Hi'» 50. Ein Apostel der Charitas. 6. — Am 12. November nahm die Gruft des Schlosses Louville bei Chartres die irdische Hülle eines Mannes auf, über dessen frühen Hingang das ganze katholische Frankreich trauert. Msgr. d'Hu Ist, Hausprülat S. H.» Tttular-Generalvikar der Pariser Erzdiöcese, Rector der Katholischen Universität in Paris, Abgeordneter des Wahlkreises Brest, ist am 6. dS. in der Vollkraft des Lebens einem heimtückischen Uebel erlegen. Die Tragweite dieses Ereignisses läßt sich am besten aus den Worten des Heiligen Vaters erschließen, der beim Eintreffen der Trauerbotschaft ausrief: „Das ist ein Verlust, ein großer Verlust für die Kirche in Frankreich!" Die katholische Presse Frankreichs und Italiens schildert denn auch in langen Spalten den Edelmann durch Geburt und That. Auch uns demschen Katholiken kann die Skizze des Lebens und der Wirksamkeit eines der bedeutendsten Priester des französische» Klerus nur zur Erbauung und Ermunterung dienen. Wir entnehmen die folgenden Angaben hauptsächlich den ausführlichen Berichten der Pariser „Croix". Maurice Le Sage d'Hauteroche d'Hulst war geboren am 10. Oktober 1841 zu Paris. Mütterlicherseits gehörte er zur erlauchten Familie Grimoard du Roure, einer der ältesten der Cevennen, die schon vor einem halben Jahrtausend der Kirche den heilig- mäßigen Papst Urban V. geschenkt hatte. Seine Mutter war es auch, die dem kleinen Maurice die erste Verehrung für den vorletzten Papst von Avignon einflößte, was auf die ganze Lebensthätigkeit des Grafen d'Hulst bestimmend wirkte. Von einem Hauslehrer in den Anfangsgründen unterrichtet, bezog Maurice das Gymnasium St.-Stanislas zu Paris, wo er im Alter von 18 Jahren die klassischen Studien und exakten Wissenschaften mit Auszeichnung absolvirte. Geburt, Vermögen und Geistesgaben ließen ihm nun jede Laufbahn offen. Er aber hatte längst den besten Theil erwählt und trat darum ohne Zaudern ins Priesterseminar von St.-Sulpice ein. Nachdem er dort fünf Jahre lang Philosophie und Theologie studirt hatte, begab er sich auf zwei weitere Jahre nach Nom, um seine theologischen und besonders kirchenrechtlichen Kenntnisse zu vervollkommnen. Als Doctor der Theologie und des kanonischen Rechtes kehrte er 1865 in seine Vaterstadt zurück. Zum Priester geweiht, wirkte er Jahre lang als Vikar der Pfarrei St.-Ambroise, welcher damals der jetzige Erzüischof von Reims, Cardinal Langönieux, vorstand. Es liegt diese Pfarrei in einer der dichtbevölkertsten Arbeitervorstädte. Dem jungen Priester lag nur mehr -das geistige wie leibliche Wohl der armen Arbeiter am Herzen; um ihr Elend zu mildern, scheute er kein Opfer. Der folgende Zug laßt uns feinen Eifer erkennen, >öen keine Schwierigkeit abschrecken konnte. Um die Mittel zur Gründung eines Arbeiterheims auszubringen, ging er sammeln wie ein Klosterbruder. Eine reiche Dame, deren Adresse er erhalten, empfing ihn kalt, gab ihm 20 Fr. und verabschiedete ihn mit den wenig liebenswürdigen Worten: „Vielleicht handle ich aber verkehrt. Ich kenne Sie ja nicht; zwar tragen Sie das geistliche Gewand, aber es gibt so viele, die sich verkleiden!" Der Vikar ließ sich durch solche Auftritte nicht entmnrhigen und hatte in wenigen Tagen die nothwendigen Gelder beisammen. Im Jahre 1868 gründete er in der Nue de la Folie-Möricourt eine theoretisch-praktische Industrieschule, deren Einrichtung er aus eigenen Mitteln be- stritt; mit der Schule war ein Internat verbunden, das er mit Abbß Courtade leitete. Ein ehemaliger Zögling erzählt darüber im Univers: „Wir beteten unsern Director au. Er war wie ein Vater gegen uns. Stets heitep, hatte er bei einem reichen Schatz von Wissen auch die Gabe, uns durch seine anmuthige und belehrende Erzählungsart für alles zu interessircn. In der Freizeit betheiligte er sich an unsern Spielen. Seine Mildthätigkeit aber war unerschöpflich. Unsere größte Freude war es, ihn begleiten zu dürfen, wenn er die Armen besuchte; da nahm er gewöhnlich unser zwei bis drei mit und beauftragte uns, in der Folge seine Schützlinge zu überwachen und ihn über ihre Lage auf dem Laufenden zu erhalten." Im Jahre 1870 sollten ihn seine Zöglinge und Schutzbefohlenen aus kurze Zeit tirilieren. Nach der Kriegserklärung folgte er als Feldgeistlicher dem Coips des Marschalls Mac-Mahon und zeigte seinen Opiermuth bei Beaumont-Mouzon, BazeilleS und Sedan, wo er in Gefangenschaft gcrieth. Es gelang ihm aber, nach Brüssel zu entkommen, von wo er alsbald nach Paris eilte, um während der Belagerung seine Schule in ein Lazareth umzuwandeln. Von Abbä Courtade und acht Waisenknaben — die übrigen Zöglinge waren entlassen — unterstützt, pflegte er Tag und Nacht die Verwundeten, indem er weder Mühe noch Geld sparte und sich nur hie und da auf dem bloßen Boden kurze Rast gönnte. Nicht genug; nochmals drängte es ihn hinaus aufs Schlachtfeld. Er begleitete die Mobilgarden bei ihren verzweifelten Ausfällen aus der Hauptstadt und providirte die Sterbenden im Kugelregen von Cham- Pigny. Während der Schreckenstage der Commune war er mit doppeltem Eifer in der Pfarrei St.-Ambroise thätig, die ein Hauptherd des Aufstands geworden war. Am 23. Mai 1871, am Vorabend der Erschießung des Erzbischofcs Darboy, wäre er mit Abbe Conrtade beinahe den Nationalgardisten in die Hände gefallen. Gerade noch rechtzeitig gewarnt, flohen die beiden Priester in bürgerlicher Kleidung in ein Nachbarhaus, wo sie sich fünf Tage lang verborgen hielten, bis der Einzug Mac- Mahons ihnen die Freiheit wiedergab. Auch nachdem die Ordnung in Paris wiederhergestellt war, entfaltete der Vikar von St.-Ambroise die edelste Mildthätigkeit zur Linderung des durch die vorausgegangenen Mißverhältnisse gesteigerten Elends. Inzwischen hatte der neue Oberhirte von Paris. Msgr. Guibert, sich den früheren Pfarrer von St.- Ambroise, M. Laugöuienx, zum Generalvikar erkoren. Dieser säumte nicht, den Erzbischof auf den heroischen Opfermut!) und die seltenen Talente seines ehemaligen Vikars aufmerksam zu machen. Der Prälat berief deu Abbü d'Hulst zu sich und übertrug ihm nach und nach die verschiedensten Aemter, bis er ihn 1876 zum Titular- Gcneralvikar und Archidiakon von St.-Denis ernannte. Das Jahr vorher hatten sich 30 Bischöfe um Cardinal Guibert geschaart, um die Katholische Uni- versität (Institut OntkoliHue) in Paris zu gründen, und der Liebling des Cardinals war mit der Organisation des großen Werkes und der Bestellung des Lehr- personals betraut worden. Dabei traten erst die hervorragenden Eigenschaften d'HuIst's ins rechte Licht, und als es sich um die Wahl des Nectors handelte, dachten mehrere Bischöfe an ihn, .obwohl er kaum 35 Jahre zählte. Doch Cardinal Guibert wollte sich noch nicht von ihm trennen, und erst 1880 durfte der Archidiako» von St.-Denis der Nachfolger Conil'S werden. „Der junge Nector" — so äußert sich Cardinal Richard in einem Rundschreiben an die Pariser Pfarrgeistlichkeit — „hatte wunderbar begriffen, was der Kirche in unserm Jahrhundert noth thut. Das Vatikanische Concil hatte in dem grundlegenden Dekrete vom Glauben und vom Verhältnisse der Vernunft zur Offenbarung klar die Nothwendigkeit wissenschaftlicher Arbeit in unserer Zeit dargelegt, aber auch die Grenzen festgesetzt, innerhalb deren diese Arbeit sich vollziehen soll, nicht um die Freiheit des Menschengeistes in Fesseln zn schlagen, sondern um auf die Klippen hinzuweisen, wo ihr Irrthum drohen und Ohnmacht. Niemand war besser als Msgr. d'Hulst auf dieses Werk vorbereitet. Er hatte eine edle Leidenschaft zu wissenschaftlicher Arbeit. Sein herrlicher und thätiger Geist war für alle menschlichen Erkenntnisse empfänglich, ja ich möchte sagen, er erfuhr die Verlockungen der Wissenschaft, die denjenigen, welchem der Gehorsam des Glaubens fehlt, weit von der Wahrheit abziehen. Diesen Glaubensgehorsam besaß Msgr. d'Hulst, und darin besteht sein Ruhm: Verstand und Glaube waren bei ihm in lauterster Harmonie." Als Nector dockte Msgr. d'Hulst zunächst Philosophie. Des Liberalismus verdächtigt, suchte er sich nicht in Lärmartikeln zu rechtfertigen, sondern packte seine Kollegienhefte zusammen und reiste nach Rom, wo man seine Erörterungen gebilligt haben muß: denn 1881 kehrte er als Hausprälar Sr. Heiligkeit nach Paris zurück. Mitten in seiner wissenschaftlichen Thätigkeit blieb Msgr. d'Hulst der Apostel der Armen; ihnen sollte sein großes Vermögen gehören. Er selbst lebte in äußerst dürftigen Verhältnissen; der geringste Vikar machte mehr Aufwand, so daß die zahlreichen Besucher, die ihn um Rath und Hilfe angingen, nicht genug über die Sclbstentäußerung eines der reichsten und hochadeligsten Priester Frankreichs staunen konnten. Msgr. d'Hulst war die Seele aller Vereine und Unternehmungen zu Gunsten der Armen; ihre geistliche Leitung insbesondere war seine süßeste Mühewaltung, und sein Beichtstuhl war fast ausschließlich von Angehörigen der niedrigsten Volks- klasscn umlagert. Auf wissenschaftlichem Gebiete pflegte er in den letzten Jahren hauptsächlich die christliche Apologetik. Seiner Initiative ist großentheils auch der Erfolg der beiden ersten Internationalen wissenschaftlichen Katholiken-Congressc zu Paris 1888 und 1891 zuzuschreiben; auch an den Vorarbeiten des dritten Kongresses zu Brüssel 1894 nahm er theil.*) Msgr. d'Hulst sollte auf einen höher» Leuchter gestellt werden. Im Jahre 1891 wurde er vom Cardinal- Erzbischof Richard zum Nachfolger des k. Monsabw auf *) Der vierte Internat,'on. wisscmch. Katholcken-Congretz findet bekanntlich 1897 vom 9. bis 13. Anglist zu Freiburg i. d. Schweiz statt. Ueber 700 Mitglieder aus allen Ländern sind bereits angemeldet. Man hofft besonders aus Deutschland rege Antheilnahme. der Kanzel von Notre-Dame bestimmt. Vielfach war man überrascht, als es hieß, der Nector des Institut Oatkoliquo werde die Fastenpredigten halten; man hielt ihn für einen trockenen Philosophen, seine Beredsamkeit für zu akademisch. Als aber Msgr. d'Hulst am ersten Fastensonntag 1891 die Kanzel bestieg, war der weite Dom so gedrängt voll, wie an den schönsten Tagen des k. Monsabrä. Seine einfache, bündige Ausdrucksweise war für apologetische Kanzelvorträge wie geschaffen. Am 6. März 1892 wurde der Conferencier von Notre-Dame an Stelle Msgr. Freppel's zum Abgeordneten von Brest gewählt. Schon am 26. März gewann er dem Parlament durch seine meisterhafte Rede von der FrejheiL dcrKirche Bewunderung ab. Auch für die Beibehaltung des religiösen Eides vor Gericht trat er mit apostolischem Freimuth ein. Seine parlamentarische Hauptthätigkeit bewegte sich jedoch auf dem Gebiete des Unterrichts, weil er wie kein andrer wußte, daß die Zukunft dem gehört, der die Schule hat. Bei allen Kämpfen bewahrte er sein angeborenes ritterliches Wesen; persönliche Angriffe verachtend, war er nur darauf bedacht, dem Rechte und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Seine Kammerthätigkeit wurde denn auch am 7. ds. von dem radikalen Vorsitzenden Brisson äußerst rühmend hervorgehoben. So vielfach in Anspruch genommen, fand Msgr. d'Hulst noch inimer Zeit, über Askese, Philosophie und Apologetik zu schreiben; auch seine Predigten erschienen in mehreren Bänden. Zn diesem rastlosen Mühen schickte auch ihm der Herr ein Kreuz. Seit Jahren quälte ihn ein Nierenleiden, und vor wenigen Monaten erklärte er selbst einigen Freunden, daß seine Tage gezählt seien. Doch folgte er deren Rath und suchte Linderung in Biarritz. Ohne diese gefunden zu haben, kehrte er am 5. ds. nach Paris zurück. Das Leiden verschlimmerte sich mit rapider Schnelligkeit, und am 6. ds. empfing der Dulder die hl. Sterbsakra- mente; Cardinal Richard selbst spendete ihm die letzte Oelung. Am Abend desselben Tages gegen -11 Uhr hatte Msgr. d'Hulst ausgelitten. Aus seinem Testamente geht hervor, daß sein ungeheures Vermögen bereits in den Händen der Armen ist; nichts erübrigt mehr als das leere Schloß von Louvillc. Diese freiwillige Armuth sollte auch nach seinem Tode zum Ausdruck kommen; seinem Wunsche gemäß schmückte auch nicht ein Kranz die Bahre. Desto großartiger gestalteten sich aber am 10. ds. die für ihn in Notre-Dame abgehaltenen Obscquien; die Theilnahme von Klerus und Volk war eine ungeheure. Seine Leiche wurde, wie eingangs erwähnt, auf dem Stammschloß Louville beigesetzt. Beten auch wir für den Apostel der Armen und den Kämpen der hl. Kirche ein Ave, zu Gott flehend, er möge das katholische Frankreich durch Männer wie Msgr. d'Hulst recht bald den Händen der Ungläubigen entwinden. Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmmin, Her.manu Sridermamr im Zusammenhalte mit der „modernen" Poesie und Ethik. (Vortrug, gehalten im katholischen Kasino zn Müuchcn.) (Forisetznng.) — 2 . Individualismus, Pessimismus und Darwinismus, sie lasten wie ein Alp auf einem 387 guten Theil der Modernen Literatur. Ein schriftstellerischer Wortführer der Modernen, Edg. Steig er stellte als Programm auf: „Die menschlich- Gesellschaft und ihre Verhältnisse müssen in ihrer ganzen Breite vorgeführt, die geheimen Fäden, die sich von Vater auf Sohn und Enkel fortspinnen, überall aufgedeckt, und jede besondere Eigenart des Individuums muß als gesetzmäßiges Produkt bekannter Faktoren nachgewiesen werden. Eine solche Analyse hat Ähnlichkeit Mit der Thätigkeit eines Anatomen; der Wahrheitstrieb, der hier den Künstler beseelt, darf vor keiner Häßlichkeit und Verworfenheit, auf die er stößt/zurückschrecken. Und so wenig wie der Chirurg bei einer lebensgefährlichen Operation, darf der realistische Sittenschilderer sich von Mitleid und menschlicher Theilnahme hinreißen lassen. Die Gesellschaft ist das anatomische Präparat, das er secirt. Er will nicht strafen und bessern, er will nur die Wahrheit sagen, ob sie nun luftig oder traurig, angenehm oder peinlich sei." Bei den „geheimen Fäden" denken aber unsre Mo- oernen nur an die schlechten Eigenschaften, an Laster und Krankheiten, während im Leben glänzende Eigenschaften, Tugend und Gesundheit sich mindestens ebenso häufig vererben. Zudem ist das Wie der Vererbung selbst der Wissenschaft bis zur Stunde noch eine tarrn ineoZnita. Ein Psychiater sagt: „Wir wissen kaum annähernd, wer vererbt, nur ungenau und durchaus unzulänglich, was alles vererbt, und nur zum allergeringsten Theile endlich, wie vererbt wird." Mit einer solchen Theorie ist nicht mehr der Held die Hauptsache, sondern seine Umgebung, sein „Milieu", dem er nicht entrinnen kann. Und die Handlung steht sich abgelöst durch die Stimmung. Nach der „modernen" Lehre von der erblichen Belastung wird Einer Verbrecher, so wie ein Anderer kurzsichtig oder hinkend wird. Die Tragik des Wollen? verwandelt sich also in eine Tragik des Werdens und Vergehens. An Stelle der Schuld tritt jetzt wieder die Schickung, das Verhängniß, und damit nähert die naturalistische Bühnendichtung sich dem antiken Schicksalsdrama, oder wie es in Schillers Prolog zum „Wallenstein" heißt: „Sie sieht den Menschen in dcö Lebens Drang Und wälzt die größ're Hälfte seiner Schuld Den unglückseligen Gestirnen zu." „Fürwahr, ,es ist der Weg des Todes, den wir treten", wenn es nicht mehr Freiheit, sondern Nothwendigkeit ist, die das sittliche Handeln bestimmt, wenn das Schicksal, das einst die Götter verhängten, in Gestalt eines starren Naturgesetzes wiederkehrt, an dem der menschliche Wille hilflos strandet." ^°) Diese von Ibsen durch „Der Kampf um die neue Dichtung" (1889) S. 15. Verf. leitet jetzt das socialdemokratische Unterhaltuiigsblatt „Die Neue Welt" und wurde aus dem letzten Parteitag in Gotha von Liebknecht lebhaft bekämpft. Er berief sich auf Gerh. Haupt- mann alS den größten lebenden deutschen Dichter. Mit einem Anflug von Idealismus verstieg sich Liebknecht sogar bis ins klassische Alterthum und führte den Vater Homer inS Treffen, der gewisse heikle Scenen sich hinter einer Wolke abspielen lasse, während unsere Naturalisten umgekehrt daraus aus sind, dem Gemeinen und Häßlichen den Schleier fortzuziehen. Liebknecht hält Gerh. Hauptmann keineswegs für den größten Dichter der Gegenwart. Er meint, die von den krassen Naturalisten vorgebrachten Dinge mögen wohl natürlich sein, sie seien aber auch zugleich unanständig. (Sountagöblatt der „Germania" 1896 Nr. 44.) '°) Sadger a. a. O. 143. 2 °) Blcnnerhasset a. a. O. 245 f. „Sind die Drahtpuppen eines Kindertheaters interessant und vermag es uns die Herrschaft des Bealstungsmotives in Deutschland eingebürgerte Richtung, der Zug zum Pathologischen, wurde besonders drastisch ausgebildet von dem 1862 zu Salzbrunn in Schlesien geborenen Gerhärt Hauptmann. „Noch 10 Jahre solcher Poesie, und der Weg zu den kurulischen Stühlen der Dichtkunst wie der Literatur- kritik führt durch die Hörsäle der Nerveupathologie." Hauptmann, aus pietistischer Umgebung stammend (vgl. Hanneles Himmelfahrt), hat nicht umsonst, nachdem er Zögling der Breslauer Kunstakademie gewesen war (vergl. College Crampton), Naturwissenschaften studirt in Jena, und zwar unter Häckel! In seinen Erstlingsdrnmen „Vor Sonnenaufgang" 1889 (1890 in 5. Austage), wo der alte Bauer, der Stammvater des Geschlechtes, nur im Zustande viehischer Besoffenheit auf der Bühne erscheint als vcrthiertes Scheusal, vor dessen unzüchtigen Griffen sich die eigene Tochter nur mit Gewalt retten kann, und 1890 im „Friedcnsfest" bewegt Hauptmann sich mit Vorliebe auf dem Grenzsaum, der zwischen dem Gebiete des Seelenkenners und dem des Irrenarztes liegt. „Nervenpathologie ist der eigentliche Grund- und Eckpfeiler aller Hauptmann'schen Dichtung. Nervenpathologie findet sich im Drama ebensowohl wie im Epos und in den beiden Novellen; Nerveupathologie endlich ist jenes Motiv, das in den allermeisten Schöpfungen die Haupt-, nur in den „Webern" und im „Biberpelz" eine Nebenrolle spielt. ... In „Vor Sonnenaufgang" ist außer dem Alkoholismus, dem mit Hclenens Ausnahme die ganze Familie Krause mit Haut und Haar verfallen ist, noch der stotternde Idiot Wilhelm Kahl zu nennen. ... In den „Einsamen Menschen" ist Dr. Johannes Vockerat der gut gezeichnete Typus eines Neurasthenikers der allererbärmlichsten Sorte. . . . Sein Weib, die blutarme Käthe, ist eine echte Hysterien von der duldenden Gattung, mit Lach- und Weinkrämpfen, nervösem Herzklopfen und Fühllosigkeit in ganzen großen Körperpartien. . . In den „Webern" kreist die Schnapsflasche, und zwar nicht immer am Wirthshaustische allein. . . . Von einem der Weber wird erzählt, daß er bereits wahnsinnig geworden und den ganzen Tag über splitternackt am Bache siehe. . . In „College Crampton" wäre außer dem allezeit trunkoollen Titelhelden noch Professor Kircheisen anzuführen, der ein' höchst erregbarer Neurastheniker ist mit der Parästhsste des Ameisenlaufens im ganzen Körper. Die Fieberträume des „Hannele" gehören in das Gebiet der Amentia, der akuten hallnei- natorischen Verworrenheit, während der alte Pleschke ein Kretin ist mit allen körperlichen Degenerationswalen eines solchen. Im „Biberpelz" schließlich präsentirt sich ein Amtsbote mit einer „alkoholisch gefärbten" Nase. . . . Das weitaus ergiebigste Material aber findet der Nervenpathologe in der Novelle „Der Apostel" und im „Friedenssest"? 2 ) Die stoffliche Verirrung eines solchen dichterischen Schaffens vermag nichts besser zu zu rühren, wenn eine derselben unvorsichtigerweise in der Flamme dort an der Rampe verbrennt, während die anderen, an ihren Metallsädchen hängend, ihre Luftsprünge fortsetzen? Und wird die Tragödie auf den Brettern, die die Welt bedeuten, nicht auch zum Puppenspicl? Welche Zufälle der Heredität haben denn im Geschlechte Lears zusammengewirkt, um Cordelia zu einer Schwester AutigoneS zu adeln, und sind nicht etwa Rcgan und Gonril viel mehr alö ihr sanftes Opfer zu beklagen, weil ihnen Drachenblut in die Adern geträufelt, wurde?" -1) Sadger a. a. O. 143. dH Sadger a. a. -O. 143. 388 kennzeichnen, als die Thatsache, daß an den Personen der Dichtungen Ibsens und Haupimanns thatsächlich ein praktischer Psychiater klinische Beobachtungen angestellt hat. Dr. I. Sadger in Wien ist es. Er sagte treffend bei einer Untersuchung von Ibsens „Rosmers- holm":^) „DaS ältere Drama zeichnete den gesunden Menschen, wie er dachte und empfand, das moderne in seinen Helden wenigstens nur den kranken, nur Menschen mit einem zerrütteten Nervensystem, nur Leute, die von ihren Eltern her erblich belastet sind, deren Väter an chronischem Alkoholismus, an Syphilis des Gehirns, an Rückcnmarksschwindsucht, an Schlagfluß und dergleichen schönen Dingen litten und starben. Der Held der älteren Dichtkunst ist in der Regel der gesunde, höchst entwickelte Vollmensch, der Mensch, den eine gütige Natur mit blendenden Geistesgabcn, mit warmen Tönen der Empfindung, mit erlauchten Gedanken und adeligen Gefühlen ausgestattet. Das Beste, Edelste, Tiefstempfundene, was der Poet durch harte Arbeit mühsam in der eigenen Seele großgcbildet, das übertrug er sorgsam auf die Lieblingsgestalten seiner Phantasie, die er noch obendrein gern auf die Sonnenhöhen des Lebens erhob. ... Ein Drama alten Stiles werthen und verstehen zu können, vermochte ein jeder, der auch nur ein ganz geringes Quantum von psychologischem Wissen in sich trug, ein jeder, der es noch nicht verlernt hatte, rein menschlich und naturgemäß zu empfinden. Aber für die Gefühls- verwirrungs- und Scclenzerrüttungspoeste des modernen naturalistischen Dramas sind eingehende Spccialstudien über Nerven- und Gehirnpathologie fast schon unerläßlich geworden. . . . Eine ganze Sekte germanischer Schriftsteller, die hervorragendsten Träger der „freien Bühne" in Berlin, wieGerhartHauptmann, KonradAlberti, Karl Bleibtreu, Holz und Schlaf s trittst Hnnntj, befaßte sich mit der dramatischen Ausbeutung des Alkoholismus. . . . Eine ganze Dichtergilde lebt von der chronischen Versoffenheit ihrer dramatischen Helden! Jeder Rausch wurde gewissenhaft verzeichnet, keine sexuelle Regung uns erspart, jede unzüchtige Bewegung ficht- und greifbar auf die Bühne gestellt." Hauptmann kennt nur passive Tragik, er hat nur Sinn für stimmungsvolle Situation, das „Milieu" ist für ihn was für andere der Held. Wie auf Helene in „Vor Sonnenaufgang", auf Wilhelm im „FriedenSfest" und auf Johannes in den „Einsamen Menschen" die Umgebung, wie auf „Die Weber" die Noth und die Fabrikanten, und auf „Hannele" der rohe Vater, so drücken in Haupt- manus letztem Stücke aus dem Bauernkrieg „Florian Geyer" die Ritter auf die Bauern des 16. Jahrhunderts. Und alle seine Helden haben einmal einen Augenblick lang ihre Sonne: Helene an Loth, Wilhelm an Jda, Johannes an Anna Mahr, die Weber in ihrem Aufstand, Hannele in ihren Fiebertränmen von der Seligkeit und die Bauern in ihrer Erhebung. Diese Sonne geht dann wieder unaufhaltsam unter, die Dunkelheit und der Jammer wird dichter und aufdringlicher als vorher, und der Schluß wirft uns aus allen Träumen brutal in das Armenhaus der Wirklichkeit, in das trostlose Elend zurück. Nirgends verkündet Hauptmann dieses Leitmotiv aller seiner Ethik, diesen verzweifelten Pessimismus in einem ergreifenderen und prägnanteren Sinnbilde als in „Hanneles Himmelfahrt". Das Stück ist eine tendenziöse Allegorie von Hauptmanns Lebensauffassung ») A. a. O. 162. und mit Nichten ein naives Kinderspiel. Es kann nur im Rahmen der gesummten Dramatik des Dichters thatsächlich verstanden werden. (Fortsetzung folgt.) Vor Jahrhunderten. ' Von A. Zottmann. (Fortsetzung.) 496. Hocherfreuten Herzens schrieb der Papst Anastasius II. zu Beginn seines Pontifikates an den Frankenkönig Chlodwig: „Wir preisen uns glücklich darüber, daß der Anfang (deines Lebens) im christlichen Glauben mit dem Anfang unserer bischöflichen Amtsführung in die gleiche Zeit zusammentraf. Es kann nämlich der Stuhl des hl. Petrus bei einem Ereiguiß von so großer Bedeutsamkeit nur mit Trost erfüllt werden, da er nunmehr sieht, wie die Fülle der Völker mit beschleunigtem Schritte zu ihm herankommt und im Umlaufe der Zeiten das Netz sich füllt, das derjenige, der zugleich Menschensischer und seliger Schlüsselträger des himmlischen Jerusalems ist, in die Tiefe zu werfen beauftragt worden. Wir wollen das deiner Er- lauchtheit ... zu wissen thun, damit du, wenn du von dem Jubel des Vaters hörst, im Guten wachsen, unsere Freude zur Vollendung bringen und meine Krone werden mögest, deine Mutter aber, die Kirche, frohlocken könne über den Fortschritt eines so großen Königs, den sie erst in den jüngsten Tagen für Gott geboren hat. Sei also, ruhmvoller und erlauchter Sohn, das Wohlgefallen der Mutter und werde ihr zur ehernen Säule! . . ." ^) Es ist die Freude des Vaters über die erstgebonw Tochter der Kirche, über die Bekehrung des Franken- reiches, begonnen durch den Uebertriit des Königs Chlodwig I. zum Christenthum im Jahre 496. Chlodwig hatte eine christliche Gemahlin, die heilige Königin Chlotilde. Dieser war es trotz liebevoller Aufmunterungen nicht gelungen, den Gemahl zur Bekehrung zu bringen. Da geschah es, daß er 496 bei Tolpiakum (Zülpich?) im Kampfe gegen die Alemannen mit seinen Franken in große Noth gerieth. Jetzt flehte er — ein zweiter Konstantin, wie ihn Gregor von Tours nennt — thränenden Auges zum Himmel und gelobte, Christ zu werden, wenn er siege. Chlodwig siegte und hielt sein Versprechen. Von Bischof Nemigius, den die hocherfreute Königin herbeigerufen hatte, ließ er sich im Glauben unterrichten, nachdem auch das Volk sich bereit erklärt hatte, dem unsterblichen Gott zu folgen, den Nemigius predige. Noch am Weihnachtsfeste des nämlichen Jahres fand die feierliche Taufe in der prächtig geschmückten Nheimser Kirche statt. „Beuge dein Haupt, stolzer Srcamber," sprach Nemigius, als der König zum Taufbecken hintrat, „verehre, was du bisher verfolgt hast, und verfolge, was du bisher angebetet hast." Als der Priester mit dem Salböl nicht durch die dichtgedrängte Volksmenge herankommen konnte, soll eine schneeweiße Taube das Oelfläschchen im Schnabel und ein Engel ein mit Lilien gesticktes Banner herbeigebracht haben. Dieses Fläschchen soll die berühmte Liuxulla Illiameiwis gewesen sein, aus welcher seit 1179 die französischen Könige die Salbung empfingen; Lilien aber wurden seitdem ihr Wappenzeichen. Gleichzeitig mit Chlodwig empfingen noch 8000 seiner Franken die Taufe. An dem rohen Sicamber gewann die Kirche einen muthvollen Vertheidiger von ge- '2) Briefe der Papste (Kemptner AnSg.) VII, 559—560. 389 waltiger geistiger und physischer Kraft, und sein Uebertritt zum Christenthum hatte die weittragendsten Folgen.") Ein anderer Gedenktag dieses Jahres ist der Tod des berühmten Papstes Gelasius I., welcher ein ruhmreiches Andenken an seine oberhirtliche Thätigkeit in der Geschichte hinterließ. Er trat den Anmaßungen der Griechen gegenüber, erließ viele wichtige Dekrete, schrieb gegen Pela- gianer, Nestorianer und Monophysitcn, kämpfte gegen Habsucht und eiferte für kirchliche Einfachheit, ordnete den Meßcanon (das bekannte Laoramantariuw Oalasianuin), „schrieb einen Commentar zu den paulinischen Briefen, dichtete Hymnen, hielt Synoden, lehrte und mahnte, strafte und ordnete und hinterließ so das Beispiel eines frommen, gelehrten, eifrigen und tüchtigen Papstes und Priesters".") 596. Hatte das Jahr 496 für Frankreich das in Betreff seiner künftigen Gestaltung und Entwicklung denkwürdigste Ereigniß gebracht, so sollte das Jahr 596 ein solches für England bringen.") Der größte Mann seines Jahrhunderts, Gregor der Große, hatte schon längst den Plan zur Bekehrung der heidnischen Angelsachsen gefaßt. Auf dem Sklavenmarkte am Forum hatte er einst bildschöne Jünglinge mit gelocktem Haar und prächtigem Körperwuchs ausgestellt gesehen und sich nach ihrer Heimath erkundigt. Als er erfuhr, daß es Angelsachsen seien, bedauerte er mit tiefstem Mitleid, daß sie noch in das Heidenthum verstrickt wären, und war in seinem heiligen Eifer sofort entschlossen, selbst Britannien aufzusuchen, um das Evangelium dort zu verkünden. Aber das römische Volk ließ den berühmten und geehrten Mann nicht ziehen. Papst geworden, wendete Gregor sein Augenmerk wieder diesem früheren Plane zu und hatte alsbald in seinem Nachfolger im Benediktinerkloster am Cölius, nämlich im hl. Abt Augustin, den richtigen Mann zur Verwirklichung seines Lieblingsplanes gefunden. ES war im Jahre 596, als Augustin und seine 30 Genossen in Noni vor dem Papste knieten, seinen Segen zu empfangen, und dann mit seiner Mission, ihr liebgewonnenes Heim verlassend, wilden Völkern entgcgeuzogen. Unterwegs wurde ihnen ungcmein bange gemacht, daß sie nichts ausrichten werden und nur Grausamkeiten entgegengehen. Da sie deßhalb wieder zurückkehren wollten, schrieb ihnen der Papst einen herrlichen Brief, sie ermahnend, nur auszuhalten und um Gotteslohn und mit Gottvertrauen das Unternehmen fortzusetzen, denn es sei besser, ein gutes Werk gar nicht anzufangen, als das begonnene nicht zu vollenden.") Durch diese väterlichen Ermahnungen wieder ermuthigt, setzten sie ihre Reise fort und gelangten im Jahre darauf (597) an die Küste Englands, sofort die Predigt des Evangeliums beginnend. Und ihre Mühe und ihr Gehorsam war von den schönsten, von wunderbaren Erfolgen begleitet: nicht Einzelne bekehrten sich, sondern hundert, Tausende, ja viele Tausende, ganze Völkerstämme auf einmal; in kurzer Zeit war Britannien dem Reiche der Kirche einverleibt.") 696. Den beiden eben angeführten hocherfreulichen Jnbi- ") Kirchcnlcxikon III, pag-. 101 ff. und Jaffü I. e, 53—60. 6Ir. ebenda V, 228, Hcrcieinöihcr I. o. I, 549. Bollaudislcii, Lla.ji VI, 373 ff. '°) Gregors AuSgcw. Schriften (Kcmptncr Ausgabe) II, xag-. 329. ") BcnediktuSstimmcn 1880 xa§. 377 ff. läumserinnerüngen müssen wir eine überaus traurige folgen lassen. Wir haben gesehen, wie zur Zeit des hl. Augustin. zu Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts, das christliche Nordafrika in höchster Blüthe stand. Befaß es doch beim Tode dieses hl. Kirchenvaters in 6 Provinzen mehr als 600 christliche Bisthümer. Aber die hier im Jahre 428 auf Einladung des römischen Statthalters Bonifazius, welchen der hl. Augustin in einem seiner schönsten Briefe vergeblich davon abmahnte, eingefallenen Wandalen unter Geiserich richteten großes Unglück an, und die Katholiken wurden unterdrückt und verfolgt. Zwar machte der griechische Feldherr Belisar im 6. Jahrhundert dem Vandalcnreich ein Ende und konnte sich die Kirche wieder etwas erholen, aber im nächsten Jahrhundert erschien ein anderer, noch gefährlicherer Feind. Der Islam drang immer weiter und weiter in Afrika vor, im Jahre 696 wurde Carthago von. den Arabern eingenommen, und um die christliche Kirche war es in diesem Erdtheile geschehen: von der ganzen herrlichen Blüthe war nichts, von den vielen bischöflichen Stühlen war auf Jahrhunderte hinaus, ja fast bis auf unsere Zeit nicht ein einziger geblieben. Nur in einzelnen Kostenpunkten waren noch Spuren katholischer Religion.") 796. Dieses Jahr führt uns aus deutschen Boden, zum größten und ruhmreichsten deutschen Kaiser, Karl d. Gr. Er ist eben in den Krieg mit den Hunnen und Avarcn verwickelt, welcher im Jahre 796 seine Hauptentscheidung fand, indem der Chakan von seinen Unterthanen abgesetzt wurde, die Südslaven sich erhoben und Erich von Friaul in Verbindung mit dem Slavenfürsten Wonimir in das Land einfiel und nach heftigen Kämpfen das zwischen der Donau und Theiß gelegene Hauptbollwerk der Nation, den großen Ring, einnahmen, eine Vcrschanzung aus Baumstämmen und Mauerwerk. Die Schätze, die man hier fand, waren unermeßlich, so daß das Silber im ganzen Frankenreiche um ein Drittheil seines Werthes fiel.") Einhard berichtet von diesem Kriege Folgendes: ^") „Der größte von allen seitens des Königs geführten Kriegen (mit Ausnahme des Sachsenkrieges) folgte jenem slavischen, der nämlich gegen die Avaren und Hunnen, den er auch persönlich nachdrücklicher als die früheren und mit viel größeren Bütteln unternahm. . . Wie viele Schlachten darin geschlagen, wie viel Blut vergossen worden, davon gibt Kunde die völlige Entblößung Pannoniens von Einwohnern und die Verödung des Gebietes, in welchem die Residenz des Khans sich befand, so daß nicht einmal eine Spur mehr von menschlicher Ansicdlung dort zu finden ist. Der ganze hunnische Adel fand in diesem Kriege seinen Untergang, sein ganzer Ruhm sank dahin; alles baare Geld und die seit langer Zeit aufgehäuften Schätze wurden aus dem Lande geführt. Und andrerseits hat sich seit Menschengedenken gegen die Franken kein Kampf erhoben, durch den jene mehr bereichert und in ihren Machtmitteln verstärkt worden wären. Denn während sie bis dahin beinahe arm erschienen, fand man nun in der Residenz so viel Gold und Silber, wurde in den Schlachten so viele kostbare Beute davongetragen, daß man versucht wäre zu glauben: die Franken hätten den Hunnen mit Recht das abgenommen, was die Hunnen früher andern Völkern ungerechterwerse genommen." ") Kirchenlcx. I, 312 f. u. III. 218. Miß. Weltzesch. 3. A»fl. IV, x->§. 91. Lcöcn irarlö d. Er. 13. eazi. 300 Der grüße Kaiser fand für derartige reiche Schatze eine treffliche Verwendung, denn eben war — und damit kommen wir auf eine weitere für Deutschlands Kunstgeschichte sehr bemerkenswerthe Jubiläumserinnerung aus dem Jahre 790 — seine Hofkapelle in Aachen, der jetzt noch erhaltene älteste bedeutendere Kirchenbau auf deutschem Boden, vollendet?') Der berühmte Münster--) ist ein Centralbau, offenbar nach dem Vorbilde von S. Vitale in Ravenna. In der Umfassungsmauer ist er 10-, im Mittelbau Leckig angelegt mit Kuppel und zwei übereinander befindlichen, rings herumlaufenden Gallerten. Italienische Maler haben sie ausgeschmückt?") Von dem Glanz und dem in sie gelegten Reichthum erzählt wieder des Kaisers Biograph:^) „Die christliche Religion, mit der er von Kindheit auf erfüllt war, pflegte er mit hohem Ernst und mit der größten Frömmigkeit. Darum baute er die herrliche Kirche in Aachen und schmückte sie mit Gold und Silber und mit Leuchtern, sowie Gittern und Thüren aus festem Erz. Da er zu ihrem Bau Säulen und Marmor anderswo nicht beschaffen konnte, ließ er solche Dinge von Rom und Ravenna kommen. Unermüdlich besuchte er die Kirche . . und trug eifrig Sorge, daß Alles, was dort vorgenommen wurde, mit der größten Feierlichkeit geschah. . . An heiligen Gefäßen aus Gold und Silber, sowie an Priestergewändern ließ er hinreichenden Verrath anschaffen. . ." Endlich bringt dieses Jahr 796 noch die innige Verbindung Karls mit Papst Leo III., welch letzterer dem Kaiser die Schlüssel der Petersgruft schickte und ihn bat, Gesandte nach Rom zu beordern, um den Eid der Römer entgegenzunehmen?^) In Rom selbst ließ Leo III. ein prächtig geschmücktes Triklinium, einen Empfangsund Speisesaal für hohe Persönlichkeiten, vor allem wohl des Kaisers, Herrichten, in welchem das Verhältniß Karls als xatwioius der Kirche zum Papste zur Darstellung gebracht wurde. Wer heute in Rom über den Lateranplatz geht, bemerkt an der Seite der Kapelle der heiligen Stiege eine offene Hallennische, in welcher «an in Mosaik diese hochinteressanten und wichtigen Darstellungen sieht. Es ist eine getreue Copie dieser vor 1100 Jahren entstandenen Trikliniumsnische (Irieiiiüum I^6ouia,inrm)?°) (Fortsetzung folgt.) Recensionen und Notizen. Geschichte der bayerischen Birgittenklöster von G. Binder, Priester der Erzdiveese München - Freising. Preis ungcbd. 4 M. Verlag der I. I. Lentner'schen Buchhandlung (L. Stab! jnn.), München. 1. II. Ein Seelsorgspriester, ein Pfarrer der Erzdiöcese München-Freising, hat uns in dem angekündigten Werke die Frucht seiner langjährigen Studien vorgelegt. Wie sein erstes Werk: Geschickte der hl. Birgitta, so wird sicher auch dieses Werk mit Freude aufgenommen und mit Befriedigung gelesen werden. Eine Menge von Urkunden. Archivalien und Literalien ist in diesem Bücke zusammengestellt. Mühevoll mag die Arbeit gewesen sein, aber sie darf sich sehen lassen in der Literatur der Geschichte. Wie in einem Mosaikbilde sich Steinchen an Steinchcn reiht und keines fehlen darf, damit ein Kunstwerk 2') Im Laufe der Zeiten kamen allerdings verschiedene Anbauten dazu, bis das jetzige Münster entstand. 22 ) Vgl. den "Art. „Aachen" im Kirchen!. 1,1. Fäh läßt den Ban erst 790 begonnen werden; für jeden Fall ist er also ein Jubiläumskind. 22 ) Grundriß u. nähere Beschreibung siehe bei Fäh, Grundriß der Gesch. der bild. Künste per». 260. 2 ^) Einbard, I. o. 26 cp. 2") Jaffs, I. o. M». 216. 2 °) Beschreibung des TrikliniumS: Gsell-Fels, Nom u. die Camp. 3. Anst. !>!>§. 386 f. vollendet werde, so reiht sich-in dieser Geschickte der Birgiiten- klöster Jahr an Jahr und Ereignis; an Ereignis; in historischer Entwicklung, bis die ganze Geschichte des bat) rücken Birgitten- ÖrdenS meinem Entstehen, Blühcn und Vergehen sich vor unsern Augen entrollt. In Bayern bestanden drei Bwgitten- kiöiter: zu Gnadenberg in der Oberpfalz, zu Maihingcn in Schwaben und zu.Attvmüinter in Oberbayern. Die Spuren dieser Ordensniederlassuugen sind noch vorhanden, und der Konservator am bayerischen Nationalmnscnin in München, Herr Dr. Hager, hat die bcsondcrS'sür Architekten nno Kunstfreunde interessante Geschichte der Kloster;nine Gnadenberg in eingehender Weise als . Anhang znr Bindsr'ichen Geschichte beschrieben. Beim Lesen dieser OrdcnSschickjalc mutbet cS uns an, als ob längst vergangene Zeiten wieder ausS neue aufleben würden. Bayerische Fürsten aus dem Hause Wittelsbach aus dein Anfang des 15. Jahrhunderts als die Gründer des Klosters von Gnadenberg, dann Grafen von Oettingen und Wallerstein, Herren von Sandizcll, dann wieder reiche Patriziersainilicn von Nürnberg und Augsburg, wahrhaft beldenmüthig'e Äcbtissiimcn und gelehrte, fromme Mönche ziehen an unserm Geiste vorüber, und wir scheu sie, wie sie damals wirklich gelebt und gewirkt und gearbeitet haben. Der Verfasser schildert aber auch in interessanter Weise trübe Zeiten, die über die Klöster unv ihre Bewohner hingezogen sind: das Eindringen der neuen Lehre Luthers, die manche Mönche und Nonnen in sich einsogen und auch den gelehrten Oekolampadins veranlaßte, die stille Klosterzelle zu Nltomünster wieder zu verlassen, dann die Verwüstungen und Greuel der Klöster durch den 30jährigen Krieg, den Bauernkrieg, die spanischen und bayerischen Erbsolgekriege. Doch immer wieder erhoben sich die Kloster znr neuen Blüthe, bis die L-ä- kularisation am Anfange dieses Jahrhunderts ihren Untergang beschloß. Der Gnade eines WittelSbacher-Fürsten, König Ludwigs I., ist es zu verdanken, daß das alte Birgitlenkloster zu Altomünster, das einzige noch in Bayern, sich wieder re- generiren durfte, so daß bis zur Stunde dort fromm- Nonnen nach dem Geiste ihrer hl. OrdenSstisterin Birgitta leben und wirken dürfen; der männliche Zweig dieieS Ordens aber ist wohl aus immer aus Bayern verschwunden. Der historische Verein von Regensburg hat obiges Buch seinen Mitgliedern als Vereinsgabe pro 1896 gewidmet; das ist wohl auch der Grund, warum manche Partien desselben etwas kurz ausgefallen sind, es durfte eben die Arbeit nicht zu sehr ausgedehnt werden; das thut aber der Gediegenheit des Werkes keinen Eintrag. Alle Freunde vaterländischer Geschichte werden reichen Genuß darin finden. Die göttliche Wahrheit des Christenthums. In vier Bäckern von vr. Herman Schell, Professor der Apologetik an der Universität Würzbnrg- Erstes Buch: Gott und Geist. I. Grundfragen. 395 S. 8°. br. M. 5,00, geb. M. 6,00. Verlag von Find. Schöningh in Paderborn. Es ist freudig zu begrüßen, wenn katholische Gelehrte sich nicht nur darauf beschränken, der studircndcn Jugend in Lehrbüchern die philosophische Wissenschaft paragraphenmäßig vorzuschneiden, svndern auch die wichtigen principiellen Fragen der spekulativen Philosophie, welche gegenwärtig vielfach im Dienste des Pantheismus und Unglaubens steht, gründlich behandeln und für die Apologetik fruchtbar zu machen suchen. Zwar fehlt eS katbolischerscits nicht an philosophischen Werken, welche die Philosophie und Theologie der Vorzeit über diese wichtigen Probleme im Gewände der modernen Wissenschaft reproduciren, aber bei aller Verehrung für die große Vergangenheit muß cS gesagt werden, daß im Kämpfe mit der heutigen ungläubigen Wissenschaft durch das starre Festhalten an der alten ontolog- iscken Methode mit ihren formalen Distinktionc» und Snb- distinktionen nur der Gegensatz gesteigert wird. Der Verfasser des vorliegenden großangelegten Werkes hat bereits durch seine katholische Dogmatik gezeigt, daß er einer solchen Aufgabe vollauf gewachsen ist. Man kann in vielen Punkten anderer Ansicht sein und selbst an der ganzen Methode manches auszusetzen haben, aber man wird nicht bestreiken können, daß er in geistreicher und origineller Auffassung der schwierigen Gegenstände viele Theologen übertrifft. Seine streng wissenschaftliche Behandlung erschwert die Lektüre nicht wenig, aber er kann mit Recht erwidern, daß die strenge Wissenschaftlichkeit auch der Rücksicht auf einen weiteren Leserkreis nicht zum Opfer gebracht werden dürfe, weil sie ein unentbehrlicher Vorzug der apologetischen Darstellung sei. „Man muß sich nur unter der schützenden Hülle einer freien, ungezwungenen Darstellung dessen bewußt bleiben, daß die Schönheit niemals zum Ersatz der Stärke werden kann und darf, und daß die wahre Kraft nur in den 391 Gedanken, iiicbt in den Worten, auch nicht in der Anziehungskraft eines blühenden Lstils liegt." Der Inhalt des vorliegenden Bandes ist anS den Ueberickriften der iüuf Abhanvlungeu zu erkennen: Die Aufgabe der Apologetik und ibr wissenschaftliches Recht; Die Bedeutung deS GotteSbegrisfs iin Gottes- glaubeu; DaS Kausalgesctz und die seldinoirkliche Ursache; Das System der Eottcsbcwcise; Die Persönlichkeit GoiteS. Am wichtigsten sind die dritte und die fünfte Abhandlung, weil dieselben gegen die Haüpteiuwände der modernen Philosophie gerichtet sind. (schanz, Theol. Quartalschrift. 1896. Hest H) Ueber den Priest er stand. Vortrüge von Joh. Bapt. Lohma nn 8. R Mit kirchlicher Genehmigung. Padcr- born, 1896. Druck und Verlag der Juiifcrmann'schcn Buchhandlung (Albert Pape). 256 S- M. 2. Der durch seine ascctnchen Schriitcu,. besonders „die Betrachtungen auf alle Tage des Jahres für Priester und Laien" (in demselben Verlag bereits in 5. Aufl. erschienen), rühmlichst bekannte Verfasser übergibt hier seine in den Studienjahren 1870 bis 72 für die Marianiiche Sodalität der Akademiker zu Padcrborn, die alle Aspiranten des geistlichen Standes waren, gehaltenen Vortrüge rcvidirt und stellenweise erweitert der Ocffcutlichkeit. In 28 Nummern werden die erhabene Würde des PriestertbninS, speciell des Scelsorgeamtes, die priesterliche Heiligkeit hinsichtlich ihres Sinnes und ihrer Verpflichtung, die pflichtschuldige Heiligkeit des Ordinauden, die Berufung zum geistlichen Stande, die Gefahren des Priester- standeS sowie die vier niederen heiligen Weihen nebst ihrer Vorstufe. der Klerikaltonsur (speciell die Verpflichtung zum Tragen der Tonsur und der standesgemäßen Kleidung), unter steter Zugrundelegung der hl. Schrift und der kirchlichen Disciplinar- vorschrüten, namentlich der neueren und neuesten Zeit (Concilien von Baltimore, Prag, Gran, Köln, Utrecht), mit besonnener Ruhe und warmer Begeisterung für das priesterliche Amt behandelt. Das schöne Büchlein ist vor allem für die Candidaten des geistlichen Standes bestimmt, und wir wünschten nur. daß alle Zöglinge der Convictc und Seminarien dasselbe sich zum Gegenstand eingebender Lectüre und eindringlicher Be- herziguug wählten. Auch dem wirklichen Priester und Seelsorger kann es,»ur bestens empfohlen werden. Wir selbst hätten freilich gewünscht, vag neben „den Gefahren des Priester-standes" (S. 172—197) auch die großen Gnaden und Schutzmittel, die im geistlichen Stand als solchem gegeben sind, der studirendeu Jugend vorgeführt worden wären. Denn wie die Berufung zum geistlichen Staude in erster Linie ein Werk der göttlichen Gnade ist, so darf auch der Seelsorger in allen seinen Funktionen stets auf die Hilfe des „einzigen Hohenpriesters", des -pastor et episeopus a.nimarum< (1 Pctr. 2, 25. Vgl. 1 Petr. 5, 4. Hebr. 13, 20), mit unfehlbarein Vertrauen hoffen und bauen! D. L. L. Ein Opfer des Beichtgeheimnisses. Frei nach einer wabren Begebenheit erzählt von Joseph SPiIlmann, 8. ck. Frciburg i. Br., Hcrder'sckie Vcrlagshaudlg., 1896. 21. Das Ereigniß, welches der vorliegenden Erzählung zu Grunde liegt, hat sich in unseren Tagen zugetragen und wurde von der katholischen Presse vor einigen Jahren bekannt gemacht und erörtert. Da wir uns jener Mittheilungen der TagrS- blaltcr noch entsinnen, können wir constaijren, daß bei aller Freiheit der dichterischen Ausschmückung, welche der Autor sich vorbehielt, doch die hier vorgeführte Priesterliche Heldengestalt vollkommen der Wirklichkeit entspricht. Die Gewissenhaftigkeit des Beichtigers, welche hier zu einer dem AUtagsmenschen unverständlichen Treue und Subtilität gesteigert erscheint, ist keineswegs in zu grellen Farben dargestellt. Nein, in unserer Zeit —uns nicht allzuferne gerückt — iahen wir aus dem Schoße des Pricsterthums thatsächlich die Palme dcS BckeuncrS emporwachsen. Dieses Zeugniß, daß die Kirche ein Heldenthum an Charakteren erzeugt, wie keine andere Institution, hat ?. Svill- maiin der Welt neuerdings vor Augen gehalten. Er hat es in eine den weiteren Krciicn zugängliche Form gebracht, diese Form ausgestattet mit den Vorzügen einer plastischen, lebcnswarmen Schilderung innerer Vorgänge und der modernen, äußeren Parieiverhältiiisse — und hat den ganzen Zauber seines an- muthigen Stiles darüber ausgegasten. Die Erzählung biciet, abgrüben von ihrem Werth für die katholische Lesewelt, auch für Andersdenkende den Reiz einer auf öffentlichen Thatsachen beruhenden merkwürdigen Criimnal-Novellc. ?. Theophilus von Körte aus dem FranziSkaner- vrden. Ein Lebensbild von'!?. Arseniuö Dotzler. München, Schuh u. Camp. § DaS Lebensbild eines Reformators, aber eines bessern als es die kirchlichen Revolutionäre des 16. Jahrhunderts waren! V. TbeophiluS war ein OrdeuSmann, der ganz erfüllt war von dem Geiste deö hl. Frapziskus; er liebte die Armuth und Welt- eiitiaguiig, er weihte sich ganz seinem Gotte und dem Wohle stiiicr Mitmenschen. In diesem Sinne suchte er auch auf seine Mitbrüder einzuwirken und die ihm zugewiesenen Klöster zu resormireu. Die Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen halte, waren groß; aber das heroische Tugendbeispiel, das ergab, überwand dieselben. Der gute Same, den er ausstreute, fiel auf fruchtbares Erdreich und brachte huudertiältige Frucht. ?. Theophilus. ist im Januar heurigen JabreS von Papst Leo selig gesprochen worden. DaS von einem Ordensbruder desselben verfaßte Leben ist für das Volk bestimmt, dem entsprechend kurz angelegt und in einfacher, edier Sprache geschrieben. Blüthe u n d F r uckt. Erzählungen. — Herzenswünsche. Erzählungen, Von Rcdeatis. 2 Bände mit je 2 Abbildungen in Phorogravure. Regensburg, Nationale Ver- lagöaiistalt. gr. 8°. Preis brosL. ä M. 3,—; eleg. geb. ä, M. 4,— ; mit Goldschn. ä M. 4,50. 4. R. Rcdeatis, diese bereits in der ganzen gebildeten Welt allgemein bekannte und hochgeachtete Schriftstellerin, deren uncrmüdctcm, geistvollem Schassen daS Lestpnblikum in allen seinen Schichten schon so herrliche geistige Genüsse zn verdanken bat, überrascht uns abermals mit nicht weniger als zwei Bänden von Novellen; , der erste enthält: Blütbe und FruLt;— Schein und Sein (262 S.); der zweite: Herzenswünsche; Meine Geschichte; — Gertrud (263 S.), beide in schönem Großoeravsormat. Wir können diese zwei Bücher der berühmten Verfasserin dem deutschen Lesepnbliknm ausS wärmste und angelegentlichste zur Anschaffung anempfehlen. Es paßt diese Lectüre sowohl auf den Tisch des vornehmen Salons, als auch auf jenen der einfachen, bescheidenen Laudstube,- jeder Stand und jedes Alter wird diese Bücher wegen der in denselben vorkommenden überaus ergreifenden Situationen und rührend schönen Momente mit gespanntester Aufmerksamkeit lesen und gewiß vollends befriedigt wieder aus der Hans geben. Gern möchte der Gefertigte von den zwei Büchern, die man wohl mit Reckst als überaus zarte, als köstlich duftende Blüthen auf dem mächtigen Baume der deutschen Belletristik bezeichnen kaun, eine kurze Inhaltsangabe liefern, doch er müßte befürchten. dadurch das Interesse für dieselben abzuschwächen; gern überläßt er es daher den lieben Lesern und Leserinnen, sich an diesen herrlichen Lebensbildern voll und ganz zu erfreuen und durch deren weitere gütige Empfehlung i» den ihnen nahestehenden Kreiicn denselben noch recht viele gute Freunde zu gewinnen. Werke, wie die von Rcdeatis. sind eine Zierde jeder Bibliothek, ein Glück für jede Familie, sie sind Perlen in uiticrer schonen, stolzen, großartigen Literatur. Wir können daher nicht umhin, den herzlichen Wunsch auszulprcchen, es mö.tcn sich dafür auch recht viele Käufer finden, damit auf diese Art die Mühe und Arbeit der im Dienste der guten Sache, der wahren, echte» Bildung und Erziehung unseres Volkes, rastlos und Mit den größten Opfern thätigen VerlagS- firmn allgemein anerkannt und daiür wenigstens theilweise entschädigt und gelohnt erscheine. — Die Ausstattung der Bücher ist eine durchaus elegante, der Preis auffallend billig. Geschichten aus alter Zeit. (Meier Helmbrccht — Peter Buchwald, der Husit — Leben und Abenteuer des Sim- piiclus.) Für daS Volk und die reifere Jugend. Von Otto v, Schachtng. Mit 2 Bildern. Regensburg, Nationale Verlagsanstalt. gr. 8°. Preis broich. M. 3,—, eleg. gebd, M. 4,—. ll. R. Der Referent hält sich vollkommen überzeugt, daß dieics vornehm ausgestattete, durch und durch echt nationale und geistvoll geschriebene Werk in Kürze einen großen Leserkreis, namentlich in unserer, für Ideale begeisterten Jugend, sich erobern, daß es allgemeinen Beifall und uiigctheilte Anerkennung finden wird. Es ist diese Lectüre so reckt danach angethan, um den Leser stundenlang aufs augcucbmste zu unterhalte», ihn zu zerstreuen und zu erheitern; dieselbe ist ein echter Sorgenbrecher, denn wenn man in diese köstlichen Geschickten, Nitterkämpfe und Abenteuer sich vertieft, so wird man wenigstens aus einige Zeit über die Misvre und die Unannehmlichkeiten des Augenblicks glücklich hinweggetäuscht; mau hat da eine Zeit vorsieh, die einem völlig fremdartig erscheint in allen ihre» 392 Gewohnheiten, in ihren Bedürfnissen, in ihrer Beschäftigung Und in ihren Lebensamchaunngen, nnd hat man diese überaus spannenden nnd interessanten Situationen zuletzt glücklich hinter sich, so freut man sich unwillkürlich, dass dieics lauter teinpi passati sind und wir zu einer Zeit leben, in der nicht mehr das so gefürchtete „Reckt deö Stärkeren" die entscheidende Instanz bildet, sondern Reckt und Geictz sowohl den Starken als auch den Schwachen beschirmen und den geordneten Bestand der menschlichen Gesellschaft sickern. — DaS Buch verdient als Gelegenhcitsgcsckcnk ganz besonders für unsere liebe reifere Jugend die allgemeinste Verbreitung; eS ist so reckt geeignet, den biederen eckten deutschen Sinn zu Pflegen, zu kräftigen nnd zu erhalten. Baherntreue. Historische Erzählung aus dem 18. Jahrhundert. Für das Volk und die reifere Jugend von Otto v- Sckaching. Mit 2 Abbildungen in Photo- gravüren. NcgcnSbnrg. Nationale VcrlagSanstalt. gr. 8°. Preis brosch. M. 3,—; eleg. gebd. M. 4.—. r. Seit Hcrman von Sckmid in seinem „Jägerwirth von München oder die «Lendlinger Mordweihnackt" das in der Geschichte BaheruS so creignißsckwere Jahr 1705 znm Gegenstände belletristischer Darstellung gemacht hat, ist kein zweiter bayer. Schriftsteller demselben Sujet mit solcher Hingabe und solch lebhaftem patriotischen Empfinden gefolgt, wie Otto v. Sckaching in dem vorliegenden Bücke. Mit Reckt bemerkt der Verfasser in den einleitenden Worten, daß die Helden seiner Erzählung den gleichen Anspruch auf die Bewunderung der Nachwelt erheben dürfen wie ein Andreas Hofcr nnd die anderen Tiroler Frciheitshclden. In einer Zeit, die, wie die heutige, bald offen, bald geheim gegen Vaterland nnd Dynastie arbeitet, ist eS ein Verdienst, dem Volke nnd der Jugend ein Bück zu.geben, welches der Verherrlichung des Vaterlandes uns dem Rubine der Vorfahren gewidmet ist. Was der „Baherntreue" eine besondere Bedeutung verleiht, das ist die gewissenhafte Sorgfalt, womit die Thatsachen der Geschickte für den Gang der in drei Theile zerfallenden Erzählung herangezogen wurden. Wir sind sicher, daß das schöne Buch mit lebhaftem Beifalle aufgenommen wird. Nickt unerwähnt dürfen die prächtigen Abbildungen bleiben, welche von der Hand eines hervorragenden Münchener Künstlers gefertigt, zwei ergreifende Scenen aus der Erzählung schildern. Desfrcgger'scken Geist athmet geradezu das Bild: k. Haspicder vom Kloster Weyarn segnet dkd znm Kampfe ausziehenden Oberländer. Als „Weihnachtsgeschenk" wird Schachings „Bayerntrene" sicher vielen Herzen Freude bereiten. Die 43. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands bat folgenden Beschluß gesagt: „Die 43. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands bedauert, daß in katbol. Familien vielfach Bücher'und Zeitschriften Eingang finden, welche den Glauben und die gute Sitte gefährden; sie hält es für Gc- wissenSpflicht eines jeden Katholiken, diese schädliche Lectüre fernzuhalten . . , Im Sinne dieses Beschlusses ist ein Unternehmen des Verlages von F. W. Cordier in Heiligenstadt (EichSfcld) gehalten. ES nennt sich „Cordierö illustrirte Volköbibliolbek" und ist bestimmt, der Verbreitung jener oft so bedenklichen Hefte entgegenzuwirken, welche namentlich auch durch ihre äußere Ausstattung darauf berechnet sind, die Kauflust der heranwachsenden Jugend und des Volks zu erregen. ^ Die Ausstattung ist fesselnd, dabei geschmackvoll. Die im ersten Bündchen geborene Erzählung „Um eine Handbreit" ist von ergreifender Wirkung. Nicht bloß, daß die unseligen Folgen der Prozeßincht — überhaupt des nachbarlichen Streites — in einem erschütternden Bilde gezeichnet werden: daS rührende Wirken aufopfernder kindlicher Liebe bildet das versöhnende Gcgenbild. — DaS Unternehmen der „Cordier'scheu VolkS- bibliothck" cst jedenfalls sehr cmpfehlenSwerth. Der Preis Per Bündchen beträgt nur 50 Pf. „Kreuz und Schwert", Münster i. W. Inhalt des Oktoberhestes: AnS dem Innern Deutich-QstasrikaS. — Aus der Togo-Mission. — AnS der Benediktiner-Mission Lnkulcdi. — Aus der Mission der Vater vom hh. Herzen Jesu in Nen- Guinca. — Von Sansibar zum Kilimandscharo. (Fortsetzung.) -- Die Tochter des Sklavenhändlers von Sansibar. (Schluß.) — Gefahren im Missionsleben. — Kleine Nachrichten. — Ajrika- VereinS-Einnahmen. — Quittungen über die beim Herausgeber eingegangenen Gaben. — Sprachrohr. — Büchersckan. — Illustration: Elefanten im Uiwalm — Auf dem Umschlag: Aus Pins' IX. schweren Tagen. Historische Erzählung von A. de Lamothe. (Fortsetzung.) — (Halbjährlich 75 Psg., mit Porto 90 Pfg.) Weiß, vr. I. B. von, k. k. Hofrath, Weltgeschichte, dritte verbesserte Auflage. Lieferung 154—161. Graz und Leipzig 1896. Verlags-Bucbhandlnng „Styria". Preis der Lieferung 50 kr. — 85 Psg. Mit dem nun erschienenen Bande XX dieses epochalen Werkes treten wir in unser Jahrhundert ein. Dieser Band umfaßt zwar nur sechs Jahre (1800-1806), aber es ist eine politisch bäckst interessante, gewaltig erregte Zeit. Die Revolution bar ihren Bändiger gefunden und Frankreich, das in Folge der Revolution in einer unsäglichen Verwirrung war, durch Bonaparte eine neue Verfassung erhalten. Mit welch' schöpferischer Kraft und organuatorischem Talente Bonaparte dabei zu Werke ging und die Umgestaltung Frankreichs vollführte, kann nur Bewunderung erregen, und die Verwaltung die er schuf, besitzt Frankreich heute noch. Aber Napoleon fand und suchte nicht seine Befriedigung darin, die inneren Zustände Frankreichs zu ordnen; von einem Manne, dei- die Beweglichkeit selber war, konnte man keine Nnbe erwarten, ibn beherrschten zu sehr zwei Leidenschaften: Ruhm und Krieg. Wir sehen, wie er sich aufmacht, um die Welt zu erobern und umzugestalten, wie er alte Tbrone stürzt und Siez an Sieg über die gefürcbtetsten Heere deS Festlandes an seine Fabuen heftet. Vermöge seimr Macht ist er gewissermaßen der Herrscher von ganz Europa, selbst Rußland steht unter seinem Einfluß, nur das meerumgürtete England hält stolz sein Banner und setzt der drohenden Weltherrschaft zähen und wüthigen Widerstand entgegen. Achtzig lehrreiche Geschickten sür Erstcommuni- kanten sür die Zeit vor und nach der ersten heiligen Commnnion. Nach den besten Quellen von vr. J os. Anton Keller, Pfarrer in Gottcnheim. Vierte vermehrte Auflage. Mit einem Stahlstiche. 8°. (XVI u. 238 S.) Mainz, 1896, Franz Kirchheim. Preis geh. 1,50 M., gebd. 2 M. Im Erstcommunion - Unterricht machen solche Geschichten einen ganz besonders tiefen Eindruck, bei denen es sich nicht bloß um den Inhalt, sondern auck um Erwccknng frommer und andächtiger Gefühle handelt. Dazu leistet dieses bei Seelsorgern und Katecheten, Eltern und Kindern so beliebte, weitverbreitete Büchlein nicht nur bei der Vorbereitung der Kinder zur ersten heiligen Commnnion ausgezeichnete Dienste, sondern eS belebt auch nach der ersten heiligen Commnnion den Eifer zum öfteren und würdigen Empfang derselben und zur gewissenhaften Benutzung der auS dem hl. Meßopfer uns zufließenden Gnadenschätze. Das Hotel Niorres. Eine Erzählung frei nach dem Französischen des Ernst Capcndu von H. von Vcltheim. Zweite Auflage. Zwei Bände. 8°. (415 u. 449 S.) Mainz, 1897, Franz Kirckhcim. Preis geh. M. 6,—. In 2 eleganten Callicobänden M- 8,—. ES ist eine überaus dunkle spannende Geschichte, die sich allmählig vor dem Auge des Lesers entrollt und befriedigend auslöst. Die Erzählung spielt in der Zeit unmittelbar vor der französischen Ncvolntion und bietet eine iu's Einzelne gehende getreue Schilderung der damaligen Zustände. Ein besonderes Interesse gewinnt die Erzählung dadurch, daß eine Reibe Persönlichkeiten. die später in der Revolution und im Kaiserthum eine Rolle spielten, in ihren ursprünglichen ganz anders gearteten Verhältnissen dem Leser vorgetübrr werden. Daß keine L-ilbc darin vorkommt, welche irgendwie das sittliche Gefühl zti verletzen geeignet wäre, versteht sich eigentlich von selbst, dürste aber doch bei der heutigen sogenannten „realistischen" Tendenz unserer Nomanliteratur besonders hervorgehoben zu werden verdienen. IV. Verantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. — Druck u. Verlag deö Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg.