8 . 31 . IM. 1896 . Christoph von Stadion, Bischof von Augsburg, nnd seine Stellung znr Reformation. L. X. Es war am 12. April des Jahres 1517, als der Bischossstuhl des hl. Ulrich zu Augsburg durch den Tod Heinrichs von Lichtenau verwaist wurde.* *) Schon am 5. Juli desselben Jahres empfing dessen Nachfolger Christoph von Stadion zu Dillingen die bischöfliche Weihe?) Sein Regierungsantritt fällt also zusammen mit dem Auftreten jenes Augustinermönches von Witten- berg, der durch die 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 gegen die Ablaßpredigten des Dominikaners „Johann Tctzel" an der Allerheiligenkirche zu Wittenberg anschlug, den Kampf gegen Papstthum und Kirche ankündigte. Es war dies Martin Luther, Professor der Theologie an der Universität Wittenberg, der so die nächste Veranlassung zu der großen Neligionsbewegung des 16. Jahrhunderts in Deutschland gab, die sich nicht nur auf ihr Entstehungsgebiet beschränkte, sondern immer weiter und weiter um sich griff und sich bald auch über einen großen Theil des südlichen Deutschlands erstreckte. Natürlich blieb auch das Bisihum Augsburg nicht verschont, war ja Luther selbst im Jahre 1518 auf dem Reichstage zu Augsburg anwesend, ^) und sehr bald wurde auch der neue Bischof Christoph von Stadion mit in die Bewegung hineingezogen. Das Verhalten der Geistlichen zu der neuen Lehre war ein sehr verschiedenes, und es gab leider nicht wenige, die dieselbe bereitwillig aufnahmen. Namentlich war es der niedere Klerus, der Luthers Worten ein geneigtes Ohr schenkte, und gerade ausgesprungenen Mönchen verdankte die neue Lehre die weiteste Verbreitung. Aber auch unter der höheren Geistlichkeit fanden sich welche, die sich von der althergebrachten katholischen Kirche lossagten. Ich will nur erinnern an den Hochmeister des deutschen Ordens Albrecht von Brandenburg, der sich von Luther bereden ließ, das ihm unterstellte Ordensland Preußen in ein weltliches Herzogthum umzuwandeln, mit dem er sich dann 1525 vom Polenkönig belehnen ließ. Im darauffolgenden Jahre vcrheirathete er sich mit einer schwedischen Prinzessin?) Doch wie dieser fahnenflüchtige Kirchenfürst wagten es nicht alle, sich offen von der katholischen Kirche zu trennen, und es gab manche, die zwar in ihrer Gesinnung ganz und gar Lutheraner waren, die jedoch äußerlich bei der alten Kirche blieben, indem sie durch offenen Uebertritt zu Luthers Lehre ihr Einkommen und ihre Macht zu verlieren fürchteten. So war der Cardinal Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz, der mehr humanistisch als theologisch gebildet und mehr weltlich denn geistlich gesinnt war, wenigstens anfangs Luthers Lehre sehr zugethan?) Ebenso find die Urtheile ') Geschichte der Bischöfe von Augsburg von Placidus Braun, 3. Band (Augsburg 1814): Seite 174. 2) Ebd. S. 186. °) Ebd. S. 206. *) Jausien, Geschichte des deutschen Volkes, 3. Vd. (Frei- burg i. Br. 1883): Seite 73 f.; 76. °) Diese Ansicht vertritt Jakob Map: „Der Kurfürst, Cardinal und Erzbischof Albrecht von Mainz und Magdeburg". 2 Bände, München 1865. — Dagegen sucht H. Grcdp nachzuweisen, daß derselbe insbesondere als „feststehend in seinem katholischen Glauben und als ein steter Gegner der Empörung gegen die althergebrachte kirchliche und staatliche Ordnung erschien" (Cardinal-Erzbischof Albrecht II. von Brandenburg in seinem Verhältniß zu den GlaubenSneucrungen, Mainz 1891: Vorrede Seite IV). über Christoph von Stadion sehr verschieden, und manche lauten für ihn ziemlich ungünstig. Im Nachfolgenden will ich nun die Fragen zu lösen versuchen: Welche Stellung nahm Christoph zur neuen Lehre? War er in seiner Gesinnung Katholik oder hing er der Lehre Luthers an? Christoph von Stadion stammt aus der schwäbischen Adelsfamilie von Stadion, wurde 1478 wahrscheinlich zu< Schelklingen in Württemberg geboren, bezog 1490 die Universität Tübingen, wo er 1491 Baccalaureus, 1494 Magister wurde, ging einige Jahre später zum Studium des geistlichen Rechtes nach Bologna, erwarb sich hier den Doktorgrad und kehrte, reich an Bildung und Kenntnissen, im Jahre 1500 nach Deutschland zurück. Er widmete sich dem geistlichen Staude, wurde bald bischöflicher geistlicher Rath zu Augsburg, 1507 Domherr, dann Official, 1515 Domdekan daselbst und erhielt den Rang eines kaiserlichen Rathes. Der altersschwache Bischof Heinrich von Lichtenau wählte bald darauf mit Zustimmung des Domkapitels den Domdekan von Stadion zum Coadjutor, und als solcher wurde er von Papst Leo X. mit dem Rechte der Nachfolge bestätigt. Nach dem Tode seines Bischofs nahm er sodann Besitz vom bischöflichen Stuhle zu Augsburg?) Man begrüßte den hochbegabten, gelehrten, klugen, milden und eifrigen Mann mit freudigen Hoffnungen als Bischof, und sein erstes Auftreten war auch ganz geeignet, dieselben zu rechtfertigen. Schon auf den 1. Oktober 1517 berief er die Geistlichkeit seines Bis- thums zu einer Synode nach Dillingen, bet welcher er persönlich eine geistreiche Rede voll christlich frommer Gesinnung und apostolischen Eifers hielt?) Besonders mahnte er in dieser Rede seinen Klerus zu Tugend und Demuth, er belehrte denselben, wie er das Fasten, das Beten, den Gottesdienst n. dgl. zu verrichten habe, und forderte ihn zu einem reinen und festen Glauben auf. Der neue Bischof tadelte aber zugleich auch mit scharfen Worten die Schwelgerei und den Luxus der höheren Geistlichkeit und warnte seinen Klerus vor solch unwürdigem Lebenswandel?) Wie diese Rede, so bezweckten auch die Dekrete, die auf dieser Synode verkündet wurden, hauptsächlich Abstellung von Mißbräuchen und Hebung der Kirchenzucht. Im Anschluß an die Synode ordnete der Bischof auch eine Visitation der Diöcesc an, um die mehrfach tiefgesunkcnen Zustände derselben zu bessern und das religiöse und sittliche Leben zu heben. Dieses wichtige Amt übertrug er den einsichtsvollsten °) Stcichele in „Allgemeine deutsche Biographie" 4. Band (Leipzig 4876): S. 224. ') Ob die Rede bei Beginn oder am Schluß der Synode gehalten wurde, darüber gehen die Berichte auseinander. Braun, Gesch. d. Bisch. v. Augsb. III. 167, setzt sie an den Ansang der Synode, Strichele dagegen, ferner Haas (Wetzcr und Welle, Kirchenlexikon: Christoph von Stadion, I. Band sFreiburg 1947) Seite 145) setzen sie an den Schluß. Letzterer meint, es widerspreche der Schluß der Rede der Ansicht Brauns. — Ltvinor, Vota ssleota bloelesiao LnZnatanas (Vntz'U8tao Vinäs- liooram LIO60I,XXXV) xa.K. 56: In boo Lznoäo ipss Obristopborns Oratoria innnoro tunotns ost; Anmerkung: lüpiloAo aolliAitur, suvssgusntoin oratäcmew all üuew Lxuoeil taisso babitaiu. °) Braun, Geschichte d. Bisch. v. Augsb. III. 187-189 (theils Inhaltsangabe, theils wörtliche Citate der Rede in deutscher U.-bcrsetzung; wortwörtlich: Steiuer, Leta, Zelsota, xsL- 53-70). ^ / 34 und tugendhaftesten Männern, unter ihnen Johann Altensteig.o) Mit den besten Absichten hatte also Christoph von Stadion fein verantwortungsvolles Amt angetreten, und unverkennbar ist sein Streben, seine Diözese ganz nach den Grundsätzen der katholischen Kirche zu regieren. Dem Eifer, den der Bischof aus der ersten von ihm gehaltenen Synode für die katholische Sache zu Tage gelegt, entspricht auch die entschieden schroffe Stellung, mit der er anfangs gegen die neue Glanbensrichtung, die sich sehr bald auch in seinem Bisthum bemerkbar machte, auftrat.^) Zeuge davon ist sein Verfahren gegen Caspar Aquila, Pfarrer zu Jengen. Derselbe hatte sich schon vor Luthers Auftreten, im Jahre 1516, mit einer Wittwe verhcirathet und begrüßte in Folge dessen freudigst Luthers Lehre, in der er sein Verfahren gerechtfertigt fand. Er las fleißig Luthers Schriften und begann ganz offen im Sinne der Neuerung zu predigen. Wegen Bruchs des Cölibates und Verbreitung ketzerischer Lehren wurde er, als der Bischof davon gehört hatte, nach einigen vorausgegangenen fruchtlosen Ermahnungen auf einen Karren geschmiedet und nach Dillingen gebracht, wo er in strenger Kerkerhaft ein halbes Jahr lang gefangen gehalten wurde. Da aber Aquila ein nicht unbedeutender Mann und aus einer sehr angesehenen Familie Augsburgs war, erregte dieses Verfahren großes Aufsehen; dennoch ließ sich der Bischof trotz vieler Fürbitten nicht milder stimmen. Der Gefangene blieb in Hast, bis ihn des Kaisers eigene Schwester, die Königin von Dänemark, losbat, und auch da ließ ihn der Bischof nur ungern frei und mit dem ausdrücklichen Befehl, binnen weniger Stunden die Diözese mit Zurncklassuug all feiner Habe zu verlassen. Ja, es hieß sogar, Aquila hätte am nächsten Tage hingerichtet werden sollen.") Ein anderes Beispiel davon, mit welcher Strenge Christoph gegen sittenlose und unbrauchbare Kleriker verfuhr, ist der Abt Franz von Donauwörth, der, ohne sich im mindesten um die religiösen Dinge zu kümmern, mit seinen Blutsverwandten, seinen Freunden und andern „losen Leuten" sorglos dahinschmanste und schwelgte, zur Strafe hiefür aber zu lebenslänglichem Gefängniß veruriheilt worden war.") Ebenso wurde Kaspar Haslach, der erste Jklhaber der 1522 in Dillingcn errichteten Predigerstclle, im Jult 1522 vor die bischöfliche Kurie geladen, um sich wegen einiger allzufreien Aeußerungen und wegen seiner Sympathie für Luthers Meinungen zu verantworten. Doch fand man keinen Grund, mit Strafe gegen Haslach vorzugehen.") Wir ersehen aus diesen drei Beispielen, wie energisch Christoph von Stadion sich dem Eindringen der neuen Lehre in den Weg stellte und wie sehr er auf die Sitten- reinheit seines Klerus bedacht war. Allerdings meint Zapf, ein eifriger Vertheidiger Luthers ") und ein Feind der entschiedenen Vertreter der katholischen Lehre,") der Bischof sei „von seiner Klerisei" zu derartigen „nicht rühmlichen Handlungen aufgehetzt worden". Derselbe schreibt auch von dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1518, auf welchem eine Unterredung zwischen dem Kar- ") Braun, III. 199. ") Allgemeine deuische Biographie, IV. 221. ") Zapf. Christopb von Stadion, Bischof von Augsburg (Zürich 1799), Seite 15 s. ") Geschichte des Klosters zum Heil. Kreutz in Donauwörth von Cölestin KönigSdorfer (Donaawörtb 1825) 2. Vd-, S. 1 f. ") Akten des bischöflichen Archivs Augsburg. ") Vgl. Zapf, Chr. v. St., Seite 10, 14 u. a. '°) Bgl. ebd. S. 16. 71 u. a. dinal Cajetan, dem päpstlichen Legaten, und Luther stattfand, über Christoph von Stadion, wie folgt: „Wie sich der Bischof von Stadion bet dieser merkwürdigen und wichtigen Begebenheit benommen, ob er sich mit Lnthern ebenfalls unterredet, davon schweigt die Geschichte; es ist aber zu vermuthen, daß er dabei ein aufmerksamer Zuhörer war. .... Sicher hätte er mehr verstanden, als der päpstliche Legat Cajetan verstanden hatte."") Zapf glaubt also, schon im Jahre 1518 in Christoph von Stadion eine für Luther günstige Stimmung suchen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) Ein Künstler aus dem Chiemgan. Von Christ. Scherm. (Fortsetzung.) Der „Große Garten" in Dresden enthielt eine Reihe von Statuen des Meisters, die zu Grunde gingen, entweder in Folge der heftigen Beschießung durch die Preußen 1760, die 400 Häuser zerstörte, oder in Folge Zertrümmerung durch die Kroaten. Nicht abzuweisen ist auch die Annahme Gottschalk's,") „Friedrich der Große habe viele dieser Statuen nach Berlin bringen lassen, wo sie vielleicht noch sind." Unter den verschollenen Gartenfiguren befand sich ein einen Fisch haltender Mohr aus schwarzem Marmor mit weißen Adern, der als ganz vorzügliches Werk bewundert wurde, und eine Mohrin mit ihrem Kinde.^) An den Mohrenbildern waren die Augen mit weißem Marmor eingesetzt. Permoser imitirte hier wahrscheinlich die Negergiganten des Melchior Barthel (ff zu Dresden 1672) am Pesaro- grab der Frari in Venedig. Den „Großen Garten" zierten auch die von Zeitgenossen besonders gerühmten Werke: die „Mildthätigkeit", auch „Mütterliche Liebe" benannt, und die Gruppe: „Maleret und Bildhauerkunst, die sich umarmen."^) Wie dem siebenjährigen, fiel auch den Franzosenkriegen manches Bildwerk des Künstlers zum Opfer; so sollen zwei vortreffliche Statuen im Kretzschmar'schen Garten vor Neustadt, Ceres und Merkur, von den Franzosen 1813 zertrümmert worden fein.^) Zwei andere Marmorbilder: Saturn und Venus mit Cupido, in Lebensgröße, die 1785 noch im Ertel'schen Garten der Friedrichstädter Allee standen, sind seit Ende deS vorigen Jahrhunderts verschwunden?") In Leipzig (in Vorgärten der Dorotheenstraße) stehen von zwölf Sandsteinfiguren aus der Hand Permosers noch vier: Jupiter, Juno, Mars und Venus, „halb kolossalisch". Sie gehörten in einen auf Befehl Augusts des Starken (durch O. - L. - Baumeister Schatz) für die Gattin des Leipziger Senators Andr. Appel in Fächerform angelegten Lustgarten^) und sind nach dem Geschmack der Zeit in heftig bewegten Stellungen ausgeführt. Nur die Statue des Mars zeigt eine -°) Ebd. S. 12. E») Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste von I. S. Ersetz und I. G. Eruber, Leipzig, Brockhaus 1842. 4°. 3. Sektion. 17. Lh. S. 149. Hagedorn: bldaire. brat. p. 330. 2 °) Hagecorn I. o. x. 330/1. Nachrichten von Künstlern u. Kunst-Sachen. I. Theil. S. 69. Magazin der Sächsischen Geschichte. I. Theil. S. 149. M. B. Linveiu, Geschichte der Haupt- und Nes.-Stadt Dresden. DreSden, N. Kuntze, 1862. II, 282. Magazin der Seichs. Geschichte, 1785. II. Theil. S. 655. G. Müller I. o. S. 19. 2 °) Später Rcichcls Garten, vor unz. 55 Jahren überbaut. 35 gewisse Ruhe. Geharnischt und den einem Wolfskopf ähnlich gestalteten Helm auf dem Haupte, steht er mit gespreizten Beinen da, ein Bild der selbstbewußten Kraft und Widerstandsfähigkeit.^) Wie in Florenz, waren in Deutschland Permosers kleine Elfenbeinarbeiten hoch geschätzt. Ludwig v. Hagedorn besaß ein Basrelief, das in Elfenbein die Fabel des Merkur und des Argus darstellte?") Das Traunsteiner Museum bewahrte bis vor Kurzem 2 kleine Basreliefs, von denen eines das Brustbild Augusts II., das andere Adam und Eva nach dem Falle zeigt. Die Größe der doppelten Sünde, der eigenen Lust und der Verführung erkennend, legt Eva begütigend Haupt und Hand auf die Schulter des schmerzlich sich abwendenden Gatten, als wolle sie nach dem Verlust der göttlichen Liebe wenigstens die des Mannes sich bewahren. Beide Reliefs stammen aus einem Baucrnhause von Kammer, wo ihr ideeller Werth für den Ort nicht erkannt worden war. — Von den im Grünen Gewölbe zu Dresden aufbewahrten Elfenbeinschnitzereien Permosers sagt G. Müller, daß sie eine ausgebildete Technik, sowie Beherrschung der Formen und des Materiales zeigen, und verweist besonders auf „die Gruppe der Omphale und des Herkules,""") „die vier Jahreszeiten,"") den „blitzschlendernden Jupiter auf dem Adler"^) (Aufsatz zu einer mit Schildkrot eingelegten silbernen Säule) und ein „schreitendes Pferd", in dem er das Modell des für König August gefertigten lebensgroßen Pferdes vermuthet. Bemerkenswerth ist hier ferner der „Bogenschnitzende Amor"?") Zwei reizende Elfenbeinstatuetien von Permoser, Ceres und Flora mit je einem Kindengel, birgt das herzogliche Museum zu Braunschweig. Die Figur der Flora ist bezeichnet mit Laltlursar karmossr in. v. die der Ceres mit L. I?. in. v. I?. 1695. Zu Monumentalwcrken wurde die Kunst des Meisters mehrfach in Anspruch genommen. Ein solches ist vor allem die Apotheose des Prinzen Eugen von Savoyen, eine Gruppe, die Balthasar als angehender Siebziger (1718—1721) im Auftrage des Wiener Hofes geschaffen hat. Das Denkmal ist in weißem Maxener"") Marmor aus einem einzigen 80 Zentner schweren Block gearbeitet und wurde Anfang Oktober 1721 nach Wien gesandt und im Garten des von Prinz Eugen erbauten Belvedere aufgestellt. Gegenwärtig steht die Gruppe im Karyatidensanl des Erdgeschosses des Kaiserlichen oberen Belvedere, wohin sie zum Schutze gegen Verwitterung gebracht wurdet) Prinz Eugen ist in der mauierirten Vorliebe jener Zeit für allegorische Umrahmung dargestellt, als werde er von den Genien der Wahrheit (mit einer Sonne) und ^1 Gustav Müller I. o. S. 10. "") Magazin der Stichs. Geschichte. I. Theil, 1784. S. 149: „Argos u. Mercnr, fast ganze Figuren, sehr schön geschnitzt." "°) Elscnbeinzimmer des Grünen Gewölles Ar. 41 u. 42. 2 °) Ebendorr Ar. 45. 40, 48, 49. "j) Ebcndort Nr. 840. . ö") Nr. 334. — Kaufmann Tloinas Richter ,'n Leipzig besaß nin 1785 „viele in Elfenbein gesehnüne Figuren von Ballbasar". Mag. der Sachs. Geschick». II, v55. DaS Maxen des „Finkenfangö". "1 Hagerern sah die Gruppe, die er ein Meisterwerk nennt, in der Ecke eines Hoseo von eure! Weiubn.tenstande 'Nil oer- dcckt, und er dachte an Eicero ror dein Grabe oes A: er,miede". Lelaira. Irrst. p. 333. — Meyers Cocon sanone! xckon, 4. t-llisl., XII, 850 nennt als jetzigen Standort die K.ulch.rmenknche m Wien: eine solche befiehl dort nicht. des Ruhmes emporgehoben und in der Erhebung von einer Schaar Kinderengel umflogen, die die Symbole seines Sieges: die Keule des Herkules und das Löwenfell, tragen und ihn stützend umschweben. Der Held, in reicher Ritterrüstung und mit Allonge-Perrücke, deckt mit der linken Hand die Oeffmrng der von Fama geblasenen Tuba, zum Zeichen der Bescheidenheit, mit dem linken Fuße aber tritt er auf einen nackten Mann, der wie ein Wurm sich windet und das schmerzzerriffene Gesicht auf den Gewaltigen richtet. Die Ueberlieferung erzählt, der getretene Mann sei Permoser selbst;"") mit dieser Stellung habe er andeuten wollen, daß er gegen seinen Willen, gleichsam mit Fußtritten, zu dieser Arbeit gezwungen worden sei. Der Sache entsprechend wird die Annahme sein, daß die Figur des unterliegenden Mannes den besiegten Feind, zunächst den Türken, bedenre, was keineswegs ausschließt, daß hier der Künstler mit irgendwelchem Nebengedanken sein eigenes Bild angebracht hat. Der röthliche Marmorsockel trägt die goldene Inschrift:"") I?. Lugenirw Luffuuct. ob keüömont. kiinosxs Nuroffio 8girrt. Kur. Voll. Lyrres Curoli VI Kur;. Lb 8. It. I. 8upi'6mrrs lixeroiturrur Orrx Inviatissimus. (F. Eugen, Prinz von Savoyen und Piemont, Markgraf von Snluzzo, Ritter des Güldenen Vlieses, Kaiser Karls VI. und des Hl. Römischen Reiches, oberster, nie besiegter Heercsführcr.) Nach P. Fuhrmann"^) hätte Permoser für daS kühne, technisch virtuose Werk 20,000 Thaler erhallen(?). Aus den Bildhauer Joseph Winterhalter (geb. 1702 im Schwarzwald), der bei der Aufstellung des Bildes zugegen war, machte die malerische Wirkung der Gruppe einen solchen Eindruck, daß er zu Permoser nach Dresden ging und dort die Technik des Meisters ins Einzelne kennen zu lernen sich bemühte."") Eine im Einzelnen veränderte Kopie der Eugen- gruppe fertigte Permoser in pirnaischcm Sandstein auf Bestellung seines Herrn, des KöuigS und Churfürsten. Der Hauptfigur der Gruppe gab er die Züge Augusts des Starken; die Putten ließ er weg, der getretene Mann "") Sein Porträt hat dcr Künstler nach schöner, alter Sitte an mehreren seiner Werke angebracht. So soll die Büste eines Greises, der zur Gruppe der „sich umarmenden Malerei und Bildbauerei" gehörte, daS Sclbstporträt Baltbaiars gewesen sein. (Hagedorn, Helaire. Inst. 331.) Und das „Magazin d. Sachs. Geschichte" bemerkt zu dem von Bernigroth gestochenen Bild deS Künstlers: „Er selbst arbeitete seinen Kops ähnlich in Stein, so wie er noch (1734) im Gärtner'schcn Hause auf dem Altan vor dcr Judcnsetmle steht (I. Th. S. 150). Es wird hier die in demselben Buch an gleicher Stelle (S. 149) erwähnte steinerne Gruppe gemeint sein, die über dem Portal d:S Gärtncr'fchen Hauses hinter der Frauenkirche angebracht war und „die Unwissende so gern znm Denkmal der wiereranicrftandcnen Goldschatz e d s f ra n machten". -°) Die Kunsthandlung Czihak'S Nachfolger, Wien, Graben 22, bat aus Veranlassung deS Vers. dieses Auss. Photographen des Denkmals hergestellt. (Quarts. 1 fl.) "') Hislor. Beschreibung rc. dcr Residenzstadt Wien, 1770, III. Theil. E. 35. -^) I>r. Albert Jlg, Auisatz über P. in den Mittheilungen der K. K. Cemral-Conintzssion zur Erforschung und Erhaltung der Knust- und bistori'chcn Denkmale IV. Jahrgang. Wien, Gereld 1878. n. EXVII. Vergl. mi: Winlcrhalter's Aufenthalt in DreSocil die Reise Rapbacl TonucrS zu.gleichem Zweck. Biellcietr bezicht sich die Notiz nur aus einen der beide» Künstler. 36 stellt einen kahl geschorenen Türken vor. Bis 1839 stand dieses Werk im Parke des Rittergutes Oberlichienau bei Pulsnitz und wurde dann vom Besitzer dem Staate geschenkt und im „Großen Garten" bei Pavillon R aufgestellt. Eine weitere Kopie deS Denkmals in Elfenbein befand sich mit einer Büste aus grauem Marmor: „Die Verzweiflung", im vorigen Jahrhundert in Zemisch's Kunstkabinet in Leipzig.^) Das größte Monnmsntalwerk Permofers steht jetzt im Dome zu Freiberg in Sachsen: das früher in Lichlen- burg bei Prettin befindliche Grabmal zweier Fürstinnen: der Wittwe des Kurfürsten Johann Georg III., Anna Sophia, Prinzessin von Dänemark, Mutter Augusts II., und ihrer Schwester Wilhelmine Ernestine, Wittwe des Kurfürsten Karl von der Pfalz, die 1706 starb und 1811, nach Transferirung des Denkmals, hier beigesetzt wurde. Die Schwestern ließen sich ihr Grabmal noch bei Lebzeiten in der Schloßkapelle zu Lichtenburg aufrichten. Neben der Thüre der offenen, die zwei Särge bergenden Grabkammer steht links Charitas, rechts Abundantia. Charitas trägt ein Kind auf dem Arm, ein anderes, weinendes, führt sie an der Hand. Abundantia, auf ein Füllhorn gestützt, hält zwei Kronen. Auf dem Sims des Thürstnrzes sitzen „die Neue", ein heulendes altes Weib, und „die Religion" mit Kreuz, Kelch und Hostie. Ueber ihnen wölbt sich ein Bogen, auf dem ein mit Schlangen umwundener Kindengcl den Süudenfall und ein zweiter mit Buch und Tuba das Weltgericht bedeuten. Ein sich höher spannender Bogen trägt als Schlußstein eine Krone, unter der ein Seraph und das Doppelwappen der Fürstinnen eingefügt sind, daneben Tod und Auferstehung, von zwei Putte» shmbolisirt. Unterhalb der Abundantia steht in den Stein eingegraben: Lo.ltlia.snr Lerinosar von 8 ult 2 pur§ links Zowrrolit in ckalir 1703 und 4?") Ueber dem Grabe des Meisters auf dem katholischen Ariedhof erhebt sich eine herrliche Gruppe aus seiner Hand: die Kreuzabnahme (oder besser: Vorbereitung zur Abnahme) in weißem Sandstein mit fast lebensgroßen Figuren (?/, Lebensgr.).") Das Antlitz des verschiedenen Erlösers ist zwar von dem entsetzlichen Schmerze durchfurcht, doch ist ein süßer Friede darüber ausgebreitet, der mit allem Leid versöhnt. „In der Auffassung deS Gekreuzigten", sagt Paul Schumann, „fällt uns ein grausamer Zug auf: die Arme sind derart gebogen, daß die Hände mit den innern Flüchen nach oben auf der Oberfläche des Querbalkens liegen, und so sind sie angenagelt. Durch diese Anordnung wird der Oberkörper in gewaltsamer Weise ewporgepreßt, Brust- und Bauchmuskeln treten in scharfer, schmerzlicher Anspannung hervor. Im Gegensatz zu dieser unser ganzes Innere erregenden Auffassung steht das Antlitz des edlen Dulders: er hat ausgelitten; über den Schmerz in den Zügen hat sich ein unendlich wohlthuender Friede gelagert, der jenes unbehagliche Gefühl sanft löst. Im Kopfe Christi hat Per- moser sicherlich etwas gegeben, das über die gemeine barocke Auffassung hinausgeht. Der Gesichtsausdruck der lebenden Gestalten ist roher als der Christi." Zur Rechten wird die in Ohnmacht sinkende Mutter Gottes von dem aufwärts blickenden Joseph von Arimathia leicht 2 °) G. Müller I. o. S. 21 crwäbnt auch eine monumentale (lebensgroße) Marmorbüste des HcrzogS Anton Ulrich (1704 biS 1714), die sich im Brannschwciger Museum befindet. ") G. Müller I. o. 19. ") Abbildung in Lützvw's Zeitschrift für bildende Knust. 24. Bd. S. 187. gestützt; zur Linken steht Johannes im Anblicke des geliebten Todten versunken, mit der Rechten daS Leichentuch um die Hüften des Erlösers emporschlingend; am Fuße des Kreuzes, den Stamm umklammernd, kniet Maria Magdnlena. Eine Leiter ist rückwärts an das Kreuz gelehnt. „Die Gruppe ist geschickt und zwanglos angeordnet. Echt barock ist das malerisch gelegte Gewand, das den Hintergrund für den Gekreuzigten bildet: die Rückseite des rein malerisch gedachten Werkes bietet nichts als eine durch das Leichentuch und den Felsen hergestellte ziemlich gerade Fläche, auf der sich die Grabinschrift befindet."") Die Gruppe, die mit der Zeit sehr ruinös geworben war, wurde im Jahre 1888 auf Veranlassung der Dresdener Kunstgenossenschaft durch den Professor der K. Kunstgewerbschule Bildhauer Hugo Spieler in Dresden, unter Beihilfe des Steinbildhauers Schurig, in der glücklichsten Weise restamirt. Se. Kgl. Hoheit Prinz-Regent Luitpold von Bayern, Kaiser Friedrich, Kaiser Franz Joseph, sowie König Albert von Sachsen spendeten namhafte Beitrüge zur Wiederherstellung des Denkmals. Am Allerheiligentage des Jahres 1888 schmückte bereits das auferstandene Werk die Ruhestätte des Meisters. Sein Grabmal ist nicht das einzige religiöse Werk des Künstlers. Eine große Zahl Krnzifixbilder sind aus seiner Werkstätte hervorgegangen. Die Dresdener Elfenbeinausstellung (Oktober bis Dezember 1892) wies zwei Meisterwerke allerersten Ranges von Permoser auf. Das eine ist ein Kruzifix aus Elfenbein, das der St. Jakobsgemeinde zu Freiberg in Sachsen gehört. „Es zeigt eine seltene Milde in der Auffassung, verbunden mit staunenswerther Beherrschung der menschlichen Formen und natürlich auch der technischen Behandlung."") „Der Kopf ist meisterhaft im Ausdruck, der Haarwurf geradezu unübertrefflich."") Das andere ist eine Elfenbeingruppe von größerem Umfange im Besitz der Nathsbibliothek in Leipzig (Vorstand: Dr. Gustav Wustmann). Der gekreuzigte Heiland ist von einem mächtigen Strahlennimbus (vergoldete Bronze) und von Engelsköpfchen umgeben. Das braune Holzkreuz steht auf einer Kugel aus glänzend polirtem Kupfer, und hier sind die Paradicscsschlange, Tod und Teufel und Reue(?) (ein nacktes Weib mit Scorpion) sowie Kindergruppen zur Personifikation der Wollust und der Hoffart angebracht: alle Figuren von packendem Ausdruck und virtuoser Technik in Elfenbein geschnitzt.") Ein „vortreffliches Bild" war die um das Jahr 1725 dem Sohne seines Lehrmeisters Weißenkirchner geschenkte, ungefähr 5 Schuh hohe Statue des gegeißelten Heilandes an der Martersäule,") „von fleischfarbenem und roth gesprenktem Untersperger Marmor so künstlich verfertigt, daß es das feinste Auge tauschet," oder wie die Quelle dieses Urtheils vorsichtiger sagt: „daß es fast das schärfste Auge tauscht."") Aufsah von vr. Paul Schumann in Dresden in Lützvw'S Zeitschrift für bildende Kunst. 24. Bd., 1889, S. 187. Herrn vr. Schumann ist Verfasser vorliegenden Aussatzes für seine bricfl. Mittheilungen und Ueberscndung des Dresdener Anzeigers Jahrg. 1885 sehr verpflichtet. ") Aufsatz von Karl Berling in der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" 1893, S. 490. mit Abbildung des Kruzifixes. ") Müller l. v. S. 20. ") Genaue Beschreibung der Gruppe bei Müller I. o. S. 20 n. 21. o°) Müller I. o. S. 13 meint, P. habe das Bild bei seinem letzten Besuch in Salzburg 1725 gefertigt. ") F. I. Lipvwöky, Bayerisches Küiistlerlcxikon 1810, 37 z ' Ä In der katholischen Hofkirche zu Dresden ist die irr Holz geschnitzte Kanzel ein Werk Permosers im üppigsten Barockstil. Sie stand früher in der kathol. Hofkapelle und wurde 1849 renovirt. Die vier Evangelisten auf Wolken sitzend sind von ihren Symbolen begleitet, von denen der Löwe des hl. Markus auffällt, der sich die linke Pranke leckt. Zwischen den Evangelisten sind Kinderengcl mit den Marterwerkzeugen des Leidens Christi angebracht. Den unteren Abschluß der Kanzel bildet die Statue des Gethsemane-Engels Chamuel. Der Schalldeckel hatte vie Form einer riesigen Königskrone, er wurde bei der Uebertragung durch den jetzigen ersetzt. In derselben Hofkirche befindet sich ein Doos Homo und ein Johannes der Täufer aus der Hand Permosers. Sein letztes Werk ist die liebliche, trefflich aufgebaute Altargruppe von Hubertusburg,") dem durch den Abschluß des 7jährigen Krieges bekannten sächsischen Jagdschlösse. Als der Bau des Schlosses s. Z. soweit gediehen war, daß der Kronprinz Friedrich August und seine Gemahlin Maria Josepha von Oesterreich es beziehen konnten, erhielt Permoser den königlichen Auftrag, für den Hochaltar der Schloßkapelle eine große Marmorgruppe zu schaffen. Das Modell der Gruppe war bereits in ganzer Größe in Gyps abgeformt: da überraschte den Meister der Tod! Die Ausführung in Marmor »lochte man wohl niemand Anderem anvertrauen, und so begnügte man sich, das Modell mit weißer Oel- farbe anzustreichen und ihm durch Ucberziehen mit glänzendem Firniß daS Aussehen von Marmor zu geben. Die jungfräuliche Mutter Gottes von wunderbarer Schönheit blickt vom Throne hernieder, auf ihrem Schoße steht das liebliche Christuskind und neigt sich zu einem heiligen Priester mit Lilien auf dem Evangelienbuch (Franz Taver S), der in seliger Verzückung ihm entgegen- schaut. Einen glücklichen Gegensatz zur Erregung dieses Heiligen bildet rechts der in stilles Sinnen versunkene hl. Joseph, auf seinen vergoldeten Stab gestützt. Die edle Gewandung bringt die Formen der Körper zu richtiger Geltung: ein seltener Vorzug bei einem Bildner der Barockzeit. — Am Orgelchor sind die 4 Evangelisten mit ihren Attributen in starkem Relief von Permoser gearbeitet. Gustav Müller erwähnt außerdem noch die Halbfigur eines Weltheilaudes und eine Statue der Himmelskönigin, deren Haupt ein Sternenkranz umrahmt und die den Fuß auf das grämliche Gesicht des Halbmondes gesetzt hält. Mit den Arbeiten Permosers für Hubertusburg war sein Leben und Wirken, mit ihnen sei diese Aufzählung seiner Werke abgeschlossen.^) (Schluß folgt.) Der heil. Thomas nnd die kathol. Wissenschaft. Von Pros. Dr. L. Haas in Passan. (Vergl. Beilage 1895, Nr. 22, 23, 34, 35.) Ein Freund regen wissenschaftlichen Wetteifers, bin ich ein Feind aller Polemik, die ja in der Regel unfruchtbar ist. Ich beabsichtigte daher mit den Artikeln in Nr. 22 u. 23 der Beilage 1895 nichts weniger als II. Bd., S. 164, und Neue Bibliothek der schönen Wissci (Haften nnd srepe» Knuste. IX. Bd.. S. 219. ") G. Müller I. o. 13. ^),Gottschalk behauptet ohne Nachweis in der Euchklopädi ??? Grsch u. Grober, daß auch in Stuttgart und in Baurze sich Pcriuoicr'sche Werke befänden. eine Polemik. Trotzdem sehe ich mich gezwungen, auf das „offene Wort" des ?. Josephus a Leoniffa in Nr. 34 u. 35 einiges zu erwidern. Daß es fo spät geschieht, ist nicht eine Schuld von mir. Da ich mich unter keinen Umständen auf eine weitere Polemik einlasse — ich brauche meine Zeit und Kraft in den nächsten Monaten vollständig zu Berufsarbeiten —, so werde ich mich möglichst, sachlich halten und Persönliches nur noth- gedrungen berühren. Ich werde daher auch meine persönliche Anschauung in der Streitfrage selbst so wenig als möglich hervortreten lassen. 1. Zu den Anhängern der Lehre des hl. ThomaS Müssen wir wohl alle jene (katholischen) Gelehrten rechnen, welche aufrichtig und in redlicher Absicht ihre Anschauungen in den Werken desselben begründet finden. Selbst wenn sie irren sollten, kann man ihnen diesen Titel nicht ohne weiters versagen. Wird der Ausdruck „Thomist" nicht in diesem allgemeinen Sinne, sondern im Sinne einer bestimmten Schule (der Dominikaner) genommen, so sind beide Ausdrücke nicht identisch, und hat nicht jeder, wag er noch so redlich ein Anhänger des hl. Thomas sein wollen, das Recht, sich „Thomist" zu nennen. Aber auch die „Thomisten" haben vorläufig nicht ohne weiters das Recht, sich als die alleinigen Anhänger des hl. Thomas hinzustellen, so daß der Hinweis auf die Lehre des hl. Thomas gleichbedeutend mit dem Hinweis auf die der Thomisten wäre. 2. In wissenschaftlichen Fragen ist die Abweichung von der traditionellen Interpretation nicht ohne weiters ein Verbrechen, sondern die grundlose, muth- willige Abweichung von derselben. Ein strenges Festhalten ist nur am Platze, wo es sich um feststehende, sichere Principien handelt. Nun hat Molina gerade neue Principien aufgestellt. Die Sache geht daher auf eine principielle Auseinandersetzung hinaus. Enthalten nun die Principien der Thomisten und die des Molina keinen Widerspruch in sich, stehen sie anderseits nicht in einem nachweisbaren Widerspruch mit der hl. Schrift und der Lehre der Kirche, vertritt endlich, wie über jeden Zweifel erhaben ist, der hl. Thomas die Lehre der Kirche, dann scheint doch die Möglichkeit eines Ausgleichs nicht von vorneherein eine bloße Illusion zu sein. Freilich wird sie eine solche faktisch, wenn sie von irgend einer Seite schroff abgewiesen wird. 3. Daß Molina Gegner fand, ist sehr natürlich. Sie sind auch dem hl. Thomas nicht ganz erspart geblieben. Daß diese Gegner sich in sehr kräftigen Ausdrücken bewegten, ist ihrer Zeit zu gute zu rechnen. Daß auch neuere, z. B. Schneider, sich ziemlich stark ausdrücken, ist zwar nicht ganz zu billigen, aber erklärlich. Eine durchschlagende Widerlegung haben Molina's Principien nicht gefunden, sie haben sich gehalten und im Laufe der Zeit soviele Anhänger gewonnen, daß die Molinisteu gegenwärtig „in Deutschland-Oesterreich die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften auf katholischer Seite mit Beschlag belegt haben". Der MolinismuS ist nicht einmal auf Deutschland-Oesterreich beschränkt. Diese nicht hinwegzuleugncnde Thatsache gibt doch auch zu denken. Sie kann jedenfalls nicht als Beweis feiner Falschheit gelten, mag man sonst über ihn denken, wie man es, por seinem wissenschaftlichen Gewissen nur immer verantworten kann. 4. Die physische Vorherbewegung (pras- 38 Ilwtlo xlrMaa) führt uns auf das Gebiet der Interpretation des hl. Thomas. Da behaupten die „Neu- molinisten" allerdings, der hl. Thomas lehre nicht die xrnarnotio wenigstens nicht die der Thomisten. Wenn die „Neumolinisieu" beschuldigt werden, daß sie nur die berühmten Namen der Kritiker in die Waagschale werfen, so machen es die Thomisten nicht wesentlich besser. Soviel glaube ich als völlig Unparteiischer (das bin ich im vollsten Sinne) sagen zu müssen. Daß nicht alle Jesuiten als Violinisten zu bezeichnen sind, ist sicher; gegenwärtig aber huldigt sicherlich die übergroße Mehrzahl derselben und ebenso die übergroße Mehrzahl ihrer unmittelbaren oder mittelbaren Schüler dem Molinismus. Nun will ich hier einmal mit meiner persönlichen Anschauung heraustreten und offen bekennen, daß die krasiuotio xlrxsieg. mir nicht als Princip gilt. Das entsprechende Princip ist für mich: „Keine Potenz geht aus sich in den Akt über." Daraus folgt eine kraaraotio xlrzcsioa. Sie ist unabweisbar; es handelt sich nur darum, sie richtig zu erklären. 5. Nicht zu billigen sind alle jene Versuche, welche darauf hinausgehen, zu beweisen, daß der hl. Thomas selbst Thomist gewesen sein muß, weil sie dem Fehler des Zuvielbeweisens verfallen. Der einfache, klare Nachweis, daß eine Lehre mit der des hl. Thomas übereinstimmt, hat mehr Werth. Nach den Thomisten war der „Thomismus" schon vor dem hl. Thomas das officiclle Lehrsystem des Dominikanerordens und seiner Schule. „Aus dieser Schule ging Thomas als deren größtes Licht hervor, und nach ihm hieß sie dann die thomist- ische Schule." Als Dominikaner mußte also der hl. Thomas „Thomist" sein. „Nach und vor Thomas aber liegt die autoritativ im Bereiche der Schule entscheidende Lehrgewalt nicht in den stummen Büchern, welche Thomas geschrieben, sondern im Beschlusse des Ordensgeneralkapitels, ähnlich etwa wie nicht in der stummen Bibel allein die Richtschnur des geoffenbarten Glaubens liegt, sondern in der Tradition, d. h. in der obersten Lehrgewalt der Kirche." Darnach sieht über den Schriften des hl. Thomas eine höhere Autori'.ät, die aber nur für den Dominikanerorden gilt; wird allgemeine Geltung für sie beansprucht, dann folgt, daß wir die Principien des hl. Thomas nicht bei diesem selbst, sondern im Lehrsystem des Dominikanerordens oder bei den Thomisten zu suchen haben, konsequent ergibt sich, daß Papst Leo XIII. nicht auf die Principien des hl. Thomas, sondern auf die der Thomisten hätte zurückweisen sollen. Die Autorität des Ordcus- generalkapitels der Dominikaner gilt aber für jeden außerhalb des Ordens Stehenden nur insoweit, als sie hinreichende Gründe für sich hat. Es hat jedermann das Recht, von ihrer Entscheidung auf die Schriften des hl. Thomas zurückzugehen und seine Zustimmung oder Nicht- zustimmung von der aus diesen Schriften sich ergebenden Begründung abhängig zu machen. Der allerdings mit großer Vorsicht angezogene Vergleich ist in zweifacher Hinsicht ein unglücklicher: Die Lehrgewalt der Kirche ist auch in der Auslegung der hl. Schrift unfehlbar, das Generalkapitel der Dominikaner ist eS nicht hinsichtlich der Schriften des hl. Thomas und auch nicht bezüglich der Reinhaltung der entsprechenden Tradition; die hl. Schrift enthält nicht die ganze Offenbarung: sollen etwa gar auch die Schriften des hl. Thomas nicht den ganzen Thomismus enthalten und etwas unter Umständen als thomistisch hinzunehmen sein, was sich gar nicht im hl. Thomas findet? Oder sollen die Thomisten allein zu einer Weiterentwicklung der Lehre des Heiligen berechtigt und befähigt sein? Als Muster eines Ordensmannes hat sich der hl. Thomas gewiß nicht von einer eidlich ihm seitens des Ordens auferlegten Verpflichtung entfernt. Aber das schließt nicht aus, daß er in seinen Schriften Gesichtspunkte eröffnet, die einer Weiterbildung nicht nur werth sind, sondern sie geradezu fordern; er wäre sonst nicht der universale Geist gewesen, der er wirklich war. 6. Zu meiner Aufforderung, eine Versöhnung anzustreben, bemerkt k. Josephus, daß „wohl schwerlich jemand im Ernste daran denken wird, beide Ansichten zu versöhnen". Soll das heißen: So wie sie liegen, sollen sie versöhnt werden, und wird mir allein etwa eine solche Ansicht zugeschrieben, so muß ich ernstltchst protestircn. Das erste Erforderniß ist doch, sich eine Sache, über die man schreiben will, genau anzusehen. Ich habe ausdrücklich von einem „Ausgleich der verschiedenen Meinungen über diese hinaus" gesprochen. Ueber die Möglichkeit eines solchen f. oben Nr. 2. — Höchst unglücklich ist der weitere Satz: „Eine von beiden (Ansichten) ist wahr, die andere falsch." Beide Ansichten stehen sich nicht wie contradiktorische, sondern wie konträre Urtheile gegenüber. Also können nicht beide wahr, wohl aber beide falsch sein. Es ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß beide Wahres und Falsches enthalten. Beide Ansichten werden in der katholischen Wissenschaft vertreten. Ist eine nothwendig falsch (und welche das ist, deuten die Thomisten nicht unklar an), dann wird sozusagen unter den Augen der Kirche Falsches gelehrt, und zwar in ziemlich weitem Umfange. Eine Entscheidung ist bis jetzt nicht getroffen; zur Zeit ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß dieselbe einmal auch gegen die Thomisten ausfalle, und wenn ihre Lehre mit der des hl. Thomas identisch sein muß, auch gegen diesen. Die letztere Möglichkeit per- horrescire ich durchaus und möchte nicht entfernt eine Behauptung aufstellen, die auf sie anklingt. — Die Frage über den Störenfried gehört meiner Anschauung nach ganz anderswohin als in wissenschaftliche Erörterungen. 7. Gegen die „Nsumolinisten" wird Nom gegenüber ex 8ileirtio argumentirt. Daß ihre Lehre eine Entwicklung und Vervollkommnung, ein Fortschritt der Lehre des hl. Thomas fei, davon finde sich nirgends „ein Sterbenswörtlein" in den betreffenden Erlassen des hl. Vaters. Es findet sich aber auch nicht ein Sterbenswörtlein vom Gegentheil. Zudem war gerade auf dieser Seite der Eifer im Herausgeben von Schriften im Geiste, nach den Principien des hl. Thomas (acl meutern, 86- cuuclnm xrinoipia ciivi llromae) ein so reger, daß eine Ermunterung, eine Steigerung dieses Eifers das überflüssigste von der Welt gewesen wäre. Die betreffende Lehre wird weiterhin unmittelbar unter den Augen des hl. Vaters vorgetragen. Argumente ax eileutio haben keinen Werth nach einem bekannten Sprichworts. Mit dem „Zurück zu den Principien des hl. Thomas!" ist unmittelbar weder die Verurtheilung aller anderen Principien, noch viel weniger die jener Principien gegeben, die von denen der Thomisten abweichen und trotzdem auf den hl. Thomas zurückgeführt werden. Es sei hier constatirt, baß erst in neuester Zeit wissenschaftliche Bestrebungen von Seiten Roms Anerkennung erfuhren, die nicht auf den Principien des hl. Thomas beruhen. — Die Erlasse deS hl. Vaters Leo XIII. lauten bis jetzt ziemlich reservirt und gehen über die Aufmunterung zum Studium der Schriften des hl. Thomas und der seiner besten Kommentatoren, zum Klarlegen der reinen Lehre des Heiligen nicht hinaus. Eine direkte Approbation des Inhaltes einer Schrift habe ich bis jetzt nirgends gefunden, auch nicht in den von k. Josephus angeführten Citaten. Der hl. Vater sagt von der Dominikanerfamilie: huas sumirro Iroo rnagistro (hl. Thomas) zurs gu säurn suo Zloriatur. Bloß z'rrrs oder suo z'urs wäre mehr. Auf die Ueber- tragung der Herausgabe der Werke des hl. Thomas an die Dominikaner ist kein besonderes Gewicht zu legen; es geben ja auch die Franziskaner die Werke ihres Ordensgenossen Bonaventura heraus. Das Gegentheil wäre geradezu beschämend für den Dominikanerorden gewesen. Daß die den beiden Summen beizudruckenden Kommentare aus der Thomistenschule stammen, hat kein größeres Gewicht. Eine Approbation derselben liegt darin noch nicht. In dem Schreiben an den Herausgeber der Hsvus Mioraisto ist zunächst das »Zeuns travbntionis" (Methode) anerkannt. Der hl. Vater ist bis jetzt nach keiner Seite hin engagirt (um diesen Ausdruck zu gebrauchen). 8. Daß bis Thomisten einander selbst Anerkennung spenden und gegenseitig ihre Werke empfehlen, ist natürlich und sogar erfreulich; es wäre doch schrecklich, wenn auch da Uneinigkeit herrschte. Irgend ein Beweis kann von diesem Umstände nicht hergenommen werden, auch nicht dafür, wo die wahre Lehre des hl. Thomas zu finden ist. Sonst wäre das Beweisen unter Umständen doch gar zu leicht. Den Schriften der Thomisten über den hl. Thomas kann eine noch größere Anzahl auf Seiten der Jesuiten gegenüber gestellt werden, die den ersteren an Güte nicht nachstehen. — Wie mir übrigens scheinen will, wollen oder wollten die Thomisten die Empfehlung der Principien des hl. Thomas durch Papst Leo XIII. bcnützen, die maßgebende Stellung, welche die Jesuiten in der letzten Zeit in der katholischen Wissenschaft besonders Deutschlands und Oesterreichs einnahmen, zu brechen. Ich habe für meine Person gegen einen solchen Versuch schon darum nichts einzuwenden, weil ich mich freue, wenn es mir möglich ist, Dinge, mit denen ich mich nicht eingehender beschäftigen kann, von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachtet zu sehen. Es täuscht mich wohl der Schein; aber mag die Sache wie immer sich verhalten, einen friedlichen Wetteifer ziehe ich unter allen Umstärwen vor. Zudem werden die Thomisten schwerlich durchgingen, so lauge sie das Lehrsystem des Dominikanerordens ohne weiters mit der Lehre des hl. Thomas ideutificiren, also für die wahre Auffassung der Lehre desselben auf die Beschlüsse des Ordensgeneralkapitels recurriren. Innerhalb eines Ordens hat eine solche Geschlossenheit jedenfalls ihr Gutes, auf weitere Kreise wird sie versagen. DaS ist ja das große Geheimniß der sich überall praktisch zeigenden Jesuiten, daß sie Freiheit zu gestatten wissen, ohne die Einheit zu verlieren. Vorläufig wollen wir es mit Zigliara halten, daß wir in rein wissenschaftlichen Fragen nicht der Autorität, sondern den klaren Gründen weichen; daß wir die Wahrheit begrüßen und nehmen, wo wir sie hinreichend begründet finden, und den Irrthum überall und in jeder Form bekämpfen. Unwillkürlich fällt mir zum Schlüsse ein Ausspruch Caramuels (si 1682) ein, den ich jüngst irgendwo gelesen: tzulä csnssain äs Iris ssn- tsntüs (Lsisntig, rneäia sto.) inHuiris. Lt Mig, sunrurs sinesrus snrn, rssxonäsv, raifti nullum xlaosrs, st sxistinao, ant uäftus Irrtors veritatsin, ant ulirmäs pstenäum. (Ursol. lunä. Q. XXIV. kruneok. 1651.) Miurchnev anthropologische Gesellschaft. Die Sitzung am 21. Januar war wohl eine der besuchtesten seit dem Bestehen der Gesellschaft. Die Ursache lag in dem Vortrage des Herrn Pros. Grätz über die von Röntgen entdeckten X-Strahlen. Zuvor sprach Herr Pros. M. Büchner über Anatomie und Aesthetik der Japaner. Während ein Theil unserer Kunst durch die Kenntniß der japanischen Malerei neue Anregung erhalten hat, wie z. B. die Blumenmalerei, steht die Darstellung des menschlichen Körpers aus einer sehr niedrigen Siuse. Wenn einige Götterbilder nicht gar so häßlich sind, so ist dies sremdcm Einfluß zuzuschreiben. Der Japaner stellt nie einen weiblichen Körper dar um seiner selbst willen, nur als Genrebild, die weibliche Schönheit schätzt er nur in reiche», prunkvollen Kleidern. Die männlichen Aktbrlder finden sich nur bei der Darstellung der Ringkämpfer. Es sind dies fette Gestalten. Die Japaner haben nicht daran gedacht, daß der menschliche Körper als Ideal dargestellt werden könnte. Die Anatomie stand bis in die Neuzeit aus einer sehr niedrigen Stufe. Erst im Jahre 18ö9 fand die erste Sektion auf japanischem Gebiete statt. Das medizinische Hauptwerk stammt aus dem Jahre 350 v. Chr. und behandelt die fieberhaften Krankheiten, das über die nicht fieberhaften Krankheiten ist etwas jünger, stand aber deßhalb auch nicht so sehr im Ansehen. Auf dem Theater will der Japaner grausame Scenen sehen, in voller Natürlichkeit. Die japanische Kunst zeigt rassinirte Eeschicklich- kcit, Sucht nach Reizen, aber die Ruhe und Befriedigung, welche wahre Kunst bewirkt, fehlt. Die eigentliche klassische Kunst kennen wir sehr wenig, das was wir kennen ist für die Masse' bestimmt. Immerhin hält die japanische Malerei einen Vergleich mit den Erzeugnissen unserer modernen Kunst aus. Die Schönheit der antiken Kunst fehlt in Japan vollständig. Hierauf empfahl der Vorsitzende Herr Pros. I. Ranke die iicncrschienenc Zeitschrift „Centralblatt sür Anthropologie" von vr. Lnichan und ließ das erste Heft circnliren. Nach einer kleinen Pause begann Herr Pros. Grätz seinen Vertrag über Röntgens Entdeckung. Der elektrische Strom geht durch Körper, aber nicht durch Lust. Erst im Jahre 1359 fand man, daß er durch lustverdünnten Raum geht (Geißler'sche Röhren). Je nachdem ein GaS in der Röhre sich befindet, erscheint daS Licht in andrer Farbe. In der Nähe der einen Elektrode, der sogen. Kathode, befindet sich ein dunkler Raum. In Röhren mit sehr verdünnter Luft (Hittorf'sche oder Brookes'sche Röhren) leuchtet nur mehr die Kathode, der übrige Raum ist dunkel. Dagegen erscheint auf der der Kathode entgegengesetzten Wand des Glases eine grüne Lichterscheinung, das ElaS phoöphvreöcirt. Diese Phos- phorescenz ist bedingt durch die Absorption der sog. Kathodeu- strciblcn. Diese haben folgende Eigenschaften. Sie gehen von der Kathode zur direkt gegenüberliegenden Glaswand, wobei cü gleicbgiltig ist, wo die andere Elektrode sich befindet. Durch einen Magneten werden die Katbodenstrahlcn abgelenkt, bewegliche Körper werden durch dieselben in Bewegung gesetzt. DaS GlaS ist für die Kathodenstrahlcn undurchlässig. Hcrß bewies, daß die Katbodenstrahlcn unabhängig sind von der Richtung des elektrischen Stromes. Er fand, daß die Kathodenstrahlcn durch Metalle hindurchgehen, dagegen von durchsichtigen Körpern absorbirt werden. Lenard verschloß eine Ocffnung des Glases mit Aluminium und fand, daß die Kathodenstrahlcn durch dieses Metall in die Luft hinausgehen, wo sie nichr erzeugt werden können, daß sie auch hier PhosphoreSccuz erzeugen, wenn auch nur in geringer Entfernung (1—2 om), daß die Kathoden auS verschiedenen Strahlen zusammengesetzt sind. die durch den Magnet verschieden ablenkbar sind. Soweit reichten unsere Kenntnisse bis vor einigen Wochen. Da fand Röntgen, daß Strahlen auch ohne Aluminiumsciistcr durch daö GlaS der Röhre gehen und chemisch wirke». Diese Slrablen (X-Strahlen) gehen durch alle Körper, nur die Dichte bestmiint die Größe der Durchlässigkeit. Blei ist sehr wenig durchlässig. Eine Brechung der X-Strahlen durch den Magnet sinder nicht statt, auch keine Jnterfercuzerscheiuuugcu. Auf einer Photographischen Platte erscheinen die weniger durchlässigen Gegenstände als Schattenbilder. Ob die X-Strahlen und KatboLenstraLlen wirklich verschieden sind, steht noch nicht ganz fest, da die Eigenschaft der X-Strahlen, durch den Magnet nicht abgelenkt zu werden, beide» 40 Kathodcnsirahlen bei gewöhnlichem Luftdruck noch nicht untersucht werden konnte. Die X-Ztrahlen haben entweder eine sehr große oder eine sehr kleine Wellenlänge, das letztere scheint das Wahrscheinlichere. Die Experimente, die der Redner während deö Vertrages machte, trugen wesentlich zum Verständnisse des Gesagten bei. Besonders interessant waren aber das Phoro- graphircn eines Geldbeutels und die Vorführung anderer mittels des Nöntgcn'schen Verfahrens gewonnener Photographien. Zwischen die Hittorf'sche NLbre und eine gewöhnliche, mit schwarzem Papier umhüllte photograpbische Platte wurde ein Geldbeutel mit 3 Geldstücken gelegt. Während der lederne Theil des Beutels nur in schwachen Umrissen erkennbar war, traten Metallbügel und Geldstücke im Innern ganz deutlich hervor. Sehr schön erschienen auch die Knochen einer Hand, sogar der Unterschied zwischen dem porösen und compaktcn Theil der Knochen ließ sich erkennen. Herr Pros. Ranke dankte den beiden Herren Vortragenden und sprach seine Freude darüber aus, daß in München die anthropologische Gesellschaft die erste war. welcher die neue Erfindung in so klarer Form vorgeführt wurde. ... Dr. L. Neceusioueu und Notizen. Martin Greif'S „Gesammelte Werke". Leipzig, Ame- langS Verlag. I. Band: Gedichte. 1895. vr.6-.Ll. Als Ausgabe letzter Hand hat sich der berühmte Dichter diese Gesammtgabe seiner Werke gedacht, die soeben erscheinen. So, wie er sich hier offenbart, will er künftig von der Litcraturgeschichte verstanden und beurtheilt sein. Bisher erschien der I. Band, die Gedichte enthaltend. Der Lyriker Greis steht endlich auf einer Warte, die ihm ernstlich nicht mehr von Neid und Mißgunst bestricken werden kann. Er darf als der universellste deutsche Lyriker der nachgcetheschen Zeit gelten. Daß er beginnt, Gemeingut des deutschen Volkes zu werden, dafür zeugt eben das Erscheinen dieser sechsten Auflage seiner Gedichte! Die sechste Auflage, und doch nicht bloß eine — Auflage. Das zweischneidige Wort „verbessert" ist hier am rechten Ort. Greif gibt vielfach ausgerciste Aenderungen früherer Lesarten, oft klein erscheinend und doch bedeutsam: eine Selbstkritik edelster Art. Der Leser staunt, nun erden Ertrag eines so gefühlsgehaltigen Poetenlebeus vor sich sieht, über die Unbegrcuztheit der Stoffwabl, die Universalität der Gedanken und die — Eigenart in Form und Ausdruck. Immer deutlicher tritt die Lyrik Greifs unbewußt in die geistige Sphäre eines Goethe — damit ist genug gesagt. Die lebendige Anschaulichkeit und die Naturbcseelung hat seit Goethe wohl kein Poet mehr so getroffen und empfunden, wie Martin Greif. — Die vorliegende Ausgabe, die auch in billigen Lieferungen erschienen ist, muß aber auch als vermehrte gelten, wenn gleichwohl der Dichter trotz seiner Schüchternheit wohl noch manches Gedicht hätte beisteuern können, das sein neueres Schaffen kennzeichnet. Indessen ist Greis bei aller Fruchtbarkeit wählerisch: was er als xosmata, uova bietet, ist klassisch schön, wie die „Andacht im Walde" und daö Idyll „Der Main und die OclSnitz". Fragt man nach seinem Glauben — und jeder Dichter ist im Grund religiös, sonst ist ereilt Schmierfink! — so gehört er zu den geweihten Sängern, die für alles Höbe und Heilige erglühen, wo sie es finden. Den Gott, der seine Liebe offenbart, weiß der Dichter in der Erscheinung Jesu ebenso gegenwärtig, wie in der erhabenen Stimmung der Natur. Greif ist ein christlicher Poet durch und durch, bei dem unser Herrgott freilich nicht erst seit den Tagen des Christenthums lebt, sondern auch unerkannt im Leben der Verwelk gewaltet hat. Und Greif ist ein bayerischdeutscher Dichter, ein echter Germane. Es ist ein großes Verdienst, das sich der noble Verlag erwirbt, indem er einen solchen Meister der Dichtkunst populär zu machen bestrebt ist. Die Ausgabe, von der ein II. Band den Dramatiker uns zeigt, ist mustergültig. _ „Jnstruktionsbuch für die dem bayer. Landesverband angeschlossenen DarlehenSkassen- vereiue," bearbeitet von I. Stau dinger, k. Pfarrer und E. Bischofs, Direktor der bayer. Ccnlral-Dar- lcheuskassc. München 1896. Verlag des bayer. Landesverbandes. Preis 3 M. lH Der auf VIII und 383 Seiten gr. 8° sich darbietende Inhalt dieses soeben erschienenen Buches besieht in einer klaren und bündigen, stets durch ausgefüllte Formulare zur concrcten Anschauung gebrachten Instruktion über all das, was bei Gründung, Geschästs- und Rechnungsführung bayer. Raiff- eiseu'scher Darlehenskassenvereine und deren Verkehr mit dem Landesverbände, den Kreis- und BczirkSverbänden, sowie der Ccntral-DarlcbenSkasse zu beachten ist. Das Buch zerfällt in fünf Theile. Der l. Tbeck handelt vom bayer. Landesverband lanvwiribsckastl. Darlehenskassenvereine; der II. von der daher. Ccutral-Darlehenokassc,- der III. über laudwirthschaftl. Dar- lcbenSkasscnvereine nach Naiffeisen'schen Grundsätzen; der IV. enthält die einschlägigen Gesetze und Entschließungen der Staats- reaiernug; der V. bringt Statuten-Emwürfe und Sonstiges. Besonders ist auch der Bildung von Verkaufsgcnossenschaften sowie der Errichtung und Verwaltung von Lagerhäusern, diesem für die Landwirthe und den rentablen Absatz ihrer Produkte so wichtigen Mittel, ausführliche Besprechung gewidmet. Als prakt. Eommcutar sind die Statuten der Verkaufsgeuossenschaft Trost- hcrg abgedruckt. Wir empfehlen das vorliegende Jnstruktionsbuch allen bayer. Raiffeiseuvereinen zur Anschaffung. Es wird denselben die besten Dienste leisten, nicht bloß als offiziöse Darlegung der Ziele und Einrichtung des bayer. Landesverbandes, sondern auch als praktisches Hilfs» und Nachscklagebuch in zahlreichen Fällen, wo sie. wie besonders im ersten Stadium des Werdens und der Consolidirung, Aufschluß suche». Sie werde» diesen sicher stets finden; denn die Bersasser, welche hinreichend bekannt sind, haben den Lanvwirthen, ihren Mitbürgern, in dem Buche das Resultat vicljäbriger, in rastloser praktischer Arbeit gewonnener Erfahrungen dargeboten. Ein ausführliches Sachregister erleichtert die Benützung des Werkes. Die Ausstattung ist fein, der Preis sehr mäßig. Das Jnstruktionsbuch verdient die Anerkennung des ganzen derzeit schwer ringenden bayerischen Bauernstandes, es ist eine patriotische That. Theologisch - praktiscbe Monatsschrift. Ceutral-Organ der katholischen Geistlichkeit BayernS. Passau. Abt'sche Buchhandlung. ^ Dem Forschuugsgeiste des 19. Jahrhunderts rühmt man nach, daß ihm die Selbstgenügsamkeit früherer Zeit und die Zufriedenheit mit dem Hergebrachten fremd geworden sei. Er ist aus allen Gebieten der menschlichen Erkenntniß mit fieberhafter Hast vorwärts gedrungen, und die Erfolge seiner nie rastenden Thätigkeit liegen in den schätzbarsten Resultaten vor uns. Hinter diesem nur auf das lebhafteste zu begrüßenden Streben der Profanwissenschnft ist die theologische Forschung nicht zurückgeblieben, Vor uns liegt daS 2. Heft deö 6. Bandes der Passnuer theologis ch-prakti sehen Monatss christ» welche uns sprechenden Beweis davon ablegt. Diese Zeitschrift hält im Wettlausc um möglichst zutreffende Erforschung der Dinge außer und über uns gleichen Schritt mit der sogenannten exakten Forschung, und es ist ibr ernst, nicht zurückzustehen in der Aufhellung des Geistes. Wir Katholiken in Bayern dürfe» stolz sein auf ein solches Preßerzeuguiß. Die Errungenschaften spekulativen Denkens vergangener Jahrbundertc, die geschichtliche Gestaltung deö Reiches Gottes aus Erden im Verlaufe derselben, die praktischen Forderungen einer methodisch angelegten Seelsorgenlcitung und die Erfolge derselben, endlich die rechtlichen Beziehungen nud Verhältnisse der Kirche treten unö hier in abwecbSlnngSvollein Bilde mit logischer Schärfe, populärer Darstellungsweise und wohlthuender Kürze und Genauigkeit vor Augen, daß auch der verwöhnte Geschmack Befriedigung findet. Es ist kein Zweig des theologischen Wissens, welcher liier nicht gestreift, unter dem einen oder andern Gesichtspunkte betrachtet und beleuchtet ist. Der Geistliche, welcher sich diese schöne Zeitschrift einmal zum Begleiter gewählt, wird sie unserer Ueberzeugung nach niemals mehr anS seiner Nähe weisen. Es sind die hervorragendsten Namen der bayerischen Gelehrtenwelt, welche ihre Feder in den Dienst derselben gestellt. Wer sollte nicht erfreut sein, wenn er die schwierigsten Fälle anS der Verwaltung des Pfarramtes, die dem Seelsorger manchmal schlaflose Nächte bereiten können, hier mit Sicherheit gelöst findet? Möge diese Zeitschrift in keiner Seelsorgerbibliotbek fehlen und möge durch fleißiges Abonnement seitens der Geistlichkeit die Redaktion eine Ermunterung finden, auf dem bisherigen mit so viel Glück betretenen Wege muthig weiterzuschreiten! Fünf kürzlich in der „Nation" erschienene Artikel des Hrn. Jnstizraths M. Lcby (Berlin) über den Entwurf des Bürgerlichen GcsetzeSbuäiS für das Deutsche Reich sind in einer Separatausgabe (3^/g Druckbogen) erschienen. Preis 1 Mark. Da die Arbeit des Herrn Levy den wesentlichsten Inhalt des neuen Gesetzbuchs unter specieller Berücksichtigung der Abweichungen vom bestehenden Recht in höchst übersichtlicher Weise zur Darstellung bringt, so eignet sich die Broschüre vorzüglich zur Einführung in die wichtige gesetzgeberische Materie. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Jusiituts von Haas L Grabherr in Augsburg.