4 zur Nr. 2. ---N- Mittwoch, 7. Juli 1880. Allzeit fröhlich ist gefährlich, Allzeit traurig ist deichmerlich, Allzeit glücklich ist betrüglick, Eins unis Andere ist vergnüglich. Markgraf Karl von Bürgn». Der Herr D rr r o ir. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung) Mit großer Aufmerksamkeit war der Russe den Auseinandersetzungen des Arztes gefolgt; er nickte zustimmend mit dem Kopfe: Ja, die Banditen haben meinem armen VoguZlav arg mitgespielt. Wie ist denn eigentlich der Uebcrsall geschehen? fragte der Franzose. Hier in dieser belebten Gegend sind solche Verbrechen noch gar nicht vorgekommen; ich habe wenigstens immer geglaubt, daß man vor räuberischen Uebcrsällcn hier völlig sicher sein könne. Das haben wir auch gedacht, mein Bruder und ich, erwiderte der Nüsse; aber wie Sie sehen, müssen mir unsere Vertrauensseligkeit sehr theuer bezahlen. Dieses schöne Land wird nun einmal an alleir Ecken und Enden von Räubern heimgesucht. Erzählen Sie mir, wie das AÜeS gekommen? sagte der Arzt und wandte dabei wieder all' seine Aufmerksamkeit dem Verwandten zu. Der Russe kam diesen: Wunsche augenblicklich nach; er nahm auf dem nächsten Stuhle Platz, strich noch einmal mit der Hand über die Stirn, dann begann er nicht ohne Selbstbewußtsein, aber mit leiser Stimme, aus der noch immer seine tiefinnere Erregung hindurch klang. Ich bin der Baron Gregor von Bloomhaus. Unsere Familie stammt eigentlich aus Holland, ist jedoch in den deutschen Dstseeprovinzen Rußlands seit beinahe einem Jahrhundert ansässig, aber das einst sehr ausgebreitete Geschlecht ist bis aus meinen Bruder und mich zusammengeschrumpft. Als Erstgeborener bin ich Besitzer einer Menge'Güter in meiner Heimalh. Und einer Menge Sklaven, unterbrach ihn der Franzose lebhaft. Ach, das ist interessant. Die Leibeigenschaft ist abgeschafft, mein Herr, entgegnete der Russe ruhig. Wie schade! rief der Doktor. Ich habe mir immer da^ Leben eines russi'chen Bojaren so reizend gedacht. So viel schöne Leibeigene zu haben, das waren ja Schätze, uni die ein Kaiser sie beneiden konnte." Sie sind uns zu Wasser gemacht worden, bemerkte Bloomhaus mit einem gewissen Sarkasinus. Und seitdem hat das Leben des russischen Edelmannes viel von seinen Reizen verloren. Ich sehnte mich ebenfalls fort. BoguSlav zeigte noch dazu die Keime eines Brustleidens, die Aerzte riethen ihm dringend, ein milderes Klima aufzusuchen 10 und da ich meinen Bruder unaussprechlich liebe, beschloß ich sogleich, ihn zu begleiten. Armer Boguslav! Wären wir ruhig daheim geblieben, dann Hütte ich nicht jetzt diesen schweren, unersetzlichen Verlust zu beklagen. Baron Bloomhaus griff nach seinem Taschentuch und gab sich den Anschein, als wolle er sich nur die Stirn abwischen, während er heimlich ein paar feuchte Tropfen entfernte, die ihm in's Auge getreten waren. Sagen Sie das nicht, entgegnete der Franzose. Ich glaube fest an eine Bestimmung unseres Schicksals. Wären Sie wirklich nicht gereist, dann hätte Ihren Bruder daheim irgend ein Unglück getroffen. Vielleicht wäre er auf der Jagd von einem Bären zerrissen worden, oder auf einer Fahrt über das Schwarze Meer hätte ihn die See verschlungen. — M. Bernaxd that sich nicht wenig auf seine Kenntnisse russischer Verhältnisse zu gute. Baron Bloomhaus hörte diesen Auseinandersetzungen aufmerksam zu. Sie mögen wohl Recht haben. Ich denke auch, daß man seinem Schicksal nicht entgehen kann. Gewiß nicht, das ist meine volle Ueberzeugung. Wer einmal gewaltsam seinen Kopf verlieren soll, der stirbt selbst an der gefährlichsten Krankheit nich^. Der Russe zuckte betroffen zusammen, ein leiser, heimlicher Schauer schien über seinen Körper zu rieseln. Ja, es ist alles Vorherbestimmung, murmelte er leise und starrte düster vor sich hin. Lassen Sie sich von diesen Vorstellungen nicht anfechten, ermähnte der Franzose und mit der seinen Landsleuten eigenthümlichen Liebenswürdigkeit suchte er den niedergeschlagenen Russen wieder aufzurichten. Wir Beide sind dazu nicht bestimmt, unsere Köpfe zu verlieren, fuhr der Arzt lebhaft fort. Sie sind noch jung, sind reich und unabhängig, haben also eine ganze Welt vor sich und Sie werden auch diese furchtbaren Eindrücke bald und glücklich überwinden. Nie, sagte Baron Bloomhaus und sein hübsches, regelmäßiges Gesicht nahm. einen sehr festen unerschütterlichen Ausdruck an. Der Franzose lächelte. Glauben Sie meiner zehn Jahre älteren Erfahrung. Unser Herz ist ein ganz wunderliches Ding; es mag noch so oft und noch so schrecklich zerschmettert sein, es rafft sich immer wieder auf und zeigt sich plötzlich wieder heil und gesund. Heut' ist unser Herz gebrochen, todeSwund und morgen jubelt es von Neuem aus. Sie werden das alles auch noch an sich erlebsn.. Ein schwermüthiges Kopsschütteln des Russen war die einzige Antwort. Ah lassen wir also diese philosophischen Auseinandersetzungen, fuhr der französische Arzt mit überlegenem Lächeln fort. Erzählen Sie weiter, wie Sie eigentlich in die Hände der Räuber gekommen sind., Boguslav konnte es gar nicht erwarten, bis wir in Italien waren, begann der Baron von Neuem; endlich hatten wir das gelobte Land erreicht, aber auch in Florenz und Rom duldete es meinen armen Bruder nicht lange; er wollte weiter nach dem Süden, — nach dem sonnigen Neapel. Ich fügte mich gern seinen Wünschen, da ich sah, wie glücklich er sich hier fühlte. Heute hatten wir einen Ausflug nach Capri gemacht und wir wollten nun in Sorrent übernachten. Unterwegs stolperte nun das Riuulthier, auf dem mein Bruder ritt und brach ein Bein; ich wollte aus der Stelle umkehren und ein anderes Thier miethen, aber Boguslav mochte davon nichts wissen. Wir können ganz gut den^Weg zu Fuß zurücklegen und die Maulthiertreiber zurückschicken, es ist ein so wunderbarer Abend und ich bin so froh und glücklich, wie ein Kind einmal allein herumzuschwärmen, war seine Meinung. Ich war der Aeltere und hätte sollen vernünftiger sein? Aber was wollen Sie? — Mein Bruder hatte das Talent, mich zu Allem zu bewegen, und wenn er die thörichsten Wünsche vorbrachte, ich habe niemals die Kraft gehabt, ihm zu widerstehen. - Unsere Lieblinge besitzen die Kunst, uns zu tyrannisiren, und machen auch stets davon den unumschränktesten Gebrauch, schaltete der Franzose ein und Baron Boomhaus 11 stimmte ihm durch ein Neigen des Kopfes zu, dann fuhr er in seiner Erzählung fort: Ich sah auch wirklich keine Gefahr, es war am hellen Mittag und die Straße sehr belebt. Boguslav war ganz entzückt über diese Fußwanderung und meinte, daß er jetzt erst die Schönheit der Natur genießen könne. Ich habe ihn so heiter und sorglos noch nie gesehen. Ach, es sollten seine letzten glücklichen Augenblicke sein! .... und ein tiefer Seufzer preßte die Brust des jungen Mannes. Das ist tragisch! rief der Doktor lebhaft aus, der mit immer größerer Aufmerksamkeit zuhörte, obwohl er dabei sich noch immer mit dem Verwundeten beschäftigte. Sie haben Recht, stimmte ihm Baron Bloomhaus zu. Das Schicksal schmetterte meinen armen Bruder gerade in dem Augenblicke heimtückisch zu Boden, als er in vollster Lebenslust am lautesten aufjubelte. Wie ein Kind sprang mein Bruder immer wieder vom Wege ab, um, irgend eine Frucht zu pflücken, die ihn gerade anlockte. Jetzt, vor einem kleinen Cypressengebüsch erblickte er die prächtige Goldblüthe einer Genista. Die will ich für die nächste Prozession sammeln sagte Boguslav lachend und eilte hinunter. Doktor Bernard blickte den Baron verwundert an und dieser setzte erläuternd hinzu: die goldschimmernden Genistablüthen werden gesammelt und von Balkönen und Fenstern streut man sie auf die vorüberziehende Prozession. Ah, ich bin erstaunt, daß Sie mit diesen Gebräuchen so bekannt sind! rief der Franzose. Ich war schon einmal in frühester Jugend mit meinen Eltern in Italien, war die ruhige Antwort. Diese unschuldige Blüthe sollte meinen armen Bruder in den Tod locken, setzte Bloomhaus nach kurzer Pause hinzu. Ich hatte gar kein Arg und ließ ihn zu dem Gebüsch hinübereilen, war es doch kaum hundert Schritte vom Wege entfernt. Sorglos wollte ich seine Rückkehr abwarten und ließ meine Blicke bewundernd über das Meer Hinwegschweifen, das die untergehende Sonne in Farben kleidete, die förmlich die Augen berauschen. Man merkt doch Ihre deutsche Abstammung, Herr Baron, sagte der Franzose lächelnd, denn diese Deutschen sind Alle geborene Naturschwärmer. Ohne auf diesen Einwurf zu achten, fuhr der Andere in größerer Erregung fort: ^Plötzlich wurde ich aus, meiner Träumerei durch einen furchtbaren Schrei geweckt. Ich .blickte auf die andere Seite des Weges während die beiden BH»oiten, die ihn überfallen hatten, sich schon anschickten, ihn zu berauben. Obwohl ohne Waffen, eilte ich .sogleich Boguslav zu Hilfe. In meiner Hast stolperte ich über ein Felsstück und fiel zu Boden. Ich wollte mich wieder aufraffen, aber da hatte mich schon einer der Banditen erreicht; er warf mir eine Schlinge um den Hals und noch eh' ich Widerstand leisten ckonnte, war ich gefesselt. Das war alles das Werk eines Allgenblicks. Der andere 'Räuber knin jetzt auch herbei; er wollte mir mit seinem furchtbaren Knüttel, an dem ^noch das Blut meines armen Bruders klebte, ebenfalls den Schädel zertrümmern und «rhob schoil seine Waffe, aber der Andere fiel ihm in den Arm. Es entstand zwischen sden beiden Räubern ein Streit. Ich schloß die Augen, denn ich hatte mich bereits in mein Schicksal ergeben, als ich sie wieder aufschlug, waren die beiden Schurken plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Wahrscheinlich haben sich Leute auf der nahen Landstraße gezeigt und die Räuber sind dadurch vertrieben worden. Das vermuthe ich auch, entgegnete Baron Bloomhaus. Der Bandit hatte mir mit seinem Strick den Hals so fest zugeschnürt, daß ich bald die Besinnung verlor. Ach und zu welchem Leben sollte ich erwachen, um ewig den Verlust meines theuren Bruders bejammern zu müssen! Er ist Ihnen wenigstens nicht völlig verloren, suchte der Arzt zu trösten. Um ein Schicksol zu haben, das zehnmal elender als der Tod. ' Er wird sich seines unglücklichen Zustandes niemals bewußt werden und das muß Sie über das fernere Schicksal Ihres Bruders ein wenig beruhigen. 12 Dur Nüsse schüttelte düster den Kopf. Ich hab' auf der TZelt Niemand gehabt alZ meinen Bruder. Es ist für mich ein unersetzlicher Verlust und seiner Bewegung nicht länger Herr, brach er in krampfhaftes Schluchzen aus. Sie bedürfen der Ruhe, Herr Baron, ermähnte der Arzt. Ich bitte Sie dringend, sich znnickzuziehen und mir die weitere Sorge um Ihren Bruder zu überlassen. Nein, das kann ich nicht, erklärte Baron Bloomhaus mit großer Festigkeit. Ich werde nicht von seiner Seite weichen und sollte ich ebenfalls zu Grunde gehen. Sie nützen dein Verwundeten nichts und schaden sich nur und als Arzt muß ich ganz bestimmt darauf dringen, daß Sie meinen Anordnungen folgen, denn Sie sind nun einmal mein Patient, den mir ein wunderliches Schicksal zugeführt hat. Ich werde nicht einen Augenblick Ruhe haben, wenn Sie mich von meinem Bruder trennen, sagte der Baron, und seine Augen wanderten dabei voll Besorgniß zu dem Schmerzenslager des Verwundeten. Seien Sie um das Schicksal Ihres Bruders ganz unbekümmert, cntgegnete der Arzt. Er ist in meinen Händen gut aufgehoben; ich werde alles anordnen, daß er die sorgfältigste Pflege erhält, und ich kann mich besonders auf Marietta verlassen. Aber Sie müssen sich nothwendig zur Ruhe begeben oder ich stehe für nichts. Sie sind weit angegriffener, als Sie eS selber glauben — und halb mit Gewalt drängte der lebhafte Franzose den Baron zur Thür hinaus. Doktor Bernard fühlte, daß er seine Pflicht völlig gethan habe und ein wenig der Erholung bedürfe. Die furchtbare Verletzung des jungen Russen war von ihm mit der größten Sorgfalt behandelt worden und eine Gefahr über das Leben des Aermsten nicht mehr vorhanden. Doktor Bernard mußte sich selber sagen, daß in minder geschickten Händen der Unglückliche völlig verloren gewesen wäre. Mochte man auch sein künftiges Dasein nur noch ein Vcgetiren nennen — der ihn so zärtlich liebende Bruder hatte wenigstens den freilich -vielleicht sehr kümmerlichen Trost, ihn noch unter den Lebenden zu wissen. Der Arzt empfahl dem Mädchen die weitere Obsorge für den Verwundeten, die bereitwilligst versprach, über den Kranken ängstlich weiter zu wachen und Doktor Bernard ging jetzt erleichterten Herzens, mit ,der-Befriedigung, seine Pflicht in ausreichender LPeife^ gethan en baden, jy den Salon zurück. Er wurde von den dort anwesenden Fremden und besonders von den beiden Künstlern mit Ungeduld erwartet. Man wollte nun alles Nähere über den schrecklichen Fall erfahren. (Fortsetzung folgt.) Hochschlotz Pähl. Von I. Wimmer. Für die Bodengestaltung oer Gegend zwischen dem Wärm- und Alomiersee läßt sich kaum eme treffendere Bezeichnung erfinden, als diejenige, welche F. Walther in seiner Geographie von Bayern (S. 110) gebraucht: „Unausgeführte Studien der Natur." Davon habe ich mich jüngst wieder auf einer dreistündigen, jenes Gebiet quer durchschneidenden Wanderung von Tutzing über Kerschlach nach Pähl überzeugt. Man bekommt in der That den Eindruck, als hätte der .Künstler, welcher hier die Erdrinde nwdcllirte — nämlich das Wasser — gleichsam unvollendete Skizzen hinterlassen, und als wäre er gleichsam von seiner halbfertigen Arbeit abgerufen worden. Während nämlich das niederbayerische Hügelland mit den fast parallelen Reihen seiner langgestreckten Nordostlinien einen sozusagen einheitlichen Styl ausweist, vermißt man hier bei der oberbayerischen Hügelzone jeden architektonischen Grundplan; es ist ein regelloses Gewirrs plastischer Formen: bald wellenförmige Wölbungen, bald breit hingelagcrte Kappen; hier allerlei Vertiefungen und Gesenke, dort sonderbar gebogene Faltungen und Thaleinschnitte. Nicht minder manchsaltig, ja, voll der grellsten Kontraste erscheint auch das vegetative Gewand dieser Erdstelle. Wir kommen oft durch öde Sumpfgründe, über haideartige Stellen und sogar an Torflagern vorüber, wo die Stichfläche fettigschwarz erglänzt, die ausgegrabenen Stücke in kleinen Rechtecken aufgeschichtet liegen und klare kaffeebraune Wasseradern dahcrricscln. An anderen Punkten aber hat die Natur eine Fülle von Gewächsen angebracht, den überraschendsten Reich- 13 thum eurer wilden Flora, deren Bestände nur äußerst selten von den Halmen eines Geireideackers oder von einer anderweitigen Kulturpflanzung unterbrochen werden. Der hellgrüne Sammt des Wiesengrundes. dient gleichsam zur Uutcrmälung des Bildes; auf ihm erheben sich in den verschiedensten Gruppiruugcn laubige Gebüsche, lichre Buchen- und Birkenhaine und endlich der schwarze Tanmm- forst, a»S dein uns auch einmal ein kleiner See anblickt wie das plötzlich aufgeschlagene dunkle Auge der Landschaft. So erreicht man nach einer einsamen Wanderung den südwestlichen Rand dieses Hügellandes; auf einer ins breite Amperthal vorgeschobenen Kuppe steht das Hochschlost Pähl. Diese Lage bedingt eine herrliche Nundsicht. Im Süden zieht die Alpenwand; au der Rieseusäule der Zugspitze bricht sich,das Wellengewimmcl der Algauerberge. Die vorgelagerten Alpenketten bis zu der isolinen brcitgezogenen Drciecklinic des PeißenbcrgeS präsentiern sich deutlich wie auf einer Reliefkarte. Dann kommt die von schwachen Hügelrändern gesäumte Ampcrebeuc, eine saftgrüne Tafel, von Feuchtigkeit durchtränkt. Mitten darin liegen die Häujermassen und der dicke Kuppelthnrm von Wcilheim, ckm grauen Mittagsdnst schattenhaft sich abzeichnend; allenthalben stehen Bäume zerstreut in schwarzen Klumpen; eine vielgcwundene Bogenlinie von Buschwerk, den Laus des Flusses bezeichnend, zieht zum Ammersee, dieser bleigrauen Wasserfläche, die im Süden zu stuf Buchten ausgezackt und von melancholischen Wäldern umrahmt ist. ... An den Hinblick über das Land schließt sich der Rückblick in seine Vergangenheit. Es wäre ein Wunder, wenn die Römer, nachdem sie von dem Gebiete südlich der Donau Besitz genommen, mit ihrem militärischen Scharfblicke die Hochwarte von Pähl, eine natürliche Festung und ein natürliches Observatorium zugleich, übersehen und nicht als einen Zeitpunkt ihres Fortisikatiousststemes benutzt hätten.. Die Vermuthung der gelehrten Forscher, daß hier das römische (lasten Ilrnsa zu suchen sei, hat deßhalb die grüßte Wahrscheinlichkeit für sich. Von dem hohen Mauerwalle aus konnte der Lieutenant (lncnm tonons) der römischen Wache die vier Straßenliuien überblicken, die in Pähl wie in dem Knoten eines Netzes zusammenliefen; die eine nach Nordost mitten durch das Hügelland über Machtelfing gegen Starnberg; die zweite nach Nordivest -über FifckM an den Ammcrfce; eine dritte südwärts gegen Weicherm; die vierte gerade nach Westen über das sumpfige Ammerthal nach Raisting und Wcssobrunn zu.. So bekehrt uns die „Bavaria" (I. 642 f.) Aber von nicht geringer Verwunderung wird der landeskundige Leser ergriffen, wenn er in diesem Werke die weitere Notiz findet: Mach der Ortsgeschichte von Raisting soll oberhalb der südlichen Seile des Ammersees, die Ortschaften Raisting wie Pähl umfassend, in der Vorzeit eine große Stadt gestanden haben" — und wenn daran die Behauptung geknüpft wird, daß „diese Gegend in früherer Zeit weit trockener gelegen war." Auch die Römerstraße, wird weiter gefolgert, hätte kaum da hinüberführen können, wenn die Thalebene ein Moos gcivesen wäre wie heutzutage. Dieser sonderbaren historischen Kombination, bei welcher mit unsicheren Traditionen gerechnet wird, stellen wir die auf Beachtung des Thatbestandes gegründete Behauptung des Geographen gegenüber, dcrzufolge „der alte Ammersee sich südlich in dem weiten Thale von Wcilheim mächtig ausdehnte aufwärts über Posting bis an die Mösec an der Ach, in der Ebene von Hausen (südöstlich vom Peißenberg). lind dazu mag er eine Breite von 2 ','2 Stunden besessen haben in seiner größten Ausdehnung vom Bergrücken von Wcssobrunn über Monetshausen, ja vielleicht bis an den Würmsee bei Tutzing." (Wälther S. 105.) Einzelne Splitter dieses ehemaligen größten Ausdehnung vom Bergrücken von Wcssobrunn über Monetshausen, ja vielleicht bis an den Würmsee bei Tutzing." (Walther S. 105). Einzelne Splitter dieses ehemaligen großen Wasserspiegels liegen noch rings um den heutigen Ammcrfee verstreut, so hier im Süden der Wessobrunner- und der Tölbernsee bei Wcilheim. Es ist also der Ammersee, ebenso wie der Wärm- oder Köchclsce, feit vorhistorischer Zeit bedeutend eingeschrumpft, und er befindet sich in einem langsamen Abzehrungs Prozesse. Der Prozeß ist aber nothwcndigerweise ein kontinuirlicher und kann nicht durch wechselnde Stadien einer schwächeren oder stärkeren Versumpfung des ehemaligen Seegrundes unterbrochen werden, wie der Topograph der Bavaria annimmt. Und wenn er sich zur weiteren Begründung, feiner Ansicht auf einen „Spadrich" genannten Eichenwald beruft, der ehemals bei Raisting gestauden- und bei dessen Abholzung (1803—1810) man eine Masse von antiken eisernen Kriegsgeräthen gesunden, so erwidern wir darauf, daß jene Waldstelle ganz wohl eine Wölbung im einstigen Seegrunde gewesen sein kann, daß sie dann als Insel aus den mehr und mehr versickernden Flnthen hervortrat, einen Anfing von Eichen erhielt und durch die verschlungenen Wurzeln derselben zu festerer Kvitsisteuz gelangte, als der übrige Sumpfboden. Was aber die Waffenfunde betrifft, so braucht man aus den selben nicht auf eine Nömerstadt zu schließen. Die Nähe römischer Kastelle und Straßen reicht zu ihrer Erklärung vollkommen hin. Wahrscheinlich ist auch die Entstehung der erwähnten Volkssage anf derartige Ausgrabungen zurückzuführen. Die versunkene Stadt im Weilheimer Sumpf muß demnach als ein reines Phantasicstück bezeichnet werden, und über den damals ebenso oder noch mehr wie heute versumpften Ammergrund lief von Pähl aus gewiß nur die oben erwähnte Nömerstraße, die wegen des nassen Bodens oft gerade so schwer zu passiren sein mochte, wie noch gegenwärtig die weiter nordwärts von Pühl nach Messen führende Straße. Das Kastell Usura und die römische Ansiedlung, die sich wahrscheinlich gleich dem heutigen Dorfe Pähl am Fuße des Berges gebildet hatte, verschwanden, als im 5. Jahrhundert die aus dem Innern Asiens hccvorgcbrochcne Flnth der Völkerwanderung verheerend über Süddeutschland hinbrauste. Die Geschichte der ältesten bayerischen Orte weist von dieser Zeit an durchweg große Lücken auf, zum Beweise, wie vernichtend jene Katastrophe gewirkt haben nmß. So ist es auch in der Chronik von Pähl der Fall, welche der Pfarrer I. Brenner im „Oberbayerischen Archiv" (lX, 219 bis 253) mit großem Fleiße zusammengestellt hat. Erst vom 8. Jahrhunderte an finden wir Schloß und Torf wieder erwähnt. Das erstere wechselte dann vielfach seine Herren, bis es bei der im Jahre 1240 vorgenommenen Eintheilung Bayerns in Landgerichte, unter denen auch Pähl sich befand, zum Wohnsitze des fürstlichen Pflegers auserschen wurde, welchem Zwecke es bis in's 17. Jahrhundert gedient hat. Aus dem römischen Lagerorte, auf dem wohl ein freundlicher Wiedersehen! antiker Kultur liegen mochte, war eine finstere Zwingburg der grausamen mittelalterlichen Strasrechtspflege geworden. Neben dem Hochschloße stand ein viereckiger Thurm, worin adelige Verbrecher rasch und heimlich hingerichtet wurden. Am 28. März 1603 z. B. ward ein Stallmeister von München Namens Astor hier enthauptet; zehn Jahre später gar eine vornehme Dame: .,^nr>o 1613 menoe Leptambrio in arco ouperiori capito privat» est uobilis Domina, Disenraiebar cujus eaäavsr in coeinatorio nostro sopultus (!) äst" sagt ein altes Sterbe- register der Pfarrei Pähl. Das heutige Schloß steht übrigens nicht mehr auf dieser von blutigen Schemen umkreisten Stätte. Nachdem nämlich das Pfleggerichlsgcbäude mit den dazu gehörigen Grundstücken gegen Ende des 17. Jahrhunderts an das Kloster Andcchs gekommen war, ließen die Mönche das alte Schloß verfallen und führten nebenan ein neues Gebäude zu ökonomischen Zwecken auf. Dieses fiel bei der Säkularisation an den Staat und wurde endlich vor etiva 40 Jahren van dem bekannten Münchener Hosrath Hansstängl erworben, der es in dem gothffchen Stil restauriren ließ, wie es hente dasteht. Seit dieser Zeit hatte sich in dem trefflichen Gasthause unten im Dorfe eine Kolonie von Münchener Malern angesiedelt, und auch der seinsinnige Naturforscher G. H. von Schubert pflegte Jahrzehnte lang seine Svmmerserien hier zuzubringen — geiviß ein Beweis, das; Pühl reich sein muß an landschaftlichen Reizen. Sie liegen hauptsächlich in dem oben geschilderten, sormenreichen Panorama des Ainpergebietcs mit seinen interessanten, vielfach wechselnden Beleuchtungen. Und wenn wir zum Schlüsse noch den Wassersall erwähnen, der in einer Schlucht des Schloßhügels über die 80' hohe Nagelfluhwand herabstürzt, so geschieht es, um auch dem Geschmacke derjenigen Naturfreunde Rechnung zu tragen, welche für solche lärmende Effeklstückchen der Natur eine ganz besondere, mir indeß nicht recht verständliche Vorliebe hegen. (Korr. v. u. s. D.) Vision. Von I. Mayer hofer. — Vorgetragen auf dem Festcommers der kath. Studentenvercine in München. Weit — weit dehnt sich der Raum. — Von der Donau bis zu der Alpen Saum Erblickest du duftiges Neubruchland Mit Senn' und Waid' und Gehöftestand Und wogende Saat mit goldene«! Halm, Frohblöckend Rind auf der Vorlands-Alm, Und über dem Allen frisch und rein Der Glast voni milden Frühlingsschein. Und drüber kam's mit Gewitternacht In derselben blutigen Ungarnschlacht 15 Von anno neunhundert und sieben — Wo das ganze bayerische Heer geblieben — Der Markgraf, der Bischof, der Ritter und Knecht, Dem Tode geweiht ein Heldengeschlecht. Der Degen troff, und es schien kein Stern — Aus Westen nur in weiter Fern Loht himmelhoch der Dörferbrand Und markt der Ungarn Zug durch's Land, Denn nimmer wehrt die Faust der Braven, Die auf blut'gem Grund der Urständ entgegen schlafen. Doch Einer noch regt sich, er athmet und sieh': Er hebt sich, und schwankt und sinkt aus's Kniet „Mein Gott! — Dein ist die Macht! „Ob rings Zerstörung und Tod und Nacht — „In furchtbaren Schmerzen, „Den Tod im Herzen — „Sei Dir mein Preis gebracht! „Ich diene Dir und eS dient Dir mein Haus, „Bis der Letzte des Stammes tritt zur Schwelle des Lebens hinaus. „Ich schau — wie ein Seher aus alttestamentlichcn Tagen „Die Zukunft — und im Munde verstummt mir das Klagen. „Ein Markgraf füllt — und ich sehe den Sohn, „Wie er trägt auf dem Haupte die Herzogskron'! — „ES dunkelt die Luft — es kommen die nordischen Kaiser! „Still mein Staunn! Steck' unverdrossen die Reiser — „Verzweige, verwurzle dich fest und fester mit deinem Volke, „Und die Sonne durchbricht die verfinsternde Wolke. „Huoh! schon seh' mein Geschlecht ich wieder zu Throne steigen! „'s ist Otto, mein Enkel, der eröffnet den Neigen. — „Wirr Wasfcngctös' und Jammern und Wimmern, „Und über Maximilians Haupt seh' ich den Knrhnt schimmern! „Was schau' ichs Es walzen die Donau heraus sich furchtbare Schaaren: „So kommen sie wieder, die Ungarn und die Avaren? „So recht mein Enkel! Du schmetterst sie nieder wie Blitz so schnell! „Gott mit dir, mein Max Emanuel! „Und noch kein Ende für mein Entzücken! „Ich sehe Max, meinen Enkel, den Stuhl an die Tafel der Könige rücken! „„Es setzt sich Ludwig daran, und eS klingt ein Singen und Sagen, „Paläste und Münster und Klöster ragen — „Die Nationen kommen und bestaunen verwundert „Das neuerblühte Medizeer-Jahrhundcrt. — „Ein Königswort steht in goldene Lettern gegraben: „Ich will Frieden mit meinem Volke haben. — «Fest-Jubel erschallt, millionenhaft, „Das Volk in der alten Liebe Kraft „Schaart eng sich um des Thrones Stufen: „Heil Ludwig dem Zweiten! hör' ich sie rufen. „Die alte Lieb' und die alte Treu — „Jahrhunderte alt und Jahrhunderte neu — „So blüht sie nirgend wie beim Volke der Bayern „Und seinem Fürstengesch lochte von Scheyernü 16 „Mein Gott! Dein ist die Macht! „Sb rings Zerstörung, Tod und Nacht, „In furchtbaren Schmerzen — „Den Tod im Herzen — „Sei dir mein Preis gebracht. „Ich diene dir, es dient dir mein Haus, „Bis der Letzte des Stammes geht zur Schwelle des Lebens hinaus! „Ich schau' — wie ein Seher aus alttestamenttichen Tagen „Die Zukunft — und im Munde verstummt mir das Klagen." So sprach Luitpold der Markgraf und Ahn Mit seinen Lippen, den zitternd bleichen —- Und sank, ein Todter, zu den andern Heldenleichen. K 3 ucl 63 mu 3 igiiui- quanism Lavan.*) (LIeloclia notissima.) K»n<1eamu8 jKttur, sifaouiom Uavari — Nogau voee ccmeiiumms, Oiein euim celebramus, Uastuui, ubsgus pori! Ubi aoganm ceruitur Lpeeimon mirorum: UeZnut in Uavario, Leptem nune por saecula, Oia,a etiepo Leliz'rorum! Vita Uavarorum est ! Lei!)'!is implioatu, Uiineipam eiomouti cura, kaznilikpio Kilo z>ara, Viuela guao sacrata! ! Vivab Uuckovieus rex, ^ j Uveuz llulco tbroni, i Vivaut ecaisanguiuoi, Uilias et ülü, > Lelsi, gratn, boui! ' Vivat ao Ilavaria, i 'lerra praoclicata, ! tguot -miocaitiwio ckoua, i llpt naturae praobeus bona, i Lopiose data! Vivnt eructita meng ! Itegnm Itavarorurn, 'loaijilum gaaa seientiis, ! ^.rtibus vt lidsrie ! Louclldit lleeorum! ! (Allbekannte Melodie.) Stimmr das Lied der Weihe an Rings im Land der Bayern, ' Laßt die Stimmen laut erschallen, Dieses Fest, ein Fest vor allen, Würdevoll zu feiern! Sagt. wo strahlte solch ein Glanz Jemals noch um Throne: Siebenhundert Jahre zieren Träger aus dem Hans der rchyren BayernS Herrscherkrone! Bon dem LooZ der Schyrcn ist Bayerns Loos untrennbar, Lanagewohnte Fnrstengüte — Tremrprobtes Volksgemüthe Fesseln sich unnennbar! Hoch für Ludwigs Majestät! Hoch jür^nll die Glieder Seines Stamms, der weitverzweiget In die fernsten Lande reichet, AllwnrtS hehr und bieder! Hoch das liebe Vayerland, Das gebenedeite! Seil en «chooß, den gabenrcichen, Schmücken Reize sonder Gleichen: Perlen ihm im Kleide! Hoch dem vieler tauchten Sinn', Der den Thron mmvobcn Und mit edler Schöpferkraft Tempel rings der Wissenschaft Und der Kunst erhoben! Fort, die Bayerns Glück und Ruhm Zu verkleinern suchen, Fort, wem immer fiel' es ein, Unserm König feind zu sein — Ihnen laßt uns fluchen! A. Pernwerth von Bärnstein. ») Aus den am 26. v. Wts. zu Würzbncg und am 21. v. Bits. dahier zu Ehren des Wiktels- bacher Jubiläums abgehaltenen, beiderseits außerordentlich stark besuchten 8. O.-Eommersen wurde dieser sL -xw Veranlassung von dem k. Bahninjpektoc Pernwerth von Bärnstem m lateinischer und deutscher Sprache verfaßte Feskgaudeamus und zwar jeweils in der latcinsichen Fassung abgesungen. I'ereont Lavarlao Uoxaa Studiosi, Ueronnt, gui Uvcloviei Uorsiton 8>nt inimici — Uotns ockloLÜ Für die^htedaktio» vcranuvortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerarischcn Jnstilns von Dr. M. Huliler.