tt,'. 48. L5. UM. 1896. Henrik Ibsen, Gerhnrt Hauptninnn, Hermann Sudermann im Zusammenhalte mit der „modernen" Poesie und Ethik?) (Vortrag, gehalten im katholischen Kasino zu München.) „Was kann des Menschen Dasein überdauern? Was bleibt für ein Gewinn von Schmerz und Lust? Was ist das Ziel so schnell entfloh'nen Lebens? Ich sinne auf die Antwort, doch vergebens. Da hör' ich neben mir die gleiche Stimme, Die mabncnv oft dem düstern Freund erklang: Der du gewobnt zu abnen nur das Schlimme, Erwacht zur Klage dir der riefe Hang? Entwöhne dich dem alten Ungestüme Und bilde auS in dir den stillern Drang: Erbebe deinen Blick aus diesen Gründen, Zufrieden fern, waS nah du iucbst, zu finden." Martin Greif (Gef. Werke I, 330). — 2 . Die Wanderung durch die Poesie eines Zeit- eiters hat Ähnlichkeit mit einer Reise. Aus der bunten Menge von Eindrücken unv Bildern, die uns auf einer Reise begegnen, scheidet eines nach dem andern aus, verblaßt, verlischt und ist entschwunden sofort, oder am selben Abend bereits, wenn man im Gasthaus abgestiegen ist, oder in den nächsten Tagen und Wochen. Und wenn man sich wieder einmal bei Gelegenheit die Bcgegnisse vor Augen stellen will, so sind es nur ein paar landschaftliche Ausblicke, nur ein paar Stimmungen, nur ein paar Gesichter, die wieder lebendig werden, obgleich sie ehedem nicht mehrwcrthiger erschienen waren als alle übrigen. Aber eben diese zwei und drei, welche mit der ganzen Zähigkeit des eigenartig Organischen in uns fortgelebt haben, sie sind eben das Wesentliche dem Nebensächlichen gegenüber, in ihnen ist mitten in all dem schillernden, todten Eindruckskram die unterscheidende Eigenart von Land und Leuten vor unsere Seele hin- getreten. Also öedeuten Ibsen, Hauptmann und Sudermann das Dauernde im Wechsel des „modernen" Sturmes und Dranges, sie treten in den Vordergrund. Ihre Poesie zeigt in markanten Zügen das hippo- kratische Gesicht unserer Zeit, das nothverdüsterte, hoffnuugs- beraubte. Ihr düsteres müdes Auge weiß uns nichts zu sagen von dem Trost, welchen die Muse dem ächten Dichter verheißt: „Erbebe deinen Blick aus diesen Gründen, Zufrieden fern, was nah du suchst, zu finden!" ') ES liegen im besonderen folgende monographische Abhandlungen zu Grunde: H. Bahr „Studien z. Kritik der Modernen" (Frankfurt 1894); A. Bartels „Die Alten und die Jungen" (Grenzboten 1896 Nr. 31—36); L. Berg „Der Naturalismus" (Müncben 1892); K Bleibtreu „Revolution der Literatur" 1886; Lady Blenncrhassct „Die Ethik des modernen Romans" (Cosmopolis, vol. III, Nr. 7, 1896 Juli); G. Brandes „Moderne Geister" (Franks. 1882) und „Menschen und Werke" (Franks. 1894^; C. Didio „Die moderne Moral" (Straßburgcr Theo!. «L-lud. II, 3. — Frcibnrg 1896); C. Flaischlen „Zur mod. Dichtung" (Pan H.4); F. G. Holly „Der deutsch-iranzös. Krieg im Lichte vaterl. Poesie" (Frankfurter Broschür. 1696 Bd. 17, H. 3); A. Kerr „Sudcr- mann" (Neue deutsche Rundschau 1896 Bd. 7, H. 6); K. Krumbacher „Psichari als Novellist" (Beil. zur Allg. Z t g. 1894, Nr. 67, 70); B. Litzmann „Das deutsche Drama i. d. literar. Bewegung der Gegenwart" (Hamburg 1894); I. Sadgcr „RosmerSbolm" und „Gerb. Hauptmann" (Beil. z. Allg. Ztg. 1894 Nr. 142, 143, 162); S. Schult,e „Der Zeitgeist d. modern. Literat. Europas" (Halle 1895); W. Weigernd „Essays" (München 1692). Als im Frühjahr vor 25 Jahren die Glocken den Frieden einläuteten und nach blutiger Saatzeit die Garben der politischen Großthaten gebunden wurden, da durfte man wohl auch nach jener Ernte ausblicken, welche in der Gluth der Entscheidungstage gereift war auf oer Flur der deutschen Dichtung. Es erschien gewiß nicht überspannt, sich einen Schah zu erwarten, unvergänglich, wie ihn schon einmal eine große Zeit in den Liedern Körners, Arndts und Schenkendorfs uns bescheert hatte. Allein wer diesmal Umschau hielt nach solchen Liedern, welche im Augenblick durch eine glückliche Fassung Wider« hall erweckt weithin im Volke, der blieb enttäuscht. „Die Wacht am Rhein", das Sturmlied 1870, stammte aus dem Jahre 1840; die reiche Stufenleiter des allgemeinen Nationalempfinvens von der grollenden Entrüstung über den freveln Friedensbruch bis zum dithyrambischen Schwung der Siegesbegeisterung, sie war in des Volkes Sinn und in des Volkes Mund einzig in 2 Liedern übergegangen. Und diese Lieder hießen: „König Wilhelm saß ganz heiter" von Wollrad Kreusler und das „Kutschke- lied" des mecklenburgischen Pfarrers Pistorius. Dabei hatte es auch in der Folgezeit im großen und ganzen sein Bewenden. Culturkampf, Gründer- und Schwindler- zeit, politischer Hader und staatliche Noth betäubten die feineren Triebe deS Gemüthes, Literatur und Leben entfremdeten sich. Die Dichtung blieb eine häusliche Angelegenheit für müßige Stunden. Der Bildungsphilister betrachtete die Literatur nur, wenn er für Weib und Kind das obligate Weihnachtsbuch kaufen mußte; er griff darnach, um in der Langeweile des Etsenbahncoupss die Zeit todtzuschlagen oder um sich angenehm einzulullen in sein übliches Mittagsschläfchen. „Büchcr schreiben ist leicht, es verlangt nur Feder und Tinte Unv das geduld'ge Papier, Bücher zu drucken ist schon Schwerer, weil oft das Genie sich erfreut unleslicher Handschrift. Bücher zu lesen ist noch schwerer von wegen oeS Schlafs. Aber das schwierigste Werk, das ein sterblicher Mann bei den Deutschen Auszuführen vermag, ist: zu verkaufen ein Bucht" So höhnte nicht mit Unrecht Felix Dahn. Die Literatur der Gründerzeit war die Bourgeois- poesie, der Feuilletonismus. „Er leitet sich aus dem Paris des zweiten Kaiserreiches her und behielt die französischen Literatur- und Preßzustände immer als Ideal vor Augen; sein Sitz wurden unsere Großstädte, vor allem Berlin, von wo aus man dann durch raffinirte Ausbeutung der Macht der Presse auch die „Provinz" — der Begriff kam ebenfalls aus Frankreich — eroberte; seine Hauptvertreter waren Juden und Judengcossen. Sowohl die Erhebung Berlins zur literarischen Hauptstadt als auch die herrschende Stellung, die das Juden- thum in der Presse erlangte und in der Literatur mit allen Mitteln zu erlangen strebte, stammen aus dieser Zeit und sind in ihren bösen Folgen nie wieder überwunden worden. Nur einige wenige Juden der älteren Generation haben sich bei dem „Geschäft" nicht betheiligt und sich die Achtung des deutschen Volkes bewahrt."^) Als Typus der führenden Geister der Art hat Paul Lindau zu gelten, den die damalige „Gartenlaube" als „den Mann der Gegenwart" feierte; neben ihn traten die andern Juden: Oskar Blumenthal, H. Lubliner, Ludwig Fulda und im Operettenfache Jacques Offen- *) Bartels a. a. O. 365 370 b a ch. Dar diesem kritisch und semitisch witzelnden Fcuille- tonismuS — dem wirklichen Feuilleton oder dem aus ihm herauSgcwachsenen Roman und Drama — flüchtete die ernste Dichtkunst in die Vergangenheit: ev kam die Aera der Proscssorenromane, der archäologischen Romane mit Scheffel, Freytag, LberS, Eckstein, Dahn, Taylor u. A., und die Zeit der sogen. Butzenscheibcn- lyrik mit dem großen Modevorbild an Scheffel. Daneben entwickelte sich üppig der „Familienroman", von Damen geschrieben und von Dame» leidenschaftlich gelesen, die Schöpfungen der Marlitt und Nataly von Eschftruth. Ihre Lektüre gehörte zum guten Ton wie die der epikureischen Novellen von Paul Hehse, auf dessen Schriftthum K. Bleibtreu daS von Karl II. Stuart gebrauchte Wort anwandte: „Er sagte nie ein unschön Wort und that nie eine schöne That." Da kam nun in den achtziger Jahren dar Geschlecht zu Wort, das als Knaben oder Jünglinge den großen Krieg miterlebt hatte. „Die NeichSflitterwochenzeit war lange vorbei, die konventionelle Lüge, wie wir es so herrlich weit gebracht, hielt vor dem Ansturm der socialen Frage nicht mehr Stand." * *) ES erscholl der Ruf nach einer Literatur, welche den regen Streit der Geister, den Austausch und Wetteifer der Meinungen der Gegenwart ^) lebhaft herüber- und hinüberspielen sollte, nicht in den ausgetretenen Geleisen des „FamilienrowaneS" mit dem obligaten „guten Ausgang" und der behaglich breiten Erzählungsweise, wo der redselige Autor sich beständig zwischen seine schablonenhaften Gestalten und den Leser schiebt mit feinen Nutzanwendungen und ohne selbst- erfundene Verwickelungen, ohne originelle sprachliche Prägungen die alte Geschichte immer wieder bringt von dem oberflächlichen, „interessanten" Manne der Gesellschaft und dem schlichten Mädchen aus dem Volke. DaS neue Verlangen war gut gemeint, und das war der Ausgangspunkt unserer „modernen" Bewegung. Etwas Unerhörtes hatte eine solche Opposition nicht. Hundert Jahre zuvor, in der sogen. Sturm- und Draugperiode, ist ebenfalls eine leidenschaftlich empfindende Jugend wider ihre bisherige Literaturentwicklung angerannt, ihr Feldgeschrei war „Shakespeare"! Auch sie hat Protest erhoben gegen die allgemeinen sittlichen Grundlagen der Gesellschaft, und ihr Losungswort hieß „Rousseau"? Auch sie hatte das Verlangen nach frischer, natürlicher Ursprünglichkeit des Ausdrucks, kämpfte an gegen die Farblosigkeit der Schriftsprache, gegen den „pnpiernen" Stil, forderte eine peinlich treue und denkbar kräftigst auf die Sinne wirkende Wiedergabe der verschiedenen Formen der Empfindungswelt. Ja, es ist nicht einmal nöthig, um 100 Jahre zurückzugreifen. Nur um 50 Jahre, in die Zeit des sogen, „jungen Deutschlands" von Gutzkow, Laube und Genossen. Auch deren besonderen Stolz bildete die Mischung der politischsocialen, der philosophischen und religiösen Streitfragen ihrer Zeit mit der ltterarischen Darstellung. Auch sie standen unter französischem Einflüsse und im Bannkreise ->) BartelS a. a. O. 277. *) Bartels a. a. O. 414. „Die Entwicklungslehre, die Theorie der Vererbung und Dclastung, die Zurückversetzung des ganzen Menschen in die Natur, die Erklärung dcö Gewissens als eines Instinktes, als des Anpassungsvermögens für die Bedürfnisse der Gesellschaft und die Erhaltung der Art, nöthigten sich der Analyse auf und zwangen nicht nur die Gelehrten, sondern alle Denkenden, die vitale Frage der Willcnsunfreiheit auf ihren praktischen Werth zu prüfen." L. Bleu „er hasset a. a. O. 245. der Modephilosophen Hegel und Feuerbach. Und was diese beiden Denker für daS „Junge Deutschland" waren, was für die „Sturm- und Drangperiode" auf sittlichem Gebiete Rousseau und auf dichterische« Shakespeare bedeutete, das gilt unseren Modernen Friedrich Nietzsche, und ihr literarischer Messias ist an Stelle des großen Briten der kleine Skandinavier Henrik Ibsen. Soweit kann man zwischen den neuen und alten Idealen und Idolen die Parallele ziehen. ES wird nicht leicht eine moderne Literatur geben, ob germanische, ob romanische, ob slavische, welche es vermocht hätte gegen den „Realismus" sich auf die Dauer abzuschließen. Ihr Quellengebiet hat diese Getstes- ftrömung da, wo auch der JndustrialiLmuS sich zuerst entwickelte, in England; als „natürliche Schule" lenkte sie zum erstenmale die Aufmerksamkeit der abendländischen Welt auf das russische Schriftthum und bei den Franzosen bahnte ihr den Weg Flaubert mit seiner „Madame Bovary". Das Streben nach Näturwahrheit erstreckte sich auch auf die Form der Darstellung. Kein Mensch bedient sich im Uwgangsgespräche langer Perioden, und darum nahm der Realismus auch die Vernichtung all der schleppfüßigen Satzungeheuer in seine Kriegsartikel auf. Den Beginn der neuen Dichtung bezeichnet in Deutschland das Erscheinen der lyrischen Anthologie „Moderne Dichtercharaktere" (1885). Von Berlin aus bildete sich bald cine Kolonie in Leipzig, wo sie in dem Verleger Friedrich das hatte, was Cotta einst den Klassikern gewesen. Der bedeutendste der Leipziger „Jüngstdeutschen" war Herw. Conradt (1- 1890 in Würzburg), „der Typus eines Stürmers und Drängers, dem keine Entwicklung beschicken ist." §) Ueber München brach im Januar 1891 die literarische Sintflut herein mit Tosen und Wettern. Eine Arche wurde gebaut für die zur Rettung Erkorenen, sie hieß sich „Gesellschaft für modernes Leben". Der Schlesier O. I. Bier bäum sagt dem historischen und orientalischen Seminar Valet, ihm war mit einem Male die leuchtende Erkenntniß aufgegangen von seinem einzigen Berufe für die Jüngerschaft Apolls. L. Scharf aus der Nheinpfalz und H. v. Gumppenberg aus Niederbayern ließen ihre juristischen Collegienhefte verstauben; Scharf sang in der Fränkischen Weinstube seine „Lieder eines Menschen", wozu der alte Hüsar Detlev Freiherr v. Liliencron?) den Kammerton angab, daß alle verstorbenen Faune und Satyrn stöhnend sich dreimal in ihren Gräbern umdrehten, während Gumppenberg traumverloren umherwandelte und im begnadeten Seherthum orakelte von Gesichten, „Offenbarungen" und „Testamenten", die er als „5. Prophet" jeweils schauen durfte in der 4. Dimension?) Flugs hing nun der Ostpreuße M. Halbe seinen neuen Doktorhut an den Nagel. WaS scheert' ihn Reich und Kaiserprunk und der Streit Friedrichs II. mit den Päpsten seiner Zeit? °) Auch er, des Gottes voll, griff zur Leier. Er lockte mit ihren wohllautenden Klängen den lauschen- Bartels a. a. O. 42l. *) Geboren 1844 in Kiel. 1894 erschienen seine Adjutanten- ritte. Die Decadcnce zeigt sieb bei ihm als posirtcs Natur- burschentbum mit einer cynischcn Sinnlichkeit. Er veröffentlichte sie ernsthaft in den „Neuesten Nachrichten". Seine tolle GcistcSgeschichte hat er jüngst in dem Roman „Der 5. Prophet" (Berlin, Ver. f. d. Schriftthum) beschrieben. ") Den Titel „Friedrich II. und der päpstliche Stuhl bis zur Kaiscrkrönmig" führte seine Dissertation (Berlin 1888). den Nachbar vom Nheinc, M. Schwann. den große» Historiker des Bayerlandes, den furchtbaren Janssen- tödter, i°) aus seiner dumpfen Studierstube. Und dem wiederum schloß auf seinem KriegZpfade als grimmer Waffenbruder ein ungetreuer Sohn Aeskulaps sich an, O. Panizza, welcher wollte, daß man Pastor, dem Schiller JanssenS, »den Schädel einschlage",") und erst recht half, den Münchener Parnaß zu einem veri- tabeln Fladen breitzutreten. Und alle diese und andere stürmende Titanen zog an sein Herz M. G. Conrad,") der Dramatiker, Lyriker, Novellist, Romancier, Pädagoge, Kritiker, Politiker — und nunmehr auch Parlamentarier — und er schirmte die junge Brüt mit „Hüterfittichrn" als ihr mächtiger Genius und Hierophant, ihr anderer »Zarathustra". »Vollbesitz ist uns die Erde, sie genügt uns auch ohne den jenseitigen Anhang, den himmlischen Nachtisch", das war seine Loosung (s. »Klerikale Schilderhebung"). „Das edle, vollmenschliche Gleichgewicht kann erst dann gefunden werden, wenn daS Fleisch d. i. die sinnliche Seite der Menschennatur aus dem Schmutz und Schutts der übernatürlichen Wähudogmen hervorgezogen und wieder in die natürliche Würde eingesetzt wird" (s. »Flammen"). Große rothe Plakate an allen Ecken und Enden Münchens riefen für die Winterabende Alt- und Jungmünchen in die Jsarlusi zu den Andachtsstunden der neuen Gemeinde, welche den Cult ihres Propheten Nietzsche mit korhbantischen Lärm daselbst zu feiern pflegte. Und ebenso wiederholte sich in anderen Städten, wo nur immer ein winziges Kaffeehaus oder eine behagliche Weißbierstube war, dNS nämliche lustige Bild von den großen Zukünftigen.") Es war die Zeit. da jede Woche eine neue Zeitschrift aus irgend einem „Neuland" der Modernen auftauchte, bald grasgrün, bald blutroth gekleidet, immer aber berufen, dem deutschen Volke den ersehnten Befreier nach langen, bangen Nächten zu bringen. Die Originalitätsjagd war allen gemeinsam. Anders schreiben wollten sie als die TageSdichter, und sie erfanden eine Prosa, wie sie ein athemloser Mensch herausstößt, mit einem Aufwand von Gedankenstrichen und Punkten, die ihre Hauptwirkung im Wiederholen von Worten und Sahtheilen und in abgebrochenen Construciionen suchte. Gewisse, gelinde noch als burschikos zu bezeichnende Sprachtrivialitäten und ein unverkennbares Behagen an unfläthigen Ausdrücken wurden beliebt, geradeso wie bei den „Stürmern und Drängern" des 18. und den „Jungdeutschen" des 19. Jahrhunderts. Ueber alles Maß und Geschmack lobten die Leute einander, tauschten sie gegenseitig UnsierblichkeitSpatente und machten sie ihre Widersacher schlecht. Es schien, als sollte von den Geboten der Klassiker nichts mehr Anerkennung verdienen als die Worte OrestS in Göthe's Jphigenie (III, 1): Und lass' dir rathen, habe Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; Komm', folge mir in's dunkle Reich hinab l" (Fortsetzung folgt.) '°) Er schrieb eine »großartige" Broschüre gegen Janssen. Seine bayer. Geschichte „Das neue Bayern", illustr., erschien in Lieserungenin der Süddeutschen Verlagsanstalt in Stuttgart. ") So drückte er sich in einer Kritik aus; ich glaube» es war in der „Gesellschaft". Seine nahen Beziehungen zum Staats- anwalt sind im übrigen bekannt. ") Geboren 1846 zu Gnodstadt in Franken; 1883 von Pariö zurückgekehrt, gründete er 1835 das Leibblatt des Sturmes und Dranges „Die Gesellschaft". ") Außer den älteren Dichtern E. v. Wildenbruch, W- Kirchbach, H. u. I. Hart und den oben schon genannten Dr. Albert Stöckl, Domr«pii»lar und Lyccal- Professor in Eichstätt?) IN Das kleine Pfarrdorf Möhren bei Treuchilingen gab im Mittelalter der Diöcese Eichstätt einen kraftvollen Bischof in der Person des Hildebrand von Mern 1261 bis 1279. Er nahm Theil an der 14. allgemeinen Synode, welche Papst Gregor X. im Jahre 1274 nach Lyon berufen hatte. Auch der hl. Thomas von Aquin war neben dem seraphischen Lehrmeister Bonaventura geladen, doch ereilte den Engel der Schule, wie die Nachwelt den Fürsten der Scholastiker mit Recht nannte, ein allzusrüher Tod auf dem Wege zu« Concile in Fossannova 1274. Um den Gründer und ersten Bischof seines Sprengels zu ehren, erbaute Hildebrand in Eichstätt im Anschlüsse an den Dom eine Grabkapelle, in welche er am 7. Juli 1269 in feierlicher Weise die Gebeine des hl. Willibald übertrug und späterhin zwei Präbenden für zwei Kapläne am St. Willibaldschore, wie die Grabkapelle benannt wurde, stiftete — 1276. Die Kanoniker, deren Zahl allmählig auf acht gestiegen war, sind der Säkularisation zu« Opfer gefallen, aber das imposante Bauwerk deS Westchores erinnert in verjüngter Fassung heute noch an den hochverdienten Htldebrand von Mern. Im 19. Jahrhunderte nun ist aus eben diesem Weltverlornen Dorfe als Sohn des dortigen Lehrers Stöckl ein Mann hervorgegangen, welcher den Faden philosophischer Forschung da wieder anknüpfen sollte, wo daS zweite Concil von Lyon ihn fallen gelassen, welcher die großen Summen des hl. Thomas dem Verständnisse einer durch Kant und Hegel, Schopenhauer und Hartwann irregeleiteten Welt wieder nahebringen sollte. War Albert Stöckl auch nicht Bischof von Eichstätt — für eine andere Diöcese war er einmal ernstlich in Aussicht genommen —, hat er auch kein Monumentalwerk auS Stein zu« ehrenden Gedächtnisse freudigen Schaffens aufgeführt, so hat er doch einen Wissensdom der solidesten Bauweise mit unsäglicher Mühe und unverdrossenem Eifer wieder ausgegraben aus dem berghohen Schutthaufen, den eine undankbare Nachwelt seit der Glaubensspaltung über dieses Meisterwerk philosophischen und theologischen Denkens des dreizehnten Jahrhunderts aufgethürmt hatte. Im Anschlüsse an den hl. Thomas ist Stöckl zum Restaurator einer principienfesten Philosophie geworden, wenn er auch in seinen zahlreichen Werken das historische Moment etwas vernachlässigte. Bei aller Anerkennung Münchnern waren dabei: K. Vleibtreu, der eine Programmschrift herausgab; A. Holz u. I. Schlaf, die Begründer deS extremen deutschen Naturalismus, die Revolutionäre K. Henckcll, M. R. v. Stern und I. H. Mackay (die 5 sind das, waö in der Malerei die Kohl-, Schweine- und Armclcnt-Maler sind); die beiden Juden K. Alberti (eigentlich Sittcnfeld) und H. Bahr, der die Bezeichnung „Die Moderne" (nach „Die Antike" gebildet) erfand und in seiner „Gut. Schule" ein Muster von Dekadcntenthum gab; der Schildcrer des Berliner (jnartier lutiu, O. E. Hartlcben; ferner: C. Flaischlen (der neue Pan-Nedacteur), G. Falke. W. Weigernd, G. Schaum- berg, I. Schaumberger, E. v. Wolzogen, O. Ernst, F. Dörmann, A. Sckinitzler. H. Tovote, K. Busse (geb. 1372), G. Hirschseld (geb. 1873). Von Frauen: N. Croissant-Rust; M. E. Delle Grazie; W- Jani- tschek; K. Schirmacker: B. v. Suttner; E.Noömcr (Frau Dr. Bernstein-München) u. And.. Mit Recht macht Bartels a. a. O- 461 aus das starke ostdeutsche bezw. ostelbische Contingetit unter den .Modernen" aufmerksam. *) Eine Lebensskizze, verfaßt von einem seiner Schüler. Mainz, Kirchbcim 1896 72 S. 372 blieb Stock! zeitlebens ein dcmüthiger Priester, ein. anspruchsloser Mann, der am Abende seines arbeitsamen Lebens all die Früchte seiner schriftstellerischen Thätigkeit jenem Hause hochherzig übergab, das sich zu einem zweiten, umfangreicheren Willibaldsstifte ausgestaltet hat — nämlich dem bischöflichen Dtöcesanseminare in Eichstütt. Zur Jahreswende des seligen Heimganges unseres Stockt hat nunmehr einer seiner zahlreichen Schüler einen frischen Kranz in Form einer kurzen Lebensbeschreibung auf sein Grab mit pietätsvoller Hand niedergelegt. Wir freuen uns, daß dem verdienten Gelehrten ein solch tüchtiger Biograph erstanden ist, der durchaus keinen Grund hatte, seinen Namen mit ziemlich durchsichtiger Anonymität zu verschleiern. Warum sollen denn nicht auch Pfarrer die literarische Arena beschielten? Mit einer Lebendigkeit, mit einer Frische, mit einer Wahrheitsliebe wird uns das Bild des verewigten Lehrers gezeichnet, daß wir am Schlüsse der fesselnden Lektüre gerne bekennen: Ja wahrlich, das ist Stockt, wie er leibte und lebte mit all seinen Vorzügen und Eigenthümlichkeiten, die ihn als Priester und Mensch zierten, die ihn als Professor und Gelehrten auszeichneten! Stöckl verstand es, die lebendige, vor Einseitigkeit und Pedcmtismus schützende Verbindung mit dem Volke aufrecht zu halten, er trat in Vereinen und Wahlversammlungen als Redner auf, schrieb neben streng wissenschaftlichen Werken klar durchdachte, principienfeste Leitartikel für Tagesblätter; trotz seiner Vorliebe für die akademische Lehrtätigkeit verschmähte er es nicht, mit liebevoller Hingabe in der Seelsorge als Prediger, als Beichtvater in Stadt und Land anszuhelfen; nach ernster Arbeit liebte er heiteren Frohsinn und schalkhaften Scherz; im Kreise von Mstbrüdcrn ahnte Niemand in Stöckl den Mann der Gelehrsamkeit. Nun ist er uns entrissen; aber sicherlich jeder Leser der angezeigten Lebenssktzze Stöckls wird sich an seinem Beispiele zu gleicher Berufstreue, zu ähnlicher unermüdlicher Thätigkeit angespornt und begeistert fühlen. Denn Stöckl glaubte nicht, daß durch nutzlose Klagen die Noth der Zeit gehoben werden könnte, sondern er arbeitete rastlos mit den Talenten, die Gott ihm anvertraut, um der christlichen Weltanschauung auf allen Gebieten eine Bahn zu brechen. Möge die junge Garde dem Rufe des verewigten Führers freudig Folge leisten! Ueber das Alter des babylonischen und des biblischen Sintflntberichtes. Von Joh. Bumüller, Stadt-Koplcm in Ncuburg a. D. Die verschiedenen Flutberichte, welche sich unter den Völkern finden, geben seit einer Reihe von Jahren Stoff zu wissenschaftlichen Untersuchungen über die Art der Flut und die Entstehungsweise dieser Berichte. Man ist dabei zu dem Resultat gekommen, daß Flutsagen zwar bei sehr vielen Völkern vorhanden sind, daß sie aber auch in weilen Gebieten gänzlich fehlen, so daß sich die Sintflut wahrscheinlich nicht auf alle Menschen, sondern nur auf einen Theil derselben erstreckt hat — eine Annahme, die noch durch verschiedene andere Gründe unterstützt wird. Auch ist kaum zu lnuguen, daß manche dieser Flutsagen aus biblischer Beeinflussung oder auf örtlichen Ereignissen gründen und mit Unrecht mit dem eigentlichen Sintflut- bericht in Verbindung gebracht worden sind. Dagegen offenbar zuweitgchend ist jene zur Zeit beliebte Ansicht, als wären alle Flutsagen auf einzelne örtliche Ereignisse, wie Durchbruch von Flüssen, Ecdbebenfluten, Sturmfluten, auf dem Festland sich vorfindende Versteinerungen von Mccrcsthieren zurückzuführen, so daß also den Flutsagen kein einzelnes historisches Ereigniß zu Grunde läge und sie eines wirklichen Zusammenhanges entbehrten. Diese Ansicht hat in neuerer Zeit in Franz v. Schwarz mit Recht einen Gegner gefunden, welcher in seinem Werke „Sintflut und Völkerwanderungen" unter anderem die Anficht begründet, daß die Sintflut eine große Katastrophe gewesen, auf welche die meisten Flutsagen zurückzuführen sind. Schwarz weist dabei auch darauf hin, daß, wenn einzelne örtliche Ereignisse im Stande wären, eine so allgemeine Sage hervorzurufen, vor allem Erdbebensagen hätten entstehen müssen, von welchen aber keine Spur vorhanden ist. Es ist nun für die positiv-christliche Anschauung und Bibelauslegung gewiß erfreulich, daß in weiteren — nicht bloß in theologischen — Kreisen die Auffassung der Sintflut als einer einen großen Theil des Menschengeschlechtes heimsuchenden Katastrophe anerkannt und so in den Flutbcrichten der Völker eine Bestätigung des biblischen Berichtes erblickt wird. Allein es wird jetzt versucht, den biblischen Bericht seiner Originalität zu entkleiden und die babylonische Flutsage als die älteste und ursprüngliche hinzustellen, aus welcher der biblische Bericht entlehnt wäre. Zweck und Konsequenz dieser Behauptung sind klar. So lesen wir z. B. im genannten Werke von Schwarz Seite 5: „. . . . ganz abgesehen davon, daß man in diesem Falle (nämlich bei der Ansicht von der Inspiration deS gesammten Inhaltes der Bibel) auch annehmen wüßte, daß auch die Keilinschriften vom heiligen Geiste diktirt worden seien, weil der biblische Bericht ganz offenbar nur eine Nachbildung des viel älteren keilinschriftlichen Sintflutberichtes ist. Allen aufgezählten Schwierigkeiten geht man aus dem Wege, wenn man, wie es wohl für jeden logisch Denkenden ausgemacht ist, annimmt, daß der biblische Bericht eben nichts weiter ist, als einer von den vielen über die Sintflut erhaltenen lokal gefärbten Sintflutberichten, dessen Einzelheiten ebenso wenig vernünftig zu erklären sind . . . ." Allein wie steht es denn mit dem Beweise für die Behauptung von der Priorität des babylonischen Berichtes. Andrer führt uns denselben in seinen „Flutsagen" S. 9 mit folgenden Worten an: „Eine Erzählung ist aus der andern geflossen. Nun ist durch das hohe Alter der babylonischen Erzählung, die mindestens schon 2000 Jahre v. Chr. schriftlich vorhanden war, eine Entlehnung von den Hebräern ausgeschlossen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, baß die Hebräer die Sage schon bei ihrer Auswanderung von Ur in Chaldäa mitgenommen oder erst während des Exils in Babylon kennen gelernt haben." Ich glaube, es ist nicht schwer, die ganze Willkürlich- keit und unwissenschaftliche Oberflächlichkeit eines solchen „Beweises" darzuthun. Der Kern der beiden Berichte ist übereinstimmend. Damit ist aber nicht die einzige Möglichkeit gegeben, daß der babylonische Bericht direkt aus dem jüdischen — oder umgekehrt — hervorgegangen ist. Beide Flutsagen können ja auch von einem gemeinschaftlichen Punkte ausgegangen sein, und es fragt sich nur, welcher Bericht mit der wirklichen Thatsache der Flut übereinstimmt und welcher die ursprüngliche Form durch Ausschmückungen und Zuthaten erweitert hat. Der erstere ist dann identisch mit dem Originalbericht, der zweite aber in seiner sich jetzt darbietenden Form der 673 jüngere. Diese Frage kann nur durch eine kritische Vergleichung der beiden Berichte entschieden werden. Es mag ja sein, daß die schriftliche Fixirung des babylonischen Berichtes eine ältere ist, als diejenige des biblischem Uebrigcns ist nicht außer Acht zu lassen, daß die den Bericht enthaltenden Keilschrifttafeln erst aus dem siebenten Jahrhundert v. Chr. stammen. „Ihr Text jedoch ist zweifellos viel älter und rührt aus einer spätestens 2000 o. Chr. abgefaßten Urkunde her." (Andrer S. 3.) Die Beurtheilung dieses „zweifellos" muß ich genauen Kennern der babylonischen Literalur und Sprache überlassen und einstweilen die Richtigkeit desselben annehmen. Allein wenn auch der biblische Bericht erst viel später schriftlich fixirt wurde, so wäre es gewiß ein ganz unbegründetes Vorgehen, die Zeit der schriftlichen Fixirung mit der Entstehung des Berichtes zu identifiziern. Ich halte vielmehr, besonders auf Grund der scheinbar unmotivirten Wiederholungen im biblischen Berichte, die Annahme für berechtigt, daß derselbe aus zwei verschiedenen, einander ergänzenden, schon längst vorher im jüdischen Volke extstirenden mündlichen oder schriftlichen Flutbcrichten zusammengesetzt ist. Ist dies richtig, so beweist es, daß der biblische Bericht einen viel älteren Ursprung hat als die Zeit seiner jetzigen schriftlichen Formirung; aber auch im andern Falle ist dies möglich und wahrscheinlich. Ich möchte den biblischen Flutbericht in folgende Abschnitte theilen: I. Abschnitt, onx. VI, 5—8; hier wird beschrieben, wie Gott angesichts der Bosheit der „Menschen aus Erden" beschlossen, dieselben zu vernichten. Noe aber findet Gnade vor dem Herrn. II. Abschnitt, VI, 9—22; Geschlecht Nocs; Wiederholung der Thatsache, daß die Menschen verderbt sind; Beschluß Gottes, sie zu vernichten, welchen er Noe mittheilt mit dem Auftrage, eine Arche zu bauen und auch von den Thieren je ein Paar mit sich zu nehmen. III. Abschnitt, onp.-VII, 1—5; Aufforderung Gottes an Noe, in die Arche zu gehen; Wiederholung des Auftrags, daß von den Thieren je ein Paar mitgenommen werden soll, mit der näheren Bestimmung, daß von den reinen d. h. opferfähigen Thieren je sieben Paare aufzunehmen sind. IV. Abschnitt, von errp. VII, L an, mit Ausnahme von cap. VIII, 20—22; Noe geht in die Arche; zweimalige Erzählung, daß von den Thieren je ein Paar mit hineinging; Verlauf der Flut; Bund des Herrn mit Noe und seinen Nachkommen, welcher schon im II. Abschnitt in AuSsicht gestellt worden war. Woher nun die vielen Wiederholungen? Dieselben lassen sich wohl am besten so erklären: Der I. und III. Abschnitt gehören zusammen und sind Theile eines Flutberichtcs, in welchem Gott stets mit dem Namen Jahvc bezeichnet wird. Um aber über die Arche näheren Aufschluß zu geben, so ist der Theil einer zweiten jüdischen Ueberlieferung, welche die erste theilweise ergänzt, als II. Abschnitt eingeschoben worden, und zwar unverkürzt, so daß sich in ihm Wiederholungen auS dem I. Abschnitte und dann im III. solche aus dem II. finden. In dieser zweiten Ueberlieferung ist der Name für Gott Elohim. Von enp. VII, 6 an wird dann der Name Elohim gebraucht, mit Ausnahme von VII, 16, wo sich beide Namen neben einander finden, und VIII, 20—21. Es ist also hier vorwiegend der zweite.Bericht gebraucht und der erste nur zu kleineren Ergänzungen benützt. Auch einige Wiederholungen weisen auf den Gebrauch des ersten hin, wenn nicht der zweite selbst wieder aus verschiedenen israelitischen Volksüber- lieferungen zusammengesetzt ist. Von diesen beiden Ueberlieferungen war vielleicht die erste im Besitze der Priester, resp. der Acltesten des Volkes, denn sie benützt den präciseren und heiligeren Namen Jahve, der von den Juden so hoch gehalten wurde, daß sie ihn, wenigstens in späteren Zeiten, gar nicht aussprachen. Diese Ansicht wird dadurch unterstützt, daß allein im dritten Abschnitte, wo eben der Name Jahve gebraucht wird, von den reinen Thieren, d. h. von den Opferthicren, die Rede ist, daß ferner VIII, 20—21, wo wir wieder den Namen Jahve antreffen, gerade von dem Opfer nach der Sintflut berichtet wird. Der heilige Name Jahve und die Beziehungen zum Opfer lassen daraus schließen, daß diese Ueberlieferung sich unter den Priestern fortgeerbt bar. In der zweiten Ueberlieferung wird dagegen der allgemeinere Name für Gott, nämlich Elohim, benützt, und in ihm ist nur von den Thieren überhaupt, nicht von den Opfer- thieren die Rede, waS im Gegensatz zur ersten auf Volks- überlicferung hinweist. So ist wohl anzunehmen, daß MoseS im Allgemeinen die unter dem Volk selbst kur- sirenden Ueberlieferungen benützte, diese aber vielleicht corrigirt und jedenfalls ergänzt hat durch die unter den Priestern und Aeltcsten fortgeerbte Ueberlieferung. (Schluß folgt.) - Upsala, Schwedens erste Universitätsstadt?) Von Or. P. Wittmnn». Nach einer von zahlreichen Schriftstellern des früheren Mittelalters überlieferten, in Chroniken und Volksliedern noch fortlebenden Sage soll die Wiege der germanischen Stämme in Skandinavien gestanden haben und. deren strahlenförmige Verbreitung über das europäische Festland durch wachsende VolkSmeng: hervorgerufen sein. Beweiskräftig hiefür scheint nicht allein der Umstand, daß die Macht der schwedischen Ober-Könige in einer nördlichen Provinz (Upland) wurzelte, sondern daß auch der Odinscnlt hier seinen Hanpisitz, seinen bedeutendsten Tempel hatte. Würde eine Einwanderung von Süden nach Norden erfolgt sein, so wäre diese Erscheinung kaum zu erklären. Ein abschließendes Urtheil läßt sich freilich deßhalb noch immer nicht fällen. Nur soviel steht fest, daß die sog. „Upsvear" schon im grauen Alterthume die herrschende Stellung einnahmen, ihre Haupistadt Aros oder Upsala aber lange Residenz der Fürsten und der wichtigste Platz des ganzen Reiches gewesen ist. Sie wird schon im neunten Jahrhundert erwähnt. Erik der Heilige erlitt daselbst unter den Schwertern heidnischer Feinde den Martertod (1160). Mit der Würde des Bischofs von Upsala war seit 1164 der Primat verknüpft. St. Eriks Gebeine zogen Schaaren von Wallfahrern an. Das Kirchengut mehrte sich; Macht und Reichthum des Stiftes wuchsen Zusehends. Unter solchen Verhältnissen begann man (1260) nach dem Plane des Franzosen Vonneuil den Bau der ehrwürdigen Kathedrale, die zwar im Laufe der Jahr- *) Von Schriften, welche ich zu dieser Skizze bcizog, seien hier genannt: 1) -LvoriZos bistoria kenn äldsia i n! till virrer äoK'nr.r 6 Bde. (1877 sf.) — 2) Stysfc, -8bnne!innv!on nnäsr nnionstidsn.- (!880.) — 3) Schück, -Lvcwdb lilre-ra- tnichisr.m'ia. (1890.) Band I. — 4) Warbera, -8vonsl. !it- tkratmliistoiia i .-aminnnclrnA.« (1888.) — ö) A nner stcbt, -Upsala universiters liistorla.- (1877.) — 6) Aiiucrstcdt, -Upsala nuiversiteisblbliotoles lüswria.- (1894.) — 7) Witt- in an n, „Würzburger Bücher in der schweb. Ilniv.-Bidlielhek zu Upsala." (1891) — 8) WiHinann, f.Jiibrer d. Schweden." (1893.) 374 Hunderte mehrfache Schäden erlitt, in jüngster Zeit aber nach Zetterwalls Plänen einer durchgreifenden Reparatur unterzogen wurde. Mit ihren steil emporstrebenden Thürmen, den massigen Strebepfeilern und schlanken Fialen bietet der Dom ein überwältigendes Bild. Auch daS Innere wirkt machtvoll auf den Beschauer: hohe und weite Gewölbe auf Säulenbündeln von grauem Sandstein, ein imposanter Hauvtaltar, Grabchöre mit Denkmälern hervorragender Männer; in der Sakristei zahlreiche Ueberreste der katholischen Vergangenheit. Die Reliquien des hl. Erik ruhen in silbernem, kunstvollem Schreine. Schon im 14. Jahrhundert war mit dem Domcapitel eine Schule verbunden, an der auch Laien Unterricht erhalten konnten. Bald trat man dem Gedanken näher, dieselbe zu einer »Universität zu erweitern. Doch blieben bezügliche Synodalbeschlüsse trotz warmer Unterstützung von Seiten der Könige, namentlich Christoph des Bayern, zunächst erfolglos. Erst dem gelehrten und eifrigen Bischof Ulfffon gelang es, seinem Vaterland die angestrebte eigene Hochschule zu verschaffen. Die betreffende Bulle deS Papstes SixtuS IV. vom 28. Februar 1477 erhielt unterm 2. Juli dess. Js. Bestätigung des damaligen NeichsvorsteherS Sten Sture. Am 7. Oktober wurden die Vorlesungen „Gott zu Lob, der Christenheit und dem Schwedenvolt zur Freude" eröffnet. Als Professoren fungirten zunächst die Kanoniker des Stifts, darunter der als GeschichtSschreiber bekannte ErtcuS Olai (-s- 1486). Das Birgittinerkloster Wad- stena lieferte gleichfalls Lehrkräfte; unter ihnen zeichnete sich k. Petrus als gründlicher Kenner der Mathematik und Astronomie aus. Indeß fehlten der jungen Anstalt genügende Dotation und paffende Räumlichkeiten. Auch scheinen nur zwei Fakultäten, die theologische und juristische, vorhanden gewesen zu sein. Man liest deßhalb nirgends etwas von Doctorpromotionen. Die schwedischen Jünglinge pflegten vielmehr wie ehedem, so auch jetzt ihre Studien an auswärtige» Akademien (Paris, Köln, Prag rc.) zum Abschluß zu bringen. Mit Bischof Ulsssons Tod war der vorläufige Untergang seiner Schöpfung besiegelt, zumal die damals eindringende Häresie die Scholastik aufs bitterste bekämpfte, Gustav I. Was« aber kein Verständniß für die Wissenschaft hatte. Seinen Bedarf an weltlichen Räthen wie an Prädikanten lutherischer Gesinnung deckten Witteuberg, Rostock, Greifswald. Erst Erik XIV. interessirte sich wieder für Upsala. Er suchte die Fakultäten herzustellen und schuf neue Lehrstühle. Laurentius Petrus Gothus, von den Zeitgenossen als »iostauratvr eollaxsas aca- äsmiav" gepriesen, unterstützte ihn bet Ausführung des Werkes. Leider äußerten die unter Johann III. entbrannten liturgischen Streitigkeiten neuerdings sehr schädlichen Einfluß auf die Entwicklung der Hochschule. Unter den Professoren herrschte Zwist und Uneinigkeit; selbst die Hörer pflegten dabei Partei zu ergreifen. Endlich kam es sogar zu blutigen Schlägereien. * * * Mit Gustav II. Adolf begann für die Universität Upsala eine neue, bessere Zeit. In Erkenntniß der hohen Bedeutung echt nationaler Ausbildung drang er darauf, daß auch der schwedischen Sprache Aufmerksamkeit und Pflege gewidmet werde. Er war es ferner, der durch Ueberweisung zahlreicher Höfe, Mühlen und Sägewerke in Upland und Westmanland der Hochschule dir ihr bisher mangelnde reale Grundlage verlieh und durch Privilegicnertheilung jeder Art ihr neue Mitglieder zuführte. Zu den theologischen Lehrstühlen traten bald mehrere neue für andere Disciplinen. Die durch Skytte und Oxenstjerna (1626) ausgearbeiteten Konstitutionen ermöglichten ein reicheres, wissenschaftlicheres Leben. Von den achtzehn Professoren waren hinfort zwei Juristen, zwei Mediziner, drei Mathematiker; letztere hatten zugleich Geometrie, Architektur nebst Fortifikation zu dociren. Philologie und Theologie wurden getrennt; der Lehrer des Hebräischen mußte in den vorderasiatischen Sprachen unterrichten. Außerdem gab eS Katheder für Geschichte, Staatswissenschaft und Poesie. Als Attribut der Hochschule entstanden eine akademische Druckerei und Buchhandlung, bald auch (13. April 1620) die jetzt so berühmte Bibliothek. Die Bücherei des ehemaligen Domeapitels, sowie der trotz aller Stürme der „Reformation" noch vorhandene Nest ehemaliger Klosterbibliotheken bildeten den Grundstock. Bedeutenden Zuwachs erhielt die Sammlung durch schenkungsweise Zu- Wendung von Kriegsbeute. So überließ ihr Gustav II. Adolf die Impressa und Manuskripte deS Jesuiten- collegiums Braunsberg und (1631) die bischöflich würz- burgische Hof- und Universitätsbibliothek, welche bei Erstürmung des Marienberges den Schweden in die Hände gefallen war. Eine sehr bedeutende Mehrung — darunter den cväex urZentsus, das einzige Denkmal altgothischer Sprache — konnte die Anstalt (1669) dank der patriotischen Gesinnung des Grafen MagnuS Gabriel de la Gardie verzeichnen. Der einzige Mißstand, welcher die gedeihliche Entwicklung hemmte, war Raummangel. Um diesem einigermaßen abzuhelfen, verfügte das Konsistorium die Versteigerung einer beträchtlichen Zahl mittelalterlicher Handschriften. Dieser Akt brutaler Ignoranz verursachte leider unersetzlichen Schaden und läßt es erklärlich scheinen, weß- halb nur Codices des Birgittinerklosters Wadstena sich in größerer Zahl (326) erhalten haben, die übrigen Konvente dagegen ausnehmend schwach vertreten sind. Auf Befehl Karls XIV. Johann entstand (1819 bis 1841) das Gebäude, in welchem die Schätze der Bibliothek gegenwärtig untergebracht sind. Nüchtern in der äußeren Form, schließt dasselbe hohe weite Säle ein und gestattet in all seinen Partien der Luft und dem Licht freien Zutritt. Die innere Ausstattung ist zweckentsprechend, theil- weise — namentlich im Lesezimmer — comfortabel, ja elegant. Der Leiter der Anstalt, Dr. Claes Annerstedt, auch als Historiker bedeutend, wirkt mit aufopferndem Fleiß für Vergrößerung, Katalogifirung und Nutzbarmachung derselben; sie zählt nunmehr circa 300,000 Bände nebst 8000 Handschriften und wird an Umfang nur von einer schwedischen Bücherei, der Riksbibliotek zu Stockholm, übertreffen. Um auf die Universität als solche zurückzukommen, so mußte sich dieselbe lange mit dem alterihümlichen Skyt- teanum und unschönen Gustaviannm begnügen. Desto großartiger ist der in den Jahren 1881 bis 1887 nach Plänen H. T. HolmgrenS ausgeführte Neubau. Im Renaissancestil gehalten, hat er eine Länge von 40 Meter bei 18 Meter Tiefe. Die Höhe beträgt 30 Meter. Als Material verwandte man Sandsteine und bunte Ziegel; die Fensterpfeiler bestehen aus geschliffenem Granit. Die prächtige Eingangshalle erhält ihre Beleuchtung von oben. Die Fliesen find aus Schiefermosaik zusammengesetzt, Treppen und Säulen aus grünem Marmor gefertigt. 37L An Annexen besitzt die Hochschule ein Krankenhaus, chemisches Laboratorium, Observatorium, sowie einen ausgedehnten botanischen Garten mit musterhaften Gewächshäusern. Unter den Professoren, welche im Laufe der letzten drei Jahrhunderte in Upsala wirkten, haben einige Weltruf erlangt. So zeichneten sich Messenius (157S bis 1636) und Olof Rudbeck (1630—1702) durch ungewöhnliche Vielseitigkeit aus. Geifer (1783 —1847) nimmt als Geschichtsfchreiber seines Volkes, Scheele als Naturforscher eine geachtete Stelle ein. Doch weit werden diese Männer überragt von einem Geistesriesen, dessen Name keinem Gebildeten fremd ist, von Karl Linus (1707—1778), dem Vater der Botanik, dem Schöpfer einer völlig neuen empirischen Wissenschaft. Die 122 akademischen Lehrer der Gegenwart reihen sich ihren Vorgängern würdig an. Die Anzahl der Studirenden belauft sich auf 1500, darunter beiläufig 30 Damen, meist Hörerinnen der philosophischen und medicinischen Disciplinen. * Der schwedische Student unterscheidet sich wesentlich von seinem deutschen College» — die Leicht- lebigkeit ausgenommen. Er betreibt zwar Gymnastik mit Leidenschaft, lernt auch meist fechten; doch find Mensuren unbekannt. Die bunte Vielfarbigkeit deutscher Corporationen sucht man in Upsala vergebens. Jeder akademische Bürger trägt vielmehr die gleiche Mütze: weiß mit breitem, blauem Samwtband und der National- kokarde. Auch gibt eS weder Burschenschaften noch Corps. ES rührt dies daher, daß die neu Jmwatrikulirten gehalten sind, bei ihrer „Nation" d. h. jenem Theile der Studentenschaft einzuspringen, dem ihre Landsleute im engsten Sinne des Wortes angehören. Diese „Landsmannschaften" haben die Rechte juristischer Personen und können mit Legaten bedacht werden. Sie stehen unter Leitung und Aufsicht von Professoren, besitzen ihre eigenen Häuser und bisweilen namhaftes Vermögen. Das Kapital der Gesammtheit beträgt 523,000 Kronen. Baden, Rudern, Schlittschuhlaufen, Spielen und Trinken bilden ein Hauptvergnügen der Jünger der Wissenschaft, die hier weniger dem Btergenuß huldigen, aber desto stärker in Konsumtion von Wein und Spiritussen sind. Gesang ist allenthalben beliebt und geübt; die Nationen setzen ihren Stolz darein, sich bei musikalischen Productionen zu überbieten. In Bezug auf Lage und Natur ist Upsala weit stiefmütterlicher bedacht, als die meisten deutschen Universitätsstädte. Die Umgegend bietet wenig Reiz; ein flaches, monotones, nur hin und wieder von kleineren Waldparzellen unterbrochenes Acker- und WieSgelände, vom trägen Fyris durchströmt, der unterhalb der Stadt, die er in zwei Hälften theilt, schiffbar wird und seine gelben Gewässer dem Mälarbecken zuführt. Sein linkes Ufer ist erst seit einigen Decennien stärker besiedelt. Da sehen wir den Bahnhof, die Tonhalle, das Schauspielhaus; die oben erwähnten Monumentalbauten: Dom, Universität, Bibliothek, Wasaschloß, liegen auf Hügeln, welche dem rechten Ufer entlang sich ausdehnen. Hier sind auch die Vergnügungsplätze Odinslund, Karlspark und Strömparterren zu suchen, von denen namentlich der letztgenannte stark besucht wird. An lohnenden Ausflügen fehlt es nicht. Dampfboote vermitteln den Verkehr mit dem an Naturschönheiten so reichen Mälarsee und seinen Küstenplätzen; mittelst der Bahn läßt sich die Rrfidcnz in 1*/z Stunden erreichen. Die Civilbevölkerung Upsala'S dürfte 20,000 Seelen kaum übersteigen. Industrie und Gewerbe halten sich in engen Schranken, auch der Handel zeigt kein rechtes Leben. Die meisten Bürger sind eben auf Professoren und Studenten angewiesen. Die »alwg. wnter", diese Schöpfung deL katholischen Mittelalters, verleiht der Stadt noch heute ihr Gedeihen und Gepräge; ohne die Universität müßte sie verkümmern. Recensionen und Notizen. Jahrbuch für Philosophie und speculative Theologie. Herausgegeben von Professor vr. Ernst Comnrer in Breslau. Paderborn 1896. Schöningh. XI. Bd. 2. Heft. Inhalt: I. Die angebliche Mcumelhaftigkeit der aristotelstchen Gotteslehre. 1. Art. Von Rektor vr. Eugen Rolses. II. Des Kardinals P. PszmLny Physik. Von Kanonikus vr. M. Gloßner. III. Die Neu-Thomisten. (Fortsetzung.) Von k. Llsx. Itieol. Gundisalv Feldner. vrä. vrseä. IV. Die unbefleckte Empfängniß der Gottesmutter und der hl. Thomas. (Forts.) Von ?. Josephus a Leoniffa, 0. LI. Os.p- V. Zur Fixirung der Probabilis- musfragc. Von Professor I. L. Jansen, 0. 88. Iloä. VI. Die Grenzen der Staatsgewalt, mit besonderer Rücksicht auf das staatliche Strafrecht. (Forts.) Von Vr. jsr. Raymund Zastiera, Orä. krssä. VII. Die Grundprincipien des hl. Thomas von Aauin und der moderne Socialismus. (Forts.) 8. Die Kirche und die Freiheit. Von vr. C. M. Schneider. VIII. Der Herbartianismus und seine Vertheidigung durch O. Flügel. Eine Replik. Von vr. M. Gloßner. IX. 6 Litterarische Besprechungen u. s. w. 8. Ikomss st äoetrws prsemotionis pbMsss ssu rsspvnsio sä R. v. 8obnssmsnn 8. I. sliosgus äoetrinss sebolsv tbomietiess iwpugustorss ssetoro V.V. ^..Ll. vummsr- mot,b, Orä. krseä. cte. Vei. 8", pgg. IV, 759. vekensio Vootrivss 8. Iboioss Lg. äs prsemoticmv pbxsics ssu responsio sä R. k V. Urins 8. I. soetors k. V. LI. v online rmutd, 0. ?., 8. Ibeol. Llsx. et in Ooll. Vovsniensi sjusä. Oräinis 8tnä. lieg. Isr. 8°. xsx. VI, 43b. ätz Seit Erscheinen des berühmten päpstlichen Rundschreibens ,-Leterni vstris" vom 4. Aug. 1879 bemühen sich die Neu-Molinisten mit aller Gewalt, sich als die ge- treuesten Schüler des hl. Thomas von Äguin hinzustellen. Sie gehen sogar so weit, daß sie der Thomisten-Schule den Vorwurf machen, diese hätte in Bezug auf die Frage von der Mitwirkung Gottes auf die Thätiglest der Geschöpfe. besonders der freien, die Lehre des hl. Thomas ganz und gar verlassen, nur sie selber folgten darin allein der echten Lehre des Aqninaten. In vielerlei Zeitschriften, Broschüren und dgl. suchten sie dies nachzuweisen, und zwar derart, daß weniger genau unterrichtete Leser leicht rn die Irre geführt werden konnten. Unter diesen moli- nistischen Schriften nun sind die bedeutenderen ?. Schnee- mann's: „Oovtroversisrrnn äs äivinse grstiss tiberigus srbitrii concoräis initis st progressns", und I. Frins': „8. Ikaruse prssäeterminstionis pkvsicss sä omnew sotionsw erestsm sävsrssrius." Letzteres wurde, wie im Jahre 1894 in den Laacher Stimmen und in der Passauer Monatsschrift, noch jüngst in der Linzer Quartalschrift (Heft iv, S. 892 ff.) als ein hochbcdcntsames und für das Studium der behandelten Frage sehr maßgebendes bezeichnet und empfohlen, v. Frins schrieb fein Werk gegen k. Dummermutb, und zwar gegen dessen oben sub 1) angeführtes Werk, dasselbe zu entkräften. In diesem Werke hatte I. Tummermuth in eingehendster Weise die wahre Anschauung des hl. Thomas und der älteren wie neueren Thomisten in unserer Frage dargelegt und gründlich deren volle Uebereinstimmung nachgewiesen. Ein gewiß kompetenter Kritiker, Pros. Morgott in Eichstätt (früher selbst Molinist), spricht sich über dieses Werk im Literarischen Handweiser 1887 Nr. 424 f. eingehend aus und schließt mit folgenden Worten sein Referat: „v. Dummermuth's Werk überragt w eit alle anderen Schriften, welche seit dem Wiedcrcrwachen der tlwmistisch-molinistischen Kontroverse auf thomistischer Seite erschienen sind, und verdient vollauf in der speziellen Frage, welche es behandelt, den Ausführungen V. Schneemann's und seiner Meiuuugsfreundc gegenüber gehört zu werden. Der Verfasser verbindet mit einer gründlichen Kenntniß des h l. Thomas und seiner Schule eine sehr bedeutende spekulative Kraft und große dialektische Gewandtheit. Die Darstellung ist klar und frisch, die Sprache fließend und gewählt, die Polemik scharf und schlagend, aber durchweg objektiv und maßvoll — würdig des großen Meisters, dessen Erklärung und Vertheidigung sie gilt. Den bleibenden sachlichen Werth des Buches fassen wir in das empfehlende Urtheil der officiellen Ordenscensoren, das es an der Stirne trägt: ,,Vsram ac 8olidrun 8. Uromas ^uAvlici no8tri llraeceptorst doetrinam üdslitsr oxpro88am ndiqns rcperimus; atqno all vindicandam osuodom 8. voetoris 8cirolam a rocentiornm aKore88ionidu8 (opus) apprimo idonoum sudicavimas." Sechs volle Jahre nach Erscheinen dieses Dunnnermuth'schen Werkes, Anfang des Jahres 1893, ließ k. Frins sein oben genanntes Werk erscheinen als Vertheidigung Schneemann's, der im Jahre 1885 gestorben, gegen Dummer- muth. Die Darlegungen des Verfassers (Frins) werden vom Kritiker in der Linzer Quartalschrift angepriesen als ein hervorragender Beweis für seine umfassende Erudition und seinen großen Scharfsinn, der Inhalt des Buches als reich und durchaus solid, als nothwendiges Korrektiv des Dummermuth'schen (1) Werkes, als ein Werk ausgezeichnet durch Tiefe und Gründlichkeit in Erfassung der behandelten Frage, durch Reichhaltigkeit des erbrachten Matcriales und durch Scharfsinn und Gewandtheit in Führung der Polemik, in der vorwürfigen Frage von maßgebender Bedeutung und klassischem Werthe. Allerdings dürften wir der langen Zeit wegen, welche Frins zur Herstellung seiner Widerlegung brauchte, etwas recht Gediegenes erwarten. Aber wie wenig dies der Fall ist, zeigt die gebührende Beachtung, welche dem Buche seitens der Gegner geschenkt wurde. Gleich nach Erscheinen wurde die ganze Oberflächlichkeit des Buches, die Unkenntnis; des Verfassers mit der alten, aristotelisch- thomistischen Philosophie, seine vielen Textverdrehnngen u. Unwahrheiten in Darlegung der Lehre des hl. Thomas u. der Thomisten und dergleichen offen bloßgelcgt von der Revue Thomiste, sowie vom Commer'schen Jahrbuch (Artikel: ,Meu-Thomisten", welcher noch immer fortgesetzt wird). Nach kaum 2 Jahren gab i>. Dummermnth eingehende Antwort in dem sub 2) oben genannten und in Nr. 37 der Beilage kurz besprochenen Werke. Dasselbe zerfällt, wie das gegnerische Buch, in 7 8setiono8. Die 8oetio I a handelt von den Belobigungen, welche der Thomistenschule von den Päpsten zuerkannt wurden. Die Abschwächung und Entstellung derselben seitens der Gegner werden dabei trefflich beleuchtet. In der 8aetio II a wird der Frage- punkt auseinandergesetzt; insbesondere dabei sowohl die wahre (nicht unterschobene) Lehre der Thomisten dargelegt, wie die Meinung der unter sich durchaus uneinigen Moli- nisten. In der Leetio lila wird eingehendst gezeigt, daß der hl. Thomas an mehreren Stellen die praodotorminatio (xraemotio) plrz'eiea gelehrt, so 3. Bot. a 7; 1. g. 19, a. 3; g. 23, a. 1; q. 80, a 2; g. 83. a. I ad. 2 gt. 3; g. 105, a. 5; 1. 2. g. 10, a 4; 3 e 6. cp. 70, 88 — 94 incl.; 6omp. Ideolog. ep. 129; 3. ülal. a. 3; ü. Vor. a. 5, ad 1. dagegen die molinistische Meinung verworfen hat. Der Versass er geht dann dazu über, nachzuweisen, daß die Behauptung durchaus falsch sei, St. Thomas habe direkt (8eorio IVa) und indirekt (8sotio Va) die prasdotorminatio pilZ'mcades freien Willens geleugnet. Bei dieser Gelegenheit werden die von 9. Frins aus verschiedenen Stellen der Werke des Aquinaten vorgebrachten Zweifel gelöst, die gemachten Eimöürfe widerlegt, die falschen Auslegungen berichtigt. Leetio VI a bringt die Lehre der alten Thomistenschule in unserer Frage und den unzweideutigen Nachweis ihrer vollen Uebereinstimmung mit der Lehre der heutigen Thomisten. 8eotio VII a, behandelt Ursprung, Alter und Ursachen des Thomismus. Die immer wieder neu aufgetischte Fabel, Bannez sei der Erfinder der praomotio piiz-siea, und die neueren Thomisten müßten nur mehr Banncsiancr genannt werden, wird durch die Anssprüche i auch mancher alten Anhänger Molinas gründlich abge- > fertigt. Trotz aller phrasenhaften Anpreisungen des Frins'- schen Buches stehen wir nicht an, die Frage, ob St. Thomas die praemotio plrz-oioa gelehrt habe, von k. Dum- mermnth im bejahenden Sinne als unzweifelhaft gelöst zu betrachten. Mit vollem Rechte schreibt letzterer im Vorworte zu seiner Antwort auf V Frins: >liste st sicnti oportsd paoato st t.ranquillo animo oxpendi siugula qnas k. k. Vriii8 in 8>ro opsro oovK688it. Invsni autsm quasoumqns a ms in ro8po»8iono all V. 8o!insomann nllata suut, nou 8olmn 8olii1i88iinc> niti Inndamsuto, 8sd 6t Maxime eonürmari sx modo 8ingutari quo L. V Vrius dootrinam meam impuKiravst. Osinds in omnibns tsgtimonüs pogitivis 6t no^ntivi8, dirsotst st indirsotie a 11. katrs alleKatig, nso vorbulnm quidem doprslrsndi quod ZloliniZdia kavsat; contra, iinrnmsra ropsrii grins Zlolinistis pninm ndversantur. 8tnclluin msmn Isetori subsioio. Hand <1ubis meenw oonoludet, Dlro- mistns 6886, LMiuanos 8. lllromns disoipnloe, 6t vsros doetrinas TtnAslioi Ooctoris 8eetntors8, ut 608 8nnuni llontllioo8 vocant.; Llolinintas vsro 6886 mnnitsotos dootrinas 8. Mromne ndvor- snrios.- Das Urtheil der officiellen Ordenscensoren über diese Antwort lautet dahin; -Illud (opno) di»nnm plane z'udieavimue nr tzgiis urnndstnr, ntpots 8. Mromns eju8qus Lobolas doetriiias einosrs iokeren3, on8quas a persArinis rsoeu- tiorum qnorumdnm interprotationibu8 exrsAis vindieano.r — Professor Morgott sagt im oben bereits angeführten Heft IV der Linzer Quartalschrift S. 904: „Den seit Suarez oft erneuerten Versuch, den heil. Thomas zum Molinisten zu machen, halten mir, wie Molina selbst und seilte ersten Schüler: Kardinal Toletns, Percrius n. a., für ein vergebliches Bemühen." Sapienti ent! Der Odd-Fclloiv-Orden lind das Decret der Kongregation der Inquisition vom 20. August 1894. Von Hildebrand Gerber. 60 S. Preis 80 Pfg. Berlag der Germania, Berlin. Der Verfasser ist durch seine früheren Arbeiten „Sckwindlcr und Beschwindelte" und „Die Freimaurerei und die öffentliche Ordnung", sowie dadurch, daß er den ersten Anlaß gab zur Ansteckung des Margiotta-Vaughan-Sckwindcls, als gründlicher Kenner der Freimaurerei bei Feinden und Freunden derselben in den weitesten Kreisen bekannt. — In der obigen Schrift wird die Geschichte, Organisation und Statistik, Zweck, Bestrebungen und religiöser Standpunkt des Ood-Fcllow-OrdcnS auf Grund bester Quellen einer gründlichen objectiven Besprechung unterzogen. Auch die Tragweite der den Odd-Fellow-Orden betreffenden kirchlichen Bestimmungen wird erörtert. Neuere, auf Ammenmärchen beruhende, Angriffe französischer Antürcimaurcr aus den Orden werden zurückgewiesen. Die Schrift Gerbers überragt mit Hinsicht auf Genauigkeit und Reichhaltigkeit der in ihr gebotenen Aufschlüsse weit alle bisher herausgegebenen kleineren Schriften über denselben Gegenstand. Dieselbe kann daher nicht bloß den Katholiken, sondern auch Nicktkatholiken und selbst Freimaurern und Odo-Fellows aufs Angelegentlichste empfohlen werden. Stimmen aus Maria-Laach. Katholische Blätter. Jahrgang 1896. Zehn Hefte M. 10.80 (oder zwei Bände s M. 5.40). — Freiburg im BreiSgau. Herdcr'sche Verlagshandlung. Durch die Post und den Buchhandel. Inhalt des 8. HeftcS: Die Einheit der Kirche nach dem päpstlichen Rundschreiben 8at.i8 ooßpntum vom 29. Juni 1896. (E. Lingcns 8. I.) — Die geistliche OrtSscbulaussicbt in Preußen. (V. Cathrcin 8. ck.) — Der Orden Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit. I. (C. A. Kneller 8. ck.) — Hundert Jahre Polarforschnng. II. (I. Sckwarz 8.1.) — Die Kirchenbauten Englands im 11. und 12. Jahrhundert. II. (I. Braun 8. ,1.) — Recensionen: Probst, Die abendländische Messe (St. Beiffel 3.1.); Kots. Oonoilii 6ou8tanoivn8i8. I. Bd. Herausg. von Finke (O. Pfülf 8.1.); Schüch-Grimmich, Handbuch der Pastoral-Lheologic (A. Lehmkuhl 8. I.); Spillmann. Ein Opfer des Beichtgeheimnisses (W. Krcitcn 8. ll.). -- Em- psehlenSwertbe Schriften. — Misccllen: DieKrönungs- scicr des Winterkönigs; Eine heilsame Ernüchterung des Göthe- CultuS in England; Die neue Kolonie für Epileptische im Staate New-Aork; Von Antwerpen nach Rom im Jahre 1653. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.