Unterkaktungsökatt zur „Ailgsünrger Postzeitmig." Nr. 1. Donnerstag, 1. Juli 1880. Gott weiß dein Leid und heimlich Grämen, Auch weiß er Zeit, dir's zu benehmen. Gieb dich zufrieden! Paul Gerhardt. Der Derr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. Verfasser der Romane: „Auf der Grenze," „Der rechte Erbe" «. (Nachdruck verboten.) Erster Theil. I. Auf der Straße zwischen Castellamare und Sorrent, die das Entzücken jedes Reisenden ist, der einmal das Glück hatte, hier umherzuschweifen, schlenderten langsam im eifrigen Gespräch zwei Wanderer dahin. Ihre Kleidung schon verrieth, daß sie Künstler waren. Der Mond stand bereits am Himmel und goß sein Zauberlicht über die Landschaft, um alles in noch wunderbarere Farben zu kleiden. Bon Zeit zu 'Zeit blieben die Maler stehen, ganz im Schauen versunken, und dann sprachen Beide kein Wort. Der Größere von ihnen brach jetzt wieder zuerst das Schweigen und in deutscher Sprache, die durch ihre Lispellaute den Dänen bekundete, sagte er leise und tief ergriffen: Ach,-wer das auf die Leinwand bringen könnte! Sehen Sie, He dort das Meer wieder vor uns aufblitzt. Ist eck Silber? ist es Gold? Es sind eben märchenhafte Farben, die kein Pinsel wiederzugeben vermag. Und dieser Frieden ringsum! bemerkte der Andere, der in seiner Aussprache den Süddeutschen nicht verleugnen konnte: Hier ist ein Stück von dem verlorenen Paradies. Die große Dogge des Dünen war vorausgesprungen, jetzt vor einem dicht an der Straße liegenden C^pressengcbüsch stehen geblieben und stieß ein klägliches Geheul aus. Was hat die Bestie? rief der Deutsche verdrießlich. Wie gern ich auch sonst Ihren Cagliosiro habe, aber an diesem wundervollen Abende könnte er uns wirklich mit seinem Lärm verschonen. Cagliostro »ruß irgend etwas ausgespürt haben, entgegnete der Däne. Ach wirklich, dort liegt ein Mensch, und er zeigte aus das Gebüsch. Die scharfen Maleraugen des Anderen wandten sich der bezeichneten Stelle zu. Es scheinen zwei zu sein, sagte der Deutsche, und nun eilten Beide mit raschen Schritten vorwärts, um den Platz zu erreichen, von dem Cagliostro noch nicht gewichen war, sondern sein klägliches Geheul verdoppelte, als wolle er Hilfe herbeirufen. Ein entsetzlicher Anblick bot sich den erschreckten Künstlern dar. Am Fuße einer Ceder lag ein Mann in seinem Blute, mit zerschlagenem Schädel; er mußte todt sein, denn er gab kein Lebenszeichen von sich, obwohl die Dogge ihm jetzt das Blut von der Stirn leckte. Nur wenige Schritte davon, der Landstraße näher, lag noch ein Mensch am Boden, vielleicht ebenfalls ermordet, denn er regte sich ebensowenig, als die beiden Maler jetzt näher traten. Eine Verwundung ließ sich freu.ch ^ nicht sogleich an ihm bemerken, aber er war an den Händen gefesselt und hatte einen Strick um den Hals, der ihm die Kehle so zugeschnürt, daß auch ihn vielleicht der Tod schon erreicht hatte. Hoffentlich ist wenigstens dieser arme Bursche noch zu retten, meinte der Deutsche, und versuchte den Strick zu losen, der aber so fest den Haks des Unglücklichen umschloß, daß es ihm nicht gelang; erst als der Däne ein Messer hervorholte, glückte eS nicht ohne Mühe — denn die größte Vorsicht war nothwendig — den Strick zu durchschneiden. Ein leises Athemholen, ein schwaches Zurücktreten des Blutes aus dem damit überfüllten Gehirn, bewies den Künstlern, daß hier wenigstens noch Leben vorhanden sei. Bleiben Sie hier und halten Sie bei den Unglücklichen mit Ihrem Cagliostro Wacht, während ich nach Sorrent eilen und Hilfe Herbeibringen will. Wir sind zum Glück nur noch wenige Minuten davon entfernt, meinte der Deutsche. Der Däne war damit einverstanden und der süddeutsche Maler stürmte mit einer Hast hinweg, die sonst bei dem ein wenig phlegmatischen Künstler völlig unbekannt war. Langsam und schwer schlug der von seinen Fesseln Befreite die Augen auf und lispelte kaum verständlich in deutscher Sprache: Wo ist mein Bruder? Ist er todt? und er suchte den Kopf zu erheben und nach der Stelle zu blicken, wo der Ermordete lag. Ihr Bruder scheint leider todt zu sein, antwortete der Däne theilnahmvoll. Wenigstens gibt er kein Lebenszeichen mehr von sich, aber vielleicht dürfen wir noch hoffen, wenn auch — Nein, nein, er ist todt! O, meine Ahnung! Der Unglückliche ließ den Kopf zurücksinken und schloß die Augen. Der Gedanke an den Verlust seines Bruders mußte ihn zu gewaltig erschüttert haben, denn die Sinne drohten ihm wieder zu vergehen. Sie sind ein Deutscher? fragte der Däne. Ein schwaches Kopfschütteln war die Antwort. Wir sind Russen — und als der dänische Maler ein etwas verwundertes Gesicht machte, setzte der Fremde hinzu: Wir sind aus den Ostseeprovinzen gebürtig, Aber ich will meinen Bruder sehen, meinen armen Boguslav! — und mit Anstrengung all' seiner Kraft suchte er sich emporzuraffen, um sein Vorhaben auszuführen. Theilnahmsvoll unterstützte ihn der Däne. Obwohl es nur wenige Schritte waren, hatte der Fremde Mühe sich fortzuschleppen und ohne die kräftigen Schultern des Malers würde er nicht sein Ziel erreicht haben. Als er jetzt seines Bruders ansichtig wurde, betrachtete er ihn mit starren, glanzlosen Augen eine lange Zeit ganz aufmerksam, dann brach er plötzlich mit einem lauten, verzweifelten Schrei zusammen und verlor von Neuem völlig die Besinnung. Zum Glück traf bald darauf der Süddeutsche mit Leuten aus dem nächsten Gasthofe ein und half seinem dänischen Berufsgenossen aus seiner peinlichen Lage, der nicht mehr wußte, was er mit dem Unglücklichen beginnen sollte. Ein französischer Arzt hatte sich zufällig als Fremder in dem Gasthofe befunden und mit dem humanen Eifer, der seinem Stande größtentheils nachgerühmt werden kann, hatte sich der Doktor sogleich zur Begleitung angeboten, und nachdem er einen raschen Blick ükur die beiden am Boden liegenden Menschen geworfen, wandte er all' seine Aufmerksamkeit allein dem Verwundeten zu: Der Andere ist nur ohnmächtig. Bitte, reiben Sie ihm die Schläfe mit Eau de Cologne ein, das wird genügen. Hier aber ist ein schwieriger Fall, und er schickte sich an, die Wunde des Unglücklichen näher zu untersuchen. Nicht wahr, der Aermste ist todt? fragten die Künstler. Der Mensch ist entsetzlich zugerichtet. Es wäre ein Wunder, wenn er davon käme. So leise auch der Franzose gesprochen, der Andere mußte dennoch die Worte gehört haben, denn er schlug matt die Augen auf und jammerte: 0 mon Dien! Beruhigen Sie sich, mein Herr, sagte der Arzt: Noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Dennoch blieb dieser Zuspruch ohne Wirkung, denn der Russe stieß in ziemlich gutem Französisch die verzweifeltsten Klagen aus und wollte sich von Neuem erheben, um nach seinem Bruder zu sehen. , Regen Sie sich nicht unnütz auf, mein Herr, ermähnte der Franzose. Ich werde mein Möglichstes thun. Freilich ist der Schädel Ihres armen Bruders arg zerschmettert und — Er muß sterben, nicht wahr? unterbrach ihn der Nüsse und seine Augen ruhten mit dem Ausdruck der furchtbarsten Unruhe auf dem Arzt, der die Achseln zuckte und der Frage auszuweichen suchte, indem er sich wieder eifrig mit dem Verwundeten beschäftigte. Nein, sagen Sie mir alles, ich muß es wissen; drängte der Andere und erhob sich plötzlich, um noch einmal mit ängstlichen Blicken den Zustand des Bruders zu beobachten. Nicht wahr, diese schreckliche Wunde ist nicht mehr zu heilen? Er stirbt? wandte er sich dann zu dem Franzosen und seine Angen ruhten dann voll schmerzlicher Erwartung auf den Lippen des Arztes. Ich weiß es nicht. Ihr Bruder scheint mir von kräftiger Konstitution zu sein und vielleicht gelingt es mir, ihn zu retten. Langsam strich der Russe mit der Hand über sein Antlitz, plötzlich ergriff er den Arm des Doktors, der eben wieder um den Schwerverwundeten bemüht war. Täuschen Sie mich nicht länger, daß Sie sich den Anschein geben, als könnten Sie die fürchterliche Wunde meines Bruders noch zusammenflicken. Ich weiß es, er ist todt, ich hab' ihn verloren. Die elenden Räuber haben ihm zu arg mitgespielt und ihm den Schädel ganz zerschmettert. Kommen Sie, ich kann den Anblick nicht länger ertragen, gönnen Sie ihn: die ewige Ruhe — und in leidenschaftlicher Erregung wollte der Russe den Arzt mit Hinwegziehen. Nein, ich darf Ihren Bruder noch nHt völlig aufgeben, wehrte ihn der Franzose ab, in dem der Arzt allein lebendig war. Gerade dieser schwierige Fall stachelte ihn auf, all' seine Kunst zu zeigen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten, sein Geist wird freilich für immer umflort bleiben. Ohne ein Wort zu entgegnen senkte der Russe den Kopf; er stieß nur einen Seufzer aus und schweigend mit aufmerksamen Augen beobachtete er die ferneren Bemühungen des Arztes. Bald hatte derselbe vorläufig sein Werk gethan, der Verwundete wurde sorgsam auf die mitgebrachte Bahre gelegt und nun trat man langsam den Rückweg zu dem Gasthofe an. Welch' eine traurige Wanderung inmitten dieser herrlichen Natur. Leuchtkäfer schwirrten wie goldene Funken in der Luft, die von dem Duft der blühenden Mprthc erfüllt, sich weich und schmeichelnd um die Sinne legte. Die Natur schien hier das jauchzendste Lied von Lust und Leben anzustimmen, aber Alle, die an dem traurigen Gange betheiligt waren, konnten sich nicht dem Zauber überlassen, den dieser Abend sonst auf sie ausgeübt hätte. Selbst die aus dein Gasthofe mitgebrachte und zum Schwatzen stets aufgelegte Dienerschaft verhielt sich merkwürdig still. Der Verwundete gab während des ganzen Weges kein Lebenszeichen von sich; er wurde mit großer Vorsicht in ein zu ebener Erde belegcnes Zimmer des Gasthofes gebracht und erst jetzt, als der Arzt nun in größerer Ruhe seine Bemühungen verdoppeln konnte, zeigte ein schwaches Athcmholcn, daß noch Leben in ihm sei. Die Künstler hatten sich entfernt, da der Raum, in den der Verwundete gebrachr wurde, ohnehin sehr beschränkt war. Der Doktor hatte sich eine junge Magd herbeigerufen, deren Anstelligkcit ihm bekannt war, die ihm die nöthigen Handreichungen zu machen hatte und sich auch dieser schwierigen Aufgabe mit ebenso viel Geschick wie wüthiger Entschlossenheit unterzog. Doktor Bcrnard, der trotz seiner vierzig Jahre den galanten Franzosen nicht verleugnen konnte, flüsterte mehr wie einmal: Brav Marietta! und die dunklen Augen der Dirne funkelten dann über das gespendete Lob, sie hielt dann' um so herzhafter an der Seite des Arztes aus, obwohl jedes andere junge Mädchen, mit etwas schwächeren Nerven, vor all' dem Entsetzlichen völlig zusammengebrochen wäre. Während dieser ganzen Zeit war der Bruder des Schwerverwundetcn nicht von 4 der Stelle gewichen, trotz seiner sichtbaren Erschöpfung verfolgte er mit größter Aufmerksamkeit die Anstrengungen des französischen Arztes und als dieser sich jetzt jubelnd mit den Worten an ihn wandte: Triumph! ich habe dem Tode noch einmal Ihren Bruder streitig gemacht! sagte der Russe mit schmerzlichem Lächeln: Aber zu welchem Leben?! Oder wird es Ihrer wunderbaren Kunst auch gelingen, den Geist meines armen, einzigen Boguslav zu retten? Nein, das ist mir leider unmöglich, antwortete der Arzt achselzuckend. Ach, dann wäre es vielleicht besser gewesen, diese Schurken hätten ihn getödtetl entgegnete der Bruder. Mein armer Boguslav! und in seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Was kaun ihm ein Dasein nutzen, wenn ihm jede Besinnung fehlt? Sie haben wohl Recht, mein Herr, erwiderte der Franzose. Dennoch bleibt es unsere Pflicht, das Leben des Unglücklichen zu erhalten. Und Sie hoffen wirklich nicht, daß mein armer Bruder das klare Bewußtsein wieder erhalt? fragte der Russe von Neuem mit großer Lebhaftigkeit und seine Blicke ruhten wieder erwartungsvoll auf dem Franzosen. Selbst eine noch größere Kunst als die meine würde an dieser Aufgabe scheitern, war die lebhafte Antwort: Sehen Sie nur, wie dieser Schädel bearbeitet worden. Die Hirnschale ist ja ganz zerschmettert und was das Schlimmste, die Verletzung geht bis zur weichen Hirnhaut. Es grenzt überhaupt an das Wunderbare, daß der Tod nicht sogleich erfolgt ist. (Fortsetzung folgt.) Eine lustige Gerichtsverhandlung. Der Oederbauer von Niederstcrzling war bei seinen Ortsnachbarn nicht sehr beliebt. Er war noch ziemlich gut bei Jahren, hatte einen schönen Hof von seinen Eltern geerbt und viel Geld im Kasten, aber er war ein Hagestolz geblieben, hauste für sich und lebte sehr sparsam. Man sagte, er habe nur aus Sparsamkeit es verschmäht, sich eine Hausfrau zu suchen und jetzt möge ihn keine mehr. Der Oederbauer pflegte auch nur selten sich im Wirthshaus sehen zu lassen, und kam er alle heilige Zeit einmal in der Dämmerstunde dahin, dann trank er nicht viel und redete noch weniger, schlich sich vielmehr bald wieder heim, wie er gekommen war, ohne freundliches Wort und ohne Gruß und Handschlag. War er selbst den älteren Bauern, die ihn von Jugend auf kannten, ein unheimlicher Kerl, so galt er bei den jungen Burschen des Ortes als Ausbund des Geizes und der Habsucht, dem man, wo man nur konnte, anthat, was ihn ärgern oder verletzen mochte. Eines schönen Abends, es war Kirchweih in Niedersterzling, da ging's im untern Wirthshaus hoch her! Die Burschen sangen zur Zither und einige Musikanten spielten im Tanzsaal auf. Jung und alt war guter Dinge, und Tanz und Gesang wechselten ab, den Niedersterzlingern die Zeit zu vertreiben. Die Klänge der Tanzmusik drangen auch zum Oederbauern hinüber in seine einsame Stube, und weckten in ihm den letzten Rest menschlicher Regungen, so daß es ihn nicht länger in seinem stillen Hause litt, sondern unter die lustigen Menschen in's Wirthshaus trieb. — Spät war's schon, als der Oederbauer in die große Zechstube trat und am Ofensitz Platz nahm. Allgemeines Staunen verursachte diese seltene Erscheinung. — Man traute seinen Augen kauni — der Oederbauer hatte bei seinem Eintreten sogar die Nächststehenden gegrüßt und sich jetzt schon das zweite Glas einschenken lassen! Als aber vollends der Oederbauer seinen grünen Zugbeutel aufthat und den Musikanten einen blanken Gulden auf den Tisch hinwarf, da verwandelte sich das Staunen in allgemeien Heiterkeit. Der Zitherspieler, ein frischer, schneidiger Stegreifdichter, war gleich bei der Hand und smrg ein S chnada hüpfl auf den Oeder bauern, das sofort zündend einschlug, so daß es die andern jungen Burschen gleich im Chöre wiederholten. Es war ziemlich harmlos, wenn auch nicht frei von Satyrs, aber der Oederbauer lachte mit, als die Anwesenden alle durch ein frohes Gelächter ihren Beifall kund gaben. Solcher Beifall reizte aber den jungen Improvisator und nach wenigen Augenblicken hatte er schon ein zweites und ein drittes G'sangl auf den seltenen Gast losgelassen. Bald war der Oederbauer von den jungen Burschen umringt, und was nun dem Einen nicht einfiel, das kam einem Andern in den Sinn und Schnadahüpfl folgte auf Schnadahüpfl — jede Strophe im Chöre unter lautem Gelächter aller Anwesenden wiederholt. Die Anspielungen wurden dabei immer derber und zuletzt hagelte ein wahrer Schauer von beleidigenden Ausdrücken auf den Geizhals und Sonderling hernieder. Der Oederbauer hatte schon beim zweiten G'sangl zu lachen aufgehört und immer düsterer wurde seine Stirne, bis er in voller Wuth aufsprang und die lustigen Spötter wegstoßend aus der Zechstube verschwand. Er hörte noch das schallende Lachen aus dem Wirthshause, als er wieder an seinem einsamen Hofe die Hausthüre aufmachte, die er heftig hinter sich zuschlug. Am andern Tage war er in der Stadt beim Advokaten. Er nannte demselben die acht Burschen, die sich am meisten hervorgethan, an der Spitze den Feldnertoni, der mit den Spottliedcrn den Anfang. gemacht hatte. Den Inhalt der einzelnen Spottverse wußte er dem Doktor nicht anzugeben, aber einzelne Scheltworts hatte er sich gemerkt. Wenige Tage später lief bei dem betreffenden Bezirksgericht eine Klage des Oeder- bauern gegen Feldnertoni und Genossen wegen verläumderischer Beleidigung ein. Da es nun zur öffentlichen Verhandlung kam, waren der Oederbauer und die acht Beklagten erschienen. Die Zeugen, auf die sich der Oederbauer berufen hatte, wußten wenig Auskunft zu geben. Der Eine hörte nicht recht gut, der Andere war gerade nicht in der Zechstube anwesend, der Dritte wollte gerade geschlafen haben und die klebrigen konnten sich der einzelnen beleidigenden Ausdrücke nicht mehr erinnern; die Angeschuldigten aber stellten jede Beleidigung in Abrede. „Nun, daß Ihr Schnadahüpfeln auf den Oederbauern gesungen habt, könnt Ihr doch nicht leugnen," sagte der ungeduldig gewordene Senatsvorstand zum Feldnertoni. „Wenn Ihr bestreitet, daß diese Gesangeln die in der Klage behaupteten beleidigenden Ausdrücke enthielten, so sagt mir, wie sie gelautet haben?" „Ja, Gnaden Herr Präsident," ließ sich jetzt der Feldnertoni vernehmen, „i müßt schon noch, wie s' g'laut hab'n, aber a Schnadahüpfl kann man blos singa — nit sag'n!" „Nun, so singt's, wenn Jhr's nicht hersagen könnt," entgegnete der Richter ärgerlich und siehe da, unser Feldnertoni begann mit frischer Stimme: Was nützt dir a Chais'n Wenns d' nit damit fahrst, — klnd was thust mit dein Geld, Narr, Wenns d' allewei sparst. Mit schallendem Jubel fiel der Chor der Mitangeschuldigten ein und kaum, daß er fertig war, sang der Zweite: Bal' d' gar a so geizi « Willst Alles derspar'n, Waarst g'scheiter a ledern« Geldbeutel wor'n. Wieder siel der Chor ein und der Feldnertoni fuhr mit noch lauterer Stimme fort: A ledern« Geldberttel Geht dv' nv' aus — Aus dir bringt der Teufel koan Heller nit 'raus. ttJa," rief jetzt der Oederbauer triumphirend dazwischen, „so haben s' g'sungen. V- wgr' s Herr Präs ident! Aber das war nur der Anfang." Der Präsident wollte Einhalt thun, aber ehe er das Wort aussprach, hatte ein Dritter der Beklagten sich erhoben und schrie mit johlender Stimmer Und wenns d' ihm nil z'schmutzi ivaarst Und waars d' ihm nil z'fad, Hätt' scho' lang dir der Teufel 's- Cravatte! umdraaht. Der Chor wollte eben wieder einfallen, daß die Fenster zitterten, als der Präsident sich erhob und mit der Glocke heftig läutend Ruhe gebot. „Genug! genug — die Sache ist genügend aufgeklärt!" sprach der ernste -Richter, obwohl er kaum das Lachen zu unterdrücken vermochte, „der Anwalt des,Klägers hat das Wort!" Der Advokat des Oederbauern räusperte sich heftig, aber er konnte kaum sprechen, ohne in Helles Gelächter auszuplatzen, und erst nach wiederholtem Räuspern gelang es ihn,, sich soweit zu fassen, Imr auf Grund des Geständnisses der Beklagten deren Ver- urthcilung zu einer Geldstrafe zu beantragen. Diese erfolgte auch, aber froher und heiterer war noch keine Sitzung in den heiligen Hallen der Themis verlaufen, als diese, denn die Beklagten hatten ja nochmal ihren Jux gehabt und der Kläger war nicht minder vergnügt, denn er hatte ja gewonnen. „Nicht wahr, Herr Doktor," sagte er zu seinem Anwalt, als sie den Gerichtssaal verließen — „ich hatte doch Recht! Jetzt haben Sie's selbst gehört!" Die Richter lachten noch manchen Tag beim Frühschoppen über diese lustige Verhandlung ; der Oederbauer aber wird von nun an wohl öfter sich beim unteren Wirthe sehen lassen, denn nichts erfüllt mit gerechterem Stolze, als. ein gewonnener Jnjurienproceh Eine „eroberte" preußische Fahne. Die „Agence Havas" beschäftigte sich jüngst mit der für den 14. Juli vorgesehenen feierlichen Decorirnng der Fahne des französischen 57. Linien-Regiments (die französischen Regimenter führen jedes nur eine Fahne) und stellte die Behauptung auf, der Unterlieuienant Chabal von diesem Regiment habe in der Schlacht von Mars-la-Tour eine preußische Fahne erobert. Hieran knüpft die „Köln. Ztg." die Bemerkung, daß diese „Heldenthat" wohl nur eine „angebliche" sein könne, da die deutsche Armee während des Feldzuges 1870/71 nur eine einzige Fahne — die des 2. Bataillons des 61. Infanterie-Regiments — verloren habe, welche aber nicht von einem französischen Truppentheil, sondern von einer Freischaaren-Abthcilung unter Mcnviti Garibaldi unter einem Leichenhaufen gesunden wurde. Diese Bemerkung ist auch in so fern richtig, als die Eroberung einer Fahne wahrend der Schlacht von Mars-la-Tour in dem sonst gebräuchlichen Sinne dieses Wortes nicht stattgefunden hat, andererseits dürste aber auch bei dem wirklichen Sachvcrhalt den Franzosen nicht das Recht abzusprechen sein, die Behauptung aufzustellen, daß am 16. August 1870 ein Stück einer deutschen Fahne auf dem Schlachtfclde in ihren Besitz gerathen sei. Es kann mit dieser Fahne nur diejenige des 2. Bataillons des 3. Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 16 gemeint sein. Um aber ein richtiges Bild zu gewinnen, unter welchen nähern Umständen dieser Verlust vor sich gegangen ist, erscheint es nöthig, an der Hand des Generalstabswerks dem Gesechtsmomcnt näherzutreten, der jenen Verlust in sich schließt, zumal er ein blutiges, aber gleichzeitig eines der ehrenvollsten Blätter deS ganzen Krieges füllt. In der fünften Nachmittagsstunde des 16. August war auf dem linken Flügel der deutschen Schlachtordnung eine schwere Krisis eingetreten, in so fern die zusammengeschossenen Bataillone der 6. Division und der zur Unterstützung herbeigeeilt«:» 20. Division in die Defensive zurückgeworfen und ernstlich bedroht waren, von den frisch in die Schlachtlinie rückenden französischen Divisionen Grcnier und Cissey umfaßt zu werden. Dieser Gefahr sollte die 38. Infanterie-Brigade (Regimenter 16 und 37), welche nach äußerst beschwerlichem zwölsstündigen Marsche kurz nach 5 Uhr aus Mars-la-Tour debsuchirte, begegnen. Die beiden Regimenter, in sich zu zwei Treffen entwickelt, das 16. auf dem linken, das 57. — nur 2 Bataillone stark — aus dem rechten Flügel, treten den befohlenen Vormarsch an und ersteigen unter heftigem Granat-, bezw. Shrapnelseuer den nächsten Höhenkamm. Waren bis dahin die Verluste nicht erheblich gewesen, so steigerten sich dieselben empfindlich, als die Bataillone beim Betreten des gänzlich unbedeckten jenseitigen Berghangcs von heftigem Gewehr- und Mitrailleusen- feuer empfangen wurden. Mit rücksichtsloser Energie gingen die westphälischen Regimenter unaufhaltsam vorwärts. Das zweite Treffen schob sich in die gelichteten Schützenlinien ein, nur schwache Abtheilungen blieben geschlossen hinter der Front. Abwechselnd 10V—150 Schritt vorlaufend, dann sich niederwerfend, eilten die Compagnien den Bergabhang hinab. Da zeigte sich unerwartet vor ihnen eine steile und stellenweise wohl an 50 Fuß tiefe Schlucht, gleichsam wie der Graben vor einer stark besetzten Schanze. Aber auch dieses Hinderniß hemmte das Vordringen nicht. Den jenseitigen Hang erklimmend, tauchten bald alle süns Bataillone 150, 100, ja, nur 30 Schritt vor den französischen Linien auf. Von beiden Seiten überschüttete man sich mit einem verheerenden Schnellfeuer. Der Unterschied zwischen Zündnadel und Chassepot verschwand bei dieser Nähe und wohl jede Kugel traf. Aber die Uebermacht der Franzosen war zu groß, denn auf dem rechten Flügel der Division Grenier war die Division Cissey im Laufschritt herbeigeeilt und warf sich auf die decimirten preußischen Bataillone. Nur wenige Minuten dauerte der ungleiche Kampf auf der Höhe, dann gab der Oberst v. Archen seinem Regiment — dem 16. — den Beseht zum Rückzug. Unmittelbar darauf sank er tödtlich getroffen vorn Pferde. Die Trümmer der tapfern Bataillone glitten in die Schlucht hinab und das Feuer des bis an den Rand herantretenden Gegners steigerte die Verluste fast bis zur Vernichtung. Die meisten Officiere waren todt oder verwundet. Von allen berittenen Ofsicieren war allein noch Oberst v. Cranach (Regiment 57) zu Pferde; er führte, die Fahne seines 1. Bataillons in der Hand haltend, die Reste der Brigade zurück. In diesem Augenblick wurde auch die Fahne des 2. Bataillons Regiments Nr. 16 zerstückelt durch ein feindliches Geschoß. Sie war bereits in die vierte Hand übergegangen, da drei ihrer Träger nacheinander zu Tode getroffen waren. Es fanden sich wohl keine Hände mehr, das abgeschossene Stück Fahne aufzulesen, denn das Regiment war nahezu vernichtet! Die fünf Bataillone, welche den Angriff ausgeführt, sind mit 95 Osfieieren, 4546 Mann in das Gefecht gerückt, sie verloren innerhalb ^ Stunden 72 Officiere, 2542 Mann! Das 16. Infanterie- Regiment verlor von 60 Osfieieren 49, von etwa 2800 Mann 1736. Es hat hiermit von sämmtlichen Regimentern der deutschen Armee während des Krieges 1870/71 die größten Verluste auszuweisen; selbst das Regiment, welches ihm in der Verlustziffer am nächsten kommt, das 52. Infanterie-Regiment, verlor am Tage von Mars-la-Tour gegen 400 Mann weniger, als in derselben Schlacht das 16. Regiment. Das sind die nähern Umstünde, unter welchen ein Stück der Fahne des 2. Bataillons dieses braven Regiments — das später bei Beaune-la-Rolande für Mars-la-Tour glänzende Revanche nahm — den Franzosen in die Hände fiel. Auf allerhöchsten Befehl (Armee-Verordnungsblatt S. 5 von 1873) wurde dem Schafte der Fahne die fehlende Spitze zugefügt und mit einem silbernen Ringe umschlossen, der die Inschrift führt: „Am 16. August 1870 starben den Heldentod mit dieser Fahne in der Hand: Hauptmaun v. Schölten, Lieutenant Heidsieck, Unterofficier Fröhlig." Sonach ist heute noch mindestens ein Theil der betreffenden Fahne im Besitz des Regiments, und nur die abgeschossene Spitze kau» sich in den Händen der Franzosen befinden. Allem Anschein nach ist dieser Fahneutheil von den nachdrängenden Franzosen auf dem Schlachiselde gefunden worden. D1 n »rr o Durch die Felder mußt Du schweifen, Die im Sonnenstrahle prangen, Durch die grünen Wälder streifen, In der Lüfte Wellen tauche -p'ciue Bruu, tue lummerfchwüle, In des Himmels reinem Hauche Deine heiße Stirne kühle; Schau, allüberall liegt offen, Wie gedieg'nes Gold, das Hoffenl -Lein Herz von Gram vesangei Laß von Quellen, laß von Bächen Ueber Dich den Segen sprechen! Nicht in Deiner dumpfen Klause Sitze mit des Schmerzes Geistern, Herren werden sie im Hause, Draußen wirst Du sie bemeistern; Draußen vor dem freien Glücke Flieh'n sie scheu und klein zurücke! rauhen wirst Du sie bemeistern; Wieder lernst Du frohe Lieder, Lernest Du die Liebe wieder, Und mit menschlich schönem Triebe Ach, die längst vergess'ne Liebe; Quellen, Bäume, Blumenkerzen Reden Dir von Menschenherzenl Julius Lämmer. M i s e - l l - n. („Limpson >8 oominZ".) Aus Portland, Oregon, wird folgende ergötzliche Geschichte gemeldet: Spitz, ein Reisender für ein Kleidergeschäft, wurde in Wall« mit A. D. Simpson, Reisenden für ein Putzwaaren-Geschäft bekannt und beschlossen Beide, dieselbe Tour zu machen. Am Tage der Reise nach Waitsburg wurde Simpson jedoch durch Umstünde verhindert, mitzureisen, gab aber Herrn Spitz den Auftrag, den Leuten daselbst anzuzeigen, daß er kommen würde. Herr Spitz versprach, diesem Auftrag nachzukommen und reiste ab. In Waitsburg angekommen, ließ derselbe sogleich große Anschlagzettel mit den Worten „Limpson is eominK" drucken und sowohl an allen Ecken und Zäunen der Stadt als auch in den Indianer-Dörfern der Umgegend ankleben. Alle, welche diese Zettel lasen, wünschten zu erfahren, wer dieser Simpson sei, ob ein Circus- Direktor, ein Menagerie-Besitzer oder ein Seiltänzer. Die Indianer suchten sofort Arbeit, einen halben Dollar zu verdienen, um „Simpson" sehen zu können und die Stadtjungen sammelten alles alte Eisen, Blechbüchsen und Lumpen, um sich Geld für denselben Zweck zu verschaffen. Endlich kam der Tag, an dem „Simpson" ankommen sollte, die ganze Stadt war in Aufregung, die Indianer kamen in großer Zahl, und an allen Ecken hatten sich Gruppen gebildet, die auf „Simpson" warteten. Da sah man die Postkutsche von weitem, aber zugleich erschienen auch ein halbes Dutzend Jungen mit Handglocken, und läutete!» an allen Ecken, indem sie ausriefen „Liw.xson is evming!^ un-d zwei Neger, ebenfalls mit Handglockcn, eilten der Kutsche entgegen und läuteten, bis dieselbe vor dem Hotel hielt. Das Gedränge vor demselben war groß, die ganze Bevölkerung war dort und jeder wollte „Simpson" sehen. Simpson hatte die Anschlagzettel gesehen und wußte gar nicht, was er davon denken sollte, mit großer Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge, um das Hotel zu erreichen, da wurde er Spitz gewahr und es ging ihm nun ein „Licht" auf. Der Herausgeber der „Times" war anwesend mit einer Rechnung von Doll. 25 für Anschlagzettel u. s. w„ welche Simpson sogleich bezahlte, und als es bekannt wurde, daß Simpson kein Seiltänzer, sondern bloß ein Handlungsreisender sei, war das Bedauern und die Enttäuschung allgemein. Landrichter: Kaum zum eilften Male wegen Diebstahl aus dem Gefängniß entlassen, ist er jetzt schon wieder hier! Kann er denn das Stehlen gar nicht lassen, KriSphulcr? — Gefangener: Nee! — Landrichter: Zum Henker! es ist ihm doch nicht angeboren! — Leider Gottes doch, Herr Landrichter, ich hab ein Paar Nabeneltern gehabt. (Bureaukratische Höflichkeit.) (Gegenüber der Excellenz, welche zu husten geruht, unter tiefster Verbeugung.) „Euer Excellenz erlauben, gnädigst zu bemerken, daß Hochdicselben Dero unschätzbare Gesundheit im Feuereifer für daS Wohl des Staates zu wenig schonen. Allerunmaßgeblichst gesagt, wäre nicht alljährlich für Euer Excellenz eine sechsmonatliche Badekur in Karlsbad oder Pyrmont angezeigt?" Ein Bauer, der sich auf der Gallerie des ungarischen NationalversammlungsSaales befand, soll, da die Adreß-Berathungen gar kein Ende nahmen, gesagt haben: „Na, wenn die Herren schon mit der Adresse nicht fertig werden können, wie viel Zeit wird dann der Brief erst wegnehmen?" Ein bekannter Wucherer wollte mit einen: Wiener Fiaker fahren. — „I kann nit Ew. Gnaden fahren," antwortete der Fiaker, „denn schau'n Ew. Gnaden, wenn i mit Ihnen fahr', so sag'n die Leut': da fahrt der Spitzbub', der Hallunke! und i weiß dann niemals, geht's mi an, oder Ew. Gnaden." „Ja," sagte ein Offizier, „wenn ich so unglücklich wäre, einen dummen Sohn zu haben, nichts Anderes als ein Geistlicher sollte er werden." — Ein Prediger, der in der Gesellschaft zugegen war, antwortete gelassen: „Sie denken da anders, mein Herr, als Ihr Herr Vater dachte." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literariicbc'.i Institus von Or. M. Hnülcr. 4 zur Nr. 2. ---N- Mittwoch, 7. Juli 1880. Allzeit fröhlich ist gefährlich, Allzeit traurig ist deichmerlich, Allzeit glücklich ist betrüglick, Eins unis Andere ist vergnüglich. Markgraf Karl von Bürgn». Der Herr D rr r o ir. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung) Mit großer Aufmerksamkeit war der Russe den Auseinandersetzungen des Arztes gefolgt; er nickte zustimmend mit dem Kopfe: Ja, die Banditen haben meinem armen VoguZlav arg mitgespielt. Wie ist denn eigentlich der Uebcrsall geschehen? fragte der Franzose. Hier in dieser belebten Gegend sind solche Verbrechen noch gar nicht vorgekommen; ich habe wenigstens immer geglaubt, daß man vor räuberischen Uebcrsällcn hier völlig sicher sein könne. Das haben wir auch gedacht, mein Bruder und ich, erwiderte der Nüsse; aber wie Sie sehen, müssen mir unsere Vertrauensseligkeit sehr theuer bezahlen. Dieses schöne Land wird nun einmal an alleir Ecken und Enden von Räubern heimgesucht. Erzählen Sie mir, wie das AÜeS gekommen? sagte der Arzt und wandte dabei wieder all' seine Aufmerksamkeit dem Verwandten zu. Der Russe kam diesen: Wunsche augenblicklich nach; er nahm auf dem nächsten Stuhle Platz, strich noch einmal mit der Hand über die Stirn, dann begann er nicht ohne Selbstbewußtsein, aber mit leiser Stimme, aus der noch immer seine tiefinnere Erregung hindurch klang. Ich bin der Baron Gregor von Bloomhaus. Unsere Familie stammt eigentlich aus Holland, ist jedoch in den deutschen Dstseeprovinzen Rußlands seit beinahe einem Jahrhundert ansässig, aber das einst sehr ausgebreitete Geschlecht ist bis aus meinen Bruder und mich zusammengeschrumpft. Als Erstgeborener bin ich Besitzer einer Menge'Güter in meiner Heimalh. Und einer Menge Sklaven, unterbrach ihn der Franzose lebhaft. Ach, das ist interessant. Die Leibeigenschaft ist abgeschafft, mein Herr, entgegnete der Russe ruhig. Wie schade! rief der Doktor. Ich habe mir immer da^ Leben eines russi'chen Bojaren so reizend gedacht. So viel schöne Leibeigene zu haben, das waren ja Schätze, uni die ein Kaiser sie beneiden konnte." Sie sind uns zu Wasser gemacht worden, bemerkte Bloomhaus mit einem gewissen Sarkasinus. Und seitdem hat das Leben des russischen Edelmannes viel von seinen Reizen verloren. Ich sehnte mich ebenfalls fort. BoguSlav zeigte noch dazu die Keime eines Brustleidens, die Aerzte riethen ihm dringend, ein milderes Klima aufzusuchen 10 und da ich meinen Bruder unaussprechlich liebe, beschloß ich sogleich, ihn zu begleiten. Armer Boguslav! Wären wir ruhig daheim geblieben, dann Hütte ich nicht jetzt diesen schweren, unersetzlichen Verlust zu beklagen. Baron Bloomhaus griff nach seinem Taschentuch und gab sich den Anschein, als wolle er sich nur die Stirn abwischen, während er heimlich ein paar feuchte Tropfen entfernte, die ihm in's Auge getreten waren. Sagen Sie das nicht, entgegnete der Franzose. Ich glaube fest an eine Bestimmung unseres Schicksals. Wären Sie wirklich nicht gereist, dann hätte Ihren Bruder daheim irgend ein Unglück getroffen. Vielleicht wäre er auf der Jagd von einem Bären zerrissen worden, oder auf einer Fahrt über das Schwarze Meer hätte ihn die See verschlungen. — M. Bernaxd that sich nicht wenig auf seine Kenntnisse russischer Verhältnisse zu gute. Baron Bloomhaus hörte diesen Auseinandersetzungen aufmerksam zu. Sie mögen wohl Recht haben. Ich denke auch, daß man seinem Schicksal nicht entgehen kann. Gewiß nicht, das ist meine volle Ueberzeugung. Wer einmal gewaltsam seinen Kopf verlieren soll, der stirbt selbst an der gefährlichsten Krankheit nich^. Der Russe zuckte betroffen zusammen, ein leiser, heimlicher Schauer schien über seinen Körper zu rieseln. Ja, es ist alles Vorherbestimmung, murmelte er leise und starrte düster vor sich hin. Lassen Sie sich von diesen Vorstellungen nicht anfechten, ermähnte der Franzose und mit der seinen Landsleuten eigenthümlichen Liebenswürdigkeit suchte er den niedergeschlagenen Russen wieder aufzurichten. Wir Beide sind dazu nicht bestimmt, unsere Köpfe zu verlieren, fuhr der Arzt lebhaft fort. Sie sind noch jung, sind reich und unabhängig, haben also eine ganze Welt vor sich und Sie werden auch diese furchtbaren Eindrücke bald und glücklich überwinden. Nie, sagte Baron Bloomhaus und sein hübsches, regelmäßiges Gesicht nahm. einen sehr festen unerschütterlichen Ausdruck an. Der Franzose lächelte. Glauben Sie meiner zehn Jahre älteren Erfahrung. Unser Herz ist ein ganz wunderliches Ding; es mag noch so oft und noch so schrecklich zerschmettert sein, es rafft sich immer wieder auf und zeigt sich plötzlich wieder heil und gesund. Heut' ist unser Herz gebrochen, todeSwund und morgen jubelt es von Neuem aus. Sie werden das alles auch noch an sich erlebsn.. Ein schwermüthiges Kopsschütteln des Russen war die einzige Antwort. Ah lassen wir also diese philosophischen Auseinandersetzungen, fuhr der französische Arzt mit überlegenem Lächeln fort. Erzählen Sie weiter, wie Sie eigentlich in die Hände der Räuber gekommen sind., Boguslav konnte es gar nicht erwarten, bis wir in Italien waren, begann der Baron von Neuem; endlich hatten wir das gelobte Land erreicht, aber auch in Florenz und Rom duldete es meinen armen Bruder nicht lange; er wollte weiter nach dem Süden, — nach dem sonnigen Neapel. Ich fügte mich gern seinen Wünschen, da ich sah, wie glücklich er sich hier fühlte. Heute hatten wir einen Ausflug nach Capri gemacht und wir wollten nun in Sorrent übernachten. Unterwegs stolperte nun das Riuulthier, auf dem mein Bruder ritt und brach ein Bein; ich wollte aus der Stelle umkehren und ein anderes Thier miethen, aber Boguslav mochte davon nichts wissen. Wir können ganz gut den^Weg zu Fuß zurücklegen und die Maulthiertreiber zurückschicken, es ist ein so wunderbarer Abend und ich bin so froh und glücklich, wie ein Kind einmal allein herumzuschwärmen, war seine Meinung. Ich war der Aeltere und hätte sollen vernünftiger sein? Aber was wollen Sie? — Mein Bruder hatte das Talent, mich zu Allem zu bewegen, und wenn er die thörichsten Wünsche vorbrachte, ich habe niemals die Kraft gehabt, ihm zu widerstehen. - Unsere Lieblinge besitzen die Kunst, uns zu tyrannisiren, und machen auch stets davon den unumschränktesten Gebrauch, schaltete der Franzose ein und Baron Boomhaus 11 stimmte ihm durch ein Neigen des Kopfes zu, dann fuhr er in seiner Erzählung fort: Ich sah auch wirklich keine Gefahr, es war am hellen Mittag und die Straße sehr belebt. Boguslav war ganz entzückt über diese Fußwanderung und meinte, daß er jetzt erst die Schönheit der Natur genießen könne. Ich habe ihn so heiter und sorglos noch nie gesehen. Ach, es sollten seine letzten glücklichen Augenblicke sein! .... und ein tiefer Seufzer preßte die Brust des jungen Mannes. Das ist tragisch! rief der Doktor lebhaft aus, der mit immer größerer Aufmerksamkeit zuhörte, obwohl er dabei sich noch immer mit dem Verwundeten beschäftigte. Sie haben Recht, stimmte ihm Baron Bloomhaus zu. Das Schicksal schmetterte meinen armen Bruder gerade in dem Augenblicke heimtückisch zu Boden, als er in vollster Lebenslust am lautesten aufjubelte. Wie ein Kind sprang mein Bruder immer wieder vom Wege ab, um, irgend eine Frucht zu pflücken, die ihn gerade anlockte. Jetzt, vor einem kleinen Cypressengebüsch erblickte er die prächtige Goldblüthe einer Genista. Die will ich für die nächste Prozession sammeln sagte Boguslav lachend und eilte hinunter. Doktor Bernard blickte den Baron verwundert an und dieser setzte erläuternd hinzu: die goldschimmernden Genistablüthen werden gesammelt und von Balkönen und Fenstern streut man sie auf die vorüberziehende Prozession. Ah, ich bin erstaunt, daß Sie mit diesen Gebräuchen so bekannt sind! rief der Franzose. Ich war schon einmal in frühester Jugend mit meinen Eltern in Italien, war die ruhige Antwort. Diese unschuldige Blüthe sollte meinen armen Bruder in den Tod locken, setzte Bloomhaus nach kurzer Pause hinzu. Ich hatte gar kein Arg und ließ ihn zu dem Gebüsch hinübereilen, war es doch kaum hundert Schritte vom Wege entfernt. Sorglos wollte ich seine Rückkehr abwarten und ließ meine Blicke bewundernd über das Meer Hinwegschweifen, das die untergehende Sonne in Farben kleidete, die förmlich die Augen berauschen. Man merkt doch Ihre deutsche Abstammung, Herr Baron, sagte der Franzose lächelnd, denn diese Deutschen sind Alle geborene Naturschwärmer. Ohne auf diesen Einwurf zu achten, fuhr der Andere in größerer Erregung fort: ^Plötzlich wurde ich aus, meiner Träumerei durch einen furchtbaren Schrei geweckt. Ich .blickte auf die andere Seite des Weges während die beiden BH»oiten, die ihn überfallen hatten, sich schon anschickten, ihn zu berauben. Obwohl ohne Waffen, eilte ich .sogleich Boguslav zu Hilfe. In meiner Hast stolperte ich über ein Felsstück und fiel zu Boden. Ich wollte mich wieder aufraffen, aber da hatte mich schon einer der Banditen erreicht; er warf mir eine Schlinge um den Hals und noch eh' ich Widerstand leisten ckonnte, war ich gefesselt. Das war alles das Werk eines Allgenblicks. Der andere 'Räuber knin jetzt auch herbei; er wollte mir mit seinem furchtbaren Knüttel, an dem ^noch das Blut meines armen Bruders klebte, ebenfalls den Schädel zertrümmern und «rhob schoil seine Waffe, aber der Andere fiel ihm in den Arm. Es entstand zwischen sden beiden Räubern ein Streit. Ich schloß die Augen, denn ich hatte mich bereits in mein Schicksal ergeben, als ich sie wieder aufschlug, waren die beiden Schurken plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Wahrscheinlich haben sich Leute auf der nahen Landstraße gezeigt und die Räuber sind dadurch vertrieben worden. Das vermuthe ich auch, entgegnete Baron Bloomhaus. Der Bandit hatte mir mit seinem Strick den Hals so fest zugeschnürt, daß ich bald die Besinnung verlor. Ach und zu welchem Leben sollte ich erwachen, um ewig den Verlust meines theuren Bruders bejammern zu müssen! Er ist Ihnen wenigstens nicht völlig verloren, suchte der Arzt zu trösten. Um ein Schicksol zu haben, das zehnmal elender als der Tod. ' Er wird sich seines unglücklichen Zustandes niemals bewußt werden und das muß Sie über das fernere Schicksal Ihres Bruders ein wenig beruhigen. 12 Dur Nüsse schüttelte düster den Kopf. Ich hab' auf der TZelt Niemand gehabt alZ meinen Bruder. Es ist für mich ein unersetzlicher Verlust und seiner Bewegung nicht länger Herr, brach er in krampfhaftes Schluchzen aus. Sie bedürfen der Ruhe, Herr Baron, ermähnte der Arzt. Ich bitte Sie dringend, sich znnickzuziehen und mir die weitere Sorge um Ihren Bruder zu überlassen. Nein, das kann ich nicht, erklärte Baron Bloomhaus mit großer Festigkeit. Ich werde nicht von seiner Seite weichen und sollte ich ebenfalls zu Grunde gehen. Sie nützen dein Verwundeten nichts und schaden sich nur und als Arzt muß ich ganz bestimmt darauf dringen, daß Sie meinen Anordnungen folgen, denn Sie sind nun einmal mein Patient, den mir ein wunderliches Schicksal zugeführt hat. Ich werde nicht einen Augenblick Ruhe haben, wenn Sie mich von meinem Bruder trennen, sagte der Baron, und seine Augen wanderten dabei voll Besorgniß zu dem Schmerzenslager des Verwundeten. Seien Sie um das Schicksal Ihres Bruders ganz unbekümmert, cntgegnete der Arzt. Er ist in meinen Händen gut aufgehoben; ich werde alles anordnen, daß er die sorgfältigste Pflege erhält, und ich kann mich besonders auf Marietta verlassen. Aber Sie müssen sich nothwendig zur Ruhe begeben oder ich stehe für nichts. Sie sind weit angegriffener, als Sie eS selber glauben — und halb mit Gewalt drängte der lebhafte Franzose den Baron zur Thür hinaus. Doktor Bernard fühlte, daß er seine Pflicht völlig gethan habe und ein wenig der Erholung bedürfe. Die furchtbare Verletzung des jungen Russen war von ihm mit der größten Sorgfalt behandelt worden und eine Gefahr über das Leben des Aermsten nicht mehr vorhanden. Doktor Bernard mußte sich selber sagen, daß in minder geschickten Händen der Unglückliche völlig verloren gewesen wäre. Mochte man auch sein künftiges Dasein nur noch ein Vcgetiren nennen — der ihn so zärtlich liebende Bruder hatte wenigstens den freilich -vielleicht sehr kümmerlichen Trost, ihn noch unter den Lebenden zu wissen. Der Arzt empfahl dem Mädchen die weitere Obsorge für den Verwundeten, die bereitwilligst versprach, über den Kranken ängstlich weiter zu wachen und Doktor Bernard ging jetzt erleichterten Herzens, mit ,der-Befriedigung, seine Pflicht in ausreichender LPeife^ gethan en baden, jy den Salon zurück. Er wurde von den dort anwesenden Fremden und besonders von den beiden Künstlern mit Ungeduld erwartet. Man wollte nun alles Nähere über den schrecklichen Fall erfahren. (Fortsetzung folgt.) Hochschlotz Pähl. Von I. Wimmer. Für die Bodengestaltung oer Gegend zwischen dem Wärm- und Alomiersee läßt sich kaum eme treffendere Bezeichnung erfinden, als diejenige, welche F. Walther in seiner Geographie von Bayern (S. 110) gebraucht: „Unausgeführte Studien der Natur." Davon habe ich mich jüngst wieder auf einer dreistündigen, jenes Gebiet quer durchschneidenden Wanderung von Tutzing über Kerschlach nach Pähl überzeugt. Man bekommt in der That den Eindruck, als hätte der .Künstler, welcher hier die Erdrinde nwdcllirte — nämlich das Wasser — gleichsam unvollendete Skizzen hinterlassen, und als wäre er gleichsam von seiner halbfertigen Arbeit abgerufen worden. Während nämlich das niederbayerische Hügelland mit den fast parallelen Reihen seiner langgestreckten Nordostlinien einen sozusagen einheitlichen Styl ausweist, vermißt man hier bei der oberbayerischen Hügelzone jeden architektonischen Grundplan; es ist ein regelloses Gewirrs plastischer Formen: bald wellenförmige Wölbungen, bald breit hingelagcrte Kappen; hier allerlei Vertiefungen und Gesenke, dort sonderbar gebogene Faltungen und Thaleinschnitte. Nicht minder manchsaltig, ja, voll der grellsten Kontraste erscheint auch das vegetative Gewand dieser Erdstelle. Wir kommen oft durch öde Sumpfgründe, über haideartige Stellen und sogar an Torflagern vorüber, wo die Stichfläche fettigschwarz erglänzt, die ausgegrabenen Stücke in kleinen Rechtecken aufgeschichtet liegen und klare kaffeebraune Wasseradern dahcrricscln. An anderen Punkten aber hat die Natur eine Fülle von Gewächsen angebracht, den überraschendsten Reich- 13 thum eurer wilden Flora, deren Bestände nur äußerst selten von den Halmen eines Geireideackers oder von einer anderweitigen Kulturpflanzung unterbrochen werden. Der hellgrüne Sammt des Wiesengrundes. dient gleichsam zur Uutcrmälung des Bildes; auf ihm erheben sich in den verschiedensten Gruppiruugcn laubige Gebüsche, lichre Buchen- und Birkenhaine und endlich der schwarze Tanmm- forst, a»S dein uns auch einmal ein kleiner See anblickt wie das plötzlich aufgeschlagene dunkle Auge der Landschaft. So erreicht man nach einer einsamen Wanderung den südwestlichen Rand dieses Hügellandes; auf einer ins breite Amperthal vorgeschobenen Kuppe steht das Hochschlost Pähl. Diese Lage bedingt eine herrliche Nundsicht. Im Süden zieht die Alpenwand; au der Rieseusäule der Zugspitze bricht sich,das Wellengewimmcl der Algauerberge. Die vorgelagerten Alpenketten bis zu der isolinen brcitgezogenen Drciecklinic des PeißenbcrgeS präsentiern sich deutlich wie auf einer Reliefkarte. Dann kommt die von schwachen Hügelrändern gesäumte Ampcrebeuc, eine saftgrüne Tafel, von Feuchtigkeit durchtränkt. Mitten darin liegen die Häujermassen und der dicke Kuppelthnrm von Wcilheim, ckm grauen Mittagsdnst schattenhaft sich abzeichnend; allenthalben stehen Bäume zerstreut in schwarzen Klumpen; eine vielgcwundene Bogenlinie von Buschwerk, den Laus des Flusses bezeichnend, zieht zum Ammersee, dieser bleigrauen Wasserfläche, die im Süden zu stuf Buchten ausgezackt und von melancholischen Wäldern umrahmt ist. ... An den Hinblick über das Land schließt sich der Rückblick in seine Vergangenheit. Es wäre ein Wunder, wenn die Römer, nachdem sie von dem Gebiete südlich der Donau Besitz genommen, mit ihrem militärischen Scharfblicke die Hochwarte von Pähl, eine natürliche Festung und ein natürliches Observatorium zugleich, übersehen und nicht als einen Zeitpunkt ihres Fortisikatiousststemes benutzt hätten.. Die Vermuthung der gelehrten Forscher, daß hier das römische (lasten Ilrnsa zu suchen sei, hat deßhalb die grüßte Wahrscheinlichkeit für sich. Von dem hohen Mauerwalle aus konnte der Lieutenant (lncnm tonons) der römischen Wache die vier Straßenliuien überblicken, die in Pähl wie in dem Knoten eines Netzes zusammenliefen; die eine nach Nordost mitten durch das Hügelland über Machtelfing gegen Starnberg; die zweite nach Nordivest -über FifckM an den Ammcrfce; eine dritte südwärts gegen Weicherm; die vierte gerade nach Westen über das sumpfige Ammerthal nach Raisting und Wcssobrunn zu.. So bekehrt uns die „Bavaria" (I. 642 f.) Aber von nicht geringer Verwunderung wird der landeskundige Leser ergriffen, wenn er in diesem Werke die weitere Notiz findet: Mach der Ortsgeschichte von Raisting soll oberhalb der südlichen Seile des Ammersees, die Ortschaften Raisting wie Pähl umfassend, in der Vorzeit eine große Stadt gestanden haben" — und wenn daran die Behauptung geknüpft wird, daß „diese Gegend in früherer Zeit weit trockener gelegen war." Auch die Römerstraße, wird weiter gefolgert, hätte kaum da hinüberführen können, wenn die Thalebene ein Moos gcivesen wäre wie heutzutage. Dieser sonderbaren historischen Kombination, bei welcher mit unsicheren Traditionen gerechnet wird, stellen wir die auf Beachtung des Thatbestandes gegründete Behauptung des Geographen gegenüber, dcrzufolge „der alte Ammersee sich südlich in dem weiten Thale von Wcilheim mächtig ausdehnte aufwärts über Posting bis an die Mösec an der Ach, in der Ebene von Hausen (südöstlich vom Peißenberg). lind dazu mag er eine Breite von 2 ','2 Stunden besessen haben in seiner größten Ausdehnung vom Bergrücken von Wcssobrunn über Monetshausen, ja vielleicht bis an den Würmsee bei Tutzing." (Wälther S. 105.) Einzelne Splitter dieses ehemaligen größten Ausdehnung vom Bergrücken von Wcssobrunn über Monetshausen, ja vielleicht bis an den Würmsee bei Tutzing." (Walther S. 105). Einzelne Splitter dieses ehemaligen großen Wasserspiegels liegen noch rings um den heutigen Ammcrfee verstreut, so hier im Süden der Wessobrunner- und der Tölbernsee bei Wcilheim. Es ist also der Ammersee, ebenso wie der Wärm- oder Köchclsce, feit vorhistorischer Zeit bedeutend eingeschrumpft, und er befindet sich in einem langsamen Abzehrungs Prozesse. Der Prozeß ist aber nothwcndigerweise ein kontinuirlicher und kann nicht durch wechselnde Stadien einer schwächeren oder stärkeren Versumpfung des ehemaligen Seegrundes unterbrochen werden, wie der Topograph der Bavaria annimmt. Und wenn er sich zur weiteren Begründung, feiner Ansicht auf einen „Spadrich" genannten Eichenwald beruft, der ehemals bei Raisting gestauden- und bei dessen Abholzung (1803—1810) man eine Masse von antiken eisernen Kriegsgeräthen gesunden, so erwidern wir darauf, daß jene Waldstelle ganz wohl eine Wölbung im einstigen Seegrunde gewesen sein kann, daß sie dann als Insel aus den mehr und mehr versickernden Flnthen hervortrat, einen Anfing von Eichen erhielt und durch die verschlungenen Wurzeln derselben zu festerer Kvitsisteuz gelangte, als der übrige Sumpfboden. Was aber die Waffenfunde betrifft, so braucht man aus den selben nicht auf eine Nömerstadt zu schließen. Die Nähe römischer Kastelle und Straßen reicht zu ihrer Erklärung vollkommen hin. Wahrscheinlich ist auch die Entstehung der erwähnten Volkssage anf derartige Ausgrabungen zurückzuführen. Die versunkene Stadt im Weilheimer Sumpf muß demnach als ein reines Phantasicstück bezeichnet werden, und über den damals ebenso oder noch mehr wie heute versumpften Ammergrund lief von Pähl aus gewiß nur die oben erwähnte Nömerstraße, die wegen des nassen Bodens oft gerade so schwer zu passiren sein mochte, wie noch gegenwärtig die weiter nordwärts von Pühl nach Messen führende Straße. Das Kastell Usura und die römische Ansiedlung, die sich wahrscheinlich gleich dem heutigen Dorfe Pähl am Fuße des Berges gebildet hatte, verschwanden, als im 5. Jahrhundert die aus dem Innern Asiens hccvorgcbrochcne Flnth der Völkerwanderung verheerend über Süddeutschland hinbrauste. Die Geschichte der ältesten bayerischen Orte weist von dieser Zeit an durchweg große Lücken auf, zum Beweise, wie vernichtend jene Katastrophe gewirkt haben nmß. So ist es auch in der Chronik von Pähl der Fall, welche der Pfarrer I. Brenner im „Oberbayerischen Archiv" (lX, 219 bis 253) mit großem Fleiße zusammengestellt hat. Erst vom 8. Jahrhunderte an finden wir Schloß und Torf wieder erwähnt. Das erstere wechselte dann vielfach seine Herren, bis es bei der im Jahre 1240 vorgenommenen Eintheilung Bayerns in Landgerichte, unter denen auch Pähl sich befand, zum Wohnsitze des fürstlichen Pflegers auserschen wurde, welchem Zwecke es bis in's 17. Jahrhundert gedient hat. Aus dem römischen Lagerorte, auf dem wohl ein freundlicher Wiedersehen! antiker Kultur liegen mochte, war eine finstere Zwingburg der grausamen mittelalterlichen Strasrechtspflege geworden. Neben dem Hochschloße stand ein viereckiger Thurm, worin adelige Verbrecher rasch und heimlich hingerichtet wurden. Am 28. März 1603 z. B. ward ein Stallmeister von München Namens Astor hier enthauptet; zehn Jahre später gar eine vornehme Dame: .,^nr>o 1613 menoe Leptambrio in arco ouperiori capito privat» est uobilis Domina, Disenraiebar cujus eaäavsr in coeinatorio nostro sopultus (!) äst" sagt ein altes Sterbe- register der Pfarrei Pähl. Das heutige Schloß steht übrigens nicht mehr auf dieser von blutigen Schemen umkreisten Stätte. Nachdem nämlich das Pfleggerichlsgcbäude mit den dazu gehörigen Grundstücken gegen Ende des 17. Jahrhunderts an das Kloster Andcchs gekommen war, ließen die Mönche das alte Schloß verfallen und führten nebenan ein neues Gebäude zu ökonomischen Zwecken auf. Dieses fiel bei der Säkularisation an den Staat und wurde endlich vor etiva 40 Jahren van dem bekannten Münchener Hosrath Hansstängl erworben, der es in dem gothffchen Stil restauriren ließ, wie es hente dasteht. Seit dieser Zeit hatte sich in dem trefflichen Gasthause unten im Dorfe eine Kolonie von Münchener Malern angesiedelt, und auch der seinsinnige Naturforscher G. H. von Schubert pflegte Jahrzehnte lang seine Svmmerserien hier zuzubringen — geiviß ein Beweis, das; Pühl reich sein muß an landschaftlichen Reizen. Sie liegen hauptsächlich in dem oben geschilderten, sormenreichen Panorama des Ainpergebietcs mit seinen interessanten, vielfach wechselnden Beleuchtungen. Und wenn wir zum Schlüsse noch den Wassersall erwähnen, der in einer Schlucht des Schloßhügels über die 80' hohe Nagelfluhwand herabstürzt, so geschieht es, um auch dem Geschmacke derjenigen Naturfreunde Rechnung zu tragen, welche für solche lärmende Effeklstückchen der Natur eine ganz besondere, mir indeß nicht recht verständliche Vorliebe hegen. (Korr. v. u. s. D.) Vision. Von I. Mayer hofer. — Vorgetragen auf dem Festcommers der kath. Studentenvercine in München. Weit — weit dehnt sich der Raum. — Von der Donau bis zu der Alpen Saum Erblickest du duftiges Neubruchland Mit Senn' und Waid' und Gehöftestand Und wogende Saat mit goldene«! Halm, Frohblöckend Rind auf der Vorlands-Alm, Und über dem Allen frisch und rein Der Glast voni milden Frühlingsschein. Und drüber kam's mit Gewitternacht In derselben blutigen Ungarnschlacht 15 Von anno neunhundert und sieben — Wo das ganze bayerische Heer geblieben — Der Markgraf, der Bischof, der Ritter und Knecht, Dem Tode geweiht ein Heldengeschlecht. Der Degen troff, und es schien kein Stern — Aus Westen nur in weiter Fern Loht himmelhoch der Dörferbrand Und markt der Ungarn Zug durch's Land, Denn nimmer wehrt die Faust der Braven, Die auf blut'gem Grund der Urständ entgegen schlafen. Doch Einer noch regt sich, er athmet und sieh': Er hebt sich, und schwankt und sinkt aus's Kniet „Mein Gott! — Dein ist die Macht! „Ob rings Zerstörung und Tod und Nacht — „In furchtbaren Schmerzen, „Den Tod im Herzen — „Sei Dir mein Preis gebracht! „Ich diene Dir und eS dient Dir mein Haus, „Bis der Letzte des Stammes tritt zur Schwelle des Lebens hinaus. „Ich schau — wie ein Seher aus alttestamentlichcn Tagen „Die Zukunft — und im Munde verstummt mir das Klagen. „Ein Markgraf füllt — und ich sehe den Sohn, „Wie er trägt auf dem Haupte die Herzogskron'! — „ES dunkelt die Luft — es kommen die nordischen Kaiser! „Still mein Staunn! Steck' unverdrossen die Reiser — „Verzweige, verwurzle dich fest und fester mit deinem Volke, „Und die Sonne durchbricht die verfinsternde Wolke. „Huoh! schon seh' mein Geschlecht ich wieder zu Throne steigen! „'s ist Otto, mein Enkel, der eröffnet den Neigen. — „Wirr Wasfcngctös' und Jammern und Wimmern, „Und über Maximilians Haupt seh' ich den Knrhnt schimmern! „Was schau' ichs Es walzen die Donau heraus sich furchtbare Schaaren: „So kommen sie wieder, die Ungarn und die Avaren? „So recht mein Enkel! Du schmetterst sie nieder wie Blitz so schnell! „Gott mit dir, mein Max Emanuel! „Und noch kein Ende für mein Entzücken! „Ich sehe Max, meinen Enkel, den Stuhl an die Tafel der Könige rücken! „„Es setzt sich Ludwig daran, und eS klingt ein Singen und Sagen, „Paläste und Münster und Klöster ragen — „Die Nationen kommen und bestaunen verwundert „Das neuerblühte Medizeer-Jahrhundcrt. — „Ein Königswort steht in goldene Lettern gegraben: „Ich will Frieden mit meinem Volke haben. — «Fest-Jubel erschallt, millionenhaft, „Das Volk in der alten Liebe Kraft „Schaart eng sich um des Thrones Stufen: „Heil Ludwig dem Zweiten! hör' ich sie rufen. „Die alte Lieb' und die alte Treu — „Jahrhunderte alt und Jahrhunderte neu — „So blüht sie nirgend wie beim Volke der Bayern „Und seinem Fürstengesch lochte von Scheyernü 16 „Mein Gott! Dein ist die Macht! „Sb rings Zerstörung, Tod und Nacht, „In furchtbaren Schmerzen — „Den Tod im Herzen — „Sei dir mein Preis gebracht. „Ich diene dir, es dient dir mein Haus, „Bis der Letzte des Stammes geht zur Schwelle des Lebens hinaus! „Ich schau' — wie ein Seher aus alttestamenttichen Tagen „Die Zukunft — und im Munde verstummt mir das Klagen." So sprach Luitpold der Markgraf und Ahn Mit seinen Lippen, den zitternd bleichen —- Und sank, ein Todter, zu den andern Heldenleichen. K 3 ucl 63 mu 3 igiiui- quanism Lavan.*) (LIeloclia notissima.) K»n<1eamu8 jKttur, sifaouiom Uavari — Nogau voee ccmeiiumms, Oiein euim celebramus, Uastuui, ubsgus pori! Ubi aoganm ceruitur Lpeeimon mirorum: UeZnut in Uavario, Leptem nune por saecula, Oia,a etiepo Leliz'rorum! Vita Uavarorum est ! Lei!)'!is implioatu, Uiineipam eiomouti cura, kaznilikpio Kilo z>ara, Viuela guao sacrata! ! Vivab Uuckovieus rex, ^ j Uveuz llulco tbroni, i Vivaut ecaisanguiuoi, Uilias et ülü, > Lelsi, gratn, boui! ' Vivat ao Ilavaria, i 'lerra praoclicata, ! tguot -miocaitiwio ckoua, i llpt naturae praobeus bona, i Lopiose data! Vivnt eructita meng ! Itegnm Itavarorurn, 'loaijilum gaaa seientiis, ! ^.rtibus vt lidsrie ! Louclldit lleeorum! ! (Allbekannte Melodie.) Stimmr das Lied der Weihe an Rings im Land der Bayern, ' Laßt die Stimmen laut erschallen, Dieses Fest, ein Fest vor allen, Würdevoll zu feiern! Sagt. wo strahlte solch ein Glanz Jemals noch um Throne: Siebenhundert Jahre zieren Träger aus dem Hans der rchyren BayernS Herrscherkrone! Bon dem LooZ der Schyrcn ist Bayerns Loos untrennbar, Lanagewohnte Fnrstengüte — Tremrprobtes Volksgemüthe Fesseln sich unnennbar! Hoch für Ludwigs Majestät! Hoch jür^nll die Glieder Seines Stamms, der weitverzweiget In die fernsten Lande reichet, AllwnrtS hehr und bieder! Hoch das liebe Vayerland, Das gebenedeite! Seil en «chooß, den gabenrcichen, Schmücken Reize sonder Gleichen: Perlen ihm im Kleide! Hoch dem vieler tauchten Sinn', Der den Thron mmvobcn Und mit edler Schöpferkraft Tempel rings der Wissenschaft Und der Kunst erhoben! Fort, die Bayerns Glück und Ruhm Zu verkleinern suchen, Fort, wem immer fiel' es ein, Unserm König feind zu sein — Ihnen laßt uns fluchen! A. Pernwerth von Bärnstein. ») Aus den am 26. v. Wts. zu Würzbncg und am 21. v. Bits. dahier zu Ehren des Wiktels- bacher Jubiläums abgehaltenen, beiderseits außerordentlich stark besuchten 8. O.-Eommersen wurde dieser sL -xw Veranlassung von dem k. Bahninjpektoc Pernwerth von Bärnstem m lateinischer und deutscher Sprache verfaßte Feskgaudeamus und zwar jeweils in der latcinsichen Fassung abgesungen. I'ereont Lavarlao Uoxaa Studiosi, Ueronnt, gui Uvcloviei Uorsiton 8>nt inimici — Uotns ockloLÜ Für die^htedaktio» vcranuvortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerarischcn Jnstilns von Dr. M. Huliler. zur „Äugslmrgcr post;c>ti Nr. 3. Samstag, 10. Juli 1880. steige dich zu jeder Frist Starker als dein Herzensjauimer! Sei nicht Amdos deinem Leid, Nein, sei deines Leides Hammer! Rnckert. Der' Nerv Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Doktor Veruard war ein ganz Anderer am Krankenbett als im Salon. Dort zeigte er nichts als den hingebenden Eiser des'Arztes, der von der Wichtigkeit und Bedeutung seines Berufes vollkommen überzeugt ist. Hier kam der angenehme Gesellschafter, der liebenswürdige Plauderer ganz allein zur Geltung. In dem Munde des lebhaften, sogar geistreichen Franzosen gewann jetzt Alles einen anderen Anstrich. Die ruhigen Mittheilungen des jungen Nüssen erhielten eine romantische Färbung und Doktor Bernard wüßte besonders die schwärmerische Liebs des Baron Bloomhaus für seinen Bruder so rührend zu schildern, daß mehrere der im Salon anwesenden Daunen Thränen vergossen. Der junge Nüsse war plötzlich in dem Gasihofe zu Sorrent der Held des Tages, ohne daß er davon eine Ahnung hatte. Man fand sein Auftreten bewundernswürdig und die Damen bestürmten den Doktor mit einer Menge Fragen nach der Persönlichkeit des Barons. Ob er blond oder brünett, klein oder groß, hübsch oder häßlich sei? und der sonst so sprachgewandte Franzose hatte Mühe diesen Sturm von Fragen zu bestehen. Er gab mit liebenswürdiger Geduld über alles Auskunft und als dies dennoch nicht genügte, sagte er lächelnd: Wenn morgen ein junger hochgewachsener Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren, mit einem vornehm bloßen, nur ein wenig in's bronzefarbens schillernden Gesicht in den Salon tritt, so ist es mein Patient. Um das Signalement zu vervollständigen, setze ich noch hinzu, daß der Baron blond ist, wunderbar blaue schwärmerische Augen und einen kleinen allerliebsten Schnurrbart hat, in den allein sich nicht zu verlieben, für manche Dame ihre Schwierigkeit haben wird. Man mußte unwillkürlich lächeln, und wie dies in einem Salon, in einer von den verschiedensten Leuten belebten Gesellschaft immer geschieht, selbst dieser tragische Fall wurde allmälig leichter genommen und verlor seine düster unheimliche Färbung. Ueber den Fragen nach der Persönlichkeit des jungen Barons wurde vergessen, nach den Einzelheiten des räuberischen Ucberfalls weiter zu forschen. Anfangs freilich hatte das Verbrechen die Gemüther der Fremden furchtbar erregt und in Schrecken gesetzt; aber als Doktor Bernard versicherte, nach seiner Ueberzeugung sei die Schandthat nicht von eigentlichen Räubern, sondern von Gelegenheilsdieben ausgeführt, begann die Gesellschaft sich zu beruhigen. Es kann darüber kein Zweifel herrschen, fuhr der französische Arzt mit gewohnter 18 Lebhaftigkeit fort. Echte italienische Banditen hätten sich nicht damit begnügt, den jungen Russen zu binden, sie würden ihn einfach durch einen Dolchstich für immer beseitigt haben, denn diese im Handwerk ergrauten Leute haben die Ansicht, daß die Todten nichts mehr ausschwatzen und nicht mehr als Zeugen gegen sie auftreten. Auch den Bruder des BaronS haben diese Menschen nicht todten wollen, der Schlag mit dem Knüttel ist nur gleich zu heftig ausgefallen und aus allem dem entnehme ich, daß wir es hier mit Dilettanten im Nüuberfache zu thun haben, die nach ihrem ersten unglücklichen Auftreten ihre freie Kunst wieder aufgeben werden, weil sie selber fühlen, daß ihnen das rechte Talent dazu fehlt. Es ist also für unsere Gegend keine Gefahr vorhanden. Die besänftigenden Worte des Doktor Bernard verfehlten, besonders auf die Damen, nicht ihre beruhigende Wirkung. Es wurde dazu einstimmig beschlossen, fortan nur in größerer Gesellschaft seine Ausflüge zu machen und das Gespräch erhielt endlich wieder eine freiere und harmlosere Richtung, wenn es auch noch zuweilen auf den interessanten Russen zurücklenkte. Die Erwartung der weiblichen Gäste im Hotel zu Sorrent sollte aber nicht erfüllt werden. Weder am nächsten noch am folgenden Tage fand sich Baron Bloomhaus ini Salon ein. Er widmete all' seine Zeit und Aufmerksamkeit seinen: unglücklichen Bruder und verkehrte mit Niemandem weiter als mit Doktor Bernard. Man fand diese brüderliche Aufopferung bewunderungswürdig, trotzdem würden es die Damen ihm nicht verargt haben, wenn er nicht völlig in der Sorge für den Verwundeten aufgegangen wäre. Da sich der russische Baron nur allein der 'Pflege seines Brudes widmete und sich von der übrigen Gesellschaft ängstlich fern hielt, so erlosch allmälig das Interesse für den jungen Mann. In einem Hotel, in dem die Gäste beständig wechseln, erregt selbst das erschütterndste Ereigniß keine dauernde Theilnahme und dein Wirth lag ohnehin daran, die schlimme Geschichte so rasch wie möglich der Vergessenheit zu übergeben. Die Dienerschaft erhielt den strengsten Befehl, über den Naubanfall gegen die Ankömmlinge kein Wort zu verlieren, und da Baron Bloomhaus nicht einmal daran gedacht hatte, das Verbrechen bei der Behörde zur Anzeige zu bringen, so trat die ganze Angelegenheit schon nach wenigen Tagen in den Hintergrund. Der Kunst des Doktors Bernard gelang es wirklich, das Leben des jungen Russen zu retten, ja seine Genesung machte in kurzer Zeit außerordentliche Fortschritte. Dagegen bestätigte sich auch zum großen Schmerz des BaronS seine erste Aussage völlig, der Geist des armen Boguslav blieb umhüllt, das klare Bewußtsein des Unglücklichen kehrte nicht mehr zurück. Der Aermste konnte mit Mühe einige unzusammenhängend«: Worte lallen und aus seinem ganzen Wesen und Benehmen ging deutlich sein völliger Blödsinn hervor. Selbst für Doktor Bernard, der als Arzt an furchtbare Scenen gewöhnt war, hatte es etwas Ergreifendes, wenn der Baron sich dicht vor seinen Bruder hinstellte, ihm zärtlich ins Auge blickte und dann mit weicher, lhränenerstickter Stimme fragte: Boguslav, erkennst Du mich wirklich nicht? Erkennst Du Deinen lieben Gregor nicht mehr? und dieser nur ihn gleichgiltig anstarrte und mit stumpfem Lächeln seinen Blick erwiderte. Eines Tages hatte der Baron, wie so oft, wieder diese zärtliche Frage gestellt und dabei die Hand des Bruders ergriffen. Dieser schien heute lange nachzusinnen, plötzlich mußte irgend eine dunkle Vorstellung sein armes Hirn erschrecken, denn sein Gesicht verzerrte sich; er lallte ein Wort, das Doktor Bernard nicht verstand, stieß dann heftig die Hand seines Bruders zurück und suchte mit allen Zeichen des Entsetzens aus der Nähe seines Bruders zu kommen. Sie sehen, lieber Baron, daß all' Ihre zärtlichen Bemühungen vergeblich sind, ja ich fürchte, Sie regen den Aermsten nur unnütz auf, bemerkte der Arzt. Ihr Unglück^ licher Bruder ist aus seinem geistigen Schlaf durch nichts mehr zu retten. — 19 Das fürchte ich auch, sagte der Baron, der bei der plötzlich hervorbrechenden Wuth seines Bruders erschrocken einen Schritt zurückgetreten war, aber jetzt seine Fassung schon wiedergewonnen hatte. Ihr Bruder ist körperlich so weit hergestellt und meine Kunst ist damit zu Ende, fuhr Doktor Bcrnard fort. Das Beste wäre, ihn so bald wie möglich in eine Irren- Anstalt zu schaffen. Wird sein Geist wirklich nie wieder erwachen ? Wird sein Bewußtsein nie so weit hergestellt werden, das; er mich erkennt und sich auf die Vergangenheit besinnen kann? fragte Baron Bloomhaus tief ergriffen. Nie, entgegnete der Arzt mit großer Sicherheit. Warum sollte ich Sie täuschen und Ihnen Hoffnungen vorspiegeln, die nie in Erfüllung gehen. Der Geist des Aermsteu bleibt für immer umflort. — Hier ist alle Kunst vergebens. Der Unglückliche wird auf keinen Fall aus seinem dumpfen Zustande je wieder erwachen. Der Baron stieß einen schmerzlichen Seufzer aus und starrte düster vor sich hin, Armer Boguslav! murmelte er leise und suchte eine Thräne zu verbergen, die ihm unwillkürlich ins Auge getreten war. Ich kann Ihnen meine Bewunderung nicht vorenthalten, sagte Doktor Vernarb. Sie haben für Ihren Bruder eine Hingabe und Zärtlichkeit an den Tag gelegt, die mir bei Geschwistern selten vorgekommen ist; aber Sie müssen sich endlich zu trösten suchen. Sie sind ja noch jung und das Leben fordert seine Rechte. Das beste bleibt, wenn Sie so rasch wie möglich Ihren Bruder in einer Irrenanstalt unterbringen; so lange Sie ihn täglich vor Augen haben, kommen sie nicht zur Ruhe. Ich muß sonst fürchten, daß Ihr Gemüth unter diesem entsetzlichen Druck leidet. Wie leicht artet eine solch beständige Trauer in Schwermuth und zuletzt in Tiefsinn aus. Die Ermahnungen des Arztes schienen auf den Baroff nicht ganz ohne Eindruck zu bleiben. Sie meinen also wirklich, daß ich mich von meinem Bruder trennen soll? O Sie glauben nicht, lieber Doktor, wie schon dieser Gedanke mein. Innerstes packt und mir Entsetzen einflößt. Dennoch muß es sein, entgegnete Doktor Bernard sehr eifrig. Sie können Ihrem Bruder nichts mehr nützen; ihn täglich zu sehen und um sich zu haben, ist für Sie eine Qual ohne Ende. Seien Sie überzeugt, der Aermstc ist in einer Irrenanstalt am besten aufgehoben. Mir ist der Leiter einer solchen Heilstätte in Neapel bekannt. Ich will den Kranken dahin abliefern und er wird dort die nöthige Pflege und Ruhe haben. Ueberlassen Sie mir die Regelung der ganzen Angelegenheit. Nein, nein, ich werde Boguslav dorthin begleiten. Sie sollten sich diese letzte schmerzliche Aufregung ersparen. Unmöglich! Ich muß wenigstens wissen, in welche Hände er kommt, erklärte der Baron mit solcher Festigtet, daß Doktor Bernard keinen weiteren Widerspruch wagte. Schon am anderen Tage wurde die traurige Fahrt angetreten. Der Kranke verhielt sich wie immer still nnd völlig gleichgiltig gegen alle äußeren Vorgänge. — Mußte ihm doch das Essen halb gewaltsam beigebracht werden, denn er wußte nicht mehr, wann fein Magen neuer Nahrung bedurfte und würde gewiß verhungert sein. Die Irrenanstalt war bald erreicht; der Baron mußte sich überzeugen, daß sie für italienische Zustände leidlich eingerichtet war, er zahlte im Voraus auf ein Jahr die Pension und erhielt auf seine Bitte die Versicherung, daß seinem Bruder die sorgfältigste Pflege nicht fehlen werde. Es war noch ein ergreifender, unendlich schmerzlicher Augenblick, als Baron BloomhauS von feinem Bruder Abschied nahm. Er wollte den Unglücklichen zum letzten Mal umarmen; aber der Geistesschwache drückte sich scheu in eine Ecke und stieß ein so klägliches furchtbares Winseln aus, daß der Baron seine Absicht aufgeben mußte. Er warf nur noch einen unendlich liebevollen Blick auf den Bruder, dann eilte er hastig aus dem Zimmer, als fürchte er sonst von seinen schmerzlichen Empfindungen völlig überwältigt zu werden. Auch Doktor Bernard nahm jetzt Abschied, denn er ging wieder nach Sorrent zurück, während Bloomhaus sogleich und auf direktestem Wege in sein Vaterland zurückkehren wollte. Vergeblich hatte der Baron dem Arzt eine ansehnliche Summe als Entschädigung für seine großen Bemühungen angeboten, der Franzose wies sie mit Entschiedenheit zurück. Ich bin nach Italien nicht als Arzt gekommen, cntgegnete Doktor Vernarb mit feinem Lächeln. Lassen Sie mir das angenehme Bewußtsein, Ihnen einen kleinen Dienst erwiesen zu haben. Ich habe Sie sehr hoch schätzen gelernt, Herr Baron, und Ihre aufopfernde Bruderliebe werde ich bewundernd im Gedächtniß erhalten. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und nun setzte Jeder seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fort. (Fortsetzung folgt.) Die Stätte, wo das Pontificat Petri seinen Ursprung nahm. Reminiscenzen und Reflexionen aus dem Orient von Carl Schnabl. Es war im Monate Juni vor zwei Jahren, als ich auf einer ausgedehnten syrisch- palästinischen Rundreise von den eisgckrönten Höhen und wettergesurchten Felsen des großen Hcrmons Herabstieg, um zu den Jordansquellen, welche dein hohen Hermon ihr Dasein verdanken, zu gelangen. Der Hermon, ein 7 bis 8 Stunden langer, mächtiger in nordöstlicher Richtung Palästinas gelegener Gebirksstock, bildete die Grenzmarke für die Heimath Israels. Die Naturerhabenheit und Schönheit dieses Bergriesen, der mit seinen höchsten Gipfeln (gegen zehntausend Fuß) in die Region des ewigen Schnee's reicht, drückt der Psalmist am schönsten und besten durch die Worte aus: „Tabor und Hermon jauchzen in Deinem Namen." Naiurhistorisch, sowohl in geologischer Beziehung als durch seine Flora und Fauna, ist er sehr merkwürdig. Der von einem reichen Sagenkreis umwobcne Berg ist aber auch historisch von hoher Bedeutung. Er gilt geradezu als palästinischcr Blocksberg, a^s dem die Heroen furchtbare Eide schworen; anderseits aber spielt er in der Götterlehre eine große Rolle als unnahbarer, heiliger Berg, die durch die Tempelüberreste für die Nachwelt eine archäologische Gestalt gewinnt. Drei Hochquellen des Jordans sind zu unterscheiden: die nördliche bei Hasbaya, der Hasbany genannt, die kleinste; die mittlere bei Banias und die südliche, die stärkste ist die Danquelle. Der Hasbany, der seinen Ursprung bei dem Städtchen Hasbany hat, kommt aus vulkanischem Gestein hervor und läuft durch das Teimthal, als Centralsitz des Drusenvolkes merkwürdig, um sich mit seinen Seitenquellen nach mehreren Stunden zu vereinen. Die südlichste ist die größte und stärkste bei Tell el Kadi, das ist Dan. Mit mächtigein Schwall entströmt sie hier der Westseite des Danhügels. Das Wasser nimmt seinen Ursprung im Krater eines erloschenen VulcanS, dessen Ränder sich noch erheben und es tritt mitten unter porösem Basalt aus mehreren Quellen hervor, nährt eine Menge Schildkröten und zwischen Lava und niederen Basaltbergen, zerrissenen Felsen und zerwühlten Thälern rauscht es dem Hulesee, dem ersten Becken, das der Jordan bildet, zu. Den Danhügel bedecken prächtige, immer grüne Eichen; die Jordansqnelle aber umschatten dichte Oleandergebüsche, welche eben in schönster Blüthe waren. Hier in unmittelbarer Nähe stand die alte Stadt Dan, die Nordgrcnze des israelitischen Reiches; daher der so oft vorkommende Ausdruck von Dan bis Bcerseba, um die nordsüdliche Längeausdehnung des gelobten Landes auszudrücken. Tell el Kadi, wie heute im Arabischen dieser Hügel heißt, ist identisch mit dem hebräischen Worte Dan; beides ist zu übersetzen mit „Richter". Bevor die Stadt von dep Daniten erobert wurde, hieß sie Lais und gehörte zu dem Gebiete von Sidon. Als sich später die nördlichen Stämme von Juda trennten und als Reich Israel dem theokratischen Staate Juda gegenüber- 21 standen, ward unter König Jeroboam ein goldenes Kalb zur Anbetung aufgerichtet. Des sterbenden Patriarchen Jacob's Prophezeiung sollte auch durch den Kälberdienst Dan's in Erfüllung gehen. Während wir noch einen Tag vorher auf den Bergeshöhcn milde und kühle Alpenluft athmeten, hatten wir jetzt auf dem Ritte von Dan bis Vanias subtropisches Klima zu ertragen. Der heutige Name Vanias entspricht dem antiken griechischen Paneas. Dort war ein dem Gotte Pan geweihtes Heiligthum in einer Höhle, daraus die zweitgrößte, aber die schönste und interessanteste Jordansquelle hervorströmt. Als Kaiser Augustus den König Herodes 734 ab urbu avml. in Syrien besuchte, lies; Herodes einen Prachttcmpel von hellweißem Gesteine daneben errichten und sein Sohn, der Tetrach Philippus von Trachonitis, baute Paneas an der Quelle des Jordans auf und legte ihm den Namen Cäsarea bei, das in der Folge zum Unterschiede von Cäsarea Stratonis oder Palästina am Meere, Cesarea Philippi genannt wurde. König Agrippa, der Jüngere, der vom Kaiser Claudius das Erbe seiner Familie und später auch die Tetrarchie des Philippus erhielt, vergrößerte die Stadt und hieß sie aus Schmeichelei zum Ueberflusse noch Neronias. Hier empfing Agrippa den Vespasian und bewirthete ihn mit seinem ganzen Heere. Der siegestrunkene Titus zwang nach der Einnahme Jerusalems eine Anzahl gefangener Juden im Amphitheater zu Paneas, sich in den Schauspielen unter einander oder im Kampfe mit wilden Thieren aufzureiben. Die Ueberreste der griechisch-römischen Stadt sind sehr ausgedehnt, aber mit wenig deutlich erkennbaren Gebäuden; es ist ein wirres Durcheinander am Nordende einer dreieckigen Terrasse, in einem Winkel des HermongebirgeS. Aeußcrst massive Werkstücke, steinerne Brücken, Säulenschäfte und feingearbcitete Capitale, drei Thürme mit fugengeränderten Quadern, den Kennzeichen hohen Alterthums, ragen noch empor als Zeichen ehemaliger Stärke. Das heutige Dorf Vanias besteht aus wenigen Häusern, (bewohnt von Muselmännern und einigen Christen) die meist innerhalb der ehemaligen Burgmauern stehen. Unter dem Schloßberge einer steilen Kalksteinfelswand mit Basaltgängen bricht aus der Panshöhle mit Ungestüm und Wucht die Jordansquclle hervor. Ueberall strömt köstliches Wasser in Hülle und Fülle und ruft eine außerordentlich üppige Vegetation hervor. Die Euphratspappel und babylonische Waide nebst zarten Tamarisken bilden die Hauptrepräsentanten der Pflanzenwelt, welche treu dem Jordan bleiben, von seiner Wiege bis zu seinem Grab im todten Meer. In der glatten Felswand zeigen sich noch mchrere muschelartig verzierte Votiv-Nischen; hier wurden Wcihegeschenke für den Gott Pan aufgehangen, und seine Statuen aufgestellt, wie auch in einer großen Nische das Standbild Augustus von seinem königlichen Diener Herodes gewidmet wurde. Die ziemlich verwitterten Steininschristen besagen, daß der Priester des Pan die Weihetaseln im Heiligthum seines Gottes und der Nymphen und zugleich zum Heile des Cäsars gesetzt habe. Oberhalb der Felsenwand ist ein liebes, stilles Plätzchen, da steht ein altes Gebäude und heißt Bar Dschiries-Moschee; es war in der christlichen Periode eine Georgskapelle. Der heilige Gcorgsritter erlegte den Drachen, Pan genannt, unten in der tosenden Höhle. Im vierten Jahrhundert war Danias schon ein Visthum unter dein Patriarchate von Antiochien. Im Zeitalter der Kreuzzüge wurde das Visthum vom Erzbisthume TyruS aus wieder restaurirt. Bald aber von Nur-ed-Din, dem Beherrscher Damasens, erobert, kam es nun niemehr in den Besitz der Christon. Der Gedanke^ und die Idee, hier eine katholische Missionsstation wieder zu eröffnen, stieß wohl auf manche Schwierigkeiten. Der Plan ist vom Patriarchate Jerusalems in neuester Zert wieder aufgenommen worden, doch müßte er von dem apostolischen Delegaten Syriens, unter dessen unmittelbarer Jurisdiction dieser Ort steht, realisirt werden. Das ganze alte Stadtgebiet wird von einer Akropolis beherrscht. In imposanter Höhe auf einem Vorberge des Härmons erheben sich weitläufige Festungsbauten, vielleicht die besterhaltencn in Syrien, Kalaa es Subeibe genannt, die besonders dadurch hoher archäologisches Interesse hervorrufen, weil daran die Baustyle der verschiedensten Jahs- 22 Hunderte zu verfolgen sind. Von den fugengeränderten phönizisch-hebräischen Grundlagen heben sich griechisch-römische Werkstücke ab, worauf aber genau die relativ modernen Bauschichtcn der Saracenen und Kreuzfahrer zu erkennen sind. Eine unvergleichliche Aussicht genießt man von diesen Burgruinen aus, sei es nun nach dem Jordanslauf zu oder zu den steilen Höhen des Härmons hinaus. Nicht mit Unrecht kann man diesen Theil des Landes Canaau die pnlüstinische Schweiz nennen. — Doch übernatürlicher Nimbus glänzt über diesen schönen Erdtheil. Schon die ältesten christlichen Berichte' erzählen, daß jene kranke Fran, welche durch bloße Berührung des Gewandes Christi geheilt wurde, aus Eäsarea Philippi war und zum Andenken dem Erlöser ein Standbild in ihrer Stadt fetzen ließ. Euscbius, der Vater der Kirchen- geschichte, sah noch auf einer Marmorsäule vor ihrem Hause die Erzfigur eines Mannes, der seine Hände einer Frau zuwendete, die mit vorgestreckten Armen vor ihm in die Kniee sank. Kaiser Julian der Apostat ließ die Statue entfernen und durch seine eigene ersetzen, welche jedoch der Blitz zertrümmerte. So weit berichtet der Kirchenhistoriker Sozomenus. Eäsarea Philippi war aber auch der nördlichste Punkt Canaans, den der göttliche Heiland betrat. Und hier an den Jordanquellen (Matthäus 16 und Marcus 13) fand statt jenes ewig denkwürdige Ercigniß, das wohl selber zur Quelle eines welthistorischen Stromes ward, da der Wclterlöser den Simon, Jonas Sohn, auf dessen Bekenntniß der Gottheit Jesu zum Felsen erhob, auf welchem er seine Kirche erbauen wollte. „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." Mit der Schlüsselgewalt wird ihm an dieser Stelle die oberste Jurisdiction auf Erden übertragen. Sollte nicht eine providcnticlle Bedeutung darin liegen, daß gerade an jenem Orte, wo der Heidencult des goldenen Kalbes aufgerichtet wurde und der vergötterte Eäsarismus blühte, die höchste Autorität unter der Sonne durch den Felsen Petri eingesetzt wurde?! Wenn auch Heidentempel, Götzenbilder und Cäsarstatuen längst in Staub und Schutt zerfallen sind und eine düstere Erinnerung zurückrufen, so sprudelt doch noch und ohne Aufhören die klare und frische JordanSquellc und bringt eine herrliche Pflanzenwelt hervor. Lamartine, der Mann der Februar-Nevolution, schrieb während seiner orientalischen Reise eine große Wahrheit in sein Tagebuch, vielleicht ohne es recht zu wollen: „Hierin Eäsarea Philippi war es, wo Christus mit drei Worten, ,,Vu es Petrus" (Du bist Petrus) den ewigen Stuhl seiner Kirche gegründet, dem die Aufklärung aller Jahrhunderte mit Millionen Worten nichts hinzu und nichts hinweg gethan hat." (V. Vaterl.l Der Glaube der Fremidfchaft. Wenn eines Menschen Seele Dn aewonncn, Und in sein Herz hast tief hineingeschaut, Und ihn befunden einen klaren Bronnen, In dessen reiner Fluth der Himmel blaut, — Laß Deine Zuversicht dann nichts Dir rauben, Und trage lieber der Enttäuschung Schmerz, Als daß Du grundlos ihm entziehst den Glauben, Kein größer Glück, als ein vertrauend Herz! Laß adlermulhig Deine Liebe schweifen, Bis dicht an die Unmöglichkeit hinan: Kannst Du des Freundes Thun nicht mehr begreifen, So fängt der Freundschaft frommer Glaube an. Felix Dahn- 23 Reinigung des Trinkwaffcrs. DaS Wasser, mit dem manche Städte und Plätze versehen sind, wird in warmem Wetter unrein und zum Trinken untauglich, wenn es nicht durch irgend ein künstliches Verfahren gereinigt wird. Wir wollen hier zu diesem Behufe einige Methoden angeben, die sich vorkommenden Falles als nützlich und zweckmäßig erweisen werden. In Indien trinken die Eingeborenen niemals Quellwasser, wenn sie Flußwasser haben können, welches aber stets mehr oder weniger unrein ist und deshalb auf eine eigenthümliche Weise von ihnen behandelt wird. Sie reiben nämlich die inneren Wände des irdenen unglasirten Gesäßes, worin sich unreines Wasser befindet, eine oder zwei Minuten lang mit den Samenkerncn der Str^otznos potatorum, welche zu der Pflanzenfamilie gehört, aus der das tödtliche Gift Strychnin bereitet wird, ein und lassen darin das Wasser setzen. In kurzer Zeit fallen alle Unreinlichkeiten zu Boden, das Wasser wird hell und ist allen Erfahrungen zufolge auch vollkommen gesund. In KriegSzeiten und auf Märschen führen die indischen Soldaten diese Samenkörner stets bei sich, um ihr Wasser damit reinigen zu können. Ein anderes Verfahren, dessen man sich in Indien bedient, um hartes Wasser weich und trinkbar zu machen, ist das Kochen desselben. Aus einem Berichte, welchen die Chemiker Graham, Miller und Hofmann über ihre Versuche mit dem Londoner Trink- wasser an die englische Regierung abgestattet, geht hervor, daß hartes Wasser, welches 13>/-, Gran kohlensauren Kalk in der Gallone (4 Liter) enthielt, durch Erhitzen bis zum Siedepunkt über 2 Proc. von seiner Härte verlor. Bei einem viertelstündigen Kochen verminderte sich dieselbe bis auf 2>/., Proc. Vor mehreren Jahren nahm Professor Clark zu Aberdcen in Schottland ein Patent zum Reinigen von hartem Wasser durch Zusatz von ein wenig frisch gebranntem Kalk. Dieses Verfahren ist besonders anwendbar, wo man das Wasser zu technischen Zwecken gebrauchen will. Wenn man Wasser durch aufeinanderfolgende Lagen von grobem Sand, Kies und Holzkohlen futriren läßt, so wird es rein und gesund. Das Material muß aber öfters erneuert werden, weil sich viele Unreinlichkeiten darin ansetzen. Der Alaun besitzt die wundervolle Eigenschaft, in sehr kurzer Zeit alle Unreinlichkeiten im Wasser niederzuschlagen. Darret fand, daß 7'/^ Gran gepulverter Alaun hinreichten, ein Quart 'des schmutzigsten Nilwassers in einer Stunde vollkommen hell und klar zu machen. Die Thätigkeit des Alauns ist hier eine rein chemische. Das Salz wird zersetzt, die Alaunerde niedergeschlagen und mit ihr eine unlösliche Verbindung von schwefelsaurem Kalk. Das letzte Verfahren zur Reinigung des Wassers besteht darin, daß man es durch Lagen von Sand, Kies und Eisenmagnet, stein, in kleine Stücke geschlagen, filtrirt. Dieser Eisenmagnet besitzt ganz ungewöhnliche Kräfte zum Reinigen des Wassers. (Fundgr.) M i s c e l l e n. Die ungeheure Zunahme und Verbreitung der „Nervosität" veranlaßte einen hervorragenden Arzt in New-Pork, Dr. G. M. Beard, zu einer sorgfältigen Beobachtung jener krankhaften Erscheinungen, die man unter dem Namen der „Nervosität" zusammenfaßt, und die Resultate, zu denen er gelangte, sind so merkwürdig, daß sie allseitige Beachtung verdiene». Als ein Hauptsymptom der Nervosität führt Dr. Beard die gesteigerte Empfindlichkeit der gegenwärtigen Generation gegen Kälte und Hitze an, besonders bei den geistig arbeitenden Klassen der Gesellschaft. Die gegenwärtige Generation ist um 10 Grad empfindlicher gegen Kälte geworden, als es ihre Vüter waren. Dazu kommt die gesteigerte Empfänglichkeit für aufregende und betäubende Mittel, wie Alkohol, Tabak und selbst Kaffee und Thee. Unsere Väter — bemerkt Dr. Beard — und auch unsere Mütter konnten starke Liqueure trinken und selbst stark Tabak rauchen, so viel sie wollten, ohne etwas von der Nervosität unserer Zeit merken zu lassen. Jetzt ist über ein sehr beträchtlicher Theil der Bevölkerung gar nicht im Stande, Tabak zu rauchen oder zu kauen. oder auch nur milde Weine, ferner Thee und Kaffee zu trusten. otzne die üblen 24 Folgen dessen zu spüren. Eines der auffallendsten Symptome unserer Civilisation findet Dr. Beard in dem frühzeitigen Verfall der Zähne. Dies rühre nicht blos von deni Genuß von allzuviel Süßigkeiten oder Säuren her, von Vernachlässigung des Reinigens oder von dem Gebrauch von Speisen, die nur wenig Kau-Arbeit erfordern. Die Ursachen des Verfalles der Zähne seien bei Weitem mehr subjektiv als objektiv und in der ganzen Konslituuon der „modernen civilisirteu" Menschen gelegen. Empfindlichkeit der Verdauung ist eine der bekanntesten und auffälligsten Wirkungen der Civilisation auf das Nervensystem. Auch die Augen bezeichnet Dr. Bcard als gute Barometer unserer nervösen Civilisation; die Zunahme von Augenschwäche, Kurzsichtigkeit und überhaupt von Störungen in den Funktionen der Augen sind hiefür sehr bezeichnende Thatsachen. Auch die offenbare Steigerung der Frauenkrankheiten schreibt er einer Hauptsache zu, neben der alle anderen untergeordnet sind — der Civilisation. In merkwürdigem Gegensatz zu allen diesen krankhaften Erscheinungen der Zeit steht aber die statistisch nachgewiesene Thatsache, daß fast in gleichem Schritt mit der Nervosität auch die Lebensdauer zugenommen hat. Ja, Dr. Beard behauptet sogar, Nervosität vertrage sich nicht blos mit einer langen Lebensdauer, sondern befördere dieselbe thatsächlich durch Bewahrung des Organismus vor dem Angriff akuter Fieberkrankhciten. Den Grund, warum die Nordamerikaner nervöser seien als andere Völker, findet Dr. Beard in der Trockenheit der Atmosphäre und in den starken Extremen von Hitze und Kälte auf dem nordamerikanischen Kontinent. (Ein fataler Irrthum.) Einst gab die Lucca in ihrem Hause in der Viktoriastraße in Berlin eine Soiroe. Da fragte einer der Gäste, eine hochgestellte Persönlichkeit' die liebenswürdige Wirthin: „Sagen Sie 'mal, gnädige Frau, wer ist denn der impertinent-blonde Mensch dort mit der polizeiwidrigen Visage, der so thut, als ob er hierzu Hause wäre?" — „Der impertinent-blonde Mensch mit der polizeiwidrigen Visage," erwiderte die Künstlerin mit maliliösem Lächeln, „ist auch hier zu Haus; denn wann's nix dagegen haben, Herr Graf, dann ist's halt mein Vater!" — Langes Gesicht! (Wahlrede.) „I moan holt mir zahlen jetzt viel weniger Steuer!" (Allgemeiner Beifall.) „I moan holt, mir.zohl'n gar ka Steuer mehr!" (Wüthender Beifall.) „I mor holt, mir haben lang gnua Steuer zohlt, jetzt soll d'Negierung a poar Jahr uns Steuer zohl'n!" (Nicht enden wollender Zuruf: „Bravo! Vivat! Der vcrsteht's.") „N. N. hat nun wieder ein vollständig sortirtes Lager von feinen Handschuhen, für Herren das Paar 1 fl., für Damen ohne Finger 48 kr. und für Damen mit Fingern 56 kr." Ankündigung eines Klempners. „Hier sind Maulkörbe zu haben für wüthende- Hundebcsitzer." — Ganz in der Ordnung. GoldLörner. Vor Jedem steht ein Bild, da?, was er werden soll; Sä lang' er das nicht ist, ist nicht sein Frieden voll. Die Häuslichkeit der Frau, besonders die Besorgung des Täglichen, muh dem verdeckten Triebwerk der Uhr gleichen, die Ordnung muh sich als anwesend in stiller Gleichheit zu erkennen geben' wie der Weiser schweigend die'Stunden und Minuten zeigt. Wenn du mit deinen Gefälligkeiten wartest, bis dich ein Freund anspricht, so erniedrigst du die Gefälligkeit zu einem Almosen und deinen Freund zum Bettler. Deutsche Lprüchwörtcr. Auf den Boden sehen, wie die Hexe vor dein Kirchenthor. Hast du den Brei dir selbst geblasen, bring den Napf keinem Vielfraß unter die Nasen. Sein tägliches Brod ist aus mim Backöse». O was würden wir sur Geist und Herz gewinnen, wenn wir, abstreifend den oberflächlichen, gleichgültigen Sinn, der uns in Allem nur Gleichgültiges und Alltägliches zeigt, durchdrungen und forschen würden, _vom Acnßcrn zum Jngcrn von der Gabe zum Geber. Für die Redaktion oerantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerarijchcn Jiislitns von Dr. M. Hutthu-- zur „Äugslmrger postsiiümg." Nr. 4 Mittwoch, 14. Juli 1880 . Da es der Charakter unserer Landsleute ist, das Gute ohne viel Prunk zu thun und zu leisten, so denken sie selten daran, das; es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und Anmuth zu thun und verfallen vielmehr, von einem Geist des Widerspruchs aelrielien, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches Wesen ihre liebste Tugend im Cvnlraste darzustellen. Goethe. Hetzen bis in öen Hoö! Zur hohen Mittelsbuchrr Jubrlüums-Destseler in drei Bildern aus alten Zeiten der Jugend neu nacherzählt von Jgn. Schuster, Pfarrer und Distrikts-Schulinspektor in Loppenhausen. (Z,IM Lorlmgc sür mihrrrr Schüler.) II. l. Schon in der grauen Vorzeit Tagen blühte In Bayern ein Geschlecht, der Tilgend Preis. Mit Hohem Heldenmuth, mit Herzensgute War es im Land das schönste Edelreis. Und als durch Pfalzgraf Otto's Nuhmespfade Des Himmels Thau darauf gefallen war In Kaiser Barbarossas Lieb' und Gnade, Da wuchs das edle Reis gar wunderbar. Da ward es bald zu dem gewalt'gen Baume, Der hoch nun ragt im reichen Blätterkranz, Der seine Wipfel wiegt im weiten Raume, Umstrahlt vom hellen, hehren Sonnenglanz. » In seinem Schatten wohnt in stillem Frieden Ein gutes Volk, das fröhlich und beglückt. In jeder Lage, die es trifft hiniedeir Vertrauensvoll zu seinem Fürsten blickt. Fest steht der Baum — und möcht' es noch so stürmen Mit Wetters Ungestüm und wilder Wuth, Gefahren dräuend sich entgegenthürmen: Der Baum blieb fest mit ungebroch'nem Muth. Denn seine Wurzeln senkt er stets auf's Neue Tief in den Boden unzerreißbar ein. Und diese Wurzeln sind des „Volkes Treue", Liefest steht, wenn auch flieht des Truges Schein. Zu diesem Baume laßt uns heute schauen Mit seinem Stamm und seinem, Blätterdach Mit seinen Wurzeln in den heim'schen Gauen Zum hocherhabenen „Haus Wittelsbach!" Llrko. So ist'S! Die auch die Zeitenstürme brausten . Auf Land und Fürsten, mächtig ungezählt; Wie immer auch die Donner niedersausten: „Di eWu rz el h a t d ein B num e n i e gefehl t!" Wie war es damals, als ein schwer'Verhängnis Uns einst in die Tyrolerberge rief? Groß war gar bald die Noth und die Bedrängnis;, Manch' Bayer bald den ew'gen Schlummer schlief. Jedweder Berg mit seinen jähen Gründen Er ward zur starken Beste allsersch'n. Von wo der Tod mit tausend Feuerschlünden Sein sich'res Opfer konnte schnell erspäh'n. Auch Dir hätt' damals wohl von Deinen Tagen Den letzten bald des Schicksals Lauf gebracht. Hätt' nicht ein treues Herz sür Dich geschlagen. Für Dich, o Max Emanuel, gewacht! Denn als sie ritten, wo des Junes Fluthen rauschen. Die Martinswand aufraget hoch und hehr, Sprach Arko: „Laßt uns. Fürst, ,die Pferde tauschen! Von trüber Ahnung ist mein Herz heut schwer." „Gewährt es mir bei diesem Unglücksritte — O laßt nicht angehört mich heute fleh'n!" Den Churfürst wundert erst die heiße Bitte, Doch endlich läßt er diesen Tausch gescheht». Kaum ritten sie — die Bahn war wenig offen — Da juckt vom Berg ein Blitz — ein Schuß verhallt — Graf Arko sinkt, vom Todesblei getroffen, Von jener Kugel, die dem Fürsten galt. 26 Ein einfach Denkmal zeigt in weiter Ferne, Wo er sein Leben einst dem Fürsten bot: Doch unauslöschlich strahlt gleich einem Sterne Die That, die mahnt: „Getreu bis in den Tod!" 111 . Sendling. Fürwahr ein hehres Bild! Es wird stets dauern. So lange Bayerns Name wird genannt. Doch sag', was thaten anders jene Bauern, Die bluteten für Fürst und Vaterland? Es waren schlimme Zeiten angebrochen — Der Feind stand im besiegten, armen Land Mit übermüth'gem Hohn und stolzem Pochen — Sein Churfürst war geächtet und verbannt. Sogar die Kinder wollte man noch holen — Das war dem treuen Volk zu viel. Da loderte wie Brand aus glüh'nden Kohlen, Sein Heller Zorn und trieb zum Kampfgewühl. Die Mannen steigen von den Bergen nieder, Von Tölz, von Kochel, von der Jächenau. Das Land, die Hauptstadt zu besreien wieder, So geht's gen München in die Jsarau. lind dort, wo Hügelreihen Sendling kränzen, Dort kämpfen sie mit Grimm und Löwenmut!) — Wo bald auf's Neu des Bildes Farben glänzen, Da fließt der treuen Alpensöhne Blut. Doch war den Tapfern auch kein Sieg beschieden, Den Rittern ohne Furcht im Loden schlicht, Erkämpften sie auch nicht dein Land den Frieden: Vergebens war ihr Todesopfer nicht! Denn als ein hohes Lied der Volkestreue Fürs Vaterland und seinen Fürstenhort; AIS Ruhmesthat der höchsten Todesweihe: So lebt's unsterblich . durch die Zeiten fort! IV. Der Obelisk. Laßt noch ein Bild mich reihen — würd' ich schweigen So würde traun für das, was ewig lebt. Der Obelisk in München redend zeugen, Der hoch die schlanke Säule aufwärts hebt. Viel Bayern zogen einst in langen Zügen G'en Ziußland auf des Königes Geheiß. Wo blieben sie? Ach, längst die Meisten liegen Im Todesschlaf erstarrt in Schnee und Eis. Das vielgestalt'ge Elend, das sie litten, Entbehrung tausendfach und Noth und Pein, Und wie sie vor dem Feinde tapfer stritten. All' dies grub längst ichon Klios Griffel ein. Doch ob sie auch am fremden Sisgeswagen Zu zieh'n von dem Geschicke eingespannt, Verurtheilt fremde Schlachten nur zu schlagen: So starben doch auch sie sür's Vaterland. Sie hielten muthig aus auf blutgetränktem Plane, In blut'gen Schlachten, aller Noth. Getreu dem Könige, getreu der Fahne, Getreu im Leben, treu bis in den Tod! V. Was ihr von fester Treue früherer Zeiten Erzähltet, präget tief den Herzen ein. Was auch der Zukunft Loose uns bereiten, Sie soll uns stets ei» leuchtend Vorbild sein! Als Pfalzgraf Otto jene Klause stürmte. Des Hauses Wittelsbach erlauchter Ahn, Und inederwarf, was sich entgsgenthürmts Des großen Barbarossa Ruhmesbahn: Belohnte er mit Bayerns Herzogthume Haus Wittelsbach, des Ruhm schon längst erklang. Seitdem herrscht es zu Bayerns Heil und Ruhme Schon mehr als siebenhundert Jahre lang. So war es Treue, die nach Gottes Walten Ihm Bayern brachte, Treue goldesgleich. Dieselbe Treue wird es ihm erhalten Die Treue gegen Kaiser und das Reich. Das walte Gott! Du aber gib den Segen: Bon welchem jede gute Gabe kommt. Gib unserm Fürstenhaus auf allen Wegen Was immer seinem Heil am besten frommt. Erhalts zwischen Fürst und Volk hinieden Der Eintracht und der Liebe schönes Band. Schenk Wohlfahrt und den ungetrübten Frieden Dem heißgeliebten, theuren Vaterland. Auf daß wie jetzt von treuen Lnndessöbnen Stach hundert Jahren wieder taufendsach Die Festssjubelrufe laut ertönen: „Mit Bayern hoch für immer Wittels-- bach!" Der Aerr Baron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) II. In den höheren Gesellschaftskreisen von Florenz machte die rasche Heirath der Fürstin Gravelli mit dem Baron Bloomhaus nicht geringes Aufsehen. Obwohl die Fürstin nicht mehr jung war, galt sie noch immer für eine schöne Frau. Ihre volle, üppige Gestalt hätte das Entzücken jedes niederländischen Malers abgegeben, wenn auch ihr Antlitz bereits verrieth, daß sie die für eine Frau und besonders für eine Italienerin gefährliche Mittagslinie der Dreißig überschritten. . Die Fürstin war über Mittelgröße, ihre volle Formen ragten schon ein wenig über 27 das schöne Maß hinaus; aber sie wußte sich stets so geschickt zu kleiden, daß dieser Überschuß, mit dem sie die Natur versehen, nicht geradezu störend hervortrat. Auf Geist konnte die Fürstim nicht großen Anspruch machen; sie war sogar ein wenig beschränkt, aber dafür besaß sie eine große Gutmüthigkeit und ihr liebenswürdiges Benehmen machte überall den besten Eindruck. Obgleich sie zur Wohlbeleibtheit neigte, war sie in all' ihren Bewegungen rasch und lebhaft, ein leidenschaftlicher Zug ging sogar durch ihr ganzes Wesen; sie konnte leicht aufflammen, war jedoch ebenso schnell wieder besänftigt. Wohl war die schöne reiche Wittwe von zahlreichen Bewerbern umschwärmt worden, aber seit dem Tode ihres ersten Gatten waren schon acht Jahre verstrichen und noch immer hatte die Fürstin gezögert, sich ein neues Eheglück zu gründen. Da war plötzlich Baron Bloomhaus in Florenz aufgetaucht und der schöne, stattliche Mann hatte im Sturm das Herz der Fürstin erobert. Der Baron ragte über Mittelgröße hinaus, war stark und kräftig gebaut und auf den breiten Schultern saß ein etwas blasses, regelmäßiges Gesicht. Die blauen Augen konnten so wunderbar träumerisch blicken, dabei besaß der Baron so einschmeichelnde feine Manieren, daß er sich alle Herzen, besonders die der Damen, rasch gewann. Dazu kam seine tiefe Schmermuth, die- ihn noch interessanter machte. Niemand wußte, warum er gar so düster aussah, man hörte nur davon, daß er den Verlust eines ihm sehr theuren Menschen tief betrauere und daß er sich vergeblich zu zerstreuen suche. In einer großen Gesellschaft hatte Baron Bloomhaus die Fürstin Gravelli kennen gelernt und acht Tage spater wurde die vornehme Welt von Florenz schon durch die Nachricht von der Verlobung der Beiden überrascht. Man hatte kaum erwartet, daß die Fürstin noch einmal so leidenschaftlich erglühen würde; sie war von der Persönlichkeit des Barons ganz bezaubert, der es aber auch verstand, das Herz der schönen Frau in Flammen zu setzen. Trotzdem Baron Bloomhaus mehrere Jahre jünger war, legte er für die Fürstin eine wahrhaft glühende Schwärmerei an den Tag und so erwachte auch in ihrer Brust ein beinah verzehrendes Feuer. Sie war stolz und glücklich über ihre Eroberung und allen Abmahnungen ihrer Freunde zum Trotz, reichte sie nach wenig Wochen dem Baron Bloomhaus ihre Hand am Altar. War sie es doch allein gewesen, die den schönen jungen Mann von seiner Schwcrmuth zu heilen vermocht hatte. Eigenthümlich genug, hatte Baron Bloomhaus seit seinem Eintreffen in Florenz den Russen völlig abgestreift und sich als Deutscher ausgegeben. Es war nach dem französischen Kriege, die Italiener waren noch voll Begeisterung für die deutschen Heldenthaten und vielleicht suchte der Baron deshalb seine deutsche Abstammung in den Vordergrund zu stellen, um sich interessanter zu machen, ja er legte sogar eine entschiedene Abneigung gegen seine russischen Landsleute an den Tag und vermied sorgfältig jede nähere Berührung mit ihnen. Die Fürstin hatte früher mit einer vornehmen russischen Familie, die seit Jahren in Florenz lebte, im Verkehr gestanden, sie mußte jetzt denselben, auf den lebhaften Wunsch ihres Gatten abbrechen. Aber bist Du nicht selbst ein Russe? fragte sie verwundert. Graf Pawlow hat mir doch gesagt, daß die deutschen Ostsecprovinzen zu Rußland gehören? Das feine, blasse Antlitz des Barons färbte sich ein wenig dunkler und er cnt- gegnete mit einer gewissen Reizbarkeit: Leider hat der Mann Recht. Aber der deutsche Adel in den Ostsceprovinzcn ist im Grunde seines Herzens deutsch geblieben und wie wir von den Moskowitern am gründlichsten gehaßt werden, so suchen wir diesen Haß redlich zu erwidern. Zwischen dem alten, deutschen Adel, dem ich anzugehören die Ehre habe, und den Russen liegen Abgründe, die nie ausgefüllt werden und ich besonders habe eine entschiedene Abneigung gegen alles Russische und deshalb mag ich Deinen russischen Hrafen^nicht mehr sehen. Die Fürstin war viel zu glücklich im Besitze ihres jungen Gatten, um nicht bereitwilligst seinen leisesten Wunsch zu erfüllen, und den Verkehr mit ihren alten russischen Freunden aufzugeben» Er hätte noch ganz andere Opfer von ihr fordern können und sie würde sie mit der grenzenlosen Hingebung eines liebenden Weibes gebracht haben. Bald nach seiner Verheirathung erfaßte den Baron eine unwiderstehliche Wanderlust, es litt ihn nicht länger in Florenz, er mußte fort, und wie schwer es auch der Fürstin fiel, sich von ihrer schönen Vaterstadt zu trennen, sie gab doch willig ihre Heimath auf und folgte ihm in die Fremde. Die Reise ging zuerst in das südliche Frankreich, dann wurde in den Pyrenäen- Ländern Halt gemacht; aber auch dort litt es den Baron nicht lange und schon einige Wochen später befand sich das junge Ehepaar in Madrid. Wohl war dieses unruhige Neiseleben nicht nach dem Geschmacke der Fürstin, aber aus Liebe zu ihrem Gatten ertrug sie es, ohne das leiseste Murren. Sie hatte Florenz bis auf kleine Ausflüge nach Rom und Venedig vorher nie verlassen, und empfand eine wahrhaft krankhafte Sehnsucht nach ihrer Heimath, und doch verbarg sie dieselbe sorgfältig vor ihrem Manne. Wurde doch die Leidenschaft für ihn mit der Zeit nicht schwächer, sondern stärker. Ihre Freunde hatten zwar behauptet, daß die so rasch entstandene Flamme in ihren Herzen ebenso rasch erlöschen würde, aber das Gegentheil war der Fall. Sie empfand für ihn eine Gluth, die all' ihre Empfindungen, ihr ganzes Dasein beherrschte. Es war ihre Welt und sie brauchte nichts weiter als seinen Besitz. Ueberall, wohin das schöne Paar kam, erregte es Aufsehen. Man gewahrte wohl, das; die Fürstin nur Augen für ihren Gatten hatte und mit wahrer Schwärmerei an ihm hing; aber sie war ja noch immer eine schöne Frau und dort im Süden finden große Leidenschaften weit leichter ein Verständniß. Niemand lächelte über die jetzige Frau Baronin, die trotz ihrer dreiunddreißig Jahre kein Hehl daraus machte, daß sie noch das feurigste Herz im Busen trug. Jedes Wort, jeder Blick, ihr ganzes Benehmen verräth, wie glühend sie ihren Gatten liebte. Mit der ganzen Zwanglosigkeit der Südländerin zeigte sie immer und überall, daß sie nur in seiner Nähe glücklich war und jeder Athemzug ihm gehörte. Ob der Baron noch ihre Empfindungen theilte? — Er war äußerlich die Aufmerksamkeit selbst gegen seine Gattin und behandelte sie mit der größten Zartheit; aber wenn sie sich all zu stürmisch an seine Brust warf und immer wieder von ihm das Bekenntniß forderte, ob er sie ebenfalls so heiß und glühend liebe, wie sie ihn, — dann zeigte sich schon zuweilen eine leise Unmuthswolke auf seiner sonst so glatten Stirn und er hatte Mühe, mit der frühern Wärme zu betheuern, daß seine schwärmerische Liebe für seine Carlotta niemals ersterben werde. Wenn auch für die Fürstin dies beständige Neiseleben etwas sehr Unbequemes hatte, so war sie doch glücklich, daß sich ihr Mann gegen alle Welt kühl und sorgfältig abschloß, um ihr allein zu gehören. Auch in Madrid hielt es der Baron nicht lange aus; eine unerklärliche Unruhe schien ihn von Ort zu Ort zu treiben. Im Fluge wurde Andalusien durchschweift und plötzlich bekam er den Einfall, nach Paris zu gehen. Die Fürstin wäre am liebsten wieder in ihr theures, unvergeßliches Florenz zurückgekehrt, aber sie wagte nicht zu widersprechen, obwohl sie kaum eine Empfindung des Widerwillens gerade gegen dieses Reiseziel unterdrücken konnte. Die böse Ahnung beschlich ihr Herz, daß sie im Strudel der Weltstadt vielleicht doch nicht so ausschließlich für einander zu leben vermochten, wie dies bisher der Fall gewesen war. Auf seinen bisherigen Reisen hatte Baron Bloomhaus eine große Einfachheit an den Tag gelegt. Er trat zwar überall seinem Stande gemäß auf, aber er zeigte nicht die mindesten verschwenderischen Neigungen und die Fürstin war auch über diese Eigenschaft ihres Mannes entzückt. Sie hatte bereits eine Anwandlung von Geiz und die Sehnsucht, ihr ziemlich bedeutendes Vermögen noch ins unermeßliche zu vermehren. Hur schmerzlichen Enttäuschung seiner Gattin wurde der Baron rasch ein Anderer. Anfangs hatte er in der französischen Hauptstadt ebenfalls nur wenige Wochen bleiben wollen, er änderte jedoch bald seinen Sinn, miethete eine eigene Wohnung und richtete sie so glänzend ein, daß nicht zu zweifeln war, Bloomhaus werde hier endkch länger Die Fürstin war anfangs über seinen Entschluß erfreut, wenigstens wurde sie dadurch des ihr lästigen Wanderlebens überhoben, — doch schon nach kurzer Zeit zeigten sich die ersten Wolken an ihrem bisher so ungetrübten sonnigen Ehehimmel. Sie glaubte zu bemerken, daß ihr Gatte schon weniger zärtlich zu ihr war. Früher waren sie ganz unzertrennlich gewesen, sie hatte ihn überall hin begleiten müssen, jetzt suchte er schon allerlei Vorwände, um von seiner Gattin wenigstens auf einige Stunden loszukommen und wenn sie sich darüber beklagte, und in seinem Benehmen einen Mangel an Liebe sah, entgegnete er ruhig: Diese geistreichen Franzosen spotten schon über uns; sie nennen uns die Turteltauben und wir dürfen doch nicht zum Gelächter der ohnehin so kritischen Pariser werden! und ihre schwärmerische Antwort: Was haben wir nach der Welt zu fragen, wenn wir uns alles sind! suchte er mit einer leeren Redensart abzufertigen. Leider hatten die zärtlichen Bemühungen der Fürstin, ihren Mann wieder an sich zu fesseln, den entgegengesetzten Erfolg. Immer mehr entfernte sich der Baron von seiner Frau, immer toller stürzte er sich in den Strudel rauschender Vergnügungen, die in nur zu reicher Fülle die französische Hauptstadt bietet. Es kam zwischen den beiden Eheleuten zu sehr lebhaften Auftritten; bald überschüttete die leidenschaftliche Frau ihren Mann mit den heftigsten Vorwürfen, bald brach sie in einen Strom von Thränen aus und bat ihn auf ihren Knieen, zu ihr zurückzukehren, sie wieder so glühend und innig zu lieben, wie früher, wenn sie nicht wahnsinnig werden solle. Der Baron zeigte bei solchen Gelegenheiten eine so vornehme Kälte, die jede Andere, nur nicht diese heißblütige Frau, überzeugt hätte, daß in dem Herzen dieses Mannes schon der Rauch verflogen, daß sie ihm bereits gleichgiltig geworden sei. l Die Fürstin dagegen war zu stolz und zu verblendet, um an die Möglichkeit nur im Traum zu denken. Sie sah in dem Benehmen ihres Mannes nichts weiter als eine stürmische, zu weit getriebene Lebenslust und das Verlangen, der Welt zu beweisen, daß er eigentlich nicht unter dein Pantoffel stehe. Sie machte deshalb von Neuem Anläufe, ihren Gatten wieder an sich zu fesseln, aber alle ihre Bemühungen hatten keinen Erfolg. Er ging immer rücksichtsloser seines Weges und sie bekam ihn oft tagelang nicht zu sehen. Unter dem Vorivande, daß er nicht zur Zielscheibe des Spottes der Pariser werden wolle, hatte der Baron seine häuslichen Einrichtungen ganz nach modernem französischem Muster getroffen. Seine Zimmer waren völlig von denen seiner Gemahlin getrennt und so konnte er sich ganz zwanglos benehmen, wie es ihm nur beliebte. Wenn seine Gattin sich darüber beklagte, entgegnete er stets mit vornehmen Lächeln: daß er ihr ja dieselben Freiheiten gestatte, denn es gezieme sich nicht für Leute seines Standes ein spießbürgerliches Eheleben zu führen. Vergeblich waren die Bitten, die Beschwörungen, die bitteren Vorwürfe der Fürstin. Sie erinnerte ihn nur zu oft in ihrer leidenschaftlichen Weise, wie sie ihm Alles geopfert und nun auch fordern könne, von ihm ebenso glühend wieder geliebt zu werden, "wie sie ihn liebe; er hatte dafür nur ein vornehmes, überlegenes Lächeln. Bald war die Fürstin der Verzweiflung nahe, ihre heißen Gefüh'le wurden durch sein jetziges frostiges Benehmen nicht abgekühlt, im Gegentheil erwachte stürmischer als je in ihr das Verlangen, die Liede ihres Gatten wieder zu gewinnen und jene Tage zurückrufen, in denen sie in seinen: Besitz so unendlich glücklich gewesen war. Noch hatte sie keinen Argwohn einer etwaigen Untreue. Sie glaubte nur, daß in ihrem Manne plötzlich eine wilde Lebenslust erwacht sei, daß er sich einer Menge nobler Passionen hingäbe und schon zu ihr zurückkehren werde, wenn er sich ein wenig ausgetobt habe. Um ihrerseits den Rath ihres Gatten zu befolgen und sich in dem lustigen Paris auf eigne Hand zu vergnügen, dazu war die Fürstin zu bequem. Schon in Florenz hatte sie sich etwas zur Trägheit geneigt; das unruhige Wanderleben hatte vollends ihre Kräfte rasch erschöpft; sie brauchte die Erholung, wie sie sich selber sagte und sie konnte tagelang auf ihren: Ruhebette liegen, müßig zur Decke starren, oder aus Langeweile in einem leichten französischen Roman blättern und wenn sie des Lesens müde war — dann pflegte sie die schöne Vergangenheit zurückzurufen und von der Zukunft zu träumen, in der Gregor wieder schwärmerisch zu ihren Füßen ruhen würde. Aus Bequemlichkeit hatte die Fürstin in Paris keine Bekanntschaften angeknüpft und auch ihr Gatte brachte niemals Gäste ins Haus, er schien es vorzuziehen, seine Unterhaltung wo anders zu suchen, als in seinem eigenen Salon. Wie sehr sich auch die unglückliche Frau zu langweilen begann, sie fand nicht die Kraft, sich emporzureißen, um in der Gesellschaft diejenige Stellung einzunehmen, die ihr gebührte. Sie zog es vor, zu Hause das einsamste und traurigste Leben zu führen. (Fortsetzung folgt.) Hofnarren. Zur Zeit unserer Vorväter, ehe noch Erziehung und Gesittung hinreichende Fortschritte gemacht hatten, herrschte vorzüglich unter den vornehmen und gebildeten Classen die Sucht nach allerlei närrischen Possen und Zeitvertreiben, worüber mau sich indessen nicht so verwundern darf, da es ihnen oft an Quellen besserer und vernünftigerer Unterhaltung gebrach. So war es damals Sitte, Zwerge und Niesen, Narren und Possenreißer rc. zu halten. An den Höfen und in den Palästen der Großen durfte es an dergleichen armseligen Wichten nicht fehlen; ihre Aufgabe war, die hohen Herrschaften, in deren Diensten sie standen, durch allerlei lächerliche Streiche, witzige Einfälle, alberne Geberden und Bewegungen, ausfallende Kleidung rc. zu belustigen. Bisweilen hatten die Lustigmacher oder Hofnarren wirkliche Bestallung und bekleideten Hof- und Mililär- posten. In Frankreich führten sie auch den Titel Hofpocten, Tischrüthe, kurzweilige Räthe u. s. w-, und es lag ihnen die Pflicht ob, wenn es das Hofnmt erforderte, das Ceremonie! des Hofes zu reguliren. Addison und Home suchen den Ursprung derselben in dem Stolze, Shaftsbury in dem Despotismus der Großen, indeß erscheint die oben angegebene Ursache dafür weit natürlicher. Eine alte Flugschrift, betitelt: ,,FVitn LliLario", von: Jahre 1599, giebt uns einen Begriff von den Anforderungen, die man an einen solchen Possenmeister machte. „Der leibhaftige Scherz muß in dem Spaßmacher verkörpert sein; wo möglich sei er von stattlichem Wuchs, guten: Ansehen und prunkvoll gekleidet, in: Benehmen ein wahrer Affe, nur ja kein Mensch. Sein ganzes Streben sei auf beißende Scherze gerichtet, dabei befleißige er sich altmodigcr Geberden und singe lustige Lieder und Balladen. Steigt ihn: der Wein zu Kopfe, so verziehe er das Maul, lache unmäßig bei der geringsten Veranlassung, tanze im Hause umher, setze über Tische und Stühle, nehme die Leute beim Kopfe, stürze sie über den Haufen und verübe allerlei dumme und alberne Streiche. Sitzt er bei Tische, so schneide er Gesichter und necke seine Nachbarn; man nehme sich ja in Acht vor ihm, denn seine Gesellschaft bringt Kleider, Beutel und Credit in Gefahr." Uebrigens genossen die Witzmacher der Großen eine ziemliche Freiheit in ihren Späßen, wurden diese jedoch zu plump, so waren Peitschenhiebe ihr Lohn; in: Allgemeinen aber wurden sie trotz ihrer Keckheit mit großer Schonung behandelt. „Einige", sagt Flügel, „waren von grober Art, welche alles herausredeten, was ihnen einfiel, keinen Unterschied unter den Personen und Zeitei: machten, sich der gröbsten Possen, Unfläthereien und Zoten bedienten, und wenn auch manchmal ein witziger Einfall mit herauskam, so wurde er doch von hundert einfältigen und dummen verdrängt; Andere im Gegentheil waren witzige, sinnreiche Kopse, wie Bousquet und Angela in Frankreich, schlaue Hofleute von der feinsten Art. Sie näherten sich ,in ihren Reden und Handlungen niemals der Grobheit, sie befleißigten sich der Höflichkeit und des Wohlstandes in allen Sachen, waren roll lustiger Reden, artiger Erzählungen, kurzweiliger Gespräche, lächerlicher Sprichwörter, und ihr Umgang war so angenehm, daß man sie lieb haben mußte. Andere waren blos Tellerlecker, Schmarotzer und Schmeichler, die sich verspotten ließen, blos um ihren hungrigen Bauch zu füllen. Manche Fürsten haben auch einfältige Blödsinnige, melancholische Leute und Andere als Hofnarren gebraucht. Ja, die häßlichsten Zwerge rhachitische Ungeheuer, krumm und schief gewachsene Menschen sind als Hofnarren gebraucht worden." Tracht und Abzeichen der Hofnarren waren sehr abenteuerlich. Der Kopf war bescheren und mit einer Narrenkappe, Gugel, Kugel, Kogel oder Koggel benannt, und bisweilen einem Turbane ähnlich, geziert, welche später mit drei Eselsohren und dann und wann mit einem Hahnenkamm bereichert wurde. Den Hals umgab ein großer ausgezackter Kragen, die übrige Kleidung bestand in einer mit großen Knöpfen-versehenen bunten Jacke und engen Beinkleidern. Die Schuhe hatten lange Spitzen. Unter den Jnsignien, welche ein Narr führte, spielte der Narrenkolben (Marotte) eine Hauptrolle, und war ursprünglich wohl nichts anders, als der Blüthenstengel des Rohrkolbens (IFim), eines in Sümpfen sehr gemeinen Schilfgewächses. Er führte auch den Namen Narren-Scepter, wurde in der Folge von Leder gemacht und erhielt nach und nach die Form einer Herkules-Keule, oder eines Komus-Stabes mit einem Riemen, so daß ihn der Possenreißer an der Hand oder am Arm hängen lassen konnte. Dies war die Waffe, womit er andere neckte und sich vertheidigte. Schellen wurden vorzüglich in der letzten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts ein Abzeichen des Narrenstaates. Die Spitzen der Eselsohren an der Kappe, der Gürtel, die Schuh-Spitzen mußten Schellenträger abgeben, und, um das Geklingel zu vermehren, verdrängten sie sogar die Knöpfe und sigurirten außerdem an den Schienbeinen, Ellenbogen, am Gürtel u. s. w. Erasmus von Rotterdam meint, man habe den Narren deswegen eine so seltsame Tracht gegeben, damit sie von Niemand beleidigt würden, wenn sie etwas Närrisches sagten oder thäten, was einem unzurechnungsfähigen Menschen nicht ungestraft hingehen möchte; die Schellen wären mithin gleichsam eine Warnungsglocke. Die Sitte, Hofnarren zu halten,' war so allgemein, daß selbst ausgezeichnete, hochgelehrte Männer sich damit versahen. So findet man auf einem alten Kupferstiche, den berühmten Thomas Moore und seine Familie darstellend, auch einen Hofnarren abgebildet, gleichsam als unentbehrliches Familienglied. Dr. Lamprechter, Rath bei Carl V., pflegte zu sagen: „Ein jeder Fürst muß zween Narren haben, einen, den er vexirt, den andern, der ihn vexirt. Peter der Große unterhielt sehr viele Hofnarren, die in verschiedene Classen oder Rangabtheilungen geschieden waren, die eine Classe enthielt blödsinnige alberne Menschen, die aus Mitleid gefüttert wurden; eitzer zweiten waren Bediente einverleibt, die sich in der Verwaltung ihres Postens wirkliche Narrheiten haben zu Schulden kommen lassen; eine dritte begriff solche Subjekte, die sich, um einer verdienten Bestrafung zu entgehen, närrisch gestellt; eine vierte endlich bestand aus Menschen, die auf Reisen geschickt worden, aber als Ignoranten zurückgekehrt waren. Die Geschichte der Narren würde hinreichenden Stoff zu einem interessanten Werke darbieten. H, M. M i s e - l l e n. . (Gutes Recept für Bierbrauer.) Der Geschichtschreiber Buchanan stand m dem Rufe, ein Hexenmeister zu sein. Maggy, eine Ale-Brauerin (Ale ssprich ehlP d. ,. Bier aus Weizenmalz mit wenig Hopfenextract) in Schottland, bat ihn um Rath, wie sie es anfangen müsse, um ihre verlorenen Kunden wieder an sich zu ziehen — „So oft ihr brauet," sagte Buchanan, „so gehet dreimal um den Kessel herum, und bei jedem Gang schöpft einen Krug Wasser aus dem Kessel in des Teufels Namen; dann geht wieder dreimal um den Kessel, und bei jedem Gange werft eine Schaufel voll Malz hinein in Gottes Namen. Ferner habt ihr da ein Ämulet, das traget, so lange Ihr lebet, öffnet es aber nie." — Die abergläubische Frau befolgte diesen Rath, und die Kunden vermehrten sich auffallend. — Nach ihren: Tode öffneten die Erben das Amulet, es fand sich aber nichts darin, als folgende Zeilen: Will Maggy gutes Ale brau'n, Wird sie auch viele Kunden schau'n." (Böhmisch-deutsch.) Die Frau eines Präger Holzhändlers, der in Geschäften schon längere Zeit verreist war, erhielt Besuch von ihrer Nachbarin. „Wie befind' me sich? Wos machen Frau Gevatterrn so immer ganz allanig?" erkundigte sich diese bei der Ersteren. — „O, ganz nixnutzig bin i, seit mein Mann ist verreisen; olleweil denk ich noch, wos werden's mochen moriitsokileu (Männlein) meiniges liebes? Wann ich Rock seiniges, wos hängen thut af Rechen großes hinter Ofen, alle Tog' schau' on, sollt mir ein, dost wünschen möcht' ich mit Freud', worin hänget lieber Mariner! meiniges statt Rock seiniges duet." Bekanntmachung des Fürsten von Neuß-Schleiz-Greiz-Lobenstein-Ebcrsdorf. Ich befehle hiermit Folgendes ins Ordrcbuch und in die Special-Ordrcbüchcr zu bringen: „Seit 20 Jahren reite ich auf einem Princip herum, d. h. ich verlange, daß ein Jeglicher bei seinem Titel genannt wird. Das geschieht stets nicht. Ich will also hiermit ausnahmsweise eine Geldstrafe von 1 Thaler — — für Jeden festsetzen, der in meinem Dienste ist und einen andern, der in meinem Dienste ist, nicht bei seinem Titel oder Charge nennt. Heinrich 72. Schloß Ebersdorf, den 12. Oktober 1844. — In einem Steckbrief heißt es: „Der eine lcgitimirte sich durch einen englischen Paß, während der andere nur einen schwarzen Schnurrbart trug." — Der Chemnitzer Magistrat machte in einem Publikandum darauf aufmerksam, daß „Gänse ohne Herren auf dem Stadtanger spazieren gingen." — In einem Dörfchen ward ein Dieb ergriffen, der mit einem Lcinwandkittel bekleidet war. Der Dorfschulze sandte ihn durch Transport mittelst Bericht an das nächste Jnquisitoriat und adressirte den Brief: „An ein Königl. Jnguisitoriat. Beifolgend: ein Bösewicht in grauer Leinwand." In einer Zeitung wurde bekannt gemacht, daß eine Anzahl von Wachen in einigen Straßen aufgestellt werden sollte, um die im vergangenen Winter verübten Räubereien zu verhindern. — Fremdenbuch auf dem Brocken: „Ich reise nach dem Brocken Die Sonne zu erblocke», Doch das war eitel Fabel, Man sah nur graue Nabel." Ein Anderer setzte darunter: „Lern Du erst Deine Fiebel, Bis dahin halt den Schniebel. Spaß-Rebus. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarifchen Jnstitns von vr. M. Hnttter. nter^liktung8 zur „Angslmrger Postzeitmig." Nr. 5. Samstag, 17. Juli 1880. Der Mann, der dir nur dient um Geld, Und nur gehorcht zum Schein, Packt ein, sobald ein Regen fällt, Lässt dich im Sturm allein. Shakspeare. König Lear. II. Act. 4 Sc. Der Derr Daro„. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Eines Tages, als sie wieder mißmuthig und in schmerzlicher, düsterer Stimmung auf ihrem Ruhebette lag, wurde ein Fremder gemeldet, — Doktor Bernard. Sie hatte seit Wochen keinen Gast in ihrem Hause gesehen und ein Arzt kam ihr wie gerufen. Sie fühlte sich nicht nnr seelisch, auch körperlich krank und gerade durch das Erscheinen dieses Mannes kam es ihr zum Bewußtsein, wie furchtbar ihr Herz schon gelitten hatte und wie sehr sie bereits angegriffen war. Ein Arzt ivar ihr höchst willkommen und vielleicht hatte ihr Mann bemerkt, daß sie leidend sei und ihr deshalb den Doktor geschickt. Hatte der Fremde nicht hinzugesetzt, daß er ein Freund ihres Gatten sei? Nach kurzem Schwanken entschloß sich deshalb die Fürstin den Gast zu empfangen. Doktor Bernard erschien und entfaltete die ganze Gewandtheit und Liebenswürdigkeit eines echten Franzosen. Er bedauerte sehr, seinen verehrten Freund nicht daheim zu treffen, denn er habe erst gestern durch einen glücklichen Zufall erfahren, daß der Herr Baron jetzt in Paris sei und sich beeilt, ihn sogleich aufzusuchen, um die angenehme Bekanntschaft zu erneuern, die sie damals in Sorrent gemacht hätten. Mein Gatte wird es ebenfalls sehr beklagen, sagte die Fürstin verbindlich; eine dringende Angelegenheit hat ihn vor einer Viertelstunde weggerufen, aber ich hoffe, daß er bald zurückkehren wird und wenn Sie sich so lange mit meiner Gesellschaft begnügen wollen — sie machte dabei eine einladende Handbewegung nach dem nächsten Stuhl hin. Ich bin nicht stark genug, einer solch liebenswürdigen Einladung zu widerstehen und mit jener Zwanglosigkeit, die er sich als Arzt und Franzose angeeignet hatte, nahin Doktor Bernard Platz. Uebrigens freue ich mich, daß mein lieber Baron sich von dem furchtbaren Schlage endlich erholt und für seinen schmerzlichen Verlust einen so herrlichen, alles überbietenden Ersatz gefunden hat. Seine klugen Augen reihten dabei nicht ohne Bewunderung auf der üppigen Gestalt der Fürstin. Sie verstand ihn nicht und so zeigte sie nur jenes gesellschaftliche Lächeln, daß sich nach allen Seiten hin deuten läßt. Ja, Frau Baronin, ich habe ihren Herrn Gemahl in jenen schweren Stunden aufrichtig bewundert, fuhr der redselige Franzose fort. Diese hingebende Aufopferung, die er mir damals für seinen armen Bruder gezeigt, hat mir für immer sein Herz erobert 34 und ich sage Ihnen aufrichtig, Sie können glücklich sein das warme Herz eines selchen Mannes für sich gewonnen zu haben. Ich liebe auch meinen Gatten leidenschaftlich, entgegnete die Fürstin, in der die heißblütige Italienerin erwachte, der eS unmöglich war, mit ihren Gefühlen zurückzu- - halten. Sie empfand es ja schon als ein Glück, daß sie Jemandem sagen konnte, wie stürmisch ihr Mann von ihr geliebt werde. Ah, Frau Baronin, Sie glauben schwerlich, wie sehr mich ihr offenes Bekenntniß erfreut, erwiderte Doktor Bernard, Ihr Gatte verdient auch eine solche Liebe. Er ist einer der hochherzigsten, 'edelsten Naturen, die mir in meinem Leben vorgekommen sind, das hat er an seinem armen Bruder reichlich erwiesen. Trotz ihrer Weltgewandtheit konnte die Fürstin doch ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen, sie machte ein etwas verwundertes Gesicht, das dem Franzosen nicht entging. Ihr Herr Gemahl hat Ihnen gewiß nicht erzählt, wie sehr er sich für seinen Bruder aufgeopfert hat, das sieht seinem großen edlen Herzen ganz ähnlich. In der That, mein Gatte hat davon geschwiegen. Sollen Sie von mir erfahren, wie sehr wir alle Ursache haben, ihn zu bewundern, sagte Doktor Bernard. Sein furchtbares Abenteuer in Sorrent wird er Ihnen natürlich mitgetheilt haben. Die Fürstin nickte zustimmend mit dem Kopfe. Sie mochte nicht verrathen daß ihr all' diese Dinge völlig unbekannt seien und während sie vor Ungeduld brannte, jene Vorgänge genau zu erfahren, suchte sie ihre innere Gemüthsbewegung nach Möglichkeit zu beherrschen. Warum hatte ihr Gatte niemals von jenem furchtbaren Abenteuer gesprochen, nie erwähnt, daß er einen Bruder habe? — Das war doch höchst seltsam und in der argwöhnischen Seele der Italienerin tauchten allerlei Vorstellungen auf, die sie im tiefsten Innern beunruhigten. Jeder Andere würde sich weit leichter in sein Schicksal gefunden haben, fuhr Doktor Bernard fort. Der arme Bruder hatte nun einmal durch den schändlichen Mordanfall den Verstand verloren und die meisten Menschen, besonders wir Modernen, fassen dann solche Dinge sehr kühl und vernünftig aus. Die Sache ist einmal geschehen, läßt sich durch all' unsere Verzweiflung nicht ungeschehen machen und man ist heut zu Tage Philosoph genug, sich ins Unvermeidliche zu finden. Wie anders Ihr Hm Gemahl! Eine solch' ehrliche Verzweiflung, eine solch' hingebende, alles vergessende Sorge für den unglücklichen Bruder, ist mir in der Welt noch nicht vorgekommen! Das ist eine. Barmherzigkeit, vor der ich den Hut abziehe, — und der lebhafte Franzose schwenkte ehrfurchtsvoll seinen eleganten Cylinder. Von dieser Bewunderung ihres Mannes wurde die Fürstin mit fortgerissen. Ja, der Mann hatte Recht. Ihr Gatte war ein außerordentlicher Mensch und deshalb allein liebte sie ihn so leidenschaftlich. Wie danke ich Ihnen, daß sie von meinem Gemahl mit solcher Bewunderung sprechen. Es war seine tiefe Schwermuth, die mich anzog und die mich zu dem Entschluß brachte ihm meine Hand zu reichen. Meine Freunde konnten es freilich nicht für möglich halten, daß die Fürstin Gravelli die Gattin eines einfachen deutschen Barons wurde — Sie mußte doch wenigstens dein Franzosen sagen, welches Opfer sie gebracht und welch' hohe Stellung sie in der Welt eingenommen habe, und nach diesem Bekenntniß richtete sie ihre ohnehin impomrende Gestalt noch stolzer in die Höhe» Doktor Bernard war höflich genug, über diese Enthüllung die größere Ueberraschung zu zeigen und indem er sich artig verbeugte, sagte er mit feinem Lächeln: eine schöne Frau steigt niemals herab, sie weiß immer ihren Gatten zu sich zu erheben. Die Fürstin nickte ihm mit zerstreuter Miene zu; sie schien doch von dieser Antwort nicht ganz befriedigt und hatte dies der Arzt bemerkt, oder wollte er seinen ersten Besuch nicht ungebührlich ausdehnen? Er stand jetzt auf, um sich zu empfehlen. Darf 35 ich bitten, dem Herrn Baron zu sagen, daß ich mir schon in den nächsten Tagen die Ehre geben werde, meinen heutigen Besuch zu erneuern, und ich hoffe dann glücklicher zu sein, sagte Doktor Bernard, sich verabschiedend, und sie entgegnetc sehr verbindlich, daß ihr Gatte sich über dies Wiedersehen sehr freuen, daß aber auch der Freund, ihres Mannes ihr selbst stets willkommen sein werde. Als sich der Doktor entfernt hatte beschäftigte sich die Zurückgebliebene noch lange mit dem eben Gehörten. Warum hatte ihr Gemahl niemals von seinem Bruder gesprochen? das war räthselhaft und doch, ihre grenzenlose Liebe wußte auch jetzt wieder über dies eigenthümliche Schweigen einen verschönenden Schleier zu werfen. Gewiß mochte seine weiche Seele an jene düstern Vorgänge nicht gern erinnert werden. Trat doch durch die Erzählung des Doktors sein edler großer Charakter in das glänzendste Licht. Ja, sie besaß einen herrlichen Mann. — Ach, und nur der eine Gedanke zerriß ihr das Herz, daß seine Liebe nicht .mehr dieselbe war, daß er sich immer mehr von ihr entfernen wollte. Warum suchte er andere Vergnügungen, anstatt, wie in der ersten seligen Zeit ihrer Ehe, an ihrer Seite zu bleiben? War sie nicht noch immer schön und hatte sie nicht all' die Gaben, einen Mann zu fesseln? — Sie sah in den großen Pfeilerspiegel und dort strahlte ihr das Bild einer Frau entgegen, die nach ihrem Be- dünken in dem Besitz all' der Mittel war um auch die höchsten Ansprüche eines Mannes an Frauenschönheit zu befriedigen. Zum Glück brauchte sie auf ihren Gatten nicht eifersüchtig zu sein. Durch die ihr sehr ergebene Kammcrjungfer, die mit großer Schlauheit die Diener des Barons auszuforschen verstand, wußte sie mit Sicherheit, Haß ihr Gatte nur dem Spiel, allerhand Passionen ergeben war, sonst allen gefährlichen Frauenumgang mied und so fühlte sich die Fürstin beruhigt und hoffte noch immer, daß der theure Mann, nachdem er dieses Treibens müde geworden, bald zu ihr zurückkehren würde. Stürmischer als je durchwagte die heftige Leidenschaft für den geliebten Gatten ihre Brust. Wo war er jetzt ?! Ach warum konnte sie ihm nicht auf der Stelle sagen, was sie in diesem Augenblick fühlte, daß sie noch immer für ihn schwärmte, ja seit dem so eben Gehörten, ihn und sein großes edles Herz bewundere. Sie konnte heute die Rückkehr ihres theuren Gregor nicht erwarten und ungeduldig schellte sie nach ihrem Kammermädchen, das auf der Stelle erschien. Enrichctta's ganze Persönlichkeit stand im schärfsten Gegensatz zu ihrer Herrin. Sie war klein und zierlich gebaut, beinahe mager und in der Nähe der stattlichen übervollen Fürstin sah ihr Kammermädchen wie eine niedliche Nippesfigur aus. Das Gesicht Enrichetta's war nicht hübsch, ihre Züge hatten einen zu scharfen Ausdruck, aber sie besaß dafür ein Paar prächtige, rabenschwarze Augen, deren wunderbares Funkeln sie geschickt hinter langen dunkeln Wimpern zu verbergen wußte, sobald sie es für nothwendig fand und ihrer Herrin gegenüber waren ihre Blicke stets still und ruhig und ohne Alles Feuer. Sie legte für die Fürstin eine außerordentliche Ergebenheit an den Tag, und diese war mit ihr sehr zufrieden und schenkte ihr das vollste Vertrauen, denn sie war noch dazu die Einzige, die in ihren Diensten geblieben und sie auf all' ihren Reisen begleitet hatte. Ist Mein Mann schon zurückgekehrt? fragte die Fürstin weit ungeduldiger als gewöhnlich. ^ Nein, Excellenz»! antwortete das Zimmermädchen verwundert über die große Hast ihrer Herrin. Sie hätte doch endlich wissen können, daß der Herr nie vor Mitternacht, meistens erst in den frühen Morgenstunden nach Hause kam. Ich muß ihn sprechen, sobald er zurückkehrt. Sage das einmal seinem Kammerdiener. Es wäre eine sehr dringende Angelegenheit. Das schlaue Kammerkätzchen hatte Mühe ein Lächeln zu unterdrücken. Als ob der Baron sich davon noch einmal von der liebeglühenden Frau einsangen ließ!? — Sie hatte ihn wohl früher damit auf einen Augenblick in ihre Zimmer gelockt, aber jetzt wußte er ihr geschickt auszuweichen, und wenn die feurige Italienerin versuchte, in die Gemächer ihres Mannes zu dringen, so verstand der gut abgerichtete Kammerdiener sie durch irgend einen Vorwand fern zu halten. Besonders in den letzten Tagen hatten sich die beiden Ehegatten kaum flüchtig gesehen. Der Baron ging zu einer Zeit zu Bett, wo sich seine Gemahlin schon erhob, und in den Abendstunden war er schon wieder aus dem Palais verschwunden, doch eh' es ihr gelang, seiner einmal habhaft zu werden. Wie ich von Jean gehört, ist der Herr Baron erst vor zwei Stunden ausgefahren und — Gleichviel, ich muß ihn sprechen, und sollte ich bis zum Morgen auf ihn warten, unterbrach sie die Fürstin. Das wirst Du auch müßen, stand auf dem klugen Gesicht Enrichettas, aber sie schwieg, und ihre Herrin war viel zu erregt, um ihr Kammermädchen zu beachten. Ja, Enrichetta, ich muß ihm sagen, daß ich ihn seit heute mehr denn je bewundere und daß ich ihn liebe, so heiß und glühend, wie es der edle, hochherzige Mensch verdient. Hinter den langen dunklen Wimpern des Kammermädchens schoß ein Blitz hervor, der die Fürstin beleidigen gemußt, wenn sie ihn bemerkt hätte, so viel Hohn und Geringschätzung lag darin, aber ihre Herrin war viel zu sehr mit sich beschäftigt und Enri- chetta's Augen nahmen schon wieder den gewohnten Ausdruck treuer Unterwürfigkeit an; nur ein verstohlenes Lächeln um die dünnen Lippen schien zu sagen; Das hast Du ihm ja schon zum Ueberdruß vorgeschwatzt und es hat Dir nichts genutzt. Das Verhältniß zwischen Herrin, und Dienerin war stets ein sehr gutes gewesen und hatte in der letzten Zeit einen völlig vertraulichen Charakter angenommen. In die treue Brust Enrichetta's legte die leidenschaftliche Frau all' ihren Liellesgram nieder. Gegen diese allein klagte sie sich aus, besprach ihre Hoffnungen, ihre Pläne, wie sie die Liebe ihres Gatten zurückerobern wolle und Enrichetta hörte ihr stets sehr aufmerksam zu und' wagte auch zuweilen, mit irgend einem klugen Rathschlag hervorzutreten. Die Fürstin war viel zu sehr mit sich und ihrer Herzensangelegenheit beschäftigt, um die heimliche Schadenfreude zu bemerken, die zuweilen deutlich, wenn auch ganz verstohlen aus dem Antlitz der verschlagenen Dirne hervorleuchtete. Erst heut' wieder hab' ich erfahren, welch' großes, warmes Herz mein theurer Gregor besitzt, fuhr die Fürstin mit allen Zeichen der Erregung fort. Und wenn ich ihn noch nie geliebt hätte, dann müßte ich es jetzt, denn er verdient die aufrichtigste Bewunderung von Allen. Mußt Du das nicht ebenfalls sagen. Enrichetta zuckte mit den Achseln. Ich darf mir kein Urtheil über den Herrn Baron erlauben, sagte sie ausweichend. Ah, gegen mich kannst Du Dich völlig aussprechen, erwiderte die Fürstin. Und bekenne selbst, überragt er nicht alle Männer an Geist und Schönheit? Hab' ich nicht Recht daran gethan, daß ich ihn vor Tausenden auszeichnete und ihm meine Hand gab? Er ist ein geborner Fürst! .Das Kammermädchen war an solch' stürmische Ausbrüche der Bewunderung schon gewöhnt und hatte Mühe, die Zeichen der Langeweile zu unterdrücken, sia'cntgcgnetr daher nur: Excellenz« haben Recht. Der Herr Baron verdient ein Fürst zu sein. Du sagst es auch! rief ihre Herrin lebhaft und ihre Augen erhielten einen noch höheren Glanz. Ja, das ist die Wahrheit, aber wenn Du erst. erfährst, wie edel und großherzig er sich gegen seinen armen Bruder benommen hat, dann wirst Du ihn noch mehr bewundern, und ohne Weiteres erzählt sie nun ihrem Kammermädchen, was sie von Doktor Bernard gehört hatte. > Enrichetta machte ein sehr verwundertes Gesicht und blickte zuweilen nachdenklich vor sich hin. Die Geschichte' klang sehr seltsam und dennoch mußte sie wahr sein^ obwohl der Herr Baron nicht einmal zu ihr etwas davon gesprochen hatte und er zeigte sich ja sonst gegen sie noch weit offenherziger, als selbst seine Gattin, die freilich nicht 37 die geringste Ahnung von den vertraulichen Beziehungen hatte, die zwischen den Beiden bestanden. ^ ^ Mußt Du nicht auch sagend schloß die Fürstin ihre Mittheilungen, daß mein Gemahl die Liebe verdient, die ich für ihn in meinem Herzen hege, und sie legte die Hand auf ihren heftig wogenden Busen, denn die ohnehin leidenschaftliche Italienerin war durch ihre Erzählung in die stärkste Erregung gekommen. Wer sollte aber auch Excellenz« nicht lieben? entgegnete das schlaue Kammerkätzchen. Ich kenne mehr als einen hohen Herrn, in Florenz, der ganz verzweifelt war, als ihm plötzlich alle Hoffnungen auf die Hand von Excellenz« verloren gingen. Ueber das Antlitz ihrer Herrin flog ein befriedigtes, stolzes Lächeln: Ja, ich hab' sie Alle durch meine Wahl überrascht und doch bereue ich sie nicht, sagte sie noch lebhafter, als gewöhnlich und ihre Augen glänzten: Aber ich muß heute meinen Gemahl erwarten, wir dürfen uns nicht eher zu Ruhe legen, als bis er kommt. Das Kammermädchen hatte Mühe, seinen Verdruß zu verbergen; Excellenza, das dürfte sehr spät werden, wagte sie einzuwerfen. Thut nichts! Wir müssen ihn erwarten. Verständige Dich mit Jean und gieb mir augenblicklich Nachricht, wenn mein Gemahl gekommen ist. Und wollen Excellenza so lange im Salon bleiben? Gewiß. Sorge dafür, daß der Kamin noch einmal geheizt wird und bringe mir in wenigen Stunden noch eine Tasse Thee, das wird mich schon munter erhalten. Cnrichctta verbeugte sich nur zum Zeichen des Gehorsams und ging dann schweigend hinaus, während die Fürstin noch lange in größter Aufregung den Salon durchwanderte. Durch das Gespräch mit ihrer Dienerin waren ihre Gefühle noch mehr in Flammen gesetzt worden. Wenn Gregorio sah, wie tief und glühend sie ihn noch immer liebte, wie jetzt ihr Empfinden für ihn durch die Mittheilungen Doktor Vernard's noch stärker geworden, dann konnte er ja nicht länger in seiner kühlen Zurückhaltung beharren; dann mußte auch er wieder mit der alten Schwärmerei sie an sein Hcrz schließen. Ach, wie glücklich würde sie dann sein. In diese Träumereien verloren, wurde ihr die Zeit des Wartens weniger lang. Sie war gewöhnt, sich früh zur Ruhe zu begeben, heut überkam sie keine Müdigkeit, der spät genossene Thee und die innere Erregung erhielten sie wach, aber Mitternacht war längst vorüber und noch immer meldete ihr Enrichetta nicht die Ankunft ihres Gatten an. Endlich warf sie sich ermüdet in einen Lehnsessel und sie war eben eingeschlummert, da schlüpfte das Kammermädchen herein und berichtete mit seiner gewissen Hast: Der Herr Baron sind eben gekommen. Ah, ich danke Dir, Enrichetta, Du bist eine treue Seele, sagte die Fürstin, dann erhob sie sich eilig, strich mit der Hand über die Stirn, als könne sie damit die letzte Spur von Schläfrigkeit verscheuchen und verließ rasch den Salon. Enrichetta sah ihr mit einem boshaften Lächeln nach; Du wirst mit Deiner Be- - gcisterung übel ankommen, — stand auf ihrem scharfen, verschmitzten Gesicht. (Fortsetzung folgt.) Die Wüste Ittda. Bon Johann v. Asboth. Wie das moabiter Gebirge ostwärts, so erhebt sich aus dem todten Meere westwärts, kühn und steil die Wüste Juda, kaum an einigen Stellen schmale, flache Streifen zwischen sich und dem Ufer lassend. An den Wänden dieser zerrissenen Felsenwüste, kletterten mir in der heißen Mittagssonne aufwärts, tiefen Klüften entlang, zwischen denen manchmal nur ein schmaler Grat zum Wege diente, so daß wir uns ganz der Gnade der Pferdefüße überlassen fühlten. Wie sich unser Weg erhob, entfaltete sich immer weiter und breitsr v'ör unseren Augen das Jordanthal mit seinen grünen Inseln 38 im Sandmeere, den Salz- und Gyps-Feldern, dem glänzenden Spiegel des riesigen Sees, und rückwärts der Rahmen des ganzen Bildes: Die moabitische Kette. Nach viertelstündigem Klettern gelangten wir zu einem breiten Felsen-Bassin voll brackigen Wassers, das einzige süße Wasser vom Jordan, bis zu dem in der Mitte der Wüste stehenden Kloster, und auch dieses kaum trinkbar; nur der Beduine findet mit Lebensgefahr außerdem Wasser in der Tiefe der Klüfte. Unser Weg ist ein fortwährendes Klettern. Auf absolutem Steinboden, steilen Berghängen entlang, zuweilen auf natürlichen Felsenstufen, müssen wir uns mühsam emporkämpfen, und auf solchen Stufen löst sich manchmal das Gestein unter dem Fuße der Pferde, und rollt in die gähnende Tiefe hinab. Ein wahrhaftiges Wunder erscheint es mir, als auf solcher Stelle mein Pferd, den Boden unter seinen Füßen verlierend, ausglitt und zusammenstürzte, und nicht nur ich mich auf die Bergseite werfend, sondern auch das Pferd sich an Ort und Stelle zu halten vermochte. Von da an folgte auch ich häufiger dem Beispiel des uns vorangehenden Beduinen und führte das ohnehin schwer vorwärtskommende Thier am Zügel. Die Stellen, an denen wir Stunden hindurch mühsam cmporkletterten, präsentirten sich nach einiger Zeit als tief unter uns liegende, wild zerrissene, breite Terrassen, und dies wiederholte sich immer und immer wieder, bis wir gleichsam ein Stockwerk nach dem andern erstiegen. Nur der Spiegel des todten Meeres, der auf einzelnen Punkten immer und immer wieder aufblitzte, schien dem Auge immer in derselben Nähe zu bleiben; denn die zurückgelassenen Felsmassen tief unter uns schrumpften zusammen, verflochten sich, der in der Sonne glänzende weite Wasserspiegel aber blieb immer derselbe. Eine passende Staffage waren in dieser unbeschreiblichen Wildniß, die schwarzen Beduinen-Lager, denen wir hier häufiger begegneten und die bald am Bergabhange, bald tief unten in den Abgründen aufgeschlagen waren. Diesen konnten wir trauen, denn es waren Freunde, die beständig diese Gegenden bewohnen, wie sie denn auch unseren Beduinen Ali als Freund und Bruder empfingen. Wir ritten zu einem dieser Lager, um dasselbe näher zu betrachten. Der bärtige hohe Scheich kam uns unter dem Gebelle der Hunde entgegen, uns in sein Lager einzuführen. In weitem Kreise standen dicht neben einander die einzelnen Zelte. Nur zwischen zweien derselben bildete ein Zwischenraum den Eingang ins Lager. Das rechts vom Eingänge liegende ist das Zelt des Häuptlings, der uns zum Eintreten einladet. Diese Zelten bestehen aus einfachen Pflöcken, niit einem starken wasserdichten Zeuge überdeckt, welches aus schwarzen Ziegenhaaren die Beduinenweiber selbst verfertigen. Es sind das dieselben Zelte, deren die Schrift erwähnt, als sie von den schwarzen Kedareneren spricht. Aus Höflichkeit und Neugierde besiegte ich die Furcht vor dem Ungeziefer, von dem diese Lager wimmeln, und trat in das Zelt. Es bestand aus zwei Theilen, die mit demselben schwarzen Ziegenhaarzeuge von einander getrennt waren; der eine für die Männer, der andere für die Weiber. Im letzteren flüsterten einige zusammengekauerte Gestalten, in ersterem brannte auf niederem Herd getrockneter Mist, der uns alsbald hinausräucherte. Die übrigen Bewohner des Lagers vor und in ihren Zelten, zwischen ihren schwarzen Ziegen ruhend, schienen sich wenig um uns zu kümmern, nur einige halbnackte Kinder starrten uns an. Aber auch diesen siel es nicht ein, zu betteln. Selbst den Tabak, mit dem ich den Scheich beschenkte, nahm er mit einer gewissen ernsten Dignität entgegen. Neben manchem dieser Lager sah ich überrascht, daß ihre Bewohner selbst auf diesem verzweifelt unfruchtbaren Boden, wo sie nur einzelne Flecken finden, die wie Erde aussehen, sich mit der Kultur derselben befassen. Allerdings gleichen die mit dem einfachen Pfluge » gezogenen Furchen eher Schotter- als Erdfurchen. Aber diese Leute, die jeden Luxus verachten, begnügen sich damit, was ihnen die Natur dort gewährt, wo sie eben ihre Zelte aufschlagen. Nach und nach, wie wir uns immer höher erhoben und auch der Tag voran- ge;chritten war, fühlten wir immer mehr, daß wir uns nicht mehr in der tropischen 39 Gegend des Ghor befinden. Die Temperatur begann bedeutend zu sinken, und zuweilen zog ein kalter Strichregen über uns hinweg. Der Tag neigte sich zum Abend, als wir von einem kleinen Hochplateau abwärts reitend, uns zum Vadien-Nad, dem Thale des Kidron, hinabließen, der hier seinen Weg zum todten Meer zwischen engen Felsschluchten bricht. Aber nicht nur der Kidron erinnert uns daran, daß wir uns wieder der Zivilisation nähern, sondern noch mehr und unmittelbarer .die in den Stein gehauenen und theilweise ausgemauerten Stufen, die entlang der Kluft des Baches emporführen, indem sie fortwährende Einblicke in die finstere schwarze Wildniß der ungeheuren, manchmal sich amphitheatralisch ausweitenden Felsenschlucht gewährt. Endlich erblicken wir bei einer Wendung einen mächtigen viereckigen Thurm und bald darauf das burgartig in die Felsenwüste gebaute Kloster Mar-Saba, das Kloster des heiligen Sabbas, wieder ein Stück lebendigen Mittelalters. So mochten zur Raub- Nitter-Zeit die mächtigen Klöster ausgesehen haben; vertheidigungstüchtige, starke Besten in ihren-, Aeußern. Zwei gestufte Wege führen hinab zu zwei besonderen Pforten, die obere für die Thiere, die untere für die Gäste. Bei der untern pochten wir, bei der obern unser Beduine und unser Diener fest eine Viertelstunde lang, die stumme Ruhe der Wüste unterbrechend. Ober den beiden Pforten erhebt sich auf den mächtigen Bastionen ein hoher, fester Thurm. Auf diesem steht Tag und Nacht der Thurmwart, ausblickend, was sich dem Kloster nähert. Jetzt vielleicht, weil es schon dämmerte und er Niemand mehr erwartet, schien er sich eine kleine Ruhe gegönnt zu haben, denn erst nach geraumer Zeit hören wir seinen langen Ruf von der Höhe. Man hat uns also gehört-. Warten wir in Geduld. Das Bild, das sich uns bietet, mag uns unterdessen beschäftigen. Hinter uns eine hoch sich erhebende Felsenwand, auf dieser der Weg, den wir gekommen und der sich weiterhin gegen Bethlehem und Jerusalem wendet; von diesem herab zu den Kloster- Basteien die beiden Stufengünge; jenseits des Burgklosters die tiefe Felsschlucht des Kidron, in welcher das Wasser rauscht; rechts, einige hundert Schritte abseits der Beste, ganz für sich allein stehend, ein zweiter viereckiger Thurm. Was ist sein Zweck? Wozu dient er? Nachdem die strengen Regeln der Mönche nicht gestatten, daß Frauen in das Kloster treten, werden weibliche Reisende über Nacht in diesem einsamen Thurme untergebracht, eingesperrt und abgesperrt von der männlichen Begleitung. Das Kloster ist so stark gebaut, ist durch seine Mauern und die Felsklnft so unnahbar, daß es nur mit schwerem Geschütze zu forciren wäre, und so ist es bei der großen Vorsicht, mit der die Pforten geöffnet werden, gegen jeden kühnen Handstreich unternehmender Beduinen gesichert, Voin Beginn des Christenthums wohnten in den Höhlen dieser Felswüste zu allen Zeiten fromme Anachoreten und aus diesen bildete sich schon im vierten Jahrhundert unter der Führung des heiligen Euthym eine größere Bruverschaft. Ein Schüler desselben, der heilige Sabbas, stiftete aus dieser sein Kloster und erhob es zugleich zum geistigen Mittelpunkte und zur festen Bnrg der griechischen Orthodoxie. Gegenüber den Lehren der Monophysiten, den heutigen Kirchen-Kopten Egyptens, die so tief in die Verhältnisse des byzantinischen Reiches eingriffen, war der heilige Sabbas der Vorkämpfer, das Haupt des Dogmas von der doppelten Natur Christi. Diesem Umstände verdankte sein Kloster die reichliche Unterstützung des Kaisers Justinian, und diesem verdankt er noch heute sein großes Ansehen und seinen heiligen Ruf in "der griechischen örthodoxen Kirche. Als 614 die Perser unter Kosroes diese Gegenden verwüstend überzogen und insbesondere gegen die christliche Bevölkerung wütheten, zerstörten sie auch das Kloster und machten seine Bewohner nieder. Im 8. und 9. Jahrhundert wiederholten sich diese Metzeleien unter den Arabern, besonders den Söhnen Harun-al-Raschid's. Seither wurde das Kloster festungSartig neu erbaut, seine Schütze verursachten aber immer wieder neue Naubzüge der Araber bis in unsere Zeit hinein, selbst noch 1832 und 1834. In seiner gegenwärtigen festen Gestalt ließ es 1840 der Czar restauriren, und seitdem bewohnen es die Mönche, wenn auch nicht in Frieden, so doch in Sicherheit. 40 Unsere Geduld verlierend, pochen wir auf's Neue ausdauernd an den Pforten und endlich hören wir Rufe, nicht mehr von oben, sondern von unten. Nach einiger Zeit beginnt bei verschlossenen Pforten das Parlamentiren, welches in arabischer Sprache zwischen einem der griechischen Mönche und meinem Dragoman geführt wird: wer und wieviele wir sind, von wo wir kommen, was unser Ziel und Zweck, ob wir ein Empfehlungsschreiben des griechischen Patriarchen von Jerusalem haben, denn ohne einem solchen wird Niemand eingelassen. Nachdem alle Fragen befriedigend beantwortet sind, wendet sich endlich der schwere Verschluß und knarrt die mächtige Thür und wir werden eingelassen. Wir gelangen in einen engen Gang, in welchem ungefähr ein halbhundert Stufen zu einer Thür abwärts führen, die der vorsichtige Pförtner ebenfalls abgeschlossen hatte. Von dieser führen wieder Stufen in einen gepflasterten Hof, in dessen Mitte eine bekuppeltc Kapelle steht, und von diesem Hof noch eine Treppe hinab zum Divan, dem einem Refektorium ähnlichen Gastzimmer. Unsere Pferde und ihre Begleiter sehen wir nicht mehr, denn diese wurden bei der oberen Pforte eingelassen, die auf einer höhern Terrasse zu den Ställen führt, Während der Bruder Pförtner in der angrenzenden Küche Feuer macht, um mit Hilfe Sidi's aus dem von Naphael mitgebrachten Material unser Abendmahl zu bereiten, besichtigen wir unter der Führung eines andern Mönchs noch bei Lampenlicht das Kloster, denn morgen wollen wir gleich mit Tagesanbruch unsern Weg fortsetzen. Die kuppel- überdeckte Kapelle ist wie alle griechischen Heiligthümer und die christlichen Kirchen im Orient überhaupt, mehr reich als geschmackvoll ausgestattet. Ihr Stolz, welcher sie zu einem der Hauptheiligthümer der griechischen Kirche macht, ist das Grab des heiligen Sabbas; dieses Grab ist aber leer, denn der Heilige wurde noch zur Zeit der Kreuzzüge nach Venedig überführt. Der heilige Sabbas, nach dem sich der alte griechische .Mönchs- Orden der Sabaiten benannte, war nicht nur wegen seines heiligen Lebenswandels, sondern insbesondere auch wegen seiner theologischen Kämpfe gegen die Monophysiten, eine der Hauptgestalten der griechischen Kirche. (Schluß folgt.) M i s c - l l - 11. (Einst und jetzt.) Stadtbeleuchtung ist überflüssig. In lk., einer kleinen Stadt, wurde beim Magistrate die Frage der Stadtbeleuchtung verhandelt. Unter Anderen erhob sich auch ein Senator mit folgendem Argument: „Wozu Beleuchtung! Wenn es dunkel wird, gehen ehrliche und ordentliche Bürger nach Hause, und für die Lumpen und Spitzbuben werden wir doch keine Lampen anzünden!" Eine Dame kam zum Fürsten und redete ihn folgendermaßen an: Dame: „Euer Durchlaucht, mein Mann mißhandelt mich." — Fürst: „Das geht mich nichts an." — Dame: „Er schimpft auch über Sie." — Fürst: „Das geht Sie nichts an." (Unmöglich.) Gast: Das ist doch eine lüderliche Wirthschaft! in dem Kaffee schwimmen noch die halben Bühnen herum." — Wirth: „Sehr merkwürdig! das kann eigentlich nicht vorkommen, weil wir zu unserem Kaffee keine Bohnen nehmen." Zu Zürich kündigte der Buchhändler Heidegger „Arndt's wahres Christenthum" also an: „Da bei dem Buchhändler Bttrkli das wahre Christenthum nicht mehr zu finden ist, so wird man es bei mir finden." - „Nicht wahr, Johann, ich werbe schon recht alt?" fragte ein Herr seinen Diener als er ihn eben frisirte, worauf dieser antwortete: „Es geht halt schon nicht anders; ich bin ein noch älterer Esel, als Ew. Gnaden." Ein Bauer, der zum ersten Male in einer Oper war, sagte: „Ne, .was das für !uns lächerlich. Sollen morgen die spottlustigen Pariser erzählen, daß Sie wie eine glüchende Julia mitten in der Nacht zu mir geschlichen sind, um ein zärtliches Stelldichein zu suchen? Er stieß dabei ein kurzes höhnisches Lachen aus. Und hätte ich nicht ein Recht dazu? Bin ich nicht Deine Gattin? Kann ich es länger dulden, daß Du Dich plötzlich kühl und gleichgiltig von mir abwenden willst, während ich mich in h"'üer Liebe für Dich verzehre? — Warum wollen wir nicht jene seligen Tage zurückrus m denen wir uns Alles waren und nach der übrigen Welt nicht fragten?! Ohne auf seine abwehrende Bewegung zu achten, schlang sie die Arme um seinen Hals und bedeckte seinen Mund mit feurigen Küssen. Er vermochte im ersten Augenblick der leidenschaftlich erregten Frau keinen Widerstand zu leisten und mußte es dulden, daß sie ihn mit ihrer Zärtlichkeit beinahe erstickte, aber einen günstigen Moment wußte er geschickt zu benutzen und mit allen Zeichen schlecht verhehlten Widerwillens entwand er sich ihren Armen und sprang rasch »om Lehnsessel empor. Ah, Madame wir leben ja nicht mehr in den Flittcrwochen, sagte er leise und höhnisch. In unsern Kreisen sind solch' schwärmerische Scenen, wie Sie dieselben heut auszuführen belieben, nicht Sitte. Gregor! Ich habe Dich aus Liebe geheirathet! rief die Fürstin mit dem Ausdruck vollster Empfindung. Und verdiene ich solche Zurücksetzung? Bin ich nicht noch schön und würde jeder Andere glücklich im Besitze Mies solchen Weibes sein? Mit dem Geschick einer Italienerin nahm sie eine Stellung an, die ihre volle, üppige Gestalt in die beste Beleuchtung rückte. Ein stolzes, selbstbewußtes Lächeln thronte dabei auf ihrem Antlitz. Der Baron würdigte sie keines Blickes. Gewiß würden Sie noch Eindruck machen, sagte er mit vornehmer Gleichgiltigkeit und ich begreife deshalb nicht, warum Sie sich vor aller Welt zurückziehen. Wenn Sie nach irgend einem feurigen Herzen Verlangen tragen, habe ich durchaus nichts dagegen. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nicht den Othello spielen werde. Gregorio! Dich will ich haben! Deine Liebe gehört mir und Du darfst Dich nicht wieder thörichten Vergnügungen hingeben. An meiner Brust wirst Du wieder ein weit größeres Glück finden, als Dir all' diese Zerstreuungen von Paris zu bieten vermögen; und sie wollte auf ihn zueilen und ihn vom Neuem stürmisch und voll leidenschaftlicher Gluth in ihre Arme schließen. Der Baron wich erschrocken einige Schritte zurück und sagte jetzt kalt und schneidend: Nein, es ist Zeit, daß wir der Komödie ein Ende machen. Ich will nicht zum Gespött meiner Leute und von ganz Paris werden und muß Sie bitten, wenn Sie 41 wieder einmal einen Anfall von Schwärmerei bekommen, dann wenigstens meine nächtliche Ruhe nicht zu stören. Es wird sich doch in dem großen Paris Jemand finden lassen, dem Sie Ihre Gefühle anvertrauen können, nur mich verschonen Sie damit. Die Fürstin glaubte nicht recht gehört zu haben, aber noch mehr als seine Worte sagten ihr die Art und Weise, wie er sie sprach, seine ganze Haltung, das; sie sich nicht länger über die Gefühle ihres Mannes täuschen könne, daß er sie nicht mehr liebe, ja vielleicht nie geliebt habe, und all' sei. früheres Benehmen nur Lug und Heuchelei gewesen sei. Nun erwachte in ihr schlich die stolze vornehme Italienerin, die jetzt eben so glühend zu hasten vermochte, wie sie heiß und leidenschaftlich geliebt hatte . . . Ein Zittern ging durch ihren ganzen Körper, sie vermochte nicht augenblicklich zu antworten, aber ihr heftig wogender Busen verrieth, daß ein gewaltiger Sturm im Anzüge sei. Aus ihren dunklen Augen schössen Blitze und endlich öffnete sie die wuthzitternden Lippen, um mit bebender Stimme hervorzustoßen: Elender! Das wagst Du mir zu bieten? Und ich, die Fürstin Gravelli, die Dich aus dem Staube gezogen — Madame, Sie vergessen, daß Sie mit Baron Bloomhaus sprechen, unterbrach sie Dhr Gatte, sich in die Brust werfend. Die Worte seiner Gattin schienen ihn doch schwer gekränkt und aus seiner Ruhe aufgescheucht zu haben. Meine gesellschaftliche Stellung sowohl wie mein Vermögen sicherten mich davor, erst von Ihnen aus dem Staube gezogen zu werden. Ah, prahle immer mit Deiner Baronschast! rief die Fürstin heftig. Ich fürchte, Du bist nichts als ein Abenteurer! Sie glaubte ein leises Zusammenzucken ihres Mannes zu bemerken, und sie fuhr triumphirend fort: Ja, ich irre mich nicht, Du hast Dich bei mir stets als ein Deut,Her ausgegeben und Doktor Bernard s-- >, daß Du aus Rußland seiest. Dann ist es mir freilich klar, warum Du alle Rs 'tnd so ängstlich gemieden hast, Du mußtest beständig in der Furcht schweben, einem L,t> ^mann zu begegnen, der Dich entlarvte. — Sie wußte selbst nicht, wie ihr solche Vorstellungen gekommen waren, aber Haß und Wuth schienen sie plötzlich hellsehend gemacht zu haben und blitzartig wirbelten alle diese Gedanken durch ihr Hirn. Der Baron hatt seine vornehme kühle Ruhe wieder gewonnen, die er überall gern zur Schau stellte. Du bist sehr liebenswürdig, sagte er mit leisem Spott. Ich darf von einer italienischen Fürstin freilich keine geographischen Kenntnisse verlangen, aber es kann Dir gar nichts schaden, wenn Du endlich erfährst, daß Rußland dort oben im Norden, an der Ostsee ein Stück deutsches Land besitzt und gerade der Adel dort an deutscher Sprache und deutschen Gewohnheiten festhält und daß ich mich deßhalb mit vollem Rechte als deutscher Baron fühlen und so nennen kann. Aber warum hast Du nie ein Wort vM Deinem Bruder erwähnt!? rief die Fürstin aus, deren einmal gefaßter Verdacht durch i-Lse ruhige Erklärung nicht beseitigt worden. Warum weichst Du allen Russen aus? Du hast irgend ein entsetzliches Geheimniß zu verbergen, vielleicht ist Dein armer Bruder nicht von fremder Hand, wohl aber — Jetzt verlor der Baron doch seine ruhige Besinnung. Das ohnehin bleiche Gesicht wurde kreideweiß, die blauen, sonst gern etwas schläfrig dreinblickenden Augen begannen zu sprühen und er stieß mit großer Heftigkeit heraus: Schweig! oder — er ballte die Faust und trat zähneknirschend, in blinder, ja grenzenloser Wuth seiner Gattin drohend gegenüber. Sie wich nicht einen Schritt zurück und schien entschlossen, selbst einem persönlichen Angriff zu trotzen. Beide waren von gleicher Größe, nur sah die schlanke elastische Gestalt des Barons dürftig aus, im Gegensatz zu den vollen, überschwellenden Formen der Fürstin. Auch in ihr war das heiße Blut der Italienerin bis zum Wahnsinn erhitzt und so übersprang sie die letzten Schranken. Wage es, Elender! mich zu berühren, bebte es von ihren wuthzitternden Lippen — und mit unterschlagenen Armen stand sie hochaufgerichtet da, zur energischen Abwehr bereit. Die Augen des Mannes funkelten unheimlich, plötzlich mochte ein Rest von ruhiger Ueberlegung in ihm zurückkehren, denn er ließ die schon zum Schlage erhobene Hand fallen und einen Schritt zurücktretend stieß er ein höhnisches Gelächter aus. Mein Kammerdiener wird sich gewundert haben, daß unsere zärtliche Unterhaltung so lange währt, und um uns nicht in den Augen der Dienerschaft völlig lächerlich zu machen, halte ich es doch für gerathen, wenn wir dieselbe abbrechen, Madame! — Er verbeugte sich mit einem nicht mißzuverstehenden Blicke nach der Thür. Durch diesen Spott erwachte auch die Fürsten aus ihrer an Raserei grenzenden Wuth und sie bemühte sich in einem ähnlichen Tone zu antworten, obwohl es ihr nicht völlig gelang. Sie haben Recht. Aber seien Sie überzeugt, daß ich diese Unterhaltung zu ge legener Zeit wieder anknüpfen werde, denn ich fürchte, daß mein Herr Gemahl nichts weiter ist als ein gefährlicher Abenteurer, wenn nicht noch mehr. Um die Lippen des Barons glitt ein halb mitleidiges, halb geringschätziges Lächeln. Also gute Nacht, Carlotta, sagte er, die schwere Portiere zurückschlagend und ihr die Thür öffnend. Ich danke Ihnen, daß Sie so gütig waren, mir noch so spät diese interessanten Nachrichten mitzutheilen, und er verbeugte sich artig vor ferner Gattin, die stolz erhobenen Hauptes, ohne ein Wort zu entgegnen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, das Zimmer verließ und Mit raschen, festen Schritten ihre Gemächer aufsuchte. (Forijctz.i'-,g folgt.) D!« Wüst« Zuda. Von Johann v. Asboth. (Schluß.) Auf der Wedelte des Hofes steht eine andere Kirche, die des heiligen Nikolaus, eigentlich eine Felsenhöhle, in deren Tiefe eine kleinere, gitterbedeckte Höhlung voll mit grinsenden Todtenkopien, — wie der Mönch erklärt, 40,000 Stück lauter Blutzeugen, die durch die Heiden des Kosroes in den Hohlen dieser Gegenden umgebracht wurden. An der gegenüberliegenden Seite liegt die basilika-ariige eigentliche Klosterkirche: düster erleuchtet, vollbehangen mit alten byzantinischen Bildern, von welchen aber die werthvollsten von den Russen weggeführt wurden. Hier treffen wir in den die Wand umgebenden Armstühlen, in ihren schwarzen Talaren, den hohen, flachen schwarzen Mützen, die bärtigen Mönche, ungefähr ihrer 50, versunken in tiefe Kontemplationen, die aber überaus an jene orientalische Ruhe erinnern, in welcher der Geist sich noch mehr der absoluten Ruhe erfreut als der Körper, der wenigstens in seinen Organen fungirt. Uns schenkt Keiner von ihnen irgend eine Beachtung. Das Hauptheiligthnm dieser Kirche ist das Grab, des heiligen Johannes von Damaskus, des letzten großen Kirchenvaters der griechischen Kirche. Unter dein Name» Almansor nahn» dieser Heilige im Dienste der Khalifen eine hohe Stellung ein, trat aber 730 in das Kloster des heiligen Sabbas und hier verfaßte er seine berühmte, in der griechischen Kirche seither maßgebende Schrift „vom wahren Glauben", die einerseits das Kloster selbst mit neuem Glänze umgab, andererseits der Abschluß der theologischen Entwicklung der griechische!: Kirche war. In einer Nebenräumlichkeit sahen wir Teller mit Holzlöffeln und mit offenbaren Spuren, daß die frommen Brüder soeben ihr aus trockenen Bohnen bestehendes Mahl genossen haben. Die Bewohner des Klosters leben sehr einfach und streng und nähren sich blos aus Vegetabilien. Aber im Orient gibt man überhaupt weniger auf Genuß und Luxus, als auf Rast und Ruhe. Das ist der Hauptunterschied zwischen orientalischer und westlicher Lebensweise. Wir unsererseits stehen so ziemlich in der Mitte zwischen der im Genusse, im Luxus und in der Arbeit gleich fieberischen westlichen Zivilisation und jener einfachen, anspruchslosen orientalischen Indolenz, die es der Vorsehung überläßt, die Geschäfte der Vorsehung zu besorgen. Jetzt sind wir aber stark in den Fortschritt hinein- gerathen; in ganzen großen Schichten und vielleicht im Staatswesen beginnen wir, die hohen Ansprüche des Westens mit der alten guten Indolenz zu vereinen, denn rascher kann man sich die ersteren an-, als die letztere abgewöhnen. Und hierin besteht der kritische Moment für alle orientalischen Raccn bei deren Kontakte mit der westlichen Zivilisation. Solchen Krisen sind nun diese Mönche allerdings nicht ausgesetzt, denn ihre Ansprüche sind die menschlich möglichst geringsten. Ihre physische und geistige Anstrengung besteht kaum aus etwas Anderem, als daß sie auf den zahlreichen Terrassen des Klosters künstlich angelegte Gemüsegärten pflegen und ihre langen Gebete verrichten. Sie besitzen eine uralte Bibliothek, aber in diese gewähren sie nicht nur den Fremden, sondern wahrscheinlich auch sich selbst keinen Einblick. Ihre Bedürfnisse werden durch milde Spenden gedeckt, die aus den griechischen Provinzen und aus Rußland kommen. - Von diesen Kirchen begeben wir uns auf schmalen Treppen von Hof zu Hof, von Terrasse zu Terrasse. Wo sich nur irgend ein Raum bietet, finden wir jene künstlich angelegten Gärten, in einem derselben eine schon lange nicht erblickte Palme; angeblich pflanzte sie der heilige Sabbas mit eigener Hand und ihre Datteln sollen wunderbarerweise keine Kerne haben. Sicherlich ist die verwaiste Palme die einzige in der ganzen Provinz an sich schon Wunders genug. Aber hier in dem von dem Winde geschützten und von der Sonne durchglühten Felsen ist die Temperatur eine bedeutend höhere als in Jerusalem. Von den Terrassen gewinnen wir zuweilen einen Blick in die grausig wilde Schlucht des Kidron, deren Wände fast senkrecht, vielleicht 100 Klafter tief abfallen, so daß das Kloster durch mächtige Strebepfeiler geschützt, gleich einem Adlerneste über ihr schwebt. Auf der gegenüberliegenden Wand der Schlucht ist das Gebirge voll jener Höhen, die einst durch Annchoreten, heute nur noch von den Schakalen bewohnt werden. Einzelne der Mönche befolgen, indem sie im Kloster wohnen, gleichzeitig das fromme Leben der einstigen Anachoreten in feiner ganzen Strenge und wählen sich als ständigen Aufenthaltsort eine der Höhlen der in das Kloster hineinreichenden Felsen. Was nun das Wohnen betrifft, wird es hier kaum schlechter sein, als in irgend einer der Mönchszellen. Die Höhlungen und unterirdischen Räumlichkeiten haben überall beständig die mittlere Temperatur der betreffenden Gegend und so sind sie hier Sommer und Winter gemäßigt warm und trocken; die Luft in diesen offenen Höhlen ist sicherlich eine bessere als in den abgeschlossenen und kaum sehr gewissenhaft gereinigten Zellen. Die strenge Lebensweise dieser modernen Anachoreten wird aber dadurch erhöht, daß sie nur von ungekochten Vegetabilien leben und mit ihren Genossen nur ausnahmsweise verkehren. Eine dieser Höhlen, welche jetzt niemals bewohnt wird, zeigt man mit besonderer Pietät. Durch einen schmalen, langen Felsgang gelangt man in den ziemlich weiten Raum, aus welchem ein Loch im Felsen in eine zweite kleinere Höhlung führt. Hier wohnte einst der heilige Sabbas. „Als er einmal in seine Höhle trat, fand er einen Löwen in derselben, aber ohne Furcht verrichtete er seine Gebete und schlief ein. Zweimal zerrte ihn der Löwe aus der Höhle hinaus; endlich wurde die Sache dem Heiligen zu viel, er befahl dem Löwen, sich in die zweite kleinere Höhlung zurückzuziehen und seitdem lebten sie friedlich beisammen bis an das Ende ihrer Tage." Nach unserer Wanderung gingen wir wieder jene zahlreichen Höfe und Terrassen herab, die sich naturgemäß bildeten, indem das Kloster an den Rand der gähnenden Felsschlucht ausgebaut wurde. Im Divan erwartete uns bereits das Abendessen. In diesem geräumigen und reinlichen Saale ziehen sich an den beiden Längsseiten und der einen Breitseite mit orientalischen Teppichen und Pölstern belegte Sitze entlang; in der Mitte ein großer Tisch, über welchem eine Lampe hängt; rings um denselben Stühle. Hier nahm ich mein Äbendbrod, und dann legte ich mich in das einzige Bett, welches dgs Kloster zur Verfügung hat. In der vierten Wand nämlich, befindet sich eine Nische, 47 durch einen Vorhang abgeschlossen; in dieser auf Holzblöcken Bretter und darüber eins Des Morgens standen wir noch bei Mondschein auf, um bei dieser Beleuchtung - vom Wachthurme noch einen Abschiedsblick auf die schauerliche Einöde zu werfen. Gigan- tischeGestalten der kahlen Felswildniß, so weit nur das Auge reicht; h,e und da em schwarzes Beduinenlager; unter uns die Schlucht des Kidron mit ihren 2—300 Meter senkrecht abfallenden Wänden, deren weit ausgebuchtete Krümmungen, mit dem braunen» grauen geschichteten Gestein, mit den riesigen Dimensionen an manchen Stellen das römische Kolosseum in Erinnerung rufen. All das im zitternden, schwachen Lichte und in dem tiefen Schatten des Halbmondes. Mit denselben Schwierigkeiten und Verzögerungen gelangten wir aus dem Kloster heraus, wie wir gestern hineingekommen waren. Nach mühsamem Felsenritte gelangten wir nach Bethlehem und von da nach einem starken Gallopp nach Jerusalem. ^ (Pester Lloyd.) Sympathetische Tinten. Darunter versteht man gewisse Flüssigkeiten, wovon, wenn man sich derselben zum Schreiben bedient, die Schriftlichen auf dem Papier unsichtbar sind, aber durch Anwendung von Wärme oder gewissen chemischen Stoffen in verschiedenen Farben deutlich und leserlich hervortreten. Schon die alten Nömer bedienten sich einer Art sympathetischer Schrift, indem sie einfach mit frischer Milch schrieben und die Schrift, wenn sie leserlich werden sollte, mit Kohlenstaub bestreuten, der sich an die fettigen Theile der Milch anhing. Diese Methode ist also eine rein mechanische. In neuerer Zeit kennt man indeß eine Menge anderer Mittel, welche den beabsichtigten Zweck in besserer Weise erfüllen. Die einfachsten sind jedenfalls diejenigen, wo die unsichtbaren Schriftzüge durch Anwendung von Wärme hervorgerufen werden. Schreibt man z. B. mittelst eines Gänsekiels mit Zwiebel-, Citronen- oder Aepfelsaft, so ist die Schrift, wenn trocken, vollkommen unsichtbar, tritt aber in brauner Farbe hervor, sobald das Papier stark erwärmt wird. Wenn mit einer verdünnten Auflösung von salzsaurem Kupfer geschrieben wird, so ist die Schrift unsichtbar, sobald aber das Papier erwärmt wird, treten die Buchstaben in schöner gelber Farbe hervor und verschwinden wieder, wenn das Papier erkaltet ist. Alle Salze von Cobalt besitzen dieselbe Eigenschaft. Löst man essig-, salz-, schwefel- oder salpetersauren Cobalt in Wasser auf, so ist die damit hergestellte Schrift unsichtbar, erscheint aber sofort blau, wenn das Papier erwärmt wird. — Ein anderes Verfahren wandte man während des indischen Kriegs in England an, indem man wichtige Staatsdepeschen mit Neiswasser schrieb. Wurde dann eine solche Schrift mit Jod überpinselt, so trat sie in blauer Farbe hervor. Schreibt man mit einer Auflösung von Eisenvitriol und überfährt die unsichtbare Schrift später mit einer Tanninauflösung, so erscheint sie schwarz. Und so gibt es noch zahlreiche chemische Mittel, die ähnliche Resultate liefern. _ (Fundgr.) M i s c e l l - ,r. Ein Handwerksbursche reiste mit, einem Juden in eine nahe Provinzialstadt, und hatte nebst einem Bündel einen schweren Mantel zu tragen. Als sie in das erste Wirthshaus kamen und der Handwerksbursche die Zeche bezahlen sollte, sagte er zu dem Juden: „ach du lieber Himmel, ich habe kein Geld bei mir. Leihen Sie mir doch einen Gulden." Der mißtrauische Jude ließ sich herbei, ihm einen Gulden zu geben, aber nur in dem Falle, daß er ihm ein Pfand dafür einsetze; der Handwerksbursche gab ihm seinen Mantel. Vom Schweiße triefend, schleppte sich der Jude in der Hitze mit dem Mantel bis zum Städtchen; dort angelangt, zog der Handwerksbursch einen Gulden aus der Tasche, gab ihm denselben und bedankte sich schönstens, daß er ihm seinen Mantel so weit getragen habe. (Der gewonnene Barbier-Kundech Zu einem Bankier in Berlin kam kürzlich ein ihm fremder Barbier. „Was wollen Sie hier?" wurde er barsch angeredet.—> „Ihnen barbieren!" — „Ich brauche Sie nicht, ich habe schon einen Barbier." — „Nee!" antwortete der Bartkünstler, „ick bin jetzt Ihr Barbier; Sie müssen sich jetzt von mir barbieren lassen, denn ick und Ihr eigentlicher Barbier, wir spielten jestern Schaafskopp und er verlor all sein Jeld an mir, und wie er keen Jeld mehr hatte, da spielten wir um unsere Kunden Schaafskopp und da hab' ick Ihnen jewonnen." Ein Zuckerbäcker nahe an einem Universitätsgebäude war ein außerordentlich freundlicher und gefälliger Mann. Ein Student hatte einmal eine Tasse Kaffee bei ihm getrunken und sagte, als er dieselbe bezahlen wollte: „Können Sie mir wohl auf einen Louisd'or herausgeben?" — „O ja, o ja," sagte der Conditor, und zählte 5 Thaler und 15 gute Groschen hin. Der Musensohn strich das Geld ein mit den Worten: „Den Louisd'or will ich Ihnen morgen mitbringen." — „Schön, schön," sagte der freundliche Kaffetier. Ein Vauerknabe war bei seinem Pathen zur Kirmis gewesen. Bei seiner Heimkehr entspann sich folgendes Gespräch zwischen Vater und Sohn: „Nun, Fritze, da bist Du ja! wie ivar'sch?" — „Nu, scheene." — „Was hobst Ihr denn gegessen ?" — „Schweinebraten." — „Nu, das war ja was für Dich, da hast Du gewiß recht zugelangt?" — „Ne!" — „Warum denn nicht? 's ist ja sonst Dein Leibessen!" — „Er war su fett! Mer kunt'n gar nicht essen." — „Nu, was habt ihr'n da gemacht?" — „Mer aß'n doch." Ein feindlicher Soldat, einquartiert in das Haus eines reichen Bauern, legte seinen Degen auf den Tisch mit den dominirenden Worten: „Jetzt gelt' ich hier!" — Der Bauer entfernte sich stillschweigend und kam bald mit der Mistgabel zurück, welche er neben den Degen legte. „Nun" fuhr ihn verblüfft der Soldat an, „was soll das bedeuten?" — „Ich meine," sagte der Bauer, „zum großen Messer gehört auch eine große Gabel." (Subject ives Verfahren.) In Mandalay, der Hauptstadt des Königreiches Birma, erscheint eine lithographische Zeitung, welche dreimal wöchentlich zur Ausgabe gelangt. Jüngst brachte dieses Blatt eine Haftnotiz, welche die Ausweisung des Prinzen Pyogamoy durch den König Thibo behandelte. Der König, über die Indiskretion des Blattes ergrimmt, ließ die beiden Redacteure des Blattes vor sich bescheiden und verur- theilte sie kurzerhand zu je 90 Hieben mit dem Bambusrohr. Dem Mauschel will der Bärenwirth an Schimmel anhängen, der a wenig blind ist. Der Mauschel will aber den Gaul erst sehen. — „Geh' nur hinter in Stall, da steht er." — Der Stall ist finster, da sieht ers nicht, wie blind er ist, denkt der Bürcn- wirth. „Nu, Mauschel, hast de Schimmel g'sehen?" — „Jo, ich hob'n g'sehen, aber er hat mich nit g'seh'n." In der Neumannsgasse in Berlin wurden in einem kleinen Hause „feine Fleischwaaren" von den „Geschwistern Leopold" verkauft. Dieselben hielten jedoch, wenn kein Käufer da war, ihr Häuschen geschlossen. Auf dem Klingel-Schilde las man: „Wer Wurst, Pöckelfleisch und Rinderzunge u. s. w. haben will, beliebe von Morgens 8 bis Abends 9 Uhr zu klingeln. Geschwister Leopold." Einem Candidaten der Nechtskunde gab einst ein Gerichtsrath die Acten einer sehr schwierigen Prozeßsache, mit der Aufforderung, seine Ansicht darüber abzugeben. Der Candidat durchlas die Verhandlungen und übergab sie dem Gerichtsrath mit folgender darunter verzeichneten Ansicht: „Es soll mich wundern, was aus dieser Sache werden wird!" Auflösung des Spaßrebus: „Nichte." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Berlag des Literarischen Jnstitus von vr. M. Huttler. zur „Ängsbirrgtr Postjeitmig " Nr. 7. Samstag, 24. Juli 1680. Am schönsten ist die Rose, wenn ihre Knospe bricht, So tagt aus Furcht empor der Hoffnung schönstes Licht; Am süßesten glüht Rose vom Morgenthau gefeuchtet, Am lieblichsten blickt Liebe, wenn sie durch Thränen leuchtet. Scott. Der Aerr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) III. Seit jener Stunde war das Herz der Fürstin wie verwandelt; so leidenschaftlich sie ihren Gemahl geliebt hatte, so tief und glühend haßte sie ihn jetzt. Die Binde, die so lange ihre Augen umfangen, war plötzlich fort und nun sah sie ihren Gatten in seiner wahren Gestalt. Sie wurde die Vorstellung nicht mehr los, daß sie es nicht mit einem Edelmann, sondern mit einem bloßen Abenteurer zu thun habe. Sein Benehmen war zu wenig edelmännisch gewesen, als ob er diese Manieren nur nachahme, als ob ihm eine aristokratische Haltung nicht anerzogen und angeboren sei. Sie begriff sich selbst nicht, warum ihr dies Alles nicht schon früher an ihrem Manne aufgefallen sei, warum sie einen Menschen so sehr bewundert, der kein Herz, keine wahrhaft edle Gesinnung besaß? — Er halte sonst nimmermehr gegen sie in solcher Weise auftreten können! — Nun erfolgte der Rückschlag und so groß und so bedeutend er ihr früher vorgekommen war, so armselig erschien ihr jetzt sein ganzer Charakter. Und sie hatte Niemand, gegen den sie sich aussprcchen, dem sie klagen konnte, wie bitter und grenzenlos die Täuschung war, der sie sich so lange hingegeben . . . Sich ihrer Dienerin völlig anvertrauen, dazu war die Fürstin doch zu stolz. Wohl hatte sie mit Enrichetta gern über Alles geplaudert, denn sie zeigte sich treu und aufopfernd, aber die schmerzliche Entdeckung, die sie gestern gemacht, mußte sie trotzdem sorgfältig in ihrer Brust verschließen. Enrichetta durste nicht ahnen, wie tief die Niederlage gewesen, die sie sich in jener verhängnißvollen Nacht geholt hatte. Und dennoch wollte sie Gewißheit haben, ob ihre schreckliche Vermuthung eine Wahrheit sei oder ob sie sich nur Hirngcspinnsten hingebe. Zuweilen wünschte sie das Letztere, — aber es war doch Alles vorbei, — zwischen ihr und diesem Manne kam es zu keiner Versöhnung mehr sind dann erwachte auch in ihrem grollenden Herzen die Sehnsucht, ihn für seine Unverschämtheit und Nichtswürdigkeit so hart zu züchtigen, als er es verdiente. Einige Tage später fand sich Doktor Bernard wieder ein; er traf auch heut seinen verehrten Freund nicht daheim; aber dies Mißgeschick schien ihm nicht ganz unangenehm zu sein , denn die Fürstin war gegen ihn so liebenswürdig, daß der treffliche und ein wenig eitle Mann von der stattlichen, noch immer schönen Frau ganz bezaubert wurde» Sie wußte geschickt das Gespräch wieder auf die damaligen Vorgänge in Sorrent zu bringen, ließ sich diesmal die kleinsten Einzelheiten erzählen und auch das Irrenhaus bezeichnen, in das der Bruder des Barons gebracht worden und der Doktor gab bereitwillig Auskunft. Sah er doch aus ihrem lebhaften Interesse, wie sehr die Fürstin für ihren Mann eingenommen war. Ah, der Besitz einer solchen Frau war wirklich ein großes Glück! — nun begriff er erst, warum sich der Baron so rasch in die Fürstin verliebte und sie geheirathet hatte. War sie auch über die erste Jugendblüthe hinaus, so besaß sie doch eben so viel geistige wie körperliche Vorzüge. Mit jener liebenswürdigen Zwanglosigkeit, die Doktor Bernard eigenthümlich war, sprach er auch ohne Weiteres diese Gedanken aus und die Fürstin belohnte ihn dafür durch ein freundliches Lächeln. Als er sich endlich empfahl, bat sie ihren Gast in so gewinnender Weise, ihr bald wieder seinen Besuch zu schenken, daß der lebhafte Franzose trotz seines vorgerückten Alters, die schöne Frau in einer Bewegung verließ, die er lange nicht gekannt hatte. Die dunklen Augen der Fürstin funkelten beinah unheimlich, als der Doktor gegangen war. Durch ihr Hirn wirbelten die seltsamsten Vorstellungen und Gedanken. Heute hatten sie die ausführlichen Erzählungen des Arztes noch mehr in ihrer finsteren Vermuthung bestärkt, daß jenen dunklen Vorgängen zu Sorrert irgend ein entsetzliches Geheimniß zu Grunde liege. Warum hatte Gregorio nicht die Polizei angerufen, um den schändlichen Mörder zu entdecken? — Wenn er seinen Bruder wirklich so leidenschaftlich liebte, wie er geheuchelt, dann mußte ihm alles daran liegen, daß den Verbrecher die rächende Nemesis erreichte. Ihre hastige Frage hatte Doktor Bernard freilich ebenfalls zum Vortheil des Barons beantwortet: Mein hochverehrter Freund war von dem furchtbaren Ereigniß zu tief ergriffen und erschüttert, er wollte nicht immer wieder don Neuem daran erinnert werden und wußte schon im Voraus, daß all' dies Forschen vergeblich sein würde, denn die italienische Polizei — ist den Räuberbanden gegenüber Machtlos. Räuberbanden in Sorrent — grübelte die Fürstin. — So viel hatte sie von ihren Freunden gehört, daß in dieser vielbesuchten Gegend völlige Sicherheit herrschte; aber der Arzt hatte auch diesen Einwurs zu entkräften gesucht. Es war uns Allen freilich sehr merkwürdig und es läßt sich freilich nur annehmen, daß hier ein Gelegenheitsraub vorgelegen, daß ein paar Bewohner der Umgegend, nach Beute lüstern dies schändliche Verbrechen begangen und wir Alls in Sorrent waren dieser Ansicht, hatte Doktor Bernard geantwortet. Ah, jetzt wußte sie wenigstens, wo sich der Bruder des Barons befand, vielleicht war er doch aus seiner Geistesnacht noch zu wecken und konnte über jenen Mordanfall und über den wahren Charakter seines Bruders Auskunft geben. — Noch voll von den auf sie einstürmenden Gedanken, setzte sie sich auf der Stelle hin und schrieb an ihren alten russischen Freund in Florenz, den Grafen Powlow. Sie bat um Entschuldigung, wegen ihrer damaligen unverzeihlichen Unart, aber sie habe nur dem Drängen ihres Gatten nachgegeben, der einen ganz unerklärlichen Haß gegen alle Russen an den Tag gelegt. Es war ihr ein Bedürfniß, ihr übervolles Herz gegen den Grafen auszuschütten, der sich immer als wahrer und aufrichtiger Freund erwiesen, und nachdem sie ihm offen ben größten Irrthum ihres Lebens bekannt, den sie so bitter und furchtbar zu bereuen Ihabe, bat sie ihn, sich, wenn irgend möglich, nach den näheren Verhältnissen ihres Mannes und seines Bruders zu erkundigen, denn sie wollte endlich Gewißheit haben, ob sie es Mit einem Abenteurer oder mit einem wirklichen Edelmanns zu thun habe. — »Sagen Sie mir Alles, was Sie erfahren, ohne jeden Rückhalt, lieber Graf, schloß sie ihren langen, ausführlichen Brief; ich werde es ertragen, ja glücklich sein, denn es befreit Mich vielleicht von Fesseln, die mich jetzt schon beinah erdrücken." Die Fürstin wagte nicht, diesen wichtigen Brief einer Dienerin anzuvertrauen,' Uttd gab ihn selber auf die Post, und nun wartete sie voll Ungeduld auf die Antwort. Sie blieb ungewöhnlich lange aus. Erst nach mehreren Monaten traf ein Brief vom 51 Grafen ein, in fieberhafter Hast erbrach sie ihn und ihre Augen irrten hastig über das Papier hinweg, als wolle sie im Fluge von dem Inhalt des Schreibens Kenntniß nehmen. Bald begann sie langsamer zu lesen und nachdem sie damit zu Ende war, faltete sie den Brief wieder zusammen. Ihre Wangen glühten und ihr Busen arbeitete heftig, und als sie sich jetzt ein wenig zurücklehnte und in Gedanken verloren vor sich hinstarret, spielte ein seltsames bitteres Lächeln um ihre Lippen. Dann sprang sie plötzlich auf, ihre dunklen Augen funkelten und den Brief wie triumphirend in die Höhe haltend, wanderte sie mit hastigen Schritten lange im Zimmer auf und ab, leise undeutliche Worte vor sich hinmürmelnd. Was er für ein Gesicht machen wird, wenn ich ihm Das sage? begann sie endlich ganz laut. Ach, ich vergaß, der saubere Patron kommt ja erst beim Morgengrauen nach Hause und ich will nicht wieder die Thorheit begehen und so lange auf ihn warten. Ich werde ihm das alles schreiben, — und von diesem Entschlüsse getrieben, setzte sie sich auf der Stelle an den Schreibtisch und ihre Feder flog über das Papier. Bald hatte sie den Brief beendigt, sie nahm sich nicht Zeit, ihn noch einmal zu lesen, verschloß ihn nur sorgfältig und nachdem sie ihn mit der Adresse ihres Mannes versehen, klingelte sitz ihr Kammermädchen herbei. Enrichetta erschien mit der gewohnten Pünktlichkeit. Hier ist ein Brief für meinen Mann. Sorge dafür, daß er in seine eigenen Hände kommt, sagte die Fürstin und reichte ihr das Schreiben, das die Dienerin zwar schweigend, aber doch mit einigen Zeichen der Verwunderung hinnahm. Sie blieb noch einen Augenblick stehen, denn sie hatte gehofft, daß die Fürstin, wie sonst, sich über die Absichten, die sie damit verband, offenherzig aussprechen würde, aber als ihre Herrin kein Wort weiter hinzusetzte, verließ sie so leise und schweigsam, wie sie gekommen war, das Zimmer. In der Brust der Fürstin wogten seit dem Eintreffen des Briefes die seltsamsten Empfindungen auf und nieder. Zuweilen war es ihr, als muffe sie laut und verzweifelt aufschreien und dann hätte sie wieder jubeln mögen. Jetzt konnte sie den einst so heißgeliebten' und jetzt so tief verhaßten Menschen in's Herz treffen. — Was er wohl antworten, welches Lügengewebe ler wohl erfinden würde, um das alles von sich abzuwehren?! Darüber sann die Fürstin beständig nach. Vergebens suchte die schlaue Enrichetta sie heut auszuforschen, als sie wieder eins Dienstleistung in der Nähe ihrer Herrin rief. Die sonst so mittheilsame Frau, die ihr all' ihr zärtliches Empfinden anvertraut, blieb merkwürdig zurückhaltend und selbst die vorsichtigsten Versuche des durchtriebenen Geschöpfes, ihrer Herrin das Geheimniß des Briefes zu entlocken, blieben ohne Erfolg. Nun gut, schweig immer dachte endlich verdrießlich die neugierige Kammerkatze; von Deinem Manne werde ich es dann schon erfahren — und ein triumphirendeS Lächeln huschte heimlich über ihr Gesicht. Die Fürstin erwartete in fieberhafter Ungeduld die Antwort ihres Mannes: aber der Morgen kam und noch hatte er nicht geschrieben. Vielleicht erschien er selbst, weil er eine mündliche Unterredung vorzog und vielleicht dann eher hoffen durfte, sie zu überreden, und mit rafsinirtem Geschick alles zu seinem Besten zu drehen und zu wenden. Sie wollte schon feststehen und all' seiner Künsten zu widerstehen. Der Tag verging und weder ein Brief ihres Mannes kam, noch fand er sich selbst bei ihr ein. Nun tonnte die Fürstin nicht länger an sich halten. Als Enrichetta ihr am Abend den Thee brachte, wandte sie sich mit der hastigen Frage an dieselbe: Ist der Brief auch wirklich in die Hände meines Mannes gekommen? Ja, Excellenza, ich habe ihn selbst dem Baron gegeben, weil ich dachte — Ganz gut und wann? unterbrach sie ihre Herrin lebhaft. , Heute Mittag, der Herr Baran wollten eben wieder ausführen, wie mir Jean sagte. Und hat er den Brief sogleich gelesen? Was sagte er dazu ? Enrichetta zögerte mit der Antwort. 62 Sprich ganz ruhig, drängte ihre Herrin. Bon diesem Menschen kann mich nichts mehr beleidigen. In ihrer Aufregung lies! sie sich zu einer Aeußerung hinreißen, die sie im nächsten Augenblick doch schon bereute. Ah, von meiner liebenswürdigen Gattin, sagte der Baron lächelnd und steckte den Brief ruhig in die Tasche. Jetzt verlor die Fürstin den letzten Nest ruhiger Besinnung. Der Elende! rief sie Mit wuthzitternden Lippen. Nun gut, dann soll er etwas Anderes zu lesen bekommen! fuhr sie zorugluhend fort und ihre Augen funkelten. Ich werde mit Gewalt die schmählichen Baude zerreißen, die mich an diesen sauberen Herrn Baron fesseln! — Sie sprang auf ruck- stürzte in höchster Aufregung durch das Zimmer. Alles klare Denken war aus ihrem Gehirn entwichen durch ihre Brust lobten nur die Dämonen des Hasses und der Rache. Daß er einen Brief von ihr nicht einmal des Lesens würdigte, empörte ihren Stolz auf das Höchste und brachte in ihr all' den Groll zum Ueberschäumen, den sie gegen ihren Mann jetzt empfand. Wollen Excellenza nicht den Thee trinken, eh' er kalt wird? fragte Enrichetta in ihrer freundlichen, unterwürfigen Weise, die mit großer.Aufmerksamkeit den Wuthausbruch beobachtet hatte. , ^ Nein, bringe mir eine Flasche Selterwasser, befahl die Fürstin, die wohl selber das Bedürfniß fühlen mochte, ihr kochendes, überhitztes Blut ein wenig abzukühlen. Möchten Excellenza denn nicht einen Tropfen Wein dazu mischen? Ich fürchte das Wasser allein könnte Excellenza schaden, sagte Enrichetta und blickte voll Besorgniß auf ihre Herrin, die zustimmend nur mit dem Kopfe nickte. Das Kammermädchen blieb ungewöhnlich lange aus und die Fürstin hatte ihren ertheilten Befehl beinahe vergessen, als es endlich mit dem silbernen Theebrett zurückkam, auf welchem sich ein halb volles großes Weinglas und eine Flasche Selters befand. Enrichetta entschuldigte ihr langes Ausbleiben damit, daß ihr der Diener nicht sogleich den rechten Wein gebracht, Execllenza brauchen heut etwas Stärkendes und so lirß ich mir von dem besten Wein geben, den wir nur im Keller haben. Ich hoffe ^ wird Excellenza gute Dienste thun; und sie blickte dabei voll zärtlicher Theilnahme auf ihre Herrin. Die Fürstin war heute nicht in der Stimmung, sich wie sonst für solch' treue Ergebenheit erkenntlich zu zeigen. Ocffne rasch! sagte sie mit rauher Stimme, denn mir ist's als müßte ich verbrennen. Das Kammermädchen folgte dem Geheiß und ließ einen Theil des Selterwasser in das Weinglas brausen. Die Fürstin griff sogleich nach dem Glase und trank seinen Inhalt in einem Zuge aus. Der Wein hat einen schlechten Geschmack, sagte sie sich schüttelnd. Es ist unser echler Imoriruas Eluisti, der Diener hat es ausdrücklich versichert, entgegnete Enrichetta. lömei'inms Ebi'ioti . . . wiederholte die Fürstin nachdenklich, plötzlich griff sie erschrocken an ihre Brust, stieß einen leisen Schrei aus und mit dem Ausruf: Ich sterbe! sank sie zu Boden. Aufmerksam betrachtete Enrichetta die letzten Zuckungen der bereits mit dem Tode ringenden Frau. In ihrem scharfen, klugen Gesicht zeigte sich auch nicht das leiseste Zeichen von Aufregung über das plötzliche schreckliche Ereignis;, im Gegentheil, schien sie es erwartet zu haben. Ohne sich zu besinnen, machte sie sich mit dem Glase zu schaffen, reinigte es mit einer Serviette sorgsam und goß dann ein paar Tropfen Wasser nach. Sie that das alles so ruhig und mechanisch als ob dies zu ihren täglichen Verrichtungen gehöre. Jetzt streckte sich der mächtige, volle Körper der Fürstin noch einmal aus — ein leises Röcheln und sie hatte aufgehört zu athmen. 53 Das Kammermädchen beugte sich über sie hinweg und warf einen prüfenden Blick vuf die bleichen Züge der Fürstin. Excellenz«, was ist Ihnen? schrie sie in das Ohr ihrer Herrin und als sie keine Antwort erhielt, richtete sie sich in die Hohe und murmelte leise: Sie ist todt. Jetzt schien doch etwas wie ein Schauder über ihren Körper zu rieseln, aber sie wußte sich rasch zu beherrschen und wollte schon aus dem Zimmer eilen, da kehrte sie auf der Schwelle noch einmal um. Da hätte ich bald etwas vergessen, sprach sie vor sich hin und klopfte sich vor die Stirn. Sie hielt den Brief so ängstlich vor mir verborgen, dahinter steckt ein Geheimniß, das muß ich wissen, vielleicht ist es mir von größtem Nutzen und rasch entschlossen trat sie an die Leiche heran, bückte sich über sie hinweg und griff in den Busen ihrer todten Herrin. Wie kalt, murmelte sie, ein wenig zusammenzuckend, dann hatte sie schon den Brief entdeckt und zog ihn triumphirend hervor. Ihre dunklen Augen irrten über das Papier hinweg, um seinen Inhalt zu entziffern. Es war ein sehr langer Brief und die erste Seite erweckte ihr wenig Interesse. Der Vriefschreiber beklagte das Schicksal der armen Fürstin, er habe freilich vorausgesehen, daß sie ihren übereilten Schritt bald bedauern würde. Enrichctta stieß ein höhnisches Lachen aus, sie wollte schon gelangweilt den Brief wieder der Fürstin in den Busen stecken, aber sie las noch einige Zellen weiter und nun wurde sie doch aufmerksamer. Ihre Augen begannen zu sunkeln, die kleinen weißen Zähne kamen zum Vorschein, und sie sah jetzt ein wie zum Katzengeschlecht gehöriges Naubthier aus, das eine Beute in Sicherheit bringt. Nun hab' ich ihn in Händen, nun ist er ganz mein! . . . preßte sie jubelnd hervor und hielt mit dem Ausdruck des größten Triumphes den Brief in die Höhe. Jetzt muß er mich zur Baronin machen, wie er mir versprochen hat, oder — sie sprach den Gedanken nicht weiter aus, verbarg rasch den Brief an derselben Stelle, an der er noch kurz vorher bei der unglücklichen Frau geruht und eilte aus dem Zimmer, schon auf der Schwelle ein lautes Jammergeschrei ausstoßend: Zur Hilfe! O dieses Unglück! die Fürstin! — und sie wies mit allen Zeichen des Entsetzens nach den Gemächern ihrer Herrin, als die übrige Dienerschaft auf ihren Hilfeschrei herbeieilte. Rufen Sie den Herrn Baron, wandte sie sich an einen Bedienten, Excellenz« hat der Schlag gerührt, und dann folgte sie schon wieder den Anderen, um zu ihrer Herrin zurückzukehren, obwohl sie wie gebrochen hin und her schwankte. Fortsetzung folgt.) Im Etsch.Winkel. Von Ernst Reiter. Im leichten, offenen Gefährte, das uns vom Obstmarkt der alten anheimelnden Blumenstadt am Eisack, dem germanischen Florenz, hinwegführte, ging es im wunder- lieblichen Frühmorgen nun hinaus auf die breite Landstraße, dem kleinen, außerhalb Bozen am Fuße hoher Bergwelt gelegenen Dorfe Gries zu, das seines vorzüglichen, vor jedem rauheren Lüftchen behüteten Klimas wegen von Brustleidenden aller Zonen, denen das kostspielige Meran versagt bleibt, hochgeschätzt und erfolgreich besticht wird. In üppiger Thalsohle zieht sich jetzt unser Weg dahin. Im Sonnengold des südlichen Frühlings glitzert hier eine Welt von Thaukrystallen und bietet dem trunkenen Auge märchenhafte zaubervolle Pracht. Es ist, als ob ein mächtiger Geist sein „Werde!" ausgerufen hätte über die Thäler, Hügel und Berge, Wälder und Fluren. Alles lebt und webt und athmet erfrischt, wie nach schwerem Traum neuerwachend. Helles, erfrischendes Grün sproßt da in ungezügeltem Emporwuchern allerwärts hervor zu beiden Seiten der Straße und drüben ragen hoch in den klarblauen reinen Aether des köstlichen Tages die imposant aufstrebenden Dolomiten des weithin die Gegend beherr- schenken Mendelgebirges. Unten im Thale, von reichlichem Busch- unk Baumwerk umrahmt, kaun: oder nur selten dem Auge des Wanderers sichtbar, fließen sanft die Wasser der Etsch dahin und ihr gleichmäßiges Rauschen tönt oft herüber in das lärmende Summen und in die eigenartige Poesie des alten Landstraßenlebens. Zur Rechten streben, den ganzen Fahrweg bis hinein in den Etschwinkel entlang ziehend, die gewaltigen Höhen der Porphyrketten, von dunkelgrünen und tiefschwarzen Tannenwäldern besäumt, empor, nicht selten steil und schroff aufragend in die Lüfte, gekrönt mit sagenhaften Burgen und ruinenhaften Besten. Ueber dem Felsenriß hoch oben kreist ein Geier und schlägt mit mächtigen Schwingen die Luft; der einförmige, wie melancholische Ruf eines Kukuks dringt da in matteren Tönen herab aus dem Walde; die jauchzende, glück- frohe Stimme eines Burschen oder der helle freudige Gegenruf einer Maid klingt wie ein heiteres, eigenartiges Morgengebet aus der freien Menschenbrust. Alles Ungemach von winterlicher Noth und winterlicher Pein ist vergessen; durch die in vollen Zügen wieder athmende Seele zieht ein leises Klingen, ein begeistertes Streben, ein erhebendes, wie berauschendes Fühlen und Empfinden, ein so unbeschreib- bares, beseligendes Gefühl, das so recht im innigen Einklang mit der paradiesischen Natur um uns steht. Dort hoch oben in leuchtender Bläue, malerisch schön, weit auslugend in's wundervolle Land, steht Burg Maultasch, um dessen Wiedergewinn Herzog Stefan, der Bayer, zu kriegerischem Spiel auszog und Oesterreich mit seinen kernigen Mannen überfluthete. Margaretha, des Herzogs Heinrich von Kärnthen, Grafen von Tirol, Tochter, nach diesem Schlosse Maultasch zubenannt, dachte das herrliche Land nach ihres zweiten Gemahls Tode an Bayern, dem sie verwandt, zu übergeben; aber Herzog Stefan hatte es verabsäumt, Heses Vorhaben seiner Schwägerin sich rechtzeitig und rechtsgiltig zu sichern; Margaretha, auch nur ein Weib mit Weibersinn, mit allen Schwächen und Leidenschaften des andern Geschlechts, ließ sich aber von Rudolf, Herzog von Oesterreich, eines weisen Vaters weisen Sohn, die Gunst abschmeicheln und gab schließlich diesam dort oben in der Burg ihrer Ahnen „für sich und sein Haus Erbrecht und Erbrecht-Einsetzung über alle Burgen und Berge, Städte, Schlößer und Dörfer" des wunderbar schönen Landes. Kaiser Karl begünstigte diesen Coup und die aufgestellten Schiedsrichter sprachen im Jahre 1369 den alleinigen Besitz Tirols dem Hause Habsburg zu. Dort oben in jener Burg Maultasch war es auch, wo Margaretha, die keineswegs sonderlich mit den Vorzügen edler Weiblichkeit, auch nicht mit Schönheit und Anmuth vom Geschicke bedacht war, und die durch viele resolute Züge in ihrem Kriegs- und Fehdenleben mehr an das Wilde und Mannhafte eines Söldners jener Tage erinnern mag, anno 1331 mit dem böhmischen Prinzen Johann, einem Bruder des nachmaligen Kaisers IV., vermählt wurde. Wie rauschend und prunkvoll aber auch die Festlichkeiten auf Schloß Maultasch gewesen, welche der fürstlichen Hochzeit zu Ehren stattfanden, die Ehe selbst war keine glückliche und wurde auch schon ein Dezenium später, 1341, durch Ludwig den Bayer getrennt. Heute nistet in dem verfallenen, verwitterten Gemäuer, das aber immer durch die reichen historischen Erinnerungen, die sich an die vormals so stolze Burg knüpfen, dem Reisenden von Interesse sein wird, wildes lichtscheues Gevögel aller Art, nunmehr die Herren des ruhmreichen Gebietes der 1379 zu Wien in stiller Zurückgezogenheit verblichenen einst so streitlustigen und unternehmenden Gräfin von Tirol, über deren Leben wohl eine Fülle sagenhafter Detailgeschichten und Anekdoten zirkulirt. Lustig rollt unsere Kutsche nun wieder dahin. Die farbenprächtigsten Bilder fliehen rechts und links an uns vorüber. Alle süßen Zauber des Frühlings nehmen uns gefangen; wohlige Luft und berauschende Düfte umhauchen uns; wie in ein Eden, in ein hesperisches Land erscheint uns die Fahrt gen Meran, die Fahrt nach dem Nizza und Madeira Tirols. Jetzt taucht ein freundlicher Flecken mit schmucken, hellen Häusern, gefüllten Krippen und wiehernden Rossen davor, .mit ruhenden Fuhrknechten im blauen 65 — kurzen Staubkittel an der Seite des hochbepackten Frachtwagens, mit singenden Wanderburschen mit leichtem Ränzel und leichter Tasche und frischen lachenden Drrnen vor unserem Auge auf. Und der liebe Herrgott in all' seiner unbegrenzten Güte reicht ber jedem Hause mildreich seine Rechte dem Dürstenden freundlich entgegen; er ladet ihn zu einem frischen Trunk Terlaner Weines. Wir sind nämlich in Terlan, dem alt- Lerühmten Terlan, das durch seinen „schiefen" Thurm und seinen weltbekannten tiefschwarzen feurigen Rebensaft, der fast zu neuem Leben erwecken soll, und dem «Fremden, dem Ausländer auch wirklich nur zu glühend durch die Adern kreist, längst genugsam genannt ist. Obgleich böse Zungen behaupten wollen, daß man Terlaner Wein überall auf Gottes schöner Erde trinken darf und soll, nur — in Terlan nicht, so konnten wir doch den Wunsch, das dunkle Traubenblut des niedlichen Oertchens in seiner Heimath selbst zu schlürfen, nicht unrealisirt lassen. Ach, der Wein! Konnten wir denn auch Besseres thun, als dem großen Briten und Menschenkenner, dem Dichter und Philosophen vom Strande Avons Folge geben, der vor drei Jahrhunderten schon den ewig weisen Spruch allen Zeiten kundgethan hatte: „Guter Wein ist ein gutes geselliges Ding und jeder Mensch kann sich wohl einmal davon begeistern lassen." Und die Sonne schien so goldig herein in den gefüllten Glaspokal und wohl auch in unser Herz und Gemüth, daß wir begeistert den Frühling leben ließen, den italischen Frühling, der sich mit solch' wonnigem Wehen über die Lande der Etfch,. den Etfch- Loden und den Etschwinkel gebreitet hatte. Bald auch war nach der Theorie des kreisenden Stoffwechsels in uns ein Theil der stammenden Sonnengluthen des Südens eingezogen; der dunkle Terlaner Wein funkelte aus unseren Augen und Blicken hervor und wir sahen nun die Welt ringsum in weit anderem Kleide: voll Herzensglück und seliger Empfindung, rosig und blühend. Und die schelmische Sage vom „schiefen" Kirchthurm in Terlan ward wieder laut und wir ergötzten uns wohl, im Angesichts dös funkelnden Weines, manche Minute att ihrer ätzenden Schärfe. Einst, vor langer grauer Zeit, sei einmal eine Jungfrau, eine echte rechte, an ihm vorbeigezogen, da habe er sich ehrfurchtsvoll vor ihr gebeugt und geschworen, erst wieder in seine frühere ausrechte Lage, in seine vertikale Richtung zurückzutreten, wenn wieder eines Tages eine Jungfrau, eine echte rechte, zu seinen Füßen vorüberzöge. Seitdem aber sind hundert und hundert Jahre vorübergerauscht; viele hundert und hundert schmucke, blühende Tirolerdirnen haben ihn seitdem gegrüßt; aber noch heute ähnelt der altersgraue hohe Kirchthurm dem oft genannten zu Pisa und droht seiner geneigten Stellung wegen jeden Augenblick in sich zusammen- und über die Landstraße zu stürzen ... ^ Es liegt wohl viel vernichtender Humor in dieser alten Tradition, aber auch manch' ein Körnchen Wahrheit; die Sitten der Aelplerinen, der freien Kinder freier BergeS- höhen, sind und bleiben doch immer wieder ein wenig leichterer, entfesselterer Natur. Und in lustigem Trabe geht es nun wieder vorwärts. Vilpian liegt jetzt da zur Rechten mit seinen reichen Maulbeerpflanzungen, seiner wahrhaft südlichen Ueppigkeit und der echt wälschen Bauart seiner Häuser. Auch hier gab es, just an einem Sonntag war's, in den Wirthsstuben und außen vielbewegtes Leben und frohes, tolles Treiben. Drüben schießen Tiroler Schützen aus der Umgebung nach der Scheibe, und in stolzen Treffern und im kernhasten, weithinhallenden Jodlern thut es ihnen sicherlich Keiner gleich oder zuvor. Auf grüner Fläche lagern im flammenden Sonnenglanze Bursche und Männer in ihrer kleidsamen Tracht, in den grünen Strümpfen, kurzen Knieehosen, !n schneeigen Hemdärmeln oder im dunkeln Spenser, den spitzen, reichbebänderten Filzhut auf dem Haupte. Im Freien, über dein lodernden Flammenherde, brodelt es im Kessel, und der Becher mit feurigem Tiroler wandert umher im fröhlichen Kreise. Einfach ist das Mahl und bescheiden zwar, aber kräftig und markig, gerade wie es Wald- duft und Waldluft rings um sie ist. — 86 — Gargazon, Burg stall und außerdem ab und zu ein kleiner Flecken oder Weiler folgen nun, von denen uns biedere Bursche mit Heller, frischer Stimme herüber- grüßten. Und hoch oben auf felsigen Höhen im Waldesdunkel thronen, bald frei und frank, bald wieder umschattet von dichter, reicher Baumwelt, nur hervorlugend aus tiefstiller Einsamkeit und Abgeschiedenheit, Burgen und Schlösser. Welch unnennbare Zauber wehen da herab aus lichtumflossenem Baumreviere, welch beglückende Poesie aus längst entschwundenen Kindheitstagen; welch reine Herzensseligkeit schimmert da nicht herein in die frühling ersehnende Brust und glänzt und flammt in den unvergeßlichen Farbentönen der Jugendfrische? Jean Paul'sche Tinten ziehen da vor unserem geistigen Blicke her und wie ein goldig Mührlein aus verblühten sonnigen Stunden dämmert es erinnerungsfreudig, wonneberauschend auf vor dem sensitiven Wanderer. In den Wipfeln und Kronen der alten Buchen und Eschen jubilirt es gar lustig von jenen kleinen gefiederten Sängern, denen Frühling und Sommer und die goldigen Tage des Herbstes zu eigen gehören. Auf jedem Blatt, auf jedem wirr hervorragenden Zweiglein scheint das Ehrwürdige von Jahrhunderten zu ruhen. Epheuumrankt streben da und dort die einzelnen Steinwände der verfallenden Burgen in das reine Blau des Himmels, während unserem Geiste wohl eine weitentrückte fremde bunte Welt, den Tagen des minniglichen Nitterthums entspringend, ersteht. (Schluß folgt.) M i s e e l l e,t. (Wie man einen Trunkenbold curirt.) Der k. mexikanische Cavallerie- Officier Theodor Wachlig erzählt in seinen „Wanderungen in Mexiko" folgende Episode: „Eine eigenthümliche Strafart sah ich einst bei einer indianischen Freiwilligenschaar. An einem Indianer, der sich dem unverbesserlichen Trunke ergeben, sollte ein Exempel statuirt werden. Zu diesem Behufe formirte die Truppe ein Carrs, in dessen Mitte der Delinquent unter einem heillosen Lärm von Trommeln und Trompeten geführt wurde. Drei Cabos (Korporale) stellten sich ihm zur Seite, der eine hielt einen großen Krug Seifen- wasser in der Hand, die beiden anderen waren mit elastischen Stöcken bewaffnet. Der Commandant hielt eine kurze, kernige Ansprache an die Truppe und verurtheilte schließlich den Trunkenbold zu dem Kruge Seifenwassers, den er bis zur Neige zu leeren hatte. Der Delinquent, dem noch ganz katzenjämmerlich zu Muthe war, that angesichts der drohend emporgehobenen Stöcke einen herzhaften Schluck aus dem verhängnißvollen Kruge, dann wurde abwechselnd getrunken, geblasen, getrommelt, gebrochen und geprügelt und die jedesmaligen empfindlichen Prügel halfen dem Verurtheilten über den furchtbaren Eckel hinweg, den in ihm der ungewohnte Trank erregen mußte. Man sagt mir, der Indianer wäre seit jener Zeit in Folge der originellen Kur der nüchternste Mensch geworden." (Nach dem Examen.) A.: „Also sie haben Dich wieder durchplumpfen lassen?" — B.: „Na, das war auch kein Kunststück! Geben die mir dieselben Fragen, die ich voriges Mal schon nicht wußte!" (Selbstschätzung.) Ein Liebhaber schickte seiner Geliebten sein Porträt milder Post. Da er nun fürchtete, daß das Porto sonst zu hoch kommen würde, schrieb er auf die Adresse: „Muster ohne Werth." Ein geistreicher Mann wurde wegen einer sehr schönen Frau gefragt, wie sie ihn anspräche. „Sie hat mich sehr angesprochen, als sie mich noch nicht angesprochen. Seit sie mich angesprochen, spricht sie mich gar nicht mehr an," war die ruhige Antwort. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Jnstitus von Dr. M. Huttlcr. zur Ängsbilrger Poshcitmlg." Nr. 8. Mittwoch, 28 . Julk 1880. Gmiestc, wo? du hast, als cb du heute Heck stcrbcn selltest! aber spar' es auch, LU l,k du ewig lcblcst. Ter allein ist weise, Ter lnüi? cinacderk, im Lparcn zu Etniistiu, im Ermaß zu spa:rn weist. Wielaud. Dev Aerr Baron. Novelle von Ludw i g H abich t. Als die Diener die Fürstm am Boden ausgestreckt fanden und ihr Aussehen deutlich verrieth, daß sie bereits eins Leiche sei, blieben die Meisten scheu an der Thür stehen, nur Enrichetta eilte wieder aus die Todte zu, kniete vor ihr nieder und bedeckte ihre weiße, kalte Hand mit Küssen, während sie dabei beständig das große, furchtbare Unglück bejammerte, so plötzlich ihre theure Exccllrnza verloren zu haben. Wenige Minuten später erschien der Baron. Er hatte heut, seltsam genug, noch nicht seinen gewohnten Ausflug unternommen. Kaum war er der Leiche seiner Gemahlin ansichtig geworden, da stürzte er mit ausgebreiteten Armen auf sie zu: O, meine Car- lottn l Du darfst nicht todt sein l Es ist ja nicht möglich! Meine Liebe wird Dich zu neuem Leben erwecken! und in wilder Verzweiflung warf er sich über die Tode hinweg und bedeckte ihren bleichen Mund mit seinen Küssen. Enrichetta hatte sich bei der Ankunft des Barons erhoben und war scheu zur Seite getreten, als wolle sie vor dem größeren Schmerz des Gatten zurückweichen. Die hier versammelten Leute wußten wohl, daß ihr Herr mit seiner Gemahlin nicht auf dem zärtlichsten Fuße gelebt; aber die Dienerschaft in einem großen Pariser Hause ist an solche vornehme Ehen gewöhnt und der Tod hat dann doch eine versöhnende Kraft, trotzdem hätte man nicht erwartet, daß der gnädige Herr die Sache gar so tragisch nehmen würde und die leicht erregbaren Franzosen, aus denen die übrige Dienerschaft bestand, bewunderten aufrichtig den tiefen, grenzenlosen Schmerz des Barons und wurden von diesem leidenschaftlichen Erguß mit fortgerissen. Die weibliche Hälfte begann heftig zu weinen, während die Männer sich mit kurzen, schmerzlichen Ausrufen begnügten, daß die herrliche schöne Frau vom Tode so plötzlich hinwcggerafft worden. Ach, sie erwacht nicht mehr! Sie ist von mir geschieden, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben, rief der Baron klagend aus, und indem er liebkosend über das Haar der Verblichenen strich, griff er nach seinem Taschentuch, um die reichlich hervorstürzenden Thränen zu verbergen. Carlotta, o meine einzige Carlotta, Du nimmst auch von mir das Leben hinweg! . . . und er beugte sich vom Neuem über die Todte und starrte mit allen Zeichen der Verzweiflung in ihr bleiches Antlitz. Die Dienerschaft wagte ihren Herrn in dem Ausbruch seines Schmerzes nicht zu stören, der sich jetzt erhob und mächtig mit der Frage auf Enrichetta zutrat: Wie ist 58 das so plötzlich gekommen? Die Fürstin erfreute sich ja stets einer blühenden Gesundheit und ich hatte gehofft, das herrliche Weib noch lange zu besitzen. Jetzt erst, nachdem ich sie verloren, weis; ich ihren Werth völlig zu schätzen, und er warf einen schmerzlichklagenden Blick auf den stattlichen Körper, der noch jetzt im Tode und in dieser Stellung seine vollen üppigen Formen ganz besonders zeigte. Excellenz« war über eine Kleinigkeit in große Aufregung gerathen, berichtete En- richctta mit großer Zungenlüufigkcit und einem so treuherzigen Gesicht, daß an der Wahrheit ihrer Worte Niemand zweifeln konnte. Sie forderte einen Tropfen Wein und eine Flasche Selters, um ihr Blut ein wenig zu kühlen. Ich wagte Excellenz« davon ab- zurathen, da in ihrer Verfassung ein kalter Trunk sehr leicht gefährlich werden könne, aber sie wollte davon nichts wissen und wurde ungeduldig. Ich mußte ihr das Geforderte bringen, obwohl ich gleich in Sorge war. Sie trank das Glas in einem Zuge. Ach, wie das wohl thut, sagte sie und sie setzte lächelnd hinzu, da siehst Du Närrin, daß es keine Gefahr damit hat. Wie könnte denn ein Glas Wasser schädlich sein? Ich durste nicht widersprechen. Excellenz» ging mehrmals im Zimmer auf und ab, plötzlich blieb sie stehen, klammerte sich mit der Linken an den Tisch während sie die Rechte auf ihre Brust drückte und sie rief klagend aus: Wie wird mir? Mein Herz droht mir zu zerspringen. Am Ende hast Du doch Recht gehabt! O Du treue Seele, warum habe ich nicht auf Dich gehört! Mein Gott — es wird Nacht! und mit einem lauten Schrei, ehe ich noch hinzuspringen konnte, sank sie zur Erde. Ich stürzte sogleich hinweg, um Hilfe herbeizuholen. -— O meine Excellenz«! So rasch mußte sie ihren Tod finden! und Enrichetta bedeckte das thränenüberströmte Antlitz mit ihrer Schürze. Bei der Erzählung des Kammermädchens zuckte ein tiefer Schmerz über das Antlitz des Barons. Mit thräncnerstickter Stimme brachte er jetzt mühsam hervor: Ich danke Dir, Enrichetta, Du hast meiner theuren Gemahlin den letzten Liebesdienst erwiesen, ich werde desselben dankbar eingedenk bleiben. Enrichetta nahm rasch die Schürze vom Gesicht, ihre dunklen Augen blitzten eine Sekunde freudig auf, ein eigenthümliches Lächeln huschte um ihre Lippen, das rasch wieder verschwand und sie entgegiiete leise und demüthig: Sie sind sehr gütig, gnädiger Herr Baron. Ich weiß, wie treu Du Deiner Herrin ergeben warst, fuhr der Baron mit großer Wärme fort: und für solche Treue hab' ich ein gutes Gedächtniß., Er kehrte sich nach diesen Worten um und als er jetzt wieder der Leiche seiner Gattin ansichtig wurde, überwältigte ihn die Verzweiflung von Neuem so furchtbar, daß er laut jammernd zusammenbrach und sein Gesicht in den Kleidern der Verstorbenen barg. Dann winkte er mit der Hand, zum Zeichen, daß er mit seiner todten Gemahlin allein sein wollte. Die anwesende Dienerschaft verstand ihn und entfernte sich leise, Enrichetta war die Letzte, die hinausging, ein triumphircndes Lächeln spielte um ihren Mund, Suche immer, Du wirst den Brief nicht mehr finden, dachte sie und durch ihr Gehirn zuckten lausend unruhige Gedanken. Kaum hatten die Leute das Zimmer verlassen, als der Baron sich erhob, sorgfältig die Thür verschloß und dann an den Schreibtisch der Fürstin eilte, um jedes Fach hastig zu durchwühlen. Wohl fielen ihm eine Menge Briefe in die Hände, aber er legte einen nach dem anderen enttäuscht bei Seite. Nirgends konnte er entdecken, was er suchte. Auch das geheime Fach, das er rasch gefunden, enthielt nichts als einige kostbare Schmucksachen, die er sofort in seine Tasche gleiten ließ. Ungeduldig und enttäuscht warf er sich in den Lehnsessel, der vor dem Schreibtisch stand, stützte den Kopf in die Rechte und sann einige Augenblicke nach. Seine Blicke irrten gleichgiltig über den prächtigen Marmor hinweg, der sich ihm zeigte und spähten nur gierig nach dem vcrhängnißvollen Briefe, der noch immer seinem eifrigen Forschen entging. Als auch hier seine Hoffnung zu Schanden wurde, stieß er leise eine Verwünschung aus und sein Gesicht verfinsterte sich. Sie muß den Brief des trafen sorgfältig aufbewahrt haben, aber wo? murmelte er vor sich hin und blickte sich dann überall im Gemach um. Vielleicht hat sie ihn im Schlafzimmer irgendwo versteckt, grübelte er weiter und ohne Besinnen eilte er dahin, um auch diesen Raum sorgfältig zu durchspähen. Je mehr sich der gesuchte Gegenstand seinem Forschen entzog, je mehr erhielten seine Augen, sein ganzes Wesen etwas Naubthierartiges. Eine fieberhafte Hast bemächtigte sich seiner, er durchwühlte das Bett seiner Gemahlin, jeden Schrank, in allen Winkeln spähten seine unr rkHig funkelnden Augen umher, aber ohne Erfolg. Völlig erschöpft ließ sich der Baron auf die kostbare Lagerstätte der Fürstin niedersinken und den Kopf vornübergebeugt, verharrte er einige Sekunden in völliger Abspannung. Plötzlich blitzte ihm ein Gedanke durch das Hirn — Sollte Enrichetta? — er vollendete nicht und sprang wieder auf. Nein, nein, sie hat davon keine Ahnung, denn ich hab' sie zu sorgfältig ausgeforscht, — aber sie ist kühn und verschlagen, sollte sie doch? — Pah, keine Furcht! ermähnte er sich selber und warf den gesenkten Kopf wieder rasch entschlossen in den Nacken. Ich werde schlimmstenfalls auch mit dieser Dirne fertig werden, und sein Gesicht wieder in schwermüthige Falten legend, ging er in seine eigenen Gemächer zurück. Doktor Bernard hatte noch einmal Gelegenheit, das weiche, warme Herz des Barons zu bewundern. Er war von dem verehrten Freunde sofort in den Palais dcr Fürstin gerufen worden, um die Todesart dcr unglücklichen Frau festzustellen und augenblicklich erschienen. Der Baron stand an der Leiche seiner Gemahlin, bleich und regungslos, ein Bild des tiefsten, grenzenlosesten Schmerzes, als der Arzt eintrat. Erst auf die Anrede des Doktors kam etwas Leben in die düster, schwermüthigen Züge. Vloomhaus warf sich sogleich an die Brust des Franzosen und rief mit weicher, klagender Stimme aus: Ah, wie danke ich Ihnen, theurer Freund, daß Sie gekommen, ich bcdadf des Trostes, denn ich habe keine Thränen mehr.' Mein armer, verehrter Freund wie beklag ich Sie, Sie haben in der That einen entsetzlichen Verlust erlitten, aber wie ist das so rasch .und urplötzlich gekommen? setzte Bernard hinzu. Die Fürstin war ja voll Leben und ^Gesundheit, der ich prophezeit hätte, daß sie es auf achzig Jahre bringen müsse und der Doktor richtete sogleich seine Blicke auf die Leiche, die inzwischen auf einem Ruhebett Platz gefunden hatte. Sie haben die Verewigte gekannt und Sie allein können meinen Schmerz ermessen, begann der Baron von Neuem und stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie haben Recht, begann der Franzose sogleich mit großer Lebhaftigkeit und wandte sein Gesicht wieder dem Baron zu. Die Fürstin war ein herrliches Weib, die ich aufrichtig bewunderte und wie wurden Sie von ihr geliebt? Was sag' ich, geliebt? Angebetet, vergöttert. So hat noch nie ein Mann das Herz einer Frau zu bewegen gewußt, wie Sie und doch, es ist so natürlich. Ein volles hingebendes Herz kann in einer verwandten Brust ein solches Echo wecken. Wie danke ich Ihnen für das glänzende Lob, das Sie meiner Gattin ertheilen; aber kommen Sie hierher, ich will Ihnen alles erzählen, wie das Unglück so plötzlich und gewaltig über mich hereingebrochen — und er zog den Doktor in einen anderen Winkel des Zimmers, nöthigte ihn Platz zu nehmen und ließ sich dann auch, wie völlig gebrochen, in den nächsten Lehnsessel nieder. Nun erzählte er dein aufmerksam zuhörenden Arzte mit großer Ausführlichkeit, auf welche Weise seine verehrte Gemahlin sich ihr rasches, plötzliches Ende zugezogen habe. Das ist freilich eine bedauerliche Unvorsichtigkeit, die schon Manchem das Leben gekostet hat, bemerkte Doktor Bernard und wollte sich wieder der Leiche der Fürstin nähern, aber der Baron wußte ihn zurückzuhalten und sprach mit seinem verehrten Freunde so zutraulich, daß dieser dadurch völlig gefesselt und von dem eigentlichen Gegenstände seines Besuches abgezogen wurde. Mit großer Wärme und Dankbarkeit erinnerte sich 60 der Varon an ihr erstes Zusammentreffen in Sorrent, an die wichtigen Dienste, die ihm der theure Doktor damals geleistet und er sprach die Hoffnung aus, den lieben Freund nun öfter bei sich zu sehen, um mit ihm über die Verewigte plaudern zu können. Doktor Bernard wurde von Neuem von der Liebenswürdigkeit des Barons völlig Lezaubert. Als er endlich sich an seine Pflicht erinnerte und noch einmal zu der Leiche trat, war die Dämmerung schon hereingebrochen. Der Baron wich auch jetzt nicht von seiner Seite und sich vertraulich auf seine Schulter lehnend und den Arm nach der Fürstin ausstreckend, sagte er mit tiefbewegter Stimme: Ist es nicht grausam theurer Freund, ein solch' herrliches Weib zu verlieren? Die Blicke des Arztes ruhten bewundernd auf der vollen üppigen Gestalt, deren schwellende Formen deutlicher als je hervortraten. Ein Meisterwerk der Schöpfung ging hier zu Grunde. Kommen Sie, lieber Doktor, ich kann ihren Anblick kaum ertragen, es bricht mir das Herz und doch zieht es mich immer wieder zu der theuren Verblichenen hin — und der Varon ergriff mit diesen Worten den Arm des Arztes und führte ihn ohne Weiteres hinweg. Auf den Wunsch des Barons stellte Doktor Bernard nunmehr den Todtenschsin aus, einen Herzschlag bestätigend und dann schieden die beiden Freunde in der herzlichsten Weise von einander. Das Begräbniß der unglücklichen Frau fand mit großer Feierlichkeit statt. Der Baron ließ es an keinem Glanz fehlen und spielte die Rolle des tiefgebeugten Leidtragenden mit solcher Wahrheit, daß Niemand daran zweifeln konnte, er betrauere den Verlust seiner Gattin tief und aufrichtig. Man war voll Bewunderung für den zärtlichen Gatten und Doktor Bernard besonders verkündete überall die Herzensgröße seines verehrten Freundes. Auf dem Kirchhofe Du Montparnasse hatte die Fürstin ihre letzte Ruhestätte gefunden und was Niemand für möglich gehalten hätte, der Baron fuhr täglich auf den Kirchhof und verweilte dort längere Zeit. Er war überhaupt seit dem Tode seiner Gattin völlig verändert, mied plötzlich alle Gesellschaften, jeden Verkehr mit seinen früheren Freunden und schien sich für immer in die Einsamkeit xergraben zu wollen. (Jortsttzung salzt.) Im Etsch.Wt«r-r. Bon Ernst Reiter. (Schluß.) Welch ein überwältigender Anblick wird jetzt unseren Augen! Das Malerische Becken von Meran, der echte „Etsch-Winkel", dehnt sich da vor unseren Blicken aus! Im weiten leuchtenden Umkreise nichts als höher und höher strebende Bergzüge, Wälder und Burgen- und dort, ein breites Silberband, die Etsch, tausend Hütten und Höfe, verstreut und verbunden, vereinzelnt und vereint, winzige Menschen, Gcthier und Gefährt, Sonnen- gold und Frühlingswehen darüber, die blaue Kuppel des Himmels, millionenfaches Glitzern und Leuchten, Funkeln und Blühen und Keimen und überreiches Sprossen! Die Lahn- bcrger-, die Drcn-Spitz, der hohe Muth, die Röthel-Spitz, das Spitzhorn, die Gurgler-, ferner ini Hintergründe die Algunder Höhen, die Vintschganer Berge; — nichts als Berge und hohe Burgen ringsum! Wie ein Perlenregen liegen da mehr als zwanzig Besten v.nd Schloßruinen rings verstreut stn blauen Duft der Weiten. Und die Luft in diesen Stunden dxs jungen Lenzes, in diesem Blüthenrausch des Königs Frühling, sie ist wie ein zarter, verschwimmender, durchsichtig-feiner, würziger Hauch halkponischer Tage! Und in scharfen reinen Lienien zeichnen sich am dunkleren Plan der Waldpartien ab; Schloß Tirol, das dem Lande den Namen gab und der früheste Sitz der Fürsten war, Dürnitein, Lebenberg, die reizende Brunnenburg, Schönna, des einstigen deutschen „Reichs- 61 Verwesers", Erzherzog Johann's-Burg, die Plata-Vurg, Zeno- und Frags-Burg und manche andere wohl, deren letzte Ueberreste uns Sagen und inhaltreiche Märchen erzählen könnten. . Zum alten Thorthurm ziehen wir ein. Die reißende Paffer rauscht unten, zwischen ihren hohen Steinwänden, weißschäumend auf und spritzt den schneeigen Gischt empor, um in glanzvollem Schimmer leuchtender Sonnengluthen in hundert und hundert kleinen Regenbogen zu brilliren. Auf altklassischem Boden stehen wir nun wieder; denn im achten Säkulum nachchristlicher Zeit stand ja, wie bekannt, die römische Mansio Maja an der Stelle des heutigen Meran. Em Bergsturz soll die bedeutende Latinerstadt verschüttet, vernichtet haben. Heute ist es ein gar kostspieliges Pflaster, auf dem man an der Passer wandelt, und die Trauben hier hängen nicht nur im Herbste ziemlich hoch — die Trauben, welche Brustkranke aus dem Norden heilen sollen — sondern auch im Frühjahre, in den schönen Tagen der Molkenkur. Die Trauben hoch und die Säckel tief: denn in Meran lebt sich's nur, wie allerdings anderwärts auch, mit vollen Taschen leicht und lustig, doch auch wieder nicht für jene Bedauerns- oder Beneidenswerthen, denen der unerbittlich; Ausspruch des Arztes ein „Unheilbar", freilich wohl nur unausgesprochen, zum Willkomm entgegenbringt. . . . Wie oft greift Einem da doch der Anblick einer solch sylphidenhaften, wahrhaft ätherisch zarten Frauen- oder Mädchengestalt so recht tief ins Herz, der Anblick einer jener traumhaften mondscheinartigen Figuren, die z. B. Paul Heyse, der poetische Verherrliche! des „ Burggrasenböden" in seiner Tagebuchblätter-Novelle „Unheilbar", in so ergreifender plastisch lebendiger Weise zu zeichnen verstanden hat. . . . Dort auf der „Wassermauer", dem breiten starken Damme, welcher den Meraner Kurgästen als Promenade dient, sieht man wohl täglich, wenn die wohligen Sonnenstrahlen Herablächeln auf den vielbesuchten Plan, eine junge Britin, welche in ihrem stillen Wesen der echteste Ausdruck, der wahre Typus jener Leidenden ist, denen selbst die milden, heilkräftigen Lüfte des Etschwinkels nimmer die Genesung zu bringen vermögen. Wie tansparent fast erscheint da im goldigen Tagesschimmer der alabastergleiche Teint des madonnenhaften Mädchens mit den hellen, wunderbar schönen, in den feingezeichneten Nacken-fallenden Flechten. Welche Hoffnungen und Erwartungen führten sie und die Ihren aus der nebelumschleierten Insel nicht herüber nach dem Festlands, in das vielgerühmte Thal? Verräterisch aber schleicht sich ein heimtückisches Rosenpaar auf die bleichen Wangen der Miß, als wolle es die hoffnungsfreudigen Worte desselben zerstören für immer. Und doch, wie erfrischt und beglückt doch das Auge und das Herz, den Sinn und das kranke Gemüth die Fülle entzückender Bilder, die herrliche Welt um Meran! Und unter den „Jauben", den Bogengängen der alten, schmalen, giebeligen Häuser der einstigen stolzen Hauptstadt Tirols drängt sich alles geschäftliche Leben zusammen. Da erstehen uns dann nicht selten die prächtigsten, kernhaftesten Gedanken, Bursche wie Mädchen, Männer wie Frauen, die oft geradezu ein Schimmer von klassischer Schönheit umfließt. Südliches Feuer entströmt den tiefschwarzen großen Augen der Weiber, das den Gluthen einer Römerin entlehnt zu sein scheint, während dunkle, glattgescheitelte Flechten das in braunen Tönen verfärbte scharfgezeichnete Antlitz umwallen, über welches sich zuweilen ein geist- bewegtes Lächeln bewegt. Ein unbewußter, aber verführerischer Reiz ruht über den mehr schlanken edlen Figuren, und mag auch Kleidung und Gewandung noch so einfach und schlicht sich weisen, immer tritt uns aus dem Wesen, wie es sich in seiner Gesammtheit gibt, ein herrlicher Menschenschlag entgegen, aus dem sich wohl schon unsere ersten Künstler nicht die geringsten ihrer Genresiguren geholt haben mögen. Kaum werden sich uns aber wohl freundlichere Bilder bieten, als die es sind, welche die dem reinsten italienischen Typus zuneigenden Frauengestalten zur Zeit der Traubenreife in den üppigen Wcinlauben schaffend, vor unsere Blicke zaubern, wenn dann in späteren Tagen durch das saftgrüne dichte Laub des Geländes, über die dunkelblaue Traube hin, der Gold- strahl der scheidenden Abendsonne schimmert und die schönen Züge der Meranerin erleuchtet unv verklärt. . . . Alle seligen Erinnerungen an die Tage eines süßen Dahin- träumens in den Sabinerbcrgcn, in Albano oder dem Künstlerheim Olevano erwachen vielleicht da wieder und stimmen die Seele heiter. Auf den Höhen des wein- und rebcnrcichen Küchclberges oben, über den uns ein breiter sommerüber gar schattiger Weg nach Schloß Tirol führt, regt sich auch bereits freudigstes Leben. In dichten Schwärmen sitzt da auf Baum und Strauch und den arkadenhaften Pflanzungen ein Hee^ von jubi- lircndcm Gevögel, das den neucrwachten Frühling, sein Lied verkündend, hinausschmettert in die lauen, würzigen Lüfte. Still liegt's drüben in Schonna, um die im gothischen Styl erbaute Gruftkapelle des Herzogs Johann von Oesterreich, den sie darein zu ewigem Schlummer gebettet haben. Frei schaut der prächtige, edle Bau hinab ins sonnengoldne Thal, weithin m die Ferne, den ganzen Etschwinkel überfliegend. Wie oft stand der menschenfreundliche Fürst nicht hier oben in seiner Burg, außen auf der Altane des Waffensaales, die einen so unbcschrcibbar schönen Ausblick über das ihm so theure Meran gewährt, seiner biederen Tiroler freudig gedenkend, die er mit seinen Steierern ja so ganz in fein Herz eingeschlossen hatte. Die Kapelle, ein Meisterwerk der neueren Architektonik, aus massivem, glatt polirtem Jsfingcrstcin erbaut, erscheint mit ihren zahlreichen schlanken, durchbrochenen Thürmchen und Spitzen wie ein hingehauchter Gedanke, der der Verwirklichung und Ausführung noch harrt, so voll Duft und poetischem Zauber strebt das kleine Gotteshaus in den Aether empor. Und dort in einem blüthenprangenden Garten, der ein freundlichhelles Landhaus umgibt, schreitet die kicsbestreuten Pfade entlang im lustigen Hauskleids die edelschöns Gestalt eines Mannes, aus dessen leuchtenden Augen und geistbelebten Zügen uns wohl sofort ein hervorragendes bevorzugtes Erdenwesen entgegentritt. Ist auch der Vollbart, welcher das bedeutende Antlitz umrahmt, schon ein wenig gebleicht und von feinen Silberfäden durchzogen, so spricht doch aus eben diesen leuchtenden Augen eine noch warm- cmpfindendc Seele, Gemüth und Fühlen, das uns noch zu mancher bedeutenden Schöpfung des nahezu Sechzigjährigen vollauf berechtigt. Ob zwar der Name unseres Poeten, der hier auf seinem, der Stille und Einsamkeit geweihten ländlichen Gute dem Glück der Ehe und den Musen lebt, nunmehr selten hinaus auf den rauschenden Markt des Lebens dringt, so war doch gerade er es, welcher vor ungefähr drei Dezennien diesen Namen aus dem Munde dcS ganzen Deutschlands vernehmen konnte. Seine lyrisch-epische Dichtung „Amaranth", obgleich in eine politisch bewegte Zeitperiode gefallen, verstand es doch, wie seither wenige poetische Werke, namentlich durch eine wunderbar melodische Spräche allüberall zu fesseln und zu siegen. An der Seite seiner „Amaranth", die jedoch im bürgerlichen Leben den Namen Freiin Mathilde v. Redwitz führt, fließen dem Dichter jetzt die schönen Tage im Etschwinkel, zu Meran, dahin, und nur ab und zu unterbricht der Besuch eines fahrenden Jüngers diese Stille im trauten Heim des sinnigen Träumers. Und wieder umfangen uns andere Kreise, andere Zirkel. Dort, wo sich hinter den reizenden, im süßen Zauber des neucrwachten Lenzes duftenden Gärten und Parks, die reichen Villen zu Ober-Mais gegen die Steige, welche in den prächtig bestandenen Hochwald und nach dem majcstätischcipJffinger führen, hinziehen, dort lugt aus dunklem schon saftvollem Grün graues Gestein fürwitzig hervor, zu dessen Füssen sich dann späterhin eine Welt von Nebengebäuden, von Weinlauben, ausdehnt. Sagenhaft und stille liegt's hier über dem Grunde; kaum daß man das leise Rauschen des flüssigen Bergwassers , das leichte Mispeln der Baumkronen ringsum vernimmt oder das liebe- crschueude Lied- eines vereinsamten Waldvogels, der hoch oben im Geäste trillert. Nur die hellen Sonnenstrahlen tändeln über die grünen sprossenden Blätter hin und wehende Schalten fallen übcrs Gezweige. Und drinnen erst, in den zum Theil noch erhaltenen Räumen des alten Schlosses Wie weht einem da der Athem verrauschter Jahrhunderte, vergangener Geschlechter entgegen! In manchem Gemache entziffern wir noch die, wenn auch arg verblaßten Wandmalereien, soweit dies die zierliche, aber nur mehr hie und da erhaltene Holztäfelung zuläßt. Die Dielen und die scheibenlosen bleigefaßten hohen Fenster haben wohl am meisten von den Stürmen der rauhen Bergwetter gelitten. In einer der besser erhaltenen Stuben zeigt ein Freskobild über dem Eingang den mythischen Vogel Greif mit mächtigen Tatzen und mächtigem Schnabel, links ihm zur Seite steht ein schmucker Troßbube, rechts ein buntgeschmücktcr Mohr, wohlbewehrt, mit Speer und Wappenschild, Beide als Symbol der „Greifenburg", wie das Schloß einst benannt war. Wunderliche Geschichten mußte der alte Hüter des verfallenden Baues zu erzählen und vor unserem geistigen Auge schwebten lange noch Gestalten und Schattenbilder aus den längst verwehten Tagen feudaler Willkürhcrrschaft, unter denen jene stille blonde Maid, Edeltraut mit Namen, wohl kräftigstes Leben gewann. Von dieser Ruine, der heutigen Ptantaburg, weiß auch in seinen den Lokalten so treu bewahrenden „Meraner Novellen" der Meister des Styls, Paul Heyse, uns zu berichten und farbensprühend, farbenglänzend erstehen uns die Figuren seiner regen Phantasie in den herzergreifenden, dramatisch so belebten Ueberlieferung: „Der Kinder Stind e der Vater Fluch." Zum Scheiden senkt sich die Sonne hernieder und vergoldet noch einmal die Berge und die Wellen des Flusses und die Burgen und das nahe Blatt am Baume oben. Aus Obermais und Meran klingt herüber in die stille Abendlandschaft, harmonisches Geläute der Kirchenglocken, das sanfte Singen eines fröhlichen Mädchens, das Jauchzen eines sreudigbewegten Burschen, die wohl Beide außen noch schaffen und fördern. Ueber Hügel und Höhen ruht weicher violetter Zaubcrduft und ein leises Summen durchzieht das All' der Natur, ein trautes Sehnen, ein süßes Beglückscin! (Poster Lloyd.) Schon ziemlich lange mag es sein, Man zählte just das Jahr, Als noch die alte Redlichkeit In Deutschland üblich war. Die Münchener Bierbcscha«. Doch wie hier unterm Moudenschein Auch gar nichts kann besteh», Und sich die Welt nur iiumcrjort Im Kreise pflegt zu drehn: Nun damals galt in München auch Ein hergebrachtes Recht, Wie man das neue Bier beschaut: Der Brauch war gar nicht schlecht. Es kam die aufgeklärte Zeit Und die war dünn und karg, Und mit der deutschen Redlichkeit Wars l«ng nicht mehr so arg. Drei Männer sandte aus dem Rath Die Münchener Bürgerschaft Zum Bräuer, ob das sänge Bier Geerbt des alten Kraft. Und matt und dünn und ausgeklärt Ward da das Bier halt auch, Und somit »ahm ein Ende dann Der alte schöne Brauch. Ihr meint, die Herren aus dem Rath Die tranken nun aus Pflicht; Das mag die Sitte jctzo sein, Doch damals war sie's nicht. Sie goßen's auf die Bank sein aus Und setzten drauf sich frei, Und kleben mußte dann die Bank, Erhoben sich die drei. Sie gingen drauf mit selber Bank Von, Tische bis zur Thür, Und hing die Bank nicht steif und fest, Verrufen war das Bier. Vielleicht, das; Gerst und Hausen man Zu wenig heute pflegt; Vielleicht auch, daß von; Pfennigkraut Zu viel hinein man legt. Doch wird noch von der Bürgerschaft Der alte Brauch geehrt, Nur hat sie ihn, wie andres auch, JnS Gegentheil gekehrt. , An ihnen klebt die Bank nicht mehr, Drum kleben sie an ihr Und sitzen drauf wie angepicht, Als wär's das alle Bier. Und wer den Krug zum Munde führt, Der setzt ihn nimmer ab, Bis er den letzten Tropfen hat Gebracht ins sichre Grab. Guido Görres. 64 — M i s e - l l e n. (Ein Roman in sechs Ziffern.) Ich genoß, so erzählte ein bekannter geist reicher Mann in der „Züricher Post", eben im Berner Oberlande die herrlichen 123456 „Ah," sagten die Dorfschönen, „dem ist es gewiß um's 132456, sonst wäre er nicht von 1236 hierher gekommen." Bald fing in einem der hübschen Mädchenköpfe ein lieblicher Gedanke an zu 324156. . „Bin ich nicht 124653 als manche Andere?" sagte sie zu mir, „13245 mich!" Ich stand wie auf 24536, denn ihr 54123 war mir sehr peinlich. Wenn ihre Worte auch ziemlich 1324 sein mochten, so war ihr Herz doch gewiß 3246. Wie gerne hätte ich ihre Rede mit einem goldenen 3241 erwidert, aber meine Pflicht gebot mir, schnell abzubrechen. „642", antwortete ich schmerzlich, „denn ich habe schon 2465." Wer kann diesen Roman lesen? (Ländlich, sittlich.) Wenn eine japanesische Dame die Liebe eines Galans erwiedert, so färbt sie die Zähne schwarz. Das höchste Liebeszeichen aber ist das Ausraufen der Augenbraunen, das sich die Liebenden auf den Hoch^itstag verspüren. — Bei einigen tscherkessischen Stämmen ist es Sitte, die 11jährigen Mädchen in eine frische Hirfchhaut zu nähen, die sie so lange auf dem Körper tragen müssen, bis der Bräutigam, den sie finden, die Haut mit seinem Dolche auftrennt. Dies Mittel wird angeblich benutzt, um die Schönheit zu befördern. (Mir nichts dir nichts!) In einer kleinen Stadt sollte zu Gunsten der Gemeinde eine seit langen Jahren bestehende Sparkasse aufgehoben und unter die Contri- buenten vertheilt werden. Die Administratoren dieser Anstalt hatten indeß so gehaus- haltet, daß nach Abzug der Verwaltungskosten Nichts in der Kasse übrig blieb und Null für Null aufging. Ein Spottvogel ließ bald darauf in die Zeitungen einrücken: „Unsere Sparkasse, die seit dem Jahre 1831 ordentlich verwaltet wurde, ward gestern unter die sämmtlichen Interessenten mir nichts dir nichts vertheilt." Ein irischer Bauer kam zu seinem Pfarrer und theilte ihm voller Angst mit, er habe einen Geist gesehen. „Wann und wo?" fragte der Geistliche. „Vergangene Nacht, als ich bei unserer Kirche vorbeiging, bemerkte ich das Gespenst an der Mauer." „In welcher Gestalt erschien es?" „In der Gestalt eines großen Esels." „Jh^scid ein furchtsamer Mann und seid vor Eurem eigenen Schatten erschrocken." (Ein guter Kopf.) Maier: „Herr Pfarrer, was soll ich doch aus meinem Loren; machen? Ich möchte ihn gerne studiren lassen." Pfarrer: „Hat er auch einen guten Kopf." Maier: „O, einen recht guten Kopf, denn er ist schon drei Mal unsere Stiege heruntergefallen auf den Kopf, und es hat ihm nichts gethan." (Unterschied.) „Herr Kollege," sagte ein witziger Doktor der Rechte (Advokat) zu einem Doktor der Medizin: „Was glauben Sie, was für ein Unterschied zwischen mir und Ihnen ist?" — O!" versetzte dieser, „das ist einfach, — die Doktoren der Medizin machen kurze — und die Doktoren der Rechte lange Prozesse." (Der gekränkte Vater.) „I, mein lieb's Bierl, was is denn dös, daß du mich intern Tisch wirfst? Hab' i' dir was 'than? Kennst mi' denn nimmer? I' hab di' ja selber braut!" „Albert!" — „Gnädiger Herr?" — „Wecken Sie mich morgen früh um 4 Uhr, ich muß um 5 Uhr verreisen." — „Schön, gnädiger Herr; haben Sie nur die Güte, mir zu klingeln." Ein Mensch, der in allen seinen Unternehmungen lehr unglücklich war, rief voll Grimm übe» sein Mißgeschick aus: „Ich glaube, wenn ich ein Hutmacher geworden wäre, so hätte unser Herrgott die Menschen ohne Köpfe erschaffen!" Bei einem Gastmahle begoß ein ungeschickter Bedienter einer Dame das ganze prachtvolle Kleid mit der eben hereingebrachten Suppe. „Machen Sich Ew. Gnaden nichts daraus, sagte tröstend der Diener, es ist ja noch genug Suppe in der Kuchel." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerar,scheu Justitus von Dr. M. Huttlcr. Nr. 9. 1880 . zur „Angslmrger Pojheitlmg." Samstag, 31. Juli Der Mensch bleibt immer Mensch, was auch die Weisen sagen, In jedem Älter wird des Standes schwacher Sohn Den Stempel aller Thorheit tragen. Goethe. Der Derr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. Die Besuche des Barons auf dem Kirchhof dehnten sich immer länger aus, er konnte stundenlang zwischen den stillen Gräbern umherwandern, init einer so schwer- müthigen düstern Miene, die jedem verrieth, daß ihn ein harter unersetzlicher Verlust getroffen haben mußte. Besonders gern unterhielt er sich mit einem der Todtengräber, der auch bald für den reichen mit Trinkgeldern nicht sparenden Fremden, eine große Zuneigung an den Tag legte. Das wunderliche Verhältniß zwischen den Beiden gestaltete sich immer vertraulicher; sie sprachen stundenlang mit einander und zuletzt mußten sie ihre Unterhaltung so einzurichten, daß sie von Niemand belauscht wurden. Baron Bloomhaus schien sich jetzt auf dem Kirchhof wohlcr zu fühlen, als in seiner Wohnung. Er legte für alle Bcerdigungsangelegenheiten das lebhafteste Interesse an den Tag und kam selbst in den Abendstunden, wenn sich alle anderen Besucher schon entfernten. Durch den plötzlichen Tod seiner Gattin mußte der Geist dieses Mannes eine wunderliche Richtung genommen haben, denn er ruhte nicht eher, als bis ihm alle neu ankommenden. Leichen, die man in die Todtcnhalle gebracht hatte, gezeigt wurden, und da er mit reichlichen Trinkgeldern nicht knauserte, willfahrte man gern seiner Marotte. Heute war der Baron wieder gekommen und musterte in seiner düstern, schwer- müthigen Weise die in der Halle aufgestellten Leichen. Er wanderte von einer zur andern, ohne ein Wort zu sagen. Vor einem Sarge blieb er diesmal länger stehen und nachdem er die Leiche aufmerksam betrachtet hatte, fragte er, wer die Verstorbene sei? Ja, der Tod hat manchmal Geschmack! war die scherzende Antwort. Er sucht sich auch solch' prächtige junge Weiber aus. Es ist die Frau eines reichen Schlächters. An welcher Krankheit ist sie gestorben? Natürlich am Schlage, denn, wie Sie sehen, war sie ziemlich stark. Kennen Sie zufällig den Mann? forschte der Baron weiter. Gewiß er wird ganz außer sich sein, denn er war närrisch in seine Frau verkiekt» Wirklich? hat er nicht blos vor der Welt so geheuchelt? Nein, Herr Baron, das kommt wohl bei vornehmen Leuten vor, die anstandshalber so thun, als ob sie nicht ohne einander leben könnten, während sie froh sind, wenn sie sich nicht sehen, aber Meister Richard hat seine Frau wirklich angebetet und auf Händen getragen. Das wird ihm etwas schwer gefallen sein, spottete der Baron, der sich diesen^ 66 Manne gegenüber zuweilen gehen ließ und der Todtengräber stieß auch in der That ein kurzes beifälliges Gelächter aus. Sie haben Recht, Herr Baron, aber das ist nun einmal so die Redensart, wenn man sagen will, daß ein Ehemann alles gethan was er seiner Frau nur an den Augen absehen konnte. Der Baron schwieg, da der Todtengräber von andern Geschäften in Anspruch genommen wurde, entfernte er sich, um am andern Tage zur gewohnten Stunde wieder zu kommen. Heut suchte er eine passende Gelegenheit, um mit seinem alten Bekannten allein zu sprechen. Die Unterhaltung dauerte weit länger als gewöhnlich und wurde noch leiser als sonst geführt. Mehrmals schüttelte der Todtengräber bedenklich mit dem Kopse, aber der Baron redete immer eifriger in ihn hinein; endlich schien der Mann seinen Widerstand aufzugeben. Baron Bloomhaus zog seine Brieftasche hervor, drückte dem Todtengräber ein Packetchen Papiere in die Hand und flüsterte ihm leise zu: Also eS bleibt dabei. — Mir ist der Platz zu widerwärtig und Sie laufen durchaus keine Gefahr. Der Andere antwortete nicht; er verbarg nur rasch die Papiere in seiner Brust- tasche, nickte dann mit dem Kopfe und der Baron drückte ihm mit einem letzten vielsagenden Blicke die Hand, dann wanderte er langsamen Schrittes, mit seiner gewöhnlichen schwermüthigen Miene, der Kirchhofspforte zu. IV. Seit jenem Tage schien die Lebenslust des Barons in alter Kraft erwacht zu sein, ja sie trat noch stärker und rücksichtsloser hervor. BloomhauS gab es auf, noch länger den trauernden Wittwer zu spielen und jetzt stürzte er sich mit wahrhaft blinder Wuth in den Strudel der Vergnügungen. Seine Verschwendungssucht kannte keine Grenzen, das Geld mußte für ihn allen Werth verloren haben, denn er warf eS förmlich zum Fenster hinaus. Doktor Bernard, der dieses Treiben sah, sagte sich bedauernd, der Aermste will sich seinen Schmerz betäuben, und der Baron ließ ihm diese günstige Meinung, ja er wußte ihn darin zu bestärken, denn zuweilen erklärte er dem Arzt: Ich muß den großen Schmerz auf irgend eine Weise etwas zu vergessen suchen, wenn ich nicht wahnsinnig werden will; und der Doktor gab ihm recht. Freilich war der Lethetrank, dessen der Baron bedurfte etwas kostspielig, aber er hatte ja das große Vermögen seiner Frau geerbt und konnte sich schon den größten Luxus gestatten. Enrichetta nahm jetzt in dem Hause des Barons eine sehr hervorragende Stellung ein, denn ihr Herr hatte Wort gehalten und sich für die treuen Dienste, die sie für seine verschiedene Gemahlin geleistet, dankbar erwiesen. Sie stand jetzt an der Spitze des ganzen Hauswesens und man munkelte sogar davon, daß der Baron sie zu seiner zweiten Frau erheben werde. Enrichetta machte kein Hehl daraus, daß sie auch bestimmt darauf rechne und benahm sich bereits als ob sie wirklich schon die Baronin Bloomhaus sei. Gegen die übrige Dienerschaft kehrte sie jetzt sehr unangenehme Seiten heraus, sie verlangte unbedingten Gehorsam, überwachte sorgfältig das Treiben der Leute und duldete nirgends einen Unterschleif. Man. war deshalb mit ihr sehr unzufrieden, die Kecksten versuchten wohl, sich bei dem Baron über die Italienerin zu beschweren, aber als sie bei dem gnädigen Herrn niemals Gehör fanden und er all solche Klagen ohne Weiteres abwies, wurden Alle in der Ansicht bestärkt, daß die kühnen Hoffnungen Enrichettas wohl doch begründet seien und sie über kurz oder lang ihr stolzes Ziel erreichen würde. Es war freilich seltsam, daß ein hübscher stattlicher Mann wie Baron Bloomhaus, der unter den Schönheiten der Pariser Aristokratie die Auswahl hatte, jetzt seine Hand einem Mädchen schenken wollte, das nicht einmal auf große körperliche Vorzüge Airspruch machen konnte. Hätte Enrichetta nicht die Paar schwarze, brennende Augen und vielleicht 67 noch einen leidlich hübschen Mund gehabt, ihr unregelmäßiges schmales Gesicht würde schwerlich Interesse erregt haben. Freilich konnte die Dienerschaft wohl bemerken, daß die Italienerin es verstand, den Baron zu umschmeicheln. Sie wußte wie ein Kätzchen um ihn herumzuschleichen und seine Gunst zu gewinnen, und merkwürdig genug, selbst seine üble Laune fürchtete sie nicht. Wenn der Baron nach einer durchschwärmten Nacht mit wüstem Kopf erwachte, dann mußten seine Leute vor ihm zittern. Wegen der geringsten Kleinigkeit gerieth er in Wuth und er behandelte dann seine Diener mit einer Brutalität, die ihn als Barbaren kennzeichnete. Die empfindlichen Franzosen hätten gewiß alle längst sein Haus verlassen, wenn er nicht immer wieder durch die glänzendsten Geschenke seine ZornauS- sprüche gut gemacht hätte. Nur Enrichetta wagte sich zu jeder Zeit dem Baron zu nähern, und seltsam genug, gegen sie schlug er sogleich einen ganz andern Ton an, er mochte kurz vorher noch so wüthend gewesen sein. Dadurch waren die Diener vollends überzeugt, daß die schlaue Kammerkatze über den gnädigen Herrn einen eigenen Zauber ausübe und daß es ihr schon gelingen würde, sich zur Baronin Bloomhaus aufzuschwingen. Um so größer war die allgemeine Ueberraschung, als sich der Baron plötzlich mit einer jungen Schauspielerin des Palais-Royal-Theaters, Fräulein Desirse Combelaine, verlobte. Die Künstlerin gehörte zu den beliebtesten Mitgliedern jener Bühne und riß durch ihr übermüthiges, keckes Spiel Alle mit sich fort. Sie ging gern im Gesang und Spiel über die Grenze des Schicklichen ein wenig hinaus; aber sie wußte doch durch das Feuer ihres Wesens, durch einen übersprudelnden Humor und champagnerartigen Esprit auch moralische Murrköpfe mit fortzureißen und zur Heiterkeit zu stimmen. Fräulein Combelaine war auch außerhalb der Bühne eben so frisch und lebenslustig, wie sie dort auf den Brettern erschien, und wie dies in Paris nicht anders zu erwarten war, hatte sie stets einen reichen, glänzenden Kranz von Anbetern um sich versammelt. Man brachte ihr die stürmischsten Huldigungen dar; die Größen der Finanz und der Aristokratie warben um ihre Gunst, überschütteten sie mit den kostbarsten Geschenken und sie hatte unter Fürsten und Herzögen die Wahl, wem sie ihre kleine zierliche Hand reichen wolle. Baron Bloomhaus war noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin kein seltener Gast im Salon von Fräulein Combelaine und zum Erstaunen der Schauspielerin war er nach dem Tode seiner Gemahlin plötzlich weggeblieben. Nun kam er endlich wieder, und das Verhältniß der Beiden gestaltete sich bald zärtlicher. Der Baron hatte schon damals unter all' den vornehmen Herren, die Fräulein Desirse umschwärmten, ihre Aufmerksamkeit erregt; der schöne hochgewachsene schlank und dennoch kräftig aussehende Mann gefiel ihr und er verstand es noch dazu, sie zu be- zaubern. Seine Geschenke waren die glänzendsten und sein ganzes Auftreten ließ darauf schließen, daß er ein ungeheures Vermögen besitzen und zu den reichsten Leuten von Paris gehören müsse. Dies gab vollends bei der französischen Schauspielerin, die wie all' ihre Kolleginnen zu rechnen verstand, den Ausschlag. Sie schenkte dem stürmischen Werben des Barons Gehör und beglückte ihn mit ihrer Hand. Bloomhaus war überselig, als er endlich ihr Jawort erhielt. Hatte ihn doch die gefeierte Künstlerin vor Tausenden bevorzugt und war es ihm doch gelungen, selbst Herzögen und Fürsten den Rang abzulaufen. Er konnte kaum den Tag erwarten, wo er seine angebetete Desirse für immer sein nennen würde, und bis dahin verschwendete er Hunderttausende, um jeden ihrer Wünsche zu erfüllen und die Schauspielerin war nicht arm an Wünschen. — Je mehr sie sah, daß ihr Bräutigam sich bemühte, auch ihre flüchtigste Laune,^en Einfall eines Augenblicks, zrr verwirklichen, je mehr war ihre Phan- taste geschäftig, die wunderlichsten Grillen zu erzeugen, deren Ausführung beinahe ein Vermögen kostete. Als Enrichetta die plötzliche Verlobung des Barons erfuhr, wollte sie es nicht glauben, selbst dann nicht, als der Kammerdiener boshaft genug, ihr das betreffende Zeitungsblatt vorlegte. Es ist ein alberner Scherz, den sich irgend Jemand gemacht hat, nichts weiter, sagte sie und warf Jean einen hochmüthigen, verächtlichen Blick zu; — aber die Anzeichen, daß die Verlobung auf Wahrheit beruhe, mehrten sich. Der Baron war so von seinem Glück erfüllt, daß er selbst gegen seine Leute aus seiner bevorstehenden Verbindung kein Hehl machte. Im Schlafzimmer war die lebensgroße Photographie der Braut ausgestellt und die Dienerschaft hatte jetzt vollkommen zu thun, um die Besorgungen auszuführen, die alle auf Fräulein Combelaine Bezug hatten. Täglich wanderten aus dem Hause des Barons die kostbarsten Blumen, Früchte und dergleichen zu der Braut und endlich veranstaltete Bloomhaus in seinen Salons ein großes Fest, das zum ersten Male seine theure Desiräe mit ihrer Anwesenheit verherrlichen wollte. Nun konnte Enrichetta freilich nicht länger zweifeln und ihr Entschluß war rasch gefaßt. Seit seiner Verlobung hatte der Baron eine ungeheure Zerstreutheit an den Tag gelegt, auf ihre Fragen kaum oder doch nur flüchtig geantwortet und selbst ihre feinsten und liebenswürdigsten Schmeicheleien waren von ihm sehr kühl aufgenommen worden. Sie hatte so lange seine steigende Kälte ertragen in der Hoffnung, daß Baron nach dem Ableben der Fürstin dem Kammermädchen derselben die Führung des Hauswesens ganz allein überlassen hatte, war er seit seiner Verlobung sehr zurückhaltend geworden. Er überging Enrichetta völlig und wandte sich mit all seinen Wünschen und Befehlen an seine eigenen Leute. Der Italienerin seine'Verlobung mitzutheilen, hatte er doch nicht gewagt. Sie mußte es ja schon erfahren haben und wenn sie schwieg und ihm nicht erst eine Scene machte, that sie sicher das Klügste. Auch alle Anstalten zu seinem heutigen Feste hatte Bloomhaus nur mit seinem Kammerdiener berathen und er wollte eben ausführen, um selbst noch Manches dafür einzukaufen, als plötzlich Enrichetta vor ihm erschien. So freundlich und zuvorkommend, wie immer, obwohl nicht ohne eine gewisse Sicherheit. Sie gab, wie die Herrin des Hauses, dem Kammerdiener einen Wink, sich zu entfernen und als dieser es nicht für nöthig fand, dem verblassenden Stern noch Gehorsam zu leisten, sagte sie mit scharfer Stimme: Warum entfernen Sie sich nicht, wenn ich es wünsche? und da jetzt auch der Baron seinem Jean heimlich zunickte, zog sich der Kammerdiener endlich zurück. (Fortsetzung folgt.) Ein guter Zeitvertreib. Dorfschwank von P. K. Roseggcr. Vor Allen: muß ich um' Entschuldigung dafür bitten, daß diese Geschichte so närrisch ist. Dann muß ich auch noch um Entschuldigung dafür bitten, daß der Eine Mirt heißt und der Andere Mart. Diese Namen passen so gut zusammen, daß ich drei Batzen wetten möchte, sie wären erfunden, wenn ich nicht so ganz bestimmt wüßte, daß der Eins wirklich Mirt hieß und der Andere Mart. Und so siegt die Wahrheit: Der Weber hieß Mart und der Schneider hieß Mirt. Es waren zwei junge Gesellen, nicht ohne Grund verhaßt vom männlichen Geschlechte, was maßen vom weiblichen ... Doch, das geht zu rasch. Die beiden Burschen waren Freunde und spielten Maultrommeln. Kennt ihr diese Instrumente? Nicht? Dann sitzen wir fest. Sie des Langen und Breiten zu be- 69 schreiben, ist nicht thunlich, es würden derweilen unsere Liebesleute zu alt. Maultrommeln, das sind die kleinen Brummeisen, schlüsselförmige Jnstrumentchen, die man zwischen die Zähne steckt, eines zur rechten, das andere zur linken Seite. Mt den Fingern bewegt man die Stahlzünglein, während man in dieselben irgend eine Arie hineinhaucht. Die Arie surrt und säuselt ganz seltsamlich in den zitternden Zünglein und ist das die originellste Musik — eine Art Zitherspiel, dessen Resonanz der Kinnbacken ist, das wirksamste Liebesgegirre jener Menschen, die für ihre Sache keine Worte finden können. Nicht umsonst sehen diese Maultrommeln oder Brummeisen aus, wie winzige Fuchs- oder Marderfangeisen — männiglich, oder vielmehr weibiglich Thier wird mit demselben gefangen. Der Mart und der Mirt hatten dieser Instrumente wegen, die sie meisterhaft spielten, im Dorfe die Spottnamen: „Brummler" bekommen. Nebenbei — da der Eine Kniehosen schuf aus dem Ladentuch, welches der Andere gewebt hatte — bedeckten sie christlich die Blößen ihrer Mitmenschen. Müllers Gretchen war aber so gescheidt und gab sich keine Blößen. Nur waren ihr die süßen Klänge der Brummeisen lieber als wie das leidige Mühlengeklapper. Das ist aber auch ein Unterschied! Der junge Schneider Mirt verfertigte dem Müller die Mehlsäcke und die Beutelsiebe ; das Gretchen fädelte ihm die Nadel ein. Ach Gott, diese Einfädeleien kennt man. Da war's einmal im Dezember, daß der Schneider Mirt in seiner Stube saß und die Brummeisen stimmte. Er klebte bei dem einen ein Wachsknötchen an die Spitze des Züngleins, so gab's den Baß. Da trat der Weber Mart ein und sagte: „Schneider, heut bleib' im Haus, draußen kunnt Dich der Wind vertragen. Was klöppelst denn da mit den Maultrommeln um?" Der Schneider war ein Narr, der Alles sagte. In der nächsten Nacht will er ans Fenster der Müllerstochter schleichen und dort brummeln, bis früh Morgens sechs Uhr der Schulmeister ins Orale läutet. Der Weber schwieg und wob Ränke. Der Schneider war schon mehrmals in des Webers Garn gelaufen — vielleicht hüpft er auch heute hinein. Denn der Mart wollte selber in die Mühle. „Kann Dir nur gratuliren, Freund", sagte der Weber, „wir müssen es treiben, wie wir es dazumal als Buben mit dem Schulmeister getrieben haben, daß er die Schulstunde versäumt hat, wir müssen auf dem Thurm den Uhrhammer ausschalten." „Hilft nichts", meinte der Schneider, „Meßner weckt sein Weib, und die soll, habe ich gehört, regelmäßiger schlagen, als die beste Kirchthurmuhr. Dann geht er läuten, und das Läuten weckt den Müller auf." „Gut, so umwinden wir den Glockenschwengel mit diesem Pelz dal's. „Daß er nicht friert?" „Und daß er keinen Lärm macht. Du verstehst mich." Zu solchen Streichen war der Mirt stets bereit, wenn der Mart voranging. Und heute war es obendrein zu seinem Benefize. Am Abend nach der Gebetglocke schlupften die beiden Burschen durch das stets offene Thurmpförtchen hinein. Der Schneider stieg mit dem Pelz die Leiter hinan, der Weber hielt am Eingänge Wacht. Der Mirt war schon im dritten Gestocke und über seinem Haupte knarrte das Uhrwerk, als der Weber unten flüsternd schrie (man kann's, wenn's sein muß): „Mirt, der Meßner kommt, ich zieh' die Leiter weg, sonst erwischt er Dich." Er that's und war davon. Jetzt Mes still und öde, bis auf die tickende Thurm- Uhr, deren schweres Gewicht, wie der Schneider bei seiner Kerze sah, am Seile niederhing. Nun horchte er — hörte aber nichts vom Meßner und nichts vom Mart; nach einer Welle ging ihm das Kerzenlicht aus, aber ein anderes auf. — Der Mart geht zur Mühle ans Fenster, das ist schon lange sein Begehren, er wird dort Brummeisen spielen die liebe, lange Nacht. So sah es der Schneider nun im Finstern. Wohl wußte er, das Gleichen konnte ihn, den Mirt, ganz besonders leiden und hatte ihm für diesen Abend das Brummeln an ihrem Fenster gestattet. Und wie sie gut ist, steht zu hoffen, daß sie in der kalten Nacht vor ihrem Fenster Keinen gern wird stehen und frieren lassen. — Und nun sitzt er auf dem Thurm, und der Andere — o elender Weber! Aber was sollte er thun? Hinabsteigen konnte er ohne Leiter nicht. Sollte er ^ vollends hinaufklettern und vom Thurmfenster aus ins Dorf rufen? Das Ende davon wäre Schande und Spott. Sollte er Alarm läuten? Zu welchem Zweck? — er braucht Verschwiegenheit. Nur dem falschen Mark will und konnte er die Verschwiegenheit der ^ Nacht nicht gönnen. Er war gefangen. Den für den Glockenschwengel bestimmten Pelz wickelte er um sich selbst und nur noch die Wuth schützte ihn vor Angst und Frost. Als die Thurmuhr ihre zehnte Stunde schlug, war es dem Schneider zum Rasendwerden. Das war ja die Stunde des Stelldichein. Der Wart kam selbstverständlich nicht mehr, um die Leiter anzrUchnen, der wäre —> der Mirt sagte es selbst — ein Narr, wenn er jetzt hierher käme! Der Schneider mußte gar Acht haben, daß er nicht in die Tiefe stürzte. Das Todtsein wäre schon recht, aber das Sterben thut weh. — Planlos tappte er umher und ertappte das niederhängende Uhrgewicht. Jetzt kam ihm ein Gedanke. Das Uhrgewicht trachtet ja auch hinab und kommt bis morgen früh sicherlich zu Rande, wenn nicht eher; denn man weiß, der Meßner hat um sechs Uhr allemal hohe Zeit, die Uhr aufzuziehen. Der Mirt setzt sich auf das hängende Uhrgewicht, auf den Klotz, klemmt die Beine um den Strick, hält sich fest — glückliche Reise! Jetzt hub die Uhr da oben an und tickte doppelt laut und doppelt eilfertig und rascher, als man vermeinen sollte, ging's mit dem Burschen niederwärts. — . Und wie geht's dem Weber? Dank der Nachfrag, der steht am Fenster des Gretchens und klopft. Da heißt's nicht verzagt sein; achtet sie das Klopfen nicht, so versucht er's mit dem Brummeisen. „Der Mirt?" hauchte das Gretchen. „Was hast Du Dich nicht gleich genannt?^ „Du Allerschönste!" flüstert der Mart: „Mein Herz und mein Sinn J§ im Kämmcrlein d'rin. Wie stell' ich's denn an, Das; ich nach cini taun?" Darauf antwortete sie nach rechter Weise: „Dein Herz und Dein Sinn IZ bei mir nit herin; Hast im Schnee d'raußt verlor'n, Js wie ein Eiszapfen g'fror'n!" Der Bursche verschwand am Fenster, die Mühlräder rauschten. Auf dem Thurn? schlug es sechs Uhr, bald darauf — der Meßner ist immer wachsam, auch um Mitte? nacht — läutete es zur Rorate. Der alte Müller wunderte sich baß, daß er diese Nacht so gut geschlafen. Er stand auf und ging in die Hintere Kammer, um seine Tochter zu wecken. An der Thür stand ein Mann. ^ Wie grüßt ein braver Müller den Mann, der solchergestalt an der Thüre seines Tech-crl-inS steht? Auf dem nebcnragendcn Kasten lagen die Stäbe, womit er seine (7äse auszuklopfen pflegte. Mit solchen Stäben grüßt ein braver Müller den ungeladenen Schwiegersohn. Der Begrüßte kollerte zur Hausthür hinaus — just dem Freunde Mirt an die Brust. Aber das war ein hartes Anprallen, ein unerquickliches Wiedersehen. Der Mirt, nun der war eben auf seinem Uhrgewicht rasch so tief herabgekommen, daß er den Sprung auf den Boden wagen konnte. Es war ein guter Zeitvertreib und - die Stunden flogen durch ein solches Anhängsel rascher, gls wenn der Bursch an ihrem Fenster aebrummelt hätte — und das will doch was sagen. Daher hat derMeßner so früh geläutet und der Müller so früh Säcke geklopft, und was die Hauptsache — die Hypothese von der Gewichtlosigkeit der Schneider ist in jener Nacht glänzend widerlegt worden. Sonntsgofeirr. Auch ist es gleich, ob Glockenklänge Die Frommen laden zum Gebet, Ob eine andachtsvolle Menge Den Tag des Herrn mit Dank begeht; Deutsche In meiner Kindheit ward gesprochen, Daß durch der Freiheit Wogeugang Die alte Zwingburg sei gebrochen, Die schwer das Volk zur Krone zwang; Und treten glauvig pe zu,ammen. Und feierlich die Glocke klingt, — Dann steht der Arme, schürt die Flammen Und horcht, wie es im Kessel singt. Man wolle keinen: Herren dienen, Entstanden sei ein neues Reich Und eine goldne Zeit erschienen, Wo Alle frei und Alle gleich. Das singt ihm eine alte Weise, Die einst zur Sonntagsseier sang Der Vater in der Seinen Kreise, singt ihm eine alte Weise, lst zur Sonntagsseier sang Doch jetzt, da ich erwuchs zum Manne, Schau' ich verwundert rings umher; Die sich befreit von: alten Banne, Drückt nun ein neuer dovvelt schwer: Und singt und mahnt mit trüben: Klang, Die Gleichsten, kne aus Auen lallet, Die Freiheit, die Ihr selbst Ench gabt, Ist: das; Ihr nie von Arbeit rastet, Ist, das; Ihr tausend Herren habt. Es grollt in seltsamen Accorden, Denn Freiheit heisst jetzt: Geldverdicnen, Und gleich tönt Sonn- und Wochentag Das Stampfen rastloser Maschinen Und Dampfesstos; und Hammerschlag, Und gleich ist's, ob der Glanz der Lichter, Ob Sonnenschein herniederstrahlt Auf welke schläfrige Gesichter; - — Das Blut wird ja mit Geld bezahlt l (jbvUb st.ttsttUtr.lt Es stürmt und dröhnt und rauscht und droht: „Wollt Ihr den Tag der Ruhe morden, So rüstet Ihr Euch selbst den Tod; Denn heilig ist der Schweißestropfen, Der von der Stirn des Armen fiel." — — Wild hört man's an die Wände klopfen, Herbei und öffnet das Ventil! (Zeitschrift „Wahrheit.") Miscellerr (Kindermund.) Frau Thcrese, die junge hübsche Frau Doctorin, ist heute besonders rosiger Laune. Es sind ein paar gute Freunde zum Besuch da; man sitzt bei herrlichstem Frühlingswetter im Garten. Frau Therese ist von dem Dienstmädchen in's Haus gerufen worden, hat eine sehr angenehme Nachricht erhalten, kommt zurück, und kann, bei ihrem Gatten vorbeigehend, nicht umhin, demselben im Ueberschwunge ihrer glücklichen Stimmung die Wange zu streicheln. „Willi de Geld, Mama?" fragt das zweijährige Töchterchen, das die Liebkosung wahrgenommen. (Professoren - Geschichte.) Professorin (mit ihrem Manne durch die Felder wandelnd): „Nein, sie doch nur, lieber Mann, wie so gar kümmerlich und dürftig der Flachs dort steht." — Professor: „Nun, nun, liebe Elenore, ich denke, zu Kinderhemden wird er wohl immer noch groß genug sein." (Heikel.) Lehrer: „Höre, Michel, sage mir aufrichtig, was hat Dich denn veranlaßt, Dein einträgliches Mauerhandwerk an den Nagel zu hängen und Landstreicher zu werden? — Michel: „Ja wissen S', Herr Lehrer, :' hab' a mal a Haar im Mörtel g'funden und seit der Zeit graust'S ma vor der Arbeit!" (Sonderbare Frage.) Amtsrichter: „Bedenkt Euch wohl, eh' Ihr schwört, wenn Ihr falsch schwört, könnt Ihr vier Jahr Zuchthaus bekommen." Bauer: „Herr Amtsrichter, mit Berlaub, was bekomm' ich denn aber, wenn ich recht schwöre," (W i eder reiten!) Selbst die gewiegtesten Kunstkenner irren zuweilen, besonders wenn es sich um das Erkennen jugendlicher, aufkeimender Talente handelt. Einen Beweis für die Nichtigkeit dieses Satzes lieferte vor vielen Jahrei: bei einem Besuche Wiens und — 72 7 - seiner Ateliers der verstorbene König Ludwig von Bayern, der große Kunstkenner und Kunstfreund, der Schöpfer von Münchens künstlerischem Ruhm und Glänze. Lebte damals in Wien ein junger unbekannter Maler, der eben erst den Säbel mit Pinsel und Malerstock vertauscht hatte. Der junge Ex - Cürassir - Lieutenant — er ist, beiläufig bemerkt, jetzt einer unserer berühmtesten und bestbezahlten Maler — dachte nicht im entferntesten an die Ehre eines königlichen Besuches. Im Gegentheile, als dienstfertige Freunde, die ^ ihm damit zu nützen glaubten, vom König Ludwig die Zusage erlangt hatten, auch das bescheidene, in einem vierten Stocke gelegene Atelier des Anfängers zu besuchen, und demselben diese Ehre ankündigten, war er in Verzweiflung über dieselbe; fand sich doch in diesem kahlen, ärmlichen Atelier nichts vor, was einen so hohen und kunstverständigen Mann interessiren konnte, nichts als einige untermalte Porträts behäbiger Spießbürger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, und ihrer geputzten, mit Schmuck überladenen wohlbeleibten Ehehälften — Conterfeis, die der Künstler zu billigem Preise malte, um das Leben zu fristen. Indessen, „geschehen war geschehen" — der hohe Besuch war nicht mehr zu vermeiden; der König kam, sah sich einen Moment lang in dem seltsamen Atelier um und sagte dann zu dem verlegenen Künstler mit seiner bekannten schnarrenden Stimme und in seiner lakonischen und sarkastischen Weise: „Gedient?" — „Zu Befehl, Majestät!" — „Waffe?" — „Cürassier, Majestät!" — Da lächelte der König, klopfte dem Maler herablassend und wohlwollend auf die Schulter und schnarrte: „Wieder reiten! wieder reiten!" Der Künstler hat glücklicherweise den Rath des Königs nicht befolgt, er ist nicht wieder geritten, und er sowohl als die Kunst sind gut dabei gefahren. Einer seiner Freunde aber, ein bekannter Musiker, hat die Geschichte in Form eines Canons in Musik gesetzt. (Die neue Orthographie.) Schüler (in eine Buchhandlung tretend): „Ich > möchte gern Caesar's Loklum OuIIieum, Textausgabe von Teubncr." — Buchhändler: „Hier. Kostet ungebunden achtzig Pfennig." — Schüler: „Entschuldigen Sie, ist es auch die neue Ausgabe von 1880 mit der neuen Orthographie?" Ein Kaufmann schrieb an seinen Korrespondenten einen Brief und wollte ihn eben zusiegeln, als ihn der Schlag tödtlich rührte. Sein Diener schrieb darunter: „Als ich den Brief geschrieben hatte, starb ich!" — siegelte ihn zu und schickte ihn zur Post. Ein verdienstvoller hoher Offizier hatte sich auf den schwarzen Adlerorden Rechnung gemacht, erhielt aber nur die höchste Klasse des rothen. Wehmüthig lächelnd legte er denselben zu seinen andern Orden, und rief aus: „Da liege bis du schwarz wirst!" (In den Hundstagen.) „Ist das 'ne Hitze — da möcht' man schon einen Rock aus lauter Knopflöchern haben!"- Berrchtt gung. In meinem Gedichtecyklus zum Wittclsbacher Jubiläumsfeste in Nr. 4 „Getreu bis in den Tod" möge der geehrte Leser folgendes verbessern: 1) In Nr. 3 (Arko) 5. Strophe ist statt: „Denn als sie ritten, wo des Jnnes Fluchen rauschen rc." zu lesen: Denn wo des Jnnes Wellen gleiten, Die Martinswand anfraget hoch und hehr, Sprach Arko: „Laßt mich, Fürst, zur Rechten reiten, Von trüber Ahnung ist mein Herz heut schwer!" 2) In Nr. 4 (Obelisk) ist in dem ersten Verse der letzten Strophe statt „Plan" „Plane" und statt des in dem zweiten Verse dieser Strophe stehenden „In blutigen Schlachten" zu lesen §Jkt vielen blutigen Schlachten" rc. 3) In Nr. 5 muß es in dritter Strophe statt „belohnte" „belehnte" heißen. Lek Mr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Di-, M. Hnttler. h > zur Nr. 10. ,Angslmrger Pojheitimg. Mittwoch, 4. August 1880. Wenn der Rath eines Thoren einmal gut ist, so muß ihn ein gescheidter Mann ausführen. Lessing. Zu MILeMrrch's siebenhundertstem Ehrentage. Aer Merchslag zu Hiegensburg 1180. 1. „Der Kaiser kommt" —so läuftes durch die Menge, Die dichtqeschaart die junge Brücke füllt Und nahe Straßen, Gassen, weit und enge, — Ganz Regsnsburg ist im Gedränge — Die Majestät zu grüßen treu gewillt. L. Und was die reiche Donaustadt an Zierden Gesammelt hat in Ehren allerwärts: Sollt'heutzumWillkoinm sie mitLustbebürden Und Leib und Haus mit Schmuck umgürten. Die seltene Feier und das Herz begehrt's. 2. Er naht — es weichen ehrfurchtsvoll die Schaaren, Man öffnet Bahn dem kaiserlichen Herrn. Der Zug in Sicht — da fchmettert's von Fanfaren, Willsomm von Tausenden, die harren Des Staufen — brausend schallt das Echo aus der Fern. 4. Der Kaiser grüßt die Stadt mit heit'rer Stirne, Umgeben von dem Glanz der Majestät, Und ob auch leuchten mächtige Gestirne Und blendender als alle Firne, Der Kaiser—wiedie Sonn' am Himmelsteht. 5. Doch wie, das Aug'für hellsrnStrahlzu üben. Man gerne auch ein ander Licht beschaut: So richtet wohl die Menge hüben drüben — Man mahnt sich selbst und seine Lieben — Den Blick aufdasGefolg und preist es laut. 6. Aus Deutschland und selbst von Italiens Gauen Umschließen sie den Kaiser zu dem Tag, Und Mark- und Land-und Gaugraf läßt sich schauen, Der Kirchenfürst in Roth, im Blauen, Das Neichspanier mit seinem Wittelsbach, 7. „Was wird das Reich uns diesesmak beschließen? Hast du den Löwen wohl im Zug geseh'n? Ich mochte scharfen Augs sie alle grüßen Mit Kreuz und Scepter, Schwert und Spießen: Ich sterbe, wenn ich Einen Mann nur übersehen. 8. Gewiß — es wird der Dinge große geben. Die uns der Reichstag diesmal sehen läßt. Ich gebe fast dafür mein heilig' Leben, Der Himmel mag es nur vergeben! — Wenn nicht den Löwen alles Glück verläßt." 9. So flüstert's allerorts mit raschem Munde, Indeß sich langsam fort der Zug bewegt. An Reich und Kaiser sieht man sich fast wunde. Da ruft mit Macht der Herold Kunde, Daß Kaiser Friedrich hier sein Lager schlägt. 10 . So zieht Er ein, geliebt von seinen Treuen, Geleitet in die Pfalz mit seinem Rath. Er ist allein. „Den Löwen mag's gereuen," Der Kaiser spricht, „ich muß erneuen Die Acht." Dem Herrscher keine Ruhe naht. 11. Und sinnend schreitet Er denn auf und nieder. Wo wohnlich ihm die Pfalzdas Heim bestellt. Im Freien tönen noch gar munt're Lieder, Vom Bergkranz leuchten Feuer wieder, Bis Sorg und Lust der Schlaf gefangen hält. 12 . Den Morgen drauf der Reichstag ist geladen. Mit seinem Herrn zu fördern bestes Wohl. Da sitzt Er ernst mit Rittern und Prälaten, Zu rathen für das Reich, zu thaten. Der Wels macht denken, Bayern, Freisings Zoll. 18. Es kommt St. Peters-Tag; im Kaiserdome, Den einst Karol St. Petern hat geweiht, Sieht man den Rothbart beten wahr UNS fromme. Daß guter Rath von oben komme, Er weiß allein, was dieser Tag gebeut. 74 1t. Nachdem der Bischof Ihn und Volk gesegnet, Da ruft zur Pfalz des Kaisers Machtgebot. Was soll es h eut? Vermuthungen es regnet. Wie es im Leben sonst begegnet, Wenn Ungewißheit schafft dem Geiste Noth. 15. Und als im Pfalzsaal sich der Kreis geschlossen; Der für des Reiches Wohl und Wehe steht. Tritt ein der Kaiser majestätumflossen Und grüßt voll Würde seine Großen Und ziert den Thron vom Neichspanier umweht. 25. Der Kaiser war gerührt im tiefsten Grunde, Und eine Weile schwieg Er vor dem Tag. Auf ihrem Antlitz thront der Ernst der Stunde Und wie erbittend frohe Kunde Erheben sie das Haupt. — Der Kaiser sprach: 26. „Ich rief herauf der alten Zeiten Ehren Und sah mir die Geschlechter alle an. Ich konnte meinem Geiste nimmer wehren. Ich fühlt' es mir am Herzen zehren. Ich folgte Tag und Nächst nur ihrer Bahn. 16. ES leuchtet Ihm das blaue Aug' so helle. Es blicket ernst und doch so gnadenvoll. Und immer wieder sucht es Eine Stelle, Wie eines Freundes treue Seele. Bon der es nimmermehr sich wenden soll. 17. Jetzt spricht der Kaiser vom erhab'nen Throne Selbst tiefbewegt zur tiefbewegten Rund': Ihr Edlen all', die um des Reiches-Krone Versammelt sind aus jeder Zone, Vernehmt, was Euer Kaiser will zur Stund: 27. Ich prüfte mir die Söhne jener Ahnen; — Ich that's mit freiem unbefang'nem Sinn — Ich wog mir ab die Zeiten und ihr Mahnen, Ich musterte mir meine Mannen, Ich bat von oben Weisheit zu Gewinn: 28. Auf daß ich jenen Mann dem Reich bestelle Und meinemBayerland zu Schirm undvort. Der würdig walte der erlauchten Stelle Und Reich und Kaiser niemals fehle. So lang er lebt, und folg' an jeden Ort. 18. Nachdem berathen Ihr an manchen Tagen, Mit diesem Haupt das Nöthige nachGebühr, Fand ich für gut, das Größte anzusagen, — Was enden dürfte viele Klagen — Dem Reich zu Nutz und Frommen für und für. 19. Ihr wißt, welch' schwere Zeit heraufgekommen. Für meiner Bayern treues Volk und Land, Ihr habt der Nöthen viele selbst vernommen. Noch ist der Funke nicht verglommen. Der neu entzündet grausen Zwistes Brand. 80. Das dritte Mal hab' ich umsonst gerufen. Des heil'gen Reiches rechtbestallter Herr, An dieses Thrones hier ehrwürdige Stufen, Was gute Zeit sich fühlt, berufen. Sich mir zu Trotz zu setzen und zur Wehr. 29. Soviel ich mochte prüfen, mochte schauen, Und alle bis auf einen tadellos; Am meisten mußt' ich immer Einem trauen Und zuversichtlich auf ihn bauen, Er ließ mir Geist und Herze nimmer los. 30. Du, älterer Otto wittelsbach'schen Blutes, Gib hin dem jüngeren das Reichspanier!" Er staunt, der treue Hüter dieses Gutes, GehorchtmitSchmerz. „SeigutesMuthes", Der Kaiser spricht, „tritt vor und folge mir: 31. „In grauer Zeiten Ferne seh' ich ragen Der großen Ahnen hehr und mächtig Haus. DerGeistmich mahnt, nur Einenvorzutragsn, Von jenem Luitpold will ich sagen. Des deutschen Reiches Wehr', im Kampfgebraus. 81. Nun da des Rechtes Formen sind gehalten. Wie es sich ziemt für diesen hohen Tag, Und Klagen alt' und neue widerhallten; Da heißt die Pflicht, des Amts zu walten. Wie dieses Weh' des Reichs bald enden mag. SS. So thu' ich kund: „Land Bayern ist nun Lehen, Das, frei, zurückfiel an des Reiches Macht. Da von dem Löwen, wie wir deutlich sehen, Genüge nicht dem Recht geschehen, So ist der Wels erklärt in ew'ge Acht. 32. Du, hochgeborner Mann, kannst Dich wohl messen Mit jedem Wappen, jeglichem Geschlecht, Denn nimmer wirst das Eine Du vergessen, — Du darfst Dich kühnlich deß vermessen — Der große Karl Euch hielt ja blutgerecht. 33. Und lange Jahre sah das treue Bayern Mit Lust und Stolz zu Euch als Herren auf Und pries als liebe Vater oft die Scheyern Mit Liedern gerne und mit Leiern, Bis Zeitenungunst stört den Herrscherlauf. SS. Doch Bayern kann nicht länger mehr entbehren, Soll es verbluten nicht an Wunden viel. Des klugen Vaters und des starken Herren, Zu führen es in Weisheit und zu mehren. Was es geleiten mag zu schönerem Ziel. 31. Doch auch im Grafenstande grünte Ehre Und glänzte Ruhm dem edlen Schyrenhaus. Die meisten waren Säule uns und Wehre, Du bist ja selbst die beste Lehre, Daß Blüth' und Frucht geh'n reich vom Stamme auS. 81 , Die Zeit ist schwer, und Kraft in jedem Lande, Gerechtigkeit und Rath ist gar sehr noth. Es lWn sich durch Ungunst heil'ge Bande, —Was jedem Volkzur Pestund Schande—. Mrr führt in solchem Sturme Bayerns Boot?" 35. Drum ward Ihr werth des Dienstes auch gesunden. Das Rsichspanier im Kampfe zu erhöh'» Und heilig Recht und Satzung aller Stunden Zu schützen.»nd zu schirmen gegen Wunden. Und wie ließ Wittelsbach das Banner weh'n ? 38 . Ich kenn' Dich, edler Pfalzgraf, mcht von heute. Als Knaben spielten wir im Staufenschloß, Seit 30 Jahren seh' ich Dich zur Seite, In Friedenslust, im blut'gen Streite Du theiltest unentwegt mein Schicksalslos. 37. Das künden hundert Zeugen, stets beredte. Ob sie nun Sprache haben oder nicht: Aus vielen — Rom, die weltberühmte Stätte, Und jene schroffe Felsenkette Bei Bern, am Paß der Etsch, sie trüget nicht. 38. Ja, wo es gilt, uns weisen Rath zu spenden Und Lebensnoth der Treue Probe heischt: Ich kann vertrauensvoll mich an Dich wenden, — Und immer führt's zu guten Enden — In Glück und Unglück hast Du nie getäuscht. 3v. Wie Sonnengold glänzt Deine Mannentreue, Ein glüh'nüer Diamant der Freundschaft Dienst. Nicht kennt Dein Herz des Eigennutzes Reue, Es quillt ohn' Unterlaß aus's neue Aus gradem Sinn dem Reich ein schön Gewinnst. <0. So hieltest Du stetstreu zu Deinem Gotte Zum Kaiser und zum Reiche allezeit. Warst Schutz den Schwachen, wärest Grimm dem Spotte, Verderben stets der Feindesrotte: Mit allen Kräften — kurz — der Pflicht geweiht. 41. Du hast ein voll Verdienst um uns erworben, Um diese hier und um das ganze Reich. Bist Trost und Bürge, daß nicht abgestorben. Daß noch nicht in der Welt verdorben Der deutschen Treue Wurzel, Stamm und Zweig." 12. Und wie zum Zeichen, daß sein Wort gesunde. Sieht Er mit Frageblick im Kreis umher. Doch ob auch späht Er lange in die Runde, Und forscht nach Miene und nach Munde: Er schaut Zufriedenheit im edlen Heer. 43. „Da Ihr zustimmend, Edle, habt gebilligt. Was ich zum Pfalzgraf sprach und auch zu Euch: Da Ihr in meines Herzens Wunsch gewilligt. Durch Widerrem ihn nicht mißbilligt. So sei denn kund Euch und dem ganzen Reich; 44. Von dieser Stund' an Petrus' Ehrentage, Da man eintausendhundertachtzig zählt. Verstumm' in Bayern alle Noth und Klage! Kraft Rechts ich Kaiser Friedrich sage: Mit Wittelsbach sei Bayern neuvermählt! 45. Laß' nieder Dich, mein Herzog, nimm dies' Zeichen Der herzoglichen Würde hier zu Hand Und schwör' zu Gott, vom Kaiser nie zu weichen. So lang des Lebens Tage reichen, Und mir zu folgen stets zur See, zu Land." 46. Nachdem der Lehenseid in Form geschworen. Fuhr noch der Kaiser in der Rede fort: „So bist auf ewig Du dem Land erkoren Und nie sei deinem Stamm verloren Die Herzogskrone! — Dies ist Kaiserwort. 47. Es blüh' Dein Haus bis in die fernsten Zeiten Und strebe glücklich nach der Ehren Zier! Mög' es zum höchsten Glänze vorwärts schreiten — Dies soll Dir dieser Tag bedeuten! — Und mächt'ge Sproßen schauen für und für!" 48. So sprach der Kaiser und umarmt den Treuen, Und eine Thräne seine Wange netzt, Den alten Bund in großer Stund' zu neuen. Zu Sporn und Ehre auch den Freien, Die Wittelsbachs Erhebung nicht verletzt. 49. Da tönt es mächtig durch die weiten Hallen, Es wächst zum Donner an aus aller Mund: „Es lebe Wittelsbach!" — Es hat gefallen Dem Zerrn und Kaiser, hier vor Allen Zu ehren ihn mit Krön' und ew'gem Bund. 50. Es schallt im Saale, schallt auf allen Straßen: „Es lebe Wittelsbach für immerdar, Der nie den Kaiser und das Reich verlassen. Sein Glanz er möge nie erblassen Und blüh'n sein Stamm bis zu dem ewigen Jahr!" 51. Und als der Kaiser Alles gut gewendet Und ließdie Stadt und ginq zu neuerPslicht: Er liebe Worte noch den Edlen spendet. Den: Freund gar viele, und dann endet: „Ja — Wtttelsbach und Bayern läßt sich nicht!" Negensburg, V. Der Herr Daro„. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Sie wollen heute ein großes Fest geben, wie ich höre, begann Enrichetta sogleich, und ich wundere mich, Herr Baron, daß Sie mir davon noch nichts mitgetheilt haben. Ich hätte mich so gerne nützlich gemacht. Wirklich? rief der Baron lebhaft, das freut mich, Du bist also doch klug und Vernünftig Kind; und glaube mir, das soll Dein Schaden nicht sein,, er faßte dabei leicht ihr Kinn, wie Jemand, der seine treue Dienerin belobt. Das haben Sie mir schon früher gesagt und noch weit mehr, entgegncte sie ruhig. Und hab' uch nicht Wort gehalten? fragte der Baron mit selbstzufriedenem Lächeln. Dir steht das ganze Haus zur Verfügung und Du kannst Dich hier wie die Herrin fühlen. Ich glaube auch darauf die größten Ansprüche zu haben, war ihre etwas betonte Entgegnung. Der Baron nickte mit dem Kopse. Sei überzeugt, Du hast an mir stets einen sehr gnädigen Herrn und Bloomhaus legte mit der Miene des wohlwollenden Gönners feine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckte heftig zusammen und trat einen Schritt zurück, suchte sich aber noch einmal zu beherrschen und während ein Lächeln um ihre Lippen spielte, und ihre dunklen Augen zu ihm hinüberblitzten, fragt sie leise: Nur einen gnädigen Herrn?— Ich dächte doch, daß ich noch mehr verdient hätte. O, Herr Baron, wie viel hab' ich Ihnen geopfert, wie viel! und ich darf wohl hoffen, daß Sie dies nie vergessen werden. Wie sollte ich das? Hast Du irgend einen Wunsch? Du weißt, ich bin nobel. Länger konnte Enrichetta nicht an sich halten. Sie warf sich laut schluchzend an die Brust des Barons und ihn mit ihren Augen zärtlich umklammernd rief sie aus: Nicht wahr Gregorio, Du wirst mich nicht aufgeben? Du kannst es ja nicht! Habe ich doch Dir zu Liebe alles gethan! — O ich liebe Dich wahnsinnig, grenzenlos! Der Baron geriet!) in die größte Verlegenheit. Einen solch' lebhaften Gefühlsausdruck hatte er am wenigsten von dem klugen Mädchen erwartet und er mußte nun um jeden Preis das wunderliche Geschöpf zu beruhigen suchen. Enrichetta! Was fällt Dir plößlich ein? Wenn uns Jemand sähe! und er bemühte sich, so rasch wie möglich von der Umarmung des Kammermädchens los zu kommen. Mag die ganze Welt uns sehen! fuhr sie in derselben Erregung fort: Ich liebe Dich, Dich ganz allein! und Du darfst Niemand weiter gehören, denn ich habe Dich und Deine Liebe sehr theuer erkauft. Nun wir bleiben bei einander, suchte er sie zu beschwichtigen. — Du darfst mich nicht verlassen, selbst wenn ich jetzt — Er konnte nicht vollenden, denn sie ließ ihn plötzlich los und ihre Arme sinken, und unterbrach ihn mit der heftig herausgestoßenen Frage: So, ist es wahr, Gregor, Du hast Dich mit einer Anderen verlobt und willst mich schändlich aufgeben? Kind, rede vernünftig, ermähnte der Baron. Du sollst ja unter allen Umständen bei mir bleiben, das ist längst beschlossene Sache. Ich habe schon mit meiner Braut von Dir gesprochen, Du wirst ihr sehr nützlich sein, und Du glaubst gar nicht, wie gutherzig, wie großmüthig sie ist. Du wirst bei ihr — Weiter kam der Baron nicht; er hatte anfangs stockend, zuletzt sehr lebhaft gesprochen und Enrichetta ihm in einer Art Erstarrung zugehört. So wahr seine Verlobung doch eine unumstößliche Thatsache und er hatte die Frechheit, ihr zuzumuthen, bei seiner neuen Gemahlin wieder als Kammermädchen zu dienen, während sie allein alle Rechte hatte, daß er sie zur Baronin erhob. Und das wagst Du mir wirklich zu bieten? —> rief sie empört und ihre schwarzen Augen funkelten. Mir, der Du alles zu verdanken hast, die ich um Deinetwillen das Furchtbarste gethan. Still! befahl der Baron, dessen blasses Antlitz sich jetzt auch zu färben begann und der sich nach allen Seilen scheu umsah, als könnte Jemand diese Worte gehört haben. Wie viel verlangst Du von mir, fordere Du so viel Du willst, Du sollst es haben. — Nichts will ich, nur Dich allein: — Was ich gethan, geschah aus Liebe zu Dir, nicht um schnödes Geld. Sei endlich vernünftig, Enrichetta, ermähnte der Baron. Du konntest doch nicht verlangen, daß ich Dich heirathen soll? Warum nicht? Bin ich denn schlechter als eine lüderliche Schauspielerin? Enrichetta! rief jetzt der Baron heftig und erhob drohend die Hand. Vergiß 77 > > nicht, daß meine Geduld eine Grenze hat, daß ich solche Unverschämtheiten auch von Dir nicht ertrage. . . , . , Es ist nur die Wahrheit. Wenn Sie sich nicht scheuen, Mit emer elenden Schauspielerin sich zu verloben, dann können Sie auch mich heirathen, ohne Ihrer Würde etwas zu vergeben, mein Herr Baron. Sie sprach die letzten Worte ganz besonders zögernd und höhnisch aus, aber dem Baron entging es, denn er war schon viel zu sehr über die unerhörte Anmaßung dieses Geschöpfes empört. Willst Du, daß ich mich zum Gespött der ganzen Welt machen soll? Welches Höllengelächtcr würden meine Freunde aufschlagen, wenn sie hörten, daß sich Baron Bloomhaus mit dem Kammermädchen seiner ersten Frau verheiratet habe I Und doch, Herr Baron, gibt es für Sie nur einen Ausweg» entgegnete sie mit fester Stimme und ihre Blicke schienen sich in sein Inneres bohren zu wollen. Entweder Sie heirathen mich oder — Oder, wiederholte der Baron unbefangen, der sich durchaus nicht den Anschein geben wollte, als werde er durch diese Drohung eingeschüchtert. Oder, ich erzähle dem Gericht, wie Ihre Frau aus der Welt gekommen ist. Das könnte für Dich allein sehr unangenehme Folgen haben, war die ruhige Antwort. Sie irren, Herr Baron, entgegnete Enrichetta und ihr schmales Gesicht verzerrte sich höhnisch. Wir werden dann Beide miteinander ins Zuchthaus oder aufs Schaffst gehen. Ich fürchte, das wird unmöglich sein, entgegnete der Baron, den Spott erwidernd. Durchaus nicht. — Ich werde ohne Weiteres bekennen, daß ich nur auf ihren Antrieb die Fürstin vergiftet habe. Baron Bloomhaus zuckte die Achseln. Man wird Dir wenig glauben, und Du scheinst ganz zu vergessen, daß Du durch dieses Bekenntniß vor allen Dingen Dich selber in die Tinte bringen dürftest. Was frage ich darnach, wenn Sie nur mein Geschick theilen, entgegnete die Italienerin mit finsterem Trotz. Das wird unmöglich sein, war die kühle Entgegnung. Doch nicht so unmöglich als Sie denken. Ich habe noch den Nest des Giftes, das Sie mir gegeben. Sie allein hatten ein Interesse daran, daß die Fürstin rasch beseitigt wurde, denn Sie fühlten sich nicht mehr sicher, seitdem Ihre Gemahlin in dem Besitze eines für Sie bedenklichen Geheimnisses war. Durch die Augen des Barons zuckte es und sein eben noch höhnisch lächelndes Gesicht verfinsterte sich, dennoch sagte er kühl und ablehnend: Was schwatzest Du da für Unsinnl Enrichetta ließ sich von dem aufsteigenden Zorn des gnädigen Herrn, der ihr nicht entging, keineswegs einschüchtern und sie fuhr mit großer Sicherheit fort: Die Welt würde staunen, wenn sie plötzlich das seltsame Geheimniß erführe — und sie blickte dabei triumphirend in das bleicher werdende Antlitz. Der Baron machte eine rasche Bewegung nach der Italienerin hin, vielleicht hatte er die Absicht, sich wie ein Tieger auf das Mädchen zu stürzen und es mit seinen Händen zu erwürgen, denn in seinen Augen loderte es unheimlich auf; aber er besann sich noch einmal und sagte gleichgiltig: Ich möchte Dir rathen, es mit mir nicht zum Aeußerstsn zu treiben, Du könntest schließlich doch den Kürzeren ziehen. Selbst diese nicht mißzuverstehende Drohung übte auf Enrichetta nicht die gehoffte Wirkung. Sie lachte nur: Wollen Sie nicht wieder zum Gift ihre Zuflucht nehmen, sondern ganz einfach ihrem Opfer die Kehle zuschnüren, es ist das freilich -er kürzeste Weg, um sicher unter das Beil der Guillotine zu kommen. So hatte die Italienerin seine Absicht errathen? Der Baron murmelte in russische? /- 73 — »1 Sprache eine Verwünschung vor sich hin. Enrichetta! knirschte er zwischen den Zähnen hervor. Reize mich nicht länger, ich könnte mich sonst in blinder Wuth wirklich vergessen. Sei vernünftig, das ist für Dich das Beste. Nimmermehr! Sie geben entweder Ihre Schauspielerin auf, oder ich zeige uns Beide als Mörder an. Unsinn! Sei überzeugt, Du wirst damit nichts erreichen, während Du die besten Tage haben könntest, wenn Du auch ferner treu zu mir halst. Es ist mein letztes Wort. Wollen Sie auf die Komödiantin verzichten? Und Enrichetta stellte sich dicht vor den Baron hin und sah ihn mit ihren unruhig funkelnden Augen drohend ins Gesicht. Närrin! stieß dieser unmuthig heraus und kehrte ihr ohne Weiteres den Rücken. Dann sollst Du es bereuen, so wahr ich eine Italienerin bin! rief Enrichetta aus «nd erhob die Hand, dann stürzte sie, halb wahnsinnig vor Zorn und Rachsucht, aus dem Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Der römische Landpfleger und sein Haus. Von W. Wyl. Ist auch daS Loos des deutschen Schriftstellers, Dank der grenzenlosen Intelligenz der heutigen Censur, jetzt ein ideal schönes, so läßt sich doch nicht leugnen, daß es auf der Erdenbahn des deutschen Kaufmanns nicht an Lichtblicken fehlt, besonders wenn ihn die Gunst der Sterne zum Matratzenhändler gemacht hat. Dieser Satz ist nicht etwa, wie boshafte Leser glauben werden, ein leichtsinnig hingeworfenes Paradoxon, sondern eine tiefsinnige, auf dem Wege analytischer Forschung gewonnene Sentenz. Gleich der echten Perle langsamen Wachsthums entwickelte sie sich in meinem Gehirn nach und nach, wenn ich, zwischen den stillen Häuschen des Passionsdorfes hinschleudernd und von dem Dufte der Düngerhaufen angenehm betäubt, die ungeheuren Quantitäten Bettzeug sah, die auf Bestellung der Apostel, Pharisäer und zahlreicher anderer biblischer Personen täglich karrenweise hierher kamen, um jenen höchst curiosen Produkten moderner Civilisation, welche als amerikanische und englische Ladies durch die Welt laufen, nach dem endlosen Gezwitscher des Tages zur nächtlichen Ruhestatt zu dienen. Ich weiß natürlich nicht genau, wie viel die Münchener Matratzenhändler an den Aposteln und Pharisäern verdient haben, aber ich habe eine dumpfe Ahnung, daß sie beim Nachzählen ihres Prosits die Passion segnen und daß selbst die Söhne Jsrael's unter ihnen Momente christlicher Rührung verspürt haben. Wenn die Karren voll Bettzeug, Nachtkasten, Waschkommoden u. drgl. im Dorfe ankamen, da war es wahrhaftig keine Kleinigkeit, all' das Zeug den Aposteln und Pharisäern in die Häuser zu schaffen, und ich möchte wissen, wie der Postbote mit der Geschichte zurechtgekommen wäre, hätte er nicht einen braven Gehilfen gefunden, willig und stark zur Arbeit und grundehrlich zum Einkassiren der Gelder. Die Schnitzerei geht schon seit geraumer Zeit nicht am besten und da fand sich denn ein recht geschickter Bildschnitzer, ein gewisser Thomas Rendl, ein Mann mit Frau, vier Kindern und einem sehr kleinen Grundbesitz, der mit Freuden bereit war, zum Karren zu greifen und so die karge Portion Brot für seine Familie zu verdoppeln. Der Postbote versprach drei Mark für die Woche, kleine Trinkgelder sollten hie und da auch abfallen, besonders beim Pfarrer und beim Oberförster, und so begann denn der Schnitzer Rendl mit dem Karren durch das Dorf zu kutschiren, wobei er freilich selber den Rappen vorzustellen hatte. Nun sieht ein Jeder, auch wenn er nie den Karren geschoben hat, ein, daß das eigentlich sozusagen ein saures Metier ist. Ist es sonnig, so schwitzt man ein gut Theil, regnet es, so wird man ganz merkwürdig naß, was großentheil daher kommen dürfte, weil man beim Fahren kein Parapluie tragen kann,h wenn man selbst Pferd ist. Wer das übrigens nicht begreifen kann, der lasse es sich von einem Professor erklären — die wissen Alles. 79 Als ich so etwa eine Woche vor der ersten Vorstellung im Dorse ankam, da sah ich dem Rendl oft bei der Arbeit zu, wie ich denn die Arbeit überhaupt sehr schätze und liebe, bei Andern nämlich. Er hob und legte Matratzen, schob und wendete den Karren, und ich rauchte meine Cigarre mit dem Gesichtsausdrucke einer fetten Drohne, die einer fleißigen Imme zusieht. Und so rauchte ich denn im Dorfe umher, bis die erste Vorstellung da war. Die gefiel mir denn ganz außerordentlich schon des Vormittags, und Nachmittags gefiel fie mir noch mehr, denn da spitzt sich die Tragödie zu, es weht die Luft des fünften Actes: Christus ist schon gefangen, Judas erhängt sich und das wirkt wie der Tod der Lady Macbeth. Da tritt auf einmal Pontius Pilatus auf seinen Balkon heraus, mit Hofherren, Dienern und Kriegsknechten, und die Priester bringen ihm den gebundenen Nazarener daher. Ich bin nicht mehr gar jung, habe viele schöne Dinge in meinem Leben gesehen, so z> B. sehr viele wunderbare Tizians, Paolo Veronese und Rubens. Wenn mir daher etwas einen tüchtigen Ruck gibt und mir's wie ein elektrischer Strom den Theil des Körpers hinabläuft, für den ein gemeiner Kerl den Namen „Buckel" erfunden hat, da können Sie Gift darauf nehmen, daß es Malerei oder ein Stück himmlischer Musik ist, das mir in die Nerven geht. Wie also der Pilatus herauskommt, wie er da prachtvoll farbig obensteht mit goldenem Stirnband, goldenem Brustharnisch und Scharlachmantel, einen Feldherrnstab in der Rechten — wie der Mann vornehm agirt, die Beine stellt wie eine antike Statue und wie er die jüdischen Priester abtrumpft, so daß seine fürstlichen Antworten den Burschen wie Hammerschläge aus die schlauen Köpfe fallen — da gab es mir einen ganz großen Ruck, wie es mir schon lange nicht passirt ist. Es sollte aber noch besser kommen. Das Drama geht seinen Gang fort, die Priester werden immer wilder und hetzen ganz Jerusalem vor des Statthalters Haus, damit es brüllend den Tod des Galiläers verlange. Immer höher gehen die Wogen des Hasses unter dem Balkon des Pilatus, seine Stellung wird immer schwieriger, seine Rolle bedeutsamer; der ehrliche wohlwollende Mann in ihm macht dem Sklaven Platz, dem Sklaven der Genüsse, der Ehren, die ihm seine Stellung sichert, und siehe da, der Sklave ist feige in der Stunde der Gefahr, er läuft davon und reißt den ehrlichen Mann mit sich fort — da (wer sollte es dem schlichten Dorfkünstler zutrauen?) entfaltet der Pilatus eins künstlerische Größe, die uns verwöhnten Städtern den Athem in der Brust festbannt. Gewaltig spricht er zu den Priestern herab, scheu blickt er auf die nach Blut rufenden Nolksmassen hernieder; er kämpft redlich für seine bessere Ueberzeugung, aber endlich zeigt es sich, daß er kein Epaminondas seines Gewissens ist. Er stirbt nicht, er kapitulirt» Seht, wie er sich die Hände wäscht und wie er das rothe Stäbchen bricht, daß der Duldergestalt unter dem Balkon die Stücke zu Füßen fallen. Er hat Christum den Herrn in den Tod gesendet. „Nehmet ihn hin und kreuziget ihn!" ruft er, und tief ergriffen, als hätten Bosheit und blinde Leidenschaft erst jetzt über die stille Tugend triumphirt und nicht vor achtzehnhundert Jahren, sehen wir dem Scharlachmantel des Statthalters nach, wie er in der Balkonthür des Hauses verschwindet. Wer ist denn dieser prächtige Mensch, der einen Römer, einen antiken Staatsmann farbig und plastisch so überzeugend darstellt? Wer ist es denn, der uns die Zweifel im Busen fühlen läßt, welche diesen römischen Hamlet von Statthalter hin- und herziehen zwischen seiner Pflicht und seinem Vortheil? Wie kommt der Mann dazu, seine Gesunken so wunderbar nachdrucksvoll in das Erz echt männlicher, staatsmännischer Spräche zu prägen? Wie heißt der Mann, der mich in seiner Haltung, in jeder Geberde an die' Nömergestalten des großen Rubens erinnert auf dem Cyklus des Decius Mus in der Aechtenstein-Galerie zu Wien? ' Der Mann heißt Thomas Rendl. Was — derselbe, der seit Monaten die Matratzen abladet und sie schwitzend durch die Straßen karrt? Unmöglich! .... Und! s ist doch so; es ist derselbe Rendl, der arme Bildschnitzer, der Gehilfe des Postboten» ^ (Schluß folgt.) Miseellerr. Eine merkwürbge Abonnements-Einladung wird dem „Hannover'schen Courier" aus Rinteln zugeschickt. Dieselbe lautet: „Mit Anfang des nächsten Monats erscheint zu Rinteln eine neue technische Zeitung, herausgegeben von verschiedenen abgegangenen Autoritäten. Die Abonnenten erhalten jedes Quartal eine Photographie von einem berühmten Plastiker; zu Ostern eine gestreifte Frühjahrshose und zu Johannis einen neuen Hut. Auch werden den Abonnenten unentgeltlich alle sechs Wochen die Haare verschnitten und die Kuhpocken geimpft. Wer drei Jahre voraus bezahlt, bekommt im Sterbefall einen Sarg oder sechs silberne Löffel und eine künstliche Zahnbürste. Dieses Werk wird schon bei der bloßen Ankündigung so viel Aufsehen erregen und so stark begehrt werden, daß die erste Auflage keine Zeit finden wird, die Pesse zu verlassen und deßhalb sogleich die zweite erscheinen wird. Annoncen aus den Fachkreisen werden in erster Zeit unentgeltlich in unsere Spalten aufgenommen. Der Dichter August von Platen sagt in seinem Tagebuche: Leuten, die von nichts als Pferden, Hunden und sinnlichen Vergnügungen reden, bin ich ein stummer Gesellschafter. Ich begreife nicht, wie es so viele junge Menschen geben kann, die weder Ernst in ihrem Charakter, noch Streben nach Vervollkommnung besitzen, die ihre Zeit unendlich leichtsinnig verschleudern, und deren ganzes Nachdenken darin besteht, wie sie den Nachmittag auf eine lustige Weise hinbringen sollen. Das Leben bietet doch so viel Stoff zu ernsten Betrachtungen dar; Fleiß und Bemühung lassen ein so süßes Bewußtsein in uns zurück, während Müssiggang und Sinnenfreuden die Seele nur mit einer schalen Leere und nagenden Vorwürfen erfüllen. In der Thätigkeit besteht das wahre Glück des Menschen. Täglich lerne ich mehr einsehen und empfinden, daß die Reinheit und Ruhe des Gemüths das höchste und einzig wahre Gut des menschlichen Lebens ist. (Treffende Antwort.) Die Güterexpedition der bergisch-märkischen Eisenbahn schreibt einem Kaufmanns, der durch dieselbe ein Frachtstück versendet hat: „Adressat H. A. S. in D. hat die Annahme desselben verweigert, weil schon längere Zeit gestorben." Der betreffende Kaufmann ist boshaft genug, der Güterexpedition zu entgegnen: „Die Bestellung ist nach Auftrag ausgeführt. Wir bitten um gefällige Mittheilung, aus welchem Grunde der Verstorbene verweigert hat." Ale Ro Und als die Nachtigall geendet Im Lindenbanm ihr schönstes Lied, Da ist in heit'ger Morgenstunde Die rothe Rose aufgeblüht. Und trunken von dem Morgengolde, Das durch die grünen Ranken fällt, Grüßt sie mit schauerndem Errathen Zum ersten Mal die GotteSwelt. Und alle Zauber zu vollenden, Ward ihr auf ros'ge Stirn geküßt, Das holde, reizende Geheimniß: Daß sie nicht weiß, wie schön sie ist. Da zittert in dem gold'nen Auge Wohl eine Perle silberrein: Es soll der Dank der schönen Blume Für ihren Himmelsjchöpfer sein. Ferdinand Stolle. ^Pas;-Reb«s. Die Auflösung gibt den Namen einer italienischen Stadt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Or. M. Huttlcr. Nr. 11. 1880. zur „Ailgslmrger PostMmg." Samstag, 7. August Der Irrthum verhält sich gegen das Wahre, wie der Schlaf gegen das Wachen; ich hal>>. bemerkt, daß man aus dem Irren sich wie erquickt wieder zu dem Wahren hinwende. Goethe. Der Herr Zaron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) V. Unbekümmert um die finstern Drohungen der Italienerin bereitete Baron Bloom- Haus alles zur Hochzeit vor. Sie sollte das glänzendste Fest werden, das Paris in letzter Zeit gesehen und wahre Unsummen wurden dafür verschwendet. Fräulein Combelaine war über das Auftreten ihres Bräutigams entzückt, das übertraf ihre kühnsten Erwartungen. Sie schwamm in einem Meere von Wonne, denn der Baron benahm sich wie ein Zauberer, der ihre leisesten Wünsche erfüllte, selbst wenn sie noch so toll und übermüthig waren. Keine ihrer Kolleginnen konnte sich rühmen, einen so gefügigen schwärmerischen Bräutigam zu haben. Für seine angebetete Desirse war ihm nichts zu theuer und kostbar genug und sie kam sich wie eine Märchenprinzessin vor, der alles zu Gebote steht, was nur je ihr Herz begehrt. Die Männer fanden das Auftreten des BaronS närrisch, die Damen entzückend und jede Schauspielerin wünschte nur, einen ähnlichen Anbeter erbeuten zu können. Wirklich fand die Hochzeit des Barons mit all der verschwenderischen Pracht statt, die den Neid und die Bewunderung aller leichtlebigen Leute erregte. Es war nichts gespart worden, um das Fest so blendend und großartig wie möglich zu machen. Unter den zahlreichen Gästen herrschte deshalb auch die lustige übermüthige Stimmung, denn es waren ohnehin nur Leute geladen worden, die das Vergnügen aus ihre Fahne schrieben und es verstanden, in lustiger Gesellschaft wirklich lustig zu sein. Das Brautpaar ging in ungezwungener Heiterkeit den Gästen kühn voran. Der Baron liebte es, sich etwas gehen zu lassen und er überschritt dann gern die Grenze des Erlaubten und seine Braut stimmte darin vollständig mit ihmüberein, nur war sie dabei wirklich brillant und witzig, während der Baron sich mit Ausübung von allerhand Tollheiten begnügen mußte. Die Hochzeitsgäste bestanden meist aus Künstlem, leichtsinnigen Lebemännern, mit denen der Baron vorwiegend verkehrte und so wäre ohnehin in das Fest ein freierer Ton gekommen, auch wenn nicht der reichlich fließende Champagner die übermüthig« Stimmung noch erhöht hätte. Erst in den Morgenstunden nahm das glänzende Hochzeitsfest, das endlich zürn wilden Bachanal ausgeartet, ein Ende. Als der Baron am anderen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, und eben sein Frühstück einnehmen wollte, während seine Gemahlin noch ruhig weiter schlief, legte ihm sein Kammerdiener mit bestürzter Miene einen großen Brief vor. Mißmuthig öffnete er denselben. Das Schreiben enthielt eine Vorladung zum Gericht. Ach, das ist langweilig! murmelte der Baron verdrießlich ohne die mindeste Aengst- lichkeit zu verrathen. Er sah nach seiner Uhr: Die festgesetzte Stunde ist zwar schon vorbei, aber vielleicht ist es nicht so ängstlich. Laß' den Kutscher anspannen. Er kleidete sich dann gemächlich an, gab seinem Kammerdiener die Weisung, er möge seiner Gemahlin sagen, daß er eine kleine Morgenspazierfahrt gemacht habe und bald zurückkehren werde, wenn sie nach ihm fragen solle und fuhr dann, zur großen Verwunderung seines treuen Jean, gleichmüthig davon, als ob es sich um eine ganz unbedeutende Sache handle, und doch ahnte Jean bereits, was für seinen Herrn aus dem Spiele stand, denn Enrichetta hatte ihm, als sie an jenem Tage sogleich das Haus verließ, dunkle Andeutungen gemacht und Drohungen fallen lassen, die verriethen, daß sie über das Haupt des Barons ein finsteres Unwetter heraufbeschwören wolle. Mit derselben vornehmen Ruhe, die Baron Bloomhaus seinem Kammerdiener gezeigt hatte, trat er jetzt auch vor den Untersuchungsrichter. Als ihm derselbe die Selbst- anklage der Italienerin vorlas und ein höfliches Bedauern nicht unterdrücken konnte, daß er den Herrn Baron mit dieser unerquicklichen Sache behelligen müsse, sagte Bloomhaus mit feinem Lächeln: Mein Herr, Sie thun als Mann der Themis nur Ihre Pflicht und bei meinem ruhigen Gewissen und meiner Unschuld wird es mir sehr leicht werden, die Anklage als das hinzustellen, was sie wirklich ist — eine elende, heimtückische Verleumdung und die Ausgeburt eines erhitzten Gehirns. Wohl habe ich mir Aehnliches gedacht, erwiderte der Beamte, aber die Angaben der Person lauten doch so bestimmt, daß ich wenigstens Ihre Vernehmung für nothwendig hielt. - Ich begreife das, entgegnete der Baron und er fuhr mit großer Sicherheit fort: das alberne Geschöpf hat sich eingebildet — warum? weiß ich freilich nicht, daß ich Sie heirathen würde, und da sie sich nun um ihre Hoffnungen betrogen sieht, erfrecht sie sich aus Rachsucht, gegen mich solch' wahrhaft lächerliche Dinge vorzubringen. Sie bestreiten also, der Anstifter dieses Verbrechens zu sein? Ah, mein Herr, wie können Sie glauben, daß ich eine solch' furchtbare Schuld auf mich laden würde? Ich habe meine erste Frau tief und aufrichtig geliebt und ihren Verlust lange und schmerzlich genug betrauert. ^ Die Denunziantin behauptet freilich das Gegentheil und beruft sich auf zahlreiche Zeugen, daß die Ehe zwischen Ihnen und Ihrer ersten Gemahlin sehr unglücklich gewesen sei. Der Baron warf einen Blick tief gekränkter Unschuld zur Decke. Alle meine Leute werden bekunden, wie zärtlich das Verhältniß war, das zwischen mir und meiner seligen Frau bestand und wenn meine Diener nicht als völlig glaubwürdige Zeugen gelten sollten, dann berufe ich mich auf Doktor Bernard, er weiß, wie schwärmerisch noch in der letzten Zeit die Fürstin von mir gesprochen hat und er wird auch sagen können, wie grenzenlos der Schmerz und die Verzweiflung waren, die mich nach dem plötzlichen Verlust heimsuchten. Sie haben also dem Mädchen das Gift nicht eingehändigt? Ich meine, daß mich schon meine gesellschaftliche Stellung vor solchem Verdacht .schützen sollte, entgegnete der Baron mit moralischer Entrüstung. Seien Sie überzeugt, Herr Baron, daß ich persönlich von Ihrer Unschuld überzeugt bin, bemerkte der Richter, dem die Gereiztheit des Vorgeladenen nicht entging, .Md dick ich aber als Beamter vor Ihnen stehe und deshalb Fragen stellen muß, die Wie leider peinlich berühren. ^ . Verzeihen Sie meine Aufregung. Ich vergaß, daß es Ihr Amt ist, die Wahr» 83 heit zu erforschen, und ich kein Recht habe, mich über solch' unerhörte Anschuldigungen verletzt zu fühlen. Der Richter nickte befriedigend mit dem Kopfe und fuhr in seiner höflichen, zuvorkommenden Weise fort: Das Kammermädchen ihrer verstorbenen Gemahlin hat mit große« Entschiedenheit angegeben, daß Sie von Ihnen das Gift erhalten habe und Sie ihr die ^ glänzendsten Versprechungen gemacht hätten. Und doch ist die Behauptung Enrichetta's die frechste und unerhörteste Lüge, die je vorgebracht worden! erklärte der Bar«y mit großer Entschiedenheit, i Der Richter hörte zwar auf diesen lebhaften Widerspruch, er fuhr aber dennoch ! mit gewohnter Ruhe fort: Die Italienerin hat auch einen Grund angegeben, warum ! Ihnen sehr viel an der schleunigen Beseitigung Ihrer Gemahlin liegen mußte, denn die Fürstin hatte einen Brief erhalten, in dem sie vor Ihnen gewarnt wurde, denn Sie seien höchst wahrscheinlich nichts weiter als ein Abenteurer, es stehe wenigstens fest, daß in den Ostseeprovinzen nur ein einziger Baron Bloomhaus vorhanden gewesen, der späte« nach Italien gegangen und dort in Räuberhände gefallen sei. Im ersten Augenblick vermochte der Baron seine Betroffenheit kaum zu verbergen, dann richtete er sich um so stolzer in die Höhe und er begann mit einem trüben schmerzlichen Lächeln: Sie sehen mich bestürzt, denn es giebt Anschuldigungen von so nichts- würdiger unerhörter Art, daß man darüber verstummen möchte, und doch bleibt mir nichts Anderes übrig^ als dieses lächerliche Lügengewebe zu zerreißen, so viel Ueberwindung es mich auch kostet, mich überhaupt damit zu befassen. Diese Geschichte würde eigentlich nicht hierher gehören und mich wenig angehen, > erklärte der Gcrichtsbeamte, wie zu seiner eigenen Entschuldigung, aber ich muß sie er- ^ örtern, weil sie im Zusammenhange mit dem vorliegenden Verbrechen steht. Vorausgesetzt der Brief enthielte nur einen Schatten von Wahrheit, dann würde er freilich den Beweggrund erklären, warum die Fürstin zu beseitigen war und damit die Angaben des Kammermädchens unterstützen. Der Beamte blickte dabei so freundlich und unbefangen auf den Baron, als habe er für den vornehmen Herrn durchaus nichts Verletzendes vorgebracht. Der Baron war mit großer Aufmerksamkeit den Auseinandersetzungen des Richters gefolgt; er sann einen Augenblick nach, dann rief er aus, als komme ihm plötzlich ein rettender Einfall: Wenn meine Gemahlin an Gift gestorben ist, dann muß es sich in der Leiche vorfinden und die Gerichtsärzte werden dies feststellen. Lassen Sie die Aermste ansgraben und nach dem vermeintlichen Gift forschen und die elende Verleumdung Enrichetta's wird sich schon mit voller Sicherheit herausstellen. Meine Frau ist, so wahr ich ein Edelmann bin, nimmermehr an Gift, sondern eines ganz natürlichen Todes gestorben und die Italienerin hat sich nur in thörichter Verblendung als Mörderin bezichtigt, um zugleich ihre Rachegelüste gegen mich befriedigen zu können. — Er sagte alles mit erhobener Stimme und aus seinem ganzen Wesen sprach die völlige Sicherheit eines ruhigen Gewissens. Auf den Richter blieb dies stolze, selbstbewußte Auftreten nicht ohne Eindruck und er entgegnete nach kurzem Nachdenken: Nun gut. Ich werde das Nöthige veranlassen ^ und bis dahin mag die gegen Sie eingeleitete Untersuchung ruhen, wenn Sie mir die nöthige Sicherheit bieten, daß Sie bis zum Austrag der Sache Paris nicht verlassen. Und was verlangen Sie? Die Stellung einer Kaution. Sollte mein Ehrenwort nicht genügen? Ich darf als Beamter nicht von den gesetzlichen Vorschriften abweichen. Und welche Summe fordern Sie? fragte der Baron. - - Hunderttausend Francs. Ohne Weiteres zog der Baron seine Brieftasche hervor und legte die verlangte Summe auf den Tisch. Unser Geschäft ist also damit vorläufig erledigt? fragte er von Neuem mit vornehmem Lächeln. Der Gerichtsbeamte verbeugte sich und der Baron verließ nach höflichem Gruß in stolzer siegesgewisser Haltung das Zimmer. VI. In seinem ersten Schmerz hatte der Baron die Absicht gehabt seiner verstorbenen Gemahlin ein großartiges Denkmal zu setzen, und er war bereits mit einem berühmten Bildhauer in Verbindung getreten, der ihm zunächst den betreffenden Entwurf liefern sollte. Aber dein Baron hatten all' die vorgelegten Zeichnungen nicht genügt; immer hatte er daran etwas auszusetzen gewußt, und so war die Sache sehr in die Länge gezogen worden. Der stolze Bildhauer hatte endlich den Auftrag ganz und gar abgelehnt, weil er verdrießlich geworden. Mit einem zweiten Künstler konnte sich der Baron ebenfalls nicht rasch genug verständigen und inzwischen hatte der wilde, leidenschaftliche Schinerz des trauernden Wittwers schon einen Dämpfer erfahren und später war ihm über seiner neuen Liebe zu Desiröe die Denkmalsangelegenheit völlig in Vergessenheit gerathen, so daß sich das Grab der Fürstin noch immer ohne allen Schmuck befand. Nur eine kleine Marmortafel, die damals als interimistischer Grabstein dienen sollte, bezeichnete die Stelle, wo die Fürstin die letzte Ruhestätte gefunden hatte. Jetzt mußte zu dem traurigen Schritt der Ausgrabung geschritten werden. Die GcrichtSärzte erhielten die bereits stark in Verwesung übergegangene Leiche zur Sektion und nach der genauesten und sorgfältigsten Untersuchung, gaben die Aerzte ihr Gutachten dahin ab, daß in dem Leichnam auch nicht ein Atom von Gift zu finden sei. — Die Angaben des Barons stellten sich damit als völlige Wahrheit heraus, daß die Italienerin nur aus thörichter Verblendung sich selbst und ihren früheren Herrn angeklagt habe. Ueber die Echtheit des Baron Bloomhaus nähere Forschungen anzustellen, hatten die französischen Gerichte weiter keine Ursache, denn unter dem Strom von Fremden, der jährlich die französische Hauptstadt heimsucht, befinden sich immer Elemente von zweifelhafter Beschaffenheit und sobald die fremden Grafen und Barone nicht geradezu auf den Wegen des Verbrechens betroffen werden, läßt man ihnen gern das Vergnügen, in Paris als hohe Aristokraten aufzutreten. Die Anklage der Italienerin zerfiel damit in nichts; sie wurde trotz ihres eigenen Widerstandes auf freien Fuß gesetzt, und ihre Vetheuerungen, daß sie dennoch auf Anstiften des Barons das Verbrechen begangen habe, fanden keinen Glauben. Enrichetta war außer sich darüber. Ihre Seele lechzte nach Vergeltung, sie wollte gern den Tod erleiden, wenn sie nur den schändlichen, treulosen Menschen mit ins Verderben zog. Nun hatte sie dennoch ihr Ziel nicht erreicht! Wie war es nur möglich gewesen, daß man in dem Körper der Fürstin daß Gift nicht mehr gefunden? — Und warum genügte es nicht, daß sie sich selber des Mordes beschuldigte, warum traute man den Worten des Barons mehr, als ihren feurigsten Schwüren? Vielleicht hatte der Schändliche die Richter und Aerzte bestochen? Mit seinem großen Vermögen war ihm ja Alles möglich; Das rachsüchtige Herz der Italienerin kam nicht mehr zur Ruhe. Obwohl sie sich in Paris gar nicht glücklich fühlte und sich in ihre Heimath zurücksehnte, war es ihr unmöglich, sich von der französischen Hauptstadt zu trennen. Sie fühlte sich an diesen Ort wie gebunden, ja sie miethete ganz in der Nähe des Verhaßten ein kleines Stübchen, um das Leben und Treiben des Barons genau zu beobachten, obwohl sie sich täglich damit die furchtbarsten Qualen verschaffte. Sie konnte von ihrem Zimmer aus ganz gut sehen, wenn Baron Bloomhaus mit ihrer glücklichen Nebenbuhlerin ausfuhr, wie zärtlich und aufmerksam er dabei die Komödiantin behandelte, die einen wahrhaft fürstlichen Luxus entfaltete. Wie funkelte der Diamantschmuck an dem Halse des eitlen leichtsinnigen Geschöpfes! Enrichetta sah das alles mit Wuth und Neid und die quä- lenden Gedanken bohrten sich in ihre Seele eint Das alles müßtest Du haben! Du hast cs Dir verdient und er hat es Dir versprochen und ohne Deine Hilfe märe er zum elenden Abenteurer herabgesunken. — Trotzdem Enrichetta sich immer wieder neue Qualen holte, war sie doch ängstlich bemüht, genau zu erforschen, wie es jetzt in dem Palais des Barons zuging. Ach und sie hörte nichts weiter, als daß der gnädige Herr seine Gemahlin förmlich auf Händen trug, sie noch imme,r vergötterte und bemüht war, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. — Und sie hatte wenigstens gehofft, daß der Rausch des Leichtfertigen ebenfalls wieder rasch verfliegen werde. Je mehr die Italienerin sah, wie glücklich sich der Baron im Besitz seiner neue» Gemahlin fühlte, je tiefer grub sich der bitterste Groll gegen den Wortbrüchigen in ihr Herz Sie mußte ihn dennoch vernichten,-um jeden Preis vernichten, — — das schwur sie sich hoch und theuer, ihr ganzes Sinnen und Trachten ging darauf hin, sich an dem elenden Verräther zu rächen, der sie so lange mit seinen Liebesbetheuerungen und Versprechungen bethört und beschwatzt, bis sie eingewillt, das schändliche Verbreche» zu begehen. Jetzt erst empfand sie darüber die tiefste Reue und nun hatte sie das vollste Bewußtsein von der Schändlichkeit ihres Thuns. Wie hatte sie es nur über sich vermocht, ihre theure Herrin zu vergiften, die ihr stets nur Gutes erwiesen und von der sie mit Beweisen des grenzenlosesten Vertrauens, ja aufrichtigster Zärtlichkeit überhäuft worden. Aber der Baron hatte es verstanden, ihr Gewissen einzuschläfern. — Wie zärtlich, wie schwärmerisch war er zu ihr gewesen, welch' verlockende Zukunfsbilder hatte er vor ihr zu entfalten gewußt und endlich war es ihm gelungen, ihr Herz völlig zu be- thören. Sie hatte ihn geliebt, tief und leidenschaftlich, blind und in ihrer Liebe war sie zuletzt sein williges Werkzeug geworden. — Und nun diese furchtbare Täuschung! — Anstatt sie zur Baronin zu machen, wie er ihr gelobt, führte er diese elende Komödiantin als Gattin heim. Es war zu schändlich! — sie mußte suchen ihn von seiner Höhe herabzustürzen. Tausend Pläne wirbelten durch den Kopf der Italienerin. Zuweilen kam ihr der Gedanke, bei einer Ausfahrt dem glücklichen Paare aufzulauern und der Schauspielerin durch einen Dolchstoß ein rasches Ende zu machen. Aber traf sie damit wirklich den Verräther in's Herz? Der Elende tröstete sich gewiß ebenso leicht wieder über den Verlust. Solche Geschöpfe wie diese Combelaine, gab es ja noch in Menge. — Und wenn sie ihn selber erdolchte, hatte sie sich damit gerächt? — Sie wollte ihm nicht ein rasche- Vnde bereiten, er sollte erst Schmach und Elend kennen lernen, das traf ihn sicher weit empfindlicher und härter als ein Dolchstoß. Einige Tage war Enrichetta durch Krankheit an das Zimmer gefesselt und als sie wieder im Palais ihre Spionirversuche anstellen wollte, hörte sie zu ihrer Ueberraschung, daß der Baron mit seiner Gemahlin plötzlich abgereist sei. Nach Deutschland, sagten die zurückgelassenen Leute. Näher wußten sie das Reiseziel des gnädigen Herrn nicht anzugeben. Warum hatte Bloomhaus plötzlich Paris verlassen? Fühlte er sich dennoch nicht sicher, oder war ihm mitgetheilt worden, daß sie ihm beständig auflauere und jeden seiner Schritte beobachte? — Enrichetta grübelte darüber vergeblich nach. Nun war er auS ihrem Bereich entschwunden und vor ihrem Racheanfall sicher. Ach warum hatte sie nicht eher gehandelt und einfach an dem Verräther Vergeltung geübt!? — Sie bereute ihre feige Schwäche und war anfangs von der Nachricht seiner Flucht wie vernichtet. Aber dann raffte sie sich auf. Sie mußte ihn verfolgen und finden und wenn sie bis an das Ende der Welt wandern sollte. Als Enrichetta noch vor dem Palais in höchster Anfregung auf- und abging, darüber brütend, wie sie den Aufenthalt des Barons ermitteln könne, erschien ein einfach gekleideter Mensch mit purpurrothem Gesicht, der unsicher auf die Eingangspforte zuschwankte und dann sehr heftig an der Klingel riß. Was wollen Sie? rief der Portier zu seinem Guckfenster heraus. Ich lasse mich heute nicht wieder abweisen, ich will zum Baron, schrie der Mensch mit einer Stimme, die vollends seine Angetrunkenheit verrieth. Die Herrschaft ist heute Nacht abgereist, war die verdrießliche Antwort des Portiers und das Fenster flog wieder zu. Oho, lieber Mann! Das geht nicht so schnell. Ich will wissen, wohin der Baron gesegelt ist? Geht Sie gar nichts an! brummte der Portier, ohne das Fenster zu öffnen. - Oho! geht mich sehr viel an. Ich muß es wissen. Der Baron ist mir eine große Summe Geld schuldig geblieben. Ihnen? fragte der hochmüthige Concierge und blickte verächtlich von seinem niedern Standpunkt zu dem Menschen hinaus, der ein schlichter Arbeiter zu sein schien. Ja mir, bestätigte der Trunkene mit schwerer Zunge. Der Baron ist mir viel Geld schuldig und es ist nicht hübsch von ihm, daß er mir durchbrennen gewollt. Aber ich werde es schon herausbekommen, wohin er entwischt ist. Reden Sie nicht solch' dummes Zeug. Der Herr Baron ist mit seiner Gemahlin nach Deutschland abgereist und wenn er Ihnen wirklich ein paar Pfennige schuldig geblieben, ist es nur durch ein Versehen seiner Leute geschehen. Ja, ein paar Pfennige! Viele Tausende habe ich von ihm zu bekommen und ich brauche das Geld und es ist eine Schändlichkeit, daß er heimlich ausgekratzt, ohne mir ein Wort davon zu sagen. Nun machen Sie aber, daß Sie fortkommen, Sie betrunkener Lump! schrie jetzt der Pförtner ganz erbittert und erhob zu dem Manne da oben drohend die Faust. Brauch' ich nicht. Ich will wissen, wohin der Baron gegangen ist. Ich sagte Ihnen schon, nach Deutschland, aber nun machen Sie, daß Sie fortkommen, und eine gebieterische Handbewegung begleitete diese Aufforderung, denn die Geduld des Unterirdischen war erschöpft. Fällt mir nicht ein! Nach Deutschland. Das soll ein sehr weitläufiges Land sein. Ich will endlich erfahren, wohin mein Schuldner gereist ist? Und wenn Sie sich nicht auf der Stelle fortpacken bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie wegzufegen, sagte der Pförtner riß das Fenster auf und schwenkte dabei den langen Holzstiel seines Besens, zum Zeichen, daß er bereit sei, die Feindseligkeiten energisch zu eröffnen. Der Trunkene lachte höhnisch auf, aber da er sich nur auf bloße Schimpfwörter beschränkte, zog er dem Pförtner gegenüber bald den Kürzeren, und er mußte den Rückweg antreten, was freilich mit großen Schwankungen geschah. (Fortsetzung folgt.) Der römische Landpfleger und sein Haus. Von W. Wy l. (Schluß.) Folgen Sie mir in das bescheidene Heim des guten Rendl. Ganz ohne künstlerischen Schmuck ist es nicht. Von der sauber geweißten Front blinkt ein ganz kleiner, hübscher Fresco Zwinck's herab, ein Christus am Kreuz, daneben die Heiligen Sebastian und Rochus. Das einstöckige Häuschen hat zwei Fenster Front, winzige Fensterchen, die stillvergnügt in das Küchengärtchen vor der niedrigen Hausthür Herabblicken. Wir treten in ein niedriges Stäbchen, dessen Anblick einen Engländer durch den Mangel jeder Spur von ßoock oorukort entsetzen muß, während ein malerisch gebildetes Auge der dunklen Holzdccke, dem altersbraunen Gerumpel, der kärglichen Einrichtung und dem schönen grünen Kachelofen mit seiner traulichen Bank bald seinen eigenthümlichen Reiz abgewinnt. Machen Sie die Lade jenes alten Tisches auf: Sie finden da duftendes Schwarzbrot und einige herzige, armselige Gabeln, Messer und Löffel. Ich für meinem 87 Theil liebe solche Interieurs. Ich hatte eine uralte Großmutter auf dem Lande, die hatte auch so einen alten Tisch mit saftigem Brode drin und den Weihbrunnkessel bei der Thür. Beim Fenster steht die Schnitzbank, mit dem Gestelle voll Messer daneben; dieser Apparat aber feiert in den schlechten Zeiten. Da sind die zwei jungen Nendl's, der sechsjährige Thomas, der auch schon bei der Passion mitthut, beim Manna in der Wüste, und der ältere, der „Peterl". Der Peterl wird einmal ein Passionsspieler werden! Denken Sie sich, er kann jetzt schon die ganze Rolle seines Vaters auswendig, und der Bub' ist erst neun Jahre alt! Wenn der Vater seine Rolle übt, so paßt dieser Pilatus im Embryo auf wie die Katze auf die Maus, und wie der Alte sich verspricht, so schnappt der Bub' zu und sagt's haarscharf genau her, wie's in der Rolle steht, dem abgegriffenen Heftchen, das hinter den Schnitzmessern im Gestelle steckt. Der Bub ist auch sonst ein Genie. Sie glauben gar nicht, wie viel Passionstexte der oft in einem Tage verkauft. Das geht manchmal in die Dutzend und bei jedem Stück hat er fünf Pfennige. Und dann ist's so herzig, wenn sich die Leutchen zu Tisch setzen und Wochentags ihre Suppe mit Brot, Sonntags aber das große, schrecklich theure Pfund Fleisch essen, das ihnen der Pilatus auf dem Holzteller vorlegt, nachdem sie allesammt ein kurzes Eebetlein gesprochen haben. Denn wenn die Oberammergauer auch nichts weniger als fanatisch find, so ist ihnen ihre poetische Religion, die Mutter ihres schönen Passionsspiels, doch auf Schritt und Tritt eine altgewohnte, liebe Begleiterin. Sie ordnet und schmückt das tägliche Leden, sie segnet die Arbeit, den Schlaf und das kärgliche Mahl, und sie tröstet den bescheidenen Künstler, wenn er seiner kleinen Welt, ihrer Schnitzerei und ihrem Passionsspiel auf dem letzten Schmerzenslager Ade sagt. Die Rolle des Pilatus steckt hinter den Schnitzmessern in dem kleinen Gestelle neben der Schnitzbank. Sie ist ein Heft von 20 Ouartseiten. Ihr Verfasser ist der würdige alte Daisenberger, ein Mann, der hinter dem schlichesten Aeußern eine edle Seele und eine.bedeutende Bildung verbirgt. Unter seiner Hand wurde der Part des Landpflegers zum psychologisch interessanten Theil des Dramas, der sich überdies durch schöne, klare Sprache auszeichnet. Von großer Feinheit ist z. B, das dem Heiden Pilatus zweimal in den Mund gelegte Bedenken über die Abkunft des Galiläers, der sich einen Sohn Gottes genannt hat. „Wie, wenn er wirklich der Sohn irgend eines Gottes wäre?" Um deutlicher zu sein, will ich einige Stellen der ungedruckten Rolle selbst hersetzen: (Kaiphas klagt Christum des Aufruhrs an.) „Ich habe wohl von einem Jesus gehört, der im Lande umherziehe und lehre und außerordentliche Thaten verrichte. Aber nie habe ich etwas von einem durch ihn erregten Aufruhr vernommen; wäre etwas dergleichen vorgefallen, so würde ich es vor Euch erfahren haben, der ich zur Handhabung der Ordnung im Lande aufgestellt und von dem Thun und Treiben der Juden ganz gut unterrichtet bin." (Zu seinen Hofleuten:) „Ich kann nicht glauben, daß dieser Mann verbrecherische Pläne im Sinne führe. Er hat so viel Edles in seinen Gesichtszügen, in seinem Benehmen, und seine Rede zeugt von so edlem Freimuth und so hoher Begabung, daß er mir vielmehr ein weiser Mann zu sein scheint, vielleicht nur zu weise, als daß diese finstern Menschen das Licht seiner Weisheit ertragen könnten. . .. Wenn er etwa wirklich höherer Abkunft wäre? . . . Nein, ich werde mich durchaus nicht herbeilassen den Wünschen der Priesterschaft entgegenzukommen." (Zu den Priestern:) „Wenn dieser Mann sich einen König genannt hat, so berechtigt mich dieses vieldeutige Wort noch lange nicht, ihn zu verurtheilen. Bei UNS wird öffentlich gelehrt, daß jeder Weise ein König sei. Thatsachen aber, daß er sich königliche Macht angemaßt hat, habt Ihr nicht vorgebracht." Diese Beispiele mögen genügen. Sie sagen dem Leser, ohne meine Vermittlung, baß die Rolle an den Darsteller von der declamatorischen Seite große Anforderungen stellt, besonders in Sentenzen wie die obige, die im Druck hervorgehoben ist, DkM 88 wunderbarer ist der Eindruck, wenn der mit dem Purpur bekleidete arme Teufel von Bildschnitzer diese stattlichen Sätze mit wahrhaft fürstlichem Aplomb vorbringt, wie die Leistungen der Passionsspieler es überhaupt ohne Ausnahme sind, von jeder schauspielerischen Coquetterie himmelweit entfernt ist. Der bayerisch-tirolische Dialekt, der bei jedem der Darsteller mehr oder weniger zu Tage tritt, stört durchaus nicht, selbst wenn Josef von Arimathäa bei der Kreuzabnahme begeistert ausruft: „O du siße, heilige > Birde, komm' auf meine Schultern!" Viel störender wäre es, wenn die Dorfschauspieler ein Hochdeutsch anstreben würden, das sicherlich nicht gut ausfallen könnte. Auch Ncndl spricht mit starkem Accent. Das hohe a und das tiefe ö sind für ihn fernabliegende Herrlichkeiten, für deren Mangel er aber durch seinen eminenten dramatischen Instinkt reichlichen Ersatz bietet. Es war ein trauliches Stündchen in seinem Stübchen, als wir einmal miteinander feine Rolle durchnahmen. Mir war aufgefallen, daß er auf die berühmte Stelle: „Was ist Wahrheit?" keinerlei Nachdruck legte, und ich erfuhr auf meine Frage gar bald, daß der arme Kerl, wie es ja natürlich ist, von der philosophischen und weltmännischen Bedeutung dieser Stelle keine Ahnung hatte, daher er denn, ohne die Geberde zu ändern, bei den drei Worten Christus einfach fragend ansah. Ich mußte mich nun bequemen, ihm den Sinn der Worte von seinem Standpunkte aus rräherzurücken; das war keine kleine Aufgabe, denn ich mußte allen verdammten Humbug der „Bildung" beiseite lassen und einfach natürlich reden, was uns Städtlern erschrecklich sauer wird. Ich schlug ihm vor, den Nazarener, der von der Wahrheit spricht, verwundert anzusehen und dann, die Arme kreuzend, für einige Augenblicke sinnend in sich zu versinken und dabei, mehr für sich, die drei Worte zu sagen, mit besondern: Nachdruck auf Wahrheit. So rieth ich ihm auch, bei dem „So nehmet ihn hin und kreuziget ihn!", das er vor dem letzten Abgehen zu sagen hat, nach dem „und" eine Pause zu machen und das „Kreuziget ihn!" erst in der Bewegung des Abgehens zu sagen, wie Jemand, der sich gegen sein Gewissen sein Wort abdringen läßt. Selten hat wohl das Lächerliche so nahe bei dem Erhabenen gestanden als in dem Augenblicke, wo Rendl beim Probiren dieser Stelle in Flanellhemd und Jacke mit famosem Nachdruck die verhängnißvollen Worte sprach und dann mit schöner Wendung majestätisch gegen seinen grünen Kachelofen abmarschirte. Vergessen sie ja nicht, den Pilatus in seinem Häuschen zu besuchen, wenn Sie nach dem Passionsdorf reisen! Lassen Sie sich von ihm zeigen, wie er den Stab herrichtet, den er über Christus bricht, und plaudern Sie ein Stündchen mit ihm. Wenn dann der seelengute, redliche, höchst bescheidene Mann nicht ihr Freund wird, so liegt die Schuld an Ihnen und nicht an ihm. (Deutsche Ztg.) Miseelleir. (Warum die Frage?) Untersuchungsrichter: „Woraus schließt Ihr denn, daß der Mayer zu viel getrunken hatte, als er den Fischer packte?" — Zeuge: „Er hat eben en Rausch g'hobt!"-Untersuchungsrichter: „Woher wißt Ihr das?" Wie benahm er sich denn?" — Zeuge: „Ha, Ihr wißt ja selber, Herr Untersuchungsrichter, wie's ist» wenn Einer einen Rausch hat." > Beieinemjungen Ehepaar wurde eine Pfändung vollzogen und unter Thränen ließ es die junge Gattin geschehen. — „Daß unsere Ehe so kurz sein sollte!" rief sie traurig aus. — „Unsere Ehe so kurz — wie so denn?" „Erst eine Woche verheirathet — und wir müßen uns doch schon von Tisch und Bett trennen!" Auslösung des Spaßrebus in Nr. 10: „Florenz." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. zur „Mgstmrger Po Leitung." > - -ö-S- Nr. 12. Mittwoch, 11. August 1880. Natur, Gottes Spur: Der Mensch, Gottes Bild: Christus des Vaters Ebenbild: Gott, das Leben, das Licht, die Liebe. Mich. Saller. Der Zerr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Enrichetta hatte aufmerksam aus einiger Entfernung den Auftritt verfolgt und als fetzt der Mensch, die unsinnigsten Verwünschungen vor sich hinmurmelnd, der nächsten Straße zustolperte, trat sie rasch auf ihn zu: Sie wollten den Baron Bloomhaus sprechen? Einen Augenblick starrte der Mensch die Fragerin verwundert an, dann antwortete er mit der beschränktesten Rücksichtslosigkeit eines Trunkenen. Natürlich. Wen denn sonst? — Und Sie haben ein wichtiges Geschäft mit ihm abzumachen? Hm, Geschäft, brummte der Mann. Er ist mir Geld schuldig, viel Geld und das wollt' ich haben. Aber die Kanaille ist mir entwischt. War dies rohe Schimpfen nur ein Ausfluß der Trunkenheit oder verbarg sich dahinter etwas Anderes? Enrichetta mußte darüber Gewißheit haben und sie forschte weiter: Der Baron ist ja sehr reich, der wird Sie schon bezahlen. Ja, bezahlen, lachte der Trunkene höhnisch auf. Er ist ja nur ausgerissen, um mir nicht zu geben, was er mir versprochen hat. Er hat Ihnen etwas versprochen, forschte die Italienerin von Neuem. Das ist etwas Anderes. War es eine große Summe? Natürlich. Sonst würde ich ja weiter kein Aufhebens davon machen. Aber der Schurke hat mich an der Nase herumgeführt! Warum war ich Narr genug, seinen Worten zu trauen. Ich hätte gleich 10,000 Francs fordern sollen. Das war nicht zu viel. Obwohl Enrichetta bei dem Zustande des Trunkenen nicht fürchten durfte, durch allzulebhaftes Forschen sein Mißtrauen zu erregen, wollte sie doch mit der größten Vorsicht zu Werke gehen und ihn nicht durch zudringliches Fragen kopfscheu machen, sie sagte deshalb: Ja, das wäre klüger gewesen, denn Baron Bloomhaus hält leider nicht, wa8 er verspricht. Ich könnte auch ein Liebchen davon singen und sie blieb dabei hartnäckig an der Seite des Mannes. Der Trunkene öffnete verwundert seine kleinen verschmitzten Augen, so gut er es vermochte und rief dann lebhaft aus: Also Sie kennen den Baron auch? Das ist ja merkwürdig. Ich kenne ihn sehr gut, ich hab' ihm einen sehr großen Dienst erwiesen und zum Lohn dafür hat er mich aus dem Hause gejagt. Ja, lieber Freund, trösten Sie sich mit mir. Ich habe bei diesem schändlichen Menschen dieselbigen traurigen Erfahrungen gemacht wie Sie. Wie ich? Madame, lallte der Mann und ergriff krampfhaft ihre Hand. Nein, mich hat er am schändlichsten betrogen. Aber können Sie mir nicht sagen, wo er hingereist ist? Enrichetta gab darauf keine Aytwort. Kommen Sie mein Freund, flüsterte sie ihm zu, da sie bemerkte, daß ihre Unterhaltung mit dem Betrunkenen bereits Aufsehen erregte. Geben Sie mir ihren Arm. Wir haben noch viel miteinander zu plaudern, ohne Weiteres schob sie ihren Arm in den des Fremden und zog ihn mit sich fort. Der Mann mochte sehr froh sein, daß er plötzlich eine so kräftige Stütze erhielt, denn er ließ sich diese trauliche Annäherung gern gefallen und trotzdem er den untersten Ständen anzugehören schien und noch dazu betrunken war, konnte er den höflichen galanten Franzosen nicht ganz verleugnen. Sie sind sehr liebenswürdig Madame, lallte er überrascht und suchte dabei nach Möglichkeit seinen Zustand zu verbergen. Also Sie kennen ebenfalls den Baron? dann ist es mir ein großes Vergnügen mit Ihnen zu sprechen. Mir ebenfalls, entgegnete die Italienerin sogleich. Ja, ich kenne Baron Bloom- haus, er hat mich schändlich betrogen und er verdient nicht, daß Jemand für ihn nur die Hand regt. Da haben Sie Recht, Madame! Das verdient er nicht. Es ist ganz mein Fall. Ich hätte nicht die Hand für ihn regen sollen. Sie haben also auch alle Ursache ihn zu verfolgen? fragte Enrichetta weiter. Ob ich die habe!? Er soll mir 10,000 Francs geben. Ich will sie haben. Das ist eine hübsche, runde Summe. Wozu soll ich länger so dumm sein und mich mit ein paar hundert Francs abfinden lassen? Ich brauch' es nicht, denn ich hab' mir's verdient. Und wenn ich 20,000 Francs forderte, es wäre nicht zu viel. Bloomhaus ist ja durch den plötzlichen Tod seiner ersten Frau ungeheuer reich geworden, und wenn Sie ihm wirklich einen wichtigen Dienst geleistet haben, dann sind 10,000 Francs nicht viel, das ist für ihn eine wahre Bagatelle. Eine Bagatelle! wiederholte der Trunkene. Ganz recht. Und doch hat mich der Nichtswürdige darum betrogen, denn er ist nur aus Paris verschwunden, um mir nichts mehr zu bezahlen. Aber warte,, warte! und er erhob drohend die Faust und murmelte eine Verwünschung vor sich hin. Das sieht ihm ähnlich, entgegnete Enrichetta sogleich. Ja, lieber Freund, dann sind wir Leidensgefährten und müssen zusammenhalten, denn mir hat der elende Heuchler noch weit mehr versprochen und schließlich doch nicht Wort gehalten. Die Reden sowohl wie das Benehmen der Italienerin gewannen immer mehr das Vertrauen des Franzosen. Ich sagte Ihnen schon, Madame, es ist ein Schurke, bemerkte er heftig, und seine Stimme erhielt einen festen Klang. Dann haben wir Beide das lebhafteste Interesse, ihn zu verfolgen. Verbinden wir uns. Was dem einzelnen nicht glückt, das wird gelingen wenn wir treu zusammenhalten. Geben Sie mir ihr Wort darauf, daß wir von jetzt ab als Freunde gemeinsam handeln! Sie war stehen geblieben, ihre dunklen Augen funkelten, während sie dem Franzosen die Hand hinreichte. Diese Worte übten ihre Wirkung. Der Trunkene richtete sich in die Höhe, schlug in ihre dargebotene Rechte und rief sogleich: Das ist prächtig! Ja, wir wollen ein Bündniß schließen, das ist gut. Dann müssen Sie mir alles sagen, mein Freund. Ich werde Ihnen zu Ihrem Recht verhelfen, ich allein kann es. Jetzt blitzten doch die verschmitzten kleinen Augen des Franzosen mißtrauisch über die Fremde hinweg. Ja, Madame, wer sind Sie denn, fragte er unsicher. Sie sollen es gleich erfahren und dann werden Sie wissen, daß Sie mir auch das größte Geheimniß anvertrauen können. Der Mann betrachtete noch immer zweifelmüthig die Italienerin, die aber schon wieder ihren Arm ergriff und ihn mit fortzog Ich war das Kammermädchen der Fürstin, der ersten Gemahlin des Barons, begann sie rasch und lebhaft. Und damit Sie sehen, daß Sie mir vollkommen vertrauen können, will ich Ihnen sagen, daß ich es war, die auf Anstiften des Barons die Fürstin vergiftet hat. - . Erschrocken blieb der Trunkene stehen und jetzt irrten seine Augen voll Entsetzen über das Gesicht des Mädchens hinweg, die ein solch' furchtbares Bekenntniß mit solcher Gelassenheit aussprach und dabei auch nicht die mindeste Erregung zeigte. Er vermochte vor Bestürzung kein Wort hervorzubringen. Ja, ich sage Ihnen die Wahrheit, fuhr Enrichetta mit gleicher Ruhe fort, und das mag Ihnen ein Beweis sein, daß Sie mir völlig vertrauen können, denn ich habe mich ja ganz in ihre Hände geliefert. Die schlaue Italienerin merkte sogleich, daß dem Franzosen der Ausgang der Untersuchung unbekannt war und nun konnte sie dies geschickt für ihren Zweck benutzen. Dies Bekenntniß verfehlte in der That nicht seine Wirkung. Der Rausch des Mannes schien ein wenig verflogen, so mächtig war er von diesen Mittheilungen erschüttert worden. Sie haben seine erste Frau vergiftet? stieß er endlich ganz erschrocken hervor. Die Italienerin nickte nur mit dem Kopse. Es ist so wie ich sage, der Baron versprach mir, mich zu heirathen, wenn ich der Fürstin das Pulver in den Wein schütten wollte, das er mir gab, und Sie können sich denken, was es für ein Pulver war, denn die Frau that noch ein paar Athemzüge und dann hatte Sie aufgehört zu leben. Das ist ja schrecklich. Sie werden also begreifen, daß Sie mir Alles anvertrauen können, fuhr Enrichetta eifrig fort; denn Sie mögen für den Baron gethan haben, was sie immer wollen, so schlimm kann es nicht gewesen sein. Ich muß meinen Kopf unter das Beil der Guillotine legen, wenn Sie mich verrathen. Sie kommen ohne Zweifel mit einigen Wochen Gefängniß fort, denn es ist jedenfalls ein sehr unbedeutender Dienst, den Sie meinem lieben Baron geleistet haben. Nun war die Eitelkeit des Französen geweckt. Er konnte doch unmöglich hinter seiner Begleiterin so furchtsam zurückstehen und er entgegnete ungewöhnlich lebhaft: O, so unbedeutend ist die Sache nicht und wenn es an den Tag kommt, find mir ein paar Jahre gewiß. Immerhin eine Bagatelle. Aber erzählen Sie nur, drängte Enrichetta. Es lag in ihrem Wesen etwas, dem der Trunkene weiter keinen Widerstand zu leisten vermochte und so viel klare Besinnung schien er ohnehin noch besitzen, daß die Fremde durch ihre offene Mittheilung sich ja ebenfalls in seine Hände gegeben habe und es also nicht gefährlich sei, sich ihr anzuvertrauen. Dazu mochte der Franzose das Bedürfniß fühlen, einmal Jemand zu haben, gegen den er sein übervolles Herz entlasten konnte, und so begann er ohne weiteres Zögern. O es ist eine wunderliche Geschichte und Sie werden es kaum glauben, und es ist dennoch alles die Wahrheit, was ich Ihnen erzählen werde. Enrichetta unterbrach ihn mit keinem Wort. Sie wußte schon, daß sie damit den Mann nur in seinem offenen Bekenntniß stören würde, der auch wirklich nach einer kleinen Pause fortfuhr: Erschrecken Sie nur nicht, Madame. Ich bin Todtengräber, müssen Sie wissen. Es ist freilich keine angenehme Beschäftigung, aber solche Leute müssen doch auch sein. Die Todten können ja nicht auf der Erde bleiben und da wird man immer Leute brauchen, die sie einscharren. Er hat dabei den Arm aus dem Enrichetta's gezogen, als fühle er^selbst, daß er nach Offenbarung seines Standes nicht mehr das Recht habe, sich von der feinen Dame begleiten zu lassen. Die Italienerin stutzte nur einen Augenblick, dann ergriff sie ohne Weiteres wieder den Arm des Todtengräbers und sagte mit ruhigem Lächeln: Nun müssen Sie erst recht mein Freund bleiben. Wer weiß, wie bald ich Sie brauchen werde. Ah, sagen Sie das nicht, Madame! rief der Franzose, den dies Auftreten der »Italienerin außerordentlich angenehm berührte. Jetzt war er vollends bereit, sich ihr ganz und gar anzuvertrauen. Eine so schöne Frau darf nicht sobald sterben und seine kleinen, verschmitzten Augen ruhten bewundernd auf dem schmalen, magern Gesicht Enrichetta's, der selbst die Huldigung von einem solchen Manne nicht wenig schmeichelhaft war; dennoch verlor sie ihr eigentlichesgZiel nicht aus den Augen. Nicht wahr, Sie sind auf dem Kirchhofe von Montparnasse? fragte sie rasch» Ja, Madame, war die Antwort. Und Sie haben durch das Begräbniß der Fürstin Baron Bloomhaus kennen gelernt? Der Todtengräber nickte mit dem Kopfe. Ich wünschte, ich hätte niemals auf sein Schwatzen gehört und er versprach mir goldene Berge. O, er ist ein schlauer Patron und wußte die Geschichte sehr klug einzufädeln. Nun weiß ich freilich erst, wo er damit hinausgewollt hat, obwohl ich schon eine Ahnung'davon hatte, daß es seine eigene Bewandtniß haben mußte. Ja, der Baron ist ein Teufel! rief die Italienerin erbittert. Ach, er ist gar kein Baron, setzte sie sich verbessernd hinzu. Was sagen Sie, Madame?! Das wäre ja noch schöner. Ich weiß es nicht gewiß, ich habe nur meine Vermuthungen, aber erzählen Sie nur, was er mit der Leiche seiner Frau getrieben? Das wissen Sie schon? stotterte der Todtengräber erschrocken. Enrichetta nickte nur mit dem Kopfe und richtete dann ihre dunklen unruhig funkelnden Augen auf ihn, als wollte sie ihn damit auffordern, in seiner Erzählung fortzufahren und der Mann begann auch wirklich langsam und stockend: Der Baron kam jeden Tag auf den Kirchhof und klagte mir, daß ihm der Platz nicht gefalle, wo seine Frau fliege, er wollte eine andere Stelle für sie haben und er bot mir 1000 Francs, wenn ich in nächtlicher Weile den Leichnam ausscharren und mit einem anderen vertauschen wolle. Ah, nun begreife ich alles! wollte die Italienerin ausrufen; aber sie schwieg, und ihr Herz begann stürmischer zu klopfen. Nun wußte sie, warum die Aerzte in der aus- gegrabenen Leiche kein Gift gefunden hatten. Ich mochte anfangs nichts davon wissen, fuhr der Todtengräber fort, aber der Baron kam jeden Tag und schwatzte immer von Neuem. Er stellte mir die Sache ganz ungefährlich und unschuldig dar, ja er erbot sich, mir bei dem nächtlichen Geschäft zu helfen, damit es rascher gehen solle. Znletzt versprach er mir 5000 Francs und seine ewige Dankbarkeit. Was wollen Sie Madame. Man ist doch nur ein schwacher sterblicher Mensch und ich dachte, die ewige Dankbarkeit eines Barons kann dir nur nützlich sein. — Ganz mein Fall, bestätigte die Italienerin und dieser Zuspruch beruhigte den Mann noch mehr. Ja, Sie verstehen mich, Madame, sagte er lebhaft und drückte ihren Arm fester an sich. Sein Rausch schien beinahe verflogen zu sein. Er hatte mich also endlich so weit bearbeitet, daß ich einwilligte. Nun wollte er nur warten, bis eine Leiche käme, die mit seiner Gemahlin einige Ähnlichkeit habe. Dann sind wir sicher, belehrte er mich. Dem Manne der Verstorbenen könnte doch einmal die Phantasie ankommen, daß er noch einmal seine Frau ausgraben läßt, damit würde schließlich die Geschichte entdeckt. Wenn aber zwischen den beiden Frauen eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden, dann wären wir völlig sicher. Da kam eines Tages die Leiche einer Fleischersgattin und der Baron war ganz glücklich. In acht Tagen ist zwischen der und meiner Frau kern Unterschied mehr zu finden, das ist die Rechte, flüsterte er mir zu. Heut Nacht gehen wir an's Werk. Ich wollte noch einmal Schwierigkeiten machen, aber er drückte mir eine Tausend Francsnote in die Hände. Auf Abschlag sagte er beim Abschied leise und um Mitternacht sehen wir uns wieder. Ich konnte seinen Bitten nicht länger widerstehen, man ist ja doch nur ein armer Sterblicher. Es war freilich eine gefahrvolle Arbeit und die größte Vorsicht nöthig, aber wir brachten alles glücklich zu Stande. Ach, mir schaudert die Haut, wenn ich oaran denke, es war eine entsetzliche Nacht und der Baron blieb ganz ruhig und trieb allerhand Späße. Ich weiß ja, wo meine Gattin liegt, sagte er lachend, aber der Fleischer wird künftig seine Thränen an unrechter Stelle vergießen, wenn er überhaupt ein Narr genug ist, den Verlust seiner dicken Gemahlin zu beweinen. (Fortsetzung folgt. Bo» Bex «ach Chamonix über Töte Rotte. Bon Auguste Montag. ' Chamonix, 12. Juli. Wer A zagt, muß im gewöhnlichen Leben auch B sagen» Wenn man aber fünf Wochen lang Bex (sprich Be) gesagt, dann sehnt sich das ewig verlangende Herz, im Alphabet weiter zu gehen und es einmal mit C, mit Chamonix zu versuchen. Unterstützt der Himmel dann noch dies Verlangen sichtbar, indem er nach langen Regentagen ein strahlend blaues Gewand anlegt und eine frisch lackirte Sonne aufsetzt, so packt sich der Koffer mit Windeseile, und selbst der Abschied vom liebgewonnenen Bad wird leicht im Hinblick auf die kommenden Herrlichkeiten. Bis Martigny verdirbt die Eisenbahn den Genuß der Natur, von bort aber tritt das Beförderungsmittel unserer Voreltern, der Wagen, in sein oft geschmälertes Recht, und die Poesie des Reifens beginnt. Anfangs geht es etwas holprig, über schlechtes Pflaster, steile Höhen entlang, doch bald bessert sich der Weg, die Luft wird dünner, reiner, die üppige Vegetation verschwindet, den Wohnhäusern folgen Sennhütten, und nur das melodische Glockengeläute des ruhig grasenden Viehs unterbricht die einsame Stille. Weise der Reisende, der diesen sonst anstrengenden Paßübergang in zwei Theile theilt, Martigny Nachmittags verläßt und auf Tete Noire übernachtet, — glücklich Derjenige, dem eine wohlwollende Vorsehung dazu schönes Wetter verleiht! Der Blick ins Rhonethal von Martigny bis Sitten, schnurgerade vom Fluß durchschnitten, von den Berner Alpen, vom Tödi bis zur Jungfrau, in erhobener Klarheit und Großartigkeit umschlossen, links begrenzt von den gelben Felsmafsen des Deut du Morcle und des Grand Muveran, an den sich eine neue Kette von Schneebergen schließt — wer diesen Blick gethan, dieses unvergleichliche Landschaftsbild in der Beleuchtung eines wolkenlosen Juni-Abends gesehen, der fühlt alles Kleinliche' alles Trübe von sich abfallen und die Brust, befreit von den Miseren, deS täglichen Lebens, von einer unbeschreiblichen Andacht erfüllt. Nun ist der Col de Forclaz erreicht. Ein paar Augenblicke landschaftlicher Ruhe, ehe ein neues Wunder am Horizont erscheint — der leuchtende Glacier du Trieft, dem der kleine Gletscherbach gleichen Namens eilig zuströmt. Noch eine halbe Stunde scharfen Absteigens, eine kurze Fahrt durch düstere Tannen am Abgrund vorbei, in dem die Wasser tosen und mächtige Felßblöcke von der verheerenden Gewalt des Elementes zeugen und das Hotel Täte Noire ist erreicht. Der erste Mihklang in der Harmonie der Vergreise! Das finstere Haus, das Gewühl vom Tanz erhitzter Bauern und Schenkmädchen, eine Meute kleiner und großer Bernhardinerhunde, die hier gezüchtet werden — dies Alles giebt ein charakteristisches aber wenig einladendes Bild. Doch das ist nur eine kurze Station! — Darum getrost !drei Francs gezahlt für einen souptzon ä'iw bselsteak, in die Betten gelegt, auf deren Anzügen, angesichts der eben begonnenen Saison, erst wenige Personen geschlafen haben können, und die Brühe geschluckt, die als Morgenkaffee servirt, mit dem Beefsteak an Güte und Preis rivalisirt. Die kühle Frühlust entschädigt reichlich für die Dünste, die man in der Spelunke emgeathmet, gern erleichtert man den Wagen, um zu Fuß allein in Gottes herrlicher Natur, in den frischen Morgen hineinzuwandern. Mit leichtem Schaudern betrachtet man die Stelle, wo vor Kurzem ein Wagen hinabgestürzt, dessen Insassen theils todt, theils schwer verwundet heraufgeholt wurden — immer von Neuem fragt man sich, wie es möglich sei, so mit dem Menschenleben zu spielen, wie auf den meisten Schweizer- Pässen, wo keine Barriere die Wagen vor der Gefahr des Sturzes bewahrt, während doch das reichste Material dazu, Holz und Stein, am Wege verstreut liegt. Doch auch dieser düstere Schatten wird von der siegreichen Sonne zerstreut, das Hotel de Chatelord, wohin man die Verunglückten gebracht, wird auch glücklich passirt, und nun geht es schnell neuen Schönheiten entgegen. Nach und nach tauchen einzelne Theile der Montblanckette am Horizont auf, der Buet, die wunderlichen Formationen der ^.iAuills rouKs, der ^i'Auills vorto, bis plötzlich auf der Höhe über dem Dorfs Argentivre ein Bild dem trunkenen Auge sich aufrollt, wie es großartiger, majestätischer nicht gedacht werden kann. Zwei mächtige Gletscher, der Glacier du Tour und der Glacier d'Argentiöre, erscheinen auf einmal, dahinter die kollossalen Schneemassen des Bergkönigs, des Montblanc, umgeben von seinen Trabanten, dem Grand Malet, den verschiedenen Aiguilles, Domes und Dents, den grünen Verbergen, die man besteigt, um ihn in der Nähe zu sehen. Dann folgt das wer cke §Irroo, der Glacier du Boissous, bis man das Thal von Chamonix erreicht, in dem die Aussicht weniger ausgedehnt und mehr auf die unmittelbare Umgebung des Montblanc beschränkt ist. Diese Herrlichkeiten alle ungestört als Gletscherluftgast in langsamen Zügen zu schlürfen, ist wohl die Sehnsucht manches Naturfreundes, fast so schwer erreichbar, wie das Luftschloß des Kindes — das Chokoladenhaus, das man ohne mütterliche Aufsicht ganz allein aufessen darf. In beiden Fällen wird das Vergnügen vom grausamen Geschick nur in kargen Portionen zugemessen — und doch hat der Pensionär, der Berge- Bummler, weit mehr Chancen des bleibenden Genusses, als der eilige Passant. Studirt dieser krampfhaft den Bädeker, um keinen Moment unbenutzt zu lassen, wirst er sich, noch reisemüde, auf Führer und Maulesel, um recht viel Berge abzuarbeiten und im Gefühl des Geleisteten zerschlagen und zerschunden wieder abzureisen, so begnügt sich Ersterer damit, in den ersten acht Tagen die Berge vorerst von unten anzusehen. Eins Beschäftigung, die in Chamonix viel reizvoller ist, als auf irgend einem anderen Punkt der Erde, da mächtige Teleskope dem neugierigen Auge einen deutlichen Blick in das Herz der Bergriesen erlauben. Man beeilt sich auch hier, wie anderswo in der Leihbibliothek, ein Abonnement «aufs Fernrohr^ zu nehmen, und findet die Lektüre im Buch der Natur ebenso amüsant als lehrreich, besonders wenn Alles gut endet, keine Katastrophe den Schluß stört und sie — ihn kriegen — den Gipfel des Montblanc nämlich, der Ende Juni zum ersten Mal in dieser Saison bestiegen wurde. Mit gespannter Theilnahme verfolgt man die Wanderung der kühnen Steiger durch Schnee und Eis, ihr mühsames Wegbahnen und Emporklimmen. Man jubelt, wenn Kanonenschüsse ihr glückliches Ankommen verkünden, man trauert, wenn widrige Wetter sie kurz vor dem Ziel zur Umkehr zwingen, man freut sich, sie heil und gesund zurückkommen zu sehen, und hat nach all diesen Emotionen fast das Gefühl, selbst oben gewesen zu sein. Ein anderer ebenso harmloser Zeitvertreib des Luftkurgastes ist die Ankunft der Diligence von Genf. Sie ist das tägliche „Ereigniß" von Chamonix. Wenn man bedenkt, daß dieses Dörfchen aus zwölf Hotels mit Chalets und Dopendences, aus einigen Hundert Führern, Kutschern, Portiers und Mülets besteht, so ermißt man leicht, wie lebhaft der Heißhunger nach Reisenden ist, die diese gesammte Bevölkerung ernähren müssen. Mann an Mann stehen sie aufgepflanzt, die Portiers der verschiedenen Häuser — in angemessener Entfernung, mit scheinbar gleichgiltiger Miene, die Oberkellner und Wirthe — und warten ihrer Beute. Lustig klingelnd, von sechs Pferden gezogen, kommt die Diligence dahergebraust, 95 ein wunderliches Vehikel, den Wagen ähnlich, die wir aus alten Bildern eme heitere französische Gesellschaft ins Freie führen sehen. Blitzschnell ist das Verdeck seiner Passagiere entledigt, das Gepäck vertheilt, und nur ein kleiner Theil der eifrig schreienden Con- cicrgcs für ihre Mühe und Stimmverschwendung belohnt. Momentan (2. Juli) ist Chamonix noch leer. — So schmerzlich das für die Wirthe sein mag, so angenehm ist es für die Gäste. Wer wie wir das Glück genoß, einige ^ Tage die einzigen Bewohner des vortrefflichen Hotels Royal zu sein, die Freude des Direktors und der Kellner, der Trost des Stubenmädchens und der Stolz des Kochs (und welchen Kochs), der preist die Beharrlichkeit des Regens, der die Besucher von dem herrlichen Gebirgsthal fern hielt. Doch Ehre, dem Ehre gebührt! Auch der zahlreichere Fremdenverkehr, den die späteren Julitage brachten, konnte Aufmerksamkeit und Komfort nicht schmälern. Nach wie vor servirte der vor Eifer hochgeröthete Kellner aufs Zierlichste die Musterprodukte des Küchenchefs (dessen sauoss §snoisos und bösroaisss gleich neben der großen Montblanctour ehrenvolle Erwähnung verdienen), nach wie vor fand der Oberkellner Zeit, uns die vkroniyus uwntaniers mitzutheilen, vor Allem die Geschichte der tollkühnen Engländerin, die am 9. Januar den Montblanc bestieg, und die „den Herrn» der ihr dabei geholfen", ihren Führer, zum Dank heirathete. LIIv a trouvö sov wari ä 1a. xoints ä'uns a,i§uills, meinte mein Tischnachbar, und schlug vor, 14,000 Fuß über dem Meeresspiegel für ähnliche „hoch" angelegte Naturen ein Heirathsbureau anzulegen. Ob dasselbe trotz der statistisch nachgewiesenen Eheverminderungen fleißigen Zuspruch hätte? Ich glaube, die Meisten (auch wenn sie ihre obligate Hälfte noch nicht in der Niederung gefunden) würden dennoch vorziehen, sich mit minder halsbrechenden Exkur- ' sionen zu begnügen, die Flejsre, den Montanvert hinaufzureiten, die Gorge de Diosaz, eine der — unbedeutendsten Schluchten der schluchtenreichen Schweiz zu erklimmen und dann die Heimreise nach Genf anzutreten. Der Weg von Chamonix nach Genf ist, sobald die Montblancketts dem Auge entschwindet, mehr lieblich als wildromantisch, er bildet den Uebergang von schroffer Natur zu zahmer Civilisation. Nach wenigen Stunden raschen Abwärtsfahrens folgt Dorf auf Dorf, bis die Räder wieder auf Asphalt rollen, erleuchtete Laden, glänzende Cafs's, klingende Tramways die Nähe der Großstadt verkünden» Dem stadtentwöhnten Auge macht Genf einen imposanten Eindruck» Die Pracht' vollen Brücken, Quais und Boulevards, die luxuriösen Schaufenster, grünen Parks und aristokratischen Stadtviertel erinnern an Paris. Die Beschreibung seines HauptreizeS jedoch, der in dem Kontrast der großartigen Bergumrahmung zur städtischen Eleganz beruht, muß ich dem Bädeker überlassen. Für uns lüftete sich keinen Moment der dichte Nebelschleier, der das Gebirge verhüllte — nur das Denkmal des Herzogs von Braunschweig, von einem Theil der geerbten Millionen erbaut und jedem Kuchenbäcker alS Modell empfohlen, wurde in seiner ganzen Geschmacklosigkeit sichtbar. Allerorten sind unter dem goldenen Regen der wunderlichen Erbschaft Früchte der Kunst, des Luxus aufgeblüht (am schönsten in dßn üppig vergoldeten Foyers des neuen Theaters). Nur > Schade, daß man versäumt hat, einen kleinen Theil derselben zu einem Fond für verunglückte Reisende zu verwenden, die ungewarnt ins Hotel de BergueS gerathen, wo nicht einmal die Luft gratis gereicht zu werden scheint, denn jede Stunde Aufenthalt kostet durchschnittlich zwei Francs. In der Stadt der Philosophen setzt man sich über solche Bagatelle allerdings mit philosophischer Ruhe hinweg, sollte jedoch diese Idee Anklang finden und die 80 Millionäre Genfs (siehe Bädeker) sich entschließen, für Reisend^ die es erst werden wollen, ein kostenfreies Asyl zu gründen, so wird es gewiß nicht an hilfsbereiten Seelen fehlen, um einer hohen Obrigkeit zu diesem Zweck die passendsten Vorschläge zu unterbreiten. (Deutsches Montagsblatt.) M i s e e l l e n. (Oesterreichisch.) Als Kaiser Franz von Oesterreich bei seinem Hinübergange in die andere Welt im Paradiese wieder ankam, stand der selige Kaiser Joseph an der Pforte, um seinen Nachkommen zu bewillkommnen. Zu seinem Schrecken bemerkte er, daß Franz voller Staub und Schmutz war. „Um Gotteswillen Franzel," redete er ihn an, „wie siehst d'aus, so kannst halt nit vor'm lieben Herrgott erscheinen." — „Ja, lieber Seppel," erwiderte Franz, „da haben sie mich halt in dem Wien nach meinem Tod noch eine ganzi Zeit lang auf einem Paradebett aufgestellt, und da sein halt all' die guten Wiener kommen und haben mi no einmal besehe, und da haben sie einen solchen Staub gemacht, daß i bald erstickt bin." — „Na, weißt was Franzel," sagte Kaiser Joseph, „da geh' halt durch die Allee an der linken Seit', da wirst Napoleon finden, der wird wohl so gut sein, und di halt mal wieder ausklopfen." (Auch ein Toast.) Ein Graf beging das Wiegenfest seiner Tochter auf seinem Gute. Der Schulmeister war mit seiner Schuljugend unten im Zimmer aufgestellt, mit der Weisung, daß er, so wie er die Glaser klingen hörte, mit seiner Jugend ausrufen sollte: Und unsern gnädigen Herrn auch! und unsere gnädige Frau auch! und unsern Herrn Gerichtshalter auch! Die Tafel war zu Ende, und der Bediente kam mit den Champagnergläsern, stolperte, die Gläser sielen zu Boden, und der Graf donnerte ihn an: „Hol' ihn der Teufel!" Der Schulmeister, welcher die Gläser klingen hörte, rief nun mit seiner Schuljugend aus voller Kehle: „Und unsern gnädigen Herrn auch! und unsere gnädige Frau auch! und unsern Herrn Gerichtshaltcr auch. Ein Bettler besitzt im Grunde genommen recht viel. An Immobilien: alle Heerstraßen der Erde; an Mobilien: seinen Bcttelsack und seinen weißen Stab; an Garderobestücken: eine Menge zusammengeflickter Löcher; an Pretiosen: helle Perlen in den Augenhöhlen; an Aktivkapitalien: gerechte Forderungen an Jeden, der mehr hat als er, Forderungen, die durch die besten Hypotheken, die es gibt, Menschenherzen nemlich, versichert sind; Forderungen, die in dem großen Buche, das dort oben geführt wird, eingetragen stehen, und von denen ihm mancher Heller eingeht zur Befriedigung seines einzigen Gläubigers, seines Magens. Was will ein Bettler mehr! (Schöne Ehre.) Ein Fremder kam in ein Städtchen und frug einen Bürger, wo der Schultheiß wohne. „Dort oben," sagte der Bürger, „steht der Spitzbub auf der Straße." — Nachdem der Fremde mit dem Schultheiß alles Nöthige abgesprochen hatte, frug er ihn zuletzt auch, was ihm denn sein Amt einbringe. „O weiter Nichts, als die bloße Ehre," antwortete dieser. „Das habe ich schon dort unten gehört," meinte der Fremde, „als ich nach Euch fragte." (Eine alte Flasche.) Der berühmte englische Dichter und Schauspieler Soots war einst bei einem Adeligen zu Gaste. Gegen Ende der Mahlzeit ließ derselbe eins sehr kleine Flasche Wein auftragen, deren Alter er nicht genug rühmen konnte. „Was denken Sie davon?" fragte er Soote. „Wahrhaftig," antwortete dieser, „sie ist für ihr Alter verzweifelt klein." (Beruhigung.) „Können Sie uns über den See fahren?" „Ja." — „Ist die Ueberfahrt nicht gefährlich?" „Na." — „Man sagt unL doch im Dorfe, daß erst vor acht Tagen vier Reisende ertrunken sind?" „Dös is a wahr, di sin' aber net überge- fahr'n, sondern unterwegs umg'schlag'n. (Vielversprechend.) Die kleine Elly hat vom Onkel ein Gläschen Wein erhalten, das sie gleich an die Lippen führt. Aber sie soll doch erst ihr „Ich danke" sagen. Drum fällt der Onkel ihr in den Arm mit der freundlichen Frage: „Elly, wie sagt man?" Elly (verständnißvoll zu ihm aufblickend); „Prost!" (Bedenkliche Aufforderung.) Präsident: „Die ungezogenen Geschworenen können gehen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von vr. M. tzutttcr. zur „Angslmrger Pojheitung." Nr. 13. Samstag, 14 . August 1880. Wer sich der Welt entzieht, Thut recht; nur lern' er tragen, Daß Jene, die er flieht, Auch nicht nach ihm mehr fragen. Friedrich Halm. Der Herr Daran. Novelle'von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Während seiner Erzählung hatte sich der Todtengräber scheu umgesehen, ob man ihn etwa belausche, aber sie waren Beide längst in einsame Straßen gekommen und Niemand achtete weiter auf das Paar, denn es war kurz vor Mittag und die wenigen Leute, die Ihnen begegneten, hatten keine Zeit und waren viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Der elende Schurke! Er ist also selbst vor einem solchen Verbrechen nicht zurückgeschreckt, bebte es von den wuthzitternden Lippen Enrichetta's. Seitdem die blinde Leidenschaft für den Baron erloschen, die sie zur Mörderin ihrer guten Herrin gemacht, war die Liebe zu der Fürstin von Neuem in ihrem Herzen erwacht. Nun fühlte sie erst, das Schändliche ihrer Handlung und die bitterste Reue verzehrte ihre Brust. Ja, er ist ein Schurke, denn er hat sein Versprechen nicht gchalten. Seine ewige Dankbarkeit war leere Redensart, denn sobald ich zu ihm kam und ihn um eine kleine Unterstützung bat, fertigte er mich mit einer Bagatelle ab und schließlich ließ er mich gar nicht mehr vor. Da wurde ich freilich unangenehm und ließ einige Redensarten fallen, die muß man ihm hinterbracht haben, denn als ich heut' ihn wieder besuchen will, ist der Vogel plötzlich ausgeflogen. Das sieht ihm ähnlich! hat er doch die heiligsten Eide gebrochen, die er mir geleistet, rief die Italienerin erbittert, deren Groll gegen den Verräther mit aller Heftigkeit erwachte. Was sollen wir nun thun? Ich brauche Geld, meinte der Todtengräber und sah seine Begleiterin fragend an. Zeigen wir ihn an, daß er endlich seine gerechte Strafe erhält. Und ich mit in die Tinte komme, setzte der Mann kleinlaut hinzu, der lein klares Bewußtsein völlig wieder gewonnen hatte. Nein ich danke. Wenigstens wären dann die Behörden verpflichtet, seinen jetzigen Wohnort zq ermitteln. Was habe ich davon L Denken Sie von dem Baron noch einen Pfennig zu erhalten? Gewiß, sobald er nur zurückkommt. Er wird sich nie wieder in Paris seyen laßen. Selen sie davon überzeugt» — 98 — Der Todtengräber kratzte sich mit der freien Linken hinter den Ohren. Das wäre schlimm. Ich habe mir ein kleines Grundstück gekauft, denn ich will mich zur Ruhe setzen und brauche 10,000 Francs. Ich muß also sehen, daß ich den Baron entdecke. Und wie wollen Sie dies anfangen? Deutschland ist groß, Sie können viele Tausende wegwerfen, eh' Sie ihn finden. Deutschland ist groß, wiederholte die Italienerin, und glauben Sie wirklich, daß er dorthin abgereist ist? Wenn man uns jetzt sagt, daß er nach Deutschland gegangen, dürfen wir überzeugt sein, daß er eine ganz andere Richtung eingeschlagen hat. Sie wissen noch nicht, wie ungeheuer schlau dieser Mensch zu Werke geht. Ich weiß es doch, entgegnete der Todtengräber und ließ niedergeschlagen den Kopf sinken. Nun dann werden Sie mir auch glauben, daß Sie von Bloomhaus nie mehr einen Franc erhalten. Da können Sie wohl Recht haben, aber dann sitz' ich gründlich in der Patsche. Haben Sie schon Ihre Stelle aufgegeben? Ja, war die Antwort. Ich hatte seit jener abscheulichen Geschichte gar keine Ruhe mehr. Wenn ich an der Stelle vorbeikam, wo jetzt die Frau Baronin lag, war es mir immer, als hörte ich hinter mir flüstern: Du nichtswürdiger Schurke, hast mir meinen Frieden genommen. Ich konnt's nicht länger aushalten, und nahm meinen Abschied. Kaum war ich vom Kirchhof fort, da hörte ich, daß die Gerichte die Ausgrabung einer Leiche vorgenommen und nun verlor ich vollends den Kopf. Ich mochte mich nicht weiter «rkundigen, wie die Sache eigentlich zusammenhing, aber ich schwebte täglich in Angst, es werde Alles herauskommen und man werde mich verhaften. Seitdem habe ich mir das Trinken angewöhnt, um mich ein bischen zu betäuben. Glauben Sie mir, Madame, *ch war früher ein nüchterner Mann. Was wollen Sie jetzt beginnen? Ich weiß es nicht. Ich bin durch den Schurken ganz zu Grunde gerichtet, wenn ich die 10,000 Francs nicht schaffen kann. Auf den Baron dürfen Sie nicht mehr rechnen, der wird es schon verstehen, sich kür Sie auf immer unsichtbar zu machen. Dann bin ich verloren, seufzte der Todtengräber. Ich will Ihnen einen Borschlag machen, der Sie allein retten kann, wenn Sie ihn -annehmen, sagte Enrichetta nach kurzem Besinnen. Ihr Begleiter blickte ihr überrascht und verwundert ins Antlitz, während die Italienerin mit größter Ruhe fortfuhr: Wenn Sie vor Gericht Ihre Angaben wiederholen, will ich Ihnen die 10,000 Francs auf der Stelle auszahlen. Der Franzose stieß ein kurzes Lachen aus. Sie sind sehr gütig, sagte er etwas spöttisch; aber was kann mir das Geld nützen, wenn ich ein paar Jahre sitzen muß. So schlimm dürfte es nicht werden, entgegnete Enrichetta kühl. Sie haben ja nicht gewußt, um was es sich handelt und dem Drängen des Barons nicht zu widerstehen vermocht. Ihre höchste Strafe wird vier Wochen Gefängniß sein und wenn Sie diese abgebüßt, dann sind Sie im Besitz einer großen Summe und haben Ihr Grundstück bezahlt. Sie meinen wirklich, daß ich mit vier Wochen fortkomme? fragte der Todtengräber unsicher. Kein Zweifel, war die entschiedene Antwort. Sie haben ja keinen Leichenraub Gegangen. Die Särge sind einfach vertauscht worden, das ist nur ein unbedeutendes Berbrechen, wie Sie selbst einsehen muffen. Hm, vielleicht haben Sie Recht, erwiderte ihr Begleiter nachdenklich. ES ist so, wie ich Ihnen sage, begann die Jtalienerjn von Neuem; Sie laufen tzar keine Gefahr. Diese vier Wochen Strafe sind rasch vorbei und dann sind Sie ^S^rgen, Also entschließen Sie sich rasch. Begleiten Sie mich zum Gericht. Machen — 99 — Sie Ihre Angaben der Wahrheit gemäß und ich zahle Ihnen auf der Stelle die zehntausend Francs aus. Die kleinen Augen des Todtengräbers ruhten mit sehr mißtrauischen Blicken auf der Fremden. Wer bürgt mir denn dafür, daß Sie mir die zehntausend Francs zahlen, nachdem ich mich in die Falle gebracht habe? Der Baron versprach mir auch golden? Berge und wie hat er sein Wort gehalten? Sie haben es mit keiner Betrügerin zu thun. Ich werbe mein Wort einlösen, verlassen Sie sich darauf! versicherte Enrichetta und legte zur größeren Betheuerung die Rechte auf ihre Brust, doch der Franzose war davon noch nicht überzeugt. Verzeihen Sie, Madame, sagte er mit verlegenem Lächeln, denn er wollte einer Dame gegenüber nicht ganz unhöflich sein, ich möchte Ihnen so gern glauben, aber eii; gebranntes Kind fürchtet das Feuer. Die Italienerin sann einen Augenblick nach. Nun gut, sagte sie, plötzlich stehen bleibend, es wird sich für uns Beide ein Ausweg finden lassen. Können Sie schreiben? Der Todtengräber richtete sich stolz in die Höhe. Vollkommen, wie ein Notar. In der Schule bewunderten die Lehrer meine vorzügliche Handschrift, denn Sie müssen wissen, Madame, ich habe eine ausgezeichnete Erziehung genossen. An der Wiege wurde mir nicht vorgesungen, daß ich einmal das Amt eines Todtengräbers antreten würde, denn ich bin von sehr guterFamilie; aber das Schicksal hat es anders gewollt! — und der plötzlich sehr lebhaft gewordene Mann senkte traurig den Kopf. Dann schreiben Sie auf, was Sie mir soeben mitgetheilt haben, lassen Sie Ihre Unterschrift von einem Notar beglaubigen und bringen Sie mir das Papier und ich zahle Ihnen sofort die 10,000 Francs aus. Das läßt sich weit eher hören, sagte der Todtengräber nach kurzem Sinnen. Aber halt, rief er plötzlich, es geht doch nicht. Wenn ich mit meiner Beichte zu einem Notar- gehen soll, dann bin ich schon in seinen Händen, und wenn Sie mir schließlich die 10,000 Francs doch nicht zahlen? ^ Ach, braucht denn der Notar den Inhalt des Papiers zu kennen, unterbrach ihn Enrichetta sogleich. Der Mann hat ja blos nöthig, Ihre Unterschrift zu beglaubigen, das genügt. Sie haben Recht, Madame, entgegnete der Franzose. Ich sehe schon, daß Sie weit klüger find als ich. Und Sie meinen wirklich, daß ich mit vier Woochen fortkomme? Keine Frage, erwiderte die Italienerin mit großer Entschiedenheit. Vielleicht genügen schon vierzehn Tage, und bedenken Sie, daß Sie auf diese Weise aus aller Verlegenheit sind. Was haben dagegen vierzehn Tage oder vier Wochen zu bedeuten? Das ist wahr, so rasch kann ich mir eine solche Summe nicht verdienen, besonders jetzt, seitdem mir der Baron doch entwischt ist. i Es bleibt also bei unserer Abrede. Ich erwarte Sie morgen und Enrichetta nannte ihm ihre Wohnung und bat den Mann zugleich um seine Adresse. Er zögerte noch einen Augenblick, dann erfüllte er ihren Wunsch. Ich heiße Richard Mineur und wohne jetzt in Pantin, Gartenstraße Nr. 5. Nun gut, Sie erhalten sofort Ihre 10,000 Francs, sobald Sie mir die Anzeige bringen. Verlassen Sie sich darauf. Ich will ewig verdammt sein, wenn ich mein Wort nicht halte, setzte sie hinzu und reichte ihm die Rechte. Beide schüttelten sich die Hände und trennten sich dann. (Fortsetzung folgt.) Wittelsbacher Jubiläumsfeier aus dem Burgplatz zu Obermittelsbach. Wer wäre nicht gerne da, wo jugendlicher Frohsinn unter väterlicher Leitung die schönsten Blüthen entfaltet? D'rum auf und nach dem Bahnhof! So mag sich am 5. August dieses gnadenreichen Jahres manch' Augsburger gedacht haben, und eS war neben den circa 650 Studierenden der kgl. Studienanstalt St. Stephan ein stattlich Häuflein, das sich zur fröhlichen Fahrt am Bahnhöfe in Augsburg eingefünden, um das 700jührige Jubiläum des Wittelsbacher Hauses zu feiern, wo dessen unscheinbare Wiege gestanden. Schon wartet das Dampfroß, das heute ein festlich Kleid angelegt, stolz das bayerische Wappen trägt und gar schön anzusehen ist mit seinen grünen Kränzen und weiß-blauen Fähnchen. Die Einparquirung geht musterhaft von statten und ein schriller Pfiff, da fährt der lange Zug hinaus in den hellen Sommertag, in die schöne Gottes- Welt. Bald verschwinden die Häuser und Thürme der alten Reichsstadt, donnernd braust der Zug über die Lechbrücke und wir sind in Altbayern. Im hellen Sonnenschein lächelt das alte Friedberg mit seinen trotzigen Mauern und Basteien hernieder, doch immer weiter rast der entfesselte Zug hinein in's liebliche Paarthal und nach nicht ganz dreiviertel Stunden liegt das grünumrahmte ehrwürdige Aichach vor uns. Der Zug hält. Auf dem Perron stehen zahlreich die Einwohner des Städtchens, an ihrer Spitze der Bezirksamtmann und der Stadtpfarrer zur Begrüßung anwesend. Schnell formiren sich die Schüler in Sechserreihen und nun wird stramm mit klingendem Spiel — die Anstalt hat eigene Capelle — und wehenden Fahnen durch das freundliche Städtchen gezogen. Stehlen wir uns ein wenig weg und besehen uns den altehrwürdigen Ort. Aichach ist so ziemlich regelmäßig gebaut, hat eine hübsche Hauptstraße, deren Pflaster gut absticht von dem der frequentesten Straßen Augsburgs, weist ganz nette Häuser und namentlich zwei hübsche Thore auf. Die Pfarrkirche darf die Gemeinde ihren Stolz nennen. Sie ist rein gothisch und dreischisfig, hat sehr schöne Altäre, nur dürfte der Hochaltar durch einen stylgerechten ersetzt werden. Aichach macht auf den Besucher den Eindruck der Wohlhabenheit, und doch find manch' harte Stürme durch seine Thore gebraust. Aichach ist sehr alt, denn schon im Jahre 1126 befestigte Pfalzgraf Otto IV. von Wittelsbach die Stadt. Weiters ließ Ludwig der Gebnrtete in: Jahre 1418 umfassende Befestigungsarbeiten machen, ^.nno 1632 wurde Aichach durch den schwedischen Fcldmarschall Gustav Horn erobert, anno 1633 durch den kaiserlichen General Altringer aber ihnen wieder entrissen. Am 11. April nämlichen Jahres wurde die Stadt von den Schweden wieder erobert, geplündert und zum Theile niedergebrannt, ^.nno 1634 den 14. Juni ergab sich die Besatzung und Bürgerschaft mit Accord an den zum Entsetze der Stadt herbeigeeilten bayerischen General Johann von Werth, ^.rmo 1634 den 24. Juni wurde Aichach von dem schwedischen General Gustav Horn neuerdings belagert und in einen Schutthaufen verwandelt. Weiter wirkte noch während des spanischen Erbfolgekrieges das Brandunglück vom 10. August 1704 empfindlich, auch der östereichische Erbfolgekrieg und die französischen Feldzüge haben der Stadt manche harte Wunde geschlagen und nur langsam erholte sich die vielgeprüfte. Doch lassen wir die trüben Bilder der Vergangenheit und verlassen wir die von saftigen, grünen Wiesen umgürtete, von der Paar umschlängelte Stadt und hinaus zur Wiege der Wittelsbacher! Gleich außerhalb der Stadt zweigt sich der Weg nach Oberwittelsbach von der Landstraße ab, ein auf einem kleinen Sockel sitzender Löwe, mit dem bayrischen Wappen in den Pranken, zeigt uns den Weg. Nun geht's den sanft ansteigenden Hügel hinauf durch golden wogende Aehrenfelder. Blickt sich der Wanderer, oben am Saume des Waldes angelangt, noch einmal um, so thut sich ihm ein reizendes Panorama auf. Das liebliche, grüne Paarthal liegt zu unsern Füßen, eingerahmt von den dunklen Wäldern, die sich allmählig in blauer Ferne verlieren. Manch blühendes Dörfchen ist zu sehen, manch' stattlicher Kirchthurm ragt in die reine Sommerluft hinein. Und nun sei gegrüßt du schöner Tannenwald, der du das ersehnte Ziel birgst, der du schirmend mit deinen Armen die Stätte umfangen hältst, die jedem Bayer heilig ist. Wenige Minuten, und der altersgraue Thurm der Kirche von Oberwittelsbach grüßt durch den grünen Schlag. Wir find auf dem großen Rasenplatze, auf dem das bayrische Volk ein schlichtes, aber schönes Nationaldenkmal feinem erlauchten Fürstenhause errichtet. Sonst mag der 101 Platz wohl recht einsam sein und nur Finkenschlag und Falkenschrei die heilige Stille unterbrechen, aber heute ist es anders. Hoch aufjauchzend begrüßt die den Hügel hinan- klimmende Studentenschaar den heiligen Boden, wo einst ein hoher König (Max II. am 9 . September 1857) die Worte sprach: „Also hier stehe ich auf dem Boden meiner Ahnen." Alles gruppirt sich um das sit altdeutschem Style (im achten Regierungsjahre König Ludwig I.) ausgeführte Denkmal. Ernst und getragen erklingt mit frischen Stimmen „Gott mit dir du Land der Bayern!" Und nun betritt eine stattliche Gestalt im schwarzen Habit die Stufen des Monuments und ob auch die Haare schneeig gebleicht sind, nach langjähriger, mühevoller Arbeit, heute strahlt das edle Antlitz jugendfrisch und ebenso jugendfrisch erklingt die Stimme, die da preist der Wittelsbacher Ruhm. Es ist Herr Rektor ?. Thomas Krämer, der begeistert zu seinen Schülern spricht. Er greift zurück auf die Zeit, wo die Stätte, aus der sie stünden, von stolzen in das Land hineinschauenden Thürmen mit mächtigen Zinnen und gewaltigen Ringmauern gekrönt waren. Wie hätten die damaligen Burgherren in ihren kühnsten Träumen erhoffen dürfen, was ihren erlauchten Enkeln die Zukunft erbrachte, das sei der Segen edlen Strebens, Segen für das erhabene Wittelsbacher Haus und Segen für Millionen Unterthanen, die das Glück haben, mit diesem Hause durch Liebe und Treue und Dankbarkeit festverwachsen zu sein, wie die Wurzeln der 700jährigen Eiche. Und voller und Heller hat wohl noch nie ein Hoch aus Herzen geklungen, wie das der begeisterten Schaar da d'roben auf dem Burgplatze von Oberwittelsbach und das Echo vom Walde d'rüben klang wie Geisterchor dazwischen. Ob sie nicht segnend herunterschauten aus dem sonnigen Himmel, der sich weiß und blau in hohem Bogen über uns ausgespannt, die Geister der verblichene» Ahnen des Hauses Wittelsbach? Ja wer diese von jugendlicher Begeisterung glühenden Gesichter gesehen, der mußte sich sagen: „Noch blüht die Liebe des Bayernvolkes zum Fürstcnhause bis in die fernsten Geschlechter." Dank den ehrwürdigen Vatern von St» Stephan, die ihren Söhnen auch Vaterlandsliebe einzuimpfen wissen. Nach Absingung der Nationalhymne bewegte sich der Zug auf den Festplatz im Walde, wo durch die Liebenswürdigkeit des Freiherrn von Beck, von Kühbach für 12 hundert Personen Tische und Bänke geschlagen waren. Viele lagerten sich in kühlen Moos, denn Hunderte von Männern, die bei St. Stephan an der reichen Wissensquelle getrunken, hatten sich mit Familien eingefunden, wenige Stunden zu träumen, „wieder Student zu sein." Nachdem der Wald im Lied begrüßt war („Wer hat dich du schöner Wald"), tönte manch frischer Cantus, der die alten Burschenherrlichkeit heraufbeschwor, durch die grünen Tannen. Am Schlüsse sprach Herr Medizinalrath Dr. Bauer Namens sämmtlicher Festtheilnehmer den Veranstaltern des Festes herzlichsten Dank aus, in welchen die Anwesenden mit einem Hoch freudig einstimmten. Leider allzufrüh wurde aufgebrochen und mit frohem Jubel wurde Abschied genommen von der ehrwürdigen Stätte. Noch ein letzter Blick auf die bereits von Dämmerung umschleierte Kirche und wieder geht's durch den Wald hinab nach Aichach. Uns sei aber zuvor noch gestattet, einen Blick in das Kirchlcin zu werfen, das aus der ehemaligen Burgkapelle entstanden ist. Der hohe Sattelthurm, von dem aus man eine herrliche Aussicht bis hinüber nach München, zum hl. Berg Andechs und anderseits bis Neuburg a. D. genießt, ist der einzige Ueberrest der alten Burg. Die Kirche ist im gothischen Style erbaut, die drei Altäre gehören jedoch einer späteren Zeitperiode an. Im Presbyterium befinden sich an den Seiten- wänden ein paar gute alte Bilder. Beim Aufgang zur Emporkirche ist ein Bild der alten Burg an der Thür befestigt, ganz im Hintergründe gibt ein gutes Bild, jedenfalls aus späterer Zeit stammend, Andeutungen über die Entstehung der Kirche. Doch eilen wir dem Zuge nach. Wir sind wieder in Aichach. Mit klingendem Spiel wird durch die Straßen paradirt zum Bahnhöfe, wo der Extrazug unser wartet. Vom Kirchthurm zu Aichach tönt voll und feierlich die Abendglocke herüber. Schon glitzern einzelne Sternchen am dunkeln Nachthimmel, der Zug setzt sich in Bewegung und hineingeht's in die schöne Sommernacht. — Es ist über 9 Uhr, als der Zug in den Augsburger Bahnhof einfährt. Es war ein Tag des Herrn da oben auf dem sonnigen, waldbegrenzten Burg- Plätze von Oberwittelsbach und der Tag wird fortleben in der Erinnerung; der Samen, der dort in die empfänglichen, Herzen gefallen, wird wachsen und immer fester wird wurzeln die Liebe und Treue zu unserm angestammten Fürstenhause „Wittelsbach." A. Planer. , Der Barometer, -er Wind un- -er Thermometer als Wetteranzelger. Der Barometer hat eigentlich nur die Bestimmung, den Druck der Luft anzuzeigen und in Folge davon als Höhenmesser zu diene». Da sich indeß der Druck der Luft bei bevorstehenden! feuchten oder trockenen Wetter vermindert oder verstärkt, so läßt sich bis auf einen gewissen Grad sein Werth für Vorausbestimmung der Witterung nicht in Abrede stellen. Es gibt in dieser Beziehung gewisse Regeln, die ein Resultat der Beobachtung und Erfahrung sind und wir glauben deshalb, daß deren Mittheilung für unsere Leser nicht ohne Interesse sein dürfte. Vor Allem ist es nothwendig, zu wissen, daß die Anzeigen des Barometers jedesmal unzuverlässig sind, wenn gleichzeitig zwei Luftströmungen herrschen; eine in der Höhe, die andere in der Nähe der Erde. So, wenn z. B. zwei Winde herrschen, der eine aus Norden in den unteren Schichten der Atmosphäre, der andere aus Süden in der oberen Schichte, so kann der Barometer sehr tief stehen, ohne daß es regnet und umgekehrt, wenn der Wind in den unteren Regionen aus Süden und in den oberen aus Norden weht, so kann der Barometer sehr hoch stehen und doch Regen stattfinden. Stets muß man auch berücksichtigen, daß selbst wenn es regnet, der Barometer bei Nordwind in der Regel hoch steht. Er wird dann gewöhnlich nicht eher fallen, als bis sich der Wind. nach Süden dreht, ausgenommen den Fall, wenn, wie eben erwähnt, zwei entgegengesetzte Luftströmungen herrschen. Wenn im Winter der Wind aus Osten oder Südosten weht, so steht der Barometer gewöhnlich sehr hoch und wenn er auf dieser Höhe stehen bleibt, und der Wind sich nicht ändert, so kann man eine länger anhaltende Kälte erwarten. Wenn Gewitter sich am westlichen Himmel sammeln, so steht der Barometer stets niedrig, und wenn er dann weiter bis auf seinen niedrigsten Stand herabgeht, so wird der Sturm sehr heftig und der Regen stark und anhaltend sein. Wenn während eines Gewitters oder heftigen Regens der Barometer wieder steigt, so wird es bald wieder schön. Wenn wahrend schönem Wetter der Barometer fortwährend fällt, und dieses schöne Wetter dessenungeachtet den Anschein längerer Andauer hat, so darf man sich dadurch nicht täuschen lassen; es ist im Gegentheil sehr wahrscheinlich, daß binnen Kurzem viel Regen fallen, und daß, wenn der Wind aus Südwesten weht, ein Gewitter oder Sturm bevorsteht. Bei sehr heißer Witterung zeigt das Fallen des Barometers Donner und fernes Gewitter und wenn das Fallen .sehr rasch und stark ist, ein nahes Gewitter an. Wenn im Winter der Wind aus Westen weht und es dabei gefriert, so zeigt das Fallen des Barometers fast immer Schnee an. Wenn zur Zeit eines Gewitters oder Donners der Barometer sich nur ein wenig ändert, so muß man den Wind beobachten Die Gewitter ziehen fast immer von der dem Wind entgegengesetzten Seite auf. Wenn, nachdem ein Gewitter vorüber ist, der Wind sich nicht ändert oder wenn er, nachdem er sich verändert hat, wieder seine frühere Richtung annimmt, so wird das schöne Wetter zurückkehren. Wenn aber während oder nach einem Gewitter sich der Wind nach Westen dreht und sich dort erhält, während der Barometer fällt, so wird für einige Tage schlechtes Wetter eintreten» Der Westwind ist indeß nicht immer mit Regen verknüpft; er ist es vielmehr na* dann, wenn der Barometer gefallen ist. Hält er sich dagegen hoch, so dauert vielmehr das schöne Wetter an, trotz der Wolken, die der Westwind stets herbeiführt. Der reine Südwind bringt gewöhnlich keinen dauernden Regen, obschon der Barometer bei Beginn der südlichen Windrichtung fällt. Dauert aber dieses Fallen fort, so wird der Wind wahrscheinlich bald nach Westen übergehen und Regen eintreten. Wenn dagegen der Barometer ein wenig steigt, während der Wind aus Süden weht, so ist es wahrscheinlich, daß er sich nach Osten wenden und baß schönes Wetter eintreten wird. Eine vollständige Windstille geht gewöhnlich einer Witterungsänderung voraus. In diesem Falle zeigt das Steigen oder Fallen des Barometers die bevorstehende Witterung an. Wenn während des Regens der Barometer fortfährt zu fallen, so wird der Regen anhalten und nicht eher aufhören, als bis sich der Wind ändert. Wenn während schönem Wetter der Barometer steigt, so wird es so lange schön bleiben, bis der Wind eine andere Richtung annimmt. Wenn im Winter Ostwind herrscht, so zeigt das Steigen des Barometers Kälte in. Wenn er zu steigen fortfährt, so ist dies ein Zeichen stärkerer Kälte; wenn er dagegen füllt, so wird sie nicht von Dauer sein, sondern wahrscheinlich Schnee fallen. Wenn während starker Hitze der Barometer steigt oder seinen hohen Stand nicht verändert, so folgen auf die Hitze weder Gewitter noch Regen, wenn er dagegen fällt, so ist schlechtes Wetter zu erwarten. Wenn im Monat Juli der Barometer etwas steigt und die Luft ein wenig ruhig ist, so soll man keine Zeit verlieren, die Feldfrüchte einzubringen, denn wenn sich der Wind erhebe, so würde er Wolken Hertreiben, der Barometer würde fallen und Regen eintreten. Dies wäre nur dann nicht zu fürchten, wenn der Wind aus Osten wehte und die Luft ein wenig kühl wäre. Schnelle, häufige und bedeutende Barometerveränderungen zeigen veränderliche Witterung an; langsame und fortgesetzte Veränderungen sichern die Dauer desjenigen Wetters, das sie anzeigen. Wenn der Barometer des Nachts und nicht bei Tag steigt, so ist ein sicheres Zeichen von schönem Wetter. Wenn sich der Stand des Thermometers gleich bleibt, während der Barometer fällt, so regnet es. Wenn der Barometer und der Thermometer zugleich wesentlich fallen, so ist in der Regel viel Regen zu erwarten. Wenn dagegen beide zugleich wesentlich steigen, so ist es ein Zeichen von schönem Wetter. (Fundgr.) Nach dem Gewitter. Noch eben Donnergerolle In flammender Wolkenschlacht. Und nun die zanbcrvolle Selige Stille der Nacht. Es flohen die Ruhestörer Des Tages vor ihr hin Wie die besiegten Empörer Nor ihrer Königin. Hell schwimmt im Wasserspiegel Der ganze Himmesdom, Es drückt sein Sternenfiegel Der Himmel auf den Strom. Nur matt vom Himmelssauine .Leuchtet's noch ab und zu, Wie sich der Geist im Traume Noch regt in Schlafesruh'. Fr. v. Bodenstedt. Miseellen. Ueber die Bedeutung des farbigen Lichtes für das gesunde und kranke Auge theilt „Böttcher's Polytech. Notizblatt" aus dem mit obigem Titel versehenen Werkchen von Dr. Magnus Folgendes mit: Die Ergebnisse dieser Arbeit sind insofern von Bedeutung und beachtenswerth, als aus ihnen hervorgeht, daß die gegenwärtig noch allgemein verbreitete Licht-Therapie, welche bei allen Erkrankungen des Auges (welchen Charakter dieselben auch immer haben mögen) nur eine Lichtsorte, nämlich das blaue Licht, als geeignet und heilsam erachtet, doch nicht wissenschaftlich so fest begründet ist, wie man dies bisher annahm, vielmehr einer sehr ernstlichen und gründlichen wissenschaftlichen Reform dringend bedarf. Die Resultate, zu denen Dr. Magnus im Laufe seiner Untersuchung gelangt ist, führen im Allgemeinen dahin, daß das erkrankte Auge in keiner einzigen Lichtsorte den erforderlichen Schutz, die nothwendige Schonung findet, daß namentlich die wenigstens bei uns in Deutschland noch sehr verbreitete Anwendung des blauen Lichtes als Schutzmittel des erkrankten Auges in Wahrheit durchaus nicht im Stande ist, das Auge wirklich gegen alle Reizmomente des Lichtes zu schützen. Wendet man daher blaue Brillengläser als Schutzmittel des erkrankten Auges an, so wird man allerlei, unangenehme und störende Wirkungen beobachten können, welche lediglich auf Rechnung einer reizenden Eigenschaft des blauen Lichtes zu schreiben sind. Die Kranken klagen bei dieser Behandlung über Blendungserscheinungen, Schmerzen und Drücken der Augen bei hellerer Beleuchtung rc., alles Erscheinungen, welche bei Vermeidung des blauen Lichtes sofort zu verschwinden pflegen. Als vollkommensten und durchaus befriedigenden Schutz gegen das allzu stark reizende Licht bezeichnet Dr. Magnus schließlich eine durch graue (sogenannte Rauch-) Gläser erzielte Beleuchtung. Er hat diese Gläser experimentell geprüft und gefunden, daß sie in gleicher Weise, sowohl die Quantität als die Qualität des Lichtes Herabstimmen, also dem Auge gegen alle im Licht liegenden Reizmomente in gleicher Weise Schutz gewähren. (Oxford.) Der junge, geistreiche und witzige Fürst von P. ward eines Morgens von seinem General-Adjutanten um die Tagesparole ersucht. „Was gibt's Neues heute?" fragte der Fürst. — „Nichts Ew. Durchlaucht," lautete die Antwort, „als daß der Prinz von H. diesen Morgen abgereist ist." (Der Prinz von H. war wegen seiner Arroganz und Stupidität ein Gespött des Hofes.) — „Nehmen Sie zur Parole Oxford," erwiderte rasch der Fürst. „Meister Bader," sagte ein Bauer zu seinem Barbier, „das Getreide ist ja jetzt so wohlfeil, Ihr könntet mich nun wohl auch um den halben Preis rasiren!" — „Kann nicht sein, Meister Speck," versetzte der Bader, „ich sollte sogar jetzt den doppelten Preis bekommen, denn wenn das Korn so tief im Preise steht, machen die Bauern so lange Gesichter, daß ich zweimal so viel Fläche abschaben muß." (Rücklings gesessen.) Ein junger Oesterreicher machte mit seinen Eltern eins Reise nach Rom und Neapel. Nach seiner Zurückkunft wurde er in einer Gesellschaft aufgefordert, Etwas von seinen Reisen zu erzählen, allein er erwiderte: „Halten's zn Gnaden, das kann i nit." — „Und warum nicht?" fragte man. „Ja schaun's, i hab Halter rücklings g'sefsen, un da hab i gar nix g'seh'n." Buchstabenrebus. 8 s Ns genug dem Schwachen anfznhelsen, Auch stutzen muß man ihn. Shakspeare. Timon vvn*Athen A- I. 1. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Zweiter Theil. I. Auf dem Schloß Bloomhaus herrschte heute ein ungewöhnliches Leben. Der gnädige Herr war freilich im fernen Süden plötzlich verstorben, aber seine hinterlassene Wittwe hatte angezeigt, daß sie am heutigen Tage auf ihrer Besitzung eintreffen und dann für immer hier ihren Wohnsitz nehmen werde. Die Freude darüber war allgemein, denn vor mehreren Jahren war der Herr Baron auf Reisen gegangen, um sich nie wieder in seiner Heimath sehen zu lassen. Erhalte nur seine Renten eingefordert, die man bald hier, bald dahin senden mußte. .Nun war der Herr Baron ganz unerwartet in Italien gestorben und die Dienerschaft, die wirklich noch mit großer Treue an ihrem Herrn hing, empfand darüber die aufrichtigste Trauer, die jetzt durch die erwartete Ankunft der Frau Baronin ein wenig gedämpft wurde. Man war höchst neugierig, wie die künftige Herrin wohl aussehen und welches Regiment sie auf Bloomhaus führen würde? Iwan hatte freilich schon über die Eigenschaften der Frau Baronin die aufgeregten Gemüther ein wenig beruhigt, aber man bestürmte ihn immer wieder von Neuem mit Fragen über die schlechten und guten Eigenschaften der gnädigen Frau, denn er war der Einzige, der darüber Auskunft geben konnte, weil er allein die Frau Baronin kannte. Als Baron Bloomhaus damals auf Reisen ging, hatte er nur seinen Iwan mitgenommen, der sein volles Vertrauen besaß und auf dessen Umsicht und Gewandtheit er sich verlassen konnte. Iwan war ein geborener Russe und zeigte die ganze Geschmeidigkeit eines Slaven. Der Baron hatte den jungen, ungewöhnlich aufgeweckten Burschen rasch lieb gewonnen und zog ihn allen seinen übrigen Dienern vor. Kein Wunder, daß der junge hübsche Mensch von den Leuten des Barons gehaßt wurde. Man hatte ihm auch nicht das Glück und die Ehre gegönnt, den gnädigen Herrn zu begleiten; aber der Baron war nun einmal für den Burschen sehr eingenommen und so mußten sich die zurückgebliebenen in ihr Schicksal finden. . Vor einigen Tagen war Iwan plötzlich auf dem Schlosse angekommen, um die Ankunft der neuen Herrin zu melden und alles für ihren Empfang vorzubereiten. Da blieb den anderen Leuten des Barons nichts weiter übrig, als freundlich gegen den ! Menschen zu sein, wenn sie schon jetzt etwas über die neue Herrin erfahren wollten. f Es ist also eine Französin? fragte der Kutscher von Neuem, indem er eifrig an i dem Wagen weiter wusch, mit dem er die Baronin vom Bahnhöfe abhole» sollte. - Natürlich! Ich hab' Dir's ja schon hundertmal gesagt, entgegnete Iwan ein wenig ' verdrießlich. ^ - Ach, du mein Himmel, die wird uns schön aufspielen! rief ein alter Diener, der ^ müßig uMherstand, und dem Kutscher ruhig zusah. Wenn es noch wenigstens eine Deutsche wäre, die sind gutmüthiger; aber eine Französin! Als ich vor zwanzig Jahren s ist Petersburg war — ^ Wir wissen schon, da dientest Du bei einer Gräfin, die auch eine Französin war. Ach, du mein Himmel, wie hat die uns maldräthieret — so heißt's ja wohl? Aber unsere gnädige Baronin soll gutmüthig sein. Du hast es uns wenigstens s versprochen Iwan, meinte der Kutscher. ' Ich verspreche Euch, daß Ihr noch niemals eine so schöne, kluge Herrin gehabt, f wie unsere gnädige Frau, entgegnete Iwan mit großer Zuversicht. ! Wir wollen es sehr wünschen, sagte der alte Diener, denn die Weiber — da hat > man Beispiele. Du alter Junggeselle kannst ja nicht über die Frauen sprechen, entgegnete Iwan ^ lachend. ! Ach, du mein Himmel, ich kenne sie schon, seufzte der Alte, und erhob wie anklagend die Hände. Geh' lieber an Deine Arbeit, sagte Iwan in förmlich befehlendem Tone. Johann muß in der halben Stunde anspannen und drinnen ist noch viel zu thun. . Du hast mir gar nichts zu befehlen, murrte der Alte und blieb trotzig mit unter- f geschlagenen Armen stehen. t Das hübsche Gesicht Jwan's röthete sich vor Zorn, er ballte die Faust und schien ^ nicht abgeneigt, den störrischen Alten für seine Frechheit augenblicklich zu züchtigen; aber k er besann sich noch und bemerkte ruhig: Wenn Du glaubst, daß Du fortan wirft müßig f gehen können, weil nun eine Frau hier herrscht, so irrst Du Dich sehr. s Hast Dich wohl bei der Baronin schon recht einschmarotzt, daß Du hier beinahe ^ j>en Herrn spielen willst? sagte der Alte trocken, den die Drohung des Andern wenig s einschüchterte. Ach, du mein Himmel, warum mußte unser guter, junger Herr sterben, r denn das Weiberregiment taugt niemals was. ^ Iwan drehte ihm zornig den Rücken und kehrte rasch in das Schloß zurück, um i' nicht den uunützen Streit mit dem starrköpfigen Alten fortzusetzen. ^ Von dem Grünschnabel laß ich mir nicht befehlen, brummte ihm der Bediente nach, s trotzdem ihm der vorsichtige Kutscher abmahnend zuwinkte. Das hättest Du nicht thun sollen, August, sagte er mit bedenklicher Miene. Ach was, vor dem fürcht' ich mich noch lange nicht. Ich bin ja weit älter und so ein unreifer Bursche hat mir gar nichts zu sagen. ^ Aber Iwan ist mit der Baronin gereist und gewiß bei ihr gut angeschrieben. ! Gib' Acht, er wird Dir's gedenken, daß Du heut so grob zu ihm warst. ^ Was kann der mir anhaben. Er ist ja nichts mehr als ich selber, meinte der > Bediente. Johann war anderer Meinung, aber er schwieg, denn er wußte doch, daß sich der starrköpfige Alte nicht belehren ließ. Ohne sich in weitere Erörterungen einzulassen, ; putzte er noch eifriger an dem Wagen herum. t Warum beeilst Du Dich so? fragte August. Es ist ggr nicht ängstlich. Hast Du nicht gehört, daß ich in einer halben Stunde anspannen soll? Na, der Grünspecht hat Dir doch nichts zu befehlen, der ist ja nicht unser Baron, f Aber er muß doch wissen, wann ich die gnädige Frau abholen soll. 107 Die hätte gar nicht nöthig gehabt- so einen aufgeblasenen Burschen vorauszuschicken. Sie konnte uns einfach schreiben, da hätte sie Alles in Ordnung gefunden, meinte der Alte und dampfte dabei behaglich seine Pfeife weiter. Der Kutscher ließ sich durch diesen Widerspruch nicht beirren, sondern ging mit einer Hast seinen Geschäften nach, als ob der Baron selber hinter ihm stände und ihn antrieb. Ach, du mein Himmel, brummte der Alte. Das waren früher bessere Zeiten, aber nun kommt ein Unterrock ins Schloß, nun werden wir wie die Hasen herumgehetzt werden, — und dennoch rührte er sich selbst bei diesen schrecklichen Gedanken nicht von der Stelle Auch die Gemüther aller Andern waren durch die nahe Ankunft der neuen Herrin nicht wenig in Aufregung versetzt. Man stritt lebhaft hin und her, ob es nun besser oder schlechter werden würde, und eigenthümlich genug, neigte sich die im Schlosse vorhandene weibliche Dienerschaft dieser letzten Ansicht zu, während der männliche Theil nicht ganz ohne Hoffnung war, daß nun erst ein neues Leben anfangen werde. Zur bestimmten Stunde stand der Wagen bereit; Iwan stieg mit auf den Bock und das bereits alterthümliche Gefährt rollte davon, die übrige Dienerschaft in der gespanntesten Erwartung zurücklassend. Der Kutscher war ein Leite; er mochte wohl das Schwabenalter erreicht haben, aber er stand bei seinen Kameraden trotzdem im Ruf großer Beschränktheit. Johaniv sah sehr gutmüthig und wirklich ziemlich dumm aus; er war jedoch bei Allen wegen seines Harmlosigkeit beliebt und in seinem Berufe ließ er sich nicht das Mindeste zu Schulden" kommen. Unterwegs bestürmte der Nosselenker Iwan noch mit einer Menge Fragen über die künftige Herrin, aber der Kammerdiener gab einsilbige Antworten und sagte nur: Du wirst ja die gnädige Frau bald sehen und kannst Dich dann selber überzeugen, wie sie ist. Iwan war überhaupt plötzlich ganz verändert. Im Schlöffe hatte er sich äußerst lebhaft und energisch gezeigt, Alles zum Empfang der Baronin sorgfältig angeordnet und überwacht; jetzt saß er schweigsam auf dem Bock, in Nachdenken versunken, aus dem ihn kaum die lebhaften Fragen Johann's ein wenig aufscheuchen konnten. Nach zweistündiger Fahrt war der Bahnhof erreicht. Der Kutscher mußte bei seinen Pferden bleiben und Iwan eilte in den Wartesalon. Ungeduldig wanderte der Kammerdiener darin auf und ab, von Zeit zu Zeit hinausblickend, ob noch nicht gezogen sei. Ei was Tausend, Du hier? ließ sich plötzlich hinter ihm eine scharfe Stimme vernehmen und ein hochgewachsener alter Herr legte leicht die Hand auf seine Schulter. Iwan blickte sich erschrocken um und starrte nicht ohne Bestürzung in das vornehme Gesicht des Fragers, eh' er sich zu einer raschen Antwort aufraffen konnte. Ja wohl, ja wohl/ Herr Baron, sagte er dann mit einer höflichen Verbeugung. Du erwartest wohl Deinen Herrn? Was macht mein lieber Freund Gregor Bloomhaus? Wissen Sie das noch nicht, Herr Baron, er ist todt, antwortete Iwan mit einem schweren Seufzer, der seine Anhänglichkeit an den verstorbenen Herren beweisen sollte» Ah, nicht möglich! Seit wann und wo ist er denn gestorben? Vor drei Monaten in Neapel, war die Antwort. Hm, das thut mir leid. Gregor war ein guter Kerl, ein bischen wunderlich, aber doch ein prächtiger Mensch. Da wird sich BloomhauS-Rosenberg schön freuen. Der ist plötzlich aus aller Verlegenheit und kann nun noch eine große Herrschaft verjubeln. Das wird wohl nicht möglich sein. Mein gnädiger Herr hat in: Auslande geheiratet und ich erwarte soeben die Frau Baronin. Aber der Zug muß jetzt jeden Augenblick kommen und Sie entschuldigen mich daher wohl, Herr Baron, mit diesen Worten versuchte der Kammerdiener rasch hinauszustürzen, doch der alte Herr hielt ihn energisch an: Nockärmel fest. Halt, ich begleite Dich. Ich muß doch sehen wie die Frau meines jungen Freundes aussieht, ob er einen guten Geschmack gehabt hat? Werden der Herr Baron darüber nicht den Zug verpaffen? er hält hier nur wenige Minuten. Thut nichts, ich kann warten und fahre mit dem nächsten, denn ich bin viel zu neugierig auf die Wittwe meines lieben Gregor und ohne Weiteres schloß sich der alte Herr dem Kammerdiener an und betrat mit ihm zu gleicher Zeit den Perron. Baron Grciffenthal hatte früher mit Gregor Bloomhaus viel verkehrt, obwohl ihre Besitzungen sehr weit auseinander lagen, aber für die Gutsherren in den Ostseeprovinzcn haben große Entfernungen wenig zu bedeuten und um einen Abend beim Whist oder in lustiger Unterhaltung zuzubringen, unternimmt man gern halbe Tagreiscn. Greiffcnthal wußte nur, daß sein Freund nach Italien gegangen sei, weiter hatte er nichts von ihm gehört. Zu einem Briefwechsel hatte sich keiner von ihnen aufgeschwungen. Was man inzwischen sah und erlebte, konnte ja bei dem nächsten Widersetzen mitgetheilt werden, das war weit bequemer. Obwohl der alte Baron dem Kammerdiener gegenüber die Nachricht von dem Ableben des jungen Freundes ziemlich leicht nahm, war er davon doch tief erschüttert. Der arme Gregor! Ein so prächtiger, fröhlicher und guter Mensch mußte plötzlich sterben! Warum war er aber in's Ausland gegangen! Er hatte ihm genug davon abgerathen. Was war denn dort in der Fremde zu holen und als ob es nicht in der Heimath viel schöner sei. Jetzt kam schon der Zug und störte das weitere Nachdenken des Barons, der ohnehin nicht dazu neigte. Er nahm gern in seiner heitern, jovialen Weise alle Sachen leicht und spielte unter seinen Bekannten mit Vorliebe den lachenden Philosophen. Eine junge Dame blickte aus dem Coups erster Klaffe und nickte schon von Weitem dein Kammerdiener freundlich zu, der in ruhiger, ehrfurchtsvoller Haltung seinen Gruß erwiderte. Die Dame lehnte sich noch weiter hinaus und öffnete schon den Mund, um Iwan etwas zuzurufen, da sagte dieser rasch und mit sehr lauter Stimme: Herr Baron Grciffenthal will sich die Ehre geben, seine Nachbarin, die Frau Baronin hier willkommen zu heißen und er wies dabei auf den alten Herrn, der sich vor der Fremden höflich verbeugte und sie mit seinen hellen gutmüthigen Augen schweigend einige Sekunden musterte. Er war sehr angenehm überrascht. Daß die Wittwe seines Freundes eine solche Schönheit sein würde, hatte er nicht gedacht. Diese Frau mußte eine Zierde für die ganze Nachbarschaft werden und in, Umkreise von zehn Meilen allen jungen Männern die Köpfe verdrehen. Der Baron hatte in ein so feines geistreiches Gesicht, in so prächtige, leuchtende Augen lange nicht geschaut. Und welch' reizendes, glückliches Lächeln hatte um ihre Lippen gespielt! Das war freilich jetzt verschwunden und hatte sogar einem verdrießlichen Zuge um ihren Mund Platz gemacht, es war deshalb Zeit, die Schöne durch eine freundliche Redensart zu versöhnen. Verzeihen Sie, Frau Baronin, meine Zudringlichkeit, sagte er verbindlich und trat jetzt dicht an das Coups heran, aber ich werde es immer für eine Gunst des Schicksals ansehen, daß ich der Erste bin, der das Glück hatte, Sie in ihrer neuen Heimath begrüßen zu können. Als alter Freund Ihres verstorbenen Gatten heiße ich Sie herzlich willkommen, und er reichte ihr mit freundlichem Lächeln die Hand hin. Die Baronin warf ihrem Kammerdiener heimlich einen vorwurfsvollen Blick zu, der zu sagen schien: Warum hast Du mir diesen alten Herrn mitgebracht? — und Iwan zuckle nur die Achseln, er konnte doch nicht in Gegenwart des Barons sagen, daß er daran unschuldig sei. Jetzt hatte die Baronin schon ihre Fassung und ihr bezauberndes Lächeln wiedergewonnen und die derbe große Hand des Barons mit ihren schlanken zierlichen Fingern berührend, sagte sie in französischer Sprache und mit einer Stimme, die außerordentlich 109 einschmeichelnd klang: Verzeihen Sie, mein Herr, ich verstehe noch nicht Deutsch, aber ich will mich bemühen, es zu lernen. Baron Greiffenthal bediente sich nun auch der französischen Sprache, obwohl sie ihm einige Schwierigkeiten machte: Ach, was werden Sie denn gedacht haben, daß plötzlich ein deutsch-russischer Bär so unerwartet auf Sie eindringt? Wenn alle deutsch-russischen Bären so aussehen, habe ich wenig zu fürchten l ent- gegnete die Baronin scherzend und ihre großen funkelnden Augen blitzten über den alten Herrn hinweg, der davon geschmeichelt, sein glücklichstes Lachen ausstieß. Wenn Sie mich gleich bei unserer ersten Begegnung mit solch' liebenswürdiger Schmeichelei verwöhnen wollen, dann bin ich verloren, sagte er und seine Blicke ruhten voll Entzücken auf der schlanken anmuthigen Gestalt der schönen Frau. Aber wir dürfen uns hier nicht länger aufhalten, gestatten Sie mir, Sie zu Ihrem Wagen zu begleiten — und er bot ihr mit altfränkischer Galanterie den Arm. (Fortsetzung solgt.) Girgenti. Von Alsons v. Rost Horn. Cesalü, im April 1880. Rauchende Minen und intensiver Schwefelgeruch, der die Luft erfüllt, lehren uns, daß wir den Süden Siciliens, den Sitz des Schwefelkönigs, erreicht haben. Nur wenige Stationen mehr und wir sind am Ziele unseres von Palermo aus unternommenen Ausfluges, dem einst mächtigen Akragas, jetzt elenden Orte Girgenti, angelangt. Noch herrscht Monotonie in der Landschaft, die durch keinen Baum angenehm unterbrochen wird. Ueberall ein eigenthümlicher Farbenton: Braun in Braun — fast Monochromie zu nennen. Gleichwohl muß man staunen, was die Natur mit einer einzigen Farbe zu malen vermag. Ein helleres Gelbbraun oder Rothdunkel markirt zum Theil die einsame Berg- wildniß, und die ganz merkwürdig grotesken, nur durch vulcanische Thätigkeit erklärbaren Felsbildungen, die schönen Bergsormen mit prächtigen Hebungen und Senkungen, welche das Innere Siciliens auszeichnen, treten uns entgegen, wenn wir den primitiven Bahnhof von Girgenti, die vorletzte Station jener Bahn, welche, vor wenigen Jahren vollendet, eine direkte Verbindung der Nord- und der Südküste in sechs Stunden herstellt, verlassen haben. Eine Viertelstunde scharfen Fahrens — wobei ich die in Sicilien herrschende Sitte, die steilsten Partien des Weges in Carriere zu nehmen, sowie bei Beginn von Fahrten durch heftiges Peitschengeknall, lautes Schreien und rohes Dreinschlagen auf die bedauernswerthen Pferde möglichst viel Effect hervorzurufen, nicht unerwähnt lassen will — bringt uns auf die Höhe des Camicus hinauf, jenes Berges, dessen Spitze durch Girgenti recht malerisch geschmückt wird. Welch' herrliches Bild entrollt sich dort oben unsern Augen! Die Schönheit der Landschaft mit ihrer tropisch ausgebrannten, doch üppigen Vegetation, im Hintergrund eingefaßt durch das Aegatische Meer, erklärt es sofort, wie Pindar das ehemals hier gelegene Akragas oder Agrigent als die schönste Stadt der Sterblichen besingen konnte. Doch noch haben wir nicht Zeit, die Schönheiten des Bildes im Einzelnen zu studiren. Durch einfache Gartenanlagen, die mit der Statue des für das alte Agrigent so bedeutungsvollen Philosophen, Arztes und zugleich Herrschers Empedokles geschmückt sind und einen prächtigen Ausblick auf das Meer gestatten, gelangen wir zur Stadt und durch das östliche Stadtthor, die Porta di Ponte, in die einzige fahrbare Straße derselben, die Via Atenea. Wir trachten eiligst das Hotel zu erreichen und unser Gepäck abzuladen, um, dann zurückkehrend, das Bild der Landschaft bei Sonnenuntergang mit Ruhe von einem höhern Punkte aus genießen zu können. Durch Volksmassen, durchwegs aus Männern bestehend, deren Lebensprincip das volos kur uisuts, das ewig 110 und einzig südliche Nichtsthun, zu sein scheint, durch die in Unter-Italien übliche Menge von Bettlern bahnen wir uns langsam unsern Weg. Schon zeigt sich hier deutlich jener Typus, welcher durch die eigenthümliche Gesichtsbildung, den broncefarbenen Teint und die schwarzen, krausen Haare an den der Nord-Afrikaner mahnt und uns daran erinnert, daß dieses Volk eine Misch-Race aus Spaniern, Sarazenen und Italienern ist. Doch darf man hier nicht edle Gesichtszüge erwarten, im Gegentheil ist in den Zügen fast durchwegs nur Nohheit und sittliche Grausamkeit zu lesen und die tiefe Culturstufe erkennbar, auf der sich dieses arme Volk im Gegensatze zu den meist sehr intelligenten Ober-Italienern noch befindet. Nicht bald wird man, wie ich glaube, außer in Spanien und in Griechenland, an einem Orte .eiste ähnliche Fülle von Gaunergesichtern versammelt finden, als eben in Girgenti und ähnlichen sicilianischen Kleinstädten. Nicht ein einziges Gesicht konnte mir da Vertrauen einstoßen oder eine Sympathie erregen, und einige Facta aus den letzten Jahren, namentlich der in diesem Frühjahr zur Verhandlung gelangte Proceß Catalfama, waren sehr geeignet, diesen ungünstigen Eindruck zu steigern. Desgleichen konnte ich auch unter dem' schönen Geschlecht trotz aufmerksamer Beobachtung kein einziges nur halbwegs hübsches Gesicht entdecken. Man sieht eben meist nur ganz kleine Mädchen oder altgewordene Weiber im schlechtesten oder engsten Sinne des Wortes. Jener Mädchenflor, welcher unserm Lände sowohl als unsern Städten durch sein frisches, gesundes Aussehen, die unmuthige Gestalt und sein freundliches, liebes Wesen zur Zierde gereicht, scheint hier zu fehlen. Während die Männer, eingehüllt in den wohl etwas kurzen, blauen oder dunkel gefärbten Radmantel (Capuletto genannt), der nach oben direkt in die Kapuze übergeht und nur das von der bereits afrikanischen Sonne gebräunte, meist rasirte Antlitz hervorlugen läßt, immerhin einen recht malerischen Anblick gewähren, zeichnen sich die Weiber durch kein eigenthümliches Kleidungsstück aus. Charakteristisch ist für sie wie für die Männer, nur der crasse Sicilianer-Schmutz. . Wie in den meisten sicilianischen Kleinstädten, ist allerdings die einzige Hauptstraße erträglich rein und der erste Eindruck, welchen man beim Eintritt durch dieselbe von Girgenti gewinnt, kein so schrecklicher. Doch verlange man nimmer zu schauen, was die kleinen Nebengäßchen bergen. Wenn schön die Neugierde ein einfaches Vorübergehen an diesen nicht zuläßt, so wage man sich ja nicht zu weit hinein, um nicht bald entsetzt umkehren oder sich beim weitern Vordringen mit stoischem Naturforscher-Gleichmuth wappnen zu müssen. Damen, zu deren Haupteigenschaften etwa die Neugierde gehören sollte, sind ganz entschieden vor einem solchen Wagniß zu warnen. Wir haben bald den in Italien obligaten Bummelplatz, den Corso, erreicht, biegen um eine Ecke und stehen vor dem ersten Gasthof Girgentis. Aeußerlich am besten mit einer Strafanstalt zu vergleichen und 'den andern Häusern, die meist ein-, selten zweistöckig, sich durch Gleichförmigkeit der Bauart und des Styls, durch Gleichheit der Farbe, Größe, der Dächer und durch eine große Menge von Balconen mit die Fenster ersetzenden Glasthüren auszeichnen, durchaus unähnlich, ist es innerlich ein Labyrinth, ein Gewirrs von Gängen. Während sonst der Reisende, wenn er nicht gerade sehr vielversprechend aussieht, über zahllose Stufen mit kellnerhaftem Gleichmuth aufwärts geführt zu werden pflegt, um das durch die allgemeine Stubenmädchen-Einrichtung, die infusoricnreiche Wasserflasche und die kostbaren zwei Kerzen „geschmückte" Zimmer angewiesen zu erhalten, muß man hier viele merkwürdige Treppen abwärts steigen, und zwar werden die untersten, der Tiefe nach unsern Kellerwohnungen vergleichbaren Localitäten den Gästen als die elegantesten angewiesen. Durch das Reisen in der torrg, lblies an alle Unannehmlichkeiten des Wanderlebens gewöhnt, achtet man weder auf die wohlwollende Freundlichkeit des begleitenden Jünglings, noch auf jene allüberall angebrachten Placate, welche in gedruckter Gemüthsruhe dem Fremdling andeuten, daß seine Werthsachen in dein neu acquirirten Logement wohl nicht am besten aufgehoben seien, indem sie ihm empfehlen, dieselben, falls er sie nicht durch einen Diebstahl oder Raub zu verlieren gedenke, beim Besitzer des Hotels selbst deponiren zu wollen. Man wirft einen Blick nach dem Pla- 111 fand, ob er nicht etwa, einem alten Palazzo angehörend, einzufallen drohe, überzeugt sich von der Spcrrbarkeit des Thürschlosses, besieht sich das Bett, ob es nicht, aus Holz verfertigt, eine Brutstätte des einheimischen Ungeziefers aller Art sei, und läßt, da mau mit dem Gegebenen doch zufrieden sein muß, das Gepäck herein bringen. Hat man schließlich durch sorgsame Untersuchung sich auch darüber beruhigt, daß die Koffer während des Hereintragens nicht aufgebrochen wurden, so entledigt man sich jener zu den Haupteigenthümlichkeiten Unter-Italiens gehörenden modernen Erinnpen, der „Facchini", durch Zahlen der verdoppelten Taxe mittelst eines tüchtigen Griffes in die beim praktischen Reisenden von Centesimi stets strotzende Tasche, die, wenn sie nicht deutscher Schneider- hand ihren Ursprung verdanken würde, in Folge des äußerst zweckmäßigen italienischen Kleingeldes schon längst in Fetzen gegangen wäre. „Neoo per In botti^lm" oder In duona, irmno" sind die jedem Unter-Italien Besuchenden leider nur zu wohl bekannten Worte, mit welchen man den Facchini zuvorkommen muß, will man sich nickt durch ihre unablässige Verfolgungswuth von Anfang an den Aufenthalt verbittern lassen. Endlich ist man die Bande losgeworden, die Berufenen sowie die Unberufenen, und schöpft ein wenig Athem. Man ist allein, ohne Begleitung, in Italien eine Seltenheit! Wie wohl thut da das Gefühl des Alleinseins, der Einsamkeit! Jedoch wir müssen uns aufraffen und eilen zur Stadt hinaus, um das von den letzten Strahlen der Abendsonne erleuchtete Bild der historisch so berühmten Gegend von der Höhe des Athene-Felsens (ruxs atensa), dem besten Aussichtspunkte in der Nähe Girgentis, genießen zu können. Gerade der Porta del Ponte gegenüber ist der Fels in einer starken Viertelstunde ersteigbar; der Weg führt beim ehemaligen Kapuzinerkioster S. Vito vorüber, das jetzt die Gefängnisse enthält, und windet sich durch Oliven- und Mandel-Haine hinan. Auf der Spitze befindet sich eine ziemlich große Abplattung, wo ehedem ein Tempel der Pallas Athene gestanden haben soll. Von dieser hat man die herrlichsten Ausblicke nach allen Richtungen hin; gegen Norden zu sieht man weit in das Innere Siciliens hinein, gegen Westen auf dem etwas niedrigern Camicus das heutige Girgenti, das mit seinen glatten Dächern' und der unregelmäßigen Zusammenstellung der Häuser einen sehr hübschen Anblick gewährt, während sich gegen Süden hin jenes bereits früher erwähnte Bild entrollt, das durch Reinheit der Contouren, Weichheit des Ganzen und Harmonie von Himmel, Meer und Erde — um mich dieser so schön gewählten Worte Goethe's zu bedienen — überwältigen muß. Zu unsern Füßen breitet stch jene schiefe Hochebene aus, die, ein unregelmäßiges Dreieck bildend, das ehemalige Stadtgebiet umfaßt. Die Basis nach Nord zu bilden die Höhen des Camicus und des Athene-Felsens, seine Seiten die beiden Flüßchen Sän Biagio und Trag» (ehedem Akragas und Hypsa). Es ist ein weiter Abhang, ganz von Gärten und Weinbergen bedeckt, unter deren meist ewigem Grün man kaum den Schutt einer einst so mächtigen Stadt vermuthen würde, wenn nicht die weithin bemerkbaren Tempel der Concordia und der Juno Lucina, die schönst erhaltenen Denkmäler griechischer Baukunst in Sicilien, sowie die Ueberreste zahlreicher anderer Tempel und Baulichkeiten und die zahlreich aufgefundenen Münzen uns dessen versicherten. Hier auf diesem sanften Abhang breitete sich ehedem der neuere Theil von Agrigent aus, nach Plutarch die Neopolis genannt, während der ältere Theil der Stadt mit der Akropolis, auf dem Camicus gelegen, zum Theil denselben Raum einnahm wie das heutige Girgenti. Diese letztere Hochfläche fällt gegen Ost und Süd in steilen, als Stadtmauer,: benützten Felswänden zur Küstcn- Ebene ab, welche, braun, öde und ausgebrannt, allmülig gegen das Meer sich senkt und in ihrer ernsten Würde wundervoll mit der erhebenden Einfachheit und Größe jener die Südseite der Stadt schmückenden Reihe von dorischen Tempeln übereinstimmt; endlich zum Abschluß des Bildes gegen Süden das Acgntische Meer, in der Ferne begrenzt durch einen langen Nebelstreif, der dem Horizont aufzulagern scheint — die Küß? Afrikas! Wie phantastisch malt man sich jenen Streifen aus, mit welchen Gestalten belebt man denselben, von welchen Gefühlen wird man überwältigt bei dem Gedanken, einem andern Welttheil so nahe zu sein?! Die Sehnsucht, die nahen Ruinen von Karthago zu sehen, auf jenen Trümmern gleich Marius sitzen zu können, hat auch uns überkommen und nur mit Mühe entschlagen wir uns derselben, um unsern Blick sowohl als unsere Gedanken den uns ja zu Füßen liegenden Ruinen und Resten einer einst nicht minder mächtigen Stadt zuzuwenden. Im Geiste führen wir uns die Geschichte des einst so glücklichen Akragas vor, und in Gedanken versetzen wir uns in jene Zeit zurück, wo hier, wie in allen Städten Siciliens, Tyrannen die Herrschaft an sich rissen. Als ersten Alleinherrscher zu Akragas, das, vom nahen Gela gegründet, erst 582 hellenisch geworden war, nennt die Geschichte Phalaris, von dessen unter den Griechen sprichwörtlich gewordener Grausamkeit die 'Sage vom broncenen Stier zeugt. Nach Phalaris wird Theron genannt, unter dessen Herrschaft die Stadt zu ihrer Glanzperiode emporstieg. Es war zu jenen Zeiten, als Pindar und Aeschylus ab und zu Akragas besuchten. Der Erstere war es, welcher in seinen isthmischen Lobgesängen Herrscher und Stadt pries. Unter Empedokles, von dem die Sage erzählt, er habe sich selbst für einen Gott gehalten und sein Leben dadurch beendet, daß er sich in den Krater des Aetna stürzte, befand sich der Staat auf dem Gipfelpunkt seiner Macht, aber zugleich hatte die Weichlichkeit der Bürger, deren abnormer Reichthum zu den merkwürdigsten und vielfach citirten Excessen Anlaß gab, einen solchen Höhepunkt erreicht, daß der bald darauf und plötzlich erfolgende Sturz als natürliche Folge erscheint. Im Jahre 406 vor Christi Geburt nach achtmonatlicher Belagerung karthagisch geworden, spielte Agrigent als Waffenplatz in den punischen Kriegen eine Rolle. Durch einen rachsüchtigen Feldherrn, Namens Mutines, wurde es an die Römer unter dem Consul Lävinus verrathen. Mit Agrigent fiel im Jahre 221 auch ganz Sicilien in die Hände der Römer. Von der unseligen Stadt war in Folge der vielen Plünderungen und Brände wenig übrig geblieben; die zahlreichen Kunstschätze waren theils nach Karthago, theils nach Rom gebracht worden und nur die Tempel trotzten der langen Zeit und jenem barbarischen Vorgehen. Gre- gorovius vergleicht in seinen trefflichen „Siciliana" („Wanderjahre in Italien", 3. Band) den jähen Fall Agrigents mit dem plötzlichen Tode eines Menschen, der mitten in der Fülle seiner Herrlichkeit dahingestreckt wird. Seit jenem so verhängnißvollen Zeitpunkte war die Stadt fast ganz verschollen. Unter der Herrschaft der Sarazenen sowohl als unter den Normanen sank sie immer tiefer, ihre Einwohnerzahl fiel von den fabelhaften 400,000 auf 15,000 herab und aus der Geschichte verschwand der Name gänzlich. . . . Die Sonne war untergegangen, über das Meer, das eben erst in allen Farben- tönen gespielt hatte, breitete sich Dunkel und die Contouren der ferner gelegenen Objecte verschwammen mehr und mehr. Die Erde strahlte die tagsüber aufgenommene Hitze aus und ein lauer Südwind wehte von der afrikanischen Küste herüber. Es war Nacht geworden, als wir, durch die empfangenen Eindrücke fast traurig gestimmt, nach dem „modernen" Girgenti, in dessen Straßen, gleichwie im Orient, das eigentliche Leben und Treiben erst begonnen hatte, zurückkehrten. Miseelke«. (Oelmalerei.) In Wien wollte jüngst ein reicher, aber sehr magerer Knopfmacher sich malen lassen. Der Maler fragte ihn nun, ob er in Wasserfarbe oder in Oel gemalt sein wollte. „In Oel, dacht i," erwiderte der Knopfmacher, „damit i halt a bisse! fetter ausschau." (Die Börse.) Ein Witzkopf erklärte: „Die Börse komme ihm vor wie eins Kinderstube." Als man nach der Ähnlichkeit fragte, antwortete er: „Die Großen ziehen die Kleinen aus." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Nr. 15 1880. zur „Äugsbiirger Postzeitimg." Sam.stag, 21. August Von weicher Seite prallt Zurück die scharfe Klinge. — Sanftmut!) wirkt größ're Dinge, Als schneidende Gewalt. Friedrich Bodenstedt. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht, (Fortsetzung.) Die Baronin hatte bereits das Coups verlassen und sah sich nach allen Seiten ängstlich um. Sie wollen wohl wissen, wo ihr Kammerdiener hingerathen ist? fragte der Baron. Der wird inzwischen schon sich um das Gepäck bekümmert haben. Sie können ganz ohne Sorgen sein, es ist ein anstelliger zuverlässiger Mensch. Mein seliger Freund war auch mit ihm sehr zufrieden. Iwan! rief dennoch die Baronin und wenige Augenblicke später eilte der Kammerdiener schon herbei. Was befehlen Frau Baronin? fragte er unterwürfig. Die Baronin fuhr mit dem Taschentuch über das ein wenig geröthete Antlitz und sagte dann nach einigem Zögern mit leiser Stimme, wenn auch etwas in befehlendem Tone: Ist das Gepäck schon in Ordnung? Ja wohl, Frau Baronin. Wir können abfahren. Der Wagen steht bereit. Sie sehen, daß Sie sich auf Iwan verlassen können, und nun kommen Sie, Frau Baronin, und er bot ihr von Neuem den Arm, den sie vorhin nicht angenommen hatte. Auch jetzt zögerte sie noch und bemerkte mit gezwungenem Lächeln: .Aber ich weiß noch immer nicht, mit wem ich die Ehre habe, zu sprechen. Baron Greiffenthal klopfte sich mit den Fingern seiner Linken vorwurfsvoll auf die Stirn. Ach, ich vergaß, daß ich mich Ihnen zuerst in deutscher Sprache vorgestellt ^ habe, und er wiederholte jetzt in seinem ziemlich knarrenden Französisch, was ihm nach seiner Meinung ein Recht gab, sich so zutraulich der schönen Wittwe zu nähern. Die Baronin verlor damit den letzten Rest von Zurückhaltung, den sie gegen Greiffenthal gezeigt hatte, und mit einer Liebenswürdigkeit, die vollends den alten Herrn bezauberte, nahm sie sein Anerbieten an und ließ sich von ihm zrim Wagen geleiten. Am liebsten hätte er sogleich an ihrer Seite Platz genommen und wäre mit ihr nach Bloomhaus gefahren, aber er durfte doch bei der ersten Begegnung nicht gleich so weit gehen, und er sagte nur, als er seine schöne Nachbarin in den Wagen gehoben hatte und ihr noch einmal die Hand reichte: Also auf baldiges Wiedersehen, verehrte Frau. Ich werde mir schon in den nächsten Tagen die Ehre geben, Sie mit den Meinigen zu besuchen, wenn Sie es mir gestatten. ,_^_,_.. ^ o 114 — ^ Es wirb mir ein großes Vergnügen sein, entgegnete die Baronin> und sie schenkte 4hm zum Abschiede noch einmal ein reizendes Lächeln, dann sah sie sich schon wieder nach ihrem Kammerdiener um, der eben zum Kutscher auf den Bock steigen wollte. Haben wir auch alles Gepäck? fragte sie ihn besorgt? Ja wohl, Frau Baronin, bestätigte der Diener Ich danke Dir, Iwan, sagte Sie, und Baron Greiffenthal bemerkte mtt blassem. Neid, daß sie auch für diesen Menschen ein freundliches Lächeln hatte. Nochmals leben Sie wohl, Frau Baronin! und der alte Herr verbeugte sich zum letzten Mal, während die Wittwe zum Gruß nur mit dem Taschentuch winkte, und dann fuhr der Wagen davon. Schon nach wenigen Wochen war die schöne Wittwe ein Stern, der nicht nur den Weisen, sondern auch vielen Narren den Weg nach Bloomhaus zeigte. Die Frau Baronin war gegen Alle gleich freundlich, gleich liebenswürdig, aber auch gleich kühl und trieb damit ihre zahlreichen Anbeter zur Verzweiflung. Man nannte sie eine Kokette, verwünschte ihre Herzlosigkeit und betete dennoch um so leidenschaftlicher die schöne Französin an. Unter ihren Verehrern nahm Baron Bloomhaus-Rosenberg den ersten Platz ein. Er trug der Wittwe seines Verwandten nicht einmal nach, daß sie ihn um die glänzende Erbschaft gebracht, denn ohne ihr Vorhandensein wäre ihm jetzt das Glück zugefallen, wie Baron Greiffenthal meinte, auch diese große Herrschaft zu verjubeln. Baron Bloomhaus-Rosenberg hatte die Dreißig noch nicht erreicht aber schon ein sehr bewegtes Leben hinter sich, trotzdem sah er noch ungewöhnlich frisch und jugendlich aus. Eine geniale Sorglosigkeit, die schon an Liederlichkeit streifte, bekundete sein ganzes Wesen und hatte ihm über alle Klippen und Fährlichkeiten immer wieder hinweggeholfen. Der schlank gewachsene, hübsche, blonde Edelmann mit den gewinnenden, einnehmenden Manieren, war in allen Kreisen beliebt und galt bei den Damen als unwiderstehlich. Trotzdem er durch seine Verschwendungssucht zu einem verarmten Edelmann herabgesunken war, hätte er in manchem adligen, reichen Hause ruhig anklopfen können und man würde dem prächtigen Kavalier gern eine der Töchter gegeben haben, aber Baron Nosenberg lebte nun schon seit Jahresfrist von der kleinen Rente, die ihm eine alte Tante ausgeworfen, ohne daran zu denken, sich durch eine reiche Heirath wieder flott zu machen. Seinen Freunden erklärte er, daß er nicht so leicht seine Freiheit verkaufen wolle. Da erschien die Wittwe seines Vetters, und die Unabhängigkeitsgedanken, mit denen sich der Baron so lange getragen, gingen plötzlich in die Brüche. Und es war nicht einmal die Besitzerin der großen Herrschaft, nach der er die Hand ausstreckte, — es war wirklich nur die schöne geistreiche Frau, um deren Gunst er eifrig warb. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er für ein weibliches Wesen eine tiefe ehrliche Liebe und glühende Leidenschaft. Die Baronin dagegen schien durchaus nicht geneigt, An eifriges Werben zu er- chören, sie behandelte ihn wohl wie ihren lieben Verwandten und schenkte ihm eine Art Zutrauen, aber sie wußte doch immer wieder ihn in den gehörigen Schranken zu halten. Baron Bloomhaus-Rosenberg hatte einen Freund, den Grafen Brückenburg, mit 4>em er ein Herz und eine Seele war. Man nannte den Grafen nur den bösen Dämon Rosenberg's, und doch mit Unrecht. Der Schein war freilich gegen Brückenburg; er stammte aus einer verarmten gräflichen Familie Westpreußens, besaß keinen Pfennig Vermögen und hielt sich größtentheils bei Verwandten, die in den Ostseeprovinzen begütert waren, auf. Er hatte auf diese Weise den mehrere Jahre älteren Baron kennen gelernt und sich innig an ihn angeschlossen, aber er war es, der trotz seiner Jugend, den Freund von manchen Thorheiten zurückhielt, obwohl es den Anschein hatte, als ob er die verschwenderischen Neigungen Rosenberg's noch unterstütze. 115 Graf Brückenburg war klüger, berechnender als der Baron; eine große Welterfahrung stand ihm zur Seite, denn er hatte sich sehr früh auf eigenen Füßen umher- getummelt, er konnte zwar nicht immer hindern, daß sein Freund nicht mit vollen Händen das Geld fortwarf, sobald er im Besitz desselben war, aber er wußte dennoch manche Unbesonnenheit des Barons geschickt zu ordnen und ohne seine kluge Vermittelung würde die Tante Nosenberg's vielleicht schon längst ihren Neffen aufgegeben und die Hand von ihm zurückgezogen haben. Brückenburg war es auch, der seinen Freund fortwährend zu bearbeiten suchte, durch eine reiche Partie sich mit einem Schlage aus aller Verlegenheit zu helfen. Bisher hatte ihm der Freund auf alles Drängen immer lachend zur Antwort gegeben: Warum willst Du nicht selber zu dem Rezept greifen, was Du mir verordnest — und der Graf entgegnete dann nur mit ziemlich scharfer Selbsterkenntniß: Ich bin für ein sehr reiches, junges Mädchen nicht hübsch und anziehend genug. Wirklich war Brückenburg keine einnehmende Erscheinung und sein scharfer, kritischer Geist hinderte ihn, bei den Damen den feurigen Anbeter zu spielen. Er sah dort noch immer Fehler und Schwächen, wo die Andern anbetend in die Knie sanken. — Der ungewöhnlich magere, lang aufgeschossene junge Mann, mit dem schmalen, raubvogelartigen Gesicht, war besonders bei der jungen Damenwelt nicht sehr beliebt. Man fand seine Persönlichkeit komisch und lächerlich und man fürchtete zu gleicher Zeit seine scharfen Augen, denen keine falsche Haarflechte und selbst die feinste Schminke nicht entging und noch mehr seine scharfe Zunge, die gnadenlos die kleinen Eitelkeiten und Schwächen der guten Gesellschaft verspottete. Heute war Baron Rosenberg mit dem Grafen nach Bloomhaus wieder einmal zum Besuch gekommen. Die schöne Wittwe hatte ihren lieben Vetter und seinen Freund mit gewohnter Liebenswürdigkeit empfangen, aber sie hatte auch ebenso geschickt wie früher, ihn in angemessener Entfernung zu halten gewußt. Jetzt wanderten die Freunde allein im Park umher, da die Baronin sie soeben verlassen hatte, weil sie kurz vor Tisch Toilette machen wollte. Ein herrliches Weib! murmelte der Baron, indem seine feurigen Blicke die schlanke Gestalt noch so lange verfolgten, bis sie hinter den Bäumen verschwunden war. Schade, daß sie so wenig von einer Französin an sich hat, Sie ist in ihren Gefühlen eine echt nordische Schönheit. Eine kalte Polarsonne, spottete der Graf. Aber vielleicht beglückt sie ganz heimlich irgend einen Sterblichen mit ihren wärmsten Strahlen. Du bleibst ein unverbesserlicher Weiberfeind, Gustav, Deine Stunde wird jedoch auch einmal schlagen, entgegnete der Baron. Merkwürdig bleibt es mir freilich, daß selbst meine Cousine auf Dich keinen Eindruck gemacht hat. Ich bin vernünftig genug, dort nicht anzubeten, wo ich doch kein Gehör finde. Als ob eine echte unverfälschte Leidenschaft darnach gefragt hätte! rief der Baron lebhaft aus. Ich müßte sie lieben und wenn sie mein Herz noch so grausam mißhandelte; aber ich hoffe doch, daß sie sich endlich von dem Ernst meiner Liebe überzeugen und mich erhören wird. Um die Lippen des Grafen zuckte ein spöttisches Lächeln, als er antwortete: Ich hätte Dir eine solche Hoffnungsfreudigkeit gar nicht zugetraut. Der Baron blieb stehen und sah seinem Freunde vorwurfsvoll in die Augen.' Nein, Gustav, Du darfst die Sache nicht länger leicht nehmen, sagte er sehr ernst und mit bewegter Stimme. Dies Weib hat es verstanden, Empfindungen zu wecken, die ich noch nie gekannt habe. Das Glück meines ganzen Lebens hängt an seinem Besitz. Jetzt verlor sich auch der sarkastische Zug in dem Antlitz des Grafen. Er legte zutraulich seine langen Arme auf des Barons Schultern und erwiderte mit ungewöhnlicher Herzlichkeit: Steht es wirklich so schlimm mit Dir? , 116 Kannst Du noch fragen? Ich liebe diese Frau so tief und leidenschaftlich, daß ich sie besitzen muß, wenn ich nicht untergehen soll, war die Antwort des Barons. Graf Brückenburg ließ beinahe erschrocken seine Arme von den Schultern des Freundes los und sagte niedergeschlagen: Ah, das hatte ich doch nicht von Dir erwartet. Die Wittwe Deines Vetters zu heirathen, war ja gar keine üble Idee, nur hielt ich Dich für alt und klug genug, die Geschichte nicht mit Deinem Herzen, sondern mit Deinem Verstände einzufädeln. Bei der echten Liebe hört eben alle Berechnung auf und dies verführerisch schöne Weib liebe ich mit einer stürmischen Gluth, wie ich sie als neunzehnjähriger Jüngling nicht empfunden habe. Dann muß ich Dir dennoch rathen, diese glühenden Gefühle mit aller Gewalt zu unterdrücken, bemerkte der Graf. Unmöglich! sie werden nur mit meinem Leben enden. Beide Freunde wanderten im Park weiter, ohne noch ein Wort zu sprechen. Sie hatten jetzt eine Moosbank erreicht und Vrückenburg unterbrach plötzlich das Schweigen mit der Frage: Wollen wir uns nicht ein wenig ausruhen? und wie erschöpft ließ er sich auf der Bank nieder. Obwohl der Baron in seiner aufgeregten Stimmung den Spaziergang weit lieber fortgesetzt hätte, folgte er dennoch dem Beispiel des Freundes. Du bist plötzlich stumm geworden, begann Rosenberg, der das Gespräch über einen Gegenstand fortsetzen wollte, der allein seine ganze Seele erfüllte. Hm, was läßt sich da sagen? erwiderte der Graf. Wenn Du mit unserer schönen Wittwe eine Convenienz-Heirath eingegangen wärest, hätte ich ja gar nichts dagegen gehabt, aber daß Du sie wirklich liebst, macht mich stutzig und bedenklich. Was sind da für Bedenken? Sie ist schön, geistreich, und daß sie zufällig die reiche Witte meines Vetters ist, darf mich doch nicht hindern, um ihre Hand zu werben. Der Graf schwenkte das auf schlankein Halse sitzende kleine Haupt hin und her. Das wäre Alles ganz gut, wenn nur nicht — Du machst mich ungeduldig, mit Deinen wunderlichen Einwürfen, unterbrach ihn der Baron. Und Du lässest mich ja nicht aussprechen, entgegncte Vrückenburg. Es fällt mir ohnehin schwer genug, Dir die Binde pon den Augen zu reißen, aber wenn die Sachs so mit Dir steht, bin ich Dir die Wahrheit schuldig. Willst Du Dich nur über mich lustig machen und meine Neugier erregen? Nein, lieber Richard, das will ich nicht, erwiderte der Graf ungewöhnlich ernst und sein so scharfes sarkastisches Gesicht zeigte jetzt einen gutmüthigen, theilnahmvollen Ausdruck. Ich will Dir nur einen Freundschaftsdienst erweisen, selbst wenn Du mir wenig dafür danken kannst. Der Baron machte eine ungeduldige Bewegung, aber Vrückenburg fuhr ruhig fort: Diese Frau darfst Du nicht aus Liebe heirathen. Warum nicht? rief Rosenberg aus und wollte in heftiger Erregung aufspringen, doch der Freund hielt ihn zurück; Du hast einen sehr unwürdigen glücklichen Nebenbuhler. Ach laß die Scherze, Gustav, ich bin wirklich heute dazu nicht aufgelegt. Es ist durchaus kein Scherz, es - ist die volle Wahrheit, erwiderte der Graf mit gpoßer Entschiedenheit. Sage selbst, ob es sich für den Baron Bloomhaus-Nosenberg schicken würde, wenn er das Herz seiner Dame mit deren Kammerdiener theilen müßte, und diesem dabei noch der weit größere Antheil zufiele? Ilnsinn! Du machst heute wieder Deine bitteren Späße, nur muß ich Dir offen gestehen, daß sie nicht nach meinem Geschmack sind. Das glaube ich gern. Wann Hütte je die Wahrheit gefallen und noch dazu einem leidenschaftlich Verliebten? Wenn Du dies weißt, so bitte ich Dich, mich nicht weiter zu kränken, sagte der Baron mit ungewöhnlicher Schärfe. Es ist durchaus kein Scherz, entgegnen der Graf so ruhig wie bisher, aber doch mit ernster Stimme. Du hast an Iwan einen sehr gefährlichen Nebenbuhler, und wenn Du die schöne Wittwe heirathest, dann fürchte ich — Weiter kam Brückenburg nicht, denn der Baron stieß ein Helles übermüthiges Gelächter aus. Nein, das ist kostbar! Und das tischest Du mir mit ganz ernster Miene auf! Du kannst doch selbst gegen Deinen besten Freund den Schalk nicht verleugnen. ^ Du irrst Dich, ich habe anfangs gezögert, Dir meine Beobachtungen mitzutheilen; jetzt darf ich sie Dir nicht länger vorenthalten, erwiderte Brückenburg. Diese Frau ist! Deiner unwürdig, sie unterhält mit ihrem Kammerdiener ein sehr intimes Liebesverhältniß.' Der Baron sprang von der Bank auf und rief in höchster Erregung: nicht mög-' lich! Wärest Du nicht mein einziger und bester Freund, ich müßte Dir entgegenwerfen: Du verleumdest! Es ist dennoch die volle Wahrheit! Ich habe mehr als einen Beweis dafür, sagte der Graf so ruhig wie bisher. Und der wäre? fragte Rosenberg heftig, und seine Blicke ruhten voll Unruhe auf dem schmalen blassen Antlitz des Freundes. Du weißt, ich bin den Frauen gegenüber eine etwas mißtrauische Natur, begann der Graf; aber setz' Dich wieder, unterbrach er sich selbst. Es läßt sich so leiser sprechen, und diese Dinge möchte ich vorläufig doch nicht so laut erörtern. (Fortsetzung folgt.) Das Kleid des Buches. Von Bruno Bücher. Jemand hat behauptet: „Alle Deutschen schreiben Bücher, wenige lesen Bücher und die wenigsten kaufen Bücher." Ganz ohne Einschränkung wird man diesen Satz vielleicht nicht gelten lassen; er bedarf indessen auch einer Ergänzung, da er das Schreiben und Lesen über Bücher unberücksichtigt läßt. Auf diesem Gebiete aber stehen Production und Consumtion in richtigem Verhältnisse und mancher Deutsche, welcher glaubt, die obige Anklage sei mit auf ihn gemünzt, kann dieselbe stolz mit der Erklärung zurückweisen:! „Ich lese zwar die Bücher nicht, aber doch die Bücher-Kritiken", oder auch: „Ich kritisire sie wenigstens." Es ist also unrichtig, zu sagen, das Volk, welches den Letterndruck er-' funden hat, kümmere sich um das Gedruckte nicht. Und aus diesem Verhältnisse kann man den Muth schöpfen, über Buch-Einbände zu schreiben, wenn auch bis vor Kurzem das deutsche Publicum es den Engländern und Franzosen überlassen hat, die Kunst des Büchbindens zu pflegen und zu fördern. So groß war die Gleichmütigkeit, daß Deutschland kaum eine Literatur über die Buchbindung hat. Als Franzosen und Engländer diesbezüglich längst reiche und schöne Publicationen besaßen, brachten wir es höchstens zu Schriften über das Technische des, Bindens — Schriften von sehr zweifelhaftem Werthe, da doch kein Handwerk sich aus Büchern erlernen läßt. Neuerdings haben wir allerdings werthvolle Beiträge zur Geschichte des höchst interessanten Kunstzweiges erhalten, so in den Bilderheften zur Geschichte des Bücherhandels, welche der Kölner Buchhändler Lempertz herausgegeben hat, in Wattenbach's vortrefflicher Geschichte des Schriftwesens im Mittelalter und in Steche's Abhandlung über' die Buchbindung in Sachsen — einer dankenswerthen Arbeit, welche hoffentlich die Anregung zu weitem Special-Forschungen geben wird. Ebenso unleugbar ist der Aufschwung, welchen die Buchbindekunst in Deutschland, besonders in den letzten zehn Jahren, genommen hat. Wie rüstig allerorten vorwärts gestrebt wird, wie sich stetig die Zahl derjenigen Buchbinder und Buchhändler vermehrt, welche nicht mehr Alles gut finden, was neu ist, und daZ am besten, was durch Bizarrerie überrascht, sondern sich bemühen, stylvolle Ornamentation wieder zu Ehren zu bringen; das sehen wir in der modernen Abtheilung der Buch-Ausstellung im österreichischen Museum. Noch find Franzosen und Engländer den Deutschen überlegen, aber aus einem allbekannten Grunde, welcher auch wieder mit den eingangs erwähnten Verhältnissen zusammenhängt; wenn der deutsche Bücherfreund Preise zahlen soll, welche das Drittel von den in Paris und . London üblichen betragen, so bekreuzt er sich. Wir sind zu lange Zeit gewöhnt gewesen, auf diese Dinge gar keinen Werth zu legen, Ob ein Buch sich gut aufschlagen läßt und aufgeschlagen liegen bleibt oder nicht, ob es, zugeschlagen, auch wirklich schließt oder „das Maul aufsperrt", ob die nur eingesägten, nicht gehefteten Bogen bei einmaligem Gebrauche des Buches hervorspringen und herausfallen, ob der Papierrücken berstet und bricht, die Ecken sich abstoßen, der Calico-Ueberzug schäbig und rissig wird und all' dergleichen mehr, wurde gar nicht beachtet, wenn nur der Einband wenig kostete. Wie hätten wir für gute Ornamentation, den Unterschied zwischen Maschinen- und Handarbeit rc. ein Auge gehabt! Jetzt müssen wir erst wieder lernen, daß für Schleuderpreise auch nur schleuderische Arbeit verlangt werden kann. Leistungsfähig sind jetzt unsere Buchbinder so gut wie andere. Man vergleiche, um sich davon zu überzeugen, die modernen englischen und französischen Bücher, welche von Gerold und Comp, und Lechner's Universitätsbuchhandlung ausgestellt worden sind, ferner die aus einzelnen Privatbibliotheken, wie jenen der Fürsten Liechtenstein und Metternich, hergeliehenen mit deutschen und österreichischen Arbeiten. Das bekannte Geschäft von Fritzsche in Leipzig hat einen ganzen großen Glaskasten mit Einbänden gefüllt, für welche Architekt Leopold Theyer, Docent an der Kunstgewerbeschule, die Entwürfe gemacht hat: elegante Bände, darauf berechnet, auf Salon- und Lesetischen zu liegen, und daher vorzugsweise auf dem Deckel reich mit Vergoldung im Nenaissance- Styl ausgestattet. Lechner hat in langen Reihen Bibliothekswerke vorgeführt; sie haben sich mit den solid gearbeiteten, zugleich praktisch und gefällig eingetheilten und betitelten Rücken zu präsentiren und zeigen erfreulicherweise, daß der Ledereinband mit den natürliche Felder bildenden plastischen „Nerven" und bunten Titelschildern wieder allgemeiner in Aufnahme gekommen ist, welcher einen gefüllten Bücherschrank zu einem ungleich erfreulichern Anblick macht, als die so lange dominirenden dunkeln Calico-Bände nur mit Golddruck. Sind schon in dieser Abtheilung der Lechner'schen Ausstellung wohl zumeist, wenn nicht ausschließlich, einheimische Arbeiten zu sehen, so hat das Publikum nun auch Gelegenheit, im Einzelnen zu beurtheilen, was unsere Buchbinder liefern können. In Schau-, und Prachtstücken, Albums, Adressen u. dgl. hat Wien sich längst hervorgethan. Von viel größerer und allgemeinerer Wichtigkeit aber ist der tüchtige und geschmackvolle Bibliotheksband, und auf diesem Gebiete entwickeln Beringer, Franke, Hollnsteiner, Kritz, Scheibe u. A. in Wien eine höchst anerkennenswerthe Thätigkeit. Strebsame und geschickte Techniker, Specialisten unter den zeichnenden Künstlern haben wir also, fort und fort tauchen mechanische Verbesserungen auf, durch welche die Arbeit vervollkommnet oder erleichtert wird; jetzt kommt es nur noch darauf an, daß die Schätzung der guten und schönen Arbeit auch wieder allgemein werde. Und aus diesem Grunde wünschen wir der Ausstellung der alten Einbände recht viel und recht aufmerksame Besucher. Dieselbe gibt allerdings nicht eine vollständige Geschichte des Buch-Einbandes, aber doch reiches Material zur Illustration derjenigen Perioden, in welchen sich das Buchbinden zu einem selbstständigen Zweige des Kunstgewerbes entwickelte; seit der-Erfindung der Buchbruckerkunst und der Loslösung des Handwerks von der Klostergemeinschaft. Wohl hatte schon zu Beginn des Mittelalters jene Einheit von Buch und Deckel, wie sie in dem römischen Diptychon noch besteht, aufgehört. Man schützte das geschriebene, so häufig mit Miniaturmalereien gezierte Buch durch starke Holzdeckel mit Lederüberzug oder, wie das vornehmlich in Byzanz Sitte war, mjt vergoldeten Metallplatten, die gravirt oder emaillirt, oder mit Edelsteinen, Elfenbein-Schnitzwerk oder Filigran-Ornament ausgestattet 119 waren. Einzelne Beispiele dieser Arten finden wir auch in der Ausstellung, so einen venetianischen Metallband mit Schmelzmalerei aus dem fünfzehnten Jahründert (Eigenthum des Herrn Artaria), dann galvanoplastische Nachbildungen des berühmten Oocio^ nureuZ aus dem Kloster Prüm (jetzt in der Stadtbibliothek zu Trier) mit der aus den ersten Jahren des zwölften Jahrhunderts stammenden, in Kupfer gravirten Darstellung des Heilands, umgeben von Pipin, Karl dem Großen, Ludwig dem Frommen, Lothar, Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen, ferner byzantinischer Metallbände aus dem elften und zwölften Jahrhundert (Marcus-Bibliothek) und eines deutschen Evangeliariums mit getriebener Hochrelieffigur aus der Zeit des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts; auch einen alten Lederband, wie die „Bruder vom gemeinsamen Leben" sie gemacht haben mögen; die breiten Lederstreifen, welche die Pergamentlagen zusammenhalten, kunstreich mit den Deckeln vernäht, die letztem mit einer Ueberfallklappe und Schnalle zum Verschluß versehen; endlich einen hochinteressanten geschnitzten Holzband, welchen ein Udalricus im Jahre 1227 für ein Äissals des Abts Verthold von Weingarten angefertigt hat. Als Curiosum mag hier auch der Lederband erwähnt werden, an welchem etwas echt ist, nämlich ein Eckbeschlag, während alles Uebrige theils imitirt, theils adaptirt wurde. Diese Eckbeschläge, Knöpfe, Schilder rc. aus Metall erscheinen gewissermaßen als die Ueberreste der alten Metallplatten; auf sie wurde in der Zeit vom fünfzehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert bewundernswerthe Kunstfertigkeit verwendet, wie prächtige Beispiele in Guß-, Treib- und Schneidarbeit, Gravirung und Filigran verdeutlichen. Die vorhin erwähnte Holzschnitzerei gehört zu den Kunstsammlungen des kaiserlichen Hauses (Ambraser Sammlung), aus welchen noch eine Reihe der kostbarsten Stücke beigesteuert sind; so ein Folioband, auf dessen Deckel in derben, aus Metall geschnittenen und von Emblemen (Krone, Kranaten rc.) umgebenen Buchstaben zu lesen ist, das; das Werk von dem „Zeug" der Grafschaft Tyrol handelt, vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts; ein Gebetbuch des Erzherzogs Ferdinand, des Begründers der Ambraser Sammlung, in schwarzem Sammt mit emaillirten Goldbeschlügen und dem Original- „Buchbeutel" aus braunem Sammt; eine Grammatik, 1470 für den künftigen Kaiser Max verfaßt und in Leder gebunden, welches, stark verschossen, auf dem vorder» Deckel braun-roth, auf dem rückwärtigen grün zu sein scheint; ein Liederbuch, dessen Noten und Text in vollendeter Weise — gestickt sind u. A. m. Zur reichsten Blüthe entfaltet, sich die Ornamentation der Bucheinbände im sechzehnten Jahrhundert. Italien bildet, wie in allem Kunstschaffen der Renaissance, den Ausgangspunkt, und zwar lassen sich zwei verschiedene Systeme verfolgen, sich die bald vereinigen, später wieder getrennt auftreten; das eine benützt die Zierathen des Buchdruckers auch für den Einband und combinirt aus den einzelnen Schnörkeln, Blätter u> s. w> sinnreiche Mittel- und Eckstücke; das andere entlehnt der orientalischen Flächen- Decoration, Motive der Band- und Linienverschlingung. In glänzender Weise vereinigt erscheinen beide in den italienischen Einbänden, welche sich an den Namen Majoli knüpfen, und in denjenigen, welche Grolier in Frankreich nach italienischer Art machen ließ; die Bänder bilden ein Gerüst, an welchem sich das reizendste Ranken- und Blattwerk empor- schlingt, das aber häufig auch Felder freiläßt für einen Titel, ein Wappen, einen Wahlspruch oder den'Namen des Eigenthümers. Noch reicher wird die Wirkung, wenn di'' Bände aus andersfarbigen, in den Ledcrgrund eingelegten Streifen bestehen. Im Styl Grolier's wird neuestens viel gearbeitet. Doch nicht minder der Beachtung werth sind spanische, italienische und französische Pergamentbände aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Pergament und das häufig an dessen Stelle tretende Schweinsleder sind in unserer Zeit in Mißcredit gerathen — mit welchem Unrecht, das Machen die erwähnten Einbände deutlich, an denen jene Lederarten ungleich rationellere Verwendung gefunden haben als da, wo sie über Holz- oder dicke Pappendeckel gespannt isind. Ein selbst so haltbares Material bedarf solcher Unterlage nicht, ermöglicht viel» 120 — mehr einen festen und doch nicht steifen Einband. Diesen Vortheil sehen wir in den erwähnten Bänden bestens ausgenützt, und dabei macht das symmetrisch vertheilte, in der Regel nur Mitte und Ecke betonende Gold-Ornament auf dem gelblich-weißen Grunde den Eindruck vollendeter Noblesse. In Deutschland hat man meistens auf den berühmten Vortheil verzichtet, und das hängt wohl mit dem herrschenden Styl der Verzierung zusammen, welcher ein architektonischer ist. Auch das erinnert uns wieder an die Abhängigkeit der Buchbindung vom Buchdruck. Die im Zeitalter der deutschen Renaissance so beliebten Frontispices der Büchertitel kehren in Blindpressung auf den Pergament-Deckeln wieder, mehr oder minder phantastische Säulenstellungen in Verbindung mit mythologischen oder allegorischen Figuren, Profilbildern römischer Cäsaren, Darstellungen von Scenen der alten Geschichte, welchen eine symbolische Deutung gegeben werden kann u. dgl. m. Der ganze Charakter dieser Verzierungen setzt aber feste Fläche, feste Begrenzung voraus. War das Material nicht Pergament, sondern Kalbsleder, so ließ man gern Figuren und Ornament sich in lebhaften Lackfarben von dem braunen Grunde abheben. Der Specialist wird sich mit Entzücken in das Detail der Styl-Abzweigungen und Styl-Umwandlungen vertiefen, die sich durch das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert hindurch vollziehen, um endlich wieder bei den Anfängen, dem einfachen Buchdruck- Ornament und dem Teppichmuster, anzulangen, welches nun aber in der Gestalt von Papierüberzug chinesischer Herkunft oder in chinesischer Manier erscheint. Wie die Gro- lier'schen Bandverschlingungen nach und nach steif und nüchtern werden, wie eine zeitlang die Rosette (das gothische Radfenster), theils vollständig, theils in einzelne Fächer zerlegt, beliebt ist, wie Spitzenmuster sich ein- und vordringen; das Alles ist an zahlreichen, sehr schönen Exemplaren aus den Liechtenstein'schen, der Apponyi'schen und andern Bibliotheken und den Sammlungen des Museums anschaulich gemacht. Darunter sind Bücher, welche auch wegen ihrer einstigen Besitzer Interesse einflößen, wie ein Gebetbuch der Maria Stuart, verschiedene mit den bekannten sechs Kugeln der Medicäer. Auch reiche orientalische und schlichte japanesische Einbände fehlen nicht. H Aus Allem wird der Bücherfreund und der Buchbinder Belehrung schöpfen. Hoffentlich werden uns aber Nachahmungen der antikisierenden Einbände vom Schluß des achtzehnten und Anfang dieses Jahrhunderts erspart, die steifen Palmetten- und Mäander- Bordüren um Vasenbilder aus schwarzem Leder, in braunes eingelegt! (Deutsche Ztg.) Miscelleir. * (Rollenverwechslung.) Die Zeche eines Gastes in einem Bierhause betrug 57 dl., während der Gast nur mehr 50 dl. in seinem Portemonnaie auszuweisen hatte. — Die Kellnerin, welche die Verlegenheit des Gastes merkte, sagte zu diesem: die 7 Pfennig können's mir ja morgen geben!" — Ersterer erwidert hierauf in seiner Verwirrung mit abwehrender Handbewegung und entsprechender Noblesse: „O, ich verzichte darauf!" ' (Ein Stoßseufzer.) Ein Bauer hatte sein ganzes Vermögen zur Erziehung *eines Sohnes aufgeopfert und als er sah, daß er nichts dafür gelernt hatte, seufzte er: „Ach, wie viele Kühe habe ich für diesen einzigen Ochsen hingegeben!" (Des Doktors Werke.) Als ein Doktor ein Quartier nicht beziehen wollte/ dessen Fenster auf den Kirchhof gingen, meinte der Hausherr: „Herr Doktor! Hier können Sie ganz in Betrachtung Ihrer Werke leben." Auslösung des Buchstabenräthsels in Nr. 13: „Große Partie nach Chiemsee." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Nr. 16. 1880 . zur „Mgslmrger PostMrmg." Mittwoch, 25. August Weg mit dem schlechten Menschen, der im Alte, vws darum keinen Baum mehr pflanzen will, weil die Frucht davon ihm nicht mehr reist! Das Wirken des Edeln ist an keine Zeit gebunden, und seine Thaten fließen durch die Ewigkeit. Klinger. Der Herr Arrron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Der Baron folgte seinem Geheiß und nahm wieder auf der Moosbank Platz, wahrend Brückenburg mit gedämpfter Stimme fortfuhr und sich dabei vorsichtig nach allen Seiten umsah. Mir erschien schon bei unserm ersten Besuch das Verhältniß der Baronin zu ihrem Kammerdiener sehr sonderbar. Iwan zeigte ein solch selbstbewußtes, gönnerhaftes Benehmen, wenn er sich unbeachtet wähnte. Das ist bei Kammerdienern keine Seltenheit, warf der Baron dazwischen. Ganz Recht, bemerkte der Graf. Aber ich fing zufällig einen Blick auf, den die Baronin mit Iwan austauschte und dieser Blick weckte meinen Argwohn. Du gehst in Deinen Bedenken zu weit. Laß mich nur weiter erzählen, sagte Brückenburg, der sich durch diese Unterbrechungen in seiner Ruhe nicht stör«: ließ. Dieser Blick verrieth mir, baß zwischen Herrin und Diener ein sehr vertrautes Verhältniß bestand und nun verschärfte ich meine Beobachtungen, während ich mich ganz harmlos gab. Wirklich machte ich damit die Leutchen sicher. Dich glaubte sie ohnehin nicht fürchten zu dürfen, denn ein wirklich Verliebter sieht nicht so weit wie meine Hand reicht, und der Graf streckte seinen langen Arm aus. Der Baron hatte sich auf der Moosbank ein wenig zurückgelehnt und blickte mit allen Zeichen der Langeweile vor sich hin. Das argwöhnische Gemüth seines Freundes hatte da wieder einmal aus dem Nichts ein wunderliches Gewebe gesponnen, aber wie er den Grafen kannte, war es vergeblich, ihn zu widerlegen. — Es war deshalb das Beste, vorläufig zu schweigen und Brückenburg fuhr nach einer kleinen Pause mit leiser Stimme fort: Ich erhielt bald eine Menge kleiner Beweise, die meine Annahme rechtfertigten. Bei Tische beugte sich die Baronin mehrmals nach ihrem Kammerdiener zurück und ich konnte dann in dem gegenüberstehenden Pfeiler-spiegel ganz gut bemerken, daß sie ihm zulächelte, so glückstrahlend und freundlich, wie nur eine junge Frau, die noch mit ihrem Manne in den Flitterwochcn lebt. Narrheiten! — murrte es durch das Innere des Barons, aber er schwieg und der Graf, der schon auf einen lebhaften Eimvurf gefaßt gew efcn, begann von Neuem: Wenn Iwan in ihre Nähe kam, dann suchte sie wie zufällig /ech e Hand zu berühren und ein seliges Lächeln, das ich nur bei Verliebten gesehen, sp-L lts um ihre Lippen, sobald si^ — 122 -< ihres Kammerdieners ansichtig wurde. Nun hatte ich einmal eine Fährte entdeckt und beschloß, sie weiter zu verfolgen. Du machtest der schönen Wittwe den Hof und ich hielt es daher für meine Pflicht, ihrem Verhältniß zu dem Kammerdiener auf den Grund zu kommen. Du wirst freilich die Wege, die ich dazu einschlug, nicht recht passend finden, aber ich halte es in solchem Falle mit dem Satze: Der Zweck heiligt die Mittel. - Niemals! warf jetzt der Baron ziemlich heftig dazwischen» Doch, entgegnete Brückenburg ruhig; sobald es sich um die Ehre und das Lebensglück eines lieben Freundes handelt und auch bin ich hartgesotten genug, mein kleines Spionirsystem nicht zu bereuen. Rosenberg schüttelte bedenklich den Kopf; aber der Graf fuhr in größter Ruhe fort: Ich suchte heimlich die Leute der Baronin auszuforschen und da hörte ich freilich die wunderlichsten Dinge. Der Kutscher besonders ist ein Schlaukopf, wie dumm er sich auch stellt. Dem ist die Sache bereits am Tage der Ankunft sehr sonderbar vorgekommen. Anfangs hatte der Kammerdiener neben ihm auf dem Bocke Platz genommen, weil bei der Abfahrt zufällig der Baron Greiffenthal zugegen war, aber nach kurzer Fahrt hat die gnädige Frau anhalten lassen und befohlen, daß Iwan mit in den Wagen kommen solle, denn sie fürchte sich in der wildfremden Gegend allein zu fahren. Sie habe das Alles mit dem Kammerdiener französisch besprochen und Iwan ihm dann den Grund erklärt, warum er der gnädigen Frau Gesellschaft leisten solle. Der Kutscher war klug genug, über dies Verlangen nicht die-geringste Verwunderung zu zeigen, aber als es ein bischen dämmerig geworden, hat er neugierig und vorsichtig etwas in den Wagen hineingeschielt, und deutlich bemerkt, daß die Baronin Iwan geküßt. Der nichtswürdige Schurke müßte Peitschenhiebe bekommen! rief der Baron voll Empörung aus. Iwan? fragte trocken der Graf. Nein, der Schuft von Kutscher, der seiner Herrin solche Gemeinheiten nachzureden wagt. O, die Leute der Baronin erzählen noch ganz andere Dinge, wer nur die Kunst versteht, sie zum Sprechen zu bringen. Und solchem Bedientengeschwätz kannst Du wirklich nur die geringste Beachtung schenken? fragte der Baron und sah dem Freunde erstaunt in's Auge. Gewiß, sobald alle Angaben übereinstimmen, antwortete der Graf. Die Leute dei Baronin sind alle empört, denn sie legt vor der Dienerschaft ihren Gefühlen wenig Zwang an. Der Bursche freilich ist klüger und vorsichtiger; er sucht Fms Liebesfeuer noch ein Wenig zu verbergen, aber die schöne Wittwe legt bei jeder Gelegenheit das herzliche Wohlgefallen offen zur Schau, das sie für ihren hübschen Kammerdiener hegt, der bereits im Schlosse und wenn keine Fremden da find, den Herrn spielt. Alle müssen ihm blind gehorchen und jeden seiner Befehle ausführen, und wer sein Mißfallen erregt, wird sogleich entlassen. Bedientenneid, nichts weiter, entgegnete Rosenberg. Die Baronin ist harmlos und gutmüthig, fuhr der Graf ohne sich durch diesen Einwurf stören zu lassen, fort: Aber sie versteht keinen Spaß, wenn ihrem Kammerdiener nur das Geringste widerfährt, dann gerüth sie in den heftigsten Zorn und in die größte Aufregung. Ein alter Diener wagte sich über die Willkür Jwan's zu beschweren und anstatt seine gerechten Klagen anzuhören, jagte sie ihn auf der Stelle fort. Weißt Du, daß diese Klagen gerecht waren. Du willst nur in Deiner Verblendung all' diese Dinge als harmlos aufnehmen, entgegnete Brückenburg nun doch etwas verdrießlich. Aber was denkst Du darüber, wenn ich Dir sage, daß man den Kammerdiener am frühen Morgen in der Nähe der Zimmer der Baronin hat umherschleichen sehen? Ach, das ist infam! 123 Das sage ich auch, bemerkte der Graf, wieder in seinen irrnrmen Ton sackend und obwohl er recht gut wußte, gegen wen der Zorn seines Freundes gerichtet war, fuhr er doch mit sarkastischem Lächeln fort: Manche vornehme Frau, und besonders eine Französin hat nun einmal einen eigenthümlichen Geschmack und eine Vorliebe für Lakaien. Ich begreife in der That nicht, wie Du solch' erbärmlichem Bedientengeschwätz die geringste Beachtung schenken kannst! rief der Baron heftig aus, der seine tiefe Erregung nicht länger niederkämpfen konnte. Du irrst, lieber Richard, wenn Du glaubst, daß man mir diese interessanten Mittheilungen freiwillig gemacht hat, dann würden sie auch für mich wenig Werth gehabt haben, ich mußte sie vielmehr sehr theuer bezahlen; allein was thut man nicht alles einem theuren Freunde zu Liebe. Man hat Dir dennoch elende Lügen und Verleumdungen hinterbracht, entgegnete der Baron aufstehend, als wolle er damit das ihm höchst unangenehme Gespräch abbrechen. Der Graf erhob sich ebenfalls und an seine Seite tretend, sagte er mit weit größerer Wärme als bisher: Sei endlich vernünftig, Richard. Wie kannst Du nur denken, daß ich Dir nur irgend etwas hinterbringen würde, von dessen Wahrheit ich nicht völlig überzeugt wäre. Du bist von dem lügnerischen Gesinde! arg getäuscht worden. Da hat Dich einmal Dein gewohnter Scharfblick im Stich gelassen. Durchaus nicht, entgegnete der Graf mit großer Entschiedenheit. Bedenke, daß mir all' diese Angaben von mehreren Personen gemacht worden, die um eines guten Trinkgeldes willen ihre Stellung nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen würden. Aber sie sind Alle von dem Treiben der Baronin auf's Tiefste empört, nimm dazu meine eigenen Beobachtungen und Du wirst zugestehen müssen, daß die schöne Wittwe Deines Vetters wenigstens Deiner Liebe unwürdig ist. Ich kann's, ich will es nicht glauben, denn ich halte sie einer solchen Verirrung für unfähig. Du willst es nicht glauben. Nun gut, ich werde Dir noch heute den schlagendsten Beweis liefern, daß zwischen unserer gnädigen Frau und ihrem Kammerdiener ein sehr zärtliches Verhältniß besteht, war die Entgegnung des Grafen, er bot dabei dem Freunds den Arm und Beide wanderten, ohne ein Wort zu sprechen, in das Schloß zurück. (Fortsetzung folgt.) Das Klima von SüdlirqL. Eine Studie. Ein eisiger Winter — eine iuvernatu bruta, wie unsere Nachbarn, die Wälschcn sagen, lag 1880 über dem Etschland. So sagten die Eingeborenen, so diejenigen, die sich irgend eines Gebrechens wegen da aufhalten, so der Thermometer. Es kamen zehn bis vierzehn Grad Kälte vor. Brunnen froren ein und in raschen Flüssen mengte sich Eisbrei unter die Wellen. Wie gewöhnlich fehlte aber, was überall den: Winter so untrennbar beigelegt wird, wie etwa den Furien ihr Schlangenhaar: die Trübung. Ich habe Aufzeichnungen. Unter siebenundfünszig Tagen gab es sieben verdüsterte, die übrigen n,aren wolkenlos. Und mit dem Mittag kam die Wärme, und jeden Tag gab es zwei SMden, welche das Bild des Vorfrühlings zeigten. So kommt mir dieser viclver- schxiene Winter vor wie ein sonniger Traum. Die Berichte über das europäische Wetter, die man in den Zeitungen las: Niederschlüge, Nebel, Schneefälle in den Alpen und so fort, mochten für die ganze Welt gelten, nur nicht für das Etschland. Dieses schien die Enclave eines anderen Reiches, in welchem unser irdischer Wettermacher nichts zu gebieten hat. Morgen für Morgen glänzten hoch oben auf der Mendelscharte die reichbehanaenen Fichten dem Gestirne entgegen, Und Abend für Abend drang aus dein Rosengarten heraus jenes wundersame Leuchten, das einer Reise werth ist. Ich sage geflissentlich: heraus, denn es wird von dieser Nubinblendung die Sinnesirrführung bewirkt, die dem Wolke den Glauben an die Rosen in tiefen Hallen des Felsgebirges eingegeben hat. Diese Wolkenlosigkeit des winterlichen Etschlandes ist eine bekannte Sache. Verschiedene Poeten nennen daher das Land ein sonniges, und das Vorhandensein von Cur- vrten stützt sich auf die Verschlossenheit der himmlischen Schleusen. Rath Kaltenegger in Vrixen, der viele Jahre das Land bewohnt und beobachtet, hat hiefür den treffenden Ausdruck der niederschlagsarmen Winterzone ersonnen. Dieselbe erstreckt sich auf das Dreieck vom Ende des Vinstgaues bis zur Brixener Klause und wird durch die Oerrlichkeiten Meran, Bozen, Brixen bezeichnet. Wie es sich begreift, hat eine Menge von Männern über den Grund nachgedacht, warum der Himmel über einem schmalen Landstreifen knapp am Südabsturze des Centralwalles der Alpen sich seine Heiterkeit nicht stören läßt. Alles Mögliche ist behauptet worden. In so manchem Winter habe ich nun auch zugeschaut, mich besonnen und verglichen, wozu häufige Reisen Gelegenheit boten. Ich will deshalb mit meiner eigenen Weisheit nicht zurückhalten und den früheren Erklärungsversuchen einen neuen beifügen. Seit Rambert „Im xusstion äu I'ödn" erörtert hat, ist sehr viel über diese Lufterscheinung gesprochen worden. Der Föhn ist genau der nämliche Wind, den man in Tirol Scirocco nennt. Diese Bezeichnung hat mit dem Scirocco oder Scilocco, der auf Mittelmeer und Adria so geheißen wird, nichts zu schaffen. Jeder, der beispielsweise mit venetianischen oder dalmatinischen Schiffern verkehrt hat, weiß, daß sie unter jenem Worte einen Südostwind verstehen. Nun sage ich: so oft in Tirol der Föhn, hierzulande Scirocco genannt, weht, war kurz vorher, zehn bis vierundzwanzig Stunden etwa, an den Küsten Spaniens, Frankreichs, im Canal La Manche, am Strande von Wales und Irland Südweststurm. Nicht ein einzigesmal unter Hunderten von Malen, die ich verglichen habe, war es anders. Dieser Südweststrom erreicht die Alpen, er staut sich an ihnen und fließt durch ihre Einsattlungen und Pässe ab, und zwar nicht nur gegen Norden, sondern sehr häufig auch gleichzeitig gegen Süden, so daß am Fuße eines Passes auf der Nordseite Südsturm, auf der Südseite Nordsturm sein kann. Der Passatstaub, die Staubmeteors aus Westindien, die so oft — erst wieder in Körnten — mit unserem sogenannten Scirocco daherflogen, sind eine weitere Stütze der Behauptung, daß unser Scirocco, der sofort Regen oder Schnee im Gefolge hat, ein verschlagener Südweststurm, passatischen Ursprungs, ist. Nun nehme man eine Landkarte zur Hand. In ganz Europa findet man keine Gegend, die in der Richtung des Octanten Westsüdwest in gleicher Weise durch reihenweise hinter einander aufgeworfene Bergwälle gleichartig verbarricadirt und verschanzt wäre, wie das Etschland. Da folgen sich nacheinander die lange Mauer der Mendel, die Dolomitmassen der Bocca di Brenta-Berge, die Sulz- berger Hochalpen, Ortler- und Adamello-Gruppe, die Höhen von.Val Camonica, das Vergamasker Gebirge, die Felsmauern des Veltlin, dann weiter nach Piemont und Frankreich hinein die Penninischen und Cottischen Alpen. Ueber all dieses Mauerwerk kommen die Passatwinde zwar hinüber, aber sie werden eben durch dasselbe in einer gewissen Höhe gehalten und sinken nicht ins Etschland hinab, sondern gleiten darüber hin oder fließen seitwärts darum herum. Das Hinfließen nimmt man wahr, wenn man im Winter eine bedeutendere Höhe ansteigt. Der leichtere und wärmere Strom gleitet über die kalte Luftschicht hinweg, die im Thals stocken bleibt. In Klobenstein und Jenesien ist es im Januar meist wärmer als im Bozener Kessel — obwohl, oder vielmehr weil sie um 2800 und 2370 Fuß höher liegen als die Stadt. Ost wird auch von Vrixen oder Bozen aus das Vorhandensein des feuchtwarmen Luftstromes, der, an den wafserscheidenden Kämmen der hohen Cen- tralkette angekommen, durch niedrige Einsattlungen, insbesondere die des Brenner, gegen Norden abfließt, mit dem Auge gesehen. Man nimmt eine eigenthümlich weißlich ge- 125 färbte Dunstmasse gegen Norden wahr. Im Süden des Witralkammes ist ruhige, sonnenerhellte Luft — in der gleichen Stunde aber stürmt und wüthet zu Innsbruck der gewaltthätigste Föhn. Auch Schneefälle im Norden der Alpen werfen in den nördlichen Horizont des Etschlandes noch einen eigenthümlichen fahlen Schimmer herüber, der in seiner Weise mit dem bekannten „Eisblink" der arktischen Gegenden zu vergleichen sein ? mag. Dutzendemal in jedem Winter sieht man triefende oder flockenverwehte Waggons über den Brenner herüber ins Etschland kommen, in dem sich seit Wochen keine Wolke gezeigt und kein Wind gerührt hat. Allerdings bekommt man später von diesen Niederschlügen noch andere als Augenschein-Kunde. Wenn einige Tage später in Folge der flockigen Niederschlüge im Norden die Luft entsprechend kalt geworden ist, dann gibt es eine eisige Strömung gegen das wärmere Mittelmeerbecken hinab. Dann kommt das, was man in Meran Passeirer Wind nennt. Ein verwandtes Beispiel liefert das berüchtigte Winterklima Karntens. Die Drau- Ebene um Klagenfurt und Völkermarkt herum wird durch die Gailthaler Alpen und Karawanken gegen südwestliche und südliche Luftströmungen vertheidigt. Solche Strömungen stauen sich an den genannnten Wällen und fließen gegen Norden hinab, ohne das unmittelbar vor ihnen gelegene Thal zu erreichen. Klagenfurt liegt ebenso im todten Winkel der Süd-, wie das Etschland in dem der Westwinde. Dagegen fallen eben jene Winde draußen, weil weiter gegen Norden, auf das Land ein, und so kommt es, daß der Traun- oder Mondsee im Winter zehnmal Thauwetter sieht, bis Klagenfurt einmal. Ebenso verhält es sich mit Südtirol und dem nördlichen Alpenrand. Am letzteren nennt man den Föhn „Etschwind" — beispielsweise in Partenkirchen, Mittenwald in Bayern. Weil er warm ist, meint das Volk, er komme aus den wärmeren Gegenden deS süd- « lichen Nachbars. Die Leute würden sich wundern, wenn sie dort die an sich kalte, täglich nur in den Sonnenstunden erwärmte, alsbald aber wieder von Frost klirrende Luft verspürten, die in strengen Wintern über den Niederungen der Etsch liegt. Jener „Etschwind" aber ist warm, ob er des Tages oder während der Nacht wehe. Mit einem Worte: der Südwestpassat, der über Südtirol dahingeflossen ist, ohne sich seinen Thälern bemerklich zu machen, hat im Norden den Boden erreicht. Das ist der Grund der Klarheit und Trockenheit der Zone am Südrande der Centralalpen. Mit Körnten hat es eine andere Bewandtnis;. Allerdings werden dort die Süd- und Südwestwinde abgeholtes dafür aber kommen die Polarströmung über die Niedrigen Dauern, sowie die eisigen Küste von Osten, die Lüfte der pannonischen Con- tinental-Winter, von keinen: Gebirge gehemmt, ungehindert herein. Aus diesen drei Factoren, wozu man dann noch die dicken Nebel der Flußläufe rechnen mag, kommt das Endergebniß zusammen: ein Winter, der dem russischen durchaus nichts nachgibt. Klagenfurt ist während dreier oder vier Monate, auch Moskau nicht ausgenommen, eine der kältesten Städte Europas. Kehren wir zu den Verhältnissen deS Etschlandes zurück. Ich wage, auf die vorhergegangene Betrachtung mich stützend, eine Behauptung, die wie eine auffallende Sonderbarkeit sich anhört, es aber gar nicht ist. Wir befinden >. uns hier auf dem 46. Breitengrade. Wenn es da sonnenwarm sein soll, so muß es kalt sein. Das heißt: wenn unter Tags die Luft so dunstlos, so rein, durchsichtig, transparent, ohne Wasserblüschcn und unsichtbares Naß sein soll, daß die niedrig stehende Wintersonne durch sie hindurch noch wärmen kann, so muß es am Abend, bei der Nacht, am Morgen, so kalt sein, daß sich eben solche Dünste nicht erheben und vertheilen können. Beispiele: Die Morgenwärme von Plymouth, Jersey, Finisterre oder Morbihan ist im Winter meist der von Rom und Neapel überlegen. Nun gehe man aber Mittags oder Nachmittags dorthin, so wird man den Felsen des Keltenlandes den Wärmemesser kaum in die Höhe gerückt sehen, man wird eine Luft, ein Gebrodel athmen, wie in einer Waschküche. Der Römer aber, der Morgens schau- dernd, in seinen schäbigen Mantel gehüllt, vor den Eiszapfen an Fontana di Trevi oder an den Brunnen von Piazza Navona blau angefroren vorübertrippelte, steht des Mittags an irgend einer Mauer und gibt sich einer Beschäftigung hin, die seine Ahnen aprieLtio nannten. Nachts friert er wieder. — Dort aber, an der Atlantis, halten die Dünste, die mit der warmen Meeresströmung kommen, Mittag und Mitternacht den Thermometer auf Linien, die nicht gar weit von einander entfernt sind. Es wird deßhalb den Meisten einleuchten, daß aus der Angebung der Morgen- oder Abendwärme oder gar der sogenannten „mittleren" Temperatur, bei welcher Alles zusammengezählt und dann durch 24 getheilt wird, für so trockene Länder, in denen keine Dünste Wärme oder Kälte abschwächen, wo Nachts die Ausstrahlung, Tags die „Besonnung" ungehindert wirken, wo überhaupt die Luft ein viel durchgänglicheres Medium ist, als sonstwo, keine Vorstellung über das Klima eben dieser Gegenden gewonnen werden kann. Vielleicht wird die Sache am besten dadurch geschildert, daß man sagt, man kann an den meisten Tagen gegen drei Stunden hemdärmelig Schlittschuh laufen. Eis und Staub, kalte Nacht-, Morgen-, Abendstunden, unbeschreiblicher Sonnenglanz um die Culminationszeit des Gestirns herum: das ist die Signatur des etschländischew Winters. Es ist gesagt worden; daß auch nordwärts der Alpen die Wintersonne wärme, wenn sie scheine. Es gehört aber gar kein Thermometer, keine meteorologische Tabelle, kein Strahlenmesser dazu, sondern blos ein nicht von blauen Brillen oder London-Smoke-, Binocle getäuschtes Auge, um die Helle beispielsweise der Donau-Niederung selbst an einem wolkenlosen Wintertage von der Sonnenwirkung jenseits der Alpen zu unterscheiden. Schon dem artistischen Blicke fällt das sofort auf: auf Felsen, auf Gemäuer, in Falten des Gebirges liegt ein Glanz, den die nördlicheren Gegenden nicht kennen. Das ist ganz unleugbar, und vor Allem steht es für Jenen fest, der ungezähltemale den Brenner überschritten hat, sich also nicht auf die Zufälligkeiten zu verlassen braucht, mit denen ein vereinzelter, gelegentlicher Besuch im Süden unter Umständen den Beobachter irrezuführen vermag. Wie das Licht wirkt, das wissen nicht nur die Maler, die sehr wohl zwischen den Tinten des Dolomitgesteins im Etschland und dem des Salzkammergutes unterscheiden (obwohl Schlorn, Mendel und Rosengarten ganz gleich gefärbt sind wie Höllengebirge, Traunstein oder Trisselwanb), sondern auch diejenigen, die den Pflanzemvuchs beobachten. In einer Orangerie zum Beispiel ist während des Winters die Wärme-Erhaltung zum Gedeihen der Bäume keine Schwierigkeit. Wenn diese nur nicht unter ein bis zwei Grade herabgeht, dann genügt es gegen das Absterben. Daher kommt es, daß man in den Bozener Kalthäusern wohl nur in besonders strengen Wintern, wie der heurige einer war, öfter einheizen muß. Die während der Tagesstunden eingesammelte und durch die Focuse in den Glasscheiben verstärkte Wärme genügt sehr häufig, um den Bäumen die Bedingungen ihres Daseins zu geben. Es ist aber ein Unterschied zwischen Fortkommen und Gedeihen. Man schaue sich die Höhe und Kronenmächtigkeit der Citronen- oder Orangenbäume beispielsweise im Toggenburg'schen Garten zu Bozen an. Solches Gedeihen verdanken sie dem Lichte. Nie wird man in Ländern, wo sich die Sonns wochenlang nicht sehen läßt, gleiche Entwicklung und gleichen Reichthum an Früchten erzielen. Uns Culturmenschen ist das Verständniß für die Schönheit und namentlich für die unschätzbare Ei-nwirkung des Sonnenlichtes auf Nerven und Ganglien fast abhanden gekommen. Wir sind zufrieden, wenn wir einen warmen Ofen und Doppelfenster haben, die keine Luft hereinlassen. Unsere Hunde sind hierin anderer Anschauung. Diese verlassen den Ofen, er mag so warm sein wie immer, und suchen ein Quadrat von Sonnenlicht auf, welchen: die Scheiben den Eingang verstatten. Für das Sonnenbad, die „Heliosis", haben wir keinen Sinn mehr. Ich habe bis jetzt nur vom Winter gesprochen und von anderen Jahreszeiten nichts 127 gesagt. Und gleichwohl hätte ich doch alle Veranlassung, der ahnungsvollen Herrlichkeit zu gedenken, in der jetzt Berg und Thal dastehen. Nehmen wir als Beispiel einen Tag, den 1. März. Dort oben, beim Kvfler in Ceslar, ist die Wiese, die von einem großen Lorbeerbäume und einer Pinie beschattet wird, grün geworden. Citronenfalter bewegen sich in der Luft, und Morgens erschallt Vogelgesang. Ein Duft, mit dessen Versinnbildlichung Tinte und Druckerschwärze nichts zu schaffen haben können, zieht sich durch das weite Thal hinab und verwebt dort tief unten die Völkerscheide, die alte lombardische Salurner Klause, in wunderliche, goldglitzernde Dämmerung, und das sommerliche Gewölk an jenen fernen Felshalden ballt sich zu Gestalten zusammen, wie zu Rossen, Streitern und Niesen, mit denen die Wilkina-Sage jene herrliche Grenzmark Germaniens ausstattet. Der Leser mag an der Hand der Zeitung vergleichen. Eben an diesem Tage, Donnerstag den 4. März, Nachmittags 3 Uhr, zeigt der hundertgradige Wärmemesser in der Bozener Ebene 18.4 im Schatten, 26.3 in der Sonne. Gleichzeitig aber wird im Norden der erwähnte fahle Schein bemerkt, der auf irgend welche Trübung, vielleicht Niederschlüge, jenseits der Alpen hindeutet. Halt inne — o Feder! Du könntest Unheil anstiften und zugscheue Gäste hereinlocken, verschnupften Gemüthes, mit dumoribug oootis, mit Säften, die der Ofen verdickt hat. Und wenn sie alsdann nicht blühende Haine finden, so werden sie dem Andenken deines Herrn fluchen. Das sei ferne. Im Etschlande ist zur Frühlingszeit das Aufbrechen der Blüthen und das Springen der Blattknospen dem Donauthale vielleicht drei Wochen, ganz gewiß aber nicht mehr, voraus. Aehnlich ist es im Herbste mit dem Absterben. April- und Maien-Wochen des Etschlandes bleiben unvergeßlich. Denn auch hier äußert sich meist wieder jene, stürmischein und wetterwendischem Treiben abgeneigte Gleichmäßigkeit des Himmels. Nordische Frühlingsleiden'kommen selten vor. Für denjenigen, der die Sprache der Zahlen anderen Behauptungen vorzieht, füge ich hier nach der rühmlichen Arbeit des Professors August Polt „Ueber die Temperatur von Bozen" einige Angaben bei. Während des Frühlings, zu welcher Zeit die Schwankungen zwischen der eisigen Kälte der Nacht und der Sonnenwärme der Mittagszeit nicht mehr in Betracht kommen können, tritt die sogenannte mittlere Tagestemperatur allmälig wieder in ihr Recht. Und da sehen wir Bozen im März (während 36jähriger Beobachtung) mit 7.4 Grad Celsius bezeichnet. (Montreux 4.9, Comersee 8.3, Pau 8.8.) Im April steigt die Wärme zum Mittel von 12.8. (Montreux 10.7, Pau 12.1, Comersee 12.2, Mentone 13,5.) Der Mai hat in Bozen ein Mittel von 17. (Montreux 15.7, Lugano 16.3, Nizza 18.) Man sieht daraus, wie sich der Frühling im Etschlande gestaltet. Hinsichtlich seiner gilt, was vom südlichen Frühlinge überhaupt gesagt werden muß. Es ist eine Wahnvorstellung, die von weiß Gott welchen nordeutschen oder schwäbischen Lyrikern der Welt beizubringen versucht worden ist, daß es im Süden keinen Frühling gebe. Er ist um ebensoviel herzerfrcuender, duftcrsüllter und berauschender, als seine Sonne glänzender und seine Blumen bunter sind, als die des Nordens. Der Dichter hat nicht, wie der Lübecker Geibel, es nothwendig, seinen Frühlingssang in den Juni hineinzuvertagen oder, wie die Münchener Künstler es oft thun müssen, ihr Lenzfest auf den 40. oder 45. Mai zu verlegen. Wer an einem echten etschländischen Frühlingstage etwa nach Schönna, Lebenberg, Eppan gewandert ist, wird mich verstehen. Nun kommt der Sommer. Der ist italienisch, aber immerhin nicht so lästig, wie ihn die Fama und insbesondere die Fama in Tirol selbst macht. Brixen, Obermais, Eppan können ohne Beschwerde auch im Sommer bewohnt werden. Namentlich Brixen, vielmehr sein Villen-Vorort Bahrn, erfreut sich meist einer herrlichen Luft. Und dann sind überall oben die Hochflächen des Gebirges mit ihrer wcitschauenden Ansiedelungen von wundervollem Hauche schneebedeckter Berge gekühlt. Ein Gang oder eine Fahrt von wenigen Stunden bringt aus dem zu warmen Thale auf die gastliche Höhe. Die Tiroler schaden sich viel mit dem Gerede von der übertriebenen Sommerhitze des Etschlandes. Es kommt davon her, daß ein großer Theil seiner Bewohner an energische Berglust gewöhnt ist und es demnach zu schwül findet, wenn er an einen Ort kommt, dessen Mittel im Juni 21.4 Celsius (Nizza 20.5), im Juli 23.1 (Nizza 22.2), im August 22.2 (Nizza 24.3) beträgt. Es ist in Folge dessen vorgekommen, daß Reisende selbst vor einer flüchtigen Berührung Bozens oder Merans zurückscheuten. Zur nämlichen Zeit aber ist es oben in Nazes, Seis, Völs, Oberbozen so kühl wie im Salzkammergut, die Nächte sind voll erfrischenden Hauches, und der Süden spendet zu dieser Erquickung noch obendrein seinen regenarmen Himmel. Zudem fehlt es nicht an Solchen, welche den Sommer sogar in der Hitze des Tieflandes wundervoll finden — es ist wenigstens ein echtwerthiger, wirklicher, ausgewachsener Sommer, nicht jene Parapluie- Verkäufern heilige Zeit nordischer Wallfahrtsorte. Den goldenen Herbst dieses fruchtreichen Landes, dem noch Mitte des November so manche Rose entgegenglänzt, willl ich nicht schildern, weil das Andere besser gethan haben. Ich will den Zahlen ihr Schlußwort gönnen: Bozen September 18.4 Celsius (Montreux 16.4, Comersee 17.9, Nizza 20.6); Oktober 12.8 (Montreux 10.6, Comersee 14.2). Das ist die Wahrheit vom Klima dieses Alpenlandes. Es ist das schönste Besitz- thum Oesterreichs, und der Germane findet unter den Burgtrümmern und Feigenbäumen hier seine Provence. Denn einst klang es hier unter dem sonnigen Himmel allerorten von Minnelied und Fröhlichkeit. Warum ist es anders geworden? Das ist ein „anderes Kapitel." Nicht das Klima ist es, das sich in der Heimath Walther's von der Vogel- wZde verändert hat, > N, Miseellerr. (Mögliches aus Ammergau.) Was der Huberbauer seinem Nachbar' von der Oberammergauer Reise erzählt hat, können wir unsern Lesern nicht verschweigen: Bin ganz gut aber etwas durchnäßt am Freitag in Ammergau angekommen. Herodes war so freundlich mir einen Rock zu leihen, während der meinige zum Trocknen aufgehängt war. Die Kinder des Herodes führten mich zum Pilatus, wo ich eine sehr angenehme Wohnung bekam. In der Nacht hat es mich sehr stark gefroren, die Schwägerin des Pilatus, die Maria Magdalena» verschaffte mir einen guten Shawl. Als ich gleich nach dem Frühstücke einen Rundgang im Dorfe machte, lernte ich Jesum Christum kennen. Bei Joseph von Arimathäa mußte ich mir eine Kleinigkeit kaufen. Da lernte ich den linken Schacher, einen sehr charmanten Mann kennen, der mich dem Hohenpriester Kaiphas vorstellte, welcher mich gleich zum Essen einlud. Habe mich dabei sehr gut unterhalten. Rechts neben mir saß Maria, links der Apostel Petrus. Die Vorstellung hatte großartigen Eindruck auf mich gemacht. Leider ist ein Theil durch Platzregen gestört worden. Judas war so gütig mir ein Regendach zu leihen. Nach der Vorstellung habe ich mit dem Hohenpriester Annas, dem rechten Schächer und einem Kriegsknecht einen Tarock gemacht. Mein Herbergsvater Pontius Pilatus gab mir seine Photographie; mit Petrus habe ich Bruderschaft getrunken» ' (Salzb. Chr.) (Chinesische Aerzte.) In der Unterredung eines englischen Arztes mit dem Kaiser von China fragte dieser, wie man in England die Aerzte bezahle. Als der Arzt ihm den englischen Gebrauch erzählt hatte, sagte der Kaiser scherzhaft: „Es ist unmöglich, daß man sich in England wohlbefinde. Ich halte es mit meinen Aerzten anders. Ich Habe deren vier, und bezahle ihnen wöchentlich ein anständiges Gehalt. Werde ich krank, ifo hört die Bezahlung so lange auf, bis ich wieder gesund bin. Ich brauche nicht zu ^agen, daß meine Krankheiten immer nur von kurzer Dauer find." ^llr. die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des f ^ Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. zur „Äugslmrger postzeitnng." Nr. 17. Samstag, 28 . August 1880. Verdammt den Richter nicht, er darf nicht billig sein; Für ihn ist das Gesetz von Eisen Und seme Pflichten sind von Stein, Ihn kalt und Laub mir auf das Recht zu weisen. Seume. Der Herr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) III. Der Abend war herangebrochen und der Baron mußte an die Heimkehr denken. Die schöne Frau hatte sich heute noch geistreicher, liebenswürdiger als sonst gezeigt und gegen ihre Gäste die ganzen Zauber ihrer Anmuth entfaltet. Der Baron hatte darüber ler häßlichen Anschuldigungen seines Freundes völlig vergessen. War es denn möglich, daß jenes ungewöhnlich schöne Weib, das unter den Besten des Landes wählen konnte sich an einen Bedienten wegwerfen würde? — Wenn er das liebliche, feine Geschöpf ganz im Stillen betrachtete, dann kam es ihm vollends zum Bewußtsein, daß die Wittwe seines Vetters den abscheulichsten Verleumdungen ausgesetzt worden. Er konnte auch wrtrauliche Beziehungen zwischen der schönen Frau und ihrem Kammerdiener nicht cnt- lecken. Iwan hielt sich in den gemessensten Schranken und auch die Baronin ertappte r nicht über einen jener Zärtlichkeitsbeweise, die sie heimlich ihrem Kammerdiener schenken sollte. Gustav hatte gewiß in seinem gewohnten Argwohn Dinge gesehen, die nie vorhanden waren. Nur zu rasch verging der Tag im harmlosesten und bcglückendsten Geplauder. Es mußte endlich aufgebrochen werden und man verabschiedete sich. Die Pferde standen schon im Schloßhofe bereit, während die Baronin ihren Gästen bis zur Rampe das Geleit gab, und als die Freunde schon ihre Rosse.bestiegen hatten, schwenkte sie freundlich grüßend mit dem Taschentuchs und rief mit ihrem bezauberndsten Lächeln: Auf Wiedersehen! — Hinter ihr stand Iwan, der sie stets wie ihr Schatten begleiten mußte. Er mochte sich bereits unbeachtet wähnen, denn seine Haltung war so vornehm und sicher, als sei er nicht der Kammerdiener, sondern der gebietende Herr, während er sonst in Gegenwart von Fremden, sehr geschickt und vorsichtig, die Rolle des unterwürfigen Bedienten zu spielen wußte. Als die Freunde schon davon sprengen wollten, hielt der Graf plötzlich sein Pferd an und den Kopf zurückwendend, rief er mit scharfer, befehlender Stimme: Ich Habs meine Cigarrentasche vergessen. Sie liegt auf dem Waschtisch, Iwan, hole sie geschwind! und er machte eine bezeichnende Bewegung mit seiner Reitpeitsche. Der Kammerdiener rührte sich nicht voin Fleck. Sein Gesicht entfärbte sich, er preßte krampfhaft die Lippen aneinander, dann wandte er sich Zu einem Bedienten zurück, 130 dcr in ver Nähe stand, und sagte ebenso laut und befehlend wie Brückenburg: August, hole einmal die Cigarrentasche des Herrn Grafen. Brückenburg gab seinem Pferde die Sporen und sprengte die Rampe hinauf, so daß er in der nächsten Sekunde dicht vor dem Kammerdiener hielt: Willst Du Schuft wohl die Tasche selber holen? Oder fühlst Du Dich zu vornehm dazu? Er zeigte dabe scheinbar den heftigsten Zorn. Iwan rührte sich auch jetzt nicht von der Stelle und blickte nur schweigend, mit Augen, aus denen die wildeste Wuth funkelte, zu dem Reiter hinauf; aber die Baronin trat mit hochgcröthetcm Antlitz an Brückenburg heran und mit allen Zeichen der Empörung fragte sie rasch, während ihr Busen heftig wogte: Wie kommen Sie dazu, hier zu befehlen, Herr Graf? Das ist ein Uebertreten der Gesetze der Gastfreundschaft, das ich ganz unerhört finde. Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber in Rußland ist man an den unbedingten Gehorsam von Bedienten gewöhnt und solch' unverschämte Burschen, wie Ihr Iwan, müssen in Ordnung gebracht werden. Eine zarte Frau vermag das selten, gestatten Sie mir, daß ich Sie dabei unterstütze und sich wieder zu Iwan wendend, rief er mit noch stärkerer Stimme: Was stehst Du noch hier, Tagedieb! Willst Du augenblicklich selber die Tasche holen. Auch jetzt blieb der Kammerdiener regungslos. Alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen, er ballte heimlich die Fäuste, als sei er bereit, sich wie ein wildes, zur Verzweiflung gehetztes Thier, auf den Reiter zu werfen. Trotz seiner furchtbaren Aufregung entging ihn: nicht, wie die im Schloß anwesenden Leute der Baronin vergnüglich vor sich hin grinsten und ihm die tiefe Demüthigung von Herzen gönnten und diese Beobachtung drückte noch schärfere Stacheln in seine Brust. Du gehst nicht, Bursche!? Dann werde ich Dich dazu zwingen, donnerte der Graf und sich vorn überbcugend, erhob er die Reitpeitsche um sie auf den Rücken des Widerspenstigen fallen zu lassen. Eh' er noch den Schlag ausführen konnte, war die Baroniir mit einem lauten Schrei vorgestürzt, um Iwan vor einer Mißhandlung zu schützen. Was wagen Sie, Unverschämter! rief sie außer sich vor Entrüstung. Entfernen Sie sich auf der Stelle und lassen Sie sich nie wieder vor meinen Augen sehen! Sie stand dabei stolz aufgerichtet da und erhob drohend die Hand. Ach, Verzeihung, gnädige Frau! Aber ich wollte mich nur überzeugen, ob das öffentliche Gerücht begründet ist, daß Ihr Bedienter Ihrem Herzen sehr theuer sei. Wie ich zu meiner Genugthuung erfahren habe, sagt man von Ihnen nicht zu viel. In dcr That, Ihr Geschmack macht Ihnen alle Ehre! und Brückenburg wollte sein Pferd wenden und hohnlachend die Rampe hinunter sprengen. Zu seiner grenzenlosen Ueberraschung übten seine Worte nicht die niederschmetternde Wirkung aus, die er davon erwartet hatte. Nur eine Sekunde stand die Baronin in sprachloser Verwirrung da, um sich dann stolz in die Höhe zu richten und wie von einem schnellen Entschlüsse fortgerissen, warf sie sich plötzlich an die Brust ihres Kammerdieners und als ob sie durch dies Bekenntniß selbst von einer furchtbaren Last befreit werde, jubelte sie förmlich hervor: Ja, Herr Graf, Sie haben Recht! und ich bin glücklich, daß ich dies treue und warme Herz mein nennen kann! Frau Baronin, was thun Sie? rief der Kammerdiener erschrocken und suchte sich rasch ihrer Umarmung zu entziehen, aber sie hielt ihn nur um so fester: Iwan, wozu sollen wir länger die Komödie aufführen? Mag doch alle Welt endlich erfahren, daß ich Dich über alles liebe und Dir mein Herz bis zum letzten Athemzuge gehört! Und sie schmiegte sich mit der ganzen hingebenden Gluth eines liebenden Weibes an ihn an. Der Graf sah völlig verblüfft auf die Gruppe herab. Das hatte er doch nicht erwartet und ging über all' seine Berechnungei: hinaw:>. Seltsam genug, er hatte von der schönen Wittwe bisher eine sehr geringe Meinung gehabt, jetzt stieg sie plötzlich in seiner Achtung. Das war wenigstens ein Muth der Leidenschaft, der ihm beinahe im-> 131 ponirte. Mit ganz anderen Empfindungen hatte der Baron dem Austritt beigewohnt, ßr war anfangs ebenfalls empört über das unerhörte Auftreten seines Freundes rtTch schon naher geritten, um in der peinlichen Angelegenheit zu vermitteln; aber als die Baronin plötzlich, alles vergessend, sich an die Brust ihres Kammerdieners stürzte, da ging es wie ein gewaltiger Riß durch sein Herz. Ja, Vrückenburg hatte Recht, diese Frau war eines Edelmannes unwürdig, denn sie hatte sich in schamlosester Weise weggeworfen, und damit bewiesen, daß auch die üblen Nachreden ihrer Leute auf voller Wahrheit beruhten. Es war alles so unerwartet, so plötzlich geschehen, daß es dem Baron wie ein häßlicher Traum vorkam und er wurde erst durch das Wort des Freundes, der jetzt zu ihm heranritt, aus seine»: schmerzlichen Sinnen geweckt. Sie hat Courage, diese Französin! flüsterte ihm der Graf zu, als er an seiner Seite war. Das hätte ich ihr nicht zugetraut! Ich glaubte, sie würde die Heuchelei hartnäckig weiter treiben. Der Baron antwortete nicht sogleich, sein Herz war zu tief erschüttert. Vorwärts, Richard! fuhr Brückenburg fort. Hier kann unseres Bleibens nicht länger sein. Du weißt fitzt wenigstens, 'daß meine Beobachtungen und Forschungen auf gutem Grunds beruhten. Es war freilich ein etwas plumpes Mittel, aber was thut man nicht einem alten Freunde zu Liebe! Ach und ich habe sie vergöttert! klagte der Baron leise und dann, als wolle ev sich selbst gewaltsam aus seiner sentimentalen Stimmung aufraffen, setzte er seinem Pferde die Sporen ein, das mit ihm davonflog. Der Graf hatte Mühe, ihm zu folgen. Beide wandte:: die Augen nicht mehr nach den: Schloße zurück und ritten eine ganze Zeit neben einander her, ein Jeder, seinen eigenen Gedanken nachhängend. Endlich begann Brückenburg von Neuen:: Weiht Du, was mir bei dem fatalen Auftritte besonders aufgefallen ist? Nun? fragte Noscnberg einsilbig zurück. Ich habe die Wittwe Deines Vetters schon immer im Verdacht gehabt, daß sie eine ehemalige Schauspielerin ist, aber jetzt bin ich davon überzeugt. Wie so? Als sie mir so entrüstet entgegentrat, und sich dann in die Brust des Geliebten warf, geschah das alles mit so theatralischem Aufwande, daß mir unwillkürlich der Gedanke kam, eine Bühnenkünstlerin, vor mir zu haben. Möglich, sagte der Baron ziemlich zerstreut. Nachdem ich diese Ueberzeugnng gewonnen habe, halte ich es doch für nothwendig, ein wenig nach der Vergangenheit der Baronin zu forschen. Wir haben sie Alle, selbst Du, der an: meisten betheiligt ist, in: guten Glauben als die Wittwe Deines Vetters hingenommen, ohne nur im' Mindesten nach den Beweisen zu fragen, daß sie diejenige ist, für die sie sich ausgibt. Erst jetzt wurde Noscnberg aufmerksam. Wir Habei: nur als Edelleute gehandelt, sagte er, den hübsche:: Kopf etwas stolz und selbstbewußt zurückwerfend. Ganz gut, wo es sich aber um eine so bedeutende Besitzung handelt, wäre wohl die Frage nicht nur erlaubt, sondern auch geboten, ob die betreffende Person wirklich ein Recht hat nach einem solch glänzenden Erbe die Hand auszustrecken. Dein gewohntes Mißtrauen brütet doch die wunderlichsten Vorstellungen aus, bemerkte der Baron, der durch den Eifer, mit den: sein Freund seine Auseinandersetzungen vortrug, :um doch zu größerer Antheilnahme an diesen Erörterungen mit fortgerissen wurde. Mir erscheinen sie gar nicht so sonderbar, als sie Dir vorkommen mögen, war Vrückenburg's trockene Entgegnung. Bedenke doch, lieber Gustav, wie würde eine völlig unberechtigte Person es wagen, hier als Erbin aufzutreten. 132 Dem Kühnen lacht das Glücks ich will auch gar nicht einmal behaupten, daß sie nicht die Wittwe Deines Vetters, aber ich möchte nur wissen, wie sie dies plötzlich geworden äst? Hier liegt jedenfalls ein düsteres Geheimniß zum Grunde, irgend eine Tragödie, und als der Baron nicht gleich etwas entgegnete, fuhr der Graf eifrig fort: Mir war es schon aufgefallen, daß die schöne Wittwe uns ungern von ihrem verstorbenen Mann sprach und leicht darüber hinwegglitt, wenn ich über Deinen Vetter Näheres erfahren wollte. Wenn ich nun die heftige Neigung bedenke, die sie für ihren Kammerdiener hegt und die sie schon lange empfunden haben muß, dann kommen mir ganz eigenthümliche Gedanken. — Du willst doch nicht sagen, daß sie meinen Vetter ermordet hat? fragte der Baron heftig und richtete, trotz der Dämmerung ganz betroffen, die gutmüthigen blauen Augen auf den dicht neben ihm reitenden Freund. Muß sie eS denn gerade selbst gethan haben? entgegnete Brückenburg mit seinem gewohnten scharfen Tone. Aber Iwan kann ihr ja diesen Dienst geleistet haben und seitdem sind diese Beiden noch inniger und unzertrennlicher mit einander verbunden. Deshalb darf sie auch nicht dulden, daß dem treuen Burschen irgend eine Demüthigung widerfährt. Gräßlich, murmelte Nosenberg, und dennoch ist vielleicht Dein furchtbarer Verdacht nicht ganz ohne Berechtigung. Es freut mich, daß selbst Deine sorglose Natur meine Grübeleien nicht ganz als Trugschlüsse zurückweist. Eine Frau, die sich an ihren Bedienten wegwirft, scheint mir zu Allem fähig, bemerkte der Baron und verrieth damit wieder, aus welcher Wunde er noch blutete. Die Freunde ritten jetzt langsamer den einsamen Waldweg dahin und der Graf begann nach kurzer Pause von Neuem: Je länger ich darüber nachdenke, je mehr Beweisgründe entdecke ich für meine Vermuthung. Die Frau Deines Vetters hat sich in den hübschen Burschen verliebt, als Pariserin und besonders als Bühnenkünstlerin hat sie von der Heiligkeit der Ehe nicht gerade die stärksten Vorstellungen. Vielleicht haben es die beiden Liebenden etwas zu arg getrieben und Bloomhaus ist dahinter gekommen. Nun mußte sich die schöne Frau entscheiden und sie zog den stattlichen Kammerdiener vor, da galt es freilich, den unbequemen Gatten aus dem Wege zu räumen. Das Ehepaar lebte damals in Italien, Dein Vetter ist in Neapel gestorben, wie sie behauptet, und dort soll das Gift wohlfeil sein. Vielleicht täusche ich mich, vielleicht bin ich auf der rechten Fährte. Ich sträube mich noch immer, an diesen Abgrund von Schlechtigkeit zu glauben, sagte der Baron mit gepreßter Stimme. Sie hat mich durch ihren Geist, ihre Schönheit völlig geblendet und zuletzt muß ich erfahren, daß sie mit ihrem Bedienten ein zärtliches Verhältniß unterhält. Ich würde all' Deinen scharfsinnigsten Auseinandersetzungen nicht geglaubt haben, wenn mich nicht der Augenschein darüber belehrt hätte. Wir haben die schöne Frau und ihre Angelegenheiten mit viel zu großer Noblesse behandelt, meinte Brückcnburg, und nach dem heutigen Auftritt ist es Zeit, daß wir die Dinge etwas nüchterner auffassen. Einer solchen Person gegenüber fallen alle Rücksichten. Du hast als nächster Agnat ein Recht zu fordern, daß sie über ihre Erbberechtigung die vollgültigsten Beweise antritt. Bisher hat Niemand ihr die nöthigen Dokumente abverlangt, um zu sehen, daß wir es wirklich mit der Wittwe des Baron Bloomhaus zu thun haben. Wäre es nicht unritterlich jetzt mit solchen Forderungen hervorzutreten? äußerte der Baron seine Bedenken. Versprich es mir, das Alles in meine Hände zu legen, sagte der Graf und reichte dem Freunde seine Rechte, die dieser herzlich drückte, denn es kam ihm wieder einmal zum Bewußtsein, wie fest und treu Brückenburg zu ihm hielt, den alle Welt für kalt und herzlos hielt» 'ü k'o-, 'l' 133 Ich muß es wohl, wenn Du es wünschest, entgegnete er deshalb, im eigenen Bewußtsein, daß er dem Grafen selten widerstehen konnte. Nur heut morgen hatte er in liebeglühender Verblendung allen Beweisgründen Brückenburgs' getrotzt. Das ist mir lieb, erwiderte der Graf lebhaft. Ich werde ihr zunächst einen Advokaten auf den Hals schicken und dann wollen wir sehen, wie sich die Sache weiter entwickeln wird. Wenn ich- mich nicht sehr irre, endet die Komödie damit, daß Du als einziger berechtigter Erbe in Bloomhaus einziehst. Also vorwärts! er setzte sein Pferd wieder in raschern Trab. Der Baron folgte ihm, ohne ein Wort zu entgegnen. (Fortsetzung folgt.) Die Tempel vott Slgrigent. , Von Atsons von Rosthorn. Die Sonne stand schon hoch und brannte tüchtig auf uns nieder, als wir uns erwartungsvoll und ob des heitern Wetters guter Dinge auf dem Wege nach den Resten des ehemaligen Agrigcnt befanden. Zwei Girgentiner Equipagen, die, ihrem alterthüm- lichcn Aussehen und schlechten Zustande nach zu schließen, noch aus jenen Zeiten stammen mochten, da Goethe diese Gegenden bereiste, hatten unsere Gesellschaft aufgenommen. Dieselbe bestand aus einem Bcrsagliere-Major sammt Frau, einem österreichischen Fräulein, einer deutschen Familie vom Rhein und meiner Wenigkeit. Der Umstand, daß der allbekannte Fremdenführer und Custos der Alterthümer mitfuhr, überzeugte sofort alle Vorübergehenden, das; wir ^InZIeoi^ seien. Die üppige Fruchtbarkeit der uns umgebenden Gegend macht uns bald an den ans Fabelhafte grenzenden Reichthum der glücklichen Bewohner des gewesenen AkragaS glauben.' Die Girgentiner verbinden, wie alle Sicilianer, meist Garten und Feld, und so ist denn auch hier der Boden cultivirt, weist Hafer und Gerste vom schönsten Stande auf, während die saftgrünen Mandeln, immergrünen Oleander, frischblühcnden Maulbeerbäume und Früchte verheißenden Feigen wohlthuenden Schatten bieten und erquickende Abwechslung in die sonst eintönige Landschaft bringen. Das Getreide soll nach statistischen Berichten aus Palermo jetzt noch siebenfache Ernte zulassen, mährend man zu den Zeiten Cicero's zehnfach erntete, und es soll nach den Reiscbeschreibungen des Baron Riedesel aus dem vorigen Jahrhundert einst einen Reiter sammt Pferd vollends verdeckt haben. Die Wiesen, mit einen: Blumcnteppich überzogen, dessen einzelne Formen in großen, bunten aneinanderstoßenden Flächen sich absondern und wiederholen und in welchem verschiedene Kleeartcn und unsere rothe Mohnblume vorherrschen, werden recht hübsch durch weidende Hcerden ausgeschmückt. Das Rindvieh, hier wie auf ganz Sicilien durchgehcnds von rothbrauner Farbe, ist schön gebaut, ziemlich groß und zeichnet sich durch kräftig geschwungene Hörner aus. Abgegrenzt werden diese Felder Wiesen und Gärten untereinander sowohl als von der Straße her durch lebende Hecken, die von hohen, Fruchtstämme treibenden, hier bereits blühenden Alo n und'dicht nebeneinander gesetzten Cacteen gebildet werden. Die letzter«, das Eharaktergewächs dieser südlichen Landschaft (Opuntia, 6eus inctia), hier indische Feigen (üolii cl'Inckin) genannt, sind für Sicilien das geworden, was für Nordeuropa die Kartoffel bedeutet. Aus Südamerika ebenso wie die fälschlich Aloe genannte Agave herübergebracht, haben sie nicht nur die Physiognomie der Landschaft verändert, indem sie ganze Berge mit ihren: ins Bleifahle schimmernden Blattgrün bedecken, sondern auch unbebaute Landesstrecken der Cultur wiedergaben. Sie kommen nämlich selbst auf Felsbodcn fort, bilden Erdreich um sich, das durch die zu Boden fallenden Blätter eine Humusschichte entwickelt, und so dient diese dem Unkraut ähnliche sehende Pflanze zur Fruchtbarmachung des sterilsten Bodens. Die jungen Blätter dienen zum Viehfutter, die saftigen, rothen Früchte werden im Nachsommer und Herbst von Jung und Alt, Arm und Reich in großen Quantitäten vertilgt. Zahlreiche Staudengewächse, von Blüthen strotzend, Weißdorn, Busch an Busch, 134 lehnen sich an die Hecken, indeß die in Reihen gepflanzten Orangen- und ^itronenüäume, schattige Spaziergänge bietend, aus ewig dunklem Laub die goldenen Früchte und herrlich weißen Blüthen hcrvorlugen lassen, so daß ihr Anblick und der balsamische Wohlgerach gleich bczaubern. Leicht begreift man hier, wie dieselben in der Poesie Gegenstand der heißesten Sehnsucht werden konnten. Zwischen den verschiedenen Reihen von Culturbaumen fallen sofort zwei Fremdlinge aus, die, dem fernen Osten entstammend, vor nicht zu langer Zeit hicher verpflanzt, herrlich gedeihen; es sind dies die Mandarinen, jene bekannte, kleine Apfelsinenart von feinem Geschmack, deren erster aus China imvortirter Staunn noch jetzt im botanischen Garten zu Palermo gezeigt wird, und die schnell wachsende, reichlich tragende Wollmiopel (Lluspilns jnponicm). Ein Wald nach unsern Begriffen kommt hier ebensowenig als sonst irgendwo in Sicilien vor; jene Zusammenstellung von Bäumen, wie sie wohl öfter in schmalen Thälern, kleine Complexc umfassend, auftritt, Wald zu nennen, untre für den echten deutschen Wald, den prächtigen und charakteristischen Schmuck unserer Gegenden, eine Beleidigung. Bei eingehender Betrachtung der Feldarbeit gewinnt man wieder die Ueberzeugung von der Trägheit und Nachlnsigkeit des dortigen Landmanncs. Da in Sicilien kein eigentlicher Bauernstand eristirt, so wäre für das Wort „Landmann" entweder „Pächter" oder „Taglöhner" zu substituircn. Indeß ein großer Theil des Bodens unbenützt bleibt, ist der Ackerbau selbst in einen: erbärmlichen Zustande. Kein Mensch denkt hier daran, zu düngen. Dieselbe Sorglosigkeit, welche die Leute bei Behandlung ihres Grundes zeigen, legen sie auch mit Bezug auf ihre Wohnhäuser an den Tag, indem sie dieselben lieber einstürzen lassen, als daß sie sich zu einigen Reparaturen aufrafften. Kurz, Alles ist südlich! Damit ist genug gesagt. Man vertraut eben gänzlich auf die Produktionsfähigkeit des Bodens, der ohne Beihilfe des Menschen Alles hervorbringen soll. Man möchte am liebsten einige Monate hindurch schlafen, um dann zur Erntezeit zu erwachen und plötzlich reich zu sein. Trotz alledem herrscht hier ein Reichthum an Früchten und Getreide, der mir von eurem Theile der paradiesischen Ostküste Siciliens, der Gegend von Catania, dem ewigen Garten, übertroffcn wird. Zum Export all' dieser Herrlichkeiten dient der 3'7 Kilometer von Girgenti entfernte Hafen, den man von den Tempest: aus gut sehen kann. Durch einen gegen 2000 Meter langen Molo geschützt und mit einem Leuchtthurm versehen, ehemals Molo di Girgenti, jetzt Porto Empedoclc genannt, besitzt derselbe die liog'io vurioutujo, die größten Korn-Magazine Siciliens, tief in den Fels gehauene Gewölbe. Außer Oliveiröl, Mandeln, Soda und großen Mengen Getreides kommt von hier aus etwa ein Sechstel des sicilianischen Schwefels zur Ausfuhr, der aus den ringsum in Gyps und blauem Ton liegenden Schwefel-Minen durch zahllose Esel und Maulthiers zur Küste geschafft wird. In diesen botanisch-landwirthschaftlichen Betrachtungen wurden wir durch den Anblick der plötzlich aus dem Grün der Umgebung auftauchenden Tempel unterbrochen, auf die uns sodann der von lebhaften Gesten begleitete Ausruf unseres Führers auf gut italienische Art mit den: nöthigen Spectakel aufmerksam machen wollte, nachdem wir sie längst selbst entdeckt hatten. Und wahrhaftig, wer könnte in Sicilien, der Landesgeschichte kundig, auch nur einige Schritte thun, ohne des großen Zuges der Vergangenheit bewußt zu werden! Platen hat dieser Stimmung, die just den Deutschen hier beschleicht in seinem „Hymnus an Sicilien" classischen Ausdruck verliehen. Gewiß ein großer Anblick! Auf kleinen Plnteaux längs der südlichen Stadtmauer fituirt, erheben sich diese beiden herrlicher: und trotz ihrer 2000 Jahre recht gut erhaltenen Baudenkmäler griechischer Kunst ernst und feierlich. Vor: ihren: Standpunkte die Gegend weithin beherrschend, scheinen sie so angelegt worden zu sein, um den: von: Meere aus anlangenden, vielleicht aus den: Mutterlande Hellas kommenden Fremdling zu imponiren. Der gelbbraune Tuffstein, der, ursprünglich wohl weiß, durch die Einflüsse der Witterung 135 während des etwa langen Zeitraumes ähnlich wie das menschliche Antlitz durch die Sonne und Stürme gebräunt worden war, das Baumaterial dieser Tempel stimmt zwar recht harmonisch zu dem Hintergründe der ebenfalls braunen, öde an-.-,..'brannten Küstenland- schaft, paßt auch in seiner Derbheit und prunklosen Einfachheit zu der ernsten Würde des dorischen Styls, kann aber auf den Beschauer aus der Nähe keineswegs jene gewaltige Wirkung hervorbringen wie die aus dein edlen Marmor erbauten Denkmäler gleicher Art. Der erste, weniger gut erhaltene Tempel, jener der lluno Imcrinia, stammt" aus der ersten großen Blütheperiode der griechischen Baukunst, die, hervorgerufen durch das gesteigerte Selbstbewußtsein in Folge der glänzenden Siege und allgemeinen nationalen Erhebung, in das Ende des fünften Jhrhunderts vor Christus fallend, wesentlich darauf beruht, daß man sich durch die nach plastischen Gesetzen durchgebildeten Gestalten von den strengen Regeln und Banden einer unveränderlichen Architektonik frei zu machen suchte. Unter der erheblichen Anzahl von dorischen Peripteral-Tempeln Siciliens, die, jener Zeit ihren Ursprung verdankend, in ihren derbern Formen noch strengern Dorismus bewahrt haben, ist dieser ein Beispiel für die günstigere Entwicklung des Styls. Das Festhalten an dem Hergebrachten, Ursprünglichen dürfte in Sicilien, einer von Dorern gegründeten Colonie Griechenlands, ebenso wie in Ornoein ma§nn Unter-Italiens seinen Grund in der weiten Entfernung vom Mutterlands finden. Wäre nicht in Folge des unedlen Materials indem man Thon, Tuff und Sandstein zum Bau verwendete, durch die Einflüsse der Witterung und besonders des gesürchteten Sciroeco der größte Theil dieses Bauwerkes theils zusammengestürzt, theils zerfallen, derart, daß von den dreizehn noch aufrechten Säulen kaum sieben weitern Einwirkungen zu widerstehen versprechen, so wäre dieser Tempel der schönste SicilienS zu nennen. Wie alle sicilinnische Tempel dorischen Styls, trägt er die Vorzüge dieser einfachen, energischen und bestimmten Architektonik, die klar den Zweck ausspricht, den sie verfolgt. 3-1 straffe, kühne Säulen, je aus 5 Steinblöcken sammt Capitäl bestehend, mit der gewöhnlichen 20fachen Cannclirung ausgestattet, bildeten ursprünglich den Portieus, so daß auf die Längsseiten je 13, auf die Fronten je 6 entfielen. Der Durchmesser verhält sich zur Höhe derselben wie 1 zu 4^/.. Alle diese Zahlen, dem mathematischen Formensinn der Griechen entstammend, bringen in das Ganze eine unvergleichliche Harmonie. Bei Betrachtung dieser geometrischen Grundverhaltnisss kommt man zu der Ueberzeugung: so mußte es sein und anders konnte es nicht werden. Wie allüberall finden wir auch hier einen Unterbau von vier Stufen, sowie auch Spuren der von Wänden umschlossen gewesenen Zelle (OuUn). Diese enthielt nach Plinius jenes berühmte, die Juno darstellende Bild von Zeuxis, wozu der alte Meister die fünf schönsten Jungfrauen von Agrigcnt als Modelle benützt haben soll, und öffnete sich nach vorne in die Vorhalle. Nach rückwärts stand sie. mit einem für Priester und geheime Cultuszwecke dienenden Raum, der wieder mit unterirdischen Gängen communicirte, in Verbindung. Dieser Umstand ließ lange glaube», der Tempel sei für den mistischen Demeter-Cult bestimmt gewesen. Nicht weit von diesen Ruinen erhebt sich auf einem ähnlichen Hügel, und mitten in einer gleich malerischen Umgebung der sogenannte Concordia-Tcmpel. Von dem Historiker Fazcllo wurde er fälschlich so benannt, da man in seiner Nähe eine darauf hinweisende lateinische Inschrift gesunden hatte, die noch heutzutage in Girgenti gezeigt wird. Obgleich viel besser, bis auf das fehlende Dach sogar vollkommen erhalten, deutet derselbe mit seinen weniger charakteristischen Formen auf eine spätere Zeit der Entstehung hin. Er stimmt in Form und Zahl seiner Säulen, sowie in den Grundelementen des dorischen Styles mit dem früher beschriebenen überein. Goethe sowohl als Bartels bemerkten jedoch schon in ihren diesbezügliche!: Schriften, daß sie an den Wänden und Säulen Ausbesserungen wahrgenommen hätten, die sie der eifrigen Geschäftigkeit der in Folge ihrer großen Zahl meist müßigen Geistlichen zuschrieben, was um so wahrscheinlicher" klingt, als dieser Tempel seine vollkommene Erhaltung nur dem Umstände zu verdanken: hat, daß er, von den Karthagern verschont geblieben, in eine christliche Kirche umgewandelt und, dem heiligen Gregorio delle Nape, Bischof zu Girgenti, geweiht, als solche lange Zeit verwendet wurde. Doch kann man nicht bestimmt entscheiden, ob diese wie Ausbesserungen aussehenden lichtern Partien wirklich Gyps oder nur Neste des alten Marmorstucks sind, mit welchem die Griechen das rohe Material überzogen hatten. Der Haupteiugang liegt gegen Osten und steigt man auf vier, das Paviment inbegriffen auf fünf alterthümlich-unbequemen Stufen hinan. Kein einziger Tempel Italiens kann eine ähnlich gut erhaltene Zelle ausweisen; die sechs in jede der Wände gebrochenen Bogen- Oeffnungen dürfen jedoch den Beschauer nicht beirren, da sie aus viel späterer, der christlichen Zeit herstammen. Am Haupteingange sind selbst jenes Treppen erhalten, welche in sechs Absätzen zu fünf Stufen auf das Tempelvach hinaufführten. Dieses war doppelt und bestand aus dem untern, flachen, die Säulen-Corridore oben deckenden, und einem spitz zulaufenden Theil, wie man dies noch an der Lage des Giebelfeldes erkennen kann. Das ganze Epistyl oder Architrav, jene mächtigen Balken, welche unmittelbar auf den Säulen ruhen, zur Längenverbindung des Ganzen dienen und die übrigen Theile des Gebälkes tragen, ist in vortrefflichster Weise erhalten, so daß man sich kein vollständigeres Bild der dorischen Architektonik wünschen kann. Welch' merkwürdiges Gefühl überkömmt den Wanderer in diesen zweitausendjährigcn Hallen! Der Gedanke, durch denselben Säulengang zu wandeln, denselben Boden, dieselben Steine zu betreten, auf denen Tausende von Hellenen ihre heitere Religion ausübten, erzeugt in uns jene beste feierliche Stimmung, die sich durch allgemeines Verstummen kundgibt. Grabesstille ringsumher! Kein Vogelgesang unterbricht die tiefe Ruhe. Unter uns eine unendliche Zahl von Gräbern. Wie nichtig und vergänglich ist doch auch das Größte! Meer und Himmel, zwei unendliche Weiten, erblicken wir durch die Säulen. — Zwischen den Trümmern einstiger Größe prangt ein immerwährender Schmelz kräftig duftender Blumen, zwischen dem Myrthenstrauch blühen große rothe Allien spanischer Ginster und Hiacynthen. Jasmin und Rosmarin wechseln mit Fettkräutern und saftigen Lattichstengeln. Die vielen Pflanzen, die man nur meist in Kübeln und Töpfen hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt ist, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel. Um Säulen-Fragmente schlingen sich schönfarbige Winden, die umgestürzten Steinblöcke bedecken große Malven und strauchartige Wolfsmilcharten. Um Disteln flattern bunte Falter, hohe Gräser bieten der reichen Jnsektenwelt sein geeignetes Versteck, auf den heißen Steinen sonnen sich grüne Lacerten, die jedoch im Nu in Trümmerhaufen verschwunden sind. Recht charakteristisch für diese todten Gefilde sind die antiken Acantus- blätter und die niedrigen Zwergpalmen mit ihren fingerförmig zertheilten Blättern. Eine ganze Reihe von Tempeln schließt sich in diesen beiden an, so der ehemals berühmteste aller Tempel Siciliens, der Tempel des olympischen Zeus, das Olympion, von dessen kolossaler Größe nur mehr der Plan zeugt; der durch die gigantischen Steinblöcke und seine hochberühmte Broncesigur ausgezeichnete Herkulestempel; der große Thrümmerhaufe, genannt Castor und Polluxtempel, auf dessen malerischen Ueberresten der Zufall heute gerade zwei ganz gleichgcstaltete Esel weiden ließ und noch viele anders von minderer Bedeutung. Nachdem ganze Werke diese Bau-Denkmäler ausführlich behandeln, wäre es nicht möglich, an dieser Stelle auch nur eine ganz flüchtige Skizze von denselben zu liefern. Die Sciroccogluth war gewaltig und wir schmachteten nach Erquickung, Labung und Ruhe. So wurde denn bei der rücksichtslosen Gluth der afrikanischen Sonne die Rückfahrt ohne Debatte einstimmig beschlossen und glücklich ausgeführt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Aerlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Unterüaktunggökat zur „Mgslmrger Postzeltimg." Nr. 18. Mittwoch, 1. September 1880. Laß die schwerste Pflicht dir die allerheiligste Pflicht sein. Lavater. Der Herr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) IV. Graf Brückenburg hielt Wort; erunachte die Angelegenheit des Freundes zu seiner eigenen und suchte schon am andern Tage einen Advokaten auf, um ihn mit der wettern Verfolgung dieser Sache zu beauftragen. Feodor Rasinsky war ein echter Russe, schlau, voll ungewöhnlicher Umsicht und unter den einschmeichelndsten Manieren, die schärfste Berechnung und Herzenskälte verbergend. Gerade dieser Mann schien dem Grafen völlig geeignet, die immerhin heikle Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Der noch ziemlich junge Advokat hörte den Auseinandersetzungen des Grafen mit großer Aufmerksamkeit zu, ohne ihn mit einem Worte zu unterbrechen; nachdem Brückenburg die lebhafte Frage an ihn richtete: Was sagen Sie zu der Geschichte? cntgcgnete er nach längerem Nachsinnen, während seine Antwort längst fertig war: Ein interessanter Fall. Ich bin Ihnen sehr dankbar, das; Sie mich damit beauftragt haben. Sie glauben also auch, daß an der ganzen Sache Vieles dunkel ist? fragte der Graf weiter. Nun, ich werde mein Möglichstes thun und versuchen, die Baronin in die Enge zu treiben. Sie können doch französisch? , Der Advokat nickte. Und dann lassen Sie sich nur nicht von den funkelnden Augen der schönen Wittwe bestechen, ermähnte Brückenburg lächelnd. Ich mache Sie von vornherein darauf aufmerksam, das; die Baronin außerordentlich liebenswürdig sein kann. Nasinsky zuckte die Achseln. Wir Juristen sind mit dreifachem Erz umpanzert. Sollte da wirklich ein Pfeil des Liebesgottes nicht durchdrungen? fragte der Graf scherzend, setzte aber dann rasch hinzu, indem er vertraulich seine Hand auf die Schulter des Advokaten legte. Ich verlasse mich ganz auf Sie und wenn es Ihnen gelingt, die Französin zu entlarven, sichere ich Ihnen im Namen meines Freundes 50,000 Rubel zu. Hier haben Sie mein Edelmannswort, und er reichte ihm dabei die Rechte. Ich würde auch ohne diese Aussicht alles aufbieten, um die jetzige Besitzerin von Vloomhaus in die Enge zu treiben, war die gelassene Antwort Nasinsky's. Es winkt Ihnen ein doppelter Gewinn, fuhr Brückenburg lebhaft fort. Wenn eL Ihnen gelingt, meinem Freunde zu seinen; Erbe zu verhelfen, sind Sie mit einem Schlags der berühmteste Advokat der Ostseeprovinzen, denn die Sache wird natürlich, besonders in den höheren Kreisen, ungeheures Aufsehen erregen. Ich werde mein Möglichstes thun, Herr Graf, sagte Rafinsky ruhig, ohne durch ' das geringste Zeichen zu verrathen, wie sehr sein Ehrgeiz durch diese glänzende Aussicht aufgestachelt worden. ^ Noch an demselben Tage fuhr der Advokat nach Bloomhaus. Er kam erst in ^ spater Nachmittagsstunde an und ließ sogleich die Baronin in einer wichtigen Angelegenheit um eine Audienz bitten. Trotzdem erschien statt der gnädigen Frau der Kammerdiener, der Nasinsky nach seinem Anliegen fragte. Ich habe nothwendig mit der Frau Baronin selbst zu sprechen. Lieber Herr, Sie können mir ruhig sagen, was Sie herbeiführt. Ich habe von der Baronin den Auftrag alle geschäftlichen Angelegenheiten in ihrem Namen zu erledigen, st entgegnete Iwan, der seit vorgestern allen Fremden gegenüber mit ganz anderer Sicherheit auftrat und hier nun ebenfalls den Herrn herauskehrte. Er hatte nicht mehr nöthig den unterwürfigen Diener zu spielen, seitdem seine gnädige Herrin rücksichtslos ihre Gefühle preisgegeben. Die Sache kann ich dennoch nur mit der Frau Baronin selbst besprechen, entgegnete ? Rafinsky mit solcher Entschiedenheit, daß Iwan davon wirklich eingeschüchtert wurde, und mit der Erklärung: er werde die gnädige Frau fragen, ob sie zu sprechen sei, sich entfernte. Nach kurzer Zeit rauschte die Baronin in das Empfangszimmer, gefolgt von ihrem treuen Iwan, der jetzt nicht mehr von ihrer Seite wich. ^ Die schöne Frau schien ziemlich verdrießlich zu sein, denn sie entfaltete gegen den Fremden nicht gleich ihre gewohnte Liebenswürdigkeit, sondern fragte nach einer flüchtigen » Verbeugung ziemlich kühl und herablassend: Was wünschen Sie, mein Herr? ^ Nasinsky war nicht der Mann, der sich so leicht außer Fassung bringen ließ. Der Graf hatte zwar Recht, die Baronin war eine höchst brillante Erscheinung, aber er war nicht gekommen, um eine Frauenschönheit zu bewundern, sondern um seinen juristischen Scharfsinn zu entfalten. Gestatten Sie mir, Frau Baronin, daß ich Platz nehme, denn unsere Angelegenheit dürfte nicht so rasch erledigt sein, sagte der Advokat mit einer so überlegenen Miene- als habe er schon über diese Frau den Sieg gewonnen. Wirklich wurde die Baronin durch die Haltung des Fremden ein wenig verblüfft. Sie machte nur eine einladende Handbewegung und ließ sich dann selbst mit einer Miene, die auf eine sehr langweilige Auseinandersetzung gefaßt ist, im nächsten Sessel nieder. Iwan zog sich ebenfalls einen Stuhl herbei, aber nur, um seine Arme darauf zu l lehnen und in bequemer Haltung, dicht hinter der Baronin, die Eröffnungen des Advokaten abzuwarten. Nasinsky nahm ohne Weiteres Ptatz und einen Blick auf den Kammerdiener werfend, sagte er mit einiger Betonung: Meine Mittheilungen, Frau Baronin, hätte ich Ihnen gern unter vier Augen gemacht. Sie können ruhig sprechen, vor diesem Herrn habe ich keine Geheimnisse und sis wandte sich küchelnd nach Iwan um und zeigte ihm ihr strahlendstes Antlitz. ^ Sie ist in der That frech, dachte der Advokat, laut entgegnete er jedoch nnt einer s leichten, höflichen Verbeugung: Wie Sie es wünschen, Frau Baronin. Und was ist Ihr Begehr? Ich bitte, fassen Sie sich kurz. Ich habe wenig Zeit,' sagte sie mit allen Zeichen der Ungeduld. Ich habe nur einige Fragen an Sie zu stellen, begann Nasinsky von Neuem, der ^ absichtlich eine juristische Bedächtigkeit entfaltete und der sich den Anschein gab, als bereits ihm die Handhabung der französischen Sprache ganz besondere Schwierigkeiten, während j er derselben völlig mächtig war. Fragen Sie! drängte die schöne Frau und nagte dabei ein wenig an ihrer Unterlippe» 139 — Wann hat Ihre Vermählung mit dem Herrn Baron Bloomhaus stattgefunden und seit mann sind Sie Wittwe? Mein Herr! Was berechtigt Sie, solche zudringliche Fragen zu stellen!? rief die Baronin empört und wollte von ihrem Sessel aufspringen; aber Iwan mochte ihr ein beruhigendes Wort zugeflüstert haben, denn sie blieb nach einer heftigen Bewegung sitzen. Ich komme als Bevollmächtigter des Baron Bloomhaus-Nosenberg, der als nächster Agnat ein vollgiltiges Recht darauf hat, diese näheren Informationen einzuziehen. Die Baronin stieß ein höhnisches Lachen aus und flüsterte ihrem Kammerdiener leise etwas zu, dann sagte sie laut: Ah, das ist vortrefflich! Der Herr Baron ist also solchen Freundes, wie des Grafen Brückenburg vollkommen würdig. Ich muß gestehen, das sind ganz bewundernswürdige Edelleute! und sie lachte von Neuem. ? Rasinsky ließ sich durch die spöttische Heiterkeit der schönen Frau nicht außer Fassung bringen und er ffuhr in trockenem Geschäftstone fort: es ist freilich nur eine einfache Förmlichkeit; aber das Gesetz schreibt vor, daß Derjenige, der irgend einen Besitz antreten will, auch sein Recht darauf nachweisen muß und in diesem Falle möchte ich Sie bitten, mir das Zeugniß über ihre mit dem Herrrn Baron eingegangene Ehe und dann den Todtenschein des Baron Bloomhaus vorzulegen. Und weiter bedürfen Sie nichts, mein Herr? fragte die Baronin mit geringschätziger Miene, ohne den Advokaten noch eines . Blickes zu würdigen. Lieber Iwan, wandte sie sich zu dem Kammerdiener, willst Du so gut sein und diese Papiere Herbeibringen, damit der Wunsch des Herrn befriedigt wird. ^ , Iwan flüsterte ihr wieder ganz leise ein paar Worte zu, und entfernte sich dann. Die schöne Wittwe machte also aus ihrem Verhältniß zu ihrem Bedienten nicht mehr das mindeste Hehl. Einer solchen Person gegenüber hielt sich Rasinsky ebenfalls jeder Rücksicht überhoben. Er lehnte sich bequemer im Lehnsessel zurück und betrachtete hinter seiner goldenen Brille mit aufmerksamen, scharfen Augen die Baronin, die in vornehmer Haltung dasaß, und anscheinend den Advokaten keines Blickes würdigte, während sie doch verstohlen den Ausdruck seines glatten, eiskalten Gesichtes zu studiren suchte. Der Graf hat Recht, es ist eine Schauspielerin, dachte Rasinsky und ein Lächeln glitt dabei um seine Lippen, das der Baronin nicht entging, denn sie fragte plötzlich: Es bereitet Ihnen wohl ein großes Vergnügen, eine arme schutzlose Frau zu beleidigen? und ihre Stimme hatte dabei einen rührenden Klang. Ah, jetzt beginnt sie die verfolgte Unschuld zu spielen! sagte sich der Advokat, aber er entgegnete ohne allen Sarkasmus: Sie verkennen mich, Frau Baronin. Als Advokat habe ich nur meine Pflicht zu thun. Müssen sie nicht selbst gestehen, daß die Zumuthung, die mir mein Vetter plötzlich stellt, etwas sehr Demüthigendes hat? Alle Welt und Baron Rosenbcrg zuerst hat mich als rechtmäßige Erbin von Bloomhaus anerkannt und jetzt hält es der Baron nicht unter seiner Würde, sich erst durch Dokumente überzeugen zu lassen, daß ich wirklich die Wittwe seines Vetters bin. Zum Glück kann ich mit den gütigsten Papieren anfwartcn. Iwan wird sie sogleich bringen. Die Baronin hatte so rasch und lebhaft gesprochen, daß Rasinsky jetzt erst zu Worte kam. Es ist dies eine bloße Förmlichkeit, die damals vergessen worden und die jetzt mein Klient als nächster Agnat nachholt, weil er dies der ganzen Familie schuldig ist. Sagen Sie lieber, es ist ein Ausfluß kleinlicher Rache! warf die Wittwe hastig ein. Der Baron kann es mir nicht vergeben, daß mir alle aristokratischen Vorurthcils fremd sind und daß ich einem einfachen, schlichten Menschen, dessen Treue ich erprobt, mein Herz geschenkt habe. Der Advokat erkannte recht gut, daß all' diese Reden darauf hinausliefen, seine günstige Meinung zu wecken und dies steigerte nur seinen Verdacht. Er entgegnete deshalb nichts, sondern machte nur eine nichtssagende Handbewegung. Auch die Baronin schwieg jetzt; sie nagte nur ein wenig an ihrer Unterlippe. Da 140 bist Du ja schon! rief sie plötzlich erfreut, als Iwan mit einigen Papieren m der Hand wieder in's Zimmer trat. Nun wollen wir sogleich die Sehnsucht des Herrn Advokaten befriedigen, und sie griff hastig nach den Dokumenten, um sie Rasinsky zu überreichen. Der Kammeldiener jedoch hielt die Papiere fest und sagte mit eigenthümlichem Lächeln: Wir wollen sie hier auf dem Tisch ausbreiten, dann kann sie der Herr in aller Bequemlichkeit prüfen, und dürfen wir nicht gestatten, daß er sie selber in die Hand nimmt — und er warf dabei der Wittwe einen Blick zu, die ihn augenblicklich verstand, denn sie rief lachend aus: Ganz Recht. Mißtrauen gegen Mißtrauen! Wer bürgt uns dafür, daß der Herr Advokat die wichtigen Dokumente an sich reißt und sie für immer Verschwinden läßt, um mich zu verderben. Das glatt rasirte Gesicht Rasinsky's verrieth auch nicht eine Spur von Kränkung. Er nahm seine goldene Brille ab, putzte in aller Gemüthlichkeit mit seinem seidenen Taschentuch die Gläser und entgegnete dabei in größter Ruhe: Schade nur, daß dieser Handgriff wenig nützen würde, denn Sie vergessen, gnädige Frau, daß Sie in der Lage wären, jeden Augenblick dieselben Papiere herbeizuschaffen. Thut nichts, dem Baron gegenüber ist jede Vorsicht geboten, erwiderte die Baronin rasch und gereizt und ihre schönen geistfunkelnden Augen ruhten dabei mit finsterm Groll auf dessen Abgesandten. Auch diese Beleidigung, die mehr ihm als seinem Klienten galt, nahm der Advokat sehr gelassen hin. Es wird vorläufig genügen, wenn ich die vorgelegten Dokumente in der mir gestatteten Entfernung studire, sagte er mit sarkastischem Lächeln, und schickte sich an, die bereits von Iwan anf dem Tische ausgebreiteten Papiere zu prüfen. Der Todtenschein des Barons ist in lateinischer Sprache abgefaßt bemerkte der Kammerdiener und sein Gesicht verzog sich etwas spöttisch. Thut nichts, muß ich ebenfalls sehen, mir ist das Italienische durchaus nicht fremd, war die Antwort Rasinsky's und er blickte etwas höhnisch zu dem vor ihm stehenden Bedienten auf, der mit Argusaugen die Dokumente zu bewachen schien, dann vertiefte er sich schon in seine Aufgabe, ohne das wunderliche Paar noch weiter zu betrachten. Das Zeugniß über die zwischen dem Baron Gregor Bloomhaus und Fräulein Combe- laine stattgefunden eheliche Verbindung war aus Paris datirt und in aller Form ausgestellt. Es hatte den Stempel der Behörden und an seiner Echtheit ließ sich kaum zweifeln. Auch das Zeugniß des Geistlichen über den kirchlichen Trauakt fehlte nicht. Es konnte hier eine Fälschung unmöglich vorliegen, das mußte sich Rasinsky selbst gestehen. Jetzt wandte der Advokat seine Aufmerksamkeit dem Todtenscheine zu, den er einer noch sorgsameren Prüfung unterzog. Das Papier war in italienischer Sprache abgefaßt und aus Neapel datirt. — All' diese Angaben stimmten. Aber seltsam, aus dem Scheine ging hervor, daß Baron Bloomhaus in einer Irrenanstalt Neapels und an einem Gehirnleiden gestorben war. Dann ist der Mann am Ende schon wahnsinnig gewesen, als er diese Frau geheirathet hat, dachte der Advokat und prüfte noch einmal die beiden Daten des Trau- und des Todtenscheins» Ein unwillkürliches leises „Hm" entfuhr seinen Lippen. Die Hochzeit des Barons hatte in Paris am 12. November stattgefunden und am 13. Februar des nächstfolgenden Jahres war der junge Gatte schon in Neapel seinem Gehirnleiden erlegen. Dann war ja die furchtbare Katastrophe ungeheuer rasch erfolgt. Die Baronin hatte sich ebenfalls dem Tische genähert und beobachtete mit unruhig blitzenden Augen, wenn auch ganz heimlich, jede Bewegung in dem Gesicht Rasinsky's; als er jetzt sein verdächtiges „Hm" murmelte, fragte sie in vornehmer Haltung, aber auch mit allen Zeichen der Ungeduld: ist die Prüfung noch nicht zu Ende? meine Zeit ist mir wirklich für derlei Geschäfts zu kostbar. Ich habe nur noch eine Bitte. Mir zu gestatten, die Dokumente zu kopiren, entgegnete der Advokat mit großer Höflichkeit. Es wird sehr rasch geschehen sein. 141 Wozu? rief die Baronin hastig. Ich glaube nicht, daß Sie zu dieser Forderung ein Recht haben und sie warf dabei einen fragenden Blick auf ihren Kammerdiener. Das glaube ich ebenfalls nicht bemerkte Iwan und griff schon nach den Papieren, um sie wieder zusammenzufalten. (Fortsetzung folgt.) Ein Gedenkblatt an Karlsbad. Der Berg, auf dem ich stehe, Das That, in das ich sehe. Der Wald so frisch und grün — Wie ist das Alles schön! Wer wollt' sich da nicht neigen, Nicht vor dem Schöpfer beugen, Der Alles dies erschuf Durch seiner Allmacht Ruf! DaS Spielrad der Zeit, in beständigem Umschwünge begriffen, hat in neuerer Zeit die böhmischen Bäder so empfohlen, daß sie die Zielpunkte von Hunderttausenden geworden sind, welche dort theils Heilung verschiedener Krankheiten, theils Erquickung und Unterhaltung suchen oder auch durch andere geschäftliche Interessen dahin' geleitet werden. Unter diesen Bädern steht Karlsbad obenan, welches im Sommer 1877 20,000 Curgäste gehabt hat, im August 1880 bereits 23,000 zählte und im Laufe der Saison diese Zahl wohl noch bedeutend erhöht sehen wird. Es ist nun über die böhmischen Bäder und speciell über Karlsbad schon so Vieles geschrieben worden, daß es erklecken dürfte. Weil indeß Jeder, der den Rsgi, die Zugspitze, Rom oder Jerusalem gesehen, von demselben Gegenstände ein anderes Bild mitbringt, so mag es wenigstens verantwortet werden können, wenn wieder ein Anderer, der in Karlsbad gewesen, für solche die dort waren, etwelche Nückerinnerungen oder für Andere einige neue Mittheilungen bietet. Aber in welcher Art und Gestalt soll dieses „Gedenkblatt" sich einführen? Etwa in streng gelehrter Weise, wobei man mit der Geologie und Hydrologie, incl. der alten Controversen vom Neptunismus und Plutonismus zu beginnen, daran dann die betreffenden physikalischen, geographischen, naturhistorischen, anthropologischen, politischen, historischen, religiösen, socialen, medicinalen, gewerblichen und statistischen Punkte streng systematisch anzureihen Hütte? Es wäre dagegen wohl nichts einzuwenden; indeß so weit will sich dieses Gedenkblatt nicht versteigen, es räth vielmehr dem Leser etliche Bilder von Karlsbad zur Hand zu nehmen und wollen wir Angesichts derselben hier lediglich in alphabetischer Reihenfolge etliche Buchstaben von den ersten und letzten des Alphabets als Ordnungscom missäre (wie folgt) auftreten lassen. Allgemeine Anschauung. Wir steigen in Gedanken auf die „Franzens-Höhe" bei Karlsbad und benutzen diesen glücklichen Standpunkt, ein wenig abw ärts und aufwärts, hin- und herzublicken. Ohne die Gedanken Anderer beeinträchtigen zu wollen, glaube ich meine Gefühle an dieser Stelle also kundgeben zu dürfen: „Der Berg auf dem ich stehe u. s. f. w. o." In einem schönen, von der Tepl durchströmten Thals, umschlossen von waldreichen Höhen, mit oft malerischen Fels-Gebilden, in sehr günstiger Lage, sehen wir da Karlsbad, welches wenn auch z. Z. noch nicht die Größe, so doch das Zeug zu einer großen Stadt hat und ihr immer mehr cntgegenreift. Der Gesammtanblick der Stadt ist, von jeder Seite besehen, sehr interessant. Die beachtenswerthesten Gebäude benennen wir unten, Bewohner. Die Bewohner von Karlsbad lassen sich füglich in zwei Klassen theilen, nämlich g) in ständige Stadtbewohner, d) in unständige und Fremde, wozu namentlich die Curgäste gehören. Man schätzt die ersteren z. Z. auf 14,000 und nimmt in der Sommerssaison von der Letzter» eine Durchschnitts-Summe von 4—5000 an, so daß dann eine Zahl von 18—19000 Seelen gegeben erscheint. Gehören erstere vorherrschend dem deutschen Stamme an, so begreifen letztere eine gewaltige Variation von Stämmen und Sprachen. Abgesehen vom singulären Erscheinen von Chinesen, Japanesen, Afrikanern, Australiern und Südamerikanern, so sind da vor Allem die Völker des österreichischen Kaiserstaates (Deutsche, Ungarn, Polen, Czechen und Slaven), dann Norddeutsche, Holländer und Niederländer, Engländer, Russen, Franzosen rc. mehr oder minder zahlreich vertreten. Ueberaus zahlreich sind die Jsraeliten aus allen Ländern. Die Haltung der städtischen Behörden gegen die Gäste ist eine würdige, einsichtsvolle und noble; die der Bevölkerung (wie billig) eine wohlwollende, artige, gefällige und bereitwillige. — Gegen Diebe, Streuner und Bettler ist die Polizei sehr vigilant. 0 Der Buchstabe 0 spielt hier eine ganz hervorragende Rolls, namentlich durch die zwei Worte: Cultus und Cur. Die Bewohner der Stadt Karlsbad sind vorherrschend katholischer Religion; für den katholischen Cultus finden wir hier eine schöne, aber allbereits zu kleine Pfarrkirche, dann noch etliche Kapellen. Die katholische Seclsorge für Karlsbad und dessen Filialorte obliegt den HH. Geistlichen vom ritterlichen Orden der Kreuzherren mit dem rothen Stern. Zur Zeit find dieß 1) der hochwürdige Herr Joseph Dobner, Pfarrer und Dekan, dann 2) der hochwürdige Herr I'. I. Zwittlinger und 3) der hochwürdige Herr I. Bergmann, beide letztere als Hilfsgeistliche oder Kapläne. Die dritte Kaplaneistelle ist unbesetzt. Diese Herren, wie sie mit Eifer und Fleiß pastoriren, genießen auch allgemeine Verehrung. Eben denselben fällt auch ine Besorgung der religiösen Angelegenheiten der katholischen Badegäste zu, und hier dürfte folgende Frage nicht so ganz unpassend erscheinen: Da nämlich schon zweimal, im Jahre 1741 und im Jahre 1778 (durch Jesuiten) Missionen hier abgehalten worden sind, so frägt sich, ob es nicht auch in unserer Zeit angezeigt wäre, durch Männer, welche in scientifischer und praktischer Weise hiezu speciell sehr geeignet wären, gerade den vielen Fremden gegenüber, religiöse Vortrüge, (Confercnzen) nebst passendem Gottesdienste zu halten? Gewiß können gegen dies Project verschiedene Bedenken und Hindernisse erhoben werden, von denen auch nicht alle ganz bedeutungslos sind: aber es bleibt wieder die Frage, ob diese Hindernisse nicht doch überwunden werden könnten und ob nicht die Gründe für ein solches Project sehr überwiegend sind? Wir nehmen keinen Anstand, diese Frage zu bejahen, wünschen aber eventuell dis Ausführung dieses Projectes nicht durch Jesuiten, und zwar der Sache wegen und der Jesuiten selbst wegen, sondern durch andere Geistliche. Viele Fremde, unter denen sich oft Fürsten, Grafen, Minister, Generäle, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, große Kaufleute, Industrielle befinden, sammt den vielen mitanwesenden vornehmen Damen schenken vielleicht aus Neugierde, langer Weile oder Kritisirsucht solchen Predigern des Evangeliums Beachtung, und diese brachte schon sehr viel Segen. Der dankenswerthen pastorellen Thätigkeit des Kreuzherren-Ordens in Karlsbad würde damit gewiß kein Abtrag geschehen. — Was aber diesen Orden anbelangt, so besteht derselbe z. Z. nur in Oesterreich als ehrwürdiger Rest des einst sehr großartigen geistlich-ritterlichen Ordens. Es mag für viele Leser nicht ganz ohne Interesse sein, über diesen, bei uns wenig bekannten Orden, einige Notizen zu erhalten. k jl' 143 Unter dem obigen Namen versteht man im weiteren Sinne auch die Deutschordensritter, Maltheser u.dgl.; im engeren Sinne aber nur jene Ordens-Congregation, welche aus der Zeit des Ausgangs der Kreuzzüge stammend, den Specialnamen: „Kreuzherren mit dem rothen Stern" trägt und von Papst Jnnocenz IV, (1243—54) bestätigt worden ist. Dieselbe ließ sich vorzüglich in Oesterreich nieder und gelangte da zu großem Vermögen. Bis ins 17. Jahrhundert stand sie unter der Oberaufsicht des Präger Erzbischofs; in benannter Zeit erlangte sie aber erhebliche Freiheiten. Ihre Geschichte, z. Z. noch zu wenig bekannt, wäre gewiß fleißiger Nachforschung und geeigneter Publikation würdig. Nach dem Ordensschematismus pro 1880 zählt der bezeichnete Orden im Ganzen 74 Mitglieder. Ihr Großmeister und Oberhaupt (infulirter Prälat) residirt in Prah Wir geben noch eine kurze Uebersicht der Großmeister dieses Ordens: Sterbjahr Name 1) 1248 Graf Albrecht v. Starnberg, ein Croate 2) 1620 Conrad, ein Schwede. 3) 1276 Mercotti, ein Schlesier. 4) 1282, Otto, ein Sachse. 5) 1293 Echard, ein Mähre. 6) 1313 Friedrich, ein Böhme' 7) 1325 Studinger aus Trier 8) 1351 Ulrich, ein Böhme. 9) 1351 Heinrich von Wratislav, ein Böhme; 10) 1363 Leo. 11) 1380 Friedrich II., ein Böhme. 12) 1407 Zdenko, ein Böhme. 13) 1426 Johann von Zdaniez, ein Böhme.' 14) 1426 Johann Ezasky, ein Mähre» 15) 1428 Wenzel Holus. 16) 1454 Erasmus von Karlsbad. 17) 1460 Andreas Peßmes von Glattau) 18) 1480 Nikol Büchner von Zettlitz. 19) 1511 Mathias Strzabska, ein Böhme.' 20) 1552 Wenzel von Hradessin. 21) 1580 Anton (Bruß) aus Mäglitz, ein Mähre) 22) 1590 Martin Medek aus Mäglitz ein Mähre. 23) 1606 Spignew Bercka. 24) 1606 Lorenz Nigrinus (resign. 1606). 25) 1612 Carl von Lamberg. 26) 1622 Johann Lohelius. 27) 1667 Graf Ernst Adam von Harrach. 28) 1668 Johann Wilh., Graf von Kotowrat. 29) 1694 Graf Johann Fridrich v. Waldstein. 30) 1699 Georg Jgn. Pospichal. 31) 1707 Franz von Frankenfeld. 32) 1721 Martin Ernst Beinlich. 33) - 1750 Franz Mathias Böhm. 34) 1754 Julius Franz Waha. 35) 1795 A. Jacob Suchanek. 36) 1809 Jgnaz Blasius Zeidler.' 37) 1814 Franz Chri st ian Pittroff von Karlsbad 88) 1839 Johann Anton Köbler. 89) 1866 Jakob Beer. l- 144 — 40) 1878 Joh. Nep. Jestrzschabek. 41) — Heinr. Emanuel Schöbel, erwählt im Jahre 1879 Derselbe ist ein gebürtiger Böhme und Priester seit 1848. Die unter diesem dermaligen Großmeister stehende kleine geistliche Armada begreift in sich einen Generalvikar, mehrere Ordens-Comendatores und Consultores, dann einige Professoren, Pfarrer und Kapläne auf den Seelsorgestellen des Ordens in Prag, Wien, Karlsbad, Ellbogen, Maria Kulm rc. Auch ein Bayer ist z. Z. Ordensmitglied, nämlich Hr. Josef Wiedemann von Günz, geboren 1830, Priester seit 1856, z. Z. kais. Hof- kaplan in Ofen (Buda) in Ungarn. Der einst sehr beliebte theologische Schriftsteller Natter gehörte gleichfalls diesem in Oesterreich sehr geehrten Orden an. Soviel von diesem Orden. In Karlsbad gibt es aber namentlich in der Sommerzeit auch Protestanten, welche eine eigene, neue geräumige Kirche besitzen, erbaut 1856, vergrößert 1865; ebenso hat die englische Hochkirche auf reizender Höhe i. I. 1861 einen Tempel erbaut. Die Jsraeliten besitzen in Karlsbad (in der Parkstraße) eine Synagoge, welche zu den schönsten in ganz Deutschland gehört: erbaut i. I. 1847. Seit dem Jahre 1866 sind die oft sehr zahlreichen Russen auch im Besitze eines eigenen Bet-Lokales. Wer also in die Kirche gehen will, der kann, wie man sieht, es auch in Karlsbad thun. In der katholischen Kirche daselbst wird an Sonn-und Festtagen die erste heil. Messe um 7 Uhr abgehalten, die zweite um ^9 Uhr, das Amt um 9 Uhr, die Predigt um 10 Uhr und die letzte hl. Messe um 11 Uhr. Die Nachmittags-Andacht findet um 3 Uhr statt. Die katholische Pfarrkirche ist der hl. Maria Magdalena gewidmet: wie schön und passend! Am Fuße des Berges entspringen die Quellen, welche als Heilmittel zur Wiederherstellung der leiblichen Gesundheit von gar Vielen gesucht und gebraucht werden; oberhalb steht die Kirche mit ihren Heilsqucllen, namentlich der Nettungs-Anstalt der Buße: möchten auch diese gebührend geschätzt und eifrig gebraucht werden. Cur betr. Karlsbad gilt nach seinem Zwecke, seinen Mitteln und Einrichtungen als Heilbad. Es wird angenommen, daß die Karlsbader Quellen bewährte Hilfs- und Heilmittel sind gegen verschiedene Krankheiten und Gebrechen z. B. gegen Magen-, Darm- und Leberkrankheiten, gegen Gelbsucht, Zucker-Harnruhr, Nierenleiden,-Gicht u. dgl. Wir benennen nun die, wie man sagt, dem Wesen nach gleichen und nur in der Temperatur verschiedenen Heil-Quellen von Karlsbad, welche nahe beieinander sich finden und der beigesetzten Wärmegrade sich erfreuen: Namen: Wärmegrade : Hochbergquelle 32,50 Reaumttr, Kaiser Carl-Quelle 34,70 Elisabethquelle 35,50 Marktbrunnquelle 39,00 Kaiserbrunnquells 39,30 Mühllrunnquclle 44,50 § Schloßbrunnquells 44,66 „ Felsenquelle 47,60 Theresiaquelle 48,30 Neubrunnquelle 49,30 „ Curhausquelle 52,20 St. Bernhardsquelle 52,70 Sprudelquelle 59,00 „ Hygiäaquelle 59,00 „ (Schluß folgt.) Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vo. M. Huttlcr. nterstaktun zur „Mgsvilrger Postzeitimg." Nr. 19. Samstag, 4. September 1880. Verwandte Seelen knüpft der Augenblick Des ersten Seh'ns mit diamant'nen Banden. Shakesp eare. Der Herr Daroii. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Dann wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als ihre Vorlegung bei»: Gericht zu beantragen, sagte der Advokat, ohne eine Miene zu verziehen, nur seine klugen Augen blitzten hinter den Brillengläsern etwas triumphirend über das Paar hinweg. Baron Bloomhaus-Rosenberg will eben jedes häßliche öffentliche Aufsehen vermeiden fuhr Nasinsky fort. Er wird sich vollkommen begnügen, wenn ich ihm die Abschriften dieser Papiers vorlege und ihm zu gleicher Zeit auf meine Amtsehre versichere, daß ich alles in bester Ordnung gefunden habe und daß an diesen Dokumenten nicht im mindesten zu mäkeln ist. Das Antlitz der Baronin hellte sich plötzlich auf, ein heimlicher Freudenstrahl zuckte aus ihren dunklen Augen zu Iwan hinüber, der dennoch der scharfen Beobachtungsgabe des Advokaten nicht entging. Die schöne Frau war wie verwandelt, mit dem alten bezaubernden Lächeln, das ihr so leicht zur Verfügung stand, sagte sie lebhaft: Das ist etwas Anderes, mein Herr. Dann kopiren Sie nur, wenn Sie sich einmal dieser Mühe unterziehen müssen. Meinst Du das nicht auch? wandte sie sich zu ihrem Kammerdiener, der sich mehr in der Gewalt hatte und ohne eine Miene zu verziehen ruhig antwortete: Wie es dem Herrn beliebt. Nasmsky holte seine Brieftasche hervor, bat noch um Feder und Tinte — die Baronin holte selbst das Gewünschte herbei UM stellte mit gewinnender Anmuth das elegante Schreibzeug vor den Advokaten hin, der sich sogleich an seine Aufgabe machte, mit großer Gewandtheit, aber auch mit großer Sorgfalt die Zeugnisse abschrieb und sich dabei trotzdem die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die Züge der Beiden heimlich zu beobachten. Die Wittwe verrieth unkennbar, daß ihr ein Druck von der Brust genommen war, während Iwan ihr verstohlen Blicke zuwarf, sich doch mehr zu beherrschen. Der Advokat hatte ziemlich rasch seine Aufgabe vollendet und die Brieftasche wieder zu sich steckend, sagte er sich höflich verbeugend: Ach danke Ihnen, Frau Baronin für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen, das mir meinen äußerst peinlichen Auftrag sehr erleichtert hat. Ich freue mich selbst, daß ich Alles in schönster Ordnung gefunden habe, und ich werde dafür sorgen, daß Ihnen nun auch alle häßlichen Weiterungen erspart bleiben. Der Baron Bloomhaus-Rosenberg hat die Sache ganz und gar in meine Hände gelegt und verläßt sich auf meine Unbestechlichkeit. Sie haben mir selbst eine harte Probe davon geliefert, entgegnete die Baronin Und sie schenkte dem Advokaten noch ein anmuthiqes Lächeln. Ich mußte meine Pflicht erfüllen; aber es gereicht mir dennoch zum ganz besonderen Vergnügen, daß ich nun nicht nöthig habe, Ihnen, Frau Baronin, als feindlicher Anwalt gegenüberzutreten, und die sonst so kalten, geschäftsmäßig dreinblickenden ^ Augen des Advokaten ruhten jetzt voll aufrichtiger Bewunderung auf der schönen Frau. Fühlte sich die Baronin doch davon geschmeichelt, oder wollte sie sich nur den Anschein geben, daß Sie es sei? Sie bückte sich um zu erröthen, und schlug wie ein junges ^ Mädchen, beschämt die langen seidenen Wimpern nieder. p Rasinsky empfahl sich, und als er von Bloomhaus schon einige Schritte entfernt i war, glaubte er noch einen übermüthigen, lustigen Chanson zu hören, der aus den offenen - Fenstern des Schlosses drang und gewiß von den Lippen der Baronin kam. Unwill- ? kürlich zuckte ein boshaftes Lächeln um den Mund des Advokaten. — — Am anderen Morgen fand sich der Graf bei Rasinsky ein, um sich bereits Be- ! scheid über den Erfolg von dessen Sendung zu holen. Mit großer Achtsamkeit hörte er auf den Bericht des Advokaten und nur zuweilen murmelte er ein zustimmendes: Vortrefflich! denn er mußte gestehen, daß der Anwalt das Vertrauen zu seinem Scharfsinn und seiner Klugheit vollkommen gerechtfertigt hatte. Als nun Rasinsky die Abschriften vorlegte und auf das Datum der beiden Zeugnisse ausdrücklich aufmerksam machte, rief der Graf lebhaft aus: Hier ist also ein dunkler Punkt, und die Sache wird mir immer verdächtiger, denn die schöne Wittwe hat uns stets in dem Glauben gelassen, als wenn sie schon seit mehreren Jahren mit Bloomhaus verheirathet gewesen sei. > Ich bin auch fest davon überzeugt, daß nicht Alles in Ordnung ist, meinte der ^ Advokat. Das ganze Auftreten der Baronin war zu verdächtigend. i- Halten Sie die Atteste wirklich für echt? k Rasinsky zuckte mit den Achseln. Wie ich Ihnen schon sagte, durfte ich die Papiere nicht berühren, sie machten freilich auf mich den Eindruck der Echtheit, aber einer ge- 8 schickten Hand gelingt ja die Fälschung ganz anderer Dokumente. , Sie sind falsch und wir haben es mit Betrügern zu thun, das ist nunmehr gar ! keine Frage! rief der Graf. Aber wie darüber sich Gewißheit schaffen? ' Ich habe zu diesem Behufe die Zeugnisse kopirt und mich bereits an die darin an- i geführten Behörden um sofortige genaue Auskunft gewandt. Da ist alles entschieden. Hier sind schon die Briefe, die eben zur Post gehen sollten. Daß ich in meiner Hast nicht daran gedacht habe? rief Vrückenburg und klopfte sich mit den langen Fingern seiner Rechten vorwurfsvoll an die Stirn. Sie haben Recht, j dann muß der Betrug an den Tag kommen. ! Die Leute in Bloomhaus haben keinen sicheren Boden unter den Füßen, das ist ! mir durch meinen gestrigen Besuch zur vollen Ueberzeugung geworden. Ich sehe schon, daß ich die Sache mftnes Freundes in die besten Hände gelegt habe, entgeguete der Graf mit freudiger Anerkennung. Und selbst, wenn die Atteste sich als echt erweisen sollten, liegt hier noch immer ein Verbrechen vor; diesen Gedanken werde ich nicht mehr los. — Drei Monate nach der in Paris stattgefundenen Hochzeit stirbt der Baron zu Neapel in einem Irrenhause. Dieser plötzliche Ausbruch des Wahnsinns scheint mir sehr verdächtig. Kann nicht die saubere Baronin mit Hilfe ihres treuen Iwan, durch List öder Gewalt ihren Gatten in ein Irrenhaus gebracht haben? Also schreiben Sie noch heut an die betreffenden Behörden und bitten Sie um ausführliche ^ Auskunft. Besonders wann und wie der Baron in das Irrenhaus geschafft worden, darüber müssen wir die genauesten Nachrichten erhalten. ! Der Advokat versprach sein Möglichstes zu thun und Brütkenburg gewahrte wohl, > daß der ehrgeizige junge Mann für diese höchst seltsame Angelegenheit das lebhafteste Interesse an den Tag legte. Rasinsky wartete vielleicht mit größerer Ungeduld auf die Auskunft der befragten Behörden, wie der Graf, denn sein Advokaten-Ehrgeiz war einmal aufgestachelt, und er sagte sich, daß er mit Einleitung eines solchen Betrugs-Prozeffes nicht nur viel Geld, sondern auch viel Ruhm ernten müsse. Dann konnte man seinem-' ' 147 ungewöhnlichen Scharfsinn die volle Anerkennung nicht länger versagen. Von Paris traf rasch die Nachricht ein, — die Echtheit des Trauzeugnisses wurde bestätigt. Für den ehrgeizigen Advokaten war dies anfangs ein harter Schlag. Nun schien die Sachs des Baron Rosenberg verloren. Rasinsky versank in tiefes Grübeln, als er die Auskunft erhalten hatte. An der stattgefundenen Trauung des Barons Bloomhaus mit Fräulein Combelaine war also nicht mehr zu zweifeln! aber konnte hier nicht dennoch ein Betrug stattgefunden haben! Wie, wenn ein Anderer die Rolle des Barons, der vielleicht damals schon geisteskrank gewesen — gespielt hätte? — Dieser Gedanke blitzte plötzlich durch den Kopf des Advokaten und je mehr er über den plötzlich in ihm aufgestiegenen Verdacht nachsann, je mehr schien er an Stärke Zu gewinnen. Der Betrug war kühn, aber nicht unmöglich. Iwan hatte seinen Herrn auf allen Reisen begleitet, ihm war es leicht gewesen, den Baron weiter zu spielen, nachdem Bloomhaus plötzlich geisteskrank und in einem Irrenhause untergebracht worden. Wie er die Baronin und ihren Kammerdiener beurtheilte, erschien ihm die Sache nicht ganz so unwahrscheinlich und der Graf, dem er seine Gedanken anvertraute, stimmte ihm sogleich lebhaft zu. > Mit Ungeduld wartete man auf eine Antwort aus Neapel; sie kam noch immer nicht und der Graf, den diese lange Zögerung verdroß, wandte sich nunmehr selbst an den russischen Gesandten, um in dieser Angelegenheit zu vermitteln und eine rasche Nachricht zu erzwingen; aber auch jetzt vergingen viele Wochen und ein Bescheid traf nicht ein. V. Durch die Bekenntnisse des Todtengräbers hatte Enrichetta wenigstens so viel erreicht, daß die französischen Behörden eine genaue Untersuchung des merkwürdigen Falles einleiteten und die Angaben des Mannes sollten sich völlig bestätigen. Jetzt erst wurde die Leiche der Fürstin ausgegraben und die herbeigezogene Italienerin bekundete mit großer Zuversicht, daß dies wirklich der Körper der unglücklichen Frau sei. Sie erkannte ihre Herrin an dem blonden, kostbaren Haar und zum Ueberfluß wurde nun erst der Trauring an ihrem Finger näher in Augenschein genommen, der vollends den letzten Zweifel beseitigte. Man hatte bei der damaligen Sektion auf diese Dinge gar nicht geachtet, weil ja das Grab ganz genau als das der Baronin Bloomhaus bezeichnet worden. Nach einer sorgfältigen und mühsamen Untersuchung gaben die Sachverständigen ihr Guthaben dahin ab, daß wirklich noch einige Spuren eines höchst gefährlichen und furchtbaren Giftes in dem Körper der Fürstin zu finden seien. Eine Verhaftung des Barons wurde nunmehr verfügt, aber der Mann befand sich nicht mehr in dem Bereich französischer Gerichte und ein hinter ihm erlassener Steckbrief hatte nicht den mindesten Erfolg, um so weniger, als die Behörden jenes Landes nicht gerade den höchsten Eifer entwickelten, des fremden Verbrechers habhaft zu werden. Richt einmal die Italienerin nahm man in Haft, sie wurde unter dem Vormunde, daß man die Untersuchung gegen sie und den Baron nur zugleich einleiten könne, bald wieder entlassen. Jedenfalls wollte man sich nicht ohne die dringendste Veranlassung eine langwierige und beschwerliche Arbeit aufbürden. Desto eifriger verfolgte nun Enrichetta ihr Ziel und ihre Rachepläne. Der französische Steckbrief bot ihr wenigstens eine Handhabe, um die Flüchtlinge leichter zu entdecken. Auf Grund desselben mußte ihr jede Behörde mindestens über das Ehepaar bereitwillige Auskunft ertheilen. Wirklich gelang es ihr dadurch die Spur der Neuvermählten zu finden; aber Enrichetta mochte sich noch so hartnäckig an die Versen dieser von ihr tödtlich gehaßten Menschen heften, sie kam immer wieder zu spät und mußte ,dann zu ihrer bitteren Enttäuschung hören, daß Baron Bloomhaus bereits vor Wochen, oft auch mw vor wenigen Tagen abgereist sei. iß — 143 — So hatte die Italienerin beinahe durch ganz Deutschland ihren Feind verfolgt. Endlich durfte sie hoffen ihn zu treffen. Er hatte sich mit seiner Gemahlin kurze Zeit in Wien aufgehalten und sie erfuhr mit Sicherheit, daß er nach Berlin abgereist sei. Jetzt lag zwischen ihnen nur noch ein Zeitraum von vierundzwanzig Stunden. — Wie Enrichetta den Baron und seine Gattin kannte, durste sie sicher darauf rechnen, daß sich das Paar längere Zeit in Berlin aust halten werde, um die Vergnügungen und Genüsse auch dieser großen Stadt kennen zu lernen. Das lebenslustige Paar hatte vorwiegend in großen Städten geweilt und durch den verschwenderischen Glanz mit dem es auftrat, überall Aufsehen erregt. In fieberhafter Aufregung reiste Enrichetta nach Berlin. Endlich winkte ihr das Ziel — durfte sie hoffen, daß ihr rachsüchtiges Herz Befriedigung fand. Kaum in der preußischen Hauptstadt angekommmen, wendete sich Enrichetta auf Grund des Steckbriefes an das Polizeiamt, um rasch das Hotel zu erfahren, in dem Baron Bloomhaus abgestiegen sei. Zu ihrer Verwunderung wurde ihr die Auskunft, daß gestern nur eine verwittwete Baronin Bloomhaus im Hotel de Rome abgestiegen sei, von einem Baron gleichen Namens war der Polizeibehörde nichts bekannt. Hatte das Paar bereits Kenntniß davon erhalten, daß es so hartnäckig verfolgt wurde und wollte es sich durch diese List vor jeder Entdeckung sichern? — Oder war der Elende wirklich plötzlich verstorben und so ihren Rachegelüsten für immer entgangen? — Enrichetta mußte darüber Gewißheit haben und sie eilte sogleich in das Hotel de Rome. Durch ihren Aufenthalt in Deutschland hatte sie bereits so viel deutsch gelernt, daß sie sich wenigstens in dieser Sprache nothdürftig verständlich machen konnte. Der Portier gab ihr bereitwilligst Auskunft. Eine Baronin Bloomhaus war gestern im Hotel angekommen, aber bereits vor einer Stunde abgereist. Enrichetta knirschte heimlich mit den Zähnen. Sollte sie denn niemals ihr Ziel erreichen! — Sie wollte sich nach der Persönlichkeit der Baronin erkundigen, um völlig sicher zu sein, daß sie die Richtige verfolge; aber der Portier konnte damit nicht dienen. In dem großen Hotel flogen zu viel Fremde aus und ein, die Baronin hatte sich zu kurze Zeit aufgehalten. Sie wurde von dem Manne an den Zimmerkellner gewiesen, der gestern die Bedienung dieser Fremden gehabt hatte. Der vielbeschäftigte junge Mensche vermochte der Italienerin nur kurze Zeit Rede zu stehen, dennoch entnahm sie aus seinen flüchtigen Schilderungen, daß sie die rechte Spur noch nicht verloren und sich die Gattin des verhaßten Mannes hier aufgehalten habe. Aber wo war der Baron selbst geblieben? — Hatte ihn wirklich ein plötzlicher Tod erreicht, oder war das alles nur Komödie um sich fortan vor jeder Entdeckung zu sichern. Wohin war jetzt diese Frau geflüchtet? Nach Hause — hatte sie als Ziel ihrer Reise angegeben. Wollte sie sich in Paris über den unerwarteten Verlust ihres Gatten trösten? Aber der Kellner erinnerte sich, daß die Baronin sich erkundigt habe, wann der nächste Kurierzug nach Ostpreußen gehe und daß die gnädige Frau auch wirklich um diese Zeit abgereist sei. Wissen Sie nicht, wohin sie wollte? fragte die Italienerin hartnäckig. Dein Kellner brannte zwar der Boden unter den Füßen, er hatte noch so viel zu besorgen, aber das gute Trinkgeld, das ihm Enrichetta gegeben, legte ihm noch einige Rücksichten auf. Nach Rußland, entgegnete er rasch. Sie ist gleich nach ihrer Ankunft zum russischen Gesandten gefahren, um sich ihren Paß vifiren zu lassen. Die Italienerin wollte freilich noch sehr vieles wissen, leider konnte der Kellner beim ersten Willen ihren Fragen nicht länger Stand halten, denn von zwei Zimmern zugleich wurde er herbeitelegraphirt und mit einem letzten tiefen Bückling verschwand er, um die Treppe hinauszufliegen und durch größere Eile das Versäumte nachholen. Ohne Besinnen suchte Enrichetta das russische Gesandtschaftshotel auf, das leicht — 149 — erfragt war. Auch hier fiel der Bescheid sehr kurz und ungenügend aus. Die verwitwete Frau Baronin Bloomhaus wolle auf ihre kurländischen Besitzungen zurückkehren. Weitere Auskunft wollte oder konnte man nicht geben, die Anfragen der Italienerin waren ohnehin mit etwas Mißtrauen aufgenommen worden. Das von ihr vorgelegte Zeitungsblatt mit dem Steckbrief der französischen Behörde, übte hier keine Wirkung. Die Baronin sei Wittwe, werde also gar nicht davon betroffen und es bliebe noch dazu sehr zweifelhaft, ob der steckbrieflich verfolgte mit dem jetzt verstorbenen Baron Bloomhaus identisch sei, meinte der sie sehr kurz abfertigende Beamte. Also nach Kurland! — dachte Enrichetta; fest entschlossen, der Baronin auch dahin zu folgen, denn der eine Gedanke füllte allein ihre Seele aus, sich an dem verhaßten Manne zu rächen und sollte er wirklich der Vergeltung durch einen plötzlichen Tod entgangen sein, dann wollte sie wenigstens noch seine Wittwe zu treffen und zu ängstigen suchen. Ohne weiteres Besinnen machte sich die Italienerin auf den Weg. Wohl hatte die lange Reise in dem für sie schon recht nordischen Klima ihre Beschwerden, doch der lebhafte Wunsch, das Dunkel zu lüften, das jetzt über der Angelegenheit schwebte, hielte sie anfangs aufrecht. Trotzdem hatte sie ihre Kräfte überschätzt. Es war noch in den letzten Tagen des März und es herrschte noch dazu ein ungewöhnlich kaltes unfreundliches Wetter. Schon in Königsberg fühlte sich Enrichetta sehr unwohl, sie fuhr dennoch weiter, aber als sie endlich Meine! erreicht hatte, brach sie völlig zusammen. Sie verfiel in eine schwere Krankheit und schwebte lange Zeit in Lebensgefahr. Wochenlang war sie an's Bett gefesselt und mehrere Monate vergingen, eh' sie die russische Grenze überschreiten konnte. (Fortsetzung folgt.) Ein Gedenkblatt an Karlsbad. (Schluß.) Für Erhaltung und Benützung dieser Quellen, dann zum Behufe des innern und äußern Gebrauches durch Trinken und Baden sind die geeignetsten Anstalten getroffen; es sind entsprechende Bauten vorhanden und ist für Aufsicht und Leitung der Sache in allweg bestens Sorge getragen. Auch sind etwa fünfzig Aerzte (zur Curzeit) anwesend, um mit Rath und That den Kranken beizustehen. Ueber die Wirkungen der Gewässer erlaubt sich Berichterstatter kein Urtheil zu fällen; seine eigene Meinung hat er jüngst in einigen lateinischen Reimen ausgesprochen und da u. A. gesagt; „'korrnulti istkie babitavt Lalutomquo sixostlllsmt, Nulti sauati reckeuvt, H.st multi nil eWeiuut.« Oder kurzweg deutsch: So Mancher zieht gesund nach Haus, Bei Manchen! bleibt die Wirkung aus. Die zur Zeit zum Trinken am meisten benützten Quellen sind die Mühlbrunn- und Felsenquelle und der Sprudel. ' Außer und nebst den Anstalten bezeichneter Art besteht in Karlsbad von Seite deS österreichischen Militär-Aerars ein großartiges Militär-Bad eh aus; der hochsel. Primas und Erzbischof Pyrker, der hochgefeierte Dichter, stiftete ein Spital für kranke österreichische Offiziere und von Seite der Stadt bestehen verschiedene Anstalten für Kranke» v. Deutscher Charakter? Karlsbad ist z. Z. für sich eine deutsche Stadt, deutsch in Sprache, Kirche, Schule, Amt und Gericht. Vielfach aber sind Czechen in Dienst und Arbeit in Karlsbad; Einrichtungen) Zu Schutz und Nutzen der Fremden hat man im Karlsbad alle wie nur erwünschte Einrichtungen im polizeilichen, administrativen und socialen Gebiete getroffen. An Aufsehern und Dienern fehlt es nicht. Gebäude, Brücken, Straßen, Wege und Stege , sind in der Stadt und um dieselbe vortrefflich hergestellt und mit den nöthigen Zeichen I und Inschriften versehen. Es gibt fast die ganze Stadt Karlsbad, namentlich auf der sog. alten und neuen Wiese während der Sommerzeit das Bild eines ständigen, vielbesuchten Volksfestes oder Jahrmarktes, freilich ohne lärmende Belustigungen. ! Das Frühstück. ^ Der Curgast begibt sich früh morgens an seine Quelle, um da die betr. Anzahl s von Bechern zu leeren, sodann die ihm empfohlene Bewegung zu machen. Darnach ! kommt die „Frühstückzeit", eine sehr wichtige Zeit für die meisten Badegäste, welche § sich zu diesem Behufe in die renommirtesten Cafs-Etabliffements begeben. i Wünscht man nun, wie es bei uns Sitte ist, mehr Cafs und weniger Milchrahm, i so sagt man „Cafs recht", im entgegengesetzten Falle „Cafs verkehrt." Im Allgemeinen ist ! der Cafs gut und das Weißbrod, welches sich die Leute meistens selbst kaufen, fein. s Wählt man sich aber noch feineres Gebäcke, so mag dies leicht 12 kr. kosten, der Cafs selbst l kostet 25 kr., Summa 37 kr. österr. Für Mittags- und Abendessen wendet man sich meistens an Hotels oder Restaurationen, woselbst Speisekarten mit ausreichendem In- ? halte zur Auswahl nach festen Preisen vorliegen. l 6 . ' Gebäude. ! Wir nennen hier vor Allem die schöne kathol. Pfarrkirche, Kreuzherren-Ordens, das prachtvolle neue Curhaus, die beiden großen und herrlichen Colonnaden zum Mühl- brunn und Sprudel, dann das „Neubad"-Gebäude, das Militärbadehaus, das k. k. Post- i amt und das Bürgerschulgebände rc. — Gasthöfe, Restaurationen, Geschäfts-, Kauf- ! und Handelshäuser haben herrliche Gebäude hergestellt. Geschichtliches. Die „Geschichte vom Karlsbad" ist weder reich an Jahren, noch an bedeutenden Ereignissen und sind daher auch die Specialwerke über Karlsbad in diesem Gebiete hübsch kurz beisammen. Man nimmt an, das dermalige Sprudelbad sei bereits im zwölften Jahrhundert bekannt gewesen. Der dabei stehende czechische Ort hieß „IV — Warmbad und der Fluß dabei „Nspla" — warmer Fluß. — Schon König Johann von Böhmen hat diesem Orte Warmbad besondere Gunst zugewendet, so namentlich im Jahre 1325; ganz besonders aber nahm sich sein Sohn, der nachmalige Kaiser Karl IV. um denselben' an, besuchte ihn oft und erbaute sich da ein Schloß an der Stelle, wo jetzt der Stadtthurm steht. Allerdings hat das Schicksal dieser Stadt, welche nun Karl IV. zu Ehren den Namen „Karls-Bad" trägt, gar mancherlei Variationen in Kriegsund Friedenszeiten durchgemacht; indeß waren die Landesherren derselben stets besonders wohlgewogen, so u. A.: im Jahre 1401 König Wenzel, „ „ 1449 König Wladislaus, „ „ 1708 Kaiser Josef I „ „ 1732 Carl VI., „ „ 1804 Franz II. uud , - » 1856 Franz Josef I. Daß hier, i,st Jahrs. 1819 der berühmte „Karlsbader-Kongreß" abgehalM wördm ist, nach dessen Beschlüsse in Deutschland die Zügel der polizeilichen Gewalt, namentlich in gewissen Richtungen, stramm angezogen worden sind, ist bekannt. Für die innere Geschichte der Stadt haben noch folgende Jahrzahlen besonderes Interesse: Schon bevor die jetzige Pfarrkirche der hl. Naria, LloZäul. erbaut wurde, bestand da eine alte kleine Magdalena-Kirche und es kommt solche i. I. 1485 urkundlich vor. Die jetzige schöne Pfarrkirche mit einer Kuppel und zwei hübschen Thürmen ist i. I. 1763 zumeist aus Mitteln des Kreuzherren-Ordens erbaut worden; die Kaiserin M. Theresia leistete indeß dazu einen Beitrag. Das damalige Pfarr - Dekanatshaus ist i. I. 1756 erbaut worden. In den Tagen des Aufkommens neuer religiösen Lehren in Deutschland betheiligte sich auch Karlsbad an diesen Bewegungen und hielt sich 74 Jahre an dieselben, bis Kaiser Ferdinand II. i. I. 1624 die katholische Religion wieder herstellte und deren Gegner vertrieb. — Einer Schule von Karlsbad wird i. I. 1569 zum ersten Male gedacht. — Das alte baufällig gewordene Schloß Karl IV. schenkte Kaiser Max 1567 der Stadt Karlsbad, welche solches abtrug und an dessen Stelle 1608 den dermaligen hübschen Stadtthurm erbaute. (In neuester Zeit tauchte die Idee auf, an eben dieser Stelle ein würdiges Rathhaus für Karlsbad zu erbauen). — Im Jahre 1787 wurde das Stadttheater in Karlsbad erbaut; i. I 1874 die herrliche Mühlbrunn-Colonnade; i. I. 1879 ist der wirklich noble Wassertempel, Sprudel-Colonnade genannt, fast ganz aus Eisen gebaut worden. Im Innern desselben ist über die Ausführung des Baues, welchen Wiener Architekten geleitet haben, eine Gedenktafel angebracht und unter derselben nachfolgender Spruch von Goethe, der sich oft und gerne in Karlsbad aufgehalten hat, beigesetzt: ^Jhr Alle fühlt geheimes Wirken Der ewig waltenden Natur Und aus den untersten Bezirken Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur." Das neue herrliche Curhaus, dann das eben Ende Juli 1880 eröffnete „Neubad" sind stattliche Gebäude und treffliche Curanstalten. s. Der Handel. Der Handel im Karlsbad ist bedeutend. Derselbe befaßt sich nicht nur mit Lieferung und Verschleiß der für so viele und vielerlei Leute nöthigen Lebensbedürfnisse, sondern auch mit Luxusartikeln gar manigfacher Art. Wien und Paris importiren namentlich solche Gegenstände in Fülle. Karlsbad selbst producirt eine Masse von Specialartikeln und macht damit sehr bedeutende Geschäfte, so u. A. mit Mineralwasser, Sprudelsalz, Sprudelseife, Versteinerungen, Dosen u. dgl. — Die ganze Umgebung liefert ihre Rosen nach Karlsbad und da werden täglich Tausende von Rosen, Hunderte von Bouquets gekauft und verschenkt. — Weithin liefert die Umgegend die Milch nach Karlsbad. Haus-Anschriften. In K.-B. findet man das Eigene, daß die meisten Privathäuser selbst- gewählte Namen als Firmen tragen, meistens hergenommen von hohen oder berühmten Personen, Städten oder Ländern, welche aber zu denselben und den betr. Hausleuten meistens in keiner Beziehung stehen. Wir lassen ouriositatis oausn etliche solcher Namen von Privathäusern folgen: „Rother Adler." Hier wohnte in d. I. 1711, 12 und 13 Peter der Er. v. Rußland — „Drei Mohren." Hier wohnte Goethe 1795 rc. „Weißer Löwe." Hier wurden die Karlsbader Beschlüsse unterzeichnet. — In welchem Hause „Philippine Weiser" als Curgast gewohnt hat, ist nicht genau. anzugeben; daß sie sich aber zur Cur dort aufgehalten, wird als sichere Thatsache lewi. —- Im Hause zur „schönen Königin" wohnte i. I. 1880 Hr. Cardinal Erzbischos H a z - Nald von Kolocsa in Ungarn. — — Andere solche Firmen lauten; — 1S2 — Kaiser von Oesterreich, Deutscher Kaiser, König von Preußen, Dänemark, Sachsen, Schweden, Fürst von Reuß-Greiz, Ausstralien, Afrika, zum Holländer, zum Amerikaner, Morgengruß, Auferstehung, Rom, Moskau, Paris, Petersburg, Glücksburg, Wien, Berlin, Gotha. Dann auch: Zum österr. Wappen, zur Königs-Villa, Schiller, zum römischen Feldherrn, zum Triumphbogen, Shakespeare, Milton, drei Lilien, drei Lerchen, drei Kronen, Weißes und rothes Herz, weißer und blauer Stern rc. Bayern ist da nicht sehr reichlich bedacht worden. Wir lasen nur folgende Anschriften: König von Bayern, Bavaria, bayer. Hof, Regensburg, Erlangen, (München und Augsburg vermißten wir). Die Gasthäuser sind Hotels, Cafe-, Restaurations-, Speise- und Bierhäuser ganz nach der Scala großer Städte. v. Unterhaltungen. Nicht nur für das Nothwendige und Nützliche im Gebiete der Bade-Cur, sondern auch für das Schöne und Angenehme, für Unterhaltungen und Vergnügen der Cur- gäste ist ausreichend Sorge getragen und zwar in Bezug auf das, was man sehen, hören und genießen kann. Fürs Erstere (Sehen) bietet die Natur, dann die Kunst in gar vielfacher Weise reichliche Motive. Fürs Zweite (Hören) sorgt nicht nur täglich von 6 bis 8 Uhr die treffliche Cur-Kapelle durch ihre sehr schätzbaren Produktionen in der Mühl- brunn- und Sprudel-Colonnade, sondern es werden den Curgästen auch täglich musikalische Genüsse da und dort geboten, z. B. im Freundschaftssaale, bei Pupp rc. rc. Dann sind zwei Theater vorhanden, und ist Karlsbad umgeben von einem Krauze sehr gut eingerichteter gastwirthschastlicher Etablissements, als da sind Pupp, Posthof, Freundschaftssaal, Kaiserpark, Hammer, Rudolfshöhe, Hirschensprung, Jägerhaus, Schweizerhof u. dgl. — Sehr gut erhaltene Spazierwege führen auf interessante Höhe-Punkte und Waldparthieen. Auch nach Dallwitz, Hans-Heiling, Gießhübel, Franzens- und Mariensbad, Falkenau re. werden gern Ausflüge unternommen. Für Bergparthieen stehen auch Esel zum Reiten und Fahren, zur Verfügung. Zeitungen. Das Zeitungslesen wird in Karlsbad fleißig getrieben. Es cursiren da vor Allem viele österreichische Blätter, Wiener und Präger, dann ungarische, besonders verbreitet ist die Wiener „Neue freie Presse; dann sieht man norddeutsche Zeitungen z. B. die Berliner Kreuzzeitung, Kölner Zeitungen, Karlsbader Lokalblätter und sonstige Bade- Zeitungen; die Lokal-Curliste wird natürlich am fleißigsten gemustert. Aus Bayern sieht man nur die „Augsburger Allgemeine Zeitung" in mehreren Exemplaren; im Curhaus-Lesesaale giebt es indeß eine überaus große Zahl von Zeitungen aller Arten und Sprachen. Absehend von dem gesundheitlichen Resultate einer Badecur in Karlsbad erweckt dieser Ort nebst der Erinnerung an obige Punkte sehr häufig noch Reminiscenzen an ein und andere, besonders interessant und werth gewordene Persönlichkeiten, mit denen man — namentlich am „Brunnen" in Berührung und oft in nähere Beziehungen gekommen ist, und welche einen bleibend-angenehmen Eindruck hinterlassen haben. Im Juli 1880 war es namentlich der Cardinal Erzbischof Dr. L. Haynald aus Kolocsa in Ungarn, der als schlichter Curgast die Zierde der ganzen Gesellschaft gewesen, und an dessen überaus verehrungs- und liebenswürdige Persönlichkeit sich Hunderte noch viele Jahre mit Freude erinnern werden. — Auch diese Zeilen sind zunächst Denjenigen gewidmet, mit welchen deren Verfasser im Juli l. I. an den verschiedenen Quellen Karlsbads in freund-, liche Beziehungen gekommen ist. Ihnen und allen dortigen Bekannten freundlichen Gruß aus der Ferne! A. (L- II.) Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischeu Instituts von vr. M. Huttter. nterna zur „Ängslmrger Postjeitnng." Itr. 20« Mittwoch, 8. September 1880« Still blickt der Himmel mit all seinen Sternen auf das Gewühl der Menschen anf Erden herab. — So ruhig überschaut dasselbe der Mensch, der sich an Gott halt und seine Ruhe, seine Weisheit und seine Stärke vom Himmel schöpft. Jean Paul, Der Herr Daron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsei Kaum war hie Italienerin soweit hergestellt, als sie allen ärztlichen Abmahnungen zum Trotz, sogleich ihre Reise fortzusetzen suchte. Es war bereits Herbst geworden, als sie in den Ostseeprovinzen eintraf. Wohin sollte sie nun ihre Schritte richtend Zum Glück erhielt sie über die Baronin rascher Auskunft als sie erwartet hatte. Die Bloom- haus'schen Besitzungen gehörtet: zu den ansehnlichsten Kurlands und schon in Mitau konnte man ihr genau sagen, wo Schloß Bloomhaus läge und welchen Weg sie einzuschlagen habe; ja das Gerücht von der schönen geistreichen Wittwe war auch dahin gedrungen und Enrichetta hörte nur mit Bewunderung von der Baronin sprechet:. So war der plötzliche Tod des Barons also doch keine Lüge und der Elende ihren Rachegelüsten für immer entgangen? Was sollte sie nun noch in dem fremden Landes — Mochte Gregor Bloomhaus immerhin ein Verbrecher und der Mörder seiner ersten Gattin sein, die frühere Schauspielerin und jetzige Baronin wurde davon nicht betroffen, das konnte ihre Lage wenig ändern. — Oder doch? Völlig gleichgiltig durfte es ihr schwerlich sein, wem: es bekannt wurde, daß ihr verstorbener Gatte ein briefstecklich verfolgter Verbrecher sei. Jedenfalls wollte Enrichetta, nachdem sie monatelang Alles daran gesetzt hatte, sie aufzufinden, diese Frau noch einmal sehen und sprechen. Es war freilich ein langer und beschwerlicher Weg, den die Italienerin noch zurücklegen mußte, denn Bloomhaus lag mehrere Meilen weit von jeder Eisenbahn entfernt; aber Enrichetta ertrug auch diese Anstrengungen mit jener zähen Ausdauer, die sie besaß und schon immer bewiesen hatte. Nach stundenlanger Fahrt war dieses letzte Ziel erreicht. Die Italienerin ließ in der Dorfschänkc halten, um erst über die Bewohnerin von Bloom- haus die sorgfältigsten Erkundigungen einzuziehen. Den Leuten in der Schänke, die nur einen polnischen Dialekt sprachen, hätte sie sich freilich nicht verständlich machen können, zum Glück konnte der mitgebrachte Kutscher den Dolmetscher spielen. Was Enrichetta erfuhr, klang seltsam genug. Die schöne Wittwe hatte ihren ersten Gemahl sehr schnell vergessen und sich in ihren Kammerdiener verliebt, und man sprach bereits davon, daß sie ihn sogar hcirathcn werde. Das sah freilich einer französischen Schauspielerin ähnlich. — Die ganze Umgegend war über das Leben und Treiben auf Schloß Bloomhaus empört. Der Bediente spielte bereits bei: Herrn und die Baronin hatte ausdrücklich den Befehl ertheilt, das; ihm Jeder gehorchen müsse. So beruhte also dock der plötzliche Tod des Barons au: Wahrheit nur blieb dabei 154 noch so manches dunkel und räthselhaft. Die Leute in der Schänke behaupteten, der Baron sei in Italien gestorben, so hatten sie wenigstens immer gehört, das konnte aber unmöglich der Fall sein, denn in Wien hatte der Baron noch mit.seiner Gattin gelebt und in Berlin erst war die Letztere als Wittwe aufgetreten. Hatte man in der Schänke doch nicht das Nichtige erfahren, oder lag hier ein Geheimniß zu Grunde? Enrichetta grübelte nicht weiter darüber nach. Sobald sie sich von den'Strapazen der Fahrt ein wenig ausgeruht, machte sie sich auf den Weg nach Bloomhaus, das kaum tausend Schritt von der Schänke entfernt lag. Das Schloß war ein großes, nicht gerade schönes, aber immerhin äußerst stattliches Gebäude, das auf einen bedeutenden Reichthum seines Besitzers schließen ließ. Ein Gefühl des bittersten Neides beschlich die Brust der Italienerin. Das alles wäre ihr eigen gewesen, hier konnte sie jetzt als Herrin Hausen, wenn der Baron nicht treulos all' seine Versprechungen und Schwüre gebrochen hätte. Nein, nein, sie durfte die Schauspielerin nicht im ruhigen Besitz dieser glänzenden Güter lassen, sie mußte dieselbe von ihrer sicheren Höhe herunterstürzen und dafür gab es noch ein Mittel. Der Brief des russischen Grafen, den sie damals aus dem Busen ihrer Herrin gezogen hatte. — War nicht darin gesagt, der Gemahl der Fürstin erscheine sehr verdächtig, denn Baron Bloomhaus habe nie einen Bruder gehabt und der Russenhaß ihres Mannes komme dein Grafen bedenklich vor. Um all die unangenehmen Empfindungen los zu werden, die auf Enrichetta einstürmten, zog sie heftig die Klingel. Der alte Portier fragte nach ihrem Begehr und ein herbeieilender Bedienter führte sie in ein kleines, im Erdgeschoß befindliches Wartezimmer. Die Italienerin hatte nicht ihren Namen genannt und behauptet, daß sie in dringenden Geschäften die Frau Baronin zu sprechen wünsche und der Bediente glaubte diese Geschäfte bereits zu kennen, es war gewiß irgend eine vornehme Bittstellerin, die schließlich ein Almosen haben wollte und all diese Leute fertigte Iwan ab, er hatte den strengen Befehl gegeben, daß ohne seine besondere Erlaubniß Niemand zur Frau Baronin dringen dürfe. Voll Ungeduld wanderte Enrichetta in dem kleinen Gemache auf und ab. Im nächsten Augenblick sollte sie vor der Frau stehen, die ihr damals alles gestohlen, sie um ihre kühnsten Hoffnungen betrogen hatte, — denn wäre Gregor nicht von ihr bethört und geblendet worden, dann würde er gewiß nicht diesen schändlichen Verrath geübt haben. Die Thür öffnete sich, aber nicht die Baronin erschien, sondern ihr Kammerdiener; der bestürzt an der Schwelle stehen blieb und vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben völlig die Fassung verlor. Er vermochte kein Wort hervorzubringen, sondern starrte die Italienerin wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt verblüfft und erschrocken an. Auch Enrichetta starrte einen Augenblick ganz erstaunt auf den Eingetretenen; aber sie gewann zuerst die Sprache wieder: Ah, Herr Baron, sind Sie noch einmal vom Tode erstanden? Dann geschehen also auch in unseren Tagen noch Wunder! rief sie höhnisch aus. Ueber das bleich gewordene Antlitz des Mannes zuckte es, seine Augen begannen unheimlich zu funkeln; er schien bereit, sich wie ein wildes Thier auf den unerwarteten Gast zu stürzen, um ihn auf der Stelle zu erwürgen; aber die Italienerin mußte seine Gedanken errathen haben, denn sie setzte rasch hinzu: Glauben Sie nicht, daß es Ihnen was nützen würde, mich aus der Welt zu schaffen. Ich habe meinen Leuten Befehl gegeben, daß sie nach mir fragen sollen wenn ich in einer halben Stunde nicht zurückkehre. — Der Andere sann einen Augenblick nach. Wohl drohte ihm von diesem rachsüchtigen Geschöpf eine große Gefahr; aber er durfte dennoch nicht wagen, es auf der Stelle mit Gewalt zu beseitigen. Das Zimmer lag zu ebener Erde, ein einziger Hilfeschrei mußte Menschen herbeiführen und wie er dieses Mädchen kannte, war es gewiß nicht so leicht zu bewältigen und er befand sich nicht einmal im Besitz einer Waffe. Hier konnte ihm nur List und Ucberredungskunst aus der Verlegenheit helfen. Was verschafft mir das Vergnügen, Dich hier zu sehen? fragte er deshalb, nachdem er sich von seiner Bestürzung etwas erholt hatte. Die heiße Sehnsucht, mit Ihnen noch einmal zu sprechen, trieb mich her, entgegnete Enrichetta. Ich Habs kein Opfer und keine Mühe und den langen Weg nicht gescheut, um das Glück zu haben, Sie noch einmal zu sehen, Herr Baron, — und die Augen der Italienerin ruhten rachefunkelnd auf dem bestürzten Antlitz des Mannes, der sich noch immer nicht zu fassen wußte. Was wünschen Sie eigentlich? stammelte ihr Gegner. Ich werde Ihnen gern entgegenkommen — seien Sie überzeugt — denn — Was ich wünsche? Ich will mich an Dir rächen, Dich vernichten,, denn Du bist in meinen Händen! rief die Italienerin, und wirklich stand sie jetzt wie eine Rachegöttin hochaufgerichtet vor ihm. Zum Glück sprach sie französisch, wenn der Portier wirklich horchte, konnte er Enrichetta nicht verstehen, denn er war des Französischen nicht mächtig. Enrichetta, sei vernünftig! Du sollst es nicht bereuen, wenn wir als Freunde scheiden. Stelle Deine Forderungen, ich werde sie erfüllen, wenn sie nicht übermäßig sind. Du hast mich getäuscht und betrogen, mein ganzes Lebensglück zerstört und ich fordere weiter nichts als Vergeltung zu üben, entgegnete die Italienerin stark und heftig. Was hättest Du davon, wenn es Dir wirklich gelänge, Deine Drohungen wahr zu machen? Du scheinst völlig zu vergessen, daß Du jetzt in Rußland bist und Du sehr leicht den Weg nach Sibirien antreten könntest. Dann hätte ich wenigstens die Genugthuung in Deiner Gesellschaft dahin zu gehen.' Der blasse, noch immer sehr hübsche Mann hatte seine Ruhe allmälig wieder gewonnen. Du dürftest Dich irren. Es wäre mir vielleicht möglich, Dich allein hinzuschicken. Denn Geld und mächtige Freunde vermögen hier viel. Wenn ich Dich als Abenteurerin verhaften und durchpeitschen lasse, kräht kein Hahn darnach. Versuchen Sie es, mein Herr, entgegnete Enrichetta uneingeschüchtert. Der Steckbrief, der hinter Baron Bloomhaus erlassen worden, ist bereits in sicheren Händen. Sis werden durch eine Brutalität Ihr Verhängniß nicht aufhalten. Noch einmal, Enrichetta, sei vernünftig, begann der Andere von Neuem. Ich konnte damals mein Versprechen nicht halten, denn mein Herz war nicht mehr frei; aber ich will Dir gern eine bedeutende Summe schenken. Du bist ja klug und hübsch, Du wirst leicht einen Mann finden, der Dir gefällt und mit dem Du glücklich lebst. Ich wollte Dich haben, Dich allein, denn Dir gehörte mein ganzes Herz und deshalb nur konntest Du mich zu allem bewegen und wie schändlich hast Du mich betrogen? Hast Du nur die weite Reise gemacht, um mir die alten Klagen zu wiederholen? fragte sie Gregor, der es versuchte, ihr wieder trotzig die Stirn zu bieten, da freundliche Reden und Schmeicheleien bei dem starrsinnigen Geschöpf nicht verfingen, Nein, um all Deine Schandthaten aufzudecken um Dich zu entlarven, denn ich bin im Besitz des verhängnißvollen Briefes, den damals die Fürstin von dem russischen Grafen erhielt und der — Weiter kam sie nicht, denn ihr zur Verzweiflung gebrachter Feind wollte sich voll wahnsinniger Wuth auf sie stürzen, um sie vielleicht mit seinen Händen zu erwürgen; aber die unruhig funkelnden Angen der Italienerin hatten trotz ihrer Aufregung, jede leiseste Bewegung des Anderen beobachtet und mit einer aalglatten Bewegung entschlüpfte sie seinen Händen. Im nächsten Moment hatte sie schon das ohnehin nicht hohe Fensterbrett erreicht und sich damit vorläufig vor dem Rasenden in Sicherheit gebracht, der ihr auch dahin folgte und sie herabzureißen suchte. Ich rufe um Hilfe! drohte sie sich an das Fensterkreuz anklammernd und nun doch durch seine grenzenlose Wuth geängstigt. .. Ihr Gegner trat rasch bis zu Thür zurück, als finde er die ruhigere Besinnung 156 wieder und wolle es nicht zum Aeußersten treiben. Plötzlich eilte er von Neuem auf die Italienerin zu und knirschte zwischen den Zähnen hervor: Den Brief oder Du kommst nicht mehr lebendig von der Stelle. Ich rufe um Hilfe! drohte sie wieder. Rufe immer, war die hohnlachende Antwort. Ich habe zugeschlossen und ehe es einer meiner Leute wagen könnte, Dich zu retten, stirbst Du unter meinen Händen, den Brief her, oder ich erwürge Dich! Enrichetta wollte eine Scheibe einschlagen und sich auf diese Weise in den Hof flüchten; aber ihr Gegner hatte sie schon vom Fenstersims heruntergerissen. Den Brief! oder — er umklammerte mit den Händen ihren Hals und ihr erster verzweifelter Hilfeschrei endete bald in einem dumpfen Gurgeln: Ich habe ihn nicht bei mir. — Den Brief! knirschte er von Neuem, ganz besinnungslos vor Wuth. Ich habe ihn in meinem Mieder, preßte sie mühsam hervor. Er riß es ihr ohne Weiteres auf und seine fieberhaft zuckende Hand hatte rasch em zusammengefaltetes Blatt Papier gefunden. Ein Blick überzeugte ihn, daß es wirklich der verhängnißvolle Brief sei. Er hatte Mühe, einen wilden Freudenschrei zu unterdrücken. Nun war viel erreicht, nun durfte er hoffen, das rachsüchtige Geschöpf völlig unschädlich zu machen. Er steckte hastig den Brief in seine Brusttasche und sich über das erhitzte Gesicht fahrend, als wolle er damit seine furchtbare Aufregung beschwichtigen, sagte er mit wildem höhnischem Lächeln: Du siehst also, daß ich nicht mit mir spaßen lasse und vor keinem Mittel zurückscheue, wenn es gilt, mich meiner Haut zu wehren und daß es für Jeden weit besser ist, sich in Güte mit mir zu einigen, dann bin ich ja um den Finger zu wickeln. Auf Enrichetta hatte der gewaltsame Angriff doch einen furchtbaren Eindruck gemacht. Der Baron sprach die Wahrheit, er gehörte zu jenen Bestien, die Alles zerreißen, was ihnen feindlich in den Weg tritt und wenn sie es zum Aeußersten trieb, war sie ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie mußte ihn jetzt zu überlisten suchen, um wenigstens noch einmal dieser Gefahr zu entrinnen. Er hatte sie ja so schändlich und niederträchtig getäuscht, sie konnte ihn: Gleiches mit Gleichem vergelten und schlimmstenfalls mit den - heiligen Schwüren Dinge versprechen, die zu halten sie ebenfalls von vornherein nicht gewillt war. Deshalb gab sich die Italienerin den Anschein, als sinne sie über etwas nach und als gehe plötzlich eine innere Wandlung mit ihr vor. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, und völlig niedergeschlagen sagte sie mit leiser, gebrochener Stimme: Ich sehe schon, daß ich in Rußland bin, und daß hier ein reicher Baron mit Jedem nach Willkür verfahren kann. Du sagst nichts als die Wahrheit. Wenn Du jetzt als Leiche aus meinen Händen Hervorgingst, so schlösse ich einfach das Zimmer hinter mir ab, ließ dich in nächtlicher Weile von einem meiner Getreuen in irgend einen: Winkel einscharren, und ich brauchte nur auf alle Fragen ruhig zu antworten: sie ist nicht hier, und Niemand würde wagen, an dem Worte des gnädigen Herrn Barons zu zweifeln, selbst wenn Alle wüßten, daß es damit anders zusammenhinge. Ich fürchte, daß Sie Recht haben, sagte sie kleinlaut, während ihr jetzt triumphirendcr Gegner mit übermüthigem Lachen fortfuhr: Dein Glück, wenn Du es einsiehst. Ich habe Dich hier nicht im Mindesten zu fürchten. Ein Baron Bloomhaus hat in seiner Heimath eine ganz andere Bedeutung, als in der Fremde. Ich bin hier nächst dem Kaiser die erste.Person — und der Sprecher richtete sich stolz und selbstbewußt in die Höhe. Enrichetta senkte den Kopf und nahm eine sehr niedergeschlagene Miene an. Ich denke auch, das Beste ist, wenn wir uns versöhnen, Herr Baron? Eigentlich brauche ich das nicht, war die siegesgewisse Antwort. Ich habe Dich und Deine furchtbaren Rachepläne nicht iin Mindesten zu fürchten, — und er stieß ein 157 höhnisches Lachen aus. Aber ich war stets eine noble Natur, fuhr er, sich blühend, fort. Stelle Deine Forderungen, wenn sie nicht allzu unverschämt sind, werde ich sie erfüllen. Meine Mittel sind erschöpft; ich möchte so rasch wie möglich in meine italienische Heimath zurückkehren. Wie viel brauchst Du, fragte er lauernd. Ich verlasse mich ganz auf Ihre Großmuth. Er sann einen Augenblick nach. Würdest Du mit 10,000 Francs zufrieden sein? Sie beschämen mich, antwortete die Italienerin demüthig. Du sollst sie haben, aber unter einer Bedingung. Und die wäre? fragte sie mit einer Miene, die zu verrathen schien, daß sie jetzt zu allem zu bewegen sei. Du quittirst über die Summe und fügst hinzu, daß Du sie zur Pflege Deiner leidenden Gesundheit erhalten hast. Sie würden mich dann als geisteskrank hinstellen, wenn ich dennoch gegen Sie auftreten wollte, brach es unwillkürlich von den Lippen Enrichetta's. Ein kaltes, ruhiges Lächeln spielte um den Mund ihres Gegners. Ich möchte Dir überhaupt rathen, dies zn unterlassen, entgegnete er scharf und schneidend. Ich denke auch nicht daran. Es war von mir sehr thöricht, daß ich nicht schon damals die Belohnung annahm, die Sie nur boten. Ich war in jener Stunde noch zu furchtbar aufgeregt, jetzt bin ich ruhiger geworden. Zu Deinem Glück. Mit zehntausend Francs bist Du reich genug, um noch einen hübschen Mann zu bekommen. Du sollst also das Geld auf der Stelle haben, wenn Du damit einverstanden bist. Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Baron, war die Antwort. (Fortsetzung folgt.) Ei« Abenteuer Ole Wull'B. Erinnerung von I. Brock. Nun ist auch er todt, der ruhelose Paganini des Nordens, der vie Welt nach allen Richtungen der Windrose durchstreifte, ein moderner Troubadour, mit seiner Amati anstatt der Laute. Er kannte des Lebens Leid und Lust wie selten Einer und was ich hier von ihm erzählen will, wird einen Einblick in die Geschicke eines Mannes gestatten, der Alles, was er geworden, nur sich selbst verdankt. Es war in Italien. Hilflos stand der junge Violinspieler da, nachdem er vergeblich eine Gelegenheit gesucht hatte, um sein Talent an den Tag zu legen. Er mußte Unterricht in Bologna zu 1 Lire (79 Pf.) pro Stunde geben, und da er bis dahin nur zwei Stunden wöchentlich zu ertheilen hatte, war er in des Wortes eigentlichster Bedeutung dem verhungern nahe. — Der junge Mann ging durch das Florentiner Thor nach seiner dürftigen Wohnung; es war finster geworden und der Hunger quälte ihn gar sehr. Er öffnete die Schublade an dem dreibeinigen Tisch, um zu sehen, ob er dort nicht in einer Ecke ein trockenes Stück Brod finden werde; allein er vermochte keines zu entdecken; nur einige wenige Krümchen erinnerten an bessere Tage. Er sammelte sie sorgfältig und steckte sie seufzend in den Mund. Darauf nahm er seine alte Geige, setzte sich auf's Sopha und begann wunderbare wilde und barocke Töne hervorzuzaubern, in welchen er seinen ganzen Kummer ausdrückte. So pflegte er jeden Abend zu spielen und die ganze Nachbarschaft lauschte diesen eigenthümlichen Phantasien. Ja, oft versammelt.m sich die Leute unten auf der Straße, gebannt von der Zaubermacht der Tone, und sie fragten einander, wer wohl der merkwürdige Künstler sei, der so zu spielen verstehe. Aber da es Niemandem einfiel, danach zu fragen, ob der Meister auch Brod zu Hause hatte, konnte ihm die Bewunderung wenig helfen! Wie schon so oft, sättigte er sich auch diesmal nur mit Tönen seines Instruments, und nachdem er eine Weile phantasirt hatte, sank er ermattet aufs Bett und verfiel in s tiefen Schlaf. Plötzlich erwachte er: drei Männer waren in sein Zimmer getreten. „Entschuldigen Sie, mein Herr", sagte einer von ihnen, „daß wir ihren Schlaf stören, nur die äußerste Noth hat uns gezwungen, bei Ihnen einzudringen. Würden ^ Sie nicht sofort bereit sein, einige Nummern im Konzerte der Philharmonischen Akademie t zu spielen?" ' Der hungrige junge Mann, der kaum seine Gedanken zu sammeln vermochte, starrte die Fremden mit einem Ausdruck an, als wären sie Engel vom Himmel gesandt, um ihm Gelegenheit zu geben, sich einige Lire zu verdienen. „Ich soll noch heute Abend in einem Konzert spielen?" brach er erstaunt aus, „wo Madame Malibran und de Bäriot . . . „Ja, das ist gerade der Knoten", fuhr der Andere eifrig fort. „Die Beiden haben sich zurückgezogen; de Böriot fühlt sich beleidigt und will nicht spielen und Madame f Malibran meldete sich krank und kann nicht singen; auf diese Weise wird das ganze Konzert ' unmöglich. Nachdem wir lange Zeit in der Stadt erfolglos hin- und hergewandert, - siel es uns ein, daß Madame Colbran-Rossini sich in der Stadt aufhält. Wir eilten zu ihr und überredeten sie, die Nummern zu singen, welche die Malibran hatte anzeigen lassen. Aber woher sollten wir einen Violinspieler nehmen? Auch da wußte Madame Rossini Rath. Sie erzählte uns, daß im Hause ihr gegenüber ein junger Mann wohne, ^ der die Violine so spiele, wie sie noch nie etwas Aehnliches gehört habe. „Wenn er nur den Muth hat, öffentlich aufzutreten", fügte sie hinzu, „so übernehme ich die Vcr- ! antwortung für den Erfolg." — Deshalb sind wir zu Ihnen gekommen und ersuchen Sie, uns den großen Dienst zu erweisen, in dem heutigen Konzerte aufzutreten! Wir ^ bieten Ihnen dasselbe Honorar, das wir der Malibran und de Böriot versprochen haben, ' die Hälfte der Netto-Einnahme, und das wird sicherlich eine hübsche Summe werden. Und jetzt, mein Herr — wollen Sie auf unsere Bedingungen eingehen so bitten wir s Sie, sich zu beeilen; wir haben keinen Augenblick zu verlieren, denn das Konzert hat bereits begonnen." Der junge Geiger griff nach seiner Violine und folgte den Unbekannten gleichsam wie im Traume. Es waren die Direktoren der genannten Akademie. Im Teatro grande war das ganze Haus besetzt. Das Konzert hatte schon längst ^ begonnen; Signora Rossini war aufgetreten und mit stürmischem Beifall empfangen worden, weil sie eine eminente Künstlerin und zugleich eine Tochter Bolognas war. Aber auf ihre Arie sollte ein Violinsolo folgen, welches den ersten Theil des Konzertes zu schließen hatte. Da - gerade in dem Augenblicke, als das Haus vom Beifallssturms > erschüttert wurde, mit dem man Signora Rossini für ihren Gesang belohnte — kamen f die Direktoren mit dem unbekannten Geiger an, der sofort auf die Bühne geführt wurde. s Da stand er nun unfähig seine Gedanken richtig zu sammeln, ungewiß ob er wache ober träume. Das zahlreiche Publikum, der strahlende Lichtschein, die fremdartige Um-, ^ gebung betäubte ihn gänzlich. ! Allein der Künstler war gewohnt, Alles, was er fühlte, auf seine Geige zu über- ' tragen und deshalb begannen die überwältigenden Gefühle, welche in diesem Augenblick ^ auf ihn einstürmten, sich in Tönen Luft zu machen. Er bemerkte nicht, daß das Pub- si likum, statt ihn mit Wohlwollen zu empfangen, zu zischen begonnen hatte, als man die - traurige Gestalt im ärmlichen Anzüge gewahrte. Er glaubte sich in einem Feenpalasts ^ zu befinden, vor dessen Gebietern er jetzt den Schmerz, der seine Seele erfüllte, auszu- ? drücken wagte. Daher entströmte seinem Bogen ein Meer von Tönen des Schinerzes, > wie dergleichen bisher kein Instrument hatte erklingen lassen. Bald klagten die Saiten ! in Elegien des Kummers, bald gab sich der Schinerz in schneidenden Tönen kund, bald hörte man die drohende, scharfe und kalte Verzweiflung der Hilflosigkeit. ! Die Zuhörer saßen wie von einer übernatürlichen Macht bezaubert da und wagten kaum Hu athmen. Sie fühlten sich von der ängstlichen und gualvollen Stimmung er- 159 griffen, welche den Kunstgenuß zu einem wahrhaft peinigenden Gefühl verwandelt. Aber schließlich löste sich der wahnsinnige Schmerz auf und ging in stille Wehmuth über, welche die Herzen gleich einem balsamischen Thau erquickte. Der Künstler hatte kaum geendet, als ein wahrhafter Orkan von Beifallsrufen ihn unterbrach, der nicht enden wollte. Der Direktor ließ den Vorhang fallen; der Künstler wankte hinaus und sank in die Arme Derjenigen, welche herbeigeeilt waren, um ihn zu beglückwünschen. „Brod!" war das einzige Wort, das seinen blassen Lippen entströmte, und wahrend man den ermatteten Künstler in ein Nebenzimmer führte, um ihm Essen und Trinken zu geben, fuhr das Haus fort, unter dem gewaltigen Beifallsjubel der Zuhörer zu erzittern. Während des zweiten Theils des Konzertes hatte sich der Künstler soweit erholt, daß er seine Selbstbeherrschung wieder erlangte. Der ungewohnte Genuß einer guten Mahlzeit, dessen er lange hatte entbehren müssen, die Wärme, welche ihn durchströmte, seitdem er den feurigen Wein gekostet, wirkten wohlthätig und belebend auf die erschlafften Nerven. Endlich näherte sich der Schluß des Konzerts, welcher wieder aus einem Violin- Solo bestehen sollte. Die Direktoren beriethen sich in Gegenwart des Künstlers, ob man es wagen dürfe, ihn wieder auftreten zu lassen. Aber entschlossen trat er vor: „Ja, ich werde spielen, ich muß spielen!" So eilte er zum zweiten Mal auf den Schauplatz seines Triumphes. Auch jetzt verstand er nicht den unendlichen Jubel, der ihm entgegen brauste. Er ergriff den Bogen und sprach wieder zum Auditoriuni, aber diesmal mit ganz anderen Tönen, als vorhin. In lichten, lyrischen, jubelnden Tönen erzählte er aus den Erinnerungen seiner Jugend. Er zauberte den Frieden seines Heims, umweht von den frischen Luftströmungen aus dem hohen Norden, hervor. Er jubelte darüber, daß er das Ziel seines Lebens gefunden; er äußerte seine Dankbarkeit darüber, daß man sein Streben anerkannt habe. Und alles dies malte er in den unwiderstehlichsten Tönen, welche einem Bogen je entströmten. Er ahnte es, daß der Stern seiner Zukunft mit diesem Abend aufgegangen sei, und er sprach es jubelnd aus. . Zum zweiten Male mußte der Vorhang fallen, um ihn von einem Publikum zu trennen, das vor Entzücken außer sich war und wieder hörte er nichts von dein grenzenlosen Jubel. — Denn er war noch einmal bewußtlos niedergesunken, doch diesmal nicht vor Ermattung, sondern aus Freude über seinen Triumph. Ein tiefer, wohlthätiger Schlaf stellte ihn vollständig wieder her. Am nächsten Tage sprach man in Bologna von nichts Anderem als von dem wunderbaren Talent des jungen norwegischen Künstlers Ole Bull. Die Direktoren der Akademie erschienen in seiner Wohnung mit dem bedeutenden Honorar, das sie ihm versprochen hatten. Die vornehmsten Kunstkenner der Stadt boten ihm ihre Dienste an, und da er aus seiner traurigen Lage kein ^>ebl machte, wurde sofort ein neues Konzert für ihn arrangirt. ' (D. Montagsb!.) Miscelle n. (Auch eine Handschrift.) Der Theaterdirector . . l berühmt dadurch, daß er weder lesen noch schreiben konnte, befand sich einst an einer Nudle 6'tiot«, wo eine goldene Uhr ausgespielt wurde. Jeder der Gäste gab zwei Thaler, schrieb seinen Namen auf einen Zettel, warf ihn in einen Hut, Md dann sollte sogleich gezogen und die Sache abgemacht werden. Der erwähnte Theatervirektor war in nicht geringer Verlegenheit, als auch er seinen Namen aufschreiben sollte. Um sich keine Blöße zu geben, that er, als ob auch er schriebe, rollte das leere Blättchen zusammen und warf es in den Hut. Das Glück wollte, daß gerade dieses gezogen wurde. Allgemeines Staunen, als das Blatt aufgerollt und leer befunden wurde. Doch der anwesende Komiker V. ließ es sich geben, und als er es betrachtet hatte, rief er aus: „Ich kenne diese Züge! Das ist die Handschrift unseres Herrn Theaterdirektors." 160 (Kindermund.) Durch die deutschen Blätter läuft folgendes nette Histörchen: Paulchen hat seine Mama bei einem Besuch begleiten dürfen. Er mißbraucht die Freiheit, die man ihm im befremdeten Hause läßt, einigermaßen, indem er ungebührlich lärmt. Vergeblich sind die Vermahnungen der Mama, welche des gewohnten Nachdrucks entbehren. Endlich ist das Maß des Zulässigen überschritten, und Mama ruft streng: „Wenn du nicht gleich artig bist, Paulchen, sperre ich dich zu Hause zu den Hühnern." — „Zu den Hühnern kannst du mich sperren, Mama," entgegnete Paulchen trotzig, „aber das sage ich dir gleich, Eier lege ich nicht!" (Gut gemeint.) „Denken Sie sich" erzählt Jemand, „was mir gestern in meiner Wohnung passirt ist« Ich sitze gemüthlich am Fenster und rauche meine Cigarre, als mir auf einmal ein Brandgeruch in die Nase dringt. Ich schau mich um und was seh ich? Ein Blatt Papier, das auf einem Tischchen unter einem Vergrößerungsglase lag, hatte sich durch die Sonnenstrahlen, denen das Glas ausgesetzt war, entzündet, und sing an, lichterloh zu brennen." — „Nicht möglich," erwiederte eine junge Dame, „was für ein Unglück hätte nun da entstehen können, wenn das in der Nacht geschehen wäre?" (Aus der Schule.) Der Lehrer bemüht sich, den Begriff „böses Gewissen" aus den Kindern heraus zu entwickeln, jedoch vergeblich. „Nun," fährt er fort, „was hat ein Mensch, der nirgends Ruhe findet, der selbst des Nachts nicht schlafen kann, sondern sich auf seinem Lager hin und her wälzt?" Alkes schweigt. Endlich meldet sich ein kleines Mädchen zur Antwort. Lehrer: „Recht so, meine Kleine, antworte du!" — Mädchen: „Einen Floh!" (Vorn Schmieren.) „Ei, ei!" sprach der Schulkehrer eines kleinen Gebirgs- städtchens zu dem Knaben, der ihm ein Körbchen Würste zum Geschenk brachte, „ei, ei, mein liebes Kind, das ist ja zu viel!" — „Ja wohl," erwiderte der Knabe treuherzig, „der Vater hat das auch gesagt, aber die Mutter meinte, man könne den Tausendsassa nicht fett genug schmieren." (Die Folge des Stottern s.) Stotterer (zum Badediener); „T—T—Tauchen" Badediener: „Recht gern." (Taucht ihn unter.) — Stotterer (wieder emportauchend, mit stärkerer Stimme): „T—T—Tauchen." Badediener taucht ihn nochmals und halt ihn fast eine halbe Minute unter Wasser. Stotterer emportauchend verzweiflungsvoll, athemlos: „T—T—Tauchen hat, hat der Arzt mir — verboten." Ein junger Herr war beim Essen, als einige schöne junge Damen in's Zimmer traten. Er wurde von ihrem Anblick so bezaubert, daß er Messer und Gabel hinlegte und nicht mehr aß. Als ihn eine der Damen fragte, warum er nicht mehr esse, gab er zur Antwort: „Ja, wenn man so schöne Damen sieht, da muß einem wohl der Appetit vergehen." Ein Bauer hatte einen Hasen geschossen. Beim Nachhausegehen begegnete ihm sein Gutsherr und frug ihn: „Was will er mit dem Hasen?" — Bauer: „Ich mit dem Hasen — Herr Graf? — entschuldigen, ich — ich wollt nur den Schulmeister fragen, ob alle so lange Ohren haben, wie der da." (Hase und Häsin.) Ein Jäger beklagte sich, daß er immer nur Häsinen schieße, und sagte: „Ich möchte wohl ein Mittel kennen, um die Hasen von den Weibchen zu unterscheiden." — „Nichts ist leichter," antwortete ein Spaßvogel, „ist es ein Hase, so läuft er» ist es eine Häsin, so läuft sie." Buchstabenrebus. Nr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. zur Mgslmrger PostMimg Nr. 21. Samstag, 11. September 1880. Die feinste Satyrs ist unstreitig die, deren Spott mit so weniger Bosheit und so vieler Ueberzeugung verbunden ist, daß er selbst Diejenigen zum Lächeln nöthigt, die er trifft. Lichtenberg. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Das Eine fordere ich noch von Dir, daß Du sofort in Deine Heimath zurückkehrst» Wenn ich von Dir innerhalb drei Wochen aus Italien einen Brief erhalte gebe ich Dir mein Ehrenwort, daß ich Dir noch zehntausend Francs schicke; Du siehst, wie vortheil- haft es ist, mit mir in Frieden und Freundschaft zu leben. Die Augen der Italienerin funkelten, es schien, als ob die erwachte Geldgier die Nachegeftthle ihrer Brust vollends erstickt hatten. Ich darf wirklich auf diese zweiten zehntausend Francs mit Sicherheit rechnen? fragte sie hastig. In Geldsachen halte ich unverbrüchlich Wort. Was haben für mich zwanzigtausend Francs zu bedeuten? war seine hochfahrende Antwort; aber als fürchte er, daß Enrichetta nun ihre Forderung steigern könne, setzte er rasch hinzu: Glaube mir nur, Du bekommst diese Summe nicht, weil ich mich vor Dir und Deinen Anklagen fürchte, sondern weil ich Dir beweisen will, daß ich nicht undankbar bin. Also warte einige Minuten, ich hole Dir jetzt die zehntausend Francs. Er eilte rasch hinaus und schloß hinter sich ab. Enrichetta sah ihm mit wuthfunkelnden Augen nach. Der Elende! er glaubt wirklich, daß ich mich wie eine Bettlerin abfinden lasse. Oh, er ahnt es nicht, wie es in meinem Herzen kocht, ich darf es ihm nicht verrathen, wenn ich mich noch einmal aus seiner furchtbaren Gewalt befreien will. Nun, Vergeltung, Vergeltung! murmelte sie leise vor sich hin und preßte die Hände krampfhaft übereinander. Wirklich ging bald darauf die Thür und der von ihr tödtlich gehaßte Mann trat wieder ein. Ich bringe Dir die runde Summe von fünftausend Rubeln, sagte er im kühlten geschäftsmäßigem Tone; Gold könnte Dir nichts nützen, das darfst Du nicht' über die Grenze nehmen. Du magst beim Umwechseln noch so viel verlieren, so wirst Du immer noch weit mehr als zehntausend Francs erhalten; aber ich will D.einen Schaden nicht haben und war niemals ein Knauser; — er warf das Päckchen Papier- Rubel auf den Tisch. Zähle nach, es wird stimmen und das — Papier ist echt, ich garantire dafür. Enrichetta nahm das Päckchen Papiere in die Hand und ohne einen prüfenden Blick darauf zu werfen, steckte sie es in ihre Tasche. Ich weiß, daß ich Ihnen in dieser Hinsicht völlig vertrauen kann. Und nun quittire über die Summe und bescheinige zugleich, daß Du das Geld zur Pflege Deiner sehr leidenden Gesundheit erhalten hast. — 162 - Willig fügte sich die Italienerin in sein Geheiß. Sie nahm an dem kleinen Schreibtisch Platz und schrieb nieder, was ihr der Andere diktirte. Die Form der Quittung ließ noch deutlicher hindurchschimmern, daß eine Geisteskranke dies Geld erhalten habe. Sie schrieb dann unter das Papier ihren Namen und sich wieder erhebend, fragte Sie mit freundlichem Lächeln: Sind Sie nun zufrieden? Vollkommen, antwortete ihr Gegner, der aufmerksamen Blickes der Feder Enrichetta's gefolgt war, um sicher zu sein, daß sie auch wirklich niederschrieb, was er ihr diktirte. Dann kann ich gehen? fragte sie von Neuem und mit einer gewissen Aengstlichkeit, die verrieth, daß sie sich möglichst bald in Sicherheit bringen wolle. Ich werde anspannen lassen und man mag Dich zur nächsten Station bringen. Ich habe ja Fuhrwerk, das auf mich wartet. Auch gut. Also lebe wohl, Enrichetta, und sobald von Dir in den nächsten drei Wochen ein Brief aus Italien eintrifft, sende ich Dir auf der Stelle noch fünftausend Rubel. Mein Ehrenwort und er reichte ihr zum Abschiede die Hand. Ich danke Ihnen, Herr Baron, Sie werden vielleicht den Brief noch eher erhalten. Um so besser, Addio! und mit einem ruhigen, freundlichen Lächeln schritt er hinaus. Enrichetta folgte ihm. Sie sah sich nicht mehr um und eilte raschen Schrittes hinweg. Erst als das Schloß wieder hinter ihr lag, athmete sie auf. VI. Advokat Rasinsky saß verdrießlich in seinem Amtszimmer, denn weder er noch der Graf hatten aus Italien Nachricht erhalten, da wurde eine Fremde gemeldet, die ihn in dringenden Geschäften zu sprechen wünsche. Es war Enrichetta, man hatte ihr gerade Rasinsky als tüchtigen und gewandten Anwalt empfohlen. Ich komme in einer sehr wichtigen Sache zu Ihnen, begann sie in gebrochenem Deutsch. Rasinsky erkannte sogleich an ihrer Aussprache die Italienerin und bat sie, sich ruhig ihrer Muttersprache zu bedienen. Enrichetta war davon sehr angenehm überrascht. Nun faßte sie schon zu dem Manne weit größeres Vertrauen. Man hat mir gesagt, daß es in Rußland schwer sei, gegen vornehme und einflußreiche Leute ein Recht zu verfolgen, aber ich hoffe doch, daß Sie mir den nöthigen Beistand leisten werden — und die Augen der Italienerin ruhten unruhig fragend auf dem jungen Anwalt, über dessen glattes Advokatengesicht ein leichtes Lächeln flog. Es sind das ganz falsche Ansichten, die unsere Feinde über Rußland verbreiten. Recht und Gesetz wird hier jetzt ebenso entschieden gehandhabt, wie im westlichen Europa. Sie werden also auch gegen einen sehr reichen und angesehenen Baron auftreten? Warum nicht? Wenn sie mich mit einem solchen Auftrag betrauen wollen? Also auch gegen Baron Vloomhaus? fragte sie hartnäckig weiter. Bei Nennung dieses Namens konnte der Advokat seine Ueberraschung nicht verbergen: er vermochte nicht augenblicklich zu antworten und die Italienerin fuhr lebhaft fort: Ah, mein Herr, erschrecken Sie schon? Durchaus nicht, entgegnete Rasinsky, der rasch seine Ruhe wieder gewonnen hatte. Aber ich muß Sie doch fragen, gegen welchen Baron Vloomhaus. Es gibt noch eine Seitenlinie, die Bloomhaus-Nosenberg. Nein, ich meine Baron Gregor Vloomhaus. .Der ist todt, mein Fräulein. Durchaus nicht, entgegnete sie. Ich bin erstaunt, daß Sie dies auch behaupten und doch habe ich erst gestern mit Baron Vloomhaus gesprochen. Unmöglich! Der Baron Gregor Vloomhaus ist schon vor mehreren Monate in Neapel gestorben. Das muß dennoch ein Irrthum sein. "Ich war ja die Kammerfrau seiner ersten — 163 —^ Gemahlin und kenne den Baron ganz genau. Wohl weiß ich, daß plötzlich das Gerücht von seinem Tode verbreitet wurde, aus welchem Grunde ist mir unbekannt, — aber sicher ist es, daß ich den Baron gestern gesehen und gesprochen habe, so sicher, wie ich jetzt vor ihnen stehe. Nein, mein Fräulein, der Irrthum ist trotzdem auf ihrer Seite. Sie meinen doch wirklich den Baron Gregor Bloomhaus? Gewiß. Ich war ja gestern in seinem Schlosse und will es Ihnen ganz genau beschreiben, um Ihnen zu beweisen, daß meine Angaben auf Wahrheit beruhen. Es ist dennoch unmöglich. Baron Gregor Bloomhaus ist todt und auf dem Schlosse lebt jetzt nur seine Wittwe. Die elende Schauspielerin Fräulein Combelaine! rief Enrichetta aus, deren Groll bei dem Gedanken an die glückliche Nebenbuhlerin erwachte. Das stimmt! bemerkte Rasinsky und schüttelte bedenklich den Kopf, wie er diese sich widersprechenden Angaben zusammenreimen solle. Sie sehen, daß ich den Baron und seine jetzige Gattin genau kenne. Hinsichtlich der Baronin haben Sie Recht, nur lebt sie, wie ich Ihnen schon sagte, seit März dieses Jahres als Wittwe in Bloomhaus. Es verbirgt sich hinter dem Allein irgend eine Schurkerei, entgegnete Enrichetta nach kurzem Sinnen und sie erzählte nun lebhaft, warum sie dem Baron so hartnäckig gefolgt sei wie sie die Nachricht seines Todes erfahren und ihn doch gestern lebend und gesund in Bloomhaus getroffen habe. Rasinsky hörte in größter Spannung zu, sein anfangs kaltes, abgeschlossenes Gesicht belebte sich immer mehr und zuletzt verrieth der junge Advokat deutlich, in welche Aufregung er durch die Mittheilungen Enrichetta's versetzt worden. Das waren so furchtbare ungeheure Enthüllungen, die weit über das hinausgingen, was Rasinsky erwartet hatte und die plötzlich über die ganze Angelegenheit ein ganz anderes düsteres Licht verbreiteten. Ah, und was die Brust des Advokaten noch heftiger erregte, sie schienen vollends seine kühnsten Vermuthungen bestätigen zu wollen. — Hier waren dunkle verworrene Fäden gesponnen, die hoffentlich endlich gelöst wurden. Glauben Sie nun, daß ich gestern wirklich den Baron Bloomhaus gesprochen habe? schloß die Italienerin ihre lange Erzählung, die Rasinsky mit keinem Worte unterbrochen hatte, während die ganze Angelegenheit sein lebhaftes Interesse erregte, mußte er zugleich über die Kaltblütigkeit dieses Mädchens staunen, das so ruhig und unbefangen seine eigene schwere Schuld bekannte. Welch' seltsame Räthsel in einer Menschcnbrust! Erst ihre Frage weckte ihn aus seinem tiefen Nachsinnen. Er strich sich über die hohe Stirn und entgegnete langsam nach einer Pause: Nein, den Baron Bloomhaus haben Sie nicht gesprochen, der ist todt, darüber herrscht kein Zweifel; aber wollen Sie so gut sein, mir die Persönlichkeit Ihres Barons näher zu beschreiben. Enrichetta that es ohne Zögern und Rasinsky rief lebhaft aus: So hat mich meine Ahnung nicht betrogen. Es war der Kammerdiener Iwan, der die Rolle des Barons gespielt hat, wenigstens ist dieser Mensch in Bloomhaus nur als Kammerdiener aufgetreten. Was soll diese Komödie wieder bedeuten? fragte die Italienerin rasch, Rasinsky mochte vorläufig nicht verrathen, mit welchen! Verdachte er sich bereits umhergetragcn, der jetzt durch die Angaben Enrichetta's bestätigt wurde; er entgegnete deshalb ausweichend: Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er dadurch jeder Verfolgung auf immer entgehen! Es bleibt immer höchst seltsam und Sie glauben, daß die russische Behörde jetzt gegen den Baron einschreiten wird? fragte die Italienerin, deren Rachedurst seit dem gestrigen Vorgänge sich noch gesteigert hatte. Jedenfalls werde ich auf eine Untersuchung antragen und die Sache mit allev Energie verfolgen. 164 Ich danke Ihnen, mein Herr, sagte Enrichetta und ihre dunkeln Augen leuchteten förmlich unheimlich. Rasinsky nahm ein Protokoll über ihre Aussage auf und fragte dann nach ihrem ferneren Wohnort. Ich bleibe in ihrer Stadt, damit Sie mich in der Nähe haben, wenn Sie mich brauchen. Der Advokat nickte zustimmend mit dem Kopfe, und geleitete dann, mit seltsamen Empfindungen, das wunderliche Mädchen bis zur Thür. Was wird der Graf zu diesen neuen Enthüllungen für Augen machen! dachte Nasinsky stolz und erfreut darüber, daß er ihm solch' wichtige Dinge mittheilen konnte und seltsam genug, wie gerufen fand sich wenige Stunden später der Graf bei ihm ein. Er war in ungeheurer Aufregnng und ließ den Anwalt nicht erst zu Worte kommen. Sie hatten Recht. Der Schwindel ist zu Tage! rief er sogleich und hielt trium- phirend mehrere Briefe in der Hand. Lesen Sie, lieber Rasinsky, — dann gestehen Sie wenigstens, daß es diesem Abenteurer nicht an Kühnheit und Verschlagenheit gefehlt hat. Sie brauchen übrigens nur den einen Brief zu studiren, setzte der Graf lebhaft hinzu und' nahm aus einem großen Handschreiben ein kleineres Papier. Es war ein Brief des Direktors der Irrenanstalt in Neapel an den russischen Gesandten und enthielt die Mittheilung, daß ein Baron Bloomhaus vor zwei Jahren von Räubern angefallen und am Kopfe so schwer verwundet worden, daß er in völlige Geistesnacht verfallen und von seinem Bruder in die gedachte Anstalt gebracht worden sei. Hier habe endlich im Februar d. I. ein sanfter Tod seinem Leiden ein Ende gemacht. Ihre sehr scharfe Vermuthung war also völlig zutreffend — sagte der Graf, nachdem Nasinsky den Brief kaum zu Ende gelesen hatte. Es ist in der That ein kühner und verwegener Streich, sagte der Advokat nachdenklich. Nun ist alles erklärt, fuhr Brückenburg mit gewohnter Lebhaftigkeit fort. Iwan hat also die Rolle seines Herrn weiter gespielt, als Baron Bloomhaus die Schauspielerin geheirathet und als er die Nachricht erhält, daß sein gnädiger Herr in Neapel endlich gestorben, läßt er seine Frau als Wittwe des Barons und rechtmäßige Erbin von Bloomhaus auftreten und tritt vorläufig wieder in seine Kammerdienerstellung zurück, bis Alles in schönster Ordnung ist. Deshalb also die glühende Schwärmerei der Baronin für ihren Iwan. — Ah, Madame, wir sind im Begriff, all' die kühnen freiherrlichen Träume grausam zu zerstören, und er streckte drohend seine langen Arme aus. Nasinsky lächelte über die ungeheure Erregung des Grafen, die er eben im Begriff war, noch zu steigern. Dieser Iwan ist nicht nur einer der verwegensten Schwindler und Abenteurer, der mir je vorgekommen, sonder auch ein Verbrecher, der vor dem Schändlichsten nicht zurückscheut, wenn er irgend ein Ziel erreichen will. Was sagen Sie, lieber Rasinsky? erzählen Sie nur! drängte sogleich der Graf. Der ehemalige Kammerdiener Iwan hat als Baron Bloomhaus eine italienische Fürstin geheirathet und als er ihr überdrüssig geworden, sie ermordet. (Fortsetzung folgt.) Aus eisernem Lande. Nach dieser Überschrift denkt der Leser vielleicht gar, ich käme schnurstracks von der Insel Ferro. Keineswegs, ich komme nur aus Eisenerz in Steiermark, von jenem eisernen Boden, wo Arndt's „Gott, der Eisen wachsen ließ", geboren sein muß, obgleich die Taufregister der alten Eisenerzer Kirche nichts davon vermelden. Dieser Eisengehalt des Bodens läßt einen nicht los, vielleicht weil man als richtiger Tourist auch eine Magnetnadel bei sich führt, und man irrt dann wochenlang in dem Zauberkreise herum, thalaus thalein, bergauf bergab, wie es mir geschehen. Der Mittelpunkt 165 der Anziehungskraft ist aber der große, berühmte Eisenberg, das unverwüstliche Kapital, von dem die Gegend lebt. Ein dritthalbtausend Fuß hoher Haufen eisernen Goldes, wie es bei den Spartanern kursirte. Man nimmt sich davon ein paar Säcke oder Waggons voll und schickt es in die Wechselstube, um es gegen Bankvaluta umzuwechseln. Eine herrliche Erfindung der Natur; ein Eisenberg, der eigentlich eine Goldgrube ist. Seit ich ihn kennen gelernt, glaube ich an die Erzählungen Sindbad's, des Seefahrers, in „Tausend und eine Nacht", von jenem Magnetberge am Ende der Welt, der alle Schiffe, welche auch nur einen eisernen Nagel im Rumpfe haben, unwiderstehlich an sich zieht und festbannt; nur ist hier die Sache umgekehrt. Ob es wohl in dieser Gegend bleichsüchtige Mädchen gibt? Jch»habe keine gesehen, und kenne doch so ziemlich sämmtliche Damen des Landstriches, von den kleinen Schulmädchen angefangen, welche mir als fremder Respektsperson täglich auf der Straße die Hand küßten und guten Tag wünschten — denn auf Höflichkeit werden die Kinderchen da herum erstaunlich dressirt — bis zu den ehrwürdigsten „Schwoagerinen" (Sennerinen) in den letzten Almhütten der Golleiten, der Ramsau und der Seeau, welche mich mit Alpenmilch labten und mit mächtigen „Büschen" von Speik und Bergkraut und „Dendron" (das „Rhodo" dabei schenken sie sich) schmückten. „I bin a Viechmadl", sagte mir eine dralle junge Wald- und Wiesen- bekanntschaft, die ich auf einer dieser Wanderungen machte; ich hatte sie um ihren Lebensberuf gefragt und sie wollte sich als Viehmagd gualifiziren. Man kommt da ziemlich leicht herum, denn es ist Alles nur ein paar Stunden Marschirens von einander entfernt; in Leoben hörte ich einmal sagen: „Drei Schuster weit", denn da dort fast in jeden: Hause ein Schuster wohnt, kann man ganz wohl diesen ehrsamen Kleingewerbs- mann als EntfernungSmaß benützen, gerade wie anderwärts seinen Lehrbuben als meteorologischen Niedcrschlag, wenn's nämlich, wie man zu sagen pflegt, „Schusterbuben regnet." Weit sind die Entfernungen nur, wenn man auf der Eisenbahn reist. Da gibt es ein System von ellenlangen Flügel- oder Zweigbahnen, die Sackgassen des Weltverkehrs, Sackschienenwege, welche sich rechts und links von den Hauptsträngen losgefasert haben. Ihr technisches Wörterbuch besteht aus zwei Wörtern, deren eines sie kennen, das andere aber nicht. „Wagenwechsel" heißt das erste, „Anschluß" das zweite. Wer z. B. von Eisenerz nach Bruck führt und, um nicht „per Achse" über den Prebühl zu müssen, die Eisenbahn benutzt, welche über Hieslau, Selzthal, St. Michael und Leoben einen ganz einzigen oiroulrm vitiosus beschreibt, der hat in jeder dieser Stationen Wagenwcchsel und halbstündigen Aufenthalt. Die Kronprinz-Rudolf-Bahn steckt mit ihrem Fahrplan, der rechts von der Südbahn, links von der Westbahn und in der Mitte von der Gisela- Bahn beeinflußt wird, in einer dreifachen Zwickmühle. Sie geht auf sechs Beinen, welche Anderen gehören. Ich sah in Selzthal eine Gesellschaft, welche von Amstettcn nach Bruck wollte und in Selzthal netto sieben Stunden auf Anschuß zu warten hatte. Sie war aber praktisch und reiste in diesen: Zwischenakte durch das romantische „Gesimse" nach Hieslau und wieder zurück, wobei sie noch Zeit genug behielt, sich in der Warte- Station zu langweilen. „Selzthal, sieben Stunden Aufenthalt!" Das klingt ermuthigend für den Touristen, aber noch lockender für den Geschäftsmann, bei dem es, umgekehrt wie bei-Jenem, „Weile mit Eile" heißt. Indeß, unsereins geht ja an solche Stätten nur, um zu bummeln. Denn nirgends bummelt es sich so in vollen Zügen, wie dort, wo Andere arbeiten. Ich begreife die allerhöchstseligen Pharaonen sehr gut, die auf ägyptischen Wandbildern dargestellt sind, wie sie dem Pyramidenbau und dergleichen schweißtreibenden Kraftproben ihrer Unterthanen zusehen. Durch den grellen Kontrast gewinnt die Mäßigkeit der Muße erst ihren wahren Feingeschmack und damit ihren Werth. Wie unmoralisch, nicht wahr? Rackert euch nur, ihr lieben Leutchen, schwitzt recht wacker, karrt, schanzt, grabt, schindet euch, — ich brauche eure Arbeit als Folie, die meinen Müßiggang heben soll. Wie sie da herumkriechen auf dem braunen eisernen Berge, mit braunem Erzstaub bedeckt, und an dem Koloß herum bohren, hämmern, sprengen von: frühel: Morgen bis zum späten Abend. Jeder nimmt sein gekochtes Essen des Morgens vom Hause mit auf den „Arzberg", ein Töpfchen Suppe und ein Töpfchen Zuspeise, in eigens für sie gebrannten Doppel- Töpfchen, welche hinten am Hosengurt hängend, den ganzen Tag am Leibe getragen werden, ohne bei der Arbeit zu stören. In früheren Zeiten, ehe man dem Erzberge mit Pulver und Dynamit zu Leibe ging, kratzten und schabten die armen Teufel mühe- selig mit ihren Stemmeisen an den ehernen Felsen herum und trugen, was sie den Tag über abgekratzt hatten, Jeder in seinem Tüchlein nach Hause. Heute liefert die Dynamit- patrone auf einen Krach einen Lastzug voll Erzes; man braucht nur die Mine zu bohren. Mit Bohrmaschinen ginge dies wohl leichter, als mit Hammer und Meißel, wie es noch jetzt geschieht. In einer Wand sah ich ncunundsiebzig solche Bohrlöcher ungeladen beisammen, welche nicht gesprengt werden; man reservirt sie für einen etwaigen Besuch, um einen Effektcoup produziren zu können, indem man dann alle neunnndsiebzig Minen zu gleicher Zeit zum Auffliegen bringt und eins ganze Loreley auf einmal in Staub verwandelt. Den Gang der Arbeit und die dadurch bedingte Szenerie gedenke ich hier nicht zu schildern, so interessant sie auch sei. Alle die Hoch- und Röstöfen mit dem endlosen Netz von Brücken und Leitungen, Aufzügen Rampen und Drahtseilbahnen, die sie verbinden und durch welche die hohen Berge rings um sich über das Thal weg die Hände reichen, lasse ich bei Seite, um nicht in's Technologische hineinzugerathen, auch eine schöne Gegend, in der ich aber meinen Urlaub niemals verbringe. Diese Art menschlicher Thätigkeit zeigt sich übrigens in ansprechenderer Weise in dem Thäte, durch das die Flügelbahn von Leoben nach Vordernberg führt. Das saftgrüne Thal, mit seinen grauen Felsenzinnen, erhält einen eigenthümlichen Charakter, denn während auf den grün- sammtenen Hügeln lichte Villen und Schlösser schimmern, stehen in den Thalgründen eins nach dem andern, die ansehnlichen Etablissements aufgereiht, in denen das Eisen gepuddclt, gewalzt, gegossen und weih der Himmel was Alles wird. In imposanter Unheimlichkeit stehen sie da, die mächtigen schwarzberußtcn Gebäudegruppen mit ihren zahllosen schwarzen Thürmen, die eigentlich nur Schornsteine sind, und mit ihren Essen, aus denen unter dichtem Qualm lange feuerrothe Zungen, selbst bei Tage sichtbar, in der Nacht aber schreckhaft schön, gen Himmel lecken. Man glaubt die feurige Höllenstadt „Dis", welche Dante beschreibt, mitten in'S Paradies hineingestellt zu sehen. Und in solcher Romantik, an der sich Natur und Meiffch in die Hände gearbeitet haben, wandelt der biedere Steirer umher in seinem grauen Loden mit grünem Vorstoß und in gcmsledernen Kniehosen und grünen Wadenstrümpfen, die Kniee selbstverständlich nackt, als stammten sie direkt von Adam. Der Städter ist geneigt zu erstaunen, wenn er sieht, wie die Nationaltracht in Steiermark sich noch immer selbst bei den gebildeten Ständen geltend macht. Der Steirer, und nicht nur im Gebirge, trägt es wie etwas Angeborenes. Selbst Leute mit feiner weißer Wäsche und goldenem Zwicker gefallen sich unendlich in malerisch abgeschabten und verschundenen „Gamslcdcrnen" und mit Knieen a In Kollo owile. Wenn man über dieses Kapitel nachdenkt, wird man vielleicht mit Hilfe der modernen Wissenschaft auf den Grund dieser Erscheinungen kommen. Betrachtet man jene bloßen Kniee durch Darwin's Brille, so wird man sagen müssen: Der Stamm, der in Urzeiten diese Gebirge bewohnte, hat sich ohne Zweifel entweder durch hochgradige Galanterie, oder durch sehr geringen Schulfleiß ausgezeichnet. In jenem Falle wären durch vieles Knieen zu Füßen der Herzliebsten, in letzterem Falle aber durch Strafknieen in der Schule, möglicherweise auf harten Erbsen, die Hosenknie regelmäßig durchgestoßen worden und so wäre im Laufe der Zeit durch Vererbung nach bekannter Melodie die durchstoßene Hose, d. h. die nackten Knie bei den Steirer» konstant geworden, so daß seither jeder Steirer gleich mit nackten Knieen auf die Welt kommt, — eine Thatsache, welche schwerlich von irgend einem Naturforscher bezweifelt werden dürfte. Was aber den grauen Loden mit grünem Ausschlag und Vorstoß betrifft, so lehren uns die Zoologen, daß jedes Thier von der Natur als Vertheidigungsmittel die Farben-Anpassung an seine Umgebung mitbekommen habe. Das Hermelin sei weiß wie der Schnee, auf dem es ,paziercn gehe, und der Laubfrosch grün wie das Laub, unter dem er sich berge, ja das Chamäleon nehme gar immer die Farbe des Gegenstandes an, auf dem es sich eben befinde. Da nun das steierische Land durchweg grün und grau ist, (grau die Felsen, grün Feld und Wald), so ist es klar, daß nur durch solche Anpassung grauer Loden mit grünem Aufputz die Leibklejdung des Steirers geworden sein könne. Ich überlasse diese darwinistischen Ideen dem Professor der Zoologie an der Grazer Universität zu weiterer Begründung und Ausarbeitung. Zu der Nationaltracht des Steirers gehört selbstverständlich auch der Stutzen. Der Steirer ist geborner Gemsjäger. Die Berge voll „Gamserln" stehen ja vor seiner Thür, von seinem Fenster aus kann er die lieben Thierchen aus den Klippen ihre hohe Voltige machen sehen. Seine Weltgeschichte ist eine Chronik der großen und kleinen Jagden um Eisenerz, seine Geographie enthält nur die verschiedenen Standplätze an den Wänden der „Seemäuer", des „Kaiserschildes", des „Hochkogels" u. dgl. So entstehen die Wilderer und ihre ganze blutige Kriegsgeschichte. Denn das Jagdgesetz ist streng und manche Jagdherren üben sogar ihr eigenes Jagdrecht aus ganz nach Willkür und fühlen sich, sobald es die Jagd gilt, in voller mittelaltlicher Gcwaltherrlichkeit. Ein Fürst, der in der eisernen Gegend Jagden hat, gab vor nicht langer Zeit ein großes Treibjagen, zu dem er eine Menge Kavaliere geladen hatte. Viele Gemsen wurden dabei auf die Decke gebracht, aber auch zwei Wilderer, die den Treibern in die Hände gefallen waren und die der Fürst als sein eigener Jagdgerichtsherr zu mehrerer Unterhaltung seiner Gäste vor ihren Augen halbtodt prügeln ließ. Derselbe Fürst wußte voriges Jahr dem Schwurgerichte zu Locben in echt feudaler Weise seine gründliche Verachtung auszudrücken. Seine Jäger hatten zwei Männer betreten, welche allem Vermuthen nach darauf aus waren, mit ihren Stöcken drei Wilderern, die man unterhalb erblickt hatte, Wild zuzutreiben. Die Jäger wollten sie anhalten, sie wehrten sich und flohen zuletzt und einer der verfolgenden Jäger schlug mit seinem Bergstöcke dem Einen die Hirnschale entzwei. Die Sache kam vor's Schwurgericht, welches den Jäger schuldig sprach. Als das Verdikt gefüllt war, trat nun ein dritter fürstlicher Jäger, der nur als Zeuge vorgeladen worden, hervor und sagte: „Ich bin von Seiner Durchlaucht meinem Herrn beauftragt, in dem Falle, als unser Jäger verurtheilt werden sollte, den hohen Gerichtshof um die Zurückgabe des Bergstockes zu ersuchen, mit dem die That geschehen ist, da Seine Durchlaucht den Stock in seiner Waffensammlung als werthes Andenken aufzubewahren gedenkt." Ob das Gericht seinem Begehren willfahrte, weiß ich nicht, in der ganzen Gegend aber war die Entrüstung groß über den Affront, der dem Schwurgerichte dadurch zugefügt worden. Selbstverständlich wimmelt es in diesen Bergen und Thälern von großen und kleinen Jagdhäusern und Jagdschlössern. Der Kaiser hat in Steiermark eine Menge solcher Absteigequartiere; ein Jagdschloß steht in Neuburg, ein hübsches Jagdhaus in Mürzsteg, in Eisenerz sieht man im Orte selbst ein großes zweistöckiges Jagdhaus des Monarchen, in der nahen Nadmer (neucstens ein Lieblingsgehege Sr. Majestät) ist ein sehr ansehnliches Schlößchen im bekannten Styl, hcllrothe Ziegel und hellbraunes Holzwerk, aufgeführt worden, in der abgelegenen See-Au hinter dem Leopoldstciner See befindet sich ein kleines, einfaches Jagdhaus, in dem der Kaiser schon zu Sechsen übernachtet hat, denn in der Nähe, auf den schroffen Abstürzen der „Seemäuer" hat er seinen Stand. Sogar auf dem „Radmer-Hals" oben, auf der Paßhöhe, welche aus der Ramsau in die Radmer hinüberführt, fand ich im Walde eine große kaiserliche Blockhütte sammt Nebengebäude, ganz hinterwäldlerisch anzusehen, mit bodenfesten Tischen und Bänken einfachster Konstruktion im Freien, gerade zu waidmännischem Imbiß tauglich. Von Luxus oder gar kaiserlicher Pracht ist in allen diesen Bauten nichts wahrzunehmen; die Begriffe des Malerischen, Romantischen, welche man wohl an der Hand Walter Scott'scher und Georges Sand'scher Romane an fürstliche Jagdschlösser im Hochlande knüpft, treffen hier nicht zu. Ländliche Eleganz höchstens und ein bescheidenes Maß an Bequemlichkeit; oft noch viel weniger als das. Wenn man von Mürzsteg über den Scheiterboden geht, sieht man einmal am Wegrande zwei steinerne Stufen in's Erdreich eingefügt, als Schwelle des Pfades, der den Kaiser zu seinem Standplatze auf dem Berge führt. Solche kleine Veranstaltungen bedeuten schon Jagdluxus. Manche Kavaliere fassen dieses Wort ganz anders auf. In Johnsbach z. B., einem der wildesten Seitenthäler des „Gesäuses", wo eine Zeit lang der auch in Budapest wohlbekannte Fürst Boris Czetwertinsky eine Jagd hielt, steht ein Jagdhaus des Fürsten. Von außen der rauhen Umgebung angemessen, soll es im Innern eine Pracht geborgen haben, wie sie in solcher weltentrückter Einöde wohl selten angetroffen wird. Es sollen ganz Makart'sche Interieurs gewesen sein, voll kleiner und großer Kunstwerke, kostbarer Waffen, seltener Gewächse, Pariser Luxus-Möbel, orientalischer Teppiche, Löwen- und Eisbärenfelle u. s. f. Jetzt ist das Haus still und die Pracht ist erloschen. Johnsbach wird Achnliches kaum wieder sehen. In der Bevölkerung des Gebirges aber lassen derartige Wunder gewisse Spuren zurück, und wer weiß, ob aus diesem Keime nicht irgend einmal die Volksphantasie ein Rübezahl- oder Alpcnkönig-Märchsn machen wird, zum großen Entzücken des Germanisten, der es dann zufällig entdeckt und publizirt, ohne zu ahnen, wo die letzten Wurzeln der merkwürdigen Geschichte stecken. Er mag in diesem Falle das vorliegende Feuilleton nachschlagen. Mise - lleir. (Billige Heizung.) Der Professor Taubmann zu Wittenberg gab einem Studenten den Rath, wie er mit einem Fuder Holz den ganzen Winter auskommen könne. „Wenn Sie ein Fuder haben," sagte er, „so lassen Sie es in den Keller bringen. Wenn es Sie nun zu frieren anfängt, so tragen Sie ein Scheit nach dem andern auf den Speicher, bis Ihnen warn: ist; wenn es Sie darnach wieder friert, so tragen Sie das Holz wieder herunter in den Keller, da wird Ihnen schon wieder warm werden, und so oft Sie friert, sangen Sie immer wieder von vorne an; billiger können Sie keine Heizung haben." (Ein Neujahrswunsch.) Am Vorabend des Neujahrstages beschloß eine Lehrerin die Schule mit der Rede an ihre Schulmädchen: „So, ich wünsche Euch Glück zum neuen Jahr, und daß Ihr fleißiger und braver werdet, als im vergangenen Jahre." — „Ich danke", erwiderte eines der kleinen Mädchen ganz schüchtern, „wünsche ebenfalls." (Ein Ochs als Lederverfertiger.) An ein Stück Sohlleder, das auf einer Ausstellung von Gewerbe-Erzeugnissen in Stuttgart zu sehen war, hatte der ehrliche Gerber, von dein es herrührte, einen Zettel geheftet mit den Worten: „Dieses Leder ist von einem inländischen Ochsen verfertigt." (I m Wirthshaus e.) Der alte Stammgast Aufschläger Rumpelmeier, tritt soeben in'S Gastzimmer und ruft der Kellnerin zu: „Nani ist frisch angezapft?" — Kellnerin: „Ja frcili, Herr Aufschläger, schon lange." „Welches ist die größte Merkwürdigkeit im Räthsel der weiblichen Natur?" — wurde in einer Gesellschaft ein Jude gefragt. „Das will ich Ihnen sagen," antwortete der Jude, „daß man mitunter auch bei einer tauben Dame Gehör findet." Original-Charade. * Ein heilig Weib, zu hohem Zweck erkoren, Ward, wie die Chronik sagt, in mir geboren. Laßt ihr das erste Zeichen, Bon seiner Stelle weichen, Und setzt ein anderes dafür, So fanden Tausende den Tod in mir. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literariscl-en Instituts von Dr. M. Huttler.. zur Mgslmrger Postzeitimg. Nr. 22. Mittwoch, 15. September ^1880. Wenn alle Welt den Armen läßt Und wenn kein Herz ihm bliebe, Am ew'gen Himmel stehst Dn fest, Stern heiliger Mutterliebe. Im mer^.an n. Der Herr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Nicht möglich! rief Brückenburg ganz betroffen. Tischen Sie mir nicht ein Märchen stuf? Eine Fürstin sollte diesen Burschen gehcirathet haben! — Dieser Gedanke allein schien den Grafen zu beschäftigen und aus der Fassung zu bringen. Es ist eine Thatsache. Iwan hat als Baron Bloomhaus eine italienische Fürstin heimgeführt, die noch dazu ein kolossales Vermögen besessen hat. Das ist unerhört! schaltete Brückenburg ganz entrüstet ein. Er hat dann große Reisen gemacht! fuhr Nasinsky ruhig fort. Zuletzt in Paris ein ungeheuer verschwenderisches leichtsinniges Leben geführt, seine Frau völlig vernachlässigt, die schließlich Verdacht geschöpft, sie könne es wohl mit einem Abenteurer zu thun haben und, um allen unliebsamen Erörterungen aus dein Wege zu gehen, hat er einfach seine Frau vergiften lassen. Unglaublich! dieser nichtswürdige Bursche! rief der Graf mit sittlicher Entrüstung aus. Nicht genug damit! Der schlaue Patron hat einen Todtengräber bestochen und in nächtlicher Weile die Leiche seiner Gattin mit einer anderen vertauschen lassen, um vor jeder Entdeckung seines Verbrechens sicher zu sein, und als er wirklich des Giftmordes angeklagt wurde, kam er auf diese Weise noch einmal aus der Schlinge. Und Sie erzählen mir keinen Roman, lieber Rasinsky? fragte der Graf äußerst lebhaft. Ich würde mich nicht erdreisten, Ihnen solche Phantasiegebilde zu liefern, entgegnen der Advokat mit seinem ruhigen, kühlen Lächeln. Es sind einfache, nüchterne Fakta, die ich Ihnen vorgetragen habe. Und wie sind Sie zu dieser Wissenschaft gekommen? forschte Brückenburg eifrig weiter. Ein günstiger Zufall hat mir eine sehr wichtige Zeugin zugeführt, Hie an der furchtbaren Tragödie mit bctheiligt ist. Eine ehemalige Geliebte des Schurken, nicht wahr? fragte der Graf hastig. Sie haben es getroffen Herr Graf, antwortete Rasinsky, der jetzt kaum ein Lächeln unterdrücken konnte. Wo es sich um Frauenzimmer-Angelegenheiten handelte, da entwickelte fein Auftraggeber einen ungewöhnlichen Scharfsinn. Das war gar nicht schwer zu errathen. Ein Mädchen, das leidenschaftlich liebt, läßt sich zu jeder Schandthat mißbrauchen, spielt aber auch am ehesten die Verrätherin, sobald sie von dem Geliebten betrogen wird. Ganz unser Fall, bemerkte der Advokat, nun doch etwas überrascht, daß der Graf so genau das Richtige getroffen hatte, und er erzählte ihm, aus welche Weise er zu seiner Wissenschaft gekommen sei. Der Graf nickte zustimmend mit dem Kopfe. Er empfand einen heimlichen Triumph, daß seine Auseinandersetzung durch den Bericht Rasinsky's bestätigt wurde, und er fragte jetzt lebhaft; Was gedenken Sie nun zu thun? Ich werde die Sache sogleich bei Gericht anhängig machen und auf Verhaftung des sauberen Paares antragen. Gut, sagte Brückenburg, und ich hätte nur dabei den einen Wunsch, daß die Geschichte so geheim wie möglich betrieben würde, damit der Schlag die Leutchen um so unerwarteter träfe; denn ich fürchte, daß sie uns sonst im letzten Augenblick noch entschlüpfen. Ich werde dafür sorgen, versicherte Rasinsky und der Graf wußte, daß er sich aus den Advokaten verlassen konnte. VII. Die plötzliche Verhaftung der Baronin Vloomhaus und ihres Kammerdieners erregte in den weitesten Kreisen das ungeheuerste Aufsehen. Anfangs wollte man die Nachricht gar nicht glauben; — die schöne, geistreiche, viel umschwärmte Wittwe eine Betrügerin — das war ja unmöglich! bis endlich nähere Mittheilungen über den Grund dieser Maßregel in die Oeffentlichkeit drangen und die dunklen Gerüchte bestätigten, die in Umlauf gesetzt worden. Als die Gerichtsbeamten in Vloomhaus erschienen, um die Französin zu verhaften, spielte sie anfangs die Empörte und mit wahrhaft königlicher Haltung verbat sie sich dies freche, unerhörte Eindringen. Mit der steigenden Erkenntniß, daß sich diese Barbaren doch nicht einschüchtern ließen, änderte sie plötzlich ihr Benehmen. Sie verlegte sich auf's Bitten und beschwor unter heißen Thränen und mit wahrhaft rührender Geberde die Beamten, ihr wenigstens die Freiheit zu lassen, sie sei völlig unschuldig und als auch dieses Mittel bei den rauhen Männern nicht verfing, schlug die weiche gebrochene Stimmung wieder um und sie überschüttete die Schergen des Gerichts mit den heftigsten Vorwürfen und Anklagen und schließlich wollte sie nur der rohen Gewalt weichen. Unter wildem, verzweifeltem Geschrei wurde sie in den mitgebrachten Wagen geschleppt und in's Gefängniß abgeführt.' Ruhiger fand sich Iwan um sein Schicksal. Er suchte zwar anfangs gegen seine Verhaftung ebenfalls sehr lebhaft zu protestiren; aber als man darauf gar nicht hörte, und ihn ohne Weiteres mit Stricken band und ziemlich unsanft vorwärts stieß, schien er zu ahnen, daß vorläufig doch jeder Widerstand gegen die rohe Gewalt unnütz sei; er murmelte nur zwischen den zusammengepreßten Zähnen: Ah, diese Schlange! und indem Gedanken au diese heimtückische Italienerin ballte er unwillkürlich die Fäuste, denn er glaubte ganz bestimmt, daß dieser Schlag nur von ihr kommen müsse. Darum nahm er auch seine Verhaftung ziemlich leicht. Er hoffte doch, dem Netz noch einmal zu entschlüpfen, das ihn: jetzt über das Haupt geworfen worden. Bei ihrer ersten Vernehmung zeigte sich die Französin äußerst schwierig. Mit unerhörter Zungenfertigkeit betheuerte sie ihre Unschuld und der Untersuchungsrichter ließ ruhig diesen Nedeguß über sich ergehen. Wenn er auch leidlich französisch verstand, hatte er doch zu seiner Bequemlichkeit einen Dolmetscher herbeigezogen. Als die schöne Frau endlich mit einer theatralischen Geberde, ganz erschöpft auf die harte Bank zurücksank, ließ erst der Beamte durch den Dolmetscher die nöthigen Fragen stellen. Die Angeklagte schnellte sogleich wieder empor und vertheidigte von Neuem ihre Unschuld. Sagen sie ihr, wandte sich der Richter zu dem Dolmetscher, daß sie visrundzwanzig 171 Stunden bei Wasser und Brod eingesperrt wird, wenn sie nicht einfach und vernünftig nur die Fragen beantwortet, die ich an Sie stellen werde. Diese Drohung wirkte. Die Schauspielerin warf nur auf den alten grauen Barbaren einen vorwurfsvollen Blick; aber sie hielt fortan ihre Zunge in den gehörigen Schranken. Auch jetzt noch wußte sich die ehemalige Bühnenkünstlerin mit großem Geschick zu vertheidigen. Sie bestritt jede Wissenschaft von dem gespielten Betrüge. Sie habe in Paris einen Baron Bloomhaus gcheirathet, der auf der Reise plötzlich gestorben; sie sei deshalb die einzige und rechtmäßige Erbin ihres verschiedenen Mannes. Für die Auskunft des Jrrcnhausdirektors hatte sie nur ein verächtliches Lächeln und weil sie jetzt in ihrer Vertheidigung sich kurz fassen mußte, drängte sie dieselbe in die Worte zusammen: Das ist ein schändliches Komplott, das von meinem Vetter, dem Baron Bloomhaus und seinem saubern Freunde, dem Grafen Brückcnbura, gegen mich geschmiedet worden. Die Richter in Rußland wenden noch immer gegen störrische Gefangene ein Mittel an, das bei uns längst abgeschafft worden. Auch die Geduld des alten Beamten war bereits erschöpft und er nahm zu dieser ultimn rutio seine Zuflucht. Wenn Sie nicht ein offenes Bekenntniß ablegen, dann erhalten sie einige Stockschlüge, ließ er der Schauspielerin durch den Dolmetscher sagen und ein herbeibefohlener Kosack gab dieser Drohung den nöthigen Nachdruck. Beim Anblick des Kosacken und seiner Knute stieß die schöne Frau einen furchtbaren Schrei aus; sie erbebte an allen Gliedern und todtenbleich mit gefallenen Händen keuchte sie hervor: Um Himmelswillen! Nur das nicht! Ich will alles bekennen! Der Beamte winkte ihr nur schweigend zu und sie fuhr in großer Aufregung sortb Jedes Wort, was ich jetzt sagen werde, ist die volle Wahrheit! O ich bin namenlos unglücklich! und ein Strom folgte diesen Worten. Ein ungeduldiges Husten des Richters machte rasch wieder ihrer Verzweiflung ein Ende, und hastig ihre Thränen trocknend,, begann sie von Neuem: Als ich Iwan hcirathete, habe ich nicht die leiseste Ahnung davon gehabt, daß er nicht der rechte Baron Bloomhaus sei. Er hat mir bis lange nach unserer Verheirathung alles verschwiegen, das ist so wahr, als ein Gott im Himmel lebt! — und sie hob feierlich die Hand in die Höhe. Ich lernte Baron Bloomhaus kennen, als er noch verheirathet war; er klagte mir, wie unglücklich er mit seiner Gattin lebe, die beschränkt und überfromm ihn nicht verstehe und als seine Gattin plötzlich starb, bot er mir nach kurzer Zeit seine Hand an. Ich liebte ihn bereits tief und leidenschaftlich und wurde mit Freuden seine Gattin, ohne zu ahnen, welch' furchtbares Geschick mich dadurch erreichen würde. — Sie hielt einen Augenblick in ihrer Rede inne und fuhr mit dem Taschentuch über das heiß gewordeue Antlitz. Erst weit später, als die Nachricht von dem Tode des echten Barons eintraf, be° kannte er mir alles, fuhr die schöne blasse Frau nach einem tiefen Athemzuge fort. Unser Vermögen war völlig zusammengeschmolzen und nun entwarf er mir den kühnen Plan, daß ich als Wittwe des Barons in Bloomhaus auftreten möge. Er müsse dort freilich die Rolle des Kammerdieners wieder übernehmen, weil man ihn überall in der Hcimath wiedererkennen werde. Anfangs war ich über diese Enthüllungen entsetzt und empört, denn es war für mich ein furchtbarer Schlag, ich wollte den ehemaligen Bedienten verächtlich von mir stoßen; aber er beschwor mich auf seinen Knieei:, ihn nicht elend zu machen, ich möge ihn tödten, aber nicht verlassen und ich konnte seinen stürmischen Bitten nicht widerstehen, denn ich liebte ihn und liebe ihn noch jetzt. Sie brach von neuem in Thränen aus und selbst der alte Kriminalbcamtc hielt sie diesmal für echt. Er konnte der schönen unglücklichen Frau seine Theilnahme nicht versagen. Die ehemalige Baronin wurde in das Gefängniß zurückgeführt und nun folgte die Vernehmung ihres Gatten. (-chluß solgt.) 172 Zur Vollendung des Domes zu Kölu (Aus dem Wochenblatt für Architekten und Ingenieure ) Nuue 68t bidonäum - Der 14. August 1880 war ein Freudcntag für ganz Deutschland. Ein Ehrentag war es in der Baugeschichte unseres Vaterlandes: auf deutschein Boden steht durch deutsche Kunst und deutschen Fleiß die herrlichste gothische Kathedrale vollendet. Durch drei Jahrhunderte hindurch ist der Krähn des unvollendeten Süd-Thurmes das Wahrzeichen der Stadt Köln gewesen und in Verbindung mit der alten Sage von dösen Gewalten, die unter der Erde gegen den Felsen des Domes anarbeiten, hatte die Ueberzeugung sich eingewurzelt, daß das Bauwerk nicht vollendet werden könne. „Eher glaube ich, daß der Dom fertig wird", so lautete bei ganz^ unglaublichen Dingen noch der Ausspruch unserer Großvater, und auch in hochgebildeten Kreisen ward der Fortbau des Domes als eine müßige Idee betrachtet. „Der perspectivische Aufriß gibt uus den Begriff der Unausführbarkeit eines so ungeheuren Unternehmens, und man sieht mit Erstaunen und stiller Betrachtung das Märchen vom Thurme zu Babel an den Ufern des Rheines verwirklicht", so schrieb über die Dom-Zeichnungen von Sulpiz Boisseräe im Jahre 1810 kein geringerer als Goethe. Wir aber sehen heute diesen babylonischen Thurm vollendet, wir sehen ihn in seiner Herrlichkeit hoch in die Lüfte ragen. Stein- gebildet ist es ein gottgleicher Niese, der das All überragt, der sein Haupt in den Wolken des Himmels verhüllt, während den Fuß das Pygmäengeschlecht umfluthet, aufblickend zu ihm aus dem Jammer der Erde. Außerordentlich wie seine Größe ist auch die Geschichte des Bauwerkes. Gegründet im Zeitalter der Frömmigkeit nnd der Wallfahrten durch einen mächtigen kathol. Kirchen- sürsten, hatte es zu leiden unter dem Verfall des religiösen Lebens und war unrettbar der Zerstörung anheimgegeben, wenn nicht das Haupt der protestantischen Fürsten in Deutschland aus echter und wahrer Kunstbegeisterung das Vermächtnis) Konrads von Hochsteden angetreten hätte. Wunderbar ist auch jene Kette, von Zufälligkeiten, welche die ältesten Nisse des Domes als werthloses Gsrümpel weit weg in fremde Hände fallen ließ, dann aber die Wiederentdeckung nach zwölf Jahren herbeiführte, als die Landwehr den Freiwilligen von 1814 einen Ball gab und Herr Fritsch, der Eigenthümer der „Traube" in Kassel, auf seinem Boden Material zu einem Transparentbild suchen wollte. Wenn der Maler Seekatz nicht zufällig Möller kannte; was dann? Auch Boisseröes Entdeckung in Willemin war dann unwahrscheinlich. Geheimnißvoll ist auch noch heute das Dunkel, das den Urheber des großartigen Planes umgibt. Ist es wirklich Gerard von Ryle, auf welchen die dürftigen Quellen als den Erbauer des HeiligthumS hinweisen, oder dürfen wir an Albertus Magnus denken, dem der Sage nach die Mutter Gottes im Traume den Plan des Domes soll vorgezeichnet haben? Albertus war ohne Zweifel in der Mathematik außerordentlich begabt und die Geometrie bildet die Grundlage der Architektur. Vincentius JustinianuL nennt ihn einen sehr geschickten Architekten, und in der Bibliothek der hl. Sabina zu Nom soll eine Handschrift besagen, daß er zum Chorbau der Predigerkirche in Köln den Bauleuten den Plan zum Bau übergeben habe, „nach der wahren Meßkunst eingerichtet." In dem Geburtsorte Alberts, in Lauingen an der Donau, wird am 15. November, an seinem 600. Todestage, dem Gelehrten ein Denkmal gesetzt, und es steht zu hoffen, daß bei dieser Gelegenheit sein Leben sorgfältiger, wie bisher, durchforscht erscheinen wird. Gleichviel wer der Meister ist, dessen Werk, wie einstmals die Leiber der hl. drei Könige die frommen Pilger aus aller Welt herangezogen, nun als ein Tempel der Kunst die Gebildeten aller Nationen herbeiführen wird, gleichviel, wer es ist, dessen Geist den gewaltigen Gedanken schuf, dessen erhabene Idee dieses Juwel der Baukunst auf deutschem Boden erstehen ließ; wir danken dem gütigen Geschicke, das uns diesen frohen, langersehnten Tag erleben ließ, und gedenken gern derer, die an dem großen Werke mit thätig waren. 173 72: Seit der nach verbürgten Nachrichten am 14. August 1248, an dem Todestage des Erzbischofs Neinald von Dassel (si 1167), erfolgten Grundsteinlegung werden hinter Gerard und Ryle, genannt Meister Arnold, dessen Sohn Johann (st 1330), Meister Rütger, Meister Michael, Andreas von Everdingen, Nikolaus von Buren (st 1446), Konrad Kuyn, Johann von Frankenberg. Die Ausführung der Fundamente, welche nachweislich über 40 Fuß Tiefe haben und demgemäß wohl auf der Nheinsohle aufsetzen, muß eine lange Reihe von Jahren in Anspruch genommen haben. Laut einer 1868 gefundenen Inschrift hat 1271 (?) schon Albertus Magnus einen der neuen Altäre geweiht; 1297 konnte Gottesdienst in den Chorcapellen abgehalten werden. 27. Sept. 1322 war der Chor selbst vollendet. Bald nachher begann die Fundirung des nördlichen Querschiffs und 1325 die des südlichen. 1388 wurde ein Theil des Langschiffes dem kirchlichen Gebrauch übergeben und 1447 war der südliche Thurm genügend gefördert, um die alten Domglocken darin aufhängen zu können. Ende des 15. Jahrhunderts gab man die Hoffnung auf, den Bau vollenden zu können und versah ihn mit provisorischen Dächern, deren mangelhafte Einrichtung den Verfall in der Folge sehr begünstigen mußte. Im 16. Jahrhundert geschah ebenfalls so gut wie nichts für den Bau, und auch im 17. und 18. Jahrhundert sind fast nur moderne Veranstaltungen des Innern zu verzeichnen. Als im Verlaufe der ersten Revolution die Franzosen Köln besetzten, wurde die Kirche zu einem Magazin eingerichtet und so dem Untergang entgegengeführt. — Nachhaltiger wie Georg Förster und Friedrich Schlegel lenkte Sulpiz Boisseröe (st 2. Mai 1854) durch sein Prachtwerk die öffentliche Aufmerksamkeit auf die kostbare Bau- reliquie und nahm 1811 bei einem Besuche Napoleons Anlaß, ihn um eine Unterstützung dieser Bestrebungen anzugehen — aber, Gott sei Dank, erfolglos. Gott sei Dank! denn so blieb die Ehre des Friedenswerkes ungeschmälert den Deutschen. Von einschneidender Bedeutung ist der Besuch Friedrich Wilhelms, den derselbe am 16. Juli 1814 mit Gneisenau, Knesebeck und Ancillon dem Dome abstattete, bei welcher Gelegenheit Boisserse es gelang, in dem kunstsinnigen Prinzen, der die Zeichnungen bereits im November 1813 in Frankfuhrt gesehen hatte, eine hohe Liebe für den Kölner Dom zu erwecken, die er bis an sein Ende treu und hingebend bewahrt hat. Ihm und dem Einfluße C. F. SchinkelS, dessen Gutachten vom 3. September 1816 sich für Erhaltung des DomeS aussprach, gelang es, zunächst die nothwendigsten Mittel flüssig zu machen, mit Hülfe deren die schlimmsten Uebelstände wenigstens beseitigt werden konnten. „Der gute Bau- inspettor Ahlert", wie Schinkel 1824 schreibt, leitete vom Jahre 1821 ab diese ersten mühsamen Arbeiten, die nichts weniger wie dankbar waren. Friedrich Adolph Ahlert starb am 10. Mai 1833. Am 14. August desselben Jahres übernahm der Landbau- meistcr Ernst Zwirncr (geb. am 28. Februar 1802 zu Jacobswalde in Schlesien, gestorben den 22. September 1861 zu Köln) die Fortsetzung der Wiederstellungsarbeiten, und er ist es eigentlich, der den Gedanken des völligen Ausbaues gefaßt und immer festgehalten hat. Demgemäß stellte auch Zwirner der ursprünglich gewählten Holzeindeckung gegenüber die Forderung der Einwölbung der Schiffe auf, welcher auch Schinkel bei seiner letzten Anwesenheit in Köln (14. August 1838) rückhaltslos zustimmte. Dieses Project, das unter Fortlassung der Strebebögen aufgestellt war, erhielt auf Grund des Anschlages von 1,200,000 Thlr. durch Eabinetsordre vom 12. Februar 1842 die allerhöchste Genehmigung, wurde aber nach Organisation des Dombauvercins (14. Febr. 1842), welcher am 8. Dezember 1841 provisorisch zusammengetreten war, kurz darauf um die Ausführung der Strebebögen erweitert, die sich für einen Kostenaufwand von 800,000 Thlr. erfordern sollten. Bei der feierlichen Grundsteinlegung am 4. September 1842 erklärte Zwirner, mit der Summe von 2,000,000 Thlr. in zwanzig Jahren den Dom mit Ausschluß der Thürme fertig stellen zu wollen, und er hat Wort gehalten. Bis 14. August 1848 war über den Langhallen das Nothdach fertig geworden; 174 1855 stellte Zwirner das Project eines eisernen Dachstuhls mit eisernem Mittelthurms (109,8m) auf, welches nach langen Verhandlungen am 14. August 1859 von der technischen Baudcputation genehmigt wurde. Oktober und November 1855 wurden die Schlußblumen der Portale an der Süd- und der Nordseite aufgebracht und die Vollendung der Schisse mit Einschluß des Dachreiters am 15. Oktober 1863 feierlich begangen. Dreißig Jahre lang war es Zwirner vergönnt, als Dombaumcister thätig zu sein, und seiner Energie und seiner Hingabe an die große ihm gestellte Aufgabe ist es hauptsächlich zu danken, wenn die Kölner Bauhütte in ihren Leistungen einen so erheblichen Aufschwung nahm, daß dieselbe auf der Pariser Ausstellung von 1855 die goldene Ehrcnmedaille erhielt. Aus der Domhütte, das darf man nicht vergessen, gingen Männer hervor, wie Friedrich Schmidt in Wien, Vincenz Statz in Köln und F. Schwitz, der Verfasser des neuesten großen Werkes über den Kölner Dom. Zwirners Nachfolger, der Landbaumcister Richard Voigtel, der schon am 3. April 1855 bei dem Dombau eingetreten war, fand sich vor eine außerordentliche Aufgabe gestellt, nämlich vor die der Fertigstellung der Thürme. Der Aufbau dieser Kolosse mit der Aufbringung der Niesen- glocken, der Construction der Thurmhclme und der Versetzung der Kreuzblumen in einer noch nie dagewesenen Höhe ist an und für sich ein technisches Meisterstück, das den Namen Voigtels mit dem des Domes auf immer eng verbinden muß. Zu einer solchen Arbeit genügt nicht die künstlerische Begabung, nicht die wissenschaftliche Befähigung, hier tritt ein anderes Moment hinzu: die Pflichttreue. Ohne diese letztere wäre eine solche Aufgabe nie zu lösen gewesen, und Deutschland darf dem beneideuswerthcn Baumeister einen Ehrcnkranz reichen mit der Aufschrift: inAenIo et virtuti. Das deutsche Volk hat sich aber auch selbst ein Ehrenzeugniß ausgestellt, indem es den königlichen Schutzherrn nicht verließ und unbeirrt durch politische Wirren und religiöse Zwistigkeiten dem kühnen Unternehmen seine Theilnahme nicht entzog. In Liebe hatte sich Alldeutschland zusammengefunden in den Dombauvercinen, die sich auch außerhalb bis Antwerpen und Wien, ja, über das Meer hinüber bis Mexico erstreckten, und unter denen der bayerische und Berliner Dömbaüverein sich besonders hervorthaten. Ueber 25 akademische Hülfs- vereine wirkten neben 190 Localvereinen, abgesehen von den ausgedehnten Sammlungen, die an Gymnasien und Elementarschulen ins Werk gesetzt wurden. Der „Domgroschen", die „Kathedralsteuer", die großen Summen aus Concerten von Franz Liszt in Berlin (1841), von Ferdinand Hitler in Nom (1842), vor allem von dem Kölner Männer- Gesangverein und zahlreichen Liedertafeln in Aachen, Brüssel, Münster und Neifse beweisen, wie tief der Gedanke des Domausbaues überall Wurzel geschlagen hatte. Die Summen, die auf solche Weise theils aus Privatkreisen, theils aus öffentlichen Mitteln seit 1821 in die Dombaukasse geflossen sind, betragen bis heute 18 Milk. Mark, die so ziemlich zu gleichen Theilen auf die Thürme und den Ausbau der Kirche selbst verwandt wurden. Diejenigen Summen, welche die frühern Jahrhunderte für das Gebäude aufbringen mußten, namentlich diejenigen Gelder, die in den kolossalen Fundamenten ruhen, sowie die zum Ankauf benachbarter Grundstücke erforderlichen Opfer ergeben mindestens einen ebenso hohen Betrag, so daß der Dom heute einen Gesammtwerth von 40 Mill. Mark repräsentiern wird. Höher anzuschlagen wie dieser materielle Werth ist die Bedeutung des Domes für die Zukunft als ein Vorbild und eine Schule gothischer Baukunst, für immer aber ist er ein Mehrer und Erhalter deutscher Einheit, er, der in den Jahren der größten Zerrissenheit unseres Vaterlandes ein gemeinsames Band zu knüpfen verstanden hat. König Wilhelm von Holland hat einst den Grundstein des Domes gelegt; so möge jetzt unter Wilhelm dem Deutschen die Weihe des vollendeten Werkes vollzogen werden, mit welchem die Erinnerung an Deutschlands Größe auf Jahrtausende hinaus verknüpft sein wird. Erscheint aber dieser frohe Tag, dann möge die Genossenschaft nicht säumen, durch rege Theilnahme, fern oder nah, die der Baukunst gebührende Stellung zu wahren. 175 Das Athmen und die AthmungSkur. Wenn man erwägt, daß den Lungen allein die Aufgabe zufällt, das Blut zu reinigen und es in den Stand zu setzen, allen Theilen des Körpers immer frische Nahrungsstoffe zuzuführen, wenn man ferner erwägt, daß die Lungen die Hauptorgane sind, durch welche die verbrauchten Stoffe aus dem Körper ausgeschieden werden, so muß die Nothwendigkeit, sie in gesunder Thätigkeit zu erhalten und mit der für die Ausübung ihrer Functionen unerläßlichen gesunden Nahrung zu versehen, Jedermann einleuchten. Die gesunde Nahrung aber ist möglichst reine, sauerstoffhaltige Luft. Eben deshalb müssen aber auch die nach- theiligen Folgen, die sich ergeben, wenn man die Lungen mit Luft speist, die entweder schon geathmet war oder durch Gas ihres Sauerstoffes beraubt ist, klar vor Augen treten. Bei sitzender Arbeit in ungenügend gelüfteten Zimmern ist die unwillkürliche Thätigkeit der Lungen nur schwach — zu schwach, um das Blut durch den cingeathmeten Sauerstoff gehörig zu reinigen, zumal wenn jede Körperbewegung fehlt, welche die Thätigkeit der Lungen beschleunigt und sie veranlaßt, eine größere Menge Sauerstoff einzu- athwen. Wenn die Lungen auf diese Weise Tag für Tag und Monat für Monat ihrer nothwendigen Nahrung beraubt werden, so ziehen sie sich zusammen und wo eine Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist, wird sie vollständig entwickelt. Noch mehr, wenn durch die verminderte Thätigkeit der Lungen zu wenig von den verbrauchten Stoffen aus dem Körper ausgeschieden wird, so sammeln sich diese allmählich in demselben an und werden in Folge davon eine fruchtbare Quelle körperlicher Leiden. Auf diese Weise werden bei einem Individuum die Keime von Gicht entwickelt, während bei anderen Schwindel und Kopfweh eintreten. Diejenigen, die an schwacher Verdauung leiden, werden ihre Beschwerden vermehrt sehen, indem Sodbrennen, Magendrücken und Blähungen sich säst nach jeder Mahlzeit einstellen. Diejenigen endlich, welche an Herzklopfen leiden, werden eine Steigerung ihres Uebels wahrnehmen. Wenn wir aber auch von den Übeln Folgen, welche eine systematische Entziehung der Luft auf den Körper auszuüben vermag, absehen wollen, so bleibt es doch eine unleugbare Thatsache, daß die Fähigkeit für geistige und körperliche Arbeit in einem schlecht gelüsteten Gemach wesentlich vermindert wird. In diesem Falle wird es oft schwierig, die Gedanken auf einen Gegenstand gehörig zu concentriren; es zeigt sich öfters ein Gefühl von Tollheit und Schwere im Kopf, der Körper wird leicht ermüdet und eine allgemeine Abspannung macht sich fühlbar. Wenn sich dann endlich der Zustand der Gesundheit derart gestaltet, daß er der Aufmerksamkeit nicht mehr entgehen kann, wie selten wird diest Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was der Körper in Wirklichkeit verlangt! Und wie oft setzen die Patienten ihren ganzen Glauben nur einzig und allein auf Arzneien, während sie die Regeln einer vernünftigen Lebensweise ganz vernachlässigen! Seltsam, daß man das höchste Vertrauen nur auf Dinge setzt, die nicht immer leicht zu erlangen sind, während der Rath, tief zu athmen, die Lungen zur vollen Thätigkeit anzuregen und sie nur mit frischer Luft zu speisen, welche überall umsonst zu haben ist, schon wegen seiner Einfachheit häufig genug mit Mißtrauen aufgenommen wird. Und es ist ja doch bekannt, daß das Leben erlöschen muß, wenn uns die Luft nur wenige Minuten entzogen würde. Können wir angesichts dieser unleugbaren Thatsache uns noch darüber wundern, daß die Gesundheit darunter leiden muß, wenn wir der Lunge einen Theil jener Nahrung entziehen, welcher nothwendig ist, um die wichtigsten Verrichtungen des Lebens in gehöriger Weise zu vollziehen? Die Wichtigkeit der Athmungskur (Atmiatrie) kann gewiß nicht bezweifelt werden und weisen wir daher kurz aus das Verfahren hin. Dasselbe besteht einfach darin, daß man in freier Luft oder an einem offenen Fenster mit hinter dem Kopfe zusammengefalteten Händen, um durch Zurückwerfung der Schultern der Brust die gehörige Ausdehnung zu geben, ties.einnthmet, den Athem einige Minuten hält und das Tiefathmen ^ ' 1 , 2 176 auf dieselbe Weise öfters wiederholt. Dies sollte stets ohne besondere Anstrengung geschehen. Solche Athmuugsübuugen nimmt man täglich mehrmals vor. Die Athmungskunst als Heilmittel ist seit mehr als 2000 Jahren in Gebrauch. Die alten Aerzte, Celsus und Galen, empfehlen unter Anderem das Athemhalten als Mittel, um die thierische Wärme in den inneren Organen zu vermehren, die Brust auszudehnen, die Lungen zu stärken, sie von allen Unreinigkciten zu befreien, die Poren der Haut zu öffnen und das Gewebe der Haut selbst zu verdünnen und so zu bewirken, daß die wässerigen Theile des Blutes leichter verdunsten können. Als heilkräftig erweist sich die Athmungskur bei allen Zuständen einfacher Brust- schwäche, bei großer Geneigtheit zu Brust- und Luftröhrenbeschwerden, bei Husten, die bei jeder geringen Erkältung eintreten*), bei asthmatischen Beschwerden, bei Anlage zu Lungenschwindsucht u. s. w. Ferner durch Verbesserung des Blutes auch bei Gicht, Rheumatismus, Hümorrhoiden, Eongestionen, Herzleiden, Verdauungsbeschwerden rc. Bei entschiedener Anlage oder bereits begonnener Brustkrankheit, um so mehr bei wirklich bestehender Schwindsucht, müssen aber die Athemübungen mit großer Vorsicht und nur allmählig vorgenommen werden, da eine zu große Anstrengung durch Blutandrang nach der Brust schaden, durch Lungenblutung sogar höchst gefährlich werden kann. In den meisten anderen Fällen wirken sie dagegen niemals nachtheilig, sondern nur wohlthätig. Unter allen Verhältnissen sollte man sich daran gewöhnen, nur durch die Nase zu athmen, schon deshalb, um beim stärkeren Einathmen durch den Mund nicht zu viel Luft in den Maaen zu pumpen (Fundgr.) M i s e e l l e 11. (Leicht zu erklären.) Als in einer Gesellschaft an einen Americaner die Frage gestellt wurde, wie es doch komme, daß in unsern Tagen so viele Mannspersonen unver- heirathet bleiben, antwortete er: „Das ist leicht zu erklären; betrachten Sie doch unsere jungen Damen! sie sind wie die Lilien aus dem Felde; sie nähen nicht, sie spinnen sticht, und sind herrlicher gekleidet, als Salomo in aller seiner Pracht." (Keine Ehehälfte.) Eine sehr heroische Frau bemerkte einst in einer Gesellschaft, baß es nicht immer recht sei, wenn der Mann die Frau „Ehehälfte titulire, denn — memts sie — ich führe z. B. unser Geschäft ganz allein, und mein Mann thut beinahe gar nichts; also bin ich doch mehr wie Ehehälfte! — Ein Oesterreicher, der auch zugegen war, antwortete hierauf: „dann sind Sie halt a Eheganz." (Logischer Schluß.) Schusterjunge: „O mein Jutester, Sie stammen gewiß aus einer sehr fruchtbaren Jegend?" — Vagabund: „Warum das, Du Schlingel?" — yNun, weil Ihnen sogar die Füße durch die Stiefel jewachsen sind." Buchsiaherrrcbus. 0 1c 6 8 Auslösung des Buchstabcnrebus in Nr. 20: „Jmorlelle." *) Personen, die früher im Winter und Frühjahre regelmäßig an beschwerlichen und langwierigen Luftröhren- und Luiigcnkatarrhcu litten, sind nach vielfach vorliegenden Erfahrungen selbst in sehr vorgerücktem Alter durch ausdauernde Anwendung der Athcmkur schon mährend der Sommer» Und Herbstmouate von der Wiederkehr der Anfälle befreit worden. Wr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr zur „Äilgsbnrger PostMimg." Nr. 23. Samstag, 18. September 1880. Lei dir geheimer Rath bei jedem Unternehmen! Du wirst dann seltener dich einer Thorheit schämen. Gleim. Der Derr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Schluß.) Der Kammerdiener trat anfangs mit großer Keckheit auf; sein Muth brach jedoch rasch zusammen, als er jetzt erfuhr, daß sein künstliches und schlaues Gewebe bereits völlig zerrissen worden. — Das hatte er freilich nicht erwartet und als ihm endlich das Bekenntniß seiner Frau vorgelesen wurde, verlor er vollends alle Fassung. Er ließ niedergeschlagen den Kopf sinken und verharrte schweigend längere Zeit, ohne zu antworten. Das Beste ist, Du legst jetzt ein offenes und ehrliches Bekenntniß ab, ermähnte der alte Richter. Iwan starrte düster vor sich hin, ohne ein Wort zu entgegnen. Du hast zwei Morde auf dem Gewissen und der Tod ist Dir ohnehin sicher. Der Kammerdiener erhob ein wenig den Kopf und starrte den Alten betroffen an. Es ist gar keine Frage, daß Du auch Deinen gnädigen Herrn, den Baron Bloom- haus beseitigt hast. Bei diesen Worten sprang Iwan in die Höhe und streckte wie abwehrend die Hände aus. Nein, nein, ich bin unschuldig. Ich wurde von den Räubern mit überfallen und geknebelt, stieß er hastig hervor. Du konntest das alberne Zeug jenen einfachen Leuten vorschwatzen, einen alten, erfahrenen Kriw.'nalbeamten mußt Du aber damit verschonen. Es ist dennoch die Wahrheit, sagte Iwan, seinen alten Trotz noch einmal zusammenraffend. Mit diesen: Burschen war der alte Richter noch weniger Willens irgend welche Umstände zu machen. Er klingelte und der Kosack mit seinem kräftigen Ueberredungs- mittcl erschien. Zähle einmal dein Menschen da fünfundzwanzig auf. Das Wort wirkte auf Iwan völlig vernichtend. Ich will alles bekennen stammelte er verwirrt. Dann beeile Dich. Wie Sie wissen, war ich der einzige Diener, der den Herrn Baron auf seinen Reisen begleiten durfte. Wir gingen nach Italien und ich hatte immer gehört, daß dort ganze Räuberbanden hausten und reiche Reisende plünderten. Der Herr Baron mochte wohl selbst etwas Furcht haben, denn ich durfte nicht von seiner Seite und wenn wir fuhren, mußte ich mit im Wagen sitzen, deshalb hielten uns die Hotelwirthe und Kutscher für Brüder und nun kam mir ein böser Gedanke, den ich» nicht mehr los wurde. Iwan strich sich über die Stirn und fuhr erst nach einer Pause fort: Es war als ob ein böser Geist mir dies beständig zuflüsterte: Wenn Dein Baron von Räubern überfallen und erschlagen würde, könntest Du an seiner Stelle den vornehmen Herrn spielen. — Wir waren auf der Insel Kapri gewesen und seltsam genug, der Graf sprach fortwährend von Räubern, prüfte seine Pistolen und meinte: Wenn nicht gleich eine ganze Bande kommt, mit ein paar italienischen Schuften nehmen wir es auf. Ich bestärkte ihn noch in dieser Ansicht und entgegnete, daß ich gern einmal ein solches Abenteuer haben möchte. Wir sprachen dann von andern Dingen und ich wußte den Baron zu überreden, daß er den Wagen zurückschicke, denn ich hätte gehört, der Weg, den wir jetzt einschlügen, sei der schönste von Italien. Der Baron war ohnehin leicht zu lenken, ich konnte ihn zu Allein bewegen. Die Straße war jetzt sehr einsam und nun flüsterte mir wieder der Böse zu: jetzt ist der rechte Augenblick, die Gelegenheit kommt nicht wieder. — Ich führte einen eisenbeschlagenen Stock bei mir und unter dem Vorwande, daß dort eine prächtigere Aussicht sein müsse, lockte ich ihn von der Straße hinweg und dann — Der Gefangene stockte, ein leiser Schauder schüttelte seinen Körper. Er hatte bisher seinen Bericht stehend abgestattet, jetzt sank er wie gebrochen auf die Bank zurück. Nur weiter, drängte der alte Beamte streng und unerbittlich. Wirklich wurde Iwan durch diesen Zuruf wieder heftig aufgerüttelt, den Blick zu Boden geheftet, fuhr er mit leiser Stimme fort: Der Baron bückte sich nach einer Blume und nun durfte ich nicht länger zögern. Ich erhob meinen Stock und schlug nach dem Kopfe des Barons. Er blickte sich erschrocken um und wollte sich zur Wehr setzen: jetzt durfte ich ihn nicht mehr schonen. Ich hieb noch mehrmals auf den Schädel meines Herrn ein, bis er lautlos und blutend zusammensank. Ich hielt ihn für todt. Nun entfernte ich mich von ihm einige Schritte, holte aus meiner Tasche die Stricke, die ich mir zu diesem Behufe mitgebracht hatte, und begann mich selbst zu knebeln. Ich hatte mich schon lange darin geübt, aber ich hätte mich beinahe verrechnet. Der Strick um den Hals drohte mich zu ersticken und dann die furchtbare Aufregung. Glücklicherweise wurde ich noch im letzten Augenblicke gerettet. Schade! murmelte der alte Kriminalrichter in den grauen Bart. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, drohte nur eine andere Gefahr, setzte Iwan seine Erzählung fort, dem es vielleicht selbst ein Bedürfniß sein mochte, sein Gewissen einmal durch ein offenes Bekenntniß zu erleichtern. Mein Herr war nicht todt. Unter den Gästen des Hotels, in das wir gebracht worden, befand sich zufällig ein französischer Arzt, der alle seine Kunst anwandte, den Schwerverwundeten zu retten. Wenn es ihm gelang, war ich verloren. . . . und die Erinnerung an jene Stunden schien so mächtig zu sein, daß sie Schweißtropfen auf seine Stirn brachten. Der Arzt that zwar den Ausspruch, daß der Verwundete seine klare Besinnung nicht mehr wiedererhalten werde? aber war es nicht dennoch möglich? — Ich wagte zuletzt gar nicht Mehr daran zu denken. Schon hatte ich mich als ältester Bruder des Barons ausgegeben; ich mußte meine Rolle weiter spielen, so schwer es mir auch siel. . . . Iwan strich sich über die feuchtgewordene Stirn. Alles fügte sich schließlich nach Meiner Berechnung, begann er nach einem tiefen Athemzuge von Neuem: Mein Herr .erhielt seine Besinnung nicht mehr zurück und ich konnte an seiner Stelle als Baron Vloomhaus auftreten. Es gelang mir auch und Niemand zweifelte an meiner Echtheit, und jetzt huschte beinahe etwas wie ein triumphirendes Lächeln um seine bleichen Lippen. Dieser elende Lump brummte der Alte wieder, laut und heftig setzte er hinzu: und dann hattest Du die Frechheit, eine italienische Fürstin zu beschwindeln, die so leichtfertig war, Dich für einen echten Baron zu nehmen und die ihre Thorheit dadurch büßen mußte, daß Du sie ebenfalls aus dem Leben schafftest. Iwan schwieg, was half es, diese zweite Anklage theilweise von sich abzuschütteln. Bekenne auch hier die Wahrheit. Dann muß ich sagen, daß ich meine erste Frau nicht selbst vergiftet habe. Das ist die Wahrheit. Aber Du gabst den Auftrag und das Gift. Diese Geschichte geht uns übrigens nicht viel an, fuhr der Kriminalrichter fort. Das wurde uns ganz unnütze Weiterungen verursachen. Der Mord an Deinem gnädigen Herrn und der freche^Betrug genügt schon, um Dich dahin zu bringen, wohin Du gehörst. Iwan antwortete auch jetzt nichts. Er ahnte sein Schicksal und wußte nur zu gut, daß es das Klügste war, sich demüthig schweigend zu unterwerfen. Als der Beamte befahl, ihn wieder abzuführen, machte er nur eine tiefe Verbeugung. VIII. Graf Brückenburg hatte gegen seinen Freund nicht eher von der Sache gesprochen, als bis alles ermittelt war und die Baronin sowohl als ihr sauberer Kammerdiener im Gefängniß saßen. Der Baron hatte geglaubt, daß sein Freund längst wieder die Angelegenheit vergessen und aus dem Gesichte verloren habe, hatte er doch selbst nicht mehr daran gedacht. Seit, jener Entdeckung war er ohnehin ein anderer geworden. Zum ersten Male hatte er eine tiefe leidenschaftliche Liebe empfunden, um die bittere Erfahrung zu machen, daß er getäuscht worden. Nein, das war er nicht; er hatte sich selber getäuscht und dennoch empfand er es wie die tiefste Demüthigung, daß er, der Baron Nosenberg, der bei allen Damen bisher fabelhaftes Glück gehabt, von einem elenden Bedienten aus der Gunst der von ihm angebeteten Frau verdrängt worden. Diese Kränkung seiner Eitelkeit traf ihn besonders tief. Plötzlich kam ihm das ganze Gesellschaftsleben flach und jämmerlich vor. Sein höchstes Vergnügen war es bisher gewesen, das Geld mit vollen Händen auszustreuen, wenn er überhaupt welches hatte, jetzt erschien ihm sein bisheriges Leben leer und abgeschmackt. Er zog sich in die Einsamkeit zurück und während er früher den Verkehr mit Büchern ängstlich vermieden hatte, wurde die Lektüre jetzt sein einziger Genuß. Der Baron bekam dadurch sogar den Anstrich eines Philosophen, wie sein Freund spottend bemerkte, der trotzdem bald seine Neigungen theilte. Baron Rosenberg war deshalb nicht wenig überrascht, als eines Tages der Graf mit den Worten in sein Zimmer trat: Ich gratulire Dir, Richard, Du bist seit gestern Besitzer von Bloomhans. So, ist sie gestorben, fragte der Baron ganz bestürzt. Wenn ihm diese Frau auch die tiefste Wunde geschlagen, er hatte sie doch einmal geliebt und die Theilnahme an ihrem Geschick war noch nicht erloschen. Sie sitzt mit ihrem treuen Iwan im Gefängniß. Der Baron sprang heftig auf und ließ die Cigarre aus den Händen fallen. Aus dem ernsten Antlitz des Freundes entnahm er wohl, daß dieser keinen Scherz gemacht hatte. Ah, ist es möglich! ? Und wie ist das gekommen? rief er in größter Aufregung aus. Meine dunkle Ahnung hat mich nicht betrogen, entgegncte Brückenburg. Wir haben es mit trefflichen Schauspielern zu thun gehabt, nur hat Iwan seine schwierige Rolle beinahe noch besser und mit größerem Anstand gespielt als seine Gehilfin.', Du sprichst in Räthseln. Die Dir gleich gelöst werden, wenn ich Dir sage, daß Iwan schon vor zwei Jahren seinen Herrn wahrscheinlich durch irgend ein jetzt noch nicht völlig aufgeklärtes Verbrechen ins Irrenhaus geschickt hat, daß er seitdem mit großem Glück in der Welt als Baron Bloomhaus aufgetreten ist, zuerst eine reiche italienische Fürstin gehcirathet, ihr Geld durchgebracht und sie dann vergiftet hat. Ist das Wahrheit? Ist das nur möglich? rief der Baron ebenso verwundert als wie empört. Dieser Schurke von Bediente! ' Das alles steht bereits aktenmäßig fest, unterbrach ihn der Graf. Du siehst also, wie leicht es in der Welt ist, den vornehmen Aristokraten zu spielen — eine Entdeckung, die uns Adelige wieder einmal recht demüthigen müßte. Was bleibt uns, wenn jeder hergelaufene Lump die Rolle des hochgeborenen Herrn spielen kann?! Der innere Adel! entgegnete der Baron und erhob stolz das Haupt. Früher hätte er diese Antwort nicht gefunden. — Seit seiner Wandlung war doch in seinem Innern ein reicheres Seelenleben erwacht. Du hast Recht, sagte Brückenburg nach kurzem Sinnen mit großem Ernst. Ein wirklicher Edelmann wäre auch solcher Schurkerei unfähig, wie sie dieser Bube begangen hat. Doch ich will Dir rasch seine Abenteuer zu Ende erzählen. Nachdem Iwan seiner ersten Gemahlin überdrüssig geworden und sie durch Gift hatte beseitigen lassen, hat er die Schauspielerin geheirathet, ob sie damals schon gewußt, daß ihr sauberer Gatte nichts weiter als ein Schwindler war, läßt sich vorläufig noch nicht genau feststellen. . Iwan ist also ihr angetrauter Mann? unterbrach ihn lebhaft der Baron. Brückenburg nickte mit dem Kopfe. Jedenfalls war dies Paar einander würdig. Um nun die glänzende Erbschaft Deines inzwischen verstorbenen Vetters anzutreten, übernimmt nun die Schauspielerin die Rolle der trauernden Wittwe, während sich Iwan mit der sehr bescheidenen des Kammerdieners begnügt. Weil er in Bloomhaus nicht als ein Anderer auftreten durfte und Du mußt gestehen, daß es für einen Künstler keine Kleinigkeit ist, plötzlich den Bedienten zu spielen, während er schon mehrere Jahre die Rolle des Barons gegeben hat und ich kann dem Burschen meine Bewunderung nicht vorenthalten, er hat seine schwierige Aufgabe sehr glücklich gelöst und ist nicht ein einziges Mal aus der Rolle gefallen. Wer hätte das gedacht! Es erklärt Alles! sagte der Baron und empfand doch eine gewisse Befriedigung, daß dadurch die Handlungsweise der schönen Frau eine andere Beleuchtung erhielt. Unter diesen Umständen war ihr freilich nicht zu verargen gewesen, daß sie treu zu ihrem Manne gehalten hatte. Und zum Erstaunen Aller lieferte die Schauspielerin einen Beweis von weit größerer Treue, den Niemand erwartet hätte. Da man ihr nicht beweisen konnte, daß sie schon vor Eingehung ihrer Ehe die Verhältnisse Jwan's gekannt hatte, wurde sie nur wegen einfachen Betruges verurtheilt und die Richter übten gegen die noch immer bildschöne Frau ganz besondere Nachsicht. Sie kam mit einigen Monaten Gefängniß fort, die rasch verbüßt waren. Der Kammerdiener dagegen wurde zum Tode verurtheilt, vom Kaiser jedoch zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien begnadigt und seine Frau setzte alle Hebel in Bewegung, um die Gunst zu erlangen, das Schicksal ihres Mannes theilen zu können. Einer solch' rührenden Hingabe Hütte man die ehemalige Schauspielerin nicht fähig gehalten und selbst die Theilnahmslosesten wurden von dieser unerschütterlichen Treue tief bewegt. Um ihr Ziel zu erreichen, verschmähte es sogar Desiree nicht, den Baron Rosenberg um seine Vermittelung anzuflehen und das im Grunde noble, weiche Herz des Barons wurde davon tief erschüttert. Mochte diese Frau immerhin eine Abenteurerin sein, ihre festhaltende Liebe hatte doch einen heroischen Zug. Seltsam bewegt sagte er ihr die Erfüllung ihrer Bitte zu und seinem Einflüsse gelang es wirklich, für die schöne Frau die Genehmigung zu erlangen, daß sie ihrem Gatten nach Sibirien folgen konnte. Wie der alte Kriminalrichter schon erklärt hatte, wurde der Vergiftungsfall nicht weiter erörtert und deshalb auch die Untersuchung nicht gegen Enrichetta eingeleitet. Sie hatte sich, nachdem Sie ihren Rachedurst voll befriedigt gesehen, in ihr Heimathland zurückbegeben und nichts mehr von sich verlauten lassen. Nasinsky, der kluge Advokat, gelangte in der Folge zu immer größerem Ruf und Ansehen. Baron Bloomhaus-Rosenberg trat jetzt das Erbe seines Vetters an, aber er machte alle Voraussagen der Leute zu Schanden. Alle Welt war überzeugt daß er in kurzer Zeit mit Hilfe seines Freundes sein glänzendes Besitzthum vergeuden würde, und das Gegentheil war der Fall. Der Baron begann jetzt ein stilles, ruhiges Leben zu führen und als wolle er mit seiner Vergangenheit gründlich brechen, heirathete er bald darauf eine Bürgerliche, die nichts besaß, als ihre geistige Bildung und wirkliche Vorzüge des Herzens und des Charakters. An der Seite dieser Frau führte der Baron ein wahr- 181 hast glückliches harmonisches Dasein, das ihm weit mehr Befriedigung bot, als er je rm Strudel der Welt und inmitten der rauschendsten und kostspieligsten Vergnügen gefunden und um das Glück seiner Ehe voll zu machen, schenkte ihm seine Gattin vier blühende Kinder. Graf Brückenburg blieb »»vermählt und der treue Freund des Hauses. Fünf Städte über einander. In der deutschen Anthropologengesellschaft zu Berlin hielt am 5. August Dr. Schliemann einen Vortrag über seine Ausgrabungen in den Ruinen von Troja. Nach einem uns vorliegenden kurzen Berichte sagte er im Wesentlichen Folgendes: „In dem Schutthügel von Hissarlik, auf der Stelle, wo einst das alte Troja lag, befinden sich die Ruinen von fünf Städten übereinander. In der obersten Schichte fand Schliemann Idolen aus Marmor; in der zweiten, außer Idolen auch Vasen. Dann kam er in einer Tiefe von 30 Fuß an eine aus Ziegeln erbaute Stadt, die plötzlich zerstört worden sein muß, da er Gerippe von Menschen, zerbrochene Lanzen und zurückgelassene Schätze fand. Das Haus des Königs Priamos wurde aus diesen Trümmern hcrausgegraben. Dasselbe mußte mehrere Stockwerke und über hundert Treppenstufen haben. In diesen mit Asche bedeckten Räumen fand er einen Dolch aus Bronze und einen anderen aus Silber, auch goldene Schmuckgegenstände und kupferne Gefäße, aber von Eisen keine Spur; dagegen eine Menge Streitäxte und Tausende von Spindeln. Das Bild der Pallas-Athene kehrte häufig wieder. Schliemann legte die Mauern des Königshauses, den Thurm und die Reste der Stadtmauer bloß. Unter diesem Troja der Jliade fand er aber die Neste von noch zwei anderen Städten, auf weche er mittelst Schachten gerieth. In dieser vierten, beziehungsweise fünften Stadt erst. deckte er verschiedene Gebrauchsgegenstände, darunter solche, die aus Indien stammten." Danach liegen also in dem Schutthügel von Hissarlik die Ruinen von fünf Städten übereinander. Die oberste stammt offenbar aus den Zeiten der römischen Herrschaft, denn Strabon spricht noch vom „heutigen Jlium" und von einem nahe dabei liegenden Dorfe der Jlier, wo das alte Jlium früher gestanden. (Buch XIII. 1.) Strabon lebte aber zur Zeit des Cäsar und Augustus. Von der zweiten Stadt, die nach der Zeit des Priamos erbaut wurde, spricht derselbe Strabon an mehreren Stellen; sie fei zuerst unter der Herrschaft der Lydier wieder hergestellt worden. Im peloponnesischen Kriege wurde das damalige Troja den Mytilener von den Athenern entrissen, wie Thukydides berichtet. Ueber die dritte Stadt, von oben nach unten gerechnet, gibt die Homer'sche Jliade genügende Auskunft und gehen wir darum sofort zur viert-untersten über. Diese wurde durch den griechischen Hercules oder Alkaios zu der Zeit zerstört, als Laomedon, des Priamos Vater, dort regierte. Ueber diese Zerstörung gibt Diodor von Sicilien (IV, 49) folgende Auskunft: Als die Argonauten von Jolkos in Thessalien (nahe dem heutigen Volo) unter dem Pelasger Jason abfuhren, um auf Befehl des Pelias, des Oheims von Jason, das goldene Vließ in Kolchis zu holen, gesellte sich außer vielen streitlustigen Gesellen auch Herakles dem Zuge bei. Derselbe war von seinem älteren Bruder Eurystheus, dem Könige von Tiryus, der damals den ganzen Peloponnes beherrschte, wegen seiner wilden Streiche aus dem Lande verwiesen worden und trieb sich gerade in den Vergwäldern von Doris, südlich von Thessalien, mit einer Anzahl arkadischer Klcphten herum. Die Arche oder Argo, auf welcher die Argonauten abfuhren, war, um dies hier gelegentlich zu bemerken, von Minäern erbaut worden, wie die Erzarbeiter Griechenlands damals genannt wurden (min ist Erzmine). Von diesen Minäern segelte eine Anzahl mit, um an dem Abenteuer theilzunehmen, gerieth aber mit den Pelasgern, die den Oberbefehl führten, in Streit und wurde von denselben auf der Insel Lemnos ausgesetzt,, von wo 182 sie später nach Sparta geriethen und dort von den Bewohnern des Landes wegen ihrer Kunstfertigkeit gerne aufgenommen wurden. Aber auch hier entstanden Zerwürfnisse und wanderten diese Minäer dann nach Elis aus, wo sie in der „Triphylia" genannten Gegend am unteren Alpheus (der griechischen Albais oder Elbe) Fabriken anlegten, um Waffen aus Erz zu verfertigen und solche dann durch Jaoner oder Kaufleute (Jonier) weiter verhandeln zu lassen. Doch zurück zu den Argonauten. Diese landeten, nachdem sie einen schweren Sturm überstanden, an der trojischen Küste, beim Cap Sigeion, wo den Meerungeheuern die Opfer gebracht wurden (sio, seio ist Opfer, Folter, sekiren). Sie fanden dort die Hesyone gefesselt am Ufer, wo sie einem Haifisch oder anderem Seethier zum Fraß geopfert werden sollte; Hercules befreite dieselbe, erschlug das Seethier und erhielt als Lohn dafür selbige Hesyone sammt zwölf Pferden. Da er diese jedoch nicht nach Kolchis mitnehmen konnte, so gab er sie sammt der Hesyone dem Laomedon in Verwahrung, bis er zurückkäme. Dies geschah denn auch, nachdem das Vließ (ein vergoldetes Widderfell) in Colchis erbeutet war, aber nun wollte Laomedon weder die Hesyone noch die Pferde herausgeben, warf sogar die Boten des Hercules in das Gefängniß, nämlich dessen Bruder Jphiklos und den Telamon von Aegyna, den Vater des Ajax und Oheim des Achilleus. Priamos, ein Sohn des Laomedon, war aber mit diesem Verfahren nicht einverstanden und brachte den Gefangenen heimlich Schwerter, mit Hilfe deren sie die Wachen überwältigten und sich befreiten. Nun rüstete sich Herakles zum Sturm, übertrug dem Oikles den Schutz der Schiffe und zog gegen die Beste. Mittlerweile machte aber Laomedon einen Ausfall und griff die Schiffe an; Herakles hatte nämlich zu dem Zwecke eine Flottille von sechs Schiffen aus Jolkos herbeigerufen. Oikles siel gegen Laomedon, die Schiffe konnten aber noch zeitig vom Ufer abstoßen. Als nun Laomedon zur Stadt zurückkehren wollte, gerieth er der Schaar des Herkules in die Hände und blieb im Kampfe. Darauf wurden die Mauern von Jlion erstürmt; Telamon war der Erste, der in die Stadt drang, er erhielt dafür die Hesyone zugetheilt. Schließlich wurde Priamos wegen feines freundlichen Verhaltens gegen die Heraklidcn zum Könige eingesetzt, der dann die Stadt von Neuem herstellte und die Ringmauern stärker befestigte. Was nun endlich die fünfte Stadt auf dem Boden von Hisfarlik betrifft, in welcher indische Gebrauchsgegenstände gefunden wurden, so deutet dies auf eine Einwanderung von Indus her. Einen Fingerzeig für das Volk, welches diese urälteste indische Stadt am Hellespont gegründet haben mag, gibt die Sage von Dionys oder Bacchus, der, auf einen: Elephanten reitend, aus Indien nach dem Oxus, von da nach Phrygien in Kleinasien und endlich über den Hellespont auch nach Thrazien kam, überall Ackerbau und Weinkultur einführend, und die Hirten, Fischer- und Jägsrvölker in seßhafte Landbebaucr umwandelnd. Damit im Zusammenhange stehen die von den persischen Historiographen, als Firdusi, gelieferten Notizen über die Niederlassung indischer Derwische in Baktrien und anderen Strichen Vorderasiens. Diese Derwische, welche derzeit nur eine Secte bilden, entsprangen einem eigenen Volke druidischen oder drawidischen Stammes, das am Oxus in Verbindung mit arischen Völkern das erste Großreich der Jamuden stiftete, dessen Reste sich bis heute in den Jamudsn am Ostuser des südlichen Theiles des kaspischen Meeres erhielten. In diesem Meere liegen auch noch am alten Ausflusse des Oxus die Derwisch-Inseln. Die Griechen nannten sie Derbiker, die Perser Darjawusch, woraus später griechisch Dareios oder Darms wurde. Darms Hystaspes war ein solcher Derwisch, von den Großen des persischen Reiches aus Valkh herbeigeholt, um Ordnung in das Reich zu bringen, als dieselben nach dem Tode dcS Kambyscs, des Sohnes des Kyros, sich über die Einsetzung seines Nachfolgers nicht verständigen konnten. Denn in Susa, der Hauptstadt des von Kyros gestifteten Großreiches, lagen die verschiedenen Stämme, namentlich die Gawiden aus hem Elborus, denen Kyros angehört hatte (Zurr bedeutet Schmied), die Säten und die 183 Chaldäer in stetem Hader, so daß es blos der kirchlichen Autorität des Darjawusch oder Darms gelang, die hochfahrenden Gemüther all dieser Sirdare in Einklang zu bringen. Einer solchen Dermisch-Colonie mit einem Dionys, ober Gott von Rysa (Neustadt) an der Spitze und die Völker zum Ackerbau erziehend, mag das älteste Troja seine Entstehung zu verdanken haben, wozu kommt, daß der Name Troja in der That ein druidischer oder wälscher ist, denn die Sprache dieser Druidenvölker hat sich in Wales' in den Gebirgen des westlichen Englands bis heute erhalten. Dro ist Ring, ia, oder ion Ort Troja also Ringwall, cpklopischer Rundbau, während nach derselben Sprache II-ion einen Ort bedeutet, in dem gearbeitet wird, eine Fabrik oder Handwerker- Niederlassung, entsprechend dem Namen der Teukrer oder Zeugschmiede. Daher denn auch die vielen Geräthe aus Erz, Silber und Gold, die den Appetit der Achaier reizten, und die vielen Spindeln, welche Schliemann noch fand. Voro. Morgenandachl. Wacht auf! Die Welt hat ausgeschlafen, Die Morgensonne flammt empor, Die ersten Lerchemvirbel trafen Schon jubelnd mein entzücktes Ohr. Schon weicht der Nebel aus den Gründen, Nun glänzt der See, nun rauscht der Hain; Will Alles Licht und Tag verkünden — O süßes Licht, kehr' bei uns ein! Du nimmst die Welt zum Eigenthume, Du herrschest mild von Sonnenhöh'n, In Deinem Glanz die kleinste Blume Blüht wie ein Engelsantlitz schön. Und Nacht und Sorge, Sünd und Grauen Fliehen scheu vor Deinem Angesicht; — O selig, wer Dir furchtlos schauen Ins Auge darf, Du reines Licht! Im sanften Hauch der Morgenstunden, In diesem Schimmer ätherklar Wird tiefer Gottes Näh' empfunden, Sein Wort des Heils uns offenbar! Die Seele schwingt sich in Gebeten Voll Kindeslieb zu Gottes Thron, Wie einst, als Edens Palmen wehten Um's Haupt dem ersten Erdensohn. Gib Deinen Segen nur zu eigen, In stiller früher Morgenzeit! Wie sich dem Licht die Blumen neigen, Der Andacht sei mein Herz geweiht! Eh' mich des Tags geschäftig Leben In seinen Strudel reißt hinein, Will ich mich früh zu Gott erheben — t, O süßes Licht, kehr bei uns ein! Iulie Schuchardt. Miseelleir. (Ein Tausendkünstler vor Gericht.) Ein junges Mädchen in Paris vergnügt sich auf dem Valcone in etwas ungewöhnlicher Art, sie feuerwcrkcrt; „Frösche," „Schläge" und „Schwärmer" springen lustig aus ihrer Hand. Aber zu ebener Erde desselben Hauses befindet sich ein Erfrischungsetablissement, dessen Gäste durch das Platzen der kleinen Petarden verjagt werden. Darob Schelt- und Schimpfworte des ergrimmten Wirthes, und in Folge dessen nachstehende Scene vor dem Zuchtpolizeigerichte: — Präs.: Sie sind angeklagt, Demoiselle B. beschimpft zu haben. — Angekl.: Mit Petarden hat sie meine Gäste davongejagt. — Präs.: Sie haben eine Limonadehütte? — Angekl.: Ja, mein Herr, und als ich meine Waffeln von der heißen Platte nahm . . . Präs.: Sie sind also auch Waffelbäcker? — Angekl.: Ja, mein Herr: also während ich meine Waffeln aushob, springt ein „Frosch" aus die Uhr meines Gastes, der nach der Zeit sieht, der läßt die Uhr fallen und schwört, sie müsse zerbrochen sein, was mich veranlaßt, nachzusehen, ob die Uhr wirklich Schaden genommen. — Präs.: Sind sie denn ein Uhrmacher? — Angekl.: Gelernter Uhrmacher. Nun, der Schaden war gering. Da bringt mir mein Weib mein Klapperhorn, damit ich meinen Gästen durch meine Kunst das Fortgehen erschwere. — Präs.: Sie sind also auch Musiker? — Angekl: DaS will ich meinen. Nun, ich blase; bauz, fliegt ein „Schwärmer" einem Gaste auf den Rock. Der Gast flucht, ich aber besehe den Schaden und mache mich anheischig, mit einer Nadel die Sache !In zehn Minuten bestens hergestellt zu haben. — Präs.: Was, sind Sie denn ein Schneider? 184 — Angekl.: Ich arbeite als Schneider in meiner Loge. — Präs.: In ihrer Loge? Also sind Sie eigentlich Portier? — Angekl.: Mein Weib besorgt dieses Amt, ich bin nur Limonadier. — Präs.: Nur! . . . Nun, gestehen Sie, das Fräulein beschimpft zu haben? — Angekl.: Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich ihr zugerufen habe; ich war ganz toll vor Zorn, besonders weil ich sonst artig und gefällig gegen Mademoiselle bin und sie z. B. auch manchmal gratis frisire. — Präs.: Demnach sind sie auch Friseur? — Angekl.: Wie nicht leicht ein Zweiter: aber ich habe dieses Handwerk aufgegeben. — Der Tausendkünstler wird zu sechzehn Francs Strafe verurtheilt, ist also von jetzt an auch ein Verurtheilter. Nur Wenige von den vielen Passagieren, welche Jahr aus, Jahr ein in Hotels wohnen, haben je das rege Treiben in der Küche eines ersten Hotels beobachtet, Keiner aber vielleicht gesehen, was dem Auge am 17. d. im „Hotel Metropole" zu Wien sich darbot — eine Küche unter Wasser. Nicht vielleicht eine geräumte, verlassene Küche, sondern ein mit zahlreichem geschäftigen Personal gefülltes, für mehr als 500 Personen in Thätigkeit gesetztes Laboratorium für culinarische Genüsse, aus welchen: dem Eintretenden die angenehmsten Düfte entgegenströmen. In Folge des hohen Wasscrstandes drang nämlich Grundwasser in die im Souterrain gelegene Küche, welches bis auf die Höhe von 14 Zoll stieg, und doch war kein Zimmer des Hotels unbesetzt, und Jeder der Passagiere wollte seine Mahlzeit zur gewohnten Stunde genießen. Da galt es, rasch zu handeln. Durch die vielen und weitläufigen Räume wurden über den Wasserspiegel hinweg drei Fuß breite Holztreppen in der Weise gelegt, daß die Verbindung mit und zwischen den einzelnen Herden und Tischen erhalten werden konnte. Da aber diese Treppen nicht für alle Fülle ausreichten, so wurde das zahlreiche Küchenpcrsonal mit bis zu den Knieen reichenden wasserdichten Stiefeln versehen. Es gewährt, nach dem „Kl. I.", einen eigenthümlichen Anblick, wenn ein zierliches Küchcmnädchen, mit dem schneeweißen Häubchen auf dem Kopfe und hochaufgeschürztem Kleide, mit den schweren Stiefeln durch das Wasser plätschert, um ein aufgespießtes Huhn vom Herde nach dein Tranchirtische zu bringen. Am Abend des 18. stand das Wasser in der Küche nur noch sechs Zoll vom Feuerherde entfernt. (Eine Rauch rede.) Im deutschen Rauchkollegium, welches in B. Welz Restaurant in Breslau tagt, hielt jüngst ein Mitglied folgende Rauchrede: „Raucher! Nichtig rauchende Raucher rauchen rauchende Rauch-Rippe ruhig 'runter. Ruhig rauchende Raucher rauchen reizende runde Nauchringe. Robuste Raucher rauchen ranzige, runzelige Runkel- rüben-Rolle. Rapide Rosse reitende Raucher rauchen Riemen rüttelnd. Nennende Raucher rauchen rar. Reelle rauchende Raucher rauchen recht reine Rauchrohre. Raubritter, Räuber, Rinaldo, ruppige Rangen rauchen riechenden Ratiborer, Rawitschcr. Russische radikale Reformer rauchen Nettige, rothe Rüben, Nabunze. Rhetorische Rauchredner reden rauchend recht rührend. Reimende Raucher reimen rauchend rabiate Rauch - Reime. Riecher rümpfende Raucher riechen rauchend Rauch. Reiche riechende Raucher riechen raren Rauch. Nochrige Raucher riechen recht rochrigen Rauch — Raucher! rauche, rooche! rieche —7 Ruhe!" (Ein grober General.) Der General N. war bekannt wegen seiner derben Ausdrücke. Eines Tages machte ihm der König Friedrich II. harte Vorwürfe wegen der Excesse, welche sich junge Offiziere zu Schulden kommen ließen, und endigte mit den Worten: „Er ist nicht grob genug." Ohne etwas zu erwiedern, wandte sich der General an das versammelte Offizierskorps: „Ich frage Sie auf Ehre und Pflicht meine Herren, kann wohl ein Mensch gröber sein, als ich?" — „Nein, Ew. Excellenz," war die einstimmige Antwort. (Was ist die höchste Potenz der Liebe?) Wenn der Mann sich aus Liebs für seine Frau erschießt, weil dieselbe geäußert, daß ihr schwarz so gut steht. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. zur „Mgslmrger Pojheiümg." nterüaktung^ökatt 9?r. 24. Mittwoch, 22. September 1880. Wär' halb so leicht die That wie der Gedanke, Wir hätten eine Welt voll Meisterstücke. Rauppach. Ein Opfer aus Kindesliebe. Ein Bild aus dem Leben, erzählt von F. von Carncville. Es war ein trüber, regnerischer Tag, als wir an einem Oktoberabend in eine der rheinischen Festungen einrückten, wo wir ein Jahr garnisoniren sollten. Ich werde nie den traurigen Eindruck vergessen, den es auf mich machte, als wir über die Zugbrücke in den Ort einmarschirten; die Stadt an und für sich war klein, sie zählte nur ein paar tausend Einwohner und war wohl ursprünglich nur ein Fischerdörslein; wenigstens deuteten die uralten, kleinen, niedrigen und düster aussehenden Häuser und die schlechten, schmalen und winkligen Gassen darauf hin; nur der neue Stadttheil, der allmälig entstand als der Ort zur Festung umgestaltet wurde, hat bequemere und größere Gebäulichkeiten und es war da auch mehr Sorgfalt auf die Straßen und Plätze verwendet. Die nähere Umgebung war nichts weniger als anmuthig; ringsum Gräben, Mauern, Festungswerke, Sümpfe und Tümpels, welch' letztere die Stadt höchst ungesund machen, so daß das Fieber unter den Einwohnern heimisch ist. In den ersten Tagen war mir der Aufenthalt in dieser finstern, rauchigen Stadt recht unheimlich und ich glaubte gar nicht an die Möglichkeit, daß es Menschen geben könnte, die von Geburt aus hier lebten und hier starben, ohne von der übrigen Welt etwas gesehen zu haben; und doch gab es viele solche, die diesem Schicksale verfallen waren, die keine andere Zerstreuung kannten, als ihre tägliche Arbeit, mit der sie ihr monotones Leben fristeten und damit die Mittel erwarben, um ihre armen Kinder zu nähren und ihnen die Betrübniß vergessen zu lassen, wenn der Himmel grau und düster war und sie in ihren gefängnißartigen Keuchen zurückhielt, wo sie selbst das entbehren mußten, was der liebe Gott sonst allen Menschen gegeben hat, Licht, Luft und Himmel. Und in diesem Erdenwinkel sollte ich ein ganzes, langes Jahr verleben! — — aus dieser Zeit will ich denn meinen lieben Lesern eine Episode erzählen, welche mir dies traurige Einerlei einigermaßen verkürzte. Wie es eben in einer Festung ist, hat man da nur ein oder zwei Ausgänge, um in die Umgegend zu gelangen und so mußte ich um aus dem nördlichen Festungsthor zu kommen, die krummen Straßen des alten Stadttheils passiren, wo ich zur Abkürzung des Weges meist noch einen schmalen Nebenweg einschlug, der mehr einer Treppe gliech, denn der Boden war staffelförmig ausgetreten, bis man wieder in die größere Straße gelangte. Wenn ich immer diesen Weg verfolgte, dachte ich wohl an nichts anderes, als an das freie, offene Land, das ich nun bald erreichen sollte, und kümmerte mich um nichts weiter. Eines TageS hasteten meine Blicke aber zufällig auf einem armseligen, kleinen Häuschen/ das wohl nur von ein payr Menschen bewohnt sein mochte, denn es hatte nur zwei niedrige Fenster und dazwischen eine Thüre. Die Mauer war von Alter grau und das Fensterglas in den kleinen Kreuzstöcken, war eine dicke, grünliche Masse, durch welche der Tag nur schwach dringen und das Innere der Wohnung kaum genügend beleuchten konnte. Bedenkt man noch das schmale Gäßchen, rückwärts hinter den Häusern eine hohe Festungsmauer, so. mag man sich eine Vorstellung von diesen Wohnungen machen, in die nie ein Sonnenstrahl schien. — Im Winter, wo der gefrorene Schnee auf den Stufen dieser kleinen Gasse lag, war es wiälich gefährlich zu gehen; ich begegnete auch nie einem Menschen auf diesem Wege, da er wohl seiner Abgelegenheit halber, möglichst gemieden wurde.— Dies besagte Häuschen mochte wohl nur von alten Leuten bewohnt sein, die von der Außenwelt, so zu sagen, Abschied genommen halten, denn.es wäre wahrhaft schauderhaft gewesen, wenn eine junge Person darin hätte leben müssen. So oft ich vorüberging fand ich immer Alles geschlossen, Alles still, als wäre es ganz unbewohnt und schließlich ging ich, ohne irgend mehr darauf Acht zu haben, daran vorüber; so wich allmälig der Winter und man glaubte sich nun bald des schönen Frühlings freuen zu können; aber eitle Hoffnung. Nun trat der Rhein mit seinen Bächen und Flüssen aus, überschwemmte die ganze Umgegend und verwandelte das Land ringsum in einen Morast, der namentlich die Nordseite ganz unpassirbar machte und ich mußte meinen Spaziergang zum anderen Thor hinaus machen, wo es etwas weniger morastig war. — Als ich endlich meine gewohnte Promenade wieder unternehmen konnte, waren wir schon in den ersten Tagen des Juni und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich in dem mehrerwähnten Häuschen ein Gläschen mit einem hübschen Veilchenstrauß am Fenstergesimse stehen sah. Diese Wahrnehmung betrübte mich fast (man verzeihe mir den Ausdruck) denn wer Blumen liebt, muß — wenn auch eben nicht jung sein, aber doch wohl eine freudige Erinnerung an die Jugend haben, und kann für das materielle Leben noch nicht völlig abgestorben sein, auch verräth es gewissermaßen eine Krrte.Heele, wenn eine Persönlichkeit in dem Wohlgeruche einer Blumö noch einen Genuß findet; — ich hätte daher wissen mögen, wer diese zarten Blümchen, hier pflegte, weil sie mir sagten: sie gehören Jemanden, der da leben und in diesem trübseligen Winkel Licht, Sonne und Glück entbehren mußte, Jemanden, der wohl Alles fühlt, was ihm mangelt, und wenn auch sonst arm an Genüssen, doch mindestens Freude an diesem Veilchenstrauß fand. — Kurz gesagt, es interessirte mich jetzt zu wissen, wer hier wohne und ich hätte gewünscht, ihm diese Veilchen, die er so zu lieben schien — recht lange erhalten zu können. Andern Tags regte sich schon die Neugicrde in mir, als ich gegen das Häuschen kam; die Veilchen waren noch da, aber nicht mehr recht frisch, obwohl sorgsam gepflegt; das Fenster, war heute mehr geöffnet und damit drang ein wenig Helle, ich will nicht sagen Sonnenschein, in den inneren Raum Und warf einen Lichtstreifen in's Zimmer, daneben herrschte aber gleich wieder Dunkelheit und ich vermochte nichts zu unterscheiden. Der nächste Tag war ein Sonntag, es war sehr warm — alle Vöglein sangen, taufende Insekten summten, Alles glänzte in der Sonne, überall herrschte Freude und Leben, nur das Häuschen war gleich traurig, wie immer, aber diesmal sah ich eine Frauensperson am offenen Fenster sitzen, die über eine Handarbeit gebeugt war. Der erste Blick, den ich auf dieses Fraüenbild warf, vermehrte noch die Traurigkeit, die mir schon der erste Anblick dieser Behauptung bereitete; ich ging langsam, um sie 'anger betrachten zu können, und in die Nähe gelangt, glaubte ich, daß sie nicht mehr ,ung, vielleicht auch nicht hübsch, oder nicht mehr hübsch sei. Ihr Aussehen war bleich, kränklich und traurig; aber ihre Züge schienen sanft und wenn sie leidend und ältlich aussah, mochte es vielleicht auch von vorübergehendem Kummer herrühren; sie hatte ein reiches, schwarzes Haar, ihre Hände waren weiß; sie trug ein braunes Kleid, eine schwarze Schürze und eine weise Halskrause; alles einfach aber reinlich und sorgfältig gehalten. Das Veilchenbouquet, was zwei Tage am Fenster geprangt hatte, war vorn am Kleid- ausschiritt angebracht, damit nichts von dem Wohlgeruche der abwelkenden Blumen verloren ging. Als ich ganz nahe am Fenster war, sah sie auf; ich grüßte sie und sie dankte freundlich und bescheiden. Nun sah ich sie genauer. Sie war noch jung, offenbar war sie aber leidend, doch zeigte ihre Physiognomie von Ruhe und Ergebung, dies sagte ihr Blick, ihre Haltung und ihr Aussehen. Es gibt -Leute, mit denen man nicht zu sprechen braucht, deren man sich aber doch gut und gern erinnert, wenn man sie auch nur kurze Zeit gesehen hat. Jeden Tag fand ich sie nun an demselben Platze; sie erwiderte immer meinen Gruß sehr höflich und später fügte sie noch ein trauriges Lächeln hinzu; sonst wußte ich nichts von ihr; es befremdete mich, sie immer zu Hause zu treffen, sie konnte deshalb keine gewöhnliche Arbeiterin sein und die Armuth, die rings um sie herrschte, ließ auch nicht annehmen, daß sie ohne zu arbeiten, leben könne; ich traf sie auch häufig an eleganten Stickereien, die bei ihrem einfachen Anzüge doch nicht für sie gehören mochten; sie arbeitete also doch wohl gegen Bezahlung. Am darauffolgenden Sonntag sah ich sie nicht, auch war Alles zu; Tags darauf saß sie aber wieder am Fenster und wieder stand ein kleines Veilchenbouquet vor ihr am Gesimse; so war sie also am Sonntag wohl irgendwo gewesen, wo ihr die schönen Blumen zu Theil wurden. Als ich dem Fenster nahe war, hörte ich eine fast gebieterische Stimme „Ursula" rufen; es war eine weibliche Stimme und der Ton war nichts weniger als liebevoll. Ursula gehorchte diesem Rufe nicht wie eine Magd und doch gab sie in der Art, wie sie dem Rufe folgte, eine gewisse gutmüthige Dienstfertigkeit kund, und wie man auf alles Rücksicht nimmt, wenn man sich für Jemand interessirt, so meinte ich, selbst aus diesem geringen Anzeichen entnehmen zu können, daß sie wohl von denen nicht geliebt war, mit denen sie lebte — daß sie vielleicht sogar Übel behandelt wurde — während ihre sanfte Natur ihnen trotzdem mit Liebe begegnete. — So verfloß die Zeit und jeden Tag wurde ich mehr eingeweiht in das Leben der armen Ursula, obgleich ich um ihre Geheimnisse zu errathen, kein anderes Mittel hatte, als täglich an ihrem offenen Fenster vorbei zu promeniren. Wie ich bereits erwähnte, lohnte Ursula die ihr geschenkte Aufmerksamkeit bei meinem Vorbeigehen stets mit einem freundlichen Lächeln und so erlaubte ich mir denn eines Morgens die Freiheit, einen Strauß von Feldblumen auf ihr Fenster zu legen. Ursula erröthete, dankte mir aber mit einem noch freundlicheren Lächeln als gewöhnlich. — Ich wiederholte nun die Freiheit so oft ich von meinen Spaziergängen heimkehrte und fügte später den Feldblumen auch hübsche Gartenblumen bei und so prangten denn stets Blumensträuße am Fenster Ursula's und zierten das traurige graue Häuschen mit einem kleinen Fenstergärtchen, an dem ich selbst meine Freude hatte. Eines Abends als ich in die Stadt zurückkehrte, traf es sich, daß mich ein Gewitterregen überraschte, just als ich in die Nähe der mchrerwähnten Wohnung kam, und Ursula, die mich erblickte, verließ schleunigst ihren Platz, öffnete die Hausthüre und lud mich zum Eintreten ein, welcher Einladung ich auch bereitwilligst folgte. Als wir in den Uurgang traten, der vor ihrem Zimmer lag, bot mir das arme Mädchen freundlichst die Hand und drückte mit einem thränenfeuchten Blick mir schüchtern ihren Dank aus. Das war das Erstemal, daß wir uns sprachen. Ich trat mit in ihr in's Zimmer. Dieser Raum, in dem Ursula gewöhnlich arbeitete, schien die Wohnstube zu sein. Der Boden war mit rothen Steinplatten ausgelegt, zwei einfache Strohstühle, die am Fenster standen und ein paar alte Wandkäftchen bildeten die ganze Einrichtung des Vord«theils der Stube. Das Gelaß war lang und schmal, nur von dem einzigen kleinen Fenster, das auf die Straße ging, spärlich erhellt und dumpf und feucht. Ö, wie sehr Recht hatte Ursula ihren Platz am offenen Fenster zu wählen, um nur ein wenig Luft und Licht zu genießen. Nun begriff ich die Bläffe des armen Kindes, das war nicht verlorene Frische, sie war nicht zu verlieren, denn sie bestand wohl von Anbeginn nicht. Als ich mich näher in dem Zimmer umsah, erblickte ich rückwärts in einem düstern Winkel der Stube, auf zwei etwas bequemeren Stühlen, zwei Personen, die ich anfänglich in der Dunkelheit gar nicht gleich beobachtet hatte. Es war ein Greis und eine alte Frau; diese strickte fern vom Fenster, ohne etwas zu sehen, mechanisch fort. Der alte Mann that gar nichts, er stierte theilnahmslos vor sich hin. Er hatte die gewöhnlichen Grenzen des Lebensalters überschritten, sein Körper allein existirte nur noch, man durfte ihn nur anschauen, um zu erkennen, daß er wieder zum Kinde geworden war. Welch' trauriges Bild bot dieser Raum in seiner Vereinsamung, seiner Stille und Düsterheit! — Ein blödsinniger Greis, eine alte erblindete Frau, ein armes, vorzeitig verblühtes Mädchen, deren Jugend durch diese alten, für das Leben abgestorbenen Leute vergällt, deren Gesundheit innerhalb dieser dumpfen Mauern, die sie gefangen hielten, untergraben wurde. Aber so traurig ich mir das Schicksal Ursula's auch vorstellte, so übertraf doch die Wirklichkeit nach meinen Voraussetzungen, wie aus ihrer Lebensgeschichte hervorgeht, die sie mir eines Tages, als ich bei ihr am Fenster saß, treuherzig mittheilte. „Ich bin", so erzählte sie mir, „in diesem Hause geboren, und habe es seit meiner Geburt nicht verlassen; meine Eltern sind aber nicht von hier, sie sind hier eingewandert und wir stehen völlig allein, ohne Freunde, ohne irgend welche Verbindung; sie waren schon in den Jahren vorgeschritten, als sie heiratheten. — Meine Mutter erblindete und dies herbe Unglück trübte ihren Charakter. In unserem Hause war es immer ernst und gemessen, Alles war still und freudlos um mich her, man duldete nicht den geringsten Lärm von mir und ich wußte während meiner ganzen Lebzeit nicht einmal, daß ich durch einen Gesang, diese Stille unterbrochen hätte. — Nie ward mir irgend eine Liebkosung Seitens meiner Eltern zu Theil und dennoch liebten sie mich, gaben es aber in keiner Weise kund. Ich beurtheilte ihr Herz nach dem meinen, ich habe sie geliebt und zweifelte daher nie, daß ich auch von ihnen geliebt wurde. — Doch war mein Leben nicht immer so traurig, wie gegenwärtig, ich besaß eine Schwester ..... ." Die Augen Ursula's wurden naß, aber es flössen keine Thränen — sie waren gewohnt verborgen zu bleiben. Sie fuhr fort: „Ja, ich hatte eine ältere Schwester, sie war wie meine Mutter, still und schweigsam, war aber sonst, mitfühlend und liebreich mit mir. — Wir liebten uns innig und theilten uns völlig in der sorgsamsten Pflege unserer Eltern. — Niemals genossen wir das Vergnügen uns zusammen, außen, der schönen Natur zu freuen, und die schönen Ufer des Rheins, die herrlichen Waldungen und die reizenden Höhen zu genießen. Eine von uns mußte stets zu Hause sein, den alten, gebrechlichen Vater zu pflegen, der blinden Mutter hilfreich beizustehen. Die aber, der gegönnt war auf kurze Zeit in's Freie zu gehen, brachte dann einige Hagedornzweige heim, die sie an den Hecken gepflückt hatte und erzählte von der Sonne, von den Bäumen, von der frischen erquickenden Luft, was wir hier Alles entbehren mußten. So glaubte dann die Andere bei diesen Erzählungen, sie habe dieses Alles mitgenossen. — Abends arbeiteten wir zusammen beim Lichte der Lampe, dabei durften wir aber nicht sprechen, da unsere Eltern neben uns stets eingeschlafen waren, aber doch, wenn wir von unserer Arbeit aufsahen, begegnete jede von uns einem liebevollen Lächeln der Andern; wir schliefen beide in einem Zimmer und gingen nicht zu Bette, ohne daß wir uns nicht geküßt und „gute Nacht, schlaf wohl!" gesagt hätten. „Der liebe Gott hätte uns beisammen lassen sollen, nicht wahr? — aber doch ich murre nicht, — Martha ist ja glücklich da oben." i (Schluß folgt.) 189 Die durch die Sonneuwärme arbeitende Wafserpumpe von Foueault. Bei der letzten Weltausstellung in Paris zogen besonders die Reflexions-Apparate von M. Mouchot die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf sich. Diese bestanden in großen, parabolischen Spiegeln mit einem kleinen, centralen, tubulären Kessel. Das in diesem enthaltene Wasser sollte durch die vorn Spiegel zurückgeworfenen Sonnenstrahlen geheizt werden. Die Apparate waren mehr gelehrte Spielereien als praktisch verwendbare Maschinen. Nach der Ausstellung wurden sie aber von den Herren Pifre und Sakeron bedeutend vervollkommnet. Diese Mechaniker construirten Reflexions-Spiegel, welche in ihrem Brennpunkte einen Tubulair-Kessel enthielten, der eine bestimmte Menge industriell verwendbaren Dampfes erzeugte. Man kann durch dieselben in der That einen kleinen Motor, eine Wasserpumpe, ja selbst einen Pulsateur in Bewegung setzen. Wir zweifeln aber, daß diese Apparate je allgemeine Anwendung finden werden. Denn, wenn nichts anderes, ihre Kostspieligkeit, welche von der Nothwendigkeit bedingt wird, daß man erstens dem Spiegel eine automatische Bewegung geben muß, damit er den Lauf der Sonne verfolge, und zweitens, ihn sehr groß construircn, um eine starke erwärmende Kraft zu erhalten, wird ihrer allgemeinen Verbreitung ein starkes Hinderniß entgegensetzen. Die Lösung des Problems aber, wie man die Wärmekraft der Sonne in der Mechanik nutzbar machen könnte, wurde von einem genialen Physiker in die Hand genommen und, wenigstens in einer Richtung, das heißt, insoferne als man durch Sonnen- wärme Wasser heben kann, wie es uns scheint, praktisch gelöst. Dieser geniale Physiker ist Herr Foueault. Wir wollen seine Erfindung in ihren Grundsätzen besprechen. Der Apparat wurde von seinem Erfinder chemische Pumpe benannt. Um uns diese zu vergegenwärtigen, stellen wir uns eine gewöhnliche Saugröhre vor, welche im Wasser taucht und mit einem Ventile versehen ist. Sie verlängert sich nach oben in eine Ablaufröhre, die ebenfalls ein Ventil besitzt und in ein oberes Reservoir mündet, in welches das aufgesaugte Wasser sich ergießen muß, um zu weiteren Zwecken verwendet und anderswo hingeleitet zu werden. Im Verlaufe dieser Röhre mündet eine zweite Röhre, welche dieselbe mit dein Stiefel der Pumpe verbindet. Nun stellen wir uns in diesem Stiefel, der senkrecht steht, einen Piston vor, der auf- und absteigt, und der ganze Apparat wird als eine einfache Pumpe erscheinen, die Wasser aufsaugt und ausgießt. Sie unterscheidet sich aber von den anderen gewöhnlichen Pumpen dadurch, daß sie in einem weiten, geschlossenen Cylinder aus Eisenblech besteht, in welchem ein flüssiger Piston auf- und absteigt, der aus einer Schichte von Erdöl gebildet wird und der einen Schwimmer trägt, welcher einen um ein wenig kleineren Durchmesser hat als der innere Durchmesser des Stiefels ist, damit er sich in diesem frei bewegen könne, ohne an den Nieten oder anderen Erhabenheiten anzustreifen. Stellen wir uns weiter diesen flüssigen Piston am Ende seines Verlaufes angelangt vor, und über ihm ein mit genügender Spannkraft versehenes Gas, und wir werden leicht einsehen, daß dieses Gas den Piston hinabstoßen und in Folge dessen das darunter vorhandene Wasser durch die Ablaufröhren hinausstoßen wird. Wenn nun, sobald der flüssige Piston am unteren Ende seiner Bahn angelangt ist und noch bevor das Erdöl in die Saugröhre eindringen kann, der Druck von oben plötzlich aufhört und dagegen ein luftleerer Raum daselbst entsteht, ist es ebenfalls leicht einzusehen, daß der Piston wird hinaufsteigen müssen. Die Folge davon wird sein, daß der atmosphärische Druck das Wasser in die Aufsaug- röhren hinauftreiben wird, welches oberhalb des Aufsaugvcntils angelangt, durch den seitlichen Zweig der Saugröhre, eben in dem Maße, in welchem der Piston aufsteigt, den Stiefel der Pumpe füllen wird. Wir haben einen flüssigen Piston, welcher ohne jedwede Vorrichtung, ohne jegliche Reibung und ohne zu gestatten, daß ein Tropfen Wasser zwischen ihn und die Wand des Stiefels eindringe, in seinem Stiefel auf- und ^igt, denn wegen seines «erinneren specifischen Gewichtes muß er immer auf dem Wasser schwimmen. Der flüssige Pisten von Erdöl war also die erste griechische Idee von Foucault. > . . Da wir so weil in der Beschreibung der chemischen Pumpe gelangt sind, müssen wir untersuchen, wie eS geschieht, daß oberhalb des Pistons der Druck entsteht der denselben hinunterdrückt, und abwechselnd der luftleere Raum, der ihn hinaufzusteigen zwingt. Wir müssen außerdem noch untersuchen, inwieferne die erwännende Sonnenkraft bei dem beschriebenen Vorgänge eine Rolle spielt. Um dies aber leicht zu begreifen, müssen wir einige physikalische Sätze in Erwähnung bringen. Diese sind: 1. Das Ammoniakgas ist im Wasser sehr löslich, denn, wenn man eine Eprouvette voll von demselben Wasser umstürzt, ist seine Auflösung eine augenblickliche. 2. Die Auflösbarkeit des Ammoniaks im Wasser steht im umgekehrten Verhältnisse zur Temperatur des letzteren. 3. Ein Liter Wasser löst, bei -f- 15 Grad, 743 LitreS Ammoniak auf. 4. Bei -j- 24 Grade löst das Wasser kein Ammoniak auf. 5. Bei 50 Grade entweicht alles Ammoniakgas, welches früher im Wasser aufgelöst war. 6. Während das Wasser bei -s- 100 Grade Dampf von einer Atmosphäre Spannkraft entwickelt, ist die Spannkraft des aus einer ammoniakalischen Wasserlösung bei derselben Temperatur entweichenden Gases 7^/z Atmosphären gleich. 7. Dasselbe Wasser, welches erhitzt, das aufgelöste AmmoniakgaS entweichen läßt, löst selbes wieder auf, sobald es kalt wird. 8. Um eine bestimmte Menge von Spannkraft zu erzeugen, braucht eine ammonia- kalische Wafferlösung viel weniger Wärme-Einheiten als das Wasser, denn während jene bei 100 Grad nur 126 Wärme-Einheiten benöthiget, braucht dieses deren 537. Aus diesen Sätzen geht hervor, daß man aus einer ammoniakalischen Wasserlösung eine viel größere Spannkraft mittelst viel weniger Wärme erhalten kann, als wenn man Wasser in Dampf verwandelt, und daß man diese Spannkraft mittelst derselben Lösung constant regeneriren kann. Nun hatte Foucault die zweite glückliche Idee, die Spannkraft des AmmoniakgaseS zu benützen, um den flüssigen Piston in dem Stiefel der Pumpe in Bewegung zu setzen und die Wärmekraft der Sonne, um das Gas aus einer wässerigen Lösung frei zu machen oder selbes im Wasser wieder aufzulösen. Denn, wenn man eine wässerige Ammoniaklösung erwärmt, und das sich dabei entwickelnde Gas oberhalb des Pistons in den Pumpenstiefel eindringt, so wird dieser hinuntergedrückt. Wird aber die Lösung wieder kalt, so saugt sie das zuvor entwichene Gas wieder ein, es entsteht dadurch ein leerer Raum oberhalb des Pistons und dieser muß in die Höhe steigen. Daraus sieht man auch die Nothwendigkeit eines Pistons von Erdöl ein, welcher das Ammoniakgas von dem aufzuhebenden Wasser vollkommen absperrt, damit dieses kein Ammoniak aufsaugen könne, sondern das Gas nur mit dem Wasser in Verbindung bleibe, in welchem es aufgelöst war. Auf welche Art wird aber das Ammoniak-Gas von seiner Lösung entbunden, wie dringt es in den Pumpenstiefel oberhalb des Pistons ein, wie wird es von seinem Lösungswaffer eingesaugt? . . . Der Apparat, wo diese Vorgänge stattfinden, ist eiw eigenthümlich construirter Kessel, der mit dem Pumpenstiefel in Verbindung steht, von den Sonnenstrahlen erwärmt wird, und den wir Sonnenkessel nennen wollen. Er ift- aus zwei Platten von Eisenblech zusammengesetzt, die an ihren Rändern hermetisch genietet sind, und dazwischen einen 2 bis 3 Millimeter hohen, freien Raum einschließen. Wenn man nun diesen Kessel auf Schwellen horizontal liegend sich denkt, und sein Perimeter von einem erhabenen Rahmen umschrieben, damit seine obere Seite von einer Schichte von Wasser constant bedeckt sein könne, so hat man das klarste Bild dieses Sonnenkessels. Mittelst einer feinen Röhre kann tnan ihn mit der amMniakalischen 191 Lösung füllen, und mittelst einer anderen feinen Röhre steht er einerseits mit einem Kondensator und andererseits mit dem Stiefel der Pumpe oberhalb des PistonS in Verbindung. ' -7^- ' Der Kessel ist flach, um den Sonnenstrahlen die größtmöglichste Oberfläche darzubieten, und um sein Wärmeaufsaugungsvermögen.M- erhöhen, ist er schwarz gefärbt und unter ein Glasdach gestellt. Sobald die Sonne darauf scheint, entweicht das Ammoniak äuS der Lösung, es dringt in den Stiefel ober dem Piston hinein, drückt diesen hinunter, stößt vor sich das unter ihm vorhandene Wasser hinaus, und hebt folglich dasselbe bis zum oberen Behälter. Die chemische Pumpe muß so construirt sein, daß sowohl der Behälter als der Kessel und der Pumpenstiefel eine solche Größe haben, daß der Kessel während der ganzen Zeit arbeiten kann als die Sonnenstrahlen am wärmsten scheinen. Sobald die Ladung von Ammoniak, welche in dem Kessel enthalten war, verbraucht ist, oder das ganze in dem Pumpenstiefel enthaltene Wasser ausgestoßen wurde, muß man den Kessel abkühlen, damit die Wiedereinsaugung des Gases, die Entstehung eines leeren Raumes an dessen Stelle, und folglich das Aufsteigen des aufzupumpenden Wassers in den Stiefel vor sich gehe. Zu diesem Zwecke braucht man nur das Verschwinden der Sonne vom Horizonte oder die Kühle der Nacht abzuwarten. Es ist aber viel bester, um den Erfolg zu beschleunigen, auf die obere Seite des Kessels ein wenig frisches Wasser durch einen Syphon zu leiten, der automatisch zu spritzen anfängt, sobald das Wasser des oberen Behälters eine bestimmte Höhe erreicht hat, und aufhört, sobald das Letztere ein wenig heruntergesunken ist. Es ist leicht begreiflich, daß man eine verschiedene Anzahl von Apparaten zugleich in Thätigkeit wird setzen können, um ein größeres Resultat zu erzielen. ' Ebenso leicht wird man einsehen, daß man die Sonne durch jede andere Wärmequelle ersetzen kann. Der Erfinder zeigt seinen Freunden eine chemische Pumpe, welche von einer einfachen Petroleumlampe in Thätigkeit gesetzt wurde. Die Lampe wurde durch eine automatische Bewegung des Apparates dem Kessel-untergeschoben, oder von-demselben entfernt. Nun entsteht die Frage: Ist diese chemische Pumpe in her That eine hydraulische Maschine, welche eine Zukunft hat/ eine Maschine, welche zu hydraulischen Zwecken wird im Großen verwendet werden können? . . . Wir zweifeln gar nicht daran, denn erstens muß sie sehr billig zu stehen kommen, und zweitens kostet ihre in Thätigkeitsetzung gar nichts in Ländern, wo die Sonne sehr warm und lange am Himmel scheint. Selbst in dem Falle, daß man sie durch eine künstliche Wärmequelle in Thätigkeit erhalten müßte, beweisen die Berechnungen, die wir oben angeführt haben, daß die Betriebskosten derselben kaum zu vergleichen wären mit denen einer Dampfpumpe. Wir müssen noch besonders betonen, daß die wässerige Ammoniaklösung sehr billig im Handel vorkommt, und daß der einmal vollgefüllte Kessel ohne weitere Nachfüllung jahrelang functioniren kann. Man könnte aber glauben, daß mit der chemischen Pumpe die Arbeit noch nicht continuirlich sein kann, das heißt, daß, wenn man Wasser zu pumpen angefangen hat, man diese Arbeit jedesmal und während der ganzen Zeit unterbrechen muß, als der Kessel auskühlt. Dies wäre ein großer Fehler. Die Sache verhält sich aber nicht so. Denn man braucht nur zwei Pumpen neben einander aufzustellen und mit denselben abwechselnd auszupumpen, d. h., während ein Kessel auskühlt, den anderen durch dieselbe Wärmequelle zu heizen, lind die Arbeit wird ununterbrochen vor sich gehen. In der Ueberzeugung also,- daß die chemische Pumpe von Foucault vor jedem anderen Pumpensysteme den Vorzug verdient, und hauptsächlich in der Landwirthschaft, wo man heutzutage leider nur durch die Verringerung der Produktionskosten im Stande ist, seine Steuer aufzubringen, bald eine große Rolle spielen wird, haben wir keinen Anstand genommen, sie hiemit bekannt zu machen. Auch thun wir dies um so liebes als die chemische Pumpe schon beurtheilt und uns anempfohlen wurde von einem der ersten mechanischen Ingenieure Frankreichs, von Herrn Poillon, welcher kein Mechaniker am Rechentisch, sondern Besitzer einer großartigen mechanischen Fabrik ist. ^W. V.) M i s e e l l e rr. (Theorie und Praxis.) Professor der Therapie, von seinen Schülern umgeben, tritt in der Klinik an das Bett eines Kranken, der am Delirium tremens leidet, und fragt den Patienten: „Ihr Gewerbe?" — Patient: „Musikant." — Professor: „Meine Herren! Es ist eine Thatsache, daß die Behandlung von Blasinstrumenten die Kehle dermaßen austrocknet, daß nur durch häufigen und ausgiebigen Gebrauch von Getränken — natürlich meistens alkoholhaltige — der Bläser der Ausübung seines Berufs nachzukommen vermag. Eine natürliche Folge dieses Mißbrauches von Getränken ist die Krankheit, die wir hier vor uns haben. Welches Instrument blasen Sie?" — Patient (mit matter Stimme): Violoncelli" (Ein nützliches Hausthier.) „Kannst du mir ein recht nützliches Hausthier nennen?" fragte eine Erzieherin ihre Schülerin. — Das Kind sinnt nach, dann ruft es jubelnd: „Der Storch, der Storch!" — „Aber, Kind! der Storch ist kein Hausthier." — „Er sitzt aber doch stets auf unserem Hause." — „Nun, wenn er auch ein Hausthier wäre, nützlich ist er unserem Hause darum nicht." — „Doch Fräulein! Er bringt uns alle Jahre ein Brüderchen oder Schwesterchen." (Eine Sünde kann auch eine Tugend werden.) Der Kornhändler Bär hat auf Ostern gebeichtet, daß er hie und da schlechtes Korn unter das gute mischte. „Das ist eine schwere Sünde, sagte der geistliche Herr, „wenn Ihr das wieder thut, kann ich Euch nicht mehr absolviren." Der Bär läßt das Mischen nicht, beichtet aber das nächste Mal: „Ew. Hochwürden, ich hab' meine Sünd' wieder gut g'macht und gutes Korn unter das Schlechte gemischt." „Sagten Sie nicht," fragte ein Professor der Medizin einen der prakticirenden Studenten, „daß das Fieber des alten Hirsenmayer weggegangen sei?" — „Jawohl, Herr Professor; aber es hat den Kranken mitgenommen." (Bei der Militärconscription.) Feldwebel: „Wer einen Fehler angeben will, der muß sich ausziehen!" — Conscribirter: „Ich habe aber blos ein Augenleiden, Herr Feldwebel?" — Feldwebel: „Macht nichts — ausziehen!" Jude: „So bezahlen Sie mir doch die Kleinigkeit, sehr geehrter Herr! Sie wissen ja doch, wer bezahlt seine Schulden, thut verbessern seine Güter!" — Student: „Glauben Sie doch den Schwindel nicht, das ist nur so'n Gerücht, was die Gläubiger ausgesprengt haben." ^riginal-Charade. Doch wenn euch Gott nicht gnädig ist Wenn Zwietracht herrscht, und Trug und List Ja freilich, dann gibt's manchen Zwist; Der Gram, der dann am Herzen frißt Wird früh die Wange bleichen. Es bleibt, wenn man es rückwärts liest Genau das was es vorwärts ist, Dieß Wörtchen von drei Zeichen. Auslösung der Original-Charade in Nr. 21: Nazareth, Lazareth. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Berlag des Literarischen Instituts vonvr. M. Huttler. Nr. 25. 1880. zur „Angslmrger Po jheituug." Samstag, 25. September Willst Du Großes, laß das Zagen, Thu' nach kühner Schwimmer Brauch! Rüstig gist's die Muth Zu Wagen, Doch es -rügt die Fluch Dich auch. G-ibel. Ein Opfer aus Kindesliebe. fEin Bild aus dem Leben, erzählt von F. von Carneville. (Schluß.) ^ch weiß nicht war es Mangel an Luft und Bewegung oder war es unser trauriges Geschick, das den Keim zu Martha's Krankheit legte; aber ich sah sie täglich schwacher und leidender werden. Ach, nur ich allein machte diese Wahrnehmungen und beunruhigte mich ihrethalben; meine Mutter konnte sie nicht sehen und Martha beklagte sich nicht, und mein Vater war schon damals in dein Zustande der Empfindungslosigkeit, in dem Sie ihn heute sehen. Erst später vermochte ich meine Schwester dahin zu bringen, einen Arzt zu Rathe zu ziehen; aber es ivar zu spät, er konnte nicht mehr helfen, sie kränkelte noch einige Zeit, dann starb sie. Vor ihrem Tode, ich saß weinend an ihrem Bette, ergriff sie meine Rechte mit ihren zitternden Händen und sagte, mich liebevoll anblickend: „Lebe wohl, meine arme Ursula! — Ich bemitleide nur Dich allein auf Erden; aber sei guten Muthes, pflege sorgsam unsere armen Eltern, sie sind gut, sie lieben uns, wenn sie es auch nicht kund geben. Schone ihretwegen Deine Gesundheit, erhalte Dich ihnen, denn Du darfst nicht vor ihnen sterben. Gott befohlen, liebe Ursula, weine nicht zu viel, bete fleißig und nun — auf Wiedersehen Ursula!" Drei Tage darauf trug man meine arme Martha, in einen Sarg gebettet, aus dem Hause und ich blieb allein bei meinen Eltern. Als ich meiner blinden Mutter den Tod Martha's verkündete, stieß sie einen Schmerzensschrei aus, erhob sich von ihrem Sitze, wankte noch einige Schritte vorwärts, sank dann in die Kniee, weinte und schien zu beten. Ich näherte mich ihr dann und leitete sie auf ihren Stuhl zurück. Seitdem hat sie nicht mehr geweint, aber schweigsamer ist sie geworden, und öfter als sonst, sah stch die Korallen des Rosenkranzes durch ihre Finger rollen. Ich habe nun fast nichts mehr zu erzählen. An dem geringen Vermögen, das wir besaßen, haben wir empfindliche Verluste erlitten; ich verschwieg es aber meinen Eltern, und suchte durch Handarbeiten, die ich heimlich verkaufe, und für die ich gerne Abnehmer- finde, diese Verluste zu ersetzen. Seit meine Schwester todt ist, habe ich mit Niemanden Umgang. An den Sonntagen gehe ich ein wenig inS Freie, ich gehe jedoch nicht weit,, da ich immer allein bin, und auch fürchte, meine Eltern möchten meiner bedürfen und mich vermissen. 194 An diesem Fenster träumte ich oft, viele Hoffnungen malte ich mir in schönen Bildern aus, aber mein Geschick blieb dasselbe, Jahre um Jahre flössen einförmig dahin, und so habe ich 29 Jahre erreicht, — Traurigkeit hat mehr als die Jahre mein Gesicht gealtert; — damit ist Alles gesagt! ich erwarte nichts mehr, ich hoffe nichts mehr und werde so mein einsames Leben beschließen. — Ich denke nur immer an die letzten Worte Martha's: „Auf Wiedersehen, liebe Schwester", ich bete oft, ich weine selten und in leidender Ergebung lebe ich dahin! — Damit habe ich Ihnen meine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt, was ich Ihrer freundlichen Theilnahme halber, Ihnen schuldig zu sein glaubte. —- „Und Sie, Sie sind wohl glücklich?" Ich antwortete nicht auf die Frage Ursula's, denn einem Unglücklichen gegenüber von Glück zu sprechen, vermehrt noch seinen Kummer über sein Mißgeschick. Ich setzte meine Besuche bei Ursula fleißig fort, ich war ihr im wahren Sinn des Wortes ein Freund geworden und sie dachte schon mit Bedauern der Zeit, wo ich den bisherigen Aufenthalt wechseln würde. Da traf zu unserer großen und aber nicht freudigen Ueberraschung der Befehl ein, daß wir noch ein weiteres Jahr in dieser Festung zu garnisoniren hatten, was Ursula nicht wenig zu trösten schien. An einem Herbstabend, als ich eben wieder meinen gewohnten Spaziergang machen wollte, besuchte mich ein junger Mann, Bahnbeamter im nächstgelegenen Städtchen, den ich kennen und schätzen lernte. — Als er mich eben am Ausbrechen traf, bot er sich an, mich zu begleiten und wir schlugen dann den bekannten Weg ein. Ich weiß nicht mehr, wie die Rede darauf kam, aber ich sprach von Ursula und von dem Interesse, das ich für sie hegte, und als der junge Beamte, den ich Moritz Erwald nennen will, Gefallen an meiner Erzählung fand, gingen wir langsamer und als wir das graue Häuschen erreicht hatten, wußte er bereits die ganze Lebensbeschreibung Ursula's. Natürlich schaute er sie nun mit Interesse und Mitleid an, als er sie am Fenster sah; er grüßte sie und verabschiedete sich dann von mir. — Ursula, betreten durch die Gegenwart des Fremden, da sie nur mich zu sehen erwartete, erröthete und ich muß gestehen, ich fand sie wirklich hübsch. Es war seitdem geraume Zeit verflossen, als ich von einem Spaziergange zurückkehrend, wieder auf Erwald traf. Er begleitete mich, ich sagte ihm, daß ich Ursula besuchen wolle, und ich weiß nicht wie, aber es kamen mir plötzlich allerlei Gedanken, die mich schweigsam machten und ich meinte, dieser junge Mann müsse diese Gedanken errathen. Es war ein wunderschöner Herbstabend kein Blatt an den Bäumen bewegte sich, die von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchtet waren, und inmitten dieser schönen Natur, gab man sich unwillkürlich einer Stimmung hin, die die Seele bewegt und in der wir gewissermaßen besser werden. So erreichten wir denn das schmale Gäßchen mit seinen düstern Mauern; ich gewahrte bereits Ursula am offenen Fenster, das von einem schwachen Strahl der scheidenden Sonne beleuchtet war. „Da ist Ursula, um auch den schönen Abend zu genießen, soweit er sich in diesem traurigen Winkel genießen läßt", hub ich an, als ich seine Aufmerksamkeit sah, mit der er sie betrachtete, indem wir uns dem Hause näherten. Die auf sie gehefteten Blicke, brachten das arme Kind, das in dieser Beziehung noch schüchtern war, wie mit fünfzehn Jahren, sichtlich in Verlegenheit, als wir an ihr Fenster traten. Ich sprach mit ihr und Erwald mischte sich zeitweise in unser Gespräch, verabschiedete sich aber bald, Ursula freundlich grüßend. Seit dieser Zeit passirte er auch oft diese Gasse, wenn er in die Stadt kam, und grüßte Ursula freundlichst. — Einmal als er wieder bei mir war, lud ich ihn ein, mit mir bei Martha einzutreten. Wir unterhielten uns mit gewöhnlichen Gesprächen; Ursula begegnete den Blicken Erwald's. wie sie den meinigen begegnet war, es war immer das Bild einer mutor üolornkm! — Was Erwald anbelangt, so war seine große Theilnahme für das gute Geschöpf unverkennbar und diese Empfindung entsprang sicherlich seiner Zuneigung für sie; dabei 195 war das Gemüth des jungen Mannes ein wenig exaltirt und träumerisch, und die Traurigkeit, die Ursula umgab, übten auf ihn einen eigenen Reiz aus. Ein paar Wochen später begleitete mich eines Abends Moritz Erwald auf einem Spaziergange und stellte dabei u. A. die Fragen an mich: „Halten Sie nicht dafür, daß ein besonderes Glück darin besteht, das Glück eines uns theuren Wesens zu gründen? — liegt nicht in der Freude, die man Anderen bereitet, eine ungemeine Genugthuung für sich selbst? — Eine edle, gefühlvolle Seele, die durch die Ungunst der Verhältnisse, bereits für das Leben abgestorben ist, wieder zu erwecken, sie dem Leben wieder zu gewinnen — ist das nicht ein schöner Traum?" Ich sah ihn mit fragendem Blicke an. „Ja", sagte er, „ich habe überlegt, fragen Sie Ursula, ob sie geneigt wäre mich zu ehelichen, ob ihr das Schicksal, das ich ihr mit aufrichtigem Herzen zu bieten vermag, genügt." — In der That ich war höchlichst erfreut über dies Geständniß und versicherte ihn, daß ich mich dieser Mission mit Vergnügen unterziehen wolle und mich zu diesem Behufe augenblicklich zu Ursula begeben würde. Als ich bei Ursula eintraf, fand ich sie an der gewohnten Stelle, arbeitend und traurig träumend. Die stete Einsamkeit, die traurige Einförmigkeit in dieser abgelegenen Gasse, diese trübselige nächste Umgebung, alles hat ihre Seele verkümmert und eingeschläfert. Sie lächelte, als sie mich erblickte; dies war auch aber die einzige Bewegung, die sie zeigte. — Ich war sehr begierig, wie sie meine Anfrage aufnehmen würde, ich wollte sehen, ob das Leben bei ihr nur abwesend, oder ob es bereits vollkommen erloschen war. Ich setzte mich ihr gegenüber, faßte ihre beiden Hände und sie fest anblickend, sprach ich zu ihr: „Ursula, Moritz Erwald hat mich beauftragt Sie zu fragen, ob Sie seine Frau werden wollten." Das arme Mädchen war wie vom Blitze getroffen; Thränen schössen in ihre Augen, ihr Blick gewann Leben; — ihr Blut, so lange zurückgehalten, pulsirte in kräftigen Schlägen, und ihr Gesicht überzog eine lebhafte Nöthe. — Ursula war nur eingeschläfert, nicht abgestorben. — Wie die Stimme des Herrn zu jenem todten Mädchen sagte: „Steh' auf und geh'!" — ebenso sagte die Liebe zu Ursula: „Erwache!" — Ursula liebte; vielleicht, daß sie ihn schon im Stillen liebte, und jetzt der Schleier riß, der diese Liebe ihr selbst verhüllt hat. — Einen Moment darauf drückte sie ihre Hand gegen die Stirne und sagte leise: „wäre es möglich?" Ich konnte nur meine Worte wiederholen: „Ja, Moritz Erwald fragt, ob Sie seine Frau werden wollen?" „Seine Frau?"-Und sich auf ihre blinde Mutter stürzend, rief sie ihr entgegen: „Mutter, habt ihr gehört? Er begehrt mich zur Frau!" „Mein Kind", antwortete die arme Blinde, die Hand Ursula's suchend, „mein geliebtes Kind, Gott wird früh oder spät Deine Tugenden belohnen." „Mein Gott!" rief Ursula, „was begegnet mir heute? — Moritz verlangt mich zur Frau, und meine Mutter nannte mich ihr geliebtes Kind!" Thränen in ihren Augen schwieg sie, sie schien still für sich zu beten. In diesem Augenblicke ging die Hausthüre und Schritte wurden im Vorflötzs hörbar. — „Das ist er!" rief Ursula sich rasch erhebend und ihre Hände über die Brust kreuzend, fügte sie bei: „Mein Gott, so ist denn hier Innen wieder neues Leben erwacht!" Ich verließ das Haus, Erwald grüßend und ihm verkündend, daß sein Begehren gute Aufnahme fand. — Ursula war wahrlich schön in ihren Thränen und in ihrer Aufregung. Seit diesem Tage war Ursula wie umgewandelt. Sie lebte neu auf, sie verjüngte sich unter dem süßen Einfluß ihres Glücks und mit dem Leben kehrte auch ihre Schön- heil wieder zurück; ihre Wangen rötheten sich, ihre Augen glänzten in Freude und Alles in ihr zeigte, daß ihre Wünsche nun erfüllt waren. Moritz verbrachte jetzt meist seine Abende bei dem geliebten Mädchen; das düstere Stübchen, die einfache Ausstattung desselben, die traurige, schweigsame Gesellschaft der greisen Eltern, — Alles heimelte ihn fromm an und er war glücklich mit der Geliebten, als wenn die reizendste Umgebung ihr Beisammensein verschönte; ihre Unterhaltung war aber keine lebhafte, sie betrachteten sich und träumten beide von dem Glücke ihrer ! Zukunft. - l So verfloß für Ursula und Moritz eine sehr glückliche Zeit. . Eines Abends schien Moritz, als er zum Besuche kam, etwas aufgeregt und bald nachdem er seine Braut begrüßt hatte, machte er ihr voll Freude die Mittheilung, daß l er Nachricht erhalten habe, daß er befördert würde, und in ein recht hübsches Städtchen s an der sächsischen Grenze käme. — „Wir müssen nun", fuhr er fort, „unsere Verehe- lichung beschleunigen, damit Du gleich mit mir reisen kannst." „Das ist dann wohl eine weite Reise?" frug Ursula. „Allerdings, aber Du scheinst mir ja über diese Kunde erschreckt zu sein", meine liebe Ursula, und ich dächte doch, es müsse Dich freuen/ein neues Land zu sehen und von diesem garstigen Erdenwinkcl einmal Abschied zu nehmen." „Es ist nicht meinetwegen, lieber Moritz, mir ist natürlich ein neuer Aufenthalt mit Dir gewiß höchst willkommen und macht mich glücklich; aber für meine armen Eltern ist eine weite Reise bei ihrem hohen Alter und ihrer Presthaftigkeit eine große Beschwerde." Moritz stand stumm vor Ursula; er hatte zwar vorausgesehen, daß seine geliebte Braut, indem sie sein unstetes Leben als Eisenbahnbeamter theilen wolle, sich bei ihrer großen Liebe, die sie für ihre Eltern hegte, nur schwer von ihnen trennen würde, zweifelte . aber doch nicht, daß sie ihre Liebe zu ihm und die Versorgung, die er ihr bot, schließlich ihren Schmerz, von ihren alten Eltern scheiden zu müssen, bewältigen würde. — So schwer es ihm denn ankam, ihr diese bittere Stunde bereiten zu müßen, glaubte er doch nicht länger zögern zu dürfen, sie in dieser Beziehung aufzuklären und zu trösten. Er faßte daher ihre Hand und sprach liebevoll zu ihr: „Meine Theure, bei den: wandernden Leben, das mir mindestens im Anfange bevorsteht, ist es wohl unmöglich, daß Deine alten und gebrechlichen Eltern uns folgen können! — bis jetzt haben wir allerdings nur geliebt und von dem Glücke unserer Zukunft geträumt, ohne die nähern Umstände zu erwägen, die mit unserer Berheirathung eintreten müssen; nun ist aber der Moment gekommen, darüber eingehend sprechen zu müssen; Du weißt, Geliebte, ich bin ohne Vermögen, ich beginne erst meine Carrisre, meine Besoldung ist gering und legt uns noch große Genügsamkeit auf, wobei ich auf Deinen Muth zähle. Die Mitnahme Deiner Eltern in unseren kleinen Haushalt würde daher mit dem besten Willen und bei aller Aufopferung nicht ausführbar sein." — „Meinen Vater und meine Mutter verlassen?" rief Ursula. „Lasse sie mit dem Wenigen, was sie besitzen, in diesem kleinen Hause; vertraue sie sicheren Händen und Du, Du folgst Deinem Gatten!" — , „Vater und Mutter verlassen?" wiederholte Ursula, — „aber weißt Du denn nicht, ' daß das, was sie besitzen, nicht zu ihrer Existenz ausreicht; um den Zins für diese s traurige Wohnung zu zahlen, arbeite ich zu ihrem Besten! seit zwölf Jahren sorge ich k allein für Fristung ihres Lebens!" > „Meine arme Ursula", nahm Moritz wieder das Wort, — „man muß sich in's i Unvermeidliche fügen, — eröffne ihnen endlich, daß sie ihr Vermögen längst eingebüßt haben, daß sie bisher lediglich durch Deine Handarbeit ernährt wurden, — daß Du Dich k aber jetzt verheirathen kannst, und daß sie sich in die Nothwendigkeit fügen müßten, von s der Gemeinde versorgt zu werden." I „Abreisen ohne sie! — das ist unmöglich! — sie der Gemeinde aufbürden, heißt ? 197 sie der Noth und Entbehrung Preis geben! — Nein, durch meine Arbeit müssen sie erhalten, muß ihnen das Alter so wenig kümmerlich als möglich gemacht werden!" — „Ursula, meine theure Ursula!" nahm Moritz wieder das Wort, die Hände des armen Mädchens in die seinigen fassend, — „ich beschwöre Dich, lasse Dich von den edlen Regungen Deiner großmüthigen Seele, nicht zu weit reißen! sehe der Wahrheit in's Gesicht; wir schlagen ja nicht aus etwas zu geben, sondern wir sind nur im Anfange nicht im Stande etwas zu thun. Wir würden jetzt allein leben und können das nur, weil mir Muth haben zu entbehren." — „Ich kann meine Eltern nicht verlassen!" nahm Ursula in herzzerreißendem Tone das Wort, indem sie die beiden Greise wehmüthig ansah, die auf ihren Stühlen eingeschlafen waren. „Liebst Du mich nicht, Ursula? — vermagst Du meinethalben kein Opfer zu bringen?" frug Moritz seine Verlobte. Das arme Mädchen antwortete nur durch einen Strom von Thränen. Moritz blieb noch länger bei ihr. Er sagte ihr tausend zärtliche Worte; er erklärte ihr wiederholt die bescheidene Stellung, in der sie zu leben gezwungen seien, er suchte sie zu überzeugen, daß die Opfer, die sie ihren Eltern bringen wollte, über ihre Kindespflicht hinausgingen, aber er konnte sie zu keinem Entschlüsse bringen, und verließ sie, ihr hundert gefühlvolle Namen beilegend, mit der Bitte seiner Worte noch wohl gedenken zu wollen. Sie ließ ihn sprechen, ohne zu antworten, und nur Thränen waren ihr Abschied. Andern Morgens als sie ins Zimmer trat, schloß sie das Fenster, das über Nacht in ihrer Bestürzung offen blieb; bleich und zitternd vor Frost und Bewegung, nahm sie Tinte und Feder und schrieb: „Lebe wohl, Moritz! — Ich habe überlegt, mit mir gekämpft und bin zu dem Entschlüsse gekommen, daß ich bei meinen armen Eltern bleibe. Sie in ihrem hohen Alter verlassen, hieße sie tödtcn! — Sie haben Niemand mehr als mich auf der Welt! — Meine Schwester hat in ihrer letzten Stunde sie mir anvertraut und ihre letzten Worte waren: „auf Wiedersehen Ursula!" — Ich müßte auf dies Wiedersehen verzichten, wenn ich diese meine letzte und heiligste Pflicht nicht erfüllte! „Ich liebe Dich von ganzem Herzen und werde Dich stets lieben. Mein ganzes künftiges Leben wird nur eine Erinnerung an die glückliche Zeit sein, wo wir für einander lebten. — Du warst gut, warst großmüthig und edel, aber ach! wir sind zu arm um uns zu vereinen. — Ich habe mir Deine Worte von gestern wohl eingeprägt und sie auch vollkommen verstanden. Leb' wohl! es kostet mich fürwahr eine große Gewalt, Dir diese Worte zu schreiben! — — Ich wünsche gewiß, daß Deine Zukunft, eine glückliche sein möge! — Eine andere Frau wird Dich besitzen — o sie ist beneidens- werth in diesem Besitze, der der schönste Traum meines Lebens war! — Gott befohlen, vergesse nicht ganz die arme Ursula! und damit lebe wohl mein Freund; — ach, ich wußte es ja, daß es mir nicht beschieden sei, je glücklich zu werden. Ursula." Ursula sah Moritz, sah mich wieder; — aber alle unsere Bitten, alle unsere Vorstellungen waren umsonst, — sie wollte ihre Eltern um keinen Preis verlassen. „Ich muß für sie arbeiten — für ihren Unterhalt sorgen, ich habe es meiner Schwester am Todcsbett gelobt", sagte sie. Vergebens sprach ich von der Liebe Moritzens, daß sein Glück allein in ihrer Liebe lag, mit einer Art von Grausamkeit, machte ich sie auf ihr Alter aufmerksam, das bereits so vorgeschritten sei, daß vielleicht keine Gelegenheit sich Mehr bieten würde, ihr Schicksal so vortheilhaft zu ändern. — Sie weinte, indem sie mich anhörte, und die Thränen sielen auf ihre Stickerei, — dann leise, als ob sie mit sich spräche, murmelte sie: „sie würden sterben, ich muß für sie leben und arbeiten!" — Zuletzt forderte sie von nur, daß ihre Mutter nicht von dem unterrichtet werde, was zwischen uns vorging. Ich versprach es, obwohl ich wußte, daß die, für die sie sich opferte, sie wie immer, ignoriren werden. Dem war auch so, eine fromme Lüge täuschte 198 sie über die Ursachen des Abbrechens des Verhältnisses mit Moritz und — Ursula hatte wieder ihren Platz am Fenster inne und arbeitete wieder an ihren Stickereien ohne Unterlaß, bleich und gebrochen. Erwald hatte noch immer gehofft, Ursula werde schließlich ihren Entschluß ändern und machte endlich den letzten Versuch, indem er sie auf's inständigste bat, sein Weib zu werden, und ihm zu folgen; allein umsonst, tiefbetrübt nahm er von Ursula Abschied und wünschte ihr Glück und Segen. So kam ein Tag, Ursula saß an ihrem Fenster, da hörte sie in der Ferne Militär- Musik; es war das Bataillon, welches die Garnison verließ, und die frohen Klänge sendeten ihre Abschiedsgrüße in das schmale Gäßchen, zu Ursula's Fenster. Das arme Kind ließ ihre Arbeit auf die Schooß fallen und bedeckte ihre Augen mit ihren Händen; der Abschied, den ich Tags vorher von ihr genommen, ist ihr schwer gefallen, und sie versprach, mir von Zeit zu Zeit von ihr Nachricht zu geben. Am Abend jenes Tages, wo sie sich von Moritz trennte, jenes Tages, an dem sie das große Opfer gebracht hatte, setzte sie sich, nachdem sie ihren Eltern noch die gewohnte Sorgfalt und Pflege angedeihen ließ, zu Füssen des Bettes ihrer Mutter und heftete ihre thränenfeuchten Blicke wehmüthig auf die blinde Greisin. — Sie sanft an der Hand fassend, murmelte die arme, verlassene Braut mit bewegter Stimme: „Theure Mutter! — nicht wahr, Du liebst mich? — Meine Gegenwart thut Dir wohl? — Du würdest leiden, wenn ich Dich verließe? — Die Blinde wendete den Kopf gegen die Mauer und antwortete: „Mein Gott, Ursula, ich bin müde, störe mich nicht mit diesem Gerede in meiner Ruhe." Das waren die Worte der Anerkennung und Liebe, die sich Ursula erbeten hatte, als einzigen Lohn für die schmerzliche Ergebung, für das Opfer, das sie aus Kindesliebe gebracht hatte, damit war die Mutter eingeschlafen und hatte ihr die Hand entzogen, die ihr armes Kind so zärtlich und liebevoll gefaßt hatte. Da flüchtete die Arme zu dem an der Mauer hängenden, von der Zeit gebräunten hölzernen Crucifix, warf sich auf die Kniee und suchte Trost und Kraft im Vertrauen zum leidenden Christus, und nachdem sie lange gebetet, verließ sie, neugestärkt durch ihren Glauben, die Schlafstube ihrer Eltern. Nun wurde Ursula mit jedem Tage bleicher, stiller und in ihr Schicksal ergeben. Die vielen Thränen hatten die letzten Spuren von Jugend und Schönheit verwischt; sie hatte auffällig in kurzer Zeit gealtert, — ihr wohl glcichgiltig, sie hatte ja doch Niemanden mehr zu gefallen. Von Moritz Erwald hörte sie nach seiner Abreise nichts mehr. Ursula war für ihn ein anmuthiges'Bild gewesen, dessen Melancholie seinem Gemüthe entsprach und sein Verlangen reizte; mit dem Entfernen von dem Bilde, bleichten aber dessen Farben, bis sie schließlich gänzlich erlöschten. Er hatte sie wohl bald vergessen! — Ein Jahr nach diesen Begebenheiten erkrankte die alte Mutter, sie litt nur kurze Zeit, ihr Uebel war nicht zu heilen; Ursula hatte gewacht und gebetet am Krankenlager, sie erhielt noch ihren Segen und ihren letzten Seufzer. „Nun Martha", sprach sie, „nun ist unsere Mutter bei Dir! — begleite sie zu Gott!" Der nun allein zurückgebliebene Greis fühlte den Verlust schwerer als man bei seinem Stumpfsein geglaubt hatte. — Mit Wehmuth und Schmerz weilte sein Blick aus dem Stuhle, in dem seine langjährige Lebensgefährtin so treu und ausdauernd geweilt hatte. Umsonst suchte Ursula ihn zu trösten, ihn zu zerstreuen, immer wiederholte er die Worte: „mein Weib!" und Thränen rollten dann über seine abgezehrten Wangen; er mußte fast gezwungen werden, die nöthige Nahrung zu sich zu nehmen, und wenige Wochen waren verflossen, da folgte der Arme seinem Weibe. — Als man den Sarg, der ihren Vater einschloß, aus dem alten, traurigen Hause trug, da weinte Ursula bitterlich und jammerte: „Mein Gott, ich hätte verdient, daß sie länger gelebt hätten." Ursula war dann allein. — Viele Jahre sind seitdem verflossen, ich habe oftmals ...- -- meinen Aufenthalt gewechselt und Hunderte von Begebenheiten sind sich in meinem Leben gefolgt, ohne daß aber die Erinnerung an die Geschichte dieses armen Mädchens in mir erloschen wäre. — Ihre Briefe unterblieben mit der Nachricht über den Tod ihres Vaters, — was ist aus ihr geworden? ist sie noch am Leben oder ist sie auch bereits ihren Eltern gefolgt? — Es wäre ihr fast zu wünschen, denn sie gehörte jedenfalls zu den Geschöpfen, denen kein Glück hienieden beschieden war. Ein scharfer Kegler. Der Gerichtssaal-Berichterstatter des „N. Wiener Tagbl." veröffentlicht unter der Überschrift: „Auf der Kegelbahn" eine sehr humoristische Proceßgeschichte. Unter den Besuchern von Eibels Garten herrschte lange eine düstere Vorahnung schauerlicher Unglücksfälle, deren Schauplatz die Kegelbahn sein werde. Es pflegte nämlich an Freitagabenden sich dort eine Gesellschaft zu belustigen, deren Mitglieder fast durchwegs sogenannte scharfe Schieber waren. Wenn diese Gesellschaft die Kegelbahn besetzt hielt, dann war der Garten ein sehr unheimlicher Aufenthalt. Die Kegel flogen häufig bis zu den Tischen der Gäste und die Kugeln sausten über deren Köpfe hinweg in den Nachbargarten, wo sie die stärksten Baumäste wie Stroh knickten und sicher ab und zu auch ein Menschenleben vernichtet hätten, wenn die nachbarliche Familie nicht schon im Frühjahre auf das Land gezogen wäre. Im Laufe des Sommers mußten nicht weniger als vier hoffnungsvolle Kegelknaben vom Platze getragen werden, weil sie von rückprallenden Kugeln zu Boden gestreckt worden waren, und eines Tages verbreitete sich gar im ganzen Bezirke das Gerücht von einer schauderhaften Blutthat, die in Eibels Garten begangen worden sein sollte. Es war jedoch nichts weiter geschehen, als daß ein waghalsiger Schneidergehilfe, welcher in der Nähe des Ladens dem Spiele zuschaute, um seine sämmtlichen Vorderzähne gekommen war, indem eine aufgeschlagene und daher aus der Bahn gesprungene Kugel den Unseligen an den Kinnladen getroffen hatte. In Folge der vielen Schadenersatzklagen war diese überaus kräftige Kegelgesellschaft genöthigt, sich zugleich als ein Sparvercin zu konstituiren, dessen Spielerträgnisse sämmtlich in eine Kasse flössen, aus welcher die Auslagen für das zerstörte Gesicht des Schneidergehilfen und die Spitalkosten für die vier elendiglich niedergeschobenen Kegelbuben gedeckt wurden. Auch wurde bestimmt, daß in Zukunft jeder „Schieber" die Kosten der Verwundung eines Kegelbuben oder Zuschauers aus seiner eigenen Tasche zu tragen habe, denn es bestand der Verdacht, daß im anderen Falle mit noch größerer Unachtsamkeit hinausgeschoben werden würde. Sonderbarer Weise war der gefürchtetste Kegelscheiber ein schmächtiger junger Mann, Namens Hermann Prinz, mit krausen Haaren und Goldbrille, der, wie es schien, all' seine Lebenskraft ausschließlich auf die Beförderung von Kugeln verwendete. Er setzte nämlich seinen einzigen Ehrgeiz darin, als ein „Stecher" zu gelten, das heißt, als ein Mann, dem es gelingt, bei der Kriegspartie (Parteln) auch alleinstehende Kegel zu treffen. Obwohl so kurzsichtig, daß er regelmäßig noch einen Nasenklemmer vor die Augengläser stecken mußte, wenn er nach den Kegeln zielte, hatte es Herr Prinz doch allmälig zu dem schmeichelhaftem Rufe eines „Stechers" gebracht, weil er mit unfehlbarer Sicherheit den linken Eckkegel niederschieb. Es war dies schon so notorisch, daß Niemand diesen Kegel äuf's Korn nahm, wenn Herr Prinz anwesend war, sondern dieser Triumph immer diesem hervorragenden „Stecher" überlassen wurde. Herr Prinz tappte dann mit dem rechten Fuße nach einer Höhlung im Boden, in welche er den Absatz zu stellen gewohnt war, schob die Rockschösse sorgfältig in den Ellbogen der linken Hand und versetzte hierauf seinen Körper in eine schwingende Bewegung. Nach einigen Secunden sprang er wie ein Tiger vorwärts mitten auf das Brett, und die Kugel flog unter dem geheimmßvollen Einfluße einer höchst sonderbaren Verrenkung seines Körpers auf den linken Eckkegel zu, während der Kegelbube von namenloser Furcht gepeitscht, im Garten umherlief, bis sich die Kugel ausgetobt hatte und wieder zahm zwischen den todten Kegeln rollte. Es ist 200 zwar kein einziger Fall verbürgt, daß Herr Prinz je einen anderen Kegel getroffen hätte, als den linken Eckkegel, aber es muß gleichzeitig bemerkt werden, daß er auch nie einen öffentlichen Versuch dazu machte, da seine Ueberzeugung die war, er sei ein „Stecher" und lasse es daher weniger bewährten Kräften, in die vollen Kegel — zu gehen. Ein beklagenswerthcr Zufall wollte es nun kürzlich, daß Herr Prinz zugleich mit dem linken Eckkegel zugleich auch die rechte Backe des Kegeljungen traf, dem es diesmal nicht gelungen war, sich rechtzeitig durch die Flucht zu retten. Herr Prinz begütigte den gewaltig heulenden Jungen und versprach ihm eine Entschädigung von zwanzig Gulden für die ausgestandenen Schmerzen, zahlbar am nächsten Freitage. Allein Herr Prinz zog es vor, an diesem Tage nicht zu erscheinen und erschien überhaupt nicht mehr auf der Kegelbahn, offenbar aus Besorgniß, es könne sich jener Unfall wiederholen. Vergebens suchte ihn dort der Vater des verwundeten Kegelbuben, ein ziemlich derber Maurer, und als Herr Prinz-sich auch in seiner Wohnung verleugnen ließ, überraschte ihn endlich eine Vorladung zu dem Bagatellgerichte pmnato zwanzig Gulden an Verdienstentgang und Schmerzensgeld. Hier fragte der Richter den im Namen seines Sohnes klagenden Maurer, wie derselbe den Anspruch wegen Verdienstentgangcs erklären wolle. — Weil er fünf Tag hat net aufsetz'n können und weil er eine schuldlose Familie zu ernähren hat." — „Was? Dieser Knabe?" — „No ja, mi', sei Muatter und zwa klanere G'schwister, sän mir eppa ka schuldlose Familie?" — „Als Oberhaupt der Familie sollten doch Sie dieselbe ernähren." — „Thu i a, wenn i a Arbeit hab, jetzt han' i g'rad kani; 's paßt m'r a net jede." Herr Prinz erklärte sich aus Rücksicht für die „schuldlose Familie" bereit, ein für allemal zehn Gulden zu erlegen, indem er bemerkte, er habe die doppelte Summe nur in der ersten Aufregung über den Unfall versprochen. Der Klüger gab sich damit zufrieden und ging mit der freundlichen Warnung für Herrn Prinz: „Mei' lieber Herr, a scharfer Schub heißt nix; schaun's mir a mal zua in Wahring d'raußd'n. I han an Vrodlschub, aber reiß'n thut er damisch — dö Kegeln, net die Kegelbuab'n. S'is g'scheidter so, moanen's net a?" M i s - - l l e rr. (Ehre und Geld. Der Marschall Nep sagte einst aufbrausend zu einem Schweizer: „VvU8 uutres Luisses, vous ns clliörekeir gus llargant; ls Ill-gnanis ns edereiis Hue l'kiormousr.^ („Ihr Schweizer, ihr trachtet nach nichts als nach Geld, der Franzose aber sucht nur die Ehre.") Begütigend fiel der Schweizer ein: „Olmoun eourt sxreg «6 Hui lui irmnHue." („Ein Jeder läuft nach dem, was ihm mangelt.") (Muth.) Ein Offizier forderte einen Juden, Namens Löb, auf Pistolen. Der Jude weigerte sich zu stellen. „Wenn Sie sich nicht stellen," sagte der Offizier, „so sind Sie ein Hund." — „Nu," sagte der Jude, „bin ich doch lieber ein lebendiger Hund, als ein tauder Löb." (Wein für die Marterwoche.) Friedrich der Große fragte einst einen schlesischen Kloster-Pater, ob im Kloster auch Wein getrunken werde. „Ja wohl, in der Marterwoche, Ew. Majestät," antwortete er. BuchstabenrebuS. Auslösung des Buchstabenräthsels in Nr. 21: „Aus Wachholder blüht keine Rose." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Mauer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts vonvr. M. Huttler. 1nteckaktung8okl»tt zur „Augslmrger Postzeitung." Nr. 26. Mittwoch, 29. September 1860. Die Vorsicht ist nur eine kleine Tugend Zum Hausgebrauch; allein verachte nicht Die Lampe, denn nicht immer sunkeln Sterne. " Kohebue. Allein! Skizze aus dem sicbenbürgisch-rumänischen Volksleben. Er hatte Niemanden auf Gottes weitem Erdboden, der kleine Jlissia; er war so arm und verwaist und verlassen, wie kein zweites Geschöpf mehr im ganzen Dorfe. Und Gyogy ist doch ein großes Dorf; Jlissia brauchte wohl zehn, zwölf Stunden und mehr, um die Runde durch den Ort zu machen; freilich lag ein Haus vom andren oft eine Stunde weit entfernt, aber deshalb war Gyogy doch der größte und schönste Ort, den Jlissia je im Leben gesehen. Und in diesem ganzen, großen Dorfe hatte er Niemanden,, der sich um ihn jemals gekümmert hätte; nie hatte ihn Jemand gefragt, ob er friere, oder hungere, ob er eine Schlafstelle, ein Obdach habe, niemals, wie man das Löglein im Walde, das Blümlein am Berghange niemals fragt, wovon es lebe. Und sie leben doch, Oumn^o 2ou (der liebe Herrgott) beschirmt und beschützt, kleidet und nährt sie, und den kleinen Jlissia und alle armen Waisen auf Erden, unter welchen Jlissia gewiß der beste, der klügste und — der ärmste Knabe war. Seine Kleidung bestand aus einem groben, weißen Hemde und einem Hute von Stroh, dessen Krämpe schon längst dahinging, wohin der zerfaserte, zerknüllte Hut selbst ihr wohl auch in Bälde folgen mußte. Der kleine Mann — wir dürfen ihn trotz seiner fünf Jahre kein Kind mehr nennen, denn er war selbstständig und aß Niemandens Gnadenbrot» — der kleine Mann war ein hübscher, gesunder Junge, mit vollen Wangen, blondem, dichtem Haarwuchse und großen, blauen Augen, mit denen er gar drollig ernst vor sich Hinblicken konnte, wenn er von den anderen Kindern verspottet wurde. Er lebte im Sommer von dem Obste, das er sich von den Bäumen geholt, und im Winter von jenem, welches er sich im Sommer beiseite gelegt hatte; auch trug er im Sommer zuweilen Obst in die Stadt zum Verkaufe; den Erlös legte er dann gleichfalls hübsch bei Seite, um sich daraus im bitter-kalten Winter ein Stück Maisbrod zu kaufen; seine Wohnung war eine Höhle, die er — da sie im Sommer kühl, im Winter warm war — nicht um einen Palast vertauscht hätte. So lebte er für sich hin, allein, ohne die Menschen zu lieben, ohne mit ihnen zu verkehren. Der Kleine war ein Menschenfeind; er hatte mitansehen müssen, wie die Menschen seine verwittwete, arme Mutter sterben ließen, ohne ihr die geringste Hilfe zu gewähren; da lernte er die Menschen hassen. Nur ein Band gab es noch, das ihn an die Menschheit knüpfte: er hatte einen Bruder, ein vierzehnjähriges, krüppelhaftes Wesen, mit einem Knorpelknoten an der Stelle des Rückens, mit fahlen, durchsichtigen Wangen, das sich nicht rühren und nicht regen konnte und den ganzen Tag über auf dem trockenen Laub kauerte, das ihm in der Höhle als Lagerstelle diente. Jlissia ging jeden Morgen hinaus, um dem kranken Bruder in einer Kürbisschale frisches Wasser zu bringen und von den Bäumen das schönste Obst in das dunkle Gemach zu tragen, welches die Natur so verschwenderisch mit glitzernden Tropfsteinen ausgestattet hatte. Als er eines Morgens mit gar schönen, rothbackigen Aepfeln heimgekehrt war, da wollte der krüppelhaste Juon nicht in das liebe, hölzerne Lachen ausbrechen, welches er sonst immer hören ließ, wenn er sich freute; er lag still und zusammengebrochen — todt auf seinem Laubbette. Man schleppte den Leichnam in die Stadt und zerschnitt ihn dort gar fürchterlich, trotzdem Jlissia am Fenster so jämmerlich schrie, als ob die Messer in seiner eigenen Brust gewühlt hätten. Als er wieder heimkam, da trug er den glühendsten Menschenhaß in seiner Brust, der je eine Seele gequält hat. Und nun war er ganz, ganz allein! So lebte er traurig und einsam fort, durchzog die Schluchten und Thäler des Gebirges und klagte sein Leid den Bergen und dem ungestümen Sturzbache. Die ersteren trösteten ihn mit ihrem Echo, der letztere mit seinem heimlich süßen Rauschen. . . . Nur die Menschen blieben stumm, diese Geschöpfe mit Seelen aus Eis, mit Herzen aus Stein, die ihm Alles genommen, was ihm lieb und theuer war. Auf den Bergen, da wächst die Hollunderstaude; von dieser schnitt er sich einen Ast und schnitzte aus demselben eine Flöte; die blies er so klangvoll-weich, so süß- melancholisch, daß alle Vöglein erstummten, wenn er sein Lied ertönen ließ. Das Lied Hingt allenthalben im Munde des rumänischen Volkes: „Wem die Mutter abgestorben, Lebt in Kummer, Qualen, Sorgen, Kleidet er sein Leid in Worte, Weiß mans's gleich im ganzen Orte." Eines Tages — 'er war unterdeß wohl schon achtzehn Jahre alt geworden — ->ang er wieder sein Lied und da hörte er den Wiederhab! seiner Worte viel schmelzender, weicher, als er sie selber gesungen. Er achtete nicht darauf, denn mit seinem Alter wuchs auch der namenlose Menschenhaß in seiner Brust, wie die eingekerbten Buchstaben im Baumstamme mit den Jahren immer größer und vertiefter werden. Doch kehrte er an diese Stelle nicht mehr wieder. Tags darauf streifte er einen andern Berg entlang und das Spiel des Echos verfolgte ihn wieder. Und als er fort wollte, da stand ein junges Mägdlein vor ihm, und sagte: „Hör' mal, Jlissia, Du bist dem „Oraku" (Teufel) verfallen! Warum kotnmst Du nicht unter uns Menschen? Es ist so schön beim Tanze pnd ich möchte so gern einmal den Ardeljan mit Dir tanzen." Sie hatte gut reden; er würdigte sie nicht einmal eines Blickes, als er erwiderte: „Wirst wohl nicht wünschen, daß ich mit Euch wie ein Narr herumspringe!" „Da sieh' mal den Brummbären an!" gab das Mädchen zurück^ „Haben Recht, die Mädel im Dorfe, die Dich immer den ^lstrou" (den Bären) neniM." Trotzig erhob er die Augen, doch sowie diese die liebliche Gestalt vor sich sahen, verwandelte sich ihr wüthender Blick in einen Blick voll staunenden Schreckens. Nie hatte er ein schöneres Bild gesehen, als diese halbentwickelte Mädchengestalt, vorn und hinten über das Gewand herabfallend die Katrincza (Schürze) aus buntgewebtem Stoffe, das Haar in zwei Zöpfe geflochten, deren einer über die Stirne geschlungen war, um sich rückwärts wieder mit der Hauptflechte zu vereinigen. Das ist so die Tracht der Bauernweiber im Marosthale. Und mit diesem Blick war es um Jlissia's Menschenhaß geschehen. Er ging fortan unter die Menschen, er suchte und fand Arbeit, er tanzte wohl auch manchmal" mit seiner zl'a.ta« (Maid), die ihn der Welt und die Welt ihm wiedergegeben. Er war nicht mehr — allein. Die trauten Thäler wüßten viel von seinem Liebesglück zu erzählen. In seinem Herzen ward es stürmisch, wie in jeder Brust, aus welcher der Haß auszieht, um der Liebe Raum zu geben. Die kleine Flöte hatte das alte, traurig-süße Lied des Waisenknaben vergessen und sang dafür von frischer, rosenrother Liebe: 203 „Stiller Lusthauch, frag' sie drüben: Süßes Täubchcu willst mich lieben? Stilles Lüftchen kam zurücke Sang von süßem Liebesglücke." Jetzt lauschte er nicht mehr dem Echo der Schluchten, dem Rauschen des Sturzbaches, denn nach dem Liede mußte er sich küssen und umarmen lassen und selbst küssen und umarmen. Er vergaß sogar allmälig, daß es je eine Zeit gegeben, da er allein war und verlassen. Da kam eines Tages der gestrenge Herr Stuhlrichter mit mehreren Herren ins Dorf und ließ die Bursche unter's Maß stellen und ihren Körper visitiren, und wenn sie einem auf die Schulter schlugen und dabei „Tauglich" riefen, dann mußte dieser in ein Zimmer hinein, wo man ihn beeidete. Oh, das waren fürchterliche Artikel, die er da beschwören mußte, der arme Jlissia. Jede zweite Zeile hieß es da: „Mit dem Tode durch Pulver und Blei!" Er schwor, er wolle „ihr" treu sein, sonst möge ihn Gott strafen „mit dem schrecklichen Tode durch Pulver und Blei"; er wolle „ihr" treu sein „in Feuer und Wasser, bei Tag und bei Nacht, im Krieg und im Frieden, im Sommer und Winter und wenn er „sie" jemals verrathen, oder mit ihren Widersachern unterhandeln wollte, dann möge ihn Gott strafen mit dem schrecklichen Tode." Das waren seine Kriegsartikel und er leistete seinen Eid, so feierlich froh, während die übrigen gesenkten Hauptes dastanden und bei jedem Worte erbebten. Und er zog fort nach fremdem Lande! Als er an ihrem Fenster vorbeikam, da klang das Lied heraus: „Eh' du wegziehst in die Ferne, Komm zu mir, ich küß dich gerne" . i l Und seine kleine Flöte antwortete: „Laß' mich scheiden, laß' mich gehen, Sollst mich nimmer wiedersehen; Laß' mich zieh'n, in fremde Lande, Nach des Meeres kaltem Strande, Wo da mächst die Weihrauchbeere, Küß' dich nimmer nimmermchre." Und fort ging es mit dem „Feuerivagen" (die rumänische Benennung für Lokomotive) über Berg und Thal; die übrigen Bursche sangen gar kecke, übermüthig-muntere Lieder von schönen Fatas, schönen Augen, rothen Wangen, süßen Küssen. ... Er aber war still und traurig in sich gekehrt, denn er war in dieser zahlreichen Gesellschaft wieder — allein. Was ihn ehedem mit Haß erfüllt, was ihn menschlicher gemacht hatte, woraus er endlich von schönen Augen befreit wurde, es traf ihn wieder; er hatte wieder Niemanden, er" war nach wie vor — allein! Stumm blickte er zum Fenster hinaus; weder lachende Fluren, noch rieselnde Büchlein vermochten den brennenden Schmerz in seiner Seele zu lindern. Ging es über eine Brücke fort, da dachte er bei sich: Vielleicht brechen die Pfeiler zusammen unter der ungeheuren Last — meines Herzens. ... Oh wie wohlig müßte es sich ruhen da unten im kühlen Wellengrabe! Doch die Pfeiler brachen nicht zusammen und auch der Zug wollte diesmal nicht entgleisen; er führte Jlissia sammt seinen singenden,- lärmenden Gefährten hinauf in die stolze Residenzstadt Wien, wo die Häuser so groß sind, daß die Gyorgyer Dorfkirche sammt ihrem Thurm unter ihrer Einfahrt aufrecht stehen könnten, ohne sich bücken zu müssen. .. . Er wurde in der Kaserne des Nustpu-Regiments untergebracht („Xu gti" — ich weiß es nicht; „Nustyu"-Regimenter heißen im Wiener Volksmunde die rumänischen Regimenter), wo ihm die Opintschen (Sandalen) abgenommen und die Füße in enge Schnürschuhe gesteckt wurden und wo ihm die schwere Kunst de^ Marschirens und des: „In die Balance!" eingedrillt wurde. Bald war auch die Rekrutenzeit zu Ende und noch immer mochte es ihm in dey großen Kaisttstadt nicht behagen. Je größer das Getümmel war, das ihn.umgab, desto — 204 — herber fühlte er seine Einsamkeit. Nur wenn er a«cm und unbeachtet war und auf das Eisenbett ausgestreckt sich die Zeit seines jungen Glückes in's Gedächtniß zurückrufen konnte, war er mit seinem Schicksal ausgesöhnt. So verstrichen denn drei schwere, sehn- suchtsschwere Jahre. Mit dem'Waffenrocke legte er dann auch den Kummer ab; man sah ihn sogar lächeln — das erste Lächeln seit drei Jahren. Frischen Muthes zog er zum Bahnhof, lächelnd bestieg er das Coups und lächelnd schlief er ein. Da hatte er einen gar wunderlichen, einen häßlichen Traum. Er stand wieder im Walde und blies das Lied vom Waisenknaben auf seiner Flöte; und wieder antwortete ein Echo aufsein Lied, nur daß es dumpf klang und so geisterhaft-hohl, wie eine Stimme aus dem Grabe. Die alten verwitterten Eichen steckten die Köpfe zusammen und mochten sich gar schreckhafte Dinge zuflüstern, denn die Pappelbäume, die ängstlich lauschten, schauderten zusammen, daß jedes ihrer Blätter erzitterte. Und als er mit beklommener Brust entfliehen wollte, da standen ihm überall riesige häßliche Kröten im Wege, die quakten: „Nuritu xoxa, murit . . . murit . . . murit!" (Der Pope ist gestorben . . . todt . . . todt . . . gestorben" . . .) Von Entsetzen gelähmt, blieb er stehen; da nahte sich ihm ein Greis in ein Todtsngewand aus weißen Linnen gehüllt. Es war der Pope des Dorfes, der Vater seiner Anujka, die er so innig liebte. Und ehe er sich dessen versah, hatte ihn der Todte umarmt und Blut floß aus den glanzlosen Augen und die Lippen bewegten sich, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Da erbarmte sich ein Specht des armen todten Mannes; er flog dem Jlissia auf den Kopf und schnarrte ihm die Worte in's Ohr: „Anujka todt, ärger denn todt" ..... Hellen Angstschweiß auf der Stirne, erwachte er; lächelnd und erleichternd seufzte er auf, als er sah, daß das Ganze ein alberner, böser Traum gewesen. Aber fest nahm er sich vor, nicht wieder einzuschlafen, bis er daheim sein würde. Süße Hoffnung belebte sein Herz; wie voll Neue bekreuzte er sich, als der Zug über die Brücke brauste, bei der er sich genau vor drei Jahren den Tod gewünscht! O wie schrecklich muß es sein da unten im kühlen Wellengrabe! Er kam in die Stadt, welche die letzte Eisenbahn-Station war vor seinem Heimaths- orte. Als er durch die Straßen ging, begegnete er einer fremden und doch wieder so wohlbekannten Frauengestalt in eleganten Kleidern, in putzigem Hute; sie lächelte Jeden an, der ihr begegnete. . . . Das war Anujka sein treuloses, sein — ehrloses Liebchen. Jetzt fühlte er sich erst recht — allein und verlassen. — Nie mehr sah er sein Dorf wieder; er blieb in der Stadt, wo er sie von Weitem täglich sehen konnte. Das Geld, das er sich beim Militär erspart, ging in die Branntweinschänke. Dort saß er den ganzen Tag über, stumm vor sich hinbrütend, in schwere, unheilvolle Gedanken versunken. Das Gift nagt in ihm fort; er wollte vergessen, vergessen, daß er einst gehofft, glücklich zu sein und daß er nun wieder allein sei. Die Seele war ihm zerrissen vom Schmerz, der Körper gebrochen vom Branntwein. Eines Abends faßte er Muth und ging in ihre Wohnung, die er erkundet hatte. Sie schlief. Er nahm die Flöte aus Hollunder- holz hervor und blies den wilden, stürmischen Sang von ehedem. Sie lächelte im Schlafe; sie mochte von den schönen, süßen Tagen der unschuldigen Liebe geträumt haben. . . . Im Halbschlafe erfaßte sie seine Hand, und bedeckte sie mit heißen Küssen; er überstand stumm vor ihr mit brennendem Auge, in das keine Thräne treten wollte. Als aber ihre Lippen sich im Traume bewegten und er die Worte hörte: „Haben Recht die Mädel im Dorfe; nennen Dich immer den „Ilrsu", da sank er hin zu ihr und bedeckte sie mit Küssen über und über und sagte: „Wir wollen einander nun nie mehr verlassen, wir wollen beisammen bleiben für und für . . . ." Tags darauf fand man die Dirne erwürgt auf ihrem Lager und Jlissia mit zerschmettertem Schädel an dcr Schwelle. Sie wurden in zwei Särge gelegt und nebeneinander begraben. < Nun ist er nicht mehr — allein! (Pest. L.) 205 Herbsttage am Attersee. Ist das ein fröhliches, heiteres, glückvolles Leben jetzt in diesen sonnengoldig- herbstlichen Tagen am Gestade des Attersees und auf den blauen und wieder tiefgrünen, von schneeigen Schaumkämmen durchzogenen Fluthen des weiten Gewässers! Zwar leicht schon verfärbt sich das hellere Grün der Linden und Birken und das in dunklern Tinten schimmernde Farbengemisch der Tannenwälder, welche allseits die bald sanft ansteigenden, bald mächtig aufwärts strebenden freundlichen Höhen bekleiden; zwar tritt schon da und dort, wie ein mahnendes Memento an das Vergehen der herrlichen Sommerszeit, auf den zierlichen, wohlgepflegten Wegen und Pfaden und in traulicher Einschicht still verborgen liegenden Lauscheplätzchcn im Schloßpark zu Kammer das verrätherische Gelb und Noth einzelner Blätter hervor; zwar heben sich erst in den späteren Vormittagsstunden die dichten, See und Land einhüllenden Nebelmassen, um das reine Blau des Himmels, Berg und Wald, und die weiten in verschwimmendes Violett getauchten Fernen der Wasserfläche dein Blicke freizugeben; zwar senkt früh schon des Abends die Dämmerung ihre Schleier dichter und dichter herab — aber all' diese von Allmutter Natur so unzweideutig hingeschriebenen Zeichen des nahenden Herbstes, sie vermögen doch nimmer den Sensitiven und den Getreuen dieses lieblichen Edens die köstlichen Stunden zu vergällen, jene einzigen Stunden, die mit ihrer Milde und mit ihrer schmeichelnden Lieblichkeit, mit ihrem lächelnden Sonnengold, mit ihrem eigenartigen Duft und Zauber, in dem ein Hauch von Schwermuth und Sentimentalität zuweilen zu zittern scheint, unser ganzes Ich, unser Herz und unsere Seele gefangen nehmen. .... Da schweift unser Auge von der Terrasse des Hotels hinaus über den leichtgewellten Spiegel des unvergleichlichen Attersees. Wunderliebliche Ufer-Partien, die gegen das südliche Ende den entschiedensten Hochgebirgs-Charakter zur Schau tragen, fassen den See, einer Niesenperle gleich, in das erquickende Grün einer erhabenen Landschaft. Hat vielleicht ein längst entschwundenes, langst verrauschtes Geschlecht von Göttern einst dieses glänzende Juwel nach stürmischem Streite um den Besitz desselben herabgeschleudert zur Erde, oder rief etwa ein beleidigter Dämon die rauschenden Wogen aus den Tiefen der wasserreichen Berge ringsum herbei und ließ das verheerende feuchte Element, eine zweite Sündfluth, immer höher und höher steigen, um so des üppigen Thales übermüthige Bevölkerung, deren Heim und Gut für immer zu vernichten? ... Da zur Rechten, von alten, laubrcichen Eschen, von hoch emporstrebenden Pappel- bäumen umgeben und umschattet, erhebt sich auf freundlicher, von den klaren, schaumreichen Wellen in gleichförmigem Getön bespülter, weit hinein in die schillernden Wasser des Sees dringender Landzunge das noch heute gar stattliche vielhundertjührige Schloß. Jetzt durch Neubauten ergänzt, gehörte es einst den Grafen Khevenhüller zu Aichelberg, einem Geschlechte tapferer Ritter und streitbarer Kämpen, das namentlich im sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert zu hoher Blüthe gelangt war und dessen einzelne Glieder manche hochansehnliche Ehrenstellen und Würden einnehmen und bekleiden durften. Unter den imposanten, noch immer farbenfrischen Oclbildern, die, der Sitte damaliger Tage entsprechend, zu Füßen jeder einzelnen der lebensgroß gehaltenen Porträt-Figuren einen kurzen Lebensabriß derselben geben und die nunmehr die Wände der langen Corridore des einstigen Grafcnsitzes zu beiden Seiten zieren, finden wir eine stattliche Reihe von wackeren Kriegshelden verewigt, von denen nur einige hier erwähnt seien. Da ist Bärtl- man Khevenhüller, der „sich in Schwedische Dienst einlassen, bey Niernberg umkamen ißt vnd dein von Ihr: May: alle Guetter Confisciret worden"; dann Hans Moriz, „der sich auch in kricgs fachen hat Brauchen laßen"; Sigismund Josef, ein wackerer Held, dem „eine feindliche stückh kugel vor Belgrad 1738" das Leben nahm; Christas, „Com- missüri in hungarischen khriegen vnd gesandter zu khayßer Carol vnd Prinzen phylippen"; Moriz Christas, der „zu Padova seyne Studia vnd Exercitien vollsürct vnd den ertz Herrzog Albrecht vnd Wenceslai nach Hispanien geleitet hat", u. A. in. Wenn über die grauen Holzdächer der Schloßbauten, über den weiten Hof her, in milder sternfunkelnder Nacht der magische Silberschein des freundlichen MondgestirnS seine glitzernden Fluthen hereinsendet in die tiefstill daliegenden langen Gänge und die reckenhaften Anherren des gräflichen Hauses wie in geisterhaftes Licht taucht, so scheint es dem Gaste, der zu später Stunde seinem hallenartigen, alterthümlich eingerichteten Gemache zuschreitet und dessen Tritt auf den Steinfliesen des Fußbodens weithin widerhallt, als 'belebten sich all' die feinsten und gnädigen Herren im Eisenharnisch und im Tresscnrock und als nickten deren bauschig gekleidete Damen dem plebejischen Fremdling mit dem i ganzen Stolze der Burgfrau leichthin zu. . . . Und draußen über den leichten Wellen ^ ruht ein feenhaftes Leuchten und Zittern, wie aus den Tiefen der Wasser heraufschimmernd, ! der Abglanz eines gespenstigen Schatzes, den verschollene Geschlechter oder die Nixen " des Sees darin versenkt haben. . . . Und es schimmert das weiße Gemäuer der zahlreichen Villen und Gehöfte, welche den See besäumen, der Kirchthürme und kleinen Berghäuschen, halb hinter Busch und Wald verborgen, hirübcr nach Schloß Kammer und nichts stört da den süßen Schlummer der ganzen Natur. Kaum ein übermüthig Fischlein plätschert empor aus dem feuchten Element. Fernher durchzittert der jauchzende Jubelruf eines beglückten Burschen, der drüben am Gelände zum Fenster der Liebsten zieht, die Luft. Das Bellen eines wachsamen Hofhundes dringt an unser aufmerksam lauschendes Ohr, in den Zweigen der hundertjährigen Lindenbäume säuselt der wispelnde Nachtwind ein traumhaftes Lied, eine Grille zirpt, ein Halm raschelt im hohen Riedgras der Ufer. ... In weiter Ferne drüben am westlichen Gestade, fast hineingeschnitten in die Wasser, auf sanftem Hügelland sich erhebend, ein lebendig gewordenes Märchen — j so steht, getaucht in blendenden Mondglanz und davon umflossen, am Fuße des weit sich ! hinziehenden Buchberges das reizende Oertchen Attersee, das dem ganzen Gewässer seinen Namen leiht. Ob die Zauber der Nacht, die in überreicher Fülle die Gegend in und um Kammer beherrschen, oder ob das Bild eines sonnenbeglänzten Sommer- oder Herbsttages dem Auge mehr Wonne spendet, dem Geiste, dem Sinnen und Träumen, mehr Anregung und Genuß gewährt, wer wollte ein entscheidendes Urtheil darüber abgeben? . . . Eine große Gesellschaft, unter der leicht begreiflich die Wiener und selbstverständlich die schönen Wienerinnen eine tonangebende und erste Rolle spielen, gibt sich in Kammer alljährlich ! Rendezvous., Viele weilen monatelang, nicht Wenige die ganze Saison über hier. Bald theilen da Männlein und Weiblein — natürlich, wie sichs nun einmal bei uns geziemt, I hübsch getrennt von einander — mit kräftigem Arm in luftigem, buntem Kleide die krystallklaren Fluthen; bald promenirt die schwimmfreie Jugend gemeinsam in der herlichen, Jahrhunderte alten Linden-Allee bei den Klängen einer Musik-Capeell. An einer llmiirssss äores von Kammer, recrutirt aus den Hauptstädten Oesterreichs, die auf Tod und Leben den curgcbrauchenden Blondinen und Brünetten die Cour zu machen beflissen ist, fehlt es nicht. Ein gut Theil der Bade-Societät tummelt sich auch draußen auf dem See im schauckelnden Fahrzeug, im Kielboot, im Miniatur-Dampfer „Dowe" umher, während das graue Alterthum, die ehrsamen Väter, im Spielzimmer des Hotels einen Robbcr wagen, der sich mitunter vom schwarzen Kaffee bis zur Souperstunde hin verbrodelt.... Fürwahr, Jeder kann hier in Kammer nach seiner Facon seine Tage genießen. ^ Derjenige, welcher die Unterhaltung des gesellschaftlichen Verkehrs sucht, wird hier nicht ' minder Befriedigung seiner Wünsche finden, als Derjenige, welcher sich etwa in.die Tiefen" seines eigenen Ichs zurückzuziehen geneigt ist. In den stillen Gängen des schattenreichen Schloßparks und an mancher waldigen Stelle der nahen umliegenden Hügelketten wird ihm sein Lieblingsplätzchen entgegenlächeln. Oben auf mäßig ansteigender Höhe steht das niedliche Oertchen Schörfling mit seinen in den Seitengassen meist charakteristisch gebauten Holzhäusern, die mit ihren luftigen, reich mit Epheu und wildem Wein umrankten Veranden und offenen Gängen einen gar gefälligen Anblick bieten. Kaum daß die kleinen Fensterchen aus dem dichten üppig wuchernden Laubgrün hervorlugen, in denen sich dann wohl zuiveilen der Blondkopf eines bäuerlichen pausbackigen Bübchens zeigt oder das 207 — lächelnde Gesichtchen einer frischen rosigen Dirne mit schwarzem, nach rückwärts zu gebundenem, reiche braune Haarflechten eindämmendem Seidentuch, wie dies ja eine specifische Eigenart der Toilette der Oberösterreicherin bildet. Drüben, am westlichen Ufer des Sees, schimmern auf grünem Grunde die weißen Häuschen und der hohe Kirchthurm von Seewalchen, wo es gleichfalls Sommers über an fröhlichem, luftschnappendem Stadtvolk aus Wien und Linz nicht mangelt. Reizend erdacht und ausgeführt liegt da das artige Schlößchen eines Residenzlers, ganz im Style einer alten festen Burg mit Thurm und Thürmchen, Erkern und hohen bleigefaßten Fenstern. Durch das zierliche, kunstvoll gefertigte Eisengitterthor, das den herrlichen Besitz gegen die Fahrstraße zu abschließt, blickt man wie in eine kleine Zauberwclt hinein. Es ist da Alles so niedlich und geschmackvoll, so zierlich und neckisch, daß man unwillkürlich an das schöne Märchen vom ^Spielzeug der Riesenkinder" denken mag. » . . Non den herrlichen Ausflügen nach Steinbach, nach Weißenbach, in deren Felsen- bereich es einem Glücklichen zuweilen gegönnt ist, flinke Gemsen über Gestein und Geklüft 'springen zu sehen, sollte ich lieber gänzlich schweigen. Wer wollte all' diese imposante Pracht auch nur annähernd beschreiben? Ist der Himmel tiefblau und in seiner leuchtendsten Schöne, dann ragen die Zinken und Schroffen des am östlichen Seegestade liegenden „Hochlecken" und die des mächtigen „Höllengebirges", in dessen Schluchten der Kaiser zu jagen liebt, gerade hinein in den reinen, ungetrübten Aether. In Ünterach drüben, am südwestlichen Ende des Attersees, in dem idyllisch dort ruhenden Dörfchen, scheinen sich die echten Gebirgsfexe zu einem länger» Sommer-Meeting versammelt zu haben. Da geht es unter nackten Knien, der kurzen „Ledernen", unter Brustlatz, Bundschuhen und dem gemsbartgeschmückten Aelplerhut nicht ab. Köstliche Gestalten tauchen da wohl vor unserm Blicke auf — der wahre Typus des städtischen Verg- uarrcn, wie er im Buche steht. Dort steigt auch der Rigi Oberösterreichs in die Lüfte, das steinerne Wahrzeichen des Atter- und des Mondsees, der Schafberg, der jüngst erst wieder zum Schauplatze eines erschütternden Unfalles geworden ist. Uebrigens ist es sicher nicht so leicht möglich — extravagante Touren hübsch beiseite gelassen — bei einer Besteigung desselben Schaden zu nehmen oder wohl gar zu verunglücken . . . Was aber unser liebliches Kammer betrifft, so geht dieses durch eine bereits in Aussicht genommene Schienenverbindung mit der großen Eisenstraße Wien-Salzburg, (Einmündungs-Station Böcklabruck) einer noch glänzendern Zukunft entgegen. Man braucht kein Prophet von Profession zu sein, um diesem freundlichen Fleck Erde am nordöstlichen Ende des Atter- secs ungeahnten Aufschwung zu prognosticiren. Schon jetzt weist es alljährlich einen Gesammt-Fremdenvcrkehr, Alles in Allem gezählt, von mehr als fünfzehntausend Seelen nach, gute Seelen, schöne Seelen und auch die übrigen pflichtschuldigst eingerechnet-... Möge denn das schnaubende Dampfroß recht bald in langen Zügen der reizenden See- kmcht die Naturfreunde des ganzen Continents zuführen l - Kammer, am 15. September 1880. (Deutsche Ztg.) Herbst Kunde. „Ade! ich stiege nun davon, Weit, weit Reis' ich noch heut'!" Fcldeinwärts flog em Vögelein und sang im muntern Sonnenschein Doch rückwärts kani der Sonnenscheins Dicht zu mir drauf das Vögelein, Es sah mein thränend Angesicht Und sang: „Die Liebe wintert nicht, Nein! Nein! Ist und bleibt Frühlingsschein!" Mir ward so woyt und doch w bang; Mit frohem Schmerz und trüber Lust Stieg wechselnd bald und sank die Brust. Doch als ich Blätter fallen sah. Da dacht ich: Ach, der Herbst ist da! Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,' erz l Herz! trichst Du vor Wann' oder Schmerz? Brust. Vielleicht so Lieb' und Sehnsucht flieht Weit, weit, Rasch mit der Zeit! 208 Miseelleri. (Preuß'sche Pfiff.) Ein Oesterreichs und ein Preuße saßen im Wirthshaus« zusammen. „Mein Komroden, sogns mer doch amol, nemen's nit übel, wos sind dann holt preuß'sche Pfiff, (i hob schon oft sog'n hören: preuß'sche Pfiff,) maß holt gor nit, wos dös is." — „Ei, das null ich Ihnen gleich z. B. hier zeigen," sagte der Preuße, indem er die flache Hand auf den Tisch legte; „schlagen Sie mir einmal mit der Faust darauf." Als der Oestcrreicher einmal einen derben Schlag darauf thun wollte, zog der Preuße schnell die Hand weg, und der Andere bekam einen gehörigen Puff auf dem Tische. „Nun, Herr Kamerad, nehmen Sie es nicht übel, das war ein preußischer Pfiff.,, Der Oesterreicher nahm's nicht übel, und ging fort. VaH> begegnete ihm auf der Straße ein Landsmann, dem er voll Freude zurief: „Hör Komerode, i waß jetzt, wos preuß'sche Pfiff find, i will der's a sog'n." — „Nu, wie denn, wos denn," fragt der Andere. „Schau," sagt der Erste, „schlag mer mal auf mei Hand" — (er hielt sie, da auf der Straße kein Tisch oder sonst was Dienliches zu sehen war, auf seinen eig'nen Mund). „Schlag mir nur amol aufe." Der Andere holt endlich aus zum Schlag. Schnell zieht der Erstere nun die Hand weg, und der Schlag fährt ihm gesalbt auf den Mund, daß ihm die Zähne wackeln und die rothe Brühe nachläuft. (Bienen in Paris.) In der letzten Zeit sind mehrfache Klagen beim Polizei- präfecten von Paris über die zunehmende Bienenhaltung und die dadurch herbeigeführte Belästigung gestellt worden. Ein einziger Züchter soll mehr als 800 Stöcke haben. Diese Bienencolonien sind größtcntheils in der Nähe der großen Zuckerfabriken angesiedelt, in denen sie ihre Nahrung suchen. Eine einzige Fabrik schätzt den ihr durch dieselben zugefügten Schaden jährlich auf 25,000 Francs. Ein Halbliterglas mit Syrup ist in weniger als zwei Stunden vollkommen geleert. Die Arbeiter, welche genöthigt sind, ihre Beschäftigung zum Theil mit entblößtem Körper zu verrichten, wobei ihre Haut mit dem süßen Saft bedeckt ist, beklagen sich fortwährend über die Angriffe der Bienen und es sind schon Fälle vorgekommen, wo in Folge davon die Arbeit eingestellt werden mußte. (Napoleons Rückzug.) Napoleon, in dessen Kopfe so riesenmäßige Pläne entworfen wurden, fühlte sich einst durch den naiven Einfall einer Dame betroffen, als er noch auf dem Gipfel seiner Macht stand. Auf einem Balle in Paris trat er einer Tänzerin zu nahe und wurde von ihr unsanft berührt. Sie entschuldigte sich aber sogleich in den höflichsten Ausdrücken. — „Hat nichts zu sagen," erwiderte der Kaiser ebenso höflich/ „ich habe mich noch zur rechten Zeit zurückgezogen." — „Sire," entgegnete sie, „ich finde mich sehr geschmeichelt, die erste Person zu sein, welche Sie zum Rückzüge nöthigt." Ein Mann, der mit seinem alten zänkischen Weibe den Stephansthurm in Wien bestieg, sagte zu einem Freunde: „Heute erinnere ich mich sehr lebhaft meiner Kinderjahre, dazumal ließ ich, eben wie heute, einen Drachen steigen." Original-Charade. * So kurz an sich mein Wvrlchcn ist (Denn merkt! es hat drei Zeichen) So kann's euch doch für lange Frist Wenn ihr euch drein zu schicken wißt Den Freudenbecher reichen. Doch wenn euch Gott nicht gnädig ist Wenn Zwietracht herrscht, und Trug und List Ja freilich, dann gibl's manchen Zwist; Der Gram, der dann am Herzen frißt Wird früh die Wange bleichen. Es bleibt, wenn man es rückwärts liest ^ Genau das was es vorwärts ist, ' Dies; Wörtchen von drei Zeichen. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischeu Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 27. terüaktungsbkntt zur „Angsliirrger PostMimg." Samstag, 2. Oktober 1880. Der erste Schritt sellgkeit. zum Laster ist der letzte auf der Bahu der Tugend und der wahren Glück- Camp e. Der Moos-Urbrrn. Eine alte französische Volkssage, neuerzählt von F. S. v. C. Gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte zu La-Souterraine *) in Frankreich ein Mann Namens Urban Gagnet; er war ungefähr 65 Jahre alt, versah die Dienste als Todtengräber und hatte zugleich das Läuten der Kirchenglocken zu besorgen. Er lebte mit seinen beiden Söhnen in der lins än coo> in großer Armuth; seine Söhne Hieronymus und Joachim, ihrer Profession Maurer, waren im Elende groß geworden und hatten keinerlei Unterricht genossen. Der schlechte Ruf ihres Vaters hatte auch verhindert, daß sie sich verheirathen konnten und so hatte der Eine ein Alter von 40, der Andere ein solches von 36 Jahren erreicht. Sie verdienten nothdürstig ihr Brod und lebten meist im Unfrieden mit ihrem Vater, so daß es nicht selten zu solchen Auftritten zwischen ihnen kam, daß die Nachbarn herbeieilten, Frieden zu stiften; es schien wahrhaft der Fluch auf dieser Familie zu ruhen. Es war am 24. Dezember 1556 als gegen 10 Uhr Nachts Urban Gaguet heimkehrte, in der Hand eine Flasche Branntwein tragend, eine Harzflamme erleuchtete die Stube, in der die beiden Sohne ihn erwartet hatten. „Kinder", rief er ihnen zu „wir wollen heute Weihnachten feiern, doch unter der Bedingung, daß Ihr heute Nacht statt meiner die Glocken in der Kirche läutet und daß ich sicher darauf rechnen kann." „Wir werden läuten Vater!" antworteten sie. „Außerdem empfehle ich Euch, während des Aufhebens der Hostie in der Messe etwas länger zu läuten." „Es soll nach Euerem Wunsche geschehen." »Ich muß mich »heute Nacht von hier entfernen, um einen großen Plan auszuführen, vielleicht sind wir bis Morgen reiche Leute." „Wolle es Gott!" sagten die beiden Söhne, „wir leiden in diesem Elende nun lange genug." „O, der gute Gott ist sicherlich da drinnen, wohin ich gehe, meine Kinder, aber wenn es selbst der Teufel wäre, der diesen Schatz bewahrt, so verkaufe ich mich auch diesem!" und dabei schlug Gagnet ein höllisches Gelächter auf; währenddcß brachten die Söhne die zinnenen Becher herbei und die Flasche wurde bald geleert. „Hieronymus", nahm der Vater das Wort, „suche einmal in der alten Truhe nach *) Stadt in Departement Creuse. 210 einem großen Sack, der aber kein Loch hat, und Du, Joachim, brmge mir den großen Palmstock, der hinterm Kamin steht." Dem Befehle wurde entsprochen. „Und nun gehe ich; Ihr erwartet mich bis 3 Uhr Morgens, sollte ich nicht mehr zurückkehren, so laßt eine heilige Messe für meine arme Seele lesen." Und damit stieg er raschen Schrittes die Stufen hinab, seinen Söhnen nochmals nachdrücklich empfehlend, beim Erheben der heiligen Hostie ja nicht zu vergessen, etwas länger zu läuten. Hören wir nun was die Legende weiter erzählt: Wo einst die alte Stadt Breda stand, und zwar an der Stelle, genannt „zum Kreuz zu den vier Wegen", war der Eingang zu einem unterirdischen Gange, der sich jedes Jahr nur einmal, nämlich in der Weihnachtsnacht, während des Läutens bei der Wandlung in der Mitternachtsmesse, öffnete. Diese Höhle enthielt denn einen unerschöpflichen Schatz, reicher als der, den Edmund Dantes, ein paar Jahrhunderte später auf der Insel „Monte-Christo", auf die Anzeige des Abbe Faria hin, finden sollte. Gold und Diamanten waren da in granitenen Urnen angehäuft. Aus diesen Schätzen hoffte denn Urban Gagnet seinen Sack füllen und noch rechtzeitig aus der Höhle kommen zu können, wenn seine Söhne empfohlenermaßen das Läuten etwas verlängern würden. — Nachdem er rechtzeitig die Stadt verlassen hatte, kam er noch vor Mitternacht an jenem Kreuzwege an. Die Nacht war finster und kalt, schweres Gewölk ward durch den Wind aus Nordosten getrieben und drohte sich in Strömen von Negen zu entladen. — Aber was waren für Urban die Wolken des Himmels, was Sturm und Negen? — In ihm lebte nur ein Gedanke, nur ein Traum, nur eine Begierde — Gold! — Doch er wußte auch, daß die Personen, die sich bis jetzt in die Höhle hinab- wngten, niemals zurückkamen, und daß dort neben den mit Gold gefüllten Urnen Massen von Menschenknochen aufgehäuft waren. — Trotz aller dieser Gefahren, die ihm drohten, fiel ihm doch nicht bei, am Fuße des Kreuzes zu beten und sich Muth und Kraft zum Bestehen dieses kecken Unternehmens zu erflehen. Die Lockung des Goldes zerstört im Menschen jedes Gefühl von Frömmigkeit, jeden Gedanken an eine höhere Macht, an Gott! Denn die Unglücklichen, so Baal dienen, schauen nur auf die Materie, richten aber nie ihre Blicke vertrauend zu dem gestirnten Himmel empor. So erwartete denn Urban Gagnet die Eröffnung des Ganges mit fieberhafter Begierde. — Die Messe mußte längst begonnen haben; endlich vernahm er das Läuten zur Wandlung und in selbem Augenblicke trat ein Gespenst aus dem, nächst der Straße gelegenen Gehölze; es trug eine Art Dreizack in der Hand, schritt gegen den Eingang der Höhle vor und schlug dreimal an den Felsen, mit Grabesstimme rufend: „Schatz, öffne dich!" In selbem Momente schlug oben aus dein Felsen eine Flamme, die über das Gestein hcrabzüngelte und der Schlund des Schatzes öffnete sich ein wenig. Urban stürzte sich rasch gegen die Oeffnung vor, seine Blicke waren geblendet von dem Glänze der hellcrlcuchteten Grotte; er glaubte nun das Ziel seiner Wünsche, die Verwirklichung seines einzigen Begehrens erreicht zu haben. Eine Treppe von etwa zwanzig Stufen führte zu dem goldenen Sesam; rasch möglichst war er unten und-eilte sich, seinen Sack mit den kostbaren Steinen und den Stücken Goldes zu füllen. In wenig Augenblicken hatte er es vollbracht und rasch stieg er mit dieser kostbaren Last die Treppen wieder hinauf; aber bei der letzten Stufe glitt er in seiner Hast aus, er taumelte zurück, der Sack fiel ihm von der Schulter und zog ihn wieder in die Tiefe hinab. Ein höllisches Geschrei von Wuth ausstoßend, raffte er den Sack rasch auf und stürmte wie ein Rasender nieder dem Ausgange zu; er hatte ihn noch nicht vollends erreicht, da hörten die Glocken u läuten auf und die Höhle schloß sich. Soll ich nun die Martern dieses Verdammten schildern, die er in diesem Abgrunde inmitten dieser Reichthümer zu ertragen hatte? hiezu bedürfte ich der Feder eines Dante Alighieri, mit der er die Qualen Isgolini's beschrieb — doch versuchen wir es. 211 Als Gagnet sich zu einem gewissen Tode verdammt sah, als sich rings um ihn tiefe Finsterniß verbreitete, kam ihm kein Gedanke der Ergebung in den göttlichen Willen, — er siel nicht auf die Kniee, Gott um Vergebung zu bitten! — Nein, auf den Knieen rutschte er noch ein paar Stufen hinauf, den Mund schäumend vor Wuth, die Hände zusammengeballt und aus vollem Halse Flüche und Gotteslästerungen ausstoßend; er rannte mit der Stirne in blindem Zorne gegen den Felsen, der den Zugang schloß und stürzte bewußtlos in die Höhle hinab. Als er seiner Sinne wieder mächtig wurde, wollte er sich vorn Boden erheben, aber vergebens waren seine Bemühungen hiezu; wie ein Reptil kroch er vorwärts, den Urnen entlang, die er so trunken von Begierde mit Gold und kostbaren Steinen gefüllt sah, aber vergeblich tastete er herum, den Ausgang zu finden; seine Hände berührten nur Knochen, Felsentrümmer und kleberige Erde — sein Wuthgeschrei wiederhallte in den Echo's der Höhle gleich dem Brüllen wilder Thiere. Schmerz, Ermattung, Verzweiflung marterten ihn, er kroch noch einige Zeit fort, aber dann versagte ihm alle Kraft, die Stimme brach ihm endlich, und damit schweigen die Echo's und Grabesstille herrschte rings um ihn. — Urban Gagnet schloß endlich die Augen, denn wie Blei legte es sich auf seine Lider — er glaubte zu sterben. So schlief er wunderbarerweise mehr denn ein Monat diesen lethargischen Schlaf, ohne Begriff von Leben, ohne Empfinden, selbst ohne Traum. — Sein Körper war im Zustande eines Leichnams. Bei seinem endlichen Erwachen wollte er die Augen öffnen, aber vergebens, er vermochte es nicht, er wollte seine Hände bewegen, aber sie waren erstarrt und versagten ihm den Dienst, er fühlte sich nackt, denn er hatte kalt und über seinem in Aufzehrung begriffenen Fleische fühlte er Myriaden von Insekten sich bewegen, über sein Gesicht empfand er das Streifen der Fledermäuse, die zeitweise auch auf seinem Kopfe Ruhe suchten und in die Furchen seiner Stirne die kleinen Krallen ihrer Flügel setzten. Der Unglückliche lag auf dem Rücken in einer Art faulen Schlammes und nur der Kopf allein ruhte auf einem von Moos bedeckten Granitblocke. So verrannen Stunden, Tage, .Monate — und Urban lebte noch. Im sechsten Monate war sein ganzer Körper mit Ausnahme des Gesichtes mit grünlichem Moose bedeckt und in diesem Moose verbergen sich die Eidechsen, auf seiner Brust sammelten sich die Kröten, die Scorpione nisteten unter seinem Kreuze und die Nattern ringelten sich um Arme, Hals und Beine — und er lebte immer noch — O! wer kann schildern, was in ihm vorging; — er wollte mit den Zähnen knirschen, vermochte aber die ausgetrockneten Lippen nicht zu bewegen — wie wäre ihm jetzt der Tod süß und wohlthuend gewesen! — Aber diese Qualen sollten ein volles Jahr dauern. Nachdem die Söhne Gagnet's, den Vater in der Weihnachtsnacht und dann auch die Tage und Monate darauf nicht mehr zurückkehren sahen, dachten sie: der Vater wird wohl in der Höhle von Breda seinen Tod gefunden haben, möge er dort ruhen, wir holen seine Gebeine gewiß nicht von dort! — Sie hatten ihr Maurerhandwerk fortgetrieben und überdies auch noch das Todtengräberamt und das Geschäft des Kirchen- läutens statt ihres Vaters übernommen. — Lange Zeit sprach man in dem kleinen Städtchen noch von dem räthselhasten Verschwinden Urban Gagnet's, da er aber ein wunderlicher und bösartiger Mensch war, so bedauerte ihn Niemand und bald war er vergessen. — So kam die Weihnachtsnacht des Jahres 1557; die Pforte des Schatzes öffnete sich wieder wie im Vorjahre auf die Stimme des Geistes der Ruine; die Höhle war plötzlich erleuchtet und das Gespenst, immer mit dem Dreizack bewaffnet, schlug gegen den Stein, auf welchem das moosig-grüne Haupt Urban Gagncts's ruhte, rufend: Erhebe Dich, Erdenmensch, das Probejahr ist um — Du wolltest eindringen in die Geheimnisse des Grabes, um irdische Schätze zu erringen — Du hast gebüßt nun — man wird in Zukunft Dich Moos-Urban rufen, denn Dein Körper bleibt bedeckt mit dem Moose der Gräber! — spute Dich, trete hinaus, ziehe von Hinnen und schlepp' ihn mit Dir, den Sack, gefüllt mit den von Dir' ersehnten Reichthümern > — — Magnet fühlte alsbald Leben in sich zurückkehren, in einer Sekunde rief er sich das Marterleben eines Jahres zurück, er vermochte sich zu erheben, er konnte sich bewegen, seine Knochen krachten, er konnte die Augen öffnen und sah sich von einer blauen Flamme umgeben. Das Gespenst schritt vor ihm her, zeigte ihm die Stufe» der Ruine und wies auf den gefüllten Sack hin; — Der Gefangene lud ihn auf seine Schultern und verließ mühsam die Grotte, die sich alsbald hinter ihm schloß. Als Gagnet wieder die frische Lebenslust einakhmete, fühlte er, daß sein ganzer Körper mit Moos bedeckt war und erschreckt darüber eilte er so schnell als es seine Last erlaubte dem Städtchen zu, sich sehnend, seine Kinder und sein Haus wieder zu sehen. ^ Unterwegs begegnete er mehreren Landleuten, die aus der Christmette "kamen; die Nacht war hell und eine furchtbare Angst befiel sie, als sie ihn sahen, und sich vom bösen Geiste verfolgt glaubend, entflohen sie unter Angstgeschrci. Bis er in die Stadt kam, war bereits alles zur Ruhe gegangen; er schritt schnurstracks in die Coqstraße seinem Hause zu und klopfte dreimal an der Thüre. „Wer ist da?" schrieen seine Söhne. „Ich bin's, euer Vater, ich komme, von wo noch Niemand gekommen ist! — öffnet schnell! Euer Glück ist gemacht!" Die beiden Söhne hatten Mühe die Stimme ihres Vaters zu erkennen, doch standen sie auf, machten Licht und stiegen hinab um zu öffnen. — Da gewahrten sie an der Schwelle den Greis, vollständig bedeckt mit Moos; — sie bebten vor Schrecken und machten das Zeichen des Kreuzes. — „Entfernt Euch, Verfluchter! — Ihr seid nicht unser Vater!" „Meine Kinder!" — habt Mitleid mit euerem armen Vater, ich habe Bitteres genug gelitten, um so zu werden, wie ich Ihr mich seht, — habt Erbarmen und laßt mich eintreten und ausruhen von meinen Leiden, — kennt Ihr diesen Sack? — er ist voll Gold!" — Die beiden Söhne wichen ^nige Schritte zurück, worauf Vater Urban eintrat und seinen Sack auf die vor ihm stehende alte Truhe werfend, sagte er: „Oeffnet ohne Furcht, es ist Gold!" Joachim öffnete den Sack und entleerte ihn, — aber, wer malt die Ueberrafchung, nur Menschenknochen rollten zu ihren Füßen." „Fluch!" schrie Urban. „Ja, Fluch über Euch!" riefen Beide entsetzt. „Ihr seid ein Gespenst der Hölle und bringt uns hier die Gebeine unseres Vaters! — weichet von uns, Satan!" Und Hieronymus stieß den Greis in seiner Mooshülle auf die Straße und schloß lasch die Thür. Der Vater, verkannt von seinen Söhnen, mit dem Fluche Gottes belastet, schleppte sich bis an den Kirchhof und hauchte dort am Eingänge seine Seele aus. Als die beiden Söhne Urban's sich von ihrem Schrecken erholt hatten, sagte Hieronpmus zu Joachim: „Es sind sicher ^die Gebeine unseres Vaters, lasse sie uns am Eingänge des Kirchhofs zur Erde bestatten, hinter die großen Steine an der Pforte." „Ja, laß' uns gehen!" erwiderte Joachim und sie verbrachten die Knochen wieder rn den Sack, löschten ihr Licht, nahmen Hacke und Schaufel und begaben sich nach dem Kirchhofe, zu dem sie den Schlüssel hatten. Am Eingänge angekommen, verwirrten sich ihre Füße in einem Haufen Moos, der sie schier zum Falle brachte; sie untersuchten das Hinderniß und erkannten einen Leichnam, —- es war die Moosgestalt, die sich just für ihren Vater ausgegeben hat. Sie zogen den Kadaver, der noch laulicht warm war in den Kirchhof, gruben hinter dem linken Pfeiler der Eingangspforte ein Grab aus und verscharrten Alles sammt dem Sacke; die Arbeit vollbracht, besorgten sie das Läuten des Angelus. Niemand im Orte außer den beiden Gagnet's kannte das Geheimniß dieser finsteren 213 Nacht! doch beim anbrechenden Tage gewahrten die Personen, welche am Kirchhofe vorübergingen, daß auf dem Stein am linken Pfeiler der Eingangspforte, die Figur des Moos-Urban's in seiner grauenhaften Häßlichkeit eingegraben war. Dies räthselhafte Steinbild hat sich bis auf die neuere Zeit erhalten und die Kinder fürchteten sich davor und die Mädchen bekreuzigten sich beim Anblick desselben. Moos-Urban war gleichsam der Kirchhofwächter — in neuester Zeit besteht dieser Kirchhof nicht mehr — und auf mein Befragen, was aus dem Steingebilde des Moos- Urban's geworden, die ich noch vor dreißig Jahren auf seinem Standpunkte sah, und über die mir der damalige Friedhofwächter, obige nach den Ueberlieferungen erhaltene Wundergeschichte erzählte, vermochte mir Niemand mehr Auskunft zu geben. Die Eifel, Wer hätte, im Binnen- und Flachlande geboren, nicht eine unbezähmbare Sehnsucht gehabt, einmal das Hochgebirge und einmal das unermeßliche Meer zu sehen? Wer vergäße den mit nichts anderm mehr zu vergleichenden Eindruck, den beide beim ersten Anblick auf ihn machten? Nach diesen — sagte er sich gewiß — gibt es nichts Schönes mehr in der Natur. Und doch müßte die Natur arm und müßte noch ärmer das Menschengemüth sein, wenn dem in Wirklichkeit so wäre. Schön, weil anders schon als alles andere; anders als der sanfte Goldspiegel der südlichen Meere an sanftem Sommerabend, oder als die tosenden Schrecken der stürmischen Nordmeere; anders schön als die Riesen der Hochalpen, auf deren Haupt der Schnee des Greisenalters ruht, während ihnen zu Füssen die Kinder des Lenzes spielen; anders schön als die singende und klingende Heide des reichen Ungarlandes, anders wieder als die graue, märchenhaft stumme Ebene des Nordens; anders als die üppigen Gestade und glänzenden Spiegel der oberitalischen Seeen; and-"-K als die zauberhaft lieblichen sagenumklungenen Nebenhügcl der Saar oder des Rh^...^ — anders, ganz anders als alles dies, von allen verschieden, kaum eine einzige Eigenschaft mit ihnen theilend, nicht einmal die der Berühmtheit oder Beliebtheit — und doch schön; nur spröde und zurückhaltend, keusch und kalt, dem Manne aber mit dem rechten Herzen zugethan und ihm ewig unvergeßlich ist der Winkel-Erde zwischen Rhein und Sauer, Moosel und Maas, ist die Eifel. Ihr gelte heute mein Rühmen; doppelt weil ich wie manch anderer erst so spät — nachdem halb Europa durchlaufen war — in ihre Zauber meine Gedanken versenkte; Zauber, die vielleicht nicht so lange unbewundert geblieben wären, hätten sie mir nicht von Kind auf so nahe gelegen! Und nun, da ich von manch weiter wilder Wanderung in die stille Heimath wieder eingekehrt, dies zurückgezogene und zurückhaltende Kind flüchtig begrüßen wollte, ging mir's, wie's so oft hienieden geht: dauernder und erquickender wurde mit dem einst gar nicht beachteten einfachen Kinde der Freundschaftsbund geschlossen, als jemals mit der anspruchsvollsten sprödesten Schönen in der fremden Ferne, die, schwer und mühsam errungen, bald und leicht verlassen wurde. . Und wie ich eben die Reize der Holden schildern will, finde ich das fernere Zutreffen des gebrauchten Vergleichs auch in der Schwierigkeit, im Einzelnen zu beschreiben, was in seiner Vereinigung so zauberhaft auf mich einwirkte. Dennoch sei wenigstens der Versuch zum Preis der Schönen gewagt. Zunächst war es wohl das zuerst etwas bang beklemmende, mählich aber erleichternd und dann so erhebend wirkende Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins, das mich an dem sonnenreichcn Frühlingstag überkam, da ich von Gerolstei» hinaufwandelnd mich einmal wieder umschaute und den Hinabblick ins enge Thal, wo Eisenbahnschienen liegen und hin und wieder eine Locomotive kreischt, verloren hatte. Und nun waren wir allein; die stille, so bescheidene, nirgends aufdringliche Landschaft und ich. Von jeher dachte ich wir, es müsse doch noch weit entsetzlicher sein, nie allein zu sein, als immer allein zu zu sein. Und wie selten leider ist man in unserer lärmenden Zeit allein I Es gibt Land- 214 schasten, und die allerschönsten und berühmtesten gehören dazu, so z. B. der Rhein von Bingen bis Bonn vom Dampfschiff aus gesehen, die etwas unendlich Anspruchvolles, Aufdringliches haben. Beim ersten Mal merkt man das nicht so; bei öfterem Besuch aber kann dieser Eindruck sogar unangenehm empfindlich werden. Nichts von alledem hat die Eifel; sie verbirgt ihre Reize eher allzu züchtig, als daß sie dieselben zur Schau trüge, um zu ihrer Bewunderung zu nöthigen. Da schritt ich durch kleine Wiesenthälchen, die tausendfach gekrümmte Büchlein durchstießen, klomm wieder über eine alte Brücke hinweg die Höhe hinan, wo links und rechts die Bauersleute ackerten und über mir die Lerchen auf- und niedersteigend ihre Frühlingshymnen schmetterten. Dann trat ich auf der Höhe in eine junge Buchenschonung oder wand mich auf halbverwachsenem Fußpfad durch eine Fichtenpstanzung, gesuchte Mühsal gern überwindend und mit den Händen links und rechts die stärksten der nadligen Aeste mir vor dem Gesichte wegbiegend, während ich die jüngeren schwächeren gern, wenn auch mitunter unsanft kosend, mir Nase und Backen streicheln ließ! Und wenn ich nun besonnen nachdenke, wie oft, wie tausendmal schon machte ich solche Wanderung, ohne davon im entferntesten solch Behagen zu genießen! Sonst lagerten eben stets hinter den sanften Wiesen, den halberwachsenen Hecken und spitzköpfigen nickenden Fichten die dunkeln weißgipfligen Niesen des Hochgebirges oder breitete sich hinter ihnen das herübertosende Meer aus. Und dann standen auf diese die Gedanken und achteten in Erwartung der majestätischen Eltern der lieblichen im Vorzimmer spielenden Kinder nicht. Hier aber fühlt nian sich Kind unter den Kindern, weil man nicht in den Kleidern steckt, in welchen man den gestrengen Eltern Besuche machen könnte. Und des wird man eben froh und immer froher; denn bei den Kleinen wird man und fühlt man sich selber Kind und fängt bald an, mitzuspielen. Wie wohl aber thut das in gereiftcren Jahren! Bald ist nichts um uns als leichtbewölkter blauer Himmel und scheinbar nur leichtgewelltes, von wenigen bedeutenden und hervorstehenden Kegeln überragtes Hochland; schwarzer Wald und helle Flur, in kleinen Flächen ewig miteinander abwechselnd — wie ein Schachbrett für Riesen — nur fernher von kahler Höhe winkt, den Horizont scharf markirend, ein Kirchlein mit niederm Thurme ins Land herein, Gedanken und Sage der Vorzeit weckend. Und stundenlang lag ich im Schatten dieses Kirchleins hingestreckt, den Blick in den See, unter mir das Weinfelder Maar, gesenkt und den Spiegel des Himmels in der unergründlichen Tiefe desselben betrachtend. Hier ist so recht der Herzschlag der rauhen abgeschiedenen, nur wenigen zugethanen und von wenigen verstandenen, von diesen aber treugeliebten Gottestochter Eifel. Steht man hier auf kahler Höhe, so sieht man sowohl neben sich auf der Höhe als auch über 100 Fuß, tiefer unter sich in einem zweiten Kessel, bei Schalkenmehrcn, je einen stillen kleinen See: ein Anblick, der in solcher überraschender Unmittelbarkeit nicht ein zweites Mal in Europa sich bieten dürfte. Im Alpengebirge der Nordkarpathen kommt er einigemale, aber mit weit schwächerer Wirkung, vor. So überraschend wie hier kannte ich ihn nicht. Traumhafte Abgeschiedenheit heißt der Grundgedanke dieses so seltsamen Stückes Erde am Weinfelder Maar. Und wenn man wohl vom Meere sagen kann, daß in ihm die Natur zürne, von der Heide, daß sie träume, vom Hochgebirge, daß es herrsche — hier trauert die Natur, ja, hier weint sie. Und unmittelbar theilt sich diese Stimmung der Trauer dem Beobachter mit, bis er immer mehr in Betrachtung sich versenkend, allmählich aus der Trauer zu stiller Ruhe, zu süßer Vergessenheit geführt wird und — - Hier ist all mein Erdenleid Wie ein banger Traum zergangen, Süße Todesmüdigkeit Hielt die Seele mir umfangen. Mählich ccher löst sich auch die Seele aus diesem Gefühle der Todesmüdigkeit oder besser der Lebensvergessenheit und findet höchste Erquickung im stillen Träumen über dem schwarzblauen Wasser auf lautloser, kahler, nur von schwacher Waldung umsäumten Höhe. Aus der unerforschten Tiefe des Seees klingt es dann wie ein verrathenes Geheimniß, um dich summt und schwirrt es wie das Rauschen verlorener Sage von kühnen Geschlechtern; und in der blauen Höhe über dem See kreisen als Adler — selten und nur von wenigen gesehen — die Geister der kühnsten Kämpen, die hier einst ihr Leben in wilder Zeit verloren; da noch die rauhen Menschen die Natur am liebsten da aufsuchten, wo sie ihnen Schutz und Wehr vor dem Ansturm der Nebenmenschen oder besser — denn dies schöne Wort kannte man damals nicht — der Gegenmenschen zu bieten schien. Wo die wildesten Thiere zu bestehen waren über den Schiliften der steilen Höhen, da suchten die Menschen zuerst ihre Wohnung, weil sie hier zur Vertheidigung gegen ihre menschlichen Feinde von der Natur die beste Hilfe hatten. Und bis in die letzten Jahrhunderte hinein hielten sich hier in der Eifel die trotzigsten Geschlechter auf unwirklichen Höhen. Sie sind dahingeschwunden; meist keinerlei Kunde von sich hinterlassend, als vom Pfluge des friedlichen Ackermannes bloßgelegte Mauerreste. Solche Ueberbleibsel finden sich hier auf der Höhe zwischen Weinfelder und Schalkenmehrener Maar. Nach ihrer Ausdehnung zu schließen, muß einst ein großes Dorf hierselbst gelegen haben, mit Burg und Capelle, Gesindegelaß und Ummaurung gegen anstürmenden Feind. Alles ist verschwunden, keine Kunde und keine Spur ist übrig geblieben neben den aufgepflügten Mauerresten, als das Chor des Kirchleins, das die Unbill von mehr als 600 rauhen Jahren überdauert haben dürfte, und endlich die Sage im Volk, daß einst wegen Gottesfrevels Herren und Volk auf der Weinfelder Höhe mit Haus und Hof plötzlich in einer Nacht ins Maar versunken seien bis auf. das stille Kirchlein, das hier oben geblieben, um die langen Jahrhunderte hindurch im Umkreise ein stummer Zeuge des geschehenen Frevels und jäh eingetretener Strafe zu sein. Keine Spinne sogar darf in diesem Kirchlein ihre Netze spannen, Niemand hatte je ein Spinngewebe in demselben gesehen. Solche Betrachtungen, einmal angeregt, lassen sich nicht so leicht verdrängen; und ich wurde diese Gedanken denn auch nicht wieder los, bis ich durch die Junghecken oberhalb des Dauner Maars hindurchgeschritten; mich um den Bergrücken herumgedreht hatte und bei dem freundlichen Pfarrer von Schalkenmehren zu Gast an gemüthlich stiller Tafel saß. Da gabs denn alsbald andere Gespräche, die ihren Stoff aus unserer Gegenwart nahmen, den neuentbrannten, uralten Streit des Staates mit der römischen Curie, die wirthschaftliche Aufbesserung der Eifel, die Nothwendigkeit besserer Erziehung der Jugend und die Vorzüglichkeit der Karpfen des Schalkenmehrener Maares und der Kartoffeln aus dem dortigen warmen Boden, sowie hundert andere herrliche Sachen betrafen. Aber der mit nichts vergleichliche melancholisch-lebensmüde und zu reichsten Reflexionen über das Leben und dessen Urquellen einladende Anblick der armen und so anregenden Landschaft um das Weinfelder Maar behauptete seine Rechte auch den folgenden Tag hindurch, da ich über Höhen und Thäler, durch kleine Wiesengründe und schattige Waldungen im Zickzack die Wanderung weiter nahm. Und die seltsame Stimmung wich auch dann noch nicht, als ich zwischen Dämmerung und Nacht die schauerliche Höhe bei Cochem Herabstieg, gähnende, gespenstig dunkle Klüfte und zwischengelagerte, mit phantastischem Gestrüpp bewachsene, schmalkantige, schwarze Bergrücken, alles im Nebel ver- schwimmend, mir zu Füßen erschaute.' Gemach stieg ich nieder, und was vordem als lauernd gespenstiges Dräuen zu meinen Füßen lag, das sah ich plötzlich als milde sanfte Umrisse den sternbesäten dunkeln Himmel linienreich im Horizont begränzen. Vergessen indeß will ich, im holdseligen Moselthal in Cochem angelangt, der ursprünglicheren anspruchslosen Eifel nicht, — weiß ich doch jetzt, daß von dieser älteren, reicheren Tochter die jüngere Mosel ihre beste Kraft gewinnt, um uns mit Wein und lieblicher Saae der Vorzeit zu laben. Ihr Bestes gibt ja die Eisel her in Gestein und rieselndem Felsgewässtr, um die sanftere, aber auch kokettere junge Schwester zu schmücken. Wir wollen an der gefälligen Anmuth der letzteren uns labend der mit nichts vergleichbaren rauheren Reize der Eisel nicht vergessen; vielmehr alsbald zu ihr zurückkehren. (Köl. Z.) M i s - - l l e n. Die reichsten Privatpersonen in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren nach einer Notiz des „Hamburger Korresp." von 1783 folgende. Prinz v. Coudö hatte eine jährliche Rente von 1,250,000 Thlr., Graf Tscheremctev 1,050,000 Fürst Lubomirski 670,000, Marquis v. Spinola 600,000, Fürst Radzivil 540,000, Herzog v. Mediua-Sidonia 480,000, Graf Czernifchew 450,000, Herzog von Orleans 420,000, Herzog von Bedford 380,000, Herzog von Northumberland 300,000, Herzog von De- vonshire 290,000, Herzog von Marlborough 290,000, Lord Spencer 220,000, Graf Shelburne 180,000, Lord Fitzwilliam 180,000, Herzog von Manchester 160,000, Graf Temple 170,000, Herzog von Rutland 180,000, Herzog von Beaufort 150,000, Herr Nigby, ehern. Kriegszahlmeister, 160,000 Thaler. Man sieht, in der ganzen Liste ist nur ein einziger Name (Fürst Radzivil), der möglicherweise Deutschland angehört. Bezeichnend ist auch, daß die damaligen Krösusse, mit nur einer einzigen Ausnahme, sämmtlich Angehörige der Aristokratie gewesen sind; heute würden sich in einem solchen Register ungleich mehr bürgerliche Namen finden. Das Wunderbarste aber ist, daß kein einziger von orientalischem Klänge sich darunter befindet. (Im Theater.) Kurz nach dem Einrücken eines österreichischen Jnfanterrie-Negi- mentcS in M. wurde „Gustav, der Maskenball" gegeben. Ein sich im Theater befindender Offizier des eingerückten Regimentes schenkte der Vorstellung nur wenig Aufmerksamkeit und musterte die Logen. Als jedoch die Scene kam, in welcher die Verschworenen loosen, wer den König erschießen soll, blickte er mit der größten Spannung auf die Bühne, und als das Loos auf Ankarström fiel, sagte er voller Erstaunen zu seinem Nachbar: „Nein, hören Sie, was dieser Ankarström halt für ein Unglück hat, das können Sie gar nit glauben, der Mensch muß zum Königsmörder geboren sein; i hab' das'Stück in Wien, in Frankfurt und jetzt hier g'sehn, und ihn hat halt jedesmal das Loos getroffen." Ein hartherziger Wucherer wurde auf die Nachricht eines bedeutenden Verlustes vom Schlage gerührt. Auf die Mittheilung dieser Nachricht in einer Gesellschaft rief ein Glied derselben aus: So gab's also doch noch Etwas in der Welt, was ihn rühren konnte." - (Empfindli ch.) „Jesses! Jetzt kaufen sich die Leute R u n dreisebilletS; ich könne das net machen — ich wäret ganz damisch." Original-Charade. * Zerstört das Schicksal grausam unsere Pläne, Entzieht der Tod uns einen theuren Freund, So weint das Auge manche stille Thräne; Wir suhlen dann der Sylben zwei vereint. Der dritten Sylbe huldigen alle Stände Ihr opscrn wir so manchen Augenblick, Ost lohnet sie mit reicher Freudenspcnde, Ost untergrabt sie auch des Menschen Glück. Das Ganze tauscht, ergötzt und rührt das Herz. Weckt Mitgefühl, entwickelt sanften Schinerz. Auslösung des Vuchstabenrebns in Nr. L5: „Amoretten." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Bering des Litcrarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 28: 1880 . zur „Ailqslmrger Pojheitimg. Mittwoch, 6. Oktober Unläugbar ist's und die Erfahrung lehrt? Wie Ruhmsucht zum Verbrechen sich entehrt; Um Lob und Preis, unl nichtige Erscheinung, Entsagen wir des Herzens bcsj'rer Meinung. Shakespeare. Auf Ireiersfüßen. Von G. v. Berlepsch. Herr v. Huber (seinen Adel hatte er aus dem freigebigen Munde des Volkes erhalten) war, was man einen guten Bürger nennt. Er hatte in seinem Leben keine Schulden, keinen Proceß, ja, mit Ausnahme eines einzigen Nachbarn, auch keinen Feind gehabt. Er befand sich nach Erlangung eines bescheidenen Beamtentitels in jenem Stande der Staats-Passivität, welchen das dankbare Vaterland den Männern gönnt, die auf Schlachtfeldern oder in Kanzleistuben ihre Schuldigkeit gethan haben. Obwohl nun jeder Tag für ihn hätte ein Sonntag sein können, drängte ihn ein peinlicher Ordnungssinn, welcher schon im Amte die. leuchtendste seiner Eigenschaften gewesen war, auch in der Freiheit noch einen markirenden Unterschied zu machen und den Wochentag mit allerlei Kleinigkeiten systematisch auszufüllen, wogegen der Sonntag dann als Tag des Ansuchens durch drei Dinge jahraus, jahrein besonders gefeiert wurden; durch eine schwarze Sammtweste, welche der Herr Rechnungsrevident nur an Feiertagen trug, dann durch ein Brat- oder Backhendl, was dem übrigen Mittagsmahl beigefügt wurde und durch eine Partie Tarok, die er mit Frau und Sohn Nachmittags spielte. — „Alles hübsch zu seiner Zeit", hieß sein Leibspruch; diesem gemäß war nicht nur sein Tag, seine Wochen, sein Jahr auf das pünktlichste eingetheilt; sein ganzes bisheriges Leben war in diesem Sinne verflossen. Er hatte „zur Zeit" seinen kleinen Posten im Staatsdienste angetreten, zur Zeit zu rauchen angefangen, zur Zeit um ein braves Bürgersmädchen sammt ansehnlichem Vorstadthause gefreit und so weiter bis ins kleinste Detail, bis auf den Winterrock, den er im Spätherbst an einem bestimmten Datum anzog und im Frühjahr ebenso wieder ablegte. Diese systematische Ordnung betraf nicht nur des Herrn Nechnungsrevidenten Person, sondern Alles, was sein war, Haus, Weib, Sohn und Magd. Alles sah gerade so aufgeräumt aus, wie sein sorgfältig rasirtes Gesicht, selbst die Rosen- und Flieder- bäumchen des Gartens. Auf diesen lag aber gerade Schnee, denn es war Weihnachten. Das Mittagmahl, welches durch die Vermehrung einiger Schüsseln von jeher den Hauptglanzpunkt des Festes bildete, war vorüber und der Herr Rechnungsrevident Huber wie seine wohlgenährte Ehehälfte saßen ausruhend, mit einem erhöhten Roth auf den rundlichen Wänglein, in den Ecken des Sophas. Er rauchte die Cigarre zu Ende, welche er regelmäßig des Morgens nach dem Frühstück genau bis zur Mitte genoß, um nach Tische zur bessern Verdauungsbeförderung die andere Hälfte zu rauchen. Im Zimmer duftete es noch lieblich nach allerhand Braten und Strudeln; der Tisch war aber bereits abgeräumt und eine angenehme, einschläfernde Sonntagsruhe machte sich nunmehr geltend. Zwischen die langsamen Pendelschläge der Stockuhr tönte zuweilen ein Tellerklappern aus der Küche und das Nachmittagsgeläute der Kirchenglocken. „Mutter!" sagte jetzt der Hausherr mit einer gewissen Feierlichkeit, nachdem er das glimmende Cigarrenrestchen aus der Meerschaumspitze geblasen und diese sorgfältig ins Etui gesteckt hatte. Frau v. Huber öffnete ihre schlafblinzelnden Augen und antwortete mit etwas fetter Stimme: „Vater!" — — „Ich hab' mir auf den heutigen Tag etwas aufgespart,, was ich Dir jetzt sagen will", hub er bedächtig an. >— „Äas meinst, wenn wir den Pepi heirathen ließen?" „Wen heirathen?" fragte Frau v. Huber mit ganzer Wendung nach dem Sprechenden. „Nun ich mein' halt ein Mädel, was für uns paffen thäte, — häuslich, eingezogen und «ermöglich. Der Pepi kommt jetzt auf die Jahr', wo ich ihn versorgt haben möchte; — wer weiß, wie lange wir Zwei leben, — dann wäre das auch in der Ordnung." Frau v. Huber sah nachdenklich auf ihre seidene Sonntagsschürze nieder. Dann antwortete sie: „Da hast schon Recht, Vater. Aber wo soll er eine passende Frau finden? Der Pepi ist so viel scheu!" — Der Gatte lächelte. „So bin ich auch gewesen, deswegen haben wir uns doch geheirathet. Wir müssen uns halt umschau'n." Die Huber'schen hatten trotz ihrer Wohlhabenheit stets ein sehr eingezogenes Leben geführt, kein Gast hatte je ihre Schwelle betreten, außer etwa ein ärmlicher Verwandter, der unterthänigst „zum hohen Namensfest" oder zu Neujahr gratuliren kam, mit der stillen Hoffnung, ein paar Guldenzettel oder einen übrigen guten Bissen dabei zu erlangen. Selbst zu Pcpi's Kinderzeiten war kein Spielgenosse in's Haus gekommen; er war allein aufgewachsen als ein dickes, folgsames Kind, im Sommer im Garten, im Winter in der Stube bei der Mutter. Nur eine Bekanntschaft, ja man kann sagen Freundschaft hatte ihm in seinen jungen Jahren geblüht; das war ein kleines braunäugiges Mädchen gewesen, welches in den Nachbargarten gehörte der durch einen Plankenzaun vom Huber'chen Garten getrennt war. Nachdem die Kinder sich anfangs durch die grünüberwachsenen Holzplanken des Zaunes wie zwei wilde Thierchen durch die Eisengitter ihrer Gefängnisse betrachtet hatten, fand die kleine „Drübige" eines Tages ein Schlupfloch und stand unversehens vor dem etwas blöde staunenden Knaben. -Mit dieser kühnen Initiative wurden Peperl und Toni gute Kameraden, und auch zwischen den Eltern entspann sich über den Zaun hinüber ein gesperrt freundschaftlicher Verkehr, der jedoch nach den Zurück- gezogenheitsprinzipien des Huber'schen Ehepaares im Herbste immer wieder ein Ende. hatte. Im „Quartier" liebten sie keinerlei fremde Leute. Nun wurde aber auch der Sommerverkehr einst jäh abgebrochen, indem Toni's Vater, ein begüterter Fabrikant, erklärte, daß er just an der Stelle, wo die beiden Gärten sich begrenzten, ein massives Gartenhaus mit Mauer bauen werde. Die Frau Nechnungsrevidentin, als angestammte Erundeigenthümerin, fand sich durch Entziehung der Nachmittagssonne, welche ihren Zwergobstbäumen dadurch erwuchs, empfindlich geschädigt. Ihr Eheherr beschloß, sich zu einem osficiellen Besuch xunoto dieser Angelegenheit bei dem Fabrikanten; er führte jedoch zu nichts, da Toni's Mutter, eine „resche", zungenfertige Frau, sich die Idee mit dem Gartenhause nun einmal fest in den Kopf gesetzt hatte und ihren Mann dieserhalb auffallend beeinflußte. Da geschah ein äußerlich geräuschloser, aber darum nicht minder intensiver Bruch zwischen diesen beiden Familien, der durch das leibhaftige Erscheinen von Maurern und Zimmerleuten sich fest verkalkte, wie die Mauer selbst, wohhe, von Steinen und Mörtel gefügt, sich bald erhob. Dadurch waren Peperl und Toni nun ebenfalls geschiedene Leute, aber nur kurze Zeit, bis die Schulperiode sie wieder zusammenführte. Toni ergriff wieder energisch das Ruder der alten Freundschaft. Sie schlenderte unbekümmert neben ihrem nunmehrigen Schulfreunde her und machte ihm sogar den Vorschlag, einmal über die Mauer zu steigen, um das schöne Gartenhaus zu sehen, welches der Vater gebaut habe. Als Pepi dies ahnungslos zu Hause erzählte, sah Frau v. Huber darin eine kränkende Neckerei der Nachbarlichen und es wurde darob dem Knaben jeder weitere Verkehr mit seiner ehemaligen Zaunkönigin untersagt. Peperl an stricten Gehorsam gewöhnt, that wie ihm geheißen, obwohl mit wehmüthigem Kopfhängen. Er wußte keinen andern Ausweg als den Befehl seiner Freundin ehrlich mitzutheilen» Statt nun Mittleid mit ihm zu haben, lachte Toni nur ungläubig und rief so laut: „Du dummer Bub', ich hab' dir ja nichts gethan!" daß sich gleich mehrere andere ' Knaben, die Pepi wegen seines stillen Wesens nicht leiden mochten, dazu gesellten und in den Ruf: „dummer Bub'!" höhnisch einstimmten. Obwohl diese Scene nun durchaus nicht in Toni's Absicht gelegen hatte, war sie doch zum Entscheid ihres Freundschafts- iruches geworden; Pepi war gekränkt, Toni trotzte mit dem „dummen Bub'" — so kam es, daß sie nicht mehr miteinander nach Hause schlenderten und die Gartenmauer fortan auch ihre Herzen schied. Und um allfällige Begegnungen, welche den friedliebenden Sinn des Herrn Nechnungsrevidenten doch immer auf's Neue beunruhigt haben würden, zu vermeiden, hatte er angeordnet, daß er und die Seinen in Zukunft auf dem jenseitigen Trottoir der Straße, welches die Nachbarn nie benützten, gehen sollten. Zu der Gartenmauer war also noch die ganze Breite einer verkehrsreichen Vorstadtstraße gekommen; — wir sollten glauben, daß dies genügte, um Jahr auf Jahr dahinrollen zu sehen, ohne daß die feindlichen Parteien wieder einmal ihre Wege gekreuzt hätten? — Im Stillen flog wohl hie und da ein verstohlener Blick über die Straße, oder über den Garten, an dessen verhüngnißvoller Mauer jetzt hüben wilder Wein, drüben aber nach den rankenden Schößlingen zu schließen, Kletterrosen wuchsen. Die schlangen im Sommer ihre luftigen Arme ineinander und gaben ein heiter ironisch Bild zum Verhältniß der grollenden Nachbarn. So standen die Dinge an dem Weihnachtstage, als der Herr Rechnungsrevident > und seine ehrsame Hausfrau die Verheirathung ihres Sohnes beschlossen. Nach einem langen und breiten Gespräch, welches die Nützlichkeiten dieses Schrittes allseitig ventilirt hatte, wurde die Hauptperson desselben, Pepi, gerufen und ihm mit der gehörigen Besonnenheit' die Kunde mitgetheilt. Pepi, obwohl ein großer und nicht übler Jüngling, stand bei der Eröffnung fast gerade so da, wie vor vielen Jahren, als die kleine Toni, durch den Zaun geschlüpft, plötzlich vor ihm erschien. Er machte erst ein erstauntes, dann ein ernsthaftes Gesicht, dann lachte er verlegen und wußte nicht, was er sagen sollte. Die Unterredung endigte damit, daß der folgsame Sohn dem Wunsche der Eltern zu willfahren versprach, sofern sich für ihn das „Nichtige" gefunden haben würde. Pepi war das verjüngte Ebenbild seines Vaters, mit all' jenen braven Durch- schnitts-Eigenschaften, welche diesem zu einem behäbigen und unangefochtenen Dasein verhelfen hatten. Aus diesem Grunde war vom Traum der Liebe noch wenig über ihn gekommen, was übrigens aus seinem abgeschlossenen Leben auch mit herzuleiten war. Wo aber diese Wunderblume noch nicht geblüht, sei's in der Gestalt eines Gänse- ! blümchens oder einer dornig wilden Rose, da liegt noch ein unergründetes Capitel ver- > schlössen, in dem gar Mancherlei schlummern kann! Pepi betrachtete seit diesem Tag das Leben von einem neuen Standpunkt, der Paragraph „Frauen" war plötzlich darin aufgetaucht und lehrte ihn allmälig bemerken, > daß es in der Welt eigentlich viel Hübsches und Angenehmes gebe, was er bisher kaum i beachtet hatte. Wenn er so ein lächelndes Mädchenangesicht daraufhin anschaute, als ! könnte das vielleicht das „Richtige" sein, an seinem Arm spazieren gehen, ja ihm gar ! — einen Kuß geben — dann wurde er fast roth und vor sich selbst verlegen, aber in der Herzgegend begann dabei eine allgemeine liebliche Wärme aufzusteigen. — Aus diesem gewissermaßen traumhaften Zustand wurde Pepi eines Tages im Fasching geweckt, indem sein Vater ihm mittheilte, daß sie ein Turner-Tanzkränzchen besuchen würden, zu welchem ein früherer Amtscollege mit seiner Tochter ebenfalls erscheinen wolle. Das war ein außergewöhnlicher Act im Huber'schen Hause; man begann sich umzuschauen! Pepi sah in seinem nagelneuen Frack, sogar mit gebrannten Locken, so schmuck aus, , daß Herr v. Huber nicht ohne Stolz ihn seinem Collegen und dessen Tochter präsentirte. Diese Letztere, an deren Wiege jedenfalls nicht alle drei Grazien, wenn überhaupt eine gestanden, lächelte verlegen und schwieg; sie schien ebenso unsicher auf dem Parquet des , Vallsaales wie Pepi. Als er, um der stummen Unterhaltung eine Richtung zu geben, ^ sie zu einem Tanz aufforderte und in möglichst ehrbarer Entfernung von seiner Tänzerin f zu einem Walzer Miene machte, huschte gleich einem Schmetterling, und wie Pepi wahr- s zunehmen glaubte, mit boshaftem Lächeln — seine kleine Zaunkönigin von ehedem vor- r über. Wie groß und hübsch war sie geworden! — Ihre Erscheinung brachte ihn der- ^ maßen aus der Fassung, daß er seine Walzer-Bemühungen alsbald aufgab und die naße Stirne trocknend, sich in eine Ecke zurückzog. Herr v. Huber hielt dies für natürliche Schüchternheit und machte diesbezüglich einige aufmunternde Bemerkungen, welche die Annäherung der jungen Leute jedoch nicht sonderlich förderten. Was mußte er dagegen im Laufe des Abends sehen? Daß vor seinem Sohne urplötzlich eine braunäugige, schlanke Mädchengestalt stand, ihn lachend anredete, während er sie bestürzt anstarrte und — ist's möglich — zwei Minuten nachher sich flink mit ihr unter den anderen Paaren drehte! Herr v. Huber war diesen Abend zum ersten Mal über seinen Sohn stutzig geworden; er konnte sich einer gewissen Unruhe darob nicht erwehren. Diesem Sohn dagegen kam es vor, als hätte sich für ihn aus einer Stube, die sein bisheriges Leben bedeutete, auf einmal ein Pförtchen mit lieblicher Aussicht ins Freie aufgethan. Er wußte nur mit wenigen unklaren Reden zu antworten auf die sondirenden Fragen, wie die sittsame Schöne ihm gefallen, und wie es gekommen, daß er mit der „Drübigen", . mit dem dunkellockigen Wildfang, getanzt habe. Zur großen Verwunderung des Eltern- ! paares fand er weiter Geschmack am Leben außer dem Hause, an andern Faschings- Vergnügen und fing an, nach seinen Bureaustunden einen Spaziergang zu machen, was . früher selten geschehen war. Auf einem dieser Gänge passirte es, daß Jemand ihm ^ guten Abend wünschte und fragte, wie er sich neulich unterhalten habe. Es war Toni, die des Weges kam und sich ihrem Freunde von ehedem harmlos 'anschloß. Pepi ging etwas zaghaft, aber doch froh erregt, neben ihr her und bemerkte nicht, wie es schien, daß er gegen altes, feindliches Herkommen sein angestammtes Trottoir verlassen und so die Begegnung gefunden hatte; er schien überhaupt vergessen zu haben, daß eine unwiderrufliche Gartenmauer zwischen ihm und dem lustig plaudernden Mädchen liege, und daß sie ihn einst so sehr despectirlich einen „dummen Buben" gescholten hatte. i Pepi's sonderbares Wesen machte die Eltern immer unruhiger; der Herr Rechnungs- i revident, dem dies Alles gegen den gewohnten Ordnungssinn ging, äußerte sich eines s Morgens zu seiner Ehehälfte, er sehe schon, er müsse die Sache mit Pepi's Verheirathung ^ in die Hand nehmen. Das Nächste war, daß Letzterer aufgefordert wurde, im Hause ^ der bewußten Schönen vom Turnerkränzchen einen Besuch zu machen, wogegen Pepi sich . mit erschreckender Entschiedenheit weigerte. Diese Auflehnung setzte die erste kleine l Familienscene in dem ruhigen Hause ab. Herr v. Huber vergaß darüber seine halbe « Morgen-Cigarre zu rauchen. Pepi dagegen verspürte stärker denn je einen Zug nach ; frischer Luft. Melancholisch wanderte er am Abend selbigen Tages wiederum auf dem feindlichen Trottoir und dachte darüber nach, was aus all' dem noch werden sollte. Da sah er — ^ es war dieselbe Stunde und Gegend, wo dies schon mehrmals geschehen, ein wohl- ^ bekanntes Hütchen sammt braunäugigxr Trägerin auf sich zukommen, und sein Herz ' machte in Folge dessen einige ganz unerklärliche Sprünge. Obschon Toni längst die - Kinderschuhe abgestreift hatte, war ihr jene naive Unmittelbarkeit von früher doch geblieben; die Art, wie sie sich ihm halb launig, halb treuherzig wieder genähert hatte und jetzt der Ton, in welchem sie fragte, warum er ein so betrübtes Gesicht mache, heimelten ' Pepi sehr an. Er murmelte etwas von Unannehmlichkeiten zu Hause, machte dabei aber gleich Kehrt, um Toni zu begleiten. Sie fragte ihn, was das für Unangenehmes sei. Nach etlichem Besinnen und Würgen platzte er gerade heraus, es handle sich um's ^ Heirathen. * 221 „Um's Heirathen?" lachte Toni und sah ihn dabei eigenthümlich an. „Das ist ja doch nichts Arges!" „Freilich nichts Arges", stieß Pepi heraus; aber — -— — „Zu Wem darf man Ihnen denn gratuliren?" fragte sie etwas unsicher nach einer kleinen Pause. Sie nannten sich nämlich jetzt in Anbetracht ihrer Größe „Sie." „Das ist's eben — ich weiß es selber noch nicht." Jetzt lachte Toni noch lauter; es klang wie Freude. „Das ist lustig!" So was Verdrehtes hab' ich noch nie gehört." Nach dieser Aeußerung fand sich Pepi genöthigt, die Sache näher zu erklären. Das Herz wurde ihm dabei unversehens leichter. Toni blieb nach feinen mühsamen Explikationen stehen, sie waren gerade vor ihrem Hause angekommen, und gab ihm den kategorischen Rath: „Machen Sie es doch wie ich. Ich hab' dem Vater erklärt, daß ich nur Jemand heirathe, den ich mag oder ich werd' eine alte JungferI" „Mögen thät ich schon Jemand", sagte Pepi leichter, „aber — da geht's gar nicht!" — Toni schaute ihn forschend an und fragte: „Warum geht's nicht!" — „Wegen der alten Geschichte mit der Gartenmauer — die Eltern sind sich ja feind", antwortete der Befragte noch leiser. Toni senkte die Wimpern, räusperte und meinte: „O, deswegen!" — Wäre Pepi jetzt nicht „so viel scheu" gewesen, wie seine Mutter einst gesagt, so hätte Alles rasch im Reinen sein können. Der Gedanke an die feindlichen Eltern hielt ihn aber doch vom Aeußersten ab. Dies schien Toni recht wohl zu fühlen. Sie hob entschlossen ihr Köpfchen, warf einen schnellen Blick am Haus hinauf und sah droben ihre Mutter, die in der Abenddämmerung offenbar auf ihr säumendes Töchterchen wartete. Ein Gedanke schien in Toni aufzublitzen. Sie verzog einen Moment den Mund zum Lächeln, dann sagte sie zaghaft: — „Wenn ich damit gemeint bin —" „Ja wer sonst, Toni!" antwortete Pepi merkwürdig schnell. „Dann wußt' ich schon Etwas", fuhr sie fort und blickte dabei wieder in die Höhe nach den: Fenster. „Wenn Du mich gern hast, Pepi, dann gib' mir einen Kuß", sagte sie schnell und couragirt, „das Andere wird sich schon machen." Pepi erschrack förmlich vor dieser Courage, aber er that wie ihm geheißen. Es war die erste Kühnheit seines Lebens. „Toni!" klang es in diesem Augenblick wie ein Befehl aus der Höhe. „Die Mutter hat uns gesehen — ich hab's zu Fleiß gethan", flüsterte Toni; „wirst sehen, jetzt geht das Andere schnell, mußt nur n' Kopf nicht verlieren!" — Damit schlüpfte sie ins Haus und ließ Pepi wie von einem Wirbelwind erfaßt stehen. Wenn man dem ehrsamen Huber'schen Ehepaar gesagt hätte, daß der Stefans- thurin plötzlich in ihrem Garten versetzt sei, wären sie weniger außer Fassung gerathen, als durch das Unglaubliche, daß ihr Pepi, ihr stiller Pepi, für den sie sich glaubten, umschauen zu müssen, weil er „so viel scheu" sei, sich durch einen unerlaubten Kuß-; das ganze wackere Haus mit sammt seinem unverrückbar scheinenden Ordnungssystem geriet!) in's Schwanken. Daß es aber mit diesem Kuß wieder einmal gegangen, wie schon oft in der Welt, wo ein Wciberköpfchen für die schwankende Thatkraft des Mannes frisch eintritt, erfuhren sie nie, Kurzum, der Rest von dem Allem war, daß nach etlichen stürmischen Unebenheiten: 1. Pepi versorgt und somit nach des Herrn Rechnungsrevidentcn'Willen „daS auch noch in der Ordnung war"; 2. daß er dadurch mit dem ersten und einzigen Feinde seines Lebens sich versöhnte: 222 3. daß auf's Frühjahr in die verhängnißvolle Mauer ein Pförtchen gebrochen wurde, über dem nun der wilde Wein hüben und die Kletterrosen drüben sich rechtmäßig umarmen durften. Glückliches, braves Philistertum! (Deutsche Ztg.) Römische Sonnenuhren aus Aqnileja. Das Bedürfniß, die dahineilende Zeit, in der wir leben, zu messen, hat sich beim bomo saxieng zwar schon im grauesten Alterthume fühlbar gemacht. Da aber vorerst doch noch andere viel pressantere Bedürfnisse befriedigt werden mußten, so fand der Grundsatz »timo m rnono^« noch keine sonderliche Beachtung; die Erfindung der Zeitmesser ließ daher verhältnißmäßig sehr lange auf sich warten. Wenn von primitiven, in die vorgeschichtliche Aera hinaufreichenden Zeitmeßmethoden abstrachirt wird, so soll es, nach dem Zeugniß der berühmtesten alten Historiker und Architekten, dem chaldäischen Priester Berosus ans Babylon um das Jahr 270 vor Christus zuerst gelungen sein, ein genaues und verläßliches, aber nur bei Sonnenschein verwendbares Zeitmaßinstrument, die Sonnenuhr, zu construiren. Berosus beschäftigte sich viel mit Geschichtschreibekunst und Astronomie und da mochte er vielleicht von den in letzterer Disliplin sehr vorgeschrittenen Egyptern, die zur Verfertigung von Sonnenuhren nöthigen Kenntnisse entlehnt haben. Thatsache ist es, daß der Entwurf einer antiken Sonnenuhr schon eine gewisse Geläufigkeit in der Geodäsie und der sphärischen Trigonometrie voraussetzte. Die Sonnenuhr des Berosus bestand nun bekanntlich aus einer dem Himmelsgewölbe nachgebildeten halbkugelförmigen Aushöhlung, Hemisphärium, welches, in dem der Polhöhe des Beobachtungsortes entsprechenden Neigungswinkel aufgestellt, in seiner oberen Parthie mit einem Zeiger versehen war, dessen Schatten die auf der hohlen Halbkugel verzeichneten konventionellen Tages-Zeitabschnitte successive andeutete. Das Princip der Construction der Sonnenuhr blieb ein Geheimniß der Unterrichteten und Fachkünstler, während die übrige Menge, wie auch heutzutage, sich mit der Schablone und der zurechtgelegten Formel begnügte. An der Erfindung des Berosus wurde mit der Zeit von den antiken Astronomen mancherlei Modifikationen und Besserungen angebracht; so construirte Aristarchus aus Samos eine Sonnenuhr nicht in einer Hohlkugel, sondern auf einer ebenen Fläche (äisons in xlnnitia. Vitruv. IX. 1.); Sko pinas aus Syrakus eine Sonnenuhr in Cassetten (laminar); Theodosius eine Universal-Sonnenuhr für alle Polhöhen (xros pan Xlima) u. s. w. An trüben oder regnerischen Tagen, sowie zur Nachtzeit versagten freilich die Sonnenuhren ihren Dienst. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, erfand Ctesibios aus Alexandria die Wasseruhren. Darunter sind aber nicht die den Schulbesuch, die Ablösung der Schildwachen, die zulässige Dauer der Parlaments- und Advocatenreden u. s. w. regulirenden und den Sanduhren analogen Klepshydren zu verstehen; es waren dies vielmehr die auf den öffentlichen Plätzen aufgestellten, bei Nachtzeit transparenten Monumental-Wasseruhren (ÜoroIvAia ox ayua), deren ebenso complicirte als sinnreiche Construction im IX. Buch des Vitruv ius (Feldzeugmeisters unter Julius Cäsar und Augustus) enthalten ist. Bei den Griechen und Römern war aber die Construction der Sonnen- und Wasseruhren aus dem Grunde besonders schwierig, weil die Länge des Tages vom Auf- bis zum Untergänge der Sonne, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit, in zwölf gleiche Stunden (dorn) während des Sommer-Solstitiums dauerte, desto kürzer fiel die Nachtstunds (viZilia) aus; sowohl die Tages- als die Nachtstunden hatten daher in jedem Monat und eigentlich sogar an jedem Tage und in jeder Nacht eine durchaus verschiedene Länge. Die römischen Uhrmacher hatten folglich ihren Kunden gegenüber einen viel schwierigern 223 Stand als die heutigen Chronometerfabrikanten; und dennoch wurde im Alterthum die Zeitmeßfrage in einer ebenso originellen als scharfsinnigen Weise gelöst. Zur Bekräftigung dieser Meinung hat die vom k. k. Custos des kaiserlichen Münz- und Antiken-Cabinets in Wien, Herrn Dr. Friedr. Kenner, soeben in den „Mittheilungen der k. k. Centralcommisfion für Kunst uud historische Denkmale" publicirte und auch im Separatabdruck erschienene Arbeit „Römische Sonnenuhren aus Aquileja" wesentlich beitragen. Durch diese auf österreichischem Boden gemachten Funde und die dann vom Herrn Verfasser geknüpften Erörterungen, werden einige Lücken in der bisherigen Theorie der römischen Sonnenuhren in der glücklichsten Weise ausgefüllt; und da überdies eine der gefundenen Uhren sich als ein Unicum präsentirt, so dürfte eine ganz kurze Analyse der in Frage stehenden Publication vielleicht nicht unerwünscht sein. In den Ruinen der ehemaligen römischen Kaiser-Residenz Aquileja sind bis jetzt sechs verschiedene Sonnenuhren gefunden worden. Die von Kaiser Franz für das k. k. Antikencabinet acquirirte Sammlung Zanini's zählt zwei in je einen Block Jstrianer Kalksteins gehauene Hemisphärien für die Polhöhe von Aquileja (45 Grad nördlicher Breite nach Ptolomäus). Um die Ungleichheit der Tagesstunden und ihr Zu- und Abnehmen zwischen den Aequinoctien und Solstitien darzustellen, sind auf diesen Hemisphärien nicht blos verticale Stundenlinien, sondern auch Querlinien für die verschiedenen Jahreszeiten, deren Abstand, von einander der Zu- und Abnahme der Schattenlänge des Zeigers entsprach. Der Letztere war ein Metallstab, welcher vertical eingestellt und in geringerer Höhe über der oberen Kante der Höhlung in einem rechten Winkel umgebogen wurde, so daß der horizontale Schenkel bis zur Aequatorlinie vorragte; bis z u dieser reichte der Schatten zu allen Stunden des Tages am 21. März und 21. September, also zur Zeit der Aequinoctien, er schritt dann gleichsam auf der Aequatorlinie einher. Vom 21. März bis 21. Juni beschrieb er immer größere Parallelkreise zur Aequatorlinie, bis er um die Sonnenwende den unteren Rand der Höhlung erreichte; von da ab wurden die Linien, die er beschrieb, wieder immer kleiner, bis er am 21. September abermals die Aequatorlinie, am 21. Dezember den Winterwendekreis erreichte, d. h. die obere Querlinie nächst dem Zeiger (Anomon). Die Stellung und' Abbiegung des letzteren, die Krümmung des Kugelsegments in Verbindung mit der steileren oder schieferen Stellung der Sonne bewirkten die Verkürzung der Schatten im Winter, ihre Verlängerung im Sommer, wodurch eben ein der conventio- nellen römischen Zeiteintheilung vollkommen -entsprechendes Bild auf der Sonnenuhr erzeugt wurde. Die dritte in Aquileja gefundene Sonnenuhr befindet sich in der Sammlung zu Monastero. Es ist dies ebenfalls ein vortrefflich erhaltenes und für die Polhöhe von Aquileja gearbeitetes Hennsphürium. Die vierte Sonnenuhr aus Aequileja befindet sich jetzt in der Sammlung des Herrn Grafen Toppo auf dem Schlosse Buttrio bei Udine. Das Hemisphärium ist nur in einem Bruchstücke erhalten; wichtig ist das Objekt durch den Reichthum des bildlichen Schmuckes im Postament. Dieses stellt ein vorne aufgerolltes, corinthisches Capitäl dar, in dessen Innerem eine Venus und eine neben ihr stehende, unbärtige Herme sichtbar sind. Die fünfte richtigste Sonnenuhr wurde in Aquileja erst jüngst (1879) auf einem Grunde des Herrn Grafen Cassis, als man nach Juwelen grub, gefunden. Auf einem aus Steinen zusammengesetzten und von steinernen Sitzbänken umgebenen Tisch ist auf der obersten Tischplatte eine horizontale Sonnenuhr und eine Windscheibe eingravirt. Die Tischplatte ist von einem Nahmen umgeben und ist diese Uhr der einzige Repräsentant einer Sonnenuhr in Kassetten, wie eine solche, nach Vitruvius, im CircuS Flaminius zu Rom aufgestellt war. Gestützt auf andere Funde und Substructionen weist Herr Dr. Kenner mit Evidenz nach, daß die Residenzstadt Aquileja sich eines Circus erfreute, daß dieser höchst wahrscheinlich von Kaiser SeptimiuS SeveruS um'S Jahr 20Ü 224 nach Chr. nächst der Stadtmauer, wo jetzt dessen Ruinen theilweise blosgelegt werden, errichtet wurde und die Fundestelle der Cassetten-Sonnenuhr genau mit dem Platze übereinstimmt, auf dem eine Circusuhr für den Gebrauch der die Spiels leitenden kaiserlichen Beamten aufgestellt zu werden pflegte. Für diese Ansicht spricht allerdings auch der Umstand, daß auf diese einen großen Raum einnehmende Sonnenuhr eine besondere Sorgfalt und Genauigkeit von dem auf der Tafel ersichtlichen Uhrmacher (Ll'^ntistino Lupvrus kamt) verwendet worden ist. Die Projection der graphischen Stundenzeichen von einer Hohlkugel auf eins ebene Fläche ist meisterhaft durchgeführt; im hohen Grade muß auch die Genauigkeit überraschen, mit welcher die Länge der Stundenlinien, d. h. die Schattenlänge des Gcomons gemessen und auf dem Steine dargestellt wurde. Der k. k. Direktor der Wiener Sternwarte, Herr E. Weiß, hat sich der langwierigen und mühsamen Arbeit unterzogen, die Schattenlängen zu berechnen, und damit die Längen der von Europorus gezeichneten Stundeu- linien zu vergleichen. Nach Feststellung der Länge des Geomons mit 6'3 Centimeter und dessen Stellung im Winkel der Polhöhe von 45 Grad 39 Linien, ergaben sich relativ sehr unbedeutende Differenzen; so war für das Sommersolstitium die berechnete Schattenlänge für Mittag 61'9 Millimeter, während Euporus dieselbe effektiv mit 62 Millimeter zeichnete, eine Genauigkeit, die wirklich staunenswerth ist, insbesondere wenn man die Unzugänglichkeit der Hilfsmittel in Anschlag bringt, welche den Alten zur Verfügung standen und sie mit jenen vergleicht, über welche unsere Zeit verfügt. Die sechste Sonnenuhr aus Aquileja befindet sich im Besitze des Herrn Dr. Gregorutti in Baperiano bei Aguileja. Dieselbe stellt eine zum Aufhängen bestimmte Neiseuhr Horologium viatorium, oivv xonsüniin des Vitruv.) dar, bestehend aus einer kreisrunden Scheibe Bronzeblech von 31 Millimeter Durchmesser, die auf beiden Seiten mit den Figuren des Analemma (Zeichen der Stunden und Jahreszeiten) versehen ist; also ungefähr so groß wie die heutigen kleinen Cylinderuhren. Die Figur auf der Vorderseite bezieht sich auf die Polhöhe von Rom, jene der Rückseite auf die von Ravenna; diese Reiscuhr konnte daher für Mittel- und Oberitalien eine leidlich richtige Zeit angeben. Die Uhr hing vertikal und es mußte sowohl die Lage des im Mittelpunkt befestigten Geomon als jene der Stundenzeichen dein entspreche^ transponirt werden, welche Aufgabe auf dem kleinen zur Verfügung stehenden Raum vom unbekannten römischen Uhrmacher für. die Jahreszeiten sowohl als für die einzelnen Monate des Jahres vortrefflich gelöst worden ist. Durch die vorstehend erwähnte Arbeit ist aber nicht nur die Kenntniß über die römischen Sonnenuhren, sondern auch die allgemeine Alterthumskunde in der verdienstlichsten Weise bereichert worden. (W. V.) Miseellen. Eine Gräfin besuchte alle Jahre Karlsbad. Auf einer Reise dahin erhielt sie unterwegs beim Wechseln der Pferde zum Postillon einen Burschen von höchstens 16 Jahren. „Kannst du auch fahren?" fragte sie ihn beim Einsteigen in den Wagen. „Ei, warum denn nicht, gnädige Frau! Kennen Sie mich denn nicht mehr? Ich habe Sie ja voriges Jahr umgeworfen." (Schnell gefaßt.) Gast: „Sö, Jean! Der Braten ist frisch? Er schaut zwar nit schlecht aus, aber mit dem G'ruch bin i net einverstanden." — Kellner: „Aber Euer Gnaden werden doch zwei Augen mehr glauben als einer Nas'n!" Auflösung der Original-Charade in Nr- 2tt: Ehe. Für die Redaktion verantwarllich: Alphons Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des Ltterarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. zur „Ailgstmrger pojheiümg." Nr. 29. Samstag, 9. Oktober 1880. Die Wahrheit ist ein Brod, das starke Zähne fordert; eine Brant, die ein Jeder scheut; ein Buch, in welchem Niemand gerne liest; ein Wasser, mit dem sich Niemand gerne wäscht; eine Lanze, die schwer verwundet, und eine Speise, schwer zu verdauen. Abraham L, St. Clara. HrldegAVd*) Criminal-Novelle von Theodor Küsteri Ein grauer Herbstmorgen hüllte die größte deutsche Hafen- und Handelsstadt — Hamburg — in düsteren Nebel. Es war kaum 8 Uhr, und der Verkehr auf den Straßen gerade um diese Zeit sehr lebhaft; junge Leute, welche eilig ihren Comptoirs zueilten, Näherinnen und Andere, welche um diese Stunde an ihr Tagwerk mußten, füllten die Straßen. Selten nur sah matt zwischen den Milch- und Brod-Verkäufern, den Grün- Händlern und Metzgerburschen, welche ihre festen Kunden bedienten oder nach deren Aufträgen zu fragen käme», andere Personen, die nicht zu ihrem Geschäfte eilten. An der Allster, auf deren Ostseite, dem sogenannten Alsterdamm, ging eiligen Schrittes ein junges Mädchen — „Dame" kdnnte man es, nur nach dem Aeußeren anheilend, kaum nennen; und doch fühlte man, daß diese Bezeichnung die passende sein müsse, wenn man die hohe, schlanke Gestalt mit dem feinen, blassen Gesicht sah; das dünne, schwarze, in Folge Altersschwäche schon in's Graue hinüberspielende Kleid, das für die vorgerückte Jahreszeit bereits zu durchsichtige Umschlagetuch und den kleinen, durch vielfachen Gebrauch zerknitterten und unansehnlich gewordenen Strohhut — all' dies mußte man vergessen über den edlen Zügen, auf denen ein Hauch tiefer Melancholie lag. Ein kalter Luftzug von der Alster her fing sich in ihren Kleidern und trieb eine leichte Nöthe auf ihre Wangen; fröstelnd versteckte sie die kleinen, in vielfach ausgebesserten Handschuhen sich verbergenden Hände unter ihrem Shawltuch und mit ihnen eine Mappe, welche sie trug. Jetzt bog sie von der Alster nach Rechts ab, einem großen rothen, von Garten- anlagen umgebenen, erhöht liegenden Gebäude zu, auf dessen Inhalt wohl, weniger aber auf die äußere Form Hamburg stolz sein kann — der Kunsthalle. Je naher das junge Mädchen dem gewöhnlichen Sciteneingange dieses Museums kam, um so zögernder wurden seine Schritte. Es schien ängstlich; mit seinen großen, traurigen Augen blickte es auf die noch verschlossene Thür, an welcher ein mit großen Lettern gedrucktes Placat besage, daß dein Publikum der Eintritt erst um elf Uhr gestattet sei. Es hatte nicht nöthig, das erst zu lesen — es wußte es; kannte es doch das große Gebäude, seine reichen Schätze und die den Besuch des Publikums regelnden Vorschriften ganz genau, da eS täglich viele Stunden dort zubrachte. So ließ es denn auch heute jene Thür unbeachtet, *) Nachdruck verboten! 226 wandte sich der Hinterseite des großen Gebäudes zu und trat dort in eine kleine Thür. Nur zwei Schritte noch und es stand vor einer Stubenthür, an der es schüchtern klopfte. „Herein!"rief eine rauhe Männerstimme, welche jedoch beim Anblick der Eintretenden eine bedeutend freundlichere Stimmung unnahm. „Guten Morgen, Fräulein Beckers — Schon so früh?" — „Herr Castcllan, ich möchte Sie recht sehr bitten, mir für einige Tage zu erlauben, daß ich schon um 8 Uhr kommen darf; die Copie muß noch in dieser Woche fertig werden, und später, wenn oft viele Besucher die Säle durchwandern, arbeitet es sich schwerer und es geht weit langsamer von Statten. Bitte, nur für diese Woche!" — Mit weicher, herzlich bittender Stimme hatte sie gesprochen. Nachdenklich wiegte der alte Beamte den Kopf; endlich erwiderte er: „Ich kann es nicht gut auf mich allein nehmen, Fräulein Becker; wenn Sie mit dem Herrn Jnspector gesprochen hätten ....." — Das junge Mädchen erröthete leicht bei Erwähnung des Jnspectors, doch weit dringender fuhr es fort: „Sie kennen die traurige Lage meines armen Vaters, Herr Castellan, und wissen, wie sehr wir des Geldes bedürfen, welches ich für diese Copie erhalten werde, sobald sie vollendet ist; bitte, lassen Sie mich ein! — Und noch Eins", setzte sie zögernd hinzu, „der Jnspector muß es nicht erfahren." — Der alte Castellan nickte lächelnd, gutmüthig; er schien nun Alles zu begreifen. „Ihnen zu Liebe thue ich schon ein klebriges, Fräulein Becker", sagte er. „Ihr Vater — ach, der liebe, gute Herr, wie leid thut er mir, und wie betrübt mich sein unverdientes Geschick! — Ich habe ihn ja gekannt, als er jung und vor aller Welt gefeiert hier aus- und einging, als man sich leise zuflüsterte in den Sälen bei seinem Erscheinen und ihn den „Stolz Hamburgs" nannte — und nun so elend und — so rasch vergessen!" — „Ich danke Ihnen, lieber Herr Castellan, für Ihre Güte. —> Wie geht es Ihrer Frau und Ihren Kindern?" — „Nun man muß zufrieden sein, Fräulein, es geht eben so, daß man nicht gerade klagen darf." Beide gingen nun durch einen langen, schmalen Gang und dann eine Treppe mit wenigen Stufen hinauf, bis sie in die große, säulengetragene untere Halle kamen, an deren Wänden rings herum vorzügliche Copien der berühmtesten Bildhauerarbeiten aufgestellt waren und in deren Mitte die prachtvolle große und breite, in halber Höhe rechts und links sich theilende Marmortreppe, mit Teppichen belegt, zur oberen, ausschließlich die Gemälde enthaltenden Etage führt. Dort hinauf stiegen sie. Die tiefe Stille in den weiten Räumen, der laute Schall jedes gesprochenen Wortes und draußen die graue, schwere Nebelluft — dies Alles machte einen beängstigendunheimlichen Eindruck. — Links vom Hauptsaal, in einem der kleinen Zimmer, ward Halt Gemacht, und Hildegard Becker entledigte sich des kleinen, unansehnlichen Strohhutes. Eine reiche Fülle einfach geordneter brauner Zöpfe umschlang den edelgeformten Kopf und ließ daß blasse, schmale Gesicht noch feiner erscheinen; als sie auch noch das kkmschlagetuch abgelegt hatte, zeigte sich die schlanke, biegsame Gestalt in ihrer ganzen Schönheit und Formvollendung. Hildegard band eine kleine Schürze vor und begann, immer noch mit dem alten Castellan plaudernd, Pinsel und Palette zurechtzulegen, während Wesselmann — der Castellan — eine verhängte Staffclei aus dem Winkel des Zimmers holte und in die zur Arbeit erforderliche Position brachte. „So", sagte der Alte, „nun will ich auch nicht länger stören, Fräulein Becker." Hildegard nickte ihm freundlich zu. Dann rieb sie sich die von dem rauhen Herbstmorgen etwas gerötheten schmalen Hände, dabei ihre aufmerksame Beobachtung theilend zwischen dem Originalbild und ihrer Copie desselben. Die „Tochter Tizian's" war in treuer künstlerischer Vollendung unter Hildegard'S 227 Pinsel entstanden — die Copie einer Copie, deren Original sich bekanntlich in der Dresdener Galerie befindet. Nur noch wenige Arbeit, und das Bild war vollendet. Es war eine recht gelungene Arbeit, und doch schien noch etwas wie Unzufriedenheit auf dem melancholischen jungen Gesichte der Künstlerin zu liegen, als sie ihre Arbeit mit der des berühmten, vielgenannten jungen Malers verglich, nach dessen in der Dresdener Galerie genommener Copie sie malte. Allein auch dieser — wie es schien — unbefriedigte Ausdruck verschwand, als sie mit nunmehr erwärmten Händen eifrig an ihre Arbeit ging. Stunde um Stunde verrann bei ihrer emsigen Thätigkeit, bis es endlich auf dem nahen Kirchenthurme 11 Uhr schlug. Hildegard begann unruhig zu werden, und wie im Traume verloren pausirte sie zuweilen in ihrem Schaffen, ihr Blick schweifte hinaus in die klarer gewordene Atmosphäre, und ihre Lippen bewegten sich, leise murmelnd: „Ob er wohl heute kommen mag?" Sie erinnerte sich jedoch, das; sie von ihrer kostbaren Zeit keinen Augenblick zu verlieren habe, und fuhr eifrig fort zu malen. Allein die Ruhe war von ihr gewichen, immer auf's Neue mußte sie sich unterbrechen, um auf die Schritte Nahender zu horchen, denn mit dem Glockeuschlag elf begann die Zulassung des Publikums zu den weiten Räumen der Kunsthalle sowohl, wie auch zu der in einem Theile derselben etablirten permanenten Ausstellung der Arbeiten lebender Künstler. Es mochte so eine halbe Stunde vergangen sein, noch keiner von den Besuchern hatte das kleine Zimmer betreten, in welchem Hildegard arbeitend vor der „Tochter Tizian's" saß — da plötzlich, erröthete das junge Mädchen heftig, sie legte die Hand heftig auf's Herz, um sein ungestümes Pochen zu beschwichtigen; sie hatte die Schritte erkannt, welche langsam dem Zimmer sich näherten; sie wußte, wer jetzt kam — nur um sie zu sehen, an nichts sonst, an keinen der zahlreichen Kunstschätze sich kehrend, nur sie hier suchend. — Gewaltsam hatte sie sich beherrscht, und anscheinend ruhig arbeitete sie weiter, obwohl sie es kaum wagte, mit ihrer heftig zitternden Hand den Pinsel auf die Leinwand zu bringen. Das Geräusch der Schritte hatte ganz in ihrer Nähe aufgehört; Hildegard fühlte, daß die Augen des Herangetretenen auf ihr ruhten. Schüchtern erhob sie den gesenkten Kopf und sah ihm in's Gesicht — nur einen Augenblick-— während sie mit leichtem, befangenen Nicken und tief crröthend seinen achtungsvollen Gruß erwiderte. Ein eleganter Herr in der Mitte der dreißiger Jahre stand dicht neben Hildegard; sein Blick ruhte auf der Arbeit der Künstlerin. „Sie waren sehr fleißig, mein Fräulein, und ich gratulire Ihnen zur baldigen Vollendung", sagte der Herr. Verlegen und auf's Neue erröthend, erwiderte Hildegard Becker nichts. Sie begann anscheinend ihr Vorbild zu ftudiren. Es war das erste Mal, daß der Fremde sie angeredet hatte, obwohl schon wochenlang täglich Beide sich gesehen. Erst vor wenigen Tagen hatte er zuerst sie gegrüßt und sie ihm halb befangen, halb erschreckt gedankt. Er war unleugbar ein schöner Mann mit dunkelblauen, glänzenden Augen, welche eigenthümlich contrastirten mit dem schwarzen Haar und dem gleichfarbigen Schnurrbart, wie mit dein südlich gebräunten Teint. Bei einen; zufälligen Besuch der Kunsthalle hatte er im Vorübergehen die Malerin gesehen, doch sie kaum beachtet; nur erst, als er einen Kennerblick auf die treue, künstlerisch vollendete Copie der „Tochter Tizian's" geworfen, da sah er auch aufmerkfamer auf das fleißige junge Mädchen, welches seine Nähe gar nicht bemerkt hatte. Am folgenden Tage kam er wieder. Die blasse Künstlerin hatte ihn mehr beschäftigt, als er selbst sich gestehen mochte. Dann hatte auch sie ihn zufällig bemerkt, und als er darauf Tag um Tag immer wieder kam und mit stummer Bewunderung in ihrer Nähe verweilte, als seine Augen die ihren zu suchen begannen, da empfand sie, wie ein leises Wonnegefühl sie erbeben machte, und daß der schöne Mann mit den guten, sapien Augen nur ihrethalbcr ein so regelmäßiger Besucher der Kunsthalle geworden, und das junge Mädchenherz folgte willig der magnetischen Gewalt seiner Blicke, welche sie auch verfolgten, wenn er nicht da war, die in ihre Träume sich drängten und deren Zauber sie willenlos sich hingab. Kein Zudringlicher Blick, kein ungehöriges Wort von ihm belästigte Hildegard je; er war immer achtungsvoll und zurückhaltend. Es that ihr dies recht wohl, denn oft hatte sie in Folge ihres ärmlichen Aeußern, welches doch ihre Jugend und Schönheit nicht zu verdrängen vermochte, sich rohen und frechen Zudringlichkeiten ausgesetzt gesehen. Einige Minuten — für Hildegard eine lange Zeit süßer, bebender Angst — war er in dem kleinen Zimmer geblieben, dann ging er leisen Schrittes durch die offene Nebenthür. Hier stand er lange an einem Fenster und schaute hinaus auf die nun von der eleganten Welt und von schönen Equipagen belebten Straßen. (Fortsetzung folgt.) Sylt. Gleich einem Streiter, der zu Boden sank, liegt das sterbende Eiland zu Füßen des brandenden Meeres. Der Wind pfeift darüber, peitscht die Wogen und jagd sie gegen die Dünenwände, die am äußersten Rande der Insel aufsteigen, bald in einfacher Reihe, bald in regellos sich emporthürmender Hügelkette. Diese Wälle schützen die hohen Leuchtthürme, die in den Nebel wie graue Riesen der Vorzeit ragen, schirmen die Häuser, die weitab von der Brandung ängstlich hervorschauen, decken mit ihren hohen Kuppen das Leben der wenigen ansässigen Menschen und die grüne baumlose Ebene, welche landeinwärts die Insel zeigt. Ein düsteres Bild! Vor uns öde Fläche, hinter uns die sandige Düne und das wogende Meer, über uns ein trauriger Himmel, auf dem die Wolken sich finster, gleich drohenden Händen ballen. Das ist Sylt, eine langgestreckte, nahezu zwei Quadratmeilen fassende Insel, der übriggebliebene Rest einer von Wind und Meer in Trümmer geschlagenen Welt. Vorläufig ist Sylt, seit ein Arzt aus Altona vor etwa zwanzig Jahren in diesem Bereiche düsterer Melancholie einen erquickenden Reiz für verstimmte Nerven fand — Seebad geworden. Mit den insclüblichen Preisen stieg der Besuch. Nicht zur Freude aller eingeborenen Bewohner, an denen das Geschick sich wiederholt, das ihre Väter vor grauen Jahren dem Centrum europäischer Cultur bereiteten. Bedrohlich wendeten sich, als die Fluth ihren heimathlichen Boden umstürmte, die Ahnen der Sylter: die Cimbern, gegen Süden. Rom zitterte, wie jeder Hörer eines Gymnasiums zu sagen weiß, bis Marius zum Retter der damaligen Gesellschaft wurde. Nun ziehen aus den südlicher gelegenen Landen wirkliche und vermeintliche Kranke auf den alten cimbrischen Boden des Nordens. Der ehedem steife barbarische Nacken der Eingeborenen muß sich beugen lernen; die Fremden nehmen Besitz von seinem kleinen Haufe, seinem flackernden'Herde, seinem säuberlich blanken Bette, seinem Gärtchen, in dessen rothen Haideglocken der Wind läutet. Der Fremden Sitte setzt sich auf der Insel fest. Art wie Unart der Eindringlinge geht aus die Jugend über, die anfängt, sich der Kleidung von ehedem, der weiten Zwilchhose und der theerigen Jacke, zu schämen; welche die alte, dem Idiom Fritz Reuter's so naheverwandte Sprache scheut und die Gewohnheit mißachtet, die so lange ihr Herrenrecht auf der Insel geübt. Nur noch im Norden und Süden der Insel, wohin der Fremde seltener gelangt, ist der alte Brauch erhalten. Wenn unter die geputzten Badegäste Sonntags der Nord- und Südländer in seiner feiertäglichen, altmodischen wollenen Gewandung erscheint, um' labakkauend oder ein brandiges Getränk schlürfend die fremden Gäste und ihr Treiben zu beobachten oder die Sonne wie eine rothe Kugel in's Meer tauchen zu sehen, scheint eine vergangene Epoche sich aufzuthun. Selbst in Bewirthschaftung des Bodens halten Nord und Süd am Brauche früherer Tage. Das Land gilt als Gemeingut. Ein Vorsteher setzt fest, wann die Wiese — Ackerland gibt es kaum — zu bestellen, das Heu 229 zu mähcn sei, wer die Heerden zu besorgen hat. Auch Festes- und FcisrtagSfreuden sind die alter Zeiten. In Nord und Süd der Insel thürmt sich die Dünenkette am wildesten. Hier formte der Flugsand Berge und Thäler wie im Hochgebirge. In beide senkt das Hnide- gras seine Wurzeln, als wollte es die Sandwälle, die das Meer zum Schutze vor seiner eigenen Macht errichtet, festhalten. Vergeblich! „Die Dünen sind die wilden Hofhunde; sie schützen, aber sie greifen auch an", meint ein altes Friesenwort. Wo heute ein Berg — ist er nach wenigen Wochen verflogen. Das Thal thürmt sich zur Höhe, und Halme und Ranken, die es fesseln wollten, sind, vom Winde zersaust, im Stande begraben. Immer weiter landeinwärts fliegt der Dünensand, Korn auf Korn! Wie mit Riesenfüßen schreiten, alles Leben vor sich her vernichtend, diese wandernden Höhen einher. Im äußersten Norden der Insel, wo das Land in eine schmale, vom Sandgcbirge gekrönte Strecke ausläuft, liegen die Grabstätten ehedem blühender, vom Sande vernichteter Ortschaften. Der Hauch des Todes weht darüber. Rechts trichterförmige Thäler, mächtige Hügel. Ihre Füße küßt das träge Wattenmeer. Ihn; gegenüber rollt auf dem jenseitigen Ufer des schmalen Jnselrückens die wilde Nordsee; man hört die Brandung in ihrem gleichmäßigen dumpfen Rauschen; ab und zu kreischt eine Möve. Sonst tiefe, beängstigende Ruhe. Auch in den Wohnstättcn der wenigen Menschen, die hier ansässig sind. Wie im Schlafe liegen diese ärmlichen Häuschen auf kleinen Lehm- hügeln. Wenn das Wasser steigt, geht es über die Hügel hinaus und bestreicht die Vorplätze der Häuser. Ein Gehöft, das höchstgelegene, ist das Haus des Strandvogts. Vor demselben sind wie mächtige Barricaden zerbrochene Planken, Schiffsgeräthe, Kisten und Fässer mit Erzeugnissen ferner Länder aufgeschichtet. All dies bleibt hier bis zur nächsten Auction, in der die einzelnen Stücke von dein Meistbietenden erstanden werden. Der Staat ist Sammler und Verkäufer alles dessen, was die Welle in ihren Schooß zog, um es übersättigt wieder an's Land zu werfen. Ehedem wurde dieses Geschäft von den Bewohnern des Ortes besorgt. Sie befanden sich sehr wohl dabei; gar manchen Diavolo des Meeres hat die Heldensage besungen und eine Gloriole schmückt sein Haupt. Der Lampenkranz im Leuchtthurme, heute ein warnendes Zeichen, war ein Lockvogel für ahnungslose Schiffer, die das trügerische Licht in den brandenden Strudel zog. Die Kirche ist verschwunden mit unzähligen Häusern, die einst neben dieser Ruine eines Dorfes — sein Name ist Rantum gestanden. Es ist nicht lange her, daß sie verschüttet wurden. Die Kirche hielt am besten Stand, Zweimal wurde sie abgebrochen und ostwärts neu errichtet. Die fliegenden Berge zogen hinterdrein. Noch in den esten Tagen unseres Jahrhunderts tönte Gottesdienst und frommes Lied in ihr. Der Sand flog durch Thore und Ritzen, oft stand die Kanzel während einer Predigt mitten im Sande. So beschloß man die Kirche zu sperren und später an einen Schiffer zu verkaufen. Derselbe, Ebe Pohn mit Namen, baute sich aus dem Kirchenholze ein Schiff, schmückte es mit den heiligen Gerathen und nannte sein Gefährte — das Gotteshaus hatte ihm nur hundert Thaler gekostet — „Segen von oben." Eines Tages strandete das Schiff, die See verschlang alle Heilig- thümer von Alt-Rantum. Die preußische Regierung hat, als sie von Sylt Besitz ergriff, sofort einen sehr nachdrücklich geführten Kampf gegen Dünen und Meer zum Schutze des Landes begonnen. Die Bewohner der fünf Häuser von Rantum sind ihr sehr eifrige Mitarbeiter geworden, zum Lohne hiefür hat ihnen der. Staat für die verlorene Kirche ein SchulhauS gebaut. Sylt hat auch Stätten des Lebens: in Keitum, wo der Sitz der Aemter ist, und in dem eigentlichen Badeorte. Hier erheben sich auf dem weichen elastischen Moorboden, auf dem man wie über Teppiche schreitet, städtische Hotels, Landhäuser und stolzere Bauten mit Arcaden» in denen große Kaufläden; hier kreist die fremde Welt auf Sylt in bunter Menge; diese kleine Welt mit ihren Hoffnungen und Wünschen, ihrer Unruhe, ihren Das preußische Negime ist auf der Insel nicht völlig eingebürgert. Der trotz, s Friese und der unbeugsame Geist brandenburg'scher Verwaltung sind nicht geeignet, sehr gut mit einander Zu fahren. Die Preußen haben die Schisffahrtschule aus Sylt gesperrt und verlangen, daß die Sylter im theuren Hamburg die Kunst der Schifffahrt lernen, ehe sie Fahrzeuge auf der See selbstständig führen. Der erste Sylter, der die hohe Schule besuchte, fiel beim Examen durch, und eS fehlt seither an Muthigen, welche nach den Ziffern und Buchstaben begierig wären, deren Kenntniß eine neue Zeit für den SchiffScapitän unerläßlich hält. Preußen hat eine Verwaltung, die viel kostspieliger ist, als die des kleinen Dünemark; Preußen fuhr mit einem Schwämme über alle Gerechtsame und Freiheiten der Friesen. Preußen hat seine Wahrzeichen auf der Insel ausgestellt mit der Bezeichnung des Landwehrbezirkes und des Regimentes, in das die Söhne des Landes eingereiht werden sollen; aber den Insulanern mißfällt dieser Dienst, und mancher von ihnen hat sich über die nahe dänische Grenze nach dem fernen Amerika gemacht, um dem Exercir-Neglcment zu entweichen. In Einein hat die preußische Regierung Außerordentliches geleistet: in dein Kampfe, welchen sie zum Schutze der Insel gegen die tobende Gewalt des Meeres führt. Millionen hat sie bereits für die mächtigen Bühnen- bauten verwendet, die ihre steinernen Niesenarme kühn ins weite Meer von allen Gestaden der Insel aus erstrecken. Gewaltige Felsblöcke — zum Theile sind sie aus den Hünengräbern der Insel gebrochen — bilden diese Wälle. Zwischen ihnen sammelt sich der Flugsand, und es entsteht ein Vorstrand, der die Küste der Insel in den Tagen der Gefahr schützen soll. Die Sylter meinen, die Bühnen werden nicht Stand halten, wenn erst der rechte Wind komme. Der rechte Wind! Regelmäßig einmal im Monate kehrt er wieder, rvenn die Mondscheibe ihren Glanz einbüßt. Er pfeift nicht wie sonst. Er schreit und brüllt und tobt wie eine hungernde Bestie. Er klirrt im Muschelwerke und Gestein, welche die Wells ans Ufer warf, peitscht das Meer, daß es tosend zum Himmel spritzt, wie gejagt von weißen Gespenstern: von dem Meergotte Nigir auf bäumendem Rosse, den flatternden Zwerggeistern der Insel, den Pucks von Stademwüfke, der weißen Frau von Sylt, die ihr Klagelied heult, so oft der Insel Unheil droht. Wenn im September und März die Länge des Tages und der Nacht sich gleicht, dann bekreuzen sich in solchem Augenblicke die Sylter Frauen; die Männer aber setzen die schwarzaetheerten Häuser zum Schutze für Gestrandete zurecht und harren der Beute, die das Meer auswirft. Ab und zu ist es eine Leiche. In aller Stille wird sie bestattet nahe dem mörderischen Meere, in „der Heimnth für Heimathlose", einer umfriedeten Reihe von Gräbern. Ein neues Kreuz tritt zu den alten. Es trägt keinen Namen, nur ein Datum, das den Tag anzeigt, an dem der Jüngste, der im Meere ausgerungen, an die mütterliche Erde sank. Zur Sommerszeit endigt der Sturm minder tragisch. Er fegt wie toll die Kleider der Muthigen, die sich ins Freie wagen, durcheinander und stößt mit seinen gewaltigen Fäusten gegen Alles, was Widerstand leistet. Die Scheiben klirren, die Häuser wanken und die Badekarren brechen krachend zusammen. Sind die Nachtstunden vorüber, dann legt sich seine Wuth. Nur das Meer bäumt sich noch wilder als sonst. Die Badenden lockt und ruft es mit tausend Stimmen, und wie mit tausend Händen führt es ihnen Erquickung zu. „Himmlisch' Bad!" declamirt im höchsten Tone des Theater-Entzückens ein Bühnenheld, dem während der heißen Münchener Possart-Tagc ein Wiener Urtheil in die Nerven fuhr, daß er hier Erholung suchen muß. „Himmlisch' Bad!" Er schlägt das Laken künstlerisch wie eine Toga um die hohen Glieder. „Einziger Wellenschlag! Das Bad für starke Männer!" Friedrich Schütz. Auslösung dor Original-Charade in Nr. 27: Trauerspiel. Für die Redaktion verantwortlich: Alvhons Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des LilerariMeu Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 30. 1680. zur „Ailgsimrgcr PostMmrg." Mittwoch, 13. Oktober ^ Was ist's auf Erden doch ein Streben, Wetten, Jagen, Und fragst Dn Dich warum? — um schließlich zu entsagen. Rudolf Bunge. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Hildegard versuchte ihre Arbeit wieder aufzunehmen, doch mochte es die nun schon nahezu vier Stunden währende angestrengte Thätigkeit sein, welche ihre Hand erzittern ließ, ihre Blicke umflorte, oder hatte die momentane mächtige Aufregung sie bewältigt; eine Schwäche, welche sie ihrer Sinne zu berauben drohte, bemächtigte sich des jungen Mädchens. Bleich, das schöne Haupt an die Wand gelehnt, sah sie da, ein leises Stöhnen drang aus ihrer schwer athmenden Brust, während Thänen über ihre Wangen rollten. — Ob er den leisen Schmerzenslaut gehört? — Plötzlich wandte er sich und erblickte die halb Bewußtlose. Erschreckt eilte er zu ihr. „Was ist Ihnen, mein Fräulein? — Sie sind nicht wohl!" Mit diesen Worten eilte er auf Hildegard zu. Sie vermochte ihm nicht gleich auf seine theilnehmendc Frage zu antworten, nur ein angstvoller Blick aus thrünenumflorten Augen ruhte auf seinem die höchste Besorgnis; ausdrückenden Gesicht. Der Fremde hielt die schmale weiße Hand der Künstlerin einen Moment nur in der seinigen — sie war kalt, eiskalt. Rasch.entschlossen rief er einen der Aufseher der Galerie herbei, sprach schnell nur wenige Worte mit ihm und kehrte zu dein inzwischen bewußtlos gewordenen jungen Mädchen zurück, das er voll tiefsten, aufrichtigsten Mitleides ansah. Leise, wie zu sich selbst, sagte er: „Armes Kind! — Der nicht endende Kampf mit Noth und Elend hat sie überwältigt!" —- Eine Fluth von Gedanken bestürmte die Seele des Mannes, dessen ganzes Interesse dies arme junge Mädchen seit lange schon erregt hatte. Er hatte bemerkt, wie sie sich abgemüht, diese schwierige Arbeit zu Ende zu bringen; ein Blick auf ihre Kleidung hatte ihn belehrt, daß sie die Sorge um das tägliche Brod härmte und quälte, daß dieses sanfte, traurige Gesicht den Stempel des Mangels und der Entbehrung trug. — Und dabei so viel Schönheit und Talent! — Und täglich bemerkte er, wie die Wangen bleicher, der Glanz der seelenvollen Augen trüber wurde, und unwillkürlich mußte er sich fragen: „Wie lange wird sie zu kämpfen vermögen mit Elend und Armuth? — Wird nicht auch sie bald den glänzend verlockenden Weg des Lasters betreten müssen, wenn sie nicht umkommen soll durch bittern Mangel?" Sein Vorsatz stand fest: er wollte sie nicht aus den Augen verlieren, er sah ein, e s mußte etwas Durchgreifendes für sie gethan werden, um den Kampf für die Existenz ihr zu erleichtern. Eines Tages war er ihr gefolgt, ohne, daß sie es ahnte; durch enge dumpfe Straßen führte ihr Weg in das Quartier der Armen, wo sie eines jener Häuser betrat, welche jedem Gutsituirten, der sich in diese Gegend verirrt, geheimes Grauen verursachen, wo Duzende von Familien in schmutzigen, engen Räumen bei einander leben, die ihnen kaum die nöthige Luft zum Athmen gewähren können. Dort wohnte die blasse, schöne Künstlerin. — In demselben Hause befand sich ein kleiner Krämerladen, und dort zog der theil- wehmende Herr Erkundigungen ein über das junge Mädchen, und Alles, was er da erfuhr, konnte 'das lebhafte Interesse, welches er für Hildegard Becker empfand, nur erhöhen. Die kleine behäbige Kräinerssrau war voll des Lobes von „Fräulein Becker"; in ihrer geschwätzigen Weise hatte sie alsbald ein klares Bild von den Verhältnissen entworfen, unter denen die Familie Becker litt. Dieselbe wohnte nun schon seit einigen Jahrei: in einem Hinterstübchen ihres Hauses. Hildegard's Vater war einst in Hamburg ein bekannter und hochgeachteter Maler gewesen, seine Bilder waren sehr gesucht und wurden gut bezahlt, er hatte viele Freunde und Verehrer und wohl auch manchen böswilligen Neider gehabt, denn er schien einer jener wenigen Bevorzugte!: oder Auserivühltcn zu sein, denen mit Recht das Glück lacht. Der talentvolle Maler besaß ein schönes, über Alles von ihn: geliebtes Weib und drei reizende Kinder; sein Heim war eine Stätte des Glücks und der Liebe. Doch nur zu bald ward es anders. Becker ward von einem Augenleiden heimgesucht. Anfänglich war es unbedeutend, und die Aerzte hofften es bald zu beseitigen, doch Monate ja Jahre vergingen, und der Zustand des unglücklichen Künstlers ward immer bedenklicher. Seit Beginn seiner Augenkrankheit hatte er Pinsel und Palette zur Seite legen müssen; er war auf dem Wege gewesen, sein und der Seinigen Glück zu begründen, allein es war noch nicht gemacht. Der Haushalt ward mehr und mehr eingeschränkt; anfänglich ging es noch aus eigenen Mitteln, dann halfen die Freunde, doch auch diese Hülfe lies; nach, mußte nachlasse!:, wie das ja im Laufe der Welt nicht anders sein kann. Mehr und mehr machten Mangel und Noth sich heimisch in dem kleinen, sonst so glücklichen Familienkreise. Aller ärztlichen Verbote ungeachtet hatte Becker doch im Anfang den Versuch der Arbeit wiederholt gemacht, kam indessen bald genug zur Einsicht, das; es vorbei war mit seinem Schaffen und Wirken, denn seine Augen waren unrettbar verloren. In diese Zeit der Trauer und Entbehrungen fiel ein Funke lichten Glücks; die kleine Hildegard, kaum zwölf Jahre alt, begann jedes ihr erreichbare Stückchen Papier zu bezeichnen oder zu bemalen, und die kranken Augen des Künstlers erkannten das ihm innewohnende Talent wiedererstehe!: in seiner Tochter. Mit Hast und Eifer begann er den systematisch-theoretischen Unterricht mit dem Kinde, das unter seiner Anleitung immer sicherer und genialer die Idee zu verkörpern anfing, welche der Vater vor dem geistigen Auge Hildegard's zu zaubern verstand. Doch immer schlimmer wurde Becker's Zustand, und er konnte nun auch selbst den Unterricht seines Kindes nicht mehr fortsetzen, da er nicht im Stande war, ihre Arbeit auch nur annähernd zu controliren. Immer matter, verschwommener, trat Alles vor das einst so scharfe Auge. Es gab nun eine Zeit voll des tiefsten, schmerzlichsten Leids; um seine ganze Zukunft betrogen, die Seinen in Kummer und Mangel wissend, ohne Aussicht auf Hülfe und Rettung, traf den unglücklichen Künstler der bitterste Schlag; sein theures, heißgeliebtes Weib erlag dem Unglück; die Verzweiflung über das Schicksal ihrer Lieben hatte bis zur letzten Stunde sie gequält und ihr das Scheiden doppelt schwer gemacht. Jahre waren seitdem vergangen — Jahre voll Elend und Kummer. — Eii: treuer 235 Freund, ein Kunstgenosse Vecker's hatte das Talent der kleinen Hildegard ausgebildet. Es war das die einzige Hülfe, welche der selbst nicht vermögende Künstler dein armen Kollegen geben konnte, und das Ergebniß von Hildegard's fleißigem Studium bildete nunmehr die einzige Ressource für die bedauernswcrthe Familie. Die kleinen Arbeiten Hildegard's wurden durch Vermittelung ihres Lehrers — des Malers Krelle — an einen Kunsthändler verkauft; dieser indessen kannte die Bedrüngniß der Familie und zog seinen Vortheil daraus; er gab sich den Anschein, als ob ein Mit- leio ihn bewege, die Bilder überhaupt zu kaufen, namentlich da sie von einer so jungen und gänzlich unbekannten Malerin herrührten, während er den Käufern deren Vorzüge zu preisen verstand und das unleugbar große Talent hervorhob, welches die Künstlerin besaß. Er wußte einen unverhültnißmäßig höheren, als den von ihm bezahlten Preis zu erzielen, und freute sich des guten Geschäfts, welches er machte. Durch Vermittelung von Becker's Freund und Kollegen Krelle hatte Hildegard von einer reichen Dame den Auftrag erhalten, die „Tochter Tizian's" zu copiren, und war ihr für diese Arbeit ein ansehnliches Honorar zugesichert. Mit unermüdlichem Eifer hatte sie die Arbeit begonnen und weiter geführt, und dieselbe war nun der Vollendung nahe. Sie achtete nicht der Schwäche, welche bisweilen sie überfiel, stand doch das bittere: „Es muß fertig werden!" stets gebieterisch neben ihr, sie ewig anspornend und mahnend, alles Andere darüber zu vergessen. Hunger und Noth, verbünde,: mit nicht ermüdender Thätigkeit, hatten dahin gewirkt, das sonst so Willensstärke Mädchen zu übermannen. Mit Hülfe des Castellans brachte der fremde Herr es in eine auf sein Geheiß herbeigeholte Droschke und fuhr mit der bleichen, jetzt wieder zum Bewußtsein gekommenen Hildegard durch die belebten Straßen der großen Stadt, bis sie in jene Gegend kamen, wo die Gassen immer enger und weniger einladend wurden und oft neugierige Blicke in's Innere des Wagens zu dringen versuchten, denn die Bewohner dieser Gegend von Hamburg waren nicht gewohnt, andere Fuhrwerke als Arbeitswagen in ihrer Nachbarschaft zu sehen. Der Beschützer Hildegard's klopfte dem Kutscher zu halten, stieg dann aus und nannte ihm die genaue Adresse; dann wandte er sich zu dein jungen Mädchen und sagte eindringlich: „Nun bitte ich aber, daß Sie sich schonen und nicht mehr über Ihre schwachen Kräfte arbeiten. Sie werden mir erlauben, mich nach Ihnen zu erkundigen." Ehrerbietig lüftete er den Hut, und der Wagen rollte davon, noch ehe Hildegard im Stande war, ein Wort zu erwidern. „Schonen?!" wiederholte sie mit bitterem Ausdruck und unter Thränen der Schwäche, die ihr unbewußt über die Wangen perlten. „Schonen soll ich mich — und das Bild muß noch in dieser Woche fertig werden, soll unser Elend nicht die äußerste Grenze erreichen!" — Gewaltsam sich zusammennehmend, faßte sie mit erzitternder Hand nach der Stirn. Sie wollte all' die auf sie einstürmenden Gedanken mit Gewalt zurückdrängen, wollte nicht krank oder schwach vor den Vater hintreten, sein Leid, seinen Jammer nicht durch die Wahrnehmung erschweren, daß auch sie körperlich, ja daß sie materiell litt, nicht sein Unglück vermehren durch die Sorge um seine Tochter. Der Wagen hielt, Hildegard stieg aus. Sie beachtete nicht die höhnischen Blicks und Reden der Nachbarsleute, mit denen diese ihr Erstaunen auszudrücken bemüht waren, daß die „Pinseldame" -— diesen Beinamen hatte man Hildegard gegeben — den Weg nicht mehr zu Fuß machen könne und noch Geld genug habe, um in einer Droschke zu fahren. Nicht der geringste Theil ihres Leids bestand für Hildegard darin, unter diesen Menschen leben zu müssen; eS war ihr unmöglich, so mit ihnen zu verkehren, wie sie unter sich es thaten; ein Tag sich beschimpfend und zankend, am nächsten wieder als die beste:: Freunde. Sie war stets freundlich gegen alle ihre Nachbarn, vermied jedoch jeden näheren, intimeren Verkehr und namentlich alle müßige Unterhaltung, und eben dieses Zurückhalten war es, was die Leute verdroß und sie dahin brachte, Hildegard den e-pitz- 236 Namen „Pinselmadame" oder „Pinseldame" beizulegen, sobald sie erfahren, baß das 'unge Mädchen Bilder male, statt durch „ehrliche Arbeit, wie Waschen, Bügeln, Nahen oder dergleichen, ihr Brod zu verdienen. Die boshafte Menge ahnte ja nicht, wie viel für das arme junge Mädchen Ehrendes in dem „Spottnamen" lag, den man Hildegard Lecker beigelegt hatte! — „Ah! Fräulein Hildegard, Sie sehen so blaß aus — sind Sie krank?" fragte die mitleidig herzutretende Krämersfrau, welche allein sie gegen all' die hämischen Angriffe lertheidigte und immer sagte, sie sei besser als all' die Uebrigen, welche in der Straße vohnten, und daß man doch ihren Kummer und ihre Sorgen nicht unnöthig vergrößern, -aß man sie ganz in Ruhe lassen möge. Hildegard richtete einen dankenden Blick auf die brave Frau und wankte, auf deren Arm gestützt, nach dem kleinen Laden. Dort ließ sie sich, unfähig ein Wort zu sprechen, auf den einzigen Stuhl sinken, der sich da befand. „O mein Gott! liebes Fräulein, Sie sind sehr krank!" rief nun Frau Mewissen, ie Krümersfrau. „Wahrscheinlich haben Sie wieder einmal Nichts gegessen heute früh; ra, warten Sie, ich habe noch schönen warmen Kaffee im Ofen!" Geschäftig lief die gutmüthige Frau nach dem großen Kachelofen im Hinterzimmer md brachte Hildegard schnell eine Tasse des dampfenden, in Hamburg meist sehr gut breiteten Getränks; dann legte sie Schwarz- und Weißbrod und Butter auf den Tisch md bat das junge Mädchen so dringend, herzhaft zuzulangen, daß Hildegard auch ihrer Aufforderung entsprach, indem sie den Kaffee wenigstens trank, das Brod jedoch un- erührt ließ. » „Ihr Kranksein, Fräulein, kommt nur von Hunger und Schwäche, weil Sie des Norgens fast immer fortgehen,, ohne irgend Etwas genossen zu haben. Sie werden sich loch ganz von Kräften bringen, wenn Sie das nicht ändern", meinte Frau Mewissen. Etwas erholt stieg Hildegard nun in die engen, knarrenden Stufen der dunklen Lreppe hinan, oft nach Athem ringend, bis sie endlich die vier steilen Treppen erstiegen atte. Oben öffnete sie die Thür zu einer kleinen Hinterstube. Obwohl dies Zimmer ehr klein war, hatte es doch Raum genug, um das Wenige, was sich in demselben iefand, zu bergen. Wie rein und ordentlich es hier auch aussah, es war doch ein Anblick größter Armuth, der dem Eintretenden sich bot. Non einem alten, aber immerhin noch bequemen Lehnstuhl, dem einzigen Ueber- ckeibsel aus besserer Zeit, erhob sich eine hohe, doch gebeugte Gestalt, und wandte ein chmales, eingefallenes, mit langem schwarzem, schon stark grau untermischtem Haar und Hart umwalltes Gesicht sich der Thür zu. „Du bist es schon, Hildegard? — Du bist doch nicht schon fertig mit „Tizian's rochier?" — „Ach nein, Vater, noch nicht; aber es ist so ein dunkles, nebeliges Weiter heute, >nd bei der matten Beleuchtung mußte ich mich so anstrengen — ich konnte die Farben- one nicht mit Sicherheit bestimmen — es schwindelte mir vor den Augen und — ich vnnte nicht weiter arbeiten! — Ich muß heute ausruhen, Vater — bis morgen früh, mnn werde ich wieder mit erneuter Kraft arbeiten — und dann ist das Bild auch bald 'rüg und wir werden für lange Zeit vor Mangel geschützt sein." — „Deine Stimme zittert, Kind, Du fühlst Dich doch nicht ernstlich krank?" — Besorgt trat der arme blinde Vater auf sein Kind zu und tastete nach Hildegard's leichem, schönem Haupte, prüfend die Hand auf die Stirn des jüngen Mädchens legend. „Dein Kopf brennt, Du bist krank, Hildegard! — Mein armes, liebes Kind, auch Hu wirst noch dem Elend erliegen!" Mit dem Ausdruck des höchsten, bittersten Schmerzes hatte der arme Mann gebrochen; in Verzweiflung die Hände ringend fuhr er fort: „Und ich, der ich ganz unnütz nur Euch das Leben erschwerend hier bin, ich lebe, 237 mich übermannt nicht das Elend und erlöst mich und Euch von meinem qualvollen Dasein!" — „O sprich nicht so, Vater!" flehte Hildegard unter unaufhaltsam hervorbrechenden Thränen, und ihre Arme um den Hals des Blinden schlingend. „Es wird ja bald besser werden; nur noch einige Tage der Arbeit, dann ist das Bild fertig, und ich glaube, es wird den Beifall der Frau Senatorin finden. Sie hat mir versprochen, das; sie mir durch ihre Bekannten noch weitere lohnende Aufträge verschaffen werde, wenn die „Tochter Tizmn's" gefällt. Ich habe mein Möglichstes gethan; Freund Krelle war gestern in der Kunsthalle, er ist zufrieden — sehr zufrieden gewesen mit meiner Arbeit, und Du weist, Vater, er ist streng in seinem Urtheil." — „Mein gutes Kind!" erwiderte gerührt der blinde Künstler, indem er einen innigen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens drückte, welches sich zärtlich an ihn schmiegte. „Um Deinetwillen freue ich mich der guten Hoffnung, denn dann können wir fortziehen aus dieser elenden Gegend, wo man unser Unglück verspottet und verhöhnt, weil wir es ertragen ohne dieser rohen Menge die Ohren vollzu klagen. Wenn wir erst eine andere Wohnung haben können, wo wir in guter, frischer Luft leben, dann wirst Du auch wieder gesund und froh werden. Wie muß ich doch Gott danken, einen solchen Schatz in meinem Kinde zu besitzen! — Ich bin noch nicht ganz unglücklich so lange ich Dich habe, Hildegard!" — Sie hatte sich eine breite Schürze vorgebunden und begann die Vorbereitungen zum Mittagsmahl zu treffen. Sinnend hielt sie bisweilen inne, und ein glückliches Lächeln erhellte dann ihre Züge. Sie dachte an den fremden Herrn — wie besorgt um sie er gewesen, wie tactvoll er gehandelt. Er hatte sie nicht dem hämischen Geschwätz der Nachbarn aussetzen wollen und sie deshalb nicht bis zu ihrer Wohnung begleitet. Und woher wußte er denn eigentlich ihre Wohnung? — Sie selbst hatte er nicht danach gefragt, sie sie ihm auch nicht genannt ..... — Mit freudigem Gefühl muße sie sich diese Frage dahin beantworten, daß er sich mit ihr beschäftigt, nach ihr geforscht haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Dulcigno. Unter der Riesenplatane bei Dulcigno, wo sonst Arme und Reiche des Städtchens ihre Siesta zu halten pflegen, wird es jetzt recht lärmend und kriegerisch aussehen. Dort wird ohne Zweifel Kriegsrath gehalten, dort werden die Häupter der Liga dein anwesenden Volke Reden halten und ein ermunterndes Kriegslied nach den: andern wird dort ertönen. „Die Stimmen der Herolde", so beginnt eines der beliebtesten und ältesten Kriegslieder, „verstärkt durch das Echo im tiefen Thalgrunde und auf der hellen Höhe, rufen euch Helden zum Kampfe! Eilt herbei alle, ihr stolzen und furchtlosen Männer, die Ihr den stets mit Ruhm und reicher Beute geschmückten heimatlichen Herd vertheidigen wollet... Also dringt ein nach Montenegro, ihr Löwen von Skutari, Vorwärts, ihr Maljisoren (Gebirgsbewohner), meine getreuen Söhne und Krieger! Macht, daß die Ungläubigen und Treulosen blutige Thränen weinen und daß der Tod Mahmud Paschas tausendfach gerächt werde." Heute gilt es allerdings nicht, den Tod eines Paschas zu rächen, aber mit um so größerer Begeisterung wird der altbewährte Ruf, nach Montenegro einzudringen, in allen Reihen der Liga aufgenommen werden. Die alte Ruine inmitten der Citadelle von Dulcigno, dieser durch örtlichen Aberglauben unantastbar gewordene Ucberrest eines uralten Bcobachtungsthurmes, vernimmt nicht das erste Mal wüsten Kriegslärm, seitdem das kleine Hafenstädtchen durch eine verirrte Colonie der schwarzen und kraushaarigen Kolcher gegründet wurde. Rom entriß Dulcigno (Colchinium) den Jllyriern nach dem Tode ih-res letzten Königs Gentius, und dann ging der Ort, wie das gesamte ehemalige Jllprien, aus einer Hand in die andere. Bald waren die Römer, bald die Bmantiner, bald die Serben ober Venetianer, endlich sogar einmal auch die Ungarn die Herren des Küstenstriches und Städtchens von Dulcigno. Nach dem Sturze des byzantinischen und serbischen Reiches unterwarf sich Dulcigno 1420 freiwillig den Venetinncrn und blieb 150 Jahre in ihrem Besitz, bis sich im Jahre 1571 die Türken des Ortes bemächtigten. Lange hielt sich die heldenmüthige, aus Italienern und Franzosen bestehende Garnison unter dem Venetianer Martinengo, aber die Uebermacht der Strcitkräfte Achmed Pascha's, die Dulcigno zu Land und zur See eingeschlossen hatten, zwang die Besatzung zur Capitulation. Achmed Pascha bewilligte den Abzug mit Hab und Gut, aber nachdem die Capitulationsurkunde unterfertigt war, sielen die Janitscharen über die wehrlose Besatzung und Bevölkerung her, und in wenigen Stunden war Dulcigno ein Opfer der Plünderung und der Flammen. Martinengo entkam zur Noth mit zwölf Genossen auf einer Barke, und wer nicht den Glauben der Väter abschwören wollte, mußte in die Berge bei Skutari fliehen. Was in Dulcigno blieb, mußte sich zum Islam bekehren, und da die Dulcignoten stets berühmte Seeleute gewesen, mußten sie als Matrosen in den Dienst des Padischah treten. So manchen Kapudan-Pascha (Admiral) hat Dulcigno der türkischen Kriegsflotte geliefert. Die venetianische Republik, den maritimen Werth Dulcignos erkennend, versuchte 1696 diese Hafenstation der Türkei zu entreißen. Der Senat entsandte einen der ältesten Admiräle, Geronimo Delphins, und in kurzer Zeit hatten die Venetianer sechs Breschen in die Festungsmauern an verschiedenen Stellen gelegt. Aber gerade im Augenblicke des Sturmes eilte der Pascha von Skutari mit 5000 Infanteristen und 600 Pferden herbei, und Delphino sah sich genöthigt, die Belagerung aufzugeben. Zum letzten Mal versuchten die Venetianer im Jahre 1722 die Eroberung von Dulcigno, aber der mittlerweile zwischen der Pforte und der Republik abgeschlossen; Friede führte zur Aufhebung der langwierigen Belagerung. Am 17. Januar 1878 eroberten die Montenegriner unter dem Wojwoden Plamenaz Dulcigno, aber nach den Bestimmungen des Berliner Friedens mußten die Montenegriner die Stadt räumen, die sie jetzt nach dem Beschlusse der Mächte sich wieder nehmen sollen. Von dem Augenblicke an, da Dulcigno unter türkische Herrschaft gerieth, wurde es eines der gefürchtesten Piratennester des adriatischen und mittelländischen Meeres. Die Reeder und Agas von Dulcigno, die damals über ein halbes Tausend Schiffe verfügten, gehörten immer zu den reichsten Bewohnern Nord-Albaniens, und sie unterhielten einen, Vertreter in Stambul, welcher die Seeräuber von Dulcigno bei der Pforte wie beim Sultan durch zeitgemäße Geschenke in Gnaden zu erhalten hatte. Der Pascha von Skutari war nicht weit, dem war also gelegentlich leicht beizukommen, und so kam es, daß die Dulcignoten trotz der Beschwerden Europa's und trotz der Befehle der Pforte ihr räuberisches Handwerk noch bis vor fünfzig Jahren treiben konnten. Beschwerte sich irgend eine Macht, so vorzugsweise England, über einen Naubzug, dann erhielten die Dulcignoten so rechtzeitig ein Aviso, daß jeder Befehl des Sultans oder des Gouverneurs, den „adriatischen Barbarisken" etwas anzuthun, zu spät kam, oder infolge eines wohl- bezahlten Mißverständnisses nicht zur Ausführung gelangte. Erst zur Zeit, da Suleiman Pascha Gouverneur in Skutari wurde, zu dessen Bestechung die Freigebigkeit der Dulcignoten nicht mehr hinreichte, wurde deren gerade im Hafen von Val di Noce ankernde Flotte plötzlich überfallen, und in Brand gesteckt. ° Von der Zeit an verfiel die Marine von Dulcigno immer mehr und erst seit zwei Jahrzehnten hebt sich dieselbe wieder und zählt heute vielleicht 220 Küstenfahrzeuge, von denen jedoch keines mehr als einen Gehalt von 200 Tonnen haben dürfte. Es ist selbstverständlich, daß sich heute keines von diesen Fahrzeugen im heimathlichen Hafen befindet, sondern daß sie sich mit dein häuslichen Hab und Gut, soweit dies transportabel, nach den nächsten Hafenstädten in der Avria begeben haben. Von der See aus betrachtet, bietet Dulcigno einen überraschenden Anblick dar und sieht sogar einer kleinen Festung ähnlich, ohne eine solche zu sein. Selbst wenn die l I! 239 Wälle und Bastionen in einem besseren Zustande wären, als der ist, in dem sie sich heute befinden, hätte die Festung keine Bedeutung, da sie von den umliegenden Höhen von Muschura und Golenza vollkommen eingesehen wird. Innerhalb der Festungsmauern befindet sich die alte und eigentliche Stadt, ein Conglomerat von etwa 100 echt türkischen Häusern und Häuschen, zwischen denen sich krumme, steile und elend gepflasterte Gäßchen hindurchziehen. Einige Gebäude sind einstöckig, gewähren eine herrliche Aussicht nach der See und sind in der Regel das Eigenthum der reicheren Familien des Ortes. In der südlichen Bastion des Festungswalles findet man noch die Ueberreste einer alten, der Mutter Gottes geweihten Kathedrale; was noch davon an Sculpturen wie Basreliefs an Ort und Stelle oder in den Festungsmauern vorhanden ist, weist durch seinen byzantinischen Charakter aus eine frühzeitige Entstehung dieser ehemals katholischen Kirche hin. Inmitten der alten Stadt bestand ehemals ein hoher quadratischer Thurm, der offenbar als Signal- und Observationsthurm diente und den die Türken in einen Uhrthurm verwandelt haben. Im Jahre 1845 zerstörte der Blitz diesen Thurm und heute steht nur eine die Vorübergehenden bedrohende Ruine an dieser Stelle. Trotz der wiederholten Befehle der Paschas in Skutari wollte bisher noch Niemand etwas zur weiter» Zerstörung dieser Ruine beitragen, denn der allgemeine Aberglaube versichert, daß jeder eines plötzlichen Todes stürbe, der Hand an diese Ruine legen würde. Während sich die Bewohner der Festung mit Cisternenwasser begnügen müssen, besitzt die Vorstadt mehrere Brunnen, darunter einen von den Türken erbauten, unmittelbar zwischen der Festung und der Mahala. Die heute 600 Häuser und 3500 fast durchaus mohamednnische Bewohner zählende Vorstadt ist so ziemlich erst unter der Türkenherrschaft entstanden. Die Häuser sind an den Hängen wie dein Seespiegel zunächst vertheilt und gewähren von der See aus gesehen ein freundliches amphitheatralisches Gesammtbild. In der Mitte der Vorstadt befindet sich ein etwa 200- Boutiquen zählender Bazar, an dessen Ende und der Riva zunächst ein großer vierseitiger Brunnen, welcher hauptsächlich" die ankommenden und absegelnden Schiffe mit. gutem Trinkwasssr versorgt. Diesen: angeblich von dei: Venetianern erbauten Brunnen zunächst steht die Eingangs erwähnte Riesenplatane, wo sich nach den: Mittagsmahl und des Abends die Bewohner vonDul- cigno und die mit den Küstenfahrzeugen angekommenen Fremden bei schwarzem Kaffee, Tschibuk oder Nargileh ein Plauderstündchen gestatten. Die durch ihre besondere Schönheit weit und breit berühmten Frauen von Dulcigno dürfen natürlich daran nicht Theil nehmen und genießen, wie die Frauen jeder andern orientalischen Stadt, nur die Freuden und Intriguen des Harems. Verläßt man Dulcigno in der Richtung gegen Skutari, so begegnet man außerhalb der Vorstadt, wie bei so vielen albancsischen Orten, einer Gruppe von etwa 100 niedrigen Strohhütten von quadratischer und konischer Form, in denen etwa 1200 Zigeuner leben und sich mit Schmiedearbeitei:, Pfcrdehandel, zur Abwechslung auch mit Bettelei und Diebstnhl beschäftigen. Rechnet man diese Nomaden, die in der jetzigen ernsten Zeit das Weite gesucht haben dürften, ab, dann zählt Dulcigno im besten Falle 3500 alba- nesische Einwohner, um deren „Befreiung" sich ganz Europa echauffirt, eine kostspielige und gefährliche Flottenkundgebung veranstaltet hat. Die Bevölkerung von Dulcigno beschäftigt sich vorzugsweise mit Fischfang und Transportschifffahrt nach den verschiedensten Küstengebieten des avriatischen Meeres. — Ohne irgend welche theoretische Kenntnisse wagen doch die Dulcignoten die weitesten und gefährlichsten Fahrten, ja, was noch mehr ist, sie bauen sich ihre leichten und soliden Schiffe selbst und gleichsam aus freier Hand, da sie nicht lesen und schreiben können, also auch keinen Bauplan anzulegen oder auszuführen in: Stande sind. Wie viel eine Barke zu tragen vermag, wie tief sie taucht, das erfährt der Schiffsbauer von Dulcigno erst dann, wenn er den Stapellauf vollzogen hat. Die Küstenschiffsahrt zwischen Nord- Albanien und Apulien und längs der albnnesischen Küste von Dulcigno bis Valona ist zum größten Theil, der Handel gewisser Artikel, so z. B. des Seesalzes, fast ganz in den Händen der Dulcignoten. Die einfache Ausrüstung der Schiffe, der niedrige Lohn, die billige Verpflegung haben ungemcin niedrige Transportpreise zur Folge, und so machen die Dulcignoten den dalmatinischen und süditalienischen Küstenfahrern eine bemerkensiverthe Concurrenz. Der Hafen von Dulcigno ist nicht geräumig und so seicht, daß Schiffe von mehr als 200 Tonnen Gehalt nicht mit voller Sicherheit Anker werfen können. Die Bora vermag durch einen schmalen Terraineinschnitt, der Sirroco von der Seeseite aus mit solcher Kraft aufzutreten, daß selbst Fischerboote in solchen Fällen lieber den nahen Hafen von Val di Noce oder die Bucht von Sän Giovanni di Medua nächst der Drinmündung als den Hafen von Dulcigno aufsuchen. Die Dulcignoten versichern zwar, daß ein Erdbeben ihren Hafen bedeutend verkleinert habe, aber alles in allem sind Stadt und Bezirk von Dulcigno kaum die Kohlen werth, welche die vereinigte Flotte bisher verbrannt, vielleicht nicht einmal die Tinte und das Papier werth, welche die europäische Diplomatie seit zwei Jahren über die montenegrinische Frage verbraucht hat. — (W. Presse.) M i s - e L l e n. (Jägerlatein.) Saßen an einem Tische jüngst einige Jägersleute zusammen, die ihre Hunde lobten, und immer schwerer wurde es, einander im Jägerlatein zu überbieten. Doch einer, der die Ehre seiner „Bella" zu retten hat, weiß sich zu helfen. „Meine Herren! Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen, aus dem Sie ersehen werden, daß das Thier Menschenverstand hat, vielleicht sogar noch mehr als solchen. „Bella" ist gewöhnt, wenn wir zu Hause essen, gleichzeitig ihren gefüllten Futternapf zu erhalten. Neulich wird sie aus irgend einem Grunde vergessen und erhält ihre gewohnte Portion nicht. Plötzlich eilt das Thier in den Garten und als es zurückkehrt, prüsentirt es mir zwischen den Zähnen — ein Vergißmeinnicht!" Ein ungarischer Offizier, der nur Stiefeln trug, die für beide Füße paßten und zum Abwechseln eingerichtet waren, ließ sich neue anfertigen. Der Schuster macht ihm ein Paar modische Stiefel über 2 Leisten. Sie paßten am ersten Tage ganz vortrefflich. Der Ungar spazierte ganz bequem darin. Den folgenden Tag wechselte er nach seiner Gewohnheit, und litt große Schmerzen. — Einige Zeit darnach begegnete ihm der Schuhmacher und fragte ihn, wie er mit seiner Arbeit zufrieden sei. Sind halt verzweifelte Stiefeln, versetzte der Ungar; alle Montag, Mittwoch und Freitag geht mer gut drin, aber Dienstag, Donnerstag und Samstag drückens ganz verzweifelt. (Aufklärung.) Bauer: „Du, was ist denn das, der elektrische Telegraph?" — Wirth: „Ganz einfach; man tupft an einem Ende und am andern schreibt es." — Bauer: „Ja, wie kommt das?" — Wirth: „Wenn man einen Hund hinten auf den Schweif tritt, so heult er vorn, nicht wahr? Nun, denke Dir, der Hund ist so lang, daß er von einer Stadt zur andern reicht, so hast Du's!" — Bauer: „Ja, jetzt versteh' ich's." (Strauß und Lanner.) In Wien war van Acken mit seiner Menagerie. Ein ungarischer Edelmann, der zum erstenmal in Wien war, besah sich auch die Menagerie. Der erklärende Führer zeigte ihm den Vogel Strauß mit den Worten: „Hier sehen Sie den großen Strauß." — „Na," sagte der Edelmann, „das ist mir lieb, daß ich dieses Viech einmal seh, nu zeigen's nur auch den Lanner, damit ich den auch kennen lerne." Buchstaberirebus. Für die Redaktion verantwortlich: AlpbonS Planer in Augsburg.- Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Ve. M. Hnttler. zur „Augslmrger Pojheitimg." Nr. 31. Samstag, 16 . Oktober 1880. Doch in dem Herzen wohnt der Menschen Größe, Und in dein Unglück lebt der wahre Stolz. A u s f e n b e r g. Fest-Cantate zu«» Kölner Dombaufeste. Schwing' dich zum Himmel du Jubelgesang! Ring' durch die Lüste, du fröhlicher Klang! Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, heut ist's vollbracht! Sehet, wie sie stolz sich heben! Seht, wie sie zum Himmel streben Pfeiler, Thürme, Blätterranken, Sleiugeword'ue Gottgedanken Hoch bis in das Wolkeureich Neckt sich auf das Steingezweig! In dem deutschen heiligen Strom Spiegelt sich ab der heilige Dom, Mit den Blumen, Figuren und Bogen Spiegelt er sich in den blitzenden Wogen, Und aus den Wogen, den schimmernden Bahnen, Ziehen die Schisse mit flatternden Fahnen, Und in den Gassen, da singet und klingt es Und von den Lippen zum Himmel auf schwingt es Hell sich empor In festlichem Chor: Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, heut ist's vollbracht! Es sprach ein Fürst an dieser Stelle, Er sprach das Wort am deutschen Strom: Aus Meister, Lehrling und Geselle i Vollendet sei der alte Dom! Heran aus allen deutschen Reichen Mit Gott in srischem Muth geschafft! — Es sei der Dom ein stolzes Zeichen Der deutschen Einheit und der Kraft! Und wenn Vollendung ward dem Werke, Zu dem sich rüstig regt die Hand, Dann zeug's von Muth und von der Stärke Des Volks im deutschen Vaterland! Dann zeug' es von dem Brudersinne Der Deutschen alle nah und fern! Und rauschend bis zur höchsten Zinne Mög' fromm ertönen: Dank dem Herrn! Ja, Dank dem Herrn! Es ist geschehen! Es kam nach Kampf und Schwcrterstreich, Es kam ein glorreich Auferstehen Dein alten, deutschen Kaiserreich! Vom Meere bis zum Alpenhügel, Von Polen bis zu Maas und Saar Hat ausgespannt die breiten Flügel Der mächt'ge Hohenzollern-Aar! Dank Dir, o Gott! Die Glocken läuten, Es trägt die Stadt ihr Feierkleid; -O, mög' nun das Geläut bedeuten Den Segen langer Friedeuszeit! Laß uns zu Deinem Throne legen, O Ew'ger, diese Bitte hin: Dein Herrscher und dem Volke Segen Und allen Herzen Brudersinn! Du stolzer Wächter am deutschen Rhein, Nun sieb' in stürmen und Sonnenschein, Nun steh' und prange zu GotteS Ehr' Und noch die spätsten Geschlechter lehr'! Lehr' demuthsvoll sür Gott sie kuie'n, Und lehre sie Haß und Zwietracht fliehst, Lehre sie schaffen Hand in Hand Zum Heile sür Kaiser und Vaterland! So schall' es empor im gewaltigen Ton Zu des Rheinlands steinerner Ehrenkron'! In Gottes Schutz, jahraus, jahrein Steh' prangend, du riesiger Wächter am Rhein Schwing' dich zum Himmel, du Jubelgesang! Kling' durch die Lüfte, du fröhlicher Klang! Was vor Jahrhunderten Meister erdacht, Heut ist's vollendet, Heu! ist's vollbracht! Emil Ritterhaus. 242 — Hildegard. Crimmal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Die kluge Krämersfrau hatte es dem jungen Mädchen verschwiegen, daß ein feiner junger Herr sich nach ihr erkundigt; sie hielt es nicht für gerathen, dem arglosen Mädchen davon zu sprechen. „Du bist so still, mein Kind?" unterbrach jetzt Hildegard's Vater die Reflexionen der Tochter. Sie erröthete, durch des Vaters Worte in die Gegenwart zurückgerufen, heftig. — Laute Schritte enthoben sie der Antwort. Die Stubenthür ward rasch geöffnet, und ein Knabe von vielleicht zehn Jahren trat ein. Es war ein schlanker, hübscher, braunlockiger Bursche. Mit den feinen Zügen Hildegard's verband sich bei ihm der Ausdruck eines festen, energischen Willen, der schon jetzt dem kindlichen Gesichte einen fast männlichen Charakter ausdrückte. Er legte die Mappe mit den Schulbüchern auf einen kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, ging dann zu dem blinden Vater, und diesen zärtlich küssend, erzählte er voll freudigen Stolzes, wie er heute durch den Direktor des' Gymnasiums belobt worden, und daß er mit Bestimmtheit in die höhere Klasse bei der der Versetzung aufrücken werde. Zärtlich den Lockenkopf seines jüngsten Kindes streichelnd, hörte der Vater diesen Bericht an. Ein Glück konnte der arme Mann trotz allen Leids, das ihn getroffen, sein nennen, ein Glück, um das so mancher Reiche ihn beneiden mußte; er hatte sich gute, liebe Kinder erzogen, die ihm nur Freude machten; und dieses Glück war groß genug, ihn sein Leid oft vergessen zu lassen. „Aber nun bin ich auch hungrig, Hildegard!" rief darauf Ernst — so hieß der vielversprechende Knabe — und sah mit freudigem Erstaunen, daß die Schwester eine dampfende Schüssel mit für ihn verführerisch duftender Suppe auf den, wenn auch ärmlich, so doch reinlich gedeckten Tisch setzte. „Suppe — oh, das ist famos!" rief Ernst, in die Hände klatschend. „Ich glaubte, es gäbe heute nichts Warmes, weil Du länger fortzubleiben vorhattest, Hildegard." Mit einem Appetit, wie ihn nur der wirklich Hungrige kennt, ward die Suppenschüssel geleert. Geräuschlos ordnete dann Hildegard wieder Alles in dem kleinen Zimmer, dann setzte sie sich zu ihrem Vater, mit einer Näharbeit beschäftigt, die sie, um sich ihr erkenntlich zu zeigen, der guten Frau Mewissen im Laden unten abgenommen hatte. Ernst las mit Heller, wohlklingender Stimme und vielem Verständniß dem Blinden die Zeitung vor, welche sein Freund Krelle, Hildegard's Lehrer, ihm regelmäßig brachte; wenn sie dann auch schon einige Tage älter nar, als das Datum, welches sie trug, so gewährte sie dem blinden Künstler nichts desto weniger doch die einzige Zerstreuung und den alleinigen Ableiter von dem dumpfen Hinbrüten, das sich sonst seiner zu bemächtigen drohte. Schon dämmerte der Abend herein, als wieder Schritte draußen der Thür sich näherten und unmittelbar darauf ein kräftiges Klopfen sich hören ließ. Hildegard erbebte. Es war gut, daß Niemand die jähe Nöthe bemerken konnte, welche plötzlich ihr Gesicht überzog. Die Augen nach der Thür gerichtet, erwartete sie mit Herzklopfen, daß diese sich öffne. Und sie öffnete sich auf Herrn Becker's lautes „Herein!" — allein zu Hildegard's größter Enttäuschung. Wie unwillig wandten ihre Augen sich ab von dem Eintretenden, und ein Schatten des Mißmuthes flog über ihre Züge. „Guten Tag, Herr Becker, guten Tag, mein liebes Kind!" erklang eine etwas rauhe, wenig sympatische Stimme, und mit widerlicher Freundlichkeit auf dem rothen, aufgedunsenen Gesicht wandte der Ankömmling sich zu Hildegard und ergriff mit seiner fetten, rothen Hand die zarte, weiße des jungen Mädchens, mit der andern den Versuch Nd, ihr Kinn zu streicheln. 24c> Verletzt erhob sich Hildegard und flüchtete sich hinter des Vaters Lehnstuhl. Ohne alle Umstände setzte der Besucher sich auf den noch eben von Hildegard eingenommenen Platz, dem blinden Maler gegenüber. Er war ein Mann am Ende der Dreißig, mit einen: großen, dicken Gesicht, aus dem ein Paar große, graue, stechende Augen wie lauernd hcrvorsahen; seine Kleidung war etwas veraltet, doch sonst tadellos, eine dicke goldene Uhrkette hing prahlerisch über der Weste, und schwere Ringe glänzten an den dicken rothen Fingern. Seine ganze Erscheinung machte einen unangenehmen Eindruck, den ein gewisses selbstbewußtes Auftreten noch vermehrte. „Na, Herr Becker, wie geht's? — Eigentlich komme ich, um mich nach dem Befinden der Mamsell Tochter zu erkundigen, denn ich hörte vom Castellan, daß sie heute Morgen in der Halle krank geworden und vor der Zeit nach Hause zurückgekehrt sei aus diesem Anlaß. Kein Wunder", fuhr Herr Schramm, Jnspector der Kunsthalle, fort, indem er das junge Mädchen zärtlich-verliebt anblinzelte, „kein Wunder, wenn man hungert und dabei so fleißig und unermüdlich arbeitet, da muß ja ein so zartes Figürchen krank werden und endlich d'auf gehen!" Zornige Nöthe stieg auf in dem bleichen, schmalen Gesicht des Malers über diese indiscreten, rohen Worte; doch er kämpfte den Zorn nieder und entgegnete kalt verweisend: „Wir haben, Dank Hildegard's Fleiß, noch nicht zu hungern gebraucht, und wenn dem auch wirklich so wäre, so Hütte doch Niemand das Recht, uns zu sagen, daß wir darben! — Wir selbst wissen am besten, wie es um uns steht, Herr Jnspector!" „O, es war ja so bös nicht gemeint, Herr Becker! — Wer wird denn gleich so empfindlich sein!" — begütigte Herr Schramm. „Was führt Sie zu uns, Herr Jnspector!" fragte Becker kurz. Auch ihn: schien der Besuch dieses Mannes keineswegs angenehm zu sein. Jnspector Schramm rüuspertcrte sich kurz und zog ein buntes seidenes Taschentuch hervor, das er verlegen zwischen den Händen drehte; endlich aber schien er sein gewohntes Selbstbewußtsein wiedergefunden zu haben und antwortete: „Sie wissen, Herr Becker, daß meine Stellung eine gute ist, auch daß ich ein kleines Vermögen mir erspart habe; das Haus, welches ich bewohne, gehört mir, mein Haushalt ist gut und gediegen eingerichtet, und es fehlt mir nur Eins . ..." — Herr Schramm hielt in der Aufzählung seiner Vorzüge inne, seine letzten Worte hatte er zögernd gesprochen, und sein lauernder Blick ruhte auf Hildegard's Gesicht, wie um den Eindruck zu beobachten, den die Darlegung seiner materiellen Lage auf das junge Mädchen machen würde. Ihre Augen waren indessen auf ihre Arbeit gesenkt, und sie nähte so gleichgültig weiter, als berühre, was sie gehört, sie gar nicht. „Es fehlt mir nur eine Frau", fuhr der Jnspector fort, ohne das Erstaunen, welches sich auf dem Gesicht des Blinden malte, zu beachten oder beachten zu wollen. „Mamsell Hildegard hat es nur angethan, und ich bin deshalb gekommen, um ihr meine Hand anzubieten." Mit hohem, stolzem Selbstbewußtsein hatte er die letzten Worte gesprochen, und befremdet schaute er in die nichts weniger als freudig bewegten Züge des jungen Mädchens, welches ihn nur auf eines Momentes Dauer schweigend, kalt und gleichgültig angeblickt hatte. — Sichtlich überrascht, wußte Becker anfänglich nicht, was er erwidern sollte; dann aber antwortete er ernst und, wie es schien, bewegt: „Ihr Antrag ehrt uns, Herr Jnspector, denn es gibt nur wenige Männer, welche sich entschließen können, ein armes Mädchen zu Heimchen. Hildegard jedoch ist eines solchen Opfers werth, und deshalb soll sie auch selbst entscheiden, ob sie Ihren Antrag annehmen will oder nicht." „Na, Mamsell Becker?" sagte der Bewerber, und blickte schmunzelnd auf das verlegene Gesicht des jungen Mädchens. Doch nach wenigen Augenblicken schon hatte die von Haus aus allerdings sehr Ueberraschte ihre Fassung widergewonnen und ohne Zögern, in klaren dürren Worten entgegnete sie: „Ich muß Ihnen danken, Herr Jnspector, für die Ehre, welche Sie einem armen Mädchen erweisen; ich kann Ihren Antrag jedoch schon deshalb nicht annehmen, weil es unmöglich für mich sein würde, meinen Vater und Bruder zu verlassen. Sie werden selbst einsehen, daß es für mich eine Unmöglichkeit ist, mich jetzt und unter den obwaltenden Verhältnissen zu verheirathen." — „An das, was Sie eine Unmöglichkeit nennen", fuhr unbeirrt der Jnspector fort, „habe ich allerdings auch gedacht; indessen finde ich darin kein Hinderniß, da mein Haus groß genug ist, um auch ihren Vater und den Kleinen zu beherbergen." - Er hatte mit stolzem Selbstbewußtsein gesprochen und sich dabei im Zimmer umgeschaut, als wolle er hinzusetzen: auch für ihr Mobiliar habe ich noch bequemen Platz." „Ich würde nie ein solches Almosen annehmen!" entgegnete etwas heftig Hilde- gard's Vater, noch ehe diese selbst zu antworten im Stande war. „Pah! Almosen .... — Um ein Almosen handelt es sich nicht, wenn der Geber Ihr Schwiegersohn ist, mein lieber Herr Becker. Meine Lage erlaubt mir das/ ich bin Gott sei Dank gut situirt und kann mir selbst eine kostspielige Phantasie gestatten. Darum, Mamsell Hildegard, bedenken Sie sich nicht länger und schlagen Sie ein!" — Es läßt sich wohl annehmen, daß der Mann selbst nicht wußte, wie viel Verletzendes in diesen seinen letzten Worten lag; er Hütte sonst vielleicht mit weniger Sicherheit Hildegard seine Hand gereicht. Doch das junge Mädchen erfaßte nicht die dargebotene Rechte des Jnspectors; Hildegard umschlang den Hals des Vaters, und zu ihm ängstlich aufsehend, zu ihm sprechend, sagte sie bittend: „Laß uns so zusammenbleiben, wie wir sind, Vater! — Ich arbeite ja so gern für Euch, meine Arbeit macht mir Freude, und ich möchte nicht an eine Aenderung denken, Vater!" — Tiefgerührt hielt der arme Künstler die Hände seines Kindes umfaßt. „Ich werde Dich nie zu Etwas drängen, was Dir widerstrebt", sagte er. „Von meinem Kinde Opfer anzunehmen, brauche ich mich nicht zu schämen!" — Erstaunt sah der Jnspector auf die Gruppe. Er schien es kaum fassen zu können, daß er abgewiesen sei, er hätte nie an eine solche Möglichkeit geglaubt, denn er hielt sich, indem er Hildegard Becker seinen Antrag machte, für den großmüthigsten, edelsten Menschen, der ohne allen Eigennutz ein armes Mädchen heirathen wollte, das ihm Nichts mitbrachte, als einen blinden Vater und einen unerzogenen Bruder, das er nur seiner Jugend und Schönheit wegen begehrte. Er war vollständig verdutzt. ' Mit freundlicherem Gesicht als zuvor, sagte jetzt Hildegard zu dem abgewiesenen Freier: „Es thut mir leid, Herr Jnspector, doch Sie müssen einsehen, daß wir drei unser ! Verhältniß nicht ändern können. Ein Mädchen wie ich darf nicht so bald daran denken zu heirathen." — Geräuschlos erhob sich der so vollständig Enttäuschte und griff nach seinem Hut. Aerger und gekränkte Eitelkeit drückten sich auf seinem Gesicht zur Genüge aus, und seinen Zorn nur mühsam unterdrückend, sagte er: „Dann kann ich mich ja empfehlen. Ich wünsche nur, Mamsell Becker, daß Sie die Zurückweisung meines Anerbietens nie bereuen mögen — Adieu!" — Der Jnspector ging. Als sein Tritt auf der Treppe verhallt war, sagte Hildegard, sich zärtlich an den Vater schmiegend, zu diesem: „Vater, ich hätte nie seine Frau werden können! — Verzeih', daß ich Dir und Ernst dieses Opfer nicht bringen konnte; Dein Leben wäre ruhiger und sorgloser geworden, — 245 doch Dein Kind hätte nie glücklich werden können, denn ich verabscheue den Mann und habe ihn das oft genug fühlen lassen, so daß er sich diese Niederlage hätte ersparen können." — „Du hast recht gehandelt, meine gute Hildegard", erwiderte zärtlich der Blinde. * * Am andern Morgen in aller Frühe schon saß Hildegard wieder an ihrer Arbeit in der Kunsthalle. Ihre bleichen Wangen hatten sich in Folg? der durch die bald beendete Copie hervorgerufenen Erregung leicht geröthet; gewandt und sicher führte sie den Pinsel. Ruhig ivar es um sie her, und kein Ton, kein Geräusch störte ihre Einsamkeit. Es mochte gegen zehn Uhr, also etwa eine Stunde vor Eröffnung der Galerie sein, als aus der Entfernung, jedoch deutlich als im Gebäude erkennbar, eine rauhe, ihr nur zu wohlbekannte Stimme sich hören ließ und das junge Mädchen veranlaßte, in der Arbeit innezuhalten. Die Stimme war die des JnspectorS Schramm. Daß der Mann sie hier, zu einer reglementswidrigen Zeit finden sollte, war Hildegard, namentlich nach den Vorgängen des gestrigen Tages, höchst unerwünscht; unwillkürlich hatte sie ihr Arbeitsgerath in ihrem Malkasten zu bergen begonnen, erhob sich von dem kleinen Schemel, rückte leise die Staffelei in einen Winkel, kehrte das Bild um und machte sich fertig, die Galerie zu verlassen. Schwere Tritte näherten sich dem kleinen Zimmer, in welchem Hildegard sich befand; im Nebenzimmer hielten sie an, und die Künstlerin hörte, wie der Jnspector einigen ihm folgenden Arbeitern die Weisung gab, ein großes Bild aus seinem Zimmer in den großen Saal zu schaffen, um den so erlangten Platz mit kleineren Bildern, neuen Erwerbungen, zu füllen. Jeden Augenblick konnte er in das kleine Zimmer treten, in welchem sie sich aufhielt; sie wußte auch, daß er ihr alsdann verbieten würde, in Zukunft vor 11 Uhr in der Kunsthalle zu arbeiten, und das glaubte sie um jeden Preis verhindern zu müssen. Leise legte sie Hut und Shawl an, nahm ihre Mappe unter diesen letztern und eilte unhörbar durch ein anderes Seitenzimmer in entgegengesetzter Richtung der großen Treppe §u, um durch die Castellans-Wohnung in's Freie zu gelangen. Ungesehen glaubte sie ihren Rückzug bewerkstelligt zu haben und athmete erleichtert auf, als sie in den die Kunsthalle umgebenden Anlagen Hinschritt, in denen sie bis zur officicllcn Eröffnung der Galerie zu promeniren beschloß. „Noch zwei Tage fleißiger Arbeit, und das Bild wird fertig sein; dann wird eine bessere Zukunft für uns beginnen", sagte sich glücklich die junge Künstlerin. Sie berechnete in Gedanken, wie viel ihr noch übrig bleiben würde von dem Gelde für die „Tochter Tizian's", nachdem sie alle die kleinen Rechnungen bezahlt und die nothwendigsten Bedürfnisse für den Winter angeschafft haben würde, und so groß erschien ihr die versprochene Summe, daß sie dankerfüllt den Schöpfer pries, der ihr die Fähigkeit verliehen, so für ihre Lieben sorgen und arbeiten zu können. Da schlug es elf, und eiligst kehrte sie zurück an ihre Arbeit, um nicht noch mehr der kostbaren Zeit zu verlieren. Und wieder war sie unermüdlich thätig, bis sie abermals den Schritt des fremden Herrn zu erkennen glaubte und sie nicht umhin konnte aufzublicken, da er ihr denn Aug' in Auge gegenüber stand. „Wie befinden Sie sich heute, mein Fräulein?" fragte er freundlich bescheiden. „Schon wieder so fleißig gewesen? — Sie sollten sich doch mehr schonen!" „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Theilnahme. Diese Copie ist ja nun bald fertig", erwiderte zögernd, von tiefer Gluth das schöne Gesichtchcn übergössen, Hildegard. So thcilnehmcnd schauten die blauen Augen des Fremden sie an, daß sie zitternd die ihren senken mußte. „Und wenn dieses Bild vollendet ist", fragte leise, eindringlich der junge Mann, 246 „wollen Sie dann wohl kür mich auch ein Bild covircn — jenen „Murillo" dort . . — Hier stockte der Fremde. Er hatte, einen Schritt zurücktretend, sich umgeblickt und fand den „Murillo" nicht mehr auf dem gewohnten Platze. „Nun, er scheint einen andern Platz erhalten zu haben, doch sie kennen ihn ja, mein Fräulein; er ist eine der Perlen unserer Galerie. ... — Wollen Sie diesen „Murillo" für mich copiren " „Gewiß — recht gern!" erwiderte zögernd und erröthend Hildegard. „Doch wird Ihnen meine Arbeit genügen können?" Ich würde Sie sonst nicht darum bitten. Ich mache nur eine Bedingung, mein Fräulein, und deren Erfüllung müssen Sie mir zusagen: Sie müssen mir versprechen, sich Zeit zu lassen! — Darf ich Ihren Herrn Vater besuchen, um mit ihm das Geschäftliche zu besprechen?" Hildegard bejahte diese Frage. „Nun gut", fuhr der Fremde fort; „so werde ich sogleich zu ihm gehen. Adieu, mein Fräulein!" Sich achtungsvoll verbeugend, verließ er das junge Mädchen. Im anstoßenden Zimmer begegnete er dem Jnspector und fragte ihn, welchen Platz der kleine „Murillo" erhalten, welcher bisher in dem kleinen Zimmer, in dem Fräulein Becker sich befand, seine Stätte gehabt. „Der „Murillo" ist nicht fortgenommen worden", entgegnete der Jnspector höflich; „überhaupt ist hier gar nichts geändert." „Er ist aber nicht mehr hier", sagte der sich für das Bild lebhaft interessirende Herr; „ich bitte Sie, sich selbst zu überzeugen: er ist nicht mehr auf der Stelle, wo er gestern noch war. Ich möchte eine Copie dieses „Murillo" anfertigen lassen." Erstaunt und neugierig trat der Jnspector, Hildegard gänzlich ignorirend, in das kleine Zimmer und stutzte, als er den leeren Platz sah, auf dem er noch gestern den „Murillo" gesehen hatte. „Da muß ich gleich 'mal nachfragen", sagte er ganz bestürzt, „ob vielleicht einer der Arbeiter irrthümlich das kleine Bild fortgenommen und anders wohin gebracht hat. -— Aber das ist ja doch gar nicht denkbar", fuhr er nach kurzem Besinnen fort; „ich habe die Leute doch heute Vormittag unter meiner directen Aufsicht im anderen Zimmer die wenigen Veränderungen, welche nothwendig geworden, vornehmen lassen. — Entschuldigen Sie, mein Herr, ich muß gleich Nachfrage halten." Der Jnspector entfernte sich. Der Fremde verbeugte sich sehr artig gegen Hildegard und ging dann auch fort. Das junge Mädchen arbeitete ruhig weiter und achtete nicht auf die finstern Blicke des wieder und wieder ihr Zimmer passirenden Jnspectors. Bald begann ein unruhiges Umherrennen der Aufseher und Arbeiter; dann kam Jnspector Schramm mit zwei Arbeitern nach dem Zimmer, in welchem Hildegard sich befand, und fragte die Leute, wohin sie das dort fehlende und nun positiv vermißte Bild gebrvcht hätten; doch die beiden Arbeiter zuckten die Achseln und erwiderten, daß sie nichts von diesem Bilde wüßten und nur solche berührt Hütten, welche der Jnspector ihnen selbst bezeichnet habe. Alle Säle und Zimmer wurden durchsucht, doch das werthvolle kleine Gemälde war nirgends zu finden. — Es war ein kleines, kaum einen Quadratfuß haltendes Bild, sehr leicht transportabel, unter einem Uebcrzieher, einem Tuch oder Mantel leicht zu verbergen; so war denn es ganz natürlich, daß der Gedanke an eine derartige Entwendung sich geltend zu machen begann, nachdem ein genaues Durchsuchen aller zur Kunsthalle gehörenden Räumlichkeiten sich als vollständig erfolglos erwiesen hatte. Jnspector Schramm beeilte sich, den Director der Galerie (einen bekannten Genre- Maler) von dem spurlosen Verschwinden des „Murillo" in Kenntniß zu setzen und ließ dabei Andeutungen fallen, welche erkennen ließen, daß ein bestimmter Verdacht sich seiner bemächtigt haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Die Nachtluft. Die Aerzte sind über die Räthlichkeit, des Nachts bei offenem Fenster zu schlafen, noch keineswegs einig. Jedenfalls läßt die Frage in einzelnen Fällen gewisse Ausnahmen und Einschränkungen zu. Reine gesunde Luft ist das erste und wichtigste Lebensbedürfniß. Es wird sich aber fragen, ob die Nachtluft in Bezug auf Reinheit und Gesundheit immer eine solche ist, daß ihre Zulassung in die Schlafzimmer unbedingt und s in allen Fällen empfohlen werden kann. Gewiß ist, daß die Luft in der Nacht vielfach von anderer Beschaffenheit ist, als am Tage, wenn sich dies auch nicht immer mit Bestimmtheit chemisch nachweisen läßt. Schon der Einfluß des Lichtes ist in dieser Beziehung von großer Wirkung. Des Nachts steigen häufig allerlei Dünste und Nebel aus dem Boden auf, die sich auch durch den Geruchsinn auf eine unangenehme Weise . bemerkbar machen. In größeren Städten, wo viele Fabriken, die auch des Nachts arbeiten, Bäckereien und Brauereien befinden, schlagen sich oft die Steinkohlendämpfe nieder und erfüllen die Luft mit Kohlen- und Schwefelgasen. Ob das Athmen einer solchen Luft im Schlafe gerade besonders gesund ist, muß doch einigermaßen bezweifelt werden. Bei Tage werden viele der Uebelstünde, welche die Nachtluft mit sich führt, durch das Licht größtentheils paralysirt. In niedrig gelegenen Gegenden, wo Wechselfieber herrschen, kann die Nachtluft besonders nachthcilig wirken, da sich die Sporen der Sumpffieberpflanzen nur bei Nacht in die Luft erheben, während sich die Tagesluft bei der mikroscopischen Untersuchung stets frei von diesen winzigen Pflanzenorganismen erwiesen hat. Die Erfahrung, daß die Sumpfluft hauptsächlich des Nachts Fieber erzeugt, ist selbst den Wilden nicht ^ unbekannt ! Dabei ist aber zu beachten, daß hauptsächlich die unteren Luftschichten von dem . Krankheitsstoff inficirt sind. Vielfache Beobachtungen haben nämlich die Thatsache fest- f gestellt, daß sich die giftigen Pflanzenspvren nur bis zu einer mäßigen Höhe in die Luft erheben können. Daher kommt es, daß Wohnungen, die auf einer gewissen Erhöhung in Sumpfgegenden liegen, von der Krankheit verhältnißmäßig verschont bleiben. So z. B. die Dörfer, die auf Hügeln in der Nachbarschaft der berüchtigten pontinischen Sümpfe im Kirchenstaate gelegen sind. Man erklärt dies daraus, daß die mit den Krankheitsstoffen geschwängerte Luftschichte schwerer als die reine Luft sei und sich deshalb in der Nähe des Bodens verhalte. So hat man unter Anderem auch die Erfahrung gemacht, daß das gelbe Fieber niemals in einer Höhe von 2500 Fuß, ja selbst nicht von 1500 Fuß über der Meeresfläche erschienen ist. Hochgelegene Wohnungen können demnach unter Umständen einen Schutz gegen epidemische Krankheiten gewähren und in ihnen ist jedenfalls die Nachtluft gesunder als in niedriggelegenen und überhaupt in niedrigen Wohnungen, z. B. in Parterrewohnungen. Dagegen ist es auch durch die Erfahrung bewiesen, daß schädliche Fieberkeime durch starke Winde mit den Dünsten in andere Gegenden geführt werden können. Bei herrschenden Epidemien gebietet es unter allen Verhältnissen die Vorsicht, sich > so wenig als möglich der Nachtluft auszusetzen. Wir wollen in dieser Beziehung eine Beobachtung erwähnen, die der leider zu früh verstorbene österreichische Oberst v. Cornelius, ein ebenso intelligenter als liebenswürdiger Mann, uns früher mitgetheilt hat. Derselbe war während der großen Cholera-Epidemie in Galizien Commandant eines daselbst stationirten CorpS. Die Seuche wüthete in der Nähe des Standorts desselben mit solcher Heftigkeit, daß ganze Ortschaften und Gegenden dadurch entvölkert wurden. Unter diesen Umstünden hatte unser Gewährsmann Gelegenheit, die Wahrnehmung zu machen, daß - Personen, die sich nach Sonnenuntergang längere oder kürzere Zeit im Freien aufhielten, regelmäßig von der Cholera befallen wurden. Dies war unter Anderem auch mit den männlichen Mitgliedern einer Judengemeinde der Fall, welche einem nächtlichen Gottesdienst in der Synagoge beiwohnten. Von einigen vierzig Mitgliedern blieben nur vier oder fünf verschont, die übrigen wurden sämmtlich noch in derselben Nacht von der KraM- heit ergriffen. Dadurch aufmerksam gemacht, gab der Commandant feiner Mannschaft den strengen Befehl, vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne ihre Quartiere nicht mehr zu verlassen und lediglich dieser einfachen Maßregel schrieb er es zu, daß seine Leute von nun an von der Krankheit verschont blieben. Diese Thatsache ist nach dem, was oben über das WcchselficbermiaSma gesagt wurde, jedenfalls sehr beachtcnswerth. Die Vermeidung der Nachtlust in Sumpfgegenden und bei herrschenden Epidemien auch an anderen Oertlichkeiten gehört gewiß auch zu den wichtigsten Vorbcugungsmitteln. Es ist nicht unsere Absicht, durch die vorstehende Bemerkungen Jemand davor zurückzuschrecken, des Nachts im Schlafzimmer ein Fenster zu lüften; wir wollen vielmehr nur einen kleinen Beitrag zur Lösung der uns gestellten Frage geben, ob die Nachtluft der Gesundheit zuträglich ist oder nicht. Wir glauben übrigens, daß dabei Alles auf die speciellen Verhältnisse ankommt, diese, sowie den eigenen Gesundheitszustand zu prüfen, ist Sache jedes Einzelnen. Es wäre gewiß eine Thorheit, wenn Jemand, dem die Nachtlust nicht bekommt, sich derselben fortgesetzt aussetzen wollte. In Sachen der Gcsundheits- und Heilkunde ist es das schädlichste und gefährlichste Princip, Alles über einen Leist schlagen zu wollen. Dies thun > eer nur zu gern gewisse Gelehrte, wenn sie sich einmal in eine Idee verrannt haben. N- mals sollte man in solchen Dingen den alten Ausspruch vergessen: l^uocl mcclioma. aliis, aliis rst fünfundzwanzig Jahre alt gewesen dann hätte die üppige Schönheit der Creolin ihm ^eren Besitz vielleicht begehrenswert!) gemacht, doch jetzt war er in den Jahren, wo die tziebe mehr nach dem Herzen und dem Gemüth, als nach der körperlichen Schönheit Derjenigen sieht, die man sich zur Gefährtin für's ganze Leben nehmen will. Das übermüthige, launenhafte Mädchen hatte nie einen tieferen Eindruck auf den ernsten, schon durch das Leben selbst und durch seinen Beruf zum Nachdenken gestimmten Mann machen können; er hielt sie für herzlos, und schon oft hatte er es ihren launenhaften Ausschreitungen gegenüber an strengen Zurechtweisungen nicht fehlen lassen. Er hätte auch gern den sehnlichen Wunsch der Eltern erfüllt, wenn Eugenie nur ein wenig ihren Ueber- muth gezügelt und ihm gezeigt haben würde, daß sie ein Herz, ein warmes für altes Edle, Gute und Schöne empfängliches und empfindendes Herz besitze, das er zu lieben im Stande gewesen wäre; daß nur ihre Erziehung eine verfehlte gewesen, daß indessen deren Folgen noch zu beseitigen wären. Allein er mußte wohl einsehen, daß solche Hoffnungen chimärische waren. (Fortsetzung folgt.) Furchtbare Vergeltung. Der deutsche Kontreadmiral außer Dienst, Reinhold Werner, erzählt in seinem jüngst erschienenen vortrefflichen Buche „Erinnerungen und Bilder aus dem Seeleben" (Berlin 1880. A. Hofmann und Comp.) folgende, in ihrer Furchtbarkeit spannende Episode aus dein Seeleben. Die Episode hat zum Mittelpunkte ein menschliches Scheusal, das glücklicherweise zu den Seltenheiten gehört. Es war dies der Kommandant einer französischen Kriegsbrigg, mit der er im Jahre 183t- auf zwei Jahre nach der Antillenstation ging, eine jener niedrigen Seelen, deren Gemeinheit und Niedertracht sich in ihrem wahren Lichte erst zeigt, wenn sie glauben, die Macht in Händ-'n zu haben. So lange er Subalternoffizier war, schmeichelte er Jedem, von dein er irgendwie Vortheile erhoffte, und namentlich den Vorgesetzten. Vorwürfe nahm er von ihnen wie eine Gunst entgegen, Grobheiten und Ungerechtigkeiten mit sanftem Lackeln. Er suchte sich einen hohen Beschützer aus, dessen verdammte Seele er spielte; er übersprang Kameraden, weil er kriechen konnte, erhielt Dekorationen als Pflaster für hingenommene Beleidigungen und endlich das Kommando der Brigg als Belohnung für Speichelleckerei. Sein Ziel war erreicht; er streifte die Maske ab, warf seinen bespuckten Rock hinter sich und zeigte sein wahres Gesicht, das nicht erröthen konnte, weil er keine Scham mehr kannte. Seine Kameraden von gestern, heute seine Untergebenen, wurden seine Opfer. Sie hatten seine Natur erkannt, es bis dahin unter ihrer Würde gehalten, ihm die Hand zu reichen, an Bord ihn unter Quarantäne gestellt und seinen Namen nur mit einem verächtlichen Achselzucken genannt. Er hatte Alles gefühlt, aber mit lächelndem Munde auf seine Zeit gewartet; jetzt endlich war sie gekommen und fortan wurde Rache die Triebfeder aller seiner Handlungen. Die Brigg hatte zwei Jahre auf der Station in. Westindien gelegen, und diese ganze Zeit war für die Besatzung nur ein hartes Gefängniß, eine ununterbrochene geistige und körperliche Quälerei gewesen. Der Kapitän wohnte am Lande, aber übte von dort, seine Gewalt über die Untergebenen aus; er hatte an Bord seine Spione, die ihm Alles hinterbrachten. Fast täglich erschienen Befehle, welche die härteste Tyrannei übten, aber befolgt werden mußten, weil sie die dienstlichen Schranken innehielten, und so wurden hundert Menschen durch einen unsichtbaren Verfolger allmählich zur Verzweiflung getrieben. c. 255 Die Brigg war 1'/„ Meilen vom Ufer verankert. Niemand erhielt Unaub und nu>: Einzelne kamen an's Land, wenn der Dienst es durchaus erforderte. Tödtlichcr Hcff, qegen den Peiniger erwuchs in den Herzen der Offiziere und Mannschaften; er würd« nicht ausgesprochen, aber desto glühender flammte er in der verschlossenen Brust und drohte sie zu sprengen. Endlich erschien der Tag der Heimkehr, und der Kapitän kommt mit heiterer Viiene an Bord. Seine Mission ist beendet; ein höherer Grad erwartet ihn bei seiner Rückkehr.' Auf den bleichen und abgezehrten Gesichtern der Mannschaft zeigt sich jedoch kein Freudenstrahl, obwohl es heimwärts geht; unheilverheißender Ernst lagert auf ihren Zügen und finstere Wuth zieht ihr Herz krampfhaft zusammen, als sie lautlos um das Gangspiel marschiren, um den Anker zu lichten. Der Kapitän liest eine unbestimmt,, Drohung in ihren Mienen, und es wird ihm unheimlich zu Muthe. Er sucht mit der' Offizieren ein Gespräch anzuknüpfen, doch vergebens; sie befolgen nur stumm die erhaltenen Befehle, sonst weichen sie ihm scheu aus, wie dem bösen Feinde. Im Bahamalkanal steigt ein Bö auf, eine von jenen, die der Schrecken der See- fahrer sind und den Orkan in ihrem Schooße tragen. Der Offizier der Wache benachrichtigt den Kapitän von der nahenden Gefahr; dieser kommt an Deck und ertheilt den Befehl, Segel zu kürzen. Der Offizier läßt „Alle Mann" aufpfeifen und wiederholt das erhaltene Kommando, doch die Ausführung unterbleibt. Stumm und drohend bleibt die Mannschaft auf dem Verdeck: der Bootsmann wirft seine Signalpfeife über Bord reißt sich die Abzeichen von der Jacke und stellt sich schweigend an das Bugspriet. Die Bande der Disciplin sind gesprengt und der Gehorsam gekündigt, während der Sturm heulend über das Wasser dahinfährt. „Gei auf, Marssegel", ruft der erschreckte Kapitän, in dem Leichenblässe sein Gesicht überzieht; er fühlt, daß die Nemesis naht. „Wir werden die Segel nicht fortnehmen", erwidern hundert Stimmen zugleich. „Holen Sie Ihre Waffen!" wendet sich der Kapitän zu den Offizieren, „das ist Meuterei!" Der Angstschweiß perlt dem Feigling von der Stirn. Die Angeredeten ziehen sich nach dem Hinterdeck zurück, nur der Wachehabende bleibt auf der Kommandobank; sein glanzloses Auge blickt dem Sturme entgegen, der pfeifend und brausend hereinbricht und das Schiff durch die Wellen peitscht, die von allen Seiten es zu verschlingen drohen. Einige wenige Nichtseeleute und Matrosen begeben sich zum Kapitän auf das Hinterdeck. „Was sollen wir machen", sprechen sie mit schlotternden Knieen zu ihm, „wir werden untergehen!" „Nieder mit den Spionen!" ruft die Mannschaft, „wir wollen sterben." Der Kapitän steht bleich und zitternd; er nimmt dem Offizier der Wache das Sprechrohr ab, er hofft noch auf Wiederkehr der Ordnung, wenn er selbst kommandirt; aber die Antwort der Mannschaft ist nur ein höhnischts Lachen, das sich mit dein Grollen des Sturmes mischt. Dann verschwindet auf eine Minute Alles in dampfendem Gischt; die Brigg scheint unterzugehen, sie legt sich auf die Seite und die See bricht darüber fort. „Kappt die Masten um Gottes Willen!" tönt es heiser aus der Brust des Kapitäns hervor. Seine Spione wollen hinunter und Beile holen, doch die Mannschaft treibt sie von den Luken zurück. „Wir wollen sterben und er soll mit uns gehen", ruft es wieder vorn, und die Offiziere bewahren ein düsteres Schweigen. Da kracht es, die Bemastung geht über Bord; die Brigg richtet sich wieder auf, aber jetzt rammen die Masten gegen die Bordwände und drohen Löcher zu brechen. „Ich verspreche Euch allen Begnadigung, ich schwöre es auf meine Ehre!" bittet der Kapitän in höchster Angst. „Aber kappt die Taue!" „Deine Ehre? Ha, wer glaubt daran?" höhnen die Matrosen. 256 Der Kapitän fleht, wüthet und droht; die Mannschaft schwelgt im Gefühle befriedigter Rache; aber es genügt ihr nicht mehr, aus Haß gegen einen verabscheuten Vorgesetzten Schiff und Leben zu verlieren. Sie will mehr, sie lechzt nach Blut und dringt in drohender Haltung zum Hinterdeck. „Du mußt sterben, Hyäne!" zischt es in sein Ohr, „sterben mit uns, aber Du zuerst und mit Dir Deine Spione." „Zu Hilfe, meine Herren Offiziere, zu Hilfe! Ich gelobe Ihnen meine Fürsprache, Beförderung, Orden" — die Angst erstickt seine Stimme — aber die Offiziere verhalten sich schweigend wie bisher; nur der erste Offizier begibt sich in das Zwischendeck hinunter. Der Kapitän glaubt, er wolle Waffen holen; ein schwacher Hoffnungsschimmer leuchtet auf dem verzerrten Gesicht, doch vergebens harrt er der Rückkehr. Die Sturzseen über- fluthen inzwischen das Deck, der Ozean heult und das Schiff erzittert unter den heftigen Stößen der gebrochenen Masten gegen Bug und Seite. Mit diesen Schrecken mischt sich der Angstschrei von Menschen; es sind dies die Spione des Kapitäns. Die Mannschaft hat sich ihrer bemächtigt, ihnen die Kleider vom Leibe gerissen und peitscht sie erbarmungslos. Blutgieriger Wahnsinn leuchtet aus den Augen der Matrosen, die Offiziere schauen gleichgiltig der furchtbaren Vergeltung zu; der Kapitän bricht in die Kniee und fleht um Gnade. In diesem Augenblick öffnet der erste Offizier die Thür zur Pulverkammer; ein Blitz und Donner wie von hundert Gewittern und das Schiff fliegt zerschellt in die Lüfte — Opfer und Henker werden von den Wellen verschlungen. Die Bö ist vorüber, der Sturm schweigt, die aufgeregten Wogen glätten sich und die Sonne sendet wieder friedlich ihre leuchtenden Strahlen zum blauen Ozean hernieder. Eine Stunde später passirt ein amerikanisches Schiff die Stelle, wo das Grausige sich vollzogen. Auf einer gebrochenen Spiere treibt der einzig Ueberlebende der erschütternden Katastrophe; es ist ein Schiffsjunge, halbtodt und mit schweren Brandwunden bedeckt. Er erzählte den Zusammenhang, aber am anderen Tage war auch er seinen Leiden erlegen. M i s e e l l e rr. (Die kluge Hausfrau.) Köchin: „Ist es nicht schrecklich, Madame, was jetzt die Eier klein sind?" — Dame: „Ja, das wird wohl an den Bauersfrauen liegen, die lassen die Hennen nicht lange genug darauf sitzen und nehmen die Eier schon weg, ehe sie ordentlich groß geworden sind." Ein Jude und ein Christ begleiteten ihre abreisenden Söhne zum Postwagen. „Handle immer recht!" waren die Abschiedsworte des Christen. — „Ja wohl mein Sohn, handle immer recht," rief der Jude seinem Sprößling nach. Aus den „Spniherbsibrätterr»." Wenn hniadocglühl die Sonne, Steht der Mond schon über'm Thal, lind den Abglanz ihrer Wonne Gießt er aus im feuchten Strahl. Also bleibt im tiefsten Herzen Von versnnk'nem großem Glück Tröstlich für die Nacht der Schmerzen Uns ein Widerschein zurück. Meine Sonne schied für immer, Meine Liebe schön und jung; Laß mich ruh'n in deinem Schimmer, Sanfter Mond, Erinnerung. _ E. Geibel. Auflösung des Bnchstabenrebus in Nr. 30: „Das Ausland" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. zur Augslmrgkr postzeitimg." Nr. 33. Samstag, 23. Oktober 1880. Wenn ein Liebes dir der Tod Aus den Augen fortgerückt, Such' es nicht im Morgenroth, Richt im Stern, der Abends blickt, Such' es nirgends früh und spat Als im Herzen immerfort; Was man so geliebct, geht Rimmermchr aus diesem Ort. Just. Kerner. Hildegard. Criminnl-Novelle von Theodor Pust er. (Fortsetzung.) William war soeben von seinen Eltern gekommen. Sie hatten ihn auf's Neue bestürmt, um Eugenie zu werben, Hatten ihm all' ihre guten Eigenschaften aufgezahlt und die Ueberzeugung ausgesprochen, daß sie unter seiner Führung sicher eine gute, treue Gattin werden würde. So war er denn nach dem Palmenhause gegangen, überzeugt, daß das spöttisch-herausfordernde Wesen Eugenien's ihre — wie er glaubte — theil- angeborene, theils anerzogene Herzlosigkeit ihm auf's Neue hinreichende Gründe bieten würden, dein Wunsche seiner Eitern mit Fug uud Recht seine Weigerung entgegensetzen zu können. Als er das lieblich-verführerische Bild des jungen Mädchens vor sich sah, da strömte das Blut ihm wohl warm, ja heiß zum Herzen, und hätte sie jetzt einen Blick voll inniger, sprechender Liebe für ihn gehabt, ein freundliches Wort an ihn gerichtet, statt Seiner zu spotten und den Ton seiner weichen, klangvollen Stimme nachzuäffen — wer mag sagen, daß er sie nicht an sein Herz gezogen, daß er sie sich nicht zu Eigen gemacht hätte. Doch mit finsterer Stirn mußte er sich sagen, daß sie in der That ein herzloses, kokettes Weib, daß sie der Liebe eines ernsten Mannes nicht würdig sei und er für die Ehre einer unauflöslichen Verbindung mit Eugenie herzlich danken müsse. Vielleicht auch wäre sie nicht so schnell von ihm verurtheilt worden, Hütte nicht ein anderes Bild sein Herz volländig beschäftigt, hätte er nicht das schöne, blaffe sittsame Mädchen im Geiste stets vor sich gesehen, ganz das Gegentheil von Eugenien's strahlender Schönheit, und doch für ihn viel schöner, als jene, denn ihr fairstes, duldendes, engclreines Antlitz hatte weit mehr Zauberkraft für ihn, als das übermüthige Lachen und die kokette Schönheit der Creolin. „Die Eltern erwarten uns im Eßsalon", sagte jetzt beinahe rauh der junge Mann und wandte sich zum gehen. Doch graziös erhob sich Eugenie aus der Hängematte, und ihren Arm in den William's legend, sagte sie schmollend: „Seien Sie doch nicht so finster, und führen Sie mich hüsch galant zu Tisch!" William Walter schien kaum das neckige Geplauder der Creolin zu hören, noch hatte er einen Blick der Bewunderung für die kleine, zarte, weiße Hand, den wunderbar 258 schön geformten Arm, der in dem seinen lag. Das lachende Antlitz, die herrliche, nur halb verhüllte Büste schienen für ihn gar nicht zu existiren; das Betragen des reizenden Mädchens erschien ihm kindisch und albern, ihre elegante und graziöse Toilette war für ihn nur der Beweis ihrer stets kampfbereiten Koketterie. Der Gedanke, sie zu seinem Weibe zu machen, lag ihm in diesem Augenblick ferner denn je. In dem mit gediegener Eleganz, jedoch fern von jeder Uebcrladung eingerichteten Eßsalon saß ein alter Herr mit schneeweißem Haar in einer Sophaecke — Generalkonsul Walter, ein Mann zwischen Siebenzig und Achzig, dessen lebhaftes Auge jedoch Zeugniß gab von dem frischen, ungetrübten Geist, der in der schon etwas gebeugten Gestalt noch lebte und herrschte. Seine Gemahlin, William's Mutter, hatte ein durch seine frischen Farben fast noch jugendlich erscheinendes Gesicht, obwohl auch sie schon weit über sechzig Jahre zählte; ein strenger Zug um den Mund indessen, wie auch der scharfe, ewig prüfende Blick ihrer grauen Augen ließen ihr Gesicht nicht angenehm erscheinen. Ihr ganzes Wesen, ihr Aeußeres trug den Stempel -der peinlichsten Ordnung, jede Bewegung schien von ihr möglichst abgemessen, damit kein Fältchen ihres Kleides sich verschieben könne; geräuschlos bis zur Äengstlichkeit war ihr ganzes Wesen, ihre Sprache ruhig, stets leidenschaftslos, und keine noch so tieke Erregung hätte sie vermocht, ihr Organ auch nur um einen Ton zu erhöhen oder zu verstärken. Die „Frau Eonsulin" war die ächte, treue Repräsentantin der alten Hamburger Handels-Patricier-Familien- Tradition. Unter Beobachtung all' jener Formen, wie sie in den feineren Kreisen der großen und reichen Handelsstadt gleich peinlich wie in England, als Norm gelten, hatte man sich zu Tische gesetzt. Das Gespräch wurde hauptsächlich durch Eugenie und William'S Eltern geführt, der junge Consul selbst saß, nur kurz hin und wieder an der Unterhaltung sich betheiligend, im Ganzen wortkarg da, während seine Gedanken ganz wo anders zu weilen schienen. Manchmal nur schreckte ihn das helle Lachen Eugenien'S aus, und die Eonsulin schüttelte wohl leicht den Kopf, daß das junge Mädchen sich so vergessen konnte; aber ihre sonstigen Manieren, beispielsweise ihre vollendete Grazie beim Essen, wobei sie sich nie den geringsten Verstoß gegen die Etiquette zu Schulden kommen ließ, versöhnte einigermaßen wieder die peinlich auf Beobachtung aller gesellschaftlichen Formen haltende Frau und ließ sie so manchen andern kleinen t'uuv pau vergessen, dessen das wilde, unbändige Mädchen sich schuldig machte. Als nach dem Dessert die beiden Damen sich erhoben und nur Vater und Sohn noch bei einer Cigarre und einem Glase Wein sitzen blieben, fragte der alte Herr, forschend in des Sohnes ernstes Gesicht blickend: „Was sinnst Du, William? — Schon bei Tisch warst Du heute ausnehmend einsilbig und reservirt, ja unaufmerksam, und Eugenie kann sich wirklich nicht über ein Zuviel 'an Galanterie von Deiner Seite beklagen. Du brachtest sie in so steifer Grandezza, mit so finsterer Miene hierher, daß es mir vorkam, als empfändest Du es gleich einer Strafe, das reizende Mädchen am Arme zu führen. — Hast Du denn gar kein Feuer in den Adern, Junge, daß Du so den Eisbären herauskehrst? — Als ich in Deinem Alter war, hätte mich Eugenie mit ihrer Schönheit nicht so kalt gelassen." Der alte Herr strich ruhig die Asche von seiner Cigarre, nippte ein wenig an seinem Wein und blickte dabei von Neuem prüfend auf seinen Sohn. Dieser antwortete nicht. „Sie ist ja ein wildes Ding, ein unbändiges Mädchen — ja", fuhr der Vater fort, „doch gut von Herz und Gemüth ist sie, William. Und sie ist auch so klug und gewandt und kann, wenn sie will, so viel gesellschaftlichen Tact zeigen, daß sie Dich gewiß niemals compromittiren, sich selbst nie eine Bloße geben würde. Sie weiß auch viel anmuthiger zu plaudern, als die gelehrten jungen Damen von heutzutage, hinter deren Wissen übrigens nicht so arg viel steckt; es ist das doch nur ein Firniß, unter welchem nichts Tieferes, nichts Reelles liegt. Ob Eugenie nun das bischen Firniß besitzt oder nicht, das bleibt sich meiner Ansicht nach gleich; das Rechte, Wahre kommt mit den 259 Jahren von selbst. Dafür ist sie aber auch ungleich schöner als alle Andern, und Du würdest sehr um sie beneidet werden." — „Ich bitte Dich, lieber Vater, gib diese Ideen auf", erwiderte William; „ich werde Eugenie niemals heirathen! — Frauen ihrer Eigenart stoßen mich ab, statt anzuziehen, sind mir schrecklich. Wenn ich mich jemals vermähle, dann muß ich die Ueberzeugung haben, daß die, welche meine Frau werden soll, mich liebt, ihr ganzes Wesen muß mich sympathisch berühren und auch mein Herz in Liebe für sie schlagen: all' diese Voraussetzungen treffen aber bei Eugenie Delahaye nicht zu, und ich kann Die nicht zu meiner Gattin machen, welche nicht mit mir fühlt, die für mich und mein Haus kein Interesse hegt, die stundenlang sich träge in einer Hängematte wiegt und über eine neue verführerische Toilette träumt oder darauf sinnt, mit welch' neuen Künsten der Koketterie sie es dahin bringt, Andere rasend in sich verliebt zu machen! — Eine gefallsüchtige Frau, Vater, hattest auch Du nie genommen, und Eugenie ist gefallsüchtig im höchsten Grade!" „Aber, mein Gott, William, wie kannst Du so absprechend über das arme Kind urtheilen? — Sie ist reich, verwöhnt von Kind auf; wie konnte sie da viel anders werden? — Sie wird noch ganz aus eigenem Antriebe Alles, was ihr jetzt noch abgeht, lernen und sich aneignen, wird ganz anders werden, als sie jetzt ist, wenn sie einen guten, vernünftigen und rücksichtsvollen Meister findet ..." — „Ich will meine Frau nicht erst erziehen", unterbrach William. „Doch laß es genug sein, Vater; ich kann Eugenie nicht heirathen, sie ist nicht das Weib, wie es meinen Träumen vorschwebt; ich kann keine besondere Hochachtung vor ihr empfinden und nicht daran denken, sie zu meiner Frau zu machen!" — Träume? — Man träumt immer anders von den'Frauen, als sie in Wirklichkeit sind, mein lieber Sohn. Solche in's praktische Leben überführte Traumgestalten existiren nicht." — „O doch, Vater, es gibt deren!" rief der junge Mann mit Enthusiasmus und lebhaft crröthend. Erstaunt blickte der alte Herr auf den Sohn, dann sagte er ernst, kopfschüttelnd: „Und Du hast Eine bereits gefunden, und sie ist es, William, die Eugenie im Wege steht!" — Die plötzliche Nöthe war ebenso schnell, wie sie gekommen, auch wieder aus dem gebräunten Gesicht des jungen Consuls gewichen; doch auch ein rascher Entschluß schien ihm gekommen und blieb auch; er war ja kein Jüngling mehr und konnte sich wohl das Recht indiciren, selbständig zu handeln und zu wählen. „Ja, Vater", entgegnete er, „ich habe ein Mädchen gefunden, wie ich es mir geträumt, doch vielleicht entspricht es Deinen Anforderungen nicht so wie den meinigen; es ist arm, gehört keiner Pntricierfamilie an, ist aber das einzige Weib, das mich glücklich machen könnte — und ich hab's ja Gott sei Dank für uns Beide! — Mein Name ist klangvoll genug, um vergessen zu lassen, was meine Gattin für eine „Geborene" ist!" „William, ich Hütte Dich wirklich für vernünftiger gehalten!" rief halb entsetzt der alte Herr. „Ein armes Mädchen aus obscurer Familie, ohne höhere Bildung, die Dich wahrscheinlich nur durch ein schönes Gesicht bestochen hat. .... William, es taugt nicht, nie und nimmermehr; der Rang- und Standes-Unterschied bleibt — glaube mir! — und heftet sich einem Alp gleich an Deine Fersen; Deine Frau, wenn sie nicht in unserm Stande geboren, kann nie heimisch werden in unsern Kreisen, sie wird sich überall Blößen geben, und Du würdest die getroffene, dann natürlich unabänderliche Wahl bald genug bitter bereuen müssen. Geld ist für mich ja auch durchaus nicht die Hauptsache bei der Wahl einer Schwiegertochter, nur von guter Familie, in guten Kreisen erzogen, muß sie sein, sonst wird nichts daraus!" „Würde ich nur auf Schönheit sehen, Vater, so heirathete ich Eugenie, doch ich will eine Frau mit Herz und Gemüth!" „Was wird Deine Mutter sagen, Williams Wie könnte Deine Auserwählte vor ihr mit ihren strengen Grundsätzen, ihrem peinlichen Festhalten an: Althergebrachten bestehen?" — „Sie wird bestehen, Vater! — Glaubst Du Dein Sohn würde eine seiner und seines Namens unwürdige Wahl treffen, nicht darauf bedacht sein, daß er sich nicht lächerlich mache durch eine Frau, welche nicht in seine Kreise paßt? Doch las; uns das Thema lieber jetzt abbrechen, um es wieder aufzunehmen, wenn's Zeit ist. Noch ist mir selbst unklar, ob, wann und wie ich handeln werde, doch Dir, dem Vater, vor dem ich nie ein Geheimniß gehabt, durfte — mußte ich ja von dem sprechen, was mich im Augenblick so ausschließlich beschäftigt. — Gehst Du mit in's Theater?" „Nein, ich nicht, aber Mama und Eugenie möchten Lust haben und würden Dir gewiß zu Dank verpflichtet sein, wenn Du sie auffordern wolltest." „Dann will ich lieber allein gehen; ich möchte, wenn Du zu Hause bleibst, auf mich ausschließlich allein angewiesen sein. Adieu, Vater!" William entfernte sich, der alte Consul ging nach seinem Zimmer. Nur wenige Sunden früher, als William Walter darüber nachdachte, wie wenig Eugenie Delahaye trotz ihrer mannigfachen Reize ihm bcgehrenswerth sei, als er eine Parallele zog zwischen der Creolin und Hildegard Becker, der armen Künstlerin, da mußte er sich sagen, daß die Letztere alle die Eigenschaften besitze, welche er von seiner Gattin verlange;'arm zwar, doch von edlem Sinn und Gemüth; ein Mädchen, welches mit solcher Aufopferung für die Seinen arbeitet und wirkt, trotz so bedrängter Lage und trotz so großer Schönheit und Jugend, lügenhaft bleibt, ist liebcnswcrther und höher zu ächten, als alle die geputzten jungen Damen der sogenannten höheren, exclusiven Classen, die, ohne Söge, Noth oder Anfechtung, geschützt ihr Dasein genießen — ungetrübt, ohne nur einmal darüber nachzudenken, wie bevorzugt sie dastehen gegenüber anderen Geschlechtsgenossinnen. Sein Entschluß festigte sich immer mehr: das arme Mädchen mit dem bleichen Gesicht der Dulderin wollte er zu seinem Weibe und es sich zur Aufgabe machen, die Nosen zurückzuzaubern auf ihre Wangen, den Ausdruck der Freude und der Lebenslust in ihre Augen. Und mochten auch seine Freunde die Achseln zucken; was konnte man ihm, was ihr vorwerfen? — War sie doch die Tochter eines längst anerkannten Künstlers, der vor dem Unglück, das ihn so schwer getroffen, auch in der „guten Gesellschaft" sich bewegt hatte; und wäre jenes große Leid nicht über ihn gekommen, dann würde er heute noch hoch angesehen, ja reich wahrscheinlich und seine schöne Tochter von Bewerbern Umschwärmt sein. Um die gewöhnliche Stunde ging der Vice-Consul William Walter am anderen Morgen nach der Kunsthalle. Er mußte Hildegard sehen, es was ihm das Zusammentreffen mit ihr zum Bedürfniß geworden. — Wie erstaunt war er jedoch als er auf der jungen Künstlerin Platz einen älteren Herrn sah, der, ohne sich um ihn zu kümmern, eifrig die Copie der „Tochter Tizian's" zu vollenden im Begriffe war. .War Hildegard wirklich ernstlich krank geworden? mußte William Walter sich fragen. Ein Gefühl der Angst, der Beklemmung ließ ihn erst jetzt erkennen, wie theuer ihm die schöne Künstlerin schon war. Er mochte den fremden Herrn nicht nach ihr fragen, er wollte selbst hineilen nach ihrer Wohnung, um sich Gewißheit zu verschaffen. Eilig verließ er die Kunsthalle und schritt, trüber Ahnungen voll, dem entlegenen Stadtviertel zu. Der arme Künstler hatte in der verwichenen Nacht, der ersten, welche er getrennt von seiner geliebten Tochter zugebracht, alle Dualen den zur Ungewißheit und Unthälig- keit Verdammten erlebt; jeder leichte Tritt ließ ihn erschreckt aufhorchen, denn er glaubte ja mit Bestimmtheit, daß Hildegard bald wiederkommen müsse. Als die Nacht hereinbrach und sie immer noch nicht da war, da suchte er sich mit dem Gedanken zu trösten, daß ein Verhör wohl noch nicht habe stattfinden können, daß sie erst morgen kommen werde. — 261 Dann fliegen wieder schwarze, bängliche, drohende Gedanken in ihm auf welche ganz dazu angethan waren, den armen Mann der Verzweiflung preiszugeben. Wenn sie unschuldig verurtheilt würde! — Hatte man nicht oft die augenscheinlichsten, übersiihrendsten Beweise zu besitzen geglaubt? — Wenn nun auch für sein Kind die Umstünde so ver- hängnißvoll zusammentrafen, daß man sie — die Unschuldige — als Diebin ver- urtheilte?! — Ein Schrei der Angst, der Verzweiflung rang sich aus der Brust des Gequälten, wie wahnsinnig durchschritt er das Zimmer und seine Hände wühlten in dem langen Haar. (Fortsetzung folgt.) Das Schulwesen in Bayern zur sogenannten gute», alte» Zeit. Eine kulturhistorische Studie nach einer alten Chronik von vi-. xlük Franz Beda Stubenvoll. Volkswohl wird gefördert durch Volksbildung, Volksbildung ist vorzugsweise bedingt durch die Volksschule, die Leistungen der Volksschule hängen größtentheils ab von der Schuleinrichtung. Von großem Einfluß ist die innere Schuleinrichtung, hauptsächlich die Unterrichtsmethode. Zuin Verständnisse des Volksgeistes der vergangenen Jahrhunderte ist darum unumgänglich nothwendig die Kenntniß der Bildung des Volksgeistes, die Kenntniß der Geschichte der Schule. Vorliegende Skizze dürfte ein nicht unerwünschter Beitrag zu diesem Zwecke sein. Bis in's dreizehnte Jahrhundert hat es mit der Bildung des Volkes und dem, was wir Volksschule nennen, sehr traurig ausgesehen; es war weder Gelegenheit noch ein Verlangen da, etwas zu lerne,:, seinen Geist mit Kenntnissen zu bereichern. Die Klosterschulen, in denen aber nur Knaben und zwar wiederum ausschlicßstch nur für den Küchendienst in der „Kunst" des Lesens und Schreibens unterrichtet wurden, abgerechnet, gab es keine weitere Schule mehr. Auf den: Lande dauerte dieser traurige Zustand noch viel länger; denn noch im Jahre 1566 wohnte in den größeren Pfarrdörfern ein Frühmesse:', Kaplan, oder in protestantischen Ortschaften ein Diakonus, welcher, da noch kein Schulmeister vorhanden war, die Schule hielt, aber bei einer Einwohnerzahl von etwa 500 Personen, wenn es gut ging, es auf 9 bis 12 Schüler brachte. In Städten trachtete man etwas mehr nach Aufklärung, und so finden wir bereits 1400 in den meisten Städtchen Bayerns einen eigenen „schuelhalter" oder „schuelmaister", dessen Existenz aber eine nicht sehr beneidenSwerthe war, da er größtentheils von der Güte des Pfarrers abhing, der ihn: beinahe täglich zu essen gab, was später, wie es in einer Chronik von 1559 heißt, „sogar zu einer Art suris sich zu erheben ansangen thut." Oftmals kam es vor, daß die Bürgerschaft den Pfarrer zwingen wollte, daß er täglich den Schulmeister ausspeise, so daß in den meisten Fallen der Bischof sich in's Mittel legen mußte. So liegt uns ein Entscheid des Fürstbischofs Anton von Bamberg vom Jahre 1445 vor, dahingehend, daß der „vfarer den schuelhalter nur den sunntag undt in der fasten wochcnlich Drey Mahlen außsveissen müsse, so auch an denen betgängtägen, vorausgesszet, daß er dabey gegenwärtig seye und Singe." Der bisher mehr als Almosen den: Lehrer gegebene Kosttag an: Freitage ging nun in ein Gesetz über, hatte aber mehr auf die kirchlichen Verrichtungen als auf die Schule selbst Bezug. Bis zum Jahre 1500, ja noch während des Verlaufes des ganzen 16. Jahrhunderts scheint eS in den bayerischen Städten, wie heutzutage noch häufig in England, so gehalten worden zu sein, daß zwei Lehrer zu gleicher Zeit und in einem und demselben Zimmer mehrere Abtheilungen unterrichtete,:. Im 16. Jahrhundert finden wir in den Orten von 1000 bis 8000 Einwohnern meist schon zwei oder drei Lehrer und zwar nicht blos „einfache deutsche schuelhalter", sondern mitunter „exaininirte", ja öfters zum „Magistcrgrad promovirte", in: Latein ziemlich bewanderte Lehrer, nicht blos dem geistlichen, sondern auch den: weltlichen Stande angehörend. Eine städtische Faktoreistiftung von 1559 sagt: „daß früher ein knab alle vver, 262 monate hat 4 Pfennings müssen in die schuel geben undt auch das holtz selbsten zum einheitzen in die schuel hat bringen müssen, das haben die Armen burgersinann nit Ver- möget. daß also die Armen auch etwan thuen lernen kunnten, so giebt die stüfftung jährlich dem schuelhalter 12 Gulden undt lasset 40 klaffter holtz jährlich aus dem wald zue schuel führen, tuet 7 Gulden 4 Haller 13 Pfenning undt hauen, tuet 3 Gulden 2 Haller 24 Pfenning." Der Gehalt eines Lehrers war Mitte des 16. Jahrhunderts 50, später 60 Gulden nebst einer kleinen Wohnung. Die Schule wurde theils ausschließlich durch Geistliche versehen, theils war sie der bloße Ausfluß und das Anhängsel der Kirche. So ist es erklärlich, daß auf den Unterricht in der lateinischen, wo nicht mehr, so doch ebensoviel Bedacht genommen wurde wie auf den Unterricht in der deutschen Sprache. Dieser Usus wurde auch zur Zeit der Reformation besonders in simultanen Gegenden beibehalten. Wir lassen nun eine Schulordnung vom Jahre 1559 folgen. Sie lautet wie folgt: „Am montag hat der schuelhalter mit den primnnis die erst stund den Vonatum oder (IruinativLin Udilixxi oder etliche roßnlus auß dem s^ntuxi zu rLvitirLn, die übere zeit das evangeli, weliches am sunntag gewesen, zu reoitirou. die ander stund äaolinirsn und oonsuZiren, deßgleichen die rsAuIas s^iitnxsos fragen, auch sollen die knaben, waß ihnen auß den provorbis Laluiiiouis ist fürgelesen worden, einer nach dem anderen exponiren Und Verdeutschen. Der Oantor soll die erst stund die bioouinlanvs lesen hören Und ihnen eine leotiou Wiederumb auffgeben, Und waß sie dnheimd geschrieben haben, ybersehen, Und darauff die Hplraboturios (Abcschüzen) die buechstaben Und deren zusamsezung yberhören. Nachmittags soll schuelhalter Und oautor einer nach den anderen U, stund musicam lesen Und eqerzieren, mit den größeren knaben ög-ura.1 Und oiroral singen, den kleineren die noten Und die soula. kennen lernen. Nach der vesper soll der schulhalter den primuuis eine lateinische sentenz aus den Oioero oder sunstigen poöteu oder autor fürschreiben Und intsrprotireu, expmrron Und aoustruiron lassen, biß es drey schlaget, dan bethen Und Heimbgehen lassen, darausf achten, daß sie aufs der gasse'n ganz zichtig einhergehen Und die ehrachtbahren burgersleuth begrüßen Und kain unfug treiben. Der oantvr hat den seeunllunis ein kurz latein aus denen son- tsntiis, die Ixuliuann (ein berühmter Schulmann des 16. Jahrhunderts) zusamschrieben exponiren. Diser unterricht wird vortgesezet an erichtag, an niichatag Und an pfinztag, an welichen jedoch nachmitag feriä Und der badtag Wie bishero geschen, bleiben solle. (Auf das Baden der Schüler und im Allgemeinen werden wir etwas später zu sprechen kommen.) Am samstag wird lateinisch oonstruirtzt Und die anderen Zwey stunden in allen olassibus durchauß der katechismus lateinisch und deutsch auf's fleissigist exponiret. Nachmittag müssen die schüler ihre schuel reinkeren Und fegen. Die vürsteher der schuel solen dieser ordnüng zum Vertreuligsten auffwarthen, ainig mit ainander seyn, auch die hochzeitsupen wie vor alter herkhomen aufs der schuel mit ainander Und nit in Anderen häußern essen." Die Schulordnung von 1559 sagt auch noch ferners, die Knaben sollen allweg im Sommer um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr sämmtlich in der Schule erscheinen, dort verlesen und beim Ausbleiben ohne stattgesundene Entschuldigung ohne Unterschied von Arm oder Reich gestraft werden. Die Schule dauert alsdann im Sommer bis 9 Uhr, im Winter bis 10 Uhr, Nachmittags aber nur von 12 bis 3 Uhr. Beim Nachhausegchen soll darauf gesehen werden, daß sie nicht blos vor der Kirche, sondern auch auf der Gasse still und ordentlich sind, vor einem Kreuz, einem Muttergottesbild, den verschiedenen Heiligen sich neigen und den Hut abziehen, und auch vornehme Bürgersleute grüßen. In die Kirche sollen sie von dem Lehrer paarweise geführt, von Einem derselben dort strenge beaufsichtigt und in Gebet und Gesang angeleitet werden. Beim Anfang der Schule soll das vöui suuoto Spiritus oder das veni eroator nebst einen: iUater nostsr gebetet werden, auch abwechselnd sonstige schöne lateinische Psalmen Gott zu Ehren und der Jugend zum Besten exerziret werden, damit sie solche bei Zeiten auswendig und frugen lernen. Nach der Schule soll wieder gebetet, und es sollen Psalmen wie^das 263 schöne „6on6tomini," „Mseroro mei Osus« und dgl. gelungen werden. Die Knaben sollen in drei Klassen eingetheilt werden: primanii, Ksouiukaini und tsrtiauii. Der Organist ist nicht allein wegen der Orgel, sondern auch der Schule wegen aufgenommen; ^ derselbe hat daher im Sommer nach der Kirche von 7 bis 9 Uhr, im Winter von 8 bis ^ 10 Uhr „schuel zu sizen Und die ^ixlmliotarioa Zu Verhören Und die buechstaben an - die tabula zu schreiben, mit dein Haselstecken aufzuzeigen Und zusamsezen zu lehren." s Auch hat er diejenigen Kinder, die eine taugliche Stimme haben, auszusuchen und täglich von 11 bis 12 Uhr in der donla. zu unterweisen; dieselben müssen wenigstens gut ! lateinisch lesen lernen. Man ersieht daraus, daß der Organist der unterste und mehr für den deutschen Unterricht, der Kantor der mittlere, und der eigentliche „schuelhalter" ! oder „schuelmaister" der oberste Lehrer war; und da sich von Mädchen gar keine An- ' deutung findet, überhaupt damals noch Niemand strenge verpflichtet war, die Schule zu besuchen, so scheint man die Mädchen nicht im Lesen und Schreiben, sondern nur in der Ockonomie und dem Hauswesen, höchstens noch in der Bibel und etwas Gesang abgerichtet zu haben. Von einem Nechnungsunterrichte finden wir keine Spur. Das Schulgehen war damals auch nicht sehr angenehm, wenn wir bedenken, daß, wie wir gehört haben, bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts jeder Schüler wöchentlich einen Arm voll Holz zur Beheizung des Schulzimmers selbst mitbringen mußte, und daß von ' eigentlichen Schulbänken gar keine Rede war. Die Knaben standen und saßen auf dem ! Boden umher, schrieben an die Fensterbretter gelehnt u. s. w. Erst nach längerer Wirk- ^ samkeit der Reformation nahmen auch die Mädchen allgemeinen Antheil am Schulunterrichte, um ebenfalls wenigstens Bibel und Gesangbuch lesen zu können. : Die Schulordnung von 1559 erhielt sich im Wesentlichen, ich sage, bis zum Jahre ' 1741. Eine im letztgenannten Jahre erschienene Schulordnung sagt nämlich in 16 Ar- > tikeln wesentlich Folgendes: Die Kinder werden, wenn die Zahl zu groß ist, in drei Klassen unv Schulen getheilt, so daß der „Rektor" die erste, der „Organist" die andere, der „Meßner" die dritte, aber lauter Mägdlein habe. Die erste Klasse ist vermischt von Deutsch und Latein lernenden Knaben; der Rektor hat aber die besseren I n!>sniu zrun Latein, zum ciaoiiuirsn, conjrm'iiwn, und uu-uinontn machen, überhaupt soweit.zu bringen, daß sie in den scniünnvils der Herren l'utrss Üooivtutis (Jesuiten) bestehen können. ' (Schluß folgt.) M i s e e l l s «r. (D!as hoffnungsvolle Tiroler Büklein.) Ein Geistlicher in Tirol hatte die Kinder sehr lieb. Ging er aus, so waren seine Taschen mit gedörrten Birufchnitzen gefüllt. Eines Tages fragte er einen kleinen Buben um eine Sache und der Bursche antwortete nichts. „Bub," sagte er zum Arotzkvpf, „gib Antwort, sonst steck ich Dich in den Sack." — „Thu's," erwiderte der Bube, „ich freß' Dir deine Birnschnitzel alle." Der Hofnarr des Königs Jakob I. von England hatte einen Cavalier auf's Empfindlichste beleidigt. Dieser schwur dem Narren Tod, mit dem festen Vorsätze, ihn bei der ersten Gelegenheit zu ermorden. Der Narr eilte zum König und bat ihn um Schutz und Beistand. „Fürchte Nichts," sprach der Monarch, „wenn Dich dieser Cavalier tödtet, muß er Tags darauf hängen." — „Halten Ew. Majestät zu Gnaden," entgegnete der Narr, „wenn ich unterthänigst bitte, ihn Tags zuvor aufhängen zu lassen." (Der Instinkt.) Zwei Herren unterhielten sich in einem Gasthofe über den Instinkt der Thiere. Ein Oesterreicher, der dem Gespräch aus Ferne zugehört hatte, trat plötzlich hinzu und sagte: „Meine Herren, es is zwar halt ein Bissel unmanirli, daß i mi in Ihr Gespräch einmisch', aber i bin ein Oesterreicher, un hab g'hört, daß Sie irr sind. Es is halt nit der Jnn, der stinkt, es is der Mühlgraben. Meister Gerhard von Köln, der erste Baumei 'ter des Domes.*) Wenn in den linden Vollmondnächten Die Nebel lagern über'm Rhein Und graue Silberfäden flechten Ein Flore,ewand dem Heil'genschrein: Es träumt die Waldung, duftumsäumt, ES träumt die dunkle Fluthenschlange, Der milde Wein verwelkt am Hange, Und rauscht und träumt. Tief zieht die Nacht den feuchten Odem, Des Waldes Gräser zucken matt, Und ein zcrhauchter Grabesbrodem Liegt über der entschlaf'nen Stadt: Sie hört das Schlummerlied der Well'n, Das leise murmelnde Geschäume, Und tiefer, tiefer sinkt in Träume Das alte Köln. Dort, wo die graue Kathedrale, Ein riesenhafter Zeitentraum, Entsteigt dem düstern Trümmermale Der Macht, die auch zerrann wie Schaum — Dort, in der Scheibe Purpurrund, Hat taumelnd sich der Strahl gegossen. Und sinkt und sinkt, in Traum zerflossen. Bis auf den Grund. Der Ampel Schein verlosch: im Schiffe Schlaft halbgeschlossen Blum' und Kraut; Wie nackt gespülte Uferriffe Die Streben lehnen, tief ergraut; Anschwellend zum Altare dort, Dann aufwärts.dehnend, lang gezogen. Schlingen die Häupter sie zu Bogen Und schlummern fort. Und immer schwerer will es rinnen Von Quader, Säulenknauf und Schaft, Und in den: Stahle will's gewinnen Ein dunstig Leben, geisterhaft: Da horch! es dröhnt im Thurme — ha! Die Glocke summt — da leise säuselt Der Dunst, er zuckst, wimmelt, kräuselt — Nun steht er da! — Ein Nebelmäntlcin umgeschlagen, Ein graues-Käppchen, grau Gewand, Am grauen Halse grauer Kragen, Das Richtmaß in der Aschenhand, Durch seine Glieder zitternd geht Der strahl wie in verhaltner Trauer, Doch aii dem Estrich, an der Mauer, Kein Schatten steht. Es wiegt das Haupt nach allen Seiten, Unhörbar schwebt es durch den Raum, Nun sieh es um die Säulen gleiten! Nun fährt es an der Orgel Saum; Und aller Orten legt es an Sein Richtmaß, webert auf und nieder, Und leise zuckt das Spiel der Glieder, Wie Rauch im Tann. War das der Nacht gewalt'ger Odem? — Ein weit zerfloss'ner Seufzerhall, Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem Durchquillt die öden Räume all: Und an der Pforte, himmelan Das Mäunlein ringt die Hand, die fahle, Dann geleitet's aufwärts am Portale — Es steht am Krähn. Und über die entschlaf'nen Wellen Die Hand es mit dem Richtmaß streckt; Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen, Sie brodeln auf, wie halb geweckt. AIs drüber nun die Stimme tönt, Ein dumpf verhallend, fern Getöse, Als wenn ein Donnergroll'n sich löse, Und träumend dröhnt: „Ich habe diesen Bau gestellt. Ich bin der Geist vergangner Jahre: Weh! Dieses dumpfe Schlummerfeld Ist schlimmer noch als Todtenbahre! O mann, wann steigt die Stunde auf, Wo ich soll lang Begrab'nes schauen? Mein starker Strom, ihr meine Gauen, Wann wacht ihr auf?" „Ich bin der Wächter an dein Thurm, Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen, Mein Hornespoß der Zeitensturm, Allein sie schliefen, schliefen, schliefen! Und schlafen fort, ich höre nicht Den Meißel klingen am Gesteine, Wo tausend Hände sind wie eine, Ich hör' es nicht!" „Und kann nicht ruh'n, ich sehe dann Zuvor den alten Krähn sich regen, Daß ich mein treues Richtmaß kann In eine treue Rechte legen! Wenn durch das Land ein Handschlag schallt, Wie einer alle Pulse klopfen, Ein Strom die Millionen Tropfen—" — Da rosig wallt Im Osten auf des Frühroths Fahne, Und, ein zerfloss'ner Nebelstrsif, Der Meister fährt empor am Krahne: — Mit Näderknarren und Gepkeif Beginnt dort Arbeit, Alles räumt Gebälk und Steine, um zu bauen — Er sieht den Dom im Rhein, dem blauen; Wie er geträumt, Sieht er den Wunderbau vollendet. Wie ein erhab'nes Himmelsthor; Jedwedes Auge blickt geblendet Zu seiner Wolkenhöh' empor. Dort oben glänzt des Kreuzes Blume — Verklärung spendet sie dem Stein, Sie scheint in Deutschlands Heiligthums Zu Köln am Rhein! *) Dieses Gedicht, schreibt Fr. v. Hohenhausen, welcher dasselbe im „Hannover'schen Kourier" veröffentlicht, übergab mir einst Deutschlands größte Dichterin, Annette Elisabeth v. Droste-Hülshosf, mit dem Auftrage, einen Schluß binzuzusügen und es drucken zu lassen, wenn der Schlußstein des Domes gelegt werde. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Hnltier. Nr. 34. 1880. M „Angstmrger Postzeitung." Mittwoch, 27. Oktober Die Freude, sie schwindet, es dauert kein Leid; Die Fahre verrauschen im Strome der Zeit; Die Sonne wird sterben, die Erde vergehen: Doch Liebe inust ewig und ewig bestehen. , » v. Matthisson. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Der Morgen kam endlich — nach einer Nacht, in der Becker nicht einen Augenblick Schlaf gehabt. Der kleine Ernst bereitete leise und oft schluchzend das Frühstück, giitg dann zur Schule und der arme Blinde blieb wieder allein mit seiner Angst, seinen quälenden Vorstellungen und seiner Sorge um die unglückliche, geliebte Tochter. Still saß er in seinem Lehnstuhl und horchte auf jeden Schritt und Tritt, auf das kleinste Geräusch; er kannte den leisen Gang seines Kindes ja so genau; doch Hildegard kam nicht. — Und Niemand kam, der ihm Nachricht von ihr brachte! Am Abend der Verhaftung Hildegard's hatte Becker zu dein einzigen ihm treu gebliebenen Freunde, dem Maler Krelle, geschickt, um ihn von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen. Der Freund kam sofort, suchte den Armen zu trösten und sprach auch seinerseits die positive Ueberzeugung aus, daß Hildegard unfähig und unschuldig sei des ihr zur Last gelegten Verbrechens; sie werde zweifelsohne ibre Unschuld bald genug auch beweisen können und zu den Ihrigen dann zurückkehren. Krelle bot seine Dienste an, um die Copie der „Tochter Tizian's" zu vollende!:, damit der arme Vater vor Noth geschützt sei bis Hildegard wiederkehre. Da endlich nahten sich Schritte, und es ward an die Thüre geklopft. „Herein!" rief der Blinde, all' seinen Muth zusammennehmend, doch mit bebender Stimme. Seilte lichtleeren Augen hingen an der Thür, als könnten sie den Eintretenden erkennen. „Ich bin es, Herr Becker, Consul Walter", sagte dieser. „Ich komme soeben von der Kunsthnlle und bin erstaunt, an Ihrer Tochter Bild einen Fremden arbeitend gefunden zu haben. Ich hatte die Absicht, noch Einiges mit Fräulein Becker in Betreff der Copie des „Murillo" zu besprechen, welche sie für mich anzufertigen bereit erklärt hat. „Meine Tochter — meine Tochter wollen Sie sprechen?!" rief der arme Vater, sich erhebend. „So wissen Sie nicht, Herr Consul . . . ." — Er konnte nicht weiter sprechen, der Unglückliche; laut schluchzend sank er in den Lehnstuhl zurück. Bestürzt eilte William auf den Maler zu, mit vor Schreck zitternder Stimme fragte er: „Was ist mit ihr? — Ist Ihre Tochter krank, sehr krank, vielleicht gefährlich?! — Sagen Sie es mir denn ich kann die Ungewißheit nicht ertragen!" Erstaunt richtete Becker den Kopf auf; dieser vornehme, fremde junge Mann fragte so leidenschaftlich erregt, so ängstlich nach seiner Hildegard .... — Was hatte er nur, was konnte ihn dazu bewegen? — Sein Gesicht wurde ernst und ziemlich kalt fragte er zurück: „Kannten Sie denn mein Kind näher?" „Ja und nein", erwiderte William, doch besorgt fügte er hinzu: „Sagen Sie mir, was mit ihr ist!" „Sie wurde gestern Abend verhaftet, eines Diebstahls — ich glaube eines Bildes — in der Kunsthalle beschuldigt; den „Murillo", den sie für Sie copiren sollte, soll sie gestohlen haben. ..." — „Unmöglich!" rief der junge Walter bestürzt. „O, unmöglich ist es durchaus nicht, daß der Verdacht zuerst ein armes junges Mädchen trifft, welches sich Tag um Tag abquält, um Brod für seinen Vater und seinen jungen Bruder zu verdienen! — Auf wen sonst als auf die Armen fällt zuerst der Verdacht eines Verbrechens?!" schloß der Blinde, mehr zu sich selbst als zu dem Besucher sprechend. „Sie, eine Diebin?!" rief William empört. „Nein, das kann Niemand glauben, der in dies reine, sanfte, duldende Antlitz je geblickt hat! — Lächerlich, einen Verdacht nur auf sie zu lenken! — Wer hat das gethan? — Wer hat Ihre Tochter beschuldigt?" Die mageren Hände des Blinden streckten sich nach der Richtung hin aus, wo der Consul stand, und mit nahezu wahnsinnigem Ausdruck fragte er: „Haben Sie noch nie von unschuldig Verurtheilten gehört? — Wenn man sie, wenn man meine Hildegard verurtheilen könnte, es wäre mein Tod!" Der Anblick des unglücklichen, verzweifelnden Mannes schnitt William in die Seele und erfüllte ihn mit höchstem Mitleid. Er ergriff die bleichen, kalten Hände und sagte freundlich: „Beruhigen Sie sich, Herr Becker, dazu kann es nicht kommen. Ich werde mich sogleich nach all' den näheren Umständen erkundigen und Ihnen hoffentlich gute Nachrichten bringen. Ich habe Ihre Tochter lange Zeit beobachtet; ihr stilles, sanftes Wesen, ihr Fleiß und die Würde, mit welcher sie ihr Leid trug, haben mein ganzes Interesse für sie rege gemacht, und ich werde deshalb auch jetzt für sie wirken, um sie Ihnen mit Gottes Hülfe bald wieder zuführen zu können. William Walter hielt Wort. Den besten, anerkannt tüchtigsten Vertheidiger engagirte er für Hildegard, kein Geld schonte er, um die Unschuld des unglücklichen jungen Mädchens zu erweisen; allein Wochen, ja Monate schließlich, vergingen erfolglos, Hildegard Becker ward nicht aus der Untersuchungshaft entlassen, und der „Murillo" war und blieb verschwunden. Endlich, nach beinahe vier langen Monaten, ward der Verhandlungstermin in der Sache vor dem Schwurgericht angesetzt. Es war dies ein Tag der Angst und bangen Sorge für alle Diejenigen, welche an dem jungen Mädchen Antheil nahmen. Es war ein rührendes Bild des Unglücks, als die todtbleiche Hildegard in stiller Resignation auf der Anklagebank saß. Ein mitleidiges Murmeln ging durch die versammelten Zuschauer. Leise, kaum vernehmbar beantwortete sie die von dem Präsidenten an sie gerichteten Fragen, dann saß sie wieder still, wie theilnahmslos da, ihre großen, traurigen Augen nur hingen fragend an den Lippen der Zeugen, welche wider sie aussagten. Wie in eiAem bösen Traume befangen hörte sie alle jene sich so verhangnißvoll für sie gestaltenden Umstände an, welche seitens der Anklage gegen sie vorgebracht und durch mehrere Zeugen bestätigt wurden. Der Castellnn der Galerie, Wesselmann, mußte eidlich aussagen, daß er das verschwundene Bild von „Murillo" noch um zehn Uhr in dem kleinen Zimmer gesehen, nachdem er im Vorübergehen einige Worte mit der dort arbeitenden Hildegard Becker gewechselt; er mußte zugeben, daß die Angeklagte heimlich, gegen die Vorschriften des Reglements und ohne die für einen Ausnahmefall vorgesehene besondere Erlaubniß des 267 Jnspectors Schramm wiederholt dort gearbeitet, daß sie sorgar ein Gewicht darauf gelegt habe, er — der Castellan — möge den Jnspcctor nichts von ihrer Anwesenheit dort wissen lassen, sobald diese in die Zeit vor elf Uhr Vormittags fiel. Dann ward der Jnspector selbst aufgerufen und sagte aus, wie er an dem fraglichen Tage, etwa eine halbe Stunde vor der Eröffnung der Galerie für das Publikum, die Angeklagte eilig und sichtlich ängstlich sich habe entfernen sehen, auch bemerkt habe, daß sie einen viereckigen Gegenstand unter ihrem Shawltuch verborgen. Dasselbe bezeugten auch die beiden Arbeiter, welche unter des Jnspectors Anleitung die in dem Placement der Bilder wünschenswerthe Veränderung vorgenommen hatten; kaum eine halbe Stunde nach der Eröffnung der Galerie und als die Angeklagte bereits wieder bei ihrer Arbeit gesessen, sei das Verschwinden des „Murillo" entdeckt worden, noch ehe einer der fremden Besucher sich entfernt gehabt. Hildegard's Vertheidiger nahin ein Kreuzverhör mit Jnspector Schramm vor und fragte ihn unter Andern:, ob er nicht am Tage vor dem Verschwinden des Bildes und der gegen Hildegard Becker durch ihn selbst erhobenen Anklage in der Wohnung derselben gewesen sei und was ihn dahin geführt habe. Sichtlich unangenehm über diese Frage überrascht, mußte nichtsdestoweniger der Jnspector zugeben, was- ihn dorthin geführt, zugeben, daß er sich bei Hildegard einen Korb geholt hatte. Der Vertheidiger blickte in Folge dessen mit deutlicher, sprechender Geberde auf die Geschworenen. Doch Jnspector Schramm rächte sich. Er fragte den Präsidenten, ob er, abgesehen von Beantwortung der durch Anklage und Vertheidigung an ihn gerichteten Fragen, noch eine Aussage machen dürfe, die wahrscheinlich ein neues Licht auf den Fall werfen würde. Auf die bejahende Antwort sagte er Folgendes: „Vor etwa vier Wochen wandte sich ein Engländer, dessen Namen ich nicht anzugeben weiß, mit der Frage an mich, ob der nunmehr verschwundene „Murillo" verkäuflich sei. Ich erklärte ihm, es könne davon gar nicht die Rede sein, verwies ihn im klebrigen, um den sehr Zudringlichen loszuwerden, an Herrn Senator Hochstäiten als leitenden Director unserer Sammlung. Sollte der Engländer sich an den Herrn Senator in dieser Angelegenheit ebenfalls gewendet haben, was ich bei der Ausdauer der Herren Engländer und bei ihrem Wahn, daß ihr Geld ihnen alle Wege ebnen müsse, kaum bezweifle, so würde Herr Senator Hochstättcn im Stande sein, diese meine Aussage aus welcher ich weitere Folgerungen nicht ziehen mag, zu bestätigen." Diese Deposition des Jnspectors machte einen peinlichen, unangenehmen Eindruck; indessen überwog sichtlich der Ekel vor dem Charakter des Mannes, der sich nicht entblödete, so offen Rache zu nehmen für den ihm ertheilten Korb, und es schien, als ob weder der Gerichtshof, noch der Staatsanwalt, noch die Geschworenen -und der Vertheidiger Werth legten auf den hämischen Schlußsatz. Der Vertheidiger unterließ jedoch nicht zu bemerken, daß eben dieser Schlußsatz einer Folgerung, also einer gehässigen Anklage, zu der der Zeuge auch nicht die mindeste Berechtigung habe, gleichkäme, und ersuchte den Präsidenten, dies auszusprechen, was auch geschah. Hildegard's Vertheidiger rccapitulirte alsdann die Verdachtsmomente, welche er mit ebenso viel Glück als durchaus unzutreffend, unstichhaltig und sehr gewagt, lediglich durch die Rache dictirt hinstellte, und denen er das offen wie ein Buch daliegende Vorleben der Angeklagten gegenüberhielt, welches auch nicht den leisesten Makel an ihr entdecken lasse. — „Im Gegentheil, meine Herren Geschworenen", sagte er, „Sie haben hier ein junges Mädchen vor sich, dessen ganze Vergangenheit, dessen aufopfernde Thätigkeit für seinen erblindeten Vater und seinen jungen Bruder reichlich für seinen sittlichen Werth spricht. Hildegard Becker ist in ihren: still-bescheidenen Wirkungskreise eine Heldin und unser Aller Bewunderung werth! — Man mußte hier einen Sündenbock haben, und Rache» Haß und Neid verbanden sich, ihn in dem schuldlosen Opfer der Verhältnisse zu suchen und zu finden!— Gott mag wissen, wer diesen Diebstahl verübt hat; Hildegard Becker hat ihn nicht verübt! — Davon bin ich, davon sind Sie, meine Herren Geschworenen, davon ist auch — ich glaube es sest — der hohe Gerichtshof überzeugt, und ich bitte Sie, die schuldlos Angeklagte kostenlos freizusprechen!" Und Hildegard ward freigesprochen — unter donnerndem Applaus des Publikums, einstimmig, trotz einer Replik des Staatsanwalts, der der Vertheidiger nur als Duplik erwiderte: „Ich habe dem bereits Gesagten nichts mehr hinzuzufügen!" Freigesprochen! - Wie beseligend klang dies Wort in Hildegard's Ohr! — Sie konnte zu ihren! Vater, ihrem Bruder zurückkehren und wieder, wie früher, für sie arbeiten. Das arme Kind ahnte nicht, daß trotz Alledem nun ein böser Makel an ihr haftete ; sie wußte nicht, was es heißt, als Angeklagte eines entehrenden Verbrechens vor den Schranken eines Schwurgcrichtshofes gestanden zu haben! — wußte nicht was es heißt, wegen ungenügender Beweiskraft freigesprochen zu sein! — Sie wußte auch nicht, daß jener böse Makel so lange an ihrem Namen haften werde, als der wirkliche Dieb nicht gefunden werden konnte. Der Sitzungssaal hatte sich geleert. Hildegard wurde von ihrem alten, treuen Lehrer, dem Maler Krelle, ihrem blinden Vater zurückgebracht. Es war ein Wiedersehen voll Freude und Thränen; auch William Walter kam noch an demselben Tage, um Hildegard zu ihrer Freisprechung zu gratuliren. Mit einfachen, innigen Worten dankte das gluthübergoffene Mädchen dem jungen Mann für Alles, was er für sie gethan. Einen Moment hielt William die Hand des schönen Mädchens in der seinen, sein Blick,voll Trauer und doch voll unermeßlicher Liebe ließ sie die Augen niederschlagen, während ihre Hand leise erzitterte. Gewaltsam kämpfte er seine Erregung nieder. „Den „Murillo" kann ich nun nicht für Sie copircn", sagte bitter lächelnd Hildegard; „überhaupt werde ich in der Galerie nicht mehr arbeiten können, denn ich glaube kaum, daß man es gestatten würde, wollte ich auch darum bitten." „So malen Sie mir irgend Etwas", erwiderte der junge Consul, „aus eigener Phantasie oder Idee! — Ich bin fest überzeugt, Ihr Talent wird Sie etwas recht Gutes, Ansprechendes schaffen lassen." William war nicht zu bewegen, die Summe wieder zurückzunehmen, welche er damals als Bestellgeld für die Copie des „Murillo" gezahlt hatte, so dringend Hildegard und ihr Vater ihn auch baten. Unberührt lag das Geld noch da; der arme Maler hielt sich ohnehin dem jungen Consul tief verschuldet für Alles, was dieser im Interesse seiner Tochter gethan hatte — und das war in der That auch nicht wenig gewesen. Die Senatorin Erkens, für welche Hildegard die „Tochter Tizian'S" gemalt hatte, verdoppelte die versprochene Summe, denn die Arbeit der jungen Künstlerin war in der That eine Meisterleistung geworden. Vor der ersten Noth war die Familie Becker nun geschützt. Sie hatte die enge Wohnung in dem obscuren Stadtviertel verlassen, denn es war Hildegard unmöglich, die hämischen Blicke und lieblosen Worte der Nachbarschaft, welche sie immer noch für die Diebin des „Murillo" hielt, länger zu ertragen. Die Senatorin Erkens hatte ihr ein kleines Atelier einrichten lassen in der neuen Wohnung; sie war offen Hildegard's Gön- nerin geblieben und hatte ihr versprochen, sie auf's Wärmste unter ihren Bekannten zu empfehlen. Hildegard arbeitete fleißig. Allein seit dieser Unglückszeit schien ein dunkler Schatten auf dem sonst so sanft-zufriedenen Mädchen zu liegen; sie war still, und ihre Unterhaltung mit dem Vater beschränkte sie auf das Nothwendige; stundenlang saß sie oft nachdenklich da, und obgleich ihre äußere Lage jetzt ungleich günstiger war, denn je zuvor, ward sie doch von Tag zu Tag bleicher. William Walter hatte Hildegard seit dem Tage ihrer Freisprechung nicht wieder- 269 gesehen; sie hatte immer auf seinen Besuch gehofft, allein vergeblich. Sie schalt sich eine Thörin, daß sie einen Augenblick nur geglaubt, mehr als gewöhnliches Mitleid habe ihn veranlaßt, so wie er gethan zu handeln. Und doch wieder sagte ihr das Herz, daß es mehr sei als Mitleid, was aus seinen Augen so oft zu ihr gesprochen; aber das berechtigte sie ja noch keineswegs, seligen, hoffnungsreichen Träumen sich hinzugeben, wie sie es trotzdem that — gegen ihren Willen that, und so folgte denn auf die kurze Zeit seligen Glücks und Liebeshoffens — bittere Enttäuschung; von William Walter hörte sie nichts, und er ließ sich auch nicht bei ihnen sehen. Nun begann Hildegard sich wieder Vorwürfe zu machen, daß sie der großen Kluft nicht gedacht, welche zwischen ihrer und des jungen Consuls socialer Stellung lag; sie eine arme Malerin, er der reiche Kaufmanns- und Hamburger Patriciersohn, was konnten sie gemein haben? — Und wenn er wirklich tiefer für sie empfunden, konnte sie es ihm verargen, wenn seine Vernunft endlich groß genug war, das Thörichte einer solchen Liebe einzusehen? Mußte sie ihm nicht im Gegentheil dankbar sein, daß er sie nicht mit Liebe verfolgte, da er ja doch kein ernstliches Band für's Leben mit ihr knüpfen konnte? Ein reizendes kleines Genrebild — „ein Pracht- und Cabinetstück", wie Freund Krelle enthusiastisch versicherte — hatte sie für William Walter in Arbeit, um ihre Schuld gegen ihn zu tilgen. Manche kleine Gemälde hatte sie vortheilhaft verkauft und damit jede Sorge aus dem kleinen Haushalt gebannt. Der arme blinde Vater schüttelte wohl oft den Kopf über die Veränderung, welche seit der Verhaftung, wie er glaubte, mit seinem Kinde vorgegangen war. Wenn er in sie drang zu vergessen, was nun einmal sich nicht ändern lasse, ihr sagte, wie sie doch von allen ihren Freunden unb Bekannten- noch ebenso geachtet sei, wie früher, ehe ein Verdacht auf sie gefallen; dann schmiegte Hildegard sich an den Vater und sagte ihm, daß sie ja ganz zufrieden und glücklich sei, und Becker sah nicht "die thränenumflorten Augen, welche ihre Worte Lügen straften. * * * Auch im Hause des alten Generalkonsul Walter war Manches anders geworden. — Der noch vor wenigen Monaten so rüstige Greis war sichtlich zusammengesunken, und eine nervöse, auch in seinen Zügen erkennbare Unruhe beherrschte ihn. Die „Frau Consulin" hatte Vieles von ihrer so wohleonservirten Frische und von ihrer bisherigen guten Aussehen vorloren, und das strenge Gesicht war noch kälter, gemessener geworden, peinlicher noch als früher beobachtete sie die große Sorgfalt auf alles Aeußerliche. Auch William war vorwiegend ernst und nachdenklich; nur Eugenie Delahaye war — wie sie immer gewesen — auch jetzt noch das sorglose, glücklich launenhafte Wesen. Die seit beinahe einem Jahrhundert bestehende Firma „W. Walter äk Sohn" war in ihren Grundvesten erschüttert; Schlag auf Schlag waren die Hiobsbotschaften eingetroffen, und Häuser, welche bis dahin unzweifelhaft sicher gestanden hatten, waren in den Sturz anderer mit hinein gerissen worden. Von Tag zu Tag düsterer und drohender gestaltete sich der Horizont der Handclswelt; der heute noch stolze, selbstbewußte Kaufherr konnte morgen, übermorgen zum Bettler geworden sein — durch den Fall Anderer. Es war eine commcrcielle Krisis hereingebrochen, wie selten, und der Herd derselben lag rüben, düber dem Ocean, in Amerika. Kein Freund traute fast mehr dem andern in der Handelswelt, der Credit war abgeschnitten, das Kapital hielt zurück, denn Jeder mußte selbst für alle Eventualitäten gewappnet sein. — Anfänglich waren es nur unbedeutende Verluste gewesen, welche das Haus „W. Walter L Sohn" getroffen hatten, doch immer häufiger sich wiederholend und immer empfindlicher wurden sie, und endlich stand auch das alte, solide Haus vor einer drohenden Krisis. Schweigsam saßeir, Vater und Sohn im Zimmer des Ersteren sich gegenüber. Der Telegraph hatte eben wieder den für diese schwere Zeit zehnfach empfindlichen Verlust 270 einer bedeutenden überseeischen Forderung gemeldet. Gebeugt schwer athmend saß der alte Herr in seinem Lehnstuhl. Auch für ihn mußte, wenn der düstere Horizont sich nicht bald aufhellte, der Todesstoß des reellen Kaufmannes — die Insolvenz — in kürzester Frist da sein. Und Rettung sah er nirgends; das einzige Mittel, welches ihm Hülfe bringen konnte, durste er «icht ergreifen, denn es wäre ja identisch gewesen mit der Vernichtung des Lebensglücks seines Sohnes, seines einzigen Kindes. ^ Engenicn'S Vater hatte mit ihm viel verloren, doch lagen die Verhältnisse drüben ! anders, als hier. Der Generalconsul wußte, daß Herr Delahaye allein im Stande war, ihn in dieser schweren Zeit zu halten; diese umfassende Hülfe war nur dann selbstverständlich und außer Zweifel, wenn William und Eugenik ein Paar wurden. Dieser Fall, von den beiden Vütern schon im Voraus in's Auge gefaßt, sollte des jungen ConsulS ! Uebersiedelung nach Amerika und die Uebernahme des Delahaye'schen Geschäftshauses ! dort zur Folge haben, da William' als dessen Erbe bestimmt war und dann in den Besitz einer der reichsten und bedeutendsten Firmen Südamerika's kam. (Fortsetzung folgt.) > Daö Schulwesen in Bayern zur sogenannten guten, alten Zeit. Eine kulturhistorische Studie nach einer alten Chronik von Dr. xkil Franz Beda Stubenvoll. (Schluß.) Die Alumnen, welche des Aufwartens (Ministrantendienst) wegen einige Bestallung haben, sollen in der Schule, Kirche und auf der Gasse ein gutes Exempel geben; ihre Musik und Nesponsoria fleißig lernen, und je Einer bei der Provisur mit auf's Land ' gehen, in der Stadt aber alle zusammen und dort auferbaulich vor dein Krankenhause i absingen. Auch sollen sie wöchentlich zweimal den Schulherren frische Ruthen einliefern. Zur Christenlehre sollen die Schullehrcr ihre Kinder paarweise zur Kirche führen; welche Kinder ausbleiben, müssen jedesmal einen Groschen Strafe zahlen. Die Lehrer wurden größtentheils alle Jahre wieder frisch „gedingt" oder entlassen; manchmal auch nur ein Viertel- oder Halbjahr zur Probe angenommen. So sagt ein. Stadtordnungsbuch vom Jahre 1581: „Dieweilen Von einem erbahren rat Und burger- schafft Und ihren vorclteren fast alle geistlichen stüfftungen herkhommen Und kürchen Und schueldiener Underhalten Werden; so haben sie auch daß recht, bemeldte bedienste auff > Und Anzuwerben oder zne entlassen." . . Die Schulrektoren waren meist graduirte Magister. 1554 hatte ein Schulrcltor ! 70 fl., 1574 der unterste Lehrer 52 fl. Jahresbesoldung, an Holz und Streu 2 fl., i davon er seine und des Kantors Schule heizen solle u. s. f. Anno 1586 heißt es ! in unsrer Chronik über die Verrichtung eines neuen Lehrers für die unterste Klasse: „so lange man täglich das frühambt bey der kürchen hält, soll er die Hauptstuck christlicher lehr durchnemben; ant michatag gehen die drey olaaso« in die predig, da wechselt er wöchentlich mit dem Onntor ab, ebenso an der freytagspredig in der fasten, sowie ^ undcr dene suntagsprcdigen im winter. am sambstag, suntag Und pfinsttag solle er dcne vespsris anwohnen; auch möge er da die jezige teutsche schuel eingehn, dene khinder, so ! es begehren, teutsch lernen." - tz, Die sogenannten „armen Schüler" erhielten sich in vielen Gegenden bis in unser I Jahrhundert herein wenigstens dem Namen nach. Anfangs waren sie Diener der Kirche, > indem sie als Ministranten, als Singknaben, Laternen-, Kreuz- und Fahnenträger fun- ! giren'mußten, wofür sie ein kleines Jahrgeld, bei Leichenbegängnissen Bier und Brod, ^ bei Hochzeiten Trinkgelder erhielten. In der Charwoche führten sie die ganze Schul- ^ fugend durch die Stadt mit „Ratschen und Hampeln", um unter Gelärm und Geschrei das erste und zweite Zeichen zum Gottesdienste zu geben. Unter Tags besorgten sie in ^ derselben Woche das Äufzündcn der farbigen Kugeln am sogenannten hl. Grabe und ! fangen hie und da ein Klagelied dabei; dafür sammelten sie sich als „Wächter des heil. 271 Grabes" bei Bürgers- und Bauersleuten am Charsamstage Ostereier. Später wurden sie bloße Singknaben auf dein Chor, wurden aber ihres geringen Singeifers wegen häufig durch Mädchen ersetzt. , Der Gebrauch, daß an den deutschen Schulen die Schüler der oberen Klasse durch den „Rektor" in der lateinischen Sprache unterrichtet wurden, erhielt sich bis in das ! gegenwärtige Jahrhundert herein. Bis zum Jahre 1825 wurde an den bayerischen p Städteschulen theilweise darauf gesehen, daß der zeitliche Rektor eine derartige Bildung j besaß, daß er Knaben, die sich später dem Studium zu widmen gedachten, in den An- ! fangsgründen der lateinischen Sprache unterrichten konnte. Auch die Schuldisziplin war bei Beginn unseres Jahrhunderts noch eine sehr schwankende und hing lediglich von der Fähigkeit, dem Pflichteifer und der Liebe des einzelnen Lehrers zu seinem Amte ab. Ein ! positiver Schulzwang war noch nicht vorhanden; daher wurde von vernachlässigten Kindern der Schulbesuch entweder ganz unterlassen oder war so mangelhaft, daß sie es nicht einmal zum Lesen oder Schreiben brachten; von einem höheren Unterrichte war ohnehin nicht die Rede, wenn wir wissen, daß nach dem Lehrplane der Jesuiten selbst an den Gymnasien und Mittelschulen ein Unterricht in der Geschichte erst seit dem Jahre 1725 ertheilt, in der Mathematik lange Zeit bloß die Elemente der Arithmetik gelehrt wurden, physikalische Versuche und Unterricht in der Welt- oder Sternkunde gar erst seit 1754 sich finden. Daß in den „deutschen" Schulen die deutsche Sprache wenig gepflegt wurde, wissen wir bereits; die deutsche Sprache hatte sich noch nicht zur Würde einer Büchersprache gebildet und erhoben. Erst dann, als durch Opitz, Kaniz die deutsche Sprache emporkam und Gellert, Hagedorn, Kleist und Klopstock Meisterwerke in deutscher Sprache schrieben, fingen auch die Jesuiten an, in ihren Mittelschulen die deutsche Sprache nach ^ Regeln zu lehren und ihre Schüler in deutschen prosaischen Aufsätzen und deutscher Dichtkunst zu üben. Erst 1717 schrieb der Jesuit und Professor der Logik in Jngolstadt, k Fränklin, seine „Anfangsgründe der deutschen Sprache"; ein Gleiches that der Jesuit Weitenauer. Wie die alte verjährte Unterrichtsmethode, so erhielten sich auch verschiedene alte Gewohnheiten des 15. und 16. Jahrhunderts bis in das gegenwärtige Jahrhundert herein. So, um nur einige namhaft zu machen, das sogenannte Eselreiten, das Hinaussitzen auf den Schandplatz, wobei dein Sträflinge lange Eselsohren aus Papier aufgesetzt wurden, das Ohrenzausen, das Beuteln an den Haaren u. s. w. Bei Beginn der Fastnachts- fcicrtage fand das sogenannte Auspeitschen statt; es wurde nämlich eine Bank vor die Schulzimmerthüre gestellt, durch welche jeder Schüler einzeln kriechen mußte, wobei ihm der Lehrer mit einem Stückchen einige Hiebe gab. Jeder Schüler zahlte dabei einen Auspeitschkreuzer. Indem an diesen und ähnlichen Mißbräuchen zähe festgehalten wurde, ist leider ein guter, für die Gesundheit der Schüler sehr vorlheilhafter Gebrauch der , der früheren Jahrhunderte verloren gegangen, der Gebrauch der sogenannten Schulbäder. ! Das Baden war im Mittelalter allgemeine Sitte wie Schröpfen und Aderlaß, j und war bei der in den Wohnungen herrschenden Unreinlichkeit zur Gesundheit sehr noth- - > wendig. In den Städten wurden eigene Badestuben errichtet, in welchey die Geschlechter ! getrennt badeten, und wo Zugleich geschröpft und zur Ader gelassen wurde. Man badete 1 gewöhnlich des Sonnabends. Eine Hochzeit wurde nicht gefeiert, bevor nicht Braut nnd i Bräutigam und alle Hochzeitgäste gebadet hatten. Alle Sonnabende zogen die Lehrlinge w der Bader mit klingenden Becken durch die Straßen, um zum Baden aufzufordern. ! Selbst das kleinste Städtchen hatte seine zwei bis drei Badestuben. Während die erwachsenen Personen am Sonnabend in die Badestuben gingen, um sich zu reinigen, wurden für die Schulkinder allenthalben am Donnerstag Nachmittags die Vadestuben bereit gehalten; doch verlor sich diese lobenswerthe Sitte schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts. (Südd. Pr.) j l Mi seelle l (Der Richter und die Fliege.) Ein Ungar ließ sich bei einem Bäcker einen i Schweinsschinken backen; der Letztere schnitt jedoch ein großes Stück davon herunter, s Als der erste dies bemerkte, verlangte er, daß der Bäcker ihm den Schaden ersetzen müsse, ^ widrigenfalls er ihn verklagen werde. Dieser lief schnell zum Richter und machte ihm sehr schöne und große Bretzeln zum Präsent. Der Ungar klagte und wurde mit dem > Beklagten zusammen vorgeladen. Der Bäcker entschuldigte sich und sagte, die Fliegen ! hätten das Loch in den Braten gefressen. Da gab der Richter den Bescheid und be- : deutete dem Ungar: „Haben es die Fliegen gethan, so habt ihr mit dem Bäcker nichts weiter zu schaffen; rächt Euch an den Fliegen und schlagt sie todt, wo Ihr sie nur iminer findet." Da sah der eben ab- und zur Ruhe verwiesene Ungdr eine Fliege auf dem Angesichts des Richters sitzen. Ohne alle Umstände schlug er diesen mit der Faust auf ! die Nase, daß das Blut herausspritzte und rief: ,/Iei'oinoU tu! is sich da eine Fliege." , (Beim theoretischen Examen fragte der Oberst einen Soldaten: „ Was hast i Du zu thun, mein Sohn, wenn Du als Schildwache vor einer Wache stehest, und es 1 kommt ein Stabsoffizier?" — „Dann ruf' ich heraus" erwiderte der Gefragte. „Ganz ) richtig, mein Sohn," sagte der Oberst. „Was thust Du, wenn sich ein Haufe Besoffener der Wache mit großem Lärm nähert?" — „Dann ruf' ich heraus," erwiderte der Soldat. „Aber weßhalb?" fragte der Oberst weiter. Das wußte der Soldat nicht mehr, aber er wußte, daß er vor einem Stabsoffizier herausrufen mußte, und antwortete deßhalb rasch: „Ja es könnten ein Paar Stabsoffiziere darunter sein." Ein listiger junger Mensch hatte von Jemand eine Summe Geldes entlehnt, und in dem Wechsel die Rückzahlung auf acht Tage nach dem Feste des hl. Lucian gesetzt, i Der treuherzige Darleiher sah nach einigen Minuten im Kalender nach, fand aber darin e keinen Heiligen dieses Namens. Da jener in Güte nicht zahlen wollte, so kam die Sache l vor den Richter, welcher also entschied: „Da der Lneian, nach des Schuldners Versichern, i ein Heiliger ist, sein Tag aber im Kalender nicht besonders bezeichnet ist, so muß er j wohl unter allen Heiligen mitbegriffen sein, und ist daher Beklagter schuldig, acht Tage i nach diesem Feste Kapital, Zinsen und Kosten bei Vermeidung der Execution zu zahlen." i (Dem alten Dessauer) sLeopold von Dessau) brachte ein Adjutant einen schriftlichen Befehl wieder, der ihm von demselben ertheilt worden war, und den er trotz aller Mühe ^ nicht entziffern konnte. Der alte Dessauer sah lange sein Geschriebenes an, konnte es > aber ebenfalls nicht heraus bekommen und gab es endlich dem Adjutanten wieder, indem er sagte: „Schwerenoth, ich hab' das Ding nicht geschrieben, daß ich es lesen soll, sondern § Ihr." i Als kürzlich der Menageriebesitzcr S. bei der Fütterung in den Käfig der Hyäne ! ging und ihre Zahmheit produzirte, sagte ein Schusterlehrling: „Das ist Nichts, aber ! wenn meine Meisterin in dem Käfig wäre, würde er sich wohl hüten, hineinzugehen." BirchstabettreSus. L Auflösung der Original-Charade in Nr. 31: Maulschelle. Für die Redaktion verantwortlich : Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Liternrischen Instituts von Dr. M. Hnttler. 1 zur „Äugslmrger Postzcitimg." Nr. 35. Samstag, 30. Oktober 1880. Treu, wie die Tugend, hält der Frevel sein Versprechen; Was Leidenschaft gesä't, gedeiht nur im Verbrechen; Und aus Verbrechen reist die inn're Sklaverei. Tiedge. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Fortsetzung.) Auch William kannte sehr wohl dieses Mittel der Rettung und wußte, daß es das einzige war, das zu ergreifen ihn indessen Niemand zwingen konnte noch wollte. Ein schwerer Kampf hatte schon lange in seinem Innern getobt; er liebte Hildegard noch immer, mehr vielleicht denn je, da ihr Besitz ihm jetzt unerreichbar erschien. Er hatte sie seit dem Tage der gerichtlichen Entscheidung nicht wiedergesehen, sie vergessen wollen; je näher indessen die Stunde der Entscheidung kam, desto mehr fühlte er, wie namenlos unglücklich er werden mußte, wenn er um die Ruhe seiner Eltern und der Ehre seines Hauses willen seine Liebe zu Hildegard opferte und Eugenie zu seiner Gattin machte — Eugenie, die er nicht liebte, kaum achten konnte, wenigstens so nicht, wie der Gatte die Gattin achten soll. Und würde überhaupt Eugenie ihn zum Gemahl haben wollen, ihn, der seither stets so streng, so kalt gegen sie aufgetreten war? — Ein fester, durch die Verhältnisse dringend gebotener Entschluß schien jetzt in ihm zur Reife gekommen; er konnte nicht länger die Qualen seines Vaters mit ansehen, mußte der Mutter, die im großen Ganzen das Mißgeschick der Firma noch nicht kannte, den furchtbaren Schlag, den grenzenlosen Kummer ersparen. Konnte er so herzlos sein, die Rettung Aller um eines Traumes willen von sich zu stoßen? >— Nein und abermals nein! — — „Vater", sagte er gepreßt und die hohe Stirn mit Schweißperlen bedeckt, „ich weiß, daß es nur ein Mittel gibt, uns schnell und sicher aus allen Verlegenheiten zu ziehen; es ist das meine Verbindung mit Eugenie Delahape ... — Nun wohl, Vater, ich will um ihre Hand werbe» i ch werde sogleich zu ihr gehen. Ob sie meine Werbung, ob sie meine Hand annehmen wird — ich weiß es nicht; allein ich will thun, was ich jetzt für meine Pflicht halte, um unseres Namens willen." — „William, ich danke Dir!" rief überglücklich der alte Herr. „Geh' zu Eugenie; sie liebt Dich — glaub' es mir — und wird Dich nicht abweisen!" Schnell verlies; William das Cabinet des Vaters, um die schöne Creolin aufzusuchen. Draußen meldete ihm ein Diener, daß für den Herrn Vice-Consul ein Bild soeben gebracht worden sei und auf seinem Zimmer liege. Dorthin ging William zunächst. Es war Hildcgard's eigens für ihn gemaltes Bild, das ihm, auf einem Fautcuil stehend, gleich beim Eintreten in's Auge fiel. — Gerade in diesem Augenblicke mußte ihm diese Erinnerung werden! — gerade jetzt, nachdem er mit Mühe nur und unter Aufbietung all' seiner moralischen Kraft endlich den muthigen, seine Eltern rettenden, 274 — seine eigene Zukunft, sein Glück vernichtenden Entschluß gefaßt! — Lange ruhten seine Augen auf der genialen, kunstvollen Arbeit. Ja, Hildegard war eine wahre, eine gott- begnadete Künstlerin geworden, das sah er in dieser Originalarbcit, ihrer eigensten Conception. Und gerade in dem Augenblick, wo er die höchste Bewunderung für sie empfand, muhte er ihr — der Heißgeliebten — entsagen für immer?! — — Tiefseufzend verließ er sein Zimmer. Noch heute mußte Alles im Klaren sein zwischen ihm und Eugcnie — er hatte es seinem Vater versprochen. Im Palmenhaus wußte er um diese Zeit die Creolin sicher zu finden, dorthin wandte er sich. Eugenie lag, ihrer Lieblingsgewohnheit gemäß, auch jetzt in der Hängematte und las in einem Buche. William erkannte am Einband, daß es Gorthe war. Er hatte bis dahin nicht gewußt, daß sie sich mit deutschen Classikern beschäftige, überhaupt in letzterer Zeit sich sehr wenig um ihr Thun und Treiben gekümmert. Das enganschließende blaue Seidenkleid verrieth die wundervollen Formen, unbeobachtet, wie sie sich glaubte, sahen die reizend kleinen, den Creolinnen eigenen Füße unter dem Saum des Kleides hervor. Es war ein wunderbar schönes Weib, und auch William mußte sich gestehen, daß ihre Erscheinung die vollendetste sei, die er je gesehen. — Ein absichtliches Geräusch, das der junge Mann machte, ließ die Creolin langsam ihre Augen vom Buche erheben. Leichte Nöthe färbte ihr mattweißes Gesicht, und die dunklen Augen ruhten fragend auf dem Eingetretenen. „Sie lesen unsere Dichter, Eugcnie?" — Er trat etwas näher; der Ton seiner Frage hatte die Befangenheit erkennen lassen, die ihn für den Augenblick beherrschte, „Ja", entgegnete sie, „und ich finde sie gar nicht so langweilig, als ich erst geglaubt. Doch was führt Sie zu mir, William?" Sie sprach ernst — weit ernster, als gewöhnlich, das stereotype spöttische Lächeln war aus dem reizenden Gesichtchen gänzlich verschwunden. William ward zuversichtlicher durch ihr ihm neues Benehmen, um so mehr, als er gefürchtet hatte, von dein herzlosen Eeschöpfchen höhnisch verlacht zu werden. Er hatte sie noch nie so ruhig sprechen gehört. „Eugenie, wollen Sie mir einige Augenblicke Gehör schenken?" fragte er ruhig und jetzt ganz wieder Herr seiner Empfindungen. Mit anmuthiger Handbewegung lud sie ihn ein, an ihrer Seite auf einem bequemen Rohrsessel Platz zu nehmen. „Ich weiß nicht, Eugenie, ob Ihnen bekannt ist", begann William, „daß Ihr Herr Vater und meine Eltern seit langer Zeit schon den Wunsch hegen, uns Beide zu verbinden?" — Ein flüchtiges Noth glitt über die Züge der Creolin. Mit dem Spitzenbesatz ihres Kleides spielend, nickte sie langsam mit dem Kopf, ohne die Augen dem Fragenden zuzuwenden. Dieser fuhr befangen fort; er hatte geglaubt, daß sie seine Mittheilung ganz anders anfnehmen würde. „Ich muß ganz offen sprechen, Eugenie; darf ich das auch, auf die Gefahr hin, daß Sie in meiner Mittheilung etwas Sie Verletzendes finden sollten?" Ein Schatten flog über Ihr Gesicht, allein nur für eines Augenblicks Dauer: dann entgegnete sie mit leicht zitternder Stimme: „Ich bitte dringend darum." „Jeder andere Mann, Eugenie, würde überglücklich sein, Sie zu besitzen, würde sie lieben als sein theuerstes Kleinod, doch ich liebe ein armes, anspruchloses Mädchen — liebte dieses, ehe ich Sie kennen lernte, Eugenie! —- — Sie verdienen die Liebe eines Mannes »»getheilt zu besitzen; ich kann Ihnen mein Herz nicht bieten mit meiner Hand . . . ." — Die feinen Finger der Creolin zerrten leidenschaftlich an den kostbaren Spitzen, ihr Busen wogte, ein Blick glühender Leidenschaft streifte den jungen Mann — doch ihr Mund blieb stumm, sie hatte sich schon beherrscht, und ein leichtes Neigen ihres Kopfes lud ihn ein fortzufahren. 275 Unendlich schwer ward es William Walter, den Stolz des — wie er sah — bereits beleidigten Weibes noch weiter zu verletzen, noch tiefer zu kränken; doch mußte er einmal offen sein, so wollte er es auch im ganzen Umfange sein. Er wollte nicht in ihren wie in seinen eigenen Augen als ein gewissenloser Schurke dastehen, keine Täuschung zwischen sich und ihr bestehen lassen, sie sollte und mußte Alles wissen, was in ihm vorging; wollte sie dann noch und so wie es war sein Weib werden, nun wohl, dann hatte er wenigstens seine Schuldigkeit gethan, hatte sich keine Vorwürfe zu machen. Ihr Liebe zu heucheln, das wäre er bei seinem geraden, ehrlichen Charakter nie im Stande gewesen; mochte lieber Alles zu Grunde gehen, mochten Ruinen rings ihn umgeben — nur vor seinem eigenen Gewissen mußte er rein, makellos, ein Ehrenmann dastehen. , „Ich kann Ihnen das Bittere meiner Worte nicht ersparen, Eugenie, die Notli- wendigkeit drängt mich dazu mit übermächtiger Gemalt. Wäre dem nicht so — ich hätte geschwiegen. — Unsere Verbindung ist der einzige Rettungsweg, um unser Haus vor dem drohenden Sturze zu bewahren. Ihr Vater hat zwar unter der herrschenden ungeheuern Calamität auch Verluste gehabt, doch sie sind Nichts im Vergleich zu den unserigen, die wir in engster, fast ausschließlicher Verbindung mit Nordamerika stehen, was bei Ihrem Hause keineswegs der Fall ist. Wir wollen und können von Herr Delahaye Hülfe nur dann verlangen, wenn unsere Interessen Eins sind. — Eugenie, ich biete Ihnen meine Hand, wenn sie mit der Rücksicht zufrieden sind, die jeder Ehrenmann seiner Gattin schuldet. Mehr kann ich Ihnen nicht bieten." — — Eine kleine Pause entstand. William bebte; hätte das junge Mädchen ihn mit Zorn und Entrüstung abgewiesen, es wäre ihm willkommen gewesen, aber der still-schmerzliche Zug in ihrem Gesicht that ihm weh. Sie war augenscheinlich nicht mehr das muth- willige Mädchen von früher, sie war ein fühlendes Weib geworden, dessen natürlicher, legitimer Stolz in empfindlichster Weise verletzt war. Groß und ernst sah sie in William's erwartungsvolle Züge. „Ich danke Ihnen, William, für Ihre Offenheit", sagte sie. „Sie sind edel, sind. ein ganzer Mann und ein Ehrenmann und sollen sich nicht in mir täuschen. Doch muß ich mir Bedenkzeit erbitten — einige Wochen nur, dann sollen Sie von mir eine ebenso offene Antwort haben." Er erfaßte die feine Hand und drückte einen Kuß darauf — voller Ehrfurcht, wie er es noch nie gethan. Er hätte nicht ein feinfühlender Mann sein müssen, wie er es war, um nicht zu wissen, wie tief er das Weib in ihr verletzt, wie edel, wie hochgesinnt sie jetzt ihm gegenüber handelte. — Zwei Monate etwa waren vergangen. Der Frühling war eben im Beginn, als eines Nachmittags bei herrlichem Wetter vor der Villa Waller in Pöseldorf ein Wagen hielt, aus welchem ein alter, noch rüstiger Herr stieg; ein schwarzer Diener in Livrs begleitete ihn. Es war Herr Delahaye, Eugenie's Vater, den sie durch ein Telegramm herüber- gerufen hatte. — Nach den ersten freudigen Begrüßungen seitens der alten Freunde zogen sich Vater und Tochter zurück. Lange blieben die Beiden unsichtbar. Dann erschien der schwarze Diener und ersuchte Herrn William Walter, zu Eugenie's Vater zu kommen. Mit pochendem Herzen trat der Vice-Consul in das Zimmer der schönen Creolin; die Entscheidung mußte ja nun kommen. William hatte sich in der letzten Zeit fast mit dem Gedanken versöhnt, Eugenie zur Frau zu nehmen — oder von ihr zum Manne genommen zu werden: sie erschien ihm jetzt noch weniger herzlos als früher, und wenn er auch das häusliche Glück nicht erwarten zu können glaubte, welches Hilgegard ihm gewährt haben, würde, so hoffte er doch an Eugenien's Seite ein friedlich-ruhiges Zusammenleben zu finden, doch hielt er es andererseits kaum für möglich, daß sie ihn nach dem zwischen ihnen Vorgegangenen setzt noch nehmen, ihn als ihren Gatten noch begehrenswerth finden würde. In schwarze Spitzen gehüllt, welche das schöne Gesicht mit den glänzenden dunkeln Augen noch weit schöner scheinen üeßen, lag Eugcnie graciös in einem Schaukelstuhl. Sie erröthete, als William's Augen fragend auf sie gerichtet waren. „Mein Vater wird Ihnen die Antwort geben, welche ich Ihnen versprochen habe", sagte sie, etwas verlegen den Blick senkend. Herr Delahaye reichte William die Hand, und mit sichtlich bewegter Stimme sagte er in reinem, nur wenig den fremden Accent verrathen lassenden Deutsch: „Mein Kind hat mir Ihre offene, ehrliche Handlungsweise erzählt, mein lieber Freund, und ich bedauere, daß es so ist, wie es ist, nun ich Sie kenne, um so mehr, beklage tief, daß mein langgehegter Wunsch, der zugleich auch derjenige Ihrer lieben Eltern ist, nicht in Erfüllung gehen kann. Allein unsere geschäftlichen Beziehungen sollen dadurch nicht gelockert werden. Eugcnie hat mir ihren Entschluß mitgetheilt; sie wird die Verbindung mit Ihnen eingehen, lieber Walter, doch nur in geschäftlicher Hinsicht; das bedeutende Erbtheil ihrer seligen Mutter steht ihr zur sofortigen freien Verfügung, und mit diesem in der Hand bittet sie um die Ehre, Ihr stiller Compagnon werden zu dürfen." „Aber, Herr Delahaye", stammelte William fast bestürzt, „Sie kennen, wie eS scheint, unsere wahre Lage nicht, die bedenklicher ist, als sie wohl annehmen mögen!" „Ich weiß, wie es augenblicklich in der commerciellcn Welt hier aussieht, ziemlich genau", erwiderte Eugenie's Vater; „doch ich bin auch überzeugt, daß das Capital, welches Ihr Compagnon dem alten reellen Geschäft zubringt, genügen wird, dasselbe Vollkommen sturmfrei zu halten." William war auf Eugenie zugetreten, und ihre Hand warm drückend, sagte er voll Innigkeit: „Wie wenig habe ich Ihren Edelmuth verdient, Eugenie, und wie tief beschämt mich Ihre Großmuth!" Ein Blick warmer, seelenvoller Liebe aus den Augen der schönen Creolin traf ihn, und er fühlte, daß er sich in ihr geirrt, daß sie doch ein liebendes Weib sein konnte, wenn er es nur der Mühe werth gehalten hätte, ihre Liebe sich zu gewinnen; doch nun war das ja zu spät, denn leise — nur ihm vernehmbar — sagte sie: „Werden Sie glücklich mit der, die Sie lieben!" William glaubte zu träumen; war denn dies sanfte, so edeldenkende und handelnde dasselbe eigensinnig-übermüthige Ding, das früher nur herben Spott für ihn gehabt? — Jetzt, wo er sie verschmähen mußte, sah er erst ein, daß doch ein edler Kern in ihr geschlummert, der eben nur geweckt sein wollte. Williams Eltern nahmen die Botschaft freudig auf, denn nun konnten sie wieder ruhig und sorgenlos in die Zukunft blicken. Sie trösteten sich darüber, daß Eugenie nicht ihre Tochter wurde, denn sie verstand es, ihnen klar zu machen, daß sie nicht in das nüchtern-kalte, nordische Klima und Leben hineinpasse, daß sie sich zurücksehne nach ihrer sonnigen, südlichen Heimath, es also» so am besten sei, da William nicht seine Eltern und sein Vaterland verlassen könne, um ihr zu folgen. Die kurze Zeit, welche Eugenie mit ihrem Vater noch im Walter'schen Hause blieb, hatte ein herzliches, freundschaftliches Verhältniß zwischen ihr und William hergestellt. Mit Bedauern sahen Alle das schöne Mädchen scheiden, und als beim Abschied ein Zug leidenschaftlichen Schmerzes auf dem lieblichen Gesicht der schönen Creolin lag, da erst ahnte William, daß er innig geliebt worden, wo er verschmäht hatte, (Schluß folgt.) Chile. "tbodcn bebte Unter den drei kriegführenden Republiken Peru, Bolivia und Chile h die Musik letztere bisher als die energischste und tapferste gezeigt. Ob Chile, wie seine'>cke der behaupten, den Krieg mit Absicht herbeiführte, oder ob Peru und Bolivia, dem n. sich aufstrebenden Chile neidisch und mißgünstig, auf ihre scheinbar größere Macht pochend den unseligen Streit begannen, mag dahingestellt sein. Jedenfalls haben sich die Verbündeten in ihrem Gegner bitter getäuscht. Während Chile 6240 Qu.-Meilcn Flächen- raum mit etwa 2,000,000 Einwohner (ohne Araucaner und die Colonisten in Pntagonien und im Feuerland) besitzt, hat Peru allein nach officieller Angabe 29)162 Qu.-M eilen Flächeninhalt und gab 1871 seine Einwohnerzahl auf 3,199,000 Seelen an, eine Ziffer, die jedoch sicher zu hoch gegriffen ist. Bolivia soll bei 40,000 Qu.-Meilcn Flächen- Jnhalt (hierunter allerdings sehr bedeutende Wüstenstrecken) höchstens 2,000,000 Einwohner zählen. Jedenfalls steht Chile den Verbündeten bedeutend an Größe und Einwohnerzahl nach; es ist aber thätiger, energischer und glücklicher, es machte weniger Revolutionen und strebte überhaupt danach, auf die Höhe europäischer Cultur sich zu erheben. Der Chilene, sagt Graf Ursel in seinem interessanten Buch über Südamerika, ist mit ganzer Seele Patriot. Er liebt sein Vaterland und zeigt bei jeder Gelegenheit, daß er stolz auf dasselbe ist. Mit Eifer macht er sich die Ideen der Civilisation und der Besserungen auf jedem Gebiete zu eigen, sobald er von der Zweckmäßigkeit derselben sich überzeugt hat. Er setzt eine Ehre darein, Kunst, Wissenschaft und Literatur zu lieben und zu hegen. Die Pflege dieser geistigen Gebiete wird immer allgemeiner, und man muß gestehen, daß der Chilene entschieden angelegt ist, Tüchtiges hierin zu leisten. Wie die Zeitungen jüngst meldeten, ist man selbst unter dem Lärm des mit erneuter Wuth tobenden Krieges damit beschäftigt, in Valparaiso eine bedeutende Ackerbau-Ausstellung in's Leben zu rufen. Chile hat, wenn man so will, zwei Hauptstädte, Valparaiso, die bedeutendste Hafenstadt an der ganzen Westküste Südamerika's, und Santiago oder Saut Jago (St. Jacob), der Sitz der Regierung der Republik. Valparaiso ist in weitem Bogen um die breite Meeresbucht herum in amphitheatralischer Lage, zwischen Meer und Gebirge, aufgebaut. Den prachtvollen Hintergrund bilden zwei Reihen Gebirge, die sich durch die ganze Längs des sehr schmalen Landes hineinziehen. Die Hintere unverhältnismäßig höhere Wand bilden die Cordilleren, und aus ihnen, deren mittler? Höhe 3900 Meter betrügt, erhebt sich der Vulcan Aconcagua, dem 6838 Meter Erhebung zugeschrieben werden. Valparaiso selbst ist eine hübsche Stadt, die eigentlich nur aus zwei, allerdings sehr langen Straßen besteht, in denen das gesainmte öffentliche Leben sich vereinigt. Mit der großen Vorstadt Almandral zählt Valparaiso an 86,000 Einwohner. Der Seehandel ist großartig, liegt aber hauptsächlich in den Händen der Deutschen, Engländer, Franzosen und Amerikaner. Die Mehrzahl der Frauen trägt in sehr graziöser Weise über Kopf und Schulter die Manta, ein schwarzes Gewebe, das die Stelle des Schleiers vertritt, und dessen die Valparaisinnen sich reizend zu bedienen wissen. Mit stolzer Granvezza trägt der berittene Landbewohner, wenn er zur Stadt kommt, sein malerisches Costume, Puncho genannt, zur ^Schau. Eigenthümlich ist die Ausübung des Sicherheitsdienstes bei Nacht. Die Polizei bedient sich nämlich kleiner Pfeifen, womit sie, um etwaige Diebe zu erschrecken und zu verjagen, fortwährend sich gegenseitig Zeichen gibt. Der Lärm, welcher hierdurch entsteht, trägt gerade nicht dazu bei, die Nachtruhe ungestörter zu machen. Von Valparaiso geht eine Eisenbahn in fünf Stunden nach der eigentlichen Hauptstadt Sant Jago. Während die erste Strecke an hübschen Dörfern, weiten Getreidefeldern, Weinbergen und Weideplätzen vorbeiführt, betritt die Bahn später ein ödes, unfruchtbares Gebirgsterrain und steigt zu einer ziemlich bedeutenden Höhe hinan, von der man die Cordilleren vor Augen hat. Am Fuße derselben breitet sich eine weite, große Ebene aus, welche fast alle Erzeugnisse des Ackerbaues hervorbringt. Die Natur ist so schön, so majestätisch und reich, daß man fortwährend versucht ist, üppige Schil- 278 Izu entwerfen von den Reizen des hochmalerischen Panorama's. Unten ein Augeven die gewaltige Kette der Anden (CordilleraS de los Andes heißt sie der Ein- Svne, Cordillerasketten), eine fortlaufende Reihe hochragender Bergkuppen und Vulcane .^n 5000 bis 6000 Meter bildend, deren Gipfel sich in die Wolken verlieren. Hier und da ragt eine Spitze über das Wolkenmeer hinaus, und wunderbar erglänzt dann der Schnee auf derselben, beleuchtet durch die Strahlen der Sonne in herrlichen, rosigen Farbentönen, welche je nach der Stunde des Tages wechseln. Die Bahn steigt nun nach Saut Jago hinab, das aber immer noch 600 Meter über dem Meere liegt. Dieser seiner hohen Lage, sowie der Nähe kolossaler Gletscher in den Kordilleren, verdankt die Hauptstadt ein in der Regel gesundes Klima. Den Pocken freilich sielen 1876 unter 150,000 Einwohnern nicht weniger als 8000 zum Opfer. Die niedern Klassen, welche am meisten darunter leiden und zusammengepfercht in engen, schmutzigen, schlecht gelüfteten Räumen leben, sind kaum zum dritten Theile geimpft. Ein Gesetz, welches den Impfzwang einführte, wäre hier am Platze, vorausgesetzt, daß nicht die Gegner des Impfzwanges Recht haben. Dein Freiheitsgefühle der Chilenen dürfte ein solches Gesetz kaum peinlich sein, nachdem die Republik ein Decret erlassen hat, wonach es der Polizeibehörde anheimgestellt ist, vorkommenden Falles zur Verschärfung der Gefängnißstrafe die Ba- stonnade anzuwenden. Es ist das eine Verordnung, die sich vielleicht nicht ganz mit dem demokratischen Bewußtsein des Republikaners verträgt, jedenfalls aber bei uns in Deutschland gegenwärtig bei Richter und Polizei viel Shinpathieen finden dürfte. Der Anblick der Vorstädte, durch welche die Bahn führt, ist durchaus nicht einladend. Sobald man sich jedoch dem Mittelpunkt der Stadt nähert, verschwindet der weniger gute Eindruck sofort. Breite, schöne Straßen, große Plätze,. elegante Läden, schöne Gebäude, belebte Boulevards und allüberall ein buntes Wogen und Treiben. Des Fremden Neugierde und Interesse wird sofort durch den St. Lucia-Felscn angezogen und gefesselt. Mitten in der Stadt, die selbst in der Ebene am Fuße der Kordilleren liegt, erhebt sich dieser Berg, einen einzigen, großen, schönen Garten voller Abwechselung bildend. Man sollte glauben, eine riesige Nürnberger Spielschachtel habe sich entleert und ihre Schätze dort ausgebreitet. Befestigte Schlösser, sprudelnde Springbrunnen, lauschende Kiosks, schwebende Zugbrücken, zierliche Häuschen, ernste Eremitagen, steile Treppen, glänzende Weiher, kurz unter freiem Himmel ein ganzes Museum..von allen Arten dekorativer Kunst, umgeben mit öffentlichen Promenaden. Auf dieser Höhe befindet sich geradezu alles, was man nur suchen kann, ja selbst eins Kirche, eine Bibliothek, ein Restaurant und — eins Schwimmschule. Schon der Eingang, an dem man seine 25 Pfg. Eintrittgeld bezahlt, ist höchst originell. Der Empfänger sitzt nämlich in: Innern jener ersten Kutsche, welche die Spanier in das Land brachten. Ein breiter Weg, in Schlangenlinien angelegt, erlaubt die Auffahrt bis zur Höhe, von wo eine prächtige Ausschau auf das hochromantische Panorama sich darbietet. So herrlich Klima und Gegend aber auch sein mögen, ein Mischer Feind droht immer mit Verderben und Zerstörung, wenigstens mit Schrecken. Es war im Dezember eine große Zahl der Einwohnerschaft befand sich in der Kirche de la Campania, al- ganz urplötzlich ein Erdbeben sich bemerkbar machte. Die Kerzen sielen um und setzten die Dekorationen an den Wänden und auf den Altären in Brand. In wenigen Minuten stand alles in Flammen. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß daS Hauptportal der Kirche geschlossen war. Die entsetzte Menge eilte in jäher Flucht den schmalen Seitenrhnrcn zu, die nur zu bald vollständig von Menschen zugepfropft waren; so verbrannten mehr als 2000 Personen hilflos zugleich mit der Kirche. An der Stelle, wo sich das furchtbare Drama abspielte, erhebt sich heute ein Monument, überragt von einer Bronzcstatue, welche die Hände flehend zum Himmel ausstreckt, als wollte sie um Erbarmen bitten für die unglücklichen Opfer. 1875 fehlte nicht viel zu einem Unglücke ähnlicher Art. Ein solenner Ball wurde in dem großen Saale des Theaters abgehalten, als plötzlich das Nerven erschütternde Geräusch eines Erdbebens sich bemerkbar machte. 279 Die Kronenleuchter begannen mit der Decke zu schwanken, und der Parguetbodcn bebte und zitterte unter den Füßen der Tanzenden. Laute SchreckenSrufe erschollen, die Musik schwieg, Freude und Heiterkeit auf den Gesichtern verschwanden, um dem Ausdrucke der entsetzlichsten Angst Raum zu geben. Die ganze Menge der Anwesenden wälzt sich der einzigen Thüre zu. In diesem verhängnißvollen Augenblicke stürzt ein Herr mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart allen Andern voran zur Thüre, schlägt sie zu, verriegelt sie und wehrt Jedermann den Ausgang. Da keine neue Erschütterung mehr folgte, so beruhigten sich die Gemüther, und, Dank der südlichen Leichtlebigkeit, tanzte man bis zum Morgen weiter. Sobald ein Erdbeben sich bemerkbar macht, eilt Alles aus den Häusern heraus. Trifft es sich, daß die unheimlichen Naturkrüste gerade zur Nachtzeit entfesselt werden, dann bietet sich ein höchst pittorekes Schauspiel dar. Die ganze Bevölkerung läuft im Nachtcostume hinaus; man schreit, gestikulirt, und die Mehrzahl liegt auf den Knieen, den Himmel mit Bitten bestürmend, die drohende Gefahr abwenden zu wollen. Man sollte denken, diese so häufigen Mahnungen drohender GesahG würden wenigstens ihren Einfluß auf die Bauart der Häuser geltend machen. Aber auch das nicht. Die Construction der Gebäude ist mehr elegant als solide. Das wohlhabende Stadtviertel besteht fast nur aus Gcbäulichkeiten, zu deren architektonischem Schmucke Unsummen verschwendet worden. Ein Bewohner desselben hat sich bei der Errichtung feines Palais alle erdenkliche Mühe gegeben, dasselbe ganz genau der Alhambra in Granada nachzubilden. Diese Copirung erstreckt sich auf die Mauern, auf die Decken, selbst bis zu den Löwen am Springbrunnen zu. Chile hat es verstanden, seit Abschüttelung der spanischen Herrschaft sich fast vollständig von innern Stürmen und Revolutionen, die in den übrigen Republiken an der Tagesordnung sind, freizuhalten. Seit mehr als vierzig Jahren folgen sich die alle sechs Jahre neuzuwählenden Präsidenten, ohne blutige Bürgerkriege hervorzurufen. Ob dieser Zustand, dessen Früchte sich in Chile auf vortheilhafte und in sichtlicher Weise den andern Republiken gegenüber zeigen, auf die Dauer Stand halten wird, läßt sich allerdings bezweifeln. Schon bei den letzten Wahlen tauchte eine neue politische Gruppe aus, die sich Socialisten nennt und an Boden Zu gewinnen scheint. An der Spitze dieser Partei — wenn man die Leute so bezeichnen darf — steht ein gewisser Vicuna-Makenna, ein Mann von unbestreitbaren Anlagen. Die Haupthelden gehören dem Advocatenstande an, sie sind jung, ehrgeizig, heftig und — ohne Clienten. Sie suchen eben in der Politik und durch die Politik Stellung und Vermögen zu erwerben. Ihr Bestreben geht daraus aus, das Voll für ihre Ideen zu gewinnen, und sie benutzen seine politische Unerfahren- - heit und Unreife zum Kampfe gegen die Bourgeosie, welche in Chile durchaus das conser- »ative Element vertritt. Das Hauptschlachtroß dieser Volksbeglücker, in denen man eine frappante Ähnlichkeit mit den gegenwärtigen französischen Wortführern finden dürste, ist der Feldzug gegen die Geistlichkeit, welche sich in Chile bedeutender Privilegien erfreut. Wenn jene Herren noch mehr Macht gewinnen, so konnte es gar leicht geschehen, daß Chile nach Beendigung des äußern Krieges den innern finden würde, der lamm l<„,uuittur — noch weniger Segen bringt als der auf blutigen Schlachtfeldern. (Kln. Volköztg.) HervsteSrauscher,. Einsam wal? ich und allein Alles fliehn und sterben will, Und im Herzen wird es still, Und das Ohr mag gerne lauschen, Wie das All verlassen trauert; Lang durchschancrt Sagt das Herz sich ahnungsccich: Menschenglück nnd Herbstesruuschen, Ach, wie seid ihr euch so gleich! »ernstlich öde, trübe Neige; Traurig rauscht es durch di —raurig rauscht es durch die Zweige, Dunkel hüllet Feld und Hain. yuuer Obi'-' uilv Vorn bewölkten Himmel droben Sendet spöttisch seinen Gruß Mir der Sturm mit tollem Toben, Welke Blätter tritt mein Fuß. (Aus: Paul Schönefeld's „Dichtungen." Stuttgart, Mehler.) 280 Miseellen. (Fechten.) Ein junger Mann, welcher unmittelbar von der Nadel zur Bühne übergehen wollte, meldete sich beim Direcror einer wanderden Gesellschaft. Dieser fragte, indem er sich nach seinen Fähigkeiten erkundigte, ihn unter Anderem auch, ob er fechten könne. Der junge Mann bejahte es. „Nun so lassen Sie doch sehen, wie Sie sich dazu anstellen." Der junge Mann öffnete ohne Weiteres die Thüre und, den Hut demüthig hinhaltend, sprach er in kläglichem Tone: „Ein armer reisender Handwerksbursch — bittet um einen Zehrpfcnnig." Doktor Swift, der bekanntlich sehr zerstreut war, wurde einst von einem hohen Herrn zum Diner gebeten. Er verspätete sich etwas und kam, als die Suppe schon gegessen war. Er erhielt einen Teller Suppe vorgesetzt, und als er die Hälfte gegessen hatte, stand er auf und, glaubend er sei bei sich zu Hause, sagte er zu der Gesellschaft: ^Jch muß wirklich tausendmal um Entschuldigung bitten, daß die Suppe so schlecht ist, aber meine Frau ist krank, und die Köchin versteht es nicht." Ein Landmann verklagte einen andern, daß er ihm seine Schaufel gestohlen habe» „Wie könnt ihr das beweisen?" fragte der Richter. „Durch das Zeugniß eines Mannes, der es gesehen hat," war die Antwort. — „Und was könnt Ihr darauf erwidern?" fragte der Richter den Andern. „Ich kann 20 Zeugen aufstellen, die es nicht gesehen haben," antwortete der Verklagte. „Ja so," erwiderte der scharfsinnige Richter, „20 Zeugen gelten mehr als einer: Ihr seid frei!" Ein erst kürzlich in Mainz angekommener Oestereicher ging Abends bei schönem Vollmondschein auf der Rheinbrücke spazieren. Einen anderen, ihm dort begegnenden Oesterreicher hielt er an, mit der Frage: „Se Herr Landsmann, können's mer nit sogen, ob das d' Sonn' oder der Mond is." — „Na schau'ns, dos könn i Ihnen a nit sog'n, ich bin a erst kurze Zeit hier. In einer Gesellschaft kam die Rede auf den russischen Krieg im Kaukasus. Einer auS der Gesellschaft, der wenig in der Geographie bewandert war, fragte, was denn der Kaukasus eigentlich sei. „Der Kaukasus," antwortete ein Witzling, „ist derjenige Casus, an dem die Russen schon lange zu kauen haben." Der böhmische Kutscher einer reisenden Herrschaft trat, als diese bei Tische saß, in den Speisesaal, um sich zu erkundigen, ob sie zur Abfahrt bereit sei, und meldete: „Euer Gnoden, Pferd meinige hoben's schon gefressen; wann Sie hoben's auch, kann me weiter fahren!" In der englischen Grafschaft Essex stand auf einem Wegweiser: Dieser Weg führt nach Colchester; wer indeß nicht lesen kann, thut besser, er bleibt auf der Landstraße. Original-Charade. * Der Ersten gibt es mancherlei Theils mit, theils ohne Bart Doch sind sie nicht behaart. Sie machen den Gefang'ncn frei Entrnthseln manche Schelmerei Und öffnen auch die StaatSkanzlci; Die Musik zählet ihrer drei. Je mehr dem letzten Glied Ihr an Substanz entzieht, Je großer man es werden sieht. Dagegen wird's durch Zusatz kleiner, Fragt nur den Zmimermauu, den Schreiner. Durch's Ganze, hat's auch keinen Mund, Ward ost schon ein Geheimniß kund, Trat Vorwitz mit ihm in den Bund. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von I)r. M. Huttlcr. Nr. 36. 1880. zur „Äitgslmrger postMimg." Mittwoch, 3. November O Nachruhm, holder Goldkrauz, wie Mancher wünscht dich nicht, Und sezt an dich sein Alles, dem doch der Anker bricht! Du bist der Götter Spende, noch Keiner dich erzwäng, Du blühst als Wunderblume — nach Sonnenuntergang. L. Bechstein. Hildegard. Criminal-Novelle von Theodor Küster. (Schluß.) Obwohl nun frei, war William Walter doch nicht glücklich, denn von Hildegard trennte ihn eine Schranke, welche er wohl leicht beseitigen konnte, über die jedoch —> das wußte er — seine Eltern niemals hinweggehen würden. Hildegard's Armuth hätte sie schließlich nicht abgehalten, den einzigen Sohn glücklich zu machen, doch einen gänzlich makellosen Namen durften sie mit Recht von der erwählten Gattin William's fordern. — Der sonst so liebenswürdige junge Mann war jetzt finster und einsilbig. Seine Eltern waren befremdet über diese Veränderung und drangen vergebens in ihn, den Grund seiner Verstimmung ihnen mitzutheilen. „Wir wollen Dir gern ein Opfer bringen, William, wenn Du es verlangst", sagte eines Tages der alte Consul zu dem Sohne. „Du sprachst von einem armen Mädchen, das Du liebtest; hülst Du sie Deiner noch werth und ist diese Liebe in Dir nicht erkaltet, nun wohl, so wollen auch die Mutter und ich Deinem Glücke nicht länger entgegenstehen." William schüttelte den Kopf und erwiderte traurig: Sie ist würdig, die Frau des besten und vornehmsten Mannes zu werden, allein — was ihren Leumund betrifft, so hat das arme unglückliche Mädchen entsetzlich unter einem schändlichen, vollständig grundlosen Verdacht unschuldig leiden müssen; der Schein war gegen sie, und die heutige Welt ist ja nur zu geneigt, nach dem Schein zu urtheilen, und auch Du und die Mutter werdet — wenn ich Dir ihren Namen nenne — Euch vom allgemeinen Vornrtheil nicht freizumachen vermögen." „Sprich, William, erzähle mir von ihr", meinte der alte Consul; „wenn Du sie liebst, mein Sohn, dann kann ich nicht wohl glauben, daß sie Deiner Liebe unwerth sei." Und er erzählte von Hildegard Becker — wie er sie zuerst gesehen und dann kennen gelernt; dann von dem ungerechten Verdacht, den man auf die Arme geworfen, und dessen muthmaßlicher Quelle, ihrer Verhaftung, der langen Untersuchung und endlichen Freisprechung. Mit warmen Worten schilderte er das junge Mädchen, ihren Fleiß, ihre Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit und die stete Sorge um die Ihrigen/ »namentlich um ihren blinden Vater. Endlich sprach er auch in überwallendem Gefühl von ihrer hohen Schönheit und herrlichen Figur. Bedenklich schüttelte der alte Herr sein greises Haupt. Nach einer längeren Pause sagte er: „Suche sie zu vergessen, William! — Deine Freunde würden stets eingedenk sein. daß Deine Frau eines gemeinen, entehrenden Verbrechens angeklagt auf der Bank des Schwurgerichts gesessen hat, wenn sie auch unschuldig war; es ist das nun einmal der Lauf der Welt, mein Sohn. Du würdest durch passiven Widerstand ausgeschlossen werden aus der Gesellschaft und wir mit — aus derselben Gesellschaft, in welcher Du jetzt den ersten Platz einnimmst. An bittern, verletzenden Reden und Commentaren hinter Deinem Nucken würde es auch nicht fehlen — und dergleichen stört ein Glück, wenn auch erst nach einiger Zeit und nachdem der erste Traum verflogen. ..." — „Könnte ich sie nur vergessen, Vater!" rief William schmerzlich; „aber das bleiche Antlitz mit den sanften- unschuldigen Augen verfolgt mich immerfort, wie sehr ich sie auch Zu meiden suche — ich kann sie nicht vergessen!" „Zerstreue Dich, mach' eine Reise, dann siehst Du andere Gegenden, andere Menschen, empfängst neue Eindrücke, und das wird Dir wohl thun, wird Dich vergessen machen." — Doch der junge Mann schüttelte ernst den Kopf. Hildegard's Bild hatte sich zu fest gesetzt in seinem Herzen, er hatte zu viel schon um sie gelitten, als daß eine Reise den Eindruck verwischen sollte, den sie auf ihn gemacht. Die Frau Senatorin Erken's, Hildegard's Gönnerin, gab eine große Gesellschaft. Die ersten Familien der großen Handelsstadt, die Aristokratie der Geburt und des Geldes und viele Fremde von Distinction versammelten sich in ihren Salons. Frau Senatorin Erkens war eine geistreiche, kunstsinnige, noch schöne Frau; sie konnte sich erlauben, was andere Mitglieder der exklusiven Hamburger Gesellschaft nicht wagten, was anderwärts nicht geduldet wurde, nämlich: nach den geltenden Begriffen nicht in diese Kreise Gehörende einzuladen und sie vollberechtigt nüt den klebrigen auf ihren Festen zu empfangen. Die Frau Senatorin hatte das Talent der jungen Malerin zufällig und zeitig erkannt und ihre Freunde auf Hildegard Becker aufmerksam gemacht, deren Bilder ihren Salon zierten. Sie wußte ihre Besucher auf die allgemeine Schönheit, die feine Behandlung, das vorzügliche Colorlt und die vollendete Technik in diesen Bildern aufmerksam zu machen. Die weltgewandte Dame wußte sehr wohl, wie förderlich eS Hildegard's Interessen und ihrem Rufe sein mußte, wenn diese eine gewisse Stellung in der „Gesellschaft" einnähme, und sie zögerte darum auch nicht, das junge Mädchen zu sich einzuladen, so oft sie mehrere Gäste empfing — besaß Hildegard doch den Freibrief der Kunst, der den Weg zu den Größten der Erde selbst zu bahnen vermag. In der glänzenden Gesellschaft, unter den schwerrauschenden Seidenroben der hoch- Müthig sie musternden Kaufmannsfrauen konnte Hildegard sich wohl kaun: heimisch fühlen, doch die Dame vom Hause verstand es auch hier wiederum, dem zwar sehr bescheiden, Loch mit sicherem Anstand auftretenden jungen Mädchen das Debüt in der großen Welt zu erleichtern. Sie kannte genau alle Diejenigen, welche im Stande waren, den Werth der Künstlerin und ihrer Werke zu beurtheilen, und ihnen stellte sie Hildegard mit besonders freundlichen empfehlenden Worten vor. „Mein liebes Fräulein", sagte sie an diesem Abende, „erlauben Sie, daß ich Sie init diesem Herrn noch bekannt mache: Herr Viee-Consul Walter — Fräulein Hildegard Becker, Malerin von Gottes Gnaden, ein junges, noch kaum gekanntes, doch großes und vielversprechendes Talent, mein lieber Consul." Die Senatorin wandte sich anderen Gästen zu und bemerkte es nicht, wie verwirrt die beiden soeben sich Vorgestellten einander gegenüberstanden. — Der unerwartete Blick Hildegard's hatte William Walter betroffen gemacht; er glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, und sie wagte kaum, die ihrigen zu ihm zu erheben. Eine tiefe, brennende Nöthe hatte ihr feines, bleiches Gesicht überzogen; den sie Monate hindurch* nicht mehr gesehen, dessen Bild aber stets in ihren Gedanken gelebt — er stand jetzt vor ihr, und Beide wußten sie nicht Worte zu finden bei diesem so ganz ungeahnten Wiedersehen. Trunken hingen seine Augen an der schlanken, herrlichen Müdchengestalt, 283 beseligt sah er an ihren: Erröthen, ihrer großen Verwirrung, daß sie seiner nicht vergessen, daß sie an ihn, wie er an sie gedacht; mächtiger den je fühlte er, wie theuer ihm Hildegard sei, und dieser eine Moment des zufälligen Wiedersehens genügte, um in ihm den festen Entschluß erstehen zu lassen, daß er — komme was möge — alle Schranken zertrümmern wolle, die ihn von ihr schieden; sie allein mußte sein Weib werden — und das bald! -— Er, der sonst so gewandte Weltmann, konnte jetzt keine gleichgültigen Worte, keine konventionelle Phrase finden; mit leicht bebender Stimme sagte er: „Darf ich Sie meinen Eltern vorstellen, Fräulein Becker?" Leicht legte Hildegard ihre Hand auf den ehrerbietig ihr dargebotenen Arm William's. Erstaunt sahen dessen Eltern auf, als er mit der in Schönheit strahlenden jungen fremden Dame sich ihnen näherte. Mit einigen förmlichen Worten wandte sich die „Frau Con- sulin" nach erfolgter Vorstellung an Hildegard, die ihr ohne jede Verlegenheit, in gewählten Ausdrücken antwortete. Man sah und hörte ihr nicht an, daß sie zum ersten Mal in einer solchen Gesellschaft sich bewegte; sie besaß die wahre Herzensbildung, und das Bewußtsein ihres Werthes half ihr über die Klippe der Aengstlichkeit hinweg. Der Vater William's schien ein besonderes Interesse an der jungen Künstlerin zu nehmen; er ahnte, daß es Diejenige sei, von welcher William ihm gesprochen, und das sinnige Mädchen machte ersichtlich auf ihn den günstigsten Eindruck; er konnte sich jetzt recht wohl die Macht erklären, welche seinen Sohn an sie fesselte. William war immer ein Idealist gewesen, und daß dies Mädchen ihn zu fesseln vermochte, fand der alte Consul ganz dem Charakter seines Sohnes entsprechend. Gencralconsul Walter suchte die Dame von: Hause auf. „Darf ich, verehrte Frau, Sie um einige Augenblicke Gehör bitten — um eins Privataudicnz, wenn Sie wollen?" fragte der alte Herr, fein lächelnd, indem er sich vor Hildegard's Gönnern: tief verneigte. „Bitte, Herr Consul, kommen sie hier in dies Schmollwinkclchen, da können wir ganz ungestört plaudern", entgegnete in verbindlichster Weise die Senatorin, und führte William's Vater in den Raum, in welchem zwei Divan's standen und der von dem großen Saale durch eine schwere Porti re geschieden war. Dort nahm sie Platz und lud den alten Herrn ein, ihrem Beispiel zu folgen, neugierigen Blickes seine immer noch sein lächelnden Züge fixirend. „Die fremde junge Künstlerin", begann der Gencralconsul, „welche mein Sohn uns soeben vorgestellt hat, interessirt mich, und ich möchte von Ihnen gern Näheres über diese Dame hören, Frau Senatorin. Wie lernten Sie das junge Mädchen kennen?" — „Ah! mein Schützling gefällt auch Ihnen, Herr Consul?! — Ja, es ist ein herrliches Mädchen und ein wirkliches großes, ganz exceptionelles Talent. Sehen Sie dort jene entzückende Mondlandschaft? — Das ist ihre freie Composition. Dort eine andere Leistung von Fräulein Becker: Die meisterhafte Copie der „Tochter Tizian's." „Den Namen Becker, in Verbindung mit einer jungen Malerin, habe ich vor einiger Zeit in einer Gerichtsverhandlung gelesen, es handelte sich um einen Gemälde- Dicbstahl, glaube ich . . . ." — „Ach, das ist eine traurige Geschichte, mein lieber Herr Consul! — Bosheit und Rache haben das arme Mädchen in jenen schmählichen Verdacht gebracht; die Umstände waren allerdings auch recht verhängnißvoll für sie. Aber ich bitte Sie, bester Herr Consul, sehen Sie sich doch das Madonnen-Gesichtchen einmal recht aufmerksam an; könnten Sie Hildegard Becker eines gemeinen Verbrechens fähig glauben? — Sie wurde ja auch einstimmig von den Geschworenen freigesprochen; aber es ist diese Angelegenheit doch für das ganze Leben des armen Kinde.s verhängnißvoll geworden, denn Neid und Bosheit vermögen immerhin einen Makel an ihr zu erblicken, den der edle, vorurtheilsfreie Mensch nicht zu entdecken vermag. Vernünftige Leute werden das durchaus brave und ehren- werthe junge Mädchen nicht dafür verdammen, daß einmal ein ungerechter Verdacht aus dasselbe geworfen wurde." — Ziemlich lange noch sprachen die Beiden von Hildegard, dann bat der alte Consul die Senatorin, doch die Gelegenheit wahrzunehmen, um auch mit William's Mutter über das junge Mädchen zu sprechen. Während des ganzen Abends war der junge Konsul an Hildegard's Seite. Er hatte die Senatorin gebeten, jene zu Tisch führen zu dürfen, und lächelnd drohte die Dame des Hauses, ihn ermahnend, dem armen Mädchen nicht zu viel Schönes zu sagen. Als dann die Gesellschaft sich trennte, da fragte William leise die Malerin mit jenen: tiefen Blick voll Liebe, welcher sie so unendlich glücklich zu machen geeignet war: „Darf ich Sie morgen in Ihrem Atelier besuchen, Fräulein Hildegard?" — — Errathend flüsterte sie leise zustimmende Worte. William drückte ihr bewegt die Hand und verabschiedete sich kurz. Hildegard war es zu Muthe, als schwebe sie in seligen, berauschenden Träumen; es jubelte auf in ihr, denn nun wußte sie sich geliebt, wußte, daß er kommen wolle, nachdem sie monatelang getrennt gewesen und sie sich nach ihm ohne Unterlaß gesehnt. Er wollte kommen! — Dieser Gedanke beseligte sie unbeschreiblich und machte schnell all' das Leid der letzten Monate vergessen, um so mehr, als sie ihn in der That schon aufgegeben hatte als unerreichbar. — Am andern Vormittag ging Hildegard unruhig in ihrem kleinen Atelier umher, jeder nahende Schritt ließ ihr Herz heftiger schlagen. Und sie wartete diesmal nicht vergeblich uud auch nicht lange; William kam bald. Erregt, mit freudeglänzenden Augen ergriff er beide Hände des jungen Mädchens und sagte leise, bebend: „Hildegard!" — Er fühlte, wie sie erbebte. Da zog er sie — die nicht Widerstrebende — an sich, und ihr Gesicht zu ihm erhebend, seine Augen in die ihren versenkend, flüsterte er: „Hildegard — ich liebe Sie — schon lange, schon seit ich Sie zum ersten Mal gesehen! — Werden Sie mein Weib!" — — Ihre Augen voll Glück und Liebe sagten ihm, daß er nicht vergebens gebeten, daß auch er heiß und innig geliebt war. Leidenschaftlich preßte er sie an seine Brust, und in einem langen ersten Kuß ward der Bund dieser zwei edlen Herzen besiegelt. An William Walter trat nun zunächst die Pflicht heran, seine Eltern von seinem festen Entschluß, sich mit Hildegard zu vermählen, in Kenntniß zu setzen. Daß er bei seinem Vater leichtes Spiel haben werde, wußte er, bei der „Frau Consulin" dagegen fürchtete er auf energischen Widerstand zu stoßen. Den größten und beharrlichsten Widerstand jedoch fand er da, wo er ihn am wenigsten vermuthet hatte — bei Hildegard selbst. Nachdem bei ihr der erste Rausch des Glückes nüchterner Betrachtung gewichen, mußte das feinfühlende Mädchen sich sagen, daß sie noch unter dem Verdacht des bislang unaufgeklärten Diebstahls, wenn auch durch das Schwurgericht freigesprochen, stehend — nicht eher William's Gattin werden, ja nicht einmal sich als seine Verlobte betrachten könne, bevor nicht Licht, volles, klares Licht in dieser Angelegenheit geschaffen worden sei. Und diese Ansicht war ja im Princip auch die richtige. Aber wie sollte der Vorhang gelüftet werden von dem räthsclhaftcn Verschwinden jenes „Murillo?" Als William sie — noch an demselben Tage — wiedersah und ihr mittheilte, daß sein Vater gar keine Einwendung gegen ihre Verbindung erhoben, seine Mutter ihre Einwilligung nur davon abhängig gemacht habe, Hildegard erst näher kennen zu lernen, da sagte diese schmerzlich: „William, ich liebe Dich mehr als ich sagen kann, doch Deine Gattin kann ich nicht werden, ja nicht einmal als Deine Verlobte mich betrachten, so lange jener schwarze Fleck unverwischt in meinem Leben dasteht. Daß ich unschuldig bin, bedarf ja unter uns keiner Erörterung, allein wir sind nicht die Welt, und Du darfst nicht mit Deinem makellosen Namen einen befleckten verbinden. Gott möge geben, daß der wahre Sach- verhalt an den Tag komme; bis dahin kann ich Dir Nichts sein als — wenn Du willst — eine Freundin, eine Bekannte, die sich für zu gut hält, um sich auch nur den Anschein zu geben, als wolle sie Dich und Deinen reinen Namen als Schild und Schirm für ihren befleckten benutzen." Wie sehr auch William sich bemühte, diesen Entschluß Hildegard's wankend zu machen, gelang eS ihm nicht. Sie fand außerdem eine Stütze in ihrem ehrenhaften Vater sowohl wie in dessen Freund und Collegen Krelle. Ja, als die „Frau Consulin" durch William von Hildegard's Entscheidung Kunde erhielt, da klärte sich ihr strenges Gesicht auf und sie sagte: »Jetzt glaube ich auch an ihren ehrenwerthen Charakter und jetzt bin ich selbst fester von ihrer Unschuld überzeugt, als mich ihre Freisprechung hätte überzeugen können. Das Mädchen hat Recht und handelt brav!" Auch William mußte, wenn schon widerstrebend, die Nichtigkeit von Hildegarv's Entschließung anerkennen. Von diesem Augenblick an kannte er nur einen Zweck, ein Ziel, dessen Erreichung ihm über allen anderen Lebenszwecken stand; er mußte die Dieb- stahls- oder Verschwindungsgeschichte des „Murillo" aufklären. Doch wie? — das war die große Frage. In den Schwurgerichtsverhandlungen war davon die Rede gewesen, daß ein Engländer auf den Besitz des Bildes erpicht gewesen und erklärt habe, er werde für dasselbe jeden Preis zahlen. Es war schon öfter vorgekommen — unter Andern: in Spanien — daß Kunstschätze von hohem Werth aus ähnlicher Veranlassung abhanden gekommen waren. Sollte jener Engländer, von dem man ja nicht wußte, wer er war, zu unlauteren Mitteln seine Zuflucht genommen haben, um seinen Zweck zu erreichen? — Zu direkten Mitteln dieser Art wohl kaum; allein es war keineswegs ausgeschlossen, daß er am Ende indirect seinen Zweck erreicht haben mochte. Es konnte ja einer der subalternen Angestellten der Galerie von den: Wunsche und dem Erbieten des Engländers Kenntniß erlangt und beschlossen haben, auf eigene Faust das „Geschäft" zu machen. Dieser möglichen Spur zu folgen, mit aller Energie und mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, nahm William Walter sich vor, und der Zufall begünstigte bald darauf seine Bemühungen. Eines Tages befand er sich an Bord eines im Hafen liegenden, nach Nordamerika bestimmten Dampfers, der Sourhampton anlaufen sollte. Er hatte mit den: Capitän wegen einer ansehnlichen, von der Firma „W. Walter L Sohn" verschifften Fracht noch Einiges zu besprechen und befand sich mit diesem in der „Rauch-Cabine" des großen Steamcrs. Ihre Geschäfte waren abgemacht, und die beiden befreundeten Herren saßen noch bei Kaffee, und Cigarre plaudernd zusammen, als ein soeben an Bord gekommener Passagier, ein Mann von etwa vierzig Jahren, eintrat, den der Capitän gleich einem alten Bekannten begrüßte und dem Viceconsul als Mr. Leveson aus Sheffield vorstellte. „Nun, Mr. Leveson", sagte der Capitän, endlich fahren Sie nun doch mit; sind lange hier in Hamburg gewesen." „Ja, Capital:", entgegnete der Engländer, „ich war nahezu ein halbes Jahr hier und hatte mir vorgenommen, nicht eher abzureisen, als bis ich meinen Zweck erreicht hätte — und den habe ich endlich erreicht." „Nun, das freut mich, Sir. — Darf man wissen, worin dieser Zweck bestand?" „O ja. Ich hatte ein Bild hier gesehen und wollte es kaufen, weil es mir ganz außerordentlich gefiel; man sagte mir aber, es sei nicht verkäuflich und wies alle meine Anerbietungen beharrlich Zurück. Ich hachte, daß ich mit Geld doch endlich reussiren müsse, und beschloß ruhig zu warten. Vor drei Tagen kommt ein Mensch nach meinem Hotel und bringt mir das wohlverpackte Bild mit den: Auftrag des Eigcnthümcrs, daß ich es für den zuletzt von mir offerirten Preis haben könne. Ich solle dem Ueberbringer den Betrag gegen dessen Quittung behändigen. Ich überzeugte mich, daß es das richtige 286 Bild sei, zahlte die Summe und machte mich reisefertig. Da bin ich nun, um mit Ihnen nach Southampton zu fahren, Capitän." „Und welches Bild ist es, Sir", fragte William, der kaum seine Bewegung be- meistern konnte, „das Sie so lebhaft interessirt und zu so langem Aufenthalt hier veranlaßt hat?" — „Ein ganz kleines Bild, Sir, ein Genrebild von Murillo, welches sich in der permanenten Abtheilung der Kunsthalle befand und von dein Besitzer der Ausstellung geliehen war." „Haben Sie es schon an Bord?" „O ja, ich habe es Niemandem anvertraut, habe es selbst mit hergebracht und in meiner Sabine eingeschlossen!" „Wenn lichten Sie die Anker, Capitän?" fragte der Viceconsul. Der Capitän sah nach dem Chronometer. „In anderthalb Stunden", sagte er, „beginnt die Ebbe, in etwa einer Stunde denke ich den Hafen zu verlassen." „Ich sehe Sie noch", bemerkte William aufstehend und sich artig verbeugend. „Ich habe nur einen kleinen Geschäftsgang in der Nähe hier zu besorgen." Schnell eilte er zur nächsten Polizeiwache. Dem bekannten Viceconsul und angesehenen Hamburger Bürger ward in seinem Verlangen sofort gewillfahrt. Ein Polizei- Jnspector und zwei Constabler begleiteten ihn ohne Aufschub nach dem Dampfschiff zurück, zugleich wurden der Staatsanwalt und der Director der Galerie durch Expresse Boten benachrichtigt. Die Beamten confiscirten den mit aller Bestimmtheit durch William recognoscirten „Murillo", den auch der bald darauf eintreffende Director zweifellos als das vor Monaten entwendete Bild erkannte. Auch Mr. Leveson aus Sheffield mußte sich einen Aufschub seiner Abreise auf Anordnung des Staatsanwalts gefallen lassen und diesen zum Bureau des Untersuchungsrichters begleiten. Dort beschrieb er Denjenigen, der ihm das Bild gebracht, so genau, daß der Director sofort in demselben einen Arbeiter der Galerie Namens Hillmanns erkannte. Dieser wurde verhaftet. An seiner Person fand man in englischen Banknoten noch die ganze von dem Engländer ihm ausgezahlte, ziemlich ansehnliche Summe. Die Untersuchung ergab, daß Hillmanns Mitschuldige nicht hatte; er hatte auf eigene Faust gehandelt. Eine neue Untersuchung ward eingeleitet. Dieselbe endete mit der Vcrurtheilung des Arbeiters Hillmanns zu einer bedeutenden Freiheitsstrafe, und es stellte sich ebenfalls heraus, daß Mr. Leveson vollständig in Unkenntniß gewesen von dein stattgehabten Diebstahl des „Murillo"; er hatte im guten Glauben gehandelt. Hillmanns hatte zufällig von dem Anerbieten des Engländsrs gehört und beschlossen, für seine Person daraus Nutzen zu ziehen; er entwendete das Bild unmittelbar, nachdem Hildegard an jenem Morgen vor Eröffnung der Galerie dieselbe verlassen, um dem Jnspcctor Schramm aus dem Wege zu gehen, und hielt es mehrere Monate verborgen, um jede Spur zu verwischen. Er bekannte, daß er es gewesen, der den ersten Verdacht auf die arme junge Malerin geworfen. Der Präsident des Gerichtshofes erklärte, nachdem der Urtheilsspruch gegen Hillmanns verkündet war, daß auch nicht ein Schatten von Verdacht, nicht der allergeringste Makel auf Hildegard Becker zurückbleibe, und die öffentliche Presse that das Ihre, um diese Nehabilitirung allgemein bekannt zu machen. Der alte Generalconsul sowohl wie auch die „Frau Consulin" willigten nun mit Freuden in die Verbindung ihres Sohnes mit Hildegard, und William führte seine junge Frau sogleich fort in die Ferne. Sie blieben ziemlich ein Jahr abwesend — in der Schweiz und im südlichen Frankreich. Als sie zurückkehrten, fanden sie ein reizendes und hochkostbares Hochzeitsgeschenk vor von William's stillem Compagnon — Eugenie Delahaye, die sich inzwischen ebenfalls in ihrem Vaterlands mit einem Gelehrten vermählt hatte, welcher ;ehr zufrieden war mit der Art und Weise, wie seine Frau ihr mütterliches Erbtheil angelegt hatte. Und er konnte es auch sein, denn die Verluste, welche die Firma „Walter L Sohn" seiner Zeit erlitten, waren nicht allein längst ausgeglichen und ersetzt, sondern das alte, solide Geschäft hatte sich mit Hülse des ansehnlichen Capitals seines jungen Socius — richtiger: „Socia" — zu nie geahntem Umfang emporgeschwungen, den es der jugendlich energischen Initiative Williams' und seiner genauen Kenntnis; der commerciellen Verhältnisse verdankte. Frau Hildegard Walter, deren Vater und Bruder bei ihr lebten — Letzterer trat bald in das Geschäft seines Schwagers ein, malt noch heute in einem reizend eingerichteten Atelier Bilder von vollendeter Schönheit, mit denen sie ihrem geliebten Gatten und gelegentlich auch Freunden des Hauses Geschenke macht. Eines der schönsten hat sie kürzlich an den stillen Compagnon der Firma nach Südamerika geschickt; es stellt die „Pinseldame" vor, wie sie im Kreise ihrer hübschen Kinder und neben ihrem William draußen in Pöseldorf auf der Alster im Segelboot an dem blumigen und buschigen Uferrande hinfährt. Wippchen beim volkswirthschaftlichen Congrcsfe. Bei dem Bankette, welches den Berliner volkswirthschaflichen Congreß schloß, erschien auch zur allgemeinen Freude Herr Julius Stettenhcim, um eine seiner köstlichen Wippchiaden zum Besten zu geben. Das neueste Kind seiner Laune führt den Titel: „Offener Brief des Herrn Wippchen an die Redaction der Berliner Wespen" und ist aus Bernau, dem berühmten Neste bei Berlin, dem festen Musensitze Wippchen's, datirt. Hier einige Proben aus dem offenen Briefe: Mit Vergnügen habe ich heute den Gummi Ihres freundlichen Briefes erbrochen und demselben die Aufforderung entnommen, mich nach Berlin zu begeben, um die Berichterstattung über den dort tagenden neunzehnten volkswirthschaftlichen Congreß zu übernehmen. Ich will Ihnen reinen Standpunkt einschänken und Ihnen ebenso stravi als manu erklären, daß ich nicht komme. Als ich Ihre Einladung las, war es mir, als ginge mir wie dem Schüler im „Faust" das, fünfte Mühlrad am Wagen herum; denn ich fragte mich: Was soll ich auf einem Congresse, der keine Geheimnisse hat, wie der von dem Manne der Blut- und Eisenzölle präsidirte Berliner Congreß, auf dem die Discrction so dicht war, daß kein Erisapfel zur Erde fallen konnte? Ein Congreß, über den ich berichten soll, muß verschwiegen sein wie ein frischgetünchter Siemens'scher Ofen. Da bin ich wie Cato in meinem esss clslsuckam; da muß ich Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, errathen und kann das Blaue vom Himmel herunter berichten. Aber ich wäre auch in dem andern Falle nicht der geeignete Mann gewesen, Sie mit einem Berichte zu versorgen. Denn ich bin — verzeihen Sie das harte Wort! — Schutzzöllner vom Scheitel bis zum Wirbel. Allerdings habe ich niemals wie Mosle dem Reichskanzler den Daumen gehalten, als sich bei dem leitenden Staatsmanne Männer wie Varnbüler, also die ersten W'n einstellten. Auch bin ich kein Schutzzöllner, der es eigensinnig von der Wiege bis zum Baare bleiben will. Indeß haben mich doch gewichtige Gründe veranlaßt, freiwillig gouvernemental den Anschluß auf die Gefahr hin zu suchen, dem Titel Commissionsrath zu verfallen." Wippchen erzählt sodann, wie er Kriegsberichterstatter wurde, wie ihn aber die Concurrenz der ausländischen Collegen „theils verdrängte, theils entwerthete." Er sagte sich, so könne es nicht länger bleiben. „Ich sah mich schon in die unterste Kirchenmaus eingeschätzt, und wer war dann eigentlich der Geschädigte? Der Staat, der gezwungen wurde, seinen Militärmoloch zu verringern und die Soldaten, die ihm noch blieben, in dreierlei Hungertuch zu kleiden. Die Folgen waren nicht abzusehen! Da erschien, ein ckeus aus stets heiterer maoliina, das neue Wirthschaftsprogramm des Fürsten Bismarck, und ich rief: Land! wie der Geis, der auf gerettetem Boote mit tausend Masten still in den Hafen dos Oceans treibt. Hier war mit der Zelt der Schutz für meine inländischen Berichte zu finden. Nach jahrelanger Unbill endlich Bill! — Wippchcn bildet sich sodann ein, erhielte auf dem Congreß eine Rede, und zwar als Erfinder einer Gattung von neuen Zündchölzchen, zu deren An- zündung man nichts weiter bedarf, als einer brennenden Kerze. Mit Entrüstung spricht sich der Schutzzöllner Wippchen gegen die Möglichkeit aus, daß ihm jeder beliebige Jvnkü- pinger, der der weder utan avatvöl noch ooli lWt'or an die Hölzer thue, Concurrenz machen könne. „Ja, ja, meine Herren" — so würde ich fortfahren — „ich kann in dem Freihandel nicht den alleinseligmachenden Schatz erblicken, und gehe sogar so weit, daß wir, wenn in Deutschland Eskimos hervorgebracht würden, Herrn Bodinus zwingen, falls er deren aus der Nordpolakei einführen will, sie entweder an der Grenze zu versteuern oder sie ihre Behringsstraße ziehen zu lassen. Nennen sie mich meinetwegen Eskimosle, meine Herren, ich kann mir nicht helfen — ich will lieber mit dem Reichskanzler irren (es irrt ja der Mensch, so lang er strebt), als ein Dorn (Trieft) in seinem Auge sein. Es gilt, die Fahne hochzuhalten, so hoch, daß die Kurtaxe ci'eutrepöt nicht zu ihr hinauf kamt. Nun, meine Herren, reißen Sie mich in einactige Stücke und lassen Sie sie in Ihrem Lichte darstellen, lassen Sie mich auf einer frei eingeführten Kuhhaut zum Richtplatte schleifen und mich dort mit unversteuerten glühenden Zangen zwicken, ich bin und bleibe ein Schutzmann der Zölle. M i s e e l l e rr. (Napoleon I. als Jäger.) So gut auch der erste Napoleon mit den Feuerwaffen in den Händen Anderer umzugehen verstand — er selbst war der schlechteste Schütze von der Welt. Dennoch ging er häufig auf die Jagd, nicht weil er selbst Vergnügen daran fand, sondern weil er sie als eine Zerstreuung betrachtete, die gleichzeitig seiner Gesundheit zuträglich war. Er galoppirte darauf los, während seine Jäger das Thier verfolgten. Eines Tages stellte der Hirsch die Hunde; nur wenige Jäger waren in der 'Nähe — weder der Kaiser, noch seine nächste Umgebung hatten der Jagd zu folgen vermocht. Schon waren mehrere Hunde durch den Hirsch kampfunfähig gemacht und die Jäger befanden sich in der größten Verlegenheit. Denn, tödteten sie das Wild, so war der Kaiser damit vielleicht nicht zufrieden; ließen sie noch mehr Hunde verenden, so setzten sie sich dem Zorne und der Strafe des Sberjägermeisters aus. „Wo mag der Kaiser sein?" fragte einer der Jäger. „Er ist fort," sagte ein Anderer, „ich sah ihn in der Richtung nach Fontainebleau galoppiren." Nun entschloß sich der älteste der Weidmänner den Hirsch abzufangen; kaum aber war dies geschehen, als man am Ende einer Allee eine Reitergruppe erblickte. „Wir sind verloren! Da kommt der Kaiser mit seinem Gefolge!" — „Bah!" rief der Alte. „Er versteht nichts davon, und wenn er auch. von manchen anderen Dingen mehr weiß, als ich, so will ich ihm hier doch etwas weißmachcn!" Mit diesen Worten hieß er Hand anlegen, und mittelst Stützen von Baum- zweigen brachte man den todten Hirsch, halb versteckt vom Gebüsch, wieder auf die Beine. Bellend umgaben die Hunde den Verendeten, und Napoleon erschien auf dem Platze. Er sprang vom Pferde, ergriff eine Büchse und schoß — den besten Hund von der Meute todt. „Sirc, der Hirsch ist todt!" meldete der Alte. „Das hatten Sie nicht nöthig, mir erst zu sagen!" erwiderte der Kaiser sehr zufrieden, bestieg sein Pferd und ritt nach Fontainebleau zurück. Der Doktor W. hatte eine sehr böse Frau. Als man ihn deßwegen beklagte, sagte ein Witzbold: „Es ist seine eig'ne Schuld, als Doktor und Botaniker hätte er ja auch ein so giftiges Kraut früher kennen müssen." Auslösung des Buchstabenrebus in Nr. 34: „Jnterdict." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. nter^aktungsökatt zur Nr. 37. „Angsburger pojheitimg. Samstag, 6. November Der kluge Mann schweift nicht nach dem Fernen, Um Nahes zu finden, Und seine Hand greift nicht nach den Sternen, Uni Licht anzuzünden. 1880. Mirza Schassy. Aus der Jugendzeit Napoleon I. erzählt Guy von Maupassand im „Gaulois" folgende nicht veröffentlichte spannende Episode: „Drei Tage vor seinem Tode fügte Napoleon seinem Testamente ein Kodizill mit den folgenden Bestimmungen hinzu: „Ich vermache 20,000 Fr. dem Manne aus Bocognano, der mich einst aus den Händen der Mörder, welche mir nach dem Leben trachteten, befreite; 10,000 Fr. Herrn Vissavona, dem einzigen Mitgliede dieser Familie, welches zu meiner Partei gehört hat; 100,000 Fr. Herrn Jerome Levy; 100,000 Fr. Herrn Costanus Bastelica; 20,000 Fr. dem Abbä Neccho." In den letzten Stunden seines Lebens waren Erinnerungen aus früher Jugend im Geiste des sterbenden Kaisers aufgetaucht, welche nach vielen Jahren der gewaltigsten Erlebnisse und wunderlichsten Abenteuer noch einen so lebhaften Eindruck in ihm hinterlassen hatten, um ihn zu jenen letztwilligen Verfügungsn zu bestimmen. Diese Visionen aus ferner Vergangenheit veranlaßten Napoleon zu dem vorstehenden Vermächtniß zu Gunsten des Retters, dessen Name selbst seinem geschwächten Gedächtnisse entfallen war und der Freunde, die ihm im Augenblicks der Gefahr zu Hilfe gekommen waren. Ludwig XVI. war eben gestorben. Die Insel Corsika wurde damals von dem General Paoli, einem begeisterten, wild energischen Royalisten regiert, der die Revolution haßte, während Napoleon Bonaparte, damals als junger Artillerieoffizier auf Urlaub in Ajaccio, seinen und seiner Familie Einfluß zur Förderung der neuen Ideen anwandte. Der General Paoli hatte von der Republik Befehl erhalten, die Insel Madeleine zu besetzen und übertrug diese Mission dem Obersten Cesari, dem er jedoch, wie behauptet wird, heimlich befahl, den Angriff mißlingen zu lassen. Napoleon, welcher zum Oberstlieutenant in der Nationalgarde ernannt und zur Theilnahme an jener Expedition bestimmt worden war, tadelte nachher auf das Heftigste die Art, wie dieselbe geführt worden war und beschuldigte offen den Kommandanten derselben des Verraths. Es gab zu jener Zeit in dem halbwilden Lande noch keine Kaffeehäuser und so versammelten sich denn die Anhänger der Republik in einem Zimmer Napoleons, in welchem sie die Lage besprachen, Pläne schmiedeten und dazu Wein tranken und Feigen aßen. Kurz nach der fchlgeschlagenen Expedition trafen Kommissäre der Republik in Bastia ein, unter welchen sich Salicetti befand. Als Napoleon ihre Ankunft erfuhr, beschloß er sie aufzusuchen und ließ aus Bocognano seinen Vertrauensmann und treuesten Anhänger Santo Bonelli, genannt Riccio, kommen, um sich seiner als Führer zu bedienen. Sie reisten beide zu Pferde in der Richtung nach Eorte ab, wo sich der General Paoli aufhielt, bei welchem Bonaparte vorsprechen wollte. Es war ihm nämlich damals K die Theilnahme seines Chefs an dem gegen Frankreich gerichteten Komplott noch unbekannt und er vertheidigte denselben noch gegen die über seinen Verrath kursirenden Gerüchte. Obwohl das Verhältniß zwischen den Beiden sich schon ziemlich zugespitzt hatte, war der Bruch noch nicht erfolgt. Der junge Napoleon stieg im Hofe des von Paoli bewohnten Hauses vom Pferde und nachdem er das Thier der Obhut Santa Niccio's übergeben, wollte er sich sofort zum General verfügen. Von der ersten Persönlichkeit, welcher er auf der Stiege begegnete, erfuhr er, daß eben ein Rath der vornehmeren korsischen Führer, welche alle zu den Feinden der republikanischen Ideen zählten, beim General versammelt wäre. Ueber diese Mittheilung beunruhigt suchte er mehr zu erfahren, als zufällig einer der Verschworenen aus dem Versammlungslocale trat. Bonaparte ging diesem entgegen und frug ihn kurz: „Wie steht's?" Der Mann, der Napoleon für einen Verbündeten hielt, antwortete: „Es ist beschlossen. Wir werden sofort unsere Unabhängigkeit erklären und uns mit der Hilfe Englands von Frankreich losreißen." Hierüber empört verlor Napoleon die Selbstbeherrschung und rief, mit dem Fuße stampfend: „Das ist Verrath, das ist eine Infamie!" während in demselben Augenblicke auf den Lärm hin andere Verschworene auf dem Vorplatz erschienen, dieselben waren zufällig entfernte Verwandte der Familie Bonaparte und erkannten alsbald nur zu wohl die Gefahr, in in welche sich der junge Offizier gestürzt hatte, denn Paoli war ganz der Mann dazu, sich des Gegners für immer zu entledigen. Sie umringten daher rasch den Unvorsichtigen, drängten ihn die Treppe hinab, und zwangen ihn, sein Pferd schleunigst wieder zu besteigen. Er entfloh in Begleitung Santo Riccio's gegen Ajaccio zurück. Mit einbrechender Nacht kamen sie in dem Dorfe Arca de Vivario an, und übernachteten bei dem Pfarrer Arrighi, einem Verwandten Napoleons. Diesem Manne, der um seines Geistes und gesunden Urtheils willen in ganz Corsika geachtet war, erzählte der junge Bonaparte seine Erlebnisse und bat ihn um seinen Rath. Des andern Morgens mit dem Tagesgrauen machten sich die Flüchtigen wieder auf den Weg und erreichten, nachdem sie den ganzen Tag geritten, gegen Abend Bocognano. Hier trennte sich Napoleon von seinem Führer mit der Weisung, ihn am andern Morgen an dem Vereinigungspunkte der beiden Straßen mit den Pferden zu erwarten, und wandte sich nach dem Dorfe Pogiola, wo er in dem etwas entlegenen Hause seines Verwandten und Parteigenossen Felix Tusoli um gastfreundliche Aufnahme bat. Unterdessen war der General Paoli von dem Besuche des jungen Bonaparte in .Kenntniß gesetzt worden und hatte dessen heftige Worte nach der Entdeckung des Komplets erfahren. Sofort beauftragte er Mario Peraldi, Napoleon nachzusetzen und es am jeden Preis zu verhindern, daß dieser Ajaccio oder Bastia erreichen könnte. Mario Peraldi kam einige Stunden vor Napoleon nach Bocognano und begab sich zu der einflußreichen und dem General ergebenen Familie Morelli. Sie erfuhren bald, daß der junge Offizier im Dorfe angekommen war und die Nacht im Hause Tusoli's zubringen würde; der Chef des Hauses Morelli, ein fanatischer und gefährlicher Mann, versprach dem Abgesandten, der ihm die Befehle Paoli's überbracht hatte, daß Napoleon nicht entkommen sollte. Schon bei Tagesanbruch stellte er seine Leute auf und hielt olle Straßen und Ausgänge besetzt. Bonaparte trat in Begleitung seines Wirthes aus dem Hause, um Santo Niccio aufzusuchen; doch Tusoli, der nicht wohl war und den Kopf in ein Tuch gewickelt trug, verließ ihn gleich darauf. Kaum war der junge Offizier Mein, als sich ihm ein Mann näherte und ihn benachrichtigte, daß in einem nahen Wirthshaus« Parteigenossen des Generals versammelt seien, in der Absicht, sich gemeinschaftlich nach Corte zu begeben. Napoleon verfügte sich zu ihnen und fand sie Alle vereinigt. „Geht", sagte er ihnen, „geht, sucht Euren Chef auf, Euer Beginnen ist groß und edel." Im selben Augenblick stürmten jedoch die Morelli in's Haus, warfen sich ltuf ihn, machten ihn zum Gefangenen und schleppten ihn fort. Santo Niccio, der Napoleon am verabredeten Ort erwartete, erfuhr bald von dessen 291 Verhaftung; er lief zu einem Anhänger der Bonaparte, Namens Vissavona, den er füv fähig erachtete ihm zu helfen und dessen Wohnung nächst dem Hause Morelli lag, in welchem Napoleon gefangen gehalten wurde. Santo Niccio hatte den vollen Ernst der Situation erkannt. „ Wenn es uns nicht auf der Stelle gelingt, ihn zu retten, so ist er verloren", sagte er. „Vor Ablauf von zwei Stunden kann er todt sein. Vissavona verfügte sich nun zu den Morelli, versuchte geschickt sie auszuforschen und da sie von ihren wahren Absichten nichts verlauten ließen, vermochte er sie endlich durch Gewandtheit und Beredtsamkeit, zu gestatten, daß der junge Mann bei ihm ein wenig Nahrung zu sich nehmen-dürfe; sie möchten unterdeß sein Haus bewachen. Ohne Zweifel gaben sie nur in der Hoffnung nach, so ihre Pläne desto besser zn verbergen und ihr Chef, der Einzige, der den Willen des Generals kannte, übertrug ihnen die Bewachung Napoleons, um sich nach Hause zu begeben und seine Vorbereitungen zur Abreise zn treffen. Dadurch daß dieser Mann sich entfernte, wurde wenige Minuten später das Leben des Gefangenen gerettet. Unterdessen war Santo Riccio, der mit der den Korsen eigenen Hingebung eins wunderbare Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit verband, seinerseits für die Befreiung seines Gefährten thätig. Er verband sich mit zwei jungen Leuten, die ebenso muthig und zuverlässig wie er selbst waren, führte sie heimlich in einen an Vissavona.s Haus anstoßenden Garten, wo er sie hinter einer Mauer verbarg. Dann trat er ruhig vor die Morelli und bat um die Erlaubniß, sich von Napoleon verabschieden zu dürfen, da er fortgeführt werden sollte. Man willfahrte seiner Bitte. Nun verständigte er schleunig Napoleon und Vissavona von seinen Plänen und trieb zur Flucht, da der kleinste Aufschub höchst gefährlich werden konnte. Alle drei drangen bis zur Stallung vor und anf der Schwelle umarmte Vissavona seinen Gast und sagte mit Thränen im Auge: „Gott rette Euch, mein armes Kind, er allein vermag es!" Kletternd erreichten Napoleon und Santo Riccio die zwei hinter der Mauer verborgenen jungen Leute und sie flohen nun im Sturmlauf nach einem nahen zwischen Bäumen versteckten Brunnen. Aber sie mußten bei den Morelli vorüber, und diese wurden ihrer gewahr und stürzten mit Geschrei den Flüchtlingen nach. Der Chef der Morelli, der indessen seine Behausung erreicht hatte, hörte den Lärm und errieth sofort, was geschehen sein mochte. Er sprang auf und die Wildheit seines Ausdrucks hatte etwas so Erschreckendes, daß seine Frau, die mit den Tusoli, bei denen Bonaparte die Nacht zugebracht hatte, befreundet war, sich ihm zu Füßen warf, und ihn anflehte, das Leben des jungen Mannes zu schonen. Der Wüthende schleuderte sie von sich und wollte hinausstürzen, doch sie umfaßte noch immer, auf den Knieen liegend, krampfhaft seine Füße und umklammerte ihn derartig, daß es ihm nicht gelang sich frei zu machen. Er warf sie zu Boden, aber sie riß ihn mit sich nieder uud vergeblich suchte er sich loszuwinden. Ohne die Kraft und den Muth dieses Weibes war es um Napoleon geschehen und die Geschichte der Neuzeit nahm eine andere Wendung. Es wäre derselben erspart geblieben, eine endlose Reihe von glänzenden Siegen mit ihrem Griffel zu verzeichnen. Millionen Menschen wären nicht den Kanonen zum Opfer geworden! Die Karte Europa's wäre nicht die gleiche geblieben! Und wer kann wissen, unter welchem politischen Regime wir heute leben würden? Die Morelli erreichten die Flüchtlinge. Santo Riccio blieb unerschrocken; sich an den Stamm einer Kastanie lehnend, kehrte er sich gegen dw Angreifer und schrie den beiden jungen Leuten zu, Bonaparte mit sich fortzuschleppen. Dieser widersetzte sich und wollte seinen Führer nicht verlassen, aber Santo Niccio rief, während er gleichwohl die Feinde keinen Moment aus dem Auge ließ: „So tragt ihn doch fort, ihr Andern, ergreift ihn, bindet ihm Hände und Füße!" Aber schon waren sie umgeben und festgenommen und ein Anhänger der Morelli, Namens Onorato, setzte sein Gewehr Napoleon an die Schläfe, indem er ausrief: „Tod dem Verräther am Vaterlande!" In diesem Augenblicke rückte Bonapartes Gastfreund Felix Tusoli, umgeben von seinen wohl bewaffneten Verwandten, heran. Santo Riccio hatte ihn durch einen Boten benachrichtigen lassen. Tusoli übersah die Gefahr, und da er in dem Manne, der das Leben seines Gastes bedrohte, seinen Schwager erkannte, rief er ihm, das Gewehr auf ihn anlegend, zu: „Onorato, Onorato, so muß denn die Sache zwischen uns znm Austrag kommen!" Der Andere wurde verblüfft und zögerte zu schießen, während Santo Riccio die allgemeine Verwirrung benützte. Er überließ es den beiden Parteien sich zu schlagen oder sich Erklärungen zu geben, umfaßte mit Hilfe der jungen Leute den noch immer widerstrebenden Napoleon und zog ihn mit in's Dickicht fort. Erst eine Minute später hatte sich Morelli von seiner Frau freimachen können und erschien nun wuthschnaubend bei seinen Anhängern, aber die Flüchtlinge waren geborgen und zogen schon durch die Berge, die Schluchten und die Wälder. Als diese sich in Sicherheit befanden, sandte Santo Riccio die beiden jungen Leute mit dem Auftrag zurück, sich am nächsten Morgen mit den Pferden bei der Brücke von Ucciani einzufinden. Bevor sie sich trennten trat Napoleon an sie heran und sprach: „Ich kehre nach Frankreich zurück, wollt ihr mich begleiten? Welches Loos immer mich dort erwarten mag, Ihr sollt es mit wir theilen." Sie antworteten: „Unser Leben gehört Euch, unser Dorf wollen wir aber nicht verlassen." Die beiden treuen jungen Leute kehrten nach Bocognano zurück, um die Pferde zu holen, während Napoleon und Santo Riccio mühsam ihren Weg durch das wilde Gebirg fortsetzten. Sie hielten bei der Familie Mancini eine kurze Rast, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen und kamen Abends in Ucciani bei den Pozzoli an, die zu den Anhängern der Bonaparte zählten. Als Napoleon am nächsten Morgen erwachte, sah er das Haus von Bewaffneten umringt. Die ganze Schaar bestand aus Verwandten und Freunden der Familie, die alle bereit waren, ihr Leben zu seinem Schutz zu opfern. Die Pferde warteten bei der Brücke und die ganze Eskorte geleitete den Flüchtigen bis in die Nähe von Ajaccio. Als die Nacht eingebrochen war, drang Napoleon in die Stadt und verfügte sich zum Maire, Herrn Jean Jerome Lewy, der ihm einen Versteck in einem Wandschrank ausfindig machte. Diese Vorsicht erwies sich als nicht überflüssig, denn am nächsten Tag fand sich die Polizei ein. Sie durchsuchte jedoch vergebens das Haus und zog sich endlich durch die geschickt gespielte Entrüstung des Maire getäuscht zurück, der seine eifrigste Mitwirkung zur Habhaftwerdung des jungen Mannes zusicherte. An demselben Abend übersetzte Napoleon den Golf und wurde der Familie Costa von Bastelica übergeben, die ihn in den Wäldern verbarg. Die sensationelle Geschichte von einer Belagerung, die er im Thurme von Capitello auszuhalten gehabt hätte, beruht auf Erfindung. Einige Tage später wurde die Unabhängigkeit Korsika's erklärt, das Haus der Bonaparte niedergebrannt, die drei Schwestern Napoleon's wurden gefangen genommen und dem Abbs Reccho übergeben. Eine französische Fregatte, welche an der Küste kreuzte, um die wenigen Anhänger Frankreichs einzuholen, nahm Napoleon an Bord und brachte den verfolgten Parteigänger, der einst der große Kaiser werden und die Geschicke der Welt auf den Schlachtfeldern entscheiden sollte, nach dem Mutterlande zurück." Dieser „große Kaiser" hat, wie aus dem Vorstehenden zu ersehen ist, in den langen Jahren seiner Macht keine Zeit gefunden, sich der Leute zu erinnern, die ihn mit Gefahr ihres Lebens aus der Hand der Mörder gerettet hatten und erst die herannahende Todesstunde vermochte es, die Erinnerung an jene Schuld der Dankbarkeit heraufzubeschwören, und ihn zu bewegen, sich in später Reue durch armselige Legate mit derselben abzufinden. 293 Der Leichenrnaler. Farbenskizze von Heinrich Seidel. Nach langjähriger Abwesenheit war ich nach Berlin zurückgekehrt und schweifte eines Tages planlos durch die Straßen, vertieft in die wehmüthig heitre Beschäftigung, die Stätten vergangener Jugendfreuden wieder aufzusuchen. Dabei war ich allmälig in unbekannte Gegenden gelangt und hielt an, um mich zu orientiren. Der Name der Straße, in welcher ich mich befand, war mir nicht fremd, obgleich ich noch niemals dort gewesen war, und außerdem hatte ich eine dunkle Vorstellung, daß sich mit dieser Straße für mich etwas Besonderes verknüpfe. Ich zog mein Notizbuch hervor und richtig, dort stand eine Bemerkung: ...... Straße Nr. 84, der Leichenmaler." Kurz vor meiner Abreise nach Berlin hatte mein Freund Ringwald mir diese Adresse aufgegeben und mir auf die Seele gebunden, diesen Maler, welcher unter seinen Freunden diese sonderbare Bezeichnung führte, aufzusuchen, da er nut ihm besonders befreundet sei und dringend wünsche, auch unsere Bekanntschaft herbeizuführen. Ich fand das Haus bald. Es war ein zweistöckiges, langweiliges Gebäude, in dem nüchternen Stil errichtet, der zu Anfang dieses Jahrhunderts herrschte, und hob sich seltsam ab gegen die riesigen Miethskasernen mit Mansardendächern, welche die neue Zeit ringsum emporgetrieben hatte. Es war ganz einsam und todt in dieser abgelegenen Straße, kein Mensch ließ sich sehen, und das Einzige im ganzen Umkreis, das sich bewegte, -war in dem an dem alten Hause hängenden Schaukasten eines Zahnarztes zu sehen, nämlich ein Paar rothe Gummikiefer mit blendend weißen Zähnen, welche, durch ein verborgenes Uhrwerk getrieben, fortwährend auf und zu klappten und ewig an einem imaginären Etwas kauten. Ich trat in den geräumigen Thorweg und stieg eine mächtige alte Holztreppe mit gewundenem Geländer und tief ausgetretenen Stufen hinan. Ein muffiges, altes Haus; es roch darin nach aufgewärmten Kohl und Cichorienkaffee. Auf den oberen Stufen rührte sich was und ich fand dort ein altes, schlumpiges Weib, das, scheinbar ohne wesentliches Resultat, die Treppe scheuerte. Auf meine Frage nach dem Maler ward ich von ihr über den Hof in den Garten gewiesen. Auf dem Hofe war es lebendiger, denn ein Tischler, dessen Aushängeschild mit einem unendlich langen perspectivischen Sarg, in welchem man in einer Reihe hinter einander eine ganze Familie bequem hätte unterbringen können, draußen von mir bereits bemerkt war, hatte seine Werkstatt im Hinterhause aufgeschlagen, und seine Gesellen hobelten und nagelten in einem offenen Schuppen und sangen lustig zu ihrer Arbeit. Es roch dort nach frischem Holz und Firniß und in einem halbfertigen Sarge lag auf Hobelspänen ein kleines rosiges Kind und schlief, während seine Geschwister daneben sahen und mit Sargnägeln und alten Florfetzen spielten. Das Atelier befand sich in einem Gartenhause. Eine seltsame Beklommenheit hatte mich befallen und ich zögerte einen Augenblick, ehe ich den einfach mit dem Namen Martin gezeichneten Klingelzug ergriff, worauf das heisere Gebelfer einer gesprungenen Glocke mit so geflissentlicher Ausdauer ertönte, daß es offenbar war, sie suche den Mangel an Klang durch ihre emsige Beharrlichkeit und Arbeitsamkeit zu ersetzen. Der Maler öffnete mir selbst, und ich war enttäuscht über seine Erscheinung, es ivar nicht das geringste Ungewöhnliche in ihr. Eine schlanke, durchaus modern gekleidete Gestalt von nachlässiger Haltung, ein blasses Gesicht mit wenig Bart an Kinn und Lippen, etwas müde blickenden grauen Augen und kurzgehaltenem, emporstrebendem dunklen Haar, so stand er vor mir und fragte nach meinem Begehren. Als ich den Namen meines Freundes genannt hatte, ging ein freundlicher Schein über die Züge des Malers und er forderte mich auf, in seine Werkstatt zu treten. Gegenüber der Thür ragte mir der Rücken einer gewaltigen Leinwand entgegen. Martin deutete darauf hin und sprach, indem ein feiner Zug von schalkhafter Ironie in seinen Mundwinkeln lauerte: „Sie werden das Bild sehen, das ich soeben vollendet habe. Ich 294 störe Sie Anfangs nicht dabei, ich werde mir anderweitig zu thun machen. Vielleicht brauchen Sie einige Zeit, sich an dem dargestellten Gegenstand zu gewöhnen." Damit schritt er an einen Tisch, der, mit einer Anzahl von Gegenständen bedeckt, dicht an dem von unten halb verhängten Atelicrsenster stand und überließ mich meinem Schicksal. Ich darf wohl sagen, daß ich mit einem Gefühl ängstlicher Spannung an die die bezeichnete Leinwand trat und ich dankte dein Maler für seine Rücksicht, als es geschehen war, denn kaum konnte ich eine Aeußerung des Entsetzens zurüchhalten. Auf dem Bilde war, wie ich sofort erkannte, das Innere des Lcichenkellcrs der Berliner Anatomie dargestellt, jenes furchtbaren Ortes, wo die eingelieferten Körper für die Zwecke des Studiums aufbewahrt werden. Auf schrägen Pritschen hingestreckt, lagen die nackten Gestalten, aus dem ungewissen Dümmer in fahlem Scheine hervorleuchtend, Kinder, Greise und Jünglinge, wie sie ein grausames Schicksal an diesen furchtbaren Strand geworfen. Sie führten keinen Namen und keinen Stand mehr, sie waren wissenschaftliche Objecte und trugen nur noch eine Nummer, welche auf Papier geschrieben an eine Zehe gebunden war. J>.. Vordergründe lag ein Weib mit einem nassen Tuch bedeckt, das die Form des verhüllten Leibes hervortreten ließ; unheimlicher als all das nackte Elend wirkte dieser verdeckte Jammer. Entsetzen und Abscheu waren die Empfindungen, welche mir dieses Bild einflößte, nachdem ich in kürzester Frist die geschilderten Beobachtungen gemacht hatte. Aber zu meinem eigenen Erstaunen bemerkte ich, daß in geringer Zeit diese Eindrücke sich milderten und eine Art von Bewunderung sich einmischte, die durch die außerordentliche Kunst des Malers bei der Vorführung dieser furchtbaren Gegenstände hervorgerufen wurde. Es gibt eine Art der Darstellung, welche selbst das Entsetzliche, das Häßliche und Gemeine adelt, es giebt eine liebevolle Weise der Vertiefung in die Natur, welche auch über die verachtetsten Gegenstände einen Schimmer der Schönheit breitet, jener Schönheit, welche ein Abglanz der ewigen Wahrheit ist. Die armen Kinder des Todes, wie sie so starr und hüflos im bleichen Dämmerlichte ruhten, es war ein ergreifendes Bild von der Unzulänglichkeit alles Menschlichen. „Nun seien Sie aufrichtig", sagte Martin plötzlich, „ich bin an starke Ausdrücke gewöhnt." Ich machte ihn mit dem Gange meiner Gedanken bekannt, allein es schien ihm nicht viel Eindruck zu machen. „Es ist wohl ein Fehler in meiner Organisation", meinte er, „aber eine unwiderstehliche Kraft treibt mich hin auf diese Dinge. Eigentliches Grauen habe ich niemals empfunden, nur ein tiefes und unwiderstehliches Interesse an diesen Gegenständen. Im vorigen Herbst besuchte ich einen befreundeten Mediciner in der Anatomie, da drängte sich mir plötzlich die Idee zu diesem Bilde auf und verließ mich nicht wieder. Manchen Vormittag habe ich dann allein in dem Keller gesessen und Studien gemacht. Der Herbstwind brauste draußen in den Kronen der halb entblätterten Bäume und zuweilen kam ein Windstoß und warf knallend eins der stets offenen Fenster zu, oder jagte eine Wolke von welken Blättern herein, welche raschelnd die schrägen Flächen der Lichtöffnungen herabkamen und flüchtig über ihre menschlichen Genossen hinwegtanzten. Sonst war dort nichts, als das stille starre Schweigen des Todes und der stiere Blick auf lange erloschener Augen, der unablässig auf mir ruhte. Da kam mir oft plötzlich der Gedanke, wenn nun einer von diesen hier anfinge, sich zu bewegen und sich aufrichtete, um mit entsetzten Augen um sich zu schauen, — was dann? Und es schien mir, als rege sich dort eine Hand oder hier ein Arm, aber ich richtete meine Augen fest darauf und sah wieder nichts, als die kalte, starre, unabänderliche Ruhe des Todes." Unterdeß waren meine Augen weiter gewandert und hatten noch andere Bilder entdeckt, theils vollendete, theils noch in den Anfangsstadien begriffene, und es befiel mich ein Staunen, über die Verschiedenartigkeit derselben von dein zuerst gesehenen. — Kaum begriff man, daß es derselbe Maler war, der jenes schöne sinnende Mädchen 295 gemalt hatte, das mit träumendem Blick und knospendem Herzen durch den blühenden Frühlingsgarten wandelt. Und doch verleugnete er seine Natur nicht, denn wenn man das Bild näher betrachtete, so war der Garten ein Kirchhof und die blühenden Rosen wuchsen aus einem verfallenen Grabhügel hervor. „Ich habe draußen ein Bild für Sie gesehen", sagte ich, „in der Werkstätte des Tischlers . . ." — „Ich glaube, ich weiß schon, was Sie meinen", sagte er lächelnd, indem er eine an die Wand gelehnte Leinwand- umkehrte und auf eine Staffelei setzte. Wahrhaftig, da war das rosige, blühende Kind, das in dem Sarge schlief, wie ich es draußen gesehen hatte. Da waren die anderen Kinder, welche zu Füßen desselben fröhlich mit Emblemen und Gcräthschaften des Hades spielten. Dann holte Martin von seinen: Sims, zwischen einem Todtenkopf und dem Skelett eines seltsamen Vogels, eine wunderliche, gebauchte grüne Flasche hervor, die mit einem Etiquette geziert war, welches ein momsnto rnorl und die rothe Inschrift: „Gift!!!" zeigte und füllte zwei alterthümliche Gläschen daraus. „Daran dürfen Sie sich nicht stoßen", sagte er, „das dient nur zur heilsamen Abschreckung für die Aufwürtcrinnen, welche gewöhnlich viel Sympathie für einen guten Liqueur haben. Es wird mir übrigens sehr schwer, eine Aufwärterin zu finden, welche es bei mir aushült", fuhr er fort, „sie graulen sich alle und mögen in dem Atelier nicht allein sein, besonders mit dem dahinten mögen sie nichts zu thun haben.'" Dabei zeigte er auf eine mannshohe Nische in der Wand, welche von einem kunstreichen alterthüm- lichen Eisengitter verschlossen war. Hinter demselben stand aufrecht ein Skelett, und stierte mit dem weißen Knochcnantlitz durch das eiserne Schnörkelwerk. Wahrhaftig, ich konnte mir vorstellen, daß die armen abergläubischen Weiber in diesem Atelier sich nicht wohlsühlten, denn es glich eher der Behausuug eines mittelalterlichen Nekromanten, als der Werkstatt eines Malers. Es fehlte selbst nicht das ausgestopfte Krokodil, das von der Decke herabhing, es fehlten nicht die Hunderte von seltsamen und abenteuerlichen Dingen, welche rings wie aus einem grausigen Märchen von den Wänden stierten und dem ganzen Raume etwas von dem gespenstigen Reiz eines Wachsfigurencnbinets oder eines Raritätenmuseums verliehen. Der Abenteuerlichkeiten, welche sich hier vorfanden, hätte sich ein solches Mu'cum nicht zu schämen gebraucht. An der Wand hing unter vielen anderen Dingen eine braungedörrte Menschenhand, welche mir wegen ihrer zierlichen Form besonders auffiel. Martin nahm sie von ihrem Nagel und reichte sie mir hin. Es war offenbar eine Frauenhnnd, die schlanke Weichheit der Formen war noch vollständig erkennbar und an den sanft nach vorn sich verjüngenden Fingern zeigten sich die wohlgepflegten Nägel noch gänzlich unverletzt. „Ein Geschenk eines Freundes", sagte Martin. „Derselbe fand während des letzten französischen Krieges diese Hand in den: Park einer verlassenen Villa mitten in einem Rosengebüsch an einem Zweige hängend." Unterdes; war die Dämmerung hereingebrochen und ich fand es an der Zeit, meinen Besuch abzubrechen. Der Maler hatte ein großes Kirchenwachslicht angezündet, um mir über den dunklen Flur zu leuchten, jedoch als seine Blicke zufällig über die Wände schweiften, hielt er plötzlich inne und sagte: „Ach, dürste ich Sie, bevor Sie gehen, noch um eine Gefälligkeit ersuchen?" Dabei deutete er auf eine Borte, welche in Thürhöhe rm der Wand entlang lief und ganz bedeckt war mit einer Reihe von Todtenmasken und Gipsabgüssen von Köpfen berühmter Verbrecher, welche mit leeren Augen aus brutalen Gesichtern finster in die Welt starrten. „Wenn Sie mir nur einen Augenblick das Licht hier unten halten wollen, wie ich es Ihnen angebe. Sie glauben nicht, welche wunderbaren Effecte das gibt, wenn man diese Kerls so von unten beleuchtet. Ich hielt das Licht und er trat zurück. „Ein wenig näher an die Wand!" rief er. „So, nun noch mehr links . l. so, halt! . . . Köstlich . . . herrlich . . . wie dem da statt der Augen zwei große Finster- 296 nisse im Gesicht stehen, und diese Uebergänge, diese Neflexlichter! Sehen Sie, wie die Schlagschatten lang an der Wand in die Höhe schießen . . . Famos!" Ich sah von meinem Standpunkte ebenfalls hinauf, und muß gestehen, selten eine schauderhaftere Gesellschaft von Galgengesichtern beisammen gesehen zu haben. Das finstere Brüten in diesen stieren Augen ward durch die Beleuchtung ins Fratzenhafte gestärkt und durch das flackernde Licht kam ein unheimliches Leben in die starren Züge; es regten sich scheinbar die knochigen Kinnladen, und um wulstig aufgeworfene Lippen zuckte es wie ein dämonisches Grinsen. Darnach verabschiedete ich mich und habe später den Maler nicht wiedergesehen. Aber unvergeßlich hat sich dieser eine Besuch in meine Seele geprägt. Die Menschen sind ein sonderliches Geschlecht; was dem Einen ein Greuel, ist dem Andern ein Labsal, und kein Abgrund ist so tief und schauerlich, daß nicht Jemand gefunden würde, an seinem schwindelnden Rande furchtlos Blumen pflückend, wie ein spielendes Kind. (Deutsches Montagsbl.) M i s e e l l e n. Ein Dorfschuster, der auf einer Fußreise sehr müde wurde, sah zu seiner Freuds eine reitende Estaffette sich ihm nähern, und sprach diese freundlich an: „Liebster Herr Staffetterich, kann ich nicht ein Stückchen mitreiten?" — Der Postillon wollte sich einen Spaß nnt ihm machen, und erlaubte ihm, sich hinten aufs Pferd zu setzen. Kaum waren sie eine Strecke weit geritten, so rückte der Postillon so weit nach hinten, daß der arme Schuster vor Angst nicht wußte, was er beginnen sollte, und dem Postillon auf die Schulter klopfend voll Verzweiflung zurief: „Ach, Hochedelgeborner Herr Staffettenbereiter, ich kann nicht weiter rücken, des Pferd is alle!" Jemand sagte zu Lord Efsingham: „In Grönland werden die Menschen häufig 100 Jahre alt, und doch gibt es dort keine Aerzte: ist das nicht wunderbar?" — „Bei uns in London gibt es mehrere tausend Aerzte," erwiderte der Lord, „und Mancher wird doch 100 Jahre alt; ist das nicht noch wunderbarer?" Das blinde Blumenmädchen. Auf lauter Straße stehst du zag, Wo stets vorbei der Ein' in Eil' Am Andern hastet Tag für Tag, Und bietest deine Blumen feil. Nicht ahnst du, welcher Zauber webt Auf deinen Wangen armes Kind, Welch' holder Reiz dein Haupt umschwebt — Du ahnst es nicht — du bist ja blind. Du weißt es nicht, wie wunderbar, Wie lieblich deine Blumen sind, Wie wonniglich, der sie gebar. Der Sonnenschein — du bist ja blind. (Aus: Die Rose, die das Licht erweckt, Die glühende begehr ich nicht: Das Veilchen gib, das Dunkel deckt Wie dein umnachtet Angesicht! Paul Schönefeld „Dichtungen." Stuttgart, Mertzcl.) Original-Charade. * Das erste Glied zeigt einen Zustand an, Wer in ihm lebt, ist leider übel d'ran; Doch wer's nicht doppelt hat, ist zu beklagen. Bencidenswerth dagegen ist der Mann, Der, sclt'ner Weise, von sich rühmen kann, Er sei, was uns die beiden letzten sagen. Kein Kummer wird an seinem Herzen nagen, Kein düst'rer Flor die heit'rc Stirn umzich'n, Er schwebt einher im milden Freudcnglanze; Allein schnell werden Glück und Freuden flieh'n, Vereinen die drei Glieder sich in's Ganze. Auflösung der Original-Charade in Nr. 35: Schlüsselloch. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag de^ Litcrarischen Instituts von l>r. M. Huttler. tunasökatt zur „ÄKgslmrger postzeitimg." Nr. 38. Mittwoch 10. November 1880. Ein Reis vom Narrenbaum trügt jeder an sich bei; Der Eine deckt es zu, der And're trügt es frei. Logau. Aus dem Tagebuchs eines alten Junggesellen. Von Alfons Planer. I. Noch seh' ich's, das alte Forsthaus inmitten grüner Tannen, noch höre ich den Gesang der Vogel aus Dorn und Laubeshang, ein tausendfältig süßes Locken, noch mein», ich, es ziehe das Waldesrauschen mir geheimnißvoll, wunderbar durch die Seele. Und doch sind Jahrzehnte dahingegangen, nichts hinterlassend als süße, traurige Erinnerungen an den Lenz meines Lebens. Und wie schön war er, der Lenz? Voll Sonnenschein, Blüthenduft und Maienglück. Jetzt ist's Herbst geworden. Einsam sitz' und sinn' ich, während der Herbstwind gelbe Blätter von den Ranken des Weinstockes, der mein Fenster umrahmt, hereinweht. Warum muß es auch Herbst werden? — Doch zage nicht, Herzt Es muß auch wieder Frühling werden. Kommt er, jener Auferstehungstag, dann werde ich auch sie verklärt wiederfinden, die nun schon lange ruht unterin grünen Rasen und unter Blumen, sie selbst eine Blume, drüben auf dem von alten Linden und Buchen umrauschten Kirchhofe. Es ist die einfache Geschichte zweier Menschenherzen, die da in mir wieder auflebt, meines eigenen armen Herzens und eines Herzens, das ich dereinst verehrte und noch verehre und heilig halte. Das war ein schöner, Heller Herbstmorgen — in des Lebens Herbst fallen selten solch' sonnenhelle Tage — da ich, ein junges, frisches Studentenblut, den Jagdstutzen meines Onkels, des Pfarrers von Grünthal, auf der Schulter, den Rucksack umgehängt, dem Forste zuschritt. Da war's, als wollte die Natur zum letztenmale sich freuen, bevor der rauhe Sturm käme und den Bäumen die grünen Blätter nähme, und es war so friedlich draußen, daß mir weich wurde unr's junge Herz und ich vermeinte, ich könnte keinem Wesen etwas zu Leide thun. Und als mich der ewig grüne Tannenwald aufgenommen hatte, da sah ich manch' zierliches Reh durch's Dickicht huschen und hab doch nicht die Hand aufgehoben, den Tod zu versenden, und war doch kein schlechter Schütze. Als sich dann in das Waldesrauschen der Klang der Morgenglocken vom Dorfe herüber verwob, da war's wie Feiertag. Es überkam mich wie Gebet und ich meinte, ich müßte wieder fromm sein, wie dereinst als Kind, da ich mit Mütterlein mein „Ave" betete. Und doch war er längst untergegangen im Weltgetümmel, der Kindesglaube, und tauchte die Erinnerung davon nur selten auf, wie Aveläuten aus weiter, weiter Ferne. So streifte ich denn durch's Waldesdickicht, mich freuend der schönen Welt und Alles in der Welt draußen vergessend, so daß ich ganz erstaunt war, als sich plötzlich eine Lichtung öffnete und ein freundliches Forsthaus mit einem netten Gärtchen vor mir lag. Doch ein oivm acmäoinicm^ besinnt sich nicht lange, und so schritt ich keck auf das Haus zu, um so mehr, als hinter dem grünen Zaune ein frischer Brunnen plätscherte 298 — und ich in Folge meines Streifzuges durstig geworden war. Doch nicht unbestraft betrittst Du fremdes Gehege. Kaum hatte ich mich dem Brunnen genähert, da stürzten schon zwei Teckel aus der Hausthüre und gaben ihr Mißfallen über mein Eindringen durch wüthendes Gekläffe kund. Aergerlich war ich eben bemüht, die treuen Wächter zu beschwichtigen, als eine weibliche Gestalt unter der Hausthüre erschien und eine silberhelle Stimme -— ihr Klang zog mir das erstemal schon wie wunderschöne Musik durch die Seele — rief: „Pürschl, Waldl, herein!" Und wie Zauber schien diese Stimme auch auf die Hunde zu wirken, denn sie machten augenblicklich Kehrt und näherten sich schmeichelnd der Herrin, die alsbald in der Thüre verschwand. Nach kurzer Zeit erschien dieselbe jedoch wieder mit einem Glase in der Hand, das wie Krystall in der Morgensonne funkelte; mir dasselbe darbietend sagte sie freundlich: „Verzeihen Sie den ungestümen Thieren, und darf ich Ihnen das Glas anbieten, falls Sie Durst haben." Ich weiß nicht, ich hatte in der Universitätsstadt mit manchem schönen Mädchen verkehrt, mit jeden: gescherzt, und die Mädchen mochten mich kecken Burschen auch nicht übel leiden, aber als ich dein holden Mädchen jetzt in's Gesicht sah, aus dessen blauen Augen es so wundermild leuchtete, und auf dessen edlen, freien Zügen eine Seelenruhe, Waldesfrieden gleich, ruhte, da starrte ich dieses liebliche Antlitz unbeweglich an und war so scheu, daß ich lange brauchte, um einige Worte des Dankes verlegen zu stottern. Erst nachdem ich getrunken hatte, war ich wieder Herr meiner selbst, und da ich mich als den Neffen des Pfarrers vorstellte, sagte das holde Kind lächelnd: „Ei! da dürfen Sie nicht an unserm Hause vorübergehen, was würde mein Vater dazu sagen! Besangen von einem holden Zauber folgte ich der Einladung des Mädchens und trat in das Haus ein, wo mich der Vater, der kgl. Förster Weber, ebenso freundlich begrüßte, wie seine Tochter. Es war das eine schöne, stattliche Erscheinung, der in Ehren ergraute Förster, ein echter, biederer, deutscher Waidmann. Sein Gruß war warm und vom Herzen kommend, und freudig schlug ich in die dargebotene Rechte ein. Als wir dann draußen in der Laube saßen, da erzählte er mir, wie er ein langjähriger und geliebter Freund meines Onkels sei, wie er schon lange Jahre auf dieser Fösterci sich befinde, wie sein Röschen hier geboren, wie nun sein treues Weib schon zehn Jahre todt sei, und der brave Mann ließ mich ganz in sein Herz blicken, das so brav und treu war, daß ick, mich gleich mit Liebe zu ihm hingezogen fühlte. Dabei war er so weich geworden, der rauhe Waidmann! Nun mußte auch ich erzählen von meiner Heimath, von meinen Lieben, von meinen Studien und von meinem künftigen Berufe. Der Alte lobte meinen Entschluß, Arzt zu werden, und Röschen gar drückte ihre Freude aus und sagte, wie das ein so schöner Beruf sei und wie man da soviel Barmherzigkeit üben und sich reichen Gotteslohn erwerben könne. Hätte mir sonst irgend Jemand diesen Beisatz gemacht, ich hätte mitleidig oder gar verächtlich gelächelt; jedoch von diesen Lippen kam es so überzeugend und wahr, daß es mir keineswegs lächerlich vorkam. Etwas Schönes und Beglückendes mußte er doch sein, dieser Glaube, da er den Zügen eines Menschen so den Stempel des Hehren und Erhabenen aufdrücken konnte, und Seelenruhe mußte er auch verleihen, so dachte ich mir und lauschte andächtig den schlichten Worten des sinnigen Mädchens. Lange saßen wir so beisammen, und es war mir, als hätte ich diese lieben Menschen schon lange gekannt und ich fühlte mich so heimisch, daß ich vermeinte, aus einem schönen Traume zu erwachen, als vom Dorfe her die Mittagsglocken grüßten und mich zur Heimkehr mahnten. Vater und Tochter nahmen herzlich töschwd und luden mich ein, sie ferner fleißig zu besuchen. Und ob ich der Einladung folgte! Jeden Tag war ich früh morgen schon draußen im Forsthause. Mußte ich dann Mittags im Hause meines Onkels sein, nachmittags war Ich gewiß wieder drüben im Forste, bald mit dem Förster den Wald durchstreifend, bald in traulicher Unterhaltung mit Vater und Tochter in der Laube, und als rauhe Winde stärker an den Herbst mahnten, drinnen in der heimischen Stube. Dabei ging eine seltsame Umwandlung in mir vor. Ich, der übermüthige, kecke Bursche, konnte stundenlang andächtig den Worten Röschens lauschen. Sie hatte es bald heraus- bekommen, daß es im Punkte der Religion schwach mit mir bestellt war und redete mir dann einfach, absr doch überzeugend zu, so daß ich allmählig fühlte, der Glaube müsse doch kein leerer Wahn sein. Alle meine wissenschaftlichen Ansichten wurden erschüttert durch den lebendigen Glauben in diesem Mädchen. Röschen schien sich auch des Erfolges ihrer Mission zu erfreuen und gewann mich sichtlich lieb. So kam denn die Zeit, da die Ferien zu Ende waren und die „ulmn mutör« mich wieder rief. Wehmüthig gestimmt nahm ich Abschied im Forsthause und auch Röschen war traurig, als ich ging. Ich meinte, Alles in dem stillen Forsthause zurückzulassen, all' mein Glück, Hoffen und Lieben. — In der Universitätsstadt angelangt, begann ich ein ganz anderes Leben, denn früher. War ich nicht im Colleg, so saß ich den ganzen Tag auf meiner Bude und studirte, oder meine Gedanken schweiften hinaus nach Grünthal und in's liebe Forsthaus. Meine Corpsbrüder wunderten sich sehr darüber. Die armen Jungens konnten nicht begreifen, wie ich, der flotte Bursche auf einmal ganz anders geworden. Aber bald hieß es: „Spatz — das war mein Kneipname — muß riesig verkeilt sein, jammerschade für das fidele Haus." Als ich dann doch hie und da die Kneipe besuchte, wurde ich weidlich geneckt und verdonnert. Aber als in einem groben „Flederwische" meine süßesten Gefühle empfindlich berührt wurden, blieb ich ganz aus und überließ es den Studenten ihre Glossen über mich zu machen. So kam der Winter und mit ihm die Weihnachtszeit. Wie ich da mein Ränzchen schnürte! nnd der Onkel war ganz verwundert, als ich mich bei ihm einquartierte. Er schüttelte lächelnd das greise Haupt, ahnte er doch, was mich mitten im Winter herausführte und hatte er das herzige Kind doch auch in sein väterliches Herz eingeschlossen. Als ich dann im Forsthause die Stube betrat, da schaute Röschen erst erstaunt auf, ihre großen, blauen Augen starr auf mich gerichtet; dann zog es plötzlich wie leuchtender Sonnenschein über ihr Antlitz. Der Vater war ebenfalls erfreut, wir rauchten zusammen und plauderten bis tief in die Nacht hinein. Röschen redete nicht viel, sinnend saß sie da und blickte-mich hie und da wundermild mit ihren treuen Augen an, daß mich jedesmal süßer Schauer überkam. Als ich dann durch den tiefen Schnee dein Dorfe zuwanderte, da glänzte draußen ein wundecfc!!. Nachthimmek, und die Sterne grüßten freundlich herab. Wie seliger Geister Gruß tönten durch die Nacht die Glocken, die zur Christmette riefen. Als ich mich dem Dorfe näherte, da waren die Fenster der Kirche hell erleuchtet, und leise tönte die Orgel. Mich zog's mit Allgewalt hinein in die Kirche, ich betete wieder wie in Kindestagen, und seliger Friede zog ein in mein Herz. Es war heilige Nacht! (Schluß folgt.) * Die Augen des Meeres. Von K. Reichn er. Motto: „In dein kleinsten Vaterlands Lernt der Mensch die Welt versteh'n." Ein jeder Mensch, mag er sein, wer und was er wolle, empfindet wohl tiefinnerlich jenen schönen Trieb, der gar häufig, bewußt und unbewußt ihn leitet, seine Handlungen beeinflußt — die Liebe zum Vaterlande, zur Heimath. Nun gibt es freilich Länder, schöne, sonnige Länder, bei deren Anblicke ein Jeder zu begreifen vermag, wieso es komme, daß heißes, sehnsuchtsvolles Heimweh den durch die Ungunst seines Geschickes, die Macht der Verhältnisse von seinem Vatcrlande Getrennten, fern von demselben befalle. — Wir vermögen das sprüchwörtlich gewordene Heimweh des freien Schweizer) nach seinen majestätischen Bergesriesen zu erfassen, das Gefühl des Deutschen — halb wohl, halb wehe — wenn er draußen unter Fremden plötzlich auf deutsche Laute, deutsche Sitten stößt, wir verstehen, daß dem Franzosen sein Paris, dem Italiener sein blauer Himmel an's Herz gewachsen ist — wir begreifen dies Alles und auch manches Andere noch, denn: „In dem kleinsten Vaterlands Lernt der Mensch die Welt versteh'»." Und in ihm, diesem kleinsten Vaterlande, liebt er die ganze Welt, ja liegt oft die ganze Welt für ihn. — Das ist der Zauber, der geheimnißvolle, der in dem süßen Laute: „Heimath" ruht, sei diese Heimath nun groß oder klein, bescheiden oder prächtig. Fast unbegreiflich aber erscheint die sonst so natürliche Liebe zum Vaterlands, zur Heimath, wenn es sich um eine Stätte handelt, welche dem unparteiisch, also kühler Urtheilenden, als eine ebenso gefahrvolle, wie trostlose, von Gott und den Menschen verlassene Einöde, eine Wüstenei im allerschlimmsten und weitgehendsten Sinne des Wortes erscheinen muß. Und solch' ein Vaterland sind die sogenannten — von den alten Friesen so gegönnten — „Oogen (Augen) des Meeres", im gewöhnlichen Leben unter dem Namen: „die Halligen" bekannt. — Umtobt von den Wogen der Nordsee, an der Küste von Schleswig-Holstein, liegen einige kleine Inseln, die letzten Ueberreste einer untergehenden Inselwelt, welche das Meer nach und nach verschlingt. — Kein Damm, keine Düne schützt diese kleinen Eilande, die nur um etliche Fuß das Meer überragen, die aus demselben hervorzulugen scheinen, als die Augen des Meeres. — Das sind die Halligen. — Wie Sie entstanden, darüber berichtet uns eine Sage: In grauen Zeiten, im Jahre 1300, lag einstens dort ein festes Land, das mehr als dreißig Kirchspiele umfaßte, die Perle von Nordfriesland, das Land „Nordstrand", durch schmale Wasserstraßen von den Inseln Führ und Amrum getrennt. Alle Halligen — damals noch keine Inseln — gehörten mit dazu — es war ein reiches, gesegnetes, ein fruchtbares Land, das Deiche und Dämme vor dem wilden Meere schützten. — Die Zierde Nordstrands aber bildete die reiche angesehene Stadt Nungholt mit ihren hohen Thürmen, stolzen Kirchen, stattlichen Häusern. — AuS allen Gegenden Frieslands, aus Sachsenland, aus Holstein, Schleswig und Dänemark, damals Grimmahorna genannt — kamen die Leute nach Nungholt geströmt, wo des Landes Produkte zu Markte gebracht wurden. — Aber mit dem zunehmenden Emporblühen der Stadt wuchs auch der Uebermuth ihrer Bewohner. — Den Segen des Wohlstandes nahmen sie als etwas Selbstverständliches hin, sie hatten keine Liebe zur Arbeit mehr, verlernten das Beten .— statt der Kirchenfeste feierten sie Trinkgelage und forderten in gottloser Frevelsucht ihr Geschick heraus, indem sie „den blanken Hans" (die See, weil sie grüne Wiesen in blanke Wasserflächen zu verwandeln vermag) spottend anriefen: „Kohm nu blanke Hans!" („Komm nun (doch), blanker Hans!") — Hielten sie doch die Erzählungen früherer Ueberschwemmungen für eitle Sagen, und ihre Dämme und Deiche für unüberwindlich stark. „Nordsee — Mordsee!" sagt ein altes Wort, und eine „Schisfbruchküste" heißt man diese Gegend; — „der blanke Hans" ist ein wilder, mordgieriger Gesell — er verschlingt Alles, was er bewältigen kann und legt hinterlistige Fallstricke, indem er Sandbänke bildet, zum Verderben der daran strandenden Schiffe. Und der blanke Hans läßt sich nicht zweimal rufen. — Er kam, er trieb gewaltige, sturmgepeitschte Wogenmassen gegen die festen Bollwerke und Schutzwälle, daß sie zerbrachen und zerbarsten, als wären sie von Glas. — Da stürzte sie herein, die widle Sturmfluth, in's nordstrandiger Land, im rasenden Ungestüm Alles mit sich fortreißend, Alles vernichtend. — Hin sanken die Kirchen, die Häuser, fort schwammen die Trümmer der Habe, fort die Leichen der Menschen und der Thiere; der blanke Hans war gekommen, wie man es gewollt, und weil man ihn herbeigerufen, und hatte das blühende Land in eine blanke Wasserfläche verwandelt. — Und nun blieb der blanke Hans, nachdem er einmal als Sieger Einzug gehalten, auch Herr des Landes, aber als kein milder Herrscher, denn tagtäglich erinnerte er an sein strenges Regiment, strömte sein Athemzug — Ebbe und Fluth — darüber hin. — Und als es Winter ward, da verwandelte ->?>.. — 301 — die blanke Wasserfläche sich zu einem blitzenden Eisspiegel, und als der Frühling kam mit seinen Stürmen, da sprang das Eis und barst mit lautem Klingen, und der blanke Hans stürzte befreit aus seinem Gefängnisse hervor, in dem er Winterschlaf gehalten, die Eisschollen erzitterten, sie wühlten den Boden auf, und verwandelten den Fleck, wo Rungholt einst gestanden und Alles ringsumher in eine öde Fläche von Sand und Schlamm, in ein „Watt." — Sy berichtet uns die Sage. — Thatsache ist indessen, daß gar manches „Watt" an jener Küste grau und öde aus dem Meere schaut — nackte, kahle Inseln, Wahrzeichen einstiger Stücke Land, Ueberreste auch von Halligen, denen die bösen Wasser- und Eismassen, die unerbittliche Sturmfluth, das dürftige Graskleid geraubt, die Menschen und ihre Habe vernichtet und eine feine Schlammdecke darüber gebreitet, in welcher statt der einstigen Bewohner, die dort lebten, starben und verdarben, nur noch kleines Seegethier seine Behausung aufgeschlagen, nur noch die Vögel brüten, wenn die Fluth sie nicht vertreibt, ihr Nest zerstört. — An einigen Stellen erblickt man gar den Meeresgrund, andere Wattenflächen sind mit „todtem Klei" bedeckt, wie die Friesen die blaue Thonerde nennen. Noch andere Watten tragen ein Kleid von reinem, gelben Sand. — Und aus den grauen Watten heraus ragen die grünen, leichtbegrasten Halliginseln, „die Augen des Meeres." — Es ist nicht jede Nordseeinsel eine Hallig — es werden nur die kleineren so genannt, welche weder Dünen (natürliche Bollwerke, Hügel, vom Sande des Meeres gebildet), noch durch Deiche oder Dämme (künstlich geformte Schutz- Wälle) gegen die unablässig andringenden Fluthen vertheidigt, und die drittens so stach sind, das; sie nur um etliche — 2—3 Fuß den Meeresspiegel überragen. Die größte Hallig besitzt einen Umfang von ungefähr 1000 die kleinste von etwa 16 Morgen — von einer einzigen Familie oder einer Einwohnerzahl bis zu einigen hundert Köpfen bevölkert. Fast jede größere Hallig pflegt ihre Kirche und ihren Prediger zu haben — ein schweres Amt, »ein hartes Loos für diesen, dort sein Leben zu vertrauern bei so bescheidener Wirksamkeit und unter Menschen, deren Fühlen und Denken ihm fast immer sremv ist und auch bleibt. — Zuweilen erhebt ein einzig Haus sein Strohdach nur auf einer Hallig, zuweilen aber steigt die Zahl der Häuser auch bis zu 70. — Das ist ein sonderbares Bauwerk, so ein Hallighaus — mühselig zu erbauen, mühselig zu erhalten. — Auf dem Erdboden einer Hallig kann man natürlich, der steten Ucberschwemmung des Meeres halber, nicht bauen, denn in jenen Zeiten ist er dem Meeresgrunde gleich zu achten, darum muß zuerst mit vieler Mühe und Sorgfalt eine „Werfte", ein künstlicher Erdhügel aufgeworfen werden. Da bei stürmischem Herbst und Winter die Sturmfluth 20—25 Fuß zu steigen vermag, so müssen diese aus Rasenstücken gebildeten Erhöhungen noch um einige Fuß höher stehen. Starke „Ständer" (Pfeiler) von Eichenholz werden durch den ganzen Hügel geführt, um das Haus zu stützen, und um die abspülende, stets bröckelnde und wühlende Macht und Gewalt der Wellen zu mindern, müssen die Wände dieses Hügels sich in schräger Linie abwärts senken. — Gewöhnlich steht auf jeder Werfte nur ein Haus auf einen: Raum, der meist nicht größer, als nöthig, um rings herum gelangen oder allenfalls noch ein Stückchen Gartenland pflegen zu können — doch kommt es auch wohl vor, daß eine ganze Häusergruppe wie ein kleines Dorf auf einer Werfte sich versammelt. — Zur Seite des Hauses finden sich die „Diemen" aufgerichtet, die Heuhaufen, über welche man geflochtenes Stroh, mit Steinen an den Enden beschwert, breitet. Oft halten solche Diemen länger als das ganze Haus beim Nahen der Sturmfluth, denn so fest wird das Heu mit der Zeit, daß man beim Gebrauche mit eisernen Spaten es abstechen muß, so hat der salzgetränkte Boden, dem es entsprossen, es getränkt — darum hält es sich auch so lange. „Altes Heu ist so gut als altes Geld", sagt das Sprüchwort. — Weil auf einer Hallig keine 302 — Quellen sich befinden und das salzig-bittere Mccrwasser völlig ungenießbar ist, so müssen die Bewohner auf andere Weise den Mangel an Süßwasser zu ersetzen trachten. — Deshalb besitzt denn auch jede Werft ihren „Fething" (Wasserbehälter), eine runde aus- gegrabene Vertiefung zum Auffangen und Sammeln des Schnee- und Rcgenwasscrs. — Mit diesem nicht eben wohlschmeckenden Wasser bereitet der Halligbewohner seinen Thee, kocht er seine Speisen, tränkt er sein Vieh. — Der Sage nach sollen in früheren Zeiten die Halliginscln die Wohlthat des Quellwassers besessen haben, weil aber wegen dieser Quelle Streit und Hader entbrannte, so ward sie böswillig durch Steine verstopft — da versiegte sie und kam nicht wieder, denn friesischer Volksglaube behauptet, daß aller Segen weiche, i.bald Mißgunst und Streit darob entflamme, und darum riesele nun keine klare Quelle mehr für die Halligen, darum sei es auch nichts jetzt mehr mit Fang von Fischen und von wilden Gänsen, nichts im Vergleich zu früher. — Wie nach andern Gegenden Vier und Wein, so wird zuweilen ein Fäßchen süßes Wasser nach den Halliginscln „importirt" von: Festland her, eine Delikatesse, ein Luxus, der in Zeiten der Noth, in trockener Zeit, zur unentbehrlichsten Nothwendigkeit sich steigern kann, sobald durch lange Dürren das Wasser in den Fethingen versiegt, das ohnehin stets von den salzigen Bestandtheilen des Wassers durchdrungen ist. Und nun zum Hause selbst! — „Gar herrlich ist das Haus gebauet und geziert, Wenn Gott des Herren Segen und Eintracht drin regiert." — Solche und ähnliche Sprüchlein und Lehren finden sich am Gesims und über den Thüren gar manchen Hallighäuses. — Ein jedes allfriesische Hallighaus trägt einen steinernen Giebel über der Hausthür, welche gleich dem Holz der Fenster dunkelgrün angestrichen ist — die Firste der Strohdächer sind mit Nasen belegt. Häufig zieren Malereien von Thieren und Wasserblumen die Stuben- und Bett- thüren oder die Simse, namentlich aber die oft blauangcstrichenen Wände der Zimmer, auf welchen man Abbildungen von Schiffbrüchen rc. findet, wie anderswo eine alte Familienchronik. — Ebenso sind Verse auch innerhalb der Häuser eine sehr beliebte Zierde. — Zum Beispiel über einer Stubenthür: „Wer ein- und ausgeht zu dieser Thür, Dcrselb' gedenke für und für, Daß unser Heiland Jesus Ehrist Die rechte Thür zum Himmel ist." Oder über der Thür einer Bettwand: „In Sturm und Wcllenbraus Behüte, Gott, mein Leben, Und um mein jchwacbcs Haus Laß Deinen Enge! -,l-n>eoen, Daß sich die wilden Wogen scheu'n, Wie Lämmer vor dein starten Len'n." So eine „Bettwand" gehört auch mit zu der knappen praktischen Naumvertheilung, zu welcher die Halligbewohner gezwungen sind. — Durch das einstöckige Hans führt der Länge nach ein schmaler Gang, von welchem man in ein Wohnzimmer (Dönsen) gelangt, das zugleich als Schlafgemach dient, indem sich mit Thüren versehen Nischen an der Wand befinden, die Bettwand, welche die Bettladen enthalten. — Auch manches andere Einrichtungsstück dieses Wohnzimmers bekundet dasselbe Bestreben nach denkbar möglichster Raumersparnis; — häufig wird ein Möbel für doppelte Zwecke benützt — so z. B. eine Bank zugleich als Lade, der eichene Eßtisch zugleich als Schrank, in welchem die Ueberreste der Mahlzeiten Aufbewahrung finden. An den Wänden stehen Truhen und Koffer, blau oder grün angestrichen und mit Jahreszahlen versehen; -— in denselben befinde: sich „des Hauses heimlicher Reichthum, der Leinwandschatz der Halligfrau." —, Ein altes Sprüchwort sagt: „Eine Tochter, die keine volle Leinenkiste mitkriegt in den neuen Haus- , __ 303 — I - stand, die weiß nicht, daß sie eine Mutter gehabt hat." — Doch auch dem Luxus ist ! gewisse Rechnung getragen in einem Hallighaus — gar manch' ein selten Stück aus sernen, sremden Ländern, das Männer oder Söhne einst von ihren Seefahrten mit heimgebracht, dienet zum Schmuck — auch Porzellan, ja Silberzeug befindet sich in einem i Glasschrank. — Neben dein Wohnzimmer, durch den kleinen Ofen geheizt, liegt die Küche — dann ? noch ein etwas größeres Stnatszimmer (der „Pesel"), benützt für festliche Gelegenheiten, als da sind Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnisse; ferner ein kleines Kämmerlein, und wir haben die Wohnräume eines Hallighauses schon beisammen, weil mindestens des Hauses Hälfte diejenigen Lokalitäten einzunehmen pflegen, deren man für die Viehzucht benöthigt, denn das ist der hauptsächlichste Erwerb des Halligmannes. Pferde gibt es auf einer Hallig zwar nicht, dagegen aber Rinder und Schafe, die das kurze, kräftige Halliggras ernährt. — Auch Schweine und etwas Federvieh birgt des Hauses gastlich Dach, und in sämmtlichen Ställen herrscht eine so holländische Reinlichkeit, daß dieselben sogar gescheuert (geputzt) werden, so gut, wie alle anderen Räume des Hauses. — Diese Reinlichkeit ist natürlich Sache der Halligsrau, zu derem Lobe sich eigentlich das Höchste sagen läßt, was man einer richtigen und echten Hausfrau soll nachsagen können — recht wenig nämlich. — Sie ist thätig, liebt Ordnung und Sauberkeit, ist , häuslich und still. Auf sie paßte treffend, was einmal ein berühmter Kanzelredner von einer rechten Frau gesagt: „Sie soll sein und muß sein wie die Glocken am Charfreitage, sie muß sich nicht viel hören lassen; — sie soll sein und muß sein wie eine Spitalsuppe, , die hat nicht viel Augen, also soll sie sich wenig umgaffen; —- sie soll sein und muß , sein wie eine Nachteule, die kommt sehr weinig an's Tageslicht. In Sonderheit aber soll sie sein und muß sie sein wie eine Schildkröte, und diese ist allezeit zu Hause, weil sie ihre Behausung mit sich trägt." Es ist geiviß, daß die umgebende Natur, die ganze Lebensweise des Menschen einen mächtigen Einfluß auf denselben üben — die großartige Oede der Scenerie, das weite, s wogende Meer, die stets drohende Gefahr haben bei jenem Menschenschlag den Stempel j des Kleinlichen, der oft der Welt anhaftet, mehr verwischt und Theile jenes Urwüchsigen § ihm erhalten, der im modernen Getreibe und Getriebe der belebten Gegenden zu Ver- ^ lüfte geht. —- Auf den Halligen haust noch ein tüchtigerer, kräftigerer Volksstamm, Neste ^ der alten Friesen, thätig, wortkarg, genügsam — auch sind die Halliginseln fast der einzige " Ort, wo noch die friesische Sprache (dem Englischen verwandt) am Reinsten sich erhalten — auf dem Festland wird sie meist gemischt gesprochen. — Und ebenso anhänglich wie an seine Muttersprache ist der Halligbewohner auch an sein Vaterland. Was für ein Vaterland, was für eine kahle, öde, trostlose Heimath ist dies! — Kein Baum, kein Strauch, kein wogendes Kornfeld, kaum ein bischen Gartenland trügt - der salzige Boden — nichts als das fahle, kurze Gras, das die Schafe und Rinder ! nährt, denn etwas Anderes lassen die immerwährenden Ueberfluthungen des Meeres ja nicht gedeihen. — Nur wenige Blumen strecken ihre bunten Häupter vereinzelt aus, der - Erde — vor Allem die violette Strandnelke, welche zum Kranz gebunden, den Neubau zieren muß, gleich wie an andern Orten die grüne Richtkrone oder der buntbeflaggte Tannenbaum. — Keine Wiesenquelle, kein klarer Bach windet sich durch das matte . Grün, nur tiefe Einrisse der See in das Land hinein mahnen daran, daß es ihr Eigenthum, nur stehende Salzwafferlachcn erinnern an den letzten, unwillkommenen Besuch ! des Meeres. — Auch die Natur hat keineswegs versöhnend die Heimath dieser Meerbewohner, „die Augen des Meeres", mit irgend welchen Reizen ausgestattet, —- Das Meereswaffer, dort, dessen regelmäßige Ueberschwcmmungen stets Hab' und Gut, ja Leben jährden, hat keine schönen, hellen, grünen Fluthen — nur gelblich-graues, trübes Wasser in welchem 304 garstige Rochen und Seehunde sich zeigen, da die Fische die starke Ebbe fürchten, denn mit Ebbe und Fluth treibt „der blanke Hans" tagtäglich ein sehr trügerisches Spiel. — Während der Ebbe scheinen wie durch Zauberspiel beim Zurückweichen der See einzelne der Inseln durch festen Boden miteinander sich zu verbinden, aber es ist nichts als Trug und Schein. — Der weite weiche Sandboden („Schlick"), der zum Beschreiben lockt, ist ja der Meeresgrund, und ehe der „Schlickläufer" (Der, welcher während der Ebbe über den Meeresboden von Insel zu Insel wandert) es sich versieht, fluggs, ist der blanke Hans, der nur im Hinterhalt des rechten Augenblicks zum Vorbrechen gelauert wieder da und stürzt in wilder Wuth auf sein Beute, die, von der Fluth überrascht, rettungslos verloren, nur als einsam fortgespülte Leiche noch diesen Ort verläßt. Was sonst die Halligen noch Denen bieten, die sie Heimath nennen? — In wenig Worten ist's gesagt: „Ein arbeitsames, einsam Leben voll Gefahren!" — Kein Verkehr mit der Welt, keine Verbindung nach außen, keine Genüsse der Erde, nicht heitere Geselligkeit noch lehrreiche Unterhaltungen, nicht Freiheit noch Reichthum — nicht einmal ein Kampf, ein ehrlicher Kampf um ihr Dasein, denn der Feind, der beständig auf der Lauer liegt, den er stets zu fürchten hat, und doch nicht fliehen, nicht besiegen kann, ist ebenso wachsam als tückisch und stark. — Bei einfachen Ucberschwemmungen steigen die Wogen zu den Werften empor, sie klopfen an die Wände und Fenster der Häuser und begehren gebieterisch Einlaß, sie klettern hinaus bis zum Strohdach und verschwinden dann wieder. — Wenn aber die wilde Sturmfluth sich naht, zugleich mit der Fluth auch der Sturm noch tobt und die empörten Wogen zur wildesten, ungcbändigten Wuth anstachelt, so ist kein Kampf, keine Rettung mehr möglich — nur ohnmächtiges, widerstandsloses Unterwerfen ist dann geboten. — Höher und höher steigen die Wasser, der Erdhügel wankt, die Pfeiler und Balken des Hauses erzittern, Alles rettet sich auf den Boden des Daches, doch auch dieser gibt endlich der verheerenden Wucht der Sturm- fluth nach, die in den untern Theilen des Hauses bereits die ganze Habe zerstört, zertrümmert, von dannen geführt. — Nimmt die Geivalt des Sturmes nicht ab, so ist in wenigen Minuten Alles rettungslos verloren, dem Tode geweiht — die letzten Pfeiler wanken, stürzen zusammen, sinken in das tiefe Meer, mit ihnen die Menschen, welche einstmals hier gewirkt, gelebt, gesehnt, gehofft, geliebt und gelitten. — Das ist die Heimath, das gar oft das Ende eines Halligbcwohncrs. — „Kiudlein in des Meeres Wiege, Eiland au der Wellen Brust, Wo der Mensch schifft kalt vorüber, Wo der Engel wohnt mit Lust." hat einmal ein Dichter gesungen von dieser „untergehenden Inselwelt", denn das sind die Halligen. — Mit unermüdlicher, bald gewaltsam, bald langsam andringender Beharrlichkeit verschlingen die grausamen Wellen allmählig die Neste dessen, was noch übrig geblieben. — Und doch liebt der Halligbcwohner seine Heimath nicht minder, als der Schweizer sein schönes Vaterland, liebt sie mit unverbrüchlicher Treue, hängt mit allen Fasern des Herzens an seinem gefahrvollen, traurigen, trügerischen Vaterlande. — Ob er auch andere, schönere, bessere Länder kennen lernte, stets zieht es ihn nach der Heimath zurück. — Zu ihr kehrt er zurück, sobald es sein Geschick ihm nur gestattet, dort baut er sich an — immer und immer wieder, und kommt die wilde Fluth, vertreibt ihn, überschwemmt, zerstört sein Haus, raubt ihn: die Habe und läßt ihm nichts als nur das nackte Leben — zu ihr kehrt er zurück und baut sein Nest auf ganz genau denselben Fleck hin wie zuvor — dort lebt er und beschließt er seine Tage, bis endlich „der blanke Hans" mit zähester Ausdauer doch Herr des Platzes wird. Dann erst werden auch die letzten, noch erhaltenen Spuren verwischt, verweht sein von den Halligen, „den Augen des Meeres." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarkschcn Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 39. 1880. zur „Ängslmrger Posheitimg." Samstag, 13. November Man muß einen Fehler mit Anmuth rügen und mit Würde bekennen. Kehrt man es um, so wird es das Ansehen haben, als ob der eine Theil seinen Vortheil zu sehr, der andere seinen Nachtheil zu wenig cmpsände. Schiller. Aus dem Tagebuchs eines allen Junggesellen. Von Alsons Planer. (Schluß.) II. Da lag das Paradies offen vor uns da, und nie hätte ich geglaubt, daß es so ganz anders hätte werden können. Doch die Schlange blieb nicht aus, und dießmal war's der Adam, der sündigte. Als ich Röschen in der Laube draußen fragte, ob sie »nein Weib werden wolle, da hatte sie leise geflüstert: „Ja", und in namenloser Seligkeit hatte ich sie an »nein Herz gezogen. Draußen sang die erste Frühlingslerche; durch den Wald fuhr ein Windeshauch, und die Tannen rauschten. Das dünkte »nir Segen, und die Schwalben zwitscherten fröhlich um die Laube, und das deutete ich als Glück. Ob sie Glück brachte»» ? Ja es waren Tage des reinsten Glückes, die uns nun aufgingen, nicht berauschend, nein, nur stille Seligkeit bringend. Wie schön »var damals die Welt. Frühling in der Natur, Frühling im Herzen. Doch zog auch da schon hie und da mir eine trübe Ahnung durch die Seele, und ich fragte mich oft, ob denn je ein Sterblicher »vohl dauernd ein solches Glück genossen? Und wieder mußte ich fort und Abschied nehmen. Ich sollte meinen „Doktor machen", und über's Jahr sollte dann Hochzeit sein. Der Abschied »var ein fröhlicher, wußten wir ja doch, daß eins dem andern gehörte für alle Ewigkeit. Gerührt reichte »nir der Vater die Hand, er freute sich ja über das Glück seines einzigen geliebte»» Kindes. Noch ein flatterndes weißes Tuch in den Lüfte»», eine Kußhand, ich schwenkte »»»einen Hut noch einmal, und der Wald trennte uns. Und wieder kam der Herbst, und die letzte»» Ferien wollte ich »nieder in Grünthal zubringen. Der Onkel empsing inich freundlich, und nach der ersten Begrüßung »var ich schon wieder auf dem Wege in das Forsthaus. Durch die Laube sah ich helle Gewänder schimmern, und jubelnd wollte ich hineinstürzen. Doch »vas war das? Da saß allerdings Rosa, aber neben ihr noch ein Mädchen. Gebannt blieb ich stehen. Wohl nicht le» cht mochte man zwei schönere Mädchen finden, als wie sie da vor »nir saßen. Das blonde Röschen, reizend und von» zauberischen Glänze reiner Jungfräulichkeit übergössen, ein Engel an Schönheit, daneben ein herrlich gewachsenes Mädchen mit dunkeln feurigen Augen, aus denen Geist und Jugend blitzten, ein klassisches blasses Profiel mit einem reizenden Lächeln auf den rothen Lippen, die edle Stirn umrahmt von einer Fülle rabenschwarzen Haares. Röschen war freudig aufgesprungen und »nir entgegengeeilt. Nach den ersten Begrüßungen stellte sie mir ihre Cousine Bettina, die Tochter eines angesehenen Musikers der Residenz, vor. Bald saßen wir iin traulichen Gespräche beisammen. — Bettina entwickelte eine glänzende Unterhaltungsgabs. Ich »var bald ganz in Beschlag 306 von ihr genommen, und Röschen hörte nur still lächelnd zu. Am Abend kam der Förster aus dem Walde, und nun blieben wir noch lange beisammen, bis der Mond hoch am Himmel glänzte. Ich kam des andern Tages wieder und jeden folgenden Tag. Bettina blieb auch; ich wurde jeden Tag vertraulicher mit ihr, so das; ich indes; nicl^ merkte, wie Röschens Wangen anfingen bleicher zu werden. Da kam der letzte Tag der Anwesenheit Bettina's. Ich hatte das geistreiche übermüthige Mädchen, das stets voll Neckereien und toller Streiche war, liebgewonnen, ja mich zu sehr in die schwarzen Augen vertieft. So saßen wir die letzten Stunden allein in der Laube, denn Röschen war in's Dorf gegangen, einem kranken Holzhauer stärkende Speisen zu bringen. Bettina war stiller, wie sonst, ihre Stimme klang weich, fast wehmüthig. Sie sprach davon, wie glücklich ich bald sein werde, wie sie wohl oft an mich denken und wie ich sie bald vergessen werde. „Nein das werde ich nie", rief ich betheuernd aus und küßte sie. Da grollte draußen ferner Donner, und ein Blitzstrahl erhellte grell die Laube, und vor uns stand Röschen, bleich und mit den blauen Augen mich groß anschauend. Mit einemmale war ich wieder erwacht von meinem wilden Taumel, der mich plötzlich erfaßt, und von Scham überwältigt, stürzte ich Röschen zu Füßen. Doch sie war fort. Sinnenlos stürzte ich fort, nicht achtend, daß drohend schwarzes Gewölks den Himmel bedeckte. Bald brach auch das Unwetter mit furchtbarer Wucht los. Der Sturm wüthete, daß die Tannen ächzten unter seiner Kraft, grelle Blitze erleuchteten der Wald, der Donner krachte und ein wahrer Wolkenbruch rauschte hernieder. Doch was kümmerte mich all' das. Ich sah nur Röschens bleiches Gesicht und die ernst mahnenden blauen Augen. So irrte ich im Walde umher, und das Gewitter hatte längst aufgehört, als ich ganz durchnäßt nach Hause kam. In jener Nacht habe ich kein Auge zugethan, und erst am Morgen überfiel mich ein wohlthuender Schlaf, aus dem ich erst gegen Mittag erwachte. Ich mußte bleich ausgesehen haben, als ich zu Tische kam, da mich der Onkel sorglich fragte, ob ich denn krank sei. Ich gab eine ausweichende Antwort und zagenden Herzens machte ich mich Nachmittags auf den Weg in den Forst. Im Forsthause war Niemand anwesend, als der Jägerbursche, der sagte, der Förster sei in dienstlichen Angelegenheiten in die Residenz gereist und Röschen sei mit Bettina ebenfalls dahin abgegangen, um längere Zeit dort zu verweilen. Ich sah nun, daß ich mein Spiel verloren und mein Glück leichtsinnig verscherzt hatte. Ich ging betrübt fort, und im Walde warf ich mich in's kühle Moos und mußte bitterlich weinen. Ich verweilte in Grünthal noch einige Tage, die ich dazu benützte, durch den Wald zu streifen und meinen trüben Gedanken nachzuhängen. Dann packte ich meine Effekten und ging an meinen neuen Bestimmungsort ab, wo ich als Arzt meine Praxis eröffnete. Ich schrieb einigemale an Röschen Briefe, worin ich flehentlich um Verzeihung bat. Endlich kam die Antwort, sie habe mir verziehen, jedoch seien wir vor der Hand geschieden, sie wolle meinem anderweitigen Glücke nicht im Wege stehen und die Zeit müsse erst lehren, ob meine Gesinnungen von Dauer seien. Alle weiteren Briefe kamen uneröffnet zurück. Was ich den Winter über gelitten und geduldet, das weiß Gott allein. III. Der Winter war vorüber und die ersten Blümlein sproßten. Es war Osterzeit. Die Feiertage, wollte ich bei meinem Onkel zubringen, und nicht ohne Hoffnung, auf ein Zusammentreffen mit Röschen reiste ich ab. Der'Onkel empfing mich ernster als sonst; er wußte wohl um das, was zwischen mir und Röschen vorgefallen war. Als wir bei Tische saßen, bemerkte der Onkel, er würde Nachmittags in das Forsthaus gehen, da Rosa schwer, zum Sterben schwer krank sei. Ich solle ihn begleiten. Was ich dem -Onkel antwortete, weiß ich nicht; ich kann mich nur noch erinnern, daß es mir dunkel vor den Augen wurde und ich Mühe hatte, nicht über den Stuhl hinabzugleiten. Nach Tisch machten wir uns auf den Weg. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Der Onkel war schweigsam, und ich war vollends zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als dqH 307 ich an das Reden gedacht hätte. Unter der Thüre des Forsthauscs erwartete uns oder vielmehr den Onkel schon der Vater, der uns stumm die Hände reichte. Der sonst starke Mann hatte Thränen im Auge. Der Onkel betrat das Krankenzimmer und hieß mich warten. Nach einer Viertelstunde, die mir eine Ewigkeit dünkte, kam er heraus und sagte mir, Rosa wünsche mich allein zu sprechen. Mit welchen Gefühlen betrat ich den mir heiligen Raum. Da lag das einst so blühende, liebliche Wesen bleich und abgemagert auf seinem Schmerzenslager; nur zu gut sah ich, daß das theure Leben am Erlöschen sei. Nur die Augen leuchteten wie sonst milde und seltsam klar. Ich kniete nieder und benetzte die dargebotene Hand mit heißen Thränen. Röschen redete freundlich, tröstete mich und sagte, wie sie mich noch immer liebe. Ich war trostlos und weinte in namenlosem Schmerze. Sie sagte lächelnd: „Theodor, jetzt weiß ich's, daß Du mich noch liebst, vergiß mich nicht, wenn ich nicht mehr bin." Dann zuckte eS seltsam um ihre Lippen, ihr schönes Auge blickte mich fragend und ängstlich an. Dann lächelte sie mich an und blickte auf das Crucifix, das sie krampfhaft in der linken Hand hielt. Ich war ängstlich aufgesprungen und hatte sie umfaßt. Ich hielt einen kalten Körper in meinen Armen, Ruhig war ihr sanfter Geist entschwunden. Ein leiser Windhauch fuhr durch die Linde, die mit ihren grünen Zweigen zum Fenster hcrcinnickte. Drunten im Garten flötete eine Amsel ihr erstes Frühlingslied. Mir drohte es das Herz zusammenzuschnüren, dann schwindelte es mir vor den Augen, und bewußtlos brach ich zusammen. Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem Zimmcr des Pfarrhauses. Der Onkel saß an meinem Bette. Er drückte mich sanft in die Kissen zurück. Allmälig kam mir das Geschehene zum Bewußtsein. Ich wollte ausstehen und sie noch einmal sehen. Ueber die sanften Züge des Onkels glitt ein schmerzliches Zucken und traurig sagte er: „Armer Junge, Du hast lange geschlafen, Röschen ruht schon zwei Tage drüben auf dem Kirchhofe." — Da zog wildes Weh durch mein Herz und weinend sank ich zurück. — Nur langsam erholte ich mich wieder. Ein Ncrvenfieber hatte mich an den Rand des Grabes gebracht, nur die Jugendkraft hatte Widerstand geleistet. Als ich endlich, noch immer schwach, das HauS verlassen durfte, war mein erster Gang auf den Fricdhof. In einer traulichen Ecke hatten sie Röschen gebettet, auf ihrem Grabe blühten die ersten Rosen, eine junge Tanne beschattete den Hügel, in dem auch mein Glück begraben lag. Lange blieb ich dort bei dem theuern Hügel und hätte am liebsten auch gleich mein Haupt niedergelegt zum Sterben. Doch habe ich damals gelobt, ihrem Grabe stets nahe zu bleiben, und ich hab's auch so gehalten. Als ich wieder hergestellt war, kaufte ich mir in Grünthal ein schmuckes Häuschen und eröffnete meine Praxis. So bin ich jetzt schon über dreißig Jahre einsam geblieben, und zu dem ersten Grabe sind noch zwei gekommen, die mir theuer sind, das Grab des Försters und das meines Onkels. Ich hüte sie treu und sobald der Frühling immer kommt, sprossen unzählige Blumen auf den theuern Grabeshügeln. Jeden Abend gehe ich hinüber, dort zu beten, und da rauscht es manchmal seltsam durch die Aeste der Tanne über Röschens Grab, und das kommt mir stets vor. wie ein Gruß von ihr. So warte ich denn, bis sie auch mich begraben unter der grünen Tanne und ich vereinigt werde mit meiner todten Braut, mit Röschen. Reisebilder aus der Herzegowina. Es war im Monate Dezember 1878, als ich nach einer stürmischen Seereise auf dem adriatischcn Meere über Spalato und Eign in dem auf dem Gebirge Prolog gelegenen Bilibrig ankam, um mich durch den in diesem Gebirge gleichnamigen Paß nach Livno zu begeben. Die Straße von Spalato bis Bilibrig läßt nichts zu wünschen übrig, bis hieher hatte ich auch den Weg per Wagen zurückgelegt: sobald man aber die dalmatinische Grenze bei der auf der Höhe des Bergrückens gelegenen (sonst türkischen) Palanke Prolog 308 erreicht hat, hört die Gemüthlichkeit und die Möglichkeit des Wagenverkehres auf; denn der Abfall ist außerordentlich steil und der Weg mit Felsspitzen derart übersät, daß an einzelnen Stellen sogar Saumthiere schwer dort fortkommen können. > Aus diesem Grunde hatte ich mir in Bilibrig, welches nur aus einem Zollhause nebst den nöthigen Waarenmagazinen besteht für mich, und meinen Diener zwei Türken mit ihren vier Tragthieren aufgenommen, und so zogen wir denn in Gottesnamen weiter. Es wurde Abend, endlich finstere Nacht, die eisige Bora heulte ihr bekanntes Lied und jagte dichte Schneemassen vor sich her; hiezu noch tiefer Schnee und Glatteis, so daß ich nach beiläufig einer Stunde Marsch, als der Abstieg gar zu steil wurde, absitzen und zu Fuße weiterwandern mußte, um nicht in einen der vielen oft viele Meter tiefen Abgründe zu stürzen. Dieses zu Fuß Wandern ist eigentlich eine Erholung; denn das Reiten auf einem hölzernen, mit einer schlechten, dünnen Decke versehenen thurmhohen Packsattel, statt der Steigbügel Stricke, auf einem schwachen mageren Thiere gehört eben nicht zu den Genüssen des Paradieses. Zu bemerken ist noch, daß auf dieser sogenannten Straße von Schutzmauern oder Barrieren keine Spur vorhanden ist. Den Türken kümmert es sehr wenig, ob da Menschen und Thiere hinabstürzen oder nicht, er raucht seinen Tschibuk und setzt, dem Fatum vertrauend, seinen Weg in ruhiger Beschaulichkeit auf seinem kleinen Pferde fort. Dieser Weg ist die einzige Handelsverbindung zwischen Dalmatien und Livno, der ganze durch die österreichische Occupation Bosniens und der Herzegowina so sehr gesteigerte Gütertransport, welcher mittelst Tragthieren betrieben wird, geht über diese Linie und ist diese Straße durch dieselben so ausgetreten, daß sich den ganzen Abhang entlang förmliche Hügel und Thäler gebildet haben; Hügel von Hügel ist etwa einen starken Mannesschritt entfernt und man muß von einer Erhöhung zur anderen wie eine Gemse springen, was bei Schnee und Glatteis gewiß nicht den Annehmlichkeiten des Lebens beigezählt werden kann; oft verengert sich der Weg so sehr, daß man nur knapp an einem Abgrunde vorüberkommen kann, während sich auf der anderen Seite der Fels steil wie eine Mauer erhebt. Der eisige Sturm, das Schneegestöber und die hiedurch vermehrte Finsterniß des Abends, sowie die eben geschilderten Schwierigkeiten der Passage bestimmten nun auch meine Türken, trotz ihres Kismet-Vertrauens von ihren kleinen Thieren herabzukriechen, welchen sie sonst nicht leicht eine Erleichterung gewähren, sollte auch die arme Creatur vor Müdigkeit unter ihrer Last zusammenbrechen — aber es galt ihr eigenes theures Ich! - So wanderten oder vielmehr hüpften wir durch volle vier Stunden weiter, bis wir durch eine tiefe Schlucht und ein dünnes Tannengehölz etwa um 11 Uhr Nachts am Fuße des Prolog ankamen. Hier sollte sich, wie mir die Türken sagten, ein Han (türkisches Gasthaus) befinden — Han Prolog genannt — wo ich meinen müden, erstarrten Gliedern und meinem nach Nahrung verlangenden Magen einige Erholung zu verschaffen hoffte; allein der viel- gcrühmte Gasthof wollte sich nicht zeigen; so viel ich mich auch zu orientiren bestrebte, ich war nicht im Stande, irgend ein Gebäude zu entdecken, bis mir endlich besagte Türken einen rechts von der Straße gelegenen, aus Weidenruthen geflochtenen Gegenstand wiesen, d r eine täuschende Ähnlichkeit mit einem riesigen Korbe hatte. Hier also sollten wir unsere müden Häupter hinlegen! Die Pferde wurden in einer weiter abseits gelegenen verfallenen Ruine eines primitiven Schuppens untergebracht, dessen morsches, mehr illusorisches als wirkliches Strohdach dieselben nur wenig vor der Tücke des Wittcrs schützen konnte; ich selbst mit meinem Diener aber kroch durch eine niedere, enge ^effnung in den besagten Korb. Beinahe der ganze innere Raum war durch sechs Türken besetzt, welche um ein auf dem Fußboden brennendes Feuer mit untergeschlagenen Beinen saßen, den obligaten 309 Tschibuk rauchend und den dem Türken gleich unentbehrlichen mit dem Satze gekochten .Kaffee schlürfend. Durch die luftige Bauart dieses Hotels war für eine genügende Ventilation gesorgt, sonst hatte man bei dem Abgänge einer Esse in dem engen Raume im Rauche ersticken müssen, obgleich diese natürliche Ventilation im Winter bei Schnee und Sturm auch ihre Uebelstände hat; jedenfalls ist aber ein Schnupfen oder Rheuma dem Erstickungstode vorzuziehen. — Bei meinem Eintritts in diesen reizenden Raum stellte sich mir als Wirth ein riesiger Dalmatiner von mehr als zwei Meter Höhe und proportionirtem Körperbaue vor. Nachdem er in einem österreichischen Infanterieregimente als Unteroffizier gedient und seinen Abschied erhalten, hatte er sich kurz nach Beginn der österreichischen Occupation hier niedergelassen und war Wirth und Baumeister in einer Person. In seiner Nationaltracht, der nach orientalischer Art geformten kurzen Jacke von dunklem Wollstoffe, dem oben breiten, vom Knie aber engen Beinkleids von gleicher Farbe, einem rothen türkischen Shawl um die Hüften und einem turbanartig um den Kopf gewundenen braunen mit rothen Streifen versehenen Tuche, dessen Enden an der linken Seite herabhingen, machte er einen, wenn auch fremdartigen, doch eigenthümlich malerischen Eindruck; hiezu die sechs auf der Erde um das Feuer sitzenden Türken, welche mit echt orientalischer Grandezza ihren Tabak dampften — fürwahr, eine für das Skizzenbuch eines Malers gewiß sehr dankbare Gruppe! Wie ich später erfuhr, war dies eine Abtheilung von Zaptiehs, türkische Sicherheitswache, mit ihrem Aga, welche nun im Dienste der österreichischen Regierung auf einer Patrouille begriffen waren, da die Gebirge noch eine Menge Malcontenter und Raubgesindels beherbergten. Um meinen erstarrten und ermüdeten Gliedern etwas Erholung zu verschaffen, nahm ich auf einem vom Wirthe herbeigeschafften Holzblocke gleichfalls am Feuer Platz und wurde vom Aga mit echt türkischer Gastfreundschaft mit einer Tasse Kaffee und einer Papiercigarrette bewirthet, welche ich, um nicht unnöthig zu beleidigen, auch annahm. Der Türke ist im Stande, stundenlang auf demselben Orte zu sitzen und das Kräuseln des seinem Munde und Tschibuk entströmenden Dampfes zu bewundern. Wenn man einen solchen Raucher beobachtet, wie er mit ernstem Gesichte, nachdenklich scheinendem Blicke und statuengleicher Unbeweglichkeit vor sich hinstarrt, so sollte man ihn mit den ernstesten Problemen des Menschengeistes beschäftiget glauben — aber es ist nichts, er denkt eben gar nichts. Den neueren Türken scheint der Tschibuk doch zu einförmig geworden zu sein, sie greifen daher, um eine Abwechslung in ihr Leben zu bringen, nun auch zur modernen Cigarrette; wohl die einzige Errungenschaft, welche die europäische Cultur bei ihnen gemacht hat, wie ich mich während meines Aufenthaltes im Vilajet von Bosnien und der Herzegowina genügend zu überzeugen Gelegenheit hatte. Auf meine Anfrage, was meinem und meiner Leute hungerndem Magen geboten werden könnte, bot mir der Hotelier schwarzen Kaffee, türkisches Brod (Kruha genannt) und harte Eier als einzige vorräthige Nahrungsmittel an. Nun, dem Hungrigen ist bald gekocht — aber das Brod war trotz dem besten Willen nicht zu genießen, es hat einen dem civilisirten Europäer unerträglichen Geschmack und ist trocken wie Sngespäne; der Hauptbestandtheil dürfte wohl dumpfiges Mais- oder Kukurutzmehl gewesen sein, der Türke und Bosniake verspeist aber diese Kruha mit dem größten Appetite. Glücklicherweise hatte mein Diener von Spalato her noch einen Nest von Wein, kalter Küche, Thee und Rum vorräthig, für mich und den Diener war also einigermaßen gesorgt. Die türkische Gesellschaft saß noch immer in tiefer Beschaulichkeit in ihrer vorigen Stellung, in der Mitte der Aga, eine kräftige Gestalt mit langem weißen Schnurr- und Bollbarte, den rothen Feß auf dem kahl geschorenen Kopfe, einen schlafrockartigen dunkelblauen Kaftan mit Fuchspelz verbrämt, im Gürtel (einem rothen Shawl) türkische Pistolen und Handschar, den türkischen gekrümmten Säbel, zur Seite sein langes türkisches Gewehr von alterthümlicher Form; rechts und links um ihn herum seine fünf Beg^'.wr i.. i.hv lichem Costume und gleicher Bewaffnung. Diese Leute würden, im Gebirge ooer auf offener Straße begegnet, gewiß den Eindruck von blutdürstigen räuberischen Insurgenten gemacht haben (von welchen sie sich im Acußeren auch gar nicht unterscheiden), während sie zu deren Verfolgung ausgezogen waren. Den in österreichische Dienste getretenen ZaptiehS (Gendarmen) waren natürlich die Waffen belassen worden, während alle Bewohner der occupirten Länder entwaffnet waren, mit Ausnahme jener, welche sich noch in den Gebirgen herumtrieben. Um die Bewirthung des Aga wett zu machen, trug ich ihm ein Glas Wein an; er jedoch berührte ganz majestätisch mit der rechten Hand Brust, Mund und Stirne und verbeugte sich ablehnend, da er Wein nicht trinken dürfe, denn der Genuß desselben sei dem Moslim im Gesetze verboten; Thee mit Rum jedoch wurde von den Türken dankbar angenommen. Ich habe überhaupt die Erfahrung gemacht, daß der gemeine Türke die Vorschriften seines Glaubens mit großer Strenge befolgt, wogegen der reiche, „civilisirte", wenn nicht ein zweiter Türke zugegen ist, auch Wein trinkt; meist beginnt wohl die Civilisation mit der Vernachlässigung der Gesetze der Religion, was man häufig „Aufklärung" zu nennen beliebt. Nachdem ich nun mein etwas frugales Mahl beendet und manche Cigarrette verdampft hatte, war es weit über Mitternacht geworden und ich forschte bei meinem Wirthe, wo ich denn mein Nachtlager aufschlagen könnte? Aber da war guter Rath theuer. Endlich wurde doch etwas altes Stroh herbeigeschafft, auf welchem wohl schon so mancher Bosnier oder Türke geruht haben mag, und in einer Ecke des Wcidenpalastes aufgeschüttet. — Die Strapazen des Tages hatten das Ihrige gethan und ich entschlief sehr bald« Allein nicht lange sollte meine Ruhe währen; eine blutdürstige Bande stürzte über mich her, ärger als fanatische Moslim, braune, schwarze und weiße Feinde in einer Unzahl hatten es auf mein Blut abgesehen. Erschrocken sprang ich von meinem sybaritischen Lager auf, und siehe, das sämmtliche Stroh hatte Leben bekommen, das bewegte und regte sich Alles, „bewegte tausend Gelenke zugleich"; ich und mein Diener hatten die größte Mühe, um uns nur einigermaßen von diesem scheußlichen Gezüchtc zu befreie»; von weiterer Ruhe war nun natürlich keine Rede mehr. Pulver in gehöriger Ounntität (Insektenpulver nämlich) befreite mich endlich von meinen Feinden und ich verließ gegen Morgen das mit Tausenden von feindlichen Leichen bedeckte Schlachtfeld. Das Grauen des Morgens fand bereits die Karawane zur Abreise gerüstet, ich bestieg meine Nosinante, und fort ging es über die mit tiefem Schnee bedeckte Ebene. Beide Seiten des Weges sind hier mit Ausnahme der heißesten Sommermonate mit wenigen Unterbrechungen ein fortlaufender Sumpf. Der einzige Abfluß der Gewässer dieser Gegend ist ein links von der Straße bei Han Prolog befindliches trichterartiges Loch, Ponor (Schlund) genannt, welches aber viel zu enge und klein ist, um diese enormen Massen von Wasser aufzunehmen. Nur in den heißesten Sommermonaten vertrocknen die Sümpfe, aber nur thcilwcise, weil sie durch die geringeren Niederschlage aus dem Knrstgcbirge weniger Nahrung erhalten, dafür wird aber auch die Luft verdorben und die Miasmen, welche im Winter und Frühjahre durch die Vor« zerstreut und durch die Kälte zerstört werden, erzeugen oft sehr gefährliche Fieber. Der Weg von Han Prolog bis Livno ist häufig von diesen Sümpfen durchbrochen, so daß die Pferde oft bis über die Sprunggclenke versinken; ja bei nicht genauer Kenntniß des Weges ist die Gefahr vorhanden, daß Roß und Reiter zu Grunde gehen. Dieser Weg ist nun durch die österreichischen Pionniere und Genietruppen recht gut hergestellt, zur Zeit aber, als ich dieses Weges zog, hatte ich noch die Gelegenheit, ihn in seiner vollen, ursprünglichen türkischen Beschaffenheit kennen zu lernen. 311 Im Thale war die Temperatur bedeutend niedriger als gestern auf dem Prolog, und Sturm und Schneegestöber hatten heiterem, ruhigem Wetter Platz gemacht; Wasser und Sümpfe waren unter dem Schnee nur mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, so daß die Pferde fast bei jedem Schritte einbrachen, und wären die beiden Türken nicht als Führer vorausgeritten, ich hätte wohl kaum Livno erreichen können, da der Weg mit Schnee bedeckt und durch gar nichts markirt war; so mancher Reiter sammt Pferd ist i„ diesen Sümpfen schon versunken, um nie mehr das Licht der Sonne zu schauen. Oft begegneten wir langen Karawanen von schwer mit Gütern beladenen Thieren, welche unter ihrer Last kaum fortkamen, die Treiber oft noch auf dem schwer bepackten schwachen Thiere selbst sitzend; der Türke preßt die letzte Kraft aus dem armen, fast immer schlecht genährten Thiere erbarmungslos aus, häufig sah ich verendende und bereits verendete Thiere. Welch einen großen Wirkungskreis würden hier Thierschutzvereine finden! Die Scenerie bietet sehr wenig Reize; der Horizont ist von Gebirgen begrenzt, welche beinahe bar aller Vegetation sind; auf den Feldern ist kein Baum zu sehen, an den Sümpfen hie und da einige verkümmerte Weiden und in den sehr spärlichen Ortschaften und bei einzelnen Hütten wenige verkrüppelte, kümmerlich aussehende Obstbäume, überall aber Schmutz und Verwahrlosung. Die Gebäude sind größtentheils von Flecht- werk, theilweise mit Lehm angeworfen und mit Stroh gedeckt, oft nur Ruinen; die Bewohner zerfetzt, armselig und verkommen; der Eindruck, den Türkisch-Kroatien auf mich machte — denn dieses war eS, welches ich eben betreten hatte — war ein sehr trüber; ich glaubte mich nach Asien versetzt, so fremdartig berührt Alles, dem man in diesen Gegenden begegnet. Nachdem wir mehrere Stunden marschirt, zeigte mir Ibrahim, einer meiner beiden Türken, mit fröhlichem Antlitze seine Heimath Livno, das gelobte Land, wo ich zeitweilig meinen Aufenthalt nehmen sollte. Wir ziehen in einem Thale gegen Westen dahin, welches zu beiden Seiten, von Norden und Süden, von hohen, kahlen, der Karstformation ungehörigen Gebirgen begrenzt ist; diese Gebirge werden nur durch das Severano Blato (nördlicher Sumpf) durchbrochen, welcher sich viele Meilen weit gegen Nordost und Südwest erstreckt und durch die Niederschlüge aus den angrenzenden Karstgebirgen gespeist wird. Der Weg führt über die Bäche Brina, Stadba und Bistrica, welch letzerer in dem Livnoer Gebirge entspringt; die steinernen Brücken, welche hier angebracht sind, ohne Geländer oder Schutzmaucrn. Ueberhaupt sind sowohl Brücken, als Straßen unh Wege in Bosnien mit Ausnahme jener, welche durch unsere Truppen hergestellt wurden, im elendesten Zustande; die einzige Brücke über die Bistrica vor dem Eingänge nach Livno ist europäisch d. h. gut, und wurde durch die in Livno stationirte Geniecompagnie hergestellt. Auf den meisten anderen Brücken können kaum zwei Menschen, geschweige denn Pferde nebeneinander gehen; zudem ist das Steinpflaster elend, aus unbehauenen, spitzen Steinen, sogenannten Katzenköpfen, hergestellt, so daß die Passage besonders zu Pferde oder Wagen, wirklich oft lebensgefährlich ist, da ein falscher Tritt, namentlich zur Winterzeit, den Sturz beinahe unausweichlich macht. Von der Ferne gesehen, macht die Stadt Livno, wie die meisten Städte des Orientes, mit ihren zahlreichen schlanken Minarets, ihrem auf der Anhöhe gelegenen Schlosse einen höchst malerischen Eindruck, man glaubt sich ganz in den Orient versetzt; der größte Theil der Stadt steigt hoch an den Felsen hinauf, die Häuser sehen, durch das Binocle betrachtet, sehr sauber und zierlich aus — meine Türken waren des Lobes voll; ich freute mich bereits nach meiner beschwerlichen Reise auf ein gutes Unterkommen, aber wie bald sollte ich von der Wirklichkeit belehrt werden, wie sehr der äußere Schein trügt. (Schluß folgt.) 312 M i s c e l l e. (U eb e r tr u mp st.) Ein Engländer: „Sie werden kaum glauben, in welch' merkwürdiger Weise ich zu meiner Frau gekommen -bin. Ich unternehme einmal eine Spritzfahrt nach Konstantinopel und fahre mit einem Boot dicht bei den Mauern des Serails vorüber. Plötzlich wird ein Fenster geöffnet und ein schwerer Sack fallt unweit meiner Gondel in den Bosporus. Mit Hilfe meines Fährmanns bin ich so glücklich, den Sack herauszufischen. Aber denken Sie sich mein Erstaune»: als wir den Sack öffnen, kommt eine junge Fran zum Borschein, die, obschon vor Schreck sehr bleich, von wunderbarer Schönheit ist. Sie schildert mir mit einigen überzeugenden Worten und Geberdcn ihre Unschuld an der Eifersucht des Sultans, der sie zum Tode verurlheilt hätte, so daß sie ihr Leben nur meinem Nettungswerke verdanke. Da ich mich in günstigen Verhältnissen befand und sie ihre gute Abkunft beweisen konnte, nahm ich sie zur Frau. Ist das nicht merkwürdig?" — Amerika n e r: „Das will noch gar nichts sagen gegenüber dem Vorkommnis;, welches mich zum glücklichsten aller Sterblichen machte. Ich bade einmal, nur mit einer Schwimmhose bekleidet, im Hudson und habe mich dabei ziemlich weit vom Ufer entfernt, als eins der Häuser in der Nähe des Strandes in Brand gerüth. Derweilen ich mich nun beeile, das Ufer, wo meine Kleidungsstücke liegen, zu gewinnen, kommt eine der riesigen neuen Dampsfeuerspritzen angerasselt und in meinem blinden Eifer gcralhc ich beim Schwimmen dicht an das Saugrohr derselben, welches man bereits in den Fluß gejährt hat. Ein plötzlicher Ruck, ein fürchterlicher-- Druck, der alle meine Gliedmassen zu sprengen droht und im nächsten Augenblick fliege ich halb bewußtlos zwei Stock hoch in die brennende Wohnung und in die Arme einer jungen Dame, welche mit schon brennendem Kleide nach Hilfe rufend am Fenster steht. Der Wasserstrahl, der mich in die Höhe schleuderte, löschte die Flammen, aber die Unglückliche verlor vor Ueberraschung und Schreck die Besinnung. Ich hatte noch Geistesgegenwart genug, ihr vorher zuzuflüstern: „Wollen Sie die Meine werden, mein Fräulein?" worauf sie mit erlöschender Stimme antwortete: „Auf ewig!", dann sank sie kraftlos in meine Arme. Als Alles vorüber war, erfuhr ich, daß sie unabhängig und Erbin von 20 Millionen Dollars war, die sie bereitwilligst nebst ihrer Hand ihrem Retter schenkte. So bin ich zu meiner Frau gekommen." Festcantate zur Grundsteinfeier des Denkmals für kidsrlus Iksgnus. Gedichtet von Herrn l)r. Hermann Lingg, in Musik gesetzt von Herrn Seminar-Lehrer Carl Deigendesch. Wenn vom Licht der Klosterzelle Glanz ihr Bildniß überfloß, Und in's wunde Herz die Quelle Süßer Wnndermacht ergoß. Hosfnnngssroh den ersten Stein Fügen wir heut zu künftigen Tagen, Deiner Erinnerung würdig zu sein Möge Dir das Denkmal ragen! Nun umwalle Ge'ang Dein Haupt Wie der Aar in den Höhen kreist, Tu, der so sinnig gedacht und geglaubt, Kühner allumfassender Geist! Forschend in Tiefen, die jchauerumwoben, Schrecken vor ihre Pforten gethürmt, Bist Du durch Fluth und Feuerproben Deinem Jahrhundert vorangcstürmt. Von des Ostens geheimnißvollen, Von der Alten würdigen Rollen Hast Du srühe die Siegel gelöst, Weisheit und Liebe bauen Die Welt seit Ewigkeit Und schiffen Frühlingsauen Aus Nacht und Winterzeit; Allüberall walte Ihr Zauber fort, Verjünge das Alte, Und zwinge das Kalte Mit feurigem Wort! Heil Dir Beherrscher im Reiche der Geister, Deutscher Gedankentiefe Meister, Größter Deiner Zeitgenossen Einer Heimath mit uns entsprossen; Und wie Licht in Finsternissen, So hat auch Dein mächtig Wissen Scheu und Ehrfurcht eingeflößt. «ossnungsiroy oen crnen >Liein Fügen wir heut den künftigen Tagen Deiner Erinnerung würdig zu sein Deinen; frommen Schau'» gewährte, Mehr als Stein und Pflanze gab, Seligkeit, die Hvchstverklärte Möge Dir das Denkmal ragenl Neigte sich zu Dir herab, Auslösung der Original-Charade in Nr. 37: armselig. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Llterarischen Instituts von l>r. M. Huttlcr. zur „Äugslmrger Pojheitmkg." Nr. 40. Mittwoch, 17 . November 1880. Auf das empfindsame Volk habe ich nie viel gehalten; es werden, kommt die Gelegenheit, nur schlechte Menschen daraus. GSthe. Doktor Arton's Rubrnrrrrg. Von H. v. Götzendorff-Grabowski. Es war nicht zu leugnen, daß Doktor Acton sich von der Mehrzahl der Gentlemen, welche die Ehre hatten, zu den Montagsgesellschaften der Gregory's zugezogen zu werden, bemerkenswert unterschied. So einfach jederzeit seine Kleidung, so anspruchslos sein Benehmen — es lag ein Hauch von Vornehmheit, von Noblesse darüber, der auf kein Mitglied der kleinen, auserwählten Tafelrunde seinen Eindruck verfehlte. Auf kein Mitglied — sagte ich? Das war falsch. Ich vergaß auf einen Augenblick der schönen Makel Harland! Diese junge Dame hatte wahrlich noch keinen Blick an Doktor Lewis Acton's Schönheit verschwendet. Sie wußte nicht zu sagen, ob dieselbe vornehm oder plebejisch zu nennen, sie empfand auch nicht das geringste Interesse dafür, welcher Art Doktor Acton's Konservation und wie seine Verbeugungen ausfielen. „Da war heut ein schwarzhaariger junger Mensch, Mama" — hatte sie sich nach Doktor Acton's erstem Erscheinen bei den Gregory's geäußert, „denn Tante Tabea herein- geschmuggelt. Er ist so etwas wie Doktor. Die Gregory's wollen ihn an Stelle des alten Hepkins zu ihrem Hausarzte machen." „Nun — laß uns hoffen, daß Tante Tabea es nicht bereut!" hatte MrS. Harland in ihrer müden Weise erwidert. „Die Gregory's sind einmal für Alles Neue, meine Liebe. Was mich anbetrifft, so würde ich kaum meinen alten Hepkins um eines unbekannten Menschen willen hingeben, obschon ich gestehen muß, daß er mir bisweilen nicht mehr ganz zuverlässig erscheint." Das war Alles, was man jemals bei den Harland's über Doktor Acton geäußert. Danach existirte derselbe einfach nicht mehr für die Damen von Harland-Park. Makel hatte im Allgemeinen keine Vorliebe für jüngere Männer. Sie schenkte denselben in der Gesellschaft so geringe Beachtung, als sich irgend mit dem guten Ton vertrug — sie speiste sie Alle mit derselben ceremoniellen Verbeugung, mit demselben kalten mechanischen Gesellschaftslächeln ab, und einige gleichgiltig höfliche Antwortphrasen waren das Höchste, was die Kühnheit eines Einzelnen jemals davon getragen. Unter diesen Umständen hielt es die Herrenwelt nicht für angebracht sich noch weiter in Unkosten zu stürzen. Man bewunderte das „Marmorbildniß" als solches, wo und wie es im Glänze seiner kühlen, unnahbaren Schönheit aufstieg, mit schweigender Scheu — und wandte sich dann jenen Augen und Lippen zu, welche — mochten sie gleich weniger vollkommen aus der Hand der Natur hervorgegangen sein — mit gleicher Münze zurückzuzahlen geneigt waren, was man ihnen entgegentrug.... Dr. LewiS Acton war aus einer kleineren Stadt gekommen. Sein Name — vor Kurzem noch unbekannt — hatte durch ein treffliches wissenschaftliches Werk neuerdings 314 auch in der Metropole guten Klang erhalten, und so wagte der junge Arzt die Ueber- sicdelung, da er sich mächtig nach einem umfangreicheren Arbeitsfelds, nach Verwerthung seiner geistigen wie körperlichen Kräfte und Fähigkeiten, nach der Lebenslust der Großstadt sehnte. Er vertraute sein Lebensschifflein mnthig dem großen Strome an, dessen Wogcngebraus bisher nur aus weiter Ferne an sein Ohr geschlagen; er gründete sich inmitten des betäubenden Straßenlärms ein stilles, kleines Heim, welches wie eine Oase in all dem Wirrwar lag — und dann begann das neue Leben. Einige gute Kuren, dem jungen Arzte vom Zufall in die Hand gespielt, machten, daß er bald nicht mehr völlig ohne Patienten war. Es war nicht so sehr Neuerungssucht, als die Ueberzeugung, an Stelle einer alten, überlebten, eine der Zeit entsprechende, junge frische Kraft in Doktor Acton gefunden zu haben, welche die Gregory's veranlaßt hatte, den Wechsel vorzunehmen. Man konnte Mr. Acton eine frappirende Prägnanz der Diagnose, eine große Gewissenhaftigkeit in der Behandlung seiner Kranken nicht absprechen. Man gewann im ersten Augenblick Vertrauen zu ihm und die bisherigen Erfahrungen hatten gelehrt, daß es durchaus rathsam sei, sich den Vorschriften des überaus sicher und energisch vorgehenden Arztes unbedingt zu unterwerfen. „Wir haben uns niemals so wohl gefühlt, als in diesen letzten Monaten", sagte Tante Taböa, die Schwester der Mrs. Gregory gelegentlich zu den Harland's — „das will sagen, seit Doctor Acton unser Leben systematisch regulirte. Seit er unser Hausarzt ist." „Das freut mich", lautete Mabel's kühle Entgegnung. „Wir sind mit Doktor Hepkins noch immer recht zufrieden, und befinden uns Gott sei Dank unter seiner.Fürsorge auch recht wohl." „Aber Mabel, Du mußt doch zugeben, daß Mr. Acton eine ganz andere Persönlichkeit ist, als der fuchshaarige, alte HepkinS. Und ein wenig möchte man doch auch äußerlich sympathisch berührt werden von einem Manne, welchem so unbeschränkt aus- und einzugehen gestattet ist, wie dem Hausarzt l" sagte die kleine, blonde Miß Gregory, sich einmischend. „Mag sein, Ellen, ich habe das Bedürfniß, von welchem Du sprichst, noch niemals empfunden. Hauptsache ist und bleibt ja aber, daß Mr. Acton Euch als Arzt viel gilt und nützt." „Außerordentlich viel, Mabel. Ich kann Dir nur rathen, in ernsten Fällen — vor denen Euch der Himmel bewahren möge — Dein Vorurtheil zu überwinden und Acton zu Rathe zu ziehen. — — Was ich noch fragen wollte —: Besuchst Du heute das Theater, Mabel? Wir werden die Granelli hören." „Ich habe die Absicht. Treffen wir uns dort?" „Vielleicht. Und Montag, Liebste, rechnen wir sicher auf Euch für den Abend! — — Leb wohl! — —" Der Montag Abend vereinigte wieder wie allwöchentlich den kleinen Kreis der näheren Bekannten der Gregory's. M. Lewis Acton befand sich selbstverständlich auch darunter. Der junge Arzt hatte den Vorzug, bei Tisch Miß Mabel Harlnnd gegenüber zu sitzen. Er war sich bewußt, noch niemals mit einem vollen Blick seitens der kalten Schönheit beehrt worden zu sein, und durfte deshalb seinen Augen — diesen ernsten, gedankenvollen, fast ein wenig melancholischen, grauen Augen — furchtlos gestatten, auf dem stolzen, südlich-blassen Mädchenantlitz auszuruhen, dessen dunkle, fremdartige Schönheit ihn bereits gefangen genommen, da er ihm zum ersten Mal gegenüber gestanden. Er versuchte eben, sich diese stolzen, reinen Züge beseelt durch ein von innen Herausstrahlendes Licht vorzustellen, als Mr. Gregory's Stimme seine wachen Träumereien ein jähes Ende bereitete. „Bitte, Acton — wollen Sie Miß Harland von jenem Bordeaux einschenken? Die Flasche steht vor Ihnen." Acton beeilte sich, der Aufforderung Folge zu leisten. Miß Harland streckte nachlässig die Hand mit dem Glase aus; sie hielt es anscheinend nicht für der Mühe werth, ihre Augen bis zu dem Gesicht des jungen Mannes 315 zu erheben. Ihre Züge trugen den gewöhnlichen, gleichgiltigen Ausdruck. Das GlaS war nahezu gefüllt, da zuckte die Hand, welche es bisher so ruhig gehalten, jäh zusammen. In den verschleierten, aurikelbraunen Augen Mabel Harland's flammte es blitzgleich auf — über ihr Antlitz ging ein heißes plötzliches Noth. Was war geschehen 2 Wahrend sich Doctor Acton diese Frage vorlegte, begegneten seine Blicke den ihren; sie wurzelten sekundenlang ineinander — zum ersten Mal im Leben! Und dann wurde Alles wieder, wie es gewesen. Das schöne junge Gesicht des Mädchens sank in seine Alltägliche, kühle Reserve zurück, — nur die Augen entzogen sich für den Verlauf dieses Abends ersichtlich jeder Kontrolle. Sie schienen gebannt durch einen einzigen, an sich unbedeutenden Gegenstand, sie mußten wieder und wieder zu dem Ringe, dem schmalen, kunstlosen Nubcnringe zurückkehren, welchen Mr. Acton am kleinen Finger seiner linken Hand trug.Von diesem Tage an verhielt sich die junge Dame merklich anders gegen den Hausarzt der Gregory's. Unzweifelhaft hatte jener rüthselhafte Augenblick ein geheimnißvolles Interesse für Lewis Acton in ihr wachgerufen; ein Interesse, welches sie veranlaßte, den Gegenstand desselben im Geheimen ununterbrochen zu beobachten. „Er muß arm sein", — äußerte sie eines Tages zu Ellen Gregory, welche das Gespräch zu allen Zeiten auf die Person ihres heimlich angebeteten Mr. Acton zu bringen wußte. „So wenig seine äußere Erscheinung darauf schließen läßt — ich glaube es dennoch." „Du hast nicht so Unrecht, Mabel. Der alte Mrs. Stoward, weißt Du, welcher seine Familie in der Vergangenheit genau kannte, sprach mir neulich im Vertrauen einige Worte darüber. Mr. Acton besitzt einen Bruder, Mabel, der in einem indischen Negimente dient und dort Schulden macht ohne Aufhören. Glaubst Du, daß die Praxis Actons, wie sie hier beschaffen ist, genug abwirft, jene Schulden zu decken? Ich nicht. Und dem ist auch nicht so. Trotzdem will und kann er den Schimpf nicht auf seinem guten, ehrlichen Namen dulden, und — deshalb, gute Mabel, sind seine Wangen so blaß, seine Augen so trüb." „Endlich die Lösung!" sagte Mabel Harland träumerisch, wie zu sich selbst. Danach sank ihr Kopf mit den schweren, dunkelbraunen Flechten auf die über dem Stickrahmen gekreuzten Arme nieder. Ellen Gregor») erhob sich geräuschlos, um zu gehen. „Die arme Seele ist eingeschlafen", sagte sie sich. „Sie sah auch nicht sonderlich frisch auS in den letzten Wochen. Etwa, als ob ein heimlicher Kummer sie guäle. —- Gütiger Himmel — ist denn ein Menschenherz hier auf Erden ganz ohne Leid?!" Miß Harland war seit geraumer Zeit eine leidenschaftliche Theaterfreund»» geworden. Sie liebte es, in Begleitung ihrer Jungfer allabendlich den Weg durch Harland-Park zu Fuß zu machen — und kehrte dann nach beendeter Vorstellung vermittelst eines Mieths- wagens nach Hause zurück. Sie gab an, durch das Bewußtsein, von dein eigenen Gefährt abgeholt zu werden, um alle Ruhe und in Folge dessen um alle Genüssenfreude zu kommen. Sie »volle im Theater erscheinen und verschwinden können nach Belieben, wie es der Moment eben gebe. Hier, »vie fast in Allein, ließ man Mabel gewähren. — Seit jener Montagsgesellschaft mit den» Bordeaux-Jmpromtu schien die schöne Miß Harland in der That von einem fremden Geiste beseelt. Von einem liebenswürdigeren Geiste jedenfalls. Sie vermochte es jetzt, wärmer und mit freundlicherem Ausdruck in Blick und Stimme, mit den Menschen zu reden — ihr Auftreten erhielt den Anstrich von sanfter Weiblichkeit, welcher ihrer Erscheinung doppelten Reiz verlieh. Bisweilen stellte»» sich auch Stunden voll fieberhafter Unruhe — voll räthsclhafter Traurigkeit — ein, oder auf Augenblicke ein Heller Frohsinn, hereinbrechend »vie plötzliches Sonnenlicht. Oft schien es, als seien die Theaterabende — diese Stunden zwischen Aufgang und Niedergang des phantastisch bemalten Bühnenvorhangs — die einzigen, während welcher sie sich wahrhaft glücklich fühlte. Nach beendeter Vorstellung stieg sie dann Abend für Abend »n ein durch die Jungfer von» Halteplatz der Miethsfuhrwerke herübergerufenes Cab, und kehrte, fchiveigsam in die blausammetnen 316 Kissen dieses leichten, kleinen Wagens zurückgelehnt, die Augen träumerisch auf die Gestalt des Kutschers, der in seinem mächtigen schwarzen Mantel wie ein Erzgebilde in die Dunkelheit heineinragte, gerichtet, nach Harland-Park zurück. Mit Doktor Hepkins — welcher in Wahrheit nichts als ein eigensinniger alter Ignorant war, den man in den meisten Familien nur noch aus Gewohnheit und Bequemlichkeit festhielt, weil man sich daran gewöhnt hatte, ihn als ein Stück alten, unveräußerlichen Hausraths zu betrachten — schien man in Harland-Park auch durchaus nicht mehr so zufrieden, als vordem. Mabel war jetzt in der That der Ueberzeugung, daß Doktor Acton den Andern in jeder Hinsicht übertreffe, aber ich befürchte, sie würde auch ohne diese Ueberzeugung das parfümirte Briefchen mit Freude abgesandt haben, welches Doktor Hepkins das rückständige hausärztliche Honorar nebst dem Dank für seine bisherigen Bemühungen überbrachte. So war nun Mr. Lewis Acton plötzlich nach Harland-Park, zu der leidenden Mrs. Harland gerufen worden. Mabel trat ihm mit ernster Würde, jedoch ohne einen Anflug ihres früheren, verletzenden Hochmuthes entgegen. Sie war in der Folge nicht mit Regelmäßigkeit bei seinen Besuchen in Harland-Park gegenwärtig — aber häufig genug. Und dann endete der ärztliche Besuch nicht selten mit einer traulichen Theestunde im Zimmer der Mrs. Harland. Diese Theestunden, so kurz und ereignißlos sie hingingen, standen in der Erinnerung wie Sterne da für Doctor Lewis Acton — dessen dunkles Leben wundersam verklärend.. Seine einsame Seele fand nirgends Befriedigung, als hier — in dem kleinen, dämmerigen Raum mit der grünverhängten Lampe, mit der Bronze-Tapete und all' den alten, hochmüthigen Harland - Portraits, — in der Gesellschaft der geduldigen, blassen Frau und der schönen, ruhigen Mabel, über deren träumerischen Augen es jetzt bisweilen wie ein feuchter Schleier lag, wie Morgennebel, den die Sonne bereits verheißungsvoll durchleuchtet!-- „Ich möchte wissen, ob ich von der Vorsehung dazu bestimmt wurde, ein Märchen zu erleben!" sagte sich Doktor Acton bisweilen, wenn er Abends durch die lange Ulmen- allee von Harland-Park seinen Heimweg antrat, — vor sich und hinter sich Nacht, über sich die schweigsamen Sterne. — „Und dann auch — wie dieses Märchen enden wird! Was ist dieser Mabel Harland durch den Sinn gegangen, als ihre Hand den Bordeaux verschüttete, und ihre kalten Augen zum ersten Mal die bestrickende, gefährliche Sprache der Leidenschaft sprachen?!"- (Schluß folgt.) Reise-il-er aus der Herzegowkua. (Schluß.) Etwa um die dritte Nachmittagsstunde am heil. Weihnachtsabende langten wir an der letzten Brücke über den Bistricabach, welche unmittelbar vor Livno steht, an. Die so romantisch gelegene Stadt hat mit wenigen Ausnahmen nur hölzerne, riegelwandartige, mit Koth beworfene und mit Kalk bestrichene Häuser sehr primitiver Bauart, sehr viele sind nur aus Weidengeflecht, denen durch Lehm einige Festigkeit gegeben wurde, die Bedachung ist meist Stroh und Holz, aber derart mangelhaft, daß es fast überall hinein- regnet; bei heftigem Sturme (Bora), welcher hier sehr häufig ist, schwanken diese Häuser hin und her, daß man sich auf einem Schiffe im Meere zu befinden wähnt und in Gefahr kommt, seekrank zu werden; durch Fenster und Thüren, ja durch die Wände weht der Wind, so daß ich mich angekleidet, mit der Mütze auf dem Kopfe, zu Bett legen mußte, um der Kälte und dem Winde zu widerstehen. Die bestgebauten und größten Häuser der reichen türkischen Begs wurden größtentheils während der Beschießung Livnos durch die Occupationstruppen zerstört, so daß die Stadt voll von Ruinen ist; es war dieses ein großer Verlust für die Truppen, da hiedurch sehr viele, ja die meisten und besten Unterkünfte für sie verloren waren; denn die größten Häuser sind nur einstöckig, mit — 317 - zwei bis drei Zimmern im ganzen Hause, die kleinsten Häuser aber sind n^r Hütten aus Birkengeslecht mit nur einer Räumlichkeit. Unter den zerstörten Gebäuden gab es Häuser von ziemlich solider Bauart mit großen Räumlichkeiten. Die Stadt ist gepflastert, aber wehe dem, der mit europäischer Fußbekleidung hier viel gehen muß, denn die Pflasterung besteht aus den schon erwähnten „Katzenköpfen" und ist so unregelmäßig, daß daS Gehen, besonders aber das Reiten beinahe gefährlich wird; im Winter kann man in europäischen Stiefeln die Stadt, deren Straßen sehr steil den Berg, an welchen Livno sich lehnt, hinaufführen, ohne Steigeisen gar nicht durchschreiten. Auf dem Punkte der Stadt steht die Festung mit der Ojumia. Aluviorr (Hauptmoschee) von einer Mauer umgeben, jedoch in echt türkisch verwahrlostem Zustande; sie wird von den ganz nahen Felsen beherrscht; um diesem Uebelstande etwas abzuhelfen, sind auf der Höhe drei Kulas, d. i. festgemauerte runde Thürme zur Vertheidigung errichtet, welche auch bei der Einnahme Livnos theilweise zerstört wurden. Von irgend einem europäischen Comfort ist hier keine Spur; ja nicht einmal Bettstätten findet man. Der Türke sowie der Christ schläft angekleidet auf einer längs den Wänden des Zimmers angebrachten, ein bis anderthalb Schuh hohen, kistenartigen Erhöhung, welche mit einem Teppiche bedeckt wird: Stühle und Tische findet man nur bei den wohlhabendsten Leuten und zwar erst seit der Occupation; Tischtuch, Serviette, Gabel sind unbekannte Größen, da der Bosnier mit bloßen Fingern in die Schüssel greift. Stühle sind den Leuten eigentlich ganz unnöthig, da sie sich nach türkischer Art mit untergeschlagenen Beinen auf den Fußboden oder die oben erwähnte, kistenartige Erhöhung niedersetzen. Um Tische, Stühle und Bänke zu erhalten, mußten die Occupa- tionstruppen sich solche aus alten Kisten, worin der Zwieback transportirt wurde, selbst herstellen. Livno hat etwa 5000 Einwohner, wovon die Hälfte Katholiken, der Nest aber Türken und Serben (d. i. nichtunirter griechischer Religion) sind; Juden sind nicht ansässig und kommen nur sporadisch vor, wenn „Geschäfte" zu machen sind. Die Kleidung ist durchgehends türkisch, meistens aber recht schmutzig und zerrissen. Die türkischen Frauen zeigen sich nur mit ganz verhüllten Gesichtern, von denen aber auch gar nichts, nicht einmal die Augen zu sehen sind; sie tragen ein langes, dunkles, mit einem sehr langen Kragen versehenes Gewand und gelbe spitze Schuhe, so daß man auch nicht ihren Wuchs, wohl aber sehr oft recht große Füße ausnehmen kann; die christlichen Frauen gehen unverhüllt mit weiten türkischen Hosen und einer oft recht reichen, mit Goldborten besetzten kurzen Weste, worüber eine mit Pelz besetzte Scrvianka, gewöhnlich aus Tuch und bei den Wohlhabenden wohl auch aus Sammt oder Seide, getragen wird. Die Fußbekleidung ist die der Türkinnen. Die Serben und die Katholiken sind Antagonisten; ja der Serbe zieht den Türken beiweitem vor. Er ist nur Kaufmann und lediglich auf das Geldverdienen, auf welche Art immer, bedacht; die Serben wurden auch von den Türken stets begünstigt, so haben sie z. B. auch eine Kirche in der Stadt, während die Katholiken in das eine halbe Stunde entfernte Franciskanerkloster Gorica gehen müssen, um eine heilige Messe zu hören. Die Katholiken standen überhaupt trotz aller Remonstrationen der Großmächte unter einem furchtbaren Drucke; so durfte» die Franciskaner, denen allein die Erhaltung der katholischen Religion in den türkischen Provinzen zn verdanken ist und die wahre Märtyrer waren, nie in ihrem Ordenskleide, sondern nur in bosnischer Tracht sich außer dem Kloster sehen lassen, ebensowenig durfte ein Priester ohn« Erlaubniß des Pascha die heilige Messe lesen, Beichte hören, die heiligen Sakramente ausspcnden; diese Erlaubniß wurde aber sehr willkürlich ertheilt; kam aber ein Priester ohne erhaltene Erlaubniß seiner heiligen Pflicht nach, spendete er z. B> in sehr dringenden Fällen, wo eine Erlaubniß einzuholen nicht möglich war, die letzte Oelung, so wurde er mit sehr harter Gefangenschaft, ja barbarischen Leibesstrafen gemaßregelt! Es scheint, daß sich in dieser Beziehung eine christliche Macht, welche sich für einen Culturstaat pur vxoollsnos hält, die Türkei zum Muster genommen habe. Man durfte keine öffentlichen religiöses Umzüge abhalten, zum öffentlichen Gottesdienste 318 sich nicht versammeln und Glocken dursten nicht gelautet werden, die Priester durften überhaupt keine öffentlichen Functionen ausüben. So wurde im Dezember 1878 seit 400 Jahren das erste Mal wieder in der Kirche der heiligen Apostclfürsten im Kloster Goriea das heilige Weihnachtsfest und im darauffolgenden Jahre das heilige Osterfest und die Frohnlcichnamsproccssion gefeiert. Wie rührend und erhebend war diese heilige Feier, wie viele Priester und Laien sah man Freudenthränen vergießen! Das FranciSkanerlloster Goriea ist ein geräumiges, solid gebautes Gebäude; hier war das Verpflegungsmagazin für die in Rayon Livno dislocirten Occupationstruppen untergebracht. Die Kirche der heil. Apostelfürsten Petrus und Paulus ist sehr groß und geräumig, mit einem einfachen zicrdelosen Altare mit nur wenigen, jeden Kunstwerthes entbehrenden Bildern versehen (ich glaube höchstens drei). Es macht auf den gläubigen Besucher einen wirklich wehmüthigen Eindruck, den göttlichen Heiland in solch gar einfacher Behausung zu wissen. Diese für die ganze Gegend so segensreich wirkende Kloster- gemeinde ist eben sehr arm, ohne jeden Besitz und nur auf Unterstützungen angewiesen. Kloster und Kirche verdanken ihr Bestehen lediglich der Munificcnz des österreichischen Kaiserhauses. Erst seit der Occupation besitzt diese Kirche eine schöne Monstranz, welche ihr das nun in Wien stationirte k. k. 17. Infanterieregiment Baron Kühn bei Gelegenheit seiner Anno 1879 dort gefeierten Fahnenweihe widmete, und anständige Ornate, welche sie nebst einer Geldspende von 200 fl. von Ihrer Majestät der verwittweten Kaiserin Maria Anna Pia aus Prag erhielt;, es wäre sehr zu wünschen, daß sich noch einige fromme Gönner für dieses Kloster fänden, da noch sehr viel für den heiligen Dienst bcnöthigt wird, z. V. eine Orgel, Baldachin, Kleider für die Ministranten, anständige Altartücher rc. Der bosnische Katholik ist zwar sehr fromm und opferwillig, aber fast durchgehends arm. Die Schulen werden durch die Franciskaner und die barmherzigen Schwestern versehen, welche in Livno eine kleine Communität (jedoch ohne Kirche) bilden und deren aufopfernde, selbst von den Türken in höchstem Grade anerkannte Nächstenliebe man nicht genug hervorheben kann; auch sie sind ganz arm und auf die Unterstützung frommer Christen angewiesen. In der Zeit, welche ihnen der Unterricht und die Krankenpflege übrig läßt, verfertigen sie weibliche Handarbeiten und reinigen selbst Wäsche für Andere, um sich etwas für ihren Unterhalt zu verdienen; es ist wohl unnöihig, zu erwähnen, wie gering dieser Verdienst sein kann. Vor Jahren bestand in der Stadt auch noch eine katholische Capelle; diese wurde aber von den Türken schon längst gänzlich demolirt und die Steine zum Baue einer Moschee verwenvet, deren es hier eine Menge gibt. Der Türke ist seinen religiösen Vorschriften sehr treu und eS wäre sehr zu wünschen, daß sich so mancher Christ hieran ein Beispiel nähme! Drei Mal des Tages, bei Tagesanbruch, des Mittags und Abends singt der Meuzzin von der Galerie der Minarets gewisse, täglich wechselnde Koranstellen und Gebete ab, was einen ganz eigenthümlichen Eindruck auf den Hörer hervorbringt; am Freitage, dem Sabbathe der Türken, sind alle DjamiaS (Moscheen) angefüllt und wer Gelegenheit hatte, diese Beter zu beobachten, wird sich über die tiefe Andacht und Ruhe derselben nur lobend aussprechen können; ich kann auch nicht umhin, hier zu constatiren, daß der Türke hinsichtlich der Ehrenhaftigkeit und der Treue im Halten eines gegebenen Versprechens dem Serben weit voransicht. 'Noch muß ich der vielen herrenlosen Hunde erwähnen, welche hier, sowie in allen türkischen Städten vorkommen; sie sind ganz harmlos und nähren sich von Abfüllen rc., welche hier ganz einfach auf die Straße geworfen werden; sie erfüllen also die Obliegenheiten einer Art SanitätSpolizeit. Der Schmutz und die Unordnung sind grenzenlos; wenn auch durch die Occupation. bezüglich der Reinlichkeit ein entschiedener Fortschritt constatirt werden muß, so bleibt doch noch außerordentlich viel zu wünschen übrig; so gehen z. V., um nur Eines zu erwähnen, die ArKgüsse der Häuser auf die Straße heraus und man muß ja nicht zu nahe an den Häusern gehen, wenn man nicht eine recht 310 unangenehme Befeuchtung erleben will. Statt der Singvogel, wovon mir in der ganzen Gegend keine vorkamen, findet man hier- eine Unmasse von Dohlen, Krähen, Raben, welche alle Dächer und Mauern bedecken. Einkehrhäuser gibt es in Livno gar keine; erst seit der Occupation bestehen einige primitive Gast- und Kaffeehäuser. Die seit früher bestehenden türkischen Kaffeehäuser verdienen diesen Namen gar nicht; denn es sind elende, schmutzige, ebenerdige Räumlichkeiten, nur von der Hefe des Volkes besucht; die Gäste sitzen einfach auf dem Fußboden herum, da von Tischen und Stühlen hier nicht die Rede ist, rauchen ihren obligaten Tschibuk und trinken türkischen (mit dem Satze gekochten) Kaffee; statt aller sonstigen Musik wird anf der Gusla (einem primitiven, mit vier bis sechs Stahlsaiten bezogenen, mandolinartigen Instrumente) geklimpert und dazu zeitweilig ein wildes, unarticulirtes Geheul ausgestoßen, was man unmöglich Gesang nennen kann: überhaupt findet man in Bosnien nicht den geringsten Sinn für Musik — am allerwenigsten aber unter den Türken, welche dieselbe förmlich hassen. Der Türke liebt vor Allem die Ruhe, jeder Lärm ist ihm ein Greuel; man sieht sie an ihren Feiertagen und auch sonst vor ihren Häusern sitzen und mit dem Turban auf dem Kopfe stundenlang unbeweglich ihren Tschibuk rauchend vor sich Hinstarren, scheinbar in tiefes Nachdenken versunken, aber in der That gar nichts denkend. Noch muß ich eines höchst interessanten Nnturschauspicles erwähnen, nämlich der Quelle des Bistricabaches, welcher aus dem Felsen, an welchen sich Livno anlehnt, sehr mächtig hervorbricht und einen prachtvollen Wasserfall bildet; das klare Wasser vom schönsten Azurblau strömt dann unter Bildung kleinerer Katarakte mit lebhaftem Falle durch und theilwcise um Livno herum. Der Karst, zu dem auch die hiesigen Gebirge zählen, bildet überhaupt viele Höhlen und Löcher, aus denen bald, wie hier, mächtige Gewässer entspringen und auch wieder, wie bei Han-Prolog, in solchen Löchern wie in einem Trichter verschwinden. Knapp an der Mündung dieses Wasserfalles (rechts und links von demselben) befinden sich zwei Höhlen, deren rechts gelegener nach längerem Regen gleichfalls Wasser entströmt, welches einen zweiten ähnlichen Wasserfall bildet; in dieser sowie in der zweiten links gelegenen Höhle nisten zahlreiche wilde Tauben. Diese letztere Höhle hatte ich Gelegenheit, etwas näher zu untersuchen; der Eingang ist ein ziemlich enges dreieckiges Loch, in dessen Inneres man aber nur kriechend und ziemlich mühsam eindringen kann; bald jedoch dehnt sich diese mächtig aus und man hat Gelegenheit, die schönsten Stalaktytengebilde von den abenteuerlichsten Formen zu bewundern, man kann stundenlang darin vordringen, ja die Leute behaupten, daß noch ein zweiter Ausgang eristire, der erst nach tagelangem Wandern darin zu erreichen sei. Nachdem ich nun über eine der unwirthbarsten Gegenden Bosniens berichtet habe, werde ich nächstens über meine weitere Reise durch prachtvolle Wälder und lachende Thäler zu referiren die Ehre haben. (W. Vtl.) M i s e e l l e n. (Die Bienen als Soldate n.) Daß die Bienen wegen ihres Stachels gefürchtet sind, sich damit auch tüchtig wehren und vertheidigen können, ist allgemein bekannt; daß sie aber noch mehr auszurichten vermögen als Bürger und Soldaten, davon erzählt die Chronik von Kissingen, Stadt und Badeort in Bayern, ein artig Stücklein. Es war im Jahre 1642, also zur Zeit des dreißigjährigen KriegeS, als die'Stadt Kissingen von den Schweden hart bedrängt wurde. Diese rückten immer näher heran, und wenn auch die Stadt mit einer hohen Mauer umgeben war, so vermochte doch die geringe Besatzung nebst den Bürgern des kleinen Ortes dem kühnen Andrängen der Schweden nicht länger zu wiederstehen. Die Gefahr stieg aufs Höchste, die Schweden waren schon bis an die Mauern herangerückt, da faßte ein Bürger, Peter Hein, den kühnen Gedanken, die in der Stadt vorhandenen zahlreichen Bienenstöcke herbeizuholen und sie oben von den Mauern hinab auf die Schweden zu werfen. Dies geschah und die durch den jähen Sturz aufs Höchste erzürnten Bienen richteten unter den Schweden eine solche Verwüstung an, daß diese die Belagerung aufhoben und abzogen. Die Stadt ward durch die Bienen gerettet. (Kinderphantasien:) Paul und Arthur rühmen gegen einander ihre Papas. „Mein Papa ist so groß wie Euere Gartenmauer!" sagte Paul. -- „Mein Papa ist noch größer," antwortete Arthur, „er kann sogar über die Gartenmauer hinwegsehen." „Das kann mein Papa auch, wenn — er seinen Hut auf dem Kopfe hat!" — Der Bäcker, welcher gegenüber wohnt, ist gestorben. Martha betrachtete am Tage darauf sehr genau beim Essen das Schwarzbrot», das an Stelle des sonst vorhandenen Weißbrodes auf dem Tische steht. „Mama!" sagte sie endlich nach einigem Nachdenken, nicht wahr das Brod hat Trauer, weil der Bäcker gestorben ist?"— Zwei kleine Mädchen begegneten sich auf der Straße: „Weißt Du schon," begann die ältere von Beiden zu sprechen, „wir Habenein kleines Brüderchen bekommen. Es war nur gut, daß die Mama zu Hause war, denn der Papa ist nun schon seit acht Wochen verreist." Das neue Dienstm ädchen.) Frau Baronin: Wie heißt du?" —Dienstmädchen: „Hermine." — Frau Baronin: „Geht nicht! Werde dich Minna nenncn.i Meine Tochter heißt Hermine." — Dienstmädchen: „Verzeihen, gnädige Frau Baron n, könnte nicht Baroneß Hermine Minna heißen? Ich heiße schon achtzehn Jahr Hermine, Baroneß aber erst seit drei und ist an den Namen noch nicht so sehr gewöhnt wie ich. Mit lächelnder Miene hörte ich kürzlich einen Vater das Loos seiner drei Töchter erzählen. Die eine, sagte er, hat der „Teufel" geholt; die zweite hat den „Korb" bekommen und die dritte hat „Kummer". Und dazu konnte der alte Vater lachen? — Ja und mit Recht; denn so hießen die ehrenwerthen Männer, die seine Töchter geheirathet. (Rücksichtsvoll.) Condukteur: „Wie kommt er denn mit seinem Billet dritter Klasse da in die erste Klasse? Heraus!" „Wissn'n S', ich han da grad ein Korb mit Käs', der ein Bisse! stark riecht, und weil der Wagen da leer war, so hab' ich gedacht, ich setz' mich da nein, da genirt's Niemand." (Verlorene Abende.) „In diesem Monat," sagte die Gattin beim Morgenkaffee, „habe ich Buch geführt. Du bist 28 Mal nach zwölf Uhr Nachts nach Hause gekommen und nur drei. Abende zu Hause gewesen." „Scheußlich!" seufzte der Gatte zerknirscht. „Die schönen drei Abende so zu verbummeln!" (Im Schuhmacherlaben.) Verkäufer: „Sie werden mit diesen Stiefeln zufrieden sein, mein Herr. — Diese Waare erfreut sich allgemeinen Beifalls und eines Absatzes." — Käufer: „Na dieses Letztere scheint mir nun gerade keine Empfehlung." (Mißglückte Schonung.) Untersuchungsrichter: „ Sie haben also Ihren Gegner im Duell nicht vorsätzlich getödtet?" „Nein im Gegentheil: ich wollte daneben schießen und habe gefehlt!" (Vor einem Berliner Gericht.) Richter:- Sie haben sich dem Gastwirth gegenüber für einen Gutsbesitzer ausgegeben. — Hochstapler: Nein das nicht; ich habe nur gesagt: „Ich besitze ein großes Gut". — damit meinte ich die Gesundheit. * Original-Eilben-Räthsel. * Das erste Glied sucht Mancher zu erstreben, Um ohne Noth und sorgenfrei zu leben; Man wünscht ihm Glück, wenn er sein Ziel erreicht. Durch's letzte Paar gelangt an Ort und Stelle — Die Kunde mancher wichtigen Novelle, Die oft erfreut, auch oft die Wangen bleicht. Des Ganzen hartes Loos ist: fremden Willen Stets mehr als seinen eig'nen zu ersüllen. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Nr. 41 1880. zur „Angslmrger Pojheitimg." Samstag, 20. November Die Schrift und die. Natur zeigen uns die Frau als Gefährtin des Mannes, welche still und unterwürfig an feinem Glück und besonders an seinem geistigen Wohl arbeiten soll. Monod. Doktor Arion's Rubin ring. Von H. v. Götzendorsf-Graboivski. (Schluß,) Doctor Actons Vertraute, die alte Mrs. Stoward, auf deren Scheitel bereits der Schnee des Alters lag, während ihre Wangen noch Sommerrosen trugen, erhielt jetzt häufig den Besuch Mabel Harlands. Die junge Dame hatte von Anbeginn eine Vorliebe für die kluge, fröhliche alte Frau empfunden, neuerdings zog sie noch der Umstand mächtig an, nur dort, in dem winzigen, altväterisch möblirten Erkerstübchen der Aork- straße Genaueres über Lewis Acton und den verschwiegenen Kummer seines Lebens erfahren zu können. Mit den Verhältnissen des indischen Offiziers stand es in den letzten Wochen schlimmer als je, wie Mrs. Stoward sagte, während sie eines Abends mit Mabel aus ihren chinesischen Tassen den Thee nahm. „Sehen Sie, Miß Harland, — Lewis quält und müht sich rechtschaffen, und legt jeden Pfennig zurück, aber — du mein Himmel — was will das sagen, einem solchen Chimborazo unbezahlter Rechnungen gegenüber?! -— Nehmen Sie noch ein wenig kalten Lendenbraten, — ich bitte!" „Meine Zeit ist um, Mrs. Stoward — ich danke Ihnen. Ich will ins Theater. Georgine erwartet mich bereits unten. Nächstens sollen Sie mich wieder hier sehen." — An diesem Abend vermochte Mabel Harland der Vorstellung weniger als jemals zu folgen. Immer trat Lewis Actons's schönes, trauriges Antlitz zwischen sie und die Vorgänge auf der Bühne. .... Heut wie immer ward das leichte Gefährt, welches allabendlich an gleicher Stelle, ein wenig entfernt von den übrigen Wagen, zu halten pflegte, gerufen und führte Mabel nach Harland-Park zurück. Der Kutscher stieg wie alle Tage von seinem hohen Sitz herab, um Miß Harland beim Aussteigeu behilflich zu sein. Sie stützte sich heut schwerer als sonst auf seinen Arm, es lag etwas Zögerndes in ihren Bewegungen. Vor dem Gitter des Vorplatzes blieb sie stehen, zu dem Wagen zurückgewendet. „Gute Nacht!" sagte sie halblaut — „gute Nacht, du kleines, liebes Gefährt, du rasches, braunes Rößlein, — so Gott will, thaten wir heut mit einander unsere letzte Fahrt!" Sie trat ins Haus. Dröhnend fiel die schwere Pforte zu. Und den Kutscher schien es zu frösteln. Zusammenschauernd hüllte er sich fester in den weiten Mantel und trieb den erschrockenen Braunen zu rascherem Laufe an. In der Dämmerung des nächsten Tages just zu der Stunde, wo in dem wohlbekannten, bronzebraunen Zimmer der Theekessel zu singen begann und Mabel mit ihrer bunten Wollstickerci erschien, zog Doktor Acton die Glocke in Harland-Park. Mabel befand sich allein im Zimmer. Sie sah ein wenig erregt, zugleich nicht völlig unbefangen — 322 — aus, „Willkommen, Doktor Acton!" sagte sie und streckte ihm eine ihrer Hände entgegen — „Heut besonders ist mir Ihr Kommen lieb. Ich möchte Manches mit Ihnen sprechen, die Zeit drängt, denn ich werde vielleicht auf einige Zeit fortgehen; mit den Humphrep's nach Deutschland möglicherweise, — oder der Himmel mag wissen, wohin! Jedenfalls muß dieses noch besprochen werden. Ich bin Ihre Freundin, Mr> Acton, — und Sie sind mein Freund, nicht wahr?" „Sicherlich, Miß Harland, Sie wissen es — und ich weiß es auch." „Nun wohl. Ich will Ihrerseits den Beweis davon haben — und ihn meinerseits ebenfalls geben. Mr> Acton — Ihrem Bruder soll und muß geholfen werden!" Er sprang ungestüm auf. „Was wollen Sie damit sagen, Miß Harland?! Es ist mir schmerzlich, das; Sie von dieser Angelegenheit — von der Schande, welche nun dem Namen Acton für alle Zeit anhaften wird, durch Unberufene erfahren mußten!" „Und ich segne den Zufall. Ich bin glücklich, um Ihre Sorgen zu wissen, Ihnen dieselben vielleicht momentan erleichtern zu können!" „So sehr Ihre Güte mich bewegt und zu Dank verpflichtet, Miß Harland — ich muß bitten —" „Schweigen Sie, Mr. Acton!" unterbrach sie ihn ungewöhnlich lebhaft. „Sie haben kein Recht, einen Beistand zurückzuweisen, welcher Ihnen feinern Charakter nach, noch fremd ist. Es wäre mir in der That schmerzlich, wenn Sie meinen; Zartsinn weniger vertrauten, als ich dem Ihrigen! Und dann —: Ich bin Mitwisserin eines Ihrer wichtigsten Geheimnisse, Lewis Acton! Dieser Umstand gibt Ihr Schicksal völlig in meine Hände . . ." Ein herzensgutes, leicht schelmisches Lächeln ging über Makels ernstes Gesicht, während sie, mit flüchtigem Blick seine vom Handschuh entblößte Linke mit dem verhängnißvollen Nubinring streifend, hinzufügte: „Sie verstehen mich doch?!" Ueber sein schönes, kummervolles Gesicht flammte es wie Feuerschein. Er schien erschrocken und niedergedrückt; aber vor Mabels durch Thränen leuchtenden Augen und glückseligem Lächeln zogen alle schmerzlichen Empfindungen gleich Wolkenschatten vorüber. Die Sonne des Glückes stieg siegreich über den Kämpfen und Sorgen, über dem ganzen, heimlichen Elend und Herzeleid der vergangenen dunkeln Tage auf! — — — — — — „Mama," sagte Mabel an demselben Abend zu Mrs. Harland, und flocht sich, auf dem Bettrand derselben sitzend, das Haar zur Nacht — „Lewis Acton liebt mich! Wir lieben uns beide und werden einander, so Gott will, bald völlig angehören. Ja, ja, glaube es nur! Ich liebe ihn! Und weißt Du, wie laiuze? Seit ein gewisser kleiner, ländlicher Korbwagen mich zum ersten Mal aus dem Theater nach Hause fuhr! Das leichte, kleine Ding mit den lustigen Braunen! Der Kutscher hatte sein Antlitz so ziemlich durch Hut und Mantelkragen verborgen, aber die Augen sah ich — und seine Hände, Mama, waren auffallend weiß — und er trug einen Rubinring, Mama! Möchtest Du wissen, wer der Kutscher war? Doktor Acton! Ich erkannte ihn dann bei den Gregory'S an seinem Ringe wieder, und sann eine Ewigkeit dem Räthsel nach. Endlich ward mir durch Zufall die stille Schmerzensgeschichte seines Lebens klar, und er stand immer edler und größer vor meiner Seele da! Um seinen ehrlichen 'Namen vor Schande zu bewahren, um den Bruder vom Abgrunde zu reißen, ihn in ein neues, redlicheres Sein hinüber zu retten, that er Alles, Mama! Sguire Poore entlehnte Acton den Wagen — zu jenem seltsamen Zweck. Dergleichen soll bereits vorgekommen sein, mir — das muß ich gestehen — ist es ganz neu! Ich bewunderte Acton mehr, als ich sagen kann. Deine Mabel will nun — sie will es in allem Ernst! — die Gattin eines Fuhrmannes werden, Mama. Sie hat nichts gegen das Gewerbe ihres Auserwählten einzuwenden, nur darf er nicht mehr zur Nachtzeit seine Fahrten thun, und keine anderen Damen nach Hause geleiten, als sein Weib und höchstens — wenn Du lieb und artig bist, Mama — seine Schwiegermutter. Guts Nacht." (Deutsch. Montagsbl.) 323 Messina. Von Alsons v. Rosthorn. Die blutroth aufgehende, einen heißen 9. Mai verkündende Sonne fand mich an Bord eines von jenen Dampfern der Florio-Gesellschaft, welche längs der Nordküste Siciliens nur in Cefalu, S. Stefano und Milazzo anlegend, eine directe Verbindung zwischen Palermo und Messina herstellen. Trotz der frühen Morgenstunde und einer leichten Seebrise war der Zustand auf dem Schiff schon fast unleidlich. Keine Wolke trübte den hochblauen Himmel und nur ein leises Zittern der Rauchsäule ober dem Kamin gab eine matte Regung in der heißen Luft kund. Ich hatte eben von jenen Annehmlichkeiten Gebrauch gemacht, welche die Seereise der Fahrt aus Eisenbahnen voraus hat, indem ich mich der kleinen Dosis lauen Waschwassers, welche meine unbequeme mit übercinandergethürmten sogenannten Betten gefüllte Sabine darbot, zur Vollendung meiner Toilette bediente, als eine gesteigerte Bewegung unter den Leuten an Bord die Einförmigkeit des Schisflebens unterbrach. Ich eilte die kleine Treppe das Verdeck hinan, um nach dem Gegenstand der Unruhe auszuspähen. Siehe da! Wir befanden uns an der Einfahrt in die Meerenge von Messina. Gleich einem breiten Strome von beiden Seiten durch mächtige Gebirgsstöcke eingedämmt, öffnet sich dieselbe weithin gegen Süden, wo dem weitausschweifenden Blicke in der Fortsetzung von Himmel und Meer kein Einhalt geboten wird. Rechts erhebt sich in zackigen Umrissen die lange Kette der pelorischen Berge, früher die Gebirge Neptun's genannt, welche die herrliche Ostküste Siciliens entlang allmälig in blauer Ferne verschwimmen, während zur Linken, also ostwärts, die bewaldeten Höhen Calabriens bis knapp ans Gestade herantretend, schroff gegen das Meer abfallen und erst gegen Reggio zu einen schmalen Küstensaum übrig lassen, so daß man kaum begreifen mag, wie jene Menge von Ansicdlungen und kleinen Städten gerade hier, zwischen Land und Klippen sich hineinzwängend, ihre Entstehung nehmen konnte. Noch unbegreiflicher wird uns die Wahl dieser Steilküste für die Anlage menschlicher Wohnsitze, wenn wir bedenken, daß wir hier die Verbindungslinie zwischen Aetna und Vesuv, die den Erdbeben am meisten ausgesetzte Strecke Italiens, ja Europas, vor uns haben. Man muß stets fürchten, daß die ganze Küste mit all' ihren schönen Ortschaften bei der nächsten Erschütterung ganz gemüthlich inS Meer Hinabrutschen könnte. In unserer nächsten Nähe erhebt sich gleichsam aus den Meeresfluthen der stark befestigte Leuchtthurm des Faro, den am weitesten gegen Nordost vorgeschobenen Punkt der Insel, das Cap Pelorus bezeichnend. An einer sandigen Landzunge, welche sich weit ins Meer hinausstreckt, ist das kleine schmutzige Fischernest Faro gelegen, das durch eine Straße mit Messina und seiner Umgebung in Verbindung steht. Dem Dorfe Faro gegenüber, bezeichnet ein auf hohem Fels situirtes Castell den ehedem so gefurchtsten Ort, wohin die Poeten des Alterthums jenes gewaltige, mit Hunderachen versehene, die vorbeifahrenden Schiffe bedrohende Ungeheuer der Scylla versetzen zu müssen glaubten. — Wesentlich wurde diese Vorstellung von dem SchreckenSthier noch durch die Malerei gefördert, indem zur Darstellung desselben Phalerion mit. erhitzter Phantasie in nervösen Uebertreibungen sein Talent aufbot. Bis ins Mittelalter herauf geht dieser Aberglaube, bis der Leeheld Nelson als der Erste es wagte, mit seinem Geschwader ruhig durchzuführen. Doch der Umstand, daß die Athener, Syrakusaner, Locrer und Rhegier sich erkühnten, in dieser Enge einige Seeschlachten auszufechten, beweist hinlänglich, daß dieselbe von den Matrosen der Alten weniger gefürchtet gewesen sein mußte als von den Dichtern. Eines einzigen wirklichen Unglücks thun die Annalen Scylla's Erwähnung, indem sie berichten, daß im Jahre 1733 wahrend des schrecklichen Erdbebens durch eine kolossale Sturzwelle 2000 Menschen plötzlich weggeschwemmt wurden, ohne daß bei der Schnelligkeit der Erscheinung auch nur ein einziger Hilferuf der Opfer vernommen werden konnte. Der Fels, selbst kühn vorspringend, an der Basis etwas ausgehöhlt, zeichnet sich durch nichts Besonderes aus. Hinter ihm breitet sich eine sandige Bucht, in welcher 324 die jetzige Stadt Scylla, knapp an die Küste gebaut, in recht romantischer Umgebung sich ganz hübsch ausnimmt. Capital, Smyth, ein bedeutender Marinem-, konnte, wie seinen detaillirten sicilianischen Rcisebeschreibungen zu entnehmen ist, trotz eifriger Beobachtungen aller physikalischen und marinen Erscheinungen der Meerenge, hier nichts entdecken, was nur einigermaßen jene Fabeln der Alten glaubwürdig erscheinen ließe. Hesiod und Diodor beschreiben die Meerenge als. eine weite See und bis auf unsere Tage war die Breite derselben ein Gegenstand des Streites. Smyth gibt nach seinen Messungen die Breite, als Entfernung zwischen dem Leuchtthurm von Faro und dem Felsen der Scylla, mit 6047 Dards an, während jene zwischen dem Leuchtthurm von Messina und der Kathedrale von Reggio als 13,187 Jards betragend angeführt wird. — Die mit mehr Recht berüchtigte Charybdis, heute Galofaro genannt, befindet sich um ein bedeutendes tiefer gegen Süden außerhalb des Hafens von Messina, welcher Umstand gar sehr gegen die Bewahrheitung des alten Sprichwortes stimmn „Inoiclit in 8o^Uam, H,ü vult vitai-v CÜmr^bäim!" — Ein einfacher Strudel, unserm Wirbel der Donau vergleichbar, dürfte dieselbe für die Schifffahrt kaum Gefahr bieten. Für die primitiven unbedeckten Schiffe der Griechen mag sie freilich eine einigermaßen gefährliche Stelle gewesen sein, da selbst heute noch kleine Fahrzeuge zum Nundtanz gezwungen, nur durch herbeieilende Lootsen hievon befreit werden können. Smyth sah sogar ein Kriegsschiff von 74 Geschützen auf der Oberfläche der Charydis sich drehen, doch kann dieselbe bei einiger Vorsicht nicht Schaden verursachen. Immer klarer wurden die einzelnen Details, die sich nnt verwirrender Schnelligkeit entwickelten, bald hatten wir Messina in Sicht und nun begann das jedem Landen vorausgehende geräuschvolle Treiben, der Lärm der ablaufenden Winden und Hebmaschinen, der Spectaksl beim Loslassen des Ankertaues, das Geschrei der Schiffsmannschaft, das Fluchen des Capitäns und der Offiziere den Matrose», das Schelten der Passagiere den Camarieri gegenüber, das allgemeine Gewirre, das fortwährende Laufen Treppen auf und ab, das unstete Koffersuchen, Schachteln tragen u. s. w., so daß man selbst alle Ruhe verliert und in seiner Bequemlichkeit gründlich gestört wird. Messina gemährt von der See aus ein vollgerundetes, schön begrenztes Bild: Im Vordergründe imponirt eine endlose, längs der Marina hinziehende Palastreihe, die Palazzata, dahinter liegt die durch zwei erhöhte Castelle beherrschte Stadt, welche schließlich durch die knapp herantretenden pelorischen Berge abgeschlossen wird, davor das tiefe Azurblau der Meeresfluthen, deren wunderbaren Farbenwechsel einen Chromathologen zu ganz interessanten Forschungen anregen könnte. Wir hatten unterdessen den Hafen erreicht und waren in der Mitte desselben vor Anker gegangen. Wie eine Schaar hungeriger und blutdürstiger Haie die hiflose Beute lüstern umlauern, so unfreisten das einlaufende Schiff zahllose Barken. Nachdem ich das Gesinde!, welches sich als Vertreter des Hotels und dergleichen gerirt und die ganze geldverlangende Meute nach der auf italienischen Reisen gut erlernten Methode abgetrumpft hatte, eilte ich auf schwankende»: Kahne dem Gestade zu. Das Gefühl und das Bewußtsein sichern Boden unter den Füßen zu haben, that wohl und ich wollte mich in verschiedenen Betrachtungen ergehen, als ich plötzlich durch die grau-gelben, den eifrigen Dienern der Finanzbehörde angehörenden Uniformen an die realste Wirklichkeit gemahnt wurde. Die verführerisch wohlwollende Frage der ewig Ungläubigen, ob ich vielleicht etwas Zu versteuern hätte, die von einem Blicke der durchdringendsten Mcnschenkenntniß begleitet, mir sofort den Standpunkt klar machen sollte, mußte ich zum Leidwesen der Herren im Bewußtsein meiner diesbezüglich reinsten Unschuld verneinen, worauf meine Koffer, der Lynch-Justiz übergeben, mit den feinfühligsten Fingern der Welt Bekanntschaft machten. Wenn die Bestechung der Finanzbehörden hier nicht gerade so öffentlich und unverschämt betrieben wird, als auf Corfu, wo man von der Dogana förmlich gezwungen wird, seine Koffer nicht durchsuchen zu lassen, sondern dem Herrn Jnspector ein Trinkgeld xudliao zu verabreichen, so mochte ich doch den Ausdruck der Verachtung, mit dein ich schließlich entlassen wurde, fast auf die Unterlassung eines kleinen geheimen Trinkgeldes zurückführen. Hatte ich das Jn-die-Hände-drücken besser verstanden, so wäre es mir auf meiner Rückkehr-in Neapel wohl nicht passirt, daß man nicht nur den Weingeist, in welchem ich naturhistorische Präparate aufbewahrt hatte, sondern auch all' das Gethier, Quallen, Mollusken rc., die ich in demselben mitfühlte, als t'rutti Belästigung der Fremden ihre Zeit; hübsch ist es dennoch anzusehen, wie sich diese Jungen im Wasser, ihrem Element, bewegen und tauchen wie Seeottern. Die Sonne hat sich gesenkt. Während auf uns die pelorischen Berge schon tiefsten Schatten werfen, leuchten noch die gesegneten Küsten des hohen Calabriens in mattem Roth, das allmälig dunkler wird und einem inS Grünliche hineinspielenden Silberglanz weicht, so das baldige Erscheinen des milden Mondes verkündend. Das ist der geeignete Moment, diese Meerenge in ihrer einzigen Schönheit zu bewundern. Und mit Recht mag der Bewohner von Messina stolz auf seinen Abend-Corso sein, der an jener Palastreihe beginnend, weit die Küste entlang zieht und ihm täglich dieses Schauspiel bietet. Wohl mag man die Chiaja Neapels und die Marina Palermos mit ihn: vergleichen, doch keines kann man höher stellen. Wir waren schließlich auch unter die Schaaren der wallenden Paare und ledigen Fußgänger und auf den Versammlungsort der eleganten Welt gelangt, hatten das Erholungsgetriebe ein wenig mit angesehen und dachten nun an die Umkehr. Im Hafen war es still geworden; nur der einförmige Schritt der Strandposten unterbrach das tiefe Schweigen, das dem frühern Lärm gefolgt war. Die weitstrahlende Laterne des Leuchtthurms, die vielen hundert Lichter auf den Schiffen, die Reihe von Gasflammen längs des Quais und schließlich wie Irrlichter auf den nächtlich ruhigen spiegelglatten Fluthen lautlos hingleitenden Fackeln der Fischerkähne und Corallensänger verliehen dem finstern Bilde ein magisches Aussehen. (Deutsche Ztg.) Miseellen. Zwei böhmische Köchinen gingen am Faschingsdienstage auf die Nedoute und liehen sich bei einem Maskenhändler Masken aus. Dieser empfahl ihnen, auf dieselben wohl Acht zu haben, da sie von Merino seien. Auf der Redoute redet sie ein Herr an und spricht: „Meine lieben Masken, Ihr seid ja zwei sehr schöne Türkinen." Schnell antwortete die eine: „Mir sän kane Türkin' mi sän Merinos." (Feine Begriffsscheidung.) A.: „Aber, Herr Professor, es ist Unrecht, so viel zu trinken!" B.; „O nein aber nach Hause gehen zu wollen, wenn man so viel getrunken hat, das ist Unrecht." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg.— Druck und Verlag des Literarischen Instituts von 1),-. M. Huttlcr. UnteclmktumMtatt zur „Augsburger postzeitung." — 8?r. 42. Mittwoch, 24. November 1.660 Wer edel lebt, hat doch — stürb' er auch früh — Jahrhunderte gelebt. Klopstock. Wie man zu einem Amte kommt. Eine wahre Geschichte. In Gedanken versunken bummelte ich durch eine fashionable Gasse einer Hauptstadt, als eine bekannte Stimme mich aus meinen Träumereien aufschreckte. Ich wendete mich um und ein mir aus den Augen verschwundener Schulfreund stand mir gegenüber. Meine freudige Ueberraschung wurde aber noch- vermehrt, als ich sein elegantes Aeußere bemerkte; hatte ich doch den braven und fleißigen T. immer nur als einen armen Jungen gekannt. Er war der ärmste, aber der beste Schüler unserer Classe gewesen. Nach ab« solvirten Gymnasial- und Universitätsstudien trennten sich unsere Wege und nur so viel wußte ich von ihm, daß seine Armuth ihren Höhepunkt erreichte, als er das Doktordiplom und sonst nichts mehr in der Tasche hatte. Woher also die Wendung? Mein Schulfreund ließ mich nicht lange im Zweifel darüber und begann zu erzählen wie folgt: Nach Vollendung der Universitätsjahre suchte ich mit einem nur der noch unent- täuschten Jugend eigenen Eifer eine meinen Kenntnissen entsprechende Stellung, in der sicheren Ueberzeugung, durch dieselbe, wenn auch nicht allsogleich, so doch in einiger Zeit die Früchte eines Jahre langen, mühevollen und — Dir kann ich es sagen — erfolgreichen Studiums zu ernten. Wo ich aber anpochte, überall fand ich geschlossene Thüren oder i« günstigsten Falle inniges Bedauern. Darüber verstrichen Monate. Mein Selbstvertrauen wurde schwächer, meine Aussichten immer geringer — und Schneider, Schuster und leider auch mein Magen immer ungeduldiger. Das Einzige, was mich in dieser Misere noch aufrecht erhielt, war ein noch von den Universitätsjahren her datirendes zartes Verhältniß. Eine Stunde in „ihrer" Gegenwart verbracht, entschädigte mich reichlich für alle Schicksalstücke, und manche Enttäuschung, die ich erfuhr, war vergessen, durfte ich in Lilly's Augen lesen. Oft spendete sie mir süßen Trost, wenn ich muthlos an ihrer Seite saß, belebte hiedurch meine Hoffnungen und meine Spannkraft auf's Neue. Nicht so ihre Eltern, welche von Tag zu Tag un«! freundlicher und mürrischer mit mir umgingen. Erst war ich kleinen Nörgeleien ausgesetzt, später mußte ich unliebsame Andeutungen hören, die sich manchmal zu recht boshaften Bemerkungen zuspitzten, und noch später sah ich unzweideutig, daß Lilly's Eltern ein hoffnungsloses Verhältniß zu ihrer Tochter abgebrochen wissen möchten. Ich sah in Lilly's Augen, — ein Blick — und wir verstanden uns. Wir waren entschlossen, bessere Tage abzuwarten und — ich ging. . . . Von mannigfachen Entbehrungen gepeinigt, lief ich unruhig Straße auf, Straße ab und suchte Brod, und ich verlebte eine Zeit des fürchterlichsten körperlichen und geistigen Siechthums. Ich schrieb Gesuche für arme Leute, Rollen für Schauspieler, und merkte 330 — mit Schaudern, daß ich von Tag zu Tag immer tiefer sank und im Verzweiflungskampfe um's Dasein jene Richtung ganz aus den Augen verloren, die ich mir in meinen Jugend- träumen einst vorgezeichnet. Nun hinderte mich vollends mein herabgekommenes Aussehen, behufs Besserung meines Looses energische Schritte einzuleiten. Nach so vielen vergeblichen Bitten und Gesuchen, war es da ein Wunder, wenn ich entmutigt die Flügel sinken ließ und, finsterem Pessimismus mich hingebend, keine freundlichen Tage nwhr erwartete? — So war ein Jahr verflossen, als ich im Amtsblatts eine Stelle ausgeschrieben fand, welche, wie das Ausschreiben besagte, genau so viel trug, daß man zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel hatte. Nichtsdestoweniger beeilte ich mich, eine Offerte einzureichen, welche auch unverhoffter Weise nicht unbeantwortet blieb. Nach acht Tagen erhielt ich eine Zuschrift, mich beim Bureauchef I- des Finanzministeriums an diesem Tag vorzustellen, um den Bescheid auf mein Gesuch entgegenzunehmen. Nun erst befand ich mich in Verlegenheit, denn in meiner dcrangirten Toilette konnte ich nicht bei dem gestrengen Herrn Bureauchef erscheinen, wollte ich mich nicht der Eventualität aussetzen, schon dieserhalb abgewiesen zn werden. Was aber thun L — Da fiel mir zum Glücke ein, daß v. Z., unser alter Kamerad, dem ich vor einigen Tagen begegnet war, mich in leutseligster Weise ermuntert hatte, zu ihm zu kommen, wenn ich Etwas bedürfe und stracks ging ich zu ihm, klagte ihm meine'verzweifelte Lage, und mit größter Bereitwilligkeit stellte mir v. Z. seine reiche Garderobe zur Verfügung. Wer war glücklicher als ich? Mein Selbstgefühl kehrte wieder und gehobenen Hauptes und Muthes ging ich von einigen Bekannten, die mich früher kaum beachtet hatten, freundlich gegrüßt, die Straßen entlang. Da — welch' Entsetzen! — sehe ich meinen Schneider mir entgegenkommen. Mit khnte Schreckliches, aber zu meinem nicht geringen Erstaunen drückte mir der sonst so Unfreundliche ganz freundlich die Hand. — Es ist nicht schön von Ihnen, rief er in leutseligster Weise aus, daß Sie sich so lange nicht bei mir sehen lassen, und dabei blinzelte er unausgesetzt nach meinem Fracke. Ich wollte mich entschuldigen, er ließ mich aber nicht zu Worte kommen. — Erst heute habe ich neue Muster erhalten und ich bin überzeugt, daß die prachtvollen neuen Stoffe Ew. Gnade» gefallen werden. Wann darf ich also meine Aufwartung machen? — Bitte .... stammelte ich in meiner Verlegenheit hervor. — Also Nachmittags! und den Hut tief ziehend, ging er seines Weges weiter. Kaum hatte ich mich von dem ausgestandenen Schrecken erholt, als ich den Vater Lilly's bemerkte, der vor der Auslage eines Juweliers stand, und von dem jetzt nicht gesehen zu werden, mein sehnlichster Wunsch war. Er hatte mich Unglücklicher» aber schon erblickt, begrüßte mich freundlich und — machte mir laute Vorwürfe darüber, daß ich mich von seinem Hause gänzlich zurückgezogen habe, und um seine Liebenswürdigkeit zu vervollkommnen, lud er mich zum Abendessen ein und band mir auf die Seele, um so gewisser zu erscheinen, als der Vorabend von Lilly's Namenstag gefeiert werde. Ich hätte ihm um den Hals fallen mögen, Mußte aber blutenden Herzens seine Einladung zurückweisen, hatte ich doch die erborgte Toilette nach abgethaner Audienz zurückzuerstatten. Mein präsumtiver Schwiegervater gab sich aber nicht eher zufrieden, bis ich ihm für die allernächste Zeit eine Visite zusagte. — Ich wußte es ja, meinte der Biedermann, daß Sie endlich doch Carriere machen würden, und habe es immer mit Ihnen gehalten, aber daß sie ihre alten Freunde deßhalb vernachlässigen und sich gar nicht mehr um uns kümmern würden, das ist wahrhaftig nicht schön von Ihnen. Ich schnitt ein verlegenes Gesicht und versprach, mich zu bessern. Endlich langte ich beim Ministerhotel an. Der Portier grüßte ehrerbietig und ertheilte mir bereitwilligst die gewünschte Auskunft. Im Vorzimmer angelangt, werde ich allsogleich angemeldet und vorgelassen, ja der Herr Rath kommt rnir sogar verbindlich lächelnd entgegen, reicht 331 mir die Hand und fragt nach meinem Begehr. Ganz verwirrt trage ich ihm mein Anliegen vor, worauf er mir erwiederte, daß eS von einem so talentvollen und vielfach ausgezeichneten jungen Mann wie mir doch zu bescheiden sei, sich um einen subalternen Posten zu bewerben, und daß es ihn unendlich freue, in der Lage zu sein, mich für ein weit einflußreicheres Amt Sr. Excellenz dem Herrn Minister vorschlagen zu können, und er sei überzeugt, daß ich in dieser Stellung Ersprießliches leisten werde. Ich wäre vor Erstaunen fast zu Boden gesunken, der Herr Rath entlieh mich aber äußerst freundlich und wenige Tage darauf erhielt ich mein Ernennungsdecret zum Ministerial-Concipisten. Außer mir vor Freude lief ich zu v. Z. zurück, welcher von der Wunderwirkung feines Frackes nicht weniger überrascht war als ich. — Aber Freund — rief er aus, als ich gerade im Begriffe war, den Frack abzulegen. — Du hast ja das Band meines Franz-Joseph-Ordens im Knopfloch stecken? Nun war mir Alles klar l! . . . Und so bin ich zu ineinem Amte gekommen. Der Tonkünstler und sein Rosenkranz. In einem kleinen Dorfe der Oberpfalz lebte vor Jahren ein gar talentvoller Knabe, Christoph hieß er; die schönen Tage seiner Jugend flössen in Unschuld dahin und seine unbemittelten Eltern erlebten nur Freude an dem kleinen Liebling. Vorzüglich sah man denselben auch gern im naheliegenden Kloster, dort diente er mit vieler Andacht oft den Ordenspriestern am Altare und besonders brauchte man ihn in der Klosterkirche stets als Sänger; er hatte nämlich eine wunderliebliche Stimme und rein wie Gold drang diese durch, mochte er im Chöre der Mönche die ernsten Tageszeiten mitsingen oder mochte er allein irgendwie den Vorsänger bilden. Oesters muhte er nämlich ganz allein die Litanei vorsingen, während die Mönche und andere fromme Beter in der Kirche mit Andacht antworteten. Bald sprach man in der ganzen Umgegend von seiner engelrcinen, prächtigen Stimme und wurde gerade die Litanei von ihm vorgesungen, dann eilte Alles zur Klosterkirche. Da mußte man den Knaben selbst sehen und hören, wie er namentlich die laure- tanische Litanei mit rührender Andacht vorsang; dann erklang es so laut -und innig: Liniotu'Aai'iu, Unter Ollristi, lisgstna, nnZeioruiu und der fromme Knabe sang gleichsam jeden neuen Gruß an die Mutter mit stets erhöhter Andacht, ihm drangen in solchen Augenblicken immer die Thränen freudiger Rührung über die lieblichen Wangen, auch im weiten Gotteshause war es ganz still und die zahlreichen Zuhörer wurden oft genug bis zu Thränen gerührt durch den herrlichen Gesang des Knaben. Einstens sah und hörte ihn auch mit vielem Staunen ein frommer Ordensbruder; kaum war der Gottesdienst beendet, da wartete er schon auf den kleinen Vorsänger an der Kirchthür und als derselbe kam, drückte er ihn merkwürdig gerührt an seine Brust, gab ihm einen Rosenkranz und sagte: „Sieh', liebes Kind, dieses ist alles, was ich Dir geben kann, aber versprich mir doch, daß Du alle Tage Deines Lebens einmal diesen Rosenkranz beten willst und ich glaube, ja, bin überzeugt, daß Du noch ein berühmter Tonkünstler ivirst." Der kleine Christoph versprch in kindlicher Einfalt und Folgsamkeit, er wolle gern den Rosenkranz täglich beten und darüber freute sich der arme Ordensbruder gar schr^ Und merkwürdig, als der Knabe größer wurde, da fügte es Gott stets, daß derselbe trotz der Armuth seiner Eltern den besten Unterricht in der Musik erhielt, gleichsam immer im Dienste Anderer stehend, hatte er doch die schönste Gelegenheit zur eigenen Fortbildung. Längere Zeit war er in Prag bei einem vorzüglichen Lehrer der Musik; dieser erkannte bald die herrlichen Anlagen seines Zöglings und bildete ihn mit vieler Freude so weit aus, daß ,er fast seinem Lehrer gleich kam. Da mußte ein hoher WürdenträMr der Kirche nach Rom, um dort herrliche Stücke der Kirchenmusik zu sammeln und, o schöne Fügung, er nahm als Secretär den jungen Christoph mit. 332 Dieser war nun »»vermuthet in die ewige Stadt versetzt und damit an die Wiege der herrlichsten Künste; er konnte täglich die Werke der berühmtesten Tonkünstler studiren und den Unterricht ausgezeichneter Meister hören und das that er mit solchem Erfolge, daß er bald selbst die herrlichsten Stücke herausgab und dadurch schon damals seinen Namen berühmt machte. Doch ihm gefiel die. zu dieser Zeit in Italien herrschende leichte Richtung nicht, er kehrte nach Deutschland zurück und wurde der Gründer der ersten dramatischen Opern- Musik. — Bald erreichte Gluck, so hieß unser Tonkünstler, überall den höchsten Ruhm, seine neue» Stücke wurden mit stets steigendem Beifall aufgenommen. Aber der Künstler verlor bei aller Weltehre nicht den frommen Sinn der Jugend, oft sah man ihn im Hause Gottes und am Tische des Herrn knieen, täglich betete er auch den Rosenkranz, wie er vor vielen Jahren dem armen Klosterbruder bei der Klosterkirche seiner Heimath es versprochen hatte. Merkwürdig, der Astronom, welchem stets der gestirnte Himmel die Herrlichkeit Gottes verkündet und der Tonkünstler, den die lieblichen Weisen der Musik zur Andacht stimmen, sie sind oft fromme Seelen, die Gott und das Gebet lieben. Gluck war 63 Jahre alt geworden und noch ganz rüstig, er hatte aber die heil. Sakramente empfangen; gesund legte er sich Abends zu Bett, aber der Tod kam ihm wie so oft gleich dem Diebe in der Nacht; man fand den großen Künstler am andern Morgen nur mehr als Leiche, doch hielt er in den gefaltenen Händen noch den Rosenkranz, ihn betend war er gestorben. Sankt Hnbertus. Xenophon berichtet von Jagden, bei welchen die Griechen dem von Hunden gejagten Wilde zu Pferde folgten. Diese Jagden waren aber mehr Hetzen als Parforcejagden, indem die Hunde nur dem gesehenen Stück Wild nacheilten; die Parforcejagd unterscheidet sich jedoch gerade dadurch von der Hetze, daß die Hunde mittelst des Geruchsinnes die Fährte eines Wildes verfolgen, bis sie es einholen, seiner also erst zum Schluß der Jagd ansichtig werden. Bei den Persern wird die Parforcejagd zuerst regelmäßig betrieben, von ihnen haben sie die Römer kennen gelernt und über den westlichen Theil Europas verbreitet. Jmmermann erzählt in „Tristan und Isolde" von einer Parforcejagd beim Schlosse Tintopal in Cormvallis im sechsten Jahrhundert zur Zeit des Königs Artus, bei welcher es vollkommen waidgerecht zuging. Der Hirsch wird zuerst „laucirt", dann verbricht der Hauptpiqueur die Fährte, indem er ein Baumreis mit der Bruchfläche nach der Richtung, welche der Hirsch eingeschlagen hat, darauf legt; er ruft die Lancirhunde ab, bringt dann dem Jagdherrn die Meldung, und dieser befiehlt: „Forcirt das angesprochene Wild!" Die Meute jagt gut und sicher, selbst als der Hirsch durch ein Rudel Wild geht „nimmt sie keine Change" und stellt ihn schließlich. Der Kampf wird heiß, viele Hunde werden „geferkelt", und als kein Jäger sich dem wüthenden Hirsch zu nahen wagt, gibt Tristan ihm den Fang. Er schlügt die Hunde ab, bricht den Hirsch auf, gibt der Meute unter der Hornfanfare die Piqueure und dem Halaliruf der anwesenden Jäger die Curäe und führt dann mit Hörnerschall den Jagdzug zum Schlosse zurück. Das war damals schon eine Parforcejagd mit ähnlichem Zeremonie!, wie es Ludwig XI. in Frankreich eingeführt hat, welches von jeher die Pflegestütte dieser Art von Jagd war, weil sie dem Volkscharakter besonders zusagte. Schon im Beginne des achten Jahrhunderts hatte Hubert, der Sohn Bertrand's von Aquitanien, durch kühne und geschickte Handhabung der Jagd sich einen Ruf gegründet, der weit über die Grenzen seines Heimathlandcs hinausreichte. Von diesem Jünger Diana's erzählt die S> ^e, daß ihm, der sich zwar äußerlich schon zum Christenthume bekannte, im Grunde seines Herzens aber noch dem Glauben seiner Vater zugethan war, eines Tages, als er während der Messe jagte, das goldene Kreuz zwischen den Geweihen eines Hirsches erschienen sei. In Folge dieser Erscheinung entsagte er seiner Passion, gründete ein Kloster und starb als Bischof von Lüttich. Alte Jagdchroniken erzählen die Geschichte zwar noch in verschiedenen Versionen, aber das steht fest, daß die Kirche ihn als Sankt Hubertus zum Schutzpatron der Jagd gemacht hat, daß er durch Kreuzung mit den von den Römern nach Gallien eingeführten I«ut jagenden Hunden eine besondere Race von Parforcehunden züchtete, die unter dem Namen Hunde des Sankt Hubertus von den Mönchen des Klosters Audain in den Ardennen sorgsam in aller Reinheit erhalten wurden, und daß er heute noch im Munde der Jäger aller christlichen Nationen ohne Unterschied der Konfession als Schutzpatron der Jagd lebt, er als Repräsentant des sittliches Momentes in der Jägerei anerkannt und überall der dritte November als der Sankt Hubertustag zu seinem Andenken festlich begangen wird. Nachkommen der von ihm gegründeten Hunderace existiren nur noch in dem englischen Bloodhound, dem Stammvater aller Parforcehunde. Wenn daher auch ^ alle Jäger den heiligen Hubertus als ihren Schutzpatron verehren, so haben aus vorstehendem Grunde die Parforcereiter sicher eine ganz besondere Veranlassung, sein Andenken zu feiern. Schwerlich gibt es irgend eine Jagdgesellschaft, welche den 3. November nicht mit einer Festlichkeit begeht. Gewöhnlich findet sich an diesem Tage eine besonders zahlreiche Gesellschaft beim Jagdrendevous ein, die nach dem Ritt beim fröhlichen Mahle ihres Patrones gedenkt. Eine solche Parforcejagd hat einen ganz besonderen Reiz für alle activ Betheiligten und bietet oft in ihren verschiedenen Momenten höchst entsprechende Bilder für die Zuschauer. Der kleidsame Anzug der Jäger, welcher fast bei allen Jagdgesellschaften mit geringen Abweichungen ziemlich derselbe ist, verleiht einem solchen Jagdbilde, vornehmlich im Walde, Leben und Reiz. Nach altem Herkommen tragen beinahe überall die Jäger, welche mit der Meute den Hasen jagen, zu dem allgemein üblichen Kappenstiefel und der um's Knie ganz eng schließenden Neithose einen grünen, hinter dem Fuchs, Hirsch und Schwein einen scharlachrothen Rock mit goldenen Knöpfen. Früher war die Form dieses Kleidungsstückes diejenige des Gesellfchaftsfrackes und für die Jagdbediensteten der Rock, heutzutage bürgert sich der Reitrock auch bei den Herren immer mehr ein und die Bediensteten erhalten gewöhnlich ein Abzeichen durch dunkelfarbige Krägen und Aufschläge. Es ist ein wahrhaft anziehendes Bild voll Leben, wenn man eine Meute von etwa vierzig Hunden in einem enggeschlossenen Nudel mit Hellem Geläut in vollen: Laufe aus einem dichten Walde hervorbrechen sieht, gefolgt von den Reiten im rothen Rock und einigen Damen, welche die den Wald begrenzenden Barriere oder einen Graben fliegend nehmen. Und solche Gelegenheiten bieten sich auf jeder Jagd. Dem Parforcejäger ist an dem Tödten des angejagten Wildes wenig gelegen, er will es nur fangen und stellt sich bei Kastenhirschen sogar die Aufgabe, das verfolgte Stück womöglich unverletzt zu erhalten; ihm bietet das Reiten und die Beobachtung der fleißig arbeitenden Hunde den Hauptgenuß. Der Beginn einer Parforcejagd ist von der Witterung abhängig. Auf trockenem Erdreich erhält sich der Geruch des flüchtigen Wildes schlecht, der Jäger sagt: „Die Fährte steht nicht gut." Den Hunden wird ihre Aufgabe erschwert, die Jagd häufig in Frage gestellt; bei warmen: Wetter muß man deshalb früh Morgens jagen, so lange der Thau noch den Boden benetzt, bei feuchter Witterung ist die Jagd nicht an die Stunde gebunden. Der Hubertustag ist in unseren: Klima meist ein sehr geeigneter Zeitpunkt für diesen Sport. Man bestimmt das Rendezvous gewöhnlich zur Mittagszeit; die Jagdpferde entfernter Theilnehmer haben genügend Muße, den Bestimmungsort zu erreichen, Jäger und Jägerinnen können sich in aller Bequemlichkeit nach demselben begeben, und selbst für eine außerordentlich lange Jagd ist hinreichend Zeit bis zur eintretenden Dämmerung. 334 Zur bestimmten Stunde besteigt die Gesellschaft die Jagdpferde und begibt sich zu dem Punkte, wo das Jagdstück in Freiheit gesetzt werden soll, oder wo das zu jagende Wild eingespürt ist. Die Meute ist zur Hand, wird jedoch so gehalten, daß sie das fortbrechende Wild nicht sehen kann. Gibt der Jagdherr das Zeichen zürn Beginn, so wird der zur Stelle geführte Jagdwagen geöffnet und der Kastenhirsch sucht das Weite. Man läßt ihm einen Vorsprung yon 10 bis 15 Minuten, je nachdem man bei dem Wetter auf ein mehr oder weniger gutes Stehen der Fahrte rechnen kann. Darauf führt der Oberpiqueur mit den beiden Einpeitschern die Meute geschlossen zu einem geeigneten Anfangspunkt, den der Hirsch überschritten hat. Ist die Jagdequipage nach dem alten französischen Zeremonie! gehalten, so blasen die Piqueure auf ihren Jagdhörnern mit einer Fanfare die Jagd an, während die Hunde aus voller Kehle Laut gebend, mit Sehnsucht des Momentes harren, wo sie auf der Fährte dem Wilde folgen dürfen. Vor dem gegebenen Zeichen wagt kein Hund, sich von seinem Kameraden zu trennen. Der Oberpiqueur lüftet seine Kappe und mit einem „Hui! Hui!" entläßt er die jagdbegierige Gesellschaft. Mit Hellem Geläute fliegen sie dahin, zunächst folgen die Piqueure und der Leiter der Jagd, der inuster ok Inmncks, und dann erst die Jagdgesellschaft, deren Ausgabe es nun ist, den Hunden mit möglichst geringen Abweichungen zu folgen, ohne sie jedoch -in ihrem Geschäfte zu stören. Kein Reiter darf ihnen zu nahe kommen oder gar ihnen vorbeireiten, weil das Eine die Thiere stört, das Andere durch ein mögliches Ueberreiten der Fährte die Jagd in Frage stellen kann. Steht die Fährte, so ist das Tempo gewöhnlich ein so schnelles, daß die Jäger bemüht sein müssen, die Hunde nicht aus den Augen zu verlieren; so lange der Boden gut ist und die Reiter nicht an zu groben Hindernissen scheitern, geht die Jagd in flotter Fahrt. Nimmt der .Hirsch aber einen Sumpf an, so sind seine Verfolger zu Pferde gezwungen, denselben zu umgehen, und dann ist es eine Frage, ob sie Ausdauer und Schnelligkeit genug besitzen, selbst durch einen nicht zu großen Umweg die verlorene Entfernung wieder gut zu machen. Schwieriger wird die Sache noch, wenn der Hirsch einen dichten Wald erreichen konnte, weil der Jäger in diesem Falle auch die Hunde aus dem Gesicht verliert und sich nun auf sein Gehör verlassen muß. Nicht allein die Reiter verlieren zuweilen die Hunde, es gibt auch Gelegenheiten, bei welchen den Hunden die Fährt entschwindet. Wenn sie zum Beispiele an einem Bache oder Wassergraben bis zum diesseitigen Ufer mit Hellem Geläute geschlossen gingen, auf der anderen Seite aber verstummen und auseinander schwärmen, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß der Hirsch, vonr Instinkte geleitet, sie irrezuführen wußte. Gewöhnlich geht er dann ein längeres Stück im Wasser stromauf, ehe er seine Flucht weiter fortsetzt und häufig bei dieser Gelegenheit eine ganz veränderte Richtung einschlägt. Die Hunde kommen durch ein solches Manöver in große Verlegenheit, denn die Fährte ist unterbrochen und das Wasser trägt die Ausdünstung des Hirsches, welche bei längerer Dauer und gesteigerter Schnelligkeit der Jagd immer intensiver wird, stets stromabwärs, entfernt die Hunde also immer weiter von der richtigen Direktion, während dieser Zeit gewinnt der Hirsch Terrain. In einer solchen Lage thut der Master am besten, gleich die Hunde abblasen, auf beiden Ufern stromaufwärts suchen die Piqueure nach der Fährte abspüren zu lassen. Glaubt ein Hund die Fährte wieder gesunden zu haben, so gibt er sofort Laut, ruft damit seine Kameraden zu Stelle, und hat er sich nicht getäuscht, so ftimntt die ganze Meute in seinen Jubel ein, und dahin fliegt die kleine Gesellschaft wieder mit freudigem Geläut in voller Fahrt. Eine solche oder ähnliche Unterbrechung dient Pferden und Reitern oft zu einer sehr nothwendigen Erholung und bietet den schwereren Herren, welche aus Vorsicht ein zweites Pferd unter leichtem Gewicht geschont folgen ließen, bei einer sehr anstrengenden Jagd vielleicht die Gelegenheit zu einem Pferdewechsel. Gelingt es den Hunde», das 335 Jagdobjekt auf der Fährte einzuholen und den Reitern der Meute in nächster Nähe zu folgen, so bekommen sie schließlich das Wild zu Gesicht, es beginnt die Jagd A. Z.) Miseelleu. (Aus der Judenschule.) Rabiner, der seinen Schülern die Geschichte Joseph's erklärt hatte: „Na, war das denn eine Sünde, daß die Brüder den Joseph verkauften? Wer waiß? Du Levil" — Levi: „Na, weil sie ihn zu billig verkauft hatten." (Trumpf.) Passagier: „Sie, Schaffner, wann geht eigentlich dieser Bummelzug ab?" — Schaffner: „Nun, wenn die Bummle alle beisammen sind!" Zum Feste des sel. Albertus des Grasten, gefeiert in Launigen, 1S. November 1880. Des großen Albert Ruhm und Ehren So weit es möglich ist zu mehren Hat sich die halbe Welt verbunden Und neue Kränze ihm gebunden. Hier Launigen am Donaustrom Dann Köln mit Deutschlands schönstem Dom Das edle Ratisbona dort Selbst Roma an der Engelspsort Das allberühmte Padua, Das Atberts goldne Jugend sah, 66Ü Die Bischossstadt am Lechgestad Die Albert oft betreten hat — Sie bieten weihevollen Gruß Des großen Alberts Genius. Es schließt der Norden mit dein Südm In Alberts Name» seinen Frieden. Es nennt der Ungar und Franzos Den sroinmen Bruder Albert groß; Und wenn sonst selten Nationen, Noch seltener Konfessionen In Einem Stücke sich begegnen, Dasselbe Grab mit Andacht segnen —, Hier ist es anders — Allen Allen Hat dieser große Mann gesallen. Jedwedes Fach der Wissenschaft Preist Alberts hohe Geisteskraft. Bor Allem wars die Gotteskunde, Wo mit dem Glauben treu im Bunde Des großen Alberts Willensstärke Erschuf unsterblich hohe Werke. Als Meister der Philosophie Löst Albert Fragen, wie sie nie Vor ihm ein Anderer verstand — Man suche auf und ab im Land. Im weiten Reiche der Natur Gab's sür ihn keine srcnidc Spur Die Thiere, Pflanzen, das Gestell Schließt sein System getreulich em Und auch des Menjchen-Lcibs Gestalten Und seines Geist's geheimes Walten, Architektur und Physik« Mechanik, Technik, Musika, Und was man nennet Medicin Erforscht sein rastlos hoher Sinn: Die irdische und Geister-Welt Hat Gottes Gnad' ihm klar gestellt. War Albert selbst auch kein Po St Wie mau sonst dieses Wort versteht, Verdanket dennoch ihm die Dichtung Manch hohes Thema, manche Richtung. Ein üppig reicher Sagenkreis Umschloß in sinnig edler Weis Den seltenen, den großen Mann, Und reiht an seinen Namen an Manch sroh Ereigniß, manches Glück, Manch unerklärtes Meisterstück. — Seht, mitten in des Winters Tosen Erblühen auf sein Wort die Rosen; Und während Eis und Schnee entflieht - Der Vogel singt, die Taube glüht! Entfernter Zeiten leisem Raulchen Weiß er Verständniß abzutauschen. Er bildete mit Meisterwitz In seinem stillen Klostersitz Ein kunstvoll menschliches Gebilde, Deß Ideal sein Herz erfüllte. 's rvar eine herrliche Figur Von edler, reizender Struktur; Und diese Kunstgestalt — sie sprach Dem Meister manches Wörtchen nach: Ihr „Salve" so geheimnißvoll Fand staunender Bcwund'rung Zoll. Und wer rühmt nicht die Folianten Die Alberts Geist und Hand entstammten? Für seine Zeit — erhabne Ehre Für alle Zeiten reich an Lehre! Mit etwas seltsamen Latein Jedoch bedeutsam, wahr und sein Hieß es von diesem großen Mann Der Alles, was man wissen kann Gewußt — „gui ecivit omoo ocibilo Lt guivit, guocl possibilo." Und dieser Mann — er war dabei So sern von aller Heuchelei So frei von Stolz und Eitelkeit So groß an wahrer Frömmigkeit, Daß wer ihn kannte, chn geehrt, Daß öfters ihn zu sehen begehrt, Wer einmal ihm in's Auge sah: Wie dreimal glücklich war der da! Plato und Aristoteles, Galenus und Hipprokrates, Gregorius und Äugustin Sehn wir vereint in seinem Sinn, Und staunen Alle freudig an Was er geschrieben und gethan. Nun in der sel'gen Geister Schaar, So reich gekrönt sür immerdar Schau, großer Meister, du herab, Verschmähe nicht die Weihegab, Die hier wo deine Wiege stand, Dir dankbar bieten Stadt und Land Erhabener, der Sonne gleich Befördere der Wahrheit Reich Laß ächte Weisheit bei uns blühen Und segne jeglich fromm Bemühen! Es sei und bleibe uns dein Bild Ein unbezwingbar sestcr Schild, Der uns beschützt vor Irrthums Nacht, Dein Geisles-Auge halte Wacht Daß, wie wir treulich auf dich sehen Mit dir mir vorwärts — auswärts gehen! Und Licht und Wahrheit bringen Frieden Der Gaben herrlichste hienieden, Verbinden die zerstreuten Glieder, Vereinen die getrennten Bruder, Und Licht und Wahrheit, Lieb und Recht Erhöh'» der Sterblichen Geschlecht: Und dieses Glück — es komme bald, Ihm unser Gruß entgegen schallt. b>. U—nv! Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttlcr. nternaktunasolatt zur „Angsbnrger Postzeitimg." 1880. Nr. 43« Samstag, 27. November Mein Verzeichnis; von Bösewichtern wird mit jedem Tage, den ich älter werde, kürzer, und mein Register von Thoren vollzähliger und länger. Schiller. Das Blumenmädchen. Ein Berliner Straßenabenteuer, erzählt von Max Wolsf. „Eine Nose, schöner junger Herr? Kaufen Sie doch eine Rose!" „Von Herzen gern, meine liebe Kleine! Den ganzen Korb voll, wenn ich nur wüßte, wem ich sie geben könnte!" „Ei! wem denn sonst, als Ihrem Schatz, lieber Herr?" „Meinem Schatz? Du guter Gott, das ist leicht gesagt! Ich habe ja keinen Schatz!" „Sie hätten keinen Schatz? Und das soll ich Ihnen glauben? Ein so schöner, junger Herr —" „Wenn Du zum Beispiel mein Schatz sein wolltest —" „Danke vielmals für die Ehre! Aber ich hab' schon einen." „Siehst Du? Das ist ja eben mein Pech. Wo ich anklopfe, komm' ich zu spät. Alles ist versehen und ich muß zuschauen. Mir geht's in der Liebe wie beim Tanzen. „Mein Fräulein, darf ich bitten?" „Danke, bin schon engagirt!" Oder: „Danke, ich tanze nicht!" Oder: „Danke, aber ich bin zu müde!" Hab' ich dann endlich irgend Eine erwischt, die nicht engagirt ist, nicht müde ist und tanzen kann, so wird eine Quadrille gespielt und ich finde kein vis-ü-vis" Die Kleine lachte hell auf. Ich hätte gar nicht gedacht, daß so viel Silber in dem Stimmchen da stecken könnte. „Und was ist denn Dein Schatz?" frug ich sie. „Kellner ist er. Fritz heißt er, und ich bin ihm von Herzen gut. Aber besinne»» Sie sich doch einmal, wem Sie die Rosen schenken können. Sehen Sie nur, wie frisch und prächtig sie sind!" „Eben besinn' ich mich: Draußen vor'm Potsdamer Thor wohnt eine alte Tanks von mir, der will ich —" „Allen Respect vor ihrer Frau Tante! Aber die bekommt meine Rosen nicht!" rief «rtzt die Kleine resolut. „Eine recht schöne junge Dame soll sie haben von Ihnen, und Niemand sonst. Ich will Ihnen etwas sagen" — fuhr sie nach kurzein Besinnen fort — „ich binde die Rosen in ein allerliebstes Sträußchen zusammen, das nehmen Sie, stecken ein Zettelchen hinein, auf dem Sie ein Stelldichein für morgen bestimmen, und geben es dem ersten schönen Mädchen, das hier vorüber kommt." „Bist Du toll? Meinst Du, ich könnte die Frechheit haben und —" Der kleine Kobold lachte wieder hell auf. „Und du meinst wirklich, ein ehrbares Mädchen würbe —'1 Schon wieder tönte das. Gelächter des kleinen Kobolds. 33S — „Aber lieber Herr, warum denn nicht? Man macht sich auf alle Weise, so gut es geht, mit einander bekannt, Fräuleins haben es gewiß so gern, wenn man artig gegen sie ist, als unsereins," „Du scheinst sehr gewandt und erfahren für Deine Kleinheit und Dein Alter, Wie alt bist Du denn schon?" „Sechzehn Jahr, wenn Sie erlauben! Und meine Kleinheit — bis zu Fritzens Mund reich' ich hinauf und das ist hoch genug." „So ! Sieh einmal an! — Aber ich hätte wahrhaftig den Muth nicht! Der ersten besten Dame —" Der Kobold lachte schon wieder. „Den Muth nicht? Ich will Ihnen noch einen Vorschlag machen. Schreiben Sie das Zettelchen, und ich übergebe den Strauß Derjenigen, die Sie mir bezeichnen! Wollen Sie?" „Ich weiß gar nicht — Nun in Gottes Namen! Aber Du wirst sehen, es gibt Unheil! Binde denn den Strauß, während ich schreibe!" Die Kleine begann also den Strauß zu binden, kicherte aber fortwährend und schaute nach mir herüber. Ich zog ein Blatt heraus, trat an eine Gaslampe und fing an zu schreiben: «Dieses Sträußchen prächt'ger Rosen, Rother, weißer, gelber, Willst Du's nehmen? Lieblich bist Du Wie die Rosen selber: Weiß wie Milch und roth wie Blut; Liebes Kind, ich bin Dir gut! . Mein liebes Fräulein, darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie morgen um drei Uhr Königstraßen-Ecke zu erwarten. Ich habe Ihnen viel zu sagen. Ihr leidenschast. Verehrer." Während ich dies, nicht ohne meine eigene Frechheit zu wundern, geschrieben, hatte die Kleine das Bonquet beendigt. Es war prachtvoll geworden. „So, nun stecken Sie den Zettel tief in die Mitte hinein! So ist's recht! Und nun geben Sie gut Acht und bezeichnen mir, die Ihnen gefallt," „Ich will doch lieber mehr auf die Seite treten —" Ein neues Gelächter von der Kleinen, aber ich kann ihr nicht böse werden. „Hier bleiben Sie, dicht bei mir und aufgeschaut!" Eben kam eine junge Dame, die mir gar nicht übel gefiel, die Straße herauf. „Der dort!" sagte ich schnell entschlossen. „Nein, lieber Herr!" schnitt mir die Kleine ab, „die bekommt den Strauß nicht! Wissen Sie nicht, wer das ist?" „Nein, wahrhaftig nicht! Kennst Du sie?" „Geben Sie nur Acht, wo sie hingeht, so werden Sie sie auch gleich kennen!" „Sie geht dort in den Konzertsalonl Bedeutet das etwas?" Diesmal lachte die Kleine nicht. Sie sah mich ernsthaft an und sagte: „Kennen Sie das Lokal nicht? Ich sehe schon," fuhr sie fort, „ich werde für Sie wählen müssen; und Sie sollen nicht zu kurz kommen! Aber schauen Sie die Dame nur ordentlich an, damit Sie sie auch morgen wieder erkennen!" Wir erwarteten eine geraume Weile. Die Kleine ließ eine nach der andern vorübergehen, ohne ihr den Strauß zu geben. Sie war wirklich sehr wählerisch in meinem Interesse. Aber ich hätte lieber gesehen, daß sie ein Ende gemacht, denn bei jeder, die sich uns näherte, wurde ich sehr unruhig und aufgeregt und mochte nun endlich die Tortur nicht länger ertragen. „Gefällt Dir noch immer keine?" „Die dort!" sagte sie und schritt einer zierlichen schlanken Blondine entgegen. Ach wollte sie zurückhalten. Es war zu spät. In meiner Verlegenheit sprang ich also schnell hinter einen Haufen Mauersteine, wo ich Alles sehen und hören konnte. Ich war außer mir vor Zorn: denn mein Unglück wollte, daß die junge Dame — „Liebes Fräulein," hört' ich die Kleine jetzt sagen, indem sie den Strauß anbot, „ein artiger junger Herr, der Sie im Stillen verehrt, nimmt sich die Freiheit, Ihnen durch mich dies Bouquct zu überreichen., Nehmen Sie's freundlich an!" Die junge Dame erröthets, gerieth in Verlegenheit, blieb aber stehen. „Ich danke Ihnen, liebes Kind, aber wer ist der Herr?" hörte ich das Fräulein sagen, „Dort steht er, liebes Fräulein!" Ja wohl! dort hatte er 'mal gestanden. Ich war nicht mehr da und sie suchten vergeblich. „Ich versichere Sie, Fräulein", begann die Kleine wieder, „noch eben hat er dort gestanden. Er muß zurückgetreten sein. Er ist ein wenig schüchtern, scheint es, und möchte Ihnen nicht wehe thun!" Die junge Dame nahm das Bouguet, dankte der Kleinen und ging weiter, aber nicht ohne sich noch einmal umzusehen. Als sie fort war, kam ich hervor. Die Kleine suchte mich. „Du Unglückliche!" rief ich, „was hast Du angestellt! Das war ja —" „Eine Bekannte? Um so besser!" „Meine Nachbarin! mein vis-a-vis, das ich schon seit Wochen heimlich anbete —" „Das trifft sich ja herrlich!" „Entsetzlich! Das Stelldichein auf morgen! Wenn sie das liest! Sie wird außer sich berathen! „Ganz und gar nicht! Um so natürlicher wird sie's finden! und die Nachbarschaft —" Aber ich sage Dir, sie ist mir spinnefeind! Sie verabscheut mich!" Die Kleine maß mich mit erstaunten Blicken von oben bis unten. „Verabscheut Sie? Ja, warum sollte sie Sie denn verabscheuen? WaS haben Sie ihr zu Leide gethan. „O! eigentlich Nichts! gar Nichts! das ich wüßte! Ich habe sie über die Straße hinüber verehrt, ganz bescheiden. Aber sie wollte nichts sehen. Dann habe ich ihr jeden Morgen früh, schon um fünf Uhr, nachdem ich das Fenster geöffnet, ein Ständchen auf der Geige gebracht, so zart, es hätte einen Felsen erweicht. Aber sie wollte Nichts hören. Schon den zweiten Tag schickte sie herüber und ließ bitten, ich möchte ihr mit der abscheulichen Dudelei doch gefälligst nicht den Morgenschlaf verscheuchen." Der Kobold schüttelte sich wieder einmal vor Lachen. „Ja, wenn Sie die Sache so treiben, dabei kann Nichts herauskommen. Die Sterne singt man an, lieber Herr, aber keine Berlinerin! Ich sage Ihnen, sie wird ungehalten sein, -weil sie gar so, ich meine, weil Sie gar keinen rechten Anfang machen. Nun, der wäre ja jetzt gemacht!" „Meinst Du wirklich? Glaubst Du, sie wird kommen?" „Gewiß kommt sie! Meine Seele verwett ich darauf. Und wenn's auch nur aus Neugierde wäre, um zu sehen, wer denn eigentlich ihr Verehrer ist." „Ich sage Dir, sie wird aus Entrüstung kommen, um zu sehen, ob ich wirklich die Frechheit haben werde, sie zu erwarten!" Der Kleinen standen vor Lachen die Thränen in den Augen. „Aber, bester Herr, Sie sind wirklich ein — ein —" „Ein recht gutmüthiger Schafskops! willst Du sagen. So etwas les' ich in Deinen Hexenaugen." „Nein, nein! Was glauben Sie von mir!" sagte sie wieder ernsthaft und reichte mir ihr Patschhändchen. „Aber ein Berliner sind Sie nicht. Und nun gehen Sie, denn Fritz kommt gleich und möchte eifersüchtig werden. Kommen Sie gut nach Haus und erzählen Sie mir, wie's abgelaufen! Gute Nacht und schönen Dank!" 3L0 1 r Damit sprang die kleine Hexe fort. Ich ging nach Hause, konnte aber die ganze Necht nicht schlafen. Wenn sie mir einen Brief schriebe und mir mein Betragen vorwürfe, mich verachtete! Schon in aller Frühe war ich auf und öffnete das Fenster. Der Morgen war köstlich, aber die Läden drüben waren geschlossen. Ich holte meine Geige — nein — kein Ständchen! rief ich und legte das Instrument wieder fort. Auch möchte sie am Ende denken, ich wollte sie noch obendrein verhöhnen. Seufzend setzte ich mich in meinen Sessel an's Fenster und starrte drüben auf die Läden, bereit, sobald sich etwas regen würde, ins Zimmer zurückzuspringen. Endlich wurden die Läden drüben aufgestoßen. Ich war so gelähmt vor Schreck, daß ich kein Glied rühren konnte. Nichtig, das liebe Kind war's selber; im schneeigsten Morgenkleidchen stand sie da, vor den Busen hatte sie die schönste rothe Rose aus dem Strauße gesteckt. Den Strauß selbst stellte sie in einer niedlichen Base ans Fenster. Als sie mich sah, lächelte sie, erröthete und grüßte. Die Aermste! Sie wußte, sie ahnte gewiß nicht, daß ich der Unverschämte war, der sie zu diesem Stelldichein geladen. Wahrscheinlich meinte sie, ein guter alter Freund habe sich den heimlichen Scherz erlaubt. Darum trug sie gewiß auch die Rose von ihm. Ich grüßte also zurück, aber mit bösem Gewissen. Wie reizend'sie aussah! So verging der Vormittag, und der Nachmittag, der schreckliche Nachmittag kam. Endlich schlug es drei Uhr vom Kirchthurm, und mit dem Glockenschlage sah ich auch meine Nachbarin in dem reizendsten blauen Kleidchen um die Ecke biegen. Es war ein Stück lieblicher Himmel, der mir da entgegenwandelte. Aber ich war ganz verblüfft lind sprang um nicht gesehen zu werden, hinter die Litfaßsäule. Ich glitt immer weiter hinter die Säule, je näher das Mädchen kam. Doch das Geschick hatte sich gegen mich verschworen. Ich sollte entlarvt werden. Eine Droschke raste auf mich los, wie ich so auf dem Damm hinter der Säule stand; der Kutscher schrie mich an, und um nicht überfahren zu werden, mußte ich aufs Trottoir springen, gerade in dem Augenblicke als meine Angebetete vor der Säule vorbeitrippelte. Ich war gefangen. Sie sah mich, erröthete, grüßte und blieb stehen. Ich zog den Hut und stammelte verwirrte Worte. „Welch glücklicher Zufall —" rief ich und wurde feuerroth über die Lüge. „Zufall?" fragte sie ängstlich, mit einer.Stimme, die süßer war als alle Mozart'- schen Adagios zusammen genommen. „Haben Sie denn nicht das reizende Bouquet, die hübschen Verse und die freundliche Einladung auf heute —" „O verzeihen sie mir!" rief ich überwältigt und machte Miene ihr zu Füßen zu stürzen. „Es war eine Unverschämtheit von mir, Ihnen so etwas zuzumuthen. Sie sehen mich von Neue zerknirscht!" „Die Blumen sind reizend und die Verse allerliebst. Ich hätte Ihnen das gar nicht zugetraut. Aber gehen wir weiter! Wir können doch hier nicht stehen bleiben!" O diese Berlinerinnen! rief es in mir, o Du kleine Blumenhexe! Sie nahm meinen Arm und ich schwebte im vierzehnten Himmel. So kamen wir an die Königsbrücke. „Eine Rose, schöner, junger Herr? Kaufen Sie doch eine Rose!" rief ein wohlbekanntes Stimmchen neben mir. Ich schaute hin, der kleine Kobold saß unter seinen Blumen. „Eine Rose für das schöne junge Fräulein!" kicherte die Kleine. „Den ganzen Korb, Du kleiner Teufel" rief ich. „Weiß ich doch nun, wem ich sie in den Schooß zu schütten habe!" (Deutsch. Montagsblatt.) Erdbeben. Die Theile der Erdoberfläche sind nicht in starrer, unwandelbarer Verbindung mit einander, sondern sie sind in Folge unablässig wirkender Kräfte, fortwährenden Ver- änderungen unterworfen. So lehren uns geologische Thatsachen auf das bestimmteste, daß Gebiete, welche heute trockenes Land darstellen, in der Vorzeit vom Meere überdeckt waren, ja daß gar weite Strecken nicht nur einmal, sondern in'reichem Wechsel über- fluthet wurden, wodurch wir zu der Annahme gedrängt werden, ein förmliches Schwanken der Erdoberflächen, ein wiederholtes Auftauchen aus und wieder Verschwinden unter dein Meere habe stattgefunden. Ueberblicken wir'die Neliefverhältnisse der Erdoberfläche, so finden wir ungeheure flache Mulden, die Oceanbecken, aus welchen die Continentalmassen mit relativ steil aufsteigenden Wänden emporragen. Auf diesen letzteren wiederholen sich im Kleinen die Reliefformen des Großen und Ganzen. Hochländer und Tieflandsmulden oder Tieflandssämne finden sich, scharf ausgeprägte Kettengebirge durchziehen, Rinden- faltungen vergleichbar, das über die Mceresbedeckung aufragende Land. Man hat durch Versuche ähnliche Figurationen auf Kautschukkugeln oder auf ebenen Flächen im Kleinen nachzubilden gesucht, und es ist dies in der That auf das überraschendste gelungen, indem man die mit Farbschichte oder mit plastischem Tone überzogenen Flächen nachträglich einer Contraction unterwarf. Dadurch entstanden Vertiefungen und Erhöhungen, Runzeln und Falten, Überschiebungen und Brüche in den Kautschuktheilen, ganz ähnlich jenen, welche wir am Erdrelief verfolgen können. Die einfache Annahme, daß unsere Erde ein schwindender, das heißt sein Volumen vermindernder Körper sei, läßt uns einen Weg zur Erklärung aller Erscheinungen finden, welche uns das Erdrelief in seinen Grund- und Hauptzügen zeigt — das Detailwirken der zerstörenden atmosphärischen Kräfte ist freilich auch ein ganz gewaltiges. Nehmen wir nun einen derartigen Schrumpfungsvorgang an, und dieser Annahme steht bei der erhabenen Thatsache, daß das Erdinnere überall wärmer ist, als die Oberfläche, nicht nur nichts im Wege, sondern sie ist in den physikalischen Gesetzen begründet und unabweisbar. Unablässig geht dieser Proceß vor sich, - unablässig wird daher auch das Wirken der dadurch geweckten Kräfte sein, welche, wie bei den schwindenden Kaut- schulkugeln, die zu weit werdenden äußeren Rindentheile in Mulden und Süttel, in Runzeln und Falten zu legen streben. Die Folge davon wird das Auftreten von Spannungserscheinungen in der „starren Rinde" sein, da diese ja nicht ohncweiters jenen Kräften folgt, sondern ihnen bis zu einem "gewissen Grade Widerstand entgegensetzt, wenn sie schließlich auch bei der Fortdauer der Einwirkung nachgeben muß, fast ebenso, als wäre sie weiches Wachs. Biegen sich doch die so starr erscheinenden Gesteinsbünke unter gewissen Umständen auf das man- njchfaltigste. Daß auf diese Weise auch locale und oft weithin fühlbar werdende Störungen des Zusammenhanges eintreten werden, ist wohl selbstverständlich. Bcrstungen und Brüche einzelner Theile, Risse und Sprünge in den Gesteinsschichten werden die Folgen jener Spannungsvorgänge sein. Daß aber solche Auslösungen nicht ohne fühlbare Erschütterungen vor sich gehen werden, ist wohl ebenso klar zu ersehen. Eine ganze Reihe von Vorgängen ist auf diesem Wege zu erklären: die säkularen Hingebungen und Senkungen durch ruhigen Vollzug des großen Processes, Erdbeben in Folge von Störungen und die Gebirgsbildung als das größte Ergebniß; den Vulkanausbrüchen aber wird dadurch der Weg erschlossen. Wir hätten auf diese Weise einen Weg gefunden, der uns ohne weitere-Rücksichtnahme auf den Aggregationszustand des Erdinneren, wodurch wir notgedrungen. nur wieder zur neuen (respektive sehr alten) Hypothese greifen müßten, ohne vorläufige Rücksichtnahme auf die Einwirkungen der Sonne und des Mondes auf die Erde, das Auftreten von Erdbeben erklärlich finden läßt. Vorgänge von der geschilderten Art werden sich vollziehen, ob nun das Erdinnere glatt, flüssig sei oder sich in einem andern, starren, halbstarren oder „bedingt starren" Zustande befinde. Wobei jedoch sofort betont werden soll, daß wir über den Zustand des Erdinneren nur sehr wenig Sicheres anzugeben vermögen, so daß die Annahme eines gluthflüssigen Erdinnern bis zur Stunde wenigstens durchaus nicht unerlaubt erscheint — 342 es spricht gar Manches sogar sehr laut dafür — die Annahmen nämlich, welche gemacht, und Rechnungen, welche auf Grund derselben ausgeführt wurden, um die Verfestigung oder Starrheit des Erdinneren abzuleiten, sind noch lange nicht so weit gediehen, daß sie Sicherheit und volle Ueberzeugung gewähren könnten. Erdbeben sind alltägliche Ereignisse: „Wenn man Nachricht von dem täglichen Zustande der gesammten Oberfläche haben könnte, so würde man sich sehr wahrscheinlich davon überzeugen, daß fast immerdar, an irgend einem Punkte, die Oberfläche erbebt." (Humboldt.) Erdbeben sind nichts Anderes als Erschütterungen größerer oder kleinerer Theile der Erdrinde und entstehen in Folge eines Stoßes oder Ruckes, einer versuchten oder vollzogenen Auslösung des Gesüges, fast immer in Folge einer von Innen nach Außen wirkenden Krastäußerung, deren Ursprung oft in gar nicht allzu großer Tiefe (10 bis 70 Kilometer) zu suchen ist und deren Wirkungen sich vom Orte der Entstehung sowohl nach der Oberfläche als auch nach den Seiten durch die Gesteinmassen fortpflanzen, wobei die Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit des Fortschreitens der „Erdbebenwelle" und dex Werth des in Mitleidenschaft gezogenen Oberflächentheiles abhängig ist von der Stärke der den Stoß bedingenden Störung, von der Richtung der Wirkung des Stoßes und von der Beschaffenheit des den Stoß fortpflanzenden Gesteines. Daß dabei die Ober-, flächentheile die Folgen des Stoßes vor Allem zu ertragen haben werden, ist wohl ohne weitere Auseinandersetzung ersichtlich, ebenso wie auch die Erwägung, dak die Wirkung des Stoßes auf die Oberfläche verschieden sein wird, je nachdem die Beschaffenheit derselben anders im festen, innig verbundenen Gesteine und anders und viel verheerender im lockeren, der Stoßwirkung leichter Folge leistenden Grunde. Wie weit die Wirkungen eines Erdbebens reichen können, zeigt das Beben von Lissabon (1. November 1755), dessen Schüttergebiet einen Flächenraum umfaßte, viermal größer als der von ganz Europa! Die Geschwindigkeit des Fortschreitens kann mit 300 bis 500 Meter in der Secunde angenommen werden. Schwaches Beben der Erde, wie wir es in Wien selbst wiederholt wahrzunehmen Gelegenheit hatten, bewirkt nur ein leichtes Erzittern des Bodens, bei etwas stärkerem kommt es zu Bewegungserscheinungen an losen Gegenständen, bei noch heftigeren Stößen aber stürzen Schornsteine, zerreißen Mauern, brechen Häuser zusammen, der Erdboden bekommt Risse, ja Theile desselben verändern bleibend ihre Lage, versinken oder werden emporgedrängt, Quellen versiegen (werden abgeleitet), Flußläufe werden abgesperrt und zu Seen aufgestaut, Wasser wird aus Rissen und Löchern cmporgepreßt, was auch Veranlassung zur Entstehung von vorübergehenden Schlammsprudeln geben kann. Die letzten Erscheinungen sind es, welche in der Regel bei totaler Verkennung der Erscheinung großes Entsetzen in der Meinung verbreitet haben, daß ein Vulkan im Entstehen begriffen sei. So war es im Vorjahre mit dem „Vulkan" im Banate, als am Babakei-Felsen das Wasser aussprudelte, so am 9. d. M. bei Nesnik, wo offenbar Pfützenschlamm im erschütterten Ueberschwemmungsgebiete der Save empor- gepreßt wurde. Manche Erdbeben sind auch von Schallphänomenen begleitet, wie dies auch beiden: letzten unglücklichen Ereignisse der Fall war, wobei zu Klagezifurt, Hrastnig, Cillj und Kreuz donnerähnliches Getöse wahrgenommen wurde. Daß auch die Wassermassen der Oceane nicht selten in verhängnißvoller Weise in Mitleidenschaft gezogen werden, das zeigen die submarinen Erdbeben (Seebeben), das zeigen aber auch die Fluthwellen, die z. B. bei den großen südamerikanischen Erdbeben wiederholt erzeugt und und weithin fortgepflanzt worden sind. Aus der Richtung und der Kraft, die aus den Zerstörungs-Erscheinungen wenigstens annähernd festgestellt werden können, versuchte R. Mallet, nach der Fortpflanzungs- Geschwindigkeit aber versuchte v. Seebach, und zwar nicht ohne Erfolg, den Ursprungsort, das Centrum der Erdbeben wenigstens annähernd zu bestimmen. ^ Was nun das Auftreten der Erdbeben anbelangt, so ist es eine längst erkannte Thatsache, daß gewisse Gebiete häufig von Erdbeben heimgesucht werden. So sind in 343 erster Linie die durch thätige Vulcane bezeichneten Erdstellen vielfach Erderschütterungen ausgesetzt — Erschütterungen, welche den Ausbrüchen vorausgehen oder sie begleiten, überhaupt mit vulkanischen Vorgängen im Zusammenhange stehen. Wir bezeichnen sie als vulcanische Beben und betrachten sie als rein loeale Erscheinungen, bewirkt und bedingt durch dieselben Kräfte, welche auch bei den Eruptionen thätig sind: durch plötzliche Entwicklung oder Entbindung übergroßer Dampfmassen, wobei heißer Wasserdampf die Hauptrolle spielt. Rein localer Natur sind aber auch jene Beben, welche durch unterirdische Einstürze erzeugt werden, wie solche in höhlenreichen Gebieten, zum Beispiele in Karstterrains, immerhin häufig genug vorkommen. Weit wichtiger, in ihren Wirkungen fürchterlicher und so recht eigentlich die allgemein verbreitete Erscheinungsform bildend, sind alle jene Erschütterungen, welche wir auf die eingangs berührten Vorschläge zurückführen möchten, Erdbeben, welche wir uns durch plötzliche Aenderungen, Störungen im Schichtenbaue der Erde entstehend denken. Sie find förmlich an die Regionen mit gestörtem Schichtenbau gebunden, treten vor Allem in den Kettengebirgen auf, welche ja so recht eigentlich die Störungslinien im Krustenbaue bezeichnen. So fallen die meisten mitteleuropäischen Beben in das Gebiet der Alpen und Apenninen. Aber auch Gegenden, in welchen in jüngster Zeit bedeutendere Niveau-Veränderungen vor sich gegangen sind, bezeichnen solche Hauptstörungsstriche und werden häufig von Erderschütterungen betroffen, so zum Beispiele Sicilien und die Westküste von Südamerika, wo auffallenderweise der Kamm der Cordil- leren die Ostgrenze der dort so fürchterlich auftretenden Erderschütterungen zu bilden scheint. Die weiten Gebiete mit ungestörter Schichtenlagerung, zum Beispiele jene, welche sich aus der norddeutschen Ebene durch Rußland bis in die Gegend des Baikal-Sees erstrecken, werden dagegen nur selten erschüttert. In den letzten Jahren sind wiederholt alpine Erdbeben genauen Studien unterzogen worden, und haben dabei gerade österreichische Forscher viel zur Förderung der richtigen Erkenntniß beigetragen. (Sueß, Stur, Bittner und Andere.) Es hat sich dabei ergeben, daß die Erdbeben in den Alpen und in den Apenninen förmlich an gewisse Linien, die „Stoß- oder Schütterlinien," gebunden erscheinen, auf welchen sie bald hier, bald dort auftreten. Solche Linien ziehen theils quer durchs Gebirge, theils folgen sie der Lüngenerstreckung desselben. Sie sind in vielen Fällen schon orographisch oder doch tektonisch oder durch gewisse andere Merkmale gekennzeichnet. Eine solche Schütterlinie zieht beispielsweise die Südbahnlinie entlang von Wien bis an den Semmering. Sie ist auch durch einige warme Quellen charakterisirt, welche in der Nähe des orographisch so überaus deutlich ausgeprägten Bruchrandes liegen, und wurde von Sueß als die Thermenlinie bezeichnet. Von ihr zweigt bei Neustadt die quer durch die Voralpen zur Spalte des Kamp ziehende Kamplinie ab. Ihre Fortsetzung aber jenseits des Semmering bildet die der Mürz und oberen Mur folgende Mürzlinie. Solcher alpiner Stoßlinien gibt es noch gar viele. Besonders häufig sind sie im südlichen Theile der Alpen, in der Nähe des großen Bruchrandes gegen die oberitalienische Tiefebene, und zwar sind sie hier vorwaltend von Nordost gegen Südwest gerichtet und entsprechen großen Querbrüchen, wie dies zum Beispiel in der Gegend des von dem Erdbeben im Jahre 1873 so arg zugerichteten Städtchens Belluno auf das überzeugendste dargelegt werden konnte. (Bittner und R. Hörnes.) (Schluß folgt.) Ein Gott Ein Gott muß sein! Ein Gott, der ist und war, Eh' Eines ward von Allem, was sich regt; Ein Ewiger, der Alles in sich trägt, Dem End, und Anfang Eins, unwandelbar. In seinem Licht ist Alles sonnenklar, Was Raum und Zeit in fernsten Tiefen hegt: In ew'ger Ruhe thront Er unentwegt, Er, l.r da ist! — Sein Nam' ist wunderbar. muß sei«. Wer faßt den Geist, der haucht und....! Alles lebt! ? Wer dringt in jener Wasser Tiefen ein, Worüber er im Schöpfungswerke schwebt? Das Leben strahlt des Gebers Wiederschein; Millionenfaches, das im Wandel strebt Zum Steten, Einen, — ruft: „Ein Gott muß sein l" (Das saubere fürstliche Ehepaar.) Ein Fürst hatte sich auf der Jagd verirrt und wurde von einem Bauer, der ihn für einen gemeinen Reiter hielt, wieder auf den rechten Weg geführt. Der Fürst frug den Bauern, was er denn von seinem Landesfürsten hielte. „Unser Fürst," versetzte der Bauer, „wäre schon recht, aber seine Frau, die Hexe ist nicht werth, daß sie der Teufel holt." Der Fürst lachte und als er nach Hause kam, erzählte er es seiner Fürstin. Diese wollte durchaus Satisfaktion haben. — Der Bauer wurde also nach Hofs geholt, und in Gegenwart der Fürstin gefragt, ob er noch wisse, was er unlängst von der Fürstin zu einem Reiter gesagt hätte. Der Bauer versetzte: „Was wußte ich, daß der Hallunke, welchem ich es gesagt, mich' verrathen würde." Die Fürstin fing herzlich an zu lachen und sagte: „Ich für meinen Theil bin herzlich zufrieden, der Bauer soll Gnade haben, der Fürst kann seinen Hallunken einstecken." (Aus einer alten Predigt.) Ein Dresdener Blatt veröffentlicht folgendes Bruchstück aus einer Predigt, im vorigen Jahrhunderte nach der Festwoche in Chemnitz gehalten vom alten Superintendenten Jüngling: „Da sitzen sie und schwitzen sie, Da schmausen sie und trinken sie, Da tanzen sie und springen sie, Da lärmen und da schwärmen sie, die ganzen Nächte schlemmen sie, Dann liegen sie und schlafen sie, Den andern Morgen schreien sie: „Frau, koche mir was Saueres!" Aber wart't nur, wart't, der T—l der wirds Euch noch sauer genug machen." Ein Candidat der Medizin wurde in einem Examen von einem überaus strengen Examinator gefragt: „Welches sind die schweißtreibenden Mittel?" Der Candidat zählte die ihm bekannten nacheinander her. — „Aber wenn diese alle nichts helfen," fragte der Examinator weiter, „was werden Sie dann anwenden?" — „Ich werde den Patienten zu Ihnen in's Examen schicken," erwiderte der Gefragte. Die Frau eines Wachtmeisters, von Geburt eine Adelige, wurde von Jemand stets „Frau Wachtmeister" genannt. Mit der Zeit war ihr dies Prädikat lästig, weßhalb sie, als der N. N. eines Tages wieder mit den» Gruße: Guten Morgen, Frau Wachtmeister!», zu ihr in's Zimmer trat, sagte: „Ach, mache Er doch keine Umstände, und nenn' Er mich nur schlechtweg: Gnädige Frau!" Ein junger Kandidat der Theologie sollte im Beisein ältererer Vorgesetzten als zu seinem Examen gehörig eine Katechisation mit der Jugend vornehmen. Die Anwesenheit der Herren macht ihn, da er sehr ängstlich ist, so verwirrt, daß er gar nicht weiß, was er anfangen soll, und nach langer Pause endlich herausplatzt: „Kannst Du mir sagen, lieber Sohn, wer krähte, als Petrus unsern Heiland verleugnete?" „Aber i bitt Jhne!" sagte ein Präger Musensohn zu dem ihm zusetzenden Wirthe „geb'n se halt Ruh', hab' i Sachen g'nug," — „Na sakramenska! wu denn?" rief dieser, „e is hier nix und do nix und do nix!" — „Seinse akkurat jetzt nur versetzt," erwiderte der Erste. Apotheker zum Bauer: „ ... Da kann ich Euch nichts besseres empfehlen» als den Doctor Müller'schen Gesundheitsthee — der ist gut und hilft euch ganz gewiß!" — Bauer: „So, is der von Dr. Müller — dann her damit. Der Doetor Müller sauft nix Schlechtsl'j BuchstabenrebtrB. 81 >» ^ 1 . Für stje Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlo r des Literarischen Instituts von vr. Max Hultler. zur „Äugslmrger Pojheitnug." -- Nr. 441 Mittwoch, 1. Dezember 1880. Der wahre Muth ist nicht blos ein Lustball der Erhöhung, sondern auch ein Lustschirm des Hcrabsinkens. Ludw. Borne. Die Blume von Gsitait. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre kS66 von Stein. lAachdrnck verboten.) „Lieben und nicht haben, ist härter als Steingraben" — so lautete die Ueberschrift eines auf etwas vergilbten Papier geschriebenen Briefes, den eben ein Soldat des 6. bayerischen Jägerbataillons im Bivouak zu Neustadt a. d. S. am Abende vor der Schlacht von Kissingen in der Hand hielt, nachdem er ihn gerade von der Feldpost erhalten hatte. Man sah es dem wackeren Krieger an, daß ihm das Lesen des Briefes ebenso schwer ankam, als vielleicht das Schreiben der Hand, welche diese Zeilen auf's Papier brachte, und wir irren uns nicht, wenn wir, aus dem obigen Motto zu schließen, sogleich auf den Gedanken kommen, daß der Brief aus der Hand eines liebenden Mädchens kam. Wir können unsere Neugierde nicht zurückhalten, und sehen heimlich über die Schulter unseres Kriegers, und machen uns eine leicht verzeihliche Verletzung des Briefgeheimnisses schuldig, wenn wir folgendes aus dein Briefe mittheilen: „Lieber Franz!! Heißgeliebter meines Herzens! Mit Freuden ergreif ich die Feder, Dir zu schreiben, daß ich gottlob gesund bin, und mir die Zeit recht lang wird, seitdem ich Dich nicht mehr sehen kann, und schier möcht niir das Herz verspringen, wenn ich so denk, daß Du jetzt im Krieg bist, und Dich vielleicht schon eine Kanonenkugel getroffen hat. Aber die Preußen schießen nicht so schnell, und alle Kugeln treffen nicht, hast Du beim Abschied gesagt, und daß ist mein einziger Trost den ich hab'. Ich bete jetzt auch recht oft zu der hl. Muttergottes von Birkenstein, daß sie Dich in Schutz nehmen sollt, und ich hab ihr auch eine geweihte Kerzen versprochen, und eine Votivtafel, wo Du in Deiner feinen Montur drauf ange- malen bist, damit Du recht brav bleibst, und Tag und Nacht an mich denkst. Sei auch nicht gar zu verwegen du wilder Bua, und schieß nit alle Feind auf einmal tod, denn es sind auch Menschen wie mir und hat vielleicht auch Einer was Liebs z'Haus. Das denke Dir und hab Gott vor Augen, Herzlieber Franzl. Nix Neues kann ich Dir nicht schreiben, als daß die Karer Urschl die gschupft endli den Veitlbauer gheurath hat, und ich Kranzljungfer auf der Hochzeit war. Aber es hat mir nix mehr recht gfreut, weil Du nit dabei warst, und tanzen hab ich schon gar nicht viel mögen, auch hat sich unser weißgscheketi Kalbe auf der Alm am Gamsbühl hinten derfallen. Bhiit di Gott tausendmal herzlichster Schatz, und ich verbleibe bis in den Tod Deine Lein." Wir belauschten in der Stille unsern rauhen Krieger-, und mit Rührung bemerkten wir, daß eine Thräne auf das Papier fiel, welches er, still vor sich hinschauend, noch in der Hand hielt, und es dann mit einem tiefen Seufzer zusammenfaltend in die Brusttasche steckte. Franz Bachhuber, Huberbauernssohn von Fifchbachau, ein echter Sohn unserer bayerischen Berge, war eine durch und durch ehrliche Haut, beliebt bei allen Kameraden seiner Compagnie, sowie auch bei seinen Vorgesetzten, vom Hauptmann bis zum Gefreiten herab, nicht allein wegen seines treuherzigen Wesens, sondern auch wegen seines schon bewiesenen Muthes und seiner Unerschrockenheit, i nicht minder aber auch wegen seiner stets heitern und muntern Laune; denn wenn manchmal seine Kameraden ob des langen und angestrengten Hin- und Hermarmarschirens die Köpfe verdrießlich hängen ließen, so war es gewiß Bachhuber, der mit seiner muntern Laune und mit seinem lustigen Gesänge wieder Leben in die Compapnie brachte, und Alles stimmte in die fröhlichen Weisen mit ein, und vergaß hierüber die Beschwerden des Marsches. Bachhuber war der einzige Sohn braver wohlhabender Bauersleute, deren sauber gehaltener großer Hof auf einer kleinen Anhöhe gar freundlich in das liebliche Aurachthal schaute; auch bekannt war er in der ganzen Gegend als der lustige Hubcrfranzl — und welch „lustiger Bua!" — war dort in dieser idyllischen Gegend auch ohne Liebe? Ja Franzl hatte auch seinen Schatz, und zwar einen recht schönen, denn die muntere Leni von Geitau war auch ein gar stattliches Mädchen, mit ihren schwarzen Zöpfen, die ihr blühendes Gesicht, aus dem zwei schalkhafte Augen herausblitzten, zierlich umrahmten, und mit Recht war sie „s'Bleamei von Geitau" genannt. Die meisten Burschen wären gern an seiner Stelle gewesen aber dennoch mißgönnte ihm keiner diese Liebe, war er ja überall unter seinen Kameraden gern gesehen, und stets bei der Hand, wo es galt zu helfen und zu schlichten. Auch die Mädchen des Thales, die gerne auf den schönen Burschen mit seinem blonden Schnauzbart und auf seine ehrlichen blauen Augen schielten, freuten sich an dem Glücke ihrer Freundin, wenn sie Leni in ihrem schmucken Hütchen, und in dem silberverschnürten Mieder bei der Leonhards-Fahrt in Fischhausen sahen, und beim Schuhplattler im Neuh^-is, wo das schöne Paar stets die Bewunderung Aller auf sich zog. War's denn Wunder, daß Beide, als der Sommer 1866 den Hubcrfranzl zu seinem Bataillone rief, recht traurig wurden, wenn sie an den bevorstehenden Abschied dachten, zumal Leni gerade auf der Alm ihres Vaters war. Das war denn ein Jammer ohne Ende, und man kaun sich einen Begriff machen, wie es wohl der schönen Leni umS Herz war, als der Franzl von ihr schied, und sie sich nun ganz allein und verlassen in ihrem Schmerze sah, ohne sich einem theilnehmcnden Herzen anvertrauen zu können. Aber Franzl war ein wackerer braver Bayer, der freudig hinauszog für seinen König und sein schönes Baycrland, und in seiner Treuherzigkeit tröstete er seine Leni: „Du bist mir ja doch das Liebste auf der Welt, aber nach Dir kimmt glei der Koni, für den i a was aufheb'n muß — Dein g'hürt mein Herz, dem Köni mei Leb'n." — Das war sein letztes Wort, und frisch und wohlgemuth rückte er bei seinem Bataillone ein, als braver Soldat, während die arme Leni vor dem Bilde der Muttergottes, das in der Sennerhütte in ihrem Kümmerlein umkränzt von blühenden Alpenrosen prangte, bitterlich weinend auf den Knieen lag, und für das Wohl ihres Herzgeliebten Franzl betete. Es war am 9. Juli des Jahres 1866 als Abends unser Huberfranzl im Bivouak vor Kissingen, nachdem er den Brief seiner Liebsten gelesen hatte, sich zu seinen Kameraden begab, welche sich, da es den ganzen Tag über in Strömen geregnet hatte, an einem hellauflodernden Feuer wärmten. Wie gewöhnlich wurde er mit Jubel empfangen, und aufgefordert ein lustiges Lied anzustimmen; doch unser Lnndsmann war nicht recht in der Stimmung, es war ihm gar nicht singerisch zu Muthe, und seine Gedanken mochten wohl mehr bei seiner Liebsten in der Ferne sein, als bei seinen sonst ihm lieb gewordenen Kameraden. Seine stets so heitere Stimmung wollte nicht recht zum Aus- 347 bruch kommen, obwohl er sich alle erdenkliche Mühe gab, heiter zu erscheinen, denn eine nicht zu überwältigende Sehnsucht nach seinen heimathlichen Bergen und nach Allem, was er dort Liebes zurückließ, hatte ihn ergriffen. Froh war er sonach als ihn die Reihe traf den Wachtposten zu beziehen, konnte er sich da in stiller Einsamkeit ganz seinen Gedanken und Gefühlen hingeben, und leichter wurde es ihm ums Herz, als er hinausblickte in die finstere Nacht und die Strophen des bekanten Soldatenliedes leise vor sich Hinsang« „Sieh' ich in finstrer Mitternacht, So einsam auf der stillen Wacht, So denk ich an mein fernes Lieb', Ob's mir auch treu und hold verblieb." So vergingen ihm schnell die Stunden seines Dienstes und ins Lager zurückgekehrt, fiel er in einen festen Schlaf in dem ihm wohl die lieblichsten Träume umfangen hielten. Am frühen Morgen des 10. Juli wurde eine kleine RecognoscirungSpatrouille ausgeschickt, bei welcher sich auch unser Huherfranzl befand, da inan von dem Anrücken des Feindes, es war die preußische Division Gäben, Kenntniß erhalten hatte. Nicht lange darauf kam schon diese Patrouille mit einigen preußischen Reitern zusammen, welche aber schnell durch das Feuer zurückgejagt wurden. Bald darauf zeigte sich aber schon feindliche Infanterie, welche das kleine Piket zurückdrängte, gegen den sogenannten Altenburg- Berg vorging und die Vorstadt Kissingens besetzte. Sobald man nun des Feindes ansichtig wurde, eröffneten die an der Saale aufgestellten bayerischen Regimenter das Feuer, welches die in den Häusern postirten Preußen lebhaft erwiederten. Schon mischten sich der Donner der am Hange des Sinnberges aufgefahrenen bayerischen Batterien in das Knattern des Gewehrscucrs, und immer heftiger wurde der Kampf, und tapfer focht unser wackere Landsmann mit, eingedenk seines Wahlspruches: „Mein Leben dem König, mein Herz meiner Lein", und als guter Schütze traf seine Kugel so manches Preußenherz. Das Gefecht wurde immer heftiger, und insbesondere entspann sich auf dem mit einer hohen Mauer umgebenen Kirchhof indem sich eine Abtheilung Bayern festsetzte worunter auch Brachhuber war, ein heftiger Kampf gegen eine ungleich stärkere Abtheilung eines posnischen.Regiments. Hier galts nun, und mit höchster Todesverachtung kämpfte das muthige Häuflein, und manch braver Soldat fiel hier als Opfer dieses unglückseligen Bruderkampfes. Heldenmüthig rettete hier Bachhuber das Leben eines feiner Offiziere den eben ein wuchtiger Kolbenschlag eines preußischen Soldaten niederschmettern wollte, indem er demselben einen Bajonnctstich versetzte, der ihn mit einem Schmer- zenSschrci zurücktaumeln machte, und so den mörderischen Streich verhinderte. Doch im nämlichen Augenblicke fühlte auch Franzl einen heftigen Schlag, und von einer Kugel schwer getroffen sank er in die Arme des Offiziers, dem er kurz zuvor das Leben rettete. Schnell und voll Theilnahme für den Braven ließ dieser wackere junge Mann seinen' Kameraden mitten aus dem Kampfesgewühlc entfernen, hoffend, daß ihm sein theures Leben noch erhalten werde. Mörderisch wüthete der Kampf am Tage des 10. Juli in und um Kissingen, und viele Opfer forderte auf beiden Seiten dieser denkwürdige Tag, war es ja ein Kampf deutscher Bruder die, wer hätte es damals gedacht, berufen waren, deutsche Einheit und deutsche Macht auf Frankreichs blutigen Schlachtfeldern begründen zu helfen. Aus einer todeSähnlichen Betäubung erwachte unser Franzl erst wieder als er im Feldspital zu Nüdlingcn untergebracht war. Schneller Hülfe durch die Fürsoge des jungen Offiziers, den er mit Aufopferung seines Lebens gerettet hatte, und der ihn der besonderen Obhut des Arztes empfahl, hatte er es zu verdanken, daß er dem nahen Tode entkam, und nach einer schmerzliche», aber bei der kräftigen Constitution unsers Landsmann glücklich überstandcnen Operation, reichte ihn» der Arzt die tödtliche Kugel, die aus der Wunde glücklich entfernt war. Bei der lleberfüllung des Fetdspitals mußte aber Franzl, da er einigermaßen transportabel war, und der für ihn besorgte Arzt es für seine Heilung besser hielt nach Würzburg verbracht werden, woselbst, Dank der lie- 348 kenden Fürsorge der dortigen Einwohner großartige Spitäler zur Aufnahme der Verwundeten errichtet waren. „Aus der Hölle, durchs Fegfeuer in den Himmel — das ist der Weg der Verwundeten vom Schlachtfelde ins Lazareth", ein Ausruf so vieler Verwundeten — und wohl mit Recht horten wir viele dieser Armen sagen, daß sie sich in einem solchen Lazarethe, das liebevolle, opferwillige Hände einrichteten, um die schweren Leiden des Kriegers zu lindern, wie im Himmel zu sein glaubten. So gings auch unserm Franz! als er sich in dem Spitale befand, welches in der schönen großen Einsteighalle des alten Bahnhofs in Würzburg eingerichtet, und luftig gelegen in einen blühenden Garten verwandelt war, in dessen Mittelpunkte unter Bäumen und duftenden Gestrüuchern, Springbrunnen die Luft mit erquickender Kühle erfrischten. — An den Wänden zu beiden Seiten des länglichen Gebäudes standen die Betten, in denen die Verwundeten auf reinlichen weißen Kissen ruhten. (Fortsetzung folgt.) Erdbeben. (Schluß.) Daß auch der östliche Rand der Ostalpen gegen das tertiäre Hügelland und di weite pannonische Tiefebene hin ein Erdbebengebiet ausgezeichnetster Art ist, das zeigen die zahlreichen Erschütterungen, welche über das beklagenswerthe Agram im Laufe der Jahre hingezogen sind, um im jüngsten Beben eine immerhin ganz ansehnliche und so höchst verderbliche Intensität zu erreichen. Das genaue Studium des unheilvollen Ereignisses wird gewiß neue Erkenntnisse bringen. Es wäre ganz und gar verfrüht, wollte man schon jetzt nach den zum Theile unter dem Einflüsse des Schreckens erslossenen Mittheilungen Schlüsse ziehen; dazu sind mit Ruhe ausgeführte genaue Angaben erforderlich. Der Umfang des Schüttergebictes kann jedoch annähernd schon bestimmt werden. Als äußerste Punkte, von welchen Erschütterungen gemeldet wurde, sind anzugeben: im Norden Krems (respective Budweis), im Osten Pest und Essegg (jenseits der Donau ist bisher kein Ort genannt worden), im Süden Serajewo und Pola rllid im Westen Görz und Klagenfurt. Es ist immerhin ein Gebiet von etwa 4000 Quadratmeilen. Erwähnt wurde schon, daß an einer Anzahl von Punkten unterirdisches donnerähnliches Rollen vernommen wurde. Verbindet man dieselben, so findet man, daß dieselben in einer mit dem Save-Längenthale parallelverlaufenden schmalen Zone liegen, von welcher auch das Hauptoberflächen-Erschütterungsgebiet, das Gebiet, in welchem zerstörende Wirkungen stattgefunden haben, durchzogen wird. Auch kann noch hervorgehoben werden, daß an den meisten erschütterten Punkten die Stoßrichtung alH von Nord nach Süd und von Nordost nach Südost verlaufend angegeben wurde, in einer Richtung, welche auf derselben erwähnten Zone der Schallphänomcne nahezu senkrecht steht. Doch kehren wir wieder zu den Erdbeben-Erscheinungen im Allgemeinen zurück. In neuer Zeit hat man eine ganz besondere Aufmerksamkeit auch der Erdbeben-Statistik zugewendet und wurde mehrfach versucht, Schlüsse aus den bisherigen Ergebnissen derselben zu ziehen. Man fand bisher, daß Erdbeben zu gewissen Zeiten etwas häufiger auftreten als in anderen: im Herbst-Winterhalbjahre häufiger als während der Frühlings- und Sommermonate, und zwar wurde dies für eine ganze Reihe von Erdbeben-Gebieten gleichlautend gefunden, eine Thatsache, welche ohne allen Zweifel in Betracht gezogen werden muß. Die bisherigen Erklärungsversuche waren keine ganz glücklichen. Perrey war es ferner, der zuerst auf einen Zusammenhang der Erscheinungen mit der Einwirkung des Mondes auf die Erde hingedeutet hat, indem er nachwies, daß von 6596 Beben in der Zeit von 1751 bis 1800 3435 auf die Zeit der Syzpgien (Neumond und Vollmond) und nur 3161 auf die Zeit der Quadraturen (erstes und letztes Viertel) entfallen. 349 Julius Schmidt in Athen hat außerdem berechnet, daß die Erdbeben in der Erdnähe des Mondes häufiger seien, als in der Erdferne; er fand aber auch, daß die Häufigkeit der Erdbeben zur Zeit des Neumondes das eine und zwei Tage nach dem ersten Viertel das zweite Maximum zeigen. Aus diesen Darlegungen ergibt fich mit voller Sicherheit, daß ein Zusammenhang Zwischen den Erderschütterungen und den Constella- tioncn des Mondes bestehen muß. Die Art und Weise jedoch, wie dieser offenbare Zusammenhang zur Aufstellung von Erdbeben-Hypothesen benutzt wurde, kann durchaus nicht befriedigen. Schon Perrey hat — ohne damit der Erste gewesen zu sein, der daran dachte — die Meinung von einer Ebbe und Fluth der flüssigen Jnnenmaffen der Erde ausgesprochen; er dachte sich geradezu, die Fluthwelle des Inneren stoße an die starre Kruste und bedinge so die Erschüttterungen. Wäre auch das Innere in der That flüssig, auf diese Weise kann der Fluthvorgang nicht gedacht werden, denn erstens ist in jenem Falle der Uebergang aus dem festen zum gluthflüssigen gewiß kein unmittelbarer, sondern ein sehr wohl und allmählig vermittelter, zweitens aber wird dann auch die verhältnißmäßig wenig mächtig gedachte Kruste der Mondanziehung sicherlich gleichfalls Folge leisten müssen und einem Heben und Senken ausgesetzt werden oder „wandernde Wellen werfen" (Reyer), ja diese letztere Annahme wird auf alle Fälle mit zu Recht bestehen und gerade die Erklärung liefern, warum und wieso die Mondeinwirkung in der Häufigkeit der Erdbeben sich ausdrückt. Die Schwäche der Pcrrey'schen Anschauungen fühlte nun auch R. Falb und bildete sich seine eigene neue Ansicht, die unter den Laien der Anhänger nur zu viele gefunden hat, was bei dem Feuer und der Beredtsamkeit des Verkünders der neuen Erdbeben- lehre nicht Wunder nehmen kann. Falb stellt sich, um in Kürze seinen Gedankengang („Gedanken und Studien über den Vulkanismus", 1875) zu skizziren, vor, daß man alle Erdbeben durch eine Ursache erklären könne. Die flüssige Jnnenmaffe der Erde dringe durch schon vorhandene Spalten und Canäke zunächst in unterirdische Reservoirs ein, gelange aus diesen wieder durch Eanäle mehr oder minder nahe an die Oberfläche, wobei sie durch die Mond- und Sonnenanziehung besonders zur Zeit der Hochfluth, unterstützt werde. In den Spalten beginne die eindringende Blasse zu erstarren und erzeuge in Folge dessen Gas-Erplosi.onen oder unterirdische Vulcanausbrüche, welche nun die Erschütterung bedingen sollen. Nach dieser. Anschauung werden die Spalten als schon vorhanden vorausgesetzt. Daß dadurch die Frage nicht vereinfacht wird, ist klar. Die Bildung der Spalten ist gewiß nicht so ohne alle Erschütterung zu erklären; wir ersehen also schon daraus, daß Falb's Versuch, alle Erdbeben auf seine hypothetischen unterirdischer! Explosionen zurückzuführen, die ein hypothetisches flüssiges Erdinneres voraussetzen, so daß Hypothese auf Hypothese gebaut werden muß — daß dieser Versuch, sage ich, nicht erfolgreich durchzuführen ist. Man kann auf einfachere Weise zum Ziele kommen, wie aus dem Vorhergehenden wohl unmittelbar hervorgeht. Auszuführen, wie viele andere Versuche zur Lösung der Erdbebenfrage angestellt wurden, würde hier zu weit führen. Die Beobachtung, daß in allen unsern Journalen immer nur die Falb'sche Hypothese hervorgehoben wird, als sei sie in der That als zu Recht bestehend erkannt; die Wahrnehmung, daß Falb selbst betont, daß die Erscheinungen, wie sie in Agram hervortreten, genau mit seiner „Erdbeben-Theorie" stimmen, als wenn sie im Widersprüche mit den andern aufgellten stehen würden, hat mir die Aufforderung, über Erdbeben einen Aufsatz für die „Neue Freie Presse" zu verfassen, zu einer mich ganz erfreuenden gemacht, da es mir nicht unwichtig schien, dein weiten Leserkreise die große, die Aufmerksamkeit Aller in Anspruch nehmende Frage in einer etwas andern Beleuchtung zu zeigen. Ich wollte damit den Weg zeigen, welcher im Großen und Ganzen derjenige ist, der am leichtesten und schnellsten zum Ziele führen dürfte. Falb's Hypothese ist interessant, das ist nicht zu leugnen; bis nun hat sie jedoch nur bei den Laien Anerkennung von Seite der berufensten Fachmänner jedoch wurde sie abgelehnt, und ich bedaure, daß — 350 mcin Freund Falb dieselbe immer wieder vor dasjenige Forum bring!, wohin eine Frage der Wissenschaft nun einmal nicht gehört, vor die Menge. So wichtig cS ist, wenn im Kreise der Fachmänner eine Frage möglichst intensiv diScutirt wird, da man ja gerave durch Gegenrede und berechtigten Widerspruch etwa herrschender Stagnation begegnet und etwa durch Äutoritätsgewnlt getragene Doctrincn berichtigen kann, ebensowenig gutzuheißen ist ein Hinausrufen bestrittener Hypothesen in die iin Augenblicke überdies im Uebermaße erregte Menge. Sollte die Falb'sche Hypothese irgendwie doch berechtigt sein — ich bin der Meinung durchaus nicht — so wird die Ablehnung in der Gegenwart in eine Anerkennung m Zukunft umschlagen; die Wahrheit ist es ja, nach welcher wir alle streben, und die Wahrheit siegt, siegt unausbleiblich; das war in Fragen der Wissenschaft wenigstens immer so und wird wohl immer so bleiben; um wie viel schöner und Heller aber glänzt der Name eines von seinen Mitlebenden etwa verkannten Genies! (N. Fr. Pr.) Konradin Kreutzer.*) Am 22. Nov. 1780**) wurde dem ehrenfesten Müller Johann Baptist Kreutzer auf der eine kleine halbe Stunde von dem badrschen Amtsstädtchen Meßkirch entfernten Thalmühle" als achtes Kind ein Söhnlein geboren, welches in der Taufe den Namen Konradin erhielt. Die Mutter, Barbara, eine geborene Hegele, wird als brave, tüchtige Hausfrau und treubcsorgte Mutter geschildert. Die Familie hatte eine behäbige, gut bürgerliche Cristenz. Schon in zarter Jugend bekundete der kleine Konradin erhebliche Anlagen zur Musik. Es ist das Verdienst des SchullehrerS und Chorregenten zu Meß- tirch, Johann Baptist Rieger, diese Anlagen entdeckt und gewissenhaft gepflegt zu haben. Von ihm erhielt Konradin den ersten Musikunterricht. Ucbrigcns scheint mit Konradin Kreutzer das musikalische Talent völlig aus der Familie verschwunden zu sein. Der Vater war hochherzig genug, und seine Mittel gestatteten es Allem nach, den begabten Sohn für einen höheren Beruf zu bestimmen, in welchem er Gelegenheit fände, seine reichen Talente auszubilden und zu bethätigen. Ihren Jüngsten dereinst ein feierliches Hochamt zelebriren und aus der Kanzel stehen zu sehen, das war das Grösste und Schönste, was der Elternstolz sich auSdenken und ausmalen konnte. So wurde denn beschlossen, daß Konradin sich dem geistlichen Amt widmen solle. Er kam nun zunächst (1789) als Lateinschüler und Chorknabe in die Abtei Zwiefalten. 1790 trat Kreutzer zum Behuf weiterer Ausbildung in das Prümonstratenserkloster zu Schussenricd über, wo sich eine höhere Bildungsanstalt befand. Wiewohl er die übrigen Fächer keineswegs vernachlässigte, gehörte doch seine ganze Liebe der Musik. Violine, Orgel und Pianoforte hatte er schon in Zwiefalten gelernt, jetzt kam noch Oboe und die Klarinette hinzu, welch letzteres Instrument er später mit Virtuosität spielte. Seine mrrsikalische Tüchtigkeit kam jetzt schon zur Verwendung; beim Gottesdienst hatte er die Orgel zu versehen und in der Schule etlichen vierzig Kindern den Gcsangunterricht zu ertheilen. Auch in der Koniposition versuchte er sich, und immer stärker trat die Neigung hervor, den Künstler- beruf zu ergreifen. Da jedoch der Wille des Vaters sich dagegen sträubte, so bezog Kreutzer 1799 die Universität Freiburg, um, wenn nicht die Theologie doch wenigstens *) Den 22. November 1880 feierte in Deutschland eine ganze Anzahl von Gesangvereinen das OeMenariliui der Geburt des Meisters, dessen prächtige, kernige Melodien allerorten ün Munde des Volles leben. Der vorstehende Rückblick aus den Lebenslans des am 14. Tez. 1849 gestorbenen Tondichters und eine Charakteristik seiner Werke — nach einem großem Artikel Heinrich Adols Köitüns im „Schwab. Merk." — wird dem Gedenktage nicht unwillkommen sein. Wir fügen dieser Note noch die Bemerkung bei, daß der Gcsammlansscbnß des deutsche» Sängerbundes (geschäftlicher Sitz in München) beschlossen hat, der Wittwe Konradin Krcutzers aus den 100jährige» Gelurisiag ihres Gaticn als erste Gabe der neubegründeten Stillung sür Komponisten für den Männergesang die Ehrengabe von L00 Mk. überreichen zu lassen. Die Wittwe lebt in Dresden. **) Der Taufschein liegt in amtlich beglaubigter Abjchrist vor dem Verfasser; hienach sind die Angaben in den Musikgeschichten, daß Kreutzer 1782 geboren sei, zu berichtigen. 351. die Medizin oder die Jurisprudenz zu studiren. Im Jahre 1800 starb der Vater. Von dem Vormunde wußte es Kreutzer, den nunmehr keine Pietätsrücksicht mehr band, hsrauszuschlagen, das; er sich ganz der Musik widmen durfte. Die nächsten drei Jahre 1801—1803 brachte er, lediglich seiner Ausbildung obliegend, in verschiedener; Städter; der Schweiz zu. Erst nachdem er glauben durste, gehörig vorbereitet und geschult, auch im Dirigiren ri. A. nicht mehr ungeübt zu sein, erfüllte sich irn Jahre 1804 sein Lieblings- wunsch, Wien, die hohe Schule der Musik in jenen Tagen, zu besuchen. Mit 90 Gulden in der Tasche machte er sich auf den Weg. Als er vor den Thoren der fröhlichen Kaiserstadt stand, hatte er nur noch wenige Gulden übrig. — Den Vetter, auf dessen verwandtschaftliche Gefühle er alle seine Hoffnung gesetzt hatte, konnte er nicht auffinden, denn derselbe war umgezogen. Völlig verlassen fund sich der junge Meister im Gewühle der Großstadt. Gleichwohl setzte er einen von seinen letzten Gulden daran, den „Axur" von Salieri zu sehen, der am Abend im Hoftheater gegcgen wurde, und siehe da, beim Ausgang aus den; Theater erwischte er den biederen Vetter und war so der nächsten Sorge um Unterkunft und tägliches Brod enthoben. An der Spitze der Künstlerschaft stand damals der ehrwürdige Erzvater der Wiener Musik Joseph Haydn. Um ihn gruppirte sich ein Kreis kleinerer, aber dennoch sehr tüchtiger Meister, welche in Haydn'S Stil komponirten, wie Gyrowetz, Wranitzky, Jgnaz Pleyel. Auf dem Gebiete der Oper waren diesem Kreise am nächsten verwandt Dittersdorf („Doktor und Apotheker") und Schenk („Dorfbarbier"). Mit diesen Meistern dürfte sich Kreutzers damalige Richtung und Begabung am meisten berührt haben. Allein auf dem Gebiete der Oper hatte Gluck ein neues Ideal aufgestellt, und die von ihm eingeschlagene Richtung vertrat sein Schüler Salieri mit unbestrittener Meisterschaft. Außerdem hatte der unvergeßliche Mozart Meisterwerke geschaffen, die alles Bisherige weit unter sich ließen, sowohl was Zauber der Schönheit, als was Tiefe und Kraft der Empfindung, Gewalt der dramatischen Charakteristik und Frische wie Lebhaftigkeit des Kolorits betrifft. Die Kenner- kreise endlich sammelten sich um den gewaltigen Beethoven, der die Musik eine völlig neue Sprache zu reden zwang, und der gerade damals in der Blüthe des Schaffens stand; es waren ja die Jahre, da die „Eroica" entstand, und da er den „Fidelio" schuf, da überhaupt ein Riesenwerk dem andern folgte. Da war es für Kreutzer nicht leicht, den seiner Begabung entsprechenden Raum zu gewinnen; zunächst gab es noch viel für ihn zu lernen. Er konnte leinen besseren Mentor gewinnen, als dei; trefflichen Johann Georg Albrechtsberger, welcher damals Kapellmeister an S. Stephan war. Mit voller Meisterschaft verband dieser Mann ein seltenes pädagogisches Geschick, das der Eigenthümlichkeit des einzelnen Schülers gerecht wurde. Durch Albrechtsberger wurde Kreutzer mit den Koryphäen der musikalischen Welt bekannt. Alle gewannen den bescheidenen und treuherzigen jungen Mann lieb. In Wien komponirte Kreutzer neben kleineren Kirchcnstücken ein Oratorium „MosiS Sendung", sowie mehrere Opern „Jerry und Vüthcly" (von Goethe), „Konradin von Schwaben", „Der Taucher"; auch der Entwurf zu der Oper „Aesop in Phrygien" soll aus dieser Zeit stammen. Uebrigens hatte er auch nicht viel Glück mit diesen Werke;;. Die Oper „Jerry und Bäthcly", welche am 19. Juni 1810 auf dem Theater am Kärnthncrthor aufgeführt wurde, gefiel nicht besonders; der „Konradin" bestand die Zensur nicht: der „Taucher" war zwar zur Aufführung vom Theater an der Wien angenommen worden, aber es kam nicht dazu. Kreutzer scheint das Gefühl gehabt zu haben, das; er in Wien vorerst nicht recht ankommen könne. Er verband sich daher mit dem Erfinder des sogenannten Pan-Melodikons, einer Art Harmonium, zu cinxr Konzertreise, welche durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich gehen, dem Künstler aber Gelegenheit geben sollte, sich beim musikalischen Publikum einzuführen. Die Reise aus welcher sich Kreutzer als Klavierspieler und Sänger reichen Beifall errang, brach in Stuttgart ab. König Friedrich von Würtemberg fand an dem Künstler großes Gefallen, ließ dessen Oper „Feodore" zur Ausführung bringen und ernannte ihn darauf zu»; Hofkapellmeister (1812). Nun begründete unser Meister einen 352 eigenen Hausstand, indem er sich mit einer Schweizerin, Anna Huber von Glattfelden bei Zürich, am 18. Oktober 1812 verehelichte. In der schwäbischen Residenz herrschte ein reges Interesse für die Kunst. 1807 bis 1810 war Karl Maria v. Weber als Gehcimsekretär des Prinzen Ludwig von Würtemberg daselbst gewesen, und in Ludwigsburg, der zweiten Residenz, lebte in der bescheidenen Stellung eines Hauslehrers bei der Familie Berlichingen der Dritte im Bunde: Friedrich Silcher. So haben die drei ersten Meister des Männergesangs eine Zeit lang fast nebeneinander gelebt, ohne daß Einer dem Andern damals nahe getreten wäre. Erst in den Zwanziger-Jahren berührte der Vater des Männergesangs, Hans Georg Nägeli, Stuttgart, um auch hier zur Pflege des Volksgesangs anzufeuern, und erst 1824 erstand der erste deutsche Männergesangverein, der Liederkranz zu Stuttgart. In Stuttgart brachte Kreutzer sein in Wien iomponirtes Oratorium „Mosis Sendung", sowie die Oper „Konradin von Schwaben" zur Aufführung. Außerdem mag er hier die Opern komponirt haben: „Die Alpenhütte", „Zwei Worte oder die Nacht im Walde", „Allimon und Zaidc." — Für Kammermusik komponirte er zwei Trios für Pianoforte, Flöte und Violoncello (op. 23) in L-clur und O-llur. Alle diese Kompositionen gewinnen durch Formgewandtheit und Glätte, durch Lieblichkeit und Gefälligkeit der Melodien, ohne eben durch Tiefe und Eigenthümlichkeit der Erfindung zu imponiren. Offenbar arbeitete Kreutzer viel zu rasch, und so findet sich neben viel Schönen: und Eigenen: auch viel Konventionelles, Vieles, was man ii: der Regel mit der Bezeichnung „Kapellmeistermusik" abthut. Dagegen betrat er die ihm eigene Bahn mit der Komposition der „Frühlingslieder" (op. 33) und der „Wanderlieder" (op. 34) von Ludwig Uhland, welchen drei Schiller'sche, etwas pathetisch gehaltene Gedichte (die Worte des Glaubens, Sehnsucht, Hoffnung) op. 32 und noch früher „drei Salomonische Lieder" von E. A. Tiedge op. 22 (mit Harfe) vorausgegangen zu sein scheinen. Ob der Komponist mit Uhland, für dessen Muse er so ganz besonders sich begeisterte, schon in Stuttgart in persönliche Berührung gekommen ist, wissen wir nicht zu sagen, es ist aber in hohen: Grade wahrscheinlich. Denn Uhland kau: ja wohl dann und wann von Tübingen nach Stuttgart herüber, und Kreutzer hat dem Dichter später ein Heft seiner Lieder gewidmet (op. 60). Auch Uhland hat den musikalischen Interpreten seiner Lieder hochgehalten. Können sie sich auch an Tiefe und Kraft der Konzeption nicht mit Liedern von Schumann oder Schubert messen, so gewinnen sie durch Lieblichkeit und Einfachheit der Melodik, gemüthvolle Auffassung und Sangbarkeit. Die Lieder „Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb", „So soll ich nun Dich meiden" in. den Wanderliedern sind bei aller Schlichtheit voll tiefer Empfindung und gehen, als echt vo'.ls- thümliche Weisen, zu Herzen. Unter den Frühlingsliedern spricht uns ganz besonders gleich Nr. 1 „O sanfter, süßer Hauch", ebenso Nr. 3 „O legt mich nicht inS kühle Grab" und das duftige „Saatengrün" warm an. Mit dem Tode des Königs Friedrich 1816 wurde Kreutzer, über den ein Korrespondent der „Allg. musik. Zeitung" (von 1816 S. 528) aus Stuttgart klagt: er sei zu lau und nachsichtig, wisse Einmischungen in sein Amt nicht gehörig zurückzuweisen, seiner Stellung enthoben. Er begab sich auf eine größere Konzertreise, auf welcher er Berlin, Dresden, Prag berührte. In letzterer Stadt brachte er eine lyrische Tragödie „Orestes" zur Aufführung. (Schluß folgt.) Qrigittal-SM'cttMäthsel. * Drei Sylben smd'tz: es mehret euer Gut, Wenn der Aecent aus meiner zweiten ruhtj Allein wenn ihn der Sylben erste hat, So nennt ihr eine wohlbekannte Stadt. Auslösung des Buchstabenrebus in Nr. 43: „Zwischenstation." Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vi-, M. Huttler. zur „Ailgsburger Po Leitung." Nr. 45. Samstag, 4. Dezember 1880. Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren; Wer da hat, der lerne verlieren. Wer im Glück ist, lerne den L>chmerz. Schiller. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) In einem dieser Lagerstätten finden wir unsern Franzl wieder blaß und ermattet daliegen. Kaum hätte man diesen frischen, lebensfrohen Burschen wohl wieder erkannt, denn gar traurig schaute er vor sich hin, und wir kennen es in seinen Blicken an, daß nicht der Schmerz seiner Wunde allein es ist, der ihn drückt, ein anderer Schmerz, die Sehnsucht nach seiner Heimath und nach seinem geliebten Mädchen ist es, die ihn heftig gepackt hält. Wohl sind hier auch liebreiche Hände um ihn beschäftigt, und mitleidig blickte die sorgsame Pflegerin den schönen blaßen Jüngling an und reicht ihm tröstend den labenden Trank, und ein treuherziges „Vergelt's Gott" lohnte stets die aufopfernde Pflege. Eines Tages wurde ein Schwerverwundeter in die Nachbarsstätte Franzl's, welche bisher leer war, gebracht, und stöhnend und seufzend starrte er vor sich hin; er mag wohl auch wie so mancher seiner Leidensgefährten eine schwere Wunde erhalten haben, denn heftiges Fieber durchschäucrte seinen Körper. Schwarze Haare und Vollbart ließen die Blässe seines schönen nchnnlichen Gesichtes noch mehr hervortreten, und wenn ihn Franzl manchmal in seinem stummen Schmerze still beobachtete, sah er oft eine Thräne seinen Augen entrollen. Ein bayerischer Kamerad war dieser Nachbar nicht, das sah Franzl gleich im ersten Augenblicke, es mußte also wohl ein Preuße sein, da weder Oesterreichs! noch andere Soldaten aus deutschen Ländern als diese, und Bayern in den Kämpfen der letzten acht Tage betheiligt waren. Franzl machte sich nun bei Betrachtung seines Nachbars allerlei Gedanken und obwohl ein guter Bayer, so durch und durch weißblau, konnte er sich doch nicht eines schmerzlichen Gedankens einschlagen, und bei seiner ehrlichen altbayerischen Diplomatie widerstrebte es ihm, wenn er so auf seinem Lager ruhig nachdachte, und ein wenig sich auch in Politik vertiefte seinem natürlichen Gefühl, daß in dieseni' Kriege gerade Deutsche gegen Deutsche kämpften, warum denn nicht Deutsche gegen Franzosen oder andere fremde Völker. Wenn ihm auch, so sinnirte er weiter, die Pflicht gebot, als Soldat auf Befehl die Preußen todt zu schießen, so konnte er sie im Grunde doch nicht als Feinde betrachten, zumal den armen Verwundeten, er war ja auch ein braver Soldat der seinen Pflichten nachkam, also Kamerad und Kamerad bleibt der Soldat ob im Felde oder in der Garnison; und erst im Lazareth wo Freund und Feind friedlich nebeneinander gebettet sich treuherzig die Hand reichen, und Frieden schließen, der länger dauert, als der ewige Friede den die Herren Diplomaten in ihren Friedensverträgen stets als ersten Artikel obenanstellen. 354 — Mitleidig und theilnehmenb begegneten sich oft die Augen der beiden Nachbarn, und man sah es ihnen an, wie gerne ein jeder von ihnen den Anfang zu einer Frie- densstipulation gemacht hätte. Noch kam aber kein Wort über die Lippen des verwundeten Preußen, und auch wenn die Aerzte seinen rechten Fuß, der nur mehr ein Stummel war, verbanden, waren es nur unverständliche Laute, die Franz! vernahm, ob es Schinerz, oder der Ausdruck eines andern Gefühls war, konnte er nicht unterscheiden; doch glaubte er, daß es weniger Schmerzenslaute waren, da der Zustand des Preußen sich allmählig besserte, und er ihn oft freundlich lächeln sah, wenn ihm von liebreicher Hand Erfrischungen oder gar eine Cigarre gereicht wurde, denn leidenschaftlich gerne rauchte unser Nachbar. Dieß gab nun, da Franzl auch schon hie und da rauchen durfte, Veranlassung zu einer längst gewünschten Annäherung. Lächelnd sahen sie sich nun einmal eines Morgens an, und Franzl begann die Unterhaltung: „Schmeckt s'Cigarl Kamerad? gel wennst nit raucha kunnst, da wars bald vorbei" — ein lächelndes Kopf- schütteln war die stumme Antwort des Kameraden — „na moant er, und schüttlt gar mit'n Kopf, und da rächt er den ganzen Tag wie a Kohlhaufa" — sagte Franzl verwundert für sich, und die Unterhaltung war für diesen Tag wieder geschlossen. Des andern Morgens machte Franzl abermals einen Versuch zu einer Conversation, und begann mit einem freundlichen „Guat'n Morgen Kamerad, hast heut Nacht sakrisch guat g'schlaf'n, dös gfreut mi, daß Dir besser geht." — „Nix Deutsch, war die Antwort des Verwundeten, Polnisch-Kron (Coronow Provinz Bromberg an der Brahe) — Kamerad Bayer — Kissing" — hier machte er die Bewegung eines Bajonnetstiches und zeigte auf seinen Fuß. Jetzt ging unserm Franzl plötzlich ein Licht auf, die Physiognomie des Verwundeten, der schwarze Vollbart, das „G'schaug" und der Fuß — alles stimmte zusammen, unser Nachbar war kein anderer, als der Soldat, der auf dem Kirchhofe in Kissingen im Handgemenge den mörderischen Schlag gegen den Offizier führte, und dem Franzl gerade noch zur rechten Zeit, als Lebensretter des Offiziers mit seine»: Bajonnet die Verwundung beibrachte, die dem einen Preußen das Bein kostete. „Armer Potlak" sagte Franzl, und reichte dem Verwundeten die Hand — „wenn Du gewiß der g'wes'n bist, der mein Herrn Lieutenant hat umbringn woll'n. so verzei mir's, denn nacha bin i der boarisch Soldat g'wes'n der Dir den sakrischen Banganetstich geb'n hat, g'seg'n hab i's in der Wuath nit, wo i hintroffa hab, und jetzt bin i schuld, daß Du auf a so a elendi Weis um Dein Fuaß komma bist." Unser Pole verstand natürlich von all dem kein Wort, nur ein schmerzliches Lächeln verzog sein bleiches Gesicht, doch als Franzl sich bemühte, durch Geberden ihm verstehen zu geben, daß er derjenige sei, der ihn verwundete, um seinen, Offizier das Leben zu retten, und als endlich sein Nachbar durch die verschiedenen Gestikulationen die Franzl machte, und die mitunter' recht Komisch waren, zu begreifen anfing, daß er auch seinen Feind vom Kirchhof in Kissingen als Nachbar habe, reichte er ihm von seinem Bette aus die Hand hin, und aus den Worten die er an Franzl richtete, konnte derselbe nichts verstehen, als hie und da den Ausruf des Verwundeten „brav Soldat, gut Kamerad!" — Eine solche Annäherung seines noch vor wenigen Tagen so erbitterten Feindes hatte Franzl nicht erwartet, und gerührt rief er auS: „O wie reut mi dös, daß i den armen Kerl so zuagricht hab, a oanziga Stroach mit meiner Faust hätt a scho glänzt, den niederz'schlag'n, und dös hätt' am grad nit so viel thoa, aber sei' Füaßl, sei' Füaßl hat er durch mi einbüßt, und dös reut mi so lang i leb. Schau ^chau, hat's d' Leni oft g'sagt, wie i fort ganga bin, Franzl Franzl", hats g'sagt, „sei koa so wilder Bua, und bring nit alle Preuß'n auf oamal um, hat a vielleicht oana was Liebs z'Haus", und do hab i mi nicht holt'n könna, — aber i hab halt mei Pflicht und Schuldigkeit Iho müaß'n als a braver Soldat, und davokomma werd er do und nache will i's am rvieda guat mach«. — So hielt Franzl sein Sermon ganz laut vor sich hin, und sein Nachbar hörte ihm aufmerksam zu, und wenn er auch kein Wort der ganzen Rede verstand, so nickte er doch öfters voll Rührung dem so jammerden Kameraden zu, als ob 355 — er den Sinn seiner Rede verstanden habe, und unterbrach ihn nur manchmal mit dein Ausrufe: „braver Bayer!" Ungeachtet keiner von beiden des andern Muttersprache verstand, der Freundschastsbund war doch geschlossen, Friede auf einige Zeiten! — Mächtig wirkte dieser Umstand auf unsere beiden armen Verwundeten, denn rasch schritt die Genesung bei den noch in ihrer Jugcndbluthe stehenden Soldaten vor, wozu ihre jetzt erleichterte Gemüthsstimmung, und der heitere Sinn unseres Landsmanncs aus den bayerischen Bergen, der sich allmählich wieder einstellte, nicht wenig beitrug. Er dachte hin lind her, wie er denn den ganzen Vorfall seiner Leni mittheilen könnte, da er noch immer im Bette liegen mußte, und nicht im Stande war, selbst zu schreiben. Unter den vielen Lhcilnchmendcn und aufopfernden Pflegerinnen Würzburgs, die täglich das Lazareth im Bahnhof besuchten, war auch eine junge Dame, aus einer der ersten Familien der Stadt, die ein besonderes Wohlgefallen an der Treuherzigkeit und Dankbarkeit unseres LandSmanues, mit der er jede milde Gabe aus ihren Händen empfing, hatte, und insbesondere Freude und Interesse zeigte, wenn Franzl ihr von seinen schönen Bergen erzählte. Auch das Geheimniß seines Herzens vertraute er seiner theilnehmenden Pflegerin an, und nun war das Interesse der jugendlichen Dame noch ein viel größeres. Hatte sie ja doch schon Vieles gehört und gelesen von der Poesie des GcbirgslcbcnS, und von manch romantischer Liebe dieses Bergvölkleins. War's Wunder, daß sie um so mehr an dem blonden Sohn der Berge Interesse gewann, und gerne und willig war sie bereit, auf seine Bitte, sie möge in seinem. Namen an seine Leni ein Vrieflein schicken, einzugehen. Mit einigen Worten schilderte sie nun den ganzen Verlauf der Geschichte vom Gefechte in Kissingen, von der Tapferkeit Franzls, dessen Verwundung, Bekanntschaft und Freundschaft mit den preußischem Soldaten, und als sie den Brief vollendet hatte, und denselben Franz! vorlas, brach er in Thränen der Rührung aus, und dankbar ihre feine Hand drückend, meinte er: „so schon wenn halt meine Leni schreiben könnt', grad als wie druckt! ja wenn nur der Preuß den Brief a les'n konnt', aber der arm' Kerl versteht ja nix deutsch." — Doch er merkte wohl auf, als das Fräulein den Brief Franzl vorlas, und als ob er's verstände, nickte er oftmals mit dem Kopse, und rührend war es, als auch er seinen Dank ausdrückend, dem Fräulein die Hand drückte. — Lange dauerte es bis Leui's Antwort auf diesen Brief eintraf, waren ja damals die Postverbindungen, da die Kämpfe am Main noch immer fortdauerten oftmals unterbrochen und gestört. Während dieser Zeit aber schloß sich das Freundschaftsbündniß unserer zwei Verwundeten im Lazareth in Würzburg immer fester, und komisch war es, wie Franzl seinem Kameraden nach und nach die deutsche Sprache, natürlich in seiner altbaycrischen Manier beibrachte, und schon wurde ihre Unterhaltung täglich eine lebhaftere, und allmählig entnahm Franzl, daß der Preuße, welcher Nikolaus Jaroezyn hieß, und aus Polnisch-Kron, einem Städtchen der preußischen Provinz Bromberg, in Posen zu Hause war, armer schon längst verstorbener Eltern einziger Sohn sei. Während nun Franzl seinen Kameraden in der deutschen Sprache fortwährend unterrichtete, und der Brief seinen Laus auf der Post machte, wollen wir einen kleinen Abstecher in das stille Aurachthal nach Geitau machen, und besuchen an einem schönen Augustmorgen die Alm, wo Leni in der Einsamkeit unter ihren stummen Pslegbefohlenen als brave und fleißige Sennerin hauste. Seit dein traurigen Abschied von ihrem Franzl schien auch sie alle Heiterkeit verloren zu haben, und nur die Arbeit deren auch sie sich, wie Franzl seiner Pflicht hingab, war ihr wohlthuende Zerstreuung und Trost in ihrem einsamen Almenleben, und sie war mit ihrer Einsamkeit um so mehr zufrieden, als dieselbe in jenem Sommer leine Besuche städtischer Gebirgsbumler störten, da wegen des Krieges die Sommerfrischler im Gebirge sich wenig zeigten. So schaffte denn die Blume von Geitau unter ihren Schwestern, den Alpenröslein, fleißig von früh bis Abends, wo sie dann zuweilen mit einigen Kamrädinen der nächsten Almen in traulichem Gespräche heimgartete. Natürlich drehte sich die Unter- — 356 Haltung stets nur um den Krieg, ihre Politik erstreckte sich jedoch nie weiter als bis zu ihrer Liebe, und ihrem Franzl. Mitunter wurde auch zur Cither manch Liedlein gesungen aber kein lustiger Jodler schloß die Strophe, auch kein Heller Jauchzer schallte von den Bergen, wenn Abends die sonst so lustigen Sennerinen vor ihren Hütten saßen. Eben hatte Leni mit ihrer Freundin der Bartenhauser Rest die letzte Strophe des Liedes beendet: «Wie hat ma sonst 's Herz klopft, vor Lust und vor Freud „Aber jetzt is mei Bua fort, mei Franzl soweit «Und ohne ihn kann i gar nie glückt, wer'», „Drum scheint mir koa Sauna, drum leucht mir koa Stern" als sie plötzlich aufsprang, und zu ihrer Freundin sagte: „I moa da kimmt ja gar der alt Fischerlenzl mit seine Krax'n no aufi zu uns, was will do der no so spat, ebba gar an Butter hol'n, und i hab heut no gar nit ausgrührt." — „A mei", moant Nesei, auf d'Nacht holt der Lenz! koan Butter mehr, vielleicht hat er gar a Botschaft vom Franzl, was gilts, er bringt Dir a Briefei, hast ja scho lang nix mehr von eam g'hört, dem arma Narr'n." „Sei stad Resei, und mach mir koan Schreck«, es werd eam do nix passirt sei' mir hat so heut Nacht träumt, i hab'n lieg'n seh'n, ganz blaß in seiner Kammer!" Während dieses Gespräches kam der alte Fischerlenzl zur Sennerhütte, und mit einem „Gelobt sei Jesus Christus" begrüßt er die beiden Mädchen. „WaS bringst denn heut no Lenz, daß Du so spat gen Alm kämst?" redete ihn Leni, die ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern konnte, freundlich an, — „werd do dahoam nix g'scheg'n sei, so viel derschrickt mi dei Hoamgascht (Heimgarten) auf d'Nacht." — „Dös grad nit" erwiederte der Alte, und klopft sein Tabakspfeifchen auS — „an Gruß soll i ausricht'n vom Vota und der Muatta, und da hab'ns ma a Briefei mitgeb'n, dös heut z'Mittag der Omnibus von Schliersee mitbracht hat, es scheint sie nit grad her, als wars vom Franzl weil 's Papier so viel sei, und d'Ueberschrift so schulg'recht is, aber do scheint er mir a Soldatenbrief z'sein, wei koa Vriefmark'n nit drob'n is, und er a nix kost, wie der Vota g'sagt hat." — Hastig nahm Leni den Brief an sich, und von einer bangen Ahnung ergriffen, betrachtete sie die ihr gänzlich unbekannte Handschrift der Adresse, welche lautet: An Jungfrau Magdalena Gschwendtner, Eckardsbauerntochter in Geitau, Post Schliersee, bayer. Feldpost. „Heilige Mutter Gottes von Birkenstem, dös is an Franzl sei Schrift nit, werd eam do nix g'scheg'n sei' — Resl, i trau mir den Brief gar nit aufz'macha, die Angst bringt mi um." — Resl, die längst in die Herzensgeheimnisse ihrer Freundin eingeweiht war, nahm ihr tröstend den Brief aus der Hand, und kaum hatte sie ihn geöffnet, rief sie „Lenerl sei stad. Dei Franzl lebt no, da stehts ja scho g'schrieb'n, paß auf": „Heißgeliebte Leni!" Mache Dir keine Sorgen, ich lebe, und bin gesund, und gedenke Deiner in weiter Ferne. Deinen letzten Brief, den ich am 9. Juli richtig erhalten habe, konnte ich Dir nicht beantworten, denn am Tage darauf mußte ich in aller Früh mit meinem Bataillon nach Kissingen abmarschiren, und wurde sogleich mit einer Recognoscirungspatrouille beordert gegen die Preußen zu marschircn. Wir waren kaum ^ Stunde außerhalb der Stadt, so kamen wir schon mit dem Feinde zusammen, und von beiden Seiten ging das Feuern los. Da wir zu wenig waren, mußten wir uns bald zurückziehen, und kamen wieder zu unserm Bataillon,- und zur ganzen Division. Die Preußen rückten auch mit einer Division immer näher heran, und es kam zu einem heißen Kampf, bei dem ich tapfer mitfocht. Eine Abtheilung meines Bataillons und eine Compagnie des 11. Infanterie-Regiments besetzten den Kirchhof in Kissingen den wir mit Grabsteinen wohl zu verrammeln suchten, während links davon das 15. Jnfant.-Reg., das 7. Jägerbataillon und eine Abtheilung unseres Bataillons stand. Hier nun ging es hitzig zu, und wir 357 wollten unsere Stellung am Kirchhofe um keinen Preis aufgeben. Mitten im stärksten Gefechte sah ich, wie ein Preuße gerade mit seinem Gewehrkolben auf einen von unsern Offizieren einen mörderischen Schlag führte; gottlob war ich zur rechten Zeit da, und mit einem heftigen Vajonnetstich streckte ich den Preußen nieder, und mein junger Herr Lieutenant war gerettet. Aber in demselben Moment spürte ich auch einen heftigen Schlag, und bewußtlos sank ich um. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Feldspitale zu Nüd- lingen, mit einer Schußwunde in der Seite, doch sagte mir der Arzt, daß sie nicht gefährlich sei, und ich mit dem Leben davonkomme. Da das Spital aber bald zu voll von Verwundeten wurde, brachte man mich hieher nach Würzburg in das neu hergerichtete Lazareth im alten Bahnhof, wo ich wie im Himmel zu sein glaube. Du brauchst also, herzliche Leni, gar keine Sorgen um mich haben, und bald hoffe ich nach Hause zu kommen. Eigenhändig kann ich Dir nicht schreiben, und ich habe demnach ein Fräulein, die mich mit andern wie eine barmherzige Schwester pflegt, gebeten, dieses an Dich zu schreiben, was sie, indem ich ihr den Brief angab, mit Freuden gethan hat. Noch muß ich Dir mittheilen, daß der nemliche Preuße, der auf dem Kirchhofe in Kissingen dem bayerischen Offizier den tödtlichen Stich geben wollte, und den ich dann mit meinem Bajonnet niederstieß, jetzt mein Nachbar im Lazareth ist; ich habe ihn in den rechten Oberschenkel getroffen, dem armen Menschen mußte aber der Fuß abgenommen werden. Er ist aus Polnisch-Preußen und heißt Nikolaus Jaroczyn; wir sind die besten Freunde geworden, und obwohl er kein Wort Deutsch versteht, verstehen wir uns doch ganz gut. Er ist ein reckt guter Mensch, und hat Niemand mehr auf der Welt, der sich seiner annimmt, wenn er in seine Heimath nach Polnisch-Kron zurückkehren muß. Jetzt herzliebes Lenerl habe ich Dir vorläufig Alles erzählt, wie es mir gegangen hat. Habe nur keine Sorgen, und denke immer in Treu und Lieb' an Deinen Würzburg, den 3. August 1866. (Fortsetzung folgt.) dichliebenden Franz Bachhuber. Konradin Krerrtzer. (Schluß.) Das Jahr 1817 brachte dem Meister wieder eine feste Anstellung. Fürst Kar^ Egon von Fürstenberg ernannte ihn zu seinem Hofkapellmeister. Dieser Fürst, ein geistreicher, lebhafter und edelgesinnter Mann, verstand es, in'seiner kleinen Residenz, dem Städtchen Donaueschingen, im badischen Schwarzwald, ein frisches Geistesleben zu entfalten. Krentzer, der vielgewnndte Komponist, Dirigent und Organisator, sollte insbesondere die Musik auf die Höhe bringen. Von Amtswegen hatte er die Kirchenmusik, das fürstliche Orchester und die Aufführung von Operetten und Singspielen zu leiten. In Wirklichkeit aber hatte es Kreutzer sehr wesentlich mit Dilettanten zu thun, die er sich für den einzelnen Fall erst tüchtig Herschulen mußte. Es war dies einerseits eine höchst dankbare Aufgabe; Kreutzer verstand es, Feuer und Zug in die Sache zubringen, er besaß die nöthige Ausdauer und Geduld, war eine den Bedürfnissen des gebildeten Dilettantismus freundlich entgegenkommende, liebenswürdige, behagliche Persönlichkeit; kein Wunder, daß er in den Gesellschaftskreisen der kleinen Residenz den Mittelpunkt bildete und, als der Unentbehrliche, tüchtig verhätschelt wurde. Andererseits aber fühlte sich Kreutzer doch allzusehr abgeschnitten von der Berührung mit dem musikalischen Leben seiner Zeit. Einmal achtete er sich selbst nicht für reif und fertig genug, um der Anregung, Auffrischung und Bereicherung von außen entrathen zu können, sodann sagte ihm ein richtiger Instinkt, daß er in der That, nach der ganzen Art seiner Anlage, einer gewissen Anlehnung an Andere bedürfe. Er erbat sich 1821 längeren Urlaub, 1822 die Entlassung und erhielt in Wenzel Kalliwoda einen Nachfolger. In Donaueschingen hat 358 Kreutzer jedenfalls fleißig kornponirt, die Verhältnisse schon- forderten dies von ihm. Was er geschaffen hat und in welcher Reihenfolge, läßt sich nicht genau bestimmen, da die Opuszahl auf seinen Werken nur die Reihenfolge der Veröffentlichung bezeichnet, die keineswegs immer mit derjenigen der Entstehung harmonirt und überdies nicht zuverlässig ist, wie z. B. »x. 50, 70, 70 u. a. verschiedenen Publikationen gegeben ist. Doch dürfte» wir kaum fehlgreifen, wenn wir in die Zeit der Wirksamkeit KrcutzerS in Donaueschingcn die Entstehung derjenigen Werke verlegen, welche durch ihre ganze. Anlage andeuten, daß sie dem Bedürfniß eines vcrhültuißmäßig weit geförderten Dilettantismus zu dienen bestimmt waren: die sechs Piecen für Pianoforte mit Begleitung der Flöte oder Violine op. 31, die 6 vierhändigen Stücke für Pianoforte vpr. 34 *)', die Konzertsonnte für Flöte und Pianoforte o;>. 35, das Divertissement für Pianoforte, Flöte, Hautbois, Fagott und Kontrabaß ox. 37, die Variationen für Klarinette (welche er selbst vorzüglich blies) mit Begleitung von 2 Violinen, Viola, Baß, 2 Hautbois, 2 Hörnern und Kontrabaß ox. 36; ein Trio in Lsäur für Pianoforte, Klarinette und Vasson (o^. 43), 2 Konzerte für Pianoforte mit Begleitung des kleinen Orchesters op. 50**); für Gesang: zwei Romanzen aus Raupachs „König Enzio" op. 40, drei Duetten für 2 Soprane up. 41 (wenn nicht in Stuttgart komponirt), vielleicht auch die „Solos" für das Pianoforte (ohne Opuszahl) und ohne Zweifel eine Reihe seiner besten Lieder für Männerchor. — In allen den genannten Werken für Kammermusik entfaltet Kreutzer eine ansprechende Melodik, einen gewissen Reichthum brillanter Figuration, die doch nicht allzu hohe Anforderungen an die Ausführender: stellt, und eine angenehme Abwechselung in den Formen, so daß sich diese Werke auch jetzt noch als recht angenehme Hausmusik für Dilettantenkreise empfehlen. Erhebt sich diese Musik auch kaum über das Gute der zeitgenössischen Meister zweiten Rangs, so ist sie doch durchaus tüchtig, gesund und jedenfalls ansprechend und fördernd. Kreutzer reiste von Donaueschiugen zunächst nach München, wo er eure seiner Opern („Acsop in Phrygien"?) zur Aufführung brachte. Der Dankbarkeit und Pietät gegen den Fürsten Egon gab Kreutzer noch späterhin Ausdruck, indem er ihm daS Heft op. 78 („Würde der Frauen") und die „Gesänge aus Goethes Faust" widmete. Unter diesem Titel gibt Kreutzer eine Art Faustmufik. Die Goethische Dichtung wird wie eine Art Singspiel, stellenweise säst wie eine Spieloper ernsten Charakters behandelt. Ein ^ckuglu von nur 30 Takten leitet die Tragödie ein; dann schweigt die Musik, um erst wieder mit den Ostergesängen einzusetzen, die nichts weniger als streng kirchlichen Charakter tragen, aber auch keineswegs unwürdig, dabei äußerst sangbar und ansprechend sind. Der Spaziergang bringt ein stimmungsvolles Bettlerlied, einen frischen Soldatenchor, dann das Lied „Der Schäfer putzte sich zum Tanz." Während Kreutzer bis daher die Musik bescheiden hinter der Dichtung zurücktreten läßt, räumt er ihr von jetzt an mehr Raum ein; den in sein Studirzimmer zurückgekehrten Faust läßt er die Worte: „Verlassen hab' ich Feld und Auen ec." singen, die Geisterchöre runden die Szene ab. Die Scene in Arierbachs Keller bringt das Lied von der Ratte und das das Floh-Lied in ganz eigenartiger Auffassung. Gretchen ist von der Musik besonders reich bedacht, rechts als eine musik-umflossene, duftige Gestalt. Eine Reihe von Scenen (auf der Straße, in Grethchens Kammer, im Garten, am Brunnen, im Zwinger, vor Grethchens Thür), welche der Dichter für das gesprochene Wort bestimmt hat, kleidet Kreutzer in Töne. Mit der Scene im Dorn und dein Dias irno schließt er ab. Die Musik steht nicht auf der Höhe der Dichtung, sie ist einfach und volksthümlich. Die ganze Auffassung, des Faust gemahnt an die Weise, wie sich Kreutzer in dem liebenswürdigsten seiner Werke gibt, im „Verschwender". Von München wandte sich Kreutzer nach Wien. Am 4. Dezember 1822 brachte er die „romantische Oper Libussa" (Klavierauszug ox. 48) zur Aufführung. Dieses Werk, welches über eine Reihe von Bühnstt -') Die Bezeichnung op. 34 tragen auch die „Wanderlieder" (1. Folge). Dieselbe Opuszahl trägt der Klavierauszug vorn „Taucher." 359 ging, machte Kreutzer zürn berühmten Mann und trug ihm die Stelle eines Kapellmeisters am k. k. Hofoperntheater (Kärntherthor-Theater) ein. Es folgten nun rasch aufeinander die Musik zu dem nordischen Märchen Sigune (1823), die ländliche Szene: „Erfüllte Hoffnung" (1824), eine Hymne auf die Genesung des Kaisers (1826) und eine komische Oper: Die lustige Werbung." 1827 verließ der unruhige Geist Wien, um sein Glück i in Paris zu versuchen. Aber seine Oper „O'uau clo In zouvennnoo" machte dort kein ^ Glück. Gerne kehrte er 1828 wieder in seine alte Stellung nach Wien zurück, die ihm doch zum Mindesten eine sorgenfreie Existenz gewährte: er hatte 3000 fl. Gehalt und 1000 fl. Bensfizantheil. Mit neuer Schaffenslust ging er hier ins Zeug; Oper folgt aus Oper („Das Mädchen von Montfermeuil", „Baron Luft", „Die Jungfrau", „Der Lastträger an der Themse), bis er mit der von Grillparzer für keinen Geringeren als Beethoven gedichteten romantischen Oper „Melusine" zum Josefstädter Theater übertrat. Für diese Bühne schuf er in glücklichem Wurfe seine Meisterwerke auf dem dramatischen ! Gebiete: „Das Nachtlager von Granada" (1834) und die Musik zu Raimunds Zauber- ' spiel „Der Verschwender." Der Form nach eine Oper,'ist der Sache nach das Nacht- , lager ein echt deutsches Singspiel in erneuerter und vertiefter Gestalt. Der unverwüst- ^ liche Zauber und die nie versagende Anziehungskraft, welche diese liebenswürdige Oper ausübt, liegt viel weniger in dem „Dramatischen" der Musik, als in dem überraschenden Reichthum an gemüthvoller, frischer Liedmelodie. Von der Musik zum „Verschwender" sagt W. A. Rieht mit Recht, in dieser Musik (man denke an das Hobellied l) zeige sich Kreutzers Muse von der liebenswürdigsten Seite. Wohl schuf Kreutzer in Wien noch manche Oper („Tom Rick" 1834, „Der Bräutigam in der Klemme" 1835, „Die Höhle von Waverley" 1837, „Fridolin, oder der Gang nach dem Eisenhammer" 1837, „Die ^ beiden Figaro" 1839), aber so wie mit dem „Nachtlager" glückte es ihm mit keiner mehr. Daneben entstanden eine Reihe von Kammer- und Salon-Musikwerken und frischen H Liedern (eine Phantasie über eine Schweizermelodie kür Pianoforte op. 55, vierhändige Märsche, eine vierhändige Sonatine op. 61, eine Poloimmo brillnnto für Pianoforte op> 67, 6 Phantasien für Pianoforte op. 76, ein vierhändigeS lionclonu brillant op>. 68: Lieder und Romanzen von Ludwig Uhland op. 60, 64, 70 und 76; „Waldlieder"» „3 Lieder von Julius Mansfeldt; endlich für den Männerchor: op. 80 „Sechs ländliche Gesänge" von W. Müller; op. 85 „Sechs Quartetten", op. 88 „6 Lieder und Chöre" von Stieglitz; op. 98 „Tafelgesänge"; op>. 89 (?) „12 Gesänge von Peppert"; vp. ? „Sechs Gedichts" von M. Hessemer). Das häusliche Leben des Meisters war nicht arm an Sorgen. Schon im Jahre 1824 verlor er das Weib seiner Jugend. Sie hatte ihm am 21. Juni 1820 ein Tüchterchen Anna Wilhelmine Cäcilie geschenkt. In Anna von Ostheim (geb. 25. Febr. 1803) fand er eine zweite Gattin, mit welcher er sich am 1. Sept 1825 auf dem Rittergut Weiß-Oelhüttcn vermählte. Sie hat den Gatten überlebt und seit 1853 bei dem Schwiegersöhne, Fabrikanten Winkler in Dresden, eine neue Hcimath gefunden. Aüch sie schenkte dein Meister ein Töchterlein Marie (geb. 4. Okt. 1828), das, wie das ältere Töchterlein, den Vater durch große musikalische Begabung erfreute, weßhalb Kreutzer Beide zu Sängerinnen ausbildete. Wie es kam, daß Kreutzer, schon nahe den Sechzigern, seine so schöne und gesicherte Stellung in Wien aufgab und abermals auf Reisen ging, ist nicht aufgeklärt. 1839 legte er sein Amt > nieder und begleitete seine Tochter Cäcilie auf einer Kunstreise, um dieselbe in die Kunst- ^ Welt einzuführen. Ein gütiges Geschick fügte es, daß Vater und Tochter schon 1840 feste Stellung an einer und derselben Bühne gewannen, am Stadttheater in Köln. Hier feierte er als Dirigent des 23. rheinischen Musikfestes einen herrlichen Triumph. Intriguen aber nöthigten ihn, schon 1841 den Dirigentenstab niederzulegen. Abermals beginnt das Wanderleben. Eine neue Oper, „Der Edelknecht", in welcher ein Einfluß der Auber-Meyerbeer'schen großen Oper nicht zu verkennen ist, dirigirte er in Wiesbaden, ohne daß dieselbe einen durchschlagenden Erfolg gehabt hätte. Ganz vergessend, daß für ihn die Lorbern auf dem Gebiete der gemüthvollen Liedweise und des echtdeutschen Sing- spiels wuchsen, verlangte sein Ehrgeiz nach dem Beifall der großen Oper in Paris. Er trat mit Scribe in Verbindung wegen eines Operntextes, reiste selbst dreimal nach Paris (1843, 1844, 1845), ohne einen wesentlichen Erfolg verzeichnen zu dürfen. In Gent dirigirte er eine seiner Opern, fungirte auch daselbst bei einem Sängerfest als Preisrichter. In Graz, wo wir ihn 1846 finden, ereilte ihn die Nachricht, daß die neueste Oper, welche der rastlos arbeitende Meister während des unruhigen Wanderlebens geschaffen hatte, die „Hochländerin", vom Stadttheater in Hamburg znr Aufführung angenommen sei; zugleich erhielt er die Aufforderung, selbst nach Hamburg zu kommen, die Oper einzustudiren und aufzuführen. Der glänzende Empfang, der in der alten Hansestadt dem 66jährigen Sängermeister bereitet wurde, die begeisterte Aufnahme, die sein Werk am 22. November 1846 fand, es war der letzte Sonnenblick auf seiner Künstlerlaufbahn! Abermals setzte -er den Wanderstab weiter als Beschützer und Führer seiner zweiten Tochter. Sein Weg führte ihn nach Riga, wo seine Tochter am deutschen Theater Stellung gefunden hatte. Treulich wachte der besorgte Vater über seinem Kinde; in keiner Vorstellung, wo sie auftrat, fehlte der ehrwürdige Herr. Bei der Umarbeitung seiner „Hochländerin" und des „Konradin von Hohenstaufen" sollen ihn Ahnungen des nahenden Feierabends überkommen haben. Am 14. Dezember 1849 ereilte ihn ein Schlagfluß. Ferne der deutschen Heimath fand der deutsche Liedermeister seine letzte Ruhestätte. Die deutsche Liedertafel zu Riga gab ihm das Ehrengeleits und sang an seinem Grabe. Daß der fleißige Meister nicht aufgehört hat zu arbeiten, bis der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm, bezeugen die vielen Veröffentlichungen, die in seinen letzten Jahren erfolgten. Aus den beiden Opern „Der Edelknecht", „Die Hochländerin" erschienen mehrere Liederhefte op. 101, „Sechs Gesänge", „Das Schloß am Meer" <>1>. d, Zwei Lieder: „Seelendrang", „Das Lächeln unter Thränen" «zu ?, Drei Duette op. 114, „Rastlose Liebe" c>p. ? „Vier Lieder" op. ?, „Zwei Lieder", „Glöck- lein"; in der Süngerhalle: „Einst", „Jägerlust und Jägerlied" und 6 Charakterstücks für Orchester unter dem Titel: „LntrsacllaiS <>p. 110, die, weil glatt und leicht ausführbar, sich für Dilettantenorchester empfehlen. Die Krone seiner Werke sind und bleiben die 134 Gesänge für den Männerchor. Seine Opern sind mit Ausnahme des „Nachtlagers" fast vergessen. Was diese letztere Oper so frisch erhält und ihr immer wieder die Liebe des Volkes gewinnt, ist der Reichthum an gemüthvoller Liedmelodie. Seine Kammermusik, so viel Erfreuliches und Erfrischendes sie bietet, ist vielleicht auf die Seite gelegt worden. Denn so glatt und gefällig seine Sachen gearbeitet sind, die Formen sind zu weit und zu groß, die Individualität vermag sie nicht ganz zu erfüllen. Wo aber Kreutzcr wie beim Lied genöthigt war, die schaffende Phantasie beisammenzuhalten und auf einen engen Raum zu konzentriren, da gelangen ihm wahre Kabinetsstücke. Die Stadt Meßkirch hat schon vor Jahren beschlossen, ihren Sohn durch ein würdiges Denkmal zu ehren, und sich mit der Bitte um Beiträge an die deutschen Sänger gewandt, die ja dem Meister so manche Weihestunde verdanken! Bis jetzt sind erst 4500 Mk. vorhanden; davon gaben die Bürger von Meßkirch allein 1000 fl., die Deutschen in New-Iork 1600 fl>; das klebrige kommt meist von kleinen Vereinen. Mochten diese Zellen dazu beitragen, das Andenken an den liebwerthen Liedermeister aufzufrischen! — M i s c e l l e n. (Patriotismus.) „Meyer, wofür haste denn bekommen den Orden, was Du jetzt immer trügst." Meyer, will ich Dir sagen warum. Weil ich mir bei der Revolution so gcforchten hab'." Saphir sagt: „Frauen und Lichter gleichen sich darin, daß beide oft für einen Andern brennen, von welchem sie geputzt werden.". Für die Redaction verantwortlich: Alpbons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nr. 46. 1880. zur „Ängslmrger Po Leitung." Mittwoch, 8. Dezember »- Wachse grade für dein Theil, Oder werde krumm gezogen; Grade dienest du zum Pfeil, Krumm vielleicht zum Bogen. Friedrich Rückert. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) Mit Thränen in den Augen vor Freude und doch wieder vor Sorge über ihren Liebsten blickte Leni auf diese einfachen Zeilen, die eine liebevolle Hand für ihren Franz! geschrieben hatte, als Nest, die noch den Brief in der Hand hielt auf einmal rief, „holt Leni, auf der entern Seit'n steht a no was" — und weiter zu lesen begann. „Meine liebe Leni! Sei unbesorgt um Deinen Franz, er ist in bester Pflege, und bald wirst Du ihn sehen. Ich nehme herzinnigen Antheil an Eurem Geschick und hoffe Dich in Deinen schönen Bergen auch einmal besuchen zu können. Du hast an Franz ein treues Herz gefunden, und der Himmel segne eure Liebe. Ich grüße Dich herzlich Helene Freun von N." „Ja wie is mir denn!" rief Leni bei diesen Zeilen, die Rest mit gerührter Stimme las — „ja wie is mir denn, a so a nobligs Fräula im Spital als Barmherzige, und Leni hoaßts a, als wie i, aber Helene! Dös muaß ja mein Franz! freu'n, daß ihn a a Leni so guat pflegt, und brav muaß er do sei und an mi denka, wie's Fräula schreibt; no dös woas i, da hats koa G'fahr, da hab i als z'viel Vertrau'n auf den Bua'm." „Versteht st sagt s'Resei — aber jetzt Leni guat Nacht, es is scho völli dunkl, und i muß hoam in mei Hütt'n. Vergiß nit morg'n in aller Früh, dem Fischerlenzl den Brief mitz'geb'n, daß er bei Dir dahoam und z'Fischbachau an Franz! seine Leut a die guati Botschaft bringn kann, denn die werd'n a woltern a Freud hab'n wenn's dös alles les'n; guat Nacht!" — und während Leni in ihrer Kammer vor ihrem Hausaltärchen noch das innigste Dankgebet zum Himmel schickte, hörte sie noch den hellen Jauchzer ihrer Freundin, der weit in die Berge und in's Thal schallte. Bald schlössen sich zwei Augen zum sanften Schlummer, und liebliche Träume von Freude und Wiedersehen verriethen die Thränen, die wie Thautropfen an der lieblichen Blume von Geitau hingen. — Während dem nun in' der Heimnth unseres Bachhuber Franz! und im ganzen Aurachthale schnell die Kunde von seinem heldenmüthigcn Verhalten in der Schlacht von Kissingen, und von seiner Verwundung, Freude und Theilnahme allenthalben hervorrief, und seine alten Eltern von allen Nachbarn die herzlichsten Glückwünsche erhielten, machte dessen Genesung bei der sorgsamen Pflege im Lazareth zu Würzburg die erfreulichsten Fortschritte, und auch sein treuer Kamerad Jaroczyn erholte sich zusehends, da besten kräftige Körpersconstitution auf die rasche Heilung seiner schweren Verwundung vom günstigsten Einflüsse war. — 362 — Inzwischen wurden, nachdem Waffenstillstand geschlossen war, die Friedenspräliminarien zwischen den kriegführenden Mächten eingeleitet, und da in Folge dessen der Verkehr auf den bayerischen Eisenbahnen wieder hergestellt war, so überkam unsere Leni auf der Alm eine nicht mehr zu überwältigende Sehnsucht, ihren Franzl sobald als möglich zu sehen. Tag und Nacht sinnirte sie über einen Reiseplan nach Würzburg und s'Resei ihre Almennachbarin und der alte Fischerlenzl ihr Vertrauter wurden mit in ihr Vorhaben eingeweiht, namentlich sollte dem Letzteren, welcher wöchentlich ein paarmal mit seiner Butterkraxe auf die Alm kam, die Aufgabe zufallen, die Eltern zu Hause von der Idee Leni's in Kenntniß zu setzen. Während diesen diplomatischen Unterhandlungen unterließ es aber Leni nicht, auch in Würzburg Fräulein Helene ins Geheimniß zu ziehen und es wurde nun mit Hülfe der theilnchmenden Nest in einem wohlstudirten Briefe der Plan dem Fräulein mitgetheilt, und diesem Schreiben natürlich auch ein sehr zärtliches Liebesbrieflein an Franzl beigelegt, dem aber von dem Vorhaben vorläufig nichts verrathen werden durfte. Wie zu erwarten, führte der alte Fischerlenzl seine diplomatische Mission bei den Eltern des liebenden Paares zur vollkommensten Zufriedenheit aus, und eines Abends kam er mit lachendem Gesichte zu den beiden Älmerincn die gewöhnlich nach ihrer Arbeit vor der Sennerhütte saßen, mit der Botschaft: „Hain man scho' rumbracht an Vota, und er is glei dabeig'wes'n nach Würzburg z'roas'n." — Freudig sprangen die Mädchen auf und eS erscholl nun ein Juchzen von vielfältigem Echo erwiedert wie man schon lange keine mehr von der Alm hörte, und die Sennerincn der umliegenden Almen konnten sich nicht denken, was ihrer Nachbarin dem bisher alleweil so stillen Lencrl plötzlich angekommen sein mußte, daß sie seit langer Zeit wieder einmal ihnen zujodelte, und -lustig antworteten sie, und gaben ein Zeichen, daß auch sie wohl verstanden, was dieser Juchzer bedeute, sie wußten ja alle recht gut, warum ihre Freundin trauerte, und nicht mehr ihre fröhlichen Lieder zu ihnen hinubersingen wollte. Schon Früh des andern Tages als Leni eben in voller Arbeit war, kam der alte Ekardbauer von Geitau auf die Alm und mit einem nicht zu verkennenden Stolze betrachtete er die kräftige Gestalt des schönen Mädchens, dessen Wangen, wie vom frischen Morgenroth angehaucht waren, und mit vor innerlicher Freude glänzenden Angcn bot sie dem Alten einen herzlichen guten Morgen. „Bist ja scho zeiti bei Deiner Arbeit, und siehst ja heut so lusti her, als wannst nett am Sunta auf'n Kirta geh'n mächst" — redete sie der Vater an, — „laß aber jetzt All's steh'n, und zieh Dein bessers G'wand an, mir genga glei mitananda hoam, und heut müaß ma no außi roas'n nach Würzburg. Unser Dirn wird glei nachkomma, die bleibt daweil auf der Alm, und dahoam kanns bis mir wieda komma d'Muatta scho alloan damacha." Daß auf diese Anrede die fleißige Leni die Milchkübel, die sie eben blank scheiern wollte, schnell liegen und stehen ließ, kann uns nicht wundern, und nicht lange dauerte es, kam sie schon in ihrem einfachen Sonntagsgewand, das sie auf der Alm hatte, aus der Hütte, während der Eckardbauer eben der Dirne die Herrschaft über die Alm übergab. Leni empfahl derselben die treuen Unterthanen ihrer Obhut, und sie konnte nicht umhin von jedem ihrer Lieblinge Abschied zu mhmen, welche ihr, als sie mit ihrem Vater den grasigen Hang hinabging, verwundert nachschauten, da es ihnen auch sonderbar vorkam, ihre Herrin zu einer so ungewöhnlichen Zeit fortgehen zu sehen. Ein lustiger Juchzer hallte noch hinüber zur Sennerhütte ihrer Freundin Resi, der ebenso lustig wieder erwiedert wurde, das; es weithin iu die Berge nachklang. In Geitau wurden unsere Reisenden bereits von der Mutter erwartet, und auch der alte Bachhuber war da, um an seinen Sohn Geld und Wäsche mitzugeben, und die fromme Mutter legte noch besonders eine kleine silberne Medaille mit dem Gepräge der Muttergottes von Birkenstein bei. Schnell wurde das Nöthigste zur Reise zusammengepackt, und im besten Festgewande mit dem grünen Hütchen und goldener Schnur, dem schönsten Mieder, verschnürt mit der silbernen Kette an der die alten Schatzthaler hingen, stand Leni mit freudestrahlenden Augen da, um den aus Bayrischzell zurückkehrenden Postomnibus zu erwarten. - 363 — Der alte Postanderl mit seinen Braunen ließ auch nicht lange auf sich warten, und ganz verwundert schaute er drein, als er beim Eckardbauer anhalten mußte. „Ja wo roaüt denn d'Leni mit'n Vota heut no hin, daß gar a so pressirt, bei welchen Worten er das Trinkgeld, das ihm die Lein in die Hand schob mit der Aufforderung gut zu fahren, dankbarst in die Tasche schob, — is ja nindascht koa b'sonders Fest und d'Jakobi-Duld z'Minka is ja a schon vorbei." — „Geh Dap", sagt d'Leni, „nach Würz- burg roas ma außi, i und der Vota, den Bachhubcr Franz! müaß'n ma hol'n der im Spital is, und jetzt soweit kurirt is, daß er hoamroas'n derf." — „Jetzt nacha is was anders", sagte Ander!, und lustig trieb er seine Braunen an, wußte er ja auch, daß Leni nicht schnell genug zu ihrem lieben Franzl kommen konnte. Noch gerade zur rechten Zeit trafen sie in Miesbach ein, um mit dem letzten Zug nach München fahren zu können, und ohne Säumen wurden Billete und Gepäcke besorgt, und hinaus dampten unsere Reisenden in die stille Nacht. Leni's Brief hatte nicht allein bei Franzl wieder Heiterkeit in das sonst so einförmige Lazarethleben gebracht, sondern auch bei seiner Pflegerin Fräulein Helene große Freude erregt, die an der schlichten Schreibweise des treuherzigen Gebirgskindes doppeltes Interesse gewann, da sie daraus deren baldige Ankunft erfuhr, und mit mädchenhafter Neugierde auf die Bekanntschaft desselben gespannt war. Ungeachtet der Bitte Leni's von ihrer Reise nach Würzburg vorläufig noch nichts zu erwähnen, konnte sie doch nicht umhin bei Franzl einige Andeutungen dahin zu machen, und wenn dessen Augen bei bei solchem Gespräche oft hell glänzten vor Freude sein Mädchen bald zu sehen, schüttelte er doch ungläubig mit dem Kopf und meinte: „war scho recht, aber von da Alm kann jetzt d'Leni nit fort, dessell war nix, wer that denn da d'Arbet" — und freudig, daß der arme Bursch die Pflichttreue seines Mädchens allem Andern, ja sogar dem Interesse für seine Liebe vorzog, tröstete daß Fräulein ihn stets mit den Worten: „wer weiß es, vielleicht doch!" — So vergingen mehrere Tage, als eines Morgens Fräulein Helene, die sich eben zum Gang ins Lazarelh anschickte und an der Domkirche vorbeikam, aus dem großen Portale zwei Personen heraustreten sah, die durch ihre Tracht ihr sogleich auffielen; eine große stämmige Figur mit grauen Haaren und Schnurrbart, sich eben noch bekreuzend, und den grünen Hut mit der Spielhahnfeder aufsetzend. Selten sieht man in der großen Frankenstadt solche Erscheinungen, und die zu gleicher Zeit aus der Kirche gehenden Schulkinder betrachteten neugierig den Tyroler, wie sie ihn nannten, mit den kurzen Hosen, nackten Knien, und den mit Hackenägeln schwer beschlagenen Schuhen. Nicht minder wurde aber auch das Mädchen in ihrer schönen kleidsamen Tracht angestaunt, die hinter diesem Manne einherging. Fräulein Helene war nicht im Zweifel über beide Persönlichkeiten, das Mädchen mußte Franzls Geliebte sein, unter Hunderten hätte sie dieselbe herausgekannt, denn die Beschreibung, die er von seiner Liebsten machte, paßte ja vollständig auf das lebende Bild, das sie jetzt vor sich sah; die schwarzen Zöpfe, die das blühende Gesicht des Alpenmädchens umrahmten, die hellen freundlichen Augen, die unter dem grünen mit goldener Schnur reich verzierten Hütchen hervorsahen, der große schlanke Wuchs des Mädchens, alles stimmte wie gesagt auf das Bild, das Franzl ihr oft so lebhaft ausmalte, und das jetzt leibhaftig vor ihr stand. Sie zögerte auch nicht lange, und mit der ihr angeborenen Leutseligkeit trat sie zu dm schüchternen Bauernmädchen hin, und sprach sie freundlich an: „Sie sind gewiß die Jungfrau Leni vom Eckardbauern aus Geitau, und suchen Jemand im Lazareth hier auf", — sie getraute sich wirklich nicht in Gegenwart des Begleiters des Mädchens den Jemand beim Namen zu nennen, — „wenn sie mitgehen wollen, ich bin eben im Begriffe ins Lazareth zu gehen, und kann Sie dort ungehindert einführen." — Die Leni wurde über und über feuerrot!) in ihrem Gesichte, und wußte sich anfangs nicht gleich zu fassen, und als sie ihre Augen aufschlug und das freundlich lächelnde Fräulein betrachtete, brach sie plötzlich in die Worte aus: „Vata da schau, i glab hellicht dös is dös Fräula, die mein Franzl kennt, und die mir an so schön'n Brief g'schrieb'n hat, grüaß Gott z'tausendmal Fräula Lene, gelt'ns Sie sans, Sie könnens nit leugna", — und treuherzig reichte das Mädchen ihre Hand dem Fräulein, und auch der Vater zog respektvollst den Hut schüttelte das ihm gereichte feine Händchen des freudig erregten Fräuleins. „Doch jetzt kommt meine lieben Leutchen, jetzt wollen wir keine Zeit verlieren, und zu unserm braven Franzl gehen, den ihr heute bei diesem schönen Morgen schon im Freien vor dem Lazarethe treffen werdet, er ist schon soweit hergestellt, daß ich ihn bei seiner kräftigen Natur nicht vorzubereiten für nöthig finde, ahnte er ja schon längst, daß ihm eine so unerwartete Freude bevorstehe. — O nur an Juchaza wenn i tho durft, da kennt er mi schon z'weitist her", meinte Leni — „geh g'stroachts Deandl", fiel ihr der Vater schnell ins Wort, um ihr den Ausbruch ihrer Freude abzuschneiden — moanst denn Du bist dahoam auf der Alm, dessell gibts nit in der Stadt, sonst kunt'ns di glei veraretir'n a, nach« war der G'spaß glei vorbei, geltS Fräula?" — So gerne Fräulein Helene einen solchen Jodler hören möchte, so mußte sie doch zu ihrem Leidwesen der lauten Freude Lenis Einhalt thun, und tröstete die muntere Sennerin damit, daß sie ihr zu Hause im Garten ihres Vaters heute noch nach Herzenslust vorjodeln und vorjuchzen könnte. Während solcher munterer Unterhaltung kamen nun unsere Leutchen an das alte Bahnhofgebäude, wo in dem zu einem freundlichen Garten umgewandelten Hofe, der gegen den sogenannten rothen Bau hinging, die armen Verwundeten und Reconvalescenten in der frischen Morgenlust sich ergingen. Unmittelbar an der kleinen steinernen Treppe des länglichten Bahnhosgebäudes, im Schatten grünender Ziergewächse und Eitronenbäumchen, saß in einem Rollwägelchen eine kräftige Gestalt, deren bleiches Gesicht noch mehr durch den schwarzen üppigen Vollbart abstach. Es mußte wohl ein schwer Verwundeter sein, da er nicht gehen konnte. Vor ihm auf der steinernen Stufe saß ein Anderer, im grauen Soldatenmautel mit einem schon frischeren Gesicht, zu dem der hellblonde wohlgepslcgle Schnurrbart recht gut paßte, er schien bereits schon vollständig genesen, denn man konnte eine gewisse Heiterkeit auf seinem gebräunten aber frischen Gesichte nicht verkennen. Er hielt eine Cither auf seinen Knien, und sein Kamerad im Nollstuhl lauschte aufmerksam auf die lustigen Weisen, die er ihm vorspielte, während eine barmherzige Schwester ein Glas mit erfrischendem Getränke in der Hand hielt, das sie eben d-,n schwer Verwundeten reichen wollte. Gar lieblich war diese Gruppe anzuschauen; die noch leidende Gestalt des Kranken, das schon wieder aufblühende Gesicht des teilnehmenden Kameraden, und das sorgsame Auge der treuen Pflegerin in der ernst schönen Kleidung der barmherzigen Schwester. — (Fortsetzung solgt.) Schiller und die Münchener Hof- und Nationalvühne. *) Den Münchenern war es früher nicht nur zweifelhaft, daß ein gutes Theater auf Sitte und Aufklärung wesentlich wirke, sondern sie wollten auch nicht zugestehen, daß eine Bühne unter allen Erfindungen des Luxus und allen Anstalten zur gesellschaftlichen Ergötzlichkeit den Vorzug verdiene:**) Der Intendant Franz Marius von Babo beklagte sich nämlich einmal recht bitter darüber, daß der hiesige Bürgerstand „obschon er die ganze Theaterausgabe für sich in Verdienst und Einnahme bringt, theils aus Mangel an Kultur, theils aus Gewohnheit einer handgreiflicheren oder konsumtibleren Ergötzlichkeit das Hoftheater fast gar nicht besuchte." Die höheren Gesellschaftskreise hallen in ihrer Vorliebe für die französische und italienische Bühne nicht mehr Verdienst um das hiesige Hof- und Nationaltheater. Im Anfange herrschte eine große, andauernde Mißwirtschaft. Mit dem Verständniß der leitenden Kräfte stand es wie mit dem Geschmacke der Kritiker und Zuschauer. — *) Franz Grandaur, Chronik des kgl. Hof- und Nationalthcaters zu München. 1878. **) Schiller, die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet. 365 Während Kotzebue's, Jffland's Stücke, Ballete, leichte Operetten außerordentlich gefielen blieb man den Werken Lessings, Goethe's Shakespeare's ziemlich abneigt. So hatte der vom eitlen Grafen Seeau im Jahre 1797 zur Aufführung gebrachte „Kaufmann , von Venedig* kein Glück. Im vierten Briefe des „dramatischen Briefwechsels* von f Jak. Klaubauf findet sich folgende charakteristische Geschmacksschilderung eines zu Ende ^ gehenden recht dunkeln Zeitalters und eines noch finstereren Kritikers: „Das Stück — („Der Kaufmann von Venedig") —, das nicht mehr für den dramatischen Geschmack paßt, verfehlte bei der Vorstellung seine Wirkung völlig — — — Shakespeare's Zeitalter war von dem unseligen verschieden. Jenes war roh, unseres ist gebildet. — Wir verlangen nicht erschüttert, wohl aber gerührt zu werden." Man dachte hier also anders als wie zum Beispiel in Weimar, und diese Umstände machen es erklärlich, daß man unbekümmert über die Erfolge der ersten Schiller'schen Werke, nicht sehr darauf drang, dieselben auch hier dargestellt zu sehen. Erst im Jahre 1799 — siebzehn Jahre nach der erstmaligen durchschlagenden Aufführung der „Räuber" in Mannheim — erschien ^ ein Werk des großen Schiller auf der Münchener Hofbühne. Nicht „Die Räuber", nicht i „Don Carlos" wollte man hier zuerst sehen. Nach einem bürgerlichen Trauerspiele, die ein dramatischer Geschüftsartikel geworden waren, wollte man sich Urtheile über den großen Dichter und seine Werke bilden. Am 28. Mai 1799 wurde „Kabale und Liebe" in München zum erstenmale ausgeführt. Der Erfolg glich nicht demjenigen, welchen diese Tragödie in Mannheim und Frankfurt erzielt hatte; bei dem sozialen Mißbehagen, das man auch in der bayerischen Residenzstadt theilte, gefiel aber doch der rechtschaffenen Bürgerschaft das die i höheren Stände in ihrer ganzen Verworfenheit historisch zeichnende bürgerliche Trauerspiel außerordentlich. „Kabale und Liebe" erlebte bald nacheinander drei Wiederholungen, l Da jedoch der Werth des ganzen Stückes nicht gewürdigt werden konnte, wurde es auch ^ der große Dichter noch nicht. Die genialische Natur desselben wurde in München erst ! nach den Befreiungskriegen gebührend anerkannt. Drei Jahre verstrichen bis man ein zweites Schiller'sches Werk aufführte. Der , nach Shakespeare frei bearbeitete „Macbeth" wurde am 4. und 9. März 1802 dargestellt. Noch im Juni desselben Jahres ging „Don Carlos" in Szene und am 2. August 1803 „Maria Stuart", welche drei Wiederholungen erlebte. Das nur „gerührt" sein wollende Publikum wurde einigermaßen erschüttert. Gastspiele fremder Mimen hatten vorzugsweise die Aufführung dieser Trauerspiele ! bewirkt; ebenso diejenige der Walle nst eint rilogie, welche in das Jahr 1804 in der ! Weise fällt, daß man am 4. April „Die Piccolomini", am 17. April „Wallensteins Tod", am 27. Mai „Wallensteins Lager" gab, worauf am 29. Mai „Die Piccolomini" und am 1. Juni „Wallensteins Tod" wiederholt wurden, so daß die Trilogie in gehöriger Reihenfolge aufgeführt ward. Das Münchener Publikum zeigte äußerst wenig Interesse an diesen großartigen Werke. „Ein großes Master wirkt Nacbeiferung Und gibt dem Urtheil höhere Gesetze —" traf bei ihm nicht zu. Am Hofe und unter der übrigen Einwohnerschaft befand sich kein > auserlesener Kreis, . „Der, rührbar jedem Zauberschlag der Kunst, 1 Mit leisbemeglichem Gesühl den Geist f In seiner flüchtigsten Erscheinung hascht." i Babo selbst sagte von den „Piccolomini", daß sie mit einem hohen poetischen Werth ! gar keinen dramatischen verbänden. So wenig Erfolg hatten die übrigen Werke Schiller's j bisher erringen können, daß man von dieser Trilogie nichts erwartete und darum der , ersten Aufführung fernblieb. Wie Dr. Franz Grandaur mittheilt, sollen nämlich die , Einnahmen nach einem Ausweis der Kassabücher bei den „Piccolomini" nur 58 fl. 27 kr., bei „Wallensteins Tod" 81 fl. betragen haben, während die Ausgaben sehr bedeutend waren. Mit den größten Summen nährte man italienische Prachtopern. Trotzdem brachte — 366 man im Jahre 1806, seit welcher Zeit das Hoftheater auch Nationaltheater heißt, abermals zwei Werke Schiller's auf die hiesige Bühne: „Der Parasit", der sein Glück nicht so sehr gemacht hat als „Tell", der schnell drei Wiederholungen erlebte und sich auf dem Repertoire erhielt. In welch geringem Maße aber auch dieses prächtige, lauterste Freiheitsliebe athmende Drama verstanden wurde, darum nicht besonders zünden konnte, erhellt daraus, daß noch im Jahre 1810 unter Delamotte dasselbe durch Streichung der Rolle des Werner, Freiherr von Attinghausen, gekürzt wurde. Verse wie die: „An's Vaterland, an's theure, schließ Dich an, Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen —" zu streichen, erklärt genug die Gesinnung. Besser als das-Schauspiel „Wilhelm Tell" gefiel ein Ballet gleichen Namens, in welchem Philipp Tagliöni 1817 hier auftrat. Auf Veranlassung des kunstsinnigen Kronprinzen, nachmaligen König Ludwig I., wurde am 27. März 1808 „Die Braut von Messina" zum ersten Male und zwar zum Besten der Wittwe Schiller's gegeben. Auf dem jetzt sehr vergilbten Theaterzettel war zu lesen: „Da dem Geldertrag dieser Vorstellung eine, der vorzüglichen Theilnahme aller Kunstfreunde würdige Bestimmung gegeben worden ist, so bleibt das Abonnement aufgehoben." „Der Zweck dieser Vorstellung", berichtet Babo, „war allgemein bekannt, aber auf dem Zettel nicht näher angegeben, da man es höheren Orts für anständiger hielt." Die Einnahme betrug, das königliche Geschenk von 100 Gulden miteingerechnct, nahezu 500 Gulden. Bei der Wiederholung war das Haus ziemlich leer. Babo schrieb darüber: „Das Publikum hatte sich schon an der ersten Vorstellung satt gesehen. So ist es hier mit den sogenannten dramatischen Meisterstücken beschaffen; so erging-es auch Wollenstem, Maria Stuart, Don Carlos und Tell." Madame Antoine, die Veteranin des Schauspiels, gab die — Donna Jsabella; Cannabich die — Beatrice; Kürzinger — Don Manuel; der wackere Stentzsch den — Don Cesar. Die Bemühungen dieser Künstler änderten nichts an der traurigen Thatsache, daß man nun einmal zu dem Höchsten zu wenig Empfänglichkeit mitbrachte. Das Publikum erfreute sich nicht am Verständigen und Rechten, doch ist später auch hier wahr geworden, was Friedrich Schiller in der Vorrede zu diesem Trauerspiel mit Chören von dem Publikum schrieb: „Wenn es damit angefangen hat, sich mit dem. Schlechten zu begnügen, so wird es zuverlässig damit aufhören, das Vortreffliche zu fordern, wenn man es ihm erst gegeben hat." Wuchs auch die Theilnahme noch nicht 1811, in welchen: das umfassende Repertoire durch Racine-Schillers „Phädra" bereichert wurde, so erzielte doch schon im nächsten Jahre Schiller auf der hiesigen großen Bühne einen bisher beispiellosen Erfolg mit der »Jungfrau von Orleans". Schon vor der Umarbeitung für das Theater hatte auch die Münchener Intendanz gleich der von Berlin, Leipzig und Hamburg das Stück von dem Dichter verlangt. Gleichwohl verstrichen 11 Jahre nach den ersten glänzenden Aufführungen in Leipzig und Berlin, wobei die Besucher in Exstase gerathen sein sollen, bis man hier diese romantische Tragödie in Szene setzte. Wie gesagt war die Aufführung von durchschlagendem Erfolg begleitet; so zündend war die Wirkung und so allgemein die Begeisterung, daß die »Jungfrau von Orleans" noch in demselben Jahre dreizehn- mal wiederholt werden mußte. Nur Webers „Freischütz" erzielte später eben solchen Erfolg. Die Titelrolle lag in den Händen der Dlle. Altmutier. Während die Münchener nur noch von dem „Fiesko" zu erkennen gaben, was die Mannheimer darüber sagten, daß er ihnen nämlich viel zu gelehrt wäre, dachte man endlich auch daran „Die Räuber" auf die hiesige Hof- und Nationalbühne zu bringen. Im Jahre 1816 erfolgte deren erste Aufführung. Vespermann gab den Franz, Carl den Karl Moor. Erschütterte das Spiel dieser beiden Künstler nicht wie das Jffland's und Böck's, so versetzten sie doch die Gemüther in fieberhafte Aufregung. Der später berühmt gewordene, hier einige Zeit engagirte Mime Eduard Hermann brachte es 1820 zuerst zu Stande, den Karl sowie Franz zu spielen. Ein Jahr zuvor befand sich unter 367 den Schauspielnovitäten Schillers „Demetrius" mit der Fortsetzung des Franz von Maltitz. Anstatt nun aber alle in einem Zeitraume von zwanzig Jahren zur Aufführung gebrachten Schiller'schen Werke fleißig zu wiederholen, immer sorfültiger darzustellen, trat bei den: immer weiter schreitenden Verfall der Hofbühne das Gegentheil ein, so daß die Errungenschaften beinahe verloren zu gehen drohten. Wiederum trat eine beklagenswerthe Mißwirthschaft ein, deren Schaden zwar wieder gut gemacht werden konnte, eine einigermaßen musterhafte Aufführung großer Bühnenwerke aber auf lange Zeit unmöglich machte. — In den sechziger Jahren ließ man es sich wieder ernstlich angelegen sein, gute Kräfte zu suchen und der Reihe nach Schillers dramatische Meisterstücke neu ein- zustudiren. Ernst Possart, Rüthling, Rohde wurden 1864 gewonnen, 1867 Häusser und im folgenden Jahre Klara Ziegler, die beste Darstellerin der Jeanne d'Arc. Das Publikum hat die Mühen belohnt, den großen Dichterfürsten längst warm verehrt, ihm sogar ein Denkmal errichtet, und die Verdienste der Intendanz noch nicht vergessen. Immerhin kann man aber bei einer Verglcichung der Gesammtaufführung aller dramatischen Werke von 1867 bis 1877 einiges Mißfallen darüber nicht unterdrücken, daß in dieser Zeit im hiesigen Hof- und Nesidenztheater auf Schiller 99 Abende, Goethe 66, Lessing 26, — auf Benedix aber 153, auf Moser 119 Abende fielen. Es läßt sich vorhersagen, daß sich diese Verhältnisse nicht leicht ändern lassen und gleichbleiben. Verzeihlich ist es, daß man bis zu den Befreiungskriegen in München die wahre Kunst unterschätzte, indem man sich selbst überschätzte; „bevor das Publikum für seine Bühne gebildet ist, dürfte wohl schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden", hat ja Schiller selbst gesagt.*) Strenger müßte ein neuer Verfall und eine neue Abneigung gegen die dramatischen Meisterwerke unseres Schiller verurtheilt werden» Es erfülle sich immer schöner des großen Dichters Wort: „Der fortgeschritt'ue Mensch tragt auf erhobenen Schwingen Dankbar die Knust mit sich empor. —" Das „fernsprccheride" Amerika. Nach Mittheilungen des bekannten Ingenieurs Max M. v. Weber, der soeben eme Reise durch Amerika beendet hat, hat — wie die „Nat.-Ztg." berichtet — dieTele- phonie in den Ver. Staaten bereits eine in Europa nicht geahnte Höhe erreicht. Man hat, nach ihm, dort erkannt, daß die Zeit- und die gleichbedeutende Arbeitskraft-Ersparniß im geometrischen Verhältnisse de Zahl der Individuen wachse, die in freie, direkte mündliche Beziehung treten können. Die Leistungen des Telephons in der öffentlichen Verwaltung sind außerordentliche. Ein hoher Staatsbeamter sagte ihm: „Wir hegen gar keine Meinung mehr für das örtliche Zusammenliegen unserer Behörden und Aemter, denn wenn sie auch über die ganze Stadt vertheilt sind, wir sprechen doch von jedem Zimmer in jedes Zimmer und in sehr viele Privatwohnungen der Funktionäre, als ob wir beisammen ständen." Die hauptsächlichste Entwickelung hat, wie Weber erzählt, die Telephons in den Mittelstädten 100—200,000 Einwohnern gefunden, die im raschen Aufblühen begriffen sind. Hier sieht es auS, wenn man in gewissen Straßen in die Höhe blickt, als seien sie mit weitmaschigen Spinnweben überzogen, so viel Telephondrähte kreuzen sich da, von Dachfirst zu Dachfirst gezogen. Wie vielfach die Kommunikation dieser Art in den Städten und nach deren Umgebung hin ist, davon erzählt er ein ergötzliches Beispiel: Ich suchte in einer solchen, im Norden des Staates New-Dork gelegenen großen Mittelstadt eine uns lange befreundete, dort begüterte Familie auf. Die freudig überraschte Dame vom Hause empfing mich auf das Liebenswürdigste, aber sofort nachdem wir uns die Hände geschüttelt, langte sie nach dem auf der Lehne ihrer I Ueber das gegenwärtige deutsche Theater. 1782. 368 Boudoir-Causeuse liegenden Telephon und rief aus: „Ich verfüge über Sie, wir fahren aus, ich zeige Ihnen die Stadt, Sie diniren bei uns mit einigen Leuten, die Ihnen nützen können; heute Nachmittag segeln wir mit einer Dampfyacht auf dem Niagara, morgen fahren Sie in die Oelregion, übermorgen und später sind wir auf unserer Villa. Jetzt rufe ich meinen Mann auf seinem Bureau, melde Sie an, bespreche unsere Pläne, dann bestelle ich meine Equipage, die ich seit dem Telephon aus dem Hause entfernt habe, lade Ihnen die Leute zum Diner, bespreche das Nöthige mit Maschinisten und Stewart wegen Fahrt und Souper auf der Jacht; dann soll Ihnen mein Mann den Zug auf der Oelregionbahn bestellen und endlich habe ich eine Menge mit unsern Wirthschaftsleuten auf der Villa zu behandeln!" — „Und wann soll das alles besorgt sein?" fragte ich. „Oh! sehen Sie sich die Albums dort an, gehen Sie einen Gang durch den Garten; ich habe es nicht gern, wenn man mir zuschaut, wenn ich telephonire. Es sieht so häßlich aus! Dann soll alles besorgt sein," sagte die liebenswürdige Frau lächelnd. Ich blieb aber doch und sah und hörte staunend, wie sie sich erst mit dem Gemahl verständigte. Dann wurden die Adressen im Ccntral-Bureau umgeschaltet, drei, vier Familien zum Diner geladen, zusammen mindestens 28 englische Meilen weit wohnend, zwei davon antworteten umgehend. Dann wurde die Equipage gerufen und längere Zeit mit der Bemannung des kleinen, fünf Meilen entfernt im Erie-See liegenden Dampfschiffs verhandelt und das Menü des Soupers auf demselben im Detail festgestellt. Dann kam die Villa daran, wo die Verwalterin erst wieder telephonisch von der Meierei geholt werden mußte, — und endlich ließ sich der Gemahl wieder vernehmen, daß auf der Oel- region-Bahn alles besorgt sei. — Nach 20 bis 25 Minuten setzte die liebenswürdige Dame das Telephon aufathmend von den Lippen und sagte: „Das war ein Stück Arbeit! Jetzt mache ich Toillette und räume meiner Köchin das Feld am Telephon. Auf Wiedersehen!" Sie schlüpfte hinaus und die Köchin, eine würdige Person, fast Matrone, trat aus Telephon, das sie ebenso gewandt handhabte, wie ihre elegante Herrin. Und da hörte ich denn zu meinem Staunen die Braten, Fische, Gemüse, das Obst für das Diner bei den großen Händlern in der Stadt bestellen — von der Köchin — telephonisch! Als guter Deutscher hatte ich, während Dame und Dienerin über einen Flächenraum von einigen Quadratmeilen befahlen, verhandelten, anordneten — dagesessen und überrechnet, welche Zeit an Billetschreiben, Botengängen, Droschkenfahrten rc. wohl die Arbeit erfordert haben würde, die hier Frauenhand und Mund in 40 Minuten that — und ich kam dabei, alles gut gelingend gerechnet, auf mindestens 40 Arbeitsstunden unter so und so viele Leute vertheilt — abgesehen davon, daß die Leistung auch bei Gestaltung beliebiger Lauf-, Rede-, Ausrichte- und verwirrender und mißverstehender Kräfte — überhaupt nicht zu beschaffen gewesen wäre. Ich dachte nebendem dabei schmerzlich bewegt an all die Mühen, den Verdruß, die Mißverständnisse, die daheim nur das Arrangement eines einzigen Diners für die armen Hausfrauen vor und nach sich hat — und hier! — Diener, Spazierfahrt, Dampfschisfsreise, Eisenbahnfahrt, Souper, Landaufenthalt — alles lächelnden Mundes aus dem Boudoir heraus in 40 Minuten arrangirt. — Unglaublich! Und mit solchen Völkern soll man konkurriren." M i s e - l l e rr. (Ein Riesenschwein.) Im amtlichen „Kreis-Anzeiger von Fritzlar, ä. ä. 8. Jan. dss. Js., finden wir folgende Notiz: „Fritzlar: Heute wurden hier in einem Schweine von dem beauftragten Fleischbeschauer Trichinen — und ein Kanonier von der 6. Batterie auf dem sog. Viehmarktsplatze erhenkt gefunden." A: „Alles würde ich aufbieten, um ein berühmter Mann zu werden, mir einen Namen zu machen, aber wie?! Wenn ich nur wüßte, wie man es anfängt, um wenigstens von sich reden zumachen — —weiht Du kein Mittel?" B: „O ja — erschie ß' Dich .^ Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Hutlter. zur „Äugslmrger postjertung." Nr. 47. Samstag, 11. Dezember 1880. — - W ^ --- > Bist du mit gestern zufrieden, bist du es gewiß auch mit morgen, wenn du nur heute nicht eher ruhst, bis du etwas Gutes gethan hast. A. Münde. Die Vlitine von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Fortsetzung.) So lange als wir diese Gruppe betrachteten, konnte es Leni nicht aushalten, und mit einem freudigen Ausrufe „Franz!!" stürzte sie in den Garten, und lag in den Armen ihres Geliebten. „Js wirkli wahr, Leni, bist es, oder is Dei' Geist — na Du bist es wirkli, Deine guat'n Aug'n, Dei G'sichtl, ja sie sans, grüaß di Gott tausendmal, und Dei' Vota is a da, i verwoaß mi ja gar nimm« vor lauter Freud, weil i no enk wieder hab, und schau dös hat g'wiß alles unser guate und brave Fräula so g'macht, ja wie kann i dös Alles amol guat macha — schau Kamerad, wendete er sich an den im Rollwagen sitzenden Jaroczyn, der init Thränen in den Augen die Scene betrachtete — „schau Kamerad, dös is mei' Leni, die amol mei guats bravs Weib wird, da schau, da schau, o mei, und der arm Narr versteht no nit alles, aber do woaß er's wie's mir, und uns alle um's Herz is." — Freudig erregt reichte Jaroczyn Leni und ihrem Vater die Hand, und in seiner Muttersprache vermischt mit dein Deutsch, das er bisher von Franz! gelernt hatte, rief er: „ alc siä innso Grüß Gott brav Kamerad brav Bayer Frnnzel, ich auch wieder gesund werd, und bei ihm bleib." „Ja,tz sagte Franzl, Du gehst mit uns hoam in unsere Berg, und derfst nimma von uns fort, so lang mir's Leben hab'n. Jetzt trink aber Dein Saftl, dös Dir d'Schwester Veronika scho lang bracht hat, aus der Leni und unser aller G'sundheit, und aus'n Köni von Boarn und Preuß'n, mir sän ja jetzt alle Freund, und nix bringt uns mehr auseinanda." — Dann gings erzählen an von all den Ereignissen während des Krieges, vom Kampf am Kirchhof in Kissingen, von der Verwundung Franzl's, von der Bekanntschaft mit Jaroczyn und endlich von der theilnehmenden und liebevollen Pflege der Fräulein Helene, die so innigen Antheil am Schicksale des braven Altbayern hatte, und die eigentlich die Veranlassung zu dem heutigen freudigen Wiedersehen war. Nachdem so unsere Freunde sich einige Zeit ihrem Glücke hingegeben hatten, wollte sich Fräulein Helene das Vergnügen nicht nehmen lasten, den alten Eckardbauer und seine schöne Tochter auch in ihr elterliches Haus, wo man bereits die romantische Geschichte des Liebespaar kannte, zu führen, und nach herzlichem Abschied, und dem Versprechen bald wieder zu kommen, verließ die Gesellschaft das Lazareth. Im Hause des alten Freiherr» wurden nun die Reisenden mit herzlicher Freude aufgenommen, und derselbe war bald in bester Kameradschaft mit dem biedern Gebirgsbauern, da sie von den alten Zeiten und den Fcldzügen in dem Jahre 1812 die sie beide mitmachten, bei einem Glase Wein sich viel zu erzählen hatten, während Fräulein Helene ihre Freundin, mit der sie nun schon ganz vertraut war, in die geschmackvoll einaerichteten 370 Zimmer umherführte, und ihr nach Mädchenart alle ihre Schönheiten und Nippsachen zeigte, wobei Lern mit großem Interesse und Verwunderung Alles betrachtete. Auch an dem am Hause liegenden Garten, den die herrlichsten Gewächse und Blumen zierten, konnte sich Leni nicht genug satt sehen, und in ihrer Herzensfreude, und angeheimelt durch die lieblichen Baumgruppen, ließ sie einen lustigen Jodler erklingen, der mit einem hellklingenden Juchza schloß. — Der alte Freiherr ließ sich's nicht nehmen den Eckardbauern mit seiner Tochter als Gäste in seinem Hause zu behalten, denn viel hatten sich die Alten zu erzählen, und mit großem Interesse hörte der Freiherr den Bauern über den Betrieb der Holz- und Mehwirthschait im Gebirge sprechen, hatte er ja selbst auf seinem Landgute eine große Oekonomie. Während dessen schloßen aber die beiden Mädchen trotz ihres verschiedenen Bildungsgrades die innigste Freundschaft, die meist der Himmel knüpft, wenn edle junge Herzen sich begegnen. So vergingen nun die Tage, an denen auch viele Stunden im Lazareth zugebracht wurden, welches Franzl zeitweise zu einem Besuche beim Freiherrn verlassen durfte, schnell in Heiterkeit und Frohsinn, und endlich meinte der alte Gschwendtner: „Deandl, jetzt war's Zeit, daß ma an's Hoamroasa denka, d'Mutter wird gar nit wissen, warum wir so lang ausbleib'n." — Da^war denn bei den Mädchen des Jammers kein Ende, die Trennung war ihnen nach kaum geschlossener Freundschaft recht schmerzlich. „Und was iS denn mit Franzl", meinte Leni, „der kunnt ja am End do a scho roas'n, wenn ma zwoata Klaß auf der Bahn fahren that'n." Ohne ihn wollte sie ja doch nicht wieder zurückkehren, zudem der behandelnde Arzt bei seiner schon vorgeschrittenen Genesung kein Hinderniß in den Weg legte, ja sogar dessen Heimkehr in die frische Bergluft heilsamer hielt, als das noch längere Verweilen im Lazareth. Aber der arme Jaroczyn — konnten ihn, den treuen Kameraden, die Freunde allein zurücklassen? — wohl meinte nun Franzl es wäre vielleicht besser, wenn er auch noch bei ihm zurückblicke, und dann wollte er ihn nach vollkommener Heilung mit nach Fischbachau nehmen, so groß war die Aufopferung des Kameraden, denn sie halten sich ja schon längst das Wort gegeben, sich nicht von einander zu trennen, und mit Freuden willigte auch Jaroczyn in den Vorschlag seines Kameraden mit ihm in seine heimathlichen Berge zu ziehen, hatte er ja Niemand mehr zu Hause, der für ihn sorgen würde, und glaubte er seine Heimath überall da zu finden, wo brave Menschen wohnen, und daß Franz und all die um ihn waren, gute Menschen seien, davon hatte er sich ja jetzt hinlänglich überzeugt. Gerne wollte er seine vollständige Genesung noch in Würzburg abwarten, um so mehr, als der alte Freiherr und Fräulein Helene darauf bestanden, er müsse ohne weiters in ihr Haus gebracht werden; und wo könnte die Heilung besser vor sich gehen, als bei einer solch aufopfernden liebevollen Pflege. Dieß erleichterte den Abschied der braven Leutchen, und unter den heiligsten Versprechungen, daß Jaroczyn, sobald es sein Zustand erlaube, nach Fischbachau nachkomme, und bei der Versicherung, daß auch der Freiherr und Fräulein Helene im nächsten Jahr das bayerische Gebirg, den Eckardkamm und die Eltern Franzls besuchen werde, schied inan unter Thränen des Dankes für die vielen Beweise liebevoller Pflege und Aufopferung» Ohne besonderen Aufenthalt ging nun die Reise unserer obcrbayerischen LandSlcute in ihre .Heimath vor sich, und mit freudigem Herzen begrüßte Franzl vor der Station Holzkirchen zum erstenmale wieder die schönen blauen Berge seiner Heimath, die ihm ein freundliches Willkommen zuwinkten. Schnell dampfte der Zug durch das romantische Mangfallthal und bald hielt man am Vahnhofgebäude der letzten Station. Hier erwarteten die Reisenden die Eltern Franzls, der alte Huberbauer mit seinem stattlichen Weib, und mit Thränen der Freite umarmten sie ihren Sohn, der ihnen nach so viel überstandenen Gefahren und Wechselfällen des Krieges, glücklich wieder gegeben war, jetzt wieder genesen als tapferer Soldat stolz vor ihnen stand, und dessen Brust mit dem militärischen Verdienstkreuz geschmückt war. Lange lagen sich die Glücklichen, überwältigt von der 371 Freude des Wiedersehens in den Armen, bis der alte Eckardbauer endlich zur Abfahrt drängte, da, wie er meinte, die Bräunl'n, die der Huberbauer hellte zum Empfang seines Sohnes eingespannt hatte, nicht mehr recht warten wollten. Lustig gings nun mit dem flotten Gespann, welches Franzl, der mit seiner Leni im Vordersitz saß, mit kundiger Hand lenkte, den schönen Bergen zu, und als wüßten es die flinken Rosse, daß sie ihr alter Freund wieder in der Hand hatte, trabten sie unverdrossen fort und schüttelten munter die Mähnen, die zur Feier des Tages mit blauen und mit weißen Bändern verziert waren. llcberall wurden die Heimkehrenden mit Jubel begrüßt, auch die große Flagge am schöneil Wirthshaus von Neuhaus winkte ihnen schon von weitem entgegen, und als sie dort um die Ecke bogen, und Franzl zum erstenmale wieder den König seiner heimathlichen Berge, den Wendelstein, erblickte, stimmte er und Leni das Lied vom „Wendelstoan" an. Unter Singen und Jubel gings durchs schöne Aurachthal und bald erreichten sie Geitau und hielten am Hause des Eckardbauern, das mit grünen Laubgewinden und Blumenkränzen sinnig verziert und woselbst sämmtliche Freundschaft zur Begrüßung des heimkehrenden Kriegers versammelt war. Nach heiteren Stunden trennte sich die Gesellschaft und auch Franzl fuhr mit seinen Eltern dem schönen Huberhof bei Fisch- bachau zu. Des andern Tages kamen beide Familien und die ganze Nachbarschaft in dem romantisch gelegenen Wallfahrtskirchlcin zu Birkenstein zusammen, woselbst auf Veranlassung der Mutter Franzls ein feierliches Dank- und Lobamt zu Ehren der Muttergottes, in deren Schutz dieselbe ihren Franzl bei seinem Abschied besonders empfohlen hatte, stattfand, nach welch kirchlicher Feierlichkeit sich die Theilnehmenden zu einem heitern Gastmahl im nahen Marbach versammelten. Hier fehlte es nicht an ernsten und muntern Trinksprüchen, und auch des braven Nikolaus Jaroczpn, der lieblichen Pflegerin Helene sowie auch ihres Vaters des wackern fränkischen Freiherrn wurde freundlichst und in herzlich einfacher Weise gedacht Auf den beiden Höfen in Fischbachau und Geitau ging nun Alles wieder seinen geregelten Gang. Während Franzl sich zu Hause seinen frühern bäuerlichen Beschäftigungen widmete, schaffte Leni wie sonst heiter und lustig auf der Alm unter ihren Pflegebefohlenen Vierfüßlern, und hatte des Abends im Heimgarten mit Rest, ihrer Freundin, gar vieles von ihrer Reise zu erzählen. Häufig trafen aus Würzburg Nachrichten von Fräulein Helene über das Befinden JnroczpnS ein, und stets wurde eine solche Nachricht mit Freuden begrüßt, und der alte Fischerlenzl mußte immer gleich mit dem Brief zur Leni auf die Alm wandern, und auch der Alte hatte seine Freude, wenn ihm das Mädchen mit einem weithinausschallenden Juchzen von ferne begrüßte, dem er auch mit einigen verunglückenden MiHtönen zu erwidern versuchte, wonach er von dem Mädchen weidlich ausgelacht wurde. Franzl und Leni waren nun mit freudiger Einwilligung der Eltern förmlich vor Gott und der Welt verlobt, und da Ersterer seinen ehrenvollen Abschied von seinem Bataillone erhielt, dachte sein Vater der alte Huberbauer ernstlich daran, den Hof seinem Sohne zu übergeben. Aber zur Uebernahme desselben gehörte auch nothwendigerweiss die Verheirathung der jungen Leute, und allen Ernstes wurde an die Hochzeit gedacht. Nun gings an die Herstellung der Aussteuer und Leni, die jetzt von ihrer Alm abziehen mußte, hatte zu Hause mit den Näherinnen, vollauf zu thun. Aber dieser Festtag sollte nicht gefeiert werden, ohne die Anwesenheit des braven Jaroczyn, den ja Franz im Lazareth zu Würzburg schon eingeladen, ihn sogar zum Brautführer Leni's bestimmt hatte. Obwohl die Nachrichten von seiner Genesung stets günstig lauteten, so brachten sie doch niemals eine bestimmte Zusicherung seiner Ankunft. Da geschah 'es eines Tages, ungefähr in der ersten Woche des Septembers, daß Franzl eben mit einer Holzfuhr zur Eisenbahnstation nach Miesbach fuhr, und als 'er gerade am Bahnhöfe mit Abladen des Holzes beschäftigt war, die Postnani, die Tochter des dortigen Stationswärters, demselben zurief: „Bachhuber, da schau, da is grad a Telegramm an di komm«, schau woher; an Herrn Franz Bachhuber» Soldat im 6. Jägerbataillon in Fischbachau, durch Expreß", — jetzt weil grad da bist, kannst es glei les'n, sonst hätt' ma an Postanderl schnell fortreiten laß'n, weils pressante Sach is." — Franz! crschrack anfangs über die außergewöhnliche Art einer solchen Nachreicht an ihn, und sagte, das Telegramm und die Aufschrift hin und her betrachtend, für sich: „Teufi, wirst do nit wieder einruck'n müaß'n, war jetzt nett a saubri G'schicht." — Doch endlich öffnete er den verhängnißvollen Brief, und was machte er für Augen als er las: „Morgen 4 Uhr treffen wir mit Jaroczpn in Miesbach ein." Helene. — „is wahr a, Nani, ja richti da stets g'schrieb'n, les' selber" — und die Postnani mußte nochmal die Zeilen dem freudig erstaunten Franzl laut und deutlich vorlesen. Das Holz schnell vom Wagen werfend, umkehren und ohne, wie gewöhnlich einzukehren, jagte Franzl mit seinen zwei munteren Braunen den nächsten Weg nach Hause, und als wüßten es die braunen Thiere um was es sich handle, liefen sie unaufhaltsam fort, und schneller als je erreichten sie den Gschwendtnerhof in Geitau. Leni die eben am Fenster saß und mit der Näherin fleißig an ihrer Aussteuer arbeitete, konnte sich nicht denken, was denn geschehen sei, daß Franzl so schnell am Hause anfuhr. Hastig mit dem Brief in der Hand stürzte er in die Stube hinein.: „Lenerl, da les'" rief er, „was d'Fräulein Helene von Würzburg telegraphirt hat, da stehts, morgen mit dem Vierizug kämas allsamm, der Baron, d'Fräula und der Polak!" — Leni, die nie ein Telegramm gesehen hatte, schüttelte ihr schon reges Köpfchen, und meinte: „Mei Franzl, da Hot Dir wohl Postnani zu Miesbach an Bär'n aufbund'n, desel is ja do d'Schrift von der Fräula nit, was auf dem Zettel steht, dös müaßt ja do a kenna, hast ja ihre Brief alle selber allmal gles'n." — „Dalkets Schätzer!", erwiderte ihr Franzl, „dös hat freili sie nit selber g'schrieb'n, dös woaß i a, aber was sie in Würzburg heut z'Mittag auf der Post ang'sagt hat, hab'ns dort am Telegraph'» andupft, und in a paar Minuten drauf hat's der Expeditor in Miesbach im Bahnhof in seiner Kanzlei auf der Uhr, die er allwei umreibt als wie a Kaffeemühl, a schon g'hört, und der hat auf den Zoaga, der auf die Buchstab'« rumspringt, aufpaßt, und da is nacher die ganz Botschaft rauskoma, daß morgen käma, wie's da steht und wie's der Herr Expeditor mit dem blauen Bleisteft hing'schrieb'n hat; verstehst es jetzt, und dös hoaßt ma an telegraphischen Brief; dös woaß i alles aus am Krieg, da sän oft solche Brief, die pressirt hab'», mitt'n bei der Nacht ankörnn, die's aber a diamal erst, bals ausg'schlaf'n aufg'macht hab'n." — Versteh'» thua is grad nit recht", meinte die noch ungläubige Leni, „aber glab'n thun is do, weils Du sagst, nocha muaß ja wahr sin; jetzt fah'r aber glei hoam, der Vater is grad bei uns im Hoamgart'n drent'n, da hört er a glei die freudige Botschaft." Es war ein schöner frischer Septembermorgen, die Thautropfen glänzten wie Perlen an den Gräsern und Sträuchern, und die herbstliche Sonne beleuchtete die Häupter der Berge, die heute im durchsichtigsten Blau prangten als hätten sie sich mit ihrem schönsten Gewände geschmückt. Auch Leni schmückte sich mit ihrem feiertäglichen Gewände, und auf dem grünen mit goldener Schnur umfaßten Hütchen prangten die frischen buntfarbigen Nelken, die sie sich aus ihrem wohlgepflegtcn Blumengarten pflückt, sie sollte den Franzl begleiten, um am Bahnhof die lieben Gäste abzuholen. Nicht lange ließ auch Franzl auf sich warten und bald kam er mit den stattlichen Braunen, welche an einer» leichten Wägelchen vorgespannt waren, beim Gschwendtnerhof angefahren. Auch er war in der kleidsamen Gebirgstracht mit grünem Hut und grauer Joppe, an welcher sein Ehrenzeichen am weißblauen Bande glänzte. Wie lustig flogen die Braunen mit den glücklichen Brautleuten durch's Aurachthnl, und manch einsamer Wanderer betrachtete mit Wohgefallen das schöne Paar. Lächelnd winkte ihnen als sie — 373 durch Fischhausen kamen der stille See entgegen, und selbst die kleinen Wellen, die der Morgenwind an's Ufer trieb, begrüßten sie mit freundlichem Willkommen. In Schliersee auf der Post wurde angehalten und für die Rückfahrt, besonders für den verwundeten Jaroczyn die beste Postchaise bestellt, die der freundliche Posthalter bereitwilligst zusagte, und der Postanderl in seiner besten Postlivre und mit dem weiß und blauen Federbusch am Hut mußte die Gäste fahren. Kaum konnten unsere Liebenden die Stunde erwarten bis der Zug um 4 Uhr von München her eintraf, und ungeduldig harrte Franzl mit seinem leichtem Gespann vor dem Bahnhof. Da endlich ertönte das Zeichen von der letzten Station, und mit Herzklopfen vor freudiger Erwartung standen Leni und Franzl am Perron, als der Zug langsam in den Bahnhof einfuhr. Fräulein Helene war-die Erste, welche aus dem Coupe heraussprang, und in die Arme ihrer Freundin eilte, dann kam der alte Freiherr, der mit Hülfe seines Dieners dem armen Jaroczyn mit seinem Stelzfuß, angethan in seiner preußischen Uniform, geschmückt mit mehreren militärischen Ehrenzeichen, heraushalf. Rührend war es, wie sich beide Kameraden mit Thränen vor Freude des Wiedersehens in den Armen lagen; schweigend betrachtete der alte Freiherr die Glücklichen, und mit herzlichem Gruß und Handschlag trat er nun auch zu Franzl und Leni heran. Jetzt erst nachdem der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, konnten die Ankommenden die liebliche Gebirgsgegend betrachten, und der Preuße aus der öden Gegend seiner Heimath rief oftmals vor Verwunderung aus: „schön Bayern, schön Gebirg!" — Nachdem nun der Diener das Gepäck besorgt hatte, rüsteten sich die Reisenden zur Weiterfahrt, und Franzl ließ es sich nicht nehmen, Fräulein Helene in seinem leichten Wägelchen zu fahren, während die übrigen in der großen Postchaise mit Jaroczyn Platz nahmen. Lustig ließ Anderl sein Posthorn ertönen, als sie durch die freundlichen Ge- birgsdörfer fuhren, und Alt und Jung winkte den Vorüberfahrenden freundlich zu, und manch Heller Juchzer einer lustigen Dirne erscholl von der Laube eines am Wege gelegenen Hauses. Fräulein Helene, welche mit Franzl vorausfuhr, fand kein Wort des Entzückens, als sie am Schliersee entlang fuhren, der wie ein glänzender Spiegel still und ruhig eingeschlossen von den mächtigen Bergen vor ihren Augen lag, und Staunen erfüllte sie, als sie das Haupt der Berge, den Wendelstein erblickte, der von der herbstlichen Abendsonne beleuchtet im violetten Scheine gar wundersam abstach gegen die schon dunkeln gefärbten Bergriesen, die das liebliche Aurachthal begrenzen. Franzl nannte sie alle beim Namen, die Brecherspitzc, der Jägerkamm rc. rc. und zeigte ihr auch die Gegend, wo die Alm liegt, auf welcher Leni diesen Sommer zubrachte. Es dämmerte schon als unsere Gesellschaft am Gschwendtnerhof anfuhr, und hier, wo Alles in: Sonntagsstatte sie empfing, war der Empfang nicht weniger herzlich als am Bahnhof in Miesbach. Fräulein Helene mußte natürlich im Gschwendnerhof bleiben, während Jaroczyn seine Wohnung bei Franzls Eltern am Huberhof schon hergerichtet erhielt. Erst spät Abends trennte man sich, und wohl hatte niemand eine glücklichere Nacht durchträumt als unser „Blcami von Geitau." — Während nun die Vorbereitungen zur Hochzeit unseres Brautpaares getroffen wurden, machte der Freiherr mit seiner Tochter häufig Ausflüge in die Umgegend, wobei Leni ihre stete Begleiterin war, und auch Jaroczyn sich beigesellen mußte, namentlich wenn solche Partien zu Wagen gemacht wurden. Auch die Alm Gschwendtners mußte Helene kennen lernen, welche ausnahmsweise zu dieser schönen Herbftzeit noch bezogen war, und sie konnte sich nicht trennen von der frischen freien Luft, die da oben wehte, und jetzt erst wurde ihr klar, daß Franzl als er im Lazareth in. Würzburg lag, so oft Sehnsucht nach seinen Bergen äußerte, ja oft ein trostloses Heimweh nach dieser idyllischen Einsamkeit nicht unterdrücken konnte. Auch Nesei's Sennerhütte wurde besucht. und viel Vergnügen fund das Fräulein an dem heitern treuherzigen Wesen dieses Natur- kindes, wie sie von den Tagen erzählte, in denen sie ihre Freundin Lein zu trösten hatte. Wenn sie dann Abends Herabstiegen von den Bergen, so blieb Fräulein Helene noch lange stehen, und lauschte auf die silberhellen Töne, die ihnen Nesei noch nachschickte, und die mit einem weithin hallenden Juhschrei als Abschiedsruf aus der Ferne wechselten, und wie ein Lachen des Berges durch die Lüfte tönte. Da gabs denn nun des Abends ein Erzählen von all den Herrlichkeiten der Natur, und der prachtvollen Aussicht in die fernen Berge und Gletscher und hinaus in das unendlich weite Flachland. Abwechselnd mit solcher Unterhaltung mußte dann Franz! seine Cither hervorholen, und Leni zu ihren heitern Gebirgsweisen und Schnaderhüpfeln begleiten, und nicht selten schloß ein Tänzchen oder gar ein Schuhplattler, der unserm Jaroczyn viel Spaß machte, diese Abendunterhaltungen. Allmählig rückte der Hochzeitstag immer näher, und schon begann der geschäftige Hochzeitlader sein wichtiges Amt, die Verwandtschaft und Freundschaft beider Familien einzuladen. Hier hatten nun unsere fränkischen Freunde einmal Gelegenheit eine Hochzeit wie sie unter dem Landvolk in der oberbayerischen" Gebirgsgegend gefeiert wird, und wovon sie schon so vieles gehört und gelesen hatten, so recht mitanzusehen und selbst mitzufeiern. An einem Samstag vor dem Hochzeitstag, welcher letzterer wie herkömmlicherweise auf einen Dienstag festgesetzt wird, saß Jaroczyn vor dem Huberbaucrnhause mit dem Freiherr» plaudernd und beide weideten sich am Anblick des schönen Laizachthales und an der romantischen Gegend wo das letzte Dörflein Bayerns, Bayrischzell mit seinen Spitzthürmchen aus grünem Grunde den Wanderer grüßt, dem Dörflein, das auf drei Seiten von himmelhohen Bergen umschlossen ist — als sie plötzlich in der Ferne mehrere Gewehrsalven hörten und gleich darauf auch ein munteres Juchzen von den nahen Häusern Fischbachau's vernahmen. Franzl in seinem Feiertagsgewand kam eben zur Hau-g thüre heraus, als ihm seine Mutter, welche auf der Laube von ihren noch blühenden Blumenstöcken einen mächtigen Strauß band, zurief, er möge sich beeilen, der Kuchel- wagen der Braut komme schon die Anhöhe herauf. Ein Stück alter Volkssitte sollte hier der Freiherr und Jaroczyn sehen, es kam' ja heute der Braut- oder Kuchelwagen der reichen Gschwendtnertochter mit ihrer vollkommenen Anssteuer in das Haus ihres Bräutigams, in ihre zukünftige Heimath. Ein mit vier stattlichen Braunen bespannter Wagen kam langsam die Straße von Fischbachau daher, kunst- und geschmackvoll beladen mit der Aussteuer der Braut, mit Kästen, Tische und Stühle, mit großen Schränken voll von Stücken schönster Leinwand, geziert und unwunden mit rothen und blauen Bändern, obenauf die großen Brautbetten mit einem Crucifix und den Namenspatronen des Brautpaares, und all diese reichlichen Anfertigungsgegenstände waren sinnreich mit Blumen und Kränzen geziert und umwunden, obenauf aber thronte der schönste Schmuck den Franzels Hausstand zieren sollte, -- Leni, die liebliche Blume von Geitau, mit dem zierlichen Spinnrad, dessen Gupf mit Flachs besteckt, und mit Bändern reichlich verziert war, — das Symbol hausfraulicher Ehre — munter winkte sie den Gästen zu, die diesen ihnen noch unbekannten Volksbrauch staunend und freudig betrachteten. Unmittelbar hinter dem Kuchelwagen kam die Näherin die eine stattliche Kuh führte, deren Hörner ein mächtiger Kranz umgab und die eine helltönende Glocke trug. Es ist das ein Ehrengeschenk des Vaters der Braut, so will es der Brauch wohlhabender Leute. Dem Kuchelwagen folgte der Geschwendner mit seinem leichten Gespann und der Alte sah ganz jugendlich aus neben seiner schönen Nachbarin, die lustig plaudernd ihr Köpfchen, welches das grüne Miesbacherhütchen bedeckte, zu ihm hinneigte. Lange wußten die Gäste nicht, was für ein sauberes Deandl der Alte mitbrachte, bis endlich der Freiherr in der neuen Geitauerin sein lustiges Töchterlein erkannre, welches die länd- 375 liche Tracht mit dem grünen Hütchen, und dem reich gestickten Schnürmieder wunderlich kleidete, und in die der alte Gschwendner völlig verliebt war. Dieß war das Vorspiel zur nahen Hochzeit, welche also am nächsten Dienstag feierlich stattfinden sollte. (Schluß folgt.) Miscelleri. (Warum ein Landexpeditor oft grandig ist.) Es ist ein wunderschöner Tag, der Herr Expeditor möchte gerne spazieren gehen, aber in einer Stunde geht ein Zug ab und deshalb geht der Herr Expeditor in's Bureau. Kaum hat er dort Platz genommen, öffnet sich die Thüre und ein Büuerlein steckt mit der naiven Frage: „Sie entschuldigens, kriegt ma da a Bier und an Kas?" den Kopf ins Bureau hinein. — „Nein, bei der nächsten Thüre, auf welcher „Restauration" geschrieben steht!" — Das Bäuerlein verschwindet, aber bald öffnet sich die Thüre von Neuem, eine Bäuerin tritt ein, stellt ihr' Gepäck, darunter ein Sack mit einem quixenden Spanferkel, auf den Boden. „Eischreib'n möcht' i' mi lass'n!" — „Da müssen Sie rechts um die Ecke und warten, bis die Kassa aufgemacht wird." Das Weiberl entfernt sich und will ihr Gepäck zurücklassen. „Nehmen Sie doch das Zeug da mit!" — Dös steht guat da bis da Zug geht." — „Hier ist kein Gepäckaufbewahrungslokal, vorwärts, nehmen Sie es nur mit." — Das Weib nimmt ihr Gepäck, geht um die Ecke herum, probirt's auf der anderen Seite an der Burcauthüre und findet sie offen und kommt wieder herein. — „So, Herr, jetzt ist's offen, jetzt möcht i aber a ei'g'schrieb'n wer'n." — „Sucra, kann denn das Volk gar nit warten, bis aufgemacht wird, machen Sie, daß Sie hinauskommen und warten's am Schalter!" — Ja, Herr aba —" — „Naus, sag, ich, gleich wird aufgemacht." Während die Bäuerin geht, wird am Schalter ganz barbarisch geklopft. — „Gleich, gleich, Alles kommt mit, nur immer Einer nach dem Andern, es ist ja noch hinreichend Zeit." — „A. Retourbillett nach N. und z'ruck." — „Kostet 70 Pfg." Der Bauer legt ein neues Zehnpfenuigstück und ein Zwanzigpsennigstück hin und behält 40 Pfennig in der Hand. — „Das sind ja nur 30 Pfg., da fehln noch 40 Pfg." Der Bauer legt das Fehlende hin mit der Bemerkung: „Wissens, i hab' halt g'moant, Sie schaun den Niggl für a Fünfziger! n!" — „A Billet nach N.," ruft eine Bäuerin. — „Macht 60 Pf." — „Aba dös is viel, theans net 50 Pf. a, der andere Expeditor ist net so theua g'wen!" — „Wenn Sie nicht 60 Pfg. zahlen wollen, dann bleiben Sie da oder gehen zu Fuß!" — „Aba wenn i zwoa nimm, da ist's do billiger?" — „Entweder 60 Pf. zahlen oder da bleiben!" Die Bäuerin zahlt, jetzt kommt ein Bauer, legt ein Markstück hin, sagt nichts und schaut den Expeditor an. Der Expeditor scheint das zu kennen und sieht seinerseits den Bauern gleichfalls schweigend an. Nachdem sie eine Zeit lang so gestanden, sagt endlich der Expeditor: „No was soll's denn mit dem Markstück da?" — „10 Pf. krieag i no raus!" — „Ja! was! wohin wollt Ihr, riechen kann ich's nicht!" — „I kennt's mi' denn net, i bin ja von M. und heut' möcht i a wieder hi'fahr'n!" — »Daß Ihr nicht weit her seid, das glaube ich, und auf den Saumarkt paßt ihr auch." Er gibt ihm das Billet, der Bauer geht und sagt zu seinem Nachbar: „Aba dös is a hoamlicher Herr!" „G'langen's mir a a Zoacha nach N. außa!" — „Mir a an's nachi danach retour!" Nun kommt in der rechten einen Pack und in der linken einen Regenschirm, ein neuer Fahrgast und spuckt das Geld, das er abgezählt im Munde hat, auf die Zahlplatte. „A, Zoacha nach N!" — „Haben Sie nicht noch eine feinere Manier finden können, das Geld herzugeben?" — „Wenn's Ihnen z'dreckat is, ziag'ns Handschuhe an!" — Jetzt kommt ein Fremder an die Reihe: „Ich möchte ein Billet nach B., kostet?" — „5 M. 60 Pf." — „Können Sie mir ein Hotel empfehlen?" — „Jawohl, die drei Raben!" — „Wie steht es da mit der äadis cl' Iioio?" Trocken 1 Mk. 50 Pf., mit Wein 2 Mk. 30 Pf." — „Und —" — „Zimmermädel und Hausknecht 80 Pf. — es ist Zeit, der Zug geht in 5 Minuten!" Schließt den Schalter. Der Fremde aber brummt: „Was doch diese Beamten grob und unhöflich sind, ich werde mich in's Beschwerdebuch eintragen!" 376 -- Dieser Zug ist nun glücklich fort, in 2 Stunden kommt ein anderer, und da blühen dem Herrn Expeditor wieder dieselben Annehmlichkeiten. Wie denn stets der ganze Hof an dem Pater Abraham reiben mochte, so hatte man auch einmal eine große Jagd veranstaltet, der auch der Pater Abraham beiwohnen sollte. Die Einrichtung war so getroffen, daß unmittelbar nach Beendigung der hl. Messe, welche Pater Abraham selbst lesen sollte, die Jagd ausziehen sollte. Es mußte also vor Beginn der Messe gefrühstückt werden. Als das Frühstück servirt war, setzte sich Pater Abraham ganz unbefangen mit an und ließ es sich wohl schmecken. Nach Aufhebung der Tafel ging's zur Kirche, und Pater Abraham verfügte sich zum Altare, woselbst er in dem Missale blätterte und blätterte, aber zu keinem Anfang der hl. Messe schritt. Endlich wird der Kaiser ungeduldig, sendet einen seiner Höflinge zu ihm und ließ fragen, ob denn die hl. Messe bald anginge. „Sogleich, sogleich," ließ Pater Abraham zurück- sagen, „aber er könne die Messe gar nicht finden, die nach dem Frühstück gelesen werden müsse." (Rückfällig.) Der Bauer Michel wird zum Herrn Doktor nach der Stadt gebracht, weil er sich den rechten Arm ausgefallen hat. Durch eine schmerzhafte Operation renkt der Doctor den Arm wieder ein, legt einen festen Verband an und entläßt den Patienten mit der strengen Mahnung, ohne Aufenthalt nach Hause zu fahren. — Gegen Miitcrnacht wird an der Nachtglocke des Doktors heftig geschellt und man bringt den Bauern zum zweiten Male. „Was ist denn schon wieder los?" fährt der Arzt den Michel an. — „Er ist wieder 'raus, Herr Doctor!" entgegnete dieser. — „Ja wie ist denn das zugegangen?" — „Ja, schau'n S' Herr Doctor, als wir durch's nächste Dorf g'fahr'n sän, da war in der Schänke g'rad' die schönst' Rauferei, und da hab i' nct anders könnt, als mit d'reinschlag'n — und dees hat halt's Verband! net ausg'halt'n!" (Ein frommes Gebet.) Pfarrer: „Aber Hans Jörg, Ihr seid von Eurem Weib verklagt wegen Glcichgiltigkeit und Vernachlässigung Eurer eigenen und Eures Weibes zeitlichen und ewigen Wohlfahrt. Sagt mir einmal, wie haltet Jhr's denn mit der Sorge für's ewige Heil?" Hans Jörg: „Joa, da bet' ich all' Tag für mein Weib, daß sie keine Wittfrau wird." (In der Zeit der Leichenv erb rennung,) Zimmerherr (der ein Bouguct in's Wasser stecken will): „Puh!! ist da aber ein Staub in der Vase!" Hauswirthin (dazukommend): „Ach, du grundgütiger, allbarmherziger Himmel, das war ja mein guter eliger Mann!" Nun rüstet allmälig sich wieder Zum Winterschlaf die Natur, Der Löget melodische Lieder Verstummen in Wäldern und Flur. N e r b st st i rn m u n g Doch mich nur ergreifet sie nimmer Die Stimmung fo düster und trüb, Weil freudig durchwärmend ein Schimmer In Nebel und Kälte inir blieb, Und Nebel die Sonne umdüstern Kalt sauset ein herbstliches Weh'n, Die neidisch durch grünende Ranken Der Sommer dem Auge entrückt, Die traulichen Scheiben, die blanken, Nach denen so gerne es blickt — Die Bäume mit traurigem Flüstern Im farbigen Laubgewand steh'». Nn'S Scheiden scheint Alles zu mahnen, An Welken, Vergessen und Schmerz, Es zuckt wie provhetijches Ahnen So Manchem wohl bange durch's Herz. Nach denen herzinniges Grüßen Zu senden mich's oftmals gedrängt, Bkeil licht jenen Raum sie verschließen Der wohnlich mein Liebstes umfängt. Wien. Sie werden von laubiger Hülle In Bälde nun wieder befreit, D'rum freu' ich mich heimlich und stille Der stürmischen, herbstlichen Zeit. Marie Sidonie Purschke. Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. D § Z Nv. 48. Mittwoch, 15. Dezember 1880. Schwer wird den Dienenden dieses Leben des Arbeitcns und Sorgens sür Andere, wenn kein Sonnen blick der Liede, kein herzliches Anerkennen anf ihre nrbeitsoollen Tage jäUl. Friederike Bremer. Die Blume von Geitau. Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein. (Schluß.) Es war einer jener lieblichen Septembermorgen, an dem die milchweißen Nebel über den Thälern liegen, welche, wenn sie gleich fliehenden Elfen, allmählig in die steinernen Klüfte der Berge verschwinden, jene Tautropfen auf Wiesen und Auen zurücklassen, die wie Diamanttropfen im Glänze der aufgehenden Sonne schimmern. Noch schien die Natur im Halbschlummer zu liegen, als man schon dort und da in den zerstreut liegenden Höfen Geitau's ein rühriges Leben bemerkte, wie wenn sich alles zn einem besonderen Feste schmückte. Die Büuerinen in ihrem Fesigewande meist von schwarz oder dunkelbrauner Seide, den großen silbernen Rosenkranz und das in Sammt oder Safian gebundene Gebetbuch in der Hand, die jungen Mädchen und Kranzljnngfern der Braut, die junge Vartenhauser Nesi an der Spitze, das güldene mit Perlen verzierte Kränzchen in den dick geflochtenen Zöpfen, gehalten von einem silbenen Pfeil, -- die zur Hochzeit geladenen jungen Burschen und Freunde der beiden Familien, kurz Alles, versammelte sich schon früh 8 Uhr im Hause der Braut, wohin auch bald der Bräutigam mit seinen Gästen, und Jaroczyn als besonders erkorner Brautführer in seiner preußischeil Uniform, geschmückt mit seinen militärischen Ehrenzeichen kamen. Nach der eingenommenen üblichen Morgcnsuppe und nachdem die Braut „ausgedankt" war, d. h. in einem vom Hochzcits- sader gehaltenen Spruch der Abschied derselben aus dem väterlichen Hause, und der Dank für alle von den Eltern bisher erhaltenen Wohlthaten mit großer Rührung gebracht wurde, ging es nun in die mit Blumen und Kränzen geschmückte Kirche nach Fisch- bachau, und rührend war es, als Jaroczyn mit seinem Stelzfuß, doch immer der stramme Preußische Soldat, dem aber heute aus Freude die Augen voll Wasser waren, die schöne jungfräuliche Braut zum Altar führte, während Franz! unmittelbar darnach diesen Ehren- gang, geleitet von den Kranzljnngfern Fräulein Helene und Nesei, antrat. Nach der Trauung, die der würdige Pfarrer mit einer schlichten Anrede, in welcher er gar rührend das Schicksal beider Kameraden hineinslocht, einleitete, folgte das feierliche Hochzeitamt wonach sich der Zug unter fröhlichem Jauchzen und Böllerschüssen in das Gasthaus nach Marbnch, dem alten Edelsitz der Familie von Hafner bewegte. Bald ging's nun auch, wie es eben im Gebirge der Brauch ist, zum Tanze, welcher schon nach dem Umgang der ersten Gerichte begann, und unsere fränkischen Gäste konnten sich nicht genug ergötzen an dem originellen Schuhplattler, den die jungen Burschen mit ihren Mädchen mit großer Virtuosität und Gewandtheit tanzten. Auch Främ lein Helene, die wieder reizend in der Gebirgstracht aussah, willigte mit Freuden in die schüchterne Einladung des jungen Bartenhauser Resei's Bruder, mit ihm auch am Schuhplattler sich zu betheiligen, was bei den anwesenden Burschen mit großer Freude aufgenommen wurde, und mancher »ahm sich jetzt auch den Muth, das schöne Stadtfräulein um einen Tanz zu bitten. Der flotteste Tänzer aber unser Franzl saß in ernster Gesellschaft zwischen dem Freiherrn und Jaroczyn, war es ja ihm als Bräutigam nicht gestattet, vor dem Ehrentanz sich am Tanzvergnügen zu betheiligen, so heischt es die Sitte. Jaroczyn, der täglich Forschritte in der deutschen Sprache machte, erzählte so weit es ging, in der von Franzl ihm beigebrachten Sprachkenntniß, halb hochdeutsch, halb altbayrisch, wobei auch manchmal polnische Worte einflossen, namentlich wenn er in Extase kam, von seinen Affairen in Schleswig-Holstein, von seiner Heimath, und trug somit auch viel zur Unterhaltung der Nichttanzenden bei. Es würde zu weit führen, wollten wir alle die Gebräuche einer ländlichen Hochzeit im Gebirge schildern, das Weisen, das Abdanken, der Ehrentanz; alle diese schönen und rührende. Momente sind schon oft und vielmals geschildert worden. Spät in der Nacht war es, als das Brautpaar geleitet von den Segenswünschen der ganzen -Gesellschaft den Nachhauseweg bei Fackelschein und lustiger Musik antrat. Weithin in die Berge schallte daS-Echo der Böllerschüsse, und die dazwischen helltönenden Juchzer wurden von den dunkeln Bergen herab erwiedert, wußte ja so manche dort oben noch einsam weilende Almerin, daß es ihrer Freundin galt, und wenn sie auch nicht selbst am Feste Antheil nehmen konnte, so wollte sie doch wenigstens auf diese Art ihre Theilnahme am Glücke der Blume von Geitau Ausdruck verleihen. So war nun Leni das glückliche Weib Franzls, und wirthschaftete auf dem schönen Huberhof als wohlhabende Bäuerin, während sich die Eltern ihres Mannes ein kleines Häuschen am Fuße des Birkensteigs, da wo das Wallfahrtskirchlein der Muttergottes steht, kauften, und dort im Austrage ruhig und zufrieden über das. Glück ihrer Kinder lebten. Jaroczyn, der seine preußische Montur längst mit der grauen Gebirgsjoppe vertauschte, sehen wir im grünen Hut mit der Spielhahnfeder, im Garten und Haus herum- stelzen und er hat nur einen Schmerz, nicht auch Kniehös'ln tragen zu können, da der Arme nur noch das eine Knie hatte. Er hilft aber wacker in Haus und Hof, schneidet Dachschindeln, und singt beim Daxenhauen manch lustige Schnaderhüpfel, welches er stets mit einem mißglückten Jodler schließt, wobei er jedesmal von der muntern Leni, die ihm dann aber getreulich immer nachhilft, weidlich ausgelacht wird, So unter fröhlichem Schalten und Walten ging die schöne Herbstzeit zur Neige, und da die grauen Nebel schon ansingen, die Häupter der Berge zu umhüllen, dachten auch unsere fränkischen Freunde an die Heimkehr, und mit wehmüthigem Gefühle sahen Leni und Franzl die Koffer und Kisten zur Abreise gepackt. Noch einmal lächelte eines Morgens die herbstliche Sonne ins liebliche Aurachthal, als der Postanderl in seiner Galamontur mit der Postchaise vor dem Gschwendtnerhof in Geitau hielt, wohin bereits in früher Morgenstunde das junge Ehepaar Fräulein Helene begleitete. Wie bei der Ankunft ließ sich's Franzl nicht nehmen Fräulein Helene mit seinem leichten Gefährte zur Bahnstation zu fahren, während Jaroczyn und Leni im Wagen des Freiherrn Platz nahmen. Wir übergehen die letzte Stunde des Abschiedes, und nur das Versprechen im nächsten Jahre sich wieder zu sehen minderte den Schmerz der Trennung. Nicht mehr so lustig erklangen die Töne des Posthorns als die Reisenden am Neuhaus vorüber- fuhren, und dort wo man um die Ecke bog, wurde nochmal angehalten, und dem im Glänze der Morgensonne leuchtenden Wendelstein das letzte Lebewohl gesagt. Allzu schnell erreichte man die Bahnstation, und das nicht aufzuhaltende Dampfroß entführte die lieben Gäste, denen die drei Zurückgebliebenen noch lange nachwinkten, bis sie ihren Blicken entschwunden waren. Der Winter war nun schon längst mit aller Macht in die Berge eingezogen, und die weiße Schneedecke lag auf den Auen und Wiesen, und ernst schauten im Scheine der 379 winterlichen Sonne die vom Eise hell glitzernden Häupter der Berge ins stille Thal, als eines Abends der alte Fischerlenzl an den Huberhof heranhampelte und einen Brief der jungen Bäuerin überbrachte, der ihm der mit der Post aus Miesbach kommende Postanderl eingehändigt hatte. „Der is von Würzburg" — rief Lein voll Freude von ihrem Spinnrad aufspringend, — „da schau Franz!, a Brief von unserer Fräula Helene, und gar auf roth'n Papier, dös hat was z'bedeut'n" — und Jaroczyn, der eben hin- terni Ofen mit Spähnschneiden beschäftigt war, ließ Holz und Messer fallen, und stelzte neugierig herbei als Leni mit freudig erregter Stimme las: „Liebe herzensgute Leni! Seit dem letzten Brief, den ich an Dich schrieb, und indem ich Dir unsere glückliche Ankunft zu Hause mittheilte, hat sich auch in unserm kleinen stillen Familienkreise eine freudiges Ereigniß ergeben, an dem Du und die Deinen gewiß den herzlichsten Antheil nehmen werden. Seit gestern bin ich die glückliche Braut eines jungen braven Mannes, der uns allen schon längst näher stand, ohne daß- wir es ahnten. Mein Bräutigam ist der nemliche wackere Offizier, dem in der Schlacht von Kissingen auf dem Kirchhofe Dein braver Franz! das Leben rettete, und durch welches Schicksal jetzt drei Herzen miteinander so eng verbunden sind. Du kannst Dir die Ueberraschung denken, als mir mein geliebter Arthur die Episode jenes Gefechtes erzählte, und ich ihm hiezu dann die Aufklärung der Hiebei betheiligten Personen gab. Mit dankerfülltem Herzen denkt er oft an den braven bayerischen Jäger des 6. Bataillons, der ihm so selbstauf- opfernd das Leben rettete. Auch dem armen Jaroczyn reicht er kameradschaftlich die Hand zur Versöhnung, und freut sich auf den Augenblick Euch alle zu sehen und kennen zu lernen, aber der liebevollen Freundin seiner Braut schickt er besondere Grüße. Mehr kann ich Dir nicht schreibe», hat ja wie Du selbst weist eine liebende Braut vollauf zu thun und zu denken. Seid von uns Allen herzlichst gegrüßt Deine Würzburg, am 20. Januar 1867. treue Freundin Helene. Welch freudige Ueberraschung diese kurze, in schlichten Worten gegebene Nachricht, bei unsern Leutchen hervorrief, läßt sich mit Worten nicht leicht beschreiben, und Franz! wäre am liebsten gleich mit seiner Leni nach Würzburg gereist, um den Freunden persönlich die Glückwünsche zu überbringen. So hat das Schicksal auf blutigem Schlachfclde den Bund ewig dauernder Freundschaft geschlossen, unter Männern, die, wenn sie sich auch als Feinde gegenüber standen, treu und als tapfere Soldaten Gut und Blut dem Vaterlande opferten, und jetzt im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung auf die Zeit zurückblicken konnten, welche den Grund-' stein legten zum Aufblühen eines einigen deutschen Vaterlandes. Und als das ewig denkwürdige Jahr 1870 kam, und abermals die Kriegstrompete erscholl, wie klopfte da unsern tapfern Kriegern den Veteranen des Jahres 1866 das Herz vor Verlangen, als Brüder und Kameraden mit einem tapfern deutschen Heere auszuziehen, gegen einen Feind, der unser schönes deutsches Vaterland bedrohte, und nie haben schmerzlichere Gefühle Jaroczyn beim Anblicke seines Stelzfußes bewegt, als an dem Tage, an welchem ein muthiges Häuflein wackerer Gebirgssöhne der Umgegend zu den Fahnen eilte. Und als im Laufe des Krieges die Nachrichten der glänzenden Siege der deutschen Armeen auch in das stille Aurachthal drangen, dann hob sich das Herz der Veteranen in stolzer Freude, und den Siegeskranz, den liebende Hände den. zurückkehrenden tapferen Kriegern gebunden, schmückte die blühende Alpenrose, „die Blume von Geitau. — Leopoldsfest. Von Aglaia v. Enderes- An einem frühlingsgrünen, herrlichen Sonntag war es, wo ich von der Höhe des Leopoldsberges — zum erstenmal in meinem Leben — die uralte, kuppelgekrönte Stadt Klosterneuburg erschaute. Es war das ein reizendes, unvergeßliches Bild, das da tief unten im Thals, in Frühlings-Sonnenschein getaucht, von Frühlingsduft umsponnen, am Fuße des Berges lag: die Donau, der große stolze Strom, der, eine ganze Fluth von funkelndem, blitzendem Golde, der jungen Morgcnsonne entgegenzog; die dunklen Inseln mitten in dem Strom, dann die grünen und die silberweißen Bäume der Au, über denen die Möven mit den langen glänzenden Schwingen sachte auf und nieder schwebten, und dann die beladenen Schiffe, die lautlos unter dem blauen Himmelsgewölbe hinglitten, die glitzernde Straße entlang, und an den Ufern die Gehöfte, die Dörfer, die blanken Häuser und Kirchlein, und an der Biegung des Stromes, wie hinausgeschoben in die schimmernde, leuchtende Fluth, das stolze Stift der Stadt, mit seinen großen, im Sonnenlichte lodernden und flammenden Fenstern und mit den mächtigen Kuppeln, die wie dunkle Kronen sich von dem hellen Bilde da unten abhoben. Es war das ein zauberhafter Anblick, der mit fesselndem Reize all' die Erinnerungen wachrief, mit denen Sage und Geschichte durch viele Jahrhunderte die kleine Stadt an dem großen Strome umwoben und umsponnen haben. Dort unten, wo die Fenster goldig leuchteten und flammten, dort soll vor mehr als sicbzehnhundert Jahren das alte Citium gestanden haben, das wohlbesestigte Castell, das Kaiser Hadrian erbaute und in welcher Antoninus Pius das OoüoZium üarnluum errichtet hat. Da kamen später über die Ebene weit drüben, über den Strom, von Insel zu Insel, und über die breite offene Fluth die Völker des Nordens hereingezogen und stürmten gegen die Wälle des Castells, gegen die Schanzen und Mauern, und drängten in die Gassen und zertrümmerten und vernichteten, was auf ihrem Wege lag, bis ein Stein vom andern wich und die trotzige römische Burg bis in ihre Grundvcsten von der Erde weggetilgt war. Durch Jahrhunderte blieb nun das Land verödet und menschenleer; Bäume strebten empor, Busch- und Rankenwerk deckte den Boden und die herrliche Wüstenei eines vergessenen und verlassenen Uferlandes trat in ihre vollen Rechte. Erst als Karl der Große zur Verwirklichung seiner weitaussehenden Pläne Ansiedelungen schuf, Städte und feste Plätze entstehen ließ, erhob sich an der Stelle des alten Citium eine neue Stadt, Niven- burg genannt, in deren Mitte, wie die Sage erzählt, Kaiser Karl die Kirche zum heiligen Martin auf einem Hügel mit dem Ausblicke auf das bewaldete Donauland erbauen ließ. Die eigentliche, emsig arbeitende, gewerbetreibende Stadt lag auf einem geräumigen Jnsellande, das durch Stege und Brücken mit den Uferbewohnern in Verbindung stand. Das k'orum Ktvvullul'K war der Markt, der Handelsplatz; dort standen die Hütten und Häuser der Fischer und Schiffer, dort befand sich auch die Ourirr und der Gerichtsort. Dieses Forum war reich bevölkert, von blühendem Verkehr durchströmt, durch Handel und Gewerbe belebt, als plötzlich der Fluß, in dessen Mitte sich die Ansiedler vertrauensvoll gebettet hatten, das fröhliche Menschengewimmel satt bekam und in trotziger, wehrhafter Laune die Hütten und Häuser fortspülte von der Insel und seine Fluthen rück- haltslos über die Stätte menschlichen Fleißes und menschlichen Hosfens und Strebens ergoß. Was flüchten konnte, floh und machte dem ungestümen Drängen Platz. Die Einen rückten zu den Ansiedlern am rechten Ufer hinauf, die Andern machten das Auland am linken Ufer urbar und bauten hier eine große Zahl von Häusern, die in ihrer Gesammtheit abermals den Namen Poruin Nivsiiburg- führten, wie einst die Ansiedlung drüben auf dem begrabenen Jnselland. Die Lage des Forums ist heute nicht mehr zu bestimmen, da zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts auch dieser wohnliche Platz von den Wässern überschwemmt, von den Wellen fortgerissen wurde und die Bewohner, durch das zweimalige Unglück, das der Strom gebracht, traurig belehrt, tiefer in das Land zogen und den Platz erwählten, auf dem heute die Stadt Korneuburg steht. Im 381 Jahre 1212 war das I?oruia UIvsnImrA -sammt seiner Pfarrkirche nahezu vollendet; Richter und Rath zogen in die neuerbauten Wohnstätten am linken Donau-Ufer und die Mitbürger am jenseitigen Strande jmußten zur Ordnung ihrer gerichtlichen Angelegenheiten in das nun-weitab liegende Forum hinüberkommen. Die Mühsal, welche dieser Geschäftsverkehr über den launenhaften Strom hinüber mit sich brachte, bewog Albrecht I., den Bürgern der alten Stadt einen eigenen Richter und Rath zu geben und Nivenburg und dessen Forum zu zwei getrennten landesfürstlichen Städten zu erheben. Ein Jahrhundert früher, als diese Trennung geschah, erbaute Markgraf Leopold auf der äußersten Spitze des Kahlenberges ein befestigtes Schloß, das gegen Ungarn als haltbarer Platz und als Beobachtungspunkt dienen sollte; und als der Markgraf sich am 1. Mai 1106 zu Mölk mit Agnes, der T-chter Kaiser Heinrich's IV., vermählt hatte, zog er mit seiner Gemahlin in die neuerbaute Burg, die er von da an zu seiner Residenz bestimmte. Von dieser Burg, deren Thürme und Mauern noch heute hoch oben auf dem Berge ragen, spinnen sich die Fäden der Sage, die sich mit der Gründung und Erbauung der Kirche und des Stiftes von Klosterneuburg verbindet. Wie bekannt, wird erzählt, daß Leopold und seine Gattin an eine,» der Fenster des Schlosses standen und von ihrem Lieblingsplane, ein Gotteshaus zu bauen, sprachen, als ein Windstoß den Schleier der Fürstin entführte und weit hinab in die Tiefe des Waldes, an das Ufer der Donau trug. Das Gelübde des Markgrafen, an der Stelle, wo sich der Schleier finde, eine Kirche errichten zu wollen, die Entdeckung des Schleiers hoch oben in den Wipfelzweigen eines Baumes mit allen wundersamen Nebenereignissen sind längst in Wort und Bild gläubig verherrlicht und dargestellt worden, und es bleibt nur zu berichten, daß Markgraf Leopold den uralten Wald mit seinen köstlichen Jagdgründen, der an der Stelle des einstmaligen römischen Castells emporgewuchert war, wegräumen ließ und 1106 ein kleines Kirchlein und ein Kloster erbaute, dessen Thürmchen nach den Mauern des Schlosses droben Hinaufblicken konnte. Dieses bescheidene Gotteshaus scheint den Absichten des frommen Markgrafen nicht entsprochen zu haben, denn schon acht Jahre später ließ er den Bau einer neuen, großen Kirche beginnen, welcher zweiundzwanzig Jahre dauerte. Indessen hegte und pflegte Leopold seine Lieblingsstadt Nievenburg, die zeitweilig seine Residenz war. Er ließ nahe an dem Kloster ein Schloß aufführen, „der Fürstenhof" genannt, welches auch später noch, nach Leopold's Tode, von den Babenbergern bewohnt wurde, bis Albert von Habsburg Ende des dreizehnten Jahrhunderts sich an dem Eingänge in das Kierlinger Thal eine neue, stattliche Burg erbaute. Um den Landesherrn schaarten sich seine Diener, sein Hofhält, sein Gefolge, die Ministerialen, die in der Stadt ihre eigenen Häuser besaßen oder Wohnungen mietheten, welche dem Stande und dem Ansehen der Herren entsprachen. Der Zusammenfluß des Volkes und der Edlen des Landes verlieh der Stadt Bedeutung und Glanz, zu welchem das Stift und die Kirche mit ihren Weihen und Besugnissen, mit ihren Festen und dem weih- rauchumdufteten Gepräge nicht wenig beitrugen. Der österreichische Adel hielt hier seine Zusammenkünfte, der Fürst hielt hier Gericht, und manche denkwürdige Urkunde, manche Stiftung und Verbriefung nahm von der wald- und stromumrauschten Stadt jenseits des Kahlenberges ihren Weg in das Land hinaus. In demselben Jahre, in welchem Leopold sein Lieblingswerk, den Bau der Kirche, vollendete, im Jahre 1136 am 15. November, schied er aus dem Leben, von seinen Unterthanen, von seiner Frau, von seinen Kindern tief betrauert, und wurde, ebenso wie Agnes, welche ihm im Jahre 1157 folgte, im Capitel zu Klosterneuburg beigesetzt. Jahrhunderte waren vorübergegangen; die Geschichte der Stadt und des Stiftes hatte in dem Strome der Zeiten mitgetrieben; Hunger, Krieg, verheerende Feuer, Fürsten- und Völkerzwist waren über das Stück Land hingegangen, dem der fromme Markgraf einst, gleichsam als Verheißung von Ruhe und Frieden, das stille, hochragende Gotteshaus anvertraut hatte; da wendete sich Herzog Rudolf IV. an Papst Jnnocenz VI. mit der Bitte, den Markgrafen Leopold heiligsprechen zu wollen. Jnnocenz erklärte sich hiczu bereit, aber die Erfüllung aller Borschriften, die bei einem solchen Ausspruche in Betracht kommen, beanspruchte viel Zeit und Arbeit, über welcher Rudolf und Jnnocenz starben. Wieder ging mehr als ein Jahrhundert hin, bis unter Jnnocenz VII'. am 6. Januar 1485 ein feierliches Consistorium, in welchem Franz von Pavia eine Rede für die Heiligsprechung Lcopold's hielt, den frommen Markgrafen in die Zahl der Heiligen einreihte und den 15. November zu dessen besonderer Berehrung festsetzte. Im Jahre 1486 brach König Mathias von Ungarn mit seinen Heerhaufen in Oesterreich ein, lagerte vor Wien und eroberte am 21. August 1487 Klosterneuburg, das unter dem barbarischen Gemetzel, das die Feinde anrichteten, furchtbar litt. Auf diesen qualvollen Tag folgten Schrecken über Schrecken. Der Friede zwischen Kaiser und König war nie von Dauer, und Klosterneuburg blieb bis zu Mathias Tode unter ungarischer Botmäßigkeit und von ungarischen Truppen besetzt, welche erst Kaiser Maximilian aus den Mauern und Bollwerken der damals gut befestigten Stadt vertrieb. Nachdem dieses Bcfreiungswerk vollbracht war, wurde die längst geplante Erhebung Leopold's aus seiner unterirdischen Ruhestätte beschlossen. Kaiser Maximilian ertheilte am 20. Juni 1486 von Worms aus an seinen Statthalter und seine vier Räthe zu Innsbruck den Befehl, binnen zwei Jahren 90 Mark Silber aus der Jnnsbrucker Schmelze an den Propst zu Klosterneuburg zu liefern, damit aus dem edlen Metalle ein Sarg für den heiligen Leopold angefertigt werden könne. Elf Jahre später, am 15. Februar 1506, fand unter dem Zulaufe unzählbaren Volkes mit unerhörtem Gepränge die Erhebung Leopold's statt. Von Rom waren eigene Vorschriften erlassen worden, wie das Fest zu begehen sei; an die Geistlichkeit, an den Adel, ail das Volk ergingen Einladungen, bei der Feier zu erscheinen. König Ladislaus von Ungarn ordnete an, daß die Verkündigung derselben in seinem ganzen Reiche stattfinde, und die Kirchenfürsten von Salzburg und Passau befahlen allen Geistlichen ihrer Diöcesen, bei den: Feste zu erscheinen, an dem sie selbst, der Bischof von Gurt, 27 in- fulirte Prälaten und eine ungezählte Schaar von Priestern und Clerikern sich betheiligten. Hinter dem silbernen, mit Gold geschmückten Sarge schritt Kaiser Maximilian im erz- herzoglichen Ornate, die Krone auf dem Haupte, einher; ihm folgten der Herzog von Jülich und Eleve, der gesammte österreichische Adel in prangendem Schmucke und viele vornehme Gäste aus fremden Ländern. Das Volk hatte sich in solchen Massen hebzu- gedrängt, daß man auf allen offenen Plätzen der Stadt Zelte aufschlagen mußte, in denen trotz der Winterkälte die Menschen in Schaaren campirten. Der kostbare Sarg, in welchem die Gebeine des Markgrafen an dem Tage der Erhebung gelegt worden waren, blieb nur bis 1520 erhalten. Nach Maximilian's Tode wurde er, wie die Chronik berichtet, von den sogenannten „österreichischen Regenten" aus Klosterneuburg weggeführt und eingeschmolzen, worauf das Stift auf eigene Kosten einen andern Sarg anfertigen ließ. Im Jahre 1663 wurde auf Befehl Ferdinand's III. der Festtag des heiligen Leopold zum Feiertag erhoben und der fromme Markgraf zum LandeS-Patron von Oesterreich bestimmt. Der Kaiser erklärte, bei diesem Feste alljährlich in dem Stifte erscheinen zu wollen und ordnete an, daß ihn der Propst allezeit hiezu einzuladen habe. Diese Anordnung wurde selbstverständlich strenge eingehalten und dem Beispiele des Kaisers folgte das, ganze feiertäglich geschmückte Volk. Dem Donaustrome entlang, von dem linken Ufer drüben, aus den waldigen Thälern im Westen, über die Berge und Hügel herüber kamen sie zu Tausenden und Tausenden Jahr um Jahr gewandert, um an dem Festgepränge theilzunchmen. Und selbst heute noch, wo in dieser Richtung kühlere Anschauungen sich geltend gemacht haben, hält die Poesie vor, die über der Geschichte und dem Leben des frommen Markgrafen und über der-Gründung des Klosters am User der Donau schwebt. Noch immer ist die Pilgerfahrt am Leopoldssest in Uebung, und noch immer trägt sich das Volk mit der reizenden Sage von dem Schleier der Fürstin, der neun Jahre unversehrt in den Wipfelästen des Baumes hing, unter dem Markgraf und sein Jagdgefolge, von der wundersamen Fügung tief ergriffen, anbetend zur Erde sanken. Die Geschichte hat längst festgestellt, daß die neun Jahre nicht mit den urkundlichen Zahlen und Daten stimmen; aber das Volk und seinen Sagenglauben kümmern solche Dinge nichts. Es ist sich bewußt, daß Erinnerungen voll milden Klanges ihre Fäden zwischen der Burg hoch oben auf dem Gipfel des Kahlenberges und dem Stifte unten im Thalgrundc spinnen, und es fühlt, daß es sich dieser Erinnerungen theilhaftig macht, wenn es am Morgen des 15. November hinauswandert zum Feste des heiligen Leopold. i i Die Alpenrose. Hoch auf dem Berg, im braunen Moose, Bon Eis umglänzt und halb verschneit, Blüht still emvor die Alpenrose: Ein süß Gedicht der Einsamkeit. Der lauen Frühlingslüfie Fächeln Küßt ihre jungen Blätter nicht; Sie steht wie ein Verlornes Lächeln Im starren Felsenangesicht. Die kalten Gletscherwände steigen Antbürmend mächtig estück für Stück. Und unbemerkt in ew'gem schweigen Wächst sie wie ein verschwiegen Glück. O selig der, dem wohlgeboren, Im oft durchkosteten Gemüth, Hoch über allen Erdensorgen So eine süße Blume blüht! Feodor Löwe. M i s e e l l - n. In der Zeit, als Viele von der französischen Kolonie zu Berlin noch sehr wenig deutsch sprechen konnten, hatte einer von ihnen dem damaligen Staatsminister, Freiherrn von Fuchs Etwas vorzutragen; weil er aber nur die Straße wußte, wo der Minister wohnen sollte, so fragte er eine Schildwache, die er vor einem großen Hause stehen sah t „Siltewa, wo wohnt stk Monsieur, ab sik Schwans von der Länk?", wobei er den Zeigefinger der linken Hand auf das Ellenbogen-Gelenk des rechten Armes legte, um so ungefähr die Länge eines Fuchsschwanzes anzudeuten. Der Soldat verstand Nichts. Der Franzos wiederholte die Frage so: „Wo wohnt sik Monsieur, ab sik Schwans von der Länk, is sik Krosrath bei die Kurfürz, lauf sik in die Kompagne und friß die Kikerlkü?" — „Vielleicht suchen Sie den Herrn von Fuchs?", erwiderte der Soldat, „der wohnt in diesem Hause." — »Oui, vui, oui/- rief der Franzose vor Freuden, „Wuks, Wuks, Wuks." Daß Kinder als Eilgut versendet werden, mag wohl auch nur in Amerika vorkommen. Ein elfjähriger Knabe, Namens Casey Pemmel, kam, mit einem Bagagezeichen dekorirt, als Eilgut in Phiadelphia an) wohin ihn seine in Kansas wohnenden Eltern an Jsaat Vuzley geschickt haben. Der Bagagemeister gab Quittung für ihn, wie, für eine Kiste. Eine kleine "Tasche, in der Geld befindlich, hatte der Knabr umgehängt, und wenn der Bahnbeamtc seinem ihm anvertrauten Gute etwas zu essen kaufen wollte nahm er das Geld aus dieser Tasche und schrieb in ein ebenfalls darin befindliches Buch, wie viel er verausgabt hatte. So reiste der Knabe 1800 engl. Meilen ohne h,en geringsten Unfall. Ein Offizier hörte seinen Burschen im Nebenzimmer nach Mitternacht seufzend sagen: „Hätt' ich doch nur ein Glas Wasser, um meinen brennenden Durst zu stillen!" — „Johann!" rief der Offizier. „Was befehlen der Herr Lieutenant?" — „Geh' schnell hinunter und hol' mir ein Glas frisches Wasser, ich habe gewaltigen Durst." Verdrießlich erhob sich der Bursche vorn Lager und ging. Mit dem vollen Glas kam er zurück und überreichte es seinem Herrn, welcher darauf sagte: „Nun trink' und lösche deinen Durst, und dann leg' dich wieder schlafen, du fauler Kerl!" (Aus dem Examen.) Professor: „Was ist das Auge?" — Junger Mediziner. „Das Auge ist, wenn man zu tief hineinschaut, oftmals gefährlich." 384 Zwei junge witzige Kameraden unterhielten sich vor einiger Zeit in dem Hause eines Gastwirths in Frankfurt a. M. sehr lebhaft. Darauf bot der Eine dein Andern laut eine Wette von 6 Flaschen alten Weins an. Der Andere nahm sie an, und der Wirth war augenblicklich mit der Frage bei der Hand, ob er den Wein vorläufig bringen sollte? Man bemerkte ihm, daß Dieß wohl geschehen könne, jedoch würde die Wette nicht eher bezahlt werden, als bis sie entschieden wäre. Er war damit wohl zufrieden, und der Wein wurde vergnügt genossen. Schmunzelnd wünschte unterdessen der Wirth zu wissen, welches der Gegenstand der Wette sein möchte? „Ich behaupte, sing der Eine an, „der Thurm der Katharinenkirche werde, wenn er umfallen sollte, nach der rechten Seite hinfallen, mein Freund aber behauptet das Gegentheil." Der Wirth sah leicht, daß er erwischt war. „Wer hat die Welt erschaffen?" fragte mit dem ihm eigenen rauhen Tone ein Prediger seinen Sohn, als dieser zum erstenmal dem Katechismus beiwohnte. Gewohnt, bei den inquisitorischen Fragen seines Vaters:' „Wer hat dds Glas zerbrochen? Wer hat das Buch liegen lassen? rc. erst zu leugnen, dann einzugestehcn und um Vergebung zu bitten, antwortete das erschrockene Kind: „Ich nicht lieber Papa!" — „Dumme Antwort! Ich frage Dich noch einmal: Wer hat die Welt erschaffen?" Mit thränenden Augen und stotternder Stimme fing das Kind wieder an: „I—i—ich, lieber Papa; aber ich will es mein Lebtng nicht mehr thun." Als im Jahre 1830 die Besatzung der Bundessestung Mainz verstärkt wurde und zu diesem Zwecke einige frische Bataillone österreichischer Infanterie dorthin kamen, fanden sich viele alte Bekannte zusammen. Einer von Denen, die schon längere Zeit daselbst garnisonirt hatten, führte einen neuen Ankömmling in der Stadt umher, um ihm die Merkwürdigkeiten derselben zu zeigen. Unter Andern: kamen sie auch an den Rhein. „Schau, Komrod", sprach der Erstere, bei uns haaßt mer'sch Donau, und hier hnaßt mer'sch Rhein; do konnst d' sch'n, wie olles auf d' französisch Art eingricht is." Ein Reisender kehrte kalt und durchnäßt in einem Wirthshause ein und bestellte sich eine Weinsuppe. Als solche fertig und aufgetragen war, fischte die Wirthin, bevor der Gast noch die Suppe gekostet hatte, ein großes Stück Zimnit mit der Gabel heraus, leckte selbes rein mit Mund und Zunge ab, und legte eS über dem Tische auf ein Brett. Da sagte sie: „Liege, du hast schon so manche Weinsuppe schmackhaft gemacht, du kannst noch öfter dienen." (Im Theater.) Bauer: „Sie, Herr Nachbar, um Vergebung, wie viel kriegt der Sänger dorten jährlich Lohn?" --- „Dreitausend Thaler." „Dös macht cin'm Andern weiß, aber ich glab's net!" — „Guter Freund, das dürst Ihr mir schon glauben, das macht eben di^ Seltenheit bei solch' einem Sänger: dieser Tenorist fingt das hohe A und B noch!" — „Na, dös is a was «rechts! So ä paar lappige Buchstab'». Ich sing's ganze ABC durch — und krieg' nix dervor." Ein sehr großer Rekrut bekam von einen: sehr kleinen Offizier eine Ohrfeige, weil er den Kopf immer auf die Erde hielt und nicht in die Höhe halten wollte. „Muß ich deu Kopf immer in der Höhe halten?" fragte derselbe. „Ja wohl, Schlingel!" „Nun, dann leben Sie wohl, Herr Lieutenant, denn nun bekomme ich Sie in meinem Leben nicht wieder zu sehen!" Original-Charade. * Dnlzigno nahe stand mein kleines Räthselwort Schaßt ihr das erste seiner Zeichen fort, So steht sogleich, Ein Weib vor Euch. Auflösung des Original-Silben-Räthsels in Nr- 44: „Erlangen". Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Hutller. nterkaktllngsökatt zur .,Filgsbmger Postjeitmg. Nr. 49. Samstag, 18. Dezember 1880. Tritten des Wanderers über den Schnee sei ähnlich dein Leben; Es bezeichne die Spur aber beflecke sie nicht. Herder. Die rechte Kühne. fllovelle von Jenny Bach, Verfasierin von „Tannenburg" rc. (Nachdruck verboten. Gesetz vom 11IV. 70,) i. In kein weiten, im steifen, düstren Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts ausgestatteten Gemach eines alten Kaufmannshauses der Stadt Frankfurt an der Oder ging eine stattliche Dame zwischen fünfzig und sechzig Jahren voll Unruhe auf und nieder. Es war die Wittwe des vor fünf Jahren verstorbenen Kaufherrn Johann Heideker, des Inhabers der alten Handelsfirma Heideker und Heideker, welche sich durch alle die bösen Kriegsjahre des schlesischen und siebenjährigen Krieges hindurch festen Kredit und eines der ersten Häuser für den Binnenhandel erhalten hatte. Die großen Waarenlager und Gewölbe des untern Stockes wurden niemals leer, und die Oderschiffe und Fracht- waaen, welche die Waaren weit über die Grenze beförderten, waren ohne Zahl und mehrten sich nun, da das Land wieder im Frieden und der große Friedrich II. so viel that, den Handel zu heben, mit jedem Jahre. Frau Katharina Heideker, geb. Heideker, war wie gesagt eine stattliche Frau, und die kleidsame Tracht der damaligen Zeit: der weite Schlepprock, die feste, mit einem schwarzen Seidentuch nur halb verhüllte Taille, die schwarzen Spitzen auf den künstlich frisirten Locken dienten dazu, ihre Erscheinung noch imposanter zu machen. Doch trotz ihrer straffen Haltung und dem lebhaften Blick ihres blauen Auges lag etwas in dem edel geschnittenen Antlitz Frau Katharina's, welches verrieth, daß an ihr das Leben nicht immer voll Milde und Glück vorübergegangen war. Und hätte ein Fremder eine derartige Bemerkung ausgesprochen- so würde ihm jeder alte Frankfurter geantwortet haben: „Damit habt Ihr nicht unrecht, mein Lieber; denn wer als junges Mädchen seinen Eltern mit einem leichtsinnigen Lieutenant entläuft, enterbt wird, dann nach acht Jahren den Mann durch Zweikampf verliert und während zweier Jahre in Hunger und Kummer drei Kinder von fünfen ins Grab sinken sehen muß, der kann wohl sagen, daß er des Lebens Noth kennen gelernt, auch wenn er später noch eine Frau Heidecker wird," Und so war es. Frau Katharina Heideker, geb. Heideker, verwittwete Lieutenant von Litten, hatte keine leichte Vergangenheit hinter sich; und die Erinnerung an all das bittere Weh ihrer Jugendjahre mochte wohl noch oft die spätere Ruhe äußeren Glücks an der Seite ihres zweiten Gemahls und Cousins verbittert haben und ihrem Mund jenen Zug herber Strenge verliehen, welcher starken Naturen oft durch die Hand des Kummers und Unglücks aufgeprägt wird. Sie hatte, wie oben bemerkt, nur noch zwei Kinder aus ihrer ersten, unglücklichen Ehe mit in das elterliche Haus, dem damals nur noch ihr Cousin und Gatte mit seinem Bruder als Leiter Z rstand, zurückgebracht: ihren 386 ältesten Sohn Philipp, den jetzigen Inhaber der Firma, deren Namen er, von dem Stiefvater udoptirt, vom Oheim zum Schwiegersohn erwählt, nach beider Tode angenommen, und ihr jüngstes Kind Leonhard, welcher von seinem Vater eine glühende Vorliebe für den Offizierstand ererbt hatte und seine Mutter durch vieles Drängen vermochte, ihrer Absicht, auch ihn mit dem Namen des Stiefvaters in das Geschäft eintreten zu lassen, ungetreu zu werden und ihm zu gestatten, als Leonhard von Litten sich dem großen Friedrich, welcher die Offizierstellen prinzipiell nur durch Adelige besetzte, zum Dienst zu stellen. Welche Ueberwindung es der Mutter kostete, ihren Lieblingssohn ruhig in der Uniform zu sehen, deren Anblick immer noch alle die trüben Bilder der Vergangenheit heraufbeschwor, ahnte der leichtlebige, heißblütige Leonhard nicht; denn er hatte seiner Mutter, weil ihre Liebe schwer und selten das Eis äußerer Zurückhaltung und Strenge durchbrach, mit seinem raschen Empfinden immer sehr fern gestanden und sah in ihr mehr die gestrenge als die liebende Mutter; während Philipp in seiner ernsteren, klareren Natur ein größeres Verständniß für seiner Mutter Wesen besaß und er ihr schon früh ein Theilnehmer ihrer Gedanken und Sorgen und nun eine Stütze und Hilfe geworden war. Doch so sehr sie Philipps Werth erkannte, ihre Liebe gehörte in größerem Maße dem Jüngsten, dem Kinde, das nichts von dem Unglück der früheren Jahre mehr wußte, und auch heute galt all die Spannung und Unruhe, welche sich in ihren Zügen malte, als sie wieder und wieder das tiefe Wohnzimmer durchschritt, ihrem jüngsten Sohn dem Lieutenant von Litten. Es war derselbe seit ein paar Wochen mit einem Kameraden auf dessen schlesischen Gütern auf Urlaub. Er hatte nichts von sich hören lassen, bis vor zwei Tagen ein Brief eintraf, in dem er kurz meldete, er werde am Abend des 20. Januar mit einer jungen Frau zu Haus wieder eintreffen und bitte für ihn und sein junges Weib ein paar Zimmer in Bereitschaft zu setzen. Bestürzung, Sorge und Unwille stritten sich bei dieser rücksichtslos kurzen Meldung und Forderung im Herzen Frau Katharinas; aber die Nachsicht mit ihres Sohnes lebhaftem Temperament, das ihn so oft zu raschem Handeln verleitete, vermochte sie doch, ein paar hübsche, nach dem kleinen Garten hinter dein Hause gelegene Fremdenzimmer für die fremde, junge Frau in behaglichen Zustand bringen zu lassen. Obgleich Frau Charlotte Hcideker, geb. Heideker, Philipps seit einem Jahr verbundene junge Frau, meinte, eine Rücksichtslosigkeit verdiene die andere; es wäre das schon viel zu viel und zu gut für eine Frau, von der er sich schäme, Näheres zu melden, und die er wer weiß wo aufgelesen. Auch heute Abend sgmphatisirte Frau Charlotte wenig mit der Unruhe und Spannung ihrer Schwiegermutter. Sie saß an dein schweren eichenen Tisch, auf welchem zwei Wachskerzen auf silbernen Leuchtern brannten, bequem in ihrem hohen Stuhl zurückgelehnt und las eifrig in einem kleinen Buche. Ihre kleinen mit blauscidenen Hackenschuhen bekleideten Füße ruhten auf einem bunten Kissen, und ihr weißer, schlanker Arm, dessen schöne Form durch die weißen Spitzen, welche Aermel und Taille ihres großblumigen Kleides zierten, noch mehr gehoben wurde, stützte sich auf den Tisch, ihre kleine Hand hielt das graziös frisirte Haupt. Zuweilen schlug sie ihr graues Auge auf, welches durch die dunklen Brauen und langen Wimper», die es beschatteten, wie durch den klugen Blick einen eigenen Reiz erhielt, und das Schönste in ihrem sonst nur wenig hübschen Gesichte war, und richtete den Blick auf Frau Katharina, und der Andruck ihrer Züge so wie das kaum merkliche unwillige Kopfschütteln verrieth, wie wenig sie mit der sichtlichen Aufregung derselben einverstanden mar. Endlich blieb Frau Katharina vor dem Tische, an dem ihre Schwiegertochter saß, stehen und sagte mit ihrer vollen, tiefen Stimme ein wenig scharf: „Dich scheint dein Buch heute Abend ja wieder außerordentlich zu interessiren! Was ist es?" Frau Charlotte, welche wohl wußte, wie wenig die alte Dame ihre Vorliebe für die neue Literatur theile, zuckte die Achsel, als wollte sie sagen: „WaS nützt der Titel?" warf aber doch ihr Buch herum und antwortete kurz: „Literaturbriefe von Lessing." 387 „Wieder von Lessing! Ich begreife nicht, was du an den Schriften eines Mannes findest, von dem viele nicht gut sprechen." „Weil sie seinen Geist fürchten. Es wäre zu wünschen, daß alle Dichter und großen Männer so rein und groß dastünden wie er. Philipp, welcher ihn persönlich in Breslau kennen und lieben gelernt, bewundert ihn ja noch mehr als ich!" „Ja, und kauft jedes Wörtchen, das von ihm gedruckt wird, mit noch größerem Eifer, wie du es lesend verschlingst. Und doch ist es nur zu bekannt, daß unser großer König ihn nicht sehr hoch achtet und ihm die Stelle an seiner Bibliothek versagt hat!" „Weil er seinen häßlichen Affen, den Voltaire, einst beleidigt hatte!" Charlotte, du vergißt, von wem du sprichst!" „Nein, ich verehre unsern König eben so wie Sie und alle, ich halte es für kein Verbrechen, seine unbegreiflichen Lieblinge nicht zu lieben. Ich ziehe nun einmal trotz König und Voltaire diesen Lessing allen andern vor. Und ich bin überzeugt, hätte Leon- hardt diese Vorliebe und nicht Philipp und ich, würden Sie ihn nicht wieder und wieder ««gelesen verdammen." Sie hatte die letzten Worte leiser und mit niedergeschlagenen Augen gesprochen, denn Frau Katharinas Blick wurde schärfer, ihre Züge strenger. „Was soll das bedeuten?" fragte sie herb. „Nun, ist es nicht wahr, daß Sie Philipp, der doch das ganze Haus mit seiner Arbeit erhält, Ihrem jünger« Sohn nachsetzen?" „Hat sich Philipp darüber bellagt?" „O, nein, gewiß nicht, dazu rft er viel zu selbstlos und liebt er seinen Bruder zu sehr, aber mich kränkt es!" „Dich!" rief die alte Dame lebhaft. „Du zeigst sonst nicht so viel Interesse für deines Mannes Sache. Charlotte saß noch immer mit gesenkten Wimpern, ihre schlanken Finger zupften unruhig an der Spitze ihres Aermels. „Philipp und ich sind zufrieden mit einander so wie wir stehen, sagte sie." „Nun ja, ihr habt beide die ruhige Natur der Heidekcr, von der Lconhard leider wenig erhalten hat!" „Leider? Werden khm darum seine unbesonnenen Streiche nicht immer vergeben?" „Nicht darum. Ich wünschte nichts mehr, als daß er ein Heideker wäre an Natur wie von Namen. Aber ob er oft unbesonnen und voreilig handelt, er hat noch niemals Herz, Ehre und edlen Sinn dabei verletzt, darum war es leicht, ihm zu vergeben, und ich habe das Vertrauen, daß er auch hier seinem Wesen getreu blieb. Unruhig macht mich vor allen die Sorge, ob er auch so schnell den Konsens seiner Oberen — doch halt, da sind sie? Sind Sie da, Jonas?" Sie kehrte sich erregt dem alten Diener zu, welcher im braunen Rock und steifer Zopfperrücke an der Thür stand, durch die er eben eingetreten. „Der Herr Leutnant ist eben mit einer Dame vor der großen Thür abgestiegen und kommt die Treppe herauf," meldete er ohne seine eiserne Miene im geringsten zu verziehen. „So geh ihnen entgegen und führe sie sogleich hierher. Die Zimmer sind doch warm und erleuchtet?" „Wie Madam befohlen." „Es ist gut, geh nur." Jonas ging durch das kahle Vorzimmer hindurch den Gang, an welchem die Zimmer der verschiedenen Familienmitglieder sowie der große, gemeinsame Eßsaal lagen, hinab bis zu der Treppe, welche aus den unteren Waaren- und Comptoirräumen in den obern Stock führte. An ihrem Fuße stand der riesenhafte Wächter des Lagers, der zugleich nach Schluß der Arbeitszeit das Amt des Pförtners versah, und leuchtete mit seiner Laterne ein paar in Pelze gehüllten Gestalten, welche die Stufen der Treppe erstiegen» „Ah, sieh da, Jonas!" rief Leonhard von Litten, als er des Alten ansichtig wurde, und sprang die letzten Stufen schnell hinan, indem er die kleine Gestalt neben sich mitzog. „Kam mein Brief an? Werden wir erwartet? Sag Er mir schnell, was sagte die Mutter." „Madam erwartet den Herrn Leutnant mit der Dame im Wohnzimmer," entgegnete der Alte mit unerschütterlicher Ruhe und empfing den Pelz, den Leonhard ihm zuwarf» „Er ist immer derselbe steife Gesell! Wo sind unsere Zimmer?" „Das für den Herrn Leutnant dort, wie immer, für die Dame bestimmte Madam das Fremdenzimmer nach dem Garten." „Gut. Sollen wir erst dorthin gehen, mein Engel? Du bist so erschöpft, du zitterst?" Er beugte sich zärtlich zu seiner Gefährtin nieder. „Madame sagte, sie wünschte Sie sogleich zu sehen," bemerkte Jonas mit eisernem Gesicht. „So wollen wir sie nicht warten lassen," sagte eine weiche, kindliche Stimme hinter dem Schleier hervor. „Ich kann ja hier ablegen." „Nein, komm hierher." Leonhard trat in das Vorzimmer und war dann mit zärtlicher Sorgfalt bemüht, ihr beim Ausschälen aus allen den Tüchern und Manteln zu helfen. Selbst in Jona's unbeweglichem Gesichte zeigte sich ein Schimmer von Neu- gierde und Erstaunen, als allmählig aus der Umhüllung eine so reizend feine Gestalt mit so allerliebstem von braunen Locken umgebenen Kindergesichtchen herauskam, daß man glauben konnte, eine kleine Waldelfe habe sich in dies düstere Stadthaus verirrt. Leonhard ging ein paarmal, hier eine Locke zurecht legend, da eine Schleife ordnend, um sie herum, wobei seine Blicke mit bewunderndem Ausdruck leuchtend auf ihr ruhten, zuletzt hob er ihr gesenktes Haupt zu sich auf und sah ihr voll Liebe in die schönen nußbraunen Augen. „Wie blaß du bist, süße Geliebte. Hast du so große Furcht?" „Ich werde es überwinden," sagte sie muthig und machte einen Versuch zu lächeln. Er küßte ihre kleinen Hände und wandte sich um, denn Jonas öffnete schon die Thür des anstoßenden Zimmers. Nahe der Schwelle stand die hohe Gestalt seiner Mutter. Sie streckte die Hand aus, eine ungewöhnliche Erregung stand in ihrem ernsten Antlitz. Mit wenigen hastigen Schritten war Leonhard bei ihr. „Mutter, hier ist meine Gemahlin, wollen Sie sie gütig aufnehmen?" fragte er ihre Hand küssend mit unsicherer Stimme. „Du verstehst zu überraschen," sagte Frau Katharina und ihr großes, dunkles Auge ruhte mit prüfendem Blick auf der kleinen Gestalt der neuen Tochter, kaum weiß man, ob man dir zürnen soll oder nicht; solche Uebereilung ist ganz gegen alle Sitte, mein Sohn!" „Mag sein, aber ich denke, solch ein süßes, engelhaftes Weib zu gewinnen, rechtfertigt es genugsam, wenn man einmal gegen die steife Sitte der förmlichen Welt verstößt," rief Leonhard und legte seinen Arm schützend um die Taille seiner jungen Frau. „Doch, meine Mutter, Sie können versichert sein, alles ging in bester Ordnung von statten, dafür sorgte unsere verehrte Protektorin, die Gräfin von Schweitnitz. Doch das berichte ich Ihnen später. Für jetzt möchte ich nichts weiter, als für meine Praxedes, die, todmüde von der Reise, bald der Ruhe bedarf, um freundliche Aufnahme und etwas Liebe bitten." „Ja, Madam, seien Sie nicht böse um mein Eindringen," murmelte die kleine Frau und beugte sich tief über die Hand Frau Katharinas, in deren Gesicht plötzlich ein schneller Wechsel von Erregung, Schrecken und Kälte vor sich ging. Mit verdüsterter Stirn schaute sie auf die graziöse Gestalt der jungen Frau herab, und ihre Stimme klang abweisend und scharf, als sie erwiederte: „Da es einmal geschehen, so bleibt mir wohl nichts übrig, als es zu nehmen, wie es einmal ist. Wenn deine Frau in unse- 389 — pem einfachen Bürgerhause, nachdem sie das gräfliche gewohnt war, vorlieb nehmen will, so soll es mir recht sein. Die Liebe ihrer Hausgenossen zu gewinnen ist ihre Sache und kann erst die Zeit erwirken. Charlotte und ich sind, wie du weißt, nicht gewohnt, jedem Fremden unsere Liebe entgegen zu tragen. Charlotte, willst nicht die Angekommene begrüßen?" Leonhard wandte sich, den peinlichen Eindruck, den seiner Mutter Worte auf seine kleine Frau machen mußten, zu verwischen, zu seiner Schwägerin, welche von ihrem Sitz aus der Begrüßung zugesehen und sich jetzt erhob, dem Paare entgegen zu gehen. „Charlotte, Bruder Philipps Frau", sagte Leonhard vorstellend und fügte, ihr herzlich die Hand reichend, leiser hinzu: „Ich hoffe, du wirst bald mit meiner Praxedes Freund werden! Aber wo ist Philipp?" Charlotte vermied den bittenden Blick Leonhards, reichte ihm kaum die Spitzen ihrer schlanken Finger, verbeugte sich förmlich gegen die neue Hausgenossin und sagte dann kalt: „Philipp ist nach Berlin in Geschäften, er kommt schwerlich vor ein paar Wochen zurück und wird erstaunt sein, dich so plötzlich und heimlich vermählt zu finden! Sie heißen Praxedes! Habe ich recht? Ein seltsamer Name!" „Ich erhielt ihn nach dem 21. Juli, meinem Geburtstage", sagte die Gefragte, gewaltsam die Thränen, die sie zu übermannen drohten, niederkämpfend. „Darf man Ihren weiteren Namen nicht auch wissen?" „Natürlich, Praxedes von Litten", siel Leonhard lächelnd ein und sah mit zärtlichem Blick auf sein junges Weib herab. Charlotte wandte sich ein wenig ab und führte ihr Tuch an den Mund. „So ist also der Mädchenname deiner Frau ein Geheimniß, daß du auch jetzt noch damit zurückhältst?" Leonhard erröthete. „Nein, gewiß nicht; aber Praxedes ist zu müde, um sie mit langen Erklärungen aufzuhalten. Um aber der weiblichen Neugierde gerecht zu werden, will ich dir sagen: du siehst hier die Pflegetochter der Gräfin von Schweitnitz, Praxedes von Sternberg, des ehemaligen Hauptman von Sternberg Tochter. So und nun erlaubst du wohl, daß wir uns zurückziehen? Auch Sie, meine Mutter? Praxedes kann nicht mehr." „Ja geht! Aber du wirst doch wieder zu mir kommen, Lepnhard?" „Wie Sie befehlen, Mama." Damit umfaßte Leonhard seine kleine schwankende Frau und führte sie hinaus. Er sah nichts von dem Blick, fast des Entsetzens, mit dem seine Mutter, die sich schwer auf die Lehne des Stuhls, an dem sie stand, stützte, ihm nachsah, er hörte nicht mehr Charlottens verächtlichen Ausruf: „Was für ein zimperliches Püppchen!" er hatte nur Augen für die immer blässer werdende Praxedes, die er draußen fester in seine Arme nahm und mit der jungen Kraft seiner großen kräftigen Gestalt den Gang hinunter bis in das ihr bestimmte Zimmer trug, wo er sie auf einem Ruhebett neben dem großen Ofen niederlegte. Dort kniete er an ihrer Seite nieder und bedeckte ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen. „Praxedes, Geliebte, vergieb mir. Sei mir nicht böse!" Sie öffnete die Augen, welche sie im Kampf mit den Thränen geschlossen, die hellen Tropfen rannen hernieder und ihre Lippen zuckten von verhaltenem Weinen. „Dir böse, Leonhard, warum sollte ich dir böse sein?" „Weil ich dir solchen Empfang bereitete! Weil ich in meiner Aufregung und Hast dich zu gewinnen, nicht daran dachte, wie ich die pedantischen Formen dieses Hauses verletzte und wie man dir das vergelten wurde! O, mein süßes Herzlieb, habe nur kurze Zeit Geduld hier, dann gebe ich dir ein anderes Heim, wohnlicher, traulicher, wenn auch bescheidener als dies finstere Haus, das ich nun mit allem, was es enthält, hassen Möchte um deinetwillen." Praxedes richtete sich auf und trocknete ihre Thränen. ^ „Nein, Leonhard, zürne den Deinen nicht; sie haben vielleicht recht, ein wild- fremdes »Mädchen mit Mißtrauen aufzunehmen. Es ist nur meine thörichte Furcht vor finsteren, unwilligen Gesichtern, die mich so fassungslos machte. Sei auch dem Hause nicht gram, du erzähltest mir unterwegs ja so viel, wie gern du es als Knabe gehabt. Sorge dich nicht um mich, ist es hier nicht ganz hübsch und wohnlich? Sieh, der hübsche Platz in der Fensternische: den werde ich zu meinem Lieblingsplatze machen. Laß mich sehen." — Sie sprang von ihrem Ruhebett auf und trat an die Nische des einzigen großen Fensters heran. „Hier wird es sich ganz hübsch arbeiten und lesen lassen, wenn ich allein sein muß", sagte sie und hob ihr Antlitz zu ihm, der ihr nachgefolgt war, mit lieblich tröstendem Lächeln auf. „Werde ich hier auch die Gasse hinabschauen können, wann du wieder kommst, oder geht dorthin nicht dein Weg zur Kaserne?" „Nein Herzlich, hier siehst du nur in den Garten!" Er schlug die Jalousien zurück und sie schauten zusammen in den schneebedeckten, im Mondlicht glänzenden, kleinen Garten hinab. „O, das ist schade", meinte PraxedeS, sich an ihn lehnend. „Aber dies ist auch hübsch! Wie herrlich der alte Mond, unser treuer Begleiter auf der Fahrt, alles erleuchtet!" „Unser treuer Begleiter und Zeuge auch vor drei Abenden, da du mein wardst, Geliebte! Ich vergesse niemals, als ich, an der Thür der Kapelle wartend, dich mit der Gräfin wie dunkle Schalten auf den mondbeschienenen Wegen daherschwebcn sah! Wie mein Herz klopfte in Erwartung und Verlangen, und wie du dann, die Hüllen abwerfend, im matten Licht der Altarkerzen im Brautschmuck vor mir standest! Meine Braut und in wenigen Minuten mein Eigenthum!" „Ich dein Eigenthum, und du mein Schutz, mein Retter", sagte sie leise und in seine leuchtenden Augen schauend. „O, wie habe ich gezittert und mich geängstigt, bis der Priester meine Hand in die deine legte und das Wort sprach, das mich Schmeitnitz auf immer entzog. Wie soll ich dir danken für deine Rettung! Ich war so verzweifelt, bis du kamst, Leonhard." „Durch deine Liebe, meine Praxedcs", flüsterte er und küßte sie wieder und wieder, als sie sich dichter in seinen Arm schmiegte. Dann aber richtete sie sich auf und sagte ängstlich: „Aber deine Mutter wartet auf dich." „Laß sie warten", entgegnete er unwillig. „Nein, erzürne sie nicht noch mehr. Einmal mußt du ihr doch alles sagen." „Was sagen? Wie ich zu meinem Weibchen kam? Das ist ein viel zu süßes Geheimniß, es auszuplaudern!" „Aber sie wird wissen wollen, wie alles kam." „Ja, und wird fragen wie ein Großinquisitor." „Run, siehst du?" „Nun, siehst du?" wiederholte er lachend, „da wird alles nichts helfen, die Beichte muß einmal gemacht werden. Aber es hat damit Zeit." „Nein, wenn's geschehen muß, ist's besser gleich", sagte Praxedes. „Schau einmal, wie muthig du bist, wenn es dich nicht angeht", neckte er. „Ei, ich bin auch ein zaghaftes Mädchen und du ein Soldat." „Glaube mir, .Herzlieb, einer Batterie österreichischer Kanonen ist leichter zu begegnen als meiner Frau Mutter, wenn sie ernstlich zürnt. Doch du hast recht," fuhr er ernster fort, Ich muß noch heute Abend deiner Stellung hier im Hause gewiß sein. — Aber wirst du dich nicht fürchten? Ich muß dich nun ganz allein lassen!" „Ich fürchte mich nicht, ich werde viel zu denken haben", sagte sie. Er nahm, so zärtlichen Abschied, als ginge er in die weite Welt, und grüßte noch von der Thür zurück; war es doch das erste Mal, daß er sein junges Weib verließ, seit er sie vor der Kapelle in den Reisewagen hob. Sie schaute ihm noch lange nach, als er verschwunden, dann zog sie fröstelnd den Shawl dichter um sich, welchen ihr Leonhard sorgsam um die Schultern gelegt, Sie fühlte sich von der tagelangen Fahrt auf's äußerste erschöpft, und doch ließen all die neuen Gefühle und Eindrücke sie zu keiner Ruhe kommen. Müde wanderte ihr Blick in dem dunkelgetäfelten, von der brennenden Wachskerze auf dem eichenen, mit weißer Decke behanganen Tisch, matt erhellten Zimmer aimher. Hier sollte sie wohnen, bis alles geklärt war und es Leonhard gestattet war, ein eigenes Haus zu gründen. Ach, Leonhard hatte recht, es war ein altes finsteres «Haus, so ganz anders, als das der Gräfin, in dem sie die letzten Jahre gelebt. Ein banges Gefühl hatte sie erfaßt, als sie, durch die eiserne Thorthüre eingelassen, an der Seite des riesigen Wächters durch die Gewölbe der Treppe zuschritten, und dies Gefühl der Beklommenheit war durch den kalten Empfang der Damen nicht verbessert. Aber vielleicht gelang es ihr ja mit der Zeit, die begreifliche Abneigung gegen die aufgedrungene Hausgenossin zu besiegen und dann — ganz abgerechnet, daß ihr ja Leonhards Liebe als Schutz immer blieb — dann war das alles ja leicht zu ertragen gegen das, was sie letzthin im Hause der Gräfin durchlebt. Praxedes von Sternberg hatte schon mancherlei Wechsel im Leben erfahren, trotz ihrer achtzehn Jahre. In ihrer ersten Erinnerung sah sie sich in Luxus und Wohlleben von vielen Dienern umgeben. Ihren Vater kannte sie kaum, ihre Mutter aber, wenn auch oft von geselligen Pflichten hingenommen, pflanzte durch ihre reiche Liebe und verständige Milde eine frische Heiterkeit und zärtliche Gemüthstiefe in das Herz ihres lieblichen Kindes. Dann kam die Zeit des Unglücks, ihr Vater im Gefängniß, ihre Mutter krank und im Elend. Da lernte die kleine Praxedes Hunger und Noth kennen, aber ihr leicht zufriedenes, dankbares Gemüth lernte auch jede Freundlichkeit und Gabe mit doppelter Freude hinnehmen, und immer, wenn ihre Noth am höchsten gestiegen, fand sie gute Menschen, die halsen. Praxedes vergaß ihre Freunde niemals, und oft traten sie ihr in einsamen Stunden wieder vor die Seele. Da war es vor allen ein junger Mann, welcher kurz vor der Rückkehr des Vaters der kranken Mutter geholfen, sie täglich besucht und getröstet hatte, zu dem ihre Gedanken oft wanderten in dankbarer Liebe, und daß Leonhards blaue Augen denen des treuen Freundes glichen, das hatte ihr diesen gleich so werth und vertraut gemacht. Kurz nach der Entlassung des Vaters starb ihre Mutter, und Praxedes wandte nun ihre ganze Liebe dem Vater zu, welcher, ein gebrochener Man», ihrer so sehr bedurfte. Trotz des innigen Verhältnisses zwischen Vater und Tochter, trotz der fast leidenschaftlichen Liebe des von Neue über sein vergangenes Leben weich gewordenen Mannes zu dem letzten, was ihm geblieben, zögerte er keinen Augenblick, als die Gräfin von Schweitnitz sich erbot, seine Praxedes als Pflegekind zu sich zu nehmen, sie ihr zu überlassen. Ohne zu verrathen, was es ihm kostete, brachte er der Dame sein Kind, verließ noch am selben Tage Wien, fuhr dem Mittelmeere zu und verschwand im Orient. Praxedes verlebte mit der Gräfin auf ihrem Gute in Schlesien friedliche Jahre, bis der Sohn der Gräfin, der viel in der Welt umherge- reist, mit ein paar Genossen seiner wilden Fahrten heimkehrte. Er faßte in kurzem eine heftige Leidenschaft zu der schön erblühten Praxedes und verfolgte sie, wo er sie sah, mit den unverschämtesten Liebesanträgen. Das geängstigte Kind flüchtete sich unter den Schutz der Mutter; es kam zu heftigen Austritten zwischen Mutter und Sohn, und Praxedes ward zu einer Freundin auf einem dem benachbarten Gute geschickt. Dort sah sie Leonhard, und die jungen Herzen entzündeten sich schnell in gegenseitiger Liebe. Die Gräfin war sehr glücklich, für ihr Pflegekind einen Beschützer zu finden, und da sie durch einen Zufall ein Komplott ihres Sohnes mit mehreren Helfern entdeckte, wonach dieser Praxedes vom Gute entführen und mit Gewalt zu seinem Weibe machen wollte, schlug sie Leonhard vor, diesen: durch eine heimliche Heirath zuvorzukommen. Leonhard von seiner Liebe ganz hingenommen, ging bereitwilligst darauf ein; sein einziges Bedenken wegen des für Offiziere nöthigen Heirathskonsenses schlug die Gräfin mit der Versicher- 3S2 ung weder, durch ihren Einfluß am Berilner Hof alles in Ordnung zu bringen, und so ward Praxedes eines Abends in Anwesenheit weniger Zeugen in der Dorfkapelle des Guts Leonhard angetraut und reiste dann mit ihm in fast ununterbrochener Fahrt der alten Stadt Frankfurt zu. . An alles dies dachte die junge Frau, als sie, auf die weißen, im Mondglanz schimmernden Wege des Gartens hinabsehend, am Fenster stand. Wie war es nur so wunderbar, daß sie Leonhard sich so willig hingegeben, den sie nie zuvor gesehen, wo sie doch gegen den jungen Grafen einen so unüberwindlichen Abscheu empfand? War es nun, weil er sie so lebhaft an den alten Freund erinnert hatte, oder war es das wunderbare Räthsel der Liebe. Es war ihr gleich gewesen, als hätte sie ihn lange gekannt, in seiner Nähe fühlte sie sich so geschützt, so geborgen; und ach so glücklich, so namenlos glücklich, wenn seine Augen mit so unendlicher Liebe in die ihren schauten. Dann vergaß sie alles, die trübe Vergangenheit, die Furcht vor dem neuen Leben unter Fremden, was sie erlebt, vor dem sie gezagt hatte. Sie kreuzte die Hände über der Brust und hob das Haupt empor, daß das silberne Licht des Mondes ihr liebliches Antlitz, ihre feine Gestalt überfluthete, ihre Lippen flüsterten ein leises Dankgebet. Da öffnete sich die Thür und Leonhard trat ein. Einen Augenblick blieb er stehen und gab sich ganz dem von dem Lichte der Kerze unberührten Bilde in der Finsternische hin. Dann trat er zu ihr und umschlang sie. „Praxedes, mein Herzlieb, für wen batest du eben!" „Für dich, Leonhard, für dich und unser Glück!" Während Praxedes in ihrem Zimmer träumte, hatte ihr junger Gatte mit seiner Mutter keinen leichten Kampf auszufechten. Er fand sie mit finsterer Miene in ihrem Zimmer auf- und abgehen, bei ihr immer ein Zeichen großer Erregung. Sie wies auf einen Stuhl und sagte kurz: „Setze dich und dann erzähle, wie kamst du zu diesem Mädchen?" — Leonhard erzählte in gedrängter Kürze die Umstände seiner raschen, heimlichen Heirath, Frau Katharina hörte, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, ihm zu; als er geendet, blieb sie vor ihm stehen. „Und der Konsens vom König?" fragte sie. „Den wird mir die Gräfin in wenigen Tagen verschaffen!" Ah, ich dachte es mir, du hast ihn also noch nicht. — Wenn aber die Gräfin nicht Wort hält, so ist deine Heirath ungiltig!" „Sie wird Wort halten." „Wer verbürgt dir das? Sie hat ihren Zweck erreicht, ihren Sohn von dein armen Mädchen, dessen Vater ein Fälscher imd Betrüger war, zu trennen und einem andern aufzubürden!" * „Mutter!" rief Leonhard und sprang mit glühendem Gesicht von seinem Stuhl auf. „Spreche ich nicht die Wahrheit? Frage jeden in Wien, ob Arthur von Sternberg nicht drei Jahre wegen fälschlichen Bankrotts im Gefängniß gesessen", rief Frau Katharina nnt flammenden Blicken und fügte dann, sich ein wenig abwendend leiser und zwischen den Zähnen hervorgestoßen hinzu: „und vielleicht sagt man dir dann auch wie er nach Wien kam und seinen Dienst verlor!" Leonhard senkte das Haupt auf die Brust und stützte die Hand auf den Tisch. „Davon sagte die Gräfin mir nichts, sie sagte nur, Praxedes Vater sei ausgewandert und wahrscheinlich gestorben!" „Sie verschwieg dir wohlweislich, was dich sehr wahrscheinlich zur Vernunft gebracht hätte, und dachte vielleicht, der mit dem Bürgerhause liirte Name der Litten könnte den Flecken besser vertragen als der der Schweitnitz!" (Fortsetzung folgt.) Für die Redaction verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. M. Hnttler. nteröuktungMatt zur „Angsburger postzeitung." Nr. 50. Mittwoch, 22. Dezember 1880. Die Rückerinnerung an eine gute That schweigt nie; sie flüstert am lautesten in der Todes stunde. — Donndors. Die rechte Sühne. Novelle von Jenny Bach, Verfasierin von „Tannenburg" rc. (Nachdruck verbot«,. Gesetz vom 11 IV. 70,) (Fortsetzung.) Leonhard trat mit dem Fuße den Boden. „Wären Sie nicht meine Mutter und auch einst eine Litten, ich würde diese Beleidigung nicht ertragen!" „Du nennst eine Wahrheit Beleidigung. Der Name Litten ist nicht immer der beste gewesen. Ich war eine Litten, aber ich wäre glücklich, hättest auch du den Namen mit dem besseren der Heideker vertauscht. Dann würde dich Niemand gebraucht haben» sich von der Tochter dieses — dieses Fälschers zu entledigen." „Sie vergessen, Mutter, daß Praxedes mein Weib ist und daß ich sie liebe, trotz ihres Vaters liebe; über alles liebe!" Frau Katharina warf einen schnellen Blick auf ihren Sohn. „Die Liebe wird sich schon abkühlen, wenn sie so harte Proben zu bestehen hat, wie manche deiner Passionen es schon gethan, und dein Weib ist das Mädchen nicht, bevor du den Konsens hast! — Oder denkst du sie vielleicht deinem Oberst auch ohne diesen als deine Frau zu präsentiren " „Nein, das kann ich natürlich nicht, aber da in wenigen Tagen —" „Das laß uns abwarten", unterbrach ihn Frau Katharina scharf. „Ich bin so vertrauensvoll nicht wie du und kann aber deine Heirath nicht anerkennen, bis alles in Ordnung." „Nicht anerkennen? Praxedes ward mir angetraut." „So sagtest du; trotzdem verlange ich von dir, daß du sie bis zum Empfang des Konsens nur als deine Verlobte ansiehst; und als solche können wir sie hier im Hause wie im Freundeskreise auch nur vorstellen. Bist du so leichtsinnig gewesen, in diese heimliche Trauung zu willigen, so ist es nun deine Pflicht gegen dich selbst, dir nicht alles zu verderben, indem du sie veröffentlichst. Du weißt, wie solcher Ungehorsam bestraft wird!" „Das weiß ich." „Gut, so wirst du erkennen, daß ich nur für dein Bestes besorgt bin." „Ja, aber ich hoffte, daß Sie selbst, daß unsere Familie Praxedes als mein Weib anerkennen würden." „Das können wir nicht, ehe die Welt es darf. , Hättest du mir eine Tochter ins Haus gebracht, die ich achten und werth halten könnte, würde ich dir vieles nachgesehen haben — aber so — verlange das nicht!" „Es ist grausam, ein unschuldiges Mädchen für die Sünde des Vaters zu verachten", rief Leonhard heftig. 394 „Die Sünden der Vater ruhen stets auf den Kindern", sagte Frau Katharina herb. Und wunderbar wäre es, hätte dieses nichts von dem schlechten Charakter des Vaters geerbt." „Praxedes ist ein Engel, Jedermann liebt sie. Und auch Sie müssen sie lieben, wenn Sie sie erst kennen!" „Niemals, das Mädchen niemalsI" rief Frau Katharina so heftig und entschieden, daß Leonhard sich'tief verletzt abwandte. „So werde ich sie doppelt und dreifach lieben", sagte er trotzig und ging zur Thür. „Sie wird mir alles ersetzen, auch die Liebe meiner Mutter, die ich wohl nie besaß!" „Leonhard!" Er blieb stehen, von ihrem fast wilden Ruf getroffen. Einen Augenblick standen sich Mutter und Sohn schweigend gegenüber und schauten sich an. „Geh'", sagte Frau Katharina, sich gewaltsam fassend, „geh' nur und liebe die Fremde. Deine Mutter verstehst du doch nicht, kannst sie nicht verstehen." „Verzeihung, meine Mutter", bat er und bog sich nieder, ihxe Hand zu küsse». Sie duldete es; dann wiederholte sie: „Geh, es ist gut!" Leonhard kehrte zu seinem geschmähten Weibe zurück. In seineiN Herzen war trotz seiner feurigen Vertheidigung etwas wie ein Erkalten seiner Liebe gezogen. Als er sie aber dann vom Mondschein umflossen in betender Stellung vor sich sah, da war alles vergessen was er gehört, und mit derselben Liebe wie vorher schloß er sein liebliches Weib an sein Herz. H. „Die Herren sind eben heraufgekommen, Madam!" Charlotte erschrack bei dieser Meldung des Jonas; sie warf eilig ein Blatt Papier, das sie in der Hand gehalten, in einen offenen Kasten und klappte den Deckel zu. „Ich komme sogleich, laß er nur anrichten!" rief sie, und Jonas verschwand mit schneller Schwenkung des Zopfes. Frau Charlotte trat vor den Spiegel, ihren eben vollendeten Mittagsanzug zu prüfen; aber das feine Wollkleid mit Spitzen und Schleppe war in ebenso tadelloser Ordnung, wie das blonde, hochgesteckte Haar, und doch fuhr ihr Blick so prüfend über Gestalt und Antlitz ihres Spiegelbildes! „Mein Gesicht ist schmäler und blasser, meine Backen und Kinn nicht so rund und ohne Grübchen; Nase und Mund größer und markirter als die ihren; aber Augen und Stirn, nun ich meine, die verrathen doch etwas mehr Geist als ihr verschüchterter Taubenblick, mit dem sie stets dreinsieht. Ich kann es wohl wagen, mich mit ihr zu messen, und wenn Philipp wirklich die Praxedes gemeint", — sie zog die eben gelobte, hohe, schmale Stirn in finstre Falten, ihre Hand ballte sich und ungeduldig trat ihr schlanker, feiner Fuß den Boden. „O, es ist abscheulich, schändlich! dieser kalte, ruhige Philipp! wenn es mir um dies Püppchen nicht gelang, ihn zu erwärmen, mir, die ich seit meinen Kinderjahren nur Gedanken für ihn hatte.... ich werde es heute noch sehen! Aber ich will alles ertragen, ehe ich auch nur um ein Krümchen bettele, ich habe den Stolz einer echten Heideker." Sie wandte sich hastig ab und trat hinaus. Auf dem Gange begegnete ihr Leonhard mit Praxedes; er wollte seiner Frau gerade die Thür des Eßzimmers öffnen, sie voran zu lassen, als aber Praxedes Charlotte gewahrte, trat sie sogleich zurück und ließ dieser den Vortritt; was Charlotte ohne Weiteres annahm. Leonhard^ Stirn verfinsterte sich sichtlich, und sein Gruß an das versammelte Coinptoirpersonal war noch gemessener ckls gewöhnlich; schweigend ging er zum Fenster hinüber. Praxedes sah ängstlich zu ihm auf. Wo war der klare, vertrauensvolle Blick geblieben, mit dem sie in den ersten Tagen in sein Auge geschaut- Hatten zwei kurze Wochen das schon geändert? Sie wußte es wohl, es war um ihretwillen, daß Leonhard oft verstimmt und gereizt war. Er ertrug es so schwer, daß sie nur als seine Verlobte angesehen und Fräulein Praxedes von Sternberg im Hause genannt wurde. War es ihr selbst doch ein harter Schlag