ttl'. 11 13. Mär? 1896. 6 8 Adam Weishanpt. Von Adam Hirschmann. An den Gymnasialschulen der Jesuiten herrschte die lobenswerthe Sitte, das Schuljahr mit Aufführung eines lateinischen Theaterstückes feierlich zu schließen?) Demgemäß brachte das Gymnasium zu Jngolstadt 1755 ein Stück zur Darstellung, welches der Professor der Rhetorik Seidel aus der Gesellschaft Jesu verfaßt hatte. Es betitelt sich: La,varia, vstus st novn, und zielte darauf ab, Bayern zur Abwehr der eindringenden Freimaurerei aufzufordern. Der Mann der Loge tritt selbst auf. Mit den Worten, die zugleich feine Herkunft verrathen: Votrs trss linmdls ssrvitsnr, L-laäanis! bietet er dem jungen Bayern seine Dienste an. Dieses will wissen, was er, der Freimaurer, von Bayern denke? I'rg.uolis- raent, sums tatzon, saus ssraxlirasut erklärt er: Bayern hat viel Aberglauben, wenig Kunst und Wissenschaft. Die Menge Kirchen, voll Gold und Edelsteine, die Menge Popen und Oberpfasien, lauter Leute, die der Welt nichts nützen, das seien genug Beweise des Aberglaubens und seien der Schaden des Aerars. Darum soll das junge Bayern folgende Rathschläge befolgen: Mache die Kirchen zu Fabriken und Ställen, jage die Pfaffen fort, und nimm die nützlichen Leute auf, die ich dir vorstelle. Und das wären? Zuerst die Glaubensfreiheit. Sie ist die wahre Nationalökonomie. Denn von den verschiedenen Sekten wird die eine neue Handwerker, die andere geschicktere Künstler bringen, die eine den Handel fördern, die andere den Ackerbau, die dritte die Forste verbessern, die vierte die Viehzucht heben, die fünfte die Bergwerke ausbeuten. Zuletzt bringt der Jude Geld und kauft sich darum das Bürgerrecht. Laß jeden glauben, was er will, st unies euras, nt babeas civss, xsr guorum laborsm sis poisns st äivss! Als zweiten Gehilfen präsentirt der Freimaurer die Denkfreiheit. Katholische Luft, wie sie jetzt in Bayern wehe, tauge nicht für den Flor der Wissenschaft; im protestantischen Norden müsse man sich wahre Wissenschaft und Bildung holen: ImZstnni Latavorum est patria äoetorum; LlarburKi, cksnss, l-ixsias guasrenäao snnt ecisutjus. Kslwstmlü, Imnüini TubinZLS, Rsrolini Kalos aMä Laxonss tbi üant koimnes. Inbsrtas ssntisnäi tex xriwa S8t 8eisnäi. 8i jura. äat Lslig'io caxtiva Mimt ratio. Hai vinenlis Lomaais liZatur in8tar eanis nuuguam meutsw sii§it, nunguaw, 86 nil seirs, seit. Lehden in Holland ist die Vaterstadt der Gelehrten; zu Marburg, Jena, Leipzig muß man sich Wissenschaft holen; in Helmstädt, London, Tübingen, Berlin, zu Halle ') Die Studienordnung der Gesellschaft Jesu v. I. 1599 enthält hierüber folgende Vorschrift: Der Gegenstand der Tragödien und Komödien, die jedoch nur lateinisch sein und sehr selten ausgeführt werden sollen, sei ein heiliger und frommer; auch dürfen nur lateinische und anständige Zwischenspiele vorkommen; weibliche Rollen und Trachten sind ganz verboten. Pachtlcr, Ratio etuäiorum II, 273., bei den Sachsen werden die Menschen gebildet. Die Freiheit zu denken ist das erste Gesetz des Wissens; herrscht aber die Religion, so seufzt in Knechtschaft die Vernunft; wer wie ein Hund mit Ketten an Rom gefesselt ist, erhebt niemals den Geist, wird sich niemals bewußt, daß er eigentlich nichts weiß! So deklamirte in Jngolstadt 1755 der Freimaurer, welcher das junge Bayern zur Säkularisation der Kirchen- und Klostergüter, zur Duldung aller Konfessionen anspornte. In Gegenwart des Kurfürsten Maximilian III. (1745—1777) wurde das Drama Luvaria. vstus sb vova, einige Jahre später in Straubing noch einmal aufgeführt; zum Danke erhielt der Verfasser den gemessenen Befehl, Bayerns Boden innerhalb drei Tagen zu verlassen. Seidel hatte eben zu getrau nach dem Leben gezeichnet. Die Freimaurer am Hofe in München fühlten sich getroffen; zur Strafe mußte der kühne Jesuite über die Grenze ziehen! ?) Durch die Vermittelung eines eifrigen Schülers des ungläubigen Voltaire, des kurmainzischen Großhosmeisters Graf Stadion, war 1731 Adam Ick statt, welcher in Mainz, wo er das Jahr zuvor den Doktorgrad der Rechte erworben hatte, keine öffentlichen Vorlesungen hatte eröffnen dürfen, mit dem Prädikate eines Hofrathes als Professor des jrm xulüisunr iinx., des jus naturas st: Asntüuw und der institutionss irnxsrialss nach Würz- burg berufen worden. Zehn Jahre hatte Jckstatt diese Stelle inne, als er einen Ruf nach München erhielt, um den Kurprinzen Maximilian in das Staats-, Natur- und Völkerrecht einzuführen. Am 1. April 1741 trat der neue Prinzenerzieher sein Amt an. Gab es denn für diesen wichtigen Posten keinen einheimischen Gelehrten? Warum wurde dazu ein Ausländers auserlesen? Am 20. Januar 1745 starb Karl Albrecht, nachdem er drei Jahre lang die Schattenwürde eines deutschen Kaisers innegehabt hatte; Jckstatt's Schüler bestieg den Thron Bayerns. Am 22. August 1746 ernannte Maximilian III) Joseph seinen ehemaligen Hofmeister zum Direktor der Universität Jngolstadt, wo er zugleich als Lehrer des Pastoralbl. des BisthumS Eichstätt 1865 S. 203. Im Jahre 1799 gab ein Jlluminat Seidel's Arbeit heraus mit bissigen Bemerkungen gegen die Jesuiten. Neu abgedruckt mit Erläuterungen in Fr. v. VeSnard'S Literaturzeitung für die. kathol. Geistlichkeit, Septcinberhest 1832. Als eigene Broschüre erschienen in LandShut bei Jos. Thomann. b) Adam Jckstatt war am 6. Januar 1702 zu Vockenhausen unweit Königstcin im kurmainzischen Gebiete als Sohn eines Grobschmiedes geboren worden. Da ibm das Gewerbe des Vaters nicht zusagte, entwich er nach Mainz und erwarb sich daselbst durch sein einschmeichelndes Wesen und durch den Durst nach Kenntniß Freunde, die es ihm ermöglichten, das Gymnasium besuchen zu können. Doch unbekannt aus welchem Grunde verließ der junge Student gar bald Mainz und wanderte nach Paris; aber anstatt in den Hörsälcn berühmter Denker finden wir den achtzehnjährigen Jckstatt in der Kaserne als gemeinen Soldaten. Indessen vertauschte er baldigst den französischen Waffenrock mit dem kaiserlichen; ob er Frankreich mit einem ordentlichen Abschied verlassen oder ob er descrtirt ist, steht nicht fest. 1725 hörte er in Marburg den Philosophen Wolf, promovirtc 1727 zum Magister auf Grund der Dissertation : kbasnomsu siiiKnIars äs malo pomiksra. sins üoribus aä rations8 pb^sieas rsvoeatnm — Merkwürdige Erscheinung des blätterlosen Apfelbaumes nach den Gesetzen der Physik geprüft. Da Jckstatt als Dozent der Mathematik kein Kolleg zu Stande brachte, so hörte er bei Waldschmidt und Hombregh Vortrage über Rechtswissenschaft. Histor.-polit. Blätter Bd. 70 Seite 378. Natur- und Völkerrechtes, der Oekonomie- und Kameral- tvissenschaften die ganze juristische Fakultät in Händen hatte. Im Oktober trat Jckstatt sein Amt an, und seine erste That war, daß Heegius an die Regierung nach Straubing versetzt wurde, um für einen Günstling Platz zu machen, der in Würzburg sein Schüler gewesen, dermalen aber Repetitor des Rechtes an der fränkischen Hochschule und Bräutigam einer Nichte seiner Frau war: durch Dekret vom 14. Oktober 1746 wurde Johann Georg Weishaupt, geboren 1717 zu Brilon im preußischen Regierungsbezirke Arnsberg in Westfalen, als Professor der kaiserlichen Institutionen und des Kriminalrechtes mit 600 fl. Gehalt nach Jngolstadt berufen. (Mederer, ^irnul. inZolst. III, 227.) Um seine Vorlesungen beginnen zu können, mußte der Berufene erst selbst am 4. November 1746 in Jngolstadt zum Doktor beider Rechte promoviren! Am 6. Februar 1748 wurde dem Professor Weishaupt ein Söhnlein geboren, das in der hl. Taufe den Namen Joseph Johann Adam erhielt; Adam Jckstatt hielt das Kind über dem Taufbecken, als Stadtpfarrer Ferdinand Balthasar Ecker zur Sch. U. L. Frau in Jngolstadt das Wasser der Wiedergeburt abgoß. Diesem Pathenkinde Jckstatis sollen die nachfolgenden Zeilen gewidmet sein. Seine geistige Ausbildung erhielt Adam Weishaupt bei den Jesuiten seiner Vaterstadt, welche seit 1556 in Jngolstadt thätig waren. Im Nachtrag zur „Rechtfertigung meiner Absichten" (Frankfurt u. Leipzig 1787 S. 14—19) erzählt Weishaupt: „Ich kam als ein Knab mit achthalb Jahren das erstemal in die Schule. Es ist wahr, wir mußten unaufhörlich beichten und dem äußerlichen Gottesdienst beiwohnen und vorzüglich die Andachten zu ihren (der Jesuiten) Heiligen verrichten. Aber dies war auch alles: Sie wollten sich auf diese Art, nicht durch Gründe, sondern durch den äußerlichen Glanz, durch Gewohnheit und Fertigkeiten des jungen Kopfes so sehr bemeistern, daß er dereinst bei reiferen Jahren gar kein Bedürfniß nach höheren Gründen haben sollte. Unser einziger Unterricht war jeden Freitag, wo wir ein Stück aus unserem Canisius auswendig daherplappern mußten?) Wenn gegen Ende des Jahres die Prämien vertheilt wurden, so ward eine dergleichen Belohnung auch demjenigen zugedacht, welcher bei der vorgenommenen Prüfung die besten Beweise seines Unterrichts im Christenthum gegeben hatte. Und nun höre die Welt diese Beweise und sie sage, ob ich unrecht habe? — Wir mußten der Reihe nach, meistens nach alphabetischer Ordnung, an der Thür des Zimmers, in welchem sich drei von unseren Glaubens-Richtern versammelt hatten, warten, der erste nach gegebenen Zeichen ein- «) Aehnlich schreibt Cl. Th. P-rtheS in: Politische Zustände und Personen in Deutschland zur Zeit der französischen Revolution (Gotha 1862) I, 438 über Bayern: „Der Religionsunterricht bestand zum großen Tbeile in dem Auswendiglernen der Sätze des von dem Jesuiten Grätscher verfaßten Katechismus." Greifer oder Gretscher, wie Mederer schreibt, hat aber keinen Schulkatcchismus geschrieben. Die Studienordnnng der Gesellschaft Jesu v. 1599 schrieb den Professoren der niederen Klassen *or: „Die Jünglinge, die man der Gesellschaft Jesu zur Er- .iehung anvertraue hat, unterrichte der Lehrer so, daß sie zugleich mit den Wissenschaften besonders die eines Christen würdigen Sitten gewinnen. Er wache darüber, daß alle der Messe und Predigt beiwohnen; und zwar der Messe täglich, der Predigt aber an Festtagen. . . . Der christliche Unterricht soll besonders in den Klassen der Grammatik und, wenn nöthig, auch in andern Freitags oder Sonnabends auswendig gelernt und hergesagt werden. . . Er halte auch Freitags oder Sonnabends eine halbstündige fromme Exhorte oder Erklärung des Katechismus; er dringe vorzüglich aus tägliches Gebet, besonders auch zur täglichen Abbetung des Rosenkranzes oder der Tag- zeiten Mariä. . . Er empfehle sehr die geistliche Lesung, besonders aus dem Leben der Heiligen; er bemühe sich, daß Niemand die monatliche Beicht unterlasse. Pachtler I. v. II, 879-381. 6onk. II, 275 v. 21; II. 353 u. 6. treten und nicht eine Glaubenssrage, sondern ein Räthsel anS dem Canisius auflösen, z. B. wir sollten das Vaterunser rückwärts ohne Anstand auswendig hersagen. Wir sollten sagen, wie oft at, tu oder oum in dem ersten Haupt stück stehen, oder eö wurden uns 2 oder 3 Worte aufgegeben, wo wir sogleich fortfahren mußten, und dies so oft, als diese Worte in diesem Hauptstücke enthalten waren. Wenn einer nach dem andern diese Fragen vor diesem geheimen Religionsgericht beantwortet hatte, so kam der Präfckt an die Thüre und verlas die Namen derjenigen, welche die Frage errathen hatten. Diese blieben sodann und fingen unter sich ihren Wettstreit aus der Religion auf das Neue an, bis ein einziger Sieger blieb, und dieser allein wurde gekrönt. — Nun sage alle Welt, was sie von diesem Religionsunterricht hält? Diesen und keinen andern Unterricht (denn ihre Predigten waren nicht viel besser) erhielt ich bis in das 15. Jahr meines Lebens, wo ich das Gymnasium verließ und mit dem akademischen CursuS den Ansang machte. Ich bin auf diese Art, ich darf sagen, 29 Jahre alt geworden, ohne daß ich für die Wahrheit meiner Religion einen andern Beweis anführen konnte, als: so bin ich gelehrt worden; so sagt die Kirche; dieses Recht der Kirche ist in der hl. Schrift gegründet, und die Kirche hat das Recht, den zweifelhaften Sinn der Schrift zu bestimmen. Was soll, fährt Weishaupt fort, aus einem solchen Menschen werden, wenn er hinter andere Bücher geräth, wenn er mit Vernünftigen einen Umgang pflegt, wenn er aus der Schule mit einer so schwachen Gegenwehr und Vorbereitung in die Welt tritt... Ich glaube also mit Grund behaupten zu können, daß nicht ich, nickt der Jlluminatismus, sondern der fortdauernde schlechte Religionsunterricht und die Unwissenheit des größern Theils von dem katholischen Klerus, die Quelle dcS in diesem Lande (Bayern) herrschenden Unglaubens sei." Der junge Weishaupt, dessen Vater schon im September 1753 in Heiligenthal bei Würzburg, wo er in den Ferien weilte, im Alter von 36 Jahren starb (Mederer, Uniral. III, 256), lernte bei seinem Gönner und Pathen Jckstatt die neueste Literatur französischer Aufklärung kennen, und bald war ihm „der Name der Bibel ebenso unerträglich und lächerlich", als die Schriften des Cicero, gegen welche er bis in sein Alter tiefen Abscheu trug; er gelangte zu einem allgemeinen Skepticismus. Im Jahre 1764 promovirte er an der Hochschule zu Jngolstadt aus der gesammten Philosophie, 1768 aus dem Rechte, welches er sich zum Fachstudium erwählt hatte. Schon im Jahre 1772 wurde er außerordentlicher Professor der Rechtswissenschaft; als im folgenden Jahre die Jesuiten in Folge des päpstlichen Aufhebungsbreves vom 21. Juli 1773 ihre Lehrthätigkeit an der Jngol- städter Hochschule einstellen mußten, übernahm Weishaupt, wenn auch Laie, die Vorlesungen aus dem kanonischen Rechte, welche er 13 Jahre lang „nach der Lehre der gallikanischen Kirche" fortführte. (Kurze Rechtfertigung S. 25.) Mit Jckstatt's Hilfe fand er auch Zutritt zu der philosophischen Fakultät und las über Geschichte und Moralphilosophie in so „aufgeklärtem" Sinne, wie er ohne zu große Gefahr nur konnte. Dabei verschmähte es der ehrgeizige Professor nicht, in lieblosester Weise über seinen Gönner Jckstatt an Lori, den Mitdirektor der Universität, nach München zu berichten. (Allg. Ztg. 1874 Beilage Nr. 174; über Lori vergl. Westenrteder, Sämmtl. Werke, Kcmpten 1833, Bd. 14 S. 140—167.) Ueberall aber wähnte er den Einfluß der Exjesuiten als Hemmschuh seiner Bestrebungen zu verspüren; der Jesuitis- mus war der Popanz seiner Eitelkeit; ja er behauptete geradezu, die Jesuiten hätten sich gegen ihn, nachdem er Professor geworden, verschworen. (Pythagoras oder Betrachtungen über die geheime Welt und Negierungskunst von Adam Weishaupt, Frankfurt und Leipzig 1790, Seite 658.) Da kam, wie Weishaupt erzählt, im Jahre 1774 ein Protestant H. aus H. (vielleicht Hamburg) nach In- golstadt und unterhielt sich mit Weishaupt über dke Freimaurerei, deren Ziele und Bestrebungen. Hiedurch kam der Jngolstädter Universitätsprosessor auf den Gedanken, einen eigenen Orden zu gründen, um die Einwirkungen des Jesuiiismus zu paralysiren (Pythagoras S. 651). Abts Schrift vom Verdienste bestärkte ihn in seinem Vorhaben, so daß allgemeine Statuten entworfen wurden, deren Tendenz aus dem Namen „Statuten der Perfekii- bilisten" erhellte. „Diesen Namen, sagt Weishaupt, habe ich bloß aus der Ursache geändert, weil das Wort zu sonderbar klingt; indessen zeigt doch dieser Name, welche Absicht ich bei der Gründung der Gesellschaft hatte. Diese nahm mit dem 1. Mai 1776 ihren Anfang" ^) (Pyjha- goras S. 670). Der Zweck dieser geheimen Verbindung, welche Orden der Jlluminaten, Erleuchteten oder Bienenorden, Bienengesellschaft (Einige Originalschriften S. 320) benannt wurde, war: „dem Menschen die Vervollkommnung seines Verstandes und moralischen Charakters interessant zu machen, menschliche und gesellschaftliche Gesinnungen zu verbreiten, boshafte Absichten in der Welt zu hindern, der notleidenden und bedrängten Tugend gegen das Unrecht beizustehen, auf die Beförderung würdiger Männer zu gedenken und überhaupt die Mittel zur Erkenntniß und Wissenschaften zu erleichtern. Man versichert theuer und heilig, daß dieses der einzige und nicht colorirte Endzweck der Gesellschaft sei" (Einige Original- schriften S. 27). Ein andermal schreibt Weishaupt an Cato: „Ich schwöre zu Gott, daß ich nichts weiter suche, als meinen Zweck. Dieser ist für mich Hinterflucht und Zuflucht im Unglück, für die Welt aber Bildung guter Menschen, Verbreitung der Wissenschaften und Schwächung boshafter Absichten" (Ebend. S. 280.) Als letztes Ziel des Ordens betrachtete der Stifter die Aufgabe, alle Menschen zum Dienste der Natur hinzuführen (o'sst sn rarasnant toua 1s s storarnss au eults äs In naturs. VoilL 1s äsrnisr Hut äs nron ouvraZs. (Ebend. S. 237.) Am 10. März 1778 schrieb Weishaupt, der an den Statuten immer änderte, an Cato: „Unterdessen will ich ihnen doch ev äktail meine damaligen Gedanken schreiben, tllon bat est kairs valoir In raison. Als Nebenzweck betrachte ich unseren Schuh, Macht, sichern Nucken von UnMckSfällen, Erleichterung der Mittel zur Erkanntnuß und Wissenschaft zu gelangen. Am meisten suche ich diejenigen Wissenschaften zu betreiben, die auf unsere allgenuine oder Ordens Glückseligkeit oder auch Privatangelegenheiten Einfluß haben, und die entgegengesetzten aus dem Weg zu räumen. Sie können also wohl denken, daß wir es mit Pedantismo, mit öffentlichen Schulen. Erziehung, Intoleranz, Theologie und Staatsverfassung werden zu thun haben. Dazu kann ich die Leute nicht brauchen, wie sie sind, sondern ich muß mir sie erst bilden. Und jede vorhergehende Klasse muß die Prüfungsschule für die künftige sein... In der nächsten Klasse, dächte ich also, eine Art von gelehrter Akademie zu errichten: in solcher wird gearbeitet, an Cbaraktcren, historischen und lebenden, Studium der Alten, Beobachtungsgeist, Abhandlungen, Preisfragen, und in sxsois mache ick darinnen jeden zum Spion des andern und aller. Darauf werden die Fähigen zu den Mysterien herausgenommen, die in dieser Klasse etliche Grundsätze und Grundersordernisse zum menschlichen glückseligen Leben sind. Anbei wird gearbeitet an Erkenntniß und Ansreutung der Vorurtheile. Diese muß jeder anzeigen v. g. monatlich, welche er bei sich entdeckt? welches das herrschende ist? wie weit er in Bestreitung derselben gekommen ist rc. Dieses ist bei uns ebensoviel, was bei den Jesuiten die Beickt war. Aus diesen kann ich ersehen, welche geneigt sind, gewisse sonderbare Staatslehren, Weckers hinauf Neligionsmeinungen anzunehmen. °) Knöpf! er, Lehrbuch der Kirchengeschichte S. 616, hat somit unrecht, wenn er die Gründung des Illuminatenordens in das Jahr 1775 verlegt. Und am Ende folgt die totale Einsicht in die Politik und Maximen des Ordens. In diesem obersten Conseil werden die Projekte entworfen, wie den Feinden der Vernunft und Menschlichkeit nach und nach auf den Leib zu gehen sei; Wie die Sache unter den Ordens Mitgliedern einzuleiten, wem es anzuvertrauen? Wie ein jeder n, proxortions seiner Einsicht könne dazu gebraucht werden; ebenso werde ich es auch mit der Erziehung und andern: machen. . . Sie werden nach und nach eine eigene Moral, Erziehung. Statistik und Religion entstehen sehen." (Ebend. S. 215-217.) (Fortsetzung folgt.) k'i'aotio xariis. Eine wichtige Entdeckung aus den Katakomben. Besprochen von Dr. G. A. Müller. Wenn der geniale Schüler Battista de Nossis, Mon- fignor Josef Wilpert in Rom, unser deutscher Landsmann, ein neues Werk publizirt, so ist das allemal ein wichtiges Ereigniß. Wilpert scheint nun einmal Prä« desttnirt zu sein, auf der Arena der christlichen Alterthumswissenschaft die gewaltige Rolle eines glückbegünstig- ten, fügen wir aber auch bei, tiefgelehrten Entdeckers zu spielen. Wir verdanken ihm die Klarstellung der „Prinzipienfragen der christlichen Archäologie" gegenüber den destruktiven Theorieen moderner Skeptiker; wir verdanken ihm die erstmalige mustergültige Herausgabe eines „CycluS christologischer Gemälde aus der Katakombe der heiligen Petrus und Marcellinus; wir verdanken ihm eine ikono- graphische Studie über die Katakombengemälde und ihre > alten Copieen; wir verdanken ihm eine prächtige Mono- > graphie über „die gottgeweihten Jungfrauen in den ersten > Jahrhunderten der Kirche" — alles Arbeiten, die jegliche ! für sich eine neue Entdeckung bedeuten. ! Und nun überrascht die gesammte wissenschaftliche i Welt eine neue Arbeit, deren Inhalt der große Nosst vor seinem Tode als die „Krone der Ausgrabungen" bezeichnete. Wilpert hat in einer Dar- > stellung der ersten christlichen Kunstepoche die Wiedergabe der liturgischen Brodbrechung im eucharistischen Opfer entdeckt — und dieser unabsehbar wichtigen Entdeckung gilt die bei Herder erschienene herrliche Monographie pg,uis". (Preis M. 18.—.) Die Bedeutung dieser Entdeckung für die katholische Apologetik liegt auf der Hand: wir stehen vor einem un- widerleglichen monumentalen Beweis für den apostolischen Charakter der sogenannten „Messe", für den ur- christlichen Sinn der Eucharistie als Opfer, für die Wahrheit, daß das „Brodbrechen" nichts anderes als unser Meßopfer ist. Und dieser Beweis ist umso ver-< blüffender, als er bis fast in die Geburtstunde deS Christenthums hinaufreicht. Er widerlegt jeden nicht- katholischen Lchrbegriff über die Eucharistie in geschicht-, licher Beziehung und gibt den katholischen Kirchen deS Erdenrunds ein tesiiiaoniunr vsritutis. Man muß vorausschicken, daß die sogenannten Sakramentskapellen in den Katakomben des hl. Callistus, die jedem Nompilger bekannt sind, eine solch evivente Beweiskraft in ihren Malereien nicht besitzen, als jene ist, die Wilperts Entdeckung bietet. Dort konnte, wenn auch nur gezwungen, eine allegorisch-dogmatische Be-^ deutung noch angetastet werden: hier tritt die Allegorie mit der geschichtlichen Darstellung in engen Bund. Der Schauplatz der Entdeckung ist die wohlbekannte Katakombe der hl. Priscilla an der Via Salaria, die in das apostolische Zeitalter hinaufreicht, noch näher, die 84 darin befindliche architektonisch wie monumental wichtige „enxella, 6reou", eine Grabkammer, die eine kleine Basilika mit drei Nischen (einem Tonnengewölbe und zwei Abfiden) bildet und deren Bilderschmuck bis auf die poch nicht untersuchten Wand flächen über den Bögen archäologisch bekannt war. Hier setzte Wilperts Arbeit ein: und wie schwierig, ja gefährlich diese Arbeit war, wie sie an sich schon eine geniale That bedeutet, läßt uns der bescheidene Forscher ahnen. Das Resultat war aber auch des Schweißes werth: neben anderen Funden war die „Brodbrechung" entdeckt, deren Werth Wilpert kurz also bezeichnet: wir haben ein liturgisches Gemälde vor uns, das in der gesammten altchristlichen Kunst einzig in feiner Art dasteht. Wilpert gibt das Bild mit folgenden Worten wieder: Die Mahlgenossen, sechs an der Zahl, sind auf einem halbrunden Speisesopha (signaa, stibaüiuw, neLubi- torturo), welches etwas über dem Erdboden erhöht ist, gelagert. Der bärtige Mann dagegen, der das Brod bricht, sitzt auf einem niedrigen Gegenstand, der sich, weil nur oberflächlich angedeutet, nicht genauer bestimmen läßt. Er befindet sich am rechten Ende des Apeisesophas, also vor demjenigen, der den ersten Platz (in äextro cornu) einnimmt; er ist der Vorsitzende „yui xraosiäot", welcher den Sechs die Speise reichen wird. Als die Hauptperson wurde er von dem Maler dadurch ausgezeichnet, daß er allein den Bart trügt, was ihm ein gewisses Alter und eine gewisse Würde verleihen soll. Zu seinen Füßen steht zunächst der Kelch, dann die beiden Teller mit zwei Fischen und fünf Broden und zu äußerst auf beiden Seiten, links vier, rechts drei, bis an den Rand mit Brod gefüllte Körbe. Seine ganze Haltung beweist, daß er das Brod wirklich bricht und es nicht etwa bloß in die Höhe hebt, um es zu zeigen: die Arme sind nicht eingebogen, sondern nach vorn, fast wagsrecht, ausgestreckt; der Oberkörper ist gleichfalls nach vorn geneigt, nur der Kopf legt sich etwas zurück. Hierdurch hat der Künstler die ihm vorschwebende Idee, den Augenblick, den Akt der Brodbrechung darzustellen, in meisterhafter Weise zum Ausdruck gebracht. Es ist unschwer zu erkennen, daß hier eine Mischung mehrerer liturgischer und biblischer Momente vorliegt: wir finden das Speisewunder allegorisirt und das Wesen der Eucharistie dargestellt in Fisch, Brod und Wein; Wein und Brod sind nach der Konsekration der Fisch, d. i. Christus, der Herr; aber wir Haben auch eine der allerwichtigsten liturgischen Handlungen vor uns, die Brechung des Brodes durch den celebrirenden Bischof, der den Gläubigen die Com- Munion zu spenden im Begriffe steht. Wir stehen hier nicht vor einer bloßen Nummer pon Gemälden, die uns hin und wieder das unchrist- liche Liebesmahl, die Agape, darstellen. Hier sagen Ms die Gläubigen, die Brode, die cucharistische Vase, ^ie Fische und vorab der mit Aplomb gekennzeichnete Celebrant etwas anderes: wir werden ^Mitten in die Opferhandlung hinein versetzt, wir sehen die Liturgie der Messe. Diesem Beweismoment gibt Wilpert natürlich entsprechenden Ausdruck. Gleichwohl möchte ich noch ein Anderes betonen, was nicht minder wichtig erscheint: ich erblicke in der von Wilpert entdeckten xavis" den evidentesten Monumentalbeweis für den geschichtlichen Urcharakter deS besonderen Prtesterthums, des oräc» sxeoiulis, und in dieser Richtung liegt für mich die wirkliche, großartige Bedeutung der Entdeckung, die dazu angethan ist, die — Wissenden im Glauben zu stärken! Johann Carl August Lewald. Biographie zu seinem 25. Todestag (10. März) von A. G. Der schriftstellerisch ungemein thätige Lewald, der auch in unserem engeren Vaterlande eine Rolle spielte, wurde geboren am 14. Oktober 1792 in der preußischen Stadt Königsberg als der Sohn eines vermöglichen Kaufmanns. Da sein Vater bald mit Tod abging, mußte er zu seinem größten Leidwesen seine Studien, die er am Gymnasium seiner Vaterstadt betrieb, verlassen und gegen seinen Willen an die Stelle des verstorbenen Vaters im elterlichen Hause als Kaufmann eintreten, nachdem er vorher noch im Handelsfach sich etwas ausgebildet hatte. Er fand aber an dem Kaufmannsfach so wenig Gefallen, daß er kränkelte; die Liebe zum Studium war stärker, als die Liebe zur Fortführung des elterlichen Geschäftes, er kehrte wieder zu dem unfreiwillig verlassenen Studium zurück und warf sich in erster Linie auf die Erlernung der modernen Sprachen. Später wollte er die Kunst zu seinem Lebensberuf erwählen und zu diesem Zweck, da ihm reiche Mittel zu Gebote standen, eine Studienreise nach Italien antreten, um dort, wie jeder Kunstjünger, sich auszubilden, als der ansprechende Krieg mit Frankreich ihm einen Strich durch die wohlüberlegte Rechnung machte. Kein junger Mann blieb ja damals zu Hanse, als es galt, das Vaterland zu retten vor dem Korsen und korsischer Unterdrückung; sie schaarten sich zusammen als freiwillige, als fliegende Korps, und was sie geleistet, ist mit glänzenden Buchstaben in das Buch der deutschen Geschichte eingetragen zu ihrem unvergeßlichen Ruhme. Auch Lewald schloß sich den Freiwilligen an, mußte aber zu seinem größten Bedauern bald seinen Abschied nehmen, und zwar wegen Kränklichkeit. Nach Erlangung seiner Gesundheit hatte er im Auftrag eines Verwandten eine Geschäftsreise nach Warschau zu machen, wo ihn der russische General von Rosen kennen lernte, mit dem er auf seine Bitten hin als Sekretär seiner Kanzlei den Feldzug nach Frankreich mitmachte, also doch Soldat, wenn auch nicht mit dem Gewehr, so doch mit der Feder. Nach Beendigung des Feldzuges machte er Reisen fast durch ganz Deutschland, hielt sich nirgends längere Zeit auf, bis er endlich Holtei und Schall kennen lernte, auf deren Veranlassung hin sich Lewald der Bühne zuwandte. Nach einem kurzen Aufenthalt in der österreichischen Hauptstadt ging er nach Mähren, trat einerseits als Schauspieler auf, andererseits war er gegen vier Jahre als Theaterdichter thätig, ohne indeß in dieser Zeit besonders Bemerkenswerthes zu schaffen. Bekanntlich haben die Schauspieler in der Regel keine bleibende Stätte, weil sie eine solche nur in einzelnen Fällen wünschen, sie wollen reisen und ihr Licht bald da, bald dort leuchten oder auch nicht leuchten lassen. Lewald ging es auch so. Bald finden wir ihn als Sekretär beim berühmten Direktor Carl in Wien, dann als Regisseur des Stadttheaters in Nürnberg und hier zugleich als zeitweiligen Redacteur des „Nürnberger Korrespondenten". Früher hatte er als Dichter unter dem Namen Kurt Waller in die „Augsburger Abendzeitung", in ein Breslauer Blatt und tn das „Jahrbuch deutscher Nach» spiele" von Holtet geschrieben, in Wrnberg aber verfaßte er sein erstes größeres Werk, seine „Geschichte der Musik" im Jahre 1826 und begann damit zugleich die Schriftstellerlaufbahn. Kurze Zeit war Lewald Direktor des Theaters in Bamberg, dann vier Jahre Theaterdichter und Inspektor in Hamburg, in welcher Zeit er fünf Bände Novellen schrieb. DaS Theaterleben wollte ihm nicht recht behagen, er fühlte sich als Schriftsteller, und um ganz diesem Fach sich widmen zu können, übersiedelte er nach Paris, wo er bleiben wollte. Doch eine stärkere Gewalt vertrieb ihn aus der Seinestadt bereits nach neun Monaten, nämlich die Cholera, und er übersiedelte nach der Geburtsstadt seiner Frau, nach München, wo alsbald fünf Bände Novellen entstanden, von denen einer wegen des sonderbaren Titels erwähnt sei: „Gadsalünah, Erinnerungen aus Hamburg". Aber auch in München hielt es den Zugvogel nicht lange, nach nur drei Jahren ging er nach Stuttgart und gründete die Zeitschrift „Europa, Chronik der gebildeten Welt," mit der er später nach Karlsruhe übersiedelte und die er während zwölf Jahren redigirte, noch welchen sie Gustav Kühne übernahm. Trotz des etwas pompösen Titels scheint er mit der Chronik nicht die besten Geschäfte gemacht zu haben, und er schrieb deßwegen in dieser Zeit seine Erinnerungen aus dem Leben unter dem Titel „Aquarellen", „Neue Aquarellen aus dem Leben" und „Ein Menschenleben", welche nicht weniger als siebzehn Bände umfassen, gewiß ein Beweis von großer Emsigkeit und großem Fleiß; allein ob hier nicht die Wahrheit desealten Satzes anzuwenden ist: „allzuviel ist ungesund", ist denn doch eine andere Frage, die wir nicht verneinen möchten. In den folgenden Jahren machte Lewald mehrfache Reisen, so an den Bodensee, nach Tirol, an den Rhein, zu dem Zwecke, um Land und Leute und deren Sitten und Charakter in der Nähe kennen zu lernen, in sich aufzunehmen und sie in weiteren, mitunter interessanten Werken der Mit- und Nachwelt zu überliefern. Wie ungemein thätig er schriftstellerisch war, beweist sicher der Umstand, daß in den nächsten elf Jahren nicht weniger als vierzig Bände Novellen, Neiseschilderungen und Theater- erinnerungen im Buchhandel von ihm erschienen, mitunter natürlich auch Minderwerthiges, bisweilen auch unter bizarrem Titel, wie „Mörder und Gespenster" rc. Nachdem er die Redaktion der „Europa" niedergelegt hatte, zog er nach Wien und von dort nach Frankfurt a. M., wo er während der Revolutionszeit lebte. Ruhe fand er wiederum anf vierzehn Jahre in Stuttgart als Regisseur der Oper und des Hoftheaters, zugleich als Redacteur der konservativen „Deutschen Chronik". Im Jahre 1860 trat er in München zur katholischen Kirche über, und wir brauchen gar nicht weitere Worte zu verlieren, wenn wir behaupten, daß dieser Schritt von bekannter Seite ihm Feinde über Feinde zuzog. Was er bisher geleistet, war selbstverständlich in den Augen dieser Menschenkinder wie gar nichts. Lewald aber ließ sich durch nichts aus dem Geleise bringen, er widmete jetzt seine Feder ganz und gar Schriften, die rein katholischen Charakter an sich tragen und wovon erwähnt sein sollen seine „Clarinette", „Anna" und „Moderne Familiengeschichten". Viel Interessantes bieten auch seine „Letzten Fahrten", feine, wenn wir nicht irren, letzte Publikation. Nachdem er pensionirt war, zog er nach Baden-Baden, von da nach München, wo er am 10. März 1871 sein reichbewegtes irdisches Dasein beschloß im 79. Jahre seines Lebens. Die Thümmelei in der „schönen" Literatur. Ein gutes Wort zur rechten Zeit ist nach der hl. Schrift gleich goldenen Aepfeln auf silbernen Schalen. Ein gutes Buch, das zur rechten Zeit seine Stimme erhebt, ist erst recht dieses ehrenvollen Vergleichs würdig, und so etwas Zeitgemäßes im strengsten Sinne des Wortes ist eine Schrift von Heinrich Keiter, dem trefflichen Redacteur des Deutschen Hansschatzes, der mit einer unermüdlichen Wachsamkeit die moderne Literatur in ihren guten und schlechten Werken verfolgt.*) Wenn Herr v. Eynern und andere Thümmelfreunde im preußischen Abgcordnetenhause ihre langathmige Beredsamkeit einsetzen, um die Katholiken als die Trüber des konfessionellen Friedenswässerchens hinzustellen, so deckt dieses Schriftchen einen Riesensumpf von protestantisch-jüdischen Verleumdungen gegen die katholische Kirche auf, der bisher in dieser gründlichen und umfassenden Weise noch nicht beleuchtet worden ist. Mit Recht sagt Keiter, die Wirksamkeit der sog. populär-wissenschaftlichen Broschüren," der politischen Tagesblätter und der Reden der Hetzapostel sei nicht so eindringlich und nachhaltig, als das Brunnen» gift, das durch die Kanäle der schönen Literatur, der Unterhaltungsliteratur, der Romane und Theaterstücke in alle Schichten und Kreise der Gesellschaft geleitet wird. Er findet die Ursache der konfessionellen Verbissenheit auf protestantischer Seite zum weitaus größten Theil in der Unterhaltungsliteratur, und er gibt zum Beweise dessen eine reichhaltige und höchst interessante Uebersicht über den confes» schnellen Gehalt der schönwissenschaftlichen Literatur. Damit man nicht die „Hitze des Culturkampfs" zur Entschuldigung heranziehen kann, hat Keiter fast nur Werke herangezogen, die nach 1880 erschienen sind. Das Verzeichniß der benutzten Werke zählt 800 Nummern; es sind dabei Schriftsteller betheiligt, die als große Geister ersten Ranges gelten: Paul Heyse und der jüngst gefeierte Jubilar Konrad Ferdinand Meyer, Franzos, Frenzel, Jensen, Hopfen, Voß rc. Sie alle arbeiten in ihren „Kunstwerken" an der confessionellen Brunnenvergiftung mit, indem sie von der katholischen Kirche, den Oberhirten, den Geistlichen und Ordenslenten ein gehässiges Zerrbild entwerfen. Die culturkämpferischen Schwadroneurs bedecken die gröbsten und perfidesten Hetzereien von protestantischer Seite mit dem Mantel der Liebe, aber jedes kräftige Wörtlein, das ein Katholik in der Nothwehr riskirt, brandmarken sie als einen himmelschreienden Fricdens- bruch. In ähnlicher Weise hantirt die „ästhetische Kritik", mit doppeltem Maß. Wenn Conrad von Bolanden in einem Roman einen defensiven Vorstoß gegen ein protestantisches oder liberales „Ideal" macht, dann werden die Mücken geseiht und die Frösche zu Ochsen aufgeblasen. Aber wenn von der Gegenseite das tollste und widerwärtigste Zeug über den Katholicismus zusammengeschrieben wird, dann werden Kameele verschluckt. Die niedere Kritik, sagt Keiter treffend, lobt ohne Einschränkung; die höhere aber hebt, wenn die Sache gar zu arg ist, gegenüber „kleinen Mängeln" die „gesunde Tendenz" hervor, die über alles andere hinwegsehen lasse. Ebenso richtig ist die Bemerkung Keiter's, daß die liberale Kritik alsbald gegen den „Tendenzroman" wettert, wenn in einer Erzählung der katholische Verfasser ein Kreuzzeichen machen oder ein Ave beten läßt; aber Romane mit der leiden- ) Consessionelle Brunncnvcrgiftimg. des Jahrhunderts. Regcnsburg u. Leipzig Keiter. 120 S. 8°. Preis 1,20 M Die wahre Schmach Verlag von Heinr. 86 schriftliche» Tendenz der Verunglimpfung des Heiligen werden als Kunstwerke anerkannt. Ein Kritiker, der eine Ausnahme bildet, sagte in Westermann's Monatsheften: „die Mehrzahl der protestantischen Bearbeiter der Neformationszeit halte zu sehr an den einseitig überkommenen Ueberlieferungen fest und gebe mehr schattenhafte Gebilde statt wirklichen Lebens; die katholischen Romanschriftsteller mochten diesen Trugbildern ihre Auffassung dichterisch entgegenstellen." Dieser Rathschlag erinnert uns daran, daß das GeschichtSwerk Janssen'S eine fürchterliche Fluth von Schmähungen und sogen. Widerlegungen entfesselt, aber doch einen bedeutenden Eindruck auf das Gedanken- und Empfindungsleben der Gegner gemacht hat. Wodurch wurde dieser Erfolg herbeigeführt? Gerade durch diejenige Eigenschaft der Janssen'schen Geschichtschreibung, welche die Vertreter der „modernen" Manier der Geschichtschreibung ihm zum schweren Mangel anrechnen wollten. Janssen hätte nach diesen Ausführungen raisonniren, Philosophiren und überhaupt das Material in seinem Geiste verarbeiten und ein künstlerisches Gesammtbild der Zeit „schaffen" sollen. Statt des Oelgemäldes aus „freier Hand" lieferte Janssen ein Mosaikbild, aus lauter echten Steinchen zusammengefügt, eine einwandfreie Zusammenstellung von Zeugnissen unter möglichster Vermeidung aller subjektiven Zuthaten. Das frappirte. Hätte aber Janssen mit der vereinigten Phantasie und Denkkraft sämmtlicher Berliner Geschichtsbaumeister ein wahres Meisterwerk der historifch- polttisch-poetischen Darstellungsknnst geschaffen, so würde man das Buch als Ausgeburt eines fanatischen Gehirns einfach zu den Acten geschrieben haben. Wenn wir die katholische Weltauffassung dichterisch darstellen, so ist daS ein Vortheil für unsere Gesinnungsgenossen; aber eine Wirkung auf die Gegner darf man sich nur von packenden Thatsachen und durchschlagenden Gründen versprechen. Nur mit solchen wuchtigen und scharfen Waffen kann man in dem Wall der Vorurtheile eine Bresche legen. Wenn dieser Wall erst gebrochen ist, können auch die Musen des erobernden Kreuzes vorwärts. Wie der dicke Wall der Vorurtheile und der Abneigung entstehen mußte, zeigt uns die reichhaltige Sammlung von Schmutzproben, die Herr Keiter aus 300 Werken antikatholischer Schriftsteller veranstaltet hat. Er gibt eine systematische Zusammenstellung gemäß den Rubriken: 1) Wesen und Geschichte der Kirche, 2) Papst und Bischöfe, 3) Jesuiten, 4) andere Mönche und Nonnen, 5) Seel- sorggeistlichkeit — so daß man in jedem Kapitel all' das theils lächerliche, theils entsetzliche Zeug, was die Herren und Damen über den betreffenden Punkt znsammen- gedichtet haben, übersichtlich vereinigt findet. Es ist geradezu unglaublich, was die „berühmtesten Schriftsteller" sich da zu leisten erlauben. Wir können hier nur auf ein paar „Kleinigkeiten" kurz hinweisen. Hans Hopfen, der Vielgepriesene, läßt einen „bildungsfeindlichen" Tiroler Pfarrer mittels einer Morphiumspritze von einem schwer leidenden Kranken ein Testament erpressen, das zum Bau eines Hochaltars dient. Derselbe Hopfen läßt in einem andern Kunstwerk einen Benediktiner auf — Maskenbälle gehen. Felix Dahn läßt in seinem Roman „Julian" den Papst Liberius sagen, die Vernunft sei eine Buhle des Satans, — was Luther bekanntlich wirklich gesagt hat. Karl Frenzel verkündet durch einen Helden, der ihm als Sprachrohr dient, daß noch jeder Papst das Geschöpf einer Frau gewesen sei, wenn auch nicht immer in bösem Sinne. M. G. Conrad, einer vom jüngsten Deutschland, läßt die katholischen Geistlichen „insonderheit bei feierlichen Cultushandlungen die Gläubigen mit balletmäßigen Evolutionen regaliren". Paul Heyse, der große Heyse, schreibt in „Ueber Land und Meer", die „Langeweile" sei eines der geheimen Kunstmittel Wagners, wodurch das Schmachten nach sinnlicher Beglückung gesteigert werde; etwas Aehnliches habe man nur in dem dumpfen Hinbrüten während der katholischen Messe. „Diese mystische Langeweile ist ein unentbehrliches Ingrediens der höchsten Kunst- und Neligionsübung." Ein Roman der Gräfin Luckner durste der Erbprinzesfiv zu Schaumburg-Lippe gewidmet werden; darin wird ein Erbfräulein narkottsirt, in ein Jesuitenkloster gebracht, dann als geisteskrank in einem Nonnenkloster eingesperrt; um die Entführung zu verschleiern, beerdigen die Jesuiten einen leeren Sarg. In der „Deutschen Revue" von Friedrich Fleischer, die wissenschaftliche Größen zu Mitarbeitern hat, erschien ein geradezu toller Roman mit einem jesuitischen Erbschleicher, der Hypnotismus und Geburtshilfe betreibt, um Kinder zu vertauschen, damit eine Majoratsherrschaft bei der katholischen Linie bleibt. Schämen sich denn die Leute gar nicht mehr über solche hirnverbrannte Dinge? Revoltiren die Nachbarn und die Leser dieser „Dichter" nicht? Nein; sie sind an die Ausfülle gegen Kirche und Geistlichkeit offenbar so sehr gewöhnt, daß sie es als den ordnungsmäßigen Beruf der Päpste, Cardinäle, Bischöfe, Jesuiten, Tiroler Pfarrer rc betrachten, sich von tollen Dichtern begeifern zu lassen Die Politiker derselben Sorte sind bekanntlich der Meinung daß es der Beruf der Jesuiten und ihrer Verwandten ist, ausgewiesen zu werden, und der übrigen Mönche und Nonnen, unter Polizeiaufsicht zu stehen. Die Einen fragen nicht mehr nach der Wahrheit, die Andern nicht nach der Gerechtigkeit. Es muß so sein! ^ Aus der systematischen Zusammenstellung Keiters ersieht man so recht, wie sich durch das Hand in Hand- Arbeiten der culturkämpferischen „Dichter" feste Typen für die einzelnen Klassen der Welt- und Ordensgeistlichkeit — vom Papste bis zum Nönnlein — herausgebildet haben. Der Jesuit z. B. ist mager, fein, intrigant; der andere Mönch ist fett, plump, gewaltthätig. Durch die fortgesetzte Lektüre derartiger gleichgestimmter Schriften und durch den Anblick von Schauspielen oder Bildwerken derselben Tendenz setzt sich dieser erdichtete Typus in der Vorstellung der Leser so fest, daß sie ihn ohne allen Zweifel für wirklich halten. Eine auffallende Erscheinung ist, daß die weiblichen Federhelden zu den rücksichtslosesten (nicht selten auch zu den schamlosesten) der konfessionellen Hetzdichter gehören. Zu ihrer Entschuldigung kann man vielleicht annehmen, daß diese weiblichen Schmntzschreiber weniger erfinden, als nachempfinden, d. h. durch die Lectüre der vorhergegangenen Gift-Romane selber durch und durch vergiftet worden sind. Leider ist ja das weibliche Gemüth, wenn es des Schutzes der religiösen Ueberzeugung und Uebung verlustig geworden, noch weniger „seuchenfest" als daS männliche. Was soll aus dem Denken und Empfinden der Mädchen und Frauen werden, die Tag für Tag die Geschichten von blutigen Päpsten und Cardinälen, schleichenden Jesuiten, liederlichen Mönchen und Nonnen:c.' lesen? Und diese Weiblichkeit lehrt die nächste Generation!! In der That, Herr Keiter hat eine Schmach und^ eine Gefahr des Jahrhunderts gekennzeichnet, die auch von den positiven Evangelischen beachtet werden 87 vruß. Denn Christenthum und Religion selbst werden damit untergraben. Gedichte von Max Crone.*) Vor mir liegt ein Bündchen Gedichte, die nicht aus der Feder eines schwärmenden, jugendtrunkenen Gemüthes geflossen, die nicht die empfindsam-melancholischen Saiten eines weiblichen Herzens verrathen, die nicht aus der Brust eines liederreichen Barden gedrungen, die aber einen Vorzug haben, um derentwillen sie viele andere weit überragen: die Lieder des protestantischen Pfarrers von Niedercggenen zeigen von einem tiefgläubigen, kindlich frommen Gemüthe, wie uns selten ein solches auf protestantischer Seite in neuerer Zeit begegnet. Unbedenklich könnte man solche Poesie als eines Überzeugungstreuen katholischen Herzens durchaus würdig hinnehmen; und dieses Lob sprechen wir hier um so lieber und rückhaltSloser aus, da wir an warm empfundenen, glaubenSvollen Dichtungen wahrlich keine Ueberproduction haben. Gehen wir nun ein wenig die Gedichte von Max Crone durch nach der Einthcilung, die vom Verfasser selbst getroffen. An erster Stelle stehen die durchaus religiösen Gedichte mit der Aufschrift „Gott und Welt". Dem „Glauben" gehört sein erstes Lied, zum Zeichen, wie tief der Verfasser von der Ueberzeugung durchdrungen, daß ohne Glauben einfach jedes übernatürliche Leben undenkbar ist: „Glaube!" heißt des Herrn Gebot, Kommst nicht d'ran vorbei, Und es macht von Sund' und Tod Glaube nur Dich frei. „Verstand und Glaube" nennt der Verfasser ein anderes Sonett, durch welches er der rationalistischen Lebensauffassung durchaus das Wort entzieht. Ergreifend sind die Lieder, die die Mahnung an ein unbedingtes Gottvertrauen enthalten, denn daraus allein, aus der vertrauenden und gläubigen Hingabe an Gott und seine Gnade erwächst der schönste Friede. Hier nennen wir besonders „Gottvertrauen", „Ermunterung", „Souncublick", „Der feste Punkt" nnd andere. Tief rühren die Gedichte vom „Leben und Sterben" und „Glück"; in letzterem zeigt der Verfasser dem nach Glück ringenden Menschenherzen das einzige Ziel, das befriedigt und wahres Glück bringt: das »Luranm ooräa« ist's, wonach die Menschen streben sollen. Auswärts die Herzen! Aufwärts zu Gott! Hinauf, hinauf! Die Klimax von Strophe zu Strophe ist hier meisterhaft durchgeführt und gelungen. Eine scharfe Mahnung vor Religions- spöttcrei und atheistischem Protzenthum läßt der Dichter an den Leser ergehen in „Hüte Dich!" In drei resp. vier schönen Gesängen läßt er die drei Hauptfeste des christlichen Kirchenjahres, „Weihnacht" („Neujahr"), „Ostern", „Pfingsten" vor dem Auge des Lesers vorüberzieben, in welchen Gedichten die wunderbare Harmonie zwischen Natur- und Fcstcharaktcr besonders trefflich geschildert wird. So zeigt unö der Verfasser in seinem ersten Licdercyclus die Quintessenz seines ganzen inneren, religiösen Lebens und begeistert den Leser zu gleicher Glaubenswärme und religiöser Ueberzeugung. Unwillkürlich wird man da an zwei andere frommgläubigc, protestantische Dichter erinnert: an Emanucl Gcibcl und Julius Sturm. Die innigen Lieder von Sturm „Nimm Christum in Dein Lebenssckiff", „Es ist für Dich noch eine Ruh' vorbanden", oder von Geibel „Gebet" und ,fO Du, vor dem die Stürme schweigen", athmen sie nicht die gleiche, von wahrem Glauben getragene Herzensfreudigkeit und ruhige Ueberzeugung? Diesen religiösen Liedern läßt der Verfasser die Naturlieder folgen, von denen einige ganz anerkcnneuswerth sind, z. B. „Im März", „Herbstblumen", „Sichere Hoffnung". Die Parallele zwischen Natur- und Menschenleben ist oft gut angebracht. Ein anderer Cyclus folgt: die Balladen. Und in der That, auch hier kann man dem Verfasser ein besonderes Geschick und Talent nicht absprechen, wenn man auch bei einigen fast unwillkürlich an bekannte Stoffe erinnert wird; hierher gehörten vor allen „Das silberne Kegelspiel", obwohl die Idee gut durchgeführt; ferner „Der Liebenbach". Die gelungenste von allen dürste wohl „Der wilde Junker von Vollmarstein" sein, die ergreifendste „Der Todten Warnruf". Eine Hungersnoth bringt Elend und Unzufriedenheit in's Land. Einigen Malcontenten in der Stadt gelingt es, die Menge aufzureizen 2 ) Im Verlage der Carl Winter'schen Univ.-Buchhandlung in Heidelberg. Preis brosch. M. 3,5V. und anzutreiben, sich an die Schätze des Bischofs zu machen, dieselben zu rauben und so ihrer Noth abzuhelfen. Die Volksmenge ist erregt und durch kein warnendes Wort zurückzuhalten. Ungehemmt geht ihr Zug zum Dom, wo eben der Bischof seinen Functionen obliegt. Die tolle Menge ist unbändig und läßt sich weder durch die Heiligkeit des Ortes, noch auch durch die milden Worte des Bischofs hemmen. Nicht einmal der heilige Leib des Heilandes, von den Händen des Bischofs gehalten, vermag die Wuth der Tempelschänder zu wandeln. Da wirst sich der Bischof auf die Stufen des Altares hin und schreit laut um Erbarmen für die Rasenden. Die Todten sollen auS ihren Grüften erstehen und denselben entgegentreten. Aus allen Todtengrüften kommt's hervor; Schaudern erfaßt die Menge. Vergessen ist Zorn. Haß und Greuel. Der Friede kehrt wieder, die barmherzige Milde der Reichen bringt Ruhe und Versöhnung in die Herzen der Elenden und Armen. Dies der kurze Inhalt dieser herrlichen Ballade. Noch zwei andere verdienen unbedingt hervorgehoben zu werden, „Die drei Kreuze" mit dem erschütternden Inhalte: Mord zeugt wieder Mord, der Fluch der bösen That, die fortzeugend stets BöseS muß gebären. Endlich noch eine der schönsten Balladen, „Die Macht deS Glaubens", die den Volkston ziemlich trifft, wenn sie auch inhaltlich zu den bekannteren Stoffen gerechnet werden muß; werden wir denn nicht unwillkürlich an den „Mönch von Hcistcrbach" erinnert? Dann läßt der Verfasser einige Gedichte vorüberziehen mit der Aufschrist „Anekdotenhaft". Und in der That, der Verfasser zeigt, daß er auch zu humorvollen Gedichten nicht wenig Geschick hat. Besonders erwähnt zu werden verdienen die von köstlichem Humor getragenen Gedichte „Die Regentage", „Ein guter Handel", „Eine, die sich durchbeißt". Der den Kindern eigenthümliche naiv-ergötzende GcsprächSton wird am besten angeschlagen in „Kinder-Logik" und „WaS hülfe es dem Menschen?" Nun zu einem anderen größeren Liederkranz „Sie und ich", enthaltend eine stattliche Anzahl von Minncliedern, die, weit entfernt von stürmischer Jugendleidcnschaft, in ruhigem, oft sogar getragenem Tone die tief empfundenen Gcfüble eines liebenden Mcnschenherzens in sanfter Harmonie ausgingen lassen. Freilich zieht sich hie und da ein Ton der Wehmuth durch die Lieder, der aber, weil eben wahr empfunden, nur um so tiefer den Leser ergreift und ihn die Wahrheit fühlen läßt, daß die irdische Liebe als reizendste Blume, die der Herr in unser Dasei» gesetzt, eben auch die schärfsten Dornen hat, die ein menschliches Herz treffen können. Der Schmerz der Trennung, die Sehnsucht nach dem fernen Lieb beim Abcnddämmcrfchein, die Macht der Liebe, der reiche Trost, den wahre Liebe zu spenden weiß, mit einem Worte die verschiedensten Hcrzeusempfinduugen schildert der Dichter in warmer, klarer, oft ergreifender, oft kunstvoller Weise und Gestaltung. (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. I. Wenzel, Wilhelm Emanuel Frhr. von Ketteler. Nr. 95/96 und Nr. 190 der „Katholischen Flugschriften zur Wehr und Lehr." Verlag der Germania 1895. Herr von Eynern, der unermüdliche Culturkämpfer, bat jüngst in einer Neichstagörcde. allerdings sehr gegen seine Intention, eifrig Propaganda für die Germania-Broschüren gemacht. Wir wünschten sehr, daß der Titel, welchen er ihnen gegeben, „die grünen Hefte", beibehalten werde; er stellt sie damit neben die „gelben Hefte", die Historisch-Politischen Blätter; und wir geben ihm recht; sie sind in der periodischen Literatur ebenfalls eine Art von Großmacht geworden, geeignet, Vor- urtheile gegen die katholische Kirche zu zerstreuen und Geschichts- lügcu zurückzuweisen. Im 7. Jahrgang bis zur Nr. 103 gediehen, haben sie alle ein aktuelles Interesse. Die oben genannten sind veranlaßt durch das kecke Wort, welches Liebknecht einst dem Reichstag zurief, daß vor dem Auftreten der socialdemokratischen Bewegung Niemand die sociale Frage studirt, sich Niemand um die Arbeiter gekümmert habe. Dem entgegen weist Wenzel nach, wie ein einzelner Mann, W. E. Freiherr von Ketteler, für die Lösung der socialen Frage thätig war, längst bevor dieselbe theoretisch und kritisch besprochen wurde. Er zeigt, wie Ketteler als Kaplan und als Laudpfarrcr i» seinem eng bcgränzteu Wirkungskreise, als Propst bei St. Hedwig und später als Bischof von Mainz in weitestem Kren- Anstalten inö Leben rief, welche socialen Bedürfnissen in wirksamster Weise entsprachen, und, was den im behäbigsten Wobl» 88 stand, wenn nicht sogar in üppigem Reichthum lebenden Führern des Socialismus nicht scharf genug ins Gesicht gesagt werden kann, wie der Kaplan, der Pfarrer und der Bischof sein Vermögen und sein regelmäßiges Einkommen bis zur Erschöpfung seiner Kasse seinen Anstalten opferte. — Die zweite Broschüre zeigt in 14 Abtheilungen, wie Ketteler die wissenschaftliche Seite der socialen Frage beherrschte, welche Mittel er empfahl, um zu sicheren praktischen Resultaten zu gelangen. Die gcsammte internationale Socialdemokratie hat mit all ihren Rodomontaden noch nicht den zehnten Theil an klaren Principien, festen Zielpunkten und zweckmäßigen Mitteln aufgestellt, wie der eine Bischof Ketteler. Eine größere Anerkennung kann ihm nicht zu Theil werden, als wie Leo XIII., der sociale Papst, sie ausgesprochen, da er über Ketteler äußerte: „DaS war mein großer Vorgänger". Wir können diese, wie alle übrigen Germania-Broschüren für Vereine, als Leitfaden zu Vortrügen und dcrgl. nicht dringend genug empfehlen. Die einzelne Broschüre kostet nur 10 Pf. Poestion I. C., Die Kunst, die schwedische Sprache durch Selbstunterricht zu erlernen. 8°, VIII -j-183 SS. 2 M. geb. Wien-Leipzig, A. Hartleben. 1894. X Die stattliche Reihe von Grammatiken in Hartlebcns „Kunst der Polyglotte" umfaßt Bündchen von sehr verschiedenem Werthe: ganz unbrauchbare und fehlervolle (z. B. Hebräisch), annehmbar gute, und (trotz des begrenzten Raumes) auch ganz vorzügliche. Vorliegende Bearbeitung des „Schwedischen" ist nicht nur der beste Bestandtheil der Sammlung, sondern eines der besten schwedischen Lehrbücher überhaupt; ja es reicht weit über die Elemente hinaus und verdient sogar den Namen „wissenschaftlich", so eingehend ist namentlich Aussprache und Lautlehre behandelt. Volles Lob müssen wir der streng systematischen und erschöpfenden Anordnung der Formenlehre spenden, ein Vorzug, den die sogen, „praktischen" Grammatiken so selten ausweisen, entweder, um vor den Denkfaulen den Verdacht der Pedanterie zu vermeiden oder — was wahrscheinlicher — weil die Verfasser zu unbeholfen sind, um sich logisch-grammatisch ausdrücken zu können. Übersetzungsübungen enthält das Büchlein nicht, sie sind auch entbehrlich; man kann dafür nützlicher irgend eine Zeitung in die Hand nehmen; dagegen ist dem theoretischen Theile eine Blumenlese von Texten nebst Wörterbuch angefügt. Es ist merkwürdig, daß bei uns in Deutschland, wo'so viel fremde Sprachen betrieben werden und der neugierige Einfall oft auf die entlegensten Sprachgebiete abzielt, doch dem Schwedischen so wenig Beachtung geschenkt wird; und ist doch diese kraftvolle Sprache nach Longfellow »t>1rs wusiean ok tüs soanälnavian lanKuaAss-, für uns Deutsche aber mehr als das, nämlich der älteste lebende Repräsentant der germanischen Sprachfamilie überhaupt, ein Vorzug, der dem sprachwissenschaftlich Gebildeten vor allem hoch stehen muß. Zu S. VI ist nachzutragen, daß die beiden besten Wörterbücher von Hoppe (Deutsch-schwedisch 1886, Schwedisch-deutsch 1893, Stock- holm) und Schultheß (Lvensü - kräusle und Ikrausle- sveusle, Stockholm, M. 18) nunmehr vollständig vorliegen. Das Buch könnte allen Grammatikschrcibern ein heilsames Vorbild klarer grammatischer Darstellung sein und zeigt, wie man auch auf engem Raum den Gegenstand, sofern man ihn nur selbst beherrscht, übersichtlich, richtig und genügend behandeln kann; aber freilich unserm unvernünftigen „Publikum" werden die wortreichen, zerfahrenen und doch so mangelhaften Eintrickterungs- niethoden mit ihren lächerlichen Regeln und sinnlosen UcbnngS- sätzen und der jedem Finden des Suchenden spottenden Unordnung immer lieber sein! Dies kleine und doch so reichhaltige Lehrbuch können wir allen Freunden der schwedischen Sprache angelegentlich empfehlen. Wären ihm nur die anderen Theile der «Kunst der Polyglotte" gleich eder wenigstens ähnlich! Der Rattenfänger von Hameln. Ein Beitrag zur Sagenkunde. Nebst Mittheilungen über einen gefälschten Rattenfänger-Roman von Pros. Dr. Franz I oft es. Bonn, Haustein. 1698. 6°. 52 S. Mk. 1.—. — 2 . Die bekannte Sage hat nach dem Ergebniß vorl. Untersuchung ihren Keim in der bildlichen Darstellung der Schlacht bei Scdemünde (1259). Dieses Bild in einem Fenster der Marktkirche stellte den Anführer der gegen den Bischof von Minden ausziehenden Kriegerschaar in sehr satten, bunten Farben dar, so daß er den späteren Geschlechtern als Pfeifer und ihm gegenüber die jugendliche Kriegerschaar als Kinder- Gerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag schaar vorkam. Die historische Erinnerung verdunkelte sich, die Sage spann darüber ihr Gewebe, drang nach auswärts, verschmolz daselbst mit einer Thier-Malediktionsgcschichte und Tänzersage, ward dann im XVI. Jahrhundert von dem bekannten Gegner der Hexcnprozesse, Dr. Joh. Weicr, in seinem Werke „vo prasstiZiis äaemonum" schriftlich fixirt, und diese Darstellung trug zuletzt in Hameln selbst über die einheimische Auffassung den Sieg davon. — Veranlaßt zu der scharfsinnigen Untersuchung wurde der Verfasser, Universitätsprofessor in Frei- burg i. d. Sckw., durch eine pikante Entdeckung. Der Frei- burger Universitätsbibliothek ist im Jahre 1891 eine Handschrift von einem ungenannten Absender als Geschenk zugeschickt worden, welche eine Geschichte obiger Sage enthält und sich ins Jahr 1640 zurückvalirt. Jostcs weist nun mit belustigender Evidenz nach, daß diese Handschrift eine von einem Gelehrten unserer Tage mit großem Fleiß und Wissen verfertigte — Fälschung ist! Und zwar fällt ihre Entstehung in die Zeit zwischen 1888 und 1890. Im letzteren Jahre wurve sie sogar gedruckt, aber nicht ausgegeben. In demselben Jahre spielte auch der bekannte Lutherbuchprozeß in Münster!! Das Märzheft „Alte und Neue Welt", das soeben erschienen ist, bringt neue interessante Erzählungen und Aufsätze. Der Roman „Die Tochter des Intendanten" gelangt zum befriedigenden Abschluß und ein neuer kriminalistischer Roman „Das japanische Schränkchen" von M. Carruthers beginnt. Seitdem es dem bedeutendsten russischen Romanschriftsteller, Fedor Dostojewskh gelungen ist, auch diese Art des Romans in den Bereich künstlerischer Gestaltung zu erbeben, hat sich der Werth der Kriminalerzählung in der öffentlichen Schätzung bedeutend gehoben. Die vorliegende ist bei aller Klarheit der Anlage spannend, was man von den meisten derartigen Romanen nickt sagen kann. Die fesselnd geschriebenen und prächtig illnstrirten Reiseerlebnisse „Selbanver durch Armenien" von I)r. Paul Müller-Simonis schließen in diesem Hefte ab und bringen am Ende das Bildniß des Autors. Der Aufsatz „Die Behandlung der Geistesgestörten im Laufe der Zeiten" von Leop. M. El. Stoff ist nicht minder zeitgemäß als der erstere. Wie anders wird man auch in diesem Punkte die Gegenwart beurtheilen, wenn man die Vergangenheit kennt. „Aus dem Leben eines Märtyrers der Commune" von Amara George-Kaufmann gibt uns anläßlich der 25. Wicderkebr des Todestages des Erzbischofs von Paris nach zeitgenössischen Aufzeichnungen eine ergreifende Episode aus dem Leben Msgr. Darboys, die man mit größter Befriedigung liest. Den neuen Cardinälen von Salzburg und Lembcrg, sowie dem jüngst verstorbenen, um die bad- ischen Kirchenverhältnisse hochverdienten bischöflichen Berather Dr, Heinr. MaaS sind kleinere Artikel gewidmet. Der bild- mäßige Heftschmuck ist fein und geschmackvoll, die typographische Ausstattung musterhaft. Zuverlässiger Führer zur Auswahl cinwands- freier Jugendschriftcn unter besonderer Berücksichtigung der Knaben- und Mädchenschule Eltern und Lehrern gewidmet von C. Ommerborn, Rector in Charlottenburg. 1895. Verlag von Franz Kirchheim in Mainz. Mit vorliegender Schrift hat der bekannte Autor der katholischen Schul Welt einen wesentlichen Dienst geleistet. Bekanntlich wurde noch auf dem Katholikentage in München der Frage der Jugendlektüre eine besondere Sorgfalt gewidmet. Ommerborn's Führer durch die Hochflutb der Jugcndschristen unterscheidet sich nun vor andern Verzeichnissen vor allem dadurch, daß er zum ersten Male eine strenge Sichtung der Knaben- und Mädchenlcktüre vornimmt, und daß er ausschließlich solche Bücher empfiehlt, die man mit gutem Gewissen der Jugend in die Hand gehen kann. Dem Vcrzcichniß vorausgehende Winke für Schule und Haus erhöhen den Werth der mühsamen, aber auch dafür um so werthvolleren Arbeit. Die Billigkeit der Schrift, welche in zwei Ausgaben: H.. Ausgabe für Knaben (Preis 50 Pf.), 8. für Mädchen (Preis 50 Pf.), erschienen ist, ermöglichtes jedem, sich bei Einkäufen von Büchern mit einem zuverlässigen Rathgeber zu versehen» des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg. !