ttl'. 19 8. Wi 1896. Johann Adam Möhler. Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen Geburtstag (6. Mai) von A. G. Motto: „Ist nur einmal die Kirche befestigt und in recht weilen Kreisen eingedrungen, dann kann die Monarchie nicht sinken." Möhler. „Uemmissö g'uvat.", die Erinnerung ist von Nutzen, die Erinnerung sowohl an große Begebenheiten der Vorzeit, als auch an große Männer. Das laufende Jahr beweist klar und deutlich, daß der Deutsche sich gern und freudig an große Begebenheiten erinnert, wurden ja in den Blättern aller Parteien und aller Schattirungen die Kriegsthaten vor 25 Jahren wieder aufgefrischt, mitunter sogar nach unserer unmaßgeblichen Ansicht breiter und weitschweifiger, als nöthig gewesen wäre. An dem Andenken großer Männer der Vergangenheit frischt sich der Geist auf, und abgesehen davon, verlangt es die Dankbarkeit der Nachwelt, sich ihrer stets zu erinnern, denn sie haben nicht nur gearbeitet und gewirkt für ihre Zeit, für die Mitwelt, sondern auch für die Nachwelt. Die Wahrheit dieser kurzen Worte vorausgesetzt, und niemand wird sie in Zweifel ziehen, bedarf es des weiteren sicher keines Beweises, daß der Mann, dem wir nachstehende Zeilen widmen wollen» Johann Adam Möhler, der Regenerator neuen christlichen Lebens und Wirkens, der Regenerator der christlichen Wissenschaft, ganz und gar würdig ist, in seinem Andenken aufgefrischt zu werden, zumal er ja gerade in Süddeutschlaud, speciell in der Hauptstadt Bayerns, wirkte und lebte und leider allzu früh mit Tod abging. Verkannt oft im Leben, wurde er, wie so viele, erst dann recht erkannt und gefeiert, als der Todesengel an ihn herantrat, erst dann, als der Todesengel ihm die Augen zum zeitlich steten Schlummer schloß. Die Wiege von Johann Adam Möhler stand in dem wunderschönen, rebenumkränzten Orte Jgersheim bei Mergentheim in Württemberg, wo er am 6. Mai 1796 das Licht der Welt erblickte als der Sohn eines ver- möglichen Wirthes, der zugleich auch Ortsvorstand der Gemeinde war. Der Knabe, aufgeweckt und talentirt, wollte studiren, wozu dem Vater auch gute Bekannte riethen, letzterer aber wollte aus einem sehr primitiven Grunde nicht darauf eingehen. Er betrieb nämlich auch eine Bäckerei, zu welchem Geschäfte der junge Sohn sehr bald herbeigezogen wurde und dasselbe auch aus dem Fundament verstand. „Wer soll denn dann die guten Brödchen backen, wenn du studirst?" lautete der Einwand des Vaters; der Sohn aber machte dem Vater einen genialen Vorschlag, indem er erklärte, er werde so bald aufstehen, daß er zuerst noch backen und dann als Student nach Mergentheim gehen könne Tag für Tag. Dies zog, Möhler war Brödchenbäcker und Student in Mergentheim. Obwohl auf diese Weise etwas spät zum Studiren gekommen, machte er in Folge seiner Talente derartige gute und zugleich schnelle Fortschritte, daß er im Jahre 1813, im achtzehnten seines Lebens, schon an das kgl. Lyceum zu Ellwangen übertreten konnte, wo er trotz Ueberspringens einer Klasse in den meisten Fächern den ersten Platz behauptete, nur in der griechischen Sprache den vierten, freilich eine natnrnothwendige Folge des schnellen Durchgangs durch die niederen Klassen. Zwei Jahre studirte er in Ellwangen Theologie und kam im Jahre 1817, als die Anstalt von Ellwangen nach Tübingen verlegt wurde, nach der letzten Universitätsstadt. Die Theologie wurde damals noch etwas lax betrieben, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn gemeldet wird, daß Möhler kraft seiner tiefen Anlagen und seines ein- und durchdringenden Geistes die Docenten des öfteren interpcllirte. Das studentische Leben wurde nach den Berichten der Zeitgenossen damals auch jedenfalls zu bunt getrieben, auch von den Stndirenden der Theologie, so daß man recht oft den theologischen Geist nicht einmal mit der Laterne des Diogenes zu finden vermochte. Oft kam es über diese herrschenden Zustände zwischen Möhler und seinen Mitfreunden zu heftigen Auseinandersetzungen, denn Möhler war und blieb streng in seinen Sitten, wie er denn auch in Tübingen von den drei Studien- und Sitienpreisen stets den ersten erhielt. Im Spätjahr 1818 kam Möhler in das Klerikal- seminar zu Noitenburg. Klerikales Leben war damals auch hier noch nicht besonders entwickelt, das Brevier wurde deutsch vorgelesen, die Meditationen waren Privat- sache, das theologische Studium trieb jeder gerade nach seinem Geschmack, im nahen Baden entstand der Cölibats- streit, der feine trüben Schatten weithin, auch in das Seminar zu Noitenburg, warf, wo pro und contra de- battirt wurde; kurz, der Alumne mußte stark sein, um nicht nach verschiedenen Seiten hin zu straucheln oder gar zu fallen; Möhler blieb stark und wurde im September des folgenden Jahres mit noch acht Alumnen durch den Generalvikar v. Keller zum Priester geweiht. In der praktischen Seelsorge wirkte der neue Priester nur ein Jahr, nämlich als HilfSpriester in Weilderstadt bei Stuttgart und in dem Oberamtsstädtchen Niedltngen an der Donau. Sein Principal in letzterem Stndichen stellte ihm betreffs seines Lebens und Wirkens ein glänzendes Zeugniß aus. Es wird darin gerühmt sein heiliger Ernst in allen seinen Verrichtungen, sein stets würdiges Benehmen, wodurch er die Liebe und Verehrung der ganzen Gemeinde, insbesondere der kleinen Schüler, deren Katechet er war, in ausgezeichneter Weise sich erwarb. Seine Predigten waren stets gemüthvoll, sein Wesen ganz und gar demüthig. Im Oktober 1820 kam er als Präparand in das Mit dem Wilhelmsstift verbundene Vorbereitungsinstitut zum Gymuasial-Lehramte nach Tübingen und war dort als solcher und als Repetent zwei Jahre. Er widmete sich hauptsächlich mit größtem Eifer und Erfolge dem Studium der altklasstschen Sprachen und dem der Literatur, während er als Repetent sehr fleißig Nepetitionen anstellte und die Disputationen mit größtem Geschick leitete. Nachdem im Jahre 1822 Professor Dresch einen Ruf nach Landshut angenommen hatte und dadurch der Lehr- stuhl der Kirchengeschichte an der katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen frei geworden war, wurde der junge Repetent Möhler nach dem Antrag der Fakultät als Privatdocent mit einem Gehalt von 800 Gulden am 8. September zu dessen Nachfolger ernannt. Zugleich wurde gewünscht und gewährt, daß er noch vor dem Antritt seines Amtes eine ltterarische Reise mit Staatsunterstützung antrete. Sofort reiste er ab und besuchte der Reihe nach die berühmtesten Universitäten siowohl in Nord- als Süddeutschland, Göttingen, Berlin, Laudshut, Prag, Wien u. a., und lernte dabei sowohl die damaligen Celebritäten dieser Hochschulen, als auch den Stand der Wissenschaft in der Nähe kennen. Mit manchem Professor blieb er die Zeit seines Lebens in stetem Briefwechsel. Zurückgekehrt nach Tübingen, begann er seine Vorlesungen im Sommersemester 1823 über Kirchengeschichte, Patrologie und zum Theil auch über Kirchenrccht. Die größere Erstlingsschrift, die er herausgab, ist „die Einheit in der Kirche, oder das Princip des Katholicismus". Die Schrift kennzeichnet sowohl den großen Geist, als das tiefe Gemüth ihres Verfassers, obwohl manches in derselben enthalten ist, was er selbst später nicht mehr billigte. Er schrieb in dieser Beziehung an seinen Freund Joseph Lipp, den nachherigen Bischof von Rottenburg: „Ich werde ungern daran erinnert, eS ist die Arbeit einer begeisterten Jugend, die es mit Gott, Kirche und Welt redlich meinte, aber Manches, waS darin steht, könnte ich jetzt nicht mehr vertreten; es ist nicht alles gehörig verdaut und bündig dargestellt." Die kirchliche Wissenschaft war auf ihn jetzt aufmerksam geworden, es folgten Berufungen nach Frei- burg, Breslau, für den jugendlichen Gelehrten sehr verlockend, er schlug sie aus, blieb in Tübingen, wo er bald zum außerordentlichen beziehungsweise ordentlichen Professor der Theologie vorrückte. Die preußische Regierung wollte Möhler in Bonn haben, und er war nicht abgeneigt, diesem Rufe zu folgen. Der damalige Erzbischof von Köln, Graf Spiegel, aber verhinderte die Berufung beziehungsweise die Annahme derselben durch Möhler. Hermes hatte nämlich mehrere Sätze in der genannten Schrift Mahlers „Die Einheit in der Kirche" als nicht kirchlich bezeichnet. Der Erzbischof verlangte nun die Zurücknahme dieser Schrift, Möhler aber verweigerte jeden förmlichen Widerruf und blieb, wo er war. Dieses Vorgehen und Verlangen des Erzbischofs muß jedem sonderbar erscheinen. Wollte er katholischer sein, als Möhler? oder wollte er Möhler nicht, weil am Ende er katholischer war, als der Erzbischof mitsammt Hermes? Daß letzterer die Verstöße gegen die Kirche in der Schrift Möhlers fand, beweist einfach die uralte Wahrheit des Satzes: „Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken im eigenen Auge aber siehst du nicht". Wir haben keine Kirchengeschichte der damaligen Zeit zu schreiben und bemerken aä stoo nur das Eine, daß ja Hermes stlbst den bekannten Satz aufstellte: „xar iirtalleetum rrä ücieiu", mit welchem Erfolg, ist jedem bekannt. Und kannte denn der Erzbischof das alsbald folgende Werk Möhlers nicht: „Athanasius der Große und die Kirche seiner Zeit" ?, kannte er nicht dessen epochemachendes Werk „Symbolik", das doch alle Zweifel an der ächt kirchlichen Gesinnung Möhlers verscheuchen mußte? Kurz, wir glauben, der Erzbischof wollte den für seine Kirche begeisterten jungen Theologen nicht, vielleicht, weil ihn eben Hermes nicht wollte, und für Möhler selbst war dies recht gut, der Himmel fügte es wohl so, denn er wäre mitten in Streitigkeiten hinein versetzt worden, die seiner Natur absolut nicht gepaßt hätten, die aber auch für seinen Gesundheitszustand, der nie der beste war, sicher sehr schädlich gewesen wären. Später, um dies sofort hier noch anzufügen, bot ihm die preußische Regierung eine Domherrnstelle in Köln an und zugleich, wenn er es wünsche, eine Professur, aber er schlug auch diesen glänzenden Ruf aus. Es würde unsere Aufgabe weit übersteigen, wenn wir die vielen kleineren Werke und Schriften Möhlers aufzählen und einer Kritik unterziehen wollten, die sehr vielen Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften anführen würden, allein der eben genannten beiden Werke muß auch hier Erwähnung geschehen. In seinem „Athanasius" ist ein ungemein großer Reichthum dogmatischer, kirchen- historischer und patristischer Forschungen niedergelegt, und gerade diese Arbeit hat Möhler zu seinem größten Werke den Impuls gegeben, zu seiner „Symbolik oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten nach ihren öffentlichen Bekenninißschriften". Er erblickte nämlich die Kirche seiner Tage dem Protestantismus gegenüber ganz in der gleichen Lage, wie die katholische Kirche des vierten Jahrhunderts dem Arianismus gegenüber. Nach langem Quellenstudium, nachdem er längere Zeit Vortrüge über diesen weitverzweigten Gegenstand gehalten, erschien die Schrift im Jahre 1832 und erlebte in den nächsten Jahren sofort mehrere Auflagen. Alzog sagt in seiner Kirchengeschichte hierüber: „Die Symbolik wirkte gleich einem elektrischen Schlag auf die Gemüther. Dieses Buch hat das katholische Glanbenssystem vergleichungsweise mit dem des Lutherthums und der reformatorischen Kirche in so gediegener und anziehender Weise dargestellt, daß die protestantischen Theologen alsbald den seitherigen Standpunkt vornehmen Jgnorirens katholischer Schriften verließen, zu zahlreichen Kritiken sich anschickten, ja an vielen Universitäten Vorlesungen über jene hielten, natürlich um das unliebsame Werk zu widerlegen." Die treffende Inschrift auf dem Grabe des allzufrüh in München verstorbenen Verfassers: „votansor üäai, iitsrarura äsous, eoolösias solaruen", verkündet nachfolgenden Geschlechtern fein hohes Verdienst um die katholische Kirche, besonders in Deutschland. Döllinger urtheilt über die „Symbolik" u. a. folgendermaßen: „Es ist das beste Buch in dieser Art, und in gewissem Sinne noch immer einzig. Seit dem Erscheinen der Symbolik von Möhler haben wir erst eine Wissenschaft der Symbolik und haben ein klassisches Buch über dieselbe. Wir haben kein protestantisches Buch, welches verdiente, als Settenstück zum Möhler- schen Werke genannt zu werden. Meine Vortrüge sollen u. a. dazu dienen, das Verständniß des Möhler'schen Werkes klar zu machen, oder auf manches hinzuweisen, was in demselben Übergängen oder nicht gehörig hervorgehoben ist." (Schluß folgt.) Die Entstehung der Kaiserchnmik. L. 8. Die sogenannte Kaiserchronik oder oronioa, wie sie sich selbst nennt — der Name Kaiserchronik rührt von Docen (1807) her — ist das erste Geschichtswerk in deutscher Sprache und nimmt daher zunächst das Interesse des Geschichtsforschers in Anspruch. Aber auch der Literarhistoriker hat Ursache, sich mit ihr eingehend zu beschäftigen, da sie eines der frühesten und obendrein umfangreichsten Erzeugnisse der mittelhochdeutschen Literaturperiode ist — sie umfaßt, die späteren Fortsetzungen nicht miteingerechnet, 17,283 Verszeilen — und wegen ihres reichen Sagen- inhalts zu den beliebtesten Unterhaltungsbüchern des Mittelalters gehörte, wie aus der großen Zahl der erhaltenen Handschriften (circa 30) und den mehrfachen Ueberarbeitungen in Vers und Prosa hervorgeht. Zudem wurde sie wegen ihrer Tendenz zum Moralisiren sogar den deutschen Nechtsbüchern, welche unter dem Namen Sachsenspiegel und Schwabenspiegel bekannt find, als 147 Einleitung und Sittenspiegel für Richter und Könige vorangeschickt. Umsomehr muß es auffallen, daß mau erst im Jahre 1849 daran dachte, diese Neimchronik dem deutschen Publikum durch Druck zugänglich zu machen. Freilich erschienen wie zur Entschädigung zu gleicher Zeit zwei Ausgaben, die beide in ihrer Art vortrefflich sind, nämlich: 1. die Ausgabe des (oom Wartburgfeste her bekannten) Jahnschülers Hans Ferdinand Maßmann *), der seiner Publikation die Heidelberger Handschrift saeo. XIII zu Grunde legte; - 2. die Ausgabe von Josef Diemer (Wien), der im Jahre 1841 eine wichtige Handschrift im Stift Voran in Steiermark entdeckt hatte (die außer der Kaiserchronik noch einige bis dahin unbekannte deutsche Gedichte des 11. und 12. Jahrhunderts enthielt) und ihr als der ältesten (saso. XII) den Vorzug gab. In neuester Zeit endlich hat Edward Schröder (Nou. Oerra. List. Deutsche Chroniken I. Bd. Hannover 1892) nicht nur einen geläuterten Text geliefert, sondern auch in einer gediegenen Einleitung neues Material zur Aufhellung der Entstehungsgeschichte der Kaiserchronik zu Tage gefördert, ohne jedoch die Frage über die Person des Autors zum völligen Abschluß zu bringen. Um die Bedeutung des genannten Reimwerkes zu ermessen, müssen wir einen Blick auf die litterarischen Zustünde im 10. und 11. Jahrhundert werfen. Nach dem kräftigen Anlauf, den die deutsche Dichtung tm Zeitalter der Karolinger genommen hatte, trat unter der Regierung der sächsischen und salischen Könige plötzlich ein Rückschlag ein. Zwar war es auch jetzt noch der Klerus, aus dem sich fast ausschließlich die Dichter re- krutirten, aber er bediente sich seit dem 10. Jahrhundert nicht mehr der deutschen, sondern der ihm geläufigeren lateinischen Sprache, welche in jener Zeit die alleinige Schrift- und Gelehrtensprache war. Demzufolge prüsen- tirte sich schon damals, wie später im Zeitalter der Humanisten, nicht nur das Heldenepos und das Kirchenlied, sondern auch die Lyrik und Spruchdichtung, ja sogar das Drama und die Thiermäre mit ihrem satirischen Beigeschmack in diesem fremdartigen Gewände, ohne daß sich jedoch die deutsche Denkart der Dichter verläugnete. Man denke nur an den oiannkortm des Ekkehard von St. Gallen, den Iluvälisbus des Frou- mund von Tegernsee, das lateinische Nibelungenlied des Priesters Konrad (aus Passau), die Sequenzen des Notker Balbulus, die xrovsrffia und den tstwaloZus des Kanzlers Wipo, die sariuing. Lurana,, die Dramen der Nonne Hrotswitha von Gandersheim und ihr carinsii äs Zsstis Oääonis, das oarmsii äs dsllo Laxornoo, die sogen, esdasis caxtivi u. a. m. Ihren Höhepunkt erreichte diese lateinische Dichtung in den Huiriiuäia, des Dichters Metellus von Tegernsee (um 1160), die an Formvollendung hinter den Werken der Neulateiner nicht zurückstehen (Nachahmung sämmtlicher Metren des Horaz und der Lusolioa, des Vergil), dem InZurinus des Mönches Guntherus von Pairis im Elsaß (einem Heldengedicht über die Thaten Barbarossa's in Italien in 6 tausend antik gebauten Hexametern) aus dem Jahre 1187, und dem Imäus äs aävsntu Lntsobristi, einem Drama, das kurz vor dem Aufbruche Barbarossa's nach dem gelobten Lande (1189) ') Quedlinburg u. Leipzig. 2 Bde. Text; ein dritter Band, der einen ungcmcin reichhaltigen Commentar bietet, erschien ebenda 1854. im Kloster Tegernsee (von dem Scholastikus WerinherS) gedichtet und aufgeführt wurde. Merkwürdiger Weise waren es nun aber die Wallfahrten nach dem Grabe Christi und die Kreuzzüge, welche eine Rückkehr zur volksthümlichen Dichtung bewirkten. Insbesondere ist eine Pilgerfahrt vom Jahre 1064/65 für die deutsche Literaturgeschichte epochemachend geworden, da die Entstehung des ersten Liedes in mittelhochdeutscher Sprache, von dem wir Kunde haben, damit zusammenhängt. Im Jahre 1065 trat nämlich der ziemlich seltene Fall ein, daß Ostern auf den 27. März traf, d. h. mit dem Kalendertag der rssurrsotio 6llristi zusammenfiel. Daher machte sich um Martini 1064 eine ungewöhnlich große Schaar von Pilgern aus Deutschland auf, um den jüngsten Tag im gelobten Lande zu erwarten. Nach der geringsten Schätzung belief sich die Menge auf 7000, nach andern sogar auf 12,000 Mann. An der Spitze derselben standen der Erzbischof Sigfried von Mainz, die Bischöfe Wilhelm von Utrecht, Otto von Negensburg und Günther von Bamberg. Von dem letzteren nun, der durch seine Hünengestalt die Bewunderung der Griechen und der Araber erregte, aber schon am 23. Juli 1065 auf der Rückreise zu Oedenburg in Ungarn starb, wird uns folgendes berichtet: „Der gute Bischof Günther von Babenberg, Der hieß machen ein viel gut Werk. Er hieß da seine Pfaffen Ein gut Lied machen. Eines Liedes sie begunden (begannen), Want (Da) sie die Buch künden (kannten). Ezzo?) begunde schreiben (dichten), Wille 2) fand die Weise (Melodie). Da er die Weise da gewann, Da eilten sie sich alle münchcn" (Mönche zu werden). *) Das in diesen Versen angedeutete Gedicht des Scho- lasticus Ezzo (der noch heute erhaltene sogen. Ezzoleich) war in deutscher Sprache abgefaßt und handelte von den Wundern Christi. Es genügt, als Probe die Schlußstrophe desselben anzuführen: „Unsre Erlösung ist gethan! Des loben wir Gott Vater all' Und loben des auch seinen Sohlt, kro nobia orueiüxum. Der dir Mensche wollte sein. Unser Urtheil (Gericht) das ist sein. Das dritte, der heilige Athem (Geist), Der soll uns auch (be)gnaden. Wir glauben, daß die Namen drei Eine wahre Gottheit sei. Also (salls) uns findet der Tod, So wird unS gelobnet. Da (wo) wir den Leib nahmen Dahin wieder (zurück) sollen wir. Amen." Damit war der Bann gebrochen, der bis dahin die deutsche Dichtung einem Dornröschen gleich in Schlaf befangen hielt, und wie bei einem Morgenconcert der Vögel erst einer zu singen anhebt, allmählig aber immer mehr einstimmen, bis ein mächtiger Chorus erschallt, in den sich zuletzt auch der freche Spatz einmischt, so begann es sich jetzt auch im deutschen Dichterhain zu regen. Gerade in der oben angeführten Vorauer Handschrift ist uns eine Reihe solcher Gesänge aus der zweiten Hälfte deS 11. Jahrhunderts und dem Anfang des 12. Jahrhunderts überliefert, deren Stoff meist aus der Bibel genommen 2) Ein Domherr aus Bamberg, der Bischof Günther auf seiner Reise nach Palästina begleitet hatte. °) Abt von Kl. Micbclsberg bei Bamberg 1032—1085. ") Des besseren Verständnisses halber haben wir die mittelhochdeutschen Verse hier und im Folgenden etwas mvdermsirt« 148 ist, so z. B. eine Genesis, eine Bearbeitung der biblischen Geschichte bis zum Falle von Jericho, ein Lob Salomonis, die drei Jünglinge im Feuerofen, eine Judith, ein Loblied auf Johannes Baptist», ein Loblied auf den heiligen Geist und die Siebenzahl (von Priester Arnold), eine Luwwa tiisoloZius, ein Lied „Die Wahrheit" betitelt u. a. m. (S. Mnllenhoff und SÄerer Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII.—XII. Jahrhundert 3. Ausg. von E. Steinmeyer, Berlin 1892). Die erste größere Dichtung historischen Inhalts aber, von der wir wissen, ist das Annolied, d. i. ein Loblied auf Erzbischof Anno von Köln (gest. 1075), welches zu Zeiten des Abtes Kuno von Siegberg (1105—1126) von einem Mönche dieses (von Anno im Jahre 1064 gestifteten) Klosters, der die im Jahre 1105 erschienene vitu ^nuonis benutzte, verfaßt wurde. Eine längere Stelle dieses Liedes läßt keinen Zweifel darüber, daß der Autor desselben von Geburt ein Bayer war. Denn man höre nur, was er über die Bayern sagt (V. 293 f.): „Da sich Bayernland wider ihn (Cäsar) vermaß, Die märe (berühmte) Regensburg er besaß (belagerte). Da raub er inne Helme und Brünne (Panzer), Manchen Held guotcn, Die der Burg Humen (hüteten). Welche Knechte (Tapfere) da waren, Das ist in heidnischen Büchern kund. Da liest man -uorieus ausis- DaS (be)demct „ein Scbwerr bayrisch"; Want (denn) sie wollten wissen, Daß keine besser bissen, Die man dicke (oft) durch den Helm schlug. Dem Volk was je (immer) diese Stärke gut (eigen). Ihr Geschleckt kam dahin vor Zeilen Von Nrmenic der kehren, Wo Noe aus der Arche ging. Da er den Oelzwcig von der Taube empfing. Ihr Zeichen noch die Arche hat Auf den Bergen Ararat. Man lagt, daß in dieser Gegend noch sind Die da deutsch sprechen Gegen Judicu hin viel ferne. Bayern fuhren je (immer) zum Kampfe gerne Den Sieg, den Cäsar an ihnen gewann Mit Blut mußte er ihn (ent)gelten." So konnte nur ein Mann sprechen, der mit der bayerischen Stammsage auf's innigste vertraut war. Da nun aber außer Abt Kuno selbst, der aus Regensburg stammte, kaum ein geborner Bayer im Kloster Siegberg lebte, so wird man wohl ihn als den Dichter des Anno- licdes anzusehen haben ^), zumal der Umstand, daß diese Dichtung in Regensburg bereits um's Jahr 1130 bekannt war (s. u.), in diesem Falle eine leichte Erklärung findet, weil eben dieser Kuno im Jahre 1126 Bischof von Regensburg wurde. Derselben Nachricht, daß die Bayern aus Armenien gekommen seien, begegnen wir in der der Zeit nach zu- uächststehenden deutschen Bearbeitung des Nolandsliedes, s. V. 7787 f. (Worte Karls d. Gr.): „NaimeS °) der Weigand (Kämpe) Der zieret wohl Bciycrlaud. Gott (ge)ruhte mich noch zu bedenken, Er sandte mir ihn zum Kämpen °) Vgl. LeherS Bayerland Jahrg. 169l S. 106 f. Wahrscheinlich rührt auch die lateinische vita Lmwiiis von Kuuo her, denn in dieser werden ebenso wie im Annoliede hcivnische Autoren (Sallust) citirt. ») Wie S. Niezler (Sitzungöber. d. b. Akab. d. W. 1892) nachgewiesen hat. ist unter NaimeS jener unglückselige Griso, der Sohn der bayerischen Swanhilde, zu verstehen, der nach dem Tode Odiles Anspruch aus das bayerische Herzogthum erhob Bon den getreuen Armenien geboren. Die Bayern hab' ich selbst erkoren Zu förderlicher (außerordentlicher) Kncchtheite (Tapferkeit). Zwanzigtausend er leite (führte) Mit ihren scharfen Schwerten Solln sie den Sieg an ihnen (den Sarazenen) erhärten. Sie kaufen ihn viel sehr (theuer) Kühner Volk ward nimmermehr." Also derselbe Preis der Tapferkeit der Bayern, wie im Annolied. Aber noch mehr! Auch das wunderbare Schwert, das Neuntes führt, ist in Bayern und zwar in Regensburg geschmiedet, s. V. 1597 f. „Naimes der Bayern Weigand Führte es von Bayern. Die Urkunde (Beweis) will ich euch zeigen: Der Schmied hieß Madelger. Dasselbe Sckwcrt worchte (fertigte) er In der Stadt zu Regensburg Es ward märe (berühmt) und gut." Durch diesen Lokalpatriotismus verräth der Dichter, daß er in Regensburg schrieb, auch wenn es niemals gelingen sollte, einen Waffenschmied des Namens Madelger aus Regensburger Urkunden nachzuweisen. Auf dieselbe Gegend werden wir verwiesen, wenn er V. 846 einen Markgraf Thiepolt aufführt, wobei der zeitgenössische Leser an den mächtigen Markgraf Diepold II. von Cham und Bohburg (j- 1146) gemahnt wurde, der seinen gleichnamigen Sohn mit einer Schwester Heinrichs des Stolzen, dem das Rolandslied gewidmet ist, vermählte. In gleicher Weise wird man bei dem Namen Napoto V. 7766 an den gleichzeitigen Napoto von Niedenburg erinnert, der ebenso wie die in V. 127 und 4924 aufgeführten Edelsitze Moringen und Dachsbnrg in Regensburger Urkunden aus der Zeit des Bischofs Kuno vorkommt (s. Ried I n. 198 und o. 201)?) (Fortsetzung folgt.) Finnische Studenten in Jesuitencollegien. Von Dr. P. Wittmann in Müncher, (Fortsetzung.) Nach den bezeichneten Gewährsmännern haben tm Ganzen dreizehn Finnen an Jesuitencollegien studirt: 8 1 . In einem wahrscheinlich aus dem OoUsZIum 66ro§oriu3 Olomontis, ^iiilmulensis, ruuwrum 22, Ilnmuinsts.. Vonit 24. lun. 1578, Kuuumist». viseossit 8. LlkO 1583 Olmutium. Ikuit äeiuäs luckimugistor in IVauckolis,,- Es läßt sich daraus entnehmen, daß der Genannte zu jenen ersten sechs Jünglingen zählte, welche im Jahre 1577 von Klosterlasse (l-nureutius XorvaZus) in's OoUsgiura OarmLniauiu uach Rom gesandt wurden, und daß er dortselbst in einem Alter von 22 Jahren anlangte. Wahrscheinlich gehörte er zuvor dem von Klosterlasse geleiteten Colleg auf Niddar- (damals Gra- munke-) Holmen an. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Rom siedelte er in's Olmützer Jesuitencolleg über und wurde später Lehrer tm Mecklenburgischen. 8 2 . Olaus (Marci) Sundergelt scheint von deutscher Herkunft zu sein. Sein Vater MarcuS lebte ') Vgl. Zeitschrift für deutsches Mcrthmn.27 Bde- Berlin 1883 S. 70 f. Edw. Schröder „Die Heimath des deutschen Nolandslicds." 149 Anfang der dreißiger Jahre des 16. Jahrhunderts als Schiffer zu Stockholm. Um 1550 findet man ihn in Ulfsby; vier Jahre später war er Untervogt in Helstng- fors. Zwischen 1559—1566 läßt er sich in Björneborg nachweisen. Seine Frau hieß Karin. Der circa 1551 geborne Sohn OlauS wurde lutherischer Prediger und ein erbitterter Feind der katholischen Kirche. Doch änderte er bald seine Anficht und fand 28 Jahre alt Aufnahme im Colleg zu Olmütz, wo er den 12. Oktober 1579 als „Physiker« inscribirt wurde. Nach Abschluß seiner philosophischen Studien wünschte er Theologie zu hören, was jedoch damals in Olmütz Umstände halber nicht möglich war. Dagegen erhielt er den Auftrag, eine finnische Grammatik abzufassen, damit der römische Katechismus tn seine Muttersprache übersetzt werden könne, während sein Studiengenosse, der vier Jahre ältere Schwede Petrus Cuprimontanus, mit Revision einer schwedischen Grammatik betraut wurde, die Possevino in Schweden ausarbeiten ließ (vergl. H. 0-. rüst „LnleekiünZku- om 6Q svenslr Lprairlära uiräor 16. seklst" in „Ilistoriskt Liblio- tlwlr» VI. Seite 258—269). Im Oktober 1560 von der Schule freigesprochen („mors ^.caäcvrico cslckrata 68b clcposrtüo" berichtet darüber die „Natricula ^.caäcnaias Olmucsirsis") erhielt Sundergclt bald auch die Würde eines BaccalaureuS der Philosophie und begab sich dann (1584) ins Kollegium zu Braunsberg, wo damals außer ihm noch drei Finnen und eine Anzahl Schweden lebten. Im Jahre 1590 kehrte er in sein Vaterland zurück. Später erscheint er als Pfarrer von Alt-Pernau (Livland). Von dort hat er unterm 15. Juni 1596 einem aus Schweden vertriebenen Katholiken, Magister Samuel Holger, einen Reisepaß ausgestellt, dessen Original im finnischen Staatsarchive hinterliegt?) Sundergelts spätere Lebensumstände sind z. Z. unbekannt. 8 3 - ValentinusThomä, aus Finland, trat am 20. Juni 1580 in's Kollegium zu Braunsberg ein, bezog sodann (10. März 1587) die Akademie Wilna, begab sich nachmals an den polnischen Hof und wurde dort des Königs Panegyriker. Schon frühzeitig bewies er dichterisches Talent. Dafür zeugt das lateinische Trauercarmen, welches er anläßlich des Todes der Königin Katharina von Schweden (16. Sept. 1583) als Beitrag zu eine: Sammlung „Lxicsäia" rc. lieferte. Auch in griechischer Verskirnst versuchte er sich (TeirZströlli „Oiss. cio viri8 in I'einria xcritia lit- teraruw. graccarnna claris" pa§. 6). In der Folge (1589) bot ihm die Anwesenheit König Sigismunds III. zu Wilna Gelegenheit, in die Harfe zu greifen. Er besang den Fürsten in lateinischer wie finnischer Sprache ^) und scheint sich hiedurch den Weg nach oben gebahnt zu haben. 8 4-7. Wie die „Natricula oirurium aluranoruin ab armo Oomini 1578 ustzue aä annum 1798" berichtet, wurden zu Braunsberg auch drei Finnen mit dem Geschlechtsnamen Jussoila, offenbar Brüder, aufgenommen, nämlich ein Michael, Joseph und Lorenz. Der erstgenannte starb bereits als Zögling in der An*) Leinbcrg gibt den Wortlaut desselben nach einer Abschrift des „Schwedischen ReichSarchivcS« a. a. O. S. 21 fs. 6) Beide Gedichte sind abgedruckt bei Leinberg a. a. O S. 24 u. 25. statt, während den beiden anderen längere Wirksamkeit beschieden war. Die in der „Matrikel« enthaltenen Angaben über diese Personen lauten: „Mcbael llussoila, 15. bloveinbris 1559. Luccus. 18. Rovcrabris 1582 xic mortuus in Sduinario; l-aurentius llussoila, 25. AxiMs 1586. Luecus; äiscessib Varsaviam 1588, ibi. 18), sah man damals eine himmelweite Kluft; jetzt ist das anders geworden; wir finden bei Beethoven und Haydn gerne die verwandten Züge heraus, das was sie einiget viel wehr und viel leichter als das was sie trennt. — Krach- und Kraftstellen, frappante Wendungen, auf die hin manchmal ein „Stil" behauptet wird, vermögen für sich allein nicht ein Werk dauernd im Ansehen eines Kunstwerkes zu halten, also sollten sie überhaupt bei der Prüfung einer Komposition auf ihren Kunstwerth viel weniger ins Gewicht fallen. „Als ich Kind war, redete ich wie ein Kind", dachte, fühlte, urtheilte ich wie ein Kind; jawohl, das Kind fürchtet sich, namentlich die ersten Male, vor dem Donner und beurtheilt das Gewitter bloß nach der Stärke und der Zahl der Donner- schläge; der Mann läßt sich vorn Donner viel weniger imponiren. Und was dem Kinde ein schreckliches Wetter war, der Mann hält — — das musikalische Gewitter in der Pastoralsymphonie Beethovens schon für sehr zahm, vorausgesetzt, daß ein Hektor Berlioz'scher Donnerkeil die Einheit ist, nach der die Stärke des Gewitters gemessen wird. Es kommen ja in dem Beethoven'schen Quartette harmonische Fortschrcitungen, deren Erklärung man in Fuxens 6rucku8 aä ka-rnussum vergeblich suchen wird. Aber uns fallen sie nur mehr auf, wenn wir uns ox x>rots38o damit befassen, beim bloßen flüchtigen Anhören kaum. Und dann Philosophiren wir über die alten Regeln, um die neuen Formen uns aus ihnen zu erklären und zurechtzulegen. Was dagegen den künstlerischen Werth eines Werkes betrifft, so möge es mir gestattet sein, in einer gewiß sehr freien Uebersetznng eines alten Kirchenvaters^) ein Kriterium anzugeben. uumcius oomponera äieinin3; nnäo aoinp08itoi'68 luti 6ZuIo3 voaalnrw: komponire» heißt bilden oder gestalten; wer aber bloß in Dr.. hantirt, heißt ein-"ich wage es nicht, *1 8. 6rs§., Horn. 23 in blvangelis,; zu lesen im römischen Breviere am-Ostermontag. Ich weiß recht gut, daß dort das Wort nicht auf die Musik und die musikalischen Komponisten gemünzt ist t das dreiste Wort in anständiger Gesellschaft auszusprechen. Was nun die „Gestaltung" betrifft, so ist Mendelssohns und Beethovens Quartett geradezu musterhaft zu nennen. Gewiß nicht mit Unrecht nennt Ambras irgendwo^) Mendelssohns Werke geschliffene Krystallgefäße mit goldenem Rande. Und um ein bischen bei dem Bilde von dem Krystall zu bleiben: das Beethoven'sche Quartett ist ein krystallenes Prisma, durch das der Genius seines Urhebers durchstrahlt in allerhand Farben und Brechungen; aber es sind lauter streng logische, exakt ausge- «essene, feingeschliffene Figuren, die unser Herz erfreuen, wie uns ein schön geformter menschlicher Leib erfreut, den wir — merkwürdig genug — vorab mit einem mathematischen, verstandesmäßigeu Worte belobigen: pro- portionirt; geradeso wie wir für gewisse andere Dinge, die aus Gründen unsere Bewunderung, aber nicht unser Wohlgefallen erwerben, wiederum eine sehr mathematische Bezeichnung haben: excentrisch. — Das dritte in jener Soiree vorgetragene Quartett war von Tschaikowsky, in es-moll. Ich kannte eS bisher nicht. Das ist eine fremdländische Arbeit, düster und trübe, immer Moll und kunesire. Es ist schwer auf das erstmalige Anhören hin ein Urtheil über ein solches Werk abzugeben, ein Urtheil, das nicht ungerecht ist. Aber wenn ich mich über den Eindruck aussprcchen darf, den es auf mich gemacht, so kann ich ihn zusammenfassen, indem ich von dem bekannten Horazischen Worte ausgehe: „Norr 8ati8 est, reetg. 6880 xoarautg,; äuleia, 8unio." Und dieses äuloo ist es, das mir an dem Werke zu fehlen scheint; nichts als Klage und Migräne und Weh an allen Gliedern, kaum einmal das Zeichen eines Erlösten, der sich seines Daseins freuen kann. Da lobe ich mir die russischen Quartette Beethovens: das ist ein Nussenthum, das uns zusagt; freilich ist's ein Ausländer, der sie gemacht; aber warum soll uns nicht eine Gegend, im Gemälde vorgestellt, manchmal besser gefallen, als wenn wir uns in deren leibhaftiger Wirklichkeit befinden? Ich war froh, als das Gejammer zu Ende war. Aber vielleicht bin ich ungerecht, vielleicht kommt das den Landsleuten Tschaikowsky's ganz anders vor, und es ist mein Fehler, wenn ich den Slaven mit deutschem Maßstab messe. Ich sehe schon, bis ich dazu komme, von Pariser Konzerten zu sprechen, geht es mir gerade wie im Heimath- lande: in Paris bespreche ich deutsche Konzerte; bis ich zur Besprechung des Trakaderokonzertes komme, bin ich wieder zu Hause. Also Fortsetzung vom deutschen Boden aus. Das spezifische Gewicht und seine Bedeutung für die Molekulartheorie. * *) 8. 8. In dieser Broschüre, welche bereits vor Jahresfrist erschienen ist, wird zum erstenmale der Versuch gemacht, den Unterschied zwischen spezifischem Gewicht und Dichtigkeit, zwei Begriffen, die schon ost miteinander verwechselt worden sind, genauer festzustellen. Der Gcdankengang des Verfassers ist ungefähr folgender: I. Die Erfahrung lehrt, daß die (absoluten) Gewichte der einfachen Gase den Atomgewichten derselben proportional sind. Nimmt man daher das spezifische Gewicht des Wasserstoffs — 1 an. so fallen die spezifischen Gewichte der einsachen Gase mit den Atomgewichten derselben zusammen. Was die zusammengesetzten Gase anlangt, so erhellt aus °) Bunte Blätter, über Hektor Bcrlioz. *) Druck von I. und K. Mahr in Stadtamhof (bei Ne- genöburg). 152 Wägungeu, baß das spezifische Gewicht der Säuren, Basen, Alkohole, Aetbcr den halben, das der Salze dagegen den vierten Theil der Snnnne der Atomgewichte der verbundenen Elemente ausmacht.**) II. Anders verhält cS sich mit der Dichtigkeit der Gase. Berücksichtigen wir nämlich den bekannten Sah von Avogadro, wonach alle Gase bei gleicher Temperatur und gleichem Druck glcichvicle Moleküle enthalten, so ergibt sich, daß sie unter gleichen Umständen die gleiche Dichtigkeit besitzen. Wir können daher die Dichtigkeit eines beliebigen Gases bei 4" 0 und 1 Atmosphärcndruck als Einheit (— 1) annehmen. Da nun aber alle festen und flüssigen Körper nur mehr oder minder stark verdichtete Gase oder Dämpfe vorstellen, so erhalten wir die Dichtigkeit derselben, wenn wir das Gewicht eines festen oder flüssigen Körpers von bestimmter Ausdehnung durch das Gewicht, welches ein gleichgroßes Volumen dieses Körpers im Gaszustande bei gleicher Temperatur und gleichem Druck besitzt,***) dividiren. Einige Beispiele mögen dies erläutern: 1 . Das Gewicht eines Kubikdccimeters Wasserdampf beträgt bei 4°6 und dem Druck einer Atmosphäre 0,793 Gramm. Das Gewicht eines Kubikdecimctcrs (— Liters) tropfbar flüssigen Wassers beträgt bei derselben Temperatur 1000 Gramm. Also v. -- -- 1261 d. h. das tropsbarflüssige Wasser besitzt eine 1261 mal größere Dichtigkeit als der Wasserdampf oder irgend ein anderes Gas unter denselben Umständen hat. 2. Das Gewicht eines Kubikdccimeters Salmiakgas beträgt bei 4°0 und dem Druck einer Atmosphäre 1,178 Gramm. Daö Gewicht eines Kubikdecimctcrs festen Salmiaks beträgt bei gleicher Temperatur 1450 Gramm. Also v-, - — 1230 d. b. der feste Salmiak ist 1230 mal so dicht als der gasförmige. 3. Das Gewicht eines Kubikdecimctcrs Quccksilberdampf beträgt bei 4° 6 und dem Druck einer Atmosphäre 17,6 Gramm. DaS Gewicht eines KnbikdecimeterS metallischen Quecksilbers beträgt bei derselben Temperatur 13570 Gramm. Also v« — --- 769 d. h. die Dichtigkeit des metallischen Quecksilbers ist nur etwa 2/5 mal so groß als die des tropfbai flüssigen Wassers und des festen Salmiaks. Stellen wir nach dieser Methode die Wichtigkeiten der einfachen festen Körper zusammen, so ergibt sich, daß der Diamant die größte (— 3330), das Rubidium die geringste (— 202) Dichtigkeit hat und daß die Dichtigkeitsgrade der Metalle ibren Härtegraden, wie sie Ostwald in seinem Lehrbuch der allgemeinen Chemie Bd. I Leipzig 1885 S. 603 angibt, entsprechen. Damit ist die Richtigkeit des Satzes bewiesen, da es kaum einem Zweifel unterliegt, daß die Härte eines Metalls durch seine Dichtigkeit bedingt ist. Eine beigcgebene Tafel gibt ein Bild von der Gruppirnng und Zusammensetzung der Moleküle der einfachen Elemente, Säuren, Salze, wie sie aus dein Obeugesagten resultirl. Recensionen nnd Notizen. ckuuKinaiill Lern., In 8 titutiouö 8 tlwolo°'ias ckoZmaticao speoialis: Nraetatua cks Vratia. 8 °. xp. VI -s- 312. Uatish-onao, Vr. vustst 1896. (VI.) öl. 3,00. S. Die dogmatischen Abhandlungen des der Wissenschaft und namentlich dem Lehrstuhl allzufrüh entrissenen Löweuer Professors Bernhard Jungmann erfreuen sich wegen ihrer Prunklosen und klaren Darstellung mit Recht großer Beliebtheit, trotzdem sie in einer Sprache verfaßt sind, die der jungen Theo- **) Das spezifische Gewicht der atmosphärischen Luft ist I, 293125:0,0896 — 14,4356. Verdoppelt man diese Zahl, so erhält man den Faktor 28,87, mit dem Lothar Meyer das auf die atmosphärische Luft bezogene spezifische Gewicht der Gase multiplicirte, um ihr Molekulargewicht zu finden. ***) Da ein Kubikdecimeter Wasserstoffgas bei 4"0 und 1 Atmospbärendruck 0,0883 Gramm wiegt, so hat man nach II. L 0,0683 mit dem Atomgewicht eines einfachen und dem Molekulargewicht (-- spezifischen Gewicht) eines zusammengesetzten Körpers zu mnltipliciren, um das Gewicht eines gleichen Volumens dieses Körpers im Gaszustände bei gleicher Temperatur und gleichem Druck zu erhalten. logengeneration unbeschadet des neunjährigen GymnasialbrilleS leider eine „fremde" zu sein pflegt. Zum sechsten Mal macht jetzt schon der -Vraetatus äs vratia- seinen Gang zu den Schülern der heiligen Göttesgelebrtheit und erläßt uns damit als überflüssig, ihm ein empfehlendes Geleitwort mit auf den Weg zu geben; seine eigenen Vorzüge liegen so auf der Hand, daß er sich, wie früher so diesmal, durch diese selber am wirksamsten wird einführen können. Die übersichtliche Anordnung, die Befreiung von jedem entbehrlichen Citatcnballast macht JungmannS Handbücher zu Lern- und Wiederholungsmittcln ersten Ranges. _ Die Lauretanische Litanei nach Ursprung, Geschichte und Inhalt von Jos. Sauren, Rektor am St. Maricuhospital zu Köln. 78 S. 5 Bg. Kemptcn, Kösel. V. Vor mehreren Jahren noch bestand die Ansicht, daß der Ursprung der lauretanischen Litanei in's fünfte Jahrhundert hinaufreiche, und auch der Verfasser vorliegender Schrift hat dieser Anschauung früher gehuldigt. - Jetzt widerlegt er diese Meinung in ziemlich ausführlicher Weise. Die Autoren, welche für die Widerlegung sprechen, werden nicht bloß citirt, sondern wörtlich angeführt. Auch die auf die Litanei bezüglichen Dekrete sind dem Wortlaut nach im Anhang wiedergegeben. — Die Erklärung des Inhalts der Litanei ist bündig und zutreffend. Daran reiht sich bei jedem Titel eine kurze dogmatische Begründung, wie auch die Angabe jener Väter und Lehrer, welche der allcrseligsten Jungfrau dieselben oder rast dieselben Ehrennamen gegeben haben. Kürze und doch Gründlichkeit, das ist der Hauptvorzug dieser Schrift, welcher derselben auch manche Freunde unter den Theologen erwerben dürste. Heft 10 des Deutschen Hansschatzes, der, wie wir zu unserer Freude hören, im neuen Jahrgang wieder einige tausend Abonnenten gewonnen hat, bringt die Fortsetzung der prächtigen Erzählung von M. Ludolsf-Huyn: Die kleine Landgräfin, sowie der Nciseiomanö von Karl May: Die Jagd auf den Millionenvieb, dann die tief ergreifende Novelle einer hochgestellten Dame: Ein ewiges Geheimniß, die den tragischen Tod dcö Königs Ludwig II. von Bayern behandelt. Daran reibt sich wie immer eine reiche Auswahl von '' unterhaltenden und belehrenden Artikeln aus allen Gebieten der , Wissenschaft. Wir heben nur die folgenden hervor: Die « kleinen Religionen von Paris von Dr. I. M. Höhler, ! Das Chinin von vr. A. Schmid, Abessinien, ein Blick j auf Land und Leute, Wozu die Chemie gut ist, von A. ; Weber, Das Rad als Symbol, von Dr. Dreibach. Außer- i dem enthält das Heft, wie jedes der beliebten Zeitschrift, eine ! außerordentliche Fülle von interessanten kleinen Beitraget' Die j Illustrationen sind sehr geschmackvoll und zahlreich. s OesterreichischesLitcraturblatt, herausgegebue von , der Leo-Gesellschaft in Wien. redigirt von Dr. Franz s Schnürer. (Administration: Wien I., Annagasse 9.) Inhalt der Nr. 6 : Holz hey K., Die Inspiration der bl. Schrift in der Anschauung des MittclalterS. (Univ.-Prof. Dr. Bernhard Schäfer, Wien.) (161.) -- Weiß Joh., Die musikalischen Jnstrnm.mc in den hl. Schriften des A. T. (Studiendirektor Mszr. Dr. A. Fischer-Colbrie, Wien.) (163.) — Leit- schnb Fr.. Katalog der Handschriften der kgl. Bibliothek zu Bambcrg. I.: Bibelhaudschrikten. (Ist Jld. Veit h, Prag-Emaus.) (165.) — Gebbardt Br., Die Aravamina. der Deutschen Nation gegen den röm. Host (Pros. L. Wintern, Vraunau i. B.) (165.) — Holzmann H., Theolog. Jahresbericht. XIV. Bd.: 1894. (—au.) (165.) — Romstöck F. S., Personalstatistik u. Bibliographie des bisch. Lyceums in Eicbstätt. (165.) — Nippel d Frdr., Die jesuitischen Schriftsteller der Gegenwart in Deutschland. (166.) — Haas G. E., Der Geist der Antike. (Dr. A. Fischer-C olbr ie.) (166.) - Otten Al., Einleitung in die Geschichte der Philosophie. Die Gottesidee, die leitende Idee der Entwicklung der griech. Philosophie. (Ders.) (166.) — Huber Scb., Die Glückseligkeitslehre des Aristoteles und hl. Thomas v. A. (Dr. C. Ludewig, Preßburg.) (168.)— Berliner A-, Geschichte der Juden in Rom. (Univ.-Prof. vr. L. Pastor, Innsbruck.) (169.) — Maag Rud., Daö Habsburgische Urbar I. (Pros. Max Straganz, Hall i. T.) (170.) — Mayer Gust., Lassalle als Socialökonom. (vr. Fricdr. Frhr. zu Weichs-Glonn, Innsbruck.) (181.) — Dubois F., Die anarchistische Gefahr. (S—g.) (184.) — Voigt A., Excursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen, (vr. R. v. Kralik, Wien.) (185.) — HrabLkI., Praktische Hilfstabellen für logarithmischc und andere Zahlenrechuungen. (g—r.) (185.) «» Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas k Grabherr in Augsburg-