nter^liktung8 zur „Angslmrger Postzeitmig." Nr. 5. Samstag, 17. Juli 1880. Der Mann, der dir nur dient um Geld, Und nur gehorcht zum Schein, Packt ein, sobald ein Regen fällt, Lässt dich im Sturm allein. Shakspeare. König Lear. II. Act. 4 Sc. Der Derr Daro„. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Eines Tages, als sie wieder mißmuthig und in schmerzlicher, düsterer Stimmung auf ihrem Ruhebette lag, wurde ein Fremder gemeldet, — Doktor Bernard. Sie hatte seit Wochen keinen Gast in ihrem Hause gesehen und ein Arzt kam ihr wie gerufen. Sie fühlte sich nicht nnr seelisch, auch körperlich krank und gerade durch das Erscheinen dieses Mannes kam es ihr zum Bewußtsein, wie furchtbar ihr Herz schon gelitten hatte und wie sehr sie bereits angegriffen war. Ein Arzt ivar ihr höchst willkommen und vielleicht hatte ihr Mann bemerkt, daß sie leidend sei und ihr deshalb den Doktor geschickt. Hatte der Fremde nicht hinzugesetzt, daß er ein Freund ihres Gatten sei? Nach kurzem Schwanken entschloß sich deshalb die Fürstin den Gast zu empfangen. Doktor Bernard erschien und entfaltete die ganze Gewandtheit und Liebenswürdigkeit eines echten Franzosen. Er bedauerte sehr, seinen verehrten Freund nicht daheim zu treffen, denn er habe erst gestern durch einen glücklichen Zufall erfahren, daß der Herr Baron jetzt in Paris sei und sich beeilt, ihn sogleich aufzusuchen, um die angenehme Bekanntschaft zu erneuern, die sie damals in Sorrent gemacht hätten. Mein Gatte wird es ebenfalls sehr beklagen, sagte die Fürstin verbindlich; eine dringende Angelegenheit hat ihn vor einer Viertelstunde weggerufen, aber ich hoffe, daß er bald zurückkehren wird und wenn Sie sich so lange mit meiner Gesellschaft begnügen wollen — sie machte dabei eine einladende Handbewegung nach dem nächsten Stuhl hin. Ich bin nicht stark genug, einer solch liebenswürdigen Einladung zu widerstehen und mit jener Zwanglosigkeit, die er sich als Arzt und Franzose angeeignet hatte, nahin Doktor Bernard Platz. Uebrigens freue ich mich, daß mein lieber Baron sich von dem furchtbaren Schlage endlich erholt und für seinen schmerzlichen Verlust einen so herrlichen, alles überbietenden Ersatz gefunden hat. Seine klugen Augen reihten dabei nicht ohne Bewunderung auf der üppigen Gestalt der Fürstin. Sie verstand ihn nicht und so zeigte sie nur jenes gesellschaftliche Lächeln, daß sich nach allen Seiten hin deuten läßt. Ja, Frau Baronin, ich habe ihren Herrn Gemahl in jenen schweren Stunden aufrichtig bewundert, fuhr der redselige Franzose fort. Diese hingebende Aufopferung, die er mir damals für seinen armen Bruder gezeigt, hat mir für immer sein Herz erobert 34 und ich sage Ihnen aufrichtig, Sie können glücklich sein das warme Herz eines selchen Mannes für sich gewonnen zu haben. Ich liebe auch meinen Gatten leidenschaftlich, entgegnete die Fürstin, in der die heißblütige Italienerin erwachte, der eS unmöglich war, mit ihren Gefühlen zurückzu- - halten. Sie empfand es ja schon als ein Glück, daß sie Jemandem sagen konnte, wie stürmisch ihr Mann von ihr geliebt werde. Ah, Frau Baronin, Sie glauben schwerlich, wie sehr mich ihr offenes Bekenntniß erfreut, erwiderte Doktor Bernard, Ihr Gatte verdient auch eine solche Liebe. Er ist einer der hochherzigsten, 'edelsten Naturen, die mir in meinem Leben vorgekommen sind, das hat er an seinem armen Bruder reichlich erwiesen. Trotz ihrer Weltgewandtheit konnte die Fürstin doch ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen, sie machte ein etwas verwundertes Gesicht, das dem Franzosen nicht entging. Ihr Herr Gemahl hat Ihnen gewiß nicht erzählt, wie sehr er sich für seinen Bruder aufgeopfert hat, das sieht seinem großen edlen Herzen ganz ähnlich. In der That, mein Gatte hat davon geschwiegen. Sollen Sie von mir erfahren, wie sehr wir alle Ursache haben, ihn zu bewundern, sagte Doktor Bernard. Sein furchtbares Abenteuer in Sorrent wird er Ihnen natürlich mitgetheilt haben. Die Fürstin nickte zustimmend mit dem Kopfe. Sie mochte nicht verrathen daß ihr all' diese Dinge völlig unbekannt seien und während sie vor Ungeduld brannte, jene Vorgänge genau zu erfahren, suchte sie ihre innere Gemüthsbewegung nach Möglichkeit zu beherrschen. Warum hatte ihr Gatte niemals von jenem furchtbaren Abenteuer gesprochen, nie erwähnt, daß er einen Bruder habe? — Das war doch höchst seltsam und in der argwöhnischen Seele der Italienerin tauchten allerlei Vorstellungen auf, die sie im tiefsten Innern beunruhigten. Jeder Andere würde sich weit leichter in sein Schicksal gefunden haben, fuhr Doktor Bernard fort. Der arme Bruder hatte nun einmal durch den schändlichen Mordanfall den Verstand verloren und die meisten Menschen, besonders wir Modernen, fassen dann solche Dinge sehr kühl und vernünftig aus. Die Sache ist einmal geschehen, läßt sich durch all' unsere Verzweiflung nicht ungeschehen machen und man ist heut zu Tage Philosoph genug, sich ins Unvermeidliche zu finden. Wie anders Ihr Hm Gemahl! Eine solch' ehrliche Verzweiflung, eine solch' hingebende, alles vergessende Sorge für den unglücklichen Bruder, ist mir in der Welt noch nicht vorgekommen! Das ist eine. Barmherzigkeit, vor der ich den Hut abziehe, — und der lebhafte Franzose schwenkte ehrfurchtsvoll seinen eleganten Cylinder. Von dieser Bewunderung ihres Mannes wurde die Fürstin mit fortgerissen. Ja, der Mann hatte Recht. Ihr Gatte war ein außerordentlicher Mensch und deshalb allein liebte sie ihn so leidenschaftlich. Wie danke ich Ihnen, daß sie von meinem Gemahl mit solcher Bewunderung sprechen. Es war seine tiefe Schwermuth, die mich anzog und die mich zu dem Entschluß brachte ihm meine Hand zu reichen. Meine Freunde konnten es freilich nicht für möglich halten, daß die Fürstin Gravelli die Gattin eines einfachen deutschen Barons wurde — Sie mußte doch wenigstens dein Franzosen sagen, welches Opfer sie gebracht und welch' hohe Stellung sie in der Welt eingenommen habe, und nach diesem Bekenntniß richtete sie ihre ohnehin impomrende Gestalt noch stolzer in die Höhe» Doktor Bernard war höflich genug, über diese Enthüllung die größere Ueberraschung zu zeigen und indem er sich artig verbeugte, sagte er mit feinem Lächeln: eine schöne Frau steigt niemals herab, sie weiß immer ihren Gatten zu sich zu erheben. Die Fürstin nickte ihm mit zerstreuter Miene zu; sie schien doch von dieser Antwort nicht ganz befriedigt und hatte dies der Arzt bemerkt, oder wollte er seinen ersten Besuch nicht ungebührlich ausdehnen? Er stand jetzt auf, um sich zu empfehlen. Darf 35 ich bitten, dem Herrn Baron zu sagen, daß ich mir schon in den nächsten Tagen die Ehre geben werde, meinen heutigen Besuch zu erneuern, und ich hoffe dann glücklicher zu sein, sagte Doktor Bernard, sich verabschiedend, und sie entgegnetc sehr verbindlich, daß ihr Gatte sich über dies Wiedersehen sehr freuen, daß aber auch der Freund, ihres Mannes ihr selbst stets willkommen sein werde. Als sich der Doktor entfernt hatte beschäftigte sich die Zurückgebliebene noch lange mit dem eben Gehörten. Warum hatte ihr Gemahl niemals von seinem Bruder gesprochen? das war räthselhaft und doch, ihre grenzenlose Liebe wußte auch jetzt wieder über dies eigenthümliche Schweigen einen verschönenden Schleier zu werfen. Gewiß mochte seine weiche Seele an jene düstern Vorgänge nicht gern erinnert werden. Trat doch durch die Erzählung des Doktors sein edler großer Charakter in das glänzendste Licht. Ja, sie besaß einen herrlichen Mann. — Ach, und nur der eine Gedanke zerriß ihr das Herz, daß seine Liebe nicht .mehr dieselbe war, daß er sich immer mehr von ihr entfernen wollte. Warum suchte er andere Vergnügungen, anstatt, wie in der ersten seligen Zeit ihrer Ehe, an ihrer Seite zu bleiben? War sie nicht noch immer schön und hatte sie nicht all' die Gaben, einen Mann zu fesseln? — Sie sah in den großen Pfeilerspiegel und dort strahlte ihr das Bild einer Frau entgegen, die nach ihrem Be- dünken in dem Besitz all' der Mittel war um auch die höchsten Ansprüche eines Mannes an Frauenschönheit zu befriedigen. Zum Glück brauchte sie auf ihren Gatten nicht eifersüchtig zu sein. Durch die ihr sehr ergebene Kammcrjungfer, die mit großer Schlauheit die Diener des Barons auszuforschen verstand, wußte sie mit Sicherheit, Haß ihr Gatte nur dem Spiel, allerhand Passionen ergeben war, sonst allen gefährlichen Frauenumgang mied und so fühlte sich die Fürstin beruhigt und hoffte noch immer, daß der theure Mann, nachdem er dieses Treibens müde geworden, bald zu ihr zurückkehren würde. Stürmischer als je durchwagte die heftige Leidenschaft für den geliebten Gatten ihre Brust. Wo war er jetzt ?! Ach warum konnte sie ihm nicht auf der Stelle sagen, was sie in diesem Augenblick fühlte, daß sie noch immer für ihn schwärmte, ja seit dem so eben Gehörten, ihn und sein großes edles Herz bewundere. Sie konnte heute die Rückkehr ihres theuren Gregor nicht erwarten und ungeduldig schellte sie nach ihrem Kammermädchen, das auf der Stelle erschien. Enrichctta's ganze Persönlichkeit stand im schärfsten Gegensatz zu ihrer Herrin. Sie war klein und zierlich gebaut, beinahe mager und in der Nähe der stattlichen übervollen Fürstin sah ihr Kammermädchen wie eine niedliche Nippesfigur aus. Das Gesicht Enrichetta's war nicht hübsch, ihre Züge hatten einen zu scharfen Ausdruck, aber sie besaß dafür ein Paar prächtige, rabenschwarze Augen, deren wunderbares Funkeln sie geschickt hinter langen dunkeln Wimpern zu verbergen wußte, sobald sie es für nothwendig fand und ihrer Herrin gegenüber waren ihre Blicke stets still und ruhig und ohne Alles Feuer. Sie legte für die Fürstin eine außerordentliche Ergebenheit an den Tag, und diese war mit ihr sehr zufrieden und schenkte ihr das vollste Vertrauen, denn sie war noch dazu die Einzige, die in ihren Diensten geblieben und sie auf all' ihren Reisen begleitet hatte. Ist Mein Mann schon zurückgekehrt? fragte die Fürstin weit ungeduldiger als gewöhnlich. ^ Nein, Excellenz»! antwortete das Zimmermädchen verwundert über die große Hast ihrer Herrin. Sie hätte doch endlich wissen können, daß der Herr nie vor Mitternacht, meistens erst in den frühen Morgenstunden nach Hause kam. Ich muß ihn sprechen, sobald er zurückkehrt. Sage das einmal seinem Kammerdiener. Es wäre eine sehr dringende Angelegenheit. Das schlaue Kammerkätzchen hatte Mühe ein Lächeln zu unterdrücken. Als ob der Baron sich davon noch einmal von der liebeglühenden Frau einsangen ließ!? — Sie hatte ihn wohl früher damit auf einen Augenblick in ihre Zimmer gelockt, aber jetzt wußte er ihr geschickt auszuweichen, und wenn die feurige Italienerin versuchte, in die Gemächer ihres Mannes zu dringen, so verstand der gut abgerichtete Kammerdiener sie durch irgend einen Vorwand fern zu halten. Besonders in den letzten Tagen hatten sich die beiden Ehegatten kaum flüchtig gesehen. Der Baron ging zu einer Zeit zu Bett, wo sich seine Gemahlin schon erhob, und in den Abendstunden war er schon wieder aus dem Palais verschwunden, doch eh' es ihr gelang, seiner einmal habhaft zu werden. Wie ich von Jean gehört, ist der Herr Baron erst vor zwei Stunden ausgefahren und — Gleichviel, ich muß ihn sprechen, und sollte ich bis zum Morgen auf ihn warten, unterbrach sie die Fürstin. Das wirst Du auch müßen, stand auf dem klugen Gesicht Enrichettas, aber sie schwieg, und ihre Herrin war viel zu erregt, um ihr Kammermädchen zu beachten. Ja, Enrichetta, ich muß ihm sagen, daß ich ihn seit heute mehr denn je bewundere und daß ich ihn liebe, so heiß und glühend, wie es der edle, hochherzige Mensch verdient. Hinter den langen dunklen Wimpern des Kammermädchens schoß ein Blitz hervor, der die Fürstin beleidigen gemußt, wenn sie ihn bemerkt hätte, so viel Hohn und Geringschätzung lag darin, aber ihre Herrin war viel zu sehr mit sich beschäftigt und Enri- chetta's Augen nahmen schon wieder den gewohnten Ausdruck treuer Unterwürfigkeit an; nur ein verstohlenes Lächeln um die dünnen Lippen schien zu sagen; Das hast Du ihm ja schon zum Ueberdruß vorgeschwatzt und es hat Dir nichts genutzt. Das Verhältniß zwischen Herrin, und Dienerin war stets ein sehr gutes gewesen und hatte in der letzten Zeit einen völlig vertraulichen Charakter angenommen. In die treue Brust Enrichetta's legte die leidenschaftliche Frau all' ihren Liellesgram nieder. Gegen diese allein klagte sie sich aus, besprach ihre Hoffnungen, ihre Pläne, wie sie die Liebe ihres Gatten zurückerobern wolle und Enrichetta hörte ihr stets sehr aufmerksam zu und' wagte auch zuweilen, mit irgend einem klugen Rathschlag hervorzutreten. Die Fürstin war viel zu sehr mit sich und ihrer Herzensangelegenheit beschäftigt, um die heimliche Schadenfreude zu bemerken, die zuweilen deutlich, wenn auch ganz verstohlen aus dem Antlitz der verschlagenen Dirne hervorleuchtete. Erst heut' wieder hab' ich erfahren, welch' großes, warmes Herz mein theurer Gregor besitzt, fuhr die Fürstin mit allen Zeichen der Erregung fort. Und wenn ich ihn noch nie geliebt hätte, dann müßte ich es jetzt, denn er verdient die aufrichtigste Bewunderung von Allen. Mußt Du das nicht ebenfalls sagen. Enrichetta zuckte mit den Achseln. Ich darf mir kein Urtheil über den Herrn Baron erlauben, sagte sie ausweichend. Ah, gegen mich kannst Du Dich völlig aussprechen, erwiderte die Fürstin. Und bekenne selbst, überragt er nicht alle Männer an Geist und Schönheit? Hab' ich nicht Recht daran gethan, daß ich ihn vor Tausenden auszeichnete und ihm meine Hand gab? Er ist ein geborner Fürst! .Das Kammermädchen war an solch' stürmische Ausbrüche der Bewunderung schon gewöhnt und hatte Mühe, die Zeichen der Langeweile zu unterdrücken, sia'cntgcgnetr daher nur: Excellenz« haben Recht. Der Herr Baron verdient ein Fürst zu sein. Du sagst es auch! rief ihre Herrin lebhaft und ihre Augen erhielten einen noch höheren Glanz. Ja, das ist die Wahrheit, aber wenn Du erst. erfährst, wie edel und großherzig er sich gegen seinen armen Bruder benommen hat, dann wirst Du ihn noch mehr bewundern, und ohne Weiteres erzählt sie nun ihrem Kammermädchen, was sie von Doktor Bernard gehört hatte. > Enrichetta machte ein sehr verwundertes Gesicht und blickte zuweilen nachdenklich vor sich hin. Die Geschichte' klang sehr seltsam und dennoch mußte sie wahr sein^ obwohl der Herr Baron nicht einmal zu ihr etwas davon gesprochen hatte und er zeigte sich ja sonst gegen sie noch weit offenherziger, als selbst seine Gattin, die freilich nicht 37 die geringste Ahnung von den vertraulichen Beziehungen hatte, die zwischen den Beiden bestanden. ^ ^ Mußt Du nicht auch sagend schloß die Fürstin ihre Mittheilungen, daß mein Gemahl die Liebe verdient, die ich für ihn in meinem Herzen hege, und sie legte die Hand auf ihren heftig wogenden Busen, denn die ohnehin leidenschaftliche Italienerin war durch ihre Erzählung in die stärkste Erregung gekommen. Wer sollte aber auch Excellenz« nicht lieben? entgegnete das schlaue Kammerkätzchen. Ich kenne mehr als einen hohen Herrn, in Florenz, der ganz verzweifelt war, als ihm plötzlich alle Hoffnungen auf die Hand von Excellenz« verloren gingen. Ueber das Antlitz ihrer Herrin flog ein befriedigtes, stolzes Lächeln: Ja, ich hab' sie Alle durch meine Wahl überrascht und doch bereue ich sie nicht, sagte sie noch lebhafter, als gewöhnlich und ihre Augen glänzten: Aber ich muß heute meinen Gemahl erwarten, wir dürfen uns nicht eher zu Ruhe legen, als bis er kommt. Das Kammermädchen hatte Mühe, seinen Verdruß zu verbergen; Excellenza, das dürfte sehr spät werden, wagte sie einzuwerfen. Thut nichts! Wir müssen ihn erwarten. Verständige Dich mit Jean und gieb mir augenblicklich Nachricht, wenn mein Gemahl gekommen ist. Und wollen Excellenza so lange im Salon bleiben? Gewiß. Sorge dafür, daß der Kamin noch einmal geheizt wird und bringe mir in wenigen Stunden noch eine Tasse Thee, das wird mich schon munter erhalten. Cnrichctta verbeugte sich nur zum Zeichen des Gehorsams und ging dann schweigend hinaus, während die Fürstin noch lange in größter Aufregung den Salon durchwanderte. Durch das Gespräch mit ihrer Dienerin waren ihre Gefühle noch mehr in Flammen gesetzt worden. Wenn Gregorio sah, wie tief und glühend sie ihn noch immer liebte, wie jetzt ihr Empfinden für ihn durch die Mittheilungen Doktor Vernard's noch stärker geworden, dann konnte er ja nicht länger in seiner kühlen Zurückhaltung beharren; dann mußte auch er wieder mit der alten Schwärmerei sie an sein Hcrz schließen. Ach, wie glücklich würde sie dann sein. In diese Träumereien verloren, wurde ihr die Zeit des Wartens weniger lang. Sie war gewöhnt, sich früh zur Ruhe zu begeben, heut überkam sie keine Müdigkeit, der spät genossene Thee und die innere Erregung erhielten sie wach, aber Mitternacht war längst vorüber und noch immer meldete ihr Enrichetta nicht die Ankunft ihres Gatten an. Endlich warf sie sich ermüdet in einen Lehnsessel und sie war eben eingeschlummert, da schlüpfte das Kammermädchen herein und berichtete mit seiner gewissen Hast: Der Herr Baron sind eben gekommen. Ah, ich danke Dir, Enrichetta, Du bist eine treue Seele, sagte die Fürstin, dann erhob sie sich eilig, strich mit der Hand über die Stirn, als könne sie damit die letzte Spur von Schläfrigkeit verscheuchen und verließ rasch den Salon. Enrichetta sah ihr mit einem boshaften Lächeln nach; Du wirst mit Deiner Be- - gcisterung übel ankommen, — stand auf ihrem scharfen, verschmitzten Gesicht. (Fortsetzung folgt.) Die Wüste Ittda. Bon Johann v. Asboth. Wie das moabiter Gebirge ostwärts, so erhebt sich aus dem todten Meere westwärts, kühn und steil die Wüste Juda, kaum an einigen Stellen schmale, flache Streifen zwischen sich und dem Ufer lassend. An den Wänden dieser zerrissenen Felsenwüste, kletterten mir in der heißen Mittagssonne aufwärts, tiefen Klüften entlang, zwischen denen manchmal nur ein schmaler Grat zum Wege diente, so daß wir uns ganz der Gnade der Pferdefüße überlassen fühlten. Wie sich unser Weg erhob, entfaltete sich immer weiter und breitsr v'ör unseren Augen das Jordanthal mit seinen grünen Inseln 38 im Sandmeere, den Salz- und Gyps-Feldern, dem glänzenden Spiegel des riesigen Sees, und rückwärts der Rahmen des ganzen Bildes: Die moabitische Kette. Nach viertelstündigem Klettern gelangten wir zu einem breiten Felsen-Bassin voll brackigen Wassers, das einzige süße Wasser vom Jordan, bis zu dem in der Mitte der Wüste stehenden Kloster, und auch dieses kaum trinkbar; nur der Beduine findet mit Lebensgefahr außerdem Wasser in der Tiefe der Klüfte. Unser Weg ist ein fortwährendes Klettern. Auf absolutem Steinboden, steilen Berghängen entlang, zuweilen auf natürlichen Felsenstufen, müssen wir uns mühsam emporkämpfen, und auf solchen Stufen löst sich manchmal das Gestein unter dem Fuße der Pferde, und rollt in die gähnende Tiefe hinab. Ein wahrhaftiges Wunder erscheint es mir, als auf solcher Stelle mein Pferd, den Boden unter seinen Füßen verlierend, ausglitt und zusammenstürzte, und nicht nur ich mich auf die Bergseite werfend, sondern auch das Pferd sich an Ort und Stelle zu halten vermochte. Von da an folgte auch ich häufiger dem Beispiel des uns vorangehenden Beduinen und führte das ohnehin schwer vorwärtskommende Thier am Zügel. Die Stellen, an denen wir Stunden hindurch mühsam cmporkletterten, präsentirten sich nach einiger Zeit als tief unter uns liegende, wild zerrissene, breite Terrassen, und dies wiederholte sich immer und immer wieder, bis wir gleichsam ein Stockwerk nach dem andern erstiegen. Nur der Spiegel des todten Meeres, der auf einzelnen Punkten immer und immer wieder aufblitzte, schien dem Auge immer in derselben Nähe zu bleiben; denn die zurückgelassenen Felsmassen tief unter uns schrumpften zusammen, verflochten sich, der in der Sonne glänzende weite Wasserspiegel aber blieb immer derselbe. Eine passende Staffage waren in dieser unbeschreiblichen Wildniß, die schwarzen Beduinen-Lager, denen wir hier häufiger begegneten und die bald am Bergabhange, bald tief unten in den Abgründen aufgeschlagen waren. Diesen konnten wir trauen, denn es waren Freunde, die beständig diese Gegenden bewohnen, wie sie denn auch unseren Beduinen Ali als Freund und Bruder empfingen. Wir ritten zu einem dieser Lager, um dasselbe näher zu betrachten. Der bärtige hohe Scheich kam uns unter dem Gebelle der Hunde entgegen, uns in sein Lager einzuführen. In weitem Kreise standen dicht neben einander die einzelnen Zelte. Nur zwischen zweien derselben bildete ein Zwischenraum den Eingang ins Lager. Das rechts vom Eingänge liegende ist das Zelt des Häuptlings, der uns zum Eintreten einladet. Diese Zelten bestehen aus einfachen Pflöcken, niit einem starken wasserdichten Zeuge überdeckt, welches aus schwarzen Ziegenhaaren die Beduinenweiber selbst verfertigen. Es sind das dieselben Zelte, deren die Schrift erwähnt, als sie von den schwarzen Kedareneren spricht. Aus Höflichkeit und Neugierde besiegte ich die Furcht vor dem Ungeziefer, von dem diese Lager wimmeln, und trat in das Zelt. Es bestand aus zwei Theilen, die mit demselben schwarzen Ziegenhaarzeuge von einander getrennt waren; der eine für die Männer, der andere für die Weiber. Im letzteren flüsterten einige zusammengekauerte Gestalten, in ersterem brannte auf niederem Herd getrockneter Mist, der uns alsbald hinausräucherte. Die übrigen Bewohner des Lagers vor und in ihren Zelten, zwischen ihren schwarzen Ziegen ruhend, schienen sich wenig um uns zu kümmern, nur einige halbnackte Kinder starrten uns an. Aber auch diesen siel es nicht ein, zu betteln. Selbst den Tabak, mit dem ich den Scheich beschenkte, nahm er mit einer gewissen ernsten Dignität entgegen. Neben manchem dieser Lager sah ich überrascht, daß ihre Bewohner selbst auf diesem verzweifelt unfruchtbaren Boden, wo sie nur einzelne Flecken finden, die wie Erde aussehen, sich mit der Kultur derselben befassen. Allerdings gleichen die mit dem einfachen Pfluge » gezogenen Furchen eher Schotter- als Erdfurchen. Aber diese Leute, die jeden Luxus verachten, begnügen sich damit, was ihnen die Natur dort gewährt, wo sie eben ihre Zelte aufschlagen. Nach und nach, wie wir uns immer höher erhoben und auch der Tag voran- ge;chritten war, fühlten wir immer mehr, daß wir uns nicht mehr in der tropischen 39 Gegend des Ghor befinden. Die Temperatur begann bedeutend zu sinken, und zuweilen zog ein kalter Strichregen über uns hinweg. Der Tag neigte sich zum Abend, als wir von einem kleinen Hochplateau abwärts reitend, uns zum Vadien-Nad, dem Thale des Kidron, hinabließen, der hier seinen Weg zum todten Meer zwischen engen Felsschluchten bricht. Aber nicht nur der Kidron erinnert uns daran, daß wir uns wieder der Zivilisation nähern, sondern noch mehr und unmittelbarer .die in den Stein gehauenen und theilweise ausgemauerten Stufen, die entlang der Kluft des Baches emporführen, indem sie fortwährende Einblicke in die finstere schwarze Wildniß der ungeheuren, manchmal sich amphitheatralisch ausweitenden Felsenschlucht gewährt. Endlich erblicken wir bei einer Wendung einen mächtigen viereckigen Thurm und bald darauf das burgartig in die Felsenwüste gebaute Kloster Mar-Saba, das Kloster des heiligen Sabbas, wieder ein Stück lebendigen Mittelalters. So mochten zur Raub- Nitter-Zeit die mächtigen Klöster ausgesehen haben; vertheidigungstüchtige, starke Besten in ihren-, Aeußern. Zwei gestufte Wege führen hinab zu zwei besonderen Pforten, die obere für die Thiere, die untere für die Gäste. Bei der untern pochten wir, bei der obern unser Beduine und unser Diener fest eine Viertelstunde lang, die stumme Ruhe der Wüste unterbrechend. Ober den beiden Pforten erhebt sich auf den mächtigen Bastionen ein hoher, fester Thurm. Auf diesem steht Tag und Nacht der Thurmwart, ausblickend, was sich dem Kloster nähert. Jetzt vielleicht, weil es schon dämmerte und er Niemand mehr erwartet, schien er sich eine kleine Ruhe gegönnt zu haben, denn erst nach geraumer Zeit hören wir seinen langen Ruf von der Höhe. Man hat uns also gehört-. Warten wir in Geduld. Das Bild, das sich uns bietet, mag uns unterdessen beschäftigen. Hinter uns eine hoch sich erhebende Felsenwand, auf dieser der Weg, den wir gekommen und der sich weiterhin gegen Bethlehem und Jerusalem wendet; von diesem herab zu den Kloster- Basteien die beiden Stufengünge; jenseits des Burgklosters die tiefe Felsschlucht des Kidron, in welcher das Wasser rauscht; rechts, einige hundert Schritte abseits der Beste, ganz für sich allein stehend, ein zweiter viereckiger Thurm. Was ist sein Zweck? Wozu dient er? Nachdem die strengen Regeln der Mönche nicht gestatten, daß Frauen in das Kloster treten, werden weibliche Reisende über Nacht in diesem einsamen Thurme untergebracht, eingesperrt und abgesperrt von der männlichen Begleitung. Das Kloster ist so stark gebaut, ist durch seine Mauern und die Felsklnft so unnahbar, daß es nur mit schwerem Geschütze zu forciren wäre, und so ist es bei der großen Vorsicht, mit der die Pforten geöffnet werden, gegen jeden kühnen Handstreich unternehmender Beduinen gesichert, Voin Beginn des Christenthums wohnten in den Höhlen dieser Felswüste zu allen Zeiten fromme Anachoreten und aus diesen bildete sich schon im vierten Jahrhundert unter der Führung des heiligen Euthym eine größere Bruverschaft. Ein Schüler desselben, der heilige Sabbas, stiftete aus dieser sein Kloster und erhob es zugleich zum geistigen Mittelpunkte und zur festen Bnrg der griechischen Orthodoxie. Gegenüber den Lehren der Monophysiten, den heutigen Kirchen-Kopten Egyptens, die so tief in die Verhältnisse des byzantinischen Reiches eingriffen, war der heilige Sabbas der Vorkämpfer, das Haupt des Dogmas von der doppelten Natur Christi. Diesem Umstände verdankte sein Kloster die reichliche Unterstützung des Kaisers Justinian, und diesem verdankt er noch heute sein großes Ansehen und seinen heiligen Ruf in "der griechischen örthodoxen Kirche. Als 614 die Perser unter Kosroes diese Gegenden verwüstend überzogen und insbesondere gegen die christliche Bevölkerung wütheten, zerstörten sie auch das Kloster und machten seine Bewohner nieder. Im 8. und 9. Jahrhundert wiederholten sich diese Metzeleien unter den Arabern, besonders den Söhnen Harun-al-Raschid's. Seither wurde das Kloster festungSartig neu erbaut, seine Schütze verursachten aber immer wieder neue Naubzüge der Araber bis in unsere Zeit hinein, selbst noch 1832 und 1834. In seiner gegenwärtigen festen Gestalt ließ es 1840 der Czar restauriren, und seitdem bewohnen es die Mönche, wenn auch nicht in Frieden, so doch in Sicherheit. 40 Unsere Geduld verlierend, pochen wir auf's Neue ausdauernd an den Pforten und endlich hören wir Rufe, nicht mehr von oben, sondern von unten. Nach einiger Zeit beginnt bei verschlossenen Pforten das Parlamentiren, welches in arabischer Sprache zwischen einem der griechischen Mönche und meinem Dragoman geführt wird: wer und wieviele wir sind, von wo wir kommen, was unser Ziel und Zweck, ob wir ein Empfehlungsschreiben des griechischen Patriarchen von Jerusalem haben, denn ohne einem solchen wird Niemand eingelassen. Nachdem alle Fragen befriedigend beantwortet sind, wendet sich endlich der schwere Verschluß und knarrt die mächtige Thür und wir werden eingelassen. Wir gelangen in einen engen Gang, in welchem ungefähr ein halbhundert Stufen zu einer Thür abwärts führen, die der vorsichtige Pförtner ebenfalls abgeschlossen hatte. Von dieser führen wieder Stufen in einen gepflasterten Hof, in dessen Mitte eine bekuppeltc Kapelle steht, und von diesem Hof noch eine Treppe hinab zum Divan, dem einem Refektorium ähnlichen Gastzimmer. Unsere Pferde und ihre Begleiter sehen wir nicht mehr, denn diese wurden bei der oberen Pforte eingelassen, die auf einer höhern Terrasse zu den Ställen führt, Während der Bruder Pförtner in der angrenzenden Küche Feuer macht, um mit Hilfe Sidi's aus dem von Naphael mitgebrachten Material unser Abendmahl zu bereiten, besichtigen wir unter der Führung eines andern Mönchs noch bei Lampenlicht das Kloster, denn morgen wollen wir gleich mit Tagesanbruch unsern Weg fortsetzen. Die kuppel- überdeckte Kapelle ist wie alle griechischen Heiligthümer und die christlichen Kirchen im Orient überhaupt, mehr reich als geschmackvoll ausgestattet. Ihr Stolz, welcher sie zu einem der Hauptheiligthümer der griechischen Kirche macht, ist das Grab des heiligen Sabbas; dieses Grab ist aber leer, denn der Heilige wurde noch zur Zeit der Kreuzzüge nach Venedig überführt. Der heilige Sabbas, nach dem sich der alte griechische .Mönchs- Orden der Sabaiten benannte, war nicht nur wegen seines heiligen Lebenswandels, sondern insbesondere auch wegen seiner theologischen Kämpfe gegen die Monophysiten, eine der Hauptgestalten der griechischen Kirche. (Schluß folgt.) M i s c - l l - 11. (Einst und jetzt.) Stadtbeleuchtung ist überflüssig. In lk., einer kleinen Stadt, wurde beim Magistrate die Frage der Stadtbeleuchtung verhandelt. Unter Anderen erhob sich auch ein Senator mit folgendem Argument: „Wozu Beleuchtung! Wenn es dunkel wird, gehen ehrliche und ordentliche Bürger nach Hause, und für die Lumpen und Spitzbuben werden wir doch keine Lampen anzünden!" Eine Dame kam zum Fürsten und redete ihn folgendermaßen an: Dame: „Euer Durchlaucht, mein Mann mißhandelt mich." — Fürst: „Das geht mich nichts an." — Dame: „Er schimpft auch über Sie." — Fürst: „Das geht Sie nichts an." (Unmöglich.) Gast: Das ist doch eine lüderliche Wirthschaft! in dem Kaffee schwimmen noch die halben Bühnen herum." — Wirth: „Sehr merkwürdig! das kann eigentlich nicht vorkommen, weil wir zu unserem Kaffee keine Bohnen nehmen." Zu Zürich kündigte der Buchhändler Heidegger „Arndt's wahres Christenthum" also an: „Da bei dem Buchhändler Bttrkli das wahre Christenthum nicht mehr zu finden ist, so wird man es bei mir finden." - „Nicht wahr, Johann, ich werbe schon recht alt?" fragte ein Herr seinen Diener als er ihn eben frisirte, worauf dieser antwortete: „Es geht halt schon nicht anders; ich bin ein noch älterer Esel, als Ew. Gnaden." Ein Bauer, der zum ersten Male in einer Oper war, sagte: „Ne, .was das für !