zur „Mgstmrger Po Leitung." > - -ö-S- Nr. 12. Mittwoch, 11. August 1880. Natur, Gottes Spur: Der Mensch, Gottes Bild: Christus des Vaters Ebenbild: Gott, das Leben, das Licht, die Liebe. Mich. Saller. Der Zerr Daran. Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Enrichetta hatte aufmerksam aus einiger Entfernung den Auftritt verfolgt und als fetzt der Mensch, die unsinnigsten Verwünschungen vor sich hinmurmelnd, der nächsten Straße zustolperte, trat sie rasch auf ihn zu: Sie wollten den Baron Bloomhaus sprechen? Einen Augenblick starrte der Mensch die Fragerin verwundert an, dann antwortete er mit der beschränktesten Rücksichtslosigkeit eines Trunkenen. Natürlich. Wen denn sonst? — Und Sie haben ein wichtiges Geschäft mit ihm abzumachen? Hm, Geschäft, brummte der Mann. Er ist mir Geld schuldig, viel Geld und das wollt' ich haben. Aber die Kanaille ist mir entwischt. War dies rohe Schimpfen nur ein Ausfluß der Trunkenheit oder verbarg sich dahinter etwas Anderes? Enrichetta mußte darüber Gewißheit haben und sie forschte weiter: Der Baron ist ja sehr reich, der wird Sie schon bezahlen. Ja, bezahlen, lachte der Trunkene höhnisch auf. Er ist ja nur ausgerissen, um mir nicht zu geben, was er mir versprochen hat. Er hat Ihnen etwas versprochen, forschte die Italienerin von Neuem. Das ist etwas Anderes. War es eine große Summe? Natürlich. Sonst würde ich ja weiter kein Aufhebens davon machen. Aber der Schurke hat mich an der Nase herumgeführt! Warum war ich Narr genug, seinen Worten zu trauen. Ich hätte gleich 10,000 Francs fordern sollen. Das war nicht zu viel. Obwohl Enrichetta bei dem Zustande des Trunkenen nicht fürchten durfte, durch allzulebhaftes Forschen sein Mißtrauen zu erregen, wollte sie doch mit der größten Vorsicht zu Werke gehen und ihn nicht durch zudringliches Fragen kopfscheu machen, sie sagte deshalb: Ja, das wäre klüger gewesen, denn Baron Bloomhaus hält leider nicht, wa8 er verspricht. Ich könnte auch ein Liebchen davon singen und sie blieb dabei hartnäckig an der Seite des Mannes. Der Trunkene öffnete verwundert seine kleinen verschmitzten Augen, so gut er es vermochte und rief dann lebhaft aus: Also Sie kennen den Baron auch? Das ist ja merkwürdig. Ich kenne ihn sehr gut, ich hab' ihm einen sehr großen Dienst erwiesen und zum Lohn dafür hat er mich aus dem Hause gejagt. Ja, lieber Freund, trösten Sie sich mit mir. Ich habe bei diesem schändlichen Menschen dieselbigen traurigen Erfahrungen gemacht wie Sie. Wie ich? Madame, lallte der Mann und ergriff krampfhaft ihre Hand. Nein, mich hat er am schändlichsten betrogen. Aber können Sie mir nicht sagen, wo er hingereist ist? Enrichetta gab darauf keine Aytwort. Kommen Sie mein Freund, flüsterte sie ihm zu, da sie bemerkte, daß ihre Unterhaltung mit dem Betrunkenen bereits Aufsehen erregte. Geben Sie mir ihren Arm. Wir haben noch viel miteinander zu plaudern, ohne Weiteres schob sie ihren Arm in den des Fremden und zog ihn mit sich fort. Der Mann mochte sehr froh sein, daß er plötzlich eine so kräftige Stütze erhielt, denn er ließ sich diese trauliche Annäherung gern gefallen und trotzdem er den untersten Ständen anzugehören schien und noch dazu betrunken war, konnte er den höflichen galanten Franzosen nicht ganz verleugnen. Sie sind sehr liebenswürdig Madame, lallte er überrascht und suchte dabei nach Möglichkeit seinen Zustand zu verbergen. Also Sie kennen ebenfalls den Baron? dann ist es mir ein großes Vergnügen mit Ihnen zu sprechen. Mir ebenfalls, entgegnete die Italienerin sogleich. Ja, ich kenne Baron Bloom- haus, er hat mich schändlich betrogen und er verdient nicht, daß Jemand für ihn nur die Hand regt. Da haben Sie Recht, Madame! Das verdient er nicht. Es ist ganz mein Fall. Ich hätte nicht die Hand für ihn regen sollen. Sie haben also auch alle Ursache ihn zu verfolgen? fragte Enrichetta weiter. Ob ich die habe!? Er soll mir 10,000 Francs geben. Ich will sie haben. Das ist eine hübsche, runde Summe. Wozu soll ich länger so dumm sein und mich mit ein paar hundert Francs abfinden lassen? Ich brauch' es nicht, denn ich hab' mir's verdient. Und wenn ich 20,000 Francs forderte, es wäre nicht zu viel. Bloomhaus ist ja durch den plötzlichen Tod seiner ersten Frau ungeheuer reich geworden, und wenn Sie ihm wirklich einen wichtigen Dienst geleistet haben, dann sind 10,000 Francs nicht viel, das ist für ihn eine wahre Bagatelle. Eine Bagatelle! wiederholte der Trunkene. Ganz recht. Und doch hat mich der Nichtswürdige darum betrogen, denn er ist nur aus Paris verschwunden, um mir nichts mehr zu bezahlen. Aber warte,, warte! und er erhob drohend die Faust und murmelte eine Verwünschung vor sich hin. Das sieht ihm ähnlich, entgegnete Enrichetta sogleich. Ja, lieber Freund, dann sind wir Leidensgefährten und müssen zusammenhalten, denn mir hat der elende Heuchler noch weit mehr versprochen und schließlich doch nicht Wort gehalten. Die Reden sowohl wie das Benehmen der Italienerin gewannen immer mehr das Vertrauen des Franzosen. Ich sagte Ihnen schon, Madame, es ist ein Schurke, bemerkte er heftig, und seine Stimme erhielt einen festen Klang. Dann haben wir Beide das lebhafteste Interesse, ihn zu verfolgen. Verbinden wir uns. Was dem einzelnen nicht glückt, das wird gelingen wenn wir treu zusammenhalten. Geben Sie mir ihr Wort darauf, daß wir von jetzt ab als Freunde gemeinsam handeln! Sie war stehen geblieben, ihre dunklen Augen funkelten, während sie dem Franzosen die Hand hinreichte. Diese Worte übten ihre Wirkung. Der Trunkene richtete sich in die Höhe, schlug in ihre dargebotene Rechte und rief sogleich: Das ist prächtig! Ja, wir wollen ein Bündniß schließen, das ist gut. Dann müssen Sie mir alles sagen, mein Freund. Ich werde Ihnen zu Ihrem Recht verhelfen, ich allein kann es. Jetzt blitzten doch die verschmitzten kleinen Augen des Franzosen mißtrauisch über die Fremde hinweg. Ja, Madame, wer sind Sie denn, fragte er unsicher. Sie sollen es gleich erfahren und dann werden Sie wissen, daß Sie mir auch das größte Geheimniß anvertrauen können. Der Mann betrachtete noch immer zweifelmüthig die Italienerin, die aber schon wieder ihren Arm ergriff und ihn mit fortzog Ich war das Kammermädchen der Fürstin, der ersten Gemahlin des Barons, begann sie rasch und lebhaft. Und damit Sie sehen, daß Sie mir vollkommen vertrauen können, will ich Ihnen sagen, daß ich es war, die auf Anstiften des Barons die Fürstin vergiftet hat. - . Erschrocken blieb der Trunkene stehen und jetzt irrten seine Augen voll Entsetzen über das Gesicht des Mädchens hinweg, die ein solch' furchtbares Bekenntniß mit solcher Gelassenheit aussprach und dabei auch nicht die mindeste Erregung zeigte. Er vermochte vor Bestürzung kein Wort hervorzubringen. Ja, ich sage Ihnen die Wahrheit, fuhr Enrichetta mit gleicher Ruhe fort, und das mag Ihnen ein Beweis sein, daß Sie mir völlig vertrauen können, denn ich habe mich ja ganz in ihre Hände geliefert. Die schlaue Italienerin merkte sogleich, daß dem Franzosen der Ausgang der Untersuchung unbekannt war und nun konnte sie dies geschickt für ihren Zweck benutzen. Dies Bekenntniß verfehlte in der That nicht seine Wirkung. Der Rausch des Mannes schien ein wenig verflogen, so mächtig war er von diesen Mittheilungen erschüttert worden. Sie haben seine erste Frau vergiftet? stieß er endlich ganz erschrocken hervor. Die Italienerin nickte nur mit dem Kopse. Es ist so wie ich sage, der Baron versprach mir, mich zu heirathen, wenn ich der Fürstin das Pulver in den Wein schütten wollte, das er mir gab, und Sie können sich denken, was es für ein Pulver war, denn die Frau that noch ein paar Athemzüge und dann hatte Sie aufgehört zu leben. Das ist ja schrecklich. Sie werden also begreifen, daß Sie mir Alles anvertrauen können, fuhr Enrichetta eifrig fort; denn Sie mögen für den Baron gethan haben, was sie immer wollen, so schlimm kann es nicht gewesen sein. Ich muß meinen Kopf unter das Beil der Guillotine legen, wenn Sie mich verrathen. Sie kommen ohne Zweifel mit einigen Wochen Gefängniß fort, denn es ist jedenfalls ein sehr unbedeutender Dienst, den Sie meinem lieben Baron geleistet haben. Nun war die Eitelkeit des Französen geweckt. Er konnte doch unmöglich hinter seiner Begleiterin so furchtsam zurückstehen und er entgegnete ungewöhnlich lebhaft: O, so unbedeutend ist die Sache nicht und wenn es an den Tag kommt, find mir ein paar Jahre gewiß. Immerhin eine Bagatelle. Aber erzählen Sie nur, drängte Enrichetta. Es lag in ihrem Wesen etwas, dem der Trunkene weiter keinen Widerstand zu leisten vermochte und so viel klare Besinnung schien er ohnehin noch besitzen, daß die Fremde durch ihre offene Mittheilung sich ja ebenfalls in seine Hände gegeben habe und es also nicht gefährlich sei, sich ihr anzuvertrauen. Dazu mochte der Franzose das Bedürfniß fühlen, einmal Jemand zu haben, gegen den er sein übervolles Herz entlasten konnte, und so begann er ohne weiteres Zögern. O es ist eine wunderliche Geschichte und Sie werden es kaum glauben, und es ist dennoch alles die Wahrheit, was ich Ihnen erzählen werde. Enrichetta unterbrach ihn mit keinem Wort. Sie wußte schon, daß sie damit den Mann nur in seinem offenen Bekenntniß stören würde, der auch wirklich nach einer kleinen Pause fortfuhr: Erschrecken Sie nur nicht, Madame. Ich bin Todtengräber, müssen Sie wissen. Es ist freilich keine angenehme Beschäftigung, aber solche Leute müssen doch auch sein. Die Todten können ja nicht auf der Erde bleiben und da wird man immer Leute brauchen, die sie einscharren. Er hat dabei den Arm aus dem Enrichetta's gezogen, als fühle er^selbst, daß er nach Offenbarung seines Standes nicht mehr das Recht habe, sich von der feinen Dame begleiten zu lassen. Die Italienerin stutzte nur einen Augenblick, dann ergriff sie ohne Weiteres wieder den Arm des Todtengräbers und sagte mit ruhigem Lächeln: Nun müssen Sie erst recht mein Freund bleiben. Wer weiß, wie bald ich Sie brauchen werde. Ah, sagen Sie das nicht, Madame! rief der Franzose, den dies Auftreten der »Italienerin außerordentlich angenehm berührte. Jetzt war er vollends bereit, sich ihr ganz und gar anzuvertrauen. Eine so schöne Frau darf nicht sobald sterben und seine kleinen, verschmitzten Augen ruhten bewundernd auf dem schmalen, magern Gesicht Enrichetta's, der selbst die Huldigung von einem solchen Manne nicht wenig schmeichelhaft war; dennoch verlor sie ihr eigentlichesgZiel nicht aus den Augen. Nicht wahr, Sie sind auf dem Kirchhofe von Montparnasse? fragte sie rasch» Ja, Madame, war die Antwort. Und Sie haben durch das Begräbniß der Fürstin Baron Bloomhaus kennen gelernt? Der Todtengräber nickte mit dem Kopfe. Ich wünschte, ich hätte niemals auf sein Schwatzen gehört und er versprach mir goldene Berge. O, er ist ein schlauer Patron und wußte die Geschichte sehr klug einzufädeln. Nun weiß ich freilich erst, wo er damit hinausgewollt hat, obwohl ich schon eine Ahnung'davon hatte, daß es seine eigene Bewandtniß haben mußte. Ja, der Baron ist ein Teufel! rief die Italienerin erbittert. Ach, er ist gar kein Baron, setzte sie sich verbessernd hinzu. Was sagen Sie, Madame?! Das wäre ja noch schöner. Ich weiß es nicht gewiß, ich habe nur meine Vermuthungen, aber erzählen Sie nur, was er mit der Leiche seiner Frau getrieben? Das wissen Sie schon? stotterte der Todtengräber erschrocken. Enrichetta nickte nur mit dem Kopfe und richtete dann ihre dunklen unruhig funkelnden Augen auf ihn, als wollte sie ihn damit auffordern, in seiner Erzählung fortzufahren und der Mann begann auch wirklich langsam und stockend: Der Baron kam jeden Tag auf den Kirchhof und klagte mir, daß ihm der Platz nicht gefalle, wo seine Frau fliege, er wollte eine andere Stelle für sie haben und er bot mir 1000 Francs, wenn ich in nächtlicher Weile den Leichnam ausscharren und mit einem anderen vertauschen wolle. Ah, nun begreife ich alles! wollte die Italienerin ausrufen; aber sie schwieg, und ihr Herz begann stürmischer zu klopfen. Nun wußte sie, warum die Aerzte in der aus- gegrabenen Leiche kein Gift gefunden hatten. Ich mochte anfangs nichts davon wissen, fuhr der Todtengräber fort, aber der Baron kam jeden Tag und schwatzte immer von Neuem. Er stellte mir die Sache ganz ungefährlich und unschuldig dar, ja er erbot sich, mir bei dem nächtlichen Geschäft zu helfen, damit es rascher gehen solle. Znletzt versprach er mir 5000 Francs und seine ewige Dankbarkeit. Was wollen Sie Madame. Man ist doch nur ein schwacher sterblicher Mensch und ich dachte, die ewige Dankbarkeit eines Barons kann dir nur nützlich sein. — Ganz mein Fall, bestätigte die Italienerin und dieser Zuspruch beruhigte den Mann noch mehr. Ja, Sie verstehen mich, Madame, sagte er lebhaft und drückte ihren Arm fester an sich. Sein Rausch schien beinahe verflogen zu sein. Er hatte mich also endlich so weit bearbeitet, daß ich einwilligte. Nun wollte er nur warten, bis eine Leiche käme, die mit seiner Gemahlin einige Ähnlichkeit habe. Dann sind wir sicher, belehrte er mich. Dem Manne der Verstorbenen könnte doch einmal die Phantasie ankommen, daß er noch einmal seine Frau ausgraben läßt, damit würde schließlich die Geschichte entdeckt. Wenn aber zwischen den beiden Frauen eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden, dann wären wir völlig sicher. Da kam eines Tages die Leiche einer Fleischersgattin und der Baron war ganz glücklich. In acht Tagen ist zwischen der und meiner Frau kern Unterschied mehr zu finden, das ist die Rechte, flüsterte er mir zu. Heut Nacht gehen wir an's Werk. Ich wollte noch einmal Schwierigkeiten machen, aber er drückte mir eine Tausend Francsnote in die Hände. Auf Abschlag sagte er beim Abschied leise und um Mitternacht sehen wir uns wieder. Ich konnte seinen Bitten nicht länger widerstehen, man ist ja doch nur ein armer Sterblicher. Es war freilich eine gefahrvolle Arbeit und die größte Vorsicht nöthig, aber wir brachten alles glücklich zu Stande. Ach, mir schaudert die Haut, wenn ich oaran denke, es war eine entsetzliche Nacht und der Baron blieb ganz ruhig und trieb allerhand Späße. Ich weiß ja, wo meine Gattin liegt, sagte er lachend, aber der Fleischer wird künftig seine Thränen an unrechter Stelle vergießen, wenn er überhaupt ein Narr genug ist, den Verlust seiner dicken Gemahlin zu beweinen. (Fortsetzung folgt. Bo» Bex «ach Chamonix über Töte Rotte. Bon Auguste Montag. ' Chamonix, 12. Juli. Wer A zagt, muß im gewöhnlichen Leben auch B sagen» Wenn man aber fünf Wochen lang Bex (sprich Be) gesagt, dann sehnt sich das ewig verlangende Herz, im Alphabet weiter zu gehen und es einmal mit C, mit Chamonix zu versuchen. Unterstützt der Himmel dann noch dies Verlangen sichtbar, indem er nach langen Regentagen ein strahlend blaues Gewand anlegt und eine frisch lackirte Sonne aufsetzt, so packt sich der Koffer mit Windeseile, und selbst der Abschied vom liebgewonnenen Bad wird leicht im Hinblick auf die kommenden Herrlichkeiten. Bis Martigny verdirbt die Eisenbahn den Genuß der Natur, von bort aber tritt das Beförderungsmittel unserer Voreltern, der Wagen, in sein oft geschmälertes Recht, und die Poesie des Reifens beginnt. Anfangs geht es etwas holprig, über schlechtes Pflaster, steile Höhen entlang, doch bald bessert sich der Weg, die Luft wird dünner, reiner, die üppige Vegetation verschwindet, den Wohnhäusern folgen Sennhütten, und nur das melodische Glockengeläute des ruhig grasenden Viehs unterbricht die einsame Stille. Weise der Reisende, der diesen sonst anstrengenden Paßübergang in zwei Theile theilt, Martigny Nachmittags verläßt und auf Tete Noire übernachtet, — glücklich Derjenige, dem eine wohlwollende Vorsehung dazu schönes Wetter verleiht! Der Blick ins Rhonethal von Martigny bis Sitten, schnurgerade vom Fluß durchschnitten, von den Berner Alpen, vom Tödi bis zur Jungfrau, in erhobener Klarheit und Großartigkeit umschlossen, links begrenzt von den gelben Felsmafsen des Deut du Morcle und des Grand Muveran, an den sich eine neue Kette von Schneebergen schließt — wer diesen Blick gethan, dieses unvergleichliche Landschaftsbild in der Beleuchtung eines wolkenlosen Juni-Abends gesehen, der fühlt alles Kleinliche' alles Trübe von sich abfallen und die Brust, befreit von den Miseren, deS täglichen Lebens, von einer unbeschreiblichen Andacht erfüllt. Nun ist der Col de Forclaz erreicht. Ein paar Augenblicke landschaftlicher Ruhe, ehe ein neues Wunder am Horizont erscheint — der leuchtende Glacier du Trieft, dem der kleine Gletscherbach gleichen Namens eilig zuströmt. Noch eine halbe Stunde scharfen Absteigens, eine kurze Fahrt durch düstere Tannen am Abgrund vorbei, in dem die Wasser tosen und mächtige Felßblöcke von der verheerenden Gewalt des Elementes zeugen und das Hotel Täte Noire ist erreicht. Der erste Mihklang in der Harmonie der Vergreise! Das finstere Haus, das Gewühl vom Tanz erhitzter Bauern und Schenkmädchen, eine Meute kleiner und großer Bernhardinerhunde, die hier gezüchtet werden — dies Alles giebt ein charakteristisches aber wenig einladendes Bild. Doch das ist nur eine kurze Station! — Darum getrost !drei Francs gezahlt für einen souptzon ä'iw bselsteak, in die Betten gelegt, auf deren Anzügen, angesichts der eben begonnenen Saison, erst wenige Personen geschlafen haben können, und die Brühe geschluckt, die als Morgenkaffee servirt, mit dem Beefsteak an Güte und Preis rivalisirt. Die kühle Frühlust entschädigt reichlich für die Dünste, die man in der Spelunke emgeathmet, gern erleichtert man den Wagen, um zu Fuß allein in Gottes herrlicher Natur, in den frischen Morgen hineinzuwandern. Mit leichtem Schaudern betrachtet man die Stelle, wo vor Kurzem ein Wagen hinabgestürzt, dessen Insassen theils todt, theils schwer verwundet heraufgeholt wurden — immer von Neuem fragt man sich, wie es möglich sei, so mit dem Menschenleben zu spielen, wie auf den meisten Schweizer- Pässen, wo keine Barriere die Wagen vor der Gefahr des Sturzes bewahrt, während doch das reichste Material dazu, Holz und Stein, am Wege verstreut liegt. Doch auch dieser düstere Schatten wird von der siegreichen Sonne zerstreut, das Hotel de Chatelord, wohin man die Verunglückten gebracht, wird auch glücklich passirt, und nun geht es schnell neuen Schönheiten entgegen. Nach und nach tauchen einzelne Theile der Montblanckette am Horizont auf, der Buet, die wunderlichen Formationen der ^.iAuills rouKs, der ^i'Auills vorto, bis plötzlich auf der Höhe über dem Dorfs Argentivre ein Bild dem trunkenen Auge sich aufrollt, wie es großartiger, majestätischer nicht gedacht werden kann. Zwei mächtige Gletscher, der Glacier du Tour und der Glacier d'Argentiöre, erscheinen auf einmal, dahinter die kollossalen Schneemassen des Bergkönigs, des Montblanc, umgeben von seinen Trabanten, dem Grand Malet, den verschiedenen Aiguilles, Domes und Dents, den grünen Verbergen, die man besteigt, um ihn in der Nähe zu sehen. Dann folgt das wer cke §Irroo, der Glacier du Boissous, bis man das Thal von Chamonix erreicht, in dem die Aussicht weniger ausgedehnt und mehr auf die unmittelbare Umgebung des Montblanc beschränkt ist. Diese Herrlichkeiten alle ungestört als Gletscherluftgast in langsamen Zügen zu schlürfen, ist wohl die Sehnsucht manches Naturfreundes, fast so schwer erreichbar, wie das Luftschloß des Kindes — das Chokoladenhaus, das man ohne mütterliche Aufsicht ganz allein aufessen darf. In beiden Fällen wird das Vergnügen vom grausamen Geschick nur in kargen Portionen zugemessen — und doch hat der Pensionär, der Berge- Bummler, weit mehr Chancen des bleibenden Genusses, als der eilige Passant. Studirt dieser krampfhaft den Bädeker, um keinen Moment unbenutzt zu lassen, wirst er sich, noch reisemüde, auf Führer und Maulesel, um recht viel Berge abzuarbeiten und im Gefühl des Geleisteten zerschlagen und zerschunden wieder abzureisen, so begnügt sich Ersterer damit, in den ersten acht Tagen die Berge vorerst von unten anzusehen. Eins Beschäftigung, die in Chamonix viel reizvoller ist, als auf irgend einem anderen Punkt der Erde, da mächtige Teleskope dem neugierigen Auge einen deutlichen Blick in das Herz der Bergriesen erlauben. Man beeilt sich auch hier, wie anderswo in der Leihbibliothek, ein Abonnement «aufs Fernrohr^ zu nehmen, und findet die Lektüre im Buch der Natur ebenso amüsant als lehrreich, besonders wenn Alles gut endet, keine Katastrophe den Schluß stört und sie — ihn kriegen — den Gipfel des Montblanc nämlich, der Ende Juni zum ersten Mal in dieser Saison bestiegen wurde. Mit gespannter Theilnahme verfolgt man die Wanderung der kühnen Steiger durch Schnee und Eis, ihr mühsames Wegbahnen und Emporklimmen. Man jubelt, wenn Kanonenschüsse ihr glückliches Ankommen verkünden, man trauert, wenn widrige Wetter sie kurz vor dem Ziel zur Umkehr zwingen, man freut sich, sie heil und gesund zurückkommen zu sehen, und hat nach all diesen Emotionen fast das Gefühl, selbst oben gewesen zu sein. Ein anderer ebenso harmloser Zeitvertreib des Luftkurgastes ist die Ankunft der Diligence von Genf. Sie ist das tägliche „Ereigniß" von Chamonix. Wenn man bedenkt, daß dieses Dörfchen aus zwölf Hotels mit Chalets und Dopendences, aus einigen Hundert Führern, Kutschern, Portiers und Mülets besteht, so ermißt man leicht, wie lebhaft der Heißhunger nach Reisenden ist, die diese gesammte Bevölkerung ernähren müssen. Mann an Mann stehen sie aufgepflanzt, die Portiers der verschiedenen Häuser — in angemessener Entfernung, mit scheinbar gleichgiltiger Miene, die Oberkellner und Wirthe — und warten ihrer Beute. Lustig klingelnd, von sechs Pferden gezogen, kommt die Diligence dahergebraust, 95 ein wunderliches Vehikel, den Wagen ähnlich, die wir aus alten Bildern eme heitere französische Gesellschaft ins Freie führen sehen. Blitzschnell ist das Verdeck seiner Passagiere entledigt, das Gepäck vertheilt, und nur ein kleiner Theil der eifrig schreienden Con- cicrgcs für ihre Mühe und Stimmverschwendung belohnt. Momentan (2. Juli) ist Chamonix noch leer. — So schmerzlich das für die Wirthe sein mag, so angenehm ist es für die Gäste. Wer wie wir das Glück genoß, einige ^ Tage die einzigen Bewohner des vortrefflichen Hotels Royal zu sein, die Freude des Direktors und der Kellner, der Trost des Stubenmädchens und der Stolz des Kochs (und welchen Kochs), der preist die Beharrlichkeit des Regens, der die Besucher von dem herrlichen Gebirgsthal fern hielt. Doch Ehre, dem Ehre gebührt! Auch der zahlreichere Fremdenverkehr, den die späteren Julitage brachten, konnte Aufmerksamkeit und Komfort nicht schmälern. Nach wie vor servirte der vor Eifer hochgeröthete Kellner aufs Zierlichste die Musterprodukte des Küchenchefs (dessen sauoss §snoisos und bösroaisss gleich neben der großen Montblanctour ehrenvolle Erwähnung verdienen), nach wie vor fand der Oberkellner Zeit, uns die vkroniyus uwntaniers mitzutheilen, vor Allem die Geschichte der tollkühnen Engländerin, die am 9. Januar den Montblanc bestieg, und die „den Herrn» der ihr dabei geholfen", ihren Führer, zum Dank heirathete. LIIv a trouvö sov wari ä 1a. xoints ä'uns a,i§uills, meinte mein Tischnachbar, und schlug vor, 14,000 Fuß über dem Meeresspiegel für ähnliche „hoch" angelegte Naturen ein Heirathsbureau anzulegen. Ob dasselbe trotz der statistisch nachgewiesenen Eheverminderungen fleißigen Zuspruch hätte? Ich glaube, die Meisten (auch wenn sie ihre obligate Hälfte noch nicht in der Niederung gefunden) würden dennoch vorziehen, sich mit minder halsbrechenden Exkur- ' sionen zu begnügen, die Flejsre, den Montanvert hinaufzureiten, die Gorge de Diosaz, eine der — unbedeutendsten Schluchten der schluchtenreichen Schweiz zu erklimmen und dann die Heimreise nach Genf anzutreten. Der Weg von Chamonix nach Genf ist, sobald die Montblancketts dem Auge entschwindet, mehr lieblich als wildromantisch, er bildet den Uebergang von schroffer Natur zu zahmer Civilisation. Nach wenigen Stunden raschen Abwärtsfahrens folgt Dorf auf Dorf, bis die Räder wieder auf Asphalt rollen, erleuchtete Laden, glänzende Cafs's, klingende Tramways die Nähe der Großstadt verkünden» Dem stadtentwöhnten Auge macht Genf einen imposanten Eindruck» Die Pracht' vollen Brücken, Quais und Boulevards, die luxuriösen Schaufenster, grünen Parks und aristokratischen Stadtviertel erinnern an Paris. Die Beschreibung seines HauptreizeS jedoch, der in dem Kontrast der großartigen Bergumrahmung zur städtischen Eleganz beruht, muß ich dem Bädeker überlassen. Für uns lüftete sich keinen Moment der dichte Nebelschleier, der das Gebirge verhüllte — nur das Denkmal des Herzogs von Braunschweig, von einem Theil der geerbten Millionen erbaut und jedem Kuchenbäcker alS Modell empfohlen, wurde in seiner ganzen Geschmacklosigkeit sichtbar. Allerorten sind unter dem goldenen Regen der wunderlichen Erbschaft Früchte der Kunst, des Luxus aufgeblüht (am schönsten in dßn üppig vergoldeten Foyers des neuen Theaters). Nur > Schade, daß man versäumt hat, einen kleinen Theil derselben zu einem Fond für verunglückte Reisende zu verwenden, die ungewarnt ins Hotel de BergueS gerathen, wo nicht einmal die Luft gratis gereicht zu werden scheint, denn jede Stunde Aufenthalt kostet durchschnittlich zwei Francs. In der Stadt der Philosophen setzt man sich über solche Bagatelle allerdings mit philosophischer Ruhe hinweg, sollte jedoch diese Idee Anklang finden und die 80 Millionäre Genfs (siehe Bädeker) sich entschließen, für Reisend^ die es erst werden wollen, ein kostenfreies Asyl zu gründen, so wird es gewiß nicht an hilfsbereiten Seelen fehlen, um einer hohen Obrigkeit zu diesem Zweck die passendsten Vorschläge zu unterbreiten. (Deutsches Montagsblatt.) M i s e e l l e n. (Oesterreichisch.) Als Kaiser Franz von Oesterreich bei seinem Hinübergange in die andere Welt im Paradiese wieder ankam, stand der selige Kaiser Joseph an der Pforte, um seinen Nachkommen zu bewillkommnen. Zu seinem Schrecken bemerkte er, daß Franz voller Staub und Schmutz war. „Um Gotteswillen Franzel," redete er ihn an, „wie siehst d'aus, so kannst halt nit vor'm lieben Herrgott erscheinen." — „Ja, lieber Seppel," erwiderte Franz, „da haben sie mich halt in dem Wien nach meinem Tod noch eine ganzi Zeit lang auf einem Paradebett aufgestellt, und da sein halt all' die guten Wiener kommen und haben mi no einmal besehe, und da haben sie einen solchen Staub gemacht, daß i bald erstickt bin." — „Na, weißt was Franzel," sagte Kaiser Joseph, „da geh' halt durch die Allee an der linken Seit', da wirst Napoleon finden, der wird wohl so gut sein, und di halt mal wieder ausklopfen." (Auch ein Toast.) Ein Graf beging das Wiegenfest seiner Tochter auf seinem Gute. Der Schulmeister war mit seiner Schuljugend unten im Zimmer aufgestellt, mit der Weisung, daß er, so wie er die Glaser klingen hörte, mit seiner Jugend ausrufen sollte: Und unsern gnädigen Herrn auch! und unsere gnädige Frau auch! und unsern Herrn Gerichtshalter auch! Die Tafel war zu Ende, und der Bediente kam mit den Champagnergläsern, stolperte, die Gläser sielen zu Boden, und der Graf donnerte ihn an: „Hol' ihn der Teufel!" Der Schulmeister, welcher die Gläser klingen hörte, rief nun mit seiner Schuljugend aus voller Kehle: „Und unsern gnädigen Herrn auch! und unsere gnädige Frau auch! und unsern Herrn Gerichtshaltcr auch. Ein Bettler besitzt im Grunde genommen recht viel. An Immobilien: alle Heerstraßen der Erde; an Mobilien: seinen Bcttelsack und seinen weißen Stab; an Garderobestücken: eine Menge zusammengeflickter Löcher; an Pretiosen: helle Perlen in den Augenhöhlen; an Aktivkapitalien: gerechte Forderungen an Jeden, der mehr hat als er, Forderungen, die durch die besten Hypotheken, die es gibt, Menschenherzen nemlich, versichert sind; Forderungen, die in dem großen Buche, das dort oben geführt wird, eingetragen stehen, und von denen ihm mancher Heller eingeht zur Befriedigung seines einzigen Gläubigers, seines Magens. Was will ein Bettler mehr! (Schöne Ehre.) Ein Fremder kam in ein Städtchen und frug einen Bürger, wo der Schultheiß wohne. „Dort oben," sagte der Bürger, „steht der Spitzbub auf der Straße." — Nachdem der Fremde mit dem Schultheiß alles Nöthige abgesprochen hatte, frug er ihn zuletzt auch, was ihm denn sein Amt einbringe. „O weiter Nichts, als die bloße Ehre," antwortete dieser. „Das habe ich schon dort unten gehört," meinte der Fremde, „als ich nach Euch fragte." (Eine alte Flasche.) Der berühmte englische Dichter und Schauspieler Soots war einst bei einem Adeligen zu Gaste. Gegen Ende der Mahlzeit ließ derselbe eins sehr kleine Flasche Wein auftragen, deren Alter er nicht genug rühmen konnte. „Was denken Sie davon?" fragte er Soote. „Wahrhaftig," antwortete dieser, „sie ist für ihr Alter verzweifelt klein." (Beruhigung.) „Können Sie uns über den See fahren?" „Ja." — „Ist die Ueberfahrt nicht gefährlich?" „Na." — „Man sagt unL doch im Dorfe, daß erst vor acht Tagen vier Reisende ertrunken sind?" „Dös is a wahr, di sin' aber net überge- fahr'n, sondern unterwegs umg'schlag'n. (Vielversprechend.) Die kleine Elly hat vom Onkel ein Gläschen Wein erhalten, das sie gleich an die Lippen führt. Aber sie soll doch erst ihr „Ich danke" sagen. Drum fällt der Onkel ihr in den Arm mit der freundlichen Frage: „Elly, wie sagt man?" Elly (verständnißvoll zu ihm aufblickend); „Prost!" (Bedenkliche Aufforderung.) Präsident: „Die ungezogenen Geschworenen können gehen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von vr. M. tzutttcr.