Unterkaktungsökatt zur „Ailgsünrger Postzeitmig." Nr. 1. Donnerstag, 1. Juli 1880. Gott weiß dein Leid und heimlich Grämen, Auch weiß er Zeit, dir's zu benehmen. Gieb dich zufrieden! Paul Gerhardt. Der Derr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. Verfasser der Romane: „Auf der Grenze," „Der rechte Erbe" «. (Nachdruck verboten.) Erster Theil. I. Auf der Straße zwischen Castellamare und Sorrent, die das Entzücken jedes Reisenden ist, der einmal das Glück hatte, hier umherzuschweifen, schlenderten langsam im eifrigen Gespräch zwei Wanderer dahin. Ihre Kleidung schon verrieth, daß sie Künstler waren. Der Mond stand bereits am Himmel und goß sein Zauberlicht über die Landschaft, um alles in noch wunderbarere Farben zu kleiden. Bon Zeit zu 'Zeit blieben die Maler stehen, ganz im Schauen versunken, und dann sprachen Beide kein Wort. Der Größere von ihnen brach jetzt wieder zuerst das Schweigen und in deutscher Sprache, die durch ihre Lispellaute den Dänen bekundete, sagte er leise und tief ergriffen: Ach,-wer das auf die Leinwand bringen könnte! Sehen Sie, He dort das Meer wieder vor uns aufblitzt. Ist eck Silber? ist es Gold? Es sind eben märchenhafte Farben, die kein Pinsel wiederzugeben vermag. Und dieser Frieden ringsum! bemerkte der Andere, der in seiner Aussprache den Süddeutschen nicht verleugnen konnte: Hier ist ein Stück von dem verlorenen Paradies. Die große Dogge des Dünen war vorausgesprungen, jetzt vor einem dicht an der Straße liegenden C^pressengcbüsch stehen geblieben und stieß ein klägliches Geheul aus. Was hat die Bestie? rief der Deutsche verdrießlich. Wie gern ich auch sonst Ihren Cagliosiro habe, aber an diesem wundervollen Abende könnte er uns wirklich mit seinem Lärm verschonen. Cagliostro »ruß irgend etwas ausgespürt haben, entgegnete der Däne. Ach wirklich, dort liegt ein Mensch, und er zeigte aus das Gebüsch. Die scharfen Maleraugen des Anderen wandten sich der bezeichneten Stelle zu. Es scheinen zwei zu sein, sagte der Deutsche, und nun eilten Beide mit raschen Schritten vorwärts, um den Platz zu erreichen, von dem Cagliostro noch nicht gewichen war, sondern sein klägliches Geheul verdoppelte, als wolle er Hilfe herbeirufen. Ein entsetzlicher Anblick bot sich den erschreckten Künstlern dar. Am Fuße einer Ceder lag ein Mann in seinem Blute, mit zerschlagenem Schädel; er mußte todt sein, denn er gab kein Lebenszeichen von sich, obwohl die Dogge ihm jetzt das Blut von der Stirn leckte. Nur wenige Schritte davon, der Landstraße näher, lag noch ein Mensch am Boden, vielleicht ebenfalls ermordet, denn er regte sich ebensowenig, als die beiden Maler jetzt näher traten. Eine Verwundung ließ sich freu.ch ^ nicht sogleich an ihm bemerken, aber er war an den Händen gefesselt und hatte einen Strick um den Hals, der ihm die Kehle so zugeschnürt, daß auch ihn vielleicht der Tod schon erreicht hatte. Hoffentlich ist wenigstens dieser arme Bursche noch zu retten, meinte der Deutsche, und versuchte den Strick zu losen, der aber so fest den Haks des Unglücklichen umschloß, daß es ihm nicht gelang; erst als der Däne ein Messer hervorholte, glückte eS nicht ohne Mühe — denn die größte Vorsicht war nothwendig — den Strick zu durchschneiden. Ein leises Athemholen, ein schwaches Zurücktreten des Blutes aus dem damit überfüllten Gehirn, bewies den Künstlern, daß hier wenigstens noch Leben vorhanden sei. Bleiben Sie hier und halten Sie bei den Unglücklichen mit Ihrem Cagliostro Wacht, während ich nach Sorrent eilen und Hilfe Herbeibringen will. Wir sind zum Glück nur noch wenige Minuten davon entfernt, meinte der Deutsche. Der Däne war damit einverstanden und der süddeutsche Maler stürmte mit einer Hast hinweg, die sonst bei dem ein wenig phlegmatischen Künstler völlig unbekannt war. Langsam und schwer schlug der von seinen Fesseln Befreite die Augen auf und lispelte kaum verständlich in deutscher Sprache: Wo ist mein Bruder? Ist er todt? und er suchte den Kopf zu erheben und nach der Stelle zu blicken, wo der Ermordete lag. Ihr Bruder scheint leider todt zu sein, antwortete der Däne theilnahmvoll. Wenigstens gibt er kein Lebenszeichen mehr von sich, aber vielleicht dürfen wir noch hoffen, wenn auch — Nein, nein, er ist todt! O, meine Ahnung! Der Unglückliche ließ den Kopf zurücksinken und schloß die Augen. Der Gedanke an den Verlust seines Bruders mußte ihn zu gewaltig erschüttert haben, denn die Sinne drohten ihm wieder zu vergehen. Sie sind ein Deutscher? fragte der Däne. Ein schwaches Kopfschütteln war die Antwort. Wir sind Russen — und als der dänische Maler ein etwas verwundertes Gesicht machte, setzte der Fremde hinzu: Wir sind aus den Ostseeprovinzen gebürtig, Aber ich will meinen Bruder sehen, meinen armen Boguslav! — und mit Anstrengung all' seiner Kraft suchte er sich emporzuraffen, um sein Vorhaben auszuführen. Theilnahmsvoll unterstützte ihn der Däne. Obwohl es nur wenige Schritte waren, hatte der Fremde Mühe sich fortzuschleppen und ohne die kräftigen Schultern des Malers würde er nicht sein Ziel erreicht haben. Als er jetzt seines Bruders ansichtig wurde, betrachtete er ihn mit starren, glanzlosen Augen eine lange Zeit ganz aufmerksam, dann brach er plötzlich mit einem lauten, verzweifelten Schrei zusammen und verlor von Neuem völlig die Besinnung. Zum Glück traf bald darauf der Süddeutsche mit Leuten aus dem nächsten Gasthofe ein und half seinem dänischen Berufsgenossen aus seiner peinlichen Lage, der nicht mehr wußte, was er mit dem Unglücklichen beginnen sollte. Ein französischer Arzt hatte sich zufällig als Fremder in dem Gasthofe befunden und mit dem humanen Eifer, der seinem Stande größtentheils nachgerühmt werden kann, hatte sich der Doktor sogleich zur Begleitung angeboten, und nachdem er einen raschen Blick ükur die beiden am Boden liegenden Menschen geworfen, wandte er all' seine Aufmerksamkeit allein dem Verwundeten zu: Der Andere ist nur ohnmächtig. Bitte, reiben Sie ihm die Schläfe mit Eau de Cologne ein, das wird genügen. Hier aber ist ein schwieriger Fall, und er schickte sich an, die Wunde des Unglücklichen näher zu untersuchen. Nicht wahr, der Aermste ist todt? fragten die Künstler. Der Mensch ist entsetzlich zugerichtet. Es wäre ein Wunder, wenn er davon käme. So leise auch der Franzose gesprochen, der Andere mußte dennoch die Worte gehört haben, denn er schlug matt die Augen auf und jammerte: 0 mon Dien! Beruhigen Sie sich, mein Herr, sagte der Arzt: Noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Dennoch blieb dieser Zuspruch ohne Wirkung, denn der Russe stieß in ziemlich gutem Französisch die verzweifeltsten Klagen aus und wollte sich von Neuem erheben, um nach seinem Bruder zu sehen. , Regen Sie sich nicht unnütz auf, mein Herr, ermähnte der Franzose. Ich werde mein Möglichstes thun. Freilich ist der Schädel Ihres armen Bruders arg zerschmettert und — Er muß sterben, nicht wahr? unterbrach ihn der Nüsse und seine Augen ruhten mit dem Ausdruck der furchtbarsten Unruhe auf dem Arzt, der die Achseln zuckte und der Frage auszuweichen suchte, indem er sich wieder eifrig mit dem Verwundeten beschäftigte. Nein, sagen Sie mir alles, ich muß es wissen; drängte der Andere und erhob sich plötzlich, um noch einmal mit ängstlichen Blicken den Zustand des Bruders zu beobachten. Nicht wahr, diese schreckliche Wunde ist nicht mehr zu heilen? Er stirbt? wandte er sich dann zu dem Franzosen und seine Angen ruhten dann voll schmerzlicher Erwartung auf den Lippen des Arztes. Ich weiß es nicht. Ihr Bruder scheint mir von kräftiger Konstitution zu sein und vielleicht gelingt es mir, ihn zu retten. Langsam strich der Russe mit der Hand über sein Antlitz, plötzlich ergriff er den Arm des Doktors, der eben wieder um den Schwerverwundeten bemüht war. Täuschen Sie mich nicht länger, daß Sie sich den Anschein geben, als könnten Sie die fürchterliche Wunde meines Bruders noch zusammenflicken. Ich weiß es, er ist todt, ich hab' ihn verloren. Die elenden Räuber haben ihm zu arg mitgespielt und ihm den Schädel ganz zerschmettert. Kommen Sie, ich kann den Anblick nicht länger ertragen, gönnen Sie ihn: die ewige Ruhe — und in leidenschaftlicher Erregung wollte der Russe den Arzt mit Hinwegziehen. Nein, ich darf Ihren Bruder noch nHt völlig aufgeben, wehrte ihn der Franzose ab, in dem der Arzt allein lebendig war. Gerade dieser schwierige Fall stachelte ihn auf, all' seine Kunst zu zeigen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten, sein Geist wird freilich für immer umflort bleiben. Ohne ein Wort zu entgegnen senkte der Russe den Kopf; er stieß nur einen Seufzer aus und schweigend mit aufmerksamen Augen beobachtete er die ferneren Bemühungen des Arztes. Bald hatte derselbe vorläufig sein Werk gethan, der Verwundete wurde sorgsam auf die mitgebrachte Bahre gelegt und nun trat man langsam den Rückweg zu dem Gasthofe an. Welch' eine traurige Wanderung inmitten dieser herrlichen Natur. Leuchtkäfer schwirrten wie goldene Funken in der Luft, die von dem Duft der blühenden Mprthc erfüllt, sich weich und schmeichelnd um die Sinne legte. Die Natur schien hier das jauchzendste Lied von Lust und Leben anzustimmen, aber Alle, die an dem traurigen Gange betheiligt waren, konnten sich nicht dem Zauber überlassen, den dieser Abend sonst auf sie ausgeübt hätte. Selbst die aus dein Gasthofe mitgebrachte und zum Schwatzen stets aufgelegte Dienerschaft verhielt sich merkwürdig still. Der Verwundete gab während des ganzen Weges kein Lebenszeichen von sich; er wurde mit großer Vorsicht in ein zu ebener Erde belegcnes Zimmer des Gasthofes gebracht und erst jetzt, als der Arzt nun in größerer Ruhe seine Bemühungen verdoppeln konnte, zeigte ein schwaches Athcmholcn, daß noch Leben in ihm sei. Die Künstler hatten sich entfernt, da der Raum, in den der Verwundete gebrachr wurde, ohnehin sehr beschränkt war. Der Doktor hatte sich eine junge Magd herbeigerufen, deren Anstelligkcit ihm bekannt war, die ihm die nöthigen Handreichungen zu machen hatte und sich auch dieser schwierigen Aufgabe mit ebenso viel Geschick wie wüthiger Entschlossenheit unterzog. Doktor Bcrnard, der trotz seiner vierzig Jahre den galanten Franzosen nicht verleugnen konnte, flüsterte mehr wie einmal: Brav Marietta! und die dunklen Augen der Dirne funkelten dann über das gespendete Lob, sie hielt dann' um so herzhafter an der Seite des Arztes aus, obwohl jedes andere junge Mädchen, mit etwas schwächeren Nerven, vor all' dem Entsetzlichen völlig zusammengebrochen wäre. Während dieser ganzen Zeit war der Bruder des Schwerverwundetcn nicht von 4 der Stelle gewichen, trotz seiner sichtbaren Erschöpfung verfolgte er mit größter Aufmerksamkeit die Anstrengungen des französischen Arztes und als dieser sich jetzt jubelnd mit den Worten an ihn wandte: Triumph! ich habe dem Tode noch einmal Ihren Bruder streitig gemacht! sagte der Russe mit schmerzlichem Lächeln: Aber zu welchem Leben?! Oder wird es Ihrer wunderbaren Kunst auch gelingen, den Geist meines armen, einzigen Boguslav zu retten? Nein, das ist mir leider unmöglich, antwortete der Arzt achselzuckend. Ach, dann wäre es vielleicht besser gewesen, diese Schurken hätten ihn getödtetl entgegnete der Bruder. Mein armer Boguslav! und in seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Was kaun ihm ein Dasein nutzen, wenn ihm jede Besinnung fehlt? Sie haben wohl Recht, mein Herr, erwiderte der Franzose. Dennoch bleibt es unsere Pflicht, das Leben des Unglücklichen zu erhalten. Und Sie hoffen wirklich nicht, daß mein armer Bruder das klare Bewußtsein wieder erhalt? fragte der Russe von Neuem mit großer Lebhaftigkeit und seine Blicke ruhten wieder erwartungsvoll auf dem Franzosen. Selbst eine noch größere Kunst als die meine würde an dieser Aufgabe scheitern, war die lebhafte Antwort: Sehen Sie nur, wie dieser Schädel bearbeitet worden. Die Hirnschale ist ja ganz zerschmettert und was das Schlimmste, die Verletzung geht bis zur weichen Hirnhaut. Es grenzt überhaupt an das Wunderbare, daß der Tod nicht sogleich erfolgt ist. (Fortsetzung folgt.) Eine lustige Gerichtsverhandlung. Der Oederbauer von Niederstcrzling war bei seinen Ortsnachbarn nicht sehr beliebt. Er war noch ziemlich gut bei Jahren, hatte einen schönen Hof von seinen Eltern geerbt und viel Geld im Kasten, aber er war ein Hagestolz geblieben, hauste für sich und lebte sehr sparsam. Man sagte, er habe nur aus Sparsamkeit es verschmäht, sich eine Hausfrau zu suchen und jetzt möge ihn keine mehr. Der Oederbauer pflegte auch nur selten sich im Wirthshaus sehen zu lassen, und kam er alle heilige Zeit einmal in der Dämmerstunde dahin, dann trank er nicht viel und redete noch weniger, schlich sich vielmehr bald wieder heim, wie er gekommen war, ohne freundliches Wort und ohne Gruß und Handschlag. War er selbst den älteren Bauern, die ihn von Jugend auf kannten, ein unheimlicher Kerl, so galt er bei den jungen Burschen des Ortes als Ausbund des Geizes und der Habsucht, dem man, wo man nur konnte, anthat, was ihn ärgern oder verletzen mochte. Eines schönen Abends, es war Kirchweih in Niedersterzling, da ging's im untern Wirthshaus hoch her! Die Burschen sangen zur Zither und einige Musikanten spielten im Tanzsaal auf. Jung und alt war guter Dinge, und Tanz und Gesang wechselten ab, den Niedersterzlingern die Zeit zu vertreiben. Die Klänge der Tanzmusik drangen auch zum Oederbauern hinüber in seine einsame Stube, und weckten in ihm den letzten Rest menschlicher Regungen, so daß es ihn nicht länger in seinem stillen Hause litt, sondern unter die lustigen Menschen in's Wirthshaus trieb. — Spät war's schon, als der Oederbauer in die große Zechstube trat und am Ofensitz Platz nahm. Allgemeines Staunen verursachte diese seltene Erscheinung. — Man traute seinen Augen kauni — der Oederbauer hatte bei seinem Eintreten sogar die Nächststehenden gegrüßt und sich jetzt schon das zweite Glas einschenken lassen! Als aber vollends der Oederbauer seinen grünen Zugbeutel aufthat und den Musikanten einen blanken Gulden auf den Tisch hinwarf, da verwandelte sich das Staunen in allgemeien Heiterkeit. Der Zitherspieler, ein frischer, schneidiger Stegreifdichter, war gleich bei der Hand und smrg ein S chnada hüpfl auf den Oeder bauern, das sofort zündend einschlug, so daß es die andern jungen Burschen gleich im Chöre wiederholten. Es war ziemlich harmlos, wenn auch nicht frei von Satyrs, aber der Oederbauer lachte mit, als die Anwesenden alle durch ein frohes Gelächter ihren Beifall kund gaben. Solcher Beifall reizte aber den jungen Improvisator und nach wenigen Augenblicken hatte er schon ein zweites und ein drittes G'sangl auf den seltenen Gast losgelassen. Bald war der Oederbauer von den jungen Burschen umringt, und was nun dem Einen nicht einfiel, das kam einem Andern in den Sinn und Schnadahüpfl folgte auf Schnadahüpfl — jede Strophe im Chöre unter lautem Gelächter aller Anwesenden wiederholt. Die Anspielungen wurden dabei immer derber und zuletzt hagelte ein wahrer Schauer von beleidigenden Ausdrücken auf den Geizhals und Sonderling hernieder. Der Oederbauer hatte schon beim zweiten G'sangl zu lachen aufgehört und immer düsterer wurde seine Stirne, bis er in voller Wuth aufsprang und die lustigen Spötter wegstoßend aus der Zechstube verschwand. Er hörte noch das schallende Lachen aus dem Wirthshause, als er wieder an seinem einsamen Hofe die Hausthüre aufmachte, die er heftig hinter sich zuschlug. Am andern Tage war er in der Stadt beim Advokaten. Er nannte demselben die acht Burschen, die sich am meisten hervorgethan, an der Spitze den Feldnertoni, der mit den Spottliedcrn den Anfang. gemacht hatte. Den Inhalt der einzelnen Spottverse wußte er dem Doktor nicht anzugeben, aber einzelne Scheltworts hatte er sich gemerkt. Wenige Tage später lief bei dem betreffenden Bezirksgericht eine Klage des Oeder- bauern gegen Feldnertoni und Genossen wegen verläumderischer Beleidigung ein. Da es nun zur öffentlichen Verhandlung kam, waren der Oederbauer und die acht Beklagten erschienen. Die Zeugen, auf die sich der Oederbauer berufen hatte, wußten wenig Auskunft zu geben. Der Eine hörte nicht recht gut, der Andere war gerade nicht in der Zechstube anwesend, der Dritte wollte gerade geschlafen haben und die klebrigen konnten sich der einzelnen beleidigenden Ausdrücke nicht mehr erinnern; die Angeschuldigten aber stellten jede Beleidigung in Abrede. „Nun, daß Ihr Schnadahüpfeln auf den Oederbauern gesungen habt, könnt Ihr doch nicht leugnen," sagte der ungeduldig gewordene Senatsvorstand zum Feldnertoni. „Wenn Ihr bestreitet, daß diese Gesangeln die in der Klage behaupteten beleidigenden Ausdrücke enthielten, so sagt mir, wie sie gelautet haben?" „Ja, Gnaden Herr Präsident," ließ sich jetzt der Feldnertoni vernehmen, „i müßt schon noch, wie s' g'laut hab'n, aber a Schnadahüpfl kann man blos singa — nit sag'n!" „Nun, so singt's, wenn Jhr's nicht hersagen könnt," entgegnete der Richter ärgerlich und siehe da, unser Feldnertoni begann mit frischer Stimme: Was nützt dir a Chais'n Wenns d' nit damit fahrst, — klnd was thust mit dein Geld, Narr, Wenns d' allewei sparst. Mit schallendem Jubel fiel der Chor der Mitangeschuldigten ein und kaum, daß er fertig war, sang der Zweite: Bal' d' gar a so geizi « Willst Alles derspar'n, Waarst g'scheiter a ledern« Geldbeutel wor'n. Wieder siel der Chor ein und der Feldnertoni fuhr mit noch lauterer Stimme fort: A ledern« Geldberttel Geht dv' nv' aus — Aus dir bringt der Teufel koan Heller nit 'raus. ttJa," rief jetzt der Oederbauer triumphirend dazwischen, „so haben s' g'sungen. V- wgr' s Herr Präs ident! Aber das war nur der Anfang." Der Präsident wollte Einhalt thun, aber ehe er das Wort aussprach, hatte ein Dritter der Beklagten sich erhoben und schrie mit johlender Stimmer Und wenns d' ihm nil z'schmutzi ivaarst Und waars d' ihm nil z'fad, Hätt' scho' lang dir der Teufel 's- Cravatte! umdraaht. Der Chor wollte eben wieder einfallen, daß die Fenster zitterten, als der Präsident sich erhob und mit der Glocke heftig läutend Ruhe gebot. „Genug! genug — die Sache ist genügend aufgeklärt!" sprach der ernste -Richter, obwohl er kaum das Lachen zu unterdrücken vermochte, „der Anwalt des,Klägers hat das Wort!" Der Advokat des Oederbauern räusperte sich heftig, aber er konnte kaum sprechen, ohne in Helles Gelächter auszuplatzen, und erst nach wiederholtem Räuspern gelang es ihn,, sich soweit zu fassen, Imr auf Grund des Geständnisses der Beklagten deren Ver- urthcilung zu einer Geldstrafe zu beantragen. Diese erfolgte auch, aber froher und heiterer war noch keine Sitzung in den heiligen Hallen der Themis verlaufen, als diese, denn die Beklagten hatten ja nochmal ihren Jux gehabt und der Kläger war nicht minder vergnügt, denn er hatte ja gewonnen. „Nicht wahr, Herr Doktor," sagte er zu seinem Anwalt, als sie den Gerichtssaal verließen — „ich hatte doch Recht! Jetzt haben Sie's selbst gehört!" Die Richter lachten noch manchen Tag beim Frühschoppen über diese lustige Verhandlung ; der Oederbauer aber wird von nun an wohl öfter sich beim unteren Wirthe sehen lassen, denn nichts erfüllt mit gerechterem Stolze, als. ein gewonnener Jnjurienproceh Eine „eroberte" preußische Fahne. Die „Agence Havas" beschäftigte sich jüngst mit der für den 14. Juli vorgesehenen feierlichen Decorirnng der Fahne des französischen 57. Linien-Regiments (die französischen Regimenter führen jedes nur eine Fahne) und stellte die Behauptung auf, der Unterlieuienant Chabal von diesem Regiment habe in der Schlacht von Mars-la-Tour eine preußische Fahne erobert. Hieran knüpft die „Köln. Ztg." die Bemerkung, daß diese „Heldenthat" wohl nur eine „angebliche" sein könne, da die deutsche Armee während des Feldzuges 1870/71 nur eine einzige Fahne — die des 2. Bataillons des 61. Infanterie-Regiments — verloren habe, welche aber nicht von einem französischen Truppentheil, sondern von einer Freischaaren-Abthcilung unter Mcnviti Garibaldi unter einem Leichenhaufen gesunden wurde. Diese Bemerkung ist auch in so fern richtig, als die Eroberung einer Fahne wahrend der Schlacht von Mars-la-Tour in dem sonst gebräuchlichen Sinne dieses Wortes nicht stattgefunden hat, andererseits dürste aber auch bei dem wirklichen Sachvcrhalt den Franzosen nicht das Recht abzusprechen sein, die Behauptung aufzustellen, daß am 16. August 1870 ein Stück einer deutschen Fahne auf dem Schlachtfclde in ihren Besitz gerathen sei. Es kann mit dieser Fahne nur diejenige des 2. Bataillons des 3. Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 16 gemeint sein. Um aber ein richtiges Bild zu gewinnen, unter welchen nähern Umständen dieser Verlust vor sich gegangen ist, erscheint es nöthig, an der Hand des Generalstabswerks dem Gesechtsmomcnt näherzutreten, der jenen Verlust in sich schließt, zumal er ein blutiges, aber gleichzeitig eines der ehrenvollsten Blätter deS ganzen Krieges füllt. In der fünften Nachmittagsstunde des 16. August war auf dem linken Flügel der deutschen Schlachtordnung eine schwere Krisis eingetreten, in so fern die zusammengeschossenen Bataillone der 6. Division und der zur Unterstützung herbeigeeilt«:» 20. Division in die Defensive zurückgeworfen und ernstlich bedroht waren, von den frisch in die Schlachtlinie rückenden französischen Divisionen Grcnier und Cissey umfaßt zu werden. Dieser Gefahr sollte die 38. Infanterie-Brigade (Regimenter 16 und 37), welche nach äußerst beschwerlichem zwölsstündigen Marsche kurz nach 5 Uhr aus Mars-la-Tour debsuchirte, begegnen. Die beiden Regimenter, in sich zu zwei Treffen entwickelt, das 16. auf dem linken, das 57. — nur 2 Bataillone stark — aus dem rechten Flügel, treten den befohlenen Vormarsch an und ersteigen unter heftigem Granat-, bezw. Shrapnelseuer den nächsten Höhenkamm. Waren bis dahin die Verluste nicht erheblich gewesen, so steigerten sich dieselben empfindlich, als die Bataillone beim Betreten des gänzlich unbedeckten jenseitigen Berghangcs von heftigem Gewehr- und Mitrailleusen- feuer empfangen wurden. Mit rücksichtsloser Energie gingen die westphälischen Regimenter unaufhaltsam vorwärts. Das zweite Treffen schob sich in die gelichteten Schützenlinien ein, nur schwache Abtheilungen blieben geschlossen hinter der Front. Abwechselnd 10V—150 Schritt vorlaufend, dann sich niederwerfend, eilten die Compagnien den Bergabhang hinab. Da zeigte sich unerwartet vor ihnen eine steile und stellenweise wohl an 50 Fuß tiefe Schlucht, gleichsam wie der Graben vor einer stark besetzten Schanze. Aber auch dieses Hinderniß hemmte das Vordringen nicht. Den jenseitigen Hang erklimmend, tauchten bald alle süns Bataillone 150, 100, ja, nur 30 Schritt vor den französischen Linien auf. Von beiden Seiten überschüttete man sich mit einem verheerenden Schnellfeuer. Der Unterschied zwischen Zündnadel und Chassepot verschwand bei dieser Nähe und wohl jede Kugel traf. Aber die Uebermacht der Franzosen war zu groß, denn auf dem rechten Flügel der Division Grenier war die Division Cissey im Laufschritt herbeigeeilt und warf sich auf die decimirten preußischen Bataillone. Nur wenige Minuten dauerte der ungleiche Kampf auf der Höhe, dann gab der Oberst v. Archen seinem Regiment — dem 16. — den Beseht zum Rückzug. Unmittelbar darauf sank er tödtlich getroffen vorn Pferde. Die Trümmer der tapfern Bataillone glitten in die Schlucht hinab und das Feuer des bis an den Rand herantretenden Gegners steigerte die Verluste fast bis zur Vernichtung. Die meisten Officiere waren todt oder verwundet. Von allen berittenen Ofsicieren war allein noch Oberst v. Cranach (Regiment 57) zu Pferde; er führte, die Fahne seines 1. Bataillons in der Hand haltend, die Reste der Brigade zurück. In diesem Augenblick wurde auch die Fahne des 2. Bataillons Regiments Nr. 16 zerstückelt durch ein feindliches Geschoß. Sie war bereits in die vierte Hand übergegangen, da drei ihrer Träger nacheinander zu Tode getroffen waren. Es fanden sich wohl keine Hände mehr, das abgeschossene Stück Fahne aufzulesen, denn das Regiment war nahezu vernichtet! Die fünf Bataillone, welche den Angriff ausgeführt, sind mit 95 Osfieieren, 4546 Mann in das Gefecht gerückt, sie verloren innerhalb ^ Stunden 72 Officiere, 2542 Mann! Das 16. Infanterie- Regiment verlor von 60 Osfieieren 49, von etwa 2800 Mann 1736. Es hat hiermit von sämmtlichen Regimentern der deutschen Armee während des Krieges 1870/71 die größten Verluste auszuweisen; selbst das Regiment, welches ihm in der Verlustziffer am nächsten kommt, das 52. Infanterie-Regiment, verlor am Tage von Mars-la-Tour gegen 400 Mann weniger, als in derselben Schlacht das 16. Regiment. Das sind die nähern Umstünde, unter welchen ein Stück der Fahne des 2. Bataillons dieses braven Regiments — das später bei Beaune-la-Rolande für Mars-la-Tour glänzende Revanche nahm — den Franzosen in die Hände fiel. Auf allerhöchsten Befehl (Armee-Verordnungsblatt S. 5 von 1873) wurde dem Schafte der Fahne die fehlende Spitze zugefügt und mit einem silbernen Ringe umschlossen, der die Inschrift führt: „Am 16. August 1870 starben den Heldentod mit dieser Fahne in der Hand: Hauptmaun v. Schölten, Lieutenant Heidsieck, Unterofficier Fröhlig." Sonach ist heute noch mindestens ein Theil der betreffenden Fahne im Besitz des Regiments, und nur die abgeschossene Spitze kau» sich in den Händen der Franzosen befinden. Allem Anschein nach ist dieser Fahneutheil von den nachdrängenden Franzosen auf dem Schlachiselde gefunden worden. D1 n »rr o Durch die Felder mußt Du schweifen, Die im Sonnenstrahle prangen, Durch die grünen Wälder streifen, In der Lüfte Wellen tauche -p'ciue Bruu, tue lummerfchwüle, In des Himmels reinem Hauche Deine heiße Stirne kühle; Schau, allüberall liegt offen, Wie gedieg'nes Gold, das Hoffenl -Lein Herz von Gram vesangei Laß von Quellen, laß von Bächen Ueber Dich den Segen sprechen! Nicht in Deiner dumpfen Klause Sitze mit des Schmerzes Geistern, Herren werden sie im Hause, Draußen wirst Du sie bemeistern; Draußen vor dem freien Glücke Flieh'n sie scheu und klein zurücke! rauhen wirst Du sie bemeistern; Wieder lernst Du frohe Lieder, Lernest Du die Liebe wieder, Und mit menschlich schönem Triebe Ach, die längst vergess'ne Liebe; Quellen, Bäume, Blumenkerzen Reden Dir von Menschenherzenl Julius Lämmer. M i s e - l l - n. („Limpson >8 oominZ".) Aus Portland, Oregon, wird folgende ergötzliche Geschichte gemeldet: Spitz, ein Reisender für ein Kleidergeschäft, wurde in Wall« mit A. D. Simpson, Reisenden für ein Putzwaaren-Geschäft bekannt und beschlossen Beide, dieselbe Tour zu machen. Am Tage der Reise nach Waitsburg wurde Simpson jedoch durch Umstünde verhindert, mitzureisen, gab aber Herrn Spitz den Auftrag, den Leuten daselbst anzuzeigen, daß er kommen würde. Herr Spitz versprach, diesem Auftrag nachzukommen und reiste ab. In Waitsburg angekommen, ließ derselbe sogleich große Anschlagzettel mit den Worten „Limpson is eominK" drucken und sowohl an allen Ecken und Zäunen der Stadt als auch in den Indianer-Dörfern der Umgegend ankleben. Alle, welche diese Zettel lasen, wünschten zu erfahren, wer dieser Simpson sei, ob ein Circus- Direktor, ein Menagerie-Besitzer oder ein Seiltänzer. Die Indianer suchten sofort Arbeit, einen halben Dollar zu verdienen, um „Simpson" sehen zu können und die Stadtjungen sammelten alles alte Eisen, Blechbüchsen und Lumpen, um sich Geld für denselben Zweck zu verschaffen. Endlich kam der Tag, an dem „Simpson" ankommen sollte, die ganze Stadt war in Aufregung, die Indianer kamen in großer Zahl, und an allen Ecken hatten sich Gruppen gebildet, die auf „Simpson" warteten. Da sah man die Postkutsche von weitem, aber zugleich erschienen auch ein halbes Dutzend Jungen mit Handglocken, und läutete!» an allen Ecken, indem sie ausriefen „Liw.xson is evming!^ un-d zwei Neger, ebenfalls mit Handglockcn, eilten der Kutsche entgegen und läuteten, bis dieselbe vor dem Hotel hielt. Das Gedränge vor demselben war groß, die ganze Bevölkerung war dort und jeder wollte „Simpson" sehen. Simpson hatte die Anschlagzettel gesehen und wußte gar nicht, was er davon denken sollte, mit großer Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge, um das Hotel zu erreichen, da wurde er Spitz gewahr und es ging ihm nun ein „Licht" auf. Der Herausgeber der „Times" war anwesend mit einer Rechnung von Doll. 25 für Anschlagzettel u. s. w„ welche Simpson sogleich bezahlte, und als es bekannt wurde, daß Simpson kein Seiltänzer, sondern bloß ein Handlungsreisender sei, war das Bedauern und die Enttäuschung allgemein. Landrichter: Kaum zum eilften Male wegen Diebstahl aus dem Gefängniß entlassen, ist er jetzt schon wieder hier! Kann er denn das Stehlen gar nicht lassen, KriSphulcr? — Gefangener: Nee! — Landrichter: Zum Henker! es ist ihm doch nicht angeboren! — Leider Gottes doch, Herr Landrichter, ich hab ein Paar Nabeneltern gehabt. (Bureaukratische Höflichkeit.) (Gegenüber der Excellenz, welche zu husten geruht, unter tiefster Verbeugung.) „Euer Excellenz erlauben, gnädigst zu bemerken, daß Hochdicselben Dero unschätzbare Gesundheit im Feuereifer für daS Wohl des Staates zu wenig schonen. Allerunmaßgeblichst gesagt, wäre nicht alljährlich für Euer Excellenz eine sechsmonatliche Badekur in Karlsbad oder Pyrmont angezeigt?" Ein Bauer, der sich auf der Gallerie des ungarischen NationalversammlungsSaales befand, soll, da die Adreß-Berathungen gar kein Ende nahmen, gesagt haben: „Na, wenn die Herren schon mit der Adresse nicht fertig werden können, wie viel Zeit wird dann der Brief erst wegnehmen?" Ein bekannter Wucherer wollte mit einen: Wiener Fiaker fahren. — „I kann nit Ew. Gnaden fahren," antwortete der Fiaker, „denn schau'n Ew. Gnaden, wenn i mit Ihnen fahr', so sag'n die Leut': da fahrt der Spitzbub', der Hallunke! und i weiß dann niemals, geht's mi an, oder Ew. Gnaden." „Ja," sagte ein Offizier, „wenn ich so unglücklich wäre, einen dummen Sohn zu haben, nichts Anderes als ein Geistlicher sollte er werden." — Ein Prediger, der in der Gesellschaft zugegen war, antwortete gelassen: „Sie denken da anders, mein Herr, als Ihr Herr Vater dachte." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literariicbc'.i Institus von Or. M. Hnülcr.