zur „Äugslmrger postsiiümg." Nr. 4 Mittwoch, 14. Juli 1880 . Da es der Charakter unserer Landsleute ist, das Gute ohne viel Prunk zu thun und zu leisten, so denken sie selten daran, das; es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und Anmuth zu thun und verfallen vielmehr, von einem Geist des Widerspruchs aelrielien, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches Wesen ihre liebste Tugend im Cvnlraste darzustellen. Goethe. Hetzen bis in öen Hoö! Zur hohen Mittelsbuchrr Jubrlüums-Destseler in drei Bildern aus alten Zeiten der Jugend neu nacherzählt von Jgn. Schuster, Pfarrer und Distrikts-Schulinspektor in Loppenhausen. (Z,IM Lorlmgc sür mihrrrr Schüler.) II. l. Schon in der grauen Vorzeit Tagen blühte In Bayern ein Geschlecht, der Tilgend Preis. Mit Hohem Heldenmuth, mit Herzensgute War es im Land das schönste Edelreis. Und als durch Pfalzgraf Otto's Nuhmespfade Des Himmels Thau darauf gefallen war In Kaiser Barbarossas Lieb' und Gnade, Da wuchs das edle Reis gar wunderbar. Da ward es bald zu dem gewalt'gen Baume, Der hoch nun ragt im reichen Blätterkranz, Der seine Wipfel wiegt im weiten Raume, Umstrahlt vom hellen, hehren Sonnenglanz. » In seinem Schatten wohnt in stillem Frieden Ein gutes Volk, das fröhlich und beglückt. In jeder Lage, die es trifft hiniedeir Vertrauensvoll zu seinem Fürsten blickt. Fest steht der Baum — und möcht' es noch so stürmen Mit Wetters Ungestüm und wilder Wuth, Gefahren dräuend sich entgegenthürmen: Der Baum blieb fest mit ungebroch'nem Muth. Denn seine Wurzeln senkt er stets auf's Neue Tief in den Boden unzerreißbar ein. Und diese Wurzeln sind des „Volkes Treue", Liefest steht, wenn auch flieht des Truges Schein. Zu diesem Baume laßt uns heute schauen Mit seinem Stamm und seinem, Blätterdach Mit seinen Wurzeln in den heim'schen Gauen Zum hocherhabenen „Haus Wittelsbach!" Llrko. So ist'S! Die auch die Zeitenstürme brausten . Auf Land und Fürsten, mächtig ungezählt; Wie immer auch die Donner niedersausten: „Di eWu rz el h a t d ein B num e n i e gefehl t!" Wie war es damals, als ein schwer'Verhängnis Uns einst in die Tyrolerberge rief? Groß war gar bald die Noth und die Bedrängnis;, Manch' Bayer bald den ew'gen Schlummer schlief. Jedweder Berg mit seinen jähen Gründen Er ward zur starken Beste allsersch'n. Von wo der Tod mit tausend Feuerschlünden Sein sich'res Opfer konnte schnell erspäh'n. Auch Dir hätt' damals wohl von Deinen Tagen Den letzten bald des Schicksals Lauf gebracht. Hätt' nicht ein treues Herz sür Dich geschlagen. Für Dich, o Max Emanuel, gewacht! Denn als sie ritten, wo des Junes Fluthen rauschen. Die Martinswand aufraget hoch und hehr, Sprach Arko: „Laßt uns. Fürst, ,die Pferde tauschen! Von trüber Ahnung ist mein Herz heut schwer." „Gewährt es mir bei diesem Unglücksritte — O laßt nicht angehört mich heute fleh'n!" Den Churfürst wundert erst die heiße Bitte, Doch endlich läßt er diesen Tausch gescheht». Kaum ritten sie — die Bahn war wenig offen — Da juckt vom Berg ein Blitz — ein Schuß verhallt — Graf Arko sinkt, vom Todesblei getroffen, Von jener Kugel, die dem Fürsten galt. 26 Ein einfach Denkmal zeigt in weiter Ferne, Wo er sein Leben einst dem Fürsten bot: Doch unauslöschlich strahlt gleich einem Sterne Die That, die mahnt: „Getreu bis in den Tod!" 111 . Sendling. Fürwahr ein hehres Bild! Es wird stets dauern. So lange Bayerns Name wird genannt. Doch sag', was thaten anders jene Bauern, Die bluteten für Fürst und Vaterland? Es waren schlimme Zeiten angebrochen — Der Feind stand im besiegten, armen Land Mit übermüth'gem Hohn und stolzem Pochen — Sein Churfürst war geächtet und verbannt. Sogar die Kinder wollte man noch holen — Das war dem treuen Volk zu viel. Da loderte wie Brand aus glüh'nden Kohlen, Sein Heller Zorn und trieb zum Kampfgewühl. Die Mannen steigen von den Bergen nieder, Von Tölz, von Kochel, von der Jächenau. Das Land, die Hauptstadt zu besreien wieder, So geht's gen München in die Jsarau. lind dort, wo Hügelreihen Sendling kränzen, Dort kämpfen sie mit Grimm und Löwenmut!) — Wo bald auf's Neu des Bildes Farben glänzen, Da fließt der treuen Alpensöhne Blut. Doch war den Tapfern auch kein Sieg beschieden, Den Rittern ohne Furcht im Loden schlicht, Erkämpften sie auch nicht dein Land den Frieden: Vergebens war ihr Todesopfer nicht! Denn als ein hohes Lied der Volkestreue Fürs Vaterland und seinen Fürstenhort; AIS Ruhmesthat der höchsten Todesweihe: So lebt's unsterblich . durch die Zeiten fort! IV. Der Obelisk. Laßt noch ein Bild mich reihen — würd' ich schweigen So würde traun für das, was ewig lebt. Der Obelisk in München redend zeugen, Der hoch die schlanke Säule aufwärts hebt. Viel Bayern zogen einst in langen Zügen G'en Ziußland auf des Königes Geheiß. Wo blieben sie? Ach, längst die Meisten liegen Im Todesschlaf erstarrt in Schnee und Eis. Das vielgestalt'ge Elend, das sie litten, Entbehrung tausendfach und Noth und Pein, Und wie sie vor dem Feinde tapfer stritten. All' dies grub längst ichon Klios Griffel ein. Doch ob sie auch am fremden Sisgeswagen Zu zieh'n von dem Geschicke eingespannt, Verurtheilt fremde Schlachten nur zu schlagen: So starben doch auch sie sür's Vaterland. Sie hielten muthig aus auf blutgetränktem Plane, In blut'gen Schlachten, aller Noth. Getreu dem Könige, getreu der Fahne, Getreu im Leben, treu bis in den Tod! V. Was ihr von fester Treue früherer Zeiten Erzähltet, präget tief den Herzen ein. Was auch der Zukunft Loose uns bereiten, Sie soll uns stets ei» leuchtend Vorbild sein! Als Pfalzgraf Otto jene Klause stürmte. Des Hauses Wittelsbach erlauchter Ahn, Und inederwarf, was sich entgsgenthürmts Des großen Barbarossa Ruhmesbahn: Belohnte er mit Bayerns Herzogthume Haus Wittelsbach, des Ruhm schon längst erklang. Seitdem herrscht es zu Bayerns Heil und Ruhme Schon mehr als siebenhundert Jahre lang. So war es Treue, die nach Gottes Walten Ihm Bayern brachte, Treue goldesgleich. Dieselbe Treue wird es ihm erhalten Die Treue gegen Kaiser und das Reich. Das walte Gott! Du aber gib den Segen: Bon welchem jede gute Gabe kommt. Gib unserm Fürstenhaus auf allen Wegen Was immer seinem Heil am besten frommt. Erhalts zwischen Fürst und Volk hinieden Der Eintracht und der Liebe schönes Band. Schenk Wohlfahrt und den ungetrübten Frieden Dem heißgeliebten, theuren Vaterland. Auf daß wie jetzt von treuen Lnndessöbnen Stach hundert Jahren wieder taufendsach Die Festssjubelrufe laut ertönen: „Mit Bayern hoch für immer Wittels-- bach!" Der Aerr Baron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) II. In den höheren Gesellschaftskreisen von Florenz machte die rasche Heirath der Fürstin Gravelli mit dem Baron Bloomhaus nicht geringes Aufsehen. Obwohl die Fürstin nicht mehr jung war, galt sie noch immer für eine schöne Frau. Ihre volle, üppige Gestalt hätte das Entzücken jedes niederländischen Malers abgegeben, wenn auch ihr Antlitz bereits verrieth, daß sie die für eine Frau und besonders für eine Italienerin gefährliche Mittagslinie der Dreißig überschritten. . Die Fürstin war über Mittelgröße, ihre volle Formen ragten schon ein wenig über 27 das schöne Maß hinaus; aber sie wußte sich stets so geschickt zu kleiden, daß dieser Überschuß, mit dem sie die Natur versehen, nicht geradezu störend hervortrat. Auf Geist konnte die Fürstim nicht großen Anspruch machen; sie war sogar ein wenig beschränkt, aber dafür besaß sie eine große Gutmüthigkeit und ihr liebenswürdiges Benehmen machte überall den besten Eindruck. Obgleich sie zur Wohlbeleibtheit neigte, war sie in all' ihren Bewegungen rasch und lebhaft, ein leidenschaftlicher Zug ging sogar durch ihr ganzes Wesen; sie konnte leicht aufflammen, war jedoch ebenso schnell wieder besänftigt. Wohl war die schöne reiche Wittwe von zahlreichen Bewerbern umschwärmt worden, aber seit dem Tode ihres ersten Gatten waren schon acht Jahre verstrichen und noch immer hatte die Fürstin gezögert, sich ein neues Eheglück zu gründen. Da war plötzlich Baron Bloomhaus in Florenz aufgetaucht und der schöne, stattliche Mann hatte im Sturm das Herz der Fürstin erobert. Der Baron ragte über Mittelgröße hinaus, war stark und kräftig gebaut und auf den breiten Schultern saß ein etwas blasses, regelmäßiges Gesicht. Die blauen Augen konnten so wunderbar träumerisch blicken, dabei besaß der Baron so einschmeichelnde feine Manieren, daß er sich alle Herzen, besonders die der Damen, rasch gewann. Dazu kam seine tiefe Schmermuth, die- ihn noch interessanter machte. Niemand wußte, warum er gar so düster aussah, man hörte nur davon, daß er den Verlust eines ihm sehr theuren Menschen tief betrauere und daß er sich vergeblich zu zerstreuen suche. In einer großen Gesellschaft hatte Baron Bloomhaus die Fürstin Gravelli kennen gelernt und acht Tage spater wurde die vornehme Welt von Florenz schon durch die Nachricht von der Verlobung der Beiden überrascht. Man hatte kaum erwartet, daß die Fürstin noch einmal so leidenschaftlich erglühen würde; sie war von der Persönlichkeit des Barons ganz bezaubert, der es aber auch verstand, das Herz der schönen Frau in Flammen zu setzen. Trotzdem Baron Bloomhaus mehrere Jahre jünger war, legte er für die Fürstin eine wahrhaft glühende Schwärmerei an den Tag und so erwachte auch in ihrer Brust ein beinah verzehrendes Feuer. Sie war stolz und glücklich über ihre Eroberung und allen Abmahnungen ihrer Freunde zum Trotz, reichte sie nach wenig Wochen dem Baron Bloomhaus ihre Hand am Altar. War sie es doch allein gewesen, die den schönen jungen Mann von seiner Schwcrmuth zu heilen vermocht hatte. Eigenthümlich genug, hatte Baron Bloomhaus seit seinem Eintreffen in Florenz den Russen völlig abgestreift und sich als Deutscher ausgegeben. Es war nach dem französischen Kriege, die Italiener waren noch voll Begeisterung für die deutschen Heldenthaten und vielleicht suchte der Baron deshalb seine deutsche Abstammung in den Vordergrund zu stellen, um sich interessanter zu machen, ja er legte sogar eine entschiedene Abneigung gegen seine russischen Landsleute an den Tag und vermied sorgfältig jede nähere Berührung mit ihnen. Die Fürstin hatte früher mit einer vornehmen russischen Familie, die seit Jahren in Florenz lebte, im Verkehr gestanden, sie mußte jetzt denselben, auf den lebhaften Wunsch ihres Gatten abbrechen. Aber bist Du nicht selbst ein Russe? fragte sie verwundert. Graf Pawlow hat mir doch gesagt, daß die deutschen Ostsecprovinzen zu Rußland gehören? Das feine, blasse Antlitz des Barons färbte sich ein wenig dunkler und er cnt- gegnete mit einer gewissen Reizbarkeit: Leider hat der Mann Recht. Aber der deutsche Adel in den Ostsceprovinzcn ist im Grunde seines Herzens deutsch geblieben und wie wir von den Moskowitern am gründlichsten gehaßt werden, so suchen wir diesen Haß redlich zu erwidern. Zwischen dem alten, deutschen Adel, dem ich anzugehören die Ehre habe, und den Russen liegen Abgründe, die nie ausgefüllt werden und ich besonders habe eine entschiedene Abneigung gegen alles Russische und deshalb mag ich Deinen russischen Hrafen^nicht mehr sehen. Die Fürstin war viel zu glücklich im Besitze ihres jungen Gatten, um nicht bereitwilligst seinen leisesten Wunsch zu erfüllen, und den Verkehr mit ihren alten russischen Freunden aufzugeben» Er hätte noch ganz andere Opfer von ihr fordern können und sie würde sie mit der grenzenlosen Hingebung eines liebenden Weibes gebracht haben. Bald nach seiner Verheirathung erfaßte den Baron eine unwiderstehliche Wanderlust, es litt ihn nicht länger in Florenz, er mußte fort, und wie schwer es auch der Fürstin fiel, sich von ihrer schönen Vaterstadt zu trennen, sie gab doch willig ihre Heimath auf und folgte ihm in die Fremde. Die Reise ging zuerst in das südliche Frankreich, dann wurde in den Pyrenäen- Ländern Halt gemacht; aber auch dort litt es den Baron nicht lange und schon einige Wochen später befand sich das junge Ehepaar in Madrid. Wohl war dieses unruhige Neiseleben nicht nach dem Geschmacke der Fürstin, aber aus Liebe zu ihrem Gatten ertrug sie es, ohne das leiseste Murren. Sie hatte Florenz bis auf kleine Ausflüge nach Rom und Venedig vorher nie verlassen, und empfand eine wahrhaft krankhafte Sehnsucht nach ihrer Heimath, und doch verbarg sie dieselbe sorgfältig vor ihrem Manne. Wurde doch die Leidenschaft für ihn mit der Zeit nicht schwächer, sondern stärker. Ihre Freunde hatten zwar behauptet, daß die so rasch entstandene Flamme in ihren Herzen ebenso rasch erlöschen würde, aber das Gegentheil war der Fall. Sie empfand für ihn eine Gluth, die all' ihre Empfindungen, ihr ganzes Dasein beherrschte. Es war ihre Welt und sie brauchte nichts weiter als seinen Besitz. Ueberall, wohin das schöne Paar kam, erregte es Aufsehen. Man gewahrte wohl, das; die Fürstin nur Augen für ihren Gatten hatte und mit wahrer Schwärmerei an ihm hing; aber sie war ja noch immer eine schöne Frau und dort im Süden finden große Leidenschaften weit leichter ein Verständniß. Niemand lächelte über die jetzige Frau Baronin, die trotz ihrer dreiunddreißig Jahre kein Hehl daraus machte, daß sie noch das feurigste Herz im Busen trug. Jedes Wort, jeder Blick, ihr ganzes Benehmen verräth, wie glühend sie ihren Gatten liebte. Mit der ganzen Zwanglosigkeit der Südländerin zeigte sie immer und überall, daß sie nur in seiner Nähe glücklich war und jeder Athemzug ihm gehörte. Ob der Baron noch ihre Empfindungen theilte? — Er war äußerlich die Aufmerksamkeit selbst gegen seine Gattin und behandelte sie mit der größten Zartheit; aber wenn sie sich all zu stürmisch an seine Brust warf und immer wieder von ihm das Bekenntniß forderte, ob er sie ebenfalls so heiß und glühend liebe, wie sie ihn, — dann zeigte sich schon zuweilen eine leise Unmuthswolke auf seiner sonst so glatten Stirn und er hatte Mühe, mit der frühern Wärme zu betheuern, daß seine schwärmerische Liebe für seine Carlotta niemals ersterben werde. Wenn auch für die Fürstin dies beständige Neiseleben etwas sehr Unbequemes hatte, so war sie doch glücklich, daß sich ihr Mann gegen alle Welt kühl und sorgfältig abschloß, um ihr allein zu gehören. Auch in Madrid hielt es der Baron nicht lange aus; eine unerklärliche Unruhe schien ihn von Ort zu Ort zu treiben. Im Fluge wurde Andalusien durchschweift und plötzlich bekam er den Einfall, nach Paris zu gehen. Die Fürstin wäre am liebsten wieder in ihr theures, unvergeßliches Florenz zurückgekehrt, aber sie wagte nicht zu widersprechen, obwohl sie kaum eine Empfindung des Widerwillens gerade gegen dieses Reiseziel unterdrücken konnte. Die böse Ahnung beschlich ihr Herz, daß sie im Strudel der Weltstadt vielleicht doch nicht so ausschließlich für einander zu leben vermochten, wie dies bisher der Fall gewesen war. Auf seinen bisherigen Reisen hatte Baron Bloomhaus eine große Einfachheit an den Tag gelegt. Er trat zwar überall seinem Stande gemäß auf, aber er zeigte nicht die mindesten verschwenderischen Neigungen und die Fürstin war auch über diese Eigenschaft ihres Mannes entzückt. Sie hatte bereits eine Anwandlung von Geiz und die Sehnsucht, ihr ziemlich bedeutendes Vermögen noch ins unermeßliche zu vermehren. Hur schmerzlichen Enttäuschung seiner Gattin wurde der Baron rasch ein Anderer. Anfangs hatte er in der französischen Hauptstadt ebenfalls nur wenige Wochen bleiben wollen, er änderte jedoch bald seinen Sinn, miethete eine eigene Wohnung und richtete sie so glänzend ein, daß nicht zu zweifeln war, Bloomhaus werde hier endkch länger Die Fürstin war anfangs über seinen Entschluß erfreut, wenigstens wurde sie dadurch des ihr lästigen Wanderlebens überhoben, — doch schon nach kurzer Zeit zeigten sich die ersten Wolken an ihrem bisher so ungetrübten sonnigen Ehehimmel. Sie glaubte zu bemerken, daß ihr Gatte schon weniger zärtlich zu ihr war. Früher waren sie ganz unzertrennlich gewesen, sie hatte ihn überall hin begleiten müssen, jetzt suchte er schon allerlei Vorwände, um von seiner Gattin wenigstens auf einige Stunden loszukommen und wenn sie sich darüber beklagte, und in seinem Benehmen einen Mangel an Liebe sah, entgegnete er ruhig: Diese geistreichen Franzosen spotten schon über uns; sie nennen uns die Turteltauben und wir dürfen doch nicht zum Gelächter der ohnehin so kritischen Pariser werden! und ihre schwärmerische Antwort: Was haben wir nach der Welt zu fragen, wenn wir uns alles sind! suchte er mit einer leeren Redensart abzufertigen. Leider hatten die zärtlichen Bemühungen der Fürstin, ihren Mann wieder an sich zu fesseln, den entgegengesetzten Erfolg. Immer mehr entfernte sich der Baron von seiner Frau, immer toller stürzte er sich in den Strudel rauschender Vergnügungen, die in nur zu reicher Fülle die französische Hauptstadt bietet. Es kam zwischen den beiden Eheleuten zu sehr lebhaften Auftritten; bald überschüttete die leidenschaftliche Frau ihren Mann mit den heftigsten Vorwürfen, bald brach sie in einen Strom von Thränen aus und bat ihn auf ihren Knieen, zu ihr zurückzukehren, sie wieder so glühend und innig zu lieben, wie früher, wenn sie nicht wahnsinnig werden solle. Der Baron zeigte bei solchen Gelegenheiten eine so vornehme Kälte, die jede Andere, nur nicht diese heißblütige Frau, überzeugt hätte, daß in dem Herzen dieses Mannes schon der Rauch verflogen, daß sie ihm bereits gleichgiltig geworden sei. l Die Fürstin dagegen war zu stolz und zu verblendet, um an die Möglichkeit nur im Traum zu denken. Sie sah in dem Benehmen ihres Mannes nichts weiter als eine stürmische, zu weit getriebene Lebenslust und das Verlangen, der Welt zu beweisen, daß er eigentlich nicht unter dein Pantoffel stehe. Sie machte deshalb von Neuem Anläufe, ihren Gatten wieder an sich zu fesseln, aber alle ihre Bemühungen hatten keinen Erfolg. Er ging immer rücksichtsloser seines Weges und sie bekam ihn oft tagelang nicht zu sehen. Unter dem Vorivande, daß er nicht zur Zielscheibe des Spottes der Pariser werden wolle, hatte der Baron seine häuslichen Einrichtungen ganz nach modernem französischem Muster getroffen. Seine Zimmer waren völlig von denen seiner Gemahlin getrennt und so konnte er sich ganz zwanglos benehmen, wie es ihm nur beliebte. Wenn seine Gattin sich darüber beklagte, entgegnete er stets mit vornehmen Lächeln: daß er ihr ja dieselben Freiheiten gestatte, denn es gezieme sich nicht für Leute seines Standes ein spießbürgerliches Eheleben zu führen. Vergeblich waren die Bitten, die Beschwörungen, die bitteren Vorwürfe der Fürstin. Sie erinnerte ihn nur zu oft in ihrer leidenschaftlichen Weise, wie sie ihm Alles geopfert und nun auch fordern könne, von ihm ebenso glühend wieder geliebt zu werden, "wie sie ihn liebe; er hatte dafür nur ein vornehmes, überlegenes Lächeln. Bald war die Fürstin der Verzweiflung nahe, ihre heißen Gefüh'le wurden durch sein jetziges frostiges Benehmen nicht abgekühlt, im Gegentheil erwachte stürmischer als je in ihr das Verlangen, die Liede ihres Gatten wieder zu gewinnen und jene Tage zurückrufen, in denen sie in seinen: Besitz so unendlich glücklich gewesen war. Noch hatte sie keinen Argwohn einer etwaigen Untreue. Sie glaubte nur, daß in ihrem Manne plötzlich eine wilde Lebenslust erwacht sei, daß er sich einer Menge nobler Passionen hingäbe und schon zu ihr zurückkehren werde, wenn er sich ein wenig ausgetobt habe. Um ihrerseits den Rath ihres Gatten zu befolgen und sich in dem lustigen Paris auf eigne Hand zu vergnügen, dazu war die Fürstin zu bequem. Schon in Florenz hatte sie sich etwas zur Trägheit geneigt; das unruhige Wanderleben hatte vollends ihre Kräfte rasch erschöpft; sie brauchte die Erholung, wie sie sich selber sagte und sie konnte tagelang auf ihren: Ruhebette liegen, müßig zur Decke starren, oder aus Langeweile in einem leichten französischen Roman blättern und wenn sie des Lesens müde war — dann pflegte sie die schöne Vergangenheit zurückzurufen und von der Zukunft zu träumen, in der Gregor wieder schwärmerisch zu ihren Füßen ruhen würde. Aus Bequemlichkeit hatte die Fürstin in Paris keine Bekanntschaften angeknüpft und auch ihr Gatte brachte niemals Gäste ins Haus, er schien es vorzuziehen, seine Unterhaltung wo anders zu suchen, als in seinem eigenen Salon. Wie sehr sich auch die unglückliche Frau zu langweilen begann, sie fand nicht die Kraft, sich emporzureißen, um in der Gesellschaft diejenige Stellung einzunehmen, die ihr gebührte. Sie zog es vor, zu Hause das einsamste und traurigste Leben zu führen. (Fortsetzung folgt.) Hofnarren. Zur Zeit unserer Vorväter, ehe noch Erziehung und Gesittung hinreichende Fortschritte gemacht hatten, herrschte vorzüglich unter den vornehmen und gebildeten Classen die Sucht nach allerlei närrischen Possen und Zeitvertreiben, worüber mau sich indessen nicht so verwundern darf, da es ihnen oft an Quellen besserer und vernünftigerer Unterhaltung gebrach. So war es damals Sitte, Zwerge und Niesen, Narren und Possenreißer rc. zu halten. An den Höfen und in den Palästen der Großen durfte es an dergleichen armseligen Wichten nicht fehlen; ihre Aufgabe war, die hohen Herrschaften, in deren Diensten sie standen, durch allerlei lächerliche Streiche, witzige Einfälle, alberne Geberden und Bewegungen, ausfallende Kleidung rc. zu belustigen. Bisweilen hatten die Lustigmacher oder Hofnarren wirkliche Bestallung und bekleideten Hof- und Mililär- posten. In Frankreich führten sie auch den Titel Hofpocten, Tischrüthe, kurzweilige Räthe u. s. w-, und es lag ihnen die Pflicht ob, wenn es das Hofnmt erforderte, das Ceremonie! des Hofes zu reguliren. Addison und Home suchen den Ursprung derselben in dem Stolze, Shaftsbury in dem Despotismus der Großen, indeß erscheint die oben angegebene Ursache dafür weit natürlicher. Eine alte Flugschrift, betitelt: ,,FVitn LliLario", von: Jahre 1599, giebt uns einen Begriff von den Anforderungen, die man an einen solchen Possenmeister machte. „Der leibhaftige Scherz muß in dem Spaßmacher verkörpert sein; wo möglich sei er von stattlichem Wuchs, guten: Ansehen und prunkvoll gekleidet, in: Benehmen ein wahrer Affe, nur ja kein Mensch. Sein ganzes Streben sei auf beißende Scherze gerichtet, dabei befleißige er sich altmodigcr Geberden und singe lustige Lieder und Balladen. Steigt ihn: der Wein zu Kopfe, so verziehe er das Maul, lache unmäßig bei der geringsten Veranlassung, tanze im Hause umher, setze über Tische und Stühle, nehme die Leute beim Kopfe, stürze sie über den Haufen und verübe allerlei dumme und alberne Streiche. Sitzt er bei Tische, so schneide er Gesichter und necke seine Nachbarn; man nehme sich ja in Acht vor ihm, denn seine Gesellschaft bringt Kleider, Beutel und Credit in Gefahr." Uebrigens genossen die Witzmacher der Großen eine ziemliche Freiheit in ihren Späßen, wurden diese jedoch zu plump, so waren Peitschenhiebe ihr Lohn; in: Allgemeinen aber wurden sie trotz ihrer Keckheit mit großer Schonung behandelt. „Einige", sagt Flügel, „waren von grober Art, welche alles herausredeten, was ihnen einfiel, keinen Unterschied unter den Personen und Zeitei: machten, sich der gröbsten Possen, Unfläthereien und Zoten bedienten, und wenn auch manchmal ein witziger Einfall mit herauskam, so wurde er doch von hundert einfältigen und dummen verdrängt; Andere im Gegentheil waren witzige, sinnreiche Kopse, wie Bousquet und Angela in Frankreich, schlaue Hofleute von der feinsten Art. Sie näherten sich ,in ihren Reden und Handlungen niemals der Grobheit, sie befleißigten sich der Höflichkeit und des Wohlstandes in allen Sachen, waren roll lustiger Reden, artiger Erzählungen, kurzweiliger Gespräche, lächerlicher Sprichwörter, und ihr Umgang war so angenehm, daß man sie lieb haben mußte. Andere waren blos Tellerlecker, Schmarotzer und Schmeichler, die sich verspotten ließen, blos um ihren hungrigen Bauch zu füllen. Manche Fürsten haben auch einfältige Blödsinnige, melancholische Leute und Andere als Hofnarren gebraucht. Ja, die häßlichsten Zwerge rhachitische Ungeheuer, krumm und schief gewachsene Menschen sind als Hofnarren gebraucht worden." Tracht und Abzeichen der Hofnarren waren sehr abenteuerlich. Der Kopf war bescheren und mit einer Narrenkappe, Gugel, Kugel, Kogel oder Koggel benannt, und bisweilen einem Turbane ähnlich, geziert, welche später mit drei Eselsohren und dann und wann mit einem Hahnenkamm bereichert wurde. Den Hals umgab ein großer ausgezackter Kragen, die übrige Kleidung bestand in einer mit großen Knöpfen-versehenen bunten Jacke und engen Beinkleidern. Die Schuhe hatten lange Spitzen. Unter den Jnsignien, welche ein Narr führte, spielte der Narrenkolben (Marotte) eine Hauptrolle, und war ursprünglich wohl nichts anders, als der Blüthenstengel des Rohrkolbens (IFim), eines in Sümpfen sehr gemeinen Schilfgewächses. Er führte auch den Namen Narren-Scepter, wurde in der Folge von Leder gemacht und erhielt nach und nach die Form einer Herkules-Keule, oder eines Komus-Stabes mit einem Riemen, so daß ihn der Possenreißer an der Hand oder am Arm hängen lassen konnte. Dies war die Waffe, womit er andere neckte und sich vertheidigte. Schellen wurden vorzüglich in der letzten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts ein Abzeichen des Narrenstaates. Die Spitzen der Eselsohren an der Kappe, der Gürtel, die Schuh-Spitzen mußten Schellenträger abgeben, und, um das Geklingel zu vermehren, verdrängten sie sogar die Knöpfe und sigurirten außerdem an den Schienbeinen, Ellenbogen, am Gürtel u. s. w. Erasmus von Rotterdam meint, man habe den Narren deswegen eine so seltsame Tracht gegeben, damit sie von Niemand beleidigt würden, wenn sie etwas Närrisches sagten oder thäten, was einem unzurechnungsfähigen Menschen nicht ungestraft hingehen möchte; die Schellen wären mithin gleichsam eine Warnungsglocke. Die Sitte, Hofnarren zu halten,' war so allgemein, daß selbst ausgezeichnete, hochgelehrte Männer sich damit versahen. So findet man auf einem alten Kupferstiche, den berühmten Thomas Moore und seine Familie darstellend, auch einen Hofnarren abgebildet, gleichsam als unentbehrliches Familienglied. Dr. Lamprechter, Rath bei Carl V., pflegte zu sagen: „Ein jeder Fürst muß zween Narren haben, einen, den er vexirt, den andern, der ihn vexirt. Peter der Große unterhielt sehr viele Hofnarren, die in verschiedene Classen oder Rangabtheilungen geschieden waren, die eine Classe enthielt blödsinnige alberne Menschen, die aus Mitleid gefüttert wurden; eitzer zweiten waren Bediente einverleibt, die sich in der Verwaltung ihres Postens wirkliche Narrheiten haben zu Schulden kommen lassen; eine dritte begriff solche Subjekte, die sich, um einer verdienten Bestrafung zu entgehen, närrisch gestellt; eine vierte endlich bestand aus Menschen, die auf Reisen geschickt worden, aber als Ignoranten zurückgekehrt waren. Die Geschichte der Narren würde hinreichenden Stoff zu einem interessanten Werke darbieten. H, M. M i s e - l l e n. . (Gutes Recept für Bierbrauer.) Der Geschichtschreiber Buchanan stand m dem Rufe, ein Hexenmeister zu sein. Maggy, eine Ale-Brauerin (Ale ssprich ehlP d. ,. Bier aus Weizenmalz mit wenig Hopfenextract) in Schottland, bat ihn um Rath, wie sie es anfangen müsse, um ihre verlorenen Kunden wieder an sich zu ziehen — „So oft ihr brauet," sagte Buchanan, „so gehet dreimal um den Kessel herum, und bei jedem Gang schöpft einen Krug Wasser aus dem Kessel in des Teufels Namen; dann geht wieder dreimal um den Kessel, und bei jedem Gange werft eine Schaufel voll Malz hinein in Gottes Namen. Ferner habt ihr da ein Ämulet, das traget, so lange Ihr lebet, öffnet es aber nie." — Die abergläubische Frau befolgte diesen Rath, und die Kunden vermehrten sich auffallend. — Nach ihren: Tode öffneten die Erben das Amulet, es fand sich aber nichts darin, als folgende Zeilen: Will Maggy gutes Ale brau'n, Wird sie auch viele Kunden schau'n." (Böhmisch-deutsch.) Die Frau eines Präger Holzhändlers, der in Geschäften schon längere Zeit verreist war, erhielt Besuch von ihrer Nachbarin. „Wie befind' me sich? Wos machen Frau Gevatterrn so immer ganz allanig?" erkundigte sich diese bei der Ersteren. — „O, ganz nixnutzig bin i, seit mein Mann ist verreisen; olleweil denk ich noch, wos werden's mochen moriitsokileu (Männlein) meiniges liebes? Wann ich Rock seiniges, wos hängen thut af Rechen großes hinter Ofen, alle Tog' schau' on, sollt mir ein, dost wünschen möcht' ich mit Freud', worin hänget lieber Mariner! meiniges statt Rock seiniges duet." Bekanntmachung des Fürsten von Neuß-Schleiz-Greiz-Lobenstein-Ebcrsdorf. Ich befehle hiermit Folgendes ins Ordrcbuch und in die Special-Ordrcbüchcr zu bringen: „Seit 20 Jahren reite ich auf einem Princip herum, d. h. ich verlange, daß ein Jeglicher bei seinem Titel genannt wird. Das geschieht stets nicht. Ich will also hiermit ausnahmsweise eine Geldstrafe von 1 Thaler — — für Jeden festsetzen, der in meinem Dienste ist und einen andern, der in meinem Dienste ist, nicht bei seinem Titel oder Charge nennt. Heinrich 72. Schloß Ebersdorf, den 12. Oktober 1844. — In einem Steckbrief heißt es: „Der eine lcgitimirte sich durch einen englischen Paß, während der andere nur einen schwarzen Schnurrbart trug." — Der Chemnitzer Magistrat machte in einem Publikandum darauf aufmerksam, daß „Gänse ohne Herren auf dem Stadtanger spazieren gingen." — In einem Dörfchen ward ein Dieb ergriffen, der mit einem Lcinwandkittel bekleidet war. Der Dorfschulze sandte ihn durch Transport mittelst Bericht an das nächste Jnquisitoriat und adressirte den Brief: „An ein Königl. Jnguisitoriat. Beifolgend: ein Bösewicht in grauer Leinwand." In einer Zeitung wurde bekannt gemacht, daß eine Anzahl von Wachen in einigen Straßen aufgestellt werden sollte, um die im vergangenen Winter verübten Räubereien zu verhindern. — Fremdenbuch auf dem Brocken: „Ich reise nach dem Brocken Die Sonne zu erblocke», Doch das war eitel Fabel, Man sah nur graue Nabel." Ein Anderer setzte darunter: „Lern Du erst Deine Fiebel, Bis dahin halt den Schniebel. Spaß-Rebus. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarifchen Jnstitns von vr. M. Hnttter.