«Vl-. 29 17. Juli 1896. Friedrich Nietzsche. Ein Antichrist der Gegenwart. Von Joseph Popp. II. Fr. Nietzsche's Ideen. Wir haben in Nietzsche's Geistesleben zwei Perioden angenomuien, eine der Gesundheit und eine der Krankheit. Wir haben diese Auffassung psychologisch zu begründen gesucht und wollen sie jetzt noch durch eine Gegenüberstellung ihrer schriftstellerischen Ergebnisse erweitern und festigen. In der Zeit seiner körperlichen und geistigen Frische sind Nietzsche's Vorbilder und Lehrer Schopenhauer als Philosoph, Wagner als Künstler; beide bewundert er blind und versucht auf Grund von deren Welt- und Kunstanschauung die altgriechisch- Cultur, die nach echter Philolvgenart sein Höchstes ist, zu begreifen und zu erklären — Nietzsche geht ganz in dieser antiken Geistes- wclt auf, die er sich noch dazu nicht objectiv, sondern subjeciiv anschaut, d. h. nicht wie sie war, sondern wie er sich dieselbe träumte und wünschte. Daher auch dieser Ekel au der modernen Cultur, deren vernichtender Kritiker er geworden ist. „Die Geburt der Tragödie" und die vier sog. „Unzeitgemäßen Betrachtungen" sind das Produkt jener Geistesrichtung. „Die Geburt der Tragödie" ist ein genialer, wenn auch mißglückte- Versuch, die griechische Tragödie aus dem Wesen des blühenden hellenischen Volksthumes zu erklären. Nietzsche hat mit diesem Jugendwerk einen neuen Weg zur Welt der Griechen gefunden und zeigt sich gerade hierin in seiner glänzendsten Eigenschaft als feinsinniger Culiurpsychologe, zu dessen klassischer Vollendung er freilich zu viel Dichter war. Noch mehr als durch diese Schrift verstieß Nietzsche durch seine „unzeitgemäßen Betrachtungen" gegen die öffentliche Meinung. „Unzeitgemäß, das heißt gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden Zeit" will er darin wirken. Die vier Bände dieser Betrachtungen handeln über: „David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller." — „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben." — „Schopenhauer als Erzieher." — „Richard Wagner in Bayreuth." Die verdienstvollste Arbeit Nietzsche's ist ohne Zweifel jene über Strauß, welchen Nietzsche bis zur Vernichtung bekämpft; vor allem kritisirt er dessen vielgelesenstes Buch „Der alte und neue Glaube". Mit schonungsloser Satire werden alle Schwächen des Werkes behandelt und das Ganze stilistisch, logisch, in Bezug auf wissenschaftliche Methode und Haltbarkeit der Resultate an den Pranger gestellt. Strauß' ganzes System reißt Nietzsche wie ein Kartenhaus nieder, und der gepriesene Theologen-Apostat erscheint am Schluß als ein erbärmlicher Stümper: Strauß kein ernster Forscher, kein klassischer Schriftsteller, kein bahnbrechender Geist, als der er bis dahin gegolten, sondern ein Lobredner der trivialsten Alltäglichkeit, ein epigonenhafter Nachbeter, ein moderner „Bildungsphilister", welcher nicht im Faust'schen, nicht einmal im Lesflng'schen Suchen nach Wahrheit seine Aufgabe sieht, sondern der in dem schamlosen Philisteropümismus, in dem behäbigen, bequemen Festhalten des von den großen Männern der Vergangenheit gefundenen Culturideals seine Befriedigung findet und anderen anpreist. Die zweite Betrachtung geht der historischen Bildung der Gegenwart zu Leibe; Nietzsche sieht darin ein „Zuviel" und damit eine Gefahr für daS Geistes-Leben. Die dritte „Unzeitgemäße" behandelt Schopenhauer. Wer in dieser Schrift eines enthusiasmirten Schüler- eine gründliche Belehrung und Aufklärung über die Bedeutung des Meisters, seine Weltanschauung, seine historische Stellung, ja über seine eigentliche Wirkung als Erzieher wünscht, wird überrascht, wird enttäuscht sein. Aus den Weihrauchwolken, die vor dem Antlitz des Gefeierten aufqnalmen, blicken uns zuweilen die Züge — Nietzsche's entgegen; es ist nicht der Schopenhauer der Wirklichkeit, der uns hier geschildert wird, sondern jener, welchen der schwärmerische Jünger sich vorstellt. Die Arbeit über Wagner preist in überschwäng- lichster Weise dessen Musik, gehört aber nach dem Urtheil der Kenner zum Tiefsten und Besten, was seit Liszts epochemachenden Aufsätzen über diese Kunst geschrieben wurde. In den „unzeitgemäßen Betrachtungen" tritt Nietzsche als begeisterter Freund der griechischen Cultur gegen unsere moderne Cultur aus, die er bis in ihre innersten Herzens- günge kennt, bloßlegt und preisgibt. — Da tritt mit ! cm Hereinbräche seines schweren physischen Leidens auch der Umschwung im Geistesleben ein. Das erste Werk dicstr zweiten, philosophischen Periode ist Voltaire gcwidm und trägt den bezeichnenden Titel „Morgenröthe" mit dem Zusatz: „Gedanken über die moralischen Vor- urthcile". Voltaire, der Freigeist pur sxealleiros und Patriarch des Atheismus, ist der rechte Patron für c ne Philosophie, welche gegen alle bisherigen Weliansch. >?- ungen Sturm läuft und ihr Programm also entwickelt: - „Wir wollen nicht wieder zurück in das, was uns alS überlebt und morsch gilt, in irgend etwas „Unglaubwürdiges", heiße es nun Gott, Tugend, Wahrheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe; wir gestatten uns keine Lüge,>- brücken zu den alten Idealen, wir sind von Grund aus allem feind, was in uns vermitteln und mischen möchte, feind jeder jetztigen Art Glauben und Christlichkeit, feind dem Halb und Halben aller Romantik und Vaterländerei feind auch der Artisten-Genüßlichkeit, Artisten-Gewiffen- losigkeit, welche uns überreden möchte, da anzubeten, wo wir nicht mehr glauben, feind kurzum dem ganzen europäischen Femininismus (oder Idealismus, wenn man's lieber hört), der ewig hinanzieht und ewig gerade damit herunterbringt: allein als Menschen dieses Gewissens fühlen wir uns noch verwandt mit der deutschen Necht- schaffenheit und Frömmigkeit von Jahrtausenden, wenn auch als deren fragwürdigste und letzte Abkömmlinge, wir Jmmoralisten, wir Gottlosen von heute, ja sogar im gewissen Verstaube als deren Erben, als Vollstrecker ihres innersten Willens, eines pessimistischen Willens, wie gesagt, der sich nicht davor fürchtet, sich selbst zu verneinen, weil er mit Lust verneint. In uns vollzieht sich — gesetzt, daß ihr eine Form > wollt — die Selbstaushebung der Moral." Umsturz aller Begriffe und Principien ist der Grundgedanke in diesen sonst so verworrenen Aeußerungen. Merkwürdig ist auch, daß Nietzsche für das Tohuwabohu seiner Ideen den Aphorismus wählte und in ihm alle seine philosophischen Werke geschrieben hat. Da» ') Dorr, S. d. Die Morgenröthe. 226 durch gewinnt jedes seiner Bücher einen Lexikon-Charakter; man kann da über alles Erdenkliche Aufschluß erhalten, ober nichts Ganzes, Zusammenhängendes, Fertiges. Die Anhänger Nieysche's preisen diese schriftstellerische Farm als „eine Farm der Ewigkeit"; und Nietzsche selbst schreibt in seinem letzten Werke „Die Götzendämmerung" : „Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der Ewigkeit; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sogen, was jeder Andere in einem Buche sagt,- was jeder Andere in einem Buche nicht sagt." Und doch hat NietzUe hierin nur aus der Noth eine Tugend gemacht; seine Krankheit erlaubte ihm keine andauernde zusammenhängende Arbeitsweise; darum wählte er diese lose Form, zugleich als passendstes Charakteristicum seiner zerrissenen und verschrobenen Ideenwelt. Wir müssen übrigens zugestehen, daß wir in diesen Aphorismen eine stilistische Meisterschaft ohnegleichen anerkennen; Nietzsche hat eine Sprache, die für alle menschlichen Verhältnisse Worte findet, und oft so treffende, plastische, erschöpfende, wie sie nur ein Sprachgenie gestalten kann. Daß der Inhalt dieser bewunderungswürdigen Form unter den verworrenen Begriffen leidet, ist klar, aber noch kein Grund, auch der Form als solcher die Anerkennung zu versagen. Man muß Nietzsches Stilregeln gelesen haben, um zu erfahren, welcher Meister er auf diesem Gebiete war, in Theorie und Praxis. — Darin beruht ja auch Zum großen Theil seine Gefährlichkeit. Ein System kennt Nietzsche nicht; darum ist es so schwer, seine Gedankenwelt anderen zu vergegenwärtigen; man muß die Hauptgedanken erst mühsam aus diesem Urwald von Hunderten und taufenden Aphorismen zusammensuchen. Nietzsche ist auch hierin Anarchist! System zu haben, schein: ihm Schwindel. In der „Götzendämmerung" (S. 5) sagt er: „Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Wege. Der Wille zum System ist ein Mangel an Nechtschaffenheit." Seit Hegel gab es kein eigentliches philosophisches System mehr, und dieses ist so abstrus, daß ein gesunder Mensch davon verwirrt, ein kranker aber zum Narren wird. Nun kommt Nietzsche und erklärt jedes System-Wollen schon als unrecht; er gibt sich selber. Infolge dessen haben wir zwei Erscheinungsformen der Philosophie Nietzsche's; die eine ist klar, die andere meist unverständlich. Wo Nietzsche in seinem Stolz und Haß über andere herfällt, ist er klar, sehr klar und dabei meistentheils grob, unsäglich grob; wo er etwas Eigenes, Positives, Philosophisches sagen soll, regnet es Wiver- sprüche, Absurditäten und Lästerungen. Der Grundgedanke Nietzsche's ist der Wahlspruch des berüchtigten Mörderordens der Assafsinen, auf den die Kreuzfahrer im Mittelalter stießen; dieser „Freigeisterorden pur oxasilauos" hatte die Devise: „Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt."^) Es ist das eine Weltanschauung in der Westentasche. Für die Logik gilt: „Nichts ist wahr"; für die Erkcnntnißtheorie, die Psychologie und Metaphysik: „Nichts ist wahr"; der Ethik bleibt: „Alles ist erlaubt". Wie vollständig, umfassend und erschöpfend diese Antworten sind, wie ganz frei vom Ballast der Terminologie, der Distinktionen und Subtilitäten! Dem entsprechend ist Nietzsche ein philosophischer Anarchist; er stellt Alles auf den Kopf und gibt es so Genealogie der Moral. S. 166—170. als alleinige Wahrheit aus; er macht auch nicht den Versuch einer Begründung. Soweit unter den angedeuteten Umständen von einer Philosophie geredet werden kann, ist Nietzsche's Philosophie Moral- und Geschichtsphilosophic. Ihre Leitgedanken möchten folgende sein: Die Cultur entsteht dadurch, daß der physisch Stärkere (die „blonde Bestie der Urzeit", das „prachtvoll schweifende Naubthier") den Schwächeren unterdrück: und vergewaltigt. Die Moralität der menschlichen Handlungen ist so, wie sich diese Handlungen zur Förderung oder Hinderung dieser Cultur verhallen. Es gibt deßhalb zwei Arten von Moral: „H.errn- Moral" und „Sklaven-Moral". Das Herrenrecht und Herrscherrecht des Stärkeren und Alles, was dessen Ausübung theoretisch und praktisch fördert, ist gut, edel, vornehm, weil es die Cultur hebt. Was sie verneint, beschränkt, hindert, jedes bindende Gesetz, jede Zügelung der Selbstsucht ist böse, niedrig, gemein. Das ist der Kern der „Herren-Moral", welche „Jenseits von Gut und Böse" im bisherigen Sinn ist. Seit Jahrhunderten herrscht aber in der Cultur- welt die „Sklaven-Moral", nämlich die Moral des Christenthums. Sie hat wie die Begriffe von Gut und Böse, so auch in der letzten Wurzel den Begriff der Cultur gefälscht und hat mit ihrer Fälschung einen die Welt beherrschenden Erfolg erzielt. Die „Herrcn-Mora!" gerieth so vollständig in Vergessenheit, daß sie am Ausgang des 19. Jahrhunderts durch Nietzsche erst wieder entdeckt werden mußte. Was der mächtige, vornehme, freie Geist thut, ist gut; er thut aber, was er will. Das „Heerden-Vieh" — das sind alle nichtstarken Geister — meint freilich, seine Tugenden seien gut. Der Gegensatz zwischen dieser Herren- und Sklaven- Moral tritt uns in Beispielen am klarsten entgegen. Nach der Sklaven-Moral nennt man gut und edel: Demuth und Nächstenliebe etwa, Barmherzigkeit, Milde, Geduld. Vom Standpunkte der Herren-Moral sind dies lauter knechtische Niedrigkeiten, vollkommene Entartung der prachtvollen, blonden Bestie. Sie zu üben, ist Ohnmacht und Gemeinheit; sie trotz allen voranleuchtenden Beispielen vom Gegentheil immer noch bewundern und preisen, ist das zweifellose Zeichen culturcllen Niederganges, der Däcadence. Und deßhalb ist die moderne Cultur werth in Trümmer zu gehen, weil sie immer noch ganz unheilbar durchseucht ist von Nachwirkungen der Sklaven-Moral. Immer noch haben Ansehen die „alten Tafeln" mit den Satzungen theistischer und christlicher Moral. Neuer Tafeln bedarf es! „Brüder, zerbrecht mir die alten Tafeln" lehrt darum Zarathustra. Auf den neuen aber stehe nichts von den alten Chimären wie Gottesgesctz und Nächstenliebe; Freiheit nur und wiederum Freiheit! Keine Schranke verbietenden Gesetzes! Nichts ist verboten — alles ist erlaubt! Was die alten Tafeln Todsünden nannten, Habsucht, Herrschsucht, Haß, Grausamkeit, heißt auf den neuen Männerwürde und Geistesfreiheit. Der Mensch dieser neuen Freiheit ist der „Uebermensch"; bis jetzt gibt es erst einen: Zarathustra-Nictzsche! — Um diesen Menschen, zu dem die gegenwärtige Menschheit nur >,eine Brücke", ein Uebergang ist, zu züchten, muß eine „Umwerthung sämmtlicher Werthe" geschaffen werden. Das war denn auch Nietzsche's letzter titanischer Plan; er brachte es aber nur bis zum Entwurf, dann befreite ihn und die Menschheit von diesem Unmenschlichkeits-Jdeal der Wahnsinn. 227 Weil Nictzsche's Plänen das Christenthum diametral entgegenstand, so höhnte und haßte er es in noch nie dagewesener Art. Selbst der Patriarch des Unglaubens, der frivole Voltaire, muß da schweigen. Nietzsche stellt die Wirkungen des Christenthums auf eine Stufe mit der Alkoholvergiftung und Syphilis; er nennt es die größte aller Korruptionen; er preist sich selber als den Antichrist. Die ganze Weltanschauung Nictzsche's ist der extremste Individualismus, noch dazu einer kranken Persönlichkeit. Nietzsche hegte schon frühzeitig den Wahn einer Größe, die außer allem Verhältniß steht zu dem, was er thatsächlich geleistet. Er hielt sich zuletzt — nach Lou Andreas — „für daS Medium, durch welches die Ewigkeit aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewußt wird, — für den fleischgewordcnen Menschhetts- genius selbst, in dem die Vergangenheit der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst/") Er fühlte sich aber auch als den durch und durch kranken Menschen der modernen Ueber-Cultur; darum kann seinem Werke nur eine symptomatische Bedeutung zukommen. Es bedarf auch keiner Widerlegung, weil es sich selber widerlegt, so gründlich, wie es kein Fremder thun kann. Wir con- statiren es lediglich als ein interessantes culturpsycholog- isches Phänomen der Gegenwart — mehr nicht! (Schluß folgt.) Privatirrteresse und Gemeinwohl. Eine wirthf christliche Studie. (Schluß.) IV. Nachdem wir das Verhältniß von Privatinteresse und Gemeinwohl mit Rücksicht auf Grund und Boden und dessen Bewirthschaftung betrachtet haben, wollen wir das Verhältniß der beiden socialen Faktoren in Beziehung auf Vereinigungen von Menschen, in Beziehung auf Korporationen oder Genossenschaften untersuchen. Wir unterscheiden ein individuelles oder privates Interesse und ein corporatives Berufs- oder Standesinteresse. Das individuelle Interesse und die freie gesetzlich gestattete und geförderte Verfolgung dieses Interesses, das ist die wirthschastliche Freiheit, mit welcher uns der Liberalismus „beglückt" hat. Der Individualismus, d. h. die Auffassung der menschlichen Gesellschaft als einer gleichartigen Masse zusammcnhangsloser und im Kampfe um das Dasein gleichberechtigter Einzelwesen, gehört zu den Grundlagen des liberalen Systems. Nicht die Familie bildet nach der liberalen Theorie daS Fundament der Gesellschaft, sondern reine Personen oder Nechtssubjecte, die weder Mann noch Frau sind. Der Unterschied der Geschlechter und deren Ergebniß, die Familie, existiren in der künstlichen und mechanischen Auffassung des Liberalismus nicht; alle Menschenwesen werden theoretisch und schematisch als gleich angenommen, mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet. Es gibt keine Fnmilicninteressen, keine Interessen der Stände, die in gewissem Sinne nur eine Vereinigung von Familien sind, sondern nur ein individuelles, egoistisches Interesse. Dieses vow Familienverbande und von seinem Stande losgelöste und allein und selbstständig dastehende Individuum hat auch selbst und mittelst eigener Kraft seine ") Genealogie der Moral. t59 f. ?) Genealogie der Moral. 121—153. Interessen im wirthschaftlichen Leben geltend zu machen. Es ist ihm volle Freiheit im Erwerbsleben gegeben, es sind ihm keine einengenden Schranken gezogen, es wird ihm nicht der überwachende Schutz der Genossenschaft oder des Staates zu theil. Frei und ungebunden sind alle Berufe und deren Vertreter, frei wie die Vogel in der Luft. Frei und schutzlos! — Welche Folgen diese liberale Freiheit gezeitigt, das empfinden heute alle ar. bettenden Stände. Die sociale Frage und sociale Lage ist in erster Linie eine Folge der in den Wehen der französischen Revolution geborenen wirthschaftlichen Freiheiten. Das Ergebniß dieser individuellen Freiheit predigt die Verschuldung des festen Besitzes, die Verarmung des Mittelstandes und die Uebermacht des alles beherrschenden Kapitals. Unter dieser Freiheit seufzt der Lohnsklave an der Maschine, dieser vor hundert Jahren erklungcne Ruf nach wirihschastlicher Freiheit findet heute sein Echo in dem Schmerzensschrei des ausgewuchcrten Volkes. Die freie Verfolgung des Privat- interesses hat den Untergang des Gemeinwohls erzeugt. An die Stelle des rücksichtslosen Interesses des einzelnen Individuums soll das geregelte Interesse der organisirten Berufsklassen treten. Das durch eine naturgemäße Organisation und durch gesetzlichen Schutz bedingte Gcsammtwohl des einzelnen arbeitenden Standes garantirt gleichzeitig das Wohl jedes Individuums desselben. Um zu diesem wirthschaftlichen und socialen Wohlbefinden wieder zu gelangen, müssen wir allerdings erst die aufgelöste Gesellschaft berufs- ständisch organisiren. Nehmen wir als Beispiel den Handwerkerstand Der Handwerkerstand hat seit Jahrzehnten die „Segnungen" der Gewerbefreiheit gekostet; der einzelne Handwerksmeister konnte sein privates Interesse ungehindert geltend machen. Und die Folge? Verarmung und Rückgang des Standes, Zuchtlosigkeit bei Lehrlingen und Gesellen, Verschwinden des ehemaligen Ansehens des Meisters, mangelhafte Ausbildung und Pfuscharbeit! Das Handwerk, dieser liberalen „Segnungen" satt, will heute sich wieder corporntiv organisiren und das Standesinteresse, d. i. das allgemeine Wohl des Standes über die freie und rücksichtslose Verfolgung des privaten Interesses stellen. Hier haben wir den deutlichen Beweis, daß die freie Verfolgung des Privatinteresses erst das Gemeinwohl und als weitere Folge das Interesse und Wohl der Privaten selbst untergräbt, während umgekehrt das durch eine natürliche Organisation und durch den Schutz und die Schranke des Gesetzes geschaffene Gemeinwohl die Voraussetzung und Grundlage des Wohles jedes einzelnen Standcsgenosscn ist. Der Handwerkerstand beginnt sich zu organisiren; er will das Wohl und das Ansehen des gavM Standes über persönliche Willkür und persönlichen Egoismus stellen. Die anderen Stände beginnen, langsam aber deutlich, diesem Beispiele zu folgen, und eS gilt, diese noch tastende Bewegung in richtige Bahnen zu leiten. Das Wohl des Standes über die wirthschastliche Freiheit des Einzelnen! wird allgemeine Losung. Das Wohl all dieser Stände bedingt das Wohl der Gesellschaft und damit auch das Wohl und die innere Stärke des Staates. Wenn wieder einmal ganz die Anschauung lebendig geworden ist, daß im wirthschaftlichen Leben nicht persönliche Freiheit und persönlich-egoistisches Interesse, son- 228 dern der seiner natürlichen Bestimmung zurückgegebene Grund und Boden, die gesellschaftliche Ordnung und die gesellschaftliche Solidarität das Fundament des allgemeinen materiellen Wohles sind, dann und erst dann werden auch für unser arbeitendes, christliches Volk wieder schönere und bessere Tage erblühen. Ueber Glasmalerei im Frankenlande und die Glas-gemälde der St. Jakobskirche zn Rothen- bnrg o. d. Tauber. Von Dr. H. Oidtmann in Linnich (Rheinland). (Fortsetzung.) st. Außer 6, mit Wappen von Domherren versehenen, nach Art der Schwcizerwappen ausgeführten, kleinen Feldern, welche in dem unteren Ausstellungsraum, in den Fenstern der Scpulturkapelle eingesetzt sind, waren noch einige „Glasscheiben", abgesehen von einer Madonna, meist Wappen aus dem Ende des 16. und aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, an den Fenstern der verschiedenen Ausstellungsräume angebracht: zum großen Theil mittelmäßige Arbeiten dieser späten Periode der Glasmalerei. Ein hervorragendes Stück befand sich unter denselben nicht. Auch das Scheibchcn Nr. 832 des Katalogs: „Symbol des Evangelisten Lukas; einst im Besitz der Lukasgilde der Maler, Glaser u. s. w., sehr alt, Besitzer der histor. Verein Würzburg", verdient die obendrein etwas sehr ungenaue und unbestimmte Bezeichnung „sehr alt" doch wohl kaum. Abgesehen von dem vorhandenen Silbergelb, einer erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erfundenen und anfangs noch recht selten und spärlich in Anwendung kommenden Malfarbe, abgesehen auch von der gothischen Minuskelschrift, verweisen die Stilisirung des angebrachten Blattornaments, ferner die Ausführung grau in grau auf eine viel spätere Zeit, wohl frühestens auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Hätte noch die Sammlung des Freiherrn v. Bibra auf Schloß Schwebhcim bestanden, dann würde diese Abtheilung der fränkischen Ausstellung sicherlich ein anderes Bild geboten haben. Leider ist aber die bedeutende Sammlung alter Glasmalereien, welche der Freiherr von Bibra besaß, im Anfange der fünfziger Jahre durch ihn gegen Pergamentmalereien vertauscht worden. So ging eine Sammlung verloren, welche schon Bessert in seinem vorzüglichen Werke über die Glasmalerei als eine der besten erwähnt, die ihm bekannt waren, und deren reichen, alle Perioden und jede Art unserer Kunst umfassenden Schatz er als ausgezeichnete Quelle für das Studium der Geschichte der Glasmalerei bezeichnet. Nach der Bavaria?) und nach Sighart sollen sich noch in vielen kleineren Kirchen und Sammlungen des Frankenlandes alte Glasmalereien befinden, so unter anderem auf der Karlsburg, deren Ruine kaum noch die Fensteröffnungen erkennen läßt, also sicherlich keine Glasgemälde mehr bergen kann. Auch die von denselben Werken angeführten Sammlungen des historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg im kgl. Residenzschlosse zu Würzburg bieten nichts Bedeutendes in ihrer Glasgemäldesammlung; einige ovale Scheiben sind noch ') Bavaria, Landes- und Volkskunde des Kgr. Bayern. 5 Bde. 1860—1867. °) Sigbart, Dr. I., Geschichte der bildenden Künste im Königreich Bayern von den Anfängen bis znr Gegenwart. München, 1863. weniger als mittelmäßig; ein kleines Wappen, schwarz und grau, ist ziemlich gut durchgeführt, während eine runde Scheibe, aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, gänzlich mit undurchsichtigem Email bemalt, ein recht krasses Beispiel aus der Zeit des Verfalles unserer Kunst darbietet. Kunstgeschichtlich interessant sind zwei für die erste Hälfte unseres Jahrhunderts gut durchgeführte Flügel mit den Darstellungen einer betenden Maria und eines auferstandenen, segnenden Christus. Das zu diesen Flügeln gehörige Maßwerk zeigt Vögcl, Früchte und Blumen, gelb in schwarz, sowie den hl. Geist in gelbem Glorienschein auf blauer Wolke. Dieses Fenster ist einer der ersten größeren Versuche des um die Wiederaufnahme oder vielmehr um die Verbreitung der Glasmalerei so hochverdienten Ernst Freiherrn v. Bibra und deßhalb kunstgeschichtlich interessant. Die Ausführung ist für die damalige Zeit gut zu nennen; die farbigen Gläser, zum Theil mit Schwarzloth damascirt, sind scbön und kräftig in der Farbe; die Schattirnng ist in Schraffir- manier durchgeführt, das Glas selbst ist schön durchsichtig und klar gelassen, nur die Fleischtheile und das weiße Kopftuch der hl. Maria sind matt überzogen. Einige Fehler in der Technik verrathen den Versuch des Anfängers, so vor allem die ungeschickte Anbringung der Bleie, welche besonders an der Fahne, an dem Glorienschein und an einem Stücke des Stabes auffällt: an einer Seite Bleiruthe, an der andern viel zu dünner und schwacher Kontur; weßhalb man die Stücke nicht ganz ausgeschnitten hat, ist heute unverständlich. Die Konturen sind überhaupt zu schmal, zu dünn aufgetragen, etwas ängstlich angebracht. Diese Mängel des Gemäldes sollen aber keineswegs das Verdienst des kunstsinnigen Freiherrn herabsetzen; diese Fehler liegen eben an den damaligen Verhältnissen. Die Arbeiten jener Zeit waren eben noch die Lehrlingsarbeiten der wiedcranflebenden Glasmalerei. Das Verdienst des kunstliebenden und kunstfertigen Freiherrn, in dieser Zeit unter Anleitung des Nürnberger Glasmalers M. Trost thatkräftig an der Verbreitung der edlen Kunst mitgearbeitet zu haben, wird sein Andenken in der Geschichte der Glasmalerei unvergeßlich machen. Von den in den oben angeführten Werken angegebenen Glasmalereien in Ochsenfnrt, Apostel in der Michelskapelle, ist nichts mehr vorhanden; auch in Heidingsfeld, wo sich alte Glasgemülde befinden sollen, ist nichts erhalten. Von sämmtlichen Kirchen des Frankenlandes bieten nur noch zwei Kirchen Reste von Glasmalereien, nämlich die gothische Kirche zu Mariasondheim bei Arnstein und die gothische Pfarrkirche zu Münnerstadt. In ersterer haben sich in zwei Fenstern mehrere Rosenkranzdarstellungen erhalten. In letzterer zeigen die Chorfenster Scenen aus dem Leben des Heilandes und Einzelfiguren. Die Fenster, heute willkürlich zusammengesetzt, mögen wohl früher ein farbenprächtiger Schmuck der Kirche gewesen sein. Ueber den früheren Zustand weiß auch das von LotzO) angeführte „Unterfränkische Archiv, Band 7" nichts Näheres anzugeben. Auch die Wappenscheiben und Fragmente in den Fenstern der 1834 restaurirten Burgkapelle auf der Altenburg bei Bamberg sind ohne besondere Bedeutung. ! Lotz spricht noch von spätgothischen Glasmalereien im Chor der Wallfahrtskapclle St. Johannes auf dem H Lotz, Dr. W-, Kunsitopographie Deutschlands; 2 Bde., 1862 u. 1863. Kirchberg bei Volkach, welche einen Christus am Kreuz, Maria, Johannes, Maria und Stifter darstellen, ferner von Glasmalereien in der sogenannten gothischen Kapelle in Greifenstein bei Bamberg. Die ersteren standen in der Kirche Naria intsr vitsg auf dem Kirchberg, wo sie Theile der Chorfenster ausfüllten, im Jahre 1880 aber bei der Renovation der Kirche durch neue Glas- gemälde ersetzt wurden. Die alten Fenster stehen in Volkach zum Verkauf. Letztere bestehen aus Wappen und den Evangclistenbildern. Ein erfreulicheres Bild bietet die St. Jakobskirche im benachbarten Nothenburg ob der Tauber. Möge auch der nicht kunstverständige Besucher dieser ehemaligen freien Reichsstadt unter dem Eindruck, welchen das reizende Tauberthal sowie der mittelalterliche Charakter der Stadt mit ihren alten Mauern, mit ihren zahlreichen Thürmen und Thürmchen, mit ihren malerischen Thoren, mit ihren Erkern und Giebeln auf ihn ausübt, nicht die Kunstschätze übersehen, welche die stattliche, gothische St. Zakobskirche in sich birgt; es ist fast ein Wunder zu nennen, daß sich dieselben gerade in dem harjgeprüften Nothenburg trotz all den Stürmen der Zeit erhalten haben. Dem Hauptaltar Friedrich Herlen's aus dem Jahre 1466, sowie den beiden Seitenaltären Tillmaun Niemen- schneider's kann man die drei großen Glassenster des Ost-Chors würdig zur Seite stellen. Es ist unbegreiflich, daß diese Fenster in den bisher erschienenen Werken über die Glasmalerei nicht besser hervorgehoben wurden; manche andere, in Wirklichkeit nicht mehr vorhandene Denkmäler findet man als noch bestehend beschrieben, und diese wirklich großartigen Kunstwerke müssen sich im günstigsten Fall mit einer bloßen Erwähnung begnügen. Die genaue Besichtigung und eingehende Würdigung dieser Prachtleistungen mittelalterlicher Meister kann nicht genug empfohlen werden. Vielen Besuchern mag die Pracht dieser färben- und figurenrcichen Glasmalereien entgangen sein, da wegen des zu starken Vordcrlichtcs — die übrigen Fenster sind nur mit weißen Bntzen ausgefüllt — die Fenster gegen Mittag vollständig ihre leuchtende Farben- wirkung verlieren. Um so großartiger, ja geradezu überwältigend ist ihr Farbenspiel in den frühen Morgenstunden. Nach vorhandenen Resten in dem Maßwerk zweier weiterer Chorfenster ist wohl zu schließen, daß ursprünglich alle Fenster, wenigstens die Chorfenster, mit Glasmalerei versehen waren; auch zeigt das Fenster an der Epistelseite einzelne Theile, welche vielleicht früher in einem anderen Fenster gestanden haben. Die Technik und die Ausarbeitung der Fenster, wenigstens des mittleren und desjenigen der Evangelieuseite, entsprechen den Arbeiten aus dem Ende des 14. Jahrhunderts; so vermissen wir auch noch die Anwendung des Silbergelb; nur an den kleinen Engeln im zweiten Medaillon des rechten (vom Beschauer aus linken) Fensters (Evangelien- seite) scheinen Spuren von Silbergelb angebracht zu sein; vielfach findet man die Haare eingebleit. In der Anordnung, in der Komposition sind die Fenster sehr verschieden; es besteht nicht der geringste Zusammenhang, nicht die geringste Ähnlichkeit, nicht einmal in der Farben- stimmung. Hier und da, besonders an dem Fenster der Epistelseite, begegnen uns Versuche besserer Modellirung und perspektivischer Darstellung. Die eingebleiten Buchstaben erinnern neben einigen anderen Einzelheiten an die Fenster von St. Martha in Nürnberg; die Fenster könntest tvM derselben Werkstätte entstammen; ob aus Nürnberg? Oder vielleicht aus Nothenburg selbst, wo die Dominikaner die Künste pflegten? Treffen wir doch hier in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Martin Schwarz, welchem auch der Schwanenordensaltar zu Ans- bach zugeschrieben wurde. Das Fenster der Epistclseitr scheint, wie schon oben angedeutet, jünger zu sein; mehrere Reparaturen an diesem Fenster fallen unangenehm auf. Die St. Jakobskirche wurde 1373—1453 gebaut» der Ostchor ist der älteste Theil; der Westchor wurde erst 1453—1471 gebaut; Verwechselung beider Choranlagen hat wohl zur falschen Datirung der Fenster verleitet. Das dreitheilige Fenster der Evangelicnscite, welches leider schon sehr früh am Morgen die richtige Beleuchtung verliert, enthält in seinen unteren Feldern unter einer einfachen, in den Seitenfeldern weißen, im Mittelfeld kräftig gelben Architektur den englischen Gruß; in den Mittel- feldern auf grünem und braun-violettem, durch weiße Nosettchen unterbrochenem Hintergründe die heilige Maria, rechts (vom Fenster aus) den Erzengel Gabriel mit einem Buche, welches in gothischen Minuskeln die Worte: „avs Urri'ia, gratirr pisna ävinimrs tsourrr" enthält; links die Gestalt des hl. Joseph; der Hintergrund der Seiten- theile zeigt ein blau und rothes, durch zwischengesetzte weiße Nosettchen belebtes Muster. Ueber der Figur des HI. Joseph sehen wir Gott Vater, welcher durch ein großes Rohr den HI. Geist und seinen eingebornen Sohn zur hl. Maria hinabsendet; Gott Sohn ist dargestellt als nacktes Kindlein mit dem Kreuze auf der Schulter. Ueber dem Erzengel Gabriel ist die Gestalt des hl. Johannes mit einem Buche angebracht, aus dessen Blättern die Worts stehen: „st vsrduva oaro taetuva sst". In diesen Feldern besteht der Hintergrund aus abwechselnd grünen und blau-violetten Rauten. Hinter den Architekturen blauer Grund, in der Mitte einfach gewischt, in den Seitenfeldern mit Blattmuster versehen. Ueber der Architektur ein Teppich aus hellblauen und dunkelblauen Quadern, auf den Ecken dieser Quadern kleine, rothe Nosettchen. Fünf große, durch Ornament mit einander verbundene Medaillons nehmen die obern 30 Felder des Fensters ein; unten die Anbetung der hl. drei Könige, dann die Auferstehung Christi, die Himmelfahrt des Heilandes, die Sendung des hl. Geistes und der Tod der bl. Maria auf abwechselnd blauem oder grünem Hintergrund: auch die Einfassungen der Medaillons wechseln, bei dem einen breiter gelber Streifen und weißer Perlstreifen, bei dem anderen umgekehrt. Der Teppich, auf welchem die Medaillons aufliegen, ist in den seitlichen Feldern rothgrün mit weißen Nosettchen, in der Mitte roth-hellblau mit weißen oder gelblichen Nosettchen. Jedes Medaillon nimmt 6 Felder ein, wird also nicht nur durch das Quereisen, sondern auch durch die Steinpfosten durchschnitten; die Medaillons selbst, wie auch die einzelnen Gestalten der Gruppen sind sehr geschickt in den gegebenen Raum eingepaßt. DaS ganze Fenster zeigt sehr gute, harmonische Wirkung; „weiß" ist mit Vorsicht angewandt; die Arbeit ist streng mnsivisch. Auffallend ist die Aufhellung des Roth beim Gewände der hl. Maria in der unteren Gruppe; noch stärker tritt diese Abtönung bei einem Krieger im II. Medaillon hervor; vielleicht spätere Reparaturen. (Schlug solzt.) Mein Abschied von den Ptolemiiern. Ein X-Strahl durch die Wiener Clique. Von L. Unser 6n äs sieels hat vier Ereignisse zu nennen, welche der Archäologie und Kunst Funde dargebracht haben, die in ihrer überraschenden Bedeutung unserem Zeitalter den Namen des goldenen der Alterthumsfunde aufdrücken: das Sammelgrab der Oberpriester des Amon; die Wandgemälde des äornns Vstiiornrn (ausu nnovs.) in Pompeji; der Papyrus Rainer und die hellenistischen Bildnisse aus dem Fajjüm. Von dem letzten dieser Funde, von den antiken Porträts, wollen wir hiemir Abschied nehmen, bevor sie, von Museen und Kunstfreunden einzeln angekauft, in alle Welt vertragen werden. Das Auseinanderreißen dieser Sammlung, die nur in ihrer Vollzahl ungetrübten und nachhaltigen tiefen Einblick in die Kunstcpoche der alexandrinischen Schule gemährt, ist ein unverzeihliches Vergehen gegen den künstlerischen Fortschritt unserer Zeit und ein Beispiel gröbsten Undankes gegen jenen opfermuthigen und genialen Mann, der diesen einzigen Bildersund dem Wüstensande von Nubajjat entnommen; gegen Theodor Graf in Wien. Für den Ankauf seines Papyrusfundes fand sich glücklicherweise ein — wenn auch nicht ganz selbstloser — Fürsprecher bei dem kunstkiebenden Erzherzog Rainer; dem Bilderschatz antiker Porträts scheint ein solcher Stern nicht leuchten zu wollen. Blasirt sehen Mäcene, die ! Tausende für Rennpferde zur Verfügung haben» und Fachgelehrte zu, wie ein Stück ums andere der unersetzlich wrrthvollen Sammlung nach allen Weltgegenden vertragen wird; sie beten den Schatz an, aber keiner aus ihnen rührt sich, ihn in seiner Gesammtheit zu Ehren der Culturstaaten zu erwerben und zu halten; schnöde glänzt der Mammon im Säckel, und die gelahrten Herren in Wien schreiben nur, um sich im Abglanz der Selbstüberschätzung zu sonnen, statt auszurufen: Halt, dieser Schatz muß ein Ganzes bleiben! Du hoher 2 :^-Staat, als dessen Kunst-Kustoden du mich angestellt, mußt ihn erwerben! Aber es rührt sich kein braver Mann, denn in Wien — und vielleicht auch anderswo — ist Alles Clique. Wer nicht Mitglied der „Concordia* ist, wird nie seine Werke würdig besprochen sehen; wer nicht Mitglied der „Akademie der Wissenschaften" ist, kaun noch so viel wissen und entdecken, er wird dem Hungerkünstler den Vorrang lassen müssen; wer nicht Mitglied der „freiwilligen Rettungsgesellschaft" ist, darf keinen seiner Nebenmenschen ungestraft retten u. s. w. Ueber das Wiener Cliqucwesen bringt die „Neue Revue", die sich ehrlich bemüht, den socialen Wiener Augiasstall zu säubern, einen geharnischten Artikel *) Adamkiewicz' über seine Erlebnisse an der Albert'schen Klinik. Hoffentlich wird sich bald eine ebenso geist- und kraftvolle Feder finden, die sich über die Wiener Kunst-Clique ausläßt; es wäre herzlichst zu wünschen. Diese Clique hat es aum auf dem Gewissen, daß Graf's Porträt-Schatz nicht als Ganzes erworben wird; von Wien erworben wird, wo er nun zum letzten Mal ausgestellt ist. Wir können den oberen Zehntausend ein gebietendes Wort mit Hoffnung auf Erfolg leider nicht zurufen, aber es soll nicht unversucht bleiben, die berufenen und doch so lethargischen Kreise aufzurütteln. Ueber den Werth der hellenistischen Porträts noch Neue Revue. VII. Jahrgang. 3. Juni 1696. Nr. 23, ein Wort zu schreiben, nachdem ein Georg Ebers alles gesagt, was nur scharfsinnigstem Forschergeist zu untersuchen und zu würdigen bestimmt war, hieße Eulen nach Athen tragen, und eines so billigen Geflügclhandels wollen wir uns nicht schuldig machen. Ebers' Abhandlung^) hatte eine ganze Literatur von Essays in feuilletonistischer Form im Gefolge gehabt, die — wie ja oft in solchen Fällen — theils liebevolle Plagiate der Arbeit EberS' waren, theils dos maßgebende Urtheil des Acgyptologen bestätigten und ihrer Begeisterung in Dithyramben Luft machten. Hat doch die ganze kunstgebildete Welt nur eine Stimme des Entzückens über den Fund Graf's geäußert, und selbst jene Kritik, die ein scharfes Benagen harmlosem Genießen vorzieht, mußte sich zuletzt mit stiller Resignation zufrieden geben. Das Nesums aller Urtheile über die hellenistischen Porträts ergibt die Wahrscheinlichkeit, oder — sagen wir kühn — die Thatsache, daß Graf — wöge dieser selbst darüber zweifeln! — der glückliche Entdecker der Grabstätte und der Porträts der Ptolemäcr ist l Solche Bilder konnten nur von ersten alexandrinischen Künstlern gemalt worden sein, und solche Künstler konnten in jener Zeit nur von Königen berufen und — bezahlt worden fein. Solch hohritsvollen Blick konnte nur ein Lagide haben. Und zum ganzen Ausdruck der würdevollen Erscheinung der größeren Hälfte der Porträts gesellt sich der überzeugende Umstand, daß die Brust und das Haar der Männer und Frauen mit den Abzeichen der königlichen Würde geziert ist. Und wenn diese Porträts nicht jene der Ptolemäer sind, welche Heimgegangenen sollen sie sonst vorstellen? Vielleicht sind es — Kur in der Kalauer-Manier dcS Kunstkritikers, dem wir den Schluß unserer Betrachtung widmen wollen, zu vermuthen — die sprechenden Photographien von Mitgliedern der alexandrinischen Feuerwehr oder des Radfahrer-Vereines in Fajjum? Wenn man diesen herrlichen Werken en- kaustischer Malerei in das lebenswarrue Antlitz schaut, da ist es nicht zu kühn, zu behaupten: Nr. 4 ist daS Porträt des Lagos (Soter I.), Nr. 22 jenes Phila- delphos' I., Nr. 61 jenes Eucrgetes' II., und Nr. 12 ist daS LnIaLS der Kleopatra, deren bekanntes Profil aus Münzen in überzeugender Treue für den Bildsund spricht. Und so kann man an der Hand der alten Schriftsteller in jedem der Bilder oen Lagiden errathen. Bei unserer kühnen Behauptung thut uns nur der erwähnte Kunstkritiker leid, der sofort ins Tintenzeng stürzen wird, um zu beweisen, daß unsere Bilder nicht jene der Ptolemäer sind, denn unser Kritiker glaubt an die Existenz eines Alexander erst, wenn er ihm persönlich vorgestellt wird! Wenn es die p. t. Zunftgelehrten einmal soweit gebracht haben werden, mehr zu schauen als zu zweifeln, werden sie, wie der lustige Scholz sagte, immerhin noch nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden. EZ muß aber auch Käuze geben, die selbst dann leugnen, wenn sie von der Wahrheit einer Sache überzeugt sind, denn jeder blamirt sich, so gut er kann. So lange der Spruch: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellanfabrik" das Urtheil der akademischen Gelehrsamkeit im Zaume hält, wird sich die Archäologie nie zu höchsten Erfolgen entwickeln können und zum Schaden des zu bildenden Volkes ein ewiges Versuchskaninchen bleiben. Zum ersten Mal war Graf's Sammlung im Jahre *) Antike Porträts. Die hellenistischen Bildnisse aus dem Fajjum untersucht und gewürdigt von Georg Ebers. Verlag vo» Wilhelm Engelmami. Leipzig, 1893. L31 1890 in Wien ausgestellt, nachdem sie ihre Fahrt von Kunststadt zu Kunststadt zurückgelegt; nun nach fünf Jahren ist sie ebendort zum letzten Mal als Ganzes zu sehen. Wie damals, bildet sie auch heute den Gesprächsstoff aller Kunstfreunde und Fachleute, und die Tagesblätter füllen ihre Spalten statt mit socialem Hetzsaft mit dem friedlichen Atrament der Belehrung. Wieder Pilgern sie alle, die Akademie-Professoren, die Blaustrümpfe, die Maler und Bildhauer und Kunstdilettanten zum Kolowratring Nr. 7, um zu bewundern und den vollen, von zweifelnder Kritik nunmehr unbe- nagten Eindruck der Kunstschätze cinzusaugen; sie haben sich im Zeitraume von mehr als einer Olympiade zu verständiger Kunstanschauung dieser Porträts vorbereiten können, und auch jene Wenigen, die damals leichthin zweifelten, haben sich bekehrt wieder eingestellt. Und zu diesen Bekehrten gehört nun endlich auch Dr. Jlg, der Skeptiker und Versuchs-Archäolog, den der böse Wiener Volksmund den Blechdirektor nennt, weil er Kustos einer Waffensammlung ist und oft auch Blech urtheilt. Wir schätzen Herrn Jlg als gewandten und witzigen Journalisten, aber als crnstzunehmender Archäologe und Kunstreferent kommt er uns zu lustig vor; als letzteren hat ihn erst neulich Ernst Stöhr in der Deutschen Zeitung „niedcrgebögelt" I Und als Archäolog ist er uns Oester- reichern in schlimmer Erinnerung, als er den Theseus aus den Tempel eskamotiren und leider auch amputiren ließ und an den Erzbildsäulen in der Hofkirche zu Innsbruck naive Glanzwichsversuche anstellte. Seit diesen Thaten scheint Herr Jlg vorsichtig geworden zu sein, und wir freuen uns, daß er nun nach fünf Jahren auch zu den insichgegangenen Bewunderern der hellenistischen Porträts gehört. Damals war er sehr bös darüber, daß Künstler allerersten Ranges die antiken Porträts in eine Reihe mit den besten Bildern moderner Meister stellen, und heute findet er sogar in den Todtenmasken von Balansnrah, die diesmal zugleich mit den Todtenpertrüts ausgestellt sind, Züge „welche an jene von unseren heut noch begegnenden reizvollen Jüdinnen erinnern". Diese Ähnlichkeit findet Jlg erst heute an den Todtenmasken heraus — wo sie gar nicht vorhanden ist — und er hätte sie vor fünf Jahren weit eher in den Zügen der ägyptisch-griechischen Todten Porträts herausfinden können. Wer reitet so spät durch Nachl und Wind? Aber ganz verwinden kann es der witzige Journalist nicht, daß seine vor fünf Jahren gewagte Ansicht über den Werth der Todtenbilder ganz und gar ignorirt wurde; er benützt die Neuausstcllung und schlägt nochmals aus, wie der kritische Pegasus vor dem Verenden, und findet die Echtheit der Todtenmasken bedenklich. Das ist eine sehr bequeme Manier: wenn man an einem Funde mit bestem und schlechtestem Willen nichts deuteln kann, so erklärt man ihn einfach für unecht. Herr Jlg leitet sein Gutachten mit einem Hieb auf das „Dilettanten- geschwntz" ein, das sein Veto vor fünf Jabren ganz unbeachtet ließ; wärmt einen Brief A. v. Werners auf und legt dann los: „Wenn die strenge archäologische Untersuchung die ganze Sache (die Todtenmasken von Balansnrah) ohne alles Bedenken und Zweifel anerkennen sollte, wie wir hoffen, so wären diese farbigen Gesichtsmasken ein großartig interessanter Fund." Diesen gewagten Spruch Jlgs möge Herr Graf, der uns auf eindringliche Bitte seine Duplik übergeben — diese Wiener Geschichte der Bilder ist es wohl werth durch den Druck festgehalten ZU werden —- selbst am Schlüsse unserer Betrachtung widerlegen; wir wollen nur einige Worte über den genannten Brief A. v. Werners sagen. A. v. Werner! haha! der famose Humorist und unerreichte Illustrator Scheffels, dem der Schalk im Nacken sitzt, hat ein Gutachten über die hellenistischen Porträts abgegeben, und Herr Jlg hat es für bare Münze genommen! A. v. Werner, der witzsprühende Zeichner des KaterS Hiddigeigei, und — ein Urtheil über antike Porträts! wie reimt sich das zusamm'l Herr Jlg hat sich offenbar an die unrichtige Adresse gewendet, und A. v. Werner mag, als er den Brief Jlgs mit der Bitte um sein Gutachten bekam, wie der selige Kater meditirt haben: Hiddigeigei spricht, der Kater: „Sonderbar verkehrte Wett. Der in einer Zeit voll Hader Dies Floitiren noch gefällt . . . Kosmisch ungeheure Fragen Stürmen auf den Denker ein, Kein Orakel weiß zu sagen, Welche Lösung mag gedeih'n." Und die Lösung bestand darin, daß A. v. Werner als gebildeter und stets liebenswürdiger Mann antwortete, jedoch erklärte, „nicht sachverständig" zu sein. Warum sich Herr Jlg trotzdem auf den Brief Werners beruft, ist uns ebenso unverständlich wie die Reclame über Wasmuth's Hühneraugenringe in der Uhr. (Schluß folgt.) Historische Commission bei der k. bayer. Akademie der Wissenschaften. (Bericht deS Sekretariats über die 37. Plenarver- sammlung der historischen Commission.) Seit der letzten Plenarversammlung im Juni 1335 sind folgende Publikationen durch die Commission erfolgt: 1. Allgemeine deutsche Biographie. Band XXXIX, Lieferung 4, 5. Band XI,. Band XII, Lieferung 1. 2. Chroniken der deutschen Städte. Band XXIV. Band III der niederrkeinischen und westfälischen Städte: Soest, Duisburg. 3. Deutsche NeichStazSakte» unter Kaiser Karl V. Band II. 4. Briefe und Aktcu zur Geschichte des 16. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht aus Bayerns Fürstenhaus. Band IV. Die Hansarecesse sind dem Abschluß nahe. Der Herausgeber Dr. Koppmann, hat den Druck des 8. Bandes bis S. 368 gefördert und denkt im Herbst des gegenwärtigen Jahrs ihn zu Ende zu fuhren. Die Chroniken der deutschen Städte, unter der Leitung des Geheimen NathS von Hegel, sind bei ihrem 25. Band, dem 5. Band der Chroniken der Stadt Augsburg, bearbeitet von vr. Friedrich Roth, angelangt, dessen Text bereits fertig gedruckt ist. Nacb Hinzufügung des Glossars und des Registers wird er demnächst erscheinen. Er enthält die „Chronik neuer Geschichten" von Wilhelm Rcm, 1512—1527, nebst fünf Beilagen, unter welchen besonders bemerkenswerth ist die Relation über den Reichstag von Augsburg 1530 aus der Chronik von Langenmantel. AIS 26. Band ist ein zweiter Band der Magdeburger Chroniken in Aussicht genommen, deren erster Band, der siebente der ganzen Reihe, die Magdeburger L:chöffenchronik, bearbeitet von Jan icke, enthält. Für den zweiten Band ist die hochdeutsche Fortsetzung dieser Chronik bis 1566 und die Chronik des Georg Butz 1467—1551 bestimmt. Die Bearbeitung hat vr. Drtt- mar, Stadtarchivar von Magdeburg, übernommen. Ferner wird vr. Koppmann, sobald er die nöthige Muße gewinnt, an die Bearbeitung des zweiten Bandes für Lübeck gehen. Die Jahrbücher des deutschen Reichs haben eine sehr empfindliche Einbuße erlitten durch den am 10. Februar 1396 erfolgten Tod unseres Mitarbeiters, des Geheimen Hof- raths Winke lmann. Er war bis zu seinem Tod mit dem zweiten Band der Jahrbücher des ReichS unter Kaiser Friedrich II. beschäftigt. Das Manuskript für die Jahre 1223—1233 liegt druckfertig vor und soll demnächst als zweiter Band veröffentlicht werden. Zur Fortsetzung und Vollendung des Werkes. 232 für welche der Verfasser durch die Neubearbeitung der Böhmcr- scken Regelten die Grundlage geschaffen hat, ist bisbew ncch kein Gelehrter bereit gesunden worden. Für die Jahrbücher des Reichs unter Otto II. und Otto III. hat Dr. Ublirz die Sammlung und Sichtung des gesammten Quellensloffs beendigt und wird jetzt an die Ausarbeitung gehen. Die Arbeit für die Jahrbücher unter Heinrich IV. und HeinrichV. hat Professor Meyer von Knonau wieder ausgenommen und wird, wenn auch neuerdings durch die Geschäfte dcS NcctcratS der Züricher Hochschule behindert, nach Möglichkeit den dritten Band des Werkes fördern. Die Geschichte der Wissenschaften in Deutschland hat in diesem Jahre einen erfreulichen Fortschritt zu verzeichnen. Von den drei noch immer ausständigen Werken ist eines, die Geschichte der Geologie und Paläontologie vcm Geheimen Ratb von Zittel, dem Abschluß nahe gerückc. Das druckscrtige Manuskript reicht bis 1820, die Vollendung des Ganzen glaubt der Verfasser für den Mai 1807 in Aussicht stellen zu dürfen. Die Allgemeine deutsche Biographie, unter der Leitung des Freiherrn von Lilicucron und des Geheimen Raths Wegele, nimmt ihren regelmäßigen Fortgang. Der Sckluß des 41. Bandes ist bald nach Ablauf des Geschäftsjahrs (1. Juli) zu erwarten. Die Redaction beschäftigt sich bereits mit den Vorbereitung für die NachtragSbände sowie für das allgemeine NamenSregister zum ganzen Werk. Die ReichStagsakten der älteren Serie, unter Leitung des Professors Quidde, sind endlich zum Beginn der Drucklegung eines neuen Bandes gelangt, nämlich des von Dr. Beckmann bearbeiteten elften Bandes, der den Schluß der Regierung Sigmunds, die Zeit nach der Kaifcrkrönung, enthalten soll. Dr. Beckmann hat nach der vorigen Plcnar- versammlung noch das Venetianische Staatsarchiv besucht, dort die Arbeit für die Jahre 1433 — 1439 abgeschlossen, dann nach seiner Rückkehr die Fertigstellung deS Manuskripts unternommen, eine Arbeit, die längere Zeit in Anspruch nahm, als im vorigen Jahr vorausgesehen war, indem die Behandlung deS spröden Materials der kirchenpolitischen Verbandlungen nnd die Anordnung der für den Zusammenhang unentbehrlichen Akten, die sich in den Rahmen der ReichStagsakten nickt reckt fügen wollten, große Schwierigkeiten verursachte. Ende April wurde das Manuskript der ersten großen Haupiabtheilung „Entwicklung der Kirchenfrage von Sigmunds Kaiserkiönnng bis zum Reichstag von Basel Juni bis Oktober 1433" dem Druck übergeben. Im Fortgang deS Drucks, der keine Unterbrechung erfahren soll, wird sich deutlicher herausstellen, ob eS zweckmäßig sei, vie letzten Reichstage Sigmunds als einen besonderen zwölften Band abzutrennen. Der zehnte Band, die Nomzugszeit umfassend, von Dr. Herre bearbeitet wird voraussichtlich noch vor Erscheinen des elften Bandes drnckfertig werden. Dr. Herre hat im vorigen Sommer zuerst zur Unterstützung Dr. Beckmanns in Venedig, dann in Mailand gearbeitet, darauf die Bearbeitung der Con- cilSakten für seinen Land durch Benützung der Pariser Handschriften, die nach München gesandt worden sind, abgeschlossen und neben der Bearbeitung der Texte seine weit ausgreifenden Untersuchungen über die Vorgeschichte des Romzugö dermaßen gefördert, daß die Einleitung im Sommer druckfertig werden wird, die Vollendung des ganzen Bandes aber bis zur nächsten Plenarvenammlnng in Aussicht gestellt werden kann. In München wurden außer den Pariser Handschriften auch noch solche aus den Bibliotheken zu Wien, Trier, Wvlsenbüttel und München, Archivalicn von Nördlingen, Würzburg und München benutzt. Hervorzuheben ist die Ausbeute, welche daö für die ReichStagsakten bisher noch nicht benutzte Geheime Hausarchiv zu München gewährt hat. Nothwendig wird für Band 10 noch eine Nachlese an Ort und Stelle in Wien, vielleicht auch in DreSden sein. Für die Reichstagsakten der jüngeren Serie war wie bisher Dr. Wrcde mit Unterstützung von Seiten deS Dr. Bernays thätig. Der zweite Band der ReichStagsakten unter Kaiser Karl V. ist der Plenarvcrsammlung überreicht worden. Neben dem Druck desselben hat die Redaction des dritten Bandes begonnen, dessen Material im wesentlichen vorliegt. Derselbe wird die Ansänge des NegimentS und den ersten Reichstag zu Nürnberg März und April 1522, den Städtetag zu Eßlingen voni Juni 1522, den zweiten Reichstag zu Nürnberg November 1522 bis Februar 1523, den neben diesem Reichstag hergebenden Städtetag und womöglich auch noch den Städtetag zu Speyer vom März 1523, der eine unmittelbare Folge deS Reichstags ist, umfassen. Der erste Reichstag von Nürnberg gestattet eine knappe Behandlung. Die Städtetage hereinzuziehen ist unerläßlich, da es sich aus ihnen ganz vorwiegend um die gemeinsame Stellung der Stävte zu den gefaßten oder zu fassenden Neichtagsbcschlüsscn handelt; übrigens ist daS für sie vorhandene Material gering, mit Ausnahme des Tags von Speyer. Den breitesten Platz im dritten Band wird der zweite Reichstag von Nürnberg einnehmen. Da über diesen viel weniger veröffentlicht ist als über den Wormser Reichstag, wird der dritte Band mehr Neues bringen können, als der zweite. Aus dem, was bisher noch gänzlich unbekannt war, mag hervorgehoben werden ein ausführliches, aus der Mainzer Kanzlei stammendes Protokoll über die erste Hälfte deS Reichstags, und eine ausführliche Gegenschrift der Erz- bischöfe und Bischöfe gegen die Gravamina. (Schluß folgt.) Recensionen nnd Notizen. Im Verlage der F. I. Ebenhöcb'schen Buchhandlung (Heinr. Korb) in Linz a. d. D. erschien soeben: Eben hoch, Dr. Alfred, ReichSraths-Abgeordneter, Wände runaen durch die Gesellschaftspolitik. 8°. 280 S. Pr. brosch.fl. 1.80-M. 3.20. Dieses mit Spannung erwartete zeitgemäße Werk enthält folgende Capitel: 1) Ursprung und Ende; 2) Die Gesellschaft; 3) Die Staatsgewalt; 4) Die Menschcnrechte; 5) Bilder aus vergangener Zeit; 6) Am Ende des 19. Jahrhunderts; 7) Die Arbeitcrschntz-Gcsetzgebung Oesterreichs; 8) Rück- und Ausblick. Im erste» Capitel schildert der Verfasser daS Weltall und den Menschen. Das zweite Capitel entrollt ein Bild der menschlichen Gesellschaft, bewein die sociale Natur des Menschen, verbreitet sich über das Wesen nnd die Bedeutung der sccialen Frage und bespricht die Institution der Ehe und Familie. Das dritte Capitel bandelt vom Ursprünge der Staatsgewalt, deren verschiedenen Formen und insbesondere vom ständischen Staate und vom heurigen ConstitutioiialiSmus. Im vierten Capitel werden die wahren Menschenrechte geschildert. Das fünfte Capitel führt uns in die Zeilen dcS Mittelaltcrs zurück. DaS sechste Capitel gibt ein Bild des heutigen Zustandes der Gesellschaft. Das siebente Capitel gibt den Wortlaut der österreichischen Arbeiterschutzgesetze und reiht daran die neuesten Daten, wie sie in den Berichten der Gewcrbe-Jn- spectoren u. s. w. officicll niedergelegt sind. Das letzteCapitel gibt einen kurzen Rück- und Ausblick. — Das Buch dürfte, insbesondere da es nickt im Stile eines LcbrbucheS, sondern populär gehalten ist, ein willkommenes Hilfsbuch sein für Alle, welche in die Lage kommen, in politischen Vereinen u. s. w. die sociale Frage mit Allem, was d'rum und d'ran hängt, zu besprechen. Jbo, Küchen-Poesie. Kocbrccepte in Versen. Preis M. 150. Augsburg, Lampart u. Comp. ». Vor uns liegt ein kleines, nett ausgestattetes Büchlein. Es betitelt sich „Kücken-Poesie". In viele» munteren Versen bietet es Anleitung zur Herstellung unserer Leibgerichte. Jedenfalls ist es ein guter Gedanke, all die Kücken-Prosa mit dem anmuthigen Mantel der Poesie zu umkleiden, und vielleicht gelingt es auch noch, manchen jungen Damen, die vor der Küche und allem, was damit zusammenhängt, zurückschaudern, durch diese sinnige Art ihren Schrecken zu benehmen, wofür vielleicht später mancher Ehemann dem Autor Dank wissen wird. R. „WasjederWählerwissen soll!" Unter diesem Titel hat der bekannte Arbcitcr-Nedncr vom letzten Münchner Katholikentag, Herr Carl Schirmer, Schlosser, eine Zusammenstellung der wichtigsten Bestimmungen über Reichstags-, Landtags-, Gemeinde- und GewerbegericktSwablen mit einem Anhang: das Versammlungs- und Vercinsrccbt, Plakate, Flugschriften, Geld- sammlungen betreffend, im Selbstverläge (Adalbertstr. 19) erscheinen lassen. Das dankenswerthc Schriftchen bringt in gemeinverständlicher Sprache unter Benützung amtlicher Quellen Alles, was thatsächlich jeder Wähler wissen sollte, und kostet nur 20 Pfg. _ Bimetallistische Monatsschrift. Berlin, Verlag von Herm. Walter. Preis per Jahr (12 Hefte) 10 Mark; einzeln 1 Mark. II. Jahrg. 1. Heft enthält u. A.: Zur Lage. — Die Hauptversammlung der französischen Bimetallistenliga. — Wichtige Aeußerungen, die Währungsfrage betr. — Die Währungsfrage und die Vereinigten Staaten. Vetantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von HqaS L Grabherr in Augsburg.