h > zur Nr. 10. ,Angslmrger Pojheitimg. Mittwoch, 4. August 1880. Wenn der Rath eines Thoren einmal gut ist, so muß ihn ein gescheidter Mann ausführen. Lessing. Zu MILeMrrch's siebenhundertstem Ehrentage. Aer Merchslag zu Hiegensburg 1180. 1. „Der Kaiser kommt" —so läuftes durch die Menge, Die dichtqeschaart die junge Brücke füllt Und nahe Straßen, Gassen, weit und enge, — Ganz Regsnsburg ist im Gedränge — Die Majestät zu grüßen treu gewillt. L. Und was die reiche Donaustadt an Zierden Gesammelt hat in Ehren allerwärts: Sollt'heutzumWillkoinm sie mitLustbebürden Und Leib und Haus mit Schmuck umgürten. Die seltene Feier und das Herz begehrt's. 2. Er naht — es weichen ehrfurchtsvoll die Schaaren, Man öffnet Bahn dem kaiserlichen Herrn. Der Zug in Sicht — da fchmettert's von Fanfaren, Willsomm von Tausenden, die harren Des Staufen — brausend schallt das Echo aus der Fern. 4. Der Kaiser grüßt die Stadt mit heit'rer Stirne, Umgeben von dem Glanz der Majestät, Und ob auch leuchten mächtige Gestirne Und blendender als alle Firne, Der Kaiser—wiedie Sonn' am Himmelsteht. 5. Doch wie, das Aug'für hellsrnStrahlzu üben. Man gerne auch ein ander Licht beschaut: So richtet wohl die Menge hüben drüben — Man mahnt sich selbst und seine Lieben — Den Blick aufdasGefolg und preist es laut. 6. Aus Deutschland und selbst von Italiens Gauen Umschließen sie den Kaiser zu dem Tag, Und Mark- und Land-und Gaugraf läßt sich schauen, Der Kirchenfürst in Roth, im Blauen, Das Neichspanier mit seinem Wittelsbach, 7. „Was wird das Reich uns diesesmak beschließen? Hast du den Löwen wohl im Zug geseh'n? Ich mochte scharfen Augs sie alle grüßen Mit Kreuz und Scepter, Schwert und Spießen: Ich sterbe, wenn ich Einen Mann nur übersehen. 8. Gewiß — es wird der Dinge große geben. Die uns der Reichstag diesmal sehen läßt. Ich gebe fast dafür mein heilig' Leben, Der Himmel mag es nur vergeben! — Wenn nicht den Löwen alles Glück verläßt." 9. So flüstert's allerorts mit raschem Munde, Indeß sich langsam fort der Zug bewegt. An Reich und Kaiser sieht man sich fast wunde. Da ruft mit Macht der Herold Kunde, Daß Kaiser Friedrich hier sein Lager schlägt. 10 . So zieht Er ein, geliebt von seinen Treuen, Geleitet in die Pfalz mit seinem Rath. Er ist allein. „Den Löwen mag's gereuen," Der Kaiser spricht, „ich muß erneuen Die Acht." Dem Herrscher keine Ruhe naht. 11. Und sinnend schreitet Er denn auf und nieder. Wo wohnlich ihm die Pfalzdas Heim bestellt. Im Freien tönen noch gar munt're Lieder, Vom Bergkranz leuchten Feuer wieder, Bis Sorg und Lust der Schlaf gefangen hält. 12 . Den Morgen drauf der Reichstag ist geladen. Mit seinem Herrn zu fördern bestes Wohl. Da sitzt Er ernst mit Rittern und Prälaten, Zu rathen für das Reich, zu thaten. Der Wels macht denken, Bayern, Freisings Zoll. 18. Es kommt St. Peters-Tag; im Kaiserdome, Den einst Karol St. Petern hat geweiht, Sieht man den Rothbart beten wahr UNS fromme. Daß guter Rath von oben komme, Er weiß allein, was dieser Tag gebeut. 74 1t. Nachdem der Bischof Ihn und Volk gesegnet, Da ruft zur Pfalz des Kaisers Machtgebot. Was soll es h eut? Vermuthungen es regnet. Wie es im Leben sonst begegnet, Wenn Ungewißheit schafft dem Geiste Noth. 15. Und als im Pfalzsaal sich der Kreis geschlossen; Der für des Reiches Wohl und Wehe steht. Tritt ein der Kaiser majestätumflossen Und grüßt voll Würde seine Großen Und ziert den Thron vom Neichspanier umweht. 25. Der Kaiser war gerührt im tiefsten Grunde, Und eine Weile schwieg Er vor dem Tag. Auf ihrem Antlitz thront der Ernst der Stunde Und wie erbittend frohe Kunde Erheben sie das Haupt. — Der Kaiser sprach: 26. „Ich rief herauf der alten Zeiten Ehren Und sah mir die Geschlechter alle an. Ich konnte meinem Geiste nimmer wehren. Ich fühlt' es mir am Herzen zehren. Ich folgte Tag und Nächst nur ihrer Bahn. 16. ES leuchtet Ihm das blaue Aug' so helle. Es blicket ernst und doch so gnadenvoll. Und immer wieder sucht es Eine Stelle, Wie eines Freundes treue Seele. Bon der es nimmermehr sich wenden soll. 17. Jetzt spricht der Kaiser vom erhab'nen Throne Selbst tiefbewegt zur tiefbewegten Rund': Ihr Edlen all', die um des Reiches-Krone Versammelt sind aus jeder Zone, Vernehmt, was Euer Kaiser will zur Stund: 27. Ich prüfte mir die Söhne jener Ahnen; — Ich that's mit freiem unbefang'nem Sinn — Ich wog mir ab die Zeiten und ihr Mahnen, Ich musterte mir meine Mannen, Ich bat von oben Weisheit zu Gewinn: 28. Auf daß ich jenen Mann dem Reich bestelle Und meinemBayerland zu Schirm undvort. Der würdig walte der erlauchten Stelle Und Reich und Kaiser niemals fehle. So lang er lebt, und folg' an jeden Ort. 18. Nachdem berathen Ihr an manchen Tagen, Mit diesem Haupt das Nöthige nachGebühr, Fand ich für gut, das Größte anzusagen, — Was enden dürfte viele Klagen — Dem Reich zu Nutz und Frommen für und für. 19. Ihr wißt, welch' schwere Zeit heraufgekommen. Für meiner Bayern treues Volk und Land, Ihr habt der Nöthen viele selbst vernommen. Noch ist der Funke nicht verglommen. Der neu entzündet grausen Zwistes Brand. 80. Das dritte Mal hab' ich umsonst gerufen. Des heil'gen Reiches rechtbestallter Herr, An dieses Thrones hier ehrwürdige Stufen, Was gute Zeit sich fühlt, berufen. Sich mir zu Trotz zu setzen und zur Wehr. 29. Soviel ich mochte prüfen, mochte schauen, Und alle bis auf einen tadellos; Am meisten mußt' ich immer Einem trauen Und zuversichtlich auf ihn bauen, Er ließ mir Geist und Herze nimmer los. 30. Du, älterer Otto wittelsbach'schen Blutes, Gib hin dem jüngeren das Reichspanier!" Er staunt, der treue Hüter dieses Gutes, GehorchtmitSchmerz. „SeigutesMuthes", Der Kaiser spricht, „tritt vor und folge mir: 31. „In grauer Zeiten Ferne seh' ich ragen Der großen Ahnen hehr und mächtig Haus. DerGeistmich mahnt, nur Einenvorzutragsn, Von jenem Luitpold will ich sagen. Des deutschen Reiches Wehr', im Kampfgebraus. 81. Nun da des Rechtes Formen sind gehalten. Wie es sich ziemt für diesen hohen Tag, Und Klagen alt' und neue widerhallten; Da heißt die Pflicht, des Amts zu walten. Wie dieses Weh' des Reichs bald enden mag. SS. So thu' ich kund: „Land Bayern ist nun Lehen, Das, frei, zurückfiel an des Reiches Macht. Da von dem Löwen, wie wir deutlich sehen, Genüge nicht dem Recht geschehen, So ist der Wels erklärt in ew'ge Acht. 32. Du, hochgeborner Mann, kannst Dich wohl messen Mit jedem Wappen, jeglichem Geschlecht, Denn nimmer wirst das Eine Du vergessen, — Du darfst Dich kühnlich deß vermessen — Der große Karl Euch hielt ja blutgerecht. 33. Und lange Jahre sah das treue Bayern Mit Lust und Stolz zu Euch als Herren auf Und pries als liebe Vater oft die Scheyern Mit Liedern gerne und mit Leiern, Bis Zeitenungunst stört den Herrscherlauf. SS. Doch Bayern kann nicht länger mehr entbehren, Soll es verbluten nicht an Wunden viel. Des klugen Vaters und des starken Herren, Zu führen es in Weisheit und zu mehren. Was es geleiten mag zu schönerem Ziel. 31. Doch auch im Grafenstande grünte Ehre Und glänzte Ruhm dem edlen Schyrenhaus. Die meisten waren Säule uns und Wehre, Du bist ja selbst die beste Lehre, Daß Blüth' und Frucht geh'n reich vom Stamme auS. 81 , Die Zeit ist schwer, und Kraft in jedem Lande, Gerechtigkeit und Rath ist gar sehr noth. Es lWn sich durch Ungunst heil'ge Bande, —Was jedem Volkzur Pestund Schande—. Mrr führt in solchem Sturme Bayerns Boot?" 35. Drum ward Ihr werth des Dienstes auch gesunden. Das Rsichspanier im Kampfe zu erhöh'» Und heilig Recht und Satzung aller Stunden Zu schützen.»nd zu schirmen gegen Wunden. Und wie ließ Wittelsbach das Banner weh'n ? 38 . Ich kenn' Dich, edler Pfalzgraf, mcht von heute. Als Knaben spielten wir im Staufenschloß, Seit 30 Jahren seh' ich Dich zur Seite, In Friedenslust, im blut'gen Streite Du theiltest unentwegt mein Schicksalslos. 37. Das künden hundert Zeugen, stets beredte. Ob sie nun Sprache haben oder nicht: Aus vielen — Rom, die weltberühmte Stätte, Und jene schroffe Felsenkette Bei Bern, am Paß der Etsch, sie trüget nicht. 38. Ja, wo es gilt, uns weisen Rath zu spenden Und Lebensnoth der Treue Probe heischt: Ich kann vertrauensvoll mich an Dich wenden, — Und immer führt's zu guten Enden — In Glück und Unglück hast Du nie getäuscht. 3v. Wie Sonnengold glänzt Deine Mannentreue, Ein glüh'nüer Diamant der Freundschaft Dienst. Nicht kennt Dein Herz des Eigennutzes Reue, Es quillt ohn' Unterlaß aus's neue Aus gradem Sinn dem Reich ein schön Gewinnst. <0. So hieltest Du stetstreu zu Deinem Gotte Zum Kaiser und zum Reiche allezeit. Warst Schutz den Schwachen, wärest Grimm dem Spotte, Verderben stets der Feindesrotte: Mit allen Kräften — kurz — der Pflicht geweiht. 41. Du hast ein voll Verdienst um uns erworben, Um diese hier und um das ganze Reich. Bist Trost und Bürge, daß nicht abgestorben. Daß noch nicht in der Welt verdorben Der deutschen Treue Wurzel, Stamm und Zweig." 12. Und wie zum Zeichen, daß sein Wort gesunde. Sieht Er mit Frageblick im Kreis umher. Doch ob auch späht Er lange in die Runde, Und forscht nach Miene und nach Munde: Er schaut Zufriedenheit im edlen Heer. 43. „Da Ihr zustimmend, Edle, habt gebilligt. Was ich zum Pfalzgraf sprach und auch zu Euch: Da Ihr in meines Herzens Wunsch gewilligt. Durch Widerrem ihn nicht mißbilligt. So sei denn kund Euch und dem ganzen Reich; 44. Von dieser Stund' an Petrus' Ehrentage, Da man eintausendhundertachtzig zählt. Verstumm' in Bayern alle Noth und Klage! Kraft Rechts ich Kaiser Friedrich sage: Mit Wittelsbach sei Bayern neuvermählt! 45. Laß' nieder Dich, mein Herzog, nimm dies' Zeichen Der herzoglichen Würde hier zu Hand Und schwör' zu Gott, vom Kaiser nie zu weichen. So lang des Lebens Tage reichen, Und mir zu folgen stets zur See, zu Land." 46. Nachdem der Lehenseid in Form geschworen. Fuhr noch der Kaiser in der Rede fort: „So bist auf ewig Du dem Land erkoren Und nie sei deinem Stamm verloren Die Herzogskrone! — Dies ist Kaiserwort. 47. Es blüh' Dein Haus bis in die fernsten Zeiten Und strebe glücklich nach der Ehren Zier! Mög' es zum höchsten Glänze vorwärts schreiten — Dies soll Dir dieser Tag bedeuten! — Und mächt'ge Sproßen schauen für und für!" 48. So sprach der Kaiser und umarmt den Treuen, Und eine Thräne seine Wange netzt, Den alten Bund in großer Stund' zu neuen. Zu Sporn und Ehre auch den Freien, Die Wittelsbachs Erhebung nicht verletzt. 49. Da tönt es mächtig durch die weiten Hallen, Es wächst zum Donner an aus aller Mund: „Es lebe Wittelsbach!" — Es hat gefallen Dem Zerrn und Kaiser, hier vor Allen Zu ehren ihn mit Krön' und ew'gem Bund. 50. Es schallt im Saale, schallt auf allen Straßen: „Es lebe Wittelsbach für immerdar, Der nie den Kaiser und das Reich verlassen. Sein Glanz er möge nie erblassen Und blüh'n sein Stamm bis zu dem ewigen Jahr!" 51. Und als der Kaiser Alles gut gewendet Und ließdie Stadt und ginq zu neuerPslicht: Er liebe Worte noch den Edlen spendet. Den: Freund gar viele, und dann endet: „Ja — Wtttelsbach und Bayern läßt sich nicht!" Negensburg, V. Der Herr Daro„. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Sie wollen heute ein großes Fest geben, wie ich höre, begann Enrichetta sogleich, und ich wundere mich, Herr Baron, daß Sie mir davon noch nichts mitgetheilt haben. Ich hätte mich so gerne nützlich gemacht. Wirklich? rief der Baron lebhaft, das freut mich, Du bist also doch klug und Vernünftig Kind; und glaube mir, das soll Dein Schaden nicht sein,, er faßte dabei leicht ihr Kinn, wie Jemand, der seine treue Dienerin belobt. Das haben Sie mir schon früher gesagt und noch weit mehr, entgegncte sie ruhig. Und hab' uch nicht Wort gehalten? fragte der Baron mit selbstzufriedenem Lächeln. Dir steht das ganze Haus zur Verfügung und Du kannst Dich hier wie die Herrin fühlen. Ich glaube auch darauf die größten Ansprüche zu haben, war ihre etwas betonte Entgegnung. Der Baron nickte mit dem Kopse. Sei überzeugt, Du hast an mir stets einen sehr gnädigen Herrn und Bloomhaus legte mit der Miene des wohlwollenden Gönners feine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckte heftig zusammen und trat einen Schritt zurück, suchte sich aber noch einmal zu beherrschen und während ein Lächeln um ihre Lippen spielte, und ihre dunklen Augen zu ihm hinüberblitzten, fragt sie leise: Nur einen gnädigen Herrn?— Ich dächte doch, daß ich noch mehr verdient hätte. O, Herr Baron, wie viel hab' ich Ihnen geopfert, wie viel! und ich darf wohl hoffen, daß Sie dies nie vergessen werden. Wie sollte ich das? Hast Du irgend einen Wunsch? Du weißt, ich bin nobel. Länger konnte Enrichetta nicht an sich halten. Sie warf sich laut schluchzend an die Brust des Barons und ihn mit ihren Augen zärtlich umklammernd rief sie aus: Nicht wahr Gregorio, Du wirst mich nicht aufgeben? Du kannst es ja nicht! Habe ich doch Dir zu Liebe alles gethan! — O ich liebe Dich wahnsinnig, grenzenlos! Der Baron geriet!) in die größte Verlegenheit. Einen solch' lebhaften Gefühlsausdruck hatte er am wenigsten von dem klugen Mädchen erwartet und er mußte nun um jeden Preis das wunderliche Geschöpf zu beruhigen suchen. Enrichetta! Was fällt Dir plößlich ein? Wenn uns Jemand sähe! und er bemühte sich, so rasch wie möglich von der Umarmung des Kammermädchens los zu kommen. Mag die ganze Welt uns sehen! fuhr sie in derselben Erregung fort: Ich liebe Dich, Dich ganz allein! und Du darfst Niemand weiter gehören, denn ich habe Dich und Deine Liebe sehr theuer erkauft. Nun wir bleiben bei einander, suchte er sie zu beschwichtigen. — Du darfst mich nicht verlassen, selbst wenn ich jetzt — Er konnte nicht vollenden, denn sie ließ ihn plötzlich los und ihre Arme sinken, und unterbrach ihn mit der heftig herausgestoßenen Frage: So, ist es wahr, Gregor, Du hast Dich mit einer Anderen verlobt und willst mich schändlich aufgeben? Kind, rede vernünftig, ermähnte der Baron. Du sollst ja unter allen Umständen bei mir bleiben, das ist längst beschlossene Sache. Ich habe schon mit meiner Braut von Dir gesprochen, Du wirst ihr sehr nützlich sein, und Du glaubst gar nicht, wie gutherzig, wie großmüthig sie ist. Du wirst bei ihr — Weiter kam der Baron nicht; er hatte anfangs stockend, zuletzt sehr lebhaft gesprochen und Enrichetta ihm in einer Art Erstarrung zugehört. So wahr seine Verlobung doch eine unumstößliche Thatsache und er hatte die Frechheit, ihr zuzumuthen, bei seiner neuen Gemahlin wieder als Kammermädchen zu dienen, während sie allein alle Rechte hatte, daß er sie zur Baronin erhob. Und das wagst Du mir wirklich zu bieten? —> rief sie empört und ihre schwarzen Augen funkelten. Mir, der Du alles zu verdanken hast, die ich um Deinetwillen das Furchtbarste gethan. Still! befahl der Baron, dessen blasses Antlitz sich jetzt auch zu färben begann und der sich nach allen Seilen scheu umsah, als könnte Jemand diese Worte gehört haben. Wie viel verlangst Du von mir, fordere Du so viel Du willst, Du sollst es haben. — Nichts will ich, nur Dich allein: — Was ich gethan, geschah aus Liebe zu Dir, nicht um schnödes Geld. Sei endlich vernünftig, Enrichetta, ermähnte der Baron. Du konntest doch nicht verlangen, daß ich Dich heirathen soll? Warum nicht? Bin ich denn schlechter als eine lüderliche Schauspielerin? Enrichetta! rief jetzt der Baron heftig und erhob drohend die Hand. Vergiß 77 > > nicht, daß meine Geduld eine Grenze hat, daß ich solche Unverschämtheiten auch von Dir nicht ertrage. . . , . , Es ist nur die Wahrheit. Wenn Sie sich nicht scheuen, Mit emer elenden Schauspielerin sich zu verloben, dann können Sie auch mich heirathen, ohne Ihrer Würde etwas zu vergeben, mein Herr Baron. Sie sprach die letzten Worte ganz besonders zögernd und höhnisch aus, aber dem Baron entging es, denn er war schon viel zu sehr über die unerhörte Anmaßung dieses Geschöpfes empört. Willst Du, daß ich mich zum Gespött der ganzen Welt machen soll? Welches Höllengelächtcr würden meine Freunde aufschlagen, wenn sie hörten, daß sich Baron Bloomhaus mit dem Kammermädchen seiner ersten Frau verheiratet habe I Und doch, Herr Baron, gibt es für Sie nur einen Ausweg» entgegnete sie mit fester Stimme und ihre Blicke schienen sich in sein Inneres bohren zu wollen. Entweder Sie heirathen mich oder — Oder, wiederholte der Baron unbefangen, der sich durchaus nicht den Anschein geben wollte, als werde er durch diese Drohung eingeschüchtert. Oder, ich erzähle dem Gericht, wie Ihre Frau aus der Welt gekommen ist. Das könnte für Dich allein sehr unangenehme Folgen haben, war die ruhige Antwort. Sie irren, Herr Baron, entgegnete Enrichetta und ihr schmales Gesicht verzerrte sich höhnisch. Wir werden dann Beide miteinander ins Zuchthaus oder aufs Schaffst gehen. Ich fürchte, das wird unmöglich sein, entgegnete der Baron, den Spott erwidernd. Durchaus nicht. — Ich werde ohne Weiteres bekennen, daß ich nur auf ihren Antrieb die Fürstin vergiftet habe. Baron Bloomhaus zuckte die Achseln. Man wird Dir wenig glauben, und Du scheinst ganz zu vergessen, daß Du durch dieses Bekenntniß vor allen Dingen Dich selber in die Tinte bringen dürftest. Was frage ich darnach, wenn Sie nur mein Geschick theilen, entgegnete die Italienerin mit finsterem Trotz. Das wird unmöglich sein, war die kühle Entgegnung. Doch nicht so unmöglich als Sie denken. Ich habe noch den Nest des Giftes, das Sie mir gegeben. Sie allein hatten ein Interesse daran, daß die Fürstin rasch beseitigt wurde, denn Sie fühlten sich nicht mehr sicher, seitdem Ihre Gemahlin in dem Besitze eines für Sie bedenklichen Geheimnisses war. Durch die Augen des Barons zuckte es und sein eben noch höhnisch lächelndes Gesicht verfinsterte sich, dennoch sagte er kühl und ablehnend: Was schwatzest Du da für Unsinnl Enrichetta ließ sich von dem aufsteigenden Zorn des gnädigen Herrn, der ihr nicht entging, keineswegs einschüchtern und sie fuhr mit großer Sicherheit fort: Die Welt würde staunen, wenn sie plötzlich das seltsame Geheimniß erführe — und sie blickte dabei triumphirend in das bleicher werdende Antlitz. Der Baron machte eine rasche Bewegung nach der Italienerin hin, vielleicht hatte er die Absicht, sich wie ein Tieger auf das Mädchen zu stürzen und es mit seinen Händen zu erwürgen, denn in seinen Augen loderte es unheimlich auf; aber er besann sich noch einmal und sagte gleichgiltig: Ich möchte Dir rathen, es mit mir nicht zum Aeußerstsn zu treiben, Du könntest schließlich doch den Kürzeren ziehen. Selbst diese nicht mißzuverstehende Drohung übte auf Enrichetta nicht die gehoffte Wirkung. Sie lachte nur: Wollen Sie nicht wieder zum Gift ihre Zuflucht nehmen, sondern ganz einfach ihrem Opfer die Kehle zuschnüren, es ist das freilich -er kürzeste Weg, um sicher unter das Beil der Guillotine zu kommen. So hatte die Italienerin seine Absicht errathen? Der Baron murmelte in russische? /- 73 — »1 Sprache eine Verwünschung vor sich hin. Enrichetta! knirschte er zwischen den Zähnen hervor. Reize mich nicht länger, ich könnte mich sonst in blinder Wuth wirklich vergessen. Sei vernünftig, das ist für Dich das Beste. Nimmermehr! Sie geben entweder Ihre Schauspielerin auf, oder ich zeige uns Beide als Mörder an. Unsinn! Sei überzeugt, Du wirst damit nichts erreichen, während Du die besten Tage haben könntest, wenn Du auch ferner treu zu mir halst. Es ist mein letztes Wort. Wollen Sie auf die Komödiantin verzichten? Und Enrichetta stellte sich dicht vor den Baron hin und sah ihn mit ihren unruhig funkelnden Augen drohend ins Gesicht. Närrin! stieß dieser unmuthig heraus und kehrte ihr ohne Weiteres den Rücken. Dann sollst Du es bereuen, so wahr ich eine Italienerin bin! rief Enrichetta aus «nd erhob die Hand, dann stürzte sie, halb wahnsinnig vor Zorn und Rachsucht, aus dem Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Der römische Landpfleger und sein Haus. Von W. Wyl. Ist auch daS Loos des deutschen Schriftstellers, Dank der grenzenlosen Intelligenz der heutigen Censur, jetzt ein ideal schönes, so läßt sich doch nicht leugnen, daß es auf der Erdenbahn des deutschen Kaufmanns nicht an Lichtblicken fehlt, besonders wenn ihn die Gunst der Sterne zum Matratzenhändler gemacht hat. Dieser Satz ist nicht etwa, wie boshafte Leser glauben werden, ein leichtsinnig hingeworfenes Paradoxon, sondern eine tiefsinnige, auf dem Wege analytischer Forschung gewonnene Sentenz. Gleich der echten Perle langsamen Wachsthums entwickelte sie sich in meinem Gehirn nach und nach, wenn ich, zwischen den stillen Häuschen des Passionsdorfes hinschleudernd und von dem Dufte der Düngerhaufen angenehm betäubt, die ungeheuren Quantitäten Bettzeug sah, die auf Bestellung der Apostel, Pharisäer und zahlreicher anderer biblischer Personen täglich karrenweise hierher kamen, um jenen höchst curiosen Produkten moderner Civilisation, welche als amerikanische und englische Ladies durch die Welt laufen, nach dem endlosen Gezwitscher des Tages zur nächtlichen Ruhestatt zu dienen. Ich weiß natürlich nicht genau, wie viel die Münchener Matratzenhändler an den Aposteln und Pharisäern verdient haben, aber ich habe eine dumpfe Ahnung, daß sie beim Nachzählen ihres Prosits die Passion segnen und daß selbst die Söhne Jsrael's unter ihnen Momente christlicher Rührung verspürt haben. Wenn die Karren voll Bettzeug, Nachtkasten, Waschkommoden u. drgl. im Dorfe ankamen, da war es wahrhaftig keine Kleinigkeit, all' das Zeug den Aposteln und Pharisäern in die Häuser zu schaffen, und ich möchte wissen, wie der Postbote mit der Geschichte zurechtgekommen wäre, hätte er nicht einen braven Gehilfen gefunden, willig und stark zur Arbeit und grundehrlich zum Einkassiren der Gelder. Die Schnitzerei geht schon seit geraumer Zeit nicht am besten und da fand sich denn ein recht geschickter Bildschnitzer, ein gewisser Thomas Rendl, ein Mann mit Frau, vier Kindern und einem sehr kleinen Grundbesitz, der mit Freuden bereit war, zum Karren zu greifen und so die karge Portion Brot für seine Familie zu verdoppeln. Der Postbote versprach drei Mark für die Woche, kleine Trinkgelder sollten hie und da auch abfallen, besonders beim Pfarrer und beim Oberförster, und so begann denn der Schnitzer Rendl mit dem Karren durch das Dorf zu kutschiren, wobei er freilich selber den Rappen vorzustellen hatte. Nun sieht ein Jeder, auch wenn er nie den Karren geschoben hat, ein, daß das eigentlich sozusagen ein saures Metier ist. Ist es sonnig, so schwitzt man ein gut Theil, regnet es, so wird man ganz merkwürdig naß, was großentheil daher kommen dürfte, weil man beim Fahren kein Parapluie tragen kann,h wenn man selbst Pferd ist. Wer das übrigens nicht begreifen kann, der lasse es sich von einem Professor erklären — die wissen Alles. 79 Als ich so etwa eine Woche vor der ersten Vorstellung im Dorse ankam, da sah ich dem Rendl oft bei der Arbeit zu, wie ich denn die Arbeit überhaupt sehr schätze und liebe, bei Andern nämlich. Er hob und legte Matratzen, schob und wendete den Karren, und ich rauchte meine Cigarre mit dem Gesichtsausdrucke einer fetten Drohne, die einer fleißigen Imme zusieht. Und so rauchte ich denn im Dorfe umher, bis die erste Vorstellung da war. Die gefiel mir denn ganz außerordentlich schon des Vormittags, und Nachmittags gefiel fie mir noch mehr, denn da spitzt sich die Tragödie zu, es weht die Luft des fünften Actes: Christus ist schon gefangen, Judas erhängt sich und das wirkt wie der Tod der Lady Macbeth. Da tritt auf einmal Pontius Pilatus auf seinen Balkon heraus, mit Hofherren, Dienern und Kriegsknechten, und die Priester bringen ihm den gebundenen Nazarener daher. Ich bin nicht mehr gar jung, habe viele schöne Dinge in meinem Leben gesehen, so z> B. sehr viele wunderbare Tizians, Paolo Veronese und Rubens. Wenn mir daher etwas einen tüchtigen Ruck gibt und mir's wie ein elektrischer Strom den Theil des Körpers hinabläuft, für den ein gemeiner Kerl den Namen „Buckel" erfunden hat, da können Sie Gift darauf nehmen, daß es Malerei oder ein Stück himmlischer Musik ist, das mir in die Nerven geht. Wie also der Pilatus herauskommt, wie er da prachtvoll farbig obensteht mit goldenem Stirnband, goldenem Brustharnisch und Scharlachmantel, einen Feldherrnstab in der Rechten — wie der Mann vornehm agirt, die Beine stellt wie eine antike Statue und wie er die jüdischen Priester abtrumpft, so daß seine fürstlichen Antworten den Burschen wie Hammerschläge aus die schlauen Köpfe fallen — da gab es mir einen ganz großen Ruck, wie es mir schon lange nicht passirt ist. Es sollte aber noch besser kommen. Das Drama geht seinen Gang fort, die Priester werden immer wilder und hetzen ganz Jerusalem vor des Statthalters Haus, damit es brüllend den Tod des Galiläers verlange. Immer höher gehen die Wogen des Hasses unter dem Balkon des Pilatus, seine Stellung wird immer schwieriger, seine Rolle bedeutsamer; der ehrliche wohlwollende Mann in ihm macht dem Sklaven Platz, dem Sklaven der Genüsse, der Ehren, die ihm seine Stellung sichert, und siehe da, der Sklave ist feige in der Stunde der Gefahr, er läuft davon und reißt den ehrlichen Mann mit sich fort — da (wer sollte es dem schlichten Dorfkünstler zutrauen?) entfaltet der Pilatus eins künstlerische Größe, die uns verwöhnten Städtern den Athem in der Brust festbannt. Gewaltig spricht er zu den Priestern herab, scheu blickt er auf die nach Blut rufenden Nolksmassen hernieder; er kämpft redlich für seine bessere Ueberzeugung, aber endlich zeigt es sich, daß er kein Epaminondas seines Gewissens ist. Er stirbt nicht, er kapitulirt» Seht, wie er sich die Hände wäscht und wie er das rothe Stäbchen bricht, daß der Duldergestalt unter dem Balkon die Stücke zu Füßen fallen. Er hat Christum den Herrn in den Tod gesendet. „Nehmet ihn hin und kreuziget ihn!" ruft er, und tief ergriffen, als hätten Bosheit und blinde Leidenschaft erst jetzt über die stille Tugend triumphirt und nicht vor achtzehnhundert Jahren, sehen wir dem Scharlachmantel des Statthalters nach, wie er in der Balkonthür des Hauses verschwindet. Wer ist denn dieser prächtige Mensch, der einen Römer, einen antiken Staatsmann farbig und plastisch so überzeugend darstellt? Wer ist es denn, der uns die Zweifel im Busen fühlen läßt, welche diesen römischen Hamlet von Statthalter hin- und herziehen zwischen seiner Pflicht und seinem Vortheil? Wie kommt der Mann dazu, seine Gesunken so wunderbar nachdrucksvoll in das Erz echt männlicher, staatsmännischer Spräche zu prägen? Wie heißt der Mann, der mich in seiner Haltung, in jeder Geberde an die' Nömergestalten des großen Rubens erinnert auf dem Cyklus des Decius Mus in der Aechtenstein-Galerie zu Wien? ' Der Mann heißt Thomas Rendl. Was — derselbe, der seit Monaten die Matratzen abladet und sie schwitzend durch die Straßen karrt? Unmöglich! .... Und! s ist doch so; es ist derselbe Rendl, der arme Bildschnitzer, der Gehilfe des Postboten» ^ (Schluß folgt.) Miseellerr. Eine merkwürbge Abonnements-Einladung wird dem „Hannover'schen Courier" aus Rinteln zugeschickt. Dieselbe lautet: „Mit Anfang des nächsten Monats erscheint zu Rinteln eine neue technische Zeitung, herausgegeben von verschiedenen abgegangenen Autoritäten. Die Abonnenten erhalten jedes Quartal eine Photographie von einem berühmten Plastiker; zu Ostern eine gestreifte Frühjahrshose und zu Johannis einen neuen Hut. Auch werden den Abonnenten unentgeltlich alle sechs Wochen die Haare verschnitten und die Kuhpocken geimpft. Wer drei Jahre voraus bezahlt, bekommt im Sterbefall einen Sarg oder sechs silberne Löffel und eine künstliche Zahnbürste. Dieses Werk wird schon bei der bloßen Ankündigung so viel Aufsehen erregen und so stark begehrt werden, daß die erste Auflage keine Zeit finden wird, die Pesse zu verlassen und deßhalb sogleich die zweite erscheinen wird. Annoncen aus den Fachkreisen werden in erster Zeit unentgeltlich in unsere Spalten aufgenommen. Der Dichter August von Platen sagt in seinem Tagebuche: Leuten, die von nichts als Pferden, Hunden und sinnlichen Vergnügungen reden, bin ich ein stummer Gesellschafter. Ich begreife nicht, wie es so viele junge Menschen geben kann, die weder Ernst in ihrem Charakter, noch Streben nach Vervollkommnung besitzen, die ihre Zeit unendlich leichtsinnig verschleudern, und deren ganzes Nachdenken darin besteht, wie sie den Nachmittag auf eine lustige Weise hinbringen sollen. Das Leben bietet doch so viel Stoff zu ernsten Betrachtungen dar; Fleiß und Bemühung lassen ein so süßes Bewußtsein in uns zurück, während Müssiggang und Sinnenfreuden die Seele nur mit einer schalen Leere und nagenden Vorwürfen erfüllen. In der Thätigkeit besteht das wahre Glück des Menschen. Täglich lerne ich mehr einsehen und empfinden, daß die Reinheit und Ruhe des Gemüths das höchste und einzig wahre Gut des menschlichen Lebens ist. (Treffende Antwort.) Die Güterexpedition der bergisch-märkischen Eisenbahn schreibt einem Kaufmanns, der durch dieselbe ein Frachtstück versendet hat: „Adressat H. A. S. in D. hat die Annahme desselben verweigert, weil schon längere Zeit gestorben." Der betreffende Kaufmann ist boshaft genug, der Güterexpedition zu entgegnen: „Die Bestellung ist nach Auftrag ausgeführt. Wir bitten um gefällige Mittheilung, aus welchem Grunde der Verstorbene verweigert hat." Ale Ro Und als die Nachtigall geendet Im Lindenbanm ihr schönstes Lied, Da ist in heit'ger Morgenstunde Die rothe Rose aufgeblüht. Und trunken von dem Morgengolde, Das durch die grünen Ranken fällt, Grüßt sie mit schauerndem Errathen Zum ersten Mal die GotteSwelt. Und alle Zauber zu vollenden, Ward ihr auf ros'ge Stirn geküßt, Das holde, reizende Geheimniß: Daß sie nicht weiß, wie schön sie ist. Da zittert in dem gold'nen Auge Wohl eine Perle silberrein: Es soll der Dank der schönen Blume Für ihren Himmelsjchöpfer sein. Ferdinand Stolle. ^Pas;-Reb«s. Die Auflösung gibt den Namen einer italienischen Stadt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Or. M. Huttlcr.