Gedanken über Wissenschaft und Christenthum. L In der 253. Beilage der „Allgem. Zeitung" (2. Nov. 1895 Nr. 30L) berichtet ein „Spectator" über seine Eindrücke öom letzten Katholikentag. Dom politischen Inhalt des Artikels völlig absehend, wollen wir hier nur einen Passus herausgreifen, der das Verhältniß von Wissenschaft und Christenthum beleuchten will. Der Verfasser sagt nämlich anläßlich der Besprechung der Rede des Herrn Professors Grauert: „Wenn man sx xrolosso von Katholicismus und Wissenschaft spricht, so sollte man meines Ermessens doch einmal tiefer in den Gegenstand hineinsteigen und klar darlegen, wie jetzt thatsächlich die Lage ist und um was es sich zwischen Christenthum und Wissenschaft handelt. Die exakten Wissenschaften glauben die vollkommene Gesetzmäßigkeit alles Geschehenden und alles uns in der Natur entgegentretenden Lebens erwiesen zu haben; die historische Kritik leugnet, daß, soweit die Thatsachen der Weltgeschichte controllirbar sind, dieser Annahme widersprochen werden könne. Dieser Weltanschauung, welche keinen Platz für übernatürliche Vorgänge läßt, steht der christliche Glaube schnurstracks entgegen. Wie die Sachen gegenwärtig liegen, ist an einen objektiven Ausgleich der beiden Standpunkte vorläufig nicht zu denken. Der Ausgleich existirt nur individuell in Gott sei Dank zahlreichen Individuen, denen die inneren Lebenserfahrungen und die nicht wegzu- disputirenden Thatsachen des Gemüthes diese Harmoni- sirung gewonnen haben: für alle, die es trifft, ein unsagbarer Segen, aber mehr eine Gnade, denn ein Verdienst. Der Allgemeinheit wird dieses Glück erst auf dem Wege eines langen und schmerzlichen Prozesses wieder zugeführt werden können und es kaun erst eintreten, wenn in einem ungeheuren Maßstabe die Menschheit abermals die Einsicht gewonnen haben wird, daß sie aus und in sich selbst nicht zu ihrem Ziele kommen kaun." Der Verfasser zählt zwar offenbar selbst unter die, denen die erwähnte Gnade zu theil geworden ist, und wenn er aus seinen Prämissen die Consequenz zieht, daß die Forschenden und Strebenden unter redlicher Anerkennung ihrer Arbeit einander ruhig und liebevoll ertragen sollen, so können wir ihm hierin nur freudigen Herzens beistimmen. Aber seine Darstellung des Verhältnisses hat doch soviel Bedenkliches an sich, daß sie nicht unwidersprochen bleiben darf. Wenn wir ihm folgen, dann haben wir innerhalb der wissenschaftlich gebildeten Welt zwei Gruppen: solche, die wissen und nicht glauben, und solche, die wissen und dennoch glauben, aber nicht weil sie auf dem Wege wissenschaftlichen Denkens zur Erkenntniß gelangt sind, daß natürliche Wissenschaft und übernatürlicher Glaube neben einander Platz haben und sich eher fordern als ausschließen, sondern weil sie rein subjektiv durch gewisse innere Lebenserfahrungen und gedrängt durch ein von der Wissenschaft unbefriedigt gelassenes Gemüth dahin gekommen sind, im positiven Christenthum Trost zu suchen und so den ihnen vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gleichfalls unversöhnlichen Gegensatz in ihrem Herzen zu verschließen und mit Anstand zu ertragen. Bei diesem Standpunkt ist also — die übernatürliche Theologie ausgenommen — für eine christliche Wissenschaft, insbesondere für eine christliche Philosophie und Apologetik, kein Raum mehr. Höchstens von der Thatsache des Gewissens, des natürlichen Scligkeitstriebes u. s. w. — denn das meint der Spectator offenbar mit der inneren Lebenserfahrung — kaun auf das Dasein Gottes geschlossen werden. Und doch sagt der Apostel Paulus im Römerbriefe (1, 20): Invisidiliu anim ixsins a, ereutnrg. ruuircli per eu Huua tucta, snnt, intellsetu coirsxioiuntur; sswxitsrna. guocius sius virtus at cüvinitus, itu ut oint inexousamles. Der Ausgleich des heutigen Gegensatzes zwischen Wissenschaft und Christenthum gehört also nicht bloß in das stille Herzenskämmerlein, sondern auch vor das Forum der mit natürlichen Principien operircuden Wissenschaft, und ihn vorbereiten und verwirklichen zu helfen, ist eine Ehrensache des christlichen Gelehrten. Versuchen wir es einmal von diesem Standpunkte aus „tiefer in den Gegenstand hineinzusteigen und das Verhältniß von Christenthum und Wissenschaft darzulegen." Da müssen wir vor allem bestreiten, daß eine Weltanschauung, welche die sicheren Ergebnisse der exakten Wissenschaften acceptiren will, dem christlichen Glauben schnurstracks entgegenstehen müsse. Gott ist die ewige Wahrheit, weil er das absolute Sein ist. Wie er die Dinge denkt und erkennt, so sind sie. Unsere Natur ist nach Gottes Bild und Gleichniß geschaffen, daher haben wir analog die Möglichkeit einer wahren Erkenntniß, d. h. der Inhalt unserer Begriffe ist logisch identisch mit dem Wesen des Bcgriffsobjectes und somit schließlich mit der nrbildlichen Idee Gottes. Wir erkennen die Dinge, wie sie sind. Nach dem Willen des Schöpfers haben wir nicht bloß die Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen, sondern auch den Trieb, sie zu suchen. Dieser Erkenntnißdrang äußert sich in der wissenschaftlichen Forschung. Jede Wahrheit also, die wir auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung gewinnen, bedeutet eine Uebereinstimmung unserer Vernunsterkenntniß mit dem göttlichen Erkennen. Insoweit also die Früchte unserer Bemühungen wirklich erkannte Wahrheiten sind, kann keine dieser Wahrheiten einer anderen widersprechen, ebensowenig als es in dem absoluten Urgrund alles Seins und aller Wahrheit einen Widerspruch geben kann. Die exakten Wissenschaften haben als hauptsächliches Erkenntnißprincip die sinnliche Wahrnehmung, und ihre Objecte sind die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung bezw. die Veränderungen an denselben. Innerhalb dieses ihres Forschungsgebietes nun können sie allerdings auf etwas Uebernatürliches nicht kommen und brauchen und sollen es auch gar nicht. Aber ebensowenig sagt dem Astronomen oder Physiker irgend eine seiner Berechnungen oder eines seiner Instrumente, daß sein Endergebniß auch das letzte und oberste Princip sei, daß eS über dem Natürlichen, das er erkannt, nichts Uebernatürliches gebe, und über dem Gesetze, das er entdeckt, kein Gesetzgeber stehe. Sobald er dieses behaupten will, verläßt er sein Gebiet, und fein Urtheil verliert den Anspruch auf jene besondere Werthschätzung, die man ihm dort schuldet, wo er als Fachmann auftritt. — Insofern also die Resultate der exakten Wissenschaften wirklich wahr sind, braucht dem gläubigen Christen nicht davor zu bangen; sie können seinen Glauben nur stützen, nicht untergraben. Wo aber solche wahre Ergebnisse mit der christlichen Offenbarung in Widerspruch zu stehen scheinen, da ist es eine heilige und schöne Pflicht des christlichen Gelehrten, solch scheinbare 26 Gegensätze zu versöhnen und viele, alle mit dem befreienden Geschenke (ok. Joh. 8, 32) neuer Wahrheit und Erkenntniß zu beglücken. Wenn die katholische Wissenschaft diese Ehrenpflicht getreu erfüllt, dann wird, wie es immer geschehen, die wissenschaftliche Thätigkeit auch in breiteren Volksschichten ihre Neflexerscheinungen hervorrufen, und der Allgemeinheit wird auch ohne schmerzlichen und langwierigen Prozeß das Glück zutheil werden, die Früchte der profanen Forschung zu genießen und ohne Widerspruch damit jene höhere Erkenntniß zu verbinden, die uns Demjenigen näher bringt, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Die nicht wissenschaftlichen Kreise sollen solchen Männern, die diesem idealen Versöhnungswerke ihre Kraft weihen, Vertrauen, Dankbarkeit und christliche Liebe entgegenbringen. Katholische Männer der Wissenschaft aber in möglichst großer Zahl sollen in friedlich ernster Thätigkeit und besonnenem Eifer auf dem Gebiete der Theologie, wie der Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaft arbeiten und bedenken, daß sie der guten Sache dann den besten Dienst erweisen, wenn sie ohne Tendenz in ruhigster Objektivität die Wahrheit suchen. Unbewiesenen Hypothesen gegenüber werden sie freilich vorsichtig sein müssen, und immer werden die Worte des weisen Sirach (37; 19, 20) gelten, mit denen wir vom „Spectator" Abschied nehmen wollen: Anima viri srmoti eurmtinb sliguniräo vers, Herum sextenr ciraunasxsetatores, seäontaZ in ax- aalso acl sxaLuIanclnin. M in lim oinnidns äaxrs- vnre iHtissirnnin, nb äirigab in veritata vinrn tnuva. Znm Jubiläum des „größten" Erziehers. Die „moderne" Pädagogik feierte vor Kurzem wieder einmal einen Ehren- und Jubeltag, das 150. Geburtsfest des Schweizers Joh. Heinr. Pestalozzi. In politischen Blättern und der pädagogischen Fachpresse, in Vortrügen und Broschüren, ja sogar durch theatralische Vorstellungen und Stiftungen wurde dieses Fest gefeiert. Grund also genug, um auf den Jubilar in Kürze zurückzukommen. Wir wären übrigens schon vor der Feier auf diesen Schulmann zu sprechen gekommen, glaubten aber warten zu sollen, bis der Festjubel etwas verrauscht sei. Es ist nämlich gar zu interessant und lehrreich, zu sehen, wie sich die Leute, denen die Gottesverehrung zu altmodisch vorkommt, nun an den Menschen klammern und diesen vergöttern, um wieder einmal für kurze Zeit in Vegisteruug zu machen. Der Ton der Festartikel, deren uns eine respektable Reihe unter die Augen kam, war in dem bekannten überschwänglichen Stile gehalten. Wenn jemand nicht gerade besonders bewandert wäre auf dem Gebiete der Erziehungsgeschichte, er Hütte aus diesen Jubiläums- betrachtungen schließen müssen: vor Pestalozzi war auf dem Felde der Erziehung und des Unterrichtes überall tiefe Nacht und Finsterniß; dieser steckte der Menschheit das Licht auf, und seitdem ist in dieser Beziehung alles auf's Herrlichste bestellt. Das ist denn doch nicht bloß übertrieben und höchst unhistorisch, sondern geradezu lächerlich. Vor einigen Jahren (1890), als man Diesterweg's 100. Geburtstag feierte, war dieser der Größte, der Vater der modernen Volksschule, der Schöpfer der neueren Pädagogik, obwohl — nach dem Urtheile kompetenter Leute! — dessen Erziehungssystem sinnlos in sich selbst, unsittlich für den einzelnen Menschen und darum heillos für das gesammte Menschengeschlecht ist; obwohl — oder vielleicht auch weil? — es dessen eifrigstes Bestreben war, das Christenthum aus den Schulen zu entfernen. Und wenn einmal der alte Dittes in Wien seine Streitaxt für immer begraben muß, so wird man, dessen sind wir sicher, diesen als den Helden des Jahrhunderts preisen. Ist das nicht sonderbar? Im höchsten Grade, aber es ist eben der Fluch derjenigen Weltanschauung, die sich auf dem Flugsands der öffentlichen Meinung aufbauen will. Wir sind nun durchaus nicht so einseitig und fanatisch, nur die Männer der eigenen Confession zu schützen, wie man im jenseitigen Lager vielleicht glauben machen möchte und dabei stets selbst diesem Fehler anheimfällt. O nein; auch wir wissen Pestalozzi in seiner ganzen Bedeutung zu schätzen; aber wir wollen die Sache nehmen, wie sie liegt, da uns die geschichtliche Wahrheit über alles geht. Alle und auch wir, die wir uns schon oft mit Pestalozzi beschäftigt haben, müssen denselben bewundern ob seiner Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, seines Fleißes und seiner Demuth; auch wir re- spektiren die Tiefe seines Geistes, die Reinheit seines Willens und die Stärke seiner Liebe. Und was speziell die Schule, resp. die Methode des Unterrichtes betrifft, so wissen auch wir es in vollem Maße zu schätzen, die Anschauung als das Grundprincip alles Unterrichtes bezeichnet zu haben. Aber, so müssen wir denn doch fragen, sind jene Tugenden so rar, so selten anzutreffen, daß man aus denselben nun bei Pestalozzi ein solches Wesen machen muß? Wir wollen nicht etwa reden von den tausend Missionären, die mindestens so viel gethan haben und noch thun, oder ähnlichen Glaubenshelden. Nein, so weit wollen wir gar nicht schweifen. Wir möchten auf dem engern Erziehungsgebiete bleiben und nur auf einen hinweisen, auf Don Bosco. Den kennt freilich die liberale Presse nicht, weil er eine Blüthe aus katholischem Garten ist. Wir wollen derselben verrathen, daß uns das Wirken dieses schlichten Italieners denn doch noch mehr imponirt, als das Pestalozzi's. Vielleicht ist dieser kurze Hinweis im Stande, daß unsere Gegner sich auch einmal diesen Helden mit vorurtheilsfreien Blicken anschauen. Don Bosco baute auf den unerschütterlichen Fels des christlichen Glaubens; daher seine staunen- erregenden Erziehungsresultate; daher die Thatsache, daß er sich nicht so oft enttäuscht sah, wie der gute Schweizer. Am Ende interessirt man sich „drüben" auch einmal für das Urtheil eines Mannes, der wohl kein eigentlicher Pädagoge war, dem aber niemand Uukenntniß oder Parteilichkeit zum Vorwürfe machen wird. Der Protestant und Schriftsteller Wolfgang Menzel sagt in seiner Selbstbiographie von Pestalozzi, den auch er besuchte: „Der edle Mensch wurde hier von einer falschen und übertriebenen Vorstellung, die er sich von einer Menschheitsreform durch Erziehung gemacht hatte, und durch den Egoismus seiner Schüler in offenbare Thorheit, Schmach und Unglück fortgerissen. Als er später bankerott wurde, hat er noch die Irrthümer seines Lebens eingesehen und offen bekannt, insbesondere aber den Irrthum, daß er in seinem Erziehungssysteme nicht genug auf die Religion geachtet habe. Diese seine letzte Beichte macht ihm die größte Ehre." („Denkwürdigkeiten", x. 167.) Uebrigens gibt man gegnerischerfeits ja zum Theil L7 selbst zu, baß Pestalozzi so Manches abging, was Man an einer bedeutenden Persönlichkeit nicht vermissen möchte. Es ist doch, um nur eines Zu erwähnen, nicht gerade eine Empfehlung, wenn jemand zuerst Theolog, dann Jurist, hierauf Nationalökonom und zuletzt Pädagog werden will. Von einem solchen Manne muß man doch sagen, daß es in seinem Kopfe nicht ganz klar aussehen dürfte. Kein Wunder denn auch, daß sich bei ihm Enttäuschung an Enttäuschung reihte. Was das eigentliche Unter nichts gebiet anbelangt, so hat Pestalozzi, wie schon gesagt, die Anschauung mit Recht als das Fundament eines vernünftigen Unterrichtes betont. Aber werden das nicht vor ihm viele andere still in xraxi geübt haben? Und ist man seitdem nicht ins andere Extrem verfallen, dem auch schon sein Meister nicht zu entgehen vermochte: hatte jene didaktische Proklamation nicht so viele Uebertreibungen zur Folge, vor denen die pädagogische Presse heute wieder warnen Zu müssen glaubt? Um es zum Schluß kurz zusammenzufassen: Pestalozzi verdient mit Recht die Achtung jedes Mannes; an seinem Beispiele werden sich viele erwärmen können, die es mit Kindern zu thun haben. Aber es gibt so viele andere Persönlichkeiten, die nach der wirklich idealen Seite dem edlen Schweizer ähnlich, ja völlig gleich sind, ohne jedoch mit seinen vielen Fehlern behaftet zu sein. Ein Künstler ans dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. Unter den bayerischen Gebieten war der Chiemgan von den Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges verschont geblieben, denn die Wogen des Kampfes waren nur bis an den Jnn gebrandet. Aber die vielen zur Führung der großen Sache nothwendigen Contribuiionen und mehr noch die im Gefolge des Krieges auftretende Pestilenz hatten auch diesem Landstrich seinen Antheil an dem Jammer der Zeit zugemessen. Nach rühm- und ehrenvoll ausgefochtenem Streite richtete der Große Kurfürst sein Land zur alten Kraft empor, und im Glücke des Friedens schloß er das väterliche Auge. In diese Zeit führt uns die Betrachtung eines Künstlerlebens, das, im Chiemgau begonnen, mit der Heimath durch die Bande des BlnteS und werkthäiiger Liebe verbunden blieb und hier den Segen dankbarer Erinnerung genießt. Die Schulkinder des Filialdorfes Kammer der Pfarrei Otting kennen alle den Künstler, denn sein Bild als das des Stifters der Schule ziert das Klassenzimmer. Balthasar Permoser* *) lebt im Gedächtnisse der Gaugenossen als ein Meister in mehreren Künsten und Fertigkeiten. Ihnen ist er nicht bloß der große Bildhauer, der er war, sondern auch Maler, und sein Oelbild in Kammer wird hier seiner Hand zugeschrieben. Die Lnndleute halten ihn für den Fertiger einer sinnreich einfach hergestellten Uhr in einem Bauernhause von Fritzenweng. Einzelne kleine Elfenbeinschnitzereien im Privatbesitz, die als Pcrmoser gelten, deuten auf die steten Beziehungen, die den Künstler mit Elternhaus und Heimathgau verbunden hielten. Weniger aber als Bild und Name sind die Umstünde seines ') Vergl. den Aussah über P. vcn Gallcricinspcktor Gast. Müller im Dresdener Anzeiger 1885, Nr. 145, in erweiterter ^onn abgedruckt. in „Vergessene und bcilbverqesseue Dresdener Künstler des vorigen Jahrhunderts" von Gustav Otto Müller, Inspektor der Kgl. Gemäldcgallcrie. Dresden, Wilhelm Hofs- mann. 1895. Lebens und Wirkens in feiner Heimath bekannt. Seinen Landsleuten im Chiemgan sei also dieser Lebensabriß vor allen gewidmet. Im August des Jahres 1651 wurde „in dem Churbayerischen Dorf Kammer, Gerichts Trauenstein, dem Ehrbaren Christian Permoßer, Nenmayerbauern all- dort, und Anna, dessen cheweib", ein Knabe geboren, der am 13. des genannten Monats,") wahrscheinlich noch an seinem Geburtstage, „von dem Wohlehrwürdigen Herrn Johann Voller, damaligen Cooperatorn zu Otting und Cammer Christ-cathol. Gebrauch nach getauffet und von dem Ehrsamen Balthasar Mur, Bauersmann zu Alterfing aus dem hl. Tauff gehoben wurde." ^) Balthasar Murr, dessen Nachkommen noch heute in Alterfing wohnen, hat wohl nicht geträumt, daß dieses Pathenkind einst als „Bill Ehrngeachter und Kunstreicher Herr" in die Paläste reicher, mächtiger Fürsten berufen werden sollte. Aber das Bauernbüblein offenbarte schon frühzeitig sein Talent. Von Giotto. dem Vater der italienischen Malerei, wird die anmuihige Geschichte erzählt, daß er als Hirtenknabe den Künstler in sich gefunden und das Glück gehabt habe, von Meister Cimabus in dem Augenblick überrascht zu werden, da er eben seine Schäflein und die Landschaft mit Kohle auf einen Stein oder, nach einer anderen Fassung, in Sand gezeichnet hatte. Aehnliches berichtet die Tradition von zwei bayerischen Künstlern: von Balthasar Permoser und von dem etwas später lebenden Haidhauser Simon Träger. Während Balthasar angesichts der blauen Berge und des silbernen Sees auf der herbstlichen Weide die Kühe des Vaters hütete, vertrieb er sich die Zeit damit, daß er „auf seine Hirtenstäbe oder in anderes schlechtes Holz Köpfe, Thiere und sonstige Figuren schnitzte". Dieses Talent zur Plastik war so augenscheinlich, daß sein Vater ihm bei dem Dorfgenossen und Handwerksmaler Gnckcnbieler**) (Guggen- bichler) das Zeichnen lernen ließ und ihn dann um das Jahr 1663 in die nüchstgelegcne Kunststadt, nach Salzburg, zn Bildhauer Weißenkirchner°) (oder Weißkirchner) in die Lehre gab. Lesen und Schreiben hatte der Jüngling, wenigstens nach dem Zeugnisse des Malers Franz Christoph Jcmncck in Wien/) nicht gelernt. Bei Weißen- kirchner, der auf dem Erics in Salzburg wohnte, verbrachte Permoser seine Lehr- und wahrscheinlich einen Theil der Gesellenzeit. Von seiner Geschicklichkeit zeugten unter anderen zwei Heiligenstatnen in der Frcmzis- 2) »13. .-tuAiist 1651 baptmavlt lloaunss Lol i Laltlnw- sarum ül. IsA. (llrristiani Xuinavr st Lnnas uxoris. 8ns- osptor knit. Lalttzassar ölnr äs ^.ItorüuZ.- Aus dcn Matrikeln mitgetheilt vom gcgcnw. Koopcrator in Otting n. Kammer Hrn. Gottsr. Zicgler. Hiernach sind die irrthümlicben Angaben bei Müller 1. o, und in der Grabinschrift zu berichtigen. Vergl. die Inschrift an der Apollostatne im Albcrtinnm. °) Tanfzcugniß des Pfarrers Johann Georg Nnggenthalcr von Otting vom 4. April 1769, in der „Neuen Bibtiotbek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste" IX. Bd. S. 218. Dyck, Leipzig 1769. *) „Magazin der Sächsischen Geschichte" I. Theil, DreSden 1784. S. 149. Nach gütiger Mittheilung des H*«. Direktors Dr. Pctter in Salzburg war dies Wolsgang Weißenkirchner, der käwn 187? zugleich mit seinem Vater, dem Maler und Weinzaslgeber auf der Gstötten Wilhelm Weitzenkircbncr (und seinem jüngeren Bruder Vincciiz), das Bürgerrecht erhalten hatte. Woli's Wohnhaus auf dem Erics trägt jetzt die Nr. 31. Sein Solm Bildhauer Mathias Wilhelm Wcitzenkirchner hcirathete 1707 und starb 1727. Drüse von und an Christian Ludwig von Hagedorn, herausgegeben von Torkel Baden, Leipzig, Weidmann 1797. S. 210/11. 28 kanerkirche und eine Anzahl Statuen und Bildwerke für das Schloß Mirabcll. Leider war diesen, wie manch anderem seiner Werke, keine lange Dauer beschicken: sie gingen durch den großen Brand zu Grunde, der 1818 Mirabell zerstörte. Es kamen die Wanderjahre. Permoser ging zunächst nach Wien zu Meister Knacker (Knnker); in welchem Jahre ist ungewiß, vielleicht 1670. Nur kurze Zeit scheint Permosers Aufenthalt in der Kaiserstadt gewährt zu haben; dann folgte der junge Mann der Sehnsucht des Künsilerherzens, das klassische Land der Schönheit und der Kunst zu schauen. Er genoß die Pracht der reichen, noch meerbe- herrschenden Laguneustadt und erfaßte die doppelte Herrlichkeit der ewigen, einzigen Noma. Dauernd aber fesselte ihn das schöne Florenz, wo der vorletzte Medici, Cosimo III., Großherzog von Toskana, bald sein Gönner wurde. Hier, in der Heimath der Renaissancekunst, fand der Künstler gewiß entscheidende Anregungen für fein künftiges Schaffen. Er athmete die reine und liebliche Luft, der der alte Vasari zuschrieb, daß sie ungewöhnlich zarte und sinnige Geister erzeuge. 14 Jahre — nach allgemeiner Annahme (1671—1665?) — weilte und wirkte Balthasar auf italischem Boden. Hochgeschätzt am Hofe des stolzen Mediceers schuf er für diesen viele Arbeiten in Elfenbein und vor allem kleine Basreliefs. Für das Hauptportal der Theatinerklosterkirche meißelte er „zwei sehr schöne Statuen", allegorische Figuren, und für eine Nische der Fa^ade die Statue des hl. Kajetan. Wieviele und welche Bildwerke er in dieser langen Zeit sonst geschaffen, darüber fehlen die erwünschten Nachrichten. Sicher ist: sein Ruf drang über die Alpen nach Deutschland. Friedrich I. von Preußen, ehr- und prachtlicbend, legte einen besonderen Stolz darein, Freund und Förderer der Künste und Wissenschaften zu heißen. Der Stifter der Universität Halle war auch der Gründer der Berliner Akademie der Künste. Er berief Andreas Schlnter als Hosoildhaner nach Berlin. Um die Wende des Jahrhunderts folgte auch Balthasar Permoser?) dem Rufe dieses Fürsten. Hagedorn^) allerdings und nach ihm Gustav Müller 2) behaupten, Permoser habe die Berliner Aufträge von Dresden aus ausgeführt, wohin er schon unter Johann Georg III. (1680—1691) gekommen sei. Durch das sichere Datum einiger Dresdener Werke (1685 Saturn, 1700 und 1704 Lichtenburger Grabmal, 1707 großes Pferd) gewinnt diese Annahme hohe Wahrscheinlichkeit, wenigstens ist erwiesen, daß Permoser nicht erst seit 1710 für den Dresdener Hof gearbeitet hat. — In den Garten des von Schlüter eben fertig gestellten Schlosses Charlottenburg und in den fürstlich reußischen Garten lieferte Balthasar eine Reihe von Werken, die später zu Grunde gingen oder wenigstens verschollen sind: >o für Charlottenburg einen bogenschnitzenden Amor und das Kind Herkules als Schlangenwürger, beide aus Marmor; für den reußischen Garten eine Gruppe: Adam und Eva. In der 1730 infolge Blitzschlags abgebrannten ) „Er kani unter Friedrich I. nach Berlin." Nachrichten von Künstlern und Kunst-Sachen. Leipzia, Johann Paul Krauß 1769. Erster Tbeil. S. 68. 8) l-sttrs ü uu Lmatenr äs ta ksiutnrs avso äss bioiair- cissemsnts Listorignos ste. Drssäs, E. 0. IValtiier 1755. x. 334. Die gleiche Behauptung im Magazin der Sächsischen Geschichte. I. Theil. S. 148. .") G. Müller, Vergessene Künstler u. s. w. S. 9. Peterskirche zu Berlin standen zwei Werke Permosers, die durch das Feuer zerstört wurden: die marmorne Kanzel") und das allegorische Epitaphium des Medailleurs und Münzstempelschneiders Raimund Faltz (1658—1703). Dieses allgemein als hervorragend schön geschilderte Grabmal (Kupferstich von Sam. Blesendorf) hat Friedrich Nicolai gemeint, wenn er in einem Briefe an Christian Ludwig von Hagedorn") fälschlich von einem Epitaph des Malers Elzheimer in der Petrikirche spricht, einem „großen Werk", das die vier Haupttugenden in Alabaster vorgestellt habe. Es stellte nicht die vier Kardinaltngenden dar, sondern die drei göttlichen und die Geduld: die allegorischen Gestalten des Glaubens mit dem Kreuze, der Liebe mit einem Kinde auf dem Arm, der Hoffnung mit gefalteten Händen, auf einem Anker sitzend, und der Geduld mit einem Lämmchen im Schoße, das 1758, als Nicolai das Denkmal sah, allein noch übrig war. Seine zweite Heimath und schließlich die Stätte seiner Ruhe fand Balthasar Permoser in Dresden, wohin ihn der kurfürstliche Hof von Sachsen berief.") Permoser kam nach Dresden gerade zu Beginn der Jahrzehnte, die in der politischen Geschichte des Landes, noch mehr aber in der Geschichte der deutschen Kunst als die Glanzzeit des „deutschen Florenz" bekannt sind. Kurfürst Friedrich August I., der Starke, (1691—1733) wurde 1697 als August II. König von Polen. Der ebenso schöne, als kräftige und geniale Fürst hatte als Prinz die Heiterkeit des südlichen Lebens und die elegante Festespracht des französischen Hofes lieben gelernt. Auch für ihn wurde Ludwig der XIV. in seiner imponirenden Erscheinung und im überwältigenden Glänze seines Königthums das hohe Ideal des Lebens. Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Gartenkunst, Oper und Schauspiel sollten zusammenwirken, eine der neue» Krone würdige KönigSstadt zu schaffen. So wurde Dresden der Sitz eines der prunk- und geschmackvollsten Höfe, eine Stätte mannigfaltiger und glänzender Kunstübung im Barock- und Nokokostil. Das ganze Leben war ein heiteres Götterfest, das der König gab, als Leiter, Dichter und Darsteller. Bis auf die Kostüme entwarf er die Programme seiner Feste, die den Inhalt so vieler Kunstwerke, den Charakter der Bauten und der Plastik erklären. Der majestätische, von August theilwetse selbstständig mit entworfene Bau des Zwingers, „festfreudig, von höchster Eleganz, königlich", ist ein Sinnbild des Herrschers, eine Verkörperung seines Hofes. Die Schätze des Grünen Gewölbes nennen seinen Namen, in seinem Dienste stand ein Pöppelmann als Baumeister, ein Louis Silvestre als Maler, ein Dinglinger als Juwelier, ein Mercier als Teppichweber, und als „Khönigl. Pohl. und Chur- sächsischer Hoff-Bildthauer" Balthasar Permoser. Das erste Dresdener Werk unseres Meisters ist Nachr. v. Künstlern u. Knnst-Sachcn 1768. I. Tbeil. S. 44. Neue Nachrichten von Künstlern nnd Kunst-Sachen, Dresven n. Leipzig bey I. G. I. Brcitkopi 1766. S. 5. Briefe von u. an C. L. Hagedorn, S. 253. Müller, l. e. S. 9 u. 10. Zu dieser Berufung erzählt daö Magazin der Sächsischen Geschichte, I. Theil 1764, S. 150, folgende Anekdote: „Der Herz. v. Florenz rüste ibn mit einem Gehalt von 1000 Thlr. an seinen Hof; aber AuaustuS' Gnade war ihm lieber, die er durch folgenden Sieg befestigt hatte. Es kamen zwei Franzosen und erboten sich mit ihm zu einem Wettstreite. Der König befahl Probefiguren zu machen; es geschah mit einer jungen Weibl. nnd der Sieg schwankte ungewiß: Balthasar verlangte eine alte ' Frau, und nun mußten sie ihn für ihren Sieger erkennen." Nach den bisherigen Feststellungen der „fliegende Saturn". Zum Andenken an den großen Brand in Altdresden 1685 ließ der Erbauer eines Hauses am Eingang der Augustusbrücke von Permoser aus ausgekragten Quadern an der scharfen Ecke einen geflügelten Saturn meißeln, von schönen, dem Raum angepaßten Verhältnissen, in doppelter Mannesgröße weit aus der Hausfront hervorragend und vom ersten Obergeschoß bis zum Dachrand reichend. Der Gott der Zeit hielt in der Rechten die Sanduhr hoch über sein bärtiges, langlockiges, oben aber kahles Haupt, und in der Linken, wett weg- gestreckt, die Sense, deren Schneide über seinem eigenen Nacken stand. Um die Lenden und Schenkel der sonst nackten Figur schlang sich fliegendes Gewand. Das Bild wurde 1788, 1830/31 und 1870 restaurirt. Es war ein vielbesprochenes Dresdener Wahrzeichen und wurde vom Volk der Tod genannt und mit allerlei Sagen umwoben. An dem Saturnhause soll das Feuer, das damals in wenigen Stunden fast ganz Altdresden (die jetzige Neustadt) zerstörte, still gestanden und deßhalb das Bild angebracht worden sein. Das Haus wurde nach dem Bilde „die Zeit" genannt und wich im Jahre 1874 dem Hotel Kaiserhof. Der Saturn verschwand unter einem verschlagenen Bogen der Elbbrücke, wo die Bruchstücke noch achtlos umherliegen;*^) Kopf und Sense sollen in Privatbesitz gekommen sein. Bei seinem Herrn stand der Künstler in hoher Gunst. Der König-Churfürst ließ ihm im alten Reit- haüse am Zwinger eine Werkstätte anweisen und ertheilte ihm manch ehrenvollen Auftrag. So sandte er ihn 1717 mit seinem Schüler und Gehilfen Paul Egell nach Salzburg, um Marmor zur Ausschmückung einiger Zimmer im Schlosse auszusuchen. Graf Flemming versah ihn zu dieser Reise mit einem Empfehlungsbrief an Fürstbischof Franz Anton von Harrach. Ein Jahr später hatte er für die Königliche Loge und für das Proscenium des neuen Opernhauses (1849 von den Insurgenten verbrannt) 6 Statuen und 2 Hermen zu fertigen, wozu er sich zwei Tannen aus dem Tharandter Walde auswählte.^) Bereits in das Jahr 1707 fällt die „von Sr. KLiügl. Majestät in Pohlen und Churfürst!. Durchlaucht zu Sachsen nilergnädigst verordnete Arbeit eines großen Pferdes, wozu er sich im Moritzburger Walde eine starke Eiche, zwei mittelmäßige Buchen und eine Linde aussuchte.'") Für Paläste und Gürten fertigte der Künstler eine große Zahl von Statuen. So arbeitete er 1715 und 1716 aus sächsischem Marmor die Figuren der Venus, des Apollo und der Minerva für die Nischen des Grottensaals im Zwingerpavillon (jetzt mineralogisches Museum). Apollo und Minerva standen bis vor kurzem an ihrer alten Stelle (durch Draperien verdeckt), sind aber jetzt auf der Treppe zum Lichthof des AlbertinumS. Venus ist von ihrem mit vier Delphinen geschmückten Postament*") verschwunden. Die Apollostatue trägt die *°) Briefl. Mittbeilung des Herrn Moritz Lauster. — Abbildung des Hauses und des Saturn in der „Festschrift des Hauses Canzlcr" (Hotel Kaiserhos), Dresden 1895. „Die vier Sklaven im großen Opcrnbanse, welche die Königlichen Logen irngen, waren, obwohl nur von Hol?, allgemein ^meisterhaft gemacht. Solche sind bei der von Bibiena — 1755 — vorgenommenen Veränderung dieses Opernhauses weggenommen — und verloren — worden." Nachrichten von Künstlern lind Kunst-Sachen 1763. S. 69 n. 70. M.mazin der Sächsischen Geschichte. Erster Theil 1784. S. 148. ' ") G. Müller, i. o. S. 14, 10. *°) Bergl. übrigens Müller I. o. S. 11. Inschrift: Istst. FvF. Kövi§ in kolk. unä Osturk. 2 u Luvst, stach auo äsn stissiZsu stanäwarinor vsrlsrtiASii lasssu äursst Laltstasar ksrwossv von 8a!?pur§. dats Zsmaestt ostns hlustsr in ssinsn 64igschon äastr 1715. Unter dem Minervabilde steht: L. ?. stats §s- masstt In ssiirsn 65i§8ch6n äastr 1716. Ein anderes Werk Permosers krönt den Mittelpavillou des Zwingers: der die Himmelskugel tragende Hercules. Gesicht und Körpermuskeln zeigen die Schwere der Last, die durch Unterschieben der Keule zwischen Kugel und Schulter weniger drückend empfunden werden soll. Auf der Unterlagplatte dieses Hercules steht des Meisters Monogramm: L. ?.") Gustav Müller hält auch die Nischenfiguren des Zwingerthorthurms: Ceres, Pomona, Bacchus und Vulcan für Permoser'sche Arbeiten, weil sie mit den Elfenbeinfigürchen des Künstlers im Braunschweiger Museum große Ähnlichkeit zeigen,*") ferner den Tambourinschläger im Garten einer Villa der Emser Allee in Blasewitz.") Auf Entwürfe von Permoser führt G. Müller vier Satyrnkaryatiden an den vier Rundgalerien des Zwingers zurück, die im 7jährigen Kriege von preußischen Schildwachen muthwillig zerstört wurden?") (Fortsetzung folgt.) Die Gründer des Hauses Bourbon-France. Von Charles Satnt Paul. (Fortsetzung.) II. Ludwig I. der Große. Dieser Fürst erhielt seinen Beinamen „der Große* theils mit Rücksicht auf die bedeutenden Leistungen, durch welche er sich im Staatsleben, von den Königen mit den wichtigsten und schwierigsten Missionen betraut, auszeichnete. wie auch in Folge der ihm verliehenen hohen Würden und der Vermehrung seines Besitzes, welche der Ausdruck des königlichen Dankes waren und das Hans Bourbon zu der bedeutendsten Stellung im französischen Reiche erhoben. Ehe wir auf letztere näher eingehen, wollen wir kurz die seiner Erhebung vorhergehenden biographischen Daten von Wichtigkeit in Betracht ziehen?*) Nachdem er im Alter von 17 Jahren (1297) vom König Philipp dem Schönen zu Cowpisgne in Gegenwart der Groß- vasallen und des Hofes vor Beginn des Feldzuges gegen Guy de Dampierre, den Grafen von Flandern und von Namur, zum Ritter geschlagen worden war, zeichnete er sich in der diesem Gegner gelieferten Schlacht von Furnes aus und trat auch in der später folgenden, für die Franzosen so unglücklichen Schlacht von Courtray (am 11. Juli 1302) durch seine große Geistesgegenwart und Festigkeit hervor, mit welcher er, den Nachtrab befehligend, die Neste der Urmee sammelte und für einen geordneten Rückzug sorgte. In dem zwei Jahre später gegen Flandern gelieferten Treffen von Mous-en-Puelle (13. August 1304) bewahrte er den König vor der Gefangenschaft. Die '*) Aus d. Thorpavillon gegenüber stand bis zum Brand von 1849 ein Atlas mit kupstrner Himinelökugel. Diesen stellte man beim Wiederaufbau nicht wieder her, sondern meißelte einen zweiten Herkules, nachdem man den Permoser'schcn znm Muster in GyvS abgeformt hatte. Dieser Ehpsabgnß steht jetzt im Albertimun. Müller I. e. S. 11. iciüm S. 44. ,> iclow S. 88. ! 2 )) Die Biographie dieses Fürsten in -Lllior, ^neien i Lonrbannai8 I, 437-473- ist zu berichtigen durch fta Zlurs, > Tom. II. (die Notizen des Grasen von Eoultrait) xa§. 16—32. 30 Flamläuder waren damals ins französische Lager eingedrungen und bereits beim Königszelte, so daß Philipp in ihre Gewalt gerathen wäre, znmal die Mehrzahl seiner Ritter bereits geflohen war, wenn nicht plötzlich Ludwig mit seinen Truppen herbeigeeilt wäre. Im Jahre 1309, nicht wie Du Cange und andere Historiker behaupten, im Jahre 1312, wurde der Fürst an Stelle des verstorbenen Grafen Johann von Dreux mit der Wurde des „Ostaradrier clo Trance" bekleidet, einer der vier höchsten Würden der Krone, deren Inhaber das Recht hatten, den Erlaß des Königs zu unterschreiben und dem Gerichte der Pairs beizuwohnen. Nachdem im Jahre 1308 zu Boulogne die Hochzeit der Tochter Philipps des Schönen, Jsabella, mit dem Könige von England, Eduard II., stattgefunden hatte, wurde er mit seinem Bruder Johann und dem Grafen von Valois beauftragt, die junge Königin nach England zu führen und deren Krönung in Westminster beizuwohnen. Der Friedens- und Bündnißvertrag, welcher im Jahre 1310 zwischen dem Kaiser Heinrich VII. und dem Könige Philipp dem Schönen abgeschlossen wurde und den er mit seinem Vater und dem Könige von Navarra unterzeichnete, soll insbesondere infolge seiner Bemühungen veranlaßt worden sein. Der Fürst erbte im selben Jahre das Bourbonnais und nahm im folgenden Maria von Hainaut zur Gattin. Dieselbe war die Tochter Johanns II., Grafen von Hainaut, Holland und Zeland. Ludwig hatte kurz vorher einen Streit zwischen ihrem Bruder Wilhelm und Robert von Böthune, Grafen von Flandern, der die Suzerünetät über die Grafschaft Zeland, die Wilhelm von Guy de Niche- bourg erworben hatte, reklamirte, beigelegt, indem er den Grafen von Hainaut veranlaßte, Robert, der sein (Ludwigs) Verwandter war, zu huldigen. Auf dem Concil von Vienne, während dessen er auch der Sitzung beiwohnte, in welcher Clemens V. die Auflösung des Templerordens verfügte, wurde er mit der Leitung des beschlossenen Krenzzuges betraut und begab sich sodann im Jahre 1314 mit seinem Bruder Johann nach Lyon, dem Versammlungsort der Kreuzfahrer; wegen der geringen Theilnahme konnte er aber den von ihm so begeistert gefaßten Entschluß nicht ausführen. Erst in diesem Jahre kam er wieder in das Bourbonnais, nahm Besitz von seinen väterlichen und mütterlichen Gütern und leistete in Souvigny dem Prior Etienne II. den usuellen Eid, die Rechte des Klosters und der Stadt Souvigny zu wahren. Der diesbezügliche Akt ist am 17. August des Jahres 1314 gezeichnet und im „'ksiasnnrus 8zst- vinjaosnsis" vorhanden gewesen.^) BemcrkenSwerth ist noch, baß unter Ludwig der Grund zu ferneren Streitigkeiten hinsichtlich des Münzrechtcs zwischen den Fürsten von Bourbon und den Mönchen von Souvigny, welch letztere alte Ansprüche aus dasselbe in dem Bourbonnais besaßen, gehoben wurde. Es wurden nämlich unter Philippe- le-Long energische Versuche gemacht, das Mnnzrecht einer großen Zahl von Baronen, Bischöfen und Klöstern zu beseitigen. Dasselbe war vielfach derart zu Fälschungen mißbraucht worden, daß die Münzen nur mehr Nominalwerth hatten und es schwierig war, sie in Circulation zu halten. Um diese Zustände zu bessern, machte man den Herren, die man ibres Rechtes nicht ganz berauben wollte noch konnte, den Vorschlag, ihnen eine Entschädigung für dasselbe zu bieten. Ludwig war der erste, welcher demselben folgte. Er trat dem Könige das Münzrecbt in ver Grafschaft Clermont und im Bourbonnais für 15,000 LivreS ab. Es scheint, daß er mit den Mönchen von Souvigny, denen er in diesem Rechte nur associirt war, zuvor unterhandelte, da doch deren Ansprüche nicht ignorirt werden konnten; jedoch kann man Urkunden, die hierüber Auskunft geben könnten, nicht finden. Nachdem er im Jahre 1315 den Aufstand des Adels, der seine alten Privilegien wieder erlangen wollte, gemeinsam mit dem Grafen von Valois im Auftrage des Königs durch das Zugeständniß der Prärogative, die der Adel zur Zeit der Regierung des heiligen Ludwig hatte, unterdrückt, kam er nach dem 1316 erfolgten Tode des Königs Louis-le-Hutin energisch dem Regenten Phtlippe- le-Long, dessen Bruder, gegen die Opposition, an deren Spitze der Herzog von Burgund, der Onkel der jungen Prinzessin Johanna, der Graf von Valois, der Onkel des Regenten, und der Graf von La Marche, sein Bruder, standen, zu Hilfe und war einer von denen, die besonders in der Versammlung vom 2. Januar 1317 dem Princip des saltschen Gesetzes den Sieg verschafften. Er hat offenbar wiederholt feilten Wunsch, das Kreuzzugsprojekt zu verwirklichen, geäußert und den König dadurch veranlaßt, ihn zur Leitung eines solchen ans- zuersehen. Es geschah dies am 13. September 1318, wie es in der in Longchamps gegebenen Ernennungsurkunde heißt,^) „nicht nur in Anbetracht seines hohen Adels, sondern mit Hinsicht auf seine Macht, seinen Werth, seine Klugheit und Weisheit." Daß er auch dieses zweitem«! an der Ausführung seines Vorhabens durch die Theilnahmslosigkeit des Adels und durch persönliche Verhältnisse gehindert wurde, hat ihn schmerzlich berührt. Letztere bestanden darin, daß er mit dem Grafen von Auvergne und mehreren anderen Herren seiner Verwandten Mahaut, der Gräfin von Artois und Tochter Roberts II., der in der Schlacht von Courtray gefallen war, zu Hilfe eilen mußte, da derselben ihr Neffe, gleichfalls Robert genannt, den Besitz der Graf- schaft Artois streitig machte. Die Gräfin wurde wieder in ihre Rechte eingesetzt, zur selben Zeit, als ein Erlaß der Patrskammer die Ansprüche des Neffen zurückwies. Ludwtg konnte seine Sehnsucht nach dem heiligen Lande und nach einer Herrschaft in demselben jedoch nicht unterdrücken und dachte immer wieder an sein Vorhaben, obwohl er auch in all' den langwierigen Kämpfen mit Flandern, die sich bis zum Friedensschlüsse von Paris am 5. Mai 1320 hinzogen, thätig war. Die Idee nahm ihn so gefangen, daß er schließlich, da er nicht selbst fortziehen konnte, von Eudcs von Burgund den Titel eines Königs von Theffalonien sich erwarb. Dieser hatte Ansprüche auf Morea durch das Testament seines Bruders Ludwig erhalten. Er fand aber, daß die Eroberung des Landes, auf welches überdies noch die Wittwe seines Bruders, Mahaut von Hainaut, ihre Rechte geltend zu machen suchte, zu schwierig war, und zog es deßhalb vor, das Fürstenthum und das Königreich Theffalonien an Ludwig von Clermont und seine Erben um 40,000 Livres (etwa 700,000 Franken) durch einen Vertrag vom 14. April 1320 abzutreten.^) Jedoch ereiferten ihn die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellten, immer mehr. Später, im Jahre 1332, schwur er auf eine Reliquie des heiligen Kreuzes, nicht mehr in Paris einzuziehen, bis er seinen Plan verwirklicht hätte; mußte sich aber, da er einsah, daß ihm sein Antheil an den Staatsgeschäften es unmöglich machte, den Eid zu halten, von Johann XXII. von demselben entbinden lassen. Um eine Stütze für die Durchsetzung seiner Pläne im Oriente zu haben, verband er 22) litres äs In Lkuii-on vncale äs Bourbon pur UuiUurä- LrSbolles^I. 259). ") Liehe auch: Oueunge, IliLtotrs äs Oonstuntiuopls eous lss Braueuis, liv. 8. zwei seiner Töchter mit Fürsten daselbst, nämlich Beatrix mit Philipp von Tarent und Rumänien, und Marie mit dem Thronfolger des Königreiches Cypern. Als nun am 1. Oktober 1333 Philipp von Valois mit den Königen von Böhmen, Navarra und Aragon das Kreuz nahm, war natürlich Ludwig der erste, der sich anschloß. Jedoch wurde erst drei Jahre später, während eines Aufenthaltes Philipps am Hofe Benedikts XII. in Avignon, ernstlich an die Ausführung des Beschlusses gedacht. Es kam damals auch der König von Serbien an den Hof des Papstes und bat um Hilfe gegen die vordringenden Türken. Der Papst predigte selbst am Charfreitag den Kreuzzug, und sein Wort zündete derart, daß man überall Anstalten zu demselben machte, dessen Führung der König selbst übernehmen wollte. Bekanntlich nöthigte aber das Auftreten Eduards III. von England Philipp vor allem zur Vertheidigung gegen diesen Gegner, und so konnte der Wunsch unseres Fürsten, der übrigens seinen Einfluß für die Versöhnung geltend machte, aber auch auf dem Congresse von Arras im Jahre 1341 nur die Verlängerung des Waffenstillstandes um 2 Jahre erlangen konnte, abermals nicht befriedigt werden. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. * Die Jllustrirte Zeit. So betitelt sich eine neue Zeitschrift im Verlag von L. Weber in Düsseldorf. Preis 2 Mark per Vierteljahr. Sie erscheint alle 14 Tage, ist vornehm ausgestattet und gibt sich als „Rundschau für die christliche Welt". Sie will die brennenden Fragen der Gegenwart in den Kreis der Erörterung zieben, und zwar politische, sociale, gewerbliche, wissenschaftliche und technische Fragen, und daneben auch das Untcrhaltungsbedürfniß Pflegen. Es bandelt sich also um ein Mittelding zwischen einer politischen Zeitung und den illustrirtcn Nntcrbaltnngs-Zeitschriften. Die Idee ist nicht übel, aber fraglich ist uns, ob bei der Fülle von katholischen Zeitungen und katholischen Unterhaltnngsschriften, die gegenüber der liberalen literarischen Prodnction ohnehin zum Theil einen schweren Existenzkampf führen, eine weitere Vermehrung der Concurrenz im katholischen Lager besonders Vortheilhaft ist für die Sache selbst. Nun darüber wird der Erfolg des neuen Unternehmens selbst am besten richten. Die vorliegende erste Nummer enthält n. 2l. folgende Aufsähe: „Lernen unsere Kinder zu viel oder zu wenig?" „Die Jubilare deS Eentrnms" (mit vortrefflichen Porträts), „Eine wiedererstandene Cultur- stätte" (die Prämonstratenser-Abtei Krechtstcden), „Der biblische Joseph und die Denkmäler des Pharaonenlandes", eine „Politische Rundschau", eine große Zahl von Notizen aus verschiedenen Gebieten und den Ansang eines Romanes „Heimathlos" von Hekt. Malot, u. s. w. NepetitionSbüchlein zur Wiederholung des Nothwendigsten aus dem Katechismus rc. EinBeitrag znrKatechismusfrage. (Drei Bändchen zusammengebunden 60 Ps. Köscl, Kempten.) * Hierüber schreibt uns ein langjähriger erfahrener Katechet aus dem -Oberland: Das Rcpetitionsbücblein hat mir mit seinem I. Bändchen gar frolie Hoffnungen auf einen guten, bedeutenden Fortschritt in der Lösung der brennend gewordenen KatechismnSfrage erweckt — mit seinem dritten, vor uns liegenden Bändchen hat es diese frohen Hoffnungen vollauf bestätigt. Das Büchlein ist mehr geworden, als was sein Name besagt: es dürfte kühnlich als die Grundlage eines Schul- und Volks- KatcchiSmnS bezeichnet werden, wie man ihn braucht und wie man ihn seit Jahrzehnten sucht. Ich will nicht sagen, daß das Ziel schon erreicht worden, aber das Bücklein ist demselben nahe gekommen. Dasselbe folgt im Allgemeinen und in den einzelnen Abschnitten dem Gang des Deharbe'schen Katechismus. Das Repetitionsbüchlein dürfte in seinem Großdrücke so ziemlich alles das enthalten, was die Kinder zu wissen nothwendig haben und dies in einer Sprache, wie der Schulmann sie spricht, einfach, unmittelbar, concret, Abstraktionen, wo nur immer möglich, vermeidend. Auf diese Weise würde von vorneherein die harte unnöthig Zeit raubende, nur zu oft erfolglos bleibende Arbeit der Worterklärung, großentheils Hinwegfallen. Daß ein solches Neli- gionsbüchlein auch ohne Katecheten in Nothfällen zum Selbstunterricht Dienste leisten kann, ist ein für unsere Verhältnisse nicht zu unterschätzender Vortheil. Durch Wegfall vieler Worterklärnngen fände der Katechet die Zeit zu so manch' anderer praktisch religiöser Unterweisung der Jugend, und im Besondern die nöthige Zeit, um den Einfluß der göttlichen Wahrheit auf Verstand, Gemüth, Wille und Leben des Kindes im Unterricht zu fördern. Anleitung und Anregung dazu gibt ihm der Kleindruck im Repetitionsbüchlein. Derselbe könnte, weil nicht zum Auswendiglernen bestimmt, aber die Vorbereitung des Katecheten ganz bedeutend erleichternd, ohne Schaden, ja mit Nutzen durch weitere kurze Andeutungen, namentlich Hinweise auf die biblische Geschichte, noch vermehrt werden. Wir rufen jedem Katecheten, doppelt dem Anfänger das „tolle, lege" zu. Das Büchlein thut bei jedem Katechismus dankenswerthe Dienste, um sich in Auswahl des Denkstoffes zu beschränken und überschaulich in verständlicher Form die einzelnen NeligionSwahrhciten dem Verstand und dem Herzen des Kindes nahe zu bringen. Von Interesse mag die Notiz erscheinen, daß gleichzeitig auch in Amerika eine Rcformbewegung in der Katechismusfrage in Fluß gerathen und einen neuen, äußerst beachtenswertben approbirten Katechismus von W. Färber, Vfarrer in St. Louis, zu Tage gefördert hat. Ein Vergleich desselben mit dem obengcnannten Büchlein dürfte von besonderem Werthe sein, denn nirgends mehr als hier gilt — die Verfasser des NepetitionSbüchleinS sind davon überzeugt — nsitis viribus! Für eine Neuauflage empfiehlt sich für den Großdruck eine noch größere, wenigstens fettere Schrift, damit derselbe vom Lesestoff für das Auge des Lesenden deutlich sich abhebe. Schließlich Allen die zur Herausgabe des Büchleins mitgeholfen, ein wohlverdientes Oratnlor Sagen, Gebräuche und Sprich Wörter des Allgäns. Von Dr. K. Reiser. Verlag von Kösel in Kempten. Preis des Heftes 1 Mark. * Das vorliegende 4. Heft dieser verdienstvollen Arbeit bringt eine reiche Fülle von Material und bietet vielfach ein lustiges Lesen über Hexen und Trndcn, Zauberei und Schwarzkünstler, dann Natnrmythcn und Sceensagen, Sagen über versunkene Schlösser und Dörfer. Zahlreiche Illustrationen schmücken das Heft. _ Ta usen d Jahre Bayerns unter Scheyern-Witt els- back>, 895-1895. Erinnerungen an Fürsten, Land und Leute von Jgnaz Ricdle, Pfarrer in Endorf, Mitglied des historischen Vereines von Oberbayern. Frcising, Dr. Franz Paul Datier er. Preis 50 Pfg. * Herr Pfarrer Ricdle hat sich eine ebenso patriotische als dankbare Aufgabe gestellt. Er führt uns in seinem Buche die Geschichte Bayerns in zusammenhängender knapper Fassung vor und widmet den Episoden, die ein besonderes Interesse verdienen, besondere Beachtung. Zum tansendjäbrigcn Regier- unasjubilänm des Hauses Scheyern-Wittelsbach hätte keine passendere Gabe erscheinen können. Es ist die Entwicklung des Hauses WittelSbach in außerordentlich übersichtlicher unv verständlicher Form bebandelt, mit peinlicher Genauigkeit und leicht faßlich für Schüler sind die verschiedenen Teilungen und Kriege der WittclSbacher unter sich, die Machtstellung der Wittelöbachcr in allen Zeiten, die finanzielle Lage des Hauses und des Landes, kurz Alles zusammengestellt, was ein Bayer von der Geschichte seines Landes und seiner Dynastie wissen muß. Als Anhang ist eine Geschichte des Hochstifts Freisinz beigebeben. _ Grill, Handbuch des bayer. Staatsbürgers. Verlag der C. H. Bcck'schcn Buchbandlung in München. * Von diesem trefflichen Werk, das in 10 Lieferungen s 80 Pfg. vollendet sein wird, liegt nun bereits die 7. und 8. Lieferung vor. Sie umfassen n. Ä. sociale Materien (Vcrehe- lichnngswescn, Armenpflege, Kranken-, Unfall-, Alters- und Invalidenversicherung), sodann die Verwaltung aus dem Gebiet des wirthscbafil. Lebens (Handels- und Gcwerbekanuner, Zollgesetzgebung und Handelsverträge des deutschen NeicbeS. das Bankwesen, Maß- und Gcwicbtswesen, bayer. Verkehrswesen). Die Darstellung und Anordnung ist überall klar und geeignet, den nicht juristisch gebildeten Staatsbürger in gemeinverständlicher Weise mit den wichtigsten Zweigen des Reichsund Staatswesenö und der Verwaltung desselben vertraut zu machen. 32 Erinnerung an meine Jugend, ein Geleit- und Gcdeuk- buck für unsere Kinder. Von Adolf Müller, Stadt- kaplan in Augsburg. Regenöbnrg bei H. votier. Ein ganz eigenartiges Buch, in welchem ein guter Gedanke sinnig ansgefükrt wird: cS soll die Memorabilien des Kindes in Wort und Bild festhalten: Gebunstag und Geburtshaus, Taufe und Täufer, Firmung, Palhcn, Vater und Mutter, Gc- sckwistcr und nähere Verwandte, Schulzeit. Lehrer, Katecheten, Pfarrer, erste Beicht und Conrmuiiion. Wenn Eltern sich das Buch anschaffen und zu gegebenen Zeiten in die vorgesehenen Umrahmungen die betreffenden Photographiern einkleben, sowie die einschlägigen Daten einschreiben, kommt für das Kind ein durch das ganze Leben werthvollcs Andenken zu Stande. Das Buch wird in prachtvollem Einbande geboten. K. Deutscher Hausbesitzer-Kalender für 1896. Im Auftrage des CcntralvcrbandcS der HauS- und städt. Grundbesitzer-Vereine. Von Nechtöanwalt Dr. GünSburg. Berlin, Verlag von N. Kühn, Leipzigerstr. 115. * Der Zweck des Kalenders erhellt aus seinem speziellen Titel. Es finden sich darin zahlreiche praktische Abhandlungen und Informationen, die, soweit sie auf reichörechtlimer Basis beruhen, auch für die süddeutschen Interessenten von Bedeutung sind. Die Ausstattung ist gut und gefällig. „Die heilige Familie." Monatschrift für die christliche Familie, insbesondere für die Mitglieder des allgemeinen frommen Vereins der christlichen Familien zu Ehren der hl. Familie von Nazaretb. Herausgegeben von mehreren Welt- und Ordenspricstern. Jährlich 12 Hefte, 16 — 32 Seiten stark, mit Illustrationen. Preis M. 1.—, mit Post direkt M. 1.10. Durch mehrere bischöfliche Empfehlungen ausgezeichnet. Verlag von Dr. Franz Paul Dattcrer in Freising (Bayern). IV. Jahrgang, Heft 1 soeben erschienen und enthält: Neujahr-Gedicht. Ueber die gute Meinung. Zur Geschichte der häuslichen Gesellschaft. Zum Namen Jesu-Fest. Etwas aus Japan. Frevel und Strafe. Die Anbetung der bl. drei Könige mit Bild. Die Mutter des HI. Franz von Salcs. Das ehrliche Mädchen. Eine schöne Antwort im Munde eines Kindes. Allerlei. Ablaßtage. — Abonnements bei allen Buchhandlungen, Postanstalten und unseren Agenten. Die Afrika-Zeitschrift „Kreuz und Schwert", hcrausg. von W. Helmes in Münster, hat auch in ihrem abgeschlossenen III. Jahrgang an Verbreitung und Wirkung wieder zugenommen und es auf 12.000 Abnehmer gebracht; und die Gaben, welche sie für afrikanische MissionSzwecke seither einsammeln und abliefern konnte, belaufen sich bereits aus 30,000 M. Möge sie auch im neuen Jahrgange weitere Tausende von Abnehmern wie an frommen Gaben gewinnen! Der sehr niedrige Preis bleibt 75 Pf. für daö Halbjahr, 90 Pf. bei portofreier Zusendung. Das 1. Heft des neuen Jahrgangs zeigt eine angenehme Verbesserung. Es bringt noch mehr Text als bisher und 2 schöne Vollbilder. Außer den amtlichen Veröffentlichungen des Asrika-Vcreins fanden wir darin Originalbriefe von Missionären auS Afrika, Togo, Kamerun, vom Sambesi und aus dem Kaffernlande, alle sehr unterhaltend. Bei der Firma Eberle L Rickenbach in Einsiedeln (Schweiz) und St. Ludwig (Elsaß) erscheint eine „Katholische Zehnpfcnnig-Bibliothck", welche sehr viele gute Erzählungen von hervorragenden katholischen Schriftstellern enthält. Es sind hübsche, gebundene Heftchen, welche um den fabelhaft billigen Preis von 10 Pfennig per Nummer zu haben sind, so daß man für 10 Mark eine ganze Bibliothek von 100 Nummern erhält. Jede Nummer hat 64 Seiten. Miscellen. 6. (Eine statistische Berichtigung.) Ueber die katholische Mission in China ging unlängst ein irrtbümlicher Bericht durch die Presse, welchen die „kath. Missionen" Nr. 12 richtig stellen. — Mit Berufung auf daß Zeugniß des Protestanten vr. G. E. Morrison wurde im Bericht ein Vergleich zwischen der katholischen und der protestantischen Mission ausgeführt, der glänzend zu Gunsten der ersteren ausfiel. Dabei gab aber Morrison die Zahl der Katholiken Chinas offenbar Viel zu hoch an. Er sagt, daß allein „die Jesuiten jährlich über 4000 bekehrten und China 1,200,000 Katholiken zähle. Thatsächlich ist die Zahl der eingebornen Katboliten nach den Ilis- sionss datiiolieas 1895 (Propagandaberichk) bloß 581,775. Vielleicht hat der wohlmeinende Reisende irrrbümlich die Katbo- likenzabl der indochinesischen Millionen Hmienndicnü (1895: 769 660) dazu gerechnet, waö eine Gesammtzahl von 1,351,435 ergäbe. Aehnlich dürste die Schätzung des deutschen Reisenden v. Hesse-Wartegg auf 1,072,818 zu erklären uns zu corrigiren sein. Was sonst Herr Morrison über die Unfruchtbarkeit der protestantischen Propaganda sagt, fechten wir nicht an. 0. (Das Vordringen des Islam in Vortu giesisch- Ost-Afrika.) Nach der Schätzung eines mit den Verhältnissen sehr gut bekannten Correspondemen der „katholischen Missionen" wohnen allein in der Jnsclstadt Mozainbique gegenwärtig schon über 5000 sogenannte MonhöS, d. h. znm Islam bekehrte Neger, ca. 2000 eigentliche MonroS (Mauren), ca. 1000 indiiche Baui- anen, ca. 1000 andere heidnische Jndier und vielleicht 1000 europäische oder goancsische Christen. Der Handel ruht fast ganz in der Hand der Mohammedaner und Banianen, und der reichste Mann der Stadt soll ein Baniane sein. Sobald die neu angekommenen Schwarzen einige Wochen in der Stadt sind, siebt man sie bereits im weißen arabischen Hemde und mit Turban auf dem Kopfe cinherstolziren. Sie sind im Dienste eines Moölini, d. b. sie sind Molwö geworden. AIs solche dürfen sie freilich nickt die Moscheen der eigentlichen Moslemin betreten, allein ant Ponta-da-Jlha stehen zahlreiche Scrohbautcn, die als Moscheen dienen und wo fanatische Denvi'cke und MaraSnts den Koran lehren. lind was hier im Kleinen geschieht, wiederholt sich aus dem Festland längs der Küste überall ini Große». Wie traurig muß dies ein katholisches Herz berühren! Am Schluß des mohammedanischen Ramadan, am Osterfeste der Moslemin, sab unser Gewährsmann, wie die Blechmusik der portugiesischen Lreola ü'artss s okücüos sich dazu bergab, in voller Iluisorm bei der lärmenden Prozession der MonroS und Mondes mitzuwirken — und dies für lumpige 14 Mark! Daß die Gesetze gegen den Sklavenhandel bei solchen Zuständen im portugiesischen Gebiete vielfach nur auf dem Papiere bleiben, ist klar. Armes Portugal, wie hast du deine glanzvolle Vergangenheit vergessen! ä. 6. (Bcuroner Benediktiner in Südamerika und Entdeckung eines KirckensckatzcS.) Durch die kirchemeiudliche Regierung Brasiliens in den lctzren Decennien wurde die (im Jahre 1827 vereinigte) Benediktincr-Congregation in Brasilien zum Aussterben vernrtbeilt. Im Jahre 1883 zählte die Congregation neck 37 Mönche in 7 Abteien und 4 Primaten. Die endlich erfolgte Trennung von Kirche und Staat — so verwerflich sie auch an sich ist — ermöglichte die Neubclebuug dieser Congregation. Nach dem weilen Plane des Papstes Leo XIII. soll der alte, in den laugen Kämpfen und Leiden sehr geschwächte Stamm dieses Ordens durch einen frischen, kräftigen Sprößling neu verjüngt werden; und zur Lösung dieser Ausgabe wurden Mönche aus dem berühmten Benediktiner- Kloster Beuron berufen. Am 17. August l. Iß. trafen die Berufenen — 15 an oer Zahl — in Pernambuco ein (4 Profeß- paircs, 2 Brüder-Novizen, 7 Laienbruder, 2 Ponulanten). Von hier aus ging der Zug durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft nack Olinda — dem Ziclorie. Olinva, dessen Name aus dem entzückten Ausruf „O Linda!" sO Schöne!) entstanden sein soll, hat seine frühere Größe und Bedeutung verloren und hat nur noch 2000 Einwohner. Es liegt malerisch an einem Hügel-Gelände, von dessen unterm Abhang die Abtei beruiedcr- grnßt. Die neuen Apostel wurden von den versammelten brasilianischen Aebten herzlich empfangen, und der greise Abt von Olinda weinte Freudenthräncn. Feierlich wurden die Bcuroner Mönche in die öde Klosterkirche geleitet. Als sie dann ihr neues Heim in Augenschein nahmen, erkannten sie mit freudiger Genugthuung, daß wenigstens der äußere Anblick ein großartiger war und gegen alle Erwartung keine Spur des Verfalles zeigte. Die ersten Tage schon brachten den neuen Kloster-Insassen eine große und freudige Überraschung. Als sie hinter dem Hochaltare Jagd auf die vielen Fledermäuse machten, fanden sie ein geheimes Versteck. Sie erbrachen ein Tbürchen, das in eine Mauervertiefung führte. Hier lag — welch' ein Erstaunen — der Kirchen schätz: eine große Anzahl von Kelchen und Ciborien, eine große Monstranz mit kostbaren Steinen, das Kreuz eines Abtes, Platten und Känncken, ein Dutzend ungeheuer großer Lampen rc. rc. — alles aus reinstem massivem Silber. Der Generalabt wußte zwar, daß ein Schatz vorhanden, hatte jedoch denselben nie gesebcn. Wie lange schon mag der Kirchenschatz in seinen alten Kisten gelegen haben? Vcrantw. Redacteur: Ad, Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg.