Nr. 9. 1880 . zur „Angslmrger Pojheitlmg." Samstag, 31. Juli Der Mensch bleibt immer Mensch, was auch die Weisen sagen, In jedem Älter wird des Standes schwacher Sohn Den Stempel aller Thorheit tragen. Goethe. Der Derr Davon. Novelle von Ludwig Habicht. Die Besuche des Barons auf dem Kirchhof dehnten sich immer länger aus, er konnte stundenlang zwischen den stillen Gräbern umherwandern, init einer so schwer- müthigen düstern Miene, die jedem verrieth, daß ihn ein harter unersetzlicher Verlust getroffen haben mußte. Besonders gern unterhielt er sich mit einem der Todtengräber, der auch bald für den reichen mit Trinkgeldern nicht sparenden Fremden, eine große Zuneigung an den Tag legte. Das wunderliche Verhältniß zwischen den Beiden gestaltete sich immer vertraulicher; sie sprachen stundenlang mit einander und zuletzt mußten sie ihre Unterhaltung so einzurichten, daß sie von Niemand belauscht wurden. Baron Bloomhaus schien sich jetzt auf dem Kirchhof wohlcr zu fühlen, als in seiner Wohnung. Er legte für alle Bcerdigungsangelegenheiten das lebhafteste Interesse an den Tag und kam selbst in den Abendstunden, wenn sich alle anderen Besucher schon entfernten. Durch den plötzlichen Tod seiner Gattin mußte der Geist dieses Mannes eine wunderliche Richtung genommen haben, denn er ruhte nicht eher, als bis ihm alle neu ankommenden. Leichen, die man in die Todtcnhalle gebracht hatte, gezeigt wurden, und da er mit reichlichen Trinkgeldern nicht knauserte, willfahrte man gern seiner Marotte. Heute war der Baron wieder gekommen und musterte in seiner düstern, schwer- müthigen Weise die in der Halle aufgestellten Leichen. Er wanderte von einer zur andern, ohne ein Wort zu sagen. Vor einem Sarge blieb er diesmal länger stehen und nachdem er die Leiche aufmerksam betrachtet hatte, fragte er, wer die Verstorbene sei? Ja, der Tod hat manchmal Geschmack! war die scherzende Antwort. Er sucht sich auch solch' prächtige junge Weiber aus. Es ist die Frau eines reichen Schlächters. An welcher Krankheit ist sie gestorben? Natürlich am Schlage, denn, wie Sie sehen, war sie ziemlich stark. Kennen Sie zufällig den Mann? forschte der Baron weiter. Gewiß er wird ganz außer sich sein, denn er war närrisch in seine Frau verkiekt» Wirklich? hat er nicht blos vor der Welt so geheuchelt? Nein, Herr Baron, das kommt wohl bei vornehmen Leuten vor, die anstandshalber so thun, als ob sie nicht ohne einander leben könnten, während sie froh sind, wenn sie sich nicht sehen, aber Meister Richard hat seine Frau wirklich angebetet und auf Händen getragen. Das wird ihm etwas schwer gefallen sein, spottete der Baron, der sich diesen^ 66 Manne gegenüber zuweilen gehen ließ und der Todtengräber stieß auch in der That ein kurzes beifälliges Gelächter aus. Sie haben Recht, Herr Baron, aber das ist nun einmal so die Redensart, wenn man sagen will, daß ein Ehemann alles gethan was er seiner Frau nur an den Augen absehen konnte. Der Baron schwieg, da der Todtengräber von andern Geschäften in Anspruch genommen wurde, entfernte er sich, um am andern Tage zur gewohnten Stunde wieder zu kommen. Heut suchte er eine passende Gelegenheit, um mit seinem alten Bekannten allein zu sprechen. Die Unterhaltung dauerte weit länger als gewöhnlich und wurde noch leiser als sonst geführt. Mehrmals schüttelte der Todtengräber bedenklich mit dem Kopse, aber der Baron redete immer eifriger in ihn hinein; endlich schien der Mann seinen Widerstand aufzugeben. Baron Bloomhaus zog seine Brieftasche hervor, drückte dem Todtengräber ein Packetchen Papiere in die Hand und flüsterte ihm leise zu: Also eS bleibt dabei. — Mir ist der Platz zu widerwärtig und Sie laufen durchaus keine Gefahr. Der Andere antwortete nicht; er verbarg nur rasch die Papiere in seiner Brust- tasche, nickte dann mit dem Kopfe und der Baron drückte ihm mit einem letzten vielsagenden Blicke die Hand, dann wanderte er langsamen Schrittes, mit seiner gewöhnlichen schwermüthigen Miene, der Kirchhofspforte zu. IV. Seit jenem Tage schien die Lebenslust des Barons in alter Kraft erwacht zu sein, ja sie trat noch stärker und rücksichtsloser hervor. BloomhauS gab es auf, noch länger den trauernden Wittwer zu spielen und jetzt stürzte er sich mit wahrhaft blinder Wuth in den Strudel der Vergnügungen. Seine Verschwendungssucht kannte keine Grenzen, das Geld mußte für ihn allen Werth verloren haben, denn er warf eS förmlich zum Fenster hinaus. Doktor Bernard, der dieses Treiben sah, sagte sich bedauernd, der Aermste will sich seinen Schmerz betäuben, und der Baron ließ ihm diese günstige Meinung, ja er wußte ihn darin zu bestärken, denn zuweilen erklärte er dem Arzt: Ich muß den großen Schmerz auf irgend eine Weise etwas zu vergessen suchen, wenn ich nicht wahnsinnig werden will; und der Doktor gab ihm recht. Freilich war der Lethetrank, dessen der Baron bedurfte etwas kostspielig, aber er hatte ja das große Vermögen seiner Frau geerbt und konnte sich schon den größten Luxus gestatten. Enrichetta nahm jetzt in dem Hause des Barons eine sehr hervorragende Stellung ein, denn ihr Herr hatte Wort gehalten und sich für die treuen Dienste, die sie für seine verschiedene Gemahlin geleistet, dankbar erwiesen. Sie stand jetzt an der Spitze des ganzen Hauswesens und man munkelte sogar davon, daß der Baron sie zu seiner zweiten Frau erheben werde. Enrichetta machte kein Hehl daraus, daß sie auch bestimmt darauf rechne und benahm sich bereits als ob sie wirklich schon die Baronin Bloomhaus sei. Gegen die übrige Dienerschaft kehrte sie jetzt sehr unangenehme Seiten heraus, sie verlangte unbedingten Gehorsam, überwachte sorgfältig das Treiben der Leute und duldete nirgends einen Unterschleif. Man. war deshalb mit ihr sehr unzufrieden, die Kecksten versuchten wohl, sich bei dem Baron über die Italienerin zu beschweren, aber als sie bei dem gnädigen Herrn niemals Gehör fanden und er all solche Klagen ohne Weiteres abwies, wurden Alle in der Ansicht bestärkt, daß die kühnen Hoffnungen Enrichettas wohl doch begründet seien und sie über kurz oder lang ihr stolzes Ziel erreichen würde. Es war freilich seltsam, daß ein hübscher stattlicher Mann wie Baron Bloomhaus, der unter den Schönheiten der Pariser Aristokratie die Auswahl hatte, jetzt seine Hand einem Mädchen schenken wollte, das nicht einmal auf große körperliche Vorzüge Airspruch machen konnte. Hätte Enrichetta nicht die Paar schwarze, brennende Augen und vielleicht 67 noch einen leidlich hübschen Mund gehabt, ihr unregelmäßiges schmales Gesicht würde schwerlich Interesse erregt haben. Freilich konnte die Dienerschaft wohl bemerken, daß die Italienerin es verstand, den Baron zu umschmeicheln. Sie wußte wie ein Kätzchen um ihn herumzuschleichen und seine Gunst zu gewinnen, und merkwürdig genug, selbst seine üble Laune fürchtete sie nicht. Wenn der Baron nach einer durchschwärmten Nacht mit wüstem Kopf erwachte, dann mußten seine Leute vor ihm zittern. Wegen der geringsten Kleinigkeit gerieth er in Wuth und er behandelte dann seine Diener mit einer Brutalität, die ihn als Barbaren kennzeichnete. Die empfindlichen Franzosen hätten gewiß alle längst sein Haus verlassen, wenn er nicht immer wieder durch die glänzendsten Geschenke seine ZornauS- sprüche gut gemacht hätte. Nur Enrichetta wagte sich zu jeder Zeit dem Baron zu nähern, und seltsam genug, gegen sie schlug er sogleich einen ganz andern Ton an, er mochte kurz vorher noch so wüthend gewesen sein. Dadurch waren die Diener vollends überzeugt, daß die schlaue Kammerkatze über den gnädigen Herrn einen eigenen Zauber ausübe und daß es ihr schon gelingen würde, sich zur Baronin Bloomhaus aufzuschwingen. Um so größer war die allgemeine Ueberraschung, als sich der Baron plötzlich mit einer jungen Schauspielerin des Palais-Royal-Theaters, Fräulein Desirse Combelaine, verlobte. Die Künstlerin gehörte zu den beliebtesten Mitgliedern jener Bühne und riß durch ihr übermüthiges, keckes Spiel Alle mit sich fort. Sie ging gern im Gesang und Spiel über die Grenze des Schicklichen ein wenig hinaus; aber sie wußte doch durch das Feuer ihres Wesens, durch einen übersprudelnden Humor und champagnerartigen Esprit auch moralische Murrköpfe mit fortzureißen und zur Heiterkeit zu stimmen. Fräulein Combelaine war auch außerhalb der Bühne eben so frisch und lebenslustig, wie sie dort auf den Brettern erschien, und wie dies in Paris nicht anders zu erwarten war, hatte sie stets einen reichen, glänzenden Kranz von Anbetern um sich versammelt. Man brachte ihr die stürmischsten Huldigungen dar; die Größen der Finanz und der Aristokratie warben um ihre Gunst, überschütteten sie mit den kostbarsten Geschenken und sie hatte unter Fürsten und Herzögen die Wahl, wem sie ihre kleine zierliche Hand reichen wolle. Baron Bloomhaus war noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin kein seltener Gast im Salon von Fräulein Combelaine und zum Erstaunen der Schauspielerin war er nach dem Tode seiner Gemahlin plötzlich weggeblieben. Nun kam er endlich wieder, und das Verhältniß der Beiden gestaltete sich bald zärtlicher. Der Baron hatte schon damals unter all' den vornehmen Herren, die Fräulein Desirse umschwärmten, ihre Aufmerksamkeit erregt; der schöne hochgewachsene schlank und dennoch kräftig aussehende Mann gefiel ihr und er verstand es noch dazu, sie zu be- zaubern. Seine Geschenke waren die glänzendsten und sein ganzes Auftreten ließ darauf schließen, daß er ein ungeheures Vermögen besitzen und zu den reichsten Leuten von Paris gehören müsse. Dies gab vollends bei der französischen Schauspielerin, die wie all' ihre Kolleginnen zu rechnen verstand, den Ausschlag. Sie schenkte dem stürmischen Werben des Barons Gehör und beglückte ihn mit ihrer Hand. Bloomhaus war überselig, als er endlich ihr Jawort erhielt. Hatte ihn doch die gefeierte Künstlerin vor Tausenden bevorzugt und war es ihm doch gelungen, selbst Herzögen und Fürsten den Rang abzulaufen. Er konnte kaum den Tag erwarten, wo er seine angebetete Desirse für immer sein nennen würde, und bis dahin verschwendete er Hunderttausende, um jeden ihrer Wünsche zu erfüllen und die Schauspielerin war nicht arm an Wünschen. — Je mehr sie sah, daß ihr Bräutigam sich bemühte, auch ihre flüchtigste Laune,^en Einfall eines Augenblicks, zrr verwirklichen, je mehr war ihre Phan- taste geschäftig, die wunderlichsten Grillen zu erzeugen, deren Ausführung beinahe ein Vermögen kostete. Als Enrichetta die plötzliche Verlobung des Barons erfuhr, wollte sie es nicht glauben, selbst dann nicht, als der Kammerdiener boshaft genug, ihr das betreffende Zeitungsblatt vorlegte. Es ist ein alberner Scherz, den sich irgend Jemand gemacht hat, nichts weiter, sagte sie und warf Jean einen hochmüthigen, verächtlichen Blick zu; — aber die Anzeichen, daß die Verlobung auf Wahrheit beruhe, mehrten sich. Der Baron war so von seinem Glück erfüllt, daß er selbst gegen seine Leute aus seiner bevorstehenden Verbindung kein Hehl machte. Im Schlafzimmer war die lebensgroße Photographie der Braut ausgestellt und die Dienerschaft hatte jetzt vollkommen zu thun, um die Besorgungen auszuführen, die alle auf Fräulein Combelaine Bezug hatten. Täglich wanderten aus dem Hause des Barons die kostbarsten Blumen, Früchte und dergleichen zu der Braut und endlich veranstaltete Bloomhaus in seinen Salons ein großes Fest, das zum ersten Male seine theure Desiräe mit ihrer Anwesenheit verherrlichen wollte. Nun konnte Enrichetta freilich nicht länger zweifeln und ihr Entschluß war rasch gefaßt. Seit seiner Verlobung hatte der Baron eine ungeheure Zerstreutheit an den Tag gelegt, auf ihre Fragen kaum oder doch nur flüchtig geantwortet und selbst ihre feinsten und liebenswürdigsten Schmeicheleien waren von ihm sehr kühl aufgenommen worden. Sie hatte so lange seine steigende Kälte ertragen in der Hoffnung, daß Baron nach dem Ableben der Fürstin dem Kammermädchen derselben die Führung des Hauswesens ganz allein überlassen hatte, war er seit seiner Verlobung sehr zurückhaltend geworden. Er überging Enrichetta völlig und wandte sich mit all seinen Wünschen und Befehlen an seine eigenen Leute. Der Italienerin seine'Verlobung mitzutheilen, hatte er doch nicht gewagt. Sie mußte es ja schon erfahren haben und wenn sie schwieg und ihm nicht erst eine Scene machte, that sie sicher das Klügste. Auch alle Anstalten zu seinem heutigen Feste hatte Bloomhaus nur mit seinem Kammerdiener berathen und er wollte eben ausführen, um selbst noch Manches dafür einzukaufen, als plötzlich Enrichetta vor ihm erschien. So freundlich und zuvorkommend, wie immer, obwohl nicht ohne eine gewisse Sicherheit. Sie gab, wie die Herrin des Hauses, dem Kammerdiener einen Wink, sich zu entfernen und als dieser es nicht für nöthig fand, dem verblassenden Stern noch Gehorsam zu leisten, sagte sie mit scharfer Stimme: Warum entfernen Sie sich nicht, wenn ich es wünsche? und da jetzt auch der Baron seinem Jean heimlich zunickte, zog sich der Kammerdiener endlich zurück. (Fortsetzung folgt.) Ein guter Zeitvertreib. Dorfschwank von P. K. Roseggcr. Vor Allen: muß ich um' Entschuldigung dafür bitten, daß diese Geschichte so närrisch ist. Dann muß ich auch noch um Entschuldigung dafür bitten, daß der Eine Mirt heißt und der Andere Mart. Diese Namen passen so gut zusammen, daß ich drei Batzen wetten möchte, sie wären erfunden, wenn ich nicht so ganz bestimmt wüßte, daß der Eins wirklich Mirt hieß und der Andere Mart. Und so siegt die Wahrheit: Der Weber hieß Mart und der Schneider hieß Mirt. Es waren zwei junge Gesellen, nicht ohne Grund verhaßt vom männlichen Geschlechte, was maßen vom weiblichen ... Doch, das geht zu rasch. Die beiden Burschen waren Freunde und spielten Maultrommeln. Kennt ihr diese Instrumente? Nicht? Dann sitzen wir fest. Sie des Langen und Breiten zu be- 69 schreiben, ist nicht thunlich, es würden derweilen unsere Liebesleute zu alt. Maultrommeln, das sind die kleinen Brummeisen, schlüsselförmige Jnstrumentchen, die man zwischen die Zähne steckt, eines zur rechten, das andere zur linken Seite. Mt den Fingern bewegt man die Stahlzünglein, während man in dieselben irgend eine Arie hineinhaucht. Die Arie surrt und säuselt ganz seltsamlich in den zitternden Zünglein und ist das die originellste Musik — eine Art Zitherspiel, dessen Resonanz der Kinnbacken ist, das wirksamste Liebesgegirre jener Menschen, die für ihre Sache keine Worte finden können. Nicht umsonst sehen diese Maultrommeln oder Brummeisen aus, wie winzige Fuchs- oder Marderfangeisen — männiglich, oder vielmehr weibiglich Thier wird mit demselben gefangen. Der Mart und der Mirt hatten dieser Instrumente wegen, die sie meisterhaft spielten, im Dorfe die Spottnamen: „Brummler" bekommen. Nebenbei — da der Eine Kniehosen schuf aus dem Ladentuch, welches der Andere gewebt hatte — bedeckten sie christlich die Blößen ihrer Mitmenschen. Müllers Gretchen war aber so gescheidt und gab sich keine Blößen. Nur waren ihr die süßen Klänge der Brummeisen lieber als wie das leidige Mühlengeklapper. Das ist aber auch ein Unterschied! Der junge Schneider Mirt verfertigte dem Müller die Mehlsäcke und die Beutelsiebe ; das Gretchen fädelte ihm die Nadel ein. Ach Gott, diese Einfädeleien kennt man. Da war's einmal im Dezember, daß der Schneider Mirt in seiner Stube saß und die Brummeisen stimmte. Er klebte bei dem einen ein Wachsknötchen an die Spitze des Züngleins, so gab's den Baß. Da trat der Weber Mart ein und sagte: „Schneider, heut bleib' im Haus, draußen kunnt Dich der Wind vertragen. Was klöppelst denn da mit den Maultrommeln um?" Der Schneider war ein Narr, der Alles sagte. In der nächsten Nacht will er ans Fenster der Müllerstochter schleichen und dort brummeln, bis früh Morgens sechs Uhr der Schulmeister ins Orale läutet. Der Weber schwieg und wob Ränke. Der Schneider war schon mehrmals in des Webers Garn gelaufen — vielleicht hüpft er auch heute hinein. Denn der Mart wollte selber in die Mühle. „Kann Dir nur gratuliren, Freund", sagte der Weber, „wir müssen es treiben, wie wir es dazumal als Buben mit dem Schulmeister getrieben haben, daß er die Schulstunde versäumt hat, wir müssen auf dem Thurm den Uhrhammer ausschalten." „Hilft nichts", meinte der Schneider, „Meßner weckt sein Weib, und die soll, habe ich gehört, regelmäßiger schlagen, als die beste Kirchthurmuhr. Dann geht er läuten, und das Läuten weckt den Müller auf." „Gut, so umwinden wir den Glockenschwengel mit diesem Pelz dal's. „Daß er nicht friert?" „Und daß er keinen Lärm macht. Du verstehst mich." Zu solchen Streichen war der Mirt stets bereit, wenn der Mart voranging. Und heute war es obendrein zu seinem Benefize. Am Abend nach der Gebetglocke schlupften die beiden Burschen durch das stets offene Thurmpförtchen hinein. Der Schneider stieg mit dem Pelz die Leiter hinan, der Weber hielt am Eingänge Wacht. Der Mirt war schon im dritten Gestocke und über seinem Haupte knarrte das Uhrwerk, als der Weber unten flüsternd schrie (man kann's, wenn's sein muß): „Mirt, der Meßner kommt, ich zieh' die Leiter weg, sonst erwischt er Dich." Er that's und war davon. Jetzt Mes still und öde, bis auf die tickende Thurm- Uhr, deren schweres Gewicht, wie der Schneider bei seiner Kerze sah, am Seile niederhing. Nun horchte er — hörte aber nichts vom Meßner und nichts vom Mart; nach einer Welle ging ihm das Kerzenlicht aus, aber ein anderes auf. — Der Mart geht zur Mühle ans Fenster, das ist schon lange sein Begehren, er wird dort Brummeisen spielen die liebe, lange Nacht. So sah es der Schneider nun im Finstern. Wohl wußte er, das Gleichen konnte ihn, den Mirt, ganz besonders leiden und hatte ihm für diesen Abend das Brummeln an ihrem Fenster gestattet. Und wie sie gut ist, steht zu hoffen, daß sie in der kalten Nacht vor ihrem Fenster Keinen gern wird stehen und frieren lassen. — Und nun sitzt er auf dem Thurm, und der Andere — o elender Weber! Aber was sollte er thun? Hinabsteigen konnte er ohne Leiter nicht. Sollte er ^ vollends hinaufklettern und vom Thurmfenster aus ins Dorf rufen? Das Ende davon wäre Schande und Spott. Sollte er Alarm läuten? Zu welchem Zweck? — er braucht Verschwiegenheit. Nur dem falschen Mark will und konnte er die Verschwiegenheit der ^ Nacht nicht gönnen. Er war gefangen. Den für den Glockenschwengel bestimmten Pelz wickelte er um sich selbst und nur noch die Wuth schützte ihn vor Angst und Frost. Als die Thurmuhr ihre zehnte Stunde schlug, war es dem Schneider zum Rasendwerden. Das war ja die Stunde des Stelldichein. Der Wart kam selbstverständlich nicht mehr, um die Leiter anzrUchnen, der wäre —> der Mirt sagte es selbst — ein Narr, wenn er jetzt hierher käme! Der Schneider mußte gar Acht haben, daß er nicht in die Tiefe stürzte. Das Todtsein wäre schon recht, aber das Sterben thut weh. — Planlos tappte er umher und ertappte das niederhängende Uhrgewicht. Jetzt kam ihm ein Gedanke. Das Uhrgewicht trachtet ja auch hinab und kommt bis morgen früh sicherlich zu Rande, wenn nicht eher; denn man weiß, der Meßner hat um sechs Uhr allemal hohe Zeit, die Uhr aufzuziehen. Der Mirt setzt sich auf das hängende Uhrgewicht, auf den Klotz, klemmt die Beine um den Strick, hält sich fest — glückliche Reise! Jetzt hub die Uhr da oben an und tickte doppelt laut und doppelt eilfertig und rascher, als man vermeinen sollte, ging's mit dem Burschen niederwärts. — . Und wie geht's dem Weber? Dank der Nachfrag, der steht am Fenster des Gretchens und klopft. Da heißt's nicht verzagt sein; achtet sie das Klopfen nicht, so versucht er's mit dem Brummeisen. „Der Mirt?" hauchte das Gretchen. „Was hast Du Dich nicht gleich genannt?^ „Du Allerschönste!" flüstert der Mart: „Mein Herz und mein Sinn J§ im Kämmcrlein d'rin. Wie stell' ich's denn an, Das; ich nach cini taun?" Darauf antwortete sie nach rechter Weise: „Dein Herz und Dein Sinn IZ bei mir nit herin; Hast im Schnee d'raußt verlor'n, Js wie ein Eiszapfen g'fror'n!" Der Bursche verschwand am Fenster, die Mühlräder rauschten. Auf dem Thurn? schlug es sechs Uhr, bald darauf — der Meßner ist immer wachsam, auch um Mitte? nacht — läutete es zur Rorate. Der alte Müller wunderte sich baß, daß er diese Nacht so gut geschlafen. Er stand auf und ging in die Hintere Kammer, um seine Tochter zu wecken. An der Thür stand ein Mann. ^ Wie grüßt ein braver Müller den Mann, der solchergestalt an der Thüre seines Tech-crl-inS steht? Auf dem nebcnragendcn Kasten lagen die Stäbe, womit er seine (7äse auszuklopfen pflegte. Mit solchen Stäben grüßt ein braver Müller den ungeladenen Schwiegersohn. Der Begrüßte kollerte zur Hausthür hinaus — just dem Freunde Mirt an die Brust. Aber das war ein hartes Anprallen, ein unerquickliches Wiedersehen. Der Mirt, nun der war eben auf seinem Uhrgewicht rasch so tief herabgekommen, daß er den Sprung auf den Boden wagen konnte. Es war ein guter Zeitvertreib und - die Stunden flogen durch ein solches Anhängsel rascher, gls wenn der Bursch an ihrem Fenster aebrummelt hätte — und das will doch was sagen. Daher hat derMeßner so früh geläutet und der Müller so früh Säcke geklopft, und was die Hauptsache — die Hypothese von der Gewichtlosigkeit der Schneider ist in jener Nacht glänzend widerlegt worden. Sonntsgofeirr. Auch ist es gleich, ob Glockenklänge Die Frommen laden zum Gebet, Ob eine andachtsvolle Menge Den Tag des Herrn mit Dank begeht; Deutsche In meiner Kindheit ward gesprochen, Daß durch der Freiheit Wogeugang Die alte Zwingburg sei gebrochen, Die schwer das Volk zur Krone zwang; Und treten glauvig pe zu,ammen. Und feierlich die Glocke klingt, — Dann steht der Arme, schürt die Flammen Und horcht, wie es im Kessel singt. Man wolle keinen: Herren dienen, Entstanden sei ein neues Reich Und eine goldne Zeit erschienen, Wo Alle frei und Alle gleich. Das singt ihm eine alte Weise, Die einst zur Sonntagsseier sang Der Vater in der Seinen Kreise, singt ihm eine alte Weise, lst zur Sonntagsseier sang Doch jetzt, da ich erwuchs zum Manne, Schau' ich verwundert rings umher; Die sich befreit von: alten Banne, Drückt nun ein neuer dovvelt schwer: Und singt und mahnt mit trüben: Klang, Die Gleichsten, kne aus Auen lallet, Die Freiheit, die Ihr selbst Ench gabt, Ist: das; Ihr nie von Arbeit rastet, Ist, das; Ihr tausend Herren habt. Es grollt in seltsamen Accorden, Denn Freiheit heisst jetzt: Geldverdicnen, Und gleich tönt Sonn- und Wochentag Das Stampfen rastloser Maschinen Und Dampfesstos; und Hammerschlag, Und gleich ist's, ob der Glanz der Lichter, Ob Sonnenschein herniederstrahlt Auf welke schläfrige Gesichter; - — Das Blut wird ja mit Geld bezahlt l (jbvUb st.ttsttUtr.lt Es stürmt und dröhnt und rauscht und droht: „Wollt Ihr den Tag der Ruhe morden, So rüstet Ihr Euch selbst den Tod; Denn heilig ist der Schweißestropfen, Der von der Stirn des Armen fiel." — — Wild hört man's an die Wände klopfen, Herbei und öffnet das Ventil! (Zeitschrift „Wahrheit.") Miscellerr (Kindermund.) Frau Thcrese, die junge hübsche Frau Doctorin, ist heute besonders rosiger Laune. Es sind ein paar gute Freunde zum Besuch da; man sitzt bei herrlichstem Frühlingswetter im Garten. Frau Therese ist von dem Dienstmädchen in's Haus gerufen worden, hat eine sehr angenehme Nachricht erhalten, kommt zurück, und kann, bei ihrem Gatten vorbeigehend, nicht umhin, demselben im Ueberschwunge ihrer glücklichen Stimmung die Wange zu streicheln. „Willi de Geld, Mama?" fragt das zweijährige Töchterchen, das die Liebkosung wahrgenommen. (Professoren - Geschichte.) Professorin (mit ihrem Manne durch die Felder wandelnd): „Nein, sie doch nur, lieber Mann, wie so gar kümmerlich und dürftig der Flachs dort steht." — Professor: „Nun, nun, liebe Elenore, ich denke, zu Kinderhemden wird er wohl immer noch groß genug sein." (Heikel.) Lehrer: „Höre, Michel, sage mir aufrichtig, was hat Dich denn veranlaßt, Dein einträgliches Mauerhandwerk an den Nagel zu hängen und Landstreicher zu werden? — Michel: „Ja wissen S', Herr Lehrer, :' hab' a mal a Haar im Mörtel g'funden und seit der Zeit graust'S ma vor der Arbeit!" (Sonderbare Frage.) Amtsrichter: „Bedenkt Euch wohl, eh' Ihr schwört, wenn Ihr falsch schwört, könnt Ihr vier Jahr Zuchthaus bekommen." Bauer: „Herr Amtsrichter, mit Berlaub, was bekomm' ich denn aber, wenn ich recht schwöre," (W i eder reiten!) Selbst die gewiegtesten Kunstkenner irren zuweilen, besonders wenn es sich um das Erkennen jugendlicher, aufkeimender Talente handelt. Einen Beweis für die Nichtigkeit dieses Satzes lieferte vor vielen Jahrei: bei einem Besuche Wiens und — 72 7 - seiner Ateliers der verstorbene König Ludwig von Bayern, der große Kunstkenner und Kunstfreund, der Schöpfer von Münchens künstlerischem Ruhm und Glänze. Lebte damals in Wien ein junger unbekannter Maler, der eben erst den Säbel mit Pinsel und Malerstock vertauscht hatte. Der junge Ex - Cürassir - Lieutenant — er ist, beiläufig bemerkt, jetzt einer unserer berühmtesten und bestbezahlten Maler — dachte nicht im entferntesten an die Ehre eines königlichen Besuches. Im Gegentheile, als dienstfertige Freunde, die ^ ihm damit zu nützen glaubten, vom König Ludwig die Zusage erlangt hatten, auch das bescheidene, in einem vierten Stocke gelegene Atelier des Anfängers zu besuchen, und demselben diese Ehre ankündigten, war er in Verzweiflung über dieselbe; fand sich doch in diesem kahlen, ärmlichen Atelier nichts vor, was einen so hohen und kunstverständigen Mann interessiren konnte, nichts als einige untermalte Porträts behäbiger Spießbürger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, und ihrer geputzten, mit Schmuck überladenen wohlbeleibten Ehehälften — Conterfeis, die der Künstler zu billigem Preise malte, um das Leben zu fristen. Indessen, „geschehen war geschehen" — der hohe Besuch war nicht mehr zu vermeiden; der König kam, sah sich einen Moment lang in dem seltsamen Atelier um und sagte dann zu dem verlegenen Künstler mit seiner bekannten schnarrenden Stimme und in seiner lakonischen und sarkastischen Weise: „Gedient?" — „Zu Befehl, Majestät!" — „Waffe?" — „Cürassier, Majestät!" — Da lächelte der König, klopfte dem Maler herablassend und wohlwollend auf die Schulter und schnarrte: „Wieder reiten! wieder reiten!" Der Künstler hat glücklicherweise den Rath des Königs nicht befolgt, er ist nicht wieder geritten, und er sowohl als die Kunst sind gut dabei gefahren. Einer seiner Freunde aber, ein bekannter Musiker, hat die Geschichte in Form eines Canons in Musik gesetzt. (Die neue Orthographie.) Schüler (in eine Buchhandlung tretend): „Ich > möchte gern Caesar's Loklum OuIIieum, Textausgabe von Teubncr." — Buchhändler: „Hier. Kostet ungebunden achtzig Pfennig." — Schüler: „Entschuldigen Sie, ist es auch die neue Ausgabe von 1880 mit der neuen Orthographie?" Ein Kaufmann schrieb an seinen Korrespondenten einen Brief und wollte ihn eben zusiegeln, als ihn der Schlag tödtlich rührte. Sein Diener schrieb darunter: „Als ich den Brief geschrieben hatte, starb ich!" — siegelte ihn zu und schickte ihn zur Post. Ein verdienstvoller hoher Offizier hatte sich auf den schwarzen Adlerorden Rechnung gemacht, erhielt aber nur die höchste Klasse des rothen. Wehmüthig lächelnd legte er denselben zu seinen andern Orden, und rief aus: „Da liege bis du schwarz wirst!" (In den Hundstagen.) „Ist das 'ne Hitze — da möcht' man schon einen Rock aus lauter Knopflöchern haben!"- Berrchtt gung. In meinem Gedichtecyklus zum Wittclsbacher Jubiläumsfeste in Nr. 4 „Getreu bis in den Tod" möge der geehrte Leser folgendes verbessern: 1) In Nr. 3 (Arko) 5. Strophe ist statt: „Denn als sie ritten, wo des Jnnes Fluchen rauschen rc." zu lesen: Denn wo des Jnnes Wellen gleiten, Die Martinswand anfraget hoch und hehr, Sprach Arko: „Laßt mich, Fürst, zur Rechten reiten, Von trüber Ahnung ist mein Herz heut schwer!" 2) In Nr. 4 (Obelisk) ist in dem ersten Verse der letzten Strophe statt „Plan" „Plane" und statt des in dem zweiten Verse dieser Strophe stehenden „In blutigen Schlachten" zu lesen §Jkt vielen blutigen Schlachten" rc. 3) In Nr. 5 muß es in dritter Strophe statt „belohnte" „belehnte" heißen. Lek Mr die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Di-, M. Hnttler.