1 ^. 17 24, ApM 1696. Carl Lebrecht Jmmermann. Zu seinem hundertsten Geburtstag (24. April) von A. G. Carl Lebrecht Jmmermann stammte aus einer Familie, die weder zu den reichen noch zu den armen zählte, den mittleren Schichten der Gesellschaft war er entsprossen, konnte aber auf eine lange Reihe von Ahnen blicken, die mitunter eine ziemlich bedeutende Rolle gespielt hatten. Er wurde am 24. April 1796 in Magdeburg geboren als der Sohn des Kriegs- und Domänenraths Carl Lebrecht Jmmermann, der in seinem Hause ungemein streng war, während die Mutter sich durch „Grundgüte" auszeichnete. Streng wurde der Sohn mit seinen andern fünf Geschwistern vom Vater herangezogen und selbst unterrichtet in Rechnen, Geographie und Geschichte, bis er in das Kloster Unserer Lieben Frau zur weiteren Fortbildung aufgenommen wurde. Er war ein talentirter und sehr fleißiger Knabe, verfiel aber bald in eine geradezu krankhafte Lesewuth, mit welcher er alle Bücher ergriff, die ihm in die Hände kamen, und von denen viele ihrem Inhalte nach für ihn absolut nicht taugten. „Reisebeschreibungen, Romane, Schauspiele wurden verschlungen" und, fügen wir bei, konnten nicht verdaut werden. Dazu kam der Drang, Dunkles und Geheimniß- volleS zu erforschen, hiemit Zurückgezogenhett in stille Winkel, für einen Menschen im Alter Jmmermanns, wie für alle in diesem Alter, ein großes Uebel, das nichts Gutes zeitigen kann. Trotzdem vernachlässigte er die eigentlichen Schulaufgaben nicht und erhielt stets gute Zeugnisse. Ostern 1813 bezog er die Universität Halle, um sich, gleich dem Vater, der Jurisprudenz zu widmen. Neben den juridischen Fächern belegte er auch philologische, deßgleichen Aesthetik und Kunstgeschichte und deutsche Literatur, und schwänzte keines — weißer Rabe unter den Universitätsstudenten! wenn es buchstäblich wahr ist. Leider konnte er seine Studien nicht in Ruhe fortsetzen und vollenden, die Kämpfe um das Sein oder Nichtsein Deutschlands machten ihm einen Strich durch seine Rechnung, wie abertausend jungen begeisterten deutschen Männern und Studenten. Im Hochsommer 1813 zog Napoleon durch Halle, hob die Universität auf, und die Studierenden zerstreuten sich, die rümal'riäerioiÄllü. stand verlassen und leer. Kurze Zeit verweilte Jmmermann im Vaterhaus, nach der Schlacht bei Leipzig aber meldete er sich als Freiwilliger und wurde in daS erste Jägerdetachement des Leib-Jnfanterte-RegimentS aufgenommen. Doch zog er nicht in's Feld, denn ein Nervenfieber brachte ihn an den Rand des Grabes, und er erreichte seine Abtheilung erst nach Beendigung des Feldzuges. Auf dem Rückzug traf ihn die Trauernachricht, daß sein geliebter Vater am Charsreitag des Jahres 1814 gestorben sei. 1814/15 widmete er sich wieder den Studien, als ein neuer Aufruf des Königs an die Freiwilligen erging, und nun ging es an die französische Grenze; unter dem Donner der Geschütze von Ligny lernte Jmmermann das Bild der Schlachten kennen. Er wurde nach Beendigung des Feldzugs als Offizier entlassen und kehrte zu den Studien nach Halle zurück, wo er sich jetzt der Theologie widmen wollte, doch trat als Hinderniß die Unkenntniß des Hebräischen in den Weg, so daß er bei der Jurisprudenz blieb. Eine Episode aus der damaligen Studienzeit verdient sicher der Erwähnung, da sie von großem Muth zeigt und ebenso großer Offenheit. In Halle existirte eine Verbindung Namens „Teu- tonia", die sehr ausartete. So wurde ein armer Student, der sich nicht schlug, auf das gröbste mißhandelt; Jmmermann verfaßte eine Erklärung, mit vielen Unterschriften wurde dieselbe angeschlagen, der Verfasser aber war kaum mehr seines Lebens sicher. „Teutonia" trieb das Unwesen weiter. Da reiste Jmmermann mit zwei Com- militonen nach Berlin; er erhielt zwar keine Audienz beim König, doch wurde ein Schriftstück gnädig angenommen und erhielt Jmmermann schriftliches großes Lob seitens des Monarchen, dessen Schreiben schloß: „Ihr guter Sinn für Ordnung und Gesetzmäßigkeit hat meinen ganzen Beifall." Unmittelbar darauf wurde die Teutonia aufgehoben, die „Sulphuristen", wie mau die Unterzeichner spottweife nannte, hatten gesiegt. Neben seinen Studien warf sich Jmmermann um diese Zeit zum ersten Male auf das Dichten, es entstanden mehrere Gelegenheitsgedichte, welche aber ohne literarischen Werth waren, dagegen zeigt er darin schon eine gewisse glühende Phantasie. Im Anfang des Jahres 1818 machte er in Halberstadt sein erstes juristisches Examen und wurde Auscultator beim Kreisgericht in Aschersleben; dann kam er nach Magdeburg und Münster, wo er zuerst ganz allein für sich lebte und sein erstes Drama „Roland" schrieb nebst mehreren Gedichten. Es folgte das Trauerspiel „Edwin", das zu schnell ausgearbeitet wurde und deßhalb auch viele Mängel zeigt, obwohl ihm schön poetische Gedanken nicht abzusprechen sind. Eine Recension seiner Arbeiten aus damaliger Zeit sagt u. a.: „Gedankenreich ist seine Welt, kräftig, kühn, nicht hohle Worte und Phrasen spricht er aus. Seine Dichtungen sind Bekenntnisse seiner Seele, doch fehlt dem stolzen Bau noch seine Vollendung." In diese Zeit fällt sein Verhältniß zu Elise von Lützow-Ahlefeldt, das wir, weil es sich in gleicher Weise bei den sogenannten Schöngeistern mu- tatis mutuiräis wiederholt hat und wiederholt, wohl mit allem Recht übergehen können, ohne daß diese Ueber- gehuug uns ein Leser übel nehmen wird, da unsere Beilage für pikante Liebesabenteuer gewiß nicht redigirt wird. Jmmermann wurde träumerisch und dichtete träumerisch nahezu Verse, die sich reimten auf „Herz" und „Schmerz". Doch ermannte er sich bald wieder und warf sich auf Lustspiele und Tragödien zu einer Zeit, wo er nach Magdeburg versetzt wurde, wohin er 1824 ging, nachdem er den Seinen noch einen Besuch abgestattet hatte, da er mit kindlicher und brüderlicher Liebe an der Mutter und an den Geschwistern hing, die damals vorübergehend in Oschersleben sich befanden. Die Vaterstadt war ihm ziemlich fremd geworden, bald war er aber wegen seines scharfen Verstandes beliebt geworden, sein klares, wenn auch scharfes Urtheil imponirte. Die dichterische Ader stockte eine Zeit lang, bis Heinrich Heine ihn besuchte und das Blut in derselben wieder in Wallung brachte, ohne daß er Bedeutendes damals schuf. Er mußie sich auch dem Studium damals widmen, sein letztes Examen stand bevor, das er denn auch mit gutem Erfolg bestand. Es erschien das Drama „Hofer", mitunter ebenso getadelt als gelobt, ein Stück, durch welches auch Göthe auf den Verfasser aufmerksam wurde. König sagt über „Hofer": „Nicht befriedigte das Trauerspiel in Tirol, das in Andreas Hofers Geschichte allerhand Wunder- 130 bareS — Träume, Engelerschetnungen — hineinmischt". ! In Düsseldorf wurde fleißig weitergearbeitet, soweit nicht die ihm nachziehende „Freundin" Gräfin Ahlefeldt ihn daran hinderte. Sein erstes Musenkind war das Lustspiel „Die Verkleidungen",' das der Verfasser aber für sich höher schätzte, als es in That und Wahrheit zu schätzen ist; das Stück wurde auch, soweit bekannt, nur allein in Hamburg aufgeführt. Es folgte „Friedrich der Zweite", dessen Composition aber wiederum ziemlich bedeutende Mängel zeigt; trotzdem erlebte es Aufführungen an bedeutenden Theatern Deutschlands zum größten Stolze des Verfassers. In dieser Zeit war es, als gegen Jmmermann der Dichter Graf Platen in die Schranken trat, und zwar unbarmherzig, so daß er sogar den Namen des Gegners in Nimmermann umsetzte. Er wählte im „Romantischen OcdipuS" sich Jmmermann zur Zielscheibe, in dessen Person er zugleich die gesammten Verirrungen der Romantik verhöhnen wollte. Veranlassung gab ihm dazu ein boshaftes Penion, das Jmmermann in Heine's Reise- bildern" gegen Platens „Gaselen" losgelassen hatte: „Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von SchiraS stehlen, Essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Gaselcn."^) Die scharfe Antwort auf den auch nicht zarten Angriff war der Held des „Romantischen Oedipus", der „schwulst - einpöklerische Musensohn", der Romantiker „Nimmermann", von dem es unter anderm heißt: „— gesalbt zum Stellvertreter hab' ich Dich Der ganzen tollen Dicbterlinasgenossenschast. Die auf dem Hackbrett Fieberträume phantasirt Und unsere deutsche Hcldensprache ganz entweiht." Das Ganze ist geistreich durchgeführt, die Form ist vollendet, aber die persönliche große Abneigung und das übermüthige Gebühren Platens berühren ungemein peinlich. Zur Ehre Jmmermanns, der natürlich auch wieder nach Platen schoß, muß gesagt werden, daß er Platen später alles verzieh und ihm als Dichter stets Anerkennung zollte. So sagte er, als er Platens Tod erfuhr: „Der Graf von Platen kommt in die Walhalla, und er gehört auch hinein trotz aller seiner Thorheiten und Mißgriffe". Die beiden Hanptgegenschriften gegen Platen: „Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Kavalier" und „Tulifäntchen", wurden weder von Platen noch vom Publikum beachtet, da sie wett über das Ziel hinausschössen und so in erster Linie ihren eigentlichen Zweck verfehlten. (Schluß folgt.) FimrischL Studenten in Jesuitencollegien.* *) Von Dr. P. Wittmann in München. Die Verdienste, welche sich die „Gesellschaft Jesu" um Wiederbelebung katholischen Geistes bei germanischen und romanischen Nationen erwarb, sind unbestritten. Selbst Protestanten und Ungläubige gestehen zu, daß die Jünger Loyola's insbesondere auf dem Gebiet der Erziehung Großartiges geleistet haben. Ihre pädagogische Thätigkeit beschränkte sich auch keineswegs auf rein ka'"*) Die Gaselen sind eine aus dem Persischen stammende Dichtungform, die bei manchem damaligen Dichter sehr beliebt war. *) In der Hauptsache Auszug aus dem also (Om Lnslls stlläoramls oto.) betitelten, zunächst in -HiZtorialliiwu Lrdisto- H., dann auch im Sonderdruck (1890) erschienenen Abhandlung des Historikers K. G. Lcinberg, die ihrer Sprache halber uur wenige Leser in Deutschland gefunden haben dürfte. tholische Gebiete, sondern bezweckte zugleich die von der kirchlichen Einheit Getrennten wiederzugewinnen. Zu diesem Behufe gründeten sie zunächst in Rom die sogenannten „National-Collegien", d. h. Lehranstalten, worin begabte Jünglinge verschiedener Zungen Unterricht im Glauben und Wissen erhielten, um später in ihre Hei- math zurückgesendet und dort zur Wiederherstellung des Katholicismus verwandt zu werden. Die erste Schöpfung dieser Art, zugleich Muster aller späteren, war das Ool- laginin Osriauiuauia zu NoM. Mit König Johanns III. Regierungsantritt begann in der schwedischen Reformarionsgeschichte eine rückläufige Bewegung. Durch Studium der Schriften der Kirchen- väter gelangte er zur Ansicht, daß sich Verfassung, Lehre und Gebräuche der schwedischen Kirche am besten mit Rücksicht aus jene alten Quellenschriften regeln ließen. Dieser Umstand erweckte bei seiner Umgebung, soweit sie zum Katholicismus hinneigte, zumal er mit einer Prinzessin dieses Bekenntnisses verheirathet war, Hoffnung, die schwedische Nation wieder für das Papstthum gewinnen zu können. Katholische Autoritäten, welchen hierüber Mittheilung zu Ohren kam, versäumten nicht, die scheinbar günstige Gelegenheit zu benützen, um der katholischen Kirche ein bedeutendes, aber bereits als verloren betrachtetes Gebiet wieder zurückzuerobern. Die Verbindungen der Königin Katharina, der Gemahlin Johanns, mit ihrem Heimathlande Polen bildeten eine natürliche Brücke, auf der der Katholicismus neuerdings in Schweden einzudringen suchte. Da die Ausführung des Planes gewandten und erfahrenen Patres der Gesellschaft Jesu anvertraut wurde, darf man sich nicht wundern, wenn die katholische Propaganda mehrere Jahre lang mit vielem Erfolg arbeitete. Ihre Thätigkeit begann Anfang der Siebenziger - Jahre des 16. Jahrhunderts, und drei Ausländer spielten Hiebei eine besonders einflußreiche Rolle. Vor Allen verdient der warme Jesuiienfreund StanislauS Hosius (ch 1579) Erwähnung, der erst Bischof von Ermeland, dann 1561 Cardinal geworden war. Ob seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit hochgepriesen, hatte dieser Prälat auf's Eifrigste für Wiederherstellung der römischen Kirche in dem von reformatorischen Ansichten berührten Polen gearbeitet. Er war auch der Erste, welcher Jesuiten nach diesem Reiche und nach Preußen rief. Schon im Jahre 1557 dachte er daran, in seinem Stift ein Jefuitencolleg zu errichten, und einige Jahre später (1565) hatte er die Genugthuung, seinen Plan durch Stiftung des CollegS und Seminars in Braunsberg — einer zwischen Danzig und Königsberg gelegenen Stadt — verwirklicht zu sehen. Er benützte seine vertraute Stellung zum Jagellonischen Königshauss, unterhielt von 1572 ab fleißigen Briefwechsel mit der schwedischen Königin Katharina und leitete auch die Verhandlungen zwischen ihr und dem römischen Stuhle ein. In einem vom 24. Januar 1574 datirten Briefe theilte er der Königin mit, der Papst wünsche, es möchten sechs junge schwedische Adelige nach Rom gesandt werden, um dort eine wahrhaft christliche Erziehung zu empfangen. Ein zweiter, im Hinblick auf seine katholisirenden Bestrebungen üemerkenswerther, wenn auch späterhin in Schweden sehr verhaßter Mann war der Norweger Lau- rentius Nicolat. Während seiner Reisen im Auslande — er soll in Löwen, Douay und Köln studirt haben — wurde er für die Kirche und Gesellschaft Jesu gewonnen. Da er der 131 schwedischen Sprache kundig war, sandte ihn der Jesuiten- general auf Befehl des Papstes nach Stockholm, woselbst er im Frühjahre 1576 ankam, um „der Königin als Tröster zu dienen und in vorsichtiger Weise dem katholischen Bekenntnisse den Pfad zu bahnen". Im Anfang gelang es Nicolai das Vertrauen der lutherischen Prediger zu gewinnen, welche, bestochen von seinem Wissen und seiner Herrschaft über die lateinische Sprache, ihn als Rektor des Gymnasiums vorschlugen, daS König Johann statt der Akademie zu Upsala im früheren Franziskanerkloster auf Riddarholmen einzurichten gedachte. Er ließ dort junge Geistliche und Candidaten zusammenbringen, welche theilweise freien Unterhalt genossen, theilweise auf andere Art unterstützt wurden. Kirche wie Conventsgebäude wurden für die neue Schöpfung adaptirt; Laurentius aber erhielt die Weisung, im Colleg Theologie zu lehren und in der Kirche zu predigen. Derselbe begann seine Thätigkeit mit großem Beifall, zog übrigens bald den Verdacht der eifrigen Lutheraner auf sich. Doch gelang es ihm, sich beim König in Gunst zu setzen, und schon ein Jahr nach seiner Ankunft durfte er sich rühmen, 30 Bekehrungen erzielt zu haben. Um eine größere Anzahl passender Arbeiter für das anscheinend dankbare Ackerfeld zu gewinnen, schickte er im Sommer 1577 sechs junge Schweden an das OolleAium Oorinarnoum nach Rom, damit sie dort Zu Priestern ausgebildet würden. König Johann selbst gab das Reisegeld. Durch allerhand Vermittlungsvorschläge, deren Unvereinbarkeit mit den Ansichten NomS sich später herausstellte, suchte Laurentius der kirchlichen Wiedervereinigung vorzuarbeiten. Er wußte dem Monarchen solches Vertrauen zu dem regierenden Papste Gregor XIII. einzuflößen, daß Johann um Entsendung eines Mannes bat, mit dem er persönlich unterhandeln könne. Im Jesuiten Antonio Possevino fand sich die geeignete Person. Nach seinem Erscheinen in Schweden trat „Klosterlasse", wie Nicolai benannt wurde, in den Hintergrund, fiel sogar allmählig beim König in Ungnade. Im Jahre 1580 verließ er in Gesellschaft PosscvinoS Schweden für immer. Zuerst als Lehrer in Braunsberg angestellt, treffen wir ihn 1586 zu Prag; hochbetagt starb er zu Wilna (1622). Antonio Possevino, geboren zu Mantua 1534, gestorben 1611, hatte seine Studien in Rom vollendet und sich 1559 dem Jesuitenorden angeschlossen. Nachdem er mehrere wichtige Aufträge zur Zufriedenheit der Oberen erledigt und sich dabei durch Gelehrsamkeit und Redegewandtheit ausgezeichnet, erhielt er den Auftrag, Schweden zu bereisen und König Johann zum Ueber- tritt zu bewegen. Ende 1577 in Stockholm angelangt, wußte er den Fürsten durch umfassendes Wissen wie scharfsinnige Dialektik derart für sich einzunehmen und zu überzeugen, daß er in einer Stunde der Begeisterung vor dem päpstlichen Gesandten Generalbeichte ablegte, von ihm die Lossprcchung und die Kommunion nach katholischem RituS empfing. Dies geschah im Mai 1578?) Die Bedeutung, welche Possevino dieser Handlung beilegte, die er als Beweis des endgültigen Ueber- trittS des Königs zur katholischen Kirche auffaßte, wurde ') Vergl. die ausführliche Schilderung des Vorgangs bei Thciner „Schweben und seine Slcttung znm hl. Stuhle" I, S. 485 ss. jedoch bald durch das eigensinnige Festhalten des Letzter« an den von ihm für Wiedervereinigung der schwedischen und römischen Kirche aufgestellten Bedingungen, als Laienkelch, Priesterehe, Beseitigung des Weihwassers und anderer Ceremonien, wesentlich reducirt. Da Possevino unter solchen Umständen am Erfolge seiner Sendung verzweifelte, verließ er bald darauf (Ende Mai 1578) Schweden. Eine schwedische Kronyacht beförderte ihn nach Danzig. Von dort reiste er über Braunsberg nach Rom. Ihm folgten fünf für das Kollegium darnramourn bestimmte junge Schweden. Ueber seine Erfahrungen an den Papst berichtend, äußerte sich Possevino zugleich über die Art, wie die Missionstbätigkeit im Norden am besten Fortgang nehmen dürfte. Als Hauptmittel brachte er Einrichtung von Unterrichtsanstalten für die schwedische Jugend in Vorschlag. Da sich das 6oIIe§ium Oorinamoum zu sehr entfernt erwies, empfahl Possevino Erweiterung der Jesuitencollcgien in Braunsberg und Olmütz. Ersteres schien noch geeigneter, weil es in der Nähe der damals von Schweden und Finnen zahlreich besuchten Stadt Danzig lag; nur an zweiter Stelle sollte der mährische Bischofssitz in Betracht gezogen werden. PosscvinoS Vorschläge fanden Billigung und Ausführung, und unterm 10. Dezember erhielten die genannten Stifte im Namen des Papstes neue Satzungen. Da, wie bereits erwähnt, König Johann auf seinen Unionsbedingungen beharrte, der römische Stuhl aber die meisten derselben ablehnte, so wurde ersterer allmählig lauer in seinem Streben, die Verbindung mit Rom wiederherzustellen. Noch einmal jedoch sollte ein letzter Versuch gemacht werden, den Monarchen umzustimmen,- und Possevino wurde neuerdings nach Schweden entsandt. Im Juli 1579 dort angelangt, erkannte der Nuntius bald, daß seine Mühe vergeblich sei. Er blieb dieß- mal mehr als ein Jahr im Lande, theils um die Con- vertiten im Glauben zu festigen, theils auch, um die größtmögliche Zahl schwedischer Jünglinge für Jesuitenseminare zu gewinnen und hiedurch die katholische Propaganda für die Zukunft sicher zu stellen. Der blühende Zustand dieser Anstalten veranlaßte viele Schweden, ihre Söhne denselben anzuvertrauen. So brachte schon der Herbst l579 die stattliche Anzahl von zwanzig jungen Leuten. Die Nonnen des Klosters Wadstena, „des verschlossenen Gartens im Walde der Ketzerei", der einen Gegenstand besonderer Sorge für Possevino bildete, wurden von ihm veranlaßt, vier bis sechs junge, fromme Adelige zum Eintritt in's Braunsberg'sche Seminar zu bewegen. Allmählig wurden immer mehr entsandt, so daß einschließlich der früher nach Rom Abgegangenen von Possevino fünfzig Jünglinge theils ausgeschickt, theils fortgeführt wurden. Bei seiner zweiten Abreise von Schweden im August 1580 führte er dexen fünfzehn mit sich. Viele von ihnen kamen wegen Krankheit oder anderen Ursachen bald wieder nach Hause. Andere folgten später nach und fügten sich willig in die mittlerweile eingetretenen Verhältnisse. Manche kehrten niemals zurück, indem sie entweder während ihrer Studienzeit den heimathlichen Verhältnissen fremd geworden waren oder auch trotz aller Sehnsucht durch äußere Umstünde sich daran verhindert sahen. (Fortsetzung folgt.) 132 Streifzüne durch die sockalpolitische Literatur des Mittelalters bis Thomas von Aquin. Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf. (Schluß.) Bekanntlich hat der protestantische Professor Dr. v. Jhcring, einer der scharfsinnigsten Nechtsgelehrten, in seinem Buche „Der Zweck im Recht" zum Text der II. Auflage einen Nachtrag gemacht, worin er sagt, er hätte vielleicht sein ganzes Buch nicht geschrieben, wenn er gewußt hätte, daß die Grundgedanken desselben sich schon beim hl. Thomas in vollendeter Klarheit und prägnantester Fassung ausgesprochen finden. Das gilt aber besonders von dem Buche „äs rsZiroins prinoixuva". Er tadelt dann bitter die modernen Philosophen und protestantischen Theologen, die es versäumt hätten, die großartigen Gedanken dieses Mannes sich zu Nutzen zu machen. „Staunend, sagt er, frage ich mich: wie war es möglich, daß solche Wahrheiten, nachdem sie einmal ausgesprochen waren, bei unserer protestantischen Wissenschaft so gänzlich in Vergessenheit gerathen konnten? Welch Irrwege hätte sie sich ersparen können, wenn sie dieselben beherzigt hätte I" Indeß so ganz unschuldig ist Herr von Jhering doch nicht. Den Vorwurf der Unkenntniß kann er nicht gänzlich von sich abweisen. Oder sollte es ihm auch entgangen sein, was Karl von Kaltenborn schon 1848 mit Bezugnahme auf das Schriftchen „äs reZiiriins prillvixuur" geschrieben hat? Derselbe^ schreibt darüber: „Am vollständigsten und mit dem meisten Scheine (?) einer selbst- ständigen wissenschaftlichen Entscheidung finden sich die mittelalterlichen Nechtsansichlen bei dem berühmten Scholastiker und Heiligen Thomas von Aquino entwickelt," und sagt weiterhin, daß Thomas „der Hauptrepräsentant der mittelalterlichen Doktrin vom Rechte zu nennen" sei. Wir können hier zwei Bemerkungen nicht unterdrücken. Es ist merkwürdig, daß die genannte Schrift des hl. Thomas von vielen Schriftstellern über die mittelalterliche Philosophie nicht nur vernachlässigt, sondern nicht einmal erwähnt wird. Wir haben Tenne- mann's „Geschichte der Philosophie" vor uns, in welcher die Socialpolitik des Heiligen mir keinem Worte erwähnt wird. Auch in Stöckl's „Lehrbuch der Geschichte der Philosophie" 3. Auflage haben wir nichts darüber gefunden. Noch merkwürdiger ist, daß unsere Socialpolitiker so wenig auf diese wichtige Schrift zurückgreifen, und doch könnte, wenn auch nicht alle politischen Ansichten des hl. Thomas unserer Zeit entsprechen, die Gesellschaft Heilmittel für ihre Uebel auch heutzutage in mancher Hinsicht daraus schöpfen. Die allerwichtigsten Probleme, nach deren Lösung noch heute die Gesellschaft fortwährend strebt, hat der hl. Doktor in scharfsinniger und präciser Weise hier in den Nahmen seiner Betrachtungen gezogen. Die natürliche Neigung des Menschen zur Gesellschaft (orl «vllpmno; c-ruo-l noXlrlxäv ^cüov, Lviwul sooiuls), die Natur, Entstehung und Formen der Gewalt, die menschliche Freiheit und Gleichheit, die Pflichten der Negierenden und Unterthanen, Familie, Stadt und Staat, Religion, Handel, Kunst und Heer, kurz, das compli- ctrte Problem des gesellschaftlichen Lebens wird hier einer tiefen Kritik unterworfen ") „Die Vorläufer des Hugo Grotius auf dem Gebiete des zus naturas st Asutiuw sowie der Politik im Reformations- zeitalter" S. 43. und nach den Grundsätzen der natürlichen Vernunft und des Christenthums erklärt. Auch andere Fragen praktischer Natur, die noch jetzt von lebendigem Interesse sind, werden hier eingehend behandelt, wie die Fragen über Besteuerung, über die Ausgaben für militärische Zwecke, über die königlichen Einkünfte, über die Nothwendigkeit einer eigenen Münze im Staat, um den Geldverlust durch Wechsel zu vermeiden u. s. w. Man sieht, Probleme kommen in diesem Werke zur Erörterung, die von außerordentlicher Wichtigkeit sind, und darum können wir unsere Abhandlung nicht beschließen, ohne dieses Buch der sorgfältigsten Beachtung und dem ernstlichen Studium eines jeden Philosophen und Socialpolitikers empfohlen zu haben.") Das kann nur von Vortheil sein für die Lösung der schweren Social- probleme der Gegenwart. Es hat sicherlich keine Zeit mehr ein Wort deS Friedens nothwendiger als die jetzige, die durch die gefährlichsten und drohendsten Leidenschaften entzündet ist. Nun vermag aber die Philosophie ohne Religion dieses Wort nicht auszusprechen. Wie weit hat es denn die Philosophie gebracht, seitdem sie emancipirt ist von ihrem Centrum, von Religion und Wahrheit, seitdem der Kriti- cismus des Königsberger Philosophen den letzten Stein weghob vom Gebäude der philosophischen Wahrheit? Bis zur barsten Negation, bis zur tollsten Verzweiflungs- philosophke des „Unbewußten", die sich sozusagen selbst zum Besten hält. Wie soll eine solche Philosophie noch die sittliche Kraft zu siegreicher Initiative haben? Selbst Lange, der Geschichtschreiber des Materialismus, erwartet den Sieg „unter dem Banner einer großen Idee". Darum können wir dem Christenthum das Prognostikon stellen: es wird noch einmal die Gesellschaft von ihren Uebeln heilen und vor dem Zusammensturz retten und so einen großartigen Triumph feiern in der Inauguration einer neuen Zukunft. Der christliche Socialismus,^) durch welchen in der unauflöslichen Ungleichheit der Stände alle Menschen Brüder sind und sich als solche fühlen, — das ist die einzige und wahre „xactio loeäoris" der Zukunft! Zur baldigen Erreichung dieses Ziels wird auch die Ausbreitung der Kenntniß der socialpolitischen Grundsätze des gewaltigen mittelalterlichen Denkers einen werthvollen Beitrag liefern können. Vor Vierzehnhundert Jahren. Das katholische Frankreich begeht in diesem Jahre eine außerordentliche Gedächtnisfeier, darum hat ihm das Oberhaupt der Kirche auch eine außerordentliche kirchliche Begünstigung erwiesen, einen nationalen Jubelablaß, also einen Ablaß mit jenen Facultäten und Privilegien, wie sie sonst nur mit dem für die ganze Kirche ausgeschriebenen ") EmpfehlcnSwerth ist außer dem schon genannten Buche des vr. Schneider (ot. oben) zu diesem Zwecke das Buch des Dr. I. I. Baumann: „Die Staatslehre des hl. Thomas von Aquino, des größten Theologen und Philosophen der katholischen Kirche. Ein Beitrag zur Frage zwischen Staat und Kirche." Leipzig 1873. Das, was man nach dem Titel vermuthen möchte, nämlich eine historisch-kritische Untersuchung der Tbomistiichen Socialpolitik, fehlt freilich; indeß ist auch die einfache Ueber- setzung aus dem I. lid. von »äs rsKim. xrim;,- und von 4 Kapiteln des II. lib. nebst Ergänzungen aus >vo rs§iwms äuäasorum«, aus dein Commcntar zu Aristoteles' Politik, aus der -Summ» tbeol.« und aus der »Lumma »ävsrsus Asutilss« durchaus nicht wcrtbloS. '°) ek. Hitze Franz. Quintessenz der socialen Frage, Paderborn 1880. Jubiläum verbunden sind. Cardinal Langcnieux, der Erzbischof von Reims, hat den Heiligen Vater in einem eigenen Schreiben um diese Gnade gebeten, und der Papst hat diese Bitte in einem ausführlichen Antwortschreiben gewährt. Im Eingänge dieses Briefes gibt Leo XIII. den Gegenstand der Feier klar und präcis an: es ist die Taufe Chlodwig's, KönigS der salischen Franken, die am Weihnachtsfeste des JahreS 496 zu Reims durch den heiligen Nemigius, Bischof dieser Stadt, vorgenommen wurde. Es ist gut, ausdrücklich festzustellen, wer Chlodwig gewesen, und wer seine Leute gewesen. Denn bei den Franzosen ist noch immer die sonderbare Auffassung nicht ausgestorben, Chlodwig als König von Frankreich, die Merovinger als eine französische Dynastie und die Franken als Franzosen hinzustellen, trotzdem ernste französische Historiker, wie namentlich Augustin Thterry, dies längst als aller Geschichte widersprechend aufgezeigt haben. Von Frankreich und Franzosen kann unter Chlodwig keine Rede sein, weil es damals weder ein Frankreich noch Franzosen gab. Als die Franken im letzten Drittel des fünften Jahrhunderts in Gallien einfielen, war dieses von den Gallo-Nomanen, den romanisirten Galliern, bewohnt.' Es befanden sich nun zwei ganz verschiedene Bevölkerungselemente im Lande: die unterjochten römischen Protz inzialen, die längst christlich waren, und bei denen die Kirche seit Jahrhunderten blühte; dann die herrschenden Franken, einer der germanischen Hauptstämme, die noch im Heidenthum verharrten. Diese beiden Elemente standen einander schroff gegenüber, und so lange die Eroberer das Christenthum nicht angenommen hatten, konnte von einer Mischung und Amalgamirung der beiden Völker keine Rede sein. Erst nach der Christianifirung der Franken erfolgte, und zwar sehr allmählig, der Proceß der Verschmelzung der Germanen mit den Romanen, als dessen Resultat das Volk der Franzosen zu betrachten ist. Diese erscheinen erst um die Mitte des neunten Jahrhunderts als fertige Nation, und die gelegentlich des Vertrages von Verdun (842) abgelegten, von Neidhart aufgezeichneten sogenannten Straßburger Eide sind der älteste bekannte Text in französischer Sprache. Indem aber Chlodwig und mit ihm sein Volk die Taufe annahmen, legten sie den Grund und erfüllten die unerläßliche Vorbedingung zu ihrer nachherigen Verbindung mit den Gallo-Nomanen und zur Entstehung der französischen Nation und des französischen Staatswesens. Und hierin liegt eben die Bedeutung der Taufe Chlodwigs für Frankreich selbst: sie war der Keim seiner späteren Existenz. Verweilen wir noch einen Augenblick bei Chlodwig selbst. Als der König zur Taufe herantrat, richtete Remigius an ihn die ernsten Worte: „Beuge sanft- müthig Deinen Nacken, Sikamber (so wurden die salischen Franken genannt); bete an, was Du verbrannt hast, verbrenne, was Du angebetet hast" (Nitia äsxons calla, Licaralrer, aävra Hnoä ivcenäisti, incsnäs, tzuoä aäorasti); damit war die völlige Aenderung der Sinnes- und Handlungsweise angedeutet, die das Christenthum fordert. Damit war es freilich bei Chlodwig lange nicht so bestellt, wie es hätte fein sollen. Indessen darf man deßwegen seine Bekehrung nicht als unaufrichtig betrachten, dem stehen zu viele Thatsachen gegenüber, namentlich die, daß er das Christenthum, von dem er nach dem Ausdrucke Gregor's von Tours irdischen Ruhm und ewige Seligkeit (sasculi gloriava athus coalcstig regn! xg.tria.ni) erwartete, kräftig schützte und begünstigte und in ihm die ersprießlichste Grundlage für das Wohl seines Reiches erkannte, und daß er seiner Gemahlin Clotilde mit unverbrüchlicher Treue ergeben blieb. Es kämpften aber bei Chlodwig wie bei seinen Nachfolgern und dem christlich gewordenen Volke der Franken überhaupt noch lange zwei Strömungen mit einander: die alte heidnischnationale mit ihren Mißbrauchen und lasterhaften Gewohnheiten und die neue christliche mit ihren strengen sittlichen Anforderungen und ihrer reformatorischen Thätigkeit. Doch Chlodwigs Bekehrung geht in ihrer Tragweite über Frankreich weit hinaus: sie ist ein wahrhaft großes, welthistorisches, epochales Ereigniß. Einmal wurde dadurch das erste principiell und in jeder Beziehung christliche Staatswesen hergestellt, was das weströmische Reich selbst nach Constantin nicht im vollen Sinne gewesen. Sodann war damit das erste katholische, rechtgläubige Staatswesen geschaffen. Arianisch waren die Ostgothen in Italien, arianisch die Westgothen in Spanten und Südfrankreich, arianisch die Burgunden, arianisch die Wandalen; die oströmischen Kaiser, wie gerade Zeno, waren von der Häresie beeinflußt. Da trat Chlodwig auf als der einzige katholische Herrscher, damit war dem Arianismus der Todesstoß versetzt. Der Häresie fehlt aber stets die innere Segensfülle, welcher einzig und allein die heilsamen Wirkungen des Christenthums entspringen, und gerade die Geschichte des Arianismus beweist, daß auch damals nur die katholische Kirche jene Segensfülle zu bieten vermochte, und daß der durch sie gegebene Zusammenhang mit Rom hiebet die erste Rolle spielte. Darum erschien den Zeitgenossen die Taufe Chlodwigs als eine so hochwichtige und bedeutungsvolle Thatsache. Papst Anastasius II. schrieb in der Freude seines Herzens an den neubekchrten König: „Erfreue, ruhmreicher, erlauchter Sohn, Deine Mutter und fei ihr ein eiserner Pfeiler. Denn die Liebe ist bei Vielen im Erkalten, und durch die Arglist der Schlechten wird das Schifftet» der Kirche von wilder Wege hin- und her- geworfen, von schäumender Brandung gepeitscht. Doch Wir hoffen wider alles Hoffen und preisen den Herrn, der Dich der Macht der Finsterniß entrissen und der Kirche einen so gewaltigen Fürsten geschenkt hat, auf daß er sie schütze- und gegen die Ruchlosen den Helm des Heiles ergreife." Diese Bedeutung der katholischen Taufe des Frankenkönigs läßt es auch begreiflich erscheinen, daß man den Titel „Allerchristlichster König" (Ksx OlristianiZsimus) bis auf Chlodwig zurückgeführt hat. Indeß läßt sich nur nachweisen, daß die französischen Karolinger von den Päpsten öfter mit diesem Titel beehrt wurden, daß derselbe später allgemein erblich, im fünfzehnten Jahrhundert von Papst Pius ll. als herkömmlicher Titel der französischen Könige anerkannt, von Paul II. endlich ihnen förmlich verliehen wurde. Die Bekehrung der Franken zur katholischen Kirche hatte zunächst auch den Uebertritt der von Chlodwig besiegten Alamannen zur Folge. Weiterhin aber wurde durch die Ausdehnung der fränkischen Herrschaft über das westliche und südliche Deutschland überhaupt die christliche Missionirung der germanischen Stämme mächtig gefördert, wie denn namentlich dem heiligen BonifatiuS seine enge Verbindung mit dem fränkischen Hofe eine sehr willkommene Unterstützung bei seinem großen Werke bot. 134 Freilich fällt das tzäüpiverdienst in dieser Beziehung nicht den Merovingern zu, sondern jenem Geschlechte, dessen Hauptvertreter zuerst als thatsächliche Regenten, dann als Könige auch dem Namen nach über das Frankenreich herrschten, und das nach seinem vorzüglichsten Mitgliede das Karolingische genannt wird. Die Karolinger waren es auch, die in der Person Pipin's und Karls des Groben als Werkzeuge der Vorsehung den Päpsten jene territoriale Selbständigkeit sicherten, welche die materielle Basis ihrer effcctiven Freiheit und Unabhängigkeit in der Ausübung ihres Amtes ist. Vielleicht nie kam das Verhältniß zwischen Lueerclotium und Imperium seinem Ideale näher als unter den ersten Karolingern, namentlich unter Karl dem Großen. Nur nebenbei sei darauf hingewiesen» daß die Gründung des christlichen FrankenreicheL nicht bloß in religiöser, sondern auch in nationaler und politischer Beziehung von großer Wichtigkeit war. Aus dem Frankenreiche löste sich später das Deutsche Reich los, die fränkische Größe ward die Grundlage zur deutschen Größe. Auch nachdem die Westfranken zu Franzosen, das westfränkische Reich zu Frankreich geworden war, gab es Zeiten, wo Frankreichs Herrscher und Volk sich hohe Verdienste um die Sache der katholischen Kirche und Religion erwarben und den Titeln „Allerchristlichster König" und „erstgeborene Tochter der Kirche" Ehre machten. Es sei nur erinnert an Ludwig den Heiligen und an die Kreuzzüge. ES kamen freilich auch immer wieder andere Zeiten, wo eS anders zuging und aussah. Doch ist hier nicht der Ort zu Recriminationen. Auch heutzutage, mitten unter den Bedrängnissen einer gottentfremdeten Herrschaft, behaupten die Katholiken Frankreichs einen Ehrenplatz unter den katholischen Nationen, und insbesondere das französische MisfionSwesen muß als das erste der Welt anerkannt werden. Was sonst den französischen Katholiken obliegt und noththut, sagt das päpstliche Schreiben an Cardinal Langsnieux deutlich genug. Wir schließen mit k. Florian Rieß' Worten in den „Stimmen aus Maria-Laach" (II. Band): „Mit dem Eintritts eines Volkes in die katholische Kirche verhält eS sich ganz ähnlich wie mit der Bekehrung des Einzelnen: es wird ein neuer höchster Zielpunkt gewonnen, von welchem allmählig das ganze Verhalten geregelt und harmonisch gestimmt wird; eS wird ein Gesetz angenommen, von dessen treuer Erfüllung Wohl und Wehe abhängt. Eine viele Jahrhunderte zählende Geschichte hat den Act Chlodwig's bestätigt; die katholische Kirche hat die Franken und ihren Zweig, die Deutschen, mit ihrem Geiste durchdrungen; die Willigkeit, womit sich unsere Vorfahren diesem höheren Zuge ergaben, hat sie zu dem gemacht, als was wir sie in den folgenden Jahrhunderten bewundern. Sie bildeten ein eminent katholisches Volk, das war die Wurzel ihrer Größe; von ihrer Treue gegen diesen Geist . . . hing auch ihre nationale Wohlfahrt ab." Einige Konzertbesprechnngen. L. Paris, im April 1896. ES fügt sich feit Jahren, daß ich um die Zeit der Vollendung meiner Winteraufgabe, d. t. wenn das eigene Konzert vorüber ist und die Karwochenaufführungen wenigstens secnuiäum ymä in's Reine gearbeitet sind, nach Nürnberg und nach München fahre, um dort zu hören, W lernen, zu vergleichen und Anregungen zu empfangen. Ist der Ostertag vorüber, so eile ich hieher, nicht blos, aber doch auch um wenigstens noch einige Wellen der hiesigen Konzertfluth zu erhäschen. Was ich meist noch erreiche, ist das eine oder andere Konzert im großen Trocadsro-Saale. Es sei mir gestattet, über das Gehörte mich ein bischen vernehmen zu lassen — zunächst über das Konzert, das der Verein für klassische Chormusik unter der Leitung des Herrn Kapellmeisters Ringler am Passtonssonntag im Rathhaussaale in Nürnberg gab: Judas Makkabäus, Oratorium in 3 Theilen von G. F. Händel. Ein Segment aus den Befreiungskämpfen des israelitischen Volkes. Man weiß, wie sehr populär solche Stosse bei den Engländern zur Zeit Händels waren: die Engländer exemplifizirten ja daraus mit Vorliebe auf ihre eigenen religiösen wirklichen oder vermeintlichen Befreiungskriege: „der Mann voll Muth und Geist, der uns're Bande kühn zerreißt", ja das war damals der populäre Mann in England! Indeß Gott ist ein Gott nicht blos der anglikanischen Protestanten, sondern der ganzen Welt, und so wäre es gewiß verfehlt in den religiösen Befreiungskriegen der alten Juden blos Typen für die Engländer zu sehen. So wie aber diese Typen allgemeine, d. h. katholische, und ich darf sagen sogar spezifisch katholische Bedeutung haben, so auch ihre Verwendung und Behandlung im Händel'schen Oratorium. Mag hundertmal der protestantische Gottesdienst Veranlassung gegeben haben zu der Ausgestaltung unseres Oratoriums, mögen hundertmal „protestantische" Choral- melodien von den Komponisten citirt und verwendet sein, wie z. B. von Bach in seinem Magnificat die Melodie „Meine Seele preiset den Herrn" *) — die Veranlassung allein stempelt das Werk, zumal ein Vokalwerk, noch lange nicht zu einem confessionell bestimmten, noch weniger vermag dies ein Citat, sowenig als etwa der Ohreubart den fränkischen Bauern zum Lutheraner macht. Sondern wenn ein Text, ich will speziell beim Oratorium bleiben, wenn ein Oratoriums stoff aus der hl. Schrift richtig aufgefaßt ist, so betrachtet meines Erachtens der Katholik — immer die Möglichkeit konfessionellen Unterschiedes in der Musik vorausgesetzt — diese Musik mit Recht als katholisch. Ich halte es nicht für unangezeigt, auch einmal darüber zu reden, da gewisse Leute gar zu leichthin von dem protestantischen „Dettinger 1s vaum" Händels, von dem protestantischen Ua§niücub S. Backs u. s. w. sprechen. Viel fruchtbarer als der Streit um katholische oder protestantische Musik ist gerade angesichts des Händel'schen Judas Makkabäus und der in München aufgeführten Bach-- sehen MatthäuZpassion, von der später die Rede sein soll, eine andere Frage: welche Musik ist populär, welche ist aristokratisch? Man sollte meinen: da Händel nie, wenigstens in seinen bedeutendsten mir bekannten Werken nie (ob die „Choralmelodie" in „JudaS Makkabäus": „wir opfern Gott, und Gott allein" eine Ausnahme macht, oder ob sie von Händel selbst erfunden ist, weiß ich nicht; jedenfalls ist sie L la cllorals) Volksgesänge, Choräle citirt, so wäre er der unpopuläre, der hocharistokratische Komponist, der thnrmhoch über dem Volke und seinem musikalischen Fühlen und Begehren stünde. Umgekehrt S. Bach, der immer und überall wieder Choräle citirt und verarbeitet, er müßte der wahrhaft populäre Komponist sein. Und doch scheint mir gerade das Um- >) Die übrigens, wenn sie denn durchaus als Musik, alö Melodie confessignell sein muß, garnicht protestantisch ist, sondern uralt katholisch: der ehrwürdige ll?ouus xeresriuusl gekehrte der Fall zu sein, Händel hat ja keine Volksgesänge citirt, das ist wahr, aber er hat Volksgesänge gemacht: seine Chöre in allen großen Werken, im „Messias", im «1s vauna" (z. B. das gewaltige „Heilig", der Aufmarsch der einzelnen Chöre von Heiligen rc.), im Judas Makkabüus z. B. „Wir weih'n dem Edlen Klag' und Schmerz", „Du Gott, dem Erd' und Himmel schweigt", „Fall ward sein Loos", „Seht, er kommt mit Preis gekrönt", das alles sind Volks- gesünge, d. h. Gesänge so, wie das Volk singt. Aeußer- lich weist schon die vorwiegend homophone Behandlung der Singstimmrn auf den volksthümlichen Charakter dieser Gesänge hin. Dagegen ist Seb. Bach trotz seiner unzähligen Choralmelodieen durchaus nicht volkstümlich in unserem Sinne des Wortes, nicht wegen seiner Choralmelodieen, sondern wegen ihrer Verwendung und Verarbeitung, die sehr gelehrt und oft genug sehr complizirt ist. HändelS selbsterfundene Melodiken find populär, die populären Choralmelodieen haben in Bach c'ne sehr aristokratische Be- und Verarbeitung gefunden. Und selbst in seinen Arien scheint mir Händel viel mehr als Bach einen populären Zug bewahrt zu haben. „Arg dogmatisch", habe ich vor Jahren, ich glaube im „Sammler", von dem Duett „Ostrists Liaison" in Bachs Hoher Messe gelesen. Um bei diesem Ausdrucke zu bleiben: oaatsris xg-ribus dürfte Händel gegen Bach ein „kleiner Katechismus für das Volk" sein gegenüber einem sublimen Lehrbuch der Dogmatik. Aber eines muß von Händel und Bach und den Klassikern gemeinsam, namentlich gegenüber manchen „Modernsten" hervorgehoben werden: ihnen genügten in Chor und Arie und Orchestersatz feste, bestehende, gesetzmäßige Formen, um darin ihre ganze Fantasie und ihr ganzes Herz niederzulegen, während es bei vielen Modernsten Mode geworden ist, die Form zu zerreißen, form- und regellos und dadurch auch oft genug ! unfaßbar zu werden — einem „Einfalle", einem „Herzens- drange" znlieb; und wenn es nur immer wenigstens auch große Gedanken, bedeutende Herzensergüsse wären! Die möchten wohl solche Revolutionen entschuldigen, meinetwegen sogar rechtfertigen; „der Meister kann die Form zerbrechen"-wie aber, wenn die Meisterschaft gesucht wird gerade in der Zerbrechung der Form? Dort heißt es, ich kann die Form zerbrechen, weil ich Meister bin; hier: ich bin Meister, weil ich die Form zerbrechen kann! Aha! In Bezug auf die Form nun find die Chöre in „Judas Makkabüus" geradezu musterhaft; man sehe sich beispielshalber die schöne Disposition an in den Chören „Wohlan, wir folgen gern", „Du Held, du Held, o mach' uns frei", „Hör' uns, o Herr", „Fall ward sein Loos"! In diesen stehenden Formen — wie viel Fantasie, wie reiches Gemüthsleben! Und damit komme ich zu einem Kapitel, daS eigentlich für sich allein eine Betrachtung werth ist: zur Händel'schen Textauffassung. Händel, der Situationsmaler — was stand ihm htefür zur Verfügung? Vor allem, soweit die Musik Deklamation und Architektonik ist, prägnante Rhythmen und Akzente; soweit sie Melodie ist, charakteristische Intervalle; sofern sie aus Harmonien besteht, der Wechsel der Tonarten; soweit sie aus verschiedenartigen Singsttmmen besteht, Trennung und Mischung der Singstimmen; soweit sie endlich instrumental ist, die zweckmäßige Verwerthung der Instrumente. Das scheinen Binsenwahrheiten zu sein, die hier aufzutischen ganz unnöthig sei — und doch war's nicht immer so, wie bei Händel Bei Palestrina z. B. stehen Rhythmen und Akzente vör alleut im Dienst^ der Contrapunktik; auch die melodischen Schritte sind bestimmt und begrenzt durch die Regeln der Polyphonie. Und wenn bet Palestrina das L^ris düster dorisch gehalten ist, so halten sich Lllorig,, Oreäo, Lanetus in derselben (Moll-)Tonart; was für einen Umschwung in der Stimmung führt im „Judas Makkabüus" nur daS Recitativ „Nicht ganz umsonst" mit der folgenden Arie „Fromme Thränen" herbei! Die von der Natur selbst gemachte Beschränkung in der Verwendnng der Hörner und namentlich der Trompeten in jener Zeit wäre für sich allein schon ein Grund gewesen für gewisse Stimmungen und Situationen gewisse Tonarten für charakteristisch zu halten. DaS alles war früher anders und ist auch jetzt wieder anders geworden, nachdem allen Blasinstrumenten die ganze chromatische Skala aufgethan ist. Mehr gemeinsam mit früherer oder spaterer Musik als das Gesagte ist der Händel'schen Periode die Wahl der Taktart (z. B. „Blas't die Trommet"), die Wahl steigender oder fallender Jntervallschritte für die Wörter „steigen" und „fallen", z. B. „du sinkest, armes Israel, tief herab"; das Verweilen der Musik bei einem Begriffe, einem Worte, ja einer einzigen Silbe, um sie gehörig zu illustriren, z. B. den „Arm" in der Arie: „Wie eitel ist", in der Arie „Durch Wunderthaten errettet euer Gott" die beiden Begriffe „Wunderthaten" und „errettet". Bei Palestrina und Orlando finden wir diesem verwandte Züge: in seinen Lamentationen umkleidet Palestrina, wie auch schon die Choralmelodte solches andeutet, die hebräischen Namen Aleph, Beth rc., die doch eigentlich recht wenig zu bedeuten haben, mit herrlichen musikalischen Nahmen; bei Orlando macht eS mir oft Vergnügen, zu sehen, wie er in seinen Credos, in seinen Magnificats die Wörter „rssurrsetionsni", rc. schüttelt und beutelt, und sogar mit bloßen Vokalen sein rhythmisches Spiel treibt (ich erinnere an „visidiltuin" in seiner Ntssa „(jusl äorma"). Ein Hauptdarstellungsmittel ist endlich auch der dynamische Gegensatz: eine klassisch schöne Stelle in dieser Hinsicht ist im „Judas Makkabüus": „wir folgen dir zum Siege", dann nach einer Pause das Piano: „wär's zum Fall". Solche Stellen sind und bleiben wahr, und deßhalb altern sie auch nicht. Aber all das Gesagte enthüllt uns das Geheimniß der Kunst noch nicht; Akzente, Gegensätze, Periodenbau — heute habe ich ein französisches Kirchengesangbuch durchgeblättert; da finde ich all diese Griffe verwerthet; und doch kommen die besten Lieder über steifleinenen Klassizismus nicht hinaus; das Geheimniß besteht darin, daß jedes Mittel zur rechten Zeit und im entsprechenden Grade angewendet wird. Ja, es ist nicht anders, und wenn man über dieses Bekenntniß auch hundertmal lachen mag: nicht neue Mittel sind's, die das Genie kennzeichnen, sondern die rechte Anwendung der Mittel; aber mit der Sonde eines Chirurgen läßt sich das Genie nicht finden. Was nun die Wirkung betrifft, die Händel im „Judas Makkabüus" erreicht, so reichen die Chöre an die Herrlichkeit und den Glanz etwa des Dettinger 1s vöum oder auch des „Messias" nicht recht hinan; auch die Regie in Nürnberg hat das gefühlt und deßhalb an Stelle des kleinen Schlußchores das „Halleluja" aus dem „Messias" gesetzt; ob das nicht über das Ziel hinausgeschossen war, möchte ich nicht entscheiden. Freilich ist eine Vergleichung mit dem großen Oeura deßhalb 136 nicht recht angezeigt, weil die Situation in „Judas Makkabäus" sich viel mehr verändert; eher dürfte eine Vergleichung mit dem „Messias" zutreffen, wenn nicht die Person des „Messias" so unendlich hoch über dem „Judas Makkabäus" stünde. Eine Hauptmacht des „Judas Makkabäus" liegt in den Arien, wohingegen das genannte Osunr ganz wenig Arien hat. Aber innerlich ist „Judas Makkabäus", besonders seine Chorpartien, viel mehr als andere Werke Händels; wer die Musik zum Texte betrachtet, dem wird die Wahrheit und Tiefe derselben immer mehr aufgehen und wohlthun. Die Aufführung im Nathhaussaale in Nürnberg! Ich habe schon vor einigen Jahren in diesen Blättern gesagt, daß ich den Nathhaussaal nicht für sehr geeignet halte zum Konzertlokal. Häufige Konzertbesuche haben mich in dieser Meinung bestärkt: eS klingt etwas trocken. Aber groß und geräumig ist das Lokal; und sehr lobens- werth ist, daß die Nürnberger für ihre Aufführung jedesmal eine Orgel aufstellen lassen; die große Frequenz der Konzerte mag ja das ermöglichen. Der Chor zählt etwa 300 Köpfe; aber man kann kaum beweisen, daß die Wirkung von 300 Sängern doppelt so groß ist, als die von 150 Sängern, selbst wenn man dieselbe QualitätsEinheit zu Grunde legt. Trügt mich meine Beobachtung nicht, so bliebe mancher Sänger und manche Sängerin besser weg und machte dem Orchester Platz; denn das ist immer ein Vortheil, wenn Chor und Orchester beisammen vor dem Dirigenten aufgestellt sind. In München sind übrigens der Statisten unter den Sängern viel mehr als in Nürnberg. Aber das muß man den Singenden in Nürnberg — und das sind weit mehr als die „manchen" anderen — nachsagen: tüchtig und fleißig sind sie, und wackere Stimmführer haben sie; der Chorklang im „Judas Makkabäus" war schön, die Textaussprache musterhaft. Das Orchester spielte sauber und korrekt zusammen. Die Verwendung von 2 Flügelhörnern (oder Pistons?) anstatt der Waldhörner beim Zwischenspiele zum „Chor der Jünglinge" wird wohl ihren guten Grund haben, den Namentlich wir Provinzler zu würdigen wissen. Bei den heutigen Trompeten für Händel'sche Sachen widert mich immer der kurze, kindische Stakkatoton an; das sollte viel länger, tubenmäßiger klingen. Der Organist hat bet aller Fertigkeit manches gesündiget, indem er zu viel begleitete und zu stark begleitete; das lautete oft aufdringlich. Ich erinnere nur an Eines: im Allegro der Ouvertüre haben die Streicher ein Sechzehntelmotiv auf demselben Tone. Hält nun das Orgelprinzipal diesen Ton zu gleicher Zeit aus, so ist die Arbeit der Streicher paralysirt und damit das Thema verwischt. Die Solisten hatten alle große Vorzüge, und große Nachtheile, für welche letztere sie freilich zum Theile nicht verantwortlich gemacht werden können. Frau Meta Hieber - München vereinigt in der tiefern und mittleren Lage mit feiner Schulung eine gute, wohlklingende Stimme; die Auffassung war sehr gut. Leider aber fehlt der Stimme die entsprechende Höhe: was über das gewöhnliche Sopran-1? hinaufgeht, ist nur auf künstlichem Wege zu erreichen. Die Altistin Frau Schmid-Allizar hat viel Pathos, eignet sich für Händel'sche Recitative, in den Arien sollte sie nicht soviel tremoliren! Herrn Krämer hat der Dirigent einigemal arg mitgespielt: die Arie „Wie eitel ist" wurde zu rasch begonnen, der Sänger konnte sein Figurenwerk und seine Stimme nicht gehörig entfalten. Noch schlimmer war dies bei der früheren , Arie „Bewaffne dich mit Muth". Recht frisch und entsprechend lebhaft war dagegen die Trompetenarie: „Blas't die Trompet'". Herr Wunderlich, der Bassist, dessen Vortrug uns immer so innerlich und contemplativ ernst an» murhet — schade, daß er soviel mit Heiserkeit zu kämpfen hat; vielleicht sollte er sich besser schonen. Nun endlich auch der Dirigent des Ganzen, Herr Kapellmeister Ningler! Früher, bei modernen Werken, kam es uns immer vor, als nehme er die Tempi — viel zu langsam; namentlich schien uns das in der „Schöpfung" und im „Paulus" der Fall zu sein; — war ihm von anderer Seite das bedeutet worden? oder war es das Bestreben, um jeden Preis bis zum Abgang des nächsten Zuges fertig zu werden? Diesmal waren seine Tempi ungewöhnlich flott, manchmal nur zu gehetzt; Pausen zwischen den einzelnen Sätzen existirten kaum, nur aitnoo» suffito! Das Eine wie das Andere schadet der Klarheit und trübt den Genuß; und genau das Nichtige zu finden, ist für den Dirigenten im betreffenden Augenblick oft so schwer! Wir wären gewiß falsch verstanden, wenn man aus dem Vorstehenden schlösse, wir hätten bloß zu tadeln. Nein, gewiß nicht. Aber man schreibt viele so einseitig lobende und nur lobende Konzertberichte, die gar kein Interesse haben, weil daraus niemand etwas lernen kann. Ich habe mich angesichts der Thatsachen und der Leistungsfähigkeit eines Chores — ich gehöre ja auch ein bischen zu der Zunft der Chorregenten und konnte an mir und am eigenen Chöre manche Erfahrungen machen — ich habe mich schon oft gefragt: Ist es überhaupt möglich, ein Oratorium, eine Masse von Chören, von Arien so einzustudiren und bei der Aufführung so wiederzugeben, daß man sich nicht stellenweise im bloß conventionellen taktfesten und treffsicheren Abwickeln bewegt? Wie lange müßten da die Vorbereitungen brauchen für den Dirigenten wie für die Ausführenden? Ich meine, unsere Kunst darf sich freuen, ein Konzertinstitut von der Größe und Güte des Nürnberger Chorvereins überhaupt zu besitzen. Das darf uns aber nicht abhalten bei aller Verehrung und Hochachtung gegen dasselbe auch gelegentlich auf dessen „Menschlichkeit" hinzuweisen. (Fortsetzung folgt.) Literarilches. Katechetischer Unterricht über die Firmung. Verlag von Wort in Würzburg. Preis 30 Pf. Es läßt sich kaum in Abrede stellen, daß die Wichtigkeit und hohe Bedeutung der hl. Firmung vielfach nicht recht erkannt und gewürdigt wird. Ein Grund hiefür liegt in dem betreffenden Unterrichte. Wie dürftig und trocken ist unter Anderem, was unsere Katechismen über die bl. Firmung enthalten! Die Hauptsache liegt darum in der mündlichen Erklärung durch den Katecheten. Aber diese Erklärung mag noch so umfassend und erschöpfend sein, sie wird bei den Firmlingen sich gar leicht verflüchtigen, weil so viele Umstände zusammenwirken, um sie zu zerstreuen. So fällt der Firmungsunterricht meistens in die Zeit der Schulprüfungen; dazu kommt die Wahl der Firmpathcn, der Gedanke an die Firmungsgeschenke, die Aussicht auf die Reise zum Firmungsorte und noch manches Andere. Viele Katecheten werden darum schon gewünscht haben, es möchte den Firmlingen ein Büchlein in die Hand gegeben werden, welches einen erschöpfenden und dem kindlichen Verstände angepaßten Firmungöunterricht enthält. Ein solches Büchlein hat Herr Dr. Frank erscheinen lassen, das in jeder Hinsicht entspricht. Möchte nur dieses schöne Büchlein in die Hände aller Firmlinge, und dadurch auch in die einzelnen Familien kommen, damit auch die Erwachsenen zum Nachdenken über die Firmung und zur Benützung der Firmgnade angeregt werden. Zach, ehem. Domprediger und Katechet. Leranlw. Redacteur: Ad. Haaö in Augsburg. - Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.