Nr. 11. 1880. zur „Ailgslmrger PostMmg." Samstag, 7. August Der Irrthum verhält sich gegen das Wahre, wie der Schlaf gegen das Wachen; ich hal>>. bemerkt, daß man aus dem Irren sich wie erquickt wieder zu dem Wahren hinwende. Goethe. Der Herr Zaron. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) V. Unbekümmert um die finstern Drohungen der Italienerin bereitete Baron Bloom- Haus alles zur Hochzeit vor. Sie sollte das glänzendste Fest werden, das Paris in letzter Zeit gesehen und wahre Unsummen wurden dafür verschwendet. Fräulein Combelaine war über das Auftreten ihres Bräutigams entzückt, das übertraf ihre kühnsten Erwartungen. Sie schwamm in einem Meere von Wonne, denn der Baron benahm sich wie ein Zauberer, der ihre leisesten Wünsche erfüllte, selbst wenn sie noch so toll und übermüthig waren. Keine ihrer Kolleginnen konnte sich rühmen, einen so gefügigen schwärmerischen Bräutigam zu haben. Für seine angebetete Desirse war ihm nichts zu theuer und kostbar genug und sie kam sich wie eine Märchenprinzessin vor, der alles zu Gebote steht, was nur je ihr Herz begehrt. Die Männer fanden das Auftreten des BaronS närrisch, die Damen entzückend und jede Schauspielerin wünschte nur, einen ähnlichen Anbeter erbeuten zu können. Wirklich fand die Hochzeit des Barons mit all der verschwenderischen Pracht statt, die den Neid und die Bewunderung aller leichtlebigen Leute erregte. Es war nichts gespart worden, um das Fest so blendend und großartig wie möglich zu machen. Unter den zahlreichen Gästen herrschte deshalb auch die lustige übermüthige Stimmung, denn es waren ohnehin nur Leute geladen worden, die das Vergnügen aus ihre Fahne schrieben und es verstanden, in lustiger Gesellschaft wirklich lustig zu sein. Das Brautpaar ging in ungezwungener Heiterkeit den Gästen kühn voran. Der Baron liebte es, sich etwas gehen zu lassen und er überschritt dann gern die Grenze des Erlaubten und seine Braut stimmte darin vollständig mit ihmüberein, nur war sie dabei wirklich brillant und witzig, während der Baron sich mit Ausübung von allerhand Tollheiten begnügen mußte. Die Hochzeitsgäste bestanden meist aus Künstlem, leichtsinnigen Lebemännern, mit denen der Baron vorwiegend verkehrte und so wäre ohnehin in das Fest ein freierer Ton gekommen, auch wenn nicht der reichlich fließende Champagner die übermüthig« Stimmung noch erhöht hätte. Erst in den Morgenstunden nahm das glänzende Hochzeitsfest, das endlich zürn wilden Bachanal ausgeartet, ein Ende. Als der Baron am anderen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, und eben sein Frühstück einnehmen wollte, während seine Gemahlin noch ruhig weiter schlief, legte ihm sein Kammerdiener mit bestürzter Miene einen großen Brief vor. Mißmuthig öffnete er denselben. Das Schreiben enthielt eine Vorladung zum Gericht. Ach, das ist langweilig! murmelte der Baron verdrießlich ohne die mindeste Aengst- lichkeit zu verrathen. Er sah nach seiner Uhr: Die festgesetzte Stunde ist zwar schon vorbei, aber vielleicht ist es nicht so ängstlich. Laß' den Kutscher anspannen. Er kleidete sich dann gemächlich an, gab seinem Kammerdiener die Weisung, er möge seiner Gemahlin sagen, daß er eine kleine Morgenspazierfahrt gemacht habe und bald zurückkehren werde, wenn sie nach ihm fragen solle und fuhr dann, zur großen Verwunderung seines treuen Jean, gleichmüthig davon, als ob es sich um eine ganz unbedeutende Sache handle, und doch ahnte Jean bereits, was für seinen Herrn aus dem Spiele stand, denn Enrichetta hatte ihm, als sie an jenem Tage sogleich das Haus verließ, dunkle Andeutungen gemacht und Drohungen fallen lassen, die verriethen, daß sie über das Haupt des Barons ein finsteres Unwetter heraufbeschwören wolle. Mit derselben vornehmen Ruhe, die Baron Bloomhaus seinem Kammerdiener gezeigt hatte, trat er jetzt auch vor den Untersuchungsrichter. Als ihm derselbe die Selbst- anklage der Italienerin vorlas und ein höfliches Bedauern nicht unterdrücken konnte, daß er den Herrn Baron mit dieser unerquicklichen Sache behelligen müsse, sagte Bloomhaus mit feinem Lächeln: Mein Herr, Sie thun als Mann der Themis nur Ihre Pflicht und bei meinem ruhigen Gewissen und meiner Unschuld wird es mir sehr leicht werden, die Anklage als das hinzustellen, was sie wirklich ist — eine elende, heimtückische Verleumdung und die Ausgeburt eines erhitzten Gehirns. Wohl habe ich mir Aehnliches gedacht, erwiderte der Beamte, aber die Angaben der Person lauten doch so bestimmt, daß ich wenigstens Ihre Vernehmung für nothwendig hielt. - Ich begreife das, entgegnete der Baron und er fuhr mit großer Sicherheit fort: das alberne Geschöpf hat sich eingebildet — warum? weiß ich freilich nicht, daß ich Sie heirathen würde, und da sie sich nun um ihre Hoffnungen betrogen sieht, erfrecht sie sich aus Rachsucht, gegen mich solch' wahrhaft lächerliche Dinge vorzubringen. Sie bestreiten also, der Anstifter dieses Verbrechens zu sein? Ah, mein Herr, wie können Sie glauben, daß ich eine solch' furchtbare Schuld auf mich laden würde? Ich habe meine erste Frau tief und aufrichtig geliebt und ihren Verlust lange und schmerzlich genug betrauert. ^ Die Denunziantin behauptet freilich das Gegentheil und beruft sich auf zahlreiche Zeugen, daß die Ehe zwischen Ihnen und Ihrer ersten Gemahlin sehr unglücklich gewesen sei. Der Baron warf einen Blick tief gekränkter Unschuld zur Decke. Alle meine Leute werden bekunden, wie zärtlich das Verhältniß war, das zwischen mir und meiner seligen Frau bestand und wenn meine Diener nicht als völlig glaubwürdige Zeugen gelten sollten, dann berufe ich mich auf Doktor Bernard, er weiß, wie schwärmerisch noch in der letzten Zeit die Fürstin von mir gesprochen hat und er wird auch sagen können, wie grenzenlos der Schmerz und die Verzweiflung waren, die mich nach dem plötzlichen Verlust heimsuchten. Sie haben also dem Mädchen das Gift nicht eingehändigt? Ich meine, daß mich schon meine gesellschaftliche Stellung vor solchem Verdacht .schützen sollte, entgegnete der Baron mit moralischer Entrüstung. Seien Sie überzeugt, Herr Baron, daß ich persönlich von Ihrer Unschuld überzeugt bin, bemerkte der Richter, dem die Gereiztheit des Vorgeladenen nicht entging, .Md dick ich aber als Beamter vor Ihnen stehe und deshalb Fragen stellen muß, die Wie leider peinlich berühren. ^ . Verzeihen Sie meine Aufregung. Ich vergaß, daß es Ihr Amt ist, die Wahr» 83 heit zu erforschen, und ich kein Recht habe, mich über solch' unerhörte Anschuldigungen verletzt zu fühlen. Der Richter nickte befriedigend mit dem Kopfe und fuhr in seiner höflichen, zuvorkommenden Weise fort: Das Kammermädchen ihrer verstorbenen Gemahlin hat mit große« Entschiedenheit angegeben, daß Sie von Ihnen das Gift erhalten habe und Sie ihr die ^ glänzendsten Versprechungen gemacht hätten. Und doch ist die Behauptung Enrichetta's die frechste und unerhörteste Lüge, die je vorgebracht worden! erklärte der Bar«y mit großer Entschiedenheit, i Der Richter hörte zwar auf diesen lebhaften Widerspruch, er fuhr aber dennoch ! mit gewohnter Ruhe fort: Die Italienerin hat auch einen Grund angegeben, warum ! Ihnen sehr viel an der schleunigen Beseitigung Ihrer Gemahlin liegen mußte, denn die Fürstin hatte einen Brief erhalten, in dem sie vor Ihnen gewarnt wurde, denn Sie seien höchst wahrscheinlich nichts weiter als ein Abenteurer, es stehe wenigstens fest, daß in den Ostseeprovinzen nur ein einziger Baron Bloomhaus vorhanden gewesen, der späte« nach Italien gegangen und dort in Räuberhände gefallen sei. Im ersten Augenblick vermochte der Baron seine Betroffenheit kaum zu verbergen, dann richtete er sich um so stolzer in die Höhe und er begann mit einem trüben schmerzlichen Lächeln: Sie sehen mich bestürzt, denn es giebt Anschuldigungen von so nichts- würdiger unerhörter Art, daß man darüber verstummen möchte, und doch bleibt mir nichts Anderes übrig^ als dieses lächerliche Lügengewebe zu zerreißen, so viel Ueberwindung es mich auch kostet, mich überhaupt damit zu befassen. Diese Geschichte würde eigentlich nicht hierher gehören und mich wenig angehen, > erklärte der Gcrichtsbeamte, wie zu seiner eigenen Entschuldigung, aber ich muß sie er- ^ örtern, weil sie im Zusammenhange mit dem vorliegenden Verbrechen steht. Vorausgesetzt der Brief enthielte nur einen Schatten von Wahrheit, dann würde er freilich den Beweggrund erklären, warum die Fürstin zu beseitigen war und damit die Angaben des Kammermädchens unterstützen. Der Beamte blickte dabei so freundlich und unbefangen auf den Baron, als habe er für den vornehmen Herrn durchaus nichts Verletzendes vorgebracht. Der Baron war mit großer Aufmerksamkeit den Auseinandersetzungen des Richters gefolgt; er sann einen Augenblick nach, dann rief er aus, als komme ihm plötzlich ein rettender Einfall: Wenn meine Gemahlin an Gift gestorben ist, dann muß es sich in der Leiche vorfinden und die Gerichtsärzte werden dies feststellen. Lassen Sie die Aermste ansgraben und nach dem vermeintlichen Gift forschen und die elende Verleumdung Enrichetta's wird sich schon mit voller Sicherheit herausstellen. Meine Frau ist, so wahr ich ein Edelmann bin, nimmermehr an Gift, sondern eines ganz natürlichen Todes gestorben und die Italienerin hat sich nur in thörichter Verblendung als Mörderin bezichtigt, um zugleich ihre Rachegelüste gegen mich befriedigen zu können. — Er sagte alles mit erhobener Stimme und aus seinem ganzen Wesen sprach die völlige Sicherheit eines ruhigen Gewissens. Auf den Richter blieb dies stolze, selbstbewußte Auftreten nicht ohne Eindruck und er entgegnete nach kurzem Nachdenken: Nun gut. Ich werde das Nöthige veranlassen ^ und bis dahin mag die gegen Sie eingeleitete Untersuchung ruhen, wenn Sie mir die nöthige Sicherheit bieten, daß Sie bis zum Austrag der Sache Paris nicht verlassen. Und was verlangen Sie? Die Stellung einer Kaution. Sollte mein Ehrenwort nicht genügen? Ich darf als Beamter nicht von den gesetzlichen Vorschriften abweichen. Und welche Summe fordern Sie? fragte der Baron. - - Hunderttausend Francs. Ohne Weiteres zog der Baron seine Brieftasche hervor und legte die verlangte Summe auf den Tisch. Unser Geschäft ist also damit vorläufig erledigt? fragte er von Neuem mit vornehmem Lächeln. Der Gerichtsbeamte verbeugte sich und der Baron verließ nach höflichem Gruß in stolzer siegesgewisser Haltung das Zimmer. VI. In seinem ersten Schmerz hatte der Baron die Absicht gehabt seiner verstorbenen Gemahlin ein großartiges Denkmal zu setzen, und er war bereits mit einem berühmten Bildhauer in Verbindung getreten, der ihm zunächst den betreffenden Entwurf liefern sollte. Aber dein Baron hatten all' die vorgelegten Zeichnungen nicht genügt; immer hatte er daran etwas auszusetzen gewußt, und so war die Sache sehr in die Länge gezogen worden. Der stolze Bildhauer hatte endlich den Auftrag ganz und gar abgelehnt, weil er verdrießlich geworden. Mit einem zweiten Künstler konnte sich der Baron ebenfalls nicht rasch genug verständigen und inzwischen hatte der wilde, leidenschaftliche Schinerz des trauernden Wittwers schon einen Dämpfer erfahren und später war ihm über seiner neuen Liebe zu Desiröe die Denkmalsangelegenheit völlig in Vergessenheit gerathen, so daß sich das Grab der Fürstin noch immer ohne allen Schmuck befand. Nur eine kleine Marmortafel, die damals als interimistischer Grabstein dienen sollte, bezeichnete die Stelle, wo die Fürstin die letzte Ruhestätte gefunden hatte. Jetzt mußte zu dem traurigen Schritt der Ausgrabung geschritten werden. Die GcrichtSärzte erhielten die bereits stark in Verwesung übergegangene Leiche zur Sektion und nach der genauesten und sorgfältigsten Untersuchung, gaben die Aerzte ihr Gutachten dahin ab, daß in dem Leichnam auch nicht ein Atom von Gift zu finden sei. — Die Angaben des Barons stellten sich damit als völlige Wahrheit heraus, daß die Italienerin nur aus thörichter Verblendung sich selbst und ihren früheren Herrn angeklagt habe. Ueber die Echtheit des Baron Bloomhaus nähere Forschungen anzustellen, hatten die französischen Gerichte weiter keine Ursache, denn unter dem Strom von Fremden, der jährlich die französische Hauptstadt heimsucht, befinden sich immer Elemente von zweifelhafter Beschaffenheit und sobald die fremden Grafen und Barone nicht geradezu auf den Wegen des Verbrechens betroffen werden, läßt man ihnen gern das Vergnügen, in Paris als hohe Aristokraten aufzutreten. Die Anklage der Italienerin zerfiel damit in nichts; sie wurde trotz ihres eigenen Widerstandes auf freien Fuß gesetzt, und ihre Vetheuerungen, daß sie dennoch auf Anstiften des Barons das Verbrechen begangen habe, fanden keinen Glauben. Enrichetta war außer sich darüber. Ihre Seele lechzte nach Vergeltung, sie wollte gern den Tod erleiden, wenn sie nur den schändlichen, treulosen Menschen mit ins Verderben zog. Nun hatte sie dennoch ihr Ziel nicht erreicht! Wie war es nur möglich gewesen, daß man in dem Körper der Fürstin daß Gift nicht mehr gefunden? — Und warum genügte es nicht, daß sie sich selber des Mordes beschuldigte, warum traute man den Worten des Barons mehr, als ihren feurigsten Schwüren? Vielleicht hatte der Schändliche die Richter und Aerzte bestochen? Mit seinem großen Vermögen war ihm ja Alles möglich; Das rachsüchtige Herz der Italienerin kam nicht mehr zur Ruhe. Obwohl sie sich in Paris gar nicht glücklich fühlte und sich in ihre Heimath zurücksehnte, war es ihr unmöglich, sich von der französischen Hauptstadt zu trennen. Sie fühlte sich an diesen Ort wie gebunden, ja sie miethete ganz in der Nähe des Verhaßten ein kleines Stübchen, um das Leben und Treiben des Barons genau zu beobachten, obwohl sie sich täglich damit die furchtbarsten Qualen verschaffte. Sie konnte von ihrem Zimmer aus ganz gut sehen, wenn Baron Bloomhaus mit ihrer glücklichen Nebenbuhlerin ausfuhr, wie zärtlich und aufmerksam er dabei die Komödiantin behandelte, die einen wahrhaft fürstlichen Luxus entfaltete. Wie funkelte der Diamantschmuck an dem Halse des eitlen leichtsinnigen Geschöpfes! Enrichetta sah das alles mit Wuth und Neid und die quä- lenden Gedanken bohrten sich in ihre Seele eint Das alles müßtest Du haben! Du hast cs Dir verdient und er hat es Dir versprochen und ohne Deine Hilfe märe er zum elenden Abenteurer herabgesunken. — Trotzdem Enrichetta sich immer wieder neue Qualen holte, war sie doch ängstlich bemüht, genau zu erforschen, wie es jetzt in dem Palais des Barons zuging. Ach und sie hörte nichts weiter, als daß der gnädige Herr seine Gemahlin förmlich auf Händen trug, sie noch imme,r vergötterte und bemüht war, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. — Und sie hatte wenigstens gehofft, daß der Rausch des Leichtfertigen ebenfalls wieder rasch verfliegen werde. Je mehr die Italienerin sah, wie glücklich sich der Baron im Besitz seiner neue» Gemahlin fühlte, je tiefer grub sich der bitterste Groll gegen den Wortbrüchigen in ihr Herz Sie mußte ihn dennoch vernichten,-um jeden Preis vernichten, — — das schwur sie sich hoch und theuer, ihr ganzes Sinnen und Trachten ging darauf hin, sich an dem elenden Verräther zu rächen, der sie so lange mit seinen Liebesbetheuerungen und Versprechungen bethört und beschwatzt, bis sie eingewillt, das schändliche Verbreche» zu begehen. Jetzt erst empfand sie darüber die tiefste Reue und nun hatte sie das vollste Bewußtsein von der Schändlichkeit ihres Thuns. Wie hatte sie es nur über sich vermocht, ihre theure Herrin zu vergiften, die ihr stets nur Gutes erwiesen und von der sie mit Beweisen des grenzenlosesten Vertrauens, ja aufrichtigster Zärtlichkeit überhäuft worden. Aber der Baron hatte es verstanden, ihr Gewissen einzuschläfern. — Wie zärtlich, wie schwärmerisch war er zu ihr gewesen, welch' verlockende Zukunfsbilder hatte er vor ihr zu entfalten gewußt und endlich war es ihm gelungen, ihr Herz völlig zu be- thören. Sie hatte ihn geliebt, tief und leidenschaftlich, blind und in ihrer Liebe war sie zuletzt sein williges Werkzeug geworden. — Und nun diese furchtbare Täuschung! — Anstatt sie zur Baronin zu machen, wie er ihr gelobt, führte er diese elende Komödiantin als Gattin heim. Es war zu schändlich! — sie mußte suchen ihn von seiner Höhe herabzustürzen. Tausend Pläne wirbelten durch den Kopf der Italienerin. Zuweilen kam ihr der Gedanke, bei einer Ausfahrt dem glücklichen Paare aufzulauern und der Schauspielerin durch einen Dolchstoß ein rasches Ende zu machen. Aber traf sie damit wirklich den Verräther in's Herz? Der Elende tröstete sich gewiß ebenso leicht wieder über den Verlust. Solche Geschöpfe wie diese Combelaine, gab es ja noch in Menge. — Und wenn sie ihn selber erdolchte, hatte sie sich damit gerächt? — Sie wollte ihm nicht ein rasche- Vnde bereiten, er sollte erst Schmach und Elend kennen lernen, das traf ihn sicher weit empfindlicher und härter als ein Dolchstoß. Einige Tage war Enrichetta durch Krankheit an das Zimmer gefesselt und als sie wieder im Palais ihre Spionirversuche anstellen wollte, hörte sie zu ihrer Ueberraschung, daß der Baron mit seiner Gemahlin plötzlich abgereist sei. Nach Deutschland, sagten die zurückgelassenen Leute. Näher wußten sie das Reiseziel des gnädigen Herrn nicht anzugeben. Warum hatte Bloomhaus plötzlich Paris verlassen? Fühlte er sich dennoch nicht sicher, oder war ihm mitgetheilt worden, daß sie ihm beständig auflauere und jeden seiner Schritte beobachte? — Enrichetta grübelte darüber vergeblich nach. Nun war er auS ihrem Bereich entschwunden und vor ihrem Racheanfall sicher. Ach warum hatte sie nicht eher gehandelt und einfach an dem Verräther Vergeltung geübt!? — Sie bereute ihre feige Schwäche und war anfangs von der Nachricht seiner Flucht wie vernichtet. Aber dann raffte sie sich auf. Sie mußte ihn verfolgen und finden und wenn sie bis an das Ende der Welt wandern sollte. Als Enrichetta noch vor dem Palais in höchster Anfregung auf- und abging, darüber brütend, wie sie den Aufenthalt des Barons ermitteln könne, erschien ein einfach gekleideter Mensch mit purpurrothem Gesicht, der unsicher auf die Eingangspforte zuschwankte und dann sehr heftig an der Klingel riß. Was wollen Sie? rief der Portier zu seinem Guckfenster heraus. Ich lasse mich heute nicht wieder abweisen, ich will zum Baron, schrie der Mensch mit einer Stimme, die vollends seine Angetrunkenheit verrieth. Die Herrschaft ist heute Nacht abgereist, war die verdrießliche Antwort des Portiers und das Fenster flog wieder zu. Oho, lieber Mann! Das geht nicht so schnell. Ich will wissen, wohin der Baron gesegelt ist? Geht Sie gar nichts an! brummte der Portier, ohne das Fenster zu öffnen. - Oho! geht mich sehr viel an. Ich muß es wissen. Der Baron ist mir eine große Summe Geld schuldig geblieben. Ihnen? fragte der hochmüthige Concierge und blickte verächtlich von seinem niedern Standpunkt zu dem Menschen hinaus, der ein schlichter Arbeiter zu sein schien. Ja mir, bestätigte der Trunkene mit schwerer Zunge. Der Baron ist mir viel Geld schuldig und es ist nicht hübsch von ihm, daß er mir durchbrennen gewollt. Aber ich werde es schon herausbekommen, wohin er entwischt ist. Reden Sie nicht solch' dummes Zeug. Der Herr Baron ist mit seiner Gemahlin nach Deutschland abgereist und wenn er Ihnen wirklich ein paar Pfennige schuldig geblieben, ist es nur durch ein Versehen seiner Leute geschehen. Ja, ein paar Pfennige! Viele Tausende habe ich von ihm zu bekommen und ich brauche das Geld und es ist eine Schändlichkeit, daß er heimlich ausgekratzt, ohne mir ein Wort davon zu sagen. Nun machen Sie aber, daß Sie fortkommen, Sie betrunkener Lump! schrie jetzt der Pförtner ganz erbittert und erhob zu dem Manne da oben drohend die Faust. Brauch' ich nicht. Ich will wissen, wohin der Baron gegangen ist. Ich sagte Ihnen schon, nach Deutschland, aber nun machen Sie, daß Sie fortkommen, und eine gebieterische Handbewegung begleitete diese Aufforderung, denn die Geduld des Unterirdischen war erschöpft. Fällt mir nicht ein! Nach Deutschland. Das soll ein sehr weitläufiges Land sein. Ich will endlich erfahren, wohin mein Schuldner gereist ist? Und wenn Sie sich nicht auf der Stelle fortpacken bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie wegzufegen, sagte der Pförtner riß das Fenster auf und schwenkte dabei den langen Holzstiel seines Besens, zum Zeichen, daß er bereit sei, die Feindseligkeiten energisch zu eröffnen. Der Trunkene lachte höhnisch auf, aber da er sich nur auf bloße Schimpfwörter beschränkte, zog er dem Pförtner gegenüber bald den Kürzeren, und er mußte den Rückweg antreten, was freilich mit großen Schwankungen geschah. (Fortsetzung folgt.) Der römische Landpfleger und sein Haus. Von W. Wy l. (Schluß.) Folgen Sie mir in das bescheidene Heim des guten Rendl. Ganz ohne künstlerischen Schmuck ist es nicht. Von der sauber geweißten Front blinkt ein ganz kleiner, hübscher Fresco Zwinck's herab, ein Christus am Kreuz, daneben die Heiligen Sebastian und Rochus. Das einstöckige Häuschen hat zwei Fenster Front, winzige Fensterchen, die stillvergnügt in das Küchengärtchen vor der niedrigen Hausthür Herabblicken. Wir treten in ein niedriges Stäbchen, dessen Anblick einen Engländer durch den Mangel jeder Spur von ßoock oorukort entsetzen muß, während ein malerisch gebildetes Auge der dunklen Holzdccke, dem altersbraunen Gerumpel, der kärglichen Einrichtung und dem schönen grünen Kachelofen mit seiner traulichen Bank bald seinen eigenthümlichen Reiz abgewinnt. Machen Sie die Lade jenes alten Tisches auf: Sie finden da duftendes Schwarzbrot und einige herzige, armselige Gabeln, Messer und Löffel. Ich für meinem 87 Theil liebe solche Interieurs. Ich hatte eine uralte Großmutter auf dem Lande, die hatte auch so einen alten Tisch mit saftigem Brode drin und den Weihbrunnkessel bei der Thür. Beim Fenster steht die Schnitzbank, mit dem Gestelle voll Messer daneben; dieser Apparat aber feiert in den schlechten Zeiten. Da sind die zwei jungen Nendl's, der sechsjährige Thomas, der auch schon bei der Passion mitthut, beim Manna in der Wüste, und der ältere, der „Peterl". Der Peterl wird einmal ein Passionsspieler werden! Denken Sie sich, er kann jetzt schon die ganze Rolle seines Vaters auswendig, und der Bub' ist erst neun Jahre alt! Wenn der Vater seine Rolle übt, so paßt dieser Pilatus im Embryo auf wie die Katze auf die Maus, und wie der Alte sich verspricht, so schnappt der Bub' zu und sagt's haarscharf genau her, wie's in der Rolle steht, dem abgegriffenen Heftchen, das hinter den Schnitzmessern im Gestelle steckt. Der Bub ist auch sonst ein Genie. Sie glauben gar nicht, wie viel Passionstexte der oft in einem Tage verkauft. Das geht manchmal in die Dutzend und bei jedem Stück hat er fünf Pfennige. Und dann ist's so herzig, wenn sich die Leutchen zu Tisch setzen und Wochentags ihre Suppe mit Brot, Sonntags aber das große, schrecklich theure Pfund Fleisch essen, das ihnen der Pilatus auf dem Holzteller vorlegt, nachdem sie allesammt ein kurzes Eebetlein gesprochen haben. Denn wenn die Oberammergauer auch nichts weniger als fanatisch find, so ist ihnen ihre poetische Religion, die Mutter ihres schönen Passionsspiels, doch auf Schritt und Tritt eine altgewohnte, liebe Begleiterin. Sie ordnet und schmückt das tägliche Leden, sie segnet die Arbeit, den Schlaf und das kärgliche Mahl, und sie tröstet den bescheidenen Künstler, wenn er seiner kleinen Welt, ihrer Schnitzerei und ihrem Passionsspiel auf dem letzten Schmerzenslager Ade sagt. Die Rolle des Pilatus steckt hinter den Schnitzmessern in dem kleinen Gestelle neben der Schnitzbank. Sie ist ein Heft von 20 Ouartseiten. Ihr Verfasser ist der würdige alte Daisenberger, ein Mann, der hinter dem schlichesten Aeußern eine edle Seele und eine.bedeutende Bildung verbirgt. Unter seiner Hand wurde der Part des Landpflegers zum psychologisch interessanten Theil des Dramas, der sich überdies durch schöne, klare Sprache auszeichnet. Von großer Feinheit ist z. B, das dem Heiden Pilatus zweimal in den Mund gelegte Bedenken über die Abkunft des Galiläers, der sich einen Sohn Gottes genannt hat. „Wie, wenn er wirklich der Sohn irgend eines Gottes wäre?" Um deutlicher zu sein, will ich einige Stellen der ungedruckten Rolle selbst hersetzen: (Kaiphas klagt Christum des Aufruhrs an.) „Ich habe wohl von einem Jesus gehört, der im Lande umherziehe und lehre und außerordentliche Thaten verrichte. Aber nie habe ich etwas von einem durch ihn erregten Aufruhr vernommen; wäre etwas dergleichen vorgefallen, so würde ich es vor Euch erfahren haben, der ich zur Handhabung der Ordnung im Lande aufgestellt und von dem Thun und Treiben der Juden ganz gut unterrichtet bin." (Zu seinen Hofleuten:) „Ich kann nicht glauben, daß dieser Mann verbrecherische Pläne im Sinne führe. Er hat so viel Edles in seinen Gesichtszügen, in seinem Benehmen, und seine Rede zeugt von so edlem Freimuth und so hoher Begabung, daß er mir vielmehr ein weiser Mann zu sein scheint, vielleicht nur zu weise, als daß diese finstern Menschen das Licht seiner Weisheit ertragen könnten. . .. Wenn er etwa wirklich höherer Abkunft wäre? . . . Nein, ich werde mich durchaus nicht herbeilassen den Wünschen der Priesterschaft entgegenzukommen." (Zu den Priestern:) „Wenn dieser Mann sich einen König genannt hat, so berechtigt mich dieses vieldeutige Wort noch lange nicht, ihn zu verurtheilen. Bei UNS wird öffentlich gelehrt, daß jeder Weise ein König sei. Thatsachen aber, daß er sich königliche Macht angemaßt hat, habt Ihr nicht vorgebracht." Diese Beispiele mögen genügen. Sie sagen dem Leser, ohne meine Vermittlung, baß die Rolle an den Darsteller von der declamatorischen Seite große Anforderungen stellt, besonders in Sentenzen wie die obige, die im Druck hervorgehoben ist, DkM 88 wunderbarer ist der Eindruck, wenn der mit dem Purpur bekleidete arme Teufel von Bildschnitzer diese stattlichen Sätze mit wahrhaft fürstlichem Aplomb vorbringt, wie die Leistungen der Passionsspieler es überhaupt ohne Ausnahme sind, von jeder schauspielerischen Coquetterie himmelweit entfernt ist. Der bayerisch-tirolische Dialekt, der bei jedem der Darsteller mehr oder weniger zu Tage tritt, stört durchaus nicht, selbst wenn Josef von Arimathäa bei der Kreuzabnahme begeistert ausruft: „O du siße, heilige > Birde, komm' auf meine Schultern!" Viel störender wäre es, wenn die Dorfschauspieler ein Hochdeutsch anstreben würden, das sicherlich nicht gut ausfallen könnte. Auch Ncndl spricht mit starkem Accent. Das hohe a und das tiefe ö sind für ihn fernabliegende Herrlichkeiten, für deren Mangel er aber durch seinen eminenten dramatischen Instinkt reichlichen Ersatz bietet. Es war ein trauliches Stündchen in seinem Stübchen, als wir einmal miteinander feine Rolle durchnahmen. Mir war aufgefallen, daß er auf die berühmte Stelle: „Was ist Wahrheit?" keinerlei Nachdruck legte, und ich erfuhr auf meine Frage gar bald, daß der arme Kerl, wie es ja natürlich ist, von der philosophischen und weltmännischen Bedeutung dieser Stelle keine Ahnung hatte, daher er denn, ohne die Geberde zu ändern, bei den drei Worten Christus einfach fragend ansah. Ich mußte mich nun bequemen, ihm den Sinn der Worte von seinem Standpunkte aus rräherzurücken; das war keine kleine Aufgabe, denn ich mußte allen verdammten Humbug der „Bildung" beiseite lassen und einfach natürlich reden, was uns Städtlern erschrecklich sauer wird. Ich schlug ihm vor, den Nazarener, der von der Wahrheit spricht, verwundert anzusehen und dann, die Arme kreuzend, für einige Augenblicke sinnend in sich zu versinken und dabei, mehr für sich, die drei Worte zu sagen, mit besondern: Nachdruck auf Wahrheit. So rieth ich ihm auch, bei dem „So nehmet ihn hin und kreuziget ihn!", das er vor dem letzten Abgehen zu sagen hat, nach dem „und" eine Pause zu machen und das „Kreuziget ihn!" erst in der Bewegung des Abgehens zu sagen, wie Jemand, der sich gegen sein Gewissen sein Wort abdringen läßt. Selten hat wohl das Lächerliche so nahe bei dem Erhabenen gestanden als in dem Augenblicke, wo Rendl beim Probiren dieser Stelle in Flanellhemd und Jacke mit famosem Nachdruck die verhängnißvollen Worte sprach und dann mit schöner Wendung majestätisch gegen seinen grünen Kachelofen abmarschirte. Vergessen sie ja nicht, den Pilatus in seinem Häuschen zu besuchen, wenn Sie nach dem Passionsdorf reisen! Lassen Sie sich von ihm zeigen, wie er den Stab herrichtet, den er über Christus bricht, und plaudern Sie ein Stündchen mit ihm. Wenn dann der seelengute, redliche, höchst bescheidene Mann nicht ihr Freund wird, so liegt die Schuld an Ihnen und nicht an ihm. (Deutsche Ztg.) Miseelleir. (Warum die Frage?) Untersuchungsrichter: „Woraus schließt Ihr denn, daß der Mayer zu viel getrunken hatte, als er den Fischer packte?" — Zeuge: „Er hat eben en Rausch g'hobt!"-Untersuchungsrichter: „Woher wißt Ihr das?" Wie benahm er sich denn?" — Zeuge: „Ha, Ihr wißt ja selber, Herr Untersuchungsrichter, wie's ist» wenn Einer einen Rausch hat." > Beieinemjungen Ehepaar wurde eine Pfändung vollzogen und unter Thränen ließ es die junge Gattin geschehen. — „Daß unsere Ehe so kurz sein sollte!" rief sie traurig aus. — „Unsere Ehe so kurz — wie so denn?" „Erst eine Woche verheirathet — und wir müßen uns doch schon von Tisch und Bett trennen!" Auslösung des Spaßrebus in Nr. 10: „Florenz." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr.