zur „Ängsbirrgtr Postjeitmig " Nr. 7. Samstag, 24. Juli 1680. Am schönsten ist die Rose, wenn ihre Knospe bricht, So tagt aus Furcht empor der Hoffnung schönstes Licht; Am süßesten glüht Rose vom Morgenthau gefeuchtet, Am lieblichsten blickt Liebe, wenn sie durch Thränen leuchtet. Scott. Der Aerr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) III. Seit jener Stunde war das Herz der Fürstin wie verwandelt; so leidenschaftlich sie ihren Gemahl geliebt hatte, so tief und glühend haßte sie ihn jetzt. Die Binde, die so lange ihre Augen umfangen, war plötzlich fort und nun sah sie ihren Gatten in seiner wahren Gestalt. Sie wurde die Vorstellung nicht mehr los, daß sie es nicht mit einem Edelmann, sondern mit einem bloßen Abenteurer zu thun habe. Sein Benehmen war zu wenig edelmännisch gewesen, als ob er diese Manieren nur nachahme, als ob ihm eine aristokratische Haltung nicht anerzogen und angeboren sei. Sie begriff sich selbst nicht, warum ihr dies Alles nicht schon früher an ihrem Manne aufgefallen sei, warum sie einen Menschen so sehr bewundert, der kein Herz, keine wahrhaft edle Gesinnung besaß? — Er halte sonst nimmermehr gegen sie in solcher Weise auftreten können! — Nun erfolgte der Rückschlag und so groß und so bedeutend er ihr früher vorgekommen war, so armselig erschien ihr jetzt sein ganzer Charakter. Und sie hatte Niemand, gegen den sie sich aussprcchen, dem sie klagen konnte, wie bitter und grenzenlos die Täuschung war, der sie sich so lange hingegeben . . . Sich ihrer Dienerin völlig anvertrauen, dazu war die Fürstin doch zu stolz. Wohl hatte sie mit Enrichetta gern über Alles geplaudert, denn sie zeigte sich treu und aufopfernd, aber die schmerzliche Entdeckung, die sie gestern gemacht, mußte sie trotzdem sorgfältig in ihrer Brust verschließen. Enrichetta durste nicht ahnen, wie tief die Niederlage gewesen, die sie sich in jener verhängnißvollen Nacht geholt hatte. Und dennoch wollte sie Gewißheit haben, ob ihre schreckliche Vermuthung eine Wahrheit sei oder ob sie sich nur Hirngcspinnsten hingebe. Zuweilen wünschte sie das Letztere, — aber es war doch Alles vorbei, — zwischen ihr und diesem Manne kam es zu keiner Versöhnung mehr sind dann erwachte auch in ihrem grollenden Herzen die Sehnsucht, ihn für seine Unverschämtheit und Nichtswürdigkeit so hart zu züchtigen, als er es verdiente. Einige Tage später fand sich Doktor Bernard wieder ein; er traf auch heut seinen verehrten Freund nicht daheim; aber dies Mißgeschick schien ihm nicht ganz unangenehm zu sein , denn die Fürstin war gegen ihn so liebenswürdig, daß der treffliche und ein wenig eitle Mann von der stattlichen, noch immer schönen Frau ganz bezaubert wurde» Sie wußte geschickt das Gespräch wieder auf die damaligen Vorgänge in Sorrent zu bringen, ließ sich diesmal die kleinsten Einzelheiten erzählen und auch das Irrenhaus bezeichnen, in das der Bruder des Barons gebracht worden und der Doktor gab bereitwillig Auskunft. Sah er doch aus ihrem lebhaften Interesse, wie sehr die Fürstin für ihren Mann eingenommen war. Ah, der Besitz einer solchen Frau war wirklich ein großes Glück! — nun begriff er erst, warum sich der Baron so rasch in die Fürstin verliebte und sie geheirathet hatte. War sie auch über die erste Jugendblüthe hinaus, so besaß sie doch eben so viel geistige wie körperliche Vorzüge. Mit jener liebenswürdigen Zwanglosigkeit, die Doktor Bernard eigenthümlich war, sprach er auch ohne Weiteres diese Gedanken aus und die Fürstin belohnte ihn dafür durch ein freundliches Lächeln. Als er sich endlich empfahl, bat sie ihren Gast in so gewinnender Weise, ihr bald wieder seinen Besuch zu schenken, daß der lebhafte Franzose trotz seines vorgerückten Alters, die schöne Frau in einer Bewegung verließ, die er lange nicht gekannt hatte. Die dunklen Augen der Fürstin funkelten beinah unheimlich, als der Doktor gegangen war. Durch ihr Hirn wirbelten die seltsamsten Vorstellungen und Gedanken. Heute hatten sie die ausführlichen Erzählungen des Arztes noch mehr in ihrer finsteren Vermuthung bestärkt, daß jenen dunklen Vorgängen zu Sorrert irgend ein entsetzliches Geheimniß zu Grunde liege. Warum hatte Gregorio nicht die Polizei angerufen, um den schändlichen Mörder zu entdecken? — Wenn er seinen Bruder wirklich so leidenschaftlich liebte, wie er geheuchelt, dann mußte ihm alles daran liegen, daß den Verbrecher die rächende Nemesis erreichte. Ihre hastige Frage hatte Doktor Bernard freilich ebenfalls zum Vortheil des Barons beantwortet: Mein hochverehrter Freund war von dem furchtbaren Ereigniß zu tief ergriffen und erschüttert, er wollte nicht immer wieder don Neuem daran erinnert werden und wußte schon im Voraus, daß all' dies Forschen vergeblich sein würde, denn die italienische Polizei — ist den Räuberbanden gegenüber Machtlos. Räuberbanden in Sorrent — grübelte die Fürstin. — So viel hatte sie von ihren Freunden gehört, daß in dieser vielbesuchten Gegend völlige Sicherheit herrschte; aber der Arzt hatte auch diesen Einwurs zu entkräften gesucht. Es war uns Allen freilich sehr merkwürdig und es läßt sich freilich nur annehmen, daß hier ein Gelegenheitsraub vorgelegen, daß ein paar Bewohner der Umgegend, nach Beute lüstern dies schändliche Verbrechen begangen und wir Alls in Sorrent waren dieser Ansicht, hatte Doktor Bernard geantwortet. Ah, jetzt wußte sie wenigstens, wo sich der Bruder des Barons befand, vielleicht war er doch aus seiner Geistesnacht noch zu wecken und konnte über jenen Mordanfall und über den wahren Charakter seines Bruders Auskunft geben. — Noch voll von den auf sie einstürmenden Gedanken, setzte sie sich auf der Stelle hin und schrieb an ihren alten russischen Freund in Florenz, den Grafen Powlow. Sie bat um Entschuldigung, wegen ihrer damaligen unverzeihlichen Unart, aber sie habe nur dem Drängen ihres Gatten nachgegeben, der einen ganz unerklärlichen Haß gegen alle Russen an den Tag gelegt. Es war ihr ein Bedürfniß, ihr übervolles Herz gegen den Grafen auszuschütten, der sich immer als wahrer und aufrichtiger Freund erwiesen, und nachdem sie ihm offen ben größten Irrthum ihres Lebens bekannt, den sie so bitter und furchtbar zu bereuen Ihabe, bat sie ihn, sich, wenn irgend möglich, nach den näheren Verhältnissen ihres Mannes und seines Bruders zu erkundigen, denn sie wollte endlich Gewißheit haben, ob sie es Mit einem Abenteurer oder mit einem wirklichen Edelmanns zu thun habe. — »Sagen Sie mir Alles, was Sie erfahren, ohne jeden Rückhalt, lieber Graf, schloß sie ihren langen, ausführlichen Brief; ich werde es ertragen, ja glücklich sein, denn es befreit Mich vielleicht von Fesseln, die mich jetzt schon beinah erdrücken." Die Fürstin wagte nicht, diesen wichtigen Brief einer Dienerin anzuvertrauen,' Uttd gab ihn selber auf die Post, und nun wartete sie voll Ungeduld auf die Antwort. Sie blieb ungewöhnlich lange aus. Erst nach mehreren Monaten traf ein Brief vom 51 Grafen ein, in fieberhafter Hast erbrach sie ihn und ihre Augen irrten hastig über das Papier hinweg, als wolle sie im Fluge von dem Inhalt des Schreibens Kenntniß nehmen. Bald begann sie langsamer zu lesen und nachdem sie damit zu Ende war, faltete sie den Brief wieder zusammen. Ihre Wangen glühten und ihr Busen arbeitete heftig, und als sie sich jetzt ein wenig zurücklehnte und in Gedanken verloren vor sich hinstarret, spielte ein seltsames bitteres Lächeln um ihre Lippen. Dann sprang sie plötzlich auf, ihre dunklen Augen funkelten und den Brief wie triumphirend in die Höhe haltend, wanderte sie mit hastigen Schritten lange im Zimmer auf und ab, leise undeutliche Worte vor sich hinmürmelnd. Was er für ein Gesicht machen wird, wenn ich ihm Das sage? begann sie endlich ganz laut. Ach, ich vergaß, der saubere Patron kommt ja erst beim Morgengrauen nach Hause und ich will nicht wieder die Thorheit begehen und so lange auf ihn warten. Ich werde ihm das alles schreiben, — und von diesem Entschlüsse getrieben, setzte sie sich auf der Stelle an den Schreibtisch und ihre Feder flog über das Papier. Bald hatte sie den Brief beendigt, sie nahm sich nicht Zeit, ihn noch einmal zu lesen, verschloß ihn nur sorgfältig und nachdem sie ihn mit der Adresse ihres Mannes versehen, klingelte sitz ihr Kammermädchen herbei. Enrichetta erschien mit der gewohnten Pünktlichkeit. Hier ist ein Brief für meinen Mann. Sorge dafür, daß er in seine eigenen Hände kommt, sagte die Fürstin und reichte ihr das Schreiben, das die Dienerin zwar schweigend, aber doch mit einigen Zeichen der Verwunderung hinnahm. Sie blieb noch einen Augenblick stehen, denn sie hatte gehofft, daß die Fürstin, wie sonst, sich über die Absichten, die sie damit verband, offenherzig aussprechen würde, aber als ihre Herrin kein Wort weiter hinzusetzte, verließ sie so leise und schweigsam, wie sie gekommen war, das Zimmer. In der Brust der Fürstin wogten seit dem Eintreffen des Briefes die seltsamsten Empfindungen auf und nieder. Zuweilen war es ihr, als muffe sie laut und verzweifelt aufschreien und dann hätte sie wieder jubeln mögen. Jetzt konnte sie den einst so heißgeliebten' und jetzt so tief verhaßten Menschen in's Herz treffen. — Was er wohl antworten, welches Lügengewebe ler wohl erfinden würde, um das alles von sich abzuwehren?! Darüber sann die Fürstin beständig nach. Vergebens suchte die schlaue Enrichetta sie heut auszuforschen, als sie wieder eins Dienstleistung in der Nähe ihrer Herrin rief. Die sonst so mittheilsame Frau, die ihr all' ihr zärtliches Empfinden anvertraut, blieb merkwürdig zurückhaltend und selbst die vorsichtigsten Versuche des durchtriebenen Geschöpfes, ihrer Herrin das Geheimniß des Briefes zu entlocken, blieben ohne Erfolg. Nun gut, schweig immer dachte endlich verdrießlich die neugierige Kammerkatze; von Deinem Manne werde ich es dann schon erfahren — und ein triumphirendeS Lächeln huschte heimlich über ihr Gesicht. Die Fürstin erwartete in fieberhafter Ungeduld die Antwort ihres Mannes: aber der Morgen kam und noch hatte er nicht geschrieben. Vielleicht erschien er selbst, weil er eine mündliche Unterredung vorzog und vielleicht dann eher hoffen durfte, sie zu überreden, und mit rafsinirtem Geschick alles zu seinem Besten zu drehen und zu wenden. Sie wollte schon feststehen und all' seiner Künsten zu widerstehen. Der Tag verging und weder ein Brief ihres Mannes kam, noch fand er sich selbst bei ihr ein. Nun tonnte die Fürstin nicht länger an sich halten. Als Enrichetta ihr am Abend den Thee brachte, wandte sie sich mit der hastigen Frage an dieselbe: Ist der Brief auch wirklich in die Hände meines Mannes gekommen? Ja, Excellenza, ich habe ihn selbst dem Baron gegeben, weil ich dachte — Ganz gut und wann? unterbrach sie ihre Herrin lebhaft. , Heute Mittag, der Herr Baran wollten eben wieder ausführen, wie mir Jean sagte. Und hat er den Brief sogleich gelesen? Was sagte er dazu ? Enrichetta zögerte mit der Antwort. 62 Sprich ganz ruhig, drängte ihre Herrin. Bon diesem Menschen kann mich nichts mehr beleidigen. In ihrer Aufregung lies! sie sich zu einer Aeußerung hinreißen, die sie im nächsten Augenblick doch schon bereute. Ah, von meiner liebenswürdigen Gattin, sagte der Baron lächelnd und steckte den Brief ruhig in die Tasche. Jetzt verlor die Fürstin den letzten Nest ruhiger Besinnung. Der Elende! rief sie Mit wuthzitternden Lippen. Nun gut, dann soll er etwas Anderes zu lesen bekommen! fuhr sie zorugluhend fort und ihre Augen funkelten. Ich werde mit Gewalt die schmählichen Baude zerreißen, die mich an diesen sauberen Herrn Baron fesseln! — Sie sprang auf ruck- stürzte in höchster Aufregung durch das Zimmer. Alles klare Denken war aus ihrem Gehirn entwichen durch ihre Brust lobten nur die Dämonen des Hasses und der Rache. Daß er einen Brief von ihr nicht einmal des Lesens würdigte, empörte ihren Stolz auf das Höchste und brachte in ihr all' den Groll zum Ueberschäumen, den sie gegen ihren Mann jetzt empfand. Wollen Excellenza nicht den Thee trinken, eh' er kalt wird? fragte Enrichetta in ihrer freundlichen, unterwürfigen Weise, die mit großer.Aufmerksamkeit den Wuthausbruch beobachtet hatte. , ^ Nein, bringe mir eine Flasche Selterwasser, befahl die Fürstin, die wohl selber das Bedürfniß fühlen mochte, ihr kochendes, überhitztes Blut ein wenig abzukühlen. Möchten Excellenza denn nicht einen Tropfen Wein dazu mischen? Ich fürchte das Wasser allein könnte Excellenza schaden, sagte Enrichetta und blickte voll Besorgniß auf ihre Herrin, die zustimmend nur mit dem Kopfe nickte. Das Kammermädchen blieb ungewöhnlich lange aus und die Fürstin hatte ihren ertheilten Befehl beinahe vergessen, als es endlich mit dem silbernen Theebrett zurückkam, auf welchem sich ein halb volles großes Weinglas und eine Flasche Selters befand. Enrichetta entschuldigte ihr langes Ausbleiben damit, daß ihr der Diener nicht sogleich den rechten Wein gebracht, Execllenza brauchen heut etwas Stärkendes und so lirß ich mir von dem besten Wein geben, den wir nur im Keller haben. Ich hoffe ^ wird Excellenza gute Dienste thun; und sie blickte dabei voll zärtlicher Theilnahme auf ihre Herrin. Die Fürstin war heute nicht in der Stimmung, sich wie sonst für solch' treue Ergebenheit erkenntlich zu zeigen. Ocffne rasch! sagte sie mit rauher Stimme, denn mir ist's als müßte ich verbrennen. Das Kammermädchen folgte dem Geheiß und ließ einen Theil des Selterwasser in das Weinglas brausen. Die Fürstin griff sogleich nach dem Glase und trank seinen Inhalt in einem Zuge aus. Der Wein hat einen schlechten Geschmack, sagte sie sich schüttelnd. Es ist unser echler Imoriruas Eluisti, der Diener hat es ausdrücklich versichert, entgegnete Enrichetta. lömei'inms Ebi'ioti . . . wiederholte die Fürstin nachdenklich, plötzlich griff sie erschrocken an ihre Brust, stieß einen leisen Schrei aus und mit dem Ausruf: Ich sterbe! sank sie zu Boden. Aufmerksam betrachtete Enrichetta die letzten Zuckungen der bereits mit dem Tode ringenden Frau. In ihrem scharfen, klugen Gesicht zeigte sich auch nicht das leiseste Zeichen von Aufregung über das plötzliche schreckliche Ereignis;, im Gegentheil, schien sie es erwartet zu haben. Ohne sich zu besinnen, machte sie sich mit dem Glase zu schaffen, reinigte es mit einer Serviette sorgsam und goß dann ein paar Tropfen Wasser nach. Sie that das alles so ruhig und mechanisch als ob dies zu ihren täglichen Verrichtungen gehöre. Jetzt streckte sich der mächtige, volle Körper der Fürstin noch einmal aus — ein leises Röcheln und sie hatte aufgehört zu athmen. 53 Das Kammermädchen beugte sich über sie hinweg und warf einen prüfenden Blick vuf die bleichen Züge der Fürstin. Excellenz«, was ist Ihnen? schrie sie in das Ohr ihrer Herrin und als sie keine Antwort erhielt, richtete sie sich in die Hohe und murmelte leise: Sie ist todt. Jetzt schien doch etwas wie ein Schauder über ihren Körper zu rieseln, aber sie wußte sich rasch zu beherrschen und wollte schon aus dem Zimmer eilen, da kehrte sie auf der Schwelle noch einmal um. Da hätte ich bald etwas vergessen, sprach sie vor sich hin und klopfte sich vor die Stirn. Sie hielt den Brief so ängstlich vor mir verborgen, dahinter steckt ein Geheimniß, das muß ich wissen, vielleicht ist es mir von größtem Nutzen und rasch entschlossen trat sie an die Leiche heran, bückte sich über sie hinweg und griff in den Busen ihrer todten Herrin. Wie kalt, murmelte sie, ein wenig zusammenzuckend, dann hatte sie schon den Brief entdeckt und zog ihn triumphirend hervor. Ihre dunklen Augen irrten über das Papier hinweg, um seinen Inhalt zu entziffern. Es war ein sehr langer Brief und die erste Seite erweckte ihr wenig Interesse. Der Vriefschreiber beklagte das Schicksal der armen Fürstin, er habe freilich vorausgesehen, daß sie ihren übereilten Schritt bald bedauern würde. Enrichctta stieß ein höhnisches Lachen aus, sie wollte schon gelangweilt den Brief wieder der Fürstin in den Busen stecken, aber sie las noch einige Zellen weiter und nun wurde sie doch aufmerksamer. Ihre Augen begannen zu sunkeln, die kleinen weißen Zähne kamen zum Vorschein, und sie sah jetzt ein wie zum Katzengeschlecht gehöriges Naubthier aus, das eine Beute in Sicherheit bringt. Nun hab' ich ihn in Händen, nun ist er ganz mein! . . . preßte sie jubelnd hervor und hielt mit dem Ausdruck des größten Triumphes den Brief in die Höhe. Jetzt muß er mich zur Baronin machen, wie er mir versprochen hat, oder — sie sprach den Gedanken nicht weiter aus, verbarg rasch den Brief an derselben Stelle, an der er noch kurz vorher bei der unglücklichen Frau geruht und eilte aus dem Zimmer, schon auf der Schwelle ein lautes Jammergeschrei ausstoßend: Zur Hilfe! O dieses Unglück! die Fürstin! — und sie wies mit allen Zeichen des Entsetzens nach den Gemächern ihrer Herrin, als die übrige Dienerschaft auf ihren Hilfeschrei herbeieilte. Rufen Sie den Herrn Baron, wandte sie sich an einen Bedienten, Excellenz« hat der Schlag gerührt, und dann folgte sie schon wieder den Anderen, um zu ihrer Herrin zurückzukehren, obwohl sie wie gebrochen hin und her schwankte. Fortsetzung folgt.) Im Etsch.Winkel. Von Ernst Reiter. Im leichten, offenen Gefährte, das uns vom Obstmarkt der alten anheimelnden Blumenstadt am Eisack, dem germanischen Florenz, hinwegführte, ging es im wunder- lieblichen Frühmorgen nun hinaus auf die breite Landstraße, dem kleinen, außerhalb Bozen am Fuße hoher Bergwelt gelegenen Dorfe Gries zu, das seines vorzüglichen, vor jedem rauheren Lüftchen behüteten Klimas wegen von Brustleidenden aller Zonen, denen das kostspielige Meran versagt bleibt, hochgeschätzt und erfolgreich besticht wird. In üppiger Thalsohle zieht sich jetzt unser Weg dahin. Im Sonnengold des südlichen Frühlings glitzert hier eine Welt von Thaukrystallen und bietet dem trunkenen Auge märchenhafte zaubervolle Pracht. Es ist, als ob ein mächtiger Geist sein „Werde!" ausgerufen hätte über die Thäler, Hügel und Berge, Wälder und Fluren. Alles lebt und webt und athmet erfrischt, wie nach schwerem Traum neuerwachend. Helles, erfrischendes Grün sproßt da in ungezügeltem Emporwuchern allerwärts hervor zu beiden Seiten der Straße und drüben ragen hoch in den klarblauen reinen Aether des köstlichen Tages die imposant aufstrebenden Dolomiten des weithin die Gegend beherr- schenken Mendelgebirges. Unten im Thale, von reichlichem Busch- unk Baumwerk umrahmt, kaun: oder nur selten dem Auge des Wanderers sichtbar, fließen sanft die Wasser der Etsch dahin und ihr gleichmäßiges Rauschen tönt oft herüber in das lärmende Summen und in die eigenartige Poesie des alten Landstraßenlebens. Zur Rechten streben, den ganzen Fahrweg bis hinein in den Etschwinkel entlang ziehend, die gewaltigen Höhen der Porphyrketten, von dunkelgrünen und tiefschwarzen Tannenwäldern besäumt, empor, nicht selten steil und schroff aufragend in die Lüfte, gekrönt mit sagenhaften Burgen und ruinenhaften Besten. Ueber dem Felsenriß hoch oben kreist ein Geier und schlägt mit mächtigen Schwingen die Luft; der einförmige, wie melancholische Ruf eines Kukuks dringt da in matteren Tönen herab aus dem Walde; die jauchzende, glück- frohe Stimme eines Burschen oder der helle freudige Gegenruf einer Maid klingt wie ein heiteres, eigenartiges Morgengebet aus der freien Menschenbrust. Alles Ungemach von winterlicher Noth und winterlicher Pein ist vergessen; durch die in vollen Zügen wieder athmende Seele zieht ein leises Klingen, ein begeistertes Streben, ein erhebendes, wie berauschendes Fühlen und Empfinden, ein so unbeschreib- bares, beseligendes Gefühl, das so recht im innigen Einklang mit der paradiesischen Natur um uns steht. Dort hoch oben in leuchtender Bläue, malerisch schön, weit auslugend in's wundervolle Land, steht Burg Maultasch, um dessen Wiedergewinn Herzog Stefan, der Bayer, zu kriegerischem Spiel auszog und Oesterreich mit seinen kernigen Mannen überfluthete. Margaretha, des Herzogs Heinrich von Kärnthen, Grafen von Tirol, Tochter, nach diesem Schlosse Maultasch zubenannt, dachte das herrliche Land nach ihres zweiten Gemahls Tode an Bayern, dem sie verwandt, zu übergeben; aber Herzog Stefan hatte es verabsäumt, Heses Vorhaben seiner Schwägerin sich rechtzeitig und rechtsgiltig zu sichern; Margaretha, auch nur ein Weib mit Weibersinn, mit allen Schwächen und Leidenschaften des andern Geschlechts, ließ sich aber von Rudolf, Herzog von Oesterreich, eines weisen Vaters weisen Sohn, die Gunst abschmeicheln und gab schließlich diesam dort oben in der Burg ihrer Ahnen „für sich und sein Haus Erbrecht und Erbrecht-Einsetzung über alle Burgen und Berge, Städte, Schlößer und Dörfer" des wunderbar schönen Landes. Kaiser Karl begünstigte diesen Coup und die aufgestellten Schiedsrichter sprachen im Jahre 1369 den alleinigen Besitz Tirols dem Hause Habsburg zu. Dort oben in jener Burg Maultasch war es auch, wo Margaretha, die keineswegs sonderlich mit den Vorzügen edler Weiblichkeit, auch nicht mit Schönheit und Anmuth vom Geschicke bedacht war, und die durch viele resolute Züge in ihrem Kriegs- und Fehdenleben mehr an das Wilde und Mannhafte eines Söldners jener Tage erinnern mag, anno 1331 mit dem böhmischen Prinzen Johann, einem Bruder des nachmaligen Kaisers IV., vermählt wurde. Wie rauschend und prunkvoll aber auch die Festlichkeiten auf Schloß Maultasch gewesen, welche der fürstlichen Hochzeit zu Ehren stattfanden, die Ehe selbst war keine glückliche und wurde auch schon ein Dezenium später, 1341, durch Ludwig den Bayer getrennt. Heute nistet in dem verfallenen, verwitterten Gemäuer, das aber immer durch die reichen historischen Erinnerungen, die sich an die vormals so stolze Burg knüpfen, dem Reisenden von Interesse sein wird, wildes lichtscheues Gevögel aller Art, nunmehr die Herren des ruhmreichen Gebietes der 1379 zu Wien in stiller Zurückgezogenheit verblichenen einst so streitlustigen und unternehmenden Gräfin von Tirol, über deren Leben wohl eine Fülle sagenhafter Detailgeschichten und Anekdoten zirkulirt. Lustig rollt unsere Kutsche nun wieder dahin. Die farbenprächtigsten Bilder fliehen rechts und links an uns vorüber. Alle süßen Zauber des Frühlings nehmen uns gefangen; wohlige Luft und berauschende Düfte umhauchen uns; wie in ein Eden, in ein hesperisches Land erscheint uns die Fahrt gen Meran, die Fahrt nach dem Nizza und Madeira Tirols. Jetzt taucht ein freundlicher Flecken mit schmucken, hellen Häusern, gefüllten Krippen und wiehernden Rossen davor, .mit ruhenden Fuhrknechten im blauen 65 — kurzen Staubkittel an der Seite des hochbepackten Frachtwagens, mit singenden Wanderburschen mit leichtem Ränzel und leichter Tasche und frischen lachenden Drrnen vor unserem Auge auf. Und der liebe Herrgott in all' seiner unbegrenzten Güte reicht ber jedem Hause mildreich seine Rechte dem Dürstenden freundlich entgegen; er ladet ihn zu einem frischen Trunk Terlaner Weines. Wir sind nämlich in Terlan, dem alt- Lerühmten Terlan, das durch seinen „schiefen" Thurm und seinen weltbekannten tiefschwarzen feurigen Rebensaft, der fast zu neuem Leben erwecken soll, und dem «Fremden, dem Ausländer auch wirklich nur zu glühend durch die Adern kreist, längst genugsam genannt ist. Obgleich böse Zungen behaupten wollen, daß man Terlaner Wein überall auf Gottes schöner Erde trinken darf und soll, nur — in Terlan nicht, so konnten wir doch den Wunsch, das dunkle Traubenblut des niedlichen Oertchens in seiner Heimath selbst zu schlürfen, nicht unrealisirt lassen. Ach, der Wein! Konnten wir denn auch Besseres thun, als dem großen Briten und Menschenkenner, dem Dichter und Philosophen vom Strande Avons Folge geben, der vor drei Jahrhunderten schon den ewig weisen Spruch allen Zeiten kundgethan hatte: „Guter Wein ist ein gutes geselliges Ding und jeder Mensch kann sich wohl einmal davon begeistern lassen." Und die Sonne schien so goldig herein in den gefüllten Glaspokal und wohl auch in unser Herz und Gemüth, daß wir begeistert den Frühling leben ließen, den italischen Frühling, der sich mit solch' wonnigem Wehen über die Lande der Etfch,. den Etfch- Loden und den Etschwinkel gebreitet hatte. Bald auch war nach der Theorie des kreisenden Stoffwechsels in uns ein Theil der stammenden Sonnengluthen des Südens eingezogen; der dunkle Terlaner Wein funkelte aus unseren Augen und Blicken hervor und wir sahen nun die Welt ringsum in weit anderem Kleide: voll Herzensglück und seliger Empfindung, rosig und blühend. Und die schelmische Sage vom „schiefen" Kirchthurm in Terlan ward wieder laut und wir ergötzten uns wohl, im Angesichts dös funkelnden Weines, manche Minute att ihrer ätzenden Schärfe. Einst, vor langer grauer Zeit, sei einmal eine Jungfrau, eine echte rechte, an ihm vorbeigezogen, da habe er sich ehrfurchtsvoll vor ihr gebeugt und geschworen, erst wieder in seine frühere ausrechte Lage, in seine vertikale Richtung zurückzutreten, wenn wieder eines Tages eine Jungfrau, eine echte rechte, zu seinen Füßen vorüberzöge. Seitdem aber sind hundert und hundert Jahre vorübergerauscht; viele hundert und hundert schmucke, blühende Tirolerdirnen haben ihn seitdem gegrüßt; aber noch heute ähnelt der altersgraue hohe Kirchthurm dem oft genannten zu Pisa und droht seiner geneigten Stellung wegen jeden Augenblick in sich zusammen- und über die Landstraße zu stürzen ... ^ Es liegt wohl viel vernichtender Humor in dieser alten Tradition, aber auch manch' ein Körnchen Wahrheit; die Sitten der Aelplerinen, der freien Kinder freier BergeS- höhen, sind und bleiben doch immer wieder ein wenig leichterer, entfesselterer Natur. Und in lustigem Trabe geht es nun wieder vorwärts. Vilpian liegt jetzt da zur Rechten mit seinen reichen Maulbeerpflanzungen, seiner wahrhaft südlichen Ueppigkeit und der echt wälschen Bauart seiner Häuser. Auch hier gab es, just an einem Sonntag war's, in den Wirthsstuben und außen vielbewegtes Leben und frohes, tolles Treiben. Drüben schießen Tiroler Schützen aus der Umgebung nach der Scheibe, und in stolzen Treffern und im kernhasten, weithinhallenden Jodlern thut es ihnen sicherlich Keiner gleich oder zuvor. Auf grüner Fläche lagern im flammenden Sonnenglanze Bursche und Männer in ihrer kleidsamen Tracht, in den grünen Strümpfen, kurzen Knieehosen, !n schneeigen Hemdärmeln oder im dunkeln Spenser, den spitzen, reichbebänderten Filzhut auf dem Haupte. Im Freien, über dein lodernden Flammenherde, brodelt es im Kessel, und der Becher mit feurigem Tiroler wandert umher im fröhlichen Kreise. Einfach ist das Mahl und bescheiden zwar, aber kräftig und markig, gerade wie es Wald- duft und Waldluft rings um sie ist. — 86 — Gargazon, Burg stall und außerdem ab und zu ein kleiner Flecken oder Weiler folgen nun, von denen uns biedere Bursche mit Heller, frischer Stimme herüber- grüßten. Und hoch oben auf felsigen Höhen im Waldesdunkel thronen, bald frei und frank, bald wieder umschattet von dichter, reicher Baumwelt, nur hervorlugend aus tiefstiller Einsamkeit und Abgeschiedenheit, Burgen und Schlösser. Welch unnennbare Zauber wehen da herab aus lichtumflossenem Baumreviere, welch beglückende Poesie aus längst entschwundenen Kindheitstagen; welch reine Herzensseligkeit schimmert da nicht herein in die frühling ersehnende Brust und glänzt und flammt in den unvergeßlichen Farbentönen der Jugendfrische? Jean Paul'sche Tinten ziehen da vor unserem geistigen Blicke her und wie ein goldig Mührlein aus verblühten sonnigen Stunden dämmert es erinnerungsfreudig, wonneberauschend auf vor dem sensitiven Wanderer. In den Wipfeln und Kronen der alten Buchen und Eschen jubilirt es gar lustig von jenen kleinen gefiederten Sängern, denen Frühling und Sommer und die goldigen Tage des Herbstes zu eigen gehören. Auf jedem Blatt, auf jedem wirr hervorragenden Zweiglein scheint das Ehrwürdige von Jahrhunderten zu ruhen. Epheuumrankt streben da und dort die einzelnen Steinwände der verfallenden Burgen in das reine Blau des Himmels, während unserem Geiste wohl eine weitentrückte fremde bunte Welt, den Tagen des minniglichen Nitterthums entspringend, ersteht. (Schluß folgt.) M i s e e l l e,t. (Wie man einen Trunkenbold curirt.) Der k. mexikanische Cavallerie- Officier Theodor Wachlig erzählt in seinen „Wanderungen in Mexiko" folgende Episode: „Eine eigenthümliche Strafart sah ich einst bei einer indianischen Freiwilligenschaar. An einem Indianer, der sich dem unverbesserlichen Trunke ergeben, sollte ein Exempel statuirt werden. Zu diesem Behufe formirte die Truppe ein Carrs, in dessen Mitte der Delinquent unter einem heillosen Lärm von Trommeln und Trompeten geführt wurde. Drei Cabos (Korporale) stellten sich ihm zur Seite, der eine hielt einen großen Krug Seifen- wasser in der Hand, die beiden anderen waren mit elastischen Stöcken bewaffnet. Der Commandant hielt eine kurze, kernige Ansprache an die Truppe und verurtheilte schließlich den Trunkenbold zu dem Kruge Seifenwassers, den er bis zur Neige zu leeren hatte. Der Delinquent, dem noch ganz katzenjämmerlich zu Muthe war, that angesichts der drohend emporgehobenen Stöcke einen herzhaften Schluck aus dem verhängnißvollen Kruge, dann wurde abwechselnd getrunken, geblasen, getrommelt, gebrochen und geprügelt und die jedesmaligen empfindlichen Prügel halfen dem Verurtheilten über den furchtbaren Eckel hinweg, den in ihm der ungewohnte Trank erregen mußte. Man sagt mir, der Indianer wäre seit jener Zeit in Folge der originellen Kur der nüchternste Mensch geworden." (Nach dem Examen.) A.: „Also sie haben Dich wieder durchplumpfen lassen?" — B.: „Na, das war auch kein Kunststück! Geben die mir dieselben Fragen, die ich voriges Mal schon nicht wußte!" (Selbstschätzung.) Ein Liebhaber schickte seiner Geliebten sein Porträt milder Post. Da er nun fürchtete, daß das Porto sonst zu hoch kommen würde, schrieb er auf die Adresse: „Muster ohne Werth." Ein geistreicher Mann wurde wegen einer sehr schönen Frau gefragt, wie sie ihn anspräche. „Sie hat mich sehr angesprochen, als sie mich noch nicht angesprochen. Seit sie mich angesprochen, spricht sie mich gar nicht mehr an," war die ruhige Antwort. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Jnstitus von Dr. M. Huttlcr.