Ein neues Lehrbuch der Volkswirthschaft?) I?. II. Die jüngste aller großen Wissenschaften, die Nationalökonomie, entstanden in der Zeit des beginnenden SubjectivismuS und des Verdrängens fast aller sittlichen und religiösen Grundsätze aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Leben, konnte naturgemäß nicht sofort und auch nicht nach kurzen Dccennien mit einem erprobten und brauchbaren Systeme vor die Schule und die Oeffent- lichkeit treten. Es bedurfte mehr als eines Jahrhunderts des Kampfes der widersprechendsten Meinungen, selbst unter katholischen Sociologen, bis man endlich in den allerwesentlichsten Grundzügen und in den allgemeinen Erfahrungen eine gewisse Uebereinstimmung erzielte. In Deutschland speciell hat die socialreformatorische Thätigkeit des Centrums nicht zuletzt dazu beigetragen, eine Annäherung der socialpolitischen Anschauungen, vor allem in christlichen Kreisen, herbeizuführen. Damit machte sich aber auch der Mangel eines eigentlichen, die nationalökonomische Wissenschaft auf positiv-christlichen, ethischen Grundsätzen umfassend behandelnden Lehrbuches immer fühlbarer.* **) Diesem Mangel will ein vor kurzer Zeit erschienenes Werk eines englischen Nationalökonomen abhelfen. Es ist das Buch von Charles S. Devas, „Grundsätze der Volkswirthschaftslehre", von welchem nunmehr eine treffliche deutsche Uebersetzung und Bearbeitung aus der Feder Dr. Walter Kämpfe's vorliegt. Das Werk, von einem Engländer für Engländer geschrieben, wurde von Dr. Kämpfe (Salzburg), der durch verschiedene tüchtige Arbeiten auf focialpolitischem Gebiete hiezu bestens legitimirt war, in einem ziemlich bedeutenden Umfange einer Umarbeitung unterzogen. Es wurden die nur für England Interesse besitzenden Stellen gestrichen, dagegen vieles einverleibt, was für deutsche und österreichische Leser von Wichtigkeit ist; zugleich wurde auch auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der übrigen Culturstaaten gebührend Rücksicht genommen. Die von dem Uebersetzer dem Buche neu einverleibten Stellen sind durch ein „Verzeichniß der Zusätze deS Ucbersetzers" kenntlich gemacht. Die „Volkswirthschaftslehre" von Devas - Kämpfe ergeht sich nicht in langen Abhandlungen und geistreichen Versuchen zur Lösung verwickelter wirthschaftlicher Probleme, sie versucht nicht, wie die Doktrinäre der sogen, klassischen Nationalökonomie, durch die Brille vorgefaßter Ideen das wirthschaftliche Leben zu beurtheilen und eS auf denselben aufzubauen, sie rechnet mit den Thatsachen und mit den Erscheinungen des wirthschaftlichen Lebens. Das Werk will nicht in erster Linie ein Lehrbuch wirthschaftlicher Theorien, sondern ein Lehrbuch des wirthschaftlichen Lebens sein. Das ist die Voraussetzung, mit welcher die Lektüre des Werkes begonnen werden muß. Eine geistreiche Erforschung wirthschaftlicher Räthsel wollten und konnten der Verfasser und Grundsätze der Volkswirthschaftölehre. Von Charles S. Devas. Examinator der politischen Oekonomik an der kvnigl. Universität von Irland. Uebersetzt und bearbeitet von Dr. Walter Kämpfe. Frciburg, Herdcr'sche Verlagshandlung. Preis 7 M. **) Dr. Natzingcr's ausgezeichnetes Werk „Die Volkswirthschaft in ihren sittlichen Grundlagen" ist kein Lehrbuch der Nationalökonomie und soll es nach der Absicht des Verfassers jedenfalls auch nicht sein. Uebersetzer, nach dem Zwecks, welchem das Buch dienen will, nicht liefern. Das ganze Werk ist in vier Theile oder Bücher gegliedert und stellt in dieser seiner Eintheilung einen natürlichen Aufbau der nationalökonomischen Wissenschaft und ihrer Faktoren dar. Das erste Buch behandelt die Produktion und Consumtion und bespricht die grundlegenden Begriffe der Volkswirthschaftslehre, die produktiven Eigenschaften der Erde und des Menschen, die Arbeitsorganisation, das Familienleben, die Güter- Produktion und Consumtion. Das zweite Buch ist „Der Güteraustausch" betitelt. Es bespricht den Güteraustausch im Allgemeinen, die freie und nichtfreie Preisbildung, den internationalen Handelsverkehr, das Geld und den Credit. DaS dritte Buch erörtert die Vertheilung der Güter. Es werden darin der Unternehmergewinn, der Zins und die Arbeitslöhne, sodann das Verhältniß von Reichthum und Armuth, die Berechtigung des Reichthums und die verschiedenen socialen Organisationen und Ordnungen besprochen und endlich am Schlüsse die verschiedenen Versuche zur Lösung wirthschaftlicher Schwierigkeiten vorgeführt. Das vierte und letzte Buch ist unter der Ueberschrift „Nachträge" der Oekonomik des Staates, d. i. vorzugsweise der Finanzwissenschaft gewidmet. Das vorletzte Kapitel behandelt die „Aufgabe und Methode der politischen Oekonomik", das letzte, vom Uebersetzer bedeutend erweiterte Kapitel gibt eine gedrängte Uebersicht über die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft. Man ersieht aus vorstehender Zusammenstellung, welch gewaltiges Gebiet der Verfasser in seiner Volkswirthschaftslehre dem Leser vorführt. Kaum eine Seite des wirthschaftlichen Lebens ist in derselben unberücksichtigt gelassen. Daß an einzelnen Stellen, trotz der Elimination des nur für englische Verhältnisse Giltigen, die Anschauung des Engländers noch etwas durchklingt, kann nicht überraschen. Es würde zu weit führen, alle einzelnen Partien deS Werkes zu besprechen, und wir begnügen uns hier damit, einzelne Punkte herauszugreifen. Vor allem ist es ein Vorzug desselben, daß der Verfasser gleich am Eingänge mit festen Begriffen an den Leser herantritt und dieselben kurz definirt. Diese volkswirthschaftlichen Begriffe sind, mit gutem Grunde, nicht zu enge umschrieben; denn einerseits sind ja viele Begriffsbestimmungen und tarwini tsasinioi einer steten Veränderung unterworfen, anderseits ist über manche derselben überhaupt keine Einigkeit zu erzielen. Etwas zu weit scheint uns indeß der Begriff „Kapital? gefaßt zu sein. Sehr schlagend werden einzelne Irrthümer der älteren und neueren Nationalökonomen widerlegt. In den Kapiteln über „Produktion" z. B. wird von Devas, bei Besprechung der „Gesetze" von der abnehmenden und von der wachsenden Erträglichkeit, mit klaren Gründen dem Optimismus von der steten und uneingeschränkten Vermehrung des Prodnktionsertrages widersprochen. Ebenso klar und treffend werden bei allen zur Aufzählung kommenden Errungenschaften der „technischen Revolution" neben den Licht- auch die Schattenseiten hervorgehoben: der Untergang der Kleinmeister, die viel zu wenig beachtete Abschwendung der Wälder, die Uebel- stände der großen BepLlkMngsceniren usw. Aehnlich 258 werden bet Besprechung des Gewerbes und der Land- wirthschaft sowohl die Schäden des Zwergbetriebes als auch der großen Unternehmungen, der übermäßigen Zerstücklung wie der Latifnndienbildung berücksichtigt und — damit Zusammenhängend — in dem Abschnitte über das Familienleben die Eigenart und die Vortheile des Wirthschaftsbetriebes durch die sogen. Stammfamilie in instruktiver Weise hervorgehoben. Der Frage und Gefahr der drohenden Ueber- völkerung wird eine besonders ausführliche Erörterung zu theil, und wir haben gerade diese ernste Frage noch selten so eingehend und ruhig behandelt gesehen, wie in dem vorliegenden Werke von Devas-Käwpfe. Wenn der oder die Verfasser auch die Gefahren der kommenden Uebervölkcrung nicht in zu düsteren Farben malen, so erkennen sie diese Gefahren doch vollkommen an und verfallen nicht in den bedauerlichen Optimismus mancher volkswirthschaftlicher Schriftsteller, die im Hinblick auf die drohende Calamität fatalistisch allein auf die göttliche Vorsehung vertrauen. — Eine ebenso eingehende und gewissenhafte Erörterung wie die Uebervölkerungsfrage findet die Wohnungsfrage. Das zweite Buch, „Der Güteraustausch", beschäftigt sich hauptsächlich mit praktischen Fragen. Die Vortheile des Handels werden gebührend hervorgehoben, jedoch nicht überschätzt. Denn „das Glück des Landes läßt sich nicht nach der Höhe der Export- und Import- ziffern bemessen". Sehr eingehend sind die Ausführungen über die Preisbildung, welche zu den besten Partien des Buches zählen. Devas bestreitet u. a>, daß ein vom Marktpreis ganz verschiedener, sogen, natürlicher Werth und Preis anzunehmen sei. Der einzige — zwar nicht vollkommene, aber immerhin einzige — Werthmesser ist der (Markt-)Preis. Aus den Ausführungen über das Geld und Münz- wesen wollen wir nur hervorheben, daß der Verfasser für eine einheitliche Währung, bezw. Goldwährung, eintritt. Fast noch ausführlicher wie die Preisbildung ist der Credit behandelt, wohl in der richtigen Erwägung, daß auf dem Credite unser ganzes modern-wirthschaftliches Leben beruht. Sehr einfach ist die Seite 258 vom Verfasser gegebene Definition des Credits als „die Bewilligung des Aufschubs von Zahlungen". Die Vortheile des Wechsels und die Bedenken gegen denselben, d. i. vornehmlich die Ausdehnung der Wcchselfähigkeit auf nicht kaufmännisch Gebildete, werden richtig vorgeführt. Das Bankwesen ist klar behandelt; sehr praktisch ist die Uebersicht über die Notenbanken der einzelnen Staaten. Vom eigentlichen Bankwesen ist die Börse zu unterscheiden, die mit ersterem nicht identisch ist, sondern nur einen Theil desselben bildet. Die Gefahren des Börsen- treibens (Handel mit Scheinwerihen und werthlosen Papieren, Ausbeutung Unerfahrener) werden im Einzelnen aufgezählt, doch dürften die Ausführungen des englischen Nationalökonomen über die Termingeschäfte in Deutschland nicht in jedem Punkte Zustimmung finden. Praktisch und brauchbar sind die Vorschläge zur Bekämpfung des Wuchers. Ein besonders erfolgreiches Mittel gegen die Auswucherung und Verschuldung des Bauernstandes bildet die Heimstätte. Für die ärmeren Volksklassen sind die Konsum vereine ein Mittel zur Förderung des Wohlstandes, da dieselben vor allem der Unsitte, die Bedürfnisse auf Borg einzukaufen, entgegenwirken. Leider Hat der Verfasser unterhassen, die. aus diesen Vereinen > für den seßhaften Kaufmanns- und Gewerbcstand hervorgehenden Schädigungen zu beleuchten. Im dritten Buch, „Die Vertheilung der Güter", unterscheidet Devas drei Einnahmequellen: Lohn, Zins und Unternehmergewinn. Der Grundrente wird, im Gegensatz zu anderen Nationalökonomen, kein besonderer Platz unter den Einnahmequellen angewiesen, da sie von den vorgenannten in keinem wesentlichen Punkte verschieden ist. Ferner wird in diesem Buche vom Verfasser noch eine ganze Anzahl von Theorien der modernen und liberalen Volks- wirthschaftler in schlagender Weise widerlegt und ver- urtheilt; so z. B. die Theorie von der „Gleichheit der Gewinne", von der „Gleichheit der Löhne", von der Durchführung eines „Minimallohnes" usw. Das Kapitel über den Zins ist sehr instruktiv, ohne sich in die Fragen über die Erlaubtheit oder Nicht- erlanbtheit des Zinses u. a. besonders zu vertiefen. DaS Gleiche gilt von der Abhandlung über die Arbeitslöhne. Nach dem Verfasser ist ein fortgesetztes Sinken des Zinsfußes, falls keine politischen Katastrophen eintreten, wahrscheinlich. Mit den die Überschriften „Die Reichen und die Armen" und „Die Berechtigung des Reichthums" tragenden Abschnitten können wir uns, so viel Vollberechtigtes und Wahres dieselben enthalten, nicht ganz einverstanden erklären. Uns wäre es viel lieber gewesen, wenn DevaS, statt die Nothwendigkeit von Reichthum und (weitverzweigter) Armuth so ausführlich hervorzuheben, mehr die Nothwendigkeit eines weitverbreiteten Mittelstandes betont hätte. Der englische Verfasser scheint uns auch das bekannte Werk von A. Smith über den Reichthum etwas zu milde zu beurtheilen und wir vermuthen, daß ihm bei Abfassung seiner Volkswirthschaftslehre die englischen Zustände zu sehr vor dem Auge gestanden haben. Ucbrigens scheint Devas den Begriff der „Armuth" etwas weit gefaßt zu haben. Bei den Besprechungen der socialen Organisationsformen, deren der Verfasser fünf unterscheidet, hätten wir eine etwas hervorragendere Würdigung und Beachtung der genossenschaftlichen Form der Social- ordnung gewünscht. Die genossenschaftliche oder cor- porative Organisation der Gesellschaft ist nun einmal eine der ersten — wenn nicht überhaupt die erste — Aufgaben der heutigen Socialreform; ohne diese Organisation ist unseres Erachtens eine befriedigende Lösung der socialen Frage undenkbar; ohne die Organisation der Berufsstände ist besonders die Gefahr vorhanden, daß die Socialreform immer mehr auf jenes Gebiet gedrängt wird, welches man als „Staatssocialismus" zu bezeichnen pflegt, und daß somit das Hauptergebniß dieser Reform in einer neuen Vergrößerung der großen burcau- kratischen Macht besteht. Es wird daher das achte Kapitel dieses Buches, richtiger: die darin zu Tage tretenden Anschauungen, einen conservativen deutschen oder österreichischen Socialpolitiker kaum befriedigen. DevaS scheint auch kein besonders begeisterter Anhänger der obligatorischen Innungen zu sein; er hält die Frage, ob obligatorische Genossenschaften oder freie, von relativ untergeordneter Bedeutung (Seite 393). Zu optimistisch sind endlich seine Ausführungen über die Vortheile der Aktiengesellschaften. Das folgende Kapitel des dritten Buches erörtert die „ungeregelten socialen Beziehungen" und wirft interessante Streiflichter auf die englischen Ver- 259 hältnisse, besonders in Mitte des Jahrhunderts. Ein ferneres Kapitel, „Die Regelung socialer Verhältnisse durch Intervention des Staates", stellt eine übersichtliche und sehr brauchbare Zusammenstellung der in den verschiedenen Culturstaaten bestehenden Gewerbe- und Arbeiterschutzgesetzs dar, während im letzten Kapitel des Buches ein Ueberblick über die verschiedenen trügerischen Lösungen wirthschaftlicher Schwierigkeiten geboten wird. Es ist darin vor allem der Socialismus besprochen. Im Nachtrage des Werkes werden, wie bereits erwähnt, die Finanz wirthschaft des Staates und die Aufgabe und das Wesen der politischen Oekonomik abgehandelt. DaS Nachtrags-Buch und das ganze Werk schließen mit einer gedrängten Uebersicht über die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft ab. Aus den Ausführungen des Verfassers und tteber- setzers über die Oekonomik des Staates möchten wir noch den die Einkommensteuer behandelnden Passus hervorheben. Wird diese Steuer doch gerade zur Zeit von einzelnen Parteien als die allein gerechte verfochten und soll ferner dieselbe in Oesterreich allgemein zur Einführung kommen. Auf das Verlangen, die Gesammt- summe der Staatsausgaben und sogar die Ausgaben der Lokalverwaltungen durch die Einkommensteuer aufzubringen, läßt sich, wie der Verfasser anführt, nur eine Antwort ertheilen, die sich in das Schlagwort zusammenfassen läßt: Iwpot unicjus (Seite 459). Das heutige wirthschaftliche Leben ist so complizirt und so vielfältig, daß eine Steuer nirgends und niemals ausreichen wird, um eine richtige und gerechte Besteuerung zu ergeben. Von diesen verwickelten wirthschaftlichcn Verhältnissen haben die Anhänger der ausschließlichen Einkommensteuer, deren Führer sich fast nur aus Theoretikern und Stubengelehrten zusammensetzen, kaum eine Ahnung. Wir schließen hiemit unsere Andeutungen über den reichen Inhalt der Volkswirthschaftslehre von Devas- Kümpfe. Sollen wir den wesentlichsten Vorzug des Buches kurz hervorheben, so müssen wir mit dem Ueber- setzer sagen: »die entschiedene Betonung der Volkswirthschaftslehre als einer ethischen Wissenschaft, als eines Zweiges der Moralphilosophie." Dazu kommt, daß sich der englische Nationalökonom überall als ein logischer Denker und nüchterner Praktiker erweist, welcher bei allen wirthschaft- lichen Erscheinungen gewissenhaft die Licht- und Schattenseiten abwägt, der nicht von einem fictiven, sondern von einem wirklichen Menschen ausgeht, welcher nicht mit Phrasen und vorgefaßten Meinungen, sondern mit Grundsätzen und Thatsachen operirt. Das Buch von DevaS- Kämpfe mag hiedurch für manchen Leser nicht genug des Interessanten bieten, allein gerade das müssen wir als einen besonderen Vorzug eines objektiven und brauchbaren Lehrbuches betrachten. Die Sprache des Werkes hat nicht die Eleganz derjenigen vr. Ratzinger's. Aber sie „zeichnet sich", wie es im Vorworte des UebersetzerS mit Recht heißt, „durch Klarheit der Begriffe, durch Kürze und Bündigkeit in einem Maße aus, daß es von allen, die sich dem Studium der Volkswirthschaftslehre zuwenden, mit großem Vortheil gelesen werden wird und für diejenigen, welche sich über die wichtigen, unsere Zeit so mächtig bewegenden Probleme nicht aus Zeitungs- und Zeitschriften- artikeln, sondern auf Grund eines umfassendem und tiefern Einblicks in diese verwickelten Fragen ein reifes Urtheil bilden wollen, einen trefflichen Führer bietet." Wagner und Liszt. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Chamberlain hat in seinem bekannten Werke über Richard Wagner die Behauptung aufgestellt: „Es ist nicht mehr Christenthum in „Parsifal" als Heidenthum in „Tristan"." Er wurde zu derselben durch die Thatsache veranlaßt, daß beide Werke zu gleicher Zeit entstanden find und Wagner abwechselnd an denselben arbeitete. Eine gewisse besondere Hinneigung des Meisters zu den christlichen Ideen im allgemeinen ist jedoch nicht zu verneinen. Aber Wagner hat schon sogleich nach der kritischen Periode von 1848—49 diese kundgegeben, ohne durch die angeblichen Suggestionen seines „Beichtvaters" Liszt besonders beeinflußt zu werden. Im Jahre 1850 behauptete er, daß das Kunstwerk die lebendig dargestellte Religion sei. Allerdings war der religiöse Begriff damals für den Künstler noch unbestimmt. In der Schrift „Ueber Staat und Religion" macht sich, wie Hebert sagt, eine gerechtere Art und Weise, das Christenthum zu beurtheilen, geltend, vertiefter und, vernünftiger als die frühere Anschauung Wagners. Er hat dieselbe 1864, da er auch die erste Skizze zum Parsifal verfaßte, geschrieben. Der erwähnte Autor meint jedoch, damals habe die religiöse Auffassung Wagners noch einen rein negativen Charakter gehabt, die Nothwendigkeit der Entsagung habe seinen Geist damals insbesondere beschäftigt. Dagegen hat seine religiöse Anschauung einen positiven Charakter angenommen, als er über „Kunst und Religion" schrieb und den Gedanken der „Wiedergeburt", der „Erlösung" zum Ausdrucke brachte, die Pflicht der Entsagung ergänzt und vollendet fand durch die Pflicht des thätigen Mitleids und der aufopfernden Mildthätigkeit. Diese Schrift ist 1880 entstanden, da der Text zum Parsifal bereits vollendet war und Wagner die Musik dazu componirte. Bemerkenswerth ist übrigens noch nach diesen Klarlegungen, daß Wagner schon im Jahre 1868 in einer Unterredung mit Villiers de L'Jsle-Adam, der ihn frug, ob er nicht die religiöse Idee lediglich um ihrer scenischen Effekte willen benutze, äußerte:*) „Aber wenn ich nicht in meiner Seele das Licht und die Liebe des christlichen Glaubens, von dem Sie sprechen, lebendig empfände, so würden meine Werke, die diesen Glauben bezeugen, meine Werke, in denen ich meinen Geist und meinen Lebensgang niedergelegt habe, Werke eines Lügners, eines Affen sein.Der wahre Künstler also, der, welcher schafft, vereint und verklärt, bedarf der beiden unlösbaren Gaben: Wissenschaft und Glauben. Da Sie mich fragen, so vernehmen Sie, daß ich vor allen Dingen Christ bin und daß alles, was Sie in meinem Werke ergreift, im Princip nur daraus allein eingegeben und geschaffen worden ist." Dem ist nun wieder entgegenzuhalten, daß der Begriff „Christ" für Wagner wohl nie an ein Glaubens- bekenntniß gebunden war. Neben dem „Parsifal" entwarf er im Frühjahr 1866 auch noch ein buddhistisches Drama „Die Sieger", in welchem Ananda, der Held der Entsagung der Liebe, der „absolut Reine" erscheint. Er hatte sich damals, also zu einer Zeit, da er angeblich bereits von seinem „Beichtvater" zum katholischen Mysti- *) Hebert, xx. 121 sg. 260 zisums „bekehrt- worden war, im Geiste mehr dem Buddhismus zugewandt. Es muß nach allen diesen Betrachtungen als absurd erscheinen, von der Wirkung eines „bekehrenden" Einflusses Liszt's zu sprechen. Der, welcher den „idealen Gehalt" des Christenthums zu erfassen und dichterisch wieder zu gestalten suchte, hat niemals einer Konfession sich anschließen wollen. So ist auch immer eine gewisse Verschiedenheit in der Denkart zwischen den beiden großen Meistern geblieben. Die Freundschaft zwischen Liszt und Wagner ist nach der Ansicht des Niktzscheaners vielleicht das größte Unglück für die deutsche Kunst gewesen. In seiner Charakteristik Liszt's, dem das Verständniß für nietzsche- anische Ideen fehlte, ist er bemüht, sowohl den Menschen wie den Künstler auf die niedrigste Weise zu schmähen. „Man betrachte", so schreibt er, „nur Liszt als schaffenden Tondichter, und man wird zu der Erkenntniß kommen, daß er auch als solcher Virtuose geblieben ist. Als Symphoniker hat er keine neuen Wege eingeschlagen, den» die symphonischen Dichtungen kann man unmöglich als einen Fortschritt bezeichnen. . . . Alle Schöpfungen Liszt's sind von einem undeutschen internationalen Geiste erfüllt, einer jeden tiefen Stimmung bar, und in ihrer Zerfahrenheit entbehren sie der einheitlichen Durchführung. Schwüle, krankhafte Sinnlichkeit, musikalischer Masochismus und Sardiswns(sic!), triviale Melodien, oft wahre Gassenhauer, zerhackte Harmonien und instrumentale Effektstückchen, das sind die charakteristischen Merkmale der Compositionen des Ungarn Liszt, dessen Umgangssprache die französische war und den uns die Herren Wagnerianer als einen deutschen Tondichter aufhalsen wollen." An anderer Stelle bemerkt der deutsch-reformerische blasphemische Kritiker: „Seine Compositionen sind ein Gemisch von sinnlichster Ekstase und ödester Langeweile." Liszt sei, so meint der Lästerer, nach außen hin der denkbar frömmste Katholik gewesen, habe jeden Tag die Messe gehört, in verzücktester Ekstase vor dem Kruzifix stundenlang gebetet, in seinen Compositionen aber seiner Sinnlichkeit freien Lauf gelassen; das „Ewig-Weibliche" habe für den greisen Liszt ebensoviel Reiz gehabt, wie für den jungen Klaviervirtuosen, der es in jungen Jahren ziemlich bunt getrieben habe rc. Von welcher hohen Sittlichkeit erfüllt stehe da die Gestalt des Germanen Wagner vor uns, aus dessen Leben wir von keiner Liebcsaffaire, in dem gewissen bedenklichen Pariser Geschmacke, wüßten. „Der Bayreuther Meister war eben eine offene, ehrliche Natur und kein Heuchler." Es ist nicht zu verwundern, daß ein Kritiker wie unser Autor schließlich auch noch der Meinung Ausdruck gibt, daß Liszt's Begeisterung für Wagner wenig uneigennützig gewesen sei, da das Licht, das Wagner's Genius in unserer Zeit über alle Welt verbreite, auch einen Abglanz auf Franz Liszt werfe und unsere Wagnerianer begeistert rufen: „Wagner ist Wagner, und Liszt ist sein Prophet." (l) Den bisherigen Schmähungen und widersinnigen Behauptungen des modernen „Uebermenschen" schließt sich ebenbürtig sein Urtheil über Bayreuth an: „So schwebt denn Liszt's Geist über Bayreuth, und ein kunterbuntes Modepublikum strömt stets bei den Festspielen zusammen, um der Heilslehre des modernen Theaterchristenthums zu lauschen. So haben wir Deutsche statt des erhofften nationalen Theaters eine internationale Modeheilstätte für weltflüchtige, ausgelebte Lebemänner, emancipirte UmerikgMiynen. v errlM Engländer und aste Betschwestern erhalten! Und an allem ist das Propheten- thum Liszt's schuld." Bezeichnend und für alle Nietzscheaner und Deutschreformer erhebend sind noch die Hoffnungen, die der große Kritiker am Schlüsse seiner Leistung ausdrückt: „Die deutsche Kunst, deren gewaltiger Herzensschlag auch in Wagner's Brust gepocht, als er seinen „Ring der Nibelungen" oder „Die Meistersinger von Nürnberg" schuf, wendete sich ab von diesem Treiben und schreitet ihrer Entwicklung entgegen, in ihrer erhabenen, schlichten Einfachheit. — Durch Wagner aber führt der Weg der deutschen Kunst zu noch idealeren Zielen, in ihrer steten Reinigung von fremden Schlacken, und wenn das deutsche Volk durch eine nationale Wiedergeburt sich zur herrlichsten Blüthe seiner nationalen Eigenart auf allen Gebieten deS menschlichen Lebens entfaltet haben wird, dann wird es auch erlöst sein von „Parstfal", dem heiligen Gral und von den „Wagnerianern"." Solche Vorkämpfer „nationaler Wiedergeburt" wie dieser Kritiker müssen die nationalen Reformideen in ihrem Werthe für christliche Kreise sehr zweifelhaft („zweifelhaft" ist uns an diesem deutsch-nationalen Reformschwindel überhaupt nichts mehr. D. N.) erscheinen lassen. Die Erlösung vom Christenthum, die Wiedergeburt des Heidenthums, die sie so offen und blasphcmisch verlangen, werden sie so bald nicht erreichen. Zu ihrer Entrüstung wird unser nationales Leben und unsere Kunst vielmehr eher der christlichen Veredlung zugeführt werden, die bedeutende Männer nach ihrer Erleuchtung anstrebten. Und die „heiligen Wotanseichen" des entarteten modernen Deutschthums, dieser modernen „Uebermenschen", werden wohl in dieser neuen Siegesära des Christenthums wieder gefällt werden, und dann wird „wahrste Menschlichkeit" und „allgemeinste Menschenliebe", die sie in ihrer Ver- irrung im Heidenthume suchen, überall triumphiren. Ein LiteratiirLild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. I. Umschau. „Es geht ein Trauerlied von Land zu Land, von Mund zu Mund: Wir haben keine Ideale mehrl" So schrieb vor etwa anderthalb Jahrzehnten der geistreiche Prälat Hettinger in die Welt hinaus. Seitdem sind wir näher gerückt der Neige des Jahrhunderts, eines Jahrhunderts, das groß wie keines ist, eines Jahrhunderts, das gleich dem stolzen Münster, das mit seinem schlanken gothischen Bau in schwindelnde Höhe sich hebt und das bescheidene Kirchlein verschwinden macht, so die vorausgegangenen Jahrhunderte überragt, eines Jahrhunderts, wo im Gegensatze zu den früheren, die vorwiegend in Stahl und Eisen geklirrt, der Geisterkampf in hellen Flammen lodert, wo in kreischendem Papiergeräusch blendende Geistesblitze die Welt durchzucken, eines Jahrhunderts, wo die Schlagwörter von Welt-Fortschritt, Welt-Verbesserung und Welt-Beglückung die Reihen der seltsam zusammengewürfelten Menschheit mit Windeseile durchlaufen, eines Jahrhunderts, dem die Kunst eigen ist, die weite Kluft vom Höchsten bis zum Niedrigsten zu überbrücken! In nie geahntem Aufschwünge haben die Wissenschaften, vorab die Naturwissenschaften, sich Bahn gebrochen durch den dunklen Schacht der Weltschöpfung; rastlos, ruhelos wetteifern Geister wie Stahl, Seelen wie Feuer in Ergründung der Naturgesetze selbst, mit. Hintansetzung ihrer Gesundheit, mit Aufbietung unsäglichen Fleißes und Scharfsinnes. Das ist ein Ringen und Forschen, ein Suchen und Streben, bis Sichtbares, Tastbares und Meßbares das Ergebniß erfolgreichen Be- trachtens wird. Um uns zu überzeugen, genügt es, einen Blick zu werfen in die Laboratorien der Chemie, Botanik und Mineralogie, in die Institute für Physik und Hygiene, in die Anatomien, die Amphitheatern vergleichbar sind. Unsere Bewunderung aber erreicht den Gipfelpunkt, wenn wir hinaufsteigen zu dem stillen Gelehrten, der über den andern Menschen thront, der in nächtlicher Stille, wenn längst unter ihm seine Mitmenschen schlummernd in Träumen sich wiegen, mit dem Aufwande aller nur erdenklichen Anstrengung den Sternenhimmel zu entschleiern sucht. Lobredner haben dar neunzehnte Jahrhundert das des Dampfes genannt. Dieser ehrende Beiname besagt heute, an der Wende deS Jahrhunderts, bereits zu wenig. Elektrizität ist heute die Zauberkraft, ist heute die Herrscherin der Welt. Wagenzüge, die eine halbe Welt mit sich zu führen scheinen, kommen angefahren, wie von unsichtbaren Händen gezogen. Fürwahr, ein goldenes Zeitalter verspricht anzubrechen. Der Norden, der einst so glühend nach den italienischen Gartengefilden, wo rauschend die Pinie sich neigt, sich sehnte, schafft heute im kühlenden Kastanienhain sich selbst Italiens Hesperidengarten. In lieblichen Sommernächten, wenn die Feste der lebenslustigen Menschen rauschen, wenn froh die Herzen schwelgen, glitzert's und funkelt's bei elektrischem Lichtglanz durch das üppig grüne Laubwerk hindurch in feenhafter Südlandspracht, gleich als sollte nun auch der Norden werden „. . . dos Land, wo die Citronen blübn. Im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht!" Da wandelt nicht mehr allein die schwarzgelockte Südländerin mit den feurig glühenden Augen, hier ergeht sich auch die flachszöpfige Blondine mit zwei schönen blauen Augen in schwärmerischer Lust. Wir halten inne und fragen uns sinnend: „Wo sind die Ideale? Sind sie denn zerronnen in uferlosen Sand?" Wahrlich, wir möchten dies glauben. Denn nicht der reine Fortschritt ist's, der Künste und Wissenschaften beseelt; zeitlicher Gewinn, eitler Ruhm und blasser Neid schaut aus allem heraus — den Wissenschaften unserer Tage ist der Geist tiefinnigen Glaubens abhanden gekommen, die Ergebnisse ihrer jahrlangen Forschungen legen sie nicht als Weihegeschenke auf den Altar des Allerhöchsten, sie wollen nur theilnehmen an den großen Gedanken des Jahrhunderts. Das ist nicht klingendes Wortspiel, das ist die nackte Wirklichkeit. „Wir haben keine Ideale mehr!" Sollte dieses Wort denn wirklich auch im Lande der Dichter und Denker wahr geworden sein? Sind die Musen an Deutschlands Fluren vorübergegangen, ohne aus dem Füllhorn ihrer schönen Gaben Germaniens Söhnen das Edelste und Erhabenste mitzutheilen? Wir haben Gottlob noch Ideale, vor allem die Ideale der Poesie, die wie die heilige Tempelflamme der Best« nie erlischt. „Singe, wem Gesang gegeben In dem deutschen Dichterwald l Das ist Freude, das ist Leben, Wenn's aus allen Zweigen schallt«" hat der Minnesänger des neunzehnten Jahrhunderts in hie deutschen Gaue laut und hell hineingesungen. Freudigen Widerhall hat er da und dorten gefunden, und treue Jünger folgen wohlgewuth Meister Uhland's Spur. Sich durch das Schlingkraut rationalistischer Wüste durchzu- hauen, ist den Romantikern nicht gelungen; sie kämpften für einen Glauben, dem sie im Herzen nicht zugethan sein durften. Eichendorff sagt: „Der Inhalt der Romantik war wesentlich katholisch, das denkwürdige Zeichen eines fast bewußtlos hervorbrechenden Heimweh's des Protestantismus nach der Kirche." Uhland steht an der Wetterscheide der Romantik und der neuesten Zeit. Er und Eichendorff, der letzte Ritter der Romantik, warfen der hoffärtigen Kunstpoesie den zierlich gefalteten Mantel ab und wischten ihr die Schminke vom Gesichte. Eine wackere Schaar ist ihnen nachgefolgt; hiezu zählen fast alle katholischen Dichter nach ihm. Freilich ist eS ein hartes und mühevolles Ringen für sie, aufzukommen neben jenen Zunftgenossen, die durch daS schillernde Feuerwerk des Witzes wie durch die glatte und verlockende Anmuth der Liebespoesie bis ins innerste Mark der Seele hinein Verderben anrichten, deren Urheber der ungezogene Zögling der Grazien — Heine ist. Man braucht eben nicht ein Pedant der Sittlichkeit oder ein Pietist zu sein, um Heine zu bezichtigen, er habe die liederlichste Dirnenpoesie volks- thümlich und hoffähig gemacht, weßhalb er ja auch der Liebling der Lebewelt und nicht am wenigsten der leichtlebigen Damenwelt geworden ist. Wie viele Hunderte von Sammlungen solcher und ähnlicher Gedichte sind seither gedruckt worden? Allerliebste kleine Büchlein sind es, die der geschniegelte Stutzer in der Westentasche und der blondzöpfige Backfisch in feinem Muff trägt. Was Wunder, wenn man noch vor zwanzig Jahren selbst in Kreisen der Katholiken nur mit verächtlichem Achselzucken von einer katholischen poetischen Literatur sprach? Ja, es hat vor uns Zeiten gegeben, wo ein katholischer Dichter ein rnra avis war. Gott sei Dank, es ist um vieles besser geworden. Die Zeiten der Noth und Bedrängniß haben katholisches Bewußtsein wachgeweckt. Damit ist auch zugleich ein Geistesfrühling über die katholische Literatur Deutschlands gekommen. Jener Hauch des Idealen, der auS dem Verständnisse alles Edlen und Schönen hervorgeht, hat manche Blumenkuospe wach geküßt. Soll ich nennen die Namen eines Sängers der „Amaranth", eines Dichters von „Dreizehnlinden" und deren Genossen? Nein, sie sind zu bekannt, als daß sie der katholischen Leserwelt nochmals eigens vorgestellt werden müßten. Wir wollen heute einen Lustgang machen in den deutschen Dichterwald, der jetzt noch grünend steht. Der Abtheilung der zeitgenössischen katholischen Dichter werden wir unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. Von den einzelnen Gruppen, die nach den Schlagwörtern Lyrik, Epos und Drama sich sondern, wollen wir die klangvollsten Sänger namhaft machen. II. Die zeitgenössischen katholischen Dichter Deutschlands. 1 . In der Lyrik geht der Gegenstand der Dichtung in der eigensten Herzensempfindung auf. Der Dichter redet hier allein, indem er nur den Widerhall gibt, den ein Ereigniß, welcher Art nur immer es sein mag, in seinem Herzen geweckt hat. DaS Lied ist der überschwellende Erguß der Seele, die ihr namenloses Sehnen und Em- Pfinden nur in sangbarer Weise befriedigen kann., isn? 262 sagbar sind die Gefühle, denen ein Lied entquillt. Wir haben schon der Aufführung einer Tonschöpfung beigewohnt. Wenn Sopran und Alt wie leichtes Gewölle über dem Ganzen schwebt, weitet eine überschwengliche Fülle von Empfindungen und Gefühlen die Menfchen- brnst. So ähnlich ungefähr sind die Vorgänge im Sänger- busen, wenn ein Lied im Entstehen begriffen ist. Das Herz, sei es nun voll von Freud' oder Leid, findet Stillung im Liede. Als vor fünfundzwanzig Jahren der Herr der Heerscharen unsere Heere von Sieg zu Sieg auf Frankreichs sonnendurchglühten Fluren geleitete, bis endlich das stolze Babel an der Seine in der eisernen Umarmung der deutschen Krieger lag, als Siegesjubel von Deutschlands Söhnen in die geliebte Heimath drang und hoch die Wogen nationaler Begeisterung und Freude flutheten, da war des Siegesjubelgefangs kein Ende mehr: aus allen Gauen, vom hohen Fels zum weiten Meer, erscholl daS hohe Lied von Friede, Sieg und Einigkeit aus dem Munde berühmt gewordener Dichter, deren nicht weniger als fünfundzwanzig zu nennen wären, und zwar Namen von gutem Klang. Der äußere Krieg war inzwischen dem inneren gewichen. Unter den neugeeinten deutschen Stämmen tobte der Kampf um das heiligste Gut. Wieder wurden Siege erfochten, diesmal von Deutschen gegen Deutsche, Deutschlands Katholiken haben nach schwankendem Geisterkampfe gesiegt. Auch da hat es nicht an Sängern gefehlt; sangesfrohe deutsche Katholiken haben aufgemuntert und begeistert zum Kampfe für die höchsten Güter, sie haben aber auch gejubelt und gejauchzt, froh des errungenen Sieges. Von da ab ist es freier, lebendiger und fröhlicher geworden unter den katholischen Dichtern Deutschlands. Ein würdiger Sohn der pocsiereichen heiteren Rhein- lande ist der Jesuitenpater Wilhelm Kreiten (geb. am 22. Juni 1847 zu Gängelt i. d. Rheinprovinz). In einer ereignißvollen und gährenden Zeit ist er auf der literarischen Arena erschienen. Als gediegener Literaturkenner und Biograph wie als begabter Dichter hat er nicht am wenigsten zum Aufschwünge der katholischen Literatur beigetragen, wovon die „Stimmen aus Maria- Laach" beredtes Zeugniß geben. Kreiten gehört zu den Mitbegründern unserer heutigen katholischen Poesie und Literatur. Einen lieblich duftenden Blumenstrauß, „Den Weg entlang", hat er uns gepflückt. Freilich schwirrt heutzutage die Lust voll „Frühlingslieder", aber wenn Kreiten zu singen anhebt, ist es nicht minderwsrthiges poetisches Lallen — da ist alles Poesie. Stille Wehmuth ist der vorherrschende Ton seiner Dichtung, doch ist es nicht der zerrissene Weltschmerz eines Byron, Hölderlin oder Lenau, denn hier ist Wehmuth geadelt durch ein gläubiges Gemüth. Selbst durch seine Frühlingsgedichte tönt die melancholische Stimmung durch, die wohl daher rührt, baß er häufig aus Krankenbett gefesselt ist, darum es auch oft wie Todesahnen durch seine Gedichte zieht. So klingt „Der Lenz" aus: Nur einsam still eine Jungfrau Im weißen Schleier steht; Es wacht beim Grabe des Frühlings Die Lilie im treuen Gebet. Die Gedichtsammlung „Den Weg entlang" ist eine kostbare Perle, ein reicher Schatz tiefer Lieder, die mit ihren lieblichen innigen Klängen sich in die Seele einschmeicheln. (Fortsetzung kolat.1 Universitäten und Studenten in Rußland. Von Theodor Hermann Lange. (Nachdruck vikbolen.I (Schluß.) Die Universitätsrcktoren werden von der Regierung ernannt und bekleiden das Rektorat oft viele Jahre hintereinander, bis sie entweder in eine höhere Stellung berufen oder peusionirt werden. Ein Verkehr zwischen Studenten und Professoren findet außerhalb der Hör- säle kaum statt. Zu den Bällen und Festlichkeiten in den Familien der Professoren werden die Studenten, abgesehen von den Söhnen eines Ministers, eines hohen Offiziers usw., nicht geladen. Für gewöhnliche Sterbliche, vor allem für arme Studenten, sind die russischen Professoren ganz unzugänglich. Oeffentliche Studentenver- sammlungen, Commerse und dergleichen, welche von Nni- versitütsprofefforcn besucht werden konnten, sind in Rußland verboten. Die großen Sommerfericn währen an den russischen Hochschulen vom 15. Juni bis 15. August, die Oster- und Weihnachtsferien je 3 Wochen. Das fröhliche und heitere studentische Leben, wie in Deutschland, Wien usw., ist in Rußland gänzlich unbekannt. Verbindungen oder Vereine zu wissenschaftlichen oder geselligen Zwecken sind nicht gestattet. Dafür gibt es desto mehr geheime Verbindungen mit ausgesprochen politischem Charakter. Die früher in Dorpat nach Art der deutschen Verbindungen bestehenden Studentenvereine sind von der Regierung größtenthcils aufgehoben worden, thcilweise haben sie sich selbst aufgelöst. Dafür herrscht aber in den geheimen studentischen Cirkeln und Vereinen ein desto regeres Leben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlich nicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor Allem mit der socialen Frage und socialem Problement und leider auch viel mit socialistischen und nihilistischen Principien. Natürlich spürt die Polizei diesen geheimen Cirkeln eifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingt es ihr auch, die Mitglieder einer solchen Vereinigung zu verhaften. Eins akademische Gerichtsbarkeit gibt es in Rußland nicht und somit auch keinen „Carcer". Die einzige Strafe, welche die Universität verhängen kann, ist die Relegation. Nur Polizei und Gerichte verurtheilen die politisch oder sonstwie compromittirten Studenten, und zwar entweder zu Gefängniß, Zwangsarbeit oder Verbannung nach Sibirien. Im Allgemeinen sind die russischen Studenten arme Teufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen und höheren Beamten, höheren Offizieren, Großindustriellen usw. verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg und Moskau bestreiten viele Studenten alle ihre Ausgaben mit 20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Student in Toms! schrieb mir vor mehreren Monaten, daß dort zahlreiche Studenten für die volle Pension monatlich nur 15 Rubel (etwa 32 M.) zahlen, Heizung und Beleuchtung einbegriffen. Die wohlhabenden Studenten in Tomsk zahlen etwa 30—35 Rubel für die Pension. In dem in Toms! erscheinenden „L1bir8!ei ^Vzostiritr" finde ich öfters Anzeigen, worin Studenten sich zur Ertheilung von Privatunterricht, zur Buchführung bei Kaufleuten, zu Ueber- setzungen usw. anbieten. In Tomsk gehen Studenten mit Erlaubniß ihrer Professoren bis zu neun Monaten in „Condition", d. h. sie nehmen für diese Zeit Stellung als Hauslehrer an und arbeiten für sich weiter. Nur ein bis zwei Monate vor den Prüfungen müssen sie pünktlich wieder eintreffen. Natürlich ertheilen auch zahlreiche 263 Studenten an GyANasiasien oder sonstige Schüler Unterricht. Viele Studenten leben fast ausschließlich von privaten oder staatlichen Stipendien, welche besonders die Moskauer Universität in großer Anzahl zu vergeben hat. Die staatlichen Stipendien erhalten fast ausschließlich Nationalrussen, während Katholiken äußerst selten damit bedacht werden. Die Universttätsgebäude ähneln im Aeußern wie im Innern den deutschen und österreichischen. Die Hörsäle sind meist amphitheatralisch gebaut. Studentenduelle sind sehr selten. In Warschau kommen sie beispielsweise niemals vor, vereinzelt noch in Petersburg und Moskau, wo es Studenten vom Militäradel gibt, d. h. Offizierssöhne. Fechtunterricht können die Studenten nehmen, aber es lernen verhältnißmäßig wenige „pauken". Die Militärverhältnisse der russischen Studenten sind ganz eigenartig. Das Institut der Einjahrig-Freiwilligen gibt es in Rußland nicht. Der aktive Dienst beträgt bei den Landtruppen fünf bis sechs Jahre. Ein junger Mann, welcher eine Universität absolvirt hat, befindet sich jedoch nur sechs Monate im aktiven Dienste. Hat er sich gut geführt, so wird er nach drei Monaten Offizier (je nach Wunsch in der Linie oder Reserve, aber nicht in der Garde). Gymnasialabiturieuten dienen ebenfalls nur sechs Monate aktiv. Im Ganzen und Großen geht es in den Auditorien der russischen Universitäten nicht viel anders als in den oberen Klassen der Gymnasien zu, nur mit dem Unterschiede, daß die Professoren die Studenten bereits als Erwachsene behandeln und das; der einzelne Student, wenn er schließlich einige Tage „bummeln" will, auch ruhig aus den Vorlesungen wegbleiben kann, ohne sich, wie schon erwähnt, entschuldigen zu müssen. Die meisten indeß arbeiten Tag und Nacht, um die Prüfungen beim Jahreskursus bestehen zu können. Der Erundzug im Wesen des russischen Studenten ist ein ernster, verschlossener, der sich bei manchen Individuen bis zur Askese und zum Fanatismus steigert. Die größere Hälfte „büffelt" ununterbrochen, nur um so rasch wie möglich die Examina hinter sich zu haben und eine Staatsanstellung zu erlangen — meist ein sehr bescheidenes, aber sicheres Brodplützchen — die kleinere Hälfte der Studenten huldigt leider revolutionären Tendenzen. Sorge und Noth sind aber bei den meisten die ständigen Begleiter nicht bloß durch die akademischen Jahre, sondern oft noch lange im bürgerlichen Leben. Nur wenigen lacht die Sonne des Erfolges und des Glückes, und nur zu viele finden in den Gewölben irgend einer Citadelle, zwischen den feuchten Mauern eines niedrigen Gefängnisses, auf den Schneeseldcrn oder gar in den Bergwerken Sibiriens einen frühen Tod. Aber keinem von all' den ehemaligen russischen Studenten, gleichviel, ob sie es spater zum berühmten Professor, zum Geheimrath, Gouverneur oder gar zum Minister gebracht haben, ober ob sie nur einfache Beamte, Aerzte, Lehrer usw. geworden sind, — erscheinen in seinem Alter die akademischen Jahre in rosiger Verklärung. Ein jeder ist froh, wenn die Universitäts« jähre vorüber sind und er in das bürgerliche Leben hinübcrtreten kann. Es wird zwar auf den russischen Universitäten vielerlei gelehrt und fleißig gearbeitet — wozu schon die jährlichen Kursexamina Zwingen — aber selbstlose Begeisterung für wahre Wissenschaft und Kunst, für alle edlen und idealen Bestrebungen vermögen die russischen Universitätsprofessoren nur ganz vereinzelt in die Herzen ihrer Hörer zu legen. Die Regierung deS Zaren will ihre Beamten, Richter, Lehrer usw. nur im russisch-orthodoxen Sinne erziehen lassen, sich also Werkzeuge schaffen, die alles das, was nicht russisch-orthodox ist, mindestens mit Mißtrauen ansehen und in den meisten Fällen mit Fanatismus bekämpfen. Recensionen nnd Notizen. Leben der heiligen Jungfrau Maria. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustincrin des Klosters Agnetcnberg zu Dnlmen (ch 9. Fcbr. 1824). Aufgeschrieben von Clemens Brentano. Neue Stereotvp-Ausgabe mit vielen Abbildungen. Regensbnrg, Nationale Verlagsanstalt (früher G. I. Manz) 1895. lll. Mag man den demüthigen Anschauungen der frommen Seherin Katharina Emmerich beipflichten, welche ihren Gesichten nur den Werth andächtiger Betrachtungen beimaß, — oder will man dem wunderbaren Cyklus von geschichtlichen Bildern, welche diese heiligmäßige Seele geschaut und beschrieben, den übernatürlichen, visionären Charakter nicht absprechen, — darin müssen die verschiedensten Kritiker übereinstimmen, daß diese Betrachtungen oder Gesichte den unbefangenen Leser in hohem Grade erbauen und ein christliches Gemüth zu höherer GlaubcnSinnigkeit entflammen. Also das wird jedenfalls mit ungctheilter Anerkennung zugegeben, daß das vorliegende Buch zu den Letrachtnngsbüchcrn allerersten Ranges über das Leben der allerseligstcn Jungfrau Maria gehört. Wir sehen hier die Königin aller Heiligen nicht in jener unnahbaren Glorie, die unser Auge verwirrt nnd blendet, sondern wir schauen sie so leibhaftig schlicht und einfach in dem düstern Erdenthale wallen, daß sie nicht nur unserem kindlichen Vertrauen, sondern auch unserer Nachahmung alö sozusagen greifbar plastisches Beispiel ganz besonders nahe gerückt wird. Diese deiaillirte, lebensvolle und lebenswahre Darstellung, deren historische nnd örtliche Genauigkeit sich fast immer bestätigt findet, verleiht der Erzählung einen solchen Reiz, daß selbst abgesagte Feinde asketischer Literatur diesem Buche Interesse abgewinnen — was wir mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatten. Der große, kräftige Druck, der hübsche Bilderschmnck unterstützen das Werkchen in seinem Berufe, in weitere Kreise fromme Erbauung zu tragen. Briefe des hl. Kirchenlehrers Alsons Maria Von Liguori, Stifters der Congregation des allcrbeiligstcn Erlösers. 3 Bände. Regensburg 1893/94, Nationale Verlagsanstalt. Preis pro Band M. 8.—. K Unlieb verspätet bringen wir hiermit die Anzeige vorliegender Briefe. Das italienische Original erschien als Fest: schrift zur ersten Säcularfcier des Todestages des hl. Kirchenlehrers i. I. 1887 von einem Pater derselben Congregation. Eine wohlgelungenc französische Uebersctznng besorgte k. Dn- mortier, 6. 8s. L. Dem Original, wie der französischen Ueber- setznng, steht durchaus würdig zur Seite die von mehreren deutschen Redemptoristen-Patres veranstaltete deutsche Ucber- setzung. Der Gesammtinhalt dieser Briese liefert uns das gc- trcuene und vollendetste Bild des hl. Alfonsus. In diesem schriftlichen 50jährigen Verkehre deck: der Heilige so recht auf das Innerste seiner Seele, wie er sie von Natur empfangen und mittels der Gnade zum genauesten Abbilde des göttlichen Meisters vervollkommnet hat. Als Stifter einer OrdenS-Con- gregation, als em in Wort und That mächtiger Missionär, als erfahrener und erleuchteter Seelcnführcr, als Muster cincS Bischofs, als Schriftsteller von wunderbarer Fruchtbarkeit, stand der hl. AlsonsuS in Beziehung zu den verschiedensten Persönlich» kkitcm stieß er aus die größten Schwierigkeiten und mußte er Geschäfte und Fragen jeder Art behandeln. Seine lang- Laufbahn spiegelt sich gewissermaßen in ihrem ganzen Umfange in dieser Korrespondenz ab. Bald wendet sich der Heilige an seine Religiösen, sie anzueiscrn, zu leiten und zu trösten. Bald zeigt er heilsbegierigen Seelen den einfachsten und sichersten Weg zur Vollkommenheit; bald wendet er sich als Bischof an seinen Klerus, an die weltliche Gewalt, an die Kirchenfürsten; bald behandelt er als Theologe mannigfache Fragen, anscheinend theoretische Ccniroverspunkte, in Wahrheit aber von größtem Nutzen; bald endlich besorgt er als Schriftsteller die Herausgabe seiner zahlreichen Werke. Aber überall ist die inbrünstigste Liebe zu den Seelen für unsern Heiligen das innerste Element, welches seinen ganzen Briefwechsel und jeden seiner einzelnen Theile 264 belebt. Immer, in jeder Lage, gegen jede Person, zeigt er sich in bewunderungswürdiger Weise als der vor allem von Seelen- eifer entflammte Apostel. Der erste Theil (1. und 2. Band) umfaßt die allgemeine Korrespondenz: Briefe von verschiedenem Inhalte und verschiedener Wichtigkeit an die Mitglieder der Kongregation sowie an Auswärtige jeder Classe und jeden Standes, an Vornehme, Geringe, Verwandte, Freunde usw. Der zweite Theil (3. Band) bringt die spezielle Korrespondenz: und zwar zunächst wissenschaftliche Briefe, welche sich auf die Werke des hl. Kirchenlehrers beziehen, auf ihre Herausgabe, auf den Zweck, die Art und Weise und Zeit ihrer Abfassung, auf die Erklärung, die Entwicklung und Begründung seines Moralsystems usw.; ferner die Pastoralschreiben, welche irgendwie die Pflichten deö SeelsorgeramteS betreffen, sei es nun hinsichtlich der Verwaltung der Diözese oder der Predigt des göttlichen Wortes. Dahin gehören die Verfügungen, Verordnungen und Dekrete, welche er als Bischof für den Klerus und das Volk erließ, die Berichte an die heilige Kongregation, die Briefe zur Vertheidigung der Rechte seiner Kirche oder zur guten Verwaltung der Diözese, und endlich zwei Unterweisungen über die Art und Weise, mit Erfolg die heiligen Missionen und die geistlichen Uebungen für den Klerus zu halten. Der Ueber- sichtlichkeit wegen sind alle Briefe sowohl des ersten als zweiten Theiles chronologisch geordnet. Jedem Bande ist das Inhalts- verzeichniß der in demselben enthaltenen Briefe beigcgeben. Ein vollständiges alphabetisches Generalregister der bcmerkenswertbestcn Gegenstände am Schlüsse des dritten Bandes erleichtert den Gebrauch des ganzen Werkes, insbesondere daö Nachschlagen bestimmter Punkte, über welche sich der Heilige mehrmals ausgesprochen hat. Dem innern Werthe des Werkes entspricht durchaus die äußere Ausstattung, und ist deßhalb zur wärmsten Empfehlung nichts weiter beizufügen. Dr. Ludwig Hoffmann. „Das Recht des Adels und der Fideicommisse in Bayern." München, 1896. I. Schweißer (Jos. Cichbicblcr). 8°. Eleg. gebd. mit stilgem. Dcckcnpreffung u. Nachschnitt Preis M- 5,—, hocheleg. mit Goldschn. Preis M. 6,—. Dr. Hoffmann's Arbeit ist nicht bloß, wie auS dem Titel vermuthet werden möchte, den adeligen Fidcicommißbesitzern gewidmet, sondern thatsächlich ein Nechtshandbuch des gestimmten bayerischen Adels, welches in gedrängter, aber gleichwohl erschöpfender Darstellung eine Uebersicht über alle Rechtsverhältnisse der Adeligen Bayerns gewährt. In kurzen, lichten Umrissen gibt der Verfasser den Begriff und die Geschichte des Hohen und niederen Adels, erörtert dessen Arten (Ahnen- (alter), Ur- und Brief-, Erbadel), dessen Erwerb — durch Geburt, Heirath und Verleihung — und dessen Verlust in Folge Verheirathung und Verzichts, schildert die Standesrechte, insbesondere das Recht der HauSvcrfassung des hohen, die Rechtsgrundsätze in Bezug auf die Ebenbürtigkeit des ersteren (standesherrlichen) wie des niederen AdelS. Ein Kapitel ist dem Adelszeichen (Familiennamen, Prädikat und Wappen), ein weiteres den Vorrechten kraft Satzung oder Rechtsgeschäft (statutarischer oder rcchtsgcschäftlicber Abhängigmachung des Erwerbes bestimmter Rechte, wie Zulassung zur Mitgliedschaft adeliger Institute, zu Würden, Pfründen, Stipendien rc., Erb- folgebcfähigung in gewisse Güter vcm Besitzer des Adels überhaupt oder eines besonders gearteten Adels) gewidmet. In der folgenden Darstellung deS Adels und seiner Verhältnisse in Bayern kommen die Kronämter, die Standesherren, ihre Rechte, Ehrenvvrzüge und Auszeichnungen unter stetem Hinweis auf die einschlägigen Normen des bayer. öffentlichen Rechtes eingehend zur Besprechung, dann die Reichsritterschaft und der Landcsadcl. Von allgemeiner Bedeutung für sämmtliche Klassen deS Adels sind die Bemerkungen über das ReichShcroldamt und dessen Wirkungskreis, Adclsinatrikcl, Ahnenprobe, Wappen- prüfung, adelige Stiftungen, Siegelmäßigkeit, Orden und Auszeichnungen. Den I. Theil des Buches „die Lehre vom Fideicommisse im allgemeinen und in Bayern insbesondere" vervollständigt als dritter Theil ein Abdruck des VII. Verfassungs- cdiktcs mit Hinweis auf die Parallelstellen deö preußischen Land- rechtS und von zahlreichen erläuternden Noten begleitet, ferner der erste Anhang: die Instruktion über die Behandlung der Fvmilienfideicommisft von, 3. März 1857. Den zweiten Anhang bildet ein interessanter NcchtSfall, ein Prozeß, in dem es sich um die Stammzuts- bezw. Familienfidcicommißeigenschaft einer Familie deö vormaligen unmittelbaren Reichsadels handelt und der bis zu einem gewissen Maße als Einführung in die praktische Anwendung des FideicommißrcchtcS dienen kann. — Das Buch, 255 Seiten Octav, ist gemäß seiner Bestimmung, weniger dem geschäftlichen Handgebrauch in den Bureaux, als den Privatbibliotheken und Büchertischen des höheren und niederen AdelS zunächst in Bayern zu dienen, höchst elegant und vornehm ausgestattet und zur bequemen Benützung mit einem sorgfältig gearbeiteten Sachregister versehen, der Preis ein im Verhältnisse zur Ausstattung sehr mäßiger. V/r. Die glückliche Ehe. Lehr-und Gebetbüchlein für Erwachsene» welche in den Stand der Ehe zu treten gedenken, sowie im besonderen für Braut- und Eheleute, von Anton Häuser, Priester der Diöcese Augsburg. Mit ober- hirtlichcr Approbation. 6. Verb. Auflage des Trauungs- Andeukens. Donauwörth 1896. Druck und Verlag von L. Auer. * Kein Buch wird mehr zur geistigen und leiblichen Wohlfahrt eines Volkes beitragen, als dasjenige, welches auf die Heilighaltung der Ehe, des Familienlebens und eine wahrhaft christliche Kinder-Erziehung wirkt. Das vorliegende Lehr- und Gebetbücklein wird dieser Aufgabe in unübertroffener Weise gerecht. Könnten wir dasselbe in allen christlichen Familien einführen und ihm dort bereitwillige Herzen erschließen — es erwüchse ein starkes Geschlecht, das aus eigener Kraft den gordischen Knoten der socialen Frage löste und alle anderen Welt» verbcsserungSmittel überflüssig machte. Müller Gust. Ad,, Christus bei JosephuS Flavius, eine kritische Untersuchung. 8°, 60 S. Innsbruck, Wagner 1895 (II). S Die weltberühmte Stelle in den „Lntiguitatss (18, 3)" des JosephuS Flavius, welche sein Urtheil über Christus enthält und — weil sie so gar nicht nach dem Wunsch deS „aus- crwählten Volkes" lautet — so hartnäckig als unecht angefeindet wird, ist hier einer fleißigen historisch-philologischen Kritik unterzogen. Wer sich über die vielunistrilteuen Worte kurz. eingehend und genau belehren will, dem kann vorliegende Schrift bestens empfohlen werden, mit der fast gleichzeitig eine andere (Bole Fr., Flavius JosephuS über Christus und die Christen. 8°, VIII -s- 72 S. Brixcn, Wcger 1896. M. 1,50) erschienen ist, welche denselben Gegenstand behandelt. Die Erziehung der Kinder. Rathschläge für katholische Eltern von P. F. Peters, Priester der Kongregation des Allerh. Erlösers. 2. Auflage. Mit kirchlicher Gut- heißung. Mainz, 1896. Kirchheim. 16. (VIII und 136 S.) 75 Pf. Der inzwischen leider verstorbene Herr Verfasser hat durch 35 Jahre als Missionar an Hunderten Plätzen, in Städten und Dörfern gewirkt. Das Werkchen ist in einem, dem einfacheren Sinne leicht zugänglichen Stile abgefaßt, aus der Praxis herausgewachsen und hat sich bei seinem ersten Erscheinen schon — die erste Auflage war rasch vergriffen — viele Freunde erworben. Wir können unsere katholischen Eltern nur dringend auf daS billige Büchlein zum Wohle ihrer Kinder aufmerksam machen! Die Perle der Tugenden. Gedenkblätter für die christliche Jugend von k. Adolf von Doß 8. ll. Mit bischöfl. Approbation. 7. Auflage. Mainz, 1896. Kirchheim.' 18. (160 S.) gebd. M. 1,20. Die beste Empfehlung für diese „Gedenkblätter für die christliche Jugend" ist der Name des Verfassers, eines wahren Jugendfreundes, und die Zahl der Auflagen, welche dieses Schristchen bereits erlebt hat. „Die Perle der Tugenden" ist die Reinheit. Deren Vorzüge, die Mittel zu ihrer Bewahrung und ihre herrlichen Früchte werden in 38 kurzen Kapiteln lebhaft geschildert und durch ebenso viele gewählte Erzählungen erläutert. L. v. Doß war im Leben der erklärte Liebling der studirenden Jugend; sie hat er auch vornehmlich bei Abfassung dieser „Gedenkblätter" im Auge gehabt. Wer sie einem Jüngling zum Geschenke macht, stiftet sicher viel Gutes. j »Für unsere Kleinen." Jllustr. Monatsschrift für Kinder i von 4—10 Jahren. HerauSgeg. von G. Chr. Dieffen» I bach. Verlag von F. A. Perthes. g Vom 12. Jahrgang liegen uns die Hefte 7—10 vor. Die I Zeitschrift ist sehr nett ausgestattet und dem kindlichen Auf- » fassungSvermögen gut angepaßt._, ÄMlltlv. Nchacteur.: Ad. Haas in Angöbnrg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Erabherr in Augsburg.