zur „Augslmrger Postzeitmrg." Nr. 6. Mittwoch, 21. Juli 1880. O hüle ine Gedanken, d'c Du hast! Em lcich'es Wort, das achiloS ausgesprochen, Es wächst ost, bis es mit Lawincnlast Zuletzt ein ganzes Menscheuglück gebrochen. E. Scherenberg.' DerAerrWKron. Norclle ron Ludwig Habicht. (Fortgang.) Der Baron hatte nur Franzosen in seinem Dienst. Schlaue, verschlagene Leute, die es verstanden, sich ihrem Herrn unentbehrlich zu machen. Besonders auf seinen Kammerdiener Jean konnte sich der Baron verlassen, der schlaue und verschmitzte Mensch schien Alles zu verrathen, sein Herr brauchte ihm niemals weitläufige Instruktionen zu ertheilen und er verstand ihn doch. Mit wunderbarem Geschick leitete und überwachte Jean die Aus- und Eingänge des Barons, so daß die Fürstin niemals eine passende Gelegenheit fand, mit ihrem Gemahl in nähere Berührung zu kommen. Immer wußte der schlaue Bursche die sonst so leidenschaftliche Frau durch irgend einen Vorwand zurückzuhalten und durch eine passende Luge zu beschwichtigen. Jean erschrak deshalb nicht wenig, als plötzlich die Fürstin in den Gemächern ihres'Gatten zu dieser ungewohnten Stunde erschien. Begann doch bereits der Morgen leise zu grauen und ein schwacher Tagesschimmer mit dem Lichte der Lampen zu kämpfen, die noch in den Zimmern brannten. Durchlaucht, was ist geschehen? fragte er bestürzt, ihr zugleich geschickt den Weg in das Schlafzimmer seines Herrn vertretend. Ich muß den Baron sprechen. Es ist von der höchsten Wichtigkeit. In der ersten Zeit hatte die Fürstin unter ähnlichen Borwänden versucht, zu ihrem Gatten zu dringen, und weil sich Jean hatte verblüffen lassen, war es ihr auch wirklich einmal gelungen. Seitdem aber zeigte sich der schlaue Franzose auf seiner Hut und er wußte diese Ueberfälle mit solch' bewunderungswürdigem Geschick abzuschlagen, daß die unglückliche Frau schließlich diese Versuche aufgab. Nun wagte sie doch mit wunderlicher Hartnäckigkeit wieder zu erscheinen und dazu noch zu solcher Stunde! Er mußte sie um jeden Preis zurückhalten, wenn er nicht den heftigsten Zorn seines Herrn auf sich ziehen wollte. Der Herr Baron schlafen noch, sagte er deshalb im Flüstertöne und absichtlich eine sehr bestürzte, ängstliche Miene annehmend. Gleichviel, ich muß ihn unter allen Umständen sprechen, entgegnete die Fürstin -sehr entschieden. Sie mochte nicht verrathen, daß sie es durch Enrichetta besser wußte. Ihr Gemahl konnte noch nicht zu Bett sein. 42 Verzeihen Durchlaucht, entgegnete Jean sehr artig, aber nicht minder fest: Der , Herr Baron sind recht leidend nach Hause gekommen und haben mir anbefohlen — Um so mehr ist meine Pflicht nach ihm zu sehen, erwiderte die Fürstin und sie wollte an dem Kammerdiener vorbei, um in das Schlafzimmer ihres Mannes zu dringen ; aber Jean wich nicht von der Stelle. Der Herr Baron bedarf der größten Ruhe. Ich beschwöre Durchlaucht, ihn nur heute zu schonen; und der schlaue Bursche legte die Hände über seine Brust, eine ängstlich bittende Stellung annehmend. Entfernen Sie sich von der Thür ich habe die Pflicht und das Recht meinen Gemahl aufzusuchen, rief die Fürstin, deren Blut' durch diesen Widerstand noch heißer zu rollen begann. Barmherzigkeit, Durchlaucht! jammerte der Kammerdiener und warf sich auf die Kniee. Der Herr Baron haben mich für seine Nachtruhe verantwortlich gemacht, und ich habe sofortige Entlassung zu fürchten, wenn ich Ihnen den Eintritt gestatte. Was kümmert mich das! entgegnete die leidenschaftlich erregte Frau laut und heftig. Ich muß meinen Gemahl sprechen, und sie wollte ohne Weiteres über den Knieenden hinwegschreiten, um in das Schlafzimmer des Barons zu dringen. Blitzschnell war Jean wieder auf seinen Beinen. Verzeihung, Durchlaucht, aber ich darf Ihnen zu dieser Stunde nicht den Eingang gestatten, und er pflanzte sich noch ängstlicher vor der Thür aus, um ihr den Zutritt zu wehren. Jetzt verlor die Italienerin den letzten Nest ruhiger Besinnung und vornehmer Haltung. Die kräftige, imposante Frau ergriff den leichten Franzosen und schob ihn mit einem einzigen Ruck bei Seite, während eine ungeduldige Verwünschung in italienischer Sprache über ihre Lippen glitt. Dann trat sie rasch und ohne Weiteres in das Zimmer ihres Gatten. Der Baron mußte wohl die heftigen Debatten gehört und eine Ahnung haben, was ihn erwarte, aber er gab sich das unbefangenste Aussehen. Er war bereits in einen seidenen Schlafrock geschlüpft, und als jetzt seine Gemahlin hereinstürmte, lag er nachlässig in einem Lehnstuhl und den Rauch seiner Cigarre vor sich hinblasend. Die matte Beleuchtung, in der das Schlafzimmer gehalten war, ließ jetzt den Ausdruck seiner Gesichtszttge nicht deutlich erkennen, langsam und schläfrig erhob er die Wimpern und starrte nur mit vornehmer, gleichgiltiger Verwunderung die Eintretende an. Gregorio, verzeihe mir, daß ich Dich in dieser Stunde noch aussuche; aber es preßte mir das Herz ab, ich muß Dir sagen, wie Du seit heute wieder leuchtender als je vor meiner Seele stehst . . . Sie eilte auf ihn zu und wollte ihn mit der ganzen LiebeSgluth stürmischer Empfindungen in ihre Arme schließen. Ohne ihre zärtliche Absicht zu beachten, lehnte er sich in die weichen Polstern seines Stuhles noch mehr zurück und mit halb geschlossenen Augen fragte er gedehnt in französischer Sprache, während sie sich ihrer heimathlichen Laute bedient hatte. Und deshalb kommen Sie zu dieser Stunde, Madame? Ah, Gregorio, Du mußt nicht den Blasirten spielen, das steht Dir schlecht an, entgegnete sie mit großer Wärme und sie beugte sich über ihn hinweg und sah ihm mit aller Zärtlichkeit in die Augen. Ich weiß ja doch, daß Du ein großes, edles Herz besitzest das für denjenigen glühend schlügt, den es einmal geliebt hat. Ja, sieh mich immer verwundert an, fuhr sie immer lebhafter fort, obwohl ihr Gatte sie keines Blickes würdigte, im Gegentheil die Augen schlaftrunken, noch mehr als bisher zusammenkniff und die größte Ermüdung heuchelte. Doktor Bernard war heut bei mir und von dem hab' ich erst erfahren, wie aufopfernd Du Dich gegen Deinen armen Bruder benommen, während Du in übergroßer Bescheidenheit sogar gegen mich das tiefste Stillschweigen beobachtet hast. Erst jetzt öffnete der Baron die Augen; aber das begeisterte Lob seiner Gattin ^ schien ihm durchaus nicht angenehm zu sein, denn sein blasses, kaltes Antlitz nahm einen — 43 sehr finstern Ausdruck an und er stieß unwillig heraus: Ich bin sehr müde und bitte Dich, Deine Mittheilungen auf eine gelegenere Stunde zu sparen. Nein, Theuerster, heut' schon mußtest Du es wisse», daß ich Dich mehr als je bewundere. Wer für seinen Bruder eine so hingebende Liebe an den Tag legt, wie Du, der besitzt ein großes, warmes Herz und der verdient auch meine »»getheilte Liebe! Sie schmiegte sich dabei an ihn an und ihre feurigen Augen ruhten voll Schwärmerei auf seinem regungslosen Antlitz, das auch jetzt ^chts von seiner gleichgiltigen Kälte verlor, ja, der Baron hatte Mühe, die Zeichen tiefer Ävneigung zu verbergen. Du bist sehr gütig, sagte er kühl,, aber nun laß mich schlafen gehen, ich bin ganz erschöpft und bedarf der Ruhe. Nein, nein, entgcgnete sie eifrig und drängte sich noch zärtlicher an ihn heran; Du mußt mir jenes schreckliche Abenteuer erzählen und mir bekennen, warum Du darüber geschwiegen, und nie ein Wort von Deinem armen Bruder erwähnt hast? Gerade heute will ich es wissen, denn ich bin wie berauscht von dem Glück, einen solch' edlen, großherzigen Mann als Gatten zu haben. Ueber das blasse Antlitz des Barons flog wieder ein Schatten des Unmuthes und er entgegnete schärfer als bisher: Madame, wir machen >uns lächerlich. Sollen morgen die spottlustigen Pariser erzählen, daß Sie wie eine glüchende Julia mitten in der Nacht zu mir geschlichen sind, um ein zärtliches Stelldichein zu suchen? Er stieß dabei ein kurzes höhnisches Lachen aus. Und hätte ich nicht ein Recht dazu? Bin ich nicht Deine Gattin? Kann ich es länger dulden, daß Du Dich plötzlich kühl und gleichgiltig von mir abwenden willst, während ich mich in h"'üer Liebe für Dich verzehre? — Warum wollen wir nicht jene seligen Tage zurückrus m denen wir uns Alles waren und nach der übrigen Welt nicht fragten?! Ohne auf seine abwehrende Bewegung zu achten, schlang sie die Arme um seinen Hals und bedeckte seinen Mund mit feurigen Küssen. Er vermochte im ersten Augenblick der leidenschaftlich erregten Frau keinen Widerstand zu leisten und mußte es dulden, daß sie ihn mit ihrer Zärtlichkeit beinahe erstickte, aber einen günstigen Moment wußte er geschickt zu benutzen und mit allen Zeichen schlecht verhehlten Widerwillens entwand er sich ihren Armen und sprang rasch »om Lehnsessel empor. Ah, Madame wir leben ja nicht mehr in den Flittcrwochen, sagte er leise und höhnisch. In unsern Kreisen sind solch' schwärmerische Scenen, wie Sie dieselben heut auszuführen belieben, nicht Sitte. Gregor! Ich habe Dich aus Liebe geheirathet! rief die Fürstin mit dem Ausdruck vollster Empfindung. Und verdiene ich solche Zurücksetzung? Bin ich nicht noch schön und würde jeder Andere glücklich im Besitze Mies solchen Weibes sein? Mit dem Geschick einer Italienerin nahm sie eine Stellung an, die ihre volle, üppige Gestalt in die beste Beleuchtung rückte. Ein stolzes, selbstbewußtes Lächeln thronte dabei auf ihrem Antlitz. Der Baron würdigte sie keines Blickes. Gewiß würden Sie noch Eindruck machen, sagte er mit vornehmer Gleichgiltigkeit und ich begreife deshalb nicht, warum Sie sich vor aller Welt zurückziehen. Wenn Sie nach irgend einem feurigen Herzen Verlangen tragen, habe ich durchaus nichts dagegen. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nicht den Othello spielen werde. Gregorio! Dich will ich haben! Deine Liebe gehört mir und Du darfst Dich nicht wieder thörichten Vergnügungen hingeben. An meiner Brust wirst Du wieder ein weit größeres Glück finden, als Dir all' diese Zerstreuungen von Paris zu bieten vermögen; und sie wollte auf ihn zueilen und ihn vom Neuem stürmisch und voll leidenschaftlicher Gluth in ihre Arme schließen. Der Baron wich erschrocken einige Schritte zurück und sagte jetzt kalt und schneidend: Nein, es ist Zeit, daß wir der Komödie ein Ende machen. Ich will nicht zum Gespött meiner Leute und von ganz Paris werden und muß Sie bitten, wenn Sie 41 wieder einmal einen Anfall von Schwärmerei bekommen, dann wenigstens meine nächtliche Ruhe nicht zu stören. Es wird sich doch in dem großen Paris Jemand finden lassen, dem Sie Ihre Gefühle anvertrauen können, nur mich verschonen Sie damit. Die Fürstin glaubte nicht recht gehört zu haben, aber noch mehr als seine Worte sagten ihr die Art und Weise, wie er sie sprach, seine ganze Haltung, das; sie sich nicht länger über die Gefühle ihres Mannes täuschen könne, daß er sie nicht mehr liebe, ja vielleicht nie geliebt habe, und all' sei. früheres Benehmen nur Lug und Heuchelei gewesen sei. Nun erwachte in ihr schlich die stolze vornehme Italienerin, die jetzt eben so glühend zu hasten vermochte, wie sie heiß und leidenschaftlich geliebt hatte . . . Ein Zittern ging durch ihren ganzen Körper, sie vermochte nicht augenblicklich zu antworten, aber ihr heftig wogender Busen verrieth, daß ein gewaltiger Sturm im Anzüge sei. Aus ihren dunklen Augen schössen Blitze und endlich öffnete sie die wuthzitternden Lippen, um mit bebender Stimme hervorzustoßen: Elender! Das wagst Du mir zu bieten? Und ich, die Fürstin Gravelli, die Dich aus dem Staube gezogen — Madame, Sie vergessen, daß Sie mit Baron Bloomhaus sprechen, unterbrach sie Dhr Gatte, sich in die Brust werfend. Die Worte seiner Gattin schienen ihn doch schwer gekränkt und aus seiner Ruhe aufgescheucht zu haben. Meine gesellschaftliche Stellung sowohl wie mein Vermögen sicherten mich davor, erst von Ihnen aus dem Staube gezogen zu werden. Ah, prahle immer mit Deiner Baronschast! rief die Fürstin heftig. Ich fürchte, Du bist nichts als ein Abenteurer! Sie glaubte ein leises Zusammenzucken ihres Mannes zu bemerken, und sie fuhr triumphirend fort: Ja, ich irre mich nicht, Du hast Dich bei mir stets als ein Deut,Her ausgegeben und Doktor Bernard s-- >, daß Du aus Rußland seiest. Dann ist es mir freilich klar, warum Du alle Rs 'tnd so ängstlich gemieden hast, Du mußtest beständig in der Furcht schweben, einem L,t> ^mann zu begegnen, der Dich entlarvte. — Sie wußte selbst nicht, wie ihr solche Vorstellungen gekommen waren, aber Haß und Wuth schienen sie plötzlich hellsehend gemacht zu haben und blitzartig wirbelten alle diese Gedanken durch ihr Hirn. Der Baron hatt seine vornehme kühle Ruhe wieder gewonnen, die er überall gern zur Schau stellte. Du bist sehr liebenswürdig, sagte er mit leisem Spott. Ich darf von einer italienischen Fürstin freilich keine geographischen Kenntnisse verlangen, aber es kann Dir gar nichts schaden, wenn Du endlich erfährst, daß Rußland dort oben im Norden, an der Ostsee ein Stück deutsches Land besitzt und gerade der Adel dort an deutscher Sprache und deutschen Gewohnheiten festhält und daß ich mich deßhalb mit vollem Rechte als deutscher Baron fühlen und so nennen kann. Aber warum hast Du nie ein Wort vM Deinem Bruder erwähnt!? rief die Fürstin aus, deren einmal gefaßter Verdacht durch i-Lse ruhige Erklärung nicht beseitigt worden. Warum weichst Du allen Russen aus? Du hast irgend ein entsetzliches Geheimniß zu verbergen, vielleicht ist Dein armer Bruder nicht von fremder Hand, wohl aber — Jetzt verlor der Baron doch seine ruhige Besinnung. Das ohnehin bleiche Gesicht wurde kreideweiß, die blauen, sonst gern etwas schläfrig dreinblickenden Augen begannen zu sprühen und er stieß mit großer Heftigkeit heraus: Schweig! oder — er ballte die Faust und trat zähneknirschend, in blinder, ja grenzenloser Wuth seiner Gattin drohend gegenüber. Sie wich nicht einen Schritt zurück und schien entschlossen, selbst einem persönlichen Angriff zu trotzen. Beide waren von gleicher Größe, nur sah die schlanke elastische Gestalt des Barons dürftig aus, im Gegensatz zu den vollen, überschwellenden Formen der Fürstin. Auch in ihr war das heiße Blut der Italienerin bis zum Wahnsinn erhitzt und so übersprang sie die letzten Schranken. Wage es, Elender! mich zu berühren, bebte es von ihren wuthzitternden Lippen — und mit unterschlagenen Armen stand sie hochaufgerichtet da, zur energischen Abwehr bereit. Die Augen des Mannes funkelten unheimlich, plötzlich mochte ein Rest von ruhiger Ueberlegung in ihm zurückkehren, denn er ließ die schon zum Schlage erhobene Hand fallen und einen Schritt zurücktretend stieß er ein höhnisches Gelächter aus. Mein Kammerdiener wird sich gewundert haben, daß unsere zärtliche Unterhaltung so lange währt, und um uns nicht in den Augen der Dienerschaft völlig lächerlich zu machen, halte ich es doch für gerathen, wenn wir dieselbe abbrechen, Madame! — Er verbeugte sich mit einem nicht mißzuverstehenden Blicke nach der Thür. Durch diesen Spott erwachte auch die Fürsten aus ihrer an Raserei grenzenden Wuth und sie bemühte sich in einem ähnlichen Tone zu antworten, obwohl es ihr nicht völlig gelang. Sie haben Recht. Aber seien Sie überzeugt, daß ich diese Unterhaltung zu ge legener Zeit wieder anknüpfen werde, denn ich fürchte, daß mein Herr Gemahl nichts weiter ist als ein gefährlicher Abenteurer, wenn nicht noch mehr. Um die Lippen des Barons glitt ein halb mitleidiges, halb geringschätziges Lächeln. Also gute Nacht, Carlotta, sagte er, die schwere Portiere zurückschlagend und ihr die Thür öffnend. Ich danke Ihnen, daß Sie so gütig waren, mir noch so spät diese interessanten Nachrichten mitzutheilen, und er verbeugte sich artig vor ferner Gattin, die stolz erhobenen Hauptes, ohne ein Wort zu entgegnen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, das Zimmer verließ und Mit raschen, festen Schritten ihre Gemächer aufsuchte. (Forijctz.i'-,g folgt.) D!« Wüst« Zuda. Von Johann v. Asboth. (Schluß.) Auf der Wedelte des Hofes steht eine andere Kirche, die des heiligen Nikolaus, eigentlich eine Felsenhöhle, in deren Tiefe eine kleinere, gitterbedeckte Höhlung voll mit grinsenden Todtenkopien, — wie der Mönch erklärt, 40,000 Stück lauter Blutzeugen, die durch die Heiden des Kosroes in den Hohlen dieser Gegenden umgebracht wurden. An der gegenüberliegenden Seite liegt die basilika-ariige eigentliche Klosterkirche: düster erleuchtet, vollbehangen mit alten byzantinischen Bildern, von welchen aber die werthvollsten von den Russen weggeführt wurden. Hier treffen wir in den die Wand umgebenden Armstühlen, in ihren schwarzen Talaren, den hohen, flachen schwarzen Mützen, die bärtigen Mönche, ungefähr ihrer 50, versunken in tiefe Kontemplationen, die aber überaus an jene orientalische Ruhe erinnern, in welcher der Geist sich noch mehr der absoluten Ruhe erfreut als der Körper, der wenigstens in seinen Organen fungirt. Uns schenkt Keiner von ihnen irgend eine Beachtung. Das Hauptheiligthnm dieser Kirche ist das Grab, des heiligen Johannes von Damaskus, des letzten großen Kirchenvaters der griechischen Kirche. Unter dein Name» Almansor nahn» dieser Heilige im Dienste der Khalifen eine hohe Stellung ein, trat aber 730 in das Kloster des heiligen Sabbas und hier verfaßte er seine berühmte, in der griechischen Kirche seither maßgebende Schrift „vom wahren Glauben", die einerseits das Kloster selbst mit neuem Glänze umgab, andererseits der Abschluß der theologischen Entwicklung der griechische!: Kirche war. In einer Nebenräumlichkeit sahen wir Teller mit Holzlöffeln und mit offenbaren Spuren, daß die frommen Brüder soeben ihr aus trockenen Bohnen bestehendes Mahl genossen haben. Die Bewohner des Klosters leben sehr einfach und streng und nähren sich blos aus Vegetabilien. Aber im Orient gibt man überhaupt weniger auf Genuß und Luxus, als auf Rast und Ruhe. Das ist der Hauptunterschied zwischen orientalischer und westlicher Lebensweise. Wir unsererseits stehen so ziemlich in der Mitte zwischen der im Genusse, im Luxus und in der Arbeit gleich fieberischen westlichen Zivilisation und jener einfachen, anspruchslosen orientalischen Indolenz, die es der Vorsehung überläßt, die Geschäfte der Vorsehung zu besorgen. Jetzt sind wir aber stark in den Fortschritt hinein- gerathen; in ganzen großen Schichten und vielleicht im Staatswesen beginnen wir, die hohen Ansprüche des Westens mit der alten guten Indolenz zu vereinen, denn rascher kann man sich die ersteren an-, als die letztere abgewöhnen. Und hierin besteht der kritische Moment für alle orientalischen Raccn bei deren Kontakte mit der westlichen Zivilisation. Solchen Krisen sind nun diese Mönche allerdings nicht ausgesetzt, denn ihre Ansprüche sind die menschlich möglichst geringsten. Ihre physische und geistige Anstrengung besteht kaum aus etwas Anderem, als daß sie auf den zahlreichen Terrassen des Klosters künstlich angelegte Gemüsegärten pflegen und ihre langen Gebete verrichten. Sie besitzen eine uralte Bibliothek, aber in diese gewähren sie nicht nur den Fremden, sondern wahrscheinlich auch sich selbst keinen Einblick. Ihre Bedürfnisse werden durch milde Spenden gedeckt, die aus den griechischen Provinzen und aus Rußland kommen. - Von diesen Kirchen begeben wir uns auf schmalen Treppen von Hof zu Hof, von Terrasse zu Terrasse. Wo sich nur irgend ein Raum bietet, finden wir jene künstlich angelegten Gärten, in einem derselben eine schon lange nicht erblickte Palme; angeblich pflanzte sie der heilige Sabbas mit eigener Hand und ihre Datteln sollen wunderbarerweise keine Kerne haben. Sicherlich ist die verwaiste Palme die einzige in der ganzen Provinz an sich schon Wunders genug. Aber hier in dem von dem Winde geschützten und von der Sonne durchglühten Felsen ist die Temperatur eine bedeutend höhere als in Jerusalem. Von den Terrassen gewinnen wir zuweilen einen Blick in die grausig wilde Schlucht des Kidron, deren Wände fast senkrecht, vielleicht 100 Klafter tief abfallen, so daß das Kloster durch mächtige Strebepfeiler geschützt, gleich einem Adlerneste über ihr schwebt. Auf der gegenüberliegenden Wand der Schlucht ist das Gebirge voll jener Höhen, die einst durch Annchoreten, heute nur noch von den Schakalen bewohnt werden. Einzelne der Mönche befolgen, indem sie im Kloster wohnen, gleichzeitig das fromme Leben der einstigen Anachoreten in feiner ganzen Strenge und wählen sich als ständigen Aufenthaltsort eine der Höhlen der in das Kloster hineinreichenden Felsen. Was nun das Wohnen betrifft, wird es hier kaum schlechter sein, als in irgend einer der Mönchszellen. Die Höhlungen und unterirdischen Räumlichkeiten haben überall beständig die mittlere Temperatur der betreffenden Gegend und so sind sie hier Sommer und Winter gemäßigt warm und trocken; die Luft in diesen offenen Höhlen ist sicherlich eine bessere als in den abgeschlossenen und kaum sehr gewissenhaft gereinigten Zellen. Die strenge Lebensweise dieser modernen Anachoreten wird aber dadurch erhöht, daß sie nur von ungekochten Vegetabilien leben und mit ihren Genossen nur ausnahmsweise verkehren. Eine dieser Höhlen, welche jetzt niemals bewohnt wird, zeigt man mit besonderer Pietät. Durch einen schmalen, langen Felsgang gelangt man in den ziemlich weiten Raum, aus welchem ein Loch im Felsen in eine zweite kleinere Höhlung führt. Hier wohnte einst der heilige Sabbas. „Als er einmal in seine Höhle trat, fand er einen Löwen in derselben, aber ohne Furcht verrichtete er seine Gebete und schlief ein. Zweimal zerrte ihn der Löwe aus der Höhle hinaus; endlich wurde die Sache dem Heiligen zu viel, er befahl dem Löwen, sich in die zweite kleinere Höhlung zurückzuziehen und seitdem lebten sie friedlich beisammen bis an das Ende ihrer Tage." Nach unserer Wanderung gingen wir wieder jene zahlreichen Höfe und Terrassen herab, die sich naturgemäß bildeten, indem das Kloster an den Rand der gähnenden Felsschlucht ausgebaut wurde. Im Divan erwartete uns bereits das Abendessen. In diesem geräumigen und reinlichen Saale ziehen sich an den beiden Längsseiten und der einen Breitseite mit orientalischen Teppichen und Pölstern belegte Sitze entlang; in der Mitte ein großer Tisch, über welchem eine Lampe hängt; rings um denselben Stühle. Hier nahm ich mein Äbendbrod, und dann legte ich mich in das einzige Bett, welches dgs Kloster zur Verfügung hat. In der vierten Wand nämlich, befindet sich eine Nische, 47 durch einen Vorhang abgeschlossen; in dieser auf Holzblöcken Bretter und darüber eins Des Morgens standen wir noch bei Mondschein auf, um bei dieser Beleuchtung - vom Wachthurme noch einen Abschiedsblick auf die schauerliche Einöde zu werfen. Gigan- tischeGestalten der kahlen Felswildniß, so weit nur das Auge reicht; h,e und da em schwarzes Beduinenlager; unter uns die Schlucht des Kidron mit ihren 2—300 Meter senkrecht abfallenden Wänden, deren weit ausgebuchtete Krümmungen, mit dem braunen» grauen geschichteten Gestein, mit den riesigen Dimensionen an manchen Stellen das römische Kolosseum in Erinnerung rufen. All das im zitternden, schwachen Lichte und in dem tiefen Schatten des Halbmondes. Mit denselben Schwierigkeiten und Verzögerungen gelangten wir aus dem Kloster heraus, wie wir gestern hineingekommen waren. Nach mühsamem Felsenritte gelangten wir nach Bethlehem und von da nach einem starken Gallopp nach Jerusalem. ^ (Pester Lloyd.) Sympathetische Tinten. Darunter versteht man gewisse Flüssigkeiten, wovon, wenn man sich derselben zum Schreiben bedient, die Schriftlichen auf dem Papier unsichtbar sind, aber durch Anwendung von Wärme oder gewissen chemischen Stoffen in verschiedenen Farben deutlich und leserlich hervortreten. Schon die alten Nömer bedienten sich einer Art sympathetischer Schrift, indem sie einfach mit frischer Milch schrieben und die Schrift, wenn sie leserlich werden sollte, mit Kohlenstaub bestreuten, der sich an die fettigen Theile der Milch anhing. Diese Methode ist also eine rein mechanische. In neuerer Zeit kennt man indeß eine Menge anderer Mittel, welche den beabsichtigten Zweck in besserer Weise erfüllen. Die einfachsten sind jedenfalls diejenigen, wo die unsichtbaren Schriftzüge durch Anwendung von Wärme hervorgerufen werden. Schreibt man z. B. mittelst eines Gänsekiels mit Zwiebel-, Citronen- oder Aepfelsaft, so ist die Schrift, wenn trocken, vollkommen unsichtbar, tritt aber in brauner Farbe hervor, sobald das Papier stark erwärmt wird. Wenn mit einer verdünnten Auflösung von salzsaurem Kupfer geschrieben wird, so ist die Schrift unsichtbar, sobald aber das Papier erwärmt wird, treten die Buchstaben in schöner gelber Farbe hervor und verschwinden wieder, wenn das Papier erkaltet ist. Alle Salze von Cobalt besitzen dieselbe Eigenschaft. Löst man essig-, salz-, schwefel- oder salpetersauren Cobalt in Wasser auf, so ist die damit hergestellte Schrift unsichtbar, erscheint aber sofort blau, wenn das Papier erwärmt wird. — Ein anderes Verfahren wandte man während des indischen Kriegs in England an, indem man wichtige Staatsdepeschen mit Neiswasser schrieb. Wurde dann eine solche Schrift mit Jod überpinselt, so trat sie in blauer Farbe hervor. Schreibt man mit einer Auflösung von Eisenvitriol und überfährt die unsichtbare Schrift später mit einer Tanninauflösung, so erscheint sie schwarz. Und so gibt es noch zahlreiche chemische Mittel, die ähnliche Resultate liefern. _ (Fundgr.) M i s c e l l - ,r. Ein Handwerksbursche reiste mit, einem Juden in eine nahe Provinzialstadt, und hatte nebst einem Bündel einen schweren Mantel zu tragen. Als sie in das erste Wirthshaus kamen und der Handwerksbursche die Zeche bezahlen sollte, sagte er zu dem Juden: „ach du lieber Himmel, ich habe kein Geld bei mir. Leihen Sie mir doch einen Gulden." Der mißtrauische Jude ließ sich herbei, ihm einen Gulden zu geben, aber nur in dem Falle, daß er ihm ein Pfand dafür einsetze; der Handwerksbursche gab ihm seinen Mantel. Vom Schweiße triefend, schleppte sich der Jude in der Hitze mit dem Mantel bis zum Städtchen; dort angelangt, zog der Handwerksbursch einen Gulden aus der Tasche, gab ihm denselben und bedankte sich schönstens, daß er ihm seinen Mantel so weit getragen habe. (Der gewonnene Barbier-Kundech Zu einem Bankier in Berlin kam kürzlich ein ihm fremder Barbier. „Was wollen Sie hier?" wurde er barsch angeredet.—> „Ihnen barbieren!" — „Ich brauche Sie nicht, ich habe schon einen Barbier." — „Nee!" antwortete der Bartkünstler, „ick bin jetzt Ihr Barbier; Sie müssen sich jetzt von mir barbieren lassen, denn ick und Ihr eigentlicher Barbier, wir spielten jestern Schaafskopp und er verlor all sein Jeld an mir, und wie er keen Jeld mehr hatte, da spielten wir um unsere Kunden Schaafskopp und da hab' ick Ihnen jewonnen." Ein Zuckerbäcker nahe an einem Universitätsgebäude war ein außerordentlich freundlicher und gefälliger Mann. Ein Student hatte einmal eine Tasse Kaffee bei ihm getrunken und sagte, als er dieselbe bezahlen wollte: „Können Sie mir wohl auf einen Louisd'or herausgeben?" — „O ja, o ja," sagte der Conditor, und zählte 5 Thaler und 15 gute Groschen hin. Der Musensohn strich das Geld ein mit den Worten: „Den Louisd'or will ich Ihnen morgen mitbringen." — „Schön, schön," sagte der freundliche Kaffetier. Ein Vauerknabe war bei seinem Pathen zur Kirmis gewesen. Bei seiner Heimkehr entspann sich folgendes Gespräch zwischen Vater und Sohn: „Nun, Fritze, da bist Du ja! wie ivar'sch?" — „Nu, scheene." — „Was hobst Ihr denn gegessen ?" — „Schweinebraten." — „Nu, das war ja was für Dich, da hast Du gewiß recht zugelangt?" — „Ne!" — „Warum denn nicht? 's ist ja sonst Dein Leibessen!" — „Er war su fett! Mer kunt'n gar nicht essen." — „Nu, was habt ihr'n da gemacht?" — „Mer aß'n doch." Ein feindlicher Soldat, einquartiert in das Haus eines reichen Bauern, legte seinen Degen auf den Tisch mit den dominirenden Worten: „Jetzt gelt' ich hier!" — Der Bauer entfernte sich stillschweigend und kam bald mit der Mistgabel zurück, welche er neben den Degen legte. „Nun" fuhr ihn verblüfft der Soldat an, „was soll das bedeuten?" — „Ich meine," sagte der Bauer, „zum großen Messer gehört auch eine große Gabel." (Subject ives Verfahren.) In Mandalay, der Hauptstadt des Königreiches Birma, erscheint eine lithographische Zeitung, welche dreimal wöchentlich zur Ausgabe gelangt. Jüngst brachte dieses Blatt eine Haftnotiz, welche die Ausweisung des Prinzen Pyogamoy durch den König Thibo behandelte. Der König, über die Indiskretion des Blattes ergrimmt, ließ die beiden Redacteure des Blattes vor sich bescheiden und verur- theilte sie kurzerhand zu je 90 Hieben mit dem Bambusrohr. Dem Mauschel will der Bärenwirth an Schimmel anhängen, der a wenig blind ist. Der Mauschel will aber den Gaul erst sehen. — „Geh' nur hinter in Stall, da steht er." — Der Stall ist finster, da sieht ers nicht, wie blind er ist, denkt der Bürcn- wirth. „Nu, Mauschel, hast de Schimmel g'sehen?" — „Jo, ich hob'n g'sehen, aber er hat mich nit g'seh'n." In der Neumannsgasse in Berlin wurden in einem kleinen Hause „feine Fleischwaaren" von den „Geschwistern Leopold" verkauft. Dieselben hielten jedoch, wenn kein Käufer da war, ihr Häuschen geschlossen. Auf dem Klingel-Schilde las man: „Wer Wurst, Pöckelfleisch und Rinderzunge u. s. w. haben will, beliebe von Morgens 8 bis Abends 9 Uhr zu klingeln. Geschwister Leopold." Einem Candidaten der Nechtskunde gab einst ein Gerichtsrath die Acten einer sehr schwierigen Prozeßsache, mit der Aufforderung, seine Ansicht darüber abzugeben. Der Candidat durchlas die Verhandlungen und übergab sie dem Gerichtsrath mit folgender darunter verzeichneten Ansicht: „Es soll mich wundern, was aus dieser Sache werden wird!" Auflösung des Spaßrebus: „Nichte." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Berlag des Literarischen Jnstitus von vr. M. Huttler.