegentlich des Besuches des Fürsten von Salerno, des Thronfolgers des Königreiches beider Sicilien, im Jahre 1279 gab, ließ er sich beim Turniere, indem er den ersten Siegespreis erringen wollte, zu weit von seinem Ehrgeize und jugend- 0 Ribliolbsca uova wauuserixtorum toin. II. po§. ZOO; Lääition L In, Obronigus äs Saint-IIartin äs lümvFss: Unis (Roberto) tuit ässponsats, LIis, Vieeooinitis Rsmovieeusis, si sibi plaoerst st LeZi, ouw nndiles ssssnt. Ebenso: Na,- risro, nuioam Imsrsäsm, grmm Ruäoviens, Rsx Rraueorum, Llio 8no Roberto äs8pov8ari xrowisit. (Obrouigus äs Lsint- Ltienns äs Inmog'ss, ibiäsm.) Ilistoirs Aöuealogigus äs In maisov äs Rraucs. Rnris, 1726—33. 0 Chazaud nach: Lrolnvos äs I Rmpirs. oartou. m. 348. °) Einige Historiker behaupten, Robert habe im Jahre 1276 auch den Zug gegen Navarra und Castilicn mitgemacht. Dies scheint jedoch unbegründet zu sein und aus einer Verwechslung Clermonts mit Robert von Zlrtois zu beruhen, der damals auch i,ch »Lirs äs Ronrbon- nannte. (eVebaintrs, Mstoirs äs Ir Llaisou äs Ronrbon. Lrr. Robert.) lichem Feüer fortreißen, so daß ihm sein erfahrener Gegner derartige Verwundungen beibrachte, daß er lebenslänglich körperlich und vorübergehend auch geistig zu leiden hatte?) In dem Berichte des Guillaume de Nangis ist offenbar der Grad der Folgen der Verletzung übertrieben, wie aus den sonstigen Daten der Historiker über Roberts Leben hervorgeht. Dieselben weisen nach, daß der Verwundete später noch im Stande war, an den Regierungsangelegenheiten theilzunehmen. As-- Einige Autoren stellen ihn sogar als einen hervor» ragenden Staatsmann und hohen Würdenträger der Krone hin, welcher eines der vier wichtigsten Kronämter, das des Chambrier de France, bekleidet hätte?") Letztere Annahme ist wohl auf eine Verwechslung seiner Persönlichkeit mit seinem Sohne Ludwig, welche durch den Wortlaut einer Urkunde nahegelegt ist» zurückzuführen. Jedoch ist es sicher, daß Robert oft in wichtigen Berathungen hervortrat und auch sonst seine Einsicht bewies. So war er am 21. Januar 1297 mit dem Herzoge vou Burgund und andern Herren und Prälaten in der Versammlung zur Regelung der Differenzen mit dem flandrischen Grafen Guy, der von den Engländern unterstützt wurde. (Fortsetzung folgt.) „Schwedens Schanze." Ein Wort über die Völker Skandinaviens, besonders über die Schweden von Frau Helene Nyblom," geb. Roos. Frei und gekürzt nach dem schwedischen Original von Dr. P. Wittmann. (Fortsetzung.) Ein Beweis für die natürliche Veranlagung deS Volkes liegt unter anderen darin, daß Mädchen der unteren Schichten und ohne jegliche Bildung, die als Ehefrauen mit den höchsten Gesellschaftskreisen in Berührung kommen, Takt, ästhetisches Gefühl und Empfänglichkeit für jeden Zweig wirklicher Cultur mit sich bringen. Selten fühlt man den Parvenü heraus. Da» Benehmen der feinen Welt bildet, was äußeren Schliff anlangt, ein durchaus nachahmenswerthes Beispiel. Schwachheit für äußeren Glanz und Schimmer bildet allerdings einen Punkt, welchen man den Schweden mit Recht und Unrecht vorzuwerfen Pflegt. So gibt z. B. ein Dienstmädchen in Stockholm den letzten Pfennig d'ran, um sich recht elegant kleiden zu können; seine dänische Kollegin dagegen vernachlässigt meist das Aeußere, weiß aber für ihre alten Tage etwas bei Seite zu legen. ^ Die Dänen sind eben verständige Leute; sie denken an die Zukunft, genießen wenig und sparen. Die Schweden hingegen wollen das Leben mit vollen Zügen genießen: Lieber heute ein frohes Fest, dann vierzehn Tage lang Häring und Kartoffeln, ist ihre Parole; sie leben nur der Gegenwart. Der Winter ist ja so lang. 0 Ueber den Docka'ck schreibt Guillaume de Nanzis: In gnvänm Ulorum txrouiciornm, oomes OIrromontis, jnveniz, uovu8 wilss, srworum ponäers xergravstus st matleoruw ictibus 8vpsr caxnt xluries st kortitsr xercus8llZ, veistions csredri iutouitus, äeoiäit in omsutiow, äs gno äawnnm st üolor maximu8 eumnavit. Rrat sutew tonnn eZregiar, oujus anrmus sä xrobikrtew tenäens xerveuire xotsrat. '0 Ra Anis, Ilistoirs äes äncs äs Loardon. krri?, 1860. 14 der Sommer kurz. Wer möchte auch auf jede Freude verzichten! Doch darf man nicht klimatischen Verhältnissen allein die Schuld an derartigen Erscheinungen beimessen, der eigentliche Grund hiefür liegt vielmehr im Naturell des Volkes; es lebt in ihm eine Künstlerseele voll Sehnsucht «ach Schönheit, Farbe, Klang und Lust. Die Karikatur zu dieser berechtigten Freude am Dasein zeigt sich bei Menschen, die bloß für Essen und Trinken, namentlich aber für letzteres, Interesse bekunden. Nirgends sonst auf Erden kann man solche Batterien von Flaschen aufgestapelt finden, vor denen sich gewisse Herren zu Postiren pflegen und halbe Tage zubringen, scheinbar ohne anderen Zweck, als um schweigend und apathisch ein Glas nach dem andern zu leeren. Diese Sorte Schweden, deren es leider eine Menge gibt, sind in den Nachbarländern nur allzuwohl bekannt. Wollte man aber die schwedische Nation nach ihren mindestwerthigen Vertretern beurtheilen, so wäre das ebenso unbillig, wie wenn man in Schweden vagabund- irende Dänen, Deutsche rc. als Typen ihres Volksthums ansehen würde. Einen gemeinsamen Charakterzug der Schweden bildet immerhin die Lust an Festen, die Gier, daß der Tag außer seinem ewigen Einerlei auch etwas anderes bringen soll. Ihren idealsten Ausdruck fand diese Seite des schwedischen Gemüthslebens im Improvisator Bellmann, der die einfachsten Zechbrüderschaften zu einer Atmosphäre olympischer Kraft und Freude zu erheben wußte. Er besaß das echt schwedische Vermögen, Alles zu vergeistigen; er wollte durch die Phantasie mehr Raum für Leben und Bewegung schaffen, als die Wirklichkeit bietet. Ganz anders die Dänen; sie betrachten, so zu sagen, die Welt durch ein Verkleinerungsglas und sehen dann alles recht erbärmlich. Der ausgesprochen künstlerische Zug des Schweden wird bedauerlicherweise oft außer Acht gelassen. Man gibt zu, daß die Schweden ein praktisches Volk, für die Zwecke der Verwaltung wohl brauchbare Leute sind; man weiß, daß Ericssons und Nobels der Welt bewnnderns- werthe Proben von Thatkraft und Jngenieurskunst lieferten; daß die schwedischen Bahnen den Vergleich mit andern durchaus nicht zu scheuen brauchen; daß kein Land reichlicher mit Telephonen und Telegraphen bedacht ist. Die übrigen Seiten des Volkscharakters sind aber so gut wie unbekannt, wenigstens soweit Dänen und Norweger in Frage kommen. Die fremden Nationen würdigen Schweden besser. In den Dänen oder, richtiger gesagt, den Kopen- hagenern lebt ein gewisser ästhetischer Zug. Bet ihnen wird verhältnismäßig viel gemalt, vcrsificirt und com- ponirt. Bei den Schweden überwiegt das wahrhaft dichterische Element. Am besten enthüllen uns dir Phantasiereichen Volksweisen all' den Reiz der Wälder, Seen und Ströme, auch wenn man nur zufällig damit bekannt wird. Man beschuldigt die Schweden der Kälte und Steifheit im Verkehr mit Fremden, und in der That bewahren sie auch eine gewisse vornehm-kühle Zurückhaltung, solange sie mit ihren Gästen nicht näher bekannt sind. Kommt man in ein dänisches Bahn-Conpä, so sieht man dort die Fahrgenosftn meist schon nach 5 Minuten Mit einander plaudern, selbst wenn sie sich früher niemals gesehen haben sollten. In freundschaftlich-gemüthlicher Weise verkürzt man sich so die Zeit und nimmt selbst keinen Anstand, während des Gespräches die eigene» Pläne und Verhältnisse preiszugeben. In einem mit Schweden gefüllten Wagen kann man, soferne nicht Bekannte darin sitzen, halbe Tage lang reisen, ohne daß einer den andern anspricht. Dagegen darf eine Dame bestimmt darauf zählen, daß ihr ein schwedischer Herr, soferne sie seiner Hilfe irgendwie bedarf, dieselbe in ritterlichster Weise gewähren wird. In Dänemark hinwiederum verspürt man nicht viel von solch' galanter Gesinnung gegen Damen. Man meint es gleichwohl gut. Wie gesagt, von den skandinavischen Nationen scheinen mir die Schweden entschieden die höchste Begabung zu besitzen. — Obschon ich schon so lange in ihrem mir liebgewordenen Lande weile — mehr als die Hälfte meines Lebens — so empfinde ich doch noch oft jenes Gefühl, das ein Mädchen zu desgleichen pflegt, welches, aus kleinem Hause einer Provinzstadt stammend, sich mit einem reichen Schloßherrn vermählt. Ich bewundere die großartigen, neuen Verhältnisse und erfreue mich an ihnen wie an all' den Erinnerungen alter, glanzvoller Zeiten, dem ewigen Wechsel in der Natur und Bevölkerung. Die Schweden weisen ja eine bunte Mannigfaltigkeit auf. Der Bewohner Norrlands und Skanes, Würmlüuder und Smaländer, - Göteburger und Stockholmer, SLadtbürger und Dienstleute des Adels welchen in ihrem Typus sehr wesentlich von einander ab. Am besten läßt sich das in einer Universitätsstadt beobachten, wo ganze Generationen junger Männer aus allen Theilen des Reiches durch- passiren; hier findet man sogar noch eher Gelegenheit, die provinziellen Unterschiede zu studiren, wie in der Hauptstadt. Wechselreich ist auch der Anblick des Landes. Bergkuppcn, Seen, Steilgestade und Ackerfelder, endlose Wälder und mächtige Ströme verleihen jedem Distrikt sein eigenthümliches Gepräge. In der Hauptsache ein offenes, nirgends von Felsen eingeengtes Gebiet, streckt Schweden seine Arme vertrauend und frei der ganzen Welt entgegen. Die Leichtigkeit, womit man sich das Fremde aneignet, geht leider nicht selten in kritiklose Bewunderung dessen über, was vom Auslande stammt. (Schluß folgt.) Aus dem Leben eines Modernen. 8. 8. Im November v. I. starb in Frankreich ein viel genannter Schriftsteller — Alex. Dumas — von dem alle französischen Blätter voll waren. Früher hieß es, Dichter und Philosophen müßten verhungern! Unsere modernen Schriftsteller verstehen es aber häufig, ihre Kunst zu Geld zu machen. Dumas wollte sein letztes Stück „Routs äo fl'stöbas" nicht herausgeben, obschon er selbst glaubte, es sei vielleicht sein bestes Stück. Warum sollte er es auch herausgeben? „Ruhm", so bekannte er, „oder das, was man so nennt, habe ich so reichlich, daß ein Mann damit zufrieden sein könnte, der hundertmal gieriger danach wäre, als ich. Geld besitze ich mehr, als ich ausgeben kann. Beifall, Zischen, Zustimmung, Anschwärzung — das Alles habe ich in so vielfältiger Art durchgemacht, daß ich nicht einmal mehr neugierig danach bin. Warum soll ich unter diesen Umständen wieder vor das Publikum treten? Es kennt 6) Frcm Nyblom ist geborne Dänin, Gattin des Professors der Aesthetik C. N. Nhblom in Upfala. »> 15 Mich, ich kenne es, und ich glaube, wir beide könnten es dabei bewenden lassen." Er war mit einem Wort gesättigt. Er kannte nicht die Triebfeder des wahren Schriftstellers — das Volk zu belehren, veredelnd auf dasselbe einzuwirken; seine Beweggründe waren Ruhm und Geld, und als er beides hatte, da erfaßte ihn ein Ekel davor. Unbewußt spricht aus ihm die gesättigte Eitelkeit und Geldgierde. Das obige Bekenntniß konnte sein Freund Philippe Gille, der es jetzt im Figaro erzählt, nicht begreifen, und er forschte darum nach, und was mußte er jetzt erst hören? „Wissen Sie wohl, fuhr Dumas fort, woran ich hundertmal gedacht habe? Ich habe es Niemandem gesagt, aus Furcht, man könnte falsche Folgerungen aus einem ganz natürlichen Entschlüsse ziehen." Unsere Leser werden es kaum selbst wohl ahnen, wonach sich dieser Verherrliche! der Halbwelt sehnte. „Im Angesicht der Nichtigkeit des Lebens, der Nutzlosigkeit unserer Anstrengungen, die wir an eine sogenannte Vorsehung richten, die nichts für uns vorsieht — habe ich daran gedacht (hundertmal!), mich in ein Kloster zurückzuziehen." Lache nicht, lieber Leser, dem Manne muß es weh um's Herz gewesen sein. Er mußte schon in diesem Leben die Strafe dafür erleiden, daß er so manchmal seine Frivolität an dem Klosterleben ausgelassen hatte. Vielleicht selten hat er so wahr gesprochen, als in diesem interessanten Bekenntniß. Und warum sehnte er sich nach dem Kloster? „Da ist man außerhalb des Lebens, da hört man nicht einmal dessen Geräusche, da denkt man an sich, da ist man frei zwischen diesen vier Wänden, tausendmal mehr frei als im sogenannten unabhängigen Leben....." Man fragt sich unwillkürlich, ist es wirklich Alexander Dumas, der so spricht? Aber er sollte das Glück nie genießen, er sollte es nur ahnen, sich darnach sehnen, aber nie erreichen. „Beruhigen Sie sich!" spricht er zu Philippe Gille, der wohl verwundert genug dreingeschaut haben mag. „Ich werde niemals das thun, was ich Ihnen da sage. Wissen Sie warum? Weil man sagen würde, ich sei in Frömmelei verfallen (aha!) und ich hatte dem Einflüsse irgend eines Priesters oder einer Frau gehorcht." Wie kleinlich! Beifall, Zischen, Zustimmung und An- schwärzung des Publikums war ihm doch nicht so ganz gleichgültig, wie er sich glauben machen wollte. Dann mischt er wieder Frivoles mit Tiefernstem: „Auch lese ich Ihre Einwendungen auf Ihrer Stirne: Ich würde wich da zu Tod langweilen (das Ansichselbstdeuken war also doch nicht so ganz nach seinem Geschmack), und es würde mich nicht befriedigen, Birnbäume zu Pflegen oder Dessert-Liqueure zu componiren (im Kloster thut man noch ein wenig anderes). Sie haben recht, mein Geist würde stets anderswo sein, als im Kloster, weil ich nicht das habe, was die andern dort zurückhält — den Glauben. Ach, diejenigen sind glücklich, die den Glauben haben; aber man hat ihn nicht, wenn man will." Der Glaube ist eben ein kostbares Geschenk Gottes, das Dumas, der nicht einmal getauft war und auch seine Kinder nicht taufen ließ, nie gekannt hat. Das möge als ein Entschuldigungsgrund gelten. Alexander Dumas hat auch einmal seinem Freunde Desbarolles, wie die „Franks. Zeitung" zu erzählen weiß, eine Art Selbstbeichte vor 15 Jahren übergeben, und die „Franks. Zestung" meint selber, dieselbe sei „nicht ganz unparteiisch ausgefallen, und man merkt, setzt sie hinzu, die Beschönigungsversuche und die Pose für die Nachwelt." Lernen wir den modernen Geistesheros noch etwa) näher kennen: „Ich erfinde sehr schwerfällig und componire sehr langsam. Darum producire ich so wenig (mehr als genug) im Vergleich zu meinen Collegen. Ich habe in meiner Kunst keinerlei „Ingeniosität"; was ich schreibe, das finde ich nach langem Suchen." Wie sind denn die vielen Bände entstanden, die ihm so ein Heidengeld getragen haben? Nun, er gehörte halt zu den Bücherfabrikanten, welche junge, ungekaunte Kräfte benutzen, die unter der Leitung des Meisters für diesen componiren und schreiben. Dann bekennt er weiter: „Ich bin ein großer Ignorant, und ich befinde mich in Unkenntniß über eine Menge der elementarsten Dinge." Aber trotzdem kann man eine ganze Bibliothek über alles Mögliche zusammenschreiben! „Früher habe ich einen wahren Heißhunger nach Ruhm gehabt." „Ich besitze einen erschreckenden Erwerbssinn.... Ich thue mir auf meine Sparsamkeit und Wirthschaftlichkeit viel zu Gute. Ich liebe das Geld, wegen der Macht, die es geben kann, und wegen all' des Guten, das man thun kann.... Nein aus Egoismus möchte ich so reich sein, wie alle Rothschilds zusammen." Geld und Ruhm wird eben zum Götzen, wenn man Gott nicht anerkennen will, aber zu einem Götzen, der das Herz leer und unbefriedigt läßt. „Diejenigen sind glücklich, die den Glauben haben; aber man hat ihn nicht, wenn man will." Dr. Hermann Roesler. * Welch große Hochschätzung die Japaner für den Ende 1894 in Bozen verstorbenen vortragenden Rath im Ministerrathe zu Tokio, Dr. Hermann Roesler, hatten, dessen Lebensskizze wir seinerzeit gebracht haben (Beilage 1895 Nr. 1), und welch innige Gefühle der Dankbarkeit sie gegen ihn hegen, geht außer andern Schreiben aus nachstehender Zuschrift hervor, welche, datirt vom Februar 1895, im Wege des Reichskanzler- amtes in Berlin erst im November an seine in Bozen lebende Wittwe gelangte. Dieselbe stammt vom „Verein für deutsche Wissenschaft" in Tokio, dessen Protector Se. kais. Hoheit der seitdem auf Formosa gestorbene Prinz Kitashirakawa war, und ist in japanischer Sprache verfaßt, mit beigefügter deutscher Uebersetzung. Mehr als auffallend ist der Umstand, daß das Auswärtige Amt in Berlin sieben Monate brauchte, um den Aufenthalt der Wittwe, für welche jene Zuschrift so trostreich war, zu entdecken, während doch die japanische Gesandtschaft in Berlin wie auch in Wien darüber alle Tage hätte Auskunft geben können. Aber Dr. Roesler war in Preußen nicht beliebt, theils wegen seiner Schriften, theils wegen seines Uebertritts zur katholischen Kirche. — Die Zuschrift lautet: Tokyo, den 25. Februar 1395. Hochgeehrteste Frau! Mit dem lebhaften Bedauern haben wir von dem schweren Verluste erfahren, der Sie betroffen hat, und es ist uns ein tiefempfundenes Bedürfniß, Ihnen, hochgeehrteste Frau, hiermit unsere innigsten Sympathien kundzugeben. Vielleicht wird es Ihnen in Ihrem tiefen Kummer einen wenn auch schmerzlichen Trost gewähren, zu wissen, daß der Tod Ihres Herrn Gemahls hier, in dem Lande, dem er eine so lange Reihe von Jahren seine besten Kräfie gewidmet hat, überall auf's Thcilnahmvollste empfunden und betrauert wird. Herr Rath vr. Hermann Roesler bat sich durch die bedeutenden Leistungen, die wir seinen seltenen wissenschaftlichen 16 Fähigkeiten sowohl wie seiner gewissenhaften, unermüdlichen Pflichttreue verdanken, insbesondere durch seine Verdienste um die Reorganisation unserer Gesetzgebung, den höchsten Anspruch aus die dauernde Anerkennung und Dankbarkeit unseres Landes erworben. Ganz besonders bei dem „Verein für deutsche Wissenschaften" wird das Andenken des Verewigten, welcber der von diesem Verein begründeten „Vereinsschule deutscher Wissenschaften" eine so rege. thätige Theilnahme entgegenbrachte und ihr mit seinem Rathe so oft zur Seite stand, immerdar in hohen Ehren bleiben; ebenso werden die ehemaligen Schüler dieser Anstalt seiner stets mit tiefer, treuer Dankbarkeit gedenken. Ihnen aber, hochgeehrteste Frau, wünschen wir von ganzem Herzen, das; der Himmel Ihnen Krast verleihen möge, den herben, unersetzlichen Verlust, den Sie erlitten haben, zu ertragen. Wir bitten Sie, dieses Schreiben, den zwar schwachen, aber aufrichtigen Ausdruck unserer Gesinnungen gegen Sie und Ihren verewigten Herrn Gemahl, freundlich entgegennehmen zu wollen. Mit der Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung und Ergebenheit Vicomte I. Sinagawa, Präsident des Vereins für deutsche Wissenschaften. Pros. H. Kato, Direktor der VcrcinSlchule deutscher Wissenschaften. Recensionen und Notizen. Biblische Tragödie in fünf Aufzügen von Max von Theuern. Erstes Bündchen: Text. Kemptcn, Verlag der Köscl'schen Buchhandlung. 1896. Unter obigem Titel verläßt soeben ein Büchlein die Presse, daS wohl einiger Beachtung werth ist. Das vorliegende Bündchen enthält den Text, das zweite die Musik dazu. Die Komposition hat Herr Kapellmeister Stehle in St. Gallen übernommen. Das Ganze ist Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen Nupprecht von Bayern, gewidmet, der die Widmung des Pseudonymen Verfassers huldvoll entgegengenommen hat. Wie der Verfasser am Schlüsse bemerkt, lehnt sich das Stück im Ganzen sehr eng an den biblischen Bericht an. Es ist ja richtig, daß der Stoff selbst gewissermaßen nach einer dramatische Behandlung ruft; und dem Verfasser ist es auch gelungen, ein kleines Meisterstück daraus zu fertigen. Der scenische Aufbau ist corrcct, die Handlung fesselnd, die Charaktere sind trefflich gezeichnet. Der wilde Joab, der in seiner rauhen Königstreue den nngerathcnen Sohn dem Befehl entgegen tödtet, erregt doch unser Mitleid, da ihn die Strafe trifft. Er ähnelt sehr dem grimmen Hagen im Nibelungenliede. Packend ist die Verzweiflung des hinterlistigen Acbitophel geschildert, dem der milde, bedächtige Chusai gegenübersteht. Ein reizendes Bild tritt uns in dem Knaben Chamaam entgegen, dem Sohne Bersillaies; Wie lieblich ist die Scene am Brunnen, in dem Chamaam vor seinen Verfolgern geborgen wird. Hier hat der Verfasser mit der Einführung Mirjams einen glücklichen Griff gethan. Von den cingeflochtenen Liedern will ich nur eines als Probe folgen lassen. Im siebenten Auftritt des dritten AufzugeS singt Chamaam: Vözlein fliegt zu Thal herab, Sitzt im Netz gefangen. Vogelstellers Mägdelein Rührt sein ängstlich Bangen. Süße Worte trösten es, Süße Lippen sprechen: Kann dich nicht so traurig seh'n, Will die Fesseln brechen. Frei ist's Vöglein, — blickt zurück Dennoch voll Verlangen. Mägdlein, das ihm Freiheit gab, Hält sein Herz gefangen. Ueber die Musik kann ich kein Urtheil fällen, da sie noch nicht vollständig vorliegt. Der Name des Verfassers bürgt indeß für ein Gelingen nach dieser Seite. Das Textbuch erscheint in zwei Ausgaben, einer billigen Volksausgabe und einem hübsch ausgestatteten Bündchen. Daö Stück ist zwar für größere Bühnen berechnet, dürfte aber auch mit geringen Aen- Berantw. Redacteur: berungen sich für Gesellschaften empfehlen. Möge es allseitig die Aufnahme finden, die es meinem Urtheile nach verdient! Dr. v. Förtsch, Neichsger.-Nath, Die Neichsgesctze betr. die privatrechtl. VerhältnissederBinnenschifffahrtundderFlößerei vom 15. Juni 1895, nebst den ergänzenden Vorschriften der Gewerbeordnung und deö Handelsgesetzbuches. Leipzig» Roßberg. 7 M. -es- Dieses mit dem 1. Januar 1896 in Krall getretene Gesetz wird für Richter wie Private, die nicht durch die Nähe der See mit dem letzten Theile des Handelsgesetzbuches, mit dem Seerecht, bekannt sind, anfangs manche Schwierigkeit mit sich bringen. Insonderheit i» Bayern, wo ciucStheilS das Seerecht selten zur Anwendung zu kommen hat und andcrntheils bis vor Kurzem auch auf den Universitäten das Seerccht mit Stillschweigen Übergängen wurde, wird das Verlangen nach einem tüchtigen, die Bedürfnisse der Praxis besonders berücksichtigenden Comnientar zu den vorliegenden Gesetzen ein starkes sein. Gerade in dieser Beziehung leistet vorliegende Ausgabe wirklich Hervorragendes. Der Verfasser war nicht nur bestrebt, alle nur irgend auftauchenden Zweifel oder Unsicherheiten zu lösen und zu heben, er hat es auch meisterlich verstanden, durch gut gewählte Beispiele uns zum Theil doch recht fremde Begriffe und Verhältnisse verständlich zu machen. Wir sind daher der Ueberzeugung, daß der Förtsch'sche Commentar zum Binnenschifffahrts- Gesetz den eingetheilten Beifall der Praktiker finden wird. Heilige Anklänge zu Betrachtungen und Erwägungen religiösen Belanges. Aus den Schriften eines Prä laten. Graz, Verlagsbuchhandlung Styria. G Fünfzig Meditationen als Frucht ernster, tiefer Reflexion! Die Bezugnahme auf den Unglauben unserer Zeit verleihen dem Buche eine seltene Originalität, die Betonung der Andacht zum Allerheiligsten Sacramente und der Maricnver- ehrung einen wahrhaft katholischen Charakter. Infolge des gediegenen Inhaltes sehen wir über die sprachlichen Unrichtigkeiten gerne hinweg, umsomebr als wir in dem Verfasser einen geborenen Ausländer vermuthen. „'S Dorl i". Von Carola v. Eynatten. Verlag von P. Weber in Baden-Baden. Die allbekannte und beliebte Erzählerin Carola v. Eynatten bietet der reiferen Jugend hier eine reizende Geschichte aus dem Schwarzwalde. Nichtalte Märchen grauer Vorzeit u. ferner Länder, sondern daS Leben und Treiben des heimathlichen Schwarz- waldes mit seinen originellen Erscheinungen und Trachten, wie es die Wirklichkeit bietet, wird uns hier in spannender und höchst anziehender Weise geschildert. Drei schöne 5 fünffar- bige Bilder zieren das Buch, die Ausstattung ist schön und der Preis (Mk. 2.50) sehr mäßig. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von Dr. Er nst Co m mer, o. ö. Professor an der Universität BreSlau. Padcrborn, Fcrd. Schöningh, 1896. X. Band. 2. Heft. Inhalt: I. Zur neuesten philosophischen Literatur. (I.) Von Kanonikus Dr. M. Gloßner, Müncben. II. Die in den drei unter dem Namen deö Aristoteles uns erhaltenen Ethiken angewandte Methode. (II.) Von Pros. l>r. Zahlfleisch in Ried, Ob.-Oesterreich. III. Die Neu-Thomistcn. (VII.) Das Gebiet der Gnade. Von U. LluF. Bbool. Gundisalv Fcldncr, 0. Vrasck., Prior in Lemberg. IV. Die unbefleckte Empfängniß der Gottesmutter u. der hl. Thomas. (II.) Von Jos. a Leon., 0. LI. 6ap. V. Die Grundprinzipien des hl. Thomas von Aqnin und der moderne Socialismus. (VI.) Die Gnade im allgemeinen. Von Dr. C. M. Schneider, Pfarrer in Floisdorf. U. s. w. Das Okkioinm Lla.ria.num xarvum, oder Die kleinen Marianischen Tagzeiten, in homiletischen Vortrügen erläutert von V. Ludwig Fritz, aus dem Orden der beschuhten Karmeliten. Regensburg bei Pustet. 2 Bde. 508 u. 644 S. Preis 6 M. —a. Diese Predigten sind in Straubing gehalten worden; sie sind die wohl ausgereifte Frucht sinniger und tief eindringender Meditation. Die Darstellung ist einfach und klar, jede rhetorische Uebertreibung ist streng vermieden. Ad. Haas in Augsburg. — Druck ». Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.