ttl-. 34 21. Aug. 1896. Der dritte internationale Congres; für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. Ehe wir näher auf die Verhandlungen des III. internationalen Kongresses für Psychologie, der vom 4. bis 7. August in der süddeutschen Metropolis eine große Zahl hervorragender Gelehrter des In- und Auslandes vereinigte, eingehen, müssen wir einige Worte über die psychologischen Kongresse im Allgemeinen sagen. Der erste internationale Kongreß für „physiologische Psychologie" fand im Jahre 1889 während der Weltausstellung in Paris unter -der Leitung des Pros. Ribot statt. Veranlassung zu demselben, für dessen Organisation insbesondere Pros. Charles Nichet thätig war, gab das Zusammenwirken der „psychologischen Gesellschaften", die sich in den Hauptstädten verschiedener Länder zum Studium der hypnotischen Erscheinungen und der „telepathischen Hallucinationen" gebildet hatten. Er war also vorzugsweise einem engeren Gebiete der Experimentalpsychologie gewidmet. Den zweiten Kongreß, der in London im Jahre 1892 zusammentrat, hatte man einen solchen „für experimentelle Psychologie" genannt; jedoch wurde schon während desselben ein weiterer Kreis psychologischer Materien behandelt. Auf diesen folgte während der Weltausstellung in Chicago ein „internationaler Psychikercongreß", der wieder ausschließlich der Experimentalpsychologie gewidmet war und während dessen sogar einige Redner spiritistische Fragen schüchtern zu behandeln wagten. Derselbe hatte aber selbstverständlich ein anderes Organisationscomitä als die beiden ersten Kongresse und wurde von ihren Leitern nicht in Betracht gezogen. Letztere hatten vielmehr beschlossen, die folgende Psychologenversammlung im August 1896 unter dem Vorsitze des Pros. Dr. Stumpf in München stattfinden zu lassen. Mit der Durchführung der Organisation war Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing betraut worden, dem hicmit eine kaum zu überwältigende Aufgabe zugefallen war. Denn es bildete sich die Absicht, diesmal das ganze Gebiet der Psychologie zu berücksichtigen. Man theilte dasselbe in mehrere Sektionen, im ganzen fünf, von denen die erste Anatomie und Physiologie des Gehirns, Physiologie und Psychologie der Sinne, Psychophysik, die zweite Psychologie des normalen Individuums, die dritte Psychopathologie und criminelle Psychologie, die vierte Psychologie des Schlafes, Traumes, der hypnotischen und verwandter Erscheinungen, die fünfte endlich vergleichende und pädagogische Psychologie umfaßte. Man hatte für jede dieser Sektionen, neben den allgemeinen, 30—35 Vortrüge in Aussicht gestellt. Man kann deßhalb wohl, wie Pros. Stumpf in der Eröffnungsrede zum Kongresse, von beängstigender Mannigfaltigkeit von Vortrügen sprechen. Es war vorauszusehen, daß hiedurch die Folgen der Ueberbürdung sich zeigen mußten. Eine Vertiefung in die einzelnen Themata war wohl nicht immer möglich; man mußte suchen, möglichst rasch zu Ende zu kommen. Unserer Ansicht nach würde der Werth solcher Kongresse jedenfalls erhöht werden, wenn man nur das Allerwichtigste und actuell Hervortretende auf den Einzelgebieten zum Gegenstand der Vortrüge machen würde. Gehen wir nun auf die Arbeiten des Kongresses näher ein! Bemerkenswerth war in der ersten Sitzung desselben nach der erwähnten Eröffnungsrede, in welcher Pros. Stumpf die Fortschritte und Aufgaben der Psychologie zu kennzeichnen suchte, die Aeußerung des Kultusministers Ritter v. Landmann, der, auf den Werth internationaler wissenschaftlicher Kongresse im allgemeinen und des eröffneten Kongresses im besondern hinweisend, die Hoffnung aussprach, „daß die psychologischen Kongresse dazu beitragen würden, die große Gefahr, welche dem öffentlichen Leben der Kulturvölker aus gewissen psychologischen Theorien erwachsen könnte, zu beseitigen", und seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß diese Kongresse den alten Glauben an die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen nicht erschüttern, sondern befestigen werden. Sehr befremdend mußten nach diesem Wunsche die Behauptungen des Pros. Dr. Franz v. Liszt (Halle a. S.) über „die criminelle Zurechnungsfähigkeit" wirken. Er sprach die Ansicht auS, daß die Zurcchnungsfähigkeit nur gefaßt werden könne als normale (nicht freie) Bestimmbarkeit durch Motive und durch geistige Reife bedingt sei; die Strafe also als Motivsetzung, Abschreckung erscheine. „Die überlieferten und heute noch herrschenden ethischen Werthurtheile, denen eine vorsichtige Kriminalpolitik Rechnung tragen muß(I), auch wenn sie wissenschaftlich sie als Vorurtheile verwirft, verlangen eine Bestrafung, nicht bloß die Unschädlichmachung, des (eigentlich unzurechnungsfähigen) Gewohnheitsverbrechers; sie verlangen strenge Sondcrung des Zuchthauses von den Anstalten für gemeingefährliche unheilbare Geisteskranke." — Die Aeußerung derartiger Anschauungen war wohl nicht geeignet, die Sympathien gewisser Kreise für vie Leistungen des Kongresses zu erhöhen. Was die sonstigen allgemeinen Vortrüge anbelangt, so erscheint es uns, da wir viele wichtige Themata, die in den Sektionssitzungen erörtert wurden, zu behandeln haben, unmöglich, in gleicher Weise den Inhalt sämmtlicher zu berücksichtigen. Aus der ersten allgemeinen Sitzung ist noch der Vortrag des berühmten Pariser Psychologen Charles Nichet „8ur 1g, äoulour" zu erwähnen, der, das Thema zunächst vom physiologischen Standpunkte aus betrachtend, am Schlüsse seiner geistvollen Klarlegungen im Schmerze ein höchst zweckmäßiges Mittel findet, welches das Verhalten der Individuen der äußeren Welt gegenüber regelt, sie vor weiterer Schädigung bewahrt und sie zu höherer Entwicklung emporführt. In der zweiten allgemeinen Sitzung war besonders der Vortrag des Prof. Dr. Paul Flechsig aus Leipzig „über die Associationsceutren", der zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Psychologen und Physiologen führte, von Interesse?) Nach kurzer Klarlegung der Entwicklung der Lehre von der Lokalisation der seelischen Vorgänge in der Hirnrinde bezeichnete er seine Methode *) Hier sei noch des Vortrages des Pros. G. Sergi aus Rom über das Thema »vov's la, socls clölls Lmomoui?- (Wo ist der Sitz der Gefühlserregungen?) gedacht. Redner legte dem Kongresse das Ergebniß seiner Forschungen dar, das er in einem größeren Werke: »Ooloro o kiaosro. Ltoris, naturals äei sonti- monti. Llilano 189-1- veröffentlicht hat. Das Centrnm deS Gefühlslebens ist seiner Ansicht nach nicht das Gehirn im engeren Sinne, in dem sich die Pbänomene des Bewußtseins abspielen, sondern das verlängerte Rückenmark. Der Sitz der Gefüblscrregnngen aber ist peripberisch (tsoris, xeriksiiea äells omomoui); sie entstehen durch Veränderungen im Blutlaus, i» der Ernährung, Athmung und Ausscheidung. 266 als die anatomisch-entwicklungSgeschichtliche im Gegensatze zur klinisch-pathologischen; sie hat den Zweck, die Leitungs- bahnen, welche zu verschiedener Zeit in der Großhirnrinde entstehen, festzustellen und in ihrem Wachsthum zu verfolgen. Durch seine Beobachtungen wurde er zu der Annahme geführt, daß es die Sinnesleitungen sind, die allen andern vorhergehen, die centripetalen Nervenleit- ungen, welche die Sinnesorgane und die empfindlichen Organe des Körperinnern mit der Großhirnrinde verknüpfen. Faßt man, wie er weiter erklärt, die Entwicklung der Sinnesleitungen näher ins Auge, so ergibt sich, daß keineswegs alle Sinnesorgane gleichzeitig mit der Großhirnrinde in Verbindung treten. Es besteht vielmehr eine Reihenfolge dergestalt, daß zuerst die Leitungen der Körpergefühle einschließlich des Tastsinnes zur Großhirnrinde vordringen, annähernd gleichzeitig die für den Geruch, erheblich später die Sehleitung und zuletzt die Hörleiiung. An der Hand dieser cntwicklungsgeschicht- lichcn Differenzirung lassen sich folgende Fundamentalsätze forruuliren bezüglich Umfang und Anordnung der „corticalen Sinncscentren" der Sinnessphären in der Großhirnrinde: 1) Dieselben nehmen beim Menschen nur einen Theil, etwa ein Drittel, der Großhirnrinde ein. 2) Sie stellen nicht insgesammt ein Continuum dar, sondern sind von einander durch Nindenbezirke getrennt, in welche weder sensible, noch motorische Leitungen eintreten. 3) Sie bilden vier distinkte Bezirke von verschiedener Größe; am weitesten ausgedehnt ist das Ninden- centrum der Hinteren Wurzeln des Rückenmarkes, am kleinsten die Nicchsphäre. Die Sinncscentren sind vermuthlich ausnahmslos gemischt sensorisch-motorische Bezirke; das Tonangebende in jedem Centrum ist aber die eintretende Sinnesleitung, welche auf psychisch-reflektorischem Wege die Bewegungsbahnen innervirt. Betrachtet man das Gehirn des Nen- gebornen näher, so ergibt sich, daß die einzelnen Sinnes- sphären untereinander fast vollständig leitender Verbindungen entbehren. Verfolgt man aber die Entwicklung der Leitungsbahnen der Großhirnrinde weiter, so findet man, daß schon im zweiten Lebcnsmonat zahlreiche markhaltige Faserzüge sichtbar zu werden beginnen, die von den Sinncscentren aus hereinwachsen in die Restgebiete und in deren Rinde verschwinden. Es handelt sich um Leitungsbahnen, welche man seit Mcynert als Associationssysteme bezeichnete, also Leitungen, welche verschiedene Abschnitte der Großhirnrinde mit einander verknüpfen, die Thätigkeit der nervösen Elemente verschiedener Nindenbezirke associiren. Mit dem weiteren Wachsthum des Neugebornen strömen Millionen und aber Millionen solcher Assoctationsfasern in den Zwischenstücken zusammen, und zwar gehen sie zunächst überwiegend hervor aus den Sinnessphären und deren nächster Umgebung. Jedes Sinnescentrum wird Zum Ausgangspunkt unzähliger Associationssysteme, welche in die Zwischenstücke einstrahlen, so daß sich in den Windungen der letzteren Associationssysteme begegnen, welche aus verschiedenen Sinncscentren hervorgehen. Mit Rücksicht auf diese anatomischen Thatsachen empfiehlt es sich, den Zwischenstücken die Bezeichnung „Associationscentren" beizulegen. Dieselben verknüpfen also die Sinnessphären untereinander. Das, was wir Denken nennen, beginnt erst mit der Association der Thätigkeit verschiedener Sinnesorgane. Wird schon hiedurch wahrscheinlich gemacht, daß den Associativnscentren gegenüber den Sinnessphären eine ,hiMe geistige Bedeutung zukommt, so sprechen hiefür auch die Entwicklungsgeschichte, die vergleichende Anatomie und Pathologie. Die entwicklungsgeschichtliche Untersuchung läßt eine Dreitheilung der Associationscentren erkennen. Indem es keinerlei Beweise dafür gibt, daß die Verletzung dieser Centren die Sinneswahrnehrriungen im engeren Sinne beeinträchtigt, können diese Centren nur an Wahrnehmungen im weiteren Sinne bctheiligt sein, indem sie zu den reinen Sinneseindrücken die Erinnerungsbilder hinzufügen. Die einzelnen Sinncscentren mit ihren Asfociations- fasern sind wirkliche „Seelenorgane", offenbar ganz im Sinne der von Dr. Hirth aufgestellten Grundgedächtnisse; die Associntionscentren vermitteln die Coagitation dieser Einzelorgane, die Zusammenfassung zu „Merksystemen". Nach dem Vortrag entspann sich eine sehr erregte Debatte, an der die Professoren Lipps, Stumpf, Ebbinghaus, Dechterew und Forel sich betheiligten. Professor Lipps konnte sich keineswegs mit den Ausführungen der Vortragenden in allen Punkten einverstanden erklären und äußerte sich gegen gewisse Eingriffe der Physiologen ins psychologische Gebiet. Insbesondere Dechterew schien von der Vorzüglichkeit und Unfehlbarkeit der physiologischen Behauptungen überzeugt zu sein. Man sprach den Wunsch aus, daß die Debatte nach einem Vortrage des Pros. L. Edinger (Frankfurt a. M.) über das Thema „Kann die Psychologie aus dem heutigen Stande der Hirnanatomie Nutzen ziehen?" fortgesetzt würde. Derselbe fand in dem Cyclus der Sektion II statt. Jedoch schien man keine rechte Lust zur Erneuerung des Streites mehr zu haben. Edinger sprach vom Entwicklnngsstandpunkte aus. Er meinte, daß die Psychologen zu unverrückt ihr Auge nur nach dem Großhirn und seinen Funktionen gerichtet und es vielfach versäumt haben, Kenntniß zu nehmen von den langsam sich sammelnden Studien über den Bau der tiefsten Nervencentren. Das Genetische in den höchsten seelischen Prozessen sei deßhalb ganz ungenügend studirt. Edinger warnt im allgemeinen vor voreiligen Anwendungen anatomischer Dinge auf psychologische Verhältnisse, ist aber der Ueberzeugung, daß anatomische Studien, richtig gewürdigt, heute schon Nutzen bringen können. Namentlich gelte das für die vergleichende Seelenlehre, die heute noch ganz im Anfange des Erkennens stehe. Aus dem differentcn Gehirnbau der verschiedenen Thiere ergeben sich ganz bestimmte Fragestellungen für die objektive Beobachtung ihres seelischen Verhaltens. Mangels solcher exakter Fragestellung sei bisher ein Beobachtungsmaterial zu Tage gefördert worden, das, obgleich sehr groß, nicht ausreiche, auch nur eine einzige der zahlreichen Aufgaben zu lösen, die sich demjenigen sofort ergeben, welcher die Hiruanatomie kennt. (Forts, folgt.) Ueber Marienkirchen im Mitttelalter. Von Architekt Franz Jacob Schmitt in München. Der Kirchenpatron war im ganzen Mittelalter von bestimmendem Einflüsse bei der Aufstellung des Bauprogrammes für neu zu errichtende Gotteshäuser. So beobachten wir bei allen Marienkirchen das Bestreben nach der denkbar höchsten Kunstentfaltung, und dies gilt vornehmlich für die äußere'Erscheinung; bald genügte weder in Deutschland noch in Frankreich nebst ihren Nachbarländern ein Thurm, wie wir ihn bei der gothischen Liebfrauenkirche zu Trier noch ausgeführt sehen, die meisten Marienkirchen erhielten bereits vorher und namentlich von da ab zwei, drei und mehr Thürme. Während man sich in Paris bei der Kathedrale Notre-Dame auf zwei mächtige Westthürme beschränkte, besaß die Kathedrale Notre-Dame zu Amiens außer den beiden Westthürmen ehedem auch noch einen Vierungsthurm aus Stein mit Holzhelm, und nach dessen Untergänge wurde zu spätgothischer Zeit das bis heute dauernde schöne, aus Holz mit Bleibcdeckung hergestellte Centralthürmchen errichtet. Die Notre - Dame geweihten Domkirchen von Laon und Nheims sind auf je sieben Thürme angelegt, dabei erscheinen außer dem Vierungsthurme an den Fronten der Westseite und beiden Querschiffarmen je zwei Thürme. Auch die Kathedrale von ChartreS ist eine Marienkirche, wie die zu Rouen; erstere besitzt sieben, letztere gar elf Steinthürme. Im Norden Frankreichs finden wir noch eine Episcopalktrche Notre-Dame in Noyon, sie hat zwei WestfcMden - Thürme und planmäßig zwei Chorthürme, welche jedoch unausgeführt geblieben sind. Die Tochterkirche von Noyon ist der Liebfrauen-Dom von Tournay (Dooruick), denn erst im Jahre 1135 erhielt diese Stadt ihren eigenen Bischof, das Gotteshaus wurde hier mit nicht weniger als fünf Thürmen geschmückt. Wenden wir uns nunmehr zur Betrachtung der Sanct Maria geweihten Episcopalkirchen in Deutschland, so möge mit Konstanz am Bodensee begonnen werden, und hier sind planmäßig ein ehedem extstirender Vierungsthurm aus Stein und zwei Westthürme; in Basel am Nheine finden wir beim Mariendome gleichfalls zwei Westfa^adenthürme, und liegt es nahe, an einen ursprünglich geplanten Vierungsthurm zu denken, da die technische Möglichkeit durch die kräftigen vier Mittelpfeiler erwiesen ist. Nhein- abwärts bemerken wir beim Liebfrauen-Münster in Straß- burg den Vierungs-Kuppelthurm und noch zwei weitere mächtige Westthürme. Der Kaiserdom der nächsten rheinischen Bischofsstadt Speyer ist wiederum Unserer lieben Frau geweiht, das berühmte romanische Baudenkmal besaß im ganzen Mittelalter vier Steinthürme quadratischen Grundrisses und weiter noch zwei achteckige Kuppelthürme. Der Sanct Marien-Dom in Hildesheim hat zwei Westthürme, der zu Eichstätt zwei Ostthnrme, der zu Augsburg wiederum zwei, und zwar außerhalb der Seitenschiffe romanischen Stiles stehende, Thürme von quadratischem Grundrisse. In Negensburg ist der Dom zu Ehren Sanct Mariä und des hl. Petrus geweiht, hier war außer den zwei mächtigen Westthürmen noch ein Viernngs-Kuppcl- thurm, ganz wie beim nahen Dome zu Passau heute noch aus gothischer Bauzeit existirend, planmäßig vorgesehen. Die Marienkirche zu Wiener-Neustadt mit ihren beiden Westthürmen diente vom Jahre 1469 bis 1785 als Kathedrale, auch der Sanct Marien-Dom zu Freising besitzt feine zwei auf quadratischer Grundfläche erbauten Westfront-Thürme. Bei der Sanct Maria von Papst Gregor X. in Gegenwart Kaiser Rudolfs von Habsburg zu Lausanne im Jahre 1275 geweihten Kathedrale sind planmäßig fünf Stein-Thürme vorgesehen. Verlassen wir die Schweiz und begeben uns nach Italien, so findet sich bei „Santa Maria del Flore" in Florenz außer dem berühmten Glockenthurme Giotto's auch noch die riesige Kuppel erbaut, um die Bedeutung dieses Marien-Domes vor aller Welt auszudrücken. Der Mailänder Dom ist „Mariä Geburt" geweiht und besitzt den hochragenden achtseitigen Centralthurm sowie ringsum lauter Strebepfeiler, welche geradezu als kleine Thürmchen behandelt wurden. Santa Maria maggiore „zum Schnee" hat als eine der vier Patriarchal-Kirchen der ewigen Stadt ihren alten Glocken- thurm sowie zwei hohe Kuppeln. Unter den vielen Benediktiner-Klosterkirchen zu Sanct Maria soll hier an erster Stelle die allseitig bekannte Abtei am Laacher See, deren Gotteshaus mit zwei viereckigen und zwei kreisrunden sowie zwei Kuppelthürmen geschmückt ist, Erwähnung finden; die Abteikirche zu Murrhart in Württemberg erscheint mit zwei Ostthürmen, Liebfrauen in Halberstadt mit ursprünglich zwei Westthürmen, welchen später noch zwei Ostthürme hinzugefügt worden sind. Die nächst Halberstadt gelegene Abteikirche in Huyseburg besitzt zwei Westthürme, die zu Memleben zwei viereckige Westthürme und noch einen Vierungsthurm, auch hat die Marienklosterkirche in Altenbnrg zwei Westfatzadenthürme, die sogenannten „rothen Spitzen". In Köln sind bei Maria im Kapital zwei Westthürme planmäßig vorgesehen und sicher ursprünglich auch noch ein Vierungsthurm beabsichtigt gewesen. Zwei Thürme finden wir auch beim Frauenmünster in Zürich, und auf Sicilien erscheint in Monreale die ehrwürdige Abteikirche Santa Maria nuova mit einem Vierungsthurme und zwei quadratischen Westfront-Thürmen. „ Bei den meist in größeren Städten entstandenen Collegiat-Stiftskirchen zu Sanct Maria lag es nahe, mit den Episkopalkirchen an reicher Ausbildung zu wetteifern. Beginnen wir mit dem Münster zu Freiburg im Breisgau, welches ursprünglich auf zwei Ostthürme und einen achteckigen Kuppelthurm romanischen Stiles angelegt wurde und das um die Mitte des XIII. Jahrhunderts seinem gothischen dreischifsigen Langhause den einzig schönen Wcstthurm vorgebaut erhielt. In der Zeit von 1529 bis 1676 war diese Freiburger Collegiatkirche die Kathedrale des Bischofes und Hochstiftes Basel. Am Nheine abwärts sehen wir zu Worms die Liebfrauenkirche gothischen Stiles mit zwei ganz in Stein ausgeführten Westthürmen. Die von Mainzer Erzbischöfen in Erfurt errichtete, „Dom" genannte Stiftskirche zu Unserer lieben Frau besaß anfänglich zwei Ostthürme romanischen Stiles, denen man mitteninne den dritten Thurm in gothischer Zeit hinzufügte. Wetzlar an der Lahn war bereits in romanischer Stilperiode auf zwei Westthürme angelegt, auch die Gothik behielt dieses Bauprogramm bei, doch sollten es zwei weit mächtigere Westfrontthürme werden, wovon aber nur der südliche in seinem quadratischen Untertheile zur wirklichen Ausführung gelangt ist; zwei weitere, kleinere Thürme schmücken den südlichen Kreuzesarm dieser ehemaligen Stiftskirche. Die mit drei Westthürmen versehene Collegiatkirche der Stadt Ansbach erhielt ihre erste Weihung zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria im Jahre 1065, der Hochaltar trug stets ihren Namen, während das Gotteshaus selbst vom Tage der Heiligsprechung des AnSbacher Stadtheiligen Gumpert 1195 auch dessen Namen erhielt und heute noch trägt. In Sachsen steht man an dem „Dom" genannten Sanct Marien-Stifte zu Freiberg zwei Westthürme, zu Lippstadt in Westfalen aber zwei Ostthürme. Der Münster zu Aachen, der heiligen Gottesmutter geweiht, hat seine Kuppel und zwei runde Thürme an der Eingangsfeite. In Belgien erscheint Antwerpen mit seiner „Dom" genannten Marien - Stiftskirche als eine Bauanlage mit zwei mächtigen Westthürmen und einem Vierungsthurme, sowie Hny bei Lüttich mit einem Westthnrme und zwei weiteren Thürmen beim Ostchore. In Frankreich sei Notre-Dame in Mantes als eine Collegiatkirche mit zwei Westf-Mden-Thürmen angeführt. ^ Unter den PräMünstraicnser-Chorherreu-StiftMrchen 268 zu Sanct Maria ist zunächst die im frühgothischen Stile erbaute zu Kaiserslautern in der Nheinpfalz mit einem Ost- und zwei Westthürmen namhaft zu machen, dann am Niederrhein das Gotteshaus der Abtei Knechtsteden mit seinen drei Steinthürmen, weiter die Abteikirche Arnstein an der Lahn mit ihren vier Thürmen, ferner Veßera in der Diöcese Würzburg mit zwei Westthürmen, endlich Jerichow mit seinem westlichen Thurmpaare. Von den der heiligen Jungfrau Maria geweihten Angustiner-Chorherren-Stiftskirchen führen wir Pfaffen- Schwabenheim in Nheinhcssen mit zwei runden Chor- thürmen an, weiter die Abteikirche zu Schiffcnberg bei Gießen, welche außer zwei Westthürmen auch noch einen steinernen Vterungsthurm besitzt, sowie die „Sandkirche" genannte zu Breslau in Schlesien mit zwei Westthürmen. Im Voigtlande stehen zu Lausnitz heute noch die Ruinen einer Augustinerinnen-Abteikirche Mariastein, welche sich ehedem des Schmuckes zweier Westfntzaden - Thürme erfreute. Auch die Jesuiten gaben zu Köln am Nheine ihrer von 1621 bis 1629 errichteten Collegiatskirche »Mariä Himmelfahrt" zwei hohe Steinthürme an der Eingangsseite; in Venedig wurde Santa Maria della Salute als Seminarkirche mit einem Glockenthurme und zwei Kuppeln durch Longhena von 1630 bis 1656 erbaut. Die hochinteressante Wallfahrtskirche Sanct Maria aus dem Harlunger Berge bei Brandenburg an der Havel, welche leider im Jahre 1722 zerstört worden ist, besaß, nach dem auf uns gekommenen Modelle, vier Eck- thürme über quadratischem Grundrisse. Die Kirche der Propstei Maria-Kulm, ein bei Eger in Böhmen gelegener vielbesuchter Wallfahrtsort, besitzt dreiThürme, und Maria- Zell in Kärnten hat gar vier Thürme, wovon der eine noch dem Gotteshanse der Mittelalterzeit angehört. Zwei Westfagaden-Thürme schmücken die Wallfahrtskirche Notre- Dame de l'Epine in der Champagne. Nunmehr kommen wir zur Betrachtung der Sanct Maria geweihten Pfarrkirchen, und auch hier zeigt sich das Bestreben, den Außenbau mit zwei und mehr Thürmen hervorragend auszuzeichnen. Im ehemaligen Herzogthume Burgund erscheint zu Dijon Notre-Dame mit zwei Fatzadenthürmen und einem steinernen Central- thurme; in Chalon sur Marne besitzt die Pfarrkirche Notre-Dame zwei Ost- und zwei Westthürme, und zu Melun im Departement Seine et Marne hat die Liebfrauenkirche wiederum ein Thurmpaar. In Italien wurde zu Sän Germano von der berühmten Benediktiner-Abtei Monte Cassino die Kirche „Santa Maria delle cinque torre" mit fünf Thürmen geschmückt, in Genua baute man „Santa Maria di Carignano" zu Ehren „der Himmelfahrt Mariä" mit einer Kuppel und zwei Thürmen. Die Hafenstadt Barcelona errichtete in der Zeit von 1328 bis 1483 die Kirche „Santa Maria del mar" mit zwei Westfront-Thürmen. In Brüssel wurde „Notre-Dame de la Chapelle" mit einem West- und einem Vierungsthurme zur Ausführung gebracht, in Dinant bei Namur beobachten wir wieder zwei Westfatzaden-Thürme. Am Nheine erscheint zu Köln Maria-Lyskirchen mit zwei Ostthürmen, in Koblenz hat die Liebfrauen- oder obere Pfarrkirche zwei viereckige Westthürme, und Andernach besitzt einen der Gottesmutter und Sanct Genovefa geweihten Bau mit gar vier Steinthürmen.; Frankfurt am Main hatte seine Sanct Maria und Sanct Georg geweihte untere Pfarrkirche mit zwei achteckigen HPMruren romanischen Stiles, als ihr nun im Jahre 1297 Reliquien des hl. Leonhard zukamen, so wurde dieser Namen angenommen. Die drei- schisfige Marien-Pfarrkirche zu Geisenheim im Nheingau hat ihre zwei Westthürme, während die der „Heimsuchung Mariä" geweihte Stadipfarrkirche zu Wuchsen am Berge sich auf stolzer Höhe mit zwei Ostthürmen über quadrat» ischen Grundrissen präsentirt. In Villingen in Baden hat die „Münster" genannte; Unserer lieben Frau und Johannes dem Täufer geweihte Stadtpfarrkirche zwei oben achteckige Ostthürme, die schöne gothische Marienkirche zu Neutlingen in Württemberg besitzt zwei Ost- und einen Westthurm von der Breite des Mittelschiffes. Der Lieb- frauen-Münster zu Ulm an der Donau hat neben zwei neuerdings ausgebauten Ostthürmen seinen riesigen West- Prachtthurm gothischen Stiles. Donauabwärts finden wir zu Jngolstadt die obere Stadtpfarrkirche zu Sanct Maria mit zwei übereck stehenden Westthürmen, und die Marienkirche des uralten Bischofssitzes Passau hat gleichfalls zwei Westfagadenthürme. Die als Pfarre errichtete Frauenkirche zu München besaß schon in ihrer ersten Ausführung romanischen Stiles zwei Westthürme, der Meister der Gothik hat dies Motiv auch beim Neubane von 1468 bis 1488 festgehalten. In Prag ist die Haupt-Pfarrkirche der Altstadt „Mariä Himmelfahrt" am Tayn mit zwei stattlichen viereckigen Westthürmen ausgezeichnet, und auch der Marienkirche zu Krakau wurde die ganz gleiche Schmuckanlage verliehen. In Schlesien sehen wir zu Liegnitz die Frauenkirche mit zwei Westthürmen, wovon jedoch nur der eine zur wirklichen Ausführung gelangt ist; die Marien- oder Oberktrche zu Frankfurt an der Oder hat planmäßig zwei Westthürme, davon ist der südliche im Jahre 1826 eingestürzt. In Wittenberg an der Elbe wurden um 1412 die zwei Westthürme der Pfarrkirche Sanct Maria erbaut; in Luckau bei Jüterbog hat die Stadtkirche zu Sanct Maria und Nicolaus zwei viereckige Thürme, ebenso ist es bei der Marienkirche in Griwma; zu Arnstadt in Thüringen hat die Liebfrauenkirche einen Ost- und zwei Westthürme; in gleichem wurden im Jahre 1490 zu Meiningen Doppelthürme an der Westfront der Sanct Marien-Stadtpfarrkirche errichtet. In Aken bei Anhalt-Dessau besitzt die Liebfrauenkirche zwei oben achteckige Thürme; die Marienkirche zu Heiligenstadt im Eichsfelde weist zwei Westthürme auf und Mühlhausen in Thüringen zwei kleine West- und einen Hauptthurm bei seiner oberen Sanct Marien-Pfarrkirche. Die heutige Marktkirche zu Sanct Maria in Halle an der Saale hat zwei östliche und zwei westliche, also vier Thürme; in ähnlich großartiger Weise finden wir die werthvolle Marienkirche zu Gelnhansen in Hessen durch den Schmuck dreier Thürme und eines Kuppelthnrmes ausgezeichnet. Königshöfen auf der Heide in der Diöcese Eichstätt besitzt eine Marienkirche mit Doppelthürmen vom Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Die neue Pfarrkirche, genannt „zur schönen Maria", in Regensburg hat zu beiden Seiten des Chores Thürme, während das Langhaus unausgeführt geblieben ist. Chammünster hat seine Marienkirche mit der Zierde zweier romanischer Ostthürmc. Notenburg bei Cassel in Hessen ist im Besitze einer Sanct Maria und Elisabeth geweihten Kirche, welche an der Westseite Doppelthürme hat. Die Liebfrauen-Pfarrktrche zu Friedberg in der Weiterem des Großherzogthnms Hessen besitzt zwei Westfagaden-Thürme; Soest in Westfalen bei seiner Sanct Marien-Kirche zur Wiese zwei überaus stattliche WestthürKe, welche nach Soller's Entwurf erst in unseren Tagen iA Hochbaue vollendet worden sind. Die große Marienkirche in Lippstadt hat einen Thurm vor der Westseite und zwei Thürme an der Ostseite der Kreuzesarme; Sanct Maria in Stendal erscheint mit zwei viereckigen Westthürmen; die Hauptkirche Sanct Maria zu Rostock hat drei mit einander verbundene Westthürme, und in Anklam sind bei der Marienkirche zwei Vorderfa?aden-Thürme projectirt gewesen, davon ist aber nur der eine zur wirklichen Ausführung gelangt. Kolberg hat eine Marienkirche mit einem größeren Nord- und zwei niedrigen Westthürmen, während Prenzlau sich auf Doppelthürme an der Westfront beschränkte; das gleiche Motiv finden wir an den Marienkirchen der beiden Hansestädte Bremen und Lübeck, hier in machtvollster Weise derart durchgeführt, daß die zweithürmige bischöfliche Domkirche der Stadt völlig in Schatten gestellt worden ist. Gerade diese Lübecker, als dreischiffige Basilika mit hochragendem Mittelschiffe, Chorumgange und Kapellenkranze zur Ausführung gekommene Marien-Pfarr- kirche beweist die von uns angenommene Thatsache, daß man im Mittelaller dem für das Gotteshaus gewählten Kirchenpatrone beim Vauprogramme vollste Berücksichtigung schenkte und daß beim Aeußeren aller Sanct Maria geweihten Monumentalbauten der größte Reichthum angestrebt worden ist, welches Ziel man durch mehrthürmige Anlagen zu erreichen suchte. Beiträge zur Entzifferung der mosaischen Schöpfmrgsurkunde. Von Joh. Bumüller, Kaplan in Holzheim. Mit folgenden Zeilen ist keineswegs eine erschöpfende Behandlung des ersten Kapitels der Genesis bezweckt. ES sollen nur einige Streiflichter auf die Hauptfragen geworfen werden, die sich dem Leser des mosaischen Schöpfungsberichtes aufdrängen. Bon wem stammt der Schöpfungsbericht? Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Menschen erst zur Zeit des Moses über die Weltschöpfung unterrichtet worden sind; de. Bericht dürfte der Hauptsache nach auf das erste Mcnschenpaar zurückzuführen sein. Dagegen hat diese uralte, wahrscheinlich mündliche Ueberlieferung von Seiten des Moses offenbar eine gewisse Bearbeitung erfahren. Denn neben dem allgemeinen Zwecke des Berichtes, der in der schriftlichen Niederlegung Sicherung des Glaubens an Jahve, den Schöpfer Himmels und der Erde, besteht, läßt sich unschwer noch eine besondere von Moses bei Abfassung des Berichtes verfolgte Tendenz erkennen. Dieselbe besteht in dem Bestreben, das aus- erwählte Volk vor dem ägyptischen Götzendienste zu bewahren. Wohl jedem, der die mosaische Schöpfnngs- urkunde liest, fällt der ausführliche Bericht des vierten Tages über Erschaffung und Zweck der Sonne sowie der übrigen Gestirne des Himmels auf. Es liegt nahe, darin eine Warnung vor der Verehrung der ägyptischen Lichtgottheiten, besonders des Sonnengottes Na zu erblicken. Beim fünften Tagewerk werden außer jedem Wesen im Wasser, das da lebt und sich bewegt, ausdrücklich, und zwar den andern vorangesetzt, die tliaumiwr genannt, „Meerungeheuer", wie gewöhnlich übersetzt wird. Dieses Wort kommt von tlrairan, sich dehnen, strecken, bedeutet also ursprünglich das lang gedehnte, gestreckte Thier. Hier liegt nun der Gedanke au das Krokodil, welches von den Aegyptern als heilig verehrt wurde, sehr nahe, und dies um so mehr, da bei Ezechiel 29, 3 mit obigem Namen das Krokodil bezeichnet wird. Wenn endlich beim sechsten Tage gerade das bslrsraast, das größere, viersilbige zahme Vieh hervorgehoben wird, wer denkt da nicht an die ägyptische Verehrung der heiligen Aptsstiere, vor welcher zu warnen Moses allen Grund hatte, wie die Anbetung des goldenen Kalbes am Berge Sinai beweist? Der Bericht wendet sich also in auffälliger Weise gegen die in der ägyptischen Religion heimische Verehrung der Lichtgottheiten, der heiligen Krokodile und Apisstiere. Dies ist zugleich ein Beweis, daß die Genesis das von ihr in Anspruch genommene Alter besitzt und von Moses verfaßt ist. Liegt aber so nicht der Verdacht nahe, der Schöpfungsbericht sei nicht eine auf die Urzeit der Menschheit zurückzudatirende Offenbarung, sondern ein von Moses verfaßtes, auf poetische Phantasien oder auf seine Kenntniß der ägyptischen Wissenschaft gründendes religiöses Tendenzwerk, so etwa ein unter die pyramidenbaueuden Juden vertheiltes Traktätchen? Allein poetische Phantasien werden unerbittlich zurückgewiesen von der eklatanten Uebereinstimmung zwischen Schöpfungsbericht und Wissenschaft. Der Bericht ist aber auch nicht eine Privatarbeit des in aller Wissenschaft der Aegypter unterrichteten Moses. Denn daß die Aegypter in Folge wissenschaftlicher Forschungen von all den hier einschlägigen Dingen etwas gewußt hätten, ist weder denkbar, noch läßt sich hiefür auch nur die Spur eines Beweises aus ihren hinterlassenen literarischen Urkunden beibringen. Wie sind nun der Schöpfungsbericht und näherhin seine sechs Tage aufzufassen? Hierüber sind schon verschiedene Theorien aufgestellt worden, von denen sich nicht alle einer gar zu großen Wissenschaftlichkeit rühmen können. Theils sind sie Phantafiestücke, wie die Restitutionstheorie, theils gehören die sie vertheidigenden Elaborate zur wissenschaftlichen Schundliteratur. Es sind nur zwei Theorien, welche rücksichtlich ihres wissenschaftlichen Werthes und der Zahl ihrer Anhänger von größerer Bedeutung sind, nämlich die ideale Theorie, welche die in der Genesis vorliegende Aufeinanderfolge der einzelnen Schöpfungstage aufgibt und deren richtige Gruppirung den Naturwissenschaften überläßt, und die concordistische Theorie, welche an jener Aufeinanderfolge festhält und betreffs derselben eine Uebereinstimmung zwischen Bibel und Naturwisscnschaft lehrt. Nachdem sich manche mit vorschneller Unverständigkeit aufgestellte Behauptungen, um nicht zu sagen Träumereien einiger Concordisten nicht aufrecht erhalten ließen, hat die ideale Theorie speziell in theologischen Kreisen immer mehr Anhang gewonnen. Es ist auch verführerisch, wie sich bei ihr alle Schwierigkeiten im Handumdrehen heben! Allein jeder, der auch nur einige naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzt, kann sich durch eine solch oberflächliche Beseitigung der Schwierigkeiten nicht befriedigt fühlen. Denn einem unbefangenen Urtheile wird die im Schöpfungs- berichte gegebene Aufeinanderfolge der Tage gerade als daS Hauptmoment erscheinen. Die chronologische Aufeinanderfolge dürfen wir nur dann fallen lassen, wenn unumstößliche Ergebnisse der Naturwissenschaft dies verlangen, was durchaus nicht der Fall ist. Die Anhänger der idealen Theorie erblicken in dieser fälschlichen Weise ein Hinterpförtchen, durch welches sie unbemerkt den Angriffen einer in den Dienst des Unglaubens gestellten Naturwissenschaft entschlüpfen zu können glauben. Doch wer sich aus dem Kampf zu drücken versucht, verzichtet schon im vorhinein auf den Sieg, und dies dürfen wir, wenn es sich um die Aukiorität der Bibel handelt, am allerwenigsten thun. Wir werden daher unbedingt an 270 der im biblischen Berichte enthaltenen chronologischen Reihenfolge festhalten, da diese mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen sehr wohl in Einklang zu bringen ist. Daß man dabei die sechs „Tage" nicht als Tage ü. 24 Stunden aufzufassen hat, ist eine bereits entschiedene Frage. Dagegen ist die Erklärung des Umstandes, daß Moses diese sechs Schöpfungs- und Entwicklungsakte gerade mit dem Ausdrucke „Tag" bezeichnet, noch eine schwankende. Die einfachste Annahme ist wohl, Gott habe demjenigen, welchem die erste Kenntniß von der Wcltschöpfung zu Theil wurde, die sechs Hauptschöpfungsund EntwicklungSakte in sechs verschiedenen Visionen vorgeführt, zugleich die Institution des auf sechs Wochentage folgenden Sabbates festgesetzt und dieser durch die Haupt- Schöpfungsakte ihre höhere Begründung gegeben. In Folge dieser Anknüpfung an unsere Tage ging dann in der Ueberlieferung der Ausdruck „Tag" auf die Schöpfungsakte und Entwicklungsperioden selbst über. Dieser populäre Ausdruck wurde nun auch von Moses adoptirt, der den wahren Sinn desselben sehr wohl gekannt haben kann. Wie dem übrigens sei, so viel ist sicher, daß wir hier auf Grund der naturwissenschaftlichen Ergebnisse von der buchstäblichen Ausdrucksweise abweichen müssen. Denn an Tagen L 24 Stunden festzuhalten, ist den Anhängern einer gewissen Theorie nur dadurch möglich, daß sie von der erhabenen Allmacht Gottes ein komisches Zerrbild entwerfen und dabei die naturwissenschaftlichen Ergebnisse und Theorien in einer Weise bekämpfen, welche nur dazu geeignet ist, die gläubige Wissenschaft in Mißcredit zu bringen. Wenn wir uns nun die einzelnen Tage des Schöpfungsberichtes kurz näher ansehen, so werden wir erkennen, wie es gar nicht nothwendig ist, vor der Naturwissenschnft die Flinte ins Korn zu werfen. Dabei müssen wir uns aber auch vor zu weit gehenden Ansprüchen hüten, in jedem Falle nämlich sagen zu können: „So sagt die Bibel, so lehren die naturwissenschaftlichen Ergebnisse; beide decken sich vollständig." Denn von den hier einschlägigen naturwissenschaftlichen Fragen sind noch nicht alle endgiltig gelöst, und manche dürften vergebens einer solchen Lösung harren. Am ersten Tage hat Gott das Licht erschaffen. Hier handelt es sich nicht etwa um die Erschaffung der Sonne, also um die Entstehung des Lichtes für die Erde, sondern um einen universellen Vorgang, der eine zweifache Deutung zuläßt. Die in Finsterniß gehüllte Urmaterie, aus welcher sich die gesammte Sternenwelt entwickeln sollte, ging nämlich in Folge von Verdichtung, Bewegung, Erwärmung, chemischen Verbindungen, elektrischen Vorgängen oder anderen natürlichen Erscheinungen nach und nach in leuchtenden Zustand über. Eine andere Erklärung wäre die, daß durch den Ausdruck: „Gott sprach: Es werde Licht!" die Erschaffung einer leuchtenden, gasförmigen Urmaterie ausgesprochen ist, wobei allerdings bei der in Vers 2 genannten, über dem Abgrund schwebenden Finsterniß eine nicht recht motivirte Anticipatton späterer, dem vierten Tage vorangehender Zustände der Erde angenommen werden müßte. Dies alles sind natürlich reine Hypothesen, da wir über den Urzustand der Materie noch vollständig im Unklaren sind; eS ist ja möglich, daß die Materie sich ursprünglich in einem uns ganz unbekannten Zustande befand. Daher können wir einstweilen den ersten biblischen Schöpfungstag auf Grund der Naturwissenschaften ebensowenig mit Sicherheit erklären, als diese einen begründeten Einwnrf gegen denselben erheben können. (Fortsetzung folgt.) Ein LiLeraLk'.rLild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Föhr. (Fortsetzung.) „Was aus einem Kloster kommt, gehört auch meistens nur für Klöster." Dieser engherzige Ausspruch eines großen Herder erleidet beträchtliche Einbuße, wenn ich mit voller Berechtigung wieder einen Klostermann, dazu noch einen Jesuiten, als großen lyrischen Dichter vorführe, den Pater Fritz Esser (in Kopenhagen). Seiner wundersamen Dichtung „Blüthen der Marienminne" zollt der protestantische Pfarrer N. Weitbrecht lobende Anerkennung mit Worten, die freilich seinen Standpunkt nicht völlig verleugnen: „Eine besondere Vorliebe können wir dl^en Marienliedern eines Jesuiten nicht entgegenbringen; aber das soll unser Urtheil nicht beeinflussen. Auf was es ankommt, ist doch in erster Linie die poetische Bewältigung des Stoffes, und diese ist Esser im ganzen gelungen. Seine Gedichte sind von einer bemerkens- werthen Vielseitigkeit in Verwerthung des einförmigen (?) Stoffes; und auch hier zeigt sich, wie viele Register ein Dichter besitzt, selbst wenn es sich immer um einen Grundton handelt, sobald seine Seele, nicht bloß sein Kopf oder seine Feder, von etwas ergriffen ist." Der Recensent sagt dann dem Buche „Auflage um Auflage" voraus und äußert weiterhin: aus Esser's „Marien- minne" werde noch „manch sangbares Lied durch das katholische Deutschland tönen". Der protestantische Recensent scheint sich denn auch wirklich als guter Prophet zu bewähren, denn nach kurzer Zeit schon wurde eine zweite Auflage nöthig, und auch Componisten suchen an den poesievollen Liedern ihr Talent zu erproben. „Wer ein Liedlein weiß zu singen, So ein Licdlcin frisch und bcitcr, O! der laß es sroh erklingen Und wer'S hört, der sing' es weiter!" Der Dichter, der uns mit diesen leichten und gefälligen Versen alsogleich gefangen nimmt, ist abermals ein Jesuit, k. Ambras Schupp (in Porto Alegre, Brasilien). Man ist vielleicht versucht, zu glauben, diese Dichter sängen nur von Gott, vom Himmel und den Engeln, aber das ist weit gefehlt, gar finnig schlingen sie in ihre Lieder Blumen hinein, die auch die lustigen Weltkinder sich gerne an den Busen stecken. Gleich Uhland und Weber singen sie „von allem Hohen, was Menschenbrust durchbebt, von allem Süßen, was Menschenherz erhebt". Ein echtes Kind der rothen Erde, anmuthend wie eine Blüthe westfälischer Heide ist die Dichterin Ferdinande Freiin von Bracke!, die Tochter eines der angesehensten Geschlechter des Landes, derer auf Welda. (Die Dichterin ist geboren a« 24. Nov. 1835.) Als die beliebteste Novellistin und Roman- dichterin der Gegenwart ist sie berühmt geworden. Wie die Zahl der Auflagen genügend darthut, kann man ihre Romane zweimal und öfters lesen, eS sei hier nur erinnert an die schöne „Daniella" und an „Die Tochter des Kunstreiters" mit ihrem Frühlingshauch und Veilchen- duft. Ferdinande Freiin von Bracke! ist eine dichtende Frauengestalt gleich Annette von Droste-Hülshosi und Emilie Ringseis nach den Worten der heiligen Schrift: „Kraft und Huld sind ihr Gewand, ihr Mund öffnet sich der Weisheit, und das Gesetz der Milde schwebt auf ihren Lippen." „Schiller's Mondschein-Amalien und Limonaden-Luisen, diese Kunstfiguren kennt Bracke! nicht", meint Alfred Muth mit reizendem Humor. Eine Wald- 271 drossel, singt sie im Schatten der Heidelinde mit einem überreichen Herzen, aber männlichem Geiste. Im Frühling, wenn der Himmel sich klärt und die Sonne das bleiche Leichentuch des Winters von Dächern und Flüssen hebt, fängt sie frohgemuth zu singen an: Böget singen, neues Leben, Frisches Grün an Blatt und Baum: Für die Böget neue Lieder, Für das Herz ein neuer Traum! Dann folgt wieder ein Lied von Nosengehegen, fröhlichem Spiel und blumiger Heide, von Maiabendroth und Nachtigallcnlauten. Kriege und Siege des Vaterlandes haben ihr auch vaterländische Weisen entlockt. In der Epik erkennen wir ihr den Preis zu; die Lieblichkeit ihrer Legenden ist wunderbar. Form und Inhalt sind knapp, zuweilen sprunghaft, oft ganz nach Art des Volksliedes. Alles zeigt Reichthum der Sprache, Fülle der Gedanken, Alles ist fein und erlesen, so daß wir glauben möchten, auch hier gelte, was der Altmeister Goethe artig vorn holden Geschlechte preist: „Willst du genau erfahren was sich ziemt» So frage nur bei edlen Frauen an!" Eine mehrfach hervorgetrctene, voriheilhaft bekannte Dichterin ist Thekla Schneider, eine gemüthvolle, liebenswürdige Schwäbin (geb. 1854 zu Navensburg, lebt jetzt in Friedrichshafen). Unter die Dichterinnen hat sie sich eingereiht durch ihre „Wellen vom Bodensee". Von ihnen sagt Brugier: Unwillkürlich wird man beim Lesen derselben an das Lob erinnert, das Platen den Poesien der schwäbischen Schule mit den Worten spendete: „Von Stuttgart her dringt ein gemüthlicher Ton zart fühlender, heimlicher Lieder." Ja, so ein Gedichtchen, wie „Prälat und Opernsängerin", ist ein zu köstlich Ding schwäbischen Humors, als daß es an dieser Stelle dem freundlichen Lescpublikum vorenthalten werden dürfte. Manche schöne Leserin wird wie stolz ihr hübsches Köpfchen in den weißen Nacken werfen, wenn sie die gefeierte Sängerin vom greisen Prälaten beschämt und besiegt sehen muß. Ein romantisches Begebniß nämlich, das der rühmlichst bekannte Dichter Karl Gerok zu Stuttgart gehabt haben soll, hat Thekla Schneider in neckische Reime gebracht. Auf dem Philosophcnpfade kommt sinnend der Prälat, indeß eine bekannte Stuttgarter Sängerin auf dem Seitenwege dahcrschreitet. Plötzlich fing es an zu tröpfeln, es regnet stärker, und der Herr Prälat tritt herbei, die Sängerin zu beschirmen. Keines kennt das andere. Sie wandeln in freundlichem Gespräch vor der Dame Haus, und dort rückt der Herr Prälat mit der Farbe heraus: .... „Dorf ich'S wagen. Nach dem Namen Sie zu fragen?" Und das rasche Musenlind Schnell auf Antwort sich besinnt: „Aus der Frage kann ich i'ch'n, Dah sie nie zur Oper geh'«; Als die erste Sängerin Jedermann bekannt ich bin. Nun ist's wohl an mir, zu fragen, Und ich bitte Sie zu sagen. Wer mir unterm Schirm soeben Gütig daö Geleit gegeben?-* „AuS der Frage kann ich seh'n, Daß Sie nie zur Kirche geh'n; Alle Frommen kennen mich, Denn der Herr Prälat bin ich!" Das ist eine farbenprächtige Blüthe schwäbischer Gemüthlichkeit, dieses reizende Gedichtchen! Auch in der Epik versuchte sie sich mit Glück. Ihre epische Dichtung „Aus alten Tagen" ist ein gar ansprechendes, sinnig ge- müthvolles Werk. „Es ist" — wie ein Landsmann der Dichterin sagt — „ein duftiger, zarter Traum aus dem Herzensleben des vielbesungenen Konradin, was die Dichterin uns bietet, geträumt auf der heimathlichen Erde." (Brugier.) „Frau Wendelgard" ist ein romantisches Epos, das an die Schlacht auf dem Lechfelde anknüpft. Die Dichterin verfügt darin über einen reichen poetischen Bilderschmuck, spricht wie die liebenswürdige Luise Hensel in fromminniger, keuschminniger Weise zum Herzen, kurz ihre Muse zieren alle jene Eigenschaften, die ihre Dichtung jeder christlichen Familie, besonders Frauen und Mädchen, lieb und werth machen müssen. Eine eigenartige, leider seit Jahren erblindete Dichterin ist Margaretha Mirbach (geboren am 5. August 1852 zu Königswinter a. Nh.). Als eine Tochter des Rheins, in dessen grünen Fluthen die Sage rauscht, ist sie eine entzückende Märchendichterin. Ihre Lieder und Gedichte sind überaus zart und wohlthuend, so tief sprudelnd und unendlich erquickend, sie legen uns den Schlüssel zu einem reichen und edlen Herzen in die Hand, kindliche Unschuld und fromme Sehnsucht fließen zur Grundstimmung in einander, darüber lacht gleich ; heiterem Sonnenschein am blauen Himmel allerliebster Frohsinn, der nicht selten die Dichterin als rheinländische Schelmin verräth. Mit feinem Scherz, mit einem Witz, in Seidenfaden ausgesponnen, neckt sie den Leser, wobei, wie ein altes gutes Wort sagt, einem das Herz im l Leibe lacht. ! Ein Schüler Simrock's ist der in der Literatnrkunde ! weithin bekannte Dr. Wilhelm Reuter, Seminar- ^ lehrer zu Münstermaifeld, Nheinprovinz. In „Palmen ^ und Oliven", „Sang und Sage", „Garben und Farben" / quillt zumeist freudehell der Dichterquell. Reuter ist ein r bemerkenswerthes Talent auch auf dem Gebiete der Bal- ' lade und Romanze. „Was ein Waldbruder sang" sind Perlen didaktischer Poesie. Wie kalter Schauer überläuft es vielleicht manchen West- und Südländer, wenn ich in die Reihe unserer zeitgenössischen Dichter einen Ostpreußen eintreten lasse: Julius Pohl (geb. am 13. Juli 1830 zu Frauen- ! bürg), jetzt Domherr in seiner Vaterstadt, Ermlands bischöflicher Residenz, die so idyllisch gelegen ist „an des * Haffes Saum, wo Wellen rauschen in den Traum". I Werke, die den Dichter mit einem Schlage den besten Sängern unseres Jahrhunderts an die Seite stellen, sind „Jubelgold" und „Bernsteinperlen". „Jubelgold", Kränze um die Tiara, ist ein Weihegeschenk zum goldenen Bischofsjubiläum unseres glorreich regierenden Papstes Leo XIII.; in wenigen Wochen schon wurde eine zweite Auflage nothwendig. Wenn „Jubelgold" mehr ein Preisgesang auf die himmlische Heimath ist, so sind „Bernsteinperlen" ein Preislied auf das irdische Vaterland; nach neuester Ausgabe zerfällt das Buch, dessen Widmung der deutsche Kaiser huldvollst entgegengenommen hat, in die zwei Haupttheile: „Vaterland und Königshaus" und „Mein Ermland". Das tönt markig und kräftig, wenn er die Saiten anschlägt: „Dem Kaiser unentwegt das Seine, Doch auch das Seine Gott dem Herrn: So reih'n zum innigen Vereine Sich alle deutschen Stämme gern! Das walte Gott, du Volk von Brüdern, Dann ist dein gold'ner Morgen da! Dann jubelt in den schönsten Liedern Die Welt dir Preis, Germania!" Von unserem Dichter sagt Peter Walde, selbst ein Muscnsohn, in einer biographischen Skizze: „Ja, ein Dichter, wie Julius Pohl, muß mit der Zeit ein Liebling unseres Volkes werden." Er vergleicht ihn mit Uhland, mit dem er echte deutsche Gemüthstiefe, mit Nückert, mit dem er eine erstaunliche Versgewandtheit gemein habe. „Wo man singt, dort laß Dich ruhig nieder!" so sang einer aus dem vorigen Jahrhundert. Fürwahr, noch lange möchten wir weilen in dem melodienreichen Wäldchen, das wie eine liebliche Oase aus der drückenden Hitze des Weltlebens, dem Rasseln der Maschinen und dem Klingeln des Mammons frisch und kräftig sich hervorhebt. Aber einen darf ich nicht vergessen, der wirklich Dichter von Gottes Gnaden ist, Leo van Heem siede, der Zeit und Geld durch Leitung der „Dichterstimmen der Gegenwart" der Hebung und Förderung der katholischen Poesie opferwillig widmet. Hcemstede ist eine weit umfassende Dichternatur, er ist Lyriker, Epiker und Dramatiker mit gleich durchschlagendem Erfolg, wie wir uns noch später überzeugen werden. (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Das Marienbild in den ersten drei Jahrhunderten. Eine Studie von OSkar Blank. Mainz, Kirchheim. 91 Seiten. — Garucci hat in seiner Ltoria clell' arts oriskiana, not xrimi otto seeoli (krato 1872—1880) fast alle alten Marienbilder veröffentlicht, jedoch nicht immer genau und mit nur beschreibendem Text. Kraus hat in seinem Koma sottsrranea, die Forschungsresultate Nossi's mitgetheilt. Lehn er: Die Marien- vcrchrung in den ersten Jahrhunderten, 2. Auflage, Stuttgart 1886; Liell: Die Darstellungen der allerscligsten Jungfrau und Gottcsgebärcrin Maria auf Kunsidenkmälcrn der Katakomben, Frciburg 1387; ferner Wilpert: Ein Cyklus christo- logischer Gemälde aus der Katakombe der hl. Petrus und Marccllinus, Frciburg 1891, haben den Gegenstand, letztere zwei besonders die Orantenfrage eingehend behandelt. Auf protestantischer Seite haben Schul tze uud Hase »clever sich mit den Marienbildern beschäftigt. Die vorliegende Broschüre will „an der Hand der gesicherten Ergebnisse der bisherigen archäologisch-monumentalen Forschungen mit möglichster Sorgfalt und historischer Objektivität die Frage nach dein Marienbild der ersten drei Jahrhunderte einer etwas eingehenderen Prüfung unterwerfen". Demnach zerfällt die Arbeit jn drei Abschnitte: 1) das Marienbild in den ersten drei Jahrhunderten in archäologischer, 2) in dogmengeschichtlichcr und 8) in kunst- geschichtlicher Hinsicht. Die Darstellung ist klar und ruhig und zeugt von hervorragenden Kenntnissen, die Beweisführung ist gut, und der unbefangene Leser wird feinem Schlußwort voll und ganz beistimmen: „Ein neuer Beweis für die Wahrheit unserer hl. Religion ist uns geworden. Wir haben gesehen, wie nichtig der Ruf der Gegner ist, welche einen völligen Contrast zwischen dem llrchristcnthum und dem „modernen Nomanismuö" durch die Katakomben bezeugt wissen wollten. Auf Maria, welche die kath. Kirche als ihre mächtige Schirmherrin von jeher angerufen und vercbrt hat, haben auch die Christen der ersten Jahrhunderte ihr Vertrauen gesetzt. Schon damals hat die Erfüllung des prophetischen Wortes begonnen: „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter!" Haber! Fr. T., Kirchcnmusikalisches Jahrbuch für das Jahr 1696. Regensburg, Fr. Pustet, 1896. 8". xp. Vl -s- 25 -j- 132. M. 2,00. z- Das „Kirchenmusikalische Jahrbuch" versteht es, alljährlich Neues, Anregendes und Interessantes zu bieten: Keiner, der auf diesem Gebiete sich umsieht, wird es entbehren können. AuS der gewandten Feder Waltcr's stammt die Jahreschronik (Okt. 1891—95). Haberl gibt sehr praktische Winke für Anfertigung von Musikbibliothcks-Catalogen. Uebcrraschend und hochinteressant ist ein Artikel „Rhythmische Gliederung deö > Chcrals" von dem Jesuiten Gictmann auf Grundlage der An- > ficht seines OrdeuSgcnossen DechsvreuS, welcher die.Behauptung aufstellt, der Cboral sei anfänglich im Takte gesungen worden, eine Ansicht, welche unserer bisherigen Meinung widerspricht und ganz neu ist. Man wird mit berechtigter Ncngiersc das Buch des gelehrten Jesuiten erwarten, in dem er seine Ausstellung zu beweisen sucht. Gelingt ihm das, so bedeutet seine Entdeckung geradezu einen Markstein in der Musikgeschichte. Wichtige Aufschlüsse bringt Haberl über den großen Tomas Luis de Victoria. Kleinere Notizen und Referate beschließen den staunenswcrth reichhaltige» Jahrgang, dem als musikalisches Angebinde einige Charwochen-Texte, von LuiS de Victoria herrlich in Musik gesetzt, mitgegeben sind. * Von einem Priester der Diöcese Eichstätt ist unlängst bei Ludwig Au er in Donauwörth ein sogen. „Schutzengel- brief" erschienen. Dieses kleine Heftchcn behandelt, wie schon der Titel sagt: „Mahnruf an alle Katholiken zum fleißigen Besuche deS sonntäglichen Psarr- gotteSdienstes", ein überaus zeitgemäßes Thema. Jn schlichten, aber eindringlichen Worten spricht dieses Bricfchen von der Bedeutung, von den Gnaden und Segnungen des PfarrgotteSdiensteS für diejenigen, welche eifrig und wohlvor- bercitet bei demselben erscheinen, aber auch von der schweren Verantwortung und den schlimmen Folgen für solche Katholiken, welche durch eigene Schuld ferne bleiben. Allen Herren Katecheten, sowie insbesondere den L-eelsorgcrn in Diaspora- Gemeinden dürfte die Verbreitung dieses Briefleins recht gute Dienste leisten, zumal der Preis hiefür ganz niedrig gestellt ist. DaS einzelne Exemplar kostet nur 5 Pfennige uud ist in der Michael Seitz'schen Buchhandlung in Augsburg zu haben. Die katholischen Missionen. Jlluflrirte Mouatschrift Jahrgang 1896. 12 Nummern. M. 4 — fl. 2.40 ö. W. — Frciburg im Brcisgau. Herdcr'sche VerlagS- handlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt von Nr. 8: Die Kapuzincrmission unter den Aurakanern in Chile. (Schluß.) — Die im Jahre 1895 verstorbenen MissionSbischöfe. (Schluß.) — Die Mandschurei und ihre Missionäre. (Föns.) — Nachrichten aus den Missionen: Türkei (Die katholische Kirche auf Kreta); China (Deutsche Offiziere; Li-bung-lfchang in Schanghai): Vorderindien (Puna; Bombay; Ceylon, das päpstliche Seminar); Dcutsch-Ostafrika(Kilima-Ndscharo); Aequatorial-Asrika(Sturm auf dem Nyanza); Nordamerika (Jndianerschulen); Brasilien (Pallottinermission); Aus verschiedenen Missionen. — Miscellen. — Diese Nummer enthält 9 Illustrationen und eine Kartenskizze. _ Kontrovers-Katechismus, kurze Begründung deS kathol. Glaubens und Widerlegung der gewöhnlichsten Einwände. Von L. v. Hammerstein, 8. ll. Verlag der Pauliuuö- Druckerei in Trier. Preis 50 Vfg. Vorliegende Schrift bezweckt, Nicht-Kathcliken mit dein kath. Glauben und besonders mit jenen Dunklen bekannt zu machen, welche für Andersgläubige von größerem Interesse sind. Von den 3 Abschnitten handelt der erste über die Religion im Allgemeinen, und es kommen hier besonders die GotieSbeweise, die Gleichgültigkeit gegen jedes religiöse Bekenntniß und der Religionswechsel treffend zur Sprache. Der zweite Abschnitt beweist die Gottheit Christi und damit die Göttlichkeit des Christenthums als einer geoffenbarten Religion. Im 3. Abschnitt vom Katholicismus werden die immer neu aufgworfcnen Fragen von der alleinseligmachenden Kirche, vom Glaubenszwang, Bibelverbot, Heiligenanbetung, Neliquienverchrung, Ohrenbeicht u. s. w. beantwortet. Die Darstellung zeigt alle Vorzüge der v. Hammerstein'fchen Bücher: einen sehr reichhaltigen, aber sicher und scharf in gefällige Theile zerlegten Stoff; eine klare, bestimmte Ausdrucksweise; Furchtlosigkeit in Hervorhebung und Beantwortung mancher tief einschneidenden Frage und schließlich eine eigenartige, interessante Auffassung. ES sei hiemit Jedem, der für religiöse Fragen sich intcrefsirt — und das sollten eigentlich Alle — angelegentlich empfohlen. _ Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäu'S Von Dr. K. Reiser. Verlag der Köscl'schen Buchhandlung in Kempten. Von diesem Werke liegt UNS das 6. Heft vor, das sich mit den Geistcr-Sagcn im Allgäu beschäftigt und eine reiche Zahl! von Abbildungen von Orten, Kirchen, Schlössern rc. rc. bietet.' Unter den vielen mitgetheilten Mythen finden sich manche recht anmuthige. PuMV. MMur: Ad. HM in AULÄM'g.re- Druck ».Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.