ttn. 37. Wage M Dlgsöurger Weitung, u. E Die Lehmn'sche Weissagung und ihr alter Vertheidiger Wilhelm Meinhold. Von Dr. Franz Kampers. Dem Uebereifer der Gegner der „Echtheit" des Lehnin'schen VaticiniumS ist es zuzuschreiben, daß die, man dars schon sagen, leidige Frage immer wieder zur Debatte gestellt wird. Schon Max Nuge (Bemerkungen zu dem Vntieiiiimii I^stinnsnso. Progr. des Berlin. Gymn. z. grauen Kloster. 1889.) geißelte diesen Uebereifer, der haltlose Hypothesen über den muthmaßlichen Autor und über die Abfassungszeit der Fälschung zu begründen suchte und dadurch den Freunden des Vati- ciniums Wasser auf ihre Mühle lieferte. Von einem einzigen Gesichtspunkte aus kann das immerhin durch seine Geschichte interessante Schriftstück allein richtig gewürdigt und ganz verstanden werden, nämlich von dem der quellenkritischcn Analyse. Nur im Rahmen der übrigen mittelalterlichen apokryphen Verheißungen von dem großen Wcltmonarchen und dem heiligen Papste der Endzeit lösen sich überraschend einfach die Räthsel, welche die Weissagung stellt. Darüber gedenke ich mich demnächst in selbststündiger Monographie zu verbreiten; hier genüge ein Hinweis daraus, wie schwach der alte, nunmehr wiedererstandene*) Kämpe für die „Echtheit" des I^lminönsö, Wilhelm Meinhold, seinen Beweis stützt. Der größte Theil seines jetzt in 2. Auflage vorliegenden Buches bietet eine Apologie der Weissagungen überhaupt; nur 35 Seiten befassen sich mit der Frage der „Echtheit" — von der nachfolgenden Erklärung der einzelnen Verse, welche zumal in ihrer Schlußpartie als reines Phantaficprodukt gerade geeignet ist, den ernsten Leser von der „Unechtheit" der nicht mehr ein- getroffenen Weissagung zu überzeugen, kann hier abgesehen werden. Gleich zu Anfang des Kapitels über das Alter der Lehnin'schen Prophetie hat Meinhold eine arge Textentstellung der 1. Auflage berichtigt. Ursprünglich sagte er: „Im Jahre 1722 ließ Schulz die Weissagung in seinem ,gelahrten Preußen' abdrucken und erzählt II, S. 289: sie sei aus dem Mannscript des verstorbenen Bürgermeisters von der Linde in Danzig genommen, dem ein vornehmer Freund in Berlin einst die Erlaubniß gegeben, das in Lehnin aufgefundene Original zu copiren." Faktisch steht aber an der citirten Stelle (vergl. Nuge a. a. O. S. 22): „Von diesem großmächtigen Hause soll in Lehnin eine Prophezeyung sein gefunden worden, welche mir, da ich in Berlin ge- lebet, ein vornehmer Freund abschreiben lassen. Ich will dieselbe aus dem Msc., welches nach meinem Wissen bisher nicht gedruckt gewesen, dem geneigten Leser mittheilen." Von dem Bürgermeister und von dem Original kein Wort! Jetzt ist (vom Herausgeber?) die Stelle ziemlich correct angemerkt; nur wird aus „vornehmer Freund" „von hoher Hand" gemacht. Verfasser wendet sich darnach der Behauptung der Gegner zu, daß vor 1692 der Weissagung nirgendwo Erwähnung gethan wird, und zieht als Hauptstütze eine angeblich im Jahre 1620 gedruckte Prophezeiung eines Hainno Flörcken heran, in welcher Stellen aus *) Die Lchnin'iche Weissagung gegen alle,, auch die neuesten Einwürfe vertheidigt, zum erstenmal metrisch übersetzt und comlncutirt von Wilhelm Meinhold. Ilus'ö neue herausgegeben von Paul Majunke. Negensburg, Nationale BerlagS- anstalt. 1896. einer Lehnin'schen Weissagung aufgeführt werden. Dieser Druck ist aber nicht aufzutreiben, ja nicht einmal irgendwo in den bibliographischen Hilfsmitteln vermerkt; dazu stimmen die Sätze, welche mitgetheilt werden, absolut nicht mit dem Inhalt unserer metrischen Prophetie. Die Druckschrift beweist demnach — ihre Echtheit, die ich nicht für unmöglich halte, vorausgesetzt — nur, daß in Lehnin eine einem Mönche Hermann zugeschriebene Weissagung umlief, die aber mit der unsrigen gar nichts zu thun hat; darüber helfen alle Jnterpretationsversuche nicht weg. Selbst wenn eine Nachricht von unserem metrischen Vaticinium existirte, so könnte diese die Annahme späterer Erweiterungen nicht eo ipso beseitigen. Uebrigens ist die Sebaldusprophetie nicht, wie Meinhold annimmt, als Quelle Flörckens anzusehen; abgesehen davon, daß sie mit Carions Weissagung sich noch viel enger als äußerlich verwandt darstellt, läßt sich in ihr eine in das dreizehnte Jahrhundert hinaufreichende Friedrichprophetie nachweisen, die uns zu ganz entgegengesetzten Schlüssen bezüglich des I-estiünönss nöthigen wird. Warum verschweigt übrigens der Herausgeber, daß der überhaupt nicht genannte Hilgenfeld noch eine dritte Lehnin'schc Weissagung citirt, die ebenfalls als Frucht joachimitischer Spekulationen unser Interesse verdient? Die Angabe über Oelvens weiterhin erwähntes Prognostikon, daß ein Hohenzoller Kaiser werden würde, und über seine Aufforderung an das deutsche Volk zur entsprechenden That, „damit das 200jährige Vaticinium in Erfüllung gehe," kaun ich leider momentan nicht controlliren; nach Hilgenfclds Bemerkungen darüber muß ich aber annehmen, daß diese Notiz mit der Lehnin'schen Weissagung gar nichts zu thun hat. Meine Annahme geht dahin, daß Oelven sich hier nur auf die vielleicht auf Mclanchthons Freund, Canon, zurückgehende Pro- phetic bezicht, die auch Lcutinger kannte, nach welcher ein Brandenburgischer Kurfürst seine Hand nach dem Kaiserdiadem ausstrecken würde. Recht unglücklich ist weiterhin die Stütze des Beweises gewählt, daß bereits im Jahre 1599 im Kloster Benediktbeuern eine Travestie unserer Prophetie verfaßt sei. Die Angaben hierüber entbehren jeder Zuverlässigkeit und haben schon deßhalb keine Beweiskraft. Die Stütze bricht aber in sich selbst zusammen, wenn man bedenkt, daß die Travestie sich auf Ereignisse um die Wende dieses Jahrhunderts bezieht; also auch diese Travestie vom Jahre 1599 müßte demnach von Gott iuspirirt sein! Daß es im 13. und 14. Jahrhundert in Lehnin Mönche des Namens Hermann gab, steht fest, aber der von Meinhold als muthmaßlicher Verfasser angeführte Mönch hat urkundlich nachweisbar nicht Hermann, sondern Heinrich geheißen. Die noch verbleibenden allzu windigen weiteren Argumente für die Echtheit hat mein die Echtheit vertheidigender Vorgänger in diesen Blättern (Beil. 1895 Nr. 40 sf.) bereits zurückgewiesen, auf dessen sachliche Ausführungen hier verwiesen sein möge; nur eines möchte ich noch hier berühren. Wenn der Jencnser Katalog der Lchniner Bibliothek auch ein nproZuostiooli tuturi 86Luü" anmerkt, so beweist das nichts für die „Echtheit". Einmal wäre es geradezu auffällig, wenn eine Bibliothek eines Cistercicnserklosters nicht derartige Verheißungen enthalten hätte; denn gerade dieser Orden hat diese apokryphe Literatur überaus gepflegt und verbleitet, nyd jeder Kenner der Mittel» 280 alterlichen Prophctie wird aus einer solchen Notiz keine Rückschlüsse auf unser Vaticininm machen. Sodann aber, glaubt denn der Herausgeber wirklich, daß die Lehniner Mönche aus einer so bestimmt stets eintreffenden Weissagung kein Kapital geschlagen hätten, daß sie unbekannt geblieben wäre? Ziehen wir das Facit, so ergibt sich mit absoluter Sicherheit, daß die Existenz unserer Weissagung vor den letzten Dezennien des 17. Jahrhunderts nicht nachweisbar ist. Dieses Moment füllt um so schwerer in'S Gewicht, wenn man berücksichtigt, mit welcher Leichtigkeit sich im Mittelalter apokryphe Weissagungen verbreiteten und mit welcher Zähigkeit sie festgehalten wurden. Das Vati- cinium ist wie die fast gleichzeitige Weissagung des Bartholomäus Holzhäuser — daS wird die Quellenkritik ergeben — eine späte Frucht der spiritualistischen Lehre des Abtes Joachim von Fiore und seiner Schule. Die Kirche zum heiligen Geist in München. Von Franz Jacob Schinitt, Architekt in München. Karl der Große ließ sein Münster in Aachen als gewölbte Achtecks-Basilika mit einem löeckigen Umgänge - - Ausführung bringen, ebenso befahl Kaiser Ludwig Lcr Bayer um 1327 den Neubau der Heiliggeist-Kirche in München mit einem gewölbten Chorhaupte herzustellen, der Mittelraum desselben sollte mit fünf Seiten des regelmäßigen Achteckes und der Umgang mit neun Seiten des Sechzchneckcs geschlossen werden. In unserem Aufsätze der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 352 vom 20. Dezember 1895 über den 12eckigen Centralbau der Sanct Marienkirche zu Ettal wurde die Vorliebe Kaiser Ludwigs des Bayern für eigenartige Architektur nachzuweisen versucht, durch die Münchener Heiliggeist-Kirche möge das Bild vervollständigt werden. Den Ausführungen des Herrn Stadtpfarrers Adalbert Huhn in seiner verdienstvollen, 1891 erschienenen »Geschichte des Spitales, der Kirche und der Pfarrei zum heiligen Geist in München" pflichten wir namentlich darin bei, daß die im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts durch den Orden der Bruder vom heiligen. Geiste beim Hospitale errichtete einfache Kirche während des großen Stadtbrandes 1327 unterging und einen vollständigen Neubau nothwendig machte. Das nunmehr aufgestellte Bauprogramm verlangte eine Hallenkirche mit Chorumgang und nach innen gezogene Strebepfeiler, um dadurch architektonisch i sixirte Plätze für das Aufstellen der Altäre des Gotteshauses Zu gewinnen, also der ganz gleiche Gesichtspunkt, wie beim kaiserlichen Bauprogramme der Bcnediktiner- Abieikirche zu Sanct Maria in Ettal. Erinnert man sich, daß die damals in Freising, Salzburg, Negensburg, Passau, Eichstätt, Bamberg und Würzburg bestandenen Episkopal-Kirchcn nur einschiffige Choranlagen besaßen, o steigert dies die künstlerische That, welche Heiliggeist ,n München vom Jahre 1327 ab verwirklicht hat, noch sehr bedeutend. — Das Königliche National-Museum in München besitzt ein von Jacob Sandtuer gefertigtes Stadtmodcll von 1572, und da sieht man Heiliggeist als drcischissige Hallenkirche mit Chorumgang derart dargestellt, daß dem Mittelschiffe ein steiles Satteldach und eine ringsum laufende Dachtraufe gegeben war, während die Abseiten mit ihren steilen Pultdächern bis zu dieser Dachtraufe hinauf steigen; somit bleibt, ganz wie bei der Frauenkirche Münchens, nur ein schmaler Mauerstreifen vom Hochschiffe sichtbar. Diese Construktion der Heilig- geist-Kirche erklärt sich einfach aus dem bei den Dach- uugen zur Verwendung gekommenen Zicgelmateriale und muß beim Stande der Technik im vierzehnten Jahrhunderte als rationell anerkannt werden. Dem Con- strukteur des Werkes ergaben sich hierbei ganz von selbst Zwei Kämpferhöhen, der untere Kämpfer für die Abseiten- Scheidcbogen und Gewölbe, dann der ungefähr zwei Meter höher befindliche obere Kämpfer für die Gewölbe des Mittelschiffes. Diese zwei Kämpfer bei Hallenkirchen sind nichts Seltenes, und möge hier nur an die Stiftskirche in Stuttgart, an den Sanct Stefans-Dom in Wien und die von 1425 — 1439 erbaute Liebfrauenkirche in Jngolstadt erinnert werden. Die älteste bekannte Hallenkirche in den deutschen Ländern südlich der Donau ist die dreischisfigc Sanct Peters-Pfarrkirche spätromanischen Stiles in Augsburg, während der gothische Stil als erste Werke die von Kaiser Ludwig dem Bayern errichtete Marienkirche in Eital und die gleichzeitig in München von ihm erbaute Heilig- geist-Kirche brachte. Ettal ist eine symmetrisch zwei- schisfige Zwölfccks-Hallenkirche, das Münchener Gotteshaus eine dreischiffige Langhaus-Anlage, und zwar genau in der heiligen Linie von West nach Ost ausgeführt. Der in den Jahren 1724—1730 bewirkte Umbau der Heiliggeist» Kirche hat leider so übercuis gründlich mit den mittelalterlichen Kunstformen aufgeräumt, daß wir diese heute nur noch aus dem unverändert gebliebenen Grundplane und den Hauptdispositionen des Ganzen zu erkennen vermögen. Unter Betastung der sämmtlichen äußeren Strebepfeiler von siebenzig Centimeter Breite bei fünfzig Centi- meter Tiefe, der Mittelschiffbreite von 8,40 Meter in den Pfeilerachsen gemessen und der lichten Langhausbreite von 20,80 Meter bestand die hauptsächlichste Veränderung darin, daß man den unteren Kämpfer der Abseiten aufhob, die auf Hausteinrippen hergestellten Kreuzgewölbe der Seitenschiffe einschlug und die heute noch vorhandenen rippenlosen Gewölbe in der Höhe des ursprünglichen Kämpfers der Mittelschiffgewölbe zur Ausführung brachte. Den spitzbogigen Fenstern nahm man ihr aus Sandsteinen hergestellt gewesenes Stab- und Maßwerk und beließ zur einfachen weißen Verglasung nur ein schlichtes Schmiede-Eisenwerk, wie cL im achtzehnten Jahrhunderte bei allen Barockkirchen angebracht wurde. Ueber den unteren Langfenstern wurden sodann noch kleine Nosenfenster ausgeführt, damit auch die obere Deckenregion der nöthigen Beleuchtung nicht entbehrte. Nachdem die beiden Seitenschiffe und der Chorumgang mit ihren Dachkränzen bis zur Höhe des Mauerwerkcs bom ursprünglichen Mittelschiffe hinauf geführt waren, lag es nahe, ein mächtiges, ziegelbedecktcs Satteldach über den drei Schiffen herzustellen, welche Veränderung in ästhetischer Hinsicht nur als Nachtheil für das bis dahin ehrwürdige Gotteshaus bezeichnet werden muß. Im Mittelalter besaß die Heiliggeist-Kirche einen an der Westseite außerhalb des südlichen Nebenschiffes aufgeführten Steinthurm, der, ähnlich dem heute noch bei der Münchener Sanct Salvator-Kirche befindlichen Thurme, quadratische Untergeschosse und darüber zwei im Achtort construirte Obergeschosse nebst achteckiger Pyramide von Holz mit Ziegelbedachung besaß. Wegen Banfülligkeit soll das Abtragen dieses Glockenthurmes in späterer Zeit nöthig geworden sein, und erst der Umbau von 1724 bis 1730 brachte Heiliggeist den heute noch existircnden hochschlanken, viereckigen Pfarrthurm, und zwar vor dem Mittelfelde des Chorumganges, wo er das ehedem hier vorhandene Hauptfenster der Kirche unschicklich verdeckt 291 und auch dem Stadtbilde Münchens nicht zur Zierde gereicht. Welche Form die inneren freistehenden Stützpfeiler im Mittelalterbaue gehabt, läßt sich heute schwer feststellen, wo um den inneren quadratischen Kern von siebenzig Centimeter Seite je vier Pilaster mit achtzehn Centimeter Ausladung angebracht wurden und alles unter dickem Verputze nebst weißer Tünche steckt. Auch das ganze Acußere ist durch Verputz und Anstrich des monumentalen Charakters beraubt, den man heute noch beim unverhüllt gebliebenen Backstein-Rohbau sowohl der Frauenkirche wie der Sanct Salvatorkirche in München wahrnimmt, was jeden Freund der vaterländischen Kunst- denkmäler so überaus wohlthuend berührt. Wie die Sauet Marienkirche Ettals in ihren Haupt-Strukturtheileu ein Quadersteinbau gewesen, so dürfen wir wohl ebenso für die in demselben vierzehnten Jahrhunderte entstandene Heiliggeist-Kirche den Sandstein annnehmen, welcher ja auch bei der Sanct LaurentiuS-Kapelle im alten Hofe reichlichste Verwendung gefunden, wie die im Bayerischen Nationalmuseum vorhandenen Baureste und das merkwürdige Relief mit Kaiser Ludwig und seiner zweiten, ihm 1323 vermählten Gattin, Margaretha von Holland, darthun. Der mit Kaiser Ludwigs des Bayern Unterstützung vollführte Neubau der Heiliggeist-Kirche Münchens wirkte durch die Eigenart feiner Grundrißbildung anregend, und da finden wir zunächst die Bischofsstadt Bamberg, wo man die obere Pfarrkirche zu Unser Lieben Frauen in der Zeit von 1327 —1387 im ausgedehnten Chöre als Basilika mit fünf Seiten des Achteckes im Mittelschiffe schloß und den Umgang aus neun Seiten des Sechzehneckes mit nach innen gezogenen Strebepfeilern zur Ausführung gebracht hat. Aus dieser Beschreibung erhellt, daß der innere und äußere Schluß des Sanctuariums vollständig mit dem der Heiliggeist-Kirche zu München übereinstimmt, wir haben den nämlichen Grundriß, nur der Aufbau ist verschieden, in Bamberg eine Basilika und in München eine Hallenkirche. Der Vamberger Chorumgang hat die fünf quadratischen Joche und die vier dreieckigen Joche ganz wie Münchens Heiliggeist-Kirche; fragen wir hicfür nach einem Vorbilde der frühgothischen Baukunst, so sei die Sanct Julius-Domkirche zu Le Mans im Departement Sarthe in ihrem äußeren Chorumgange aus dem dreizehnten Jahrhunderte angeführt, eine fünfschisfige basili- kale Anlage, auch hier wechseln quadratische mit dreieckigen Jochen ab. Wie Heiliggcist in München im Laufs des vierzehnten Jahrhunderts als dreischisfige Hallenkirche mit Chorumgang erbaut wurde, so hat man auch von 1398 ab in Heidelberg am Neckar die der dortigen Universität als Gotteshaus und Bibliothek dienende Heiliggeist-Kirche in ganz gleicher Anlage zur Ausführung gebracht, hier tragen hochschlanke Sandstein-Säulen den aus fünf Seiten des Achteckes hergestellten Jnnenraum und den ebenso gestalteten gewölbten Chorumgang. Im fünfzehnten Jahrhundert entstand auch in Landshut ein Gotteshaus zum heiligen Geist, wie in München und Heidelberg eine dreischisfige gewölbte Hallenkirche mit Chorumgang, der Jnnenraum ist hier mit zwei Seiten des regelmäßigen Sechseckes und der äußere Umgang mit fünf Seiten des Zwölfeckes geschlossen. Wer Kaiser Ludwig vem Bayern und den von ihm berufenen tüchtigen Künstlern ganz gerecht werden will, der muß auch alle die Baudenkmäler in den Kreis der Betrachtung ziehen, welche Dank seiner Anregung entstanden und die ein glückliches Schicksal in der ursprünglichen Formengebung erhalten hat, was leider weder in Etta! bei der dortigen Marienkirche, noch bei Heiliggeist in München der Fall ist, wie ebenda des Kaisers schöne Hofkapelle zu Sanct Laurentius im Jahre 1816 unverantwortlicher Weise zerstört worden ist. Der dritte internationale Congreß für Psychologie. Von Charles Saint-Paul. (Schluß.) Trotzdem man occultisttsche Themata aus dem Programm des Congresses möglichst aussondern wollte, hat man doch einem angemeldeten Vortrage über die Medien von Th. Flournoy (Genf), betitelt „^uelgues istits ci'imaZinuticm vubliuriualö diea las urscliuras", in Folge seines etwas skeptischen Charakters Aufnahme gewährt. Derselbe ist der Ansicht, daß die erstaunliche schöpferische Einbildungskraft bei gewissen Medien psychologisch deren Annahme rechtfertigen könne, das; sie Werkzeuge fremder Einwirkung sind. Diese subliminale Thätigkeit könne sich derart ausdehnen, daß sie in keiner Weise der Neflexionsarbeit und compositioncllen Thätigkeit des Denkers oder Romanciers nachstehe. So hat Flournoy Z. B. gegenwärtig Gelegenheit, eine junge Frau zu beobachten, die seit einem Jahre von Zeit zu Zeit philosophische Fragmente dictirt, die voll von gelehrten Ausdrücken sind, welche sie nicht kennt und auch nicht kennen kann; diese Fragmente, die ihr im Wachzustands scheinbar eingegeben werden, verketten sich derart, daß sie ein metaphysisches Werk bilden, dessen Ideen die Dame wohl kaum aus anderer Quelle geschöpft haben kann. Flournoy hat auch, wie er behauptet, bei andern Medien viele Fälle beobachtet, die gleichfalls eine konstruktive subliminale Imagination von erstaunlicher Ueberfülle kundgeben. Diese schöpferische Originalität, die mit der automatischen Negularität der gewöhnlichen hysterischen Vorfälle contrastirt, erfordert, wie er glaubt, daß man die Medien in eine eigene psychologische Klaffe einreiht, obgleich sie im höchsten Grade die permanente und vollständige „Spaltung der Persönlichkeit" ausweisen, in der Pierre Janet den essentiellen Zug der Hysterie im Allgemeinen erkennt. Ins Gebiet des Spiritismus (Geisterphotographien!) scheint auch die Mittheilung des Dr. Hipp. Baraduc (Paris) über die fluidische Atmosphäre des Menschen (st,'Ltnro- tiuiäiHus äs l'lroniE) hineinzureichen. Er behauptet, durch Versuche erwiesen zu haben, daß die Photographische Platte durch den Menschen ohne Contact, ohne Sonnenlicht, Elektricität, Objectiv, durch seine eigene persönliche Vibration, durch das, was man sein Lebenslicht, das Licht feiner lebenden Seele nennen könne, beeindruckt werden kann. Er besitze 200 Clichäs, die durch diese Vibrationen in der Dunkelheit beeindruckt worden seien. Seine Ausführungen sollten noch genauer geprüft werden. Was das noch immer vielumstrittene Gebiet deS Gedankenlesens anbelangt, so haben mehrere hervorragende Fachmänner während des Congresses ihre Forschungen auf demselben klargelegt. Bemerkenswerth war der Vortrag, den Professor Sommer (Gießen) über „Eine graphische Methode des Gedankenlesens" hielt. Dieselbe wird durch einen von ihm sehr sinnreich construirten Apparat (Psychograph) ermöglicht. Da daS 292 Gedankenlesen auf der Wahrnehmung feiner Ausdrucksbewegungen beruhe, ergebe sich für die exakte Wissenschaft die Aufgabe, diese Ausdrucksbewcgungen sichtbar und meßbar zu machen. Die Hände des lebenden Menschen machten ohne Betheiligung des Bewußtseins eine Menge solcher Ausdrucksbewegungen, und die Analyse dieser Bewegungen müsse eine dreidimensionale in Bezug auf Druck, Stoß und seitliche Schwankung sein. Die Uebertragung dieser Bewegungen (nach unten und oben, rechts und links, vorn und zurück) geschehe am besten durch Hebel auf eine rotirende Trommel. Nach diesem Princip hat nun Sommer seinen Apparat construirt, mit dem sich eine Menge feiner Ausdrucksbewegungen sichtbar machen lassen. Hiemit, so meint er, sei der Anfang eines experimentcllen Studiums des Gedankenlesens gegeben. Natürlich kann der Apparat für die Fälle, in denen es sich um Gedankenlesen aus der Entfernung handeln soll, keine Erklärung bieten. Don Wichtigkeit zur Klärung der Frage sind jedenfalls auch die Experimente, welche Dr. Liöbault von Nancy berichtet. Er hat seine Beobachtungen über Mentalsuggestion an derselben Versuchsperson so angestellt, daß er verschiedene Zeitintervalle zwischen die einzelnen Experimente setzte. Sie haben insbesondere Bezug auf Bewegungssuggestionen und solche des Gesichtssinnes, die er entweder im Wachzustands oder im Schlaft der Versuchsperson beibrachte; im letzteren Falle wurden sie posthypnotifch rcalisirt. Er wollte noch keine voreiligen Conclusionen aus seinen Beobachtungen ziehen. Ganz besonders ist noch auf einen Vortrag des berühmten experimentalpsychologischen Forschers Professor Sidgwick aus Cambridge (England) hinzuweisen, welcher eine Klarlegung von „Lxxkrimviits in Involuutar^ 'VVIüsxsrinA anci tlrsir LsurwA vn allegacl ca.863 ok PllorrZtll - Prrmsftroiaee" (Experimente über unwillkürliches Flüstern und seine Bedeutung für die angeblichen Fälle von Gedankenübertragung) zum Thema gewählt hatte. In einem Artikel der Wundt'schen „Philosophischen Studien" von Lehmann und Hansen in Kopenhagen war auf Experimente bezüglich des „unwillkürlichen Flüsterns" hingewiesen und der Versuch gemacht worden, hiedurch einzelne Fälle der Gedankenübertragung, die in den der „Lochet^ lorI^cluLuI Ii,686arolr" in London berichtet wurden, zu erklären. Diese Erklärung, so meint Pros. Sidgwick, sei nicht neu, sie sei schon in demselben Organ besprochen worden. Unmöglich könne dieselbe übrigens auf die Experimente angewandt werden, in welchen der Agent und Percipient in verschiedenen Zimmern, durch größere Entfernung und geschlossene Thüre von einander getrennt, sich befanden und die Stellung des Percipienten im Zimmer wiederholt absichtlich gewechselt wurde. Wir kommen nun noch auf einen hochinteressanten Vortrag der Gattin des Professors Sidgwick über „Eine statistische Untersuchung bezüglich der Hallucinationen von gesunden Personen im Wachzustände" (On a staiistÜLai into Lsnsor^ HuUueinationZ axxvriönoeci ndils kUvaüa x>LN30N3 in ordinär^ Uealtst) zu sprechen. ^ Im Jahre 1892 erstattete Professor Sidgwick auf dem zweiten internationalen Congreß einen provisorischen Bericht, aber damals war keine Zeit vorhanden, das ganze Material vollständig zu prüfen. Ein vollständiger /Bericht (ca. 400 Seiten stgrk) wurde später, im Jahre 1894, von der kor k^effioal H63oarost (im Uart XXVI Vol. X) ihrer „I'roosedinZ^' pnblicirt. Mrs. Sidgwick beschränkt sich darauf, einige Richtigstellungen desselben vorzunehmen und dann die Frage, ob wirklich Telepathie (Telenergie, Fernwirken) als Ursache der Hallucinationen anzunehmen sei, näher zu erörtern. Die Untersuchung hat, wie wir aus ihren Ausführungen entnehmen, das Resultat ergeben, daß 17,000 Personen antworteten, von denen je eine von 10 erklärte, daß sie glaube, eine „Hallucination" (bei einem Dritt- theil der Fälle mehr als eine) des Gesichtes, Gefühls oder Gehörs im Wachzustände und ohne irgend welche krankhafte Veranlagung zu Hallucinationen gehabt zu haben. Die Antworten bezogen sich aber nur auf Hallucinationen, an die man sich noch erinnern konnte; eine Prüfung der Daten erwies, daß viele vergessen worden sein mußten. Eine Prüfung der Fülle, die aus dem letzten Jahre resp. Vierteljahre und Monate berichtet wurden, ließ darauf schließen, daß, um auf die Gesammtzahl der VisionShallucinationeu zu kommen, man die berichtete Zahl mit einer zwischen 4 und 6'/z liegenden multipliziren müsse. Die Evidenz für Telepathie, die durch die Untersuchung gegeben wird, hängt von der Coincidenz der Hallucinationen mit äußeren Ereignissen, die offenbar mit ihnen zusammenhängen, ab. Solche Koincidenzen müssen, so meint Mrs. Sidgwick, manchmal zufällig sein, und die Frage, welche die statistische Untersuchung beantworten sollte, ist deßhalb: Gibt es mehr Koincidenzen mit sicherer Evidenz, als solche, bei denen der Zufall eine Rolle gespielt haben könnte? Zur Beantwortung soll eine bestimmte Art von Coincidenz ausgewählt werden, deren Wahrscheinlichkeit calcnlirt werden kann. Die offenbar am besten geeignete ist das Eintreten des Todes einer Person an dem Tage, an welchem eine Erscheinung derselben gesehen wurde. Wie man dem Sterblichkeitsverhältniß entnehmen kann, ist die Möglichkeit, daß eine Person an einem bestimmten Tage sterben kann, 1 zu 19,000. Das also ist auch die Ziffer für die Möglichkeit, daß sie an dem Tage sterben kann, an welchem ihre Erscheinung gesehen wird, wenn kein Kausalzusammenhang zwischen den beiden Ereignissen besteht. Es wird dabei das allgemeine Sterblichkeitsverhältniß in Betracht gezogen, da das Alter der Personen, die in Betracht kommen, zur Zeit des Todes ähnlich dem bei der Bevölkerung im allgemeinen ist. Wenn man aber die Zahl der Erscheinungen lebender Personen in der Statistik mit OVz für die eventuell vergessenen Fälle multiplizirt und mit der gewonnenen Zahl dann die Zahl derer vergleicht, die an dem Todestage sich ereigneten, — angenommen, daß letztere niemals vergessen werden, — so kann man die Folgerung ziehen, daß ein Fall von Coincidenz auf 65 trifft, was 292 mal der wahrscheinlichsten Zahl gleichkommt. Die Zahl der Koincidenzen kann deßhalb nicht durch Zufall erklärt werden, und da in einem Dritttheil der Fülle der Percipient die Krankheit der Sterbenden nicht kannte und in einem andern Dritttheil nicht in Angst war, kann man auch folgern, daß diese Koincidenz nicht dadurch erklärt werden kann, daß der Geist des Percipienten besonders mit dem Agenten sich beschäftigte. Selbst in den Fällen, in denen Angst vorhanden war oder vorhanden gewesen sein konnte, macht es die Dauer derselben, verglichen mit der Kürze des Zeitraumes zwischen der Hallucination und dem Tode, unmöglich, alle Coinci- denzsälle der Angst allein zuzuschreiben. Mrs. Sidgwick 293 glaubt deßhalb, daß die statistische Untersuchung die Hypothese der Telepathie nahelege. Einen Gegner fand Mrs. Sidgwick in Dr. I> Bayer- Sjögren, Docent der Philosophie an der Universität Up- sala. Derselbe suchte in einem Vortrage verschiedene Gründe darzulegen, um die Frage, ob es möglich sei, durch eine internationale Hallucinationsstatistik einen Beweis für die Existenz telepathischer Einwirkungen zu erbringen, negativ zu beantworten. In der darauffolgenden Debatte trat ihm besonders Pros. Charles Richet entgegen, der für die Wahrscheinlichkeit der Telepathie sprach, die Vorzüge der Untersuchung der Londoner Forscher hervorhob und darauf hinwies, wie nur einige in jeder Hinsicht unanfechtbare Fälle zu dem Schlüsse auf Telepathie berechtigen könnten. Es war in der That von Interesse, die Debatte über dieses den Materialisten so peinliche Thema verfolgen zu können. Schließlich sei noch auf den Vortrag des Professors Or. Ferd. Lentner (Innsbruck) über „die strafgesetzlichen Bestimmungen zur Abwehr mißbräuchlicher Eingriffe in das Seelenleben" hingewiesen. Derselbe gab eine Uebersicht über die Gesetzgebung gegen Magnetismus und Hypno- tismus in Oesterreich, kennzeichnete besonders die Bestimmungen, die in den Jahren 1794 und 1845 erlassen wurden, und erörterte, wie dieselben erst im Jahre 1880 nach dem Streite um das Auftreten Hansens in Wien wieder in Erinnerung kamen. Er wies auf den bekannten Fall Salomon in neuester Zeit hin, um die straf- gesctzlichen Bestimmungen, Prohibitionsverordnuugen gegen die Hypnose, den neuesten „hypnotischen Paragraphen" zu rechtfertigen. Die Bestimmungen über die ärztliche Aufsicht bei jeder Hypnose gaben zu einer energischen Debatte Anlaß, in welcher mehrere anwesende Fachmänner gegen dieselbe Protest erhoben und den Wunsch äußerten, daß die bisherigen Bestimmungen, die nur gegen die mißbräuchliche Anwendung der Hypnose im allgemeinen wie gegen Kurpfuscherei gerichtet seien, in Kraft bleiben sollten. Ein französischer Arzt äußerte sich übrigens auch noch zu Gunsten der nicht approbirten Hypnotiseure, da dieselben mitunter bedeutendere Kenntniß des hypnotischen Gebietes besäßen, als die Aerzte. Es seien nun noch einige Vortrage aus der Sektion V (Vergleichende und pädagogische Psychologie) hervorgehoben. Dr. Eduard Westermark (Helsingfors, Finnland) sprach über „Normative und psychologische Ethik" vom skeptischen Standpunkte aus. Diejenigen, welche die Ethik als eine Normwissenschaft betrachten, so erklärte er im Verlaufe seiner Ausführungen, fetzen voraus, daß ein oberstes Moralprincip existirt. In diesem Punkte stimmen die theologische Ethik, der Jntuittonismus, der egoistische Hedonismus und der Militarismus mit einander überein. Die theologischen Moralphilosophen finden dieses erste Princip in einer Urkunde gegeben, welche der göttlichen Autorität zugeschrieben wird; diejenigen aber, welche die Ethik auf natürliche — keine übernatürliche — Grundlage basirt wissen wollen, müssen Geschichte und Ethnographie, Gesetzbücher und religiöse Urkunden, Poesie und Kunst, sowie auch ihre eigenen Nechtsbegriffe und diejenigen der Zeitgenossen auf's Genaueste durchforschen, um die Einsicht zu erwerben, welche Grundeigenschaft dem sittlichen Bewußtsein als solchem, unabhängig von zufälligen Umstünden, wie Nasse, Geschlecht, Bildungsstufe, zukommen mag. Wenn dabei ein überall wiederkehrendes Sittengesetz angetroffen wird, so mag man diesem dieselbe objective Gilligkeit zuschreiben, welche den Satzungen der Logik auf Grund ihrer Selbstevidenz zukommt; wenn nicht, so muß die Hoffnung auf den Aufbau einer ethischen Normwissenschaft aufgegeben werden (l). Allerdings seien die Pfleger der Ethik nicht mit solcher Sorg- fälttgkeit zu Werke gegangen, und es sei trotz der Mannigfaltigkeit der Moralsysteme noch keine ethische Theorie aufgestellt worden, die auf einer genügend umfassenden Unterlage von Thatsachen geruht hätte; selbst die Möglichkeit einer normativen Wissenschaft sei noch immer unbewiesen. Der Referent ist nun, wie er erörterte, seit mehreren Jahren damit beschäftigt, zu erforschen, was Menschen von verschiedenen Nassen zu verschiedenen Zeiten für sittlich und unsittlich gehalten haben, um dadurch womöglich eine generelle Auffassung von dem Ursprung und der Natur des sittlichen Bewußtseins zu gewinnen. Die Ab- schließung seiner Untersuchung wird zwar noch einige Jahre in Anspruch nehmen, jedoch glaubt er jetzt schon die Behauptung riSkiren zu können, daß die Uebereinstimmung zwischen den Nechtsbegriffen der verschiedenen Individuen und Völker hauptsächlich nur formeller Natur ist und darum nicht zum obersten Princip einer normativen Ethik geeignet. Er verzweifelt jedoch nicht an der Zukunft der Ethik, weil er als ihre erste Aufgabe betrachtet, nicht die Gesetzgebung für das menschliche Handeln, sondern das Herausfinden der Gesetze, denen die ethische Abschätzung der Handlungen thatsächlich folgt, also nicht eine Normwissenschaft, sondern eine psychologische Disciplin zu sein, deren Untersuchungsobject das sittliche Bewußtsein in seinem ganzen Umfange ist. Der wissenschaftliche Werth dieser psychologischen Ethik werde nicht dadurch bestimmt, ob ihre Resultate eine ethische Normwissenschaft ermöglichen oder nicht; sie mache sich ganz unabhängig von der Frage, ob es überhaupt etwas ob- jectivMttliches gibt. — Die „Ethische Gesellschaft" wird wohl nicht versäumen, diesem ethischen Forscher eine besondere Auszeichnung für seine ihr so sympathischen Aeußerungen zukommen zu lassen. Bemerkenswerthes dürfte der Inhalt des Vortrnges «Ueber die psychologische Bildung des Pädagogen" von Dr. C. Andreü (Kaiserslautern) bieten. Es handelt sich, so führte derselbe in längerer Rede aus, für den Pädagogen nicht um psychologisches Wissen an sich, sondern um psychologische Bildung. Aber der Weg zu dieser führe nur durch jenes, und je schwieriger sich die praktische Anwendung gestalte, um so weniger lasse sich jene theoretische Unterlage entbehren, welche nur eine solide Beschäftigung mit der Wissenschaft gewährt. Was den Erwerb der geforderten Bildung anbelangt, so sei Folgendes in Betracht zu ziehen. Je mehr der Unterricht in den Mittelschulen pädagogisch wird, um so mehr gestaltet er sich von selbst zu einer Art von psychologischer Vorbereitung, zu welcher insbesondere auch die Lektüre der Klassiker unter Leitung eines psychologisch durchgebildeten Lehrers einen bemerkenswerthen Beitrag liefern werde. Für den Pädagogen gehöre sodann ein Cursus in der Psychologie, Vertrautheit mit verschiedenen vom Redner genauer gekennzeichneten Gebieten zur berufsmäßigen Ausrüstung. So wenig aber der Mediziner ohne klinische Demonstrationen und Versuche auszukommen vermag, so unmöglich sei die Ausbildung des Pädagogen ohne die Beihilfe eines mit einer Schule verbundenen Seminars. Hier erst finde er ein Feld für methodische Beobachtung und damit Gelegenheit, die mannigfachen theoretischen Kenntnisse Praktisch Mssig zu machen. Erst wenn. alle? pädagogische Thun und Lassen psychologisch begründet werde, wenn die Individuen in ihrer Eigenart, mit ihren Fehlern und Gebrechen, ihren wechselnden Interessen, in ihrem moralischen Gesammthabitus Veranlassung zu psychologischen Ueberlegungen geben — wird das psychologische Wissen allmählig zur psychologischen Bildung führen. Wenn nur in der Praxis die Vorschläge ohne Schwierigkeit, auch von Seite gewisser pädagogischer Kreise, durchgeführt werden können und alle daS gleiche Verlangen nach dieser psychologischen Vertiefung kundgeben (l). Kurz erwähnen wir die Vortrüge von W. Preyer (Wiesbaden) und Rector Chr. Ufer (Altenburg) über Graphologie. Ersterer, der Verfasser der bekannten im Vorjahre erschienenen Schrift „Psychologie des Schreibens", hielt einen Vortrag über „die Individualität in der Handschrift". Die Thatsache, daß durch die Analyse einer charakteristischen Handschrift manche psychische Eigenthümlichkeit erkannt werden kann, steht, wie er ausführte, fest. Die inconstanten „Stimwuugsmerkmale" der Handschrift erfordern umfassendere statistische Vergleiche, als die „Dauermerkmale". Die Veränderungen der Handschrift eines und desselben Menschen je nach dem Lebensalter konnte Redner für vier bis sechs Jahrzehnte in Briefen nachweisen und fand sie übereinstimmend mit Veränderungen der psychischen Individualität. Um zu erforschen, ob durch mangelhafte Beherrschung der Hand und des ArmeS die Handschrift bezüglich der allein psychologisch in Betracht kommenden Merkmale, also in ihrem Wesen verändert werde, stellte Preyer Vergleiche zwischen den Buchstaben der an Schreibkrampf Leidenden und ihren Schriftzeichen nach ihrer Heilung an. Er fand, daß die individuellen Charaktereigenschaften in der Schrift solcher Leidender stets erkennbar blieben. Da die Heilung nach der Methode des Specialisten Wolfs, aus dessen Sammlung die Proben Prcyers stammen, in einigen Wochen erfolgt, glaubt Professor Preyer, daß die Störungen der Schreibbewegung während des Krampfes nicht vom Gehirn ausgehen, sondern peripherisch sind. — Der Vortrag Ufers lieferte in gewisser Hinsicht eine Ergänzung und Berichtigung der Erörterungen des Vorredners. Er wies nach, daß, obwohl die Schrift der Schulkinder nach Preyer zu den künstlichen Handschriften gehört, sich doch nach seiner Beobachtung die Ansätze zu fast allen graphologisch wichtigen Unterscheidungsmerkmalen in derselben zeigen und in nicht wenigen Fällen bereits stark ausgebildet sind. Abschließend wollen wir noch auf die Behandlung der Frage über den Werth des Hypnotismus und der Suggestion als pädagogische Hilfsmittel hinweisen. Fachmänner, wie Dr. Bsrillon, Dlrsstsur äs In Dovus äs l'liz'pnotisino (Paris), und Dr. Arie de Jong (Haag, Holland), hatten hierüber dem Congresse interessantes Material vorgelegt. Von der Ansicht ausgehend, daß die Suggestion im Allgemeinen der bedeutendste Faktor in der Erziehung des Individuums sei und Perversitäten in dem Charakter des Individuums in jenen Fällen, wo moralische Idiotie (?) ausgeschlossen werden kann, Folgen von unmoralischen Suggestionen oder von ungenügenden moralischen Suggestionen sind(?), will man Suggestionen im hypnotischen Zustand als Mittel von unschätzbarem Werth für die Pädagogen hinstellen. Dr. Arie de Jong meint, daß in vielen Fällen dieselben durch sie im Stande seien, die schon zu Stande gekommenen Perversitäten des Charakters zu verbessern und die Weiterentwicklung derselben zu verhüten. Selbst bei bestehender gülsrul In- SLlritF« (!) könne durch die Suggestion im hypnotischen Zustande ein hemmender Einfluß auf die perversen Neigungen und Handlungen ausgeübt werden. Bei derartiger Bedeutung der hypnotischen Suggestion muß man sich wirklich wundern, weßhalb in Bildungs- und Corrections- anstalten noch so wenig Hypnotiseure angestellt sind, und muß mit Gespanntheit der pädagogischen Entwicklung nach Einführung dieses so erfolgreichen Erziehungsmittels entgegensehen. Man wird finden, daß nicht alle während des Con- gresseS geäußerten Ansichten allgemeine Billigung finden können und vielleicht auch über den Werth der Bemühungen einzelner Mitglieder die Ansichten verschieden sein können. Im allgemeinen wird man aber nicht ohne Interesse den Arbeiten des nächsten Kongresses, der im Jahre 1900 in Paris abgehalten werden soll, entgegensehen, der vielleicht in mancher Hinsicht Verbesserungen einiger angedeuteter Mißstände versuchen wird. „Ein Wort über die Schriften von Heinrich Hanöjarvo." (Fortsetzung.) P. 8t. Indem wir zur Würdigung zunächst derjenigen Werke HanSjakobs übergehen, die gegenwärtig in Volksausgabe erscheinen, wird eS uns schwer, aus der reichen Fülle deS Schönen das Schönste auszuwählen. Beginnen wir mit dem Werke „Aus meiner Jugendzeit" (Volksausgabe zugleich III. Auflage) mit dem schönen Motto von Nückcrl: AnS der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar; O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was einst mein war! „Das irdische Paradies des Menschen ist die erste Jugendzeit, das Eden, in welchem die Kindheit ihre „Augenblicke Gottes" feiert, die Heimath. Lue ist das Heiligrhum, auf dessen Boden daö Kinderherz die seligsten Stunden gelebt und geträumt hat." Dies Paradies stand unserem verehrten Sclbstbicgraphcn in dem badischen Städtchen Hasläch (HaSlc), im schönen Kinzigthale. Die seligsten Stunden und unschuldigen Freuden deS Kindes im Eltcrnbause und bei de» Verwandten, bei Freunden und Kameraden, bei Spiel und Fest, in Flur und Wald schildert nnS Hansjakob in seiner sinnigen und eckt dichterischen Weise. Zuerst gedenkt er liebevoll derer, die den meisten Einfluß auf seine Jugenderziehung hatten. Dankbar und gerührten Herzens erinnert er sich der Wohlthaten, die seine Eltern ihm erwiesen. In den Kinderhimmel gehört unbedingt eine Großmutter hinein, die als „Trösterin der Betrübten" und „Zuflucht der kleinen Sünder und Sünderinnen" wie eine versöhnende Macht zwischen Eltern und Kindern steht. Der Großmutter mit ihrem coternm oonsso: „Büble, sei an brav", daö zwar das Herz des kleinen Hansjakob nicht so tief bewegte, wie der Anblick deS grcßmütter- lichen „Schnitztroges" mit gedörrten Achseln und Zwetschgen und Pflaumen, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Mit dankbarer Ehrfurcht und Liebe gedenkt Hansjakob der „Lencbas", des sichtbaren Schutzengels seiner Kindbett, die wie ci» Magnet den Kleinen anzog und in höchst pädagogischer Form die ersten Begriffe von Gott ihm beibrachte, indem sie an den Blumen des Feldes die Güte und Allmacht Gottes ibm zeigte. „Diese Lehre der LenebaS hat in mir fester daS Goticöbcwnßtsein erhalten, als später alle philosophischen Beweise sür daS Dasein EottcS zusammen", gesteht Hansjakob. In kindlicher Begeisterung schildert Hanssakob die Freuden des KindcS an verschiedenen kirchlichen Festen, und wir erwachsene Leser werden selber mir Hansjalov wieder jung und freuen uns mit der jubelnden Kindcrschaar am Umzüge der bl. drei Könige mit dem Stern, von den Kleinen gespielt, an der herrlichen L-chil- dcrnng der Krippchcn in der Wcihnachtteit. am Frühliiigsseste der Kleinen, dem „Storchentage", am köstlich geschilderten Ehrgeiz der Knaben am Palimomttage uns an der Kräuterweihe, wo jeder den höchsten Palnicnbüschel. den blühendsten Kräuter- büschel haben wollte. Manchmal kam eS in edlem Wettstreite zur förmlichen Paluicnscblacht, so energisch wehrte sich jeder Palmträgcr für die nach der Höhe bemessene Ehre seiner Palmen usw. usw. Doch auch der Ernst des Lebens schaut schon ein BiSchen hinein in den lustigen Kindcrhimmel. Ein Knabe gar viel lernen muß, Bis aus ihm wird ein vominus. (Boznmil Goltz.) Wie humoristisch schildert Hanöjakob den ersten Eintritt des Knaben in die Arena der Bildung: „Schon Wochen vorder hat die Mutter ihm die ersten Waffen des Geistes gekauft: eine Schiefertafel, einen Sckwamm und ein gemaltes Federrohr für den Griffel. Mit ziemlichem Verdacht und einigem süßsaurem Lächeln betrachtet der zukünftige Staatsbürger dieses Geräth. Kommt aber der Tag und die Stunde, da der Delinquent dcS lieben ScbulzwangeS vorgeführt werden soll, so rinnt die erste herbe SchmcrzenSihräne des Lebens über die Wangen. Der Kindergenius wcini; er weint, weil er seine bisher volle Herrschaft theilen muß mit dem deutschen Schulmeister. Der Knabe verschmäht die dargereichten Waffen und wird trotzig, so daß schließlich nichts anderes übrig bleibt, als daß die Mutter das Schulzcug in eine Hand nimmt, mit der anderen den weinenden Erdcnsohn erfaßt und ihn seinem Schicksale entgegenführt." Manch Ernstes und Launiges lassen wir unangcsührt und begleiten den jungen Erdcnpilger zur Kirche. Nach dem Worte similis bimili tzauäod wird manch ein Leser, auch von den Alten, am jungen Hanöjakob Trost und Freude haben. Ein Unterlehrcr in Haöle examinirte einmal einen achtjährigen Schüler auf sokratisch-hcuristischc Lchrweiie über die nothwendige Ausstattung des Kindes in der Kirche. So fragte er, auch nickt sehr geistreich: „WaS hast du, wenn du in der Kirche bist?" Der Lehrer erwartete die Antwort: „Ein Gebetbuch." Der Knabe aber sagte frischweg: „Langeweile." HanSjakob sagt: „Diese Worte entsprechen ganz den Erfahrungen meiner Jugendzeit", und tadelt im Anschluß daran mit Neckt die lange Dauer des Sonntaggotl-.'SdicnsteS vieler geistlicher Herren. „Je länger die Vrcdigt. um so kürzer der Erfolg." Mit wundervollem Humor und lustigster Schalkhaftigkeit geißelt Hansjakob die Thorheiten der 1846er Revolution, die in seine Kinderzeit hineinfiel. In den lebhaftesten Farben schildert Hanöjakob. wie alles vom Geiste der Revolution wie hypnotisirt war. Männlcin und Weiblein, Kinder und Greise, alles schwärmte in Haste für Freiheit und Gleichheit, für Demokratie und Umsturz, für Volksbewaffnung und Volksjustiz. Männiglick ließ sich einen Dollbart wachsen ä la Heckcr, dem RechtSanwalt und Haupt: ädelSsührcr der badifchcn Revolution; man trug Hüte ä la Hecker und Hahnenfedern darauf, so daß bald lein Hahn seines schönen Gefieders mehr sicher war. Weiber wurden zu „Hyänen" und verlangten jedem „Feinde des Vaterlandes" auf einem „Strohschneidstuhl" den HalS abzuschneiden. Jungfrauen schwuren, nur einen solchen zu bei- rathen, der für die Freiheit die Waffen getragen usw. usw. Die Schulkinder erhielten vom Lehrer schwarz-roth-goldene Cocarden, die sie am unvermeidlichen Hcckerhute trugen, und sangen vor dem Schulunterricht: „Hecker, Striwe, Zih und Blum" (Führer der Revolution in Baden), „Kommt und bringt die Preußen um!" Die Knaben übten sich im Kampfe, wundervolle Schilderung der Knabenschlackt bei Schnellingcn, wo unser Hansjakob als Fähnrich das schwarz-rotb-goldene Banner, als die Phalanx der HaSlacber Knaben z» wanken begann, vor Schmach und Schande rettete, indem er sammt der Ebrengarde der Fahne in einen Schweinstall kroch. Ein folgendes Kapitel erzählt in liebenswürdigster Offenheit die inuihwilligen Streiche Hansjakobs. In all diesem und andern', mannigfaltigen Stoff sind gar manche ernste Wahrheiten eingesteckten für Erzieher, Eltern, Lehrer und Geistliche, über den Umgang der .Kinder mit den Dienstboten, über wahren und'falschen Humanismus, über das richtige Verhältniß des Menschen zu den Thieren usw. Ich schließe mit den Worten: „Willst du wieder ein Kind werden im Geiste und in der Erinnerung, wenigstens für kurze Zeit, und an kindlich reinen Freuden dich laben, dann nimm und lies." „Ist die Kindheit", so schreibt Fritz Reuter in den Erinnerungen an seine Vaterstadt Stavenbagen, „ein fröhliches, liebliches Wellengcwimmel, von GotieS Sonne vergoldet, so ist die Erinnerung daran der glänzendste Streif, den das durch die Nackt fortarbcitendc Schiff in seiner Fahrt zurückläßt." Dieses Werk Hansjakobs ist ganz vorzüglich für Scküler- und Jugcndbibliotheken wie geschaffen. Nichts darin beleidigt den kindlichen Sinn; es ist aus der Seele des Kindes heraus- gedackr und gefühlt und geschrieben. Wie in einem reichhaltigen, in den glänzendsten Farben strahlenden Bilderbuche sind mit lebhaftester Phantasie und in anschaulichster Klarheit die Tage der Kindheit uns vor Augen geführt. Wenn wir bei Hansjakob in der Kirche und in der Vorbereitung auf den „größten Tag" im Kindcsleben, den ersten weißen Sonntag, etwas die Innerlichkeit vermissen, so scheint das weniger auf sein eigenes, alS auf das Conto seiner Katecheten geschrieben werden zu müssen, von denen er sagte, daß sie in der L-chule nicht vielen Verkehr mit ihnen hatten. Als Fortsetzung des Buches „Aus meiner Kindheit" bietet sich uns die Schrift „AnS meiner Studienzeit" dar, 1894 in II. Auflage und demnächst in III. Auflage in der Volksausgabe erscheinend. Jahr und Tag lag sie druckfcrtig im Schreibtische Hansjakobs, allein es bedurfte deS wiederholten Drängens guter Freunde, bis Hausjakob sich zur Veröffentlichung entschloß. Den Grund des Zögcrns gab Hanöjakob selbst an: Wenn wir älter geworden, dann verfällt unser Leben dem Urtheile unsrer Mitmenschen. Da aber darf man auf alles andere eher hoffen, als auf Schonung. So wurde denn auch dieser Schrift eine ganz entgegengesetzte Beurtheilung zu Tbeil. Ein basischer Philologe nennt sie eines der schlechtesten Bücher unserer Zeit, warum? wird der freundliche Leser aus unserem nachfolgenden Referate über einige Collcgcn, vielleicht ihn selbst, erschließen können. Ein anderer Referent aber schreibt: „Die Schrifr ist eine von denen, die mir ganze Bibliotheken aufwiegen, weil sie ursprüngliche Offenbarung eigenen, echten Seelenlebens sind. Mit einer Offenheit, die sich nur eine kerngesunde und edle Persönlichkeit erlauben kaun, erzählt da der Priester seine BildungSgeschichte." Recensionen und Notizen. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theo logie. Herausgegeben unter Mitwirkung von Fachgelehrten von vr. Ernst Commer, o. ö. Professor an der Universität Brcslau. Padcrborn, Ferd. Schöningh, 1896. XI. Band. 1. Heft. A Inhalt: I. Das Porträt Savonarolas von Fra Bartolommeo. Phototypie. II. Handschreiben Sr. Eminenz des hochwürdigsten Herrn Cardinal-Fürstbischos K opp an den Herausgeber. Facsimile. III. Ein Dccennium des Jahrbuchs. Rückblick und Orientirung. Von KanonicnS Dr. Mich. Gloßncr in München. IV. Die Schrift von Görard de Fracbct -Vitas L'ratrnm 0. ?.«, eine noch unbenutzte Quelle zur Philosophiegeschichte des 13. Jahrhunderts. Von l)r. Thomas M. Wchofer» Orcl. kraeä., Professor am Oollogstum 8. Thomas äs Eros in Rom. V. Die Grenzen der Staaisgewalt, mit besonderer Rücksicht auf das staatliche Strafrecht. Von Dr. Nahmund Zastiera, Orll. Lraeä. in Wien. VI. Die unbefleckte Empfäugniß der Gottesmutter und der hl. Thomas. Forts. Von L. Jos. a. L., Orcl. 6ap. VII. Die Neu-Thomisicn. Von ?. lllaK. Idsol. Gundisalv Fcldncr, Orcl. kraeü., Prior in Lembcrg. VIII. Giro- lamo Savonarola. Vom Herausgeber. IX. Litcrarische Besprechungen rc. rc. Kiesel und Krystall. Gedichte von Anton Müller (Bruder Willram). 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Brixen, kathol. Preßvercin. 1896. 8°. 180 S. M. 1,80. ES ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Sammlung nach Jahresfrist schon die 2. Auflage erlebt. Der Verfasser, ein tiroler Weltpriester, ist ein echter Dichter vom Hochwuchs der Erlesenen, der uns zeigt, daß dem Vaterlande eines Walter von der Vogelweide bis heute die Musen und Charitinnen bold- gesinnt geblieben sind. Manch harter Kiesel vom steinigen Pfad des Erdenwallers, manch schimmernder Krystall, darin deS Himmels Bläue sich spiegelt! Frischer Waldesdnst, wie ihn der Bergwind traumschwer daberträgt: mögen an den kernigen Liedern dieser reingestimmten Harfe die Leser so erquicklich sich laben, wie wir es gethan haben! Dummermuth, k. 0. krasä.: voksnsio äootrinas 8. Thomas Lquinatis äs xraemotious xhg-sioa, sen resxonsio aä ?. Trius 8. I. karisiis, 1895, Iwthellisux. chj: Wem eS wirklich Ernst ist, Klarheit über die wahre Lehre des Aqninaten zu bekommen, den verweisen wir, außer dem gründlichen Artikel „Ncu-Thomisten" im Commer- schen Jahrbuch Bd. VIII, IX, X, XI, auf das vorliegende Werk deS Dominikaner-Paters Dnmmermuth. ES bringt den deutlichen Beweis, daß St. Thomas die Lehre des Molina kannte, aber en tjchieden verwarf. Vielleicht dürften manchen auch die Worte eines Besseren belehren, welche Papst Pins VIL, 296 nach Erneuerung der Gesellschaft Jesu zu deren damaligem Generalprokurator sprach: „Lasset aus euren Schulen die ssisndia. msäia. fort; sie dient euch zu nichts als zu unnützem Zank und Streit. Wie viele Feinde habt ihr euch gemacht durch diese Fragen! Aber die ältern eurer Patres haben einen Kops, welcher härter ist, als dieses Holz;" und dabei schlug der Papst dreimal auf den Tisch. Dies zur kurzen Anzeige! Albertus a Lulsano (o. oap.), Institntionss rlisoloxias äo§matiens speoialis, recoZnilas ex parts oorreetas meliori äispositions aäoruatas a. Oottkrieä a Oraun. 8° 3 voll. xx. XVI -j- 870: X -f- 900; XII -j- 1032. L1. 34,00. Osniponts, Pibrsria eatliol. sooistatis. 1893-96. s Opus sruäitionis Plenum nune voluwins tertio väito ambitu iuteZMM reääitum atgns inäies Generals leeturorum usui bans aoeowmoäatum est. l)s iis, guas eoutinst libsr, plura, uon äiosmns, oum lanäss, guibus plane äiZnus ssd, zam saepius in Iroo kolio eautaverimus. Pomus xriinus eoin- prelisnäit traetatus äs äeo in ss ipso speotato, äo äeo creatore et reäswptors; tomus sscnnäus traetatus äs äeo sanetilieators (äs §ratia Obristi, äs sacrainsutis in §ensrs, äs baptiswo, eonürmations et ss. sueüaristia); towus tsrtius traetatus ultsrlorss äs äeo sanetilieators, seil. äs posni- tentia, äs sxtrema unetione, äo oräins et matriinonio, nse- non traetatum äs äeo eonsummators. Läitor Ooäokreäus, gui in barbaris äieenäi non lauäabiliter usgus aä tinein perssvsrans sess -Oottkrieä- appsüat, et saesräotidus eurem anlmarum aAsntibus st tlieologlas stuäiosis eertum ao äis- sertum eo^nitlonis munsrisgus äucem praebuit. Gedichte aus Adolf Kolpings Rheinischen Volks- bstättern. Verlag von Beruh. Wehberg in Osnabrück. Preis 2 Mark. — Die vorliegende Sammlung Kolping'scker Gedichte wird vor Allen den zahlreichen Verehrern des unvergeßlichen Schöpfers der Institution der kath. Gesellenvcreine willkommen sein. Aber auch andere werden sich an diesen poetischen Blüthen einer edlen Seele erfreuen. Schlichte herzinnige Frömmigkeit, köstliches Gott- vertrauen und Geistcsdemutb spricht überall aus diesen Dichtungen, die von einem nicht gewöhnlichen poetischen Talent Zeugniß geben. Hier nur eine Probe: Der liebe Gott, er sorgt für Dich, Für alle Menschen väterlich; Wie ost ist es nicht schon geschehen, Daß Einer ganz verzagend stand. Der bald beschämt sich mußt' gestehen, Daß Gott das all' vorausgesehen Und — längst zum Guten es gewandt! Drum nicht verzweifeln, nicht verzagen» Der Gott, der sprach: Es werde Licht! Der es nach jeder Nacht läßt tagen. Dein Vater, — er verläßt Dich nicht. Pros. A. L. Hickmann's geographisch-statistischer Taschen- Atlas des Deutschen Reichs. Erster Theil. Preis geb. 2 M. Verlag von G. Frcytag und Berndt in Wien. K. II. Genanntes Wcrkchen kaun nicht genug empfohlen werden — es ist etwas ganz Originelles. Im Gegensatz zu allen anderen Atlanten berücksichtigt es jenes Moment, welches nahezu alles Wissen für den menschlichen Geist erst wirklich wcrthvoll macht und für die Objecte des Wissens unser Interesse in vorzüglicher Weise anregt: wir meinen das vergleichende Moment. Diesem letzteren Gesichtspunkte folgend, geht das Werkchcn auch über die Grenzen seines nächsten Gebietes, der Geographie, hinaus und erweitert sich zu einem allgemein statistischen Atlas, indem eS auch aus sonstigen Gebieten des Wissens abstrakte Größenbegriffe der Statistik in coucreter Form veranschaulicht. Das Werkchsn enthält u. A. vergleichende graphische Darstellungen der BcvölkcrungSzisfcrn der deutschen Staaten und der wichtigsten deutschen Städte, deren ConfessicnSverhältnisse, der Flußlängen und Stromgebiete, der wichtigsten Berghöhcn, der Höhen (über dem Meeresspiegel), der Flächeninhalte und der Tiefen der meisten Land- seen, der Massen einzelner Bergbauprodncte, der Vertheilung und Verwerthung der Bodenfläche, des Erntecrtragö in den einzelnen Produkten, der jährlichen Staatsausgaben und-Einnahmen des NcichS, der Truppenstärke der BunbeSstaatcn (mit Berücksichtigung der Waffengattungen) rc. rc.; schließlich erwähnen wir noch die Bildnisse sämmtlicher Kaiser von Karl dem Großen an, sowie die zeichnerischen Vcramchaulichungcn der wichtigsten Stammtafeln, die Städte- und Ländcrwappen und zu guter Letzt noch eine sehr interessante geologische Karte Deutschlands. Leitfaden der allgemeinen Weltgeschichte. Vouvr.H. Rolfuö. Verlag der Herdcr'schcn Verlagsbuchhandlung in Freiburg. — Von diesem Leitfaden liegt nunmehr die zweite Abtheilung« „Mittlere Zeit" (Preis 140 M.)> und die „Neue Zeit" (Preis 2 M.) und damit die 4. Auflage vollendet vor. Der Leit- faden ist durch Anmerkungen ergänzt und erläutert und für den Gebrauch in erweiterten Schulanstalten und zum Selbstunterricht bestimmt. Für diesen Zweck ist er durchaus entsprechend, immer vorausgesetzt, daß er eben nnr ein „Leitfaden" sein will, der natürlich in vielen Stücken der Erweiterung durch daS Wort des Lehrers bezw. durch die Lcctüre größerer Werke bedarf. Daß der Leitfaden bereits in vierter Auflage erscheine» konnte, ist ein Zeugniß für seine Brauchbarkeit. Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Wien. Alfred Hölder, k. k. Hof- urrd Universitäts-Buchhändler. Heft 244—228. I«. Die vorbezeichneten Hefte umfassen den Schluß beS 4. Bandes Ungarn, beenden den Band Böhmen und enthalten das erst- bis zehnte Heft der Abtheilung Mähren und Schlesien. Im vorletzten Hefte des Bandes Ungarn beendet der gewesene ungarische Ministerpräsident Alexander Wekerle seine hochinteressante Schilderung über das Wcißcnburger Comitat, und bildet eine eingehende Schilderung des Plattensees aus der Feder Karl Eölvös' den Schluß des Bandes. Die beiden Böhmen behandelnden Hefte enthalten einen sehr beachtcns- werthen Artikel über die hier zum erstenmale dargelegten Beziehungen Wallenstein's zur VclkSwirthschaft, welche den großen Feldherrn zugleich als weitblickenden Nationalökonomien und als den Vater des heute so hoch entwickelten volkSwirthschaftlichen Lebens in Böhmen erkennen lassen, auch die glanzvolle Ne- gierungszeit Maria Theresia's zeigt sich beeinflussend in den Ergebnissen auf volkswirthschaftlichem Gebiete. Ein farbiges Co- stümbild in chromo-zinkographischer sehr gelungener Ausführung, Egerländer und Egerläiwerin sowie Brannauerin darstellend, ist dem letzten Hefte von Böhmen beiacgcbcn. Die bis jetzt vorliegenden 10 H-fte von Mähren und Schlesien behandeln die Schätze der Natur und Kunst, welche die beiden hochentwickelten Kronländer ausweisen, und schildern ihre culturclle Entwicklung, das Volksleben und den Fortschritt auf geistigem und volkö- wirthschaftlickem Gebiete. Die Schilderung der landschaftlichen Eigenthümlichkeiten und Schönheiten wird durch zahlreiche anregende und mit künstlerischem Auge erfaßte Illustrationen vervollständigt. Licht oder Irrlicht? Gemeinverständliche Antwort auf die Frage: Warum bin ich Katholik? Von l>. Andreas Hamerle, 6. 88. L., Ncctor des Rcdcmptoristen-Col- Icgiums in HernalS. 8°. 148 S. Preis 1 M. Verlag der Älphoiisuö-Buchhandlung in Münster i. W. DaS Endziel unserer Lebensrcisc ist nicht der GrabcShügel. Es liegt unendlich ferner, weit über die höchsten Berg- hinaus. Und nur einen Weg gibt es, der sicher und unfehlbar dahin führt. Es ist derjenige, den Christus unS gebahnt hat und den wir einzig und allein in der katholischen Kirche gewiesen finden. Dies zu zeigen, ist der Zweck dcö vorliegenden BnchcS. — ES ist ein Versuch, in einfacher und populärer Weise die Wahrheit und Göttlichkeit unserer hl. Religion darzulegen. Wer in Folge unklarer Anschauungen, oder bcklagcnswerther Verirrungen des Herzens, oder ungünstiger Einflüsse von außen schwankend und unsicher ist in den höchsten Lebensfragen, dem sollen diese Verträge behilflich sein, Klarheit und festen Halt zu gewinnen und ihn mit dem Muthe der Ueberzeugung für daS Leben zu waffnen. Möchte sich der Herzenswunsch des Verfassers erfüllen, daß glanbcnSschwachcn Lesern dieses BnchcS die feste Ueberzeugung von der Göttlichkeit und dem Glücke des hl. Glaubens zu Theil werde, damit sie mit dem hl. Paulus > in jeder Lebenslage ausrufen können: >Leio oui ersäiäi — Ich weiß, wem ich geglaubt!" Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg.Druck u.' Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.