zur „Äugslmrgcr post;c>ti Nr. 3. Samstag, 10. Juli 1880. steige dich zu jeder Frist Starker als dein Herzensjauimer! Sei nicht Amdos deinem Leid, Nein, sei deines Leides Hammer! Rnckert. Der' Nerv Davon. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Doktor Veruard war ein ganz Anderer am Krankenbett als im Salon. Dort zeigte er nichts als den hingebenden Eiser des'Arztes, der von der Wichtigkeit und Bedeutung seines Berufes vollkommen überzeugt ist. Hier kam der angenehme Gesellschafter, der liebenswürdige Plauderer ganz allein zur Geltung. In dem Munde des lebhaften, sogar geistreichen Franzosen gewann jetzt Alles einen anderen Anstrich. Die ruhigen Mittheilungen des jungen Nüssen erhielten eine romantische Färbung und Doktor Bernard wüßte besonders die schwärmerische Liebs des Baron Bloomhaus für seinen Bruder so rührend zu schildern, daß mehrere der im Salon anwesenden Daunen Thränen vergossen. Der junge Nüsse war plötzlich in dem Gasihofe zu Sorrent der Held des Tages, ohne daß er davon eine Ahnung hatte. Man fand sein Auftreten bewundernswürdig und die Damen bestürmten den Doktor mit einer Menge Fragen nach der Persönlichkeit des Barons. Ob er blond oder brünett, klein oder groß, hübsch oder häßlich sei? und der sonst so sprachgewandte Franzose hatte Mühe diesen Sturm von Fragen zu bestehen. Er gab mit liebenswürdiger Geduld über alles Auskunft und als dies dennoch nicht genügte, sagte er lächelnd: Wenn morgen ein junger hochgewachsener Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren, mit einem vornehm bloßen, nur ein wenig in's bronzefarbens schillernden Gesicht in den Salon tritt, so ist es mein Patient. Um das Signalement zu vervollständigen, setze ich noch hinzu, daß der Baron blond ist, wunderbar blaue schwärmerische Augen und einen kleinen allerliebsten Schnurrbart hat, in den allein sich nicht zu verlieben, für manche Dame ihre Schwierigkeit haben wird. Man mußte unwillkürlich lächeln, und wie dies in einem Salon, in einer von den verschiedensten Leuten belebten Gesellschaft immer geschieht, selbst dieser tragische Fall wurde allmälig leichter genommen und verlor seine düster unheimliche Färbung. Ueber den Fragen nach der Persönlichkeit des jungen Barons wurde vergessen, nach den Einzelheiten des räuberischen Ucberfalls weiter zu forschen. Anfangs freilich hatte das Verbrechen die Gemüther der Fremden furchtbar erregt und in Schrecken gesetzt; aber als Doktor Bernard versicherte, nach seiner Ueberzeugung sei die Schandthat nicht von eigentlichen Räubern, sondern von Gelegenheilsdieben ausgeführt, begann die Gesellschaft sich zu beruhigen. Es kann darüber kein Zweifel herrschen, fuhr der französische Arzt mit gewohnter 18 Lebhaftigkeit fort. Echte italienische Banditen hätten sich nicht damit begnügt, den jungen Russen zu binden, sie würden ihn einfach durch einen Dolchstich für immer beseitigt haben, denn diese im Handwerk ergrauten Leute haben die Ansicht, daß die Todten nichts mehr ausschwatzen und nicht mehr als Zeugen gegen sie auftreten. Auch den Bruder des BaronS haben diese Menschen nicht todten wollen, der Schlag mit dem Knüttel ist nur gleich zu heftig ausgefallen und aus allem dem entnehme ich, daß wir es hier mit Dilettanten im Nüuberfache zu thun haben, die nach ihrem ersten unglücklichen Auftreten ihre freie Kunst wieder aufgeben werden, weil sie selber fühlen, daß ihnen das rechte Talent dazu fehlt. Es ist also für unsere Gegend keine Gefahr vorhanden. Die besänftigenden Worte des Doktor Bernard verfehlten, besonders auf die Damen, nicht ihre beruhigende Wirkung. Es wurde dazu einstimmig beschlossen, fortan nur in größerer Gesellschaft seine Ausflüge zu machen und das Gespräch erhielt endlich wieder eine freiere und harmlosere Richtung, wenn es auch noch zuweilen auf den interessanten Russen zurücklenkte. Die Erwartung der weiblichen Gäste im Hotel zu Sorrent sollte aber nicht erfüllt werden. Weder am nächsten noch am folgenden Tage fand sich Baron Bloomhaus ini Salon ein. Er widmete all' seine Zeit und Aufmerksamkeit seinen: unglücklichen Bruder und verkehrte mit Niemandem weiter als mit Doktor Bernard. Man fand diese brüderliche Aufopferung bewunderungswürdig, trotzdem würden es die Damen ihm nicht verargt haben, wenn er nicht völlig in der Sorge für den Verwundeten aufgegangen wäre. Da sich der russische Baron nur allein der 'Pflege seines Brudes widmete und sich von der übrigen Gesellschaft ängstlich fern hielt, so erlosch allmälig das Interesse für den jungen Mann. In einem Hotel, in dem die Gäste beständig wechseln, erregt selbst das erschütterndste Ereigniß keine dauernde Theilnahme und dein Wirth lag ohnehin daran, die schlimme Geschichte so rasch wie möglich der Vergessenheit zu übergeben. Die Dienerschaft erhielt den strengsten Befehl, über den Naubanfall gegen die Ankömmlinge kein Wort zu verlieren, und da Baron Bloomhaus nicht einmal daran gedacht hatte, das Verbrechen bei der Behörde zur Anzeige zu bringen, so trat die ganze Angelegenheit schon nach wenigen Tagen in den Hintergrund. Der Kunst des Doktors Bernard gelang es wirklich, das Leben des jungen Russen zu retten, ja seine Genesung machte in kurzer Zeit außerordentliche Fortschritte. Dagegen bestätigte sich auch zum großen Schmerz des BaronS seine erste Aussage völlig, der Geist des armen Boguslav blieb umhüllt, das klare Bewußtsein des Unglücklichen kehrte nicht mehr zurück. Der Aermste konnte mit Mühe einige unzusammenhängend«: Worte lallen und aus seinem ganzen Wesen und Benehmen ging deutlich sein völliger Blödsinn hervor. Selbst für Doktor Bernard, der als Arzt an furchtbare Scenen gewöhnt war, hatte es etwas Ergreifendes, wenn der Baron sich dicht vor seinen Bruder hinstellte, ihm zärtlich ins Auge blickte und dann mit weicher, lhränenerstickter Stimme fragte: Boguslav, erkennst Du mich wirklich nicht? Erkennst Du Deinen lieben Gregor nicht mehr? und dieser nur ihn gleichgiltig anstarrte und mit stumpfem Lächeln seinen Blick erwiderte. Eines Tages hatte der Baron, wie so oft, wieder diese zärtliche Frage gestellt und dabei die Hand des Bruders ergriffen. Dieser schien heute lange nachzusinnen, plötzlich mußte irgend eine dunkle Vorstellung sein armes Hirn erschrecken, denn sein Gesicht verzerrte sich; er lallte ein Wort, das Doktor Bernard nicht verstand, stieß dann heftig die Hand seines Bruders zurück und suchte mit allen Zeichen des Entsetzens aus der Nähe seines Bruders zu kommen. Sie sehen, lieber Baron, daß all' Ihre zärtlichen Bemühungen vergeblich sind, ja ich fürchte, Sie regen den Aermsten nur unnütz auf, bemerkte der Arzt. Ihr Unglück^ licher Bruder ist aus seinem geistigen Schlaf durch nichts mehr zu retten. — 19 Das fürchte ich auch, sagte der Baron, der bei der plötzlich hervorbrechenden Wuth seines Bruders erschrocken einen Schritt zurückgetreten war, aber jetzt seine Fassung schon wiedergewonnen hatte. Ihr Bruder ist körperlich so weit hergestellt und meine Kunst ist damit zu Ende, fuhr Doktor Bcrnard fort. Das Beste wäre, ihn so bald wie möglich in eine Irren- Anstalt zu schaffen. Wird sein Geist wirklich nie wieder erwachen ? Wird sein Bewußtsein nie so weit hergestellt werden, das; er mich erkennt und sich auf die Vergangenheit besinnen kann? fragte Baron Bloomhaus tief ergriffen. Nie, entgegnete der Arzt mit großer Sicherheit. Warum sollte ich Sie täuschen und Ihnen Hoffnungen vorspiegeln, die nie in Erfüllung gehen. Der Geist des Aermsteu bleibt für immer umflort. — Hier ist alle Kunst vergebens. Der Unglückliche wird auf keinen Fall aus seinem dumpfen Zustande je wieder erwachen. Der Baron stieß einen schmerzlichen Seufzer aus und starrte düster vor sich hin, Armer Boguslav! murmelte er leise und suchte eine Thräne zu verbergen, die ihm unwillkürlich ins Auge getreten war. Ich kann Ihnen meine Bewunderung nicht vorenthalten, sagte Doktor Vernarb. Sie haben für Ihren Bruder eine Hingabe und Zärtlichkeit an den Tag gelegt, die mir bei Geschwistern selten vorgekommen ist; aber Sie müssen sich endlich zu trösten suchen. Sie sind ja noch jung und das Leben fordert seine Rechte. Das beste bleibt, wenn Sie so rasch wie möglich Ihren Bruder in einer Irrenanstalt unterbringen; so lange Sie ihn täglich vor Augen haben, kommen sie nicht zur Ruhe. Ich muß sonst fürchten, daß Ihr Gemüth unter diesem entsetzlichen Druck leidet. Wie leicht artet eine solch beständige Trauer in Schwermuth und zuletzt in Tiefsinn aus. Die Ermahnungen des Arztes schienen auf den Baroff nicht ganz ohne Eindruck zu bleiben. Sie meinen also wirklich, daß ich mich von meinem Bruder trennen soll? O Sie glauben nicht, lieber Doktor, wie schon dieser Gedanke mein. Innerstes packt und mir Entsetzen einflößt. Dennoch muß es sein, entgegnete Doktor Bernard sehr eifrig. Sie können Ihrem Bruder nichts mehr nützen; ihn täglich zu sehen und um sich zu haben, ist für Sie eine Qual ohne Ende. Seien Sie überzeugt, der Aermstc ist in einer Irrenanstalt am besten aufgehoben. Mir ist der Leiter einer solchen Heilstätte in Neapel bekannt. Ich will den Kranken dahin abliefern und er wird dort die nöthige Pflege und Ruhe haben. Ueberlassen Sie mir die Regelung der ganzen Angelegenheit. Nein, nein, ich werde Boguslav dorthin begleiten. Sie sollten sich diese letzte schmerzliche Aufregung ersparen. Unmöglich! Ich muß wenigstens wissen, in welche Hände er kommt, erklärte der Baron mit solcher Festigtet, daß Doktor Bernard keinen weiteren Widerspruch wagte. Schon am anderen Tage wurde die traurige Fahrt angetreten. Der Kranke verhielt sich wie immer still nnd völlig gleichgiltig gegen alle äußeren Vorgänge. — Mußte ihm doch das Essen halb gewaltsam beigebracht werden, denn er wußte nicht mehr, wann fein Magen neuer Nahrung bedurfte und würde gewiß verhungert sein. Die Irrenanstalt war bald erreicht; der Baron mußte sich überzeugen, daß sie für italienische Zustände leidlich eingerichtet war, er zahlte im Voraus auf ein Jahr die Pension und erhielt auf seine Bitte die Versicherung, daß seinem Bruder die sorgfältigste Pflege nicht fehlen werde. Es war noch ein ergreifender, unendlich schmerzlicher Augenblick, als Baron BloomhauS von feinem Bruder Abschied nahm. Er wollte den Unglücklichen zum letzten Mal umarmen; aber der Geistesschwache drückte sich scheu in eine Ecke und stieß ein so klägliches furchtbares Winseln aus, daß der Baron seine Absicht aufgeben mußte. Er warf nur noch einen unendlich liebevollen Blick auf den Bruder, dann eilte er hastig aus dem Zimmer, als fürchte er sonst von seinen schmerzlichen Empfindungen völlig überwältigt zu werden. Auch Doktor Bernard nahm jetzt Abschied, denn er ging wieder nach Sorrent zurück, während Bloomhaus sogleich und auf direktestem Wege in sein Vaterland zurückkehren wollte. Vergeblich hatte der Baron dem Arzt eine ansehnliche Summe als Entschädigung für seine großen Bemühungen angeboten, der Franzose wies sie mit Entschiedenheit zurück. Ich bin nach Italien nicht als Arzt gekommen, cntgegnete Doktor Vernarb mit feinem Lächeln. Lassen Sie mir das angenehme Bewußtsein, Ihnen einen kleinen Dienst erwiesen zu haben. Ich habe Sie sehr hoch schätzen gelernt, Herr Baron, und Ihre aufopfernde Bruderliebe werde ich bewundernd im Gedächtniß erhalten. Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und nun setzte Jeder seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fort. (Fortsetzung folgt.) Die Stätte, wo das Pontificat Petri seinen Ursprung nahm. Reminiscenzen und Reflexionen aus dem Orient von Carl Schnabl. Es war im Monate Juni vor zwei Jahren, als ich auf einer ausgedehnten syrisch- palästinischen Rundreise von den eisgckrönten Höhen und wettergesurchten Felsen des großen Hcrmons Herabstieg, um zu den Jordansquellen, welche dein hohen Hermon ihr Dasein verdanken, zu gelangen. Der Hermon, ein 7 bis 8 Stunden langer, mächtiger in nordöstlicher Richtung Palästinas gelegener Gebirksstock, bildete die Grenzmarke für die Heimath Israels. Die Naturerhabenheit und Schönheit dieses Bergriesen, der mit seinen höchsten Gipfeln (gegen zehntausend Fuß) in die Region des ewigen Schnee's reicht, drückt der Psalmist am schönsten und besten durch die Worte aus: „Tabor und Hermon jauchzen in Deinem Namen." Naiurhistorisch, sowohl in geologischer Beziehung als durch seine Flora und Fauna, ist er sehr merkwürdig. Der von einem reichen Sagenkreis umwobcne Berg ist aber auch historisch von hoher Bedeutung. Er gilt geradezu als palästinischcr Blocksberg, a^s dem die Heroen furchtbare Eide schworen; anderseits aber spielt er in der Götterlehre eine große Rolle als unnahbarer, heiliger Berg, die durch die Tempelüberreste für die Nachwelt eine archäologische Gestalt gewinnt. Drei Hochquellen des Jordans sind zu unterscheiden: die nördliche bei Hasbaya, der Hasbany genannt, die kleinste; die mittlere bei Banias und die südliche, die stärkste ist die Danquelle. Der Hasbany, der seinen Ursprung bei dem Städtchen Hasbany hat, kommt aus vulkanischem Gestein hervor und läuft durch das Teimthal, als Centralsitz des Drusenvolkes merkwürdig, um sich mit seinen Seitenquellen nach mehreren Stunden zu vereinen. Die südlichste ist die größte und stärkste bei Tell el Kadi, das ist Dan. Mit mächtigein Schwall entströmt sie hier der Westseite des Danhügels. Das Wasser nimmt seinen Ursprung im Krater eines erloschenen VulcanS, dessen Ränder sich noch erheben und es tritt mitten unter porösem Basalt aus mehreren Quellen hervor, nährt eine Menge Schildkröten und zwischen Lava und niederen Basaltbergen, zerrissenen Felsen und zerwühlten Thälern rauscht es dem Hulesee, dem ersten Becken, das der Jordan bildet, zu. Den Danhügel bedecken prächtige, immer grüne Eichen; die Jordansqnelle aber umschatten dichte Oleandergebüsche, welche eben in schönster Blüthe waren. Hier in unmittelbarer Nähe stand die alte Stadt Dan, die Nordgrcnze des israelitischen Reiches; daher der so oft vorkommende Ausdruck von Dan bis Bcerseba, um die nordsüdliche Längeausdehnung des gelobten Landes auszudrücken. Tell el Kadi, wie heute im Arabischen dieser Hügel heißt, ist identisch mit dem hebräischen Worte Dan; beides ist zu übersetzen mit „Richter". Bevor die Stadt von dep Daniten erobert wurde, hieß sie Lais und gehörte zu dem Gebiete von Sidon. Als sich später die nördlichen Stämme von Juda trennten und als Reich Israel dem theokratischen Staate Juda gegenüber- 21 standen, ward unter König Jeroboam ein goldenes Kalb zur Anbetung aufgerichtet. Des sterbenden Patriarchen Jacob's Prophezeiung sollte auch durch den Kälberdienst Dan's in Erfüllung gehen. Während wir noch einen Tag vorher auf den Bergeshöhcn milde und kühle Alpenluft athmeten, hatten wir jetzt auf dem Ritte von Dan bis Vanias subtropisches Klima zu ertragen. Der heutige Name Vanias entspricht dem antiken griechischen Paneas. Dort war ein dem Gotte Pan geweihtes Heiligthum in einer Höhle, daraus die zweitgrößte, aber die schönste und interessanteste Jordansquelle hervorströmt. Als Kaiser Augustus den König Herodes 734 ab urbu avml. in Syrien besuchte, lies; Herodes einen Prachttcmpel von hellweißem Gesteine daneben errichten und sein Sohn, der Tetrach Philippus von Trachonitis, baute Paneas an der Quelle des Jordans auf und legte ihm den Namen Cäsarea bei, das in der Folge zum Unterschiede von Cäsarea Stratonis oder Palästina am Meere, Cesarea Philippi genannt wurde. König Agrippa, der Jüngere, der vom Kaiser Claudius das Erbe seiner Familie und später auch die Tetrarchie des Philippus erhielt, vergrößerte die Stadt und hieß sie aus Schmeichelei zum Ueberflusse noch Neronias. Hier empfing Agrippa den Vespasian und bewirthete ihn mit seinem ganzen Heere. Der siegestrunkene Titus zwang nach der Einnahme Jerusalems eine Anzahl gefangener Juden im Amphitheater zu Paneas, sich in den Schauspielen unter einander oder im Kampfe mit wilden Thieren aufzureiben. Die Ueberreste der griechisch-römischen Stadt sind sehr ausgedehnt, aber mit wenig deutlich erkennbaren Gebäuden; es ist ein wirres Durcheinander am Nordende einer dreieckigen Terrasse, in einem Winkel des HermongebirgeS. Aeußcrst massive Werkstücke, steinerne Brücken, Säulenschäfte und feingearbcitete Capitale, drei Thürme mit fugengeränderten Quadern, den Kennzeichen hohen Alterthums, ragen noch empor als Zeichen ehemaliger Stärke. Das heutige Dorf Vanias besteht aus wenigen Häusern, (bewohnt von Muselmännern und einigen Christen) die meist innerhalb der ehemaligen Burgmauern stehen. Unter dem Schloßberge einer steilen Kalksteinfelswand mit Basaltgängen bricht aus der Panshöhle mit Ungestüm und Wucht die Jordansquclle hervor. Ueberall strömt köstliches Wasser in Hülle und Fülle und ruft eine außerordentlich üppige Vegetation hervor. Die Euphratspappel und babylonische Waide nebst zarten Tamarisken bilden die Hauptrepräsentanten der Pflanzenwelt, welche treu dem Jordan bleiben, von seiner Wiege bis zu seinem Grab im todten Meer. In der glatten Felswand zeigen sich noch mchrere muschelartig verzierte Votiv-Nischen; hier wurden Wcihegeschenke für den Gott Pan aufgehangen, und seine Statuen aufgestellt, wie auch in einer großen Nische das Standbild Augustus von seinem königlichen Diener Herodes gewidmet wurde. Die ziemlich verwitterten Steininschristen besagen, daß der Priester des Pan die Weihetaseln im Heiligthum seines Gottes und der Nymphen und zugleich zum Heile des Cäsars gesetzt habe. Oberhalb der Felsenwand ist ein liebes, stilles Plätzchen, da steht ein altes Gebäude und heißt Bar Dschiries-Moschee; es war in der christlichen Periode eine Georgskapelle. Der heilige Gcorgsritter erlegte den Drachen, Pan genannt, unten in der tosenden Höhle. Im vierten Jahrhundert war Danias schon ein Visthum unter dein Patriarchate von Antiochien. Im Zeitalter der Kreuzzüge wurde das Visthum vom Erzbisthume TyruS aus wieder restaurirt. Bald aber von Nur-ed-Din, dem Beherrscher Damasens, erobert, kam es nun niemehr in den Besitz der Christon. Der Gedanke^ und die Idee, hier eine katholische Missionsstation wieder zu eröffnen, stieß wohl auf manche Schwierigkeiten. Der Plan ist vom Patriarchate Jerusalems in neuester Zert wieder aufgenommen worden, doch müßte er von dem apostolischen Delegaten Syriens, unter dessen unmittelbarer Jurisdiction dieser Ort steht, realisirt werden. Das ganze alte Stadtgebiet wird von einer Akropolis beherrscht. In imposanter Höhe auf einem Vorberge des Härmons erheben sich weitläufige Festungsbauten, vielleicht die besterhaltencn in Syrien, Kalaa es Subeibe genannt, die besonders dadurch hoher archäologisches Interesse hervorrufen, weil daran die Baustyle der verschiedensten Jahs- 22 Hunderte zu verfolgen sind. Von den fugengeränderten phönizisch-hebräischen Grundlagen heben sich griechisch-römische Werkstücke ab, worauf aber genau die relativ modernen Bauschichtcn der Saracenen und Kreuzfahrer zu erkennen sind. Eine unvergleichliche Aussicht genießt man von diesen Burgruinen aus, sei es nun nach dem Jordanslauf zu oder zu den steilen Höhen des Härmons hinaus. Nicht mit Unrecht kann man diesen Theil des Landes Canaau die pnlüstinische Schweiz nennen. — Doch übernatürlicher Nimbus glänzt über diesen schönen Erdtheil. Schon die ältesten christlichen Berichte' erzählen, daß jene kranke Fran, welche durch bloße Berührung des Gewandes Christi geheilt wurde, aus Eäsarea Philippi war und zum Andenken dem Erlöser ein Standbild in ihrer Stadt fetzen ließ. Euscbius, der Vater der Kirchen- geschichte, sah noch auf einer Marmorsäule vor ihrem Hause die Erzfigur eines Mannes, der seine Hände einer Frau zuwendete, die mit vorgestreckten Armen vor ihm in die Kniee sank. Kaiser Julian der Apostat ließ die Statue entfernen und durch seine eigene ersetzen, welche jedoch der Blitz zertrümmerte. So weit berichtet der Kirchenhistoriker Sozomenus. Eäsarea Philippi war aber auch der nördlichste Punkt Canaans, den der göttliche Heiland betrat. Und hier an den Jordanquellen (Matthäus 16 und Marcus 13) fand statt jenes ewig denkwürdige Ercigniß, das wohl selber zur Quelle eines welthistorischen Stromes ward, da der Wclterlöser den Simon, Jonas Sohn, auf dessen Bekenntniß der Gottheit Jesu zum Felsen erhob, auf welchem er seine Kirche erbauen wollte. „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." Mit der Schlüsselgewalt wird ihm an dieser Stelle die oberste Jurisdiction auf Erden übertragen. Sollte nicht eine providcnticlle Bedeutung darin liegen, daß gerade an jenem Orte, wo der Heidencult des goldenen Kalbes aufgerichtet wurde und der vergötterte Eäsarismus blühte, die höchste Autorität unter der Sonne durch den Felsen Petri eingesetzt wurde?! Wenn auch Heidentempel, Götzenbilder und Cäsarstatuen längst in Staub und Schutt zerfallen sind und eine düstere Erinnerung zurückrufen, so sprudelt doch noch und ohne Aufhören die klare und frische JordanSquellc und bringt eine herrliche Pflanzenwelt hervor. Lamartine, der Mann der Februar-Nevolution, schrieb während seiner orientalischen Reise eine große Wahrheit in sein Tagebuch, vielleicht ohne es recht zu wollen: „Hierin Eäsarea Philippi war es, wo Christus mit drei Worten, ,,Vu es Petrus" (Du bist Petrus) den ewigen Stuhl seiner Kirche gegründet, dem die Aufklärung aller Jahrhunderte mit Millionen Worten nichts hinzu und nichts hinweg gethan hat." (V. Vaterl.l Der Glaube der Fremidfchaft. Wenn eines Menschen Seele Dn aewonncn, Und in sein Herz hast tief hineingeschaut, Und ihn befunden einen klaren Bronnen, In dessen reiner Fluth der Himmel blaut, — Laß Deine Zuversicht dann nichts Dir rauben, Und trage lieber der Enttäuschung Schmerz, Als daß Du grundlos ihm entziehst den Glauben, Kein größer Glück, als ein vertrauend Herz! Laß adlermulhig Deine Liebe schweifen, Bis dicht an die Unmöglichkeit hinan: Kannst Du des Freundes Thun nicht mehr begreifen, So fängt der Freundschaft frommer Glaube an. Felix Dahn- 23 Reinigung des Trinkwaffcrs. DaS Wasser, mit dem manche Städte und Plätze versehen sind, wird in warmem Wetter unrein und zum Trinken untauglich, wenn es nicht durch irgend ein künstliches Verfahren gereinigt wird. Wir wollen hier zu diesem Behufe einige Methoden angeben, die sich vorkommenden Falles als nützlich und zweckmäßig erweisen werden. In Indien trinken die Eingeborenen niemals Quellwasser, wenn sie Flußwasser haben können, welches aber stets mehr oder weniger unrein ist und deshalb auf eine eigenthümliche Weise von ihnen behandelt wird. Sie reiben nämlich die inneren Wände des irdenen unglasirten Gesäßes, worin sich unreines Wasser befindet, eine oder zwei Minuten lang mit den Samenkerncn der Str^otznos potatorum, welche zu der Pflanzenfamilie gehört, aus der das tödtliche Gift Strychnin bereitet wird, ein und lassen darin das Wasser setzen. In kurzer Zeit fallen alle Unreinlichkeiten zu Boden, das Wasser wird hell und ist allen Erfahrungen zufolge auch vollkommen gesund. In KriegSzeiten und auf Märschen führen die indischen Soldaten diese Samenkörner stets bei sich, um ihr Wasser damit reinigen zu können. Ein anderes Verfahren, dessen man sich in Indien bedient, um hartes Wasser weich und trinkbar zu machen, ist das Kochen desselben. Aus einem Berichte, welchen die Chemiker Graham, Miller und Hofmann über ihre Versuche mit dem Londoner Trink- wasser an die englische Regierung abgestattet, geht hervor, daß hartes Wasser, welches 13>/-, Gran kohlensauren Kalk in der Gallone (4 Liter) enthielt, durch Erhitzen bis zum Siedepunkt über 2 Proc. von seiner Härte verlor. Bei einem viertelstündigen Kochen verminderte sich dieselbe bis auf 2>/., Proc. Vor mehreren Jahren nahm Professor Clark zu Aberdcen in Schottland ein Patent zum Reinigen von hartem Wasser durch Zusatz von ein wenig frisch gebranntem Kalk. Dieses Verfahren ist besonders anwendbar, wo man das Wasser zu technischen Zwecken gebrauchen will. Wenn man Wasser durch aufeinanderfolgende Lagen von grobem Sand, Kies und Holzkohlen futriren läßt, so wird es rein und gesund. Das Material muß aber öfters erneuert werden, weil sich viele Unreinlichkeiten darin ansetzen. Der Alaun besitzt die wundervolle Eigenschaft, in sehr kurzer Zeit alle Unreinlichkeiten im Wasser niederzuschlagen. Darret fand, daß 7'/^ Gran gepulverter Alaun hinreichten, ein Quart 'des schmutzigsten Nilwassers in einer Stunde vollkommen hell und klar zu machen. Die Thätigkeit des Alauns ist hier eine rein chemische. Das Salz wird zersetzt, die Alaunerde niedergeschlagen und mit ihr eine unlösliche Verbindung von schwefelsaurem Kalk. Das letzte Verfahren zur Reinigung des Wassers besteht darin, daß man es durch Lagen von Sand, Kies und Eisenmagnet, stein, in kleine Stücke geschlagen, filtrirt. Dieser Eisenmagnet besitzt ganz ungewöhnliche Kräfte zum Reinigen des Wassers. (Fundgr.) M i s c e l l e n. Die ungeheure Zunahme und Verbreitung der „Nervosität" veranlaßte einen hervorragenden Arzt in New-Pork, Dr. G. M. Beard, zu einer sorgfältigen Beobachtung jener krankhaften Erscheinungen, die man unter dem Namen der „Nervosität" zusammenfaßt, und die Resultate, zu denen er gelangte, sind so merkwürdig, daß sie allseitige Beachtung verdiene». Als ein Hauptsymptom der Nervosität führt Dr. Beard die gesteigerte Empfindlichkeit der gegenwärtigen Generation gegen Kälte und Hitze an, besonders bei den geistig arbeitenden Klassen der Gesellschaft. Die gegenwärtige Generation ist um 10 Grad empfindlicher gegen Kälte geworden, als es ihre Vüter waren. Dazu kommt die gesteigerte Empfänglichkeit für aufregende und betäubende Mittel, wie Alkohol, Tabak und selbst Kaffee und Thee. Unsere Väter — bemerkt Dr. Beard — und auch unsere Mütter konnten starke Liqueure trinken und selbst stark Tabak rauchen, so viel sie wollten, ohne etwas von der Nervosität unserer Zeit merken zu lassen. Jetzt ist über ein sehr beträchtlicher Theil der Bevölkerung gar nicht im Stande, Tabak zu rauchen oder zu kauen. oder auch nur milde Weine, ferner Thee und Kaffee zu trusten. otzne die üblen 24 Folgen dessen zu spüren. Eines der auffallendsten Symptome unserer Civilisation findet Dr. Beard in dem frühzeitigen Verfall der Zähne. Dies rühre nicht blos von deni Genuß von allzuviel Süßigkeiten oder Säuren her, von Vernachlässigung des Reinigens oder von dem Gebrauch von Speisen, die nur wenig Kau-Arbeit erfordern. Die Ursachen des Verfalles der Zähne seien bei Weitem mehr subjektiv als objektiv und in der ganzen Konslituuon der „modernen civilisirteu" Menschen gelegen. Empfindlichkeit der Verdauung ist eine der bekanntesten und auffälligsten Wirkungen der Civilisation auf das Nervensystem. Auch die Augen bezeichnet Dr. Bcard als gute Barometer unserer nervösen Civilisation; die Zunahme von Augenschwäche, Kurzsichtigkeit und überhaupt von Störungen in den Funktionen der Augen sind hiefür sehr bezeichnende Thatsachen. Auch die offenbare Steigerung der Frauenkrankheiten schreibt er einer Hauptsache zu, neben der alle anderen untergeordnet sind — der Civilisation. In merkwürdigem Gegensatz zu allen diesen krankhaften Erscheinungen der Zeit steht aber die statistisch nachgewiesene Thatsache, daß fast in gleichem Schritt mit der Nervosität auch die Lebensdauer zugenommen hat. Ja, Dr. Beard behauptet sogar, Nervosität vertrage sich nicht blos mit einer langen Lebensdauer, sondern befördere dieselbe thatsächlich durch Bewahrung des Organismus vor dem Angriff akuter Fieberkrankhciten. Den Grund, warum die Nordamerikaner nervöser seien als andere Völker, findet Dr. Beard in der Trockenheit der Atmosphäre und in den starken Extremen von Hitze und Kälte auf dem nordamerikanischen Kontinent. (Ein fataler Irrthum.) Einst gab die Lucca in ihrem Hause in der Viktoriastraße in Berlin eine Soiroe. Da fragte einer der Gäste, eine hochgestellte Persönlichkeit' die liebenswürdige Wirthin: „Sagen Sie 'mal, gnädige Frau, wer ist denn der impertinent-blonde Mensch dort mit der polizeiwidrigen Visage, der so thut, als ob er hierzu Hause wäre?" — „Der impertinent-blonde Mensch mit der polizeiwidrigen Visage," erwiderte die Künstlerin mit maliliösem Lächeln, „ist auch hier zu Haus; denn wann's nix dagegen haben, Herr Graf, dann ist's halt mein Vater!" — Langes Gesicht! (Wahlrede.) „I moan holt mir zahlen jetzt viel weniger Steuer!" (Allgemeiner Beifall.) „I moan holt, mir.zohl'n gar ka Steuer mehr!" (Wüthender Beifall.) „I mor holt, mir haben lang gnua Steuer zohlt, jetzt soll d'Negierung a poar Jahr uns Steuer zohl'n!" (Nicht enden wollender Zuruf: „Bravo! Vivat! Der vcrsteht's.") „N. N. hat nun wieder ein vollständig sortirtes Lager von feinen Handschuhen, für Herren das Paar 1 fl., für Damen ohne Finger 48 kr. und für Damen mit Fingern 56 kr." Ankündigung eines Klempners. „Hier sind Maulkörbe zu haben für wüthende- Hundebcsitzer." — Ganz in der Ordnung. GoldLörner. Vor Jedem steht ein Bild, da?, was er werden soll; Sä lang' er das nicht ist, ist nicht sein Frieden voll. Die Häuslichkeit der Frau, besonders die Besorgung des Täglichen, muh dem verdeckten Triebwerk der Uhr gleichen, die Ordnung muh sich als anwesend in stiller Gleichheit zu erkennen geben' wie der Weiser schweigend die'Stunden und Minuten zeigt. Wenn du mit deinen Gefälligkeiten wartest, bis dich ein Freund anspricht, so erniedrigst du die Gefälligkeit zu einem Almosen und deinen Freund zum Bettler. Deutsche Lprüchwörtcr. Auf den Boden sehen, wie die Hexe vor dein Kirchenthor. Hast du den Brei dir selbst geblasen, bring den Napf keinem Vielfraß unter die Nasen. Sein tägliches Brod ist aus mim Backöse». O was würden wir sur Geist und Herz gewinnen, wenn wir, abstreifend den oberflächlichen, gleichgültigen Sinn, der uns in Allem nur Gleichgültiges und Alltägliches zeigt, durchdrungen und forschen würden, _vom Acnßcrn zum Jngcrn von der Gabe zum Geber. Für die Redaktion oerantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerarijchcn Jiislitns von Dr. M. Hutthu--