zur Ängsbilrger Poshcitmlg." Nr. 8. Mittwoch, 28 . Julk 1880. Gmiestc, wo? du hast, als cb du heute Heck stcrbcn selltest! aber spar' es auch, LU l,k du ewig lcblcst. Ter allein ist weise, Ter lnüi? cinacderk, im Lparcn zu Etniistiu, im Ermaß zu spa:rn weist. Wielaud. Dev Aerr Baron. Novelle von Ludw i g H abich t. Als die Diener die Fürstm am Boden ausgestreckt fanden und ihr Aussehen deutlich verrieth, daß sie bereits eins Leiche sei, blieben die Meisten scheu an der Thür stehen, nur Enrichetta eilte wieder aus die Todte zu, kniete vor ihr nieder und bedeckte ihre weiße, kalte Hand mit Küssen, während sie dabei beständig das große, furchtbare Unglück bejammerte, so plötzlich ihre theure Exccllrnza verloren zu haben. Wenige Minuten später erschien der Baron. Er hatte heut, seltsam genug, noch nicht seinen gewohnten Ausflug unternommen. Kaum war er der Leiche seiner Gemahlin ansichtig geworden, da stürzte er mit ausgebreiteten Armen auf sie zu: O, meine Car- lottn l Du darfst nicht todt sein l Es ist ja nicht möglich! Meine Liebe wird Dich zu neuem Leben erwecken! und in wilder Verzweiflung warf er sich über die Tode hinweg und bedeckte ihren bleichen Mund mit seinen Küssen. Enrichetta hatte sich bei der Ankunft des Barons erhoben und war scheu zur Seite getreten, als wolle sie vor dem größeren Schmerz des Gatten zurückweichen. Die hier versammelten Leute wußten wohl, daß ihr Herr mit seiner Gemahlin nicht auf dem zärtlichsten Fuße gelebt; aber die Dienerschaft in einem großen Pariser Hause ist an solche vornehme Ehen gewöhnt und der Tod hat dann doch eine versöhnende Kraft, trotzdem hätte man nicht erwartet, daß der gnädige Herr die Sache gar so tragisch nehmen würde und die leicht erregbaren Franzosen, aus denen die übrige Dienerschaft bestand, bewunderten aufrichtig den tiefen, grenzenlosen Schmerz des Barons und wurden von diesem leidenschaftlichen Erguß mit fortgerissen. Die weibliche Hälfte begann heftig zu weinen, während die Männer sich mit kurzen, schmerzlichen Ausrufen begnügten, daß die herrliche schöne Frau vom Tode so plötzlich hinwcggerafft worden. Ach, sie erwacht nicht mehr! Sie ist von mir geschieden, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben, rief der Baron klagend aus, und indem er liebkosend über das Haar der Verblichenen strich, griff er nach seinem Taschentuch, um die reichlich hervorstürzenden Thränen zu verbergen. Carlotta, o meine einzige Carlotta, Du nimmst auch von mir das Leben hinweg! . . . und er beugte sich vom Neuem über die Todte und starrte mit allen Zeichen der Verzweiflung in ihr bleiches Antlitz. Die Dienerschaft wagte ihren Herrn in dem Ausbruch seines Schmerzes nicht zu stören, der sich jetzt erhob und mächtig mit der Frage auf Enrichetta zutrat: Wie ist 58 das so plötzlich gekommen? Die Fürstin erfreute sich ja stets einer blühenden Gesundheit und ich hatte gehofft, das herrliche Weib noch lange zu besitzen. Jetzt erst, nachdem ich sie verloren, weis; ich ihren Werth völlig zu schätzen, und er warf einen schmerzlichklagenden Blick auf den stattlichen Körper, der noch jetzt im Tode und in dieser Stellung seine vollen üppigen Formen ganz besonders zeigte. Excellenz« war über eine Kleinigkeit in große Aufregung gerathen, berichtete En- richctta mit großer Zungenlüufigkcit und einem so treuherzigen Gesicht, daß an der Wahrheit ihrer Worte Niemand zweifeln konnte. Sie forderte einen Tropfen Wein und eine Flasche Selters, um ihr Blut ein wenig zu kühlen. Ich wagte Excellenz« davon ab- zurathen, da in ihrer Verfassung ein kalter Trunk sehr leicht gefährlich werden könne, aber sie wollte davon nichts wissen und wurde ungeduldig. Ich mußte ihr das Geforderte bringen, obwohl ich gleich in Sorge war. Sie trank das Glas in einem Zuge. Ach, wie das wohl thut, sagte sie und sie setzte lächelnd hinzu, da siehst Du Närrin, daß es keine Gefahr damit hat. Wie könnte denn ein Glas Wasser schädlich sein? Ich durste nicht widersprechen. Excellenz» ging mehrmals im Zimmer auf und ab, plötzlich blieb sie stehen, klammerte sich mit der Linken an den Tisch während sie die Rechte auf ihre Brust drückte und sie rief klagend aus: Wie wird mir? Mein Herz droht mir zu zerspringen. Am Ende hast Du doch Recht gehabt! O Du treue Seele, warum habe ich nicht auf Dich gehört! Mein Gott — es wird Nacht! und mit einem lauten Schrei, ehe ich noch hinzuspringen konnte, sank sie zur Erde. Ich stürzte sogleich hinweg, um Hilfe herbeizuholen. -— O meine Excellenz«! So rasch mußte sie ihren Tod finden! und Enrichetta bedeckte das thränenüberströmte Antlitz mit ihrer Schürze. Bei der Erzählung des Kammermädchens zuckte ein tiefer Schmerz über das Antlitz des Barons. Mit thräncnerstickter Stimme brachte er jetzt mühsam hervor: Ich danke Dir, Enrichetta, Du hast meiner theuren Gemahlin den letzten Liebesdienst erwiesen, ich werde desselben dankbar eingedenk bleiben. Enrichetta nahm rasch die Schürze vom Gesicht, ihre dunklen Augen blitzten eine Sekunde freudig auf, ein eigenthümliches Lächeln huschte um ihre Lippen, das rasch wieder verschwand und sie entgegiiete leise und demüthig: Sie sind sehr gütig, gnädiger Herr Baron. Ich weiß, wie treu Du Deiner Herrin ergeben warst, fuhr der Baron mit großer Wärme fort: und für solche Treue hab' ich ein gutes Gedächtniß., Er kehrte sich nach diesen Worten um und als er jetzt wieder der Leiche seiner Gattin ansichtig wurde, überwältigte ihn die Verzweiflung von Neuem so furchtbar, daß er laut jammernd zusammenbrach und sein Gesicht in den Kleidern der Verstorbenen barg. Dann winkte er mit der Hand, zum Zeichen, daß er mit seiner todten Gemahlin allein sein wollte. Die anwesende Dienerschaft verstand ihn und entfernte sich leise, Enrichetta war die Letzte, die hinausging, ein triumphircndes Lächeln spielte um ihren Mund, Suche immer, Du wirst den Brief nicht mehr finden, dachte sie und durch ihr Gehirn zuckten lausend unruhige Gedanken. Kaum hatten die Leute das Zimmer verlassen, als der Baron sich erhob, sorgfältig die Thür verschloß und dann an den Schreibtisch der Fürstin eilte, um jedes Fach hastig zu durchwühlen. Wohl fielen ihm eine Menge Briefe in die Hände, aber er legte einen nach dem anderen enttäuscht bei Seite. Nirgends konnte er entdecken, was er suchte. Auch das geheime Fach, das er rasch gefunden, enthielt nichts als einige kostbare Schmucksachen, die er sofort in seine Tasche gleiten ließ. Ungeduldig und enttäuscht warf er sich in den Lehnsessel, der vor dem Schreibtisch stand, stützte den Kopf in die Rechte und sann einige Augenblicke nach. Seine Blicke irrten gleichgiltig über den prächtigen Marmor hinweg, der sich ihm zeigte und spähten nur gierig nach dem vcrhängnißvollen Briefe, der noch immer seinem eifrigen Forschen entging. Als auch hier seine Hoffnung zu Schanden wurde, stieß er leise eine Verwünschung aus und sein Gesicht verfinsterte sich. Sie muß den Brief des trafen sorgfältig aufbewahrt haben, aber wo? murmelte er vor sich hin und blickte sich dann überall im Gemach um. Vielleicht hat sie ihn im Schlafzimmer irgendwo versteckt, grübelte er weiter und ohne Besinnen eilte er dahin, um auch diesen Raum sorgfältig zu durchspähen. Je mehr sich der gesuchte Gegenstand seinem Forschen entzog, je mehr erhielten seine Augen, sein ganzes Wesen etwas Naubthierartiges. Eine fieberhafte Hast bemächtigte sich seiner, er durchwühlte das Bett seiner Gemahlin, jeden Schrank, in allen Winkeln spähten seine unr rkHig funkelnden Augen umher, aber ohne Erfolg. Völlig erschöpft ließ sich der Baron auf die kostbare Lagerstätte der Fürstin niedersinken und den Kopf vornübergebeugt, verharrte er einige Sekunden in völliger Abspannung. Plötzlich blitzte ihm ein Gedanke durch das Hirn — Sollte Enrichetta? — er vollendete nicht und sprang wieder auf. Nein, nein, sie hat davon keine Ahnung, denn ich hab' sie zu sorgfältig ausgeforscht, — aber sie ist kühn und verschlagen, sollte sie doch? — Pah, keine Furcht! ermähnte er sich selber und warf den gesenkten Kopf wieder rasch entschlossen in den Nacken. Ich werde schlimmstenfalls auch mit dieser Dirne fertig werden, und sein Gesicht wieder in schwermüthige Falten legend, ging er in seine eigenen Gemächer zurück. Doktor Bernard hatte noch einmal Gelegenheit, das weiche, warme Herz des Barons zu bewundern. Er war von dem verehrten Freunde sofort in den Palais dcr Fürstin gerufen worden, um die Todesart dcr unglücklichen Frau festzustellen und augenblicklich erschienen. Der Baron stand an der Leiche seiner Gemahlin, bleich und regungslos, ein Bild des tiefsten, grenzenlosesten Schmerzes, als der Arzt eintrat. Erst auf die Anrede des Doktors kam etwas Leben in die düster, schwermüthigen Züge. Vloomhaus warf sich sogleich an die Brust des Franzosen und rief mit weicher, klagender Stimme aus: Ah, wie danke ich Ihnen, theurer Freund, daß Sie gekommen, ich bcdadf des Trostes, denn ich habe keine Thränen mehr.' Mein armer, verehrter Freund wie beklag ich Sie, Sie haben in der That einen entsetzlichen Verlust erlitten, aber wie ist das so rasch .und urplötzlich gekommen? setzte Bernard hinzu. Die Fürstin war ja voll Leben und ^Gesundheit, der ich prophezeit hätte, daß sie es auf achzig Jahre bringen müsse und der Doktor richtete sogleich seine Blicke auf die Leiche, die inzwischen auf einem Ruhebett Platz gefunden hatte. Sie haben die Verewigte gekannt und Sie allein können meinen Schmerz ermessen, begann der Baron von Neuem und stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie haben Recht, begann der Franzose sogleich mit großer Lebhaftigkeit und wandte sein Gesicht wieder dem Baron zu. Die Fürstin war ein herrliches Weib, die ich aufrichtig bewunderte und wie wurden Sie von ihr geliebt? Was sag' ich, geliebt? Angebetet, vergöttert. So hat noch nie ein Mann das Herz einer Frau zu bewegen gewußt, wie Sie und doch, es ist so natürlich. Ein volles hingebendes Herz kann in einer verwandten Brust ein solches Echo wecken. Wie danke ich Ihnen für das glänzende Lob, das Sie meiner Gattin ertheilen; aber kommen Sie hierher, ich will Ihnen alles erzählen, wie das Unglück so plötzlich und gewaltig über mich hereingebrochen — und er zog den Doktor in einen anderen Winkel des Zimmers, nöthigte ihn Platz zu nehmen und ließ sich dann auch, wie völlig gebrochen, in den nächsten Lehnsessel nieder. Nun erzählte er dein aufmerksam zuhörenden Arzte mit großer Ausführlichkeit, auf welche Weise seine verehrte Gemahlin sich ihr rasches, plötzliches Ende zugezogen habe. Das ist freilich eine bedauerliche Unvorsichtigkeit, die schon Manchem das Leben gekostet hat, bemerkte Doktor Bernard und wollte sich wieder der Leiche der Fürstin nähern, aber der Baron wußte ihn zurückzuhalten und sprach mit seinem verehrten Freunde so zutraulich, daß dieser dadurch völlig gefesselt und von dem eigentlichen Gegenstände seines Besuches abgezogen wurde. Mit großer Wärme und Dankbarkeit erinnerte sich 60 der Varon an ihr erstes Zusammentreffen in Sorrent, an die wichtigen Dienste, die ihm der theure Doktor damals geleistet und er sprach die Hoffnung aus, den lieben Freund nun öfter bei sich zu sehen, um mit ihm über die Verewigte plaudern zu können. Doktor Bernard wurde von Neuem von der Liebenswürdigkeit des Barons völlig Lezaubert. Als er endlich sich an seine Pflicht erinnerte und noch einmal zu der Leiche trat, war die Dämmerung schon hereingebrochen. Der Baron wich auch jetzt nicht von seiner Seite und sich vertraulich auf seine Schulter lehnend und den Arm nach der Fürstin ausstreckend, sagte er mit tiefbewegter Stimme: Ist es nicht grausam theurer Freund, ein solch' herrliches Weib zu verlieren? Die Blicke des Arztes ruhten bewundernd auf der vollen üppigen Gestalt, deren schwellende Formen deutlicher als je hervortraten. Ein Meisterwerk der Schöpfung ging hier zu Grunde. Kommen Sie, lieber Doktor, ich kann ihren Anblick kaum ertragen, es bricht mir das Herz und doch zieht es mich immer wieder zu der theuren Verblichenen hin — und der Varon ergriff mit diesen Worten den Arm des Arztes und führte ihn ohne Weiteres hinweg. Auf den Wunsch des Barons stellte Doktor Bernard nunmehr den Todtenschsin aus, einen Herzschlag bestätigend und dann schieden die beiden Freunde in der herzlichsten Weise von einander. Das Begräbniß der unglücklichen Frau fand mit großer Feierlichkeit statt. Der Baron ließ es an keinem Glanz fehlen und spielte die Rolle des tiefgebeugten Leidtragenden mit solcher Wahrheit, daß Niemand daran zweifeln konnte, er betrauere den Verlust seiner Gattin tief und aufrichtig. Man war voll Bewunderung für den zärtlichen Gatten und Doktor Bernard besonders verkündete überall die Herzensgröße seines verehrten Freundes. Auf dem Kirchhofe Du Montparnasse hatte die Fürstin ihre letzte Ruhestätte gefunden und was Niemand für möglich gehalten hätte, der Baron fuhr täglich auf den Kirchhof und verweilte dort längere Zeit. Er war überhaupt seit dem Tode seiner Gattin völlig verändert, mied plötzlich alle Gesellschaften, jeden Verkehr mit seinen früheren Freunden und schien sich für immer in die Einsamkeit xergraben zu wollen. (Jortsttzung salzt.) Im Etsch.Wt«r-r. Bon Ernst Reiter. (Schluß.) Welch ein überwältigender Anblick wird jetzt unseren Augen! Das Malerische Becken von Meran, der echte „Etsch-Winkel", dehnt sich da vor unseren Blicken aus! Im weiten leuchtenden Umkreise nichts als höher und höher strebende Bergzüge, Wälder und Burgen- und dort, ein breites Silberband, die Etsch, tausend Hütten und Höfe, verstreut und verbunden, vereinzelnt und vereint, winzige Menschen, Gcthier und Gefährt, Sonnen- gold und Frühlingswehen darüber, die blaue Kuppel des Himmels, millionenfaches Glitzern und Leuchten, Funkeln und Blühen und Keimen und überreiches Sprossen! Die Lahn- bcrger-, die Drcn-Spitz, der hohe Muth, die Röthel-Spitz, das Spitzhorn, die Gurgler-, ferner ini Hintergründe die Algunder Höhen, die Vintschganer Berge; — nichts als Berge und hohe Burgen ringsum! Wie ein Perlenregen liegen da mehr als zwanzig Besten v.nd Schloßruinen rings verstreut stn blauen Duft der Weiten. Und die Luft in diesen Stunden dxs jungen Lenzes, in diesem Blüthenrausch des Königs Frühling, sie ist wie ein zarter, verschwimmender, durchsichtig-feiner, würziger Hauch halkponischer Tage! Und in scharfen reinen Lienien zeichnen sich am dunkleren Plan der Waldpartien ab; Schloß Tirol, das dem Lande den Namen gab und der früheste Sitz der Fürsten war, Dürnitein, Lebenberg, die reizende Brunnenburg, Schönna, des einstigen deutschen „Reichs- 61 Verwesers", Erzherzog Johann's-Burg, die Plata-Vurg, Zeno- und Frags-Burg und manche andere wohl, deren letzte Ueberreste uns Sagen und inhaltreiche Märchen erzählen könnten. . Zum alten Thorthurm ziehen wir ein. Die reißende Paffer rauscht unten, zwischen ihren hohen Steinwänden, weißschäumend auf und spritzt den schneeigen Gischt empor, um in glanzvollem Schimmer leuchtender Sonnengluthen in hundert und hundert kleinen Regenbogen zu brilliren. Auf altklassischem Boden stehen wir nun wieder; denn im achten Säkulum nachchristlicher Zeit stand ja, wie bekannt, die römische Mansio Maja an der Stelle des heutigen Meran. Em Bergsturz soll die bedeutende Latinerstadt verschüttet, vernichtet haben. Heute ist es ein gar kostspieliges Pflaster, auf dem man an der Passer wandelt, und die Trauben hier hängen nicht nur im Herbste ziemlich hoch — die Trauben, welche Brustkranke aus dem Norden heilen sollen — sondern auch im Frühjahre, in den schönen Tagen der Molkenkur. Die Trauben hoch und die Säckel tief: denn in Meran lebt sich's nur, wie allerdings anderwärts auch, mit vollen Taschen leicht und lustig, doch auch wieder nicht für jene Bedauerns- oder Beneidenswerthen, denen der unerbittlich; Ausspruch des Arztes ein „Unheilbar", freilich wohl nur unausgesprochen, zum Willkomm entgegenbringt. . . . Wie oft greift Einem da doch der Anblick einer solch sylphidenhaften, wahrhaft ätherisch zarten Frauen- oder Mädchengestalt so recht tief ins Herz, der Anblick einer jener traumhaften mondscheinartigen Figuren, die z. B. Paul Heyse, der poetische Verherrliche! des „ Burggrasenböden" in seiner Tagebuchblätter-Novelle „Unheilbar", in so ergreifender plastisch lebendiger Weise zu zeichnen verstanden hat. . . . Dort auf der „Wassermauer", dem breiten starken Damme, welcher den Meraner Kurgästen als Promenade dient, sieht man wohl täglich, wenn die wohligen Sonnenstrahlen Herablächeln auf den vielbesuchten Plan, eine junge Britin, welche in ihrem stillen Wesen der echteste Ausdruck, der wahre Typus jener Leidenden ist, denen selbst die milden, heilkräftigen Lüfte des Etschwinkels nimmer die Genesung zu bringen vermögen. Wie tansparent fast erscheint da im goldigen Tagesschimmer der alabastergleiche Teint des madonnenhaften Mädchens mit den hellen, wunderbar schönen, in den feingezeichneten Nacken-fallenden Flechten. Welche Hoffnungen und Erwartungen führten sie und die Ihren aus der nebelumschleierten Insel nicht herüber nach dem Festlands, in das vielgerühmte Thal? Verräterisch aber schleicht sich ein heimtückisches Rosenpaar auf die bleichen Wangen der Miß, als wolle es die hoffnungsfreudigen Worte desselben zerstören für immer. Und doch, wie erfrischt und beglückt doch das Auge und das Herz, den Sinn und das kranke Gemüth die Fülle entzückender Bilder, die herrliche Welt um Meran! Und unter den „Jauben", den Bogengängen der alten, schmalen, giebeligen Häuser der einstigen stolzen Hauptstadt Tirols drängt sich alles geschäftliche Leben zusammen. Da erstehen uns dann nicht selten die prächtigsten, kernhaftesten Gedanken, Bursche wie Mädchen, Männer wie Frauen, die oft geradezu ein Schimmer von klassischer Schönheit umfließt. Südliches Feuer entströmt den tiefschwarzen großen Augen der Weiber, das den Gluthen einer Römerin entlehnt zu sein scheint, während dunkle, glattgescheitelte Flechten das in braunen Tönen verfärbte scharfgezeichnete Antlitz umwallen, über welches sich zuweilen ein geist- bewegtes Lächeln bewegt. Ein unbewußter, aber verführerischer Reiz ruht über den mehr schlanken edlen Figuren, und mag auch Kleidung und Gewandung noch so einfach und schlicht sich weisen, immer tritt uns aus dem Wesen, wie es sich in seiner Gesammtheit gibt, ein herrlicher Menschenschlag entgegen, aus dem sich wohl schon unsere ersten Künstler nicht die geringsten ihrer Genresiguren geholt haben mögen. Kaum werden sich uns aber wohl freundlichere Bilder bieten, als die es sind, welche die dem reinsten italienischen Typus zuneigenden Frauengestalten zur Zeit der Traubenreife in den üppigen Wcinlauben schaffend, vor unsere Blicke zaubern, wenn dann in späteren Tagen durch das saftgrüne dichte Laub des Geländes, über die dunkelblaue Traube hin, der Gold- strahl der scheidenden Abendsonne schimmert und die schönen Züge der Meranerin erleuchtet unv verklärt. . . . Alle seligen Erinnerungen an die Tage eines süßen Dahin- träumens in den Sabinerbcrgcn, in Albano oder dem Künstlerheim Olevano erwachen vielleicht da wieder und stimmen die Seele heiter. Auf den Höhen des wein- und rebcnrcichen Küchclberges oben, über den uns ein breiter sommerüber gar schattiger Weg nach Schloß Tirol führt, regt sich auch bereits freudigstes Leben. In dichten Schwärmen sitzt da auf Baum und Strauch und den arkadenhaften Pflanzungen ein Hee^ von jubi- lircndcm Gevögel, das den neucrwachten Frühling, sein Lied verkündend, hinausschmettert in die lauen, würzigen Lüfte. Still liegt's drüben in Schonna, um die im gothischen Styl erbaute Gruftkapelle des Herzogs Johann von Oesterreich, den sie darein zu ewigem Schlummer gebettet haben. Frei schaut der prächtige, edle Bau hinab ins sonnengoldne Thal, weithin m die Ferne, den ganzen Etschwinkel überfliegend. Wie oft stand der menschenfreundliche Fürst nicht hier oben in seiner Burg, außen auf der Altane des Waffensaales, die einen so unbcschrcibbar schönen Ausblick über das ihm so theure Meran gewährt, seiner biederen Tiroler freudig gedenkend, die er mit seinen Steierern ja so ganz in fein Herz eingeschlossen hatte. Die Kapelle, ein Meisterwerk der neueren Architektonik, aus massivem, glatt polirtem Jsfingcrstcin erbaut, erscheint mit ihren zahlreichen schlanken, durchbrochenen Thürmchen und Spitzen wie ein hingehauchter Gedanke, der der Verwirklichung und Ausführung noch harrt, so voll Duft und poetischem Zauber strebt das kleine Gotteshaus in den Aether empor. Und dort in einem blüthenprangenden Garten, der ein freundlichhelles Landhaus umgibt, schreitet die kicsbestreuten Pfade entlang im lustigen Hauskleids die edelschöns Gestalt eines Mannes, aus dessen leuchtenden Augen und geistbelebten Zügen uns wohl sofort ein hervorragendes bevorzugtes Erdenwesen entgegentritt. Ist auch der Vollbart, welcher das bedeutende Antlitz umrahmt, schon ein wenig gebleicht und von feinen Silberfäden durchzogen, so spricht doch aus eben diesen leuchtenden Augen eine noch warm- cmpfindendc Seele, Gemüth und Fühlen, das uns noch zu mancher bedeutenden Schöpfung des nahezu Sechzigjährigen vollauf berechtigt. Ob zwar der Name unseres Poeten, der hier auf seinem, der Stille und Einsamkeit geweihten ländlichen Gute dem Glück der Ehe und den Musen lebt, nunmehr selten hinaus auf den rauschenden Markt des Lebens dringt, so war doch gerade er es, welcher vor ungefähr drei Dezennien diesen Namen aus dem Munde dcS ganzen Deutschlands vernehmen konnte. Seine lyrisch-epische Dichtung „Amaranth", obgleich in eine politisch bewegte Zeitperiode gefallen, verstand es doch, wie seither wenige poetische Werke, namentlich durch eine wunderbar melodische Spräche allüberall zu fesseln und zu siegen. An der Seite seiner „Amaranth", die jedoch im bürgerlichen Leben den Namen Freiin Mathilde v. Redwitz führt, fließen dem Dichter jetzt die schönen Tage im Etschwinkel, zu Meran, dahin, und nur ab und zu unterbricht der Besuch eines fahrenden Jüngers diese Stille im trauten Heim des sinnigen Träumers. Und wieder umfangen uns andere Kreise, andere Zirkel. Dort, wo sich hinter den reizenden, im süßen Zauber des neucrwachten Lenzes duftenden Gärten und Parks, die reichen Villen zu Ober-Mais gegen die Steige, welche in den prächtig bestandenen Hochwald und nach dem majcstätischcipJffinger führen, hinziehen, dort lugt aus dunklem schon saftvollem Grün graues Gestein fürwitzig hervor, zu dessen Füssen sich dann späterhin eine Welt von Nebengebäuden, von Weinlauben, ausdehnt. Sagenhaft und stille liegt's hier über dem Grunde; kaum daß man das leise Rauschen des flüssigen Bergwassers , das leichte Mispeln der Baumkronen ringsum vernimmt oder das liebe- crschueude Lied- eines vereinsamten Waldvogels, der hoch oben im Geäste trillert. Nur die hellen Sonnenstrahlen tändeln über die grünen sprossenden Blätter hin und wehende Schalten fallen übcrs Gezweige. Und drinnen erst, in den zum Theil noch erhaltenen Räumen des alten Schlosses Wie weht einem da der Athem verrauschter Jahrhunderte, vergangener Geschlechter entgegen! In manchem Gemache entziffern wir noch die, wenn auch arg verblaßten Wandmalereien, soweit dies die zierliche, aber nur mehr hie und da erhaltene Holztäfelung zuläßt. Die Dielen und die scheibenlosen bleigefaßten hohen Fenster haben wohl am meisten von den Stürmen der rauhen Bergwetter gelitten. In einer der besser erhaltenen Stuben zeigt ein Freskobild über dem Eingang den mythischen Vogel Greif mit mächtigen Tatzen und mächtigem Schnabel, links ihm zur Seite steht ein schmucker Troßbube, rechts ein buntgeschmücktcr Mohr, wohlbewehrt, mit Speer und Wappenschild, Beide als Symbol der „Greifenburg", wie das Schloß einst benannt war. Wunderliche Geschichten mußte der alte Hüter des verfallenden Baues zu erzählen und vor unserem geistigen Auge schwebten lange noch Gestalten und Schattenbilder aus den längst verwehten Tagen feudaler Willkürhcrrschaft, unter denen jene stille blonde Maid, Edeltraut mit Namen, wohl kräftigstes Leben gewann. Von dieser Ruine, der heutigen Ptantaburg, weiß auch in seinen den Lokalten so treu bewahrenden „Meraner Novellen" der Meister des Styls, Paul Heyse, uns zu berichten und farbensprühend, farbenglänzend erstehen uns die Figuren seiner regen Phantasie in den herzergreifenden, dramatisch so belebten Ueberlieferung: „Der Kinder Stind e der Vater Fluch." Zum Scheiden senkt sich die Sonne hernieder und vergoldet noch einmal die Berge und die Wellen des Flusses und die Burgen und das nahe Blatt am Baume oben. Aus Obermais und Meran klingt herüber in die stille Abendlandschaft, harmonisches Geläute der Kirchenglocken, das sanfte Singen eines fröhlichen Mädchens, das Jauchzen eines sreudigbewegten Burschen, die wohl Beide außen noch schaffen und fördern. Ueber Hügel und Höhen ruht weicher violetter Zaubcrduft und ein leises Summen durchzieht das All' der Natur, ein trautes Sehnen, ein süßes Beglückscin! (Poster Lloyd.) Schon ziemlich lange mag es sein, Man zählte just das Jahr, Als noch die alte Redlichkeit In Deutschland üblich war. Die Münchener Bierbcscha«. Doch wie hier unterm Moudenschein Auch gar nichts kann besteh», Und sich die Welt nur iiumcrjort Im Kreise pflegt zu drehn: Nun damals galt in München auch Ein hergebrachtes Recht, Wie man das neue Bier beschaut: Der Brauch war gar nicht schlecht. Es kam die aufgeklärte Zeit Und die war dünn und karg, Und mit der deutschen Redlichkeit Wars l«ng nicht mehr so arg. Drei Männer sandte aus dem Rath Die Münchener Bürgerschaft Zum Bräuer, ob das sänge Bier Geerbt des alten Kraft. Und matt und dünn und ausgeklärt Ward da das Bier halt auch, Und somit »ahm ein Ende dann Der alte schöne Brauch. Ihr meint, die Herren aus dem Rath Die tranken nun aus Pflicht; Das mag die Sitte jctzo sein, Doch damals war sie's nicht. Sie goßen's auf die Bank sein aus Und setzten drauf sich frei, Und kleben mußte dann die Bank, Erhoben sich die drei. Sie gingen drauf mit selber Bank Von, Tische bis zur Thür, Und hing die Bank nicht steif und fest, Verrufen war das Bier. Vielleicht, das; Gerst und Hausen man Zu wenig heute pflegt; Vielleicht auch, daß von; Pfennigkraut Zu viel hinein man legt. Doch wird noch von der Bürgerschaft Der alte Brauch geehrt, Nur hat sie ihn, wie andres auch, JnS Gegentheil gekehrt. , An ihnen klebt die Bank nicht mehr, Drum kleben sie an ihr Und sitzen drauf wie angepicht, Als wär's das alle Bier. Und wer den Krug zum Munde führt, Der setzt ihn nimmer ab, Bis er den letzten Tropfen hat Gebracht ins sichre Grab. Guido Görres. 64 — M i s e - l l e n. (Ein Roman in sechs Ziffern.) Ich genoß, so erzählte ein bekannter geist reicher Mann in der „Züricher Post", eben im Berner Oberlande die herrlichen 123456 „Ah," sagten die Dorfschönen, „dem ist es gewiß um's 132456, sonst wäre er nicht von 1236 hierher gekommen." Bald fing in einem der hübschen Mädchenköpfe ein lieblicher Gedanke an zu 324156. . „Bin ich nicht 124653 als manche Andere?" sagte sie zu mir, „13245 mich!" Ich stand wie auf 24536, denn ihr 54123 war mir sehr peinlich. Wenn ihre Worte auch ziemlich 1324 sein mochten, so war ihr Herz doch gewiß 3246. Wie gerne hätte ich ihre Rede mit einem goldenen 3241 erwidert, aber meine Pflicht gebot mir, schnell abzubrechen. „642", antwortete ich schmerzlich, „denn ich habe schon 2465." Wer kann diesen Roman lesen? (Ländlich, sittlich.) Wenn eine japanesische Dame die Liebe eines Galans erwiedert, so färbt sie die Zähne schwarz. Das höchste Liebeszeichen aber ist das Ausraufen der Augenbraunen, das sich die Liebenden auf den Hoch^itstag verspüren. — Bei einigen tscherkessischen Stämmen ist es Sitte, die 11jährigen Mädchen in eine frische Hirfchhaut zu nähen, die sie so lange auf dem Körper tragen müssen, bis der Bräutigam, den sie finden, die Haut mit seinem Dolche auftrennt. Dies Mittel wird angeblich benutzt, um die Schönheit zu befördern. (Mir nichts dir nichts!) In einer kleinen Stadt sollte zu Gunsten der Gemeinde eine seit langen Jahren bestehende Sparkasse aufgehoben und unter die Contri- buenten vertheilt werden. Die Administratoren dieser Anstalt hatten indeß so gehaus- haltet, daß nach Abzug der Verwaltungskosten Nichts in der Kasse übrig blieb und Null für Null aufging. Ein Spottvogel ließ bald darauf in die Zeitungen einrücken: „Unsere Sparkasse, die seit dem Jahre 1831 ordentlich verwaltet wurde, ward gestern unter die sämmtlichen Interessenten mir nichts dir nichts vertheilt." Ein irischer Bauer kam zu seinem Pfarrer und theilte ihm voller Angst mit, er habe einen Geist gesehen. „Wann und wo?" fragte der Geistliche. „Vergangene Nacht, als ich bei unserer Kirche vorbeiging, bemerkte ich das Gespenst an der Mauer." „In welcher Gestalt erschien es?" „In der Gestalt eines großen Esels." „Jh^scid ein furchtsamer Mann und seid vor Eurem eigenen Schatten erschrocken." (Ein guter Kopf.) Maier: „Herr Pfarrer, was soll ich doch aus meinem Loren; machen? Ich möchte ihn gerne studiren lassen." Pfarrer: „Hat er auch einen guten Kopf." Maier: „O, einen recht guten Kopf, denn er ist schon drei Mal unsere Stiege heruntergefallen auf den Kopf, und es hat ihm nichts gethan." (Unterschied.) „Herr Kollege," sagte ein witziger Doktor der Rechte (Advokat) zu einem Doktor der Medizin: „Was glauben Sie, was für ein Unterschied zwischen mir und Ihnen ist?" — O!" versetzte dieser, „das ist einfach, — die Doktoren der Medizin machen kurze — und die Doktoren der Rechte lange Prozesse." (Der gekränkte Vater.) „I, mein lieb's Bierl, was is denn dös, daß du mich intern Tisch wirfst? Hab' i' dir was 'than? Kennst mi' denn nimmer? I' hab di' ja selber braut!" „Albert!" — „Gnädiger Herr?" — „Wecken Sie mich morgen früh um 4 Uhr, ich muß um 5 Uhr verreisen." — „Schön, gnädiger Herr; haben Sie nur die Güte, mir zu klingeln." Ein Mensch, der in allen seinen Unternehmungen lehr unglücklich war, rief voll Grimm übe» sein Mißgeschick aus: „Ich glaube, wenn ich ein Hutmacher geworden wäre, so hätte unser Herrgott die Menschen ohne Köpfe erschaffen!" Bei einem Gastmahle begoß ein ungeschickter Bedienter einer Dame das ganze prachtvolle Kleid mit der eben hereingebrachten Suppe. „Machen Sich Ew. Gnaden nichts daraus, sagte tröstend der Diener, es ist ja noch genug Suppe in der Kuchel." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lilerar,scheu Justitus von Dr. M. Huttlcr.