t^. 15 10. Aprlk 1896. Streifzüge durch die social politische Literatur des Mittclalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Strohmeyer, Benefiziat in Oberstdorf. Bekanntlich gilt es bei den meisten neuen Staatslchrern als unumstößliches Dogma, daß dem Mittelalter eine wirklich politische Forschung fehle. Sie sagen, diejenigen Schriftsteller jenes Zeitalters, welche sich mit staats- und socialphtlosophischen Fragen beschäftigen, begnügen sich mit nur akademischen, durchaus nicht wissenschaftlich selbst- ständigen Erörterungen; die ganze Politik jener Zeit bestände nur aus Kommentaren und Wiederholungen des Aristoteles. Insoweit diese Behauptung allgemein ist und sich auf alle politischen Schriftsteller und Arbeiten des Mittelalters bezieht, entspricht sie der Wahrheit nicht, wie ein Gang durch die socialpolitische Literatur des Mittelalters beweist. Die Bücher „äs rsZivaiirs xrinoixura" von Thomas von Aquin und ,1)6 nionnrosiia,« von Dante Alighieri, um nur diese Beispiele anzuführen, beweisen das Gegentheil. Die mittelalterliche Staats- und Gcsellschaftsphilo- fophie baut sich auf einer doppelten Grundlage auf, auf der griechisch-römischen Anschauung vom Staat, dessen Begriff und Zweck, und auf der Lehre des hl. Augustinus vom Verhältniß des irdischen zum überirdischen Leben. Indem das Mittelalter die Augustinische Doktrin bei der Bildung seines Staats- und Gesellschaftsbegriffs mitberücksichtigte und dieselbe zur dominirenden Geltung kommen ließ, hat dieser Begriff christliches Gepräge erhalten. Diesen Einfluß der Augustinischen Lehre auf die politische Denkweise des Mittelalters will dagegen Robert Mohl nicht gelten lassen. Er schreibt in einem seiner berühmtesten Werke*): „Ganz verkehrt ist es, diese Staatsphtlosophie anknüpfen zu wollen an die Schrift des hl. Augustinus äs oivituts Osi, indem dessen Gottesreich das ewige, das weltliche aber das des Bösen ist, so daß der spätere theokratische Gedanke des christlichen römischen Reichs eher als ein Gegensatz als eine Folge der Lehre des Kirchenvaters erscheint." Es ist unschwer zu erkennen, wie der berühmte Staatslehrer zu seiner Ansicht kam: er hat eben diesen Einfluß der Augustinischen Lehre auf die mittelalterliche Politik zu allgemein aufgefaßt. Das Buch äs civitats Osi betrachtet das Gottesreich als das ewige im Gegensatz zum Reiche des Bösen, zum weltlichen, ganz airsoluts. Dieselbe Anschauung sucht nun das Mittelalter rslativs in die weltliche Politik hineinzubringen, insofern als die geistliche Macht des Papstes von der weltlichen des Kaisers unterschieden wird, und je nach der entgegengesetzten Behauptung entweder die eine oder die andere die Oberhand beansprucht. Ohne in Abrede zu stellen, daß die griechisch-römische Philosophie, namentlich Aristoteles und auch Cicero und Seneca, in der mittelalterlichen Politik eine bedeutende Rolle spielt, dürfen wir auf der andern Seite auch den Einfluß des hl. Augustinus und der hl. Schriften und des Bosthius nicht verkennen und unterschätzen. Daraus aber zu folgern, daß keine Spur von Selbsiständigkeit vorhanden sei, wäre falsch. „Den eigentlichen Haupt- ') Robert Mohl, Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften I. Bd. S, 225. gedanken dieser Zeit, der der griechischen Anschauung geradeswegs entgegen war, hat sie sich nicht aus Aristoteles geholt; der war ihr durch die christliche Idee gegeben und entwickelte sich ganz selb st ständig und im inneren Zusammenhang."") Ehe wir nun unseren Spaziergang durch die Halle der socialpolitischen Denkmäler des Mittelalters antreten, müssen wir zwei auffallende Thatsachen registriren, nämlich 1) daß das Mittelalter so arm ist au politischen Literaturprodukten trotz seiner staunenswerthen Kenntnisse auf fast allen Wissensgebieten, und 2) daß selbst bet jenen Philosophen, Theologen und Schriftstellern, die sich noch mit Socialpolitik beschäftigen, die Politik doch eine mehr untergeordnete, secundäre Rolle spielt. Es sind dies Erscheinungen, die auf eine gewisse Abneigung des Mittelalters gegen die Politik schließen lassen, und müssen dieselben um so mehr auffallen, als die Erörterungen, welche die Gesellschaft angehen, immer auch die Denker jeder Zeit auf's tiefste beschäftigt haben. Welche Culturperiode weist nicht ihre politischen Denkmäler auf? Die Arier hatten die Vedischcn Hymnen, die Brahmanische Cultur das Gesetzbuch von Manu, die Perser das Buch Zendavesta von Zoroaster, die Aegypter ihr Todtenbuch. Und welcher Hauptphilosoph unter den Griechen hat sich nicht mit Staats-, Social- oder Rechtsphilosophie beschäftigt? Es genügt, auf Plato und Aristoteles hinzuweisen. Plato versuchte eine idealpolitische, auf die Gerechtigkeit gegründete Verfassung zu entwerfen. Aristoteles hatte mit der Untersuchung von 158 demokratischen, oligarchischen, aristokratischen und tyrannischen Verfassungen sich vorbereitet, um seine eigenen politischen Gedanken darzulegen. Leider sind diese Aristotelischen Untersuchungen bis auf die neuer- dins wieder aufgefundene verloren gegangen. Die Römer endlich beherrschen noch heutzutage die Welt mit ihren mannigfachen Gesetzen und ihren Nechtsanschauungen. Einer solchen Reichhaltigkeit der socialpolitischen Literatur in andern Culturperioden gegenüber muß die Armuth an derselben im Mittelnlter im höchsten Grade auffallen. Wir haben bis zum 8. Jahrhundert nur folgende Denkmäler: das Buch „äs sivitats Ost" vom hl. Augustinus, welches auf das ganze Mittclalter eingewirkt hat, dann die 22 „Oapita, aänrcmitoria, aä äustinianuin I." des Agapetus Diaconus, ferner die „Oaxita, sxstortaticmuw. aä I^soiisrn stMuur" deL Kaisers Basilius Macedo, dann die „lloaär-l« des Theophylactus, endlich die Schrift „ilpo; -röv eöeov MOV 'RtukEv'/' über die Verwaltung des Kaiserthums von Constantinus Porphyrogennetus?) Die einzigen politischen Denkmäler vom 8. bis gegen das 13. Jahrhundert sind die Kapitularien Karls des Großen und seiner Nachfolger, die päpstlichen Bullen und Kirchenrechtssammlungen, von denen die berühmteste das sogenannte Vsorstmva Oratirmi ist, dessen Vollendung- eine Arbeit von 80 Jahren kostete. Den Grund dieser seltsamen Erscheinung müssen wir 2 ) Förster, „Die Staatslehre des MittclalterS" in der Allgemeinen Monatsschrift für Wissensch. u. Literatur S. 834 Jnhrg. 1853. °) Diese und die nachfolgenden literaturhistorischen Notizen sind entnommen dem Buche dcS Johannes Schön „über die politische Literatur des Mittelalters" (äs titsratura politie» weitn aevi) 1833. 114 vorzüglich in der Völkerwanderung suchen, durch welche die Frucht der Erforschungen von zahlreichen Denkern viele Jahrhunderte abhanden gekommen, namentlich fast alles, was die Politik als solche anbelangt, verloren gegangen ist. Es bleiben, außer einigen Ueber- reflen der lateinischen Literatur, nur die Erinnerung an die Vergangenheit und in den Werken der apostolischen Vater wenige Bruchstücke, in vielfach fehlerhaften Aus- zügen und theils unterschobenen Aufsätzen. Und dann ist wohl zu erwägen, daß sich damals weder Philosophen noch Theologen um Socialfragen bekümmert haben, selbst Abülard nicht, von dem man es doch am ehesten hätte erwarten können. Lange Zeit hat man, einer Benedictin- tschen Tradition folgend, geglaubt, es sei auf der berühmten Hofschule „Lastolu kulatinaR eine Professur für Politik errichtet gewesen, indem einer der dortigen Lehrer, Mannon, zur Zeit Ludwigs deS Stammlers (877 — 879) Plato's Politik und IwZes erläutert habe. Die neuesten historischen Forschungen haben aber ergeben, daß Liese Nachricht unhaltbar ist. Erst der welthistorische Kampf zwischen dem Papstthum und dem deutschen Kaiserthum, vom Pontifikate Gregors VII. (1073) an, gab die natürliche Anregung, nm die Recht h ire beider Mächte, der geistlichen und weltlichen, und den Ursprung der Gewalt überhaupt zu erforschen. (Fortsetzung folgt.) Johannes Nas, Franziskaner und Weihbischof. Wie rar gerecht der Vorwnrf ist, daß die Lehre rer ivgcuannten Reformatoren zum großen Theile deßwegen so günstige Aufnahme und so schnelle und weite Verbreitung gefunden habe, weil es von Seite des Welt- und OrdensOerus aus Mangel an Wissenschaft und Eifer an kräftiger Opposition gefehlt habe, zeigt die lange Reihe jener Männer, welche, ausgezeichnet durch wissenschaftliche Bilning und tiefe Frömmigkeit, nach allen Kräften dem Vordringen der neuen Lehre einen Damm entgcgenzusetz suchten. Ohne daß in Abrede gestellt werden soll, baß namentlich in der ersten Zeit manche überrascht wurden oder sich anlocken ließen, so zeigt doch die Geschichte, wie ungerecht ein solcher Vorwurf ist, wenn er allgemein gegen den damaligen Klerus oder gegen die religiösen Orden erhoben wird. Unter denen, welchen die Vertheidigung der katholischen Lehre am Herzen lag und die für dieselbe mit allem Eifer eintraten, ist nicht der geringsten einer der Konvertit und spätere Ordensmann und Weihbischof Johannes Nas, von dessen Leben eine kurze Schilderung hiemit gegeben werden soll.*) Johannes Nas war zu Eltmann in Unterfranken geboren am 19. März 1634; sein Großvater gleichen Namens war viele Jahre Aeltester im Rathe der Stadt gewesen. Sein Vater hieß Valentin, die Mutter Magda- lena, geb. Schumann. Der Knabe wurde anfangs mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, bis er in seinem zwölften Jahre nach dem nahen Bamberg gebracht wurde, um das Schneiderhandwerk zu erlernen. Nach beendigter Lehrzeit begab er sich auf die Wanderschaft und arbeitete in mehreren bayerischen Städten, so in Nürnberg, Negens- *) Um viele Citationen zu vermeiden, seien die Quellen hier genannt: Schöps, U. Joh. Nasus; die neu herausgegebene 6brouwa Urov. 8. Iwoxoläi und Janssen, des. Bd. V u. VI; endlich auch Glaßberger, Otirouioa. bürg, Augsburg und München. So werthvoll einerseits diese Reisen für den jungen Schneidergesellen waren hinsichtlich seiner gewerblichen Fortbildung, so gefahrvoll wurden sie ihm anderseits für seinen Glauben; denn obwohl er von katholischen Eltern stammte und auch selbst im katholischen Glauben erzogen war, wandte er sich auf seiner Wanderschaft der Lehre der lutherischen Prüdikanten zu, und zwar mit einem wahren Feuereifer. Er besuchte ihre Gottesdienste, hörte ihre Predigten und verkehrte viel mit ihnen. Ihre Lehre begeisterte ihn, und er bekennt später selbst, daß er mit Lust und Liebe protestantische Lieder gesungen, und erinnert sich auch wohl, wie die Lutherischen „ihre Offenmeß damals auf's schein- barlichst gehalten". Die unausgesetzten Schmähreden gegen die katholische Kirche machten auf das Gemüth des Nas einen überaus tiefen Eindruck, wie aus seinen späteren Schriften hervorgeht. „Zu Nürnberg, Regensburg und Augsburg habe ich, schrieb er später, dem vermeinten Wort Gottes hungrig angehangen wie nach- folgends in Luthers Büchern." An manchen Sonntagen habe er vier ganze Predigten gehört und das Lied „Erhalt' un§, Herr, bei deinem Wort, und steur' des Papfls und Türken Mord" so stark gesungen als einer im Haufen. Die Schmähungen gegen Papst und Kirche erfüllten ihn schließlich mit solchem Haß, daß er nach seinem eigenen Geständniß ohne weiteres nach Steinen s gesucht hätte, wenn ihm nach einer solchen Predigt ein ; katholischer Priester oder Bischof begegnet wäre. (Schöpf 73.) Die verführerischen Beispiele, die gegen die Kirche gerichteten Bilder und Reden brachten ihn zuletzt so weit, daß er mit wahrer Wollust die rasendsten Schmähschriften las und sich nebenbei noch der damals grassierenden Art des Aberglaubens, nämlich der Sterndeuterei, ergab. So war er seinem Glauben ganz entfremdet, ja vollständig abtrünnig geworden und schien für die katholische Kirche für immer verloren. Da ging 1552 plötzlich eine völlig überraschende Veränderung in ihm vor. Der Zufall spielte ihm in München das goldene Büchlein von der Nachfolge Christi in die Hände, sein Herz öffnete sich der göttlichen Gnade, er schloß sich wieder der katholischen Kirche an und kehrte sogar der Welt den Rücken, indem er im nämlichen Jahre 1552 zu München um Aufnahme in den Franziskanerorden nachsuchte, welche ihm auch gewährt wurde. Am 5. August 1553 legte er alsdann nach bestandenem Noviziat die feierlichen Ordeusgelübde ab. Anfangs übte er im Kloster noch sein Handwerk, indem er in der Schneiderei beschäftigt wurde, worüber seine nachhertgen Gegner, so insbesondere Fischart, Ni- grinus und Osiander, ihre groben Späße nicht sparten, während er dasselbe immer in Ehren hielt, so daß er, zum Wethbischof von Vrixen ernannt, die Scheere in sein bischöfliches Wappen aufnahm. Aber nun erwachte in dem jungen Franziskanerlaienbruder ein gewaltiger Wissensdrang, er begann auf eigene Faust die lateinische Grammatik zu erlernen. In stiller Nacht, während alles im Kloster schlief, studirte er bei einer Lampe, die auf einem der Klostergänge brannte, die Anfangsgründe der lateinischen Sprache. Diese Lampe war vor einem Muttergottesbilde angebracht, und Maria bewies sich ihm als gütige Helferin, wie seine überraschenden Fortschritte nachgehends zeigten. Dieses nämliche Marienbild ist eS auch, welches gegenwärtig in überaus großer Verehrung steht. Obwohl an sich ganz anspruchslos, wurde es zuerst der Gegenstand der Verehrung im Kloster, da ja alle Mitbrüder davon überzeugt waren, daß Maria an Bruder Nas ein Werk der Barmherzigkeit gethan, der vor demselben soviel betete und studirte. Nachdem aber das alte Franziskanerkloster in Jngolstadt aufgehoben wurde, brachte man dasselbe in die jetzige Franziskanerkirche, in der es den Altar des hl. Augustinus ziert, und ist es zugleich das Titularbild des großen, überall verbreiteten sogen. Lngolstädter Meßbandes geworden. Nas konnte nach Erlernung der Grammatik bald zur Lektüre der Klassiker übergehen und gab, als er sich seinen Obern offenbarte, ihnen zum größten Erstaunen solche Beweise selbsterworbener Kenntnisse, daß er von ihnen für würdig und fähig befunden wurde, in die Zahl der Kleriker aufgenommen zu werden, und schon im Herbste 1557 empfing er in Freistng die Priesterweihe. Seit 1559 verweilte er wieder in Jngolstadt, und zwar als Hörer an der Universität, welche damals der Mittelpunkt katholischer Wissenschaft und Polemik im südlichen Deutschland war; er beschäftigte sich vorzugsweise mit dem Studium der hl. Schrift und der Väter und erlernte noch nachträglich die griechische und hebräische Sprache. In seinen Schriften nennt er die Professoren Staphylus, Eisengrein, Frank — sämmtliche Convertiten — mit besonderem Dank als seine Lehrer und Freunde. Am 14. September 1560 wurde er auf dem Ordenskapitel zu Sefflingen zum Conventprediger in Jngolstadt ernannt, was ihn jedoch nicht hinderte, seine Studien eifrigst fortzusetzen und unter- Leitung der Jesuiten sich in Disputationen zu üben. k. Johannes wurde bald ein berühmter Prediger. Seine Reden erweisen ihn als einen Mann von großer Sprachgewalt und volksthümlicher Beredsamkeit, der aus dem Born des Volkes schöpfte, wenn auch seine Redeweise der Jetztzeit nicht mehr zusagt. Der unerschrockene Muth und die volkstümliche Kraft seiner inhaltreichen Reden thaten mächtige Wirkung nicht nur bei den Katholiken, sondern auch den Lutherischen; die neue Lehre war bereits bis fast an die Thore Jngolstadts vorgedrungen. Und nicht bloß auf der Kanzel seiner Klosterkirche trat er gegen dieselbe auf, sondern er predigte auf seinen Sammelreisen, die er als Sohn des hl. Franziskns unternahm, um den Lebensunterhalt durch Almosen zu erhalten, auch auf dem Lande gegen dieselbe, wobei er manche betrübende Erfahrungen über das Glück des bethörten Volkes „unter dem reinen, unverfälschten Wort" zu machen Gelegenheit hatte. In dem Maße seiner Erfolge stiegen aber auch die heimlichen Ränke und Verfolgungen wie auch die offenen Verunglimpfungen, und er wurde mit Titeln wie „Schneiderknecht" u. a. belegt; wenn er sogar von Meuchelmörderischen Anschlägen gegen sein Leben erzählt, so darf man dies bei der zügellosen Parteiwuth jener Zeit durchaus nicht für Uebertreibung halten; um so einen „tollen Mönch" aus dem Wege zu räumen, war in der That jedes Mittel recht. Durch seine Predigten wurde er überall bekannt, und der Cardinal Bischof Otto von Augsburg lud den Franziskaner zur Provinzialsynode nach Dillingen ein, wo ihn wiederum der Bischof von Würzbnrg kennen lernte, der ihn zu einer Missionsreise nach Franken bewog. ?. Nas erzählt selbst, welche Freude er empfunden, als er am 29. Juni 1569 auf dem Frauenberge zu Würzburg die hl. Messe las und predigte. Bei einem Besuche in seiner Heimath, den er bei dieser Gelegenheit Wachte, erlebte er den Schmerz, das Lutherthum inzwischen dort eingerisscn zu sehen. Schon vorher hatte er übrigens in Ulm, Bruck und München längere Zeit als Missionär gewirkt und zu diesem Zwecke auch ein eigenes katholisches Handbüchlein drucken lassen. Doch noch bekannter wie als Prediger ist ?. Johannes als Polemiker. Als solcher aufzutreten war ursprünglich keineswegs seine Absicht gewesen. „Ich wollte wohl am liebsten, äußerte er sich, einfältiglich das Volk den katholischen Glauben zu jeder Zeit gelehrt haben auf dem Predigtstuhl und im Jugendunterricht und ihm gedient haben im Beichtstuhl und in den Siechhäusern, aber die unzähligen, unsäglichen Lästerschriftcn der Pcädi- kanten haben mich in's Feld geführt, und ich muß mich nun mit ihnen hauen und fechten mit gleichen Waffen und ihnen die Sprache reden, so sie selbst führen, da sie doch keine andere verstehen und hören wollen." „Freudig zu Muthe" war es ihm als Streitschriftstcller keineswegs. „Welcher Leser wird frömmer, wenn er anderer Leute Büberei gleich wohl und oft liest und hört?" „Aber was soll man machen, wenn, man mög' wohl sagen Tag um Tag immer neue Famos- und Lästerbücher erscheinen und unsere Widersacher gleich wie Wölfe in die katholische Hürde dringen und den Weinberg des Herrn verwüsten, alle Zucht und Ehrbarkeit zu Nichte machen", „unfläthigste Phrases am liebsten gebrauchen, unzüchtige Bilder, Gemälde ausstreuen, sollte man da geruhig bleiben können und nicht den Wölfen wehren?" Jcmssen 364 ff. (Schluß folgt.) Adam Weishanpt. Von Adam Hirsch mann. (Fortsetzung.) Am 11. Juli 1773 hatte sich Adam v. Weishanpt in Eichstätt mit Afra Sausenhofcr, Tochter des fürst- bischöflichen Kastners und Hofkammerrathes Sausenhofcr, vermählt;^) doch schon am 8. Februar 1780 wurde diese Verbindung durch den Tod der Frau gelöst, welche seit 1777 krank darniedergelegen.^) Zur Besorgung der ^) Maria Afra Johanna Walburga Sausenhofcr war am 3. August 1716 zu Wolferstadt (in der Nahe von Wemdinz) geboren, wo der Vater domkapitlischer Kastner (granariusl war. Er scheint gegen daö Jahr 1760 nach Eichstätt versetzt worden zu sein, woselbst ihm am 22. Mai 1766 eine Tochter Maria geboren wnrde. In Wolferstadt war ihm am 7. Nov. 1747 ein Sohn geschenkt worden: Wolfgang Damianus Karpophorus JoscphuS, welcher in den geistlichen Stand eintrat und mir Erlaubniß des Pfarrers von Sk. Moritz in Jngolstadt die Kopulation seiner Schwester Afra mit Weishanpt vornahm. Später wnrde er Pfarrer in Kirchanhausen bei Bcilngries und starb am 12. Januar 1801 in Eichstätt. Der Hoikastncr Wolfgang Willibald Jakob Sansenhoser selbst war geboren den 7. Juli 1718 und starb in Eichstätt am 17. Nov. 1792, nachdem er, wie seine Grabschrist an der westlichen Wand der Gottesacker- kapelle daselbst besagt, dem hohen Stifte über 47 Jahre getreue Dienste geleistet. Öb Wolfgang Sansenhoser und sein Sobn Wolfgang Nahmnnd, geb. zu Wolferstadt den 23. Juli 1754. gest. in Eichstätt am 9. Nov. 1801 als Hoch-Biscböfl. Eichst. Hof- und Rcgicrnngsrath, dann Lchcnpropst, dem Illuminatenorden angclwrt babcn, ist nicht zu erweisen. I» Innsbruck (SamoS) suchte Hanmbal (Baron Bassns) Professor 8 — — , künftigen Schwager deß Spartakus, iür die Jllnininatcn zu gewinnen. (Nachtrag v. Originalschr. I, 136.) 2 °) Die Mutter Weishanpt'S, Anna Katharina Apollonia, eine Tochter des Vogtes Valentin Kicsner des wnrzburgischen Julinöspitales zu Hciligentbal, starb 1783. (Nachtrag von Originalschr. S. 21.) Dieselbe hatte sich am 6. Oktober 1746 mit Johann Georg Weishanpt vermählt. Nach freundlicher Mittheilung des hochw. Herrn Pfarrers Fuchs zu Schwamcld „ist in der Filialkirche zu Heiligenthal der Grabstein des Joh. Georg Weishanpt noch gut erhalten. Die Inschrift lautet: Lnno Oowtlli 1753 äts 20. LextLiybrrs tu Domino obüt xras- 116 häuslichen Geschäfte wurde die Schwester herbeigerufen, welcher auf Drängen der kranken Gattin Weishaupt im Oktober 1779 versprach, seinerseits nach Kräften bestrebt zu sein, die Erlaubniß zur Heirath zu erwirken. „Selbst den Tag vor ihrem Tod habe ich dieses Versprechen wiederholt, bestätigt Weishaupt. Sie war darüber ruhig und starb, und meine Schwägerin blieb bei mir, um meine Wirthschaft zu führen." (Kurze Rechtfertigung meiner Absichten 1787 S. 56.) Nachdem die Trauerzeit vorüber war, ersuchte Weishaupt feinen geistlichen Schwager, er möchte durch die Franziskaner in Nenburg sich in Rom erkundigen lassen, welche Hoffnung er hatte, sein Versprechen zu erfüllen. Die Antwort war nicht besonders günstig. Dann wandte sich Weishaupt durch seinen Schwager (jedenfalls Wolfgang Sansenhofer), welcher sich in Wien befand, an die dortige Nuntiatur. Doch die Sache ging nicht vorwärts. „Und schon damals im Jahr 1782 versicherten mich viele angesehene Männer, erzählt Weishaupt, welche die prux in onrino besser verstanden, daß eine Schwängerung das kräftigste Beförderungsmittel bei ähnlichen Gesuchen sei." (Kurze Rechtfertigung S. 58.) Das bischöfliche Ehegericht in Eichstätt, dem die Dispense- angclegenheit nunmehr übertragen wurde, erholte sich daS Gutachten der theologischen Fakultät in Jngolstadt, welche am 3. Februar 1783 auf Antrag Fröhlichs zu Gunsten des Petenten sich aussprach. Ueber Wien ging dann die Sache nach Rom. Nach einer ziemlichen Zwischenzeit kam desselben Weges die Nachricht, daß man von Seiten des Vikariats (Eichstätt) unterlassen habe, die nöthigen Produkte beizulegen, und daß überhaupt das Vorschreiben nicht in der nöthigen Form abgefaßt sei. Weishaupt erhielt zwar die noch abgängigen Produkte, indessen war seine Schwägerin schon gegen das Ende des dritten Monats in ihrer Schwangerschaft vorgerückt. (Kurze Rechtfertigung S. 61.) Der Ordensstifter kam nun in eine sehr ungemüthltche Lage und schob alle Schuld auf den Eichstätter Generalvikar Martin Lehenbauer, der durch „Anempfehlung der Jesuiten sein abgesagtester Feind" war. (Kurze Rechtfertigung S. 59.) Aber als Professor des kanonischen Rechtes hätte Weishaupt doch wenigstens wissen müssen, daß er sein Dispensgesuch bei nodilis magmitieus ao oonsultissiunw D. Isannes OeorZius IVsisImupi, utri. g. j. äostor, sereuissimi üueis ao sieotoris ilavuiias oonsiliarius aotualis, juiiicii provinoiaiis oassarsi Hirscbbei-F assossor, in aiwa ob oisotor. univsrsit. luZolstallt imi>. p. p. Institut. praxeos orim. st bist. juris Professor pubiicus st orüinarius nso von p. 1. Lsetor waAnilieus, oui maostissiiua ejus uxor Latimrina nata Xissnsr tristo boo eoujuAaiis piotatis st amoris posuit monumentnm. Lax vivis, reguiss clskunotis. Unmittelbar an der Grabstätte Joh. G. Weishaupt's befindet sich jene seines Schwiegervaters Joh. Valentin Kiesner, mit der Antichrist: ^»no 1746 eiis 8. Xovembris circa borain XI msriä. omnibns inoribnmiorum saoramsntis watnro prasmunitus pis in Domino obiit praenobiiis st strsnnnns D. Isannss Valsntiuus Liosner, gui in bospitali luliano annos 12 oklieial. st kao in sacra vaiis per 28 annos praeksoruram sollioits st üüeiiter ... aetaris snae 65 aun. Heiligenthal war von 1234—1561 eine Cistcrzicnscrinnen- Abtei; im letztgenannten Jahre wurde dieselbe ausgelöst und deren Güter 1577 mit dem ncnerrichteten JnliuSspitale zu Würzburg vereinigt, welche bis 1789 von einem juliusspital- ischen Vogte verwaltet wurden.. Bis 1789 gehörte Heiligcnthal zur Psarrei Wipfcld, nunmehr zu Schwanfeld. DaS Schiff dcr gothischen Kirche zu Heiligenthal dient dermalen als Scheune, dcr Chor wird als Kapelle benutzt; die Güter gehören dem Protest. Fürsten Leiningen in Amorbach." H. Pfarrer Fuchs unseren besten Dankt dem zuständigen Bischöfe von Eichstätt in Vorlage zu bringen habe. Ucbrigens scheint Weishaupt in seiner Nechtfertigungsschrift vor dem großen Publikum nicht ganz aufrichtig gesprochen zu haben. Denn wenn er schon 1779 seiner Schwägerin die Heirath in Aussicht gestellt hat, warum wollte er doch Zwack's Schwager- werden? In einem Briefe an Cato (Rcgieruugsrath Zwack in Landshut) wahrscheinlich aus dem Jahre 1782 bemerkt der Ordensgründer: „Noch eines! wäre es ihnen wohl recht, wenn ich dereinst ihr Schwager würde? Wenn es ihnen recht ist, wenn es unbeschadet meiner Ehrlichkeit geschehen kann, wie die Hoffnung dazu anscheint, so hoffe ich, soll es auch geschehen, aber schweigen sie dermal noch." (Nachtrag von Originalschr. I, 77.) Im Briefe an Marius (Benefiziat Hertel in München) gesteht er: „Und nun im engsten Vertrauen eine Angelegenheit meines Herzens, die mir alle Ruhe raubt, mich zu allein unfähig macht und mich bis zur Verzweiflung treibt. Ich stehe in Gefahr, meine Ehre und Reputation, durch welche ich auf unsere Leute so vieles vermochte, zu verlieren. Denken sie, meine 18. 1V. 5. 21. 12. 6. 8. 17. 4. 13. ist 18. 10. 5. 21. 12. 13. 6. 8. 17. (d. h. meine Schwägerin ist schwanger). Ich habe diese zu diesem Ende nach Athen (München) zu Euriphon geschickt, um die Heirats-Liccnz und Promotoralicn nach Rom zu sollicilieren. Sie sehen, wie viel daran liegt, daß sie reussiren und keine Zeit versäumt werde: jede Minute ist theuer. Aber, wenn nun die Diipensation nicht erfolgt, was mache ich sodann? wie ersetze ich dieses einer Person, der ich alles schuldig bin? Wir haben schon verschiedenes tentirt, um das 3. 4. 13. 9. — 12. 11. 24. 20. 19. 17. 8. 4. 11. 8. 13. (Kind abzutreiben). 2 °) Sie selbst war zu allen entschlossen. Aber Enripbon ist zu timid und doch sehe ich beinahe kein anderes Ex- pedicnS. Wenn ich des Stillschweigens des Celsus (Professor und LcibmediknS Baadcr) versichert wäre, dcr könnte mir wohl helfen und hat es mir auch schon vor 3 Jabrcn versprochen. Reden Sie mit ibme, wenn Sie glauben, was hier zu thun sei? Caro mag ich nicht gerne etwas davon wissen lassen, weil es sonst seine ganze Freundschaft erfährt. Wenn Sie mir aus dieser Verlegenheit helfen, so geben Sie mir Leben, Ehre, Ruhe und Macht zu wirken wieder. Wo nicht, so sage ich Ihnen, 2 °) Zur Entschuldigung und Beschönigung dieses Verbrechens beruft sich Weishaupt auf das „Ansehen und die so bernffene Moral der Jesuiten" (Kurze Rechtfertigung S. 52), indem er in der Anmerkung kühn behauptet: „Hundert Zeugnisse könnte ich anführen, wenn cS nöthig wäre. was diese frommen Väter, welche in Bahern so sehr für Sitten. Tugend und Religion besorgt sind, über diesen Gegenstand öffentlich gelehrt und geschrieben haben. Wir wollen einen einzigen hören. Dieser ist der k. Morinus und dieser schreibt in seiner tboolvAia spsouiativa st woraii M 3 1'r. 25. üs matrimonio Disp. 8. 8sst. 5 u. 63, 64, 66, 67 und beruft sich Nr. 75 auf andere Väter feines Ordens, einen Navarra, Banne;, Henriguez, Sä, Castro Palolo, Sanchez." ES gab nun wohl einen gelehrten Theologen mit Rauten Johann MorinuS, gest. 16. Febr. 1659 in Paris, aber dieser war Oratoriancr (K.-L. VIII, 1917); einen Jesuiten Worin, der das von Weishaupt citirte Werk geschrieben, konnte ich weder bei Sommervogel, Libliotkegus äs ia oompaZnis äs Issus t. V p. 1323 — 26, nock bei Hurter, Xomsuol. I, 480, noch in Zedlers Uuivcrsal- lcxikon Bd. 21, noch bei Jöckier (Gclchrtenlexckon) und Adeluug finden. Entweder hat Weishaupt sich im Namen geirrt, oder er hat aus einem anderen Autor bona tiüs das Citat herüber- genommcn, oder er bat absichtlich den Oratoriancr Morin, der übrigens kein Moralwerk geschrieben, in einen Jesuiten umgewandelt. Eine Entschuldigung kann ich nicht treffen. Auch Navarra und Banne; waren keine Jesuiten, sondern Dominikaner; der Jesuit Castro Palolo hieß Castro Palao (K.-L. II, 2035). Daß ?. Girard, Rektor des'Collcgiums zu Toulouse, in Behandlung der hysterischen Maria Kalb. Cardicre als Ge- wissensführcr zu leichtgläubig war, läßt sich nicht bestreiten; daß er aber Abortivmittel angewendet habe, wie Weishaupt behauptet, ist durch das freisprechende Urtheil des Gerichtshofes zu Aix (Oktober 1731) widerlegt. S. Critische Jesuiler-Geschichte, Frankfurt u. Maynz 1765, S. 53 u. 561. Duhr, Jesuitenfabeln S. 495. 117 ich wage einen desperaten Streich?') denn ich will und kann meine Ehre nicht verlieren. Ich weiß nickt, welcher Teufel mich irre geführt, mich. der ich allzeit in diesem Falle die äußerste Behutsamkeit angewandt. Noch bis bero ist alles still. Niemand weiß etwas als Sie und Euripbon. Noch wär eS Zeit etwas zu unternehmen, denn cS ist erst im 4tcn Monate und noch dazu, was das ärgste ist, ist dieser Fall sogar kriminalisch. Und eben dieses macht den äußersten Effort und die verwegenste Entschließung nothwendig." (Nachtrag von Originalschr. I, 14-17.) Wer ist nun dieser Euriphon, welcher dem Jngol- städter Professor, der die Aechtheit und Wahrheit vorstehenden Briefes anerkannt hat (Kurze Rechtfertigung S. 51), die Heirathslicenz in Rom erwirken sollte? Nach der Jlluminatenliste in den Hist.-pol. Bl. Bd. 103 S. 938 war Euriphon, mit dem bürgerlichen Namen Kanzler, Arzt in München, welcher wohl zu den Freunden Häffelins, des Vicepräsidenten des churfürstlichen geistlichen Rathes, gezählt haben mochte. Denn der Stadtpfarrer von St. Moritz in Jngolstadt, Joh. Paul Baur, berichtet am 19. Dez. 1783 dem Gencralvikare nach Eichstätt: „Der ärgste Feind vom Papste, der Weis- hanpt, ist sehr glücklich; denn seine Fräulein ist glücklich zu Sandersdorf entbunden worden^) und die päpstliche Dispensation, bewirket durch Häfelin und Steigenberger (Kanonikus deS Stiftes Polling) et yuiäsiu sud ab odrextitia, ist auch angekommen. Zweifelsohne wird es ein Bischof inspiciren dürfen; das gu8 eowinuira wird doch der Papst dem Häfelin^) zu lieh nicht aufheben." (Past.-Bl. des Bisth. Eichstätt 1865, 215.) Wenige Tage darnach, am 21. Dez. 1783, feierte Weishanpt zu Sandersdorf auf dem Schlosse des Baron Bassus seine Vermählung mit Maria Anna Sausenhofer unter Assistenz des Stadipfarrers Wibmer von Jngol- l stadt: Nom hatte im ersten Grade der Schwägerschaft, Eichstätt von der geschlossenen Zeit und dem dreimaligen Aufgebote Dispense ertheilt. Damit war für den welt- erneuenden Ordenssiifter eine schwere Krisis überstanden; in den Kreisen der Jlluminaten scheint man dem hochfahrenden Professor und strengen Sittenrichter diese Verdemüthigung wohl gegönnt zu haben. Wenigstens bemerkt Manns (Hertel) in einem Briefe vom 3. Nov. Weishanpt trug sich damals ernstlich mit Selbstmord- qcdaukeu. (Ewige Originalschr. S. 383.) : '°) Nach dem Geburtsregister der oberen Stadipsarrei in , Jngolstadt ist dieses Datum nickt richtig. Diesem zniolgc wurde am 30. Januar 1784 dem Adam Weisbaupr und seiner Ehefrau Maria Anna, geb. Sausenhvier, ein Solm geboren, welcher in der Taufe den Namen Wilhelm Damianus erdielt. °°) Ueber den ehrgeizigen Häffelin, als Jllnminat küilo bidlins benannt, entwirft der Geucralvikar von Eichstätt im Jahre 1788 an den hl. Stubl eine sehr ungünstige Schilderung; er wird genannt: vir notas totsrrimao tnm ob Illuminatisinnm tnm vitas rationsm, astutiseiiuus Ii^gocrita et mlnlator vakerrimns; vor Jahren habe er mir allen Kräften die Errichtung eines ErzbistbumS in München versucht, um selbst mit Dieser neuen Stelle bedacht zu werden Er schmeichle dem Nuntius in München in der ekelhaftesten Weise, durch ihn sei er Titnlarbischof von Cberionncs geworden. Auch Stadtpiarrcr Baur kennt die Pläne der Jlluminaten bezüglich der Errichtung neuer Bischofsstühle in Bayern; er schreibt: „Wenn Gott nickt bald seiner Kirche zu Hilfe kommt, so scheint eo, als wollte Gott das Licht des wahren Glaubens unserm Batcrlande entziehen, wozu der (obere Stadtpfarrcr) Wibmer Alles beitragen wird. Nur Geduld I Er und Weishanpt schmieden schon an vielen Projekten, daß in München ein Bischof und anderer Orten Weibbiscköfe verordnet werden. Wibmer soll Bn'ckof von Jngolstadt werden. Hernach webe der Religion!" (Past.-Bl. I. o. p. 215.) Eine Biographie Häffelins, der das bayerische Konkordat abschloß und hiefür zum Kardinalat erhoben werden mußte, findet sich Binder, ConversationSlexikon V, 17, fehlt aber anffallcndcrwcise im neuen Kirchenlexikon von Hergenröther- Kaulen Bd. V. 1783 an Cato (Zwack): „Spartakus ist heute nach Ephesus (Jngolstadt) gereiset; seine dicke Schwägerin ließ er aber zurück. Auf das neue Jahr hofft er mit einem, — der Königen und Fürsten vorgehen soll, — erfreuet zu werden. Der Papst wird also doch Respekt haben und ihn vor der Zeit legitimiren." (Einige Originalschr. S. 387.) Doch über Weishaupt zog sich gar bald ein neues folgenschweres Gewitter zusammen. Dem geheimen Sekretär der Herzogin Maria Anna von Bayern, Joseph Utz- schneider, wurde, wie Schreiber (Gesch. Bayerns II, 246) berichtet, von dem Jlluminaten Marquis von Costanza, Hofkammerrath, zugemuthet, angeblich um dessen Ergebenheit gegen den Orden zu prüfen, jene Briefe auszuliefern, welche König Friedrich II. von Preußen und Minister Graf Herzberg an die Herzogin hinsichtlich des Tauschprojektes des Kurfürsten Karl Theodor, Bayern gegen die österreichischen Niederlande an Oesterreich abzutreten, geschrieben hatten. Bei Joseph II. hofften die bayerischen Jlluminaten Befriedigung all' ihrer Wünsche zu finden; darum wohl die geheime Sehnsucht, österreichische Unterthanen zu werden. Doch Utzschneider weigerte sich, diesem Ansinnen nachzukommen, und schied aus dem Orden. Friedrich II. erfuhr seinerseits durch die Freimaurer, welche Anforderungen an Utzschneider gestellt worden seien, und machte im Februar 1785 die Herzogin Maria Anna auf das staatsgefährliche Treiben der Jlluminaten aufmerksam. Nun entdeckte der Sekretär das ganze Geheimniß des Ordens?") Schon durch die Streitigkeiten zwischen Weishaupt und Knigge waren dunkle Gerüchte über die neue Ordensstiftung in die Ocffentltchkett gedrungen. Einzelne Mitglieder, wie Abbs Cossandey, Nenner, Professor Grünberger, Hofkriegsrathssekretär Zaupser, waren mit Utzschneider Anfang Dezember 1783 ausgetreten. Am 22. Juni 1764 erließ die kurfürstliche Regierung in München eine Verordnung, wornach alle geheimen Gesellschaften verboten wurden. Die Jlluminaten, vertrauend auf den Einfluß zahlreicher Beamten, welche dem Geheimbunde angehörten, gehorchten scheinbar, setzten aber im Geheimen an anderen Orten ihre Thätigkeit wieder fort. Noch am 4. August 1784 stellte der Jurist Alois Bauer in Jngolstadt dem Baron Fraueuberg einen Revers aus, seine Aufnahme in eine geheime Gesellschaft betreffend, wornach er als ehrlicher Mann versprach, „gegen keinen auch vertrautesten Freund und Anverwandten auf keine mögliche Weise, weder durch Worte, Zeichen, Blicke u. s. w., jemal das geringste zu offenbaren, es mag nun solche Aufnahme zu Stande kommen oder nicht, um so mehr als der Aufnehmer versicherte, daß in dieser Gesellschaft nichts wider den Staat, die Religion und die guten Sitten unternommen werde." (Nachtrag von Originalschr. I, 231.) Der Landschaftsvicekanzler von Kern, als Jlluminat Lykurgns benannt, schickt seiner Rechnung über die zwei letzten Quartale des Jahres 1784 die Bemerkung voraus: „Warum für diese zwei Quartale keine förmliche Rechnung abgelegt werden kann, ist aus der Lage der Umstände von selbst bekannt. Da sich nemlich schon von Anfang des Juli her ein Theil der ehemaligen Minerval- -°) Stark (Triumph der Philosophie S. 337 A. 1) stellt die Thätigkeit Friedrichs II. gegen die Jlluminatcn in Abrede; ihre eigene Unvorsichtigkeit, wodurch daö Publikum gereizt ward, wird in der Schrift: Große Absichten des Ordens der Jlluiui- naten, S. 37, als die wahre Ursache angegeben. Kluckhohn (AugSb. Allg. Zeitung 1874 Beil. 185) hält an der Ansicht Schreibers fest. 118 versawmlustg unter dem Super, des Jll. Musäus (Hofrath MoutgelaS, später Siaatsminister) in den engen freundschaftlichen Zirkel des Demonax (Schieß!, Pfister- meister) zurückgezogen hat" . . . Darum erbittet er sich „von Seite erl. Oberer eine gefällignamentliche Weisung über das dermalige Personale unter der Leitung des Demonax, um hienach sich richten und die allenfallsigen Ausstände rechnungsformig vortragen zu können." (Nachtrag v. Originalschr. I, 234—236.) Auch in Korinth (Negensburg) wurden vorn 1. Sept. bis 31. Dez. 1784 an monatlichen Beiträgen 15 fl. 15 kr. eingenommen. (Ebendas. I, 239.) Der Quästor Armidorus (Lieutenant Eval) legte Rechnung ab über die Einnahmen und Ausgaben bei der Minervalversammlung zu Nemea ^) unter dem Superiorate des Sulla (Baron Meggenhofen) vor» 1. Januar bis 28. Februar 1785. (Ebend. I, 245.) Da erfolgte am 2. März 1785 ein namentliches Verbot der Freimaurerei und des Illuminatenordens seitens des Kurfürsten Karl Theodor, welcher durch eine Denkschrift Utzschneiders über die Ziele und die Ausbreitung des Jugolstädter Geheimbundes aufgeklärt worden war??) Wie benahm sich Weishaupt in dieser kritischen Periode? Noch im Februar 1783 trug er sich mit dem naiven Gedanken, dem Kurfürsten durch eine Deputation das Protektorat der B— eklektischen Loge antragen zu lassen, um sich recht fest zu setzen, wie er wähnte. (Nachtrag v. Originalschr. I, 98.) Freilich sollte der Landesherr nicht alles erfahren, was in den Statuten der einzelnen Grade enthalten war; so sollte gemäß Anweisung des Ordensstifters vom 2. Februar 1785 beim Illunnnutrw Nujor der Satz gestrichen werden: „Pfaffen und böse Fürsten stehen uns im Wege." Vom Illuminatus äiriAens (Negentengrad) sollten nur die Ceremonien der Aufnahme und Weishaupts Anrede hiebet übergeben werden; vom Priestergrad gar nichts, als die ilwtruotio in soiantitiaw, Unterricht über die Pflege der Wissenschaft; aber, fügte der betrügerische Ordensgeneral ernst bei, wohl durchgegangen, damit sie keine beziehende (anzügliche) Stelle enthalte. Wenn Sie, instruirie er weiterhin die Depu- tirten der Münchener Loge, die Instruktion von dem Priestergrad mit übergeben, so sorgen Sie bei der Instruktion im historischen Fach, daß keine Stelle darin, welche das Archiv-Bestehlen bestätigt. (Nachtrag von Originalschr. I, 227; Einige Originalschr. S. 330.) Diese Rathschläge des Jugolstädter Professors, welcher durch seinen Geheimbund die Menschheit sittlich heben wollte, find doch ganz genau nach dem Recepte formulirt: Der Zweck heiligt die Mittel, wie auch Knigge richtig s') Nach den Namen der Bruder und Novizen eine Loge zu München. 2-) Das Kircheiilexikon VI, 716 hat irrthüinlicher Weise daS Jahr 1736 angenommen. Kurz (Litcraturacsch. III, 4), welcher vom Jesuiten- und seinem Gegenstücke, dem Illuminatenorden ganz wunderliche Anschauungen zu Markte trägt: „Dieser (nämlich der Jugolstädter Geheimbund) nahm rasch zu, aber er konnte den geheimen Umtrieben der Jesuiten nicht widerstehen, die in ihm den gefährlichsten Feind schon darum erkannten, weil er sich, was sein Hauptfehler war, ihrer eigenen Mittel bediente," läßt denselben schon im Jahre 1784 durch den Kurfürsten von Bayern aufgehoben werden, „der auch den edlen WeiShaupt absetzte und verbannte". Anfänglich war über Weishaupt nicht die Strafe der Verbannung ausgesprochen worden, sondern er ging freiwillig auS Bayern fort und erklärte selbst: „Ich habe im Sinne, auch unter den vortheil- haftestcn Bedingungen nie wieder zurückzukehren." (Einige Originalschr. S. 40ö.) erkannte, wenn er bemerkt: Was ist der Priestergrad gegen ihre Mittel zu guten Zwecken? (Nachtrag von Originalschr. I, 124.) Den Jesuiten warf Weishaupt höhnend laxe Moral vor, die seinige war jedoch die laxeste! Inzwischen fürchtete er schon, daß die kurfürstliche Regierung eine Untersuchung einleiten könnte. In diesem Falle sollten die Häupter des Bundes auf Einzelheiten sich nicht einlassen, sondern die Erklärung abgeben, daß sie nur dem Kurfürsten selbst die nöthigen Eröffnungen machen würden. Diesem soll man sodann die zwei Grade von den höchsten Mysterien zu lesen geben. Auf diese Weise hoffte Weishaupt für seine Sache eine günstige, unerwartete Wendung zu erzielen, wie er von Jngolstadt aus am 18. Dez. 1784 schrieb. Unterm 2. Febr. 1785 ertheilte er den Rath: „Wenn Personal-Inquisitionen vorkommen, so lassen sie sich in Personalverbrechen auf eine Verantwortung ein; soviel aber die Grade und die innere Verfassung des Ordens, hiemtt Nealia betrifft, so provociren sie darauf, daß sie solche Niemand als Sr. Durchlaucht in höchst eigener Person eröffnen würden und diesem sagen sie ungescheut, dieser Orden sei ein Landesprodukt und ich der Verfasser; dann wird die Rede schon an mich kommen." (Nachtrag v. Originalschr. 1, 226.) Wirklich kam schon wenige Tage hernach die Rede an Weishaupt: am 11. Februar 1785 wurde er seiner Lehrtätigkeit an der Universität Jngolstadt enthoben, nachdem er kurz zuvor auf Betreiben Lipperts vor versammeltem Senate wegen des Antrages: für die Universitätsbibliothek Pierre Bayle's Werk Oiotionnairs stistMiqns ob eritiqua und das Werk des Richard Simon (Prantl, Gesch. der Univ. Jngolstadt I, 641) anzuschaffen, das tridentinische Glaubensbekenntnis hatte erneuern müssen, und bis zu einer anderweitigen Verwendung von Schluß des Schuljahres ab mit 400 fl. pensionirt. Da er jedoch eine Personal-Untersuchung nicht ohne Grund fürchtete, indem er schon früher den Gedanken ausgesprochen hatte, daß er sich „durch all' sein Wohlwollen, Denken und Arbeiten zum Lohn einen Galgen baue" (Nachtrag v. Originalschr. I, 52), daß er „dereinst durch die Unvorsichtigkeit seiner Leute den Kops verlieren könnte" (ebendas. I, 89), so schlug er die Pension aus und bat um seinen Abschied. Diesen erhielt er durch kurfürstliches Neskript vom 19. Februar 1785, worin er ein „hochmüthiger und renommirter Logen- meister" genannt wurde. (Stark, Triumph d. Philosophie S. 339.) Der vaterländische Boden scheint dem schuldbewußten Ordensstifter zu heiß geworden zu sein; denn schon am 25. Februar 1785 schrieb er von Nürnberg aus an Zwack, die Worte Cicero's von Catilina auf sich beziehend: Lxesssit, eruxit, avusib — Auf und davon ist er! Mit Schulden war Weishaupt aus Jngolstadt entflohen und bat daher den genannten Ordensgenossen seiner Frau, welche mit den Kindern noch bis Ende April dortselbst bleiben sollte, etwas Geld aus der Logen- kasse zu überschicken. Von Nürnberg aus besuchte der Flüchtling Erlangen, Altdorf und gedachte mit Eintritt gelinderer Witterung weiter zu reisen. (Einige Originalschriften S. 403.) An Herzog Ernst von Gotha, Br. „Timoleon", fand er gar bald einen wohlwollenden Gönner und Beschützer, an dessen Hofe er fortab lebte, ausgezeichnet durch den Hofrathstitel. (Schluß folgt.) k. Wilhelm Kreiten. Literarhistorische Studie von Ad. Jos. Kiel. (Schluß.) Wie wiederholt angedeutet, enthält das dritte Büchlein: „Buch des Menschenlebens", das Beste aus des Dichters Mappe. Den Anfang bildet in finniger Weise das nicht nur gut erfundene, sondern auch muster- giltig durchgeführte Gedicht „Das Glück". Es schildert in packender, dramatischer Weise das Jagen und Haschen und Drangen der Menschen nach „Glück". Doch wie bald zerfließen in Nichts die Phantome, denen sie nachgeeilt: Und weiter und weiter und nie zurück, Das war wobt Gluth und Leben, Das war wohl Wechsel — doch ach, das Glück, Das Glück wollt' sich nicht geben! Nur oft zur Nacht Zieht mich mit Macht Die Blume blau in's ferne Land — Bis ich erwacht Mit Thränen schau'» daß ich verbannt! Glauben und Kinderunschuld warfen sie über Bord, and erst wenn sie den Abgrund vor sich gähnen sehen, »ann seufzen sie auf: Wie find' ich den Weg, der rückwärts lenkt Boin falschen Glücke zum Friesen? Wer ist, der mir wieder die Blume schenkt, Die tollen Wahns ich gemieden! Nur ost zur Nacht Zieht mich mit Macht Die Blume blau in'S ferne Land — Bis ich erwacht Mit Thränen schau, daß ich verbannt! Doch das wahre Glück bringt nach all' den Ver- irrungen erst wieder die Taube der Buße: O blaue Blume im fernen Land, O Kindcrunschulv und -Glaube! Du hast mir doch einen Boten gesandt — Mich grüßt mit dein Oelzweig die Taube. Die ost zur Nacht Mich lockt mit Macht Hinüber in des Friedcnö Land, Und eh' ich's dacht' Die Zeit vergeht, daß ich verbannt! Es würde zu weit führen, wollten wir viele der auserlesenen Blumen und Blüthen erwähnen, die uns der Dichter in seinen Strauß gebunden. Man nehme selbst das Buch zur Hand und lese und empfinde mit dem Dichter. Sicherlich wird der Leser schöne Stunden Mit ihm verleben! Nur ein Gedicht, oder vielmehr einen Liedercyclus können wir nicht unerwähnt lassen, bildet er doch die kostbarste Perle des ganzen Buches. „Der Mutter Tod" ist die Ucberschrift einer Reihe tiefempfundener, echter lyrischer Edelsteine. Der Mai war wieder gekommen Mit Lied und Blüt'henstrauß» Hat Einkehr nicht genommen In meines Vaters Haus. Die Fichte klagend rauschte, Die vor dem Fenster stand, Und schaute still und traurig In's frühlingSfrohe Land. Ich faß in stiller Kammer Beim kranken Müttcrlcin, Unnennbar tiefe Wehmnth Schlich mir in's Herz hinein. Sie schlummert' im alten Sessel, So bleich, so abgehärmt, Ihre weißen lieben Hände An meiner Stirn' ich wärmt'. Da draußen sang es und klang eS Voll seliger Maienlust — Ach Gott, war das ein Winter In meiner jungen Brust! In seiner Trauer eilte er hinaus in den Wald, der Mutter Liebltngsblumen zu pflücken. Doch jedes Maiglöckchen, das er brach, das sprach so viel vorn Scheiden, und auf jedes fiel eine Thräne und glänzte da gleich Thautröpfchen. Es war am heil'gen Pfingsttag Und letzten Mai dazu — Da meine einzige Mutter Einging zur ewigen Ruh', llll Da konnt' ich wild nur weinen Die armen Augen roth — Da lief ich, und da rief ich: „Die Mutter todt! ach, tobt!" Dann die ergreifende Schilderung: Auf der Bahre lag sie schweigend, Hörte unsern Ruf nicht mehr — Schlief und schwieg — ob wir UNS neigend Sie liebkosten noch so sehr. Durften einmal sie noch sehen, Da sie schon im Sarge lag — „Kinder! müßt hinaus nun gehen!" Schluchzend bald der Vater sprach. Der Tischler kam, und jeder Hammerschlag trieb einen Nagel in des Dichters eignes Herz, daß nimmermehr die Wunden mögen vernarben. Sie haben sie fortgetragen, Sie drangen in's Haus hinein, Sie hörten nicht auf mein Klagen, Als wär' sie nicht mehr «rein. Die Glocken so herzlos klangen, Als sollt' es Ostern sein. Und doch zu Grab sie sangen Der einzigen Mutter mein. Sie warfen mir Erde d'rüber. Ein Kreuz ward aufgesteckt — Ich hätte den Sarg wohl lieber Mit meinem Leibe bedeckt. Die Sonne sah ich prangen, Die Blumen blühten so schön. Die Vögel so lustig sangen: Als wäre nichts gescheh'n! Und mir doch lag im Grabe Ein enger dunkler Sarg, Der meine reichste Habe, Das Herz der Mutter barg. Da ward ihm das Herz zum Brechen schwer uu. trauervoll. Von Zimmer lief er zu Zimmer, doch überall war's öde, es fehlte etwas — das Mutterherz. Wie beneidet er das arme Bettelkind, das seine blinde Mutter führt. Jst's arm auch an Lab' und Gut. hat's doch noch eine Mutter. Und nun der Schluß dieser wehmnthdurchtränkten Gedichte, die in ihrer einfachen, ungekünstelten Form unser Herz doch so gewaltig ergreifen! Er ist des Dichters würdig. Wohl ist Melancholie ein Grundzug von Kreitens Charakter, aber sie ist geadelt durch ein gläubiges, gottergebenes Gemüth und darum himmelweit verschieden von dem Weltschmerz unserer modernen Pessimisten. Seine Trauer ist darum auch nicht jene wild zerrissene, in sich selbst aufgelöste, wie man sie jetzt oft auf den Gräbern unserer modernen Friedhöfe symbolisirt findet — eine Trauer, die nur erdwärts ihre Blicke senkt und keine Hoffnung kennt. Der christliche Trauer- schmerz jedoch, so gewaltig er auch das Herz zusammenpressen mag, er trägt gleichwohl den Stempel himmlischex 120 Ergebung, und der geistige Blick wird nicht umflort don der Erdenhaftigkeit unserer menschlichen Natur, sondern bleibt aufwärts zu den Sternen gerichtet. Und so klingen auch diese trauernden Lieder nicht mit der grellen Dissonanz der Hoffnungslosigkeit aus, sondern am Schluß schwingt auch der Dichter sich zum Gedanken der Unsterblichkeit und des Wiedersehens auf. Seit ich zu Grabe Dir, o Muiter, gab Geleit Vor langer, trüber Zeit, Klingt stets in meiner Seele nach das Wort „Unsterblichkeit!" Wir müssen Beide aufersteh'», In Himmelsauen selig wallen. — Ich werk' Dich einstens wiederseh'n, Wenn Lebenshauch am großen Tag in's Grab wird niederweh'» Und auflebt, was im Staub zerfallen. Und wär' kein ewig Leben mehr, Wie könnt' ein Muttcrberz denn brechen? Es setzte sich dem Tode kühn zur Wehr, Gab' er nickt schmeichelnd das Versprechen Von ew'ger Liebe Wonnemeer! Aus dem „Buch der Geschichten" erwähnen wir besonders die naiv innige „Legende von der heiligen Cücilia" und das bewegt dramatisch durchgeführte Gedicht „Priestertod". Wie der Dichter auch den Volkston zu treffen weiß, mag die Ballade „Geistergruß" illustriren: Zu Magdeburg im Graben Die Trommel ward gerührt, Zum frühen Tod sie haben Den Deserteur geführt. Und fern im Heimaththale Bei Wetterwilder Nacht Klopft's heimlich an das Fenster, Wo noch die Mutter wacht. Sie kennt wohl gleich die Stimme, Doch klingt der Gruß so hohl — Sie weiß nicht, war's „Willkommen!" War'S gar ein „Lebewohl!" Rasch reißt sie auf das Fenster: „Mein Sohn, mein jüngstes Kind!" „Still, Mutter, sprich doch leiser, Sonst hört's der falsche Wind." „Und bist Du nickt gekommen Auf Urlaub, liebster Sohn?" „Still, still, ein ew'ger Urlaub Ward mir als Erdenlohn I" „Wie werden all' sich freuen Die Brüder und Schwestern Dein . . „Laß, Mutter, laß die Leute, Denk' Du der Seele mein!" Und zittern nicht die Scheiben, Dröhnt's nicht wie Schuß auf Schuß? Fühlt's nicht die arme Mutter Wie kalten Geistcrkuß? Sie breitet aus die Arme, Sie ruft umsonst ihr Kind, Sie steht allein am Fenster, Und klagend geht der Wind. Und bald mit schwarzem Siegel Ein Brief ward wohl gebracht, Da wußte die arme Mutter, Wer sie gegrüßt zur Nacht. Es ist eine Eigenthümlichkeit, aber auch ein hoher Vorzug der Kreiten'schen Gedichte, daß sie sich nur schwer bruchstückweise anführen lassen. Alles ist da so prägnant, alles so wohlbegründet und eilt in so rascher, fester Folge dem pointirten Schlüsse zu, daß nirgends das Blätterwerk der Form den festen Stamm des Gedankens zu überwuchern vermag. Kretten ist eben zugleich auch ein großer Kritiker, der zuerst an sich selbst die sorgfältigste Feile legt. Also nochmals: tolls st Isgs! Und da die Verlagshandlung dem Werke eine so schöne Ausstattung gegeben, können wir es wärmstens auch für den Geschenktisch empfehlen. Wir brauchen unsere Kinder nicht mehr an der Form der inhaltsleeren „Modedichter" L In, Baumbach w. sich bilden zu lassen, das haben wir alles vortrefflicher bet unseren katholischen Dichtern und Schriftstellern, die obendrein Gesundes für Herz und Gemüth bieten. Ziehen wir nun einen Schluß aus dem oben Gesagten, so ergibt sich, daß k. Kreiten nicht nur einer unserer ersten und geschultesten Kritiker und Literarhistoriker ist, sondern daß ihm auch ein vornehmer Platz in den Reihen unserer deutschen Lyriker gebührt. Strebt die katholische Dichtung unter solchen Sternen und Zeichen vorwärts, dann wird es ihr sicher beschießen sein, noch vor Schluß des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige Werk erheblich weiter zu führen, das zu Beginn des Jahrhunderts die Romantik vergeblich begonnen hatte — nämlich den Dom der christlichen Dichtung. Recensionen und Notizen. Iloblosss oblixs, Worte an den Adel deutscher Nation- Verlag von Borgmeycr in Hannover. 72 Seiten Oct. Preis 1 M. Diese Schrift zeichnet sich aus durch hohen sittlichen Ernst der Weltanschauung eines überzeugten Katholiken, so daß man bei dem scharfen Gepräge der Ansichten des Verfassers seinen Antisemitismus gerne mit in den Kauf nimmt, zumal er aus edler Gesinnung entspringt. Am sympathischsten berührt den Katholiken die ideale Auffassung des Christenthums und die Begeisterung für sittliche Ideale. Streng auf dem Boden des historischen Rechtes stehend, verurtbeilt der Autor die italienische und deutsche Politik des Fürsten Bismarck als eine revolutionäre und betont das Recht der Monarchie von Gottes Gnaden. Den religiösen, politischen und wirthschaftlichcn Liberalismus verurthcilt er mit scharfer Logik, wobei ihm interessantes geschichtliches und literariickes Material zu Gebote steht. Die christliche Ehe und das christliche Familienleben sind Dinge, welche er scharf betont. Mit den Waffen feiner Ironie und treffenden Witzes geht er den Mißsländen zu Leibe, welche in den Reihen deS Adels zu Tage treten: Verschwendung, Luxus, Verweichlichung, Sport, Gigerlthum, Schulden und die Beziehungen zu der jüdischen Finanz, sowie Duell und F-reimaurer- thum. Wenn der Geist des Autors überall in dem deutschen Adel lebendig wird, dann kann man mit Recht von den Edelsten der Nation reden, und das wcrkthätige Volk würde in dem nationalen Adel eine kräftige Stütze finden. Die Lectürc dieser Schrift kann nicht nur dem Adel, sondern allen Ständen empfohlen werden. Mette nleiter Bernhard, Llissa in bonorow 8s. Nominis L. lllarias V., für Sopran, Alt, Tenor und Baß, Op. 46, Düsseldorf bei Schwärm, Preis 1 M. 20 Pf., 1 Stimme 29 Pf. Vorliegende Messe weist alle Eigenarten der bisherigen Werke des verdienten Kirchencomponisten in Melodieführung und Harmonisirung auf, nur ist sie in der Struktur noch einfacher gehalten, als alle früheren. Vollständig homophon mit eingestreuten, Abwechslung bringenden zweistimmigen Sätzen componirt, bietet sie für eine gute Aufführung von Seite eines mittelguten Chores nicht die geringste Schwierigkeit. Da man auch auf dcni Lande und unter den einfachsten Verhältnissen würdige, correcte kirchliche Kompositionen nothwendig hat und hier nicht alles der subjektiven Willkür überlassen kann, so wird man dem fruchtbaren Autor für sein Op. 46, welches sich für bescheidene Kreise vollständig eignet, dankbar sein müssen, v. vr Kerantw, Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.