kp. 36 4. §ept. 1896. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Fortsetzung.) Es folgte nun eine Reihe höchst interessanter Vortrage über das Gebiet der suggestiven und hypnotischen Therapie, welche vielfach von großer Wichtigkeit zur Aufklärung verschiedener Fragen sein dürften. So berichtete der berühmte Psychotherapeut, Dr. Otto G. Wetterstrand aus Stockholm über seine Versuche mit künstlicher Verlängerung des Schlafes, besonders bet der Behandlung der Hysterie. Er meint, daß man bei der Behandlung vieler Krankheiten bisher zu viel Gewicht auf die Suggestion und zu wenig auf den Schlaf selbst gelegt habe. Je tiefer der Schlaf ist, desto besser wirkt er auch seiner Ansicht nach ohne jede verbale Suggestion. In den Formen der Hysterie, welche vornehmlich durch psychische Störungen charakterifirt werden, wirkt seiner Behauptung nach der tiefe Schlaf auf eine außerordentlich wohlthuende Weise, und je länger dieser ungestört währen kann, d. h. wenn er während mehrerer Tage oder Wochen ununterbrochen anhält, möglichst ohne daß der Schlafende geweckt wird, desto besser wird die Wirkung sein. Die längste Zeit, welche Wetterstrand für den künstlich verlängerten Schlaf angewandt hat, ist etwas über 6 Wochen gewesen. Der Somnambulismus ist dabei, wie er glaubt, durchaus nicht nothwendig, obgleich besonders Vortheilhaft. Jedoch muß der Schlafende immer im Rapport mit einer ihm sympathischen Person stehen. Dr. Wetterstrand besprach eingehend einige von ihm geheilte Fälle schwerster Hysterie und ermähnt alle Aerzte, welche mit solchen zu thun haben, seine Methode zu versuchen. — Auf diese Erörterungen folgte eine rege Debatte, an welcher sich mehrere Aerzte, unter andern Dr. Großmann und Dr. Bonjour betheiligten. Ersterer meinte, der verlängerte Schlaf sei wohl in den allerseltensten Fällen möglich und sprach im allgemeinen der Suggestionstherapie das Wort, da Vorstellungskrankheiten am besten durch psychischsuggestive Schulung, welche zum Zwecke die Anleitung zur Bildung richtiger Vorstellungen habe, durch Beeinflussung ideoplastischen Vermögens geheilt würden. Dr. Bonjour dagegen trat für Wetterstand ein und erzählte einige seiner Erfahrungen, die für die Methode des ersteren sprechen. — Wir erwähnen gleich hier den Vor- trag dieses offenbar auf dem Gebiete der Suggestionstherapie sehr erfolgreich wirkenden Lausanner Arztes über „Drsnvss nonvsllss äs l'inüusnss äu ps^slÜHns sur l'vrZallisins«, in welchem er einige Fälle aus seiner Praxis zum besten gab, die so recht den Einfluß der Suggestion auf den Organismus beweisen, z. B. die Beseitigung von Warzen (I) durch dieselbe. Wir machen alle unglücklichen Menschenkinder, deren Schönheit durch solche beeinträchtigt sein sollte, besonders hierauf aufmerksam. Der bekannte Arzt an der Salpstriäre in Paris, Dr. August Voisin, sprach über seine Experimente in einem Vortrage, betitelt „silruitsrusiib äs ssrtainss torinss ä'alisnution insntuls pur tu sugAssticm Er unterscheidet, mit Bezug auf die Möglichkeit der Heilung, die verschiedenen Arten des Irrsinns, die durch die Hallucinationen, den Verfolgungswahn, die Selbstmordideen und sonstigen verschiedensten Wahnideen, die Perversion der Instinkte und den moralischen Wahnsinn charakteristisch sind von der allgemeinen Paralyse und den apoplektischen Krankheiten. Bei ersteren ist die Hypnose therapeutisch verwendbar, bei letzteren erfolglos. Es wurden ferner noch verschiedene andere Vortrüge über den therapeutischen Werth des Suggestionismns und HypnotismuS gehalten. Dr. Heinrich Stadelmann (Saal a. d. Saale, Bayern) lieferte einen Beitrag „zur Therapie der durch Vorstellung entstandenen Krankheiten", indem er unter anderm auch die Vergessenheitssuggestion, die psychologisch einer negativen Hallucination im Bereiche des Selbstbewußtseins gleichkommend, das occasionelle ursächliche Moment der Erkrankung beseitigt und so die Heilung bedingt, näher erörterte. In einem Vortrage „Ueber das Verhältniß der psychischen Behandlung im Wachzustände zur hypnotischen Therapie" gab Dr. Ewald Hecker (Wiesbaden) eine Uebersicht über die verschiedenen psychischen Behandlungsmethoden, die sich von einander lediglich durch die verschiedene Art unterscheiden, wie die Hemmung und Ausschaltung der gegen die Heilsuggestion gerichteten Gegenvorstellungen zu Stande kommt. Er zählt unter denselben auch „Fanatisches Vertrauen" mit Hinweis auf „Religiöse Wunder" und „Wunderdoktoren" auf und meint, daß es in diesem Falle die Hcilungs- vorstcllung selbst sei, die, von der gewaltigen Kraft des Fanatismus getragen, jeden auf ihrem Wege liegenden Widerspruch schon im Keime erstickt und die Gedanken alle nach einer Richtung lenkt. Ein genaueres Studium des Kapitels der „Religiösen Wunder" würde ihn vielleicht zu der Ansicht führen, daß die so beliebte, moderne Erklärung durch Autosuggestion denn doch nicht als zureichend betrachtet werden kann. — Die hypnotische Therapie zeigt nun, wie er des weiteren klarlegte, in den verschiedenen Phasen der Hypnose nacheinander den WirknngS- modus der verschiedenen andern Methoden. Zur praktischen Verwerthung bedient man sich am Vortheilhaftesten einer Combination der verschiedenen Methoden, je nach der Individualität der Patienten und des Krankheitsfalles. Einer der bedeutendsten hypnotischen Praktiker unter den Mitgliedern des Congresscs scheint uns Dr. I. Miln- Brauswcll aus London zu sein, der in mehreren Vortrügen sehr wichtige Themata erörterte und wiederholt an den Debatten sich betheiligtc. In seinem Vortrage „Lasss illustratives ob tlrs wsäioa-l auä surgisul valns ob sixxuotis treatinsut" (Fälle, welche Ven medicinischen und chirurgischen Werth hypnotischer Behandlung darthun) gab er einen Bericht über eine Reihe von Operationen, die ihm unter hypnotischer Anästhesie gelungen sind, und sonstige erfolgreiche hypnotische Behandlung, indem er zugleich die Vortheile und Nachtheile derselben klarlegte. Bedeutungsvoll war auch sein zweiter Vortrng über den sogenannten Automatismus Hypnotisirter (Ou tsis sc>- callsä autowatisin ob tlio li^puotiseä susifset). Er wies in demselben den Widerstand nach, den Somnambule gegen Suggestionen, und zwar auch gegen crimiuelle Suggestionen zeigen, indem er insbesondere einige Fälle aus seiner eigenen Praxis erörterte, und stellte abschließend die Frage, ob man bei derartigen Thatsachen noch von Automatismus sprechen könne. Ein wichtiges Thema behandelte Dr. Charles Lloyd Tuckeh (London), der über den Werth des HypnotismuS für die Heilung des chronischen Alkoholismus sprach. Er wurde, wie er sagt, durch die Resultate, die er in Dr. LiebeaultS Klinik in Nanctz, im Jyhre 1888 beob- 282 achten konnte, bewogen, HypnotismuS in seiner Londoner Praxis anzuwenden, und versuchte nun auch die Menge von Gewohnheitstrinkern unter seinen Patienten auf hypnotischen! und suggestivem Wege zu heilen. Jedoch entsprachen seine Erfolge nicht seiner Erwartung. Dieselben waren nur dann von Dauer, wenn der Patient wenigstens mit seinem guten Willen die Behandlung unterstützte. Trotzdem hofft er, daß die Suggestion, in Verbindung mit sonstigen Heilsmitteln, in Zukunft als ein wichtiger Heilungsfaktor für Gewohnheitstrinker betrachtet werden würde. (2) Wir hätten noch verschiedene hochinteressante Vortrage eingehender zu besprechen, in welchen hervorragende Gelehrte einzelne Punkte ihrer Forschungen dem Congresse vorlegten. Jedoch gebietet uns die Fülle des Materiales, uns möglichst kurz zu fassen. Dr. Falk-Schupp (Bad Soden) sucht das Problem der suggestiven Anästhesie, vielfach im Gegensatz zu der Nancyer Schule, zu beleuchten. Zur Erzeugung der suggestiven Anästhesie empfiehlt er die „egoistische Methode", einleitbar durch Narcotica und durch Rnpidothmung. Dieselbe entspricht seiner Ansicht nach den Anforderungen allgemeiner Verwendbarkeit, erfordert kurze Zeit und ist gefahrlos. Dr. Erocq fils, der Chefredacteur deS „Journal äs uLuroIoZia stästi^pnoloZis" erklärte in längerem Vortrage den Zustand der Sensibilität und der intellektuellen Funkionen bei den Hypnotisirten. Wir entnehmen demselben vorerst die Unterscheidung zwischen somnambulen und süvmarribuloidcn Zuständen mit Bezug auf die Aufhebung der Schmerzgefühle. Der Nachweis, daß in den ersten Stadien der Hypnose das Schmerzgefühl theilweise noch ^xtstiren kann, dürfte vielleicht auch auf die viclnmstrittene Selbsthypnotisirung des indischen Jogi während des Kongresses Licht warfen. Bei ihm war, wie wir uns selbst überzeugten, manchmal die Anästhesie nicht vollkommen und man sprach deßhalb schon von Simulation, während die Annahme, daß bei ihm nur ein sownambuloider Zustand (unvollständige Hypnose) eintrete, eine Erklärung ,eicht ermöglich! hat. — Durch Suggestion kann, wie der Redner des Weiteren ausführte, die Sensibilität verschiedenartig modificirt, vermehrt oder vermindert werden. Was die intellektuellen Funktionen anbelangt, so beantwortet er die Frage, ob daS Gedächtniß an die intra- hypnotischen Vorgänge nach der Hypnose noch existire, mit Bezug auf obige Unterscheidung zwischen somnambul.nden und somnambulen Zuständen; nach ersteren tritt die Erinnerung ein, nach letzteren meist nicht. Durch Suggestion während der Hypnose kann das Gedächtniß bedeutend gesteigert, dagegen wohl kaum heraögeschwächt werden. Trotz Verbotes des Hypnotiseurs kann in gewissen Fällen eine Versuchsperson sich im Wach- oder Schlaszustandc an die Vorgänge während der Hypnose erinnern, was in medizinisch-juristischer Hinsicht von großer Wichtigkeit ist. — In der Hypnose ruhen, falls keine Suggestion angewandt wird, angeblich, nach der Meinung des Redners, die intellektuellen Fähigkeiten. Daß diese Ansicht falsch ist, geht aus den Beobachtungen vieler der neueren Forscher hervor; im Gegentheile zeigt sich vielfach Erhöhung des Intellekts, worauf ja auch das intrahypnotische Phänomen der siainvo^anss hindeutet. Merkwürdig sind die Behauptungen, die Dr. Paul Sollier (Paris) in seinem Vortrage über Sensibilität und Persönlichkeit (Lsrwibiiits ab ksrsvnalits) aufstellte. Er geht von der Annahme aus, daß Störungen der Sensibilität auch Störungen der „Persönlichkeit" hervorrufen, während auf diese wieder sämmtliche Formen der Geisteskrankheiten zurückzuführen sind. Man könne experimentell die „Persönlichkeit" verändern, indem man den Zustand der Sensibilität einer Versuchsperson verändert. Er habe auf dem Medicinercongreß in Rom i. I. 1894 gezeigt, daß die Hysteriker mit totaler Anästhesie nur „Vigilam- bule" wären, die man erwecken müßte, um sie zu heilen. Dieses Erwecken führe eine Rückkehr der Sensibilität herbei und zugleich komme die Versuchsperson in den Persönlichkeitszustand zurück, in dem sie war, als die Anästhesie eintrat. Sie glaubt, daß sie so alt sei, als sie damals war. In dem Maße, in dem die Sensibilität wiederkehrt, modificirt sich die „Persönlichkeit" der Versuchsperson und sie macht wieder alle Phasen ihrer Existenz durch, in denen man sie zurückhalten kaun, wenn man die Rückkehr der Sensibilität suspendirt. So habe er eine Versuchsperson willkürlich in die Zustände ihrer „früheren Persönlichkeit" zurückführen können, indem er die allgemeine Sensibilität modifictrte. Er gedenkt über diese seine Beobachtungen demnächst ein größeres Werk zu publiciren. Man wird durch diese Behauptungen an die bekannten vielumstrittenen Experimente Krafft-Ebings erinnert. In der letzten allgemeinen Sitzung des CongresseS hielt Dr. Pierre Janet (Paris) einen Vortrag über den somnambulen Einfluß und die Nothwendigkeit der Leitung (I/müusnss somnambulikzus st Is bssoin äs äirseticm). Wir wollen das Hauptsächlichste der Ausführungen dieses Forschers hier an dieser Stelle kurz wiedergeben. Er weist darauf hin, wie schwierig es erscheinen müsse, die psychologischen höheren Phänomene und besonders die socialen Gefühle experimentell zu studiren. Es sei jedoch nachweisbar, daß man in gewissen Fällen künstlich solche Gefühle hervorrufen und die Bedingungen ihrer Entwicklung erforschen könne. Man könne dies z. B. thun, indem man den Einfluß des Hypnotiseurs auf die Versuchspersonen selbst während der Zeit zwischen den somnambulen Zuständen in Betracht zieht. Derselbe sei früher unter dem Namen „Magnetischer Rapport" bekannt gewesen. Dieser verlängere sich speciell bei den Hysterischen für einige Zeit nach der Hypnose. Der Zeitraum, der zwei aufeinander folgende Hypnosen trenne, könne, wie er erklärt, in zwei Theile zerlegt werden. Im ersten derselben ist die Versuchsperson wesentlich bester und fühlt sich intelligenter, glücklicher, thatkräftiger; sie denkt wenig an den Hypnotiseur, den sie nicht nöthig hat. Im zweiten, der Periode des somnambulen Leidens, wird sie wieder von verschiedenartigen nervösen Anfällen gequält, verliert ihre intellektuellen und moralischen Kräfte, verfällt in einen Zustand psychischer Depression und empfindet ein immer mehr wachsendes Verlangen nach ihrem Hypnotiseur, das sich oft leidenschaftlich äußert. — Ist die Dauer des Einflusses sehr kurz, so müssen die Kranken sehr oft eingeschläfert werden und ihre Behandlung wird sehr schwierig. Kann man aber die Perioden des Einflusses verlängern, besonders die erste derselben, so kann man durch eine Art Erziehung zur vollständigen Heilung der Kranken gelangen. Merkwürdig ist die Art, in welcher sich die Gefühle der Kranken für den Hypnotiseur äußerten, nämlich theils als leidenschaftliche Liebe, theils als abergläubische Furcht, Verehrung oder Eifersucht. Einige derselben nehmen leicht den domintrenden Einfluß an, andere sind im beständigen Kampfe gegen denselben. Der suggestiv eingegebene Gedanke des Hypnotiseurs 283 wirkt während der Periode des Einflusses beständig kn der Versuchsperson, ihr Handeln leitend, fort, woraus Janct gewisse Hallucinationen, Ausführung posthypnot- ischcr Suggestionen, automatisches Schreiben und Hellsehen zu erklären versucht. Dieser Einfluß zeigt sich aber nicht nur bei Schwerkranken, sondern auch bei leichteren Patienten, z. B. bei solchen, die an Zweifelsucht, Un- entschlosseuheii leiden, ohne daß ein eigentlich hypnotischer Zustand vorhanden wäre oder der Gedanke des Hypnotiseurs im Subliminalbewußtsein fortwirken könnte. Man müsse deßhalb als allgemeinen Grund dieses Einflusses die Schwäche des Willens aller dieser Kranken annehmen, die es nöthig haben, daß man für sie entscheide und handle. Die Schwäche der Fähigkeit zur Synthese mache gewisse Personen notwendigerweise abhängig von anderen; sie können nicht allein leben, sie müssen gehorchen. Das Studium des somnambulen Einflusses ermöglicht uns, so schloß der Redner, alle diese socialen Gefühle, welche zwischen den Menschen zusammenhängende Gruppen und hierarchische Beziehungen bilden, besser zu begreifen. (?) — Kurz sei noch ein Fall erwähnt, den Dr. Janet in Verbindung mit Dr. Raymond dem Congresse zur Kenntniß brachte. Es handelt sich angeblich um „systematisirte hysterische Contracturbei einer Extatischen" (Lcmtraoturs sMewatisäs alias uns extati^ns ( 310 !). Diese „Klinische Beobachtung* soll uns ein neues Beispiel für den Einfluß des Gedankens auf den Körper geben. ES handle sich um eine Frau, 42 Jahre alt, die seit mehr als 2 Jahren eine eigenartige Contractur beider Beine habe. Sie geht deßhalb beständig auf den Zehen, wie eine Tänzerin. Merkwürdig sei, daß dieses Phänomen mit einer Idee zusammenhänge. Sie leide nämlich als Hysterische an religiösem Wahnsinn, habe wahre Anfälle von Extase und glaube, beständig zum Himmel empor- znschweben. „Mein Körper wird erhoben," sagt sie, „er und ich muß mich bemühen, um noch die Erde mit den Zehenspitzen zu berühren." Es wäre interessant, Näheres über diesen Fall zu erfahren. (Schluß folgt.) Beiträge znr Entzifferung der mosaischen Schöpsungsurkunde. Von Joh. Du müller, Kaplan in Holzheim. (Schluß.) Die zweite Frage wäre, wie Moses so allgemein und ausschließlich am dritten Tage von der Erschaffung der Pflanzenwelt, und später analog von den Wasser- und Landthieren sprechen kann, da doch nur die Uranfänge der Pflanzen- und Thierwclt zeitlich getrennt sind, die Entstehung weitaus der meisten beiderseitigen Arten aber gleichzeitig ist. Diese Ausdrucksweise deS MoseS findet ihre volle Berechtigung und einfachste Erklärung, wenn wir — ohne dabei andere Erklärungen als unberechtigt hinstellen zu wollen — mit den meisten Naturforschern einen genetischen Zusammenhang der Pflanzen unter sich, eine Descendenz annehmen. Aber geht es denn an, sich zu einer — natürlich nicht zu der unter Führung Häckels zu Unsinn und Unwissenschaft- lichkeit ausgewachsenen darwinistischen — Descendenztheorie zu bekennen? Da diese Frage schon an sich, wie auch für die Auslegung des Schöpfungsberichtes wichtig ist, so seien mir einige andeutende Worte hierüber gestattet. Daß es überhaupt eine Entwicklung in der organischen Welt gäbe, leugnen heutzutage nur mehr wenige, und kaum mit stichhaltigen Gründen; wie diese Entwicklung vor sich ging und wie weit sie sich erstreckt hat, ist eine noch ungelöste Frage. Daß die Erde während ihrer Entwicklung nicht immer von den heute lebenden Pflanzen und Thieren bevölkert war, daß diese vielmehr in den verschiedenen Epochen verschieden waren und von den ersten Epochen bis zur Jetztzeit von den niederen Gattungen zu den höheren allmählig aufgestiegen sind, dies sind geologische Thatsachen, die von niemand geleugnet werden können. Den Versuch, aus dem Umstände, daß die Art und Weise der Entwicklung noch nicht mit Bestimmtheit eruirt werden konnte, auf die Nichicxistenz dieser selbst schließen zu wollen, können wir ruhig aä acta. legen. Dagegen sagen die Gegner jeglicher Descendenz: allerdings hat bei Pflanzen und Thieren die Höhe einer Organisation mit dem Alter der Erde zugenommen, aber wir haben es hier nicht mit einer wirklichen, auf Grund eines natürlichen Gesetzes stattfindenden Entwicklung, nicht mit einem genetischen Zusammenhang der Organismen zu thun, wir dürfen nicht sagen: xosd Iioe, ergo xrvxtsr stoo, sondern Gott hat immer wieder, je nach den Forderungen der klimatischen Verhältnisse und dergleichen neue Pflanzen und Thiere erschaffen. Allein diese Behauptung hinkt auf beiden Füßen ganz bedeutend, sowohl auf dem naturwissenschaftlichen, als auch auf dem theologischen. Es ist in einer empirischen Wissenschaft unerhört, ohne zwingenden Grund auf die natürliche Erklärung einer sich darbietenden Erscheinung zu verzichten. Wenn eS schon in der Exegese als Grundsatz gilt, bei Erklärung der in der hl. Schrift erzählten Ereignisse solange an natürlichen Gründen und Ursachen festzuhalten, bis wir gezwungen sind, zum Wunder, zu einem außerordentlichen Eingreifen Gottes unsere Zuflucht zu nehmen, so muß es noch viel mehr in der Naturwissenschaft als oberster Grundsatz gelten, naturwissenschaftliche Thatsachen solange naturwissenschaftlich zu erklären, bis wir schlechterdings gezwungen sind, ein außerordentliches Eingreifen des Schöpfers anzunehmen. Der einzige zwingende Grund wäre aber hier, eine vorgefaßte Meinung. Man entgegnet uns: Die unzähligen Neuschöpfungen waren schon im Schöpfungs- plan aufgezeichnet und deßhalb kein außerordentliches Eingreifen Gottes. Allein gibt es dann überhaupt noch ein außerordentliches Eingreifen Gottes? Dann find eben alle Wunder schon von Ewigkeit her in den Schöpfungs- und Negierungsplan der Welt aufgenommen. Nicht minder schlecht bestellt scheint die theologische Begründung jener Theorie von der Erschaffung der einzelnen Species. Mit der Allmacht Gottes läßt sie sich schließlich vereinigen, aber wohl nur auf Grund einer sehr rohen Auffassung derselben. Denn für die Handlungen Gottes ist nicht seine Allmacht bestimmend, sondern seine unendliche Weisheit. Ob nun ein Werk, bei welchem Gott bei jeder Aenderung der äußeren Verhältnisse immer wieder neue Pflanzen und Thiere erschaffen mußte, weil die alten nichts mehr taugten, ob ein Werk, das so wenigem Stande war, sich aus den von Gott ihm eingepflanzten Gesetzen und Kräften zu der von Anfang an bestimmten Gestalt zu entwickeln, daß Gott unzählige Male eingreifen mußte, gerade besonders geeignet wäre, die Weisheit Gottes zu verkünden, dürfte doch mehr als fraglich sein. Die Idee der Einzel- schöpfung aller Species birgt eine gewisse Unvollkommen- heit in sich, die mit unseren Begriffen von der unendlichen Weisheit Gottes^ nicht recht vereinbar fein will. 284 Weiln wir überhaupt gewisse ausgestorbene Thierformen betrachten, bei denen, wie z. B. bei manchen Dinosauriern der Kreidezeit, die Nothwendigkeit des Aussterbens aus dem ganzen Bau hervorgeht, so sind uns solche Formen zwar erklärlich bei einer natürlichen, auch in Unzweck- mäßigkeiten und Degeneration ausartenden Entwicklung, die Theorie von der Einzelschöpfung der Species aber stempelt solche Formen zu nichts anderem als zu Irwus Del, wie einst in ähnlicher Weise im Mittelalter diese Thierreste als 1u8us nuturcrs angesehen wurden. Dagegen glaube ich, daß der Mensch aus den geschaffenen Dingen nicht leichter die unendliche Weisheit des Schöpfers erkennen kann, als wenn er all die Arten der Pflanzen und Thiere von den Tagen des Urmeers an bis zur Jetztzeit verfolgt und betrachtet, wie dies alles sich in geordneter Reihenfolge und doch in buntester Mannigfaltigkeit nach gcheimnißvollen, von Gott in die Natur gelegten Gesetzen entwickelt hat. Ja ich möchte behaupten, diese Entwicklung der organischen Welt von ihren Uranfängen an bis zu ihrer jetzigen Gestaltung nach natürlichen Gesetzen ist der evidenteste Beweis für einen allweisen und allmächtigen Schöpfer, der sicherste kosmo- logische Gottesbcweis, der uns zeigt, daß die Welt von einem denkenden, ordnenden Geist angelegt sein muß. Der Annahme einer gewissen Descendenz kann also weder die naturwissenschaftliche noch die theologische Berechtigung abgesprochen werden und wir dürfen und müssen sie deshalb bei Erklärung des Schöpfungsberichtes in Betracht ziehen. Wenn also die Pflanzen genetisch unter einander zusammenhängen, dann ist mit dem ersten pflanzlichen Organismus die ganze Pflanzenwelt geschaffen worden und eS ist klar, wie der biblische Bericht die Entstehung der pflanzlichen Organismen so scharf von derjenigen der thierischen trennen und in einen eigenen Schöpfungstag zusammenfassen konnte. Von diesem Standpunkt aus findet der Bericht des Moses in dieser Frage die einfachste, mit der Wissenschaft am besten harmonierende Erklärung. Der vierte Tag berichtet vorn Erscheinen der Sonne, des Mondes und der Sterne am Himmel. Nachdem der Urozean sich niedergeschlagen hatte, war die Erde anfangs noch von einer dichten Dunst- und Nebelhülle umgeben. Denn nicht alle Wasserdünste, welche den allmählig mit einer festen Kruste sich überziehenden Erdball umgaben, haben sich auf einmal zum Nrmeer niedergeschlagen. Die Erde war ferner noch wärmer, daher die Verdunstung der niedergeschlagenen Wassermassen eine ungleich größere, die Tendenz der Wasserdünste zum Niederschlag in Folge der gleichmäßigen Wärme eine ungleich geringere als heutzutage. Durch diese dichte Dnnstschichte konnte nun die Sonne nicht durchdrungen, nur ein ganz schwaches, die Existenz der niedersten Organismen bedingendes Dämmerlicht ruhte über dem Ozean und den sich erhebenden Kontinenten. Mit der Zeit aber schlug sich immer mehr Wasserdunst nieder, bis schließlich die Sonne ihr lebenspendendes Licht ungehindert über die Erde ausziehen und das Dunkel der Nacht vom Mond und den Gestirnen erhellt werden konnte. Moses hat allerdings diesen Tag zum Zwecke der Warnung der Juden vor Verehrung des Sonnengottes und anderer Lichtgottheiten so ausführlich dargestellt, derselbe ist aber nicht nur deßhalb in den biblischen Bericht aufgenommen worden. Denn jene Zeit, da das lebenerweckende Licht der Sonne zum ersten Male auf die Erde dringen konnte und so besonders für die phanerogamen Pflanzen und die höheren Thiere wohl eine der wichtigsten Existenzbedingungen brachte, diese Zeit war so wichtig, wie die Erschaffung der ersten Organismen selbst. Der fünfte Tag berichtet von der Erschaffung der Wasserthiere und der geflügelten Thiere, der sechste von den landbewohnenden. Fische fanden wir schon seit den filmischen Zeiten; überhaupt sind die Wasserthiere sicher vor den Landthieren erschienen. Wenn man die Zeit der größten Ausbreitung der hier in Betracht kommenden Thiere ins Auge faßt, so stimmt die von der Bibel angegebene Aufeinanderfolge mit der Paläontologischen überein. Die Wasserthiere sind seit den ältesten Zeiten des Kambriums bis zur Kreidezeit vorherrschend. Sie finden im Jura in den Plesiosauren und Ichthyosauren ihre mächtigste Ausdehnung; hier lassen sich auch die ersten Vogelreste nachweisen. In der darauffolgenden Kreidezeit werden landbewohnende Reptilien, nämlich die Dinosaurier, Mode, während in dem sich daran anknüpfenden Tertiär die landbewohnenden Säugethiere ihre Blüthezeit erreichen. Diese Reihenfolge wird nur dadurch scheinbar gestört, daß sich schon vor den ersten Vogelfunden in der Trias die ersten Säugethiere nachweisen lassen. Bei den äußerst spärlichen Vogelresten — woraus hervorgeht, daß die zur Erhaltung der Vogelskelette erforderlichen Bedingungen sehr ungünstige sind — wäre dies schon an sich belanglos und verliert jede Bedeutung, wenn man bedenkt, daß der fünfte Tag nicht bloß von den Vögeln, sondern überhaupt von den fliegenden Thieren berichtet. Insekten aber wurden schon im Silur nachgewiesen, also längst vor der Trias. Zuletzt erst erscheint der Mensch. Die Paläontologie lehrt dasselbe. Hier spricht die hl. Schrift deutlich von einem eigentlichen Schöpfungsakt. Dies war auch zu erwarten, denn jetzt tritt in die Natur ein anderes Princip ein: sie tritt in Verbindung mit dem Geistigen, mit einer unsterblichen Seele. Das hieraus hervorgehende Geschöpf ist nicht mehr identisch mit der bisherigen Schöpfung, denn in ihm ist ein Bindeglied geschaffen zwischen der körperlichen Natur und der geistigen Welt. Allerdings ist schon von gläubiger Seite behauptet worden, der biblische Bericht stehe der Annahme nicht im Wege, daß der menschliche Leib aus dem thierischen sich entwickelt habe und daß diesem Leibe dann durch einen schöpferischen Akt Gottes eine menschliche Seele eingehaucht worden sei. Aber abgesehen davon, daß eine sehr große Weitherzig- keit dazu gehört, um den biblischen Bericht damit nicht in Widerspruch zu finden, scheint es mir ganz undenkbar und widersinnig, daß einem schon bestehenden organischen Wesen ein neues, wesentlich anderes Lebensprincip mitgetheilt worden wäre. Aus demselben Grunde scheint auch der Uebergang eines pflanzlichen Organismus in einen noch so niedrigen thierischen unmöglich, mindestens äußerst unwahrscheinlich zu sein. Gegen die Abstammung des menschlichen Leibes vom thierischen sprechen übrigens auch gewichtige naturwissenschaftliche Gründe, deren nähere Darlegung aber zu weit führen würde. Lassen wir die einzelnen „Tage" nochmals kurz an uns vorbeiziehen: Am ersten Tag der gasförmig-glühende und feuer-flüssige Zustand der Erde; am zweiten Tag die Erstarrung der Oberfläche zu einer Erdrinde und der darauffolgende Niederschlag der Wassermassen, dieses Lebens- elementes für die ersten Organismen; am dritten Tage die beginnende Erhebung des trockenen Landes, einer Lebensbedingung für die meisten der kommenden höheren Organismen, dann die ersten, und zwar pflanzlichen 285 Organismen; am vierten Tag das die anfängliche Dunst» hülle durchbrechende Licht der Sonne, welches eine höhere Lebensentfaltung auf der Erde ermöglichte; am fünften Tage die ersten Wasserthiere und die geflügelten Thiere; am sechsten die landbewohnenden Thiere und zuletzt der Mensch. Wer kann da leugnen, daß tm Schöpfungsberichte gerade die wichtigsten Momente der Entwicklung und Bevölkerung der Erde angeführt sind, und zwar unter Einhaltung der richtigen Reihenfolge S Ein Literntnrbild aus der Gegenwart von Joh. Bapt. Führ. (Schluß.) 3. Bon jeher fand unter einem Culturvolke neben Lyrik und Epos auch das Drama eifrigste Pflege. „In keinem Lande, unter keinem Volke vermochte die Bühne vollständiger die eigentliche kulturhistorische Aufgabe zu erfüllen, als unter den Deutschen," so hat sich ein Gelehrter ausgesprochen. Stellen wir daneben eine Bühnen- charakteristik aus dem Jahre 1836, die folgendermaßen lautet: „In allen oder doch in den meisten unserer neuen Lustspiele weht kein anderer Odem, als der einer anekelnden Sinnlichkeit und Beschönigung des Lasters. Was ist der größere Theil unserer Lustspiele anders, als ein Unterricht für Mädchen, wie man den Geliebten überlistet, für die Töchter, wie sie die Mutter hinter's Licht führen sollen, für Söhne und Neffen, wie man dem Vater und Onkel Geld und Willen auszupft, und für die Gattinnen, wie man den Ehemännern den Argwohn lebendig ausschncidet?" So hat damals der Jude Saphir geschrieben; was müßte er heute von unsern Bühnen schreibend Die Bühne sollte die Zuschauer erheben zu allem Hohen und Edlen, dafür wird sie vielfach zum schalen Gemeinplatz des Lasters; Sinnenlust, Lüsternheit, oft Liederlichkeit sind die treuen Verbündeten der Bühne. Selbstverständlich ist hiemit auch schon genugsam angedeutet, daß Geisteskinder eines katholischen Dramatikers auf einer größeren Bühne das Lampenlicht noch nicht erblickt haben und es kaum in fernster Zukunft je erblicken werden. Diese trostlose Aussicht gerade ist'S, die alle Schaffenskraft auf dramatischem Plane kalholischer- seits erschlaffen läßt. Demgemäß sind hier, an dieser Stelle, nur wenige Namen zu verzeichnen, und mir demnach gestattet, mich kurz zu fassen. Der Jesuit Alexander Baumgartner, der seine umfassende Thätigkeit literaturgeschichtlichen Arbeiten widmet, hat sich im Drama versucht in „Calderon", das ein poesicvolles Festspiel ist. Berlichingen's Dramen werden Lesedramen bleiben. Einen guten Klang auf dem Gebiete des höheren Drama'S hat der Herausgeber der „Dichterstimmen" Leo Tepe van Heemstede. In den Dramen „Ma- thusala", „Arnold von Brescia" und in der Tragödie „Boleslaus" hat uns der Dichter prächtige Blüthen seiner reichen Begabung geboten. In „Boleslaus" zieht ein mächtiges Stück Geschichte an uns vorüber. In der tiefen Auffassung und künstlerischen Zeichnung der Charaktere ist Heemstede Grillparzer vergleichbar; Frauen- herzen weiß er nach Shakespeare zu bilden. Aus dem Französischen hat er das preisgekrönte Drama „Afrika" verdeutscht, das, angeregt durch ein Preisausschreiben des hochseligen Afrika-Apostels Cardinal Lavigerie, Professor Descamps geschaffen, und dem dafür der ausgesetzte Preis von 10,000 FcS. zuerkannt wurde. In verschiedenen Vereinen, die allein in rühriger Weise katholische Bühnendichtung lebendig machen, ist „Afrika" zur Aufführung gelangt bei stürmischem Beifall und durchschlagendem Erfolg. Die Besucher der diesjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands werden Gelegenheit bekommen, das Drama in Scene gehen zu sehen, denn so sei es, wie verlautet, vom Festausschuß in Dortmund geplant. Zu den geweihten Sängern, die für alles Hohe und Heilige erglühen, gehört der große Lyriker und Dramatiker Martin Greif (geb. 1839 zu Spcyer, lebt jetzt in München). „Die lebendige Anschaulichkeit hat seit Goethe wohl kein Poet mehr so getroffen und empfunden, wie Martin Greif," sagt der Recensent. Greif ist ein bayerisch-deutscher Dichter, ein echter Germane. Gegenwärtig wird eine Gesammtausgabe von Greif's Werken veranstaltet; zwei Bände find bereits an die Oeffentlichkeit gelangt. „Es wäre die Pflicht unserer deutschen Bühnen", fährt derselbe Recensent fort, „eine Ehrenpflicht vorab der bayerischen, einem so lange verkannten edlen Dichter wie Martin Greif endlich ausgiebige Genugthuung zu gewähren." In weiten Kreisen hat Sensation gemacht das dramatische Stück „Kaiser Maximilian von Mexiko". Der jugendliche Verfasser ist Ferdinand Wildermann aus Münster. Ein historisches Schauspiel von ihm ist „Der König der Wiedertäufer". Der junge begabte Dichter berechtigt zu großen Hoffnungen. Ein schönes Dichtertalent hat der Allgütige dem bayerischen Landsmann Hüttinger verliehen. Sein Erstlingswerk „Hans Dollinger" hat allenthalben günstige Aufnahme gefunden und anerkennende Besprechung sein Trauerspiel „Tasstlo II.", das namentlich ein bayerisches Herz hoch befriedigen muß. Mögen seiner Muse, die er in den Dienst der Religion, Sittlichkeit und Vaterlandsliebe gestellt hat, viele, recht viele Jahre beschicken sein! III. Winke für den katholischen Familienlesettsch. Das ist im engen Nahmen ein Bild von unserer zeitgenössischen katholischen Dichtung. Hienach ist der katholischen Literatur der Weg angebahnt, auf dem deutschen Parnaß den Platz zu erobern, der ihr gebührt. Nicht weniger als zweihundert katholische Dichtungen sind in den letzten zehn Jahren auf dem deutschen Bücherplan erschienen. Was die katholischen Dichter hindert, sich in literarischen Kreisen breit zu machen, das ist die Voreingenommenheit, mit der ihre Werke von nichtkatholischer Seite abgeurtheilt werden. Rudolf Gottschall stellt in der Vorrede zur fünften Auflage seines Werkes: „Die deutsche National-Literatur des neunzehnten Jahrhunderts" den löblichen Grundsatz auf: „Das Auslässen und Ueber- gehen von Autoren, die irgend ein Publikum haben, ist immer ein Akt kritischer Anmaßung, wenn es nicht eine Folge der Nachlässigkeit und Trägheit ist." Aber leider hat diesen Ausspruch niemand weniger zur Wahrheit gemacht, als der Urheber selbst. In dem angeführten Werke übergeht Gottschall „Dreizehnlinden" vollständig, wiewohl diese zur Zeit der Abfassung seiner Literaturgeschichte schon die siebzehnte Auflage zählten. Findet einmal eine katholische Dichtung in der Literaturgeschichte Aufnahme, so geschieht dies in den meisten Fällen mit einer Befangenheit, die deutlich durchblicken läßt, daß der fremde Kritiker wie der Blinde von der Farbe spricht. Derartige Verunglimpfung unserer besten Dichter, sollte uns gewaltig entrüsten und in Harnisch bringen. Aber weit gefehlt! Auf der letztjährigen Generalversammlung der Katholiken Deutschlands zu München mußte bittere Klage erhoben werden wegen zu lässiger Unterstützung unserer katholischen Literatur. Mit warmer Begeisterung hat damals (2. geschlossene Generalversammlung. 27. Aug.) Nector vr. Huppert zum Kreuzzuge für die katholische Literatur gepredigt. Die trefflichen und praktischen Vorschläge, die Dr. Huppert im Namen seiner Gesinnungsgenossen gegeben hat, verdienen wieder aufgefrischt zu werden. Da hieß es: Erstens: „Jeder katholische Mann und jede katholische Frau sollen . sämmtliche Unterhaltungslektüre in der Familie gewissenhaft überwachen und in erster Linie nur katholische Bücher und Zeitschriften anschaffen." Zweitens: „Die Vorsteher der katholischen Knaben- und Mädchen-Institute sowie die Neligionslshrer an höheren Lehranstalten sollen die ihnen anvertrauten Schüler und Schülerinnen über die katholische wie nicht- katholische Literatur eingehend belehren." Drittens: „Jeder Katholik soll innerhalb seines Kreises für die Verbreitung katholischer Literatur eintreten." Wenn Mann und Jüngling, Frau und Jungfrau, Univerfitütsstudent und Gymnasiast mit echt katholischer Hingebung und Treue an der Verbreitung der katholischen Literatur mitwirken, jedes in seiner Weise, dann ist uns Hoffnung gelassen, die katholische Literatur werde einen erstaunlichen Aufschwung nehmen, und dann ist ihr die Möglichkeit gegeben, einer wahren Blüthcperiode entgegenzugehen. Darum auf! „Alle Mann an Bord!" Die mächtige Kerntruppe dieses literarischen Kreuzzuges aber bilden die Geistlichen. Hören wir nur, was dem schon genannten Dr. Huppert ein Freund, der Laie ist, im Vertrauen sagte: „Wenn die Herren Geistlichen wüßten, wie dankbar in vielen Familien jeder Fingerzeig von ihnen nach eine« Buch oder einer Zeitschrift befolgt wird, würden sie weit mehr in dieser Richtung wirken und dadurch sich und anderen viel unangenehme Erfahrungen ersparen." Manch gefährliches Buch hält seinen Einzug selbst in ein gut katholisches Haus, „als ob wir gar nichts Gutes hätten". In häuslicher Musestunde vertändelt die junge Mutter im nardenduftigen Gemache ihre Zeit mit der leidenschaftschmeichelnden, weltschmerzsüßlichen und zerfahrenen Liebespoeste Heine's und seiner Schule, und läßt bewußt oder unbewußt auch ihr liebes Töchterlein vom Gifte naschen. Ein Mutterherz vor Zersetzung und Entsittlichung zu bewahren, die Engelscelc in einem schönen Kinde rein und ungetrübt dem Himmel zu erhalten — die leichtgeschürzte Valandinen-Mode aus dem christlichen Hause zu verbannen, wahrlich, das wäre ein erhabenes Apostolat für den Geistlichen, das er üben kann im Verkehre mit den Eltern und beim Unterrichte der Kinder, indem er angelegentlichst dafür Sorge trägt, daß gediegene Bücher und Zeitschriften auf den Familienlesetisch zu liegen kommen. „Man muß das Publikum mit der Nase auf die Bücher stoßen," pflegte der selige Janssen zu sagen. Dies gilt vornehmlich dem katholischen Publikum, was Unter- haltungslektüre anbelangt. „Alte und neue Welt" oder „Deutscher Hausschatz" sollte sich in jeder besseren katholischen Familie vorfinden, und last not laust die „Dichterstimmen der Gegenwart" sollten in jedem Falle nebenbei' noch aebalten werden, was der jährliche Abonnements- PreiS von nur 4 M. 50 Pf. recht leicht ermöglicht. Die „Dichterstimmen" bilden das poetische Organ für das katholische Deutschland in monatlichem Erscheinen; unter der fürtrefflichen und fachmännischen Leitung des berühmt gewordenen Dichters Leo Tepe van Heemstede haben sie die Kritik der Presse durchgehend sehr gut bestanden. Litcrarische Größen rühmen das anerkcnnenswerthe Streben deS katholischen Musenalmanachs, der mir dem nunmehrigen zehnten Jahrgange nun auch wohl die Feuertaufe erhalten haben wird. Ohne gerade selbst schriftstellerisch thätig oder gar Dichter zu sein, findet in den „Dichterstimmen" ein Jeder nach seinem Geschmack eine schöngeistige Auslese in gebundener und ungebundener Sprache. Durchaus nicht unscheinbar sind die einzelnen Hefte, zumal mit dem neuesten Jahrgang ihr Umfang sich verdoppelt, Inhalt und Form sich vervollkommnet hat. Darin findet der Leser, was am Ende für viele die Hauptsache, für alle aber gewiß ein literarischer Handweiser ist, einen kleinen Literaturkalender in jeder Nummer verzeichnet, der alle neuen dichterischen Werke, katholische wie nichtkatholifche, schöngeistiger Literatur genau angezeigt, dem einen das Wort redet, vor dem andern warnt. Die besten katholischen Dichter der Jetztzeit bis herab zum jüngsten Lauten- Wäger geben sich hier ein Stelldichein, um mit rein gestimmter Harfe zu singen von Frauentugend, Männer- würde, von Liebe und Vaterland. Wie wohl und erquickend ist es, diesen lieblichen Klängen im weltverlorenen Dichterhaine sein Ohr zu leihen, wenn ringsum in der wirr bewegten Gcisterströmung der Welt das Gezänke der Parteien und der wilde Lärm der hastigen Glücksjagd tobt! An der Hand der „Dichterstimmen" werden wir auch zur Ueberzeugung kommen, daß die katholische poetische Literatur keineswegs mehr das Aschenbrödel ist, das an der Pforte der großen Literatur vergeblich um Einlaß klopft. Lieder, Romanzen, Balladen und Kantaten, Hymnen und dramatische Bilder, fein erdachte Novellen, zauberumwobene Sagen heben uns aus dem Alltagsleben in freudige Sonntagsstimmung. Möge der frühlings- frische Morgen in der katholischen Poesie in unabsehbare Zukunft hinein Sonntag feiern zur Veredelung, zur Begeisterung deutscher Herzen! Möge er mit seinem lieblichen Festgeläute die Nacht trüben Weltschmerzes bannen, und viele, recht viele laden in den herrlichen Tempel frischgläubiger, lenzesfroher Poesie, aus der wie linder Frühlingsodem jenes hehre Ideal uns entgegenweht, daS der Seele Flügel leiht! Dieses Vertrauen beläßt uns die goldene Hoffnung auf Verwirklichung dessen, was der edle Geibel mit ahnendem Geiste von „Gründeutschland" sang: „Mag die Welt vom Einfach-Schönen Sich für kurze Zeit entwöhnen. Nicht gclingt'S ihr auf die Dauer Schnöder Unnatur zu srvhnen." „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Httnsjakob." 8t. Wir stehen in der allgemeinen Ferienzeit. Die Schulen, die Universität, die Gerichtssäle, sie alle sind geschlossen. Jeder, der an diesen Stätten gewirkt, sehnt sich hinaus in die freie Gottesnatur, uni Mühe und Widerwärtigkeiten zu vergessen und den alten Menschen durch die ewig junge Natur mit ihren irischen Wäldern und luftigen Höhen wiederum zu verjüngen und zu neuer Arbeit zu kräftigen. Doch Nicht an jedem Tage weist Gott dem Touristen, den er „in die. 287 weite Welt geschickt, seine Wunder," manchmal und Heuer leider allzuoft hüllt er sie ein in Nebel und Regen. Jeder, der oben im Gebirge schon regnerische Tage verlebte, weiß, wie sehr da oft der ganze Humor und alle Wanderlust zu schwinden droht. Darum versieht sich der vorsichtige Tourist gerne mit einer herzerfrischenden Reiselektüre. Zu diesem Zwecke eignen sich ganz vorzüglich für Jedermann die prächtigen Erzeugnisse der Muse des badischen Stadtpfarrers Dr. Heinrich HanSjakob. In manchem aber, der früher als frischer Student mit leichtem Gepäcke und sorglosem Herzen die schöne Ferienzeit über seiner Wanderlust folgte, schlägt das Wort Fericnreise nur mehr trübe Saiten an, denn es gibt für ihn keine Ferien mehr. Puter diese rechne ich nicht zuletzt den — Landpfarrer. Wie sehr wäre so einem Landpfarrer, der das ganze Jahr über in seinem oft recht armseligen Pfarrhause sitzt und jedes gebildeten "Umganges und geistig anregenden Verkehres entbehrt, wie sehr Wäre ihm eine Fericnreise zu gönnen! Doch woher einen Stellvertreter nehmen, da die geistliche Bebörde sich nicht darum kümmert? Wenn wenigstens die Bination von Seite der Nachbarpfarrer gestattet würde, so wäre leicht auch für den Land- chfarrer ein Urlaub von 2 bis 3 Wochen zu schaffen, allein dcr- üartige Aushilfe wird dermalen gar nicht mehr gestattet. Geistige Erholung und Auffrischung des G-müthslebeus ,«kraucht der Landpfarrer so gut, wie jeder andere; wiffenschaft- Pche und ascetijche Lectüre allein reichen nicht hin. „Von Vfarrherrn selber gingen dunkle Sagen, „Daß sie als Waldbrcvier dich bei sich tragen." sagt Scheffel im poetischen Vorwort zur 2. Auflage seines „Trompeters". Als ein solches Waldbrevier, als lieben Begleiter auf einsamen Wegen, als aufheiternde und belebende Pektüre für den stillen Pfarrhof, als thcilwciscn Ersatz für die schwer vermißte Fericnreise begrüßen wir freudig die Schriften Hansjakob's. Doch >hio nlxer ost, Iruno tn, Romane, caveto«, denkt Vielleicht da ein Nicht-Geistlicher. Erschrick nicht; Hansjakob's Schriften, obschon zum größten Theile im Dorspfarrhofe Hagnau Nm Bodensee geschrieben, riechen nicht nach „finsterem Pfarr- hose" und „schwarzer Couleur"; jeder, wess' Standes und Behufes. welcher religiösen oder politischen Anschauung auch immer er sei, und nicht zuletzt der Mann aus dem Volke wird seine helle Freude an diesen Schriften haben, wofern er nur das (Gefühl für echte Volkspocsie, — wenn auch in ungebundener Sprache, — und für lebenSwarme, kernige Lektüre in sich trägt. Der Genuß des Lesers wird nicht gestört, auch wenn er gerade dieser oder jener Anschauung HauSjakob'S nicht zustimmen kann. ^diesbezüglich schreibt ein Recensent im (Protestant.) „Kireben- Freund" (Basel): „Ich ziehe Hansjakob Rosegger und ähnlichen weit vor. Zwar ist in seinem Wesen vieles, was einem tvidcrstrebt, katholischer Geistlicher u. f. w. u. f. w. kommt auch in seine» Schriften eine oft seltsame Mischung von hübschen Gedanken, originellen Ideen, feinen Beobachtungen und zweifelhaften Einfällen heraus, ich lese sie meistens unter heftigem ALidcrspruch, aber leidenschaftlich gern." Es ist überhaupt eine äußerst seltene und bei den Schriften eines kathol. Geistlichen wohl noch nie dagewesene Erscheinung, daß politisch und religiös Gleich-, wie Andersgesinnte ini Lobe übereinstimmen. Der „Badische Beobachter", erstes Centrumsblatt Badens, das ,-Deutsche Volksblatt", führendes Ceutrumsorgan Württembergs, die „Kölnische Volkszeitunz", die „Niederrhcin. Volkszeitung", ^Schlestsche VolkSzeitung", „Freie Stimme" u. a., so gut wie die liberalen Journale: „Schwäbischer Merkur", „Karlsruher Zeitung", „Skraßburger Post", die demokratische „Frankfurter Zeitung" u. a., dann die Zeitschriften und Litcraturblätter: -jLitcrarischer Handweiser" Münster 1896 Sir. 631/632, die „Kath. Warte", die „Akademischen Monatsblätter", „Schweizer literar. Monatsrundschau", „Internationale Literaturberichte", „Deutsche Revue" Stuttgart, Fcbr. 1896, „Jllustrirte Zeitung" Leipzig 1895 Sir. 2739, „Universum" Drcöden 1896 11. Heft, „DaS Land" Berlin 1896 Nr. 8 u. a. überhäuften Hansjakob'S Schriften mit den höchsten Lobsprüchcu. Was ist es denn nun, das Hansjakob's Werke so anziehend macht? Der Verfasser schöpft nicht auS vergilbten, staubigen Folianten der Bibliotheken, obgleich er zur rechten Zeit auch interessante geschichtliche Details einstießen läßt, er betritt nicht die ausgetretenen Pfade der Roman- und Novellenschriftsteller, alles an ihm ist durchaus originell. Der Born, aus dem er schöpft, ist theils das eigene Leben, zum größten Theil aber das Leben des kernigen, von keiner Uebercultur beleckten und verdorbenen Volkes aus dem badischen Schwarzwald. wie es noch in der jüngsten Vergangenheit war. Hansjakob ist der Sohn dicsiö Volkes, auö seinem eigensten Blute enMoffey pulsirt in ihm das Leben dieses Volkes mit seinen Tugenden und, wie er selbst gesteht, auch Schwächen. Von Jugend auf hat er mit diesem Volke gelebt und gefühlt, und als gereifter Mann bis in die Gegenwart herein seine Musestunden bei ihm verbracht; bis in ihr Innerstes hinein hat er mit einer nur ihm eigenen Schärfe die Volksseele belauscht. Daher erklärt sich die Natürlichkeit und Originalität, die wahre Poesie und ganze Ge- fühlstiefe, das urwüchsige Leben und die hcrzerfreuende Frische in diesen Schriften. Sie find ein werthvoller Beitrag zur „Culturgeschichtc eines zwar kleinen, aber interessanten Gebietes des deutschen Vaterlandes" und in dieser Beziehung von bleibendem Werthe; ja der Werth und die Bedeutung solch kerniger Volksgestalten, schriftlich fixirt, wird sich stets erhöhen, je ärmer allenthalben durch den sogen. Culturfortschritt auch das gewöhnliche Volk an derartigen Volkstypen wird. Zu diesem hohen Vorzüge kommt hinzu die große Unbefangenheit und Offenherzigkeit, die Aufrichtigkeit und manchmal etwas derbe Geradheit des Verfassers, die ihn offen hcraus- plaudern läßt, was andere verhüllen. Mit Recht hat man ihn in dieser Beziehung mit Abraham a Santa Clara verglichen. Ueberall hat der Leser den Eindruck der strengsten subjectiven Wahrheit und Wahrhaftigkeit, da wird nichts vertuscht oder beschönigt, weder nach oben noch nach unten werden Complimcnte gemacht. Was Hansjakob nach einem interessanten Zusammentreffen mit dem geistvollen Satyriker Sebastian Brunncr in Wien von diesem als Schriftsteller rühmte, gilt auch ganz von ihm selbst: „S. Brunncr gehört zu den immer rarer werdenden Männern, die ,von der Leber weg' reden und in allem das ,Kind beim rechten Namen' nennen, ob dieser Name gefällt oder mißfällt, beliebt macht oder nicht. Es gibt in unseren Tagen immer mehr Zuckerwassermenschcn und Simsentänzer in allen Ständen, so daß cS einem ordentlich wohl thut, neben diesen Legionen auch wieder ganze Männer zu finden, Männer, die nur darnach streben, die Wahrheit zu sagen, die ganze volle Wahrheit, Männer, die, wie Seb. Brunncr einmal so schön sagt, mit dem Schwerte und nicht mit dem Zopfe dreinschlazen." (Dürre Blätter II. Bd. 272.) Ja, das gerade ist es, was uns an HanSjakob so wohl gefällt, und was ihn über Tausende von Schriftstellern und Skribenten so unendlich hoch erhebt, daß er nirgends zu schmeicheln und auf sein eigenes Interesse Rücksicht zu nehmen sucht, sondern frei und frank „von der Leber weg" redet. Wißt ihr selber nichts zu reden. Nun, so laßt doch andre sprechen, Denn der Muth dünkt nur der Feigheit Ein zu strafendes Verbrechen. (Seb. Brunncr.) Für die Darstellung des aus dem Volksleben gegriffener Stoffes kann eS nur von Vortheil sein, daß Hansjakob absticht- lich in der Form allen gelehrten und künstlichen Apparat vermeidet und verschmäht; einfach und schlicht, wie die unverfälschte Denk- und Redeart des Volkes, ist seine Diktion. „Wie ein alter, einsamer Bergfink, auf einem stillen Tanuenas sitzend, sein Lied componirt und singt, wie es ihm aus der Kehl- dringt, ohne sich zu kümmern, ob es der Harnwnielehrc odc: dem Contrapunkt entspricht, so erzähle ich meine .Geschichten'.' (Leutnant v. HaSle.) Man hat eö ihm von Seite der Recensenten zum Vorwürfe gemacht (okr. „Daucrnblut" Vorwort), daß er „schlecht componire und allerlei untereinander erzähle". Mit vollem Rechte cntgegnet Hansjakob: „Haben denn dieß Herren noch nie einen Mann aus dem Volke erzählen Hörens Der nimmt, wenn ihm im Anschluß an das, was er erzählt, eine andere Person in dem Sinn kommt, auch diese vor und erzählt zwischen hinein auch von ihr. So erzählt der Bauer.... so erzähle auch ich. Und paßt diese Art nicht gerade für Geschichten aus dem Volke? Muß denn alles erzählt werden, wie cs in den Büchern über Grammatik und Rhetorik in Schulen gelehrt wird. Ich will nichts wissen, nicht einmal, wenn ich predige, von der grauen Theorie, sondern gehe überall dem Leben und der Praxis nach." Die hauptsächlich hier in Betracht gezogenen SLriften Hansjakob's erscheinen im Verlage von Georg Weiß in Heidelberg, die Ausstattung sowie die eigenen Eiubauddecken sind geschmackvoll. Von einigen Werken: „Aus meiner Jugendzeit", „AuS meiner Studienzeit", „Dürre Blätter", „Schneebällen", „Wilde Kirschen" erscheint gegenwärtig eine Volksausgabe in circa 50 Lieferungen » 30 Ps. So viel im Allgemeinen. Zur Würdigung wenigsten einzelner Werke Hansjakob's übergehend, wird cS uns schwer, aus der Fülle des Schönen das Schönste hervorzuheben. (Fortsetzung folM Recensionen und Notizen. DaS Lied der drei Jünglinge (Dan. 3, 56—88). Dargelegt nach seiner kanonischen Geltung, seinem Inhalt und seiner liturgischen Bedeutung v. Karl Lä in Hierin eher. kgl. Gymn.-Professor. Ncgensburg, Nationale VcrlagSanstalt (Mauz). Approb. 102 S. M. 1.00. Das ist eine ganz solide und tüchtige Arbeit, welche wir mit hohem Gennße durchgeblättert haben. Weit entfernt, nur daS Resultat religiösen Empfindens zu sein. beruht diese Erklärung des -Lsneclioito- auf fester wissenschaftlicher Grundlage, und verräth schon der erste Theil des WerkchenS den gründlichen Kenner des historisch-exegetischen Materials. Bei der Erklärung der einzelnen Verse finden wir eine Summe von großen und tiefen Gedanken aufgespeichert, deren Bedeutung weit hinausgeht über den Werth einer augenblicklichen an- muthigen Gefühlserhebung. Die von gläubigem Geiste durchleuchteten Resultate der Naiurwissenschaft, sowie die dogmatisch und historisch begründeten Bestimmungen theologischer Ausdrücke geben der Erklärung der einzelnen Verse zugleich Kraft und Weihe. Was die liturgische Verwerthung betrifft, so ist nur auf die Verwendung des Liedes bei den I-anäes der Sonn- uns Festtage Rücksicht genommen und vermißt man die Deutung ded Lobgesanges zum Zweck des priesterlichen Dankgcbetcs nach der Celebration der HI. Messe. Das könnte als ein Mangel, als ein pinirr äesiäerinw für eine zweite Auflage angesehen werden. Allein wir glauben, daß das bereits Gebotene, mit Geist und Herz erfaßt, an sich schon reichen und überreichen Stoff für die Danksagung deS Opferpriestcrö bietet. Gerade der dritte Theil — Verwendung des Loneäicito an Sonn- und Festtagen — bringt so Schönes über die Wechselwirkungen von Natur- und Gnadenlcben und über die Verklärung der Geschöpfe, daß ein frommes und denkendes Gemütb gar leicht die Beziehungen finden wird, die zwischen dem hl. Opfer uuv dem Canticum bestehen, um die Harfe deS Herzens zum vollen Tönen zu bringen. Kein Priester wird es bereuen, sich dieses Werkchen angeschafft zu haben, denn keiner wird es ohne reiche und tiefe Anregung aus der Hand legen. Dem Verfasser aber ein „Glück auf!" sür weitere ähnliche Studien! Augsburg. Max Steigenberger. Das Leben Jesu nach den 4 Evangelien dargestellt von Dr. Joseph Grimm. II. Band: Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu 1. Band, 2. Auflage, Regcnsburg, Pustet 1893, Seiten 747; III. Band des ganzen Werkes: Geschichte der öffentlichen Thätigkeit Jesu 2. Band, 2. Auflage, Regensburg, Pustet 1895, Seiten 655. Geschichte des Leidens Jesu nach den 4 Evangelien 1. Band, des ganzen Werkes 6. Band. Regensburg, Puffet 1894, Seiten 671. — Es ist zwar an „Leben Jesu" kein Mangel: Schcgg und Sepp in Deutschland, Fornari in Italien, Le Camus in Frankreich, Coleridge in England haben die Geschichte Jesu zum Gegenstand ihrer Studien gemacht und uns mit mehr oder weniger gehaltvollen Arbeiten hierüber beschenkt. Die Palme unter den Leben Jesu gebührt jedenfalls dem Leben Jesu des leider zu früh Heimgegangenen Gelehrten Joseph Grimm. Bis jetzt sind 6 Bände erschienen, bei der Vcrurtheilung Jesu zum Kreuzestod bricht das Werk ab. Wie man Hort, war jedoch der Schlußband beim Tode deS Verfassers soweit gediehen, daß das Werk nicht ein Torso bleiben muß. Der 1. und 2. Band (2. und 3. Band deö ganzen Werkes) haben bereits eine 2. Auflage erlebt und sind vom Verfasser durchgesehen und verbessert worden. Keppler rühmt an Grimm: exegetische Genauigkeit. gemüthstiefcs Eingehen in den Text der Schrist und contemplative Versenkung in die hl. Geheimnisse. Lst gnos laustes aststistisss aliguist, stseerpisse est. (Llaximus bom. 59.) Zum Schlüsse noch die Bemerkung, daß sämmtliche deutsche „Leben Jesu", welche von katholischer Seite verfaßt wurden, auf bayrischem Boden entstanden. Familie Lngmüller. Erzählung von Arth. Achleitrier. Dessau, Dünnhaupt, 1896. 8°. 162 S. M. 2. L/Z Eine tiesergrcifende Geschichte, wie sie im Leben nicht so ganz unmöglich ist. Allein der Dichter, der sie ersann, hat es bei einer einfachen Erzählung nicht bewenden lassen. Er legte es mit Anwendung gewaltsamer Scenen und effecthascher- ischer Motive darauf an, eine aufdringliche Tendenzschrift gegen „GcschäftSkatholiziSmus", Auswüchse des Wahlfahrten- Wesens, Härten des HcimatbSrechtes und was er sonst noch auf dem Herzen hat, bis zur äußersten Spitze durchzuarbeiten. Das ist ihm allerdings gelungen, freilich mit schwerer Versündigung an der Wahrheit und an der Kunst. Die Erzählung könnte ganz passend in der „Gartenlaube" der Sicbzigerjahre gestanden haben. In den guten Klang, den im allgemeinen sonst der Name deS Autors durch seine „G'schichtcln" auch in katholischen Kreisen besitzt, bringt die „Familie Lugmüller" einen bösen Mißten. Wiederum liegt mit dem soeben erschienenen 12. Hefte von „Alte und Neue Welt" ein Jahrgang (30.) abgeschlossen vor uns, und wir müssen gestehen, daß er vom ersten bis zum letzten Heft in Text und Bildcrschmuck geradezu musterhaft und unübertroffen dasteht. Das letzte Heft schließt den stattlichen Band von 768 Seiten mit 476 Kunstblättern und Illustrationen würdig ab. In diesem einen Jahre brachte die Zeitschrift nicht weniger als 38 große Romane, Novellen, Dorf- geichfchtcn und Humoresken; 7 große, reich illustrirte Reise« bcschrcibungen und Schilderungen aus der Länder- und Völkerkunde. 55 populäre Aufsätze aus den verschiedensten Wissensgebieten und viele kleinere und größere sonstige Artikel, Gedichte, Plaudereien u. s. w. Das 12. Heft zeichnet sich durch drei besonders fesselnde erzählende Beiträge aus. Die meisten Artikel sind illustrirt. Der übrige Bildschmuck ist reich und musterhaft. Möchte die „Alte unv Neue Welt" mit dem neuen Jahrgang doch in recht vielen Familien Eingang finden. Ein Versuch wird niemanden gereuen. Für 50 Pieunig mehr zu bieten, ist unmöglich. Die christliche Jungfrau in ihrem Tngcndschmucke. Von ?. Mathias von BremsÄcid, Priester aus dem Kapnzinerorden. Mit kirchlicher Approbation. Dritte Auflage. Mainz. 1894. Fr. Kirchheim. 6. (103 S.) in Leinwand qcbd. 60 Pf. Ein goldenes Büchlein, dessen Lehren and dem Leben geschöpft sind und von einem sür den Tugendschmnck der Jungfrau begeisterten Herzen kommen und deßhalb wieder den Weg zum Herzen finden. „Nimm und licö!" möchte ich jeder christlichen Jnügsrau zurufen, „und du wirst es nicht ohne großen Nutzen thun." In dem Verlage von Franz Kirchheim in Mainz gelangen demnächst zwei bedeutende Werke zur Ausgabe. Bei dem Interesse, das durch die bekannten Wirren in Klein-Asicn für Armenien erweckt ist, wird das neue Werk: „Vom Kaukasus zum Persischen Meerbusen durch Armenien, Kurdistan und Mesopotanicn" von Dr.Paul Müller-SimoniS, voraussichtlich mit großem Beifall begrüßt werden, zumal bis jetzt über jene Gegenden in deutscher Sprache ein ähnliches Werk nicht vorliegt. Der Bearbeiter hat eine Uebersicht über die orientalischen Kirchen und die armenischen Gräucl bis auf die neueste Zeit beigegcben. DaS Werk wird mit gegen 100 Text-Illustrationen, einer Heliogravüre, sechs Lichtdrnckvilocrn (durchweg Oriqinalaufnahmcn des- Verfassers) und einer Karte in elegantem Original-Einband gegen 10 Mk. kosten. Der hochinteressante Inhalt und die splendide typographische Ausstattung werden das Werk namentlich auch zum Geschcnkwerk eignen. — Ein anderes gleichfalls künstlerisch, überhaupt prächtig auSgestatlets, illustrirteS Werk desselben Verlags, das Mitte September zur Ausgabe gelangen soll. betitelt sich: „Westlich! oder Reise nach dem fernen Westen Nordamerikas". (In reichem Original-Einband ca. 7 Mark. — Der Verfasser Dr. Otto Zardctti, Titnlar-Erzbischof von Mozissus, zuletzt Erzbischof in Bukarest (ein Deutsch-Schweizer), war wie kaum ein Anderer zur Abfassung dieses Buckes berufen, da er jahrelang als Professor, dann als Bischof von St. Cloud in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gewirkt hat. Das Werk bringt ohne selbstverständlich seinem eigentlichen Zwecke, der Schilderung von Land und Leute untreu zu werden, interessante Streiflichter auf die kirchlichen und religiösen Verhältnisse Nordamerikas. Besonders wird auch den Leser der brillante Stil des Verfassers fesseln. Nach Vollendung der beiden Werke werden wir eingehend daraus zurückkommen. Berichtigung. In dem Artikel über Bischof Markwart (Nr. 34 S. 274 Zeile 17 v. u.) muß es heißen: „er hielt wohl auf geistliche Corrcctheit, aber sein Maßstab war daS kanonische Recht." Verqntw. Redacteur: Ad. Hggö in BuMnrg. — Hruck ».Verlag des Lit. Instituts von Haas LGrabhcrr in Augsburg.