48 . 28. M. 1896. August Graf v. Platen. Zu seinem 100 jährigen Geburtstag (24. Oktober 1796 gewidmet von 2l. G. (Schluß.) Wenn wir Nückert mit seinen „Gaselen" über Platen stellen und stellen müssen, so steht Platen im Sonett obenan, sowohl was die Reinheit der Form, als die Vielseitigkeit und Tiefe des Inhalts betrifft. Martin Opitz war der erste, welcher diese Art von Dichtung in die deutsche Literatur einführte, Bürger und Schlegel haben sie vervollkommnet, auch Göthe hat sie, obwohl erst spät, gepflegt. Platen eröffnete seine Sonette mit dem Motto: „Was stets und aller Orten sich ewig jung erweist, Ist in gebiindncn Worten ein ungebnndner Geist." Und dieser „ungebundne Geist" tritt gar oft in diesen feinen Dichtungen uns entgegen, er fällt her über die geschwätzigen Krittler, über den Pöbel, den man fröhnen soll: „Weil meine Muse nicht reu wilden Trieben Der Menge stöhnt in diesen wirren Tagen. So bat sie früh gelernt dem Ruhm entsagen Und ist in ihrer Stille gern geblieben." Abstoßend wirkt auf den Leser das Selbstlob, Kit dem sich Platen bewuchert an mehreren Stellen, zum Beispiel: „Lustspiele sind und Märchen mir gelungen In einem Stil, den Keiner nberirvffen" — oder „Der ich der Ode zweiten Preis errungen." Der Inhalt dieser Lobsprüche ist einmal sehr zweifelhaft wahr, und wenn er wahr wäre, so gilt auch für den Dichter der alte Satz: Eigenlob riecht nicht gut! Sonette richtete Platen u. a. auch an Göthe, Nückert, Schlegel und an feinen Lehrer Schelling, woraus wir fol- gende,Zeilen entnehmen wollen: „Wie sah man uns an deinem Munde hangen Und lauschen Jeglichen auf seinem Sitze, Da deines Geistes ungeheure Blitze Wie Schlag aus Schlag in nnj're Seele drangen." Seine schönsten Sonette sind zusammengefaßt unter der Ueberschrift „Venedig"; dieselben sind, das ist nicht zu läugnen, tief poetisch. Kirchen und Paläste, die prächtige Natur ziehen vorüber am Auge des Lesers, nicht weniger eindringlich wird vorgeführt die entschwundene Herrlichkeit der Stadt Venedig. Die kunst- geschichtlichen Sonette nehmen unter den genannten wiederum den ersten Platz ein. Bevor wir mit dem eurriculuru vitas des Dichters fortfahren, wöge es gestattet sein, sofort an dieser Stelle noch kurz seine Oden und Hymnen zu betrachten, während wir Platen als Dramatiker dann an den Schluß setzen. Es ist hier nicht Raum gegeben zu einer Untersuchung, ob unsere Dichter die Berechtigung haben, das alte Metrum auf ihre Erzeugnisse anzuwenden; manche glaubten, nur mit letzterem gut operiren zu können, und diesen Glauben halten wir allerdings für verfehlt. Wenn früher viele Dichter sich das alte Metrum angeeignet haben, so ist dies mehr ihre Geschmaüsache gewesen, als die des lesenden Publikums im Allgemeinen, dies dürfte fast feststehen. Wenn es dem einen oder andern, so auch Platen, bei derartigen Musenkindcrn nicht darauf ankam, ob „ein Fuß zu klein war oder zu groß", so beweist dies, daß die deutsche Sprache eben sich in das „Metermaß" der lateinischen, griechischen rc. nicht einzwängen läßt oder nur mit Schmerzen, wie ein großer Fuß in einen zu kleinen Stiefel. Von den Oden Malens heben wir hervor die an „König Ludwig", worin er allerdings zeigt, daß ihm reiche Begabung für diese Strophen- gattung innewohnt; der edle König wird als begeisterter Kunstkenner und Unterstützer der ächten Kunst trefflich geschildert. Edel, freimüthig und von glühendem Patriotismus durchzogen ist die Ode an „Franz den Zweiten von Oesterreich". Er ruft darin aus: „Gib deinem Deutschland wieder ein deutsches Herz, dann wird es auch wieder frohlockend seinen alten Kaiser aufnehmen." Recht schön und edel gehalten ist auch die Ode „Florenz", nicht weniger die der „ewigen Roma" gewidmete. Die „Hymnen" unseres Dichters können wir seinen „Schwanengesang" nennen, sie gehören nämlich der letzten Periode seines jugendlichen Lebens an. Wenn Gödeke über dieselben sagt: „noch majestätischer als die Oden wüthen uns die Hymnen an, die uns große Bilder und Sprüche in einer Sprache vorführen, welche wie ein breiter prächtiger Strom an uns vorüberraufcht", wenn also Gödeke und auch andere die Hymnen als den Gipfel poetischer Vollendung bezeichnen, so ist eS doch fraglich, ob sie das wirklich sind. Es wird den Hymnen die täuschende Ähnlichkeit in der Nachbildung Pindars nachgerühmt, aber diese Nachbildung stoßt in der deutschen Sprache auf sehr große, man kann sagen auf unüberwindliche Schwierigkeiten, wie schon Horaz vor der Nach- eiferung Pindars gewarnt hat, von den deutschen Dichtern drhgleichen auch u. a. besonders Geibrl. Platens Hymnen enthalten mitunter sehr schwerfällige Metaphern, das Metrum ist oft erkünstelt, was der Dichter selbst fühlte. Damit darf nicht auf die Seite gestellt werden, daß manche Hymnen ächten poetischen Geist aushauchen, besonders diejenigen, welche der Natur, in erster Linie derjenigen Italiens gewidmet find, nicht zu vergessen diejenige auf den „Tod des Kaisers" und die im Jahre 1835 an die Bruder Frizzoni gerichtete. Schildern wir nun weiter in kurzen Zügen den oben abgebrochenen Lebcnslauf des Dichters! Im Jahre 1824 machte er eine Reise in die Schweiz und nach Venedig. Hier hielt es ihn so sehr zurück, daß er seinen Urlaub überschritt und hiefür später einige Wochen strengen Arrests in Nürnberg erhielt. In Italien war er am glücklichsten, wie er auch an Schwab schrieb: „In Italien gedenke ich mein Leben zu beschließen, und wenn ich mich dahin betteln müßte, denn nur dort hoffe ich meine Kunst zur Vollkommenheit zu bringen, wenn dieses Wort nicht ein Frevel ist. Aus der bildenden Kunst ziehe ich die größten Belehrungen." König Ludwig bewilligte Urlaub, von Cotta kam ein anständiges Honorar, und am 3. September 1826 ging's wieder von Erlangen aus nach Italien. Vor seiner Abreise nach Italien fang er: „O wohl mir, daß in ferne Regionen Ich flüchten darf, an einem fremden Strande Darf athmen unlcr gütigeren Zonen! Wo mir zerrissen sind die letzten Bande. Wo Hag und Undank edle Lücke lohnen Wie bin ich satt von meinem Vaterlands!" Zuerst weilte er in Florenz, dann in Nom, immer schaffend, immer thätig. Sein leidender Gesundheitszustand trieb ihn nach Neapel, wo es mit demselben wieder besser ging; „hier ist heilsame Luft, unwandelbarer Hinuml, ringsum ElysiuN" schrieb er au Schwab. Hier befreundete 350 «2 er sich mit August Kopisch aus BreSlau, der auch wegen seines leidenden Zustandes nach Neapel gekommen war; hier traf ihn auch die Kunde von dem Vorgehen seiner Gegner, besonders von Carl Jmmermann, und dies veranlaßte ihn zu dichterischen Gegendemonstrationen, die feinem körperlichen Zustande absolut nicht dienlich waren. Seit Ende des Jahres 1827 war Platen wieder in Nom und sollt« Anfang deS nächsten Jahres auf Veranlassung des Kronprinzen nach Berlin kommen und für das hohe Honorar von 2500 Thalern jährlich eine Zeitschrift über die Bühne herausgeben — Platen schlug den Antrag rundweg ab. Er durchzog Norditalien: „Kein Bleiben vergönnt des Geschicks Beschluß mir: Zwar freiwillig und doch ein Gezwungener muß ich, Muß dich wieder verlassen, Genua, blühende Stabil" Im Jahre 1828 wurde der Dichter durch die Gnade deS Königs Ludwig Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften, wodurch er auch eine ziemlich unabhängige Existenz erhielt, — immerhin sehr zu begrüßen, obwohl seine physischen Bedürfnisse stets geringe waren. Von 1830—1832 finden wir Platen wieder in Neapel, wo er besonders historischen Studien oblag; im letztgenannten Jahre kehrte er nach Deutschland zurück — sein Vater war gestorben — und brachte den Winter still und einsam in München zu, ging ein Jahr darauf nach Venedig zurück, worauf er 1834 wieder nach Deutschland heimkehrte, um eS noch einmal, und zwar zum letztenmal, mit Italien zu vertauschen — Juni 1834, — wo er seinen Aufenthalt nach Gebrauch von Seebädern in Florenz nahm. Obwohl er bedeutend krank war und seine Freunde ihn kaum mehr kannten, dichtete er frischer denn je, wir können sagen nulla äis8 8M6 lineu! Die Furcht vor der Cholera trieb ihn im September 1835 nach Sicilien, wo er in Palermo sechs Wochen verweilte und Seebäder nahm. Am 24. Oktober, seinem 39sten Geburtstag, ging er nach SyrakuS, um dort den Winter über zu verweilen. Am 11. November schrieb er noch einen seine Gesundheit betreffenden hoffnungsvollen Brief an die Mutter, bald aber befiel ihn starkes Fieber; aus Furcht vor der Cholera griff er zu verkehrten Mitteln, und zwar ganz freiwillig, und am 5. Dezember Nachmittags 3 Uhr beschloß er sein jugendliches Leben. Unter überaus kleiner Begleitung wurde der Fremde in der Nähe der Stadt beerdigt ohne Sang und ohne Klang. ES bleibt unb noch übrig, ein paar Worte über die dramatischen Werke des Dichters beizufügen, und nehmen wir des Raumes halber nur einige wenige heraus. Betreffend die dramatischen Werke können des Dichters eigene Worte auf ihn angewendet werden: „viel zu früh bin ich in die Zeit mit Ton und Klang getreten". In einer seiner ersten dramatischen Dichtungen, „Der gläserne Pantoffel" (einer Verschmelzung der Märchen von Aschenbrödel und Dornröschen), schloß er sich der romantischen Schule an, wurde davon aber durch die Schicksalstragödien derselben bald ganz abwendig gemacht und machte schon in seinem Lustspiel „Der Schatz des Nhampsiuit" dagegen Front. Was hier aber nur gelegentlich hervortrat, wurde zur ausgeprägten Satire in seinen zwei dem Aristophanes nachgebildeten Komödien: „Die verhängniß- volle Gabel" und „Der romantische Oedipus". Das letztgenannte Lustspiel richtet sich gegen die Romantik überhaupt, während das erste nur einen Auswuchs versähen, wie er in den sogenannten Schicksalstragödicn rchräscntirt ist, züchtiget. Maien erkennt die Gehaltlosigkeit der herrschenden Richtung und sucht nach Abhilfe; dies thut er theils durch Verspottung der Verkehrtheiten, theils durch eigene Versuche. Aber er ist, dramatisch genommen, kein eigentlich schaffender Geist, er will Neues schaffen, er will eine neue Kunstperiode hervorrufen, er wendet all' seinen großen Fleiß auf. Etwas Neues auf dramatischem Gebiet, das zugleich ein Kunstwerk, schuf Platen nicht, der eigentlich schaffende Dichtergeist fehlte ihm hier, wenn er ihn auch noch so betonte. Selbst sein Drama „Die Liga von Cambray" ist, obwohl er es selbst als das beste erklärt, in der Charakterzeichnung etwas schwach. Platen war nicht im Stande, wie Fallerslebeu sagt, einen Charakter festzuhalten und durchzuführen Mochte er deßhalb in seiner „Grabschrift" auch rühmen dürfen: „Lustspiele sind and Märchen mir gelungen In einem Stil, den Keiner übertreffen," wir und auch er haben dadurch blutwenig gewonnen. Als literarische Curiosa liest man heute noch die zwei polemischen Komödien, die andern dramatischen Stücke sind verschwunden von der Bühne des Lebens. Und dann der so sehr unerquickliche Streit, der in Folge der Komödien mit Jmmermann und andern entstand, er hat zum Ruhm des Dichters nicht beigetragen — die eigentliche Bedeutung Platens und seiner Gegner lag auf anderem Gebiete, wie oben bemerkt, weßwcgen es auch wohl nicht nothwendig ist, weitere seiner dramatischen Werke in unsere Arbeit hereinzuziehen und in das richtige Licht zu setzen. Carl Gödeke sagt u. a. über Platen und seine Werke: „Der Dichter hat sowohl in seinen jugendlichen als späteren Werken ein ernstes Studium und eine große Würde des Charakters bewahrt; seine Poesien tragen zu allen Zeiten die Spur des unverdrossenen StrebenS nach Vollendung, das Gepräge innerer Lust und Heiterkeit. Die Stufe der Bildung und des Talentes, welche der Dichter, wo er auch immer als Mensch geirrt haben mag, einnimmt, ist nicht geringer und nicht niedriger, als irgend eine, auf welcher deutsche Kraft, Würde und Ehre stehen. Die Worte, welche der Derwisch in den Abbassiden von sich spricht, wenden wir als die kürzeste Bezeichnung des Platen'schen Bildungsganges auf den Dichter an: „Thätigkeit unter MensLen Liebt' ich cbimilS; aber mein Gedanke Wuchs in nur von Jahr zu Jabr, bis endlich Dieser Schatz allein mir ganz genügte." Jakob Grimm endlich sagt über Platens Sprache: „Es hat mir bei Lesung von Platens Gedichten beständig den angenehmsten Eindruck hinterlassen, zu sehen, wie er auf Reinheit und Frische des deutschen Ausdrucks sorgsam hält. Seine Reime sind fast ohne Tadel und stechen Vortheilhaft ab von der Freiheit und Nachlässigkeit, die sich Schiller, zum Theil auch Göthe zu Schulden kommen lassen. Denn selbst diese Autoritäten dürfen ein feines Ohr nicht bestechen, es bezeichnet vielmehr die laxe metrische Ausbildung ihrer Zeit, daß sie oft fehlerhaft gereimt und scandirt haben. Niickerts Sprache ist blühender und gezierter als Platens, aber nicht so rein, auch nicht so ergreifend. Dagegen scheint mir Platen hin und wieder an das Kalte und Marmorne zu streifen. Das Schicksal hat diesem edlen Dichter nicht vergönnt, seine Poesie mit einem großen Werke, wornach er rang und strebte, zu versiegeln, das würde Licht und Glanz auf seine frühere Laufbahn zurückgeworfen haben." Der ewige Jude. (Schluß.) Eine neue Gestalt, „Petrus", tritt im Folgenden auf. In orientalischem Haremsleben erhält der Antichrist die Botschaft, daß der gefangene Papst seines Urtheils harre. Mit großen Sprüchen tritt er dem Märtyrer entgegen: „Ich brauch' das Opfer nicht, ich will Gehorsam." »Zum Frieden kam ich nickt, ich bring' das Schwert." „Und wer mir widersteht, der wird zermalmt." „Ich bin die Wahrheit; mein ist die Gewalt." Würdig des Königs ist sein Kanzler, der abtrünnige Bischof — Oorruxtio oxtirai, passiw»! — Der zweite Petrus soll den Tod des ersten sterben: „An's Kreuz mit dem Verruchten l" Als schlimmste Strafe gibt Solar den Gefangenen in die Hände des Apostaten Teitan. Als Seber dichtete, gab's noch ein Nachbild des traurigen Clerikers weniger als heute — und doch wie psychologisch ist sein Kanzler! Das Urtheil des Königs entfacht neuerdings den Grimm Ahasvers, denn er glaubt entschieden mehr Anrecht auf den Papst zu haben, den er gefangen, als der weibische Bischof. Im achten Gesänge Die Gefangenen finden wir ein Bindeglied für das Folgende. Teitan führt den vom Pöbel verhöhnten Papst auS dem Palaste, da naht sich ihm der unglückliche Bräutigam Sara's und will ihm den Dolch in's Herz bohren. Umsonst! Nach berühmten Mustern trägt der Kanzler Schuppenpanzer, und der arme Jude wird von der Menge ermordet. DaS Gedränge benützen die Kreuzritter zur Befreiung deS Papstes. Neue Wuth Ahasvers über Teitan, der die kostbare Beute verliert! Mit dem falschen Kossof an der Spitze, der ja als „Verfolgter" die Katakomben kennen lernte, stürmt er dorthin und macht kostbaren Fang: Henoch und EliaS nebst 12 Kreuzrittern. Kossof geht hiebet zu Grunde. Als Blutzeugen erblicken wir nun die Gefangenen. Der Hauptplatz Jerusalems ist die Gerichts- stätte, und Scenen, wie sie die Mariyrerakten schildern, finden statt. „Drei Tage noch", ruft erst Ellas, dann Henoch dem neuen Antiochus zu, „drei Tage noch, dann wehe dir und denen, die dir folgen." Dann werden die zwei an's Kreuz geheftet, von wo aus sie die Martern der Mitgefangenen schauen müssen. Zuletzt verheißt der König für den kommenden Tag das Fest der Tempelweihe und mit infernalem Höhne die Ehrung des sieg- gekrönten Ahasver. Das von Propheten Daniel gewcissagte Unheil erreicht seinen Höhepunkt im Greuel der Verwüstung. Ahasver lebt noch immer im Wahne, der neue Prachtbau des Tempels soll Jehovah dienen, das Reich des Messias zur Herrschaft gelangen, der Akum soll der Fußschemel des Juden werden. Mit der irrsinnigen Tochter seines Freundes findet er sich zum Feste ein, königliche Ehren für sich und sein Volk zu holen und den Kanzler in den Schatten zu stellen. Solar heißt ihn zur Rechten sitzen, dann erhebt er sich unter lautlosem Schweigen der ungezählten Menge und spricht: „ES gibt nur einen Gott, und der bin ich." Auf hohem Altare steht sein Bild in düsterer Majestät, stolz aufgerichtet, feuerüberfluthet, und unheimlich klingt es von des Bildes Lippen: „Ich bin dein Gott, du sollst vor mir allein Anbetend knie'n, mir dienen und gehorchen." Schauerliche Enttäuschung Ahasvers, des zelotischm Juden! Besinnungslos vor Zorn schreit er den König an und wirft ihm falsches Spiel vor. Solar verlacht ihn höhnisch und straft ihn, der verwünscht, dies Elend schauen zu müssen, vermöge diabolischer Macht mit Blindheit der Augen. Der Kanzler aber beugt das Knie und ruft: „Gereckt ist dein Gericht, o Herr und Gott! So mögen alle Feinde deines Namens, Und die nur halb und lau dir dienen wollen, Die volle Schale deines Zornes trinken!" Elfter Gesang: Auf Irrwegen. Niedergeschmettert ziehen die getreuen Juden von der Tempelweihe in ihre Häuser; sie sehen sich derselben Verfolgung ausgesetzt wie die Christen. Sara irrt mit dem geblendeten Greise in's Gebirge und kommt zufällig in die Nähe des Bergschlosscs, wo sie einst Teitan aufnahm. Bei dessen Anblick erwacht mit erneuter Kraft der Wahn in ihr; laut aufjubelnd springt sie vom Felsen weit in'S Leere und zerschellt in der Liefe. Der führerlose Ahasver strauchelt und klemmt den Fuß zwischen Felsen, wo er verzweifelnd und Alles verfluchend lange liegt, bis ihn Christen finden und pflegen. Im zwölften Gesänge Der Kranke erfährt dek Blinde vom Papste, der nun sein Pfleger geworden, das Schicksal der Gott getreuen Juden: sie starben als Märtyrer oder sie flohen. Voll Sterbenssehnsucht versucht Ahasver alle Mittel, die Christen zum Morde seiner Person zu reizen — vergebens! Aber eine andere Wendung tritt ein: die unerschöpfliche Feindes- und Nächstenliebe des Papstes beginnt allmählig das Eis vom Herzen des Juden zu schmelzen, es folgt Die Umkehr. Im Traumgesichte der Nacht erscheint Christus dem Ahasver und gibt ihm das Augenlicht wieder, dem Papste aber erscheint zu gleicher Zeit Elias und zeigt ihm eine Höhle im Gebirge, wo einst der Prophet die Bundeslade verborgen. Zu ihr führt Petrus den Juden, und angesichts derselben tauft er ihn. „Im Kreise kniete» um die Bundcslade Die Kreuzesritter betend, froh erregt; In vielen Augen perlten helle Zähren." Dann nahm der Papst des Aaron Stab von dem hl. Schreine und gab ihn dem Getauften: „Sich', das Reis Durchgingt ein neues Leben, Zweige sprossen, Und zarte Blätter brechen schon hervor: Jetzt steht der Stab in Blüthe, süßer Dust Erfüllt die Kammer und das Herz der Männer." Das Erdbeben. Schon am dritten Tage stehen die Kreuze mit den gemordeten Patriarchen auf dem Markte zu Jerusalem; das Fallbeil arbeitet unaufhörlich an der Tödtung der Gott getreuen Juden, und eben naht wieder eine Schaar neuer Opfer, da plötzlich grollt unheimlicher Donner aus der Tiefe. Alle Schrecken eines Erdbebens treten ein, und eine Stimme von Oben ruft den todten Patriarchen zu: „Erwacht zum Leben, ihr getreuen Zeugen, Und steigt vom Kreuz der Schmach zu mir empor. Die Stunde meiner Rache naht heran!" Ahasver fühlt nun die Stunde gekommen, wo er wirklich der Führer seiner Brüder werden soll, wo er ihre nun erweichten Herzen dem wahren Messias zuwenden kann. Auf der Suche nach den Resten seines Volkes findet er auch Teitan, sterbend im Schutts begraben. Noch einmal faßt der alte Haß den ganzen Mann, da blickt er himmelan und beginnt „aus Schutt und Trümmern Den argen Feind mit letzter Kraft zu graben." 352 Doch vergeblich! Teitan stirbt den grausigen Tod des Verdammten. Die Handlung schreitet nun rasch dem Ende entgegen. Als Paulus zeigt sich im fünfzehnten Gesänge der bekehrte AhaZver. Im Gesteine einer uralten Wasserleitung verborgen findet er seine ehemaligen Glaubensgenossen, denen er sich als Christ vorstellt und Christum predigt. Mit ihnen zieht er auf den Marktplatz, und auch hier verkündigt er der gottlosen Menge die heilige Wahrheit. Die Massen theilen sich bereits, und Rufe erschallen: Hie Christus, hie Sotsr! Da pflanzt die Kunde sich von Mund zu Munde: „Der König kommt." Auch ihm tritt der neue Apostel kühn entgegen, und um der verblendeten Menge die Augen zu öffnen, fordert er vom Messias die Probe, gleich den zwei Gekreuzigten zum Himmel emporzusteigen. Sotär nimmt an; es kommt Das Gericht. Auf der Höhe des Oelberges thront der König in düstrer Majestät, umgeben von den Großen seines Reiches, in seiner Hand das goldgetriebene Scepter, ein dreifach Diadem auf seinem Haupt. Anbetend wirft der Großvezier sich nieder, aus goldnem Becken steigt der Duft des Weihrauchs! Unabsehbar um Sotsrs grünes Banner gesammelt dehnen sich zu seiner Linken die Schaaren, die seinen Namen auf der Stirne tragen. Zu seiner Rechten harrt in Angst und Zweifel um Ahasver gedrängt das Volk der Juden und hoffnungsfroh um's Kreuz geschaart das kleine Häuflein Christen. „Da hüllt der Berg sich ein in Qualm und Rauch .. i; Und sichtbar hebt Sctsr In Kraft des Dämons, der sein Herz besitzt, Vor aller Augen langsam sich zum Himmel." Der König siegt, ein Jubelschrei der Seinen antwortet, die Juden sind verwirrt, aber vertrauend hebt das Auge der Christen sich zum Kreuze und betet in heißem Flehen zu Gott. Mit ihnen betet Ahasver, ein zweiter Moses, die Hände hebend. Da kommt das Gericht Gottes — in grandiosen Strichen gemalt! Sotar stürzt und findet das Ende TeitanS, und mit ihm all die Seinen. Friede nennt sich der letzte Gesang. Wie ein Regenbogen nach dem Sturme lächelt er milde und tröstend und bringt uns Friedensbilder von apokalyptischer Schönheit. Vom Tempelberge leuchtet das Kreuz, die Buudcslade steht als Hochaltar der Erde und vor ihm der Papst, der das hl. Opfer feiert. Eine unsagbar erhabene Feier! Das Herz voll Seligkeit kniet auch AhaSver, das Haupt gesenkt, zum Fuße des Kreuzes! Der Papst segnet die Gemeinde, und Alle erheben sich, nur nicht Ahasver, der Alte. „Sein Herz ist still, der müde Pilger schläft, Und sel'gcr Friede ruht auf seinem Antlitz." — So schließt das Epos vom ewigen Juden. Wir haben hier nur auf die markantesten Vorzüge des Gedichtes aufmerksam gemacht, dürfen aber die Feder nicht niederlegen, ohne zu erwähnen die prächtigen Naturbilder, die Seber bietet. Fast jeder Gesang wird mit einem derartigen höchst originellen Kabinetsstücke eröffnet. Mit Fug und Recht glauben wir der Dichtung noch viele Auflagen prophezeien zu dürfen, denn sie ist eine von jenen, nach welchen man immer gerne wieder greift. Die glückliche Wahl des Sujets und die tiefe, noch glücklichere Auffassung desselben sichern dem Werke, dessen Ladenpreis nur 2 Mark beträgt, für lange Zeiten mehr als einen Achtungserfolg. Die kirchliche Union in England hat jetzt, wo der Papst die anglikanischen Weihen neuerdings für ungültig erklärte, nach der Seite der Gesammtheit selbstverständlich nicht mehr diejenigen Aussichten, von denen bis vor kurzem viele Anglicaner selbst nicht ungern sprachen. Diese Anglicaner haben sich in eine falsche Sicherheit gewiegt, indem sie einem übertriebenen Optimismus huldigten, und heute wollen sie nicht diesem, sondern dem HI. Stuhl die Schuld an ihrer Enttäuschung aufbürden. Selbst ein Organ, wie der Guardian, der Wortführer der sogenannten Sacer- dotal-Partet, die, wie schon ihr Name besagt, ein ganz besonders hohes Gewicht auf die „Kontinuität" der anglikanischen Weihen auch nach der Reformation legt, fällt aus der früher von ihm beobachteten sympathischen Rolle und gibt mit schlecht verhehlter Bitterkeit seinen Gefühlen Ausdruck. Das Blatt gibt wohl zu, daß eine ehrliche Anstrengung gemacht worden sei, bessere Beziehungen zwischen den beiden Kirchen herzustellen; wenn nun aber das Scheitern dieser Bemühungen Anlaß zu aufrichtigem Bedauern gebe, so ist das Blatt doch überzeugt, daß man auf seiner Seite in jeder Beziehung Recht habe, dankbar dafür zu sein, daß eben dieses Scheitern nicht von Angehörigen seiner Partei veranlaßt worden. „Unser Gewissen ist rein, und wir können das Endergebniß ruhigen Blutes ansehen." Das „sacerdotale" Blatt bezeichnet dann die päpstliche Entscheidung als ein Unrecht und gibt seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß die päpstliche Bulle wahrscheinlich eine von „ihren Urhebern" kaum vorausgesehene Wirkung haben werde, nämlich die, daß sie ein Band festern und aufrichtigern Zusammenhaltens zwischen den einzelnen Gliedern der Kirche herstelle, deren geistliche Diener die Bulle in ihrem Werthe herabsetze! Eine solche Erklärung ist eine offenkundige Unfreundlichkeit, die Proklamation des selbstgerechten Beharrens auf sich selbst und die Umkehr von der bisher betretenen Bahn des Entgegenkommens. Man darf aber wohl erwarten, daß diese Bahn bald wieder aufgesucht wird, wenn der Augenblick des ersten Affects vorüber ist, denn ein so lebhaftes Herzensbedürfniß nach Einigung, wie es so lange in der Sacerdotal-Partei bestand, läßt sich nun doch nicht so einfach vergewaltigen. Vom zielbewußten protestantischen Standpunkte aus behandelt das Blatt Rock die päpstliche Entscheidung. Dasselbe ist mit dem Papste völlig einig in der Sache, denn es hat unentwegt daran festgehalten, daß in der Reformation die Behörden der „Kirche Englands" über- legtester und entscheidender Weise mit Rom gebrochen, seine Lehre über Priesterthum und Episkopat verworfen und deßhalb auch nicht im entferntesten die Absicht gehabt, bei der Weihe das 8g,L6iclotiuru zu verleihen. Das ist selbstredend nicht die Auffassung der Church Times, des Hauptkirchenblatts der anglikanischen Hochkirche. Dieses hält nach wie vor an der Gültigkeit der anglikanischen Weihen fest und möchte auch heute noch (nachdem doch der Papst gesprochen) behaupten, daß viele katholische Geistliche dasselbe thäten, ein Verfahren, das sich nicht rechtfertigen läßt, aber doch auch eine gewisse erfreuliche Seite hat, indem es zeigt, welchen Werth man nach wie vor thatsächlich auf dieser Seite auf katholisches Urtheil legt. Ausdrücklich eingestehen mag man das ja nicht. Die Sacerdotal-Partei wird nach der Church Times jetzt einsehen, daß ihr Platz pflichtmüßig in der Kirche Englands sei. Die päpstliche Entscheidung werde Alois Probst. 353 nur Schaden thun, jedoch nicht der Kirche Englands, , sondern der Kirche Roms und der Sache der Wieder- ; Vereinigung. Und nun wendet die Church Times sich von der katholischen Kirche ab: wie der Apostel Paulus sich von den unfreundlichen Juden zu den Heiden wandte, will sie zu den orthodoxen Russen gehen — eine Drohung, an welcher mehr daS Gemüth als der Verstand Antheil hat. Denn ob man bei Pobedonoszeff in der Weihen- Angelegenheit jenes gewünschte Entgegenkommen finden, ob man überhaupt in England eine solche Annäherung populär machen könnte, ist sehr fraglich — ganz abgesehen von den gegenwärtigen Zeitläuften, wo England und Rußland möglichst scharfe politische Gegensätze darstellen und der Versuch einer Annäherung der beiden Staaiskirchen in ein gar schiefes Licht kommen müßte. Indem daS Daily Chroniclc behauptet, die letzte und endgültige Entscheidung des Papstes gebe nicht eigentlich die ursprüngliche Meinung Leo's XIII. wieder, sondern zeige, daß der Papst der Ansicht des englischen und irischen römisch-katholischen Klerus sich angeschlossen, so gibt das Blatt damit der Angelegenheit eine falsche, bedenkliche Beleuchtung. Schon früher ist von nichtkatholischer Seite gesagt worden, daß der englisch-irische Klerus in der Entscheidung einen „Triumph" sehe; ebenso unrichtig und unbedacht dazu — wie eS auf protestantischer Seite wohl berechnet war — bringen französische katholische Blätter eine sogenannte römische Correspondenz — dieselbe ist in der Kölnischen Volkszeitung schon hie und da charakterisirt worden —, in welcher die Behauptung ausgesprochen wird, der katholische Episkopat und die katholische Meinung Englands hätt« die päpstliche Entscheidung mit „tiefer Begeisterung" aufgenommen. Letztere wäre gax nicht am Platze gewesen und hätte, wenn sie überhaupt Thatsache gewesen, vor allem auf der soeben stattgehabten Jahres - Versammlung der katholischen Wahr- Hetts-Gesellschaft zu Hanley hervortreten müssen. Dort aber war man von Siegesgefühl weit entfernt und bekundete nur Mitgefühl, wie es auch die unvermeidliche Lage erheischt. Cardinal Vaughan behandelte auf genannter Versammlung die Weihenfrage und die päpstliche Entscheidung und brachte letztere durch Mittheilung eines hochinteressanten, neuen päpstlichen Documents unter einen neuen, bei den Herzenseigenschaften Leo's XIII. aber nicht ganz unerwarteten Gesichtspunkt. Der Cardinal ging aus von vier Haupteinwürfen, die von anglikanischer Seite gegen die Aufforderung Leo's XIII. zum Wiederanschluß an die katholische Kirche geltend gemacht werden. Sie wenden sich gegen die Suprematie des Papstes in der Kirche, welche die Anglicaner aus der Ausdehnung der bürgerlichen und zeitlichen Gewalt, welche die Päpste im kaiserlichen Rom erlangten, herleiten wollen. Diese Suprematie macht die in den Augen der Anglicaner hochwichtige „Entwickelungstheorie" unmöglich, die aber selbstverständlich auf dem Offenbarungsgebiete keine Geltung haben kann und darf, während der natürliche Fortschritt der Zeit allerdings eine naturgemäße Ausdehnung und Entwickelung der päpstlichen Suprematie in der Welt zur Folge haben mußte. Seltsam muihet an, den freiheitlichen Jnstinct der Engländer in einen Gegensatz zu der angeblich despotischen und willkürlichen Gewalt des Papstes, wie sie die Encyklica Lutis coAuiturn darstelle, gebracht zu sehen. Damit hängt denn auch der vierte Einwarf zusammen, daß man seine Seele keiner weltlichen Gewalt unterstellen solle, was unter dem Gesichtspunkte der Entstehung der englischen Reformation eine grausame Selbstverhöhnung in aller Form ist. Zur Weihenfrage selbst übergehend, erinnert Cardinal Vaughan daran, „einige unserer anglikanischen Freunde" hätten gesagt, ihnen so die apostolische Nachfolge und Gültigkeit der Weihen absprechen, heiße, soweit sie in Betracht kämen, der Einigung der Christenheit die Thüre verschließen. Der Cardinal schreibt solche Klage der augenblicklichen Erregung und Enttäuschung zu und betont, daß die Weihenfrage für die Wiedervereinigung gar keine Rolle spielen könne, wie daS ähnlich schon früher die Catholie Times ausgeführt hatte, indem sie die Frage als nebensächlich im Vergleich zu der Anerkennung der dem Papste in der Kirche zukommenden Stellung bezeichnete. Mit aller Einfachheit und Schärfe des Gedankens legt Cardinal Vaughan dann den unabhängigen Angli- canern die Entscheidung nahe, ob sie jetzt noch Vertrauen in ein sakramentales System setzen können, welches von der katholischen Kirche als nicht vorhanden bezeichnet worden, Vertrauen in die angebliche Transsubstantiation, in die Vergebung der Sünden durch die Beichte, welche in Wirklichkeit nicht existiren. Wie die absprechende päpstliche Entscheidung ein besonderes Gewicht erhält durch die aller Welt bekannte väterlich freundliche Gesinnung Leo's XIII. für alle Christen, katholische und nichtkaiholische, ist schon hervorgehoben worden. Ein neues, oben angedeutetes, päpstliches Document gibt erneute Kunde von dieser Gesinnung. Das Schreiben Leo's XIII. an Cardinal Vaughan — denn um ein solches handelt es sich — faßt die anglikanische Conversions-Frnge vom praktischen Standpunkte aus an und umgeht gleichzeitig in einfachster Weise die Gefahr des Vorwurfes von Proselytenmacherei, mit dem man ja auf protestantischer Seite nicht hinter dem Berge halten wird. Leo XIII. weist in seine« Schreiben auf die bedrängte Lage hin, in welche zur katholischen Kirche übergetretene anglikanische Clergymen oft gerathen. Nach ihrem Uebertritt gerathen sie vielfach unmittelbar in'S Elend, da sie für sich und ihre oft große Familie keiner Unterhalt finden. „Durch Geburt, Erziehung und Lebens weise sind sie auf solch' ungeheure Opfer nicht vorbereitet und wenn diese Entbehrungen sich noch zu dem Schmer gebrochener Freundschaften und gesellschaftlicher Ausstoßung gesellen, so braucht man nicht überrascht zu sein, wenn einzelne ihren Muth schwinden fühlen." Ein Uebertritt unter solch' drohenden Umständen wird vom Papste als ein Act deS Heroismus bezeichnet, vor dem Leute mit geringerer sittlicher Kraft zurückschrecken können bis zv einem Augenblick, wo es zu spät ist. Um nun denen, die den ernsten Schritt gethan oder zu thun gedenken, zu Hülfe zu kommen, macht Leo XIII. den englischen Bischöfen einen Vorschlag, der sich auf die glückliche Thatsache stützt, daß es unter den englischen Katholiken viele mit irdischen Gütern gesegnete und freigebige Männer und Frauen gibt; aber der Papst sagt ausdrücklich: „Unsere Absicht ist nicht, ihnen (den Con- vertiten) eine höhere oder auch nur gleiche Stellung wie die aufgegebene zu verschaffen, sie würden noch Entbehrungen auf sich zu nehmen haben." Aber wenigstens sollen die Betreffenden nach dem Wunsche des Papstes für die ersten Jahre der dringendsten Noth enthoben fein, bis es ihnen gelingt, sich selbstständig auf anständige Weise durchzuschlagen. Die englischen Bischöfe sind auf diese Anregung des 354 Papstes sofort eingegangen und haben zu ihrer Verwirklichung die nöthigen Maßregeln getroffen. Es wird sich in absehbarer Zeit ja auch nur um den Ueber- tritt Einzelner handeln; den Uebcrtritt in Massen bezeichnet Cardinal Vanghan selbst als „Traum". Denen, die von einer Propaganda überhaupt nichts wissen wollen und fragen, warum die Bischöfe sich nicht auf ihre Schäf- lein beschränken, antwortet Cardinal Vanghan mit dem den Kölner Katholiken wohlbekannten Worte: caritas vsi rir§6t no8, und fugt mit englischer Deutlichkeit hinzu: „Wir werden nicht ermüden, so lange es sich darum handelt, dem englischen Volke sein kostbares Erb- thcil zu sichern, das Erbthcil, um das es betrogen worden ist durch die Begehrlichkeit und den Ehrgeiz der Fürsten, die knechtische Gesinnung und Habsucht des Adels, und die Schwäche der Bischöfe jener Zeit." (Köln. Volksztg.) Rede des Herrn Pfarrers A. Schwarz in OttenLnch (Württemberg) gehalten aus dem Ersten JntcruationalenAutisreimaurer-Congreß in Triezn am 28. Sept. 1896. (Fortsetzung.) Aber das Humanitätsprincip der Loge hat folgenrthwcndig noch eine andere Seite. Es schließt nicht nur die Läugnung deS Christenthums und alles Ucbernatürlichen und in seinen Consequcnzen cincS persönlichen Gottes in sich, sondern folgerichtig auch die Läugnung deS Auctoritätspriucipes d. h. einer von Gott gesetzten und Gott verantwortlichen obrigkeitlichen Gewalt. Diese Läugnung des AucwritätspriucipeS versteht und ergibt sich aus dem freüuaurcriichen Humanitätsprincip von selbst. Denn, wird der persönliche Gott gcläugnct und der Mensch, das Reimncnschliche zum Göttlichen, zum Höchsten erhoben, dann ist auch nicht mebr Gott die Quelle und Richtschnur aller Gewalt und alles Rechtes, sondern der Mensch. Dann ist jede menschliche Gewalt losgelöst von einer Verantwortung gegen Gott und die obrigkeitliche Gewalt nur noch Organ deS menschlichen Willeno. des VolkswillcnS, der sich keinem Höheren, sondern nur sich selbst noch verantwortlich fühlt. L>o wird der Mensch sein eigener, höchster Herr. Damit ist aber der persönlichen Willkür, der völligen Anarchie in Familie und Staat Thür und Thor geöffnet. Die heutige Zeit, die für solche Lehren, für die Verwerfung der Auctorität, nur zu febr empfänglich ist, beweist das unheimlich. Aus dieser Bekämpfung deS Auctoritätspriucipes machen conscguent und offen denkende Freimaurer kein Geheimniß. Findel sagt mit Fontaues: „Jeder Freimaurer, der nicht mit geistiger Blindheit geschlagen ist, wird aus den fortgesetzten Angriffen auf unseren Bund und seine Einrichtungen unschwer herausfinden, worauf unsere ernste und ausdauernde Arbeit gerichtet sein muß, nlämlich auf die Zertrümmerung des kirchlichen Auctoritätspriucipes, wie es sich in der Erziehung und Schulung unseres Volkes zur Stunde noch geltend macht." (Finde!, Die moderne Weltanschauung und die Freimaurerei S. 150) Die „Bauhütte", das deutsche Frcimaurcrorgan, 1885 S. 138 schreibt: „Das Ende einer jeden Auctorität ist eben immer klerikal, da diese sich gar so leicht und gar so gern selbst als die Stellvertretung einer allerhöchsten Auctorität darstellt. (Hoffentlich.) Jeder Autoritätsglauben führt unausweichlich zum Klerikalen und unzertrennlich davon zum Ueber- sinnlicheu und Mystischen, zum Unwahren (II)." Diese Sätze sind so deutlich und bezeichnend, daß es fast überflüssig ist, der in ihren Aeußerungen viel zahmeren und vorsichtigeren deutschen Freimaurerei gegenüber noch diesbezügliche Enthüllungen der rücksichtsloser und radikaler redenden außerdcutschen Schurzfell- brüder anzuführen. Wir wollen aber zum Zweck der gründlicheren „Beleuchtung" des so vielgepriesenen Logeubuudes, dieser „L-tützc der Autorität" (I), doch noch dem italienischen Großmeister Pirro Aporti das Wort leihen. Der sprach in einer Rede zu Mailand 1886 (ctr. Hildebrand Gerber Die Freimaurerei S. 37 2. Anst.): „Die alte Gesellschaft hatte folgende Angeln, in denen sie sich drehte: Alta»- und Thron, Feudalität und väterliche Gewalt, und alle diese ihre Grundlagen faßten sich zusammen im AuctoritätSprincip. Mit einem Worte: mau diScutirte nickt, man gehorchte. Und dies ließ sich bei dem in knechtischem Sinne erhaltenen verdummten Volke, mit Hilfe einiger Prediger und einiger drohender Gendarmen, die man ihnen an die Seite gab, leicht erreichen. Die neueren wissenschaftlichen Erfindungen, von der Buckdruckerknnst bis auf das elektrische Lichts!!), haben diese Grundlagen erschüttert» wenn nicht gar zum Einsturz gekrackt. An Stelle des Ge- horchens ist man jetzt überall bestrebt, das selbstständige Denken zu setzen. „Entmannung" — das ist die einzige zutreffende Bezeichnung für die religiöse Erziehung, welche die männliche Kraft deS Denkens verkümmert und unterdrückt, um an deren Vlah die Eunuchenfäbigkcit deS Glaubens auszubilden. Diese fluchwürdige Kastriruug (Entmannung) des menschlichen Denkvermögens ist in der That, wenn nickt der Endzweck, so sicher, um wenig zu sagen, das nothwendige Ergebniß aller (kirchlich) organisirten Religionen. Letzteren die Erziehung des Menschen anvertrauen, kommt auf dasselbe hinaus, als ihr das entscheidendste Mittel in die Hand zu geben, um zu bewirken, daß der Mensch nicht denken lernt, um ihn zum Kadavergehorsam zu bringen." Pirro Aporti empfiehlt am Schlüsse feiner Rede als Haupt- Mittel, um das AuctoritätSprincip zu Fall zu bringen, die Verweltlichnng der Erziehung: „Gebet euren Kindern eine gründliche, kühne, bürgerliche, eine weltliche Erziehung. . . . Erziehet andere und erziehet euch selbst: das muß unser Schlachtruf gegen den KlcrikaliSmus sein." Wer diese Enthüllungen über die Stellung der Loge zur Auctorität vernommen, dem legt sich unwillkürlich die Frage nahe: Wie stellt sich aber die Löge — bei solcher Haltung gegenüber dem AuctoritätSprincip — zum Königthum, zur Monarchie? Die Antwort hierauf ist schon indirect enthalten in dem Bekenntniß der Freimaurerei zum HumauitätS- princip. Dieses fuhrt nämlich — folgerichtig durchgeführt — mit Nothwendigkeit zur Beseitigung der Monarchie und zur Einführung der Republik. Denn wenn man auf Grund vcr „Humanität" das Neinmenschliche zum Quellpunkt aller Gewalt und alles Rechtes macht, und wenn man damit jede, von Gott auf Menschen stellveriretenv übertragene Gewalt verwirft, für deren rechte und gerechte Ausübung der Mensch Gott Verantwortung schuldet, dann sind alle Menschen hinsichtlich ihrer politischen und bürgerlichen Stellung gleichberechtigt, soweit nicht hervorragende persönliche Beschaffenheit oder der Wille aller» der Volkswille, es anders bestimmt. Mit diesem Aufhören der Standes- und Nanguntersckiede aber fehlt dann vor allem dem Königthum von GoiteS Gnaden der Existenzgrund, und die Devise der französiscke» Revolution wird auch fotgenothwendig die Devise der Loge, wie es auch thatsächlich und erwciöbar der Fall ist. Nachstehende, hochbedeutsame Grundsätze, welche der wiederholt citirte Freimaurer Findel in folgenden, Antonio Franchi entlehnten Worten ausspricht, bekunden das sehr deutlich: „Es waren die Ideen der Freiheit und Gerechtigkeit, der Gleichheit und Brüderlichkeit, der Association und Solidarität unter allen Menschen, Ideen, welche in der That nach einem veredelten Volksbewußtsein zielten,... Ideen, deren Folge die Achtung der Menschenwürde . . . deren Schlußstein die Menschcnrcchte waren. Diese Gefühle und Grundsätze treu zu bewahren, sie zu verbreiten, sie von Geschlecht zu Geschleckt, von Land zu Land zu überliefern in Gestalt eines religiösen Cultus und Symbolismus, das war die Mission der Maurerei, die sie in dieser Periode erfüllt hat. . . Sie waren das Wort, und dieses ist in der französischen Revolution zu Fleisch geworden, und durch diese sind die maurerischeu Grundsätze das Bewußtsein der gebildeten Völker und daS Glauben sbekenntuiß jedes freien Menschen geworden." (Geschickte der Freimaurerei I. S. 159.) In seinem Ducke: Grundsätze der Freimaurerei S. 139 schreibt derselbe Finde! trotz aller sonst von deutschen Maurern beobachteten Zurückhaltung: „Auch hat noch niemand gesagt, daß der Cultus des Humanen im Geheimniß der Loge in keiner Weise gegen bestehende kirchliche und politische Verhältnisse gerichtet sei. ... So lange die Menschheit ihre Bestimmung noch nicht erreicht hat und nicht eine Hcerde unter einem Hirten (freimaurerische Universalrcpublik!) ist, muß die Freimaurerei mit innerer Nothwendigkeit gegen alles W esenswidrige (in ihrem Sinne natürlich verstanden), Unvernünftige, Schlechte, Unfreie und Unharmonische reagiren." Wie sehr überhaupt die Republik, näherbin Weltrepublik, das Ideal und Ziel der Loge ist. dem sie unverdrossen zusteuert, das beweisen die zahlreichen, unzweideutigsten Aussprüche der verschiedensten, angesehenen Freimaurer. hDieselben 355 sind gesammelt i» der Broschüre: Freimaurerei und Socialdemokratie, Süddeutsche Verlagshandlung fD. OckS), Stuttgart, Seite 99 —128.) Daß mit diesen republikanischen und socialistischen Ideen der Loge daS Königthum, die Monarchie, sich nicht mehr vereinigen läßt, ist naturnothwendigc Folge. Offene Freimaurer, welche die Maske der Eeheimthuerei längst abgeworfen, bekennen das so unumwunden, daß man aus dem Staunen nicht herauskommt, wenn man sehen muß, wie es Träger von Königskronen gibt, welche nach solchen Geständnissen der Loge noch ihre Sympathien bekunden. Geschieht das, weil den Herrschern systematisch alles verborgen gehalten wird, was ihnen die wahren Ziele der Loge zur Kenntniß brächte, oder geschieht es bereits aus Furcht vor dem alles beherrschenden, bis in die höchsten Regionen durchgesickertcn und Einfluß übenden Geiste der Loge? Doch hören wir diese anti- inouarchuchen, köuigsthumfcindlichen Geständnisse der Bruder im Schurzfell. Der bayerische Gesandte von Olry, längere Zeit Mitglied der Berncr Loge, sagt in seiner Selbstbiographie: „Die Logen bilden einen geheimen Staat im Staate, bestimmt, die Regierungen entweder zu beherrschen oder zu untergraben und durch Logenmitgliedcr zu ersetzen." — Der Großsecretär der österreichischen Großloge, Uuiversitätsprofessor Zllois Hoffmann, äußert sich in seiner „Aktcumäßigen Darstellung rc.": „Der Zweck des Freimaurcrbundes ist die Verwerfung aller Religion und Entthronung aller Monarchen." — Der von Freimaurern redigirte „Sieclc" mackt bei Betrachtung der gewaltsamen Hiuwcguahme Roms anno 1871 folgendes weittragende Gesländniß: „Weil in einer nahen oder fernen Zukunft alle Throne stürzen müssen, so muß in der pro- videutiellen Ordnung, wie unsere Gegner sagen würden, zuerst die Stütze für die übrigen Throne verschwinden. Darum rüttelt die. italienische Monarchie den hl. Stuhl um, auf welchem die übrigen Throne aufgerichtet sind. . . . Dieser Thron muß also unwiderruflich fallen, damit um die Reihe alle anderen fallen können, damit das System der vereinigten Staaten Europas unter republikanischer Fahne dem alten und abgelebten monarchischen Systeme folgen könne." Das höchst bedeutsame Memorandum des ehemaligen preußischen Ministers v. Haugwitz, gewesenen Provinzialgroßmcistcrs der Loge, an den Monarchcucougreß in Verona, dessen Enthüllungen die Kaiser Franz von Oesterreich und Nikolaus von Rußland gegen die Freimaurerei sebr bcdcnküch machten, sei bloß angezogen und noch bemerkt, daß es gerade die Nevolutions- pläne der Loge waren, welche den Minister zum AuStritt aus derselben bewogen. Dieses Memorandum eines preußischen Münsters und FrennanrcrS — dieses ernste: ab nnno roges intellig'ito, dürften die Herrscher und Fürsten der Erde sich immer wieder vor die Seele führen, namentlich in einer Zeit, welche um die Tbrouc so unheimlich mit Dynamitbomben spielt und gegen Regenten den verbrecherischen Mordstahl schleift. Da ist es wohl von Interesse, die neueste Aeußerung des ehemaligen sranzösischcn Gesandten beim hl. Stuhle, Marquis de Gabriac. zu vernehmen, die er jüngst im „Eorresponvent" gethan bat anläßlich der Worte, die Papst Leo XIII. unlängst über die Freimaurerei an die Fürsten und Völker richtete. Sie lauten: „Die strengen Worte Leo'S XIII. werden gerechtfertigt durch die täglichen Ereignisse. Ob die Freimaurerei wirklich die Mutter derAnarckie ist, daraufkommt es wenig an: aus jeden Fall aber in die Ver w andts chaft sebr nahe n n d n n l ä u g- bar. Die nämlichen Grundsätze, nur etwas verheimlicht unter einer weniger brutalen Form, wcrvcn nothwendigerwcisc die Völker zu den nämlichen Conscquenzcn führen. Die besten und mit der größten Bebarrlickkeit angewandten Gesetze zum Schutze der allgemeinen Sicherheit können auf die Dauer nichts ausrichten gegen die verrückte» Lehren dieser beiden Sekten, die auf den nämlichen nur allzu bekannten Satz hinauslaufen: „Weder Gott »och Meister!"" („Teutsche Reicks- zeitung", August 1894.) Fügen wir noch nachstehende, geradezu unheimliche Frci- maurcrbekenntnissc an: „Die Republik steh: über allen Königskronen, über allen Verfassungen; sie ist das Gesetz der Gesetze" (vbaino (I'union 1886 p. 107), und: „Ein wahrer Freimaurer kann nicht Monarchist sein; Freimaurer undMonarchi st sind ; ivci mit einander unverträgliche Dinge" (ÜIs- moramlnm du 8»pr. tloiw. clo kranee Nr. 97, 1887, okr. Hilv. Gerber: Die Freimaurerei p. 83). Sage man nicht: Ja das sind eben Aeußerungen der viel radic.stercn Freimaurer Italiens und Frankreichs, mit welchen die Deutschen in keiner näheren Beziehung stehen. Dem ist aber ganz entschieden entgegenzuhalten einmal, daß, wie gleich anfangs nachgewiesen wurde, die Freimaurerei ein ausgesprochener Welt- und Mcnschheitsbund ist, so daß eS schon in seinem Wesen liegt, die ganze Menschheit in seine „Brudcrkette" zu schließen, mit seinem Geiste zu erfüllen. Obwohl sodann die deutsche Freimaurerei — selbst in ihren eingewcihtcrcn Mitgliedern — aus naheliegenden Gründen einer viel größeren Zurückhaltung und viel größeren Mäßigung in ihren Ausdrücken sich befleißt, als die radicalen, revolutionären französischen, italienischen und belgischen Freimaurerbelden, so kann nicht gcläugnet werden, daß die deutsche Freimaurerei im Großen und Ganzen keinen wesentlich andern Geist hat, als die Freimaurerei eben- genannter Länder. Daö beweisen unläugbar und deutlich genug die fortdauernden, oft dickfreundschaftlicken Beziehungen zu denselben. So haben z. B. die drei großen Berliner Großlogen den Freimaurer-Großmeister und Revolutionär Lemmi zu ihrem FreundsckaftSbürgen beim Großoricnt in Rom erwählt, wohlverstanden jenen Lemmi, der sich selber rühmt, ein begeisterter „Nachahmer und Schüler Mazzini's und Garibaldi's, Gefährte und Freund der wenigen Theilnehmer an unseren großen Revolutionen" zu sein. Meine Herren, wenn ein solches Frenndschaftsverhältniß mit einem ausländischen Revolutionär ein katholischer Priester oder gar Ordenömann einginge, nicht wahr—welch einen Zeitungssturm, einen ZeitungSoikan würde das nicht entfesseln und welche Vorwürfe über Vaterlandsfeindschaft unserer Kirche würde es da nicht hageldicht regnen. Weil es aber Brüder im Schurzfell gethan, war's recht und gut und schwieg man darüber in eisigem Schweigen. Derselbe Großmeister und Revolutionär Lemmi schrieb, laut dem italienischen hochofficiellen Frcimaurerorgan „Nivista Massoneria", am 3. Mai 1889 an den Großorient von Frankreich: Die italienischen Freimaurer fordern, indem sie die Feier der französischen Revolution mit der Brunoseier verbinden, die französischen Brüder auf, alles Mißtrauen und alle Eifersucht aufzugeben, auf daß beide Völker nach Auötilgung jeder Spur politischen und religiösen Despotismus auf den Trümmern der alten Welt die ersehnte Aera der Brüderlichkeit, der Gleichheit, der Wissenschaft, der Freiheit und des Friedens vorbereiten und beschleunigen mögen." Bei diesem Giordauo Bruno-Fest mit seinem ausgeprägt ckristenfeindlichen und revolutionären Charakter war aber, wie Großmeister vr. Settegast in der Bauhütte 1889 mit Stolz hervorhob, die deutsche Freimaurerei ebenfalls vertreten. Endlich hat man noch nie von einem Protest, der schon aus Patriotismus bückst angezeigt gewesen wäre, also man hat noch nie von einem Protest deutscher Großlogen gelesen gegen die geradezu hochrevolutionären Bestrebungen des italienischen Großorients oder gar von einem Abbruch der Freundschaftsbeziehungen zu demselben in Folge dieser revolutionären Tendenzen. Hochanfchnliche Versammlung! Man wollte die deutschen Katholiken schon wiederholt als Feinde des Dreibundes hinstellen. Es wäre viel besser, anstatt dieser Unwahrheit daran zu denken, daß die italienische Freimaurerei eine geborene Feindin des Dreibundes ist, welch letzteren sie als unnatürliche Bastardallianz bezeichnet, an dessen stelle sie — ich citire wörtlich — „eine hl. Allianz freier Völker erstrebt, welche den drei Despoten im Norden (wie sich das officiclle schon citirte italienische Logcn- organ ausdrückt) das Gesetz der Freiheit und des Fortschritts zu dictircn bätte." Und mit einer solchen revolutionären Freimaurerei unterhalten deutsche Logen frenndschastliche Beziehungen und gelten dennoch als die Träger und Förderer der Ordnung und des monarchischen Gedankens und gcriren sich noch als solche. Nickt wenige Freimaurer der gewöhnlichen Art und der niederen Grabe werden biegegen Protest erbeben und mit gutem Gewissen versichern, von alledcm sei ihnen nichts bekannt. Aber gerade dieser ihr Protest bestätigt eben nur, daß sie vom eingeweihten Freimaurcrthum und dessen eigentlichem Geist und Wesen so gut wie nichts wissen und zu den Eß-, Spiel- und Formsrcimaurcrn gehören und die NaSgcsübrten sind, von denen selbst die Frcimaurerzeitung „Bauhütte" klagt und spottet, daß eS in Deutschland zwar viele „Logenbrüder", aber nur wenige wahre „Freimaurer" gebe. Die „Eß-, Spiel- und Form-Freimaurer" bilden, sagt dasselbe Logenblait, die große Mehrbeit („Bauhütte" 1991). Unter 3000 Suchenden seien keine 200 rechte Leute („Bauhütte" 1880). Diesen Vorwarf, für den wir der „Bauhütte" sehr dankbar sind, sollen sich jene Maurer zu Herzen nehmen, welche, vom wahren Wesen der Loge nichts wissend, gleich Zeter und Mcrdio schreien und mit „Verleumdung" um sich werfen, wenn an der Hand von Bekenntnissen eingeweihter Freimaurer die christenfcindlichen und staatSgefährlieben Tendenzen der höheren Logcngrade anö Tageslicht gebracht werden. Solchen muß man als den Mitgliedern der nicecreu (blauen) Freimaurerei (drei ersten Grade) immer wieder vor die Leele führen, was der Bruder der Loche,rade, der Amerikaner Pike, über die Freimaurerei des englischen Ritus sagt: „Die blaue Freimaurerei ist absolut lade und inhaltslos. . . . Die wirklich Eingeweihten können über solche Nassührung der (blauen Freimaurer-) Masse nur lächeln" (ekr. Gerber). (Schluß folgt.) Recensionen und Notizen. Soeben beginnt bei I. Schweißer (Jos. Eichbichlcr) in München zu erscheinen: „Handbuch für die rechtsrheinischen bayerischen Gemeindebehörden und Gemeindcbürgcr von Rechtsanwalt Carl Pohl, rechtökund. Bürgermeister a. D. in München." Ein Fachmann, welche? Gelegenheit hatte, von dem Werke in seiner Entstehung nähere Einsicht zu nehmen, schreibt uns: Endlich einmal ein Hand- und Nachschlagcbuch für alle Fragen des bayer. Verfassungö- und VerwaltungSrechteS, welches sich weder in eine für die Praxis unbeherrschbare Breite verliert, noch auf bloßen CitatenhinweiS beschränkt. Das Pohl'sche Werk wird nicht bloß den Gemeindebehörden und Gcmeindcbürgern, sondern auch DistriktSpvlizeibehördcn und allen, die sich mit Verfassungs- und Vrrwaltnngssragcn zu befassen haben, ebenso willkommen sei» als gute Dienste leisten, da es nicht bloß den Wortlaut der Gesetze und VollzugSverordnungen usw. bringt, die für Gemeinde und Bürger wichtig, sondern auch eine kurze systematische Darstellung jeder Materie mit den einschlägigen Entschließungen, gcrichtlischcn und vcrwaltungSrcchtlichen Entscheidungen und der bezüglichen Literatur gibt. Die letzteren Citate beschränken sich nicht auf Angabe der Quelle, sondern führen je nach Bedarf das Wichtigste des Inhaltes in kurzen Sätzen oder bezeichnenden Schlagworten an. Das hat bisher in der Vcrwaltuugsliteratur gefehlt. Für denjenigen, welchem eS in der Praxis an Zeit mangelt, sich in breitspurigen Abhandlungen und auf der Zusammenlese nach viel verstreutem Materiale zu verlieren, und ebenso für den, welchem ein zureichendes Quelleumatcrial überhaupt nicht zugänglich, wird Pobl'S Handbuch, das alle Gebiete des Verfassungs- und Ver- waltungsrcchtö umfaßt, eine Bibliothek ersetzen. Die Sittlichkeit im Lichte der Darwinschen Entwicklungslehre. Von Prälat vr Wilh. Schneider, Dompropst und Professor der Theologie zu Paderborn. Schöningh, Paderborn 1895. L>. 200. M. 3.60. Während Kant — trotz der Annahme einer principiellen Selbstständigkeit der Ethik — wenigstens die Vollendung der Sittlichkeit in der Religion zugegeben hat, geht die moderne sogenannte unabhängige, rcligionö- und glaubenslose Moral viel weiter. Sie stellt sich wesentlich auf den Standpunkt der dar- winistiichen Dcscendcnzlchre, indem sie eine natürliche Entwicklung des MenschcnwescuS aus dem Thiere zu Grunde legt. Darnach ist oaS Gewissen nicht mehr die Stimme Gottes, sondern die stimme der bloß natürlichen Vernunft, insofern der Mensch sich allmählig entwickle und die Begriffe von nützlich und schädlich finde. Die Gebote, welche das Gewissen aufstellt, seien nicht Gebote einer höheren Autorität, sondern die Menschen haben sich selbst Gebote gegeben. Diese Lehre von der unabhängigen Moral hat bereits der Socialismus in die großen Massen geworfen und (durch Bcbel) oaS Axiom aufgestellt: „Sittlichkeit und Moral haben mit der Religion nichts zuthun", und die nach englifch-amcrikaniichem Muster auch in Deutschland gebildete und immer mehr sich verbreitende „Gesellschaft für ethische Cultur" verfolgt den ausgesprochenen Zweck, die Menschen unabhängig von Gott und Religion „sittlich zu heben". Gegen diese gewaltige Strömung der Zeit haben ka- tholischerscits Männer wie Stein, Weiß, Th. Meyer, V. Cathrciu, Gutbrrlet u. a. mit durchschlagenden Argumenten angekämpft. Mit Freuden begrüßen wir auch den Wasfcngang W. Schneiders, zumal er wie in der von ihm verfaßten VereinSschrift der Görres- gel'iLschaft „Allgemeinheit und Einheit des sittlichen Bewußtseins" (Bachem-Köln 1895, S. 122, M. 2,25), so in der vorliegenden schönen Monographie der Sache bis auf den tiefsten Grund nachgeht. In durchaus sachlicher und ruhiger Form weist er Darwins oberste Sittenrichtschnur („Die Wohlfahrt der Mcuschenganung") als völlig ungenügend nach. verweist die Ansicht (um nicht zu sagen die fixe Idee) von dem „angeblich vorsittlichen Menschen" mit Neckn in das Reich der Fabel, gibt eine gesunde Kritik über Darwins Muthmaßungen von der Entstehung und Entwicklung rer Sittlichkeit, unterzieht die LebcnSanschauungcn und LebeuSrezeln des Darwinschen Menschen einer objectiven Prüfung und geht mit den neuesten Scuutzrcdncrn und Vertheidigern der darwinistisckcn Sittenlebre (Gnsi. Jäger, Hugo Spitzer, H. E. Ziegler, H. Mnnstcrbcrg, H. Sctregast, G.v. Gizycki und Fr. Nietzsche) in gerechter Weise inö Gericht. In allseitiger und erschöpfender Weise und dazu in durchaus verständlicher Sprache hat Schneider den überaus zeitgemäßen Gegenstand behandelt, bezw. die Irrthümer der darwinistischen modernen Ethik widerlegt. Der Verfasser verdient in erster Linie den vollen Dank des Seelsvrgsllerus, weil er demselben ein so gediegenes und leicht vcrwerihbareö Material für die gegenwärtigen Zeitkämpse geboten hat. Auch der gebildete Laie wird sich an der vortrefflichen Monographie bestens orientircn. Sie sei deßhalb wärmstens empfohlen! Tübingen. H.. Li. Eine Orientrcise. geschildert von Heinrich Himmel» k. k. Major. Wocrl's Reisebibliothek, 3. Auflage, eleg. gebd. 3 M. —8. Der Verfasser ist ein weitgereister Mann und hat sich durch seine Neisebeschreibungcn schon seit langem einen bedeutenden Namen erworben. — 1884 bereiste er Aegypten, Palästina, die Türkei und Griechenland. Seine Neiseschilder- ungen erschienen damals einzeln im „Wiener Vaterland" und fanden eine so günstige Aufnahme, daß ein Separatabdrnck in einem eigenen Werke nöthig war. Dasselbe, i» einer Auflage von 10.000 Exemplaren, war aber bald vergriffen; der ersten Auflage folgte eine zweite, der zweiten nunmehr eine dritte. Diese uns vorliegende Auflage enthält nicht weniger als 104 Illustrationen, eine große Ansicht von Jerusalem und zwei Landkarten, die eine von der europäischen Türkei, die andere von Aegypten und Palästina. — Mit vieler Abwechslung schildert der Verfasser, ein guter Katholik, Land und Leute, Sitten und Gebräuche. Beim Lesen des BucheS fühlt man — und das hat der Verfasser in seiner Vorrede als Wunsch ausgedrückt — in Wahrheit „den beseligenden Zauber, dessen unerschöpfliche Quelle das goldene Morgenland, die Heimath unseres Glaubens ist". — Der billige Preis des Buches, 3 Mark, ist geradezu staunenswert!). Damit ist auch Minderbemittelten Gelegenheit zur Anschaffung desselben gegeben. Allen, die sich für den Orient interessiren, ist das Buch nur zu empfehlen, und dürfte selbes namentlich auf dem literarischen WcihnachtSmarkte einen großen Absatz finden. Lotteler ob la. gnostion ouvriers aveo nus introänetion kistorigns sur Is monvemsnt social eatdoiigus. Lar 12 äo Lirarck, äocteur cn clroit. Loruc, L. 4. W^ss, imxrimerir-öckitcur. * Dr. v. Girard hat die interessante Ausgabe, auS den verschiedenen Schriften Kettelers dessen System über die Arbeiterfrage zu construiren, sich gestellt und verbindet damit gleichzeitig die gewiß ancrkenncnöwertbe Arbeit, die wichtigeren Stellen der einschlägigen Werke Kettelers ins Französische zu übersetzen und so dem Nachbarvolke zugänglich zu machen. Auf 344 Druckseiten entledigt er sich dieser Aufgabe mit Geschick und bleibt seinem im Vorworte ausgesprochenen Vorsätze, nur Kettcler selbst sprechen zu lassen und sich jeder Kritik zu enthalten, sorgfältig treu. Das Buch ist besonders Jenen zu empfehlen, welche nicht die nöthige freie Zeit haben, um sämmtliche Werke Kettelers selbst zu studircn (im Buche sind deren 71 angeführt). Der Ladenpreis für das Buch ist 4 M. Erst! ommuni kanten - Unterricht. Den Kommunion- kinder» gewidmet von M. A. Berningcr, Pfarrer und Scbulinsp-ktor. Mit oberbirtlichcr Approbation. 12°, S. 64. Wnrzburg 1896, Göbel. Pr. geb. 25 Pf. H- Der Unterricht schließt sich genau an den Katechismus an und bringt eine möglichst vollständige, aber faßliche Unterweisung über das allerhciligste AltarSsakramcnt, zugleich auch eine Anleitung zu dessen eifriger und andächtiger Verehrung für das ganze künftige Leben. Verantw. Redacteur: Ad. HaaSin Augsburg. — Druck «.Verlag des Lir. Instituts von Haas